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Full text of "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse [Taschenausgabe, 3. Auflage]"

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VORLESUNGE N 

ZUR EINFÜHRUNG IN DIE 

PSYCHOANALYSE 



VON 



SIGM. FREUD 



DBEI TEILE: 

DIE FEHLLEISTUNGEN f DERTRiÜfM 

jtLLGBMEINE NEÜMOSENLEHRE 



TASCHENAUSGABE 



DRITTE AUFLAGE 
fS.—lf. TAUSEND) 




INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 




INTERNAVro'RAL 
PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY ftH 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 

Copyright 1926 
by „InlerantionBler PsycluniDalylLacher Vej-I«g°, Wien VII 

Alle Rechto, iaibesosdera des der Ühenetiung in 
«lle äpradieii) varbchnltea 

Autoriaierle Oborsetluqgon der „Vorleaiuisfn lur 
Einführunj; in die Pgyriioonalyao" erschienen bii Anfang 1926: 
in hotlendiachfr, itolitnijicher, ntssisdirr, frsniöjischer, 
enjÜsdier und ipaniadicr Spradip. Die ungarisdio, polnisdio 
und sdiwsdiiche Oteraetjunir M \a Vorberiitung 

Die „VnrlcBung-en zur Einführung in die Psycho, 
mnalyao" aind auch in einer GrpBoltliivflusgabe er- 
■ dliencn (Inlernnlionaler PsychoanalyHschcr Verlag, Leipiig 
Wen. ZOriräi, 4. Aufl., S.-ll. Tnnsend, 19^2); lie lind 
auGerdcni im VU. Band do( ,Gesan.nlelfon Sdiriften" 
VDo Sigm. Freud entHalten 




, )Y2S 

Drudi der .ElbemOhl", Wien, HI., RüdenKSSse II 



VORWORT 

Was ich hier als „Einführung in die Psydioana'yse" der 
Öffentlidikeit übergebe, will auf Ictine Weise in Wettbewetb 
mit den bereits vorliegenden Ges am tda •■stell nn gen dieses 
Wissensgebietes treten. (Hitschmann, Fieuds Neurosen- 
lehre, 2. Aufl., 1913; Pfister, Die psychoanalytische Mefhode, 
1913; Leo Kaplan, Grundzüge der Psych oanaljse, 1914; 
Regis et Hesnard, La Psychoanalyse des neiiroses et des 
psy dl oses, Paris 1914; Adolf F. Meijer, De Behandeling van 
Zenuwziekcn door Psycho -Analyse, Amsterdam 1915.) Es ist 
die getreue Wiedergabe von Vorlesungen, die ich in den 
zwei Wintersemestern 1915/6 und 1916/7 vor einer aus Ärzten 
und Laien und aus beiden Gesdilechtern gemischten Zuhörer- 
schaft gehalten habe. 

Alle Eigentümlichkeifen, durdi welche diese Arbeit den 
Lesern des Buches auffallen wird, erklären sich aus den Be- 
dingungen ihrer Entstehung. Es war nicht möglich, in der 
Darstellung die kühle Ruhe einer wissenschaftlichen Abhand- 
lung zu wahren; vielmehr mußte sich der Redner zur Auf- 
gabe machen, die Aufmerksam keil der Zuhörer wahrend 
eines fast zweistündigen Vortrags nidit erlahmen zu lassen. 
Die Rücksiiiit auf die momentane Wirkung machte es un- 
vermeidlidi, daß derselbe Gegenstand eine wiederholte Be- 
handlung fand. z^B. das eine Mal im Zusammenhang der 
Traumdeutung unrf dann ipäter in dem der Neurosenprobicmc. 
Die Anordnung des Stoffes brachte es auch mit sich, daß 
manche wichtige Themen, wie z. B. das des Unbewußten, 
nicht an einer einzigen Stelle ersdiöpfend gewürdigt werden 
konnten, sondern lu wiederholten Malen aufgenommen und 
wieder fallen gelassen wurden, bis sich eine neue Gelegenheit 
ergab, etwas zu ihrer Kenntnis hinzuzufügen. 

Wer mit der psychoanalytischen Lileratur vertraut iaf, 
wird in dieser „Einführung" wenig finden, was ihm nicht aus 



]V VORWORT 



anderen, weit ausführlicheren Veröffentlichungen bekannt sein 
könnte. Doch hat das Bedürfnis nach Abrundung und Zu- 
sammenfassung- des Stoffes den Verfasser genötigt, in ein- 
leben Abschnitten (bei der Ätiologie der Angst, den hyste- 
rischen Phantasien) auch bisher zurückgehaltenes Materia 
heranzuziehen. 

> Wien, im Frühjahr 1917 

FREUD 



(;■- 

3 



ERSTER TEO, 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

L VORLESUNG 

EINLEITUNG 

Meine Damen und Herrenl Idi weiß nidit, wieviel 
die einzelnen von Ihnen aus ihrer Lektüre oder 
vom Hörensagen über die Psychoanalyse wissen. Ich 
bin aber durch den Wortlaut meiner Ankündigung — 
Elementare Einführung in die Psydioanalyse — ver- 
pflichtet, Sie so zu behandeln, als wußten Sie nichts 
und bedürften einer ersten Unterweisung. 

So viel darf ich allerdings voraussetzen, daß Sie 
wissen, die Psychoanalyse sei ein Verfahren, wie man 
nervös Kranke ärztlich behandelt, und da kann ich Ihnen 
gleich ein Beispiel dafür geben, wie auf diesem Gebiet 
so manches anders, oft geradezu verkehrt, vor sidi 
geht als sonst in der Medizin. Wenn wir sonst einen 
Kranken einer ihm neuen ärztlichen Technik unter- 
ziehen, so werden wir in der Regel die Beschwerden 
derselben vor ihm herabsetzen und ihm zuversichtliche 
Versprediungen wegen des Erfolges der Behandlung 
geben. Ich meine, wir sind bcrcditigt dazu, denn wir 
steigern durch solches Benehmen die Walirscheinlichkeit 
des Erfolges. Wenn wir aber einen Neuro6ker in psycho- 
analytische Behandlung nehmen, so verfahren wir anders, 
Wir halten ihm die Schwierigkeiten der Methode vor, 
ihre Zeitdauer, die Anstrengungen und die Opfer, die 
sie kostet, und was den Erfolg anbelangt, so sagen wir, 
wir können ihn nidit sicher versprechen, er hänge von 
seinem Benehmen ab, von seinem Verständnis, seiner Ge- 
fügigkeit, seinerAusdauer. Wir haben natürlich gute Motive 
für ein anadieinend so verkehrtes Benehmen, in weldie 
sie vielleidit spater einraül Einsicht gewinnen werden. 

Freud, Vorleaun^'tn, 1 



ERSTER TEIL; DIU FEHLLEISTUNG F. M 



Seien Sie nun nidit böse, wenn idi Sie zunädiEt 
ähnlich behandle wie diese neurotischen Kranken. !di 
rate Ihnen eigentlich ab, mich ein zweitesraa! anzuhören. 
Ich werde Ihnen in dieser Absidit vorfüliien, welche 
UnvolHcoinmenheiten Botwendigcj-weise dem Unterricht 
in der Psychoanalyse anhaften, und welche Schwierig- 
keiten der Erwerbung eines eigenen Urteils entgegen- 
stehen, ich werde Ihnen zeigen, wie die ganze Richtung 
Ihrer Vorbildung und alle Ihre Denkgewohoheiten Sie 
unvermeidlidi zu Gegnern der Psychoanalyse machen 
müßten, und wieviel Sie in sicli zu überwinden hatten, 
um dieser instinktiven Gegnerschaft Herr zu werden. 
Was Sie an Verständnis für die Psychoanalyse aus 
meinen Mitteilungen gewinnen werden, kann ich Ihnen 
natürlich nicht vorhersagen, aber soviel kann idi Ihnen 
versprechen, daß Sie durch das Anhören derselben 
nicht erlernt haben werden, eine psychoanalytische 
Untersuchung vorzunehmen oder eine solche Behand- 
lung durclizuführen. Sollte sich aber gar jemand unter 
Ihnen finden, der sidi nidit durch eine flüditige Be- 
kanntsdiaft mit der Psychoanalyse befriedigt fühlte, 
sondern in eine dauernde Beziehung zu ihr treten 
möchte, so werde ich ihm nidit nur abraten, sondern 
ihn direkt davor warnen. Wie die Dinge derzeit stehen, 
v/iirde er sich durch eine soldie Berufsv/ahl jede Mög- 
lichkeit eines Erfolges an einer Universität zerstören, 
und wenn er als ausübender Arzt ins Leben geht, wird 
er sich in einer Gesellschaft finden, welche seine Be- 
strebungen nicht versteht, ihn mißtrauisch und feind- 
selig betraditet und alle bÖsen, ia ihr lauernden Geister 
gegen ihn losläßt Vielleicht können Sie gerade aus 
den Begleiterscheinungen des beute in Europa wutenden 
Krieges eine ungefähre Schätzung ableiten, wieviele 
-Legionen das sein mögen. 

Es gibt immerhin Personen genug, für weldie etwas, 
was ein neues Stück Erkenntnis werden kann, trotz 
solcher Unbsquemiidikciten seine Anziehung behält 



!. EtHLEITUNG 



Sollten einige von Omen von dieser Art sein und mit 
Hinwegsetzung über meine Abmahnungen das nächste- 
nisl hier wieder ersciieinen, so werden Sie mir will- 
kommen sein, Sie haben aber alle ein Anreclit darauf 
zu erfahren, welches die angedeuteten Schwierigkeiten 
der Psydioanalyse sind. 

Zunächst die der Unterweisung, des Unterrichts in 
der Psychoanalyse, Sie sind im medizinischen Unterridit 
daran gewohnt worden zu sehen. Sie sehen das ana- 
■tomische Präparat, den Niedcrechlag bei der chemisdien 
Reaktion, die Verkürzung des Muskels als Erfolg der 
Reizung seiner Nerven. Später zeigt man Ihren Sinnen 
•den Kranken, die Symptome seines Leidens, die Produkte 
des krankhaften Prozesses, ja in zahlreichen Fallen die 
Erreger der Krankheit in isoliertem Zustande, In den 
chimrgischen Fächern iverden Sie Zeugen der Eingriffe, 
durch welche man dem Kranken Hilfe leistet, und 
dürfen die Ausführung derselben selbst versuchen. Selbst 
in der Psychiatrie führt Ihnen die Demonstration des 
Kranken an seinem veränderten Mienenspiel, seiner 
Redeweise und seinem Benehmen eine Fülle von Beob- 
achtungen zu, die Ihnen tiefgehende Eindrücke hinter- 
lassen. So spielt der medizinische Lehrer vorwiegend 
die Rolle eines Führers und Erklärers, der Sie durch 
ein Museum begleitet, während Sie eine unmittelbare 
■Beziehung zu den Objekten gewinnen und sich durch 
eigene Wahrnehmung von der Existenz der neuen Tat- 
sadien überzeugt zu haben glauben. 

Das ist leider alles anders in der Psydioanalyse. 
In der analytischen Behandlung geht nichts anderes vor 
als ein Austausch von Worten zwischen dem Analy- 
sierten und dem Arzt, Der Patient spricht, erzählt von 
vergangenen Erlebnissen und gegenwärtigen Eindrüdcen, 
klagt, bekennt seine Wünsche und Gefühlsregungen. 
Der Arzt hört zu, sncht die Gedankengänge des Patienten 
zu dirigieren, mahnt, drängt seine Aufmerksamkeit nacli 
gewissen Richtungen, gibt ihm Aufklärungen und beob- 



ERSTER TEIL: DTE FEHLLEIStUHGEN 



achtet die Reaktionen von Verständnis oder von Ab- 
lehnung, weldie er eo beim Kranken hervomift Die 
ungebildeten Angehörigen unserer Kranken — denen 
nur Sichtbares und Greifbares imponiert, am hebsten 
Handlungen, wie man sie im Kinotheater sieht — ver- 
säumen es auch nie, ihre Zweifel zu äußern, wie man 
„durch bloße Reden etwas gegen die Krankheit aus- 
richten kann". Das ist natürlich ebenso kurzsinnig wie 
inkonsequent gedaclit Es sind ja dieselben Leute, die 
so sicher wissen, daß sich die Kranken ihre Symptome 
„bloß einbilden". Worte waren urspriingiich Zauber 
und das Wort hat noch heute viel von seiner alten 
Zauberkraft bewahrt Durch Worte kann ein Menscli 
den anderen seiig machen oder zur Verzweiflung treiben, 
durch Worte überträgt der Lehrer sein Wissen auf die 
Schüler, durch Worte reißt der Redner die Versamm- 
lung der Zuhörer mit sich fort und bestimmt ihre Ur- 
teile und Entscheidungen. Worte rufen Affekte hervor 
und sind das allgemeine Mittel zur Beeinflussung der 
Menschen untereinander. Wir werden also die Ver- 
wendung der Worte in der Psychotherapie nicht gering- 
schätzen und werden zufrieden sein, wenn wir Zuhörer 
der Worte sein können, die zwischen dem Analytiker 
und seinem Patienten gewechselt werden. 

Aber auch das können wir niclit Das Gespräch, 
in dem die psychoanalytische Behandlung besteht, ver- 
trägt keinen Zuhörer; es läßt sich nicht demonstrieren. 
Man kann natürhch auch einen Ncurastheniker oder Hy- 
steriker in einer psychiatrischen Vorlesung den Lernenden 
vorstellen. Er erzählt daim von seinen Klagen und 
Symptomen, aber auch von nichts anderem. Die Mit- 
teilungen, deren die Analyse bedarf, maciit er nur unter 
der Bedingung einer besonderen Gefühlsbindung an den 
Arzt; er wurde verstummen, sobald er einen einzigen, 
ihm indifferenten Zeugen bemerkte. Denn diese Mit- 
teilungen betreffen das Intimste seines Seelenlebens, 
alles was er als sozial selbständige Person vor an- 



!. EINLEITUNG 



deren verbergen muß, und im weiteren alles, was er 
als einheitliche Person lieh Iceit sich selbst nicht einge- 
stehen will. 

Sie können also eine psychoanaly tische Behandlung 
nidit mitanhören. Sie können nur von ihr hören und 
werden die Psydioanalyse im strengsten Sinne des Wortes 
nur vom Hörensagen kennen lernen. Durch diese Unter- 
weisung gleichsam aus zweiter Hand kommen Sie in 
ganz ungewohnte Bedingungen für eine Urteilbildung. 
Es hängt offenbar das meiste davon ab, weld)en Glauben 
Sie dem Gewährsmann schenken können. 

Nehmen Sie einmal an, Sie wären nidit in eine 
psychiatrische, sondern in eine historisdie Vorlesung 
gegangen, und der Vortragende erzählte Ihnen vom 
Leben und von den Kriegstaten Alexanders des Großen. 
Was für Motive hätten Sie, an die Wahrhaftig^ceit seiner 
Mitteilungen zu glauben? Zunächst sdieint die Sachlage 
noch ungünstiger zu sein als im Falle der Psychoanalyse, 
denn der Geschichtsprofessor war so wenig Teilnehmer 
an den Kriegszügen Alexanders wie Sie; der Psycho- 
analytiker berichtet Ihnen doch wenigstens von Dingen, 
bei denen er selbst eine Rolle gespielt hat Aber dann 
kommt die Reihe an das, was den Historiker beglaubigt. 
Er kann Sie auf die Berichte von alten Sdiriftstellem 
verweisen, die entweder selbst zeitgenössisdi waren oder 
den fraglichen Ereignissen doch näher standen, also auf 
die Bücher des Diodor, Plutarch, Arrian u. a.; er 
kann Ihnen Abbildungen der erhaltenen Münzen und 
Statuen des Königs vorlegen und eine Photographie des 
pompejanisdien Mosaiks der Schlacht bei Issos durch 
Ihre Reihen gehen lassen. Strenge genommen beweisen 
alle diese Dokumente doch nur, daß schon frühere Genera- 
tionen an die Existenz Alexanders und an die Realität 
seiner Taten geglaubt haben, und Ihre Kritik dürfte hier 
von neuem einsetzen. Sie wird dann finden, daß nicht 
alles über Alexander Beriditete glaubwürdig oder in 
semcB Einzelheiten sidierzustellen ist, aber idi kann doch 



ERSTERTEIL: D!E FEHLLEISTUNGEN 



nicht annehmen, daß Sie den Vorlesungssaal als Zweifler 
an der Realität Alexanders des Großen verlassen werden. 
Ihre Entsdieidung wird hauptsächlich durch zwei Er- 
wägungen bestimmt werden, erstens, daß der Vortragende 
kein denkbares Motiv hat, etwas vor Ihnen als real aus- 
zugeben, was er nicht selbst dafür hält, und zweitens, 
daß alle erreidibaren Gescliichtsbücher die Ereignisse 
in ungefähr ähnlicäier Art darstellen. Wenn Sie dann 
auf die Prüfung der älteren Quellen eingehen, werden 
Sie dieselben Momente berücksichtigen, die möglichen 
Motive der Gewährsmänner und die Übereinstimmung 
der Zeugnisse untereinander. Das Ergebnis der Prüfung 
wird im Falle Alexanders sidierlidi beruhigend seia, 
wahrscheinlich anders misfallen, wenn es sidi um Persön- 
lidilteiten wie Moses oder Nimrod handelt Weldie Zweifei 
Sie aber gegen die Qaubwürdigkeit des psydioana- 
lytisdien Beriditerstatters erheben können, werden Sic' 
bei späteren Anlässen deutlich genug erkennen. 

Nun werden SJe ein Recht zu der Frage haben; 
Wenn es keine objektive Beglaubigung der Psychoana- 
lyse gibt und keine MögHchkeit, sie zu demonstrieren, 
wie kann man überhaupt Psydioanalyse erlernen und 
sich von der Wahrheit ihrer Behauptungen überzeugen? 
Dies Erlernen ist wirklich nicht leicht, und es haben auch 
nicht viele Mensdien die Psychoanalyse ordentlich ge- 
lernt, aber es gibt natürlidi doch einen gangbaren Weg. 
Psychoanalyse erlernt man zunädist am eigenen Leib, 
durch das Studium der eigenen PersÖnlidikeit Es ist 
das nicht ganz, was man Selbstbeobaditung heißt, aber 
man kann es ihr zur Not subsumieren. Es gibt eine 
ganze Reihe von sehr häufiges und allgemein bekannten 
seelisdien Phänomenen, die man nach einiger Unterwei- 
sung in der Tedinik an sich selbst zu Gegenständen der 
Analyse machen kann. Dabei holt man sich die gesudite 
Überzeugung von der Realität der Vorgänge, welche die 
Psychoanalyse beschreibt, und von der Richtigkeit ihrer 
Auffassungen. Allerdings sind dem Fortschritte auf diesem 



I. EINLEmiNG 



Wege bestimmte Grenzen gesetzt. Man komnil viel weiter, 
wenn man sich selbst von einem kundigen Analytiker 
analysieren läßt, die Wirkungen der Analyse am eigenen 
Ich erlebt und dabei die Gelegenheit benützt, dem an- 
deren die feinere Tedinik des Verfahrens abzulsio sehen. 
Dieser ausgezeichnete Weg ist, natürlicb immer nur für 
eine einzelne Person, niemals für ein ganzes Kolleg auf 
einmal gangbar. 

Für eiue zweite Sdiwierigkeit in Ihrem Verhältnis 
zur Psydioanalyse kann ich nidit mehr diese, muß ich 
Sie selbst, meine Hörer, verantwortlicli machen, wenigstens 
insoweit Sie bisher mediainisclie Studien betrieben haben. 
Ihre Vorbildung hat Ihrer Denktätigkeit eine bestimmte 
Richtung gegeben, die weit von der Psychoanalyse ab- 
fuhrt Sie sind darin geschult worden, die Funktionen 
des Organismus und ihre Störungen anatomisch zu be- 
gründen, chemisch und physikalisch zu erklären und bio- 
looisch zu erfassen, aber kein Anteil Ihres Interesses ist 
Bul das psydilsche Leben gelenkt worden, in dem doch 
die Leistung dieses wunderbar komplizierten Organismus 
gipfelt. Darum ist Ihnen eine psychologiselie Denkweise 
fremd geblieben, und Sie haben sich gewöhnt eine solche 
mißtrauisch zu betradilen, ihr den Charakter der Wissen- 
sdiaftlichkeil abzusprechen und sie den Laien, Dichtem, 
Naturphilosophen und Mystikern zu überlassen. Diese 
Einschränkung ist gewiß ein Sdiaden für Ihre ärztliche 
Tätigkeit, denn der Kranke wird Ihnen, wie es bei allen 
menscliiidien Beziehungen Regel ist, zunädisl seine see- 
lische Fassade entgegenbringen, und ich fürchte, Sie 
werden zur Strafe genötigt sein, einen Anteil des thera- 
peutischen Einflusses, den sie anstreben, den von Ihnen 
so verachteten Laienärzten, Naturheilkünstlem und Mysti- 
kern zu überlassen. 

leb verkenne niclit, weldie Entschuldigung man für 
diesen Mangel Ihrer Vorbildung gelten lassen muß. Es 
fehlt die philosophische Hilfswissenschaft, welche für Ihre 
" ztlidien Absiditen dienstbar gemadit werden konnte. 



arzt 



ERSTER TEIL; DIE FEHLLEIfTTUNGEN 



Weder tlie spekulative Philosophie noch die deskriptive 
Psydiologie oder die an die Siimesphysiologle ansdilie- 
ßende sogenannte experimentelle Psychologie, wie sie 
ia den Schulen gelelut werden, sind imstande, Ihnen 
über die Beziehung srwisdien dem Körperlichen und 
Seelisiien etwas Braudibares zu sagen, und Duieii die 
Schlüssel zum Verständnis einer möglidien Störung der 
seelischen Funktionen in die Hand zu geben. Innerhalb 
der Medizin beschäftigt sich zwar die Psychiatrie damit, 
die beobachteten Seelenstörungen zu beschreiben und 
20 klinischen Krankheitsbildem zusammenzustellen, aber 
in guten Stunden zweifeb die Psychiater selbst daran, 
ob ihre rein deskriptiven Aufstellungen den Namen 
einer Wissenschaft verdienen. Die Symptome, weldie 
diese Krankheitsbilder zusammensetzen, sind nach ihrer 
Herkunft, ihrem Mechanismus und in ihrer gegenseitigen 
Verknüpfung unerkannt; es entsprechen ihnen entweder 
keine nadiweisbaren Veränderungen des anatomisdien 
Organs der Seele, oder solche, aus denen sie eine Auf- 
klärung nicht finden können. Einer therapeutischen Be- 
einflussung sind diese Seelenstörungen nur dann zu- 
gänglich, wenn sie sich als Nebenwirkungen einer sonstigen 
organischen Affektion erkennen lassen. 

Hier ist die Lücke, welche die Psychoanalyse aus- 
zufüllen bestrebt ist Sie will der Psydiiatrie die vermißte 
psychologisdie Grundl^e geben, sie hofft, den gemein- 
samen Boden aufzudedten, von dem aus das Zusammen- 
treffen körperlicher mit seelisdier Störung verständlich 
wird. Zu diesem Zweck muß sie sich von jeder ihr 
fremden Voraussetzung anatomisdier, chemisdier oder 
physiologischer Natur frei halten, durchaus mit rein psydio- 
logischen Hilfsbegriffen arbeiten, und gerade darum, 
fürchte ich, wird sie Ihnen zunächst fremdartig erscheinen. 

An der nädisten Schwierigkeit will idi Sie, Ihre 
Vorbildung oder Einstellung, nidit mitschuldig matten. 
Mit zweien ihrer Aufstellungen beleidigt die Psydao- 
analyse die ganze Welt und zieht sidi deren Abneigung 



I. EINLEmjNO 



zu; die eine flavon verstößt gegen ein intellektueUes, 
die andere gegen ein ästhetisch -moralisches VorurteiL 
Lassen Sie uns nidit zu gering von diesen Vorurteilen 
denken; es sind machtvolle Dinge, Niederschläge von 
nütilidien, ja notwendigen Entwicklungen der Menschheit 
Sie werden durdi affektive Kräfte festgehalten und der 
Kampf gegen sie ist ein schwerer. 

Die erste dieser unliebsamen Behauptungen der Psy- 
choanalyse besagt, daß die seelischen Vorgänge an und 
für sidi unbewußt sind und die bewußten bloß einzelne 
Akte und Anteile des ganzen Seelenlebens. Erinnern Sie 
sich, daß wir im Gegenteile gewöhnt sind, Psydiisdiea 
und Bewußtes zu identifizieren. Das Bewußtsein gilt uns- 
geradezu als der definierende Charakter des Psydiischen, 
Psychologie als die Lehre von den Inhalten des Bewußt- 
seins. Ja, so selbstverständlich erscheint uns diese Gleidi- 
stellimg, daß wir einen Widerspruch gegen sie als offen- 
kundigen Widersinn zu empfinden glauben, und doch kann 
die Psychoanalyse niclit umhin, diesen Widerspruch zu 
erheben, sie kann die Identität von Bewußtem und See- 
. lischem nicht annehmen, Ihre Definition des Seelischen 
lautet, es seien Vorgänge von der Art des Fühlens, Den- 
kens, WoUens, und sie muß vertreten, daß es unbewußtes 
Denken und ungewußtes Wollen gibt Damit hat sie aber 
von vornherein die Sympathie aller Freunde nüchterner 
Wissensdiaftlichkeit verscherzt und sich in den Verdacht 
einer phantastischen Geheimlehre gebracht, die im Dun- 
keln bauen, im Trüben fischen möchte. Sie aber, mdne 
Hörer, können natüriicli noch nicht verstehen, mit welchem 
Recht ich einen Satz von so abstrakter Natur wie: „Das 
Seelisdie ist das Bewußte" für ein Vorurteil ausgeben 
kann, können auch nidit erraten, weldie Entwicklung zur 
Verieugnung des Unbewußten geführt haben kann, wenn 
ein solches existieren sollte, und welcher Vorteil sidi bei 
dieser Verieugnung ei^eben haben mag. Es klingt wie 
ein leerer Wortstreit, ob man das Psychische mit dem 
Bewußten zuBammenfallen lassen oder es darüber hinaus 



10 ERSTERTEIL; DIE FEHLLEISTUNGEN 

erstrecken soll, und doch kann ich Ihnen versichern, 
daß mit der Annahme unbewußter Seelen Vorgänge eine 
entscheidende Neuorientierung in Welt und Wisse nscbaft 
angebahnt ist. 

Ebensowenig können Sie ahnen, ein wie inniger Zu- 
sammenhang diese erste Kühnheit der Paydioanalyse mit 
der nun zu erwähnenden zweiten verknüpft. Dieser andere 
Satz, den die Psydioanalyse als eines ihrer Ergebnisse 
verkündet, enthalt nämliidi die Behauptung, daß Trieb- 
regungen, weldie man nur als sexuelle im engeren wie 
im weiteren Sinne bezeichnen kann, eine ungemein große 
und bisher nie genug gewürdigte Rolle in der Verur- 
sachung der Nerven- und Geisteskrankheiten spielen. Ja 
noch mehr, daß dieselben sexuellen Regungen auch mit 
nicht zu unterschätzenden Beiträgen an den höchsten 
kulturellen, künstlerisdien und sozialen Sdiopfungen des 
Mensdiengeistes beteiligt sind. 

Nach meiner Erfahrung ist die Abnelgimg gegen dieses 
Resultat der psychoanalytischen Forschung die bedeut- 
samste Quelle des Widerstandes, auf den sie gestoßen' 
ist Wollen Sie wissen, wie wir uns das erklären? Wir 
glauben, die Kultur ist unter dem Antrieb der Lebens- 
not auf Kosten der Triebbefriedigung geschaffen worden, 
und sie wird zum großen Teil immer wieder von Neuem 
ersdiaffen, indem der Einzelne, der neu in die mensch- 
liche Gemeinschaft emtritt, die Opfer an Triebbefriedigung 
zu Gunsten des Ganzen wiederholt. Unter den so ver- 
wendeten Triebkräften spielen die der Sexualregungen ^ 
eine bedeutsame Rolle; sie werden dabei sublimiert, d. h. 
von ihren sexuellen Zielen abgelenkt und auf sozial höher- 
stehende, nidit mehr sexuelle, gerichtet. Dieser Aufbau 
ist aber iabü, die Sexualtriebe sind sdilecht gebändigt, 
es besteht bei jedem Einzelnen, der sich dem Kulturwerk 
anschließen soll, die Gefahr, daß sich seine Seatualtriebe 
dieser Verwendung weigern. Die Gesellschaft glaubt an 
keine stärkere Bedrohung ihrer Kultur, als ihr durdi die 
Befreiung der Sexualtriebe und deren Wiederkehr zu ihren 



I. EtNLElTUNG 



ursprünglichen Zielen erwadisen würde. Die Gesellschaft 
liebt es also nicht, aa dieses heikle Stück ihrer Begründung 
gemahnt zu werden, sie hat gar kein Interesse daran, daß 
die Stärke der Sexualtriebe anerkannt und die Bedeutung 
des Sexuallebens für den Einzelnen klargelegt werde, sie 
hat vielmehr in erziehliclierAbsicht den Weg eingeschlagen, 
die Aufmerksamkeit von diesem ganzen Gebiet abzu- 
lenken. Darum verträgt sie das gerannte Forschungs- 
resultat der Psychoanalyse nicht, möchte es am liebsten 
als ästhetisch abstoßend, moralisch verwerBich oder als 
gefährlich brandmai-ken. Aber mit solchen Einv/ürfen kann 
, man einem angeblich objektiven Ergebnis wissenschatt- 
; lieber Arbeit nichts anliaben. Der Widerspruch muß aufs 
intellektuelle Gebiet übersetzt werden, wenn er laut wer-' 
den soll. Nun liegt es in der mensdilidien Natur, daß 
man geneigt ist, etwas für unrichtig zu halten, wenn man 
es nicht mag, und dann ist es leicht, Argumente dagegen 
zu finden. Die Gesellschaft madit also das Unliebsame 
zum Unrichtigen, bestreitet die Wahrheiten der Psydio-, 
analyse mit logischen und sachlichen Argumenten, aber 
aus affektiven Quellen, und hält diese Einv/endungen als 
Vorurteile gegen alle Versuche der Widerlegung fest 

Wir aber dürfen behaupten, meine Damen und Herren, 
daß wir bei der Aufstellung jenes beanstandeten Satzes 
überhaupt kebeTendenz verfolgt haben. Wir wollten nur 
einer Talsächlichkeit Ausdruck geben, die wir in müh- 
seliger Arbeit erkannt zu haben glaubten. Wir nehmen 
auch jetzt das Recht in Anspruch, die Einmengung solcher', 
praldjscher Rüdesichten in die wissensdiaftliche Arbeit un- 
bedingt zurückzuweisen, auch ehe wir untersucht haben,' 
ob die Befürchtung, welche uns diese Rüdesichten dik- 
tieren will, berechtigt ist oder niclit 

Das wären nun einige der Schwierigkeiten, welche 
üirer Beschäftigung mit der Psychoanalyse entgegenstehen. 
Es ist vielleicht mehr als genug für den Anfang. Wenn 
Sie deren Eindruck überwinden können, wollen wir fort- 
setzen. 



n. VORLESUNG 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

Meine Damen und Herrenl Wir beginnen nidit mit 
Voraussetzungen, sondern mit einer Untersuchung, 
Zu deren Objekt wähJen wir gewisse Phänomene, die 
sehr häufig, sebr bekannt und sehr wenig gewürdigt sind, 
die insoferoe nichts mit Krankheiten zu tun haben, als 
sie bei jedem Gesunden beobachtet werden können. Es 
Bind dies die sogenanntea Fehlleistungen des Menschen, 
wie wenn jemand etwas sagen will und dafür ein anderes 
Wort sagt, das Versprechen, oder ihm dasselbe beim 
Schreiben gesdiieht, was er entweder bemerken kann 
oder nicht; oder wenn jemand im Druck oder in der 
Sdirift etwas anderes liest, als was da zu lesen ist, das 
Verlesen; ebenso wenn er etwas falsdi hört, was zu ihm 
gesagt wird, das Verhören, natürlich ohne daß eine or- 
ganische Störung seines HÖrvermÖgeos dabei in Betracht 
kommt Eine andere Reihe solcher Erscheinungen hat ein 
Vergessen zur Grundlage, aber kein dauerndes, sonderu 
ein nur zeitweiliges, z. B. wenn jemand einen Namen 
nicht finden kann, den er doch kennt und regelmäßig 
wiedererkennt, oder wenn er einenVorsatz auszuführen 
vergißt, den er dodi später erinnert, also nur für einen 
gewissen Zeitpunkt vergessen hatte. In einer dritten Reihe 
entfällt diese Bedingung des nur Zeitweiligen, z, B. beim 
Verlegen, wenn jemand einen Gegenstand irgendwo 
unterbringt und um nicht mehr aufzufinden weiß, oder 
beim ganz analogen Verlieren. Es liegt da ein Vergessen 
vor, welches man anders behandelt als anderes Vergessen, 
über das man sich wundert oder ärgert, anstatt es be- 
greiflich zu finden. Daran sdiließen sich gewisse Irr- 
tümer, bei denen wieder die Zeitweiligkeit zum Vorschein 
kommt, indem man eine ZeiÜang etwas glaubt, wovon 
man doch vorher und später weiß, daß es anders ist, 
und eine Anzahl von ähnlidicn Erscheinungen unter ver- 
sdiiedencn Namen. , 



IL DE FEHLLEISTUNGEN 13 

Es sind das alles Vorfälle, deren innere Verwandt- 
sdiaft durch die gleiche BeEeichnung mit der Vorsilbe 
V e r zum AusdiTidc kommt, fast alle von unwichtiger Natur, 
meist von sehr flüchtigem Bestand, ohne viel Bedeutung 
im Leben der Menschen. Nur selten erhebt stdi eines da- 
von wie das Verlieren von Gegenständen zu einer gewissen 
praktischen Wichtigkeit Sie finden darum auch nicht viel 
Aufmerksamkeit, erregen nur schwache Affekte usw. 

Für diese Phänomene will ich also jetzt Ihre Auf- 
merksamkeit in Anspmdi nehmen. Sie aber werden mir 
unmutig entgegenhalten: „Es gibt soviel großartige Rätsel 
in der Welt wie in der engeren des Seelenlebens, so viele 
Wunder auf dem Gebiet der Seelenstömngen, die Auf- 
klärung fordern und verdienen, daß es wirklidk mutwillig 
scheint, Arbeit und Interesse an solche fCleinigkeiten su 
veigeuden. Wenn Sie uns verstandlidi machen konnten, 
wieso ein Mensch mit gesunden Augen und Ohren 
bei liditem Tag Dinge sehen und hören kann, die es 
nicht gibt, warum ein anderer sich plötzlich von denen 
verfolgt glaubt, die ihm bisher die Liebsten waren, oder 
mit der scharfsimiigstcn Begrün düng Wahngebilde vertritt, 
die jedem Kinde als unsinnig erscheinen müssen, dann wrür- 
den wir etwas von der Psychoanalyse halten, aber wenn sie 
nidits anderes kann als uns damit zu beschäftigen, warum 
ein Festredner einmal ein Wort für ein anderes sagt, oder 
warum eine Hausfrau ihre Schlüssel verlegt hat und ähnliche 
Nichtigkeiten, dann werden auch wir mit unserer Zeit und 
unserem Interesse etwas Besseres anzufangen wissen," 

Idi würde Urnen antworten: Geduld, meine Damen 
und Herren! Ich meme, Ihre Kritik ist nidit auf der rich- 
tigen Spur. Es ist wahr, die Psychoanalyse kann nicht 
von sich rühmen, daß sie sidi nie mit Kleinigkeiten ab- 
gegeben hat Im Gegenteil, ihren Beobachtungsstoff bilden 
gewöhnlich jene unscheinbaren Vorkommnisse, die von 
den anderen Wissenschaften als allzu geringfügig bei Seite 
geworfen werden, sozusagen der Abhub der Erscheinungs- 
welt Aber verwechseln Sie in Ihrer )f.nük . nicht die 



H ERSTERTElLt DIE FEHLLEISTUNCEN ^. 

Großartigkeit der Probleme mit der Auffälligkeit der 
Anzeichen? Gibt es nidit sehr bedeutungsvolle Dinge, 
die sich unter gewissen Bedingungen und zu gewissen 
Zeiten nur durch ganz sciiwaclie Anzeichen verraten 
können? Ich könnte Ihnen mit Leichtigkeit mehrere solche 
Situationen anführen. Aus weldien geringfügigen An- 
zeichen schließen Sie, die jungen Männer unter Ihnen, 
daß Sie die Neigung einer Dame gewonnen haben? 
Warten Sie dafür eine ausdrücldiche Liebeserklärung, eine 
stürmische Umarmung ab, oder reicht Ihnen nicht ein von 
anderen kaum bemerkter Blick, eine flüfiitige Bewegung, 
eine Verlängerung des Händedrucks um eine Sekunde 
aus? Und wenn Sie als Kriminalbeamter an der Unter-, 
suchung einer Mordtat beteiligt sind, erwarten Sie dann 
wirklidi zu finden, daß der Mörder seine Photographie 
samt beigefügter Adresse auf dem Tatorte zurückgelassen 
hat, oder werden Sie sich nicht notwendigerweise mit schwä- 
cheren und undeutlicheren Spuren der gesuchten Person-^ 
lichkeit begnügen? Lassen Sie uns also die kleinen An- 
zeichen nicSt untersdiätzen; vielleicht gelingt es, von ihnen 
aus Größerem auf die Spur zu kommen. Und dann, idi 
denke wie Sie, daß die großen Probleme in Welt und 
Wissenschaft das erste Anrecht an unser Interesse haben.- 
Aber es nützt meistens nur sehr wenig, wenn man den 
lauten Vorsatz faßt, sidi jetzt der Erforschung dieses 
oder jenes großen Problems zuzuwenden. Man weiß dann^ 
oft nidit, wohin man den nädisten Schritt ridifen solLl 
In der wissenschaftlichen Arbeit ist es aussichtsreidier, 
das anzugreifen, was man gerade vor sich hat und zu 
dessen Erforschung sicli ein Weg ergibt Macht man das 
recht gründlich, voraussetzungs- und erwartungslos und 
hat man Glüdc, so kann sich infolge des Zusammenhanges, 
der alles mit allem verknüpft, auch das Kleine mit dem 
Großen, auch aus so anspruclisloser Arbeit ein Zugang 
zum Studium der großen Probleme ergeben. 

So würde ich also sprechen, um Ihr Interesse bei der 
Behandlung der anscheinend so nichtigen Fehlleistungen 



n. DIE FEHLLEISTUNGEN ]S 

der Gesunden festzuhalten. Wir woiien jetzt irgend je- 
manden, dem die Psycho nnalyse fremd ist, heranziehen und 
ihn frag'en, wie er sich das Vorkommen solcher Ding-e erklärt. 
Er wird gewiß zuerst antworten: O, das ist keiner 
Erklärung- wert; das sind kleine Zufälliglceiten, Was meint 
der Mann damit? Will er behaupten, daß es noch so 
kleine Gesdiehnisse gibt, die aus der Verkettung des 
Weltgeschehens herausfallen, die ebensogut nidit sein 
könnten, wie sie sind? Wenn jemand so den natürlidien 
Determinismus an einer einzigen Stelle durdibricht, hat 
er die ganze wissensdiaftiiche Weltanschauung über den 
Haufen geworfen. Man darf ihm dann vorhalten, um wie 
vieles konsequenter sich selbst die religiöse Weltanschau- 
ung benimmt, wenn sie nadidrücklich versichert, es falle 
kein Sperling vom Dach ohne Gottes besonderen Willen. 
Idi meine, unser Freund wird die Konsequenz aus seiner 
ersten Antwort nicht ziehen wollen, er wird einlenken 
und sagen, wenn er diese Dinge studiere, finde er aller- 
dings Erklärungen für sie. Es handle sidi um kleine Ent- 
gleisungen der Funktion, Ungenauigkeiten der seelischen 
Leistung, deren Bedingungen sich angeben ließen. Ein 
Mensch, der sonst richtig spreclien kann, mag sich in der 
Rede verspredien, 1. wenn er leicht unwohl und ermüdet 
ist, 2. wenn er aufgeregt, 3. wenn er von anderen Dingen 
überstark in Ansprudi genommen ist Es ist leicht, diese 
Angaben zu bestätigen. Das Versprechen tritt wirklidi 
besonders häufig auf, wenn man ermüdet ist, Kopf- 
schmerzen hat oder vor einer Migräne steht Unter den- 
selben Umständen ereignet sich leicht das Vergessen von 
Eigennamen. Mandie Personen sind daran gewöhnt, an 
diesem Entfallen der Eigennamen die herrannahende Mi- 
gräne zu erkennen. Auch in der Aufregung verwechselt 
man oft die Worte, aber audi die Dinge, man „vergreift 
sich", und dasVergessen von Vorsätzen, sowie eine Menge 
von anderen unbeabsichtigten Handlungen wird auffällig, 
wenn man zerstreut, d. h. eigentlich auf etwas anderes 
konzentriert ist Ein bekanntes Beispiel soldier Zeretreut- 



16 ERSTER TElLi DIE FEHLLEISTUNGEN 

heit ist der Professor der „Fliegenden Blätter", der seinen 
Schirm stehen läßt und seinea Hut verwechselt, weil er 
an die Probleme denkt, die er in seinem nächsten Buch 
behandeln wird. Beispiele dafür, wie man Vorsätze, die 
man gefaßt, Verspretiungeii, die man gemacht hat, ver- 
gessen kann, weil man inzwischen etwas erlebt hat, wovon 
man stark in Anspruch genommen wurde, kennt jeder 
von uns aus eigener Erfahrung, 

Das klingt so ganz verständig und scheint auch gegen 
Widerspruch gefeit zu sein. Es ist vielleicht nidit sehr 
interessant, nicht so, wie wir es erwartet haben. Fassen 
wir diese Erklärungen der Fehlleistungen naher ins Auge. 
Die Bedingungen, die für das Zustandekommen dieser 
Phänomene angegeben werden, sind unter sidi nicht 
gleichartig. Unwohlsein und Zirkulationsstörung geben 
eine physiolo^sche Begründung für die Beeinträditigung 
der normalen Funktion; Erregung, Ermüdung, Ablenkung 
sind Momente anderer Art, die man psycho-physiologische 
nennen könnte. Diese letzteren lassen sich leicht in Theorie 
übersetzen. Sowohl durch die Ermüdung wie durch die 
Ablenkung, vielleicht auch durch die allgemeine Erregung, 
wird eine Verteilung der Aufmerksamkeit hervoi^erafen, 
die zur Folge haben kann, daß sich der betreffenden Leistung 
zu wenig Auhnerksamkeit zuwendet Diese Leishing kann 
dann besonders leicht gestört, ungenau ausgeführt wer- 
den. Leidites Kranksein, Abänderungen der Blulversor- 
gung im nervösen Zentralorgan können dieselbe Wirkung 
haben, indem sie das maßgebende Moment, die Vertei- 
lung der Aufmerksamkeit in ähnlicher Weise beeinflussen. 
Es würde sich also in allen Fällen um die Effekte einer Auf- 
merksamkeitsstörung handeln, entweder aus orgamschen 
oder aus psychischen Ursadien. 

Dabei scheint nicht viel für unser psychoanalytisches 
Interesse herauszuschauen-WirkÖnnten uns versudit fühlen, 
das Thema wieder aufzugeben. AUerdings, wenn wir näher 
auf die Beobachtungen eingehen, stimmt nicht alles zu 
dieser Aufmerksamkeitstheorie der Fehlleistungen oder 



"~"" " li PIE "J^fLÜisTÜKGEN' 



leitet äi'di wenigstens nicht natürlich aus ilir ab. Wir 
machen die Erfahrung, daß solche Fehlhandlungen und 
solches Vergessen auch bei Personen vorkommen, die 
niclit ermüdet, zerstreut oder aufgeregt sind, sondern sich 
nach jeder Richtung in ihrem Normalzustand befinden, 
es sei denn, man wolle den Betreffenden gerade wegen 
der Fehlleistung nndilrägÜch eine Aufgeregtheit zu- 
schreiben, zu weldier sie sich aber selbst nicht bekennen. 
Es kann auch nidit so einfach zugehen, daß eine Leistung 
durch die Steigerung der auf sie g-erichtcten Aufmerk- 
samkeit garantiert, durch die Herabsetzung derselben 
gefährdet wird. Es gibt eine große iUenge von Verridi- 
tungen, die man rein automatisdi, mit sehr geringer Auf- 
merksamkeit vollzieht, und dabei doch ganz sicher aus- 
führt. Der Spaziergänger, der kaum weiß, wo er geht, 

■ hält doch den richtigen Weg ein und macht am Ziele 
halt, ohne sich vergangen zu haben. Wenigstens in der 
Regel trifft er es so. Der geübte Klavierspieler greift, 
ohne daran zu denken, die riclitigen Tasten. Er kam 

'Bicli natürlich auch einmal vergreifen, aber wenn das 
automatische Spielen die Gefahr des Vergreifens Steigerte, 

'müßte gerade der Virtuose, dessen Spiel durch grolle 
Übung ganz und gar automatisch geworden ist, dieser 

■Gefahr am meisten ausgesetzt sein. Wir sehen im Gegen- 
teil, daß viele Verriebtungen ganz besonders sicher ge- 
raten, wenn sie nicht Gegenstand einer besonders hohen 
Aufmerksamkeit sind, und daß das Mißgeschick der Fehl- 
leistung gerade dann auftreten kann, wenn an der rich- 
tigen Leistung besonders viel gelegen ist, eine Ablenkung 
der nötigen Aufmerksamkeit also sicherlich nicht statt 
hat Man kann dann sagen, das sei der Effekt der „Auf- 

TCgung", aber wir verstehen nicIit, warum die Aufregung 

■■die Zuwendung der Aufmerksamkeit zu deni mit soviel 
Interesse Beabsichtigten nicht vielmehr steigert. Wenn 

; jemand in einer wichtigen Rede oder mündlichen Ver- 
handlung durcli ein Versprechen das Gegenteil von' dem 
B^t, was er zu sagen beabsiditigt, so ist das nach der 



18 ERSTER TEIL: Um FEHLLEISTUWGEH 



psycho-physiologischen oder AutTnerksamkeitstheorie kaum 
zu erklären. 

Es gibt auch bei den Fehlleistungen so viele Ideine 
Nebenerscheinungen, die man nidit versteht, und die uns 
durch die bisherigen Aufldarungen nicht näher gebradit 
werden. Wenn man i. B. einen Namen zeitweilig ver- 
gessen hat, so ärgert man sich darüber, will ihn durch- 
aus erinnern und kann von der Aufgabe nicht ablassen. 
Warum gelingt es dem Geärgerten so überaus selten, 
seine Aufmerksamkeit, wie er doch mödite, auf das Wort 
zu lenken, das ihm, wie er sagt, „auf der Zunge liegt", 
und das er sofort erkennt, wenn es vor ihm ausgesprochen 
wird? Oder; es kommen Fälle vor, in denen die Fehl- 
leistungen sich vervielfältigen, sich miteinander verketten, 
einander ersetzen. Das erstemal hatte man ein Rendez- 
vous vergessen; das nädistemal, für das man den Vorsatz, 
ja nicht zu vergessen, gefaßt hat, stellt es sich heraus, 
daß man sidi irrtümlich eine andere Stunde gemerkt hat. 
Man Eudit sidi auf Umwegen auf ein vei^essenes Wort 
zu besinnen, dabei entfällt einem ein zweiter Name, der 
beim Aufsudien des ersten hatte behilflich sein konnea 
Geht man jetzt diesem zweiten Namen nach, so entzieht 
sich ein dritter usw. Dasselbe kann sich bekanntlich auch 
bei Druiifehlem ereignen, die ja als Fehlleistungen des 
Setzers aufzufassen sind. Ein solcher hartnäckiger Drude- 
fehler soll sich einmal in ein sozialdemokratisches Blatl 
eingeschlichen haben. In dem Berichte über eine gewisse 
Festlichkeit war zu lesen: Unter den Anwesenden bemerktt 
man auch seine Hoheit, den Kornprinzen. Am nächster 
Tag wurde eine Korrektur versucht. Das Blatt eatsdiul 
digte sich und sdirieb: Es hätte natürlich heißen sollen 
den Knorprinzen. Man spricht in solchen Fällen gem< 
vom Druckfehlerteufel, vom Kobold des Setzkastens um 
dergleidien, Ausdrücke, die jedenfalls über eine psycho 
physiologische Theorie des Drudcfehlers hinausgehen. 

Ich weiß audi nidit, ob Ihnen bekannt ist, daß mai 
das Versprechen provozieren, sozusagen durch Si^gestio) 



n. DIE FEHLLEISTUNGEN 19 

hervorrufen kann. Eine Anekdote berichtet liiezu: Als 
einmal ein Neuling auf der Bühne mit der wichtigen 
-Rolle betraut war, in der „Jui^frau von Orleans" dem 
König' zu melden, daß der Connetable sein Schwert zu- 
rückschidct, machte sidi ein Heldendarsteller den Scherz, 
während der Probe dem sdiüchiemen Anfänger wieder- 
holt anstatt dieses Textes vorzusagen: Der Komfortabel 
schickt sein Pferd zurück, und er erreichte seine Absicht. 
In der Vorstellung debütierte der Unglüddiche wirklidi 
mit dieser abgeänderten Meldung, obwohl er genug ge- 
warnt war oder vielleicht gerade darum, 
J, Alle diese kleinen Züge der Fehlleistungen werden 
durdi die Theorie der Aufmerksamkeitsentziehung nicht 
gerade aufgeklärt. Aber darum braucht diese Theorie noch 
nicht falsch zu sein. Es fehlt ihr vielleicht an etwas, an 
einer Ergänzung, damit sie voll befriedigend werde. Aber 
auch manche der Feblleistimgen selbst können noch von 
einer anderen Seite betrachtet werden. 
1 Greifen wir als die für unsere Absichten geeignetste 
unter den Fehlleistungen das Versprechen heraus. Wir 
könnten ebensogut das Verschreiben oder Verlesen wählen. 
Da müssen wir uns denn einmal sagen, daß wir bisher 
nur danach gefragt haben, wann, unter welchen Bedin- 
gungen man sicii verspricht, und audi nur darauf eine 
Antwort bekommen haben. Man kann aber auch sein 
Interesse anders richten und wissen wollen, warum man 
sich gerade in dieser Weise verspricht und in keiner 
anderen; man kann das in Betracht ziehen, was beim 
Verspredien herauskommt. Sie sehen ein, solange man 
nicht diese Frage beantwortet, den Effekt des Versprechens 
aufklärt, bleibt das Phänomen nadi seiner psychologischen 
Seite eine Zufälligkeit, mag es auch eine physiologische 
Erklärung gefunden haben. Wenn sich mir ein Versprechen 
ereignet, konnte ich mich offenbar in unendlich vielen 
Weisen versprechen, für das eine riditige Wort eines von 
lausend anderen sagen, ungezählt viele Entstellungen an 
dem richtigen Wort vornehmen. Gibt es nun irgend etwas, 



20 ERSTER TEIL: DIS FEHLLEiSTUilGEN 

was mir im besondcien Falle von allen möglichen gerade 
die eine Weise des Versprediens aufdrängt, oder bleibt 
das Zufall, Willkür und läßt sieb ni dieser Frage vielleidit 
überhaupt nichts Vernünftiges vorbringen? 

. Zwei Autoren, Meringer und Mayer (ein Philologe 
und ein Psychiater), haben denn audi im Jahre 1895 den 
Versuch gemacht, die Frage desVersprediens von dieser 
Seite her anzugreifen. Sie haben Beispiele gesammelt und 
zunächst nach rein deskriptiven Gesiclitspunkten beschrie- 
ben. Das gibt natürlich nodi keine Erklärung, kann aber 
den Weg zu ihr finden lassen. Sie unterscheiden die Ent- 
Etellungen, welche die intendierte Rede d«rdi das Ver- 
sorechen erfährt, als: Vertauschungen, Vorklänge, Nach- 
klänge, Verraengungen (Kontaminationen) und Ersetzun- 
gen (SubstituHonen). ich werde Ihnen von diesen Hai^t- 
gruppen der beiden Autoren Beispiele vorführen. Em 
Fall von Vertauschung ist es, wenn jemand sagt: Die 
Milo von Venus anstatt: Die Venus von Milo (Ver- 
■.fauschung in der Reibenfolge der Worte); ein Vorklang: 
Es war mir auf der Schwest . . auf der Brust so 
sdiwer; ein Nadakiang wäre der bekannte verunglüdth 
Toast: Idi fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chef: 
aufzustoßen. Diese drei Formen des Versprechens smc 
nidit gerade häufig. Weit zahlreicher werden Sie du 
Beobaditungen finden, in denen das Versprechen durd 
eine Zusammenziebung oder Vermengung entsteht, z. B 
wenn ein Herr eine Dame auf der Straße mit denWortei 
ansoricbt: Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, modite id 
Sie' gerne begleit— digen. In dem Mischwort steck 
außer dem Begleiten offenbar audi das Beleidiger 
(Nebenbei, der junge Mann wird bei der Dame mdi 
viel ErfoV gehabt haben). Als eine Ersetzung «ihren W 
und M. den Fall an, daß einer sagt: Ich gebe die Prä- 
parate in den Briefkasten anstatt Brütkasten u. dgl. 

Der Erklärungsversuch, den die beiden Autoren Si 
ihre Sammlung von Beispielen gründen, ist ganz bcsoi 
ders unzulänglich. Sie meinen, daß die Laute und Silbe 



H. DIE FEHT.I.FTgnjNGEN 71 

eines Wortes versdiiedene Wertigkeit haben, und daß 
die Innervation des hochwertigen Elements die der minder- 
wertigen störend beeinflussen kann. Dabei fußen sie offen- 
bar auf den an sich g'ar nicbt so häufigen Vor- und Nach- 
klängen; für andere Erfolge des Versprechens kommen 
diese Lautbevorzugungen, wenn. sie überhaupt existieren, 
gar nicht in Betracht. Am häufig-sten verspri»it man sidi 
doda, indem man anstatt eines Wortes ein anderes, ihm 
sehr ähnlidies sagt, und diese ÄhnHchkeit genügt vielen 
zur Erklärung des Versprechens, Zum Beispiel ein Pro- 
fessor in seiner Antrittsrede; Idi bin nicht geneigt 
(geeignet), die Verdienste meines sehr geschätzten Vor- 
gängers zu würdigen. Oder ein anderer Professor: Beim 
weiblidien Genitale hat man trotz vieler Versuchungen 
,'. . Pardon; Versuche ... 

Die gewöhnlichste und auch die auffälligste Art des 
Vcrsprediens ist aber die zum genauen Gegenteil dessen, 
was man zu sagen beabsichtigt. Dabei kommt man natür- 
lidi von den Lautbeziehungen und Ähnlichkeits Wirkungen 
weit ab und kann sich zum Ersatz dafür darauf berufen, 
daß Gegensätze eine starke begriffliche Verwandtschaft 
miteinander haben und einander in der psychologischen 
Assoziation besonders nahe stehen. Es gibt historische 
Beispiele dieser Art; Ein Präsident unseres Abgeordneten- 
liauses eröffnete einmal die Sitzung mit den Worten: 
Meine Herren, ich konstatiere die Anwesenheit von . . . 
Mitgliedern und erkläre somit die Sitzung für ge- 
schlossen. 

Ähnlidi verführerisch wie die Gegensatzbeziehung 
wirkt dann irgend eine andere geläufige Assoziation, die 
unter Umständen recht unpassend auftaudien kann. So wird 
z, B. erzahlt, daß bei einer Festlichkeit zu Ehren der 
Heirat eines Kindes von H. Helmholtz mit einem 
Kinde des bekannten Entdedters und Großindustriellen 
W. Siemens der berühmte Physiologe Dubois-Rey- 
mond die Festrede zu halten hatte. Er schloß seinen 
sidierlidi glänzenden Toast mit den Worten: Also es lebe 



21 ERSTERTEIL; DIE FEHLLEISTUNGEN 

die neue Pinna: Siemens und — Haiske! Das war 
natürlidi der Naraen der alten Firma. Die Zusammen- 
stellung der beiden Namen mußte dem Berliner ebenso 
geläufig sein wie etwa dem Wiener die: Riedel und 

Beutel. - ■ 

So müssen wir also zu den Lautbeziehungen und zur' 
Wortähnlidikeit noch den Einfluß der Wortassoziationen 
hinzunehmen. Aber damit nidit genug. In einer Reihe 
von Fällen scheint die Aufklärung des beobaditeten Ver- 
sprechens nicht eher zu gelingen, als bis wir mit in Be- 
tracht gezogen haben, was einen Satz vorher gesprochen 
oder audi nur gedadit wurde. Also wiederum ein Fall 
von Nachklingen, wie der von Meringer betonte, nur 
von größerer Feme her. — Idi muß gestehen, ich habe 
im ganzen den Eindrudc, als wären wir jetzt einem Ver- 
ständnU der Fehlleistung des Versprediens femer gerückt 

denn je! 

Indes, ich hoffe nidit irre zu gehen, wenn ich es aus- 
spredie, daß wir alle während der eben angestellten 
Untersudiung einen neuen Eindruck von den Beispielen 
des Versprechens bekommen haben, bei dem zu vei^ 
" weilen sich doch lohnen könnte. Wir hatten die Bedin- 
gungen untersudit, unter denen ein Versprechen überhaupt 
zustande kommt, dann die Einflüsse, weldie die Art der 
Entstellung durch das Versprechen bestimmen, aber den 
Effekt des Versprechens für sich allein, ohne Rücksicht 
auf seine Entstehung, haben wir nodi gar nicht ins Auge 
gefaßt Entschließen wir uns auch dazu, so müssen wir 
endlich den Mut finden zu sagen: hi einigen der Bei- 
spiele hat ja auch das einen Sinn, was beim Versprechen 
zustande gekommen ist Was heißt das, es hat einen 
Sinn? Nun, es will sagen, daß der Effekt des Versprechens 
vielleicht ein Recht darauf hat, selbst als ein vollgültiger 
psychischer Akt, der audi sein eigenes Ziel verfolgt, als 
eine Äußerung von Inhalt und Bedeutung aufgefaßt zu 
werden. Wir haben bisher immer von Fehlhandlungen 
gesprochen, aber jeUt sd>eint es, als ob manchmal die 



IL DE FEHLLEISTUNGEN M 

Fehlhandlung selbst eine ganz ordentliche Handlung wäre, 
die sidi nur an die Stelle der anderen, erwarteten oder 
beabsiditigten Handlung gesetzt haL 

Dieser eigene Sinn der Fehlhandlung sdieint ja in 
einzelnen Fällen greifbar und unverkennbar zu sein. Wenn 
der Präsident die Sitzung des Abgeordnetenhauses mit 
den ersten Worten schließt, anstatt sie zu eröffnen, so 
sind wir infolge unserer Kenntnis der Verhältnisse, unter 
denen sidi dies Versprechen vollzog, geneigt, diese Fehl- 
haadlung sinnvoll zu finden. Er erwartet sicli nichts Gutes 
von der Sitzung und wäre froh, sie sofort wieder ab- 
brechen zu können. Das Aufzeigen dieses Sinnes, also 
die Deutung dieses Versprechens madit uns gar keine 
Sdiwierigkeiten. Oder wenn eine Dame anscheinend an- 
erkennend eine andere fragt; Diesen reizenden neuen 
■ Hut haben Sie sich wohl selbst aufgepatzt? — so wird 
' keine Wissenschaftlidikeit der Welt uns abhalten können, 
'aus diesem Versprechen eine Äußerung herauszuhören: 
. Dieser Hut ist eine Patzerei. Oder wenn eine als 
energisch bekannte Dame erzählt: Mein Mann hat den 
Doktor gefragt, welche Diät er einhalten soll. Der Doktor 
hat aber gesagt, er braucht keine Diät, er kann essen 
nad trinken, was ich will, so ist dies Versprechen doch 
anderseits der unverkennbare Ausdruck eines konse" 
quenten Programms. 

Meine Damen und Herren, wenn es sidi herausstellen 
sollte, daß nicht nur einige wenige Fäile von Versprechen 
und von Fehlleistungen überhaupt einen Sinn haben, 
sondern eine größere Anzahl von ihnen, so wird unver- 
meidlich dieser Sinn der Fehlleistung, von dem bisher 
noch nidit die Rede war, für uns das Interessanteste 
werden und alle anderen Gesichtspunkte mit Recht in 
den Hintergrund drängen. Wir können dann alle phy- 
siologischen oder psycho -physiologischen Momente bei 
Seite lassen und dürfen uns rein psychologischen Unter- 
suchungen über den Sinn, d. i, die Bedeutung, die Ab- 
sicht der Fehlleistung hingeben. Wir werden es also nicht 



^ f^JiSTBR TFJLi DI E FEHLLEISTUNGE N 

verabsäüihÄti, (Isninächst ein größeres Beobaclituags- 
malerial auf diese Erwartung zu prüfen. o 

Ehe wir aber diesen Voisatz ausführen, mochte idt 
Sie einladen, mit mir eine andere Spur zu verfolgen. 
Es ist wiederiioit vorg:e!;ommen, daß ein Diditer ach 
des Versorechens oder einer anderen Fehlleistung als 
Mittels der diditerisdien Darstellung bedient bat. Diese 
Tatsache muß uns für sich allein beweisen, daß er die 
Feblleistun^. das Versprechen z. B-, für etwas Sinnvolles 
hat, denn er produziert es ja absichtlidi. Es geht dod» 
nidit so vor, daß der Dichter sich zufällig verschreibt 
und dann sein Verschreiben bei seiner Figur als ein 
Versprechen bestehen laßL Er will uns durch das Ver- 
sprechen etwas zum Verständnis bringen, und wir können 
ia nachsehen, was das sein mag, ob er uns ebva an- 
deuten will, daß die betreffende Person zerstreut und 
ermüdet ist oder eine Migräne zu erwarten hat Natür- 
lidi wollen wir es nicht übersdiätzen, wenn das Veri 
sprechen vom Dichter als sinnvoll gebraucht wird. Es 
könnte doch in Wirklichkeit sinnlos sein, eine psychische 
Zufälligkeit oder nur in ganz seltenen Fallen sinnreidi, 
und der Dichter behielte das Recht, es durch die Aus- 
stattung mit Sinn zu vergeistigen, um es für seine 
Zwedce zu gebraudien. Zu verwundem wäre es aber 
aud) nidit, wenn wir über das Versprechen vom Diditer 
mehr zu ettahreo hätten als vom Philologen und vom 
Psychiater. . 

Ein solches Beispiel von Verspredien findet sidi in 
Wallenslein (Piccolomini, erster Aufzug, fünfter Auf- 
tritt). Max Piccolomini hat in der vorhergehenden Szene 
aufs leidenschaftlichste für den Herzog Partei genommen 
und dabei von den Segnungen des Friedens gesdiwärmt, 
die sich ihm auf seiner Reise enthüllt, während er die 
Toditei-Wallensleins ins Uger begleitete. Er läßt seinen 
Vater und den Abgesandten des HofeS, Queslenberg. 
in voller Bestürzung zurück. Und nun gebt der fünfte 
.auftritt weiter: 



0. DE FEHLLEISTUKttKN SS 



.;--iQuestenberg: O weh uns! Steht es so? 

Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn 
Dahingehn, rufen ihn niclit gleich 
Zurück, daß wir die Augen auf der Stelle 
Ihm öffnen? 
Octavio (aas einem tiefen Naa'idenken zu sich kommend): 
ggf M'r hat er sie jetzt geöffnet, 

i-i Und mehr erblick ich, als mich freut 
Questenberg: Was ist es, Freund? 
Octavio: Fluch über diese Reisel 

Questenberg: ^eso? Was ist es? 
Octavio: Kommen Sie! Idi muß 

Sogleich die unglückselige Spur verfolgen. 
Mit meinen Augen sehen — kommen Sie 
(will ihn fortführen) 
Questenberg; Was denn? Wohin? 
Octavio (pressiert): Zu ihrl 
Questenberg: Zu — 
Octavio (korrigiert iick): Zum Herzogl dcXcnwy- 

usw. 
Octavio wollte sagen „zu ihm", zum Herzog, verspricht 
sich aber und verrät durdi seine Worte „zu ihr" uns wenig- 
stens, dafi er den Einfluß, welcher den jungen Kriegshelden 
für den Frieden schwärmen madit, sehr wohl erkannt hat 
Ein noch eindrucksvolleres Beispiel hat O. Rank bei 
Shakespeare entdeckt Es findet sich im „Kaufmann 
von Venedig" in der berühmten Szene der Wahl des 
glüddidien Liebhabers zwischen den drei Kästchen, und 
idi kann vielleicht nidits Besseres tun, als Ihnen die 
kurze Darstellung von Rank hier vorlesen. 

„Ein dichterisch überaus fein motiviertes und lechnisd» 
glänzend verwertetes Versprechen, welches wie das von 
Freud im Wallenstein aufgezeigte (Zur Psychopatho- 
logie des Alltagslebens. 2, Aufl., S. 48) verrät, daß die 
Dichter Mechanismus und Sinn dieser Fehlleistung wolil 
kennen und deren Verständnis auch beim Zuhörer vor- 
aussetzen, findet sich in Shakespeares „Kaufmann 



2« ERSTERTEIL; DIE FEHLLEISTUNGEN 

von Venedig" {dritter Aufaug, zweite Szene). Die durch 
den Willen ihres Vaters an die Wahl eines Gatten durch 
das Los gefesselte Potzia ist bisher allen ihren unlieb- 
samen Freiem durch das Glück des Zufalls entronnen. 
Da sie endlidi in Bassanio den Bewerber gefunden hat, 
dem sie wirklich zugetan ist, muß sie fürchten, daß auch 
er das falsdie Los ziehen werde. Sie möchte ihm nun 
am liebsten sagen, daß er auch in diesem Falle ihrer 
Liebe sicher sein könne, ist aber durdi ihr Gelübde 
daran gehindert In diesem inneren Zwiespalte läßt sie 
der Dichter zu dem willkommenen Freier sagen: 
; .'■v.Ich bitt Euch, wartet; ein, zwei Tage noch, 
[Bevor Ihr wagt: denn wählt Ihr falsch, so büße 
tlch Euem Umgang ein; darum verzieht. 
fEin Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe), 

tlti möcht Euch nidit verHeren; 

Idi könnt Eudi leiten 

:Zur rechten Wahl, dann brädi ich meinen Eid; 
[Das will ich nicht; so könnt Ihr mich verfehlen. 
iDoch wenn Ihr's tut, madit Ihr midi sündlich wünschen, 
Idi hätt' ihn nur gebrochen. O, der Augen, ■ ^ 

Die mich so übersehn und mich geteilt! - - 

Halb bin ich Euer, die andre Hälfte Euer — 
Mein, wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer, 
Und so ganz Euer. 

(Nadi der Obersetzung von Schlegel undTieck.) 
Gerade das, was sie ihm also bloß leise andeuten möchte, 
weil sie es eigentlich ihm überhaupt verschweigen sollte, 
daß sie nämlich sdion vor der Wahl ganz die Seine sei 
und ihn liebe, das läßt der Dichter mit bewundernswertem 
psychologischen Feingefühl in dem Versprechen sich offen 
durchdrängen und weiß durch diesen Kunstgriff die un- 
erträgliche Ungewißheit des Liebenden sowie die gleich- 
gestunmte Spannung des Zuhörers über den Ausgang 
der Wahl zu beruhigen." 

Wollen Sie noch bemerken, wie fein Porzia zwischen 
den beiden Aussagen, die in dem Versprechen enthalten 



- - ■ . n. DIE FEHLLEIgrUNGEM ' - " » 

sind, am Ende vermittelt, wie sie den zwisdien ihnen 
bestehenden Widerspruch aufhebt und schlie&lidi doch 
dem Versprechen Redit gibt: 

Doch, wenn mein, dann Euer, 
Und so ganz Euer. 

Gelegentlidi bat audi ein der Medizin fernestehender 
Denker den Sinn einer Fehlleistung mit einer Bemerkung 
aufgeded^ und uns die Bemühung um deren Aufklärung 
vorweggenaromen. Sie kennen alle den geistreichen Sa- 
tiriker Lichtenberg (1742 — 1799), von dem Goethe 
gesagt hat: Wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem 
verborgen. Nun gelegentlich kommt durch den SpaS auch 
die Lösung des Problems zu Tage. Lichtenberg notiert 
in seinen witzigen und satirischen Einfällen den Satz; 
Er las immer Agamemnon anstatt „angenommen", so 
sehr hatte er den Homer gelesen. Das ist wirklich die 
Theorie des Verlesens. 

Das nädistemal wollen wir prüfen, ob wir in der 
Auffassung der Fehlleistungen mit den Diditem gehen 
können. 

■■ ffl. VORLESUNO 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

(Fortsetzung') 

Meine Damen und Herrenl Wir sind das vorigemal auf 
den Einfall gekommen, die Fehlleistung nicht im 
Verhältnis zu der von ihr gestörten, beabsichtigten Lei- 
stung zu betrachten, sondern an und für sich, haben den 
Eindrudc empfangen, daß sie in einzelnen Fällen ihren 
eigenen Sinn zu verraten sdieint, und haben uns gesagt, 
wenn es in größcrem Umfange zu bestätigen wäre, daß 
die Fehlleistung einen Sinn hat, so würde uns dieser 
Sinn bald interessanter werden als die Untersuchung der 
Umstände, unter denen die Fehlleistung zu stände kommt. 
Einigen wir uns noch einmal darüber, was wir unter 
dem „Sinn" eines psychischen Vorganges verstehen wollen. 



^ RASTER TEIL; DIE FEHLLEISTUWÜEN 

Nidtts anderes ala die Absiclit, der er dient, uod seine. 
Stellung in einer psydiischen Reihe. Für die meisten! 
unserer Untersucliungen können viit „Sinn" auch durdn 
„Absicht", „Tendenz" ersetzen. War es also nur ein 
lauschender Schein oder eine poetisdie Erhöhung der 
Fehlleistung, wenn wir in ihr eine Absicht zu erkennen 
glaubten? 

Bleiben wir den Beispielen des Versprechen treu 
und überblicken eine größere Anzahl solcher Beobach- 
tungen. Da finden wir denn ganze Kategorien von Fällen,' 
in denen die Absicht, der Sinn des Verspredhens klar 
zu Tage liegt Vor allem die, in denen das Gegenteil 
an die Stelle des Beabsidiügten tritt Der Präädent 
sagt in der Eröffnungsrede: „Ick erkläre die Sitzung 
für gesdilossen." Das ist doch unzweideutig. Sinn und 
Absirfit seiner FeUrede ist daß er die Sitzung schließen 
wilL „Er sagt es ja selbst", möchte man dazu zitieren; 
wir braudien ihn ja nur beim Wort m nehmen. Stören 
Sic midi jetzt nicht mit der Einrede, daß dies nicht 
möglich ist, daß wir ja wissen, er wollte die Sitzung 
nidit sdilieSen, sondern eröffnen, und daß er selbst, 
den wir eben als oberste Instanz anerkannt haben, be- 
stätigen kann, daß er eröffnen wollte. Sie vergessen 
dabei, daß wir übereingekommen sind, die Fehlleistung 
zunächst an und für sich zu betraditen; ihr Verhältnis 
zur hitention, die sie stört soll erst später zur Sprache: 
kommen. Sie machen sich sonst eines logischen Fehlers 
schuldig, durch den Sie das in Behandlung stehende 
Problem glatt wegesiiamotieren, was im Englischea- 
„begging the question" heißt ^ 

in anderen Fällen, wo man sich nicht gerade zum 
Gegenteil versprochen hat, kann doch durch das Ver- 
sprechen ein gegensätzlidier Sinn zum Ausdruck kommen. 
„Ich bin nicht geneigt die Verdienste meines Vorgängers 
zu würdigen." Geneigt ist nicht das Gegenteil von ge- 
eignet, aber es ist ein offenes Geständnis, in scharfem Ge- 
gensatz zur Situation, in weldier der Redner spreclicn soll. 



m. DIE F£HLLEigrur:CEN JB 

In noch anderen Fällen fugt das Verspvedien zu dem 
beabaiditiglen Sinne einfadi ■ einen zweiten hin7u. Der 
Satz hört sich dann an wie eine Zusammenziehung-, Ver- 
kürzung', Verdichtung aus mehreren Salzen. So die ener- 
gische Dame; Er kann essen und trinken, was ich will. 
Das ist gerade so, als ob sie erzählt hätte; Er kann essen 
und trinken, was er will; aber was hat er denn zn wollen? 
An seiner Statt will ich. Die Versprechen machen oft den 
Eindruck solcb er Verkürzungen, z, B. wenn ein Anatomie- 
professor nadi seinem Vortrag über die Nasenhohle fragt, 
ob die Hörer es auch verstanden haben, und ob der allge- 
meinen Bejahung fortsetzt: Ich glaube kaum, denn die 
Leute, welche die Nasenhöhle verstehen, kann man selbst 
in einer Millionenstadt an einem Finger . . . Pardon, 
an den Fingern einer Hand abzählen. Die verkürzte Rede 
hat audi ihren Sinn; sie sagt, es gibt nur einen Mensdien, 
der das versteht 

Diesen Gruppen von Fällen, in denen die Fehlleistung 
ihren Sinn selbst zum Vorsdiein bringt, stehen andere 
gegenüber, in denen das Verspredien nichts an sich Sinn- 
reiches geliefert hat, die also unseren Erwartungen ener- 
gisch widerspredien. Wenn jemand durch Versprechen 
einen Eigennamen verdreht oder ungebräuchlicl-ie Laut- 
foJgen zusammenstellt, so sdieint durdi diese sehr häufigen 
Vorkommnisse die Frage, ob alle Fehlhan dlungeo etwas 
Sinnreiches leisten, bereits im ablehnenden Sinne ent- 
schieden zu sein. Allein bei näherem Eingehen auf solche 
Beispiele zeigt es sich, daß ein Verständnis dieser Ent- 
stellungen leicht möglich wird, ja daß der Unterschied 
zwischen diesen dunkleren und den früheren klaren Fällen 
gar nicht so groß ist 

Ein Herr, nach dem Befinden seines Pferdes befragt, 
antwortet: ja, das draat . , . Das dauert vielleicht noch 
einen Monat. Befragt, was er eigentlich sagen wollte, er- 
klärt er, er habe gedacht, das sei eine traurige Ge- 
schichte, der Zusammenstoß von „dauert" und „traurig" 
habe jenes „dvaut" ergaben. (Mtringer und Mayer.) 



30 ERSTER TEIL; DIE FEHli£ISTUNGEN 

Ein anderer erzählt von irgend welchen Vorgängen, 
die er beanständet, und setzt fort: Dann aber sind Tat- 
sachen zum Vorschwein gekommen. . . . Auf Anfragen 
bestätigt er, daß er diese Vorgänge als Schweinereien 
bezeichnen wollte. „Vorsdiein" und „Schweinerei" haben 
mitsammen das sonderbare „Vorsdiwein" entstehen lassen. 
(M. u. M.) -' 

Erinnern Sie sidi an den Fall des jungen Mannes, 
der die ihm unbekannte Dame begleitdigen wollte. 
Wir hatten uns die Freiheit genommen, diese Wortbil- 
dung in begleiten und beleidigen zu zerlegen, und 
fühlten uns dieser Deutung sidier, ohne für sie Bestäti- 
gung zu fordern. Sie ersehen aus diesen Beispielen, daß 
audi diese dunkleren Fälle des Versprediens sidi durch 
das Zusammentreffen, die Interferenz, zweier versdiie- 
dener Redeabsichten erklären lassen; die Untersdiiede 
entstehen nur dadurch, daß einmal die eine Absidit die 
andere völlig ersetzt (substituiert), so bei den Verspredien 
zum Gegenteil, während sie sich ein andermal damit 
begnügen muß, sie zu entstellen oder zu modifizieren, 
so daß Mifichbildungen Zustandekommen, die an sidi 
mehr oder minder sirmreidi erscheinen. 

Wir glauben jetzt das Geheimnis einer großen An- 
zahl von Versprechen erfaßt zu haben. Halten wir an 
dieser Einsidit fest, so werden wir nodi andere bisher 
rätselhafte Gruppen verstehen können. Beim Namenent- 
stellen können wir z. B, nicht annehmen, daß es sich 
immer um die Konkurrenz zweier ähnlicher und dodi 
versdiiedener Namen handelt. Aber die zweite Absicht 
ist doch unschwer zu erraten. Die Entstellung eines Namens 
kommt außerhalb des Versprechens häufig gemwr vor; 
sie versudit den Namen übelklingend oder an etwas 
Niedriges anklingend zu madien, und ist eine bekannte 
Art oder Unart der Sdimähung, auf die der gebildete 
Mensch bald verzichten lernt, aber nicht gerne verzichtet 
Er gestattet sidi dieselbe noch oft als „Witz" von aller- 
dings sehr geringer Würde. Um nur ein grelles und 



ID. DIE FEHliEiSTÜNGEH 



haßliches Beispiel dieser Namensentstellung anzuführen, 
erwähne ich, daß man den Namen des Präsidenten der 
französischen Republik, Poincare, in diesen Zeiten in 
„Schweinskarre" umgewandelt hat. Es liegt also nahe, 
amii beim Versprechen eine solche sdimähende Absicht 

' anzunehmen, die sieh in der Entstellung des Namens 
durchsetzt. Ähnliche Aufklärungen drängen sidi uns in 

"Fortführung unserer Auffassung für gewisse Fälle des 
Versprechens mit komisdiem oder absurdem Effekt auf. 

' Idi fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs auf- 
zustoßen." Hier wird eine feierliche Stimmung uner- 
warteterweise durch das Emdringen eines Wortes ge- 
stört, das eine unappetitliche Vorstellung erwedcf, und 
wir können nach dem Vorbild gewisser Schimpf- und 
Trutzreden kaum anderes vermuten, als daß sich eine 

J, Tendenz zum Ausdruck bringen will, die der vorge- 
schobenen Verehrung energisch widerspricht und etwa 
sagen wiU: Glaubt dodi nidit daran, das ist nicht mein 
Ernst, ich pfeif auf den Kerl u. dgl. Ganz Ähnlidies 
gilt für Verspredien, die aus harmlosen Worten unan- 
ständige und obszöne machen, wie Apopos für Apro- 
pos, oder Eischcißweibchen für Eiweißscheibcheo. 
(M. u. M.) 

Wir kennen bei vielen Mensdien eine solche Tendenz, 
einem gewissen Lustgewinn zuliebe harmlose Worte ab- 
siditlich in obszöne zu entstellen; sie gilt für witzig, 
und in Wirklichkeit müssen wir bei einem Menschen, 
von dem wir solches hören, erst erkunden, ob er es 
absichtlich als Witz geäußert hat, oder ob es ihm als 
Verspredien passiert ist 

I Nun, da hätten wir ja mit verhältnismäßig geringer 
Mühe das Rätsel der Fehlleistungen gelöst! Sie sind nicht 

'Zufälligkeiten, sondern ernsthafte seelische Akte, sie 
haben ihren Sinn, sie entstehen durch das Zusammen- 

^ wirken — vielleicht besser: Gegeneinanderwirken zweier 
verschiedener Absichten. Aber nun kann idi auch ver- 
stehen, daß Sie mich mit einer Fülle von Fragen und 



m ERSTER TElLi DIB'FE'HIXEISTUNGEN .- 

Zweifeln überadiütten wollen, die zu beantwo,-ten uiid 
zu erledigen sind, eiie wir uns dieses ersten Resultats 
«nserer Arbeit freuen dürfen. Idi will Sie gewiß nicht 
zu voreiligen Entscheidungen antreiben. Lassen Sie uns 
alles der Reihe nach, eines nach dem anderen, in kühle 
Erwägung ziehen. 
m Was wollen Sie mir wohl sa^en? Ob idi meine, 
■daß diese Aufklärung für alle Fäile von Versprechen 
gilt oder Dur für eine g^ewisse Anzahl? Ob man dieselbe 
Auffassung auch auf die vielen anderen Arten von Fehl- 
leistungen ausdehnen darf, auf das Verlesen, Verschreiben, 
Vergessen, Vergreifen, Verlegen usw.? Was denn die Mo- 
mente der Ermüdung, Erregung, Zerstreutheit, die Auf- 
merlcsamkeitsstörung angesidits der psychischen Natur der 
Fehlleistungen nocli zu bedeuten haben? Ferner, man siel.t 
ja wohl, daß von den beiden konkurrierenden Tendenzen 
der Fehlleistung die eine immer offenkundig ist, die 
andere aber nidit immer. Was man dann tut, ura diese 
letztere zu erraten, und wenn man glaubt, sie erraten 
zu haben, wie man den Nachweis führt, daß sie nicht 
bloß wahrsdieinlich, sondern die einzig richtige ist? Haben 
Sie noch etwas zu fragen? Wenn nicht, so setze idi selbst 
fort. Ich erionere Sie daran, daß uns eigentlidi an den 
Fehlleistungen selbst nidit viel gelegen ist, daß wir aus 
ihrem Studium nur etwas für die Psydioanalyse Ver- 
wertbares lernen wollten. Darum stelle idi die Frage auf; 
was sind das für Absichten oder Tendenzen, die andere 
-In solcher Weise stören können, und welche Beziehungen 
bestehen zwisdien den störenden Tendenzen und den ge- 
störten? So fängt unsere Arbeil erst nach der Lösung 
des Problems von neuem an. 

Also, ob dies die Aufklärung aller Fälle von Ver- 
.sprechen ist? l<ii bin sehr geneigt, dies zu glauben, und 
zwar darum, weil sicli jedesmal, so oft man einen Fall 
von Versprechen untersucht, eine derartige Auflösunc 
finden läßt. Aber es läßt sich auch nicht beweisen, daf 
ein Versprechen ohne soldien Mechanismus nicht vorfaller 



Pl-DIE FEHt.T.F.T5TUNGE?i M 

kann. Es mag so sein; für uns ist es theoretisch gleich- 
gültig', denn die Sdilüsse, welche wir für die Einführung 
in die Psychoanalyse ziehen wollen, bleiben bestehen, 
wenn aucli nur, was gewiß nidit der Fall ist, eine Minder- 
lalil von Fällen des Versprechens unserer Auffassung 
unterliegen soUte. Die näcliste Frage, ob wir auf die 
anderen Arten der Fehlleistungen das ausdehnen dürfen, 
was sich uns für das Versprechen ergeben hat, will idi 
vorgreifend mit ja beantworten. Sie werden sich selbst 
davon überzeugen, wenn wir uns dazu wenden, Beispiele 
des Verschreibens, Vergreifens usw, in Untersuchung zu 
ziehen. Ich schlage Ihnen aber aus technischen Gründen 
vor, diese Arbeit aufzusdiieben, bis wir das Verspredien 
■elbst noch gründlicher behandelt haben. 

Die Frage, was die von den Autoren in den Vorder- 
grund gerückten Momente der Zirkulationsstörung, Er- 
müdung, Erregung, Zerstreutheit, die Theorie der Auf- 
merksamkeitsstörung uns nocii bedeuten können, wenn 
wir den beschriebenen psychischen Medianismus des Ver- 
sprechens annelimen, verdient eine eingehendere Beant- 
wortung. Bemerken Sie wohl, wir bestreiten diese Momente 
nicht Es kommt überhaupt nicht so häufig vor, daß die 
Psychoanalyse etwas bestreitet, was von anderer Seite 
b^auptet wird; sie fügt in der Regel nur etwas Neues 
hinzu, und gelegentlich trifft es sich freilich, daß dies 
bisher Übersehene und nun neu Dazugekommene gerade 
das Wesentliche ist Der Einfluß der physiologischen Dis- 
positionen, die durdi leichtes Unwohlsein, Zirkulations- 
störungen, Erschöpfungszustände gegeben werden, ist für 
das Zustandekommen des Versprechens ohne weiteres an- 
zuerkennen; tägliclie und persönliche Erfalirung kann Sie 
davon überzeugen. Aber via wenig ist damit erklärt! 
Vor allem sind es nicht notwendige Bedingungen der 
Fehlleistung. Das Versprechen ist ebensowohl bei voller 
Gesundheit und normalem Befinden möglich. Diese kör- 
perlichen Momente haben also nur den Wert von Er- 
leiditerungen und ßegünstiguiigen für den eigentümlidien 



5i ERSTER TETL; 01^ FEHLLEtSTDNGEN 

seelisdien Mechanismus des Versprediens. Ich habe iäri 
diese Beziehung einmal ein Gleichnis gebraucht, das idk'} 
nua wiederholen werde, wei! ich es durch kein besseres 
2U ersetzen weiß. Nehmen Sie an, jdi ginge in dunkler 
Nadilstunde an einem einsamen Orte, würde dort vons 
einem Strolch überfallen, der mir Uhr und Börse weg-'.. 
nimmt, und trüge dann, weil ich das Gesicht des Raubera 
nicht deutlich gesehen habe, meine Klage auf der nächsten 
Polizeistalion mit den Worten vor; Einsamkeit und Dunr» 
kelheit haben mich soeben meiner Kostbarkeiten beraubtb 
Der Polizeikommissär kann mir darauf sagen: Sie scheinen' 
da mit Unrecht einer extrem mechanistischen Auffassung 
zu huldigen. Stellen wir den Sachverhalt lieber so dar: . 
Unter dem Schutz der Dunkelheit, von der Einsamkeit» 
'begünstigt, hat Ihnen ein unbekannter Räuber Ihre Wert- 
sachen entrissen. Die wesentlidie Aufgabe an Ihrem Falle 
scheint mir zu sein, daß wir den Räuber ausfindig machen.' 
Vielleicht können wir ihm dann den Raub wieder ab-^ 
nehmen. ^it 

i Die psychophysiologischen Momente wie Aufregung,'. 
Zerstreutheit, Auhnerksainkeitsstörung leisten uns offen- 
bar sehr wenig für die Zwecke der Erklärung. Es sind 
nur Redensarten, spanische Wände, hinter welche zu, 
gudcen wir uns nidit abhalten lassen sollen. Es (ragtn 
sich vielmehr, was hier die Erregung, die besondere At; ' 
lenkung der Aufmerksamkeit hervoi^erufen hat Die Laut- 
einflüsse, Wortähnlichkeiten und die von den Worten 
auslaufenden gebräudilidien Assoziationen sind wiederum 
als bedeutsam anzuerkennen. Sie erleichtem das Ver- 
spredien, indem sie ilim die Wege weisen, die es wandeln 
kann. Aber wenn ich einen Weg vor mir habe, ist damit 
audi wie selbstverständlich entschieden, daß idi ihn gehen 
werde? Es bedarf noch eines Motivs, damit ich mich zu 
ihm entschließe, und überdies einer Kraft, die mich auf 
diesem Wege voi^wärts bringt. Diese Laut- und Wort- 
beziehungen sind also auch nur wie die körperlichen Dis- , 
Positionen Begünstigungen des Versprechens und kÖnnen.l 



a, DIE FEHLLEISTUWflEW 35 

seine eigentliclie Aufklärung nicht geben. Denken Sie 
dodi daran, in einer ungeheuem Überzahl von Fällen 
wird meine Rede nicht durch den Umstand gestört, daß 
die von mir gebrauchten Worte durch Klangähnlichkeit 
an andere erinnern, daß sie mit ihren Gegenteilen innig 
verlcnÜpft sind, oder daß gebräuchiidie Assoziationen 
von ihnen ausgehen. Man könnte nodi mit dem Philo- 
sophen Wundt die Auskunft finden, daß das Versprechen 
zustande kommt, wenn infolge von körperlicher Er- 
schöpfung die Assoziationsneigungea die Oberhand über 
die sonstige Redeintention gewinnen. Das ließe sich sehr. 
gut hören, wenn dem nidit die Erfahrung widerspräche, 
nach deren Zeugnis in einer Reihe von Fällen die körper- 
lichen, in einer anderen die Assoziation sbegüns6gungen 
des Versprediens vermißt werden. 

jü Besonders interessant ist mir aber Ihre nächste Frage, 
suf weldie Weise man die beiden miteinander in Inter- 
ferenz tretenden Tendenzen feststellt. Sie ahnen wahr- 
scheinlich nicht, wie folgenschwer sie ist. Nicht wahr, 
die eine der beiden, die gestörte Tendenz, ist immer 
unzweifelhaft; die Person, welche die Fehlleistung begeht, 
kennt sie und bekennt sich zu ihr. Anlaß zu Zweifeln 
und Bedenken kann nur die andere, die störende, geben. 
Nun wir haben schon gehört und Sie haben es gewiß 
nicht vergessen, daß in einer Reihe von Fällen diese 
andere Tendenz ebenso deutlidi ist Sie wird durdi den 
Effekt des Versprechens angezeigt, wenn wir nur den 
Mut haben, diesen Effekt für sich gelten zu lassen. Der 
Präsident, der sich zum Gegenteil verspricht — es ist 
klar, er will die Sitzung eröffnen, aber ebenso klar, er 
möchte sie auch schließen. Das ist so deutlich, daß zum 
Deuten nichts übrig bleibt Aber die anderen Fälle, in denen 
die störende Tendenz die ursprönglidie nur entstellt, ohjie 
sich selbst ganz zum Ausdrude zu bringen, wie errät man 
bei ihnen die störende Tendenz aus der Entstellung? 

In einer ersten Reihe von Fällen auf sehr einfadie 
md sichere Weise, auf dieselbe Weise nämlidi, wie man 



36 ERSTER TEJL: DIE FEHLLEISTUHGSH 



die gestörte Teadenz feststeUt Diese läßt man sich ja 
vom Redner umnittelbar mitteilen; nach dem Versprechen 
stellt er den ursprünglich beabsichtigten Wortlaut sofort 
wieder her. „Das draut, nein, das dauert vielleicht noch 
einen Monat" Nun, die eetsteUende Tendenz läßt man 
gleichfalls von ihm aussprechen. Man fragt ihn: Ja, warum 
haben Sie denn zuerst „draut" gesagt? Er antwortet: 
Icl) wollte sagen: Das ist eine traurige Geschidite, und 
im anderen Falle, beim Versprechen „Vorschwein", be- 
stätigt er Urnen ebenso, daß er zuerst sagen woUte; Das 
ist eine Schweinerei, sich aber dann mäßigte und 
in eine andere Aussage einlenkte. Die Feststellung der 
entstellenden Tendenz ist hier also ebenso sicher ge- 
lungen wie die der entstellten. Ich habe auch nidit ohne 
Absidit hier Beispiele herangezogen, deren Mitteilung 
und Auflösung weder von mir nodi von einem meiner 
Anliäager herrühren. Dodi war in diesen beiden Fällen 
ein gewisser Eingriff notwend%, um die Lösung zu fördern. 
Man mußte den Redner fragen, warum er sich so ver- 
sprochen habe, was er zu dem Versprechen zu sagen 
wisse. Sonst wäre er vielleicht an seinem Verspredien 
vorbeigegangen, olme es aufklaren zu wollen, Befr^ 
gab er aber die Erklärung mit dem ersten Einfall, der 
ihm kam. Und nun sehen Sie, dieser kleine Eingriff und 
sein Erfolg, das ist bereits eine Psychoanalyse und daa 
Vorbild jeder psychoanalytischen Untersudiung, die wir 
im weiteren anstellen werden. 

Bin ich nun zu mißtrauisch, wenn idi vermute, daß 
iQ demselben Moment, da die Psychoanalyse vor Ihnen 
auf taud.t, audi der Widerstand gegen sie bei Ihnen sein 
Haupt erhebt? Haben Sie nicht Lust, mir einzuwenden, 
daß die Auskunft der befragten Person, die das Ver- 
sprechen geleistet, nicht völlig beweiskräftig sei? Er habe 
natürlich das Bestreben, meinen Sie, der Aufforderung 
zu folgen, das Verspredien zu erklären, und da sa8:e ei 
eben das erste beste, was ihm einfalle, wenn es ihm zu 
einer solclieu Erklärung tauglich ersdieine. Eäi. Beweis 



m. DE FEJ-ILLF-l^TTMGl!:*» ' - 37 

daß das Verspredien wirklich so zugegangen, sei damit 
iücht gegeben. Ja es koane so sein, aber ebensowolil 

'audi anders. Es hätte ihm aiidi etwas anderes einfallen 
Tonnen, was ebensogut und vieilcidit besser gepaßt hätte. 
. . Es ist merkwürdig, wie wenig Respekt Sie im Grunde 
üroi einer psychischen Talsadia haben! Denken Sie sicli, 
jemand habe die chemisdie Analyse einer gewissen Sub- 
stanz vorgenommen und von einem Bestandteil derselben 
ein gewisses Gewicht, so und soviel Milligramm, ge- 
wonnen. Aus dieser Gewichtsmenge lassen sicli bestimmte 

■ gdilüsse ziehen. Glauben Sie nun, daß es je einem Che- 
■miker einfallen wird, diese Schlösse mit der Motivierung 
za bemängeln: die isolierte Substanz hätte auch ein an- 
deres Gewicht haben können? jeder beugt sich vor der 
Tatsache, daß es eben dies Gewicht und kein anderes 
war, und baut auf ihr zuversii. ^.'.'Jch seine weiteren Scbiüsse 
auf. Nur wenn die psychische Tatsache vorliegt, daß dem 
Befragten ein bestimmter Einfall gekommen ist, dann 
lassen Sie das niclit gelten und sagen, es hätte ihm audi 
etwas anderes einfallen können! Sie haben eben die lllu- 
Bion einer psychisdien Freiheit in sich und mögen auf 
sie nicht verzichten. Es tut mir leid, daß ich mich hierin 
in sdiärfstem Widerspruch zu Urnen befinde. 

Nun werden Sie hier abbrechen, aber nur um den 
Widerstand an einer anderen Stelle wiederaufzunehmen. 
Sie faiiren fort: Wir verstehen, daß es die besonders 
Tedinik der Psychoanalyse ist, sich die Losung ihrer 
Probleme von den Analysierten selbst sagen zu lassen. 
Nun nehmen wir ein anderes Beispiel her, jenes, in dem 
der Festredner die Versammlung auffordert, auf das Wohl 
des Chefs aufzustoßen. Sie sagen, die störende Intention 
ist in diesem Falle die der Schmähung: sie ist es, die 
Bidi dem Ausdrude der Verehrung widersetzt Aber das 
ist bloße Deutung von Ihrer Seite, gestützt auf Beob- 
sditungen außerhalb des Versprechens. Wenn Sie in 
diesem Falle den Urheber des Versprechens befragen, 
wird er Ihnen nidit bestätigen, daß er eine Schmähung 



pp 

38 ERSTEIfTEILi DIE FEHLLEISTUNGF.N 



beabsiclitigte; er wird es vielmehr energisch in Abrede 
stellen. Warum geben Sie Ihre unbeweisbare Deutung 
niclit gegen diesen klaren Einspruch auf? 

Ja, diesmal haben Sie etwas Starkes herausgefunden 
Idi stelle mir den unbekannten Festredner vor; er isl 
wahrscheinlich ein Assistent des gefeierten Chefs, viel 
leiclit sdion Privaldozent, ein junger Mann mit den bester 
Lebensdiancen. Ich will in ihn drängen, ob er nicht docJ 
etwas verspürt hat, was sich der Aufforderung zur Ver- 
ehrung des Chefs widersetzt haben mag. Da komme id 
aber schön an. Er wird ungeduldig und fährt plötzlict 
auf mich los; „Sie, jetzt hören's einmal auf mit Ihre) 
Ausfragerei, sonst werd' ich ungemütlidi. Sie verderbet 
mir nodi die ganze Karriere durch Dire Verdächtigungen 
.Ich hab' einfach autstoßen anstatt anstoßen gesagt, wei 
ich im selben Satz schon zweimal vorher auf ausge 
'sprochen habe. Das ist das, was der Meringer einer 
Nachklang heißt, und weiter ist daran nidits zu deuteln 
Verstehen Sie mich? Basta." Hm, das bt eine über 
rasdiende Reaktion, eine wirklidi energisdie Ablehnung 
Idi sehe, bei dem jungen Mann ist nichts anszurichteii 
denke mir aber audi, er ven-ät ein starkes persönliche 
Interesse daran, daß seine Fehlleistung keinen Sinn habei 
soll. Sie werden vielleiclit auch finden, es ist nicht rechl 
daß er gleich so grob wird bei einer rein theoretischei 
lUntersuchung, aber schüeßlidi, werden Sie meinen, md 
er doch eigentlich wissen, was er sagen wollte und wa 
ydit 

So, muß er das? Das wäre vielleicht noch die Frag« 
Jetzt glauben Sie mich aber in der Hand zu habei 
Das ist also Ihre Technik, höre ich Sie sagen. Wenn de 
Betreffende, der ein Versprechen von sich gegeben ba- 
etwas dazu sagt, was Ihnen paßt, dann erklären Sie Jh 
für die letzte entscheidende Autorität darüber. „Er sas 
es ja selbstl" Wenn Ihnen aber das, was er sagt, nid 
in Ilu-en Kram paßt, dann behaupten Sie auf einma 
der gilt nidits, dem braucht man nicht zu glauben. 



_ _ ,^ nr. DIE FEHLLEISTUNGEN '39 
^ — - -■ — _ — -— — — — —-^ 

' Das stimmt allerdings. Idi kann Ihnen aber einen 
Shnlidien Fall vorstellen, indem es ebenso ungeheuerlidi 
zugeht. Wenn ein Angeklagter vor dem Richter sidi zu 
einerTat bekennt, so glaubt der Richter dem Geständnis; 
wenn er aber leugnet, so glaubt ihm der Richter nicht. 
Wäre es anders, so gäbe es keine Rechtspflege, und 
trotz gelegentlidier Irrtümer müssen Sie dieses System 
doch wohl gelten lassen. 

Ja, sind Sie denn der Richter, «nd der, welcher ein 
Verspredien begangen hat, ein vor Ihnen Angeklagter? 
Ist denn ein Versprechen ein Vergehen? 
;. Vielleicht brauchen wir selbst diesen Vergleidi nicht 
abzulehnen. Aber sehen Sie nur, zu welchen tiefgreifen- 
den Differenzen wir bei einiger Vertiefung in die sdieinbar 
80 harmlosen Probleme der Fehlleistungen gekommen 
sind. Differenzen, die wir derzeit noch gar nicht auszu- 
gleichen verstehen. Idi biete Ihnen ein vorläufiges Kom- 
promiß an auf Grund des Gleichnisses vom Richter und 
vom Angeklagten. Sie sollen mir zugeben, daß der Sinn 
einer Fehlleistung keinen Zweifel zuläßt, wenn der Ana- 
lysierte ihn selbst zugibt. Ich will Ihnen dafür zugestehen, 
daß ein direkter Beweis des vermuteten Sinnes nicht 
zu erreichen ist, wenn der Analysierte die Auskunft 
verweigert, natürlich ebenso, wenn er nicht zur Hand 
ist, um uns Auskunft zu geben. Wir sind dann, wie im 
Falle der Rechtspflege, auf Indizien angewiesen, welche 
vms eine Entscheidung einmal mehr, ein andermal weniger 
wahrsdieinlich machen können. Bei Gericht muB man aus 
praktischen Gründen auch auf Indizienbeweise hin schuldig 
sprechen. Für uns besteht eine solche Nötigung nicht; 
wir sind aber auch nicht gezwungen, auf die Verwertung 
Bolcher Indizien zu verzicliten. Es wäre ein Irrtum zu 
glauben, daß eine Wissenschaft aus lauter streng be- 
wiesenen Lehrsätzen besteht, und ein Unrecht, solches 
zu fordern. Diese Forderung erhebt nur ein autoritäts- 
'süchtiges Gemüt, welches das Bedürfnis hat, seinen reli- 
^Öseo . Katediismus durch einen anderen, wenn, audi 



« ERSTER TEILT DE FEHLLEISTUKGEH 

wissenschaftlichen, zu ersetzen. Die Wissenschaft hat in 
ihrem Katediismus nur wenig^e apodiktisdie Sätze, sonst 
Behauptungen, die sie bis zu gewissen Stufeng^aden von 
Wahrschein Üchkeit gefördert hat. Es ist geradezu ein 
Zeichen von wissenschaftliclier Denkungsart, wenn man 
an diesen Aimälierungen an die Gewißheit sein Genüge 
finden und die konstruktive Arbeit trotz der mangelnden 
letzten Bekräftigungen fortsetzen kann. 

Woher nehmen wir aber die Anhaltspunkte für unsere 
Deutungen, die Indizien für unseren Beweis im Falle, 
daß die Aussage des Analysierten den Sinn der Fett- 
leistung nidit selbst aufklärt? Von verschiedenen Seiten 
her. Zunächst aus der Analogie mit Phänomenen außer- 
halb der Fehlleistungen, z. B. wenn wir behaupten, da3 
das Namenentstellen als Versprechen denselben schmä- 
henden Sinn hat wie das absiditliche Namen verdrehen. 
Sodann aber aus der psydiisdien Situation, in welcher 
sich die Fehlleistung ereignet, aus unserer Kenntnis des 
Charakters der Person, welche die FeWiiandlung begeht, 
und der Eindrücke, weltiie diese Person vor der Fehl- 
leistung betroffen haben, auf die sie möglidierweise mit 
dieser Fehlleistung reagiert In der Regel geht es so vor 
sidi, daß wir nach allgemeinen Grundsätzen die Deutung 
der Fehlleistung vollziehen, die also zunädist nur eine 
Vermutung, ein Vorsdilag zur Deutung ist, und uns dann 
die Bestätigung aus der Untersudiung der psychischen 
Situation holen. Manchmal müssen wir auch kommende 
Ereignisse abwarten, welche sich durdi die Fehlleistung 
gleichsam angekündigt haben, um unsere Vennutung be- 
kräftigt zu finden. 

i; Idi kann Ihnen die Belege hiezu nicht leicht erbringen, 
wenn ich mich auf das Gebiet des Versprechens ein- 
sdiränken soll, obwohl sich audj hier einzelne gute Bei- 
spiele ergeben. Der junge Mann, der eine Dame be- 
gleitdigen mödite, ist gewiQ ein Scliüchtemer; die 
Dame, deren Mann essen und trinken darf, was sie will, 
kenne ich als eine der. energisdien Frauen, di« das Re- 



m. DIE rEHLLEJSTUKGEH fl 



giraent im Hause zu führen verstehen. Oder nehmen Sie 
folgenden Fall: In einer Generalversammlung der „Con- 
cordia" hält ein junges Mitgiied eine heftige Oppositions- 
rcde, in deren Verlauf er die Vereinsleitung als die Herren 
„VorschußmitgHeder" anredet, was aus Vorstand und 
Ausschuß zusammengesetzt ersdieint. Wir werden ver- 
reuten, daß sidi bei ihm eine störende Tendenz gegen 
feine Opposition regte, die sich auf etwas, was mit einem 
Vorschuß zu tun hatte, stutzen konnte. In der Tat er- 
fahren wir von unserem Gewährsmann, daß der Redner 
iji steten Geldnöten war und gerade damds ein Dar- 
,lehensgesucb eingebradit hatte. Als störende Intention 
ist also wirklich der Gedanke einzusetzen: mißige didi: 
in deiner Opposition; es sind dieselben Leute, die dir 
den Vorsdiuß bewilligen sollen. 

fi Ich kann Ihnen aber eine reiche Auswahl soldier 
'Indizisnbeweise vorlegen, wenn ich auf das weite Gebiet 
der anderen Fehlleistungen übergreife, 
j Wenn jemand einen ihm sonst vertrauten Eigennamen 
vergißt oder ibn trotz aller Mühe nur schwer behalten 
kann, so liegt uns die Annahme nahe, daß er etwps 
gegen den Träger dieses Namens hat, so daß er nicht 
gerne an ihn denken mag; nelunen Sie die nachstehen- 
den Aufdediungen der psydiisdien Situation, in welcher 
'^iese Fehlleistung eintrat, hiezu: 

^ „Ein Herr Y verliebte sich erfolglos in eine Dame, 
^welche bald darauf einen Herrn X heiratete. Trotzdem 
nun Herr Y den Herrn X sdion seit geraumer Zeit kennt 
und sogar in geschäftUdien Verbindungen mit ihm steht, 
vergißt er immer und immer wieder dessen Namen, so 
daß er sich mehrere Male bei anderen Leuten danach 
erkundigen mußte, als er mit Herrn X korrespondieren 
wome.-^ 
j. Herr Y will offenbar nidits von seinem glüdilidiea 
T?ivalen wissen. „Nicht gedacht soll seiner werden." 



>Nadi CG. Jod i- 



« ERSTER TEILT DIE FEl-ILLEISTUNGEW 

f'' Oder: Eine Dame erkundigt sich bei dem Arzt nadi 
einer gemeinsamen Bekannten, nennt sie aber bei ihrem 
Mädchennamen. Den in der Heirat angenommenen Namen 
hat sie vergessen. Sie gesteht dann zu, daß sie mit dieser 
Heirat sehr unzufrieden war und den Mann dieser Freun-' 
din nicht leiden mocJite.' 

Wir werden vom Namenvergessen nodi in anderen 
Hinsichten manches zu sagen haben; jetzt interessiert uns 
vorwiegend die psychische Situation, in weldie das Ver- 
gessen fällt 

Das Vergessen von Vorsätzen läßt sich ganz allgemein 
auf eine gegensätzliche Strömung zurüdtführen, welche 
den Vorsatz nidit ausführen will. So denken aber nicht 
nur wir in der Psychoanalyse, sondern es bt die all- 
gemeine Auffassung der Menschen, der sie im Leben 
alle anhängen, die sie erst in der Theorie verleugnen. 
Der Gönner, der sich vor seinem Schützling entsdiuldigt, 
er habe dessen Bitte vergessen, ist vor ihm nicht 
gerechtfertigt. Der Schützling denkt sofort: Dem liegt 
nidite daran; er hat es zwar versprochen, aber er will 
es eigentlich nicht tun. In gewissen Beziehungen ist daher 
auch im Leben das Vergessen verpönt, die Differenz 
zwischen der populären und der psychoanalytischen Auf- 
fassung dieser Fehlleistungen scheint aufgehoben. Stellen 
Sie sich eine Hausfrau vor, die den Gast mit den Worten 
empfängt: Was, heute kommen Sie? Ich habe ja ganz 
vergessen, daß ich Sie für heute eingeladen hatte. Oder 
den jungen Mann, welcher der Geliebten gestehen sollte, 
daß er vergessen hatte, das letztbespro diene Rendezvous 
einzuhalten. Er wird es gewiß nicht gestehen, lieber aus 
dem Stegreife die unwahrscheinlichsten Hindemisse er- 
finden, die ihn damals abgehalten haben zu kommen, 
und es ihm seither unmöglich gemacht haben, davon 
Nadiridit zu geben. Daß in militärisdien Dingen die 
Entsdiuldigung, etwas vergessen zu haben, nichts nützt 



> NhJi a. A. Biill, 



' m. [)1G FUTHLLEISTUKGEN 



'und vor keiner Strafe schützt, wissen wir alle und müssen 
es berechtigt finden. Hier sind mit einem Maie alle 
Menschen darin einig, daß eine bestimmte Fehlhandlung 
sinnreich ist, und weldien Sinn sie hat. Warum sind sie 
nicht konsequent genug, diese Einsidtt auf die anderen 
Fehlleistungen auszudehnen und sich voll zu ihr zu be- 
kennen? Es gibt natürlich auch hierauf eine Antwort 
■■> Wenn der Sinn dieses Vergessens von Vorsätzen auch 
den Laien so wenig zweifelhaft ist, so werden Sie um 
so weniger überrascht sein zu finden, daß Dichter diese 
Fehlieistong in demselben Sinne verwerten. Wer von Ihnen 
„Cäsar und Kieopatra" von B. Shaw gesehen oder 
gelesen hat, wird sich erinnern, daß der scheidende Cäsar 
in der letzten Szene von der Idee verfolgt wird, er habe 
sich noch etwas vorgenommen, was er aber jetzt ver- 
gessen habe. Endlich stellt sich heraus, was das ist: von 
der Kieopatra Absdiied zu nehmen. Diese kleine Ver- 
anstaltung des Dichters will dem großen Cäsar eine 
Überlegenheit zusdireiben, die er nicht besaß und nadi 
der er gar nicht strebte. Sie können aus den geschicht- 
lichen Quellen erfahren, daß Cäsar die Kieopatra nach 
Rom nachkommen ließ, und daß sie dort mit ihrem 
kleinen Casarion weilte, als Cäsar ermordet wurde, wor- 
auf sie flüchtend die Stadt verließ. j 
Die Fälle des Vergessens von Vorsätzen sind im all- 
gemeinen so klar, daß sie für unsere Absicht, Indizien 
für den Sinn der Fehlleistung aus der psychisdien Situation 
abzuleiten, wenig braudibar sind. Wenden wir uns darum 
zu einer besonders vieldeutigen und undurchsichtigen 
Fehlhandlung, zum Verlieren und Verlegen. Daß beim 
Verlieren, einer oft so sdimerzli<h empfundenen Zufäl- 
ligkeit, wir seihst mit einer Absicht beteiligt sein sollten, 
werden Sie gewiß nicht glaubwürdig finden. Aber es 
gibt reichlich Beobachtungen wie diese: Ein junger Mann 
verliert seinen Crayon, der ihm sehr lieb gewesen war, 
Tags zuvor hatte er einen Brief von seinem Schwager 
erhalten, der mit den Worten sddoß: Ich habe vorläufig 



■« gBgffiSTFEILi pm FEHLLgtSTWGCT 

:weder Last noch Zeil, Deinen Leiditsinn und Deine' 
Faulheit xa untersbützen.* Der Bleistift war aber gerada;. 
ein Gesdienk dieses Schwagers. Ohne dieses Zusammen- 
treffen könnten wir natürlich nicht behaupten, daß an 
diesem Verlieren die Absicht beteiligt war, sich der Sache - 
EU entledigen. Ahnliche Fälle sind sehr häufig. Man ver-" 
liert Gegenstände, wenn man sich mit dem Geber der- 
selben verfeindet hat und nicht melir an ihn erinnert 
werden will, oder auch, wenn man sie selbst nicht mehr 
mag und sidi einen Vorwand schaffen will, sie durdi 
andere und bessere zu ersetzen. Derselben Absicht gegen 
einen Gegenstand dient natürlich auch das Fallenlassen, 
Zerbrechen, Zerschlagen, Kann man es für zufällig hallen,' 
wenn ein Sdiulldnd gerade vor seinem Geburtstag seine 
Gebraudisgegenstände verilerl, ruiniert, zerbricht, z. B. 
seine Schullasche und seine Tasdienuhr? 
i Wer genug oft die Pein erlebt hat, etwas nidit auf- 
finden zu können, was er selbst weggelegt hat, wird 
auch an die Absicht beim Verlegen nidit glauben wollen.'' 
Und doch sind die Beispiele gar nicht selten, in denen 
die Begleitumstände des Verlegen» auf eine Tendenz hin- 
weisen, den Gegenstand zeitweilig oder dauernd zu be- 
seitigen. Vielleicht das schönste Beispiel dieser Art ist 
folgendes: 

Ein jüngerer Mann erzählt mir:„Es gab vor einigen 
Jahren Mißverstandnisse in meiner Ehe, ich fand meine 
Frau zu kühl, und obwolil ich ihre vortrefflichen Eigen- 
schaften gerne anerkannte, lebten wir ohne Zärtlidikeit 
nebeneinander. Eines Tages brachte sie mir von dnem 
Spaziergange ein Budi mit, daß sie gekauft hatte, weil 
es mich interessieren dürfte. Ich dankte für dieses Zeichen 
von „Aufmerksamkeit", versprach das Budi zu lesen,' 
legte es mir zurecht und fand es nicht wieder, Monate 
vergingen so, in denen ich mich gelegentlich an dies 
versdioUene Buch erinnerte und es auch vergebl'di auf- 



:. <>Ni<fcS.DittB*ik 



m. DIE FEHUJJSTUHGEM C 

lufinden versuchte. Etwa ein halbes Jalu- später erkrankte 
meine, jetrennt von uns wohnende, geliebte Mutter, 
Meine Frau verließ das Haus, um ihre Schwiegennulier 
7u pflegen. Der Zustand der Kranken wurde ernst und 
o-ab meiner Frau Gelegenheit, sich von ihren besten 
Seiten zu zeigen. Eines Abends komme ich begeistert 
von der Leistung meiner Frau und dankerfüllt gegen 
sie nach Hause. Ich trete zu meinem Sdireibtisch, öffne 
ohne bestimmte Absidit, aber wie mit somnambuler 
Sicherheit eine bestimmte Lade desselben, und zuoberst 
in ihr finde ich das so lange vermißte, das verlegte Budi." 

Mit dem Eriösdien des Motivs fand audi das Ver- 
legtsein des Gegenstandes ein Ende. 

Meine Damen und Herren 1 Ich könnte diese Sammlung 
von Beispielen ins Ungemessene vermehren. Idi will es 
aber hier nicht tun. In meiner „Psychopathologie des Ali- 
tagslebens" (1901 zuerst eradiienen) finden Sie ohnedies 
eine überreidieKasuistik zum Studium der Fehlleistungen.' 
Alle diese Beispiele ergeben immer wieder das närnUAe; 
sie madien Ihnen wahrscheinlich, daß Fehlleislungen einen 
Sinn haben, und zeigen Dmen, wie man diesen Siim aus 
den Begleitumständen errät oder bestätigL Ich fasse mich 
heute kürzer, v/eil wir uns ja auf die.Absitiit eingeschränkt 
haben, aus dem Studium dieser Phänomene Gewinn für' 
eine Vorbereitung zur Psychoanalyse zu ziehen. Nur auf 
zwei Gruppen von Beobachtungen muß idi hier noch 
eingehen, auf die gehäuften und kombinierten Fehl- 
leistungen und auf die Bestätigung unserer Deutungen 
durdi später eintreffende Ereignisse. 

Die gehäuften und kombinierten Fehlleistungen sind 
gewiß die hödiste Blüte ihrer Gattung. Käme es uns 
nur darauf an, zu beweisen, daß Felillelstungen einen 
Sinn haben können, so hätten wir uns von vorneherein 
auf sie besdiränkt, denn bei ihnen ist der Sinn selbst 
für eine stumpfe Einsidit unverkennbar und weiß sieh 

'Ebenso ia den Sammlün^o von A- Mnodcr (frajii.), A. A-BrilJ 
CeD^^L), E, Joafi {cDfL), J. Stirckc (IkoltändJ iL .l 



« ■ ERBTEffTEILi DIE FEHLLEISTUWOE» ^ 

dem kritischesten Urteil aufzudrängen. Die Häufung der 
Äußerungen verrät eine Hartnäckigkeit, wie sie dem 
Zufall fast niemals zukommt, aber dem Vorsatz gut an- 
steht. Endlich die Vertauschung der einzelnen Arten von 
Fehlleistung miteinaiider zeigt uns, was das Widitige und 
Wesentliche der Fehlleistung ist: nicht die Form der- 
selben oder die Mittel, deren sie sich bedient, sondern 
die Absicht, der sie selbst dient und die auf den ver- 
scliiedensten Wegen erreicht werden soll. So will idi 
Ihnen einen Fall von wiederholtem Vergessen vorführen: 
E. Jones erzählt, daß er einmal aus ihm unbekannten 
Motiven einen Brief mehrere Tage lang auf seinem Schreib- 
tisch halte hegen lassen. Endlich entschloß er sich dazu,' 
ihn aufzugeben, erhielt ihn aber vom „Dead letter office", 
,zurüdc, denn er hatte vergessen, die Adresse zu schreiben.' 
Nadidem er ihn adressiert hatte, brachte er ihn zur Post, aber 
diesmal ohne Briefmarke. Und nun mußte er sich die Abnei-> 
gung, denSrief überhaupt abzusenden, endlidi eingestehen.- 
I In einem anderen Falle kombiniert sidi ein Vergreifen 
mit einem Verlegen. Eine Dame reist mit ihrem Sdiwager, 
einem berühmten Künstler, nach Rom. Der Besucher wird 
von den in Rom lebenden Deutschen sehr gefeiert und 
erhält unter anderem eine goldene Medaille antiker Her- 
kunft zum Geschenk. Die Dame kränkt sich darüber, daß 
ihr Sdiwager das schöne Stüdt nidit genug zu sdiätzen 
weiß. Nachdem sie, von ihrer Sdiwester abgelöst, wieder 
zu Hause angelangt ist, entdeckt sie beim Auspadcen, 
daß sie die Medaille — sie weiß nicht wie — mitge- 
nommen hat. Sie teilt es sofort dem Schwager brieflich 
mit und kündigt ihm an, daß sie das Entführte am nädisten 
Tage nadi Rom Zurücks (hielten wird. Am nächsten Tage 
aber ist die Medaille so geschidtt verlegt, daß sie un- 
auffindbar und unabsendbar ist, und dann dämmert der 
Dame, was ihre „Zerstreutheit" bedeute, nämlich, daß 
«ie das Stück für sich selbst behalten wolle.' 



>Nuä R. ReUUi^ 



m. DE FEHLLEISTUNGEN ff 

Ich habe Ihnea schon früher ein Beispiel der Kom- 
bination eines Vergessens mit einem Irrtum berichtet, wie 
jemand ein erstesnial ein Rendezvous vergißt und das 
zweitetnal mit dem Vorsatz, gewiß nidil zu vergessen, 
zu einer anderen als der verabredeten Stunde erscheint 
Einen ganz analogen Fall hat mir aus seinem eigenen 
Erleben ein Freund erzählt, der außer wissenschaftlidiea< 
audi literarische Interessen verfolgt Er sagt; „Ick habe 
vor einigen Jahren die Wahl in den Ausschuß einer be-" 
stimmten literarischen Vereinigung ai^enommen, weil ich 
vermutete, die Gesellschaft könnte mir einmal behilflich 
sein, eine Aufführung meines Dramas durchzusetzen, und 
nahm regelmäßig, wenn andi oluie viel Interesse, an den 
jeden Freitag stattfindenden Sitsungen teil. Vor einigen 
Monaten erhielt ich nun die Zusicherung einer Aufführung 
am Theater in F., und seither passierte es mir regelmäßig,' 
daß ich an die Sitzungen jenes Vereins vergaß. Als ich' 
Ihre Schrift über diese Dinge las, schämte icli mich meines: 
Verg^essens, machte mir Vorwürfe, es sei doch eine Ge- 
meinheit, daß ich jetzt ausbleibe, nachdem ith die Leute 
nidit mehr brauche, und beschloß, nächsten Freitag ge- 
wiß nicht zu vergessen. Ich erinnerte midi an diesen 
Vorsatz immer wieder, bis ich ihn ausführte und vor der 
Tür des Sitzungssaales stand. Zu meinem Erstaunen war 
sie geschlossen, die Sitzung war schon vorüber; ith hatte 
mich nämlich im Tage geirrt: es war sdion Sarastagl", 

Es wäre reizvoll genug, ähnliche Beobachtungen zu 
sammeln, aber idi gehe weiter; ich will Sie einen Blick 
auf jene Fälle werfen lassen, in denen unsere Deutung, 
auf Bestätigung diu-ch die Zukunft warten muß. 

Die Hauptbedmgung dieser Falle ist begreiflicher- 
weise, daß die gegenwärtige psychische Situation uns 
unbekannt oder unserer Erkundigung unzugänglich ist 
Dann hat unsere Deutung nur den Wert einer Vermutung, 
der wir selbst nicht zuviel Gewicht beilegen wollen. Später 
ereignet sich aber etwas, was uns zeigt wie berechtigt 
unsere Deutung schon damals war, Einst war ich als Gast, 



« ER.S 'n;RTE!L; DIE FEHLLEISTUNGEH 

bei einem jung verlieiraletcn Paare und hörte die junge 
Frau lachend ihr letztes Erlebnis erzählen, wie sie am 
Tage nach der Rückkehr von der Reise wieder ihre ledige 
Schwester aufgesucht habe, um mit ihr, wie in früheren 
Zeiten, Einkäufe zu madien, während der Ehemann seinen 
Gesdiäften nachging. PlotzHcb sei ihr ein Herr auf der . 
anderen Seite der Straße aufgefallen und sie habe, ihre ! 
Schwesler anstoßend, gerufen; Scliau, dort geht ja der; 
Herr L. Sie hatte vergessen, daß dieser Herr seil einigen ' 
Wochen ihr Ehegemalil war. Mich sdsauerte bei dieser 
Erzählung, aber ich getraute mich der Folgerung nicht 
Die kleine Geschidite fiel mir erst Jalire später wieder ' 
ein, nadidem diese Ehe den unglücklichsten Ausgang i 
genommen hatte. i 

A. Maeder erzählt von einer Dame, die am Tage 
vor ihrer Hochzeit ihr Hochzeitskieid zu probieren ver- 
gessen hatte und sich zur Verzweiflung der Schneiderin 
erst spät abends daran erinnerte. Er bringt es in Zu- 
sammenhang mit diesem Vergessen, daß sie bald nadi— ' 
her von ihrem Manne gesdiieden war. — Ich kenne einö'i 
jetzt von ihrem Manne geschiedene Dame, die bei der' 
Verwaltung ihres Vermögens Dokumente häufig mit ihrem 
Mädchennamen unterzeichnet hat, viele Jahre vorher, ehe 
sie diesen wirklich annahm. — Ich weiß von anderen 
Frauen, die auf der Hodizeilsreise ihren Ehering verloren 
haben, und weiß audi, daß der Verlauf der Ehe diesem 
Zufall Sinn verliehen hat Und nun noch ein grelles Beispiel 
mit besserem Ausgang. Man erzählt von einem berühmten 
deutsdien Chemiker, daß seine Ehe darum nicht zustande 
kam, weil er die Stunde der Trauung vergessen hatte 
und anstatt in die Kirdie ins Laboratorium gegangen 
war. Er war so klug, es bei dem einen Versuch bewenden 
zu lassen, und starb unverehelidit in hohem Alter. 4 

Vielleiclit ist Urnen -auch der Einfall gekommen, daß 
in diesen Beispielen die Fehlhandlungen an die Stelle 
der Omina oder Vorzeichen der Alten getreten sind. Und 
wirklich, ein Teil, der „Omina waren^nidits anderes als 



nt, DIE FEHLLEISTUNG Sil _ j') 

Fehlleistungen, z. ß. wenn jemand stolperte oder nieder- 
. fiel. Kn anderer Teil trug' allerdings die Charaktere des 
tobjektiven Gesdiehens, nidit die des subjektiven Tuns. 
,iAber Sie würden nicht glauben, wie schwer es manchmal 
.wird, bei einem bestimmten Vorkommnis zu enlsdieiden, 
ob es zu der einen oder zu der anderen Gruppe g'chörL 
Das Tim versteht es so häufig, sich als ein passives Er- 
leben zu maskieren. 

Jeder von uns, der auf längere Lebenserfahrung zu- 

i.rückbticken kann, wird sidi wahtsdiemlich sagen, daß er 

sich viele Enttäuschungen und schmeriliclie Überraschungen 

lerspart hätte, wenn er den Mut und Entschluß gefunden, 

■ die kleinen Fehlhandlungen im Verkehr der Mensdien 
als Vorzeichen zu deuten und als Anzeichen ihrer noch 
geheimgehaltenen Absichten zu verwerten. Man wagt es 

j^ineist nicht; man käme sich 80 vor, als wurde man auf 
dem Umwege über die Wissenschaft wieder abergläubisch 
werden. Es treffen ja auch nicht alle Vorzeichen ein, und 
Sie werden aus unseren Theorien verstehen, daS sie nicht 
alle einzutreffen braudien. 

IV. VORLESUNO 

'" DIE FEHLLEISTUNGEN 

(SAluß) 

[eine Damen und Hers'enl Daß die Fehlleistungen einen 
. Sinn haben, dürfen wir dodi als das Ergebnis un- 
serer bisherigen EemüJiungen hinstellen und zur Grund- 
lage unserer weiteren Untersuchungen nehmen. Nochmals 
sei betont, daß wir nicht behaupten, — und für unsere 

■ Zwecke der Behauptung nicht bedürfen, — daß jede ein- 
' zelne vorkommende Fehlleistung sinnreich sei, wiewohl 

ich das für wahrscheinlich halte. Es genügt uns, wenn 
wir einen soldien Sinn relativ häufig bei den verschie- 
denen Formen der Fehlleistung nachweisen. Diese ver- 
schiedenen Formen verhalten sich übrigens in dieser Hin- 

■ eicht versdiieden. Beim Versprechen, Verschreiben usw. 



so ERSTER TEIL; DIE FEHLLEISTUNGEN 

möofen Fälle mit rein physiologischer Begründung vo^ 
kommen, bei den aufVergessenberuhenden Arten (Namen- 
«nd Vorsativerg-essen, Verlegen usw.) kann ich an solche 
' nicht glauben, ein Verlieren gibt es sehr wahrscheinlich, 
das eJs unbeabsichtigt zu erkennen ist; die im Leben 
. vorfallenden Irrtümer sind überhaupt nur zu einem ge- 
wissen Anteil unseren Gesichtspunkten unterworfen. Diesa 
Einschränkungen wollen Sie im Auge behalten, wenn 
wir fortan davon ausgehen, daß FehlJeistungen psychische 
Akte- sind und durch die Interferenz zweier Absichten 
entstehen. 
,1'. Es ist dies das erste Resultat der Psychoanalyse. Von 
-idem Vorlcoramen solcher Interferenzen und der Möglich- 
keit, dafl dieselben derartige Erscheinungen zur Folge 
haben, hat die Psychologie bisher nidits gewußt. Wir 
;:habcn das Gebiet der paycbisclien Erscheinungswelt ura 
ein ganz ansehnlidiea Stück erweitert und Phänomene 
für die Psychologie erobert, die ihr f)Tiher nicht zuge- 
rechnet wurden. 

Verweilen wir noch einen Moment bei der Behauptung, 
die Fehlleistungen seien „psydiische Akte". Enthält sie 
mehr als unsere sonstige Aussage, sie hätten einen Sinn? 
Ich glaube nicht; sie ist vielmehr eher unbestimmter und 
mißverständlicher. Alles, was man am Seelenleben be- 
obaditen kann, v/ird man gelegentlich als seelisches Phä- 
(iBomen bezeichnen. Es wird aber darauf ankommen, ob 
.die einzelne seeliscjie Äußerung direkt aus körperlichen^ 
.■[organischen, materiellen Einwirkungen hervorgi^angen ist, 
in welchem Falle ilite Untersuchung nicht der Psycho- 
logie zufällt, oder ob sie sich zunächst aus anderen seeli- 
-.sehen Vorgängen ableitet, hinter denen dann irgendwo 
'die Reihe der organischen Einwirkungen anfängt. Den 
: letzteren Sachverhalt haben wir' im Auge, wenn wir eine 
-Erscheinung, als einen seelischen Vorgang bezeichnen, 
- lund darum ist es zwetJtmäßiger, unsere Aussage in die 
-iporm zu. kleiden: die Ersclieinung sei sinnreich, habe 
■,i^en Sinn. Unter Sinn verstehen .wir Bedeutung, Ab- 



IV. DTE FEHLLEISTUNGEH 51 

-*-■ " "^ ' "~ — ' "^ ' ' "^ ■ ' ^" ' 

iBiclit, Tendenz und Stellung in «iuer Reihe psydiisdier 
.Zusammenhänge. - -in n'.ti-r-Ui- ■-■ ;■^l ■.-.. -i 

E3 gibt eine Anzahl anderer Ersclieinungen, weldie 
den Fehlleistungen sehr nahestehen, auf welclie aber 
(Keser Name nicht mehr paßt. Wir nennen sie Zutalls- 
und Symptomhandluogen. Sie haben gleichfalls den 
Charakter des Unmotivierten, Unscheinbaren und Un- 
wichtigen, überdies aber deutlicher den des Überflüssigen, 
Von den Fehlhandlungen unterscheidet sie der Wegfall 
.einer anderen Intention, mit der sie zusammenstoßen, 
iimd die durch sie gestört wird. Sie übergehen anderer- 
.«eits ohne Grenze in die Gesten und Bewegungen, weldie 
■ wir zum Ausdruck der Gemütsbewegungen rechnen. Zu 
diesen Zufallshandlungen gehören alle wie spielend aus- 
. geführten, anscheinend zwedclosen Verrichtungen an un- 
,Berer Kleidung, Teilen unseres Korpers, an Gegenständen, 
idie uns erreichbar sind, sowie die Unterlassungen der- 
; selben, fem er die IVlelodien, die wir vor uns hinsummen.' 
Ich vertrete vor ihnen die Behauptung, daß alle diese' 
Phänomene sinnreich und deutbar sind in derselben Weise 
wie die Fehlhandlungen, Ideine Anzeichen von anderen 
wichtigeren seelischen Vorgangen, vollgültige psychische 
Akte. Aber ich gedenke bei dieser neuen Erweiterung 
-des Gebiets seelischer Erscheinungen nicht ku verweilen, 
.aondem zu den Fehlleistungen zurückzukehren, an denen 
jsich die für die Psychoanalyse wichtigen Fragestellungen 
mit weit größerer Deutliclikeit herausarbeiten lassen. 

Die interessantesten Fragen, die wir bei den Fehl- 
leislungen gestellt und noch nidit beantwortet haben, 
iflind wohl die folgenden: Wir haben gesagt, daß die Fehl- 
leistungen Ergebnisse der hiterferenz von zwei verschie- 
. -denen Intentionen sind, von denen die eine die gestörte, 
die andere die störende heißen kann. Die gestörten Inten- 
tionen geben zu weiteren Fragen keinen Anlaß, aber 
..von den anderenwoUenwlrwissen, erstens, was sind das für 
Intentionen, die als Störung anderer auftreten, und zwei- 
tens, wie verhalten sit^ die störenden zu den gestörten? 



5J ERSTER TEIL: DIE FEHLLEISTUNGEN 

Gestatten Sie, daß ich wiederum das Versprechen 
zum Repräsentanten der ganzen Gattung nehme, und 
daß ich die zweite Frage eher beantworte als die erste. 

Die störende Intention beim Versprechen kann in in- 
halthcher Beziehung zur gestörten stehen, dann enthält 
sie einen Widerspruch gegen sie, eine Beriditigung oder 
Ergänzung zu ihr. Oder, der dunklere und interessantere 
Fall, die störende Intention hat inhaltlidi nichts mit der 
gestörten zu tun. ' ' 

Belege für die erstere der beiden Beziehungen können 
wir in den uns bereits bekannten und in ähnliclien 
Beispielen mühelos finden. Fast in allen Fällen von Ver- 
sprechen zum Gegenteil drückt die störende Intention 
den Gegensatz zur gestörten aus, ist die Fehlleistung 
die Darstellung des Konflikts n\dschen zwei unverein- 
baren Strebungen, leb erkläre die Sitzung für eröffnet, 
möchte sie aber lieber schon geschlossen haben, ist der 
Sinn des Versprechens des Präsidenten. Eine politisdte 
Zeitung, die der Bestediüchkeit beschuldigt worden ist, 
verteidigt sicli in einem Artikel, der in den Worten 
gipfeln soll: Unsere Leser werden uns das Zeugnis aus- 
stellen, dafl wir immer in uneigennützigster Weise 
für das Wohl der Aligemeinheit eingetreten sind, Dei 
mit der Abfassung der Verteidigung betraute Redakteur 
schreibt aber: in eigennützigster Weise. Das heißt, 
er denkt: So muß idi zwar schreiben, aber idi weiß es 
anders. Ein Volksvertreter, der dazu auffordert, dem 
Kaiser rückhaltlos die Wahrheit zu sagen, mnß eine 
Stimme in seinem Inneren anhören, die ob seiner Kühn- 
heit erschrickt, und durch ein Verspredien das rückhalt- 
los in rückgratlos verwandelt.' 

In den Ihnen bekannten Beispielen, die den Eindruck 
von Zusammenziehungen und Verkürzungen machen, han- 
delt es sich um Berichtigungen, Zusätze oder Fort- 
setzungen, mit denen sich eine zweite Tendenz neben 



■ Im dcutidiEn R^dist&j:, Ntrv. -19UI.' 



rV. DIE FEHLLEISTUNGEN ffl 

^er ersten zur Geltung bringt. Es sind da Dinge zum 
Vorschein gekommeni aber sag' es lieber gerad' her- 
aus, es waren Schweinereien; also: es sind Dinge 
zum Vorschwein getommen. —r Die Leute, die das 
verstehen, kann man an den Fingern einer Hand 
abstählen; aber nein, es gibt doch eigentlicli nur einen, 
der das versteht, also: an einem Finger abzahlen. — 
Oder, mein Mann kann essen und trinken, was er will. 
Aber Sie wissen ja, ich dulde es überhaupt nicht, daß 
er etwas will; also: er darf essen und trinken, was ich 
will. In all diesen Fällen gebt also das Versprechen aus 
dem hihall der gehörten Intention selbst hervor oder 
es knüpft an ihn an. , 

Die andere Art der Beziehung zwischen den beiden 
interferierenden Intentionen wirkt befremdend. Wenn die 
störende Intention nichts mit dem Inhalt , der gestörten 
zu tun bat, woher kommt sie denn und woher rührt es, 
daß sie sich gerade an solcher Stelle als Störung be- 
merkbar macht? Die Beobachtung, die hier aliein Ant- 
wort geben kann, läßt erkennen, daß die Störung von 
einem Gedankengang herrührt, der die betreffende Person 
kurz vorher beschäftigt hatte, und der nun in solcher 
Weise nachwirkt, gleichgültig ob er bereits Ausdrucl: in 
der Rede gefunden hat oder nicht. Sie ist also wirklich 
als Nachklang zu bezeichnen, aber niclit notwendig als 
Nachldang von gesproclienea Worten. Es fehlt auch hier 
nidit an einem assoziativen Zusammenhang zwischen dem 
Störenden und dem Gestörten, aber er ist nicht im In- 
halt gegeben, sondern künstlich, oft auf sehr gezivun- 
gcnen Verbindungswegen hergestellt. 

Hören Sie ein einfaches Beispiel hiefür an, das ich 
selbst beobachtet habe. Ich treffe einmal in unseren adiöiien 
\ Dolomiten mit zwei Wiener Damen zusammen, die als 
l Touristinnen verkleidet sind. Ich begleite sie ein Stüclc 
iWeit und wir besprechen die Genüsse, aber auch die 
• Beschwerden der touristisdien Lebensweise. Die eine der 
f pamen gibt zUi daß diese Art den Tag zu verbringer. 



t 



59 FR5TERTE1L: DIE FEHLLEISTUNGEW 

manches Unbequeme hat Es ist wahr, sagt sie, dafi es 
gar nicht angenehm ist, wenn man so in der Sonne den'/ 
ganzen Tag raarsdiiiert ist, und Bluse und Hemd gani 
durchgeschwitzt sind. In diesem Satze hat sie einmal 
eine Ideine Stockung zu überwinden. Dann setzt sie fort: 
Wenn man aber dann nadi Hose kommt und sich um- 
kleiden kann .... Wir haben dies Verspredien nidit" 
analysiert, aber ich meine, Sie können es leiclit verstehen.' 
Die Dame hatte die Absicht gehabt, die Aufzählung 
vollständiger zu halten und zu sagen: Bluse, Hemd und; > 
Hose. Aus Motiven der Wohlanstandigkeit war die Eirt- 
wähnung der Hose tiuterbüeben, aber in dem nädisten, 
inhaltlich ganz unabhängigen Satz kam das nicht aus- 
gesprochene Wort als Verunstaltung des ahnlichen Wertes 
nach Hause zum Vorscliein. 

Nun können wir uns aber der lange aufgesparteiB« 
Hauptfrage zuwenden, was für Intentionen es sind, dien 
sich in ungewöhnlicher Weise als Störungen anderer zumi- 
Ausdruck bringen. Nun selbstverständlich sehr verschie- 
dene, in denen wir aber das Gemeinsame finden wollen. 
Untersuchen wir eine Reihe von Beispielen daraufhio^ 
so werden sie sich uns alsbald in drei Gruppen sondern; * 
Zur ersten Gruppe gehören die Fälle, in denen die stö- 
rende Tendenz dem Redner bekannt ist, überdies aber 
vor dem Versprechen von ihm verspürt wurde. So gibt 
beim Verspredien „Vorscliwein" der Sprecher nicht nur 
zu, daß er das Urteil „Schweinereien" über die be- 
treffenden Vorgänge gefällt hat, sondern auch, daß er . 
die Absiclit hatte, von der er später zuriidttrat, ihm auch ' 
wörtlichen Ausdruck zu geben. Eine zweite Gruppe bilden 
andere Fälle, in denen die störende Tendenz vom Sprecher 
gleidifalls als die seinige anerkannt wird, aber er weiß 
nidits davon, daß sie gerade vor dem Versprechen bei 
ihm aktiv war. Er akzeptiert also unsere Deutung seines 
Versprechens, bleibt aber doch in gewißem Maße ver- 
wundert über sie. Beispiele für dieses Verhalten lassen 
sich von anderen. Fehlleistungen vielleicht leiditcr geben 



IV, Dre FEHLLEISTL'MGEK 55 

aia- gerade vom Versprechen. In einer dritten Gruppe 
wird die Deutung der störenden Intention vom Spredier 
energisch abgelehnt; er bestreitet nicht nur, daß sie sich 
vor dem Versprechen in ihm geregt, sondern er will 
behaupten, daß sie ilun überhaupt völlig fremd ist. Er- 
innern Sie sich an das Beispiel vom „Aufstoßen" und 
an die geradezu unhöfliche Abweisung, die icli mir durcli 
die Aufdeckung der störenden Intention von diesem 
Sprecher geholt habe. Sie wissen, daß wir in der Äuf- 
ifassung dieser Fälle nodi keine Einigung erzielt haben. 
Idi würde mir aus dem Widerspmdi des Töastredners 
'nichts machen und unbeirrbar an meiner Deutung fest- 
halten, während Sie, meine ich, doch unter dem Ein- 
drucke seines Sträubens stehen und in Erwägung ziehen, 
'ob man nidit auf die Deutung solcher Fehlleistungen 
verzichten und sie als rein pLysiologische Akte im vor- 
|analytisdien Sinne gellen lassen soll. Ich kann mir denlcen, 
was Sie abschreclct Meine Deutung schließt die Annahme 
ein, daß sich bei dem Spreclier Intentionen äußern können, 
von denen er selbst nidits weiß, die ich aber aus Indizien 
ersdilieSen kann. Vor einer so neuartigen und- folgen- 
schweren Annahme machen Sie halt Idi . verstehe das 
und gfebe Ihnen insoweit reciit Aber stellen wir das 
eine fest: Wenn Sie die an so vielen Beispielen erhärtete 
Auffassung der Fehlleistungen konsequent durchführen 
wollen, müssen Sie sich zu der genannten befremdenden 
Annahme entschließen. Können Sie das nidit, so müssen 
Sie auf das kaum erworbene Verständnis läer jF^- 
leistungen wiederum verzicliten. 

Verweilen wir nodi bei dem, was die drei Gruppen 
einigt, was den drei Mechanismen des Versprechens ge- 
meinsam ist Das ist zum Glück unverkennbar. In den 
beiden ersten Gruppen wird die störende Tendenz, vom 
Spredier anerkannt; in der ersten kommt noch hinzu, 
daß sie sich unmittelbar vor dem Versprechen gemeldet 
hqt In beiden Fällen ist sie aber zurückgedrängt ■ 
■werden. Der Sprecher hat sich entschlossen, siü/ 



M ERSTER TEIL: DIE FEHLLF.ISTUNGEH 

nicht in Rede umzusetzen, und dann passiert: 
ihm das Versprechen, d, h. dann setzt sich di«. 
zurückgedrängte Tendenz gegen seinen Willen 
in eine Äußerung um, in dem sie den Ausdruck 
der von ihm zugelassenen Intention abändert, 
sich mit ihm vermengt oder sich geradezu an" 
seine Stelle setzt. Dies ist also der Mechanismus des i 
Versprechens. 

Ich kann von meinem Standpunkt audi den Vorgang 
in unserer dritten Gruppe in den schönsten Einklang 
mit dem hier beschriebenen Mechanismus bringen. Ich 
brauche nur anzunehmen, daS diese drei Gruppen durdi ■ 
die verschieden weit reichende Zuriickdrängung einer 
Intention unterschieden werden. In der ersten ist die 
Intention vorbanden und macht sicli vor der Äußerung 
des Sprechers ihm bemerkbar; erst dann erfährt sie die 
Zurückweisung, für welche sie sich im Versprechen ent" 
schädigt In der zweiten Gruppe reicht die ZurÜdcweisung 
weiter \ die Intention wird bereits vor der Redeäußerung 
nicht mehr bemerkbar. Merkwürdig, daß sie dadurch 
keineswegs abgehalten wird, sich an der Verursachung 
des Versprechens zu beteiligen! Durch dies Verhalten 
wird uns aber die Erklärung für den Vorgang bei der' 
dritten Gruppe erleichtert Ich werde so kühn sein, an- 
zunehmen, daß sid> in der Fehlleistung auch nodi eine 
Tendenz äußern kann, welche seit längerer Zeit, vielleicht 
seit sehr langer Zeit zurückgedrängt ist, nicht bemerkt 
wird und darum vom Sprecher direkt verleugnet werden 
kann. Aber lassen Sie selbst das Problem der dritten 
Gruppe beiseite; Sie müssen aus den Beobaditungen an 
den anderen Fallen den Schluß ziehen, daß die Unter- 
drückung der vorhandenen Absicht etwas zu 
sagen, die unerläßliche Bedingung dafür ist, daß' 
ein Versprechen zustande kommt ' 

Wir dürfen nun behaupten, daß wir im Verständnis 
der Fehlleistungen weitere Fortscliritte gemacht haben. 
Wir wissen niclit nur, daß sie seelische Akte sind, an 



fV. DIE FEHLI^ISTUNGEM 5T ■ 

denen man Sinn und Absiebt erkenoen kann, nidit nur, - 
dafi sie durch die Interferenz von zwei verschiedenen 
[ntentionea entstehen, sondern außerdem noch, daß die 
eine dieser Intentionen eine gewisse Zurüctdrängung 
von der AusHihrung erfahren haben muß, um sich durch - 
die Störung der anderen äußern zu können. Sie muß 
«elbst erst gestört worden sein, ehe sie zur störenden 
werden kann. Eine vollständige Erklärung der Phäno- ■ 
mene, die wir Fehlleistungen nennen, ist damit natürlich 
noch nicht gewonnen. Wir sehen sofort weitere Fragen 
auftauchen und ahnen überhaupt, daß sidi um so mehr 
Anlässe zu neuen Fragen ergeben werden, je weiter 
wir im Verständnis kommen. Wir können b. B. fragen, 
warum es nicht viel einfacher zugeht Wenn die Ab- 
sicht besteht, eine gevrisse Tendenz zurückzudrängen 
anstatt sie auszuführen, so sollte diese Zurückdrängung 
so gelingen, daß eben nichts von jener zum Ausdruck 
kommt, oder sie könnte audi mißlingen, so daß die 
lurüdtge drängte Tendenz sich vollen Ausdruck schafft 
Die Fehlleistungen sind aber Kompromiß ergebnissc, sie 
bedeuten ein halbes Gelingen und ein halbes Mißlingen 
für jede der beiden Absichten, die gefährdete hitention 
wird weder ganz unterdrückt noch setzt sie sich — von 
Einzelfällen abgesehen — ganz unversehrt durch. Wir 
können uns denken, daß besondere Bedingungen für das 
Zustandekommen solclier Interferenz- oder Kompromiß- 
ergebnisse vorhanden sein müssen, aber wir können auch 
nicht einmal ahnen, welcher Art sie sein können. Ich glaube 
Bud» nicht, daß wir diese uns unbekannten Verhältnisse 
durch weitere Vertiefung in dasStudiura der Fehlleistungen 
aufdedien könnten. Es wird vielmehr notwendig sein, vor- 
her noch andere dunkle Gebiete des Seelenlebens zu durch- 
forschen; erst die Analogien, dieunsdortbegegnen.können 
uns den Mut geben, jene Annahmen autzustellen, die für 
eine liefer reichende Aufklärung der Fehlleistungen er- 
forderlich sind. Und noch eines! Auch das Arbeiten mit 
kleinen Anzeiclien, wie wir es auf diesem Gebiete be- 



Ä ERSTERTEIL; DIE FEHLLEISTUWGEW 

itändig üben, bringt serne Gefahren mit sich. Es gibt 
eine seelische Erkranicung, die kombinatorisdie Paranoia, 
bei welcher die Verwertung solcher kleiner Anzeichen . 
in imeingesdiränkter Weise betrieben wird, und idi werdöa 
midi natürlidi niciit dafür einsetzen, daß die auf dieser 
Grundlage aufgebauten Sdilüsse durchwegs richtig sind. 
Vor solchen Gefahren kann uns nur die breite Basis 
unserer Beobachtungen bewahren, die Wiederholung äbn- 
]icher Eindrücke aus den verschiedensten Gebieten des 
Seelenlebens. 

Wir werden also die Analyse der Fehlleistungen 
hier verlassen. An eines darf ich Sie aber noch mahnen; 
wollen Sie die Art, wie wir diese Phänomene behandelt 
haben, als vorbildlidi im Gedächtnis behalten. Sie können 
an diesem Beispiel ersehen, weldies die Absichten un- 
serer Psychologie sind. Wir wollen die Erscheinungen 
niciit bloß beschreiben und klassifizieren, sondern sie 
als Anzeichen eines Kräftespiels in der Seele begreifen, 
als Äußerung von zielstrebigen Tendenzen, die zusammen 
oder gegeneinander arbeiten. Wir bemühen uns um eine 
dynamische Auffassung der seelischen Ersclieinungen. 
Die wahrgenommenen Phänomene müssen in unserer 
Auffassung gegen die nur angenommenen Strebungen 
zurücktreten. 

Wir wollen also bei den Fehlleistungen nicht weiter 
in die Tiefe gehen, aber wir können noch einen Stieif- 
zug durch die Breite dieses Gebiets unternehmen, auf 
dem wir Bekanntes wiederfinden und einiges Neue auf- 
spüren werden. Wir halten uns dabei an die Einteilung 
in die bereits eingangs aufgestellten drei Gruppen des 
Versprechens mit den beigeordneten Formen des Ver- 
Bchreibens, Veriesens, Verhörens, des Vergessens mit ■ 
seinen Unterteilungen je nach dem vergessenen Objekte 
(Eigennamen, Freradworten, Vorsätzen, Eindrücken) und 
des Vergreifens, Verlegens, Verlierens. Die Irrtümer, 
soweit sie für uns in Betracht kommen, schließen sich 
teils dem Vergessen, teils dem Vergreifen an,. 



IV. DIE FEHIXEISTUNGEW ^ 

Vom Verspredien haben wir bereits eo eingebend 
vebattdelt und doch nodi einiges hinzuzufügen. Es knüpfen 
(ich an daa Versprechen kleinere affektive Phänomene, 
die nicht ganz ohne Interesse sind. Es will niemand sich 
göTie versprochen haben; man überhört auch oft das 
eigene Versprechen, niemals das eines anderen. Das 
Versprechen ist auch in gewissem Siime ansteckend; 
es ist g'ar nicht leicht, über das Versprechen zu reden, 
ohne dabei selbst in Verspredien zu verfallen. Die ge- 
ringfügigsten Formen des Versprechens, die gerade keine 
besonderen Aufklärungen über versteckte seelische Vor- 
gänge zu geben haben, sind doch ia ihrer Motivierung 
unsdiwer zu durchsdiauen. Wenn jemand z. B. einen langen 
Vokal kurz gesprochen hat infolge einer beliebig moti- 
vierten, bei diesem Wort eingetretenen Störung, so 
dehnt er dafür einen bald darauf folgenden kurzen Vokal 
und begeht ein neues Versprechen, indem er das frühere 
kompensiert Dasselbe, wenn er einen Doppelvokal un- 
rein und nachlässig ausgesprochen hat, z. B. ein eu oder 
oi wie ei; er sucht es gutzumachen, indem er ein nach- 
folgendes ei zu eu oder oi verändert Dabei scheint 
eine Rücksicht auf den Zuhörer maßgebend zu sein, 
der nidit glauben soll, es sei dem Redner gleichgültig, 
wie er die Mutterspradie behandle. Die zweite kompen- 
sierende Entstellung hat geradezu die Absicht, den Hörer 
auf die erste aufmerksam zu machen und ihm zu ver- 
sidiem, daß sie audi dem Redner nicbt entgangen ist 
Die häufigsten, einfachsten und geringfügigsten Fälle 
des Versprechens bestehen in Zusammenziehungen und 
Vorklängen, die sich an. unscheinbaren Redeleilen äußern. 
Man verspricht sich in einem längeren Satz z. B. derart, 
daß das letzte Wort der beabsichtigten Redeintentioa 
vörklingt Das macht den Eindruck einer gewissen Un- 
geduld, mit dem Satze fertig zu werden, und bezeugt 
im allgemeinen ein gewisses Widerstreben gegen die 
Mitteilung dieses Satzes oder gegen die Rede überhaupt 
Wir kommen so zu Grcnzfälien, in denen sicJi die Unter- 



«0 - ERSTER TEIL; Pg FEHLLEISTUNGEM 

schiede zwischen der psychoanalytisdien und der gemeinen 
physiologischen Auffassung des Versprediens vermisdieiuj 
Wir nehmen an, daß in diesen Fällen eine die Rede- 
intention störende Tendenz vorhanden ist; sie kann aber 
nur anzeigen, daß sie vorhanden ist, und nicht, was sie 
selbst beabsichtigt. Die Störung, die sie hervorruft, folgt 
dann irgend welchen Lautbeeinflussungen oder Assozia.-/ 
donsanziehungen und kann als Ablenkung der Auf>i 
merksamkeit von der Redeintention aufgefaßt werdenJc 
Aber weder diese Aufmerksamkeitsstörung noch diei^ 
wirksam gewordenen Assoziationsneigungen treffen das'l 
Wesen des Vorgangs. Dies bleibt doch der Hinweis 
auf die Existenz einer die Redeabsicht störenden Intention, 
deren Natur nur diesmal nicht aus ihren Wirkungen/ 
erraten werden kann, wie es in allen besser ausge^» 
prägten Fällen des Versprechens möglich ist b 

Das Verschreiben, zu dem ich nun übergehe, stimmta 
mit dem Versprechen soweit überein, daß wir keioej 
neuen Geslditspunkte zu erwarten haben. Vielleicht wirdi» 
uns eine kleine Nachlese beschieden sein. Die so ver-.j 
breiteten kleinen Verschreibungen, Zusammenziehungen, 
Vorwegnahmen spaterer, besonders der letzten Worte . 
deuten wiederum auf eine allgemeine Schreib unlust undb 
Ungeduld fertig zu werden; ausgeprägtere Effekte desj* 
Verschreibens lassen Natur und Absicht der störendeu'- 
Tendenz erkennen, hn allgemeinen weiß man, wenn 
man in einem Brief ein Verschreiben findet, daß beim 
Sdu'eiber nicht alles in Ordnung war; was sich bei ihm 
geregt hat, kann man nicht immer feststellen. Das Verr^, 
schreiben wird häufig von dem, der es begeht, ebenr/ 
sowenig bemerkt wie das Versprechen. Auffällig is( 
dann folgende Beobachtung: Es gibt ja Menschen, welche 
die Geivohnheit üben, jeden Brief, den sie geschrieben 
haben, vor der Absendung nochmals durdizulesen. Andere 
pflegen dies oiclit; wenn sie es aber ausnahmsweise 
einmal tun, haben sie dann immer Gelegenheit, ein auf- 
fälliges Verschreiben aufzufinden und zu korrigieren. 



TV. DIE FEHLLEISTUNGEN Ö 

Wie ist das zu eridäreo? Das sielit so aus, als wüßten 
diese Leute doch, daß sie sich bei der Abfassung des 
Briefes versclirieben haben. Sollen wir das wirklich 
glauben? 

