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Full text of "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse [6.Auflage]"

GER 

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SIGM. FREUD 

VORLESUNGEN ZUR EINFUHRUNG 

IN DIE PSYCHOANALYSE 

KLEINOKTAV-AUSCABE 



A.LLE RECHTE, INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG 

VORBEHALTEN 



PRINTED IN GERMANY 



Dieser, in 15000 Exemplaren gedruckten Ausgäbe 
(j 1.-43. Tausend) ging voran: die ,große Aus- 
gabe" der „Vorlesungen" (3. Auß., 12.-13- Tausend, 
1926) und die „Taschenausgabe" (). Auflage, 
8. - 15. Tausend, 1926) 

Autorisierte Übersetzungen der „Vorlesungen' 1 er- 
schienen bis Anfang 1930: in englischer, franzö- 
sischer, holländischer, italienischer, russischer und 
spanischer Sprache. Die norwegische, polnische, 
ungarische und schwedische Übersetzung 
ist in Vorbereitung 



DRUCK DER OFFIZIN HAAG-D RU GULIN AG. IN LEIPZIG 






VORWORT 

Was ich hier als „Einführung in die Psychoanalyse" der 
Öffentlichkeit übergebe, will auf keine Weise in Wettbewerb 
mit den bereits vorliegenden Gesamtdarstellungen dieses Wis- 
sensgebietes treten. (Hitschmann, Freuds Neurosenlehre, 
2. Aufl., 1913; P f i s t e r, Die psychoanalytische Methode, 1913; 
Leo Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse, 1914; R e g i s et 
Hesnard, La Psychoanalyse des nevroses et des psychoses, 
Paris 1914; Adolf F. M e i j e r, De Behandeling van Zenuwzie- 
ken door Psycho-Analyse, Amsterdam 1915.) Es ist die getreue 
Wiedergabe von Vorlesungen, die ich in den zwei Winter- 
semestern 1915/6 und 1916/7 vor einer aus Ärzten und Laien 
und aus beiden Geschlechtern gemischten Zuhörerschaft gehal- 
ten habe. 

Alle Eigentümlichkeiten, durch welche diese Arbeit den 
Lesern des Buches auffallen wird, erklären sich aus den Be- 
dingungen ihrer Entstehung. Es war nicht möglich, in der 
Darstellung die kühle Ruhe einer wissenschaftlichen Ab. 
handiung zu wahren; vielmehr mußte sich der Redner zur Auf- 
gäbe machen, die Aufmerksamkeit der Zuhörer während eines 
fast zweistündigen Vortrags nicht erlahmen zu lassen. Die Rück- 
sicht auf die momentane Wirkung machte es unvermeidlich, daß 
derselbe Gegenstand eine wiederholte Behandlung fand, z. B. 
das eine Mal im Zusammenhang der Traumdeutung und dann 
später in dem der Neurosenprobleme. Die Anordnung des Stof- 
fes brachte es auch mit sich, daß manche wichtige Themen, wie 



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I 



Vorwort 



2. B. das des Unbewußten, nicht an einer einzigen Stelle erschöp- 
fend gewürdigt werden konnten, sondern zu wiederholten Malen 
aufgenommen und wieder fallen gelassen wurden, bis sich eine 
neue Gelegenheit ergab, etwas zu ihrer Kenntnis hinzuzufügen. 
Wer mit der psychoanalytischen Literatur vertraut ist, wird 
in dieser „Einführung" wenig finden, was ihm nicht aus anderen, 
weit ausführlicheren Veröffentlichungen bekannt sein könnte. 
Doch hat das Bedürfnis nach Abrundung und Zusammenfassung 
des Stoffes den Verfasser genötigt, in einzelnen Abschnitten 
(bei der Ätiologie der Angst, den hysterischen Phantasien) auch 
bisher zurückgehaltenes Material heranzuziehen. 

Wien, im Frühjahr 1917. 

FREUD 



ERSTER TEIL 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

I. VORLESUNG 

EINLEITUNG 

Meine Damen und Herren! Ich weiß nicht, wieviel die ein- 
zelnen von Ihnen aus ihrer Lektüre oder vom Hörensagen über 
die Psychoanalyse wissen. Ich bin aber durch den Wortlaut 
meiner Ankündigung — Elementare Einführung in die Psycho- 
analyse — verpflichtet, Sie so zu behandeln, als wüßten Sie nichts 
und bedürften einer ersten Unterweisung. 

Soviel darf ich allerdings voraussetzen, daß Sie wissen, die 
Psychoanalyse sei ein Verfahren, wie man nervös Kranke ärzt- 
lich behandelt, und da kann ich Ihnen gleich ein Beispiel dafür 
geben, wie auf diesem Gebiet so manches anders, oft gerade- 
zu verkehrt, vor sich geht als sonst in der Medizin. Wenn 
wir sonst einen Kranken einer ihm neuen ärztlichen Tech- 
nik unterziehen, so werden wir in der Regel die Beschwer- 
den derselben vor ihm herabsetzen und ihm zuversichtliche 
Versprechungen wegen des Erfolges der Behandlung geben. 
Ich meine, wir sind berechtigt dazu, denn wir steigern durch sol- 
ches Benehmen die Wahrscheinlichkeit des Erfolges. Wenn wir 
aber einen Neurotiker in psychoanalytische Behandlung nehmen, 
so verfahren wir anders. Wir halten ihm die Schwierigkeiten 
der Methode vor, ihre Zeitdauer, die Anstrengungen und die 






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8 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



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Opfer, die sie kostet, und was den Erfolg anbelangt, so sagen 
wir, wir können ihn nicht sicher versprechen, er hänge von 
seinem Benehmen ab, von seinem Verständnis, seiner Gefügig, 
keit, seiner Ausdauer. Wir haben natürlich gute Motive für 
ein anscheinend so verkehrtes Benehmen, in welche Sie vielleicht 
später einmal Einsicht gewinnen werden. 

Seien Sie nun nicht böse, wenn ich Sie zunächst ähnlich be- 
handle, wie diese neurotischen Kranken. Ich rate Ihnen eigent- 
lich ab, mich ein zweites Mal anzuhören. Ich werde Ihnen in 
dieser Absicht vorführen, welche Unvollkommenheiten notwen- 
digerweise dem Unterricht in der Psychoanalyse anhaften, und 
welche Schwierigkeiten der Erwerbung eines eigenen Urteils 
entgegenstehen. Ich werde Ihnen zeigen, wie die ganze Rich- 
tung Ihrer Vorbildung und alle Ihre Denkgewohnheiten Sie un- 
vermeidlich zu Gegnern der Psychoanalyse machen müßten, und 
wieviel Sie in sich zu überwinden hätten, um dieser instinktiven 
Gegnerschaft Herr zu werden. Was Sie an Verständnis für die 
Psychoanalyse aus meinen Mitteilungen gewinnen werden, kann 
ich Ihnen natürlich nicht vorher sagen, aber soviel kann ich 
Ihnen versprechen, daß Sie durch das Anhören derselben nicht 
erlernt haben werden, eine psychoanalytische Untersuchung vor- 
zunehmen, oder eine solche Behandlung durchzuführen. Sollte 
sich aber gar jemand unter Ihnen finden, der sich nicht durch 
eine flüchtige Bekanntschaft mit der Psychoanalyse befriedigt 
fühlte, sondern in dauernde Beziehung zu ihr treten möchte, so 
werde ich ihm nicht nur abraten, sondern ihn direkt davor 
warnen. Wie die Dinge derzeit stehen, würde er sich durch 
eine solche Berufswahl jede Möglichkeit eines Erfolges an einer 
Universität zerstören, und wenn er als ausübender Arzt ins Le- 
ben geht, wird er sich in einer Gesellschaft finden, welche seine 
Bestrebungen nicht versteht, ihn mißtrauisch und feindselig be- 
trachtet, und alle bösen, in ihr lauernden Geister gegen ihn los- 
läßt. Vielleicht können Sie gerade aus den Begleiterscheinungen 



I) Einleitung 



des heute in Europa wütenden Krieges eine ungefähre Schätzung 
ableiten, wieviele Legionen das sein mögen. 

Es gibt immerhin Personen genug, für welche etwas, was ein 
neues Stück Erkenntnis werden kann, trotz solcher Unbequem, 
lichkeiten seine Anziehung behält. Sollten einige von Ihnen von 
dieser Art sein und mit Hinwegsetzung über meine Abmahnun- 
gen das nächste Mal hier wieder erscheinen, so werden Sie mir 
willkommen sein. Sie haben aber alle ein Anrecht darauf zu 
erfahren, welches die angedeuteten Schwierigkeiten der Psycho- 
analyse sind. 

Zunächst die der Unterweisung, des Unterrichts in der Psycho- 
analyse. Sie sind im medizinischen Unterricht daran gewöhnt 
worden zu sehen. Sie sehen das anatomische Präparat, den Nie- 
derschlag bei der chemischen Reaktion, die Verkürzung des Mus- 
kels als Erfolg der Reizung seiner Nerven. Später zeigt man 
Ihren Sinnen den Kranken, die Symptome seines Leidens, die 
Produkte des krankhaften Prozesses, ja in zahlreichen Fällen die 
Erreger der Krankheit in isoliertem Zustand. In den chirur- 
gischen Fächern werden Sie Zeugen der Eingriffe, durch welche 
man dem Kranken Hilfe leistet, und dürfen die Ausführung der- 
selben selbst versuchen. Selbst in der Psychiatrie führt Ihnen die 
Demonstration des Kranken an seinem veränderten Mienenspiel, 
seiner Redeweise und seinem Benehmen eine Fülle von Beobach- 
tungen zu, die Ihnen tiefgehende Eindrücke hinterlassen. So 
spielt der medizinische Lehrer vorwiegend die Rolle eines Füh- 
rers und Erklärers, der Sie durch ein Museum begleitet, während 
Sie eine unmittelbare Beziehung zu den Objekten gewinnen und 
sich durch eigene Wahrnehmung von der Existenz der neuen 
Tatsachen überzeugt zu haben glauben. 

Das ist leider alles anders in der Psychoanalyse. In der ana- 
lytischen Behandlung geht nichts anderes vor, als ein Austausch 
von Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt. Der 
Patient spricht, erzählt von vergangenen Erlebnissen und gegen- 



10 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wärtigen Eindrücken, klagt, bekennt seine Wünsche und Ge- 
fühlsregungen. Der Arzt hört zu, sucht die Gedankengänge des 
Patienten zu dirigieren, mahnt, drängt seine Aufmerksamkeit 
nach gewissen Richtungen, gibt ihm Aufklärungen und beobach- 
tet die Reaktionen von Verständnis oder von Ablehnung, welche 
er so beim Kranken hervorruft. Die ungebildeten Angehörigen 
unserer Kranken — denen nur Sichtbares und Greifbares impo- 
niert, am liebsten Handlungen, wie man sie im Kinotheater sieht 
— versäumen es auch nie, ihre Zweifel zu äußern, wie man 
„durch bloßes Reden etwas gegen die Krankheit ausrichten 
kann". Das ist natürlich ebenso kurzsinnig wie inkonsequent 
gedacht. Es sind ja dieselben Leute, die so sicher wissen, daß 
sich die Kranken ihre Symptome „bloß einbilden". Worte 
waren ursprünglich Zauber und das Wort hat noch heute viel 
von seiner alten Zauberkraft bewahrt. Durch Worte kann ein 
Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung trei- 
ben, durch Worte überträgt der Lehrer sein Wisson auf die 
Schüler, durch Worte reißt der Redner die Versammlung der 
Zuhörer mit sich fort und bestimmt ihre Urteile und Entschei- 
dungen. Worte rufen Affekte hervor und sind das allgemeine 
Mittel zur Beeinflussung der Menschen untereinander. Wir 
werden also die Verwendung der Worte in der Psychotherapie 
nicht geringschätzen und werden zufrieden sein, wenn wir Zu- 
hörer der Worte sein können, die zwischen dem Analytiker und 
seinem Patienten gewechselt werden. 

Aber auch das können wir nicht. Das Gespräch, in dem die 
psychoanalytische Behandlung besteht, verträgt keinen Zuhörer; 
es läßt sich nicht demonstrieren. Man kann natürlich auch 
einen Neurastheniker oder Hysteriker in einer psychiatrischen 
Vorlesung den Lernenden vorstellen. Er erzählt dann von sei- 
nen Klagen und Symptomen, aber auch von nichts anderem. Die 
Mitteilungen, deren die Analyse bedarf, macht er nur unter der 
Bedingung einer besonderen Gefühlsbindung an den Arzt; er 



I) Einleitung 11 

würde verstummen, sobald er einen einzigen, ihm indifferenten 
Zeugen bemerkte. Denn diese Mitteilungen betreffen das In- 
timste seines Seelenlebens, alles was er als sozial selbständige 
Person vor anderen verbergen muß, und im weiteren alles, was 
er als einheitliche Persönlichkeit sich selbst nicht eingestehen 
will. 

Sie können also eine psychoanalytische Behandlung nicht mit 
anhören. Sie können nur von ihr hören und werden die Psycho- 
analyse im strengsten Sinne des Wortes nur vom Hörensagen 
kennen lernen. Durch diese Unterweisung gleichsam aus zwei- 
ter Hand kommen Sie in ganz ungewohnte Bedingungen für eine 
Urteilbildung. Es hängt offenbar das meiste davon ab, welchen 
Glauben Sie dem Gewährsmann schenken können. 

Nehmen Sie einmal an, Sie wären nicht in eine psychiatrische 
sondern in eine historische Vorlesung gegangen, und der Vor- 
tragende erzählte Ihnen vom Leben und von den Kriegstaten 
Alexanders des Großen. Was für Motive hätten Sie, an die 
Wahrhaftigkeit seiner Mitteilungen zu glauben? Zunächst 
scheint die Sachlage noch ungünstiger zu sein, als im Falle der 
Psychoanalyse, denn der Geschichtsprofessor war so wenig Teil- 
nehmer an den Kriegszügen Alexanders wie Sie; der Psychoana- 
lytiker berichtet Ihnen doch wenigstens von Dingen, bei denen 
er selbst eine Rolle gespielt hat. Aber dann kommt die Reihe 
an das, was den Historiker beglaubigt. Er kann Sie auf die 
Berichte von alten Schriftstellern verweisen, die entweder selbst 
zeitgenössisch waren, oder den fraglichen Ereignissen doch näher 
standen, also auf die Bücher des Diodor, Plutarch, Ar- 
r i a n u. a.; er kann Ihnen Abbildungen der erhaltenen Münzen 
und Statuen des Königs vorlegen und eine Photographie des 
pompejanischen Mosaiks der Schlacht bei Issos durch Ihre Rei- 
hen gehen lassen. Strenge genommen beweisen alle diese Do- 
kumente doch nur, daß schon frühere Generationen an die Exi. 
stenz Alexanders und an die Realität seiner Taten geglaubt 



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12 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



haben, und Ihre Kritik dürfte hier von neuem einsetzen. Sie 
wird dann finden, daß nicht alles über Alexander Berichtete 
glaubwürdig oder in seinen Einzelheiten sicherzustellen ist, aber 
ich kann doch nicht annehmen, daß Sie den Vorlesungssaal als 
Zweifler an der Realität Alexanders des Großen verlassen wer- 
den. Ihre Entscheidung wird hauptsächlich durch zwei Er- 
wägungen bestimmt werden, erstens, daß der Vortragende kein 
denkbares Motiv hat, etwas vor Ihnen als real auszugeben, was 
er nicht selbst dafür hält, und zweitens, daß alle erreichbaren 
Geschichtsbücher die Ereignisse in ungefähr ähnlicher Art dar- 
stellen. Wenn Sie dann auf die Prüfung der älteren Quellen 
eingehen, werden Sie dieselben Momente berücksichtigen, die 
möglichen Motive der Gewährsmänner und die Übereinstim- 
mung der Zeugnisse untereinander. Das Ergebnis der Prüfung 
wird im Falle Alexanders sicherlich beruhigend sein, wahrschein- 
lich anders ausfallen, wenn es sich um Persönlichkeiten wie Mo- 
ses oder Nimrod handelt. Welche Zweifel Sie aber gegen die 
Glaubwürdigkeit des psychoanalytischen Berichterstatters erhe- 
ben können, werden Sie bei späteren Anlässen deutlich genug 
erkennen. 

Nun werden Sie ein Recht zu der Frage haben: Wenn es 
keine objektive Beglaubigung der Psychoanalyse gibt und keine 
Möglichkeit, sie zu demonstrieren, wie kann man überhaupt 
Psychoanalyse erlernen und sich von der Wahrheit ihrer Be- 
hauptungen überzeugen? Dies Erlernen ist wirklich nicht leicht, 
und es haben auch nicht viele Menschen die Psychoanalyse or- 
dentlich gelernt, aber es gibt natürlich doch einen gangbaren 
Weg. Psychoanalyse erlernt man zunächst am eigenen Leib, 
durch das Studium der eigenen Persönlichkeit. Es ist das nicht 
ganz, was man Selbstbeobachtung heißt, aber man kann es ihr 
zur Not subsumieren. Es gibt eine ganze Reihe von sehr häu- 
figen und allgemein bekannten seelischen Phänomenen, die 
man nach einiger Unterweisung in der Technik an sich selbst zu 



I) Einleitung 13 



Gegenständen der Analyse machen kann. Dabei holt man sich 
die gesuchte Überzeugung von der Realität der Vorgänge, welche 
die Psychoanalyse beschreibt, und von der Richtigkeit ihrer Auf- 
fassungen. Allerdings sind dem Fortschritte auf diesem Wege 
bestimmte Grenzen gesetzt. Man kommt viel weiter, wenn man 
sich selbst von einem kundigen Analytiker analysieren läßt, die 
Wirkungen der Analyse am eigenen Ich erlebt und dabei die Ge- 
legenheit benützt, dem anderen die feinere Technik des Ver- 
fahrens abzulauschen. Dieser ausgezeichnete Weg ist natürlich 
immer nur für eine einzelne Person, niemals für ein ganzes Kol- 
leg auf einmal gangbar. 

Für eine zweite Schwierigkeit in Ihrem Verhältnis zur Psycho- 
analyse kann ich nicht mehr diese, muß ich Sie selbst, meine 
Hörer, verantwortlich machen, wenigstens insoweit Sie bisher 
medizinische Studien betrieben haben. Ihre Vorbildung hat Ihrer 
Denktätigkeit eine bestimmte Richtung gegeben, die weit von 
der Psychoanalyse abführt. Sie sind darin geschult worden, die 
Funktionen des Organismus und ihre Störungen anatomisch zu 
begründen, chemisch und physikalisch zu erklären und biolo- 
gisch zu erfassen, aber kein Anteil Ihres Interesses ist auf das 
psychische Leben gelenkt worden, in dem doch die Leistung dieses 
wunderbar komplizierten Organismus gipfelt. Darum ist Ihnen 
eine psychologische Denkweise fremd geblieben, und Sie haben 
sich gewöhnt, eine solche mißtrauisch zu betrachten, ihr den 
Charakter der Wissenschaftlichkeit abzusprechen und sie den 
Laien, Dichtern, Naturphilosophen und Mystikern zu überlassen. 
Diese Einschränkung ist gewiß ein Schaden für Ihre ärztliche 
Tätigkeit, denn der Kranke wird Ihnen, wie es bei allen mensch- 
lichen Beziehungen Regel ist, zunächst seine seelische Fassade 
entgegenbringen, und ich furchte, Sie werden zur Strafe genötigt 
sein, einen Anteil des therapeutischen Einflusses, den sie an- 
streben, den von Ihnen so verachteten Laienärzten, Naturheil- 
künstlern und Mystikern zu überlassen. 



14 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



I 



Ich verkenne nicht, welche Entschuldigung man für diesen 
Mangel Ihrer Vorbildung gelten lassen muß. Es fehlt die 
philosophische Hilfswissenschaft, welche für Ihre ärztlichen Ab- 
sichten dienstbar gemacht werden könnte. Weder die speku- 
lative Philosophie noch die deskriptive Psychologie oder die an 
die Sinnesphysiologie anschließende sogenannte experimentelle 
Psychologie, wie sie in den Schulen gelehrt werden, sind im- 
stande, Ihnen über die Beziehung zwischen dem Körperlichen 
und Seelischen etwas Brauchbares zu sagen, und Ihnen die 
Schlüssel zum Verständnis einer möglichen Störung der see- 
lischen Funktionen in die Hand zu geben. Innerhalb der Medi- 
zin beschäftigt sich zwar die Psychiatrie damit, die beobachteten 
Seelenstörungen zu beschreiben und zu klinischen Krankheits- 
bildern zusammenzustellen, aber in guten Stunden zweifeln die 
Psychiater selbst daran, ob ihre rein deskriptiven Aufstellungen 
den Namen einer Wissenschaft verdienen. Die Symptome, welche 
diese Krankheitsbilder zusammensetzen, sind nach ihrer Her- 
kunft, ihrem Mechanismus und in ihrer gegenseitigen Verknüp- 
fung unerkannt; es entsprechen ihnen entweder keine nachweis- 
baren Veränderungen des anatomischen Organs der Seele, oder 
solche, aus denen sie eine Aufklärung nicht finden können. Einer 
therapeutischen Beeinflussung sind diese Seelenstörungen nur 
dann zugänglich, wenn sie sich als Nebenwirkungen einer son- 
stigen organischen Affektion erkennen lassen. 

Hier ist die Lücke, welche die Psychoanalyse auszufüllen be- 
strebt ist. Sie will der Psychiatrie die vermißte psychologische 
Grundlage geben, sie hofft, den gemeinsamen Boden aufzu- 
decken, von dem aus das Zusammentreffen körperlicher mit see- 
lischer Störung verständlich wird. Zu diesem Zweck muß sie 
sich von jeder ihr fremden Voraussetzung anatomischer, chemi- 
scher oder physiologischer Natur frei halten, durchaus mit rein 
psychologischen Hilfsbegriffen arbeiten, und gerade darum 
fürchte ich, wird sie Ihnen zunächst fremdartig erscheinen. 







1) Einleitung 15 



An der nächsten Schwierigkeit will ich Sie, Ihre Vorbildung 
oder Einstellung, nicht mitschuldig machen. Mit zweien ihrer 
Aufstellungen beleidigt die Psychoanalyse die ganze Welt und 
zieht sich deren Abneigung zu; die eine davon verstößt gegen 
ein intellektuelles, die andere gegen ein ästhetisch- moralisches 
Vorurteil. Lassen Sie uns nicht zu gering von diesen Vorurtei- 
len denken; es sind machtvolle Dinge, Niederschläge von nütz- 
lichen, ja notwendigen Entwicklungen der Menschheit. Sie wer- 
den durch affektive Kräfte festgehalten und der Kampf gegen 
sie ist ein schwerer. 

Die erste dieser unliebsamen Behauptungen der Psychoanalyse 
besagt, daß die seelischen Vorgänge an und für sich unbewußt 
sind und die bewußten bloß einzelne Akte und Anteile des 
ganzen Seelenlebens. Erinnern Sie sich, daß wir im Gegenteile 
gewöhnt sind, Psychisches und Bewußtes zu identifizieren. Das 
Bewußtsein gilt uns geradezu als der definierende Charakter des 
Psychischen, Psychologie als die Lehre von den Inhalten des 
Bewußtseins. Ja, so selbstverständlich erscheint uns diese Gleich- 
stellung, daß wir einen Widerspruch gegen sie als offenkundigen 
Widersinn zu empfinden glauben, und doch kann die Psychoana- 
lyse nicht umhin, diesen Widerspruch zu erheben, sie kann die 
Identität von Bewußtem und Seelischem nicht annehmen. Ihre 
Definition des Seelischen lautet, es seien Vorgänge von der Art 
des Fühlens, Denkens, Wollens, und sie muß vertreten, daß es 
unbewußtes Denken und ungewußtes Wollen gibt. Damit hat 
sie aber von vornherein die Sympathie aller Freunde nüchterner 
Wissenschaftlichkeit verscherzt und sich in den Verdacht einer 
phantastischen Geheimlehre gebracht, die im Dunkeln bauen, 
im Trüben fischen möchte. Sie aber, meine Hörer, können na- 
türlich noch nicht verstehen, mit welchem Recht ich einen Satz 
von so abstrakter Natur wie: „Das Seelische ist das Bewußte" 
für ein Vorurteil ausgeben kann, können auch nicht erraten, 
welche Entwicklung zur Verleugnung des Unbewußten geführt 



16 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



haben kann, wenn ein solches existieren sollte, und welcher Vor- 
teil sich bei dieser Verleugnung ergeben haben mag. Es klingt 
wie ein leerer Wortstreit, ob man das Psychische mit dem Be- 
wußten zusammenfallen lassen oder es darüber hinaus erstrecken 
soll, und doch kann ich Ihnen versichern, daß mit der Annahme 
unbewußter Seelenvorgänge eine entscheidende Neuorientierung 
in Welt und Wissenschaft angebahnt ist. 

Ebensowenig können Sie ahnen, ein wie inniger Zusammen, 
hang diese erste Kühnheit der Psychoanalyse mit der nun zu er- 
wähnenden zweiten verknüpft. Dieser andere Satz, den die Psy- 
choanalyse als eines ihrer Ergebnisse verkündet, enthält nämlich 
die Behauptung, daß Triebregungen, welche man nur als sexuelle 
im engeren wie im weiteren Sinne bezeichnen kann, eine unge- 
mein große und bisher nie genug gewürdigte Rolle in der Ver- 
ursachung der Nerven- und Geisteskrankheiten spielen. Ja noch 
mehr, daß dieselben sexuellen Regungen auch mit nicht zu unter- 
schätzenden Beiträgen an den höchsten kulturellen, künstleri- 
schen und sozialen Schöpfungen des Menschengeistes beteiligt 
sind. 

Nach meiner Erfahrung ist die Abneigung gegen dieses Re- 
sultat der psychoanalytischen Forschung die bedeutsamste Quelle 
des Widerstandes, auf den sie gestoßen ist. Wollen Sie wissen, 
wie wir uns das erklären? Wir glauben, die Kultur ist unter dem 
Antrieb der Lebensnot auf Kosten der Triebbefriedigung ge- 
schaffen worden, und sie wird zum großen Teil immer wieder 
von neuem erschaffen, indem der einzelne, der neu in die mensch- 
liche Gemeinschaft eintritt, die Opfer an Triebbefriedigung zu- 
gunsten des Ganzen wiederholt. Unter den so verwendeten Trieb- 
kräften spielen die der Sexualregungen eine bedeutsame Rolle; 
sie werden dabei sublimiert, d. h. von ihren sexuellen Zielen 
abgelenkt und auf sozial höherstehende, nicht mehr sexuelle, 
gerichtet. Dieser Aufbau ist aber labil, die Sexualtriebe sind 
schlecht gebändigt, es besteht bei jedem einzelnen, der sich dem 



I) Einleitung 17 

Kulturwerk anschließen soll, die Gefahr, daß sich seine Sexual, 
triebe dieser Verwendung weigern. Die Gesellschaft glaubt an 
keine stärkere Bedrohung ihrer Kultur, als ihr durch die Befrei- 
ung der Sexualtriebe und deren Wiederkehr zu ihren Ursprung- 
liehen Zielen erwachsen würde. Die Gesellschaft liebt es also 
nicht, an dieses heikle Stück ihrer Begründung gemahnt zu wer- 
den, sie hat gar kein Interesse daran, daß die Stärke der Sexual- 
triebe anerkannt und die Bedeutung des Sexuallebens für den 
einzelnen klargelegt werde, sie hat vielmehr in erziehlicher Ab- 
sicht den Weg eingeschlagen, die Aufmerksamkeit von diesem 
ganzen Gebiet abzulenken. Darum verträgt sie das genannte 
Forschungsresultat der Psychoanalyse nicht, möchte es am lieb- 
sten als ästhetisch abstoßend, moralisch verwerflich oder als ge- 
fährlich brandmarken. Aber mit solchen Einwürfen kann man 
einem angeblich objektiven Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit 
nichts anhaben. Der Widerspruch muß aufs intellektuelle Ge- 
biet übersetzt werden, wenn er laut werden soll. Nun liegt es 
in der menschlichen Natur, daß man geneigt ist, etwas für 
unrichtig zu halten, wenn man es nicht mag, und dann ist es 
leicht, Argumente dagegen zu finden. Die Gesellschaft macht 
also das Unliebsame zum Unrichtigen, bestreitet die Wahrheiten 
der Psychoanalyse mit logischen und sachlichen Argumenten, 
aber aus affektiven Quellen, und hält diese Einwendungen als 
Vorurteile gegen alle Versuche der Widerlegung fest. 

Wir aber dürfen behaupten, meine Damen und Herren, daß 
wir bei der Aufstellung jenes beanständeten Satzes über- 
haupt keine Tendenz verfolgt haben. Wir wollten nur einer Tat- 
sächlichkeit Ausdruck geben, die wir in mühseliger Arbeit er- 
kannt zu haben glaubten. Wir nehmen auch jetzt das Recht in 
Anspruch, die Einmengung solcher praktischer Rücksichten in 
die wissenschaftliche Arbeit unbedingt zurückzuweisen, auch ehe 
wir untersucht haben, ob die Befürchtung, welche uns diese 
Rücksichten diktieren will, berechtigt ist oder nicht. 



18 Vorlesungen zur Einführung i n die Psychoanalyse 

Das wären nun einige der Schwierigkeiten, welche Ihrer Be- 
schäftigung mit der Psychoanalyse entgegenstehen. Es ist viel- 
leicht mehr als genug für den Anfang. Wenn Sie deren Ein- 
druck überwinden können, wollen wir fortsetzen. 



II. VORLESUNG 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

Meine Damen und Herren! Wir beginnen nicht mit Voraus- 
setzungen, sondern mit einer Untersuchung. Zu deren Objekt 
wählen wir gewisse Phänomene, die sehr häufig, sehr bekannt 
und sehr wenig gewürdigt sind, die insofern nichts mit Krank- 
heiten zu tun haben, als sie bei jedem Gesunden beobachtet 
werden können. Es sind dies die sogenannten Fehlleistun- 
gen des Menschen, wie wenn jemand etwas sagen will und 
dafür ein anderes Wort sagt, das Versprechen, oder ihm 
dasselbe beim Schreiben geschieht, was er entweder bemerken 
kann oder nicht; oder wenn jemand im Druck oder in der Schrift 
etwas anderes liest, als was da zu lesen ist, das V e r 1 e s e n; 
ebenso wenn er etwas falsch hört, was zu ihm gesagt wird, das 
Verhören, natürlich ohne daß eine organische Störung seines 
Hörvermögens dabei in Betracht kommt. Eine andere Reihe 
solcher Erscheinungen hat ein Vergessen zur Grundlage, 
aber kein dauerndes, sondern ein nur zeitweiliges, z. B. wenn 
jemand einen Namen nicht finden kann, den er doch kennt und 
regelmäßig wiedererkennt, oder wenn er einen Vorsatz auszu- 
führen vergißt, den er doch später erinnert, also nur für einen ge- 
wissen Zeitpunkt vergessen hatte. In einer dritten Reihe entfällt 
diese Bedingung des nur Zeitweiligen, z. B. beim Verlegen, 
wenn jemand einen Gegenstand irgendwo unterbringt und ihn 
nicht mehr aufzufinden weiß, oder beim ganz analogen V e r - 



/ 



II) Die Fehlleistungen 19 



Heren. Es liegt da ein Vergessen vor, welches man anders 
behandelt als anderes Vergessen, über das man sich wundert 
oder ärgert, anstatt es begreiflich zu finden. Daran schließen 
sich gewisse I r r t ü m er, bei denen wieder die Zeitweiligkeit 
zum Vorschein kommt, indem man eine Zeitlang etwas glaubt, 
wovon man doch vorher und später weiß, daß es anders ist, und 
eine Anzahl von ähnlichen Erscheinungen unter verschiedenen 
Namen. 

Es sind das alles Vorfälle, deren innere Verwandtschaft durch 
die gleiche Bezeichnung mit der Vorsilbe „ver-" zum Ausdruck 
kommt, fast alle von unwichtiger Natur, meist von sehr flüch- 
tigem Bestand, ohne viel Bedeutung im Leben der Menschen. 
Nur selten erhebt sich eines davon, wie das Verlieren von Ge- 
genständen, zu einer gewissen praktischen Wichtigkeit. Sie fin- 
den darum auch nicht viel Aufmerksamkeit, erregen nur schwache 
Affekte usw. 

Für diese Phänomene will ich also jetzt Ihre Aufmerksamkeit 
in Anspruch nehmen. Sie aber werden mir unmutig entgegen- 
halten: „Es gibt soviel großartige Rätsel in der Welt wie in der 
engeren des Seelenlebens, so viele Wunder auf dem Gebiet der 
Seelenstörungen, die Aufklärung fordern und verdienen, daß es 
wirklich mutwillig scheint, Arbeit und Interesse an solche Klei- 
nigkeiten zu vergeuden. Wenn Sie uns verständlich machen 
könnten, wieso ein Mensch mit gesunden Augen und Ohren bei 
lichtem Tag Dinge sehen und hören kann, die es nicht gibt, 
warum ein anderer sich plötzlich von denen verfolgt glaubt, 
die ihm bisher die Liebsten waren, oder mit der scharfsinnigsten 
Begründung Wahngebilde vertritt, die jedem Kinde als unsinnig 
erscheinen müssen, dann würden wir etwas von der Psycho- 
analyse halten, aber wenn sie nichts anderes kann als uns damit 
zu beschäftigen, warum ein Festredner einmal ein Wort für ein 
anderes sagt, oder warum eine Hausfrau ihre Schlüssel verlegt 
hat und ähnliche Nichtigkeiten, dann werden auch wir mit un- 



20 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



serer Zeit und unserem Interesse etwas Besseres anzufangen 
wissen." 

Ich würde Ihnen antworten: Geduld, meine Damen und 
Herren! Ich meine, Ihre Kritik ist nicht auf der richtigen Spur. 
Es ist wahr, die Psychoanalyse kann nicht von sich rühmen, daß 
sie sich nie mit Kleinigkeiten abgegeben hat. Im Gegenteil, 
ihren Beobachtungsstoff bilden gewöhnlich jene unscheinbaren 
Vorkommnisse, die von den anderen Wissenschaften als allzu 
geringfügig beiseite geworfen werden, sozusagen der Abhub der 
Erscheinungswelt. Aber verwechseln Sie in Ihrer Kritik nicht 
die Großartigkeit der Probleme mit der Auffälligkeit der An- 
zeichen? Gibt es nicht sehr bedeutungsvolle Dinge, die sich 
unter gewissen Bedingungen und zu gewissen Zeiten nur durch 
ganz schwache Anzeichen verraten können? Ich könnte Ihnen 
mit Leichtigkeit mehrere solche Situationen anführen. Aus wel- 
chen geringfügigen Anzeichen schließen Sie, die jungen Männer 
unter Ihnen, daß Sie die Neigung einer Dame gewonnen haben? 
Warten Sie dafür eine ausdrückliche Liebeserklärung, eine stürmi- 
sche Umarmung ab, oder reicht Ihnen nicht ein von anderen kaum 
bemerkter Blick, eine flüchtige Bewegung, eine Verlängerung des 
Händedrucks um eine Sekunde aus? Und wenn Sie als Krimi- 
nalbeamter an der Untersuchung einer Mordtat beteiligt sind, 
erwarten Sie dann wirklich, zu finden, daß der Mörder seine 
Photographie samt beigefügter Adresse an dem Tatorte zurück- 
gelassen hat, oder werden Sie sich nicht notwendigerweise mit 
schwächeren und undeutlicheren Spuren der gesuchten Persön- 
lichkeit begnügen? Lassen Sie uns also die kleinen Anzeichen 
nicht unterschätzen; vielleicht gelingt es, von ihnen aus Grö- 
ßerem auf die Spur zu kommen. Und dann, ich denke wie Sie, 
daß die großen Probleme in Welt und Wissenschaft das erste 
Anrecht an unser Interesse haben. Aber es nützt meistens nur 
sehr wenig, wenn man den lauten Vorsatz faßt, sich jetzt der 
Erforschung dieses oder jenes großen Problems zuzuwenden. 



II) Die Fehlleistungen 21 



Man weiß dann oft nicht, wohin man den nächsten Schritt 
richten soll. In der wissenschaftlichen Arbeit ist es aussichts- 
reicher, das anzugreifen, was man gerade vor sich hat und zu 
dessen Erforschung sich ein Weg ergibt. Macht man das recht 
gründlich, voraussetzungs- und erwartungslos und hat man 
Glück, so kann sich infolge des Zusammenhanges, der alles mit 
allem verknüpft, auch das Kleine mit dem Großen, auch aus so 
anspruchsloser Arbeit ein Zugang zum Studium der großen Pro- 
bleme ergeben. 

So würde ich also sprechen, um Ihr Interesse bei der Be- 
handlung der anscheinend so nichtigen Fehlleistungen der Ge- 
sunden festzuhalten. Wir wollen jetzt irgend jemanden, dem 
die Psychoanalyse fremd ist, heranziehen und ihn fragen, wie 
er sich das Vorkommen solcher Dinge erklärt. 

Er wird gewiß zuerst antworten : Oh, das ist keiner Erklärung 
wert; das sind kleine Zufälligkeiten. Was meint der Mann da- 
mit? Will er behaupten, daß es noch so kleine Geschehnisse 
gibt, die aus der Verkettung des Weltgeschehens herausfallen, 
die ebensogut nicht sein könnten, wie sie sind? Wenn jemand so 
den natürlichen Determinismus an einer einzigen Stelle durch- 
bricht, so hat er die ganze wissenschaftliche Weltanschauung 
über den Haufen geworfen. Man darf ihm dann vorhalten, um 
wie vieles konsequenter sich selbst die religiöse Weltanschauung 
benimmt, wenn sie nachdrücklich versichert, es falle kein Sper- 
ling vom Dach ohne Gottes besonderen Willen. Ich meine, 
unser Freund wird die Konsequenz aus seiner ersten Antwort 
nicht ziehen wollen, er wird einlenken und sagen, wenn er diese 
Dinge studiere, finde er allerdings Erklärungen für sie. Es handle 
sich um kleine Entgleisungen der Funktion, Ungenauigkeiten der 
seelischen Leistung, deren Bedingungen sich angeben ließen. Ein 
Mensch, der sonst richtig sprechen kann, mag sich in der Rede 
versprechen, 1. wenn er leicht unwohl und ermüdet ist, 2. wenn 
er aufgeregt, 3. wenn er von anderen Dingen überstark in An- 



22 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Spruch genommen ist. Es ist leicht, diese Angaben zu bestätigen. 
Das Versprechen tritt wirklich besonders häufig auf, wenn man 
ermüdet ist, Kopfschmerzen hat oder vor einer Migräne steht. 
Unter denselben Umständen ereignet sich leicht das Vergessen 
von Eigennamen. Manche Personen sind daran gewöhnt, an die- 
sem Entfallen der Eigennamen die herannahende Migräne zu er- 
kennen. Auch in der Aufregung verwechselt man oft die Worte, 
aber auch die Dinge, man „vergreift sich", und das Vergessen von 
Vorsätzen, sowie eine Menge von anderen unbeabsichtigten Hand- 
lungen wird auffällig, wenn man zerstreut, d. h. eigentlich auf et- 
was anderes konzentriert ist. Ein bekanntes Beispiel solcher Zer- 
streutheit ist der Professor der „Fliegenden Blätter", der seinen 
Schirm stehen läßt und seinen Hut verwechselt, weil er an die 
Probleme denkt, die er in seinem nächsten Buch behandeln wird. 
Beispiele dafür, wie man Vorsätze, die man gefaßt, Versprechun- 
gen, die man gemacht hat, vergessen kann, weil man inzwischen 
etwas erlebt bat, wovon man stark in Anspruch genommen wurde, 
kennt jeder von uns aus eigener Erfahrung. 