An die praktisdie Bedeutung des Versdireibens knüpft 
sid» ein interessantes Problem. Sie erinnera sidi viel- 
leicht an den Fall eines Mörders H., der sicli Kulturen 
-von höchst gefährlichen Krankheitserregern von wissen- 
gchaftliclien Instituten zu versdiaffen wußte, indem er 
sich für einen Bakterienforsiiier ausgab, der aber diese 
Kulturen dazu gebrauclite, um ilun nahestehende Personen 
auf diese modernste Weise aus dem Wege zu räumen. 
Dieser Mann beklagte sich nun einmal bei der Leitung 
eines solchen Instituts über die Unwirksamkeit der ihm 
geschickten Kulturen, versdirieb sich aber dabei, und 
an Stelle der Worte „bei meinen Versuchen an Mausen 
oder Meerschweindien" stand deutlich zu lesen „bei 
meinen Versuchen an Menschen". Dies Verschreiben fiel 
audi den Ärzten des Instituts auf; sie zogen aber, so- 
viel ich weiß, keine Konsequenz daraus. Nun, was meinen 
Sie? Hätten die Ärzte nicht viehnehr das Versdireiben 
als Geständnis annehmen und eine Untersudiung an- 
regen müssen, durch welche dem Mörder rechtzeitig 
das Handwerk gelegt worden wäre? Ist in diesem Falle 
nicht die Unkenntnis unserer Auffassung der Fehlleistun- 
gen die Ursache eines praktisch bedeutsamen Versäum- 
nisses geworden? Nun, ich meine, ein solches Veradirei- 
ben ersdiiene mir gewiß als sehr verdächtig, aber seiner 
Verwendung als Geständnis steht etwas sehr Gewichtiges 
im Wege. So einfach ist die Sache nitJit Das Ver- 
sdireiben ist sicherlich ein Indizium, aber für sich allein 
hätte es zur Einleitung einer Untersuchung niclit liin- 
gereicht Daß der Mahn von dem Gedanken beschäftigt 
ist, Mensdien zu infizieren, das sagt das Verschreiben 
allerdings, aber es läßt nidit entsclieiden, ob dieser 
Gedanke den Wert eines klaren schädlichen Vorsatzes 
oder den einer praktisch belanglosen Phantasie hat. Es 



ra ERSTERTEIL! DIB FEHLLEISTUNGEM 

ist sogar möglich, daß der Mensch, der sidi so ver- 
schrieben hat, mit der besten subjektiven Bereditigung 
diese Phantasie verleugnen und sie als etwas ihm gänelicü 
Fremdes von sich weisen wird. Wenn wir später den 
Unterschied zwischen psydiisclier und materieller Reali- 
tät ins Auge fassen, werden Sie diese Möglichkeiten 
noch besser verstehen können. Es ist dies aber wieder 
ein Fall, in dem eine Fehlleistung nachträglich zu un- 
geahnter Bedeutung gekommen ist 

Beim Verlesen treffen wir auf eine psychisdie Situation, 
die sidi von der des Versprediens und Verschreibens 
deutlich unterscheidet. Die eine der beiden miteinander 
konkurrierenden Tendenzen ist hier durch eine seiiso-' 
rische Anregung ersetzt und vielleidit darum weniger 
resistent Was man zu lesen hat ist ja nidit eine Pro-' 
duktion des eigenen Seelenlebens wie etwas, was man 
zu schreiben vorhat In einer großen Mehrzahl besteht 
daher das Verlesen in einer vollen Substitution. Man 
ersetzt das zu lesende Wort durch ein anderes, ohne 
daO eine inhaltliche Beziehung zwisdien dem Text und 
dem Effekt des Verlesens zu bestehen braucht, in der 
Regel in Anlehnung an eine Wortähnlichkeit Lichten- 
bergs Beispiel:' Agamemnon anstatt angenommen 
ist das beste dieser Gruppe. Will man die störende, 
das Verlesen erzeugende Tendenz kennen lernen, ao 
darf man den verlesenen Text ganz beiseite lassen und 
kann die analytisdie Untersuchung mit den beiden Fragen 
einleiten, weldier Einfall sich als der nächste zum Effekt 
des Verlesens ergibt und in welcher Situation das Ver- 
lesen vorgefallen ist Mitunter reicht die Kenntnis der 
letzteren für sicli aliein zur Aufklärung des Verlesens 
hin, z, B. wenn jemand in gewissen Nöten in einer ihm 
fremden Stadt heruihwandert und auf einer großen Tafel 
eines ersten Stockes das Wort Klosethaus Hest Er 
hat gerade nodi Zeit, sich darüber zu verwundem, daß 
die Tafel so hodi angebracht ist, ehe er entdeckt, daß 
dort streng genommen^ Kois et haus zu lesen steht. In 



TV. DIE FEHtXElSTONGEN O 

anderen Fällen bedarf gerade das vom Inhalt des Texte» 
unabhäi^ge Verlesen einer eingehendea Analyse, die 
ohne Übung in der psychoanalytisclien Technik und ohne 
Zutrauen zu ihr nicht durchzufuhten ist. Meist ist es 
aber leiditer, sidi die Aufklärung eines Veriesens zu 
sdiaffen. Das substituierte Wort verrät nach dem Bei- 
spiel Agamemnon ohne weiteres den Gedankenkreis, 
aus welchem die Störung' hervorgeht. In diesen Kriegs- 
zeiten ist es z. B. sehr gewöhnlich, daß man die Namen' 
der Städte und Heerführer und die militäriaclien Aus- 
drüdce, die einen beständig umschwirren, Überali hinein- 
liest, wo einem ein ähnlidies Wortbild entgegenkommt 
;Was einen interessiert und beschäftigt, das setzt sidi 

■ so an Stelle des Fremden und nocäi Uninteressanten. 

. Die Nachbilder der Gedanken trüben die neue Wahr- 
n^mung. [ 

Ea fehlt audi beim Verlesen nidit an Fällen von 
anderer Art, in denen der Text des Gelesenen selbst 
die störende Tendenz erweckt, durch weldie er dann 
meist in sein Gegenteil verwandelt wird. Man sollte et- 

. was Unerwünsdites lesen und überzeugt sich durdi die 

, Analyse, daß ein intensiver Wunsch zur Ablehnung des 

Gelesenen für dessen Abänderung verantwortlich zu 

matten ist ; 

Bei den crsterwälmten häufigeren Fällen des Ver- 

I lesens kommen zwei Momente zu kurz, denen wir im 
Mechanismus der Fehlleistungen eine wiclitige Rolle zu- 
geteilt haben; der Konflikt zweier Tendenzen und die 
Zurückdrängung der einen, die sich durch den Effekt 
der Fehlleistung entschädigt Nicht daß beim Verlesen 
etwas dem Gegensätzliches aufzufinden wäre, aber die 
Vordringlidikeit des zum Verlesen führenden Gedanken- 
inhalts ist doch weit auffälliger als die Zurüdidrängung, 
die dieser vorher erfahren haben mag. Gerade diese 
beiden Momente treten uns bei den verschiedenen 
Situationen der Fehlleistyng durdi Vergessen am greif- 
barsten entgegen. ._.;_^. ,; .[i.iütj 



H F.RSTER TE!t; DIE FEHLLEISTUNGEN 

Das Verg;essen von Vorsätzen ist geradezu eindeutig, 
seine Deutung wird, wie wir gehört haben, auch vom 
Laien nicht bestritten. Die den Vorsatz störerde Ten- 
denz ist jedesmal eine Gegenabsicht, ein Nichtwollen, 
von dem uns nur zu wissen erübrigt, warum es sidi 
nicht anders und nidit unverhüllter zum Ausdrude bringt. 
Aber das Vorhandensein dieses Gegenwillens ist un- 
zweifelhaft. Mandimal gelingt es auch, etwas von den 
Motiven zu erraten, die diesen Gegenwiilen nötigen 
sidi zu verbergen, und allemal hat er durch die FehU 
leistung aus dem Verborgenen seine Absicht erreicht, 
während ihm die Abweisung sicher wäre, wenn er als 
offener Widerspruch aufträte. Wenn zwischen dem Vor- 
satx und seiner Ausführung eine wiclitige Veründerung 
der psychischen Situation eingetreten ist, derzufolge die 
Ausfuhrung des Vorsalzes nicht in Frage käme, dann 
tritt das Vergessen des Vorsatzes aus dem Rahmen 
der Fehlleistung heraus. Man wunderL sich nidit mehr 
darüber und sieht ein, daß es überflüssig gewesen wäre, 
den Vorsatz zu erinnern; er war dann dauernd oder 
zeitweilig erloschen. Eine Fehlleistung kann das Ver- 
gessen des Vorsatzes nur dann heißen, wenn wir an 
eine solche Unterbrediung desselben nichtglauben können. 
Die Fälle von Vorsatzvergessen sind im allgemeinen 
so einförmig und durdisiditig, daß sie eben darum für 
unsere Untersuchung kein Interesse haben. An zwei 
Stellen können wir aber doch aus dem Studium dieser 
Fehlleistung etwas Neues lernen. Wir haben gesagt, das 
Vergessen, also Niditausführen eines Vorsatzes weist 
auf einen ihm feindlidien Gegenwiilen hin. Das bleibt 
wohl bestehen, aber der Gegenwille kann nach der Aus- 
sage unserer Untersuchungen von zweierlei Art sein, 
ein direkter oder ein vermittelter. Was unter dem letz- 
teren gemeint ist, läßt sich am besten an ein oder zwei 
Beispielen erläutern. Wenn der Gönner vergißt, bei 
einer dritten Person ein Fürwort für seinen Sdiützling 
einzulegen, so kann dies geschehen, weil er sieb für 



r 



UffPEFSHLLElSTUHGEM ö 

den Schützling eigentlich nicht sehr iutcressiert und da- 
rran auch zur Fürsprache keine große Lust hat la die- 
sem Sinne vnrd jedenfalls der Sdiützling das Vergessen 
des Gönners verstehen. Es kann aber auch komplizierter 
zugehen. Der GegemviKe gegen die Ausführung des 
Vorsatzes kann beim Gönner von anderer Seite koramen 
und an ganz anderer Stelle angreifen. Er braucht mit 
dem Sdiütding nichts za tun zu haben, sondern riditet 
?sich etwa gegen die dritte Person, bei welcher die Für- 
sprache erfolgen soll. Sie sehen also, welche Bedenken 
auch hier der praktisdien Verwendung unserer Deutungen 
entgegenstehen. Der Sdiützling gerät trotz der riditigen 
Deutung des Vergessens m Gefahr, allzu mißtrauisch zu 
, werden und seinem Gönner sdiweres Unrerit zu tun. 
Oden wenn jemand das Rendezvous vergißt, das ein- 
tuhalten er dem anderen versproclien und sich selbst 
vorgenommen hat, so wird die häufigste Begründung 
'wohl die direkte Abneigung gegen das Zusammentreffen 
mit dieser Person sein. Aber die Analyse könnte hier 
'den Nachweis erbringen, daß die störende Tendenz 
"nicht der Person gilt, sondern sich gegen den Platz 
^richtet, an weldiem das Zusammentreffen stattfinden soll, 
und der infolge einer an ihn geknüpften peinlichen 
Erinnerung gemieden wird. Oder: wenn jemand einen 
Brief aufzugeben vergißt, so kann sich die Gegentendenz 
auf den Inhalt des Briefes selbst stützen; es ist aber 
keineswegs ausgesdilossen, daß der Brief an sidi harm- 
los ist und der Gegentendenz nur darum verfällt, weil 
Irgend etwas an ihm an einen anderen, friilier einmal 
geschriebenen Brief erijmert, der dem Gegenwillen aller- 
dings einen direkten Angriffspunkt geboten hat. Man 
kann dann sagen, der Gegenwitle hat sidi hier von 
jenem früheren Brief, wo er berechtigt war, auf den 
gegenwärtigen übertragen, bei dem er eigentlich nichts 
zu woHen hat. Sie sehen also, daß man bei der Ver- 
wertung unserer berechtigten Deutungen doch Zurück- 
haltung und Vorsid^ üben muß; v/as psychologisdi 

Freud, Votlesunjtn S 



ee ERSTER TEIL: DiE FEHLIJIISTUWGEW __^ 

g-leidiwerüg ist, kann praktisch clodi redit vieldeutig 
Bein. 

,1 Phänomene wie diese werden Ihnen sehr ungewöhn- 
lidi eisdieinen. Vieleicht sind Sie geneigt anzunehmen, 
daß der „indirekte" Gegenwille den Vorgang als einen 
bereits pathologischen charakterisiert. Idi kann Ihnen 
aber versitiem, daß er auch im Rahmen der Norm und 
der Gesundheit vorkoEomL Mißverstehen Sie midi übrigens 
nicht Ich will keineswegs selbst die Unzuverlässigkeit 
unserer analytischen Dcuhing-en zugestehen. Die be- 
sprochene Vieldeutigkeit des Vorsalzvergessens besteht 
ja nur, solange wir keine Analyse des Falles vorge- 
nommen haben und nur auf Grund unserer allgemeinen 
Voraussetzungen deuten. Wenn wir die Analyse mit 
der betreffenden Person ausführen, erfahren wir jedes-'' 
mal mit genügender Sicherheit, ob es ein direkter Gegen- 
wille ist, oder woher er sonst rührt 

Ein zweiter Punkt ist der folgende: Wenn wir in 
einer Oberzahl von Fällen bestätigt finden, daß das Ver- 
gessen eines Vorsatzes auf einen Gegenwillen zurück- 
geht, so bekommen wir Mut, diese Losung auch auf 
eine andere Reihe von Fällen auszudehnen, in denen 
die analysierte Person den von uns erschlossenen Gegen- 
willen nicht bestätigt, sondern verleugnet Nehmen Sie 
als Beispiele hiefür die überaus häufigen Vorkommnisse, 
daß man vergißt Bücher, die man entlehnt hat, zurück- 
zustellen, Rechnungen oder Schulden zu bezahlen. Wir 
werden so kühn »ein, dem Betreffenden vorzuhalten, 
daß bei ihm die Absicht besteht, die Bücher zu be- 
halten und die Schulden nicht in bezahlen, während er 
diese Absicht leugnen, aber nicht im stände sein wird, 
uns für sein Benehmen eine andere Erklärung zu geben. 
Daraufhin setzen wir fort, er habe die Absidit nur 
wisse er nichts von ihr; es genügt uns aber, daß sie 
sidi durch den Effekt des Vergessens bei ihm verrate. 
Jener kann uns wiederholen, er habe eben vergessen. 
Sie erkeimen jetzt die Sit;i8tion..i^ eine, m wcldier 



[V. DD; FEHLLElS'nJNGEN « 



,wir uns bereits friihei einmal befunden haben. Wenn 
wir unsere so vielfältig als berechtigt erwiesenen Deu- 
tungen der Fehlleistungen konsequent fortführen wollen, 
werden wir unausweidilidi zu der Annahme gedrängt, 
daß CS Tendenzen beim Mensdien gibt, weldn; wirksam 
werden können, ohne daß er von ihnen weiß. Damit 
setzen wir uns aber in Widerspruch zu allen das Leben 
und die Psychologie beherrschenden Anschauungen. 

Das Vergessen von Eigen- und Fremdnaiaen sowie 
Fremdworten läßt sidi in gieidier Weise auf eine Gegen- 
absidit zurückführen, welche sich entweder direkt oder 
indirekt gegen den betreffenden Namen richtet Von 
Boldier direkter Abneigung habe ich Ihnen bereits früher 
einmal mehrere Beispiele vorgeführt Die indirekte Ver- 
ursadinng ist aber hier besondere häufig und erfordert 
meist sorgfältige Analysen zu ihrer Feststellung. So 
z. B. bat in dieser Kriegszeit die uns gezwungen hat, 
10 viele unserer früheren Neigungen aufzugeben, audi 
'£e Verfügung über das Erinnern von Eigennamen in- 
folge der sonderbarsten Verknüpfungen sehr gelitten. 
Vor kurzem ist es mir geschehen, daÖ idi den Namen 
der harmlosen mährisdien Stadt Bisenz nicht reprodu- 
zieren konnte, und die Analyse ergab, daß keine direkte 
Verfeindung Schuld daran trug, sondern der Anklang 
an den Namen des Palazzo ßisenzi in Orvieto, in 
dem ich sonst zu wiederholten Malen gerne gewohnt 
hatte. Als Motiv der gegen dies Namenerinnem geridi- 
teten Tendenz tritt uns hier lum erstenmal ein Prinzip 
entgegen, welches uns spater seine ganze großartige 
Bedeutung für die Verureachung neurotischer Symptome 
enthüllen wird: die Abneigung des Gedächtnisses, etwas 
zu erinnern, was mit Unlustempfindongen verknüpft 
war und hei der Reproduktion diese Unlust erneuern 
würde. Diese Absicht zur Vermeidung von Unlust aus 
der Erinnerung oder anderen psydiischen Akten, die 
psychisdie Fludit vor der Unlust, dürfen wir als daj 
letzte wirksame Motiv nidit nur fürs Nameuveii^aseB, 



68 ^^ERCTj^JElL; ßiE Fi;iai.asBjNGSij 

.sbiidern"aMi".fiii''viäe andere l-ehlielfitungen, wie UnteS'. 
laEBungen, Irrtümer u. a. anerkennen. 

Das Namen vergessen sdieint aber psydio-pKysio- 
logisch besonders erleichtert £u sein und stellt sidi da- 
her audi in Fällen ein, welche die Einmengung eines 
Ußlustmotiva nidit bestätigen lassen. Wenn einer öm-! 
mal zum Namen vergessen neigt, so können Sie bei ihm 
durch anal)^sdie Untersuchung feststellen, daß ihm nädit 
nur darum Namen entfallen, weil er sie selbst nidii" 
mag oder weil sie ihn an Unliebsames mahnen, sondern 
auch darum, weil derselbe Name bei ihm einem anderen 
AsSDziationskreis angehört, zu dem er iimigere Be-^ 
ziehoügea hat. Der Name wird dort g;1eidisam festge^' 
halten und den anderen momenfAn aktivierten Assozia^; 
tlonen verweigert. Wenn Sie sich an die Kunststücka 
'der Mnemotechnik erinnern, so werden Sie mit einigeni' 
[Befremden feststellen, daß man Namen infolge derselben' 
Zusammenhänge vergißt, die man sonst absichtlidi har-, 
stellt, um sie vor dem Vergessen zu sdiützen. Das auf^' 
fälligste Beispiel hiefür geben Eigennamoi von Personen}' 
die begreiflicherweise für versdiiedene Leute ganz ver-' 
i.'sduedene pq-diisdie Wertigkeit besitzen müssen. Nehmen 
Sc z. B. einen Vornamen wie Theodor. Dem einen von 
Ihnen wird er nichts Besonderes bedeuten; für den an- 
deren ist es der Name seines Vaters, Bruders, Freundes 
oder der eigene. Die analytische Erfahrung wird Ihnen 
'dann zeigen, daß der ersfere nicht in Gefahr ist zu' 
.vergessen, daß eine gewisse fremde Person diesen Namen 
führt, während die anderen beständig geneigt sein wei^ 
den, dem Fremden einen Namen vorzuentlialten, derv 
ihnen für intime Beziehungen reserviert erscheint. Nelunen 
Sie nun an, daß diese assoziative Hemmung mit der 
Wirkimg des UnlusSprinzips und überdies mit einem 
indirekten Mechanismus zusammentreffen kann, so werden 
Sie erst imstande sein, sich von der Komplikation der 
Verursaehui^ des zeitweiligen Namenvcrgessens eine 
zutreffende Vorstellung- zu madieiu Eine sadigercdile 



rv. DIE FEHLLEISTUNGEN ^69 

Analyse dedtt Urnen aber alle diese Verwiddunirea 
restlos auf. 

Das Vergessen von Eindrüdcen und Erlebnissen zeigt 
die Wirkung der Tendenz, Unangenehmes von der Er- 
innerung fernzuhalten, nodi viel deutlidier und au&- 
schl leiblicher als das Namenvergessen. Es gehört naturlich 
nicht in seinem vollen Umfang zu den Fehlleistung'en, 
sondern nur in^oferne es uns, am Maßstabe unserer ge- 
wohnten Erfahrung gemessen, auffällig und unberechtigt 
erstiieint, also z. B. wenn das Vergessen zu frische 
oder zu wichtige Eindrücke betrifft oder solche, deren 
Ausfall eine Lücke in einen sonst gut erinnerten Zu- 
sammenhang reißt Warum und wieso wir überhaupt 
vergessen können, darunter Erlebnisse, weldie uns ge- 
wiß den tiefsten Eindrudc hinterlassen haben, wie die 
Ereignisse unserer ersten Kindheitsjahre, das ist ein 
'ganz anderes Problem, bei weldiem die Abwehr gegen 
Unlustregungen eine gewisse Rolle spielt, aber Jange 
nicht alles erklart. Daß unangenehme Eindrücke leidit 
vergessen werden, ist eine nicht zu bezweifelnde Tat- 
sache. Versdiiedene Psydiologen haben sie bemerkt und 
der große Darwin empfing einen so starken Eindruck 
von ihr, daß er sich die „goldene Regel" aufstellte, Be- 
obachtungen, welche seiner Theorie ungünstig schienen, 
mit besonderer Sorgfalt zu notieren, da er sich über- 
zeugt hatte, daß gerade sie in semem Gedäditnisse 
nidit haften wollten. 

Wer von diesem Prinzip der Abwehr gegen die 
Erinnerungsunlusl durch das Vergessen zuerst hört, ver- 
säumt selten den Einwand zu erheben, daß er vielmehr 
die Erfahrung gemadit hat, daß gerade Peinliches schwer 
zu vergessen ist, indem es gegen den Willen der Person 
immer wiederkehrt, um sie zu quälen, z. B, die Er- 
innerung an Kränkungen und Demütigungen. Audi diese 
Tataade ist richtig, aber der Einwand trifft nicht zu. 
Es ist widitig, daß man rechtzeitig beginne mit der 
Tatsache zu redinen, das Seelenleben sei ein Kampf- 



», 



SRäTER TEIL'i d& FEMLLfiBttWGES 



nnd . Tummdplatz enl^egengesetiter Tendenzen, oder 
nicht djmamisch ausgedrüd^t, es bestehe aus Wider-, 
sprüdien und Gegensatzpaaren. Der Nachweis einer h^ 
stimmten Tendenz leistet nichts für den Ausschluß daer 
ihr gegensätzlichen; ea bt Raum für beide vorhanden, 
Ea kommt nur darauf au, wie sich die Gegensätze zu-, 
einander stellen, welche Wirkungen von dem einett 
und welche von dem anderen ausgehen. 

Das Verlieren und Verlegen sind uns besonders 
interessant durch ihre Vieldeuti^rkeit, also durch die 
Mannigfaltigkeit der Tendenzen, in deren Dienst diese 
Fehlleistungen treten tonnen. Allen Fällen geraeinsam 
is^ daß man etwas verlieren wollte, verschieden ab«r|i 
aus welchem Grund und zu welchem Zweck. Man ver- 
liert eine Sache, wenn sie schadhaft geworden ist, wenn 
man die Absicht hat, sie durch eine bessere zu ersetzen, 
wenn sie aufgehört hat, einem lieb zu sein, wenn sie 
von einer Person herrührt, zu der sidi die Beziehungen 
verschlechtert haben, oder wenn sie unter Umständeaf 
erworben wurde, deren man nicht mehr gedenken will. 
Demselben Zwedc kann auch das Fallenlassen, Beschä- 
digen, Zerbreclien der Sache dienen, hn Leben der Ge- 
■ellsdtaft soll die Erfahrung gemacht worden sein, daß 
aufgezwungene und uneheliche Kinder weit hinfälliger 
sind als die reditmäßig empfangenen. Es bedarf für dies 
Ergebnis nicht der groben Tedinik der sogenannten 
Engelmadierinnen; ein gewisser Nachlaß in der Sorg- 
falt der Kinderpflege soll voll ausreichen. Mit der Be- 
wahrung der Dinge könnte es ebenso zugehen wie mit 
der der Kinder. . 

Dann aber können Dinge zum Verlieren bestimmt 
werden, ohne daß sie etwas an ihrem Wert eingebüßt 
haben, wenn nämlidi die Absicht bestellt, etwas dem 
Sdiidfsal zu opfern, um einen anderen gefürchteten Ver- 
lust abzuwehren. Solche Schicksalsbe schwörungen sind 
nach der Aussage der Analyse unter uns nodi sehr häufig, 
unser Verlieren ist darum oft ^in freiwilliges Opfern. 



IV. Mg REHLLEISTUMGEW 71 

Ebenso kann sich das Verlieren in den Dienst des 
Trotzes uad der Selbstbestrafung stellen; kurz, die ent- 
fernteren Motivierungen der Tear'enz, ein Ding durcb 
Verlieren von sidi zu tun, sind unübersehbar. 

Das Vergreifen wird wie andere Irrtumer häufig da- 
zu benützt, um Wünsdie zu erfüllen, die man sich ver^ 
ssp'en soll. Die Absicht maskiert sich dabei als glück- 
licher ZufaJL So z. B., wenn man, wie es einem unserer 
Freund-; gesdiah, unter deutlichem Gegenwillea einen 
Besuch mit der Eisenbahn in der Nähe der Stadt maclien 
soll und dann in der Umsteigestation irrtümlich in den 
Zug einsteigt, der einen wieder zur Stadt zurüdJührt; 
oder wenn man auf der Reise durchaus einen längeren 
Aufenthalt in einer Zwischenstation nehmen mochte, 
aber wegen bestimmter Verpflichtungen nicht nehmen 
soll und man dann einen gewissen Ansdiluß übersieht 
oder versäumt, so daß man zu der gewünschten Unter- 
brechung gezwungen isL Oder wie es bei einem meiner 
Patienten zuging, dem ich untersagt hatte, seine Geliebte 
telephonisch anzurufen, der aber „irrtümlich", „in Ge- 
danken", eine falsche Nummer aussprach, als er mit 
mir telephonieren wollte, so daß er plötzlich mit seiner 
Geliebten verbunden war. Ein hübsches, auch praktisch 
bedeutsames Beispiel von direktem Fehlgreifen bringt 
die Beobachtung eines tngenie'-rs zur Vorgesdiidite einer 
Sachbeschädigung: 

„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehreren Kollegen 
im Laboratorium der Hodischule an einer Reihe kom- 
plizierter EI astizitals versuche, eine Arbeit, die wir frei- 
willig übernommen hatten, die aber begann, mehr Zeit 
zu beanspruchen, als wir erwartet hatten. Als ich eines 
Tages wieder mit meinem Kollegen F. ins Laboratorium 
ging, äußerte dieser, wie unangenehm es ihm gerade 
heule sei, so viel Zeit zu verlieren, er liätte zu Hause 
so viel anderes zu tun; ich konnte ihm nur beistimmen 
und äußerte noch halb scherzhaft, auf einen Vorfall der 
rergangenen Wodie mspielend; ,Hoffentlid» wird wieder 



72 ERSTER TEIL; DIE FEHI,1£1STUNGEJ1 

die Masdiine versagen, so daß wir die Arbeit abbredicn 
und früher weggelien könnenl' 

Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. 
das Ventil der Presse zu steuern bekommt, d. k, er 
hat die Drudrfiüssigkeit aus dem Aliumulator durch 
vorsichtiges Öffnea des Ventils langsam in den Zylinder 
der hydraulischen Presse einzulassen; der Leiter des 
Versuches steht beim Manometer und ruft, wenn der 
richtige Druck erreicht ist, ein lautes .Halt'. Auf dieses 
Kommando faßt F. das Ventil und dreht es mit aller 
Kraft — nadi links (alle Ventile wcrdcu ausnahmslos 
nadi redits geschlossen!). Dadurch wird plötzlich der 
volle Drude des Akkumulators in der Presse wirksam, 
worauf die Rohrleitung nicht eingerichtet ist, so daß 
sofort eine Rohrverbindung platzt — ein ganz harm- 
loser Masdiinendefekt, der uns jedoch zwingt, für heute 
die Arbeit einzustellen und nacli Hause zu gehen. 

Charakter! stiscii ist übrigens, daß einige Zeit nach- 
her, als wir diesen Vorfall bespradien, Freund F. sich 
an meine von mir mit Sidierheit erinnerte Äußerung 
absolut nidit erinnern wollte," 

Von hier können Sie auf die Vermutung kommen, 
daß es nicht immer der harmlose Zufall ist, der die 
Hände Ihres Dienstpersonals zu so gefährlichen Feinden 
Ihres Hausbesitzes madit. Sie können aber auch die 
Frage aufwerfen, ob es jedesmal Zufall ist, wenn man 
sidi selbst beschädigt und seine eigene Integrität in 
Gefahr bringt. Anregungen, die Sie gelegentlich an 
der Hand der Analyse von Beobachtungen auf ihren 
Wert prüfen mögen. 

Meine geehrten Zuhörerl Das ist lange nidit alles, 
was über die Fehlleistungen zu sagen wäre. Es gibt da 
nodi viel zu erforschen und zu diskutieren. Aber ich 
bin zufrieden, wenn Sie aus unseren bisherigen Er- 
örterungen darüber eine gewisse Erschütterung Ihrer 
bisherigen Anschauungen und einen Grad von Bereit- 
schaft für .die Annalime ^, neuer, gewonnen haben. Im 



IV. DE FEHLLEISTUNGEN W 

Übrigen bescheide ich mich, Sic vor einer ungeklärten 
Sadilage zu belassen. Wir können aus dem Studium 
der Fehlleistungen nicht alle unsere Lehrsätze beweisen 
und sind audi mit keinem Beweis auf dieses Material 
allein angewiesen. Der große Wert der Fehlleistungen 
für unsere Zwecke liegt darin, daß es sehr häufige, auch 
an der eigenen Person leicht zu beobachtende Ersdiei- 
nungen sind, deren Zustandekommen das Kranksein 
durchaus nidit zur Voraussetzung hat. Nur eine Ihrer 
unbeantv/ortelen Fragen möchte ich am Schlüsse noch 
zu Worte kommen lassen; Wenn die Menschen sidi 
wie wir's an vielen Beispielen gesehen haben, dem Ver- 
ständnis der Fehlleistungen so sehr ancähem und sich 
oft so benehmen, als ob sie deren Sinn durchschauen 
würden, wie ist es möglich, daß sie dieselben Phäno- 
mene doch ganz allgemein als zufällig, sinn- und be- 
deutungslos hinstellen und der psychoanalytischen Auf- 
klärung derselben so energisch widerstreben können? 

Sie haben recht, das ist auffällig und fordert eine 
Erklärung. Aber idi werde sie Einen nicht geben, sondern 
Sie langsam zu den Zusammenhängen hinführen, aus 
denen sidi Ihnen die Erklärung ohne mein Dazutun 
aufdrängen wird. 




t 



iWEITER TEIL 

DER TRAUM 

V. VOräiSONG 

SCHWIERIGKEITEN UND ERSTE 
ANNÄHERUNGEN 

Meine Damen und Herren! Eines Tages machte mHn 
die Entdedtung, daß die Leidenssymptome gewisser 
Nervöser einen Sinn haben.' Daraufhin wurde das psycho-, 
analytische Heilverfahren begründet In dieser Behandlur^ 
ereignete es sidi, daß die Kranken an Stelle ihrer Syra^ 
tome audi Träume vor'uratiilen. Somit entstand die Ver^ 
mtitun^, daß auch diese Träume einen Sinn haben. 

Wir werden aber nicht diesen historis dien Weg gehen, 
sondern den umgekehrten einsdilagen. Wir wollen den 
Sinn , der . Träume nachweisen, als Vorbereitung zum 
Studium der Neurosen. Diese Verkehrung ist geredit- 
fertigt, denn das Studium des Traumes ist nicht nur die 
beste Vorbereitung für das der Neurosen, der Traum 
selbst ist audi ein neuroiisfihes Symptom, und zwar eines, 
das den für uns unschätzbaren Vorteil hat, bei allen Ge- 
sunden vorzukommen. Ja, wenn alle Menschen gesund 
wären und nur träumen ivürden, so könnten wir aus ihren 
Träumen fast alle die Einsichten gewinnen, zu denen 
die Untersudiung der Neurosen geführt hat 

So wird also der Traum zum Objekt der psydio- 
analytischen Forsdiung. Wieder ein gewöhnliches, gering- 
gesdiätztcs Phänomen, sdieinbar ohne praklisdien Wert 
wie die Fehlleistungen, mit denen er ja das Vorkommen 
bei Gesunden gemein hat Aber sonst sind die Bedin- 
gungen für unsere Arbeit eher ungünstiger. Die Fehl- 
leistungen waren nur von der Wissenschaft vernachlässigt 



■ Jo»:f Breuer In den Jducn IBGO— 1S62. Vgl hiein, il^g.ui Amecili 
1909 leheJIspui VorlHunzn üba^Piydgirualji». 



,V. 8CHWlRIHGKerrEH"PHP mSl-Z ANHAHERUHGEN 75 

worden, man halte sich weni^ um sie bekümmert; aber 
ftchlieBIiclt war es keine Sdiasde, sich mit ihnen zu be- 
Biiäfiig;en. Man sagte, es gibt zwar Wichtigeres, aber 
vieÜeichl kann auch dabei etwas herauskommen, ■ Die 
Beschäftigung mit dem Traum ist aber nicht bloß un- 
praktiscii und fiberflüssig, sondern direkt schimpflich; 
sie bringt das Odium der Unwissenschaftiidikeil mit sich, 
weckt den Verdacht einer persönlidsen Hinneigung zum 
Mystizismus. Daß ein Mediziner sich mit dem Trauma 
al^ben sollte, wo es selbst in der Neuropalhologie 
und Fsydiiatrie soviel Ernsthafteres gibt: Tumoren bis 
zu Apfelgröße, die das Organ des Seelenlebens kom- 
primieren, Blutergüsse, chrauisdie Entzündungen, bei 
denen man die Veränderungen der Gewebsteile unter 
dem Mikroskop demonstrieren kannl Nein, der Traum 
ist ein allzu geringfügiges und der Erforsdiung unv/ür- 
diges Objekt 

Noch dazu eines, dessen Beschaffenheit selbst allen 
Anforderungen exakter Forschung trotzt Man ist ja in 
dcrTraumforschung nicht einmal des Objekts sicher. Eine 
Wahnidee z, B. tritt einem klar und bestimmt umrissen 
entgegen. Id» bin der Kaiser von China, sagt der Kranke 
laut Aber der Traum? Er ist meist überhaupt nicht zu 
erzählen. Wenn jemand einen Traum erzähJt, hat er eine 
Garantie, daß er ihn richtig erzählt hat, und nidit viel- 
mehr während der Erzählung verändert, etwas dazu er- 
findet, durch die Unbestimmtheit seiner Erinnerung ge- 
zwungen? Die meisten Träume können überhaupt nidit 
erinnert werden, sind bis auf kleine Fragmente vergessen. 
Und auf die Deutung dieses Materials soll eine wissen- 
schaftliche Psychologie oder eine Methode der Behand- 
lung von Kranken begründet werden? 

Ein gewisses Übermaß in einer Beurteilung darf uns 
mißtrauisch machen. Die Einwendungen gegen den Traum 
als Objekt der Forsdiung gehen offenbar zu weit Mit 
der Unwiditigkeit haben wir sdion bei den Fehlleistungen 
zu tun gehabt Wir haben uns gesagt, große Dinge können 



76 ZWEFTER TEIL ; DER TRAUM 

sich auch in kleinen Anzeichen äußera. Was die Unbe- 
stimmtheit des Traumes betrifft, so ist sie eben ein Cha- 
rakter wie ein anderer; man kann den Dingen ihren 
Qjarakter nicht vorschreiben. Es gibt übrigens auch klare 
und bestimmte Träume. Es gibt audi andere Objekte der 
psychiatrischen Forscliung, die an demselben Charakter 
der Unbestimmtheit leiden, z. B, in vielen Fällen die 
Zwangsvorstellungen, mit denen sidi doch respektable, 
angesehene Psychiater beschäftigt haben. Ich will midi 
an den letzten Fall erinnern, der in meiner ärztlichen 
Tätigkeit vorgekommen ist Die Kranke stellte sich mir 
mit den Worten vor; Ich habe ein gewisses Gefühl, als 
ob ich ein lebendes Wesen — ein Kind? — doch nicht, 
eher einen Hund — beschädigt hätte oder besdiädigen 
gewollt hätte, vielleicht es von einer Brücke herunter- 
gestoßen — oder etwas anderes. Dem Schaden der un- 
sicheren Erinnerung an den Traum können wir abhelfen, 
wenn wir festsetzen, eben das, was der Träumer erzählt, 
habe als sein Traum zu gelten, ohne Rtidisicht auf alles, 
was er vergessen oder in der Erinnerung verändert haben 
mag. Endlidi kann man nicht eimnal so allgemein be- 
haupten, daß der Traum etwas Unwichtiges sei. Es ist 
uns aus eigener Erfahrung bekannt, daß die Stimmung, 
in der man aus einem Traum erwacht, sidi über den 
"ganzen Tag fortsetzen kann; es sind Fälle von den Ärzten 
beobachtet worden, in denen eine Geisteskrankheit mit 
einem Traum beginnt und eine aus diesem Traum stam- 
mende Wahnidee festhält; es wird von historischen Per- 
sonen berichtet, daß sie die Anregung zu wichtigen Taten 
aus Träumen geschöpft haben. Wir werden darum fragen,' 
woher kommt eigentlich die Verachtung der wissenschaft- 
lichen Kreise für den Traum? 

Ich meine, sie ist die Reaktion auf die Überschätzung 
früherer Zeiten. Die Rekonstruktion der Vergangenheit 
ist bekanntlich nicht leidit, aber dies dürfen wir mit 
Sicherheit annehmen — gestatten Sie mir den Sdierz — , 
daß bereits unsere Vorfahren vor 3000 Jahren und mehr 



V. SCH'grEMQkEB-EM.UWD'ERSTE aMhAHEjSnGEW i;,,Tt 

iu ähiiltdier Weise wie wir geträumt haben. Soviel wir 
wissen, haben die alten Völker alle den Träumen jfToßc 
Bedeutung beigelegt und sie für praktisdi verwertbar! 
gehalten. Sie haben ihnen Anzeichen für die Zukunft 
entnommen, Vorbedeutungen in ihnen gesucht Für die 
iCriediea und andere Orientalen m^ zuzeiten ein Feldzug 
ohne Traumdeuter so unmöglidi gewesen sein wie heut- 
zutage ohne Fliegeraufltlärer. Als Alexander der Große 
seinen Eroberungszug unternahm, befanden sidi die be- 
rühmtesten Traumdeuter in seinem Gefolge, Die Stadt 
jT}*iM, die damals noch auf einer lusel lag, leistete dem 
ilC'onig so heftigen Widerstand, dafi er sich mit dem Ge- 
danken trug, ihre Belagerung aufaugeben. Da trSmnte 
M eines Nadits einen wie im Triumph tanzenden Satyrn,' 
und als er diesen Traum seinen Traumdeutem vortrug,' 
erhielt er den Besdieid, es sei ihm der Sieg über die 
Stadt verkündet worden. Er befahl den Angriff und nahm 
(Tyriis ein. Bei Etruskem und Römern waren andere 
'Methoden zur Erkundung der Zukunft in Gebraudi, aber 
dieTraumdeutungwurde während der ganzen helleoistisdi- 
römisdien Zeit gepflegt und hodigehalten. Von der da- 
ihit besdiäftigten Literatur ist uns wenigstens das Haupt- 
werk erhalten, das Buch des Artemidoros aus Daldis, 
den man in die Lebenszeit des Kaisers Hadrian versetzt 
Wie es dann kam, daß die Kunst der Traumdeutung 
^verfiel und der Traum in Mißkredit geriet, weiß idi Urnen 
aldit zu sagen. Die Aufklärung kann nidat viel Anteil 
läaran gehabt haben, denn das dunkle Mittelalter hat weit 
absurdere Dinge als die antike Traumdeutung getreu be- 
wahrt Tatsache ist es, daß das Interesse am Traum all- 
mälilich zum Aberglauben herabsank und sidi nur bei 
den Ungebildeten behaupten konnte. Der letzte Miß- 
brauch der Traumdeutung nodi in unseren Tagen suclit 
aus den Träumen die Zahlen zu erfahren, die zur Ziehung 
im kleinen Lotto prädestiniert sind. Dagegen hat die 
exakte Wissenschaft der Jetztzeit sich wiederholt mit dem 
Traume besdiäftigt, aber immer nur in der Absidvt, ihre 



t 



73 ZWETTER TEE, i DER TRAUM 

;;hysio!ogis dien Theorien auf ihn anzuwenden. Den Ärzten 
galt der Traum natürlich als ein niclit psydiisdicr Akt, 
als die Äußerung somatischer Reize im Seelenleben, Bini 
erklärt 1876 den Traum „für einen kSrperlidien, in ajlea 
Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu kranldiaften 
Vorgang, über welchem Weltseele und Unsterblidikeit 
so Loch erhaben stehen, wie der blaue Alter über einer 
uiikrautbewachsenen Sandfladie in tiefster Niederung". 
Maury vci^leicht ihn mit den ungeordneten Zudtungen 
des Veitstanzes im Gegensatz zu den koordinierten Be- 
wegungen des normalen Mensdien; ein alter Vergleich 
setzt den Inhalt des Traumes in Parallele zu den Tonen, 
weldie „die zehn Finger eines der Musik unkundigen 
Menschen, die über die Tasten des Instrumentes hio- 
laufen", hervorbringen würden, 

Deuten heißt einen verborgenen Sinn finden; davon 
kann bei dieser Einschätzung der Traum leistung natürlidi 
keine Rede sein. Sehen Sie die Beschreibung des Traumes 
beiWundt, Jodl und anderen neueren Philosophen nadi; 
sie begnügt sich mit der Aufzählung der Abweidiungen 
des Traumlebens vom wachen Denken in einer den Traum 
herabsetzenden Absidit, hebt den Zerfall der Assozia- 
tionen, die Aufhebung der Kritik, die Ausschaltung alles 
Wissens imd andere Zeichen gemindeter Leistung hervor. 
Der einzig wertvolle Beitrag zur Kenntnis des Traumes, 
den wir der exakten Wissensdiaft verdanken, bezieht 
sich auf den Einfluß körperlicher, während des Schlafes 
einwirkender Reize auf den TrauminhalL Wir besitzen 
von einem kürzlidi verstorbenen norwegischen Autor 
J. Mourly Vold zwei didce Bände experimentalerTraum- 
forsdiungen (1910 und 1912 ins Deutsdie übersetzt), 
welche sidi fast nur mit den Erfolgen der Stellungs- 
veränderungen der Gliedmaßen beschäftigen. Sie werden 
uns als Vorbilder der exakten Traumforsdiung angepriesen. 
Können Sic sidi nun denken, was die exakte Wissensdiaft 
dazu sagen würde, wenn sie erführe, daß wir den Ver- 
such machen wollen, den Sinn dcr.TrSume zu finden? 



V. SCHWlERlGKETrEN UND ERSTE ANNÄHERUNGEN T9 

Vielleii^t, daß sie es sogar Bchen gesagt hat Aber wir 
wollen uns nicht abschredcen lassea. Wenn die Fehl- 
leistungen Sinn haben konnten, kann es der Traum audi, 
und die Fehlleistungen haben in sehr vielen Fällen einen 
Sinn, der der exakten Forsdiung entgangen bL Be- 
kennen wir uns nur zum Vorurteil der Alten und des 
Volkes und treten wir in die Fußstapfen der antiken 
Traumdeuter. 

Vor allem müssen wir uns über unsere Aufgabe 
orieitjeren, im Gebiet der Träume Umschau halten. 
Was ist denn ein Traum? Es ist schwer, dies in einem 
Satz zu sagen. Wir wollen aber doch keine Definition 
versuchen, wo der Hinweis auf den jedermann bekannten 
Stoff jreniigt Aber wir sollten das Wesentliche des 
Traumes herausheben. Wo ist das zu finden? Es gibt 
so ungeheure Verschiedenheiten innerhalb des Rahmens, 
der unser Gebiet lunschließt, Versdiiedenheiten nach 
jeder Richtung. Wesentlich wird wohl sein, was wir als 
allen Träumen gemeinsam aufzeigen können. 

Ja, das erste allem Träumen Gemeinsame wäre, daß 
vnr dabei sdilafen. Das Träumen ist offenbar das Seelen- 
leben wahrend des Schlafes, das mit dem des Wachens 
gewisse Ähnlichkeiten hat und sidi durch große Unter- 
fichiede dagegen absetzt Das war schon die Dufinition 
des Aristoteles. Vielleicht bestehen zwisdien Traum 
und Schlaf noch nähere Beziehungen. Man kann durch 
einen Traum geweckt werden, man hat sehr oft einen 
Traum, wenn man spontan erwacht oder wenn man ge- 
waltsam aus dem Schlafe gestört wird. Der Traum scheint 
also ein Zwischenzustand zwisdien Schlafen und Wachen 
zu sein. So werden wir auf den SdJaf hingewiesen. 
Was bt nun der Schlaf? 

Das ist ein physiologisdies oder biologisdies Problem, 
an dem nod» vieles strittig ist Wir können da nichts 
entsdieiden, aber idi meine, wir dürfen eine psydio- 
logisihe Charakteristik des Sdilafes versudien. Der Schlaf 
ist ein Zustand, in welchem idi nidits von der äußeren 



t 



Welt wissen will.'mein Interesse v(»i ihr abgezogen habe. 
Ich versetze midi in den Schlaf, indem idi midi von ihr 
zurückziehe und ihre Reize von mir abhalte. Ich sdüafe 
auch ein, wenn idi von ihr ermüdet bin. Beim Einschlafen 
sage ich also zur Außenwelt: Laß midi in Ruhe, denn 
idi will schlafen. Uing;ekehrt sagt das Kind: Idi geh^ 
nodi nidit sdilafen, idi bin nicht müde, will noch etwas 
erleben. Die biologische Tendenz des Schlafes sdieint 
also die Erholung zu sein, sein psych ologisdier Cliaraktef 
das Aussetzen des Interesses an der Weit Unser Ver- 
hältnis zur Welt, in die wir so ungern gekommen sind, 
scheint es mit sich zu bringen, daß wir sie nicht ohne 
Unterbrediung aushalten. Wir ziehen uns darum zeitweise 
in den vorweltlidien Zustand zurück, in die Mutterleibs- 
existenz also. Wir sdiaffen uns wenigstens ganz ähnlidie 
Verhältnisse, wie sie damals bestanden: warm, dunkel 
und reizlos. Einige von uns rollen sich noch zu einem 
engen Paket zusammen und nehmen zum Sdilafen eine 
älmÜdie Korperhaltung wie im Mutterleibc ein. Es sieht 
so aus, als hätte die Welt audi uns Erwaclisene nicht 
ganz, nur zu zwei Dritteilen; zu einem Drittel sind wir 
überhaupt noch ungeboren. Jedes Erwadien am Morgen 
ist dann wie eine neue Geburt Wir sprechen audi vom 
■Zustand nach dem Schlaf mit den Worten: wir sind wie 
neugeboren, wobei wir über das Allgemeingefühl des 
Neugeborenen eine wahrsdieinlich sehr falsche Voraus- 
setzung madien. Es ist anzunehmen, daß dieser sid^ 
'vielmehr sehr unbehaglich fühlt. Wir sagen audi von» 
Geborenwerden; das Licht der Well erblidten. 

Wenn das der Sdilaf ist, so steht der Traum übeN 
haupt nicht auf seinem Programm, scheint vielmehr eine 
unwillkommene Zutat Wir meinen auch, daß der traum- 
lose Schlaf der beste, der einzig richtige ist Es soU 
keine seelische Tätigkeit im Schlaf geben; rührt sidi 
diese dodi, so ist uns eben die Herstellung des fötalen 
Ruhestandes nicht gelungen; Reste von Seelentätigkeit 
haben sich nicht ganz vermeiden lassen. Diese Reste, 



i 



V; SCHWffiMGKErTEH tjW5" feiaTB"AWWAHEROWGEH ■ M 

das wäre das Träumen. Dann sdteint es aber wirklidi 
Hafi der Traum keinen Sinn zu haben braudiL Bei den 
Fehlleistungen lag es anders; es waren doch Tätigkeiten 
vihrend des Wadiens. Aber wenn ich schlafe, die see- 
Esdie Tätigkeit ganz eingestellt habe und nur gewisse 
Reste derselben nidit unterdrückea konnte, so ist es gar 
nicht notwendig, daß diese Reste einen Sinn haben. Ich 
kann diesen Sinn sogar nicht brauchen, da ja das übrige 
meines Seelenlebens sdiläfli Es kann sich da wirklich 
nur mn zuikungsartige Reaktionen handeb, nur um solche 
aeelisdie Phänomene, die direkt auf somatisdien Anreiz 
hin erfolgen. Die Träume wären also die den Sdilaf 
störenden Reste der seelischen Tätigkeit des Wadiens, 
nnd wir dürfen den Vorsatz fassen, das für die Psydio- 
analyse ungeeignete Thema alsbald wieder zu verlassen. 
^ Indes, wenn der Traum auch Überflüssig ist, er existiert 
doch, und wir können versuchen, uns von dieser Existenz 
Rechenschaft za geben. Warum schläft das Seelenleben 
nicht ein? Wahrscheinlidi, weil etwas der Seele keine 
Ruhe läßt. Es wirken Reize auf sie ein, und sie muß 
darauf reagieren. Der Traum ist also die Art, wie die 
Seele auf die im Schlafeustaad einwirkenden Reize rea- 
giert Wir merken hier einen Zugang zum Verständnis 
des Traumes. Wir können nun bei verschiedenen Träumen 
danadi suchen, welches die Reize sind, die den Schlaf 
stören wollen, und auf die mit Träumen reagiert wird. 
Soweit hätten wir das erste Gemeinsame aller Träume 
au^earbeitet 

Gibt es noch ein anderes Gemeinsames? Ja, es ist 
unverkennbar, aber viel schwieriger zu erfassen und zu 
beschreiben. Die seelischen Vorgänge im Schlaf haben 
audi emen ganz anderen Charakter als die des Wachens. 
Man erlebt vieleriei im Traum und glaubt daran, während 
man doch nichts eriebt als vielleicht den einen störenden 
Reiz. Man erlebt es votwiegend in visuellen Bildern; 
CS können auch Gefühle dabei sein, auch Gedanken 
mittendurch, es kpflJiefl,jiBsfa_ die . anderen Sinne etwas 



S; , - ■ ZWEITER TRtL- DER TRAUM ■■^_ . 

erleben, aber vorwiegend sind es dodi Bilder, Ein Teil 
der Sdiwierigkeit des Traumerzählens kommt daher, daß 
wir diese Bilder in Worte zu übersetzen haben. Icl\ könnte 
es zeidinen, sag^ uns der Träumer oft, aber idi weiß 
nicht, wie ich es sagen soll. Das ist nun eigentlidi keine 
reduzlerle seelische Tätigkeit wie die des Schwachsinnigen 
im Vergleich zum Genialen; es ist etwas qualitativ an- 
deres, aber sdiwer zu sagen, worin der Untersdiied liegt. 
CTh. Fechner äußert einmal die Vermutung, der Schau- 
platz, auf dem sich die Träume (in der Seele) abspielen, 
■jBei ein anderer als der des wadien Vorstellungslebena. 
fDas verstehen wir zwar nidit, wissen nicht, was wir uns 
dabei denken seilen, aber den Eindruck der Fremd- 
artigkeit, den uns die meisten Träume machen, gibt es 
wirklich wieder. And» der Vergleidi der Traumtätigkeit 
mit den Leistungen einer unmusikalisdien Hand versf^ 
hier. Das Klavier wird dodi jedenfalls mit denselben 
Tonen antworten, wenn audi nicht mit Melodien, sobald 
der Zufall über seine Tasten fährt Diese zweite Ge- 
meinsamkeit aller Träume wollen wir, wenn sie audi 
unverstanden sein mag, sorgfältig im Auge behalten. 

Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten? Idi finde 
keine, sehe überall nur Verschiedenheiten, und zwar in 
allen Hinsichten. Sowohl was die scheinbare Dauer, als 
audi was die Deutlidikeit, die Affektbeteiligung, die 
■Haltbarkeit u, a. betrifft. Das alles ist eigentlich nidit 
;so, wie wir es bei der notgedrungenen, dürftigen, zudtungs-, 
artigen Abwehr eines Reizes erwarten konnten. Was die 
Dimension der Träume anbelangt, so gibt es sehr kurze,' 
'die nur ein Bild oder wenige, einen Gedanken, ja nur 
iCin Wort enthalten; andere, die ungemein reich an In- 
halt sind, ganze Romane aufführen und sehr lange zu 
dauern scheinen. Es gibt Träume, die so deutlidi sind 
wie das Erleben, so deutlidi, daß wir sie eine Zeitlang 
nach dem Erwachen nodi nidit als Träume erkennen; 
andere, die unsäglich schwadi sind, schattenhaft und ver- 
sdiwommen; ja in einem und demselben Traum könneo 



V. SCHWERtGtCBtTEK «ND Ei^STE ANNÄHERUWOEN B3 

die iiberstarken und die kaum faßbar undeutlichen Partien 
miteinander abwechseln. Traume können ganz sinnvol] 
sein oder wenigstens kohärent, ja sogar geistreich, phan- 
tastisdi schön; andere wiederum sind verworren, wie 
schwachsinnig, absurd, oft geradezu toll. Es gibt Träume, 
jjie uns ganz kalt lassen, andere, in denen alle Affekte 
laut werden, ein Schmerz bis zum Weinen, eine Angst 
bis zum Erwachen, Verwunderung, Entzücken usw. Träume 
werden meist nach dem Erwachen rasch vergessen, oder 

■ sie halten sich einen Tag lang in der Weise, daß sie bis 
zum Abend imnier mehr blaß und lückenhaft erinnert 
werden; andere erhalten sich so gut, z. B. Kindheits- 
träume, daß sie 30 Jahre später wie frisches Erleben 
vor dem Gedächtnis stehen, Träume können wie die 
Individuen ein einziges Mal auftreten, niemals wieder, 

»oder sie wiederholen sich bei derselben Person uaver- 
Mderl oder mit kleinen Abweichungen. Kurz, dies biß- 
dien nächtliche Seelentätigkeit verfügt über ein riesiges 
t Repertoire, kann eigentlich noch alles, was die Seele 
bei Tag schafft, aber es ist doch nie dasselbe. 

Man konnte versudien, von diesen Mannigfaltigkeiten 

des Traumes Rechensdiaft zu geben, indem man annimmt, 

je entsprechen verschiedenen Zwisdienstadien zwischen 

^dem Schlafen und dem Wachen, verschiedenen Stufen 

es unvollständigen Schlafes. Ja, aber dann müßte mil 

ert, Inhalt und Deutlichkeit der Traumleistung aucl; 

ie Klarheit, daß es ein Traum ist, zunehmen, da sidi 

!die Seele bei solchem Träumen dem Erwachen nähert, 

iund es dürfte nicht vorkommen, daß unmittelbar neben 

,.dn deutliches und vernünftiges Traum Stückchen ein un- 

"sinniges oder undeutliches gesetzt wird, worauf dann 

iwieder ein gutes Stück Arbeit folgt So rasti konnte 

die Seele ihre Schlaftiefe gewiß nicht wechseln. Diese 

Erklärui^ leistet also nichts; es geht überhaupt nicht 

kurzerhand. 

■ Wir wollen vorläufig auf den „Sinn" des Traumes 
verzichten und dafür versuchen, uns von dem Gemein- 



t 



6" 



' M '• ' CTIfeiTERTElLi PER TRAUM 

aamen der Traume aus einen Weg zum besseren Ver- 
ständnia derselben zu bahnen. Aus der Beziehung der 
Träume zum Schlafzustand haben wir gesdilossen, daß 
der Traum die Reaktion auf einen den Schlaf störeaden 
Reiz ist Wie wir gehört haben, ist dies auch der ein- 
zige Punkt, an dem uns die exakte experimentelle Psy- 
diologie zu Hilfe kommen kann; sie erbringt den Nach- 
weis, dafi während des Schlafes zugeführte Reize im 
Traume ersdieinen. Es sind viele solche Untersuchungen 
bis auf die des bereits genamiten Mourly Vold an- 
gestellt worden; jeder von uns ist audi wohl selbst in 
die Lage gekommen, dies Ergebnis durch geiegentlidie 
persönlidie Beobachtung zu bestätigen. Ich mll zur Mit- 
teilung einige ältere Experimente auswählen. Maury ließ 
solche Versudie an seiner eigenen Person ausführen. Man 
ließ ihn im Traum Kölnerwasser riedien. Er träumte, 
daß er in Kairo im Laden von Johann Maria Farina 
sei, und daran schlössen sich weitere tolle Abenteuer. 
Oder; man kneifte ihn leicht in den Nacken; er träumte 
von einem aufgelegten Blasenpflaster und von einem Arzt, 
der ihn in seiner Kindheit behandelt hatte. Oder; man 
goß ihm einen Tropfen Wasser auf die Stime. Er war 
dann in Italien, schwitzte heftig und trank den. weißen 
Wein von Orvieto. 

Was uns an diesen experimentell erzeugten Träumen 
auffällt, werden wir vielleicht noch deutlidier an einer 
anderen Reihe von Reizträumen erfassen können. Es sind 
dreiTräume, von einem geistreichen Beobachter, Hilde- 
brandt, mitgeteilt, sämtlidi Reaktionen auf den Lärm 
eines Weckers; 

„Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren 
und schlendre durdi die grünenden Felder weiter bis 
zu emem benachbarten Dorfe, dort sehe ich die Be- 
wohner in Feierkleidem, das Gesangbudi unter dem Anne, 
zahlreich der Kirche zuwandern. Richtigl es ist ja Sonn- 
tag und der Frühgottesdieost wird bald beginnen. Ich 
beschließe, au diesem teilzua^b'^CQi zuvor aber, weil' 



l 



_ ... V/gft»TEiaGi!zrrEHtiMi'BiSTE AWs;^HeRmGgW-. . m 

■ \äi etwas echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden 
Friedhofe midi abzukOhloL Während idi hier verschie- 
dene Grabschriften lese, höre ich den GlÖdtner den Turm 
hinansteigen und sehe nun in der Hohe des letzteren 

■ die kleine Dorfglodce, die das Zeidien zum Beginn der 
Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie 
bewegungslos da. dann fängt sie an zu sdiwingen — 
und plötzlich ertönen ihre Schläge hell und durdidrin- 

^ft~~ ^° ''^" ""^^ durchdringend, daß sie meinem 
Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen 
von dem Wecker." 

^.;„Eine zweite Kombination. Es ist heller Winterlag; 
die:-Straßen sind hoch mit Sdmee bededtt Ich habe 
meine Teilnehme an einer Sdiüttenfahrt zugesagt, muß 
aber lange warten, bis die Meldung erfolgt, der Sdilitten 
stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbereitungen zum 
■Einsteigen — der Pelz wird angelegt, der Fußsack hei^ 
vorgeholt — und endhdi sitze ich auf meinem Platie, 
Aber nodi verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel deii 
harrenden Rossen das fijlilbare Zeidien geben. Nun ziehen 
diese an; die kräftig gesdiüttelten Sdiellen beginnen 
■ihre wohlbekannte Janitsdiarenmusik mit einer Mächtig- 
st, die augenblickhch das Spinngewebe des Traumes 
zerreißt. Wieder ist's nichts anderes als der schrille Ton 
der Weckerglocke." 
1. .Nodi das driHe Beispiell Idi sehe ein Küdienmäddien 
rmit einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor 
entlang zum Speisezimmer schreiten. Die Poraellansäule 
in ihren Annen scheint mir in Gefahr, das Qeichgewicht 
zu verlieren. JSIunm didi in acht,' warne ich, ,die ganze 
Ladung wird zur Erde fallen.' Natüriich bleibt der ob- 
ligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon 
gewohnt usw., währenddessen ich noch immer mit ßlidten 
der Besorgnis die Wandelnde begleite. Richtig, an der 
Türsdiwelle erfolgt ein Straudiebi — das zerbredilichc 
Geschirr fällt und rasselt und prasselt in hundert Scher- 
ben auf dem Fußboden uinher. Aber — das endio« 



ZWEITER TEIL: DER TRAUM 



sidi fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke; 
kein eigentliclies Rasseln, sondern ein rititiges Klingeln; 
und mit diesem Klingeln hat, wie nunmehr der Er- 
wachende erkennt, nur der Wedcer seine Schuldigkeit 

getan." 

Diese Träume sind recht hnfesdi, ganz sinnvoll, gar 
nidit so inkohärent, wie Träume sonst zu sein pflegen: 
Wir wollen sie deswegen nidit beanständen. Das Ge- 
meinsame an ihnen ist, daß die Situation jedesmal in 
einen Lärm ausgeht, den man beim Erwadien als den 
des Weckers agnosziert Wir sehen also hier, wie ein 
Traum erzeugt wird, aber erfahren auch nod» etwas 
anderes. Der Traum erkennt den Wediernicht, — dieser 
kommt sadt im Traum nidit vor — . sondern er ersetzt 
das Weciei^eräuadi durdi ein anderes, er deutet den 
Reiz, der den Sdilaf aufhebt, deutet ihn aber jedesmal 
in einer anderen Weise. Warum das? Darauf gibt es 
keine Antwort, das sdieint willkürlidi zu sein. Den Traum 
verstehen, hieße aber angeben können, warum er gerade 
diesen Lärm und keinen anderen zur Deutung des Wedter- 
reizes gewählt hat In ganz analoger Weise muß man 
gegen die Maurysdien Experimente einwenden, man 
sehe wohl, daß der zugeführte Reiz im Traume auftritt, 
aber warum gerade in dieser Form, das erfahre man 
nicht, und das sdieint aus der Natur des schlaf stör enden 
Reizes gar nicht zu folgen. Audi schließt in den Mau- 
ryschen Versuchen an den direkten Reizerfolg meist eine 
Unmenge von anderem Traummaterial an, z. B. die tollen 
.iibenteuer im Kölnerwässertraum, für die man keine 
Rechenschaft zu geben weiß. 

''-Nun wollen Sie bedenken, daß die Weddräume noch 
die besten Chancen bieten, den Einfluß äußerer sdilaf- 
storender Reize festzustellen. In den meisten anderen 
."allen wird es sdiwieriger werden. Man wacht nicht aus 
allen Träumen auf, und wenn man des Morgens einen 
Traum der Nacht erinnert, wie soll man dann emen 
störenden Reiz auffinden, der vielleidit zur Naditzeit 



4 



VTSCHWERteKEn^H" OWD" B!SW''ANWAHERUNGEN 87 

eingewirkt hat? Mir gelang; es einmal, einen soldien 
Schallreiz nachträglich zu konstatieren, natürlich nur in- 
folge besonderer Umstände. Idi erwachte eines Morgens 
k^ einem Tiroler Höhenort mit dem Wissen, ich habe 
geträumt, der Papst ist gestorben. Ich konnte mir den 
Traum nidit erklären, aber dann fragte mich meine Frau; 
Hast du heute gegen Morgen das entsetzliche Glocken- 
^^ geläute gehört, das von allen Kirdien und Kapellen los- 
^■gelassen wurde? Nein, idi hatte nichts gehört, mein 
^■■Schlaf ist resistenter, aber ich verstand dank dieser Mit-' 
^»teilung meinen Traum. Wie oft mögen soldie Reizungen 
^B|den Schläfer zum Träumen anregen, ohne daß er nach- 
V^träglicbe Kunde von ihnen erh^t? Vielleicht sehr oft, 
Viellei(±t auch nicht Wenn der Reiz nicht mehr nadi- 
^-weisbar ist, laßt sidi auch keine Überzeugung davon 
^■gewinnen. Wir sind ohnedies von der Schätzung der 
schlaf stören den äußeren Reize zurüdtgekoranien, seit- 
dem wir wissen, daß sie uns nur ein Stücichen des 
.Traumes und nicht die ganze Traumreaktion erklären 
können, 
,-. Wir brauchen dainjm diese Theorie nicht ganz auf- 

t zugeben. Sie ist außerdem einer Fortführung Khig. Es 
ist offenbar gleidigültig, wodurch der Schlaf gestört und 
äe Seele zum Träumen angeregt werden soll. Wenn es 
nicht jedesmal ein von außen kommender Sinnesreiz sein 
Mrkann, so mag dafür ein von den inneren Organen aus- 
^k^ehender, sogenannter Leibreiz eintreten. Diese Ver- 
Hraiutung' liegt sehr nahe, sie entspricht auch der popu- 
"Härsten Ansicht über die Entstehung der Träume. Träume 
I;ommen vom Magen, hört man oft sagen. Leider wird 
auch hier der Fall als häufig zu vermuten sein, daß ein 
_Leibreiz, der zur Naclitzeit eingewirkt hat, nach dem 
llrwachen nicht mehr nachweisbar und somit unbeweis- 
)ar geworden ist Aber wir wollen nicht übersehen, wie- 
viel gute Erfahrungen die Ableitung der Träume vom 
Leibreiz unterstützen. Ea ist im allgemeinen unzweifel- 
haft, daß der Zustand der inneren Organe den Traum 



ZWEITER TEILi DER ISAUM 



beeinflussen kann. Die Beziehuag mandies TrauminhalU 
lu einer Oberfüllung der Harnblase oder za einent Er- 
fegungszustand der Gesdilcditsorgane ist so deutlidi, 
daß sie nidit verkannt werden kann. Von diesen durd*-| 
siditigen Fällen her kommt man zu anderen, in denen 
sicJi aus dem Inhalt der Träume wenigstens eine bercdi- 
tigte Vermutung ableiten läßt, daß solche Leibreize ein- 
gewirkt haben, indem sich in diesem Inhalt etwas findet, 
was als Verarbeitung, Darstellung, Deutung dieser Reize 
aufgefaßt werden kann. Der Traumforscfaer Scherner 
(1861) hat die Herleitung des Traumes von OrganreJien 
besonders nadidrucklidi vertreten und einige sdiÖne Bd- 
spiele für sie erbracht. Wenn er z. B, in einem Traum 
„zwei Reihen sdioner Knaben blonden Haares und zarter 
Gesiditsfarbe, in Kampflust einander gegen üb erstehen, 
aufeinander losgehen, sich gegenseitig greifen, vonein- 
ander wieder loslassen, die alte Stellung wieder einnehmen 
und den ganzen Vorgang von neuem madien" sieht, so 
ist die Deutung dieser Knabeweihen als der Zähne an 
tmd fijr sidi ansprediend, und sie sdieint ihre volle Be- 
kräftigung zu finden, wenn nach dieser Szene der Träumer 
„sidi einen langen Zahn aus dem Kiefer herauszieht", 
Audi die Deutuiur von „langen, sthmalen, gewundenen 
Gangen" auf Darmreiz, scheint stidiliältig und bestätigt ■ 
die Autstellung von Scherner, daß der Traum vor allem I 
das den Reiz ausscliic^ende Organ durdi ihm ähnliche 
Gegenstände darzustellen suAt. 

Wir müssen also bereit sein zuzugeben, daß innert 
Reize für den Traum dieselbe Rolle spielen können wie 
äußere. Leider unterliegt ihre Sd>ätzung audi denselben 
Einwendungen. In einer großen Anzahl von Fällen bleibt ■ 
die Deutung auf Leibreiz unsidier oder unbeweisbar;^ 
niAt alle Träume, sondern nur ein gewisser Anteil dei^ 
selben erweckt den Verdadil, daß innere Oi^anrciie 
bei ihrer Entstehung beteiligt waren, und cndÜdi wird 
der innere Leibreiz so wenig wie der äußere Sinnesreiz 
ünstande sein, vom Traum mehr zu erklären, tut wa> der. 



1 



direkten Reaktion auf den Reiz entspricht. Wober dann 
das Dbrig-e des Traumes kommt, bleibt dunkeL 

Merken wir uns aber eine Eigvntümlidikeit des Tramn- 
iebens an, die bei dem Studium dieser Reizeinwirkungen 
nun Vorsdiein kommt Der Traum bringt den Reiz nidit 
cinfadi wieder, sondern er verarbeitet ihn, er spielt auf 
ßin an. reibt ihn in einen Zusammenhang ein, ersetzt 
ihn durdi etwas anderes. Das ist eine Seite der Traum- 
erbeit, die uns interessieren muß, weil sie vieüeidit 
oäher an das Wesen des Traumes heranführt. Wenn je- 
mand auf eine Anregung' bin etwas macht, so braudit 
diese Anregung' darum das Werk nicht zu ersdiöpfea. 
Der Macbeth Shakespeares z. B. ist ein Gelegen- 
heitsstüc't, zur Thronbesteigung des Königs gediditet, 
der zuerst die Kronen der drei Länder auf seinem 
Haupt vereinigte. Aber ded(t diese historisdie Veran- 
lassung den Inhalt des Dramas, erklärt sie uns dessen 
Größen und Rätsel? Vielleidit sind die auf den Sdila- 
fenden wirkenden Außen- und Innenreize audi nur die 
Anreger des Traumes, von dessen Wesen uns damit nicbts 
verraten wird. 

Das andere Gemeinsame des Traumes, seine psy- 
diisclie Besonderheit, ist einerseits schwer faßbar und 
gibt anderseits keinen Anhaltspunkt zur weiteren Ver- 
folgung. Im Traum erleben wir zumeist etwas in visu- 
ellen Formen. Können dafür die Reize einen AufsdiluB 
geben? Ist es in Wirklidifeeit der Reiz, den wir erleben? 
Warum ist dann das Erleben visuell, wenn Augenreizung 
nur in den seltensten Fällen den Traum angeregt hat? 
Oder läßt sich, ivenn wir Reden träumen, nachweisen, 
daß während des Schlafes ein Gesprädi oder ihm Ihn- 
lidie Geräusche an unser Ohr gedrungen sind? Diese 
Möglidikeit getraue ich midi mit Entschiedenheit abzu- 
weisen. 

., Wenn wir von den Gemeinsamkeiten der Tränme 
nidil weiter kommen, so wollen wir's vielleidit mit ihren 
Verschiedenheiten :.vcnudien. Die Träume sind ja oft 



smolos, verworren, absurd; aber cb gibt sinnvolle, nüd|. 
t«me, vernünftige. Sehen wir zu, ob uns die letzteren,' 
BinnvoUen, etwas Aufschluß über die unsinnigen geben 
können. Ich teile Ihnen den letzten vernünftigen Traum 
mit, der mir erzählt worden ist, den Traum eines jungen 
Mannes: „Idi bin in der Kämtnerstraße spazieren ge- 
gangen, habe dort den Herrn X. getroffen, dem ich midi 
für eine Weile angeschlossen habe, dann bin idi ins 
Restaurant gegangen. Zwei Damen und ein Herr haben 
s!ch an meinen Tisch gesetzt. Ich habe mich zuerst darüber 
geärgert und wollte sie nidit ansdiauen. Dann habe idi* 
hingesdiaut und gefunden, daß sie ganz nett sind." Der 
Träumer bemerkt dazu, daß er am Abend vor dem Traum 
wirklich in der Kämtnerstraße gegangen, was sein ge- 
wohnter Weg ist, und dort den Herrn X. getroffen hat' 
Der andere Teil des Traumes ist keine direkte Reminis- 
zenz, sondern hat nur eine gewisse Ähnlidikeit mit einem 
Erlebnis vor längerer Zeit, Oder ein anderer nüditemer 
Traum, der einer Damet „Dir Mann fragt; Soll man das 
Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, es 
muß ohnedies neu beledert werden." DieserTraum wieder-' . 
holt ein Gespräch, weldies sich ohne viel Veränderung 
am Tage vor dem Traum zwischen ihrem Mann und ihr 
abgespielt hat. Was lernen wir aus diesen beiden nödi- 
temen Träumen? Nichts anderes, als daß sich Wieder- 
holungen aus dem Leben des Tages oder Anknüpfungen 
an dasselbe in ihnen finden. Das wäre schon etwas, wenn 
es sich von den Träumen allgemein aussagen ließe. Abef 
davon ist keine Rede, audi dies gilt nur für eine Minder-' 
zahl; in den meisten Träumen ist von einer Anknüpfung 
an den'Voi-tag nidits zu finden, und auf die unsinnigen 
und absurden Träume fällt von hier aus kein Licht. 'Ä^r 
wissen nur, daß wir auf eine neue Aufgabe gestoßen sind. 
Wir wollen nicht nur wissen, was ein Traum sagt, sondern 
wenn er es, wie in unseren Beispielen, deutlidi sagt, 
■.vollen wir autäi wissen, warum und wozu man dies Be- 
kannte, erst kürzlidi Erlebte, im Trauin wederholt; 



i 



■V. SCfWIEBlOKErTEK'UND ERSTE' ÄNNXhERUNGEN 91 



Idi glaube, Sie werden wie idi müde Bein, Versudie 
wie unsere bisherigen, fortzuäeteen. Wir sehen eben, alles 
Interesse für ein Problem iflt unzureichend, wenn man 
ni<lit audi einen Weg; kennt, den man einschlagen kann, 
daß er zur Lösung hinführe. Wir haben diesen Weg bis 
jetit nicht Die experimentelle Psydiologie hat uns nichts 
gebracht als einige sehr schätzbare Angaben über die 
Bedeutung der Reize als Traumanreger, Von der Philo- 
sophie haben wir nidits zu erwarten, als daß sie uns 
neuerdings hodimütig die intellektuelle Minderwertigkeit 
unseres Objekts vorhalte; bei den okkulten Wissenschaften 
wollen wir do(h keine Anleihe machen. Gesdiidite und 
Volksmeinung sagen uns, der Traum sei sinnreidi und 
bedeutungsvoll, er blicke in die Zukunft; das ist dodi 
schwer anzunehmen und gewiß nidit beweisbar. So läuft 
unsere erste Bemühung in volle Ratlosigkeit aus. 

Unerwarteterweise kommt uns ein Wink von einer 
Seite zu, nach der wir bisher nidit gebÜdct haben. Der 
Sprachgebrauch, der ja nichts Zufälliges, sondern der 
I^edersdilag alter Erkenntnis ist, der freilich nicht ohne 
Vorsidit verwertet werden darf — unsere Sprache also 
kennt etwas, was sie merkwürdigerweise „Tagträumen" 
heißt. Tagträume sind Phantasien (Produktionen der 
Phantasie); es sind sehr allgemeine Phänomene, wiederum 
bei Gesunden ebenso zu beobaditen, wie bei Kranken 
und bei der eigenen Person dem Studium leicht zu- 
gänglich. Das Auffälligste an diesen phantastischen Bil- 
dungen ist, daß sie den Namen „T^lräume" erhalten 
haben, denn von belegen Gemeinsamen der Träume haben 
Bie nichts an sich. DerBeziehung zum Schlafzustanciewidei^ 
spricht schon ihr Name, und was das zweite Gemeinsame 
betrifft, so erlebt, halluziniert man in ihnen nidits, sondern 
stellt sidi etwas vor; man weiß, daß man phantasiert, 
sieht nicht, sondern denkt. Diese Tagträume treten in 
der Vorpubertät, oft schon in der spateren Kinderzeit 
auf, halten bis in die Jahre der Reife an, werden dann 
entweder aitf^e?eben oder bis ins späteste Alter fest- 



ig. 



„ T'ffZrrmTSBXTyER TRAUa 



{rebalten. Der Inhalt dieser Pbonfasien wird von einer 
»ehr duTcheiditigcn Motivierung beherrBclit. Es sind Szenen 
und Begebenbeiten, in denen die eg'oistischen, Ehigeiz- 
uad Machtbedürfnisse, oder die erotisdicn Wünsche der 
Person Befriedigung finden. Bei jungen Männern stehen 
meist die ehrgeizigen Phantasien voran, bei den Frauen, 
die ihren Ergeiz auf Liebeserfolge geworfen haben, die 
eroUsdien. Aber oft genug zeigt sidi auch bei den Männern 
die erotische Bedürftigkeit im Hintergrunde; alle Helden- 
taten und Erfolge sollen doch nur um die Bewunderung 
und Gunst der Frauen werben. Sonst sind diese Tag- 
träume sehr maimigfaltig und erfahren Wechsel voll eSdii(£- 
sale. Sie werden entweder, ein jeder von ihnen, nach 
kurzer Zeit fallen gelassen und durch einen neuen erJ 
setzt, oder sie werden festgehalten, tu langen Gesdüditen 
ausgesponnen und passen sidi den Veränderungen der 
Lebensverhältnisse an, Sie gehen sozusagen mit der Zeit 
und empfangen von ihr eine „Zeitmarke", die den Ein- 
fluß der neuen Situation bezeugt Sie sind das Roi»^ 
material der poetischen Produktion, den aus seinen Tag« 
träumen macht der Dichter durch gewisse Umformungen, 
Verkleidungen und Verzidite die Situationen, die er in 
seine Novellen, Romane, Theaterstüdce einsetzt. Der Held 
der Tagträume ist aber immer die eigene Person, ent- 
weder direkt oder in einer durdisidttigen Identifizierung 
mit einem anderen. 

Viellei(it trafen die Tagträume diesen Namen wegen 
der gleichen Beziehung zur WirklidJcdt, um anzudeuten, 
daB ihr Inhalt ebensowenig real zu nehmen sei wie der 
der Träume. Vielleidit aber ruht diese Namensgemein- 
sdiaft doch auf einem uns nodi unbekannten psychisdien 
Charakter des Traumes, einem der von uns gesuditen. 
Es ist auch möglich, daß wir überhaupt unredit tun, 
v/enn wir diese Gleidiheit der Bezeidinung als bedeu- 
tungsvoll verwerten wollen. Das kann ja erst später 
geklärt werdcu, 



VL VORLESUNG 

VORAUSSETZUNGEN UND TECHNIK 
DER DEUTUNG 

Meine Damen und Herren! Also wir bedürfen eines 
neuen Weges, einer Methode, um in der Erfor- 
schung des Traume« von der Stelle zu kommen. Ich 
mache Ihnen nun einen nahe liegenden Vorsdilag, Neh- 
men wir als Voraussetzung für alles Weitere an, dafi 
der Traum kein somatisches, sondern ein psy- 
chisches Phänomen ist Was das bedeutet, wissen 
Sie, aber was bereditigt uns zu dieser Annahme? Nidifs, 
aber wir sind auch nicht gehindert, sie zu madien. Die 
Sache liegt so; Wenn der Traum ein somatisches Plm- 
nomen ist, geht er uns nichts an; er kann uns nur unter 
der Voraussetzung, daß er ein seelisches Phänomen ist, 
interessieren. Wir arbeiten also unter der Voraussetzung, 
er sei es wirklich, um zu sehen, was dabei herauskommt. 
Das Ergebnis unserer Arbeit wird darüber entscheiden, 
ob wir an der Annahme festhalten und sie nun ihrer- 
seits als ein Resultat vertreten dürfen. Was wollen wir 
demi eigentlich erreidien, wozu arbeiten wir? Wir wollen, 
was man in der Wissenschaft überhaupt anstrebt, ein 
Verständnis der Phänomene, die Herstellung eines Zu- 
sammenhanges zwischen ihnen, und in letzter Feme, wo 
es möglich ist, eine Erweiterung unserer Madit über sie. 

Wir setzen also die Arbeit unter der Annahme fort, 
daS der Traum ein psychisdies Phänomen bL Dann ist 
er eine Leistung und Äußerung des Träumers, aber eine 
Eoldie, die uns nidits sagt, die wir nidit verstehen. Was 
tun Sie nun in dem Falle, daß ich eine Dmen unver- 
standliche Äußerung von mir gebe? Mich fragen, nicht 
wahr? Warum sollen wir nicht dasselbe tun dürfen, 
den Träumer befragen, was sein Traum bedeutet? 

Erinnern Sie sidi, wir befanden uns schon einmal 
in dieser Situation. Es war bei der Untersuchung ge- 
«risser Fdilleistun^en, eines Falles von Verspredicn. 



t 



M ZWEITER TECLi DER TRAUM . 

Jemand hatte gesagt: Da sind Dinge zum Vorsdiwein 
gekommen, und darauf fragten wir — nein, zum Gluti 
nicht wir, sondern andere, die der Psychoanalyse ganz 
ferne stehen, da fragten ihn diese anderen, was er mit 
dieser unveiständlidien Rede wolle. Er antwortete so- 
fort, daß er die Absiebt geliabt hatte zu sagen: das 
waren Schweinereien, daß er aber diese Absidit zurüdc-' 
^edrängt gegen die andere, gemilderte: da sind Dinge 
zum Vorschein gekommen, ich erklärte Ihnen schon da- 
mals, diese Erkundigung sei das Vorbild jeder psycho- 
analytischen Uatersudiung, und Sie verstecen jetzt, daß 
die Psychoanalyse die Technik befolgt, sich soweit es 
nur angeht, die Lösung itirer ■ Rätsel von den Unter- 
suchten selbst sagen zu lassen. So soll uns auch der 
Träumer selbst sagen, v/as sein Traum bede\!tet. 

Aber so einfach geht das bekanntlich beim Träum 
nicht Bei den Fehtleistungeu ging es in einer Anzahl 
von Fällen; dann kamen wir zu anderen, in denen der 
Befragte niöits sagen wollte, ja sogar die Antwort, die 
wir ihm nahe legten, entrüstet zurüdcwies. Beim Traum 
fehlen uns die Fälle der ersten Art völlig; der Träumer 
sagt immer, er weiß nichts. Zurückweisen kann er unsere 
Deutung nicht, da wir iiira keine vorzulegen haben. So 
sollten wir also unseren Versodi wieder aufgeben? Da 
er nichts weiß und wir nichts wissen und ein Dritter 
erst recht nidits wissen kann, gibt's wohl keine Aus- 
sicht, es zu erfahren, ja, wenn Sie wollen, geben Sie 
den Versuch auf. Wenn Sie aber anders wollen, so 
können Sie den Weg mit mir fortsetzen. Ich sage Ihnen 
nämlich, es ist dodi sehr wohl mögUch, ja sehr wahr- 
scheinlich, daß der Träumer es doch weiß, was sein 
Traum bedeutet, nur weiß er nicht, daß er es' 
weiß, und giaubt darum, daß er es nicht weiß, 

Sie werden mich aufmerksam madien, daß idi da 
wiederum eine Annahme einführe, schon die zweite 
in diesem kurzen Zusammenhange, und den Ansprud; 
meines Verfahrens auf . Glapijwürdigkeit enorm herab;] 



\ 



..- vT. VQftÄUSSETZUHOEN ÜH D TECHNIK DER DEUTUNG » 

setze. Unter der Voraussetzung, daß der Traum ein 
psyiüsdies Phänomen ist, unter der weiteren Voraus- 
setzung, daß es seelische Dinge im Measdien gibt, die 
er weiß, ohne zu wissen, daß er sie weiß, usw. Dann 
brauditman nur die innere Unwahrscheinlichkeit jeder 
dieser beiden Voraussetzungen ins Auge zu fassen, 
um beruhigt sein Interesse von den Schlüssen aus ihneo 
abzuwenden. 

J Ja, meine Damen und Herren, idi habe Sie nicht 
liiehcr kommen lassen, um Ihnen etwas vorzuspiegeln 
oder zu verhehlen. Idi habe zwar „Elementare Vor- 
lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" ange- 
kündigt, aber damit habe ich keine Darstellung in usum 
"delphini beabsiditigt, die Ihnen einen glatten Zusammen- 
hang zeigensoll mit sorgfältigem Verstecken aller Schwierig- 
keiten, Ausfüllung der Lücken, Übermalen der Zweifel, 
damit Sie ruhigen Gemüts glauben sollen, Sie haben 
etwas Neues gelernt Nem, gerade darum, weil Sie An- 
fänger sind, wollte icii Ihnen unsere Wissenschaft zeigen, 
wie sie ist, mit ihren Unebenheiten und Härten, An- 
fordeningen und Bedenken. Idi weiß nämlich, daß es 
in keiner Wissenschaft anders ist und besonders in 
ihren Anfängen gar nicht anders sein kann. Idi weiß auch, 
daß der Unterricht sidi sonst bemüht, diese Schwierig- 
keiten und UnvoUkommenheiten dem Lernenden zunächst 
zu verbergen. Aber das geht bei der Psydioanalyse 
nicit. Ich habe also wirkhch zwei Voraussetzungen ge- 
macht, die eine innerhalb der anderen, und wem das 
Ganze zu mühselig und zu unsicher ist, oder wer an 
höhere Sicherheiten und elegantere Ableitungen gewöhnt 
ist, der braudit nicht weiter mitzugehen. Ich meine nur, 
der so!! psydiologisdie Probleme überhaupt in Ruhe 
lassen, denn es ist zu besorgen, daß er die exakten und 
sidieren Wege, die er zu begehen bereit ist, hier nicht 
gangbar findet Es ist auch ganz überflüssig, daß eine 
Wissenschaft, die etwas zu bieten hat, um Gehör und 
um Anhänger werbe. Ihre Ergebnisse müssen für , sie 



t 



Stimmung machen; und sie kaDn abwarteo, bis dicsä sich 
Aufmerksamkeit ciawungen haben.' 

Diejenigen von Urnen aber, die bei der Sädie' rer- 
bleiben wollen, kann ich daran mahnen, daß meine bei^ 
den Annahmen nicbt gleichwertig sind. Die erste, der 
Traum sei ein seelisdies Phänomen, ist die Voraus-' 
•etzung, die wir durdi den Erfolg unserer Arbeit er- 
weisen wollen; die andere ist bereits auf einem anderen 
Gebiete erwiesen, und idi nehme mir bloß die Freiheili 
sie von dorther auf unsere Probleme zu übertr^en, '. 

Wo, auf weldiem Gebiet sollte der Beweis erbradht 
worden sein, daß es ein Wissen gibt, von dem der 
Mensch doch nichts weiß, wie wir es hier für den. Träu- 
mer annehmen wollen? Das wäre doch eine merkwür- 
dige, überraschende, unsere Auffassung des Seelenlebens 
verändernde Tatsadie, die sich nicht zu verbergen brauditc. 
Nebenbei eine Tatsadie, lüe sich in ihrer Benennung 
selbst aufhebt und doch etwas Wirkliches sein will, 
eine contradictio in adjecto. Nun, sie verbirgt sich audi 
gar uidit Es liegt nicjtt an ihr, wenn man nidtts von 
ihr weiß oder sich nicjit genügend um sie kümmert, 
So wenig, wie es unsere Sdiuld ist, daß alle diese psy- 
biologischen Probleme von Personen abgeurteilt werden, 
die sich von all den hiefür entscheidenden Beobach- 
tungen und Erfahrungen ferne gehalten haben. 

Der Beweis ist auf dem Gebiet der hypnotiscjien 
Erscheinungen erbracht worden. Als ich im Jahre 1889 
die ungemein ei ndrudcs vollen Demonstrationen von Lie- 
bault und Bernheim in Nancy mitansah, war ich aucft 
Zeuge des folgenden Versuches. Wenn man einen Mann 
in den somnambulen Zustand versetzt hatte, ihn in die- 
sem alles mögliche halluzinatorisch erleben ließ und ihn 
dann aufwecjcte, so sdiien er zunächst von den Vor- 
gängen während seines hypnotisdien Sdilafes nichts zu 
wissen. Bernheim forderte ihn dann direkt auf zu er- 
zählen, was ddi mit ihm während der Hypnose zuge 
tragen. Er behauptete er jri^e sich an nichts zu er- 



i 



VL VORAUSSeTZinJGEN UND TECHNIK DER DEUTUNG BT 

ianem. Aber Bernheim bestand darauf, er drang in 
den Mann, versicherte ihm, er wisse es, müsse sich da- 
ran erinnern, und siehe da, der Mann wurde schwankend, 
begann sich zu besinnen, erinnerte zuerst wie schatten- 
haft eines der ihm suggerierten Erlebnisse, dann ein an- 
deres Stück, die Erinnerung wurde immer deutlicher, 
immer vollständiger und endlich war sie lückenlos zu 
Tage gefördert. Da er es aber nachher wußte und m- 
zivischen von keiner anderen Seite etwas erfahren hatte, 
bt der Schluß berechtigt, daß er um diese Erinnerungen 
audi vorher gewußt hat Sie waren ihm nur unzugäng- 
lich, er wußte nicht, daß er sie wisse, er glaubte, daß 
er sie nicht wisse. Also ganz der Fall, den wir beim 
Träumer vennutcn. 

Ich hoffe, Sie werden von der Feststellung dieser 
Tatsache überrascht sein und mich fragen; Warum haben 
Sie sich auf diesen Beweis nicht schon früher, bei den 
Fehlleistungen berufen, als wir dazu kamen, dem Mann, 
der sich versprochen hatte, Redeabsichten zuzuschreiben, 
von denen er nichts wußte und die er verieugnete? 
Wenn jemand von Erlebnissen nichts zu wissen glaubt, 
deren Erinnerung er doch in sich trägt, so ist es nicht 
mehr so unwahrscheinlich, daß er auch von anderen 
seelischen Vorgängen in seinem Innern nicJits weiß. Dies 
Argument hätte uns gewiß Eindruck gemacht und uns 
im Verständnis der Fehlleistungen gefördert. Gewiß 
hätte ich mich sdion damals darauf berufen können, 
aber ich sparte es auf bis zu einer anderen Stelle, an 
der CS notwendiger wäre. Die Fehlleistungen haben sidi 
zum Teil selbst aufgeklärt, zum anderen Teil hinter- 
ließen sie uns die Mahnung, dem Zusammenhang der 
Erscheinungen zuliebe die Existenz solcher seeliscier 
Vorgänge, von denen man nidits weiß, doch anzunehmen. 
Sehn Traum sind wir gezwungen, Erklärungen von anders* 
woher heranzuziehen, und überdies rechne ich damit, 
daß Sie hier eine Übertragung von der Hypnose her 
leichter zulassen werden. Der Zustand, in dem wir eine 

Froud, VorlofuniHi 7 



98 ZWETTERTEIL. DER TRAUM 



Fehlleistung vollzielien, muß Ihnen als der normale er* 
scheinen, er hat mit dem hypnotischen keine Ähnlidi,' 
keit. Df^egeo bestellt eine deutliche Verwandtschaft 
zwischen dem hypnotischen Zustand und dem Schlaf- 
zustand, welclier die Bedingung des Träumens ist. Die 
Hypnose heißt ja ein künstlicher Scäilaf; wir sagen der 
Person, die wir hypnotisieren: schlafen Sie, und die 
Suggestionen, die wir erteilen, sind den Trüumen des 
natürlichen Sdilafes vergleidibar. Die psychisdien Situa- 
tionen sind in beiden Faüen wirklidi analoge. Ira natüi^ 
liehen Sdilaf ziehen wir unser Interesse von der ganzen 
Außenwelt zurück, im hypnotischen wiederum von der 
ganzen Welt, aber mit Ausnahme der einen Person,- 
die uns hypnotisiert hat, mit weltier wir im Rapport 
bleiben. Übrigens ist der sogenannte AmmenschlaF, bei 
dem die Amme im Rapport mit dem Kind bleibt und 
nur von diesem zu erwecken ist, ein noimalcs Seiten- 
Gtück zum hypnotischen. Die Übertragung eines Verhält- 
nisses von der Hypnose auf den natürlidien Schlaf sdieint 
also kein so kühnes Wagnis. Die Annahme, daß auch 
beim Träumer ein Wissen um seinen Traum vorhanden 
ist, das ihm nur unzugänglich ist, so daß er es selbst 
nicht glaubt, ist nidit völlig aus der Luft gegriffen. 
Merken wir uns übrigens, daß sich an dieser Stelle ein 
dritter Zugang zum Studium des Traumes eröffnet; von 
den sdilaf störenden Reizen aus, von den Tagtraumen 
und jetzt noch von den suggerierten Träumen des hyp- 
notisdien Zustandes. 

Nun kehren wir vielleicht mit gesteigeilem Zutrauen 
zu unserer Aufgabe zurück. Es ist also sehr wahrschein- 
lich, daß der Träumer um seinen Traum weiß; es han- 
delt sich nur darum, ihm möglich zu madien, daß er 
sein Wissen auffindet und es uns mitteilt. Wir verlangen 
nidit, daß er uns sofort den Sinn seines Traumes sage, 
aber die Herkunft desselben, den Gedanken und In- 
ieressenkreis, aus dem er stammt, wird er auffinden 
können. Im Falle der Fehlleistung, erinnern Sie sich, 



I 



VI. VORAUSSETZUNGEN UWD TECHNIK DER D EUTIIN'G j» 

wurde er gehsgi, wie er zu dem Fclilwort „Vorschv/cin" 
gekommen war, und sein nadister Einfall gab uns die 
Aufklärung. Unsere Technik beim Traume ist nun eine 
schreinfache, diesem Beispiel uadigeahmte. Wir werden 
ihn wiederum iragen, wie er zu dem Traume gekommen 
ist, und seine nächste Aussage soll wieder als Auf- 
klärung ang:esehen werdeo. Wir setzen uns also über 
den Unterschied, ob er etwas zu wissen glaubt oder 
iiidit glau'ot, hinaus und behandeln beide Fälle wie 
einen einzigen. 

Diese Tedinik ist gewiß selir einfach, aber Itäi fürchte, 
sie wird iiire sdiärfste Opposition hervorrufen. Sie werden 
sagen; Eine neue Annahme, die dritte! Und die un- 
wahrscheinlicliste von allenl Wenn ich den Träumer 
frage, was Ihm zum Traum einfällt, soll gerade sein nächster 
Einfall die gewünschte Aufklärung bringen? Aber es 
braucht ihm ja gar nichts einzufallen, oder es kann ihm 
Gott weiß was einfallen. Wir können nicht einsehen, 
worauf sich eine solche Erwarbung stützt. Das heißt 
wirklich zuviel Gottvertraueo zeigen an eicer Stelle, 
wo etwas mehr Kritik besser passen würde. Überdies 
ist ja ein Trauni nicht ein einzelnes Fehlwort, sondern 
besteht aus vielen Elementen. An welchen Einfall soll 
;sian sich da halten? 

Sie haben in allem Nebensäcliliclien recht, Ein Traum 

unterscheidet sicii von einem Versprechen audi in der 

Vielheit seiner Elemente. Dem muß die Technik Reeh- 

nung tragen. Ich sclilage Ihnen also vor, daß wir den 

Traum in seine Elemente zerteilen und die Uutersuclimig 

jedes Element gesondert anstellen; daim ist die 

ogie mit dem Versprechen wieder hergestellt. Audi 

darin haben Sie recht, daß der zu den einzelnen Traum- 

ementen Befragte antworten kaim, es falle ihm nichts 

in. Es gibt Fälle, in denen wir diese Antwort gelten 

,ssen, und Sie werden später hören, v;elclie. Es sind 

■fcenierkenswerterweise soldie Fälle, in denen wir selbst 

,bestimm_le Einfälle haben können. Aberiin^allge^ejiien 



im ZWEITI^lfTEILiDERTRAlIK 

werden wir dem Träumer, wemi er keinen Einfall zu haben 
behauptet, widersprechen, wir werden in ihn drängten, 
werden ihm versit^em, daß er einen Einfall haben müsse 
und — werden Recht bekommen. Er wird einen Einfall 
dazu bringen, irgend einen, uns gleidigültig, weldien. 
Gewisse Auskünfte, die man historisdie nennen kann, 
wird er besonders leicht erteilen. Er wird sagen: Das 
ist etwas, was gestern vorgefallen ist (wie in den beiden 
uns bekannt gewordenen „nüfiitemen Träumen"), oder: 
Das erinnert mich an etwas, was sich vor kurzer Zeit 
ereignet hat, — und auf diese Art werden wir bemerken, 
daß die Anknüpfungen der Träume an Eindrücke der 
letzten Tage weit häufiger sind, als wir zuerst geglaubt 
haben. Endlich wird er sidi auch vom Traum aus an 
femer liegende, eventuell sogar an weit zurüdcliegende 
Begebenheiten erinnern. 

In der Hauplsadie aber haben Sie unrecht. Wenn 
Sie meinen, es sei willkürlich anzunehmen, daß der 
näcäiste Einfall des Träumers gerade dasGesudite bringen 
oder zu ihm führen müsse, der Einfall könne vielmehr 
ganz beliebig und außer Zusammenhang mit dem Ge- 
suditen sein, es sei nur eine Äußerung meines Gott- 
vertrauens, wenn ich es anders erwarte, so irren Sie 
groß. Ich habe mir schon einmal die Freiheit genommen, 
Ihnen vorzuhalten, daß ein tief wurzelnder Glaube an 
psydiisdie Freiheit und Willkürlidikeit in Ihnen steclcl, 
der aber ganz unwissenschaftlicli ist und vor der An- 
forderung eines auch das Seelenleben beherrsdienden 
Determinismus die Segel streichen muß. Ich bitte Sie, 
es als eine Tatsaclie zu respektieren, daß dem Gefrag- 
ten dies eine eingefallen ist und nichts anderes. Aber^ 
ich setze niclit dem einen Glauben einen anderen ent-j 
gegen. Es läßt sidi beweisen, daß der Einfall, den derl 
Gefragte produziert, nicht willkürlich, nicht unbesHmm-| 
bar ist, nicht außer Zusammenhang mit dem von unsj 
Gesuditen steht. Ja, ich habe unlängst erfahren, — | 
ohne übrigens zuviel Wert darauf zu legen, — daß auchj 



VI- VORAUSSETZUNGEN UND TECHNIK DER DEUTUNG 101 

die experimentelle Psycliologie solche Beweise vorge- 
gebradit hat 
I Bei der Bedeutung des Gegenstandes bitte ich um 

I Ihre besondere Aufmerksamkeit. Wenn idi jemand auf- 
fordere zu sagen, was ihm zu einem bestimmten Ele- 
ment des Traumes einfällt, so verlange ich von ihm, 
daB er sidi der freien Assoziation unter Festhal- 
tung einer Auagangsvorstellung überlasse. Dies 
erfordert eine besondere Einstellung der Aufmerksam- 
keit, die ganz anders ist als beim Nachdenken und das 
Nadidenken ausschließt Manche treffen eiae soldie Ein- 
stellung leiclit; andere zeigen bei dem Versuch ein un- 
t glaublich hohes Maß von Ungeschicklichkeit Es gibt 
^un einen höheren Grad von Freiheit der Assoziation, 
Wnn idi nämlich auch diese Ausgangsvorstellung fallen 
Hasse und etwa nur Art und Gattung des Einfalles fest- 
lege, z. B. bestimme, daß man sich einen Eigennamen 
oder eine Zahl frei einfallen lassen solle. Dieser Ein- 
fall müßte noch willkürlicher, nodi unberechenbarer sein 
als der bei unserer Technik verwendete. Es läßt sich 
aber zeigen, daß er jedesmal strenge determiniert wird 
durdi wichtige innere Einsteilungen, die im Moment, 
-da sie wirken, uns niciit bekannt sind, ebensowenig be- 
kannt wie die störenden Tendenzen der Fehlleistungen 
*und die provozierenden der 2ufal1shandlungen. 
Ich und viele andere nach mir haben wiederholt 
:iolche Untersuchungen für Namen und Zahlen, die man 
sidi ohne jeden Anhalt einfallen läßt, angestellt, einige 
derselben auch veröffentlicht. Man verfährt dabei in der 
Weise, daß man zu dem aufgetauchten Namen fortlau- 
fende Assoziationen wedct, die also nicht mehr ganz 
frei, sondern wie die Einfälle zu den Traumelementen 
einmal gebunden sind, und dies so lange, bis man den 
Antrieb dazu ersdiöpft findet Dann hat man aber auch 
Motivierung und Bedeutung des freien Nameneinfalls 
auJgeklärt Die Versuche ergeben immer wieder das 
nämliche, ihre Mitteilung erstreckt sich oft über reid.es 



t 



102 ZWEiTERTSn.; DER TRAUM 

[viaterioi uud madit weitläufige Ausführungen uotwendifr. 
Die Assoziationen zu frei aufgetauditen Zahlen sind viel- 
leicht die beweiscudsten; sie laufen so scJinell ab und gelicn 
mit so unbegreiflicher Sitierheit auf ein verhülltes Ziel 
los, daß sie wirklidi verblüffend vrirken. !di will Ihnen nur 
ein Beispiel einer soldien Namenanalyse mitteilen, weil 
es sich günstiger weise mit wenig Material erledigen laßt. 
Im Laufe der Behandlung eines jungen Mannes kommo 
ich auf dieses Thema zu sprechen und erv.'älme den Satz| 
daß man sich trotz der ansdieinenden Willkür dodi 
keinen Namen einfallen lassen kann, der sich nidit als 
enge bedingt durch die nächstliegenden Verhältnisse, 
die Eigentümtichkeiten der Versudisperson und ihre 
momentane Situation erwiese. Da er zweifeit, sdilage 
ich ihm vor, ohne Aufsdiub selbst einen solchen Ver- 
such zu machen. Ich weiß, daß er besonders zahlreiche 
Beziehungen jeder Art zu Frauen und Mädchen unter- 
hält, und meine darum, er werde eine besonders große 
Auswahl haben, wenn er sich gerade einen Frauen- 
aamen einfallen lasse. Er ist damit einverstanden. Zu 
meinem, oder vielleidit eher zu seinem Erstaunen, bridit 
aber jetzt keineswegs eine Lawine von Frauennamen 
über midi los, sondern er bleibt eine Weile stumm 
und gesteht dann, daß ihm ein einziger Name in den 
Sinn gekommen sei, kein anderer daneben i Albine. — 
Wie merkwürdig, aber was knüpft sich für Sie an diesen 
Namen? Wieviel Albinen kennen Sie? — Sonderbar, 
er kannte keine Albine, und es fiel ihm zu dieseiR 
Namen auch weiter nichts ein. So konnte man annelimen, 
die Analyse set mißlungen; aber nein, sie war nur be- 
reits vollendet, es war kein weiterer Einfall erforderlich. 
Der Manu halte selbst ungewöhnlich helle Farben, in 
den Gesprächen der Kur hatte idi ihn wiederholt scherz- 
haft einen Albino genannt; wir waren eben damit be- 
schäftigt, den weiblichen Anteil an seiner Konstitution 
festzustellen. Er war also selbst diese Albine, das der- 
zeit für ihn interessanteste Frauenzimmer. 



i 



VI. VORAUSSETZÜNG EI J UND TECHKIK DER DEUTUNG 103 

Ebenso erweisen sldi Melodien, 6ie einem uuvei- 
iltelt einfallen, als bedingt durdi und zugehörig zu 
linem GedankenziLg, der ein Redit liat, einen zu be- 
äftigen, ohne daß maii um diese Aktivität weiß. Es 
dann leicht zu zeigen, daß die Beziehung zur IWelodie 
deren Text oder an ihre Herkunft anknüpft; ich muß 
aber so vorsichtig sein, diese Behauptung niclit auf 
vvjrklidi musikalische Menschen auszudehnen, über die 
icii zufällig keine Erfahrung habe. Bei solchen mag der 
musikalisdie Gehalt der Melodie für ihr Auftaudien 
maßgebend sein. Häufiger ist gewiß der erstere Fall. 
So weiß idi von einem jungen Manne, der von der 
allerdings reizenden Melodie des Parisliedes aus der 
„Schönen Helena" eine Zeitlang geradezu verfolgt wurde, 
bis ihn die Analyse auf die derzeitige Konkurrenz einer 
Ida" mit einer „Helene" in seinem Interesse aufmerk- 
madite. 
\fenn also die ganz frei auftauchenden Einfälle in 
solcher Weise bedingt und in einen bestimmten Zu- 
sammenhang eingeordnet sind, so werden wir wohl mit 
Recht scliließen, daß Einfälle mit einer einzigen Gebunden- 
heit, der an eine Ausgangsvorsteilung, nidit minder bedingt 
sein können. Die Untersudiung zeigt wirklich, daß sie 
außer der Gebundenheit, die wir ihnen durch die Aus- 
gangs Vorstellung mitgegeben haben, eine zweite Ab- 
hängigkeit von affcktmächtigen Gedanken- und Inter- 
essenkreisen, tComplexen, erkennen lassen, deren Mit- 
W'r^i"iS' ™ Moment nidit bekannt, also unbewußt ist. 
Einfälle von solcher Gebundenheit sind Gegenstand 
sehr lehrreicher experimenteller Untersuchungen ge- 
wesen, die in der Gesdiidite der Psydioanalyse eine 
bemerkenswerte Rolle gespielt haben. Die Wundtsche 
Schule hatte das sogenannte Assoziationsexperiment an- 
gegeben, bei welchem der Versudisperson der Auftrag 
erteilt wird, auf ein ihr zugerufenes Reizwort möglichst 
rftsdi mit einer beliebigen Reaktion zu antworten. Man 
l-.ann dann das Iiiiervatl studieren, das zwischen Reiz 



IT: 



und Reaktion verläuft, die Natur der als Reaktion ge- 
gebenen Antwort, den etwaigen Irrtum bei einer spätereu 
Wiederholung desselben Versuches und ähnliches. Die 
Züricher Schule unter der Führung von Bleuler und 
Jung hat die Erklärung der beim Asaoziationsexperi.' 
ment erfolgenden Reaktionen gegeben, indem sie die 
Versuchsperson aufforderte, die von ihr erhaltenen Reak- 
tionen durdi nacliträgliche Assoziationen zu erläutern, 
wenn äe etwas Auffälliges an sich trugen. Es stellte 
sidi dann hersus, daß diese auffälligen Reaktionen in 
der sdiärfsten Weise durch die Komplexe der Versuclis- 
person determiniert waren. Bleuler und Jung hatten 
damit die erste Brücke von der Expemnentalpsydiologic 
zuir Psydjoanalyse geschlagen. 

' In soltier Weise belehrt, werden Sie sagen könneni 
Wir anerkennen jetzt; daß freie Einfälle determiniert 
sind, nicht willkürlidi, wie wir geglaubt haben. Wir 
geben dies auch für die Einfälle zu den Elementen des 
Traumes zu. Aber das ist es ja nicht, worauf es uns 
ankommt Sie behaupten ja, daß der Einfall zum Traum- 
element durdi den uns nicht bekannten psychischen 
Hintei^und eben dieses Elements determiniert sein wird. 
Das acheint uns nicht erwiesen. Wir erwarten schon, 
daß sidi der Einfall zum Trauraelement durch einen der 
Komplexe des Träumers bestimmt zeigen wird, aber 
was nStzt uns das? Das führt uns nidit zum Verständ- 
nis des Traumes, sondern wie das Assoziationsexperi- 
raent zur Kenntnis dieser sogenannten Komplexe. Was 
baben diese aber mit dem Traum zu tun? 

Sie haben redit, aber Sie übersehen ein Moment 
Übrigens gerade jenes, wegen dessen ich das Assozia- 
tioöBexperiment nidit zum Ausgangspunkt für diese Dar- 
stellung gewählt habe. Bei diesem Experiment wird die 
eine Determinante der Reaktion, nämlich das Reizwort, 
von uns willkürlidi gewählt Die Reaktion ist dann eine 
Vermittlung zwischen diesem Reizwort und dem eben 
geweckten Komplex der VerEuclispersoa- Beim Traum ist 



1 



I 
I 



I 



VL VORAUSSErauSGBK UND TECHMK DER DEITTUNO IW 

das Reizwort ersetzt daidx etwas, was selbst aus dem 
Seelenleben des Träumers, aus ihm unbekannten Quellen, 
stammt, also sehr leicht selbst ein „Komplexabkömmling« 
sein könnte. Es ist darum die Erwartung nicht gerade 
phantastisch, daß auch die an die Traumelemente an- 
geknüpften weiteren Einfälle durch keinen anderen Kom- 
plex als den des Elements selbst bestimmt sein und 
auch zu dessen Aufdeckung führen werden. 

Lassen Sie mich an einem anderen Falle zeigen, daß 
es tatsädilidi so ist, wie wir es für unseren Fall er- 
warten. Das Entfallen von Eigennamen ist eigentlich 
ein ausgezeichnetes Vorbild für den Fall der Traum- 
anal3^e; nur bt hier in einer Person beisammen, was 
bei der Traumdeutung auf iwei Personen verteilt ist 
Wenn idi einen Namen zeitweilig vergessen habe, so 
habe ich doch die Sidierheit in mir, daß ich den Namen 
weiß! jene Sidierheit, die wir uns für den Träumer erst 
auf dem Umwege über das Bernheimsche Experiment 
aneignen konnten. Der vergessene und dodi gewußte 
Name ist mir aber nicht zugänglidi. Nachdenken, wenn 
autäi nodi so angestrengtes, hilft dabei nichts, das aagl 
mir bald die Erfahrung. Ich kann mir aber jedesmal 
an Stelle des vergessenen Namens einen oder mehrere 
Ersatznamen einfallen lassen. Wenn mir ein solcher Er- 
satzname spontan eingefallen ist, dann wird erst die 
Obereinstimmung dieser Situation mit der der Traum- 
analyse evident Das Traumelement ist ja auch nicKt 
das Richtige, nur ein Ersatz für etwas anderes, für das 
Eigentliche, das ich nidit kenne und durch die Traum- 
analyse auffinden soll Der Unterschied liegt wiederum 
nur darin, daß ich beim Namenvergessen den Ersatz 
unbedenklich ab das Uneijentlidie erkenne, während 
wir diese Auffassung für das Traumelement erst müh- 
_Belig erwerben mußten. Nun gibt es audi beim Namen- 
.vergessen einen Weg, vom Ersatz zum unbewußten 
Eigentlidien, zum vergessenen Namen zu kommen. Wenn 
ich caei&e Aufmerksamkeit auf diese Ersatznamen richte 



WS ^^g£^TER TEiLi der trau« 

und weitere Einfalle zu ihnen kommen lasse, so gelange icli 
nadi kürzeren oder längeren Umwegen zum vergesseaeii 
Mamen und finde dabei, daß die spontanen Ersatz- 
namen wie die von mir hervorgerufenen mit dem ver- 
gessenen in Beziehung standen, durch ihn determiniert 
waren, 

!di will Ihnen eine Analyse dieser Art vorführen: 
Eines Tages bemerke idi, daß idi über den Namen 
jenes Ländchens an der Riviera, dessen Hauptort Monte 
Carlo ist, nicht verfüge. Es ist zu ärgerlich, aber es ist 
Bö. Ich versenke mich in all mein Wissen um dieses 
Land, denke an den Fürsten Albert aus dem Hause 
Lusignan, an seine Ehen, seine Vorliebe für Tiefsee- 
forschur.gen, und was ich sonst zusamraenb'agen kann, 
aber es hilft mir nichts. Ich gebe also das Nachdenl'.en 
auf und lasse mir an Stelle des verlorenen Ei'satznamen 
einfallen. Sie kommen rasch. Monte Carlo selbst, dann 
Piemont, Albanien, Montevideo, CoHco. Albanien 
fällt mir in dieser Reihe zuerst auf, es ersetzt sich als- 
bald durdi Montenegro, wolil nach dem Gegensatze 
von Weiß und Schv/aiz. Dann sehe idi, daß vier dieser 
Ersatznamen die nämliche Silbe mon enthalten; idt 
habe plätzlidi das vergessene Wort und rufe laut: Mo- 
naco. Die Ersatznamen sind also wirklich vom ver- 
gessenen ausgegangen, die vier ersten von der ersten 
Silbe, der letzte bringt die Silbenfolge und die ganze 
Endsilbe wieder. Nebenbei kann ich auch leicht finden, 
was mir den Namen für eine Zeit weggenommen hat. 
Monaco gehört aucli zu München als dessen italieni- 
Bcher Name; diese Stadt hat den hemmenden Einfluß 
ausgeübt 

Das Beispiel ist gewiß sdion, aber zu elnfadi. In 
anderen Fällen müßte man zu den ersten Ersatznamen 
tine größere Reihe von Einfällen nehmen, dann wäse 
die Analogie mit der Traum an alyse deutlicher. Ich habe 
audi soldie Erfahrungen gemacht Als mich einmal ein 
Fremder einlud, itcUiciiisdieu Wein mit iliiu iu, tjinken. 



^^™ <Yt-iY:3 



i 



VL VORAUSSefZUNGEN UND TECHNIK DER ÜEUTUMa 107 

ciyab es sich iro Wittshause, daß er den Naraen jenes 
VCeines vergessen hatte, den er, weil er ihm im besten 
Gedenken geblieben war, zu beslelien beabsichtigte. 
Aus einer Fülle von disparaten Ersatzcmfiiilen, die dem 
Anderen an Stelle des vergessenen Namens kamen, 
konnte ich den Schluß ziehen, daS die Rüdtsicht auf 
irgend eine Hedwig ihm den Namen des Weines weg- 
genommen hatte, und wirklich bestätigte er nicht nur, 
daß er diesen Wein zuerst in Gesellschaft einer Hedwig 
_ verkostet, sondern fand auch durch diese Aufdecitung 
■seinen Namen wieder. Er war zu der Zeit glücldich 
verheiratet, und jene Hedwig gehörte früheren, nicht 
.gerne erinnerten Zeiten an. 

Was beim Namenvergessen möglicli ist, muß auch 
der Traumdeutung gelingen können, vom Ersatz aus 
idurch anknüpfende Assoziationen das verhaltene Eigent- 
Itdie zugänglich zu machen. Von den Assoziationen zum 
iTraumelement dürfen wir nach dem Beispiel des Namen- 
»ergessens annehmen, daß sie sowohl durcli das Traum- 
lement als durdi das unbewußte Eigentliche desselben 
determiniert sein werden. Somit hätten wir einiges' zur 
^Rechtfertigung unserer Teclmik vorgebraclit 

VII. VORLESUNG 

MANIFESTER TRAUMINHALT 
UND LATENTE TRAUMGEDANKEN 

[eine Damen und Herren! Sie sehen, wir haben die 

1 Felilleistungen nicht olme Nutzen studiert Dank 

diesen Bemüliungea haben wir — unter den Omen be- 

^kannten Voraussetzungen — zweierlei erworben, eine 

f Auffassung des Trauui Clements und eine Teefmik der 

([Traumdeutung. Die Auffassung des Traumelements geht 

äahin, es sei ein Uneigentliches, ein Ersatz für etwas 

nderes, dem Träumer Unbekanntes, ähnlicli wie die 

Tendenz der Feblieistung, ein Ersatz für etwas, wovon 

I Wissen iiu Ttäumür vorhanden, aber ihm nnsugäng- 



MB ZWEITER tEILi DERITtAUM 

lieh ist. Wir hoffen, dieselbe Auffassung auf den ganieu 
Traum, der aus solchen Elementen bestelif, übertragen 
2n können. Unsere Technik besteht darin, durdi freie 
Assoziation zu diesen Elementen andere Ersatzbildungen 
auftaudien m lassen, aus denen wir das Verborgene 
erraten können. 

leb schlage Ihnen jetzt vor, eine Abänderung unserer 
Nomenklatur eintreten zu lassen, die unsere Beweglich- 
keil erleichtem soll. Anstatt verborgen, unzugänglich^ 
tmeigentlidi sagen wir, indem wir die riditigc Beschrei- 
bung geben, dem Bewußtsein des Träumers unzugänglich 
oder unbewußt Wir meinen damit nichts anderes, aia 
was Ihnen die Beziehung auf das entfallene Wort oder 
auf die störende Tendenz der Fehlleistung vorhalten kann, 
nämlidi derzeit unbewußt Natürlich dürfen wir im 
Gegensatz biezn die Trauraelemente gelbst und die durch 
|Assoziation neu gewonnenen Ersatz Vorstellungen be- 
wußte heißen. Irgend eine theoretische Konstruiction 
ist mit dieser Namengebung noch nicht verbunden. Der 
Gebraudi des Wortes unbewußt als einer zutreffenden 
und leicht verständlichen Beschreibung ist tadellos. 

Übertragen wir unsere Auffassung vom einzelnen 
Element auf den ganzen Traum, so ergibt sicii also, daß 
der Traum als Ganzes der entstellte Ersatz für etwas 
anderes, Unbewußtes, ist, und als die Aufgabe der Traum- 
deutung, dieses Unbewußte zu finden. Daraus leiten sidi 
aber sofort drei wichtige Reg;eln ab, die wir wahrend 
der Arbeit an der Traumdeutung befolgen sollen: 

I. Man kümmere sich nicht um das, was der Traum 
zu besagen scheint, sei er verständig oder absurd, klar 
oder verworren, da es doch auf keinen Fall das von 
uns gesuchte Unbewußte ist, (eine naheliegende Ein- 
Echränkung dieser Regel wird sich uns später aufdrängen); 
2. man beschranke die Arbeil darauf, zu jedem Element 
die^Ersatzvorstellungen zu erwecken, denke nidit über 
sie. nach, prüfe sie nicht, ob sie etwas Passendes cnt- 
halten, kÜjnnLere sich nicht darum, wie weit sie vom 



i 



VII- MANIFESTER INHALT UHD LATENTER GEDANKE 109 

Xraumelement abfuhren! 3. man warte ab, bis sich das 
verborgene, gesucbte Unbewußte von selbst eiastellt, 
genau so wie das entfallene Wort Monaco bei dem 
beschriebenen Versuch. 

Wir verstehen jetzt auch, inwiefern es gleidigiiltig 
Ist, wieviel, wie wenig, vor allem aber wie getreu oder 
wie unsidier man den Traum erinnert Der erinnerte 
Traum ist ja doch nicht das Egentlidie, sondern ein 
entstellter Ersatz dafür, der uns dazu verhelfen soll, durch 
Erweckung vcn anderen Ereatzbi! düngen dem Eigent- 
lichen näherzukommen, das Unbewußte des Traumei be- 
wußt zu machen. War also unsere Erinnerung ungetreu, 
■o hat sie einfach an diesem Ersatz eine weitere Ent- 
stellung vorgenommen, die übrigens audi nidif unmoti- 
viert sein kann. 

Man kann die Deutungsarbeit an eigenen Traumen 
wie an denen anderer vollziehen. An eigenen lernt man 
sogar mehr, der Vorgang fällt beweisender ans, Versudit 
man dies also, so bemerkt man, daß etwas sich der 
Arbeit widersetzt. Man bekommt zwar Einfälle, läßt sie 
aber nicht alle gewahren. Es madien sich prüfende und 
auswählende Einflüsse geltend. Bei dem einen Einfall 
sagt man sich: Nein, das paßt nidit dazu, gehört nidit 
hieher, bei einem anderen: das ist zu unsinnig, bei einem 
dritten; das ist ganz nebensächlich, und man kann femer 
beobaditen, wie man mit soldien Einwendungen die Ein- 
fälle, noch ehe sie ganz klar geworden sind, erstickt 
und endlich audi vertreibt Also einerseits hängt man 
eich zu sehr an die Ausgangsvorstellung, ans Traum- 
element selbst, anderseits stört man durdi eine Auswahl 
das Ergebnis der freien Assoziation. Ist man bei der 
Traumdeutung nicht allein, läßt man seinen Traum von 
einem anderen deuten, so wird man sehr deuUich nodi 
ein anderes Motiv bemerken, welches man für diese un- 
erlaubte Auswahl verwendet Man sagt sich dann ge- 
legentlich: Nein, dieser Einfall ist zu unangenehm, den 
will oder kann ich nicht mitteilen. . . • 



m ggEITER TEIL ! f ftp. TOAUM . 

Diese Einwendungen drohen offenbar den Erfolg 
unserer Arbeit zu stören. Man muß sicJi gegen sie schützen, 
und man tut dies bei der eigenen Person durch dea 
festen Vorsatz, ihnen nidit nachzugeben; wenn man den 
Traum eines anderen deutet, indem man ihm als unver- 
brüchliche Regel angibt, er dürfe keinen Einfall von der 
Mitteilung ausschließen, audi wenn sidi eine der vier 
Einwendungen gegen ihn erhebe; er sei zu unwidiHg,' 
zu unsinnig, gehöre nicht hieher, oder er sei zu peiolidi 
für die Mitteilung. Er verspricht diese Regel zu befolgen,' 
und man darf sich dann darüber ärgern, wie sdiledit er 
Vorkommendenfalls dies Verspredien hält. Man wird sich 
dafür zuerst die Erklärung geben, daß ilim trotz der 
.tutoritativen Versidierung die Berechtigung der freien 
Assoziation nicht eingeleuchtet hat, und wird vielleicht 
daran denken, ihn zuerst theoretisch zu gewinnen, indem 
man ihm Schriften zu lesen gibt oder ihn in Vorlesungen 
schickt, durch weiche er zum Anliänger unserer An- 
sdiauungen über die freie Assoziation umgewandelt wer- 
den kann. Aber von soldien Mißgriffen wird man durch 
die Beobachtung abgehalten, daß bei der eigenen Person, 
deren Überzeugung man dodi sicher sein darf, die nära- 
lidien kritischen Einwendungen gegen gewisse Einfälle 
auftauchen, die erst nachträglich, gewisseimaßen in zweiter 
Instanz, beseitigt werden. 

Anstatt sich über den Ungehorsam des Träumers zu 
argen», kann man diese Erfahrungen verwerten, um etwas 
Neues aus ihnen zu lernen, etwas, was umso wichtiger 
ist, je weniger man darauf vorbereitet war. Man versteht, 
die Arbeit der Trauradeulung vollzieht sich gegen einen 
Widersland, der ihr entgegengesetzt wird, und dessen 
Äußerungen jene kritisdien Einwendimgen sind. Dieser 
Widerst£md ist unabhängig von der theoretischen Über- 
zeugung des Träumers. Ja man lernt noch mehr. Man 
macht die Erfalirung, daß eine solche kritisdie Einwen-, 
düng niemals Redit behält. Im Gegenteile, die Einfall^. 
die man so unterdrücken mÖdtte, erweisea sich aus; 



I 



^ vn. MANIFESTER INHALT UND LATEMTER r.EDAWK R m 

nahmslos als die wlditigsten, für das Auffinden des 
Unbewußten entscheidenden. Es ist geradezu eine Aus- 
zeichnung, wenn ein Einfall von. einer soldien Einwen- 
dung begleitet wird. 

Dieser Widerstand ist etwas völlig Neues, ein Phäno- 
men, welches wir auf Grund unserer Voraussetzungen 
gefunden haben, ohne daß es in diesen enthalten ge- 
wesen wäre. Wir sind von diesem neuen Faktor in un- 
serer Rechnung nicht gerade angenehm überrascht. Wir 
ahnen sclion, er wird unsere Arbeit nicht erleichtern. 
Er könnte uns dazu verführen, die ganze Bemühung um 
den Traum stehen 20 lassen. Etwas so Unwichtiges wie 
_ der Traum und dazu solclie Schwierigkeiten anstatt 
■ einer glatten Technik! Aber anderseits könnten uns ge- 
^^'rade diese Schwierigkeiten reizen und vermuten lassen, 
Hdalä die Arbeit der Mühe wert sein wird. Wir stoßen 
V regelmäßig auf Widerstände, wenn wir vom Ersatz, den 
W das Traumeleinent bedeutet, m seinem verstedtten Un- 
bewußten vordringen wollen. Also dürfen wir denken, 
es muß hinter dem Ersatz etv/as Bedeutsames versteckt 
sein. Wozu sonst die Schwierigkeiten, die das Verbergen 
aufrecht erhalten wollen? Wenn ein Kind diegeballte Hand 
nidit aufmadien will, um zu zeigen, was es in ihr hat, dann 
ist es gewiß etwas Unredites, was es nicht haben soll. 
Im Augenblick, da wir die dynamisdie Vorstellung 
eines Widerstandes in unseren Sadiverhalt einführen, 
müssen wir auch daran denken, daß dieses Moment 
etwas quantitativ Variables ist Es kann größere und 
kleinere Widerstände geben, und wir sind darauf vor- 
bereitet, daß sich diese Untersdiiede auch während un- 
serer Arbeit zeigen werden. Vielleicht bringen wir damit 
eine andere Erfahrung zusammen, die wir auch bei der 
Arbeit der Traumdeutung machen. Es bedarf nämücli 
manchmal nur eines einzigen oder einiger weniger Ein- 
fälle, um uns vom Traumelement zu seinem Unbewußten 
za bringen, während andere Male lange Ketten von 
Assoziationen und die Überwindung vieler, kritisclier 



m ZWEITER TEIL ! DER TimUM 

Einwendungen dazu erfordert wird. Wir werden uog 
sagen, diese Verschiedenheiten hangen mit den wediseln- 
den Größen des Widerstandes zusammen, und werden 
wahrscheinlich Recht behalten. Wenn der Widerstand 
gering ist, so ist auch der Ersatz vom Unbewußten 
nidit weit entfernt; ein großer Widerstand bringt aber 
große Entstellungen des Unbewußten und damit einen 
langen Rudczug vom Ersatz zum Unbewußten mit sidi. 
Jetrt wäre es vielleicht an der Zeit, einen Traum 
herzunehmen und unsere Technik an ihm zu versudien, 
ob sich unsere an sie geknüpften Erwartungen bestätigen. 
Ja, aber welchen Traum sollen wir dazu wählen? Sie 
glauben nicht, wie sdiwer mir diese Entscheidung fällt, 
und idi kann Ihnen audi noch nicht begreiflich machen, 
worin die Schwierigkeiten liegen. Es muß oKenbar 
Träume geben, die im ganzen wenig Entstellung erfahren 
haben, und es wäre das Beste, mit solchen anzufangen. 
Aber welche Träume sind die am wenigsten entstellten? 
Die verständigen und nidit verworrenen, von denen idi 
Ihnen bereits zwei Beispiele vorgelegt habe? Da würden 
wir sehr irre gehen. Die Untersuchung zeigt, daß diese 
Träume einen außerordentlich hohen Grad von Ent- 
stellung erfahren haben. Wenn ich aber unter Verzicht 
auf eine besondere Bedingung einen beliebigen Traum 
herausgreife, so werden Sie wahrscheinlidi sehr enttäusdit 
werden. Es kann sein, daß wir eine solche Fülle von 
Einfällen zu den einzelnen Traumelementen zu merken 
oder zu verzeichnen haben, daß die Arbeit vollkommen 
unübersichtlich wird. Sdireiben wir uns den Traum niedei 
und halten die Niederschrift aller dazu sich ergebenden 
Einfälle dagegen, so können diese leicht ein Vielfaches 
des Traumtextes ausmachen. Am zweckmäßigsten schiene 
es also, mehrere kurze Träume zur Analyse auszusuchen, 
von denen jeder uns wenigstens etwas sagen oder be- 
stätigen kann. Dazu werden wir uns auch entschließen, 
wenn die Erfahrung uns nidit etwa anzeigen sollte, wo 
war die wenig eutsteliten Traume wirklidi finden können. 



_ __ Vn. MANIFESTER IWHALT UND LATENTCR GEDANKE 113 
" Idi weiß aber nodi eine andere Erleichterung, die 
aberdies auf unserem Wege liegt. Anstatt die Dcnhing 
ganzer Träume in Angriff zu nehmen, wollen wir uns 
auf einzelne Traumelemente beschränken und an einer 
Reihe von Beispielen verfolgen, wie diese durdi die 
Anwendung unserer Tedinik Aufklärung finden. 

b) Eine Dame erzählt, sie habe als Kind sehr oH 
geträumt, der Hebe Gott habe einen spitzen Papier- 
hai auf dem Kopf. Wie wollen Sie das ohne die 
Hilfe der Träumerin Verstehen? Es klingt ja ganz un- 
smnig. Es ist nicht mehr unsinnig, wenn uns die Dame 
berichtet, daß man ihr als Kind bei Tische einen soldien 
Hat aufzusetzen pflegte, weil sie es nicht unterlassen 
konnte, auf die Teller der Gesdiwister zu schielen, ob 
eines von ihnen mehr bekommen habe als sie. Der Hut 
sollte also wie ein Sdieuleder wirken. Übrigens eine 
historisdie Auskunft' und ohne jede Schwierigkeit ge- 
geben. Die Deutung" dieses Elements und dsmit des 
ganzen kurzen Traumes ergibt sidi leidjt mit Hilfe eines 
weiteren Einfalls der Träumerin. „Da ich gehört hatte, 
der liebe Gott sei allwissend und sehe alles," sagt sie, 
„so kann der Traum nur bedeuten, daß ich alles weiß 
und alles sehe wie der liebe Gott, auch wenn man mich 
daran hindern will." Dieses Beispiel ist vielleicht zu 
einfadi. 

b) Eine skeptische Patientin hat einen längeren Traum, 
in dem es vorkommt, daß ihr gewisse Personen von 
meinem Buch Über den „Witz" erzählen und es sehr 
loben. Dann wird etwas erwähnt von einem „Kanal", 
vielleichfein anderes Buch, in dem Kanal vor- 
kommt, oder sonst etwas mit KanaK'?.' sie weiß 
es nicht ... es ist ganz unklar. 

Nun werden Sie gewiß zu glauben geneigt sein, daß 
das Element „Kanal" sich der Deutung entziehen wird, 
weil es selbst so unbestimmt ist. Sie haben mit der 
vermuteten Sdiwierigkeit recht, aber es ist nidit darum 
sAwer, weil es undeutlich ist, sondern es ist undeut- 

Pr»Bi Votlnmoif« o 



IM ZWElTERTElLt DERTRAIISf 



li(Ji auB einem anderen Grund, deoiaclben, der audi die 
Deutung sdiwer macht Der Träumerin fällt zu Kanal 
nidits ein; idi weiß natürli«^ audi nidifs zu sagen. Eine 
Weile später, in Wahrheit am aädislen Tage, erzählt 
sie, es sei ihr etwas eingefallen, was vielleicht dazu 
gehört. Audi ein Witz nämlich, den sie erzählen gehört 
hat Auf einem Sdiiff zwisdien Dover und Calais unter- 
hält sidi ein bekannter Schriftsteller mit einem Eng-- 
länder, weldier in einem gewissen Zusammenhange den 
Satz zitiert: Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas. 
Der Schriftsteller antwortet; Oui, le pas de Calab, — 
womit er sagen will, daS er Frankreidi großartig und 
England lächerlidi findest Der Pas de Calais bt aber 
doch ein Kanal, der Ärmelkanal nämlich, Canal la 
Mandie. Ob ich meine, daß dieser Einfall etwas mit 
dem Traum zu tun hat? Gewiß, meine ich, er gibt 
wirldidi die Lösung des rätselhaften Traumelcmcnts, 
Oder wollen Sie bezweifeln, daß dieser Witz bereits 
vor dem Traum als das Unbewußte des Elements „Kanal" 
vorhanden war, können Sie anaduncn, daS er nachtrage 
Uefa hinzugefundea wurde? Der Einfall bezeugt nMmlidi 
die Skepsis, die sich bei ihr hinter aufdringlicher Be- 
wunderung verbirgt, und der Widerstand ist wohl der 
gemeinsame Grund für beides, sowohl, daß ihr der 
Einfall so zögernd gekommen, als auch dafür, daß das 
entsprechende Traumelement so unbestimmt ausgefallen 
bt. Blicken Sie hier auf das Verhältnis des Traumele- 
ments zu seinem Unbewußten. Es ist wie ein Stückdien 
dieses Unbewußten, wie eine Anspielung darauf; durdi 
seine Isolierung ist es ganz unverständlich geworden. , 
c) Ein Patient träumt in läjigercm Zusammenhange: 
Um einen Tisch von besonderer Form sitzen 
mehrere Mitglieder seiner Familie usw. Zu diesem 
Tisdi fällt ihm dn, daß er ein solches Möbelstück bei 
einem Besudi bei einer bestimmten Familie gesehen hat. 
Dann setzen sidi seine Gedanken fort: In dieser Familiä 
hat es ein besonderes Verhältnis zwisdien Vater und 



r. 



vn, MAIflFEST E R INHALT UND LATF.NTF.R GEDANKE 113 

Sohn gegeben, und bald setzt er hinzu, daß es eigentlich 
zwlsdien ihm und seinem Vater ebenso steht. Der Tisch 
ist also in den Traum aufgenommen, lun diese Parallele 
ju bezeichnen. , 

Dieser Träumer war mit den Anforderungen der 
Traumdeutung langst vertraut.' Ein anderer hätte viel- 
lei<^t Anstoß daran genommen, daß ein so geringfügi- 
ges Detail wie die Form eines Tisches zum Objekt der 
Nachforschung genommen wird. Wir erklären wirklich 
nichts im Traum für zufällig oder gleichgültig und er- 
warten uns Aufschluß gerade von der Aufldärung so 
geringfügiger unmotivierter Details. Sie werden sich 
vielleicht noch darüber verwundem, daß die Traum- 
arbeit den Gedanken „bei uns geht es ebenso zu wie 
bei denen" gerade durcb die Auswahl des Tisches zum 
Ausdrude bringt Aber audi das erklärt sich, wenn Sie 
hören, daß die betreffende Familie den Namen: Tisch- 
ler trägt. Indem der Träumer seine Angehörigen an 
diesem Tisch Platz nehmen läßt, sagt er, sie seien auch 
Tisdiler, Bemerken Sie übrigens, wie man notgedrungen 
bei der Mitteilung soldier Traumdeutungen indiskret 
werden muß. Sic haben damit eine der Ihnen angedeu- 
teten Schwierigkeiten in der Auswahl von Beispielen , 
erraten. Ich hätte dieses Beispiel leicht durch ein an- 
deres ersetzen können, aber wahrsdieinlid) hätte ich 
diese Indiskretion nur um den Preis vermieden, daß 
id) an ihrer Statt eine andere begehe. 

Es sdieint mir an der Zeit, zwei Termini einzu- 
führen, die wir längst hätten verwenden können. Wir 
wollen das, was der Traum erzählt, den manifesten 
Trauminhalt nennen, das Verborgene, zu dem wir 
durch die Verfolgung der Einfälle kommen sollen, die 
latenten Traumgedanken, Wir aditen dann auf die 
Beziehungen zwisdien manifestem Trauminlialt und laten- 
ten Trauragedanken, wie sie sich in diesen Beispielen 
zeigen. Es können sehr verschiedene soldie Beziehungen 
bestehen. In den Beispielen a) und b) ist das manifeste 



!lf ' ' TWETTER TEII.; DBB TRAtlW '"''" ' 

Element auch ein Bestandteil der latenten Gedankw^ 
aber nur ein kleines Stück davon. Von einem großen 
zusammengesetzten psydüschen Gebilde in den unbe- 
wußten Traumgedanken ist ein Stüdtchen audi in den 
manifesten Traum gelangt, wie ein Fragment davon 
oder in andereii Fällen wie eine Anspielung darauf, wie 
ein Stidiwort, eine Verkürzung im TelegraphenstiL Die 
Deutungsarbeit hat diesen Brocken oder diese Andeu- 
tung zum Ganzen zu vervollständigen, wie es besonders 
schön im Beispiel b) geJui^en ist Die eine Art der 
Entstellung, in welcher die Traumarbeit besteht, ist 
also der Ersatz durch ein Bruchstück oder eine Anspie- 
lung. In c) ist überdies ein anderes Verhältnis au er- 
kennen, welches wir in den nachfolgenden Beispielen 
reiner und deutlicher ausgedrüd:t sehen. 

d) Der Träumer zieht eine bestimmte, ilmi bekannte 
Dame hinter dem Bett hervor. Er findet selbst 
durch den ersten Einfall den Sinn dieses Traumelements. 
Es heißt: er gibt dieser Dame den Vorzug. 
■ c) Ein anderer träumt, sein Bruder stecke in 
einem Kasten. Der erste Einfall ersetzt Kasten durch 
Schrank, und der zweite gibt darauf die Deutung; 
der Bruder schränkt sich ein, 

f) Der Träumer steigt auf einen Berg, von dem 
er eine außerordentliche, weite Aussicht hat 
Das klingt ja ganz rationell, es ist vielleicht nidits zu 
deuten daran, sondern nur zu erkunden, an welche 
Reminiszenz der Traum rührt, und aus welchem Motiv 
sie hier geweckt wurde. Allein Sie irren; es zeigt sich, 
daß dieser Traum gerade so deutungsbedürftig war wie 
irgend ein anderer, verworrener. Dem Träumer fällt 
dazu nämlich nidits von eigenen Bergbesteigungen ein, 
sondern er gedenkt des Umstandes, daß ein Bekannter 
von ihm eine „Rundschau" herausgibt, die sich mit 
unseren Beziehungen zu den fernsten Erdteilen beschäf- 
tigt. Der latente Traumgedanke ist also hier eine Iden- 
tifizierung des Träumers mit dem „Rundsdiauer". 



VJl. MANIFESTER INHALT UND LATENTeR GEDANKg 117 

Sie finden hier einen neuen Typus der Beziehung; 
iwisclien manifestem und latentem Traumelement. Das 
erstere ist nicht so sehr eine Entstellung des letzteren 
als eine Darstellung desselben, eine plastisdie, konkrete 
Verbildlichung, die ihren Ausgang vom Wortlaute nimmt 
Allerdings gerade dadurch wieder eine Entstellung, 
denn wir haben beim Wort längst vergessen, aus 
welchem konkreten Bild es hervorgegangen ist, und er- 
kennen es darum in seiner Ersetzung durch das Bild 
nicht wieder. Wenn Sie daran denken, daß der manifeste 
Traum vorwiegend aus visuellen Bildern, seltener aus 
Gedanken und Worten besteht, können Sie erraten, 

Pf)aß dieser Art der Beziehung eine besondere Bedeu- 
tung für die Traumbildung zukommt. Sie sehen auch, 
daß es auf diesem Wege möglich wird, für eine große 
Reihe abstrakter Gedanken Ersatzbilder im manifesten 
Traum zu schaffen, die doch der Absidit des Verbergens 
dienen. Es ist dies die Technik unseres Bilderrätsels. 
Woher der Ansctein des Witzigen kommt, den solche 
Darstellungen an sidi tragen, das ist eine besondere 
Frage, die wir hier nidit zu berühren braudien. 

Eine vierte Art der Beziehung zwischen manifestem 
und latentem Element muß ich Ihnen noch verschweigen, 
bis ihr Stidiwort in der Technik gefallen ist Ich werde 
Ihnen audi dann keine vollständige Aufzählung gegeben 
haben, aber es reicht so für unsere Zwedte aus. 

Haben Sie nun den Mut, die Deutung eines ganzen 
Traumes zu wagen? Machen wir den Versudi, ob wir 
für diese Aufgabe gut genug ausgerüstet sind. Idi werde 
natürlich keinen der dunkelsten wählen, aber doch einen, 
der die Eigenschaften eines Traumes in guter Ausprä- 
gung zeigt 

Also eine junge, aber sdion seit vielen Jahren ver- 
heiratete Dame träumt; Sie sitzt mit ihrem Manne 
im Theater, eine Seite des Parketts ist ganz un- 
besetzt Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr 
Bräutigam hätten auch g,ehen .wolle.n, l^ät.t^eu 



IIB nPElTER TEILi DER TRAUM 

aber nur schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 f|, 
50 kr., «nd die konnten sie ja nicht nehmen. 
Sie meint, es wäre auch kein Unglück gewesen. 
Das erste, was uns die Träumerin berichtet, ist, daß 
der Anlaß zum Traum im manifesten Inhalt desselben 
berührt wird. Ihr Mann halte ihr wirklidi erzählt, daß 
Elise U, eine ungefähr glcidialtrige Bekannte, sidi jetzt 
verlobt hat Der Traum ist die Reaktion auf diese Mit- 
teilung. Wr wissen bereits, daß es für viele Träume 
leidit med, einen soldien Anlaß vom Vortag für sie 
nadizuweisen, und daß diese Herleilungen vom Träumer 
oft ohne Schwierigkeiten angegeben werden. Auskünfte 
derselben Art stellt uns die Träumerin auch für andere 
Elemente des manifesten Traumes zur Verfügung, Woher 
das Detail, daß eine Seite des Parketts unbesetzt ist? 
Es ist eine Anspielung auf eine reale Begebenheit der 
vorigen Woche. Sie hatte sich vorgenommen, in eine 
gewisse Theatervorstellung zu gehen, und darum früh- 
zeitig Karten genommen, so früh, daß sie Vorverkaufs- 
gebühr zahlen mußte. Als sie ins Theater kamen, zeigte 
es sidi, wie überflüssig ihre Sorge gewesen war, denn 
eine Seite des Parketts war fast leer. Es wäre 
Zeit gewesen, wenn sie die Karlen am Tage der Vor- 
stellung selbst gekauft hätte. Du- Mann unterließ es audi 
nidit, sie wegen dieser Voreiligkeit zu nedcen. — 
Woher die 1 fl. 50 kr.? Aus einem ganz anderen Zu- 
sammenhange, der mit dem vorigen nidits zu tun hat, 
aber gleidifalls auf eine Nadiridit vom letzten Tage an- 
spielt, Hire Schwägerin hatte von ihrem Mann die Summe 
von 150 fL zum Gesclienfe bekommen und hatte nidits 
Eiligeres zu tun, die dumme Gans, als zum Juwelier zu 
laufen und das Geld gegen ein Sdmiudcstüdc einzu- 
tauschen, — Woher die 37 Dazu weiß sie nidits, wenn 
man nidit etwa den Einfall gelten lassen will, daß die 
Braut, Elise L., nur um 3 Monate jünger ist als sie, 
die seit fast zehn Jahren verheiratete Frau. Und der 
Unsinn, daß man 3 Karten nimmt, wenn man nur xa 



i 



VII, MANIFESTER INHALT UND lATENTCR GEDANKE 11 9 

zweien ist? Dazu sagt sie nichts, verweig^ert überhaupt 
alle weiteren Einfälle und Auskünfte. 

Sie hat uns aber docli soviel Material in ihren wenigen 
Einfällen zugetragen, daß daraus das Erraten der laten- 
ten Traumgedanken möglidi wird. Es muß uns auffallen, 
dafi in ihren Mitteilungen zum Traum an mehreren 
Stellen Zeitbestimmungen hervortreten, die eine Ge- 
meinsamkeit zwisdien verschiedenen Partien des Mate- 
rials begründen, Sie hat die Eintrittskarten ins Theater 
zu früh besorgt, voreilig genommen, so daß sie sie 
überzahlen mußte; die Sdiwägerin hat sidi in ähnlicher 
Weise beeilt, ihr Geld zum Juwelier zu tragen, um 
sich einen Sdimudi dafür zu kaufen, als ob sie es ver- 
säumen würde. Nehmen wir zu 6em so betonten „zu 
früh", „voreilig", die Veranlassung des Traumes hinzu, 
die Nachridit, daß die nur um 3 Monate jüngere 
Freundin jetzt dodi einen tüdiügen Mann bekommen 
hat, und die in dem Schimpf auf die Sch\rägerin aus- 
gedrückte Kritik: es sei unsinnig, sich so zu über- 
eilen, so tritt uns wie spontan folgende Konstruktion 
der latenten Traumgedanken entgegen, für welche der 
'manifeste Traum ein arg entstellter Ersatz ist: 

„Es war doch ein Unsinn von mir, mich mit der 
f'Heirat so zu beeilen! An dem Beispiel der Elise sehe 
id:, daß idi auch nodi später emen Mann bekommen 
' hätte." (Die Übereilung dargestellt durdi ihr Benehmen 
" beim Kartenkauf und das der Schwägerin beim Schmuck- 
' emkauf. Für das Heiraten tritt als Ersatz das Instheater- 
' gehen ein.) Das wäre der Hauptgedanke; vielleidit 
' können wir fortsetzen, obwohl mit geringerer Sidierheit, 
'weil die Analyse an diesen Stellen auf Äußerungen 
1 der Träumerin nidil hatte verzichten sollen: „Und einen 
flOOmal besseren hätte ich für das Geld bekommen!" 
I (150 fl. ist lOOmai mehr als 1 fl. 50.) Wenn wir für 
'das Geld die Mitgift einsetzen dürften, so liieße es, 
■ daß man sich den Mann durch die Mitgift erkauft; so- 
, wuhl der Sdimudc wie auch die schlcchteji Karten stüii- 



1^5 ZWEITER TEILi DER'fRAlflii 

den an Steile des Maimes. Nodi erwÜDscfater wäre ^ 
wenn gerade das Element „3 Karten" etwas mit einem 
Mann zu tim hätte. Aber soweit reidit unser Verständ- 
nis^ nodi nidit Wir haben nur erraten, der Traum 
drückt die Geringschätzung ihres eigenen Mannes 
und das Bedauern, so früh geheiratet zu haben, aus. 
Mein Urteü ist, daß wir von dem Ergebnis dieser 
ersten Traumdeutung mehr überrasdit und verwirrt als 
befriedigt sein werden. Zuviel auf einmal dringt da auf 
uns dn, mehr, als wir jetat schon bewältigen können. 
Wir merken schon, daß wir die Lehren dieser Traum- 
deutung nidit erschöpfen werden. Beeilen wir uns heraus- 
zugreifen, was wir als gesicherte neue Einsicht erkennen. 
Erstens: Es ist mericwürdig. in den latenten Ge- 
danken fällt der Hauptakzent auf das Element der Vor- 
eiligkeil; im manifesten Traum ist gerade davon nichts 
zu finden. Ohne die Analyse hätten wir keine Ahnung 
haben können, daß dieses Moment irgend eine Rolle 
spielt Es scheint also möglich, daß gerade die Haupt- 
sache, das Zentrale der unbewußten Gedanken, im mani- 
festen Traum ausbleibt Dadurdi muß der Eindrudc des 
ganzen Traumes gründlich verwandelt werden. Zweitens: 
Im Traum findet sich eine unsinnige Znsammenstellung, 
3 für 1 fl. 50; in den Traumgedanken erraten wir den 
Satz: Es war ein Unsinn (so früh zu heiraten). Kann 
man es abweisen, daß dieser GSdanke „es war ein 
Unsinn" gerade durch die Aufnahme eines absurden 
Elements in den manifesten Traum dargestellt wird? 
Drittens: Ein vergleichender Blidc lehrt, daß die Be- 
ziehui^ zwischen manifesten und latenten Elementen 
keine einfache ist, keinesfalls von der Art, daß immer ein 
manifestes Element ein latentes ersetit. Es muß viehnehr 
eine Massenbeziehung zwischen beiden Lagern sein, inner- 
halb deren ein manifestes Element mehrere latente vertreten 
oder ein latentes durch mehrere manifeste ersetzt sein kann. 
Was den Sinn des Traumes und das Verhalten der 
Träumerin zu ihm betrifft, wäre gleichfalls viel Über- 



I 



I Vn. MANIFESTER MHALT UND LATEMTOR QgDA^KE IM 
raacheodes zu sagen. Sie anerkennt wohl die Deutung-, 
aber sie wundert sidi über sie. Sie hat nicht gewußt, 
daß sie ihren Mann bo geringschätzt; sie weiß auch 
nidit, warum sie ihn so geringschätzen sollte. Daran ist also 
noch vieles unveratändlidi. Ich glaube wirldidi, wir sind 
noch aidit für eine Traumdeutung ausgerüstet und müssen 
■ uns erat weitere Unterweisung und Vorbereitung holen. 



M' 



VUL VORLESUNG 

KINDERTRÄUME 

eine Damen und Herren! Wir stehen unter dem Ein- 
drudse, daß wir zu rasch vorgegangen sind. Greifen 
wir um ein Stück zuriiclc Ehe wir den letzten Versuch 
unternahmen, die Sdiwierigkeit der Traumentstellung 
durdi unsere Technik zu bewältigen, hatten wir uns gesagt, 
es wäre das Beste, sie zu umgehen, indem wir uns an Träume 
halten, bei denen die Entstellung weggefallen oder sehr 
geringfügig ausgefallen ist, wenn es solche gibt Wir 

• weichen dabei wiederum von der Entwicklungsgesdüdite 
luiserer Erkenntnis ab, denn in Wirklichkeit ist man erst 
nach konsequenter Anwendung der Deutungstechnik und 
nach voUzogener Analyse der entstellten Träume auf die 
Existenz wlcher von Entstellung freier auftnerksam ge- 
worden. 

Die Träume, die wir sutien, finden sidi bei Kindern. 
Sie Bind kurz, klar, kohärent, leidit zu verstehen, un- 
iweideuüg und doch unzweifelhafte Träume. Qauben Sie 
aber nicht, daß alle Träume von Kindern dieser Art sind, 
Audi die Traumentstellung setzt sehr friih im Kindesalter 
ein, und es sind Träume von fünf- bis achtjährigen Kin- 
dern verzeichnet worden, die bereits alle Charaktere der 
spateren an sidi tragen. Wenn Sie sidi aber auf das Alter 
vom Beginn der kenntlidien seelisdjen Tätigkeit bis zum 
vierten oder fünften Jahr besdiränken, werden Sie eine 
l<eihe von Traumen aufbringen, die den infantil zu nennen- 
den Charakter haben, und daim in späteren Kinderjahren 



!22 ZWEITER TEtl.; DER TRAUM 

einzelne derselben Art finden können. Ja auch bei er- 
wachsenen Personen fallen unter gewissen Bedingungen 
Träume vor, die ganz den typisdi infantilen gleichen. 

An diesen Kinderträumen können wir nun mit großer 
Leiditigkeit und Sidierheit Aufsdilüsse über das Wesen 
des Träumers gewinnen, von denen wir hoffen wollen, 
daß sie sich als entsdieidend und allgemein gültig er- 
weisen werden. 

1. Man bedarf zum Verständnis dieser Träume keiner 
Analyse, keiner Anwendung einer Tedinik. Man braucht 
das Kind, welches seinen Traum erzählt, nicht zu be- 
fragen. Aber man muß ein Stück Erzählung aus dem 
Leben des Kindes dazu geben. Es gibt jedesmal ein 
Erlebnis vom Tage vorher, welches uns den Traum er- 
klärt. Der Traiun ist die Reaktion des Seelenlebens im 
Sdilafe auf dieses Erlebnis des Tages. 

Wir wollen uns einige Beispiele anhören, um unsere 
weiteren Schlüsse an sie anzulehnen. 

a) Ein Knabe von 22 Monaten soll als Gratulant 
einen Korb mit Kirsdien verschenken. Er tut es offen- 
bar sehr ungern, obwohl man ihm verspridit, daß er 
einige davon selbst bekommen wird. Am näclisten Morgen 
erzählt er als seinen Traum: He{r)mann alle Kirschen 
aufgessen. 

b) Ein Mädchen von 3'/4 Jahren wird zum erstenmal 
über den See gefahren. Beim Aussteigen will sie das 
Boot nicht verlassen und weint bitterlich. Die Zeit der 
Seefahrt scheint ihr zu rasch vergangen zu sein. Am 
nächsten Morgen: Heute nachts bin ich auf dem 
See gefahren. Wir dürfen wohl ergänzen, daß diese 
Fahrt länger angedauert hat. 

c) Ein 5'/4 jähriger Knabe wrd auf einen Ausflug 
ins Escherntal bei Hallstatt mitgenommen. Er halte 
gehört, Hallstatt liege am Fuße des Dachsteins. Für 
diesen Berg hatte er viel Interesse bezeugt Von der 
Wohoung in Aussee war der Dachstein schon zu sehen 
und mit dem Fernrohr konnte man die Simonyhütte 



vni. kindbrtrAume m 



rauf demselben ausnehmen. Das Kind hatte sidi wieder- 
holt bemüht, sie durdis Femrohr zu erblicken; es war 
unbekannt geblieben, mit welchem Erfolge. Der Ausflug 
begann in erwartungsvoll heiterer Stimmung. So oft ein 
neuer Berg in Sicht kam, fragte der Knabe: Ist das der 
Dachstein? Er wurde immer mehr verstimmt, je öfter 
man ihm diese Frage verneint hatte, verstummte später 
ganz und wollte einen kleinen Steig zum Wasserfall nicht 
mitmadien. Man hielt ihn für übermüdet, aber am nädisten 
Morgen ercahlte er ganz selig: Heute nadits habe idi 
geträumt, daB wir auf der Simonyhütte gewesen 
Bind, In dieser Erwartung hatte er sidi also an dem 
Ausflug beteiligt Von Einzelheiten gab er nur an, was 
er vorher gehört hatte; Man geht seda Stunden lang' 
auf Stufen hinauf. 

Diese drei Träume werden für alle gewünsditen Aus- 
künfte hinreichen. 

2. Wir sehen, diese Kinderträume sind nidit sinnlos; 
CS sind verständliche, vollgültige, seelische Akte. 
Erinnern Sie sidi an das, was ich Ihnen als das medizi- 
nische Urteil über den Traum vorgestellt habe, an das 
Gleichnis von den musikunkundigen Fini^em, die über 
die Tasten des, Klavier» hinfahren. Es wird Ihnen nicht 
entgehen, v/ie sdiarf sich diese Kiudcrträume dieser Auf- 
fassung widersetzen. Es wäre aber auch zu sonderbar, 
wenn gerade das Kind im Schlafe volle seelische Leistun- 
gen zustande brächte, wo sith der Erwachsene im gleidien 
Falle mit zucJtungsartigen Reaktionen begnügt Wir haben 
auch allen Grund, dem Kinde den besseren und tieferen 
Sdilaf zuzutrauen. 

3. Diese Träume entbehren der Traumentstellung; be- 
dürfen darum auch keiner Deutungs arbeit. Manifester und 
latenter Traum fallen hier zusammen. Die Traument- 
stellung gehört also nicht zum Wesen des Traumes. 
Idi darf annehmen, daß Urnen damit ein Stein vom Herzen 
fällt. Aber ein StücJtchen Traumentstellung, eine gewisse 
Differenz zwisdien dem manifesten Traum iiihalt und den 



'M ZWEITER TED. 1 DER TRAUM 



latenten Traumgedanken werdeu wir bei näherer Über- 
legung audi diesen Träumen zugestehen. 

4. Der Kindertraum ist die Reaktion auf ein Erlebais 
des T^res, welches ein Bedauern, eine Sehnsudit, einen 
unerledigten Wunsdi zurückgelassen hat Der Traum 
bringt die direkte, unverhüilte Erfüllung dieses 
Wunsches. Denken Sie nun an unsere Erörterungen 
über die Rolle körperlicher Reize von außen oder von 
innen als Sdilafstörer und Anreger der Träume. Wir 
sind mit ganz sicheren Tatsachen darüber bekannt ge- 
worden, konnten uns aber nur eine kleine Anzahl von 
Träumen auf solche Art erklären. In diesen Kinderträumen 
deutet nichts auf die Einwidcung solcher somatischer 
Reize; wir können darin nicht irre gehen, denn die 
Träume sind voll verständlich und leitet zu übersehen. 
Aber darum brauchen wir die Reizäfiologie des Traumes 
nicht aufzugeben. Wir können nur fragen, warum haben 
wir von Anfang an vergessen, daB es außer den körper- 
lichen audi seelische schlafstörende Reize gibt? Wir 
wissen doch, daS es diese Erregungen sind, welche die 
Sdilafstörung der Erwadisenen zumeist versdiulden, in- 
dem sie ihn daran verhindern, die seelisdie Verfassung 
des Einsdilafens, die Abziehung des Interesses von der 
Welt, bei sich herzustellen. Er möchte das Leben niclit 
unterbrechen, sondern lieber die Arbeit an den Dingen, 
die ihn beschäftigen, fortsetzen, und darum schläft er 
nicht. Ein solcher seelischer, den Sddaf störender Reiz 
ist also für das Kind der unerledigte Wunsch, auf welchen 
es mit dem Traum reagiert 

5. Von hier erhalten wir auf dem kürzesten Wege 
AufscliIuB über die Funktion des Traumes. Der Traum 
als Reaktion auf den psychischen Reiz muß den Wert 
einer Erledigung dieses Reizes haben, so daß er besei- 
tigt ist und der Schlaf fortgesetzt werden kann. Wie 
diese Erledigung durch den Traum dynamisch ermöglidit ■ 
wird, wissen wir nodi nidit, aber wir merken bereits, ~ 
daß der Traum nicht der Schlafstörer ist, als den 



I 



^___ vm. KrNOERTRÄUME fi! 

man ihn schilt, sondern der Schlafhüter, der Be- 
seifiger von Schlafstörungen. Wir finden zwar, wir 
hätten besser gesdilafen, wenn nicht der Traum gewesen 
wäre, aber wir haben unredit; in Wirklichkeit hätten ivir 
ohne die Hilfe des Traumes überbaupt nicht gesdilafen. 
Es ist sein Verdienst, daß wir soweit gilt geschlafen 
haben. Er konnte es nicht vermeiden, uns etwas zu stören, 
sowie der Nachtwächter oft nicht umhin kann, einigten 
Lärm zu machen, während er die Ruhestörer verjagt, die 
uns durdi den Lärm wecken wollen. 