Das klingt so ganz verständig und scheint auch gegen Wider- 
Spruch gefeit zu sein. Es ist vielleicht nicht sehr interessant, 
nicht so, wie wir es erwartet haben. Fassen wir diese Erklärun- 
gen der Fehlleistungen näher ins Auge. Die Bedingungen, die 
für das Zustandekommen dieser Phänomene angegeben werden, 
sind unter sich nicht gleichartig. Unwohlsein und Zirkulations- 
störung geben eine physiologische Begründung für die Beein- 
trächtigung der normalen Funktion; Erregung, Ermüdung, Ab- 
lenkung sind Momente anderer Art, die man psycho-physiolo- 
gische nennen könnte. Diese letzteren lassen sich leicht in Theo- 
rie übersetzen. Sowohl durch die Ermüdung wie durch die Ab. 
lenkung, vielleicht auch durch die allgemeine Erregung, wird 
eine Verteilung der Aufmerksamkeit hervorgerufen, die zur Folge 
haben kann, daß sich der betreffenden Leistung zu wenig Auf- 
merksamkeit zuwendet. Diese Leistung kann dann besonders 



II) Die Fehlleistungen 23 



leicht gestört, ungenau ausgeführt werden. Leichtes Kranksein, 
Abänderungen der Blutversorgung im nervösen Zentralorgan 
können dieselbe Wirkung haben, indem sie das maßgebende 
Moment, die Verteilung der Aufmerksamkeit in ähnlicher Weise 
beeinflussen. Es würde sich also in allen Fällen um die Effekte 
einer Aufmerksamkeitsstörung handeln, entweder aus organi- 
schen oder aus psychischen Ursachen. 

Dabei scheint nicht viel für unser psychoanalytisches Interesse 
herauszuschauen. Wir könnten uns versucht fühlen, das Thema 
wieder aufzugeben. Allerdings, wenn wir näher auf die Beob- 
achtungen eingehen, stimmt nicht alles zu dieser Aufmerksam- 
keitstheorie der Fehlleistungen oder leitet sich wenigstens nicht 
natürlich aus ihr ab. Wir machen die Erfahrung, daß solche 
Fehlhandlungen und solches Vergessen auch bei Personen vor- 
kommen, die nicht ermüdet, zerstreut oder aufgeregt sind, son- 
dern sich nach jeder Richtung in ihrem Normalzustand befinden, 
es sei denn, man wolle den Betreffenden gerade wegen der Fehl- 
leistung nachträglich eine Aufgeregtheit zuschreiben, zu welcher 
sie sich aber selbst nicht bekennen. Es kann auch nicht so ein- 
fach zugehen, daß eine Leistung durch die Steigerung der auf sie 
gerichteten Aufmerksamkeit garantiert, durch die Herabsetzung 
derselben gefährdet wird. Es gibt eine große Menge von Ver- 
richtungen, die man rein automatisch, mit sehr geringer Auf- 
merksamkeit vollzieht, und dabei doch ganz sicher ausführt. 
Der Spaziergänger, der kaum weiß, wo er geht, hält doch den 
richtigen Weg ein und macht am Ziele halt, ohne sich vcrgan- 
g e n zu haben. Wenigstens in der Regel trifft er es so. Der 
geübte Klavierspieler greift, ohne daran zu denken, die richtigen 
Tasten. Er kann sich natürlich auch einmal vergreifen, aber 
wenn das automatische Spielen die Gefahr des Vergreifens stei- 
gerte, müßte gerade der Virtuose, dessen Spiel durch große 
Übungen ganz und gar automatisch geworden ist, dieser Gefahr 
am meisten ausgesetzt sein. Wir sehen im Gegenteil, daß viele 



24 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Verrichtungen ganz besonders sicher geraten, wenn sie nicht 
Gegenstand einer besonders hohen Aufmerksamkeit sind, und 
daß das Mißgeschick der Fehlleistung gerade dann auftreten 
kann, wenn an der richtigen Leistung besonders viel gelegen ist, 
eine Ablenkung der nötigen Aufmerksamkeit also sicherlich nicht 
stattfindet. Man kann dann sagen, das sei der Effekt der „Auf- 
regung", aber wir verstehen nicht, warum die Aufregung die 
Zuwendung der Aufmerksamkeit zu dem mit soviel Interesse 
Beabsichtigten nicht vielmehr steigert. Wenn jemand in einer 
wichtigen Rede oder mündlichen Verhandlung durch ein Ver- 
sprechen das Gegenteil von dem sagt, was er zu sagen beab- 
sichtigt, so ist das nach der psycho-physiologischen oder Auf- 
merksamkeitstheorie kaum zu erklären. 

Es gibt auch bei den Fehlleistungen so viele kleine Nebener- 
scheinungen, die man nicht versteht, und die uns durch die bis- 
herigen Aufklärungen nicht näher gebracht werden. Wenn man 
z. B. einen Namen zeitweilig vergessen hat, so ärgert man sich 
darüber, will ihn durchaus erinnern und kann von der Aufgabe 
nicht ablassen. Warum gelingt es dem Geärgerten so überaus 
selten, seine Aufmerksamkeit, wie er doch möchte, auf das Wort 
zu lenken, das ihm, wie er sagt, „auf der Zunge liegt", und das 
er sofort erkennt, wenn es vor ihm ausgesprochen wird? Oder: 
es kommen Fälle vor, in denen die Fehlleistungen sich verviel- 
fältigen, sich miteinander verketten, einander ersetzen. Das erste 
Mal hatte man ein Rendezvous vergessen; das nächste Mal, für 
das man den Vorsatz, ja nicht zu vergessen, gefaßt hat, stellt es 
sich heraus, daß man sich irrtümlich eine andere Stunde gemerkt 
hat. Man sucht sich auf Umwegen auf ein vergessenes Wort 
zu besinnen, dabei entfällt einem ein zweiter Name, der beim 
Aufsuchen des ersten hätte behilflich sein können. Geht man 
jetzt diesem zweiten Namen nach, so entzieht sich ein dritter 
usw. Dasselbe kann sich bekanntlich auch bei Druckfehlern 
ereignen, die ja als Fehlleistungen des Setzers aufzufassen sind. 



II) Die Fehlleistungen 25 



Ein solcher hartnäckiger Druckfehler soll sich einmal in ein so- 
zialdemokratisches Blatt eingeschlichen haben. In dem Berichte 
über eine gewisse Festlichkeit war zu lesen : Unter den Anwesen- 
den bemerkte man auch seine Hoheit, den K o r n prinzcn. Am 
nächsten Tage wurde eine Korrektur versucht. Das Blatt ent- 
schuldigte sich und schrieb: Es hätte natürlich heißen sollen: 
den K n o r prinzen. Man spricht in solchen Fällen gern vom 
Druckfehlerteufel, vom Kobold des Setzkastens und dergleichen, 
.Ausdrücke, die jedenfalls über eine psycho- physiologische Theo- 
rie des Druckfehlers hinausgehen. 

Ich weiß auch nicht, ob Ihnen bekannt ist, daß man das Ver- 
sprechen provozieren, sozusagen durch Suggestion hervorrufen 
kann. Eine Anekdote berichtet hierzu: Als einmal ein Neuling 
auf der Bühne mit der wichtigen Rolle betraut war, in der „Jung- 
frau von Orleans" dem König zu melden, daß der Connetable 
sein Schwert zurückschickt, machte sich ein Heldendarsteller den 
Scherz, während der Probe dem schüchternen Anfänger wieder- 
holt anstatt dieses Textes vorzusagen : Der Komfortabel schickt 
sein Pferd zurück, und er erreichte seine Absicht. In der Vor- 
stellung debütierte der Unglückliche wirklich mit dieser abgeän- 
derten Meldung, obwohl er genug gewarnt war oder vielleicht 
gerade darum. 

Alle diese kleinen Züge der Fehlleistungen werden durch die 
Theorie der Aufmerksamkeitsentziehung nicht gerade aufgeklärt. 
Aber darum braucht diese Theorie noch nicht falsch zu sein. 
Es fehlt ihr vielleicht an etwas, an einer Ergänzung, damit sie 
voll befriedigend werde. Aber auch manche der Fehlleistungen 
selbst können noch von einer anderen Seite betrachtet werden. 

Greifen wir als die für unsere Absichten geeignetste unter den 
Fehlleistungen, das Versprechen heraus. Wir könnten 
ebensogut das Verschreiben oder Verlesen wählen. Da müssen 
wir uns denn einmal sagen, daß wir bisher nur danach gefragt 
haben, wann, unter welchen Bedingungen man sich verspricht, 



26 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

und auch nur darauf eine Antwort bekommen haben. Man 
kann aber auch sein Interesse anders richten und wissen wollen, 
warum man sich gerade in dieser Weise verspricht und in keiner 
anderen; man kann das in Betracht ziehen, was beim Versprechen 
herauskommt. Sie sehen ein, solange man nicht diese Frage be- 
antwortet, den Effekt des Versprechens aufklärt, bleibt das Phä- 
nomen nach seiner psychologischen Seite eine Zufälligkeit, mag 
es auch eine physiologische Erklärung gefunden haben. Wenn 
sich mir ein Versprechen ereignet, könnte ich mich offenbar in 
unendlich vielen Weisen versprechen, für das eine richtige Wort 
eines von tausend anderen sagen, ungezählt viele Entstellungen 
an dem richtigen Wort vornehmen. Gibt es nun irgend etwas, 
was mir im besonderen Falle von allen möglichen gerade die 
eine Weise des Versprechens aufdrängt, oder bleibt das Zufall, 
Willkür und läßt sich zu dieser Frage vielleicht überhaupt nichts 
Vernünftiges vorbringen? 

Zwei Autoren, Meringer und Mayer (ein Philologe 
und ein Psychiater), haben denn auch im Jahre 1895 den Ver- 
such gemacht, die Frage des Versprechens von dieser Seite her 
anzugreifen. Sie haben Beispiele gesammelt und zunächst nach 
rein deskriptiven Gesichtspunkten beschrieben. Das gibt natür- 
lich noch keine Erklärung, kann aber den Weg zu ihr finden 
lassen. Sie unterscheiden die Entstellungen, welche die inten, 
dierte Rede durch das Versprechen erfährt, als : Vertauschungen, 
Vorklänge, Nachklänge, Vermengungen (Kontaminationen) 
und Ersetzungen (Substitutionen) . Ich werde Ihnen von diesen 
Hauptgruppen der beiden Autoren Beispiele vorführen. Ein 
Fall von Vertauschung ist es, wenn jemand sagt: die M i 1 o von 
Venus anstatt: Die Venus von Milo (Vertauschung in der 
Reihenfolge der Worte) ; ein Vorklang: Es war mir auf der 
Schwest . . . auf der Brust so schwer; ein Nachklang wäre 
der bekannte verunglückte Toast: Ich fordere Sie au f, auf das 
Wohl unseres Chefs aufzustoßen. Diese drei Formen des 






II) Die Fehlleistungen 27 



Versprechens sind nicht gerade häufig. Weit zahlreicher werden 
Sie die Beobachtung finden, in denen das Versprechen durch 
eine Zusammenziehung oder Vermengung entsteht, z. B. wenn 
ein Herr eine Dame auf der Straße mit den Worten anspricht: 
Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, möchte ich Sie gerne b e - 
gleit — d i g e n. In dem Mischwort steckt außer dem B e- 
gleiten offenbar auch das B e 1 e i d i g e m. (Nebenbei, der 
junge Mann wird bei der Dame nicht viel Erfolg gehabt haben.) 
Als eine Ersetzung führen M. und M. den Fall an, daß einer 
sagt: Ich gebe die Präparate in den B r i e f kästen, anstatt Brut- 
kästen u. dgl. 

Der Erklärungsversuch, den die beiden Autoren auf ihre 
Sammlung von Beispielen gründen, ist ganz besonders unzu- 
länglich. Sie meinen, daß die Laute und Silben eines Wortes ver- 
schiedene Wertigkeit haben, und daß die Innervation des hochwer- 
tigen Elements die der minderwertigen störend beeinflussen kann. 
Dabei fußen sie offenbar auf den an sich gar nicht so häufigen 
Vor- und Nachklängen; für andere Erfolge des Versprechens 
kommen diese Lautbevorzugungen, wenn sie überhaupt existie- 
ren, gar nicht in Betracht. Am häufigsten verspricht man sich 
doch, indem man anstatt eines Wortes ein anderes, ihm sehr 
ähnliches sagt, und diese Ähnlichkeit genügt vielen zur Erklä- 
rung des Versprechens. Zum Beispiel ein Professor in seiner An- 
trittsrede: Ich bin nicht geneigt (geeignet), die Verdienste 
meines sehr geschätzten Vorgängers zu würdigen. Oder ein an- 
derer Professor: Beim weiblichen Genitale hat man trotz vieler 
Versuchungen... Pardon: Versuche . . . 

Die gewöhnlichste und auch die auffälligste Art des Verspre- 
chens ist aber die zum genauen Gegenteil dessen, was man zu 
sagen beabsichtigt. Dabei kommt man natürlich von den Laut- 
beziehungen und Ähnlichkeitswirkungen weit ab und kann sich 
zum Ersatz dafür darauf berufen, daß Gegensätze eine sehr starke 
begriffliche Verwandtschaft miteinander haben und einander 



28 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



in der psychologischen Assoziation besonders nahestehen. Es 
gibt historische Beispiele dieser Art : Ein Präsident unseres Ab. 
geordnetenhauses eröffnete einmal die Sitzung mit den Worten: 
Meine Herren, ich konstatiere die Anwesenheit von . . . Mitglie- 
dern und erkläre somit die Sitzung für geschlossen. 

Ähnlich verführerisch wie die Gegensatzbeziehung wirkt 
dann irgendeine andere geläufige Assoziation, die unter Umstän- 
den recht unpassend auftauchen kann. So wird z. B. erzählt, 
daß bei einer Festlichkeit zu Ehren der Heirat eines Kindes von 
H. H e 1 m h o 1 1 z mit einem Kinde des bekannten Entdeckers 
und Großindustriellen W. S i e m e n s der berühmte Physiologe 
Dubois-Reymonddie Festrede zu halten hatte. Er schloß 
seinen sicherlich glänzenden Toast mit den Worten: Also es lebe 
die neue Firma: Siemens und-Halske! Das war na- 
türlich der Name der alten Firma. Die Zusammenstellung der 
beiden Namen mußte dem Berliner ebenso geläufig sein wie etwa 
dem Wiener die: Riedel und Beutel. 

So müssen wir also zu den Lautbeziehungen und zur Wort- 
ähnlichkeit noch den Einfluß der Wortassoziationen hinzuneh- 
men. Aber damit nicht genug. In einer Reihe von Fällen scheint 
die Aufklärung des beobachteten Versprechens nicht eher zu ge- 
lingen, als bis wir mit in Betracht gezogen haben, was einen Satz 
vorher gesprochen oder auch nur gedacht wurde. Also wiederum 
ein Fall von Nachklingen, wie der von Meringer betonte, 
nur von größerer Ferne her. — Ich muß gestehen, ich habe im 
ganzen den Eindruck, als wären wir jetzt einem Verständnis der 
Fehlleistung des Versprechens ferner gerückt denn je! 

Indes, ich hoffe nicht irre zu gehen, wenn ich es ausspreche, 
daß wir alle während der eben angestellten Untersuchung einen 
neuen Eindruck von den Beispielen des Versprechens bekommen 
haben, bei dem zu verweilen sich doch lohnen könnte. Wir 
hatten die Bedingungen untersucht, unter denen ein Versprechen 
überhaupt zustande kommt, dann die Einflüsse, welche die Art 



II) Die Fehlleistungen 29 



der Entstellung durch das Versprechen bestimmen, aber den 
Effekt des Versprechens für sich allein, ohne Rücksicht auf seine 
Entstehung, haben wir noch gar nicht ins Auge gefaßt. Ent- 
schließen wir uns auch dazu, so müssen wir endlich den Mut 
finden zu sagen : In einigen der Beispiele hat ja auch das einen 
Sinn, was beim Versprechen zustande gekommen ist. Was 
heißt das, es hat einen Sinn? Nun, es will sagen, daß der Effekt 
des Versprechens vielleicht ein Recht darauf hat, selbst als ein 
vollgültiger psychischer Akt, der auch sein eigenes Ziel verfolgt, 
als eine Äußerung von Inhalt und Bedeutung aufgefaßt zu wer- 
den. Wir haben bisher immer von Fehlhandlungen gesprochen, 
aber jetzt scheint es, als ob manchmal die Fehlhandlung selbst 
eine ganz ordentliche Handlung wäre, die sich nur an die Stelle 
der anderen, erwarteten oder beabsichtigten Handlung ge- 
setzt hat. 

Dieser eigene Sinn der Fehlhandlung scheint ja in einzelnen 
Fällen greifbar und unverkennbar zu sein. Wenn der Präsident 
die Sitzung des Abgeordnetenhauses mit den ersten Worten 
schließt, anstatt sie zu eröffnen, so sind wir infolge unserer 
Kenntnis der Verhältnisse, unter denen sich dies Versprechen 
vollzog, geneigt, diese Fehlhandlung sinnvoll zu finden. Er 
erwartet sich nichts Gutes von der Sitzung und wäre froh, sie so- 
fort wieder abbrechen zu können. Das Aufzeigen dieses Sinnes, 
also die Deutung dieses Versprechens macht uns gar keine Schwie- 
rigkeiten. Oder wenn eine Dame anscheinend anerkennend eine 
andere fragt: Diesen reizenden neuen Hut haben Sie sich wohl 
selbst aufgepatzt? — so wird keine Wissenschaftlichkeit 
der Welt uns abhalten können, aus diesem Versprechen eine 
Äußerung herauszuhören: Dieser Hut ist eine Patzerei. 
Oder wenn eine als energisch bekannte Dame erzählt: Mein 
Mann hat den Doktor gefragt, welche Diät er einhalten soll, der 
Doktor hat aber gesagt, er braucht keine Diät, er kann essen und 
trinken, was i c h will, — so ist dies Versprechen doch anderer- 



30 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 






seits der unverkennbare Ausdruck eines konsequenten Pro- 
gramms. 

Meine Damen und Herren, wenn es sich herausstellen sollte, 
daß nicht nur einige wenige Fälle von Versprechen und von 
Fehlleistungen überhaupt einen Sinn haben, sondern eine 
größere Anzahl von ihnen, so wird unvermeidlich dieser Sinn 
der Fehlleistungen, von dem bisher noch nicht die Rede war, 
für uns das Interessanteste werden und alle anderen Gesichts- 
punkte mit Recht in den Hintergrund drängen. Wir können 
dann alle physiologischen oder psycho-physiologischen Momente 
bei Seite lassen und dürfen uns rein psychologischen Unter- 
suchungen über den Sinn, d. i. die Bedeutung, die Absicht der 
Fehlleistung hingeben. Wir werden es also nicht verabsäumen, 
demnächst ein größeres Beobachtungsmaterial auf diese Er- 
wartung zu prüfen. 

Ehe wir aber diesen Vorsatz ausführen, möchte ich Sie ein- 
laden, mit mir eine andere Spur zu verfolgen. Es ist wiederholt 
vorgekommen, daß ein Dichter sich des Versprechens oder einer 
anderen Fehlleistung als Mittel der dichterischen Darstellung 
bedient hat. Diese Tatsache muß uns für sich allein beweisen, 
daß er die Fehlleistung, das Versprechen z. B., für etwas Sinn, 
volles hält, denn er produziert es ja absichtlich. Es geht doch 
nicht so vor, daß der Dichter sich zufällig verschreibt und dann 
sein Verschreiben bei seiner Figur als ein Versprechen bestehen 
läßt. Er will uns durch das Versprechen etwas zum Verstand, 
nis bringen, und wir können ja nachsehen, was das sein mag, 
ob er uns etwa andeuten will, daß die betreffende Person zer. 
streut und ermüdet ist oder eine Migräne zu erwarten hat. Na. 
türlich wollen wir es nicht überschätzen, wenn das Versprechen 
vom Dichter als sinnvoll gebraucht wird. Es könnte doch in 
Wirklichkeit sinnlos sein, eine psychische Zufälligkeit oder nui 
in ganz seltenen Fällen sinnreich, und der Dichter behielte das 
Recht, es durch die Ausstattung mit Sinn zu vergeistigen, um es 



II) Die Fehlleistungen 31 



für seine Zwecke zu gebrauchen. Zu verwundern wäre es aber 
auch nicht, wenn wir über das Versprechen vom Dichter mehr zu 
erfahren hätten als vom Philologen und vom Psychiater. 

Ein solches Beispiel von Versprechen findet sich in W a 1 - 
len stein (Piccolomini, erster Aufzug, fünfter Auftritt). 
Max Piccolomini hat in der vorhergehenden Szene aufs leiden- 
schaftlichste für den Herzog Partei genommen und dabei von 
den Segnungen des Friedens geschwärmt, die sich ihm auf seiner 
Reise enthüllt, während er die Tochter Wallensteins ins Lager 
begleitete. Er läßt seinen Vater und den Abgesandten des Hofes, 
Questenberg, in voller Bestürzung zurück. Und nun geht der 
fünfte Auftritt weiter : 

QUESTENBERG: O weh uns! Steht es so? 

Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn 
Dahingehn, rufen ihn nicht gleich 
Zurück, daß wir die Augen auf der Stelle 
Ihm öffnen? 

OCTAVIO (aus einem tiefen Nachdenken zu sich kommend) : 

M i r hat er sie jetzt geöffnet, 
Und mehr erblick ich, als mich freut. 

QUESTENBERG: Was ist es, Freund? 

OCTAVIO: Fluch über diese Reise! 

QUESTENBERG: Wieso? Was ist es? 

OCTAVIO: Kommen Sie! Ich muß 

Sogleich die unglückselige Spur verfolgen, 
Mit meinen Augen sehen — kommen Sie 

(will ihn fortführen) 

QUESTENBERG: Was denn? Wohin? 

OCTAVIO (pressiert): Zu ihr! 

QUESTENBERG : Zu — 

OCTAVIO (korrigiert sich) : Zum Herzog! Gehen wir 



usw. 



Octavio wollte sagen „zu ihm", zum Herzog, verspricht sich 
aber und verrät durch seine Worte „zu ihr" uns wenigstens, 
daß er den Einfluß, welcher den jungen. Kriegshelden für den 
Frieden schwärmen macht, sehr wohl erkannt hat. 



32 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Ein noch eindrucksvolleres Beispiel hat O. Rank bei Shake- 
speare entdeckt. Es findet sich im „Kaufmann von Venedig" 
in der berühmten Szene der Wahl des glücklichen Liebhabers 
zwischen den drei Kästchen, und ich kann vielleicht nichts Bes- 
seres tun, als Ihnen die kurze Darstellung von Rank hier vorlesen. 

„Ein dichterisch überaus fein motiviertes und technisch glän- 
zend verwertetes Versprechen, welches wie das von 
Freud im Wallenstein aufgezeigte verrät, daß die Dich- 
ter Mechanismus und Sinn dieser Fehlleistung wohl kennen und 
deren Verständnis auch beim Zuhörer voraussetzen, findet sich 
in Shakespeares „Kaufmann von Venedig" 
(3. Aufzug, 2. Szene) . Die durch den Willen ihres Vaters an die 
Wahl eines Gatten durch das Los gefesselte Porzia ist bisher allen 
ihren unliebsamen Freiern durch das Glück des Zufalls entron- 
nen. Da sie endlich in Bassanio den Bewerber gefunden hat, dem 
sie wirklich zugetan ist, muß sie fürchten, daß auch er das falsche 
Los ziehen werde. Sie möchte ihm nun am liebsten sagen, daß er 
auch in diesem Falle ihrer Liebe sicher sein könne, ist aber durch 
ihre Gelübde daran gehindert. In diesem inneren Zwiespalte läßt 
sie der Dichter zu dem willkommenen Freier sagen : 

Ich bitt Euch, wartet; ein, zwei Tage noch, 

Bevor Ihr wagt: denn wählt Ihr falsch, so büße 

Ich Euern Umgang ein; darum verzieht. 

Ein Etwas sagt mir (doch es ist nichtLiebe), 

Ich möcht Euch nicht verlieren; 

Ich könnt Euch leiten 

Zur rechten Wahl, dann brach ich meinen Eid; 

Das will ich nicht; so könnt Ihr mich verfehlen. 

Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen^ 

Ich hätt' ihn nur gebrochen. Oh, der Augen, 

Die mich so übersehn und mich geteilt! 

Halb bin ich Euer, die andre Hälfte Euer — 

Mein wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer, 

Und so ganz Euer. 

(Nach der Übersetzung von Schlegel und T i e c k.) 



II) Die Fehlleistungen 33 



Gerade das, was sie ihm also bloß leise andeuten möchte, weil 
sie es eigentlich ihm überhaupt verschweigen sollte, daß sie 
nämlich schon vor der Wahl g a n 2 die Seine sei und ihn liebe, 
das läßt der Dichter mit bewundernswertem psychologischen 
Feingefühl in dem Versprechen sich offen durchdrängen und 
weiß durch diesen Kunstgriff die unerträgliche Ungewißheit 
des Liebenden sowie die gleichgestimmte Spannung des Zu- 
hörers über den Ausgang der Wahl zu beruhigen." 

Wollen Sie noch bemerken, wie fein Porzia zwischen den bei- 
den Aussagen, die in dem Versprechen enthalten sind, am Ende 
vermittelt, wie sie den zwischen ihnen bestehenden Widerspruch 
aufhebt und schließlich doch dem Versprechen Recht gibt: 
Doch, wenn mein, dann Euer, 
Und so ganz Euer. 

Gelegentlich hat auch ein der Medizin fernestehender Denker 
den Sinn einer Fehlleistung mit einer Bemerkung aufgedeckt und 
uns die Bemühung um deren Aufklärung vorweggenommen. Sie 
kennen alle den geistreichen Satiriker Lichtenberg (1742 
bis 1799), von dem Goethe gesagt hat: Wo er einen Spaß 
macht, liegt ein Problem verborgen. Nun gelegentlich kommt 
durch den Spaß auch die Lösung des Problems zu Tage. Lieh- 
t e n b e r g notiert in seinen witzigen und satirischen Einfällen 
den Satz: Er las immer Agamemnon anstatt „angenommen", 
so sehr harte er den Homer gelesen. Das ist wirklich die Theorie 
des Verlesens. 

Das nächstemal wollen wir prüfen, ob wir in der Auffassung 
der Fehlleistung mit den Dichtern gehen können. 



34 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



OL VORLESUNG 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

(Fortsetzung) 

Meine Damen und Herren! Wir sind das vorigemal auf den 
Einfall gekommen, die Fehlleistung nicht im Verhältnis zu der 
von ihr gestörten, beabsichtigten Leistung zu betrachten, sondern 
an und für sich, haben den Eindruck empfangen, daß sie in ein- 
zelnen Fällen ihren eigenen Sinn zu verraten scheint, und haben 
uns gesagt, wenn es in größcrem Umfange zu bestätigen wäre, 
daß die Fehlleistung einen Sinn hat, so wurde uns dieser Sinn 
bald interessanter werden als die Untersuchung der Umstände, 
unter denen die Fehlleistung zustande kommt. 

Einigen wir uns noch einmal darüber, was wir unter dem 
„Sinn" eines psychischen Vorganges verstehen wollen. Nichts 
anderes als die Absicht, der er dient, und seine Stellung in einer 
psychischen Reihe. Für die meisten unserer Untersuchungen 
können wir „Sinn" auch durch „Absicht", „Tendenz" ersetzen. 
War es also nur ein täuschender Schein oder eine poetische Er- 
höhung der Fehlleistung, wenn wir in ihr eine Absicht zu er- 
kennen glaubten? 

Bleiben wir den Beispielen des Versprechens treu und über- 
blicken eine größere Anzahl solcher Beobachtungen. Da finden 
wir denn ganze Kategorien von Fällen, in denen die Absicht, 
der Sinn des Versprechens klar zutage liegt. Vor allem die, in 
denen das Gegenteil an die Stelle des Beabsichtigten tritt. Der 
Präsident sagt in der Eröffnungsrede: „Ich erkläre die Sitzung 
für geschlossen". Das ist doch unzweideutig. Sinn und Absicht 
seiner Fehlrede ist, daß er die Sitzung schließen will. „Er sagt es 
ja selbst", möchte man dazu zitieren; wir brauchen ihn ja nur 
beim Wort zu nehmen. Stören Sie mich jetzt nicht mit der Ein- 
rede, daß dies nicht möglich ist, daß wir ja wissen, er wollte die 
Sitzung nicht schließen, sondern eröffnen, und daß er selbst, den 
wir eben als oberste Instanz anerkannt haben, bestätigen kann, 



III J Die Fehlleistungen 35 



daß er eröffnen wollte. Sie vergessen dabei, daß wir übereinge- 
kommen sind, die Fehlleistung zunächst an und für sich zu be- 
trachten; ihr Verhältnis zur Intention, die sie stört, soll erst 
später zur Sprache kommen. Sie machen sich sonst eines logischen 
Fehlers schuldig, durch den Sie das in Behandlung stehende 
Problem glatt wegeskamotieren, was im Englischen begging the 
question heißt. 

In anderen Fällen, wo man sich nicht gerade zum Gegenteil 
versprochen hat, kann doch durch das Versprechen ein gegen- 
sätzlicher Sinn zum Ausdmck kommen. „Ich bin nicht ge- 
neigt, die Verdienste meines Vorgängers zu würdigen." Ge- 
neigt ist nicht das Gegenteil von geeignet, aber es ist ein offenes 
Geständnis, in scharfem Gegensatz zur Situation, in welcher der 
Redner sprechen soll. 

In noch anderen Fällen fügt das Versprechen zu dem beabsich- 
tigten Sinne einfach einen zweiten hinzu. Der Satz hört sich dann 
an wie eine Zusammenziehung, Verkürzung, Verdichtung aus 
mehreren Sätzen. So die energische Dame: Er kann essen und 
trinken, was i c h will. Das ist gerade so, als ob sie erzählt hätte: 
Er kann essen und trinken, was er will; aber was hat er denn zu 
wollen? An seiner Statt will ich. Die Versprechen machen oft den 
Eindruck solcher Verkürzungen, z. B. wenn ein Anatomiepro- 
fessor nach seinem Vortrag über die Nasenhöhle fragt, ob die 
Hörer es auch verstanden haben, und ob der allgemeinen Be- 
jahung fortsetzt: Ich glaube kaum, denn die Leute, welche die 
Nasenhöhle verstehen, kann man selbst in einer Millionenstadt 
aneinemFinger... Pardon, an den Fingern einer Hand 
abzählen. Die verkürzte Rede hat auch ihren Sinn; sie sagt, es 
gibt nur einen Menschen, der das versteht. 

Diesen Gruppen von Fällen, in denen die Fehlleistung ihren 
Sinn selbst zum Vorschein bringt, stehen andere gegenüber, in 
denen das Versprechen nichts an sich Sinnreiches geliefert hat, 
die also unseren Erwartungen energisch widersprechen. Wenn 



36 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



jemand durch Versprechen einen Eigennamen verdreht oder un- 
gebräuchliche Lautfolgen zusammenstellt, so scheint durch diese 
sehr häufigen Vorkommnisse die Frage, ob alle Fehlhandlungen 
etwas Sinnreiches leisten, bereits im ablehnenden Sinne ent- 
schieden zu sein. Allein bei näherem Eingehen auf solche Bei- 
spiele zeigt es sich, daß ein Verständnis dieser Entstellungen 
leicht möglich wird, ja daß der Unterschied zwischen diesen dunk- 
leren und früheren klaren Fällen gar nicht so groß ist. 

Ein Herr, nach dem Befinden seines Pferdes befragt, antwortet: 
Ja, das d r a u t . . . Das dauert vielleicht noch einen Monat. Be- 
fragt, was er eigentlich sagen wollte, erklärt er, er habe gedacht, 
das sei eine traurige Geschichte, der Zusammenstoß von 
„dauert" und „traurig" habe jenes „draut" ergeben. (Me. 
r i n g e r und Mayer.) 

Ein anderer erzählt von irgendwelchen Vorgängen, die er 
beanständet, und setzt fort: Dann aber sind Tatsachen zum Vor. 
schwein gekommen ... Auf Anfragen bestätigt er, daß et 
diese Vorgänge als Schweinereien bezeichnen wollte. 
„Vorschein" und „Schweinerei" haben mitsammen das sonder« 
bare „Vorschwein" entstehen lassen. (M. u. M.) 

Erinnern Sie sich an den Fall des jungen Mannes, der die ihm 
unbekannte Dame begleitdigen wollte. Wir hatten uns die 
Freiheit genommen, diese Wortbildung in begleiten und 
beleidigen zu zerlegen, und fühlten uns dieser Deutung 
sicher, ohne für sie Bestätigung zu fordern. Sie ersehen aus diesen 
Beispielen, daß auch diese dunkleren Fälle des Versprechens sich 
durch das Zusammentreffen, die I n t e r f e r e n z , zweier ver- 
schiedener Redeabsichten erklären lassen; die Unterschiede ent- 
stehen nur dadurch, daß einmal die eine Absicht die andere völlig 
ersetzt (substituiert), so bei den Versprechen zum Gegenteil, 
während sie sich ein andermal damit begnügen muß, sie zu ent- 
stellen oder zu modifizieren, so daß Mischbildungen Zustande- 
kommen, die an sich mehr oder minder sinnreich erscheinen. 



III) Die Fehlleistungen 37 



Wir glauben jetzt das Geheimnis einer großen Anzahl von 
Versprechen erfaßt zu haben. Halten wir an dieser Einsicht fest, 
so werden wir noch andere bisher rätselhafte Gruppen verstehen 
können. Beim Namenentstellen können wir z.B. nicht annehmen, 
daß es sich immer um die Konkurrenz zweier ähnlicher und doch 
verschiedener Namen handelt. Aber die zweite Absicht ist doch 
unschwer zu erraten. Die Entstellung eines Namens kommt 
außerhalb des Versprechens häufig genug vor; sie versucht den 
Namen übelklingend oder an etwas Niedriges anklingend zu 
machen und ist eine bekannte Art oder Unart der Schmähung, 
auf die der gebildete Mensch bald verzichten lernt, aber nicht 
gerne verzichtet. Er gestattet sich dieselbe noch oft als „Witz" 
von allerdings sehr geringer Würde. Um nur ein grelles und haß. 
liches Beispiel dieser Namensentstellung anzuführen, erwähne 
ich, daß man den Namen des Präsidenten der französischen Re- 
publik, Poincare,in diesen Zeiten in „Schweinskarre" um- 
gewandelt hat. Es liegt also nahe, auch beim Versprechen eine 
solche schmähende Absicht anzunehmen, die sich in der Ent- 
stellung des Namens durchsetzt. Ähnliche Aufklärungen drängen 
sich uns in Fortführung unserer Auffassung für gewisse Fälle des 
Versprechens mit komischem oder absurdem Effekt auf. „Ich 
fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs auf zustoßen." Hier 
wird eine feierliche Stimmung unerwarteterweise durch das Ein- 
dringen eines Wortes gestört, das eine unappetitliche Vorstellung 
erweckt, und wir können nach dem Vorbild gewisser Schimpf- 
und Trutzreden kaum anderes vermuten, als daß sich eine Ten- 
denz zum Ausdruck bringen will, die der vorgeschobenen Ver- 
ehrung energisch widerspricht und etwa sagen will: Glaubt doch 
nicht daran, das ist nicht mein Ernst, ich pfeif auf den Kerl u. 
dergl. Ganz Ähnliches gilt für Versprechen, die aus harmlosen 
Worten unanständige und obszöne machen, wie A p o p o s für 

Apropos, oder Eischeißweibchenfür Eiweißscheibchen. 
(M. u. M.) 



38 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Wir kennen bei vielen Menschen eine solche Tendenz, einem 
gewissen Lustgewinn zuliebe harmlose Worte absichtlich in ob- 
szöne zu entstellen; sie gilt für witzig, und in Wirklichkeit 
müssen wir bei einem Menschen, von dem wir solches hören, erst 
erkunden, ob er es absichtlich als Witz geäußert hat, oder ob es 
ihm als Versprechen passiert ist. 

Nun, da hätten wir ja mit verhältnismäßig geringer Mühe das 
Rätsel der Fehlleistungen gelöst! Sie sind nicht Zufälligkeiten, 
sondern ernsthafte seelische Akte, sie haben ihren Sinn, sie ent- 
stehen durch das Zusammenwirken — vielleicht besser: Gegen- 
einanderwirken zweier verschiedener Absichten. Aber nun kann 
ich auch verstehen, daß Sie mich mit einer Fülle von Fragen 
und Zweifeln überschütten wollen, die zu beantworten und zu er- 
ledigen sind, ehe wir uns dieses ersten Resultates unserer Arbeit 
freuen dürfen. Ich will Sie gewiß nicht zu voreiligen Entschei- 
dungen antreiben. Lassen Sie uns alles der Reihe nach, eines nach 
dem anderen, in kühle Erwägung ziehen. 

Was wollen Sie mir wohl sagen? Ob ich meine, daß diese Auf- 
klärung für alle Fälle von Versprechen gilt oder nur für eine ge- 
wisse Anzahl? Ob man dieselbe Auffassung auch auf die vielen 
anderen Arten von Fehlleistungen ausdehnen darf, auf das Ver« 
lesen, Verschreiben, Vergessen, Verlegen usw.? Was denn die 
Momente der Ermüdung, Erregung, Zerstreutheit, die Aufmerk- 
samkeitsstörung angesichts der psychischen Natur der Fehllei- 
stungen noch zu bedeuten haben? Ferner, man sieht ja wohl, daß 
von den beiden konkurrierenden Tendenzen der Fehlleistungen 
die eine immer offenkundig ist, die andere aber nicht immer. Was 
man dann tut, um diese letztere zu erraten, und wenn man glaubt 
sie erraten zu haben, wie man den Nachweis führt, daß sie nicht 
bloß wahrscheinlich, sondern die einzig richtige ist? Haben Sie 
noch etwas zu fragen? Wenn nicht, so setze ich selbst fort. Ich 
erinnere Sie daran, daß uns eigentlich an den Fehlleistungen 
selbst nicht viel gelegen ist, daß wir aus ihrem Studium nur etwas 






Ill) Die Fehlleistungen 39 



für die Psychoanalyse Verwertbares lernen wollten. Darum stelle 
ich die Frage auf: was sind das für Absichten oder Tendenzen, 
die andere in solcher Weise stören können, und welche Bezie- 
hungen bestehen zwischen den störenden Tendenzen und den ge- 
störten? So fängt unsere Arbeit erst nach der Lösung des Pro- 
blems von neuem an. 