6. Daß ein Wunsdi der Erreger des Traumes ist, die 
Erfüllung dieses Wunsches der bihalt des Traumes, das 
ist der eine Hauptcbarakter des Traumes, Der andere 
ebenso konstante ist, daß der Traum nidit einfach einen 
Gedanken zum Ausdrudt bringt, sondern als halluzina- 
torisches Erlebnis diesen Wunsch als erfüllt darstellt Ich 
möchte auf dem See fahren, lautet der Wunsdi, der 
den Traum anregt; der Traum selbst hat zum Inhalt: 
ich fahre auf dem See. Ein Unterschied zwisdien la- 
tentem und manifestem Traum, eine Entstellung des la- 
tenten Traumgedankena bleibt also auch für diese ein- 
fallen Kinderträume besteben, die Umsetzung des 
Gedankens in Erlebnis. Bei der Deutung des Traumes 
mnfi vor allem dieses Stüdc Veränderung rüdegängig 
gemacht werden. Wenn sich dies als ein allgemeinster 
Charakter des Traumes herausstellen sollte, dann ist das 
vorhin mi^eteilte Traum fragment „ich sehe meinen 
Bruder in einem Kasten" also nidit zu übersetzen 
„mein Bruder sdirSnkt sidi ein", sondern „ich mödite, daß 
mein Bruder sich einschränke, mein Bruder soll sich 
einschränken". Von den beiden hier aufgeführten all- 
gemeinen Charakteren des Traumes hat offenbar der 
iweite mehr Aussidit auf Anerkennung ohne Widereprud» 
als der erstere. Wir werden erst durch weitausgreifende 
Unterauchungen sidierstellen können, daß der Erreger 
des Traumes immer ein Wunsch sein muß, und nicht auch 
eine Besorgnis, efai Vorsatz oder Vorwurf sein kann, aber 



1Z6 ZWEITER TEIL: DER TRATJH 



davon wird der andere Charakter unbenilirt bleiben, daß 
derTraufli diesen Reiz nidit einfach wiedergibt, sondern 
iha durch eine Art von Erleben aufhebt, beseitigt, erledigt. 

7. In Anknüpfung an diese Charaktere des Traumes 
können wir audi die Vergleidiung des Traumes mit der 
Fehlleistung wieder aufnehmen. Bei letzterer unterscheiden 
wir eine störende Tendenz und eine gestörte, und die 
Fehlleistui^ war ein Kompromiß zwisdien beiden. In 
dasselbe Sdiema fügt sich audi der Traum. Die gestörte 
Tendenz kann bei ihm keine andere sein als die zu 
schlafen. Die störende ersetzen wir durch den psychi- 
schen Reiz, sagen wir also durdi den Wunsch, der auf 
seine Erledigung dringt, weil wir bisher keinen anderen 
schlafstörenden seelischen Reiz kennen gelernt haben. 
Der Traum ist auch hier ein Kompromißergebnis. Man 
schläft, aber man erlebt dodi die Aufhebung eines 
Wunsches; man befriedigt einen Wunsch, setzt dabei 
aber den Schlaf fort Beides ist zum Teil durchgesetzt 
und zum Teil aufgegeben. 

8. Erinnern Sie sidi, wir erhofften uns einmal einen 
Zugang zum Verständnis der Traumprobleme aus der 
Tatsache, daß gewisse für uns sehr durchsichtige Phan- 
tasiebildui^en „Tagträume" genannt werden. Diese 
Tagträume sind nun wirklich Wunsch erfiillungen, Er- 
füllungen von ehrgeizigen und erotischen Wünschen, die 
uns wohlbekannt sind, aber es sind gedacJite, wenn auch 
lebhaft vorgestellte, niemals halluzinatorisch erlebte. Von 
den beiden Hauptcharakteren des Traumes wird also hier 
der minder gesicherte festgehalten, während der andere 
als vom Sdilafzustand abhängig und im Wachleben nicht 
realisierbar ganz entfallt. Im Spradigebrauch liegt also 
eine Ahnung davon, daß die Wunsdierf üUung ein Haupt- 
charakter des Traumes ist. Nebenbei, wenn das Er-, 
leben im Traum nur ein durch die Bedingungen deai 
Schlafzustandcs ermöglichtes, umgewandeltes Vorstellen, 
also ein „näciitÜches Taglräumen" ist, so verstehen wir 
bereits, daß der Vorgang der Traumbildung den nacht- 



H 



i 



vin. kindertrAume 137 



I 
I 



m 



liehen Reiz aufbeben und Befriedigung bringen kann, 
denn auch das Tagträumen ist eine mit Befriedigunij 
verbundene Tätigkeit und wird ja nur dieser wegen 

gepfl^ 

Aber nicht nur dieser, aiidi anderer Spradigebraucli 
äußert sich in demselben Sinne, Bekannte Sprichwörter 
sagen: das Sdiwein träumt von Eidieln, die Gans vom 
Mais, oder fragen; wovon träumt das Huhn? Von Hirse, 
Das Spridiwort steigt also noeh weiter hinab als wir, 
vom Kind zum Tier, und behauptet, der Inhalt desTraumes 
sei die Befriedigung eines Bedürfnisses. So viele Rede- 
wendungen scheinen dasselbe anzudeuten wie: „traum- 
haft schön", „das wäre mir im Traum nicht eingefallen", 
„das habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht 
vorgestellt". Es liegt da eine offenbare Parteinahme des 
Sprachgebrauchs vor. Es gibt ja aud» Angstträuroe und 
Träume mit peinlidiem oder indifferentem Inhalt, aber 
sie haben den Spradigebraudi nicht angeregt Er kennt 
iwar „böse" Träume, aber der Traum schlechtweg ist ihm 
doch nur die holde Wunscherfüllung. Es gibt auch kein 
Sprichwort, das uns versichern würde, das Sdiwein oder 
die Gans träumen vom Gescäilachtetwerden. 

Es ist natürlidi undenkbar, daß der wunsdi erfüllende 
Charakter des Traumes von den Autoren über den Traum 
nicht, bemerkt worden wäre. Dies ist vielmehr sehr oft 
der Fall gewesen, aber es ist keinem von ihnen ein- 
gefallen, diesen Charakter als allgemeinen anzuerkennen 
und zum Angelpunkt der Trauraerklarung zu nehmen, 
Wir können uns wohl denken und werden audi darauf 
eingehen, was sie davon abgehalten haben mag. 

Sehen Sie nun aber, welche Fülle von Aufklärungen 
wir aus der Würdigung der Kinderträume gewonnen 
haben, und dies fast mühelos I Die Funktion des Traumes 
als Hüter des Schlafes, seine Entstehung aus zwei kon- 
kurrierenden Tendenzen, von denen die eijie konstant 
bleibt, das Schlaf verlangen, die andere einen psydiischen 
Reii zu befriedigen strebt, der Beweis, daß der Traum 



I2B ZWEfTER TEIL: DER TRAUM 

ein siunreidier, psycbischer Akt ist, seina beiden Haupt- 
diaraktere: Wunscherfüllung und halluzinatorisches Er- 
leben. Und dabei konnten wir fast vergessen, daß wir 
Psydioanalyse treiben. Außer der Anknüpfung an die 
Feblleistungea hatte unsere Arbeit kein spezifisches Ge- 
präge. Jeder Psydiologe, der von den Voraussetzun^n 
der Psychoanalyse nichts weiß, hätte diese Aufldärung 
der Kinderträume geben können. Waram hat es keiner 
getan? 

i Gäbe es nur solche Traume wie die infantilen, so 
wäre das Problem gelöst, unsere Aufgabe erledigt, und 
zwar ohne den Träumer auszufragen, ohne das Unbewußte 
heranzuziehen und ohne die freie Assoziation in Ansprudi 
zu nehmen. Nun hier liegt offenbar die Forlsetzung unserer 
Aufgabe. Wir haben schon wiederholt die Erfahrung ge- 
madit, daß Charaktere, die für allgemein gültig aus- 
gegeben waren, sidi dann nur für eine gewisse Art und 
Anzahl von Träumen bestätigt haben. Es handelt sidi 
also für uns darum, ob die aus den Kinderträumen er- 
sdilossenen allgemeinen Charaktere haltbarer sind, ob 
sie audi für jene Träume gelten, die nicht durdisiditig 
sind, deren manifester Inhalt keine Beziehung zu einem 
erübrigten Tageswunsd) erkennen läßt. Wir haben die 
Auffassung, daß diese anderen Träume eine weitgehende 
Entstellung erfahren haben und darum zunächst nidit zu 
beurteilen sind. Wir ahnen auch, zur Aufklärung dieser 
Entstellung werden wir der psydioanalyti sehen Technik 
bedürfen, die wir für das eben gewonnene Verständnis 
der Kinderträume entbehren konnten. 

Es gibt Jedenfalls notü eine Klasse von Traumen, die 
unentstellt sind und sidi wie die Kinderträume leicht 
als Wunscherfütlungen erkennen lassen. Es sind jene, die 
das ganze Leben hindurch durch die imperativen Körper- 
bedürfnisse hervorgerufen werden, den Hunger, den Durst, 
das Sexual Bedürfnis, also WunscherfüHungen als Reak- 
tionen auf innere Körperreize. So habe idi von einem 
19 Monate alten Maddiea einen Traum notiert, der aus 



i 



Vm. KIHUERTRAliMH m 



einem Menü unter Hinzufiiguag ihres Namens bestand 

(Anna F Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis, 

papp) als Reaktion auf einen Hungertag wegen gestörter 
Verdauung, welche Erkrankung gerade auf die im Traum 
zweimal auftretende Frucht zurüdtgeführt worden war. 
Gleidizeitig muSte aucli die Großmutter, deren Alter 
das der Enkelin eben zu siebzig ergänzte, infolge der 
Unruhe ihrer Wanderniere einen Tag lang fasten, und 
sie träumte in derselben Nacht, daß sie ausgebeten (zu 
Gaste) sei und die besten Ledcerbissen vorgesetzt er- 
halte. Beobachtungen an Gefangenen, die man hungern 
laßt, und an Personen, die auf Reisen und Expeditionen 
Entbehrungen zu ertragen haben, lehren, daß unter diesen 
Bedingungen regelmäßig von der Befiiedigung dieser 
Bedürfnisse geträumt wird. So berichtet Otto Nor- 
denskjöld in seinem Buche „Antarctic" 1904 über die 
mit ihm überwinterte Mannschaft (Bd, 1, p. 336): „Sehi 
bezeichnend für die Richtung unserer innersten Gedanken 
waren unsere Träume, die nie lebhafter und zahlreidier 
waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Ka- 
meraden, die sonst nur ausnahmsweise träumten, hatten 
jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen 
BUS dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange 
Geschichten zu erzählen. Alle bandelten sie von jener 
äußeren Welt, die uns jetzt so fem lag, waren aber oft 
unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt, . , Essen und 
(Trinken waren übrigens die Mittelpunkte, um die sidi 
unsere Träume am häufigsten drehten. Einer von uns, der 
nädtll icherweise darin exzeilierte, auf große Mittags- 
geselischaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des 
Moigens berichten konnte, ,daß er ein Diner von drei 
Gängen eingenommen habe'; ein anderer träumte von 
jTabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere von 
dem Schiff, das mit vollen Segeln auf dem offenen Wasser 
daherkam. Noch ein anderer Traum verdient der Erwäh- 
nung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt eine 
lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich 



1» '/^^EnUli TETLi HER TRAlHi 

warten lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert und erst 
nach großer Muhe sei es ihm gelungen, sie wieder zu 
erlangen. Natürlich beschäftigte man sich im Schlaf mit 
nodi unmög'lidieren Dingen, aber der Mangel an Phan- 
tasie in fast allen Traumen, die ich selbst träumte oder 
erzählen hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von 
großem psychologisdien Interesse sein, wenn alle diese 
Träume aufgezeichnet würden. Man wird aber leicht ver- 
stehen können, wie ersehnt der Sdilaf war, da er uns 
alles bieten konnte, was ein jeder von uns am glühend- 
sten begehrte." Nach Du Prel zitiere ich noch: «Mungo 
Park, auf einer Reise in Afrika dem Verschmachten nahe, 
träumte ohne Aufhören von wasserreichen Tälern und 
Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von Hunger 
gttjuälleTrenck in der Stemschanze zu Magdeburg von 
üppigen Mahlzeiten umgeben, und George Back, Teil- 
nehmer der ersten Expedition Franklins, als er infolge 
furchtbarer Entbehrungen dem HungGrlode nahe war, 
träumte stets und gleidimäßig von reidien Mahlzeiten," 

Wer sich durch den Genuß scliarf gewürzter Speisen 
zur Abendmahlzeil nächtlichen Durst erzeugt, der träumt 
dann leidtt, daß er trinke. Es ist natürlich unmöglidi, 
ein stärkeres E6- oder Trink be du rfnis durch den Traum 
zu erledigen; man wacht aus solchen Träumen durstig 
auf und muß nun reales Wasser zu sidi nehmen. Die 
Leistung des Traumes ist in diesem Falle praktisch ge- 
ringfügig, aber es ist nicht minder klar, daö sie zu dem 
Zwedc aufgeboten wurde, den Sdilaf gegen den zum 
Erwachen und zur Handlung drängenden Reiz festzuhalten. 
Über geringere Intensitäten dieser Bedürfnisse helfen 
die Befriedigungs träume oftmals hinweg. 

Ebenso schafft der Traum unter dem Einfluß der 
Sexualreize Befriedigungen, die aber erwähne ns weile 
Besonderheiten zeigen. Infolge der Eigenschaft des Se- 
xualtriebs, von seinem Objekt um einen Grad weniger 
abhängig zu sein als Hunger und Durst, kann die B& 
friedtgung im Pollutionstraum eine reale sein, und iuiaV^e 



VIÜ. KlKL)ERTRAUI.ffi 131 



trawisscr spriter zu erwiiluiendcr Stiwierigkeiten ia der 
geziehung zum Objekt kummt es besonders häufig vor, 
daß sidi die reale Befriedigung doch mit einem ur.deut- 
lidien oder entsteillen Trau min halt verbindet. Diese Eigen- 
tümlichlceit der Pollutioiisträurae macht sie, wie O. Rank 
bemerkt tiat, zu günstigen Objekten für das Studium 
der Traume nts teil ung. Alle Bedürfn isträume Erwachsener 
pflegen übrigens außer der Befriedigung noch anderes 
2U enthalten, ivas rein psychischen Reizquellen entstammt 
ond zu seinem Verständnis der Deutung bedarf. 

Wir wollen übrigens nicht behaupten, daß die nach 
infantiler Art gebildeten Wunschcrl'ü 11 ungstr au me der Et^ 
ivachsenen nur als Reaktionen auf die genamiten impera- 
tiven Bedürfnisse vorkommen. Wir kennen cLensowoJil 
kurze und klare Traume dieser Art unter dem Einfluß 
gewisser dominierender Situationen, die aus unzv/eifel- 
Jiaft psychisdieu Reizquellen herrüiiren. So z. ß. die Un- 
gcduldsträiime, wenn jemand die Vorbereitungen zu einer 
Reise, zu einer für ihn bedeutsamen Sdiaustcllung, zu 
aaem Vortrag, Besuch getroffen hat und nun die ver- 
frühte Erf'ÜSlung seiner Erwartung träumt, sich also in 
der Nadit vor dem Erlebnis an seinian Ziel angekommeil, 
im Theater, im Gespräch mit dem Besuchten sieht Oder, 
die mit Recht so genannten Bequemlichkeitsträume, wenn 
jemand, der gerne den Sdilaf verlängert, träumt, daß 
er bereits aufgestanden ist, sich wascht oder sich in den 
.Schule befindet, während er in Wirklichkeit weiterscJiläft, 
,iJäo lieber im Traum aufsteht als in Wirklichkeit Der 
Wunsdi zu schlafen, den wir als regelmäßig an der 
Traurabildung beteiligt erkannt haben/ wird in diesen 
Träumen laut und zeigt sieh in ihnen als der wesentlidic 
TraumbiMner. Das Bedürfnis zu schlafen stellt sich mit 
gutem Recht den anderen großen körperlichen Bedürf- 
nissen zur Seite. 

- Ich zeige Dinen an der Reproduktion eines Schwind- 
■dien Bildes aus der Schackgalerie in München, wie 
listig der Maler die Entstehung eines Trsuraes aus 



E 



m ZWEITER TEIL? DER TRAUM 

einer dominicrer.deii Situation erfaßt hat Es ist dei 
„Traum eines Gefangenen", der nidits anderes als seine 
Befreiung zum Inhalt haben kann. Es ist sehr hübscli, 
daß die Befreiung durch das Fenster erfolgen soll, denn 
durch das Fenster ist der Lichtreiz eingedrungen, dei 
dem Sdilaf des Gefangenen ein Ende macht. Die über- 
einander stehenden Gnomen repräsentieren wohl die 
eigenen sukzessiven Stellungen, die er beim Emporklcttern 
zur Hohe des Fensters einzunehmen hätte, und irre ich 
nicht, lege ich dem Künstler dabei nicht zuviel Absicht- 
lidikeit unter, so trägt der oberste der Gnomen, weldiet 
das Gitter durdisägt, also das tut, was der Gefangene 
selbst mödite, die näinlichcn Züge wie er selbst. 
I Bei allen anderen Träumen außer den Kinderträumen 
und denen von infantilem Typus tiitt uns, wie gesagt, die 
Traum entstell ung hindernd in den Weg. Wir können 
zunädist nicht sagen, ob aucli sie Wunsdierf üllungen sind, 
wie wir vermuten; wir erraten aus ihrem manifesten 
Inhalt niclit, welchem psydiisclien Reiz sie ihren Ursprung 
verdanken, und wir können nicht erweisen, daß sie sich 
gleichfalls um die Wegstiaffung oder Erledigung dieses 
Reizes bemühen. Sie müssen wohl gedeutet, d. h. über- 
setzt werden, ihre Entstellung rückgängig gemadit, ihi 
manifester Inhalt durch den latenten ersetzt, ehe wir ein 
Urteil darüber fällen können, ob das an den infantilen 
Träumen gefundene für alle Träume Gültigkeit bean- 
spruclien darf. 



IX. VORLESUNG 

DIE TRAUMZENSUR 



1 



feine Damen und Herrenl Entstehung, Wesen und 
1 Funktion des Traumes haben wir aus dem Studium 
der Kinderträume kennen gelernt. DieTräume sind Be- 
seitigungen schlaf störend er (psychischer) Reize 
auf dem Wege der halluzinierten Befriedigung. 
Von den Träumen der Erwachsenen haben wir allerdings 



i 



K- DIE TRAUMZENZUR IM 

iiur eine Gruppe aufkläi'en können, jene, die wir als 
Träume von infantilem Typus bezeichnet haben. Was es 
mit den anderen ist, wissen wir noch nicht, aber wir ver- 
stehen sie auch nicht. Wir habeu vorläufig ein Resultat ge- 
wonnen, dessen Bedeutung wir nicht unterschätzen wollen. 
Jedesmal, wenn uns ein Traum voll verständlich ist, erweist 
er sidi als eine halluzinierte WiinscherfüUung. Dies Zusam- 
mentreffen kann nicht zufällig und nicht gleichgültig sein. 

Von einem Traum anderer Art nehmen wir auf Grund 
verschiedener Überlegungen und in Analogie zur Auf- 
fassung der Fehlleistungen an, daß er ein entstellter Er- 
satz für einen unbekannten Inhalt ist und erst auf diesen 
zurückgeführt werden muß. Die Untersuchung, das Ver- 
ständnis dieser Traumentstellung ist nun unsere 
nädiste Aufgabe. 

Die Traumentstellung ist dasjenige, was uns den 
Traum fremdartig und unverständlidi erscheinen läflt. 
Wir wollen mehrerlei von ihr wissen: erstens, wovon sie 
herrührt, ihren Dynamismus, zweitens, was sie macht, und 
endlich, wie sie es madit. Wir können auch sagen, die 
Traumentstellung ist das Werk der TraiunarbeiL Wir 
wollen die Traumarbeit besdireiben und auf die in ihr 
wirkenden Kräfte zurückführen. 

Und nun hören Sie folgenden Traum an. Er ist von 
Mner Dame unseres Kreises' verzeidmet worden, stammt 
nach ihrer Auskunft von einer hoch angesehenen, fein- 
gebildeten älteren Dame her. Eine Analyse dieses Traumes 
ist nicht angestellt worden. Unsere Referentin bemerkt, 
daß es für Psychoanalytiker keiner Deutung bedürfe. Die 
Träumerin selbst hat ihn auch nicht gedeutet, aber sie 
htrt ihn beurteilt und so verurteilt, als ob sie ihn zu deuten 
Verstünde. Denn sie äußerte über ihn: Und solches abscheu- 
hdie, dumme Zeug träumt einer Frau von 50 Jahren, die 
Tag und Nacht keinen anderen Gedanken hat als die 
Soige um ihr Kind! 



' Frau Dr. von Hu^'HeHmutli. 



IJj ZWFJTER TEIL I DER TRAUM 

Und nun der Traum von den „Liehesdiensten", 
„Sie geht ins Gamisonsspital Nr. 1 und sagt dem Posten 
hohsi Tor, sie müsse den Oberarzt .... (sie nennt einen 
ihr unbekannten Namen) sprechen, da sie im Spitale Dienst 
tun wo'lc. Dabei betont sie das V/ort .Dienst' so, daß 
der Unteroffizier sofort merkt, es handle sidi um .Liebes'. 
cÜEnste. Da sie eine alte Frau ist, Vä&t er sie nadi einige^ 
Zo^rn passieren- Statt aber zum Obcrsrzt zu kommen, 
g^eiangt sie in ein großes, düsteres Zimmer, in dem viele 
Oiiiziere und Militärärzte an einem langen Tisdi atphen 
und sitzen. Sie wendet sich mit ihrem Antrag an eiocQ 
Stabsarzt, der sie nach wenigen Worten schon versteht, 
Der Wortlaut ihrer Rede im Traum ist: ,Ich und zahl- 
reiche andere Fraaen und junge Mädchen Wiens sind 
bereit, dfcn Soldaten, Mannsdiaft und Offiziere ohne Unter- 
schied, . , .' Hier folgt im Tranm ein Gemurmel Daß das- 
selbe aber von allen Anwe.ienden riditig verstanden wird, 
zeig'en ihr die teils verlegenen, teils häaiisclien Mieoen 
der Offiziere, Die Dame fährt fort: ,Idi weiß, daß unsei' 
Entschluß befremdend klingt, aber es ist uns bitterernst 
Der Soldat im Feld wird aurfi nicht gefragt, ob er sterben 
will oder nicht' Ein minutenlanges peinliches Schweigen 
folgt. Der Stabsarzt legt ihr den Arm um die Mitte und 
sagt: ,Gnädige Frau, nehmen Sie den Fall, es wlirde tat- 
sächlich dazu kommen, . , .' (Gemurmel), Sie entzieht sidi 
seinem Arm mit dem Gedanken; Es ist dodi einer wie 
der andere, und envidert; ,Mcin Gott, ich bin eine aUe 
Frau und werde vielleicht gar nidit in die Lege konunen. 
Übrigens eine Bedingung müßte eingehalten werden: die 
ßerüdcsiclitigung des Alters; daß nidit eine ältere Frau 
einem ganz jungen Bursdien . . . (Gemurmel); das wäre 
e)i',Betzlidi,' — Der Stabsarzt: ,Ich verstehe voUkoromen.' 
Einige Offiziere, darunter einer, der sidi in jungen Jahren 
um sie beworben hatte, lachen hell auf, und die Dame 
wünscht zu dem ihr bekannten Oberarzt geführt zu werden, 
dnniil alles ins Reine gebradit werde. Dabei fällt ihr zur 
grüBtun Bestürzung ein, daß sie Gcinen Namen uidit kennt 



! 



DL DIE TRAUM7ENSUR ISS 



per Stabsarzt weist sie trotzdem sehr höflidi und respekt- 
voll an, über eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, 
die direkt von dem Zimmer aus ia die oberen Stockwerke 
fuhrt, in den zweiten Stock zu g'ehart. Im Hinaufsteigen 
h5rt sie einen Offizier sag'en: ,Das ist ein kolossaler Ent- 
(tiluß. gleichgültig, ob einejungoder alt ist; alle Achtuiigl* 
|k Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie 
eine endlose Treppe hinauf. 

Dieser Traum wiederiiolt sich innerhalb weniger Wodictt 
noch zweimal mit — wie die Dame bemerkt — ganz: Uli« 
bedeutenden und recht sinnlosen Abänderungen." ' 

Der Traum entspricht in seinem Fortlauf einer Tages- 
pltantasie; er hat nur weniire Brudistcllen, und mandie 
^nzelheit in seinem Inbalt hatte durch Erkundigung geklärt 
werden können, was. wie Sie wissen, unterblieben ist Das 
Auffällige und für uns Interessante ist aber, daß der Traum 
mehrere Lüdcen zeigt, Lücken nidst der Erinnerung, sondern 
des Inhaltes. An drei Steilen ist der Inhalt wie ausgelöscht; 
die Reden, in denen diese Lüdten angebracht sind, werden 
iJurch ein Geraunnel uiiterbroclien. Da wir keine Analyse 
aogestellt haben, steht uns strenge genommen auch kein 
I^dit zu, etwas über den Sinn desTraumeszu äu&ern. Allein 
es sind Andeutungen gegeben, aus denen sich etwas folgern 
läßt, z. B. im Worte „Liebesdienste", und vor allem nötigen 
die Stücke der Reden, welche dem Gemurmel unmittelbar 
VoHiergehen, zu Ergänzungen, welche nicht anders als ein- 
deutig ausfallen können. Setzen wir diese ein, so ergibt 
pidi eine Phantasie des Inhalts, daß die Träumerin bereit 
Ut, in Erfüllung einer patriotischen Pflicht, ihre Person 
zur Befriedigung der Liebesbedürfnisse des Militärs, Offi- 
ziere wie Mannschaft, zur Verfügung zu stellen. Das ist 
gewiß hödiat anstößig, ein Muster einer frech libidinÖsen 
Phantasie, aber — es kommt im Traume gar nicht vor. 
Gerade dort, wo der Zusammenhang diests Bekenntnis 
fordern würde, findet sich im manifesten Traume ein 
undeuüiches Gemurmel, ist etwas verloren gegangen oder 
unterdrückt wuriieo. 



136 ZWEITER TEIL: DER TRAUM 

Ich hoffe, Sie erkennen es als naheliegend, daß eben 
die Anstößigkeit dieser Stellen das Motiv zu ihrer Unter< 
drückung war. Wo finden Sie aber eine Parallele zu 
diesem Vorkommnis? Sie brauchen in unseren Tagen 
nidit weit zu suchen. Nehmen Sie irgend eine politische 
Zeitung zur Hand, Sie werden finden, daß von Stelle zu 
Stelle der Text weggeblieben ist und an seiner Statt die 
Weiße des Papiers schimmert. Sie wissen, das ist das 
Werk der Zeitungszensur. An diesen leer gewordenen 
Stellen stand etwas, was der hohen Zensurbehörde miß- 
liebig war, und darum wurde es entfernt, Sie meinen, 
es ist schade darum, es wird wohl das Interessanteste 
gewesen sein, es war „die beste Stelle", 

Andere Male tat die Zensur nicht auf den fertigen 
Satz gewirkt Der Autor hat vorhergesehen, weldie Stellen 
die Beanstandung durch die Zensur zu erwarten haben, 
und hat sie darum vorbeugend gemildert, teidit modifi- 
ziert, oder sidi mit Annäherungen und Anspielungen an 
das, was ihm eigentlich aus der Feder fließen wollte, 
begnügt. Dann hat auch das Blatt keine leeren Stellen, 
aber aus gewissen Umschweifen und Dunkelheiten des 
Ausdrucks werden Sie die im vorhinein geübte Rück- 
sicht auf die Zensur erraten können. 

Nun wir halten diese Parallele fest, Wir sagen, audi 
die ausgelassenen, durdi ein Gemurmel verhüllten Traum- 
reden sind einer Zensur zum Opfer gebracht worden. 
Wir spredien direkt von einer Traumzensur, der ein 
Stück Anteil an der Trauraentstellung zuzuschreiben ist 
Überall, wo Lücken im manifesten Traum sind, hat die 
Traumzensur sie verschuldet. Wir sollten audi weiter- 
gehen und eine Äußerung der Zensur jedesmal dort er- 
kennen, wo ein Traumelement besonders sdiwadi, un- 
bestimmt und zweifelhaft, unter anderen deutlicher aus- 
gebildeten erinnert wird. Aber nur selten äußert sidi 
diese Zensur so unverhohlen, so naiv, möchte man sagen» 
wie in dem Beispiel des Traumes von den „Liebesdiensten". 
\T'eit öfter bringt sich die Zensur nach dem zweiten Typus 



1 



IX. ptETO A UMZENSUR 1^ 

jur Geltung, durch die Produktion von Absdiwachungen, 
Annäherungen, Anspielungen an Stelle des Eigentiidien, 
Für eine dritte Wirkungsweise der Traumzensur weiß 
ich keine Parallele aus dem Walten der Zeitungszensor; 
idi kann aher gerade diese an dem einzigen bisher analy- 
sierten Traumbeispiel demonstrieren, Sie erinnern siti an 
den Traum von den „drei schlechten Theaterkarten für 
1 f!. 50", In den Jatenten Gedanken dieses Traumes stand 
das Element „voreilig, zu früli" im Vordergründe. Es 
hieß: Es war ein Unsinn, so früh zu heiraten, — es 
war auch unsinnig, sich so früh Theaterkarten zu be- 
sorgen, — es war lächerlich von der Sdiwägerin, ihr Geld 
GO eilig auszugeben, um sich dafür einen Schmudf: zu 
ikaufen. Von diesem zentralen Element der Traumgedanken 
ist nichts in den manifesten Traum übergegangen; hier 
ist das haa-Theater-Gehen und Karten-Bekommen in den 
[Mittelpunkt gerückt. Durch diese Verschiebung des Ak- 
.zents, diese Umgruppienmg der hihaltselemcnte, wird der 
manifeste Traum den latenten Traumgedanken so unähn- 
lifii, daß niemand diese letzteren hinter dem ersteren 
vermuten würde. Diese Akzentverschiebung ist ein Haupt- 
mittel der Traumentstellung und gibt dem Traum jene 
Fremdartigkeit, deren wegen ihn der Träumer selbst nicht 
als seine eigene Produktion anerkennen möchte. 

Auslassung, Modifikation, Umgruppierung desMatcrials 
sind also die Wirkungen der Traumzensur und die Mittel 
der Traumentstellung. Die Traumzensur selbst ist der Ur- 
heber oder einer der Urheber der Traumenlstellung, deren 
Untersuchung uns jetzt beschäftigt. Modifikation und Um- 
ordnung sind wir auch gewohnt als „Verschiebung" 
zusamm enztitassen. 

Nach diesen ßen\erkungen über die Wirkungen der 
Traumzensur wenden wir uns nun ihrem Dynamismus zu, 
'^t Ich hoffe, Sie nehmen den Ausdruclt nicht allzu anthro- 
■ pomorph und stellen sidi unter dem Traumzensor nicht 
Hein kleines gestrenges Männlein oder einen Geist vor, 
H;der in einem Gchimkrimmerlein wohnt und dort seines 

m 



IM rWETTER TEIL : DER ITWffit 

Amtes waltet, aber auch nicht allzu lokalisatorisdi, so 
daß Sie an ein »Gehimzentrum" denken, von dem ein 
solcher Mcsurierender Einfluß ausgeht, weldier mit der 
Beschädigung oder Entfernung dieses Zentrums aufge- 
Loben wäre. Es bt vorläufig nichts weifer als ein gut 
brauchbarer Tenniims für eine dynamische Beziehuim 
Dieses Wort hindert uns nicht zu fragen, von weldien 
Tendenzen sojdier Einfluß geübt wird und auf welche- 
wir werden auch nicht uberraacht sein zu erfahren, daß 
wir sclion früher einmal auf die Traumzensur gestoßen 
sind, vielleidil ohne sie zu erkennen. 

Das ist nämlich wirklich der Fall gewesen. Eiinnern 
Sie sich, daß wir eine überraschende Erfahrung machten, 
als wir unsere Technik der freien Assoziation anzuwenden 
begannen. Wir bekamen da zo spüren, daß sich un- 
seren Bemühungen, vom Traumelement zum unbewußten 
Element zu gelangen, dessen Ersatz es ist, ein Wider- 
stand entgegenstellte. Dieser Widerstand, sagten wir, 
kann versdueden groß sein, das eine Mal riesig, das 
andere Mal recht geringfügig. Im letzteren Falle brau- 
dien wir für unsere Deutimgsarbeit nur wenige Zwisdien- 
gliederzu passieren; wenn er aber groß ist, dann haben 
wir lange Assoziationsketten vom Element ber zu durch- 
messen, werden weit von diesem weggeführt und müssen 
unterwegs alle die Schwierigkeiten überwinden, die sidi 
als kritisdie Einwendungen gegen den Einfall ausgeben. 
Was uns bei der Deutungsarbeit als Widerstand ent- 
gegentritt, das müssen wir nun als Traumzensur in die 
Traumarbeit eintragen. Der Deutungs widerstand ist 
nur die Objektivierung der Traumzensur. Er beweist 
uns auch, daß die Kraft der Zensur sich nidit damit 
erechöpft hat, die Traumentstellung herbeizuführen, und 
seither erloschen ist, sondeni, daß diese Zensur als 
dauernde Institution mit der Absicht, die Entstellung 
aufrecht zu halten, fortbesteht Übrigens wie der Wider- 
stand hei der Deutung für jedes Element in seiner 
Stärke wechselte, so ist audi die durch Zensur heibei« 



i 



IX. DISir.MJHZENSUR tSI 



I 



geführte Entstellung in demselben Traume für jetJes 
Element versdiieden groß ausjfefallen, Vcrg-leidit mati 
tuanifesteu und latenten Traum, so sieht man, eimeiue 
latente Eleaiente Bind voUig eliminiert worden, andere 
Qiehr oder weniger modifiziert, und nach andere sind 
unverändert, ja vielleicht verstärkt in den manifesten 
Trouminhalt hinöberg-enoninien worden. 

V/ir wollten eber untersuchen, weldie Tendenzen 
die Zensur ausüben und gegen welche. Nun diese fiir 
das Verständnis des Traumes, ja vielleicht des Mensclien- 
lebens, fundamentale Frage ist. wenn wir die Reihe der 
Eur Deutung gelangten Träume überhlidcen, leidit ni 
beantworten. Die Tendenzen, welclie die Zensur aus- 
üben, sind solche, welche vom wachen Urteilen des 
Träumers anerkannt werden, mit denen er sich einig 
füblt. Seiea Sie versidiert. wenn Sie eine korrekt durch- 
geführte Deutung eines eigenen Traumes ahtehnen, so 
tun Sie es aus denselben Motiven, mit deiieu die Traura- 
lensur geübt, die Traumentstell itng produziert und die 
Deutmig notwendig Q-emaclit wurde. Denken Sie sn den 
Traum unserer SOjährigen Dame, Sie findet ihren Traum, 
ohne ihu gedeutet zu haben, «bsdieulicli, wurde nodi ent- 
rüsteter gewesen sein, wenn ihr Frau Dr. v, Hug et- 
was von der unerläßlichen Deutung mitgeteilt hätte, 
und eben dieser Verurteilung wegen haben sidi in ihrem 
Traum die anstößigsten Stellen durdi eiu Gemunnei 
ersetzt 

Die Teudenieu aber, gegen weldie aJdi die Traum- 
zensur riditet, muß man zunächst vom Standpunkt dieser 
Instana selbst hssdireiben. Dann kann man nur sagen, 
iie seien durchaus verwerflicher Natur, anstoßig in ethi- 
sdier, ästhetisdier, sozia-er Hinsldil, Dinge, an die man 
gar nicht zu denken wagt oder nur mji Absdieu denkt. 
Vor allem sind diese zensurierten und im Traum zu einem 
entstellten Ausdrude ifelangten Wünsche Äußerungen 
eines schranken- und rüdtsiditslosen Egoismus. Und zwar 
Lommt dos eigene Idi iii ledern Traum vor und spielt 



HO 



ZWEITER TEIL: DER TRAUM 



in jedem die Hauptrolle, auch wenn es sich für den 
manifesten Inhalt gut zu verbergen weiß. Dieser „sacro 
egoisnio" des Traumes ist gewiß nicht außer Zusammen- 
hang mit der Einstellung zum Schlafen, die ja in der 
Abziehung des Interesses von der ganzen Außenwelt 
besteht. 

Das aller elliisclier Fcssein entledigte Ich weiß sidj 
auch einig mit ollen Ansprüchen des Sexualstrebens, 
solchen, die längst von unserer ästhetischen Erziehung 
verurteilt worden sind, und solchen, die allen sittlichen 
ßeschränkungsf orderungen widersprechen. Das Lustbe- 
streben — die Libido, \vie wir sagen — wählt ihre Ob- 
jekte hemmungslos, und zwar die verbotenen am liebsten, 
Nicht nur das Weib des anderen, sondern vor allem 
iazestuöse, durch menschliclie Übereinkunft geheiligte 
Objekte, die Mutter und die Schwester beim Manne, 
den Vater und den Bruder beim Weibe. {Audi der Traum 
unserer SOjährigen Dame ist ein inzestuöser, seine Libido 
unverkennbar auf den Sohn gerichtet.) Gelüste, die wini 
ferne von der menschlichen Natur glauben, zeigen sich! 
stark genug, Träume zu erregen. Auch der Haß tobt'] 
sich schrankenlos aus. RatJie- und Todeswünsche gege 
die nächststehenden, im Leben geliebtesten PersoneUfJ 
die Eltern, Geschwister, den Ehepartner, die eigenenJ 
Kinder sind nichts Ungewöhnlidies. Diese zensuriertenj 
Wünsche scheinen aus einer wahren HÖIle aufzusteigen;! 
keine Zensur scheint uns nach der Deutung im WadieaJ 
hart genug gegen sie zu sein. 

Machen Sie aber aus diesem bösen hihalt dem TrauraJ 
selbst keinen Vorwurf, Sie vergessen doch nicht, dafil 
er die harmlose, ja nützliche Funktion hat, den Sclilafj 
vor Störung zu bewahren. Solche Schleditigkeit liegtj 
nicht im Wesen des Traumes. Sic wissen ja auch, dafii 
CS Träume gibt, die sidi als Befriedigung bereclitiglerJ 
Wünsche und dringender körperlicher Bedürfnisse er-J 
kennen lassen. Diese haben allerdings keine Traument- 
Stellung; sie brauchen sie aber auch nicht, sie könoenJ 



K, DIE TRAUMZENSUR 141 

ihrer Funktion genügen, ohne die ethischen und ästheti- 
schen Tendenzen des Ichs zu beleidigen. Auch halten 
Sie sich vor, daß die Traumentstellung- zweien Faktoren 
proportional ist. Einerseits wird sie um so großer, je ärger 
der zu zensurierende V/unsch ist, anderseits aber auch, je 
strenger derzeit die Anforderungen der Zensur auftreten. 
Eiu junges, strenge erzogenes - und sprödes Mäddien 
'idrd darum mit unerbittlicher Zensur Traumregungen 
entstellen, weldie wir Ärate z. B. als gestattete, harm- 
los libidinöse Wünsdie anerkennen müßten, und die die 
Träumerin selbst ein Dezennium spater so beurteilen wird. 
Im übrigen sind wir nodi lange nicht so weit, uns 
I über dies Ei^ebnis unserer Deutungsarbeit entrösten 
[,zu dürfen. Ich glaube, daß wir es hoch nicht reclit ver- 
fstehen; vor allem aber obliegt uns die Aufgabe, es 
5'en gewisse Anfedituiigen sicherzustellen. Es ist gar 
[.oicbt schwer, einen Haken daran zu finden. Unsere 
t Traumdeutungen sind unter den Voraussetzungen ge- 
nadit, die wir vorhin eiubekaimt haben, daß der Traum 
j" überhaupt einen Sinn habe, daß man die Existenz der- 
Lzeit unbewußter seelischer Vorgänge vom hypnotischen 
pauf den normalen Schlaf übertragen dürfe und daß alle 
Einfalle determiniert seien. Wären wir auf Grund dieser 
Pi,yoraussetzungen zu plausiblen Resultaten der Tvaum- 
;>deutang gekomr.ien, so hätten wir mit Recht geschlossen, 
[idieae Voraussetzungen seien riclitig gewesen. Wie aber, 
(wenn diese Ergebnisse so aussehen, wie ich es eben 
gescliildert habe? Dann liegt es dodi nahe zu sagen; 
Es sind unmögliche, unsinnige zum mindesten sehr un- 
vahrscheiulidie Resultate, also war etivas au den Vor- 
taussetzußgen falsdi. Entweder ist der Traum dodi kein 
ppsycliisches Phänomen, oder es gibt nichts Unbewußtes 
im Normalzustand, oder unsere Tediiiik hat irgendwo 
ein Ledc. Ist das nicht einfacher und befriedigender an- 
nehmen als alle die ScheußKdikeiten, die wir auf 
[Grund unserer Voraussetzungen angeblich aufgedeckt 
Ihabcn? 



1« ZWEITER TEIL: DER TftjWTi 



Beidcsl SuwohJ einfacher als auch befriedigender, abet 
darum nicht notwendig richtiger. Lassen wir uns Zeit, die 
Sache ist aodi nicht spfuchreif. Vor allem köanco wir 
die Kritik gegen unsere Traumdeutungen noch verstärken. 
Daß die Ergebnisse derselben so unerfreulich und un- 
appetitlicli sind, fiele vielleicht nicht so schwer ins Gewidit 
Ein stärkeres ArgTiment ist es, daß die Träumer, deneo 
wir aus der Deutung ihrerTräumc solche Wunsch tendenzen 
lusdiieben, diese aufs nachdrüddichste und mit guten 
Gründen von sich weisen. 'lÄ'as? sagt der Eine, Sie wollen 
mir aus dem Traume nachweisen, daß es mir leid uni 
die Summen tut, die ich. für die Ausstattung meiner 
Sdiwester und die Erziehung meines Bruders aufgewendet 
habe? Aber das kann ja nicht sein; ich arbeite ja nur 
für meine Geschwister, ich habe kein anderes Interesse 
im Leben, als meine Pfliditen gegen sie zu crfülllen, 
wie ich es als Ältester unserer seligen Mutter versprochen 
habe. Oder eine Träumerin sagt: Idi soll meinem Manne 
den Tod wuschen. Das ist ja ein empörender Unsinn! 
Nidit nur, daß wir in der glüdilichsten Ehe leben, — das 
werden Sie mir wahiscbeinlich nicht glauben, — sein Tod 
v/ürde mich auch um alles bringen, was ich sonst in der 
Welt besitze. Oder ein anderer wird uns erwidern: Ich 
soll sinnliche Wünsche auf meine Schwester richten? Das 
ist lächerlich; ich maciie mir gar nidits aus ihr; wir stehen 
sddecht miteinander und ich habe seit Jahren kein Wort 
mit ihr gewedisetl. Wir würden es vielleicht noch leicht 
nehmen, wenn diese Träumer die ihnen zugedeuteten 
Tendenzen nidit bestätigten oder verleugneten; wil, 
könnten sagen, das sind eben Dinge, die sie von sie 
nicht wissen. Aber daß sie das genaue Gegenteil eine 
solchen gedeuteten Wunsdies in sich verspüren und un 
die Vorherrschaft dieses Gegensatzes durch ihre Lebens 
führuug beweisen können, das muS uns doch endüc 
stutzig madien. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, die ga 
Arbeit an der Traumdeutung als etwas, was durdi sein 
Resultate ad absurdum geführt Ut, bei Seite zu weifen? 



ECDIETEAUMKGMSUH 1« 



Nein, oodi immer niclit Audi dieses staricei-e Argu- 
0ieiit zerbridit, wenn wir es kritisch angreifen. Voraus- 
gesetzt, dafJ es unbewußte Tendenzen im Seelenleben 
rribt, SQ hat es gar keine Beweiskraft, wenn die ihnen 
entj^egenge setzten im beivufiten Leben als herrschend 
nachgewiesen werden. Vielleicht gibt es im Seelenleben 
auch Raum für gegensätzliche Tendenzen, für Wider- 
spruche, die nebeneinander bestellen; ja möglicherweise 
jgt gerade die Vorherrschaft der einen Regung eine Be- 
dingung für das Unbewußtsein ihres Gegensatzes, Es 
bleibt also doch bei den zuerst erhobenen Einwendungen, 
die Resultate der Traumdeutung seien nicht einfadi und 
lehr unerfreulidi. Aufs erste ist zu erwidern, daß Sie mit 
aller Schwärmerei für das Einfache nicht eines derTrauia- 
probleme lösen können; Sie müssen sich da schon zur 
Annahme komplizierter Verhältnisse bequemen. Und zum 
j;weiten, daß Sie offenbar iinredit daran tun, ein Wohl- 
gefallen oder eine Abstoßung, die Sie verspüren, als 
lidotiv für ein wissenschaftliches Urteil zu verwenden, 
Was madit es, daß Ihnen die Resultate der Traumdeutung 
unerfreulich, ja beschämend und widerwärtig erscheinen? 
Qa n'empeehe pas d'exister, habe ich als junger 
Doktor meinen Meister Charcot in ähnlichem Falle sagen 
gehört Es heiQt demütig sein, seine Sympathien und Anti- 
pathien fein zurückstellen, wenn man erfahren will, wa3 
iu dieser Welt real ist Wenn Dmen ein Physiker beweisen 
kann, daß das organische Leben dieser Erde binnen kurzer 
Frist einer völligen Erstarrung wciclien muß, getrauen Sic 
sidi auch ihm zu entgegnen: Das kann nicht sein; diese 
Aussicht ist zu unerfreuliih? Ich meine, Sie werden schwei- 
gen, bis ein anderer Physiker kommt und dtm ersten einen 
Fehler in seinen Voraussetzungen oder Bereclmungen natii- 
weist Wenn Sie von sich weisen, was Ihnen unangenehm ist, 
BO wiederholen Sie vielmehr den Mechanismus derTraum- 
bildung, anstatt ihn zu verstehen und ihn zu fiberwinden. 

Sic versprechen dann vielleiclit, von dem abstoßenden 
Charakter der zeusurierteu Truumwüosche abzusehen. 



>» ?AVEITER Tr^ILi DER TRAUM 

und zielien sich auf das Argument zurück, es sei doch 
unwalirscheinüch, daß man dem Bösen in der Konsti- 
tution des Menschen einen so breiten Raum zugestehen 
solle. Aber berechtigen Sie Ihre eigenen Erfahrungen 
dazu, das zu sagen? Ich will nicht davon sprechen, wie 
Sie sich selbst erscheinen mögen, aber beben Sie so 
viel Wohlwollen bei Ihren Vorgesetzten und Konkur- 
renten gefunden, so viel Ritterliclikeit bei Ihren Feinden, 
und so wenig Neid in Ihrer Gesellsciiaft, daß Sie sidi 
verpflichtet fühlen müssen, gegen den Anteil des ego- 
istisch Bösen an der menschlichen Natur aufzutreten? Ist 
Ihnen nicht bekannt, wie unbeherrsdit und unzuverlässig 
der Durdisdinitt der Mensclien in allen Angelegenheiten 
des Sexuallebens ist? Oder wissen Sie nicht, daß alle 
Übergriffe und Ausschreitungen, von denen wir nächtlicli 
träumcii, alltäglich von wadien Mensdien ais Verbrechen 
wirklich begangen werden. Was tut die Psychoanalyse 
hier anders als das alte Wort von Plato bestätigen, 
daß die Guten diejenigen sind, ^velclie sich begnügen, 
von dem 2U träumen, was die anderen, die Bösen wirk- 
lich tun? 

Und min blidten Sie vom Individuellen weg auf den 
großen Krieg, der nodi immer Europa verheeil:, denken 
Sie an da^ Unmaß von Brutalität, Grausamkeit und Ver- 
logenheil, das sich jetzt in der Kuitunvclt breitmachen 
darf. Glauben Sie wirklich, daß es einer Handvoll ge- 
wissenloser Streber und Verführer geglüdct wäre, ail 
diese bösen Geister zu entfesseln, wenn die Millioneä 
von Geführten nicht mitschuldig waren? Getrauen Sie 
sich auch unter diesen Verhältnissen, für den Aussdiluß 
des Bösen aus der seelischen Konstitution des Menschen 
eine Lanze zu brechen? 

Sie werden mir vorbdlen, ich beurteile den Krieg 
einseitig; er habe auch das Schönste und Edelste der 
Mensdien zum Vorschein gebracht, ihren Heidenmut, 
ihre Selbstautopferung, ihr soziales FülJen, Gewiß, aber 
madien Sie sidi hier nidit mitsdiuldig an der Ung^- 



i 



PC. DE TRAUMZENSUR MS 

reditigl'C'*> die man so oft an der Psychoanalyse be- 
gangen hat, indem man ihr vorgeworfen, das eine zu 
leugnen, weil sie das andere behauptet Es ist nidit 
unsere Absidit, die edlen Strebungen der menschlichen 
Natur abzuleugnen, noch haben wir je etwas dazu ge- 
tan, sie in ihrem Wert herabzusetzen. Im Gegenteile; 
ich zeige Ihnen nicht nur die zensurierten bösen Traum- 
wünsche, sondern audi die Zensur, welche sie unter- 
drüdct und unkenntlich macht. Bei dem Bösen im Menschen 
verweilen wir nur darum mit stärkerem Nachdruck, weil 
die anderen es verleugnen, wodurch das menschliche 
Seelenleben iwar nicht besser, aber unverstandlich wird, 
Wenn wir dann die einseitig ethische Wertung auf- 
geben, werden wir für das Verhältnis des Bösen zum 
Guten in der menschlichen Natur gewiß die richtigere 
Formel finden können. 

Es bleibt also dabei. Wir braudien die Ergebnisse 
unserer Arbeit an der Traumdeutung nicht aufzugeben, 
wenn wir sie auch befremdend finden müssen. Vielleicht 
Jcfinnen wir uns später auf anderem Wege ihrem Ver- 
ständnis nähern. Vorläufig halten wir fest: Die Traum- 
entstellung ist eine Folge der Zensur, welche von aner- 
kannten Tendenzen des Idis gegen irgendwie anstößige 
Wunsduegungen ausgeübt wird, die sich nächtlicher- 
weile, während des Schlafes, in uns rühren. Freilich, 
^varum gerade näditlicherweile, und woher diese ver- 
werflichen Wünsche stammen, daran bleibt noch viel zu 
jtagen und zu erforschen. 

, Es wäre aber Unrecht, wenn wir jetzt versäumten, 
ein anderes Ergebnis dieser Untersuchungen gebührend 
hervorzuheben. Die Traumwunsche, die uns im Schlafe 
stören wollen, sind uns unbekannt, wir erfahren von 
.ihnen ja erst durch die Traumdeutung^ sie sind also 
als derzeit unbewußte im besprochenen Sinne zu be- 
zeichnen. Aber wir müssen uns sagen, sie sind auch mehr 
als derzeit unbewußL Der Träumer verleugnet sie ja 
auch, wie wir in so vielen Fällen erfalu'ea haben, nach- 



I 



U6 _ ZWEITER TEti.: DEK TRAUM 

dem er sie durch die Deutung des Traumes kennen 
gelernt hat Es wiederholt sidi dann der Fall, dem wir 
zuerst bei der Deutung des Versprechens „Aufstoßen« 
begegnet sind, als der Toaslredner empört versidiert* 
daß ihm weder damals noch je zuvor eine unehrerbie- 
tige Regung gegen seinen Chef bewußt geworden. Wir 
hatten schon damals an dem Wert einer solchen Ve^ 
sidierung gezweifelt und dieselbe durch die Annahme 
ersetzt, daß der Redner dauernd nichts von dieser in 
ihm vorhandenen RegTing weiß. Solches wiederholt sidi 
nun bei jeder Deutung eines stark entstellten Traumes 
und gewinnt somit an Bedeutung für unsere Auffassung. 
Wir sind nun bereit anzunehmen, daß es im Seelen- 
leben Vorgänge, Tendenzen gibt, von denen man über- 
haupt nichts weiß, seit langer Zeit nichts weiß, vielleicht 
sogar niemals etwas gewußt hat. Das Unbewußte erhält 
damit für uns einen neuen Sinn; das „derzeit" oder 
„zeitweilig" schwindet aus seinem Wesen, es kann auch 
dauernd unbewußt bedeuten, nicht bloß „derzeit latent". 
Natürlidi werden wir auch darüber ein anderes Mal 
mehr hören müssen. 

X. VORLESUNG 

DIE SYMBOLIK IM TRAUM 

Meine Damen und Herrenl Wir haben gefunden, daß 
die Traum Entstellung, welche uns im Verständnis 
des Traumes stört, Folge einer zensurierenden Tätigkeit 
ist, die sich gegen die unannehmbaren, unbewußten 
Wunschregungen richtet. Aber wir haben natürlich nidit 
behauptet, daß die Zensur der einzige Faktor ist, der 
die Traumentstellung verschuldet, und wirklich können 
wir bei weiterem Studium des Traumes die Entdeckung 
machen, daß an diesem Effekt noch andere Momente 
beteiligt sind. Das ist soviel, als sagten wir, auch wenn 
die Traumzensur ausgeschaltet wäre, wären wir doch 
nidit imstande, die Träume zu verstehen, wäre der mani- 



] 



X. DIE SYMBOLIK IM TgAUT.1 W7 

feste Traum nodt nidit mit den latenten Traumgedanken 
identisch. 

Dieses andere Moment, das den Traum undurdi- 
«ditig' macht, diesen neuen Beitrag zur Traum entstellimg 
entdecken wir, indem wir auf eine Lücke in unserer Tech- 
nik aufmerksam werden. Ich habe Omen schon zuge- 
standen, daß den Analysierten zu einzelnen Elementen 
des Traumes mitunter wirklich nidits einrällt. Freilich 
geschieht dies nidit so oft, wie diese es behaupten; 
in sehr vielen Fallen läßt sich der Einfall doch nocli 
durch Beharrliclikeit erzwingen. Aber es bleiben doch 
Fälle iibrig, in denen die Assoziation vers^, oder, 
wenn erzwungen, nicht liefert, was wir von ihr erwarten. 
Geschieht dies während einer psychoanalytischen Be- 
handlung, so kommt ihm eine besondere Bedeutung zu, 
mit welcher wir es hier nidit zu tnn haben. Es ereignet 
sich aber auch bei der Traumdeutung mit normalen 
Personen oder bei der Deutung eigener Träume. Über- 
zeugt man sich, daß in solchen Fällen alles Drängen 
nidits nützt, so macht man endlich die Entdeckung, daß 
der unerwünschte Zufall regelmäßig bei bestimmten 
Traumelementen eintrifft, und fängt an, eine neue Gesetz- 
mäßigkeit dort zu erkennen, wo man zuerst nur ein 
ausnahmsweises Versagen der Technik zu erfahren glaubte. 

Man kommt auf soldie Weise zur Versuchung, diese 
„stummen" Traumelemente selbst zu deuten, aus eigenen 
Mitteln eine Übersetzung derselben vorzunehmen. Es 
drängt sidi einem auf, daß man jedesmal einen befrie- 
digenden Sinn erhalt, wenn man sich dieser Ersetzung 
getraut, \rährend der Traum sinnlos bleibt und der Zu- 
■unmenhang unterbrochen ist, solange man sich zu sol- 
chem Eingriff nicht entsdiließt Die Häufung vieler durch- 
aus ähnlicher Fälle übernimmt es dann, unserem zunächst 
sdiüchtemen Versuch die geforderte Sicherheit zo geben. 

Ich stelle das alles ein bißchen schematisch dar, aber 
lu Unternchtszwedcen ist es doch gestattet, und es ist 
•udt nidit verfälscht, sondern bloß vereinfacht 

I 10* 



1« ZWEITER TEa.1 DER TOAUM 

Auf diese Weise erhält man für eine Reibe von 
Trau rnel erneuten konstante Obersetzungen.also ganz ahn- 
lieh, wie man es in unseren populären Traumbüt^em 
für alle geträumten Dinge findet, Sie vergessen doch 
nicht, daS bei unserer Assoziationstechnilc niemals kon- 
stante Ersetzungen der Traumelemente zu Tage kommen. 
ir Sie werden nun sofort sagen, dieser Weg zur Deu- 
tung erscheine Ihnen nodi weit unsicherer und angreif- 
barer als der frühere mittels der freien Einfälle. Aber 
es kommt doch nodj etwas anderes hinzu. Wenn man 
nämlidi durch die Erfahrung genug solcher konstanter 
Ersetzungen gesammelt hat, dann sagt man sidi ein- 
mal, daß man diese Stücke der Traumdeutung tatsäch- 
lich aus eigener Kenntnis hätte bestreiten sollen, daß 
sie wirklich ohne die Einfälle des Träumers verständlidi 
sein konnten. Woher man ihre Bedeutung kennen müßte 
das wird sich in der zweiten Hälfte unserer Auseinander- 
setzung ergeben. 

Eine aolcbe konstante Beziehung zwischen einem 
Traumelement und seiner Übersetzung heißen wir eine 
symbolische, das Traumelement selbst ein Symbol 
des unbewußten Traumgedankens. Sie erinnern sich, daß 
idi früher, bei der Untersuchung der Beziehungen zwischen 
Traume! ementen und ihren Eigentlichen drei soldier Be- 
ziehungen unterschieden habe, die des Teils vom Gan- 
zen, die der Anspielung und die der Verbildlichung. 
Eine vierte habe idi Ihnen damals angekündigt, aber 
nicht genannt. Diese vierte ist nun die hier eingeführte 
symbolische. An sie knüpfen sich sehr interessante Dis- 
kussionen, denen wir uns zuwenden wollen, ehe wir 
unsere speziellen Beobachtungen über Symbolik dar- 
legen. Die Symbolik ist vielteidit das merkwürdigste 
Kapitel der Trauraiehre. 

Vor allem: Indem die Symbole feststehende Obe^ 
Setzungen sind, realisieren sie im gewissen Ausmaße 
das Ideal der antiken wie der populären Traumdeutung, 
von dfcm wir uns durdi unsere Technik weit entfernt 



3C. DE SYMBOLIK IM TTJAIM 1« 

hatten. Sie gestatten uns unter Umständen, einen Traum 
2U deuten, ohne den Träumer zu befragen, der ja zum 
gymbol ohnedies nichts zu sagen weiß. Kennt man die 
sebräudilicheo Traumsymbole und dazu die Person des 
Träumers, die Verhältnisse, unter denen er lebt, und 
die Eindrücke, nach weldien der Traum vorgefallen ist, 
go ist man oft in der Lage, einen Traum ohne weiteres 
2U deuten, ihn gleichsam vom Blatt weg zu übersetzen. 
£in solches Kunststück sdimeichelt dem Traumdeuter 
und imponiert dem Träumer; es stidit wohltuend von 
der mühseligen Arbeit beim Ausfragen des Träumers 
ab. Lassen Sie sich aber biedurdi nicht verführen. Es 
igt ri<it unsere Aufgabe, Kunatstütie zu machen. Die 
auf Symbolkenntnis beruhende Deutung ist keine Tedinik, 
weldie die assoziative ersetzen oder sich mit ihr messen 
liBOn. Sie ist eine Ergänzung zu ihr und liefert nur in 
$iB eingefügt brauchbare Resultate. Was aber die Kennt- 
nis der psydiisdien Situation des Träumers betrifft, so 
wollen Sie erwägen, daß Sie nicht nur Träume von gut 
Bekannten zur Deutung bekommen, daß Sie in der Regel 
'die Tagesereignisse, weldie die Traumerreger sind, nicht 
ikennen, und daß die Einfälle des Analysierten Ihnen 
gerade die Kenntnis dessen, was man die psydiiscJie 
'Situation heißt, zutragen. 
I Es ist femer ganz besonders merkwürdig, auth mit 
Rüdtsicht auf später zu erwähnende Zusammenhänge, 
daß gegen die Existenz der Symbolbeziehung zwischen 
Xiaum und Unbewußtem wiederum die heftigsten Wider- 
stände laut geworden sind. Selbst Personen von Urteil 
und Ansehen, die sonst ein weites Stück Weges mit 
der Psychoanalyse gegangen sind, haben hier die Ge- 
folgschaft versagt Um so merkwürdiger aber ist dies 
Verhalten, als erstens die Symbolik nicht allein dem 
Traum eigentümlich oder für ihn diarakteristisdi ist, 
und zweitens die Symbolik im Traume gar nicht von 
der Psychoanalyse entdedct wurde, wiewohl diese sonst 
nidil arm an uberrastiieDden Entdeckungen ist. Als 



IM ZWEITER TCg.1 DER TRAUM 

Entdecker der Traum Symbolik ist, wenn man ihr übe^ 
haupt einen Anfang' in modemeii Zeiten zuschreiben 
will, der Philosoph K. A. Scherner (1861) zu nennen, 
Die Psychoanalyse hat die Funde Scherners bestätigt 
und in allerdings einsdineidender Weise modiBziert 

Nun werden Sie etwas vom Wesen der Trauresym, 
bolik und Beispiele für sie hören wollen. Idi will Ihnen 
gerne mitteilen, was ich weiß, aber ich gestehe Ihnen, 
daß unser Verständnis nicht so weit reidit, wie ^vir 
gerne möditen. 

Das Wesen der Symbolberiehung ist ein Vergleich, 
aber nicht ein beliebiger. Man ahnt für diesen Vergleidi 
eine besondere Bedingtheit, kann aber nicht sagen, wo- 
rin diese besteht. Nicht alles, womit wir einen Gegen- 
stand oder einen Vorgang vergleidien können, tritt audi 
im Traum als Symbol dafür auf. Anderseits symbolisiert 
der Trauni audi nidit alles Beliebige, sondern nur be- 
stimmte Elemente der latenten Trnumgedanken. Es gibt 
also hier Beschränkungen nadi beiden Seiten hin. Man 
muß auch zugeben, daß der Begriff des Symbols der- 
zeit nicht sdiarf abzugrenzen ist, er verschwimmt gegen 
die Ersetzung, Darstellung u. dgl., nähert sich selbst 
der Anspielung. Bei einer Reihe von Symbolen ist der 
zu Grunde liegende Vergleidi sinnfällig. Daneben gibt 
es andere Symbole, bei denen wir uns die Frage stellen 
müssen, wo denn das Gemeinsame, das Tertium compa- 
rationis dieses vermutlichen Vergleichs zu suchen seL 
Dann mögen wir es bei näherer Überlegung auffinden, 
oder es kann uns wirklich verborgen bleiben. Es ist 
ferner sonderbar, wenn das Symbol eine Vergleichung 
ist, daß dieser Vergleich sich nicht durdi die Assozia- 
tion bloßlegen läßt, auch daß der Träumer den Ver- 
gleich nicht kennt, sich seiner bedient, ohne um ihn zu 
wissen. Ja nodi mehr, daß der Träumer nidtt einmal 
Lust hat, diesen Vergleich anzuerkennen, narfidem er 
ihm vorgeführt worden ist, Sie sehen also, eine Symbol- 
bcziehung ist eine Vergleidiung von ganz besonderer 



J 



X. DIE S\'MBOLlK IM TRAUM «t 

Äjt, deren Begründung voa uns noch nidit klar erfaßt 
^^d. Vielieidit lassen sich später Hinweise auf dieses 
Unbekannte finden, 

Der Umfang der Dinge, die im Traume symbolische 
Darstellung finden, ist nicht groß. Der menschliche Leib 
als Ganzes, die Eltern, Kinder, Geschwister, Geburt, 
Tod, Nacktheit — und dann noch eines. Die einzig 
typisdie, d. L regelmäßige Darstellung der menschlichen 
Person als Ganzes ist die als Haus, wie Scherner 
erkannt hat, der diesem Symbol sogar eine überragende 
Bedeutung, die ihm nicht zukommt, zuteilen wollte. Es 
lujmmt im Traume vor, daß man, bald lustvol!, bald 
gj^tlich von Häuserfassaden herabklettert. Die mit ganz 
glatten Mauern sind Männer; die aber mit Vorsprüngen 
ond Baikonen versehen sind, an welchen man sich an- 
halten kann, das sind Frauen. Die Eltern erscheinen im 
Traum als Kaiser und Kaiserin, König und Königin 
oder als andere Respektspersonen; der Traum ist also 
liier sehr pietätsvoll. Minder zärtlich verfährt er gegen 
JÜnder und Geschwister; diese werden als kleine Tiere, 
Ungeziefer symbolisiert. Die Geburt findet fast regel- 
mäßig eine Darstellung durch eine Beziehung zum 
Wasser; entweder man stürzt ins Wasser oder man 
steigt aus ihm heraus, man rettet eine Person aus dem 
"passer oder wird von ihr gerettet, d. h. man hat eine 
mütterlidie Beziehung zu ihr. Das Sterben wird im Traum 
durdi Abreisen, mit der Eisenbahn Fahren ersetzt, 
das Totsein durch verschiedene dunkle, wie zaghafte 
Andeutungen, die Nacktheit durdi Kleider und Uni- 
formen. Sie sehen, wie hier die Grenzen zwischen 
symbolisclicr und anspielungsartiger Darstellung ver- 
schwimmen. 

Im Vergleich lur Annseligkeit dieser Aufzählung muß 

es auffallen, daß Objekte und Inhalte eines anderen Kreises 

L .-durdi eine außerordentlich reichhaltige Symbolik dar- 

F gestellt werden. Es ist dies der Kreis des Sexuallebens, 

der Genitalien, der Gesciileclitsvorgänge, des Geschlechts- 



13 ZWHITEK TEIL; DER TRA UM 

Verkehrs. Die überg7oße Melinahl der Symbole im Traum 
sind Sexual Symbole. Es stellt sich dabei ein merkwürdige! 
Mißverhältnis heraus. Der bezeichneten bihalte sind nur 
wenige, der Symbole für sie ungemein viele, so daß jedes 
dieser Dmge durch zahlreiche, nahezu gleichwertige Sym- 
bole ausgedrückt werden kann. Bei der Deutung ergibt 
sidi dann etwas, was allgemein Anstoß erregt Die Symbol- 
deutuBgen sind im Gegensatze zur Mannigfaltigkeit der 
Traumdarstellungen sehr monoton. Das mißfällt jedem, 
der davon erfährt; aber was ist dagegen zu tun? 

Da es das erstemal ist, daß in dieser Vorlesung von 
Inhalten des Sexuallebens gesprochen wird, bin ich Ihnen 
Redienschaft über die Art schuldig, wie ich dieses Thema 
zu behandeh gedenlce. Die Psychoanalyse findet keines 
Anlaß zu Verhüllangen und Aadeutungen, hält es nidit 
für nötig, sich der ßeschäftigimg mit diesem wichtigen 
Stoff zu schämen, meint, es sei korrekt und anständig, 
alles bei seinem richtigen Namen zu nennen, und hofft; 
auf solche Weise störende Nebengedanken am ehesten 
ferne zu halten. Dai-an kann der Umstand, daß man vor 
cmem aus beiden Gesclilechtem gemischten Zuhörerkreij ' 
spricht, nichts ändern. So wie es keine Wissenschaft in . 
usuro delpbini gibt, so audi keine für Backfischdien, und 
die Damen unter Ihnen haben durch ihr Erscheinen in 
diesem Hörsaal zu verstehen gegeben, daß sie den Männern 
gleidigestellt werden wollen. 

. Für das männliche Genitale also hat der Traum eine 
Anzahl von symbolisch zu nennenden Darstellungen, bei 
denen das gemeinsame der Vergleichung meist sehr ein- 
leuchtend ist Vor allem ist für das männliche Genitale 
im ganzen die heilige Zaiil 3 symboÜsdi bedeutsam. Der 
auffälligere und beiden Geschlechtem interessantere Be- 
standteil des Genitales, dos männliche Glied, findet sym- 
bolischen Ersatz erstens durch Dinge, die ihm in der 
Fonu ähnlich, also lang und hochragend sind, wie: Stöcke, 
Schirme. Stangen. Bäume u. dgL Femer durch Gegen- 
stände, die die Eigensdiaft des In-den-Köiper-Eindringen» 



1 



iC Dm SWJBbUK TKi TRAUM" IM 

und Verletzens mit dem Bezeichneten gemein haben, also 
epitzigc Waffen jeder Art. Messer. Dolche, Lanien, 
Säbel, aber ebenso durch Schießwaffen : Gewehre 
Pistolen und den durch seine Fonn so sehr dazu taug- 
lichen Revolver. In den ängstlichen Träumen der Mäd- 
dien spielt die Verfolgunij durch einen Manu mit einem 
Messer oder einer Sdiußwaffe eine große Rolle. Es ist 
dies der vielleicht häufigste Fall der Traumsynibolik, den 
Sie sich nun leicht übersetzen können. Ohne weiteres ver- 
Btändlich ist aodi der Ej^atz des männlichen Gliedes 
durch Gegenstände, aus denen Wasser fließt: Wasser- 
hahne, Gießkannen, Springbrunnen, und durdi 
^odere Objekte, die einer Verlängerung fähig sind, wie 
Hängelampen, vorschiebbare Bleislifte usw. Daß 
Bleistifte, Federstiele, Nagelfeilen, Hämmer und 
«ndere Instrumente unzweifelhafte männlidie Sexual- 
■lymbole sind, hängt mit einer gleichfalls nicht fem« 
lliegendeD Auffassung des Organs zusammen. 

Die merkwürdige Eigenschaft des Gliedes, sidi gegen 
■äe Schwerkraft aufrichten zu können, eine Teilerschei- 
BUng der Erektion, führt zur Symboldarstellung durdi 
Luftballone, Flugmaschinen und neuesten Datums durti 
das Zeppelinsche Luftschiff. Der Traum kennt abei 
noch eine andere, weit eindrucksvollere Art, die Erektion 
lu symbolisieren. Er madit das Geschlechtsglied zum 
Wesentlidien der ganzen Person und läßt diese selbst 
(liegen. Lassen Sie sich's nicht nahe gehen, daß die oft 
K achSnen Flügträume, die wir alle kennen, als Träume 
iroo allgemeiner sexueller Erregung, als Erektionsträume 
(redeutet werden müssen. Unter den psychoanalytischen 
Forschem hat P. Federn diese Deutung gegen jeden 
Zweifel sichergestellt, aber auch der für seine Nüchtern- 
heit vielbelobte Mourly Vold, der jene Traumexperi- 
mente mit künstlichen Stellungen der Arme und Beine 
durchgeführt hat und der der Psydioanalyse wirklici 
ferne stand, vielleicht nichts von ihr wußte, ist durch 
iflbc UntcrBuchung:en w^ demselben Scliluß gekommeo. 



154 ZWEITER TEE,! DER TRAUM 

Madien Sic auch keinen Einwand daraus, daß Frauen 
dieselben Flugträume hahen können. Erinnern Sie sich 
vielmehr daran, daß unsere Träume Wunscherfüllungen 
sein wollen, und daß der Wunsdi, ein Mann zu sein, sidi 
bei der Frau so häufig, bewußt oder unbewußt, findet 
Audi daß es der Frau inöglidi ist, diesen Wunsch durch 
dieselben Sensationen wie der Mann zu realisieren, wird 
keinen der Anatomie Kundigen irremachen können. Das 
Weib besitzt in seinen Genitalien eben auch ein kleines 
Glied in der Ähnlichkeit des männlichen, und dieses kleine 
Glied, die Clitoris, spielt sogar im Kindesalter und im 
Alter vor dem Geschleditsverkehr die nämliche Rolle wie 
das große Glied des Mannes. 

Zu den weniger gut verständlidien männlidien Sexual- 
Bjrmbolen gehören gewisse Reptilien und Fische, vor 
allem das berühmte Symbol der Schlange. Warum Hut 
und Mantel dieselbe Verwendung gefunden haben, ist 
^ewiß nicht leidit zu erraten, aber deren Symbolbedeutung 
bt ganz unzweifelhaft. Endlich kann man sidi noch fragen, 
ob man den Ersatz des männlichen Gliedes durch ein 
anderes Glied, den FuS oder die Hand, als einen sym- 
bolischen bezeidinen darf. Idi glaube, man wird durdi 
den Zusammenhang und durdi die weibUdien Gegen- 
stüdte dazu genötigt. 

Das weiblidie Genitale wird symbolisdi dargestellt 
durch alle jene Objekte, die seine Eigenschaft teilen, 
einen Hohlraum einzuschließen, der etwas in sidi aut- 
nehmen kann. Also durch Schachte, Gruben und 
Höhlen, durch Gefäße und Flaschen, durch Schach- 
teln, Dosen, Koffer, Büchsen, Kisten, Taschen 
Hsw. Auch das Schiff gehört in diese Reihe, Mandie 
Symbole haben mehr Beziehung auf den Mutterleib als 
auf das Genitale des Weibes, so: Schränke, Öfen und 
vor allem das Zimmer. Die Zimmersymbolik stößt hier 
an die Haussymbolik, Türe und Tor werden wiederum 
zu Symbolen der Genitalöffnung. Aber audi Stoffe sind 
Symbole des Weibes, das Holz, das Papier, und Gegen- 



1 



I 



X. DIE SYMGOUK m-mAVt* ISS 

stände, die aus diesen Stoffen bestehen, wie der Tisch 
und das Buch. Von Tieren sind wenigstens Schnecke 
und Muschel ab unverkennbare weibliche Symbole anzu- 
führen; von Körperteilen der Mund zur Vertretung der 
GenitalÖtfnung, von Bauwerken K i r c h e und K a p e li e. Wie 
Sie sehen, sind nicht alle Symbole gleich gut verständlich. 

Zu den Genitalien müssen die Brüste geredinet werden, 
£e wie die ^öBeren Hemisphären des weiblichen Kör- 
pers ihre Darstellung; finden in Äpfeln, Pfirsichen, 
Früchten überhaupt. Die Genital behaarung beider Ge-' 
gdilechter beschreibt der Traum als Wald und Gebüsch, 
Die komplizierte Topographie der weibliclien Geschlechts- 
teile macht es begreiflich, daß diese sehr häufig als Land- 
schaft mit Fels, Wald und Wasser dargestellt werden,' 
während der imposante Med]anismus des männlichen Ge- 
■dJechtsap parates dazu führt, daß alle Arten von schwer 
lu beschreibenden komplizierten Maschinen Symbole 
desselben werden. 

Ein erwähnenswertes Symbol des weiblidien Genitales 
ist nodi das Schmuckkästchen; Schmuck und Schatz 
sind Bezeidinungen der geliebten Person auch im Traume ; 
Süßigkeiten eine häufige Darstellung des Geschlechts- 
genusses. Die Befriedigung am eigenen Genitale wirdi 
durdi jede Art von Spielen angedeutet, auch durch das 
Klavierspiel. Exquisit symbolische Darstellungen der 
Onanie sind das Gleiten und Rutschen sowie das Ab- 
reißen eines Astes. Ein besonders merkwürdiges 
Traumsymbol ist der Zahnausfall oder das Zahnaus- 
tiehen. Es bedeutet sicherlit^ zunädist die Kastration 
ab Bestrafung für die Onanie. Besondere Darstellungen 
für den Verkehr der Geschlediter findet man im Traume 
weniger zahlreich, als man nach den bisherigen Mit- 
teilungen erwarten konnte. Rhythmisdie Tätigkeiten wie 
Tanzen, Reiten und Steigen sind hier zu nennen, 
audi gewaltsame Erlebnisse wie das Üb er fahren werden. 
Dazu gewisse Hand werkstätigkeitea und natürlich die 
Bedrohung mit Waffen. 



ISS ZWECTER TElLi DER TRAUM 

Sie müssen sich die Verwendung- wie die Übersetzuntr 
dieser Symbole nidit ganz einfadi vorstellen. Es kommt 
dabei allerlei vor, was unserer Erwartung widerspricht. 
So sdieint es zum Beispiel kaum glaublicb, daß in diesen 
symbolischen Darstellungen die Geschlechtsuntersdiiede 
oft nicht scharf auseinandergehalten werden. Manche Sym- 
bole bedeuten ein Genitale überhaupt, gleichgültig ob 
ein männlidies oder weibliches, Z. ß. das kleine Kind, 
der kleine Sohn oder die kleine Tochter. Ein andermal 
kann ein vorwiegend männlidies Symbol für ein weib- 
liches Genitale gebraucht werden oder umgekehrt. Man 
versteht das nidit, ehe man Einsidit in die Entwicklung 
der Sexual Vorstellungen der Menschen gewonnen hat In 
manchen Fällen mag diese Zweideutigkeit der Symbole 
eine nur sdieinbare sein; die eklatantesten unter den 
Symbolen wie Waffen, Tasche, Kiste sind audi von 
dieser bisexuellen Verwendung ausgenommen. 

Ich will nun nidit von dem Daigestelllen, sondern 
vom Symbol ausgehen, eine Übersicht geben, aus weldien 
Gebieten die Sexualsymbole zumeist entnommen werden, 
und einige Nachträge anfügen mit besonderer Rüdesicht 
auf die Symbole mit unverstandenem Gemeinsamen. Soldi 
ein dunkles Symbol ist der Hui, vielleicht die Kopf- 
bedeckung überhaupt, in der Regel mit männlicher Be- 
deutung, dodi audi der weiblidien fähig. Ebenso bedeutet 
der Mantel einenMann.viclleicht nicht immer mit Genital- 
beziehuog. Es steht Ihnen frei, zu fragen, warum. Die herai> 
hängende und vom Weib nicht getragene Krawatte ist 
ein deutlidi männlidies SymboL Weiße Wäsche, Leinen 
überhaupt ist weiblich; Kleider, Uniformen sind, wie 
wir sdion gehört haben. Ersatz für Nadtlheit, Körper- 
formen; der Schuh, Pantoffel, ein weibUdies Genitale, 
Tisch und Holz wurden als rätselhafte, aber sidierlic 
weiblidie Symbole bereits erwähnt Leiter, Stiege^ 
Treppe, respektive das Gehen auf ihnen, sind aidiere 
Sjonbole des Geschlechts Verkehres. Bei näherer Über 
legung wird uns die Rhythmik dieses Gehens als Gemeint 



X. Dia SYMBOUK IM TRAUM IST 

sameB auffallen, vielleicht auch das Anwadisen der Er- 
rcgung', Atemnot, je höher man steigt 

Die Landschaft haben wir als Darstellung des 
Weiblidien Genitales schon gewürdigt Berg und Fels 
iind Symbole des männlichen Gliedes; der Garten ein 
häufiges Symbol des weiblichen Genitales. Die Frucht 
steht nicht für das Kind, sondern für die Brüste. Wilde 
Tiere bedeuten sinnlich erregte Menschen, des weiteren 
böse Triebe, Leidenschaften. Blüten und Blumen be- 
zeidinen das Genitale des Weibes oder spezieller die 
ijungfräuhchkeit Sie vergessen ni»it daß die Blüten 
^wirklich die Genitalien der Pflanzen sind. 

Das Zimmer kennen wir bereits als Symbol. Die 
IDarstellung kann sich hier fortsetzen, mdem die Fenster, 
lEin- und Ausgänge des Zimmers die Bedeutung der Körper- 
löffnungen übernehmen, Audi das Offen- oder Ver- 
jschlossensein des Zimmers fügt sich dieser Symbolik, 
'und der Schlüssel, der öffnet ist ein sicheres männ- 
^cbes Symbol. 

Das wäre nun Material lur Traumsymbolik. Es ist 
nicht vollständig und könnte sowohl vertieft als auch 
verbreitert werden. Aber ich meine, es ■■■ird Ihnen mehr 
«1b genug scheinen, vielleicht Sie unwilhg machen. Sie 
werden fragen: Lebe ich also wirklich inmitten von 
Sexualsymbolen? Sind alle Gegenstände, die mich um- 
^hen, alle Kleider, die ich anlege, alle Dinge, die ich 
in die Hand nehme, immer wieder Sexualsymbole und 
nidits anderes? Es gibt wirklich Anlaß genug zu ver- 
wunderten Fragen, und die erste derselben lautet: Wo- 
her wir denn eigentlich die Bedeutung dieser Traum- 
|symboIe kennen sollen, zu denen uns der Träumer selbst 
keine oder nur unzureichende Auskunft gibt? 

Ich antworte: aus sehr versdiiedenen Quellen, aus 

Iden Märchen und Mythen, Schwänken und Witzen, aus 
flem Folklore, d, i. der Kunde von den Sitten, Ge- 
bräuchen, Sprüchen und Liedern der Volker, aus dem 
poetischen und dem gemeinen Spradigebrauch. Überall 



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I 

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ISS ZWEITER TE[Li DER TRAUM 

hier findet sich dieselbe Symbolik vor, und an manchen 
dieser Stellen verstehen wir sie ohne weitere Unter- 
weisung. Wenn wir diesen Quellen im einzelnen nadi- 
gehen, werden wir so viele Parallelen zur Traumsymbolik 
finden, daß wir unserer Deutungen sidier werden müssen. 

Der menschliche Leib, sagten wir, findet nadi Scher- 
ner im Traum häufig eine Darstellung durdi das Sym- 
bol des Hauses. In der Fortführung dieser Darstellung 
sind dann Fenster, Türen und Tore, die Eingänge in 
die Körperhohlen, die Fassaden glatt oder mit Baikonen 
und Vorsprüngen zum Anhalten versehen. Dieselbe Sym- 
bolik findet sidi aber in unserem Spradigebrauch, wenn 
wir einen gut Bekannten vertraulich als „altes Haus" 
begrüßen, wenn wir davon sprechen, einem eins aufs 
Dachl zu geben, oder von einem anderen behaupten, 
es sei bei ihm nicht richtig im Oberstübchen. In der 
Anatomie heißen die Körperoffnungen direkt die Leibes- 
pforten. 

Daß wir die Eltern im Traume als kaiserliche und 
königlidie Paare antreffen, ist ja zunächst überraschend. 
Aber es findet seine Parallele in den Märdien. Däm- 
mert uns nicht die Einsidit, daß die vielen Märdien, 
die anheben: Es war einmal ein König und eine 
Königin, nichts anderes sagen wollen als; Es waren 
einmal ein Vater und eine Mutter? bi der Familie 
heißen wir die Kinder sdierzhaft Prinzen, den ältesten 
aber den Kronprinzen. Der König selbst nennt sidi 
Landesvater. ICleine Kinder bezeichnen wir scherzhaft 
als Würmer und sagen mitleidig: das arme Wurm. 

Kehren wir zur Haussymbolik zurück. Wenn wir die 
Vorsprünge der Häuser im Traume zum Anhalten be- 
nützen, mahnt das nidit an die bekannte Volksrede 
auf einen stark entwickelten Busen: Die hat etwas zum 
Anhalten? Das Volk äußert sich in solchem Falle nodi 
anders, es sagt; Die hat viel Holz vor dem Haus, als 
wollte es unserer Deutung zu Hilfe kommen, daß HoU 
ein weibliche^ mutterlidies Symbol Ist 



X. DIE SYMBOLIK IM TRAUM .ISO 

Zu Holz noch anderes. Wir werden nicht verstehen, 
wie dieser Stoff zur Vertretung des Mütterlichen, Weib- 
lichen, gelangt ist. Da mag uns die Sprachvergleichung 
an die Hand gehen. Unser deutsdies Wort Holz soll 
gleichen Stammes sein wie das griediisdie öXt^, was Stoff, 
Rohstoff bedeutet Es würde da der nidit gerade sel- 
tene Fall vorliegen, daß ein allgemeiner Stoffnamc sdilieS- 
lidi für einen besonderen Stoff reserviert worden ist. 
Nun gibt es eine Insel im Ozean, die den Namen Ma- 
deira führt. Diesen Namen haben ihr die Portugiesen 
bei der Entdeckung gegeben, weil sie damals über und 
über bewaldet war. Madeira heißt nämlich in der Spra- 
(he der Portugiesen: Holz. Sie erkennen aber, daß ma- 
deira nichts anderes ist, als das wenig veränderte latei- 
nisdie Wort materia, das wiederum Stoff im allge- 
meinen bedeutet, Materia ist nun von mater, Mutter, 
abgeleitet Der Stoff aus dem etwas besteht, ist gleich- 
sam sein mütterlicher Anteil, In dem symbolischen Ge- 
brauch von Holz für Weib, Mutter, lebt also diese alte 
Auffassung fort 

Die Geburt wird im Traume regelmäßig durdi eine 
Beziehung zum Wasser ausgedrückt; man stürzt ins 
Wasser oder kommt aus dem Wasser, das heißt; man 
gebärt oder man wird geboren. Nun vergessen wir nicht, 
daß sidi dies Symbol in zweifadier Weise auf entwidt- 
iungsgesdiichtliche Wahrheit berufen kann. Nicht nur, 
I daß alle Landsäugetiere, auch die Vorahnen des Men- 
schen, aus Wassertieren hervorgegangen sind, — das 
wäre die ferner liegende Tatsache, — auch jedes ein- 
zelne Säugetier, jeder Mensch, hat die erste Phase seiner 
Existenz im Wasser zugebracht, nämlich als Embryo im 
Fruchtwasser im Leib seiner Mutter gelebt und ist mit 
der Geburt aus dem Wasser gekommen. Ich will nicht 
^■behaupten, daß der Träumer dies weiß, dagegen ver- 
^■Irete ich, daß er es nidit zu wissen braucht Etwas an- 
^KlereB weiß der Träumer wahrscheinlich daher, daß man 
^Fes ihm in seiner Kindheit gesagt hat, und selbst dafür 



IW ZWtJTERTEn.1 DER TRAUM 

will iii behaupten, daß ihm dies Wissen nichts zur 
Symbolbildung beigetragen hat. Man hat ihm in der 
Kinderstube erzählt, daß der Storch die Kinder bringt, 
aber woher holt er sie? Aus dem Teich, aus dem Brun- 
nen, also wiederum aus dem Wasser. Einer meiner Pa- 
tienten, dem diese Auskunft gegeben worden war, da- 
mals ein kieines Gräflein, war hernach einen ganzen 
Nachmittag lang verschollen. Man fand ihn endlich am 
Rande des Schloßteicha liegend, das Gesichtchen über 
den Wasserspiegel gebeugt und eifrig spähend, ob er 
die Kindleia auf dem Grunde des Wassers eisdiauen 
könnte. 

In den Mythen von der Geburt des Helden, die 
O. Rank einer vergleichenden Untersuchung unterzogen 
hat, — der älteste bt der des Königs Sargon von 
Agade, etwa 2800 v. Chr. — spielt die Aussetzung 
ins Wasser und die Rettung aus dem Wasser eine über- 
wiegende Rolle, Rank hat erkannt, daß dies Darstel- 
lungen der Geburt sind, analog der im Traume üblichen. 
Wenn man im Traum eine Person aus dem Wasser 
fettet, macht man sie zu seiner Mutter oder zur Mutter 
schlechtweg; im Mjrthus bekennt sich eine Person, die 
ein Kind aus dem Wasser rettet, als die richtige Mutter 
des Kindes. In einem bekamiten Scherz wird der intelli- 
gente Judenknabe gefragt, wer denn die Mutter des 
Moses war. Er antwortet unbedenklich: die Prinzessin. 
Aber nein, wird ihm vorgehalten, die hat ihn ja nur 
aus dem Wasser gezogen. So sagt sie, repliziert er und 
beweist damit, daß er die richtige Deutimg de» Mythus 
gefunden hat. 

Das Abreisen bedeutet im Traume Sterben. Es ist 
autJi der Brauch der Kinderstube, wenn sich das Kind 
nac^ dem Verbleib eines Verstorbenen erkundigt, den 
es vermißt, ihm zu sagen, er sei verreist. Wiederum 
mödite ich dem Glauben widerspredien, daß das Traum- 
symbol von dieser gegen das Kind gebrauchten Ausrede 
stammt. Der Dichter bedient sich demselben Symbol- 



X. DIE SYMBOLIK IM TRAUM 1« 

beziehung, wenn er vom Jenseits als vom unentdedcten 
I^and spricht, von dessen Bezirk keio Reisender (no 
traveller) wiederkehrt Audi im Alltag ist es uns durdi- 
aus gebräuchlich, von der letzten Reise zu spredien. 
Jeder Kenner des alten Ritus weiß, wie emst z. B. im 
j] (ägyptischen Glauben die Vorstellung von einer Reise 
ios Land des Todes genommen wurde. In vielen Exem- 
plaren ist uns das Totenbudi erhalten, weldies wie ein 
Bädeker der Mumie auf diese Reise mitgegeben wurde. 
Seitdem die Begräbnisstätten von den Wohnstätten ab- 
gesondert worden sind, ist ja audi die letite Reise des 
Verstorbenen eine Realität geworden. 

Ebensowenig ist etwa die Genitalsymbolik etwas, 
ytas dem Traume allein zukommt Jeder von Ihnen wird 
wohl einmal so unhöflidi gewesen zu sein, eine Frau 
eine „alte Schachtel" zu nennen; vielleidit ohne zu 
wissen, daß er sich dabei eines Genitalsymbols bedient. 
fin Neuen Testament heißt es; Das Weib ist ein adiwaches 
Gefäß. Die heiligen Sduiftea der Juden sind in ihrem 
dem poetischen so angenäherten Stil erfüllt von sexual- 
gyraboliscben Ausdrücken, die nicht immer riditig ver- 
Btanden worden sind, und deren Auslegung z. B. im 
Hohen Lied zu manchen Mißverständnissen geführt hat 
In der späteren hebräischen Literatur ist die Darstellung 
des Weibes als Haus, wobei die Tür die Gesdiledits- 
öffnung vertritt, eine sehr verbreitete. Der Mann be- 
klagt sich z. B. im Falle der fehlenden Jungfräulichkeit, 
daß erdieTür geöffnet gefunden hat Auch das Symbol 
Tisdi für Weib ist in dieser Literatur bekannt Die Fr^m 
sagt von ihrem Manne: Ich ordnete ihm den Tisch, er 
aber wendete ihn um. Lahme Kinder sollen dadurch 
entstehen, daß der Mann den Tisch umwendet Ich 
entnehme diese Belege einer Abhandlung von L. Levy 
in Brunn; Die Sexualsymbolik der Bibel und des Talmuds. 

Daß auch die Schiffe des Traumes Weiber bedeuten, 
maÄen uns die Etymologen glaubwürdig, die behaupten, 
Schiff sei ursprünglich der Name eines tönernen Gefäßes 

Freud, VDrlanicifcn ^*b 



162 ZWEITER TEIL; DER TRAUM 

gewesen und sei dasselbe Wort wie Schaff. Dafl der 
Ofen ein Weib und Mutlerleib ist, wird uns dur<ii die 
griechische Sage von Periander von Korinth und 
seiner Frau Melissa bestätigt Als nach Herodols 
Bericht der Tyrann den Schatten seiner heißgeliebten, 
aber aus Eifersucht von ihm ermordeten Gemahlin be- 
schwor, um eine Auskunft von ihr zu bekommen, be- 
glaubigte sidi die Tote durch die Mahnung, daß er, 
Periander, sein Brot in einen kalten Ofen ge- 
schoben, als Verhüllung eines Vorganges, der keiner 
anderen Person bekannt sein konnte, la der von F. S. 
KrauB herausgegebenen Anthropophyteia, einem un- 
ersetzlidien Quellenwerk für alles, was das Geschlechts- 
leben der Völker betrifft, lesen wir, daß man in einer 
bestimmten deutsAen Landschaft von einer Frau, die 
entbunden hat, sagt: Der Ofen ist bei ihr zusammen- 
gebrochen. Die Fenerbereitung und alles, was mit ihr 
zusammenhängt, ist auf das innigste von Sexual Symbolik 
durchsetzt. Stets ist die Flamme ein männliches Genttale, 
und die Feuerstelle, der Herd, ein weiblicher Schoß, 

Wenn Sie sich vielleicht darüber verwundert haben, 
wie häufig Landschaften im Traum zur Darstellung des 
weiblidien Genitales verwendet werden, so lassen Sic 
sich von den Mythologen beleliren, welche Rolle Mutter 
Erde in den Vorstellungen und Kulten der alten Zeit 
gespielt hat, und wie die Auffassung des Ackerbaues 
von dieser Symbolik bestimmt wurde. Daß das Zimmer 
im Traum ein Frauenzimmer vorstellt, werden Sie geneigt 
sein aus unserem Sprachgebrauclic abzuleiten, der Frauen- 
zimmer anstatt Frau setzt, also die menschlidie Person 
durch die für sie bestimmte Räumlichkeit vertreten 
werden läßt. So ähnlich sprechen wir von der „Hohen 
Pforte" und meinen damit den Sultan und seine Re- 
gierung; auch der Name des altägyptischen Herrschers 
Pharao bedeutete nichts anderes als „großer Hofraum". 
(bn alten Orient sind die Hofe zwischen den Doppel- 
toren der Stadt Orte der Zusammenkunft wie in der 



X. DIE SYMBOLIK [M TRAUM 1M 



klassischen Welt die Marktplätze.) Allein ich meine, diese 
Ableitung ist eine allzu oberflächliche. Es ist mir waiar- 
Bcheinlidier, daß das Zimmer als der den Mensdien um- 
schließende Raum zum Symbol des Weibes geworden 
ist Das Haus kennen wir ja sdion in solcher Bedeutung'; 
aus der Mythologie und aus dem poetisdien Stil dürfen 
wir Stadt, Burg, Schloß, Festung als weitere Sym- 
bole für das Weib hinzunehmea. Die Frage wäre an 
Träumen solcher Personen, die nicht Deutsch spredien 
und es niclit verstehen, leicht zu entscheiden. Ich habe 
in den letzten Jahren vorwiegend fremdsprachige Pa- 
tienten behandelt und glaube mich zu erinnern, daß in 
deren Träumen das Zimmer gleichfalls ein Frauenzimmer 
bedeutete, obwohl sie keinen analogen Sprachgebraudi 
in ihren Spradien hatten. Es sind noch andere Anzeiclien 
dafür vorhanden, daß die Symbol beziehung über die 
Sprachgrenzen hinausgehen kann, was übrigens sdion 
der alte Traum forscher Schubert (1862) behauptet hat. 
Indes, keiner meiner Träumer war des Deutschen völlig 
unkundig, so daß ich diese Unterscheidung jenen Psycho- 
analytikern überlassen muß, die in anderen Ländern an 
einsprachigen Personen Erfahrungen sammeln können. 
Unter den Symboldarstellungen des männüclien Ge- 
nitales ist kaum eine, die nicht im scherzhaften, vulgären 
oder im poetischen Sptachgebraucli, zumal bei den alt- 
klassischen Dichtern, wiederkehrte. Es kommen hiefür 
aber nicht nur die im Traume auftretenden Symbole in 
Betracht, sondern auch neue, z. B. die Werkzeuge ver- 
schiedener Verrichtungen, in erster Reihe der Pflug, Im 
übrigen nahen wir mit der Symboldarstellung des Männ- 
lichen einem sehr ausgedehnten und viel umstrittenen 
Gebiet, von dem wir uns aus ökonomischen Motiven 
fernehalten wollen. Nur dem einen, gleichsam aus der 
Reihe fallenden Symbol der 3 mödite icli einige Be- 
merkungen widmen. Ob diese Zahl nidit etwa ilire Heilig- 
keit dieser Symbolbeziehung verdankt, bleibe dahin- 
gestellt. Gesichert scheint aber, daß manche in der Natur 

11* 



\6^ rwEiTCR ■mn.i der träum 

vorkommende dreiteilige Dinge ihre Verwendung m 
Wappen und Emblemen von soltier Symbolbedeutung 
ableiten, z. B. das Kleeblatt Audi die dreiteilige so- 
genannte Französische Lilie und das sonderbare Wappen 
zweier so weit voneinander entfernten Inseln wie Sizilien 
und die Isle of Man, dasTriskeles (drei halbgebeugle 
Beine von einem Mittelpunkt ausgehend) sollen nur Um- 
Stilisierungen eines männJidieu Genitales sein. Ebenbilder 
des männlidien Gliedes galten im Altertum als die 
kräftigsten Abwehnnittel (Apotropaea) gegen böse 
Einflüsse, und es steht im Zusammenhange damit, daß 
die glückbringenden Amulette unserer Zeit sämtlich leicht 
als Genital- oder Sexualsymbole zu erkennen sind. Be- 
tradilen wir eine soldie Sammlung, wie sie etwa in 
Form kleiner silberner Anhängsel getragen wird: ein 
vierblättriges Kleeblatt, ein Schwein, ein Pilz, ein Huf- 
eisen, eine Leiter, ein Rauchfangkehrer, Das viarblattrige 
Kleeblatt ist an die Stelle des eigentlich zum Symbol 
geeigneten dreiblättrigen getreten; das Schwein ist ein 
altes Fruchtbarkeitssymbol; der Pilz ist ein unzweifel- 
haftes Penissjnnbol, es gibt Pibe, die ihrer unverkenn- 
baren Ähnlichkeit mit dem männlichen Glied ihren syste- 
matischen Namen verdanken (Phallus impudicus); das 
Hufeisen wiederholt den Umriß der weiblichen Ge- 
sdileditsöffnung, und der Rauchfangkehrer, der die Leiter 
trägt, taugt in diese Gemeinsdiaft, weil er eine jener 
Hantierungen übt, mit denen der Geschlechtsverkehr 
vulgärerweise verglichen wird. (S. die Anthropophyteia.) 
Seine Leiter haben wir im Traume als Sexualsymbol 
kennen gelernt; der deutsche Spracligebraudi kommt 
uns hier zu Hilfe, der uns zeigt, wie das Wort „steigen" 
in exquisit sexuellem Sinn angewendet wird. Man sagt: 
„Den Frauen nachsteigen" und „ein alter Steiger". 
Im Französisdien, wo die Stufe la mardie heißt, finden 
wir ganz analog für einen alten Lebemann den Ausdrudc 
„un vieux marcheur". Daß der Gesdileditsverkehr 
vieler groSer Tiere ein Steigen, Besteigen des Weib- 
'i; 



I 






X. alE SYMBOLIK IM TRAUM lÖ 

^eos, zur Voraussetzung hat, ist diesem Zusammeahange 
rtalirscheiulidi nicht fremd. 

Das Abreißen eines Astes als symbolische Darstellung 
^er Onanie stimmt nicht nur zu vulg'ären Bezeichaung-en 
(jes onanistisdien AIctes, sondern hat auch weitgehende 
niythologisdie Parallelen. Besonders merkwürdig ist aber 
die Darstellung der Onanie oder besser der Strafe da- 
für, der Kastration, durch Zahnausfall und Zahnausreißen, 
«eil sidi dazu ein Gegenstödt aus der Völkerkunde findet, 
das den wenigsten Träumern bekannt sein dürfte. Es 
sdieint mir nicht zweifelhaft, daß die bei so vielen 
Völkern geübte Besfhneidung ein Äquivalent und eine 
Ablösung der Kastration ist Und nun wird uns berichtet, 
daß in Australien gewisse primitive Stämme die Be- 
sdineidung als Pübertätsritus ausführen (zur Mannbar- 
keitsfeier der Jugend), während andere, ganz nahewoh- 
nende, an Stelle dieses Aktes das AussdJagen eines 
Zahnes gesetzt haben. 

Idi beende meine Darstellung mit diesen Proben. 
Es sind nur Proben; wir wissen mehr darüber,, und Sic 
mögen sidi vorstellen, um wie viel reichhaltiger und 
interessanter eine derartige Sammlung ausfallen würde, 
die nidit von Dilettanten wie wir, sondern von den 
riditigen Fachleuten in der Mythologie, Anthropologie, 
Sprachwissensdiaft, im Folklore angestellt wäre, Es drängt 
uns zu einigen Folgerungen, die nicht ersdiöpfend sein 
können, aber uns viel zu denken geben werden. 

Füre erste sind wir vor die Tatsache gestellt, daß 
dem Träumer die symbolische Ausdrucksweise zu Gebote 
steht, die er im Wadien nicht kennt und nicht wieder- 
erkennt. Das ist so verwunderlidi, wie wenn Sie die 
Entdedning machen würden, daß Dir Stubenmädchen 
Sanskrit versteht, obwohl Sie wssen, daß sie in einem 
böhmisdien Dorf geboren ist und es nie gelernt hat. 
Es ist nicht leicht, diese Tatsadie mit unseren psycho- 
logischen Anschauungen zu bewältwfen. Wir können nur 
sagen, die Kenntnia der Symbolik ist dem Träumer un- 



166 ZWEITER TEIL : DER TRAUM 



bewußt, sie gehört seinem unbewußten Geistesieben an. 
Wir kommen aber auch mit dieser Annahme nicht nach. 
Bisher hatten wir nur notwendig, unbewußte Sfrebungen 
anzunehmen, solche, von denen man zeitweiHg oder 
dauernd nichts weiß. Jetzt aber handelt es sidi um mehr, 
geradezu um unbewußte Kenntnisse, um Denkbeziehungen, 
Vergieicliungen zwischen versdiiedenen Objekten, die 
dazu führen, daß das eine konstant an Stelle des an- 
deren gesetzt werden kann. Diese Vergl ei chungen werden 
nicht jedesmal neu angestellt, sondern sie liegen bereit, 
sie sind ein- für allemal fertig; das geht ja aus ihrer 
Übereinstimmung bei verschiedenen Personen, ja viel- 
leicht Übereinstimmung trotz der Sprachversdiiedenheil, 
hervor. . . 

Woher soll die Kenntnis dieser Synibolbeziehungen 
kommen? Der Sprachgebrauch deckt nur einen kleinen 
Teil derselben. Die vielfaltigen Parallelen aus anderen 
Gebieten sind dem Träumer zumeist unbekannt; auch 
wir mußten sie erst mühsam zusammensudien. 

Zweitens sind diese Symbolbeziehungen nidits, was 
dem Träumer oder der Traumarbeit, durdi die sie zum 
Ausdruck kommen, eigentümiich wäre. Wir haben ja er- 
fahren, derselben Symbolik bedienen sich Mythen und 
Märdten, dasVolk in. seinen Sprüchen und Liedern, der 
gemeine Sprachgebrauch und die dichterische Phantasie, 
Das Gebiet der Symbolik ist ein ungemein großes, die 
Traumsymbolik ist nur ein kleiner Teil davon; es ist 
nidit einmal zweckmäßig, das ganze Problem vom Traum 
aus in Angriff zu nehmen. Viele der anderswo gebräuch- 
lichen Symbole kommen im Traum nicht oder nur sehr 
selten vor; mandie der Traumsymbole finden sich nidit 
auf allen anderen Gebieten wieder, sondern, wie Sie 
gesehen haben, nur hier oder dort. Man bekommt den 
Eindruck, daß hier eine alte, aber untergegangene Aus- 
drucksweise vorliegt, von welclier sicli auf versdiiedenen 
Gebieten Verschiedenes eriialtcn hat, das eine nur hier, 
das andere nur dort, ein drittes vielleicht in leidit ver- 



IL DE SYMBOUK IM TRAUM ISJ 

änderten Formen auf mehreren Gebieten. Ich muß hier 
der Phantasie eines interessanten Geisteskranken ^- 
denken, wcldicr eine „Grundsprache" iraaginiert hatte, 
von welcher all diese Symbol beii eh ungen die Überreste 
wären. 

Drittens muß Ihnen auffallen, daß die Symbolik auf 
den genannten anderen Gebieten keineswegs nur Se- 
xualsymbolik ist, während im Traume die Symbole fast 
aussiiiließend zum Ausdruck sexueller Objekte und Be- 
liehnngen verwendet werden. Audi' das ist nicht letdit 
erklärlich. Sollten ursprünglich sexuell bedeutsame Sym- 
bole später eine andere Anwendung erhalten haben, und 
hinge damit etwa noch die Absch^rädiung von der sym- 
bolischen zur andersartigen Darstellung zusammen? Diese 
Fragen sind offenbar nicht zu beantworten, wenn man 
sidi nur mit der Traumsymbolik beschäftigt hat. Man 
darf nur an der Vermutung festhalten, daß eine besonders 
innige Beziehung zwischen den richtigen Symbolen und 
dem Sexuellen besteht 

Ein wichtiger Fingerzeig ist uns hier in den letzten 
Jahren gegeben worden. Ein Sprachforscher, H. Sperber 
(Upsala), der unabhängig von der Psychoanalyse arbeitet, 
hat die Behauptung aufgestellt, daß sexuelle Bedürfnisse 
an der Entstehung und Weiterbildung der Sprache den 
größten Anteil gehabt haben. Die anfänglichen Sprach- 
laute haben der Mitteilung gedient und den sexuellen 
Partner herbeigerufen: die weitere Entwidclung der Sprach- 
wurzeln habe die Arbeitsverrichtungen der Urmenschen 
begleitet. Diese Arbeiten seien gemeinsame gewesen und 
unter rhythmiscli wiederholten Sprach äußerungen vor sidi 
gegangen. Dabei sei ein sexuelles Interesse auf die Arbeit 
verlegt worden, Der Urmensdi habe sidi gleichsam die 
Arbeit annehmbar gemacht, indem er sie als Äquivalent 
und Ersatz der Geschleditstätigkeit behandelte. Das bei 
der gemeinsamen Arbeit hervorgestoßene Wort habe so 
zwei Bedeutungen gehabt, den Gesdilechtsakt bezeidinet 
wie die ihm gleichgesetzte Arbeitslätigkeit, Mit der Zeit 



m CT'EITER TEIL : DER TRAUI iI 

habe sich das Wort von der sexuellen Bedeutung los- 
gelöst und an diese Arbeit fixiert. Generationen später 
sei es mit einem neuen Wort, das nun die Sexualbedeu- 
tung hatte und auf eine neue Art von Arbeit ange- 
wendet wurde, ebenso ergangen. Auf solche Weise hätte 
sich eine Anzahl von Sprachwuraeln gebildet, die alle 
sexueller Herkunft waren und ihre sexuelle Bedeutung 
abgegeben hatten. Wenn die hier skizzierte Aufstellung 
das Ridjtige trifft, eröffnet weh uns allerdings eine Mög- 
lichkeit des Verständnisses für die Traumsyinbolik. Wir 
würden begreifen, warum es im Traum, der etwas von 
diesen ältesten Verbältnissen bewahrt, so auSerordentlich 
viele Symbole für das Geschleditlidie gibt, warum all-i 
gemein Waffen und Werkzeuge immer für das Männlidie, 
die Stoffe und das Bearbeitete fürs Weibliche stehen. 
Die Symbolbeziehung wäre der Oberrest der alten Wort- 
identität; Dinge, die einmal gleich geheißen Iiaben wie 
das Genitale, könnten jetzt im Traum als Symbole für 
dasselbe eintreten. I, 

' Aus unseren Paralleleu zur Traumsymbolik können 
Sie aber audi Sdiätzung für den Charakter der Psycho^ 
analyse gewinnen, der sie befähigti Gegenstand des alh 
genleinen Interesses zu werden, Ivie weder die Psydiort 
logie nodi die Psydiiatrie es konnten. Es spinnen sidi 
bei der psydioanalytischen Arbeit Beziehungen zu so 
vielen anderen Geisteswissenschaften an, deren Unter- 
sudiung die wertvollsten Aufsdilüsse verapridit, zur My- 
thologie wie zur Sprachwissensdiaft, zum Folklore, zur 
Völkerpsychologie und zur Religionslehre. Sie werden 
es verständlich finden, daß auf psydloanalytisdiem Boden 
eine Zeitschrift erwadisen ist, weldie sich die Pflei^e 
dieser Beziehungen zur aussdiließlichen Aufgabe gemacht 
hat, die 1912 gegründete, von Hanns Sachs und Otto 
Rank geleitete „fmago". In all diesen Beziehungen ist 
die PsydioanalysB zunädist der gebende, weniger der 
empfangende Teil. Sie hat zwar den Vorteil davon, daß 
uns ihre fremdartigen Ergebuisse durcb das Wiederfinden 



I 



X. DIE SYMBOLIK IM T RAUM MJ 

8ui anderen Gebieten vertrauter weiden, aber im ganzen 
ist es die Psydioanalyse, weldic die tedinischen Methoden 
und die Gesiditspunkte beistellt, deren Anwendung sich 
auf jenen anderen Gebieten fruchtbar erweisen soll. Das 
seelische Leben des raeii schlichen Einzelwesens ergibt 
uns bei psy cho analytischer Untersuchung die Au fldäninjen, 
mit denen wir mandies Rätsel im Leben der Menschen- 
massen lösen oder doch ins rechte Licht rücJcen können. 

Übr^ens habe idi Ihnen noch gar nicht gesagt, unter 
weldien Umstanden wir die tiefste Einsicht in jene sup- 
ponierte „Grundsprache" nehmen können, auf welchem 
Gebiet am meisten von ihr erhalten ist Solange Sie dies 
nicht wissen, können Sie audi die ganie Bedeutung des 
Gegenstandes nidit würdigen. Dies Gebiet ist nämlith 
die Neurotik, sein Material die Symptome und andere 
Äußerungen der Nervösen, zu deren Aufklärung und 
Behandlung ja die Psychoanalyse geschaffen worden ist. 

Mem vierter Gesichtspunkt kehrt nun wieder zu 
unserem Ausgang «urüdt und lenkt in die uns vorge- 
zeichnete B^n ein. Wir sagten, auch wenn es keine 
Traumzensur gäbe, würde der Traum uns doch nodi 
nidit leicht verständlidi sein, denn dann fänden wir uns 
vor der Aufgabe, die Symbolspradie des Traumes in die 
unseres wachen Denkens zu übersetzen. Die Symbolik 
ist also ein zweites und unabhai^ges Moment der Traum- 
entstellung neben der Traumzensur. Es liegt aber nahe 
anzunehmen, daB es der Traumzensur bequem ist, sich 
der Symbolik zu bedienen, da diese zu demselben Ende, 
zor Fremdartigkeit und Unverstandlichkeit des Traumes, 
fährt. 

Ob wir bei weiterem Studium des Traumes nidit auf 
ein neues Moment,, welches zur Traum entstellung beiträgt, 
stoßen werden, muß si<h ja alsbald zeigen. Das Thema 
der Traumsymbolik möchte ich aber nidit verlassen, ohne 
nochmals das mtsel zu berühren, daß sie auf so heftigen 
Widerstand bei den Gebildeten stoßen konnte, wo die 
Verbreitung der Symbolik in Mythus, Religion, Kunst 



Irt ZWElTEb 'l'EIL! DER TRAUM 

und Sprache so unzweifelhaft ist. Ob nicht wiederum 
die Beziehung zur Sexualität die Schuld daran trä^? 

XI, VORLESUNG 

DIE TRAUMARBEIT 

Meine Damen und Herren! Wenn Sie die Traurazensur 
und die Symboldarsteiiung bewältigt haben, haben 
Sie die Traumenstellung zwar noch nicht gänzlich über- 
wunden, aber Sie sine! dodi imstande, die meisten Traume 
zu verstehen. Sie bedienen sich dabei der beiden einandei 
ergänzenden Techniken, rufen Einfälle des Träumers auf, 
bis Sie vom Ersatz zum Eigentlichen vorgedrungen sind, 
und setzen für die Symbole deren Bedeutung aus eigener 
Kenntnis ein. Von gewissen Unsicherheiten, die sich dabei 
ergeben, werden wir später handeln. 

Wir können nun eine Arbeit wieder aufnehmen, die 
wir seinerzeit mit unzureidienden Mitteln versuchten, als 
wir die Beziehungen zwischen den Traumelementen und 
ihren Eigentlichen studierten und dabei vier solcher- Haupt- 
beziehungen feststellten, die des Teils vom Ganzen, die 
der Annäherung oder Anspielung, die symbolisdie Be- 
ziehung und die plastiscJie Wortdarstellnng. Dasselbe 
wollen wir im größeren Maßstabe unternehmen, indem 
wir den manifesten Trauminhalt im ganzen mit dem durcli 
Deutung gefundenen latenten Traum vergleichen. 

Ich hoffe, Sie werden diese beiden nie wieder mit- 
einander verwechseln. Wenn Sie das zustande bringen, 
haben Sie im Verständnis des Traumes mehr erreicht als 
wahrscheinlich die meisten Leser meiner „Traumdeutung". 
Lassen Sie sich aud) noch einmal vorhalten, daß jene Ar- 
beit, welche den latenten Traum in den manifesten um- 
setzt, die Traumarbeit heißt. Die in entgegengesetzter 
Richtung fortschreitende Arbeit, weldie vom manifesten 
Traum zum latenten gelangen will, ist unsere Deutungs- 
arbeit, Die Deutungs arbeit will die Traumarbeit auf- 
heben. Die als evidente Wuiischerfüllungen erkannten 



Xt. DIE TRAUMABBEIT m 



Träume vom infantilen Tyjjus haben dodi ein Stiidc der 
Traumarbeit an sich erfahren, nämiidi die Umsetzung 
der Wunschform in die Realität und zumeist mich die 
der Gedanken in visuelle Bilder. Hier bedarf es keiner 
Deutung', nur der RGdtbildung dieser beiden Umsetzungen. 
Was bei den anderen Träumen an Traumarbeit nodi hinzu- 
gekommen ist, das heißen wir die Traumentstellung, 
und diese ist durch unsere Deutungsarbeit rüdcgänjig 
zu mathen. 

Durch die Vergleichung vieler Traumdeutungen bin 
idi in die Lage versetzt, Ihnen in zusammenfassender 
Darstellung anzugeben, was die Taumarbeit mit dem 
Material der latenten Traumgedanken macht. Idj bitte 
Sie aber, davon nidil zuviel verstehen zu wollen. Es ist 
ein Stüdc Deskription, welches mit ruhiger Aufmerksam- 
keit angehört werden soll. 

Die erste Leistung der Trauraarbeit ist die Verdich- 
Hflng. Wir verstehen darunter die Tatsache, daß der 
manifeste Traum weniger Inhalt hat als der latente, also 
eine Art von abgekürzter Obersetzung des letzteren ist 
Die Verdichtung kann eventuell einmal fehlen, sie ist in 
der Regel vorhanden, sehr häufig enorm. Sie sdilägt nie- 
mals ins Gegenteil um, d. h. es kommt nicht vor, daß 
der manifeste Traum umfang- und inhaltsreicher ist als der 
latente. Die Verdichtung kommt dadurdi zustande, daß 

1 , gewisse latente Elemente überhaupt ausgelassen werden, 

2. daß von manchen Komplexen des latenten Traumes 
nur ein Brocken in den manifesten übergeht, 3, daß la- 
tente Elemente, die etwas Gemeinsames haben, für den 
manifesten Traum msamm engelegt, zu einer Einheit ver- 
schmolzen werden. 

Wenn sie wollen, können Sie den Namen „Verdidi- 
tung" für diesen letzten Vorgang allein reservieren. Seine 
Effekte sind besonders leicht zu demonstrieren. Aus ihren 
eigenen Träumen werden Sie sich mühelos an die Ver- 
Jiditung versdiiedener Personen zu einer einzigen er- 
imiera. Eine solche Mischperson sieht etwa aus wie A, 



!7J 



IWETTER TEIL i DER TRAUM 



ist aber gekleidet wie B, tut eine Verrichtuag, wie man 
sie von C erinnert, und dabei ist nocb ein Wissen, daß 
es die Person D ist. Durdi diese Misdibildung wird na- 
türlidi etwas deu vier Personen Gemeinsames besonders 
hervorgehoben. Ebenso vrie aus Personen kann man aus 
Gegenständen oder aus Örtlidikeiten eine Mischbiidung 
herstellen, wenn die Bedingung erfüllt ist, daß die ein- 
zelnen Gegenstände und Örtlidilteiten etwas, was der 
latente Traum betont, miteinander gemein haben. Es ist 
das wie eine neue und flüchtige Begriffsbildung mit die- 
sem Gemeinsamen als Kern. Durch das Übereinander- 
fallen der miteinander verdichteten Einzelnen entsteht in 
der Regel ein unsdiarfes, verschwommenes Bild, so ähn- 
lich, wie wenn Sic mehrere Aufnahmen auf die nämlidie 
Platte bringen. 

DerTraumarbeit muß an der Herstellung soliier Misch- 
bildungen viel gelegen sein, denn wir können nachweisen, 
daS die biezu erforderten Gemeinsamkeiten absichtlidi 
hergestellt werden, wo sie zunädist vermißt wurden, z. B, 
durdi die Wahl des wörtlichen Ausdrudcs für einen Ge- 
danken. Wir haben solche Verdichtungen und Misdibüi 
düngen adion kennen gelernt; sie spielten in der Ent- 
stehung mancher Fälle von Versprechen eine Rolle. Er- 
innern Sie sich an den jungen Mann, der eine Dame 
begleitdigen wollte. Außerdem gibt es Witze, deren 
Tedmik sich auf eine solche Verdichtung zurückführt 
Davon abgesehen, darf man aber behaupten, daß dieser 
Vorgang etwas ganz Ungewöhnlidies und Befremdlidies 
ist. Die Bildung der Mischpersonen des Traumes findet 
zwar Gegenstüdte in mandien Schöpfungen unserer Phan- 
tasie, die leicht Bestandteile, weldie in der Erfahrung nicht 
zusammengehören, zu einer Einheit zusammensetzt, also 
z. B. in den Centauren und Fabeltieren der alten Mytho- 
logie oder der Böcklinschen Bilder. Die „schöpferische" 
Phantasie kann ja überhaupt nichts erfinden, sondern 
nur einander fremde Bestandteile zusammensetzen. Aber 
das Sonderbare an dem Verfahren der Traumarbeit ist 



_ _ „ XL rag TRAÜMARBETT ttS 

folj^ndes; Das Material, das der Traumarbeit vorliegt, 
and ja Gedanken, Gedanken, von denen einige an- 
stößig und unannehmbar sein mögen, die aber korrelrt 
gebildet und ausgedrückt sind. Diese Gedanken werden 
durch die Traumarbeit in eine andere Form über- 
gefObii; «nd es ist merkwürdig und unverständlidi, daß 
bei dieser Übersetzung, Übertragung wie in eine andere 
Schrift oder Sprache, die Mittel der Verschmelzung und 
ICombination Anwendung finden. Eine Übersetzung ist 
doch sonst bestrebt, die im Text gegebenen Sondeningen 
XTj achten und gerade Ähniichkeiten auseinander zu halten. 
Die Traumarbeit bemüht sich ganz im Gegenteile, zwei 
versdiiedene Gedanken dadurdi zu verdiditen, daß sie 
ähnlich wie der Witz ein mehrdeutiges Wort heraussucht, 
in dem sich die beiden Gedanken treffen können. Mau 
muß diesen Zug niciit sofort verstehen wollen, aber er 
kann für die Auffassong der Traumarbeit bedeutungs- 
voll werden. 

Obwohl die Verdichtung den Traum undurchsichtig 
madil^ bekommt man doch nicht den Eindruck, daß sie 
eine Wirkung der Traumzensur sei. Eher möchte man sie 
auf mechanische oder ökonomisdie Momente zurädcführen; 
aber die Zensur findet jedenfalls ihre Rechnung dabei. 

Die Leistungen der Verdichtung können ganz außer- 
ordentliche sein. Mit ihrer Hilfe wird es gelegentlich 
möglich, zwei ganz verschiedene latente Gedankengänge 
in einem manifesten Traum zu vereinigen, so daß man 
eine anscheinend zureichende Deutung eines Traumes er- 
halten und dabei dodi eine möglidte Überdeutung über- 
sehen kann. 

Die Verdichtung hat auch für das Verhältnis zwischen 
dem latenten und dem manifesten Traum die Folge, daß 
keine einfädle Beziehung zwisdieu den Elementen hier 
und dort bestehen bleibt. Ein manifestes Element ent- 
spricht gleidizeitig mehreren latenten, und umgeke-irt 
kann ein latentes Element an mehreren manifesten be- 
teiligt sein, also nach Art einer Verschränkung. Bei der 



m ZWEITER TEtLi DER TRAUM 

Deutung des Traumes zeigt es sich auch, daß die Ein, 
fälle zu einem einzelnen manifesten Element nicht der 
Reihe nach zu kommen braudien. Man muß oft abwarten, 
bis der ganze Traum gedeutet ist 

Die Traumarbeit besorgt also eine sehr ui^ewöhn- 
liche Art von Transkription der Traumgedanken, nicht 
eine Übersetzung Wort für Wort oder Zeichen für Zei- 
chen, auch nicht eine Auswahl nach bestimmter Regel, 
wie wenn nur die Konsonanten eines Wortes wiederge- 
geben, die Vokale aber ausgelassen würden, auch nicht, 
was man eine Vertretung heißen könnte, daß immer 
ein Element an Steile mehrerer herausgegriffen wird, 
sondern etwas anderes und weit Komplizierteres, 

Die zweite Leistung der Traumarbeit ist die Ver- 
schiebung. Für diese haben wir zum Glück schon vor- 
gearbeitet; wir wissen ja, sie ist ganz das Werk der 
Traumzensur. Ihre beiden Äußerungen sind erstens, daß 
ein latentes Element nicht durch einen eigenen Bestand- 
teil, sondern durch etwas Entfernteres, also durch eine 
Anspielung ersetzt wird, und zweitens, daß der psydii- 
sche Akzent von einem widitigen Element auf ein an- 
deres, unwichtiges übergeht, so daß der Traum anders 
zentriert und fremdartig ersiiieint, 

Die Ersetzung durch eine Anspielung ist auch in 
unserem wachen Denken bekannt, aber es ist ein Unter- 
schied dabei. Im wadien Denken muß die Anspielung 
eine leicht versländlidie sein, und der Ersatz muß in 
inhaltlicher Beziehung zu seinem Eigentlichen stehen. 
Auch der Witz bedient sich häufig der Anspielung, er 
läßt die Bedingung der inhaltlichen Assoziation fallen 
und ersetzt diese durch ungewohnte äußerliche Aßsozia- 
tionen wie Gleichklang und Wortvieldeutigkeit u. a. Die 
Bedingung der Verständlichkeit hält er aber fest; der 
Witz käme um jede Wirkung, wenn der Rückweg von 
der Anspielung zum Eigentlichen sich nicht mühelos er- 
geben würde. Von beiden Einsdiränkungen hat sich aber 
die Verschiebungsanspielung des Traumes frei gemadit 



XI. DIE TRAUMARBEIT ITS 

Sie hängt durch die äußerlidisten und entlegensten Be- 
ziehungen mit dem Element, das sie ersetzt, zusammen, 
ist darum unverständlich, und wenn sie rückgängig ge- 
macht wird, madit ihre Deutung den Eindruck eines 
mißratenen Witzes oder einer gewaltsamen, gezwun- 
genen, an den Haaren herbeigezogenen Auslegung. Die 
Tiaumzensur hat eben nur dann ihr Ziel erreicht, wenn 
CS ihr gelungen ist, den Rückweg von der Anspielung 
lum Eigentlichen unauffindbar zu machen. 

Die Akzentverschiebung ist als Mitte! des Gedanken- 
ausdrucks unerhört Wir lassen sie im waclien Denken 
manchmal zu, um einen komischen Effekt zu erzielen. 
Den Eindruck der Verirrung, den sie maclit, kann idi 
etwa bei Ihnen hervorrufen, wenn ich Sie an die Anek- 
dote erinnere, daß es in einem Dorf einen Schmied 
gab, der sich eines todeswürdigen Verbrechens schuldig 
gemacht hatte. Der Gerichtshof beschloß, daß die Schuld 
gesühnt werde, aber da der Schmied allein im Dorfe 
und unentbehrlidi war, dagegen drei Schneider im Dorfe 
wohnten, wurde einer dieser drei an seiner Statt gehängt. 

Die dritte Leistung der Traumarbeit ist die psycho- 
logisch interessanteste. Sie besteht in der Umsetzung 
von Gedanken in visuelle Bilder. Halten wir fest, dafi 
nicht alles in den Traumgedanken diese Umsetzung er- 
fährt; manches behält seine Form und eradieint audi 
im manifesten Traum als Gedanke oder als Wissen; 
auch sind visuelle Bilder niclit die einzige Fonn, in 
welche die Gedanken umgesetzt werden. Aber sie sind 
doch das Wesendiche an der T/aumbildung; dieses Stück 
der Traumarbeit ist das zweitkonstanteste, wie wir schon 
wissen, und für einzelne Traumelemente haben wir die 
„plastisdie Wortdarstellung" bereits kennen gelernt. 

tEs ist klar, daß diese Leistung keine leichte ist. Um 
Mch einen Begriff von ihren Schwierigkeiten zu maihen, 
müssen Sie sich vorstellen, Sie hätten die Aufgabe über- 
nommen, einen politischen Leitartikel einer Zeitung durch 
eine Reihe von Illustrationen zu ersetzen, Sie waren 



I 
I 



1,S Z'^EtTER TEP.I DKR TRAUM 



also von der Buchstabenschrift zur Bilderadirift zurädi- 
gtworfen. Was in diesem Artikel von Personen und 
konkreten Gegeiisländen genannt wird, das werden Sie 
leicht and vieüeicht seibat mit Vorteil durdi Bilder er- 
setzen, aber die Schwierigkeiten erwarten Sie bei der 
DaiBteüung aller abstraltten Worte and aller Redeteile, 
die Denkberiehungen anzeigen wie der Partikeln, Kon- 
junktionen u. dgl. Bei den abstrakten Worten werden 
Sie sich durch allerlei Kunstgriffe helfen können. Sie 
werden z. B. bemüht sein, den Text des Artikels in 
anderen Wortlaut umzusetzen, der vielleitbl ungewohn- 
ter klingt, aber mehr konkrete und der Darstellung fähige 
Beslandteüe enthält Dann werden Sie sich erinnern, 
daß die meisten abstrakten Worte abgeblaßte konkrete 
sind, und werden daram, so oft Sie können, auf die 
ursprünglidie konkrete Bedeutung dieser Worte zurüdi- 
greifen. Sie werden also froh sein, daß Sie ein „Be- 
sitzen" eines Objekts als ein wirkliches körperliches 
Daraufsitten darstellen können. So macht es auch die 
Traumarbeit. Große Aneprüche an die Genauigkeit der 
DarsteUung werden Sie unter sold>en Umständen kaum 
machen kömien. Sie werden es also auch der Traum- 
arbeit hingehen lassen, daß sie z. B. ein so schwer 
bildlich zu bewältigendes Element wie Ehebrudi durch 
einen anderen Bruch, eiiien Beinbruch, ersetzt' Auf 

1 Der Zufall Kihrt mirwührcnd der Korrektur diawSojM eino ZcihinäJi. 
Boti! m, <üo idi bJs Dicrwurtate E.läiatenine ™ doD obigen SRtacn hier nbdruit.i 
DIE STRAFE GOTTES. 
Arnkbruch iüi Ehobruch. 

Frsu Aoni. M., dio Gattin tiaa LindsKlrnnmi. öngl" die Fr.u Klcmto- 
üntK. w«ejiEhtbrnofc=.. !r.d«K!»BshBfll«,dfl(ldi. «.niitKarlM. 
rin .IrdbB«. VtrhSltnis ecpllogen httbo, «Shnud ihr slgtnsr M=t,n im Feld. 
Etoht von wo «■ ihr (Cgar sieliits: Kronen n.onElUdl sduc;t Die K. habe von 
d^ GsHen dar K%mn adioü lieralid. vttl Geld «rhalteo, v«hreüd «e 
n>rt ihrem Kinde in Hu.jer undEleod lebt» m«.s, Kanzenden d,rB 
Manna hatten ihr hlntcrbraelll. deD die K. fflit M. Weinstuben bandit n«d 
dort bb in die spSte Nsdil hinein geweht babr, Eininal imbo die Angek-läSto 
dtn Mono der Kläjerin vor niehna-en Inlanjeriatsn oogor Sfil'Ugt. ob er »idi 
denn oielit von .einer .Alten" aetiin bnid .chtiden la.=se, nm.n .h^zi^ir-p^i- 
Audi die KonLbaorKcin der K. habe Jen Mann der BäBena wloderbo» im 
tiefaten KogliBeo in der Wohnunj der K. gDuben, 



' XI. DE TRAUMARBEIT ;T77 

soldie Weise werden Sie es dazu bringen, die Ung-e- 
schicklich keilen der Bilderscluift, wenn sie die Budi- 
atabenschrift ersetzen soll, einigerma9en au szug-I eichen. 
Bei der Darstellung der Redeteile, welche Denk- 
relationen anzeigen, des: weil, darum, aber usw., haben 
Sie keine derartigen Hilfsmitttel; diese Bestandteile des 
Textes werden also für Ihre Umsetzung in Bilder ver- 
loren gehen. Ebenso wird durch die Traumarbeit der 
Inhalt der Traumgedanken in sein Rohmaterial von Ob- 
jekten und Tätigkeiten aufgelöst. Sie können zufrieden 
sein, wenn sidi Ihnen die Möglichkeit ergibt, gewisse an 
Bidi nidit darstellbare Relationen in der feineren Aus- 
prägung der Bilder irgendwie anzudeuten. Ganz so ge- 
lingt es der Traumarbeit, mandies vom Inhalt der laten- 
ten Traumgedanken in formalen Eigentümlichkeiten des 
manifesten Traumes auszudrücken, in der Klarheit oder 
Dunkelheit desselben, in seiner Zerteiiung in mehrere 
StücJce u. ä. Die Anzahl der Partialträume, in welche 
ein Traum zerlegt ist, korrespondiert in der Regel mit 
der Anzahl der Hauptthemen, der Gedankenreihcn im 
latenten Traum; ein kurzer Vortraum steht zum nach- 
folgenden axisführlidien Haupttraum oft in der Beziehung 
einer Einleitung oder einer Motivierung; ein Nebensatz 
in den Traumgedanken wird durch einen eingeschalteten 

Die K. Icu^Detc gealera vor ^nem Rjehtcr der LeDpoldsladt, den M. 
Hl kennen» von üifirneD Beii«liiiiiEen kÖDnc schon gar keine Rede sein' 

Diu Zeu^n AlberÜDa M. ^b jcdodi an, daß die K. den Gatten der 
Klägerin ^ekü^t höbe und dabd von ikr überroscht wurde, 

Der jidiDn in siner früheren Verhandlung aln Zeuge vernommene M. bette 
daiDaU dia intiTncn ße^iebnngen zur Anjekl^Etfln in Ahrede gefltcUL GeBtetn 
]i2 dem i^chtcr ein Brief vor, ^uorin der Zeug« seina in der er^tco. Vct' 
hjmdlun^ jemai^ten AuHsagen wideirief und zugibt, KIk vorigen Juni mit 
der K. ein Oebesverbältnii nnterbaltea vx hoben. Er habe in der früheren 
Vcthandluag »ine Beziehungen luw Bescbuldiglen bloß Juwelen in Ahredc 
jtatellt, weil diejie vor der Verhandlung hei ihm erschienen Hei nnd ibn knie- 
fSJÜg* fcbetan habe, er möge sie dodi r«ttcu und nichts jtusBitgEn. „Heute" 
— scbrieb der Zeuge — „fubla ioi midi dazu gedrängt, dem Geridita ain 
Tolles Geständnis ahzuleaen, da ich intinen linken Arm gebrnohen 
habe und mir dica aIa eine Strafe Gottes fiir mein Vergeben entJieiDt," 

Der Rii^ter steJite feEt» daB die elrafhara Handlung bcreitd verjährt 
ist, worauf die Klcgcrln ihre Klage aurüekkog UQd der FreUpruch der 
Angeklagten crfilHtc. 

Fjtu<L VorJeiuntrCA "12 



ITR ZWEITER TEIL: DER TRAUM ___^ 

Szenenwedisel im manifesten Traum ersetzt usw. Die 
Form der Träume ist also an sich keineswegs bedeutungs- 
los und fordert selbst zur Deutung heraus. Mehrfache 
Träume derselben Nacht liaben oft die nämliche Be- 
deutung und zeigen die Bemühung an, einen Reiz von 
ansteigender Dringlichkeit immer besser zu bewältigen. 
!ra einzelnen Traum selbst kann ein besonders schwie- 
riges Element eine Darstellung durch „Doubletten", mehr- 
fache Symbole, finden. 

Bei fortgesetzten Vergleidiungen der Traumgedanken 
mit den sie ersetzenden manifesten Träumen erfahren 
vnr allerlei, worauf wir nidit vorbereitet sein konnten, 
z, B. daß auch der Unsinn und die Absurdität der 
Träume ihre Bedeutung haben. Ja, in diesem Punkte 
spitzt sidi der Gegensatz der medizinischen und der 
psychoanalytischen Auffassung des Traumes zu einer 
sonst nicht erreichten Schärfe zu. Nacli ersterer ist der 
Traum unsinnig, weil die träumende Seelen tätigkeit jede 
Kritik eingebüßt hat; nach unserer dagegen wird der 
Traum dann unsinnig, wenn eine in den Traumgedankea 
enthaltene Kritik, das Urteil „es ist unsinnig", zur Dar- 
stellung gebracht werden soll. Der Ihnen bekannte Traum 
vom Theaterbesuch (drei Karten für 1 fl, 50 kr.) ist ein 
gutes Beispiel dafür. Das so ausgedrüdcte Urteil lautet: 
Es war ein Unsinn, so früh zu heiraten. 

Ebenso erfahren wir bei der Deutungsarbeit, was 
den so häufig vom Träumer mitgeteilten Zweifeln und 
Unsicherheiten entspricht, ob ein gewisses Element im 
Traume vorgekommen, ob es dies oder nicht vielmehr 
etwas anderes gewesen sei. Diesen Zweifeln und Uri- 
sicherheiten entspricht in der Regel in den latenten 
Traumgedanken nitits; sie riiiiren durcliweg von der 
Wirkung der Traumzensur her und sind einer versuclilen, 
nidit voll gelungenen, Ausmerzung gleichzusetzen. 

Zu den überrasdiendstcn Funden gehört die Art, wie 
die Traumarbeit Gegensätzlichkeiten des latenten Traum es 
behandelt. Wir wissen schon, daß Übereinstimmungen 



XL DIE TR A'JM ARBFIT W 



ric latentem Material durch Verdichtungen im manifesten 
Traum ersetzt werden. Nun, Gegensätze werden ebenso 
behandelt wie Übereinstiiiniiungen, mit besonderer Vor- 
liebe durch das namlidie manifeste Elemeot ausg-edrüdtt. 
■ Ein Element im manifesten Traum, welches eines Gegen- 
satzes fähig ist, kann also ebensowohl sich selbst be- 
deuten wie seinen Gegensatz oder beides zugleidi; erst 
der Sinn kann darüber entscheiden, welclie Übersetzung 
zu wählen ist. Damit häi^t es dann zusammen, daß 
eine Darstellung des „Nein" im Traume nidit zu finden 
ist, wenigstens keine unzweideutige. 

Eine willkommene Analogie für dies befremdend* 
Benehmen der Traum arbeit hat uns die Sprachentwiddung 
geliefert Manche Sprachforscher haben die Bchauptun<j 
aufgestellt, daß in den ältesten Spraclien Gegensätze 
wie stark — sdiwach, liclit — dunkel, groß — klein durch das 
nämliche Wurzelwort ausgedrüdct wurden. („Der Gegen- 
sinn der Urwovte".) So hieß im Altägyptischen ken ur- 
sprünglich stark und schwach. In der Rede schützte man 
sich vor Mißverständnissen beim Gebrauch so ambi- 
valenter Worte durch den Ton und die beigefügte Geste, 
in der Schrift durch die Hinzufügung eines sogenannten 
Determinativs, d. h. eines Bildes, das selbst nicht zur 
Aussprache bestimmt war, Ken — stark wurde also 
geschrieben, indem nadi den Buchstab enzeidien das Bild 
eines aufrediten Manndiens hingesetzt wurde; wenn ken 
— sdiwach gemeint war, so folgte das Bild eines nadi- 
IKssig hockenden Mannes nadi. Erst später wurden durdi 
leichte Modifikationen des gleidilautenden Urwortes zwei 
Bezeichnungen für die darin enthaltenen Gegensätze ge- 
wonnen. So entstand aus ken stark — sdiwach, ein ken 
stark und ein kan sdiwadi. Nicht nur die ältesten 
Sprachen in ihren letzten Entwiddungen, sondern auch 
weit jüngere und selbst heute noch lebende Sprachen 
sollen reidilich Überreste dieses alten Gegensinnes be- 
wahrt haben. Ich will Ihnen einige Belege hiefür nach 
K. Abc! (1884) mitteilen. 



180 ZWEITER TETL: DER TRAUM ^ 

Im Lateinisdien sind solche immer noch ambivalente 
Worte; altus (hoch— tief) und sacer {heilig— verrucht). 

Als Beispiele von Modifikationen derselben Wurzel 
erwähne ich: clamare — sdireien, ciam — leise, stil], 
geheim; siccus — trodten, succus — Saft. Dazu aus 
dem Deutschen: Stimme — stumm. 

Bezieht man verwandte Sprachen aufeinander, so er- 
geben sich reichliche Beispiele. Englisch: lock — sdiließen; 
deulsdi; Loch, Lücke. Englisch: cleave^ — spalten; 
deutsdi: kleben. 

Das englische withoüt eigentlich mit — ohne wird 
heute fiir ohne verwendet; daß with außer seiner zu- 
teilenden audi eine entziehende Bedeutung hatte, geht 
nodi aus den Zusammensetzungen withdraw — with- 
hold hervor. Ähnhch das deutsche wieder. 

Noch eine andere Eigentiimlidikeit der Tr'aümarbeii 
findet in der Sprachentwiddung ihr Gegenstück, hi der 
altägyptisdien kam es wie in anderen spateren Sprachen 
vor, daß die Lautfolge der Worte fiir denselben Sinn 
umgekehrt wurde. Solche Beispiele zwischen dem Eng- 
lisdien und dem Deutschen sind;_Topf — pot; boat 
— tub; hurry (eilen) — Ruhe; Balken — Kloben, 
club; wait (warten) — täuwen.' 

Zwischen dem Lateinischen und dem DeutScheilTca- 
pere — packen; ren — Niere, -■':,• 

Solche Umkehrungen, wie sie hier am einzelnen Wort 
genommen werden, kommen durcli die Traumarbeit in 
verschiedener Weise zustande. Die Umkehrung des Sinnes, 
Ersetzung durdi das Gegenteil, kennen wir bereits. Außer- 
dem finden sich in Träumen Unikehrungen der Situation^ 
der Beziehung zwischen zwei Personen, also wie in der 
„verkehrten Welt". Im Traum schießt häutig genug der 
Hase auf den Jäger. Ferner Umkehrung in der Reihen- 
folge der Begebenheiten, so daß die kausal vorangehende 
der ihr nachfolgenden im Traume nacligesetzl wird. Das 
ist dann wie in der Aufführung eines Stückes in einer 
Bthlechten Schmiere, wo zuerst der Held hinfällt und 



f__ Xi. DIE TTtAUMABBEIT lai 
erst nachher aus der Kulisse der Sdiuß abgefeuert wird, 
der ihn tötet Oder es gibt Träume, in denen die ganze 
Ordnung der Elemente verkehrt ist, so daß man in der 
Deutung ihr letztes zuerst und ihr erstes zuletzt nehmen 

• muß, um einen Sinn herauszubekommen. Sie erinnern 
sich auch aus unseren Studien über die TraumsymboJik, 
daS ins Wasser gehen oder fallen dasselbe bedeutet wie 
aus dem Wasser kommen, nämlich gebären oder geboren 
werden, und daß eine Treppe, Leiter, hinaufsteigen das- 
selbe ist wie sie heruntergehen. Es ist unverkennbar, 
welchen Vorteil die Traumentstellung aus solcher Dar- 
stellungsfreiheit ziehen kann.: 

Diese Züge der Traum arbeit darf man als archaische 
bezeichnen, Sie haften- ebenso den alten Ausdnicks- 
systemen, Sprachen und Schriften an, und bringen die- 
selben Ersdiwerungen mit sich, von denen in einem 
kritischen Zusammenhange nodi die Rede sein wird. 

Nun noch einige andere Gesichtspunkte. Bei der 
Traumarbeit handelt es sich offenbar darum, die in Worte 
gefaßten latenten Gedanken ia sinnliche Bilder, meist 
visueller Natur, umzusetzen. Nun sind unsere Gedanken 
aus soldien Sinnesbildem hervorgegangen; ihr erstes 
Material und ihre Vorstufen waren Sinncseindrüdce, ricli- 
tiger gesagt, die Erinnerungsbilder von solchen. An diese 
wurden erst später Worte geknüpft und diese dann zu Ge- 
dankenverbunden. Die Traumarbeit läßt also die Gedanken 
eine regressive Behandlung erfahren, macht deren Ent- 
widdung rüdcgängig, und bei dieser Regression muß all das 
wegfallen, was bei der Fortentwicklung der Erinnerungs- 
bilder zu Gedanken als neuer Erwerb dazugekommen ist. 

Dies wäre also die Traumarbeit. Gegen die Vorgänge, 
die wir bei ihr kennen gelernt haben, mußte das Interesse 
am manifesten Traum weit zurüdctreten. Ich will aber 
diesem letzteren, der doch das einzige uns unmittelbar 
bekannte ist, nodi einige Bemerkungen widmen. 

Es ist natürlich, daß der manifeste Traum für uns an 
Bedeutung verliert. Es muß uns gleichgültig ersdieiuen. 



132 ZWEITER TEIL; DER TRAUM 



ob er gut komponiert oder in eini; Rüihe von Einzel- 
bildern ohne Zusammenhang aufgelost ist. Selbst wenn 
er eine anscheinend sinnvolle AiiRenseite hat, wissen wir 
doch, daß diese durdi Tranmentstellung entstanden sein 
und zum inneren Gehalt des Traumes so wenig organische 
Begehung haben kann wie die Fassade einer italienischen 
Kirche zu deren Struktur und Grundriß. Anderemale 
hat auch diese Fassade des Traumes ihre Bedeutimg, 
indem sie einen wichtigen Bestandteil der latenten Traum- 
gedanken wenig oder gar nidit entstellt wiederbringt. 
Aber wir können das nidit wissen, ehe wir den fraum 
der Deutung unterzogen und dadurdi' ein Urteil ge- 
wonnen haben, welches Maß von Entstellung Platz ge- 
griHen hat. Ein ähnlicher Zweifel gilt für den Fall, daß 
zwei Elemente im Traum in nahe Beziehung zuemander 
-rebracht scheinen. Es kann darin, ein wertvoller Wink ent- 
halten sein, daß man auch das diesen Elementen im latenten 
Traum Entsprediende zusammenfugen darf, aber andere 
Male kann man sich überzeugen, daß, was in Gedanken zu- 
sammengehört, im Traum auseinandergerissen worden ist- 
Im allgemeinen muß man sich dessen enthalten, emen 
Teil des manifesten Traumes aus einem anderen erklaren 
zu wollen, als ob der Traum kohärent konzipiert und 
eine pragmatische Darstellung wäre. Er ist vielmehr 
zumeist einem Brecciagestein vera;Ieichbar, aus verschie- 
denen Gesteinsbrocken mit Hilfe eines Bindemittels hei^ 
gestellt, so daß die Zeichnungen, die sich dabei e^eben, 
nidit den ursprünglichen Gestein sein sdilüssen angehören. 
Es gibt wirklich ein Stück der Traumarbeit, die soge- 
nannte sekundäre Bearbeitung, dem daran gelegen 
ist, aus den nächsten Ergebnissen der Traum arbeit etw^^^ 
Ganzes, ui^efähr Zusammenpassendes herzustellen. Da- 
bei wird das Material nach einem oft ganz mißverständ- 
lichen Sinn angeordnet und, wo es nötig scheint. Ein- 
schöbe vorgenommen. '■ > . ■ •' 

Anderseits darf man aurfi die Traumarbeit nicht über- 
sdiätzen, ihr nicht zuviel zutrauen. Mit den aufgezählten 



I 



XI. DIE TRAUMABBEIT 183 



Leistungen ist ihre Tätigkeit erschöpft; mehr als ver- 
dichten, verschieben, plastisch darstellen und das Ganze 
dann einer sekundären Bearbeitung unteraiehen, kann 
sie nicht. Was sich im Traum von Urteilsäußerungen, von 
Kritik, Venvunderuiig, Folgerung findet, das sind nicht 
Leistungen der Traumarbeit, nur sehr selten Äußerungen 
des Nachdenkens über den Traum, sondern zumeist Stücke 
der latenten Traumgedanken, die mehr oder weniger 
modifiziert und dem Zusammenhange angepaßt in den 
manifesten Traum übergetreten sind. Auch Reden kom- 
ponieren kann die Traumarbeit nicht. Bis auf wenige 
angebbare Ausnahmen sind die Traumreden Nachbil- 
dungen und Zusammensetzungen von Reden, die man 
am Traumtag gehört oder selbst gehalten hat, und die 
als Material oder als Traumanreger in die latenten Ge- 
danken eingetragen worden sind. Ebensowenig kann die 
Traumarbeit Rechnungen anstellen; was sich davon im ma- 
nifesten Traura findet, sind zumeist Zusammenstellungen 
von Zahlen, Scheinrechnungen, als Reclmungen ganz un- 
sinnig und wiederum nur Kopien von Redinungen in 
den latenten Traumgedanken. Bei diesen Verhältnissen 
ist es auch nidit zu verwundern, daß das Interesse, welches 
sidi der Traumarbeit zugewendet hat, bald von ihr weg 
zu den latenten Traumgedanken strebt, die sich mehr 
oder weniger entstellt durdi den manifesten Traum ver- 
raten. Es ist aber nicht zu reditfertigen, wenn dieser 
Wandel so weit geht, daß man in der theoretischen 
Betrachtung die latenten Traumgedanken an Stelle des 
Traumes übei'haupt setzt und von letzterem etwas aus- 
sagt, was nur für die ersteren gelten kann. Es ist sonder- 
bar, daß die Ergebnisse der Psychoanalyse für eine solche 
Verwechslung mißbraucht werden konnten. „Traum" kann 
man nichts anderes nennen als das Ergebnis der Traum< 
arbeit, d. h. also die Form, in welche die latenten Ge- 
danken durch die Traumarbeit überführt worden sind, 
Die Traum arbeit ist ein Vorgang ganz singulärer Art, 
dcüs engl eichen bisher im Seelenleben nirJit bekannt wor- 



1J4 Z\feiTER TEIL; DER TRAUM 

den ist Derartige Verdiditungen, Versdiiebungen, regres- 
sive Umsetzungen von Gedanken in Bilder sind Neu- 
heiten, deren Erkenntnis die psydioanalytiseJien Bemü- 
hungen bereits reichlich entlohnt Sie entnehmen audi 
wiederum aus den Parallelen zur Traumarbeit, welclie 
Zusammenhänge der psychoanalytischen Studien mit an- 
deren Gebieten, speziell mit der Sprach- und Denk- 
entwiddung, au^ededct werden. Die weitere Bedeutung 
dieser Einsichten können Sie erst almen, wenn Sie er- 
fahren, daß die Mechanismen der Traumbildung vorbild- 
lich für die Entstehungsweise der neurotischen Symp- 
tome sind. 

Idi weiß auch, daß wir den ganzen Neuerwerb, der 
aus diesen Arbeiten für die Psydiologie resultiert, nocii 
nicht übersehen können. Wir wollen nur darauf hin- 
weisen, welche neuen Beweise sich für die Existenz un- 
bewußter seelischer Akte — das sind ja die latenten 
Traumgedanken — ergeben haben, und wie uns die 
Traumdeutung einen ungeahnt breiten Zugang zur Kennt- 
nis des unbewußten Seelenlebens verspricht. 

Nun wird es aber wohl an der Zeit sein, daß idi 
Ihnen an verschiedenen kleinen Traum beispielen einzeln 
vorführe, worauf idi Sie im Zusammenhange vorberi^itet 
habe. 

Xn. VORLESUNG 

' ANALYSEN VON TRAUMBEISPIELEN 

eine Damen und Herren! Seien Sie nun nidit ent- 

täuscht, wenn ich Dinen wiederum Bruchstücke von 

Traumdeutungen vorlege, anstatt Sie zur Teilnahme an 
der Deutung eines schönen groÖen Traumes einzuladen, 
Sie werden sagen, nach so vielen Vorbereitungen hätten 
Sie ein Recht darauf, und werden Ihrer Überzeugung Aus- 
drude geben, daß es nach gelungener Deutung von soviel 
tausend Träumen längst hätte möglich werden müssen, 
eine Sammlung von ausgezeidmeten Traumbeispielen zU' 



M 



Xrt, ANALYSEN VON TRALIMBEISPIELEW 185 

sammenzutragen, aii weldier sich alle unsere Behaup- 
j tungen über Traumarbeit und Traumgedanken deraon- 
1 strieren ließen. Ja, aber der Sdiv/ierigkeiten, welche der 
I Erfüllung Ihres Wunsches im Wege stehen, sind zu viele. 
Vor allem muß ich Ihnen gestehen, daß es niemand 
g{bt, der die Traumdeutung als seine Hauptbeschäftigung 
I betreibt Wann kommt man denn dazu, Träume zu deuten? 
Gelegentlicli kann man sich ohne besondere Absicht mit 
I den Träumen einer befreundeten Person beschäftigen, oder 
I man arbeitet eine Zeitlang seine eigenen Träume durch, 
jum sich für psychoanalytische Arbeit zu sdiulen; zumeist 
jhat man es aber mit den Träumen nervöser Personen zu 
Itun, die in analytischer Behandlung stehen. Diese letz- 
Iferen Träume sind ausgezeiclmetes Material und stehen 
'in keiner Weise hinter denen Gesunder zurüde, aber man 
ist durch die Teclmik der Behandlung genötigt, die Traum- 
deutung den therapeutischen Absichten unterzuordnen und 
eine ganze Anzahl von Träumen stehen zu lassen, nach- 
dem man ihnen etwas für die Behandlung Brauchbares 
entnommen hat Manche Träume, die in den Kuren vor- 
■fallen, entziehen sich überhaupt einer vollständigen Deu- 
'iaag. Da sie aus der Gesamtmenge des uns noch unbe- 
kannten psydiisdien Materials erwachsen sind, wird ihr 
■ Verständnis erst nach Abschluß der Kur möglich. Die 
iMitteilung solcher Träume vriirde audi die Aufdeckunf 
aller Geheimnisse einer Neurose notwendig maclien; das 
geht also nicht bei uns, die wir den Traum als Vorbe- 
reitung für das Studium der Neurosen in Angriff ge- 
nommen haben. 

Nun würden Sie gerne auf dieses Material verzichten 
und wollten lieber Träume von gesunden Mensdien oder 
eigene Träume erläutert hören. Das geht aber wegen des 
Inhalts dieser Träume nicht an. Man kann weder sidi selbst 
noch einen anderen, dessen Vertrauen man in Anspruch 
genommen hat, so rüiisidilslos bloßstellen, wie es die 
eingehende Deutung seiner Träume mit sich brächte, die, 
wie Sie bereits wissen, das Latimste seiner Persönlichkeit 



li 



186 zwerrERTEiL: der träum 

betreffen. Außer dieser Schmerigkeit der Materialbeschaf- 
fung kommt für die Mitteilung eine andere in Betradit, 
Sic wissen, derTraum erscheint dem Träumer selbst fremd- 
artig, geschweige denn einem anderen, dem die Person 
des Träumers unbekannt ist. Unsere Literatur ist nicht 
arm an guten und ausführlichen Traumanalysen; ich selbst 
habe einige im Rahmen von Krankengeschichten verÖffent- 
lidit; vielleicht das schönste Beispiel einer Traumdeutung 
ist das von O. Rank mitgeteilte, zwei aufeinander be- 
züglidie Träume eines jungen Mädchens, die im Druck 
etwa zwei Seiten einnehmen; die Analyse dazu umfaßt 
aber 76 Seiten. Icli brauchte etwa ein ganzes Semester, 
um Sie durdi eine soldie Arbeit hindurch zu geleiten. 
Wenn man einen irgend längeren und stärker entstellten 
Traum vomiramE, so muß man soviel Aufklärungen dazu- 
geben, soviel Materia! von Einfällen und Erinnerungen 
heranziehen, auf so viele Seitenwege eingehen, daß ein 
Vortrag darüber ganz unübersichtlich und unbefriedigend 
ausfallen würde. Ich muß Sie also bitten, sich mit dem 
zu begnügen, was leichter zu haben ist, mit der Mitteilung 
von kleinen Stücken aus Träumen von neurotisdien Per- 
sonen, an denen man dies oder jenes isoliert erkennen 
kann. Am leichtesten lassen sich die Traumsymbole de- 
monstrieren, dann noch gewisse Eigentümlichkeiten der 
regressiven Traumdarstellung. Ich werde Ihnen von jedem 
der nun folgenden Traume angeben, weshalb ich ihn für 
mitteilenswert erachtet habe. ■ 

1. Ein Traum besteht nur aus zwei kurzen Bildern; 
Sein Onkel raucht eine Zigarette, obwohl es 
Samstag ist — Eine Frau streichelt und liebkost 
ihn wie ihr Kind. 1 i v . 

Zum ersten Bild bemerkt der Träumer (Jude), sein 
Onkel sei ein frommer Mann, der etwas derart Sünd- 
haftes nie getan hat und nie tun würde. Zur Frau im 
zweiten Biid fällt ihm nichts anderes ein als seine Mutler. 
Diese beiden Bilder oder Gedanken sind offenbar in 
Beziehung zueinander zu setzen. Aber wie? Da er die 



i 



Xll. ANALYSEN VON TRAUMBEISPIELEN IST 

Realität für das Tun des Onkels ausdcüddidi abgestritten 
liat, so liegt es nahe, ein „Wenn" einzufügen. „Wenn 
mein Onkel, der heilige Mann, am Samstag eine Zigarette 
rauchen würde, dann diiifte ich mich auch von der Mutter 
liebkosen lassen." Das heißt offenbar, das Kosen mit 
der Mutter sei auch etwas Unerlaubtes wie das Rauchen 
am Samstag für den fronimea Juden. Sie erinnern sich, 
daß ich Ihnen sagte, bei der Traumarbeit fielen alle 
■Relationen zwischen den Traumgedankeo weg, diese 
werden in ihr Rohmaterial aufgelost, und es ist Aufgabe 
der Deutung, die weggelassenen Beziehungen wieder 
einzusetzen. 

2. Durch meine VerötfenÜichungen über den Traum 
bin idi in gewisser Hinaidit Öffentlicher Konsulent für 
"Traumangelegenheiten geworden und erhalte seit vielen 
Jahren Zuschriften von den verschiedensten Seiten, in 
denen mir Träume mitgeteilt oder zur Beurteilung vor- 
gelegt werden. Idi bin natürlidi allen jenen dankbar, 
die zum Traum soviel Material hinzufügen, daß eine 
Deutung moglidi wird, oder die selbst eine solche 
Deutung geben. In diese Kategorie gehört nun der fol- 
gende Traum eines Mediziners aus München vom Jahre 
1910. Ich bringe ihn vor, weil er Ihnen beweisen kann, 
wie unzugänglich im allgemeinen ein Traum dem Ver- 
ständnis ist, ehe der Träumer uns seine Auskünfte dazu 
gegeben hat Ich vermute nämlich, daß Sie im Grunde 
die Traumdeutung durch Einsetzen der Symbolbedeutung 
für die ideale halten, die Technik der Assoziation zum 
Traum aber beiseite schieben möchten, und will Sie von 
diesem schädlichen Irrtum freimachen. 