Also, ob dies die Aufklärung aller Fälle von Versprechen ist? 
Ich bin sehr geneigt, dies zu glauben, und zwar darum, weil sich 
jedesmal, sooft man einen Fall von Versprechen untersucht, eine 
derartige Auflösung finden läßt. Aber es läßt sich auch nicht be- 
weisen, daß ein Versprechen ohne solchen Mechanismus nicht 
vorfallen kann. Es mag so sein; für uns ist es theoretisch gleich- 
gültig, denn die Schlüsse, welche wir für die Einführung in die 
Psychoanalyse ziehen wollen, bleiben bestehen, wenn auch nur, 
was gewiß nicht der Fall ist, eine Minderzahl von Fällen des Ver- 
sprechens unserer Auffassung unterliegen sollte. Die nächste 
Frage, ob wir auf die anderen Arten der Fehlleistungen das aus- 
dehnen dürfen, was sich uns für das Versprechen ergeben hat, 
will ich vorgreifend mit ja beantworten. Sie werden sich selbst 
davon überzeugen, wenn wir uns dazu wenden, Beispiele des 
Versen reibens, Vergreifens usw. in Untersuchung zu ziehen. Ich 
schlage Ihnen aber aus technischen Gründen vor, diese Arbeit 
aufzuschieben, bis wir das Versprechen selbst noch gründlicher 
behandelt haben. 

Die Frage, was die von den Autoren in den Vordergrund ge- 
rückten Momente der Zirkulationsstörung, Ermüdung, Erregung, 
Zerstreutheit, die Theorie der Aufmerksamkeitsstörung uns noch 
bedeuten können, wenn wir den beschriebenen psychischen Me- 
chanismus des Versprechens annehmen, verdient eine eingehen- 
dere Beantwortung. Bemerken Sie wohl, wir bestreiten diese Mo- 
mente nicht. Es kommt überhaupt nicht so häufig vor, daß die 
Psychoanalyse etwas bestreitet, was von anderer Seite behauptet 
wird; sie fügt in der Regel nur etwas Neues hinzu, und gelegent- 



40 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



lieh trifft es sich freilich, daß dies bisher Übersehene und nun neu 
Dazugekommene gerade das Wesentliche ist. Der Einfluß der 
physiologischen Dispositionen, die durch leichtes Unwohlsein, 
Zirkulationsstörungen, Erschöpfungszustände gegeben werden, 
ist für das Zustandekommen des Versprechens ohne weiteres an- 
zuerkennen; tägliche und persönliche Erfahrung kann Sie davon 
überzeugen. Aber wie wenig ist damit erklärt! Vor allem sind es 
nicht notwendige Bedingungen der Fehlleistung. Das Ver- 
sprechen ist ebensowohl bei voller Gesundheit und normalem Be- 
finden möglich. Diese körperlichen Momente haben also nur den 
Wert von Erleichterungen und Begünstigungen für den eigen- 
tümlichen seelischen Mechanismus des Versprechens. Ich habe 
für diese Beziehung einmal ein Gleichnis gebraucht, das ich nun 
wiederholen werde, weil ich es durch kein besseres zu ersetzen 
weiß. Nehmen Sie an, ich ginge in dunkler Nachtstunde an einem 
einsamen Orte, würde dort von einem Strolch überfallen, der mir 
Uhr und Börse wegnimmt, und trüge dann, weil ich das Gesicht 
des Räubers nicht deutlich gesehen habe, meine Klage auf der 
nächsten Polizeistation mit den Worten vor: Einsamkeit und 
Dunkelheit haben mich soeben meiner Kostbarkeiten beraubt. 
Der Polizeikommissär kann mir darauf sagen: Sie scheinen da 
mit Unrecht einer extrem mechanistischen Auffassung zu huldigen. 
Stellen wir den Sachverhalt lieber so dar: Unter dem Schutz der 
Dunkelheit, von der Einsamkeit begünstigt, hat Ihnen ein unbe- 
kannter Räuber Ihre Wertsachen entrissen. Die wesentliche Auf- 
gabe an Ihrem Falle scheint mir zu sein, daß wir den Räuber aus- 
findig machen. Vielleicht können wir ihm dann den Raub wieder 
abnehmen. 

Die psychophysiologischen Momente wie Aufregung, Zer- 
streutheit, Aufmerksamkeitsstörung leisten uns offenbar sehr 
wenig für die Zwecke der Erklärung. Es sind nur Redensarten, 
spanische Wände, hinter welche zu gucken wir uns nicht ab- 
halten lassen sollen. Es fragt sich vielmehr, was hier die Erregung, 



III) Die Fehlleistungen 41 



die besondere Ablenkung der Aufmerksamkeit hervorgerufen 
hat. Die Lauteinflüsse, Wortähnlichkeiten und die von den Wor- 
ten auslaufenden gebräuchlichen Assoziationen sind wiederum 
als bedeutsam anzuerkennen. Sie erleichtern das Versprechen, in- 
dem sie ihm die Wege weisen, die es wandeln kann. Aber wenn 
ich einen Weg vor mir habe, ist damit auch wie selbstverständlich 
entschieden, daß ich ihn gehen werde? Es bedarf noch eines Mo- 
tivs, damit ich mich zu ihm entschließe, und überdies einer Kraft, 
die mich auf diesem Wege vorwärts bringt. Diese Laut- und 
Wortbeziehungen sind also auch nur wie die körperlichen Dis- 
positionen Begünstigungen des Versprechens und können seine 
eigentliche Aufklärung nicht geben. Denken Sie doch daran, in 
einer ungeheueren Überzahl von Fällen wird meine Rede nicht 
durch den Umstand gestört, daß die von mir gebrauchten Worte 
durch Klangähnlichkeit an andere erinnern, daß sie mit ihren 
Gegenteilen innig verknüpft sind, oder daß gebräuchliche Asso- 
ziationen von ihnen ausgehen. Man könnte noch mit dem Philo- 
sophen W u n d t die Auskunft finden, daß das Versprechen zu- 
stande kommt, wenn infolge von körperlicher Erschöpfung die 
Assoziationsneigungen die Oberhand über die sonstige Rede- 
intention gewinnen. Das ließe sich sehr gut hören, wenn dem 
nicht die Erfahrung widerspräche, nach deren Zeugnis in einer 
Reihe von Fällen die körperlichen, in einer anderen die Assozia- 
tionsbegünstigungen des Versprechens vermißt werden. 

Besonders interessant ist mir aber Ihre nächste Frage, auf 
welche man die beiden miteinander in Interferenz tretenden Ten- 
denzen feststellt. Sie ahnen wahrscheinlich nicht, wie folgen- 
schwer sie ist. Nicht wahr, die eine der beiden, die gestörte Ten- 
denz, ist immer unzweifelhaft: die Person, welche die Fehl- 
leistung begeht, kennt sie und bekennt sich zu ihr. Anlaß zu 
Zweifeln und Bedenken kann nur die andere, die störende, geben. 
Nun wir haben schon gehört und Sie haben es gewiß nicht ver- 
gessen, daß in einer Reihe von Fällen diese andere Tendenz 



42 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



ebenso deutlich ist. Sie wird durch den Effekt des Versprechens 
angezeigt, wenn wir nur den Mut haben, diesen Effekt für sich 
gelten zu lassen. Der Präsident, der sich zum Gegenteil ver- 
spricht — es ist klar, er will die Sitzung eröffnen, aber ebenso 
klar, er möchte sie auch schließen. Das ist so deutlich, daß zum 
Deuten nichts übrig bleibt. Aber die anderen Fälle, in denen die 
störende Tendenz die ursprüngliche nur entstellt, ohne sich 
selbst ganz zum Ausdruck zu bringen, wie errät man bei ihnen 
die störende Tendenz aus der Entstellung? 

In einer ersten Reihe von Fällen auf sehr einfache und sichere 
Weise, auf dieselbe Weise nämlich, wie man die gestörte Ten- 
denz feststellt. Diese läßt man sich ja vom Redner unmittelbar 
mitteilen; nach dem Versprechen stellt er den ursprünglich be- 
absichtigten Wortlaut sofort wieder her. „Das d r a u t , nein, das 
dauert vielleicht noch einen Monat." Nun, die entstellende Ten- 
denz läßt man gleichfalls von ihm aussprechen. Man fragt ihn ; 
Ja, warum haben Sie denn zuerst „draut" gesagt? Er antwortet: 
Ich wollte sagen: Das ist eine traurige Geschichte, und im an- 
deren Falle, beim Versprechen „Vorschwein", bestätigt er Ihnen 
ebenso, daß er zuerst sagen wollte: Das ist eine S c h w e i . 
n e r e i , sich aber dann mäßigte und in eine andere Aussage 
einlenkte. Die Feststellung der entstellenden Tendenz ist hier 
also ebenso sicher gelungen wie die der entstellten. Ich habe 
auch nicht ohne Absicht hier Beispiele herangezogen, deren Mit- 
teilung und Auflösung weder von mir noch von einem meiner 
Anhänger herrühren. Doch war in diesen beiden Fällen ein g e , 
wisser Eingriff notwendig, um die Lösung zu fördern. Man 
mußte den Redner fragen, warum er sich so versprochen habe 
was er zu dem Versprechen zu sagen wisse. Sonst wäre er viel» 
leicht an seinem Versprechen vorbeigegangen, ohne es aufklä- 
ren zu wollen. Befragt, gab er aber die Erklärung mit dem ersten 
Einfall der ihm kam. Und nun sehen Sie, dieser kleine Eingriff 
und sein Erfolg, das ist bereits eine Psychoanalyse und das Vor- 



III J Die Fehlleistungen 43 



bild jeder psychoanalytischen Untersuchung, die wir im weiteren 
anstellen werden. 

Bin ich nun zu mißtrauisch, wenn ich vermute, daß in dem- 
selben Moment, da die Psychoanalyse vor Ihnen auftaucht, auch 
der Widerstand gegen sie bei Ihnen sein Haupt erhebt? Haben 
Sic nicht Lust, mir einzuwenden, daß die Auskunft der be- 
fragten Person, die das Versprechen geleistet, nicht völlig be- 
weiskräftig sei? Er habe natürlich das Bestreben, meinen Sie, der 
Aufforderung zu folgen, das Versprechen zu erklären, und da 
sage er eben das erste beste, was ihm einfalle, wenn es ihm zu 
einer solchen Erklärung tauglich erscheine. Ein Beweis, daß das 
Versprechen wirklich so zugegangen, sei damit nicht gegeben. 
Ja es könne so sein, aber ebensowohl auch anders. Es hätte ihm 
auch etwas anderes einfallen können, was ebenso gut und viel- 
leicht besser gepaßt hätte. 

Es ist merkwürdig, wie wenig Respekt Sie im Grunde vor einer 
psychischen Tatsache haben! Denken Sie sich, jemand habe die 
chemische Analyse einer gewissen Substanz vorgenommen und 
von einem Bestandteil derselben ein gewisses Gewicht, soundso 
viel Milligramm, gewonnen. Aus dieser Gewichtsmenge lassen 
sich bestimmte Schlüsse ziehen. Glauben Sie nun, daß es je einem 
Chemiker einfallen wird, diese Schlüsse mit der Motivierung zu 
bemängeln: die isolierte Substanz hätte auch ein anderes Gewicht 
haben können? Jeder beugt sich vor der Tatsache, daß es eben 
dies Gewicht und kein anderes war, und baut auf ihr zuversicht- 
lich seine weiteren Schlüsse auf. Nur wenn die psychische Tat- 
sache vorliegt, daß dem Befragten ein bestimmter Einfall gekom- 
men ist, dann lassen Sie das nicht gelten und sagen, es hätte ihm 
auch etwas anderes einfallen können! Sie haben eben die Illu- 
sion einer psychischen Freiheit in sich und mögen auf sie nicht 
verzichten. Es tut mir leid, daß ich mich hierin in schärfstem 
Widerspruch zu Ihnen befinde. 

Nun werden Sie hier abbrechen, aber nur um den Widerstand 



44 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



an einer anderen Stelle wiederaufzunehmen. Sie fahren fort: Wir 
verstehen, daß es die besondere Technik der Psychoanalyse ist, 
sich die Lösung ihrer Probleme von den Analysierten selbst 
sagen zu lassen. Nun nehmen wir ein anderes Beispiel her, jenes, 
in dem der Festredner die Versammlung auffordert, auf das 
Wohl des Chefs aufzustoßen. Sie sagen, die störende Intention 
ist in diesem Falle die der Schmähung: sie ist es, die sich dem 
Ausdruck der Verehrung widersetzt. Aber das ist bloße Deu- 
tung von Ihrer Seite, gestützt auf Beobachtungen außerhalb 
des Versprechens. Wenn Sie in diesem Falle den Urheber des 
Versprechens befragen, wird er Ihnen nicht bestätigen, daß er 
eine Schmähung beabsichtigte; er wird es vielmehr energisch in 
Abrede stellen. Warum geben Sie Ihre unbeweisbare Deutung 
nicht gegen diesen klaren Einspruch auf? 

Ja, diesmal haben Sie etwas Starkes herausgefunden. Ich stelle 
mir den unbekannten Festredner vor; er ist wahrscheinlich ein 
Assistent des gefeierten Chefs, vielleicht schon Privatdozent, ein 
junger Mann mit den besten Lebenschancen. Ich will in ihn drän- 
gen, ob er nicht doch etwas verspürt hat, was sich der Aufforde- 
rung zur Verehrung des Chefs widersetzt haben mag. Da komme 
ich aber schön an. Er wird ungeduldig und fährt plötzlich auf 
mich los: „Sie, jetzt hören's einmal auf mit Ihrer Ausfragerei 
sonst werd' ich ungemütlich. Sie verderben mir noch die ganze 
Karriere durch Ihre Verdächtigungen. Ich hab' einfach tuf. 
stoßen anstatt anstoßen gesagt, weil ich im selben Satz schon 
zweimal vorher auf ausgesprochen habe. Das ist das, was der 
Meringer einen Nachklang heißt, und weiter ist daran nichts 
zu deuteln. Verstehen Sie mich? Basta." Hm, das ist eine über- 
raschende Reaktion, eine wirklich energische Ablehnung. Ich 
sehe, bei dem jungen Mann ist nichts auszurichten, denke mir 
aber auch, er verrät ein starkes persönliches Interesse daran, daß 
seine Fehlleistung keinen Sinn haben soll. Sie werden vielleicht 
auch finden, es ist nicht recht, daß er gleich so grob wird bei 



III) Die Fehlleistungen 45 



einer rein theoretischen Untersuchung, aber schließlich, werden 
Sie meinen, muß er doch eigentlich wissen, was er sagen wölke 
und was nicht. 

So, muß er das? Das wäre vielleicht noch die Frage. 

Jetzt glauben Sie mich aber in der Hand zu haben. Das ist also 
Ihre Technik, höre ich Sie sagen. Wenn der Betreffende, der ein 
Versprechen von sich gegeben hat, etwas dazu sagt, was Ihnen 
paßt, dann erklären Sie ihn für die letzte entscheidende Autori- 
tät darüber. „Er sagt es ja selbst!" Wenn Ihnen aber das, was er 
sagt, nicht in Ihren Kram paßt, dann behaupten Sie auf einmal, 
der gilt nichts, dem braucht man nicht zu glauben. 

Das stimmt allerdings. Ich kann Ihnen aber einen ähnlichen 
Fall vorstellen, in dem es ebenso ungeheuerlich zugeht. Wenn ein 
Angeklagter vor dem Richter sich zu einer Tat bekennt, so glaubt 
der Richter dem Geständnis; wenn er aber leugnet, so glaubt ihm 
der Richter nicht. Wäre es anders, so gäbe es keine Rechtspflege, 
und trotz gelegentlicher Irrtümer müssen Sie dieses System doch 
wohl gelten lassen. 

Ja, sind Sie denn der Richter, und der, welcher ein Ver- 
sprechen begangen hat, ein vor Ihnen Angeklagter? Ist denn ein 
Versprechen ein Vergehen? 

Vielleicht brauchen wir selbst diesen Vergleich nicht abzu- 
lehnen. Aber sehen Sie nur, zu welchen tiefgreifenden Diffe- 
renzen wir bei einiger Vertiefung in die scheinbar so harmlosen 
Probleme der Fehlleistungen gekommen sind. Differenzen, die 
wir derzeit noch gar nicht auszugleichen verstehen. Ich biete 
Ihnen ein vorläufiges Kompromiß an auf Grund des Gleichnisses 
vom Richter und vom Angeklagten. Sie sollen mir zugeben, daß 
der Sinn einer Fehlleistung keinen Zweifel zuläßt, wenn der 
Analysierte ihn selbst zugibt. Ich will Ihnen dafür zugestehen, 
daß ein direkter Beweis des vermuteten Sinnes nicht zu erreichen 
ist, wenn der Analysierte die Auskunft verweigert, natürlich 
ebenso, wenn er nicht zur Hand ist, um uns Auskunft zu geben. 



46 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Wir sind dann, wie im Falle der Rechtspflege, auf Indizien ange- 
wiesen, welche uns eine Entscheidung einmal mehr, ein ander- 
mal weniger wahrscheinlich machen können. Bei Gericht muß 
man aus praktischen Gründen auch auf Indizienbeweise hin 
schuldig sprechen. Für uns besteht eine solche Nötigung nicht; 
wir sind aber auch nicht gezwungen, auf die Verwertung solcher 
Indizien zu verzichten. Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß eine 
Wissenschaft aus lauter streng bewiesenen Lehrsätzen besteht, 
und ein Unrecht, solches zu fordern. Diese Forderung erhebt 
nur ein autoritätssüchtiges Gemüt, welches das Bedürfnis hat, sei- 
nen religiösen Katechismus durch einen anderen, wenn auch 
wissenschaftlichen, zu ersetzen. Die Wissenschaft hat in ihrem 
Katechismus nur wenige apodiktische Sätze, sonst Behauptungen 
die sie bis zu gewissen Stufengraden von Wahrscheinlichkeit ge- 
fördert hat. Es ist geradezu ein Zeichen von wissenschaftlicher 
Denkungsart, wenn man an diesen Annäherungen an die Gewiß, 
heit sein Genüge finden und die konstruktive Arbeit trotz der 
mangelnden letzten Bekräftigungen fortsetzen kann. 

Woher nehmen wir aber die Anhaltspunkte für unsere Deu- 
tungen, die Indizien für unseren Beweis im Falle, daß die Aus- 
sage des Analysierten den Sinn der Fehlleistung nicht selbst auf. 
klärt? Von verschiedenen Seiten her. Zunächst aus der Analogie 
mit Phänomenen außerhalb der Fehlleistungen, z. B. wenn wir 
behaupten, daß das Namenentstellen als Versprechen denselben 
schmähenden Sinn hat wie das absichtliche Namenverdrehen. So- 
dann aber aus der psychischen Situation, in welcher sich die 
Fehlleistung ereignet, aus unserer Kenntnis des Charakters der 
Person, welche die Fehlhandlung begeht, und der Eindrücke 
welche diese Person vor der Fehlleistung betroffen haben, auf 
die sie möglicherweise mit dieser Fehlleistung reagiert. In der 
Regel geht es so vor sich, daß wir nach allgemeinen Grund- 
sätzen die Deutung der Fehlleistung vollziehen, die also zunächst 
nur eine Vermutung, ein Vorschlag zur Deutung ist, und uns dann 



HI) Die Fehlleistungen 47 



die Bestätigung aus der Untersuchung der psychischen Situation 
holen. Manchmal müssen wir auch kommende Ereignisse abwar- 
ten, welche sich durch die Fehlleistung gleichsam angekündigt 
haben, um unsere Vermutung bekräftigt zu finden. 

Ich kann Ihnen die Belege hiezu nicht leicht erbringen, wenn 
ich mich auf das Gebiet des Versprechens einschränken soll, ob- 
wohl sich auch hier einzelne gute Beispiele ergeben. Der junge 
Mann, der eine Dame begleitdigen möchte, ist gewiß ein 
Schüchterner; die Dame, deren Mann essen und trinken darf, was 
s i e will, kenne ich als eine der energischen Frauen, die das Re- 
giment im Hause zu führen verstehen. Oder nehmen Sie folgen- 
den Fall : In einer Generalversammlung der „Concordia" hält ein 
junges Mitglied eine heftige Oppositionsrede, in deren Verlauf er 
die Vereinsleitung als die Herren „Vorschuß mitglieder" an- 
redet, was aus dem Vor stand und Aus s c h u ß zusammengesetzt 
erscheint. Wir werden vermuten, daß sich bei ihm eine störende 
Tendenz gegen seine Opposition regte, die sich auf etwas, was 
mit einem Vorschuß zu tun hatte, stützen konnte. In der Tat er- 
fahren wir von unserem Gewährsmann, daß der Redner in steten 
Geldnöten war und gerade damals ein Darlehensgesuch einge- 
bracht hatte. Als störende Intention ist also wirklich der Gedanke 
einzusetzen : mäßige dich in deiner Opposition; es sind dieselben 
Leute, die dir den Vorschuß bewilligen sollen. 

Ich kann Ihnen aber eine reiche Auswahl solcher Indizien- 
beweise vorlegen, wenn ich auf das weite Gebiet der anderen 
Fehlleistungen übergreife. 

Wenn jemand einen ihm sonst vertrauten Eigennamen ver- 
gißt oder ihn trotz aller Mühe nur schwer behalten kann, so liegt 
uns die Annahme nahe, daß er etwas gegen den Träger dieses 
Namens hat, so daß er nicht gerne an ihn denken mag; nehmen 
Sie die nachstehenden Aufdeckungen der psychischen Situation, 
in welcher diese Fehlleistung eintrat, hiezu : 
„Ein Herr Y verliebte sich erfolglos in eine Dame, welche 






48 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



I 



bald darauf einen Herrn X heiratete. Trotzdem nun Herr V 
den Herrn X schon seit geraumer Zeit kennt und sogar in ge- 
schäftlichen Verbindungen mit ihm steht, vergißt er immer und 
immer wieder dessen Namen, so daß er sich mehrere Male bei an- 
deren Leuten danach erkundigen mußte, als er mit Herrn X 
korrespondieren wollte." * 

Herr Y will offenbar nichts von seinem glücklichen Rivalen 
wissen. „Nicht gedacht soll seiner werden." 

Oder: Eine Dame erkundigt sich bei dem Arzt nach einer 
gemeinsamen Bekannten, nennt sie aber bei ihrem Mädchen- 
namen. Den in der Heirat angenommenen Namen hat sie ver- 
gessen. Sie gesteht dann zu, daß sie mit dieser Heirat sehr unzu- 
frieden war und den Mann dieser Freundin nicht leiden mochte. 2 

Wir werden vom Namenvergessen noch in anderen Hinsich- 
ten manches zu sagen haben; jetzt interessiert uns vorwiegend 
die psychische Situation, in welche das Vergessen fällt. 

Das Vergessen von Vorsätzen läßt sich ganz allgemein auf eine 
gegensätzliche Strömung zurückführen, welche den Vorsatz nicht 
ausführen will. So denken aber nicht nur wir in der Psychoana- 
lyse, sondern es ist die allgemeine Auffassung der Menschen, der 
sie im Leben alle anhängen, die sie erst in der Theorie verleuj> 
nen. Der Gönner, der sich vor seinem Schützling entschuldigt 
er habe dessen Bitte vergessen, ist vor ihm nicht gerechtfertigt. 
Der Schützling denkt sofort: Dem liegt nichts daran; er hat es 
zwar versprochen, aber er will es eigentlich nicht tun. In gewis- 
sen Beziehungen ist daher auch im Leben das Vergessen ver- 
pönt, die Differenz zwischen der populären und der psychoanaly.. 
tischen Auffassung dieser Fehlleistungen scheint aufgehoben. 
Stellen Sie sich eine Hausfrau vor, die den Gast mit den Wor- 
ten empfängt: Was, heute kommen Sie? Ich habe ja ganz ver- 
gessen, daß ich Sie für heute eingeladen hatte. Oder den jun- 

1) Nach C. G. Jung. 

2) Nach A. A. Brill. 



III) Die Fehlleistungen 49 



gen Mann, welcher der Geliebten gestehen sollte, daß er ver- 
gessen hatte, das letztbesprochene Rendezvous einzuhalten. Er 
wird es gewiß nicht gesteben, lieber aus dem Stegreife die un- 
wahrscheinlichsten Hindernisse erfinden, die ihn damals abge- 
halten haben zu kommen, und es ihm seither unmöglich gemacht 
haben, davon Nachricht zu geben. Daß in militärischen Dingen 
die Entschuldigung, etwas vergessen zu haben, nichts nützt und 
vor keiner Strafe schützt, wissen wir alle und müssen es berech- 
tigt finden. Hier sind mit einem Male alle Menschen darin einig, 
daß eine bestimmte Fehlhandlung sinnreich ist, und welchen 
Sinn sie hat. Warum sind sie nicht konsequent genug, diese Ein- 
sicht auf die anderen Fehlleistungen auszudehnen und sich voll 
zu ihr zu bekennen? Es gibt natürlich auch hierauf eine Antwort. 
Wenn der Sinn dieses Vergessens von Vorsätzen auch den 
Laien so wenig zweifelhaft ist, so werden Sie um so weniger 
überrascht sein zu finden, daß Dichter diese Fehlleistung in dem- 
selben Sinne verwerten. Wer von Ihnen „C ä s a r u n d K 1 eo- 
p a t r a" von B. S h a w gesehen oder gelesen hat, wird sich er- 
innern, daß der scheidende Cäsar in der letzten Szene von der 
Idee verfolgt wird, er habe sich noch etwas vorgenommen, was er 
aber jetzt vergessen habe. Endlich stellt sich heraus, was das ist: 
von der Kleopatra Abschied zu nehmen. Diese kleine Veranstal- 
tung des Dichters will dem großen Cäsar eine Überlegenheit zu- 
schreiben, die er nicht besaß und nach der er gar nicht strebte. Sie 
können aus den geschichtlichen Quellen erfahren, daß Cäsar die 
Kleopatra nach Rom nachkommen ließ, und daß sie dort mit 
ihrem kleinen Cäsarion weilte, als Cäsar ermordet wurde, worauf 
sie flüchtend die Stadt verließ. 

Die Fälle des Vergessens von Vorsätzen sind im allgemeinen 
so klar, daß sie für unsere Absicht, Indizien für den Sinn der 
Fehlleistung aus der psychischen Situation abzuleiten, wenig 
brauchbar sind. Wenden wir uns darum zu einer besonders viel- 
deutigen und undurchsichtigen Fehlhandlung, zum Verlieren 
4 



50 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



und Verlegen. Daß beim Verlieren, einer oft so schmerzlich 
empfundenen Zufälligkeit, wir selbst mit einer Absicht beteiligt 
sein sollten, werden Sie gewiß nicht glaubwürdig finden. Aber es 
gibt reichlich Beobachtungen wie diese : Ein junger Mann ver- 
liert seinen Crayon, der ihm sehr lieb gewesen war. Tags zuvor 
hatte er einen Brief von seinem Schwager erhalten, der mit den 
Worten schloß: Ich habe vorläufig weder Lust noch Zeit, Deinen 
Leichtsinn und Deine Faulheit zu unterstützen. 1 Der Bleistift war 
aber gerade ein Geschenk dieses Schwagers. Ohne dieses Zu- 
sammentreffen könnten wir natürlich nicht behaupten, daß an 
diesem Verlieren die Absicht beteiligt war, sich der Sache zu ent- 
ledigen. Ähnliche Fälle sind sehr häufig. Man verliert Gegen 
stände, wenn man sich mit dem Geber derselben verfeindet hat 
und nicht mehr an ihn erinnert werden will, oder auch, wenn 
man sie selbst nicht mehr mag und sich einen Vorwand schaffen 
will, sie durch andere oder bessere zu ersetzen. Derselben Absicht 
gegen einen Gegenstand dient natürlich auch das Fallenlassen 
Zerbrechen, Zerschlagen. Kann man es für zufällig halten, wenn 
ein Schulkind gerade vor seinem Geburtstag seine Gebraucns- 
gegenstände verliert, ruiniert, zerbricht, z. B. seine Schultasche 
und seine Taschenuhr? 

Wer genug oft die Pein erlebt hat, etwas nicht auffinden ^ u 
können, was er selbst weggelegt hat, wird auch an die Absicht 
beim Verlegen nicht glauben wollen. Und doch sind die Beispiele 
gar nicht selten, in denen die Begleitumstände des Verlegens auf 
eine Tendenz hinweisen, den Gegenstand zeitweilig oder dauernd 
zu beseitigen. Vielleicht das schönste Beispiel dieser Art ist f i 
gendes: 

Ein jüngerer Mann erzählt mir: „Es gab vor einigen Jahren 
Mißverständnisse in meiner Ehe, ich fand meine Frau zu kühl 
und obwohl ich ihre vortrefflichen Eigenschaften gerne aner- 
kannte, lebten wir ohne Zärtlichkeit nebeneinander. Eines Ta& es 



1) Nach B. Dattner. 



III) Die Fehlleistungen 5l 



brachte sie mir von einem Spaziergange ein Buch mit, das sie ge- 
kauft hatte, weil es mich interessieren dürfte. Ich dankte für 
dieses Zeichen von „Aufmerksamkeit", versprach das Buch zu 
lesen, legte es mir zurecht und fand es nicht wieder. Monate ver- 
gingen so, in denen ich mich gelegentlich an dies verschollene 
Buch erinnerte und es auch vergeblich aufzufinden versuchte. 
Etwa ein halbes Jahr später erkrankte meine, getrennt von uns 
wohnende, geliebte Mutter. Meine Frau verließ das Haus, um 
ihre Schwiegermutter zu pflegen. Der Zustand der Kranken wurde 
ernst und gab meiner Frau Gelegenheit, sich von ihren besten 
Seiten zu zeigen. Eines Abends komme ich begeistert von der 
Leistung meiner Frau und dankerfüllt gegen sie nach Hause. 
Ich trete zu meinem Schreibtisch, öffne ohne bestimmte Absicht, 
aber wie mit somnambuler Sicherheit eine bestimmte Lade des- 
selben, und zu oberst in ihr finde ich das so lange vermißte, das 
verlegte Buch." 

Mit dem Erlöschen des Motivs fand auch das Verlegtsein des 
Gegenstandes ein Ende. 

Meine Damen und Herren! Ich könnte diese Sammlung von 
Beispielen ins Ungemessene vermehren. Ich will es aber hier 
nicht tun. In meiner „Psychopathologie des Alltagslebens" (1901 
zuerst erschienen) finden Sie ohnedies eine überreiche Kasuistik 
zum Studium der Fehlleistungen. 1 Alle diese Beispiele ergeben 
immer wieder das nämliche; sie machen Ihnen wahrscheinlich, 
daß Fehlleistungen einen Sinn haben, und zeigen Ihnen, wie man 
diesen Sinn aus den Begleitumständen errät oder bestätigt. Ich 
fasse mich heute kürzer, weil wir uns ja auf die Absicht einge- 
schränkt haben, aus dem Studium dieser Phänomene Gewinn für 
eine Vorbereitung zur Psychoanalyse zu ziehen. Nur auf zwei 
Gruppen von Beobachtungen muß ich hier noch eingehen, auf 
die gehäuften und kombinierten Fehlleistungen und auf die Be- 

1) Ebenso in den Sammlungen von A.M a e d e r (franz.) A. A. B i i 1 1 
(engl.), E. J o n e s (engl.), J. S t ä r c k e (holländ.) u. a. 



52 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



stätigung unserer Deutungen durch später eintreffende Ereig- 
nisse. 

Die gehäuften und kombinierten Fehlleistungen sind gewiß 
die höchste Blüte ihrer Gattung. Käme es uns nur darauf an, zu 
beweisen, daß Fehlleistungen einen Sinn haben können, so hätten 
wir uns von vorneherein auf sie beschränkt, denn bei ihnen ist 
der Sinn selbst für eine stumpfe Einsicht unverkennbar und weiß 
sich dem kritischen Urteil aufzudrängen. Die Häufung der 
Äußerungen verrät eine Hartnäckigkeit, wie sie dem Zufall fast 
niemals zukommt, aber dem Vorsatz gut ansteht. Endlich die Ver- 
tauschung der einzelnen Arten von Fehlleistung miteinander 
zeigt uns, was das Wichtige und Wesentliche der Fehlleistung 
ist: nicht die Form derselben oder die Mittel, deren sie sich be- 
dient, sondern die Absicht, der sie selbst dient und die auf den 
verschiedensten Wegen erreicht werden soll. So will ich Ihnen 
einen Fall von wiederholtem Vergessen vorführen: E. Jones 
erzählt, daß er einmal aus ihm unbekannten Motiven einen Brief 
mehrere Tage lang auf seinem Schreibtisch hatte liegen lassen. 
Endlich entschloß er sich dazu, ihn aufzugeben, erhielt ihn aber 
vom Dead letter office zurück, denn er hatte vergessen, die 
Adresse zu schreiben. Nachdem er ihn adressiert hatte, brachte 
er ihn zur Post, aber diesmal ohne Briefmarke. Und nun mußte 
er sich die Abneigung, den Brief überhaupt abzusenden, endlich 
eingestehen. 

In einem anderen Falle kombiniert sich ein Vergreifen mit 
einem Verlegen. Eine Dame reist mit ihrem Schwager, einem be- 
rühmten Künstler, nach Rom. Der Besucher wird von den in 
Rom lebenden Deutschen sehr gefeiert und erhält unter anderem 
eine goldene Medaille antiker Herkunft zum Geschenk. Die 
Dame kränkt sich darüber, daß ihr Schwager das schöne Stück 
nicht genug zu schätzen weiß. Nachdem sie, von ihrer Schwester 
abgelöst, wieder zu Hause angelangt ist, entdeckt sie beim Aus- 
packen, daß sie die Medaille — sie weiß nicht wie — mit- 



111) Die Fehlleistungen 53 



genommen hat. Sie teilt es sofort dem Schwager brieflich mit 
und kündigt ihm an, daß sie das Entführte am nächsten Tage 
nach Rom zurückschicken wird. Am nächsten Tage aber ist die 
Medaille so geschickt verlegt, daß sie unauffindbar und unab- 
sendbar ist, und dann dämmert der Dame, was ihre „Zerstreut- 
heit" bedeute, nämlich daß sie das Stück für sich selbst behalten 
wolle. 1 

Ich habe Ihnen früher schon ein Beispiel der Kombination 
eines Vergessens mit einem Irrtum berichtet, wie jemand ein 
erstes Mal ein Rendezvouz vergißt und das zweite Mal mit dem 
Vorsatz, gewiß nicht zu vergessen, zu einer anderen als der ver- 
abredeten Stunde erscheint. Einen ganz analogen Fall hat mir aus 
seinem eigenen Erleben ein Freund erzählt, der außer wissen- 
schaftlichen auch literarische Interessen verfolgt. Er sagt: „Ich 
habe vor einigen Jahren die Wahl in den Ausschuß einer be- 
stimmten literarischen Vereinigung angenommen, weil ich ver- 
mutete, die Gesellschaft könnte mir einmal behilflich sein, eine 
Aufführung meines Dramas durchzusetzen, und nahm regel- 
mäßig, wenn auch ohne viel Interesse, an den jeden Freitag statt- 
findenden Sitzungen teil. Vor einigen Monaten erhielt ich nun 
die Zusicherung einer Aufführung am Theater in F. und seither 
passierte es mir regelmäßig, daß ich die Sitzungen jenes Vereins 
vergaß. Als ich Ihre Schrift über diese Dinge las, schämte 
ich mich meines Vergessens, machte mir Vorwürfe,, es sei doch 
eine Gemeinheit, daß ich jetzt ausbleibe, nachdem ich die Leute 
nicht mehr brauche, und beschloß, nächsten Freitag gewiß nicht 
zu vergessen. Ich erinnerte mich an diesen Vorsatz immer wieder, 
bis ich ihn ausführte und vor der Tür des Sitzungssaales stand. 
Zu meinem Erstaunen war sie geschlossen, die Sitzung war schon 
vorüber; ich hatte mich nämlich im Tage geirrt: es war schon 
Samstag!" 

Es wäre reizvoll genug, ähnliche Beobachtungen zu sammeln, 
1) Nach R. Reit ler. 



54 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



aber ich gehe weiter; ich will Sie einen Blick auf jene Fälle 
werfen lassen, in denen unsere Deutung auf Bestätigung durch 
die Zukunft warten muß. 

Die Hauptbedingung dieser Fälle ist begreiflicherweise, daß die 
gegenwärtige psychische Situation uns unbekannt oder unserer 
Erkundigung unzugänglich ist. Dann hat unsere Deutung nur 
den Wen einer Vermutung, der wir selbst nicht zuviel Gewicht 
beilegen wollen. Später ereignet sich aber etwas, was uns zeigt, 
wie berechtigt unsere Deutung schon damals war. Einst war ich 
als Gast bei einem Jungverheirateten Paare und hörte die junge 
Frau lachend ihr letztes Erlebnis erzählen, wie sie am Tage nach 
der Rückkehr von der Reise wieder ihre ledige Schwester auf- 
gesucht habe, um mit ihr, wie in früheren Zeiten, Einkäufe zu 
machen, während der Ehemann seinen Geschäften nachging. 
Plötzlich sei ihr ein Herr auf der anderen Seite der Straße auf- 
gefallen und sie habe, ihre Schwester anstoßend, gerufen : Schau, 
dort geht ja der Herr L. Sie hatte vergessen, daß dieser Herr seit 
einigen Wochen ihr Ehegemahl war. Mich schauerte bei dieser 
Erzählung, aber ich getraute mich der Folgerung nicht. Die kleine 
Geschichte fiel mir erst Jahre später wieder ein, nachdem diese 
Ehe den unglücklichsten Ausgang genommen hatte. 

A. Maeder erzählt von einer Dame, die am Tage vor ihrer 
Hochzeit ihr Hochzeitskleid zu probieren vergessen hatte und 
sich zur Verzweiflung der Schneiderin erst spät abends daran 
erinnerte. Er bringt es in Zusammenhang mit diesem Vergessen 
daß sie bald nachher von ihrem Manne geschieden war. — Ich 
kenne eine jetzt von ihrem Manne geschiedene Dame, die bei 
der Verwaltung ihres Vermögens Dokumente häufig mit ihrem 
Mädchennamen unterzeichnet hat, viele Jahre vorher, ehe sie 
diesen wirklich annahm. — Ich weiß von anderen Frauen, die 
auf der Hochzeitsreise ihren Ehering verloren haben, und weiß 
auch, daß der Verlauf der Ehe diesem Zufall Sinn verliehen hat. 
Und nun noch ein grelles Beispiel mit besserem Ausgang. Man 



III) Die Fehlleistungen 55 



erzählt von einem berühmten deutschen Chemiker, daß seine 
Ehe darum nicht zustande kam, weil er die Stunde der Trauung 
vergessen hatte und anstatt in die Kirche ins Laboratorium ge- 
gangen war. Er war so klug, es bei dem einen Versuch bewenden 
zu lassen, und starb unverehelicht in hohem Alter. 

Vielleicht ist Ihnen auch der Einfall gekommen, daß in diesen 
Beispielen die Fehlhandlungen an die Stelle der Omina oder 
Vorzeichen der Alten getreten sind. Und wirklich, ein Teil der 
Omina waren nichts anderes als Fehlleistungen, z. B. wenn je- 
mand stolperte oder niederfiel. Ein anderer Teil trug allerdings 
die Charaktere des objektiven Geschehens, nicht die des subjek- 
tiven Tuns. Aber sie würden nicht glauben, wie schwer es manch- 
mal wird, bei einem bestimmten Vorkommnis zu entscheiden, ob 
es zu der einen oder zu der anderen Gruppe gehört. Das Tun ver- 
steht es so häufig, sich als ein passives Erleben zu maskieren. 

Jeder von uns, der auf längere Lebenserfahrung zurückblicken 
kann, wird sich wahrscheinlich sagen, daß er sich viele Enttäu- 
schungen und schmerzliche Überraschungen erspart hätte, wenn 
er den Mut und Entschluß gefunden, die kleinen Fehlhandlungen 
im Verkehr der Menschen als Vorzeichen zu deuten und als An- 
zeichen ihrer noch geheimgehaltenen Absichten zu verwerten. 
Man wagt es meist nicht; man käme sich so vor, als würde man 
auf dem Umwege über die Wissenschaft wieder abergläubisch 
werden. Es treffen ja auch nicht alle Vorzeichen ein, und Sie 
werden aus unseren Theorien verstehen, daß sie nicht alle ein- 
zutreffen brauchen. 




56 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

IV. VORLESUNG 

DIE FEHLLEISTUNGEN 

(Schluß) 

Meine Damen und Herren! Daß die Fehlleistungen einen Sinn 

•haben, dürfen wir doch als das Ergebnis unserer bisherigen Be- 
mühungen hinstellen und zur Grundlage unserer weiteren Unter- 
suchungen nehmen. Nochmals sei betont, daß wir nicht behaup- 
ten, — und für unsere Zwecke der Behauptung nicht bedürfen, 
— daß jede einzelne vorkommende Fehlleistung sinnreich sei 
wiewohl ich das für wahrscheinlich halte. Es genügt uns, wenn 
wir einen solchen Sinn relativ häufig bei den verschiedenen For- 
men der Fehlleistung nachweisen. Diese verschiedenen Formen 
verhalten sich übrigens in dieser Hinsicht verschieden. Beim Ver- 
sprechen, Verschreiben usw. mögen Fälle mit rein physiolo- 
gischer Begründung vorkommen, bei den auf Vergessen beru- 
henden Arten (Namen und Vorsatzvergessen, Verlegen usw.) 
kann ich an solche nicht glauben, ein Verlieren gibt es sehr wahr- 
scheinlich, das als unbeabsichtigt zu erkennen ist; die im Leben 
vorfallenden Irrtümer sind überhaupt nur zu einem gewissen 
Anteil unseren Gesichtspunkten unterworfen. Diese Einschrän- 
kungen wollen Sie im Auge behalten, wenn wir fortan davon 
ausgehen, daß Fehlleistungen psychische Akte sind und durch 
die Interferenz zweier Absichten entstehen. 

Es ist dies das erste Resultat der Psychoanalyse. Von dem Vor- 
kommen solcher Interferenzen und der Möglichkeit, daß die- 
selben derartige Erscheinungen zur Folge haben, hat die Psycho- 
logie bisher nichts gewußt. Wir haben das Gebiet der psychi- 
schen Erscheinungswelt um. ein ganz ansehnliches Stück erweitert 
und Phänomene für die Psychologie erobert, die ihr früher nicht 
zugerechnet wurden. 

Verweilen wir noch einen Moment bei der Behauptung, die 
Fehlleistungen seien „psychische Akte". Enthält sie mehr als un- 
sere sonstige Aussage, sie hätten einen Sinn? Ich glaube nicht; sie 



IV) Die Fehlleistungen 57 

ist vielmehr eher unbestimmter und mißverständlicher. Alles, 
was man am Seelenleben beobachten kann, wird man gelegentlich 
als seelisches Phänomen be2eichnen. Es wird bald darauf ankom- 
men, ob die einzelne seelische Äußerung direkt aus körperlichen, 
organischen, materiellen Einwirkungen hervorgegangen ist, in 
welchem Falle ihre Untersuchung nicht der Psychologie zufällt, 
oder ob sie sich zunächst aus anderen seelischen Vorgängen ab- 
leitet, hinter denen dann irgendwo die Reihe der organischen 
Einwirkungen anfängt. Den letzteren Sachverhalt haben wir im 
Auge, wenn wir eine Erscheinung als einen seelischen Vorgang 
bezeichnen, und darum ist es zweckmäßiger, unsere Aussage in 
die Form zu kleiden : die Erscheinung sei sinnreich, habe einen 
Sinn. Unter Sinn verstehen wir Bedeutung, Absicht, Tendenz und 
Stellung in einer Reihe psychischer Zusammenhänge. 

Es gibt eine Anzahl anderer Erscheinungen, welche den Fehl- 
leistungen sehr nahestehen, auf welche aber dieser Name nicht 
mehr paßt. Wir nennen sie Zufalls- und Symptom- 
h a n d 1 u n g e n. Sie haben gleichfalls den Charakter des Un- 
motivierten, Unscheinbaren und Unwichtigen, überdies aber 
deutlicher den des Überflüssigen. Von den Fehlhandlungen un- 
terscheidet sie der Wegfall einer anderen Intention, mit der sie 
zusammenstoßen, und die durch sie gestört wird. Sie übergehen 
andererseits ohne Grenze in die Gesten und Bewegungen, welche 
wir zum Ausdruck der Gemütsbewegungen rechnen. Zu diesen 
Zufallshandlungen gehören alle wie spielend ausgeführten, an- 
scheinend zwecklosen Verrichtungen an unserer Kleidung, Teilen 
unseres Körpers, an Gegenständen, die uns erreichbar sind, sowie 
die Unterlassungen derselben, ferner die Melodien, die wir vor 
uns hinsummen. Ich vertrete vor Ihnen die Behauptung, daß 
all diese Phänomene sinnreich und deutbar sind in derselben 
Weise wie die Fehlhandlungen, kleine Anzeichen von anderen 
wichtigeren seelischen Vorgängen, vollgültige psychische Akte. 
Aber ich gedenke bei dieser neuen Erweiterung des Gebiets see- 



58 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

lischer Erscheinungen nicht zu verweilen, sondern zu den Fehl, 
leistungen zurückzukehren, an denen sich die für die Psycho- 
analyse wichtigen Fragestellungen mit weit größerer Deutlich, 
keit herausarbeiten lassen. 

Die interessantesten Fragen, die wir bei den Fehlleistungen 
gestellt und noch nicht beantwortet haben, sind wohl die folgen- 
den: Wir haben gesagt, daß die Fehlleistungen Ergebnisse der 
Interferenz von zwei verschiedenen Intentionen sind, von denen 
die eine die gestörte, die andere die störende heißen kann. Die 
gestörten Intentionen geben zu weiteren Fragen keinen Anlaß, 
aber von den anderen wollen wir wissen, erstens, was sind das 
für Intentionen, die als Störung anderer auftreten, und zweitens 
wie verhalten sich die störenden zu den gestörten? 

Gestatten Sie, daß ich wiederum das Versprechen zum Reprä- 
sentanten der ganzen Gattung nehme, und daß ich die zweite 
Frage eher beantworte als die erste. 

Die störende Intention beim Versprechen kann in inhaltlicher 
Beziehung zur gestörten stehen, dann enthält sie einen Wider- 
spruch gegen sie, eine Berichtigung oder Ergänzung zu ihr. Oder, 
der dunklere und interessantere Fall, die störende Intention hat 
inhaltlich nichts mit der gestörten zu tun. 

Belege für die erstere der beiden Beziehungen können wir in 
den uns bereits bekannten und in ähnlichen Beispielen mühelos 
finden. Fast in allen Fällen von Versprechen zum Gegenteil 
drückt die störende Intention den Gegensatz zur gestörten aus 
ist die Fehlleistung die Darstellung des Konflikts zwischen zwei 
unvereinbaren Strebungen. Ich erkläre die Sitzung für eröffnet, 
möchte sie aber lieber schon geschlossen haben, ist der Sinn des 
Versprechens des Präsidenten. Eine politische Zeitung, die der 
Bestechlichkeit beschuldigt worden ist, verteidigt sich in einem 
Artikel, der in den Worten gipfeln soll: Unsere Leser werden uns 
das Zeugnis ausstellen, daß wir immer in uneigennützig. 
ster Weise für das Wohl der Allgemeinheit eingetreten sind. 



IV) Die Fehlleistungen 59 



Der mit der Abfassung der Verteidigung betraute Redakteur 
schreibt aber: in eigennützigster Weise. Das heißt, er 
denkt: So muß ich zwar schreiben, aber ich weiß es anders. 
Ein Volksvertreter, der dazu auffordert, dem Kaiser rück- 
haltlos die Wahrheit zu sagen, muß eine Stimme in seinem 
Innern anhören, die ob seiner Kühnheit erschrickt, und durch 
ein Versprechen das rückhaltlos in rückgratlos verwandelt. 1 

In den Ihnen bekannten Beispielen, die den Eindruck von Zu- 
sammenziehungen und Verkürzungen machen, handelt es sich 
um Berichtigungen, Zusätze oder Fortsetzungen, mit denen sich 
eine zweite Tendenz neben der ersten zur Geltung bringt. Es 
sind da Dinge zum Vorschein gekommen, aber sag' es lieber 
gerad' heraus, es waren Schweinereien; also: es sind 
Dinge zum Vorschwein gekommen. — Die Leute, die das 
verstehen, kann man an den Fingern einer Hand ab- 
zählen; aber nein, es gibt doch eigentlich nur e i n e n , der das 
versteht, also :aneinem Finger abzählen. — Oder, mein 
Mann kann essen und trinken, was er will. Aber Sie wissen ja, 
ich dulde es überhaupt nicht, daß er etwas will; also: er darf 
essen und trinken, was i c h will. In all diesen Fällen geht also 
das Versprechen aus dem Inhalt der gestörten Intention selbst 
hervor oder es knüpft an ihn an. 

Die andere Art der Beziehung zwischen den beiden inter- 
ferierenden Intentionen wirkt befremdend. Wenn die störende 
Intention nichts mit dem Inhalt der gestörten zu tun hat, woher 
kommt sie denn und woher rührt es, daß sie sich gerade an sol- 
cher Stelle als Störung bemerkbar macht? Die Beobachtung, die 
hier allein Antwort geben kann, läßt erkennen, daß die Störung 
von einem Gedankengang herrührt, der die betreffende Person 
kurz vorher beschäftigt hatte, und der nun in solcher Weise 
nachwirkt, gleichgültig ob er bereits Ausdruck in der Rede gefun- 
den hat oder nicht. Sie ist also wirklich als Nachklang zu be- 



1) Im deutschen Reichstag, Nov. 1908. 



60 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



zeichnen, aber nicht notwendig als Nachklang von gesprochenen 
Worten. Es fehlt auch hier nicht an einem assoziativen Zu- 
sammenhang zwischen dem Störenden und dem Gestörten, aber 
er ist nicht im Inhalt gegeben, sondern künstlich, oft auf sehr 
gezwungenen Verbindungswegen hergestellt. 

Hören Sie ein einfaches Beispiel hierfür an, das ich selbst be- 
obachtet habe. Ich treffe einmal in unseren schönen Dolomiten 
mit zwei Wiener Damen zusammen, die als Touristinnen ver- 
kleidet sind. Ich begleite sie ein Stück weit und wir besprechen 
die Genüsse, aber auch die Beschwerden der touristischen Lebens- 
weise. Die eine der Damen gibt zu, daß diese Art den Tag zu ver- 
bringen manches Unbequeme hat. Es ist wahr, sagt sie, daß es gar 
nicht angenehm ist, wenn man so in der Sonne den ganzen Tag 
marschiert ist, und Bluse und Hemd ganz durchgeschwitzt sind. 
In diesem Satze hat sie einmal eine kleine Stockung zu über- 
winden. Dann setzt sie fort: Wenn man aber dann nach Hose 
kommt und sich umkleiden kann . . . Wir haben dies Ver- 
sprechen nicht analysiert, aber ich meine, Sie können es leicht 
verstehen. Die Dame hatte die Absicht gehabt, die Aufzählung 
vollständiger zu halten und zu sagen: Bluse, Hemd und Hose. 
Aus Motiven der Wohlanständigkeit war die Erwähnung der 
Hose unterblieben, aber in dem nächsten, inhaltlich ganz unab- 
hängigen Satz kam das nicht ausgesprochene Wort als Verun- 
staltung des ähnlich lautenden „nach Hause" zum Vorschein. 

Nun können wir uns aber der lange aufgesparten Haupt- 
frage zuwenden, was für Intentionen es sind, die sich in unge- 
wöhnlicher Weise als Störungen anderer zum Ausdruck bringen. 
Nun selbstverständlich sehr verschiedene, in denen wir aber das 
Gemeinsame finden wollen. Untersuchen wir eine Reihe von 
Beispielen daraufhin, so werden sie sich uns alsbald in drei 
Gruppen sondern. Zur ersten Gruppe gehören die Fälle, in denen 
die störende Tendenz dem Redner bekannt ist, überdies aber vor 
dem Versprechen von ihm verspürt wurde. So gibt beim Ver. 



IV) Die Fehlleistungen 61 

sprechen „Vorschwein" der Sprecher nicht nur zu, daß er das 
Urteil „Schweinereien" über die betreffenden Vorgänge gefällt 
hat, sondern auch, daß er die Absicht hatte, von der er später 
zurücktrat, ihm auch wörtlichen Ausdruck zu geben. Eine zweite 
Gruppe bilden andere Fälle, in denen die störende Tendenz vom 
Sprecher gleichfalls als die seinige anerkannt wird, aber er weiß 
nichts davon, daß sie gerade vor dem Versprechen bei ihm aktiv 
war. Er akzeptiert also unsere Deutung seines Versprechens, 
bleibt aber doch in gewissem Maße verwundert über sie. Beispiele 
für dieses Verhalten lassen sich von anderen Fehlleistungen viel- 
leicht leichter geben als gerade vom Versprechen. In einer dritten 
Gruppe wird die Deutung der störenden Intention vom Sprecher 
energisch abgelehnt; er bestreitet nicht nur, daß sie sich vor dem 
Versprechen in ihm geregt, sondern er will behaupten, daß sie ihm 
überhaupt völlig fremd ist. Erinnern Sie sich an das Beispiel vom 
„Aufstoßen" und an die geradezu unhöfliche Abweisung, die ich 
mir durch die Aufdeckung der störenden Intention von diesem 
Sprecher geholt habe. Sie wissen, daß wir in der Auffassung 
dieser Fälle noch keine Einigung erzielt haben. Ich würde mir aus 
dem Widerspruch des Toastredners nichts machen und unbeirr- 
bar an meiner Deutung festhalten, während Sie, meine ich, doch 
unter dem Eindrucke seines Sträubens stehen und in Erwägung 
ziehen, ob man nicht auf die Deutung solcher Fehlleistungen 
verzichten und sie als rein physiologische Akte im voranaly- 
tischen Sinne gelten lassen soll. Ich kann mir denken, was Sie 
abschreckt.Meine Deutung schließt die Annahme ein, daß sich 
bei dem Sprecher Intentionen äußern können, von denen er selbst 
nichts weiß, die ich aber aus Indizien erschließen kann. Vor einer 
so neuartigen und folgenschweren Annahme machen Sie halt. 
Ich verstehe das und gebe Ihnen insoweit recht. Aber stellen wir 
das eine fest :Wenn Sie die an so vielen Beispielen erhärtete Auf- 
fassung der Fehlleistungen konsequent durchführen wollen, 
müssen Sie sich zu der genannten befremdenden Annahme ent- 



62 Votlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



schließen. Können Sie das nicht, so müssen Sie auf das kaum er. 
worbene Verständnis der Fehlleistungen wiederum verzichten. 

Verweilen wir noch bei dem, was die drei Gruppen einigt, was 
den drei Mechanismen des Versprechens gemeinsam ist. Das ist 
zum Glück unverkennbar. In den beiden ersten Gruppen wird 
die störende Tendenz vom Sprecher anerkannt; in der ersten 
kommt noch hinzu, daß sie sich unmittelbar vor dem Ver- 
sprechen gemeldet hat. In beiden Fällen ist sie aber zurück- 
gedrängt worden. Der Sprecher hat sich entschlos- 
sen, sie nicht in Rede umzusetzen, und dann 
passiert ihm das Versprechen, d.h. dann setzt sich 
die zurückgedrängte Tendenz gegen sei- 
nen Willen in eine Äußerung um, indem sie den 
Ausdruck der von ihm zugelassenen Inten- 
tion a b an d e r t , sich mit ihm vermengt oder sich ge- 
radezu an seine Stelle setzt. Dies ist also der Mecha- 
nismus des Versprechens. 

Ich kann von meinem Standpunkt auch den Vorgang in un- 
serer dritten Gruppe in den schönsten Einklang mit dem hier 
beschriebenen Mechanismus bringen. Ich brauche nur anzu- 
nehmen, daß diese drei Gruppen durch die verschieden weit 
reichende Zurückdrängung einer Intention unterschieden werden 
In der ersten ist die Intention vorhanden und macht sich VOr 
der Äußerung des Sprechers ihm bemerkbar; erst dann erfährt 
sie die Zurückweisung, für welche sie sich im Versprechen ent- 
schädigt. In der zweiten Gruppe reicht die Zurückweisung weiter" 
die Intention wird bereits vor der Redeäußerung nicht mehr b e ' 
merkbar. Merkwürdig, daß sie dadurch keineswegs abgehalten 
wird, sich an der Verursachung des Versprechens zu beteiligen! 
Durch dies Verhalten wird uns aber die Erklärung für den Vor- 
gang bei der dritten Gruppe erleichten. Ich werde so kühn sein" 
anzunehmen, daß sich in der Fehlleistung auch noch eine Ten! 
denz äußern kann, welche seit längerer Zeit, vielleicht seit sehr 



IV J Die Fehlleistungen 63 

langer Zeit, zurückgedrängt ist, nicht bemerkt wird und darum 
vom Sprecher direkt verleugnet werden kann. Aber lassen Sie 
selbst das Problem der dritten Gruppe beiseite; Sie müssen aus 
den Beobachtungen an den anderen Fällen den Schluß ziehen, 
daß die Unterdrückung der vorhandenen Ab- 
sicht, etwas zu sagen, die unerläßliche Be- 
dingung dafür ist, daß ein Versprechen 
zustandekommt. 

Wir dürfen nun behaupten, daß wir im Verständnis der Fehl- 
leistungen weitere Fortschritte gemacht haben. Wir wissen nicht 
nur, daß sie seelische Akte sind, an denen man Sinn und Absicht 
erkennen kann, nicht nur, daß sie durch die Interferenz von 
zwei verschiedenen Intentionen entstehen, sondern außerdem 
noch, daß die eine dieser Intentionen eine gewisse Zurück- 
drängung von der Ausführung erfahren haben muß, um sich 
durch die Störung der anderen äußern zu können. Sie muß selbst 
erst gestört worden sein, ehe sie zur störenden werden kann. Eine 
vollständige Erklärung der Phänomene, die wir Fehlleistungen 
nennen, ist damit natürlich noch nicht gewonnen. Wir sehen 
sofort weitere Fragen auftauchen und ahnen überhaupt, daß sich 
um so mehr Anlässe zu neuen Fragen ergeben werden, je weiter 
wir im Verständnis kommen. Wir können z. B. fragen, warum 
es nicht viel einfacher zugeht. Wenn die Absicht besteht, eine 
gewisse Tendenz zurückzudrängen anstatt sie auszuführen, so 
sollte diese Zurückdrängung so gelingen, daß eben nichts von 
jener zum Ausdruck kommt, oder sie könnte auch mißlingen, so 
daß die zurückgedrängte Tendenz sich vollen Ausdruck schafft. 
Die Fehlleistungen sind aber Kompromißergebnisse, sie bedeu- 
ten ein halbes Gelingen und ein halbes Mißlingen für jede der 
beiden Absichten, die gefährdete Intention wird weder ganz un- 
terdrückt, noch setzt sie sich — von Einzelfällen abgesehen — 
ganz unversehrt durch. Wir können uns denken, daß besondere 
Bedingungen für das Zustandekommen solcher Intetferenz- oder 



1 



64 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Kompromißergebnisse vorhanden sein müssen, aber wir können 
auch nicht einmal ahnen, welcher An sie sein können. Ich glaube 
auch nicht, daß wir diese uns unbekannten Verhältnisse durch 
weitere Vertiefung in das Studium der Fehlleistungen aufdecken 
könnten. Es wird vielmehr notwendig sein, vorher noch andere 
dunkle Gebiete des Seelenlebens zu durchforschen; erst die Ana- 
logien, die uns dort begegnen, können uns den Mut geben, jene 
Annahmen aufzustellen, die für eine tiefer reichende Aufklärung 
der Fehlleistungen erforderlich sind. Und noch eines! Auch das 
Arbeiten mit kleinen Anzeichen, wie wir es auf diesem Gebiete 
beständig üben, bringt seine Gefahren mit sich. Es gibt eine 
seelische Erkrankung, die kombinatorische Paranoia, bei welcher 
die Verwertung solcher kleiner Anzeichen in uneingeschränkter 
Weise betrieben wird, und ich werde mich natürlich nicht dafür 
einsetzen, daß die auf dieser Grundlage aufgebauten Schlüsse 
durchwegs richtig sind. Vor solchen Gefahren kann uns nur die 
breite Basis unserer Beobachtungen bewahren, die Wiederholung 
ähnlicher Eindrücke aus den verschiedensten Gebieten des Seelen- 
lebens. 

Wir werden also die Analyse der Fehlleisrungen hier verlas- 
sen. An eines darf ich Sie aber noch mahnen; wollen Sie die Art, 
wie wir diese Phänomene behandelt haben, als vorbildlich im Ge- 
dächtnis behalten. Sie können an diesem Beispiel ersehen, wel- 
ches die Absichten unserer Psychologie sind. Wir wollen die Er. 
scheinungen nicht bloß beschreiben und klassifizieren, sondern 
sie als Anzeichen eines Kräftespiels in der Seele begreifen, als 
Äußerung von zielstrebigen Tendenzen, die zusammen oder 
gegeneinander arbeiten. Wir bemühen uns um eine dyna- 
mische Auffassung der seelischen Erscheinungen. Die 
wahrgenommenen Phänomene müssen in unserer Auffassung 
gegen die nur angenommenen Strebungen zurücktreten. 

Wir wollen also bei den Fehlleistungen nicht weiter in die 
Tiefe gehen, aber wir können noch einen Streifzug durch die 



IV J Die Fehlleistungert 65 



Breite dieses Gebiets unternehmen, auf dem wir Bekanntes wie- 
derfinden und einiges Neue aufspüren werden. Wir halten uns 
dabei an die Einteilung in die bereits eingangs aufgestellten drei 
Gruppen des Versprechens mit den beigeordneten Formen des 
Verschreibens, Verlesens, Verhörens, des Vergessens mit seinen 
Unterteilungen je nach dem vergessenen Objekte (Eigennamen, 
Fremdworten, Vorsätzen, Eindrücken) und des Vergreifens, Ver- 
legens, Verlierens. Die Irrtümer, soweit sie für uns in Betracht 
kommen, schließen sich teils dem Vergessen, teils dem Vergrei- 
fen an. 

Vom Versprechen haben wir bereits so eingehend gehandelt 
und doch noch einiges hinzuzufügen. Es knüpfen sich an das 
Versprechen kleinere affektive Phänomene, die nicht ganz ohne 
Interesse sind. Es will niemand sich gerne versprochen haben; 
man überhört auch oft das eigene Versprechen, niemals das eines 
anderen. Das Versprechen ist auch in gewissem Sinne ansteckend; 
es ist gar nicht leicht, über das Versprechen zu reden, ohne dabei 
selbst in Versprechen zu verfallen. Die geringfügigsten Formen 
des Versprechens, die gerade keine besonderen Aufklärungen 
über versteckte seelische Vorgänge zu geben haben, sind doch in 
ihrer Motivierung unschwer zu durchschauen. Wenn jemand 
z. B. einen langen Vokal kurz gesprochen hat infolge einer be- 
liebig motivierten, bei diesem Wort eingetretenen Störung, so 
dehnt er dafür einen bald darauf folgenden kurzen Vokal und 
begeht ein neues Versprechen, indem er das frühere kompensiert. 
Dasselbe, wenn er einen Doppelvokal unrein und nachlässig 
ausgesprochen hat, z. B. ein e u oder o i wie e i ; er sucht es gut- 
zumachen, indem er ein nachfolgendes e i zu e u oder o i verän- 
dert. Dabei scheint eine Rücksicht auf den Zuhörer maßgebend 
zu sein, der nicht glauben soll, es sei dem Redner gleichgültig, 
wie er die Muttersprache behandle. Die zweite kompensierende 
Entstellung hat geradezu die Absicht, den Hörer auf die erste auf- 
merksam zu machen und ihm zu versichern, daß sie auch dem 

5 



66 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Redner nicht entgangen ist. Die häufigsten, einfachsten und ge- 
ringfügigsten Fälle des Versprechens bestehen in Zusammen- 
ziehungen und Vorklängen, die sich an unscheinbaren Redeteilen 
äußern. Man verspricht sich in einem längeren Satze z. B. derart, 
daß das letzte Wort der beabsichtigten Redeintention vorklingt. 
Das macht den Eindruck einer gewissen Ungeduld, mit dem 
Satze fertig zu werden, und bezeugt im allgemeinen ein gewisses 
Widerstreben gegen die Mitteilung dieses Satzes oder gegen die 
Rede überhaupt. Wir kommen so zu Grenzfällen, in denen sich 
die Unterschiede zwischen der psychoanalytischen und der ge- 
meinen physiologischen Auffassung des Versprechens vermi- 
schen. Wir nehmen an, daß in diesen Fällen eine die Redeinten- 
tion störende Tendenz vorhanden ist; sie kann aber nur anzeigen, 
daß sie vorhanden ist, und nicht, was sie selbst beabsichtigt. Die 
Störung, die sie hervorruft, folgt dann irgendwelchen Lautbeein- 
flussungen oder Assoziationsanziehungen und kann als Ablen- 
kung der Aufmerksamkeit von der Redeintention aufgefaßt wer- 
den. Aber weder diese Aufmerksamkeitsstörung noch die wirk« 
sam gewordenen Assoziationsneigungen treffen das Wesen des 
Vorgangs. Dies bleibt doch der Hinweis auf die Existenz einet 
die Redeabsicht störenden Intention, deren Natur nur diesmal 
nicht aus ihren Wirkungen erraten werden kann, wie es in allen 
besser ausgeprägten Fällen des Versprechens möglich ist. 

Das Verschreiben, zu dem ich nun übergehe, stimmt mit dem 
Versprechen soweit überein, daß wir keine neuen Gesichtspunkte 
zu erwarten haben. Vielleicht wird uns eine kleine Nachlese be- 
schieden sein. Die so verbreiteten kleinen Verschreibungen, Zu- 
sammenziehungen, Vorwegnahmen späterer, besonders der letz. 
ten Worte deuten wiederum auf eine allgemeine Schreibunlust 
und Ungeduld fertig zu werden; ausgeprägtere Effekte des Vet- 
schreibens lassen Natur und Absicht der störenden Tendenz er- 
kennen. Im allgemeinen weiß man, wenn man in einem Brief ein 
Verschreiben findet, daß beim Schreiber nicht alles in Ordnung 



IV) Die Fehlleistungen 67 



war; was sich bei ihm geregt hat, kann man nicht immer fest- 
stellen. Das Verschreiben wird häufig von dem, der es begeht, 
ebensowenig bemerkt wie das Versprechen. Auffällig ist dann 
folgende Beobachtung : Es gibt ja Menschen, welche die Gewöhn- 
heit üben, jeden Brief, den sie geschrieben haben, vor der Ab- 
Sendung nochmals durchzulesen. Andere pflegen dies nicht; 
wenn sie es aber ausnahmsweise einmal tun, haben sie dann im- 
mer Gelegenheit, ein auffälliges Verschreiben aufzufinden und 
zu korrigieren. Wie ist das zu erklären? Das sieht so aus, als 
wüßten diese Leute doch, daß sie sich bei der Abfassung des Brie- 
fes verschrieben haben. Sollen wir das wirklich glauben? 

An die praktische Bedeutung des Verschreibens knüpft sich 
ein interessantes Problem. Sie erinnern sich vielleicht an den Fall 
eines Mörders H., der sich Kulturen von höchst gefährlichen 
Krankheitserregern von wissenschaftlichen Instituten zu ver- 
schaffen wußte, indem er sich für einen Bakterienforscher aus- 
gab, der aber diese Kulturen dazu gebrauchte, um ihm nahe- 
stehende Personen auf diese modernste Weise aus dem Wege zu 
räumen. Dieser Mann beklagte sich nun einmal bei der Leitung 
eines solchen Instituts über die Unwirksamkeit der ihm ge- 
schickten Kulturen, verschrieb sich aber dabei, und an Stelle der 
Worte „bei meinen Versuchen an Mäusen oder Meerschwein- 
chen" stand deutlich zu lesen, „bei meinen Versuchen an Men- 
schen". Dies Verschreiben fiel auch den Ärzten des Instituts auf; 
sie zogen aber, soviel ich weiß, keine Konsequenzen daraus. 
Nun, was meinen Sie? Hätten die Ärzte nicht vielmehr das Ver- 
schreiben als Geständnis annehmen und eine Untersuchung an- 
regen müssen, durch welche dem Mörder rechtzeitig das Hand- 
werk gelegt worden wäre? Ist in diesem Falle nicht die Un- 
kenntnis unserer Auffassung der Fehlleistungen die Ursache 
eines praktisch bedeutsamen Versäumnisses geworden? Nun, ich 
meine, ein solches Verschreiben erschiene mir gewiß als sehr 
verdächtig, aber seiner Verwendung als Geständnis steht etwas 



68 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



sehr Wichtiges im Wege. So einfach ist die Sache nicht. Das 
Verschreiben ist sicherlich ein Indizium, aber für sich allein 
hätte es zur Einleitung einer Untersuchung nicht hingereicht. 
Daß der Mann von dem Gedanken beschäftigt ist, Menschen zu 
infizieren, das sagt das Verschreiben allerdings, aber es läßt nicht 
entscheiden, ob dieser Gedanke den Wert eines klaren schäd- 
lichen Vorsatzes oder den einer praktisch belanglosen Phan- 
tasie hat. Es ist sogar möglich, daß der Mensch, der sich so ver- 
schrieben hat, mit der besten subjektiven Berechtigung diese 
Phantasie verleugnen und sie als etwas ihm gänzlich Fremdes Yon 
sich weisen wird. Wenn wir später den Unterschied zwischen 
psychischer und materieller Realität ins Auge fassen, werden Sie 
diese Möglichkeiten noch besser verstehen können. Es ist dies 
aber wieder ein Fall, in dem eine Fehlleistung nachträglich zu 
ungeahnter Bedeutung gekommen ist. 

Beim Verlesen treffen wir auf eine psychische Situation, die 
sich von der des Versprechens und Verschreibens deutlich un- 
terscheidet. Die eine der beiden miteinander konkurrierenden 
Tendenzen ist hier durch eine sensorische Anregung ersetzt und 
vielleicht darum weniger resistent. Was man zu lesen hat, ist ja 
nicht eine Produktion des eigenen Seelenlebens wie etwas, was 
man zu schreiben vorhat. In einer großen Mehrzahl besteht da- 
her das Verlesen in einer vollen Substitution. Man ersetzt das 
zu lesende Wort durch ein anderes, ohne daß eine inhaltliche Be- 
ziehung zwischen dem Text und dem Effekt des Verlesens zu be- 
stehen braucht, in der Regel in Anlehnung an eine Wortähnlich- 
keit. Lichtenbergs Beispiel: Agamemnon anstatt 
angenommen ist das beste dieser Gruppe. Will man die 
störende, das Verlesen erzeugende Tendenz kennenlernen, so 
darf man den verlesenen Text ganz beiseite lassen und kann die 
analytische Untersuchung mit den beiden Fragen einleiten, wei. 
eher Einfall sich als der nächste zum Effekt des Verlesens ergifc> t 
und in welcher Situation das Verlesen vorgefallen ist. Mitunter 



IV) Die Fehlleistungen 69 



reicht die Kenntnis der letzteren für sich allein zur Aufklärung 
des Verlesens hin, z. B. wenn jemand in gewissen Nöten in einet 
ihm fremden Stadt herumwandert und auf einer großen Tafel 
eines ersten Stockes das Wort Klosethaus liest. Er hat ge- 
rade noch Zeit, sich darüber zu verwundern, daß die Tafel so 
hoch angebracht ist, ehe er entdeckt, daß dort streng genommen 
Korset haus zu lesen steht. In anderen Fällen bedarf gerade 
das vom Inhalt des Textes unabhängige Verlesen einer eingehen- 
den Analyse, die ohne Übung in der psychoanalytischen Technik 
und ohne Zutrauen zu ihr nicht durchzuführen ist. Meist ist es 
aber leichter, sich die Aufklärung eines Verlesens zu schaffen. 
Das substituierte Wort verrät nach dem Beispiel Agamem- 
non ohne weiteres den Gedankenkreis, aus welchem die Stö- 
rung hervorgeht. In diesen Kriegszeiten ist es z. B. sehr ge- 
wöhnlich, daß man die Namen der Städte und Heerführer und 
die militärischen Ausdrücke, die einen beständig umschwirren, 
überall hineinliest, wo einem ein ähnliches Wortbild entgegen- 
kommt. Was einen interessiert und beschäftigt, das setzt sich 
so an Stelle des Fremden und noch Uninteressanten. Die Nach- 
bilder der Gedanken trüben die neue Wahrnehmung. 

Es fehlt auch beim Verlesen nicht an Fällen von anderer Art, 
in denen der Text des Gelesenen selbst die störende Tendenz er- 
weckt, durch welche er dann meist in sein Gegenteil verwandelt 
wird. Man sollte etwas Unerwünschtes lesen und überzeugt sich 
durch die Analyse, daß ein intensiver Wunsch zur Ablehnung des 
Gelesenen für dessen Abänderung verantwortlich zu machen ist. 

Bei den ersterwähnten häufigeren Fällen des Verlesens kom- 
men zwei Momente zu kurz, denen wir im Mechanismus der 
Fehlleistungen eine wichtige Rolle zugeteilt haben : der Konflikt 
zweier Tendenzen und die Zurückdrängung der einen, die sich 
durch den Effekt der Fehlleistung entschädigt. Nicht daß beim 
Verlesen etwas dem Gegensätzliches aufzufinden wäre, aber die 
Vordringlichkeit des zum Verlesen führenden Gedankeninhalts 






70 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



ist doch weit auffälliger als die Zurückdrängung, die dieser vor- 
her erfahren haben mag. Gerade diese beiden Momente treten 
uns bei den verschiedenen Situationen der Fehlleistung durch 
Vergessen am greifbarsten entgegen. 

Das Vergessen von Vorsätzen ist geradezu eindeutig, seine 
Deutung wird, wie wir gehört haben, auch vom Laien nicht be- 
stritten. Die den Vorsatz störende Tendenz ist jedesmal eine 
Gegenabsicht, ein Nichtwollen, von dem uns nur zu wissen er- 
übrigt, warum es sich nicht anders und nicht unverhüllter zum 
Ausdruck bringt. Aber das Vorhandensein dieses Gegenwillens 
ist unzweifelhaft. Manchmal gelingt es auch, etwas von den Mo- 
tiven zu erraten, die diesen Gegenwillen nötigen, sich zu ver- 
bergen, und allemal hat er durch die Fehlleistung aus dem Ver- 
borgenen seine Absicht erreicht, während ihm die Abweisung 
sicher wäre, wenn er als offener Widerspruch aufträte. Wenn 
zwischen dem Vorsatz und seiner Ausführung eine wichtige 
Veränderung der psychischen Situation eingetreten ist, derzu- 
folge die Ausführung des Vorsatzes nicht in Frage käme, dann 
tritt das Vergessen des Vorsatzes aus dem Rahmen der Fehl- 
leistung heraus. Man wundert sich nicht mehr darüber und sieht 
ein, daß es überflüssig gewesen wäre, den Vorsatz zu erinnern; 
er war dann dauernd oder zeitweilig erloschen. Eine Fehlleistung 
kann das Vergessen des Vorsatzes nur dann heißen, wenn wir an 
eine solche Unterbrechung desselben nicht glauben können. 

Die Fälle von Vorsatzvergessen sind im allgemeinen so ein- 
förmig und durchsichtig, daß sie eben darum für unsere Unter- 
suchung kein Interesse haben. An zwei Stellen können wir aber 
doch aus dem Studium dieser Fehlleistung etwas Neues lernen. 
Wir haben gesagt, das Vergessen, also Nichtausführen eines Vor- 
satzes, weist auf einen ihm feindlichen Gegenwillen hin. Das 
bleibt wohl bestehen, aber der Gegenwille kann nach der Aus- 
sage unserer Untersuchungen von zweierlei Art sein, ein direkter 
oder ein vermittelter. Was unter dem letzteren gemeint ist, läßt 



IV) Die Fehlleistungen 71 



sich am besten an ein oder zwei Beispielen erläutern. Wenn der 
Gönner vergißt, bei einer dritten Person ein Fürwort für seinen 
Schützling einzulegen, so kann dies geschehen, weil er sich für 
den Schützling eigentlich nicht sehr interessiert und darum auch 
zur Fürsprache kc*ie große Lust hat. In diesem Sinne wird 
jedenfalls der Schützling das Vergessen des Gönners verstehen. 
Es kann aber auch komplizierter zugehen. Der Gegenwille gegen 
die Ausführung des Vorsatzes kann beim Gönner von anderer 
Seite kommen und an ganz anderer Stelle angreifen. Er braucht 
mit dem Schützling nichts zu tun zu haben, sondern richtet sich 
etwa gegen die dritte Person, bei welcher die Fürsprache erfolgen 
soll. Sie sehen also, welche Bedenken auch hier der praktischen 
Verwendung unserer Deutungen entgegenstehen. Der Schütz- 
ling gerät trotz der richtigen Deutung des Vergessens in Gefahr, 
allzu mißtrauisch zu werden und seinem Gönner schweres Un- 
recht zu tun. Oder: wenn jemand das Rendezvous vergißt, das 
einzuhalten er dem anderen versprochen und sich selbst vorge- 
nommen hat, so wird die häufigste Begründung wohl die direkte 
Abneigung gegen das Zusammentreffen mit dieser Person sein. 
Aber die Analyse könnte hier den Nachweis erbringen, daß die 
störende Tendenz nicht der Person gilt, sondern sich gegen den 
Platz richtet, an welchem das Zusammentreffen stattfinden soll, 
und der infolge einer an ihn geknüpften peinlichen Erinnerung 
gemieden wird. Oder: wenn jemand einen Brief aufzugeben ver- 
gißt, so kann sich die Gegentendenz auf den Inhalt des Briefes 
selbst stützen; es ist aber keineswegs ausgeschlossen, daß der 
Brief an sich harmlos ist und der Gegenstand nur darum ver- 
fällt, weil irgend etwas an ihm an einen anderen, früher einmal 
geschriebenen Brief erinnert, der dem Gegenwillen allerdings 
einen direkten Angriffspunkt geboten hat. Man kann dann sagen, 
der Gegenwille hat sich hier von jenem früheren Brief, wo er be- 
rechtigt war, auf den gegenwärtigen übertragen, bei dem er 
eigentlich nichts zu wollen hat. Sie sehen also, daß man bei der 






72 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Verwertung unserer berechtigten Deutungen doch Zurückhaltung 
und Vorsicht üben muß; was psychologisch gleichwertig ist, kann 
praktisch doch recht vieldeutig sein. 