13. Juli 1910: Gegen morgen träume ich: Ich fahre 
mit dem Rad in Tübingen die Straße herunter, 
als ein brauner Dachshund hinter mir dreinrast 
und mich an einer Ferse faßt. Ein Stück weiter 
steige ich ab, setze mich auf eine Staffel und 
fange an, auf das Vieh loszutromrneln, das sich 
fest verbissen hat. (Unangenehme Gefühle habe ich 



188 ZWEITERTEIL! DER TRAUM 

von dem Beißen und der ganzen Szüne nicht.) Gegen- 
über sitzen ein paar ältere Damen, die mir grin- 
send zusehen. Dann wache ich aufund wie schon 
öfter, ist mir in diesem Moment des Übergangs 
zum Wachen der ganze Traum klar. 

Mit Symbolen ist hier wenig auszurichten. Der Träumer 
berichtet uns aber: „Ich habe mich in der letzten Zeit 
in ein Mädchen verliebt, nur so vom Sehen auf der 
Straße, habe aber keinerlei Anknüpfungspunkte gehabt. 
Dieser Anknüpfungspunkt hätte für mich am angenehm- 
sten der Dachshund sein können, zumal ich ein großer 
Tierfreund bin und diese Eigenschaft auch bei dem 
Mädchen sympathisch empfunden habe." Er fügt auch 
hinzu, daß er wiederholt mit großem Geschidc und oft 
zum Erstaunen der Zuschauer in die Kämpfe miteinander 
raufender Hunde eingegriffen habe. Wir erfahren also, 
daß das Mäddien, welches üim gefiel, stets ia Begleitung 
dieses besonderen Hundes zu sehen war. Dies Mäddiea 
ist aber für den manifesten Traum beseitigt worden, 
nur der mit ihr assoziierte Hund ist geblieben. Vielleidit 
sind die älteren Damen, die ihn angrinsen, an die Stelle 
des Mädchens getreten. Was er sonst noch mitteilt, reiclit 
zur Aufklärung dieses Punktes nidit aus. Daß er im 
Traume auf dem Rade fährt, ist direkte Wiederholung 
der erinnerten Situation. Er war dem Mäddien mit dem 
Hunde immer nur, wenn er zu Rade war, begegnet 

3. Wenn jemand einen seiner teueren Angehörigen 
verloren hat, so produziert er durch längere Zeit nadi- 
her Träume von besonderer Art, in denen das Wissen 
um den Tod mit dem Bedürfnis, den Toten wiederzu- 
beleben, die merkwürdigsten Kompromisse abschließt. 
Bald ist der Verstorbene tot und lebt dabei doch weiter, 
weil er nicht weiß, daß er tot ist, und wenn er es wüßte, 
stürbe er erst ganz; bald ist er halb tot und halb le- 
bendig, und jeder dieser Zustände hat seine besonderen 
Anzeichen. Man darf diese Träume nicht einfach imsinnige 
nennen, denn das Wiederbelebt werden ist für den Traum 



I nicht unannehmbarer als z. B. für das Märdie», indem 
es als ein sehr gewöhnliches Schicksal vorkommt. Soweit 
idi solche Träume analysieren konnte, ergab es sich, daß 
sie einer vernünftigen Lösung fähig sind, aber daß' der 
pietätvolle Wunsdj, den Toten ins Leben zurückzurufen, 
Hiit den seltsamsten Mitteln zu arbeiten versteht. Ich 
lege Ihnen hier einen solchen Traum vor, der sonderbar 
und unsinnig genug klingt, und dessen Analyse Ihnen 
vieles von dem vorführen wird, worauf sie durch unsere 
theoretisdien Ausführungen vorbereitet sind. Der Traum 
eines Mannes, der seinen Vater vor mehreren Jahren 
verloren hatte: 

Der Vater ist gestorben, aber exhumiert wor- 
den und sieht schlecht aus. Er lebt seitdem fort, 
und der Träumer tut alles, damit er es nicht 
merkt {Dann Übergeht der Traum auf andere, scheinbar 
sehr femliegende Dinge.) 

Der Vater ist gestorben, das wissen wir. Daß er 
exhumiert worden, entspricht nicht der Wirklidikeit, die 
ja auch für alles weitere nicht in Betracht kommt. Aber 
der Träumer erzählt: Nadidem er vom Begräbnis des 
Vaters zur umgekommen war, begann ihn ein Zahn zu 
sdiraerzen. Er wollte diesen Zahn nach der Vorschrift 
der jüdischen Lehre behandeln: Wenn dich dein Zahn 
ärgert, so reiße ihn aus, und begab sich zum Zahnarzt. 
Der aber sagte: Einen Zahn reißt man nicht, man muß 
Geduld mit ihm haben. Idi werde etwas einlegen, um 
ihn zu töten; nadi drei Tagen kommen Sie wieder, dann 
werde ich's herausnehmen. 

Dies „Heransnehmen", sagt der Träumer plötzÜdi, 
das ist das Exhumieren. 

Sollte der Träumer Recht haben? Es stimmt zwar 
nidit ganz, nur so ungefähr, denn der Zahn wird ja 
nidit herausgenommen, sondern etwas, das Abgestorbene, 
aus ihm. Aber dergleidien Ungenauigkeiten darf man 
derTraumarbeit nach anderen Erfahrungen wohl zatrauen. 
Dann hätte der Träumer den verstorbenen Vater mit dem 



190 ZWEIT ER TEIL : DER TRAUM 

getöteten und doch erhaltenen Zahn verdidilet, zu einer 
Einheit verschmolzen. Kein Wunder dann, daß im mani- 
festen Traum etwas Sinnloses zustandekomrat, denn es 
kann docli nicht alles auf den Vater passen, was vom 
Zahn gesagt wird. Wo wäre überhaupt das Terlium 
comparationis zwischen Zalm und Vater, welches diese 
Verdiiitung ermöglicht? 

Es muß aber docli wohl so sein, denn der Träumer 
fährt fort, es sei ihm bekannt, wenn man von einem 
ausgefallenen Zahn träumt, so bedeutet es, daß man ein 
Familienmitglied verlieren werde. 

Wir wissen, daß diese populäre Deutung unridiUg 
oder wenigstens nur in einem skurilten Sinne richtig ist 
Urasomehr wird es uns überraschen, das so angeschlagene 
Thema doch hinter den anderen Stücken des Traum: 
Inhalts aufzufinden. ^ ■a 

Ohne weitere Aufforderung beginnt nun der Träumer 
von der Krankheit und dem Tode des Vaters sowie von 
seinem Verhältnis zu ihm zu erzählen. Der Vater war 
lange krank, die Pflege und Behandlung des Krauken 
kostete ihn, den Sohn, viel Geld. Und docli war es ihm 
nie zuviel, er wurde nie ungeduldig, hatte nie den Wunsch, 
es möge doch schon zu Ende sein. Er rühmt sich echt 
jüdisdier Pietät gegen den Vater, der strengen Bctol- 
•jung des jüdisclien Gesetzes. Fällt uns da nicht ein 
Widersprudi in den zum Traum gehörigen Gedanken 
auf? Er hatte Zahn und Vater identifiziert Gegen den 
Zahn wollte er nach dem jüdisdien Gesetz verfahren, 
welches das Urteil mit sidi brachte, ilin auszureißen, 
wenn er Schmerz und Ärgernis bereitete. Audi gegen 
den Vater wollte er nach der Vorschrift des Gesetzes 
verfahren sein, welclies aber hier lautet, Aufivand und 
Ärgernis nicht zu aciiten. alles Schwere auf sich zu 
nehmen und keine feindliche Absicht gegen das Schmerz 
bereitende Objekt aufkommen zu lassen. Wäre die Über- 
einstimmung nidit weit zwingender, wcim er wirklith 
gegen den kranken Vater ähnliche Gefühle entwickelt 



I 



xn. ANALYSEN VON TRAUMBEiSPtELEM Idl 

hätte wie gegen den kranken Zahn, d. li. ge\riinscht hätte. 
ein baldiger Tod möge seiner überfiüssigen, schmerz- 

• liehen und kostspieligen Existenz ein Ende setzen? 
Ich zweifle nicht, daß dies wirklich seine Einsteilunw 
gegen den Vater wälirend dessen langwieriger Krankheft 
war, und daß die prahlerischen Versidierungen seiner 
frommen Pietät dazu bestimmt sind, von diesen Er- 
innerungen abzulenken. Unter solchen Bedingungen pflegt 
der Todeswunscii gegen den Erzeuger reg-e zu werden 
und sich mit der Maske einer mitleidigen ErwSrrunfr 
wie: es wäre nur eine Erlösung für ihn, zu dedcenrBe''- 
merken Sie aber wohl, daß wir hier in den latenten 
Traumgedanken selbst eine Schranke überschritten haben. 
Der erste Anteil derselben war gewiß nur zeitweilio-, 
d. h. während der Traumbildung, unbewußt, die feind- 
■.seligen Regungen gegen den Vater dürften aber dauernd 
■ unbewußt gewesen sein, vielleicht aus Kinderzeiten 
■■fltammen und sich während der Krankheit des Vaters 
■gelegentlifji schüchtern und verkleidet ins Bewußtsein 
^gesdilichen haben. Mit noch größerer Sidierheit können 
' wir dies von anderen latenten Gedanken behaupten, die 
unverkennbare Beiträge an den Trauminhalt abgegeben 
haben. Von den feindseligen Regungen gegen den Vater 
ist ja nichts im Traum zu entdecken, hjdem wir aber 
der Würze! soldier Feindseligkeit gegen den Vater im 
Kinderlcbcn nadiforsdien, erinnern wir uns, daß sich die 
Furcht vor dem Vater herstellt, weil dieser sich schon 
in frühesten Jahren der Sexualbetätigung des Knaben 
entgegensetzt, wie er es in der Regel im Alter nacli 
der Pubertät aus sozialen Motiven wiederholen muß. 
Diese Beziehung zum Vater trifft auch für unseren Träumer 
zu; seiner Liebe zu ihm wai" genug Respekt und An<fst 
beigemengt gewesen, die aus der Quelle der frühzeitigen 
Sexiialeinsehüchterung geflossen waren. 
I, Aus dem Onaniekomplex erklären sich nun die wei- 
teren Sätze des manifesten Traumes. „Er sieht schlecht 
aus" spielt zwar auf eine weitere Rede des Zahnarztes 



L 



IW • ZWEITER TEIL! DER TRAUM 

an, daß es schledil aussieht, wenn man einen Zahn ar 
dieser Stelle eingebüßt hat; es bezieht sich aber gleidt 
zeitig auf das schlechte Aussehen, durdi welches dei 
junge Mann ia der Pubertät seine übermäßige Sexual 
betaligung verrät oder zu verraten fürditet. Nicht ohnt 
eigene Erleichterung hat der Träumer im manifesten Inhal' 
das sdilechte Ausseben von sich weg auf den Vatei 
geschoben, eine der Ihnen bekannten Umkehrungen dei 
Traumarbeit. „Er lebt seitdem fort" deckt sich mi' 
dem Wiederb elebungswunsdi wie mit dem Verspreche! 
des Zahnarztes, daß der Zahn erhalten bleiben wird 
Ganz raffiniert ist aber der Satz „der Träumer tut alles 
damit er (der Vater) es nicht merkt", darauf her 
gerichtet, uns zur Ergänzung zu verleiten, daß er ge 
storben ist Die einzig sinnreiche Ergänzung ergibt siel 
aber wieder aus dem Onaniekomplex, wo es selbstver 
ständlich ist, daß der Jüngling alles tut, um sein Sexual 
leben vor dem Vater zu verbergen. Erinnern Sie siel 
nun zum Schluß, daß wir die sogenannten ZahnreiztrSumi 
stets auf Onanie und auf die gefürchtete Bestrafunj 
für sie deuten mußten. 

Siesehen nun, wie dieser unverständlicheTraumzustandi 
gekommen ist. Durch die Herstellung einer sonderbaren um 
irreführenden Verdichtung, durch die Übergehuiig aller Ge 
danken aus der Mitte des latenten Gedankenganges, um 
durch die Sdiaffung von mehrdeutigen Ersatzbildungei 
für die tiefsten und zeitlich entlegensten dieser Gedanken 

4. Wir haben schon wiederholt versucht, jenen nüdi 
temen und banalen Träumen beizukommen, die nicht 
Unsinniges oder Befremdendes an sich tragen, bei denei 
sitäi aber die Frage erhebt; Wozu träumt man so gleich 
gültiges Zeug? Idi will also ein neues Beispiel diese 
Art vorlegen, drei zusammengehörige, in einer Nach 
vorgefallene Träume einer jungen Dame. 

a) Sie geht durch die Halle ihres Hauses um 
stößt sich den Kopf blutig an dem tief herah 
hängenden Luster. 



XB. ANALYSEN VON THAUMBEISPIELEW 193 

Keine Reminiszenz, nichts, was wirklich vorgefallen 
igt Dwo Auskunft dazu leitet auf ganz andere Wege. 
„Sie wissen, wie stark mir die Haare ausgehen. Kind, 
hat die Mutter gestern zu mir gesagt, wenn das so 
weiter geht geht, wirst du einen Kopf bekommea wie 
einen Popo." Der Kopf steht also hier für das andere 
Körperende. Den Luster können wir ohne Nachhilfe sym- 
bolisch verstehen; alle der Verlängerung fähigen Gegen- 
gtände sind Symbole des männlidien Gliedes. Also handelt 
es sich um eine Blutung am unteren Körperende, die 
durch den Zusammenstoß mit dem Penis entsteht Das 
könnte nodi mehrdeutig sein; ihre weiteren Einfälle 
zeigen, daß es sidi um den Glauben handelt, die Men-, 
giruationsblutung entstehe durch den Gcsdilechtsv erkehr 
mit dem Mann, ein Stück der Sexual theorie, das viele 
Gläubige unter den unieifen Mädchen hat 

b) Sic sieht im Weingarten eine tiefe Grube, 
,VOD der sie weiß, daß sie durch Ausreißen eines 
Baumes entstanden ist Dazu ihre Bemerkung, der 
Baum fehle ihr dabei. Sic meint sie habe im Traum 
den Baum nidit gesehen, aber derselbe Wortlaut dient 
dem Ausdruck eines anderen Gedankens, der nun die 
symbohsche Deutung vollends sidierstellt Der Traum 
bezieht sich auf ein anderes Stüdc der infantilen Sexual- 
theorien, auf den Glauben, daß die Mädchen ursprünglich 
dasselbe Genitale hatten wie die Knaben, und daß dessen 
spätere Gestaltung durch Kastration (Ausreißen eines 
Baumes) entstanden ist 

c) Sie steht vor ihrer Schreibtischlade, in der 
sie sich so gut auskennt, daß sie sofort weiß, 
wenn jemand dariäber gekommen ist Die Schreib- 
tischlade ist wie jede Lade, Kiste, Stliachtel, ein wetb- 
lidies Genitale. Sie weiß, daß man die Anzeichen des 
Sexualverkehis (wie sie meint auch der Berührung) am 
Genitale erkennen kann, und hat sich lange vor solcher 
üherführung gefürditet Ich meine, der Akzent ist in all 
diesen drei Träumen auf das Wissen zu legen. Sie Jte- 



194 '■ • ZWEITE!; TEIL; DERTRAUM 

denkt der Zeit ihrer kindlichen Sexualforschung;, auf dero 
Ergebnisse sie damals recht stolz war. 

5. Wiederum ein Stiidcdien Symbolik. Aber diesma 
muß idi die psydiisdie Situation in einem kurzen Voi 
beridit voranstellen. Ein Herr, der mit einer Frau ein. 
Liebesnacht verbracht hat, schildert seine Partnerin al 
eine jener mütterlichen Naturen, bei denen im Liebes 
verkehre mit dem Manne der Wunsch nadi dem Kind 
unwiderstehlich durdidringt. Die Verhältnisse jenes Zu 
sammentreffens nötigen aber zu einer Vorsicht, durd 
welche der befruchtende Samenerguß vom weiblichei 
Schoß femgehalten wird. Beim Ervradien aus dieser Nach 
erzählt die Frau nachstehenden Traum 

Ein Offizier mit einer roten Kappe lauft ih 
auf der Straße nach. Sie flieht vor ihm, läuft dii 
Stiege hinauf, er immer nach. Atemlos erreich 
sie ihre Wohnung und wirft die Türe hinter siel 
ins Schloß. Er bleibt draußen, und wie sie durch 
Guckloch schaut, sitzt er draußen auf einer Banl 
und weint. I 

Sie erkennen wohl in der Verfolgung durdi dei 
Offizier mit der roten Kappe und in dem atemlosei 
Steigen die Darstellung der Geschlechtsaktes. Daß di^ 
Träumerin sich vor dem Verfolger verschließt, m^ Ibnei 
als Beispiel der im Traum so häufig angewendeten Um 
kehrungen gelten, denn in Wirklichkeit hatte sidi ja de 
Mann der Beendigung des Liebesaktes entzogen. Ebensi 
ist ihre Trauer auf den Partner verschoben, er ist es je 
der im Traume weint, womit gleichzeitig der Samenerguf 
angedeutet ist 

Sie werden gewiß einmal gehört haben, in der Psycho 
analyse werde behauptet, daß alle Träume sexuelle ße 
deutung haben. Nun sind Sie selbst in die Lage gekommen 
sich über die Unkorrektheit dieses Vorwurfs ein Urtei 
zu bilden, Sie haben die Wunschträume kennen geleml 
die von der Befriedigrunj der klarliegendsten Bedürfnisse 
des Hungers, des Durstes, der Sehnsudit nach Freihei 



^li: 



Xn. ANALYSEN VON TRAUMBEISPIELEM 195 

landein, die ßequemlichkeits- und Ungeduldsträume und 
ebenso rein tabsüchtige und egoistische. Aber daß die 
jtark entstellten Träume vorwiegend — wiederum nicht 
flusschließlidi — sexuellen Wünsdien Ausdruck geben, 

Ürfen Sie allerdings als Ergebnis der psydioanalytisdien 
l^forsdiung im Gedächtnis behalten, 

6. Ich habe ein besonderes Motiv, die Beispiele für 
die Symbolverwendung im Traume zu häufen. Ich habe 
tßidt bei unserem ersten Zusammentreffen darüber be- 
Id^, wie schwierig die Demonstration und damit das 
Erwecken von Überzeugungen in der Unterweisung der 
Psychoanalyse sei, und Sie haben mir seither gewiß bei- 
gestimmt. Nun hängen aber die einzelnen Behauptungen 
der Psychoanalyse doch so innig zusammen, daß die Über- 
zeugung sidi leicht von einem Punkt her auf einen größeren 
Teil des Ganzen fortsetzen kann. Man könnte von der 
psydioanalyse sagen, wer ihr den kleinen Finger gibt, 
den hält sie schon bei der ganzen Hand. Sclion wem 
die Aufklärung der Fehlleistungen eingeleuchtet hat, der 
kann sich logisch erweise dem Glauben au alles andere 
nidit mehr entziehen. Eine zweite ebenso zugänglidie 
Stelle ist in der Trauinsymbolik gegeben. Ich werde 
Ihnen den bereits publizierten Traum einer Frau aus dem 
Volke vorlegen, deren Mann Wachmann ist, und die 
pwiS niemals etwas von Traumsymbolik und Psycho- 
analyse gehört hat. Urteilen Sie dann selbst, ob dessen 
Auslegung mit Hilfe von Sexualsymbolen willkürlich und 
gezwungen genannt werden kann. 
, „ . . . . Dann sei jemand in die Wohnung ein- 
i^ebrochen und sie habe angstvoll nach einem 
Wachmann gerufen. Dieser aber sei mit zwei 
„Pülchern" einträchtig in eine Kirche gegangen, 
lu der mehrere Stufen emporführten. Hinter der 
Kirche sei ein Berg gewesen und oben ein dichter 
Wald. Der Wachmann sei mit einem Helm, Ring- 
kragen und Mantel versehen gewesen, Er habe 
einen braunen Vollbart gehabt. Die beiden Va- 

13* 



UC ' IWElTER 'TEiLi DER TfeAtAc _' 

{Tanten, die friedlich mit dem Wachmann g 
gang-ea seien, hätten sackartig aufgebunder 
Schürzen um die Lenden geschlungen gehab 
Von der Kirche habe zum Berge ein Weg g 
führt. Dieser sei beiderseits mit Gras und G 
strüpp verwachsen gewesen, das immer dichh 
wurde und auf der Höhe des Berges ein ordca 
lieber Wald geworden sei," 

Die verwendeten Symbole erkennen Sie ohne Müh 
Das männlidie Genitale ist durdi eine Dreiheit vi 
Personen dargestellt, das weibliche durdt eine Lani 
sdiaft mit Kapelle, Berg und Wald. Wiederum begegni 
Sie den Stufen als Symbol des Sextiaiaktes. Was L 
Traume ein Berg genannt wird, heißt auch in der An 
tomie so, nämlich Mona veneris, Sdiamberg. 

7. Wiederum ein mittels Symboleinsetzung zu lösei 
derTraum, dadurdi bemerkenswert und beweiskräftig, da 
der Träumer selbst alle Symbole übcrsetrt hat, obwol 
CT keinerlei theoretische Vorkenntnisse für die Traun 
deutuug mitbrachte. Dies Verhalten ist recht ungewöl 
lieh, und die Bedingungen dafür sind nicht genau bekana 

„Er geht mit seinem Vater an einem Ort sp; 
zieren, der gewifS der Prater ist, denn man siel 
die Rotunde, vor dieser einen kleineren Vorbai 
an dem ein Fesselballon angebracht ist, der abt 
ziemlich schlaff scheint Sein Vater fragt ihi 
wozu das alles ist; er wundert sich darüber, e; 
klärt es ihm aber. Dann kommen sie in eine 
Hof, in dem eine große Platte von Blech au: 
gebreitet liegt Sein Vater will sich ein große 
Stück davon abreißen, sieht sich aber vorhe 
um, ob es nicht jemaud bemerken kann. Er sag 
ihm, er braucht es doch nur dem Aufseher z 
sagen, dann kann er sich ohne weiteres davo 
nehmen. Aus dickem Hof führt eine Treppe { 
einen Schacht herunter, dessen Wände weic 
ausgepolstert sind, etwa wie ein Lederfauteui 



*- 

■ •^■A. 



XB. ANALYSEN VON TRAtffimEISPIELEH 197 

■f^m Ende dieses Schachtes ist eine längere Platt- 
form und dann beginnt ein neuer Schacht . . ." 

Der Träumer deutet selbst; Die Rotunde ist mein 
Genitale, der Fesselballon davor mein Penis, über dessen 
'Schlaffbeit ich zu klagen habe. Man darf also eingehen- 
Jer übersetzen, die Rotunde sei das — vom Kind regel- 
mäßig zum Genitale gerechnete — Gesäß, der kleinere 
Vorbau der Hodensack, Im Traum fragt ihn der Vater, 
'yias das alles ist, d. h. nadi Zweck und Vemditung der 
Genitalien, Es liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, 
so daß er der fragende Teil wird. Da eine solche Be- 
fragung des Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, 
muS man den Traumgedanken als Wunsdi auffassen oder 
ihn etwa konditioneU nehmen; „Wenn ich den Vater um 
lemielle Aufklärung gebeten hätte." Die Fortsetzung 
dieses Gedankens werden wir bald an anderer Stelle 
finden. 

Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist 
nicht in erster Linie symbolisch eu fassen, sondern stammt 
aus dem Geschäftslokal des Vaters, Aus Gründen der 
Diskretion habe ich das „Blech" für das andere Material, 
jnit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst etwas 
am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist 
in das Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den 
eher unkorrekten Praktiken, auf denen der Gewinn zum 
juten Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher 
dürfte die Fortsetzung des obigen Traumgedankens lauten: 
(„Wenn idi ihn gefragt hätte), würde er mich betrogen 
haben, wie er seine Kunden betrügt." Für das Abreißen, 
welches der Darstellung dergeschäftlichen Unredlichkeit 
dient, gibt der Trämner selbst die zweite Erklärung, es 
bedeute die Onanie. Dies ist uns nicht nur längst be- 
kannt, sondern stimmt auch sehr gut dazu, daß das 
Geheimnis der Onanie durch das Gegenteil ausgedrüdct 
fsl (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann allen 
&Tvarlungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem 
Vater zugesdioben wird, wie die Befragung; in der ersten 



m zwETTER ■nflfeqjCR träum 

Traumszene. Den Sdiacbt deutet er sofort unter B; 
rufung' auf die weidie Polsterung der Wände als Vagim 
Daß das Herabsteigen wie sonst das Aufsteigen de 
Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze Ic 
eigenmächtig ein. 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schadit ein 
längere Plattform folgt und dann ein neuer Schach 
erklärt er selbst biographisch. Er hat eine Zeitlang ko 
tiert, dann den Verkehr infolge von Hemmungen au 
gegeben und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wiede 
aufnehmen zu können. 

8. Die beiden nadistehenden Träume eines Fremde 
mit sehr polygamer Veranlagung teile ich Ihnen als Bele 
für die Behauptung mit, daß das eigene Ich in jedei 
Traume vorkommt, auch wo es sidi für den manifeste 
Inhalt verborgen hat. Die Koffer in den Träumen sin 
Weibsymboie. 

a) Er reist ab, sein Gepäck wird auf einei 
Wagen zur Bahn gebracht, viele Koffer aufgt 
häuft, darunter zwei große schwarze, wie Mustei 
koffer. Er sagt tröstend zu jemand; Nun di 
fahren ja nur bis zum Bahnhof mit 

Er reist in Wirklichkeit mit sehr viel Gepäck, brinj 
aber auch sehr viel Geschichten von Frauen mit in di 
Behandlung, Die zwei schwarzen Koffer entspredien zwi 
schwarzen Frauen, die gegenwärtig in seinem Leben di 
Hauptrolle spielen. Eine von ihnen wollte ihm nach Wie 
nachreisen; er hatte ihr auf meinen Rat telegraphisc 
abgesagt, 

b) Eine Szene bei der Douane: Ein Mitreisende 
macht seinen Koffer auf und sagt, gleichgülti 
eine Zigarette rauchend; Da ist nichts drin. De 
Zollbeamte scheint ihm zu glauben, greift abe 
noch einmal hinein und findet etwas ganz he 
sonders Verbotenes. Der Reisende sagt dan 
resigniert: Da ist nichts zu machen. Er ist selb 
der Reisende, ich der Zollbeamte. Ei ist sonst sehr aul 



Xn. ANALYSEN VON TRAUMBEISPIELEN IM 

riditjg in seinen BekeDntnissen, batte sicli aber vor- 
genommen, mir eine neu angeknüpfte Beziehung zu einer 
pam^ ^'* verschweigen, weil er reit Recht annehmen 
konnte, daß sie mir nicht unbekannt sei. Die peinliche 
Situation des Überfübrt Werdens verschiebt er auf eine 
fremde Person, so daß er selbst in diesem Traum niclit 
vorzukommen scheint 

9. Hier ein Beispiet für ein Symbol) das idi nodi 
uidit erwähnt habe: 

Er begegnet seiner Schwester in Begleitung 
von zwei Freundinnen, die selbst Schwestern 
giod. Er gibt beiden di&_Hand, der Schwester 
aber nicht. 

Keine Anknüpfung an eine wirklidie Begebenheit, 
g^e Gedanken führen ihn vielmehr in eine Zeit, zu 
welcher ihm die Beobachtung zu denken gab, daß sich 
Jer Busen der Mädchen so spat entwickelt Die beiden 
Sihweslem sind also die Brüste, er möchte sie gerne 
mit der Hand begreifen, wenn es nur nicht seine Sdiwester 
wäre. 

10. Hier ein Beispiel für die Todessymbolik im Traum; 
Er geht mit zwei Personen, deren Namen er 

weiß, aber beim Erwachen vergessen hat über 
einen sehr hohen, steilen eisernen Steg. Plötz- 
lich sind die beiden weg und er sieht einen ge- 
spenstischen Mann mit Kappe und im Leinen- 
ftnzug. Er fragt ihn, ob er der Telegraphenbote 
sei. - ■ Nein. Ob er der Fuhrmann sei? Nein. Er 
geht dann weiter, hat noch im Traume große Angst 
und setzt den Traum nach dem Erwachen mit der Phan- 
tasie fort, daß die eiserne Brücke plötzlich abbridit und 
er in den Abgrund stürzt 

Personen, bei denen man betont, daß sie unbekannt 
Sind, daß man ihre Namen vei^essen hat sind meist 
sehr nahestehende. Der Träumer Iiat zwei Geschwister; 
wenn er diesen beiden den Tod gewünscht haben sollte, 
ao wäre es nur gerecht, wenn ihn dafür die Todesangst 



100 ZWEITER TE[L; DE« TRAUM 

heimsuchte. Zum Telegraphen boten bemerkt er, di 
solche Leute immer Unheil sposten bringen. Es könn 
audi nach der Uniform ein Laternenanzünder gewesi 
sein, der aber auch die Laternen auslöscht, also wie d. 
Genius des Todes die Fackel verlöscht Zum Fuhrmai 
assoziiert er das Uhlandsche Gedicht von König Kar 
Meerfahrt und erinnert an eine gefahrvolle Seef^rt m 
zwei Genossen, auf welcher er die Rolle des Königs i 
Gedidit spielte. Zur Eisenbrücke fällt ihm ein Unfs 
der letzten Zeit ein und die dumme Redensart: Dj 
Leben ist eine Kettenbrück'. 

11. Als anderes Beispiel der Todesdarstellung ma 
der Traum gelten: Ein unbekannter Herr gibt ein 
schwarzgeränderte Visitkarte für ihn ab. 

12. In mehrfadier Hinsicht wird Sie der folgend 
Traum interessieren, zu dessen Voraussetzungen allerdinfi 
auch ein neurotischer Zustand gehört. 

Er fährt im Eisenbahnzug. Der Zug hält au 
offenem Felde. Er meint, es steht ein Unfall b( 
vor, man muß daran denken, sich zu flüchtei 
geht durch alle Abteile des Zuges und erschlag 
alle, die ihm begegnen, Schaffner, Lokomoti^ 
führer usw. 

Dazu die Erinnerung an die Erzählung eines Freundes 
Auf einer Stredte in Italien wurde ein Wahnsinniger ii 
einem Halbcoupe transportiert, aber aus Versehen ei| 
Reisender zu ihm eingelassen. Der Verrückte erschlug dei 
Mitreisenden. Er identifiziert sich also mit diesem Ver 
riidcten und begründet sein Anrecht darauf mit der Zwangs 
Vorstellung, die ihn zeitweilig quält, daß er alle „Mit 
wisser beseitigen" müsse. Dann findet er aber selbst eini 
bessere Motivierung, die zum Anlaß des Traumes führt 
Er hat gestern imTheater das Mädchen wiedergesehen, da: 
er heiraten wollte, von der er sidi aber, weil sie ihm Gninc 
zur Elfersucht gegeben, zurückgezogen hat. Bei der b 
tensität, zu welcher die Eifersucht bei ihm ansteigt, war* 
er wirklich verrückt, wenn er die heiraten wolire. Dai 



XU. AWALYSEN VOM TRAUMBEISPIF.I. FW j^ 

heißt: Er hält sie für so unverläßlidi, daß er alle Leute 
die ihm in den Weg kommen, aus Eifersucht erschlagen 
müßte. Das Gehen durdi eine Reihe von Zimmern, hier 
von Abteilen, haben wir als Symbol des Verheiratetsein« 
{Gegensatz zur Einehe) bereits kennen gelernt 

Zum Halten des Zuges auf offenem Felde und zur 
ßefürditunff eines Unfalls erzäUt er: Als sich einmal 
auf einer Eisenbahnfahrt ein solches plotzlidics Stehen- 
bleiben außerhalb einer Station ereignete, erklärte eine 
mitreisende junge Dame, es stehe vielleicht ein Zu- 
sammenstoß bevor, und da sei die zweckmäßigste Vor- 
sicht, die Beine hoch zu geben. Dieses „die Beine hoch" 
hatte aber auch eine Rolle in den vielen Spaziergangen 
und Ausflügen in die freie Natur gespielt, die er in der 
glüdclichen ersten Ljebeszeit mit jenem Mädchen unter- 
nommen hatte. Ein neues Argument dafür, daß er ver- 
rückt sein müßte, um sie jetzt zu heiraten. Daß ein 
Wunsdi. so verrückt zu sein, bei ihm dennodi bestand, 
durfte ich nach meiner Kenntnis der Situation als ge- 
scheit annehmen, 

, ' Xia. VORLESUNG 

ARCHAISCHE ZÜGE 
UND INFANTILISMUS DES TRAUMES'' 

Meine Damen und Herrenl Lassen Sie uns wieder an 
unser Resultat anknüpfen, daß die Traumarbeit die 
latenten Traumgedanken unter dem Einfluß der Traum- 
lensur in eine andere Ausdrucks weise überführt Die 
latenten Gedanken sind nicht anders als die uns be- 
kannten bewußten Gedanken unseres Wachlebens; die 
neue Ausdrucks weise ist uns durch vielfältige Züge un- 
verständlich. Wir haben gesagt, daß sie auf Zustände 
unserer intellektuellen Entwicklung zurückgreift die wir 
längst überwunden haben, auf die Bildersprache, die 
Symbolbeziehung, vielleicht auf Verhältnisse, die vor der 
Entwicklung unserer Denksprache bestanden haben. Wir 



HO ZMTirTER TEIL; DER TRAUM 

nannten die Ausdrudesweise der Trauoiarbeit darum eine 
archaische oder regressive. 

Sie können daraus den Schluß ableiten, daß es durch 
das vertieftere Studium der Traumarbeit gelitten müßte, 
wertvolle Aufschlüsse über die nicht gut gekannten An- 
fänge unserer intellektuellen Entwicklung zu gewinnen. 
Ich hoffe, es wird so sein, aber diese Arbeit ist bisher 
noch niÄt in Angriff genommen worden. Die Vorzeit, 
in welche die Traumarbeit uns zurückgeführt, ist eine 
zweifache, erstens die individuelle Vorzeit, die Kindheit, 
anderseits, tnsofeme jedes Individuum in seiner Kindheit 
die ganze Entwicklung der Menschenart irgendwie abge- 
kürzt wiederholt, auch diese Vorzeit, die phylogenetische. 
Ob es gelingen wird zu untersdieiden, welcher Anteil der 
latenten seelisciien Vorgänge aus der individuellen, und 
weldier aus der phylogenetisdien Urzeit stammt, — id» 
halte es nicht für unmöglidi. So erscheint mir z. B. die 
Symbolbeziehung, die der Einzelne niemals erlernt hat, 
zum Anspruch bereditigt, als phylogenetisches Erbe be- 
trachtet zu werden. 

Indes ist dies ni<jit der einzige archaische Charakter 
des Traumes. Sie kennen alle wohl aus der Erfahrung 
an sich die merkwürdige Amnesie der Kindheit Ich meine 
die Tatsadie, daß die ersten LebeDsjahre, bis zum fünften, 
sedisten oder achten, nicht die Spuren im Gedaditnis 
hinterlassen haben wie das spätere Erleben. Man trifft 
zwar auf einzelne Menschen, welche sich einer kontinuier- 
lichen Erinnerung vom frühen Anfang bis auf den heutigea 
Tag rühmen können, aber das andere Verhalten, daß der 
Gedäcitnislücke, ist das ungleich häufigere. Ich meine, 
über diese Tatsache hat man sich niclit genug verwundert 
Das Kind kann mit zwei Jahren gut sprechen, es zeigt 
bald, daS es sidi in komplizierten seelischen Situationen 
zureditfindet und gibt Äußerungen von sich, die ihm 
viele Jahre spater wiedererzählt werden, die es selbst 
aber vergessen hat Und dabei ist das Gedächtnis in 
frühen Jahren leistungsfähiger, weil weniger überladen als 



xm, ARCHAISCHE ZQgE UND INFAmiLtSt .IUS 203 

in späteren. Auch liegt kein Anlaß vor, die Gedächtnis- 
funktion für eine besonders hohe oder schwierige Seelen- 
leistung zu halten; man kann im Gegenteile ein gutes 
Gedächtnis noch bei Personen finden, die intellektuell 
sehr niedrig stehen. 

Als zweite Merkwürdigkeit, die dieser ersten aufge- 
setzt ist, muß ich aber anführen, daß aus der Erinnerungs- 
leere, welche die ersten Kindheitsjahre umfaßt, sich einzelne 
gut erhaltene, meist plastisdi empfundene Erinnerungen 
herausheben, welche diese Erhaltung nicht rechtfertigen 
können. Mit dem Material von Eiudrüdcen, weldie uns 
im späteren Leben treffen, verfährt unser Gedächtnis so, 
daß es eine Auslese vornimmt Es behält das irgend 
WiciHge und läßt Unwichtiges fallen. Mit den erhaltenen 
Kindheitserinnerungen ist es anders, Sie entsprechen nicht 
notwendig wichtigen Erlebnissen der Kinderjahre, nidit 
einmal solchen, die vom Standpunkt des Kindes hätten 
wichtig erscheinen müssen, Sie sind oft so banal und an 
sidi bedeutungslos, daß wir uns nur verwundert fragen, 
warum gerade diese Einzelheit dem Vergessen entgangen 
ist Idi habe seinerzeit versudit, das Rätsel der Kindheits- 
amnesie und der sie unterbredi enden Erinnerungsreste 
mit Hilfe der Analyse anzugreifen, und bin zu dem Er- 
gebnis gekommen, daß doch audi beim Kinde nur das 
Wichtige in der Erinnerung übrig geblieben ist Nur daß 
durdi die fluien bereits bekannten Prozesse der Verdich- 
tung und ganz besonders der Verschiebung dies Wichtige 
durch anderes, was unwiditig erscheint in der Erinnerung 
vertreten ist. Ich habe diese Kindheitserinnerungen darum 
Deckerinnerungen genannt; man kann durch gründ- 
lidie Analyse alles Vergessene aus ihnen entwickeln. 

^ In den psydioänaly tischen Behandlungen ist ganz regel- 
mäßig die Aufgabe gestellt die infantile Erinnerungslücke 
auszufüllen, und insofeme die Kur überhaupt einiger- 
maßen gelingt, also überaus häufig, bringen wir es audi 
üü Stande, den Inhalt jener vom Vergessen bededtten 
Kindheitsjahre meder ans Licht zu ziehen. Diese Eindrücice 



J04 t'gEl'rElt TKILi PER TRAUM 

sind niemals wirklich vergessen g;ewesen, sie waren nur 
unzugänglidi, latent, haben dem Unbewußten angehört;' 
Es kommt aber audi spontan vor, daB sie aus dem Un-' 
bewußten auftauchen, und zwar geschieht es im Anschluß 
an Träume. Es zeigt sich, daß das Traumleben den Zu- 
gang zu diesen latenten, infantilen Erlebnissen zu finden 
weiß. Es sind sdiöne Beispiele hiefür in der Literatur 
verzeidmet und ich selbst habe einen soldien Beitrag 
leisten können. Ich träumte einmal in einem gewissen 
Zusammenhange von einer Person, die mir einen Dienst 
geleistet haben mußte, und die ich deutiidi vor mir sah. 
Es war ein einäugiger Mann von kleiner Gestalt, dick, 
den Kopf tief in den Schultern steckend. Ich entnahm 
aus dem Zusammenhang, daß er ein Arzt war. Zum 
Glüdc konnte ich meine noch lebende Mutter befragen, 
wie der Arzt meines Geburtsortes, den ich mit drei 
Jahren verlassen, ausgesehen, und erfuhr von ihr, daß er 
einäugig war, kurz, dick, den Kopf tief in den Schultern 
steckend, lernte auch bei welchem von mir vergessenen 
Unfall er mir Hiife geleistet hatte. Diese Verfügung über 
das vergessene Material der ersten Kindheitsjahre ist also 
ein weiterer archaischer Zug des Traumes. 

Dieselbe Auskunft setzt sich nun auf ein anderes der 
Rätsel, auf die wir bisher gestoßen sind, fort. Sic erinnern 
sich, mit weldtem Staunen es aufgenommen wurde, als 
wir zur Einsicht kamen, die Erreger der Träume seien 
energisd) böse und aussdi weifend sexuelle Wünsche, 
weltJie Traumzensur und Traumentstellung notwendig ge- 
macht haben. Wenn wir einen solchen Traum dem Träumer 
gedeutet haben und er im günstigsten Falle die Deutung 
selbst nicht angreift, so stellt er doch regelmäßig die 
Frage, woher ihm ein solcher Wunsch komme, da er ihn 
dot^ als fremd empfinde und sich des Gegenteils davon 
bewußt sei. Wir braudien nicht zu verzagen, diese Her- 
kunft nadizuweisen. Diese bösen Wunschregungen staminea 
aus der Vergangenheit, oft aus einer Vergangenheit, die 
nidit allzuweit zurückliegt. Es läßt sidi zeigen, daß sie 



Xm ARCHAISCHE ZOGE UND WPAKnUSMUS a» 

einmal bekannt und bewußt waren, wenn sie es auch 
heute nicht mehr sind. Die Frau, deren Traum bedeutet, 
daß sie ihre einzige, jetzt ITjährige Tochter tot vor sich 
jeheu möchte, findet unter unserer Anleitung, daß sie 
diesen Todeswunsch doch zu einer Zeit genährt hat. Das 
Kind ist die Frucht einer verunglückten, bald getrennten 
Ehe. Als sie die Toditer noch im Mutterfeibe trug, schlug 
sie einmal nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne 
^Im Wutanfall mit den Fäusten auf ihren Leib los, um 
das Kind darin zu töten. Wie viele Mütter, die ihre 
|Kinder heute zärtlich, vielleicht öberaärtlich lieben, haben 
«ie doA ungeme empfangen und damals gewönsdit, das 
Leben in ihnen möge sich nicht weiter entwickeln; ja sie 
haben auch diesen Wunsch in verschiedene, zum Glüdc 
misdiädlidie Handlungen umgesetzt Der später so rätsel- 
hafte Todeswfunsch gegen die geliebte Person stammt 
also aus der Friihzeit der Beziehung zu ihr. 

Der Vater, dessen Traum zur Deutung bereditigt, er 
wünsche den Tod seines bevorzugten ältesten Kindes, 
muß sich ebenso daran erinnern lassen, daß ihm dieser 
Wunsch einmal nicht fremd war. AU dieses Kind nodi 
Säugling war, dachte der mit seiner Ehewahl unzufriedene 
Mann oft, wenn das kleine Wesen, das ihm oidita be- 
deute, sterben sollte, dann wäre er weder frei und würde 
von seiner Freiheit einen besseren Gebrauch machen. 
Die gleidie Herkunft läßt sidi für eine große Anzahl 
ähnlicher Haßregungen erweisen; sie sind Erinnerungen 
an etwas, was der Vergangenheit angehörte, einmal be- 
wußt war und seine Rolle im Seelenleben spielte. Sie 
werden daraus den Schluß ziehen wollen, daß es soldie 
Wiinsclie und solche Träume nicht geben darf, wenn 
derartige Wandlungen im Verhältnis zu einer Person nicht 
vorgekommen sind, wenn dies Verhältnis von Anfang an 
gleidisinnig war. Ich bin bereit, Ihnen diese Folgerung 
zuzugeben, will Sie nur daran mahnen, daß Sie nicht 
den Wortlaut des Traumes, sondern den Sinn desselben 
nach Beiner Deutung in Betradit ziehen. Es kann vor- 



20« ZWEITER TEIL I DER TRAUM 

kommen, daß der manifeste Traum vom Tode einer ge- 
liebten Person nur eine schreckhafte Maske vorgenommen 
hat, aber etwas ganz anderes bedeutet, oder daß die 
geliebte Person zum tausdienden Ersatz für eine andere 
bestimmt ist. 

Derselbe Sachverhalt wird aber eine andere, weit 
ernsthaftere Frage bei Ihnen wecken. Sie werden sagen: 
Wenn dieser Todeswunscli auch einmal vorhanden war 
,,und von der Erinnerung bestätigt wird, so ist das docli 
keine Erklärung. Er ist dodi lärmst überwunden, er kann 
heute doch nur als bloße affektlose Erinnerung im Ua- 
bewußten vorhanden sein, aber nidit als kräftige Regung, 
Für letzteres spricht doch nichts. Wozu wird er also 
überhaupt vom Traume erinnert? Diese Frage ist wirklich 
berechtigt; der Versuch, sie zu beantworten, würde uns 
2u weit führen und zur Stell ungnalime in einem der be- 
deutsamsten Punkte der Traumlehre nötigen. Aber ich 
bin genötigt, im Rahmen unserer Erörterungen zu bleiben 
imd Enthaltung zu üben. Bereiten Sie sich auf den einst- 
weiligen Verzicht vor. Begnügen wir uns mit dem tat- 
sächlichen Nachweis, daB dieser überwundene Wunsdi 
als Traumerreger nachweisbar ist und setzen wir die 
Untersuchung fort, ob audh andere böse Wünsche dieselbe 
Ableitung aus der Vergangenheit zulassen, 

Bleiben wir bei den Beseitigungs wünschen, die wir ja 
zumeist auf den uneingeschränkten Egoismus des Träumers 
zurückführen dürfen. Ein solcher Wunsch ist als Traum' 
bildner sehr häufig nachzuweisen. So oft uns irgend jemand 
im Leben in den Weg getreten ist, und wie häufig muQ 
dies bei der Komplikation der Lebensbeziehungen der 
Fall sein, sofort ist der Traum bereit, ihn totzuraaclien, 
sei er auch der Vater, die Mutter, ein Geschwister, ein 
Ehepartner u. dgl. Wir hatten uns Über diese Schlechtig- 
keit der menschlichen Natur genug verwundert und waren 
gewiß nicht geneigt, die Riditigkeit dieses Ergebnisses 
der Traumdeutung ohne weiteres anzunehmen. Wenn wir 
aber einmal darauf gewiesen werden, den Ursprung saldier 



TW. ARCHAISCHE ZÖGE UND INFA^TI^S^al3 107 

Wütisdie in der Vergangenheit zu suchen, so entdeciten 
wir alsbald die Periode der individueilen Vergangenheit, 
in welcher solcher Egoismus und solche Wunschregungen 
auch gegen die Nädisten nichts Befremdendes mehr haben. 
Es ist das Kind gerade in jenen ersten Jahren, welche 
später von der Amnesie verhüüt werden, das diesen 
Egoismus häufig in extremer Ausprägung zeigt, regel- 
mäßig aber deutliche Ansätze dazu oder riditiger Über- 
reste davon erkennen läßt. Das Kind liebt eben sidi selbst 
luerst und lernt erat später andere lieben, von seinem 
Ich etwas an andere opfern. Audi die Personen, die es 
von Anfang an zu lieben scheint, liebt es zuerst darum, 
weil es sie Braucht, sie nicht entbehren kann, also wiederum 
aus egoistischen Motiven. Erst später macht sich die 
Uebesregung vom Egoismus unabhängig. Es hat tatsächlidi 
am Egoismus lieben gelernt. 

Es wird in dieser Beziehung lehrreich sein, die Ein- 
stellung des Kindes gegen seine Geschwister mit der 
gegen seine Eltern zu vergleichen. Seine Geschwister 
hebt das kleine Kind nicht notwendigerweise, oft offen- 
kundig nicht Es ist unzweifelhaft, daß es in ihnen seine 
Konkurrenten haßt, und es ist bekannt, wie häufig diese 
Einstellung durch lange Jahre bis zur Zeit der Reife, ja 
noch späterhin ohne Unterbrechung anhält Sie wird ja 
häufig genug durdi eine zärtlichere abgelost oder sagen 
wir lieber: überlagert, aber die feindselige scheint sehr 
regelmäßig die frühere zu sein. Am leichtesten kann 
man sie an Kindern von 2'/z bis 4 und 5 Jahren be- 
obaditen, wenn ein neues Gesdiwisterchen dazu kommt 
Das hat meist einen sehr unfreundlidien Empfang. Äußer- 
tu^en wie „ich mag es nicht, der Stordi soll es wieder 
mitaehmen" sind redit gewöhnlich. In der Folge wird 
jede Gelegenheit benützt, um den Ankömmling herab- 
zusetzen, und selbst Versuche ihn zu sdiädigen, direkte 
Attentate, sind nichts Unerhörtes. Ist die AJtersdifferenz 
peringer, so findet das Kind beim Erwadien intensiverer 
Seeientätigkeit den Konkurrenten bereits vor und richtet 



308 



ZWEITER TER.. DER TRAU« 



sich mit ihm ein. Ist sie größer, so kann das neue Kir 
von Anfang an als ein interessantes Objekt, als eine A 
■von lebender Puppe, gewisse Sympathien erwedcen, ut 
bei eiDem Altersuntersdiied von adit Jahren und me) 
können bereits, besonders bei den Maddhen, vorsorglich 
■ mütterliche Regungen ins Spiel treten. Aber aufriebt 
gesagt, wenn man den Wunsch nach dem Tode d 
Gesdiwister hinter einem Traume aufdeckt, braudit m: 
ihn selten rätselhaft zu finden und weist sein Vorbi 
mühelos im frühen Kindesalter, oft genug auch in späten 
Jahren des Beisammenseins nach. 

Es gibt wahrscheinlich keine Kinderstube ohne heftij 
Konflikte zwischen deren Einwohnern. Motive sind d 
Konkurrenz um die Liebe der Eltern, um den gemei 
Eamen Besitz, um den Wohnraum. Die feindseligen R 
gungen riditen sich gegen ältere wie gegen junge 
Geschwister. Ich glaube, es war Bernard Shaw, d 
das Wort ausgesprodien hat: Wenn es jemand gibt, di 
eine junge englische Dame mehr haßt als ihre Muttt 
so ist CS ihre ältere Schwester. An diesem Ausspruch i 
aber etwas, was uns befremdet Geschwisterhaß und Ko 
feurrenz fänden wir zur Not begreiflich, aber wie soUi 
sich Haßempfindungen in das Verhältnis zwischen Tocht 
und Mutter, Eltern und Kinder, eindrängen können? 

Dies Verhältnis ist ohne Zweifel auch von Seite d 
Kinder betrachtet das günstigere. So fordert es au 
unsere Erwartung; wir finden es weit anstößiger, wei 
die Liebe zwischen Eltern und Kindern, als wenn s 
zwischen Geschwistern mangelt. Wir haben sozusagen i 
ersten Falle etwas geheiligt, was wir im andern Fal 
profan gelassen haben. Doch kann uns die tägiidie B 
obachtung zeigen, wie häufig die Geföhlsbeziehungr 
zwischen Eltern und erwachsenen Kindern hinter de 
von der Gesellschaft autgestellten Ideal zurückbleibe 
wieviel Feindseligkeit da bereit liegt und sich äußc 
würde, wenn nidit Zusätze von Pietät und von zärtlichi 
Regungen sie zurückhielten. Die Motive biefür sind a 



yre ARCHAISCHE 20gE UND IHFANTOJEMUS KB 

jjemcin bekannt und zeigen eine Teadenz, die gleidien 
Gesdilediter von einander zu trennen, die Tochter von 
ia Mutter, den Vater vom Sohn. Die Tochter findet in 
der Mutter die Autorität, welche ihren Willen beschränkt 
und mit der Aufgabe betraut ist, den von der Gesell- 
(chaft geforderten Verlieht auf Sexualfreiheit bei ihr durdi- 
lusetzen, in einzelnen Fällen auch noch die Konkurrentin, 
die der Verdrängung widerstrebt. Dasselbe wiederholt 
Mch in nodi grellerer Weise zwischen Sohn und Vater. 
pur den Sohn verkörpert sidi im Vater jeder widerwillig 
irtiagene soziale Zwang; der Vater versperrt ihm den 
Zugang zur Willensbetätigung, zum frühzeitigen Sexual- 
genuß und, wo gemeinsame Familiengiiter bestehen, zum 
GenuS derselben. Das Lauem auf den Tod des Vaters 
wächst im Falle des Thronfolgers zu einer das Tragisdie 
(Ireifcnden Höhe. Minder gefährdet erscheint das Ver- 
hältnis zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn. 
Das letztere gibt die reinsten Beispiele einer durch 
keinerlei egoistische Rücksicht gestörten, unwandelbaren 
Zärtlichkeit 

Wozu idi von diesen Dingen spreche, die doch banal 
I und allgemein bekannt sind? Weil eine unverkennbare 
I Neigung besteht, ihre Bedeutung im Leben zu verleugnen 
und das sozial geforderte Ideal weit öfter für erfüllt 
auszugeben, als es wirklich erfüllt wird. Es ist aber besser, 
daß der Psychologe die Wahrheit sagt, als daß diese 
Aufgabe dem Zyniker überlassen bleibt Allerdings be- 
zieht sich diese Verleugnung nur auf das reale Leben. 
, Der Kunst der erzählenden und der dramatisclien Didi- 
[ hing bleibt es freigestellt sich der Motive zu bedienen, 
die aus der Störung dieses Ideals hervorgehen. 

Bei einer großen Anzahl von Menschen braudien wir 
uns also nicht zu verwundern, wenn der Traum ihren 
Wunsch nach Beseitigung der Eltern, speziell des gleich- 
geschlechtlichen Eltemteiles, auFdedct Wir dürfen an- 
nehmen, er ist auch im Wachleben vorhanden und wird 
togar manchmal bewußt, wenn er sidi durch ein anderes 

I FfBUtt V«<ItJlin]fBD 14 



I 



210 ZWETTER TEIL ; PER TRAUM _^ 

Motiv maskieren kann, wie im Falle unseres Träume 
im Beispiele 3 durch das Mitleid mit dem unniltz, 
Leiden des Vaters. Seilen beherrscht die Feindselig^, 
das Verhältnis allein, weit häufiger tritt sie hinter zäj 
lieberen Regungen zurück, von denen sie unterdriic 
wird, und muß warten, bis ein Traum sie gleichsa 
isoliert Was uns der Traum infolge solcher IsoUerui 
übergroß zeigt, das schrumpft dann wieder zusamme 
wenn es nach der Deutung von uns in den Zusamme 
hang des Lebens eingereiht wird (H. Saclis). Wir find' 
diesen Traumwunsdi aber auch dort, wo er im Lebi 
keinen Anhalt hat, und wo der Erwachsene sich i 
Wachen nie zu ihm bekennen müßte. Dies hat seini 
Grund darin, daß das tiefste und regelmäßigste Mot 
zur Entfremdung, besonders zwischen den gleichgeschlecl 
liehen Personen, sich bereits im friüien Kindesalter geltei 
gemacht hat 

Ich meine die Liebeslconkurrenü mit deutlidier B 
tonung des Geschlechtscharakters. Der Sohn beginnt schi 
als kleines Kind eine besondere Zartlichkeil für die MuH 
zu entwicl(ein, die er als sein eigen betrachtet, und d 
Vater als Konkurrenten zu empfinden, der ihm diesi 
Alleinbesitz streitig macht, und ebenso sieht die klei- 
Tochter in der Mutter eine Person, die ihre zärtiic 
Beziehung zum Vater stört und einen Platz einnimn 
den sie sehr gut selbst ausfüllen könnte. Man muß a 
den Beobachtungen erfahren, in wie frühe Jahre die 
Einstellungen zurückreichen, die wir als ödipuskoi 
ples bezeichnen, weil diese S^e die beiden extreni' 
Wünsche, welche sicli aus der Situation des Sohnes t 
geben, den Vater zu löten, und die Mutter zum We 
zu nehmen, mit einer ganz geringfügigen Abscliwädiui 
realisiert. Ich will nidit behaupten, daß der ödipt 
komplex die Beziehung der Kinder zu den Eltern i 
schöpft; diese kann leicht viel komplizierter sein. Au 
ist der Ödipuskomplex mehr oder weniger stark ai 
gebildet, er kann selbst eine Umkehrung erfahren, ab 



Xm. ARCHAISCHE ZOgE UWD [NFAHT1USM U3 Hl 

er ist ein regelmäßiger und sehr bedeutsamer Faktor 
des kindlidien Seelenlebens, und man läuft eher Gefahr 
seinen Einfluß und den der aus ihm hervorgehenden 
Entwiddungen zu unterschätzen, als ihn au übersdiätzen. 
Übrigens reagieren die Kinder mit der Ödipuseinstellung 
häufig auf eine Anregung der Eltern, die sich in ihrer 
Liebeswahl oft genug vom Geschlechtsunterschied leiten 
lassen, so daß der Vater die Tochter, die Mutter den 
Sohn bevorzugt oder im Falle von Erkaltung in der 
Ehe zum Ersatz für das entwertete Liebesobjekt nimmt 
Man Icann nicht behaupten, daß die Welt der psydio- 
analytischen Forsdiung für die Aufdedcung des Ödipus- 
komplexes sehr dankbar gewesen ist Diese bat im Gegen- 
feite das heftigste Sträuben der Erwachsenen hervor- 
gerufen, und Personen, die es versäumt hatten, an der 
Ableugnung dieser verpönten oder tabuierten Gefühls- 
beziehung teilzunehmen, haben ilir Verschulden später 
gutgemacht, indem sie dem Komplex durch Umdeutungen 
seinen Wert entzogen. Nach meiner unveränderten Ober- 
zeugung ist dahier nichts zu verleugnen und nidits zu 
beschönigen. Man befreunde sich mit der Tatsache, die 
von der griediischen Sage selbst als unabwendbares Ver- 
hängnis anerkannt wird. Interessant ist es wiederum, 
daß der aus dem Leben herausgeworfene Ödipuskomplex 
der Dichtung überlassen, gleichsam zur freien Verfügung 
abgetreten wurde. O. Rank hat in einer sorgfältigen 
Studie gezeigt, wie gerade der Ödipuskomplex der drama- 
tischen Dichtung reiche Motive in unendlidien Abände- 
rungen. Abschwäch ungen und Verkleidungen geliefert hat, 
m soldien Entstellungen also, wie wir sie bereits als Werk 
einer Zensur erkennen. Diesen Ödipuskomplex dürfen wir 
also auch jenen Träumern zuschreiben, die so glücklieh 
waren, im späteren Leben den Konflikten mit ihren Eltern 
zu entgehen, und an ihn innig geknüpft finden wir, was 
wir den Kastrationskomplex heißen, die ReakHon auf 
die dem Vater zugeschriebene Sexuale in seh üditerung oder 
Eindämmung der frühinfanüleii Sexual tätigkeit 



W 



m wrarrHi tzili der raAtw 

Durch die bisherigen Ermittlun^ea auf das Studium 

des kindlichen Seelenlebens verwiesen, dürfen wir nuu 
auch die Erwartung' hegen, da£ die Herlcuoft des anderen 
Anteils der verbotenen Traumwiinsche, der exzessiven 
Sexualregungen, auf ähnliche Weise Aufklärung finden 
wird. Wir empfangen also den Antrieb, audi die Ent- 
wicklung des Idndhdien Sexuallebens zu studieren und 
erfahren hiebei aus mehreren Quellen folg'endes: Es ist 
vor allem ein unhaltbarer Irrtum, dem Kind ein Sexual- 
leben abzusprechen und anzunehmen, daß die Sexualität 
erst zur Zeit der Pubertät mit der Reifung der Geni- 
talien einsetze. Das Kind bat im Gegenteile von allem 
Anfang an ein reichhaltiges Sexualleben, welches sich 
von dem später als normal geltenden in vielen Punkten 
unterscheidet Was wir im Leben der Erwaclisenen „per- 
vers" nennen, weicht vom Normalen in folgenden Stücken 
ab: erstens durch das Hinwegsetzen über die Artsdiranke 
(die Kluft zwischen Mensch und Tier), zweitens durch 
die OberBchreitung der Ekelsdiranke, drittens der Inzest- 
echranke (des Verbots, Sexualbefriedigung an nahen 
Blutsverwandten zu suchen), viertens der Gleichgesdilecht- 
lichkeit, und fünftens durch die Übertragung der Genital- 
roUe an andere Organe und Körperstellen. Alle diese 
Schranken bestehen nicht von Anfang an, sondern werden 
erst allmählich im Laufe der Ejitwiddung und der Er- 
ziehung aufgebaut. Das kleine Kind ist frei von ihnen. 
Es Itennt noch keine arge Kluft zwischen Mensch und 
Tier; der Hochmut, mit dem sidi der Mensdi vom Tier 
absondert, wächst ihm erst später zu. Es zeig^ anfäng- 
lidi keinen Ekel vor dem Exkrementellen, sondern er- 
lernt diesen langsam unter dem Nachdruck der Erziehung; 
es legt keinen besonderen Wert auf den Unterschied 
der Gesdilechter, mutet vielmehr beiden die gleiche 
Genitalbildung zu; es richtet seine ersten sexuellen Ge- 
lüste und seine Neugierde auf die ihm nächsten und 
aus anderen Gründen liebsten Personen, Eltern, Ge- 
sdiwister, Pflegepersonen, und endlich zeigt sich bei 



I 



^ni. ARCHAISCHE ZOgE UND TMFANTn.ISMUS 21 3 

ihm. was späterhin auf der Höhe einer Liebesbeziehung 
wieder durchbricht daß es nicht nur von den Geschlechts- 
teilen Lust erwartet, sondern daß viele andere Korper- 
Btellen dieselbe Empfindlichkeit für sich in Ansprudi 
nehmen, analoge Lustempfindungen vermitteln und so- 
mit die Rolle von Genitalien spielen können. Das Kind 
tann also „polymorph pervers" genannt werden, und 
wenn ea alle diese Regungen nur spurweise betätigt, 
fo kommt dies einerseits von deren gcrii^cr Intensität 
im Verarleiche zu späteren Lebenszeiten, anderseits daher, 
daß die Erziehung alle sexuellen Äußerungen des Kindes 
(ofort energisch unterdrüdtt. Diese Unterdrückung setzt sich 
lozusegen in die Theorie fort, indem die Erwachsenen 
weh bemühen, einen Anteil der kindlichen Sexualauße- 
Tungen zu übersehen und einen anderen durch Umdeutung 
seiner sexuellen Natur lu entkleiden, bis sie dann das 
Ganze ableugnen können. Es sind oft dieselben Leute, 
die erst in der Kinderstube hart gegen alle sexuellen 
Unarten der Kinder wüten und dann am Schreibtisch 
die sexuelle Reinheit derselben Kinder verteidigen. Wo 
Kinder sich selbst überlassen werden oder unter dem 
Einfluß der Verführung, bringen sie oft ganz ansehn- 
liehe Leistungen perverser Sexualbetätigung zu stände. 
Natürlich haben die Erwachsenen recht, dies als „Kinderei" 
und „Spielerei" nidit schwer zu nehmen, denn das Kind 
ist weder vor dem Richterstuhl der Sitte noch vor dem 
Gesetz als vollwertig und verantwortlich zu beurteilen, 
ther diese Dinge existieren doch, sie haben ihre Be- 
deutung sowohl als Anzeichen mitgebrachter Konstitution 
»wie als Ursachen und Förderungen späterer Entwidt- 
lungen. sie geben uns Aufschlüsse über das kindliche 
Sexualleben und somit über das menschliche Sexual- 
leben überhaupt Wenn wir also hinter unseren ent- 
stellten Träumen alle diese perversen Wunschregungen 
mederfinden, so bedeutet es nur, daß der Traum audi 
auf diesem Gebiet den Rüdischritt zum infantilen Zu- 
stand vollzogen hat 



214 ZWETTER TEIL; DER TRAUM 

Eine besondere Hervorhebung unter diesen verbotenen 
Wünschen verdienen nodi die inzestuösen, d, h. die auf 
Geschlechtsverkehr mit Eltern und Geschwislern gerich- 
teten. Sie wissen, weldier Absdieu in der menschlichen 
Gemeinschaft gegen aoldien Verkehr verspürt oder 
wenigstens vorgegeben wird, und welcher Nadidruck auf 
den dagegen gerichteten Verboten ruht. Es sind die 
ungeheuerlidisten Anstrengungen gemacht worden, diese 
Inzestsdieu zu erklären. Die einen haben angenommen, 
daß es Züchtungsrücksichten der Natur sind, welt^e stdi 
psychisch durch dieses Verbot repräsentieren lassen, weil 
Inzucht die Rassencharaktere verschlechtern würde, die 
anderen haben behauptet, daß durch das Zusammen- 
leben von früher tCindheit an die sexuelle Begierde von 
den in Betracht kommenden Personen abgelenkt wird. 
In beiden Fallen wäre übrigens die Inzestvermeidung 
automatisch gesidiert, und man verstünde nidit, wozu 
es der strengen Verbote bedürfte, die eher auf das Vor- 
handensein eines starken Begehrens deuten. Die psycho- 
analytischen Untersuchungen haben unzweideutig ergeben, 
dafi die inzestuöse LiebeswaU vielmehr die erste und 
die regelmäßige ist, und daß erst später ein Widerstand 
gegen sie einsetzt, dessen Hcrleitung aus der individu- 
ellen Psydiologie wohl abzulelinen ist. 

Stellen wir zusammen, was uns die Vertiefung in die 
Kinderpsydiologie für das Verständnis des Traumes ge- 
bracht hat. Wir fanden niclit nur, daß das Material der 
vergessenen Kindererlebnisse dem Traum zugänglich ist, 
sondern wir sahen auch, daß das Seelenleben der Kinder 
mit all seinen Eigenheiten, seinem Egoismus, seiner inzes- 
tuösen Liebeswahl usw. fiir den Traum, also im Unbe- 
bewußten, noch fortbesteht, und daß uns der Traum 
alinächtlidi auf diese infantile Stufe zurückführt. Es wird 
uns so bekräftigt, daß das Unbewußte de^ Seelen- 
lebens das Infantile ist. Der befremdende Eindruck, 
daß soviel Böses im Menschen steckt, beginnt nadizu- 
'-^''sen. Dieses entsetzlich Böse ist einfach das Anfang- 




Xin. ARCHAISCHE ZOGE UND ITJFANTILISMUS 215 

lidie, Primitive, Infantile des Seelenlebens, das wir beim 
(Cinde in Wirksamkeit finden können, das wir aber bei 
iJini zum Teil wegen seiner kleinen Dimensionen über- 
icn, zum Teil nidit sdiwer nehmen, weil wir vom 
^inde keine ethische Höhe fordern. Indem der Traum 
auf diese Stufe regrediert, erweckt er den Anschein, 
als habe er das Böse in uns zum Vorschein gebracht. 
£s ist aber nur ein täuschender Schein, von dem. wir 
uns haben sdiredten lassen. Wir sind nicht so böse, wie 
wir nach der Deutung der Traume annehmen wollten. 
Wenn die bösen Regungen der Träume nur Infanti- 
lismen sind, eine Rückkehr zu den Anfängen unserer 
ethischen Entwicklung, indem der Traum uns einfach 
wieder zu Kindern im Denken und Fühlen madit, so 
brauchen wir uns vernünftigerweise dieser bösen Träume 
nicht zu schämen. Allein das Vernünftige ist nur ein 
Anteil des Seelenlebens, es geht außerdem in der Seele 
nodi mandierlei vor, was nicht vernünftig ist, und so 
geschieht es, daß wir uns un vernünftigerweise doch solcher 
Träume schämen. Wir unterwerfen sie der Traurozensur, 
gdiämen und ärgern uns, wenn es einem dieser Wünsche 
ausnahmsweise gelungen ist, in so unentstellter Form 
I pim Bewußtsein zu dringen, daß wir ihn erkennen müssen, 
' ja vnr schämen uns gelegentlich der entstellten Traume 
genau so, als ob wir sie verstehen wurden. Denken Sie 
nur an das entrüstete Urteil jener braven alten Dame 
Über ihren nicht gedeuteten Traum von den „Liebes- 
diensten". Das Problem ist also noch nicht erledigt, 
und es bleibt möglich, daß wir bei v/eiterer Beschäf- 
tigung mit dem Bösen im Traum zu einem anderen Ur- 
teil und zu einer anderen Sdiatzung der menschliclien 
Natur gelangen. 

Als Ergebnis der ganzen Untersuchung erfassen wir 
zwei Einsichten, die abernur den Anfang von neuen Rätseln, 

K neuen Zweifeln bedeuten. Erstens: Die Regression der 
Traumarbeit ist nicht nur eine formale, sondern au»Ji eine 
materielle. Sie übersetzt nicht nur unsere Gedanken ip 



116 TWETTEJ! TEIL; D ER TBAOM 

eine primitive Ausdruckstonn, sondern sie wedct auch d'u 
Eig'entumlichkeiten unseres primitiven Seelenlebens wiede; 
auf, die alte Übermacht des Ichs, die anfängUdien Regungei 
unseres Sexuallebens, ja selbst uuserea alten intellektu 
eilen Besitz, wenn wir die Symbolbeziehung als solchei 
auffassen dürfen. Und rweitens: All dies alte Infantile 
was einmal herrschend und alleinherrsdiend war, müssei 
wir heute dem Unbewußten zurechnen, von dem unser« 
Vorstellungen sich nun verändern ond erweitem. Unbe 
wüßt ist nicht mehr ein Name für das deraeit Latente 
das Unbewußte ist ein besonderes seelische» Reich mii 
eigenen Wunsch reguogen, eigener Aus drucks weise unt 
ihm eigentümlichen seelischen Mechanismen, die sonsl 
nicht in Kraft sind. Aber die latenten Traumgedanken 
die wir durch die Traumdeutung erraten haben, sine 
dod) nicht von diesem Reich; sie sind vielmehr so, wit 
wir sie auch im Wachen hätten denken können. Unbe^ 
wüßt sind sie aber docäi; wie löst sich also dieser Wide^ 
Spruch? Wir beginnen zu ahnen, daß hier eine Sondeninj 
vorzunehmen ist Etwas, was aus unserem bewußter 
Leben stammt und dessen Charaktere teilt — wir heißen 
es: die Tagesreste — tritt mit etwas anderem aus jenem 
Reidi des Unbewußten zur Traumbildung zusammen, 
Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traum: 
arbeit Die Beeinflussung der Tagesreste durct das hinzu- 
tretende Unbewußte enthalt wohl die Bedingung für die 
Regression. Es ist dies die tiefste Einsicht Bber das Wesen 
des Traumes, zu welcher wir hier, ehe wir weitere seelische 
Gebiete durchforscht haben, gelangen können. Es wird 
aber bald an der Zeit sein, den unbewußten Charakter 
der latenten Traumgedanken mit einem anderen Namen 
zu belegen, zur Unterscheidung von dem Unbewußten 
aus jenem Reich des Infantilen. 

Wir können natürlich auch die Frage aufwerfen: Was 
nötigt die psychische Tätigkeit während des Sdilafens 
ru solcher Regression? Warum erlediget sie die schlaf- 
störenden seelischen Reize nicht ohne diese? Und wenn 



Wk 



^m. .^RCHArSCHE ZÖGE UlTO IN FAWnjSMUS T17 

sie aus Motiven der Traumzensur sü der Verkleidung 
durch die alte, jetzt Unverstand li die Ausdrudcsform be- 
, dienen muß, wozu dient ihr die Wiederbelebung der 
Iten, jetzt überwundenen Seelenregiingcn, Wünsdie und 
CharakterzÜE^, also die materielle Regression, die zu 
der formalen hinzulcommt? Die einzige Antwort, die 
uns befriedigen würde, wäre, daß nur auf solche Weise 
ein Traum gebildet werden kann, daß dynamisch die 
Aufhebung des Traumreizes nidit anders möglich ist 
Aber wir haben vorläufig nidit das Recht, ciae soldie 
Antwort zu geben. 

BV. VORLESONO 

DIE WUNSCHERFÜLLUNG 

Meine Damen und Herrenl Soll idi Ihnen nodimals 
vorhalten, welchen Weg wir bisher zurückgelegt 
haben? Wie wir bei der Anwendung unserer Tedinät 
auf die Traum entsteilung gestoßen sind, uns besonnen 
haben, ihr zunächst auszuweichen, und uns die entschei- 
denden Auskünfte über das Wesen des Traumes an den 
mfantilen Traumen geholt haben? Wie wir dann, mit 
den Ergebnissen dieser Untersuchung ausgerüstet, die 
Traum entsteilung direkt angegriffen und sie, idi hoffe 
es, audi schrittweise überwunden haben? Nun aber müssen 
Vir uns sagen, was wir auf dem einen und auf dem 
'anderen Weg gefunden, trifft nicht ganz zusammen. Es 
wird uns zur Aufgabe, beiderlei Ergebnisse zusammeo- 
lusetzen und gegeneinander auszugleichen. 

Von beiden Seiten her hat sidi uns ergeben, die 
Traumarbeit bestehe wesentlich in der Umsetzung von 
Gedanken in ein halluzinatorisdies Erleben. Wie das 
geschehen kann, ist rätselhaft genug, aber es ist ein 
Problem der allgemeintn Psychologie, das uns hier nicht 
beschäftigen soll. Aus den FCinderträumen haben wir er- 
fahren, die Traumarbeit beabsichtige die Beseitigung 
eines den Sdilaf störenden seelischen Reizes durdi eine 



na ■E^'S.rTER TEIL ; DER TRAUM 

Wunscherfüllung. Von den entstellten Träumen konnten 
wir nidits Ahnliches aussagen, ehe wir sie zu deuten 
verstanden. Unsere Erwartung ging aber von Anfang an 
dahin, die entstellten Träume unter dieselben Gesichts- 
punkte bringen zu können virie die infantilen. Die erste 
Erfüllung dieser Erwartung brachte uns die Einsicht, daß 
eigentlich alle Träume — die Träume von Kindern sind, 
mit dem infatilen Material, den kindlichen Seelenregungen 
und Medianismen arbeiten. Nachdem wir die Traument- 
Stellung für überwunden halten, müssen wir an die Unter- 
suchung gehen, ob die Auffassung als Wonsdierfüllungen 
auch für die entstellten Träume Geltung hat. 

Wir haben erst kürzlich eine Reihe von Träumen der 
Deutung unterzogen, aber die WunsdierfüUuog ganz 
außer Betracht gelassen. Ich bin überzeugt, daß sich Ihnen 
dabei wiederholt die Frage aufgedrängt hat: Wo bleibt 
denn die Wunscherfüllung, die angeblidi das Ziel der 
Traumarbeit ist? Diese Frage ist bedeutsam; sie ist näm- 
lich die Frage unserer Laienkritiker geworden. Wie sie 
wissen, hat die Menscliheit ein instinktives Abwelirbe- 
streben gegen intellektuelle Neuheiten. Zu den Äuße- 
rungen desselben gehört, daß eine solche Neuheit sofort 
auf den geringsten Umfang reduziert, womöglidi in ein 
Sdilagwort komprimiert wird. Für die neue Traumlshre 
ist die Wunscherfüll ung dies Sdilagwort geworden. Der 
Laie stellt die Frage: Wo ist die Wunscherfiillung? So- 
fort, nachdem er geliört hat, daß der Traum eine Wunsdi- 
Erfüllung sein soll, und indem er sie stellt, beantwortet 
er sie ablehnend. Es fallen ihm sofort ungezählte eigene 
Traumerfahrungen ein, in denen sich Unlust bis zu schwerer 
Angst an das Träumen geknüpft hat, so daß ihm die 
Behauptung der psychoanalytischen Traumlelire recht un* 
wahrscheinlidi wird. Wir haben es leicJit, ihm zu ant- 
worten, daß bei den entstellten Träumen die Wunsch- 
erfüllung nicht offenkundig sein kann, sondern erst ge- 
sucht werden muß, so daß sie vor der Deutung des 
Traumes nicht anzugeben ist. Wir wissen auch, daß die 



XIV. DIE WUNSCHEEFOLLUNG 119 



Wünsche dieser entstellten Träume verbotene, von der 
Tgnsur abgewiesene Wünsdie sind, deren Existenz eben 
jie Ursache der Traomeatstellung, das Motiv für das 
Fingreifen der Traumzensiir geworden ist Aber dem 
LaieDkritiker ist es sdiwer beizubringen, daß man vor 
jer Deutung des Traumes nidit nach dessen Wunsdi- 
ertuUung fragen darf. Er wird es doch immer wieder 
vergessen. Seine ablehnende Haltung gegen die Theorie 
jer Wunsdierfüllung ist eigentlich nidits anderes als eine 
Konsequenz der Traumzensur, ein Ersatz und ein Aus- 
fluß der Ablehnung dieser zensurierten Traumwiinsdie. 

Natürlidi werden auch wir das Bedürfnis haben, uns 
fa erklären, daß es so viele Träume mit peinlichem In- 
halt und besonders, daß es Angstträume gibt. Wir stoßen 
jabei zum erstenmal auf das Problem der Affekte im 
Traum, welches ein Studium für sich verdiente, uns aber 
leider nidit beschäftigen darf. Wenn der Traum eine 
Wunscherfüllung ist, so sollten peinliche Empfindungen 
im Traume unmöglich sein; darin scheinen die Laien- 
Ttritiker recht zu haben. Es kommen aber dreierlei 
Komplikationen in Betradit, an weiche diese nicht ge- 
^(jit haben. 

Erstens; es kann sein, daß es der Traumarbeit nidit 
voll gelungen ist, eine Wunscherfüllung zu schaffen, so 
daß von dem peinlichen Affekt der Traumgedanken ein 
Anteil für den manifesten Traum erübrigt wird. Die Ana- 
lyse müßte dann zeigen, daß diese Traumgedanken nodi 
weit peinlidier waren als der aus ihnen gestaltete Traum. 
Soviel läßt sich audi jedesmal nachweisen. Wir geben 
dEmn zu, die Trauraarbeit hat ihren Zweclc nicit erreicht, 
10 wenig wie der Trinktraum auf den Duvstrciz seine 
Absidit erreicht, den Durst zu löschen. Man bleibt durstig 
und muß erwachen, um zu trinken. Aber es war docli 
ein richtiger Traum, er hatte nichts von seinem Wesen 
aufgegeben. Wir müssen sagen: Ut desint vires, tarnen 
ist laudanda voluntas. Die klar zu erkennende Absicht 

jgGtens bleibt lobenswert. Solche Fälle des MiBlingens 



Hf st 

i 



250 ZWErTEB TElLi DER TRAOM 

sind kein seltenes Vorkoromnis. Es wirkt dazu m 
daß es der Traumarbeit soviel schwerer gelingt, Affek 
als Inhalte in üirem Sinne zu verändern; die Affek 
Bind manchmal sehr resistent. So g-eschieht es denn, d: 
die Traumarbeit den peinÜchsn Inhalt der Traumgedanki 
zu einer Wunsche rfüUunj umgearbeitet hat, wälwend si, 
der peinliche Affekt noch unverändert durchsetzt '. 
solclien Träumen paßt der Affekt dann gar nicht za 
Inhalt, und unsere Kritiker können sagen, der Trau 
aci so wenig eine Wunsdierffillung, daß in ihm selb 
ein harmloser Inhalt peinlich empfunden werden kaa 
Wir werden gegen diese unverständige Bemerkung eh 
wenden, daB die Wunsdierfüllungstendenz der Traun 
arbeit gerade an solchen Träumen am deutlichsten, we 
isoliert, zum Vorschein kommt. Der Irrtum kommt dahe 
daß, wer die Neurosen nicht kennt, sich die Verknüpfun 
von Inhalt und Affekt als eine zu innige vorstellt «n 
darum nicht fassen kann, daß ein Inhalt abgeändert wir» 
ohne daß die dazu gehörige Affektäußerung mitvej 
ändert werde. 

Ein zweites, weit wichtigeres nnd Hefer reidiend« 
Moment, weldies der Laie gleichfalls vemadJässigt, ii 
das folgende. Eine WunscherfülJung müßte gewiß Lus 
bringen, aber es fragt sidi audi, wem? Natürlich den 
der den Wunsch hat. Vom Träumer ist uns aber bekann' 
daß er zu seinen Wünschen ein ganz besonderes Vei 
hältnis unterhält. Er verwirft sie, zensuriert sie, kurz c 
mag sie nicht Eine Erfüllung derselben kann ihm als. 
keine Lust bringen, sondern nur das Gegenteil davoi 
Die Erfahrung zeigt dann, daß dieses Gegenteil, wa 
noch zu erklären ist in der Form der Angst auftritt Da 
Träumer kann also in seinem Verhältnis zu seinen Traum 
wünsdien nur einer Summation von zwei Personen gleich 
gestellt werden, die doch durch eine starke Gemeinsam 
keit verbunden sind. Anstatt aller weiteren Ausführungei 
biete ich Ihnen ein bekanntes Märchen, in welchem Sic 
die nämlichen Beziehungen wiederfinden werden. Eini 



^te PcB verspridit einem armen Mensdienpaar, Mann 
Ld Ftau, die Erfüllung ilirer drei ersten Wünsche. Sie 
jjnd seli? und nehmen sidi vor, diese drei Wünsche sorg- 
ßjtig auszuwählen. Die Frau läßt sich aber durch den 
puft von Bratwürstchen aus der nädisten Hütte verleiten, 
jj^ ein solches Paar Würstchen herxuwSnschen, Flugs 
jjnd sie auch da; das ist die erste Wunscherfüllung. Nun 
^d der Mann böse und wünsdit in seiner Erbitterung, 
daß die Würste der Frau an der Nase hängen mögen, 
paS vollzieht sich audi, und die Würste sind von ihrem 
peuem Standort niclit wegzubringen, das ist nun die zweite 
Wunsch erfüll ung, aber der Wunsch ist der des Mannes; 
igt Frau ist diese Wunscherfüllung sehr unangenehm. Sie 
fassen, wie es im Märdien weitergeht Da die beiden 
Idi Grunde dodi eines sind. Mann und Frau, muß der 
dritte Wunsch lauten, daß die Würstchen von der Nase 
der Frau weggehen mögen. Wir könnten dieses Märchen 
jiodi mehrmals in anderem Zusammenhange verwerten; 
^er diene es uns nur ab fllustration der Möglidikeit, 
daß die Wunscherfüllung des einen zur Unlust für den 
anderen führen kann, wenn die beiden miteinander nidit 
einig sind. 

Es wird una nun nicht sdiwer werden, zu einem nodi 
besseren Verständnis der Angstträume zu kommen. Wir 
werden nur noch eine Beobachtung verwerten und uns 
dann zu einer Annahme entsdUiefien, für die sicli mancher- 
lei anführen läßt. Die Beobachtung ist, daß die Angst- 
träume häufig einen Inhalt haben, welcher der Entstellung 
völlig entbehrt, sozusagen der Zensur entgangen ist. Der 
^gsttraum ist oft eine unverhüllte Wunscherfüllung, na- 
itörlidi nidit die eines genehmen, sondern eines verworfenen 
Wunsches. An Stelle der Zensur ist die Angstentwicklung 
getreten. Während man vom infantilen Traum aussagen 
tann, er sei die offene Erfüllung eines zugelassenen Wun- 
sdies, vom gemeinen entstellten Traum, er sei die ver- 
kappte Erfüllung eines verdrängten Wunsches, taugt für 
den Angsttraum nur (Ue Fonnd, daß er die offene Er- 



ja ZWEITER TEIL; DER TRAUM 

föllungf eines verdrängten Wunsches sei. Die Ang^ 

das Anzeichen dafür, daß der verdrängte Wunsdi s 

stärker gezeigt hat als die Zensur, daß er seine Wuns 

eriüllung gegen dieselbe durchgesetzt hat oder durdi- 

setzen im Begriffe war. Wir begreifen, daß, was für i 

Wunscherfüllung ist, für uns, die wir auf der Seite < 

Traumzensur stehen, nur Anlaß zu peinlichen Empl 

düngen und zur Abwehr sein kann. Die dabei im Trai 

auftretende Angst ist, wenn Sie so wollen, Angst vor < 

Stärke dieser sonst niedergehaltenen Wünsche. Wart 

diese Abwehr in der Form der Angst auftritt, das ks 

man aus dem Studium des Traumes allein nicht erratf 

man muß die Angst offenbar an anderen Stellen Studien 

Dasselbe, was für die unentstellten Angstträume g 

dürfen wir auch für diejenigen annehmen, die ein T 

Entstellung erfahren haben, und für die sonstigen Ualu 

träume, deren peinliche Empfindungen wahrsdieinli 

Annäherungen an die Angst entsprechen. Der Ang 

träum ist gewohnlich audi ein Wecktraum; wir pfleg 

den Schlaf zu unterbredien, ehe der verdrängte Wuns 

des Traumes seine volle Erfüllung gegen die Zens 

durdigesetzt hat. hl diesem Falle ist die Leistung d 

Traumes mißglückt, aber sein Wesen ist darum nie 

verändert. Wir haben den Traum mit dem Nachtwächt 

oder Schlafwächter verglichen, der unseren Schlaf v 

Störung behüten will, Audi der Nachtwächter komi 

in die Lage, die Schlafenden zu wedten, wenn er si 

nämlidi zu schwach fühlt, die Störung oder Gefahr alle 

zu verscheuchen. Dennoch gelingt es uns manchmal, d( 

Schlaf festzuhalten, selbst wenn der Traum bedenklii 

zu werden und sich zur Angst zu wenden beginnt HC 

sagen uns im Schlaf: Es ist doch nur ein Traum, ui 

Bchlafen weiter. 

Wann sollte es geschehen, daß der Traumwunsch ■ 
die Lage kommt, die Zensur zu überwältigen? Die Bi 
dingung hiefür kann ebensowohl von Seiten des Traun 
Wunsches wie der Traumzensur erfüllt werden. Der Wuns« 




XtV. DE WUNSCH ERFOLI.UMG 223 

r aus unbekannten Gründen einmal überstark werden; 
aber man gewinnt den Eindruck, daß häufiger das Ver- 
halten der Traumzensur die Schuld an dieser Verschie- 
bung des Kräfteverhältnisses trägt. Wir haben schon ge- 
hört, daß die Zensur in jedem einzelnen Falle mit ver- 
schiedener Intensität arbeitet, jedes Element mit einem 
anderen Grade von Strenge behandelt; jetzt möchten 
wir die Annahme hinzufügen, daß sie überhaupt recht 
variabel ist und gegen das nämliche anstößige Element 
nicht jedesmal die gleiche Strenge anwendet Hat es sich 
so gefügt, daß sie sich einmal ohnmächtig gegen einen 
Traumwunsdi fühlt, der sie zu überrumpeln droht, so 
bedient sie sich anstatt der Entsteilung des letzten Mittels, 
das ihr bleibt, den Schlaf zu stand unter Angstentwicklung 
aufzugeben 

Dabei fällt uns auf, daß wir ja überhaupt noch nicht 
wissen, warum diese bösen, verworfenen Wünsche sich 
gerade zur Nachtzeit regen, um uns im Schlafe zu stören. 
Die Antwort kann kaum anders als in einer Annahme 
bestehen, die auf die Natur des Schi atzu Standes zurück- 
greift. Bei Tage lastet der sdiwere Druck einer Zensur 
auf diesen Wünschen, der es ihnen in der Regel un- 
möglich macht, sich durch irgend eine Wirkung zu 
äußern. Zur Nachtzeit wird diese Zensur wahrscheinlich 
wie alle anderen Interessen des seelischen Lebens zu 
Gunsten des einzigen Schlafwunsches eingezogen oder 
wenigstens stark herabgesetzt Diese Herabsetzung der 
Zensur zur Naditzeit ist es dann, der die verbotenen 
Wünsche es verdanken, daß sie sich wiederum regen 
dürfen. Es gibt schlaflose Nervöse, die uns gestehen, 
daß ihre Schlaflosigkeit anfänglich eine gewollte war. 
Sie getrauten sich nicht einzuschlafen, weil sie sich vor 
ilircn Träumen, also vor den Folgen dieser Verminderung 
der Zensur fürchteten. Daß diese Einziehung der Zensur 
darum doch keine grobe Unvorsichtigkeit bedeutet, sehen 
Sie wohl mit Leichtigkeit ein. Der Schlafzustand lähmt 
unsere Motilität; unsere bösen Absichten können, wenn 



Itl 



TU gWETTER TElLi DEH TRAUM 

siesitii auch ZU rülii'en beginnen, doch nichts anderes madieu 
als eben einen Traum, der praktisch unschädlidi ist, und an 
diesen beruhigenden Sachverhalt mahnt die höchst ver- 
nünftige, zwar der Nacht, aber (Joch nicht dem Traumleben 
angehörige Bemerkung desSchläfers: Es ist jaour einTraum, 
Also lassen wir ihn gewäliren und schlafen wir weiter. 
Wenn Sie drittens sich an die Auffassung erinnern, 
daß der gegen seine Wünsche sich sträuberde Träumer 
gleidi zusetzen ist einer Summation von zwei gesonderten, 
aber irgendwie innig verbundenen Personen, so werden 
Sie eine andere Möglichkeit begreiflich finden, wie durch 
Wunsciierfüllung etwas zustande kommen kann, was 
höchst unlustig ist, nämlidi eine Bestrafung. Hier kann 
uns wiederum das Märchen von den drei Wünschen zur 
Erläuterung dienen: die Bratwürstchen auf dem Teller 
Bind die direkte WunscherfüUung der ersten Person, der 
Frau; die Würstchen an ihrer Nase sind die Wunsdi- 
erfüllung der zweiten Person, des Mannes, aber gleichzeitig 
auch die Strafe für den törichten Wunsch der Frau. Bei 
den Neurosen werden wir dann die Motivierung des 
dritten Wunsches, der im Märchen allein noch übrig bleibt, 
wiederfinden. Solcher Straftendenzen gibt es nun viele im 
Seelenleben des Menschen; sie sind sehr stark, und man 
darf sie für einen Anteil der peinlichen Träume verant- 
wortlich machen. Vielleicht sagen Sie jetzt, auf diese Weise 
bleibt von der gerühmten WunscherfüUung nicht viel übrig. 
Aber bei nähcrem Zusehen werden Sie zugeben, daß Sie 
unrecht haben. Entgegen der später anzuführenden Mannig- 
faltigkeit de&sen, was der Traum sein konnte, — und nadi 
manchen Autoren auch ist, — ist die Lösung Wunsdi- 
erfüUung — Angsterfüllung— Straf erfüllung doch eine recht 
eingeengte. Dazu kommt, daß die Angst der direkte 
Gegensatz des Wunsches ist, daß Gegensätze einander ia 
der Assoziation besonders nahe stehen und im Unbewußten, 
wie wir gehört haben, zusammenfallen. Femer, daß die 
Strafe auch eine Wunsdierfüllung ist, die der anderen, 
zensuriercadea Person. 



t_^ XIV. DIE WUMSCHERFOLLUMG 225 

" Im ganzen habe ich also Ihrem Einspi-udi gegen die 
lieorie der Wunsch erfüllung keine Konzession gemaclit. 
fflTir sind aber verpflichtet, an jedem beHebigeu entstelltem 
Traiira die Wunscherfüllung nachzuweisen, und wollen 
OBS dieser Aufgabe gewiß nicht entziehen. Greifen wir 
auf jenen bereits gedeuteten Traum von den drei schlechten 
Theaterkarten für 1 fl. 50 zurück, an dem wir schon so 
jnandies gelernt haben. Idi hoffe, Sie erinnern sich noch 
an ihn. Eine Dame, der ihr Mann am Tage mitgeteilt, 
daß ihre nur um drei Monate jüngere Freundin Elise 
sidi verlobt hat, träumt, daß sie mit ihrem Manne im 
Theater sitzt. Eine Seite des Parketts ist fast leer. Ihr 
Mann sagt ihr, die EÜse und ihr Bräutigam hätten auch 
ins Theater gehen wollen, konnten aber nidit, da sie nur 
sdilechte Karten bekamen, drei um einen Gulden fünfzig. 
Sie meint, es wäre auch kein Unglück gewesen. Wir hatten 
ewalen, daß sich die Traumgedanken auf den Ärger, so 
früh geheiratet zu haben und auf die Unzufriedenheit 
mit ihrem Mann beziehen. Wir dürfen neugierig sein, 
wie diese trüben Gedanken zu einer WiuischerfüUung. 
umgearbeitet worden sind, und wo sich deren Spur im. 
manifesten Inhalt findet. Nun wissen wir sdion. daß das 
Element „zu früh, voreilig" durch die Zensur aus dem 
Traum eliminiert wurde. Das leere Parkett ist eine An- 
spielung darauf. Das rätselhafte „3 um einen Gulden 
iünfzig" wird uns jetzt mit Hilfe der Symbolik, die wir 
seither gelernt haben, besser verständlidi.' Die 3 be- 
deutet wirklich einen Mann und das manifeste Element 
ist leicht zu übersetzen: sich einen Mann für die Mitgift 
bufen. {„Einen zehnmal besseren hätte id» mir für meine 
Mitgift kaufen können.") Das fieiraten ist offenbar er- 
setzt durcli das In s-Theater- Gehen. Das „zu früh Theater- 
karten besorgen" steht ja direkt an Stelle des zu früh 
Heirötens. Diese Ersetzung ist aber das Werk der Wunsch- 
erfüüung. UnsereTräumerin war nicht immer so unzufrieden 

' ßno andotö nBhelicjsndo Deulung dieser 3 bei der kindsrlosen Frau 
■wSbno ich niciil, weil dltss ADalya.^ k^n Material bielür biadile. 

Freud, Voricsiiiiifen 15 



Z\FEITER TEILi DER TRAUM 



mit ihrer frühen Heirat wie am Tage, da sie die Nadi 

rjclit von der Verlobungr ihrer Freundin erhielt Sie wa 

seinerzeit stolz darauf und fand sich vor der Freundii 

bevorzugt Naive Mäddien sollen häufig nadi ihrer Vei 

lobunir ihre Freude darüber verraten haben, daß sie nu: 

bald OT allen bisher verbotenen Stucken ins Theater gehei 

alles mitansehen dürfen. Das Stück Sdiaulust oder Neu 

gierde, das hier zum Vorsdieio kommt, war gewiß at 

fänglidi sexuelle Sdiaulust, dem GescW echtsieben, b( 

sonders der Dtern, zugewendet, und wurde dann z 

einem starken Motiv, das die Mäddien zum frühen He 

raten drängle. Auf soldie Art wird der Theaterbesuc 

zu einem naheliegenden Andeutungsersatz für das Vei 

heiratetsein. In dem gegenwärtigen Ärger über ihre früh 

Heirat greift sie also auf jene Zeit zurüdt, in weldii 

ihr die frühe Heirat Wunsdierfüllung war, weil sie ihj 

Sdiaulust befriedigte, und ersetzt von dieser alten Wunsd 

regung geleitet das Heiraten durdi das Ins-Theater-Gehe- 

Wir können sagen, daß wir uns für den Nadiwe 

einer verstedcten Wunsch erfüllung nicht gerade das h> 

quemste Beispiel herausgesucht haben. In analoger Weil 

müßten wir bei anderen entstellten Träumen verfahre 

Idi kann das vor Ihnen nicht tun und will bloß die Übe 

Zeugung aussprechen, daß es überall gelingen wird. Ab. 

idi will bei diesem Punkte der Theorie noch länger ve 

weilen. Die Erfahrung hat mich belehrt, daß er einer d 

gefährdetsten der ganzen Traumlehre ist, und daß vie 

Widersprüche und Mißverständnisse an ihn anknüpf« 

Außerdem werden Sie vielleicht noch unter dem Ei 

druck stehen, daß idi bereits ein Stück meiner Behau 

tuag zurückgenommen, indem ich äußerte, der Traum s 

ein erfüllter Wunsch oder das Gegenteil davon, eine vi 

wirkiichte Angst oder Bestrafung, und werden meint 

es sei die Gelegenheit, mir weitere Einschränkungen a 

zunotigen. Ich habe audi den Vorwurf gehört, daß i 

Dinge, die mir selbst evident scheinen, zu knapp w 

darum nidit überzeugend genug darsteile. 



XIV. DIE wunscherfCllunq jvt 

Wenn jemand in der Traumdeutung so weit mit uns 
gegangen ist und alles angenommen bat, was sie bisher 
gebracht, so macht er nicht selten bei derWunscherfüHung 
halt und fragt: Zugegeben, daß der Traum jedesmal 
einen Sinn hat, und daß dieser Sinn durdi die psydio- 
analytische Teduiik aufgedeckt werden kann, warum muß 
dieser Traum aller Evidenz 2um Trotze immer wieder 
in die Forme! der WimsclierfüUung gepreßt werden? 
Warum soll der Sinn dieses nächtlichen Denkens nicht 
so mannigfaltig sein können wie der des Denkens bei 
Tage, also der Traum das eine Mal einem erfüllten Wunsch 
entspredien, das andere Mal, wie Sie selbst sagen, dcin 
Gegenteil davon, einer verwirklichten Befürclitung, dann 
aber auch einen Vorsatz ausdrücken können, eine War- 
nung, eine Überlegung mit ihrem Für und Wider, oder 
einen Vorwurf, eine Gewissensmalmung, einen Versuch, 
gidi für eine bevorstehende Leistung vorzubereiten usw.? 
Warum gerade immer nur einen Wunsch oder höchstens 
noch sein Gegenteil? 

Man konnte meinen, eine Differenz in diesem Punkte 
Mi nicht widitig, wenn man sonst einig ist Genug, daß 
wir den Sinn des Traumes und die Wege, ihn zu er- 
kennen, aufgefunden; es tritt dagegen zurück, wenn wir 
(fiesen Sinn zu enge bestimmt haben sollten; aber es ist 
nicht so. Ein Mißverständnis in diesem Punkte trifft das 
Wesen unserer Erkenntnis vom Traum und gefäiudet 
dessen Wert für das Verständnis der Neurose. Audi ist 
jene Art von Entgegenkommen, die im kaufmännisdien 
Leben als „Kulanz" gesdiätzt wird, im wissensdiaftlichen 
Betrieb nidit an ihrem Platze und eher scliädlich. 

Meine erste Antwort auf die Frage, v/arum der Traum 
nidit im angegebenen Sinne vieldeutig sein soll, lautet 
wie gewölinlich in solchen Fällen: Ich weiß nidit, warum 
n nicht so sein soll. Idi hätte nichts dagegen. Meinet- 
wegen sei es so. Nur eine Kleinigkeit widersetzt sidi 
dieser breiteren und bequemeren Auffassung des Traumes, 
daß CS nämlidi in Wirklichkeit nicht so ist. Meine zweite 



!M ZWEfTEHTElL; DER TRAUM. 

Antwort wird betonen, daß die Annahme, der Traum enl 
spreche mannigfaltigen Denkformen und intellektuelle 
Operationen, mir selbst nidit fremd ist. Ich habe einm; 
in einer Kraakcngeschidite einen Traum berichtet, der dre 
Nädite hintereinander auftrat und dann nicht mehr, ua^ 
habe dies Verhalten damit erklärt, daß der Traum einer 
.Vorsatz entsprach, der nicht wiederzukehren braucht« 
nachdem er ausgeführt worden war. Später habe ich einei 
Traum veröffentlicht, der einem Geständnis entsprarf 
Wie kann ich also dodi widersprechen und behauptei 
daß der Traum immer nur ein erfüllter Wunscli sei? i 
Ich tue das, weil ich ein einfältiges Mißverständni 
nicht zulassen will, welches uns die Frucht unserer Be 
mühung um den Traum kosten kann, ein Mißverständni! 
das den Traum mit den latenten Traumgedanken vet 
wediselt und von ihm etwas aussagt, was einzig nni 
allein zu den letzleren gehört. Es ist nämlich ganz riditig 
daß der Traum all das vertreten und durdi das ersetz 
werden kaun, was wir vorhin aufgezahlt. haben: einei 
Vorsatz, eine Warnung, Überlegung, Vorbereitung, einei 
LÖsungs versuch einer Aufgabe usw. Aber wenn Sie richti; 
zusehen, erkennen Sie, daß dies alles nur von den la 
lenten Traumgedanken gilt, die in den Traum um^e 
wandelt worden sind, Sie erfahren aus den Deutungei 
der Träume, daß das unbewußte Denken der Mensdiei 
sich mit solchen Vorsätzen, Vorbereitungen, Überlegungci 
usw. beschäftigt, aus denen dünn die Traumarbeit di^ 
Träume madit. Wenn Sie sich für die Traumarbeit derzei 
nidit interessieren, für die unbewußte Denkarbeit de 
Menschen aber sehr interessieren, dann eliminieren Sii 
die Traumarbeit und sagen von dem Traum prakfisd 
ganz richtig aus, er entspreche einer Warnung, einen 
Vorsatz u. dgl. In der psychoanalytischen Tätigkeit triff 
dieser Fall oft zu: Man strebt meist nur danach, dii 
Traumform wieder zu zerstören und die latenten Ge 
danken, aus denen der Traum geworden ist, an seine 
statt in den Zusammenhang einzufügen. 



j BIO 



XTV. DIE WUNSCHERfOlLUNG 2S9 

So ganz nebenbei erfahren wir. also aus der Würdi- 
gung der latenten Traumgedanken. daß alle die genannten, 
hodi komplizierten seeliadien Akte unbewußt vor sich 
gehen können, ein ebenso großartiges wie verwirrendes 
Resultat! '■ . ..•■■,■. _ ,-, ■ 

Aber um zurückzukehren, Sie haben nur redit, wenn 
Sie sich klarmadien, daß Sie sich einer abgekürzten Rede- 
weise bedient haben, und wenn Sie nicht glauben, daß 
Sie jene angeführte Mannigfaltigkeit auf das Wesen des 
Traumes beziehen müssen. Wenn Sie vom „Traum" 
sprechen, so müssen Sie entweder den manifesten Traum 
meinen, d. i. das Produkt der Traum arbeit, oder höchstens 
noch die Traumarbeit selbst, d. i. jenen psychischen 
Vorgang, der aus den latenten Traumgedanken den mani- 
festen Traum foiml. Jede andere Verwendung des Wortes 
ist Begriffsverwirrung, die nur Unheil stiften kann. Zielen 
Sie mit Ihren Behauptungen auf die latenten Gedanken 
hinter dem Traum, so sagen Sie es direkt und verhüllen 
Sie nicht das Problem des Traumes durch die lockere 
Ausdrucksweise, deren Sie sidi bedienen. Die latenten 
Traumgedanken sind der Stoff, den die Traumarbeit zum 
manifesten Traum umbildet. Warum wollen Sie durdiaus 
den Stoff mit der Arbeit verwechseln, die ihn formt? 
Haben Sie dann etwas vor jenen voraus, die nur das 
Produkt der Arbeit tannten und sich nicht erklären 
-konnten, woher es stammt und wie es gemacht wird? 
Das einzig Wesentliche am Traum ist die Traumarbeit, 
die auf den Gedankenstoff eingewirkt hat. Wir haben kein 
.Redit, uns in der Theorie über sie hinwegzusetzen, wenn 
wir sie auch in gewissen praktischen Situationen ver- 
nachlässigen dürfen. Die analytisdie Beobachtung zeigt 
denn auch, daß die Traumarbeit sich nie darauf beschränkt, 
diese Gedanken in die ihnen bekannte ardiaisclie oder 
regressive Ausdrucksweise zu übersetzen. Sondern sie 
nbnmt regelmäßig etwas hinzu, was nicht zu den latenten 
Gedanken des Tages gehört, was aber der eigentliche 
Motor der Traumbildung ist. Diese unentbehrliche Zutat 



23" 



ZWEITER TEIL : DEH TEAUM 



ist der gleidifalls unbewußte Wunsch, zu dessen Erfüllung 
der Trauminhalt umgebildet wird. Der Traum mag also 
alles mögliclie sein, insoweit Sie nur. die durch ihn ver- 
tretenen Gedanken berücksichtigen, Warnung, Vorsatr, 
Vorbereitung usw.; er ist immer auch die Erfüllung eines 
unbewußten Wunsches, und er ist nur dies, wenn Sie ihn 
als Ergebnis der Traumarbeit betraditen. Ein Traum ist 
also auch nie ein Vorsatz, eine Warnung schlechtweg, 
sondern stets ein Vorsatz u. dgl., mit Hilfe eines unbe- 
wußten Wunsches in die ardiaische Ausdrudtsweise über- 
setzt und zur Erfüllung dieser Wünsche umgestaltet. Der 
eine Charakter, die WunsdierfüUung, ist der konstante; 
der andere mag variieren; er kann seinerseits audi ein 
Wunsch sein, so daß der Traum einen latenten Wunsch 
vom Tage mit Hilfe eines unbewußten Wunsdies als 
erfüllt darstellt 

Ich verstehe das alles sehr gut, aber idi weiß nicht, 
ob es mir gelungen ist, es auch für Sie verständlich zu 
machen. Audi habe idi Schwierigkeiten, es Ihnen zu be- 
weisen. Das geht einerseits nidit ohne die sorgtälfige 
Analyse vieler Traume, und anderseits ist dieser heikelste 
und bedeutsamste Punkt unserer Auffassung des Traumes 
nicht ohne Beziehung auf Spateres überzeugend dareu- 
stellen. Können Sie es überhaupt glauben, daß man bei 
dem innigen Zusammenhang aller Dinge sehr tief in die 
Natur des einen eindringen kann, ohne sich um andere 
Dinge von ähnliclier Natur bekümmert zu haben? Da 
wir von den nächsten Verwandten des Traumes, von den 
neurotisdien Symptomen, noch nichts wissen, müssen wir 
uns audi hier bei dem Erreichten besdieiden. Ich will 
nur nodi ein Beispiel vor Ihnen erläutern und eine neue 
•Betraditung anstellen, 

'»' Nehmen wir wieder jenen Traum vor, zu dem wir 

sdion mehrmals zurügekehrt sind, den Traum von den 

3 Theaterkarten für 1 fl. 50, Ich kann Ihnen versidiem, daß 

■'ich ihn zuerst absichtslos als Beispiel aufgegriffen habe. 

Die latenten Trauragedanken kennen SiCi Arger, daß 



XIV. DIE WUWSCHERFDlLUNG Ml 

sie sich mit dem Heiraten so beeilt hatte bei der Nach- 
^ridit, daß ihre Freundin sich erst jetzt verlobt hat; Ge- 
f^ngsdiätziing ihres Mannes, die Idee, daß sie einen 
besseren bekonamen, wenn sie nur gewartet hätte. Den 
f Wunsdi, der aus diesen Gedanken einen Traum gemacht 
Hhat, kennen wir auch bereits, es ist die Schauhist, ins 
iTheater gehen zu können, sehr wahrscheinlicli eine Ab- 
zweigung der alten Neugierde, endlich einmal zu erfahren, 
vfBs denn vorgeht, wenn man verheiratet ist Diese Neu- 
gierde richtet sicli bei Kindern bekanntlicli regelmäßig 
auf das Sexualleben der Eltern, ist also eine infantile, 
und soweit sie spater nodi vorhanden ist, eine mit ihren 
V/uraeln ins Infantile reichende Triebregung. Aber zur 
Erwedsung dieser Sdiaulust gab die Nachridit vom Tage 
keinen Anlaß, bloß zum Ärger und zur Reue. Zu den 
latenten Traumgedanken gehörte diese Wunschregung 
zunächst' nidit, und wir konnten das Ergebnis der Traum- 
deutung in die Analyse einreihen, olme auf sie Rücksicht 
xa nehmen. Der Ärger war audi an sich nicht traum- 
fähig; ein Traum konnte aus den Gedanken: £s war ein 
Unsinn, so früh zu heiraten, nidit eher werden, als bis 
von ihnen aus der alte Wunsdi, endlidi einmal zu sehen, 
was beim Heiraten vorgeht, erweckt worden war. Dann 
formte dieser Wunsch den Trauminhalt, indem er das 
Heiraten durch Ins-Theater-Gehen ersetzte, und gab ihm 
die Form einer früheren Wunsch erfüllung: So, idi darf ins 
Theater gehen und alles Verbotene ansehen und du darfst 
es nidit; idi bin verheiratet und du mußtwarten. Auf soldie 
Weise wurde die gegenwärtige Situation in ihr Gegenteil 
verwandelt, ein alter Triumph an die Stelle der rezenten 
Niederlage gesetzt. Nebenbei eine Schaulustbefriedigung 
mit einer egoistisdien Konkurrenzbefriedigung verquickt. 
Diese Befriedigung bestimmt nun den manifesten Traura- 
inhalt, in dem es wirklidi heißt, daß sie im 1'heater sitzt, 
während die Freundin nidit Einlaß finden konnte. Als 
unpassende und unverständliche Modifikation sind dieser 
Befriedigungssituation jene Stücke des Tranniinhalts auf- 



m ZWEITERTEIL; DER TRAUM. 

gesetzt, hinter weldien sicli die latenten Traumgedanken 
nodi verbergen. Die Traumdeutung hat von allem abzu- 
sehen, was zur Darstellung der Wunsdierfiillung dient 
und aus jenen Andeutungen die peinlichen latenten 
Traumgedanken wiederherzustellen. 

Die eine Betrachtung, die ich vorbringen will, soll 
Ihre Aufm erkEamkeit auf die jetzt in den Vordergrund 
gerückten latenten Traumgedanken einstellen. Ich bitte 
Sie, nicht zu vergessen, daß sie erstens dem Träumer 
unbewußt, zweitens vollkommen verstandig und zusammen- 
hängend sind, so daß sie sich als begreifliche Reaktionen 
auf den TraumanlaB verstehen lassen, drittens, daß sie 
den Wert einer beliebigen seelisclien Regung oder intel- 
lektuellen Operation haben können. Ich werde diese 
Gedanken jetzt strenger als vorhin „Tagesreste" heißen, 
der Träumer mag sich zu ihnen bekennen oder nidit 
Id) sondere jetzt Tagesreste und latente Traumgedanken, 
indem ich im Einklang mit unserem früheren Gebrauch 
als latente Traumgedanken alles bezetdine, was wir bei 
der Deutung des Traumes erfahren, während die T^es- 
reste nur ein Teil der latenten Traumgedanken sind. 
Dann geht unsere Auffassung eben dahin, zu den Tages- 
festen ist etwas hinzugekommen, etwas, was audi dem 
Unbewußten angehörte, eine starke, aber verdrängte 
Wunschregung, und diese allein ist es, die die Traum- 
bildung ermögUdit hat Die Einwirkung dieser Wunsdi- 
: regung auf die Tagesreste schafft den weiteren Anteil der 
latenten Traumgedanken, jenen, der nicht mehr rationell 
und aus dem Wachleben begreiflidi ersclieinen muß. 

Für das Verhältnis der Tagesreste zu dem unbewußten 
Wunsch habe ich mich eines Vergleiches bedient, den 
-ich hier nur wiederholen kann. Bei jeder Unternehmung 
bedarf es eines Kapitalisten, der den Aufwand bestreitet, 
und eines Unternehmers, der die Idee hat und sie aus- 
zuführwi versteht. Die Rolle des Kapitalisten spielt für 
die Traumbildung immer nur der unbewußte Wunsch; 
er gibt die psychische Energie für die Traumbildung ab; 



I XIV. Die wunscherfOllumg m 

I der Unternehmer ist der Tagesrest, der über die Ver- 
wendung dieses Aufwandes entscheidet Nun kann der 
Kapitalist selbst die Idee und die Sachkenntnis haben 
oder der Unternehmer selbst Kapital besitzen. Das ver- 
einfadit die praktisdie Situation, ersdiwert aber ihr 
theoretisdies Verständnis. In der Volkswirtschaft wird 
man immer wieder-die eine Fersen in ihre beiden Aspekte 
als Kapitalist und als Unternehmer zerleg'en und somit 
die Grundsituation, von der unser Vergleich ausgegangen 
ist, wiederherstellen. Bei der Traumbildung kommen die- 
selben Variationen vor, deren weitere Verfolgung ich 
Binen überlasse. 

. Weiter können wir hier nidit gehen, denn Sie sind 
wahrscheinlidi schon längst durch ein Bedenken gestört 
worden, das angehört zu werden verdient. Sind die 

»Tagesreste, fragen Sie, wirklich in demselben Sinne un- 
ibewußt wie der unbewußte Wunsch, der hinzukommen 
muß, um sie traumfähig zu madien? Sie ahnen riditig. 
Hier liegt der springende Punkt der ganzen Sadie. Sie 
sind nidit unbewußt in demselben Sinne. Der Traum- 
:wunsdi gehört einem anderen Unbewußten an, jenem, 
das wir als infantiler Herkunft, mit besonderen Medianis- 
inen ausgestattet, erkannt haben. Es wäre durchaus an- 
gebradit, diese beiden Weisen des Unbewußten durch 
verschiedene Bezeichnungen voneinander zu sondern. 
1 Aber wr wollen dodi lieber damit warten, bis wir uns 
rmvt dem Erscheinungsgebiet der Neurosen vertraut ge- 
maiJit haben. Hält man uns doch das eine Unbewußte 
als phantastisdi vor; was wird man erst sagen, wenn wir 
bekennen, daß wir erst bei zweierlei Unbewußtem unser 
Auslangen finden? . 

Bredien wir hier ab. Sie haben wederum nur Unvoll- 
ständiges gehört; aber ist es nidit hoffnungsvoll zu 
denken, daß dieses Wissen eine Fortsetzung hat, die 
entweder wir selbst oder andere nach uns zu Tage 
fördern werden? Und haben wir selbst nidit Neues und 
Überraschendes genug erfahren? 



»tat- 1l»B 



XV. VORLESUNG .,1(4,^«?«: 

UNSICHERHEITEN UND KRITIKEN 

feine Damen und Herrenl Wir wollen das Gebiet 
. des Traumes dodi nicht verlassen, ohne die ge- 
iWÖhnliclisten Zweifel und Unsldierheiten zu behandeln, 
die sicli an unsere bisherigen Neuheiten und Auffassungen 
geknüpft haben. Einiges Material hiezu werden aufmerk- 
same Hörer unter Ihnen bei sidi selbst zusammengetragen 
haben. .. 

H>. 1. Es mag Ihr Eindrudc geworden sein, daß die Resul- 
tate unserer Dcutungs arbeit am Traume trotz korrekter 
Einhaltung der Technik so viel Unbestimmtheiten zu- 
lassen, daß dadurcli eine sichere Übersetzung des maai- 
festen Traumes in die latenten Traumgedanken dodi ver- 
eitelt wird. Sie werden dafür anführen, daß man erstens 
nie weiß, ob ein bestimmtes Element des Traumes im 
eigentlichen Sinne oder symbolisch zu verstehen ist, 
denn die als Symbole verwendeten Dinge hören darum 
doch nicht auf, sie selbst zu sein. Hat man aber keinen 
objektiven Anhalt, um dies zu entsdieiden, so bleibt 
die Deutung in diesem Punkte der Willkür des Traum- 
deuters fiberlassen. Femer ist es infolge des Zusammen- 
fallens von Gegensätzen bei der Traumarbeit jederzeit 
unbestimmt gelassen, ob ein gewisses Traumelement im 
positiven oder im negativen Sinne, als es selbst oder 
als sein Gegenteil verstanden, werden solL Eine neue 
Gelegenheit zur Betätigung der Willkür des Deutenden. 
Drittens steht es dem Traumdeuter infolge der im Traume 
so beliebten Umkehrungen jeder Art frei, an ihm be- 
liebigen Stellen des Traumes eine solche Umkehning 
vorzunehmen. Endlich werden Sie sich darauf berufen, 
gehört zu haben, daß man selten sicher ist, die gefun- 
dene Deutung des Traumes sei die einzig mögliche. 
Man lauft Gefahr, eine durdiaus zul&sstge Oberdeutung 
desselben Traumes zu übersehen. Unter diesen Um- 
ständen, werden Sie sdiUeßen, bleibt der Willkür dea 



XV. UHSICHERBEITEW VKD KRTTIKEN ^ 

peuters ein Spielraum eingeräumt, deäsen Weite mit 
.der objektiven Sidierheit der Resultate unverträglich 
Bijieint. Oder sie können auch annehmen, der Fehler 
liege nidil am Traume, sondern die Uniulanglidikeiten 
unserer Traumdeutung ließen sich auf Unriditigkeiteii 
lunserer Auffassungen und Voraussetzungen zurückführen. 
AlMhr Material ist untadelig gut, aber ich glaube, 
es reclitfertigt nicht Ihre Schlüsse nach den beiden Rich- 
tuBgen, daß die Traumdeutung, wie wir sie betreiben, 
(der WilOtür preisgegeben ist, und daß die Mängel der 
^Ergebnisse die Berechtigung unseres Verfahrens in Frage 
rstellen. Wenn Sie anstatt der Willkür des Deuters ein- 
setzen wollen: der Geschicklidikeit, der Erfahrung, dem 
Verständnis desselben, so pflichte ich Ihnen bei. Ein 
'Bolclies persönliches Moment werden wir freüid] nidit 
■entbehren können, zumal nicht bei schwierigeren Auf- 
(raben der Traumdeutung. Das ist aber bei anderen 
wisseaschaftlidien Betrieben auch nicht anders. Es gibt 
kein Mittel, um hintanzuhalten, daß der eine eine ge- 
wrisse Technik nicht schlediter handhabe oder nicht besser 
ausnütze als ein anderer. Was sonst, z. B. bei der Deu- 
tung der Symbole, als Willkür imponiert, das v/ird da- 
durch beseitigt, daß in der Regel der Zusammenhang 
;der Traumgedanken untereinander, der des Traumes 
nmit dem Leben des Träumers und die ganze psychische 
Situation, in welclie der Traum fällt, von den gegebenen 
il>eutungsaiögli<ikeiten die eine auswählt, die anderen 
.lbIs unbrauchbar zurückweist Der Schluß aus den Un- 
- Vollkommenheiten der Traumdeutung auf die Unriditig- 
-keit unserer Aufstellungen wird aber durch eine Be- 
merkung entkräftet, weldie die Mehrdeutigkeit oder Un- 
bestimmtheit des Traumes vielmehr als eine notwendig 
zu erwaitende Eigenschaft desselben erweist. 

Erinneni wir uns daran, daß wir gesagt haben, die 
Traumarbeit nehme eine Übersetzung der Traumgedanken 
in eine primitive,, der Bilderschrift analoge Ausdrudts- 
weise vor. Alle diese . fritniliven Ausdruckssysieme sind 



236 



ZWEITER TEIL: DER TRAUM 



aber mit solchen Unbesliramtheiten und .ZweideuKo 
keilen behaftet, ohne daß wir darum ein Redit hättet 
deren Gebraudisfähigkeit anzuzweifeJn. Sie wissen, da 
Zusammenfallen der Gegensätze bei der Traumarbei 
ist analog dem sogenannte „Gegensinn der Unvorle' 
in den ältesten Sprachen. Der Sprachforscher K. Abe 
(1884), dem wir diesen Gesichtspunkt verdanken, ersudi 
uns, ja nicht zu glauben, daß die Mitteilung, welch, 
eine Person der anderen mit Hilfe so ambivalenter Wort( 
machte, darum eine zweideutige gewesen sei. Ton um 
Geste müssen es viehnehr im Zusammenhang der Red, 
ganz unzweifelhaft gemacht haben, welchen der beidei 
Gegensätze der Sprecher zur Mitteilung im Sinne hatte 
In der Schrift, wo die Geste entfällt, wurde sie durd 
ein hinzugesetztes, zur Aussprache nicht bestimmte' 
Bildzeichen ersetzt, z. B. durdi das Bild eines lässig 
hostenden oder eines stramm dastehenden MännchenE, 
je nachdem das 2weideutige ken der Hieroglyphensdirifl' 
-^schwach" oder „stark" bedeuten sollte. So wurde troii 
Tder Mehrdeutigkeit der Laute und der Zeichen das 
Mißverständnis vermieden. ..,-.:. 

Die alten Ausdruckssysteme, z. B. die Schriften jener 
.ältesten Sprachen, lassen uns eine Anzahl von Unbe- 
stimmtheiten erkennen, die wir in unswer heutigen Schrift 
nicht dulden würden. So werden in manchen semitisdien 
Schriften nur die Konsonanten der Worte bezeichnet. 
Die weggelassenen Vokale hat der Leser nach seiner 
Kenntnis und nadi dem Zusammenhange einzusetzen. 
Ni»3it ganz so, aber recht ähnlicli verfährt die Hiero- 
glyphenschrift, weshalb uns die Ausspradie des Alt- 
ägyptisclien unbekannt geblieben ist. Die heilige Schrift 
der Ägypter kennt noch andere Unbestimmtheiten. So 
ist es z. B. der Willkür des Sclireibers überlassen, ob 
er die. Bilder von rechts nad» Knks oder von links nach 
rechts aneinanderreihen will. Um lesen zu können, muß 
inan sich an die Vorsdirift halten, da£ man auf die Ge- 
sichter der Figuren, Vögel u. dgl. hin zu lesen hat Der 



XV. UWSiCHERHElTEN UND KRiTlKEN J37 

Stiu-eiber konnte aber auch die Eilderzeicheu in Vertikal- 
reihen anordnen, und bei Inschriften an kleineren Ob- 
jekten ließ er sich durch Rüdcsichten der Gefäiligkeil 
und der Raumausfüliung bestimmen, die Folge der Zeichen 
noch anders abzuändern. Das Storendste an der Hiero- 
^phenschrift ist woiii, daß sie eine Worttrennung nicht 
kennt. Die Bilder laufen in gleichen Abständen von ein- 
ander über die Seite, und man kann im allgemeinen 
nicht wissen, ob ein Zeichen noch zum vorstehenden ge- 
hört oder den Anfang eines neuen Wortes macht. In 
der percischen Keilschrift dient dagegen ein schräger 
Keil als „Wortteiler". 

Eine überaus alte, aber heute noch von 400 Millionen 
gebrauchte Sprache und Schrift ist die chinesische. Nehmen 
Sie nicht an, daß ich etwas von ihr verstehe; ich habe 
midi nur über sie instruiert, weil idi Analogien zu den 
Unbestimmtheiten des Traumes zu finden hoffte. Meine 
Erwartung ist audi nidit getäuscht worden. Die chine- 
sische Sprache ist voli von solchen Unbestimmtheiten, 
die uns Schrecken einjagen können. Sie besteht bekannt- 
lich aus einer Anzahl von Silbenlauten, die für sidi allein 
uder zu zweien kombiniert gesprodien werden. Einer 
der Hauptdialekte hat etwa 400 solcher Laute. Da nun 
der Wortsdiatz dieses Dialekts auf etwa 4000 Worte 
berechnet wird, ergibt sich, daß jeder Laut im Durch- 
schnitt zehn versdiiedene Bedeutungen hat, einige davon 
wenig;er, aber andere dafür um so mehr. Es gibt dann 
eine ganze Anzahl von Mitteln, um der Vieldeutigkeit 
W -entgehen, da man nicht aus dem Zusammenhang allein 
erraten kann, welche der zehn Bedeutungen des Silben- 
bntes der Sprecher beim Hörer zu erwecien beabsicli- 
Ögt. Darunter ist die Verbindung zweier Laute zu einem 
zusammengesetzten Wort und die Verwendung von vier 
verschiedenen „Tönen", mit denen diese Silben gesprochen 
werden. Für unsere Vergleicliung ist der Umstand noch 
interessanter, daß es in dieser Sprache so gut wie keine 
Grammatik gibt. Man kann von keinem der einsilbigen 



M8 ZWEITClt TEIL i DER TRAUM -■ ; 

Worte sagen, ob es Haupt-, Zeit-, Eigenschaftswort ist,' 

und es fehlen aiie Abänderungen der Worte, durdi weldie 
man Geschleclit, Zalil, Endung, Zeit oder Modus erkennen 
könnte. Die Sprache besteht also sozusagen nur aus dem 
Rohmaterial, äiuilich wie unsere Denkspradie durch die 
Traumarbeit in ihr Robmaterial unter Hinweglassung des 
Ausdrucks der Relationen aufgelöst wird. Im Chinesisdien 
wird iii allen Fällen von Unbestimmtheit die Entscheidung 
dem Verständnis des Hörers überlassen, der sich dabei 
vom Zusammenband leiten läßt Ich habe mir ein Bei- 
spiel eines chinesischen Spridiwortes notiert, das wörtlidi 
übersetzt lautet: 

Wenig was sehen viel was wunderbar. 
Das ist nicht schwer zu verstehen. Es mag heißen: fe 
weniger einer gesehen hat, desto mehr findet er zu be- 
wundern, oder; Vieles gibt's zu bewundem für den, der 
wenig gesehen hat Eine Entsdieidung zwisdien diesen 
nur grammatikalisch verschiedenen Übersetzungen kommt 
natürlidi nicht in Betracht. Trotz dieser Unbestimmtheiten, 
wird uns versichert, ist die chinesische Sprache ein gaaz 
ausgezeichnetes Mittel des Gedanken ausdrucks. Die Un- 
bestimmtheit miiß also nidit notwendig zur Vieldeutig- 
keit führen. 

Nun müssen wir freilich zugestehen, daß die Sachlage 
für das Ausdruckssystem des Traumes weit ungünstiger 
liegt als für alle diese alten Sprachen und Schriftea 
Denn diese sind doch im Gmndc zur Mitteilung bestimmt, 
d. h. darauf berechnet, auf welchen Wegen und mit welchen 
Hilfsmitteln immer verstanden zu werden. Gerade dieser 
Charakter gelit aber dem Traume ab. Der Traum will 
niemandem etwas sagen, er ist kein Vehikel der Mit- 
teilung, er ist im Gegenteile darauf angelegt, unverstanden 
zu bleiben. Darum dürften wir uns nicht verwundern und 
nicht irre werden, wenn sich herausstellen sollte, daß 
eine Anzahl von Vieldeutigkeiten und Unbestinmitheiten 
des Traumes der Entscheidung entzogen bleibt AU 
sicherer Gewinn unserer Vergleichung bleibt uns nur die 



XV. UWSTCHERHErmN UMD KRTTIKEH OT 

ginsii^t, daS solche UnbestimmÜieiteii, wie man sie als 
Einwand gegen die Triftigkeit unserer Traumdeutungen 
verwerten wollte, vielmehr regelmäßige Charaktere aller 
primitiven Ausdruckssysteroe sind. 

Wie weit die Verständlichkeit des Traumes in Wirk- 
lichkeit reidit, läßt sich nur durdi Übung und Erfahrung 
feststellen. Idi meme, sehr weib, und die Vergleidiung 
der Resultate, welche sich korrekt geschulten Analytikern 
ergeben, bestätigt meine Ansicht. Das Laienpublikum, 
audi das wissensdiaftlidie Laienpublikum, gefällt sich 
bekanntlich darin, angesichts der Schwierigkeiten und 
Unsicherheiten einer wissenschaftlichen Leistung mit über- 
legener Skepsis XU prunken. Ich meine, mit Unredit, Es 
ist Ihnen vielleidit nicht allen bekannt, daß sich eine 
ähnliche Situation in der Geschidite der Entzifferung 
der babylonisch-assyrischen Insdiriften ergeben hat. Da 
gab es eine Zeit, zu weldier die öffentliche Meinung 
weit darin ging, die Keil Schriftentzifferer für Phantasten 
und diese ganze Forsdiung für einen „Schwindel" zu 
erklären. Im Jahre 1857 machte aber die Royal Asiatic 
Society eine entscheidende Probe. Sie forderte vier der 
angesehensten Keilschriftforsdier, Rawlinson, Hincks, 
Fox Talbot und Oppert, auf, ihr von einer neugefun- 
denen Insclirift unabhängige Übersetzungen im versiegelten 
Kuvert einzusenden, und konnte nach der Ve^leichung 
der vier Lesungen verkünden, die Übereinstimmung der- 
selben gebe weit genug, um das Zutrauen in das bisher 
Erreichte und die Zuversicht auf weitere Fortschritte zu 
reditfertigen. Der Spott der gelehrten Laienweit naiim 
dann allmählich ein Ende, und die Sicherheit in der 
Lesung der Keilschriftdokumente ist seitlier außerordent- 
lich gewachsen, 

2. Eine zweite Reihe von Bedenken hangt tief an 
dem Eindrudt, von dem wohl auch Sie nicht frei ge- 
blieben sind, daß eine Anzahl von Lösungen der Traum- 
deutung, zu denen wir uns genötigt sehen, gezwungen, 
erkünstelt, an den Haaren herbeigezogen, also gewaltsam 



JJO ZWElTERTElLt DERTRAmt ' ' 

oder selbst komisch und witzelnd erscheinen. Diese 
Äußerungen sind so häufig, daß idi aufs GeratewohT 
die letzte, von der mir Kunde geworden ist, heraus- 
greifen will. Hören Sie also: In der freien Schweiz ist 
kürzlidi ein Serainardirektor wegen Beschäftigung mit 
der Psydioanalyse seiner Stellung enthoben worden. Er 
liat Einspruch erhoben, und eine Bemer Zeitung hat 
das Gutachten der Schulbehörde über ihn zur öffent- 
liclien Kenntnis gebracht. Aus diesem Schriftstüdt ziehe 
ich einige Salze, die sich auf die Psychoanalyse be- 
ziehen, aus: „Ferner überrascht das Gesuchte und Ge- 
künstelte in vielen Beispielen, die sich auch in dem aiy 
geführten Buche von Dr. Pfister in Zürich vorfinden . . . j 
Es müßte also eigentlich überraschen, daß ein Seminai-- 
direklor alle diese Behauptungen und Scheinbeweise 
kritiklos entgegennimmt." Diese Sätze werden als die 
Entscheidung eines „ruhig Urteilenden" hingestellt. Ich 
meine vielmehr, diese Ruhe ist „erkünstelt." Treten wir 
diesen Äußerungen in der Erwartung näher, daß etwas 
Nachdenken und etwas Sachkenntnis auch einem ruhigen 
Urteil keinen Nachteil bringen kann. 

Es ist wahrhaft erfrischend zu sehen, wie rasch und 
unbeirrt jemand in einer heiklen Frage der Tiefenpsychon 
logie nach seinen ersten Eindrucken urteilen kann. Die 
Deutungen ersdieinen ihm gesucht und gezwungen, sie 
gefallen ihm niclit, also sind sie falsch und die ganze 
Deuterei taugt nichts; nicht einmal ein flüditiger Ge- 
danke streift an die andere Möglichkeit, daß diese Dei» 
tungen aus guten Gründen so erscheinen müssen, wora^ 
sich die weitere Frage knüpfen würde, welches diese 
guten Gründe sind. 

Der beurteilte Sachverhalt bezieht sich wesentlich 
auf die Ergebnisse der Verschiebung, die Sie als das 
stärkste Mittel der Traumzensur kennen gelernt haben. 
Mit Hilfe der Verschiebung schafft die Traunizensui 
Ersatzbildungen, die wir als Anspielungen bezeichnet 
haben. Es sind aber Anspielungen, die als solche nicht 



i 



XV. UWSICHERHEITEW UND KRTTIKEN tn 

Jeicfat zu erkennen sind, von denen der Rückweg zum 
Eigentlichen nicht ieidit auffindbar ist, und die mit diesem 
Eigentlichen dtircli die sonderbarsten, ungebräuchlichsten, 
äußerlichen Assoziationen in Verbindung stehen. In aU 
diesen Fällen handelt es sich aber um Dinge, die ver- 
steckt werden sollen, die zur Verheimlichung bestimmt 
sind; dies wiil ja die Traumzensur crreidien. Etwas, das 
/ersteckt worden ist, darf man aber nidit an seinem 
Orte, an der ihm zukommenden Stelle, zu finden er-. 
»warfen. Die heute amtierenden Grenzüberwadiungs- 
kommissionen sind in dieser Hinsicht sdilauer als die 
Schweizer Schulbehörde. Sie begnügen sich bei derSudie 
nach Dokumenten und Aufzeichnungen nicht damit, in 
Mappen und Brieftaschen nadizusehen, sondern sie ziehen 
die Möglichkeit in Betracht, daß die Spione und Schmuggler 
solche verpönte Dinge an den verborgensten Stellen, 
ihrer Kleidung tragen könnten, wo sie entschieden nicht 
hingehören, wie z. B. Kwiscüen den doppelten Sohlen 
ihrer Stiefel. Finden sich die verheimlichten Dinge dort, 
Bo waren sie allerdings sehr geaudit, aber aucJi sehr -*- 
gefunden. _ _ ■■. .. , r. „ „:..,r«(,| 

Wenn wir die entlegensten, sonderbarsten, baldkömiB<äv~ 
bald witzig ersdieincnden Verknüpfungen zwischen einem 
latenten Traumelement und seinem manifesten Ersatz als 
möglidi anerkennen, so folgen wir dabei reichlichen Er- 
fahrungen an Beispielen, deren Auflösung wir in der. 
Regel nicht selbst gefunden haben. Es ist oft nicht 
möglich, solche Deutungen aus Eigenem zu geben; kein 
sinniger Mensdi könnte die vorliegende Verknüpfung 
erraten. Der Träumer gibt uns die Übersetzung entweder 
mit einem Sdilage durch seinen direkten Einfall — er 
kann es ja, denn bei ihm hat sid» diese Ersatzbildung 
hergestellt, — oder er liefert uns soviel Material, daß 
die Lösung keinen besonderen Scharfsinn mehr fordert, 
sondern sich wie notwendig aufdrängt. Hilft uns der 
Traumer nidit auf eine dieser beiden Weisen, so bleibt 
uns das betreffende manifeste Element audi ewig un- 



2« ZTgElTER TEIL : DER TRAUM 

verständlich. Gestalten Sie, daß ich Ihnen nodi ein 
solches kürzhdi erlebtes Beispiel naditrage. Eine meinerl 
Patientinnen hat wäiireiid der Behandlung ihren Vater 
verloren. Sie bedient sich seitdem jedes Anlasses, um 
ihn im Traume wieder zu beieben. In einem ihrer Träume 
kommt der Vater in einem gewissen, weiter nidit ver- 
wertbaren Zusammenhange vor und sagt: Es ist ein 
Viertel zwölf, es ist halb zwölf, es ist drei Viertel 
zwölf. Zur Deutung dieser Sonderbarkeit stellte sich 
nur der Einfall ein, daß der Vater es gerne gesehen 
hatte, wenn die erwadisenen Kinder die gemeinschaft- 
liche Speisestunde pünktlich einhielten. Das hing gewifj 
mit dem Traumelement zusammen, gestattete aber keinen 
StiiluB auf dessen Herkunft. Es bestand ein durch die 
damalige Situation der Kur gereditfertigter Verdacht, 
daß eine sorgfältig unterdrückte, kritische Auflehnunir 
gegen den geliebten und verehrten Vater ihren Anteil 
an diesem Traum hätte. In weiterer Verfolgung ihrer 
Einfälle, ansclieinend weit vom Traum entfernt, erzahlt 
die Träumerin, gestern sei in ihrer Gegenwart viel Psycho- 
logisches besprochen worden, und ein Verwandter habe 
die Äußerung getan: Der Urmensch lebt in uns allen 
fort. Jetzt glauben wir zu verstehen. Das gab eine aus-1 
gezeidinete Gelegenheit für sie, den verstorbenen Vater' 
wieder einmal fortleben zu lassen. Sie machte ihn also 
im Traum zum Uhrmenschen, indem sie ihn die Viertel^i 
stunden der Mittagszeit ansagen ließ. '1 

Sie werden an diesem Beispiel die Ähaliclikeit mit' 
einem Witz nicht von sich weisen können, und es ist 
wirklidi oft genug vorgekommen, daß man den Witz 
des Träumers für den des Deuters gehalten hat. Es gibti 
noch andere Beispiele, in denen es gar nidit leicht wird' 
zu enlsdieiden, ob man es mit einem Witz oder einem* 
Traum zu tun hat. Sie erinnern sich aber, daß uns deii' 
nämliche Zweifel bei manchen Felilieistungen des Ver" 
Sprechens gekommen ist Ein Mann erzählt als seinen" 
Traum,! sein Onkel habe ihm, während sie in dessen 



^1 1,— II iV ^1 



5 



XV. UNSICHERHEiTEN UND KRITIKEN M3 

Auto (mobil) saßen, einen Kuß g'eg'iben. Er fügt selbst 
sehr rasch die Deutung Tiinzu. Es bedeutet: Auto- 
erotismus (ein Terminus aus der Libidolehre, der die 
Befriedigung ohne fremdes Objekt bezeichnet). Hat sich 
nun der Mann einen Scherz mit uns erlaubt und einen 
Witz, der ihm eingefallen ist, für einen Traum ausge- 
geben? Icli glaube es nicht; er hat wirklich so geträumt. 
Woher-kommt aber diese verblüffende Ähnlichkeit? Diese 
Frage hat reich seinerzeit ein Stück von meinem Wege 
abgeführt, indem sie mir die Notwendigkeit auferlegte, 
den Witz selbst einer eingehenden Untersuchung zu 
unterziehen. Es hat sidi dabei für die Entstehung des 
Witzes ergeben, daß ein vorbewußter Gedankengang 
für einen Moment der unbewußten Bearbeitung über- 
lassen wird, aus weldier er dann als Witz auftaucht. 
Unter dem Einfluß des Unbewußten erfährt er die Ein- 
wirkung der dort waltenden Mechanismen, der Ver- 
dichtung und der Verschiebung, also derselben Wort 
gänge, die wir bei der Traumarbeit beteiligt fanden, 
und dieser Gemeinsamkeit ist die Ähnlichkeit von Witz 
und Traum, wo sie zustande kommt, zuzusdi reibe». Vom 
Lustgewinn des Witzes bringt der unbeabsichtigte „Traum- 
witz" aber nichts mit. Warum, mag Sie die Vertiefung 
in das Studium des Witzes lehren. Der „Traumwitz" 
erscheiiit uns als schlechter Witz, er macht uns nicht 
lacher, läßt uns kr.lt. ' ... 

Wir trete» dabei aber aiicK in . die -FufofapEen der 
antiken Traumdeutung, die uns neben vielem Unbrauch- 
baren manches gute Beispiel einer Traumdeutung hinter- 
lassen hat, welches wirselbst lüchtzu übertreffen wüßten. 
Idi erzähle Ihnen nun einen historisch bedeubamen Traum, 
den mit gewissen Abweichungen Piutarch und Artemi- 
dorus aus Daldis.von Alexander dem Großen berichten. 
Als der König mit der Belagerung der hartnäckig ver- 
teidigten Stadt Tyrus beschäftigt war (322 v. Chr.), 
träumte er einmal, er sehe einen tanzenden Satyr, Der 
Traumdeuter Aristandros, der sidi beim Heere befand, 



k 



2ti_ ZWEITER TEIL i DER TRAUM 

deuLcte ihm diesen Traum, indem er das Wort „Satyros" 
in acc Töpo^ (dein ist Tyrus) zerlegte und ihm daram 
den Triumph über die Stadt verspradi. AJexander Ueß 
sidi durdi diese Deutung bestimmen, die Belagerung 
fortzusetzen, und nalim endlidi Tyrus ein. Die Deutung, 
diegekünste!tgenugauasieht,warunzweifelhaft die richtige. 

3, Ich kann mir vorstellen, .daß es Ihnen einen beson- 
deren Eindruck machen wird, zu hören, daß Einwendungen 
gegen unsere Auffassung des Traumes auch von solchen 
Personen erhoben worden sind, die sidi selbst längere 
Zeit als Psychoanalytiker mit der Deutung von Träumen 
beschäftigt haben. Es wäre zu ungewöhnlich gewesen, daß 
ein so reidihaltiger Anreiz zu neuen Irrtumern ungenützt 
geblieben wäre, und so haben sich durch begriffliche Ver- 
wedislungen und unberechtigte VeraJlgemeinerungen Be- 
hauptungen ergeben, die hinter der medizinisdien Auf- 
fassung des Traumes an Unrichtigkeit nidit weit zunick- 
stehen. Die eine davon kennen Sie bereits. Sie sagt aus; 
daS sich der Traum mit Anpassungsversuchen an die 
Gegenwart und Lösungsversucben der Zukunftsau%aben 
beschäftige, also eine „prospektive Tendenz" verfolge 
(A. Maeder). Wir haben bereits angeführt, daß diese 
Behauptung auf der Verwechslung des Traumes mit den 
latenten Traumgedanken beruht, also das Übersehen der 
Traumarbeit zur Voraussetzung hat Als Charakteristik 
der unbewußten Geistestätigkeit, der die latenten Traum- 
gedanken angehören, ist sie einerseits keine Neuheit, 
anderseits nicht erschöpfend, denn die unbewußte Geisles- 
tätigkeit besdiäftigt sich mit vielem anderen neben der 
Vorbereitung der Zukunft. Eine weit ärgere Verwechs- 
lung scheint der Versidierung zu Grunde zu liegen, daß 
man hinter jedem Traum die „Todesklausel" finde. Ich 
weiß nicht genau, was diese Formel besagen vdW, aber idi 
vermute, hinter ihr stedtt die Verwedislung des Traumes 
mit der ganzen Persönlichkeit des Träumers. 

Eine ungerechfertigte Verallgemeinerung aus wenigen 
guten Beispielen liegt in dem Satze, daß jeder Traum 



r 



XV. UNSICHERHEITEN UND KRITIKEK 7« 

awei Deutungen zulasse, eine solche, wie wir sie auf- 
gezeigt haben, die sogenannte psychoanalytische, und eine 
andere, die sogenannte anagogisÄe, welche von den Trieb- 
regiingen absieht und auf eine Darstellung der höheren 
Seelenleistungen hinzielt. (H. Silberer.) Es gibt solche 
Träume, aber Sie werden diese Auffassung vergeblich 
auch nur auf eine Mehrzahl der Träume auszudehnen 
versudien. Ganz unbegreiflich wird Ihnen nach allem, 
was Sie gehört haben, die Behauptung erscheinen, daß 
alle Träume bisexuell zu deuten seien, als Zusammen- 
treffen einer männlichen mit einer weiblich zu nennenden 
Strömung (A. Adler), Es gibt natürlich auch einzelne 
solche Träume, und Sie könnten später erfahren, daß 
diese so gebaut sind wie gewisse hysterische Symptome. 
Ich erwähne alle diese Entdeckungen neuer aligemeiner 
Charaktere des Traumes, um Sie vor ihnen zu warnen 
oder um Sic wenigstens nicht im Zweifel zu lassen, wie 
ich darüber urteile, 

4. Eines Tages sdiien der objektive Wert der Traum- 
forschung durch die Beobachtung in Frage gestellt, daß 
die analytisch behandelten Patienten den Inhalt ihrer 
Träume nadi den Ueblingstheorien ihrer Ärzte einrichten, 
indem die einen vorwiegend von sexuellen Triebregungen 
träumen, die anderen vom Machtstreben und noch andere 
sogar von der Wiedergeburt (W. Stekel). Das Gewichl 
dieser Beobachtung wird durch die Erwägung verringert, 
daß die Menschen bereits geträumt haben, ehe es eine 
psydio analytische Behandlung gab, die ihre Träume lenketi 
konnte, und daß die jetzt in Behandlung Stehenden aucli 
zur Zeit vor der Behandlung zu träumen pflegten. Das 
Tatsädiliche dieser Neuheit läßt sich bald als seibstver- 
ständlich und für die Theorie des Traumes belanglos er- 
kennen. Die den Traum anregenden Tagesreste erübrigen 
von den starken Interessen des Wachlebens. Wenn die 
Reden des Arztes und die Anregungen, die er gibt, für 
den Analj'sierten bedeutungsvoll geworden sind, so treten 
sie in den Kreis der Tagesreste ein, können die psy- 



240 2WEITE« TEÜ.i DER TRAUM 



chischen Rei/e für die Traum bililunj abgeben wie die 
anderen atfektbetouten, unerledigten Interessen des Tages 
und wirken ähnlich wie die somatisclien Reize, die wShrenti 
des Schlafes auf den Schläfer einwirken. Wie diese anderen 
Anreger desTraunies können aucli die vom Arzt angeregten 

Gedankengänge im manifestenXrauminhalterscheinenoder 
im latenten nachgewiesen werden. Wir wissen ja, daß man 
Träume experimentell erzeugen, richtiger gesagt, einen 
Teil des Traumniaterials in den Traum einführen kann. 
Der Analytiker spieit also bei diesen Beeinflussungen 
seiner Patienten keine andere Rolle als der Experimen- 
tator, der wie Mourly Vold den Gliedern seiner Ver- 
suchspersonen gewisse Stellungen erteilt 
i, Man kami oftmals deuTräumer beeinflussen, worüber 
«träumen soll, nie aber darauf einwirken, was erträumen 
wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der un- 
bewußte Traumwunsch sind jedem fremden Einfluß ent- 
zogen. Wir haben bereits bei der Würdigung der soma- 
tischen Reizträume erkannt, daß die Eigenart und Selb- 
ständigkeit desTraumlebens sichin der Reaktion erweist, mit 
welcher derTraum auf die zugeführten körperliclien oder 
seeii^sctien Reize antwortet. Der hier besprochenen Behaup- 
tung, weiche die Objektivität der Traumforschung in Zweifel 
ziehen will, iiegi also wiederum eine Verwechslung, die 
des Traumes mit dem — Traum material, zu Grunde. 

Soviel, nieiue Damen und Herren, wollte ich Uinen 
von den Problemen des Traumes erzählen. Sie ahnen, 
daß ich vieles übergangen habe, und haben selbst er- 
fahren, daß ic^i fast in allen Punkten unvollständig sein 
mußte. Das Hegt aber am Zusammenhang der Trauni- 
phänomene mit denen der Neurosen, Wir haben den 
Traum als Einführung in die Neurosenlehre studiert und 
das war gewiß richtiger, als wenn wir das Umgekehrte 
getan , hätten. Aber wie derTraum für das Verständnis 
der Neurosen vorbeieitel, so kann anderseits die riclitige 
Würdigung des Traumes erst nach der Kenntnis der neu- 
rotischen Erscheliiuiio'en g'ewoiinen werden. 



XV. UWSlCHERHEri'EM UNÜ KRl'L'JKKN 24] 

Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken werden, aber 
idi muß versichern, daß i<ii nidit bereue, soviel von Ihrem 
Interesse und von der für uns verfügbaren Zeit für die 
Probleme des Traumes in Anspruch genommen zu haben. 
An keinem anderen Objekt kann man sich so rasch die 
Überzeugung von der Richtigkeil der Behauptungen holen, 
mit denen die Psyclioanalyse steht und fällt. Es bedarf 
der angestrengten Arbeit von vielen Monaten und selbst 
jähren, um zu zeigen, daß die Symptome eines Falles 
von neurotischer Erkrankung ihren Sinn haben, einer Ab- 
sidit dienen und aus den Schidcsalen der leidenden Person 
-hervorgehen. Dagegen kann es einer Bemühung von 
wenigen Stunden gelingen, denselben Sadiverh^t für 
eine zunäclist unverständlich verworrene Traumleistung 
zu erweisen und damit alle die Voraussetzungen der 
Psychoanalyse zu bestätigen, die Unbewußtheit seelischer 
Vorgänge, die besonderen Mechanismen, denen sie ge- 
horchen, und die Triebkräfte, die sich in ihnen äußern. 
Und wenn wir die durchgreifende Analogie im Aufbau 
von Traum und neurotischem Symptom mit der Raschheit 
der Verwandlung zusammenhalten, die aus dem Träumer 
einen wachen und vernünftigen Menschen macht, gewinnen 
wir die Sidierheit, daß auch die Neurose nur auf ver- 
ändertem Kräftespiel zwischen den Mäditen des Seelen- 
lebens beruht. 




DRl-lTER TEIL 

ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

XVL VORLESUNG 

PSYCHOANALYSE UND PSYCHIATRIE 

Meine Damen und Herrenl Ich ft-eue mich, Sie nacli 
Jahresfrist zur Fortsetzung unserer Besprechungen 
wiederzusehen. Ich habe Ihnen im Vorjahre die psycho- 
analytische Behanitiung der Fehlleistungen und deaXraumes 
vorgetragen; ich möchte Sie heuer in das Verständnis der 
neurotischen Erscheinungen einführen, die, wie Sie bald 
entdecken werden, mit beiden vielerlei Gemeinsames haben. 
Aber ich sage es Ihnen vorher, ich kann Bmen diesmal 
nicht dieselbe Stellung mir gegenüber einräumen wie im 
Vorjahre. Damals lag mir daran, keinen Schritt zu tun, ohne 
mit Ihrem Urteil im Einvernehmen zu bleiben ; ich diskutierte 
viel mit Ihnen, unterwarf midi ihren Einwendungen, an- 
erkannte eigentlich Sie und Ihren „gesunden Menschen- 
verstand" als entscheidende Instanz. Das geht jetzt nicht 
länger, und zwar wegen eines einfachen Sachverhaltes, 
Fehileistungen und Träume waren Ihnen als Phänomene 
nicht friMnd; man konnte sagen, Sie besaßen ebensoviel 
Erfahrung wie ich oder hatten es leicht, sicli ebensoviel 
Erfahrung zu verschaffen. Das Erscheinungsgebiet der Neu- 
rosen ist Ihnen aber fremd; insofeme Sie nicht selbst 
Arzte sind, haben Sie keinen anderen Zugang dahin als 
eben meine Mitteilungen, und was hilft das beste Urteil, 
wenn die Vertrautheit mit dem zu beurteilenden Material 
nidit mit dabei ist 

Fassen Sie aber meine Ankündigung nicht in der 
Weise auf, als ob ich dogmatische Vorträge halten und 
Ihren unbedingten Glauben heischen würde. Das Mi9- 
verständüis täte mir grob Unreclit Ich will keine Über- 
zeugimgen erwecken — ich will Anregungen geben und 



XVI. PSYCHOANALYSg UKD PSYCHIATRIE M9 

Vorufteile ersdiüttem. Wenn Sie infolge materieller Un- 
jjcenntnis nidit in der Lage sind zu urteÜen, so sollen 
•Sie weder glauben nodi verwerfen. Sie sollen anhören 
.«nd auf sich wirken lassen, was idi Ihnen erzähle. Über- 
reugiingen erwirbt man sich nicht so leicht, oder wenn 
man so mühelos zu ihnen gekoramen ist, erweisen sie 
sich bald als wertlos und widerstandsunfähig. Ein Anrech', 
auf Überzeugung hat erst deiienige, der ähnlich wie ich 
viele Jahre lang an demselben Material gearbeitet und 
dabei dieselben neuen und überraschenden Erfahrungen 
selbst erlebt hat. Wozu denn überhaupt auf intellektueüem 
Gebiet diese raschen Überzeugungen, blitzähnlichen Be- 
kehrungen, momentanen Abstoßungen? Merken sie nicht, 
daß der „coup de foudre", die Liebe auf den ersten 
Blick, von einem ganz verschiedenen, affektiven Gebiet 
hergenommen sind? Wir verlangen nicht einmal von 
unseren Patienten, daß sie eine Überzeugung oder An- 
hängerschaft an die Psychoanalyse mitbringen. Das macht 
sie uns oft verdächtig. Eine wohlwollende Skepsis ist 
uns die erwünschteste Einstellung bei ihnen. Versuchen 
Sie also auch, die psydioanaly tische Auffassung neben 
der populären oder der psychiatrisdien ruhig in sich, auf- 
wachsen zu lassen, bis sich die Gelegenheiten ergeben, 
bei denen die beiden sich beeinflussen, sich messen und 
sich zu einer Entscheidung vereinigen können. 

Anderseits sollen Sie aber auch keinen Augenblick 
meinen, daß das, was ich Ihnen als psyclioanalytisdie Auf- 
fassung vortrage, ein spekulatives System ist. Es ist viel- 
mehr Erfahrung, entweder direkter Ausdruck der Be- 
obachtung oder Ergebnis einer Verarbeitung derselben. 
Ob diese Verarbeitung auf zureidiende und auf bereiii- 
tigte Weise erfolgt ist, das wird sich hn weiteren Fort- 
sdiritt der Wissenschaft herausstellen, und zwar darf idi, 
nach Ablauf von .fast zweieinhalb Dezennien und im 
Leben ziemlich weit vorgerückt, ohne Ruhmredigkeit be- 
haupten, daß es besonders schwere, intensive und ver- 
tiefte Arbeit war, weldie diese Beobachtungen geliefert 



r 



ESO DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEIIROSENLEHRE 

hat. Ich habe oft den Eindruck empfiingeii, als ob unsere 
Gegner diese Herkunft unserer Behauplungen gar uidit 
in Rücksidit ziehen wollten, als meinten sie, es handle 
sich um nur subjektiv bestimmte Einfälle, denen ein 
anderer sein eigenes Belieben entgegensetzen kann. Ganz 
verständlich ist mir dieses gegnerische Benehmen nidit. 
Vielleicht kommt es daher, daß man sich als Arzt sonst 
so wenig mit den Nervösen einläßt, so unaufmerksam 
zuhört, was sie zu sagen haben, daß man sidi der Mög- 
lichkeit entfremdet hat, aus ihren Mitteilungen etwas 
Wertvolles zu entnehmen, also an Ihnen eingehende Be- 
obachtungen zu machen. Ich verspreche Ihnen bei dieser 
Gelegenheit, daß idi im Verlaufe meiner Vorträge wenig 
polemisieren werde, am wenigsten mit einzelnen Per- 
sonen. Ich habe mich von der Wahrheit des Satzes, daß 
der Streit der Vater alier Dinge sei, nicht überzeugen 
können. Ich glaube, er stammt von der griechischen 
Sophistik her und fehlt, wie diese, durch Überschätzung 
der Dialektik. Mir schien es im Gegenteil, als ob die 
sogenannte wissenschaftliche Polemik im -ganzen redif 
unfruditbar sei, abgesehen davon, daß sie fast immer 
höchst persönlich betrieben wird. Bis vor einigen Jahren 
konnte idi auch von mir rühmen, daß ich nur mit einem 
einzigen Forscher (Löwenfeld in Münclien) einmal einen 
regelrechten wissenschaftlichen Streit eingegangen bin. 
Das Ende war, daß wir Freunde geworden und bis auf 
den heutigen Tag so geblieben sind. Aber ich habe den 
Versuch lange nicht wiederholt, weil ich des gleidien 
Ausganges nicht sidier war. 