Phänomene wie diese werden Ihnen sehr ungewöhnlich er- 
scheinen. Vielleicht sind Sie geneigt anzunehmen, daß der „in- 
direkte" Gegen wille den Vorgang als einen bereits patholo- 
gischen charakterisiert. Ich kann Ihnen aber versichern, daß er 
auch im Rahmen der Norm und der Gesundheit vorkommt. Miß- 
verstehen Sie mich übrigens nicht. Ich will keineswegs selbst die 
Unzuverlässigkeit unserer analytischen Deutungen zugestehen. 
Die besprochene Vieldeutigkeit des Vorsatzvergessens besteht 
ja nur, solange wir keine Analyse des Falles vorgenommen haben 
und nur auf Grund unserer allgemeinen Voraussetzungen deuten. 
Wenn wir die Analyse mit der betreffenden Person ausführen 
erfahren wir jedesmal mit genügender Sicherheit, ob es ein direk- 
ter Gegenwille ist, oder woher er sonst rührt. 

Ein zweiter Punkt ist der folgende: Wenn wir in einer Über- 
zahl von Fällen bestätigt finden, daß das Vergessen eines Vor. 
satzes auf einen Gegenwillen zurückgeht, so bekommen wir Mut 
diese Lösung auch auf eine andere Reihe von Fällen auszudehnen 
in denen die analysierte Person den von uns erschlossenen Ge- 
genwillen nicht bestätigt, sondern verleugnet. Nehmen Sie als 
Beispiele hierfür die überaus häufigen Vorkommnisse, daß man 
vergißt, Bücher, die man entlehnt hat, zurückzustellen, Rech- 
nungen oder Schulden zu bezahlen. Wir werden so kühn sein 
dem Betreffenden vorzuhalten, daß bei ihm die Absicht besteht 
die Bücher zu behalten und die Schulden nicht zu bezahlen 
während er diese Absicht leugnen, aber nicht imstande sein wird 
uns für sein Benehmen eine andere Erklärung zu geben. Darauf 
hin setzen wir fort, er habe die Absicht, nur wisse er nichts von 
ihr; es genüge uns aber, daß sie sich durch den Effekt des Ver. 
gessens bei ihm verrate. Jener kann uns wiederholen, er habe 
eben vergessen. Sie erkennen jetzt die Situation als eine, i n 



IV) Die Fehlleistungen 73 

welcher wir uns bereits früher einmal befunden haben. Wenn 
wir unsere so vielfältig als berechtigt erwiesenen Deutungen 
der Fehlleistungen konsequent fortführen wollen, werden wir 
unausweichlich zu der Annahme gedrängt, daß es Tendenzen 
beim Menschen gibt, welche wirksam werden können, ohne daß 
er von ihnen weiß. Damit setzen wir uns aber in Widerspruch 
zu allen das Leben und die Psychologie beherrschenden An- 
schauungen. 

Das Vergessen von Eigen- und Fremdnamen sowie Fremd- 
worten läßt sich in gleicher Weise auf eine Gegenabsicht zurück- 
führen, welche sich entweder direkt oder indirekt gegen den be- 
treffenden Namen richtet. Von solcher direkter Abneigung habe 
ich Ihnen bereits früher einmal mehrere Beispiele vorgeführt. 
Die indirekte Verursachung ist aber hier besonders häufig und 
erfordert meist sorgfältige Analysen zu ihrer Feststellung. So 
z. B. hat in dieser Kriegszeit, die uns gezwungen hat, so viele 
unserer früheren Neigungen aufzugeben, auch die Verfügung 
über das Erinnern von Eigennamen infolge der sonderbarsten 
Verknüpfungen sehr gelitten. Vor kurzem ist es mir geschehen, 
daß ich den Namen der harmlosen mährischen Stadt B i s e n z 
nicht reproduzieren konnte, und die Analyse ergab, daß keine 
direkte Verfeindung Schuld daran trug, sondern der Anklang 
an den Namen des Palazzo B i s e n z i in Orvieto, in dem ich 
sonst zu wiederholten Malen gerne gewohnt hatte. Als Motiv 
der gegen dies Namenerinnern gerichteten Tendenz tritt uns hier 
zum erstenmal ein Prinzip entgegen, welches uns später seine 
ganze großartige Bedeutung für die Verursachung neurotischer 
Symptome enthüllen wird: die Abneigung des Gedächtnisses, 
etwas zu erinnern, was mit Unlustempfindungen verknüpft war 
und bei der Reproduktion diese Unlust erneuern würde. Diese 
Absicht zur Vermeidung von Unlust aus der Erinnerung oder 
anderen psychischen Akten, die psychische Flucht vor der Unlust, 
dürfen wir als das letzte wirksame Motiv nicht nur fürs Namen- 



74 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

vergessen, sondern auch für viele andere Fehlleistungen, wie 
Unterlassungen, Irrtümer u. a. anerkennen. 

Das Namenvergessen scheint aber psycho-psysiologisch be- 
sonders erleichtert zu sein und stellt sich daher auch in Fällen 
ein, welche die Einmengung eines Unlustmotivs nicht bestätigen 
lassen. Wenn einer einmal zum Namenvergessen neigt, so können 
Sie bei ihm durch analytische Untersuchung feststellen, daß ihm 
nicht nur darum Namen entfallen, weil er sie selbst nicht mag, 
oder weil sie ihn an Unliebsames mahnen, sondern auch darum, 
weil derselbe Name bei ihm einem anderen Assoziationskreis 
angehört, zu dem er innigere Beziehungen hat. Der Name wird 
dort gleichsam festgehalten und den anderen momentan akti- 
vierten Assoziationen verweigert. Wenn Sie sich an die Kunst, 
stücke der Mnemotechnik erinnern, so werden Sie mit einigem 
Befremden feststellen, daß man Namen infolge derselben Zu- 
sammenhänge vergißt, die man sonst absichtlich herstellt, um sie 
vor dem Vergessen zu schützen. Das auffälligste Beispiel hierfür 
geben Eigennamen von Personen, die begreiflicherweise für ver- 
schiedene Leute ganz verschiedene psychische Wertigkeit be- 
sitzen müssen. Nehmen Sie z. B. einen Vornamen wie Theodor. 
Dem einen von Ihnen wird er nichts Besonderes bedeuten; für 
den anderen ist es der Name seines Vaters, Bruders, Freundes 
oder der eigene. Die analytische Erfahrung wird Ihnen dann 
zeigen, daß der erstere nicht in Gefahr ist zu vergessen, daß eine 
gewisse fremde Person diesen Namen führt, während die anderen 
beständig geneigt sein werden, dem Fremden einen Namen vor- 
zuenthalten, der ihnen für intime Beziehungen reserviert er- 
scheint. Nehmen Sie nun an, daß diese assoziative Hemmung mit 
der Wirkung des Unlustprinzips und überdies mit einem in- 
direkten Mechanismus zusammentreffen kann, so werden Sie erst 
imstande sein, sich von der Komplikation der Verursachung des 
zeitweiligen Namenvergessens eine zutreffende Vorstellung zn 



IV ) Die Fehlleistungen 75 

machen. Eine sachgerechte Analyse deckt Ihnen aber alle diese 
Verwicklungen restlos auf. 

Das Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen zeigt die Wir- 
kung der Tendenz, Unangenehmes von der Erinnerung fernzu- 
halten, noch viel deutlicher und ausschließlicher als das Namen- 
vergessen. Es gehört natürlich nicht in seinem vollen Umfang zu 
den Fehlleistungen, sondern nur insofern es uns, am Maßstabe 
unserer gewohnten Erfahrung gemessen, auffällig und unberech- 
tigt erscheint, also z. B. wenn das Vergessen zu frische oder zu 
wichtige Eindrücke betrifft oder selche, deren Ausfall eine Lücke 
in einen sonst gut erinnerten Zusammenhang reißt. Warum und 
wieso wir überhaupt vergessen können, darunter Erlebnisse, 
welche uns gewiß den tiefsten Eindruck hinterlassen haben, wie 
die Ereignisse unserer ersten Kindheitsjahre, das ist ein ganz 
anderes Problem, bei welchem die Abwehr gegen Unlustregun- 
gen eine gewisse Rolle spielt, aber lange nicht alles erklärt. Daß 
unangenehme Eindrücke leicht vergessen werden, ist eine nicht 
zu bezweifelnde Tatsache. Verschiedene Psychologen haben sie 
bemerkt und der große Darwin empfing einen so starken Ein- 
druck von ihr, daß er sich die „goldene Regel" aufstellte, Be- 
obachtungen, welche seiner Theorie ungünstig schienen, mit be- 
sonderer Sorgfalt zu notieren, da er sich überzeugt hatte, daß ge- 
rade sie in seinem Gedächtnisse nicht haften wollten. 

Wer von diesem Prinzip der Abwehr gegen die Erinnerungs- 
unlust durch das Vergessen zuerst hört, versäumt selten den Ein- 
wand zu erheben, daß er vielmehr die Erfahrung gemacht hat, 
daß gerade Peinliches schwer zu vergessen ist, indem es gegen 
den Willen der Person immer wiederkehrt, um sie zu quälen, z. B. 
die Erinnerung an Kränkungen und Demütigungen. Auch diese 
Tatsache ist richtig, aber der Einwand trifft nicht zu. Es ist wich- 
tig, daß man rechtzeitig beginne, mit der Tatsache zu rechnen, 
das Seelenleben sei ein Kampf- und Tummelplatz entgegengesetz- 
ter Tendenzen, oder nicht dynamisch ausgedrückt, es bestehe aus 



76 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Widersprüchen und Gegensatzpaaren. Der Nachweis einer be- 
stimmten Tendenz leistet nichts für den Ausschluß einer ihr 
gegensätzlichen; es ist Raum für beide vorhanden. Es kommt nur 
darauf an, wie sich die Gegensätze zueinander stellen, welche 
Wirkungen von dem einen und welche von dem anderen aus- 
gehen. 

Das Verlieren und Verlegen sind uns besonders interessant 
durch ihre Vieldeutigkeit, also durch die Mannigfaltigkeit der 
Tendenzen, in deren Dienst diese Fehlleistungen treten können. 
Allen Fällen gemeinsam ist, daß man etwas verlieren wollte, ver- 
schieden aber, aus welchem Grund und zu welchem Zweck. Man 
verliert eine Sache, wenn sie schadhaft geworden ist, wenn man 
die Absicht hat, sie durch eine bessere zu ersetzen, wenn sie auf_ 
gehört hat einem lieb zu sein, wenn sie von einer Person herrührt 
zu der sich die Beziehungen verschlechtert haben, oder wenn sie 
unter Umständen erworben wurde, deren man nicht mehr ge. 
denken will. Demselben Zweck kann auch das Fallenlassen, Be- 
schädigen, Zerbrechen der Sache dienen. Im Leben der Gesell. 
schaft soll die Erfahrung gemacht worden sein, daß aufgezwun. 
gene und uneheliche Kinder weit hinfälliger sind als die recht- 
mäßig empfangenen. Es bedarf für dies Ergebnis nicht der g ro . 
ben Technik der sogenannten Engelmacherinnen; ein gewisser 
Nachlaß in der Sorgfalt der Kinderpflege soll voll ausreichen. 
Mit der Bewahrung der Dinge könnte es ebenso zugehen wie mit 
der der Kinder. 

Dann aber können Dinge zum Verlieren bestimmt werden 
ohne daß sie etwas an ihrem Wert eingebüßt haben, wenn näm- 
lich die Absicht besteht, etwas dem Schicksal zu opfern, um einen 
anderen gefürchteten Verlust abzuwehren. Solche Schicksalsbe- 
schwörungen sind nach der Aussage der Analyse unter uns noch 
sehr häufig, unser Verlieren ist darum oft ein freiwilliges Opfern 
Ebenso kann sich das Verlieren in den Dienst des Trotzes und <\et 
Selbstbestrafung stellen; kurz, die entfernteren Motivierungen 



IV) Die Fehlleistungen 77 



der Tendenz, ein Ding durch Verlieren von sich zu tun, sind un- 
übersehbar. 

Das Vergreifen wird wie andere Irrtümer häufig dazu benutze, 
um Wünsche zu erfüllen, die man sich versagen soll. Die Ab- 
sicht maskiert sich dabei als glücklicher Zufall. So z. B. wenn 
man, wie es einem unserer Freunde geschah, unter deutlichem 
Gegenwillen einen Besuch mit der Eisenbahn in der Nähe der 
Stadt machen soll und dann in der Umsteigestation irrtümlich 
in den Zug einsteigt, der einen wieder zur Stadt zurückführt, 
oder wenn man auf der Reise durchaus einen längeren Aufent- 
halt in einer Zwischenstation nehmen möchte, aber wegen be- 
stimmter Verpflichtungen nicht nehmen soll und man dann 
einen gewissen Anschluß übersieht oder versäumt, so daß man 2u 
der gewünschten Unterbrechung gezwungen ist. Oder wie es bei 
einem meiner Patienten zuging, dem ich untersagt hatte, seine 
Geliebte telephonisch anzurufen, der aber „irrtümlich", „in Ge- 
danken", eine falsche Nummer aussprach, als er mit mir tele- 
phonieren wollte, so daß er plötzlich mit seiner Geliebten ver- 
bunden war. Ein hübsches, auch' praktisch bedeutsames Bei- 
spiel von direktem Fehlgreifen bringt die Beobachtung eines In- 
genieurs zur Vorgeschichte einer Sachbeschädigung: 

„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehreren Kollegen im La- 
boratorium der Hochschule an einer Reihe komplizierter Elasti- 
zitätsversuche, eine Arbeit, die wir freiwillig übernommen hat- 
ten, die aber begann, mehr Zeit zu beanspruchen, als wir erwartet 
hatten. Als ich eines Tages wieder mit meinem Kollegen F. ins 
Laboratorium ging, äußerte dieser, wie unangenehm es ihm ge- 
rade heute sei, so viel Zeit zu verlieren, er hätte zu Hause so viel 
anderes zu tun; ich konnte ihm nur beistimmen und äußerte 
noch halb scherzhaft, auf einen Vorfall der vergangenen Woche 
anspielend : .Hoffentlich wird wieder die Maschine versagen, so 
daß wir die Arbeit abbrechen und früher weggehen können!' 

Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das Ven- 









78 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



til der Presse zu steuern bekommt, d. h., er hat die Druckflüssig, 
keit aus dem Akkumulator durch vorsichtiges Öffnen des Ven- 
tils langsam in den Zylinder der hydraulischen Presse einzulas- 
sen; der Leiter des Versuches steht beim Manometer und ruft, 
wenn der richtige Druck erreicht ist, ein lautes ,Halt'. Auf dieses 
Kommando faßt F. das Ventil und dreht es mit aller Kraft -~ 
nach links (alle Ventile werden ausnahmslos nach rechts ge- 
schlossen!). Dadurch wird plötzlich der volle Druck des Akku- 
mulators in der Presse wirksam, worauf die Rohrleitung nicht 
eingerichtet ist, so daß sofort eine Rohrverbindung platzt — ein 
ganz harmloser Maschinendefekt, der uns jedoch zwingt, für 
heute die Arbeit einzustellen und nach Hause zu gehen. 

Charakteristisch ist übrigens, daß einige Zeit nachher, als wir 
diesen Vorfall besprachen, Freund F. sich an meine von mir mit 
Sicherheit erinnerte Äußerung absolut nicht erinnern wollte." 

Von liier können Sie auf die Vermutung kommen, daß es nicht 
immer der harmlose Zufall ist, der die Hände Ihres Dienstperso- 
nals zu so gefährlichen Feinden Ihres Hausbesitzes macht. Sie 
können aber auch die Frage aufwerfen, ob es jedesmal Zufall ist 
wenn man sich selbst beschädigt und seine eigene Integrität in 
Gefahr bringt. Anregungen, die Sie gelegentlich an der Hand 
der Analyse von Beobachtungen auf ihren Wert prüfen mögen. 
Meine geehrten Zuhörer! Das ist lange nicht alles, was über 
die Fehlleistungen zu sagen wäre. Es gibt da noch viel zu er- 
forschen und zu diskutieren. Aber ich bin zufrieden, wenn Sie 
aus unseren bisherigen Erörterungen darüber eine gewisse Er. 
schütterung Ihrer bisherigen Anschauungen und einen Grad von 
Bereitschaft für die Annahme neuer gewonnen haben. Im übri. 
gen bescheide ich mich, Sie vor einer ungeklärten Sachlage zu bei 
lassen. Wir können aus dem Studium der Fehlleistungen nicht 
alle unsere Lehrsätze beweisen und sind auch mit keinem B e . 
weis auf dieses Material allein angewiesen. Der große Wert der 
Fehlleistungen für unsere Zwecke liegt darin, daß es sehr hau- 



— * 



IV) Die Fehlleistungen 79 



fige, auch an der eigenen Person leicht zu beobachtende Erschei- 
nungen sind, deren Zustandekommen das Kranksein durchaus 
nicht zur Voraussetzung hat. Nur eine Ihrer unbeantworteten 
Fragen möchte ich am Schlüsse noch zu Worte kommen lassen : 
Wenn die Menschen sich, wie wir's an vielen Beispielen gesehen 
haben, dem Verständnis der Fehlleistungen so sehr annähern 
und sich oft so benehmen, als ob sie deren Sinn durchschauen 
würden, wie ist es möglich, daß sie dieselben Phänomene doch 
ganz allgemein als zufällig, sinn- und bedeutungslos hinstellen 
und der psychoanalytischen Aufklärung derselben so energisch 
widerstreben können? 

Sie haben recht, das ist auffällig und fordert eine Erklärung. 
Aber ich werde sie Ihnen nicht geben, sondern Sie langsam zu 
den Zusammenhängen hinfuhren, aus denen sich Ihnen die Er- 
klärung ohne mein Dazutun aufdrängen wird. 



ZWEITER TEIL 



DER TRAUM 



V. VORLESUNG 

SCHWIERIGKEITEN UND ERSTE 
ANNÄHERUNGEN 

Meine Damen und Herren! Eines Tages machte man die Ent- 
deckung, daß die Leidenssymptome gewisser Nervöser einen 
Sinn haben. 1 Daraufhin wurde das psychoanalytische Heilver- 
fahren begründet. In dieser Behandlung ereignete es sich, daß die 
Kranken an Stelle ihrer Symptome auch Träume vorbrachten. 
Somit entstand die Vermutung, daß auch diese Träume einen 
Sinn haben. 

Wir werden aber nicht diesen historischen Weg gehen, son- 
dern den umgekehrten einschlagen. Wir wollen den Sinn der 
Träume nachweisen, als Vorbereitung zum Studium der Neu- 
rosen. Diese Verkehrung ist gerechtfertigt, denn das Studium des 
Traumes ist nicht nur die beste Vorbereitung für das der Neu. 
rosen, der Traum selbst ist auch ein neurotisches Symptom, und 
zwar eines, das den für uns unschätzbaren Vorteil hat, bei allen 
Gesunden vorzukommen. Ja, wenn alle Menschen gesund wären 
und nur träumen würden, so könnten wir aus ihren Träumen fast 

1) J o s e f Breuer in den Jahren I?80— 1882. Vgl. hiezu meine i n 
Amerika 1909 gehaltenen Vorlesungen „Über Psychoanalyse" und „Zur 
Geschichte der psychoanalytischen Bewegung". 



V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 



81 



alle die Einsichten gewinnen, zu denen die Untersuchung der 
Neurosen geführt hat. 

So wird also der Traum zum Objekt der psychoanalytischen 
Forschung. Wieder ein gewöhnliches, gering geschätztes Phä- 
nomen, scheinbar ohne praktischen Wert wie die Fehlleistun- 
gen, mit denen er ja das Vorkommen bei Gesunden gemein hat. 
Aber sonst sind die Bedingungen für unsere Arbeit eher ungün- 
stiger. Die Fehlleistungen waren nur von der Wissenschaft ver- 
nachlässigt worden, man hatte sich wenig um sie bekümmert; 
aber schließlich war es keine Schande, sich mit ihnen zu be- 
schäftigen. Man sagte, es gibt zwar Wichtigeres, aber vielleicht 
kann auch dabei etwas herauskommen. Die Beschäftigung mit 
dem Traum ist aber nicht bloß unpraktisch und überflüssig, son- 
dern direkt schimpflich; sie bringt das Odium der Unwissen- 
schaftlichkeit mit sich, weckt den Verdacht einer persönlichen 
Hinneigung zum Mystizismus. Daß ein Mediziner sich mit dem 
Traum abgeben sollte, wo es selbst in der Neuropathologie und 
Psychiatrie soviel Ernsthafteres gibt: Tumoren bis zu Apfelgröße, 
die das Organ des Seelenlebens komprimieren, Blutergüsse, chro- 
nische Entzündungen, bei denen man die Veränderungen der 
Gewebsteile unter dem Mikroskop demonstrieren kann! Nein, 
der Traum ist ein allzu geringfügiges und der Erforschung un- 
würdiges Objekt. 

Noch dazu eines, dessen Beschaffenheit selbst allen Anforde- 
rungen exakter Forderung trotzt. Man ist ja in der Traumfor. 
schung nicht einmal des Objekts sicher. Eine Wahnidee z. B. tritt 
einem klar und bestimmt umrissen entgegen. Ich bin der Kaiser 
von China, sagt der Kranke laut. Aber der Traum? Er ist meist 
überhaupt nicht zu erzählen. Wenn jemand einen Traum er- 
zählt, hat er eine Garantie, daß er ihn richtig erzählt hat, und 
nicht vielmehr während der Erzählung verändert, etwas dazu er- 
findet, durch die Unbestimmtheit seiner Erinnerung gezwungen? 
Die meisten Träume können überhaupt nicht erinnert werden, 



82 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



sind bis auf kleine Fragmente vergessen. Und auf die Deutung 
dieses Materials soll eine wissenschaftliche Psychologie oder 
eine Methode der Behandlung von Kranken begründet werden? 
Ein gewisses Übermaß in einer Beurteilung darf uns miß. 
trauisch machen. Die Einwendungen gegen den Traum als Ob. 
jekt der Forschung gehen offenbar zu weit. Mit der Unwichtig, 
keit haben wir schon bei den Fehlleistungen zu tun gehabt. Wir 
haben uns gesagt, große Dinge können sich auch in kleinen An- 
zeichen äußern. Was die Unbestimmtheit des Traumes betrifft, so 
ist sie eben ein Charakter wie ein anderer; man kann den Din- 
gen ihren Charakter nicht vorschreiben. Es gibt übrigens auch 
klare und bestimmte Träume. Es gibt auch andere Objekte der 
psychiatrischen Forschung, die an demselben Charakter der Un. 
bestimmtheit leiden, z. B. in vielen Fällen die Zwangsvorstellun- 
gen, mit denen sich doch respektable, angesehene Psychiater be- 
schäftigt haben. Ich will mich an den letzten Fall erinnern, der 
in meiner ärztlichen Tätigkeit vorgekommen ist. Die Kranke 
stellte sich mir mit den Worten vor: Ich habe ein gewisses Gefühl, 
als ob ich ein lebendes Wesen — ein Kind! — doch nicht, eher 
einen Hund — beschädigt hätte oder beschädigen gewollt hätte 
vielleicht es von einer Brücke heruntergestoßen — oder etwas 
anderes. Dem Schaden der unsicheren Erinnerung an den Traum 
können wir abhelfen, wenn wir festsetzen, eben das, was der 
Träumer erzählt, habe als sein Traum zu gelten, ohne Rück- 
sicht auf alles, was er vergessen oder in der Erinnerung verändert 
haben mag. Endlich kann man nicht einmal so allgemein behaup- 
ten, daß der Traum etwas Unwichtiges sei. Es ist uns aus eigener 
Erfahrung bekannt, daß die Stimmung, in der man aus einem 
Traum erwacht, sich über den ganzen Tag fortsetzen kann; es 
sind Fälle von den Ärzten beobachtet worden, in denen eine Gej_ 
steskrankheit mit einem Traum beginnt und eine aus diesem 
Traum stammende Wahnidee festhält; es wird von historischen 
Personen berichtet, daß sie die Anregung zu wichtigen Taten 



^ 



V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 83 

aus Träumen geschöpft haben. Wir werden darum fragen, wo- 
her kommt eigentlich die Verachtung der wissenschaftlichen 
Kreise für den Traum? 

Ich meine, sie ist die Reaktion auf die Überschätzung früherer 
Zeiten. Die Rekonstruktion der Vergangenheit ist bekanntlich 
nicht leicht, aber dies dürfen wir mit Sicherheit annehmen, 
— gestatten Sie mir den Scherz, — daß bereits unsere Vorfahren 
vor 3000 Jahren und mehr in ähnlicher Weise wie wir geträumt 
haben. Soviel wir wissen, haben die alten Völker alle den Träu- 
men große Bedeutung beigelegt und sie für praktisch verwert- 
bar gehalten. Sie haben ihnen Anzeichen für die Zukunft ent- 
nommen, Vorbedeutungen in ihnen gesucht. Für die Griechen 
und andere Orientalen mag zuzeiten ein Feldzug ohne Traum- 
deuter so unmöglich gewesen sein wie heutzutage ohne Flieger- 
aufklärer. Als Alexander der Große seinen Eroberungszug unter- 
nahm, befanden sich die berühmtesten Traumdeuter in seinem 
Gefolge. Die Stadt Tyrus, die damals noch auf einer Insel lag, 
leistete dem König so heftigen Widerstand, daß er sich mit 
dem Gedanken trug, ihre Belagerung aufzugeben. Da träumte 
er eines Nachts einen wie im Triumph tanzenden Satyrn, und als 
er diesen Traum seinen Traumdeutern vortrug, erhielt er den 
Bescheid, es sei ihm der Sieg über die Stadt verkündet worden. 
Er befahl den Angriff und nahm Tyrus ein. Bei Etruskern und 
Römern waren andere Methoden zur Erkundung der Zukunft in 
Gebrauch, aber die Traumdeutung wurde während der ganzen 
hellenistisch-römischen Zeit gepflegt und hochgehalten. Von der 
damit beschäftigten Literatur ist uns wenigstens das Hauptwerk 
erhalten, das Buch des A r t e m i d o r o s aus D a 1 d i s, den 
man in die Lebenszeit des Kaisers Hadrian versetzt. Wie es dann 
kam, daß die Kunst der Traumdeutung verfiel und der Traum in 
Mißkredit geriet, weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Die Aufklärung 
kann nicht viel Anteil daran gehabt haben, denn das dunkle Mit- 
telalter hat weit absurdere Dinge als die antike Traumdeutung 



84 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

getreu bewahrt. Tatsache ist es, daß das Interesse am Traum all- 
mählich zum Aberglauben herabsank und sich nur bei den Un- 
gebildeten behaupten konnte. Der letzte Mißbrauch der Traum- 
deutung noch in unseren Tagen sucht aus den Träumen die Zah- 
len 2u erfahren, die zur Ziehung im kleinen Lotto prädestiniert 
sind. Dagegen hat die exakte Wissenschaft der Jetztzeit sich 
wiederholt mit dem Traume beschäftigt, aber immer nur in der 
Absicht, ihre physiologischen Theorien auf ihn anzuwenden. 
Den Ärzten galt der Traum natürlich als ein nicht psychischer 
Akt, als die Äußerung somatischer Reize im Seelenleben. B i n z 
erklärt 1876 den Traum „für einen körperlichen, in allen Fällen 
unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vorgang, über 
welchem Weltseele und Unsterblichkeit so hoch erhaben stehen, 
wie der blaue Äther über einer unkrautbewachsenen Sandfläche 
in tiefster Niederung". M a u r y vergleicht ihn mit den unge- 
ordneten Zuckungen des Veitstanzes im Gegensatz zu den koor- 
dinierten Bewegungen des normalen Menschen; ein alter Ver- 
gleich setzt den Inhalt des Traumes in Parallele zu den Tönen, 
welche „die zehn Finger eines der Musik unkundigen Men. 
sehen, die über die Tasten des Instrumentes hinlaufen", hervor, 
bringen würden. 

Deuten heißt einen verborgenen Sinn finden; davon kann bei 
dieser Einschätzung der Traumleistung natürlich keine Rede 
sein. Sehen Sie die Beschreibung des Traumes bei W u n d t 
J o d 1 und anderen neueren Philosophen nach; sie begnügt sich 
mit der Aufzählung der Abweichungen des Traumlebens vorn 
wachen Denken in einer den Traum herabsetzenden Absicht 
hebt den Zerfall der Assoziationen, die Aufhebung der Kritik, die 
Ausschaltung alles Wissens und andere Zeichen geminderter 
Leistung hervor. Der einzig wertvolle Beitrag zur Kenntnis des 
Traumes, den wir der exakten Wissenschaft verdanken, bezieht 
sich auf den Einfluß körperlicher, während des Schlafes einwir. 
kender Reize auf den Trauminhalt. Wir besitzen von einem 



V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 85 



kürzlich verstorbenen norwegischen Autor J. MourlyVold 
zwei dicke Bände experimentaler Traumforschungen (1910 und 
1912 ins Deutsche übersetzt), welche sich fast nur mit den Er- 
folgen der Stellungsveränderungen der Gliedmaßen beschäftigen. 
Sie werden uns als Vorbilder der exakten Traumforschung ange- 
priesen. Können Sie sich nun denken, was die exakte Wissen- 
schaft dazu sagen würde, wenn sie erführe, daß wir den Ver- 
such machen wollen, den Sinn der Träume zu finden? Viel- 
leicht, daß sie es sogar schon gesagt hat. Aber wir wollen uns 
nicht abschrecken lassen. Wenn die Fehlleistungen Sinn haben 
konnten, kann es der Traum auch, und die Fehlleistungen haben 
in sehr vielen Fällen einen Sinn, der der exakten Forschung ent- 
gangen ist. Bekennen wir uns nur zum Vorurteil der Alten und 
des Volkes und treten wir in die Fußstapfen der antiken Traum- 
deuter. 

Vor allem müssen wir uns über unsere Aufgabe orientieren, 
im Gebiet der Träume Umschau halten. Was ist denn ein Traum? 
Es ist schwer, dies in einem Satz zu sagen. Wir wollen aber doch 
keine Definition versuchen, wo der Hinweis auf den jedermann 
bekannten Stoff genügt. Aber wir sollten das Wesentliche des 
Traumes herausheben. Wo ist das zu finden? Es gibt so unge- 
heuere Verschiedenheiten innerhalb des Rahmens, der unser Ge- 
biet umschließt, Verschiedenheiten nach jeder Richtung. Wesent- 
lich wird wohl sein, was wir als allen Träumen gemeinsam auf- 
zeigen können. 

Ja, das erste allen Träumen Gemeinsame wäre, daß wir dabei 
schlafen. Das Träumen ist offenbar das Seelenleben während des 
Schlafes, das mit dem des Wachens gewisse Ähnlichkeiten hat 
und sich durch großeUnterschiede dagegen absetzt. Das warschon 
die Definition des Aristoteles. Vielleicht bestehen zwischen 
Traum und Schlaf noch nähere Beziehungen. Man kann durch 
einen Traum geweckt werden, man hat sehr oft einen Traum, 
wenn man spontan erwacht oder wenn man gewaltsam aus dem 



86 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Schlafe gestört wird. Der Traum scheint also ein Zwischenzu- 
stand zwischen Schlafen und Wachen zu sein. So werden wir auf 
den Schlaf hingewiesen. Was ist nun der Schlaf? 

Das ist ein physiologisches oder biologisches Problem, an dem 
noch vieles strittig ist. Wir können da nichts entscheiden, aber 
ich meine, wir dürfen eine psychologische Charakteristik des 
Schlafes versuchen. Der Schlaf ist ein Zustand, in welchem ich 
nichts von der äußeren Welt wissen will, mein Interesse von ihr 
abgezogen habe. Ich versetze mich in den Schlaf, indem ich mich 
von ihr zurückziehe und ihre Reize von mir abhalte. Ich schlafe 
auch ein, wenn ich von ihr ermüdet bin. Beim Einschlafen sage 
ich also zur Außenwelt : Laß mich in Ruhe, denn ich will schla- 
fen. Umgekehrt sagt das Kind: Ich geh' noch nicht schlafen, 
ich bin nicht müde, will noch etwas erleben. Die biologische 
Tendenz des Schlafes scheint also die Erholung zu sein, sein 
psychologischer Charakter das Aussetzen des Interesses an der 
Welt. Unser Verhältnis zur Welt, in die wir so ungern gekom- 
men sind, scheint es mit sich zu bringen, daß wir sie nicht ohne 
Unterbrechung aushalten. Wir ziehen uns darum zeitweise in 
den vorweltlichen Zustand zurück, in die Mutterleibsexistenz 
also. Wir schaffen uns wenigstens ganz ähnliche Verhältnisse 
wie sie damals bestanden: warm, dunkel und reizlos. Einige von 
uns rollen sich noch zu einem engen Paket zusammen und neh- 
men zum Schlafen eine ähnliche Körperhaltung wie im Mutter- 
leibe ein. Es sieht so aus, als hätte die Welt auch uns Erwachsene 
nicht ganz, nur zu zwei Dritteilen; zu einem Drittel sind wir 
überhaupt noch ungeboren. Jedes Erwachen am Morgen ist dann 
wie eine neue Geburt. Wir sprechen auch vom Zustand nach 
dem Schlaf mit den Worten: wir sind wie neugeboren, wobei 
wir über das Allgemeingefühl des Neugeborenen eine wahr- 
scheinlich sehr falsche Voraussetzung machen. Es ist anzuneh- 
men, daß dieser sich vielmehr sehr unbehaglich fühlt. Wir sagen 
auch vom Geboren werden : das Licht der Welt erblicken. 







V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 87 

Wenn das der Schlaf ist, so steht der Traum überhaupt nicht 
auf seinem Programm, scheint vielmehr eine unwillkommene Zu- 
tat. Wir meinen auch, daß der traumlose Schlaf der beste, der 
einzig richtige ist. Es soll keine seelische Tätigkeit im Schlaf 
geben; rührt sich diese doch, so ist uns eben die Herstellung des 
fötalen Ruhezustandes nicht gelungen; Reste von Seelentätig- 
keit haben sich nicht ganz vermeiden lassen. Diese Reste, das 
wäre das Träumen. Dann scheint es aber wirklich, daß der Traum 
keinen Sinn zu haben braucht. Bei den Fehlleistungen lag es an- 
ders; es waren doch Tätigkeiten während des Wachens. Aber 
wenn ich schlafe, die seelische Tätigkeit ganz eingestellt habe 
und nur gewisse Reste derselben nicht unterdrücken konnte, so ist 
es gar nicht notwendig, daß diese Reste einen Sinn haben. Ich 
kann diesen Sinn sogar nicht brauchen, da ja das übrige meines 
Seelenlebens schläft. Es kann sich da wirklich nur um zuckungs- 
artige Reaktionen handeln, nur um solche seelische Phänomene, 
die direkt auf somatischen Anreiz hin erfolgen. Die Träume wä- 
ren also die den Schlaf störenden Reste der seelischen Tätigkeit 
des Wachens, und wir dürfen den Vorsatz fassen, das für die 
Psychoanalyse ungeeignete Thema alsbald wieder zu verlassen. 

Indes, wenn der Traum auch überflüssig ist, er existiert doch, 
und wir können versuchen, uns von dieser Existenz Rechenschaft 
zu geben. Warum schläft das Seelenleben nicht ein? Wahrschein- 
lich, weil etwas der Seele keine Ruhe läßt. Es wirken Reize auf 
sie ein, und sie muß darauf reagieren. Der Traum ist also die 
Art, wie die Seele auf die im Schlafzustand einwirkenden Reize 
reagiert. Wir merken hier einen Zugang zum Verständnis des 
Traumes. Wir können nun bei verschiedenen Träumen danach 
suchen, welches die Reize sind, die den Schlaf stören wollen, 
und auf die mit Träumen reagiert wird. Soweit hätten wir das 
erste Gemeinsame aller Träume aufgearbeitet. 

Gibt es noch ein anderes Gemeinsames? Ja, es ist unverkenn- 
bar, aber viel schwieriger zu erfassen und zu beschreiben. Die 



88 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

seelischen Vorgänge im Schlaf haben auch einen ganz anderen 
Charakter als die des Wachens. Man erlebt vielerlei im Traum 
und glaubt daran, während man doch nichts erlebt als vielleicht 
den einen störenden Reiz. Man erlebt es vorwiegend in visuel- 
len Bildern; es können auch Gefühle dabei sein, auch Gedanken 
mittendurch, es können auch die anderen Sinne etwas erleben, 
aber vorwiegend sind es doch Bilder. Ein Teil der Schwierigkeit 
des Traumerzählens kommt daher, daß wir diese Bilder in Worte 
zu übersetzen haben. Ich könnte es zeichnen, sagt uns der Träu- 
mer oft, aber ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Das ist nun 
eigentlich keine reduzierte seelische Tätigkeit wie die des 
Schwachsinnigen im Vergleich zum Genialen; es ist etwas .quali- 
tativ anderes, aber schwer zu sagen, worin der Unterschied liegt. 
G. Th. F e c h n e r äußert einmal die Vermutung, der Schau- 
platz, auf dem sich die Träume (in der Seele) abspielen, sei ein 
anderer als der des wachen Vorstellungslebens. Das verstehen 
wir zwar nicht, wissen nicht, was wir uns dabei denken sollen, 
aber den Eindruck der Fremdartigkeit, den uns die meisten 
Träume machen, gibt es wirklich wieder. Auch der Vergleich 
der Traumtätigkeit mit den Leistungen einer unmusikalischen 
Hand versagt hier. Das Klavier wird doch jedenfalls mit den- 
selben Tönen antworten, wenn auch nicht mit Melodien, sobald 
der Zufall über seine Tasten fährt. Diese zweite Gemeinsamkeit 
aller Träume wollen wir, wenn sie auch unverstanden sein mag 
sorgfältig im Auge behalten. 

Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten? Ich finde keine, sehe 
überall nur Verschiedenheiten, und zwar in allen Hinsichten. 
Sowohl was die scheinbare Dauer, als auch was die Deutlichkeit 
die Affektbeteiligung, die Haltbarkeit u. a. betrifft. Das alles ist 
eigentlich nicht so, wie wir es bei der notgedrungenen, dürftigen 
zuckungsartigen Abwehr eines Reizes erwarten könnten. Was die 
Dimension der Träume anbelangt, so gibt es sehr kurze, die nur 
ein Bild oder wenige, einen Gedanken, ja nur ein Wort enthal. 



V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 89 

ten; andere, die ungemein reich an Inhalt sind, ganze Romane 
aufführen und lange zu dauern scheinen. Es gibt Träume, die so 
deutlich sind wie das Erleben, so deutlich, daß wir sie eine Zeit- 
lang nach dem Erwachen noch nicht als Träume erkennen; an- 
dere, die unsäglich schwach sind, schattenhaft und verschwom- 
men; ja in einem und demselben Traum können die überstarken 
und die kaum faßbar undeutlichen Partien miteinander abwech- 
seln. Träume können ganz sinnvoll sein oder wenigstens kohä- 
rent, ja sogar geistreich, phantastisch schön; andere wiederum 
sind verworren, wie schwachsinnig, absurd, oft geradezu toll. 
Es gibt Träume, die uns ganz kalt lassen, andere, in denen alle 
Affekte laut werden, ein Schmerz bis zum Weinen, eine Angst 
bis zum Erwachen, Verwunderung, Entzücken usw. Träume wer- 
den meist nach dem Erwachen rasch vergessen, oder sie halten 
sich einen Tag lang in der Weise, daß sie bis zum Abend immer 
mehr blaß und lückenhaft erinnert werden; andere erhalten sich 
so gut, z. B. Kindheitsträume, daß sie 30 Jahre später wie frisches 
Erleben vor dem Gedächtnis stehen. Träume können wie die 
Individuen ein einziges Mal auftreten, niemals wieder, oder sie 
wiederholen sich bei derselben Person unverändert oder mit 
kleinen Abweichungen. Kurz, dies bißchen nächtliche Seelen, 
tätigkeit verfügt über ein riesiges Repertoire, kann eigentlich 
noch alles, was die Seele bei Tag schafft, aber es ist doch nie das. 

selbe. 

Man könnte versuchen, von diesen Mannigfaltigkeiten des 
Traumes Rechenschaft zu geben, indem man annimmt, sie ent- 
sprechen verschiedenen Zwischenstadien zwischen dem Schla 
fen und dem Wachen, verschiedenen Stufen des unvollständigen 
Schlafes. Ja, aber dann müßte mit Wert, Inhalt und Deutlichkeit 
der Traumleistung auch die Klarheit, daß es ein Traum ist, zu- 
nehmen, da sich die Seele bei solchem Träumen dem Erwachen 
nähert, und es dürfte nicht vorkommen, daß unmittelbar neben 
ein deutliches und vernünftiges Traumstückchen ein unsinniges 



90 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

oder undeutliches gesetzt wird, worauf dann wieder ein gutes 
Stück Arbeit folgt. So rasch könnte die Seele ihre Schlaftiefe 
gewiß nicht wechseln. Diese Erklärung leistet also nichts; es geht 
überhaupt nicht kurzerhand. 

Wir wollen vorläufig auf den „Sinn" des Traumes verzichten 
und dafür versuchen, uns von dem Gemeinsamen der Träume aus 
einen Weg zum besseren Verständnis derselben zu bahnen. Aus 
der Beziehung der Träume zum Schlafzustand haben wir ge- 
schlossen, daß der Traum die Reaktion auf einen den Schlaf stö- 
renden Reiz ist. Wie wir gehört haben, ist dies auch der einzige 
Punkt, an dem uns die exakte experimentelle Psychologie zu 
Hilfe kommen kann; sie erbringt den Nachweis, daß während 
des Schlafes zugeführte Reize im Traume erscheinen. Es sind 
viele solche Untersuchungen bis auf die des bereits genannten 
MourlyVold angestellt worden; jeder von uns ist auch wohl 
selbst in die Lage gekommen, dies Ergebnis durch gelegentliche 
persönliche Beobachtung zu bestätigen. Ich will zur Mitteilung 
einige ältere Experimente auswählen. M a u r y ließ solche Ver- 
suche an seiner eigenen Person ausführen. Man ließ ihn im Traum 
Kölnerwasser riechen. Er träumte, daß er in Kairo im Laden von 
Johann Maria Farina sei, und daran schlössen sich weitere tolle 
Abenteuer. Oder: man kneifte ihn leicht in den Nacken; er 
träumte von einem aufgelegten Blasenpflaster und von einem 
Arzt, der ihn in seiner Kindheit behandelt hatte. Oder: man goß 
ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. Er war dann in Italien 
schwitzte heftig und trank den weißen Wein von Orvieto. 

Was uns an diesen experimentell erzeugten Träumen auf- 
fällt, werden wir vielleicht noch deutlicher an einer anderen 
Reihe von Reizträumen erfassen können. Es sind drei Träume 
von einem geistreichen Beobachter, Hildebrandt, mitge- 
teilt, sämtlich Reaktionen auf den Lärm eines Weckers : 

„Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren und 
schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be- 



V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 91 

nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, 
das Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zu- 
wandern. Richtig! es ist ja Sonntag und der Frühgottesdienst wird 
bald beginnen. Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor 
aber, weil ich etwas echauffiert bin, auf dem die Kirche um- 
gebenden Friedhofe mich abzukühlen. Während ich hier ver- 
schiedene Grabschriften lese, höre ich den Glöckner den Turm 
hinansteigen und sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine 
Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der Andacht geben 
wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos da, dann 
fängt sie an zu schwingen — und plötzlich ertönen ihre Schläge 
hell und durchdringend — so hell und durchdringend, daß sie 
meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne aber kom- 
men von dem Wecker." 

„Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Stra- 
ßen sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme 
an einer Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die 
Meldung erfolgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen 
die Vorbereitungen zum Einsteigen — der Pelz wird angelegt, 
der Fußsack hervorgeholt — und endlich sitze ich auf meinem 
Platze. Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den 
harrenden Rossen das fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese 
an; die kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre wohlbe- 
kannte Janitscharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augen- 
blicklich das Spinngewebe des Traumes zerreißt. Wieder ist's 
nichts anderes als der schrille Ton der Weckerglocke." 

„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit 
einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum 
Speisezimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen 
scheint mir in Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. ,Nimm 
dich in acht,' warne ich, ,die ganze Ladung wird zur Erde fal- 
len.' Natürlich bleibt der obligate Widerspruch nicht aus: man 
sei dergleichen schon gewohnt usw., währenddessen ich immer 



92 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

noch mit Blicken der Besorgnis die Wandelnde begleite. Rich- 
tig, an der Türschwelle erfolgt ein Straucheln — das zerbrech- 
liche Geschirr fällt und rasselt und prasselt in hundert Scherben 
auf dem Fußboden umher. Aber — das endlos sich fortsetzende 
Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches Rasseln, 
sondern ein richtiges Klingeln; — und mit diesem Klingeln hat, 
wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine 
Schuldigkeit getan." 

Diese Träume sind recht hübsch, ganz sinnvoll, gar nicht so 
inkohärent, wie Träume sonst zu sein pflegen. Wir wollen sie 
deswegen nicht beanständen. Das Gemeinsame an ihnen ist, daß 
die Situation jedesmal in einen Lärm ausgeht, den man beim Er- 
wachen als den des Weckers agnosziert. Wir sehen also hier, wie 
ein Traum erzeugt wird, aber erfahren auch noch etwas anderes. 
Der Traum erkennt den Wecker nicht, — dieser kommt auch im 
Traum nicht vor, — sondern er ersetzt das Weckergeräusch durch 
ein anderes, er deutet den Reiz, der den Schlaf aufhebt, deutet 
ihn aber jedesmal in einer anderen Weise. Warum das? Darauf 
gibt es keine Antwort, das scheint willkürlich zu sein. Den 
Traum verstehen, hieße aber angeben können, warum er gerade 
diesen Lärm und keinen anderen zur Deutung des Weckerreizes 
gewählt hat. In ganz analoger Weise muß man gegen die M a u - 
r y sehen Experimente einwenden, man sehe wohl, daß der za. 
geführte Reiz im Traume auftritt, aber warum gerade in dieser 
Form, das erfahre man nicht, und das scheint aus der Natur des 
schlafstörenden Reizes gar nicht zu folgen. Auch schließt in den 
M a u r 7 sehen Versuchen an den direkten Reizerfolg meist eine 
Unmenge von anderem Traummaterial an, z. B. die tollen Aben- 
teuer im Kölnerwassertraum, für die man keine Rechenschaft 
zu geben weiß. 

Nun wollen Sie bedenken, daß die Weckträume noch die 
besten Chancen bieten, den Einfluß äußerer schlafstörender 
Reize festzustellen. In den meisten anderen Fällen wird es 



V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 93 

schwieriger werden. Man wacht nicht aus allen Träumen auf. 
und wenn man des Morgens einen Traum der Nacht erinnert, 
wie soll man dann einen störenden Reiz auffinden, der vielleicht 
zur Nachtzeit eingewirkt hat? Mir gelang es einmal, einen sol- 
chen Schallreiz nachträglich zu konstatieren, natürlich nur in- 
folge besonderer Umstände. Ich erwachte eines Morgens in einem 
Tiroler Höhenort mit dem Wissen, ich habe geträumt, der Papst 
sei gestorben. Ich konnte mir den Traum nicht erklären, aber 
dann fragte mich meine Frau: Hast du heute gegen Morgen das 
entsetzliche Glockengeläute gehört, das von allen Kirchen und 
Kapellen losgelassen wurde? Nein, ich hatte nichts gehört, mein 
Schlaf ist resistenter, aber ich verstand dank dieser Mitteilung 
meinen Traum. Wie oft mögen solche Reizungen den Schläfer 
zum Träumen anregen, ohne daß er nachträgliche Kunde von 
ihnen erhält? Vielleicht sehr oft, vielleicht auch nicht. Wenn der 
Reiz nicht mehr nachweisbar ist, läßt sich auch keine Über- 
zeugung davon gewinnen. Wir sind ohnedies von der Schätzung 
der schlafstörenden äußeren Reize zurückgekommen, seitdem 
wir wissen, daß sie uns nur ein Stückchen des Traumes und nicht 
die ganze Traumreaktion erklären können. 

Wir brauchen darum diese Theorie nicht ganz aufzugeben. 
Sie ist außerdem einer Fortsetzung fähig. Es ist offenbar gleich, 
gültig, wodurch der Schlaf gestört und die Seele zum Träumen 
angeregt werden soll. Wenn es nicht jedesmal ein von außen 
kommender Sinnesreiz sein kann, so mag dafür ein von den inne- 
ren Organen ausgehender, sogenannter Leibreiz eintreten. Diese 
Vermutung liegt sehr nahe, sie entspricht auch der populärsten 
Ansicht über die Entstehung der Träume. Träume kommen vom 
Magen, hört man oft sagen. Leider wird auch hier der Fall als 
häufig zu vermuten sein, daß ein Leibreiz, der zur Nachtzeit ein- 
gewirkt hat, nach dem Erwachen nicht mehr nachweisbar und so- 
mit unbeweisbar geworden ist. Aber wir wollen nicht übersehen, 
wieviel gute Erfahrungen die Ableitung der Träume vom Leib- 



94 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

reiz unterstützen. Es ist im allgemeinen unzweifelhaft, daß der 
Zustand der inneren Organe den Traum beeinflussen kann. Die 
Beziehung manches Trauminhalts zu einer Überfüllung der 
Harnblase oder zu einem Erregungszustand der Geschlechts- 
organe ist so deutlich, daß sie nicht verkannt werden kann. Von 
diesen durchsichtigen Fällen her kommt man zu anderen, in 
denen sich aus dem Inhalt der Träume wenigstens eine berech- 
tigte Vermutung ableiten läßt, daß solche Leibreize eingewirkt 
haben, indem sich in diesem Inhalt etwas findet, was als Verarbei- 
tung, Darstellung, Deutung dieser Reize aufgefaßt werden kann. 
Der Traumforscher Scherner (1861) hat die Herleitung des 
Traumes von Organreizen besonders nachdrücklich vertreten 
und einige schöne Beispiele für sie erbracht. Wenn er z. B. in 
einem Traum „zwei Reihen schöner Knaben blonden Haares 
und zarter Gesichtsfarbe, in Kampflust einander gegenüber- 
stehen, aufeinander losgehen, sich gegenseitig greifen, voneinan- 
der wieder loslassen, die alte Stellung wieder einnehmen und 
den ganzen Vorgang von neuem machen" sieht, so ist die Deu- 
tung dieser Knäbenreihen als der Zähne an und für sich an_ 
sprechend, und sie scheint ihre volle Bekräftigung zu finden, 
wenn nach dieser Szene der Träumer „sich einen langen Zahn aus 
dem Kiefer herauszieht". Auch die Deutung von „langen, schma- 
len, gewundenen Gängen" auf Darmreiz scheint stichhaltig und 
bestätigt die Aufstellung von Scherner, daß der Traum vor 
allem das den Reiz ausschickende Organ durch ihm ähnliche 
Gegenstände darzustellen sucht. 

Wir müssen also bereit sein zuzugeben, daß innere Reize für 
den Traum dieselbe Rolle spielen können wie äußere. Leider 
unterliegt ihre Schätzung auch denselben Einwendungen. In 
einer großen Anzahl von Fällen bleibt die Deutung auf Leibreis 
unsicher oder unbeweisbar; nicht alle Träume, sondern nur ein 
gewisser Anteil derselben erweckt den Verdacht, daß innere 
Organreize bei ihrer Entstehung beteiligt waren, und endlich 



V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 95 

wird der innere Leibreiz so wenig wie der äußere Sinnesreiz im- 
stande sein, vom Traum mehr zu erklären, als was der direkten 
Reaktion auf den Reiz entspricht. Woher dann das übrige des 
Traumes kommt, bleibt dunkel. 

Merken wir uns aber eine Eigentümlichkeit des Traumlebens, 
die bei dem Studium dieser Reizeinwirkungen zum Vorschein 
kommt. Der Traum bringt den Reiz nicht einfach wieder, son- 
dern er verarbeitet ihn, er spielt auf ihn an, reiht ihn in einen Zu- 
sammenhang ein, ersetzt ihn durch etwas anderes. Das ist eine 
Seite der Traumarbeit, die uns interessieren muß, weil sie viel- 
leicht näher an das Wesen des Traumes heranführt: Wenn je- 
mand auf eine Anregung hin etwas macht, so braucht diese An- 
regung darum das Werk nicht zu erschöpfen. Der Macbeth 
Shakespeares z. B. ist ein Gelegenheitsstück, zur Thronbe- 
steigung des Königs gedichtet, der zuerst die Kronen der drei 
Länder auf seinem Haupt vereinigte. Aber deckt diese historische 
Veranlassung den Inhalt des Dramas, erklärt sie uns dessen Grö- 
ßen und Rätsel? Vielleicht sind die auf den Schlafenden wir- 
kenden Außen- und Innenreize auch nur die Anreger des Trau- 
mes, von dessen Wesen uns damit nichts verraten wird. 

Das andere Gemeinsame des Traumes, seine psychische Be- 
sonderheit, ist einerseits schwer faßbar und gibt anderseits keinen 
Anhaltspunkt zur weiteren Verfolgung. Im Traum erleben wir 
zumeist etwas in visuellen Formen. Können dafür die Reize einen 
Aufschluß geben? Ist es in Wirklichkeit der Reiz, den wir er- 
leben? Warum ist denn das Erleben visuell, wenn Augenreizung 
nur in den seltensten Fällen den Traum angeregt hat? Oder läßt 
sich, wenn wir Reden träumen, nachweisen, daß während des 
Schlafes ein Gespräch oder ihm ähnliche Geräusche an unser 
Ohr gedrungen sind? Diese Möglichkeit getraue ich mich mit 
Entschiedenheit abzuweisen. 

Wenn wir von den Gemeinsamkeiten der Träume nicht wei- 
ter kommen, so wollen wir's vielleicht mit ihren Verschieden- 



96 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



heiten versuchen. Die Träume sind ja oft sinnlos, verworren, ab- 
surd; aber es gibt sinnvolle, nüchterne, vernünftige. Sehen wir 
zu, ob uns die letzteren, sinnvollen, etwas Aufschluß über die 
unsinnigen geben können. Ich teile Ihnen den letzten vernünf- 
tigen Traum mit, der mir erzählt worden ist, den Traum eines 
jungen Mannes: „Ich bin in der Kärntnerstraße spazieren ge- 
gangen, habe dort den Herrn X. getroffen, dem ich mich für eine 
Weile angeschlossen habe, dann bin ich ins Restaurant gegan- 
gen. Zwei Damen und ein Herr haben sich an meinen Tisch 
gesetzt. Ich habe mich zuerst darüber geärgert und wollte sie 
nicht anschauen. Dann habe ich hingeschaut und gefunden, daß 
sie ganz nett sind." Der Träumer bemerkt dazu, daß er am 
Abend vor dem Traum wirklich in der Kärtnerstraße gegangen, 
was sein gewohnter Weg ist, und dort den Herrn X. getroffen 
hat. Der andere Teil des Traumes ist keine direkte Reminiszenz, 
sondern hat nur eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Erlebnis vor 
längerer Zeit. Oder ein anderer nüchterner Traum, der einer 
Dame: „Ihr Mann fragt: Soll man das Klavier nicht stimmen las. 
sen? Sie: Es lohnt nicht, es muß ohnedies neu beledert werden." 
Dieser Traum wiederholt ein Gespräch, welches sich ohne viel 
Veränderung am Tage vor dem Traum zwischen ihrem Mann 
und ihr abgespielt hat. Was lernen wir aus diesen beiden nüch- 
ternen Träumen? Nichts anderes, als daß sich Wiederholungen 
aus dem Leben des Tages oder Anknüpfungen an dasselbe in 
ihnen finden. Das wäre schon etwas, wenn es sich von den Träu- 
men allgemein aussagen ließe. Aber davon ist keine Rede, auch 
dies gilt nur für eine Minderzahl; in den meisten Träumen ist von 
einer Anknüpfung an den Vortag nichts zu finden, und auf die 
unsinnigen und absurden Träume fällt von hier aus kein Licht. 
Wir wissen nur, daß wir auf eine neue Aufgabe gestoßen sind. 
Wir wollen nicht nur wissen, was ein Traum sagt, sondern wenn 
er es, wie in unseren Beispielen, deutlich sagt, wollen wir auch 



V) Schwierigkeiten und erste Annäherungen 97 

wissen, warum und wozu man dies Bekannte, erst kürzlich Er- 
lebte, im Traum wiederholt. 

Ich glaube, Sie werden wie ich müde sein, Versuche wie unsere 
bisherigen fortzusetzen. Wir sehen eben, alles Interesse für ein 
Problem ist unzureichend, wenn man nicht auch einen Weg 
kennt, den man einschlagen kann, daß er zur Lösung hinführe. 
Wir haben diesen Weg bis jetzt nicht. Die experimentelle Psycho- 
logie hat uns nichts gebracht als einige sehr schätzbare Angaben 
über die Bedeutung der Reize als Traumanreger. Von der Philo- 
sophie haben wir nichts zu erwarten, als daß sie uns neuerdings 
hochmütig die intellektuelle Minderwertigkeit unseres Objekts 
vorhalte; bei den okkulten Wissenschaften wollen wir doch keine 
Anleihe machen. Geschichte und Volksmeinung sagen uns, der 
Traum sei sinnreich und bedeutungsvoll, er blicke in die Zu- 
kunft; das ist doch schwer anzunehmen und gewiß nicht beweis- 
bar. So läuft unsere erste Bemühung in volle Ratlosigkeit aus. 

Unerwarteterweise kommt uns ein Wink von einer Seite zu, 
nach der wir bisher nicht geblickt haben. Der Sprachgebrauch, 
der ja nichts Zufälliges, sondern 'der Niederschlag alter Er- 
kenntnis ist, der freilich nicht ohne Vorsicht verwertet werden 
darf — unsere Sprache also kennt etwas, was sie merkwürdiger- 
weise „Tagträumen" heißt. Tagträume sind Phantasien (Produk- 
tionen der Phantasie); es sind sehr allgemeine Phänomene, 
wiederum bei Gesunden ebenso zu beobachten wie bei Kran- 
ken und bei der eigenen Person dem Studium leicht zugänglich. 
Das Auffälligste an diesen phantastischen Bildungen ist, daß sie 
den Namen „Tagträume" erhalten haben, denn von beiden Ge- 
meinsamen der Träume haben sie nichts an sich. Der Beziehung 
zum Schlafzustande widerspricht schon ihr Name, und was das 
zweite Gemeinsame betrifft, so erlebt, halluziniert man in ihnen 
nichts, sondern stellt sich etwas vor; man weiß, daß man phanta- 
siert, sieht nicht, sondern denkt. Diese Tagträume treten in der 
Vorpubertät, oft schon in der späteren Kinderzeit auf, halten bis 
7 



98 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



in die Jahre der Reife an, werden dann entweder aufgegeben oder 
bis ins späteste Alter festgehalten. Der Inhalt dieser Phantasien 
wird von einer sehr durchsichtigen Motivierung beherrscht. Es 
sind Szenen und Begebenheiten, in denen die egoistischen, Ehr- 
geiz- und Machtbedürfnisse, oder die erotischen Wünsche der 
Person Befriedigung finden. Bei jungen Männern stehen meist 
die ehrgeizigen Phantasien voran, bei den Frauen, die ihren Ehr- 
geiz auf Liebeserfolge geworfen haben, die erotischen. Aber oft 
genug zeigt sich auch bei den Männern die erotische Bedürf- 
tigkeit im Hintergrunde; alle Heldentaten und Erfolge sollen 
doch nur um die Bewunderung und Gunst der Frauen werben. 
Sonst sind diese Tagträume sehr mannigfaltig und erfahren 
wechselvolle Schicksale. Sie werden entweder, ein jeder von 
ihnen, nach kurzer Zeit fallen gelassen und durch einen neuen 
ersetzt, oder sie werden festgehalten, zu langen Geschichten aus- 
gesponnen und passen sich den Veränderungen der Lebensver- 
hältnisse an. Sie gehen sozusagen mit der Zeit und empfangen 
von ihr eine „Zeitmarke", die den Einfluß der neuen Situation 
bezeugt. Sie sind das Rohmaterial der poetischen Produktion, 
denn aus seinen Tagträumen macht der Dichter durch gewisse 
Umformungen, Verkleidungen und Verzichte die Situationen, die 
er in seine Novellen, Romane, Theaterstücke einsetzt. Der Held 
der Tagträume ist aber immer die eigene Person, entweder direkt 
oder in einer durchsichtigen Identifizierung mit einem anderen. 
Vielleicht tragen die Tagträume diesen Namen wegen der glei. 
chen Beziehung zur Wirklichkeit, um anzudeuten, daß ihr I n . 
halt ebensowenig real zu nehmen sei wie der der Träume. Viel. 
leicht aber ruht diese Namensgemeinschaft doch auf einem un S 
noch unbekannten psychischen Charakter des Traumes, einem der 
von uns gesuchten. Es ist auch möglich, daß wir überhaupt un- 
recht tun, wenn wir diese Gleichheit der Bezeichnung als bedeu- 
tungsvoll verwerten wollen. Das kann ja erst später geklärt werden 



VI) Voraussetzungen und Technik der Deutung 99 



VL VORLESUNG 

VORAUSSETZUNGEN UND TECHNIK 
DER DEUTUNG 

Meine Damen und Herren! Also wir bedürfen eines neuen 
Weges, einer Methode, um in der Erforschung des Traumes von 
der Stelle zu kommen. Ich mache Ihnen nun einen naheliegenden 
Vorschlag. Nehmen wir als Voraussetzung für alles Weitere an, 
daß der Traum kein somatisches, sondern 
ein psychisches Phänomen ist. Was das bedeutet, 
wissen Sie, aber was berechtigt uns zu dieser Annahme? Nichts, 
aber wir sind auch nicht gehindert, sie zu machen. Die Sache liegt 
so: Wenn der Traum ein somatisches Phänomen ist, geht er uns 
nichts an; er kann uns nur unter der Voraussetzung, daß er ein 
seelisches Phänomen ist, interessieren. Wir arbeiten also unter 
der Voraussetzung, er sei es wirklich, um zu sehen, was dabei 
herauskommt. Das Ergebnis unserer Arbeit wird darüber ent- 
scheiden, ob wir an der Annahme festhalten und sie nun ihrer- 
seits als ein Resultat vertreten dürfen. Was wollen wir denn 
eigentlich erreichen, wozu arbeiten wir? Wir wollen, was man in 
der Wissenschaft überhaupt anstrebt, ein Verständnis der Phä- 
nomene, die Herstellung eines Zusammenhanges zwischen ihnen, 
und in letzter Ferne, wo es möglich ist, eine Erweiterung unserer 
Macht über sie. 

Wir setzen also die Arbeit unter der Annahme fort, daß der 
Traum ein psychisches Phänomen ist. Dann ist er eine Leistung 
und Äußerung des Träumers, aber eine solche, die uns nichts 
sagt, die wir nicht verstehen. Was tun Sie nun in dem Falle, daß 
ich eine Ihnen unverständliche Äußerung von mir gebe? Mich 
fragen, nicht wahr? Warum sollen wir nicht dasselbe tun dürfen, 
den Träumer befragen, was sein Traum be- 
deutet? 

Erinnern Sie sich, wir befanden uns schon einmal in dieser Si- 



100 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 






tuation. Es war bei der Untersuchung gewisser Fehlleistungen, 
eines Falles von Versprechen. Jemand hatte gesagt: Da sind 
Dinge 2um Vorschwein gekommen, und darauf fragten wir — 
nein, zum Glück nicht wir, sondern andere, die der Psychoana- 
lyse ganz fernstehen, da fragten ihn diese anderen, was er mit 
dieser unverständlichen Rede wolle. Er antwortete sofort, daß er 
die Absicht gehabt hatte zu sagen: das waren Schweinereien, daß " 
er aber diese Absicht zurückgedrängt gegen die andere, gemil- 
derte: da sind Dinge zum Vorschein gekommen. Ich erklärte 
Ihnen schon damals, diese Erkundigung sei das Vorbild jeder 
psychoanalytischen Untersuchung, und Sie verstehen jetzt, daß 
die Psychoanalyse die Technik befolgt, sich soweit es nur angeht, 
die Lösung ihrer Rätsel von den Untersuchten selbst sagen zu las- 
sen. So soll uns auch der Träumer selbst sagen, was sein Traum 
bedeutet. 

Aber so einfach geht das bekanntlich beim Traum nicht. Bei 
den Fehlleistungen ging es in einer Anzahl von Fällen; dann 
kamen wir zu anderen, in denen der Befragte nichts sagen wollte, 
ja sogar die Antwort, die wir ihm nahelegten, entrüstet zurück- 
wies. Beim Traum fehlen uns die Fälle der ersten Art völlig; der 
Träumer sagt immer, er weiß nichts. Zurückweisen kann er unsere 
Deutung nicht, da wir ihm keine vorzulegen haben. So sollten 
wir also unseren Versuch wieder aufgeben? Da er nichts weiß und 
wir nichts wissen und ein Dritter erst recht nichts wissen kann 
gibt's wohl keine Aussicht, es zu erfahren. Ja, wenn Sie wollen 
geben Sie den Versuch auf. Wenn Sie aber anders wollen, so kön- 
nen Sie den Weg mit mir fortsetzen. Ich sage Ihnen nämlich, es 
ist doch sehr wohl möglich, ja sehr wahrscheinlich, daß der Träu- 
mer es doch weiß, was sein Traum bedeutet, nur weiß 
er nicht, daß er es weiß, und glaubt darum 
daß er es nicht weiß. 

Sie werden mich aufmerksam machen, daß ich da wiederum 
eine Annahme einführe, schon die zweite in diesem kurzen "Z.U- 



VI) Voraussetzungen und Technik der Deutung 101 

sammenhange, und den Anspruch meines Verfahrens auf Glaub- 
würdigkeit enorm herabsetze. Unter der Voraussetzung, daß der 
Traum ein psychisches Phänomen ist, unter der weiteren Voraus- 
setzung, daß es seelische Dinge im Menschen gibt, die er weiß, 
ohne zu wissen, daß er sie weiß, usw. Dann braucht man nur die 
innere Unwahrscheinlichkeit jeder dieser beiden Voraussetzun- 
gen ins Auge zu fassen, um beruhigt sein Interesse von den 
Schlüssen aus ihnen abzuwenden. 

Ja, meine Damen und Herren, ich habe Sie nicht hieher kom- 
men lassen, um Ihnen etwas vorzuspiegeln oder zu verhehlen. 
Ich habe zwar „Elementare Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse" angekündigt, aber damit habe ich keine Darstel- 
lung in usum delphini beabsichtigt, die Ihnen einen glatten 
Zusammenhang zeigen soll mit sorgfältigem Verstecken aller 
Schwierigkeiten, Ausfüllung der Lücken, Übermalen der Zweifel, 
damit Sie ruhigen Gemüts glauben sollen, Sie haben etwas Neues 
gelernt. Nein, gerade darum, weil Sie Anfänger sind, wollte ich 
Ihnen unsere Wissenschaft zeigen, wie sie ist, mit ihren Uneben- 
heiten und Härten, Anforderungen und Bedenken. Ich weiß 
nämlich, daß es in keiner Wissenschaft anders ist und besonders 
in ihren Anfängen gar nicht anders sein kann. Ich weiß auch, daß 
der Unterricht sich sonst bemüht, diese Schwierigkeiten und Un- 
vollkommenheiten dem Lernenden zunächst zu verbergen. Aber 
das geht bei der Psychoanalyse nicht. Ich habe also wirklich 
zwei Voraussetzungen gemacht, die eine innerhalb der anderen, 
und wem das Ganze zu mühselig und zu unsicher ist, oder wer 
an höhere Sicherheiten und elegantere Ableitungen gewöhnt ist, 
der braucht nicht weiter mitzugehen. Ich meine nur, der soll 
psychologische Probleme überhaupt in Ruhe lassen, denn es ist 
zu besorgen, daß er die exakten und sicheren Wege, die er zu 
begehen bereit ist, hier nicht gangbar findet. Es ist auch ganz 
überflüssig, daß eine Wissenschaft, die etwas zu bieten hat, um 
Gehör und um Anhänger werbe. Ihre Ergebnisse müssen für sie 



102 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Stimmung machen, und sie kann abwarten, bis diese sich Auf- 
merksamkeit erzwungen haben. 

Diejenigen von Ihnen aber, die bei der Sache verbleiben wol- 
len, kann ich daran mahnen, daß meine beiden Annahmen nicht 
gleichwertig sind. Die erste, der Traum sei ein seelisches Phä- 
nomen, ist die Voraussetzung, die wir durch den Erfolg unserer 
Arbeit erweisen wollen; die andere ist bereits auf einem anderen 
Gebiete erwiesen, und ich nehme mir bloß die Freiheit, sie von 
dorther auf unsere Probleme zu übertragen. 

Wo, auf welchem Gebiet sollte der Beweis erbracht worden 
sein, daß es ein Wissen gibt, von dem der Mensch doch nichts 
weiß, wie wir es hier für den Träumer annehmen wollen? Das 
wäre doch eine merkwürdige, überraschende, unsere Auffassung 
des Seelenlebens verändernde Tatsache, die sich nicht zu verber. 
gen brauchte. Nebenbei eine Tatsache, die sich in ihrer Benen- 
nung selbst aufhebt und doch etwas Wirkliches sein will, eine 
contradictio in adjecto. Nun, sie verbirgt sich auch gar nicht. 
Es liegt nicht an ihr, wenn man nichts von ihr weiß oder sich 
nicht genügend um sie kümmert. So wenig, wie es unsere Schuld 
ist, daß alle diese psychologischen Probleme von Personen abge- 
urteilt werden, die sich von all den hiefür entscheidenden Be- 
obachtungen und Erfahrungen ferngehalten haben. 

Der Beweis ist auf dem Gebiet der hypnotischen Erscheinun- 
gen erbracht worden. Als ich im Jahre 1889 die ungemein ein- 
drucksvollen Demonstrationen von L i e b a u 1 1 und Bern, 
heim in Nancy mitansah, war ich auch Zeuge des folgenden 
Versuches. Wenn man einen Mann in den somnambulen Zustand 
versetzt hatte, ihn in diesem alles mögliche halluzinatorisch er- 
leben ließ und ihn dann aufweckte, so schien er zunächst von den 
Vorgängen während seines hypnotischen Schlafes nichts zu wis- 
sen. Bernheim forderte ihn dann direkt auf zu erzählen, was 
sich mit ihm während der Hypnose zugetragen. Er behauptete, 
er wisse sich an nichts zu erinnern. Aber B e r n h e i m bestand 









W 



VI) Voraussetzungen und Technik der Deutung 103 

darauf, er drang in den Mann, versicherte ihm, er wisse es, müsse 
sich daran erinnern, und siehe da, der Mann wurde schwankend, 
begann sich zu besinnen, erinnerte zuerst wie schattenhaft eines 
der ihm suggerierten Erlebnisse, dann ein anderes Stück, die Er- 
innerung wurde immer deutlicher, immer vollständiger und end- 
lich war sie lückenlos zu Tage gefördert. Da er aber nachher 
wußte und inzwischen von keiner anderen Seite etwas erfahren 
hatte, ist der Schluß berechtigt, daß er um diese Erinnerung 
auch vorher gewußt hat. Sie waren ihm nur unzugänglich, er 
wußte nicht, daß er sie wisse, er glaubte, daß er sie nicht wisse. 
Also ganz der Fall, den wir beim Träumer vermuten. 

Ich hoffe, Sie werden von der Feststellung dieser Tatsache 
überrascht sein und mich fragen: Warum haben Sie sich auf die- 
sen Beweis nicht schon früher, bei den Fehlleistungen berufen, 
als wir dazu kamen, dem Mann, der sich versprochen hatte, 
Redeabsichten zuzuschreiben, von denen er nichts wußte und 
die er verleugnete? Wenn jemand von Erlebnissen nichts zu wis- 
sen glaubt, deren Erinnerung er doch in sich trägt, so ist es nicht 
mehr so unwahrscheinlich, daß er auch von anderen seelischen 
Vorgängen in seinem Inneren nichts weiß. Dies Argument hätte 
uns gewiß Eindruck gemacht und uns im Verständnis der Fehl- 
leistungen gefördert. Gewiß hätte ich mich schon damals darauf 
berufen können, aber ich sparte es auf bis zu einer anderen Stelle, 
an der es notwendiger wäre. Die Fehlleistungen haben sich zum 
Teil selbst aufgeklärt, zum anderen Teil hinterließen sie uns die 
Mahnung, dem Zusammenhang der Erscheinungen zuliebe die 
Existenz solcher seelischer Vorgänge, von denen man nichts 
weiß, doch anzunehmen. Beim Traum sind wir gezwungen, Erklä- 
rungen von anderswoher heranzuziehen, und überdies rechne 
ich damit, daß Sie hier eine Übertragung von der Hypnose her 
leichter zulassen werden. Der Zustand, in dem wir eine Fehl- 
leistung vollziehen, muß Ihnen als der normale erscheinen, er 
hat mit dem hypnotischen keine Ähnlichkeit. Dagegen besteht 



104 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

eine deutliche Verwandtschaft zwischen dem hypnotischen Zu- 
stand und dem Schlafzustand, welcher die Bedingung des Träu- 
mens ist. Die Hypnose heißt ja ein künstlicher Schlaf; wir sagen 
der Person, die wir hypnotisieren: schlafen Sie, und die Sug- 
gestionen, die wir erteilen, sind den Träumen des natürlichen 
Schlafes vergleichbar. Die psychischen Situationen sind in bei- 
den Fällen wirklich analoge. Im natürlichen Schlaf ziehen wir 
unser Interesse von der ganzen Außenwelt zurück, im hypnoti- 
schen wiederum von der ganzen Welt, aber mit Ausnahme der 
einen Person, die uns hypnotisiert hat, mit welcher wir im Rap- 
port bleiben. Übrigens ist der sogenannte Ammenschlaf, bei dem 
die Amme im Rapport mit dem Kind bleibt und nur von diesem 
zu erwecken ist, ein normales Seitenstück zum hypnotischen. Die 
Übertragung eines Verhältnisses von der Hypnose auf den natür- 
lichen Schlaf scheint also kein kühnes Wagnis. Die Annahme, 
daß auch beim Träumer ein Wissen um seinen Traum vorhanden 
ist, das ihm nur unzugänglich ist, so daß er es selbst nicht glaubt, 
ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Merken wir uns übrigens, 
daß sich an dieser Stelle ein dritter Zugang zum Studium des 
Traumes eröffnet; von den schlafstörenden Reizen aus, von den 
Tagträumen und jetzt noch von den suggerierten Träumen des 
hypnotischen Zustandes. 

Nun kehren wir vielleicht mit gesteigertem Zutrauen zu un- 
serer Aufgabe zurück. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß der 
Träumer um seinen Traum weiß; es handelt sich nur darum, ihm 
möglich zu machen, daß er sein Wissen auffindet und es uns mit- 
teilt. Wir verlangen nicht, daß er uns sofort den Sinn seines 
Traumes sage, aber die Herkunft desselben, den Gedanken und 
Interessenkreis, aus dem er stammt, wird er auffinden können. 
Im Falle der Fehlleistung, erinnern Sie sich, wurde er gefragt, 
wie er zu dem Fehlwort „Vorschwein" gekommen war, und sein 
nächster Einfall gab uns die Aufklärung. Unsere Technik beim 
Traume ist nun eine sehr einfache, diesem Beispiel nachgeahmte. 






VI) Voraussetzungen und Technik der Deutung 105 

Wir werden ihn wiederum fragen, wie er zu dem Traume ge- 
kommen ist und seine nächste Aussage soll wieder als Aufklä- 
rung angesehen werden. Wir setzen uns also über den Unter- 
schied, ob er etwas zu wissen glaubt oder nicht glaubt, hinaus und 
behandeln beide Fälle wie einen einzigen. 

Diese Technik ist gewiß sehr einfach, aber ich fürchte, sie 
wird Ihre schärfste Opposition hervorrufen. Sie werden sagen: 
Eine neue Annahme, die dritte! Und die unwahrscheinlichste 
von allen! Wenn ich den Träumer frage, was ihm zum Traum 
einfällt, soll gerade sein nächster Einfall die gewünschte Aufklä- 
rung bringen? Aber es braucht ihm ja gar nicht einzufallen, oder 
es kann ihm Gott weiß was einfallen. Wir können nicht einsehen, 
worauf sich eine solche Erwartung stützt. Das heißt wirklich zu- 
viel Gottvertrauen zeigen an einer Stelle, wo etwas mehr Kritik 
besser passen würde. Überdies ist ja ein Traum nicht ein einzelnes 
Fehlwort, sondern besteht aus vielen Elementen. An welchen 
Einfall soll man sich da halten? 

Sie haben in allem Nebensächlichen recht. Ein Traum unter- 
scheidet sich von einem Versprechen auch in der Vielheit seiner 
Elemente. Dem muß die Technik Rechnung tragen. Ich schlage 
Ihnen also vor, daß wir den Traum in seine Elemente zerteilen 
und die Untersuchung für jedes Element gesondert anstellen, 
dann ist die Analogie mit dem Versprechen wieder hergestellt. 
Auch darin haben Sie recht, daß der zu den einzelnen Traumele- 
menten Befragte antworten kann, es falle ihm nichts ein. Es gibt 
Fälle, in denen wir diese Antwort gelten lassen, und Sie werden 
später hören, welche. Es sind bemerkenswerterweise solche Fälle, 
in denen wir selbst bestimmte Einfälle haben können. Aber im 
allgemeinen werden wir dem Träumer, wenn er keinen Einfall 
zu haben behauptet, widersprechen, wir werden in ihn drängen, 
werden ihm versichern, daß er einen Einfall haben müsse und — 
werden Recht bekommen. Er wird einen Einfall dazu bringen, 
irgendeinen, uns gleichgültig, welchen. Gewisse Auskünfte, die 



106 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

man historische nennen kann, wird er besonders leicht erteilen. 
Er wird sagen: Das ist etwas, was gestern vorgefallen ist (wie 
in den beiden uns bekannt gewordenen „nüchternen Träumen"), 
oder : Das erinnert mich an etwas, was sich vor kurzer Zeit er- 
eignet hat — und auf diese Art werden wir bemerken, daß die 
Anknüpfungen der Träume an Eindrücke der letzten Tage weit 
häufiger sind, als wir zuerst geglaubt haben. Endlich wird er sich 
auch vom Traum aus an femer liegende, eventuell sogar an weit 
zurückliegende Begebenheiten erinnern. 