.n^ Sie werden nun geiviß urteilen, daß eine solche Ab- 
tehnung literarischer Diskussion einen besonders hohen 
Grad von Unzugänglichkeit gegen Einwürfe, von Eigen- 
sinn, oder wie man es in der liebenswürdigen, wissen- 
schaftlichen Umgangssprache ausdrückt, von „Verrant- 
heit" bezeugt. Idi möchte Ihnen antworten, wenn Sie 
einmal eine Überzeugung mit so schwerer Arbeit er- 
worben haben werden, wird Ihuen auch ein gewisses 



XVI PSYCHOANALYSF. UND PSYCHIATRIE IJl 

Recht zufallen, mit einig;er Zähigkeit an dieser Über- 
zeugung festzuhalten. Ich kann ferner geltend machen, 
daß ich im Laufe meiner Arbeiten meine Ansichten 
über einige wichtige Punkte modifiziert, geändert, durdi 
neue ersetzt habe, wovon icli natürlich jedesraa) öffentlicli 
Mitteilung machte. Und der Erfolg dieser Aufrichtigkeit? 
Die einen haben von meinen Selbstkorrekturen über- 
haupt nidit Kenntnis genommen und kritisieren micli 
noch heute wegen Aufstellungen, die mir längst nicht 
mehr dasselbe bedeuten. Die anderen hallen mir gerade 
diese Wandtungen vor und erklären mich darum für un- 
zuverlässig. Nicht wahr, wer einigemale seine Ansichten 
geändert hat, der verdient überhaupt keinen Glauben, 
denn er legt es zu nahe, daß er sich auch mit seinen 
letzten Behauptungen geirrt haben kann? Wer aber an 
dem einmal Geäußerten unbeirrt festhält oder sich nicht 
raschgenugdavon abbringen läßt, der heißt eigensinnig und 
verrannt. Was kann man angesichts dieser einander ent- 
gegengesetzten Einwirkungen der Kritik anderes tun, 
als bleiben, ^vie man ist, und sich benehmen, wie das 
eigene Urteil es billigt? Dazu bin ich auch entschlossen 
und ich lasse micli nicht abhalten, an all meinen Lehren 
zu modeln und zurechtzurücken, wie es meine fort- 
schreitende Erfahrung erfordert. An den grundlegenden 
Einsiebten habe idi bisher nichts zu ändern gefunden 
und hoffe, es wird auch weiterhin so bleiben. 

Idi soll Ihnen also die psychoanalytische Auffassung 
der neurotisdien Erscheinungen vorführen. Es liegt mir 
dabei nahe, an die bereits behandelten Phänomene anzu- 
knüpfen, sowohl der Analogie als auch des Kontrastes 
wegen. Ich greife eine Symplomhandlung auf, die ich 
viele Personen in meiner Sprechstunde begehen sehe. Mit 
den Leuten, die uns in der ärztlichen Ordination besudien, 
um in einer Viertelstunde den Jammer ihres langen 
Lebens vor uns auszubreiten, weiß ja der Analytiker 
nidit viel amjufangen. Sein tieferes Wissen macht es ihm 
schwer, wie ein anderer Arzt das Gutaclitea von sicli zu 



2» DRiTTER TEIL: A1J.GEME1NE NEtJROSEMLEHRE 

^bcn: Es fehlt Ihnen nichts, — und den Rat zu erteilen; 
Gebrauchen Sie eine leichte Wasserkur. Einer unserer 
Kollegen hat denn auch auf die Frage, was er mit seinen 
Ordinationspaüentea anstelle, adiselzuckend geantwortet; 
Er iege ihnen eine Mut willensstrafe von soundsoviel 
Kronen auf. Es wird Sie also nicht verwundern zu hören 
daß selbst bei beschäftigten Psychoanalytikern die Sprech- 
stunde nidit sehr belebt zu sein pflegt. Ich habe die 
einfache Türe zwischen meinem Warte- und meinem 
Behandlungs- und Ordinationszimmer verdoppeln und 
durdi einen Filzüberzug verstärken lassen. Die Absicäit 
dieser kleinen Vorriditung leidet ja keinen Zweifel. Nun 
geschieht es immer wieder, daß Personen, die icli aus 
dem Wartezimmer einlasse, es versäumen, die Türe hinter 
sidi zu schließen, und zwar lassen sie fast immer beide 
Türen offen stehen. So wie ?■*; das bemerke, bestehe 
idi in ziemlich unfreundlichem Ton darauf, daß der oder 
die Eintretende zurüd(gehe, um das Versäumte nachzu- 
holen, mag es auch ein eleganter Herr oder eine sehr 
geputzte Dame sein. Das macht den Eindruck von un- 
angebrachter Pedanterie, Idi habe midi auch gelegentlidi 
mit solcher Forderung blamiert, da es sidi um Personen 
bandelte, die selbst keine Türklinke anfassen können 
und es gern sehen, wenn ihre Begleitung ihnen diese Be- 
rührung erspart. Aber in der Überzahl der Fälle hatte 
idi Recht, denn wer sidi so benimmt, wer die Türe vom 
Wartezimmer zum Spredizimmer des Arztes offen stehen 
läßt, der gehört zum Pobel und verdient, unfreundiidi 
empfangen zu werden. Nehmen Sie jetzt nidit Partei, ehe 
Sie auch das Weitere angehört haben. Diese Nachlässigkeit 
des Patienten ereignet sich nämlich nur dann, wenn er sidi 
allein im Wartezimmer befunden hat und also ein leeres 
ZimmerhinterBichzurüddäßt,niema!swenn andere. Fremde, 
mit ihm gewartet haben. In diesem letzteren Falle verstellt 
er sehr wohl, daß es in seinem Interesse liegt, nidit be- 
lauscht zu werden, während er mit dem Arzt spridit, und 
versäumt es nie. beide Türen sorgföltig zu sdiüeßen. 



4 



XVr, PSYCHOANALYSE UND PBYCBIATRrB 253 

So detenniniert ist das Versäumnis des Patienten 
^eder zufällig noch sinnlos, ja nicht einmal unwidit^, 
denn wir werden sehen, es beleuchtet das Verhältnis des 
Eintretenden zum Arzt. Der Patient ist von der großen 
Menge jener, die weltliche Autorität verlangen, die ge- 
blendet, eingescliiiditert werden wollen. Er hat vielleicht 
durchs Telephon anfragen lassen, um welche Zeit er am 
leiditesten vorkommen kann, er hat sich auf ein Ge- 
dränge von Hilfesuchenden gefaßt gemacht, etwa wie 
„OT einer Filiale von Julius Meinl. Nun tritt er in 
einen leeren, überdies höchst besdieiden ausgestalteten 
Warteraum und ist erschüttert Er muß es den Arzt 
entgelten lassen, daß er ihm einen so überflüssigen Auf- 
wand von Respekt entgegenbringen wollte, und da — 
nnferläßt er es, die Türe zwischen Warte- und Ordina- 
tjoaszimmer zu sdiiießen. Er will dem Arzt damit sagen: 
Adi, hier ist ja niemand und wahrsdieinlich wird audi, 
so lange ich hier bin, niemand kommen. Er wurde sich 
auch während der Besprechung ganz umnanierlich und 
respektlos benehmen, wenn man seine Überhebung nicht 
jleidi anfangs durdi eine scharfe Zurechtweisung ein- 
dämmen würde. 

Sie finden an der Analyse dieser kleinen Symplomii 
Handlung nichts, was Ihnen nicht bereits bekannt wäref 
Die Behauptung, daß sie nidit zufällig ist. sondern ein 
Motiv hat, einen Sinn und eine Absidit, daß sie in einen 
angebbaren seelischen Znsammenhang gehört, und daß 
sie als ein kleines Anzeiclien von einem wichtigeren 
seeiischen Vorgang Kunde gibt Vor allem anderen aber, 
daß dieser so angezeigte Vorgang dem Bewußtsein dessen, 
der ihn vollzieht, unbekannt ist, denn keiner der Pa- 
tienten, welche die beiden Türen offen gelassen haben, 
wurde zugeben können, daß er mir durdi dieses Ver- 
swimnis seine Geringschätzung bezeugen wollte. Auf eine 
Regung von Enttäuschung beim Betreten des leeren 
Wartezimmers würde sicäi wahrsdieinlich mancher be- 
sionen, aber der Zusammenhang zwisdien diesem Ein- 



2S4 DRITTER TEIL: ALLGEMEJME MEUROSENLEHRf, 

dnidt und der darauffolgenden Symptomhandiung isj 
seinem Bewußtsein sicherlich unerkannt geblieben. 

Nun wollen \vir dieser kleinen Analyse einer Symptom. 
Handlung eine Beobachtung an einer Kranken an die 
Seite stellen. Ich wähle eine solche, die mir in frischer 
Erinnerung ist, auch darum, weil sie sicli verhäitnismäflb 
kurz darstellen läßt. Ein gewisses Maß von Ausführlich- 
keit ist bei jeder solchen Mitteilung unerläßlich. 

Ein auf kurzen Urlaub heimgekehrter junger Offizier 
bittet mich, seine Schwiegermutter in Behandlung zu 
aehmen, die in den glücklichsten Verhältnissen sich und 
den ihrigen das Leben durch eine unsinnige Idee ver^ 
gällt. Ich lerne eine 53 jährige, wohlerhaitene Dame von 
freundlichem, einfachem Wesen kennen, die ohne Wider- 
sfreben folgenden Bericht gibt, Sie lebt in glücklichster 
Ehe auf dem Lande mit ihrem Manne, der eine große 
Fabrik leitet, Sie weiß die liebenswürdige Sorg-fait ihres 
Mannes nicht genug zu loben. Liebesheirat vor 30 Jaiiren, 
seither nie eine Trübung, Zwist oder Anlaß zur Eifer- 
sucht, Ihre beiden Kinder gut verheiratet, der Mann 
und Vater will sich aus Pflichtgefühl noch nicht zur Ruhe 
setzen. Vor einem Jahre ereignete sich das Unglaubliche, 
ihr selbst Unverständlidie, daß sie einem anonymen 
Briefe, welcher ihren ausgezeidineten Mann des Liebes- 
verhältnisses mit einem jungen Mädchen bezichtigte, so- 
fortigen Glauben schenkte, und seither ist ihr Glück 
zerstört. Der nähere Hergang war etwa der folgende: 
sie batte ein Stubenmädchen, mit dem sie vielleicht zu oft 
Intimes besprach. Dieses Mädchen i/erfolgte ein anderes 
mit einer geradezu geliässigen Feindschaft, weil diese 
es im Leben soviel weiter gebradit hatte, obwohl sie 
von nicht besserer Herkunft war. Anstatt Dienst anzu- 
nehmen, hatte das Mädchen sidi eine kommerzielle Aus- 
bildung verschafft, war in die Fabrik eingeti-eten und 
infolge des Personalmangels durdi die Einberufungen 
von Beamten zu einer guten Stellung vorgerüdct, Sie 
wohnte jetzt in der Fabrik selbst, verkehrte mit allen 



i 



XVI. Psychoanalyse und Psychiatrie 35s 

Herren und hieß sogar Fräulein. Die im Leben Zurück- 
gebliebene war natürlich bereib, der ehemaligen Schul- 
liameradin alles mögliche Böse nachzusagen. Eiucs Tages 
unterhielt sich unsere Dame mit . dem Stubenmädchen 
über einen alten Herrn, der zu Gast gewesen war, von 
cjem man wußte, daß er nicht mit seiner Frau lebte, 
sondern ein Verhältnis mit einer anderen unterhielt. Sie 
,reiß nicht, wie es kam, daß sie plötzlich äußerte: Für 
mich wäre es das Sdireddichste, wenn idi erfahren würde, 
daß mein guter Mann auch ein Verhältnis hat. Am nächsten 
Tage erhielt sie von der Post einen anonymen Brief, 
der ihr in verstellter Sdirift diese gleichsam herauf- 
beschworene Mitteilung machte. Sie schloß — wahrschein- 
iidi mit Recht — , daß der Brief das Werk ihres bösen 
Stubenmädchens sei, denn als Geliebte des Mannes war 
eben jenes Fräulein bezeichnet, das die Dienerin mit 
ihrem Haß verfolgte. Aber obwohl sie die Intrigue sofort 
durchschaute und an ihrem Wolmorte Beispiele genug 
erlebt hatte, wie wenig Glauben soldie feige Denun- 
ziationen verdienten, geschah es, daß jener Brief sie 
augenblicklich niederwarf. Sie geriet in eine sclireddidie" 
Aufregung und sdiäckte sofort um ihren Mann, um ihm 
die heftigsten Vorwürfe zu machen. Der Mann wies die 
Beschuldigung lachend ab und tat das Beste, was zu tun 
war. Er ließ den Haus- und Fabrifcsarzt kommen, der 
sein Bemühen dazutat, um die ungJüddiche Frau zu be- 
ruhigen. Auch das weitere Vorgehen der beiden war 
durchaus verständig. Das Stubenmädclien wurde entlassen, 
die angebliche Nebenbuhlerin aber nicht. Seither will 
sidi die Kranke \viederhoit soweit beruhigt haben, daß 
sie an den Inhalt des anonymen Briefes nicht mehr glaubte, 
aber nie gründlich und nie für lange Zeit. Es reichte hin, 
den Namen des Fräuleins aussprechen zu hören oder 
ihr auf der Straße zu begegnen, um einen neuen Anfyll 
von Mißtrauen, Schmerz und Vorwürfen bei ihr auszulösen. 
Das ist nun die Krankengeschiciite dieser braven Frau. 
Es gehörte nicht viel psychiatrische Erfahrung dazu, uni 



25fi DRnTEIt TEIL: ALLGEMEJWE NEUROSEMLEHRE 

ZU verstehen, daß sie im Gegensatz zu anderen Nervösen 
ihren Fall eher zu milde darstellte, also wie wir sagen; 
disaimulierte, und daS sie den Glauben an die Besdiul- 
digung des anonymen Briefes eigentlicJi niemals über- 
wunden hatte. 

Welche Stellung nimmt nun der Psychiater ru einem 
Eoldien Krankheitsfalle ein? Wie er sich gegen die 
SymptoroUandlung des Patienten benehmen würde, der 
die Türen zum Wartezimmer nicht schließt, das wissen 
wir bereits. Er erklärt sie für eine Zufälligkeil ohne 
psychologisches Interesse, die ihn weiter nichts angeht 
Aber dies Verhalten läßt sich auf den Krankheitsfall der 
eifersüchtigen Frau niclit fortsetzen. Die Symptomhand- 
lung scheint etwas Gleichgültiges zu sein, das Symptom 
aber drängt sich als etwas Bedeutsames auf. Es ist mit 
intensivem subjektiven Leiden verbunden, es bedroht 
objektiv das Zusammenleben einer Familie; es ist also 
ein unabweisbarer Gegenstand des psychiatrischen In- 
teresses. Der Psychiater versucht zunächst das Symptom 
durch eine wesenüidie Eigenschaft zu charakterisieren. 
Die Idee, mit weldier diese Frau sich quält, ist nicht 
an sich unsinnig zu nennen; es kommt ja vor, daß ältere. 
Ehemänner Liebesbeziehungen zu jungen Mädchen unter-,, 
halten. Aber etwas anderes daran ist unsinnig und un*' 
begreiflidi. Die Patientin hat gar keinen anderen Grund 
daran zu glauben, daß ihr zärtlicher und treuer Gatte 
zu dieser sonst niclit so seltenen Kategorie von Ehe- 
männern gehört, als die Behauptui^ des anonymen Briefes, 
Sie weiß, daß diesem Schriftstüdc keine Beweiskraft zu- 
kommt, sie kann sidi dessen Herkunft befriedigend auf- 
klären; sie sollte sich also sagen können, daß sie gar 
keinen Grund für ihre Eifersudit hat, sie sagt es sidi. 
audi, aber sie leidet trotzdem ebenso, als ob sie diese 
Eifersucht als vollberechtigt anerkennen würde. Ideen 
dieser Art, die logischen und aus der Realität gesdiÖpften 
Argumenten unzugänglich sind, ist man übereingekommen, 
Wahnideen zu heißen. Die gute Dame leidet also an 



_J 



XV[. PSYCHOA^'ALYSE UWD PSYCHIATRIE 3S7 

Eifersuchtswahn. Das ist wohl die wesentliche Cha- 
rakteristik dieses Krankheitsfalles. 

Nach dieser ersten Feststellung wird unser psychia- 
trisches Interesse sich nodi lebhafter regen wollen. Wenn 
eine Wahnidee durch den Bezug auf die Realität nicht 
abiutun ist, so wird sie wohl auch nicht aus der Realität 
(Stammen. Woher stammt sie sonst? Es gibt Wahnideen 
des verschiedenartigsten Inhaltes; warum ist der Inhalt 
des Wahnes in unserem Falle gerade Eifersucht? Bei 
weichen Personen bilden sich Wahnideen oder besonders 
Wahnideen der Eifersucht? Hier möchten wir nun dem 
Psydiiater lauschen, aber hier läßt er uns im Stiche. Er 
■geht überhaupt nurauf eine einzige unserer Fragestellungen 
ein. Er wird in der Familiengesdiichte dieser Frau nach- 
forsȊien und uns vielleicht die Antwort bringen: Wahn- 
•Tdeen kommen bei solchen Personen vor, in deren Fa- 
imilien ähnUdie und andere psychische Störungen wieder- 
•holt vorgekommen' sind. Mit anderen Worten, wenn diese 
Frau eine Wahnidee entwickelt hat, so war sie durdi 
erbliche Übertragung dazu disponiert. Das ist gewiß etwas, 
aber ist das alles, was wir wissen wollen? Alles, was 
zur Verursachung dieses Krankheitsfalles mitgewirkt hat? 
•Sollen wir mis damit begnügen anzunehmen, daß es 
"gleidigültig, willkürlich oder unerklärlich ist, wenn sidi 
ein Eifersuchtswahn entwickelt hat an Stelle irgend eines 
anderen? Und dürfen wir den Satz, der die Vorherrschaft 
des erbliclien Einflusses verkündet, auch im negativen 
■Sinne dahin verstehen, es sei gleichgfültig, welche Erleb- 
nisse an diese Seele herangetreten sind, sie war dazu 
bestimmt, irgend einmal einen Wahn zu produzieren? 
Sie werden wissen wollen, warum uns die wissenschaft- 
liche Psychiatrie keine weiteren Aufschlüsse geben will. 
Aber ich antworte Ihnen; Ein Schelm, wer mehr gibt, 
als er hat. Der Psychiater kennt eben keinen Weg, der 
in der Aufklärung eines solchen Falles weiterführt Er muß 
^sidi mit der Diagnose und einer trotz reichlicher Erfahrung 
unsidieren Prognose des weiteren Verlaufes begnügen. 



253 DRITTER TF.rL: ALLGEMEINE NEU ROSENLEHRE 



Kann aber die Psychoanalyse liier mehr leisten? U 
docli; ich hoffe Ihnen zu zeigen, daß sie seihst in einem 
SO schwer zugängHclien Falle etwas aufzudecken vermag 
was das nächste Verständnis ermöglicht Zunächst bitte 
ich Sie, das unscheinbare Detail zu beachten, daß die 
Patientin den anonymen Brief, der nun ihre Wahnidee 
stützt, geradezu provoziert hat, icdem sie tags zuvor 
gegen das intriguante Mädchen die Äußerung tat, es 
wäre ihr größtes Unglück, wenn ihr Mann ein Liebes- 
verhältnis mit einem jungen Mädchen hätte. Dadurch 
braclite sie das Dienstmädchen erst auf die Idee, ihr den 
anonymen Brief zu schidten. Die Walinidee gewinnt so 
eine gewisse Unabhängigkeit von dem Briefe; sie ist 

schon vorher als Befürchtung — oder als Wunsch? 

in der Kranken vorhanden gewesen. Nehmen Sie nun 
weiter hinzu, was nur zwei Stunden Analyse an weiteren 
kleinen Anzeichen ergeben haben. Die Patientin verhielt 
sich zwar sehr ablehnend, als sie aufgefordert wurde 
nach der Erzähiung ihrer Geschichte ib-e weiteren Gc^ 
danken, Einfälle und Erinnerungen mitzuteilen, Sie be- 
hauptete, es fiele ihr nichts ein, sie habe schon alles 
gesagt, und nach zwei Stunden mußte der Versudi mit 
ihr wirklich abgebrochen werden, weil sie verkündet hatte 
sie fühle sieh bereits gesund und sei sicher, daß die 
krankhafte Idee nicht wieder kommen werde. Das sagte 
sie natfirlidi nur aus Widerstand und aus Angst vor der 
Fortsetzung der Analyse. Aber in diesen zwei Stunden 
hatte sie doch einige Bemerkungen fallen lassen, die eine 
bestimmte Deutung gestatteten, ja unabweisbar macbten, 
und diese Deutung wirft ein helles Licht auf die Genese 
ihres Eifersuch tswahnes. Es bestand bei ihr selbst eine 
intensive Verliebtheit in einen jungen Mann, in denselben 
Schwiegersohn, auf dessen Drängen sie mich als Patientin 
aufgesucht hatte. Von dieser Verliebtheit wußte sie nichts 
oder vielleicht nur sehr wenig; bei dem bestehenden Ver- 
wand tschafts Verhältnis hatte diese verliebte Neigunw es 
'leidit, sich als liarmlose Zärtlichkeit zu maskieren. Naj 



I 



XVL PSYCHOANALYSE UND PSVCHIATRIE 359 

nll unseren sonstigen Erfahrungen wird es uns niclil 
schwer, uns in das Seelenleben dieser anständigen Frau 
und braven Mutter von 53 Jahren einzufühlen. Eine solche 
Verliebtheit konnte als etwas Ungeheuerlidies, Unmög- 
Jiches nicht bewußt werden; sie blieb aber bestehen und 
Übte als unbewußte einen schweren Druck aus. Irgend 
etwas mußte mit ihr geschehen, irgend eine Abhilfe ge- 
sucht werden, und die nächste Linderung bot wohl der 
Verschiebungsmechanismus, der an der Entstehung der 
wahnhaften Eifersucht so regelmäßig Anteil hat. Wenn 
Hidit nur sie alte Frau in einen jungen Mann verliebt 
fl/nT, sondern auch ihr alter Mann ein Liebesverhältnis 
gut einem jungen Maddien unterhielt, dann war sie ja 
Vom Gewissens drudi der Untreue entlastet Die Phantasie 
iVoo der Untreue des Mannes war also ein kühlendes 
Pflaster au! ihre brennende Wunde. Ihre eigene Liebe 
war ihr niiiit bewußt geworden, aber die Spiegelung der- 
selben, die ihr solche Vorteile brachte, wurde nun iwangs- 
artig, walmhaft, bewußt Alle Argumente dagegen konnten 
■natürlich nichts frucJiten, denn sie richteten sidi nur gegen 
das Spiegel-, nicht gegen das Urbild, dem jenes seine 
Stärke verdankte, und das unantastbar im Unbewußten 
geborgen lag, 

Stellen wir nun zusammen, was eine kurze und er- 
schwerte psychoanalytische Bemühung zum Verständnis 
dieses Krankheitsfalles gebracht hat Vorausgesetzt natür- 
lidi, daß unsere Ermittlungen korrekt zu Stande ge- 
kommen sind, was idi hier Ihrem Urteil nicht unter- 
werfen kann. Fürs erste: Die Wahnidee ist nidits Un- 
sinniges oder Unverständtidies mehr, sie ist sinnreich, 
gut motiviert, gehört ia den Zusammenhang eines affekt- 
vollen Erlebnisses der Kranken. Zweitens: Sie bt not- 
wendig als Reaktion auf einen aus anderen Anzeichen 
erratenen unbewußten seelischen Vorgang und verdankt 
gerade dieser Beziehung ihren wahnhaften Charakter, 
ihre Resistenz gegen logische und reale Angriffe, Sie 
ist selbst etwas Erwünschtes, eine Art von Tröstung, 



'M DRITTER TEIL,! ALLÜFJUEINE WEUROSENLEHR E 

Drittens: Es ist durch das Erlebnis hinter der Erkrankung 
unzweideuHg bestimmt, daß es gerade eine eifersücht^ 
Wahnidee wurde und keine andere. Sie erinnern sidi doch 
daß sie tags zuvor gegen das intriguante Mäddien die 
Äußerung tat, es wäre ihr das Schrecklichste, wenn ihr 
iVIann ihr untreu würde. Sie übersehen auch nicht die 
beiden wichtigen Analogien mit der von uns analysierten 
Symptomhandlung in der Aufklärung des Sinnes oder der 
Absicht und in der Beziehung auf ein in der Situation 
gegebenes Unbewußtes. 

.Natürlich sind damit nicht alle Fragen beantwortet 
die wir aus Anlaß dieses Falles stellen durften. Dei 
Krankheitsfall starrt vielmehr von weitei'en Problemen, 
solchen, die überhaupt noch nidit lösbar geworden sind' 
und anderen, die sich wegen der Ungutist der besonderen 
Verhältnisse nicht lösen ließen. Z. B. warum erliegt 
diese in glücklicher Ehe lebende Frau einer Verliebt- 
heit in ihren Scliwiegersohn, und warum erfoljrt die Er- 
leichterung, die auch auf andere Weise möglich wäre 
in der Form einer solchen Spiegelung, einer Projektion 
ihres eigenen Zustandes auf ihren Mann? Glauben Sie 
Jiidit, daß es müßig und mutwillig ist, solche Fragen 
aufzuwerfen. Es steht uns bereits manches Material für 
eine mögliche Beantwortung derselben zu Gebote. Die 
Frau befindet sich in dem kritisdien Alter, das dem 
weiblichen Sexual bedürfnis eine unerwünschte plötzliche 
Steigerung bringt; das mag für sich allein hinreichen. 
Oder es mag hinzukommen, daß ihr guter und treuer 
Ehemann seit manchen Jahren nicht mehr im Besitze 
jener sexuellen Leistungsfähigkeit ist, deren die wohl- 
erhaltene Frau zu ihrer Befriedigung bedürfte. Die Er- 
fahrung hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß gerade 
solche Männer, deren Treue dann selbstverständlich ist, 
sich durdi besondere Zartheit in der Behandlung ihrer 
Frauen und durch ungewöhnliclie Nachsicht mit deren 
nervösen Beschwerden auszeidmen. Oder es ist weiters 
nicht gleichgültig, daß es gerade der junge Ehemann 



XVr. PSYCHOANALYSE UND PSYCHIATRIE 261 

einer Toditer ist, welcher zum Objekt dieser pathogenea 
Verltebtheil wurde. Eine starke erotische Bindung aa 
(jie Todiler, die tm letzten Grunde auf die Sexual- 
);onstitution der Mutter zurückführt, findet oft den Weg 
dazu, sich in solcher Urawandlung fortzusetzen. Ich darf 
SievielletchtindiesemZusammenhange daran erinnern, daß 
das Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwieger- 
sohn den Menschen von jeher als ein besonders heikles 
gegolten und bei den Primitiven Anlaß zu sehr mächtigen 
Tabuvorschriften und „Vermeidungen" gegeben hat.^ Es 
geht häufig nach der positiven wie nacli der negativen 
Seite über das kulturell erwünschte Maß hinaus. Welches 
dieser drei Momente nun in unserem Falle zur Wirkung 
gekommen ist, ob zwei davon, ob sie alle zusammen- 
getroffen sind, das kann ich Ihnen freilich nidit sagen, aber, 
nur dämm nidit, weil es mir nicht gestattet war, die Analj'se' 
des Falles über die zweite Stunde hinaus fortzusetzen. 
Idi merke jetzt, meine Herren, daß ich von lauter 
Dingen gesprodien habe, für die Ihr Verständnis noch 
nicht vorbereitet ist. Ich tat es, um die Verglcidiung 
der Psychiatrie mit der Psychoanalyse durchzuführen. 
Aber eines darf ich Sie jetzt fragen: Haben Sie irgend 
etwas von einem Widersprudi zwisdien den beiden be- 
merkt? Die Psydiiatrie wendet die tedmischen Methoden 
der Psychoanalyse nicht an, sie unterläßt es, etv/as an 
den Inhalt der Wahnidee anzuknüpfen, und sie gibt uns 
im Hinweis auf die Heredität eine sehr allgemeine und 
entfernte Ätiologie, anstatt zuerst die speziellere und 
näherliegende Verursachung aufzuzeigen. Aber liegt darin 
ein Widerspruch, ein Gegensatz? Ist's nicht vielmehr 
eine Vervollständigung? Widerspricht denn das heredi- 
täre Moment der Bedeutung des Erlebnisses, setzen 
siA nidit vielmehr beide in der wirksamsten Weise zu- 
sammen? Sie werden mir zugeben, daß im Wesen der 
psychiatrischen Arbeit nidits liegt, was sich gegen die 
psychoanalytische Forschung strauben konnte. Die Psy- 



ft 



Vgl. „rotem unil Tabu" 1913, 






2K DRITTER TElLi ALLGF,>.!ElNe KEUR05EHLEHRE 

oiiatcr sind's aJso, die sich der Psychoanalyse wider- 
setzen, nicht die Psychiatrie. Die Psyrfioanalyse verhält 
sich zur Psydiiatrie etwa wie die Histologie zur Ana- 
tomie; die eine studiert die äußeren Formen der Organe 
die andere den Aufbau derselben aus den Geweben 
und Elementarteilen. Ein Widerspruch zwisdien diesen 
beiden Arien des Studiums, von denen das eine das 
andere fortsetzt, ist nicht gut denkbar. Sie wissen, die 
Anatomie gilt uns heute als die Grundlage einer wissen- 
schaftlichen Medizin, aber es gab eine Zeit, in der es 
ebenso verboten war, mensdiliche Leichen zu zerlegen, 
um den inneren Bau des Körpers kennen zu lernen, wie 
es heute verpönt erscheint, Psychoanalyse zu üben, um. 
das innere Getriebe des Seelenlebens zu erkunden. Und, 
voraussichtlich bringt uns eine nicht zu ferne Zeit die 
Einsicht, daß eine wissenschaftlich vertiefte Psychiatrie 
nicht möglich ist ohne eine gute Kenntnis der tiefer- 
liegenden, der unbewußten Vorgänge im Seelenleben. 
Vielleicht hat nun die viel befehdete Psychoanalyse 
auch Freunde unter Ihnen, welche es gern sehen, wenn 
sie sich aucli von anderer, von der therapeutischen Seite 
her rechtfert^en ließe. Sie wissen, daß unsere bisherige 
psychiatrische Therapie Wahnideen nicht zu beeinflussen 
vermag. Kann es vielleidit die Psychoanalyse dank ihrer 
Einsicht in den Mechanismus dieser Symptome? Nein, 
meine Herren, sie kann es nicht; sie ist gegen diese 
Leiden — vorläufig wenigstens — ebenso ohnmächtig, 
wie jede andere Therapie. Wir können zwar verstehen, 
was in dem Kranken vor sich gegangen ist, aber wir 
haben kein Mittel, um es den Kranken selbst verstehen 
zu machen. Sie haben ja gebort, daß idi die Analyse 
dieser Waluiidee nicht über die ersten Ansätze hinaus 
fördern konnte. Werden Sie darum behaupten wollen, 
daß die Analyse solcher. Fälle verwerfhch ist, weil sie 
unfniditbar bleibt? Idi glaube doch nidit Wir haben 
das Recht, ja die Pflicht, die Forschung ohne Rücksicht 
fiuf einen unmittelbaren Nutzeffekt zu betreiben. Ära 



XVL PSYCHOANALYSE UKD PSYCHIATRIE MS 

gj,(Je — wir wissen nicht, wo und wann — wird sich 
jedes Stückdien Wissen in Können umsetzen, auch in 
fherap jütisches Können. Zeigte sich die Psychoanalyse 
bei allen anderen Formen nervöser und psychischer Er- 
Jtrankung ebenso erfolglos wie bei den Wahnideen, so 
bliebe sie dodi als unersetzliches Mittel der wissen- 
schaftlichen Forschung voll gereditfertigt Wir würden 
^ann allerdings nicht in die Lage kommen, sie auszu- 
üben; das Mensdienmaterial, an dem wir lernen wollen, 
das lebt, seinen eigenen Willen hat und seiner Motive 
bedarf, um bei der Arbeit mitzuton, würde sich uns 
verweigern. Lassen Sie mich darum für heute mit der 
Mitteilung schließen, daß es umfassende Gruppen von 
nervösen Störungen gibt, bei denen sich die Umsetzung 
unseres besseren Verstehens in therapeutisches Können 
tatsädilich erwiesen hat, und daß wir bei diesen sonst 
gdiwer zugänglichen Erkrankungen unter gewissen Be- 
dingungen Erfolge erzielen, die hinter keinen anderen 
auf dem Gebiete der internen Therapie zurüdtstehen. 

XVII. VORLESUNG 

DER SINN DER SYMPTOMF. 

Meine Damen und Herrenl Ich habe Ihnen im vorigen 
Vortrag auseinandergesetzt, daß die klinische Psy- 
chiatrie sidi um die Erscheinungsform und den Inhalt 
des einzelnen Symptoms wenig bekümmert, daß aber 
die Psychoanalyse gerade hier angesetzt und zunächst 
festgestellt hat, das Symptom sei sinnreich und hänge 
mit dem Erleben des Kranken zusammen. Der Sinn der 
neurotisdien Symptome ist zuerst von J, Breuer auf- 
gedeckt worden durch das Studium und die glückliche 
Herstellung eines seither berühmt gewordenen Falles 
von Hysterie (1880—82). Es ist riditig, daß P. Janet 
unabhängig denselben Nachweis erbracht hat; dem franzö- 
sischen Forsdier gebührt sogar die literarische Priorität, 
denn Breuer hat seine Beobaclitung erst mehr als ein 



^ DRITTER TEIL; ALLGEMEINE KEUROSENLF-KRE 



Dezennium später (1893—95) wälirend der Mitarbeiter- 
schaft mit mir veröffentlicht Es mag uns übrigens ziemlich 
gieidigüitig sein, von wem diese Entdeckung herrührt 
denn Sie wissen, jede Entdeckung wird mehr als ein- 
mal gemacht, und keine wird auf einmal gemacht, und 
der Erfolg geht olmedies nidit mit dem Verdienst, 
Amerika heißt nicht nach Kolumbus. Vor Breuer und 
Janet hat der große Psydiiater Leuret die Meinung 
ausgesprochen, selbst die Delirien der Geistesltranken 
müßten sich als sinnvoll erkennen lassen, wenn wir erst 
verstünden, sie zu übersetzen. Icli gestehe, daß ich lange 
Zeit bereit war, das Verdienst P. Janets an der Auf- 
klärung der neurotischen Symptome sehr hoch anzu- 
schlagen, weil er sie als Äußerungen von „idees in- 
cotiscientes" auffaßte, welche die Kranken beherrschten. 
Aber Janet hat sich seitdem in übergroßer Zurück- 
haltung so geäußert, als ob er bekennen wollte, daß das 
Unbewußte für ihn weiter nichts gewesen sei als eine 
Redensart, ein Behelf, „unc fagon de parier"; er habe 
an nichts Reales dabei gedacht. Seither verstehe ich 
Janets Ausführungen nicht mehr, ich meine aber, daß er 
sich überflussigerweisc um viel Verdienst geschädigt hat, 
Die neurotisdien Symptome haben also ihren Sinn 
wie die Felilleistungen, wie die Träume, und so wie 
diese ihren Zusammenhang mit dem Leben der Personen, 
die sie zeigen. Ich mochte Ihnen nun diese widilige 
Einsidit durch einige Beispiele näher bringen. Daß es 
immer und in allen Fällen so ist, kann ich ja nur be- 
haupten, nicht beweisen. Wer selbst Erfahrungen sucht, 
wird sich davon die Überzeugung versdiaffen. Ich werde 
aber diese Beispiele aus gewissen Motiven nicht der 
Hysterie entnehmen, sondern einer anderen, höchst merk- 
würdigen, ihr im Grunde sehr nahestehenden Neurose, 
von der ich Ihnen einige einleitende Worte zu sagen 
habe. Diese, die sogenannte Zwangsneurose, ist nicht 
so populär wie die allbekannte Hysterie; sie ist, wenn 
icli mich so ausdrüdten darf, nicht so aufdringlich lärmend, 



XVIL PER SIKH DER SYMPTOME Jf^i 

benimmt sich raehr wie eine Privatangel egenlieit des 
Kranken, verzichtet fast völlig auf Erscheinungen am 
jCorps'' und schafft alle iiu-e Symptome auf seelischem 
Gebiet. Die Zwangsneurose und die Hysterie sind die- 
jenigen Formen neurotischer Erkrankung, auf deren 
Studium die Psychoanalyse zunächst aufgebaut wurde, 
in deren Behandlung unsere Therapie auch ihre Triumphe 
feiert Aber die Zwangsneurose, welcher jener rätsel- 
hafte Sprung aus dem Seelischen ins Körperlidie abgeht, 
ist uns durdi die psychoanalytische Bemühung eigentlid» 
duTf^siditiger und heimiicher geworden als die Hysterie, 
und wir haben erkaimt, daß sie gewisse extreme Cha- 
raktere der Neurotik weit greller zur Erscheinung bringt 
Die Zwangsneurose äußert sich darin, daS die Kranken 
von Gedanken besdiäftigt werden, für die sie sidi eigent- 
lich nicht interessieren, Impulse ia sich verspüren, die 
ihnen sehr fremdartig vorkommen, und zu Handlungen 
veranlaßt werden, deren Ausführung ihnen zwar kein 
Vergnügen bereitet, deren Unterlassung ihnen aber ganz un- 
möglich ist Die Gedanken (Zwangsvorstellungen) können 
ah sich unsinnig sein oder auch nur für das hidividuum 
gleichgültig, oft sind sie ganz und gar läppisch, in allen 
Fällen sind sie der Ausgang einer angestrengten Denk- 
tätigkeit, die den Kranken erschöpft, und der er sich 
nur selir ungern hingibt. Er muß gegen seinen Willen 
grübeln und spekulieren, als ob es sicli um seine wichtigsten 
Lebensaufgaben handelte. Die Impulse, die der Kranke 
in sich verspürt, können gleichfalls einen kindischen und 
unsinnigen Eindrudc machen, meist haben sie aber den 
schreckhaftesten Inhalt wie Versucliungen zu schweren 
Verbrechen, so daß der Kranke sie nidit nur als fremd 
verleugnet, sondern entsetzt vor ihnen flieht und sich 
durch Verbote, Verzidite und Einschränkungen seiner 
Freiheit vor ihrer Ausführung schützt Dabei dringen 
sie niemals, aber wirklich kein einziges Mal, zur Au&- 
fulirung durch; der Erfolg ist immer, daß die Flucht 
und die Vorsicht siegen. Was der Kranke wirklich aus- 



266 DRITrERTEIL; ALLGEMEINE NEUBOSENLEHRE 

führt, die sogenannten Zwangshandlungen, dag sind selir 
harmlose, sidieriich geringfügige Dinge, meist Wieder-' 
holungen, zeremoniose Verzierungen an Tätigkeiten des 
gewöhniichen Lebens, wodurch aber diese notwendigen 
Verrichtungen, das Zubettegehen, das Waschen, Teile ite- 
machen, Spazierengehen zu höchst langwierigen und 
kaum lösbaren Aufgaben werden. Die krankhaften Vor- 
stellungen, Impulse und Handlungen sind in den ein- 
zelnen Formen und Fallen der Zwangsneurose keines- 
wegs zu gleichen Anteilen vermengt; vielmehr ist es 
Regel, daß das eine oder das andere dieser Momente das 
Bild beherrscht und der Krankheit den Namen gibt, aber 
das Gemeinsame all dieserFormen ist unverkennbar genug. 
Das ist doch gewiß ein tolles Leiden. Ich glaube, 
der ausschweifendsten psychiatrischen Phantasie wäre es 
nicht gelungen, etwas dergleichen zu konstruieren, und' 
wenn man es nicht alle Tage vor sich sehen köimte, 
würde man sich nicht entschließen, daran zu glauben. 
Nun denken Sie aber nicht, daß Sie dem Kranken etwas 
leisten, wenn Sie ihm zureden sidi abzulenken, sich nicht 
mit diesen dummen Gedanken zu beschäftigen und an 
Stelle seiner Spielereien etwas Vernünftiges zu tun. Das 
mÖdite er selbst, denn er ist vollkommen klar, teilt Ihr 
Urteil über seine Zwangssymptome, ja er trägt es Ihnen 
entgegen. Er kann nur nidit anders; was sich bei der 
Zwangsneurose zur Tat durchsetzt, das wird von einer 
Energie getragen, für die uns wahrscheinlich der Ver- 
gleich aus dem normalen Seelenleben abgeht. Er kann 
nur eines; versdiicben, vertauschen, anstatt der einen 
dummen Idee eine andere, irgendwie abgeschwächte 
setzen, von einer Vorsicht oder Verbot zu einem anderen 
fortschreiten, anstatt des einen Zeremoniells ein anderes 
ausführen. Er kann den Zwang versdiieben, aber nicht 
aufheben. Die Verschiebbarkeit aller Symptome, weit von 
ihrer ursprünglichen Gestaltung weg, ist ein Hauptcharakter 
seiner Krankheit; außerdem fällt es auf, daß die Gegen- 
sätze (Polaritäten), von denen das Seelenleben durch- 



I 



XVn. DER SIMM DER SYMPTOME 267 

logca ist, in seinem Zustand besonders scharf gesondert 
hervortreten. Neben dem Zwang mit positivem und nega- 
tivem Inhalt macht sidi auf intellektuellem Gebiet der 
Zweifel geltend, der allmählich audi das für gewöhnlich 
Gesichertste annagt Das Ganze läuft in eine immer mehr 
lunehmende Unentsdilossenheit, Energielosigkeit, Frei- 
heitsbeschränkung aus. Dabei ist der Zwangsneurotiker 
ursprünglidi ein sehr energisch angelegter Charakter ge- 
wesen, oft von außerordentlichem Eigensinn, in der Regel 
über das durdischnittlidie Maß intellektuell begabt Er 
bat es zumeist zu einer erfreulidien Höhe der ethisdien 
Entwiddung gcbradit, zeigt sich übergewissenhaft, mehr 
als gewohnlich korrekt Sie können aidi denken, daß ein 
tüditiges Stüdi Arbeit dazugehört, bis man sich in diesem ' 
widerspru disvollen Ensemble von Charaktereigensdiaften 
und Krankheitssyraplomen halbwegs zurechtgefunden hat 
Wir streben auch vorläufig gar nichts anderes an, als 
einige Symptome dieser Krankheit zu verstehen, deuten 
zu können. 

Vielleidit wollen Sie im Hinblick auf unsere Be- 
sprechungen vorher wissen, wie sich die gegenwärtige 
Psychiatrie zu den Problemen der Zwangsneurose ver- 
hält. Das ist aber ein armseliges Kapitel. Die Psydiiatrie 
gibt den verschiedenen Zwängen Namen, sagt sonst weiter 
nichts über sie. Dafür betont sie, daß die Träger solcher 
Symptome „Degenerierte" sind. Das ist wenig Befriedi- 
gung, eigeutlidi ein Werturteil, eine Verurteilung anstatt 
einer Erklärung. Wir sollen uns etwa denken, bei Leuten, 
die aus der Art gesdilagen sind, kämen eben alle mög- 
lichen Sonderbarkeiten vor. Nun glauben wir ja, daß 
Personen, die solche Symptome entwickeln, von Natur 
BUS etwas anders sein müssen als andere Menschen. Aber 
wir möchten fragen: Sind sie mehr „degeneriert" als 
andere Nervöse, z. B. die Hysteriker oder als die an 
Psychosen Erkrankenden? Die Charakteristik ist offen- 
bar wieder zu allgemein. Ja man kann bezweifeln, ob 
sie audi nur bere»diligt ist, wenn man erführt daß solche 



26S DRITTER TEIL: ALLGEMEINE WEÜROSEN LEHRE 

Symptome auch bei ausgezeichneten Menschen von be- 
sonders hoher und für die Allgemeinheit bedeutsamer 
Leistungsfähigkeit vorkommen. Für gewöhnlich erfahren 
wir ja, dank ihrer eigenen DiskreHoo und der Verlogen- 
heil ihrer Biographen von unseren vorbildlich großen 
Männern wenig Intimes, aber es kommt doch vor, daä 
einer ein Wahrheitsfanatiker ist wie Emil Zola, und 
dann hören wir von ihm, an weviel sonderbaren Zwangs- 
gewohnheiten er sem Leben über gelitten hat') 

Die Psydiiatrie hat sich da die Auskunft gesdiaffen, 
von „Degeneres superieurs" zu sprechen. Schön — aber 
durch die Psychoanalyse haben wir die Erfahrung gemacht, 
daß man diese sonderbaren Zwangssymptome wie andere 
Leiden und wie bei anderen nicht degenerierten Menschen 
dauernd beseitigen kann. Mir selbst ist solches wieder- 
holt gelungen. 

Ich will Ihnen nur zwei Beispiele von Analyse eines 
Zwangssymptoms mitteilen, eines aus alter Beobachtung, 
das ich durch kein schöneres zu ersetzen weiß, und ein 
küi-zlich gewonnenes. Idi bescliränke mich auf eine so 
geringe Anzahl, weil man bei einer solchen Mitteilung 
sehr weiüäufig werden, in alle Einzelheiten eingehen muß. 
Eine nahe an 30 Jahre alte Dame, die an den schwersten 
Zwangsersdieinungen litt, und der ich vielleicht geholfen 
hätte, wenn ein tückischer Zufall nidit meine Arbeit zu 
nidite gemacht hätte, — vielleiclit erzähle ich Ihnen noch 
davon, — führte unter anderen folgende merkwürdige 
Zwangshandlung vielmals im Tage aus. Sie lief aus ihrem 
Zimmer in ein anderes nebenan, stellte sich dort au eine 
bestimmte Stelle bei dem in der Mitte stehenden Tisch hin, 
schellte Uu-em Stubenmädchen, gab ihr einen gleichgültigen 
Auftrag oder entließ sie auch ohne solchen und lief dann 
wieder zurück. Das war nun gewiß kein schweres Leidens- 
symptom, aber es durfte doch die Wißbegierde reizen. 
Die Aufklärung ergab sich auch auf die unbedenklichste, 
einwandfreies te Weise unter Ausschluß jedes Beitrages 

•)E.ToulDujic,EiniiBZol«. Enqueip niMico-psydjolopque, Puris 1895. 



XVn. DER SIMN DER SYMPTOK»; 309 

von Seiten des Arztes. Ich weiß gar nidit, wie ich zu 
einer Vermutung über den Sinn dieser Zwangshandlung, 
zu einem Vorschlag ihrer Deutung hatte kommen können. 
So oft idi die Kranke gefragt hatte; Warum tun Sie das? 
V/aa hat das für einen Sinn? — halte sie geantwortet; 
Ich weiß es nidit. Aber eines Tages, nachdem es mir 
gelungen war, ein großes prinzipielles Bedenken bei ihr 
niederzukämpfen, wurde sie plötzlich wissend und er- 
zählte, was zur Zwangshandlung gehörte. Sie hatte vor 
mehr als zehn Jahren einen weitaus älteren Mann ge- 
heiratet, der sich in der Hochzeitsnacht impotent erwies. 
Er war ungezählte Male in dieser Nacht aus seinem 
Zimmer in ihres gelaufen, um den Versuch zu wieder- 
holen, aber jedesmal erfolglos. Am Morgen sagte er 
änrerlich; Da muß man sich ja vor dem Stubenmädchen 
schämen, wenn sie das Bett madit, ergriff eine Flasche 
roter Tinte, die zufällig im Zimmer war, und goß ihren 
Inhalt aufs Bettuch, aber nicht gerade auf eine Stelle, 
die ein Anredit auf einen solchen Fleck gehabt hätte. 
Ich verstand anfangs nicht, was diese Erinnerung mit 
der fraglichen Zwangshandlung zu tun haben sollte, da 
ich nur in dem wiederholten aus einem Zimmer in das 
andere Laufen eine Übereinstimmung fand und etwa noch 
im Auftreten des Stubenmädchens. Da führte mich die 
Patientin zu dem Tisch im zweiten Zimmer hin und ließ 
mich auf dessen Decke einen großen Fleck entdecken. 
Sie erklärte auch, sie stelle sich so zum Tisch hin, daß 
das zu ihr gerufene Mädchen den Fleet nicht übersehen 
könne. Nun war an der intimen Beziehung zwischen jener 
Szene nach der ßrautnacht und ihrer heutigen Zwangs- 
handlung nicht mehr zu zweifeln, aber audi noch allerlei 
daran zu lernen. 

Vor allem wird es klar, daß aidi die Patientin mit 
ihrem Mann identifiziert; sie spielt ihn ja, indem sie sein 
Laufen aus einem Zimmer ins andere nachahmt. Dann 
müssen wir, um in der Gleichstellung zu bleiben, wohl 
zugeben, daß sie das Bett «nd Bettuch durrh den Tisch 



270 DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

und die Tischdecke ersetzt. Das schiene willkürlich, aber' 
wir sollen nicht ohne Nutzen Traumsymbolik studiert 
haben. Im Traum wird gleichfalls sehr häufig ein Tisdi 
gesehen, der aber aJs 8ett zu deuten ist Tisdi und Bett 
machen mitsammen die Ehe aus, da steht dann leicht 
eines für das andere. 

Der Beweis, daß die Zwangshandlung sinnreich ist 
wäre bereits erbracht; sie scheint eine Darstellung, Wiedei^ 
holui^ jener bedeutungsvollen Szene m sein. Aber wir 
sind nicht genötigt, bei diesem Schein Halt zu machen- 
wenn wir die Beziehung zwischen den beiden eingehender 
untersuchen, werden wir wahrscheinlich Aufschluß über 
etwas Weitergehendes, über die Absicht der Zwangshand- 
lung erhalten. Der Kern derselben ist offenbar das Herbei- 
nifen des Stubenmädchens, dem sie den Fleck vor Augen 
führt, im Gegensatz zur Bemerkung ihres Mannes: Da 
müßte man sich vor dem Mäddien schämen. Er — dessen 
Rolle sie agiert — sdiämt sich also nicht vor dem Mädchen, 
der Fledi ist demnach an der richtigen Stelle. Wir sehen 
also, sie hat die Szene nicht einfach wiederholt, sondern 
sie fortgesetzt und dabei korrigiert, zum Richtigen gc- 
gewendet Damit korrigiert sie aber auch das andere, 
was in jener Nacht so peinlich war und jene Auskunft 
mit der roten. Tinte notwendig machte, die Impotenz, 
Die Zwangshandlung sagt also: Nein, es ist nldit wahr, 
er hatte sich nidit vor dem Stubenmädchen zu schämen, 
er war nicht impotent; sie stellt diesen Wunsch nach 
Art eines Traumes in einer gegenwärtigen Handlung als 
erfüllt dar, sie dient der Tendenz, den Mann über sein 
damaliges Mißgeschick zu erheben, ' 

Dazu kommt alles andere, was ich Ihnen von dieser 
Frau erzählen könnte; richtiger gesagt; alles, was wir 
sonst von ihr wissen, weist uns den Weg zu dieser 
Deutung der an sich unbegreiflichen Zwangshandlung, 
Die Frau lebt seil jaliren von ihrem Mann getrennt und 
lämpft mit der Absidit, ihre Ehe gerichtlich scheiden zu 
lassen. Es ist aber keine Rede, daß sie frei von ihm wäre; 



XVII. DER SINN DER SYMPTOME m 

rgie ist gezwungen, ihm treu zu bleiben, sie zieht sich 
yoD alier Welt zurück, um nicht io Versuchung zu ge- 
raten, sie entscliuldigt und vergrößert sein Wesen in ihrer 
Phantasie, Ja, das tiefste Geheimnis ihrer Kranicheil ist, 
tJaß sie durch diese ihren Mann vor übler Nachrede dedct, 
ihre örtlidie Trennung von ihm redilfertigt und ihm ein 
behagliches Sonderleben ermöglicht. So führt die Analyse 
einer harmlosen Zwangshandlung auf geradem Wege zum 
innersten Kern eines Krankheitsfalles, verrat uns aber 
gleichzeitig ein nidit unansehnliches Stück des Geheim- 
nisses der Zwangsneurose überhaupt. Ich lasse Sie gern 
bei diesem Beispiel verweilen, denn es vereinigt Be- 
dingungen, die man billiger Weise nicht von allen Fällen 
fordern wird. Die Deutung des Symptoms wurde hier 
von der Kranken mit einem Schlage gefunden ohne An- 
leitung oder Einmengung des Analytikers, und sie er- 
folgte durch die Beziehung auf ein Erlebnis, welches 
nicht, wie sonst, einer vergessenen Kindheitsperiode an- 
gehört hatte, sondern im reifen Leben der Kranken vor- 
gefallen und unverlösdit in ihrer Erinnerung geblieben 
war. Alle die Einwendungen, welche die Kritik sonst 
gegen unsere Sjraiptoradcutungen vorzubringen pflegt, 
gleiten von diesem Einzelfalle ab. So gut können wir es 
freilich niclit immer haben. 

Und noch eines! Ist es Ihnen nicht aufgefallen, wie 
uns diese unscheinbare Zwangshandlung in die Intimi- 
täten der Patientin eingeführt hat? Eine Frau hat nicht 
j.viel hitimeres zu erzählen als die Geschidite ihrer 
Hochzeitsnacht, und daß wir gerade auf Intimitäten des 
Geschlechtslebens gekommen sind, sollte das zufällig und 
ohne weiteren Belang sein? Es könnte freilich dieFolgeder 
Auswahl sein, die idi diesmal getroffen habe. Urteilen wir 
nicht zu rasdi und wenden wir uns dem zweiten Beispiel zu, 
welches von ganz anderer Art ist, ein Muster einer häufig 
vorkommenden Gattung, nämlidi ein Schlaf zeremoniell. 

Ein 19jähriges, üppiges, begabtes Mädchen, das ein- 
zige Kind seiner Ellem, denen es an Bildung und intellek- 



i^ DRITTER TEIL: ALLGEMEIMg NEUR0SENL1£HR£ ^ 

tueller Regsamkeit überlegen ist, war als Kind wild und 
übermütig und bat sich im Laufe der letzten Jahre ohne 
sichtbare äußere Einwirkung zu einer Nervösen um- 
gewandelt. Sie ist besonders gegen ihre Mutter sehr 
reizbar, immer unzufrieden, deprimiert, neigt zur Un- 
entsdilossenheit und zum Zweifel und macht endüdi 
das Geständnis, daß sie auf Plätzen und in größeren 
Straßen nicht mehr allein gehen kann. Wir werden uns 
mit ihrem komplizierten Krankheitszustand, der zum 
mindesten zwei Diacrnosen erheischt, die einer Agora- 
phobie und einer Zwangsneurose, nicht viel abgeben, 
sondern nur dabei veriveilen, daß dieses Maddien auch 
ein Schlafzeremoniell entwickelt hat, unter dem sie ihre 
Eltern leiden läßt. Man kann sagen, in gewissem Sinne 
hat jeder Normale sein Schlafzereraoniell oder er hält 
auf die Herstellung von gewissen Bedingungen, deren 
Niditerföllung ihn am Einschlafen stört j er hat den Über- 
gang aus dem Wachleben in den Schlafzustand in gewisse 
Formen gebracht, die er aliabendlich in gleicher Weise 
wiederholt. Aber alles, was der Gesunde an Schlaf- 
bedingung fordert, läßt sich rationell verstehen, und 
wenn die äußeren Umstände eine Änderung notwendig 
madien, so fügt er sich leicht und ohne Zeitaufwand. 
Das pathologische Zeremoniell ist aber unnachgiebig, 
es weiß sich mit den gi-öSten Opfern durdi zusetzen, 
es deckt sich gleichfalls mit einer rationellen Begründung 
und scheint sich bei oberflächliclier Betrachtung nur 
durch eine gewisse übertriebene Sorgfalt vom Normalen 
zu entfernen. Sieht man aber näher zu, so kann man 
bemerken, daß die Ded<e zu kurz ist, daß das Zeremoniell 
Bestimmungen umfaßt, die weit über die rationelle Be- 
gründung hinansgehen, und andere, die ihr direkt wider- 
sprechen. Unsere Patientin schützt als Motiv ihrer nächt- 
lichen Vorsichten vor, daß sie zum Schlafen Ruhe braudit 
und alle Quellen des Geräusches ausschließen muß. In 
dieser Absicht tut sie zweierlei: Die große Uhr in ihrem 
Zimmer wird zum Stehen gebraclil, alle anderen Uhren aus 



XVI[. DER SINN DER SYMPTOME 375 

(Jeni Zimmer entfernt, nicht einmal ihre winzige Armband-i..- 
uhr wird im Nachtkäalchen geduldet. Blmnentopfe und 
Vasen werden auf dem Schrei btis die so zusammengesteüt, 
daß sie njcht zur Nachtzeit herunterfallen, zerbrechen 
und sie im Schlafe stören können. Sie weiß, daß diese 
Maßregeln durch das Gebot der -Ruhe nur eine schein- 
bare Reditfertiguog finden können; die kleine Uhr würde 
man nicht ticken hören, audi wenn sie auf dem Nacht- 
kästchen liegen bliebe, und wir haben alle die Erfahrung 
gemacht, daß das regelmäßige Ticken einer Pendelufu: 
niemals eine Schlafstörung macht, sondern eher ein- 
sdjläfenid wirkt. Sie gibt auch zu, daß die Befürchtung, 
Bluraentöpfe und Vasen könnten, an ihrem Platze ge-". 
lassen, zur Nachtzeit von selbst herunterfallen und zer- ■' 
bredien, jeder Wahrscheinlichkeit entbehrt Für andere 
Bestimmungen des Zeremoniells wird die Anlehnung an 
das Ruhegebot fallen gelassen. Ja, die Forderung, daß 
die Türe zwischen ihrem Zimmer und dem Schlafzimmer 
der Eltern halb offen bleibe, deren Erfüllung sie dadurch 
sidiert, daß sie verschiedene Gegenstände in die geöffnete 
Türe rückt, sdieint im Gegenteil eine Quelle von 
störenden Geräuschen zu aktivieren. Die wichtigsten 
Bestimmungen beziehen sich aber auf das Bett selbst;. 
Das Polster am Kopfende des Bettes darf die Holz- 
v/aad des Bettes nidit berühren. Das kleine Kopf- 
polsterchen darf auf diesem großen Polster nicht anders 
liegen, als indem es eine Raute bildet; ihren Kopf legt 
sie dann genau in den Längsdurchmesaer der Raute, 
Die Federdecke („Duchent", wie wir in Österreidi sagen) . 
muß vor dem Zudecken so gcscliüttelt werden, daß ihi 
Fußende ganz dic^ wird, dann aber versäumt sie es 
lücht, diese Anhäufung durch Zerdrüdcen wieder zu 
verteilen. , ,, 

Lassen Sie mich die anderen, oft sehr kleinlidien 
Einzelheiten dieses Zeremoniells übergehen; sie würden 
uns nidits Neues lehren und zu weil von unseren Ab- 
sichten abführen. Aber übersehen Sie nicht, daß dies 

Freud, Vnrl.-'^uLigcii Jj? . 



Vi DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 



alles sidi nicht so giatt vollzieht. Es ist immer die Sorpe 
dabei, daß nicht alles ordentlich g-emacht worden ist; 
es muß nachgeprüft, wiederholt werden, der Zweifel 
zeichnet bald die eine, bald die andere der 5i*herungen 
aus, und der Erfolg ist, daß ein bis zwei Stunden hin- 
gebracht werden, wahrend welcher das Mädchen selbst 
nicht schlafen kann und dj> eingesdiüchtcrten Eltern 
nicht schlafen läßt. 

Die Analyse dieser Quälereien ging nicht so einfach 
von statten wie die der Zwangshandlung bei unserer 
früheren Patientin. Ich mußte dem Mädchen Andeutungen 
geben und Vorschläge zur Deutung; machen, die von ihr 
jedesmal mit einem entschiedenen Nein abgelehnt oder 
mit geringschätzigem Zweifel aufgenommen wurden. Aber 
auf diese erste ablehnende Reaktion folgte eine Zeit, 
in welcher sie sich selbst mit den ihr vorgelegten Mög- 
lichkeiten beschäftigte, Einfälle zu ihnen sammelte, Er- 
innerungen produzierte. Zusammenhange herstellte, bis 
sie alle Deutungen aus eigener Arbeit angenommen hatte. 
In dem Maße, als dies geschah, ließ sie auch in der 
Ausführung der ZwangsmaSregeln nacli, und noch vor 
Ende der Behandlung hatte sie auf das gesamte Zere- 
moniell verzichtet. Sie müssen auch wissen, daß die 
analytische Arbeit, wie wir sie heute ausführen, die 
konsequente Bearbeitung des einzelnen Symptoms, bis 
man mit dessen Aufhellung zu Ende gekommen ist, 
geradezu ausscliließL Man ist vielmehr genötigt, das eine 
Thema immer wieder zu verlassen, und ist sidier, von 
anderen Zusammenhängen her von neuem darauf zurück- 
zukommen. Die Symptomdeutung, die ich Ihnen jetzt 
mitteilen werde, ist also eine Synthese von Ergebnissen, 
deren Forderung sich, von anderen Arbeiten unterbrochen, 
über die Zeit von Wochen und Monaten erstreckt. 

Unsere Patientin lernt allmählich verstehen, daß sie 
die Uhr als Symbol des weiblidien Genitales ans ihren 
Zurüstungen für die Nacht verbannt hatte. Die Uhr, für 
die wir sonst auch andere Symboldeutungen kennen. 



1 



i 



XVJI. DER SINN DER SVMFTOME 275 

aelangt zu dieser genitalen Rolle durch iiire Beziehung 
2U periodischen Vorgänge u uud gleichen Intervallen. Eine 
frau kann etwa von sich rühmen, ihre Menstruation 
benehme sich so regelmäßig wie ein Uhrwerk. Die Angst 
unserer Patientin riditete sich aber besonders dagegen, 
durch das Ticken der Uhr im Schlaf gestört zu werden. 
Das Tidceu der Uhr ist dem Klopfen der Klitoris bei 
sexueller Erregung gleichzusetzen. Durch diese ihr nun 
peinliche Empfindung war sie in der Tat wiederholt aus 
dem Sdilafe geweckt worden, und jetzt äußerte sich 
diese Erektion sangst in dem Gebot, welches gehende 
Uhren zur Nachtzeit aus ihrer Nähe entfernen hieß, 
Blumentöpfe und Vasen sind wie a!le Gefäße gleidifaUs 
weibliche Symbole. Die Vorsicht, daß sie nicht zur Nacht- 
zeit fallen und zerbrechen, entbehrt also nicht eines guten 
Sinnes. Wir kennen die viel verbreitete Sitte, daß bei 
Verlobungen ein Gefäß oder Teller zerschlagen wird. 
Jeder der Anwesenden eignet sich ein ßruclistück an, 
welches wir als Ablösung seiner Ansprüche an die Braut 
auf dem Standpunkt einer Eheordniing vor der Mono- 
gamie auffassen dürfen. Zu diesem Stück ihres Zere- 
moniells brachte das Mädchen aucli eine Erinnerung und 
mehrere Einfälle. Sie war einmal als Kind mit einem 
Glas- oderTongefäS liingefallen, hatte sich m die Finger 
geschnitten und heftig geblutet. Als sie heranwuchs und 
von den Tatsachen des SeKualverkehrs Kenntnis bekam, 
stellte sich die ängstliche Idee bei ihr ein, sie werde in 
der Hochzeitsnacht nicht bluten und sich nicht als Jung- 
frau erweisen, Ihre Vorsichten gegen das Zerbrechen der 
Vasen bedeuten also eine Abweisung des ganzen Kom- 
plexes, der mit derVirginität und dem Bluten beim ersten 
Verkehr zusammenhängt, ebensowohl eine Abweisung der 
Angst zu bluten wie der entgegengesetzten, nicht zu bluten. 
Mit der Geräusch Verhütung, welcher sie diese Maßnahmen 
unterordnete, hatten sie nur entfernt etwas zu tun. 

Den zentralen Sinn ihres Zeremoniells erriet sie eines 
Tages, als sie plötzlidi die Vorschrift, das Polster dürfe 

18» 



t 



m DRITTER TEIL; ALLGÖIEINE WEÜROSENLEMRE J 

die Bettwaod nicbt berüliren, verstand. Das Polster sei " 
ihr immer ein Weib gewesen, sag^e sie, die aufrechte 
Holzwand ein Mann. Sie wollte also — auf magische 
Weise, dürfen wir einschalten — Mann und Weib aus- 
einanderhalten, das heißt die Eltern von einander trennen, 
nicht zum ehelichen Verkehr kommen lassen. Dasselbe 
Ziel hatte sie in früheren Jahren vor der Einriditung 
des Zeremoniells auf direktere Weise zu erreichen ge- 
sucht. Sie hatte Angst simuliert oder eine vorhandene 
Angstneigung dahin ausgebeutet, daß die Verbindungs- 
türe zwischen dem Sdilafzimmer der Eltern und dem 
Kinderzimmer nicht geschlossen werden dürfe. Dies Ge- 
bot war ja noch in ihrem heutigen Zeremoniell erhalten 
geblieben. Auf solche Art sdiaffte sie sich die Gelegen- 
heit, die Eltern zu belauschen, zog sich aber in der 
Ausnützung derselben einmal eine durch Monate an- 
haltende Schlaflosigkeit zu. Nicht zufrieden mit solcher 
Störung der Eltern setzte sie es dann zeitweise durdi, 
daß sie im Ehebett selbst zwischen Vater und Mutter 
sdilafen durfte, „Polster" und „Holzwand" konnten dann 
wirklich nicht zusammenkommen. Endlich, als sie schon 
so groß war, daß ihr Körperliches nicht mehr bequem 
im Bette zwisdien den Eltern Platz finden konnte, er- 
reichte sie es durch bewußte Simulation von Angst, daß 
die Mutter den Schlafplatz mit ihr tauschte und ihr die 
eigene Stelle neben dem Vater abtrat. Diese Situation 
war gewiß der Ausgang von Phantasien geworden, deren 
Nachwirkung man im Zeremoniell verspürt 

Wenn ein Polster ein Weib war, so hatte auch das 
Sdiütteln der Federdecke, bis alle Federn unten waren 
und dort eine Ansdiwellung hervorriefen, einen Sinn, 
Es hieß, das Weib schwanger machen; aber sie ver- 
säumte es nicht, diese Schwangerschaft wieder wegzu- 
streichen, denn sie hatte Jahre hindurcli unter der Furcht ^ 
gestanden, der Verkehr der Eltern werde ein anderes ■ 
Kind zur Folge haben und ihr so eine Konkurrenz be- 
scheren. Anderseits, wenn das große Polster ein Weib, die 



XV11.PER SINN DEg SY7HPTOME 377 

l^utter, war, so konnte das Ideine Kopfpölsterchen nur die 
Toditer vorstellen. Warum mußte dieses Polster als Raute 
veiegt werden und ihr Kopf genau in die Mittellinie der- 
selben kommen? Sie ließ sich leicht daran erinnern, daß die 
Raute die an allen Mauern wiederholte Rune des offenen 
weiblichen Genitales EeL Sie selbst spielte dann den Mann, 
den Vater, und ersetzte durdi ihren Kopf das männliche 
Glied. (Vgl. Die Symbolik des Köpfens für Kastration.) 

Wüste Diage, werden Sie sagen, die da in dem Kopf 
des jungfräulich ea Mädchens spuken sollen. Ich gebe es 
lu, aber vergessen Sie nicht, ich habe diese Dinge nicht 
gemacht, sondern bloß gedeutet.SolcheinSchlafzereiiioniell 
ist auch etwas Sonderbares, und Sie werden die Ent- 
sprediung zwischen dem Zeremoniell und den Phantasien, 
die uns die Deutung ergibt, nicht verkennen dürfen. 
Widili^er ist mir aber, daß Sie bemerken, es habe sidi 
da nidit eine einzige Phantasie im Zeremoniell nieder- 
gesdilagen, sondern eine Anzahl von solchen, die aller- 
dings irgendwo ihren Knotenpunkt haben. Auch daß die 
Vorschriften des Zeremoniells die sexuellen Wünsche bald 
positiv, bald negativ wiedergeben, zum Teil der Ver- 
tretung und zum Teil der Abwehr derselben dienen. 

Man könnte auch aus der Analyse dieses Zeremoniells 
mehr machen, wenn man es in die riditige Verknüpfung 
mit den anderen Symptomen der Kranken brächte. Aber 
anser Weg führt uns nidit dahin. Lassen Sie sidi die 
Andeutung genügen, daß dieses Mädchen einer erotischen 
Bindung an den Vater verfallen ist, deren Anfänge in 
frShe Kinderjahre zurückgehen. Vielleicht benimmt sie 
sich auch darum so unfreundlich gegen ihre Mutter. Wir 
können auch nicht übersehen, daß uns die Analyse dieses 
Symptoms wiederum auf das Sexualleben der Kranken 
hingeführt bat Vielleicht werden wir uns darüber um so 
weniger verwundem, je Öfter wir in den Sinn und in 
die Absicht neurotischer Symptome Einsidit gewinnen. 

So habe ich Diaen denn an zwei ausgewählten Bei- 
spielen gezeigt, daß die neurotischen Symptome einen 



tl^ DRITTER TETLi ALLHEMEltJE NEUROSE h'LEHRi; 

Sinn hanen wie die Fehüeisfungen und wie dieTräume, und 
daß sie in intimer Beziehung zum Erleben der Patienten 
stehen. Kann ich erwarten, daß Sie mir diesen überaus 
bedeuteamen Sütz auf zwei Beispiele hin glauben? Nein 
Aber können Sic von mir verlangen, daß ich Ihnen soviel 
weitere Beispiele erzähle, bis Sie sich für überzeugt er- 
klären? Auch nicht, denn bei der Ausführlichkeit, mit 
der ich den einzelnen Fall behandle, müßte ich ein fünf- 
stündiges SemestraikoUeg der Erledigung dieses einzelnen 
Punktes der Neuroaenlebre widmen. Idt bescheide mich 
also damit, Ihnen eine Probe für meine Behauplung gg. 
geben zu haben, und verweise Sie im übrigen auf die 
Mitteilungen in der Literatur, auf die klassischen Symp. 
tomdeutungen im ersten Fall von Breuer (Hysterie), 
auf die frappanten Aufhellungen ganz dunkler Symptome 
bei der sogenannten Dementia praecox dur«ii C G, Jung 
aus der Zeit, da dieser Forscher bloß Psychoanalytiker 
war und noch nicht Prophet sein wollte, und auf alle die 
Arbeiten, die seither unsere Zeitschriften gefüllt haben. 
Wir haben gerade an solchen Untersudiungen keinen 
Mangel Die Analyse, Deutung, Übersetzung der neuro- 
tischen Symptome hat die Psydioanalytiker so angezogen, 
daß sie zunächst die anderen Probleme der Neurotik da- 
gegen vernachlässigten. 

Wer von Ihnen sich einer solchen Bemühung unter- 
zieht, der wird gewiß einen slarken Eindruck von der 
Fülle des Beweismaterials empfangen. Aber er wird auch 
auf eine Schwiwigkeit stoßen. Der Sinn eines Symptoms 
liegt, wie wir erfahren haben, in einer Beziehung zum 
Erleben des Kranken. Je individueller das Symptom aus- 
gebildet ist, desto eiier dürfen wir erwarten, diesen Zu- 
sammenhang herzusteilen. Die Aufgabe stellt sidi dann 
geradezu, für eine sinnlose Idee und eine zwecklose Hand- 
lung jene vergangene Situation aufzufinden, in welclier die 
Idee gerechtfertigt und die Handlung zwecl? entsprechend 
war. Die Zwangshandlung unserer Patientin, die zum 
Tisch lief und dem Stubenmädchen schellte, ist direkt 



XVn. DER SINN DER SYMPTOME 7T9 

vorbildlidi für diese Art von Symptomen. Aber es gibt, 
und zwar sehr häufig', Symptome von ganz anderem Cha- 
rakter. Man muß sie „typische" Symptome der Krank- 
heit nennen, sie sind in allen Fallen ungefähr gleich, die 
individuellen Untersdiiede verschwinden bei ihnen oder 
BchnimpCen wenigstens so zusammen, daS es schwer fällt, 
sie mit dem individueUen Erleben der Kranken zusammea- 
nibringen und auf einzelne erlebte Situationen zu beziehen. 
Riditen wir unseren Bilde wiederum auf die Zwangsneu- 
rose. Schon das Schlafsinunerzeremoniell unserer zweiten 
Patientin hat viel TypiscJies an sich, dabei allerdings 
genug individueller Züge, um die sozusagen historisdis 
Deutung zu ermöglichen. Aber alle diese Zwangskranken 
haben die Neigung zu wiederholen, Verrichtungen zu 
rhythmieren und von anderen zu isolieren. Die meisten 
von ihnen waschen au viel. Die Kranken, welche an Ago- 
ffaphobie (Topopbobie, Raumangst) leiden, was wir nidit 
aehr zur Zwangsneurose redineo, sondern als Angst- 
hysterie bezeidinen, wiederholen in ihren Krankhetts- 
bildem oft in erraSdender Monotonie dieselben Züge, 
Je fürchten geschlossene Räume, große offene Plätze, 
ylange sich hinziehende Straßen und Alleen. Sie halten 
ssidi für gesdtütit, wenn Bekannte sie begleiten oder 
enn ein Wagen ihnen nadifährl usw. Auf diesem gleich- 
lortigen Untergrund tragen aber doch die einzelnen 
Cranken ihre individuellen Bedingungen, Launen, mödite 
^man sagen, auf, die einander in den einzelnen Fällen 
»direkt widersprechen. Der eine sdieut nur enge Straßen, 
tder andere nur weite, der eine kann nur gehen, wenn 
-.wenig, der andere, wenn viele Menschen auf der Straße 
peind. Ebenso hat die Hysterie bei allem Reichtum an 
I '.individuellen Zügen einen Überfluß an gemeinsamen, 
typisdiea Symptomen, die einer leichten historisdien Zu- 
riidfführung zu widerstreben scheinen. Vergessen wir 
nidit, es sind ja diese typisdien Symptome, nadi denen 
wir uns für die Stellung der Diagnose orientieren. 
Haben wir nun wirklich in einem Falle von Hysterie ein 



MO DRITTER TElLi ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

typisches Symptom auf ein Erlebnis oder auf eine Kette 
von ähnlitien Erlebnissen zurückg^eführt, z. B. ein hyste- 
risdies Erbrechen auf eine Folge von Ekeleindrüdten, so 
werden wir irre, wenn uns die Analyse in einem anderen 
Fall von Erbrechen eine durchaus andersartige Reihe von 
angeblich wirksamen Erlebnissen aufdedtt Es sieht dann 
bald so aus, als müßten die Hysterischen aus unbekannlea 
Gründen Erbrechen äußern, und die von der Analyse ge- 
lieferten historischen Anlässe seien nur Vorwände, die 
von dieser inneren Notwendigkeit verwendet werden, 
wenn sie sich zufällig ergeben. 

So kommen wir bald zur betrübenden Einsicht, daß 
wir zwar den Sinn der individuellen neurotischen Symp- 
tome durdi die Beziehung zum Erleben befriedigend 
aufklären können, daß uns aber unsere Kunst für die 
-weit häufigeren typischen Symptome derselben im Stidie 
läßt Dazu kommt, daß ich Sie nodi gar nicht mit allen 
Schwierigkeiten vertraut gemadit habe, die sidi bei der 
konsequenten Verfolgung der historischen Syraptom- 
'deutung herausstellen. Idi will es auch nidit tun, denn 
ridi habe zwar die Absidit, Ihnen nichts zu beschönigen 
'öder zu verhehlen, aber ich darf Sie doch nidit zu Beginn 
unserer gemeinsamen Studien ratlos machen und in Ver- 
wirrung bringen. Es ist richtig, daß wir erst den Anfang 
<zu einem Verständnis der Symptombedeutung gemaciit 
baben, aber wir wollen an dem Gewonnenen festhalten 
und uns schrittweise zur Bewältigung des nodi Unver^ 
standenen durchringen. Ich versuche es also, Sie mit der 
^'Überlegung zu trösten, daß eine fundamentale Versdiieden- 
"heit zwischen der einen und der anderen Art von Sytnp- 
''tomen doch kaum anzunehmen ist. Hängen die individu- 
■'tellen Symptome so unverkennbar vom Erleben desKranken 
"ab, so bleibt für die typisdien Symptome die Möglich- 
' keit, daß sie auf ein Erleben zurückgeben, das an sidi 
■ tj^isch, allen Menschen gemeinsam ist. Andere in der 
'Neurose regelmäßig wiederkehrende Züge mögen all- 
gemeine Reaktionen sein, welche den Kranken durch die 



.1 



XVH. DER SINN DER SYMPTOME 2B1 

Uatur der krankhaften Veränderung aufgezwungen werden, 
^e das Wiederholen oder das Zweifeln der Zwangs- 
neurosc. Kurz, wir haben keinen Grund zum vorzeitigen 
Verzagen; wir werden ja sehen, was sich weiter ergibt. 
Vor einer ganz ähnlichen Schwierigkeit stehen wir 
auch in der Traumlehre. Idi konnte sie in unseren früheren 
Besprediungen über den Traum nicht bchandeb. Der mani- 
feste Inhalt der Träume ist ja ein höchst mannigfaltiger 
und individuell versdiiedener, und wir haben ausfiihrlidi 
gezeigt, was man aus diesem Inhalt durch die Analyse ge- 
winnt Aber daneben gibt es Träume, die man gleichfalls 
„fische" heißt, die bei allen Menschen in gleicher Weise 
vorkommen, Träume von gleichförmigem Inhalt, weldie 
der Deutung dieselben Sdiwierigkeiten entgegensetzen. 
Es sind dies die Träume vom Fallen, Fliegen, Schweben, 
Sdiwimmen, Gehemmtsein, vom Nacktsein und andn'e 
gewisse Angstträume, die uns bald diese, bald jene Deu- 
tung bei einzelnen Personen ergeben, ohne daß die Mono- 
tonie und das typische Vorkommen derselben dabei seine 
Aufklärung fände. Auch bei diesen Träumen beobachten 
wir aber, daß ein gemeinsamer Untergrund durch indi- 
viduell wechselnde Zutaten belebt wird, und wahrsdieinlidi 
werden audi sie sich in das Verständnis des Traumlebens, 
das wir an den anderen Träumen gewonnen haben, ohne 
Zwang, abei unter Erweiterung unserer Eiusidtten ein- 
fügen lassen. 

XVra. VOKZSUNG , j((ij„>|.i 

DIE FIXIERUNG AN DAS TRAUMA, 
DAS UNBEWUSSTE 

Meine Damen und Herrenl.Id) sagte das letztemal, 
wir wollten die Fortsetzung unserer Arbeit nicht 
an unsere Zweifel, sondern an unsere Funde anknüpfen. 
Zwei der interessantesten Folgerungen, die sich aus den 
zwei vorbildlichen Analysen ableiten, haben wir übei^ 
haupt noch nidit ausgesprochen. 



t 



3Sa DI^ITTER TEIL: ALLGOTCINE NEUROSENLEHRE 

Fürs erste; Beide Patienten madien uns den Eindnidj 
ais wären sie an ein bestimmtes Stück ihrer Verwang'enheit 
fixiert, verständen nicht davon freizukaicmen, und 
seien deshalb der Gegenwart und der Zukunft ent- 
fremdet Sie stecken nun in ihrer Krankheit, wie man 
sich in früheren Zeiten in ein Kloster zurückzuziehen 
pflegle, um dort ein schweres Lebensschidcsal auszu- 
tragen. Für unsere erste Patientin ist es die in Wirk- 
lichkeit aufgegebene Ehe mit ihrem Manne, die ihr dieses 
Verhängnis bereitet hat. Durdi ihre Symptome setzt 
sie den Prozeß mit ihrem Manne fori; wir haben jene 
Stimmen verstehen gelernt, die für ihn plaidieren, die 
ihn entschuldigen, erhohen, seinen Verlust beklagen. Ob- 
wohl sie jung und für andere Männer begehrenswert 
ist, hat sie aiJe realen und imaginären (magischen) Vor- 
sichten ergriffen, um ihm die Treue zu bewahren. Sie 
zeigt sich nicht vor fremden Augen, vernachlässigt ihre 
ErscJieinung, aber sie vermag es auch nidit, so bald von 
einem Sessel aufzustehen, auf dem sie gesessen ist, und 
sie verweigert es, ihren Namen zu unterschreiben, kann 
keinem ein Geschenk" machen, mit der Motivierung, es 
dürfe niemand etwas von ihr haben. 

Bei unserer zweiten Patientin, dem jungen Mädchen, 
ist ea eine erotiscie Bindung an den Vater, weldie sidi 
in den Jahren vor der Pubertät bergesteüt hatte, die 
für ihr Leben dasselbe leistet. Sie hat auch für ^di 
den SdiluB gezogen, daß sie nidit beiraten kann, solange 
sie so krank ist. Wir dürfen vermuten, sie ist so krank 
geworden, um nicht heiraten zu müssen und um beim 
Vater zu bleiben. 

Wir dürfen die Frage nicht abweisen, wie, auf welchem 
V/ege und kraft welcher Motive kommt man in eine 
so merkwürdige und so unvorteilhafte Einsteilung zum 
Leben? Vorausgesetzt, daß dieses Verhalten ein all- 
gemeiner Charakter der Neurose und nicJit eine besondere 
Eigentümlichkeit dieser zwei Kranken ist Es ist aber 
in der Tat ein allgemeiner, praktisch sehr bedeutsamer 



r 



DIE FFXlERliHG A» DAS TRAUMA, DAS UTOEWUSSTE MI 

Zuj einer jeden Neurose. Die erste hysterische Patientin 
von Breuer war in ähnlicher Weise an die Zeit fixiert, da 
sie ihren schwer erkranitten Vater pflegte. Sie hat trotz 
ihrer Herstellung seither in gewisser Hinsicht mit dem 
Leben abgeschlossen, sie ist zwar gesund und leistungs- 
föhig geblieben, ist aber dem normalen Frauenschicksat 
au^ewichen. Bei jedem unserer Kranken können wir 
durch die Analyse ersehen, daß er sich in seinen Krankheits- 
Symptomen und durch die Folgerungen aus ihnen in eine 
gewisse Periode seiner Vergangenheit zurückversetzt hat 
In der Überiahl der Fälle hat er sogar eine sehr frühe 
Lebensphase dazu gewählt, eine Zeit seiner Kindheil, 
ja so lächerlich es klingen mag, selbst seiner Säugliogs- 
existenz. ;■* tj' :-■ -..-.n e—.^ 

Die nädiste Analogie zu diesem Verhalfen unserer 
Nervösen bieten Erkrankungen, wie sie gerade jetzt der 
Krieg in besonderer Häufigkeit entstehen läßt, die so- 
genannten traumatischen Neurosen. Es bat soldie Fälle 
na<ii Ebenbahnzusaramenstößen und anderen schreck- 
haften Lebensgefahren natürlich auch vor dem Kriege 
gegeben. Die traumatisdien Neurosen sind im Grunde 
nicht dasselbe wie die spontanen Neurosen, die wir 
analytisch zu untersuchen und zu behandeln pflegen; 
CB ist uns auch noch nicht gelungen, sie unseren Gesichts- 
punkten zu untep,verfen, und ich hoffe, Ihnen einmal klar- 
machen zu können, woran diese Einschränkung liegt. 
Aber in dem einen Punkt dürfen wir eine völlige Über- 
einstimmung hervorheben. Die traumalisdien Neurosen 
geben deutlidie Anzeichen dafür, daß ihnen eine Fixierung 
an den Moment des traumatischen Unfalles - zu Grunda 
liegt In ihren Träumen wiederholen diese Kranken regel- 
mäßig die traumatische Situation; wo hysteriforme An- 
fälle vorkommen, die eine Analyse zulassen, erfährt man, 
daß der Anfall einer vollen Versetzung in diese Situation 
entspricht Es ist so, als ob diese Kranken mit der 
traumatisdien Sit ua Hon nicht fertig geworden wären, als 
ob diese noch als unbezwungene aktuelle Aufgabe vor 



284 DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENÜHRE 

ihnen stände, und wir nehmea diese Auffassung in allemj 
Ernst an; sie zeigt uas den Weg zu einer, heißen wirl 
es ökonomischen Betrachtung der seelischen Vorgänge ] 
Ja, der Ausdrude traumatisch hat keinen anderen als ' 
einen solchen ökonomisdien Sinn. Wir nennen so ein 
Erlebnis, weldies dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit 
einen so starken Reizzuwachs bringt, daß die Erledigung 
oder Aufarbeitung desselben in normalgewohnter Weise 
mißglückt, woraus dauernde Störungen im Energiebetiieb 
Resultieren müssen. 

Diese Analogie muß uns dazu verlodcen, auti jene 
Erlebnisse, an welche unsere Nervösen fixiert ersdieinen, 
als traumatische zu bezeichnen. Auf solche Weise würde 
uns eine einfache Bedingung für die neurotische Er- 
krankung verheißen werden. Die Neurose wäre einer 
traumatisdien Erkrankung gleiduusetzen und entstünde 
durdi die Unfähigkeit, ein überstark affektbetontes Er- 
lebnis zu erledigen. So lautete auch wirklich die erste 
Formel, in welcher Breuer und ich 1893,95 theore- 
tisdie Rechenschaft von unseren neuen Beobaditungon 
ablegten. Ein Fall wie der unserer eraten Patientin, der 

1 jungen, von ihrem Mann getrennten Frau, unterwirft 
sid) dieser Auffassung sehr gut Sie hat die Undurch- 
führbarkeit ihrer Ehe nicht verwunden und ist an diesem 
Trauma hängen geblieben. Aber sdion unser zweiter 
Fall, das an ihren Vater fixierte Mädchen, zeigt uns, 
daß die Formel nidit umfassend genug ist. Einerseits 

: ist eine soldie KleinmäddienverliebÜieit in den Vater 
etwas so Gewöhnliches und so häufig Überwundenes, 

'daß die Bezeidirtung „traumatisch" allen Gehalt ver- 
lieren würde, anderseits lehrt uns die Geschichte der 
Kranken, daß diese erste erotische Fixierung zunächst 
anscheinend sdiadlos vorübei^ing und erst mehrere Jahre 
später iu den Symptomen der Zwangsneurose wieder 
nun Vorsdiein kam. Wir sehen da also Komplikationen, 
eine größere Reidihaltigkeit der Erkrankungsbedingungen 
voraus, aber wir ahnen auch, der traumatische Gesichts- 



DIS FIXtERUNO AN DAS TRAUMA. DAS »WBE'jyUSSTE 285 

punkt wird nicht etwa als irrig aufzugeben seinr er wird 
gi<ji anderswo einfügen und unterordnen müssen. 

^r brechen hier wieder den Weg ab, den wir ein- 
-^(jjlagen haben. Er führt zunädist nicht weiter, und 
^r haben allerlei anderes zu erfahren, ehe wir seine 
riditige Fortsetzung' finden können. Bemerken wir nodi 
jum Thema der Fixierung an eine bestimmte Phase der 
Vergangenheit, daß ein solches Vorkommen weit über 
die Neurose hinausgeht Jede Neurose enthält eine 
solche Fixierung, aber nidit jede Fixierung fuhrt zur 
l^eurose, fällt mit Neurose zusammen oder stellt siA 
auf dem Wege der Neurose her. Ein Mustervorbild 
einer affektiven Fixierung an etwas Vergangenes ist die 
Trauer, die selbst die vollste Abwendung von Gegen- 
wart und Zukunft mit sidi bringt Aber die Trauer 
gdieidet sich selbst für das Laienurteil scharf von der 
Neurose. Dagegen gibt es Neurosen, die man als eine 
natholog>s<^e Form der Trauer bezeicimen kann. 

Es kommt audi vor, daB Menschen durdi ein trau- 
matisdies, die bisherigen Grundlagen ihres Lebens er- 
sdiGttemdes Ereignis so zum Stillstand gebracht werden, 
daß sie jedes Interesse für Gegenwart und Zukunft auf- 
geben und dauernd in der seelischen Beschäftigung mit 
der Vergangenheit verharren, aber diese Unglücklidien 
brauchen dabei nicht neurotisdi zu werden. Wir wollen 
also diesen einen Zug für die Charakteristik der Neu- 
rose nicht überschätzen, so regelmäßig und so bedeutsam 
er sonst sein mag;. 

Nun aber zum zweiten Ergebnis unserer Analysen, 
für welches wir eine nachträglidie Einschränkung nicht 
zu besorgen haben. Wir haben von unserer ersten 
Patientin mitgeteilt, weldie sinnlose Zwangshandlung sie 
ausführte und weldie intime Lebenserinnerung sie als 
dazugehörig erzählte, haben auch später das Verhältnis 
zwisdien den beiden untersudit und die Absicht der' 
Zwangshandlung aus dieser Beziehung zur Erinnerung 
erraten, Aber ein Moment haben wir völlig beiseite ge- 



2S6 DRnTF.R TEIL: ALLÜEMElNh NEUROSENLEHRE 

lassen, das unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Si^. 
laiige die Patientin auch die Zwangshan diung wieder- 
holte, wußte sie nichts davon, daß sie mit ilu: an jenes 
Erlebnis anknüpfte. Der Zusammenhang zwischen den 
beiden war ihr verborgen; sie mußte wahrheitsgemäß 
antworten, sie wisse nidit, unter welchen Antrieben sie 
dies tue. Dann traf es sich unter dem Einflüsse der 
Kurarbeit plötzlich einmal, daß sie jenen Zusammen- 
hang auffand und mitteilen konnte. Aber nod> immer 
wußte sie von der Absidit nidits, in deren Dieiist sie 
die Zwangshandlung ausführte, der Absicht, ein pein- 
liches Stüdc der Vergangenheit zu korrigieren und den 
von ihr geliebten Mann auf ein höheres Niveau zu 
stellen. Es dauerte ziemlich lange und kostete viel Mühe 
bis sie begriffen und mir zugestanden hatte, daß eia 
solches Motiv allehi die treibende Kraft der Zwangs- 
handlung gewesen sein könnte. 

Der Zusammenhang mit, der Szene nach der ver- 
unglückten Hochzeitsnaeht und das zärtliche Motiv der 
Kranken ergeben mitflammen das, was wir den «Sinn" 
der Zwangshandlung genannt haben. Aber dieser Sinn 
war ihr nadi beiden Richtungen, dem „woher" wie dem 
„wozu" unbekannt gewesen, während sie die Zwangs- 
handlung ausführte. Es. hatten also seelische Vorgänge« 
in ihr gewirkt, die Zwangshandlung war eben derea< I 
Wirkung; sie hatte die Wirkung in normaler seelischer 
Verfassung wahrgenommen, aber nichts von den seelischen 
Vorbedingungen dieser Wirkung war zur Kenntnis ihres 
Bewußtseins gekommen. Sie hatte sich ganz ebenso be- 
nommen wie ein Hypnotisierter, dem Bernheim den» 
Auftrag erteilte, fünf Minuten nach seinem Erwachen, 
im Krankensaal einen Regenschirm aufzuspannen, de« 
diesen Auftrag im Wachen ausführte, aber kein Motiv 
für sein Tun anzugeben wußte. Einen aolchen Sachverlialt 
haben wir im Auge, wenn wir von der Existenz unbe- 
wußter seelischer Vorgänge reden. Wir dürfen allö' 
Welt herausfordern, von diesem Sachverhalt auf eioe. 



I 



DIE FIXIERUNG AN DAS TRAUMA , DAS UHBE'XftJSS'i'E irf 

Iiorrektere wissenschaftliche Art Rechenscliaft zu geben, 
mid vioüen dann gern auf die Annahme imbewußter 
seelisdier Vorgänge verzichten. Bis dahin werden wir 
aber an dieser Annahme festhalten und wir müssen es 
mit resigniertem Achselzudcen ais unbegreiflich abweisen,' 
v/enn uns jemand einwenden wil!, das Unbewußte sei 
hier nichts im Sinne der Wissenschaft Reales, ein Not-' 
behelf, une fa5on de parier. Etwas nicht Reales, von 
dem so real greifbare Wirkungen ausgeben wie ein« 
Zwangshandlung! 

Im Grunde das nämliche treffen wir bei unserer 
zweiten Patientin an. Sie hat ein Gebot geschaffen, das 
Polster ' dürfe die Bettwand nicht beriiliren^ und muß 
dieses Gebot befolgen, aber sie weiß nicht. Woher es 
stammt, was es bedeutet und welchen Motiven es seioe 
Macht verdankt. Ob sie es selbst als indifferent be- 
trachtet oder sidi dagegen sträubt, dagegen wütet, sich 
vornimmt, es zu übertreten, ist für seine Ausführung' 
gleichgültig. Es muß befolgt werden, und sie fragt sich 
vergeblich, warum. Man muß doch bekennen, in diesen' 
Symptomen der Zwangsneurose, diesen Vorstellungen; 
und Impulsen, die auftaudien, man weiß nicht woher,' 
sich so resistent gegen alle Einflüsse des sonst normalen 
Seelenlebens benehmen, den Kranken selbst den Ein-' 
drudc machen, als wären sie übergewaltige Gäste aus 
einer fremden Welt, Unslerblidie, die sich in das Ge- 
wühl der Sterblidien geraengt haben, ist wohl der deut- 
lidiste Hinweis auf einen besonderen, vom übrigen ab-' 
geschlossenen Bezirk des Seelenlebens gegeben. Von 
ihnen aus führt ein nidil zu verfehlender Weg zur 
Oberzeugung von der Existenz des Unbewußten in der 
Seele, und gerade darum weiß die klinische Psydiiatrie,' 
die nur eine ßewußtseinspsychologie kennt, mit ihnen 
nidits anderes anzufangen, als daß sie sie für die Anzeichen 
einer besonderen Degenerationsweise ausgibt. Natürlich 
«nd die Zwangsvorstellungen und Zwangs! mpulse nidit 
selbst unbewußt so wenig wie die . Ausführung der 



m DRITTER TEIL! ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

Zwangshandlungen der bewußten Wahrnehmung entgeht ^ 
Sie wären nicht Symptome geworden, wenn sie nidit 
Kum BewuStsein durchgedrungen wären. Aber die psy, 
diisdieo Vorbedingungen, die wir durch die Analyse 
für sie erschlieSen, die Zusammenhänge, in welche wir sie 
durdi die Deutung einsetzen, sind unbewußte, wenigstens 
Bo lange, bis wir sie dem Kranken durch die Arbeit 
der Analyse zu bewußten gemacht haben. 

Nun nehmen Sie hinzu, daß dieser bei unseren beiden 
Fällen festgestellte Sachverhalt sich bei allen Symptomen 
aller neurotischen Erkrankungen bestätigt, daß immer 
und überall der Sinn der Symptome dem Kranken un- 
b^annt ist, daß die Analyse regelmäßig zeigt, diese 
Symptome seien Abkömmlinge unbewußter Vorgänge, 
die sich aber unter mannigfaltigen günstigen Bedin- 
gungen bewußt madien lassen, so werden Sie verstehen, 
daß wir in der Psychoanalyse das unbewußte Seelische 
nidit entbehren können und gewohnt sind, mit ihm wie 
mit etwas sinnlich Greifbarem zu operieren. Sie werden 
aber vielleicht audi begreifen, wie wenig urteilsfähig in 
dieser Frage alle anderen sind, die das Unbewußte nur 
als Begriff kennen, die nie ana3ysiert, nie Träume ge- 
deutet oder neurotische Symptome in Sinn und Absidit 
umgesetzt haben. Um es für unsere Zwecke nochmals 
auszusprechen: Die Möglichkeit, den neurotischen Symp- 
tomen durch analytisdie Deutung eine^ Sinn zu geben, 
ist ein unerschütterlicher Beweis für die Existenz — 
oder, wenn Sie so lieber wollen, für die Notwendigkeit 
der Annahme — unbewußter seelischer Vorgänge 

Das ist aber nicht alles. Dank einer zweiten Ent', 
deckung von Breuer, die mir sogar als die inhaIts-> 
reichere erscheint, und in welcher er keine Genossen. 
hat, erfahren wir von der Beziehung zwischen dem Un- 
bewußten und den neurotischen Symptomen nodi mehr, 
Nidit nur, daß der Sinn der Symptome regelmäßig un- 
bewußt ist; es besteht auch ein Verhältnis von Ver- 
tretung zwischen dieser Unbewußtheit und der Existenz^ 



I 



XVin. DIE FIXIERUWG AN DAS TRAUMA, DAS uriBEWUSSTE aS; 

mSglitJikeit der Symptome. Sie werden midi bald ver- 
stehen. Ich will mit Breuer folgendes behaupten; Jedes- 
jaal, wenn wir auf ein Symptom stoßen, dürfen wir 
schließen, es bestehen bei dem Kranken bestimmte un- 
bewußte Vorg-äng'e, die eben den Sinn des Symptoms 
enthalten. Aber es ist auch erforderlich, daß dieser Sinn 
unbewußt sei, damit das Symptom zu stände komme. 
Aus bewußten Vorgängen werden Symptome niclit ge- 
yidet; sowie die betreffenden unbewußten bewußt ge- 
worden sind, muß das Symptom verseil winden. Sie er- 
[iennen hier mit einem Male einen Zugang zur Therapie, 
einen Weg, Symptome zum Verschwinden zu bringen. 
Auf diesem Wege hat Breuer in der Tat seine hyste- 
lische Patientin hergestelit, das heißt von ihren Symp- 
tomen befreit; er fand eine Technik, ihr die unbewußten 
Vorgänge, die den Sinn des Symptoms enthielten, zum 
Bewußtsein zu bringen, und die SjTnptome verschwanden. 

Diese Entdeckung von Breuer war nidit das Er- 
gebnis einer Spekulation, sondern einer glüdcliclien, durch 
das Entgegenkommen des Kranken ermöglichten Beob- 
achtung. Sie sollen sidi jetzt auch nicht damit quäJen 
wollen, sie durch Zurüdcführung auf etwas anderes, 
ibereits Bekanntes zu verstehen, sondem sollen eine neue 
fundamentale Tatsache in ihr erkennen, mit deren Hilfe 
vieles andere erklärlich werden wird. Gestatten Sie mir 
darum, daß ich Ihnen dasselbe in anderen Ausdrucjts- 
weisen wiederhole. 

Die SjTnptombildung ist ein Ersatz für etwas anderes, 
was unterblieben ist Gewisse seelische Vorgänge hätten 
«dl normalerweise so weit entwidteln sollen, daß das 
Bewußtsein Kunde von ihnen erhielte. Das ist nidit 
geschehen, imd dafür ist aus den unterbrochenen, irgend- 
wie gestörten Vorgängen, die imbewußt bleiben mußten, 
das Sjmiptom hervorgegangen. Es ist also etwas wie 
eine Vertausdiung vorgefallen; wenn es gelingt, diese 
rückgängig zu machen, hat die Therapie der neurotischen 
Symptome ihre Aufgabe gelöst. ' .j 

Freud, VoflcAungen IS' 



200 nRlTTER TEIL; ALl-KEMEINE NEUROSENtEHBF. 

Der Breuersdie Fund ist noch heute die Grunii 
läge der psychoanalytischeu Therapie, Der Salz, daß 
die S3'mplome verschwinden, wenn man ihre unbewußten 
Vorbedingungen bewußt gemacht hat, ist durch alle 
weitere Forsdiung bestätigt worden, obgleich man 
den merkwürdigsten und unerwartetsten Komplikationen 
begegnet, wenn man den Versuch seiner praktischen 
Durchführung unternimmt. Unsere Therapie wirkt da- 
durch, daß sie Unbewußtes in Bewußtes verwandelt, 
und wirkt nur, insoweit sie in die Lage kommt, diese 
Verwandlung durchzusetzen. 

Nun rasch eine kleine Abscliweifung, damit Sie nicht 
in die Gefahr kommen, sicli diese therapeutisclie Arbeit 
als zu leicht vorzustellen. Nach unseren bisherigen Aus- 
führungen wäre ja die Neurose die Folge einer Art von 
Unwissenheit, des Nichtwissens um seelisdie Vorgänge, 
von denen man wissen sollte. Das würde eine starke 
Annäherung an bekannte sokratische Lehren sein, denen 
zufolge selbst die Laster auf einer Unwissenheit beruhen. 
Nun wird es dem in der Analyse erfahrenen Arzt in der 
Regel sehr leidit zu erraten, welche seelische Regungen 
bei dem einzelnen Kranken unbewußt geblieben sind. 
Es dürfte ihm also audi nicht schwer fallen, den Kranken 
herzustellen, indem er ihn durch Mitteilung seines Wissens 
von seiner eigenen Unwissenheit befreit. Wenigstens der 
eine Anteil des unbewußten Sinnes der Symptome wäre 
auf diese Weise Icidit erledigt, vom anderen, vom 
Zusammenhang der Symptome mit den Erlebnissen der 
Kranken kann der Arzt freilich nicht viel erraten, denn 
er kennt diese Erlebnisse nicht, er muß warten, bis der 
Kranke sie erinnert und ihm erzählt. Aber auch dafür 
ließe sich in manchen Fällen ein Ersatz finden. Man 
kann sich bei den Angehörigen des Kranken nacli dessen 
Erlebnissen erkundigen, und diese werden häufig in der 
Lage sein, die traumatisch wirksamen unter ihnen zu 
erkennen, vielleidit sogar solche Erlebnisse mitzuteilen, 
von denen der Kranke nidits weiß, weil sie in sehr 



XVin. DIE FiXlERUNG Afl DAS TRAUMA, DAS UNBEWUSSTE 791 

frühe Jahre seines Lebens g-efallen sind. Durdi eine 
Vereinigung dieser beiden Verfahren hätte man also 
Aussicht, der pathogenen Unwissenheit des Kranken in 
kurzer Zeit und mit geringer Mühe abzuhelfen. 

Ja, wenn das so ginge! Wir haben da Erfahrungen 
gemadit, auf welche wir anfangs nicht vorbereitet waren. 
Wissen und Wissen ist nicht dasselbe; es gibt verschie- 
dene Arten von Wissen, die psychologisdi gar nicht 
gleidiwertig sind. li y a fagots et fagots, heißt es ein- 
mal bei Moliere. Das Wissen des Arztes ist nicht das- 
selbe wie das des Kranken und kann nicht dieselben 
Wirkungen äußern. Wenn der Arzt sein Wissen durch 
Mitteilung auf den Kranken überträgt, so hat dies keinen 
Erfolg. Nein, es wäre unrichtig, es so zu sagen. Es hat 
nicht den ErfoIg,"die Symptome aufzuheben, sondern 
den anderen, die Analyse in Gang zu bringen, wovon 
Äußerungen des Widerspruches häufig die ersten An- 
aeichen sind. Der Kranke weiß dann etwas, was er bisher 
nicht gewußt hat, den Sinn seines Symptoms, und er 
weiß ihn doch ebensowenig wie vorhin. Wir erfahren 
iSo, es gibt mehr als eine Art von Umvissenheit. Es wird 
■eine gewisse Vertiefung unserer psychologischen Kennt- 
nisse dazu gehören, um uns zu zeigen, worin die Unter- 
schiede bestehen. Aber unser Satz, daß die Symptome 
mit dem Wissen um ihren Sinn vergehen, bleibt darum 
■doch richtig. Es kommt nur dazu, daß das Wissen auf 
«iner inneren Veränderung im Kranken beruhen muß, 
ivie sie nur durch eine psychische Arbeit mit bestimmtem 
■Ziel hervorgerufen werden kann. Hier stehen wir vor 
Problemen, die sich uns bald zu einer Dynamik dur 
Symptombildung zusammenfassen werden. 

Meine Herren! Ich muß jetzt die Frage anfwerfen, 

Iäst Ihnen das, was ich Ihnen sage, nicht zu dunkel und 
kompliziert? Verwirre idi Sie nicht dadurdi, daß ich so 
oft zurücknehme und einschränke, Gedankengänge an- 
spinne und dann;,fallen lasse?, Es sollte mir leid tun,^ 
-wenn es so wäre. Ich habe aber eine starke Abneigung' 



'Bl DRITIER TtllL: ALLGi^lEINE NEUROSENLEHRE 

gegen Vereinfachungen auf Kosten der Wahrheitstreue, 
habe nichts dagegen, wenn Sie den vollen Eindruck von 
der Vielseitigkeit und Verwobenheit des Gegenstandes 
empfangen, und denke mir auch, es ist kein Schaden 
dabei, wenn idi Ihnen zu jedem Punkte mehr sage, als 
Sie augenblicklich verwerten können. Ich weiß dodi, daß 
jeder Hörer und Leser das ihm Dargebotene in Gedanken 
zurichtet, verkürzt, vereinfacht und herauszieht, was er 
behalten mochte. Bis zu einem gewissen Maß ist es wohl 
riditig, daß um so mehr übrig bleibt, je reichlicher vor- 
handen war. Lassen Sie mich hoffen, daß Sie dasWesent- 
lidie an meinen Mitteilungen, das über den Sinn der 
Symptome, über das Unbewußte und die Beziehung 
zwisclien beiden, trotz alles Beiwerkes klar erfaßt haben. 
Sie haben wohi auch verstanden, daß unsere weitere 
Bemühung nach zwei Richtungen gehen wird, erstens um 
zu erfahren, wie Mensdien erkranken, zur Lebe nseinstellung 
der Neurose gelangen können, was ein klinisches Problem 
ist, und zweitens, wie sich aus den Bedingungen der 
Neurose die krankhaften Symptome entwidceln, was ein 
Problem der seelisdien Dynamik bleibt Für die beiden 
Probleme muß es auch irgendwo einen Treffpunkt geben. 
Ich will auch heute nidit weiter gehen, aber da unsere 
Zeil nodi nicht um ist, gedenke ich, Ihre Aufmerksamkeit 
auf einen anderen Charakter unserer beiden Analysen 
zu lenken, dessen volle Würdigung wiederum erst später 
erfolgen kann, auf die Erinnerungslücken oder Amnesien. 
Sie haben gehört, daß man die Aufgabe der psyclio- 
analytisdien Behandlung in die Formel fassen kann, alles 
pathogene Unbewußte in Bewußtes umzusetzen. Nun 
werden Sie vielleidit erstaunt sein zu erfahren, daß man 
diese Formel auch durch die andere ersetzen kann, alle 
ELrinnerungslücken der Kranken auszufüllen, seine Am- 
nesien aufzuheben. Das käme auf dasselbe hinaus. Den 
Amnesien des Neurotikers wird also eine wichtige Be- 
?ie!iung zur Entstehung seuier Symptome zugeschrieben.-! 
Wemi Sie aber den Fall unserer ersten Analyse in Be- 



\ 



XVIU. DIE FIXIERUHG AN DAS TRAUMA. DAS UNBlTit'USSTE iS3 

i.traciit ziehen, werden Sie diese Einschätzung- der Amnesie 

linicht berechtigt finden. Die Kranke hat die Szene, an 
welche ihre Zwangshandlung anknüpft, nicht vergessen, 
im Gegenteil in lebhafter Erinnerung bewahrt, und etwas 
; anderes Vergessenes ist bei der Entstehung dieses Symp- 

t:toms auch nicht im Spieie. Minder deutlich, aber doch 
lim ganzen analog ist die Sachlage bei unserer zweiten 
Patientin, dem Mädchen mit dem Zwangszeremoniell. 
lAuch sie hat das Benehmen ihrer früheren Jahre, die 
iTatsachen, daß sie auf der Eröffnung derTiJre zwischen 

■ dem Sdilafzimmer der Eltern und ihrem eigenen bestand, 
■und daß sie die Mutter aus ihrer Stelle im Ehebett 
'vertrieb, eigentüdi nidit vergessen; sie erinnert sich daran 
■sehr deutlich, wenn auch zögernd und ungern. Als auf- 

|ifallig können wir nur betrachten, daß die erste Patientin, 

[jwenn sie ihre Zwangshandlung ungezählte Male ausführte, 
nicht ein Mal an deren Ähnlichkeit mit dem Erlebnis 
rnacli der Hochzeitsnaclit gemahnt wurde, und daß sieb 

'diese Erinnerung auch nicht einstellte, als sie durch direkte 
'Fragen zur NachforschungüberdieMoti vierung der Zwangs- 
Ihandlung aufgefordert wurde.Dasselbe gilt fürdasMädchen, 

Hbei dem das Zeremoniell und seine Anlässe überdies auf 
idie nämliche, allabendlich wiederholte Situation bezogen 
■wird. In beiden Fällen besteht keine eigentliche Amnesie, 
kein Erinnerungsausfall, aber es ist ein Zusammenhang 
unterbrochen, der die Reproduktion, das Wiederauftauchen 
in der Erinneriing, herbeiführen sollte. Eine derartige 
Störung des Gedächtnisses reicht für die Zwangsneurose 

Ihin, bei der Hysterie ist es anders. Diese letztere Neurose 
ist meist durch ganz großartige Amnesien ausgezeichnet. 
fc der Regel wird man bei der Analyse jedes einzelnen 
hysterischen Symptoms auf eine ganze Kette von Lebens- 
eindrücken geleitet, die bei ihrer Wiederkehr ausdrück- 
lich als bisher vergessen bezeichnet werden. Diese Kette 
reicht einerseits bis in die frühesten Lebensjahre zurück, 
So daß sidi die hysterische Amnesie als unmittelbare Fort- 
setzung der infantilen Amnesie erkennen läßt, die uns 



191 DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

Normalen die Anfänge unseres Seelenlebens verdedct. 
Anderseits erfahren wir mit Erstaunen, daß auch die 
jiinffsten Erlebnisse der Kranken dem Vergessen ver- 
fallen sein können, und daß insbesondere die Anlässe, 
bei denen die Krankheit ausgebrochen oder verstäi'kt 
worden ist, von der Amnesie angenagt, wenn nicht ganz 
verschlungen worden sind. Regelmäßig sind aus dem Ge- 
samtbild einer solchen rezenten Erinnerung widitige Ein- 
zelheiten geschwunden oder durdi Erinnemngsfälschungen 
ersetzt vrorden. Ja es ereignet sich wiederum fast regel- 
mäßig, daß erst kurz vor dem Absdiluß einer Analyse 
gewisse Erinnerungen an frisch Erlebtes auftauchen, die 
so lange zuriidtgeh alten werden konnten und fühlbare 
Lüclcen im Zusammenhange gelassen hatten. 

Solche Beeinti'ächtigungen des Erinnerungsvermögens 
sind, wie gesagt, für die Hysterie charakteristisch, bei 
welcher ja auch als Symptome Zustände auftreten (die 
hysterischen Anfälle), die in der Erinnerung keine Spur 
zu hinterlassen brauchen. Wenn es bei der Zwangsneu- 
rose anders ist, so mögen Sie daraus schließen, daß es 
sich bei diesen Amnesien um einen psychologischen 
Charakter der hysterischen Veränderung und nicht um 
einen allgemeinen Zug der Neurosen überhaupt handelt 
Die Bedeutung dieser Differenz wird durch folgende 
Betrachtung eingeschränkt werden. Wir haben als den 
„Sinn" eines Symptoms zweierlei zusammengefaßt, sein 
Woher und sein Wohin oder Wozu, das heißt die Ein- 
drücke und Erlebnisse, von denen es ausgeht, und die 
Absichten, denen es dient. Das Woher eines Symptoms 
löst sich also in Eindrücke auf, die von außen gekommen 
sind, die notwendigerweise einmal bewußt waren und 
seither durch Vergessen unbewußt geworden sein mögen. 
Das Wozu des Symptoms, seine Tendenz, ist aber jedes- 
mal ein endo psych isdi er Vorgang, der möglicherweise 
zueist bewußt geworden ist, aber ebensowohl niemals 
bewußt war und von jeher im Unbewußten verblieben 
ist. Es ist also nidit sehr wielitig, ob die Amnesie audi 



XVill - DIE FIXIERUNG AN DAS TRAUMA, DAS UKBEWUSSTE 7K 

das Woher, die Erlebnisse, auf die sich das Symptom 
Etiitzt. ergriffen hat, wie es bei der Hysterie geschieht; 
das Wohin, die Tendenz des Symptoms, die von Anfang 
an unbewußt gewesen sein kann, ist es, die die Ab- 
hängigkeit desselben vom Unbewußten begründet, und 
jwar bei der Zwangsneurose nicht weniger fest als bei 
^r Hysterie. 

Mit dieser Hervorhebung des Unbewußten im Seelen- 
leben haben wir aber die bösesten Geister der Kritik 
gegen die Psydioanalyse aufgerufen. Wundem Sie sich 
darüber niclit und glauben Sie auch nicht, daß der Wider- 
stand gegen uns nur an der begreiflichen Sdiwierigkeit 
des Unbewußten oder an der relativen Un Zugang! ichkeit 
der Erfahrungen gelegen ist, die es erweisen. Ich meine, 
er kommt von tiefer her. Zwei große Kränkungen ihrer 
nwven Eigenliebe bat die Menschheit im Laufe der Zeiten 
von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als 
sie erfuhr, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des 
Weltalls ist, sondern ein winziges Teilchen eines in seiner 
Größe kaum vorstellbaren Wellsystems. Sie knüpft sich 
für uns an den Namen Kopernikus, obwohl sclion die 
alexandrinische Wissenschaft ähnliches verkündet hatte. 
Die zweite dann, als die biologische Forschung das 
angebliche Scliöpfungsvorrecht des Menschen zu nidite 
machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich und 
die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies. 
Diese Umwertung hat sicli in unseren Tagen unter dem 
Einfluß von Ch. Darwin, Wallace und ihren Vor- 
gängern niclit ohne das heftigste Sträuben der Zeit- 
genossenvollzogen. Die dritte undempfindlichsteKränkung 
aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige 
psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nach- 
weisen will, daß es nicht einmal Herr ist im eigenen 
Hause, sondern auf kärgliche Nachriditen angev/iesen 
bleibt von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben 
vorgeht Auch diese Mahnung zur Einkehr haben wir 
Psyclioanalytiker nicht zuerst und nicht als die einzigen 



296 DRITTERTEIL: ALLCEMEINE NEUROSENLEHRE 

vorgetragen, aber es scheint uns beschieden, sie am e!n- 
öringliclisten zu vertreten und durch Erfahrungsmaie rial 
das jedem einzelnen nahegeht, zu erhärten. Daher die 
allgemeine Auflehnung gegen unsere Wissenschaft, die 
Versäumnis aller Rüdcsiditen akademischer Urbanität und 
die Entfesselung der Opposition von allen Zügeln un- 
parteiischer Logik, und dazu kommt nodi, daß wir den 
Frieden dieser Welt noch auf andere Weise stören mußten 
wie Sie bald hören werden. 



XK. VORLESUNG 

WIDERSTAND UND VERDRÄNGUNG 

Meine Damen und Herren! Um im Verständnis der 
Neurosen weiter zu kommen, bedürfen wir neuer 
Elrfahrungen, und wir machen deren zwei. Beide sehr 
merkwürdig und seinerzeit sehr überraschend, Sie sind 
freilich auf beide durdi unsere vorjährigen Besprechungen 
vorbereitet. 

Erstens: Wenn wir es unternehmen, einen Kranken 
herzustellen, von seinen Leidenss)miptomen zu befreien, 
so setzt er uns einen heftigen, zähen, über die ganze 
Dauer der Behandlung anhaltenden Widerstand entgegen, 
Das ist eine so sonderbare Tatsache, daß wir nicht viel 
Giauben für sie erwarten dürfen. Den Angehörigen des 
Kranken sagen wir am besten nichts davon, denn diese 
meinen nie etwas anderes, als es sei eine Ausrede von 
uns, um die lange Dauer oder den Mißerfolg unserer 
Behandlung lii entsdiuldigen. Auch der Kranke produ- 
ziert alle Phänomene dieses Widerstandes, ohne ihn als 
solchen zu erkennen, und es ist bereits ein großer 
Erfolg, wenn wir ihn dazu gebracht haben, sich in 
diese Auffassung zu finden und mit ihr zu rechnea 
Denken Sie doch, der Kranke, der unter seinen Symp- 
tomen so leidet und seine Nächsten dabei mitleiden läßt^ 
der so viele Opfer an Zeit, Geld, Mühe und Selbsli 






Inbefwindungf auf sich nehmen will, um von ilmen be- 
j freit zu werden, der sollte sich im Interesse seines Krank- 
fseins gegen seinen Helfer sträuben. Wie unwalirsdiein- 
^lich muß diese Behauptung klingen! Und doch ist es 
tso, und wenn man uns diese Un Wahrscheinlichkeit vor- 
f'h^]t, so brauchen wir nur zu antworten, es sei niclit 
tohne seine Analogien, und jeder, der wegen unerträg-- 
klidier Zahnschmerzen den Zahnarzt autgesucht hat, sei 
, (Jiesetn wohl in den Ami gefallen, wenn er sich dem 
Iknuiken Zahn mit der Zange nähern wollte. 

Der Widerstand der Kranken ist sehr mannigfaltig, 
^1 hoch st raffiniert, oft schwer zu erkennen, wechselt 
I proteusartig die Form seiner Erscheinung, Es heißt für 
»den Arzt mißtrauisch sein und auf seiner Hut gegen 
^ihn bleiben. Wir wenden ja in der psychoanalytisÄen 
"herapie die Tetinik an, die Ihnen von der Traum- 
deutung her bekannt ist. Wir legen es dem Kranken 
auf, sich in einen Zustand von ruhiger Selbstbeobachtung 
ohne Nachdenken zu versetzen und alles mitzuteilen, 
vras er dabei an inneren Wahrnehmungen machen kann: 
|(jGefuhle, Gedanken, Erinnerungen, in der Reihenfolge, 
der sie in ihm auftauchen. Wir warnen ihn dabei 
kausdrijcklidi, irgend einem Motiv nachzugeben, weldies 
j.BJne Auswahl oder Ausschließung unter den Einfällen 
|. erzielen möchte, möge es lauten, das ist zu unan- 
l'genehm oder zu indiskret, um es m sagen, oder 
tiias ist zu unwichtig, es gehört nicht hieher, oder das 
|Hst unsinnig, braudit nidit gesagt zu werden. Wir 
adiärfen ihm ein, immer nur der Oberfläche seines 
fiBewußtseins zu folgen, jede wie immer geartete Kritik 
I gegen das, was er findet, zu unterlassen, und vertrauen 
^ihm an, daß der Erfolg der Behandlung, vor allem aber 
äie Dauer derselben von der Gewissenhaftigkeit ab- 
hängt, mit der er diese technisdie Grundregel der Analyse 
befolgt Wir wissen ja von der Tedinik der Traum- 
deutung, daß gerade soldie Einfälle, gegen welche sidi 
die aufgezählten Bedenken und Einwendungen erheben, 



»S DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

regelmäßig das Material enthalten, weldies zur Auf- 
deckung des Unbewußten hinführt. 

Durch die Aufstellung dieser technischen Grundregel 
erreichen wir zunächst, daß sie zum Angriffspunkt des 
Widerstandes wird. Der Kranke sucht sich ihren Be- 
stimmungen auf jede Art zu entwinden. Bald behauptet 
er, es fiele ihm niclits ein, bald, es dränge steh ihm so 
vieles auf, daß er nichts zu erfassen vermöge. Dann 
merken wir mit mißvergnügtem Erstaunen, daß er bald 
dieser, bald jener kritischen Einwendung nadigegeben 
hat; er verrät sich uns nämlich durch die langen Pausen, 
die er in seinen Reden eintreten läßt. Er gesteht dann 
zu, das könne er wirklich nicht sagen, er schäme sich, 
und läßt dieses Motiv gegen sein Versprechen gelten, 
Oder es sei ihm etwas eingefallen, aber es betreffe 
eine andere Person als ihn selbst und sei darum von 
der Mitteilung ausgenommen. Oder, was ihm jetzt ein- 
gefallen, sei wirklich zu unwichtig, zu dumm und zu un- 
sinnig; ich könne doch nicht gemeint haben, daß er auf 
solche Gedanken eingehen solle, und so geht es in un- 
übersehbaren Variationen weiter, wogegen man zu er- 
klären hat, daß alles sagen wirklich alles sagen bedeutet. 

Man trifft kaum auf einen Kranken, der nicht den 
Versuch machte, irgendein Gebiet für sich zu reservieren, 
um der Kur den Zutritt zu demselben zu verwehren. 
Einer, den ich zu den Hödistintelligenten zählen mußte, 
verschwieg so wochenlang eine intime Liebesbeziehung 
und verteidigte sich, wegen der Verletzung der heiligen 
Regel zur Rede gestellt, mit dem Argument, er habe 
geglaubt, diese eine Geschii;Jitc sei seine Privatsache, 
Natürlich verträgt die analytische Kur ein solches Asyl- 
recht niclit. Man versuche es etwa in einer Stadt wie 
Wien für einen Platz wie der Hohe Markt oder für 
die Slephanskirche die Ausnahme zuzulassen, daß dort 
keine Verhaftungen stattfinden dürfen, und mühe sich 
dann ab, einen bestimmten Missetäter einzufangen. Er 
wird an keiner anderen Stelle als an dem Asyl zu finden 



XIX, 'WIDERSTAND UND VERDRÄNGUNG 399 

sein. Ich entschloß mich einmal, einem Mann, an dessen 
Leistungsfähigkeit objektiv viel gelegen war, ein solclies 
Ausnahmsrechl zuzugestehen, denn er stand unter einem 
Diensteid, der ihm verbot, von bestimmten Dingen einem 
anderen Mitteilung zu machen. Er war alierdings mit 
dem Erfolg zufrieden, aber icli nicht; ich setzte mir vor, 
einen Versuch unter solchen Bedingungen nicht zu 
vriederholen. 

Zwangsneurotiker verstehen es ausgezeicJinet, die 
technisdie Regel fast unbrauchbar zu machen, dadurch, 
daß sie ihre Übergewissenhaftigkeit und ihren Zweifel 
auf sie einstellen, Angsthysteriker bringen es gelegent- 
jicli zu Stande, sie ad absurdum zu führen, indem sie 
nur Einfälle produzieren, die so weit von dem Gesuditen 
entfernt sind, daß sie der Analyse keinen Ertrag bringen. 
Aber ich beabsichtige nicht, Sie in die Behandlung dieser 
technischen Sdiwierigk eilen einzuführen. Genug, es ge- 
lingt endlidi, durch Entschiedenheit und Beharrung dem 
Widerstand ein gewisses Ausmaß von Gehorsam gegen 
die tedmisdie Grundregel abzuringen, und dann wirft 
er sidi auf ein anderes Gebiet. Er tritt als intellektueller 
Widerstand auf, kämpft mit Argumenten, bemächtigt 
sich der Schwierigkeiten und Unwahrsdieinlidikeiten, 
welche das normale, aber nidit unterriditete Denken 
an den analytisdien Lehren findet. Wir bekommen dann 
alle Kritiken und Einwendungen von dieser einzelnen 
Stimme zu hören, die uns in der wissenschaftlichen 
Literatur als Chorus umbrausen. Daher uns auch nichts 
unbekannt klingt, was man uns von draußen zuruft. 
Es ist ein richtiger Sturm im Wasserglas, Dodi der 
Patient läßt mit sich reden; er will uns gern da2u be- 
wegen, daß wir ihn unterriditen, belehren, widerlegen, 
ihn zur Literatur führen, an welcher er sich weiterbilden 
kann. Er ist gern bereit, ein Anhänger der Psycho- 
anaiyse zu werden, unter der Bedingung, daß die Ana- 
lyse ihn persönlidi verschont. Aber wir erkennen diese 
Wißbegierde als Widerstand, als Ablenkung von unseren 



afla DRrfTER fE'[LrÄiJ.GEMEINfe NEUBOSEMLEMRE 

speziellen Aufgaben, und weisen sie ab. Bei dem Zwangs, 
neurotiker haben wir eine besondere Taktik des Wider- 
standes zu erwarten. Er läßt die Analyse oft ungehemmt 
ihren Weg machen, so daß sie eine immer zunehmende 
Helligkeit über die Rätsel des Krankheitsfalles verbreiten' 
kann, aber wir wundem uns endlich, daß dieser Auf- 
klärung kein praktisdier Fortschritt, keine Abschwächung 
der Symptome entspricht. Dann können wir entdecken, 
daß der Widerstand sich auf den Zweifel der Zwangs- 
neurose zurüd:gezogen hat und uns in dieser Position 
erfolgreich die Spitze bietet. Der Kranke hat sich un- 
gefähr gesagt; Das ist ja alles recht schon und inter- 
essant. Ich will es aucii gern weiter verfolgen. Es würde 
meine Krankheit sehe andern, wenn es wahr wäre. Aber 
ich glaube ja gar nicht, daß es wahr ist, und solange 
ich es nicht glaube, geht es meine Krankheit nichts an. 
So kann es lange fortgehen, bis man endlich an diese 
reservierte Stellung selbst herangekommen ist, und nun 
der enlsdieidende Kampf losbricht 

Die intellektuellen Widerstände sind nicht die schlimm- 
sten; man bleibt ihnen immer überlegen. Aber der Patient 
versteht es auch, indem er im Rahmen der Analyse 
bleibt. Widerstände herzustellen, deren Überwindung 
zu den schwierigsten technischen Aufgaben gehört. Anstatt 
sieb zu erinnern, wiederholt er aus seinem Leben solche 
Einstellungen und Gefühlsregungen, die sich mittels der 
sogenannten „Übertragung" zum Widerstand gegen Arzt 
und Kur verwenden lassen. Er entnimmt dieses Material. 
wenn es ein Mann ist, in der Regel seinem Verhältnia 
zum Vater, an dessen Stelle er den Arzt treten läßt, 
und macht somit Widerstände aus seinem Bestreben 
nach Selbständigkeit der Person und des Urteiies, aus 
seinem Ehrgeiz, der sein erstes Ziel darin fand, es dem 
Vater gleichzutun oder ihn zu überwinden, aus seinem 
Unwillen, die Last der Dankbarkeit ein zweites Mal im 
Leben auf sid) zu laden. Streckenweise empfängt man 
so den Eindruck, als hätte beim Kranken die Absicht, 



XIX. WiPERSTAND UND TCKDRÄKOUKn 30i 

den Arzt ins Unrecht zu setzen, ihn seine Ohnmacht 
empfinden zu lassen, über ihn zu triumphieren, die 
bessere Absiclit, der Kranlcheit ein Ende zu maclien, 
völlig ersetzt. Die Frauen verstehen es meisterhaft, eine 
järtlitJie, erotisch betonte Obertragunsf auf den Arzt 
für die Zwecke des Widerstandes auszubeuten. Bei einer 
gewissen Höhe dieser Zuneigung erlischt jedes Intaresse 
für die aktuelle Situation der Kur, jede der Verpflich- 
tungen, die sie beim Eingehen in dieselbe auf sidi 
o-enommen hatten, und die nie ausbleibende Eifersucht 
sowie die Erbitterung über die unvermeidliche, wenn 
auch schonend vorgebradite Abweisung müssen d.izu 
dienen, das persönliche Einvernehmen mit dem Arzt zu 
verderben und so eine der mächtigsten Triebkräfte der 
Analyse auszusdi alten. 

Die Widerstände dieser Art dürfen nicht einseitig 
verurteilt werden. Sie enthalten so viel von dem wich- 
tigsten Material aus der Vergangenheit des Kranken 
und bringen es in so überzeugender Art wieder, daß 
sie zu den besten Stützen der Analyse werden, wenn 
eine geschickte Tedinik es versteht, ihnen die riditige 
Wendung zu geben. Es bleibt nur bemerkenswert, daß 
dieses Material zunächst immer im Dienste des Widei> 
Standes steht und seine der Behandlung feindselige 
Fassade voranstellt. Man kann auch sagen, es seien 
Charaktereigenschaften, Einstellungen des Ichs, welche 
zur Bekämpfung der angestrebten Veränderungen mobil 
gemacht werden. Man erfahrt dabei, wie diese CharaUter- 
eigenscliaften im Zusammenhang mit den Bedingungen 
der Neurose und in der Reaktion gegen deren An- 
sprüdie gebildet worden sind, und erkennt Züge dieses 
Charakters, die sonst nicht, oder nicht in diesem Aus- 
maße, hervortreten können, die man als latent bezeichnen 
kann. Sie sollen auch nicht den Eindrudc gewinnen, als 
erblickten wir in dem Auftreten dieser Widerstände 
eine unvorhergesehene Gefährdung der analytischen Beein- 
flussung. Nein, wir wissen, daß diese Widerstände zum 



3»? DRITTER TEri.; ALLGEMEINE NEUROSENl.EHRE 

Vorschein kommen müssen; wir sind nur unzuirieden 
wenn wir sie nicht deutüch genug liervorrufen und dem 
Kranken nidit klarmadien können, ja, wir verstehen 
endlich, daß die Überwindung dieser Widerstände die 
wesentliclie Leistung der Analyse und jenes Stüclt der 
Arbeit ist, welches uns allein zusichert, daß wir etwas 
beim Kranken zu stände gebracht haben. 

Nehmen Sie noch hinzu, daß der Kranke alle Zu- 
fälligkeiten, die sich während der Behandlung ergeben, 
im Sinne einer Störung ausnützt, jedes ablenkende Er- 
eignis außerhalb, jede Äußerung einer der Analyse 
feindseligen Autorität in seinem Kreise, eine zufällige 
oder die Neurose komplizierende organische Erkrankung, 
ja daß er selbst jede Besserung seines Zustandes als 
Motiv für ein Naclilassen seiner Bemühung verwendet 
so haben Sie ein ungefähres, noch immer niclit voll- 
ständiges Bild der Formen und der Mittel des Wider- 
standes gewonnen, unter dessen Bekämpfung jede Ana- 
lyse verläuft. Ich habe diesem Punkt eine so ausführliche 
Behandlung geschenkt, weil ich Ihnen mitzuteilen habe, 
daß diese unsere Erfahrung mit dem Widerstände der 
Neurotiker gegen die Beseitigung ihrer Symptome die 
Grundlage unserer dynamisdien Auffassung der Neu- 
rosen geworden ist. Breuer und ich selbst haben ur- 
sprünglich die Psychotherapie mit dem Mittel der Hyp- 
nose betrieben; Breuers erste Patientin ist durchwegs 
im Zustande hypnotischer Beeinflussung behandelt worden; 
ich bin ihm zunächst darin gefolgt Ich gestehe, die 
Arbeit ging damals leichter und angenehmer, auch in 
viel kürzerer Zeit, vor sich. Die Erfolge aber waren 
launenhaft und nicht andauernd; darum ließ ich endlidi 
die Hypnose fallen. Und dann vei-stand ich, daß eine 
Einsidit in die Dynamik dieser Affektionen nicht möglich 
gewesen war, solange man sich der Hypnose bedient 
hatte. Dieser Zustand wußte gerade die Existenz des 
Widerstandes der Wahrnehmung des Arztes zu ent- 
ziehen. Er schob ihn zurück, machte ein gewisses Gebiet 



I 



XIa. WIDERSTAND UND VERDRÄNGUNG 33H 

für die analytische Arbeit frei und staute ihn an den 
Grenzen dieses Gebietes so auf, daß er undurchdringlich 
wurde, ähnlich wie es der Zweifel bei der Zwangsneurose 
iuL Darum durfte idi auch sagen, die eigentlidie Psycho- 
analyse hat mit dem Verzicht auf die Milfc der Hyp- 
inose eingesetzt. 

Wenn aber die Konstatierung des Widerstandes so 
bedeutsam geworden ist, so dürfen wir woh! einem 
vorsichtigen Zv/cifel Raum geben, ob wir nicht allzu 
Iciditfertig in der Annahme von Widersiäiiden sind. 
Vielleicht gibt es wirklich neurotische Falle, in denen 
die Assoziationen sicli aus anderen Gründen versagen, 
vielleidit verdienen die Argumente gegen unsere Vor- 
aussetzungen wirklich eine inhaltliche Würdigung und 
wir tun Unrecht daran, die intellektuelle Kritik der 
Analysierten so bequem als Widerstand beiseite zu 
schieben. Ja, meine Herren, wir sind aber niclit leidit- 
hin zu diesem Urteil gekommen. Wir haben Gelegen- 
heit gehabt, jeden solchen kritischen Patienten bei dem 
Auftauchen und nach dem Sdi winden eines Wider- 
standes zu beobachten. Der Widerstand wecliselt nämlich 
im Laufe einer Behandlung bestandig seine Intensität; 
er steigt immer an, wenn man sich einem neuen Thema 
■nähert, ist am stärksten auf der Höhe der Bearbeitung 
■desselben und sinkt mit der Erledigung des Themas 
wieder zusammen. Wir haben es auch niemals, wenn 
wir nicht besondere technische Ungeschicklichkeiten be- 
gangen haben, mit dem vollen Ausmaß des Widerstandes, 
den ein Patient leisten kann, zu tun. Wir konnten uns 
also überzeugen, daß derselbe Mann ungezählte Male 
im Laufe der Analyse seine kritische Einstellung weg- 
wirft und wieder aufnimmt. Stehen wir davor, ein neues 
und ihm besonders peinliches Stiicli des unbewußten 
Materials zum Bewußtsein zu fördern, so ist er aufs 
äußerste kritisdi; hatte er früher vieles verstanden und 
angenommen, so sind diese Erwerbungen jetzt wie weg- 
gewischt; er kann in seinem Bestreben nach Opposition 



3M DRITTER TEILt ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

um jeden Preis völlig das Bild eines affektiv Schwach- 
sinnigen ergeben. Ist es gelungen, ihm zur Überwindung 
dieses neuen Widerstandes zu verhelfec, so bekommt 
er seine Einsicht und sein Verständnis wieder. Seine 
Kritik ist also keine selbständige, als solche zu respek- 
tierende Funktion, sie ist der Handlanger seiner affektiven 
Einstellungen und wird von seinem Widerstand dirigiert. 
Ist ihm etwas nicht recht, so kaim er sidi sehr scharf- 
sinnig d^egen wehren und sehr kritisch ersclieinen; paßt 
ihm aber etwas in seinen. Kram, so kann er sich dagegen 
sehr leichtgläubig zeigen. Vielleicht sind wir alle nicht 
viel anders; der Analysierte zeigt diese Abhängigkeit 
des Intellekts vom Affektleben nur darum so deutlidi, 
weil wir ihn in der Analyse in so große Bedrängnis 
bringen. 

Auf welche Weise tragen wir nun der Beobachtung 
Rechnung, daß sich der Kranke so energisch gegen die 
Absteilung seiner Symptome und die Herstellung eines 
normalen Ablaufes in seinen seelischen Vorgängen wehrt? 
Wir sagen uns, wir haben da starke Kräfte zu spüren 
bekommen, die sich einer Veränderung des Zustandes 
widersetzen; es müssen dieselben sein, die seinerieit 
diesen Zustand erzwungen haben. Es muß bei der Symp- 
tombildung etwas vor sich gegangen sein, was wir nun 
aus unseren Erfahrungen bei der Symptomlösung rekon- 
struieren können. Wir wissen schon aus der Breuersdien 
Beobachtung, die Existenz des Symptoms hat zur Vor- 
aussetzung, daß irgend ein seelischer Vorgang nicht in 
normaler Weise zu Ende geführt wurde, so daß er be- 
wußt wei-dea konnte. Das Symptom ist ein Ersatz für 
das, was da unterbUeben ist. Nun wissen wir, an welche 
Stelle wir die vermutete Kraftwirkung zu versetzen 
haben. Es muß sich ein heftiges Sträuben dagegen er- 
hoben haben, daß der fraglidie seelische Vorgang bis 
zum Bewußtsein vordringe; er bäieb darum unbewußt 
Als Unbewußtes hatte er die Macht, ein Symptom zu 
bilden. Dasselbe Sträuben widersetzt sidi während d< 



i 



XK. WIDERSTAND UND VERDRÄNGUNG 305 

analytisdien Kur dem Bemühen, das Unbewußte ins 
Bewußte überzuführen, von neuem. Dies verspüren wir 
als Widerstand. Der pathogen« Vorgang, der uns durch 
den Widerstand erwiesen wird, soll den Namen Vcr- 
dräng^ung erhaJten. ii« 

Über diesen Prozeß der Verdrängung müssen wir 
uns nun bestimmtere Vorstdlungen machen. Er ist die 
Vorbedingung der SjTnptombildung, aber er ist auch 
etwas, wozu wir nichts Ähnliches kennen. Nehmen wir 
einen Impuls, einen seehschen Vorgang mit dem Be- 
streben, sich in eine Handlung umzusetzen, als Vorbild, 
so wissen wir, daß er einer Abweisung unterliegen kann, 
die wir Verwerfung oder Verurteilung heißen. Dabei 
wird ihm die Energie, über die er verfügt, entzogen, 
CT wird maditlos, aber er kaim als Erinnerung bestehen 
bleiben. Der ganze Vorgang der Entscheidung über ihn 
läuft unter dem Wissen des Idis ab. Ganz anders, wenn 
wir uns denken, daß derselbe Impuls der Verdrängung 
unterworfen würde. Dann behielte er seine Energie und 
es würde keine Erinnerung an ihn übrig bleiben; auch 
würde sidi der Vorgang, der Verdrängung vom lA un- 
bemerkt vollziehen. Durdi diese Vergleichung kommen 
wir dem Wesen der Verdrängung also nicht näher. 

Ich will Einen auseinandersetzen, welche theoretischen 
Vorstellungen sich allein brauchbar erwiesen haben, um 
den Begriff der Verdfäagung an eine bestimmtere Gestalt 
ztt binden. Es ist vor allem dazu notwendig, daß wir 
von dem rein deskriptiven Sinn des Wortes „unbewußt" 
Buro systematischen Sinn desselben Wortes fortschreiten, 
das heißt wir entschließen uns zu sagen, die Bewußtheit 
oder UnbewußtLeit eines psychisdiän Vorganges ist nur 
eine der Eigenschaften desselben und nicht notwendig 
eine unzweideutige. Wenn ein solcher Vorgang unbewußt 
geblieben ist, so ist. diese Abhaltung vom Bewußtsein 
vielleicht nur ein Anzeichen des Scliidcsals, das er er- 
fahren hat, und nicht dieses Schicksal selbst. Um uns 
dieses Schicksal zu, vetsimilidieii, ^neluseii. jwjr.aii,' daß 

Freud. VarlcnungEQ 30 



306 DRrrfEH Ten.: allgemeine neukosenlehre 

jeder seeUsdie Vorg'ang- — es muß da eine später zu 
erwähnende Ausnahme zugegeben werden — zuerst in 
einem unbewußten Stadium oder Phase existiert und 
erst aus diesem in die bewußte Phase überg-ebt, etwa 
wie ein phofographischcs Bild zuerst ein Negativ ist 
und dann durdi den Positivprozess zum Bild wird. Nun 
muß aber niclit aus jedem Neg'ativ ein Positiv werden, 
und ebensowenig ist es notwendig, daß jeder unbewußte 
Seeleovoi^ang sich in einen bewußten umwandle. Wir 
drüdten uns mit Vorteil so aus, der einzelne Vorgancr 
gehöre zuerst dem psychischen System des Unbewußten 
an und könne dann unter Umständen in das System 
des Bewußten übertreten. 

Die rohesle Vorstellung von diesem Systemen ist die 
für uns bequemste; es ist die räumliche. Wir setzen 
also das System des Unbewußten einem großen Vorraum 
gleich, in dem sich die seelischen Regungen wie Einzel-i 
Wesen tummeln. An diesen Vorraum schließe sich ein' 
zweiter, engerer, eine Art Salon, in welchem auch das 
Bewußtsein verweilt Aber an der Schwelle zwisdien' 
beiden Räumlichkeiten walte ein Wächter seines Amtes;-' 
der die einzelnen Seelen reg ungen mustert, zensuriert 
und sie niclit in den Salon einläßt, wenn sie sein Miß- 
fallen erregen. Sie sehen sofort ein, daß es nicht viel 
Unterschied macht, ob der Wächter eine einzelne Regung 
bereits von der Sdiwelle abweist, oder ob er sie wiedefi 
über sie hinausweist, nachdem sie in den Salon einge- 
treten ist. Es handelt sich dabei nur um den Grad seiner 
Waclisamkeit und um sein frühzeitiges Erkennen, DaB*- 
Festhalten an diesem Bude gestattet uns nun eine weitere' 
Ausbildung unserer Nomenklatur. Die Regungen im Vor- 
raum des Unbewußten sind dem Blick des Bewußtseins, 
das sich ja im anderen Raum befindet, entzogen; sie 
müssen zunächst unbewußt bleiben. Wenn sie sich bereitst 
zur Sdiwelie vorgedrängt haben und vom Wäcliter zu^ 
rückgewiesen worden sind, dann sind sie bewußtseins- 
untähig; wir heißen sie verdrängt. Aber auch die Re-_ 



" XtX. WIDERSTAND UND VERORANGDfJG 307 

^iing^n.' wclclie der Wächter über die Sdiweüe gelassen, 
, sind darum nicht notwendig aucli bewußt geworden; sie 
jlcÖDnen es bloß werden, wenn es ihnen gelingt, die Blicke 
[des Bewußtsein auf sicJi zu ziehen. Wir heißen darum 
Idiesen zweiten Raum mit gutem Recht das System des 
IVorbewußten. Das Beivußtwerden behält dann seinen 
ti^in deskriptiven Sinn, Das Schicksal der Verdrängung 
fbesteht aber für eine einzelne Regung darin, daß sie 
Ivom Wächter nidit aus dem System des Unbewußten 
iin das des Vorbewußten eingelassen wird. Es ist der- 
Tselbe Wächter, den wir als Widerstand kennen lernen, 
wenn wir durch die analytische Behandlung die Ver- 
drängung aufzuheben versuchen. 

Nun weiß ich ja, Sie werden sagen, diese Vor- 
stellungen sind ebenso roh wie phantastisch und in einer 
wissenschaftlichen Darstellung gar nicht zulässig. Idi weiß, 
daß sie roh sind; ja nodi mehr, wir wissen auch, daß 
sie unrichtig sind, und wenn wir nicht sehr irren, so 
haben wir bereits einen besseren Ersatz für sie bereit. 
Ob sie Ihnen dann audi noch so phantastisch erscheinen 
werden, weiß ich .nicht Vorläufig sind es Hilf s Vor- 
stellungen wie die vom Ampereschen Männchen, das 
im elektrisdien Stromkreis sdiwimmt, und nidit zu ver- 
aditen, insofern sie für das Verständnis der Beobadi- 
lüOgen brauchbar sind. Ich möchte Ihnen versichern, daß 
diese rohen Annahmen von den zwei Räumiidikeiten, 
dem Wächter an der Schwelle zwischen beiden und dem 
Bewußtsein als Zusdiauer am Ende des zweiten Saales 
doch sehr weitgehende Annäherungen an den wirklichen 
Sachverhalt bedeuten müssen. Ich roödite auch von Ihnen 
das Zugeständnis hören, daiä unsere Bezeichnimgcn; un- 
bewußt, vorbewußt, bewußt weit weniger präjudi- 
zieren und leichter zu rechtfertigen sind als andere, die 
in Vorschlag oder in Gebrauch gekommen sind, wie: 
unterbewußt, nebenbewußt, binnenbewußt o. dg!. 

Bedeutsamer wird es mir darum sein, wenn Sie mich 
(larau mahnen, daß eine soldie Einrichtung des seelisdien 

B 20* 



30B DRITTERTEIL; ALLGEMEINE HEUROSENLEHRE 

Apparates, wie ich sie hier zu Gunsten der Erklärung 
neurotischer Symptome angenommen habe, nur eine all- 
gemein gültige sein und also auch über die normale 
Funktion Auskunft geben müßte. Darin haben Sie 
natürlich recht Wir können dieser Folgerung jetzt nicht 
nachgehen, aber unser Interesse für die Psychologie der 
Symptom bildung muß eine außerordentliche Steigerung 
erfahren, wenn die Aussicht besteht, durch das Studium 
pathologisdier Verhältnisse Aufschluß über das so gut 
verhüllte normale seelische Geschehen zu bekommen, i 
Erkennen Sie übrigens nidit, worauf sich unsere Auf- 
stellungen von den beiden Systemen, dem Verhältnis 
zwischen ihnen und zum Bewußtsein stützen? Der Wäditer 
zwisdien dem Unbewußten und dem Vorbewußten ist 
doch nidits anderes als die Zensur, der wir die Ge-' 
staltung des manifesten Traumes unterworfen fanden.' 
Die Tagesreste, in denen wir die Anreger des Traumes 
erkannten, waren vorbewußtes Material, welches zur 
Nachtzeit im Sdilaf zu stände den Einfluß unbewußter undi 
verdrängter Wunschregungen erfaliren hatte und in Gc-' 
meinschaft mit ihnen, dank ihrer Energie, den latenten 
Traum hatte bilden können. Unter der Herrschaft des 
unbewußten Systems hatte dieses Material eine Ver- 
arbeitung gefunden ■— die Verdichtung und Verschiebung 
— , wie sie im normalen Seelenleben, das heißt im vor- 
bewußten System, unbekannt oder nur ausnahmsweise 
zulässig ist. Diese Verschiedenheit der Arbeitsweisen 
wurde uns zur Charakteristik der beiden Systeme; das 
Verhältnis zum Bewußtsein, welches dem Vorbewußten 
anhängt, galt uns nur als Zeichen der Zugehörigkeit zu 
einem der beiden Systeme. Der Traum ist eben kein 
pathojogisdies Phänomen mehr; er kann bei allen 
Gesunden unter den Bedingungen des Schlalzustandes 
auftreten. Jene Annahme über die Struktur des seeli- 
schen Apparates, welche uns in einem die Bildung des 
Traumes und die der neurotischen Symptome verstehen 
läßt, hat einen unabweisbaren Anspruch darauf, auch 



4 



XIX. ytPERSTAND WD VERDRÄNUUNG 309 

für das nonnale Seelenleben in ßelradit gezogen zu 
■werden. 

Soviel wollen wir jetzt von der Verdrängung sagen. 

[^Sia ist aber nur die Vorbedingung für die Symptom- 

L-bildung. Wir wissen, das Symptom ist ein Ersatz für 

fletwas, was durdi die Verdrängung verhindert wurde. 

. Aber von der Verdrängung bis zum Verständnis dieser 

, lErsatzbildung ist noch ein weiter Weg. Auf der anderen 

l,£eite des Problems erheben sich im Anschluß an die 

lonstatierung der Verdrängung die Fragen: Welche Art 

iivaa seelischen Regungen unterliegt der Verdrängung, 

L von welchen Kräften wird sie durchgesetzt, aus welchen 

iiMotiveii? Dazu ist uns bisher nur eines gegeben. Wir 

haben bei der Untersuchung des Widerstandes gehört, 

daß er von Kräften des Ichs ausgeht, von bekannten und 

latenten Charaktere igensdiaften. Diese sind es also audi, 

die die Verdrängung besorgt haben, oder sie sind 

wenigstens an ihr beteiligt gewesen. Alles weitere ist 

uns nodi unbekannt 

Da hilft uns nun die zweite Erfahrung, die idi an- 
gekündigt hatte, weiter. Wir können aus der Analyse 
ganz allgemein angeben, was die Absicht der neurotischen 
Symptome ist. Auch das wird Ihnen nichts Neues sein. Ich 
habe es Ihnen an zwei Fällen von Neurose schon gezeigt. 
Aber freilich, was bedeuten zwei Fälle? Sie haben das 
Reclit zu verlangen, daß es Ihnen zweihundertmal, un- 
gezählte Male gezeigt werde. Nur das eine, daß ich dies 
nicht kann. Da muß wieder die eigene Erfahrung dafür 
eintreten oder der Glaube, der sich in diesem Punkt auf 
die fibereinstimmende Angabe aller Psychoanalytiker 
berufen kann. 

Sie erinnern sich darad, daß in den. ' zwei Fällen, 
deren Symptome wir einer eingehenden Untersuchung 
unterzogen, die Analyse uns in das Intimste des Sexual- 
lebens dieser Kranken einweihte. Im ersten Falle haben 
wir außerdem die Absicht oder Tendenz des untersuchten 
Symptoms besonders deutlich erkannt; vielleicht war sie 






310 DTilTTKRTEILi ALLGEMEINE NEUBQSENLEHRE 

im zweiten Falle durdi ein später zu erwähnendes Moment 
etwas verdedcL Nun, dasselbe, was wir an diesen beiden 
Beispielen gesehen haben, würden uns alle anderen Fälle 
zeigen, welche wir der Analyse unterziehen. Jedesmal 
würden wir durch die Analyse in die sexuellen Erleb- 
nisse und Wünsche des Kranken eingeführt werden, und 
jedesmal müßten v/ir feststellen, daß ihre Symptome der 
gleidien Absicht dienen. Als diese Absidit gibt sich uns 
die Befriedigung sexueller Wiinsdie zu erkennen; die 
Symptome dienen der SexuaJIjefriedigung der Kranken, 
sie sind ein Ersatz für soldie Befriedigung, die sie im 
! Leben entbehren. 

.'-/ Denken Sie an die Zwangshandlung unserer ersten 
Patientin. Die Frau entbehrt ihren intensiv geliebten 
Mann, mit dem sie wegen seiner Mängel und Scliwädien 
das Leben niclit teilen kann. Sie muß ihm treu bleiben, 
sie kann keinen anderen an seine Stelle setzen. Ihr 
Zwangssymptom gibt ihr, wonach sie sich sehnt, erhöht 
ihren Mann, verleugnet, korrigiert seine Scliwächen, vor 
allem seine Impotenz, Dieses Symptom ist im Grunde 
eine WunsdierfüÜung, ganz wie ein Traum, und zwar, 
was der Traum nicht jedesmal ist, eine erotisdie Wunsch- 
erfüllung. Bei unserer zweiten Patientin tonnten Sie 
wenigstens entnehmen, daß ihr Zeremoniell den Verkehr 
der Eltern verhindern oder Lintanlialten will, daß aus 
demselben ein neues Kind hervorgehe. Sie haben wohl 
auch erraten, daß es im Grunde daliin strebt, sie 
selbst an die Stelle der Mutter zu setzen. Also wiederum 
Beseitigung von Störungen in der Sexualbefriedigung 
und Erfüllung eigener sexueller Wönsdie. Von der an- 
gedeuteten Komplikation wird bald die Rede sein. 

Meine Herren! Ich mochte dem vorbeugen, daß ich 
an der Allgemeinheit dieser Behauptungen nachträglidi 
Abzüge anzubringen habe, und madie Sie darum auf- 
merksam, daß alles, was ich hier über Verdrängur^, 
S5aiiptonibildung und Syraptombedeutung sage, an drei 
Formen von Neurosen, der Angsthysterie, der Konver- 



XtX. WIDERSTAND UMD VERDRANGUM(J ' Su 

sionshysterie und der Zwangsneurose gewonnen worden 
jst und zunädist auch nur für diese Formen gilt Diese 
drei AHektionen, die wir als „Übertragungsneu ro Ben" 
in einer Gruppe zu vereinigen gewohnt sind, umschreiben 
auch das Gebiet, auf welchem sich die psychoanalytische 
Therapie betätigen kann. Die anderen Neurosen sind 
von der Psychoanalyse weit weniger gut studiert worden; 
bei einer Gruppe derselben ist wohl die Unmöglichkeit 
einer therape'itischen Beeinflussung ein Grund für die 
Zurücksetzung gewesen. Vergessen Sie audi nicht, daß 
die Psychoanalyse eine noch sehr junge Wissensdiaft ist, 
daß sie Viel Mühe und Zeit zur Vorbereitung erfordert, 
und daß sie vor gar nicht langer Zeit noch auf zwei 
Augen gestanden ist Doch sind wir an allen Stellen im 
Begriffe, in das Verständnis dieser anderen Affektionen, 
die nicht Übertragungsneurosen sind, einzudringen. Ich 
hoffe, Ihnen noch vorführen zu können, welche Erweite- 
rungen unsere Annahmen und Ergebnisse bei der An- 
passung an dieses neue Material erfahren, und Ihnen zu 
zeigen, daß diese weiteren Studien nicht zu Widersprüchen, 
sondern zur Herstellung von höheren Einheitlichkeiten 
gelührt liaben. Wenn also jetzt alles, was hier gesagt 
wird, für die drei Übertragungsneurosen gilt, so lassen 
Sie micli zunädist den Wert der Symptome durch eine 
neue Mitteilung steigern. Eine vergleidiende Untersudiung 
über die Anlässe der Elrkrankung ergibt nämlich ein 
Resultat, welches sich in die Formel fassen laßt, diese 
Personen erkranken an der Versagung in irgend einer 
Weise, wenn ihnen die Realität die Befriedigung ihrer 
seKucUen Wünsdie vorenthält Sie erkennen, wie vor- 
trefflidi diese beiden Ergebnisse miteinander stimmen. Die 
Symptome sind dann erst recht als Ersat^befriedigung 
für die im Leben vermißte zu verstehen. 

Gewiß sind noch allerlei Einwendungen gegen den 
Satz, daß die neurotischen Symptome sexuelle Ersatz- 
betriedigungen sind, möglich. Zwei davon will idi heute 
nodi erörtern. Sie werden, wenn Sie selbst eine größere 



312 DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEtlROSENLEHRE 

AnEalil von Neurotikem analytisch untersucht haben, mir 
vielleicht kopfsdiüttelnd berichten: bei einer Reihe von 
Fällen treffe dies aber gar nicht zu ; die Symptome scheinen 
da eher die gegenteilige Absicht zu enthalten, die Sexual- 
befriedij^ung auszuschließen oder aufzuheben. Ich werde 
die Riditigkeit Ihrer Deutung nicht bestreiten. Der psycho- 
analytische Sachverhalt pflegt gern etwas komplizierter 
zu sein, als uns lieb ist. Wenn er so einfadi wäre, hätte 
CS vielleicht nicht der Psychoanalyse bedurft, um ihn ans 
Licht zu bringen. Wirklich lassen bereits einige Züge 
des Zeremoniells bei unserer zweiten Patientin diesen 
asketischen, der Sexualbefriedigung feindlichen Charakter 
erkennen, z. 8. wenn sie die UhrcD beseitigt, was den 
magischen Sinn hat, nächtliche Erektionen zu vermeiden 
oder das Fallen und Brethen von Gefäßen verhüten vril] 
was einem Schutze ihrer JunglräuHchkeit gleichkommt 
In anderen Fällen von ßettzeremoniell, die ich analysieren 
konnte, war dieser negative Charakter weit mehr aus- 
gesprochen; das Zeremoniell konnte durchwegs aus Ab- 
wehrmaßregeln gegen sexuelle Erinnerungen und Ver- 
suchungen bestehen. Indessen haben wir schon so oft 
in der Psychoanalyse erfahren, daß Gegensätze keinen 
Widerspruch bedeuten. Wir könnten unsere Behaupiiing 
dahin erweitem, die Symptome beabsichtigen entweder 
eine sexuelle Befriedigung oder eine Abwehr derselben; 
und zwar wiegt bei der Hysterie der positive, wunsch- 
crfüllende, bei der Zwangsneurose der negative, asketische 
Charakter im ganzen vor. Wenn die Symptome sowohl 
der Sexualbefriedigun^ als auch ihrem Gegensatz dienen 
können, so hat diese Zweiseitigkeit oder Polarität eine 
ausgezeichnete Begründung in einem Stück ihres Mechanis- 
mus, welches vrir noch nicht erwähnen konnten. Sie sind 
nämlich, wie wir hören werden, Kompromißergebnisse, 
aus der Interferenz zweier gegensätzlichen Strebungen 
hervorgegangen, und vertreten ebensowohl das Verdrängte 
wie das Verdräugende, das bei ihrer Entstehung mitgewirkt 
hat Die Vertretung kann dann mehr zu Gunsten der 



XIX. WIDERSTA^fD UND VERDRÄNGUNG 313 

einen oder anderen Seite geraten, nur selten fällt ein 
Einfluß völlig aus. Bei der Hysterie wird zumeist das 
Zusammentreffen beider Absichten in dem nämlichen 
Symptom erreicht. Bei der Zwangsneurose fallen beide 
Anteile oft auseinander; das Symptom wird dann zwei- 
seitig, es besteht aus zwei Aktionen, einer nach der 
^anderen, die einander aufheben. 

Nicht so leicht werden wir ein zweites Bedenken er- 
dig^en. Wenn Sie eine größere Reihe von Symptom- 
deutungen überschauen, werden Sie wahrscheinlidi lu- 
I nächst urteilen, daß der Begriff einer sexuellen Ersatz- 
'befriedigung bei iimen bis zu seinen äußersten Grenzen 
[gedehnt worden sei. Sie werden nicht versäumen zu 
((betonen, daß diese Symptome nidits Reales an Befriedi- 
Ligung bieten, daß sie sich oft genug auf die Belebung 
{•einer Sensation oder die Darstellung einer Phantasie aus 
einem sexuellen Komplex besdiranken. Femer, daß die 
angebliche Sexualbefriedigung so häufig einen kindischen 
und unwürdigen Charakter zeigt, sich etwa einem mastur- 
batorischen Akt annähert, oder ah die schmutzigen Un- 
rten erinnert, die man sdion den Kindern verbietet und 
labgewöhnt. Und darüber hinaus werden Sie auch Ihre 
_ Verwunderung äußern, daß man für eine Sexualbefrie- 
Ifdigung ausgeben will, was vielleicht als Befriedigung 
^«on grausamen oder gräßlichen, selbst unnatürlich zu 
ennenden Gelüsten beschrieben werden mijßte. Über 
fliese letzteren Punkte, meine Herren, werden wir kein 
Einvernehmen erzielen, ehe wir nicht das menschliche 
Sexualleben einer gründlidien Untersuchimf unterzogen 
linnd dabei festgestellt haben, was man berechtigt ist, 
sKxueJl zu nennen. 




XX. VOKLESUN'G 

DAS MENSCHLICHE SEXUALLEBEN 



M' 



eine Damen und Herren! Man sollte doch meinen, 
es sei nicht zweifelhaft, was man unter dem „Sexu- 
ellen" zu verstehen habe. Vor allem ist doch das Sesueüe 
das Unanständige, das, von dem man niiit sprechen 
darf. Man hat mir erzählt, daß die Schüler eines be- 
rühmten Psychiaters sich einmal die Mühe nahmen, ihren 
Meister davon zu überzeugen, daß die Symptome der 
Hysterischea so häufig sexuelle Dinge darstellen. !n 
dieser Absicht führten sie ihn an das Bett einer Hysterika, 
deren Anfälle unverkennbar den Vorgang einer Ent- 
bindung mimten. Er aber äußerte abweisend: Nun, eine 
Entbindung ist doch nichts Sexuelles. Gewiß, eine Ent- 
bindung muß nidit unter allen Umstandea etwas Un- 
aoständiges sein. 

u^.,ilcli bemerke, Sie verübeln es mir, daß ich in so 
ernsthaften Dingen scherze. Aber es ist nicht so ganz 
Scherz. Im Ernst, es ist nicht leidit anzugeben, was den 
Inlialt des Begriffes „sexuell" ausmacht Alles, was mit 
dem Unterschied der zwei Gesclilechter zusammenhängt, 
wäre vielleicht das einzig Treffende, aber Sie werden 
es farblos und zu umfassend finden. Wenn Sie die Tat- 
sache des Sexualaktes in den Mittelpunkt steilen, werden 
Sie vielleidit aussagen, sexuell sei al' das, was sich in 
der Absicht der Lustgewinnung mit dem Körper, speziell 
den Geschlechtsteilen, des anderen Geschlechtes be- 
schäftigt und im letzten Sinne auf die Vereinigung der 
Genitalien und die Ausführung des Geschlechtsaktes 
hinzielt. Aber dann sind Sie von der Gleichstellung, das 
Sexuelle sei das Unanständige, wirklich nicht weit ent- 
fernt, und die Entbindung gehört wirklich nicht zum 
Sexuellen. Machen Sie aber die Fortpflanz ungsfunktton 
zum Kern der Sexualität, so laufen Sie Gefahr, eine 
ganze Anzahl von Dingen, die nicht auf die Fort- 
pflanzung zielen und docli sicher sexuell sind, auszu- 



m 



XX. DAS MEHSGHUCHE SEXUALLEBEW 3lS 

schließen, wie die Masturbation oder selbst das Küssen. 
Aber wir sind ja bereits darauf gefaßt, daß Definitioiis- 
versudie immer zu Schwierig-keiten führen; verzichten 
wir darauf, es gerade in diesem Falle besser zu machen. 
Wir können ahnen, daß in der Entwicklung des Be- 
griffes „sexuell" etwas vor sich gegangen ist, was nach 
einem guten Ausdruck von H. Silberer einen „Über- 
^eckungstehler" zur Folge hatte. Im ganzen gind wir ja 
idit ohne Orientierung dnrober, was die Mensdien 
sexuell, heißen. 

Etwas, was aus der Berücksichtigung des Gegen- 
saties der Geschlecliter, des Lustgewinues, der Fort- 
pflanzungsfunktion und des Charakters des geheimzu- 
haltenden Unanständigen zusammengesetzt ist, wird im 
Leben für alle praktisdien Bedürfnisse genügen. Aber 
es genügt nidit mehr in der Wissenschaft Denn wir 
sind durii sorgfältige, gewiß nur durch opferwillige 
•Selbstüberwindung ermöglichte Untersuchungen mit Grup- 
pen von mensclilichen Individuen belcannt worden, deren 
;„ Sexual leben" in der auffälligsten Weise von dem ge- 
wohnten Durdisdinittsbilde abweicht Die einen von 
diesen „Perversen" haben sozusagen die Gesddechts- 
näifferenz aus ihrem Programm gestridien. Nur das ihnen 
gleiclie Geaclileeht kann ihre sexuellen Wünsche erregen; 
das andere, zumal die Gescäilechlsteüe desselben, ist 
ihnen überhaupt keia Geschlechtsobjekt, in extremen 
Fällen ein Gegenstand des Absdieus. Sie haben damit 
natürlich auch auf jede Beteiligung an der Fortpflanzung 
verzichtet Wir nennen solche Personen Homosexuelle 
oder Invertierte. Es sind Männer und Frauen, sonst oft 
— nidit immer — tadellos gebildet, intellektuell wie 
ethisch ho chent wickelt nur mit dieser einen verhängnis- 
vollen Abweichung behaftet Sie geben sich durdi den 
Mund ihrer wissenschafüichen Wortführer für eine be- 
sondere Varietät der Menschenart, für ein „drittes Ge- 
schlecht" aus, welches gleichbereditigt neben den beiden 
anderen steht Wir werden vielleidit Gelegeuheit haben. 



älfi DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

ihre Ansprüche kritisdi zu prüfen. Natürlich sind sie 
nicht, wie sie audi gern behaupten mochten, eine „Aus- 
lese" der Menschheit, sondern enthalten mindestens 
ebensoviel minderwertige und nichtsnutzige Individuen 
wie die in sexueller Hinsicht anders Gearteten. 

Diese Perversen nehmen mit ihrem Sexualobjekt 
wenigstens nodi ungefälir dasselbe vor wie die Normalen 
mit dem ihrigen. Aber nun folgt eine lange Reihe von 
Abnormen, deren sesuelle Betätigung sich immer weiter 
von dem entfernt, was einem vernünftig-en Menschen 
begehrenswert ersdieint. In ihrer Mannigfaltigkeit und 
Sonderbarkeit sind sie nur vergleichbar den grotesken 
Mißgestalten, die P. Breughel als Versuchung des 
heiligen Antonius gemalt hat, oder den verschollenen 
Göttern und Gläubigen, die G. Flaubert in langer 
Prozession an seinem frommen Büßer vorbeiziehen läßt, 
Ihr Gewimmel ruft nach einer Art von Ordnung, wenn 
■es unsere Sinne nicht vervnrren soll. Wir scheiden sie 
in solche, bei denen sich, wie bei den Homosexuellen, 
das Sexualobiekt gewandelt hat, und in andere, bei 
denen in erster Linie das Sexualiiel verändert worden 
ist Zur ersten Gruppe gehören die, welche auf die 
Vereinigung der beiden Genitalien verzichtet haben und 
bei dem einen Partner im Scxualakt das Genitale durch 
einen anderen Körperteil oder Körperregion ersetzen; 
sie setzen sich dabei über die Mängel der ore[anischen 
Einrichtung wie über die Abhaltung des Ekels hinweg. 
(Mund, After an Stelle der Scheide.) Dann folgen ahdere, 
die zwar noch am Genitale festhalten, aber nicht wegen 
seiner sexuellen, sondern wegen anderer Funktionen, 
an denen es aus anatomischen' Gründen und Anlässen 
der Nachbarschaft beteiligt ist Wir erkennen an ihnen, 
daß die Ausscheidungsfunktionen, die in der Erziehung 
des Kindes als unanständig abseits geschafft worden 
sind, im stände bleiben, das volle sexuelle Interesse an 
sich zu reißen. Dann andere, die' das Genitale überhaupt 
als Objekt aufgegeben haben, an seiner Statt p.inen 



XX. DAS MENSCHUCHE SEXDALLEBEN S17 

anderen Korperteil zum begehrten Objekt erheben, die 
weibliche Brust, den Fuß, den Haaizopf. In weiterer 
folge die, denen auch ein Körperteil nidits bedeutet, 
aber ein Kleidungsstüclc alle Wiinsdie erfüllt, ein Sdiuh, 
ein Stück weißer Wäsche, die. FetisAisten. Weiter im 
2uge die Personen, die zwar das ganze Objekt ver- 
langen, aber ganz bestimmte, seltsame oder gräßliche, 
/infordenrngen an dasselbe stellen, audi die, daß es 
lur wehrlosen Leiche geworden sein muß, und die es 
in verbretJierischem Zwang dazu madien, um es genießen 
III können. Genug der Greuel von dieser Seite) 

Die andere Sdiar wird von den Perversen angeführt, 
die sidi zum Tlcls der sexuellen Wünsche gesetzt haben, 
was normalerweise nur einleitende und vorbereitende 
Handlung ist. Also die das Beschauen und Betasten der 
anderen Person oder das Zuschauen bei intimen Ver- 
niiitungen derselben anstreben, oder die ihre eigenen 
ju verbergenden Körperteile entbloßen in einer dunkeln 
Erwartung, durch eine gleidte Gegenleistung belohnt m 
werden. Dann folgen die rätselhaften Sadisten, deren 
zärtliches Streben kein anderes Ziel kennt, als ihrem 
Objekt Schmerzen und Qualen zu bereiten, von An- 
deutungen der Demütigung bis zu schweren körperlichen 
Sdiädigungeo und wie zur Ausgleichung ihre, Gegen- 
stücke, die Masodiisten, deren einzige Lust es ist, von 
ihrem geliebten Objekt alle Demütigungen und Qualen 
in symbolischer wie in realer Form zu erleiden. Andere 
nodi, bei denen mehrere solcher abnormer Bedingungen 
sidi vereinigen und sich verschränken, und endlidi müssen 
wir noch erfahren, daß jede dieser Gruppen zweifach 
vorhanden ist, daß es neben den einen, die ihre Sexual- 
befriedigung in der Realität suchen, noch andere gibt, 
die sich damit begnügen, sich solche Befriedigung bloß vorr 
lusteilen, die überhaupt kein wirkliclics Objekt brauchen, 
sondern es sich' durch die Phantasie ersetzen können. 

Dabei kann es nicht den leisesten Zweifel leiden, daß 
in diesen Tollheiten,. Sonderbarkeiten und Gräßlichkeiten 



I 



31S DRTrrER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHBE 

wirklich die Sexual betätigung dieser Menschen gegeben 
ist. Nicht nur, daß sie es selbst so auffassen und das 
Ersatzverhältnis verspüren, wir müssen uns auch sagen, 
es spielt die nämliche Rolle in üirem Leben wie die 
normale Sexualbefriedigung in unserem, sie bringen dafur^ 
die nämlichen, oft übergroßen Opfer, und es läßt aidi 
im Groben wie im feineren Detail verfolgen, wo sicli' 
diese Abnormitäten an das Normale anlehnen und wo 
sie davon abgehen. Audi daß Sie den Charakter des 
Unanständigen, welcher der Sexualbetätigung anhaftet, 
hier wiederfinden, kann Ihnen nicht entgehen; er ist aber 
zumeist zuQi Sdiändlichen gesteigert. 

Nun, meine Damen und Herren, wie stellen wir uns 
zu diesen ungewöhnlichen Arten der Sexuolbefriedigung? 
Mit der Entrüstung, der Äußerung unseres personlichen 
Widerwillens und der Versicherung, daß wir diese Ge- 
lüste nicht teilen, ist offenbar nichts getan. Danach werden 
wir ja nicht gefragt. Am Ende ist es ein Erscheinungsgebiet 
wie ein anderes. Eine ablehnende Ausflucht wie, es seien 
ja nur Raritäten und Kuriositäten, wäre selbst leicht ab- 
zuweisen. Es handelt sich im Gegenteil um recht häufige, 
weit verbreitete Phänomene. Wollte man uns aber sagen, 
wir brauchten unsere Ansichten über das Sexualleben 
durch sie nidit beirren zu lassen, weil sie samt und sonders 
Verirrungen und Entgleisungen des Sexualtriebes dar- 
stellen, so wäre eine ernste Antwort am Platze. Wenn 
wir diese krankhaften Gestaltungen der Sexualität nicht 
verstehen und sie nicht mit dem normalen Sexualleben 
zusammenbringen können, so verstehen wir eben auch 
die normale Sexualität nicht Kurz, es bleibt eine un- 
abweisbare Aufgabe, von der Möglichkeit der genannten 
Perversionen und von ihrem Zusammenhang mit der so- 
genannt normalen Sexualität volle theoretisdie Rechen- 
schaft zu geben. 

Dazu werden uns eine Einsicht und zwei neue Er- 
fahrungen verhelfen. Die erstere verdanken wir Iwan 
Bloch; sie berichtigt die Aulfassung, all dieser Perver- 



XX. DAS MENSCHLICHE SEXUAT.LEBKN 319 

sionen als „Degeiieratioiiszeiclie]i" durch den Nachweis, 
daß solche Abirrungen vom Sexualziel, solche Locke- 
rungen des Verhältnisses zum Sexualobjekt von jeher, 
ju allen uns bekannten Zeiten, bei allen, den primitivsten 
wie den höchstzivilisierten Volkern vorgekommen sind 
und sich gelegentlich Duldung und allgemeine Geltung 
errungen haben. Die beiden Erfalirungen sind bei der 
psychoanalytisdien Untersudiung der Neurotiker gemacht 
worden; sie müssen unsere Auffassung der sexuellen 
Perversionen in entsclieidender Weise beeinflussen. 

Wir haben gesagt, daß die neurotischen Symptome 
sexuelle Ersatzbefriedigungen sind, und ich habe Ihnen 
angedeutet, daß die Bestätigung dieses Satzes durch die 
Analyse der Symptome auf manche Schwierigkeiten stoßen 
wird. Er ist nämlich erst dann bereclitigt, wenn wir unter 
„sexueller Befriedigung" die der sogenannten perversen 
sexuellen Bedürfnisse mit einschließen, denn eine solche 
Deutung der Symptome drängt sich uns mit überraschender 
Häufigkeit auf. Der Ausnahm sanspruch der Homosexu- 
ellen oder Invertierten sinkt sofort zusammen, wenn wir 
erfahren, daß der Nachweis homosexueller Regungen bei 
keinem einzigen Neurotiker mißlingt, und daß eine gute 
Anzahl von Symptomen dieser latenten Inversion Aus- 
druck gibt Die sich selbst HomoscKuelle nennen, sind 
eben nur die bewußt und manifest Invertierten, deren 
Anzahl neben jener der latent homosexuellen verschwindet. 
Wir sind aber genötigt, die Objeklwahl aus dem eigenen 
Geschledit geradezu als eine regelmäßige Abzweigung 
des Liebeslebens zu betrachten, und lernen immer mehr, 
ihr eine besonders hohe Bedeutung zuzuerkennen. Gewiß 
sind die Unterschiede zwischen der manifesten Homo- 
sexualität und dem normalen Verhalten dadurch nicht 
aufgehoben; ihre pralilische Bedeutung bleibt bestehen, 
aber ihr theoretischer Wert wird ungemein verringert. 
Von einer bestimmten Affektion, die wir nielit mehr zu 
den Übertragungsneurosen rechnen können, der Paranoia, 
nehmen wir sogar an, daß sie gesetzmäßig aus dem Ver- 



320 DRITTER TE[L= ALLGEMEINE NEUROSENLEHRg 

su<i der Abwehr überstarker homosexueller Regungen 
hervorgeht. Vielleicht erinnern Sie sidi nodi, daß die 
eine unserer Patientinnen (S.269) in ihrer Zwangshandlung 
einen Mann, ihren eigenen verlassenen Ehemann, agierte; 
eine solche Produktion von Symptomen in der Person 
eines Mannes ist bei neurotischen Frauen sehr gewöhnlich. 
Wenn es audi nicht selbst der Homosexualität zuzurechnen 
ist, so hat es doch mit den Voraussetzungen dersclbeaj 
viel zu tun, i ■« 

Wie Sie wahrscheinlidi wissen, kann die hysterische 
Neurose ihre Symptome an allen Organsystemen machen 
und dadurdi die Funktionen stören. Die Analyse zeigt, 
daß dabei alle pervers genannten Regungen zur Äußerung 
kommen, welche das Genitale durch andere Organe er- 
setzen wollen. Diese Organe benehmen sich dabei wie 
Ersatzgenitalien; wir sind gerade durd» die Symptomatik 
der Hysterie zur Auffassung gelangt, daß den Körper- 
organen außer ihrer funktionellen Rolle eine sexuelle. 
— erogene — Bedeutung zuzuerkennen ist, und daß siel 
in der Erfüllung dieser ersteren Aufgabe gestört werdenii 
wenn die letztere sie allzusehr in Anspruch nimmt Unn 
gezählte Sensationen und Innervationen, welche uns als 
Symptome der Hysterie entgegentreten, an Organen, die 
anscheinend nichts mit der Sexualität zu tun haben, ent' 
hüllen uns so ihre Natur als Erfüllungen perverser Sexual- 
regungen, bei denen andere Oi^ane die Bedeutung der 
Geschlechtsteile an sich gerissen haben. Dann ersehen 
wir audi, in wie ausgiebiger Weise gerade die Organei 
der Nahrungsaufnahme und der Exkretion zu Trägern 
der Sexualerregung werden können. Es ist also dasselbe, 
was uns die Perversionen gezeigt haben, nur war es bei 
diesen ohne Mühe und unverkennbar zu sehen, während 
wir bei der Hysterie erst den Umweg übef die Symp^, 
tomdeuhing machen müssen und dann die betreffenden, 
perversen Sexualregungen, nicht dem Bewußtsein der In-' 
diyiduen zuschreiben, sondern; £^^. ift^jd^: Unbewußte 
derselben versetzen. ■■•. ., ,,-. , 



XX. DAS MF.MSCHLICHE SEXUALLEBEN 331 

Von den vielen Symptombildem, unter denen die 
Zwangsneurose auftritt, erweisen sich die wichtigsten als 
Iiervorgerufeii durch den Drang üherstarker sadistisdier, 
also in ihrem Ziel perverser, Sexualregungen, und zwar 
dienen die Symptome, wie es der Struktur einer Zwangs- 
neurose entspricht, vorwiegend der Abwehr dieser Wünsche, 
oder drüdcen den Kampf zwischen Befriedigung und Ab- 
wehr aus. Aber auch die Befriedigung selbst kommt dabei 
nicht zu kurz; sie weiß sich auf Umwegen im Benehme« 
der Kranken durchzusetzen uud wendet sich mit Vorliebe 
gegen deren eigene Person, macht sie zu Selbstquälenu 
Andere Formen derNeurose.diegrüblerischen, entsprechen 
einer übermäßigen Sexualisierung von Akten, die sidi sonst 
als Vorbereitungen in den Weg zur normalen Sexual' 
befriedigung einfugen, vom Sehen-, Berühren wollen und 
Forsdien. Die große Bedeutung der Berührungsangst und 
des Waschzwanges findet hier ihre Aufklärung. Von den 
Zwangshandlungen geht ein ungeahnt großer Anteil als 
verkappte Wiederholung imd Modifikation auf die Mas- 
turbalion zurüde, welche bekanntlich als einzige, gleich- 
förmige Handlung die verschiedenartigsten Formen des 
sexuellen Phantasierens begleitet. 

Es würde mich nicht viel Mühe kosten, Ihnen die 
Beziehungen zwischen Perversion und Neurose noch weit 
inniger darzustellen, aber ich glaube, das Bisherige wird 
für unsere Absicht genügen. Wir müssen uns aber dagegen 
verwahren, daß wir nach diesen Aufklärungen über die 
Symptombedeutung Häufigkeil und Intensität der per- 
versen Neigungen der Menschen nicht überschätzen. Sie 
haben gehört, daß man an der Versagung der normalen 
Sejtualbefriedigung neuro tisdi erkranken kann. Bei dieser 
realen Versagtmg wirft sich _aber das Bedürfnis auf die 
abnormen Wege der Sexualerregung. Sie werden später 
einsehen können, wie das zugeht Jedenfalls verstehen 
Sie, daß durch eine solclie „Icol laterale" Rückstauung 
die perversen Regungen stärker ersdieinen müssen, als 
BJe ausgefallen wären, wenn sich der normalen Sexual- 

Frcud, VorE<:fiin£ai H 



3i2 DRI'lTERTIiLL: ALLGEME[NK NEURÜ SSKLEH HR 

befriedigung kein reales Hindernis entgegengestellt hätte. 
Ein ähnlicher Einfluß ist übrigens audi für die mani- 
festen Perversionen anzuerkennen. Sie werden in manchen 
Fällen dadurch provoziert oder alctivierl, daß einer nor- 
malen Befriedigung desSexualtriebes allzu großeSchwierig. 

feeitengemachtwerden, infolge vorübergehender Umstände 
oder dauernder sozialer Einrichtungen. In anderen Fällen 
sind die Perversionsneigungen freilich von solchen Be- 
günstigungen ganz unabhängig; sie sind sozusagen für 
dieses Individuum die normaJe Art des Sexuallebens. 

Vielleidit haben Sie im Augenblicke den Eindruck, 
als hätten wir das Verhältnis zvrischen normaler und per- 
verser Sexualität eher verwirrt als geklärt. Halten Sie sich 
aber an folgende Überlegung: Wenn es richtig ist, daß 
die reale Erschwerung oder die Entbehrung einer normalen 
Sexualbefriedigung bei Personen perverse Neigungen zum 
Vorschein bringen, die sonst keine solchen gezeigt hatten, 
so muß bei diesen Personen etwas anzunehmen sein, was 
den Perversionen entgegenkommt; oder wenn Sie so 
wollen, sie müssen in latenter Form bei ihnen vorhanden 
sein. Auf diesem Wege kommen wir aber auf die zweite 
Neuheit, die ich Ihnen angekündigt habe. Die psycho- 
analytische Forschung ist nämlich genöt^t worden, sich 
auch um das Sexualleben des Kindes zu bekümmern, und 
zwar dadurch, daß die Erinnerungen und Einfälle bei 
der Analyse der Symptome regelmäßig bis in frühe Jahre 
der Kindheit zurüdcführten. Was wir dabei erschlossen 
haben, ist dann Punkt für Punkt durdi unmittelbare Be- 
obachtungen an Kindern bestätigt worden. Und da hat 
sich dann ergeben, daß alle Perversionsneigungcn in der 
Kindheit wurzeln, daß die Kinder zvi ihnen alle Anlage 
haben und sie in dem ihrer Unreife entsprechenden Aus- 
maß betätigen, kurz, daß die perverse Sexualität nichts 
anderes ist als die vergrößerte, in ihre Einzelregungen 
zerlegte infantile Sexualität. 

Jetzt werden Sie die Perversionen allerdings in einem 
anderen Lichte sehen und deren Zusammenhang mit 



XX. PAK MENSCHLICHE SEXU.ULEBE» 3£l 

jem menschlichen Sexualleben nicht mehr veiicenner., 
aber auf Kosten welcher Überraschungen und für Ihr 
Gefühl peinlidien Inkongruenzen! Sie werden gewiß 
geneigt sein, zuerst alles zu bestreiten, die Tatsache, 
daß die Kinder etwas haben, was man als Sexualleben 
bezeichnen darf, die Richtigkeit unserer Beobachtungen 
und die Berechtigung, an dem Benehmen der Kinder 
eine Verwandtschaft mit dem, was späterhin als Perversiou 
verurteilt wird, zu finden. Gestatten Sic also, daß ich 
ihnen zuerst die Motive Ihres Sträubens aufkläre und 
dann die Summe unserer Beobachtungen vorlege. Daß 
die Kinder kein Sexualleben — sexuelle Erregungen, 
Bedürfnisse und eine Art der Befriedigung — haben, 
sondern es plötzUdi zwischen 12 und 14 Jahren be- 
kommen sollten, wäre — von allen Beobachtungen ab- 
gesehen — biologisch ebenso unwahrsclieinlich, ja un- 
sinnig, wie daß sie keine Genitalien mit auf die Welt 
brächten und die ihnen erst um die Zeit der Pubertät 
wüchsen. Was um diese Zeit bei ihnen erwacht, ist die 
Fortpflanzungsfunktion, die sich eines bereits vorhan- 
' denen korperliclien und seelischen Materials für ihre 
Zwecke bedient. Sie begehen den Irrtum, Sexualität 
und Fortpflanzung miteinander zu verwediseln, und ver- 
sperren sicli durch ihn den Weg zum Verständnis der 
Sexualität, der Perversionen und der Neurosen. Dieser 
Irrtum ist aber tendenziös. Er hat seine Quelle merk- 
würdigerweise darin, daß Sie selbst Kinder gewesen 
und als Kinder dem Einfluß der Erziehung unterlegen 
sind. Die Gesellschaft muß es nämlich unter ihre wich- 
tigsten Erziehungsaufgaben aufnehmen, den Sexualtrieb, 
wenn er als Fortpfianzungsdrang hervorbricht, zu bän- 
, ^gen, einzuscliränken, einem individuellen Willen zu 
unterwerfen, der mit dem sozialen Geheiß identisch ist. 
Sie hat auch Interesse daran, seine volle Entwicklung 
aufzuschieben, bis das Kind eine gewisse Stufe der 
intellektuellen Reife erreicht hat, denn mit dem vollen 
Durchbrucli des Sexualtriebes findet auch die Erziehbar- 



saj DRITTER TEIL. AII.aE?mH!; N'ElJR05EWLi:i4 Rg 

keil praktisdi ein Ende. Der Trieb würde sonst übet 
alle Dämme brechen und das mühsam errichtete Werk 
der Kultur bia wegschwemmen. Die Aufgrabe, ihn m 
bändigen, ist auch nie eine leidite, sie gelingt bald zu 
wenig, bald albni gut. Das Motiv der menschlidieo 
Gesellschaft ist im letzten Grunde ein ökonomisches- 
da sie nidit genug Lebensmittel hat, um ihre Mitglieder 
ohne deren Arbeit w erhalten, muß sie die Anzahl 
ihrer Mitglieder beschränken und ihre Energien von der 
Sexualbetätigung weg auf die Arbeit lenken. Also die 
ewige, urieitlidie, bii auf die Gegenwart fortgesetzte 
Lebensnot 

Die Erfahrung muß wohl den Erziehern gezeigt 
haben, daß die Aufgabe, den Sexualwillcn der neuen 
Generation lenksam zu machen, nur dann losbar ist, 
wenn man mit den Beeinflussungen sehr frühzeitig be- 
ginnt, nicht erst den Sturm der Pubertät abwartet 
«ondem bereits in das Sexualleben der Kinder ein- 
greift, weldiei ihn vorbereitet In dieser Absicht werden 
fast alle infantilen Sexualbetätigungen dem Kinde ver- 
boten und verleidet; man setzt sich das ideale Ziel, das 
Leben des Kindes asexuell zu gestalten, und hat es im 
Laufe der Zeit endlidi dahin gcbradit, daß man es 
wirklidi für asexueU hält, was dann die Wissenschaft 
als ihre Lehre verkündet Um sich mit seinem Glauben 
imd seinen Absiditen nicht in Widerspruti zu setzen. 
übersieht man dann die Sexualbetätigung des Kindes, 
was keine geringe Leistung ist, oder begnügt sich ia 
d^er Wissenschaft damit, sie anders aufzufassen. Das 
Kind gilt als rein, als unsdiuldig, und wer es anders 
besdireibt, darf als ruddoser Frevler an zarten und 
heiligen Gefühlen der Measchiicit verklagt werden. 

Die Kinder sind die einzigen, die an diesen Konven- 
tionen nicht mittun, in aller Naivität ihre animalischen 
Rechte geltend madien und immer wieder beweisen, 
daß sie den Weg zur Reinheit erst zurückzulegen haben. 
Merkwürdig genug, daß die Leugner der kindliclien 



XX. DAS MEWSCHIJCHE SEX HALLFBEH 3M 

ScKualität darum in der Erziehung nidit nachlassen, 
sondern gerade die Äußerungen des Verleugneten unter 
dem Titel der „kindlichen Unarten" aufs strengste ver- 
folgen. Von hohem theoretisdien Interesse ist « auch, 
daß die Lebenszeit, weiche dem Vorurteil einer asexu- 
ellen Kindheit am grellsten widerspricht, die Kinder- 
jalire bis fünf oder sechs, dann bei den meisten Personen 
von dem Schleier einer Amnesie verhüllt wird, den erst 
eine analytische Erforschung gründlich xerreißt, der aber 
schon vorher für einzelne Traumbtldungfen durchlässig; 
gewesen ist. 

Nun will ich Ihnen vorführen, was Bi<h vom Sexual- 
leben des Kindes am deutlichsten erkennen läfiL Lassen 
Sie mich zweckmässigkeithaiber auch den Begriff der 
Libido einführen. Libido toll, durchaus dem Hunger 
analog, die Kraft benennen, mit welcdier der Trieb, hier 
der Sexualtrieb wie beim Hunger der Emähruagstrieb, 
sich äußert Andere Begriffe, wie Sexual erregung und 
Befriedigung, bedürfen keiner Erläuterung. Daß bei den 
Sexualbetatigungen des Säuglings die Deutung am meisten 
i(U tun hat, werden Sie selbst leicht einsehen oder wahr- 
sdieinlich als Einwand benützen. Diese Deutungen er- 
geben sich auf Grund der analytisdien Untersudiungen 
durch Rüdtverfolgung vom Symptom her. Die ersten 
Regungen der Sexualität zeigen sich beim Säugling in 
Anlehnung an andere lebenswiditige Funktionen. Sein 
Hauptinteresse ist, wie Sie wissen, auf die Nahrungs- 
aufnahmegerichtet; wenn er an der Brust gesättigt ein- 
sdiläft, zeigt er den Ausdrudt einer seligen Befriedigung, 
der sich später nach dem Erleben des sexuellen Oi^asmus 
wiederholen wird. Das wäre zu wenig, um einen Schluß 
darauf zu gründen. Aber wir beobacliten, daß der Säug- 
ling die Aktion der Nahrungsaufnahme wiederholen will, 
ohne neue Nahrung zu beanspruchen; er steht also 
dabei nicht unter dem Antrieb des Hungers. Wir sagen, 
er lutscht oder ludelt, und daß er bei diesem Tun 
wiederum mit seligem Ausdruck einschläft, zeigt uns, 



326 DRITTER TEtL^ ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

daß die Aktion des Lutscheiis ihm an und für sich 
Befriedigung gebraclit hat. ßekanntlidi richtet er sich's 
bald so ein, daß er nidit einschläft, ohne gelutsdit zu 
haben. Die sexuelle Natur dieser Betätigung hat eiii 
alter Kinderarzt in Budapest, Dr. Lindner, zuerst 
behauptet. Die Pflegepersonen des Kindes, die keine 
theoretische Stellungnahme beabsichtigen, scheinen das 
Lutsdien ähnlich zu beurteiien. Sie zweifeln nicht daran, 
daß es nur einem Lustgewinn dient, stellen es zu den 
Unarten des Kindes und zwingen das Kind durch pein- 
lidie Eindrücke zum Verzicht darauf, wenn es die Unart 
nidil selbst aufgeben will. Wir erfahren also, daß der 
Säugling Handlungen ausführt, die keine andere Absicht 
als die des Lustgewinnes haben. Wir glauben, daß er 
diese Lust zuerst bei der Nahrungsaufnahme erlebt, 
aber bald gelernt hat, sie von dieser Bedingung ab- 
zutrennen. Wir können den Lustgewinn nur auf die 
Erregung der Mund- und Lippenzone beziehen, heißen 
diese Körperteile erogene Zonen und bezeichnen die 
durch Lutschen erzielte Lust als eine sexuelle. Über 
die Berechtigung dieser Benennung werden wir gewiß 
noch diskutieren müssen. 

Wenn der Säugling sich äußern könnte, würde er 
gewiß den Akt des Saugens an der Mutterbrust als das 
weitaus Wichtigste im Leben anerkennen. Er hat für 
sich nicht so unrecht, denn er befriedigt durch diesen 
Akt in einem beide großen Lebensbedürfnisse. Wir er- 
fahren dann aus der Psychoanalyse nicht ohne Über- 
raschung, wieviel von der psychischen Bedeutung des 
Aktes fürs ganze Leben erhalten bleibt. Das Saugen 
an der Mutterbrust wird der Ausgangspunkt des ganzen 
Sexuallebens, das unerreiclite Vorbild jeder späteren 
Sexualbefriedigung, zu dem die Phantasie in Zeiten der 
Not oft genug zurückkehrt. Es schließt die Mutterbrust 
als erstes Objekt des Sexualtriebes ein; ich kann 
Ihnen keine Vorstellung davon vermitteln, wie bedeutsam 
dies erste Objekt für jede spätere Objektfindung ist, 



XX. DAS MENSCHLICHE SEXUALLEBEN 327 



^velch tiefgreifende Wirkungen es in seinen Wandlungen 
und Ersetzungen noch auf die entlegensten Gebiete 
unseres Seelenlebens äußert Aber zunächst wird es 
vom Säugling in der Tätigkeit des Luischens aufgegeben 
und durch einen Teil des eigenen Korpers ersetzt Das 
Kind lutsdit am Daumen, an der eigenen Zunge. Es 
macht sidi dadurch für den Lustgewinn von der Zu- 
stimmung der Außenwelt unabhängig und zieht überdies 
die Erregung einer zweiten Körperzone zur Verstärkung 
heran. Die erogenen Zonen sind nicht gleich ausgiebig; 
es wird darum ein wichtiges Erlebnis, wenn der Säugling, 
wie Lindner berichtet, bei dem Herumsudien am eigenen 
Körper die besonders erregbaren Stellen seiner Genitalien 
entdeckt und so den Weg vom Lutschen zur Onanie 
gefunden hat, 

Durdi die Würdigung des Luischens sind wir bereits 
mit zwei entscheidenden Charaktem der infantilen Sexu- 
lität bekannt geworden. Sie ersdieint in Anlehnung an 
die Befriedigung der großen organischen Bedürfnisse 
und sie benimmt sich autoerotisch, das heißt, sie 
sudit und findet ihre Objekte am eigenen Körper. Was 
sich am deutlichsten bei der Nahrungsaufnahme gezeigt 
hat, wiederholt sich zum Teil bei den Ausscheidungen. 
Wir schließen, daß der Säugling Lustempfinden bei der 
Entleerung von Harn und von Darminhalt hat, und daß er 
sidi bald bemüht, diese Aktionen so einzurichten, daß 
sie ihm durch entsprediende Erregungen der erogenen 
Sohle irahautzonen einen moglidist großen Lustgewinn 
bringen. An diesem Punkte tritt ihm, wie die feinsinnige 
Lou Andreas ausgeführt hat, zuerst die Außenwelt 
als hemmende, seinem Luststreben feindliche Macht ent- 
gegen und läßt ihn spätere äußere wie innere Kämpfe 
ahnen. Er soll seine Exkrete nicht in dem ihm beliebigen 
Moment von sich geben, sondern wann andere Personen 
CS bestimmen. Um ihn zum Verzicht auf diese Lust- 
quellen zu bewegen, wird ihm alles, was diese Funktionen 
betrifft, als unanständig, zur Geheimhaltung bestimmt. 



3^8 niUTTER TEfL: ALLGEMEINE NEiraOSEfJI,EHFE 



erklärt. Er soll hier zuerst soziale Würde für Lust ein- 
tauschen. Sein Verhältnis zu den Exkreten selbst ist 
von Anfang an ein ganz anderes. Er empfindet keinen 
Ekel vor seinem Kot, schätzt ihn als einen Teil seines 
Körpers, von dem er sich nicht leicht trennt, und ver- 
wendet ihn als erstes „Geschenk", um Personen aus- 
zuzeichnen, die er besonders schätzt. Noch, nachdem der 
Erziehung die Absicht gelungen ist, ihn diesen Neigungen 
zu entfremden, setzt er die Wertschätzung des Kotes 
auf das „Geschenk" und auf das „Geld" fort Seine 
Leistungen im Urinieren scheint er dagegen mit be- 
sonderem Stolz zu betrachten. 

Ich weiß, daß Sie mich sdion längst unlerbredien 
wollten, um mir zuzurufen: Genug der Ungeheuerlich- 
keiten! Die Stuhl entleerung soll eine Quelle der sexu- 
ellen Lustbefriedigung sein, die schon der Säugling au», 
ausbeutet! Der Kot eine wertvolle Substanz, der After 
eine Art von Genitale! Das glauben wir nicht, aber 
wr verstehen, warum Kinderänte und Pädagogen die 
Psychoanalyse und ihre Resultate weit von sich weg 
gewiesen haben. Nein, meine Herren! Sie haben bloß 
vergessen, daß ich Ihnen die Tatsachen des mfan- 
tilen Sexuallebens im Zusammenhang mit den Tatsachen 
der sexuellen Perversionen vorführen wollte. Warum 
sollen Sie nicht wissen, daß der After bei einer großen 
Anzahl von Erwachsenen, Homosexuellen wie Hetero- 
sexuellen, wirklich im G es dilechts verkehr die Rolle der 
Scheide übernimmt? Und daß es viele Individuen gibt, 
weliiie die Wollustempfindung bei der Stuhl entleerung 
durch ihr ganzes Leben behalten und sie als gar nicht 
80 gering beschreiben? Was das Interesse am Akt der 
Defäkation und das Vergnügen beim Zuschauen der 
Defäkation eines anderen betrifft, so können Sie es 
von den Kindern selbst bestätigt hören, wenn sie einige 
Jahre älter geworden sind und Mitteilung davon machen 
können. Natürlich dürfen Sie diese Kinder nicht vorher 
systematisch eingeschüchtert haben, sonst verstehen sie 



'^- XX. DAS MENSCHUCHE SEXT.TALLEFKN 329 

^ft y/oh[, daß sie darüber zu schweigen haben. Und für 
^Hdie anderen Ding-e, die Sie niclit glauben wollen, ver- 
^H weise ich Sie auf die Ergebnisse der Analyse und der 
^B. dir eilten Kinderb eobaclilung und sage ihnen, es ist 
^m geradezu eine Kunst, dies alles nicht oder es anders 
^ lu sehcB. Idi habe auch gar nichts dagegen, wenn Ihnen 
-die Verwand Isdiaft der kindlichen Sexualtätigkeit mit 
den seKuellen Perversionen recht auffällig wird. Es ist 
eigentlid) selbstverständlidi ; wenn das Kind überhaupt 
ein Sexualleben hat, so muß es von perverser Art sein, 
denn dem Kinde fehlt nocii bis auf wenige dunkle An- 
deutungen, was die Sexualität zur Fortpflanzungsfunktion 
macht Anderseite ist es der gemeinsame Charakter aller 
Perversionen, daß sie das Fortpflanzungsziel aufgegeben 
haben. In dem Falle fieißen wir eine Scxualbetatigung 
eben pervers, wenn sie auf das Fortpflanzungsziel ver- 
zichtet hat und die Lustgewinnung als davon unab- 
hängiges Ziel verfolgt. Sie verstehen also, der Bruch 
und Wendepunkt in der Entwicklung des Sexuallebens 
liegt in der Unterordnung desselben unter die Absichten 
der Fortpflanzung. Alles was vor dieser Wendung vor- 
fällt, ebenso alles, was sich ihr entzogen hat, was allein 
dem Lustgewinn dient, wird mit dem nicht ehrenvollen 
Namen des „Perversen" belegt und als solches geächtet. 
Lassen Sie mich darum in meiner knappen Schilderung 
der infantilen Sexualität fortfahren. Was ich von zwei 
Or^ansystemen berichtet habe, könnte ich durch die 
Berücksichtigung der anderen vervollständigen. Das 
Sexualleben des Kindes erschöpft sich eben in der Be- 
tätigung einer ReiJie von Parti altrieben, die unabhäi^ig 
von einander teils am eigenen Körper teils schon am 
äußeren Objekt Lust zu gewinnen suchen. Unter diesen 
Organen treten die Genitalien sefir bald hervor; es 
gibt Mensdien, bei denen sich die Lustgewinnung am 
eigenen Genitale, ohne Beihilfe eines anderen Genitales 
oder Objekts, ohne Unterbrechung von der Säuglings- 
onanic bis zur Notonanie der Pubertätsiahte fortsetzt 



ä30 DHlTTEftTEIL^ ALLGEMEINE NEIIRQSENLEHRE 

und dann unbestimmt lange darüber hinaus anhält. Mit 
dem Thema der Onanie würden wir übrigens nicht so 
bald fertig werden; es ist ein Stoff für vielseitige 
Betrachtung. 

Trotz meiner Neigung, das Thema noch weiter zu 
verkürzen, muß ich Ihnen doch noch einiges über die 
Sexualforschung der Kinder sagen. Sie ist zu charak-* 
teristisch für die kindliche Sexualität und zu bedeut- 
sam für die Symptomatik der Neurosen. Die infantile 
Sexualforsdiung beginnt sehr früh, manchmal vor dem 
dritten Lebensjahr. Sie knüpft nicht an den Gesdilechts- 
unterschied an, der dem Kinde nichts besagt, da es — 
wenigstens die Knaben — beiden Geschlechtem das 
nämlic&e mannlidie Genitale zuschreibt. Macht der Knabe 
dann an einer kleinen Schwester oder Gespielin die 
Entdeckung der Vagina, so versucht er zuerst das Zeugnis 
seiner Sinne zu verleugnen, denn er kann sich ein ihm 
ähnliches menschlidies Wesen ohne den ihm so wert- 
vollen Teil nicht vorstellen. Später erschrickt er über 
die ihm eröffnete Möglidikeit, und etwaige frühere 
Drohungen wegen zu intensiver Beschäftigung mit seinem 
kleinen Glied gelangen naditräglich zur Wirkung. Er 
gelangt unter die Herrschaft des Kastrationskomplexes, 
dessen Gestaltung an seiner Charakterbildung, wenn er 
gesund bleibt, an seiner Neurose, wenn er erkrankt, 
und an seinen Widerständen, wenn er in analytisclie 
Behandlung gerät, großen Anteil hat. Von dem kleinen 
Mädchen wissen wir, daß es sich wegen des Mangels 
eines großen sichtbaren Penis für schwer benachteiligt 
hält, dem Knaben diesen Besitz neidet und wesentlich 
aus diesem Motiv den Wunsdi entwidcelt, ein Mann 
zu sein, welcher Wunsch späterhin in der Neurose, die 
wegen Mißgesddcks in ihrer weiblichen Rolle auftritt,' 
wieder aufgenommen wird. Die Clitoris des Mädchens 
spielt übrigens im Kindesalter durchaus die Rolle des 
Penis, sie ist der Träger einer besonderen Erregbarkeit, 
die Stelle, an welcher die autoerotische Befriedigung 



XX. DAS MENSCHLICHE SEXUALLEBEN 331 



erzielt wird. Es kommt für die Weibwerdung des kleinen 
Mädchens viel darauf an, daß die Clitoris diese Em- 
nfindiichkeit rechtzeitig und vollständig an den Sdieiden- 
eingang abgebe, hl den Fällen von sogenannter sexu- 
eller AnäsÜiesie der Frauen hat die Clitoris die Em- 
pfindlichkeit hartnäckig festgehalten. 

Das sexuelle Interesse des Kindes wendet sidi viel- 
melir zuerst dem Problem zu, woher die Kinder kommen, 
demselben, welches der Fragestellung der thebaischen 
Sphinx zu Grunde liegt, und wird meist durch egoistische 
Befürchtung bei der Ankunft eines neuen Kindes geweckt. 
Die Antwort, welche die Kinderstube bereit hält, daß 
der Storch die Kinder bringe, stößt viel häufiger, als 
wir wissen, schon bei kleinen Kindern auf Unglauben. 
Die Empfindung, von den Erwachsenen um die Wahr- 
heit betrogen zu werden, trägt viel zur Vereinsamung 
des Kindes und zur Entwickluug seiner Selbständigkeit 
bei. Aber das Kind ist nicht im stände, dies Problem 
laus eigenen Mitteln zu lösen. Seiner Erkenntnis Fähigkeit 
1 sind durcli seine unentwickelte Sexualkonstitution be- 
stimmte Sdiianken gesetzt. Es nimmt zuerst an, daß 
fdie Kinder davon kommen, daß man etwas Besonderes 
lin der Nahrung zu sich nimmt, und weiß auch nichts 
[davon, daß nur Frauen Kinder bekommen können. 
[Später erfährt man von dieser Einschränkung und gibt 
|die Ableitung des Kindes vom Essen auf, sie bleibt 
Ifür das Märdien erhalten. Das größer gewordene Kind 
hherkt bald, daß der Vater irgend eine Rolle beim Kinder- 
iBekommen spielen müsse, kann aber nicht erraten, 
Iweldie. Wenn es zufällig Zeuge eines geschlechtlichen 
[Aktes wird, so sieht es in ihm einen Versuch der Uber- 
livältigung, eine Rauferei, das sadistisdie Mißverständnis 
[des Koitus. Es bringt diesen Akt aber zunädist niclit 
[mit dem Werden des Kindes in Zusammenhang. Auch 
Iwenn es ßlutspuren in Bett und Wäsche der Mutter 
[entdeckt, nimmt es sie als Beweis einer durch den Vater 
[zugefügten Verletaung. In noch späteren Kinderjaliren 



S32 DRITTER TEfLi ALLGENTEINE NEUROS ENLEHRE 

abnt CS wobl, daß das Gesdileclitsglied des Mannes 
einen wesentlichen Anteil an der Entstehung der Kioder 
hat, kann diesem Körperteil aber keine andere Leistung 
zutrauen als die der Harnentleerung. 

Von Anfang an sind die Kinder darin einig, daß 
die Geburt des Kindes durch den Darm erfolgen müsse 
das Kind also zum Vorschein komme wie ein Kotbailen! 
Erst nadi der Entwertung aller analen Interessen wird 
diese Theorie verlassen und durch die Annahme ersetzt, 
daß der Nabel sich öffne oder daß die Region der 
Brust zwischen beiden Mammae die Geburtsstätte sei. 
In solcher Weise nähert sich das forschende Kind der 
Kenntnis der sexuellen Tatsadien oder geht durdj seine 
Unwissenheit beirrt an ihnen vorbei, bis es, meist in 
den Jahren der Vorpubertät, eine gewöhnlich herab- 
setzende und unvollständige Aufklärung erfährt, die 
nicht selten traumatisdie Wirkungen äußert. ' 

Sie werden gewiß gehört haben, meine Herren, daU 
der Begriff des Sexuellen in der Psychoanalyse eine 
ungebührlidie Erweiterung erieidet, in der Absicht, die 
Sätze von der sexuellen Verursachung der Neurosen 
und von der sexuellen Bedeutung der Symptome auf- 
redit zu erhaUen. Sie können nun selbst darüber ur^ 
teilen, ob diese Erweiterung eine unberechtigte ist. 
Wir haben den Begriff der Sexualität nur soweit aus- 
gedehnt, daß er auch das Sexualleben der Perversen 
und das der Kinder umfassen kann. Das heißt, wir 
haben ihm seinen richtigen Umfang wiedergegeben. Wa«, 
man außerhalb der Psychoanalyse Sexualität heißt, be- 
zieht sidi nur auf ein eingeschränktes, im Dienste der 
Fortpflanzung stehendes und normal genanntes Sexual- 
leben. 



XXI. VOriLESUKtS 

,UBIDOENTWICKLUNG UND SEXUAL- 
ORGANISATIONEN 

Meine Herren! Idi stelle unter dem Eindruck, daß es 
mir niclit gelungen ist, Ihnen die Bedeutung der 
Perversionen für unsere Auffassung der Sexualität so 
1 reclit überzeugend nahe zu bringen. Idi mödite darum 
^bessern und nachtragen, soviel icii nur [:aiin. 

Es verhült sidi ja nicht so, daß die Perversionen 
allein uns zu jener AbSndening des Begriffes Sexualität 
genötigt liätten, weiche uns so heftigen Widersprudi ein- 
1 getragen hat. Das Studium der infantilen Sexualität hat 
, noch mehr dazu getan, und die Übereinstimmung der 
I beiden wurde für uns entscheidend. Aber die Äußerungen 
|, der infantilen Sexualität, so unverkennbar sie in den 
späteren Kinderjaliren sein mögen, scheinen sicJi docl» 
i gegen ihre Anfänge hin ins Unbestimmbare zu verfluch- 
[tigen. Wer auf Entwicklungsgeschichte und analylisclien 
[Zusammenhang nicht aditen will, wird ihnen den Charakter 
ides Sexuellen bestreiten und ihnen dafür irgend einen 
J undifferenzierten Charakter zuerkennen. Vergessen Sie 
, nidit, wir sind derzeit nicht im Besitze eines allgemein 
^anerkannten Kennzeidiens für die sexuelle Natur eines 
Vorganges, es sei denn wiederum die ZugehÖrigl:eit zur 
Fortpflanzungsfunktion, die wir als zu engherzig ablehnen 
■Küssen, Die biologischen Kriterien, wie die von W. Fließ 
laufgestcliten Periodizitäten zu 23 und 28 Tagen, sind 
nodi durchaus strittig; die chemischen Eigentümlichkeiten 
^der Sexualvorgänga, die v/ir vermuten dürfen, harien 
bjCrst ihrer Entdedtung. Die sexuellen Perversionen der 
liErwachsenen hingegen sind etwas Greifbares und Un- 
Kweideuliges. Wie sdion ilire allgemein zugestandene Be- 
nennung erweist, sind sie unzweifelhaft Sexualität. Mag 
man sie Degenerationszeichen oder anders heißen, es 
hat noch niemand den Mut gefunden, sie anderswohin 
eis zu den Phänomenen des Sexualkbens zu stellen. Um 



13-1 DRnTEIi'IKtL: ALLGEMEJME N'EUROSEWLEHRE 

ihretwillen alieiu sind wir zur Behauptung berechtigt, daß 
Sexualität und Fortpflanzung nidit zusammenfallen, denn 
es ist offenkundig, daß sie sämtlich das Ziel der Fort- 
pflanzung verleugnen. 

Ich sehe da eine nidit uninteressante Parallele. Während 
für die meisten „bewulSt" und „[tsychisch" dasselbe ist, 
waren wir genötigt, eine Erweiterung des Begriffes „psy- 
chisch" vorzunehmen und ein Psycliisdies anzuerkennen, 
das nidit bewußt ist. Und ganz ähnlich ist es, wenn die 
anderen „sexuell" und „zur Fortpflanzung gehörig" — 
oder wenn Sie es kürzer sagen wollen: „genital" — für 
identisch erklären, während wir nidit umhin können, ein 
„sexuell" gelten zu lassen, das nidit „genital" ist, nichts 
mit der Fortpflanzung zu tun hat. Es ist nur eine formale 
Ähnlidikeit, aber nidit ohne tiefere Begründimg. 

Wenn aber die Existenz der sexuellen Perversionen 
ein so zwingendes Argument in dieser Frage ist, warum 
hat es nicht bereits längst seine Wirkung getan und diese 
Frage erledigt? Idi weiß es wirklich nicht zu sagen. Es 
scheint mir daran zu liegen, daß diese sexuellen Perver- 
sionen mit einer ganz besonderen Acht belegt sind, die 
auf die Theorie übergreift und audi ihrer wissenschaft- 
lichen Würdigung in den Weg tritt. Als ob niemand 
vergessen könnte, daß sie nicht nur etwas Abscheuliches, 
sondern auch etwas Ungeheuerlidies, Gefährliches sind, 
als ob man sie für verführerisch hielte und im Grunde 
einen geheimen Neid gegen die sie Genießenden nieder- 
zukämpfen hätte, etwa wie ihn der strafende Landgraf 
in der berühmten Tannhäuserparodie eingesteht: 

„Im Venusberg vergaß er Ehr' und Pflicht! 

— Merkwürdig, wnser einem passiert so etwas nicht," 

In Wahrheit sind die Perversen eher arme Teufel, 
die außerordentlich hart für ihre schwer zu erringende 
Befriedigung büßen. 

Was die perverse Betätigung trotz aller Fremdheit 
des Objektes und der Ziele zu einer so unverkennbar 
sexuellen madit, ist der Umstand, daß der Akt der per- 



X XI. LiBLDOENTWICKLUNC. U. SEXUALORGAHISATIONEW 335 

versen Befriedigung doch zumeist in vollen Orgasmus 
und in Entleerung der Genital produkte ausgeht. Das ist 
natürlich nur die Folge der Erwachsenheit der Personen; 
beim Kinde sind Orgasmus und Genital exkretion nicht 
gut möglich, sie werden durch Andeutungen ersetzt, die 
wiederum nicht als sicher sexuell anerkannt werden. 

Ich muß noch etwas hinzufügen, um die Würdigung 
der sexuellen Perversionen zu vervollständigen. So ver- 
rufen sie auch sein mögen, so scharf man sie auch der 
normalen Sexualbetätigung gegenüberstellt, so zeigt doch 
die bequeme Beobachtung, daß dem Sexualleben der 
Normalen nur selten der eine oder andere perverse Zug 
abgeht. Schon der Kuß hat Anspruch auf den Namen 
eines perversen Aktes, denn er besteht in der Vereini- 
gung zweier erogener Mundzonen an Stelle der beiderlei 
Genitalien. Aber niemand verwirft ihn als pervers, er 
wird im Gegenteil in der Sühnend arsteliung als gemilderte 
Andeutung des Sexualaktes zugelassen. Gerade das Küssen 
kann aber leidit zur vollen Perversion werden, wenn es 
nämlich so intensiv ausfällt, daß sich Genital entladung 
und Orgasmus direkt daranschließen, was gar nicht so 
selten vorkommt Im übrigen kann man erfahren, daß 
Betasten und Beschauen des Objektes für den einen 
unentbehrliche Bedingungen des Sexualgenusses sind, daß 
ein anderer auf der Höhe der sexuellen Erregung kneift 
oder beißt, daß die größte Erregtheit beim Liebenden 
nicht immer durch das Genitale, sondern durch eine andere 
Körperregion des Objektes hervorgerufen wird, und ähn- 
liches in beliebiger Auswahl mehr. Es hat gar keinen 
Sinn, Personen mit einzelnen solclien Zügen aus der Reihe 
der Normalen auszusdieiden und zu den Perversen zu 
stellen, vielmehr erkennt man immer deutlicher, daß das 
Wesentliche der Perversionen nicht in der Überschreitung 
des Sexualzieles, nicht in der Ersetzung der Genitalien, 
ja nicht einmal immer in der Variation des Objektes be- 
steht, sondern allein in der Ausschi ießlichkeit, mit welcher 
sich diese Abweichungen vollziehen, und durch weldse 



3 35 ' DRITTf:F:TEn.;'ÄLLGEMEtNE>rei)P.OBEN'LE[-!RE 

der der Fortpflanzung dienende Sexualakl beiseite ge- 
si:Jioben wird. So wie sich die perversen Handlungen als 
vorbereitende oder als verstärkende Beiträge in die Herbei- 
führung des norraalea Sexualakteseinfügen, sind sie eigeafc. 
lieh keine Perversionen ciefir, Natürlicii wird die Kluft 
jrwischen der normalen und der perversen Sexualität durch 
Tatsachen dieser Art sehr verringert. Es ei^bt sidi ua- 
g'ezwung'en, daß die noimale Sexualität aus etwas her- 
vorgehl, was vor ihr bestanden hat, indem sie einzelne 
Züge dieses Materials als unbrauchbar sussdieidet und 
die anderen zusammenfaßt, um sie einem neuen, dem 
Fortpflanzungsziel, unterzuordnen. 

Ehe ivir unsere Vertrautheit mit den Perversionen 
dazu verwenden, um uns mit geklärten Vorraussetzungen 
neuerlich in das Studium der infantilen Sexualität zu ver« 
tiefen, muß ich Sie euf einen widitigen Untersdiied 
zwischen beiden aufmerksam maciien. Die perverse Se- 
xualität ist in der Regel ausgezeichnet lentriert, alles 
Tun drängt zu einem — nieist zu einem einzigen — 
Ziel, ein Partialtrieb hat bei ihr die Oberhand, er ist 
entweder der einzig nachweisbare oder hat die anderen 
seinen Absichten unterworfen. In dieser Hinsicht ist 
zwischen der perversen und der normalen Sexualität kein 
anderer Unterschied, als daß die herrschenden Partial- 
triebc und somit die Sexuahiele verschiedene sind. Es 
ist sozus3CT-en hier wie dort eine gut organisierte Tyrannis, 
nur daß hier die eine, dort eine andere Famihe die Herr-' 
schaft an sidi gerissen hat. Die infantile Sexualität ist 
dagegen im großen und ganzen ohne soldie Zentrierung 
und Organisation, ihre einzelnen ParHaltriebe sind gleich- 
berechtigt, ein jeder geht auf eigene Faust dem Lust- 
erwerb nach. Der Mans^el wie die Anwesenheit der Zen- 
trierung stimmen natürlich gut zu der Tatsadie, daß 
beide, die perverse wie die normale Sexualität aus der 
infantilen her vorgegangen sind. Es gibt übrigens audi 
Fälle von perverser Sexualität, die weit mehr Ahnlidi- 
keit mit der infantilen haben, indem sich zahlreiciie 



XXI. UBIDOENTWICKLUNG ». SEXUALORGANISATIONEN 337 

partialtriebe unabhängig; von einander mit ihren Zielen 
durchgesetzt oder besser: fortgesetzt haben. Man spridit 
in diesen Fällen richtiger von Infantilismus des Sexual- 
lebens als von Perversion. 

So vorbereitet können wir an die Erörterung eines 
Vorsddages gehen, der uns sicherlich nicht erspart werden 
wird. Man wird uns sagen: Wartun steifen Sie sidi darauf, 
die nach ihrem eigenen Zeugnis unbestimmbaren Äuße- 
rungen der Kindheit, aus denen später SexueHea wird, 
audi sdion Sexualität zu nennen? Warum wollen Sie 
sich nidit lieber mit der physio logisdien Beschreibung 
begnügen und einfach sagen, beim Säugling beobachte 
man bereits Tätigkeiten, wie das Lutschen oder das Zu- 
rnckhalten der Exkremente, die uns zeigen, daß er nach 
Organlust strebt? Dadurch würden Sie dodi die jedes 
Gefühl beleidigende Aufstellung eines Sexuallebens für 
das kleinste Kind vermieden haben. — Ja, meine Herren, 
idi habe gar nichts gegen die Organlust einzuwenden; 
ich weiß, daß die höchste Lust der sexuellen Vereinigung 
auch nur eine an die Tätigkeit der Genitalien gebundene 
Organlust ist. Aber können Sie mir sagen, wann diese ur- 
apröngiich indifferente Organlust den sexuellen Charakter 
bekommt, den sie in späteren Phasen der Entwicklung 
wzweifelhaft besitzt? Wissen wir von der „Organlusl" 
»ehr als von der Sexualität? Sie werden antworten, 
der sexuelle Charakter käme eben hinzu, wenn die Ge- 
nitalien ihre Rolle zu spielen beginnen; sexuell deckt 
sich mit genital, Sie werden selbst die Einwendung der 
Perversionen ablehnen, indem Sie mir vorhalten, daß es 
bei den meisten Perversionen doch auf die Erzielung 
des genitalen Orgasmus ankomme, wenn auch auf einem 
anderem Wege als durdi die Vereinigung der Genitalien. 
Sie schaffen sich wirklich eine weit bessere Position, 
wenn Sie aus der Charakteristik des Sexuellen die infolge 
der Perversionen unhaltbare Beziehung zur Fortpflanzung 
streichen und dafür die Genitaltätigkeit voranstellen. Aber 
dann sind wir nicht mehr weit auseinander; es stehen 

Freud, Varluunfca 22 



588 DRITTF-RTEIL; ALt-GEMEENE WEüROSENLEHRE 

einfadi die Genitalorgane gegen die anderen Organi 
Was machen Sie nun aber gegen die vielfachen Erfah- 
rungen, die Ihnen zeigen, daß die Genitalien für die Lust- 
gewinnung durch andere Organe vertreten werden können 
wie beim nonnalan Kuß, ivie in den perversen Praktiken 
der Lebewelt, wie in der Symptomatik der Hysterie? 
Bei dieser Neurose ist es ganz gewobnlidi, daß Reii- 
ersdi einungen, Sensationen und Innervationen, selbst die 
Vorgänge der Erektion, die an den Genitalien daheim 
sind, auf andere entfernte Körperregionen verschoben 
werden (z. B. bei der Verlegung nadi oben auf Kopf 
und Gesidit). In solcher Weise überführt, daß Sie nidita 
haben, was sie zur Charakteristik Ihres Sexuellen fest- 
halten können, werden Sie sich wohl entschließen müssen^ 
meinem Beispiel zu folgen und die Bezeichnung „sexuell" 
auch auf die nad) Organlust strebenden Betätigungen 
der irühen Kindheit auszudehnen. 

-Und nun wollen Sie zn meiner Rechtfertigung nodi 
zwei weiteren Erwägungen Raum geben. Wie Sie wissen, 
heißen wir die zweifelhaften und unbestimmbaren Lust- 
betätigungen der frühesten Kindheit scKuell, weil wir 
auf .dem Wege der Analyse von den Symptomen aus 
über unbestreitbar sexuelles Material zu ihnen gelangen. 
Es müßte nicht darum auch selbst sexuell sein, zuge- 
standen. Aber nehmen Sie einen analogen Fall. Stellen 
Sic sich vor, wir hätten Iceinen Weg, die Entwiddung 
zweier dikotyledonen Pflanzen, des Apfelbaumes und 
der Bohne; aus ihren Samen zu beobachten, aber es sei 
uns in beiden Fällen möglich, ihre Entwicklung vom voll 
ausgebildeten pflanzlichen Individuum bis zum ersten 
Keimling mit zwei Keimblättern rütisdi reitend zu ver- 
folgen. Die beiden Keimblättchen sehen indifferent aus, 
sind in beiden Fällen ganz gleichartig. Werde ich darum 
annehmen, daß sie wirklich gleichartig sind, und daß 
die spezifische Differenz zwischen Apfelbaum und Bohne 
erst später in die Vegetation eintritt? Oder ist es bio- 
logisch korrekter zu glauben, daß diese Differenz schon 

SS iwtaHlMV Jtm. 



XXI. LlaJUUEMTWICKLUKG U. SEXtlALORGANlSATiOKEN 339 

im Keimling vorlianden ist, obwohl ich den Keimblättern 
eine Verschiedenheit nicht ansehen kann. Dasselbe tun 
wir aber, wenn wir die Lust bei Säuglingsbetätigunjen 
eine sexuelle heißen. Ob alle, und jede Organlust eine 
sexuelle genannt werden darf, . oder ob es neben der 
gexueilen eine andere gibt, welche diesen Namen nidit 
verdient, das kann idi hier nicht diskutieren. Ich weiß 
EU wenig von der Organlust und von ihren Bedingungen 
und darf midi bei dem rütisch reitenden Charakter der 
Analyse überhaupt nicht verwundem, wenn idi am letzten 
Ende bei derzeit unbe stimm baren Momenten anlange. 

Und noch eins! Sie haben im ganzen für das, was 
Sie behaupten wollen, für die sexuelle Reinheit des 
Kindes,, sehr wenig gewonnen, audi wenn Sie mich 
davon übeneugen können, daß die Säuglingsbetätigungen 
besser als nidit sexuelle eingeschätzt werden sollen. 
Denn schon vom dritten Lebensjahre an ist das Sexual- 
leben des Kindes all diesen Zweifeln entiogenj um 
diese Zeit beginnen bereits die Genitalien sich zu regen, 
CS ergibt sich vielleicht regelmäßig eine Periode von 
infantiler Masturbation, also Genitalbefriedigung, Die 
seelischen und sozialen Äußerungen des Sexuallebens 
brauchen nicht mehr vermißt zu werden; Objektwahl, 
zärtlidie Bevorzugung einzelner Persouen, ja Entscheidung 
für eines der beiden Gesdilechter. Eifersudit, sind durch 
unparteiische Beobachtungen unabhängig und vor der 
Zeit der PsychoMialyse festgestellt worden und können 
von jedem Beobachter, der es sehen will, bestätigt 
werden. Sie werden einwenden, an dem frijhen Er- 
wachen der Zärtlidikeit haben Sie nicht gezweifelt, nur 
daran, daß diese Zärtlichkeit den „sexuellen" Charakter 
trägt. Diesen zu verbergen haben die Kinder allerdings 
zwischen drei und acht Jahren bereits gelernt, aber 
wenn Sie aufmerksam sind, können Sie für die „sinn- 
lichen" Absichten dieser ZärÜidikeit immerhin genug 
Beweise sammeln, und was Ihnen dann noch abgeht, 
werden die aoalytisdien Ausforschungen mühelos in 

22* 



MO DRiTTERTEIL; ALLGEMEINE MEUROSENLEHRE 

reidiem Maße ergeben. Die Sexualiiele dieser Lebens- 
£eit etehea in innigstem Zusammenhang mit der gleiche 
zeitig-en Sexual forschung, von der idi Ihnen einige Proben 
gegeben habe. Der perverse Charakter einiger dieser 
Ziele hängt natürlich von der konstitutionellen Unreife 
des Kindes ab, welches das Ziel des Begattungsaktes 
noch nidit entdeckt bat 

Etwa vom sedisten bis achten Lebensjahr an macht 
sidi ein Stillstand und Rückgang in der Sexualent- 
wicklung bemerkbar, der in den kulturell günstigsten 
Fällen den Namen einer Latenzzeit verdient Die Latenz- 
zeit kann auch entfallen, sie braucht keine Unterbrechung 
der Sexualbetätigung und der Sexualinteressen auf der 
ganzen Linie mit sidi zu bringen. Die meisten Erleb- 
nisse und seelischen Regungen vor dem Eintritt der 
Latenzzeit verfallen dann der infantiien Amnesie, dem 
bereits erörterten Vergessen, weldies unsere erste Jugend 
verhüllt und uns ihr entfremdet In jeder Psychoanalyse 
stellt sidi die Aufgabe her, diese vei^ssene Lebena- 
periode in die Erinnerung zurückzuführen; man kann 
sidi der Vermutung nicht erwehren, daß die in ihr ent- 
haltenen Anfänge des Sexuallebens das Motiv zu diesem 
Vergessen ergeben haben, daß dies Vergessen also ein 
Erfolg der Verdrängung ist. 

Das Sexualleben des Kindes zeigt vom dritten Lebens- 
jahr an viel Übereinstimmung mit dem des Erwachsenen; 
es unterscheidet «ich von dem letzteren, wie wir bereits 
wissen, durch den Mangel einer festen Organisation 
unter dem Primat der Genitalien, durch die unvermeid- 
lichen Züge von Ferversion und natürlich audt durch 
weit geringere Intensität der ganzen Strebung. Aber 
die für die Theorie interessantesten Phasen der Sexual-, 
oder wie wir saget) wollen, der Libidoentwiddung, 
liegen hinter diesem Zeitpunkt. Diese Entwicklung wird 
so rasch durchlaufen, daß es der direkten Beobachtui^ 
wahrscheinlidi niemals gelungen wäre, ihre flüchtigen 
Bilder festzuhalten. Erst njit Hilfe, der p.syghoanalytischeii 



XXI. LIBIDQENTWICK1.UHG U. SEXUALOaGANtSATIQNE» 341 

purdiforsdiung der Neurosen ist es mögÜch geworden, 
noch weiter zurückliegende Phasen der Libidoeotwicldung 
^ erraten. Es sind dies gewiß nichts anderes als Kon- 
struktionen, aber wenn Sie die Psychoanalyse praktisch 
betreiben, werden Sie finden, daß es notwendige und 
nutzbringende Konstruktionen sind. Wie es zugeht, daß 
die Pathologie uns hier Verhältnisse verraten kann, 
welche wir am normalen Objekt übersehen müssen, 
werden Sie bald verstehen. 

I Wir können a!so jetzt angeben, wie sidi das Sexual- 
leben des Kindes gestaltet, ehe der Primat der Geni' 
talicu hergestellt ist, der sich in der ersten infantilen 
Epoche vor der Latenzzeit vorbereitet und von der 
Pubertät an dauernd organisiert Es besteht in dieser 
Vorzeit eine Art von lockerer Organisation, die wir 
prägenital nennen wollen. Im Vordergrunde dieser 

I Phase stehen aber nicht die genitalen Partialtriebci 
sondern die sadistischen und analen. Der Gegen- 
satz von männlich und weiblich spielt hier noch 
keine Rolle; seine Stelle nimmt der Gegensatz zwischen 
aktiv und passiv ein, den man als den Vorläufer der 
sexuellen Polarität bezeichnen kann, mit weldier er sich 

' auch späterhin verlötet. Was uns an den Betätigungen 
dieser Phase als. männlich erscheint, wenn wir sie von 
der Genitalphase her betraditen, erweist sich alt Aus- 
drucke eines Bemächtigungstriebes, der leicht ins Grau- 
same übergreift Strebungen mit passivem Ziel knüpfen 
sich an die um diese Zeit sehr bedeutsame erogene 
Zone des Darmausganges. Schau- und WiBtrieb regen 
sich kräftig; das Genitale nimmt am Sexualleben eigent- 
lich nur in seiner Rolle als Exkretionsorgan für den Harn 
Anteil. Es fehlt den Partialtrieben dieser Phase nicht 
an Objekten, aber diese Objekte fallen nicht notwendig 
S!u einem Objekt zusammen. Die sadistisdi-anale Organi- 
sation ist die nächste Vorstufe für die Phase des Genital- 

' p rimats. Ein eingehenderes Studium weist nadi, wieviel 

t '"""*" "■■■"■■ 



bleibt, und auf Welchen Wegen ihre Partialtriebe zur 
Einreiliung in die neue Genitalorganisation genötigt 
werden. Hinter der sadistisch -analen Phase der Libido- 
entwickluiM; gewinnen wir noch den Ausblick auf eine 
friitiere, noch mehr primitive Organ! sali onsstijfe, auf- 
weicher die eroE^ne Mundzone die Hauptrolle spielt;' 
Sie können erraten, daß die Sexualbetätigur^ des' 
Lutschens ihr angehört, und dürfen das Verständnis der 
alten Ägypter bewundem, deren Kunst das Kind, auch 
den göttlichen Horus, durcli den Finger im Munde 
cliarakterisierL Abraham hat erst kfirzUdi Mitteilungen 
darüber gemacht, welche Spuren diese primitive orale' 
Phase für das Sexualleben späterer Jahre hinterläßt ' 
Meine Herreal Ich kann ja vermuten, daß die letzten- 
Mitteilungen über die Sexual Organisationen Ihnen mehr 
Belastung als Belehrung gebracht haben. Vielleicht birt 
idi auch wieder zu weit in Einzelheiten eingegangen.' 
Aber haben Sie Geduld; was Sie da gehört haben, wird 
Ihnen durch spätere Verwendung wertvoller werden. 
Halten Sie für jetzt an dem Eindruck fest, daß das 
Sexualleben — wie wir sagen: die Libidofunktion — 
nicht als etwas Fertiges auftritt, audi nicht in seinem 
eigenen Ähnlichkeit weiterwächst, sondern eine Reihe 
von aufeinanderfolgenden Phasen durchmacht, die einander 
nicht gleichsehen, daß es also eine mehrmals wieder- 
holte Entwicklung ist wie von der Raupe zum Schmetter- 
ling. Wendepunkt der Enfwiddung ist die Unterordnung 
aller sexuellen Partialtriebe unter den Primat der Geni- 
talien und damit die Ucterwerfung; der Sexualität unter 
die Fortpflanzungsfunktion. Vorher ein sozusagen zer- 
fahrenes Sexualleben, selbständige Betätigung der ein- 
zelnen, nach Organlust strebenden Partialtriebe. Diese 
Anardiie gemildert durdi Ansätze zu „prägenitalen" 
Organisationen, zunächst die sadistisch-anale Phase, 
hinter ihr die orale, vielleicht die primitivste. Dazu die 
verschiedenen, noch ungenau bekaniiten Prozesse, welche 
die eine Organisationsstufe in die spätere und nädist- 



m(I- LmiDOF-WT\X'lCKHJNn U. 5EXUAL0RGAN1SAT10NEM 343 

höhere überführen. Welche Bedeutung es für die Ein- 
ädit ■ in die Neurosen hat. daß die Libido einen so 
langen und absatzreichen Entwiddungsweg zurücklegt, 
werden wir ein nädistes Mal erfahren. 
, Heute werden wir noch eine andere Seite dieser 
Entwicklung verfolgen, nämlirfi die Beziehung der sexu- 
ellen Partiaitriebe zum Objekt. Vielmehr wir werden 
einen flüchtigen Überblick über diese Entwicklung nehmen. 
Hin bei einem ziemlicb späten Ergebnis derselben länger 
zu verweilen. Also einige der Komponenten des Sexual- 
triebes haben von vorneherein ein Objekt und halten 
es fest, so der Bemäditigungs trieb (Sadismus), der Sdiau- 
und Wiß trieb. Andere, die deutlidier an bestimmte 
erogene Körperzonen geknüpft sind, haben es nur im 
Anisng, solange sie sich noch an die nicht sexuellen 
Funktionen anlehnen, und g-eben es auf, wenn; sie sidi 
von diesen loslosen. So ist das erste Objekt der oralen 
Komponente des Sexualtriebes die Mutterbrust, weldie 
das Nahrungsbedörfnis des Säuglings befriedigL im Akte 
des Lutschens madit sich die beim Saugen mitbefriedigte 
erotische Komponente selbständig, gibt das fremde Objekt 
auf und ersetzt es durch eine Stelle am eigenen Körper. 
Der orale Trieb wird autoerolisch, wie es dit^ analen 
und die anderen erogenen Triebe von vornherein sind. 
Die weitere Entwicklung hat, um es aufs knappste aus- 
zudrücken, zwei Ziele: erstens den Autoerotismus zu 
verlassen, das Objekt am eigenen Korper wiederum 
gegen ein fremdes Objekt zu vertauschen, und zweitens,: 
die verscliiedenen Objekte der einzelnen Triebe zu 
unifizieren, durch ein einziges Objekt zu ersetzen. Das 
kann natürlich nur gelingen, wenn dies eine Objekt 
wiederum eip ganzer, dem eigenen ähnlidier Körper 
ist Es kann sich auch nicht vollziehen, ohne daß eine 
Anzahl der auto erotischen Triebregungen als unbrauchbar 
zurückgelassen wird, ij Iv. , 

Die Prozesse der Objektfindung sind ziemlich vcr- 
widcclt, haben bisher auch noch keine übersichtliche 



344 DRITTER TEIL. ALLGEMEINE NEUROSEMLEHRE 

Darstellung; gefunden. Heben wir für unsere Absidit 
hervor, daß, wenn der Prozeß in den Kinderjahren vor 
der Latenzzeit einen gewissen Absdiluß erreicht hat, 
das gefundene Objekt sich als fast identisch erweist 
mit dem ersten, durch Anlehnung gewonnenen Objekt 
des oralen Lusttriebes, Es ist, wenn auch nidit die 
Mutterbrust, so dodi die Mutter. Wir nennen die Mutter 
das erste Liebesobjekt Von Liebe sprechen wir nämlidi, 
wenn wir die seelisdie Seite der Sexualstrebungen in 
den Vordergrund rücken und die zu Grunde liegenden 
körperlichen oder „sinnlichen "Triebanforderungen zurücjc- 
drängen oder für einen Moment vergessen wollen. Um 
die Zeit, da die Mutter Liebesobjekt wird, hat auch 
bereits beim Kinde die psychische Arbeit der Ver- 
drängung begonnen, welche seinem Wissen die Kenntnis 
eines Teiles seiner Sexualziele entzieht. An diese Wahl 
der Mutler zum Liebesobjekt knüpft nun all das an, 
was unter dem Namen des „Ödipuskomplexes" in 
der psydioanaly tischen Aufklärung der Neurosen zu so 
großer Bedeutung gekommen ist und einen vielleidit 
nidit geringeren Anteil an dem Widerstand gegen die 
Psychoanalyse gewonnen hat 

n- Hören Sie eine kleine Begebenheit an, die sich im 
Laufe dieses Krieges zugetragen hat: Einer der wackeren 
Jünger der Psychoanalyse befindet sidi als Arzt an der 
deutsdien Front irgendwo in Polen und erregt die Auf- 
merksamkeit der Kollegen dadurch, daß er gelegentlich 
eine unerwartete Beeinflussung eines Kranken zu stände 
bringt Aul Befragen bekennt er, daß er mit den Mitteln 
der Psychoanalyse arbeitet, und muß sich bereit erklären, 
den Kollegen von seinem Wissen mitzuteilen. AU- 
abendlidi versammeln sich nun die Arzte des Korps, 
Kollegen anö Vorgesetzte, am den Geheimlehren der 
Analyse zu lauschen. Das geht eine Weile gut, aber 
nadidem er den Hörern vom Ödipuskomplex gesprochen 
hat, eriiebt sich ein Vorgesetzter und äußert, das glaube 
« nidit, es sei eine Gemeinheit des Vortragenden, ihnen, 



XXL LIBlDOEMTtt'ICKI.UNG V. SEXUALORGAWtSATIONEW 3« 

Itraven Männern, die für ihr Vaterland kämpfen, und 

pamilienvätern solche Dinge zu erzählen, und er verbiele 

^e Fortsetzung der Vorträge. Damit war ee zu Fjide. 

[per Analytiker ließ sich an einen anderen Teil der Front 

ersetzen, Idi glaube aber, es steht schledit, wenn der 

deutsche Sieg einer solchen „Organisation" der Wissen- 

[laft bedarf, und die deutsdie Wissenschaft wird diese 

^Organisation nicht gut vertragen. 

Nun werden Sie darauf gespannt sein zu erfahrnn, 
twss dieser schreckliche Ödipuskomplex entbält Der Name 
1 iWgt es Ihnen. Sie kennen alle die griechische Sage vom 
VKönig ödipus, der durch das Schicksal dazu bestimmt ist, 
kgeinen Vater zu töten und seine Mutter zum Weibe zu 
linehmen, der alles tut, um dem Orakelspnich zu entgehen, 
; und sidi dann durch Blendung bestraft, naclidem er er- 
en, dafi er diese beiden Verbrechen unwissentlich 
dodi begangen hat. Ich hoffe, viele von Ihnen haben 
erschütternde Wirkung der Tragödie, in welcher 
Lfiophokles diesen Stoff behandelt, an sich selbst er- 
rbt. Das Werk des attischen Diditers stellt dar, wie 
Ldie längst vergangene Tat des Ödipus durch eine kunst- 
oll verzögerte und durch immer neue Anzeichen an- 
efadite Untersuchui^ allmählich enthüllt wird; es hat 
Ljnsofem eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fortgang einer 
Psychoanalyse. Im Verlaufe des Dialogs kommt es vor, 
daß die verblendete Mutter-Gattin Jokaste sich der 
Fortsetzung der Untersudiung widersetzt Sie beruft sich 
iBui, daß vielen Menschen im Traum zu teil geworden, 
äaß sie der Mutter beiwohnen, aber Träume dürfe man 
I -gering achten. Wir achten Träume nicht gering, am wenigsten 
[:^pisdie Träume, solche, die sich vielen Menschen ereignen, 
; lund zweifeln nicht daran, daß der von Jokaste erwähnte 
»Traum innig mit dem befremdenden und erschreckenden 

nhalt der Sage zusammenhängt. 
1 ) Es ist zu verwundem, daß die Tragödie des Sophokles 
-nidit vielmehr empörte Ablehnung beim Zuhörer hervor- 
ruft, eine älinliche und weit mehr berechtigte Reaktion 



MS DRITTER TEH.-. ALLGEMEINE TOUBOSENLEHRE 

als die unseres schichten Militärarztes. Denn sie ist im 
Grunde ein unmoralisches Stück, sie hebt die sittliclie 
Verantwortlichkeit des Menschen auf, zeigt göttliche 
Mächte als die Anordaer des Verbrechens und die Ohn- 
macht der sitüi(ien Regungen des Menschen, die sidi 
gegen das Verbrechen wehren. Man könnte leicht glauben, 
daß der Sa^nstoff eine Anklage der Götter und des- 
Sdiicksals beabsichtige, und in den Händen des kritischen,' 
mit den Göttern zerfallenen, Euripides wäre es wahr- 
scheinlich eine solche Anklage geworden. Aber beim 
gläubigen Sophokles ist von dieser Verwendung keine 
Rede; eine fromme Spitzfindigkeit, es sei die höchste 
Sittlidikeit, sich dem Willen der Götter, auch wenn er 
Verbredierisches anordne, zu beugen, hilft über die 
Sdiwieriglceit hinweg. Ich kann nidit finden, daß diese 
Moral zu den Stärken des Stückes gehört, aber sie ist 
für die Wirkung desselben gleichgültig. Der Zuhörer 
reagiert nicht auf sie. sondern auf den geheimen Sinn 
und Inhalt der Sage. Er reagiert so, als hätte er durdi 
Selbstanalyse den Ödipuskomplex in sich erkannt und 
den Götterwillen sowie das Orakel als erhöhende Ver^ 
kleidungen seines eigenen Unbewußten entlarvt Als ob 
er sich der Wünsche, den Vater zu beseitigen und an 
seiner Statt die Mutter zum Weibe zu nehmen, erinnern 
und sich über sie entsetzen müßte. Er versteht auch die 
Stimme des Dichters so, als ob sie ihm sagen -wollte; 
Du sträubst didi vei^ebeus gegen deine Verantwortlich- 
keit und beteuerst, was du gegen diese verbredierischen 
Absichten getan hast. Du bist doch sdiuldig, denn du 
hast sie nicht vernichten können; sie bestehen noch un- 
bewußt in dir. Und darin ist psydiologiscbe Wahrheit 
enthalten. Audi wenn der Mensdi seine bÖsen Regungen 
ins Unbewußte verdrängt hat und sich dann sagen 
möchte, daß er für sie niclit verantwortlich ist, wird 
er dodi gezwungen, diese Verantwortlichkeit als ein 
Schuldgefühl von ihm unbekannter Begründung zu -ver- 
spüren. 



Es ist ganz unzweifeWiaft, daß man in dem ödipus- 
tomplej: eine der wichtigste^ Quellen des Schuldbewußt- 
seins sehen darf, von dem die Neurotiker so oft gepeinig^t 
vrerden. Aber nodi mehr: in einer Studie über die An- 
fänge der mensdilidien ReÜgion und Sittliclikeit, die ich 
1913 unter dem Titel „Totem Und Tabu" veröffentlicht 
habe, ist mir die Vermutung nahe gekommen, daß vielleicht 
die Mensdiheit als Ganzes ihr Schuldbewußtsein, die letzte 
Quelle' von Religion und Sittlichkeit, zu Beginn ihrer 
Gesdiichte am Ödipuskomplex erworben hat Ich mödite 
Ihnen g'eme mehr darüber sagen, aber ich unterlasse es 
besser. Es ist sdiwer, von diesem Thema abzubredien; 
wenn man mit ihm begonnen hat, und wir müssen zur 
individuellen Psychologie zurückkehren. 

Was läßt also die direkte Beobadilung dies Kinde» 
zur Zeit der Objektwahl vor der Latenzzeit vom Ödipus- 
komplex erkennen? Nun, man sieht leicht, daß der kleine 
Mann die Mutter für sich allein haben will, die An- 
wesenheit des Vaters als störend empfindet, unwillig 
wird, wenn dieser sich Zärtlidikeiten gegen die Mutter 
erlaubt, seine Zufriedenheit äußert, wenn der Vater 
verreist oder abwesend ist. fiäufig gibt er seinen Gefühlen 
Üirekten Ausdruck la Worten, verspriclit -der Mutter, 
daß er sie heiraten wird. Man wi«l meinen, das sei 
wenig im Vergleidi zu den Taten des ödipus, aber es 
ist tatsäclilich genug, es ist im Keime dasselbe. Die 
Beobaditung wird häufig durdi den Umstand verdunkelt, 
daß dasselbe Kind gleichzeitig bei anderen Gelegen- 
heiten eine große Zärtlichkeit fSr den Vater kundgibt; 
allein solche gegensätzliche ■^— ■ oder besser gesagti 
am bivalente — Gefühl sein Stellungen, die beim Er- 
wachsenen zum Konflikt führen würden, vertragen sich 
beim Kinde eine lange Zeit ganz gut miteinander, wie 
we später im Unbewußten dauernd nebeneinander Platz 
finden. Man wird sudi einwenden wollen, daß das Be- 

I nehmen des kleinen Knaben egoistischen Motiven ent- 
springt und keine Berechtigung zur Aufstellung eines 



348 DMTTEK TEIL; ALLGEMEINE NEURQSEWLEHRE 

erotischen Komplexes gibt Die Mutter sorgt fijr alle 
Bedürfnisse des Kindes, imd das Kind hat darum ein 
Interesse daran, daß sie sich um keine andere Person 
bekümmere. Auch das ist richtig, aber es wird bald 
klar, daß in dieser wie in ahnlidien Situationen das 
egoistische Interesse nur die Anlehnung bietet, an welche 
die etotisdie Strebung anknüpft Zeigt der Kleine die; 
unverhüllteste sexuelie Neugierde für seine Mutter, ver« 
langt er, nachts bei ihr zu schlafen, drängt sich zur 
Anwesenheit bei ihrer Toilette auf oder unternimmt er, 
gar Verführungsversuche, wie es die Mutter so oft fest-; 
stellen und ladiend berichten kann, so ist die erotische 
Natur der Bindung an die Mutter doch gegen jeden 
Zweifel gesichert. Man darf auch niclit vergessen, 
daß die Mutter dieselbe Fürsorge für ihr Toditerchen 
entfaltet ohne dieselbe Wirkung xa eriielen, und daß 
der Vater oft genug mit ihr in der Bemühung um den 
Knaben wetteifert, ohne daß es ihm gelänge, siÄ dieselbe 
Bedeutung wie die Mutler zu erwerben. Kurz, daß das 
Moment der geschlechtlichen Bevorzugung durch keine 
Kritik aus der Situation lu eliminieren ist. Vom Stand- 
punkt des egoistischen Interesses wäre es nur unklug 
von dem kleinen Mann, wenn er nidit lieber zwei 
Personen in seinen Diensten dulden würde, als nur 
eine von ihnen. 

Ich habe, wie Sie merken, nur das Verhältnia des 
Knaben zu Vater und Mutter geschildert Für das kleine 
Mädchen gestaltet es sich mit den notwendigen Ab- 
änderungen ganz ähnlich. Die zärtlidie Anhänglichkeit 
an den Vater, das Bedürfnis, die Mutter als überflüssig 
zu beseitigen und ihre Stelle einzunehmen, eine bereits 
mit den Mitteln der späteren Weiblichkeit arbeitende 
Koketterie ergeben gerade beim kleinen MädcJien ein 
reizvolles Bild, welches uns an den Ernst und die 
möglichen schweren Folgen hinter dieser infantilen Situation 
vergessen laßt. Versäumen wir nicht hinzuzufügen, daß 
häufig die Eltern selbst einen entsdieidenden Einfluß 






XXI. LlBIDOENTWiCKLUNG U. SEXULAORGAMSATIONEN 349 

auf die Erweckung der Odipuseinstellung des Kindes 
Üben, indem sie selbst der gesdilechttichen Anziehung 
folgen, und wo mehrere Kinder sind, in der deutlichsten 
\Veise der Vater das Toehlerdien und die Mutler den 
Sohn in ihrer Zärtlichkeit bevorzugen. Aber die spontane 
Natur des kindlidien Ödipuskomplexes kann nicht ein- 
mal durdi dieses Moment ernstlich ersdiüttert werden. 
Der Ödipuskomplex erweitert sich zum Familienlcompleic, 
wenn andere Kinder dazukommen. Er motiviert nun 
mit neuerlicher Anlehnung an die egoistisdie Schädigung, 
daß diese Geschwister mit Abneigung empfangen und 
unbedenklich durch den Wunsdi beseitigt werden. Diesen 
Haßempfindungen geben die Kinder sogar in der Regel 
weit eher wörtlichen Ausdruck als den aus dem Eltern- 
komplex entspringenden. Geht ein solcher Wunsdi in 
Erfüllung und nimmt der Tod den onerwünachten Zu- 
wadjs binnen kurzem wieder weg, so kann man aus 
Späterer Analyse erfahren, ein wie widitigea Erlebnis 
"ieser Todesfall für das Kind gewesen ist, wiewohl er 
Gedäditnis desselben nicht gehaftet zu Itaben braucht, 
as durch die Geburt eines Geschwisterchens in die 
1 weite Linie gedrängte, für die erste Zeit von der 
Mutter fast isolierte fCind, veipßt ihr diese Zurück- 
;ellung nur schwer; Gefühle, die man beim Erwachsenen 
schwere Erbitterung bezeidinen würde, stellen sich 
:i ihm ein und werden oft zur Grundlage einer 
luemden Entfremdung. Daß die Sexual forsch ung mit 
II ihren Konsequenzen gewöhnlich an diese Lebens- 
irfahrung des Kindes anknüpft, haben wir schon erwähnt 
it dem Heranwachsen dieser Geschwister erfährt die 
linstellung zu ihnen die bedeutsamsten Wandlungen. 
3er Knabe kann die Schwester zum Liebesobjekt nehmen 
3 Ersatz für die treulose Mutter; zwischen mehreren 
irüdem, die um ein jüngeres Schwesterchen werben, 
fjffgeben sich schon in der Kinderstube die für das 
ipätere Leben bedeutsamen Situationen einer feind- 
,ige_n Rivalität Ein kleines Mädchen Bndet im älteren 



3S0 DRITTER TEIL; ALLGEMKINE KEL'ROSEK'LEHRE 



Bruder eineo Ersatz für den Vater, der sicli nicht mehr 
wie in den frühesten Jahren zärtlich um sie kümmert, 
oder sie nimmt eine jüngere Schwester zum Ersatz 
für das, Kind, das sie sidi . vergeblich vom Vater ge- 
wünscht hat. ■! .., ... 

Solches und sehr viel mehr von ähnlicher Natur 
zeigt ihnen die direkte Beobachtung der Kinder und 
die Würdigung ihrer klar erhaltenen, von der Analyse 
nicht beeinflußten Erinnerungen aus den Kinderjahren. 
Sie werden daraus unter anderem den Sdiluß ziehen 
daß die Stellung eines Kindes in der Kinderreihe ein 
für die Gestattung seines, späteren Lebens überaus 
widitiges Moment ist, welches in jeder Lebensbe- 
sdireibunsr Rücksicht finden sollte. Aber, was wiclitiger 
ist, Sie werden sich angesichts dieser mühelos zu ge- 
winnenden Aufklärungen der Außeningen der Wissen- 
schaft zur Erldärung des Inrestverbotes nicht ohne Lächeln 
erinnern können. Was ist da nicht alles erfunden wordenl 
Die gesdilechtliche Neigung soll durch das Zusammen- 
leben von Kindheit her von den andersgeschlechtlidien 
Mitgliedern derselben Famüie abgelenkt worden sein, 
oder eine biologische Tendenz zur Vermeidung der In- 
zucht soll in der angeborenen Inzestsdieu seine psy- 
diische Repräsentanz finden! Wöbet noch ganz vergessen 
wird, daß es keines so unerbittlichen Verbotes durch 
Gesetz und Sitte bedürfte, wenn es irgend verläßiiche 
natürliche Schranken gegen die Inzestversuchung gäbe; 
im Gegenteil liegt die Wahrheit Die erste ObjektwaU 
der Menschen ist regelmäßig eine inzestuöse, beim 
Manne auf Mutter und Schwester geriditefe, und es 
bedarf der schärfsten Verbote, um diese fortwirkende 
infantile Neigung von der Wirklichkeit abzuhalten. Bei 
den heute noch lebenden Primitiven, den wilden Välkemj 
sind die Inzestverbote noch viel sdiärfer als bei uns, 
und kürzlicli hat Th. Reik in einer glänzenden Arbeit 
gezeigt, daß die Pubertätsriten der Wilden, die eine 
Wiedergeburt: darstellen, den Simi liabeu. die inzestuÖBe 



XXI. UBIDOENTWICKLUNG V. SEKUAt.OROAUISATIOWEN 3S1 

Bindung der tCnaben an ihre Mutter aufzuheben und 
ihre Versöhnung' mit dem Vater herzusteilen. 

Die Mythologie belehrt Sie, daß der von den Menschen 
angeblich so verabscheute Inztjst unbedenklich den Göttern 
zugestanden wird, und aus der alten Geschidite können 
Sie erfaliren, daß die inzestuöse Sdiwesterehe für die 
Person des Herrsdiers geheiligte Vorschrift war (bei 
den alten Pharaonen, den Incas von Peru). Es handelt 
sich also um ein der gemeinen Menge versagtes Vorredit. 

Der Mutterinzest ist das eine Verbrechen des Ödipus, 
der Vatermord das andere. Nebenbei erwähnt, es sind 
auch die beiden großen Verbrechen, weldie die crsie 
»ozial-religiöse Institution der Mensdien, der Totemismus, 
verpönt Wenden wir uns nun von der direkten Beob- 
aditung des Kindes zur analytischen Erforsdiung des 
neuro tisdi gewordenen Erwachsenen. Was leistet die 
Analyse zur weiteren Kenntnis des Ödipuskomplexes? 
'Nun, das ist kurz zu sagen, Sie weist ihn so auf, wie 
ihn die Sage erzählt; sie zeigt, daß jeder dieser Neu- 
rotiker selbst ein Ödipus war oder, was auf dasselbe 
ausgeht, in der Reaktion auf den Komplex ein Hamlet 
geworden ist Natürlich ist die analytische Darstellung 
des Ödipuskomplexes eine Vergrößerung «od VergrÖ- 
berung der infantilen Skizze, Der Haß gegen den Vater, 
die Todeswuiische gegen ihn, sind nicht mehr schüchtern 
angedeutet, die Zärtlichkeit für die Mutter bekennt siclj 
zum Ziel, sie als Weib zu besitzen. Dürfen wir diese 
grellen und extremen Gefühlsregungen wirklich jenen 
Tarten Kinderjahren zutrauen oder täuscht uns die Ana- 
lyse durch die Einmengung eines neuen Moments? Es 
ist nicht schwer, ein Solches aufzufinden. Jedesmal, wenn 
ein Mensdi über Vergangenes berichtet, und sei er auch 
ein Gesdiiclitschreiber, haben wir in Betracht zu ziehen, 
was er unabsichtlich aus der Gegenwart oder aus da- 
zwisdienliegenden Zeiten in die Vergangenheit zurüd:- 
versetzt, so daß er das Bild derselben fälscht. Im Falle 
des Neurotikers ist es sogar fraglich, ob diese Rück- 



X2 DRITTER TEfL: ALLGEMEINE NEUROSEWLEHRl^ 

Versetzung eine ganz und gar unabsichtliche ist; wir 
werden Motive für sie später kennen lernen und der 
Tatsache des nRückphantasierens" in frühe Vergangenheit 
überhaupt geredit werden müssen. Wir entdedcen auch 
leicht, daß der Haß gegen den Vater durch eine An- 
zahl von Motiven verstärkt ist, die aus späteren Zeiten 
und Beziehungen stammen, daS die sexuellen Wünsche 
auf die Mutter in Formen gegossen sind, die dem Kinde 
noch fremd sein mußten. Aber es wäre ein vergebliches 
Bemühen, wenn wir das Ganze des Ödipuskomplexes 
durd) Rückphantasieren erklären und auf spätere Zeiten 
beziehen wollten. Der infantile Kern und auch mehr 
oder weniger vom Beiwerk bleibt bestehen, tvie ihn die 
direkte Beobachtung des Kindes bestätigt. 

Die klinische Tatsadie, die uns hinter der analytisch 
festgestellten Form des Ödipuskomplexes entgegentritt, 
ist nun von der höchsten praktischen Bedeutung. Wir 
erfahren, daß zur Zeit der Pubertät, wenn der Sexual- 
trieb zuerst in voller Stärke seine Ansprüche erhebt, 
die alten familiären und inzestuösen Objekte wieder 
aufgenommen und von neuem tibidinös besetzt werden. 
Die infantile Objektwahl war nur eio schwächliches, 
aber Richtung gebendes Vorspiel der Objektwahl in der 
Pubertät. Hier spielen sidi nun sehr intensive Gefühls- 
vo^änge in der Richtung des Ödipuskomplexes oder 
in der Reaktion auf ihn ab, die aber, weil ihre Voraus- 
setzungen unerträglich geworden sind, zum großen Teil 
dem Bewußtsein ferne bleiben müssen. Von dieser Zeit 
an muß sich das mensdiliche Individuum der großen 
Aufgabe der Ablösung von den Eltern widmen, nach 
deren Lösung es erst aufhören kann Kind zu sein, um 
ein Mitglied der sozialen Gemeinschaft zu werden. Die 
Aufgabe besteht für den Sohn darin, seine libidinösen 
Wünsdie von der Mutter zu lösen, um sie für die 
Wahl eines realen fremden Liebeso bjektes zu verwenden, 
und sidi mit dem Vater zu versöhnen, wenn er in Gegner- 
sdiafl zu ihm verblieben ist, oder sich von seinem Druck 



XXi. LIBIDOENTWICKLUNG U. SEXUALORGANISATIONEN S53 

ZU befreien, wenn er in Realclion auf die infantile Auf- 
lehnung in die Unterwürfig-keit gegen ihn geraten ist. 
Diese Angaben ergeben sich für jedermann; es ist 
beachtenswert, wie selten ihre Erledigung in idealer 
Weise, d, h. psychologisch wie. sozial korrekt, gelingt. 
Den Neurotikem aber gelingt diese Lösung überhaupt 
nidit, der Sohn bleibt sein lebelang unter die Autorität 
des Vaters gebeugt und ist nicht im stände, seine 
Libido auf ein fremdes Sexualobjekt zu übertragen. 
Dasselbe kann mit Veränderung der Beziehung das Los 
der Tochter werden. In diesem Sinne gilt der Ödipus^ 
komplex mit Recht als der Kern der Neurosen. ii.Liii 
Sie ahnen, meine Herren, wie flüchtig idi über eine 
große Anzahl von praktisch wie theoretisch bedeut- 
samen Verhältnissen, die mit dem Ödipuskomplex zu- 
sammenhängen, hinwegsetze. Idi gehe auch auf seine 
Variationen und seine naöglidie Umkehrung nidit ein. 
Von den entfernteren Beziehungen desselben will idi 
Ihnen nur noch andeuten, daß er sidi als höchst be- 
stimmend für die dichterische Produktion erwiesen hat. 
Otto Rank hat in einem verdienstvollen Budi gezeigt, 
daß die Dramatiker aller Zeiten ihre Stoffe haupt- 
sächlidi dem Ödipus- und Inzestkomplex, dessen Varia- 
tionen und Verschleierungen, entnommen haben. Es soil 
auch nicht unerwähnt bleiben, daß die beiden verbreche- 
rischen Wünsche des Ödipuskomplexes längst vor der 
Zeit der Psychoanalyse als die richtigen Repräsentanten 
des ungehemmten Trieblebens erkannt worden sind. Unter 
den Schriften des Enzyklopädisten Diderot finden Sie 
einen berühmten Dialog „Le neveu de Rameau", den 
kein Geringerer als Goethe deutsd» bearbeitet hat 
Dort können Sie den merkwürdigen Satz lesen; Si le 
petit sauvage etait abandonne ä lui-m6me, qu'il 
conserva toute son imbecillite et qu'il reunit au 
peu de raison de i'enfant aubcrceau laviolence 
despaasions de i'homme de trente ans, il tordrait 
le con ä aon pere et coucherait avec sa mere. 

Frcnd, VorIeniii£DO 23 



354 DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

Aber etwas anderes kann ich nicht übergelieii. Die 
Mutter-Gattin des Ödipus soll uns nicht vei-gebhch an 
den Traum gemahnt haben. Erinnern Sie sich noch des 
Resultates unserer Traumanalyseo, daß die traumbildenden 
Wünsche so häufig perverser, inzestuöser Natur sind 
oder eine nicht geahnte Feindseligkeit gegen nädiste 
und geliebte Angehörige verraten? Wir haben es da^ 
mals UQaufgeklärt gelassen, -woher diese bösen Regungen 
stammen. Nun können Sie sich's selbst sagen. Es sind früh- 
infantile, fürs bewußte Leben längst aufgegebene Unter- 
bringungen der Libido und Objektsbesetzungen, die sidi 
nächtlid)erweile nodi als vorhanden und als in gewiaseni 
Siime leistungsfähig erweisen. Da aber alle Menadteu 
so! die perverse, inzestuöse und to des wütige Träume 
haben, nicht bloß die Neurotiker, dürfen wir den SchluE 
ziehen, daß auch die heule Normalen den Entwicklungs- 
weg über die Perversionen und die Objektbesetzungen 
des Ödipuskomplexes zurückgelegt haben, daß diesei 
Weg der der normalen Entwicklung ist, daß die Neu- 
rotiker uns nur vergrößert und vergröbert zeigen, was 
uns die Traumanalyse auch beim Gesunden verrät. Und 
dies ist eines der Motive, weshalb wir das Studium 
der Träume dem der neurotischen Symptome voran- 
geschickt haben. 



. , . XXn. VORLESUNG 

GESICHTSPUNKTE DER ENTWICKLUNG 

UND REGRESSION. ÄTIOLOGIE . 

,1 

Meine Damen und Herren! Wir haben gehört, daß die 
Libidofunktion eine weitläufige Entwicklung durdi- 
madit. bis sie in der normal genannten Weise in den 
Dipust der Forlpflanzung treten kann. Ich möchte Dineii 
nun vorführen, welche Bedeutung diese Tatsache für dia 
Verursachung der Neurosen hat 



XXn, ENTWICKLUNG UND REGRESSION. ÄTIOLOGIE 355 

Ich glaube, wir befinden uns im Einkiaog mit den 
Lei, »n der allgemeinen Pathglogie, wenn wir annehmen, 
daß 1 'e solche Entwicklung zweierlei Gefahren mit sicli 
brii^t, ratens die der Hemmung und zweitens die der 
Regresf. ->n. Das heißt, bei der allgenieinen Neigung 
biologische, Vorgänge zur Variation wird es sich ereignen 
müssen, daß. icht alle vorbereitenden Phasen gleich gut 
durchlaufen u: ' vollständig überwunden werden; Anteile 
der Funktion v. 'den dauernd auf diesen frühen Stufen 
zurücl^ehalten y. "den und dem Gesamtbild der Entwick- 
lung wird ein ge sses Maß von Entwicklungshemmung 
beigemengt sein. , ,,0 

, Sudien wir uns . >ialogien zu diesen Vorgängen auf 
anderen Gebieten. Wi t ein ganzes Volk seine Wohnsitze 
verläßt, um neue aufzu 'chen, wie es in früheren Perioden 
der Menschenge stiiidilt iftmals geschah, so ist es gewiß 
nidit in seiner Voiizahl j dem neueo Orte angekommen. 
Von anderen Verlusten ^gesehen, muß es sich regel- 
mäßig zugetrogen haben, 'aß kleine Haufen oder Ver- 
bände der Wanderer unti vegs Halt maditen und sich 
an diesen Stationen nied( ießen, während die Haupt- 
meiige weiterzog. Oder, um näherliegende Vei^leiche zu 
suchen, Sie wissen, daß bt den höchsten Säugetieren 
die männlichen Keimdrüse^ die ursprüngÜch tief im 
bneren des Bauchraumes lag n, zu einer gewissen Zeit 
des.Intrauterinltbens eine VI iderung antreten, die sie 
fast unmittelbar unter die Ha des Becicenendes geraten 
Ußt.- Als Folge dieser Wände ng findet man bei einer 
Anzahl von männlichen Individi i, daß eines der paarigen 
Organe in der Beckenhöhle zur kgeblieben ist, oder daß 
es eine dauernde Lagerung im genannten Leistenkanal 
gefunden hat, den beide auf ihi ■ Wanderung passieren 
müssen, oder daß wenigstens diei Kanal offen geblieben 
ist, der normalerweise nach Absch ^ des Lagewechsels der 
Keimdrüsen verwachsen soll. Air ch als junger Student 
meine erste wissenschaftliche Ai .:'t unter der Leituno- 
y. Brücke's ausführte, besdiäft-^,'.'. ich mich mit dem 

V 33* 



3SS DRITTER TEILr ALLGEMEINE NEUHQSENLEHRE 

Ursprung der hinteren Nervenwurzeln im Rückenmark 
eines kleinen, nodi sehr archaisdi gebildeten Fiscbes. Icl 
fand, daß die Nervenfasern dieser Wurzeln aus großen 
Zellen im Hinterbom der grauen Substanz hervorgehen, 
was bei anderen Rückenmark tiefen nidit mehr der Fall 
ist Aber idi entdeckte auch bald darauf, daß solche 
Nervenzellen sich außerhalb der grauen Substanz an der 
ganzen Stredte bis zum BOgenannten Spinalganglion der 
hinteren Wurzel vorfinden, woraus ich den ScJiluS zog, 
daß die Zellen dieser Ganglienhaufen aus dem Rücken- 
mark in die Wurzelstredce der Nerven gewandert sind. 
Dies zeigt auch die Enlwicklungsgesdildite ; bei diesem 
kleinen Fisdi war aber der ganze Weg der Wanderung 
durdi zurüdcgebliebene Zellen kenntlich gemacht Bei 
tieferem Eingehen wird es Ihnen nicht schwer fallen, die 
schwachen Punkte dieser Vergleichungen aufzuspüren. 
Wir wollen es darum direkt aussprechen, daß wir es für 
jede einzelne Sexualstrebung für möglicli halten, daü 
einzelne Anfeile von ihr auf früheren Stufen der Ent- 
widdung zurückgeblieben sind, wenngleich andere Anteile 
das Endziel erreidit haben mögen. Sie erkennen dabei, 
daß wir uns jede soldie Strebung als eine seit Lebens- 
beginn kontinuierliche Strömung vorstellen, die wir ge- 
wissermaßen künstlich in gesondert aufeinanderfolgende 
Schübe zerlegen. Ihr Eindruck, daß diese Vorstellungen 
einer weiteren Klärung bedürftig sind, hat Recht, aber 
der Versuch würde uns zu weit abführen. Lassen Sie 
uns noch feststellen, daß ein solches Verbleiben einer 
Partial strebung auf einer früheren Stufe eine Fixierung 
(des Triebes nämlich) heißen soll. ' 

Die zweite Gefahr einer so stufenweisen Entwiddun^g^ 
liegt darin, daß auch die Anteile, die es weiter gebrachVi 
haben, leicht in rüdcläufiger Bewegung auf eine dieser 
früheren Stufen zurüddtehren können, was wir eine Re- 
gression nennen. Zu einer solchen Regression wird sidi 
die Strebung veranlaßt finden, wenn die Ausübung ihri 
Funktion, also die Erreichung ihres Befriedigungszieles, 



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XXn. ENTWICKLUNG UND REGRESSION. ÄTIOLOGIE 357 

in der späteren oder höher entwickelten Form auf starke 
äußere Hindernisse stößt Es liegt uns nahe anzunehmen, 
daß Fixierung und Regression nidit unabhängig von- 
einander sind. Je stärlter die Fixierungen auf dem Ent- 
widdungsweg, desto eher wird die Funktion den äußeren 
Schwierigkeiten durch Regression bis zu jenen Fixierungen 
ausweichen, desto widerstandsunfähiger erweist sidi also 
die ausgebildete Funktion gegen äußere Hindernisse ihres 
Ablaufes. Denken Sie daran, wenn ein Volk in Bewegung 
starke Abteilungen an den Stationen seiner Wanderung 
zurücltgelassen hat, so wird es den weiter Vorgerückten 
naheliegen, sich bis zu diesen Stationen zurü dezuziehen, 
wenn sie geschlagen werden oder auf einen überstarken 
Feind stoßen, Sie werden aber auch um so eher in die 
Gefahr der Niederlage kommen, je mehr sie von ihrer 
Anzahl auf der Wanderung zurüdigelassen haben. 

Es ist für Ihr Verständnis der Neurosen wichtig, daß 
Sie dies Verhältnis zwisdien Fixierung und Regression 
nicht aus den Augen lassen, Sie gewinnen dann einen 
sidieren Halt in der Frage nach der Verursachung der 
Neurosen, in der Frage der Neurosenätiologie, an weidie 
wir bald herantreten werden. 

Zunächst wollen wir noch bei der Regression ver- 
bleiben. Nach dem, was Ihnen von der Entwicklung der 
Libidofunktion bekannt geworden ist, dürfen Sie Re- 
gressionen von zweierlei Art erwarten, Rückkehr zu den 
ersten von der Libido besetzten Objekten, die bekannt- 
lich inzestuöser Natur sind, und Rüdckehr der gesaraten 
Sexualorganisation zu früheren Stufen. Beide kommen 
hei den Übertragungsneurosen vor und spielen in deren 
Medianismus eine große Rolle. Besonders die Rückkehr 

den ersten inzestuösen Objekten der Libido ist ein 
!ug, der sich bei den Neurotikem mit geradezu er- 
udender Regelmäßigkeit findet Weit mehr läßt sich 
er die Regressionen der Libido sagen, wenn man eine 
■andere Gruppe der Neurosen, die sogenannten narziß- 
ischen, mit heranzieht, was wir ja gegenwärtig nicht beab- 



358 DRITTEB TEIL^ ALLGEMEIHE NEUROSENLEHRE 

sidittgen. Diese AffekHonen geben uns Aufschluß über 
noch andere, bisher nicht erwähnte Entwicldungsvorg-änge 
der Libidofunktion und zeigen uns dementsprechend auch 
neue Arten der Repression. Idi glaube aber, daß idi 
Sie jetzt vor allem mahnen muß, Regression und Ver- 
drängung nicht zu verwedisela, und Ihnen dazu ver- 
heifen muß, sich die Beziehungen zwischen den beiden 
Prozessen zu klären. Verdrängung ist, wie Sie sich er- 
innern, jener Vorgang, durch weichen ein bewußtseins- 
fähiger Akt, also einer, der dem System Vbw. angehört, 
unbewußt gemacht, also in das System Ubw. zurück- 
geschoben wird. Und ebenso nennen wir es Verdrängung, 
weim der unbewußte seehsche Akt überhaupt nicht ins 
nächste vorbewußte System zugelassen, sondern an der 
Schwelle von der Zensur zurüd^ewiesen idrd. Dem Be- 
griff der Verdrängung haftet also keine Beziehung zur 
Sexualität an; bitte, bemerken Sie das wohl. Er be- 
zeichnet einen rein psychologischen Vorgang, den wir 
noch besser charakterisieren können, wenn wir ihn einen 
topischen heißen. Wir wollen damit sagen, er habe 
mit den angenommenen psychischen Räumlichkeiten zu 
tun, oder, wenn wir diese grobe Hilfsvorstellung wieder 
falien lassen, mit dem Aufbau des seelischen Apparates 
aus gesonderten psychischen Systemen. 

Durch die angestellte Vergleidiung werden wir erst 
aufmerksam gemacht, daß wir das Wort „Regression" 
bisher nicht in seiner allgemeinen, sondern in einer ganz 
speziellen Bedeutung gebraucht haben. Geben Sie ihm 
seinen allgemeinen Sinn, den einer Rückkehr von einer 
höheren zu einer niedrigeren Stufe der Entwicklung, so 
ordnet sich auch die Verdrängung der Regression unter, 
denn sie kann auch als Rückkehr zu einer früheren und 
tieferen Stufe in der Entwicklung eines psychischer 
Aktes beschrieben werden. Nur daß es uns bei der Ver- 
drängung auf diese rückläufige Richtung nidit ankommt, 
denn wir heißen es auch Verdrängung im dynamischen 
Sinne, wemi ein psychischer Akt auf der niedrigeren 



XülT. ENTWICKLUNG UND REGRESSION. AtIOLQGIS 3ä9 

Stufe des Unbewußten festgehalten wird. Verdrängung 

ist eben ein topisdi-dynamischer Begriff, Regression ein 

rein deskriptiver. Was wir aber bisher Regression genannt 

und zur Fixierung in Beziehung gebradit haben, damit 

meinten wir ausschließlich die Rückkehr der Libido zu 

früheren Stationen ihrer Entwidclung, also etwas, was 

von der Verdrängung im Wesen ganz verschieden und 

von ihr ganz unabhängig ist Wir können die Libido- 

regression auch nidit einen rein psychischen Vorgang 

heißen und wissen nicht, welche Lokal isation im seelischen 

Apparat wir ihr anweisen sollen. Wenn sie auch den 

stärksten Einfluß auf das seelisdie Leben ausübt, so ist 

doch der orEfaniscJie Faktor an ihr der hervorragendste 

Erörterungen wie diese, meine Herren, müssen etwas 

dürr geraten. Wenden wir uns an die Klinik, um etwas 

eindrucksvollere Anwendungen von ihnen zu machen. Sie 

, wissen, daß Hysterie und Zwangsneurose die beiden 

, Haupt Vertreter der Gruppe der Übertragungsneurosen 

IjSind. Bei der Hysterie gibt es nun zwar eine Regression 

^der Libido zu den primären inzestuösen Sexualobjekten, 

.und diese ganz regelmäßig, aber so gut wie keine J?e- 

.gression auf eine frühere Stufe der Sexual Organisation. 

^Dafür fällt der Verdrängung im hysterisdien Medianismus 

bdie Hauptrolle zu. Wenn ich mir gestatten darf, unsere 

^bisherige gesicherte Kenntnis dieser Neurose durch eine 

LjConstruktion zu vervollständigen, so konnte ichdenSach- 

^verhalt in folgender Weise besdireiben: Die Einigung 

jder Partialtriebe unter dem Primat der Genitalien ist 

-vollzogen, ihre Ergebnisse stoßen aber auf den Wider- 

,6tand des mit dem Bewußtsein verknüpften vorbewußten 

[Systems. Die Genitalorganisation gilt also fürs Unbe- 

ußte, nidit ebenso fürs Vorbewußte, und diese Ab- 

ilehnung von selten des Vorbewußten bringt ein Bild zu 

J.Stande, weldies mit dem Zustand vor dem Genitalprimat 

.gewisse Ähnlichkeiten hat. Es ist aber dorfi etwas ganz 

nderes. — Von den beiden Libidoregressionen ist die 

uf eine frühere Phase der Sexualorganis stion die bei 



360 DRlTraRTEIL; ALLÜEMEIHE NEUROSEWLEHRE 

weitem auffälligere. Da sie bei der Hysterie fehlt und 
unsere ganze Auffassung der Neurosen nocii viel zu sehr 
unter dem Einflüsse des Studiums der Hysterie steht; 
welches zeitlich voranging, so ist die Bedeutung der Ubido- 
regression uns auch viel später klar geworden als die 
der Verdrängung. Seien wir gefaßt darauf, daß unsere 
Gesidjtspuukte noch andere Erweiterungen und Umwer- 
tungen erfahren werden, wenn wir außer Hysterie und 
Zwangsneurose noch die anderen, rarzißtisdien Neurosen 
in unsere Betrachtung einbeziehen können. 

Bei der Zwangsneurose ist im Gegenteil die Regression 
der Libido auf die Vorstufe der sadistisdi-analen Organi- 
sation das auffälligste und das für die Äußerung in Symp- 
tomen maßgebende Faktum. Der Liebesimpuls muß sich 
dann als sadistischer Impuls maskieren. Die Zwangsvor- 
stellung: idi möchte didi ermorden, heißt im Grunde, 
wenn man sie von gewissen, aber nicht zufälligen, sondern 
unerläßlidien Zutaten befreit hat, nichts anderes als: 
idi möchte didi in Liebe genießen. Nehmen Sie dazu, 
daß gleichzeitig eine Objektsregression staltgehabt hat, 
so daß diese Impulse nur den nächsten und den gelieb- 
testen Personen gelten, so können Sie sich von dem Ent- 
setzen eine Vorstellung madien, welches diese Zwangs- 
Vorstellungen beim Kranken erwedcen, und gleiclizeitig 
von der Fremdartigkeit, in welcher sie seiner bewußten 
Wahrnehmung entgegentreten. Aber audi die Verdrän- 
gung hat an dem Mechanismus dieser Neurosen ihren 
großen Anteil, der in einer flüchtigen Einführung wie 
der unserigen allerdings nicht leidit auseinanderzusttzen 
ist. Regression der Libido ohne Verdrängung würde nie 
eine Neurose ergeben, sondern in eine Perversion aus- 
laufen. Daraus ersehen Sie, daß die Verdrängung jener 
Prozeß ist, welcher der Neurose am ehesten eigentümlich 
zukommt und sie am besten diarakterisiert. Vielleicht 
habe idi aber auch einmal Gelegenheit, Ihnen vorzuführen, 
was wir über den Medianismus der Perversionen wissen, 
and Sie werden dann sehen, daß auch lüer nichts so 



XXIt. ENTWICKLUNG UND REGRESSIOW. ÄTIOLOGIE 3«^ 



einfach vor sidi ijeht, wie man es sich gerne konstru- 
■icren möchte. 

Meine Herren! Ich meine, Sie werden sich mit den 
.eben angehörten Ausführungen über Fixierung und Re- 
gression der Libido am ehesten versöhnen, wenn Sie sie 
als Vorbereitung für die Erforsdiung der Ätiologie der 
Neurosen gelten lassen wollen. Idi habe Ihnen hierüber 
erst eine einzige Mitteilung gemadit, nämlich daß die 
Menschen neuroüsdi erkranken, wenn ihnen die Möglidi- 
keit benommen ist ihre Libido zu befriedigen, also an 
der „Versagung", wie idi mich ausdrückte, und daß ihre 
Symptome eben der Ersatz für die versagte Befriedigung 
sind. Natürlich sollte das nicht heißen, daß jede Ver- 
sagung der libidinösen Befriedigung jeden, den sie trifft, 
neurotisdi macht, sondern bloß, daß in allen untersuchten 
Fäiien von Neurose das Moment der Versagung nadi- 
weisbar war. Der Satz ist also nicht umkehrbar. Sie 
werden wohl auch verstanden haben, daß jene Behaup- 
tung nicht das ganze Geheimnis der Neurosenäliologie 
-iufdedien sollte, sondern eben nur eine widitige und 
unerläßlidie Bedingung hervorhob. 

Man weiß jetzt nicht, soll man sich für die weitere 
Diskussion dieses Satzes an die Natur der Versagung 
oder an die Eigenart des von ihr Betroffenen halten. 
Die Versagimg ist doch höchst selten eine allseitige und 
absolute; um pathogen wirksam zu werden, muß sie 
wohl jene Weise der Befriedigung betreffen, nach der 
die Person allein verlangt, deren sie allein fähig ist. Es 
'^bt im allgemeinen sehr viele Wege, die Entbehrung 
der libidinösen Befriedigung zu vertragen, ohne an ihr 
zu erkranken. Vor allem kennen wir Mensdien, die im 
Stande sind, eine solche Entbehrung ohne Schaden auf 
sich zu nehmen; sie sind dann nicht glücklidi, sie leiden 
an Sehnsudit, aber sie werden nicht krank. Sodann müssen 
wir in Belradit ziehen, daß gerade die sexuellen Trieb- 
regungen außerordentlich plastisch sind, wenn ich so 
sagen darf. Sie können die eine für die andere eintreten, 



W 



■^2 PRITTERTEIL; ALLGEMEINE NGUROSENLEHRK 



eine kann die Intensität der anderen auf sich nehmen- 
wenn die Befriedigung der einen durch die Realität ver^ 
sagt ist, kann die Befriedigung einer anderen volle Ent- 
Schädigung bieten. Sie verhalten sich zueinander wie cjj, 
Netz von kommunizierenden, mit Flüssigkeit gefüllten 
Kanälen, und dies trotz ihrer Unterwerfung unter den 
Genitalprimat, was gar nicht so bequem in einer Vor- 
Stellung zu vereinen ist Femer zeigen die Partialtriebe 
der Sexualität, ebenso wie die aus ihnen zusammengefaßte 
Sexualstrebung, eine große Fähigkeit ihr Objekt m 
wechseln, es gegen ein anderes, also auch gegen ein be- 
quemer erreichbares, zu vertausdien; diese Verschiebbar- 
keit und Bereitwilligkeit, Surrogate anzunehmen, müssen 
der pathogenen Wirkung einer Versagung mächtig ent- 
gegenarbeiten. Unter diesen gegen die Erkrankung durch 
Entbehrung schützenden Prozessen hat einer eine be- 
sondere kulturelle Bedeutung gewonnen. Er besteht darin 
daß die Sexualbestrebung ihr auf Partiallust oder Fort- 
pflanzungslust gericlitetes Ziel aufgibt und ein anderes 
annimmt, welches geneiisdj mit dem autgegebenen zu- 
sammenhängt, aber selbst nicht mehr sexuell, sondern 
sozial genannt werden muß. Wir heißen den Prozeß 
„Sublimierung", wobei wir uns der allgemeinen Schätzung 
fügen, welche soziale Ziele hoher sleüt als die im Grunde 
selbstsüditigen sexuellen. Die Sublimierung ist übrigens 
nur ein Spezialtall der Anlehnung von Sexualstrebungen 
an andere nicht sexuelle. Wir werden in anderem Zu- 
sammenhange nochmals von ihr reden müssen. 

Sie werden nun den Eindruck haben, daß die Ent- 
behrung durch alle diese Mittel sie zu ertragen zur Be- 
deutungslosigkeit herabgedrüdct worden sei. Aber nein, 
sie behält ihre pathogene Macht. Die Gegenmittel sind 
allgemein nicht ausreicliend. Das Maß von unbefriedigter 
Libido, das die Menschen im Durchschnitt auf sidi 
nehmen können, ist begrenzt. Die Plastizität oder freie 
Beweglichkeit der Libido ist keineswegs bei allen voll 
erhalten, und die Sublimierung kann immer nur einen 



XX n. ENTWICKLUNG UND REGRESSION. ÄTIOLOGIE 363 

gewissen Bruchteil der Libido erledigen, abgesehen davon, 
daß die Fähigkeit zu sublimieren vielen Menschen nur 
in geringem Ausmaße zugeteilt ist Die widitigste unter 
diesen Einschränkungen ist offenbar die in der Beweg- 
lichkeit der Libido, da sie die Befriedigung des Indivi- 
duums von der Erreichung einer, sehr geringen Anzahl 
von Zielen und Objekten abhängig macht. Erinnern Sie 
sidi nur daran, daß eine unvollkommene Libido ent Wick- 
lung sehr ausgiebige, eventuell auch mehrfadie Libido- 
fixierungen an frühe Phasen der Organisation und Ob- 
jektfindung hinterläßt, welche einer realen Befriedigung 
meist nicht fähig sind, so werden Sie in der Libido- 
fijtierung den zweiten mächtigen Faktor erkennen, der mit 
der Versagung zur Krankheitsverursachung znisammentritt 
In sdiematisdier Verkürzung können Sie es ausspreclien, 
daß die LibidofiKierung den disponierenden, internen, 
die Versagung den akii den teilen, externen Faktor der 
Neuro senätiologie repräsentiert 

Ich ergreife hier die Gelegenheit, Sie vor der Partei- 
nahme in einem ganz überflüssigen Streit zu warnen. 
Im wissensdiaftlichen Betrieb ist es sehr beliebt, einen 
Anteil der Wahrheit herauszugreifen, ihn an die Stelle 
des Ganzen zu setzen und nun zu seinen Gunsten das 
Übrige, was nicht minder wahr ist, zu bekämpfen. Auf 
diesem Wege haben sich auch bereits aus der psycho- 
analytischen Bewegung mehrere Richtungen abgespalten, 
von denen die eine nur die egoistischen Triebe an- 
erkennt, die sexuellen dagegen verleugnet, die andere 
nur den Einfluß der realen Lebensaufgaben würdigt, 
,den der individuellen Vergangenheit aber übersieht 
u. dgl. mehr. Nun bietet sich hier ein Anlaß zu einer 
ähnlichen Entgegenstellung und Streitfrage: Sind die 
Neurosen exogene oder endogene Krankheiten, die 
unausbleibliche Folge einer gewissen Konstitution oder 
dasProdukt gewisser schädigender (traumatischer) Lebens- 
eindrücke, im besonderen: werden sie durch die Libido- 
fixiening (und die sonstige Sexual konstitution) oder durch 



t 



pM DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSEKLEHRE 

den Druck der Versagung hervorgerufen? Dies Dilemma 
scheint mir im ganzen nidit weiser als ein anderes, das 
idi Ihnen vorlegen konnte: Entsieht das Kind durch die 
Zeugung des Vaters oder durch die Empfängnis von 
Seiten der Mutter? Beide Bedingungen sind gleich un- 
entbehrlidi, werden Sie mit Recht antworten. In der 
Verursachung der Neurosen ist das Verhältnis, wenn 
niclit ganz das nämliche, doch ein sehr ähnliches. Für 
die Betrachtung der Verursachung ordnen sich die Falle 
der neurotisdien Erkrankungen zu einer Reihe, inner- 
halb welcher beide Momente — Sexual konstitution und 
Erleben, oder wenn Sie wollen: Libidofixierung und 
Versagung — so vertreten sind, daß das eine wädist, 
wenn das andere abnimmt An dem einen Ende der 
Reihe stehen die extremen Fälle, von denen Sie mit 
Überzeugung sagen können: Diese Menschen wären 
infolge ihrer absonderlichen Libidoentwiddung auf jeden 
Fall erkrankt, was immer sie erlebt hätten, wie sorg- 
fältig sie das Leben auch geschont hatte. Am anderen 
Ende stehen die Fälle, bei denen Sie umgekehrt urteilen 
müssen, sie wären gewiß der Krankheit entgangen, wenn 
das Leben sie nicht in diese oder jene Lage gebradit 
hätte. Bei den Fällen innerhalb der Reihe trifft ein Mehr 
oder Minder von disponierender Sexualfconstitution mit 
einem Minder oder Mehr von schädigenden Lebens- 
anforderungen zusammen. Ihre Sexnaikonslitution hätte 
ihnen nidit die Neurose gebradit, wenn sie nidit 
solche Erlebnisse gehabt hätten, und diese Erlebnisse 
hätten nicht traumatisch auf sie gewirkt, wenn die 
Verhältnisse der Libido andere gewesen wären. Ich 
kann in dieser Reihe vielleidit ein gewisses Über- 
gewiiAt an Bedeutung für die disponierenden Momente 
zugestehen, aber audi dies Zugeständnis hängt davon 
ab, wie weit Sie die Grenzen der Nervosität abstecken 
wollen, 

- " Meine Herren! Idi madie Ihnen den Vorschlag, Reihen 
wie diese als Ergänzungsreihen zu bezeiclinen, und 



XXn. ENTWICKLUNG UND REGRESSION. ÄTTOLOGIE MS 

bereite Sie darauf vor, daß wir Anlaß finden werden, 
aodü andere solche Reihen aufzustellen. 

Die Zähigkeit, mit welcher die Libido an besHmmten 
Riditungen und Objekten haftet, sozusagen die Klebrig- 
keit der Libido, erscheint uns als ein selbständiger, 
individuell variabler Faktor, dessen Abhängigkeiten uns 
völlig unbekannt sind, dessen Bedeutung für die Ätio- 
logie der Neurosen wir gewiß nidit mehr uotersdiätzen 
werden. Wir sollen aber auch die Innigkeit dieser Be- 
ziciiung nicht überscliätzen. Eine ebensolche „Klebrig- 
keit" der Libido — aus unbekannten Gründen — kommt 
nämlich unter zahlreichen Bedingungen beim Normalen 
vor und wird als bestimmendes Moment bei den Personen 
gefunden, welche in gewissem Sinne der Gegensatz der 
Nervösen sind, bei den Perversen. Es war sdion vor 
der Zeit der Psychoanalyse bekannt (Einet), daß in 
der Anamnese der Perversen recht häufig ein sehr früh- 
zeitiger Eindruck von abnormer Triebrichtung oder 
Objektwahl aufgededct wird, an dem nun die Libido 
dieser Person fiira Leben haften geblieben ist. Man weiß 
oft nicht zu sagen, was diesen Eindruck dazu befähigt 
hat, eine so intensive Anziehung auf die Libido aus- 
zuüben. Ich will Ihnen einen selbstbeobaditeten Fall 
dieser Art erzählen. Ein Mann, dem heute das Genitale 
und alle anderen Reize des Weibes nichts bedeuten, 
der nur duidi einen besdiuhten Fuß von gewisser Form 
in unwiderstehliche sexuelle Erregung versetzt werden 
kann, weiß sich an ein Erlebnis aus seinem sechsten 
Jahre zu erinnern, welches maßgebend für die Fixierung 
seiner Libido geworden ist. Er saß auf einem Sdiemel 
neben der Gouvernante, bei der er englische Stunde 
nehmen sollte. Die Gouvernante, ein altes, dürres, un- 
schönes Mädchen mit wasserblauen Augen und auf* 
gestülpter Nase, hatte an diesem Tage einen kranken 
Fuß und ließ ihn darum, mit einem Samtpantoffel be- 
kleidet, ausgestred:t auf einem Polster ruhen; ihr Bein 
selbst war dabei in dezentester Weise verhüllt. Ein so 



36« DRITTER TEIL;. AiJ-GEMErNE NEUROSENLEHRE 



magerer, sehniger Fuß, wie er ibn damals an der Gouver- 
nante gesellen, wurde nun, nach einem schüchternen 
Versudi normaler Sexualbetätigung in der Pubertät, 
sein einziges Sexualobjekt, und der Mann war widcN 
standslos hingerissen, wenn sich zu diesem Fuß aoch 
andere Zuge gesellten, welche an den Typus der cDglisthen 
Gouvernante erinnerten. Durch diese Fixierung seiner 
Libido wurde der Mann aber nicht zum Neurotiker, 
sondern zum Perversen, zum Fußfetiscbisten, wie wir 
sagen. Sie sehen also, obwohl die übermäßige, zudem, 
noch vorzeitige, Fixierung der Libido für die Verur-' 
sachung der Neurosen unentbehrlich ist, geht ihr Wirkungs- 
kreis doch -weit über das Gebiet der Neurosen hinaus. 
Auch diese ßediiigung ist für sich allein so weiiigent- 
sdieidend, wie die früher erwähnte der Versagung. 
i.i Das Problem der Verursachung der Neurosen scheint 
sidi also zu komplizieren. In der Tat macht uns die, 
psychoanalytisclie Untersuchung mit einem neuen Moment 
bekannt, welches in unserer ätiologisdicn Reihe nicht 
berücksichtigt ist, und das man am besten bei Fällen 
erkennt, deren bisheriges Wohlbefinden plötzlidi durdi 
die neurotische Erkrankung ^stört wird. Man findet 
bei diesen Personen regelmäßig die Anzeichen eines 
Widerstreites von Wuuschregungen oder, wie wir zu. 
sagen, gewohnt sind, eines psychischen Konflikte^' 
Ein Stück der Persönlichkeit vertritt gewisse Wünschef 
ein anderes sträubt sich dagegen und wehrt sie s.\k 
Ohne solchen, Konflikt gibt es keine Neurose, Das schiene 
nun niclits Besonderes. Sie wissen, daß unser seelisches 
Leben unaufliörlich von Konflikten' bewegt wird, deren 
Entscheidung wir zu treffen haben. Es müssen also wohl 
besondere Bedingungen erfiillt.seia.wenn ein solcher Kon- 
flikt pathogen werden soll. Wir dürfen fragen! welches 
diese Bedingungen sind, zwisdien . welchen seelischen 
Mächten sich diese pathogenen Konflikte, abspielen, 
weldie Beziehung der Konflikt zu den anderen verur- 
sachenden Momenten hat, ^ 



XXII. RI^TWICKLUWG UND REGRESSION. ÄTIOLOGIE 367 

Idi hoffe, Ihnen auf diese Fragen ausreichende Ant- 
worten geben zu können, wenn sie audi schematisch 
verkürzt sein mögen. Der Konflikt wird durch die Ver- 
sagung heraufbeschworen, indem die ihrer Befriedigung 
verlustige Libido nun darauf angewiesen ist, sich andere 
Objekte und Wege zu suchen. Er hat zur Bedingung, 
daß diese anderen Wege und Objekte bei einem An- 
teil der Persönlichkeit ein Mißfallen erwecken, so daß 
ein Veto erfolgt, welches die neue Weise der Befrie- 
digung zunächst unmöglich macht Von hier aus geht 
der Weg zur Symptombildung weiter, den wir später 
verfolgen werden. Die abgewiesenen libidinösen Stre- 
bungen bringen es zu stände, sicJi auf gewissen Um- 
wegen doch durchzusetzen, allerdings nicht ohne dem 
Einspruch durch gewisse Entstellungen und Milderungen 
Redinung zu tragen. Die Umwege sind die Wege der 
Symptombildung, die Symptome sind die neue oder 
Ersatzbefriedigung, die durch die Tatsadie der Versagung 
iiotv/endig geworden ist 

Man kann der Bedeutung des psychischen Konflikts 
auch durch eine andere Ausdrudssweise geredit werden, 
indem man sagt: zur äußeren Versagung muß, damit 
sie pathogen wirke, noch die innere Versagung hinzu- 
treten. Äußere und innere Veraagung beziehen sidi dann 
natürlidi auf verschiedene Wege.und Objekte. Die äußere 
Versagujig niomit die eine MÖglidikeit der Befriedigung 
weg, die innere Versagung möchte eine andere MÖglidi- 
keit ausschließen, um welche dann der Konflikt losbridit 
Ich gebe dieser Art d&t Darstellung den Vorzug, weil 
sie einen geheimen Gehalt besitzt, Sie deutet nämlidi 
auf die Walirsdicinlichkeit hin, , daß die inneren Ab- 
haltungen in den Vorzeiten menschlicher Entwicklung 
aus realen äußeren Hindernissen hervorgegangen sini 

■ Welches sind aber die Mädite, von denen der Eiu- 
spruch gegen die libidinöse Strebung ausgeht, die andere 
Partei im pathogenen Konflikt? Es sind, ganz allgemein 
gesagt, die nidit sexuellen Triebkräfte. Wir fassen sie 



363 DRITTER TEIL; ALLGF.MEINE NEUROSENLEHRE 

als „Ichtriebe" zusammen; die Psychoanalyse der Über- 
tragungsneurosen gibt uns keinen guten Zugang z\i 
ihrer weiteren Zerlegung, wir lernen sie höchstens einig^f 
maßen durch die Widerstände kennen, die sidi der Ana- 
lyse entgegensetzen. Der palhogene Konflikt ist also 
ein solcher zwistiien den Iditrieben und den Sexual- 
trieben. Es hat in einer ganzen Reihe von Fällen den 
Anschein, als ob es audi ein Konflikt zwischen ver- 
schiedenen, rein sexuellen Strebungen sein konnte; aber 
das ist im Grunde dasselbe, denn von den beiden im 
Konflikt befindiiciien Sexualstrebungen ist immer die 
eine sozusagen idigerecht, während die andere die Ab- 
wehr des Idi3 herausfordert Es bleibt also beim Konflikt 
zwischen Ich und Sexualität 

Meine Herren! Oft und oft, wenn die Psydioanalyse 
ein seelisdies Geschehen als Leistung der Sexualtriebe 
in Anspruch genommen hat, wurde ihr in ärgerlicher 
Abwehr vorgehalten, der Mensch besiehe nicht nur aus 
Sexualität es gebe im Seelenleben nodi andere Triebe 
und Interessen als die sexuellen, man dürfe nicht „alles" 
von der Sexualität ableiten u. dgL Nun, es ist hoch- 
erfreulich, sich auch einmal eines Sinnes mit seinen 
Gegnern zu finden. Die Psychoanalyse hat nie ver- 
gessen, daß es auch nidit sexuelle Triebkräfte gibt, 
sie hat sich auf der scharfen Sonderung der sexuellen 
Triebe von den Ichtrieben aufgebaut und vor jedem 
Einspruch behauptet nicht daß die Neurosen aus der 
Sexualität hervoi^ehen, sondern, daß sie dem Konflikt 
zwischen Ich und Sexualität ihren Ursprung danken, 
Sie hat auch gar kein denkbares Motiv, Existenz oder 
Bedeutung der Ichtriebe zu bestreiten, während sie die 
Rolle der sexuellen Triebe in der Krankheit und im Leben 
verfolgt Nur daß es ihr Schicksal geworden ist, sich in 
erster Linie mit den Sexualtrieben zu beschäftigen, weil 
diese durch die Übertragungsneurosen der Einsidit am 
ehesten zugänglich geworden sind, und weil es ihr obgelegen 
hat das zu studieren, was andere vernachlässigt hatten. 



XXH. ENTWICKLUNG UND REGRESSION. 5TFOLOGIE 369 

Es trifft audi nicht zu, da& sich die Psydioanalyse 
um den nicht sexuellen Anteil der Persönlichkeit gar 
nidit gekümmert hat. Gerade die Sonderung von fch 
und Sexualität bat uns mit besonderer Klarheit erkeonen 
lassen, daß audi die Ichtriebe eine bedeutsame Ent- 
wicklung durdi machen, eine Entwicklung, die weder 
ganz unabhängig von der Libido, noch ohne Gegen- 
wirkung auf diese ist Wir kennen allerdings die Ich- 
entwicklung sehr viel schlechter als die der Libido, 
weil nämlich erst das Studium der narzißtischen Neu- 
rosen eine Einsidit in den Aufbau des Ichs verspridit. 
Doch liegt bereits ein beachtenswerter Versuch von 
Ferenczi vor, die Entwicklungsstufen des Ichs theo- 
retisch zu konstruieren, und an wenigstens zwei Stellen 
haben wir feste Anhaltspunkte für die Beurteilung dieser 
Entwicklung gewonnen. Wir denken ja nicht daran, daß 
sidi die libidinösen Interessen einer Person von vorn- 
herein im Gegensatz zu ihren Selbsterhaltungsinteressen 
befinden; vielmehr wird das Ich auf jeder Stufe bestrebt 
sein, mit seiner derzeitigen Sexualoi^anisation im Ein- 
klang zu bleiben und sie sich einzuordnen. Die Ab- 
lösung der einzelnen Phasen in der Libidoentwicklung 
folgt walirscheinlich einem vorgeschriebenen Programm; 
es ist aber nicht abzuweisen, daß dieser Ablauf von 
Seiten des Idis beeinflußt werden kann, und ein gewisser 
Parallel ismus, eine bestimmte Entsprediung der Ent- 
wicklungsphasen von Ich und Libido dürfte gleidhfalls 
vorgesehen sein; ja, die Störung dieser Entsprechung 
könnte ein pathogenes Moment ergeben. Ein für uns 
wiciitiger Gesichtspunkt ist es nun, wie sich das Idi 
verhält, wenn seine Libido an einer Stelle ihrer Ent- 
wicklung eine starke FiKierung hinterläÜt Es kann die- 
selbe zulassen und wird dann in dem entsprechenden 
Maß pervers oder, was dasselbe ist, infantil. Es kann 
sich aber auch ablehnend gegen diese Festsetzung der 
Libido verhalten, und dann hat das Ich dort eine Ver- 
drängung, wo die Libido eine FixierunE erfahren hat. 

Freud, VorlcgungDa ,'2i 



flif ' DRrL'i'L:")^ TEIL: ALLGEMEINE NEUROSET^EHRE 

'' Auf diesem Wege gelangen wir zur Kenntnis, daß 
der dritte Faktor der Neurosen ätiologie, die Korflikt- 
neigung, von der Entwicklung des Ichs ebensosehr ab-, 
hangt wie von der der Libido. Unsere Einsidit in die" 
Verursachung der Neurosen hat sich also vervollständigt,' 
Zuerst als allgemeinste Bedingung die Versagung, dann die 
Fixierung der Libido, welche sie in bestimmte Richtungen 
drängt, und zu dritt die IConfliktneigung aus der Ich- 
entwicklung, die solche Libidoregungen abgelehnt hat 
Der Sachverhalt ist also nicht so sehr verworren und 
schwer zu durchsdiauen, wie es Ijmen wahrscheinlich' 
während des Fortschrittes meiner Ausführungen erschienen 
ist Aber freilich, wir werden finden, daß wir nodi nicht 
fertig sind. Wir müssen noch etwas Neues hinzufügen' 
und etwas bereits Bekanntes weiter zerlegen. 

Um Ihnen den Einfluß der Idientwicklung auf die 
Konfliktbildung und somit auf die Verursacliung der 
Neurosen zu demonstrieren, möchte idi Ihnen ein Bei- 
spiel vorführen, das zwar durdiaus erfunden ist, aber 
sich in keinem Punkte von der Wahrscheinlidikcit ent- 
fernt. Idi will es in Anlehnung an den Titel einer 
Nestroyschen Posse mit der Charakteristik „Zu ebener 
Erde und im ersten Stock" versehen. Zu ebener Erde 
wohnt der Hausbesorger, im ersten Stodt der Hausherr, 
ein reicher und vornehmer Mann. Beide haben Kinder, 
und wir wollen annelimen, daß es dem Töditercheu des 
Hausherrn gestattet ist, unbeaufsichtigt mit dem Prole- 
tarierkind zu spielen. Dann kann es sehr leicht geschehen, 
daß die Spiele der Kinder einen ungezogenen, das heifit 
sexuellen Charakter annehraeu, daß sie „Vater und Mutter" 
spielen, einander bei den intimen Verrichtungen beschauen 
und an den Genitalien reizen. Das Hausmeistermädchen, 
das trotz seiner fünf oder sedis Jahre manches von der 
Sexualität der Erwachsenen beobachten konnte, mag dabei 
die Rolle der Verführerin übernehmen. Diese Erlebnisse 
reidien hin, audi wenn sie sich nicht über lange Zeit fort- 
setzen, um bei beiden Kindern gewisse sexuelle Regungen 



XXH, CTlTWICKümO UND REGRESSION. ^TIOt.OGIE 371 

ZU aktivieren, die sich nach dem Aufhören der gemein- 
samen Spiele einige Jahre hindurch als Masturbation 
äußern. Soweit die Gemeinsamkeit; der endliche Erfolj 
wird bei beiden Kindern sehr verschieden sein. Die Tochter 
des Hausbesorgers wird die Masturbation etwa bis zum 
Auftreten der Periode fortsetzen, sie dann ohne Sdiwicrig- 
keit aufgeben, wenige Jahre später einen Geliebten nehmen, 
vielleicht auch ein Kind bekommen, diesen oder jenen 
Lebensweg einschlagen, der sie vielleicht zur populären 
Künstlerin führt, die als Aristokratin endigt. Wahrschein- 
lich wird ihr Schicksal minder glänzend ausfallen, aber 
jedenfalls wird sie ungeschädigt durch die vorzeitige Be- 
tätigung ihrer Sexualität, frei von Neurose, ihr Leben 
erfüllen. Anders das Töchlerchen des Hausherrn, Dies 
wird frühzeitig und noch ais Kind die Ahnung bekommen, 
daß es etwas Unrechtes getan habe, wird nach kürzerer 
Zeit, aber vielleidit erst nach hartem Kampf, auf die 
I masturbatorische Befriedigung verzichten und trotzdem 
fetwas Gedrücktes in seinem Wesen behalten. Wenn sie 
tin den Jungmädchenjahren in die Lage kommt, etwas 
[.vom menschlichen Sexual verkehr zu erfahren, wird sie 
fsicli mit unerklärtem Abscheu davon abwenden und un- 
twissend bleiben wollen, Wahrscheinlidi unterliegt sie jetzt 
.aucli einem von neuem auftretendem unbezwingbaren 
I Drang zur Masturbation, über den sich zu beklagen sie 
'niclit wagt. In den Jahren, da sie einem Manne als Weib 
1 gefallen soli, wird die Neurose bei ihr losbredien, die 
I sc um Ehe und Lebenshoffnung betrügt. Gelingt es nun 
|durdi Analyse Einsicht in diese Neurose zu gewinnen, 
Ijo ieigt sich, daß dies wohlerzogene, intelligente und hoch- 
Istrcbende Mädclien seine Sexnalregungen vollkommen 
[verdrängt hat, daß diese aber, ihr unbewußt, an den 
farmseligen Erlebnissen mit ihrer Kinderfreundin haften. 
Die Verschiedenheit der beiden Schicksale trotz 
Igleichen Erlebens rührt daher, daß das Ich der einen 
leine Entwicklung erfahren hat, welche bei der anderen 
Viridit eingetreten ist Der Tochter des Hausbesorgers ist 



372 DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 



die Sexualbetätigung später ebenso natürlich und unbe- 
denklich erschienen wie in der Kindheit. Die Todit« 
des Hausherrn hat die Einwirkung der Erziehung erfahren 
und deren Ansprüche angenommen. Ihr Ich hat aus den 
ihm dargebotenen Anregungen Ideale von weibUdier Rein- 
heit und Unbedürftigkeit gebildet, mit denen sidi die 
sexuelle Betätigung nicht verträgt; ihre intellektuelle Aus- 
bildung hat ihr Interesse für die weiblidie Rolle, zu der 
sie bestimmt ist, erniedrigt Durch diese höhere moralische 
und intellektuelle Entwicklung ihres Ich ist sie in den 
Konflikt mit den Ansprüchen ihrer Sexualität geraten. 
Ich will heute noch bei einem zweiten Punkt in der 
Ichentwicklung verweilen, sowohl wegen gewisser weit- 
schauender Ausblicke, als auch darum, weil gerade das 
Folgende geeignet ist, die von uns beliebte, scharfe und 
nicht selbstverständliche Sonderung der Iditriebe von den 
Sexualtrieben zu rechtfertigen. In der Beurteilung der 
beiden Entwiddungen, des Ichs wie der Libido, müssen 
wir einen Gesichtspunkt voranstellen, der bisher noch 
nicht oft gewürdigt worden ist Beide sind ja im Grunde 
Erbsdiaften, abgekürzte Wiederholungen der Entwicklung, 
welche die ganze Menschheit von ihren Urzeiten an durch 
sehr lange Zeiträume zurüdcgelegt hat. Der Libidoent- 
wicklung, möchte ich meinen, sieht man diese phylo- 
genetische Herkunft ohne weiters an. Denken Sie 
daran, wie bei der einen Tierklasse der Genitalapparat 
in die innigste Beziehung zum Mund gebracht ist, bei 
der anderen sich vom Exkretionsap parat nicht sondern 
läßt, bei noch anderen an die Bewegungsorgane geknüpft 
ist, Dinge, die Sie in dem wertvollen Buch von W. ßölsche 
anziehend geschildert finden. Man sieht bei den Tieren 
sozusagen alle Arten von Perversion zur Sexualorgani- 
sation erstarrt Nur wird der phylogenetische Gesichts- 
punkt beim Menschen zum Teil durch den Umstand ver- 
schleiert, daß das, was im Grunde vererbt ist, doch in 
der individuellen Entwicklung neu erworben wird, wahr- 
scheinlidi darum, weil dieselben Verhältnisse noch fort- 



XXn. ENTWICKLUKG UND REGRESSION. ATtOLOGIE S73 

bestehen und auf jeden einzelnen wirken, die seinerzeit 
zur Erwerbung genötigt haben. Idi möchte sagen, de 
haben seinerzeit schaffend gewirkt, sie wirken jetzt her- 
vorrufend. Außerdem ist es unzweifelhaft, daß der Lauf 
der vorgezeichneten Entwiddung bei jedem einzelnen 
durch rezente Einflüsse von außen gestört und abge- 
ändert werden kann. Die Madit aber, welche der Mensch- 
heit eine soldie Entwicklung aufgenötigt hat und ihren 
Drude nadi der gleichen Riditung heute ebenso aufredit- 
hält, kennen wir; es ist wiederum die Versagiing der 
Realität, oder wenn wir ihr ihren richtigen großen Namen 
geben, die Not des Lebens: die 'AvdyKf], Sie ist eine 
strenge Erzieherin gewesen und hat viel aus uns gemadit 
Die Neurotiker gehören zu den Kindern, bei weldien diese 
Strenge üble Erfolge gebracht hat, aber das ist bei jeder 
Erziehung zu riskieren. — Diese Würdigung der Lebensnot 
als des Motors der Entwicklung braudtt uns übrigens nicht 
gegen die Bedeutung von „inneren Enlwiddungsten- 
denzen" einzunehmen, wenn sidi soldie beweisen lassen. 
Nun ist es sehr beachtenswert, daß Sexualtriebe und 
Selbsterhaltungstriebe sidi nidit in gleicher Weise gegen 
die reale Not benehmen. Die Selbsterhaltungstriebe und 
alles, was mit ihnen zusammenhängt, sind leiditer zu er- 
ziehen; sie lernen es frühzeitig, sidi der Not zu fügen 
und ihre Entwiddungen nadi den Weisungen der Realität 
einzurichten. Das ist begreiflich, denn sie können sidi 
die Objekte, deren sie bedürfen, auf keine andere Art 
veradiaffen; ohne diese Objekte muß das Individuum zu 
Grunde gehen. Die Sexualtriebe sind sdiwerer erziehbar, 
denn sie keimen zu Anfang die Objektnot nidit Da sie 
äch gleichsam sdimarotzend an die anderen Körperfunk- 
tionen anlehnen und am eigenen Körper autoerotisch 
befriedigen, sind sie dem erziehlichen Einfluß der realen 
Not zunächst entzogen, und sie behaupten diesen Charakter 
der Eigenwilligkeit, Unbeeinflußbarkeit, das, was wir „Un- 
verständigkeit" nennen, bei den meisten Menschen in 
irjrend einer Hinsicht durdis ganze Leben, Audi hat die 



374 DKITTERTEIL; ALLGEMEfNE NEUHUSEMLEHgE 

Erziehbarkeit einer jugeiidlidien Person in der Regel 
ein Ende, wenn ihre Sexualbedürfnisse in endgültiger 
Stärke envachen. Das wissen die Erzieher und handeln 
danach; aber vielleidkt lassen sie sich durch die Ergeb- 
nisse der Psychoanalyse noth dazu bewegen, den Haupt- 
nachdruck der Erziehung auf die ersten Kinderjahre, vom 
Säuglingsalter an, zu verlegen. Der kleine Mensch ist oft mit 
dem vierten gderfünften Jahr scKon fertig und bringt spätes 
nur allmählich zum Vorschein, was bereits in ihm stedsfa 
Um die volle . Bedeutung des angezeigten Unter- 
schiedes zvidschen beiden Triebgruppeu zu würdigen, 
müssen wir weit ausholen und eine jener Betraclitungen 
einführen, die ökonomische genawit zu werden ver- 
dienen. Wir begeben uns damit auf eines der wichtigsten, 
aber leider audi dunkelsten Gebiete der Psyclioanalyse. 
Wir stellen uns die Frage, ob an der Arbeit unseres 
seelischen Apparates eine Hauptabsicht zu erkennen sei, 
und beantworten sie in erster Annäherung, daß diese 
Absidit auf Lustgewinnung gerichtet ist. Es sdieint, daß 
unsere gesamte Seelentätigkeit darauf gerichtet ist, Lust 
zu erwerben und Unlust zu vermeiden, daß sie auto- 
tnatisdi durch das Lustprinzip reguliert wird. Nun 
wüßten wir um alles in der Welt gerne, welches die 
Bedingungen der Entstehung von Lust und Unlust sind, 
aber daran fehlt es uns eben. Nur soviel darf man sitii 
getrauen zu behaupten, daß die Lust irgendwie an 
die Verringerung, Herabsetzung oder das Erlösdien der 
im Scelenapparat waltenden Reizmenge gebunden ist, 
die Unlust aber an eine Erhöhung derselben. Die Unter- 
suchung der intensivsten Lust, welche dem Menschen 
zugänglich ist, der Lust bei der Vollziehung des Sexual- 
aktes, läßt über diesen einen Punkt wenig Zv/eifeL Da 
es sich bei soldien Lustvorgängen um die Sdiicksale 
von Quantitäten seelisdier Erregung oder Energie handele 
bezeidmen wir Betraditungen dieser Art als Ökonoroische. 
Wir merken, daß wir die Aufgabe und Leistung des 
.Seelenapparates auch anders und allgemeiner beschreiben 



XXU. ENTWICKLUNG UKD REGRESSION. STIOLOGiE Vi 

köunen als durch die Betonung: des Lustgewinmes, Wir 
können sagen, der seelisdie Apparat diene der Absicht, 
die von außen und von innen an ihn herantretenden 
Reizmengen, Erregungsgrößen, zu bewältigen und zu er- 
ledigen. Von den Sexualtrieben ist es ohne weiteres 
evident, daß sie zu Anfang wie zu Ende ihrer Ent' 
Wicklung auf Lustgewinn arbeiten; sie behalten diese 
ursprüngliche Funidion ohne Abänderung bei. Das näm- 
iidie streben auch die anderen, die Ichtriebe, anfänglich 
an. Aber unter dem Einfluß der Lehrmeisterin Not 
lernen die Ichlriebe bald, daß Lustprinzip durch eine 
[Kodifikation zu ersetzen. Die Aufgabe, Unlust zu ver- 
hüten, stellt sich für sie fast gleichwertig neben die des 
Lustgewinns; das Ich erfährt, daß es unvermeidlidi ist, 
auf unmittelbare Befriedigung zu verzichten, den Lust- 
gewinn aufzuschieben, ein Stück Unlust zu ertragen 
und bestimmte Lustquellen überhaupt aufzugeben. Das 
so erzogene Idi ist „verständig" geworden, es läßt sidi 
nicht mehr vom Lustprinzip beherrschen, sondern folgt 
dem ReaÜtätsprinzip, das im Grunde auch Lust er- 
zielen will, aber durch die Rüdtsidit auf die Realität 
gesicherte, wenn auch aufgeschobene und verringerte Lust. 
Der Übergang vom Lust-' zum ReaÜtätsprinzip ist 
einer der wichtigsten Forlschritte in der Entwicklung 
des Ichs. Wir wissen schon, daß die Sexualtriebe dieses 
Stück der Idientwicklung spät und nur widerstrebend 
BUtmachen, und werden spater hören, weldse Folgen es 
fuj" den Mensdien hat, daß seine Sexualität sich mit 
einem so lockeren Verhältnis zur äußeren Realität be- 
gnügt. Und nun zum Schlüsse noch eine hieher gehörige 
Bemerkung, Wenn das Idi des Menschen seine Ent- 
wicklungsgeschichte hat wie die Libido, so werden Sie 
nidit überrasdit sein zu hören, daß es auch „Idi- 
rt^essionen" gibt, und werden aucli wissen wollen, 
weldie Rolle diese Rückkehr des Iclis zu früheren Enl- 
wicklungsphasen bei den neurotisdien Erkrankungen 
spielen kann. 1|K»»>*. TW a» (*«i. 