In der Hauptsache aber haben Sie unrecht. Wenn Sie meinen, 
es sei willkürlich anzunehmen, daß der nächste Einfall des 
Träumers gerade das Gesuchte bringen oder zu ihm fuhren müsse, 
der Einfall könne vielmehr ganz beliebig und außer Zusammen, 
hang mit dem Gesuchten sein, es sei nur eine Äußerung meines 
Gottvertrauens, wenn ich es anders erwarte, so irren Sie groß. 
Ich habe mir schon einmal die Freiheit genommen, Ihnen vor- 
zuhalten, daß ein tief wurzelnder Glaube an psychische Freiheit 
und Willkürlichkeit in Ihnen steckt, der aber ganz unwissen- 
schaftlich ist und vor der Anforderung eines auch das Seelen- 
leben beherrschenden Determinismus die Segel streichen muß. 
Ich bitte Sie, es als eine Tatsache zu respektieren, daß dem Ge- 
fragten dies eingefallen ist und nichts anderes. Aber ich setze 
nicht dem einen Glauben einen anderen entgegen. Es läßt sich 
beweisen, daß der Einfall, den der Gefragte produziert, nicht 
willkürlich, nicht unbestimmbar ist, nicht außer Zusammenhang 
mit dem von uns Gesuchten steht. Ja, ich habe unlängst erfahren, 
— ohne übrigens zuviel Wert darauf zu legen, — daß auch die 
experimentelle Psychologie solche Beweise vorgebracht hat. 

Bei der Bedeutung des Gegenstandes bitte ich um Ihre be- 
sondere Aufmerksamkeit. Wenn ich jemand auffordere zu sagen, 
was ihm zu einem bestimmten Element des Traumes einfällt, so 
verlange ich von ihm, daß er sich der freien Assoziation unter 
Festhaltung einer Ausgangsvorstellung über- 






VI) Voraussetzungen und Technik der Deutung 107 

— . — . a . 

lasse. Dies erfordert eine besondere Einstellung der Aufmerk- 
samkeit, die ganz anders ist als beim Nachdenken und das Nach- 
denken ausschließt. Manche treffen eine solche Einstellung leicht; 
andere zeigen bei dem Versuch ein unglaublich hohes Maß von 
Ungeschicklichkeit. Es gibt nun einen höheren Grad von Frei- 
heit der Assoziation, wenn ich nämlich auch diese Ausgangsvor- 
stellung fallen lasse und etwa nur Art und Gattung des Einfalles 
festlege, z. B. bestimme, daß man sich einen Eigennamen oder 
eine Zahl frei einfallen lassen solle. Dieser Einfall müßte noch 
willkürlicher, noch unberechenbarer sein als der bei unserer Tech- 
nik verwendete. Es läßt sich aber zeigen, daß er jedesmal 
strenge determiniert wird durch wichtige innere Einstellungen, 
die im Moment, da sie wirken, uns nicht bekannt sind, ebenso- 
wenig bekannt wie die störenden Tendenzen der Fehlleistungen 
und die provozierenden der Zufallshandlungen. 

Ich und viele andere nach mir haben wiederholt solche Unter- 
suchungen für Namen und Zahlen, die man sich ohne jeden An- 
halt einfallen läßt, angestellt, einige derselben auch veröffentlicht. 
Man verfährt dabei in der Weise, daß man zu dem aufgetauchten 
Namen fortlaufende Assoziationen weckt, die also nicht mehr 
ganz frei, sondern wie die Einfälle zu den Traumelementen ein- 
mal gebunden sind, und dies so lange, bis man den Antrieb dazu 
erschöpft findet. Dann hat man aber auch Motivierung und Be- 
deutung des freien Nameneinfalls aufgeklärt. Die Versuche er- 
geben immer wieder das nämliche, ihre Mitteilung erstreckt sich 
oft über reiches Material und macht weittläufige Ausführungen 
notwendig. Die Assoziationen der frei aufgetauchten Zahlen sind 
vielleicht die beweisendsten; sie laufen so schnell ab und gehen 
mit so unbegreiflicher Sicherheit auf ein verhülltes Ziel los, daß 
sie wirklich verblüffend wirken. Ich will Ihnen nur ein Beispiel 
einer solchen Namenanalyse mitteilen, weil es sich günstiger- 
weise mit wenig Material erledigen läßt. 

Im Laufe der Behandlung eines jungen Mannes komme ich 



108 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

auf dieses Thema zu sprechen und erwähne den Satz, daß man 
sich trotz der anscheinenden Willkür doch keinen Namen ein. 
fallen lassen kann, der sich nicht als enge bedingt durch die 
nächstliegenden Verhältnisse, die Eigentümlichkeiten der Ver. 
suchsperson und ihre momentane Situation erwiese. Da er zwei, 
feit, schlage ich ihm vor, ohne Aufschub selbst einen solchen Ver- 
such zu machen. Ich weiß, daß er besonders zahlreiche Be- 
ziehungen jeder Art zu Frauen und Mädchen unterhält, und 
meine darum, er werde eine besonders große Auswahl haben, 
wenn er sich gerade einen Frauennamen einfallen lasse. Er ist 
damit einverstanden. Zu meinem, oder vielleicht zu seinem Er- 
staunen, bricht aber jetzt keineswegs eine Lawine von Frauen- 
namen über mich los, sondern er bleibt eine Weile stumm und 
gesteht dann, daß ihm ein einziger Name in den Sinn gekommen 
sei, kein anderer daneben : A 1 b i n e. — Wie merkwürdig, aber 
was knüpft sich für Sie an diesen Namen? Wieviel Albinen 
kennen Sie? Sonderbar, er kannte keine Albine, und es fiel ihm 
zu diesem Namen auch weiter nichts ein. So konnte man an- 
nehmen, die Analyse sei mißlungen; aber nein, sie war nur bereits 
vollendet, es war kein weiterer Einfall erforderlich. Der Mann 
hatte selbst ungewöhnlich helle Farben, in den Gesprächen der 
Kur hatte ich ihn wiederholt scherzhaft einen Albino genannt; 
wir waren eben damit beschäftigt, den weiblichen Anteil an 
seiner Konstitution festzustellen. Er war also selbst diese Albine, 
das derzeit interessanteste Frauenzimmer. 

Ebenso erweisen sich Melodien, die einem unvermittelt ein- 
fallen, als bedingt durch und zugehörig zu einem Gedankenzug, 
der ein Recht hat, einen zu beschäftigen, ohne daß man um diese 
Aktivität weiß. Es ist dann leicht zu zeigen, daß die Beziehung 
zur Melodie an deren Text oder an ihre Herkunft anknüpft; ich 
muß aber so vorsichtig sein, diese Behauptung nicht auf wirklich 
musikalische Menschen auszudehnen, über die ich zufällig keine 
Erfahrung habe. Bei solchen mag der musikalische Gehalt der 






Melodie für ihr Auftauchen maßgebend sein. Häufiger ist gewiß 
der erstere Fall. So weiß ich von einem jungen Manne, der von 
der allerdings reizenden Melodie des Parisliedes aus der 
„Schönen Helena" eine Zeitlang geradezu verfolgt wurde, bis ihn 
die Analyse auf die derzeitige Konkurrenz einer „Ida" mit einer 
„Helene" in seinem Interesse aufmerksam machte. 

Wenn also die ganz frei auftauchenden Einfälle in solcher 
Weise bedingt und in einen bestimmten Zusammenhang ein- 
geordnet sind, so werden wir wohl mit Recht schließen, daß 
Einfälle mit einer einzigen Gebundenheit, der an eine Ausgangs- 
vorstellung, nicht minder bedingt sein können. Die Unter- 
suchung zeigt wirklich, daß sie außer der Gebundenheit, die wir 
ihnen durch die Ausgangsvorstellung mitgegeben haben, eine 
zweite Abhängigkeit von affektmächtigen Gedanken- und Inter- 
essenkreisen, Komplexen, erkennen lassen, deren Mitwir- 
kung im Moment nicht bekannt, also unbewußt ist. 

Einfälle von solcher Gebundenheit sind Gegenstand sehr lehr- 
reicher experimenteller Untersuchungen gewesen, die in der 
Geschichte der Psychoanalyse eine bemerkenswerte Rolle gespielt 
haben. Die W u n d t sehe Schule hatte das sogenannte Assozia- 
tionsexperiment angegeben, bei welchem der Versuchsperson der 
Auftrag erteilt wird, auf ein ihr zugerufenes Reizwort mög- 
lichst rasch mit einer beliebigen Reaktionzu antworten. Man 
kann dann das Intervall studieren, das zwischen Reiz und Reaktion 
verläuft, die Natur der als Reaktion gegebenen Antwort, den et- 
waigen Irrtum bei einer späteren Wiederholung desselben Ver- 
suches und ähnliches. Die Züricher Schule unter der Führung 
von Bleuler und Jung hat die Erklärung der beim Asso- 
ziationsexperiment erfolgenden Reaktionen gegeben, indem sie 
die Versuchsperson aufforderte, die von ihr erhaltenen Reak- 
tionen durch nachträgliche Assoziationen zu erläutern, wenn sie 
etwas Auffälliges an sich trugen. Es stellte sich dann heraus, daß 
diese auffälligen Reaktionen in der schärfsten Weise durch die 



110 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Komplexe der Versuchsperson determiniert waren. Bleuler 
und Jung hatten damit die erste Brücke von der Experimental- 
psychologie zur Psychoanalyse geschlagen. 

In solcher Weise belehrt, werden Sie sagen können: Wir aner- 
kennen jetzt, daß freie Einfälle determiniert sind, nicht will- 
kürlich, wie wir geglaubt haben. Wir geben dies auch für die Ein- 
fälle zu den Elementen des Traumes zu. Aber das ist es ja nicht, 
worauf es uns ankommt. Sie behaupten ja, daß der Einfall zum 
Traumelement durch den uns nicht bekannten psychischen Hin. 
tergrund eben dieses Elements determiniert sein wird. Das scheint 
uns nicht erwiesen. Wir erwarten schon, daß sich der Einfall zum 
Traumelement durch einen der Komplexe des Träumers bestimmt 
zeigen wird, aber was nützt uns das? Das führt uns nicht zum 
Verständnis des Traumes, sondern wie das Assoziationsexpe- 
riment zur Kenntnis dieser sogenannten Komplexe. Was haben 
diese aber mit dem Traum zu tun? 

Sie haben recht, aber Sie übersehen ein Moment. Übrigens 
gerade jenes, wegen dessen ich das Assoziationsexperiment nicht 
zum Ausgangspunkt für diese Darstellung gewählt habe. Bei 
diesem Experiment wird die eine Determinante der Reaktion, 
nämlich das Reizwort, von uns willkürlich gewählt. Die Reaktion 
ist dann eine Vermittlung zwischen diesem Reizwort und dem 
eben geweckten Komplex der Versuchsperson. Beim Traum ist 
das Reizwort ersetzt durch etwas, was selbst aus dem Seelenleben 
des Träumers, aus ihm unbekannten Quellen, stammt, also sehr 
leicht selbst ein „Komplexabkömmling" sein könnte. Es ist 
darum die Erwartung nicht gerade phantastisch, daß auch die an 
die Traumelemente angeknüpften weiteren Einfälle durch keinen 
anderen Komplex als den des Elements selbst bestimmt sein und 
auch zu dessen Aufdeckung führen werden. 

Lassen Sie mich an einem anderen Falle zeigen, daß es tatsäch. 
lieh so ist, wie wir es für unseren Fall erwarten. Das Entfallen 
von Eigennamen ist eigentlich ein ausgezeichnetes Vorbild für 



VI) Voraussetzungen und Technik der Deutung 111 

den Fall der Traumanalyse; nur ist hier in einer Person bei- 
sammen, was bei der Traumdeutung auf zwei Personen verteilt 
ist. Wenn ich einen Namen zeitweilig vergessen habe, so habe 
ich doch die Sicherheit in mir, daß ich den Namen weiß; jene 
Sicherheit, die wir uns für den Träumer erst auf dem Umwege 
über das Bernheim sehe Experiment aneignen konnten. Der 
vergessene und doch gewußte Name ist mir aber nicht zugäng- 
lich. Nachdenken, wenn auch noch so angestrengtes, hilft dabei 
nichts, das sagt mir bald die Erfahrung. Ich kann mir aber jedes- 
mal an Stelle des vergessenen Namens einen oder mehrere Er- 
satznamen einfallen lassen. Wenn mir ein solcher Ersatzname 
spontan eingefallen ist, dann wird erst die Übereinstimmung 
dieser Situation mit der der Traumanalyse evident. Das Traum- 
element ist ja auch nicht das Richtige, nur ein Ersatz für etwas 
anderes, für das Eigentliche, das ich nicht kenne und durch die 
Traumanalyse auffinden soll. Der Unterschied liegt wiederum 
nur darin, daß ich beim Namenvergessen den Ersatz unbedenk- 
lich als das Uneigentliche erkenne, während wir diese Auffassung 
für das Traumelement erst mühselig erwerben mußten. Nun gibt 
es auch beim Namenvergessen einen Weg, vom Ersatz zum un- 
bewußten Eigentlichen, zum vergessenen Namen zu kommen. 
Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf diese Ersatznamen richte 
und weitere Einfälle zu ihnen kommen lasse, so gelange ich nach 
kürzeren oder längeren Umwegen zum vergessenen Namen und 
finde dabei, daß die spontanen Ersatznamen wie die von mir her- 
vorgerufenen mit dem vergessenen in Beziehung standen, 
durch ihn determiniert waren. 

Ich will Ihnen eine Analyse dieser Art vorführen: Eines Tages 
bemerke ich, daß ich über den Namen jenes Ländchens an der 
Riviera, dessen Hauptort Monte Carlo ist, nicht verfüge. Es ist zu 
ärgerlich, aber es ist so. Ich versenke mich in all mein Wissen um 
dieses Land, denke an den Fürsten Albert aus dem Hause Lusig- 
nan, an seine Ehen, seine Vorliebe für Tiefseeforschungen, und 



112 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

was ich sonst zusammentragen kann, aber es hilft mir nichts. Ich 
gebe also das Nachdenken auf und lasse mir an Stelle des ver- 
lorenen Ersatznamen einfallen. Sie kommen rasch. Monte 
Carlo selbst, dann Piemont, Albanien, Monte- 
video, Colico. Albanien fällt mir in dieser Reihe zuerst auf, 
es ersetzt sich alsbald durch Montenegro, wohl nach dem 
Gegensatze von Weiß und Schwarz. Dann sehe ich, daß vier 
dieser Ersatznamen die nämliche Silbe m o n enthalten; ich habe 
plötzlich das vergessene Wort und rufe laut : Monaco. Die 
Ersatznamen sind also wirklich vom vergessenen ausgegangen, 
die vier ersten von der ersten Silbe, der letzte bringt die Silben- 
folge und die ganze Endsilbe wieder. Nebenbei kann ich auch 
leicht finden, was mir den Namen für eine Zeit weggenommen 
hat. Monaco gehört auch zuMünchenals dessen italienischer 
Name; diese Stadt hat den hemmenden Einfluß ausgeübt. 

Das Beispiel ist gewiß schön, aber zu einfach. In anderen 
Fällen müßte man zu den ersten Ersatznamen eine größere Reihe 
von Einfällen nehmen, dann wäre die Analogie mit der Traum- 
analyse deutlicher. Ich habe auch solche Erfahrungen gemacht. 
Als mich einmal ein Fremder einlud, italienischen Wein mit ihm 
zu trinken, ergab es sich im Wirtshause, daß er den Namen jenes 
Weines vergessen hatte, den er, weil er ihm im besten Gedenken 
gebheben war, zu bestellen beabsichtigte. Aus einer Fülle von 
disparaten Ersatzeinfällen, die dem anderen an Stelle des ver- 
gessenen Namens kamen, konnte ich den Schluß ziehen, daß die 
Rücksicht auf irgendeine Hedwig ihm den Namen des Weines 
weggenommen hatte, und wirklich bestätigte er nicht nur, daß er 
diesen Wein zuerst in Gesellschaft einer Hedwig verkostet, son- 
dern fand auch durch diese Aufdeckung seinen Namen wieder. 
Er war zu der Zeit glücklich verheiratet, und jene Hedwig ge- 
hörte früheren, nicht gerne erinnerten Zeiten an. 

Was beim Namenvergessen möglich ist, muß auch in der 
Traumdeutung gelingen können, vom Ersatz aus durch an- 







VII) Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken 113 

knüpfende Assoziationen das verhaltene Eigentliche zugänglich 
zu machen. Von den Assoziationen zum Traumelement dürfen 
wir nach dem Beispiel des Namenvergessens annehmen, daß sit 
sowohl durch das Traumelement als durch das unbewußte 
Eigentliche desselben determiniert sein werden. Somit hätten wir 
einiges zur Rechtfertigung unserer Technik vorgebracht. 



VII. VORLESUNG 

MANIFESTER TRAUMINHALT UND 
LATENTE TRAUMGEDANKEN 

Meine Damen und Herren! Sie sehen, wir haben die Fehl, 
leistungen nicht ohne Nutzen studiert. Dank diesen Bemühungen 
haben wir — unter den Ihnen bekannten Voraussetzungen — 
zweierlei erworben, eine Auffassung des Traumelements und eine 
Technik der Traumdeutung. Die Auffassung des Traumelements 
geht dahin, es sei ein Uneigentliches, ein Ersatz für etwas anderes, 
dem Träumer Unbekanntes, ähnlich wie die Tendenz der Fehl- 
leistung, ein Ersatz für etwas, wovon das Wissen im Träumer 
vorhanden, aber ihm unzugänglich ist. Wir hoffen, dieselbe Auf- 
fassung auf den ganzen Traum, der aus solchen Elementen be- 
steht, übertragen zu können. Unsere Technik besteht darin, durch 
freie Assoziation zu diesen Elementen andere Ersatzbildungen 
auftauchen zu lassen, aus denen wir das Verborgene erraten 
können. 

Ich schlage Ihnen jetzt vor, eine Abänderung unserer Nomen- 
klatur eintreten zu lassen, die unsere Beweglichkeit erleichtern 
soll. Anstatt verborgen, unzugänglich, uneigentlich sagen wir, in- 
dem wir die richtige Beschreibung geben, dem Bewußtsein des 
Träumers unzugänglich oder unbewußt. Wir meinen damit 
8 



114 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nichts anderes, als was Ihnen die Beziehung auf das entfallene 
Wort oder auf die störende Tendenz der Fehlleistung vorhalten 
kann, nämlich derzeit unbewußt. Natürlich dürfen wir 
im Gegensatz hierzu die Traumelemente selbst und die durch 
Assoziation neu gewonnenen Ersatzvorstellungen bewußte 
heißen. Irgendeine theoretische Konstruktion ist mit dieser Na. 
mengebung noch nicht verbunden. Der Gebrauch des Wortes 
„unbewußt" als einer zutreffenden und leicht verständlichen Be- 
schreibung ist tadellos. 

Übertragen wir unsere Auffassung vom einzelnen Element auf 
den ganzen Traum, so ergibt sich also, daß der Traum als Gan- 
zes der entstellte Ersatz für etwas anderes, Unbewußtes, ist, und 
als die Aufgabe der Traumdeutung, dieses Unbewußte zu rinden. 
Daraus leiten sich aber sofort drei wichtige Regeln ab, die wir 
während der Arbeit an der Traumdeutung befolgen sollen : 

1) Man kümmere sich nicht um das, was der Traum zu be- 
sagen scheint, sei er verständig oder absurd, klar oder ver- 
worren, da es doch auf keinen Fall das von uns gesuchte Un- 
bewußte ist (eine naheliegende Einschränkung dieser Regel 
wird sich uns aufdrängen); 2) man beschränke die Arbeit 
darauf, zu jedem Element die Ersatzvorstellungen zu erwecken, 
denke nicht über sie nach, prüfe sie nicht, ob sie etwas Pas- 
sendes enthalten, kümmere sich nicht darum, wie weit sie vom 
Traumelement abführen; 3) man warte ab, bis sich das ver- 
borgene, gesuchte Unbewußte von selbst einstellt, genau so wie 
das entfallene Wort Monaco bei dem beschriebenen Versuch. 

Wir verstehen jetzt auch, inwiefern es gleichgültig ist, wie viel, 
wie wenig, vor allem aber wie getreu oder wie unsicher man 
den Traum erinnert. Der erinnerte Traum ist ja doch nicht das 
Eigentliche, sondern ein entstellter Ersatz dafür, der uns dazu 
verhelfen soll, durch Erweckung von anderen Ersatzbildungen 
dem Eigentlichen näherzukommen, das Unbewußte des Traumes 
bewußt zu machen. War also unsere Erinnerung ungetreu, 







Vll) Manifester Trauminhdt und latente Traumgedanken 115 



so hat sie einfach an diesem Ersatz eine weitere Entstellung 
vorgenommen, die übrigens auch nicht unmotiviert sein kann. 

Man kann die Deutungsarbeit an eigenen Träumen wie an 
denen anderer vollziehen. An eigenen lernt man sogar mehr, 
der Vorgang fällt beweisender aus. Versucht man dies also, 
so bemerkt man, daß etwas sich der Arbeit widersetzt. Man be- 
kommt zwar Einfälle, läßt sie aber nicht alle gewähren. Es ma- 
chen sich prüfende und auswählende Einflüsse geltend. Bei dem 
einen Einfall sagt man sich: Nein, das paßt nicht dazu, gehört 
nicht hierher, bei einem anderen: das ist zu unsinnig, bei einem 
dritten: das ist ganz nebensächlich, und man kann ferner 
beobachten, wie man mit solchen Einwendungen die Einfälle, 
noch ehe sie ganz klar geworden sind, erstickt und endlich 
auch vertreibt. Also einerseits hängt man sich zu sehr an die 
Ausgangsvorstellung, ans Traumelement selbst, anderseits stört 
man durch eine Auswahl das Ergebnis der freien Assoziation. 
Ist man bei der Traumdeutung nicht allein, läßt man seinen 
Traum von einem anderen deuten, so wird man sehr deutlich 
noch ein anderes Motiv bemerken, welches man für diese uner- 
laubte Auswahl verwendet. Man sagt sich dann gelegentlich: 
Nein, dieser Einfall ist zu unangenehm, den will oder kann 
ich nicht mitteilen. 

Diese Einwendungen drohen offenbar den Erfolg unserer 
Arbeit zu stören. Man muß sich gegen sie schützen, und man 
tut dies bei der eigenen Person durch den festen Vorsatz, ihnen 
nicht nachzugeben; wenn man den Traum eines anderen deutet, 
indem man ihm als unverbrüchliche Regel angibt, er dürfe kei- 
nen Einfall von der Mitteilung ausschließen, auch wenn sich 
eine der vier Einwendungen gegen ihn erhebe: er sei zu un- 
wichtig, zu unsinnig, gehöre nicht hierher, oder er sei zu pein- 
lich für die Mitteilung. Er verspricht diese Regel zu befolgen, und 
man darf sich dann darüber ärgern, wie schlecht er vorkom- 
mendenfalls dies Versprechen hält. Man wird sich dafür zu- 



116 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

erst die Erklärung geben, daß ihm trotz der autoritativen Ver- 
sicherung die Berechtigung der freien Assoziation nicht ein- 
geleuchtet hat, und wird vielleicht daran denken, ihn zuerst 
theoretisch zu gewinnen, indem man ihm Schriften zu lesen 
gibt oder ihn in Vorlesungen schickt, durch welche er zum 
Anhänger unserer Anschauungen über die freie Assoziation 
umgewandelt werden kann. Aber von solchen Mißgriffen wird 
man durch die Beobachtung abgehalten, daß bei der eigenen 
Person, deren Überzeugung man doch sicher sein darf, die näm- 
lichen kritischen Einwendungen gegen gewisse Einfälle auftau- 
chen, die erst nachträglich, gewissermaßen in zweiter Instanz, 
beseitigt werden. 

Anstatt sich über den Ungehorsam des Träumers zu argem, 
kann man diese Erfahrungen verwerten, um etwas Neues aus 
ihnen zu lernen, etwas, was um so wichtiger ist, je weniger man 
darauf vorbereitet war. Man versteht, die Arbeit der Traum- 
deutung vollzieht sich gegen einen Widerstand, der 
ihr entgegengesetzt wird, und dessen Äußerungen jene kriti- 
schen Einwendungen sind. Dieser Widerstand ist unabhängig 
von der theoretischen Überzeugung des Träumers. Ja, man 
lernt noch mehr. Man macht die Erfahrung, daß eine solche 
kritische Einwendung niemals recht behält. Im Gegenteile, die 
Einfälle, die man so unterdrücken möchte, erweisen sich aus. 
n a h m s 1 o s als die wichtigsten, für das Auffinden des Unbe- 
wußten entscheidenden. Es ist geradezu eine Auszeichnung, 
wenn ein Einfall von einer solchen Einwendung begleitet wird. 

Dieser Widerstand ist etwas völlig Neues, ein Phänomen, 
welches wir auf Grund unserer Voraussetzungen gefunden ha- 
ben, ohne daß es in diesen enthalten gewesen wäre. Wir sind 
von diesem neuen Faktor in unserer Rechnung nicht gerade 
angenehm überrascht. Wir ahnen schon, er wird unsere Arbeit 
nicht erleichtern. Er könnte uns dazu verführen, die ganze 
Bemühung um den Traum stehenzulassen. Etwas so Unwich- 




Vll) Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken 117 

tiges wie der Traum und dazu solche Schwierigkeiten anstatt 
einer glatten Technik! Aber anderseits könnten uns gerade 
diese Schwierigkeiten reizen und vermuten lassen, daß die Ar- 
beit der Mühe wert sein wird. Wir stoßen regelmäßig auf 
Widerstände, wenn wir vom Ersatz, den das Traumelement 
bedeutet, zu seinem versteckten Unbewußten vordringen wol- 
len. Also dürfen wir denken, es muß hincer dem Ersatz etwas 
Bedeutsames versteckt sein. Wozu sonst die Schwierigkeiten, die 
das Verbergen aufrecht erhalten wollen? Wenn ein Kind die 
geballte Hand nicht aufmachen will, um zu zeigen, was es in 
ihr hat, dann ist es gewiß etwas Unrechtes, was es nicht ha- 
ben soll. 

Im Augenblick, da wir die dynamische Vorstellung eines 
Widerstandes in unseren Sachverhalt einführen, müssen wir 
auch daran denken, daß dieses Moment etwas quantitativ Va- 
riables ist. Es kann größere und kleinere Widerstände geben, 
und wir sind darauf vorbereitet, daß sich diese Unterschiede 
auch während unserer Arbeit zeigen werden. Vielleicht brin- 
gen wir damit eine andere Erfahrung zusammen, die wir auch 
bei der Arbeit der Traumdeutung machen. Es bedarf nämlich 
manchmal nur eines einzigen oder einiger weniger Einfälle, 
um uns vom Traumelement zu seinem Unbewußten zu bringen, 
während andere Male lange Ketten von Assoziationen und die 
Überwindung vieler kritischer Einwendungen dazu erfordert 
wird. Wir werden uns sagen, diese Verschiedenheiten hängen 
mit den wechselnden Größen des Widerstandes zusammen, 
und werden wahrscheinlich recht behalten. Wenn der Wider- 
stand gering ist, so ist auch der Ersatz vom Unbewußten nicht 
weit entfernt; ein großer Widerstand bringt aber große Ent- 
stellungen des Unbewußten und damit einen langen Rückzug 
vom Ersatz zum Unbewußten mit sich. 

Jetzt wäre es vielleicht an der Zeit, einen Traum herzu- 
nehmen und unsere Technik an ihm zu versuchen, ob sich un- 



118 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



sere an sie geknüpften Erwartungen bestätigen. Ja, aber wel- 
chen Traum sollen wir dazu wählen? Sie glauben nicht, wie 
schwer mir diese Entscheidung fällt, und ich kann Ihnen auch 
noch nicht begreiflich machen, worin die Schwierigkeiten He- 
gen. Es muß offenbar Träume geben, die im ganzen wenig 
Entstellung erfahren haben, und es wäre das beste, mit sol- 
chen anzufangen. Aber welche Träume sind die am wenigsten 
entstellten? Die verständigen und nicht verworrenen, von denen 
ich Ihnen bereits zwei Beispiele vorgelegt habe? Da würden 
wir sehr irregehen. Die Untersuchung zeigt, daß diese Träume 
einen außerordentlich hohen Grad von Entstellung erfahren 
haben. Wenn ich aber unter Verzicht auf eine besondere Be- 
dingung einen beliebigen Traum herausgreife, so werden Sie 
wahrscheinlich sehr enttäuscht werden. Es kann sein, daß wir 
eine solche Fülle von Einfällen zu den einzelnen Trattmele- 
menten zu merken oder zu verzeichnen haben, daß die Arbeit 
vollkommen unübersichtlich wird. Schreiben wir uns den Traum 
nieder und halten die Niederschrift aller dazu sich ergebenden 
Einfälle dagegen, so können diese leicht ein Vielfaches des 
Traumtextes ausmachen. Am zweckmäßigsten schiene es also, 
mehrere kurze Träume zur Analyse auszusuchen, von denen 
jeder uns wenigstens etwas sagen oder bestätigen kann. Dazu 
werden wir uns auch entschließen, wenn die Erfahrung uns 
nicht etwa anzeigen sollte, wo wir die wenig entstellten 
Träume wirklich finden können. 

Ich weiß aber noch eine andere Erleichterung, die überdies 
auf unserem Wege liegt. Anstatt die Deutung ganzer Träume 
in Angriff zu nehmen, wollen wir uns auf einzelne Traumele- 
mente beschränken und an einer Reihe von Beispielen verfol- 
gen, wie diese durch die Anwendung unserer Technik Aufklä- 
rung finden. 

a) Eine Dame erzählt, sie habe als Kind sehr oft geträumt 
der liebe Gott habe einen spitzen Papierhut au] dem Kopf. Wie 



VII) Manifester Trauminbalt und latente Traumgedanken 119 



wollen Sie das ohne die Hilfe der Träumerin verstehen? Es klingt 
ja ganz unsinnig. Es ist nicht mehr unsinnig, wenn uns die 
Dame berichtet, daß man ihr als Kind bei Tische einen solchen 
Hut aufzusetzen pflegte, weil sie es nicht unterlassen konnte, auf 
die Teller der Geschwister zu schielen, ob eines von ihnen mehr 
bekommen habe als sie. Der Hut sollte also wie ein Scheuleder 
wirken. Übrigens eine historische Auskunft und ohne jede 
Schwierigkeit gegeben. Die Deutung dieses Elements und da- 
mit des ganzen kurzen Traumes ergibt sich leicht mit Hilfe eines 
weiteren Einfalles der Träumerin. „Da ich gehört hatte, der liebe 
Gott sei allwissend und sehe alles," sagte sie, „so kann der Traum 
nur bedeuten, daß ich alles weiß und alles sehe wie der liebe 
Gott, auch wenn man mich daran hindern will." Dieses Beispiel 
ist vielleicht zu einfach. 

b) Eine skeptische Patientin hat einen längeren Traum, in 
dem es vorkommt, daß ihr gewisse Personen von meinem Buch 
über den „Witz" erzählen und es sehr loben. Dann wird etwas 
erwähnt von einem „Kanal", vielleicht ein anderes Buch, in dem 
Kanal vorkommt, oder sonst etwas mit Kanal .... sie weiß es 
nicht . ... es ist ganz unklar. 

Nun werden Sie gewiß zu glauben geneigt sein, daß das 
Element „Kanal" sich der Deutung entziehen wird, weil es selbst 
so unbestimmt ist. Sie haben mit der vermuteten Schwierigkeit 
recht, aber es ist nicht darum schwer, weil es undeutlich ist, 
sondern es ist undeutlich aus einem anderen Grund, demselben, 
der auch die Deutung schwer macht. Der Träumerin fällt zu 
Kanal nichts ein; ich weiß natürlich auch nichts zu sagen. Eine 
Weile später, in Wahrheit am nächsten Tage, erzählt sie, es sei 
ihr eingefallen, was vielleicht dazugehört. Auch ein Witz 
nämlich, den sie erzählen gehört hat. Auf einem Schiff zwi- 
schen Dover und Calais unterhält sich ein bekannter Schrift- 
steller mit einem Engländer, welcher in einem gewissen Zn- 
sammenhange den Satz zitiert: Du sublime au ndicule il tfy a 



120 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



qu'un pas. Der Schriftsteller antwortet: Oui, le pas de Calais, 
— womit er sagen will, daß er Frankreich großartig und Eng- 
land lächerlich findet. Der P a s de Calais ist aber doch ein Kanal, 
der Ärmelkanal nämlich, CanaTTa manche. Ob ich meine, daß 
dieser Einfall etwas mit dem Traum zu tun hat? Gewiß, meine 
ich, er gibt wirklich die Lösung des rätselhaften Traumelements. 
Oder wollen Sie bezweifeln, daß dieser Witz bereits vor dem 
Traum als das Unbewußte des Elements „Kanal" vorhanden 
war, können Sie annehmen, daß er nachträglich hinzugefunden 
wurde? Der Einfall bezeugt nämlich die Skepsis, die sich bei ihr 
hinter aufdringlicher Bewunderung verbirgt, und der Wider- 
stand ist wohl der gemeinsame Grund für beides, sowohl, daß 
ihr der Einfall so zögernd gekommen, als auch dafür, daß das 
entsprechende Traumelement so unbestimmt ausgefallen ist. 
Blicken Sie hier auf das Verhältnis des Traumelements zu sei- 
nem Unbewußten. Es ist wie ein Stückchen dieses Unbewußten, 
wie eine Anspielung darauf; durch seine Isolierung ist es ganz 
unverständlich geworden. 

c) Ein Patient träumt in längerem Zusammenhange: Um 
einen Tisch von besonderer form sitzen mehrere Mitglieder 
seiner Familie usw. Zu diesem Tisch fällt ihm ein, daß er ein 
solches Möbelstück bei einem Besuch bei einer bestimmten Fa- 
milie gesehen hat. Dann setzen sich seine Gedanken fort: In 
dieser Familie hat es ein besonderes Verhältnis zwischen Vater 
und Sohn gegeben, und bald setzt er hinzu, daß es eigentlich 
zwischen ihm und seinem Vater ebenso steht. Der Tisch ist also 
in den Traum aufgenommen, um diese Parallele zu bezeichnen. 

Dieser Träumer war mit den Anforderungen der Traum- 
deutung längst vertraut. Ein anderer hätte vielleicht Anstoß 
daran genommen, daß ein so geringfügiges Detail wie die Form 
eines Tisches zum Objekt der Nachforschung genommen wird. 
Wir erklären wirklich nichts im Traum für zufällig oder gleich- 
gültig und erwarten uns Aufschluß gerade von der Aufklärung 



VII) Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken 121 

so geringfügiger unmotivierter Details. Sie werden sich vielleicht 
noch darüber verwundern, daß die Traumarbeit den Gedan- 
ken „bei uns geht es ebenso zu wie bei denen" gerade durch die 
Auswahl des Tisches zum Ausdruck bringt. Aber auch das er- 
klärt sich, wenn Sie hören, daß die betreffende Familie den 
Namen : Tischler trägt. Indem der Träumer seine Angehö- 
rigen an diesem Tisch Platz nehmen läßt, sagt er, sie seien 
auch Tischler. Bemerken Sie übrigens, wie man notgedrungen 
bei der Mitteilung solcher Traumdeutungen indiskret werden 
muß. Sie haben damit eine der Ihnen angedeuteten Schwierig- 
keiten in der Auswahl von Beispielen erraten. Ich hätte dieses 
Beispiel leicht durch ein anderes ersetzen können, aber wahr- 
scheinlich hätte ich diese Indiskretion nur um den Preis ver- 
mieden, daß ich an ihrer Statt eine andere begehe. 

Es scheint mir an der Zeit, zwei Termini einzuführen, die 
wir längst hätten verwenden können. Wir wollen das, was der 
Traum erzählt, den manifesten Trauminhalt nen- 
nen, das Verborgene, zu dem wir durch die Verfolgung der 
Einfälle kommen sollen, die latenten Traumgedan- 
ken. Wir achten dann auf die Beziehungen zwischen mani- 
festem Trauminhalt und latenten Traumgedanken, wie sie sich 
in diesen Beispielen zeigen. Es können sehr verschiedene solche 
Beziehungen bestehen. In den Beispielen a) und b) ist das 
manifeste Element auch ein Bestandteil der latenten Gedanken, 
aber nur ein kleines Stück davon. Von einem großen zusammen- 
gesetzten psychischen Gebilde in den unbewußten Traumge- 
danken ist ein Stückchen auch in den manifesten Traum ge- 
langt, wie ein Fragment davon oder in anderen Fällen wie eine 
Anspielung darauf, wie ein Stichwort, eine Verkürzung im 
Telegraphenstil. Die Deutungsarbeit hat diesen Brocken oder 
diese Andeutung zum Ganzen zu vervollständigen, wie es be- 
sonders schön im Beispiel b) gelungen ist. Die eine Art der 
Entstellung, in welcher die Traumarbeit besteht, ist also der 



L 



122 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Ersatz durch ein Bruchstück oder eine Anspielung. In c) ist 
überdies ein anderes Verhältnis zu erkennen, welches wir in den 
nachfolgenden Beispielen reiner und deutlicher ausgedrückt 
sehen. 

d) Der Träumer zieht eine (bestimmte, ihm bekannte) 
Dame hinter dem Bett hervor. Er findet selbst durch den ersten 
Einfall den Sinn dieses Traumelementes. Es heißt: er gibt der 
Dame den Vorzug. 

e) Ein anderer träumt, sein Bruder stecke in einem Kasten. 
Der erste Einfall ersetzt Kasten durch Schrank, und der 
zweite gibt darauf die Deutung: der Bruder schränktsich 
ein. 

f ) Der Träumer steigt au] einen Berg, von dem er eine außer, 
ordentliche, weite Aussicht hat. Das klingt ja ganz rationell, 
es ist vielleicht nichts zu deuten daran, sondern nur zu erkunden, 
an welche Reminiszenz der Traum rührt, und aus welchem Motiv 
sie hier geweckt wurde. Allein Sie irren; es zeigt sich, daß die- 
ser Traum gerade so deutungsbedürftig war wie irgendein an- 
derer, verworrener. Dem Träumer fällt dazu nämlich nichts von 
eigenen Bergbesteigungen ein, sondern er gedenkt des Umstan. 
des, daß ein Bekannter von ihm eine „Rundschau" heraus- 
gibt, die sich mit unseren Beziehungen zu den fernsten Erdteilen 
beschäftigt. Der latente Traumgedanke ist also hier eine Iden- 
tifizierung des Träumers mit dem „Rundschauer". 

Sie finden hier einen neuen Typus der Beziehung zwischen 
manifestem und latentem Traumelement. Das erstere ist nicht 
so sehr eine Entstellung des letzteren als eine Darstellung des- 
selben, eine plastische, konkrete Verbildlichung, die ihren 
Ausgang vom Wortlaut nimmt. Allerdings gerade dadurch 
wieder eine Entstellung, denn wir haben beim Won längst 
vergessen, aus welchem konkreten Bild es hervorgegangen 
ist, und erkennen es darum in seiner Ersetzung durch das 
Bild nicht wieder. Wenn Sie daran denken, daß der manifeste 



VII) Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken 123 

Traum vorwiegend aus visuellen Bildern, seltener aus Gedan- 
ken und Worten besteht, können Sie erraten, daß dieser Art 
der Beziehung eine besondere Bedeutung für die Traumbildung 
zukommt. Sie sehen auch, daß es auf diesem Wege möglich 
wird, für eine große Reihe abstrakter Gedanken Ersatzbilder 
im manifesten Traum zu schaffen, die doch der Absicht des 
Verbergens dienen. Es ist dies die Technik unseres Bilderrät- 
sels. Woher der Anschein des Witzigen kommt, den solche 
Darstellungen an sich tragen, das ist eine besondere Frage, 
die wir hier nicht zu berühren brauchen. 