XXnL VORLESUNG 

DIE WEGE DER SYMPTOMBILDUNG 



M' 



Ieine Damen und Herrenl Für den Laien sind es 
die Symptome, die das Wesen der Krankheit bilden, 
und Heilung ist ihm die Aufiiebung der Symptome. 
Der Arzt legt Wert darauf, die Symptome von der 
Krankheit zu unterscheiden, und sagt, daß die Beseitigunw 
der Symptome noch nicht die Heilung der Krankheit 
ist Aber was nach Beseitigung der Symptome Greif- 
bares von der Krankheit übrij bleibt, ist nur die Fähig- 
keit, neue Symptome zu bilden, Damm wollen wir uns 
für jetzt auf den Standpunkt des Laien stellen und die 
Ergründung der Symptome für gleichbedeutend mit dem 
Verständnis der Krankheit halten. 

Die Symptome — wir handeln hier natürlich von 
psychisdien (oder psydiogenen) Symptomen und psychi- 
schem Kranksein — sind für das Gesamtleben schädliche 
oder wenigstens nutzlose Akte, häufig von der Pereon 
als widerwillig beklagt und mit Unlust oder Leiden für 
sie verbunden. Ihr Hauptsdiaden liegt in dem seeliscäien 
Aufwand, den sie selbst kosten, und in dem weiteren, 
der durdi ihre Bekämpfung notwendig wird. Diese beiden 
Kosten können bei ausgiebiger Symptombildung eine 
außerordentlidie Veramiung der Person an verfügbarer 
seeltsdier Energie und somit eine Lähmung derselben 
für alle wichtigen Lebensaufgaben zur Folge haben. Da 
es für diesen Erfolg hauptsädiÜci auf die Quantität der 
so in Ahspruci genommenen Energie ankommt, so er- 
kennen Sie leicht, daß „Kranksein" ein im Wesen 
praktischer Begriff ist Stellen Sie sich aber auf einen 
theoretischen Standpunkt und sehen von diesen Quanti- 
täten ab, so können Sie leicht sagen, daß wir alle krank,- 
d. i. neurotisch sind, denn die Bedingungen für die Symp- 
tombildung sind auch bei den Normalen nadizuweisen. 

Von den neurotischen Symptomen vtissen wir bereits, 
daß sie der Erfolg eines Konflikts sind, der sidi um 



XXin. DIE WEGE DER S'^PTOMBILDUNG m 



eine neue Art der Libidobefriedigung erhebt. Die beiden 
Kräfte, die sich entzweit haben, treffen im Symptom 
wieder zusammen, versöhnen sidi gleichsam durdi das 
Kompromifi der Symptorobildung, Darum ist das Symp- 
tom auch so widerstandsfähig; es wird von beiden Seiten 
her gehallen. Wir wissen auch, daß der eine der beiden 
Partner des Konflikts die unbefriedigte von der Realität 
abgewiesene Libido ist, die nun andere Wege zu ihrer 
Befriedigung suchen muß. Bleibt die Realität unerbitt- 
litii, auch wenn die Libido bereit ist, ein anderes Objekt 
an Stelle des versagten anzunefmien, so wird diese 
endlich genötigt sein, den Weg der Regression einzu- 
sdilagen und die Befriedigung in einer der bereits über- 
wundenen Organisationen oder durdi eines der früher 
aufgegebenen Objekte anzustreben. Auf den Weg der 
Regression wird die Libido durch die Fixierung gelockt 
die sie an diesen Stellen ihrer Entwi<ilung zurüdt- 
gelassen hat. 

Nun scheidet sidi der Weg zur Perversion scharf 
von dem der Neurose. Erwecken diese Regressionen 
nidit den Widersprudi des Ichs, so kommt es auch 
nicht zur Neurose, und die Libido gelangt zu irgend 
einer realen, wenn auch nicht mehr normalen Befriedigung. 
Wenn aber das Idi, das nicht nur über das Bewußt- 
sein, sondern auch über die Zugänge zur motorisdicn 
Innervation und somit zur Realisierung der seelisdien 
Strebungen verfügt, mit diesen Regressionen nicht ein- 
verstanden ist, dann ist der Konflikt gegeben. Die 
Libido ist wie abgeschnitten und muß versuchen irgend- 
wohin auszuweichen, wo sie nach der Forderung des 
Lustprinzips einen Abfluß für ihre Energiebesetzung 
findet. Sie muß sich dem Idi entziehen. Ein solches Aus- 
weichen gestatten ihr aber die Fixierungen auf ihrem 
jetzt regressiv beschritlenen Entwicklungsweg, gegen 
welche sich das Ich seinerzeit durdi Verdrängungen ge- 
sdiützt hatte. Indem die Libido rückströmend diese ver- 
drängten Positionen besetzt, hat sie sich dem Icli und 



37H PHTTTER TEIL; ALLGEHEfNE NEUROSENLEHRE 



seine0 Gesetzen entzogen, dabei aber auch auf alle uuter 
dem Einfluß dieses Ichs erworbene Erziehung verzichtet, 
Sie war lenksam, solange ilir Befriedigung winkte; unter 
dem doppelten Drudt der äußern und der innem Ver- 
sagung wird sie unbotmäßig und besinnt sich früherer 
besserer Zeiten. Das ist so ihr im Grund unveränder- 
ücher Charakter, Die Vorstellungen, denen jetzt die 
Libido ihre Energie als Besetzung überträgt, gehören 
dem Systero des Unbewußten an und unterliegen den 
Vorgängen, die daselbst möglich sind, insbesondere der 
Verdichtung und Verschiebung. Hiemit sind nun Ver- 
hältnisse hergestellt, die vollkommen denen bei der 
Traumbüdung gleichen. Wie dem im Unbewußten fertig 
gewordenen eigentlichen Traum, der die Erfüllung einer 
unbewußten Wunschphantasie ist, ein Stück (vor)bewußter 
Tätigkeit entgegenkommt, welches die Zensurtätigkeit 
ausübt und nadi deren Abfindung die Bildung eines 
manifesten Traumes als Kompromiß gestattet, so hat 
audi noch die Libido Vertretung im Unbewußten mit der 
Madit des vorbewußten Ichs zu rechnen. Der Wider- 
sprudi, der sidi gegen sie im Ich erhoben hatte, geht 
ihr als „Gegenbesetzung" nach und nötigt sie, jenen 
Ausdnidt zu wählen, der gleichzeitig sein eigener Aus- 
druck werden kann. So entsteht denn das Symptom 
als vielfach entstellter Abkömmling der unbewußten 
iibidinösen Wunsdiertüllung, eine kunstvoll ausgewählte 
Zweideutigkeit mit zwei einander voll widersprechenden 
Bedeutungen. Allein in diesem letzteren Punkte ist ein 
Unterschied zwischen der Traum- und der Symptom- 
bildung zu erkennen, denn die vorbewußte Absicht bei 
der Traumbildung geht nur dahin, den Schlaf zu erhalten, 
nichts, was ihn stören würde, zum Bewußtsein dringen 
zu lassen; sie besteht aber nicht darauf, der unbewußten 
Wunschregung ein scharfes: Nein, im Gegenteile! ent- 
gegenzurufen. Sie darf toleranter sein, weil die Situation ■ 
des Schlafenden eine minder gefährdete ist Der Ausweg | 
in die Realität ist durch den Schlafzustand allein gesperrt. 



3txm. DIE WEGE DER SYMPTOMBILDUNG 3 7a 

Sie sehen, das Ausweichen der Libido unter den 
Bedingungen des Konflikts ist daidi das Vorhanden- 
sein von Fixierungen ermöglicht. Die regressive Be- 
setzung dieser Fixierungen führt lur Umgehung der 
Verdrängung und zu einer Abhihr — oder Befriedigung — 
der Libido, bei welcher die Bedingungen des Kompro- 
tuisses eingehalten werden müssen. Auf dem Umwege 
über das Unbewußte und die alten Fixierungen ist es 
der Libido endlich gelungen, zu einer allerdings außer- 
ordentlich eingeschränkten und kaum mehr kenntlichen 
realen Befriedigung durchzudringen. Lassen Sie midi 
zwei Bemerkungen zu diesem Endausgang hinzufügen. 
Wollen Sie erstens beachten, wie enge sich hier die 
Libido und das Unbewußte einerseits, das Ich, das Be- 
wußtsein und, die Realität anderseits verbunden erweisen, 
obwohl sie von Anfang au keineswegs zusammengehören, 
und hören Sie femer meine Mitteilung an, daß alles 
hier Gesagte und im weiteren Folgeade sidi nur auf 
die Syroptombildung bei der hysterischen Neurose bezieht 

Wo findet nun die Libido die Fixierungen, deren 
sie zum Durdibrudider Verdrängungen bedarf? In den 
Betätigungen und Erlebnissen der infantilen Sexualität, 
in den verlassenen Parti alstrebungen und aufgegebenen 
Objekten der Kinderzeit. Zu ihnen kehrt die Libido 
also wieder zurüde. Die Bedeutung dieser Kinderzeit 
ist eine zweifache; einerseits haben sidi in ihr die Trieb- 
richtungen zuerst gezeigt, die das Kind in seiner an- 
oeborcnen Anlage mitbrachte, und zweitens sind durch 
äußere Einwirkungen, akzidentelle Erlebnisse, andere 
seiner Triebe zuerst geweckt, aktiviert worden. Ich glaube, 
es ist kein Zweifel daran, daß wir ein Redit haben, 
diese Zweiteilung aufzustellen. Die Außenmg der an- 
geborenen Anlage unterliegt ja keinem kritischen Be- 
denken, aber die analytische Erfahrung nötigt uns geradezu 
anzunehmen, daß rein zufällige Erlebnisse der Kindheit 
im Stande sind, Fixierungen der Libido zu hinterlassen. 
Idi sehe auch keiije theoretische Schwierigkeit darin. 



ti 



380 DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEURÖSSNlEHRE 

Die konstitutionellen Anlagen sind sicherlich audi die 
Nachwirkungen der Erlebnisse früherer Vorfahren, auch 
sie sind einmal erworben worden; ohne solche Er- 
werbung gäbe es keine Heredität. Und ist es denkbar 
daß solche zur Vererbung führende Erwerbung gerade 
bei der von uns betraditeten Generation ein Ende 
nimmt? Die Bedeutung der infantilen Erlebnisse sollte 
aber nicht, wie es mit Vorliebe geschieht, gegen die 
der Erlebnisse der Vorfahren und der eigenen Reife 
völlig vernachlässigt werden, sondern im Gegenteile eine 
besondere Würdigung finden, Sie sind um so folgen- 
sdiwerer, weil sie in die Zeiten der unvollendeten Ent- 
wicklung fallen, und gerade durch diesen Umstand 
geeignet, traumalisch zu wirken. Die Arbeilen über 
Entwicklungsmechanik von Rous und anderen haben 
uns gezeigt, daß ein Nadelstidi in die in Zellteilung be- 
griffene Keimanlage eme schwere Entwiddungsstorung 
zur Folge hat Dieselbe Verletzung der Larve oder dem 
fertigen Tier zugefügt, würde sdiadlos vertragen werden. 
Die Libidofixierung des Erwacbsenen, die wir als 
Repräsentanten des konstitutionellen Faktors in die ätio- 
logische Gleichung der Neurosen eingeführt haben, zer- 
legt sidi also jetzt für uns in zwei weitere Momente, 
in die ererbte Anlage und m die in der frühen Kind- 
heit erworbene Disposition. Wir wissen, daß ein Sdieraa 
der Sympathie des Lernenden sicher ist Fassen wir 
also diese Verhältnisse in einem Schema zusammen: 
Venirsadiung' ^ Disposition durdi . Akzidentelles Erleben 
der Neurose Libidafudenin; **" (traumatisdies) 



Senielle Konstitution Infantiles Erleben 

(Prähistorisches Erleben) 

Die hereditäre Sexualkonstitution bietet uns eine große 
Mannigfaltigkeit von Anlagen, je nachdem dieser oder 



XXIIL DIE WEGE DER SYMPTOMBILDUNG 



jener Partialtrieb für sich allein oder im Verein mit 
anJeren in besonderer Stärke angelegt ist. Mit dem 
Faktor des infantilen Erlebens bildet die SexuaJkonsti- 
tution wiederum eine „Ei^änzungsrethe", ganz äfinlich 
der uns zuerst bekannt gewordenen zwisdien Disposition 
imd akzidentellem Erleben des Erwadisenen. Hier wie 
dort finden sich dieselben extremen Fälle und die näm- 
lichen Bezieiiungen der Vertretung, Es liegt nahe, hier 
die Frage aufzuwerfen, ob die auffälligste der Libido- 
regressionen, die auf frühere Stufen der Sexualorgani- 
sation, nicht überwiegend durdi das hereditär konstitu- 
tionelle Moment bedingt wird; aber die Beantwortung 
der Frage wird am besten aufgeschoben, bis man eine 
größere Reihe der neurotischen Erkrankungsformen in 
Betracht ziehen kann. 

Verweilen wir nun bei der Tatsache, daß die analy- 
tische Untersuchung die Libido der Neurotiker an ihre 
infantilen Sexualerlebnisse gebunden zeigt. Sie verleiht 
diesen so den Schein einer enormen Bedeutsamkeit für 
das Leben und die Erkrankung der Menschen. Soldie 
Bedeutung verbleibt ihnen ungeschmälert, insoweit die 
therapeutische Arbeit in Betracht kommt. Sehen wir 
aber von dieser Aufgabe ab, so erkennen wir doch leicht, 
daß hier die Gefahr eines Mißverständnisses vorliegt, 
das uns verleiten könnte, das Leben allzu einseitig nach 
der neurotischen Situation zu orientieren. Man muß 
doch von der Bedeutung der Infantilerlebnisse in Abzug 
bringen, daß die Libido regressiv zu ihnen zurückgekehrt 
ist, nadidem sie aus ihren späteren Positionen vertrieben 
wurde. Dann liegt aber der Schluß nach der Gegen- 
seite sehr nahe, daß die Libidocrlebnisse zu ihrer Zeit 
gar keine Bedeutung gehabt, sondern sie erst regressiv 
erworben haben. Erinnern Sie sich, daß wir zu einer 
solchen Alternative bereits bei der Erörterung des Ödipus- 
komplexes Stellung genommen haben. 

Die Entsdieidung wird uns auch diesmal nicht schwer 
werden. Die Bemerkung, daß die Libidobesetzung — 



t 



3M DRIT-nSRTEIL; ALI.GEMEtNE NEUROSENTJ^HRE 

und also die pathogene Bedeuhing — der Infantilerleb- 
nisse in großem Maße durch die Libidoregression ver- 
stärkt worden ist, hat unzweifelhaft recht, aber sie würde 
zum Irrtum führen, wenn man sie einzig maßgebend 
werden ließe. Man muß nodi andere Erwägungen gelten 
lassen. Fürs erste zeigt die Beobachtung in einer jeden 
Zweifel ausschließenden Weise, daß die infantilen Er- 
lebnisse ihre eigene Bedeutung haben und sie auch be- 
reits in den Kinderjahren beweisen. Es gibt ja auch 
Kindemeurosen, bei denen das Moment der zeitlichen 
Zurückschiebung notwendigerweise sehr herabgesetzt wird 
oder ganz entfällt, indem die Erkrankung als unmittel- 
bare Folge an die traumatischen Erlebnisse anschließt 
Das Studium dieser infantilen Neurosen schützt gegen 
manch ein gefährÜclies Mißverständnis der Neurosen 
Erwadisener, ähnliiJi wie uns die Träume der Kinder 
den Schlüssel zum Verständnis der Träume von Er- 
v/achsenen gegeben haben. Die Neurosen der Kinder 
sind nun selir häufig, viel häufiger, als man glaubt Sie 
werden oft übersehen, als Zeichen von Schlimmheit 
oder Unartigkcit beurteilt, oft auch durch die Autori- 
täten der Kinderstube niedergehalten, aber sie lassen 
sich in der Rückschau von später her immer leicht er- 
kennen. Sie treten zumeist in der Form einer Angst- 
hysterie auf. Was das heißt, werden wir noch bei 
einer anderen Gelegenheit erfahren. Wenn in späteren 
Lebenszeiten eine Neurose ausbricht so entiiüilt sie sich 
durch die Analyse regelmäßig als die direkte Fort- 
setzung jener vielleicht nur schleierhaften, nur andeutungs- 
weise ausgebildeten infantilen Erkrankung. Es gibt aber, 
wie gesagt, Fälle, in denen sich diese kindliche Nervo- 
sität ohne jede Unterbrechung in lebenlangea. Kranksein, 
fortsetzt. Einige wenige Beispiele von Kinderneurosen 
haben wir nodi am Kind selbst — im Zustande der 
Aktualität — analysieren können; weit häufiger mußte 
es (ins genügen, daß uns der im reifen Leben Erkrankte 
eine naditrägliclie Eiusiciit ..in seine' Kiiidcrneui-osc ge- 



XXm. DIE 'TEGE DF.R SYMPTOMBILDITWC. 3M 

stattete, wobei wir dann gewisse Korrekturen und Vor- 
sichten nidit vemachJässigen durften. :j' 

An zweiter Stelle muß man clodi sagen, daß es un- 
begreiflich wäre, daß die Libido so regelmäßig auf Zeiten 
der Kindheit regrediert, wenn dort nichts wäre, was 
eine Anziehung auf sie ausüben konnte. Die Fixierung, 
die wir an den einzelnen Stellen des Entwicklungsweges 
annehmen, hat nur dann einen Gehalt, wenn wir sie in 
der Festlegung eines bestimmten Betrages von libidi- 
nSser Energie bestehen lassen. Endlidi kann ich Sie 
daran mahnen, daß hier zwischen der Intensität und 
pathogenen Bedeutung der infantilen und der späteren 
Erlebnisse ein ähnliches Ergänzungs Verhältnis besteht 
wie in den früher von uns studierten Reihen, Es gibt 
Fälle, in denen das ganze Sdiwergewichl der Verur- 
sachung auf die Sexuaierlebnisse der Kindheit fäUt, in 
denen diese Eindrücke eine sicher traumatische Wirkung 
äußern und keiner anderen Unterstützung dabei bedürfen, 
als ihnen die durdischnittliche Sexualkonstitution und 
deren Unfertigkeit bieten kann. Daneben andere, bei 
welchen aller Akzent auf den späteren Konflikten liegt 
and die analytische Betonung der Kindereindrücke durcäi- 
aus als das Werk der Regression ersdieint; also Extreme 
der „Entwiddungshemmung" und der „Regression" und 
zwischen ihnen jedes Ausmaß von Zusammenwirken der 
beiden Momente. 

Diese Verhältnisse haben ein gewisses Interesse für 
die Pädagogik, die sich eine Verhütung der Neurosen 
durdi frühzeitiges Eingreifen in die Sexual cntwicklung 
des Kindes zum Vorsatz nimmt. Solange man seine 
Aufmerksamkeit vorwiegend auf die infantilen Sexual- 
erlebnisse gericlitet hält, muß man meinen, man habe 
alles für die Prophylaxe nervöser Erkrankungen getan, 
wenn man dafür sorgt, daß diese Entwicklung verzögert 
werde, und daß dem Kinde derartige Erlebnisse erspart 
bleiben. Allein wir wissen schon, daß die Bedingungen 
der Verursadiung für die Neurosen kompliziertere sind 



t 



384 DRITTERTEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

und durch die Berücksichtigung eines einzigen Faktors 
nicht allgemein beeinflußt werden können. Die strenge 
Behiitung der Kindheit verliert an Wert, weil sie gegen 
den konstitutionellen Faktor ohnmäditig ist; sie ist 
überdies schwerer durchzuführen, als die Erzieher sich 
vorstellen, und sie bringt zwei neue Gefahren mit sich, 
die nicht gering zu sdiätzen sind: daS sie zu viel er- 
reidit, nämlich ein für die Folge schädliches Übermaß 
von Sexual Verdrängung begünstigt, und daß sie das 
Kind widerstandslos gegen den in der Pubertät zu er- 
wartenden Ansturm der Sexualanforderungen ins Leben 
schickt So bleibt es durchaus zweifelhaft, wie weit die 
Kindbeitspropbylaxe mit Vorteil gehen kann, und ob 
nicht eine veränderte Einstellung zur Aktualität einen 
besseren Angriffspunkt zur Verhütung der Neurosen 
verspricht 

kehren wir nun zu den Symptomen zurück. Sie 
schaffen also Ersatz für die versagte Befriedigung durch 
eine Regression der Libido auf frühere Zeiten, womit 
die Rüdekehr zu früheren Entwiddungsstufen der Objekt- 
wahl oder der Organisation untrennbar verbunden ist. 
Wir haben frühzeitig gehört, daß der Neurotiker irgend- 
wo in seiner Vergangenheit festhaftet; wir wissen jetzt, 
daß es eine Periode seiner Vergangenheit ist, in welcher 
seine Libido die Befriedigung nicht vermißte, in der er 
glüddich war. Er sucht so lange in seiner Lebens- 
geschichte, bis er eine solche Zeit gefunden hat, und 
müßte er audi bis in seine Säuglingszeit zurückgehen, 
wie er sie erinnert oder sich nach späteren Anregungen 
vorstellt Das Symptom wiederholt irgendwie jene früh- 
infantile Art der Befriedigung, entstellt durch die aus 
dem Konflikt hervorgehende Zensur, in der Regel zur 
Empfindung des Leidens gewendet und mit Elementen 
aus dem Anlaß der Erkrankung vermengt Die Art der 
Befriedigung, welche das Symptom bringt, hat viel Be- 
fremdendes an sich. Wir sehen davon ab, daß sie für 
die. Person unkenntlich ist, weiche die angebliche Be- 



XXUr. DE WEGE DER SYMPTOMBO-DUNa 3SS 

friedigung vielmehr als Leiden empfindet und beklagt. 
Diese Verwandlung gehört dem psycliisdien Konflikt 
an, unter dessen Druck sidi das Symptom bilden mußte. 
Was dereinst dem Individuum eine Befriedigung war, 
muß eben heute seinen Widerstand oder seinen Absdieu 
erwedien. Wir kennen für solche Sinnesänderung ein 
unscheinbares, aber lehrreiches Vorbild. Diisselbe Kind, 
das mit Gier die Milch aus der Mutterbrust gesogen 
hat, pflegt einige Jahre später einen starken Wider- 
willen gegen Mildigenuß zu äu!3em, dessen Überwindung 
der Erziehung Scliwierigkeifen bereitet Dieser Wider- 
wille steigert sidi bis zum Abscheu, wenn die Mildi 
oder das mit ihr versetzte Getränk von einem Häutchen 
überzogen ist. Es ist vielleidit nicht abzuweisen, daß 
diese Haut die Erinnerung an die einst so heiß begehrte 
Mutlerbrust heraufbesdiwört. Dazwischen liegt allerdings 
das traumatisch wirkende Erlebnis der Abgewöhnung. 
Es ist noch etwas anderes, was uns die Symptome 
merkwürdig und als Mittel der libidinösen Befriedigung 
unverständlich erscheinen läßt Sie erinnern uns so gar 
nidit an all das, wovon wir normalerweise eine Be- 
friedigung zu erwarten pflegen. Sie sehen meist vom 
Objekt ab und geben damit die Beziehung zur äußeren 
Realität auf. Wir verstehen dies als Folge der Ab- 
wendung vom ReaÜtäts- und der Rückkehr zum Lnst- 
prinrip. Es ist aber auch eine Rückkehr zu einer Art 
von erweitertem Autoerotismus, wie er dem Sexual- 
trieb die ersten Befriedigungen bot. Sie setzen an die 
Stelle einer Veränderung der Außenwelt eine Korper- 
veränderung, also eine innere Aktion an die Stelle einer 
äußeren, eine Anpassung anstatt einer Handlung, was 
wiederum einer in phylogenetisdier Hinsidit höchst bedeut- 
samen Regression entspridit. Wir werden das erst im 
Zusammenhange mit einer Neuheit verstehen, die wir 
nodi aus den analytischen Untersucliungen über die 
Symptombildung zu erfahren haben. Femer erinnern 
wir uns, daß bei der Symptombildung die nämlichen 

Ffpud, Vorlpsnnsca *^ 



386 DRITTEH 'l-KlLi AU-GEMKINE NEUROSENLEHRE 

Prozesse des Unbewußten wie bei der Traumbildung 
mitgewirkt haben, die Verdichtung und Verschiebui^. 
Das Symptom stellt wie der Traum etwas als erfüllt 
dar, eine Befriedigung nach Art der infantilen, aber 
durdi äußerste Verdichtung kann diese Befriedigung in 
eine einzige Sensation oder Innervation gedrängt, durcli 
extreme Verschiebung auf eine kleine Einzelheit des 
ganzen iibidinösen Komplexes eingeschränkt sein. Es 
ist kein Wunder, wenn auch wir häufig Schwierigkeiten 
haben, in dem Symptom die vermutete und jedesmal 
bestätigte libidinöse Befriedigung zu erkennen, 

Ich habe Ihnen angekündigt, daß wir nodi etwas 
Neues zu erfahren haben; es ist wirklich etwas Über- 
raschendes und Verwirrendes. Sie wissen, durch die Ana- 
lyse von den Symptomen aus kommen wir zur Kenntnis 
der infantilen Erlebnisse, an welche die Libido fixiert 
ist, und aus denen die Symptome gemadit werden. Nun, 
die Überraschung liegt darin, daß diese Infantilszenen 
nidit immer wahr sbid. Ja, sie sind in der Mehrzahl der 
Fälle nicht wahr, und in einzehien Fällen im direkten 
Gegensatz zur historischen Wahrheit Sie sehen ein, daß 
dieser Fund wie kein anderer dazu geeignet ist, entweder 
die Analyse zu diskreditieren, die zu solchem Ergebnis 
geführt hat, oder die Kranken, auf deren Aussagen die 
Analyse wie das ganze Verständnis der Neurosen auf- 
gebaut ist Außerdem ist aber noch etwas ungemein Ver- 
wirrendes dabei. Wenn die durch die Analyse zu Tage 
geförderten infantilen Erlebnisse jedesmal real wären, 
hätten wir das Gefühl, uns auf sidierem Boden zu be- 
, wegen; wenn sie regelmäßig gefälscht wären, sidi als 
, Erfindungen, als Phantasien der Krauken enthüllten, 
, müßten wir diesen schwankenden Boden verlassen und uns 
j auf einen anderen retten. Aber es ist weder so noch so, 
. sondern der Sachverhalt ist nachweisbar der, daß die in 
der Analyse konstruierten oder erinnerten Kindererleh- 
nisse einmal unstreitig falsch sind, das andere Mal aber 
ebenso sicher richtig und in den meisten Fällen aus 



XXm. DIE WEGE DER SYMPTOMBILDUNG 



Wahrem und Faischem gemengt Die Symptome sind 
also dann bald die Darstellung von Erlebnissen, die 
wirklich stattgefunden haben, und denen man einen Ein- 
fluß auf die Fixierung der Libido zuschreiben darf, und 
bald die Darstellung von Phantaaleu des Kranken, die sich 
lu einer ätiologisdien Rolle natürlich gar nicht eignea. 
Es ist schwer, sidi darin zureditzufinden. Einen ersten 
Anhalt finden wir vielleicht an einer ähnlichen Ent- 
deckung, daß nämlich die vereinzelten Kindheitserinne- 
rungen, welche die Menschen von jeher und vor jeder 
Analyse bewußt in sidi getragen haben, gleichfalls ge- 
fälscht sein können oder wenigstens reichlidi Wahres 
mit Falsdiem vermengen. Der Nachweis der Unrichtig- 
keit macht hier selten Schwierigkeiten, und so haben 
wir wenigstens die eine Beruhigung, daß an dieser un- 
erwarteten Enttäusdiung nicht die Analyse, sondern irgend- 
wie die Kranken die Sdiuld tragen, 

Nadi einiger Überlegung verstehen wir leicht, was 
uns an dieser Sachlage so verwirrt. Es ist die Gering- 
sdiätzung der Realität, die Vernachlässigung des Unter- 
schiedes zwischen ihr und der Phantasie. Wir sind in 
Versuchung beleidigt zu sein, daß uns der Kranke mit 
erfundenen Geschiditen beschäftigt hat Die Wirklichkeit 
erscheint uns als etwas von der Erfindung himmelweit 
Verschiedenes, und sie genießt bei uns eine ganz andere 
Einschätzung, Denselben Standpunkt nimmt übrigens aucli 
der Kranke in seinem normalen Denken ein. Wenn er 
jenes Material vorbringt, welches hinter den Symptomen 
zu den Wunschsituationen führt, die den Kindercrleb- 
nissen nadigebüdet sind, so sind wir allerdings anfangs 
im. Zweifel, ob es sidi um Wirklichkeit oder um Phanta- 
sien handelt Später wird uns die Entscheidung durdi 
gewisse Kennzeichen ermöglicht, und wir stehen vor der 
Aulgabe, sie auch dem Kranken bekanntzugeben. Dabei 
geht es nun auf keinen Fall ohne Schwierigkeiten ab. 

I Eröffnen wir ihm gleich zu Beginn, daß er jetzt im Be- 

Ä, griffe ist, die Phantasien zum Vorscheia zu bringen, mit 



^3 DRITTEH TEn.i ALLGEMEINE NEltilOSENLEIlKE 

denen er sid) seine Kindheitsgeschidktc verhüllt hat, wie 
jedes Volk durch Sagenbildung: seine vergessene Vorzeit, 
so bemerken wir, daß sein Interesse für die weitere Ver- 
folgung des Themas plötzlich in unerw5nscbter Weise 
absinkt. Er will auch Wirklidikeitea erfahren und ver- 
aditet alle „Einbildungen". Lassen wir ihn aber bis zur 
Erledigung dieses Stüdces der Arbeit im Glauben, daß 
wir mit der Erforschung der realen Begebenheiten seiner 
ICinderjahre beschäftigt sind, so riskieren wir, daß er 
uns später Irrtum vorwirft und uns wegen unser schein- 
baren Leichtgläubigkeit verlacht. Für den Vorschlag, Phan- 
tasie und Wirklichkeit gleiclizustellen und sich zunächst 
nicht darum zu kümmern, ob die zu klarenden Kinder- 
erlebnisse das eine oder das andere seien, hat er lange Zeit 
kein Verständnis. Und doch ist dies offenbar die einzig 
richtige Einstellung zu diesen seeliadien Produktionen. 
Auch sie besitzen eine Art von Realität; es bleibt eine 
Tatsadie, daß der Kranke sich solche Phantasien ge- 
schaffen hat, und diese Tatsache hat kaum geringere Be- 
deutung für seine Neurose, als wenn er den Inhalt dieser 
Phantasien wirklich erlebt hätte. Diese Phantasien be- 
sitzen psychische Realität im Gegensalz zur mate- 
riellen, und wir lernen allntählich verstehen, daB in der 
Welt der Neurosen die psychische Realität die 
maßgebende ist. 

Unter den Begebenheiten, die in der Jugendgeschichfe 
der Neurotiker immer wiederkehren, kaum je zu fehlen 
sdieinen, sind einige von besonderer Wichtigkeit, die 
idt darum auch einer Hervorhebung vor den anderen 
für würdig halte. Ich zähle Ihnen als Muster dieser Gattung 
auf; die Beobachtung des elterlichen Verkehres, die Ver- 
führung durch eine erwachsene Person und die Kastra- 
tionsandrohung. Es wäre ein großer Irrtum anzunehmen, 
daß ihnen niemals materielle Realität zukommt; diese 
ist ini Gegenteil oft einwandfrei durch Nachforschung 
bei älteren Angehörigen zu erweisen. So ist es z. B. 
gar keine Seltenheit, daß dem kleinen Knaben, welcher 



XXin. DIE WEGE DER SYMPTOMBILDUNG 389 

unartig mit seinem Glied zu spielen beginnt und noch 
nicht weiß, daß man soldie Beschäftigung verbergen muß, 
von Eltern oder von Pflegepersonen gedroht wird, man 
werde ihm das Ghed oder die sündigende Hand ab- 
sdineiden. Die Eltern gestehen es auf Nachfrage oft ein, 
da sie mit solcher Einschüchterung etwas Zwedunäßiges 
getan zu haben glauben; manche Menschen haben eine 
korrekte, bewußte Erinnerung ao diese Drohung, be- 
sonders dann, wenn sie in etwas späteren Jahren erfolgt 
ist Wenn die Mutter oder eine andere weiblidie Person 
die Drohung ausspridit, so sdiiebt sie ihre Ausführung 
gewohnlich dem Vater oder dem — Arzt zu. In dem 
berühmten „Struwelpeter" des Frankfurter Kinderarztes 
Hoff mann, der seine Beliebtheit gerade dem Verständnis 
für die seKuelSen und andere Komplexe des Kindesalters 
verdankt, finden Sie die Kastration gemildert, durch das 
Abschneiden der Daumen als Strafe für hartnäckiges 
Lutschen ersetzt. Es ist aber in hohem Grade unwahr- 
sdieinlich, daß die Kastration sdrohung so oft an die 
Kinder ergeht, als sie in den Analysen der Neurotiker 
vörkoninit. Wir sind damit zufrieden zu verstehen, daß 
sidi das Kind eine soldie Drohung auf Grund von An- 
deutungen, mit Hilfe des Wissens, daß die autoerotisdie 
Befriedigung verboten ist, und unter dem Eindrudc seiner 
Entdeckung des weiblichen Genitales in der Phantasie 
zusammensetzt. Ebenso ist es keineswegs ausgeschlossen, 
daß das kleine Kind, solange man ihm kein Verständnis 
und kein Gedächtnis zutraut, auch in anderen als Prole- 
tarierfamiÜen zum Zeugen eines Gesdilechtsaktes zwischen 
den Eitern oder anderen Erwachsenen wird, und es ist 
nidit abzuweisen, daß das Kind nachträglich diesen 
Eindruck verstehen und auf ihn reagieren kann. Wenn 
aber dieser Verkehr mit den ausführlichsten Details be- 
schrieben wird, die der Beobachtung Schwierigkeiten be- 
reiten, oder wenn er sich, wie überwiegend häufig, als 
ein Verkehr von rückwärts, more ferarum, herausstellt, 
so bleibt wohl kein Zweifel über die Anlehnung dieser 



»0 DRITIER TEIL; AIXGEMEINE NEIIHOSENLEHRE 

Phantasie an die Beobachtung des Verkehres von Tieren 
(Hunden) und die Motivierung derselben durdi die un- 
befriedigte Schaulust des Kindes in den Pubertälsjahren. 
Die äui^erste Leistung dieser Art ist dann die Phan- 
tasie von der Beobachtung des elterlichen Koitus, während 
man sich nodi ungeboren im Mutterleib befunden hat. 
Besonderes Interesse hat die Phantasie der Verführung, 
weil sie nur zu oft keine Phantasie, sondern reale Er- 
innerung ist Aber zum Glück ist sie docji nicht so häufig 
real, wie es nach den Ergebnissen der Analyse zuerst 
den Anschein hatte. Die Verführung durch ältere oder 
gleidialtrige Kinder ist immer noch häufiger als die durch 
Erwachsene, und wenn bei den Mädchen, welche diese 
Begebenheit in ihrer Kindergesdiichte vorbringen, ziem- 
lich regelmäßig der Vater als Verführer auftritt, so leidet 
weder die phantastisdie Natur dieser Beschuldigung nodi 
das ZV ihr drängende Motiv einen Zweifel Mit der Vcr- 
führungsphantasie, wo keine Verführung stattgehabt hat, 
ded<t das Kind in der Regel die autoerotische Periode 
seiner Sexualbetätigung. Es erspart sich die BesiiiSmung 
über die Masturbation, indem es ein begehrtes Objekt 
in diese früh(^sten Zeiten zurödtphanlasiert Glauben Sie 
Übrigens nidit, daß sexueller Mißbrauch des Kindes durdi 
die nächsten männlidien Verwandten durchaus dem Reidie 
der Phantasie angehört Die meisten Analytiker werden 
Fälle behandelt haben, in denen soldie Beziehungen real 
waren und einwandfrei festgestellt werden konnten; nur 
gehörten sie audi dann späteren Kindheitsjahren an und 
waren in frühere eingetragen worden. 

Man empfängt keinen anderen Eindrudc, als daß 
solche Kinderbegebenheiten irgendwie notwendig ver- 
langt werden, zum eisernen Bestand der Neurose ge- 
hören. Sind sie in der Realität enthalten, dann ist es 
gut! hat sie die Realität verweigert, so werden sie aus 
Andeutungen hergestellt und durdi die Phantasie ergänzt 
Das Ergebnis ist das gleiche, und es ist uns bis heute 
nicht gelungen, ^iaen Unterschied in den Folgen nach- 



XXIir. DE WEGE DER SYMPTOM BfLDUNG 391 

zuweisen, wenn die Phantasie oder die Realität den 
größeren Anteil an diesen Kinderbegebenheiten hat. Hier 
besteht eben wieder nur eines der so oft erwälinten Er- 
^nzungsverhältnisse; es ist allerdings das Befremdendste 
von allen, die wir kennen gelernt haben. Woher rührt 
das Bedürfnis nadi diesen Phantasien und das Material 
für sie? Über die Triebquellen kann wohl kein Zweifel 
sein, aber es ist zu erklären, daS jedesmal die nämlichen 
Phantasien mit demselben Inhalt gesdiaffcn werden. Ich 
habe hier eine Antwort bereit, von der ich weiß, daß 
cie Ihnen gewagt erscheinen wird. Ich meine, diese Ur< 
phantasien — so möchte idi sie und gewiß noch einige 
andere nennen — sind phylogenetischer Besitz. Das In- 
dividuum greift in ihnen über sein eigenes Erleben hinaus 
in das Erleben der Vorzeit, wo sein eigenes Erleben allzu 
rudimenKr geworden ist. Es scheint mir sehr wohl möglich, 
dafi alles, was uns heute in der Analyse als Phantasie 
erzählt wird, die Kinderverfiihrung, die Entzündung der 
Sexualerregung an der Beobachtung des elterlichen Ver- ' 
kebrs, die Kastrationsdrohung, — oder vielmehr die 
Kastration, — in den Urzeiten der menschlidien Familie 
einmal Realität war, und daß das phantasierende Kind 
einfadi die Lüdten der individuellen Walirheit mit prä- 
historischer Wahrheit ausgefüllt hat Wir sind wiederholt 
auf den Verdacht gekommen, daß uns die Neurosenpsy- 
ijiologie mehr von den Altertümern der menschlidien 
Entwiddung aufbewahrt hat als alle anderen Quellen. 

Meine Herren! Die letzterorterten Dinge nötigen 
uns, auf die Entstehung und Bedeutung jener Geistes- 
tätigkeit näher einzugehen, die „Phantasie" genannt 
wird. Sie genießt, wie Ihnen bekannt ist, allgemein eine 
hohe Schätzung, ohne daß man über ihre Stellung im 
Seelenleben klar geworden wäre. Ich kann Ihnen folgendes 
darüber sagen. Wie Sie wissen, wird das Idi des Menschen 
durdi die Einwirkung der äußeren Not langsam zur 
Sdiätzung der Realität und zur Befolgung des Realitäts- 
prinzips erzogen uad muß dabei auf verschiedene Ob- 



MI DRITTER TSIL. ALLGEMaNE WHUKOSENLEHRE 

jekte und Ziele seines Luststrebens — nicht allein des 
sexuellen — vorübergebend oder dauerad verziehten. 
Aber Lustverzicht ist dem Menschen immer schwer ge- 
fallen; er bringt ihn nidit ohne eine Art von Ent- 
schädigung zu Stande. Er hat sich daher eine seelische 
Tätigkeit vorbehalten, in welcher all diesen aufge- 
gebenen Lustquellen und verlassenen Wegen der Lust- 
gewinnung eine weitere Existenz zugestanden ist, eine 
Form der Existenn, in welcher sie von dem Realitäts- 
anspruch und dem, was wir Reaütätsprüfung nennen, 
frei gelassen sind. Jedes Streben erreicht bald die Form 
einer ErfüUungs Vorstellung; es ist kein Zweifel, daß das 
Verweilen bei den Wunscherfüllungen der Phantasie eine 
Befriedigung mit sich bringt, obwohl das Wissen, es 
handle sich nicht um Realität, dabei nicht getrübt ist. 
In der Phantasietätigkeit genießt also der Mensch die 
Freiheit vom äußeren Zwang weiter, auf die er in Wirk- 
lichkeit längst verzichtet hat. Er hat es zu stände ge- 
braclit, abwechselnd noch Lusttier zu sein und dann 
wieder ein verständiges Wesen, Er findet mit der kargen 
Befriedigung, die er der Wirklichkeit abringen kann, 
eben nicht sein Auskommen, „Es geht überhaupt nicht 
ohne Hilfskonstruktionen", hat Th. Fontane einmal ge- 
sagt Die Schöpfung des seelischen Reiches der Phantasie 
findet ein volles Gegenstück in der Einriditung von 
„Schonungen", „Naturschutzparks" dort, wo die An- 
forderungen des Ackerbaues, des Verkehres und der 
Industrie das ursprüngliche Gesicht der Erde rasch bis 
zur Unkenntlichkeit zu verändern drohen. Der Natur- 
schutzpark erhält diesen alten Zustand, welchen mau 
sonst überall mit Bedauern der Notwendigkeit geopfert 
hat. Alles darf darin wuchern und waclisen, wie es will, 
auch das Nutzlose, selbst das Sd)ädlic!ie. Eine soldie 
dem Realitätsprinzip entzogene Schonung ist audi das 
seelische Reich der Phantasie. 

Die bekanntesten Produktionen der Phantasie sind 
die sogenanuton „Tfigträume"i die wir sc^on kenneoi 



XXm. DIE WEGE DER SYMKIOMBILDUNG 393 

vorgestellte Befriedigungen eUrgeiziger, großsüchtiger, 
erotischer WÜnsclie, die um so üppiger gedeihen, je 
mehr die Wirklichkeit zur Bescheidung oder zur Ge- 
duldung malint Das Wesen des Phantasieglücks, die 
Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Lustgewinnung 
von der Zustimmung der Realität, zeigt sieb in ihnen 
unverkennbar. Wir wissen, solche T^träume sind Kern 
und Vorbilder der nächtlidien Träume. Der Nachttraum 
ist im Grunde nichts anderes als ein durdi die nächt- 
lidie Freiheit der Triebregungen verwendbar gewordener, 
durcli die näditliche Form der seelischen Tätigkeit ent- 
stellter Tagtraum, Wir haben uns bereits mit der Idee 
vertraut gemacht, daß auch ein Tagtraum nicht not- 
wendig bewußt ist, daß es auch unbewußte Tagträome 
gibt Solche unbewußte Tagträume sind also ebensowohl 
die Quelle der nächtlichen Traume wie — der neuro- 
tisdien Symptome. 

Die Bedeutung der Phantasie für die Symptom- 
bildung wird Ihnen durch die folgende Mitteilung klar 
werden. Wir haben gesagt, im Falle der Vers^ung 
besetze die Libido regressiv die von ihr aufgelassenen 
Positioneo, an denen sie dodi mit gemessen Beträgen 
haften geblieben ist. Das werden wir nicht zurüdc- 
nehmea oder korrigieren, aber wir haben ein Zwischen- 
glied einzusetzen. Wie findet die Libido ihren Weg 
zu diesen Fixieningsstellen? Nun, alle aufgegebenen 
Objekte und Riditungen der Libido sind noch nicht in 
jedem Sinne aufgegeben. Sie oder ihre Abkömmlinge 
werden noch mit einer gewissen Intensität in den 
Phantasievorstellungen festgehalten. Die Libido braucht 
sich also nur auf die Phantasien zurückzuziehen, um von 
ihnen aus den Weg zu allen verdrängten Fixierungen 
offen zu finden. Diese Phantasien erfreuten sich einer 
gewissen Duldung, es kam nicht zum Konflikt zwischen 
ihnen und dem Ich, so scharf audi die Gegensätze sein 
mochten, solange eine gewisse Bedingung eingehalten 
wurde. Eine Bedingung quantitativer Natur, die nun 



t 



3M DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEOROSEWLEHRE 

durdi das Riickfluten der Libido auf die Phantasien 
gestört wird. Durch diesen Zuschuß wird die Energie- 
besetzung der Phantasien so erhöht, daß sie anspruchs- 
voll werden, einen Drang nadi der Richtung der Reali- 
sierung entwickeln. Das madit aber den Konflikt zwisdien 
ihnen und dem Idi unvermeidlidi. Ob sie früher vor. 
bewußt oder bewußt waren, sie unterliegen jetzt der 
Verdrängung von Seiten des Ichs und sind der An- 
ziehung von Seiten des Unbewußten preisgegeben. Von 
den jetzt unbewußten Phantasien wandert die Libido 
bis zu deren Ursprüngen im Unbewußten, bis zu ihren 
eigenen Fixierungsstelien zurück. 

Der Rückgang der Libido auf die Phantasie ist eine 
Zwischenstufe des Weges zur Symptombildung, weldie 
wohl eine besondere Bezeichnung verdient C G. Jung 
hat den sehr geeigneten Namen der Introversion für 
sie geprägt, ihn aber in unzwedonäßiger Weise auch 
anderes bedeuten lassen. Wir wollen daran festhalten, 
daß die Introversion die Abwendung der Libido von 
den Möglichkeiten der realen Befriedigung und die Ober- 
besetzung der bisher als harmlos geduldeten Phantasien 
bezeichnet. Ein Introvertierter ist noch kein Neurotikcr, 
aber er befindet sich in einer labilen Situation; er muß 
bei der nädisten Kräfteversdiiebung Symptome ent- 
widceln, wenn er- nicht nodi für seine gestaute Libido 
andere Auswege findet Der irreale Charakter der neu- 
rotischen Befriedigung und die Vernachlässigung des 
Unterschiedes zwischen Phantasie und Wirklichkeit sind 
hingegen bereits durch das Verweilen auf der Stufe der 
Introversion bestimmt. 

Sie haben gewiß bemerkt, daß ich in den letzten 
Erörterungen einen neuen Faktor in das Gefüge der 
ätiologischen Verkettung eingeführt habe, nämlich die 
Quantität, die Größe der in Betradit kommenden 
Energien; diesen Faktor müssen wir überall nodi in 
Redinung bringen. Mit rein qualitativer Analyse der 
ätiologischen Bedingungen reidien wir nicht aus. Oder 



XXm. DIE WEGE DER SVMPTOMBILDUWO SB 

um es anders zu sagen, eine bloB dynamische Auf- 
fassuug ('ieser seelisdien Vorgänge bt ungenügend, es 
bedarf noch des ökonomischen Gesiditspunkies. Wir 
müssen uns sagen, daß der Konflikt zwischen zwei 
Strebungen uidit losbricht, ehe nicbt gewisse Besetzungs- 
intensitäten erreicht sind, mögen sudi die inhaltlichen 
Bedingungen längst vorhanden sein. Ebenso richtet sidi 
die pathogene Bedeutung der konstitutionellen Faktoren 
danach, wie viel mehr von dem einen Partialtrieb als 
von einem anderen in der Anlage gegeben ist; man 
kann sich sogar vorstellen, die Anlagen aller Mensdien 
seien qualitativ gleidiarlig und untersdieiden sich nur 
durd) diese quantitativen Verhältnisse. Nicht mindei; 
entsdieidend ist das quantitative Moment für die Wider- 
standsfähigkeit gegen neurotische Erkrankung. Es kommt 
darauf an, welchen Betrag der unverwendelen Libido 
eine Person in Sdiwebe erhalten kann, und einen wie 
großen Bruchteil ihrer Libido sie vom Sexuellen 
weg auf die Ziele der Sublimierung zu lenken vermag. 
Das Endziel der seelischen Tätigkeit, das sich qualitativ 
als Streben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung be- 
gehreiben läßt, stellt sich für die ökonomische Betradi- 
tung als die Aufgabe dar, die im seelischen Apparat 
wirkenden Erregungsgrößen {Reizmengen) zu bewältigen 
und deren Unlust sdiaffende Stauung hintanzuhalten. 

Soviel wollte idi Ihnen also über die Symptom- 
bildung bei den Neurosen sagen. Ja aber, daß ich nicht 
versäume, es nochmals ausdrüddich zu betonen: Alles 
hier Gesagte bezieht sich nur auf die Symptombildung 
bei der Hysterie. Schon bei der Zwangsneurose ist — 
bei Erhaltung des Grundsätzlichen — vieles anders zu 
finden. Die Gegenbesetzungen gegen die Triebanforde- 
rungen, von denen wir audi bei der Hysterie gesprodien 
haben, drängen sidi bei der Zwangsneurose vor und 
beherrsdien durdi sogenannte „Reaktionsbil düngen" das 
klintsdte Bild. Ebensolche und noch weiter reidiende 
Abweichungen entde<4'ea wir bei den anderen Neuroseiw 



3» DRITTER TElLi ALLGEMEINE NEUROSSNLEHKE 

WO die Untersuchungen über die Medianismen der Symp- 

tombildung- noch an keinem Punkte abgeschlossen sind. 

Ehe ich Sie heute entlasse, möchte idi aber Dire 

Aufmerksamkeit nodi eine Weile für eine Seite des 

PhantasielebenainAnspruchnehmen.die des allgemeinsten 
Interesses würdig ist Es gibt nämlich eioen Rückweg 
von der Phantasie zur Realität, und das ist — die Kunst, 
Der Künstler ist im Ansätze auch ein Introvertierter, 
der es nicht weit zur Neurose hat. Er wird von über- 
starken Triebbedürfnissen gedrängt, möchte Ehre, Macht, 
Reichtum, Ruhm und die Liebe der Frauen erwerben; 
es fehlen ihm aber die Mittel, um diese Befriedigungen 
zu erreichen. Darum wendet er sich wie ein anderer 
Unbefriedigter von der Wirklichkeit ab und überträgt 
all sein Interesse, auch seine Libido, auf die Wunsti- 
bildungen seines Phantasielebens, von denen aus der 
Weg zur Neurose führen könnte. Es muß wohl vielerlei 
zusammentreffen, damit dies nicht der volle Ausgang 
seiner Entwicklung werde; es ist ja bekannt, wie häufig 
gerade Künstler an einer partiellen Hemmung ihrer 
Leistungsfähigkeit durch Neurosen leiden. Wahrscheinlich 
enthält ihre Konstitution eine starke Fähigkeit zur Subli- 
mierung und eine gewisse Lockerheit der den Konflikt 
enladieidenden Verdrängungen. Den Rückweg zur Realität 
findet der Künstler aber auf folgende Art. Er ist ja 
nidit der einzige, der ein Phantasieleben führt. Das 
Zwisdienreitdi der Phantasie ist durch allgemein mensdi- 
lidie Übereinkunft gebilligt, und jeder Entbehrende e> 
wartet von daher Linderung und Trost. Aber den Nicht- 
künsUera ist der Bezug von Luatgewinn aus den Quellen 
der Phantasie sehr eingeschränkt Die Unerbittlidikeit 
ihrer Verdrängungen notigt sie, sich mit den spärlichen 
Tagträumen, die nodi bewußt werden dürfen, zu be- 
gnügen. Wenn einer ein rechter Künstler ist, dann ver- 
fügt er über mehr. Er versteht es erstens, seine Tag- 
träume so zu bearbeiten, daß sie das allzu Persönliche, 
welches Fremde abstößt, verlieren und für die anderen 



XXlli. DIE WEGE DER SYMPTOMBn.DUNG M7 

mitgenießbar werden. Er weiß sie auch soweit zu mildem, 
daß sie ihre Herkunft aus den verpönten Quellen nidit 
leicht verraten. Er besitzt femer das rätselhafte Ver- 
mögen, ein bestimmtes Material zu formen, bis es zum 
getreuen Ebenbilde seiner Phantasievorstellung geworden 
iet, und dann weiß er an diese Darstellung seiner un- 
bewußten Phantasie so viel Lustgewinn zu knüpfen, 
daß durcli sie die Verdrängungen wenigstens zeitweilig 
überwogen und aufgehoben werden. Kann er das alles 
leisten, so evmöglicht er es den Anderen, aus den 
eigenen unzugänglich gewordenen Lustquellen ihres Un- 
bewußten wiederum Trost und Linderung zu sdiopfen, 
gewinnt ihre Dankbarkeit und Bewunderung und hat 
nun durch seine Phantasie erreicht, was er vorerst nur 
in seiner Phantasie erreicht hatte: Ehre, Madtt und 
Liebe der Frauen, 



XXIV. VORLESUNO 

DIE GEMEINE NERVOSITÄT 

Meine Damen und Herren! Nadidem wir in den 
letzten Besprediungen ein so sdiweres Stüdc Arbeit 
hinter uns gebradit haben, verlasse ich für eine Weile 
den Gegenstand und wende mich zu Ihnen, 

Idt weiß nämlich, daß Sie unzufrieden sind. Sie 
haben sich eine „Einführung in die Psychoanalyse" 
anders vorgestellt. Sie haben lebensvolle Beispiele zu 
hören erwartet, nidit Tlieorie. Sie sagen mir, das eine- 
mal, da ich Ihnen die Parallele vortrug „Zu ebener 
Erde und im ersten Stodc", da haben Sie etwas von 
der Verursadiung der Neurosen begriffen, nur hätten 
es wirklicjie Beobaditungen sein sollen und nicht kon- 
struierte Gesdiiditen. Oder als ich Ihnen zu Beginn 
zwei — hoffentlich nidit au(ii erfundene — Symptome 
erzählte, deren Auflösung^ und Beziehung zum Leben 
der Krauken entmckeitc, da leuchtete Ihnen der aSinn" 



^ 



398 DRHTER TETL: ALLGEMEL-IE NEUROSENLEHRK 

der Symptome ein; Sie hofften, ich würde in dieser 
Art fortsetzen. Anstatt dessen g^ab ich Ihnen weit' 
läufige, schwer übersehbare Theorien, die nie vollständig 
waren, zu denen immer nodi etwas Neues hinzukain, 

. arbeitete mit Begriffen, die idi Ihnen noch nidit vor- 
gestellt hatte, fiel aus der deskriptiven Darstellung' in 
die dynamische Auffassung, aus dieser in eine sogenannte 
nökonomische", machte es Ihnen schwer zu verstehen, 
wie viele von den angewendeten Kunstworten dasselbe 
bedeuten und nur aus Gründen des Wohllautes mit- 
einander abwediseln, ließ so weitausgreifende Gesichts- 
punkte wie das Lustr und Realitätsprinzip und den 
phylogenetisch ererbten Besitz vor Ümen auflaudien, 
und anstatt Sie in etwas einzuführen, ließ ich etwas, 

: was sich immer mehr von Ihnen entfernte, vor Ihren 
Augen vorüberziehen. 

Warum habe idi die Einführung in die Neurosen- 
lehre nicht mit dem begonnen, was Sie selbst von der 
Nervosität kennen und was längst Ihr Interesse erweckt 
hat? Mit dem eigentumlichen Wesen der Nervösen, 
ihren unverständlichen Reaktionen auf menschlidien Ver- 
kehr und äußere Einflüsse, ihrer Reizbarkeit, Unberechen- 
barkeit und Untauglichkeit? Warum Sie nicht schritt- 
weise vom Verständnis der einfacheren alltäglichen 
Formen bis zu den Problemen der rätselhaften extremen 
Ersdieinungen der Nervosität geführt? 

Ja, meine Herren, id) kann Ihnen nidit einmal Un- 
redit geben. Idi bin nicht so vernarrt in meine Dar- 
stellungskunst, daß ich jeden ihrer Scliönheitsfehler für 
einen besonderen Reiz ausgeben sollte. Ich glaube selbst, 
es hätte sich mit mehr Vorteil für Sie anders machen 
lassen; es lag auch in meiner Absidit. Aber man kann 
seine verständigen Absiditen nicht immer durdiführen. 
Im Stoff selbst ist oft etwas, wodurch man kommandiert 
und von seinen ersten Absiditen abgelenkt wird. Selbst 
eine so unscheinbare Leistung wie die Anordnung eines 
wohlbekannten Materials unterwirft sich nicht ganz der 



XXIV. Dffi GEMEINE NERVOSITÄT 



Willkür des Autors; sie gerät, wie sie will, uad man 
kann sich nur naditräglidi befragen, warum sie so und 
nidit anders ausgefallen ist. 

Einer der Gründe ist wahrsdieinlidi, daß der Titel 
„Einführung in die Psychoanalyse" für diesen Abschnitt, 
der die Neurosen behandeln soll, nidit mehr zutrifft. 
Die Einführung in die Psychoanalyse gibt das Studium 
der Fehlleistungen und des Traumes; die Neurosenlehre 
ist die Psychoanalyse selbst. Ich glaube nicht, daß ich 
vom Inhalt der Neurosenlehre in so kurzer Zeit Ihnen 
anders als in so konzentrierter Form hätte Kenntnis 
geben können. £s handelte sidi darum, Ihnen Sinn und 
Bedeutung der Symptome, äußere und innere Bedin- 
gungen und Metianismus der Symptombildung im Zu- 
sanmienhange vorzuführen. Das habe ich zu tun versucht; 
es ist so ziemlich der Kern dessen, was die Psydio- 
analyse heute zu lehren hat Dabei war von der Libido 
und ihrer Entwiddung vieles zu sagen, einiges audi 
von der des Ichs, Auf die Voraussetzungen unserer 
Tedinik, auf die großen Gesiditspunkte des Unbewußten 
und der Verdrängung {des Widerstandes) waren Sie 
schon durch die Einführung vorbereitet Sie werden in 
einer der nädisten Vorlesungen erfahren, an welchen 
Stellen die psychoanalytische Arbeit ihren organisdien 
Fortgang nimmt. Vorläufig habe ich Ihnen nidit ver- 
heimlicht, daß alle unsere Ermittlungen nur aus dem 
Studium einer einzigen Gruppe von nervösen Affek- 
tionen, den sogenannten Übertragunganeurosen, stammen. 
Den Mechanismus der Symptombildung habe ich sogar 
nur für die hysterisdie Neurose verfolgt Wenn Sie auch 
kein solides Wissen erworben und nicht jede Einzelheit 
behalten haben sollten, so hoffe ich dodi, daß Sie eo 
ein Bild davon gewonnen haben, mit welchen Mitteln 
die Psychoanalyse arbeitet, welche Fragen sie angreift, 
und weldie Ergebnisse sie geliefert hat 

Ich habe Ihnen den Wunsch unterlegt, daß id) die 
Darstellung der Neurosen mit dem Gehaben der Ner- 



«0 DRITTER TEIL: ALLGEMEINE MEUROSENLEHRE 

vösea häbte beginnen sollen, mit der Schilderung der 
Art, wie sie unter ihrer Neurose leiden, wie sie sidi 
ihrer erwehren und sich mit ihr einrichten. Das ist gewiß 
ein interessanter und wissenswerter Stoff, auch nicht 
sehr schwierig zu behandeln, aber es ist nidit unbe- 
denklich, mit ihm M beginnen. Man läuft Gefahr, das 
Unbewußte nidit zu entdecken, dabei die große Be- 
deutung der Libido zu übersehen und alle Verhältnisse 
so zu beurteileD, wie sie dem Ich des Nervösen er- 
scheinen. Daß dieses Idi keine verläßliche und unpartei- 
ische Instanz ist, liegt auf der Hand. Das Ich ist ja die 
Macht, welche das Unbewußte verleugnet und es zum 
Verdrängten herabgesetzt hat, wie sollte man ihm zu- 
trauen, diesem Unbewußten gerecht zu werden? Unter 
diesem Verdrängten stehen die abgewiesenen Ansprüche 
der Sexualität in erster Linie; es ist ganz selbstverständ- 
lich, daß wir deren Umfang und Bedeutung nie aus 
den Auffassungen des Idis erraten können. Von dem 
Moment an, da uns der Gesichtspunkt der Verdrängung 
aufdämmert, sind wir auch gewarnt davor, daß wir nicht 
die eine der beiden streitenden Parteien, überdies nodi 
die siegreiche, zum Richter über den Streit einsetzen. 
Wir sind vorbereitet darauf, daß uns die Aussagen des 
Ichs irreführen werden. Wenn man dem Ich glauben 
will, so war es in allen Stücken aktiv, so hat es selbst 
seine Symptome gewollt und gemaclit. Wir wissen, daß 
es ein gutes Stüdt Passivität über sich ergehen ließ, 
die es sich dann verheimlidien und besdiönigen will. 
Allerdings getraut es sich dieses Versuches nidit immer; 
bei dea Symptomen der Zwangsneurose muß es sidi 
eingestehen, daß etwas Fremdes sich ihm entgegenstellt, 
dessen es sich nur mühsam erwehrt 

Wer sich durch diese Mahnungen nicht abhalten läßt, 
die Verfälschungen des Ichs für bare Münze zu nehmen, 
der hat freilich dann ein leichtes Spiel und ist aJI den 
Widerständen entgangen, die sich der psychoanalytischen 
Betonung des Unbewußten, der Sexualität und der Pas- 



XXtV. pre GEMEINE MERVOSLTÄT 401 

sivität des Ichs eatgegeusetzen. Der kann wie Alfred 
Adler behaupten, daß der „nervöse Charakter" die Ur- 
sache der Neurose sei, anstatt die Folge derselben, 
aber er wird auch nidit im Stande sein, ein einziges 
Detail der Symptombildung oder einen einzelnen Trauni' 
zu erklären. 

Sie werden fragen: Sollte es denn nidit möglich sein, 
dem Anteil des Idis an der Nervosität und an der Symp- 
tombildung gerecht zu werden, ohne dabei die von der 
Psyfiioanalyse aufgedeckten Momente in gröblicher Weise 
zu vernachlässigen? Idi antworte: Gewiß muß es möglich 
sein und es wird auch irgend einmal geschehen; es Hegt 
ober nicht in der Arbeitsrichtung der Psydioanalyse, 
gerade damit zu beginnen. Es läßt sidi wohl vorhersagen, 
wann diese Aufgabe an die Psychoanalyse herantreten 
wird. £5 gibt Neurosen, bei welchen das Ich weit inten- 
siver beteiligt ist als bei den bisher von uns studierten; 
wir nennen sie „narzißtische" Neurosen. Die analytische 
Bearbeitung dieser Affektionen wird uns befähigen, die 
Beteiligung des Ichs an der neurotischen Erkrankung in 
unparteiischer und zuverlässiger Weise zu beurteilen, .uu 

Eine der Beziehungen des Ichs zu seiner Neurose 
ist aber so augenfällig, daß sie von Anfang an Berück- 
sichtigung finden konnte. Sie scheint in keinem Falle 
zu fehlen; man erkennt sie aber am deutlichsten bei 
einer Affektion, die unserem Verständnis heute noch 
femesieht, bei der traumatischen Neurose. Sie müssen 
nämlich wissen, daß in der Verursachung und im Mecha- 
nismus aller möglichen Formen von Neurosen immer 
wieder dieselben Momente in Tätigkeit treten, nur fällt 
hier dem einen, dort dem anderen dieser Momente die 
Hauptbedeutung för die Symptombildung zu. Es ist wie 
mit dem Personal einer Schauspielertruppe, unter dem 
jeder sein festes Rollenfach hat; Held, Vertrauter, Intri- 
gant usw.; es wird aber jeder ein anderes Stück für 
seine Benefiz Vorstellung wählen. So sind die Phantasien, 
die sidi in die Symptome umsetzen, nirgends greifbarer 

Freud, VöTlc^^iinjun ,^ 



4 02 DRITTER TEILi ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

als in der Hysterie; die Gegenbesetzungen oder Reak- 
tionsbildungen des Idis beherrsdien das Bild bei der 
Zwangsneurose; was wir für den Traum sekundäre 
Bearbeitung genannt haben, steht als Wahn obenan 
!n der Paranoia usw. 

So drängt sich uns bei den traumatischen Neurosen, 
besonders bei solchen, wie sie durch die Sdirecken des 
Krieges entstehen, unverkennbar ein EelbstsÜchtiges, nach 
Sdiutz und Nutzen strebendes Ichmotiv auf, weldies die 
Krankheit nidit etwa allein sdiaffen kann, aber seine 
Zustimmung zu ihr gibt und sie erhält, wenn sie einmal 
zustande gekommen ist Dies Motiv will das Idi vor 
den Gefahren bewahren, deren Drohung der Anlaß der 
Erkrankung ward, und wird die Genesung nidit eher 
zulassen, als bis die Wiederholung dieser Gefahren aus- 
geschlossen scheint, oder erst nachdem eine Entschädi- 
gung für die ausgestandene Gefahr erreicht ist 

Aber ein ähnliches Interesse nimmt das Idi in. allen 
anderen Fällen an der Entstehung und dem Fortbestand 
der Neurose. Wir haben schon gesagt, daß das Symptom 
auch vom Ich gehalten wird, weil es eine Seite hat, mit 
welcher es der verdrängenden Ichtendenz Befriedigung 
bietet Überdies ist die Erledigung des Konflikts durch 
die Symptombildung die bequemste und die dem Lust- 
prinzip genehmste Auskunft; sie erspart dem Ich un- 
zweifelhaft eine große und peinlich empfundene innere 
Arbeit Ja, es gibt Fälle, in denen selbst der Arzt zu- 
gestehen muß, daß der Ausgang eines Konflikts in 
Neurose die harmloseste und sozial erträglichste Lösung 
darstellt Erstaunen Sie nicht, wenn Sie hören, daß also 
selbst der Arzt mitunter die Partei der von ihm be- 
kämpften Krankheit nimmt Es steht ihm ja nicht an. 
sich gegen alle Situationen des Lebens auf die Rolle 
des Gesundheitsfanatikers einzuengen, er weiß, daß es 
nicht nur neurotisches Elend in der Welt gibt, sondern 
auch reales, unabstellbares Leiden, daß die Notwendig- 
keit von einem Mensdien aud» fordern kann, daß er 



XXIV. DIE GEMEINE NERVÜSrfl^T «3 

seine Gesundheit zum Opfer bringe, und er erfährt, 
daß durdi ein soldies Opfer eines einzelnen oft unüber- 
sehbares Ung-lüdc für vieie andere hintangehalten wird. 
Wenn man also s:^en konnte, daß der Neurotiicer jedes- 
mal vor einem Konflikt die Flucht io äie Krankheit 
nimmt, so muß man zugeben,' in manchen Fällen sei 
diese Flucht vollberechtigt, und der Arzt, der diesen 
Sai^verhalt erkannt hat, wird Btdi schweigend und sdio- 
nungsvoll zurückziehen: 

Aber sehen wir von: diesen Ausnahmsfällen für die 
weitere Erörterung ab. Unter durcisdinittlichen Verhält- 
nissen erkennen wir, daß dem Ich durch das Ausweichen 
in die Neurose ein gewisser innerer Krankheitsgewinn 
zuteil wird. Zu diesem gesellt sidi in manchen L^ebens- 
lagen ein greifbarer äußerer, in der Realität mehr oder 
weniger hodi einzuschätzender Vorteil. Betraditen Sie 
den häufigsten Fall dieser Art, Eine Frau, die von ihrem 
Manne roh behandelt und schonungslos ausgenützt wird, 
findet ziemlich regelmäßig den Ausweg in die Neurose, 
wenn ihre Anlagen es ihr ermöglidien, wenn sie zu feige 
oder zu sittlidi ist, um sich im geheimen bei einem 
anderen Manne zu trösten, wenn sie nicht stark genug 
ist, sich gegen alle äußeren Abhaltungen von ihrem 
Mann zu trennen, wenn sie nicht die Aussicht hat, aidi 
selbst zu erhalten oder einen besseren Mann zu ge- 
winnen, und wenn sie überdies durch ihr sexuelles 
Empfinden nodi an diesen brutalen Mann gebunden 
ist. Ihre Krankheit wird nun ihre Waffe im Kampfe 
gegen den überstarken Mann, eine Waffe, die sie zu 
ihrer Verteidigung gebraudien und für ihre Rache, miß- 
brauchen kann. Sie darf über ihre Kranltbeit klagen, 
während sie sich wahrscheinlich über ihre Ehe nicht be- 
klagen dürfte. Sie findet einen Helfer im Arzt, sie nötigt 
den sonst rücksichtslosen Mann, sie zu schonen, Auf- 
wendungen für sie zu machen, ihr Zeiten der Abwesen- 
heit vom Hause und somit der Befreiung von der ehe- 
Iklien Unterdrückung zu gestatten. Wo ein solcher äußerer 



4M DRirrER TEIL; ALLGEMEINE WEUROSENLEHEtE 

oder akzidenteller Krankheitsgewinn redit erheblich ist 
und keinen realen Ersatz finden kann, da werden Sie 
die Möglidikeit einer Beeinflussung der Neurose durch 
Ihre Therapie nidit groß veranschlagen dürfen. 

Sie werden 'mir vorhalten, was ich Ihnen da vom 
Krankheitsgewinn erzahlt habe, spricht ja durdiaus zu 
Gunsten der von mir zurückgewiesenen Auffassung, daß 
das Ich selbst die Neurose will und sie schafft Gemach, 
meine Herren, es bedeutet vielleicht weiter nidits, als 
daß das Ich sidi die Neurose gefallen läßt, die es doch 
nicht verhindern kann, und daß es das Beste aus ihr 
macht, wenn sich überhaupt etwas aus ihr machen läßt 
Es ist nur die eine Seite der Sadie, die angenehme 
allerdings. Soweit die Neurose Vorteile hat, ist das Ich 
wohl mit ihr einverstanden, aber sie hat nicht nur Vor- 
teile. In der Regel stellt sich bald heraus, daß das Idi 
ein sdiledites Geschäft gemadit hat, indem es sich auf 
die Neurose einließ. Es hat eine Erleicliterung des Kon- 
flikts zu teuer erkauft, und die Leidensempfin düngen, 
welche an den Symptomen haften, sind vielleicht ein 
äquivalenter Ersatz für die Qualen des Konflikts, wahr- 
scheinlidi aber ein Mehrbetrag von Unlust. Das Idi mödite 
diese Unlust der Symptome loswerden, den Krankheita- 
gewinn aber nicht herausgeben, und das bringt es eben 
nicht zustande. Dabei erweist sich dann, daß es nicht 
so durdiaus aktiv war, wie es sich geglaubt hat, und 
das wollen wir uns gut merken. 

Meine Herren, wenn Sie als Arzt mit Neurotikem 
umgehen, werden Sie bald die Erwartung aufgeben, daß 
diejenigen, die über ihre Krankheit am stärksten jammern 
und kl^en, der Hilfeleistung am bereitwilUgsten enb- 
gegenkommen und ihr die geringsten Widerstände be- 
reiten werden. Eher das Gegenfeil. Wohl aber werden 
Sie es leicht verstehen, daß alles, was zum Krankheits- 
gewinn beiträgt, den Verdrängungswideratand verstarken 
und die therapeutische Schwierigkeit veisfößeni wird. 
Zu dem Stück des Krankheitsgewinncs, welches sozu- 



XXIV. DIE GEMEINE NERVOSITÄT *DS 

sagea mit dem Symptom geboren wird, haben wir aber 
auch DO dl ein anderes hinzuzufügen, das sich später 
ergibt. Wenn solch eine psychische Organisation wie 
die Krankheit durch längere Zeit bestanden hat, so be- 
nimmt sie sidi endlich wie ein selbständiges Wesen; sie 
äußert etwas wie einen Selbsterhaltungstrieb, es bildet 
sich eine Art von modus vivendi zwischen ihr und anderen 
Anteilen des Seelenlebens, selbst solchen, die ihr im 
Grunde feindselig sind, und es kann kaum fehlen, daß 
sidi Gelegenheiten ergeben, bei denen sie sidi wieder 
nützlich und verwertbar erweist, gleichsam eine Sekun- 
därfunktion erwirbt, die ihren Bestand von neuem 
kraftigt. Nehmen Sie anstatt eines Beispiels aus der 
Pathologie eine grelle Erläuterung aus dem täglichen 
Leben. Ein tüchtiger Arbeiter, der seinen Unterhalt er- 
wirbt, wird durch einen Unfall in seiner Beschäftigung 
lum Krüppel; mit der Arbeit ist es jetzt aus, aber der 
Verunglückte empfängt mit der Zeit eine kleine Unfalls- 
rente und lernt es, seine Verstümmelung als Bettler zu 
verwerten. Seine neue, wiewohl verschlediterte Existenz 
gründet sich jetzt gerade auf dasselbe, was ihn um seine 
erste Existenz gebracht hat. Wenn Sie seine Verunstal- 
tung beheben können, so machen Sie ihn zunädist sub- 
sistenzlos; es eröffnet sidi die Frage, ob er nodi fähig 
ist, seine frühere Arbeit wieder aufzunehmen. Was bei 

'der Neurose einer solchen sekundären Nutzung der 
Krankheit entspridit, können wir als sekundären 
Krankheitsgewinn zum primären hinzuschlagen. 

Im allgemeinen aber mödite ich Ihnen sagen, unter- 
schätzen Sie die praktische Bedeutung des Krankheits- 
gewinnes nicht und lassen Sie sich in theoretischer Hin- 
sicht nicht von ihm imponieren. Von jenen früher an- 

lerkannten Ausnahmen abgesehen, mahnt er dodi immer 
an die Beispiele „von der Klugheit der Tiere", die 
Oberländer in den „Fliegenden Blättern" illustriert 

'hat Ein Araber reitet auf seinem Kamel einen schmalen 

|-Ptad, der in die steile Bergwand eingeschnitten ist. Bei 



4M DRirraRTEtLi ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

einer Wendung des Weges sietl er sich plötzlich einem 
Löwen gegenüber, der sich sprungbereit madit. Er sieht 
keinen Ausweg; auf der einen Seite die senkredite 
Wand, auf der anderen der Abgrund; Umkehr vmd 
Fludit sind unmöglidi! er gibt sidj verloren. Anders 
das Tier. Es madil mit seinem Reiter einen Satz in den 
Abgrund — und der Löwe hat das Nadisehen. Besseren 
Erlolg für den Kranken haben in der Regel audi die 
Hilfeleistungen der Neurose nicht Es mag d^er kommen, 
daß die Erledigung eines Konflikts durdi Symplom- 
bildung doch ein automatischer Vorgang ist, der sicli 
den Anforderungen de» Lebens nidit gewachsen zeigen 
kann, und bei dem der Mensdi auf die Verwertung 
seiner besten und höchsten Kräfte vernichtet hat Wenn 
es eine Wahl gäbe, sollte man es vorziehen, im ehr- 
lichen Kampf mit dem Sdiidisal unterzugehen. 

Meine Herrenl Idi bin Ihnen aber nodt die weitere 
Motivierung sdiuldig, weshalb idi in einer Darstellung 
der Neurosenlehre nicht von der gemeinen Nervosität 
ausgegangen bin. Vielleidit nehmen Sie an, ich tat es 
darum, weil mir dann der Nachweis der sexuellen Ver- 
ursachung der Neurosen größere Sdiwierigkciten be- 
reitet hätte. Aber da würden Sie irre gehen. Bei den 
Übertragungsneurosen muß man sich erst durch die 
.Symptomdeutung durdiarbeiten, um zu dieser Einsicht 
zu kommen. Bei den gemeinen Formen der sogenannten 
-Aktualneurosen ist die ätiologisdie Bedeutung des 
Sexuallebens eine grobe, der BeobaAtung entgegen- 
kommende Tatsadie. leb bin vor mehr als zwanzig Jahren 
auf sie gestoßen, als ich mir eines Tages die Frage vor- 
legte, warum man denn beim Examen der Nervösen 
so regelmäßig ihre sexuellen Betätigungen von der 
Berüdöichtigung ausschließt Ich habe damals diesen 
Untersuchungen meine Beliebtheit bei den Kranken zum 
Opfer gebracht, aber idi konnte sdion nadi kurzer Be- 
mühung den Satz aussprechen, daß es bei normaler 
vita Bcxualis keine Neurose — icfa meinte: Aktual- 



?DÜV. DIE GEMEINE NERVOSITÄT Wl 

neurose — gibt Gewiß, der Satz setzt sicli zu leicht 
über die individuellen Verschiede niieiten der Menschen 
hinweg, er leidet auch an der Unbestimmtheit, die von 
dem Urteil „normal" nicht zu trennen ist, aber er hat 
für die grobe Orientierung noch heute seinen Wert be- 
halten. Idi bin damals so weit gekommen, spezifische 
.Beziehungen zwisdien bestimmten Formen der Nervo- 
«tät und besonderen sexuellen Schädlichkeiten aufzu- 
I -stellen, und ich zweifle nidit daran, daß ich heute die- 
selben Beobachtungen wiederholen könnte, wenn mir 
noch ein ähnliches Material von Kranken zu Gebote 
iitündc. Idi erfuhr oft genug, daß ein Mann, der sich 
anit einer g-ewissen Art von unvollständiger sexueller 
Befriedigung begnügte, z. B, mit der manuellen On3nte, 
l«n einer bestimmten Form von Aktualneurose erkrankt 
[(war, und daß diese Neurose prompt einer anderen den 
: platz räumte, wenn er ein anderes, ebensowenig un- 
, ^adeiiges sexuelles Regime an die Steile treten ließ. Ich 
1 war dann im Stande, aus der Änderung im Zustand des 
I Kranken den Wechsel in seiner sexuellen Lebensweise 
2U erraten. Idi erlernte es damals auch, hartnäckig bei 
l meinen Vermutungen zu verharren, bis ich die Unaut- 
jjidiiigkeit der Patienten überwunden und sie zur Bc- 
l^tig^ng gezwungen hatte. Es ist wahr, sie zogen es 
Mann vor, zu anderen Ärzten zu gehen, die sich nicht 
so eifrig nach ihrem Sexualleben erkundigten. 

Es konnte mir auch damals nicht entgehen, daß die 

Verursachung der Erkrankung nidit immer auf das 

Sexualleben hinwies. Der eine war zwar direkt an einer 

I sexuellen Schädlichkeit erkrankt, der andere aber, weil 

er sein Vermögen verloren oder eine erschöpfende 

I organische Krankheit durchgemacht hatte. Die Erklämng 

|Är diese Mannigfaltigkeit ergab sich später, als wir in 

Jie vermuteten Wechselbeziehungen zwisdien dem Ich 

od der Libido Einsicht bekamen, und sie wurde um 

%Q befriedigender, je tiefer diese Einsicht reichte. Eine 

Person erkrankt nur dann neurotisdi, wenn ihr Ich die 



AOS DRITTER TEtL; ALLGEMEINE NEUROSEMLEHRE 

Fähigkeit eingebüßt hat, die Libido irgendwie unter- 
zubringen. Je stärker das Ich ist, desto leichter wird 
ihm die Erledigung dieser Aufgabe; jede Schwächung 
des Idis aus irgend einer Ursache muß dieselbe Wirkung 
tun wie eine übei^roße Steigerung des Ansprudies der 
Libido, also die neurotische Erkrankung ermögUchen. 
Es gibt noch andere und intimere Beziehungen zwischen 
Ich und Libido, die aber nodi nicht in unseren Gesichts- 
kreis getreten sind, und die ich darum zur Erklärung 
hier nicht heranziehe. Wesentlich und aufklärend für 
uns bleibt, daS in jedem Falle und gleidigültig, auf 
iweldiem Wege die Erkrankung- hergestellt wurde, die 
Symptome der Neurose von der Libido bestritten werden 
und so eine abnorme Verwendung derselben bezeugen. 
Nun muß ich Sie aber auf den entscheidenden Unter- 
sdiied zwischen den Symptomen der Aktualneurosea 
und denen der Psychoneurosen aufmerksam machen, 
von denen uns die erste Gruppe, die der Übertragungs- 
neurosen, bisher so viel beschäftigt bat In beiden Fällen 
gehen die Symptome aus der Libido hervor, sind also 
abnorme Verwendungen derselben, Befriedigungsersatz, 
Aber die Symptome der Aktualneurosen, ein Kopf- 
druck, eine Sdimerzempfindung, ein Reizzustand in einem 
Organ, die Schwächung oder Hemmung einer Funktion 
haben keinen „Sinn", keine psydiisdie Bedeutung. Sie 
äußern sich nicht nur vorwiegend am Körper, wie auch 
z. B. die hysterischen Symptome, sondern sie sind 
auch selbst durchaus körperliche Vorgänge, bei deren 
Entstehung alle die komplizierten seelischen Medianismen, 
die wir kennen gelernt haben, entfallen. Sie sind also 
wirklich das, wofür man die psychoneurotisdien Symp- 
tome so lange gehalten hat Aber wie können sie 
dann Verwendungen der Libido entsprechen, die wir 
als eine im Psychischen wirkende Kraft kennen gelernt 
haben? Nun, meine Herren, das ist sehr einfach. Lassen 
Sie mich einen der allerersten Einwürfe auffrischen, die 
man gegen die Psychoanalyse vorgebradit hat Man 



XXIV. Pre GEMEINE NERVOSITÄT «9 

sagie damals, sie bemühe sich um eine rein psycho- 
logisclie Theorie der neurotischen Ersdjeinungen, und 
das sei ganz aussichtslos, denn psydiologische Theorien 
könnten nie eine Krankheit erklären. Man hatte zu 
vei^essen beliebt, daß die Sexual funktion nidits rein 
Seelisches ist, ebensowenig wie etwas bloß Somatisches. 
Sie beeinflußt das körperliche wie das seeiisdie Leben. 
Haben wir in den Symptomen der Paychoneurosen die 
Äußerungen der Störung in ihren psychischen Wirkungen 
kennen gelernt, so werden wir nidit erstaunt sein, in 
den Aktualneurosen die direkten somatisdien Folgen 
der Sexualslömngen zu finden. 

Für die Auffassung der letzteren gibt uns die medi- 
zinisdie Klinik einen wertvollen, auch von versdiiedenen 
Forschem berücksichtigten Fingerzeig, Die Aktualneu- 
rosen bekunden in den Einzelheiten ihrer Symptomatik, 
aber auch m der Eigentümlichkeit, alle Organsysteme 
und alle Funktionen zu beeinflussen, eine unverkenn- 
are Ahnlidikeit mit den Krankheitszuständen, die 
|5durch den dironischen Einfluß von fremden Giftstoffen 
id durch die akute Entziehung derselben entstehen, 
it den Intoxikationen und Abstinenzzustanden. Noch 
iger werden die beiden Gruppen von Affektioaen 
aneinandergerückt durch die Vermittlung von soldien 
Zuständen, die wir wie den M. Basedowii gleidifalls 
auf die Wirkung von Giftstoffen zu beziehen gelernt 
haben, aber von Giften, die nidit als fremd in den 
Körper eingeführt werden, sondern in seinem eigenen 
Stoffwechsel entstehen, Idi meine, wir können nach 
diesen Analogien nicht umhin, die Neurosen als Folgen 
von Störungen in einem Sexual Stoffwechsel anzusehen, 
sei es, daß von diesen Sexualtoxineu mehr produziert 
wird, als die Person bewältigen kann, sei es, daß innere 
und selbst psychische Verhältnisse die richtige Verwen- 
dung dieser Stoffe beeinträchtigen. Die Volksseele hat 
von jeher solchen Annahmen für die Natur des sexuellen 
Verlangens gehuldigt, sie nennt die Liebe einen „Rausch" 




■ m DRITTER TEIL! ALLGEMEINe NEUBOSEM.EHRK 

und läßt die Verliebtheit durch Liebestränke entstehen. 
Wobei sie das wirkende Agens gewissermaßen nach 
außen verlegt Für uns wäre hier der Anlaß, der erogenen 
Zonen und der Behauptung zu gedenken, daß die Sexual- 
erregung in den versdiiedensten Organen entstehen kann. 
Im übrigen aber ist uns das Wort „Sexual Stoffwechsel" 
oder „Chemismus der Sexualität" ein Fadi ohne Inhalt; 
wir wissen nidits darüber und können uns nidit einmal 
entscheiden, ob wir zwei Sexualstoffe annehmen sollen, 
die dann „männlidi" und „weiblich" heißen würden, 
oder ob wir uns mit einem Sexualtoxin besdieiden 
können, in dem wir den Träger aller Reiiwirkungen 
der Libido zu erblicken haben. Das Lehrgebäude der 
Psychoanalyse, das wir gesdiaffen haben, ist in Wirklidi- 
keit ein Überbau, der irgend einmal auf sein organi- 
sches Fundament aufgesetzt werden soll; aber wr kennen 
dieses noch nicht 

Die Psychoanalyse wird als Wissenschaft nicht durch 
den Stoff, den sie behandelt sondern durch die Technik, 
mit der sie arbeitet, charakterisiert Man kann sie auf 
Kulturgesdiidite, Religionswissenschaft und Mythologie 
ebensowohl anwenden wie auf die Neuroaenlehre, ohne 
ihrem Wesen Gewalt anzutun. Sie beabsichtigt und 
leistet nichts anderes als die Aufdeckung des Unbe- 
wußten im Seelenieben. Die Probleme der Aktual- 
neuroscn, deren Symptome wahrscheinlich durch direkte 
toxische Schädigung entstehen, bieten der Psychoanalyse 
keine Angriffspunkte, sie kann nur wenig für deren 
Aufklärung leisten und muß diese Aufgabe der bio- 
logisch-medizinischen Forschung überlassen. Sie verstehen 
jetzt vielleicht besser, warum ich keine andere An- 
ordnung meines Stoffes gewählt habe. Hätte ich Ihnen 
eine „Einführung in die Neuro senlebre" zugesagt, so 
wäre der Weg von den einfachen Formen der Aktual- 
neurosen zu den komplizierteren psychisdien Erkran- 
kungen durch Libidostörung der unzweifelhaft richtige 
gewesen. Idn hätte bei den ersteren zusammen tragen 



xav. DIE GEMEIWE ►JERVO-STTÄT 411 

müssen, was wir von versdiiedenen Seiten her erfahren 
haben oder zu wissen glauben, und bei den Paydio- 
neurosen wäre dann die Psychoanalyse als das wichtigste 
technische Hilfsmittel zur Durchleuchtung dieser Zustände 
zur Sprache gekommen. Idi hatte aber eine „Einführung 
in die Psychoanalyse" beabsiditigt und angekündigt; 
es war mir wichtiger, daß Sie eine Vorstellung von der 
Psydioanalyse, als daß Sie gewisse Kenntnisse von den 
Neurosen gewinnen, und da durfte idi die für die Psycho- 
analyse unfruditbaren Aktualneurosen nicht mehr in den 
Vordergrund liidcen. Ich glaube auch, ich habe die für 
Sie günstigere Wahl getroffen, denn die Psychoanalyse 
verdient wegen ihrer tiefgreifenden Voraussetzungen und 
weltumfassenden Beziehungen einen Platz im Interesse 
eines jeden Gebildeten; die Neurosenlehre aber ist .ein 
Kapitel der Medizin wie andere auch, 

Sie werden indes mit Recht erwarten, daß wir auch 
für die Aktualneurosen einiges Interesse aufbringen 
müssen. Schon ihr intimer klinischer Zusammenhang mit 
den Psydioneurosen nötigt uns dazu. Ich will Ihnen 
also berichten, daß wir drei reine Formen der Aktual- 
neurosen untersdieiden: die Neurasthenie, die Apgst- 
neurose und die Hypochondrie. Auch diese Auf- 
stellung ist nicht ohne Widerspruch geblieben. Die 
Namen sind zwar alle im Gebrauch, aber ihr Inhalt ist 
unbestimmt und schwankend. E^ gibt audi Ärzte, die 
jeder Sonderurg in der vnrren Welt von neurotischen 
Erscheinungen, jeder Heraushebung von klinisdien Ein- 
heiten, Krankheitsindividuen, widerstreben und selbst 
die Scheidung von Aktual- und Psydioneurosen nidit 
anerkennen. Ich meine, sie gehen zu weit und haben 
nicht den Weg eingeschlagen, der zum Fortschritt führt. 
Die genannten Formen von Neurose kommen gelegent- 
lidi rein vor; häufiger vermengen sie sich allerdings 
.miteinander und mit einer psychoneurotisdien Af'fektion. 
Dieses Vorkommen braucht uns nidit zu bewegen, ihre 
Sonderung aufzugeben. Denken Sie an den Unterschied 



t 



4i! DRm^ERTEn.: ALLGEMEINE NEUROSEWLEHKE 

von Mineralkunde und Gesteinkunde in der Mineralogie. 
Die Mineralien werden als Individuen besdirieben, ge- 
wiß mit Anlehnung' an den Umstand, daß sie häufig' 
als Kristalle, von ihrer Umgebung sdiarf abgegrenzt, 
auftreten. Die Gesteine bestehen aus Gemengen von 
Mineralien, die sidierlicfa nicht zufällig, sondern infolge 
ihrer Entstehungsbedingungen zusammengetroffen sind. 
In der Neurosenlehre verstehen wir noch zu wenig von 
dem Hergang der Entwicklung, um etwas der Gestein- 
lehre Ähnliches zu schaffen. Wir tun aber gewiß das 
Richtige, wenn wir zunadist aus der Masse die für uns 
kenntlidien klinischen Individuen isolieren, die den 
Mineralien vergleichbar sind. 

Eine beaditenswerte Beziehung zwischen den Symp- 
tomen der Aktua!- und der Psychoneurosen bringt uns 
noch einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis der Symp- 
tombildung bei den letzteren; das Symptom der Aktual- 
neurose ist nämlich häufig der Kern und die Vorstufe 
des psychoneurotisdien Symptoms, Man beobachtet ein 
soldies Verhältnis am deutlichsten zwischen der Neur- 
asthenie und der Konversionshysterie genannten Über- 
tragungsneurose, zwisdien der Angstneurose und der 
Angstliysterie, aber audi zwisdien der Hypochondrie 
und den später als Paraphrenie (Dementia praecox und 
Paranoia) zu erwähnenden Formen. Nehmen wir als 
Beispiel den Fali eines hysterisdien Kopf- oder Kreuz- 
sdimerzes. Die Analyse zeigt uns, daß er durdi Ver- 
dichtung und Verschiebung zum Betriedigungsersatz für 
eine ganze Reihe von libidinösen Phantasien oder 
Erinnerungen geworden ist. Aber dieser Schmerz war 
audi einmal real, und damals war er ein direkt sexual- 
toxisdies Symptom, der körperlidie Ausdrud< einer 
libidinösen Erregung, Wir wollen keineswegs behaupten, 
daß alle hysterischen Symptome einen soldien Kern ent- 
halten, aber es bleibt bestehen, daß es besonders häufig 
der Fall ist, und daß alle — normalen oder patholo- 
gischen — Beeinflussungen des Körpers duidi die 



XXIV. DIE GEMEglE NERVOSIT&T 413 

Ijbidinöse Erregung' geradezu für die Symptombildung 
der Hysterie bevorzugt sind. Sie spielen dann die Rolle 
jenes Sandkorns, welches das MusdielHer mit den 
Schiditen von Perlmuttersubstanz umhiillt hat In der- 
selben Weise werden die vorübergehenden Zeichen der 
sexuellen Erregung, weldie den Gesdilechtsakt begleiten, 
von der Psydioneurose als das bequemste und ge- 
eignetste Material zur Symptombildung verwendet 

Ein ähnlicher Vorgang bietet ein besonderes diagno- 
stisches und therapeutisches Interesse. Es kommt bei 
Personen, die zur Neurose disponiert sind, ohne gerade 
an einer floriden Neurose zu leiden, gar nidtt selten 
vor, daß eine krankhafte Körperverändening — etwa 
durdi Entzündung oder Verletzung — die Arbeit der 
Symptombildung weckt so daß diese das ihr von der 
Realität gegebene Symptom eiligst zum Vertreter aller 
jener unbewußten Phantasien macht, die nur darauf ge- 
lauert hatten, sich eines Ausdrudcsmittels zu bemächtigen. 
Der Arzt wird in soldiem Falle bald den einen, bald 
den anderen Weg der Therapie einschlagen, entweder 
die organische Grundlage wegsdiaffen wollen, ohne sid) 
um deren lärmende neurotisdie Verarbeitung zu be- 
kümmern, oder die zur Gelegenheit entstandene Neu- 
rose bekämpfen und deren organisdien Anlaß gerii^ 
achten. Der Erfolg wird bald dieser bald jener Art 
der Bemühung Recht oder Unredit geben; allgemeine 
Vorschriften lassen sidi für solche Mischfälle kaum 
aufstellen. 

XXV. VOBLESUKG 

DIE ANGST 

Meine Damen und Herren! Was ich Ihnen in der letzten 
Vorlesung über die allgemeine Nervosität gesagt 
habe, werden Sie sicherlidi als die unvollständigste und 
unzulänglidiste meiner Mitteilungen erkannt haben. Ich 
weiß das und ich denke mir, nichts anderes wird Sie 



t 



«4 DRTtTER TEIL; ALLGEMEIHS WeUaoaEN[.EHRE 

mehr verwundert haben, als daß darin von der Angst 
nidit die Rede war, über die doch die meisten Nervösen 
klagen, die sie selbst als ihr schrcddidistea Leiden be- 
zeidinen, und die wirkiicäi die großartigste Intensität 
bei ihnen erreichen und die tollsten Maßnahmen zur 
Folge haben kann. Aber darin wenigstens wollte ich 
Sie nidit verkürzen; ich habe mir im Gegenteil vor- 
genommen, das Problem der Angst bei den Nervösen 
besonders scharf einzustellen und es ausführlich vor' Ihnen 
XU erörtern. 

Die Angst selbst braudie ich Ihnen ja liidit vorzu- 
stellen; jeder von uns hat diese Empfindung, oder ricli- 
tiger gesagt, diesen Affektzustand irgend einmal aus 
eigenem kennen gelernt Aber ich meine, man hat sich 
nie ernsthaft genug gefragt, warum gerade die Nervösen 
so viel mehr und so viel stärkere Angst haben als die 
anderen. Vielleicht hielt man es für selbstverständlich; 
man verwendet ja gewöhnlich die Worte „nervös" und 
„ängstlidi" so für einander, als ob sie dasselbe bedeuten 
würden. Dazu hat man aber kein Recht; es gibt ängst- 
liche Menschen, die sonst gar nicht nervös sind, und 
außerdem Nervöse, die an vielen Symptomen leiden, 
unter denen aber die Neigung zur Angst nicht aufge- 
funden wird. 

Wie immer das sein mag, es steht fest, daß das 
Angstproblem ein Knotenpunkt ist, an welchem die ver- 
sdiiedensten und wichtigsten Fragen zusammentreffen, 
ein Rätsel, dessen Lösung eine Fülle von Licht über 
unser ganzes Seelenleben ergießen müßte. Idi werde 
nidit behaupten, daß ich Urnen diese volle Lösung geben 
kann, aber Sie werden gewiß erwarten, daß die Psycho- 
analyse auch dieses Thema ganz anders angreifen wird 
als die Medizin der Schulen. Dort sdieint man sich vor 
allem dafür zu interessieren, auf welchen anatomischen 
Wegen der Angstzustand zustande gebracht wird. Es 
heißt, die Medulla oblongata sei gereizt, und der Kranke 
erfährt, daß er an einer Neurose des Nervus vagus leidet 



XXV. Dffi ANGST 41S 



Pie Medulla oblongata ist ein sehr emsthafles und sdiönes 
Objekt idi erinnere mich ganz genau, wieviel Zeil und 
Mühe idi vor Jahren ihrem Studium gewidmet habe^ 
Aber heuie muß ich sagen, ich weiB nichts, was mir 
für das psychologische Verständnis der Angst gleichgül- 
tiger sein kömite als die Kenntnis des Nerveuweges, 
auf dem ihre Erregungen ablaufen. ..."■.. 

Von der Angst kann man zunächst dne ganze Weile 
bandeln, ohne der Nervosität überhaupt zu gedenken. 
Sie verstehen midi ohne weiteres, wenn ich diese Angst 
als Realangst bezeichne, im Gegensatz zu einer neu- 
rotischen. Die Realangst erscheint uns nun als etwas 
sehr Rationelles und Begreifliches, Wir werden von ihr 
aussagen, sie ist eine Reaktion auf die Wahrnehmung 
einer äußeren Gefahr, d. h, einer erwarteten, vorher^ 
gesehenen Schädigung, sie ist mit dem Fluditreflex vert: 
bunden, und man darf sie als Äußerung des Selbst- 
erhaltungstriebes ansehen. Bei welchen Gelegenheiten, 
d. h, vor weldien Objekten und in welchen Situationen 
die Angst aufttitt, wird natürlich zum großen Teil von 
dem Stande unseres Wissens und von unserem Macht- 
getühl gegen die Außenwelt abhängen. Wir finden es 
ganz begreiflich, daß der Wilde sidi vor einer Kanone 
fürchtet und bei einer Sonnenfinsternis ängstigt, während 
der Weiße, der das Instrument handhaben und das Er- 
ei^is vorhersagen kann, unter diesen Bedingungen angst- 
frei bleibt Ein andermal ist es gerade das Mehrwissen, 
was die Angst befördert, weil es die Gefahr frühzeitig 
erkennen läßt So wird der Wilde vor einer Fahrte im 
Walde erschrecken, die dem Unkundigen nichts sagt, 
ihm aber die Nahe eines reißenden Tieres verrät, und 
der erfahrene Schiffer mit Entsetzen ein Wolkchen am 
Himmel betrachten, das dem Passagier unscheinbar dünkt, 
während es ihm das Herannahen des Orkans verkündet. 

Bei weiterer Überlegung muß man sich sagen, daß 
das Urteil über die Realangst sie sei rationell und zweck- 
mäßig, einer gründlichen Revision bedarf, Das einzig 



^16 DRJTTER Tan.: ALLGEMEINE NEUROSENLEHKL 

zweckmäßige Verhalten bei drohender Gefalir wäre nämlich 
die kühle Abschätzung der eigenen Kräfte im Vergleich 
iur Große der Drohung und darauf die Entscheidung, 
ob die Fiudit oder die Verteidigung, möglicherweise 
selbst der Angriff, größere Aussicht auf einen guten 
Ausgang verspricht. In diesem Zusammenhang ist aber 
für die Angst überhaupt keine Stelle; alles, was geschieht, 
würde ebensowohl und wahrsdieiniidi besser vollzogen 
werden, wenn es nidit zur Angslentwicklung käme. Sie 
sehen ja auch, wenn die Angst übermäßig stai'k ausfällt, 
dann erweist sie sidi als äußerst unzweckmäßig, sie lähmt 
dann jede Aktion, auch die der Flucht Für gewöhnlidi 
besteht die Reaktion auf die Gefahr aus einer Vermen- 
gung von Angstaffekt und Abwehraktion. Das gesdiredcte 
Tier ängstigt sich und flieht, aber das Zwedcmäßige 
daran ist die „Flucht", nicht das „sidi ängstigen". 

Man fühlt sidi also versudit zu behaupten, daß die 
Angstentwicklung niemals etwas Zweckmäßiges ist Viel- 
leidit verhilft es zu besserer Einsicht, wenn man sidi> 
die Angstsituation sorgfältiger zerlegt Das Erste an ihr' 
ist die Bereitschaft auf die Gefahr, die sich in gestei- 
gerter sensorischer Aufmerksamkeit und motorisdier' 
Spannung äußert Diese Erwartungsbereitschaft ist un- 
bedenklich als vorteilhaft anzuerkennen, ja ihr Wegfall 
mag für ernste Folgen verantwortlich gemacht werden.' 
Aus ihr geht nun einerseits die motorische Aktion her- 
vor, zunädist Fludit, auf einer höheren Stufe tätige 
Abwehr, anderseits das, was wir als den Angstzustand 
empfinden. Je mehr sich die Angstentwicklung auf einen 
bloßen Ansatz, auf ein Signal einschränkt, desto unge- 
störter vollzieht sich die Umsetzung der Angstbereit- 
schaft in Aktion, desto zwedtmäßiger gestaltet sich der 
ganze Ablauf. Die Angstbereitsdiaft sdieint mir also 
das Zweckmäßige, die Angsfentwiddung das Zweckwidrige 
an dem, was wir Angst heißen, zu sein. 

Ich vermeide es, auf die Frage näher einzugehen^ 
ob unser Sprachgebrauch mit Angst, Furcht, Schreck das 



XXV. DIE ANGST 417 

Näniliche oder deutlich Verschiedenes beieichncn will, Icli 
meine nur, Angst bezieht sidt auf den Zustand und sieht vom 
Objekt ab, während Furcht die Aufmerksamkeit gerade auf 
das Objekt richtet ScJireck scheint hingegen wirklich einen 
besonderen Sinn zuhaben, nämlich die Wirkung einer Ge- 
fahr hervorzuheben, welche nicht von einer Angstbereit- 
schaft empfangen wird. Sa daß man sagen könnte, der 
Menscli schütze sich durcli die Angst vor dem Schreck, 

Die gewisse Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit im 
Gebrauche des Wortes „Angst" wird Ihnen nicht ent- 
gangen sein. Zumeist versteht man unter Angst den 
subjektiven Zustand, in den man durch die Wahrnehmung 
der „Ängste et widclung" gerät, und heißt diesen eine« 
AffekL Was ist nun im dynamischen Sinne ein Affekt? 
Jedenfalls etwas sehr Zusammengesetztes, Ein Affekt 
umschließt erstens bestimmte motorische Innervationen 
oder Abfuhren, zweitens gewisse Empfindungen, und 
zwar von zweierlei Art, die Wahrnehmungen der statt- 
gehabten motorischen Aktionen und die direkten Lust- 
uud Unlustempfindungen, die dem Affekt, wie man 
sagt, den Grundton geben. Ich glaube aber nicht, daß 
mit dieser Aufzählung das Wesen des Affektes getroffen 
ist Bei einigen Affekten glaubt man tiefer zu blicken 
und zu erkennen, daß der Kern, welcher das genannte 
Ensemble lusanunenhält, die Wiederholung eines be- 
stimmten bedeutungsvollen Erlebnisses ist Dies Erlebnis 
konnte nur ein sehr frühzeitiger Eindruck von sehr all- 
gemeiner Natur sein, der in die Vorgesdiidite nicht des 
Individuums, sondern der Art zu verlegen ist. Um mich 
verständlicher zu maclien, der Affekt zu stand wäre ebenso 
gebaut wie ein hysterischer Anfall, wie dieser der Nieder- 
schlag einer Reminiszenz. Der hysterische Anfall ist also 
vergleichbar einem neugebildeten individuellen Affekt, 
der normale Affekt dem Ausdrude einer generellen, zur 
Erbschaft gewordenen Hysterie. 

Nehmen Sie nicht an, daß dasjenige,^ was ich Ihnen 
hier über die Affekte gesagt habe, ein anerkanntes Gut 

Fraud, VorWun^ea ?7 



<1B DRITTER TEIL; ALLGEMEINE HEUROSEHLEHRE 

der Normalpsychologie ist Es sind im Gegenteil Auf- 
fassungen, die auf dem Boden der Psychoanalyse er- 
wachsen und nur dort heimisch sind. Was Sie in der 
Psychologie über die Affekte erfahren können, z, B. 
die James-Langesche Theorie, ist für uns Psychoana- 
lytiker geradezu unverständlich und undiskulierbar. Für 
sehr gesichert halten wir aber unser Wissen um die 
Affekte auch nicht; es ist ein erster Versuch, sich auf 
diesem dunkeln Gebiet zu orientieren, ich setze nun 
fort: Beim Angstaffekt glauben wir zu wissen, welchen 
frühzeitigen Eindrudc er als Wiederholung wiederbringt. 
Wir sagen uns, es ist der Geburlsakt, bei weldiem 
jene Gruppierung von Unlustempfindungen, Abfulir- 
rcgungen und Körpersensationen zustande kommt, die 
das Vorbild für die Wirkung einer Lebensgefahr ge- 
worden ist und seither als Angstzustand von uns wieder- 
holt wird. Die enorme Reizsteigerung durch die Unter- 
brechung der Blutemeuerung (der inneren Atmung) war 
damals die Ursadie des Angsterlebniaes, die erste Angst 
also eine toxische. Der Name Angst — angustiae, Enge 
— betont den Charakter der Beengung im Atmen, die 
damals als Folge der realen Situation vorhanden war 
und heute im Affekt fast regelmäßig wiederhergestellt 
wird. Wir werden es auch als beziehungsreidi erkennen, 
daß jener erste Angstzustand aus der Trennung von der 
Mutter hervorging. Natürlich sind wir der Überzeugung, 
die Disposition zur Wiederholung des ersten Angst- 
rustandes sei durch die Reihe unzählbarer Generationen 
dem Organismus so gründlich einverleibt, daß ein ein- 
zelnes Individuum dem Angstaffekt nicht entgehen kann, 
audi wenn es wie der sagenhafte Macduff „aus seiner 
Mutter Leib geschnitten wurde", den Geburtsakt selbst 
also nicht erfahren hat. Was bei anderen als Säugetieren 
das Vorbild des Angslzu Standes geworden ist, können 
wir nicht sagen. Dafür wissen wir auch nicht, welcher 
Empfindungskoraplex bei diesen Geschöpfen unserer 
Angst äquivalent ist. 



XXV. DIE ANGST ^19 



Es wird Sie vielleicht interessieren zu hären, wie man 
auf eioe solche Idee kommen kann, wie, daß der Geburts- 
akt die Quelle und das Vorbild des Angstaffektes ist. 
Die Spekulation hat den geringsten Anteil daran; ich 
habe vielmehr bei dem naiven Denken des Volkes eine 
Anleihe gemacht. Als wir vor langen Jahren junge 
Spitalsärzte um den Mittagslisch im Wirtshause saßen, 
erzählte ein Assistent der geburtshilflichen Kiinik, was 
für lustige Geschichte sidi bei der letzten Hebammen- 
prüfung zugetragen. Eine Kandidatin wurde gefragt, was 
es bedeute, wenn sich bei der Geburt Mekonium (Kinds- 
pedi, Exkremente) im abgehenden Wasser zeigen, und 
sie antwortete prompt: Daß das Kind Angst habe. Sie 
wurde ausgelacht und war durdigefallen. Aber ich nahm 
im Stilleo ihre Partei und begann zu ahnen, daß das 
arme Weib aus dem Volke unbeirrten Sinnes einen wich- 
tigen Zusammenhang bloßgelegt hatte. 

Übergehen ii'ir nun zur neurotischen Angst, weldie 
neue Erscheinungsformen und Verhältnisse zeigt uns die 
Angst bei den Nervösen? Da ist viel zu beschreiben. 
Wir finden erstens eine allgemeine Ängstlichkeit, eine 
sozusagen frei flottierende Angst, die bereit ist, sich an 
jeden irgendwie passenden Vorstcllungsinhalt anzuhängen, 
die das Urteil beeinflußt, die Erwartungen auswählt, 
auf jede Gelegenheit lauert, um sicli rechtfertigen zu 
lassen. Wir heißen diesen Zustand „Erwartungsangst" 
oder „ängstlidie Erwartung". Personen, die von dieser 
Art Angst geplagt werden, sehen von allen Möglichkeilen 
immer die schreddichste voraus, deuten jeden Zufall als 
Anzeige eines Unheils, nützen jede Unsicherheit im 
schlimmen Sinne aus. Die Neigung zu solcher Unheits- 
erwartung findet sich als Charakterzug bei vielen Mensdien, 
die man sonst nicht als krank bezeichnen kann, man 
schilt sie überängstlich oder pessimistisch; ein auffälliges 
Maß von Erwartungsangsl gehört aber regelmäßig einer 
nervösen Affektion an, die icli als „Angstneurose" 
benannt habe und zu den Aktualneurosen reclme. 

27- 



«0 DUriTER '[EIL; ALLGEMEINE NEUKQSENLEHRE 

Eine zweite Form der Angst ist im Gegensätze 2u 
der eben beschriebenen vielmehr psychisch gebunden 
und an gewisse Objekte oder Situationen geknüpft. Es 
ist die Angst der überaus mannigfaltigen und oft sehr 
sonderbaren „Phobien". Stanley Hall, der ange- 
sehene amerikanische Psychologe, hat sich erst kürzlich 
die Mühe genommen, uns die ganze Reihe dieser Phobien 
in prunkender griechischer Namengebung vorzuführen. 
Das klingt wie die Aufzählung der zelm ägyptischen 
Piagen, kut daß ihre Anzahl weit über die Zehn 
hinausgeht Hören Sie, was alles Objekt oder Inhalt 
einer Phobie werden kann: Finsternis, freie Luft, offene 
Plätze, Katzen, Spinnen, Raupen, Schlangen, Mäuse, 
Gewitter, scliarfe Spitzen, Blut, geschlossene Räume, 
Menschengedränge,Einsamkeit,ÜbersdireitenvonBrüd;en, 
See- und Eiseabafcnfahrt usw. Bei einem ersten Versuch 
der Orientierung in diesem Gewimmel liegt es nahe, 
drei Gruppen zu unterscheiden, Manclie der gefurchteten 
Objekte und Situationen haben auch für uns Normale 
etwas Unheimliches, eine Beziehung zur Gefahr, und 
diese Phobien erscheinen uns darum nicht unbegreifHfh, 
vviewohl in ihrer Starke sehr übertrieben. So empfinden 
die meisten von uns ein widerwärtiges Gefühl beim Zu- 
sammentreffen mit einer Schlange. Die Schlangenphobie, 
kann man sagen, ist eine allgemein menaiiiiche, und 
CL Darwin hat sehr eindrucksvoll besdirieben, wie er 
sich der Angst vor einer auf ihn losfahrenden Schlange 
nicht erwehren konnte, wiewohl er sidi durch eine didce 
Glasscheibe vor ihr geschützt wußte. Zu einer zweiten 
Gruppe stellen wir die Fälle, in denen noch eine Be- 
ziehung zu einer Gefahr besteht, wobei wir aber ge- 
wöhnt sind, diese Gefahr geringzusdi ätzen und sie nicht 
voranzustellen. Hieher gehören die meisten Situations- 
phobien. Wir wissen, daS es auf der Eisenbahnfahrt 
eine Chance des Vcrungiöckens mehr gibt, als wenn 
wir zu Hause bleiben, nämlich die des Eisenbahn- 
zusamnienstoßes, wissen auch, daß ein Schiff untergehen 



■JtXV. DIE ANGST ^»1 



kann, wobei man dann in der Regel erlrliild, aber wir 
denken nicht an diese Gefahren und reisen angstfrei 
mit Eisenbahn und Schiff. Es ist auch nicht zu leugnen, 
daß man in den Fluß stürzen würde, wenn die Brücke 
in dem Moment einstürzte, in dem man sie passiert, 
aber das gesdiieht so überaus selten, daß es als Gefalir 
gar nicht in Betracht IcommL Audi die Einsamkeit hat 
ihre Gefahren, und wir vermeiden sie audi unter gewissen 
;Umständen; es ist aber nicht die Rede davon, daß wir 
'sie unter keiner Bedirgimg auch nur einen Moment 
lang nicht vertragen. Älmlidies gilt für das Menschen- 
gedränge, für den geschlossenen Raum, das Gewitter 
u. dgl. Was uns an diesen Phobien der Neurotiker be- 
fremdet, ist überhaupt nicht so sehr der Inhalt a:ls die 
Intensität derselben. Die Angst der Phobien ist gerade- 
zu inappellabel! Und manchmal bekommen wir den Ein- 
druck, als ängstigten sich die Neurotiker gar nicht vor 
denselben Dingen und Situationen, die unter gewissen 
Umständen audi bei uns Angst hervorrufen können, 
und die sie mit denselben Namen belegen. 

Es erübrigt uns eine dritte Gruppe von Phobien, 
denen unser Verständnis überhaupt niclit mehr nach- 
kommt Wenn ein starker, erwachsener Mann vor Angst 
nicht durdi eine Straße oder Über einen Platz der ihm 
so wohlvertrauten Heimatstadt gehen kann, wenn eine 
gesunde, gut entwickelte Frau in eine besinnungslose 
Angst verfällt, weil eine Katze an ihren Kleidersaum 
gestreift hat oder ein Mäuschen durclis Zimmer gehuscht 
ist, wie sollen wir da die Verbindung mit der Gefalir 
herstellen, die offenbar dodi für die Phobisdien besteht? 
Bei den hicher gehörigen Tierphobien kann es sich 
nicht um die Steigerung allgemein menschlicher Anti- 
pathien handeln, denn es gibt wie zur Demonstration 
des Gegensatzes zahlreiche Menschen, die an keiner 
Katze vorbeigehen können, ohne sie zu lecken und zu 
streicheln. Die von den Frauen so gefürditete Maus ist 
gleichzeitig ein Zärtlichkeitsname erster Ordnung; manches 



*52 DRITTEI; TEIL; ALLtSgMElNE WEUROSENLEHR E •- 

Mäddien, das sich mit Befriedigung von seinem Ge- 
liebten so nennen hört, sdireit doch entsetzt auf, 
wenn es das niedliche Tierdien dieses Namens erblidct 
Für den Mann mit Straßen- oder Platzangst drängt sich 
uns die einzige Erklärung auf, daß er sicli benehme wie 
ein kleines Kind. Ein Kind wird durdi die Erziehung 
direkt angehalten, solche Situationen als gefährlich zu 
vermeiden, und unser Agoraphobiker ist wirklich vor 
seiner Angst geschützt, wenn man ihn über den Platz 
begleitet. 

Die beiden hier beschriebenen Formen der Angst, 
die frei flottierende Erwartungsangst und die an Phobien 
gebundene, sind unabhängig voneinander. Die eine ist 
nicht etwa eine höhere Stufe der anderen, sie koramen 
auch nur ausnalimsweise und dann wie zufällig mit- 
einander vor. Die stärkste allgemeine Ängstlichkeit 
braudit sich nidit in Phobien zu äußern; Personen, 
deren ganzes Leben durdi eine Agoraphobie eingeschränkt 
wird, können von der pessimistischen Envartungsangst 
völlig frei sein. Manche der Phobien, z. B. Platzangst, 
Eisenbahnangst, werden nachweisbar erst in reiferen 
Jahren erworben, andere wie Angst vor Dunkelheit, 
Gewitter, Tieren scheinen von Anfang an bestanden zu 
haben. Die der ersteren Art haben die Bedeutung von 
schweren Krankheiten; die letzleren erscheinen eher wie 
Sonderbarkeiten, Launen. Wer eine von diesen letzteren 
zeigt, bei dem darf man in der Regel noch andere, 
ähnlidie vermuten. Ich muß hinzufügen, daß wir diese 
Phobien sämtlich zur Angsthysterie rechnen, d. h, 
also sie als eine der bekannten Konversionshysterie 
sehr verwandte Affektion betrachten. 

Die dritte der Formen neurotisdier Angst stellt uns 
vor das Rätsel, daß wir den Zusammenhang zwischen 
Angst und drohender Gefahr völlig aus den Augen ver- 
lieren. Diese Angst tritt z. B. bei der Hysterie auf als 
Begleitung der hysterischen Symptome, oder unter be- 
liebigen Bedingungen der Aufregung, wo wir zv/ar eine 



XXV. DIE ANGSt 4J3 



Affektäußerung' erwarten würden, aber gerade den Angst- 
affelct am wenigsten, oder losgelöst von allen Bedin- 
gungen, für uns und den Kranken gleidi unverständlich, 
als freier Angstanfall. Von einer Gefahr oder einem 
Anlaß, der durdi Übertreibung dazu erhoben werden 
könnte, ist dann weit und breit keine Rede. Bei diesen 
spontanen Anfällen erfahren wir dann, daß der Kom- 
plex, den wir als Angstzustand bezeichnen, einer Auf- 
splitterung fähig ist Das Ganze des Anfalles kann durch 
ein einzelnes, intensiv ausgebildetes Symptom vertreten 
werden, durch ein Zittern, einen Schwindel, eine Herz- 
palpitation, eine Atemnot, und das Gemeingefühl, an 
dem wir die Angst erkennen, kann dabei fehlen oder 
undeutlich geworden sein. Und dodi sind diese Zustände, 
die wir als „Angstäquivalente" beschreiben, in allen 
klinischen und ätiologischen Beziehungen der Angst gleich- 
zustellen. 

Nun erheben sich zwei Fragen. Kann man die neu- 
rotische Angst, bei welcher die Gefahr keine oder eine 
, so geringe Rolle spielt, in Zusammenhang mit der Real- 
angst bringen, welche durchwegs eine Reaktion auf die 
■Gefahr ist? Und wie läßt sich die neurotische Angst 
^.'verstehen? Wir werden doch zunächst die Erwartung 
[festhalten wollen: wo Angst ist, muß audi etwas vor- 
hhanden sein, vor dem man sich ängstigt. 

Für das Verständnis der neurotischen Angst ergeben 
iBJdi nun aus der klinischen Beobachtung mehrere Hin- 
J-weise, deren Bedeutung ich vor Ihnen erörtern wilL 
a) Es ist nicht schwer festzustellen, daß die Erwartungs- 
angst oder allgemeine Ängstlichkeit in enger Abhängig- 
keit von bestimmten Vorgängen im Sexualleben, sagen 
wir; von gewissen Verwendungen der Libido, steht. Der 
^einfachste und lehrreichste Fall dieser Art ergibt sich 
»bei Personen, die sich der sogenannten fruslranen Er- 
cguDg aussetzen, d. h. bei denen heftige sexuelle Er- 
pregungen keine genügende Abfuhr erfahren, nicht zu 
• einem befriedigenden Abschluß geführt werden. Also 



töi DRiTrER TEIL: ALLGEMF.tNE KEUROSF.Ht.EHRE ■, 

z, B. bei Männern während des Brautstandes, und bei 
Frauen, deren Männer ungenügend potent sind oder die 
den Geschlechtsakt aus Vorsicht verkürzt und verkümmert 
ausführen. Unter diesen Umständen schwindet die libidi- 
nöse ErregTing und an ihrer Stelle tritt Angst auf, so- 
wohl in der Form der Erwartungsangst als auch in An- 
fällen und Anfallsäquivalente o. Die vorsiditige Unter- 
brechung des Gesdileditsaictes wird, wenn sie als sexu- 
elles Regime geübt wird, so regelmäßig Ursache der 
Angstneurose bei Männern, besonders aber bei Frauen, 
daß es sicli in der ärztlidien Praxis empfiehlt, bei der- 
artigen Fällen in erster Linie nach dieser Ätiologie zu 
forscheil. Man kann dann auch ungezälilte Male die Er- 
fahrung machen, daß die Angstneurose erlischt, wenn 
der sexuelle Mißbraudi abgestellt wird. 

Die Tatsache eines Zusaramenhanges zivischen sexu- 
eller Zurückhaltung und Angstzuständen wird, soviel ich 
weiß, auch von Ärzten, die der Psychoanalyse femestehen, 
nicht mehr bestritten. Allein ich kann mir wohl 
denken, daß der Versuch nicht unterlassen wird, die Be- 
ziehung umzukehren, indem man die Auffassung vertritt, 
es handle sicli dabei um Personen, die von vornherein 
zur Ängstliclikeit neigen und darum auch in sexuellen 
Dingen Zurücklialtung üben. Dagegen spricht aber mit 
Entschiedenheit das Verhalten der Frauen, deren Sexual- 
betätigung ja wesentlich passiver Natur ist, d. h, durdi 
die Behandlung von selten des Mannes bestimmt wird. Je 
temperamentvoller, also je geneigter zum Seitualverkehr 
und befähigter zur Befriedigung eine Frau ist, desto 
sicherer wird sie auf die Impotenz des Mannes oder auf 
den Coitus interruptus mit Angsterseheinungen reagieren, 
während solche Mißhandlung bei an ästhetischen oder wenig 
libidinösen Frauen eine weit geringere Rolle spielt 

Dieselbe Bedeutung für die Entstehung von Angst- 
zuständen hat die jetzt von den Ärzten so warm empfohlene 
sexuelle Abstinenz natürüdi nur dann, wenn die Libido, 
der die befriedigende Abfuhr versagt wird, entsprediend 



XXV. DIE ANGST " ' " «4 



stark uiid niclit zum größten Teil durch Sublimierung 
erledigt ist Die Entsdieidung über den BCrankheitserfolg 
liegt ja immer bei den quantitativen Faktoren, Auch wo 
nicht Krankheit sondern Charaktergestal tun^ in Betracht 
kommt, erkennt man leidit, daß sexuelle Einsd)ränkung 
mit einer gewissen Ängstliclikeit und Bedenldiclikeit Hand 
in Hand geht, während Unerschrockenheit und kecker 
Wagemut ein freies Gewä!iren.'asscn der sexuellen Be- 
dürftigkeit mit sich bringen. So sehr sich diese Be- 
ziehungen durch mannigfadie Kultureinflüsse abändern 
und komplizieren lassen, so bleibt es doch für den Durch- 
schnitt der Menschen bestehen, daß die Ang-st mit der 
sexuellen Besdiränkung zusammengehörig ist. 

Ich habe ihnen noch lange mclit alie Beobachtungen 
mitgeteilt, die für die behauptete genetische Beziehung 
zwischen Libido und Angst sprechen. Dazu gehört z. B. 
nodj der Einfluß gewisser Lebensphasen auf die Angst- 
erkrankungen, denen man, wie der Pubertät und der 
Zeit der Menopause, eine erheblidie Steigerung in der 
Produktion der Libido zusdireiben darf. In mandien Zu- 
standen von Aufregung kann man auch die Vermensfung 
von Libido und Angst und die endliche Ersetzung der 
[Libido durch die Angst direkt beobachten. Der Eindruck, 
den man von all diesen Tatsachen empfängt, ist ein zwei- 
facher, erstens daß es sich um eine Anhäufung von Libido 
handelt, die von ihrer normalen Verwendung abgehalten 
wird, zweitens, daß man sidi dabei durchaus auf dem 
Gebiete somatischer Vorgänge befindet. Wie aus der 
Libido die Angst entsteht, ist zunädist nicht ersichtlich; 
man stellt nur fest, daß Libido vermißt und an ihrer 
Statt Angst beobachtet wird. 

b) Einen zweiten Fingerzeig entnehmen wir aus der 
Analyse der Psych oneurosen, speziell der Hysterie, Wir 
haben gehört, daß bei dieser Affektion häufig Angst in 
Begleitung der Symptome auftritt, aber auch ungebundene 
Angst, die sidi als Anfall oder als Dauerzustand äußert 
Die Kranken wissen nicht zu sagen, wovor sie sich 



tX DRiTTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHRfe 

ängstigen, und verknüpfen sie durch eine unverkennbare 
sekundäre Bearbeitung mit den nächstliegenden Phobien, 
wie: Sterben, Verrüdtt werden, Sdilaganfall. Wenn wir 
die Situation, aus weicher die Angst oder von Ang-st 
begleitete Symptome hervorgegangen sind, der Analyse 
unterziehen, so können wir in der Regel angeben, weldier 
normale psychische Ablauf unterblieben ist und sich durcli 
das Angstphänomen ersetzt hat. Drücken wir uns anders 
aus: Wir konstruieren den unbewußten Vorgang so, als 
ob er keine Verdrängung erfahren und sich ungehindert 
zum Bewußtsein fortgesetzt hätte. Dieser Vorgang wäre 
auch von einem bestimmten Affekt begleitet gewesen, 
und nun erfaliren wir zu unserer Überraschung, daß 
dieser den normalen Ablauf begieitende Affekt nacli der 
Verdrängung in jedem Falle durdi Angst ersetzt wird, 
gleichgültig, was seine eigene Qualität ist. Wenn wir also 
einen hysterisdien Angstzustand vor uns haben, so kann 
sein unbewußtes Korrelat eine Regung von ähnlichem 
Charakter sein, also von Angst, Scham, Verlegenheit, 
ebensowohl eine positiv libidinöse Erregung oder eine 
feindselig agressive, wie Wut und Ärger, Die Angst ist 
also die allgemein gangbare Münze, gegen welche alle 
Affektregungen eingetauscht werden oder werden können, 
wenn der dazugehörige Vorstellungsinhalt der Verdrängung 
unterlegen ist 

c) Eine dritte Erfahrung machen wir bei den Kranken 
»it Zwangshandlungen, die in bemerkenswerter Weise 
von der Angst verschont zu sein acheinen. Wenn wir sie 
an der Ausführung ihrer Zwangshandlung, ihres Waschens, 
ihres Zeremoniells zu hindern versuchen, oder wenn sie 
selbst den Versudi wagen, einen ihrer Zwänge autzu- 
geben, so werden sie durdi eine entsetzliclie Angst zur- 
Gefügigkeit gegen den Zwang genötigt. Wir verstehen, 
daß die Angst durch die Zwangshandlung gedeckt war, 
und daß diese nur ausgeführt wurde, um die Angst zu 
ersparen. Es wird also bei der Zwangsneurose die Angst, 
die sich sonst einstellen müßte, durch Symptombildung 



XXV. ÖtE ANdST 4« 



ersetzt, und wenn wir uns zur Hysterie wenden, finden 
wir bei dieser Neurose eine ähnliche Beziehung: als Er- 
folg; des VerdrängungEvorganges entweder reine Angst- 
entwiddung oder Angst mit Symptombildung oder voll- 
kommenere Symptombildung ohne Angst. Es schiene also 
in einem abstrakten Sinne nicht unrichtig zu sagen, daß 
Symptome überhaupt nur gebildet werden, um der sonst 
unvermeidlidien Angstentwicklung zu entgehen. Durch 
diese Auffassung wird die Angst gleichsam in den Mittel- 
punkt unseres Interesses für die Neurosenproblemc gerüdtt. 

Aus den Beobachtungen an der Angstneurose hatten 
wir gesclilossen, daß die Ablenkung der Libido von ihrer 
normalen Verwendung, welclie die Angst entstehen läßt, 
auf dem Boden der somatischen Vorgänge erfolgt. Aus 
den Analysen der Hysterie und der Zwangsneurose er- 
gibt sich der Zusatz, daß die nämliche Ablenltung mit 
demselben Ergebnis aucli die Wirkung einer Verweigerung 
der psychischen Instanzen sein kann. Soviel wissen wir also 
über die Entstehung der neurotischen Angst; es klingt 
nodi ziemlich unbestimmt Ich sehe aber vorläufig keinen 
Weg, der weiter führen würde. Die zweite Aufgabe, die 
v/ir uns gestellt haben, die Herstellung einer Verbindung 
zwischen der neurotischen Angst, die abnorm verwendete 
Libido ist, und der Realangst, welche einer Reaktion auf 
die Gefahr entspricht, sdieint nodi schwieriger lösbar. 
Man mochte glauben, es handle sicli da um ganz disparate 
Dinge, und doch haben wir kein Mittel, Realangst und 
neurotische Angst in der Empfindung voneinander zu 
unterscheiden. 

Die gesuchte Verbindung stellt sich endlich her, wenn 
wir den oft behaupteten Gegensatz zwischen Ich und 
Libido zur Voraussetzung nehmen. Wie wir wissen, ist 
die Angstentwiddung die Reaktion des Ichs auf die Ge- 
fahr und das Signa! für die Einleitung der Flucht; da 
liegt uns denn die Auffassung nahe, daß bei der neu- 
rotischen Angst das Idi einen ebensoldien Fluchtversuch 
vor dem Anspruch seiner Libido unternimmt, diese innere 



JOS DRTTTKR TEIL; AU.Gi^tEf»E WEURQRSrJLEHRE 

Gefahr so behandelt, als ob sie eine äußere wäre. Damit 
wäre die Erwartung; erfüllt, daß dort, wo sidi Angst zeigt,' 
auch etwas vorhanden ist, wovor man sidi ängstigt Die 
Analogie ließe sich aber weiter fortführen. So wie der 
Fluchl-versuch vor der äußeren Gefahr abgelöst wird durch 
Standhalten und zweckmäßige Maßnahmen zur Verteidi- 
gung, so weicht auch die neurotisdie Angstentmcklung 
der Symptombildung, welclie eine Bindung der Angst 
herbeiführt 

Die Schwierigkeit des Verständnisses liegt jetzt an 
anderer Stelle. Die Angst, welche eine Flucht des !dis 
vor seiner Libido bedeutet, soll docli aus dieser Libido 
selbst hervorgegangen sein. Das ist undurchsichtig und 
enthält die Mahnung, nicht zu vergessen, daß die Libido 
einer Person doch im Grunde zu ihr gehört «nd sich 
ihr nidit wie etwas Äußerliches entgegenstellen kann. 
Es ist die topisdie Dynamik der Angstentwicklung, die 
uns noch dunkel ist, was für seeliche Energien dabei 
ausgegeben werden und von welclien psychisdien Systemen 
her. Idi kann Ihnen nicht verspredien, auch diese Frage 
za beantworten, aber wir wollen es nicht unterlassen, 
zwei andere Spuren zu verfolgen und uns dabei wieder 
der direkten Beobachtung und der analytischen Forschung 
zu bedienen, um unserer Spekulation zu Hilfe zu kommen. 
Wir wenden uns zur Entstehung der Angst beim Kinde 
und zur Herkunft der neurotisclien Angst, welche an 
Phobien gebunden ist 

Die Ängstlichkeit der Kinder ist etwas sehr Gewöhn- 
liches, und die Unterscheidung, ob sie neurotische oder 
Realangst ist, scheint recht scliwierig. Ja, der Wert dieser 
Untersclieidung wird durch das Verhalten der Kinder in 
Frage gestellt Denn einerseits verwundem wir uns nicht, 
wenn sich das Kind vor allen fremden Personen, neuen 
Situationen und Gegenständen ängstigt, und erklären 
uns diese Reaktion sehr leicht durdi seine Schwache und 
Unwissenheit. Wir sclireibcn also dem Kinde eine starke 
Neigung zur Realangst zu, und würden es für jjanz zweck- 



XXV. DIE ANGST 4M 



mäßig ansehen, wenn es diese Ängstlichkeit als Erbscliaft 
mitgebracht hätte. Das Kind würde hierin nur das Ver- 
halten des Urmenschen und des heutigen Primitiven wieder- 
holen, der infolge seiner Unwissenheit und Hilflosigkeit 
vor allem Neuen Angst hat und vor soviel Vertrautem, 
was uns heute keine Angst mehr einflößt Auch ent- 
spräche es durtiauE unsererer Erwartung, wenn diePhobien 
des Kindes wenigstens zom Teil noch dieselben wären, 
die wir jenen Urzeiten der menschlichen Entwicklung zu- 
trauen dürfen. 

Anderseits können ■ wir nidit Sbersehen, daß nicht 
alle Kinder in gleidiem Maße ängstlich sind, und daß 
gerade die Kinder, welche eine besondere Scheu vor 
allen möglichen Objekten und Situationen äußern, sich 
späterhin als Nervöse erweisen. Die neurotische Dispo- 
sition verrät sich also auch durch eine ausgesprochene 
Neigung zur Realangst, die Ängstlichkeit erscheint als 
das Primäre, und man gelangt zum Sdilusse, das Kind 
und später der Heranwachsende ängstigen sidi vor der 
Hohe ihrer Libido, weil sie sich eben vor allem ängstigen. 
Die Entstehung der Angst aus der Libido wäre hiemit 
abgelehnt, mid wenn maa den Bedingungen der Realangst 
nachforschte, gelangte man konsequent zu der Auffassung, 
daß das Bewußtsein der eigenen Schwäche und Hilf- 
losigkeit — Minderwertigkeit in der Terminologie von 
A. Adler — auch der letzte Grund der Neurose ist, 
wenn es sich aus der Kinderzeit ins reifere Leben fort- 
setzen kann. ^UfA., 

Das klingt so einfadi und bestechend, daß es ein 
Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit hat Es würde aller- 
dings eine Versdiiebung des Rätsels der Nervosität mit 
ach bringen. Der Fortbestand des Minderwertigkeits- 
gefühls — und damit der Angstbedingung und der Symp- 
tombildung — scheint so gut gesichert, daß es vielmehr 
einer Erklärung bedarf, wenn ausnahmsweise das, was 
wir als Gesundheit kennen, zustande kommen sollte. Was 
läßt aber eine sorgfältige Beobachtung der Ängstlichkeit 



430 DRITTER TEO.! ALLGF.MElNe NEUROSENLEHRE ■ 

der Kinder erkennen? Das kleine Kind ängstigt sidi zu 
allererst vor fremden Personen; Situationen werden erst 
dadurch bedeutsam, daß sie Personen enthalten, und 
Gegenstände kommen überhaupt erst später in BetraAt. 
Vor diesen Fremden ängstig sich das Kind aber nicht 
etwa darum, weil es ihnen böse Absichten zutraut und 
seine Schwäche mit deren Stärke vergleicht, sie also als 
Gefahren für seine Existenz, Sidierheit und Schmerz- 
freiheit agnosziert Ein derart mißtrauisches, von dem 
weitbeherrschenden Aggressionsfrieb gesdiredctes Kind 
ist eine recht verunglückte theoretisdie Konstruktion. 
Sondern das Kind erschrickt vor der fremden Gestalt, 
weil es auf den Anblick der vertrauten und geliebten 
Person, ira Grunde der Mutter, eingestellt ist Es ist 
seine Enttäuschung und Sehnsudit, welche sich in Angst 
umsetzt, also unverwendbar gewordene Libido, die der- 
zeit nicht in Schwebe gehalten werden kann, sondern 
als Angst abgeführt wird. Es kann auch kaum zufällig 
sein, daß in dieser für die kindliche Angst vorbildlichen 
Situation die Bedingung des ersten Angstzustandes 
während des Geburlsaktes, nämlidi die Trennung von 
der Mutter, wiederholt wird. 

Die ersten Situationsphobien der Kinder sind di& 
vor der Dunkelheit und der Einsamkeit; die erstere bleibt 
oft durchs Leben bestehen, beiden gemeinsam ist das 
Vermissen der geliebten Pflegeperson, der Mutter also. 
Ein Kind, das sich in der Dunkelheit ängstigte, hörte 
idi ins fjebenzimmer rufen: „Tante, sprich doch zu mir, 
ich fÜrclite micli." „Aber was hast du davon? Du siehst 
mich ja nidit"; darauf das Kind: „Wenn jemand spricht, 
wird es heller". Die Sehnsuclit in der Dunkelheit wird 
also zur Angst vor der Dunkelheit umgebildei Weit 
entfernt, daß die neurotische Angt nur sekundär und 
ein Spezialfall der Realangst wäre, sehen wir vielmehr 
beim kleinen Kinde, daß sich etwas als Realangst ge- 
bärdet, was mit der neurotischen Angst den wesentlichen 
Zug der Entstehung aus unverwendeter Libido gemein 



XXV. DIE ANGST C] 



hat Von richtiger Realaogst scheint das Kind wenig 
mitzubringen. In all den Situationen, die später die 
Bedingungen von Phobien werden können, auf Höhen, 
schmalen Stegen über dem Wasser, auf der Eisenbahn- 
fahrt und im Schiff, zeigt das Kind keine Angst, und 
zwar um so weniger, je unwissender es ist Es wäre sehr 
wünsdienswert, wenn es mehr von solchen lebenschützen- 
den Instinkten zur Erbschaft bekommen hätte; die Auf- 
gabe der Überwachung, die es daran verhindern muß, 
sich einer Gefahr nadi der anderen auszusetzen, wäre da- 
durch sehr erleichtert In Wirklichkeit aber übersdiätzt das 
Kind anfänglidi seine Kräfte und benimmt sich angslfrei, 
weil es die Gefahren nicht kennt Es wird an den Rand des 
Wassers laufen, auf die Fensterbrüstung steigen, mit 
scharfen Gegenständen und mit dem Feuer spielen, kurz 
ailes tun, was ihm Schaden bringen und seinen Pflegern 
Sorge bereiten muß. Es ist durchaus das Werk der Er- 
ziehung, wenn endlich die Realangst bei ihm erwacht, 
da man ihm nicht erlauben kann, die belehrende Er- 
fahrung selbst zu machen. 

Wenn es nun Kinder gibt, die dieser Erziehung zur 
Angst ein Stück weit entgegenkommen, und die dann 
auch selbst Gefahren finden, vor denen man sie nidit 
gewarnt hat, so reiclit für sie die Erklärung aus, daß 
sie ein größeres Maß von libidinöser Bedürftigkeit in ihrer 
Konstitution mitgebracht haben oder frühzeitig mit libidi- 
nöser Befriedigung verwöhnt worden sind. Kein Wunder 
wenn sich unter diesen Kindern auch die spateren Ner- 
vösen befinden; wir wissen ja, die größte Erleichterung 
für die Enstebung einer Neurose liegt in der Unfähig- 
keit, eine ansehnlidiere Libidostauung durch längere Zeit 
zu ertragen. Sie merken, daS hier audi das konstitutio- 
nelle Moment zu seinem Recht kommt dem wir seine 
Rechte ja nie bestreiten wollen. Wir venvahren uns nur 
dagegen, wenn jemand über diesem Anspruch alle anderen 
vernachlässigt und das konstitutionelle Moment auch dort 
cinfüiirt, wo es nach den vereinten Ergebnissen von ße- 



43? DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRg _•, 

obaditung und Analyse nicht hingehört oder an die letzte 
Stelle zu rücken hat 

Lassen Sie uns aus den Beobachtungen über die 
Ängstlichkeit der Kinder die Summe ziehen: Die infantile 
Angst hat sehr wenig mit der Realangst zu schaffen, . 
ist dagegen der neurotischen Angst der Erwadisenen 
nahe verwandt, Sie entsteht wie diese aus uiiverwendeter 
Libido und ersetzt das vermißte Liebesobjekt durch einen 
äußeren Gegenstand oder eine Situation. 

Nun werden Sie es gerne hören, daß uns die Analyse 
der Phobien nicht mehr viel Neues zu lehren hat Bei 
diesen geht nämlich dasselbe vor wie bei der Kinder- 
angst; es wird unausgesetzt unverwendbare Libido in 
eine sdieinbare Realangst umgewandelt und so eine 
winzige äußere Gefahr zur Vertretung der Libidoansprüdie 
eingesetzt Die Übereinstimmung hat nichts Befremdliches, 
denn die infantilen Phobien sind nicbt nur das Vorbild 
für die späteren, die wir zur "Angsthysterie" redinen, 
sondern die direkte Vorbedingung und das Vorspiel 
derselben. Jede hysterische Phobie geht auf eine Kinder- 
angst zurück und setzt sie fort, auch wenn sie einen 
anderen Inhalt hat und also anders benannt werden muß. 
Der Unterschied der beiden Affektionen liegt im Mecha- 
nismus. Beim Erwachsenen reicht es für die Verwandlung 
der Angst in Libido nicht mehr hin, daß die Libido als 
Sehnsucht augenblicklich unverwendbar geworden ist Er 
hat es längst erlernt, solche Libido schwebend zu er- 
halten oder andere zu verwenden. Aber wenn die Libido 
einer psychischen Regung angehört, welche die Verdrän- 
gung erfahren hat, dann sind ähnliche Verhältnisse wieder- 
hergestellt wie beim Kind, das noch keine Scheidung 
zwischen Bewußtem und Unbewußtem besitzt, und durch 
die Regression auf die infantile Phobie ist gleichsam der 
Paß eröffnet, über den sich die Verwandlung der Libido 
in Angst bequem vollziehen kann. Wir haben ja, wie 
Sie sidi erinnern, viel von der Verdrängung gehandelt, 
aber dabei immer nur das Schicksal der ?u verdrängenden 



XXV. DIE ANGST 433 



^' 



Vorstellung verfolgt, natürlich weil dieses leiditer zu er- 
kennen und darzustellen war. Was mit dem Affekt ge- 
schieht, der an der verdrängten Vorstellung hing, das 
haben wir immer beiseite gelassen,' und wir erfahren erst 
jetzt, daß es das nächste Sdiicksal dieses Affektes ist, 
in Angst verwandelt zu werden, in welcher Qualität 
immer er sidi sonst bei nonnalem Ablauf gezeigt hätte. 
Diese Affektverwandlung ist aber das bei weitem wichtigere 
Stück des Verdrängungsvorganges, Es ist nicht so leicht 
davon zu reden, weil wir die Existenz unbewußter Affekte 
nicht in demselben Sinne behaupten können wie die un- 
bewußter Vorstellungen, Eine Vorstellung bleibt bis auf 
einen Unterschied dasselbe, ob sie bewußt oder un- 
bewußt ist; wir können angeben, was einer unbewußten 
Vorstellung entspricht. Ein Affekt aber ist ein Abfuhr- 
joi^ang, ganz anders zu beurteilen als eine Vorstellung; 
was ihm im Unbewußten entspricht, ist ohne tiefer, 
gehende Überlegungen und Klärung unserer Voraus- 
setzungen über die psychischen Vorgänge nicht zu sagen. 
Das können wir hier nicht unternehmen. Wir wollen 
aber den Eindruclc hochlialten, den wir nun gewonnen 
haben, daß die Angstentwicklung innig an das System 
des Unbewußten geknüpft ist '' ■■ ■ -' ' 

Ich sagte, die Verwandlung in Angst, besser: die Ab- 
fuhr in der Form der Angst, sei das nächste Schidaal 
der von der Verdrängung betiroffenen Libido. Ich muß 
hinzufügen: nicht das eiißige oder endgültige. Es sind 
bei den Neurosen Prozesse im Gange, welche sich be- 
mühen, diese Angstentwiddung zu binden, und denen 
dies audi auf verschiedenen Wegen gelingt. Bei den 
Phobien z. B. kann man deutlich zwei Phasen des neu- 
rotischen Vorganges unters diei den. Die erste besorgt 
die Verdrängung und die Überführung der Libido in 
Angst, welcäie an eine äußere Gefahr gebunden wird. 
Die zweite besteht in dem Aufbau all jener Vorsichten 
und Sicherungen, durch welche eine Berührung mit dieser 
wie eine ■ Außerlidikeif behandelten Gefahr vermieden 



Froud, VorJeiun^en 28 



«4 ORTiTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENUHRS 

werden aolL Die Verdrängnjng entspridit einem FiudiU' 
versuch des Idis vor der als Gefahr empfuadenea Libido;-! 
Die Phobie kann man einer Vcrsdianzung gegen die 
äußere Gefahr vergleidien, die nun. die gefürditete Libido. 
vertritt Die Schwädie des Verteid^ngssyatems bei den 
Phobien Hegt natürlich darin, daß die Festung, die sidir 
nadi außen hin so verstärkt bat, von innen her angreifbar 
geblieben ist. Die Projektion der Libidogefahr nadi außen 
kann nie gut gelingen. Bei den anderen Neurosen sind, 
darum andere Systeme der Verteidigung gegen die Mög-, 
lichkeit der Angstent Wicklung im Gebrauch. Das ist ein. 
sehr interessantes Stück der Neurosenpsychologie, leider 
führt es uns zu weit und setzt gründlidiere Spezialkennt- 
nisse voraus. Ich will nur nocli eines beifügen. Ich habe 
Ihnen dodi bereits von der „Gegenbesetzung" gesprodien, 
die das Id» bei einer Verdrängung aufwendet und dauernd 
unterhalten muß, damit die Verdrängung Bestand habe. 
Dieser Gegenbesetzung fällt die Aufgabe zu, die ver- 
sdiiedenen Formen der Verteidigung gegen die Angst- 
entwidclung nach der Verdrängung durdi zuführen. 

Kehren wir zu den Phobien zurück. Ich darf nun sagen, 
Sie sehen ein, wie unzureichend es ist, wenn man an 
ihnen nur den Inhalt erklären will, sich für nichts anderes 
interessiert, als woher es kommt, daß dies oder jenes 
Objekt oder eine beliebige Situation zum Gegenstand 
der Phobie gemadit wird. Der hihalt einer Phobie hat 
für diese ungefähr dieselbe Bedeutung wie die manifeste 
Traumfassade für den Traum, Es ist mit den notwendigen 
Einschränkungen zuzugeben, daß unter diesen Inhalten 
der Phobien sich manche befinden, die, wie Stanley 
Hall hervorhebt, durdi phylogenelisdie Erbschaft zu 
Augstobjekten geeignet sind Ja es stimmt dazu, daß 
viele dieser Angstdinge ihre Verbindung mit der Gefahr 
nur durd» eine symbolische Beziehung herstellen können. 
^ - Wir haben uns so überzeugt, welche geradezu zentral 
tu nennende Stelle das Angstproblem in den Fragen der 
Neurosenpsychologie einnimmL Wir haben einen starken 



-"^■''-'"''^■'"' "JOtV. DE ANGST 43S 

Eindruck davoa empfangen, wie die Angstentwicklung 
mit den Sdiicksalen der Libido und dem System des Un- 
bewußten verknöpft ist Nur einen Punkt empfanden wir 
als unverbunden, als eine Lücke in unserer Auffassung, 
die eine doch sdiwer bestreitbare Tatsache, daß die Reai- 
angst als eine Äußerung der Selbsterhaltungstriebe des 
Ichs gewertet werden muß. 

XXVL VORLESima 

DIE LIBIDOTHEORIE 
UND DER NARZISSMUS 

Meine Daiten und Herren! Wir haben wiederholt und 
erst vor kurzem wieder mit der Sooderung der 
Iditriebe und der Sexualtriebe zu tun gehabt Zuerst 
hat uns die Verdrängung gezeigt, daß die beiden in 
Gegensatz zueinander treten können, daß dann die 
Sexualtriebe formell unterliegen und genötigt sind, sich 
auf regressiven Umwegen Befriedigung zu holen, wobei 
sie dann in ihrer Unbezwingbarkeit eine Entschädiguiig 
für ihre Niederlage finden. Sodann haben wir gelernt 
daß die beiden von Anfang an ein verschiedenes Ver- 
hältnis zur Erzieherin Not haben, so daß sie nidit die- 
selbe Entwicklung durchmadien und nicht in die näm- 
liche Beziehung zum Realitäfsptinzip geraten. Endlich 
glauben wir zu erkennen, daß die Sexualtriebe durch 
Weit eng^ere Bande mit dem Affektzustand der Angst 
verknüpft sind als die Ichtriebe, ein Resultat, welches 
nur nodi in einem widitigen Punkte unvollständig er- 
scheint Wir wollen darum zu seiner Verstärkung noch 
die bemerkenswerte Tatsache heranziehen, daß die Un- 
befriedigung von Hunger und Durst der zwei elemen- 
tarsten Selbsterhaltungstriebe, niemals deren Umsdilag 
in Angst zur Folge hat, während die Umsetzung von 
unbefriedigter Libido in Angst, wie wir gehört haben, 
zu den bestbekannten und am häufigsten beobachteten 
Phänomenen gehört -'* :r-;'-'^" ■^■^ 



436 DRITTER TF.lLr ALLGEMEINE HEUROSENI.EHRE 

'Ab unserem guten Redit, Ich- und Sexualtriebe zu 
sondern, kann doch wohl Dicht geriittelt werden. Es ist 
ja mit der Existenz des Sexuaistrebens als einer be-, 
sonderen Betätigung des Individuums gegeben. Es kann 
sich nur fr^en, weldie Bedeutung wir dieser Sondenuig 
beilegen, für wie lief einschneidend wir sie halten 
wollen. Die Beantwortung dieser Frage wird sich aber 
nach dem Ergebnis der Feststellung richten, inwiefern 
sich die Sexualtriebe in ihren somatisdien und seelischen 
Äußerungen anders verhalten als die anderen, die wir 
ihnen gegenüberstellen, und wie bedeutsam die Folgen 
sind, die sich aus diesen Differenzen ergeben. Eine 
übrigens nicht recht faßbare Wesen sversdiiedenheit der 
beiden Triebgruppen zu behaupten, dazu fehlt uns 
natürlich jedes Motiv. Beide treten uns nur als Be- 
nennungen für Energiequellen des Individuums ent- 
gegen, und die Diskussion, ob sie im Grunde eins oder 
wesensverschieden sind, und wenn eines, wann sie sidi 
voneinander getrennt haben, kann nicht an den Be- 
griffen geführt werden, sondern muß sidi an die bio- 
logischen Tatsachen hinter ihnen halten. Darüber wissen 
wir vorläufig zu wenig, und wüßten wir selbst mehr„ 
es käme für unsere analytische Aufgabe nicht in Betracht., 

Wir profitieren offenbar auch sehr wenig, wenn wir, 
nadi dem Vorgang von jung die uranfängliche Einheit 
aller Triebe betonen und die in allem sich äußernde 
Eueigie „Libido" nennen. Da sich die Sexualfunktion, 
durdi keinerlei Kunststück aus dem Seelenleben eli-, 
minieren läßt, sehen wir uns dann genötigt, von aexar, 
eller und von asexueller Libido zu sprechen. Der Name 
Libido bleibt aber mit Recht für die Triebkräfte des 
Sexuallebens vorbehalten, wie wir es bisher geübt 
haben. 

Ich meine also, die Frage, wie weit die unzweifel- 
haft bereditigte Sonderung von Sexual- und Selbst- 
erhaltungstrieben fortzusetzen ist, hat für die Psycho- 
analyse nidit viel Belang; sie ist auch nidit kompetent 






XXyi. DIE ttBlDOTHEORIE UND DER KAR2ISSMUS «7 

dafür. Von Seiten der Biologie ergeben sich allerdings 
versdiiedene Anhaltspunkte dafür, daß sie etwas Wich- 
tiges bedeutet. Die Sexualität ist ja die einzige Funktion 
des-lebenden Oi^anismus, welche über das Individuum 
hinausgehl und seine Anknüpfung an die Gattung be- 
sorgt Es ist unverkennbar, daß ihre Ausübung dem 
Einzelwesen nidit immer Nutzen bringt wie seine 
^andere^ Leistungen, sondern ihn um den Preis einer 
ungewöhnlich hohen Lust in Gefahren bringt, die sein 
Leben bedrohen und es oft genug verwirken. Ea werden 
auch wahrsdieinlidi ganz besondere, von allen anderen 
abweichende Stoffwedisel vorhänge erforderlidi sein, um 
einen Anteil des individuellen Lebens als Disposition 
für die Nachkommen sciiaft au erhalten. Und endlich ist 
das Einzelwesen, das sich selbst als Hauptsadie und 
seine Sexualität als ein Mittel zu seiner Befriedigung 
wie andere betrachtet, in biologischer Anschauung nur 
eine Episode in einer Generationsreihe, ein kurzlebiges 
Anhängsel an ein mit virtueller Unsterblichkeit begabtes 
Keimplasma, gleidisam der zeitweilige Inhaber eines ihn 
•fiberdauemdea Fideikommisses. ' '-p 

Indes braucht es für die p^dioanalytisdie Aijf- 
klärung der Neurosen nicht so weitreichender Gesidits- 
punkte. Mit Hilfe der gesonderten Verfolgung von 
Sexual- und Ichtrieben haben wir den Sdilüssel zum 
Verständnis der Gruppe der Übertragungsneurosen ge- 
wonnen. Wir konnten sie auf die grundlegende Situation 
zurfidcführen, daß die Sexualtriebe in Zwist mit den 
Erhaltungstrieben geraten oder biologisdi — wenn auch 
ungenauer ausgedrüdtt — , daß die eine Position des 
Idis als selbständiges Einzelwesen mit der anderen als 
Glied einer Generationsreihe in Widerstreit tritt. Zu 
solcher Entzweiung kommt es vielleicht nur beim 
Menschen, und darum mag im ganzen und großen die 
Neurose sein Vorrecht vor den Tieren sein. Die über- 
tBtarke Entwicklung seiner Libido und die vielleicht 
rade dadurch ermöglichte Ausbildung eines reich ge- 



«a DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE " 

gliederten Seelenlebens stieinen die Bedingungea Ifir 
die Entstehung eines solchen Konflikts gesdiaffen zu 
haben. Es ist ohne weiteres ersiditlich, daß dies audi 
die Bedingungen der großen Fortsdiritte sind, die der 
Mensdt über seine Gemeinsdiaft mit den Tieren hinaus 
gemadit hat, so daß seine Fähigkeit zur Neurose nur 
die Kehrseite seiner sonstigen Begabung wäre. Aber 
audi das sind nur Spekulationen, die uns von'unaer^ 
nädisten Aufgabe ablenken. r^j-irC :';.-oiir' 

Es war bisher die Voraussetzung unserer Arbeit, 
daß wii Idi- und Sexualtriebe nach ihren Äußerungen 
voneinander untersdieiden können. Bei Übertragungs- 
neuTDsen gelang dies ohne Schwierigkeit, V^^ir nannten 
die Energiebesetzungen, die das Ich den Obiekten seiner 
rSexualstrebungen zuwendet, ^ L i b i d o ", alle anderen, 
die von den Selbsterhaltungstrieben ausgeschickt werden, 
„Interesse" und konnten uns durdi die Verfolgung 
der Libidobesetzungen, ihrer Umwandlungen und ihrer 
«ndlidien Sdiicksale eine erste Einsicht in das Getriebe 
der seelischen Kräfte versdiaffen. Die Übertragunga- 
neurosen boten uns hiefür den günstigsten Stoff, Das 
Idi aber, seine Zusammensetzung aus verscliiedenen 
Organisationen, deren Aufbau und Funktionsweise, blieb 
uns verhüllt, und wir durften vermuten, daß erst die 
Analyse anderer neurotisdier Störungen uns diese Ein- 
sichten bringen könnte. .■i.iiir.Ej'iiV 

Wir haben frühzeitig damit begonnen, -die psydio- 
analytischen Anschauungen auf diese anderen Affek- 
tionen auszudehnen. Schon 1908 spradi K. Abraham 
nadi einem Gedanken austausdi mit mir den Satz aus, 
es sei der Hauptcharakter der (zu den Psychosen, ge- 
lechneten) Dementia praecox, daß ihr die Libido- 
besetzung der Objekte abgehe. (nDie psycho- 
sexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia 
■praecox.") Dann erhob sich aber die Frage, was ge- 
schieht mit der von den Objekten abgewandten Libido 
der Dementen? Abraham zögerte nicht, die Antwort 



XXVL DIE LIBIDOTHEORIE UND DER NARZISSMUS «9 

ZU geben; sie wird auf das I<ii zurückgewandt,, und 
diese reflexive Rückwendung ist die Quelle 
des Größenwahns der Dementia praecoK. Der Großen- 
wabn ist durchaus der im Liebesleben bekannten Sexual- 
fiberschätzung des Objektes zu vergleichen. Wir haben 
BO zum erstenmal eineo Zug einer psychotischen Affek- 
tion durdi die Beziehung auf das normale Liebesleben 
verstehen geJemt 

,: Idi sage es ihnen gleich, diese ersten Auffassungen 
von Abraham haben sich in der Psychoanalyse er- 
halten und sind die Grundlage für unsere Stellung- 
nahme zu den Psytiiosen geworden. Man madite sich 
also langSMD mit der Vorstellung vertraut, daß die 
Libido, die wir an den Objekten haftend finden, die 
der Ausdrude eines Bestrebens ist, an diesen Objekten 
eine Befriedigung zu gewinnen, auch von diesen Ob- 
jekten ablassen und an ihrer Statt das eigene Ich setzen 
kann, und man baute diese Vorstellung allmählich immer 
konsequenter aus. Den Namen für diese Unterbringung 
der Libido — Narzißmus — entlehnten wir einer von 
P. Näcke beschriebenen Perversion, bei welcher das 
erwachsene Individuum den eigenen Leib mit all den 
Zärtlichkeiten bedenkt, die man sonst für ein fremdes 
Sexualobjekt aufwendet 

Man sagt sich dann alsbald, wenn es' eiije .apldie 
Fixierung, der Libido an den eigenen Leib und die 
eigene Person anstatt an ein Objekt gibt, so kann dies 
kein ausnohms weises und kein geringfügiges Vorkommnis 
sein. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß dieser Narzißmus 
der allgemeine und ursprüngliche Zustand ist, aus welchem 
sich erst später die Objektliebe herausbildete, ohne daß 
darum der Narzißmus zu versdivtinden braudite. Man 
mußte sich ja aus der Entwicklungsgeschichte der Objekt- 
libido daran erinnern, daß viele Sexualtriebe sich an- 
fänglich am eigenen Körper, wie wir sogen; autoerotisch 
befriedigen, und daß diese Fähigkeit zum Autoerotismus 
das Zurückbleiben der Sexualität in der Erziehung zum 



m DRITTER TEILT AtlOEHEfHE NEUttOSENLEHRE ^^ . 

Realitätsprinzip begründet. So war also der Autoero- 
tismus die Sexualbetätigung des narzißtischen Stadiums 
der Libidounterbringung, 

Um es kurz zu fassen, wir machten uns von dem 
Verhältnis der Ichlibido zur Objektlibido eine Vorstellung; 
die idi Ihnen durch ein Gleichnis aus der Zoologie 
veranscJi au liehen kann. Denken Sie an jene einfadisten 
Lebewesen, die aus einem wenig differenzierten Klump- 
dien protoplasmatisdier Substanz bestehen. Sie stredien 
Fortsätze aus, Pseudopodien genannt, in welche sie ihre 
Leibesfiubstanz hin überfließen lassen. Sie können diese 
Fortsätze aber auch wieder einziehen und sidi zum 
Klumpen ballen. Das Ausstrecken der Fortsätze ver- 
gleichen wir nun der Aussendung von Libido auf die 
Objekte, während die Hauptroenge der Libido im Ich ver- 
bleiben kann, und wir nehmen an, daß unter normalen Ver- 
hältnissen Idilibido ungehindert in Objektlibido umgesetzt 
und diese wieder ins Ich aufgenommen werden kann. 

Mit Hilfe dieser Vorstellungen können wir nun eine 
ganze Anzahl von seelischen Zuständen erklären oder; 
bescheidener ausgedrückt, in der Sprache der Libido- 
theorie beschreiben. Zustände, die wir dem nomialeij 
Leben zurechnen müssen, wie das psychisdie Verhalten 
in der Verliebtheit, bei organisdiem Kranksein, ini 
Sdilaf. Wir haben für den Schlafzustand die Annahme 
gemacht, daß er auf Abwendung von der Außenwelt 
und Einstellung auf den Sdilafwunsch beruhe. Was sich 
als nächtliche Seelentätigkeit im Traume äußerte, fanden 
wir im Dienste eines Schlafwunsches und überdies von 
durchaus egoistischen Motiven beherrscht. Wir führen 
jetzt im Sinne der Libidotheorie aus, daß der Schlaf 
ein Zustand ist, in weldiem alle Objektbesetzungen, die 
libidinSsen ebeiisowohl wie die egoistischen, aufgegebeii 
und ins Ich zurfid^ezogen werden. Ob damit nicht ein 
neues Licht auf die Erholung durch den Schlaf und auf 
die Natur der Ermüdung überhaupt geworfen wird? 
Das Bild der seligen Isolierung im Intrauterinlebea 



XXVt. tllE LtBIDOTHEORIE UHP DER MARZESMDS *41 

welches uns der Schlafende allnächtlich wieder herauf- 
beschwört, wird so auch nadi der psydiischen Seite ver- 
vollständigt Beim Schlafenden hat sidi der Uraustand 
der Libidoverteilung wiederhergestellt, der volle Narziß- 
mus, bei dem Libido und Ichinteresse nodi vereint «nd 
nnunterscheidbar in dem sich selbst genügenden Ich 
wohnen. 

Hier ist Raum für zwei Bemerkangeii. Erstens," wie 
unterscheiden sidi Narzißmus und Egoismus begrifflidi? 
Nun, idi meine, Narzißmus ist die libidinöse Ergänzung 
zum Egoismus. Wenn man von Egoismus spricht, hat 
man nur den Nutzen für das Individuum ins Auge ge- 
faßt; sagt man Narzißmus, so zieht man auch seine 
libidinöse Befriedigung in Betracht Als praktische Motive 
lassen sich die beiden ein ganzes Stüdt weit gesondert 
verfolgen. Man kann absolut egoistisch sein und doch 
starke libidinöse Objektbesetzungen unterhalten, insofern 
die libidinöse Befriedigung am Objekt zu den Bedürf- 
L nissen des Ichs gehört Der Egoismus wird dann darauf 
achten, daß die Strebung nach dem Objekt dem Icli 
keinen Sdiaden briiM;e- Man kann egoistisdi sein und 
dabei auch überstark narzißtisdi, d, h. ein sehr geringe« 
Objektbedürfnis haben und dies wiederum entweder in 
der direkten Sexualbefriedigung oder auch in jenen 
höheren, vom Sexualbedürfnis abgeleiteten Strebungen, 
die wir gelegentlich als „Liebe" .in einen Gegensatz 
zur „Sinnlichkeit" zu bringen pflegen. Der Egoismus 
ist in all diesen Beziehungen das Selbstverständliche, 
Konstante, der Narzißmus das variable Element Der 
Gegensatz von Egoismus, Altruismus, dedtt sich be- 
grifflich nicht mit iibidinöser ObjektbeseUung, er sondert 
sich von ihr durdi den Wegfall der Strebungen nach 
sexueller Befriedigung. In der vollen Verliebtheit trifft 
aber der Altruismus mit der libidinösen Objektbesetzung 
zusammen. Das Sexualobjekt zieht in der Regel einen 
Anteil des Narzißmus des Ichs auf sich, was als die 
sogenannte „Sexualüberscliätzung" des Objektes be- 



*« DRITTER TEIL. ALLGEMEINE NEUROSENl^HRE 

merkbar wird Kommt nodi die altruistische Überleitung 
vom fgoismus auf das Sexualobjekt hinzu, so wird daa 
Sexualobjekt übermäditig; es hat das Idi gleidisam 
aufgesogen, ' , 

Idi denke, Sie werden es als Erholung empfinden, 
wenn ich Ihnen nach der im Grunde trodtenen PhantastUc 
der Wissenschaft eine poetische Darstellung des öko- 
nomischen Gegensatzes von Narzißmus und Verliebt- 
heit vorlege, ich entnehme sie dem WcatoBtlichen 
Divan Goethes: , 

Suleika: Volk und Knedit und Überwinder 
Sie gestehn zu jeder Zeit:' 
Höchstes Glück der Erdenkinder - ' 
Sei nur die Persönlichkeit. '"'»"'MärfbWil 

; Jedes Leben sei lu führen, ""'* "^««nJ 

■ Wenn man sidi nicht selbst vermißt,' -''''''" 
Alles könne man verlieren, iii^äJöU» 
Wenn man Hiebe, was man ist. -■"♦"U'aife 

tlatem: Kann wohl sein! So wird gemeine^ ""•"" 

Doch ich bin auf andrer Spur: - ''"J"'-''- 

Alles Erdenglück vereinet ' 

Find' ich in Suleika nur. 
' Wie sie sidi an mich verschwendet, ' 

Bin ich mir ein wertes Idi; 

Hätte sie sich weggewendet, 

Augenblicks verlor' ich mich. 

Nun mit Hatem wär's zu Ende; 
■ Doch BtJion hab' ich umgelost; 

Idi verkörpere midi behende 

In den Holden, den sie kost. 

■ Die zweite Bemerkung ist eine Ergänzung zur Traum-| 
äieorie. Wir können uns die Entstehung des Traumes 
nicht erklären, wenn wir nicht die Annahme einfügen, 
daß das verdrängte Unbewußte eine gewisse Unab- 
hängigkeit vom Idi gewonnen hat, so daß es sich dem 
Sdilafwunsch nicht fügt und seine Besetzungen behält, 



w 


XXVI DIE LIBIDOTHEORIE UND DER NARZISSHUS 


443 



auch wenn alle vom Ich abhängigen Objektbesetzungen 
zu Gunsten des Sdilafes eingezogen werden. Erst dann 
-ist zu verstehen, daß dies Unbewußte sich die nächt- 
liche Aufhebung oder Herabsetzung der Zensur zu nutze 
machen kann, und daß es sidi der Tagesreste zu be- 
mächtigen weiß, um mit ihrem Stoff einen verbotenen 
Traumwunsch zu bilden. Anderseits mögen schon die 
Tagesreste ein Stüdc ihrer Resistenz gegen die vom 
Schlafwunsdi verfügte Libido einziehung einer bereits 
bestehenden Verbindung mit diesem verdrängten Un- 
bewußten verdanken. Diesen dynamisch wichtigen Zug 
wollen wir also in unsere Auffassung von dw Traum- 
bildung nachträglidi einfügen. 

Organische Erkrankung, schmerzhafte Reizung, Ent- 
zündung von Organen schafft einen Zustand, der deut- 
lid) eine Ablösung der Libido von ihren Obiekten zur 
Folge hat. Die eingezogene Libido findet sich im Ich 
wieder als verstärkte Besetzung des erkrankten Körper- 
teiles. Ja man kann die Behauptung wagen, daß unter 
diesen Bedingungen die Abziehung der Libido von 
ihren Objekten auffälliger ist als die Abwendung des 
cgoistisdien Interesses von der Außenwelt Von hier 
BUS sdieint sich ein Weg zum Verständnis der Hypo- 
:diondrie zu eröffnen, bei welcher ein Organ in gleicher 
Weise das Ich beschäftigt, ohne für unsere Wahrnehmung 
krank zu sein. Aber ich widerstehe der Versuchung, 
hier 'Weiterzugehen oder andere Situationen zu erörtern, 
die uns durch die Annahme einer Wanderung der 
Objektlibido in das Ich verständlich oder darstellbar 
werden, weil es mich drängt, zwei Einwendungen zu 
begegnen, die, wie ich weiß, jetzt . Ihr Gehör haben. 
Sie wollen midi erstens zur Rede stellen, wanmi ich 
beim Sdtaf, in der Krankheit und in den ähnlidien 
-Situationen durchaus Libido und Interesse, Sexualtriebe 
und Ichtriebe unterscheiden will, wo sidi die Beob- 
achtungen durdiwegs mit der Annahme einer, einzigen 
und. einheitlichen Energie erledigen lassen, diei. frei 



m DUflTER TEIL; ALLGEMEINE NEDROSENLEHSE 

beweglicäi, bald das Objekt, bald das Ich besetzt, so- 
wohl in den Dienst des einen wie des anderen Triebes 
tritt. Und zweitens, wie ich mich getrauen kann, die 
Ablösung der Libido vom Objekt als Quelle eines 
paüiologischen Zustandes zu behandeln, wenn solche 
Umsetzung der Objektlibido in Idilibido — oder all- 
gemeiner in Idienergie — zu den normalen und täglich, 
allnächtlidi, wiederholten Vorgängen in der seelischen 
Dynamik gehört- 

Darauf ist zu erwidern: Ihr erster Einwand klingt 
gut. Die Erörterung der Zustände des Schlafes, des 
Krankseins, der Verliebtheit hätte «ns an sich wahr- 
scheinlich niemals zur Untersd\eidung einer Idilibido 
von einer Objektlibido oder der Libido vom Interesse 
geführt Aber Sie vernachlässigen dabei die Unter- 
suchungen, von denen wir ausgegangen sind, und in 
deren Licht wir jetzt die in Rede stehenden seelischen 
Situationen betrachten. Die Unterscheidung von Libido 
und Interesse, also von Sexual- und Selbsterhaltungs- 
trieben, ist uns durcli die Einsidit in den Konflikt auf- 
gedrängt worden, aus weldiem die Übertragungsneurosen 
hervoi^ehen. Wir können sie seitdem nicJit wieder auf- 
geben. Die Annahme, daß sich Objektlibido in Ichlibido 
umsetzen kann, daß man also mit einer Ichlibido zu 
rechnen hat, ist uns als die einzige ersiiiienen, welche 
das Rätsel der sogenannten narzistischen Neurosen, z. B. 
der Dementia praecoit, zu losen vermag, von deren 
Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten im Vergleich mit 
-Hysterie und Zwang Reche nsdiaft geben kann. Auf 
Krankheit, Sdilaf und Verliebtheit wenden wir nun an, 
was wir anderwärts als unabweisbar bewährt gefunden 
habön. Wir dürfen mit solchen Anwendungen fortfahren 
und sehen, wie weit wir damit reidien. Die einzige Be- 
hauptung, die nicht direkter Niedersdilag unserer analy- 
tisdien Erfahrung ist, geht dahin, daß Libido Libido 
bleibt, ob sie nun auf Objekte oder auf das eigene Ich 
g;ewendet wird, imd sidi niemals in egoistisches Interesse 



XXVI. DE UBIDOTHEORIE UWD DER NARZISSMUS 445 

umsetzt und ebenso das Umgekehrte. Diese Behauptung 
ist aber gleichwertig mit der bereits kritisch gewürdigten 
Sonderung von Sexual' und Ichtrieben, an der wir bis 
zum möglidien Scheitern aus heuristischen Motiven (est- 
iiaiten wollen. 

Auch Ihre zweite Einwendung greift eine berechtigte 
Frage auf, aber sie zielt in falsche Richtung. Gewiß ist 
die Einziehung der Objektlibido ins Ich nicht direkt 
pathogen; wir sehen ja, daß sie jedesmal vor dem Schlafen- 
gehen vorgenommen wird, um mit dem Wachen wieder 
rückgängig zu werden. Das Protoplasmatierchen zieht 
seine Fortsätze ein, um sie beim nädisten Anlaß wieder 
auszusdiicken. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn 
ein bestimmter, sehr energischer Prozeß die Abziehung 
der Libido von den Objekten erzwingt Die narzißtisch 
gewordene Libido kann dann den Rückweg zu den Ob- 
jekten nicht finden, und diese Behinderung in der Be- 
weglichkeit der Libido wird allerdings pathogen. Es 
sdieint, daß die Anhäufung der narzißtischen Libido 
über ein gewisses Maß hinaus nicht veitragen wird. 
Wir können uns auch vorstellen, daß es eben darum 
zur Objektbesetzung gekommen ist, daß das Ich seine 
Libido aussdiicken mußte, um nidit an ihrer Stauung 
zu erkranken. Wenn es in unserem Plane läge, uns mit 
der Dementia praecox eingeliender zu beschäftigen, würde, 
ich Ihnen zeigen, daß jener Prozeß, der die Libido von 
den Objekten ablöst und ihr den Rückweg zu ihnen 
absperrt, dem Verdrängungsprozeß nahesteht, als ein 
Seitenstuck zu ihm aufzufassen ist. Vor allem aber 
würden Sie bekannten Boden unter Ihren Füßen spuren, 
indem Sie erfahren, daß die Bedingungen dieses Prozesses 
fast identisch sind — soviel wir bis jetzt erkennen — 
mit denen der Verdrängung. Der Konflikt scheint der 
nämlidie zu sein und sidi zwischen denselben Mächten 
abzuspielen. Wenn der Ausgang ein so anderer ist als 
z, B. bei der Hysterie, so kann der Grund davon nur 
in einer Verschiedenheit der Disposition liegen. Dje 



446 DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

Libidoentwicklung; hat bei diesen Kranken ihre sdiwadie 
Stelle an einer anderen Phase; die maßgebende Fixierung, 
weldie, wie Sie aid» erinnern, den Durchbrudi Kur 
Symptombildung gestattet, liegt anderswo, wahrsnäieinlich 
im Stadium des primitiven Narzißmus, zu welchem die- 
Dementia praecox in ihrem Endausgang zurüdckehrt. Es 
bt ganz bemerkenswert, daß wir für alle narzißtischen' 
Neurosen Fixierungssteilen der Libido annehmen müssen, 
welche in weit frühere Phasen der Entwicklung zurück-, 
reidien als bei der Hysterie oder der Zwangsneurose. 
Sie haben aber gehört, dafi die Begriffe, die wir im 
Studium der Übertragungsneurosen erworben haben, auch 
zur Orientierung in den praktisch so viel sdiwereren 
narzißtischen Neurosen ausreidien. Die Gemeinsamkeiten 
gehen sehr weit; es ist im Grunde dasselbe Erschein ungs-' 
gebiet Sie können sidi aber auch vorstellen, wie aussichts- 
los die Aufklärung dieser sdion der Psychiatrie zu- 
fallenden Affektionen sidi für den gestaltet, der nidit 
die analytische Kenntnis der Ubertragungsneurosea für 
diese Aufgabe mitbringt. . 

Das Symptombild der Dementia praecox, das übrigens 
sehr wediselvoll ist, wird nicht ausschließlich durch die 
Symptome bestimmt, wcldie aus der Abdrängung der" 
Libido von den Objekten und deren Anhäufung als 
narzißtisdie Libido im Ich hervorgehen. Einen breiten 
Raum nehmen vielmehr andere Pbänoniene ein, die sich' 
auf das Bestreben der Libido lurückführen, wieder zu 
den Objekten zu gelangen, die also einem Restitutions- 
oder Heilungsversuch entspredien. Diese Symptome sind 
sogar die auffälligeren, die lärmenden; sie zeigen eine 
unzweifelhafte Ähnlidikeit mit denen der Hysterie oder. 
seltener der Zwangsneurose, sind aber doch in jedem 
Punkte anders. Es s die int, daß die Libido bei der 
Dementia praecox in ihrem Bemühen, wieder zu den 
Objekten, d. h. zu den Vorstellungen der Objekte zu 
kommen, wirklich etwas von ihnen erhascht, aber gleidi- 
sam nur ihre Schatten, ich meine, die ihnen zugehörigen 



XXVI. DIE UBIDOTHEORE UND DER NARZISSMUS «7 

WortvorateUtingen. Ich kann hier nidit mehr darüber 
sagen, aber idi meine, dies Benehmen der rüdt strebenden 
Libido hat uns gestattet, eine Einsicht in das zu ge- 
winnen, was wirklidi den Unterschied zwisdien einer 
bewußten und einer unbewußten Vorstellung ausmacht. 
Ich habe Sie nun in das Gebiet gefülu-t. auf welchem 
die nächsten Fortsdiritte der analytischen Arbeit zu er- 
warten sind. Seitdem wir uns getrauen, den Begriff der 
Ichlibido zu , handhaben, sind uns die narzißtischen 
Neurosen zugänglich geworden; es hat sich die Aufgabe 
ergeben, eine dynamiadie Aufklärung dieser Affektionen 
zu gewinnen und gleichzeitig unsere Kenntnis des 
Seelenlebens durch das Verständnis des Ichs zu ver- 
vollständigen. Die Idipsychologie, die wir anstreben, 
soll nicht auf die Daten unserer Seibstwahmehraungen, 
sondern wie bei der Libido, auf die Analyse der 
Störungen und Zerstörungen des Ichs begründet sein. 
Wahrscheinlich werden wir von unserer bisherigen Kennt- 
nis der Libido sdiicksale, die wir aus dem Studium der 
Überlragungsneurosen geschöpft haben, gering denken, 
wenn jene größere Arbeit geleistet ist Aber dafür sind 
wir in ihr auch noch nicht weit gekommen. Die narziß- 
Usdien Neurosen sind für die Technik, welche uns bei 
den Übertragungsneurosen gedient hat, kaum angreifbar. 
Sie werden bald hören, warum. Es geht uns mit ihnen 
immer so, daß wir nach kurzem Vordringen vor eine 
Mauer zu stehen kommen, die uns Halt gebietet. Sie 
wissen, auch bei den Obertragungsneurosen sind wir 
auf solche Widers landsschranken gestoßen, aber wir 
konnten sie Stück für Stück abtragen. Bei den narziS- 
tJBcheti Neurosen ist der Widerstand unü her windbar; 
wir dürfen höchstens einen neugierigen Blick über die 
yöhe der Mauer werten, um zu erspähen, was jenseits 
derselben vor sich geht. Unsere tedinischen Methoden 
müssen also durch andere ersetzt werden; wir wissen 
noch nicht, ob uns ein solcher Ersatz gelingen wird Es 
fehlt uns allerdings auch bei diesen Kranken nicht an 



«8 DRITTER TE[L: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

Material. Sie geben vielerlei Äußerungen von sich, wen» 
audi nicht als Antworten auf unsere Fragen, und vsrir 
sind vorläufig darauf angewiesen, diese Äußerungen mit! 
Hilfe des Verständnisses, das wir an den Symptomen 
der Übertragurtgsneurosen gewonnen haben, zu deuten. 
Die Übereinstimmung ist groß genug, um uns einen 
Anfangsgewinn zuzusichern. Wie weit diese Technik 
reichen wird, bleibt dahingestellt 

Andere Schwierigkeiten kommen hinzu, um unserefti 
Foitschritt autzuhalten. Die narzißtisdien Affektioneii'' 
und die an sie ansdiließenden Psychosen können nuF 
von Beobachtern enträtselt werden, die sich durch das 
analytische Studium der Übertragungsneurosen geschult 
haben. Aber unsere Psychiater studieren keine Psycho- 
analyse und wir Psychoanalytiker sehen zu wenig psychia- 
trisdie Fälle. Es muß erst ein Geschlecht von Psychiatern 
herangewadisen sein, welches durdi die Schule der 
Psychoanalyse aJs vorbereitender Wissenschaft gegangen 
ist Der Anfang dazu wird gegenwärtig in Amerika 
gemacht, wo sehr viele leitende Psychiater den Studenten 
die psydioanalyti sehen Lehren vortragen, und wo Anstalts- 
besitzer und Irrenhausdirektoren sich bemühen, ihie 
Kranken im Sinne dieser Lehren zu beobachten. Immer- 
hin ist es audi uns hier einige Male geglückt, einen 
Blick über die narzißtische Mauer zu werfen, und ich 
will Ihnen im Folgenden einiges beriditen, was wir er- 
hasdit zu haben glauben. 

Die Krankheitsform der Paranoia, der chronisdien 
systematischen Verrüdttheit, nimmt in den Klassifikations- 
versuehen der heutigen Psychiatrie eine schwankende 
Stellung ein. An ihrer nahen Verwandtschaft mit der 
Dementia praecox ist indes kein Zweifel. Ich habe mir 
einmal den Vorschlag erlaubt, Paranoia und Dementia 
praecoK unter der gemeinsamen Bezeichnung der Para- 
phrenie zusammenzufassen. Die Formen der Paranoia 
werden nadi ihrera Inhalt als: Größenwahn, Verfolgungs- 
wahn, Liebeswahn (Erotomanie), Eifersuchtswahn usw. 



XXVL DE UBIDOTHEORIE UND DER NARZtSSMUS 449 

beadirieben. Erldärungsversudie werden wir von der 
Psydiialrie nicht erwarten. Als Beispiel eines solciien, 
allerdings ein veraltetes und nicht ganz vollwertiges 
Beispiel, erwähne ich Ihnen den Versudi, ein Symptom 
mittels einer intellektuellen Rationalisierung aus einem 
anderen abzuleiten: Der Kranke, der sidi aus primärer 
Neignng verfolgt glaubt, soll aus dieser Verfolgung den 
Schluß ziehen, er müsse dodi eine ganz besonders 
wititige Personlidikeit sein, und darum den Größen- 
wahn entwickeln. Für unsere analytische Auffassung ist 
der Größenwahn die mimittelbare Folge der Idiver- 
größerung durdi die Einziehung der libidinosen Objekt- 
besetzungeo, ein sekundärer Narzißmus als Wiederkehr 
des Ursprung! idieu frühinfantilen. An den Fällen von 
Verfolgungswahn haben wir aber einiges beobachtet, 
was uns veranlaßte, eine gewisse Spur zu verfolgen. 
Es fiel uns zunächst auf, daß in der überwiegenden 
Mehrzahl der Fälle der Verfolger von demselben Ge- 
schledit war wie der Verfolgte, Das war immer nodi 
einer harmlosen Erklärung fähig, aber in einigen gut 
studierten Fällen zeigte es sidi klar, daß die in normalen 
Zeiten am besten geliebte Person des gleichen Ge- 
ediledites sidi seil der Erkrankung zum Verfolger um- 
gewandelt hatte. Eine weitere Entwiddung wird dadurdi 
möglidi, daß die geliebte Person nadi bekannten Affini- 
täten durch eine andere ersetzt wird, z. B. der Vater 
durd) den Lehrer, den Vorgesetzten. Wir zogen aus 
Bolchen, sidi immer vermehrenden, Erfahrungen den 
Sdiluß, daß die Paranoia persecutoria die Form ist, in 
der Bidi das Individuum gegen eine überstark gewordene 
homosexuelle Regung zur Wehre setzt Die Verwand- 
lung der Zärtlichkeit in Haß, die bekannÜidi zur ernst- 
haften Lebensbedrohung für das geliebte und gehaßte 
Objekt werden kann, entspricht dann der Umsetzung 
libidinöser Regungen in Angst, die ein regelmäßiges 
Ergebnis des Verdrängungsvorganges ist Hören Sie z. B, 
den wiederum letzten Fall meißcr diesbezüglidien Bc- 



«2 DRITTER TEtL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

obaditungen. Ein junger Arzt mußte aus seinem Heimats- 
ort versciidcl werden, weil er den Sohn eines dortigen 
Universitätsprofessors, der bis dahin sein bester Freund 
gewesen war, am Leben bedroht hatte. Er schrieb diesem 
einstigen Freund wahrhaft teuflische Absichten und eine 
dämonische Macht zu. Er war schuld an allem Unglück, 
das in den letzten Jahren die Familie des Kranken ge- 
troffen hatte, an jedem familiären und sozialen Miß- 
gesdiidc. Aber nidit genug damit, der böse Freund mid 
sein Vater, der Professor, hatten audi den Krieg ver- 
ursacht, die Russen ins Land gerufen. Er hatte sein 
Leben tausendmal verwirkt, und unser Kranker war 
überzeugt, daß mit dem Tode des Missetäters alles 
Unheil zu Ende gebracht wäre. Und doch war seine 
alte Zärtlichkeit für ihn nodi so stark, daß sie seine 
Hand gelähmt hatte, als sich ihm einmal die Gelegen- 
heit bot, den Feind aus nächster Nähe niederzuschießen. 
In den kurzen Besprechungen, die ich mit dem Kranken 
hatte, kam zum Vorschein, daß das freundsdiaftiichc 
Verhältnis zwischen den beiden weit in die Gymnasial- 
jahre zurüdcreichte. Wenigstens einmal batte es die 
Grenzen der Freundschaft überschritten; ein nächtUdies 
Beisammensein war ihnen der Anlaß zu vollem sexuellen 
Verkehr geworden. Unser Patient hatte nie die Gefühls- 
bezieiiung zu den Frauen gewonnen, die seiner Alters- 
phase und setner einnehmenden Persönlichkeit entsprochen 
hätte. Er war einmal mit einem schönen und vornehmen 
Mädchen verlobt, aber dieses brach das Verlöbnis ab, 
weil es bei seinem Bräutigam keine Zartlidikeit fand. 
Jahre spater brach seine Krankheit gerade in dem 
Momente aus, als es ihm zum erstenmal geglückt war, 
ein Weib voll zu befriedigen. Als diese Frau ihn dank- 
bar und hingebungsvoll umarmte, bekam er piötzlich 
einen rätselhaften Sclimerz, der wie ein scharfer Sdmitt 
um die Schädeldecke lief. Er deutete sicli diese Sensation 
später, als ob an ihm der Schnitt ausgeführt wurde, 
mit dem man bei einer Sektion das Gebini bloßlegt. 



JPtVl. DE LIBIDOTHEORIE UND DER NARZJSSM113 «51 

und da sein Freund pathologischer Anatom geworden 
war, entdeckte er langsam, daß nur dieser ihm diese 
letzte Frau zur Versudiung gesdiidct haben könne. Von 
da an gingen ihm auiJi die Augen über die anderen 
Verfo^ungen auf, deren Opfer er durdt das Betreiben 
des einstigen Freundes werden sollte. 

Wie ist es nun aber mit den Fallen, bei denen der 
Verfolger nicht desselben Geschlechtes ist wie der Ver- 
folgte, deren Anschein also unserer Erklärung einer Ab- 
wehr homosexueller Libido widerspricht? Idi habe vor 
einiger Zeit Gelegenheit gehabt, einen solchen Fall zu 
unterauchen, und habe aus dem scheinbaren Widersprudi 
eine Bestätigung entnehmen können. Das junge Mäddien, 
welches sich von dem Manne verfolgt glaubte, dem sie 
zwei zärtlidie Zusammenkünfte zugestanden, hatte in 
der Tat zuerst eine Wahnidee gegen eine Frau gerichtet, 
die man als Mutterersatz auffassen kann. Erst nach der 
Eweiten Zusammenkunft machte sie den Fortschritt, die- 
selbe Wahnidee von der Frau abzulösen und auf den 
Mann zu übertragen. Die Bedingung des gleichen Ge- 
schlechtes für den Verfolger war also urspriinglidi auch 
in diesem Falle eingehalten worden. In ihrer Klage vor 
dem Rechtsfreund und dem Arzt hatte die Patientin 
dieses Vorstadium ihres Wahnes nicht erwähnt und ao 
den Anschein eines Widerspruches gegen unser Ver- 
ständnis der Paranoia erwedct. 

Die homosexuelle Objektwahl liegt dem Narzißmus 
lursprünglidi näher als die heterosexuelle. Wenn es dann 
gilt, eine unerwünscht starke homosexuelle Regung ab- 
zuweisen, so ist der Rüdeweg zum Narzißmus besonders 
erleiditert. Idi habe bisher sehr wenig Gelegenheit ge- 
habt, Ihnen von den Grundlagen des Liebeslebens, so- 
weit wir sie erkannt haben, zu spredien, kann es auch 
jetzt nicht nadihoien, Idi will nur soviel herausheben, 
daß die Objektwahl, der Fortschritt in der Libidoent- 
widdung, der nadi dem narzißtischen Stadium gemacht 
wird, nadi zwei versdiiedenen Typen erfolgen kann. 



,il DMITERTEtL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

l'jntwtder nadi dem narzißtischen Typus, indem an 
■^ie Stelle des eigenen Ichs ein ihm möglidist ähnlidiea 
iritt, oder nach dem Anlehnungstypus, indem die 
Personen, die durdi Befriedigung der anderen Lebens- 
bedürfnisse wertvoll geworden sind, au<ii von der Libido 
ru Objekten gewählt werden. Eine starke Libidofixiening 
an den narzißtisdien Typus der Objektwahl rechnen wir audi 
in die Disposition zur manifesten Homosexualität ein. 
df-Sie erionem sidi, daß ich Ihnen in der ersten Zu- 
saff.menkunft dieses Semesters von einem Fall von 
Eifersuchtswahn bei einer Frau erzahlt habe. Nun da 
wir so nahe dem Ende sind, möditen Sie gewiß gerne 
hören, we wir psyiiioanalytisch eine Wahnidee erklären 
Aber idi habe Ihnen dazu weniger zu sagen, als Sie 
erwarten. Die Unangreifbarkeit der Wahnidee durch 
logische Argumente und reale Erfahrungen erklärt sich 
ebenso wie die eines Zwanges durch die Beziehung 
lum Unbewußten, weldies durdi die Wahnidee oder 
Zwangsidee repräsentiert und niedergehalten wird. Der 
üntersdiied zwischen beiden ist in der versdiiedenen 
Topik und Dynamik der beiden Affektionen begründet 
Wie bei der Paranoia, so haben wir auch bei der 
Melandiolie, von der übrigens sehr verschiedene klinische 
Formen beschrieben werden, eine Stelle gefunden, an 
weither ein Einbilde in die innere Struktur der Affek- 
tion möglidi wird. Wir haben erkannt, daß die Selbst- 
vocwürfe, mit denen sich diese Melancholiker in der er- 
barmungslosesten Weise quälen, eigentlich einer anderen 
Person gelten, dem Sexualobjekt, weldies sie verloren 
haben, oder tlaa ihnen durÄ seine Schuld entwertet 
worden ist Daraus konnten wir schließen, der Melan- 
choliker habe zwar seine Libido von dem Objekt zurück- 
gezogen, aber durdi einen Vorgang, den man „narziß- 
tisdie Identifizierung" beißen muß, sei das Objekt im 
Idi selbst errichtet, gleidisam auf das Idi projiziert 
worden. Idi kann Ihnen hier nur eine bildliche Sdiilderung, 
mdit eine topisdi-dynainisdi geordnete Besdireibung 



■«* 



XXVL DE UBIDOTTiEORrE UND DER NARZISSMUS v^t 

geben. Nun wird das eigene Ich wie das aufgegebene 
Objekt behandelt und erleidet alle die A^ressionen 
und AuSeningen der Rachsudit, die dem Objekt zu- 
gedacht waren. Auch die Selbstmordneigung der Melan- 
diolilcer wird durch die Erwägung begreiflicher, daß 
die Erbitterung des Kranken mit demselben Sdilage 
das eigene Ich wie das geliebtgehaßte Objekt trifft. 
Bei der Melancholie wie bei anderen narzißtischen Affek- 
tionen kommt in sehr ausgeprägter Weise ein Zug des 
Gefühlslebens zum Vorschein, den wir seit Bleuler 
als Ambivalenz zu bezeichnen gewohnt sind. Wir 
meinen damit die Riditung entgegengesetzter, zärtlicher 
und feindseliger, Gefühle gegen dieselbe Person. Idi 
bin im Verlaufe dieser Besprediungen leider nicht in 
die Lage gekommen, Ihnen mehr von ■ der Gefühls- 
ambivalenz zu erzählen. 

Außer der narzißtischen Identifizierung gibt es eine 
hysterische, die uns seit sehr viel längerer Zeit bekannt 
ist Idi wollte, es wäre sdion möglich, Ihnen die Ver- 
schiedenheiten der beiden durch einige klargestellte 
Bestimmungen zn erläutern. Von den periodischen und 
zyklischen Formen der Melandiolie kann ich Ihnen etwas 
mitteilen, was Sie gewiß gerne hören werden. Es ist 
nämlidi unter günstigen Umständen möglich — idi habe 
die Erfahrung zweimal gemacht — , durch analytisdte 
Behandlung in den freien Zwischenzeiten der Wieder- 
kehr des Zustandes in der gleichen oder entgegen- 
gesetzten Stimmungslage vorzubeugen. Man erfährt da- 
bei, daß es sidi auch bei der Melancholie und Manie 
um eine besondere Art der Erledigung eines Konfliktes 
handelt, dessen Voraussetzungen durchaus mit denen 
der anderen Neurosen übereinstimmen. Sie können sich 
denken, wieviel es auf diesem Gebiete nodi für die 
Psychoanalyse zu erfahren gibt. 

Ich sagte Ihnen audi, daß wir durch die Analyse 
der narzißtischen Affektionen eine Kenntnis von der 
Zusammcasetzung unGeres Ichs und seinem Aufbau aus 



454 DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE [_• 

Instanzen zu gewinnen hoffen. An einer Stelle haben 
wir den Anfang dazu gemadit Aus der Analyse des 
Beobaditungswahues haben wir den Schluß gezogen, 
dafi es im Ich wirklich eine Instanz gibt, die unaus- 
gesetzt beobaditet, kritisiert und vergleicht und sich 
solcherart dem anderen Anteil des Ichs entgegenstellt. 
Wir meinen also, daß der Kranke uns eine noch nidit 
genug gewürdigte Wahrheit verrät, wenn er sidi beklagt, 
daß jederseiner Schritte ausgespäht und beobaditet, jeder 
seiner Gedanken gemeldet und kritisiert wird. Er irrt 
nur darin, daß er diese unbequeme Macht als etwas 
ihm Fremdes nach außen verlegt Er verspürt das Walten 
einer Instanz in seinem Ich, weldie sein aktuelles Ich 
und jede seiner Betätigungen an einem Ideal-Ich mißt, 
das er sich im Laufe seiner Entwicklung gesdiaffen hat. 
Wir meinen audi, diese Schöpfung geschah in der Ab- 
sicht, jene Selbstzufriedenheit wiederherzustellen, die 
mit dem primären infantilen Narzißmus verbunden war, 
die aber seither so viel Störungen und Krankungen er- 
fahren hat. Die selbstbeobachtende hstanz kennen wir 
als den Ichzensor, das Gewissen; sie ist dieselbe, die 
näditlicherweile die Traumzensur ausübt, von der die 
Verdrängungen gegen unzulässige Wunschregungen aus- 
gehen. Wenn sie beim Beobaditungswahn zerfällt, so 
deckt sie uns dabei ihre Herkunft auf aus den EJa- 
flÜBsen von Eltern, Erziehern und sozialer Umgebungi 
aus der Identifiuerung mit emzelnen dieser vorbild- 
lichen Personen. 

Dies wären einige der Ergebnisse, weldie uns die 
Anwendung der Psychoanalyse auf die narzißtischen 
Affektionen bisher geliefert hat Es sind gewiß noch zu 
wenige, und sie entbehren oft noch jener Schärfe, die 
erst durdi sidiere Vertrautheit auf einem neuen Gebiete 
erreicht werden kann. Wir verdanken sie alle der Aus- 
nützung des Begriffes der Ichlibido oder narzißtischen 
Libido, mit dessen Hilfe wir die Auffassungen, die sidi 
bei den Überlragungsneurosen bewährt haben, auf di» 



XXVI. DTg LtBIDOTHSORIE UWD DER HARZISSWS 455 

narzißtischen Neurosen erstrecken. Nun werden Sie aber 
die Frage stellen: ist es moglidi, daß es uns gelingt, 
alle Störungen der narzißtisdien Affektionen und dei 
Psydiosen der Libidotheorie unterzuordnen, daß wir 
fiberall den libidinösen Faktor des Seelenlebens als den 
an der Erkrankung schuldigen erkennen und niemals 
eine Abänderung in der Funktion der Selbsterhaltungs- 
triebe verantwortlich zu madien braudien? Nun, meine 
Damen und Herren, diese Entsdieidung sdieint mir nicht 
dringlidi und vor allem nidit sprudireif zu sein. Wir 
können sie ruhig dem Fortsdiritt der wisse nschaftlidieD 
Arbeit überlassen. Idi würde midi nidit verwundern, 
wenn sich das Vermögen der pathogenen Wirkung wirklid» 
als ein Vorrecht der libidinösen Triebe herausstellte, 
■o daß die Libidotheorie auf der ganzen Linie von den 
elnfadisten Aktualneurosen bis zur schwersten psydio- 
tisdien Entfremdung des Individuums ihren Triiunph 
feiern könnte. Kennen wir es doch als charakteristischen 
Zug der Libido, daß sie der Unterordnung unter die 
Realität der Welt, die Ananke, widerstrebt Aber id» 
halte es für überaus wahrscheinlidi, daß die Iditriebe 
durdi die pathogenen Anregungen der Libido sekundär 
mitgerissen und zur Funktionsstörung genötigt werden. 
Und ich kann kein Scheitern unserer Forschungsrichtung 
darin erblicken, wenn uns die Erkenntnis bevorsteht, 
daß bei den sdiweren Psychosen die Iditriebe selbst in 
primärer Weise irregeführt werden; die Zukunft wird 
es, Sie wenigstens, lehren. Lassen Sie midi aber noch 
für einen Moment zur Angst zurückkehren, um eine 
letzte Dunkelheit, die wir dort gelassen haben, zu er- 
leuchten. Wir Sc^en, es stimme uns nicht zu der sonst 
so gut erkannten Beziehung zwischen Angst und Libido, 
daß die Realangst angesidits einer Gefahr die Äuße- 
rung der Selbsterhaltungstriebe sein sollte, was sidi 
aber doch kaum bestreiten läßt Wie wäre es aber, 
wenn der Angstaffekt nidit von den egoistisdien Icii- 
trieben, sondern von der Idilibido bestritten würde? 



«6 DRriTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHKE ■, 

Der Angstzustand ist dodi auf alle Fälle unzweclunäßig', 
und seine UDzweckmäßigkeit wird offenkundig, wenn 
er einen höheren Grad erreidit. Er stört dann die 
Aktion, sei es der Fiudit oder der Abwehr, die allein 
zwedonäßig ist und der Selbsterhaltung dient. Wenn 
wir also den affektiven Anteil der Realangst der Ich- 
libido, die Aktion dabei dem Idierlialtuogstrieb zu- 
. Bdireiben, haben wir jede theoretisdie Sdiwierigkeit 
beseitigt Sie werden übrigens dodi nidit im Ernst 
glauben, daß man sidi fliiditet, weil man Angst ver- 
spürt? Nein, man verspürt die Angst und man er- 
greift die Flucht aus dem gemeinsamen Motiv, das 
durdi die Wahrnehmung der Gefahr gewedct wird. 
Mensdien, die große Lebensgefahren bestanden haben, 
erzählen, sie haben sich gar nidit geän^ügt, bloß ge- 
handelt, z. B. das Gewehr auf das Raubtier angelegt, 
und das war gewiß das Zwedtmäßigste, 

XXVIL VORLESUNG 

'^Itfii^i DIE ÜBERTRAGUNG '. 

Meine Damen und Herren! Da wir uns jetzt dem Ab- 
schluß unserer Besprediungen nahem, wird eine be- 
stimmte Erwartung bei Ihnen rege werden, die Sie nidil 
irreführen soll. Sie denken es sidi wohl, daß ich Sie 
nidit durdi Didt und Dünn des psydioanalytisdien Stoffes 
geführt habe, um Sie am Ende zu entlassen, ohne Dmen 
ein Wort von der Therapie zu sagen, auf weldier dodi die 
Mögltdikeit beruht, überhaupt Psydioanalyse zu treiben. 
Idi kann Ihnen dieses Thema audi unmÖgüdi vorent- 
halten, denn dabei sollen Sie aus der Beobachtung eine 
neue Tatsache kennen lernen, ohne welche das Ver- 
ständnis der von uns untersuchten Erkrankungen in fühl- 
barster Weise unvollständig bliebe. 

Idi weiß, Sie erwarten keine Anleitung in der Technik, 
wie man die Analyse zu therapeutisdien Zwedcen aus- 



XXVn. DIE Oberthaguno «7 

üben soll. Sie wollen nur im allgemeinsten witsen, auf 
welchem Wege die psychoanalytisdie Therapie wirkt und 
waa sie tmgefähr leistet Und das zu erfahren, haben 
Sie ein unbestreitbares Recht Ich will es Ihnen aber 
nicht mitteilen, sondern bestehe darauf, daß Sie es selbst 
erraten. 

Denken Sie nacbl Sie haben olles Weeentlidie von 
den Bedingungen der Erkrankung sowie alle die Fak- 
toren, die bei der erkrankten Person zur Geltung kommen, 
kennen gelernt Wo bleibt da ein Raum fGr eine thera- 
peutische Einwirkung? Da ist zunächst die hereditäre 
Disposition; — wir kommen nicht oft auf sie zusprechen, 
weil sie von anderer Seite energist^ betont wird und 
wir nidits Neues zu ihr zu st^^en haben. Aber glauben 
Sie nicht daß wir sie unterschätzen; gerade als Tliera- 
peuten bekommen wir ihre Macht deutlich genug zu 
spüren. Jedenfalls können wir oiclits an ihr ändern; sie 
bleibt audi für uns etwas Gegebenes, was unserer Be- 
mühung Schranken setzt Dann der Einfluß der frühen 
Kindereriebnisse, den wir in der Analyse voranzustellen 
gewohnt sind; sie gehören der Vergangenheit an, wir 
können sie nicht ungeschehen machen. Dann all das, was 
wir als die „reale Versagung" zusammengefaßt haben, 
als das Unglüdt des Lebens, aus dem die Entbehrung 
an Liebe hervorgeht, die Armut der FamiJienarwist das 
Ungeschick in der Ehewahl, die Ungunst der sozialen 
Verhältnisse und die Strenge der sittlichen Anforderungen, 
unter deren Druck eine Person steht Da vrären freilich 
Handhaben genug für eine sehr wirksame Therapie, aber 
es müßte eine Therapie sein, wie sie nad» der Wiener 
Volkssage Kaiser Josef geübt hat das wohltätige Ein- 
greifen eines Mächtigen, vor dessen Willen Mensdien 
Eich beugen und Schwierigkeiten verschwinden. Aber wer 
sind wir, daß wir solches Wohltun als Mittel in unsere 
Therapie aufnehmen könnten? Selbst ann und gesell- 
schaftlich ohnmächtig, genötigt von unserer ärztlidien 
Tätigkeit unseren Unterhalt zu bestreiten, sind wir nidit 



4SS DRITTER TElLi ALLGEMEINE NEUROSSI^EHRE ■. 

einmal in der Lage, unsere Bemühung auch dem Mittel- 
losen zuzuwenden, wie es dod» andere Ärzte bei anderen 
Behandlungsmethoden können. Unsere Therapie ist dafür 
zu zeitraubend und zu langwierig. Aber vielleidit klammem 
Sie sich an eines der angeführten Momente und glauben 
dort den Angriffspunkt für unsere Beeinflussung gefunden 
m haben. Wenn die sittliciie Besdiränkung, die von der 
Gesellschaft gefordert wird, ihren Anteil an der dem 
Kranken auferlegten Entbehrung hat, so kann ihm ja 
die Behandlung den Mut oder direkt die Anweisung 
geben, sidi über diese Sdiranken hinauszusetzen, sich 
Befriedigung und Genesung zu holen unter Verzicht auf 
die Erfüllung eines von der Gesellsdiaft hochgehaltenen, 
dodi so oft nidit eingehaltenen Ideals. Man wird also 
dadurch gesund, daß man sich sexuell „auslebt", Allei> 
dings fällt dabei auf die analytische Behandlung der 
Sdhatten, daß sie nidit der allgemeinen Sittlichkeit dient 
Was sie dem Einzelnen zuwendet, hat sie der AUgemeiu- 
heit entzogen. 

Aber, meine Damen und Herren, wer hat Sie denn 
10 falsdi berichtet? Es ist nidit die Rede davon, daS 
der Rat, sich sexuell auszuleben, in der analytischen 
Therapie eine Rolle spielen könnte. Schon darum nicht, 
weil wir selbst verkündet haben, bei den Kranken be- 
stehe ein hartnäckiger Konflikt zwisdien der libidinösen 
Regung und der Sexualverdrängung, zwischen der sinn- 
lichen und der asketisdien Richtung. Dieser Konfhkt wird 
dadurdi nicht aufgehoben, daß man einer dieser Ridi- 
tungen zum Sieg über die gegnerische verhilft Wir sehen 
es ja, daß beim Nervösen die Askese die Oberhand be- 
halten bat. Die Folge davon ist gerade, daß sidi die 
unterdrüdtte Sexualstreb ung in Symptomen Luft schafft 
Wenn wir jetzt im Gegenteil der Sinnlichkeit den Sieg 
verschaffen würden, so müßte sich die beiseitegeschobene 
Sexualverdrängung durdi Symptome ersetzen. Keine der 
beiden Entscheidungen kann den inneren Konflikt be- 
enden, jedesmal bliebe ein Auteil unbefriedigt Es gibt 



XXTO. DIE OBERTRAGUNG «9 

nur wenige Falle, in denen der Konflikt so labil ist, daS 
ein Moment wie die Parteinahme des Arztes den Aus* 
sdtlag geben kann, und diese Falle bedürfen eigentlich 
keiner anal3rtisdien Behandlung. Personen, bei weldien 
dem Arzt ein soldier EinfluB zufallen kann, hätten den- 
selben Weg auch ohne den Arzt gefunden. Sie wissen 
dodi, wenn ein abstinenter junger Mann sich zum ille- 
^timen Sexualverkehr entschließt oder eine unbefriedigte 
Frau bei einem anderen Manne Entsdiädigung sucht, so 
haben sie in der Regel nidtt auf die Erlaubnis eines 
Arztes oder gar des Analytikers gewartet 

. Man übersieht an dieser Sadklage gewöhnlidi den 
einen wesentlidien Punkt, daß der pathogene Konflikt 
der Neurotiker nidit mit einem normalen Kampf seelischer 
Regungen, die auf demselben psydiologisdien Boden 
stehen, zu verwediseln ist Es ist ein Widerstreit zwisdien 
'Mächten, von denen die eine es zur Stufe des Vor- 
bewußten und Bewußten gebracht hat, die andere auf 
der Stufe des Unbewußten zurüd<gehalten worden ist. 
Darum kann der Konflikt zu keinem Austrag gebracht 
-werden; die Streiteaden kommen so wenig zu einander 
wie in dem bekannten Beispiel der Eisbär und der Wal- 
fisdL Eine wirklidie Entscheidung kann erst fallen, wenn 
lidi die beiden auf demselbem Boden treffen. Idi denke, 
dies zu ermöglidien, ist die einzige Au%abe der Therapie. 
Und überdies kann ich Ihnen versidiern, daß Sie 
falsch beriditet sind, wenn Sie annehmen, Rat und Leitung 
in den Angelegenheiten des Lebens sei ein integrierendes 
Stüdc der analytischen Beeinflussung. Im Gegenteil, wir 
lehnen eine solche Mentorrolle nach Möglichkeit ab, 
wollen nichts lieber erreichen, als daß der Kranke selb- 
ständig seine Entscheidungen treffe. In dieser Absicht 
fordern wir auda, daß er alle lebenswichtigen Entschlüsse 
über Berufswahl, wirtschaftliche Unternehmungen, Ehe- 
schließung oder Trennung über die Dauer der Behand- 
lung zurückstelle und erst nach Beendigung derselben 
Kur Ausführung bringe. Gestehen Sie nur, das ist alles 



160 DHnTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSEWLEHRE 

anders, als Sie es sich vorgestellt haben. Nur bei ^wissen 
sehr juyendiidieii oder ganz hilf- und haltlosen Personen 
können wir die gewollte Besdirankung nidit durdisetzen. 
Bei ihnen müssen wir die Leistung des Arztes mit der 
des Erziehers kombinieren ; wir sind uns dann unserer Ver- 
antwortung wohl bewufit und benehmen uns mit der 
notwendigen Vorsicht 

Aus dem Eifer, mit dem ich midi gege» den Vor- 
wurf verteidige, daß der Nervöse in der analylisdien 
Kur zum Sidiausleben angeleitet wird, dürfen Sie aber 
nidit den Schluß ziehen, daß wir zu Gunsten der gesell- 
sdiaftlidien Sittsamkeit auf ihn wirken. Das liegt uns 
zum mindesten ebensofeme. Wir sind zwar keine Re- 
former, sondern bloß Beobachter, aber wir können nicht 
umhin, mit kritischen Augen zu beobachten, und haben 
es unmöglich gefunden, für die konventionelle Sexual- 
moral Partei zu nehmen, die Art, wie die Gesellschaft 
die Probleme des Sexuallebens praktisdi zu ordnen ver- 
sudit, hoch einzusdiätzen. Wir können es der Gesell- 
schaft glatt vorredinen, daß das, was sie ihre Sittlich- 
keit heißt, mehr Opfer kostet, ds es wert ist, und daß 
ihr Verfahren weder auf Wahrhaftigkeit beruht nodi von 
Klugheit zeugt Wir ersparen es unseren Patienten nicht, 
diese Kritik mitaozuhören, wir gewöhnen sie an vor- 
urteilsfreie Erwägung der sexuellen Angelegenheiten wie 
aller anderen, und wenn sie, nadi Vollendung ihrer Kur 
selbständig geworden, sich aus eigenem Ermessen zm 
irgend einer mittleren Position zwischen dem vollen 
Ausleben und der unbedingten Askese cntsdiließen, 
fühlen wir unser Gewissen durch keinen dieser Ausgänge 
belastet Wir sagen uns, wer die Erziehung zur Wahr- 
heit gegen sich selbst mit Erfolg durdigemacht hat, der 
ist gegen die Gefahr der Unsittlichkeit dauernd gesdiützt, 
mag sein Maßstab der Sittlichkeit auch von dem in der 
Gesellschaftgebräuddidien irgendwie abweichen. Übrigens, 
hüten wir uns davor, die Bedeutung der Abslinenz- 
frage für die Beeinflussung der Neurosen zu über- 



xxvif&ie OBERtgAGuwo "• • «1 

gdiätzen. Nur ia einer Minderzahl kann der pathogenen 
Situation der Versagung mit darauffolgender Libtdo- 
stauung durdi die Art von Sexualverkehr ein Ende ge- 
madit werden, die mit geringer Mühe zu erreichen ist. 

Durch die Gestattung des sexuellen Auslebens können 
Sie also die therapeutische Wirkung der Payiioanalyse 
oidit erklären. Sehen Sie aidi nadi anderem um, Idi 
denke, während ich diese Ihre Mutmaßung abwies, hat 
eine Bemerkung von mir Sie auf die riditige Spur 
geführt. Es muS wohl die Ersetzung des Unbewufiten 
durdi Bewußtes, die Übersetzung des Unbewußten in 
Bewußtes sein, wodurch wir nützen. Richtig, das ist es 
auch. Indem wir das Unbewußte zum Bewußten fort- 
setzen, heben wir die Verdrängungen auf, beseitigen 
wir die Bedingungen für die Symptombildung, ver- 
wandeln wir den pathogenen Konflikt in einen normalen, 
der irgendwie eine Entsdieidung finden muß. Nidkts 
anderes als diese eine psydiisdie Veränderung rufen 
wir beim Kranken hervor; soweit diese reidit, so weit 
trägt unsere Hilfeleistung. Wo keine Verdrängung oder 
ein ihr analoger psychisdier Vorgang rüdtgängig zu 
matten ist, da hat audi unsere Therapie nidits zu sudien. 

Wir können das Ziel unserer Bemühung in ver- 
adiiedenen Formeln ausdrücken: Bewußtmadien des Un- 
bewußten, Aufhebung der Verdrängungen, AusfSUung 
der amnestischen Lüdcen, das kommt alles auf das 
gleidie hinaus. Aber vielleidit werden Sie von diesem 
Bekenntnis unbefriedigt sein. Sie haben sich unter dem 
Gesund werden eines Nervösen etwas anderes vor- 
.-gestellt, daß er ein anderer Mensdi werde, nadidem er 
ndi der mühseligen Arbeit einer Psydioanalyse unter- 
zogen hat, und dann soll das ganze Ergebnis sein, daß 
jer etwas weniger Unbewußtes und etwas mehr Bewußtes 
in sich hat als vorher. Nun Sie untersdiätzen wahi^ 
sdieinlidi die Bedeutung einer soldien inneren Ver- 
änderung. Der geheilte Nervöse ist wirklich ein anderer 
Mensdi geworden, im Grunde ist er aber natürlidi der-- 






«2 DHlTi'EP- TEtLt ALLGEMEIMS I^EllROSKNLEHRE 

selbe geblieben, d. h. er ist so geworden, wie er besten- 
falls unter den günstigsten Bedingungen hatte werden 
können. Aber das ist sehr viel. Wenn Sie dann hören, 
was man alles tun muß und welcher Anstrengung es 
bedarf, um jene anscheinend geringfügige Veränderung 
in seinem Seelenleben durchzusetzen, wird Ihnen die 
Bedeutung eines solchen Unterschiedes im psydiischen 
Niveau wohl glaubhaft ersdieinen. 

Ich sdiweife für einen Augenblidc ab, uro zu fragen, ob 
Sie wissen, was man eine kausale Therapie nennt? So 
heißt man nämlich ein Verfahren, welches nidit die ICrank- 
heitserscheinungen zum Angriffspunkt nimmt, sondern 
sich die Beseitigung der Krankheitsursachen vorsetzt 
Ist nun unsere psyciioanalytiscJie eine kausale Therapie 
oder nicht? Die Antwort ist nicht einfach, gibt aber 
vielleidit Gelegenheit, uns von dem Unwert einer solchen 
Fragestellung zu überzeugen. Insofeme die analytische 
Therapie sich nidit die Beseitigning der Symptome zur 
nädisten Aufgabe setzt, benimmt sie sich wie eine 
kausale. In anderer Hinsicht können Sie sagen, sie sei 
es nidit. Wir haben nämlich die Kausalverkettung längst 
über die Verdrängungen hinaus verfolgt bis zu den 
Triebanlagen, deren relativen Intensitäten in der Konsti- 
tution und den Abweichungen ihres Entwicklung^angea. 
Nehmen Sie nun an, es vräie uns etwa auf chemischem 
Wege möglich, in dies Getiiebe einzugreifen, die Quan- 
tität der jeweils vorhandenen Libido zu erhöhen oder 
herabzusetzen oder den einen Trieb auf Kosten eines 
anderen zu verstärken, so wäre dies eine im eigent- 
lidien Sinne kausale Therapie, für welche unsere Analyse 
die unentbehrliche Vorarbeit der Rekognoszierung ge- 
leistet hätte. Von soldier Beeinflussung der Libido- 
vorgänge ist derzeit, wie Sie wissen, keine Rede; mit 
unserer psychischen Therapie greifen wir an einer an- 
deren Stelle des Zusammenhanges an, nidit gerade an 
den uns ersichtlidien Wurzeln der Phänomene, aber 
dodi weit genug weg Von tlen Symptomen, an einer 



XXVa DIE OBERTRAGUNG 463 

Stelle, die uns durch sehr merkwürdige Verhältnisse lu- 
gänglidi geworden ist. 

Was müssen wir also tun, um das Unbewußte bei 
unserem Pattenten durch Bewußtes zu ersetzen? Wir 
haben einmal gemeint, das ginge ganz einfach, wir 
brauditen nur dies Unbewußte zu erraten und es ihm 
vorzus^en. Aber wir wissen schon, das war ein kuiz- 
sichtiger Irrtum. Unser Wissen um das Unbewußte ist 
nidii gleichwertig mit seinem Wissen; wenn wir ihm 
unser Wissen mitteilen, so hat er es nicht an Stelle 
seines Unbewußten, sondern neben demselben, und es 
ist sehr wenig geändert. Wir müssen uns vielmehr 
dieses Unbewußte topisch vorstellen, müssen es in 
seiner Erinnerung dort aufsuchen, wo es durdi eine 
Verdrängung zu Stande gekommen ist Diese Ver- 
drängung ist zu beseitigen, dann kann sidi der Ersatz 
des Unbewußten durch Bewußtes glatt vollziehen. Wie 
hebt man nun eine solche Verdrängung auf? Unsere 
Aufgabe tritt hier Jn eine zweite Phase. Zueret das Auf- 
sudien der Verdrängung, dann die Beseitigung des Widei^ 
Standes, welcher diese Verdrängung aufrecht hält. 

Wie schafft man den Widerstand weg? üi der näm- 
lichen Weise: indem man ihn errät und dem Patienten 
vorhält. Der Widerstand stammt ja auch aus einer Ver- 
drängung, aus der nämlichen, die wir zu lösen suchen, 
oder aus einer früher vorgefallenen. Er wird ja von der 
Gegenbesetzung hergestellt, die sidi zur Verdrängung 
der anstößigen Regung erhob. Wir tun also jetzt das- 
selbe, was wir schon anfangs tun wollten, deuten, er- 
raten und es mitteilen; aber wir tun es jetzt an der 
richtigen Stelle. Die Gegenbesetzung oder der Wider- 
stand gehört nicht dem Unbewußten, sondern dem Idi 
an, weldies unser Mitarbeiter ist, und dies, selbst wenn 
sie nidit bewußt sein sollte. Wir wissen, es handelt 
sidi hier um den Doppelsinn des Wortes „unbewußt", 
einerseits als Phänomen, anderseits als System. Das 
scheint sehr schwierig und dunkel; aber nicht wahr, es 



4M DRITTER TEIL; A1J.GEMEINE »EUROSENLEHRE ' 

ist dodi nur Wiederholung? Wir sind langst darauf 
vorbereitet — Wir erwarten, daß dieser Widerstand 
aufgegeben, die Gegenbesetzung eingezogen werden wird, 
wenn wir dem Idi die Erkenntnis desselben durch unsere 
Deutung ermöglicht haben. Mit weichen Triebkräften 
arbeiten wir denn in einem solchen Falle? Erstens mit 
dem Streben des Patienten gesund zu werden, das ihn 
bewogen hat, sich in die gemeinschaftlidie Arbeit mit 
uns zu fügen, und zweitens mit der Hilfe seiner hitelligenz, 
weldie wir durch unsere Deutung unterstützen. Es ist 
kein Zweifel, daß die Intelligenz des Kranken es leiditer 
hat, den Widerstand zu erkennen und die dem Ver- 
drängten entsprechende Übersetzung zu finden, wenn 
wir ihr die dazu passenden Erwartungsvoreteüungen 
gegeben haben. Wenn idi Ihnen sage: schauen Sie auf 
den Himmel, da bt ein Luftballon zu sehen, so werden 
Sie ihn audi viel leiditer finden, als wenn ich Sie bloß 
suffordere hin aufzuschauen, ob Sie irgend etwas ent- 
dedcen. Audi der Student, der die ersten Male ins 
Mikroskop gudtt, wird vom Lehrer unteniditet, was er 
sehen soll, sonst sieht er es überhaupt nicht, obwohl 
es da und siditbar ist 

Und nun die Tatsadie. Bei einer ganzen Anzahl von 
Formen nervöser Erkrankung, bei den Hysterien, Angst- 
zuständen, Zwangsneurosen trifft unsere Voraussetzung 
zu. Durdi Eoldies Aufsudien der Verdrängung, Auf- 
dedcen der Widerstände. Andeuten des Verdrängten 
gelingt es wirklich, die Aufgabe zu lösen, also die Wider- 
stände zu überwinden, die Verdrängung aufzuheben und 
das Unbewußte in Bewußtes zu verwandeln. Dabei ge- 
winnen wir den klarsten Eindrudi davon, wie sidi um 
die Überwindung eines jeden Widerstandes ein heftiger 
Kampf in der Seele des Patienten abspielt, ein normaler 
Seelenkampfaufgleichem psychologischem Boden zwischen 
den Motiven, weldie die Gegenbesetzung aufredithaltea 
)!CpUen> und denen, die bereit sind, sie aufzugeben. Die 
^Keren sind die alten Motive, die seinerzeit die Ver- 



XXV[[. DIE ÜHERTHAGUK'G «S 

drangung du reli gesetzt haben; unter den letzteren be- 
finden sich die neu li inzugekommenen, die hoffentlidi 
den Konflikt in unserem Sinne entscheiden werden. Es 
ist uns geluBgen, den aiten Verdrängungskonflikt wieder 
aufzufrischen, den damals erledigten Prozeß zur Revision 
.zu bringen. Als neues Material bringen wir erstens hinzu 
die Mahnung, daß die frühere Entscheidung zur Krank- 
heit geführt hat, und das Versprechen, daß eine andere 
den Weg zur Genesung bahnen wird, zv/eitens die groß- 
artige Veränderung alier Verhältnisse seit dem Zeitpunkt 
.jener ersten Abweisung, Damals war das Idi schwächlich, 
ginfantil, und hatte vielleicht Grund, die Libidof orderung 
.als Gefahr zu ächten. Heute ist es erstarkt und erfahren 
und hat überdies in dem Arzt einen Helfer zur Seite. 
So dürfen wir erwarten, den aufgefriscliten Konflikt zu 
einem besseren Ausgang als dem in Verdrängung zu 
leiten, und wie gesagt, bei den Hysterien, Angst- und 
Zwangsneurosen gibt der Erfolg uns prinzipiell rediL 
,. Nun gibt es aber andere Krankheitsformen, bei denen 
(trotz der Gleichheit der Verbältnisse unser therapei^- 
itisches Vorgehen niemals Erfolg bringt. Es hat sich 
auch bei ihnen um einen ursprünglichen Konflikt zwischen 
dem ich und der Libido gehandelt, der zur Verdrängung 
geführt hat — mag diese auch topisch anders zu 
charakterisieren seiu — , es ist auch hier möglich, die 
Stellen aufzuspüren, an denen im Leben des Kranken 
die Verdrängungen vorgefallen sind, wir wenden das 
nämliche Verfahren an, sind zu denselbeii Versprecliungen 
bereit, leisten dieselbe Hilfe durch Mitteilung von Er- 
wartungsvorstellungen, und wiederum läuft die Zeit- 
differenz zwischen der Gegenwart und jenen Verdrän- 
gungen zu Gunsten eines anderen Ausganges des 
Konflikts. Und doch gelingt es uns nicht, einen Wider- 
stand aufzuheben oder eine Verdrängung zu beseitigen. 
Diese Patienten, Paranoiker, Melancholiker, mit Dementia 
praecox Behaftete, bleiben im ganzen ungerührt und 
gegen die psydioanalytisdie Therapie gefeit. Woher 

Fräüd, \'QrlB5nn?cii 30 



4fiS DRITTER TEIL; ALLGEMKIKE NEUROSENLEI IPE 

kann das kommen? Nidit von dem Mangel an Intelligenz; 
ein gewisses Maß von intellektueller Leistungsfähigkeit 
wird bei unseren Patienten natürlich erforderlich sein, 
aber daran fehlt es z. B. den so scharfsinnig kombinie- 
renden Paranoikem sicherlich nicht. Auch von den an- 
deren Triebkräften können wir keine vermissen. Die 
Melancholiker z. B. hoben das Bewußtsein, krank zu 
sein und darum so schwer zu leiden, das den Paranoikem 
abgeht, in sehr hohem Maße, aber sie sind darum nicht 
zugänglicher. Wir stehen hier vor einer Tatsache, die 
wir nicht verstehen, und die uns darum auch zweifeln 
heißt, ob wir den mögÜdien Erfolg bei den anderen 
Neurosen wirklich in all seinen Bedingungen verstanden 
haben. 

Bleiben wir bei der Beschäftigung mit unseren Hyste- 
rikern und Zwangsneurotikern, so tritt uns alsbald eine 
zweite Tatsache entgegwi, auf die wir in keiner Weise 
Vorbereitet waren. Nach einer Weile müssen wir nämlidi 
bemerken, daß diese Kranken sidi gegen uns in ganz 
besonderer Art benehmen. Wir glaubten ja, uns von 
allen bei der Kur in Betradit kommenden Triebkräften 
Redienschaft gegeben zu haben, die Situation zwischen 
wns und dem Patienten voll rationalisiert zu haben, so 
daß sie sich übersehen läßt wie ein Reche nexempel, und 
dann scheint sidi docli etwas einzuschleichen, was in 
dieser Rechnung nicht in Anschlag gebradit worden ist. 
Dieses unerwartete Neue ist selbst vielgestaltig, ich werde 
zunächst die häufigei-c und leichter verständliche seiner 
Erscheinungsformen beschreiben. 

Wir bemerken also, daß der Patient, der nichts anderes 
sudien soll als einen Ausweg aus seinen Leidenskonflikten, 
ein besonderes Interesse für die Person des Arztes ent- 
wickelt. Alles, was mit dieser Person zusammenhängt, 
scheint ihm bedeutungsvoller zu sein als seine eigenen 
Angelegenheiten und ihn von seinem Kranksein abzu- 
lenken. Der Verkehr mit ihm gestaltet sich demnadi für 
eine Weile sehr angenehm; er ist besonders verbindlidi, 



XXVH. DIE ÜBERTRAGUMG" «> 

sudit sidi, wo er kann, dankbar zu erweisen, zeigt Fein- 
heiten und Vorzüge seines Wesens, die wir vieileidit 
nicht bei ihm g-esudit hätten. Der Arzt faßt dann auch 
eine günstige Meinung vom Patienten und preist den 
Zufall, der ihm gestattet hat, gerade einer besonders wert- 
vollen Persönlichkeit Hilfe zu leisten. Hat der Arzt Ge- 
legenheit, mit Angehörigen des Patienten zu sprechen, 
so hört er mit Vergnügen, daß dies Gefallen gegenseitig 
ist Der Patient wird zu Hause nicht müde, den Arzt 
zu loben, immer neue Vorzüge an ihm zu rühmen. „Er 
schwärmt für Sie, er vertraut Ihnen blind; alles, was Sie 
sagen, ist für ihn v/ie eine Offenbarung", erzählen die 
Angehörigen. Hie und da sieht einer aus diesem Chorus 
schärfer und äußert: Es wird schon langweilig, wie er 
von nichts anderem spricht als von Ihnen und immer 
nur Sie im Munde führt. 

Wir wollen hoffen, daß der Arzt bescheiden genug 
ist, diese Schätzung seiner Persönlidikeit durch den Pa- 
tienten auf die Hoffnungen zurückzuführen, die er ihm 
madien kann, und auf die Erweiterung seines intellek- 
tuellen Horizonts durcj) die überraschenden und be- 
freienden Eröffnungen, die die Kur mit sich bringt. Die 
Analyse macht unter diesen Bedingungen auch praditige 
Fortsdiritte, der Patient versteht, was man ihm andeutet, 
vertieft sich in die Aufgaben, die ihm von der Kur ge- 
stellt werden, das Material von Erinnerungen und Ein- 
fällen strömt ihm reichlich zu, er überrascht den Arzt 
durdi die Sicherheit und Triftigkeit seiner Deutungen, 
und dieser kann nur mit Genugtuung feststellen, wie 
bereitwillig ein Kranker alle die psydiologisdien Neu- 
heiten aufnimmt, die bei den Gesunden in der Well 
draußen den erbittertsten Widerspruch zu erregen pflegen. 
Dem guten Einvernehmen während der analytischen Arbeit 
entspricht auch eine objektive, von allen Seiten anerkannte 
Besserung des Krankheitszustandes. 

So schönes Wetter kann es aber nicht immer geben. 
Eines Tages trübt es sidi. Es stellen sich Schwierigkeiten 

30« 






46a DRITTER TEIL: ALLCiEMEI\'£ WEUROSENLEHHB . 

in der Behandlung ein; der Patient behauptet, es falle 
ihm nichts mehr ein. Man hat den deutlidisten Eindruck, 
daß sein Interesse nidit mehr bei der Arbeit ist, und 
daß er sicäi leichten Sinnes über die ihm gegebene Vor- 
schrift hinaussetzt, alles zu sagen, was ihm durch den 
Sinn fährt, und keiner kritischen Abhaltung dagegen 
naAzugeben. Er benimmt sich wie außerhalb der Kur, 
so, als ob er jenen Vertrag mit dem Arzt nicht ab- 
geadilossen hätte ; er ist offenbar von etwas eingenommen, 
was er aber für sidi behalten will. Das ist eine für die 
Behandlung gefährliche Situation. Man steht unver- 
kennbar vor einem gewaltigen Widerstpnd. Aber was 
ist da vorgefallen? 

Wenn man im Stande ist, die Situation wieder zu 
klären, so erkennt man als die Ursache der Störung, daß 
der Patient intensive zärllidie Gefühle auf den Arzt über- 
tragen hat, zu denen ihn weder das Benehmen des Arztes 
nodt die in der Kur entstandene Beziehung bereclitigt 
In welcher Form sich diese Zärtlichkeit äußert und welclie 
Ziele sie anstrebt, das hängt natürlich von den persön- 
liclien Verhältnissen der beiden Beteiligten ab. Handelt 
es sich um ein junges Mäddien und einen jüngeren Mann, 
so werden wir den Eindruck einer normalen Verliebtheit 
bekommen, werden es begreiflich finden, daß sidi ein 
Mädchen in einen Mann verliebt, mit dem es viel 
allein sein und Intimes besprechen kann, der ihm in der 
vorteilhaften Position des überlegenen Helfers entgegen- 
tritt, und werden darüber wahrsdieinlich übersehen, daß 
bei dem neurotisdien Maddien elier eine Störung der 
Liebesfähigkeit zu erwarten wäre. Je weiter sich dann 
die persönlichen Verhältnisse von Arzt und Patient 
von diesem angenommenen Fall entfernen,, desto mehr 
wird es uns befremden, wemi wir trotzdem immer 
wieder dieselbe Gefühlsbeziehung hergestellt finden. Es 
mag noch angehen, wenn die junge, in der Ehe unglück- 
liche Frau von einer ernsten Leidenschaft für ihren 
selbst noch freien Arzt erfaßt scheint, wenn sie bereit 



XXvn. DIE ÜBEBTRAGUMG m 

ist, die Scheidung- ihrer Ehe anzustreben, um ihm anzu- 
gehören, oder im Faile sozialer Hemmnisse selbst kein 
Bedenken äußert, ein heimliches Liebesverhältnis mit 
ihm einzugehen, Derg-leichen kommt ja auch sonst außer- 
halb der Psychoanalyse vor. Man hört nun aber unter 
diesen Umständen mit Erstaunen Äußerungen von seiten 
der Frauen und Mädchen, welche eine ganz bestimmte 
Stellungnahme zum therapeutischen Problem bekunden: 
Sie hätten immer gewußt, daß sie nur durch die Liebe 
gesund werden können, und von Beginn der Behand- 
lung an erwartet, daß ihnen durch diesen Verkehr end- 
lich geschenkt werde, was ihnen das Leben bisher vor- 
enthalten. Nur dieser Hoffnung wegen hätten sie sidi 
so viel Muhe in der Kur gegeben und alle Schwierig- 
keiten der Mitteilung überwunden. Wir werden für uns 
hinzusetzen; und alles, was sonst zu glauben sdiwer 
fällt, so leicht verstanden. Aber ein solches Geständnis 
überrssclit uns; es wirft unsere Beredmungen über den 
Haufen, Könnte es sein, daß wir den wichtigsten Posten 
aus unserem Ansatz weggelassen haben? 

Und wirklidi, je weiter wir in der Erfahrung kommen, 
desto weniger können wir dieser für unsere Wissen- 
schaftliclikeit beschämenden Korrektur widerstreben. Die 
ersten Male konnte man etwa glauben, die analytisdie 
Kur sei auf eine Störung durch ein zufälliges, d. h. 
nicht in ihrer Absicht liegendes «nd von ihr nicht hervor- 
gerufenes Ereignis gestoßen. Aber wenn sich eine soldie 
zärtliche Bindung des Patienten an den Arzt regelmäßig 
bei jedem neuen Falle wiederholt, wenn sie unter den 
ungünstigsten Bedingungen, bei geradezu grotesken Miß- 
verhältnissen immer wieder zum Vorschein kommt, auch 
bei der gealterten Frau, auch gegen den graubärtigen 
Mann, auch dort, wo nach unserem Urteil keinerlei 
Verlockungen bestehen, dann müssen wir dodi die Idee 
eines störenden Zufalles aufgeben und erkennen, daß 
es sich um ein Phänomen handelt, welches mit dem 
Wesen des Krankseins selbst im Innersten zusammaihängt. 



«70 DRITTER TEIL-, ALLGE^TErNE NEUROSENLEHRE 

Die neue Tatsache, welche wir also widerstrebend 
anerkennen, heißen wir die Übertragung. Wir meinen 
eine Übertragung von Gefühleo auf die Person des Arztes, 
weil wir nidit glauben, daß die Situation der Kur eine 
Entstehung solcher Gefühle rechtfertigen könne. Vielmehr 
vermuten wir, daß die ganze Gefühlsbereitsdiaft anders- 
woher stammt, in der Kranken vorbereitet war und bei 
der Gelegenheit der analytisdien Behandlung auf die 
Person des Arztes übertragen wird. Die Übertragung 
kann als stürmische Liebesforderung auftreten oder in 
gemäßigleren Formen; an Stelle des Wunsdies, Geliebte 
zu sein, kann zwischen dem iungen Mädchen und dem 
alten Mann der Wunsdi auftauchen, als bevorzugte 
Tochter angenommen zu werden, das libidinöse Streben 
kann sidi zum Vorschlag einer unzer trennlidien, aber 
ideal unsinnlidien Freundsdiaft mildern. Mandie Frauen 
verstehen es, die Übertragung zu sublimieren und an 
ihr zu modeln, bis sie eine Art von Existenzfähigkeit 
gewinnt; andere müssen sie in ihrer rohen, ursprüng- 
lldien, zumeist unmöglichen Gestalt äußern. Aber es ist 
im Gnmde immer das gleiche und läßt die Herkunft 
aus derselben Quelle nie verkennen, 

Ehe wir uns fragen, wo wir die neue Tatsache der 
Übertragung unterbringen wollen, wollen wir ihre Be- 
sdireibuBg vervollständigen. Wie ist es denn bei männ- 
lichen Patienten? Da dürfte man doch hoffen, der 
lästigen Einmengung der Gesdile cht s Verschiedenheit und 
Geschleditsanziehung zu entgehen. Nun, nicht viel anders 
als bei weiblichen, muß die Antwort lauten. Dieselbe 
Bindung an den Arzt, dieselbe Überschätzung seiner 
Eigensdiaften, das nämlidie Aufgehen in dessen Interessen, 
die gleiche Eifersudit gegeo alle, die ihm im Leben; 
nahestehen. Die sublimierten Formen der Übertragung 
sind zv^schen Mann und Mann in dem Maße häufiger 
und die direkte Sexualforderung seltener, in welchem 
die manifeste Homosexualität gegen die anderen Ver- 
wendungen dieser Triebkomponente zurüditritt Bei 



XXVU. DIE OBERTRAGUNG 471 

seinen männlichen Patienten beobachtet der Arzt auch 
häufiger als bei Frauen eine Erscheinungsform der Über- 
tragung, welche auf den ersten Blick allem bisher Be- 
schriebenen zu widersprechen scheint, die feindselige 
oder negative Übertragung. 

Machen wir uns zunächst klar, daß die Übertragung 
sich vom Anfang der Behandlung an beim Patienten 
ergibt und eine Weile die stärkste Triebfeder der 
Arbeit darstellt Man verspürt nichts von ihr und braudit 
sich auch nicht um sie zu bekümmern, solange sie zu 
Gunsten der gemeinsam betriebenen Analyse wirkt 
Wandelt sie sich dann zum Widerstand, so muß man ihr 
Aufmerksamkeit zuwenden und erkennt, daß sie unter zwei 
verschiedenen und entgegengesetzten Bedingungen ihr 
Verhältnis zur Kur geändert hat, erstens wenn sie als 
närtliche Neigung so stark geworden ist, so deutlich die 
Zeidien ihrer Herkunft aus dem Sexuaibediirfnis verraten 
hat, daß sie ein inneres Widerstreben gegen sich wach- 
rufen muß, und zweitens, wenn sie aus feindseligen an- 
statt aus zärtlichen Regungen besteht Die feindseligen 
Gefühle kommen in der Regel später als die zärtlidien 
lind hinter ihnen zum Vorsdiein; in ihrem gleichzeitigen 
Bestand ergeben sie eine gute Spiegelung der Gefühls- 
ambivalenz, welche in den meisten unserer intimen Be- 
ziehungen zu anderen Menschen herrscht Die feindj^ 
liehen Gefühle bedeuten ebenso eine Gefühlsbindung wie 
die zärtlidien, ebenso wie der Trotz dieselbe Abhängig- 
keit bedeutet wie der Gehorsam, wenn audi mit ent- 
gegengesetztem Vorzeidien. Daß die feindlidien Gefühle 
gegen den Arzt den Namen einer „Übertragung" ver-;' 
dienen, kann uns nicht zweifelhaft sein, denn zu ihrer 
Entstehung gibt die Situation der Kur gewiß keinen zu- 
reichenden Anlaß; die notwendige Auffassung der nega- 
fiyen Übertragung versichert uns so, daß wir in der Beur- 
teilungderpositiven oder zärtlidien nicht irregegangen sind. 

Woher die Übertragung stammt, weldie Schwierig- 
Iteiten sie uns bereitet, wie wir sie überwinden, wnd 



«2 DRnTERTEn.; ALLGEMEINE NHIUBOSENLF.HRE ■ 

weidien Nutzen wir schließlich aus ihr ziehen, das ist 
ausführlich in einer tedinischen Unterweisung zur Ana- 
lyse zu behandeln und soll heute von mir nur gestreift 
werden. Es ist ausgeschlossen, daß wir den aus der 
Übertragung folgenden Forderungen des Patienten nach- 
geben, es wäre widersinnig, sie unfreundlich oder gar 
entrüstet abzuweisen; wir überwinden die Übertragung, 
indem wir dem Kranken nachweisen, daß seine Gefühle 
nidit aus der gegenwärtigen Situation stammen und 
nidit der Person des Arztes gelten, sondern, daß sie 
wiederhoien, was bei ihm bereits früher einmal vor- 
gefallen ist. Auf soldie Weise nötigen wir ihn, seine 
Wiederholung in Erinnerung zu verwandeln. Dann wird 
die Übertragung, die, ob zärtlich oder feindselig, in 
jedem Falle die stärkste Bedrohung der Kur zu be- 
deuten sdiien, zum besten Werkzeug derselben, mi^ 
dessen Hilfe sich die verschlossensten Fächer des Seelen- 
lebens eroffnen lassen. Ich möchte Ihnen aber einige 
Worte sagen, um Sie von dem Befremden über das 
Auftreten dieses unerwarteten Phänomens zu befreien 
Wir wollen docli nicht vergessen, daß die Krankheit 
des Patienten, den wir zur Analyse übernehmen,' 
nichts Abgeschlossenes, Erstarrtes ist, sondern weiter- 
wächst und ihre Entwicklung fortsetzt wie ein lebendes 
Wesen. Der Beginn der Behandlung macht dieser Ent- 
wicklung kein Ende, aber wenn die Kur sich erst des 
Kranken bemächtigt hat, dann ei^ibl es sich, daß die 
gesamte Neuproduktion der Krankheit sich auf eine 
einzige Steile wirft, nämlich auf das Verhältnis zum 
Arzt Die Übertragung wird so der Cambiumschicht 
zwischen Hok und Rinde eines Baumes vergleichbar, 
von welcher Gewebsneubildung und DiAen Wachstum des 
Stammes ausgehen. Hat sich die Übertragung erst zu 
dieser Bedeutung aufgeschwungen, so tritt die Arbeit 
an den Erinnerungen des Kranken weit zurück. Es ist 
dann nicht unrichtig zu sagen, daß man es nicht mehr 
mit der früheren Krankheit des Patienten zu tun hat, 



XXVII. DIE ÜBEKTRAGUNG 173 

sondern mit einer neugeschaffenen und umgeschaffenen 
Neurose, welche die erstere ersetzt. Diese Neuauflage 
der alten Affektion hat man von Anfang an verfolgt, 
man hat sie entstehen und wachsen gesehen und findet 
sich in ihr besonders gut zurecht, weil man selbst als 
Objekt in ihrem Mittelpunkt steht. Alle Symptome des 
Kranken haben ihre ursprüngliche Bedeutung aufgegeben 
und sich auf einen neuen Sinn eingeriditet, der in einer 
Beziehung zur Übertragung besteht. Oder es sind nur 
solche Symptome bestehen geblieben, denen eine solche 
Umarbeitung gelingen konnte. Die Bewältigung dieser 
neuen künstlichen Neurose fällt aber zusammen mit der 
Erledigung der in die Kur mitgebrachten Krankheit, mit 
der Lösung unserer therapeutischen Aufgabe. Der Mensch, 
der im Verhältnis zum Arzt normal und frei von der 
Wirkung verdrängter Triebregungen geworden ist, bleibt 
auch so in seinem Eigenleben, wenn der Arzt sich 
wieder ausgeschaltet hat. 

Diese außerordentlidie, für die Kur geradezu zentrale 
Bedeutung hat die Übertragung bei den Hysterien, 
Angsthysterien und Zwangsneurosen, die darum mit 
Recht als „Übertragungsneurosen" zusammengefaßt 
werden. Wer sich aus der analytisdien Arbeit den vollen 
Eindruck von der Tatsache der Übertragung geholt hat, 
der kann nicht mehr bezweifeln, von weldier Art die 
unterdrückten Regungen sind, die sieh in den Symp- 
tomen dieser Neurosen Ausdrude verschaffen, und ver- 
langt nach keinem kräftigeren Beweis für deren libidi- 
nose Natur. Wir dürfen sagen, unsere Überzeugung von 
der Bedeutung der Symptome als libidinöse Ersatzbefrie- 
digungen ist erst durch die Einreihung der Übertragung 
endgültig gefestigt worden. 

Nun haben wir allen Grund, unsere frühere dynami- 
sche Auffassung des He ilungs Vorganges zu verbessern 
und sie mit der neuen Einsicht in Einklangzu bringen. Wenn 
der Kranke den NormalkonfÜkt mit den Widerständen 
durchzukämpfen hat, die wir ihm in der Analyse auf- 



^74 DRITTER TEIL; ALLGEMEINE N F.UHOSEHLEHRE ■ 

gedeckt haben, so bedarf er eines mächtigen Antriebes, 
der die Entscheidung in dem von uns gewünschten, 
zur Genesung führenden Sinne beeinflußt. Sonst könnte 
es geschehen, daß er sich für die Wiederholung des 
früheren Ausganges entscheidet und das ins Bewußt- 
sein Gehobene wieder in die Verdrängung gleiten läßt. 
Den Ausschlag in diesem Kampfe gibt dann nicht seine 
intellektuelle Einsiclit — die ist weder stark noch frei 
genug für solche Leistung — , sondern einzig sein Ver- 
hältnis zum Arzt. Soweit seine Übertragung von positivem 
Vorzeichen ist, bekleidet sie den Arzt mit Autorität, 
setzt sie sich in Glauben an seine Mitteilungen und 
Auffassungen um. Ohne solche Übertragung, oder wenn 
sie negativ ist, würde er den Arzt und dessen Argu- 
mente nicht einmal zu Gehör kommen lassen. Der 
Glaube wiederholt dabei seine eigene Entstehungs- 
geschichte; er ist ein Abkömmling der Liebe und hat 
zuerst der Argumente nicht bedurft. Erst später hat er 
ihnen so viel eingeräumt, daß er sie in prüfende Be- 
trachtung zieht, wenn sie von einer ihm lieben Person 
vorgebracht werden. Argumente ohne solche Stütze haben 
nidit gegolten, gelten bei den meisten Menschen niemals 
im Leben etwas. Der Mensdi ist also im allgemeinen 
auch von der intellektuellen Seite her nur insoweit zu- 
gänglidi, als er der libidinösen Objektbesetzung fähig 
ist, und wir haben guten Grund, in dem Ausmaß seines 
Narzißmus eine Schranke für seine Be einflußbar keit auch 
für die beste analytische Technik zu erkennen und zu. 
Kirditen, 

Die Fähigkeit, libidinöse Objektbesetzungen auch auf 
Personen zu richten, muß ja allen normalen Mensdien 
zugesprochen werden. Die Obertragungäneigung der ge- 
nannten Neurotiker ist nur eine außerordentliche Steige- 
rimg dieser allgemeinen Eigenschaft. Nun wäre es doch 
sehr sonderbar, wenn ein menschlicher Charakterzug von 
solcher Verbreitung und Bedeutung nie bemerkt und 
nie verwertet worden wäre. Das ist auch wirklich ge- 



WVn. DIE CI8ERTRAGIING «5 

Echehen. Bernheim hat die Lehre von den hypnotisdien 
Erscheinungen mit unbeirrtem ScliarfbUck auf den Satz 
begründet, daß alle Mensdien irgendwie suggerierbar, 
„suggestibel" sind. Seine Suggestibilität ist nichts anderes 
als die Neigung zur Übertragung, etwas zu enge gefaßt, 
so daß die negative Übertragung keinen Raum darin 
fand. Aber Bernheim konnte nie sagen, was die Sug- 
gestion eigentiicb ist und wie sie zu Stande kommt. Sie 
war für ihn eine Grundtatsache, für deren Herkunft er 
keinen Nachweis geben konnte. Er hat die Abhängigkeit 
der „suggestibilite" von der Sexualität, von der Be- 
tätigung der Libido nicht erkannt. Und wir müssen ge- 
wahr werden, daß wir in unserer Technik die Hypnose 
nur aufgegeben haben, um die Suggestion in der Gestalt 
der Übertragung wiederzuentdecken. 

Jetzt halte id) aber ein und lasse Ihnen das Wort. 
Ich merke, eine Einwendung schwillt bei Ihnen so mäditig 
an, daß sie Ihnen die Fähigkeit rauben würde zuzuhören, 
würde man sie nicht zu Worte kommen lassen: „Also 
Sie haben endlich zugestanden, daß Sie mit der Hilfs- 
kraft der Suggestion arbeiten wie die HypnoHker. Da» 
haben wir uns |a schon lange gedacht. Aber dann, wo- 
zu der Umweg über die Erinnerungen der Vergangen- 
heit, die Aufdeckung des Unbewußten, die Deutung und 
Rückübersetzung der Entstellungen, der ungeheure Auf- 
wand an Mühe, Zeit und Geld, wenn das einzig Wirk- 
same doch nur die Suggestion ist? Warum suggerieren 
Sie nidit direkt gegen die Symptome, wie es die anderen 
tun, die ehrlichen Hypnotiseure? Und femer, wenn Sie 
sidi entschuldigen wollen, auf dem Umweg, den Sie 
gehen, haben Sie zahlreiche bedeutsame psychologische 
Funde gemacht, die sich bei der direkten Suggestion 
verbergen: wer steht denn jetzt für die Sicherheit dieser 
Funde ein? Sind die nidit auch ein Ergebnis der Sugge- 
stion, der unbeabsiditigten nämlich j können Sie denn 
nicht dem Kranken audi auf diesem Gebiete aufdrängen, 
was Sie wollen und was Ihnep riditig scheint?" 



JT6 UHlTfER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE ' 

Was Sie mir da einwerfen, ist ungemein interessant 
und muß beantwortet werden. Aber heute kann idi's 
nicht mehr, es fehlt uns die Zeit. Auf nächstes Mal 
also. Sie werden sehen, ich stehe Ihnen Rede. Für heute 
muß ich nodi das Begonnene zu Ende bringen. Idi habe 
versprochen, Ihnen mit Hilfe der Tatsache der Über- 
tragung verständlich zu machen, warum unsere therapeu- 
tische Bemühung bei den narzißtischen Neurosen keinen 
Erfolg hat. 

Ich kann es mit wenigen Worten tun, und Sie werden 
sehen, wie einfach sidi das Rätsel löst, und wie gut 
alles lusamraenslimmt. Die Beobachtung laßt erkennen, 
daß die an narzißtischen Neurosen Erkrankten keine 
Übertragungsfähigkeit haben oder nur ungenügende Reste 
davon. Sie lehnen den Arzt ab, nidit in Feindseligkeit, 
sondern in Gleichgültigkeit. Darum sind sie auch nicht 
durch ihn zu beeinflussen; was er sagt, läßt sie kalt, 
macht ihnen keinen Eindruck, darum kann sich der 
Heilungsmechanismus, den wir bei den anderen durch- 
setzen, die Erneuerung des pathogenen Konfliktes und 
die Überwindung des Verdrängungswiderstandes bei 
ihnen nicht herstellen. Sie bleiben, wie sie sind, Sie 
haben häufig bereits Herstellungs versuche auf eigene 
Faust unternommen, die zu pathologischen Ergebnissen 
geführt haben; wir können nichts daran ändern. 

Auf Grund unserer klinisdien Eindrücke von diesen 
Kranken hatten wir behauptet, bei ihnen müsse die 
Objektbesetzung aufgegeben und die Objektlibido in 
Ichlibido umgesetzt worden sein. Durch diesen Charaktei' 
hatten wir sie von der ersten Gruppe von Ncurotiicern 
(Hysterie, Angst- und Zwangsneurose) gesdiieden, Ihr 
Verhalten beim therapeutischen Versuch bestätigt nun 
diese Vermutung, Sie zeigen keine Übertragung und 
darum sind sie auch für unsere Bemühung unzugänglich, 
durch uns nicht heilbar.. 



XXVllI. VOnLESUKG 

DIE ANALYTISCHE THERAPIE 

Meine Damen und Herren! Sie wissen, worüber wir 
heute sprechen werden. Siehaben mich gefragt, warum 
■wir uns in der psychoanalytische» Therapie nidit der 
^direkten Suggestion bedienen, wenn wir zugeben, daß 
unser Einfluß wesentlich auf Übertragung, d. i. auf Sugge- 
stion, beruht, und haben daran den Zweifel geknüpft, 
ob wir bei einer soldien Vorherrschaft der Suggestion 
nodi für die Objektivität unserer psychologisdien Funde 
einstehen können. Ich habe versprodien, Urnen ausführ- 
'li<iie Antwort za geben. ' '"'" 

Direkte Suggestion, das ist Suggestion gegen die 
Äußerung der Symptome gerichtet, Kampf zwischen Ihrer 
Autorität und den Motiven des Krankseins. Sie kümmern 
'sich dabei um diese Motive nicht, fordern vom Kranken 
;nur, daß er deren Äußerung in Symptomen unterdrücke. 
Es macht dann keinen prinzipiellen Unterschied, ob Sie 
den Kranken in Hypnose versetzen oder nicht. Bernheim 
hat wiederum mit der ihn auszeichnenden Schärfe be- 
hauptet, daß die Suggestion das Wesentliche an den 
Erscheinungen des Hypnotismus sei, die Hypnose aber 
selbst schon ein Erfolg der Suggestion, ein suggerierter 
Zustand, und er hat mit Vorliebe die Suggestion im 
Wadien geübt, die dasselbe leisten kann wie die Suggestion 
in der Hypnose. 

Was wollen Sie nun in dieser Frage zuerst anhören, 
die Aussagung der Erfahrung oder theoretische Über- 
' legungen? 

Beginnen wir mit der erstereo. Ich w;r Schüler von 
Bernheim, den ich 1889 in Nancy aufge-ucht und dessen 
Budi über die Suggestion ich ins Deutsche übersetzt 
habe. Ich habe Jahre hindurch die hypnotische Behand- 
jung geübt, zunächst mit VerLotsuggesUon und später 
mit der Breuerschen Ausforsdiun^ des Patienten kom- 
biniert. Ich darf also über die 'Erfolge der hypnotischen 



078 DRITTER TEIL; ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

oder suggestiven Therapie aus gTjter Erfahrung sprechen. 
Wenn nach einem alten Ärztewort eine ideale Therapie 
rasch, verläßlich und für den Kranken nicht unangenehm 
sein soll, so erfüllte die Bcrnheimsche Methode aller- 
dings zwei dieser Anforderungen. Sie ließ sich viel 
rascher, d. h, unsagbar rasdier, durdiführen als die ana- 
lytische, und sie bradite dem Kranken weder Mühe noch 
Beschwerden. Für den Arzt wurde es auf die Dauer — 
monoton, bei jedem Fall in gleicher Weise, mit dem 
nämlichen Zeremoniell den versdiieden artigsten Symp- 
tomen die Existenz zu verbieten, ohne von deren Sinn 
und Bedeutung etwas erfassen zu können. Es war eine 
Handlangerarbeit, keine wissensdiaftliche Tätigkeit und 
erinnerte an M^ie, Beschwörung und Hokuspokus; aber 
das kam ja gegen das Interesse des Kranken nidit in 
Betracht. Am dritten fehlte es; verläßlich war das Ver- 
fahren nadi keiner Richtung, Bei dem einen ließ es sich 
anwenden, bei dem anderen nicht; bei einem gelang 
vieles, beim anderen sehr wenig, man wußte nie warum. 
Ai^er als diese Launenhaftigkeit des Verfahrens war der 
Mangel an Dauer der Erfolge. Nach einiger Zeit war, 
wenn man von den Kranken wieder hörte, das alte Leiden 
wieder da, oder es halte sich durch ein neues ersetzt, 
Man konnte von neuem hypnotisieren. Im Hintergrunde 
stand die von erfahrener Seite ausgesprochene Mahnung, 
den Kranken nidit durdi häufige Wiederholung der Hyp- 
nose um seine Selbständigkeit zu bringen und ihn an 
diese Therapie zu gewöhnen wie an ein Narkotikum. 
Zugegeben, manchmal gelang es auch ganz nach Wunsdi; 
nach wenigen Bemühungen hatte man vollen und dauernden 
Erfolg, Aber die Bedingungen eines so günstigen Aus- 
ganges blieben unbekannt Einmal geschah es mir, daß 
ein schwerer Zustand, den ich durch kurze hypnotische 
Behandlung ganzlidi beseitigt hatte, unverändert wieder- 
kehrte, nachdem mir die Kranke ohne mein Dazutun 
gram geworden war, daß ich ihn nach der Versöhnung 
von neuem und weit gründlicher zum Verschwinden 



XXVnr. DIE AtJALYTISCHK THERAFi F: ilt 

brachte, und daß er doch wiederkam, nacfadem sie aidi 
mir ein zweites Mal entfremdet hatte. Ein andennal er- 
lebte ich, daß eine Kranke, der icli wiederholt von ner- 
vösen Zuständen durch Hypnose geholfen hatte, mir 
während der Behandlung eines besonders hartnäckigen 
Zufalles plötzlidi die Arme uni den Hals schlang. Das 
notigte einen dodi, sich mit der Frage nach Natur und 
Herkunft seiner suggestiven Autorität, ob man wollte 
oder nidit, zu beschäftigen. 

Soweit die Erfahrungen. Sie zeigen uns, daß wir mit 
dem Verzicht auf die direkte Suggestion nichts Unersetz- 
lidies aufgegeben haben. Nun lassen Sie uns einige Er- 
wägungen daran knüpfen. Die Ausübung der hypnotisdien 
Therapie legt dem Patienten wie dem Arzt nur eine 
sehr geringfügige Arbeitsleistung auf. Diese Therapie 
"ist in schönster Übereinstimmung mit einer Einschätzung 
der Neurosen, zu der sich noch die Mehrzahl der Ärzte 
bekennt Der Arzt sagt dem Nervösen: Es fehlt Ihnen 
ja nichts, es ist nur nervös, und darum kann ich auch 
Ihre Beschwerden mit einigen Worten in wenigen Minuten 
wegblasen. Es widerstrebt aber unserem energetischen 
Denken, daß man durch eine winzige Kraftanstrengung 
eine große Last sollte bewegen können, wenn man sie 
direkt und ohne fremde Hilfe geeigneter Vorrichtungen 
angreift Soweit die Verhältnisse vergleichbar sind, lehrt 
audi die Erfahrung, daß dieses Kunststuck bei den Neu- 
rosen nicht gelingt. Idi weiß aber, dieses Argument ist 
nidit unangreifbar; es gibt auch „Auslösungen", ■; 

Im Lichte der Erkenntnis, weldie wir aus der Psycho- 
analyse gewonnen haben, können wir den Unterschied 
zwischen der hypnotisdien und der psychoanalytischen 
Suggestion in folgender Art besdireiben: Die hypnotisdie 
■Therapie sucht etwas im Seelenleben zu verdecken und 
zu übertünchen, die analytisdie etwas freizulegen und 
zu entfernen. Die erstere arbeitet wie eine Kosmetik, 
die letztere wie eine Chirurgie. Die erstere benützt die 
Suggestion, um die Symptome zu verbieten, sie verstärkt 



480 D RITTER TEIL; ALLGEMEINE NEUiJOSENLEHRE ■ 

die Verdrängungen, läßt aber sonst alle Vorgänge, die 
zur Symptombildung geführt haben, ungeändert. Die 
analytische Therapie greift weiter wurzelwärts an, bei 
den Konflikten, aus denen die Symptome hervorgegangen 
sind, und bedient sich der Suggestion, um den Ausgang 
dieser Konflikte abzuändern. Die hypnotische Therapie 
läßt den Patienten untätig und ungeändert, darum auch 
in gleicher Weise widerstandslos gegen jeden neuen 
Anlaß lur Erkrankung. Die analytische Kur legt dem 
Arzt wie dem Kranken sdtwere Arbeitsleistung auf, die 
zur Aufhebung innerer Widerstände verbraudit wird. 
Durdi die Oberwindung dieser Widerstände wird das 
Seelenleben des Kranken dauernd verändert, auf eine 
höhere Stufe der Entwicklung gehoben und bleibt gegen 
nene Erkrankungsmögiichkeiten geschützt. Diese Über- 
windungsarbeit ist die wesentlidie Leistung der analy- 
tisdien Kur, der Kranke hat sie zu vollziehen, und der 
Arzt ermöglidit sie ihm durch die Beihilfe der im Sinne 
einet Erziehung wirkenden Suggestion. Man hat darum 
auch mit Redit gesagt, die psychoanalytische Behand- 
lung sei eine Art von Nacherziehung. 

Ich hoffe, Ihnen nun klar gemacht zu haben, worin 
sidi unsere Art, die Suggestion therapeutisch zu ver- 
wenden, von der bei der hypnotisdien Therapie allein 
möglidien unterscheidet Sie verstehen audi durch die 
Zurückfiihrung der Suggestion auf die Übertragung die 
Launenhaftigkeit, die uns an der hypnotischen Therapie 
auffiel, während die analytische bis zu ihren Schranken 
berechenbar bleibt. Bei der Anwendung der Hypnose 
sind wir von dem Zustande der Übertragungstähigkeit 
des Kranken abhängig, ohne daß wir auf diese selbst 
einen Einfluß üben konnten. Die Übertragung des zu 
Hypnotisierenden mag negativ oder, wie zu allermeist, 
ambivalent sein, er kann sidi durch besondere Ein- 
stellungen gegen seine Übertragung geschützt haben; 
wir erfahren nidits davon. In der Psychoanalyse arbeiten 
wir an der Übertragung selbst, lösen auf, was ihr ent- 



XXVill. DIE ANALYTISCHE THERAPIE ^Sl 

gegensteht, richten uns das Instrument zu, mit dem wir 
einwirken wollen. So wird es uns möglich, aus der Macht 
der Suggestion einen ganz anderen Nutzen zu ziehen; 
wir bekommen sie in die Hand; nicht der Kranke sugge- 
riert sich allein, wie es in seinem Belieben steht, sondern 
.wir lenken seine Suggestion, soweit er ihrem Einfluß 
überhaupt zugänglich ist 

Nun werden Sie sagen, gleichgültig, ob wir die treibende 
Kraft unserer Analyse Übertragung oder Suggestion heißen, 
es besteht doch die Gefahr, daß die Beeinflussung des 
Patienten die objektive Sicherheit unserer Befunde zweifel- 
haft macht Was der Therapie zu gute kommt, bringt 
.die Forsdiung zu Schaden. Es ist die Einwendung, welche 
am häufigsten gegen die Psychoanalyse erhoben worden 
ist, und man muß zugestehen, wenn sie auch unzutreffend 
ist, so kann man sie dodi nicht als unverständig abweisen, 
Wäre sie aber berechtigt, so würde die Psydioanalyse 
doch nichts anderes als eine besonders gut verkappte, 
besonders wirksame Art der Suggestionsbehandlung sein, 
und wir dürften alle ihre Behauptungen über Lebens- 
einflüsse, psychische Dynamik, Unbewußtes leicht nehmen. 
So meinen es auch die Gegner; besonders alles, was 
sich auf die Bedeutung der sexuellen Erlebnisse bezieht, 
wenn nicht gar diese selbst, sollen wir den Kranken 
„eingeredet" haben, nachdem uns in der eigenen ver- 
derbten Phantasie solche Kombinationen gewachsen sind. 
Die Widerlegung dieser Anwürfe gelingt leichler durch 
ilie Berufung auf die Erfahrung als mit Hilfe der Theorie. 
Wer selbst Psychoanalysen ausgeführt hat, der konnte 
sich ungezählte Male davon überzeugen, daß es unmög- 
lich ist, den Kranken in solcher Weise zu suggerieren. 
Es hat natürlich keine Schwierigkeit, ihn zum Anhänger 
einer gewissen Theorie zu machen und ihn so auch an 
einem möglichen Irrtum des Arztes teilnehmen zu lassen. 
Er verhält sich dabei wie ein anderer, wie ein Schüler, 
aber man hat dadurch auch nur seine Intelligenz, nicht 
seine Krankheit beeinflußt Die Lösung seiner Konflikte 

Freud, VorlcsuDgen 31 



4ft2 DRITTER TF.lt-; AtlGI-.t.ir.tWK NEUKOSKNLr-.l ^RE 

und die Überwindung seiner Widerstände glGckt doc\ 
nur, wenn man ihm soldie Erwartungsvorsteliuiigen ge- 
geben hat, die mit der Wirldicbkeit in ihm überein- 
stimmen. Was an den Vermutungen des Arrtes unzu- 
treffend war, das fällt im Laufe der Analyse wieder 
heraus, muß zurückgezogen und durch Richtigeres er- 
setzt werden. Durdi eine sorgfältige Technik sucht man 
(ias Zustandekommen von vorläufigen Suggestionserfolgcn 
KU verhüten; aber es ist aucli unbedenklicii, wenn sidi 
solche einstellen, denn man begnügt sieh nicht mit dem 
ersten Erfolg. Man hält die Analyse nicht für beendigt 
wenn niclit die Dunkelheiten des Falles aufgeklärt, die 
Erinnerungslücken ausgefüllt, die Gelegeniieiten der Ver 
drängungen aufgefunden sind. Man erblickt in Erfolgen 
die sich zu früh einstellen, eher Hindemisse als Förde- 
rungen der analytischen Arbeit und zerstört diese Er- 
folge wieder, indem man die Überti-agimg, auf der sii 
■beruhen, immer wieder auflöst. Im Grunde ist es diese; 
letzte Zug, weither die analytische Behandlung von de 
rein suggestiven scheidet und die analytischen Ergebnissi 
von dem Verdacht befreit, suggestive Erfolge zu sein 
Bei jeder anderen suggestiven Behandlung wird die Über 
tragung sorgfältig geschont, unberührt gelassen; bei de 
analytischen ist sie selbst Gegenstand der Behandluni 
und wird in jeder ihrer Erscheinungsformen zersetzt 
Zum Schlüsse einer analytischen Kur muß die Obertragur. 
selbst abgetragen sein, und wenn der Erfolg jetzt sid 
einstellt oder erhält, so beruht er nicht auf der Suggestior 
sondern auf der mit ihrer Hilfe volibracliten Leistuni 
der Überwindung innerer Widerstände, auf der in der 
Kranlien erzielten inneren Veränderung. 

Der Entstehung von Einze! Suggestionen wirkt wot 
entgegen, daß wir während der Kur unausgesetzt gege 
' 'Widerstände anzukämpfen haben, die sich in negativ 
(feindselige) Übertragungen zu ' verwandeln wissen. W: 
werden es auch nicht versäumen, uns darauf zu berufei 
d^a eine -ruße Anzahl von Einzelcrgebnissen der Anr.ly^i 



XXVllL DIE ANALYTISCHE THERAPIE ^^83 

die man sonst als Produkte der Suggestion verdächtigen 
würde, uns von anderer einwandfreier Seite bestätigt 
werden. Unsere Gewährsmänner sind in diesem Falle die 
Dementen und Paranoiker, die über den Verdacht sugge- 
stiver Beeinflussung natürlich hoch erhaben sind. Was uns 
diese Kranken an Symbol Übersetzungen und Phantasien 
erzählen, die bei ihnen zum Bewußtsein durchgedrungen 
sind, deckt sich getreulich mit den Ergebnissen unserer 
Untersuchungen an dem Unbewußten der Übertragungs- 
neurotikcr und bekräftigt so die objektive Richtigkeit 
unserer oft bezweifelten Deutungen. Ich glaube, Sie werden 
nicht irre gehen, wenn Sie in diesen Punkten der Ana- 
lyse Ihr Zutrauen schenken. 

Wir wollen jetzt unsere Darstellung vom Melanis- 
mus der Heilung vervollständigen, indem wir sie in die 
Fonneln der Libidotheorie kleiden. Der Neurotiker ist 
genuß- und leistun^unfähig, das erstere, weil seine Libido 
auf kein reales Objekt gelichtet ist, das letztere, weil 
er sehr viel von seiner sonstigen Energie aufwenden 
muß, um die Libido in der Verdrängung zu erhalten und 
sich ihres Ansturmes zu erwehren. £ wurde gesund, 
wenn der Konflikt zwisdien seinem Ich und seiner Libido 
ein Ende hätte und sein Ich wieder die Verfügung über 
seine Libido besäße. Die tlierapeutische Aufgabe besteht 
also darin, die Libido aus ihren derieiHgen, dem Ich 
entzogenen Bindungen zu lösen und sie wieder dem Ich 
dienstbar zu madien. Wo steckt nun die Libido des Neu- 
rotikers? Leicht zu finden; sie ist an die Symptome 
gebunden, die ihr die derzeit einzig möglidie Ersatz- 
befriedigung gewähren. Man muß also der Symptome 
Herr werden,- sie auflösen, gerade dasselbe, was der 
Kranke von uns fordert. Zur Lösung der Symptome wird 
es nötig, bis auf deren Entstehung zurückzugehen, den 
Konflikt, aus dem sie hervorgegangen sind, zu erneuern 
und^ ihn mit Hilfe solcher Triebkräfte, die seinerzeit nicht 
verfügbar waren, zu einem anderen Ausgang zu lenken. 
Diese Revision des Verdrängungsprozesses läßt sidi nur 

31» 



4M DRITTER TEIL; ALLGEMEWE WEURüSENLEHRR 

zum Teil an den Erinnerungsspuren der Vorgänge voll- 
ziehen, weldie zur Verdrängung geführt haben. Das ent- 
sdieidende Stüdc der Arbeit wird geleistet, indem man 
im Verhältnis zum Arzt, in der „Übertragung", Neuauf- 
lagen jener alten Konflikte schafft, in denen sich der 
Kranke benehmen mödite, wie er sich seinerzeit be- 
nommeü hat, während man ihn durdi das Aufgebot aller 
verfügbaren seelischen Kräfte zu einer anderen Ent- 
scheidung nötigt. Die Übertragung wird also das Schla»it- 
feld, auf welchem sich alle miteinander ringenden Kräfte 
treffen sollen. 

Alle Libido wie alles Widerstreben gegen sie wird 
sa[ das eine Verhältnis zum Arzt gesammelt; dabei ist 
es unvermeidlich, daß die Symptome von der Libido 
entblößt werden. An Stelle der eigenen Krankheit des 
Patienten tritt die künstlich hergestellte der Übertr^ung, 
die Übertragungskrankbeit, an Stelle der verschieden- 
artigen irrealen Libidoobjekte das eine wiederum phan- 
tastische Objekt der ärztlichen Person. Der neue Kampf 
um dieses Objekt wird aber mit Hilfe der ärztlidien 
Suggestion auf die höcliste psychische Stufe gehoben, 
er verläuft als normaler seelisdier Konflikt Durch die 
Vermeidung einer neuerlichen Verdrängung wird der 
Entfremdung zwisdien Ich und Libido ein Ende gemacht, 
die seelische Einheit der Person wieder hergestellt. Wenn 
die Libido von dem zeitweiligen Objekt der ärztftcheii 
Person wieder abgelöst wird, kann sie nicht zu ihren 
früheren Objekten zuriidckehren, sondern steht zur Ver- 
fügung des Ichs, Die Mächte, die man während dieser 
tlierapeutisdien Arbeit bekämpft hat, sind einerseits die 
Abneigung des Idis gegen gewisse Richtungen der Libido, 
die sich als Verdrängungsneigung geäußert hat, und ander- 
seits die Zähigkeit oder Klebrigkeil der Libido, die 
einmal von ihr besetzte Objekte nicht gerne verläßt. 

Die therapeutische Arbeit zerlegt sich also in zwei 
Phasen; in der ersten wird alle Libido von den Symp- 
tomen her in die Übertragung gedrängt und dort koa- 



XXVIH. DiE ANALYTISCHi; THERAFIK 4S5 

zentriert, in der zweiten der Kampf um dies neue Ob- 
jekt durchgeführt und die Libido von ihm freigemacht. 
Die für den guten Ausgang entscheidende Veränderung 
ist die Ausschaltung der Verdrängung bei diesem er- 
neuerten Konflikt, so daS sidi die Libido nicht durch 
die Fludit ins Unbewußte wiederum dem Ich entziehen 
kann. - Ermöglicht wird sie durdi die Ichveränderung, 
weiche siti unter dem Einfluß der äritlidien Suggestion 
vollzieht Das Ich wird durch die Deutungsarbeit, welche 
Unbewußtes in Bewußtes umsetzt, auf Kosten dieses 
Unbewußten vergrößert, es wird durch Belehrung gegen 
die Libido versoimlitii und geneigt gemacht, ihr irgend 
eine Befriedigung einzuräumen, und seine Scheu vor den 
Ansprüchen der Libido wird durch die Möglichkeit, einen 
Teilbetrag von ihr durch Sublimierung zu erledigen, ver- 
ringert. Je besser sich die Vorgänge bei der Behandlung 
mit dieser idealen Besdireibung decken, desto größer 
wird der Erfolg der psyclioanalytisdien Therapie. Seine 
Schranke findet er an dem Mangel an Beweglichkeit der 
Libido, die sich sträuben kann, von ihren Objekten ab- 
zulassen, und an der Starrheit des Narzißmus, der die 
Objektübertragung nicht über eine gewisse Grenze an- 
■wachsen läßt. Vielleicht werfen wir ein weiteres Licht 
auf die Dynamik des Heilungs Vorganges durch die Be- 
merkung, daß wir die ganze der Herrschaft des Ichs ent- 
zogene Libido auffangen, indem wir durch die Über- 
tragung ein Stück von ihr auf uns ziehen. 

Es ist auch die Mahnung nicht unangebradit, daß 
wir aus den Verteilungen der Libido, die sich während 
und durch die Behandlung herstellen, keinen direkten 
;Sdi]uß auf die Unterbringung der Libido während des 
Kranksnina, ziehen dürfen. Angenommen, es sei uns ge- 
lungen, den Fall durch die Herstellung und Lösung einer 
starken Vaterübertragung auf den Arzt glüddich zu er- 
ledigen, so ginge der Schluß fehl, daß der Kranke vorher 
an einer soldten unbewußten Bindung seiner Libido an 
'den. Vater gelitten, hat Die Vaterübcrtr.igung ist nur das 



m DRnrEB TEfl.; ALLGEMEINE NEUROSEN LEHRE 

Sdilachtfeld, auf weldiem wir uns der Libido bemächtigen; 
die Libido des Kranken ist von anderen Positionen her 
dorthin gelenkt worden. Dies Schlachtfeld mulJ nicht not- 
wendig' mit einer der wichtigen Festungen des Feindes 
msammenf allen. Die Verteidigung der feindlichen Haupt- 
stadt braucht nicht gerade vor deren Toren zu geschehen. 
Erst nachdem man die Übertragung wieder gelöst hat, 
kann man die Libido verteil unt^, weldie während des 
Krankseins bestanden hatte, in Gedanken rekonstruieren, 

Vom Standpunkt der Libidotheorie können wir auch 
noch ein letztes Wort über den Traum sag^n. Die Träume 
der Neurotiker dienen uns wie ihre Fehlleistungen und 
ihre freien Einfälle dazu, den Sinn der Symptome zu 
erraten und die Unterbringung der Libido aufjudedcen, 
Sie zeigen uns in der Form der Wunsche rffd hing, welche 
Wunsch rcgungcn der Verdrängung verfallen sind, und 
an welche Objekte sich die dem Icli entzogene Libido 
gehängt hat. Die Deutung der Träume spielt darum in 
der psychoanalytischen Behandlung eine große Rolle und 
ist in manchen Fällen durdi lange Zeiten das wichtigste 
Mittel der Arbeit. Wir wissen bereits, daß der Sdilaf- 
zustand an sidi einen gewissen Nachlaß der Verdrän- 
gungen herbeiführt Durdi diese Ermäßigung des auf ihr 
lastenden Dnidces wird es möglich, daß sidi die ver- 
drängte Regung im Traume einen viel deutlidieren Aus- 
druck schafft, als ihn während des Tages das Symptom 
gewähren kann. Das Studium des Traumes wird so zum 
bequemsten Zugang für die Kenntnis des verdrängten 
Unbewußten, dem die dem Idi entzogene Libido angehört. 

Die Träume der Neurotiker sind aber in keinem 
wesentlidien Punkte von denen der Normalen verschieden ; 
ja sie sind von ihnen vielleidit überhaupt nicht unter- 
scheidbar. Es wäre widersinnig, von den Träumen Ner- 
vöser auf eine Weise Rechenschaft zu geben, welche 
nidit auch für die Träume Normaler Geltung hätte. Wir 
müssen also sagen, der UnterstJiied zwischen Neurose 
und Gesundheit gilt nur für den Tag, er setzt sich iiich! 



XXVIII. DiF, ANALYTISCHE THERAPIE 187 



ins Traumleben fort. Wir sind genötigt, eine Anzahl- 
von Annahmen, die sich beim Ncurotiker infolge des 
Zusammenhanges zwischen seinen Träumen und seinen 
Symptomen ergeben, auch auf den gesunden Menschen 
ju übertragen. Wir können es niöit in Abrede stellen, 
daß auch der Gesunde in seinem Seelenleben das be- 
sitzt, was allein die Traurabildung wie die Symptom- 
bildung ermöglicht, und müssen den Schluß ziehen, 6aü 
auch er Verdrängungen vorgenommen hat, einen gewissen 
Aufwand treibt, um sie zu unterhalten, daß sein System des 
Unbewußten verdrängte und noch energiebesetzte Regun- 
gen verbirgt, und daß ein Anteil seiner Libido 
der Verfügung seines Ichs entzogen ist. Auch 
der Gesunde ist also virtuell ein Neurotiker, aber der 
Traum scliemt das einzige Symptom zu sein, das zu 
bilden er fähig ist. Unterwirft man sein Watäiieben eincK 
schärferen Prüfung, so entdeckt man freilich, — was diese;! 
Anschein widerlegt, — daß dies angeblich gesunde Leben 
von einer Unzahl geringfügiger, praktisch nicht bedeut- 
samer Symptombildungen durchsetzt ist. 

Der Unterschied zwischen nervöser Gesundheit und 
Neurose schränkt sich also aufs Fraktiscl^e ein und be- 
stimmt sich nach dem Erfolg, ob der Person ein ge; 
nagendes Maß von Genuß- und Leisiungsfähigkeil ver- 
blieben ist. Er führt sich wahrscheinlich auf das relative 
Verhältnis zwischen den frei gebliebenen und den durch 
Verdrängung gebundenen Energiebe trägen zurück und 
ist von quantitativer, nicht von qualitativer Art Ich 
brauche Sic niclit daran zu mahnen, daß diese Einsicht 
die Überzeugung von der prinzipiellen Heilbarheit der 
Neurosen, trotz ihrer Begründung in der konstitutionellen 
Anlage, theoretisch begründet. 

Soviel dürfen wir aus der Tatsache der Identität der 
Träume bei Gesunden mid bei Neurotikcm für die 
Charakteristik der Gesundheit erschließen. Für den Traum 
selbst ergibt sich aber die weitere Folgerung, . daß v/ir 
iha mcht aus seinen ^eziehungen zu den neurotisdicn 



48] DRITTER TEfLi ALLGEMEINE NEUROSEN LEHRE ' 

Syjnptomen lösen dürfen, daß wir nidit glauben sollen, 
sein Wesen sei durcli die Formel einer Übersetzung von 
Gedanken in eine archaische Ausdrueksform ersdiöpft, 
daß wir annehmen müssen, er zeige uns wirklidi vor-^ 
handene Libidounterbringungen und Objektbesetzungen. 
Wir sind nun bald zu Ende gekommen. Vielleicht 
sind Sie enttäuscht, daß ich Ihnen zum Kapitel der psycho- 
analytischen Therapie nur Theoretisches erzählt habe,' 
nidils von den Bedingungen, unter denen man die Kur 
einschlägt, und von den Erfolgen, die sie erzielt. Ich 
unterlasse aber beides. Das erstere, weil ich Ihnen j<i 
keine praktische Anleitung zur Ausübung der Psycho-: 
analyse zu geben gedenke, und das letztere, weil melnr- 
fadie Motive mich davon abhalten. Ich habe es zu Ein^ 
gang unserer Besprechungen betont, daß wir unter 
günstigen Umständen Heilerfolge erzielen, die hinter 
den schönsten auf dem Gebiete der internen Therapie 
nidil zurückstehen, und ich kann etwa noch hinzusetzen, 
daß dieselben durch kein anderes Verfahren erreicht 
worden wären. Würde ich mehr sagen, so käme ich in 
den Verdacht, daß ich die laut gewordenen Stimmen 
der Herabsetzung durdi Reklame übertönen wollte. Es 
»st gegen die Psychoanalytiker wiederholt, auch auf 
Öffenllidien Kongressen, von ärztlichen „Kollegen" die 
Drohung ausgesprochen worden, man werde durch eine 
Sammlung der analytischen Mißerfolge und Stäiädigungeii 
dem leidenden Publikum die Augen über den Unwert 
dieser Behandlungsmethode öffnen. Aber eine solche 
Sammlung wäre, abgesehen von dem gehässigen, denun- 
ziatorischen Charakter der Maßregel, niciit einmal ge- 
eignet, ein richtiges Urteil über die therapeutische Wirk- 
samkeit der Analyse zu ermöglidien. Die analytische 
Therapie ist, wie Sie wissen, jung; es hat lange Zeit 
gebraucht, bis man ihre Technik feststellen konnte, und 
dies konnte auch nur während der Arbeit und unter 
dem Einfluß der zunehmenden Erfahrung geschehen. 
Infolge der Schwierigkeiten der Unterweisung' ist der 



r 



XXVm. DIE ANALYTISCHE THERAPIE 4S9 

ärztliche Anfäng-er in der Psychoanalyse in größerem 
Ausmaße als ein anderer Spezialist auf seine eigene 
Fähigkeit zur Fortbildung angewiesen, und die Erfolge 
seiner ersten Jahre werden nie die Leistungsfähigkeit 
der analytischen Therapie beurteilen lassen. 

Viele Behandlungsversudie mißlangen in der Friih- 
zeit der Analyse, weil sie an Fällen unternommen waren, 
die sidi überhaupt nidit für das Verfahren eignen, und 
die wir heute duri^ unsere Indikationsstellung- ausschließen. 
Aber diese Indikationen konnten auch nur durch den 
Versuch gewonnen werden. Von vornherein wußte man 
seinerzeit nidit, daß Paranoia und Dementia praecox in 
ausgeprägten Formen unzugänglich sind, und hatte noch 
das Recht, die Methode an allerlei Affektionen zu erproben. 
Die meisten Mißerfolge jener ersten Jahre sind aber 
nicht durch die Schuld des Arztes oder wegen der un- 
geeigneten Objektwahl, sondern durch die Ungunst der 
äußeren Bedingung;en zu Stande gekommen. Wir haben 
nur von den inneren Widerständen gehandelt, denen des 
Patienten, die notwendig und überwindbar sind. Die 
äußeren Widerstände, die der Analyse von den Ver- 
hältnissen des Kranken, von seiner Umgebung; bereitet 
werden, haben ein geringes theoretisches Interesse, aber 
die größte' praktische Wichtigkeit. Die psychoanals'tisclie 
Behandlung ist einem chirurgischen Eingriff gleichzusetzen 
und hat wie dieser den Anspruch, unter den für das 
Gelingen günstigsten Veranstaltungen vorgenommen zu 
werden. Sie wissen, weldie Vorkehrungen der Chirurg 
dabei zu treffen pflegt: geeigneter Raum, gutes Licht, 
Assistenz, Ausschließung der Angehörigen uaw. Nun 
fragen Sie sich selbst, wie viele dieser Operationen gut 
ausgehen würden, wenn sie im Beisein aller Familien' 
mrtglieder stattfinden müßten, die ihre Nasen in das 
Operationsfeld stecken und bei jedem Messersdinitt laut 
aufschreien würden. Bei den psychoanalytischen Behand- 
lungen ist die Dazwischenkunft der Angehörigen geradezu 
;ine Gefahr, und zwar eine solche, der man nicht zu 



■190 nraiTTER TEIL: ALLGEMEINE VEUROSENI.EHPJ; 

begegnen weiß. Man ist gegen die inneren Widerstände 
des Patienten, die man als notwendig erkennt, gerüstet, 
aber wie soll man sich gegen jene äußeren Widerstände 
wehren? Den Angehörigen des Patienten kann man durch 
keinerlei Aufklärung beikommen, man kann sie nidit 
dazu bewegen, sich von der ganzen Angelegenheit fern- 
zuhalten, und man darf nie gemeinsanie Sache mit ihnen 
maclien, weil man dann Gefahr läuft, das Vertrauen d^ 
Kranken zu verlieren, der — übrigens mit Redit ~, 
fordert, daß sein Vertrauensmann auch seine Partei nehme. 
Wer überhaupt weiß, von welchen Spaltungen oft eine 
Familie zerklüftet wird, der kann auch als Analytiker 
nicht von der Wahrnehmung überrascht werden, daß die 
dem Kranken Nächsten mitunter weniger Interesse daran 
verraten, daß er gesund werde, als daß er so bleibe, 
wie er ist. Wo, wie so häufig, die Neurose mit Kon- 
flikten zwischen Familienmitgliedern zusammenhängt, da 
bedenkt sich der Gesunde nicht lange bei der Wahl 
zwischen seinem Interesse und dem der Wiederherstellung 
des Kranken. Es ist ja nicht zu verwundem, wenn der 
Ehemann eine Behandlung nicht gerne sieht, in welcher, 
wie er mit Reciit vermuten darf, sein Sündenregister aut- 
gerollt werden wird; wir verwundern uns auch nicht 
darüber, aber wir können uns dann keinen Vorwurf 
machen, wenn unsere Bemühung erfolglos bleibt und 
vorzeitig abgebrochen wird, weil sich der Widerstand 
des Mannes zu dem der kranken Frau hinzuaddiert hat. 
Wir hatten eben etwas unternommen, was unter den 
bestehenden Verhältnissen undurchführbar war. 

. Ich will Ihnen anstatt vieler Fälle nur einen einzigen 
erzählen, in dem ich durdi ärztliche Rücksiditen zu einer 
leidenden Rolle verurteilt wurde. Ich nahm — vor vielen 
Jahren — ein junges Mädchen in analytische Behandlung, 
welches schon seit längerer Zeit aus Angst nicht auf die 
Straße gehen und zu Hause niclit allein bleiben konnte. 
Die Kranke rütite langsam mit dem Geständnis heraus, 
daß ihre Phantasie durch zufällige Beobachtungen de^ 



XXVIll. DIE ANALYTISCHE THERAPIE «1 

zärtlidien Verkehres zwischen ihrer Mutter und einem 
wohlhabenden Hausfreund ergriffen worden sei. Sie war 
aber so ungeschickt — oder so raffiniert — der Mutter 
einen Wink von dem zu g-eben, was in den Analysen- 
stunden besprochen wurde, indem sie ihr Benehmen 
gegen die Mutter ändeite, darauf bestand, von keiner 
anderen als der Mutter gegen die Angst des Alleinseins 
beschützt zu werden, und ihr angstvoll die Türe vertrat, 
wenn sie das Haus verlassen wollte. Die Mutter war 
früher selbst sehr nervös geweser, hatte aber in einer 
Wasserheilanstalt vor Jahren die Heilung gefunden. Setzen 
wr dafür ein, sie hatte in jener Anstalt die Bekanntschaft 
des Mannes gemacht, mit dem sie ein sie nach jeder 
Richtung befriedigendes Verhältnis ' eingehen konnte, 
Durdi die stürmischen Anforderungen des Mädchens 
stutzig gemadit, verstand die Mutter plötzlich, was die 
Angst ihrer Tochter bedeutete. Sie ließ sich krank werden, 
um die Mutter zur Getangenen zu machen und ihr die 
für den Verkehr mit dem Geliebten notwendige Be- 
wegungsfreiheit zu rauben. Rasch entschlossen madite 
die Mutter der schädlichen Behandlung ein Ende. Das 
Madchen wurde in eine Nervenheilanstalt gebracht und 
durch lange Jahre als „armes Opfer der Psychoanalyse" 
demonstriert. Ebensolange ging mir die üble Nadirede 
wegen des schlechten Ausganges dieser Behandlung nach. 
Ich bewahrte das Schweigen, weil ich midi durch die 
Pflicht der ärztlichen Diskretion gebunden glaubte. Lange 
Zeit nachher erfuhr ich von einem Kollegen, der jene 
Anstalt besucht und das agoraphobische Mädchen dort 
gesehen hatte, daß das Verhältnis zwisdien ihrer Muttci' 
und dein vermögenden Hausfreund stadtbekannt sei und 
wahrscheinliiji die Billigung des Gatten und Vaters habe. 
Diesem „Geheimnis" war also die Behandlung geopfert 
worden. 

In den Jahren vor dem Kriege, als der Zulauf aus 
vieler Herren Ländern mich von der Gunst oder Miß- 
gunst der Vaterstadt unabhänf^ig machte, befolgte idi 



^S2 DRITTER TEIL; A11.CEME1NE NEUROSENLEHRE 

die Regel, keinen Kranken in Behandlung- zu nehmen, 
der nidil sui juris, in seinen wesenllidien Lebensbezie- 
hungen von anderen unabhängig wäre. Das kann sidi 
nun nicht jeder Psychoanalytiker gestatten. Vielleicht 
ziehen Sie aus meiner Warnung vor den Angehörigen 
den Schluß, man solle die Kranken zum Zwedte der 
Psychoanalyse aus ihren Familien nehmen, diese Therapie 
also auf die Insassen von Nervenheilanstalten beschränken. 
Allein ich könnte. Ihnen hierin nicht beistimmen; es ist 
weit vorteilhafter, wenn die Kranken — insofcme sie 
nicht in einer Phase sdiwerer Erschöpfung sind — während 
der Behandlung in jenen Verhältnissen bleiben, in denen 
sie mit den ihnen gestellten Aufgaben zu kämpfen haben, 
Nur sollten die Angehörigen diesen Vorteil nicht durdi 
ihr Benehmen wettmachen und sich überhaupt nicht dei- 
ärztlichcn Bemühung feindselig widersetzen. Aber wie 
wollen Sie diese für uns unzngängliclien Faktoren dazu 
bewegen! Sie werden natürlich auch erraten, wieviel von 
den Aussiditen einer Behandlung durch das soziale Milieu 
und den kulturellen Zustand einer Familie bestimmt wird. 
Nicht wahr, das gibt für die Wirksamkeit der Psycho- 
analyse als Therapie einen trüben Prospekt, selbst wenn 
wir die überwiegende Mehrzahl unserer Mißerfolge durdi 
solche Redienschaft von den störenden äußeren Momenten 
aufklären können! Freunde der Analyse haben uns dann 
geraten, einer Sammlung von Mißerfolgen durch eine voo 
uns entworfene Staüstik der Erfolge zu begegnen. Ich bin 
audi darauf nicht eingeganger. leb machte geltend, daß 
eine Statistik wertlos sei, wenn die aneinander gereihten 
Einheiten derselben zu wenig gleichartig seien, und die 
Fälle von neurotisdier Erkrankung, die man in Behand- 
lung genommen hatte, waren wirklich nach den ver- 
schiedensten Richtungen ntdit gleichwertig. Auflerdera 
war der Zeitraum, den man überschauen konnte, zu kurz, 
um die Haltbarkeit der Heilungen zu beurteilen, und 
von vielen Fallen konnte man überhaupt nidit Mitteilung 
inadien. Sie betrafen Personen, die ihre Krankheit wie 



■■ ■ ■-' XXVm. Dlg ANAYTISCHE THERAPIE ■193 

ihre Behandlung geheim gehalten hatten, untl deren Her- 
stellung gleidifalls verheimlicht werdenmußte. Die stai-ksle 
Abhaltung lag aber in der Einsidit, daß die Menschen 
sich in Dingen der Therapie höchst irrationeil benehmen, 
60 daß man keine Aussidit hat, durdi verständige Mittel 
etwasbei ihnen auszurichten. Eine iherapeutischeNeuerung 
wird entweder mit rauschartiger Begeisterung aufge- 
nommen, wie z. B, damals, als Koch sein erstes Tuber- 
kulin gegen die Tuberkulose in die Öffentlichkeit brachte, 
oder mit abgrundtiefem Mißtrauen behandelt, wie die 
wirklidi segensreidie Jennersdie hnpfung, die heute 
noch ihre uiiversöhnlidien Gegner hat. Gegen die Psycho- 
analyse lag offenbar ein Voriirleil vor. Wenn man einen 
schwierigen Fall hergestellt hatte, so konnte man hören: 
Das ist kein Beweis, der wäre auch von selbst in dieser 
Zeit gesund geworden. Und wenn eine Kranke, die 
bereits vier Zyklen von Verstimmung und Manie absolviert 
hatte, in einer Pause nach der Melancholie in meine 
Behandlung gekommen war und drei Wochen später sich 
wieder zu Beginn einer Manie befand, so waren alle 
Familienmitglieder, aber auch die zu Rate gezogene hohe 
ärztliche Autorität, überzeug!, daß der neuerliche Anfall 
nur die Folge der an ihr versuchten Analyse sein könne. 
Gegen Vorurteile kann man nichts tun; Sie sehen es ja 
jetzt wieder an den Vorurteilen, die die eine Gruppe 
von kriegführenden Völkern gegen die andere entwidcelt 
hat. Das VemünRigste ist, man wartet und überläßt sie 
der Zeit, weldie sie abnützt Eines Tages denken dieselben 
Mensdien über dieselben Dinge ganz anders als bisher; 
warum sie nicht schon früher so gedacht haben, bleibt ein 
dunkles Geheimnis, 

Möglicherweise ist das Vorurteil gegen die analytische 
Therapie schon jetzt in Abnahme begriffen. Die stete 
Ausbreitung der analytischen Lehren, die Zunahme ana- 
lytisch, behandelnder Ärzte in manchen Ländern sdieinl 
es zu verbürgen. Als ich ein junger Arzt war, geriet ich 
in einen ebensolchen Entrüstungsstuvm der Ärzte gegen 



VM DBirrER TeiL= ALLGEMEIKS WEUROSENLEHRE 

die hypnotische Suggestivbehandlung, die heute von den 
„Nüchternen" der Psychoanalyse entgegengehalten wird. 
Der Hypnotismus hat aber als therapeutisches Agens 
nicht gehalten, was er anfangs versprach; wir Psycho- 
analytiker dürfen uns für seine reditmaßigen Erben aus- 
geben und vergessen nicht, wie viel Aufmunterung und 
theoretisdie Aufldäruag wir ihm verdanken. Die der 
Psychoanalyse nachgesagten Schädigungen sdiränken sich 
im wesentlichen auf vorübergehende Erscheinungen von 
Konfliktsteigerung ein, wenn die Analyse ungesdhickt 
gemacht, oder wenn sie mittendrin abgebrochen wird. 
Sie haben ja Rechenschaft darüber gehört, was wir mit 
den Kranken anstellen, und können sich ein eigenes Urteil 
darüber bilden, ob unsere Bemühungen geeignet sind, 
zu einer dauernden Schädigung zu fuhren. Mißbrauch 
der Analyse ist nach verschiedenen Richtungen möglich; 
zumal die Übertragung ist ein gefährliches Mittel in den 
Händen eines nidit gewissenhaften Arztes, Aber vor 
Mißbrauch ist kein ärztlidies Mittel oder Verfahren ge- 
schützt; wenn ein Messer nicht schneidet, kann es auch 
nicht zur Heilung dienen. 

Ich bin nun zu Ende, meine Damen und Herren, Es 
ist mehr als die gebräudilidie Redensart, wenn ich be- 
kenne, daß die vielen Mängel der Vorträge, die ich 
Ihnen gehalten habe, midi selbst empfindlich bedrücken. 
Vor allem tut es mir leid, daß ich so oft versprochen 
habe, auf ein kurz berijhrtes Thema an anderer Steile 
wieder zurückzukommen, und dann hat der Zusammenhang 
es nicht ergeben, daß idi mein Versprechen halten konnte. 
Ich habe es unternommen, Ihnen von einer nodi unfertigen, 
in Entwicklung begriffenen Sache Bericht zu geben, und 
meine kürzende Zusammenfassung ist dann selbst eine 
unvollkommene geworden. An manchen Stellen habe idi 
das Material für eine Sddnßfolgerung bereits gelegt und 
diese dann nicht selbst gezogen. Aber idi konnte es 
nidit beanspruchen, Sie zu SacÜomdigen zumachen; ich 
wollte Ihnen nur AuEkiärung und Anregung brmgen. 



REGISTER 



ÄbEicfat der Fehlleishinsen IZ, SS, 


ÄGäDziationaexperiment 1(6 f, ' 




3T. 41, H SA 64 


Assoziative Bi;r.iehuDgen 21, 33« 60 , 


^1 Abfilmt der DenrotiEdieTi Syrapiomo 


Atiald^ie der Aktualneurosen 408 ' 




■ 270, 309 


. Neunisen 361, 369, 394 




H Abiidit du Traumes 125 


AüfijicrlcsDnikeitaätarunal6,A8,32f.59 




^P Abaidit der Z^aci^alimidlutig 271 


AulDercÜaDiut 327,331, 343, 374, 3S5, 




' Abwehr ?cgen ErinneniDSsluat 69 


3Ü0. 4^' 

.«»3 




Abwehr millel 164 




Affolili im Treum 219 


Gt^dürfniätrüumc 130 




Aflelilleben und Inlellekt 303 


&efr3edistin3Ecisatx 310, 3J9,3Ö], äS4, 




Afiektt)icoHeR 417 


4üE» 412 




Asaraphoble 272, 422, 491 


BeobnfJibuDgawiihn 454 | 




Aktualneurosi^n 4ÜS f f . 454 


Bequem lidikeitaEraume 131* 133 




Musoti'ersdiiebuo? 137, 175. 194,333 


Bi;riiiirunK5anjal 321 




Anbivaleni 347, 453, 460 


EKdiSdigen vqd Crstnständca 44, 70 




Amnesie 2(B f„ 282 1, 340 


BescilisuDS^swGnsrhc 20G, 33l| 3S4 




AiislE Psriiaifancbc 341 


BemjOiacin (s. BUiJt Unbewußte«) 9, 




„ Phue-der UbidoootwiÜujis 


287, 306, 352 




342 


Bildersr^nR 175. 201, 235 




Anjinlie 373, 455 


Böae R^uD^en 144, 206, 215, ZiS 




Anästhesie, dciuelje. 331 






An^t, nturflUecfic, 419 


ChuraklcreigPTiadiDRco, btetitf 304. 




Angatäqiiivaientc 433 


3üil 




An^tcnlwEcklijiiE, Dynpniik 423 


C]iara1cltrci2eiiadiaFteau.Ncar{da42& 




ADgithy^^lerie 279, 310, 382, 422 


C(jitü3 iDtemiptus 434 




An^alaeigun^ der Kinder 429 






Angstneurose 411, 419 


Dai^ttlbing der Orgjina 8S 




AneatsimulaUnn 276 .- .^J-r^ 


„ „ RelaEiaDea 178 




An^tlheorie 413 — 456 kpllnwVJ 


„ ^utdi ZwantshandEuqf 270 




Ans^ttiauin 219 


p von ErlebnissctT 337 




Anspielung auf den Traum^olanken 


, H PLiaalasicD 3S7 




116, 148, 174 


, „ Worten in, 175 




Aslikc Tmunideutuas 73^ 148, 243 


Dedierinnerun^cTi 203 




Anthmpnphyteia 162, !64 


DcficiJlioa du Traumes 79, 1G3 




Ardieisnibn ISl, 2Ca, 204 


D'^a^rcTDUaDueieTieji 310, 333 




AsnualitSt des Kiadtsi 524, 339 


.D^Unen 2m 




Ayujintion, ireic, lOJ, lÜ!. 1(B, 13B, 


Dri^enUr. praecoi 27S, 4l2,4St 445 




■j^n 


' - :-j 





5% 



REGISTER 



Dcltnninijmuii IS. 100. 102 
Dcutunjsarbeit 51, 170, 255, 274. «3, 

4S5 
Dcutun^beweia (aielie audi Traum- 

deutgrg) 40 f.. 45, 47.48] 
DicJiLerisdie Daialclluni 24, 43, 91. 

166. 209. 211. 353 
DJBpoBilLoQ. neuroiifldie, 380, 429, 446, 

457 
Dm dl fehl« 1B 
Dynamik juydiiBcher Eraeheinungen 

58,217,232,291, 301, 428 

Effikl du VuipRiJHPi 19, 21, 31, 

3S 
Egobinus der Kindheit 207, 331, 347 
, TinutüO 198 
, und Nerzifimiu 441 
Eifercudiljwahn 257, 44S 
EL}tfinoamfin-Verj[fi33en 12, 15, 41, 49. 

53, 67, 105, 106 
Einfall, Erster, 36, 98, 109. 138 
Eltunkamplei 208, 343, 348,352 
Enlaldlunj-sn (s. Tiaumcntstellung) 

20,29, 40 
Erbliche Dlipoiitian 257, 201. 379 
Erektinruan^t 275 
ErgäniunsireihEn 361, 360, 383, 390 
Etinnerungsfäls^ungen 293 
Erinnerungslücken 203 f., 232 f., 340 
Erinnerurgsrcsle, infantile. 204 
Erogeni! Zonen 320, 326, 33S, 409 
Ersalibefrledigung 311, 319, 361. 

384. JOB. 473, 483 
Ersetzung der Genitalien 320. 32^, 335 
Erset2ungcii beim Vetaprechen 20, 56 
Erwartungsengat 419 
Enlehung 213, 323. 328, 3T3. 383. 

431, 454, 460, 480 
Eipcrimeatale TTairnifDrachnn^ 78 
Eipcrii9cntalp9ycbDlD^e8,84j9],l01, 

103 

FanullEnkompIct 348 
rehlldistungen, BezünitiBunten 33, 
S368 



Echlleistungeu der Neurnlikef 48fi 
„ jehäurte. 45 

Erklärung 16, 49 
Kasuistik 45 
und Zu fallfihandlu Ei- 
gen 51 

Verkettung 18 
Veridiiedcnheit 44 
Fetisch umui 310, 366 
Riitrunj 282, 356, 3q2, 369, 3J7. 

383, 394, 445 
Fludil in die KranUieil «6 

„ vor. dem Ubidnanspruch 42S, 
434 
Ftudl vor der Untual 67, 374 f., 403 
Flugtraume 153 
Folklore 157, 165 
Fortpftanzungsfnnktion 316,329.334, 

342 
Funktion du .IVtumei 124, 128 

Gefühlpamhivalcdi 453, 471 
Gegenbeseliang 3781,395.401.434, 

463 
Gegeneinander wirkende Tendenzen 

30, 51 f., 126 f.. 139, 143, 224, 304, 

313, 366. 395 
Gegeniitzbeiichungen 21, 29, 35i42, 

52, 143, 180, 224, 265, 313 
Gegensinn der Urworte 173, 236 
Geftcnwiltn 66 f. 
Genitnlprimat der SetualorgaDiaatioD 

341, 359 
GcnitnUymbolikläl. 161, 165, 192, 274 
Gcsr^wistcrkomploE 349 
GröBenwabn 439, 448 
Grundapradin 107 

HaBregungen 205, 203 
Hauuymboltk 151, 154, 1S8 
Hemmung 355, 383 
Hetedität 257, 261, 380, 457 
HomoäeiueHtät 315, 328, 449, 470 

Utente, 319 
Hnmote 96, 141, 302, 475, 494 



I 



kEGlSTER 



■19? 



HypnoHidi» Thn-epio 4TJ 

HypoitoTidrii 41], 443 

Hyiicrie 278, 27B, SIS, 3S9, 37B, 385. 

400 (. 
HyilEiic Symploniitlk 320, 422 
HyitcHsdie AnFSlIg 294, 417 

Idi, EatwidcluDgiBhifw 360 

.Idi" im Tnuni 198 

Idi, Wnhsclbuiehung nir Liblda 407, 

428 
IdilihiilD 444, 4S4 
Tchmoliv der Neuro»™ 402 
Ii^piyijioloj^a 447 
IdircgrudaiHD 375 
Ichlritl« 368, 435 
EniBeo 168 
Inlutila Aniri 42S, ^ 

. ErltbniiM, ilsh« Kindheitm- 

. SumiilSI 212, 322, 328, 379 
. Trium« 121 f„ 217, 221, 382 
iTifanliliimui 214, 337, 369 
Intdlekl u. Aff^tltbcn 301, 474 
iDteUi^cnzacJiwädiiing, affective 303 
Inlerfeitoi xvntr AbiiiJileB 30, 49f_ 

313 
InliDVErsisD 384 
InvirtierlB 316 

iniatkompiM 140^ 214, 350, 357 
Irrtümer 12, 38, 6S 

KastratiDnikodipla 155, 165, 193, 

21 1, 330, 388 
Kut ratio nuyisbalili 276 
Kindern BUTovrD 382 
KinderptycliDlaiig 207 f, 323, 330^ 

339 
KindirlriuiDB 121 (, 218, 332 
KlndbeitKrlebnii« 69, 201, 322, 3g(^ 

457 , 

Kindh«ticrlebnisie.phiiD tulcita 386 f. 
Kempln* 103, 275 
KonpramlBagcliDfi», |»ydiltdic, 37, 
126. 313, 377 



Konflikt, BMrotiidior, 366, 37£^ SSi, 

393, 4(Q, 45S, 46^ 4S3 
Konflikt* dir Kludmlut» 20S 

. piyciii»Jw 6% 143, 224, 

366, 376.458 
KaanitEtndsuaf 370 
I^nniktKUntclluni 9% 367, 3TT 
Kontötution, (uuelli^ 363, SSft 431, 

487 
KonveniooilijileriB 311, 412 .y. 
Krukhclligciivinii 403; 405 
KriegmmriiMii 402 
Kunflt, Psyduilo^Q der. 396 
KüüiEn, du, 315, 335, 338 

l/Autfaevorzu^njcD 2] f, 34, 60 
L«teiita Traumgedanlten 107, 229 
Utmiieit der SeiiuJeiitwietluiig 340 
Libido 140, 325, 349, 354, 359, 436 
Libido, Begii(fibtitiiiiinuii[ 436 
. FiiieruDg 361, 377, 380, 33*, 

449 
, Klebriglieit 365, 484 
, PlBstiiität 362 
. und Angtt 425, 449, 456 

. Idi 407, 443 
, Inlereuo 438 
LibidoentwitWunr 342, 360, 451, .,, 
LibidoiigreMion, i. Regression 
Libidoitauung 378, 445, 4G1 ^ 

Libidotheorie 440 1^ 455, 4S6 
Uebeikonkuneni, infenüle, 210 
Llfbnwahn 44S 
Uleratur dir SymptomdeutUBj 278 

Luilpriniip 31, 67, 374(, 385,392, 4C2 
Lulichen 326 

Minlo 453, 493 

Monifaiter TragminbaH lOT, 18^ 229 

281,434 
Manilalau. latenteTraamcleniftDtB 120 
Mukienint dtr Feblleiituag- 49 
MuocfiiaDiue 317 
MaiturbatioQ 315, 821, 83» 
UelandiDUa 453, 4«i, 4ffl 

sa 



Migrans Itj 

Minderwertigkeit AgefähL 429 

MisAbildimgen 30, 172 .. .:;:ju.- 

MIBliraiidi, Kiudtu, 390, 424 . 

Mpcmatcdinik 0"B 

MoraTigiJic Entwiitlun; unil Seiusli- 

lät 371, *oO 
Mythen u. MIrdion 157, 160t i^ 38S 
U)lholog\e 351, 410 

Namcnv^rgcEsaen und Traüindfiiituiig 

107 
Nuiiemui 439, 446, 4T4, 48S ' 
NnralBiiädiB LlbldoontwiATurig 452 

„ IdcntiH^iBFLiDg 452 

hNein" im Ti^um 17D 
Ntrvosiiat 3HS, 407 

, und Naurus« töl 

Neuraathcnifl 411 
Neurale, Aliolo^fi 361, 370, 394 

, «llgtmelDer Chavakict SS 
J*^ ^ MccliaiiisniuB 357 

nsniCtiidie, 357, 369, 401, 
•■'' 441," 454, 476 
, Stkundärfunlttion 405 

Sexueller Inball, 277, 406 
. träum alisdiD 2S?, 401 
H und ÜbertraguTis; 473 
Neuretlk lind TraumdsiituriE 169,227, 

230, 240, 4S5 
Neuratiidie DispMllion 3S0, 429 ' 
„ Sympfom, s. Syiiiiilon^ 

NomcnWIatnr d. psydiiBien Sjileme 

306 
Not dn Lebüne 373, 391, 435 
Nadilcrue Tr3onie 90, 192' 

ObjcklbniehuTigeii 343, 352, 36% 

373, 440, 451 
Objekllibido, s. Libido 
Objcktrcgreflaian 3(j0, 377 
Ob&süne Versprecheu 31 
Odlpu^oinplei 210, 344, 381 
Okonomiatdie GeaiditApunkte 2S4, 374) 

395 
Onanie 1D5, 105, 3Z7, 33% 410 



Orils Fhan d. Libidoenlwicklont 342 
OrgandariteUung 68 
■ Organluit 337,342 

Pannoia 53, 319, 402, 412, 443, 466 

Paraphrenie 412, 448 

Pariiallräume 177 

Parüalbiebo 329,336,341, 302,379, 385 

Pathoneurodcn 413 

Pcrveru Züge der Normalen 335 

Pervereio» 212. 315. 322, 329, 33Ö, 

354, 360, 368, 372, 377 
PcrveraiDD, letenU, 322 

. und Neuroee 321, 33S 

Phantaflie und präbiBtorifldia En^ 

Wicklung 391 
Phsnluie, Paydiolof>ie der 388 f. 

and SymptombilduDE 303, 

401 
Phautuien, typierhe, 31)0 
Phobien 420, 432 
PhylofcneÜKbe Bos^ichun^eu 201,367, 

372. 330, 3S5, 391. 417, 429, 434 
Pbytiologixju: Beiieliii ngeo S, 1 6, 33 f., 
SO, 55 i 

PlMtisdi« Worldnralilluiii 117, 17B 
Platiangsl 272, 421 
Polariläfeu 21, 23. 35, 224, 260, 312 
PoMiitionetraum 130 . ! 

PrageniUle Eexkialorf-änisatiea 341. i 
PräbittoriEdie Eutwickhing 301 
Propbyleia 383 
Prospektion dea Traumaa 244 
Psydiiatiie 3, B, 168, 256, 261 f., Z-JS, 

237, 443 . 
FayiJutehe Akte 2% 90. 56, 93, L£^ 
141, EÜä , .... 

Paycilidie Freiheit 37, 100 

Konflikte 52, 143, 224l 
36G. 376 U 458 
B Mechsniimcn 32, 56, 133f>, 

259, 377, 395, 483 
Realität 37, 62, 33S 
iCKbi-. Situation 40,43,62,1-19, SS 
, Sy.iemo 300, 358 



1 R1LG[ST£R im 


^B ^ Ptythouialyit, Charakter a. RLditang 


ßcji'cija der TranmdeulnDg: 103 


■ G, 263, 401 


Rcarntisn 131, 2G2, 215, 3511^ 3TTt, 


W tfZ , f, ElnvSnde und VCidei- 


432, 430, 417 


«trehen 8 f„ 36, 73, 


Rcaträumc, aomatiichc, 84, 126, 24S 


im. 211, 21S, E95, 


B paydügcbe 124 


K - 344, 369, 408; 431, 


Rüdcphantasier^ 352, 390 


■ - 4691. 




■ , ' FcGhEifDl^ 4<iO 


SedisRiiu SIT, 321, 343 


^P A Grundre^pl 207 


Sadi;:ti£di-ahala SejiuatDrjraiiiutiwE 


' .<-'h.'' Indikation 260 


3C0 


, ' tünft. Fortidiritto«? 


SadiiluehB Partlaltrirbo 375 


- « Sdiwicri^cilen 1 F., 


Säuglingsieioalitit 325, 337 


233,489 


Schätzung der Träume 76 f. 


, Slo» 14, 3^ 410 


Scheulusi 313, 390 


«- ■ „ tk- TcEhnili 3, 36. 38, 108, 


SchlBnosiakeit 333 


Z74, 291, 30ft 3ffi», 


Sälaf u. TraiiDi 79, 124. 222, 440, «SC 


410, 443, 4S6 


S^Llarzercmonie]] ?fj\ 


, 'niaaplE 8, 262, 289, 


SrbuldbtwuBlaein 347 


29T, 302, 311, 404, 


Sekundere Bciirbcilung 1S2. 402 


. 413, 4SG, 476 I. 


SekuadärFunktion dtr Neurone 405 


■ und Gcüte»viB5eD- 


Selbulcibaitungitridbe 3n3 f., Sl'd, 4r>5 


iduftcp len, 41D 


SoxiiQ!cinf]iiiiicbt«run^ 21 1 


V Obei-wiqdun£aai-beLt 


SeiiiaTforBdiunf 330 


480 . 


SeiualbegriK 314, 332, 438 


. ' Unlerridit 3, 3G, 4^, 


Sciu^iUcben 152, 212, 271, 314, 324, 


. 105,472 


406, 434, 45B, 481 


k Wirkga^weli? 462, 


Seiualobjckte 316, 334 


43S 


SeiuilorgatiisaHoii 310, 357, 369 


P-ydiologie 7, 9, 50, 58,67, 168,217, 


Seiualitaffwediiel 409 


291, 418 


SoiuattlDruD^otl 409 


„ dn-