Eine vierte Art der Beziehung zwischen manifestem und 
latentem Element muß ich Ihnen noch verschweigen, bis ihr 
Stichwort in der Technik gefallen ist. Ich werde Ihnen auch 
dann keine vollständige Aufzählung gegeben haben, aber es 
reicht so für unsere Zwecke aus. 

Haben Sie nun den Mut, die Deutung eines ganzen Traumes 
zu wagen? Machen wir den Versuch, ob wir für diese Auf- 
gabe gut genug ausgerüstet sind. Ich werde natürlich keinen 
der dunkelsten wählen, aber doch einen, der die Eigenschaften 
eines Traumes in guter Ausprägung zeigt. 

Also eine junge, aber schon seit vielen Jahren verheiratete 
Dame träumt: Sie sitzt mit ihrem Manne im Theater, eine Seite 
des Parketts ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt; ihr, Elise L. 
und ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur 
schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die konnten 
sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch kein Unglück ge- 
wesen. 

Das erste, was uns die Träumerin berichtet, ist, daß der An- 
laß zum Traum im manifesten Inhalt desselben berührt wird. 
Ihr Mann hatte ihr wirklich erzählt, daß Elise L., eine unge- 
fähr gleichaltrige Bekannte, sich jetzt verlobt hat. Der Traum 
ist die Reaktion auf diese Mitteilung. Wir wissen bereits, daß 
es für viele Träume leicht wird, einen solchen Anlaß vom 



124 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Vortag für sie nachzuweisen, und daß diese Herleitungen vom 
Träumer oft ohne Schwierigkeiten angegeben werden. Aus- 
künfte derselben Art stellt uns die Träumerin auch für andere 
Elemente des manifesten Traumes zur Verfügung. Woher das 
Detail, daß eine Seite des Parketts unbesetzt ist? Es ist eine 
Anspielung auf eine reale Begebenheit der vorigen Woche. 
Sie hatte sich vorgenommen, in eine gewisse Theatervorstel- 
lung zu gehen, und darum frühzeitig Karten genommen, 
so früh, daß sie Vorverkaufsgebühr zahlen mußte. Als sie ins 
Theater kamen, zeigte es sich, wie überflüssig ihre Sorge ge- 
wesen war, denn eine Seite des Parketts war fast 
leer. Es wäre Zeit gewesen, wenn sie die Karten am Tage 
der Vorstellung selbst gekauft hätte. Ihr Mann unterließ es 
auch nicht, sie wegen dieser Voreiligkeit zu necken. — 
Woher die 1 fl. 50 kr.? Aus einem ganz anderen Zusammenhange, 
der mit dem vorigen nichts zu tun hat, aber gleichfalls auf eine 
Nachricht vom letzten Tage anspielt. Ihre Schwägerin hatte von 
ihrem Mann die Summe von 150 fl. zum Geschenk bekommen 
und hatte nichts Eiligeres zu tun, die dumme Gans, als zum 
Juwelier zu laufen und das Geld gegen ein Schmuckstück einzu- 
tauschen. — Woher die 3? Dazu weiß sie nichts, wenn man 
nicht etwa den Einfall gelten lassen will, daß die Braut, Elise L., 
nur um drei Monate jünger ist als sie, die seit fast zehn Jahren 
verheiratete Frau. Und der Unsinn, daß man drei Karten nimmt, 
wenn man nur zu zweien ist? Dazu sagt sie nichts, verweigert 
überhaupt alle weiteren Einfälle und Auskünfte. 

Sie hat uns aber doch soviel Material in ihren wenigen Einfäl- 
len zugetragen, daß daraus das Erraten der latenten Traumge- 
danken möglich wird. Es muß uns auffallen, daß in ihren Mit- 
teilungen zum Traum an mehreren Stellen Zeitbestimmungen 
hervortreten, die eine Gemeinsamkeit zwischen verschiedenen 
Partien des Materials begründen. Sie hat die Eintrittskarten ins 
Theater zu früh besorgt, voreilig genommen, so daß sie 




VII) Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken 125 



sie überzahlen mußte; die Schwägerin hat sich in ähnlicher Weise 
beeilt, ihr Geld zum Juwelier zu tragen, um sich einen 
Schmuck dafür zu kaufen, als ob siees versäumen würde. 
Nehmen wir zu dem so betonten „zu früh", „voreilig" die Ver- 
anlassung des Traumes hinzu, die Nachricht, daß die nur um 
3 Monate jüngere Freundin jetzt doch einen tüchtigen Mann 
bekommen hat, und die in dem Schimpf auf die Schwägerin aus- 
gedrückte Kritik: es sei unsinnig, sich so zu übereilen, so 
tritt uns wie spontan folgende Konstruktion der latenten Traum- 
gedanken entgegen, für welche der manifeste Traum ein arg 
entstellter Ersatz ist: 

„Es war doch ein U n s i n n von mir, mich mit der Heirat so 
zu beeilen! An dem Beispiel der Elise sehe ich, daß ich auch noch 
später einen Mann bekommen hätte." (Die Übereilung darge- 
stellt durch ihr Benehmen beim Kartenkauf und das der Schwäge- 
rin beim Schmuckeinkauf. Für das Heiraten tritt als Ersatz das 
Instheatergehen ein.) Das wäre der Hauptgedanke; vielleicht 
können wir fortsetzen, obwohl mit geringerer Sicherheit, weil die 
Analyse, an diesen Stellen auf Äußerungen der Träumerin nicht 
hätte verzichten sollen: „Und einen lOOmal besseren hätte ich für 
das Geld bekommen!" (150 fl. ist lOOmal mehr als 1 fl. 50.) 
Wenn wir für das Geld die Mitgift einsetzen dürften, so hieße es, 
daß man sich den Mann durch die Mitgift erkauft; sowohl der 
Schmuck wie auch die schlechten Karten stünden an Stelle des 
Mannes. Noch erwünschter wäre es, wenn gerade das Element 
„3 Karten" etwas mit einem Mann zu tun hätte. Aber soweit 
reicht unser Verständnis noch nicht. Wir haben nur erraten, der 
Traum drückt die Geringschätzung ihres eigenen Man- 
nes und das Bedauern, so früh geheiratet zu haben, 
aus. 

Mein Urteil ist, daß wir von dem Ergebnis dieser ersten 
Traumdeutung mehr überrascht und verwirrt als befriedigt sein 
werden. Zuviel auf einmal dringt da auf uns ein, mehr, als wir 



126 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

jetzt schon bewältigen können. Wir merken schon, daß wir die 
Lehren dieser Traumdeutung nicht erschöpfen werden. Beeilen 
wir uns herauszugreifen, was wir als gesicherte neue Einsicht er- 
kennen. 

Erstens: Es ist merkwürdig, in den latenten Gedanken fällt 
der Hauptakzent auf das Element der Voreiligkeit; im manifesten 
Traum ist gerade davon nichts zu finden. Ohne die Analyse hät- 
ten wir keine Ahnung haben können, daß dieses Moment irgend- 
eine Rolle spielt. Es scheint also möglich, daß gerade die Haupt- 
sache, das Zentrale der unbewußten Gedanken, im manifesten 
Traum ausbleibt. Dadurch muß der Eindruck des ganzen Trau- 
mes gründlich verwandelt werden. Zweitens: Im Traum findet 
sich eine unsinnige Zusammenstellung, 3 für 1 fl. 50; in den 
Traumgedanken erraten wir den Satz: Es war ein Unsinn (so früh 
zu heiraten) . Kann man es abweisen, daß dieser Gedanke „es war 
ein Unsinn" gerade durch die Aufnahme eines absurden Elements 
in den manifesten Traum dargestellt wird? Drittens: Ein ver- 
gleichender Blick lehn, daß die Beziehung zwischen manifesten 
und latenten Elementen keine einfache ist, keinesfalls von der Art, 
daß immer ein manifestes Element ein latentes ersetzt. Es muß 
vielmehr eine Massenbeziehung zwischen beiden Lagern sein, 
innerhalb deren ein. manifestes Element mehrere latente vertreten 
oder ein latentes durch mehrere manifeste ersetzt sein kann. 

Was den Sinn des Traumes und das Verhalten der Träumerin 
zu ihm betrifft, wäre gleichfalls viel Überraschendes zu sagen. Sie 
anerkennt wohl die Deutung, aber sie wundert sich über sie. Sie 
hat nicht gewußt, daß sie ihren Mann so geringschätzt; sie weiß 
auch nicht, warum sie ihn so geringschätzen sollte. Daran ist also 
noch vieles unverständlich. Ich glaube wirklich, wir sind noch 
nicht für eine Traumdeutung ausgerüstet und müssen uns erst 
weitere Unterweisung und Vorbereitung holen. 



VIII) Kinderträume 127 



Vm. VORLESUNG 

KINDERTRÄUME 

Meine Damen und Herren! Wir stehen unter dem Eindrucke, 
daß wir zu rasch vorgegangen sind. Greifen wir um ein Stück zu- 
rück. Ehe wir den letzten Versuch unternahmen, die Schwierig, 
keit der Traumentstellung durch unsere Technik zu bewältigen, 
hatten wir uns gesagt, es wäre das Beste, sie zu umgehen, indem 
wir uns an Träume halten, bei denen die Entstellung weggefal- 
len oder sehr geringfügig ausgefallen ist, wenn es solche gibt. 
Wir weichen dabei wiederum von der Entwicklungsgeschichte 
unserer Erkenntnis ab, denn in Wirklichkeit ist man erst nach 
konsequenter Anwendung der Deutungstechnik und nach voll- 
zogener Analyse der entstellten Träume auf die Existenz solcher 
von Entstellung freier aufmerksam geworden. 

Die Träume, die wir suchen, finden sich bei Kindern. Sie sind 
kurz, klar, kohärent, leicht zu verstehen, unzweideutig und doch 
unzweifelhafte Träume. Glauben Sie aber nicht, daß alle Träume 
von Kindern dieser Art sind. Auch die Traumentstellung setzt 
sehr früh im Kindesalter ein, und es sind Träume von fünf- bis 
achtjährigen Kindern verzeichnet worden, die bereits alle Cha- 
raktere der späteren an sich tragen. Wenn Sie sich aber auf das 
Alter vom Beginn der kenntlichen seelischen Tätigkeit bis zum 
vierten oder fünften Jahr beschränken, werden Sie eine Reihe von 
Träumen aufbringen, die den infantil zu nennenden Charakter 
haben, und dann in späteren Kinder jähren einzelne derselben 
Art finden können. Ja auch bei erwachsenen Personen fallen un- 
ter gewissen Bedingungen Träume vor, die ganz den typisch in- 
fantilen gleichen. 

An diesen Kinderträumen können wir nun mit großer Leich- 
tigkeit und Sicherheit Aufschlüsse über das Wesen des Traumes 
gewinnen, von denen wir hoffen wollen, daß sie sich als entschei- 
dend und allgemein gültig erweisen werden. 



128 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

1. Man bedarf zum Verständnis dieser Träume keiner Ana- 
lyse, keiner Anwendung einer Technik. Man braucht das Kind, 
welches seinen Traum erzählt, nicht zu befragen. Aber man muß 
ein Stück Erzählung aus dem Leben des Kindes dazu geben. Es 
gibt jedesmal ein Erlebnis vom Tage vorher, welches uns den 
Traum erklärt. Der Traum ist die Reaktion des Seelenlebens im 
Schlafe auf dieses Erlebnis des Tages. 

Wir wollen uns einige Beispiele anhören, um unsere weiteren 
Schlüsse an sie anzulehnen. 

a) Ein Knabe von 22 Monaten soll als Gratulant einen Korb 
mit Kirschen verschenken. Er tut es offenbar sehr ungern, ob- 
wohl man ihm verspricht, daß er einige davon selbst bekommen 
wird. Am nächsten Morgen erzählt er als seinen Traum: 
He(r)mann alle Kirschen aufgessen. 

b) Ein Mädchen von 3 V 4 Jahren wird, zum erstenmal über den 
See gefahren. Beim Aussteigen will sie das Boot nicht verlassen 
und weint bitterlich. Die Zeit der Seefahrt scheint ihr zu rasch 
vergangen zu sein. Am nächsten Morgen: Heute nachts bin ich 
auj dem See gefahren. Wir dürfen wohl ergänzen, daß diese 
Fahrt länger angedauert hat. 

c) Ein 5 x /4jähriger Knabe wird auf einen Ausflug ins Eschern- 
tal bei Hallstatt mitgenommen. Er hatte gehört, Hallstatt liege 
am Fuße des Dachsteins. Für diesen Berg hatte er viel Interesse 
bezeugt. Von der Wohnung in Aussee war der Dachstein schön 
zu sehen und mit dem Fernrohr konnte man die Simonyhütte auf 
demselben ausnehmen. Das Kind hatte sich wiederholt bemüht, 
sie durchs Fernrohr zu erblicken; es war unbekannt geblieben, 
mit welchem Erfolge. Der Ausflug begann in erwartungsvoll hei. 
terer Stimmung. Sooft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte der 
Knabe: Ist das der Dachstein? Er wurde immer mehr verstimmt, 
je öfter man ihm diese Frage verneint hatte, verstummte später 
ganz und wollte einen kleinen Steig zum Wasserfall nicht mit- 
machen. Man hielt ihn für übermüdet, aber am nächsten Mor- 



.. 



VIII) Kinderträume 129 



gen erzählte er ganz selig: Heute nacht habe ich geträumt, daß 
wir auf der Simonyhätte gewesen sind. In dieser Erwartung 
hatte er sich also an dem Ausflug beteiligt. Von Einzelheiten 
gab er nur an, was er vorher gehört hatte: Man geht sechs Stun- 
den lang auf Stufen hinauf. 

Diese drei Träume werden für alle gewünschten Auskünfte 
hinreichen. 

2. Wir sehen, diese Kinderträume sind nicht sinnlos; es sind 
verständliche, vollgültige, seelische Akte. 
Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen als das medizinische Ur- 
teil über den Traum vorgestellt habe, an das Gleichnis von den 
musikunkundigen Fingern, die über die Tasten des Klaviers hin- 
fahren. Es wird Ihnen nicht entgehen, wie schatf sich die Kinder- 
träume dieser Auffassung widersetzen. Es wäre aber auch zu 
sonderbar, wenn gerade das Kind im Schlafe volle seelische Lei- 
stungen zustande brächte, wo sich der Erwachsene im gleichen 
Falle mit zuckungsartigen Reaktionen begnügt. Wir haben auch 
allen Grund, dem Kinde den besseren und tieferen Schlaf zuzu- 
trauen. 

3. Diese Träume entbehren der Traumentstellung; bedürfen 
darum auch keiner Deutungsarbeit. Manifester und latenter 
Traum fallen hier zusammen. Die Traumentstellung 
gehört also nicht zum Wesen des Traumes. 
Ich darf annehmen, daß Ihnen damit ein Stein vom Herzen fällt. 
Aber ein Stückchen Traumentstellung, eine gewisse Differenz 
zwischen dem manifesten Trauminhalt und den latenten Traum- 
gedanken werden wir bei näherer Überlegung auch diesen Träu- 
men zugestehen. 

4. Der Kindertraum ist die Reaktion auf ein Erlebnis des Tages, 
welches ein Bedauern, eine Sehnsucht, einen unerledigten Wunsch 
zurückgelassen hat. Der Traum bringt die direkte, 
unverhüllte Erfüllung dieses Wunsches. 
Denken Sie nun an unsere Erörterungen über die Rolle körper- 



180 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

licher Reize von außen oder von innen als Schlafstörer und An- 
reger der Träume. Wir sind mit ganz sicheren Tatsachen darüber 
bekannt geworden, konnten uns aber nur eine kleine Anzahl von 
Träumen auf solche Art erklären. In diesen Kinderträumen deutet 
nichts auf die Einwirkung solcher somatischer Reize; wir können 
darin nicht irre gehen, denn die Träume sind voll verständlich 
und leicht zu übersehen. Aber darum brauchen wir die Reizätio- 
logie des Traumes nicht aufzugeben. Wir können nur fragen, 
warum haben wir von Anfang an vergessen, daß es außer den 
körperlichen auch seelische schlafstören de Reize gibt? Wir wissen 
doch, daß es diese Erregungen sind, welche die Schlafstörung der 
Erwachsenen zumeist verschulden, indem sie ihn daran verhin- 
dern, die seelische Verfassung des Einschlafens, die Abziehung 
des Interesses von der Welt, bei sich herzustellen. Er möchte das 
Leben nicht unterbrechen, sondern lieber die Arbeit an den 
Dingen, die ihn beschäftigen, fortsetzen, und darum schläft er 
nicht. Ein solcher seelischer, den Schlaf störender Reiz ist also 
für das Kind der unerledigte Wunsch, auf welchen es mit dem 
Traum reagiert. 

5. Von hier erhalten wir auf dem kürzesten Wege Aufschluß 
über die Funktion des Traumes. Der Traum als Reaktion auf 
den psychischen Reiz muß den Wert einer Erledigung dieses 
Reizes haben, so daß er beseitigt ist und der Schlaf fortgesetzt 
werden kann. Wie diese Erledigung durch den Traum dynamisch 
ermöglicht wird, wissen wir noch nicht, aber wir merken be- 
reits, daß der Traum nicht der Schlafstörer ist, 
als den man ihn schilt, sondern der Schlafhüter, 
der Beseitiger von Schlafstörungen. Wir fin- 
den zwar, wir hätten besser geschlafen, wenn nicht der Traum ge- 
wesen wäre, aber wir haben unrecht; in Wirklichkeit hätten wir 
ohne die Hilfe des Traumes überhaupt nicht geschlafen. Es ist 
sein Verdienst, daß wir soweit gut geschlafen haben. Er konnte 
es nicht vermeiden, uns etwas zu stören, so wie der Nachtwächter 



Vlll) Kinderträume 131 



oft nicht umhin kann, einigen Lärm zu machen, während er die 
Ruhestörer verjagt, die uns durch den Lärm wecken wollen. 

6. Daß ein Wunsch der Erreger des Traumes ist, die Erfüllung 
dieses Wunsches der Inhalt des Traumes, das ist der eine Haupt- 
charakter des Traumes. Der andere ebenso konstante ist, daß der 
Traum nicht einfach einen Gedanken zum Ausdruck bringt, son- 
dern als halluzinatorisches Erlebnis diesen Wunsch als erfüllt dar- 
stellt. Ich möchte auf dem See fahren, lautet der 
Wunsch, der den Traum anregt; der Traum selbst hat zum Inhalt: 
ich fahre auf dem See. Ein Unterschied zwischen 
latentem und manifestem Traum, eine Entstellung des latenten 
Traumgedankens bleibt also auch für diese einfachen Kinder- 
träume bestehen, die Umsetzung des Gedankens in 
Erlebnis. Bei der Deutung des Traumes muß vor allem dieses 
Stück Veränderung rückgängig gemacht werden. Wenn sich dies 
als ein allgemeinster Charakter des Traumes herausstellen sollte, 
dann ist das vorhin mitgeteilte Traumfragment „ich sehe 
meinen Bruder in einem Kasten" also nicht zu 
übersetzen „mein Bruder schränkt sich ein", sondern „ich möchte, 
daß mein Bruder sich einschränke, mein Bruder soll 
sich einschränke n". Von den beiden hier aufgeführ- 
ten allgemeinen Charakteren des Traumes hat offenbar der zweite 
mehr Aussicht auf Anerkennung ohne Widerspruch als der 
erstere. Wir werden erst durch weitausgreifende Untersu- 
chungen sicherstellen können, daß der Erreger des Traumes 
immer ein Wunsch sein muß, und nicht auch eine Besorgnis, 
ein Vorsatz oder Vorwurf sein kann, aber davon wird der an- 
dere Charakter unberührt bleiben, daß der Traum diesen Reiz 
nicht einfach wiedergibt, sondern ihn durch eine Art von Er- 
leben aufhebt, beseitigt, erledigt. 

7. In Anknüpfung an diese Charaktere des Traumes können 
wir auch die Vergleichung des Traumes mit der Fehlleistung wie- 
der aufnehmen. Bei letzterer unterscheiden wir eine störende 



132 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Tendenz und eine gestörte, und die Fehlleistung war ein Kom- 
promiß zwischen beiden. In dasselbe Schema fügt sich auch der 
Traum. Die gestörte Tendenz kann bei ihm keine andere sein als 
die zu schlafen. Die störende ersetzen wir durch den psychischen 
Reiz, sagen wir also durch den Wunsch, der auf seine Erledigung 
dringt, weil wir bisher keinen anderen schlaf störenden seelischen 
Reiz kennen gelernt haben. Der Traum ist auch hier ein Kom- 
promißergebnis. Man schläft, aber man erlebt doch die Auf- 
hebung eines Wunsches; man befriedigt einen Wunsch, setzt 
dabei aber den Schlaf fort. Beides ist zum Teil durchgesetzt und 
zum Teil aufgegeben. 

8. Erinnern Sie sich, wir erhofften uns einmal einen Zugang 
zum Verständnis der Traumprobleme aus der Tatsache, daß ge- 
wisse für uns sehr durchsichtige Phantasiebildungen „T a g _ 
träume" genannt werden. Diese Tagträume sind nun wirklich 
Wunscherfüllungen, Erfüllungen von ehrgeizigen und erotischen 
Wünschen, die uns wohlbekannt sind, aber es sind gedachte, 
wenn auch lebhaft vorgestellte, niemals halluzinatorisch erlebte. 
Von den beiden Hauptcharakteren des Traumes wird also hier 
der minder gesicherte festgehalten, während der andere als 
vom Schlafzustand abhängig und im Wachleben nicht realisier- 
bar ganz entfällt. Im Sprachgebrauch liegt also eine Ahnung 
davon, daß die Wunscherfüllung ein Hauptcharakter des Trau- 
mes ist. Nebenbei, wenn das Erleben im Traum nur ein durch 
die Bedingungen des Schlafzustandes ermöglichtes, umgewan- 
deltes Vorstellen, also ein „nächtliches Tagträumen" ist, so ver- 
stehen wir bereits, daß der Vorgang der Traumbildung den nächt- 
lichen Reiz aufheben und Befriedigung bringen kann, denn auch 
das Tagträumen ist eine mit Befriedigung verbundene Tätigkeit 
und wird ja nur dieser wegen gepflegt. 

Aber nicht nur dieser, auch anderer Sprachgebrauch äußert sich 
in demselben Sinne. Bekannte Sprichwörter sagen: das Schwein 
träumt von Eicheln, die Gans vom Mais; oder fragen: wovon 



VIII) Kinderträume 133 



träumt das Huhn? von Hirse. Das Sprichwort steigt also noch 
weiter hinab als wir, vom Kind zum; Tier, und behauptet, der In- 
halt des Traumes sei die Befriedigung eines Bedürfnisses. So viele 
Redewendungen scheinen dasselbe anzudeuten wie: „traumhaft 
schön", "das wäre mir im Traum nicht eingefallen", „das habe 
ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt". Es liegt 
da eine offenbare Parteinahme des Sprachgebrauchs vor. Es gibt 
ja auch Angstträume und Träume mit peinlichem oder indiffe- 
rentem Inhalt, aber sie haben den Sprachgebrauch nicht ange- 
regt. Er kennt zwar „böse" Träume, aber der Traum schlechtweg 
ist ihm doch nur die holde Wunscherfüllung. Es gibt auch kein 
Sprichwort, das uns versichern würde, das Schwein oder die 
Gans träumen vom Geschlachtetwerden. 

Es ist natürlich undenkbar, daß der wunscherfüllende Charak- 
ter des Traumes von den Autoren über den Traum nicht bemerkt 
worden wäre. Dies ist vielmehr sehr oft der Fall gewesen, aber 
es ist keinem von ihnen eingefallen, diesen Charakter als allge- 
mein anzuerkennen und zum Angelpunkt der Traumerklärung zu 
nehmen. Wir können uns wohl denken und werden auch darauf 
eingehen, was sie davon abgehalten haben mag. 

Sehen Sie nun aber, welche Fülle von Aufklärungen wir aus 
der Würdigung der Kinderträume gewonnen haben, und dies fast 
mühelos! Die Funktion des Traumes als Hüter des Schlafes, seine 
Entstehung aus zwei konkurrierenden Tendenzen, von denen die 
eine konstant bleibt, das Schlafverlangen, die' andere einen psy- 
chischen Reiz zu befriedigen strebt, der Beweis, daß der Traum 
ein sinnreicher, psychischer Akt ist, seine beiden Hauptcharak- 
tere : Wunscherfüllung und halluzinatorisches Erleben. Und da- 
bei konnten wir fast vergessen, daß wir Psychoanalyse treiben. 
Außer der Anknüpfung an die Fehlleistungen hatte unsere Arbeit 
kein spezifisches Gepräge. Jeder Psychologe, der von den Voraus- 
setzungen der Psychoanalyse nichts weiß, hätte diese Aufklärung 
der Kinderträume geben können. Warum hat es keiner getan? 



t . 



134 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Gäbe es nur solche Träume wie die infantilen, so wäre das Pro- 
blem gelöst, unsere Aufgabe erledigt, und zwar ohne den 
Träumer auszufragen, ohne das Unbewußte heranzuziehen, und 
ohne die freie Assoziation in Anspruch zu nehmen. Nun hier liegt 
offenbar die Fortsetzung unserer Aufgabe. Wir haben schon wie- 
derholt die Erfahrung gemacht, daß Charaktere, die für allge- 
meingültig ausgegeben waren, sich dann nur für eine gewisse 
Art und Anzahl von Träumen bestätigt haben. Es handelt sich 
also für uns darum, ob die aus den Kinderträumen erschlossenen 
allgemeinen Charaktere haltbarer sind, ob sie auch für jene 
Träume gelten, die nicht durchsichtig sind, deren manifester In- 
halt keine Beziehung zu einem erübrigten Tageswunsch erkennen 
läßt. Wir haben die Auffassung, daß diese anderen Träume eine 
weitgehende Entstellung erfahren haben und darum zunächst 
nicht zu beurteilen sind. Wir ahnen auch, zur Aufklärung dieser 
Entstellung werden wir der psychoanalytischen Technik bedürfen, 
die wir für das eben gewonnene Verständnis der Kinderträume 
entbehren konnten. 

Es gibt jedenfalls noch eine Klasse von Träumen, die unent- 
stellt sind und sich wie die Kinderträume leicht als Wunscher- 
füllungen erkennen lassen. Es sind jene, die das ganze Leben hin- 
durch durch die imperativen Körperbedürfnisse hervorgerufen 
werden, den Hunger, den Durst, das Sexualbedürfnis, also 
Wunscherfüllungen als Reaktionen auf innere Körperreize. So 
habe ich von einem 19 Monate alten Mädchen einen Traum 
notiert, der aus einem Menü unter Hinzufügung ihres Namens 

bestand (Anna F , Er (d) beer, Hochbeer, Eier(s)peis, 

Papp) als Reaktion auf einen Hungertag wegen gestörter Ver- 
dauung, welche Erkrankung gerade auf die im Traum zweimal 
auftretende Frucht zurückgeführt worden war. Gleichzeitig mußte 
auch die Großmutter, deren Alter das der Enkelin eben zu siebzig 
ergänzte, infolge der Unruhe ihrer Wandemiere einen Tag lang 
fasten, und sie träumte in derselben Nacht, daß sie ausgebeten (zu 



«3 



VIII) Kinderträume 135 



Gaste) sei und die besten Leckerbissen vorgesetzt erhalte. Beob- 
achtungen an Gefangenen, die man hungern läßt, und an Per- 
sonen, die auf Reisen und Expeditionen Entbehrungen zu er- 
tragen haben, lehren, daß unter diesen Bedingungen regelmäßig 
von der Befriedigung dieser Bedürfnisse geträumt wird. So be- 
richtet Otto Nordenskjöld in seinem Buche „Antarctic" 
(1904) über die mit ihm überwinterte Mannschaft (Bd. I, 
S. 336): „Sehr bezeichnend füt die Richtung unserer innersten 
Gedanken waren unsere Träume, die nie lebhafter und zahl- 
reicher waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kame- 
raden, die sonst nur ausnahmsweise träumten, hatten jetzt des 
Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen aus dieser Phan- 
tasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu er- 
zählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt 
so fern lag, waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen ange- 
paßt . . . Essen und Trinken waren übrigens die Mittelpunkte, um 
die sich unsere Träume am häufigsten drehten. Einer von uns, der 
nächtlicherweise darin exzellierte, auf große Mittagsgesell- 
schaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens berich- 
ten konnte, ,daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen 
habe'; ein anderer träumte von Tabak, von ganzen Bergen Ta- 
bak; wieder andere von dem Schiff, das mit vollen Segeln auf 
dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer Traum verdient 
der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt 
eine lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten 
lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer 
Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen. Natürlich be- 
schäftigte man sich im Schlaf mit noch unmöglicheren Dingen, 
aber der Mangel an Phantasie in fast allen Träumen, die ich 
selbst träumte oder erzählen hörte, war ganz auffallend. Es würde 
sicher von großem psychologischen Interesse sein, wenn alle 
diese Träume aufgezeichnet würden. Man wird aber leicht ver- 
stehen können, wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles bieten 



136 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

konnte, was ein jeder von uns am glühendsten begehrte." Nach 
Du P r e 1 zitiere ich noch: „Mungo Park, auf einer Reise in 
Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören von 
wasserreichen Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch 
der von Hunger gequälte Trenck in der Sternschanze zu Magde- 
burg von üppigen Mahlzeiten umgeben, und George Back, Teil- 
nehmer der ersten Expedition Franklins, als er infolge furchtbarer 
Entbehrungen dem Hungertode nahe war, träumte stets und 
gleichmäßig von reichen Mahlzeiten." 

Wer sich durch den Genuß scharf gewürzter Speisen zur 
Abendmahlzeit nächtlichen Durst erzeugt, der träumt dann leicht, 
daß er trinke. Es ist natürlich unmöglich, ein stärkeres Eß- oder 
Trinkbedürfnis durch den Traum zu erledigen; man wacht aus 
solchen Träumen durstig auf und muß nun reales Wasser zu sich 
nehmen. Die Leistung des Traumes ist in diesem Falle praktisch 
geringfügig, aber es ist nicht minder klar, daß sie zu dem Zweck 
aufgeboten wurde, den Schlaf gegen den zum Erwachen und zur 
Handlung drängenden Reiz festzuhalten. Über geringere Inten- 
sitäten dieser Bedürfnisse helfen die Befriedigungsträume oft- 
mals hinweg. 

Ebenso schafft der Traum unter dem Einfluß der Sexualreize 
Befriedigungen, die aber erwähnenswerte Besonderheiten zeigen. 
Infolge der Eigenschaft des Sexualtriebs, von seinem Objekt um 
einen Grad weniger abhängig zu sein als Hunger und Durst, 
kann die Befriedigung im Pollutionstraum eine reale sein, und 
infolge gewisser später zu erwähnender Schwierigkeiten in der 
Beziehung zum Objekt kommt es besonders häufig vor, daß sich 
die reale Befriedigung doch mit einem undeutlichen oder ent- 
stellten Trauminhalt verbindet. Diese Eigentümlichkeit der Pol- 
lutionsträume macht sie, wie O.Rank bemerkt hat, zu günstigen 
Objekten für das Studium der Traumentstellung. Alle Bedürmis- 
träume Erwachsener pflegen übrigens außer der Befriedigung 



VIII) Kinderträume 137 



noch anderes zu enthalten, was rein psychischen Reizquellen ent- 
stammt und zu seinem Verständnis der Deutung bedarf. 

Wir wollen übrigens nichts behaupten, daß die nach infantiler 
Art gebildeten Wunscherfüllungsträume der Erwachsenen nur als 
Reaktionen auf die genannten imperativen Bedürfnisse vor- 
kommen. Wir kennen ebensowohl kurze und klare Träume dieser 
Art unter dem Einfluß gewisser dominierender Situationen, die 
aus unzweifelhaft psychischen Reizquellen herrühren. So z. B. 
die Ungeduldsträume, wenn jemand die Vorbereitungen zu einer 
Reise, zu einer für ihn bedeutsamen Schaustellung, zu einem 
Vortrag, Besuch getroffen hat und nun die verfrühte Erfüllung 
seiner Erwartung träumt, sich also in der Nacht vor dem Erlebnis 
an seinem Ziel angekommen im Theater, im Gespräch mit dem 
Besuchten sieht. Oder, die mit Recht so genannten Bequemlich- 
keitsträume, wenn jemand, der gerne den Schlaf verlängert, 
träumt, daß er bereits aufgestanden ist, sich wäscht, oder sich in 
der Schule befindet, während er in Wirklichkeit weiterschläft, 
also lieber im Traum aufsteht als in Wirklichkeit. Der Wunsch zu 
schlafen, den wir als regelmäßig an der Traumbildung beteiligt 
erkannt haben, wird in diesen Träumen laut und zeigt sich in 
ihnen als der wesentliche Traumbildner. Das Bedürfnis zu schla- 
fen stellt sich mit gutem Recht den anderen großen körperlichen 
Bedürfnissen zur Seite. 

Ich zeige Ihnen hier an der Reproduktion eines Schwind- 
schen Bildes aus der S c h a c k galerie in München, wie richtig 
der Maler die Entstehung eines Traumes aus einer dominierenden 
Situation erfaßt hat. 1 Es ist der „Traum eines Gefangenen' ', der 
nichts anderes als seine Befreiung zum Inhalt haben kann. Es ist 
sehr hübsch, daß die Befreiung durch das Fenster erfolgen soll, 
denn durch das Fenster ist der Lichtreiz eingedrungen, der dem 
Schlaf des Gefangenen ein Ende macht. Die übereinander stehen- 
den Gnomen repräsentieren wohl die eigenen sukzessiven Stel- 

1) S. Beilage. 



138 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



hingen, die er beim Emporklettern zur Höhe des Fensters einzu- 
nehmen hätte, und irre ich nicht, lege ich dem Künstler dabei 
nicht zuviel Absichtlichkeit unter, so trägt der oberste der 
Gnomen, welcher das Gitter durchsägt, also das tut, was der Ge- 
fangene selbst möchte, die nämlichen Züge wie er selbst. 

Bei allen Träumen außer den Kinderträumen und denen von 
infantilem Typus tritt uns, wie gesagt, die Traumentstellung hin- 
dernd in den Weg. Wir können zunächst nicht sagen, ob auch sie 
Wunscherfüllungen sind, wie wir vermuten; wir erraten aus 
ihrem manifesten Inhalt nicht, welchem psychischen Reiz sie 
ihren Ursprung verdanken, und wir können nicht erweisen, daß 
sie sich gleichfalls um die Wegschaffung oder Erledigung dieses 
Reizes bemühen. Sie müssen wohl gedeutet, d. h. übersetzt wer- 
den, ihre Entstellung rückgängig gemacht, ihr manifester Inhalt 
durch den latenten ersetzt, ehe wir ein Urteil darüber fällen 
können, ob das an den infantilen Träumen gefundene für alle 
Träume Gültigkeit beanspruchen darf. 



EX. VORLESUNG 

DIE TRAUMZENSUR 

Meine Damen und Herren! Entstehung, Wesen und Funktion 
des Traumes haben wir aus dem Studium der Kinderträume 
kennen gelernt. Die Träume sind Beseitigungen 
schlaf störender (psychischer) Reize auf dem 
Wege der halluzinierten Befriedigung. Von 
den Träumen der Erwachsenen haben wir allerdings nur eine 
Gruppe aufklären können, jene, die wir als Träume von in- 
fantilem Typus bezeichnet haben. Was es mit den anderen ist, 
wissen wir noch nicht, aber wir verstehen sie auch nicht. Wir 






IX) Die Traumzensur 139 



haben vorläufig ein Resultat gewonnen, dessen Bedeutung wir 
nicht unterschätzen wollen. Jedesmal, wenn uns ein Traum voll 
verständlich ist, erweist er sich als eine halluzinierte Wunsch- 
erfüllung. Dies Zusammentreffen kann nicht zufällig und nicht 
gleichgültig sein. 

Von einem Traum anderer Art nehmen wir auf Grund ver- 
schiedener Überlegungen und in Analogie zur Auffassung der 
Fehlleistungen an, daß er ein entstellter Ersatz für einen unbe- 
kannten Inhalt ist und erst auf diesen zurückgeführt werden 
muß. Die Untersuchung, das Verständnis dieser Traument- 
Stellung ist nun unsere nächste Aufgabe. 

Die Traumentstellung ist dasjenige, was uns den Traum fremd- 
artig und unverständlich erscheinen läßt. Wir wollen mehrerlei 
von ihr wissen: erstens, wovon sie herrührt, ihren Dynamismus, 
zweitens, was sie macht, und endlich, wie sie es macht. Wir 
können auch sagen, die Traumentstellung ist das Werk der 
Traumarbeit. Wir wollen die Traumarbeit beschreiben und auf 
die in ihr wirkenden Kräfte zurückführen. 

Und nun hören Sie folgenden Traum an. Er ist von einer 
Dame unseres Kreises 1 verzeichnet worden, stammt nach ihrer 
Auskunft von einer hochangesehenen, feingebildeten älteren 
Dame her. Eine Analyse dieses Traumes ist nicht angestellt wor- 
den. Unsere Referentin bemerkt, daß es für Psychoanalytiker 
keiner Deutung bedürfe. Die Träumerin selbst hat ihn auch nicht 
gedeutet, aber sie hat ihn beurteilt und so verurteilt, als ob sie 
ihn zu deuten verstünde. Denn sie äußerte über ihn : Und solches 
abscheuliche, dumme Zeug träumt eine Frau von 50 Jahren, die 
Tag und Nacht keinen anderen Gedanken hat als die Sorge um 
ihr Kind! 

Und nun der Traum von den „Liebesdienste n". „Sie 
geht ins Garnisonsspital Nr. 1 und sagt dem Posten beim Tor, 
sie müsse den Oberarzt .... (sie nennt einen ihr unbekannten 



1 ) Frau Dr. von Hug-Hellmuth. 






140 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Namen) sprechen, da sie im Spitale Dienst tun -wolle. Dabei be- 
tont sie das Wort ,Dienst' so, daß der Unteroffizier sofort merkt, 
es handle sich um ,Liebes'dienste. Da sie eine alte Frau ist, läßt 
er sie nach einigem Zögern passieren. Statt aber zum Oberarzt zu 
kommen, gelangt sie in ein großes, düsteres Zimmer, in dem viele 
Offiziere und Militärärzte an einem langen Tisch stehen und 
sitzen. Sie wendet, sich mit ihrem Antrag an einen Stabsarzt, der 
sie nach wenigen Worten schon versteht. Der Wortlaut ihrer 
Rede im Traum ist: ,lch und zahlreiche andere Frauen und junge 
Mädchen Wiens sind bereit, den Soldaten, Mannschaft und Of- 
fiziere ohne Unterschied, . . . .' Hier folgt im Traum ein Ge- 
murmel. Daß dasselbe aber von allen Anwesenden richtig ver- 
standen wird, zeigen ihr die teils verlegenen, teils hämischen 
Mienen der Offiziere. Die Dame fährt fort: ,lch weiß, daß unser 
Entschluß befremdend klingt, aber es ist uns bitterernst. Der 
Soldat im Feld wird auch nicht gefragt, ob er sterben will oder 
nicht.' Ein minutenlanges peinliches Schweigen folgt. Der Stabs- 
arzt legt ihr den Arm um die Mitte und sagt: ,Gnädige Frau, 
nehmen sie den Fall, es würde tatsächlich dazu kommen, . . . ' 
(Gemurmel). Sie entzieht sich seinem Arm mit dem Gedanken: 
Es ist doch einer wie der andere, und erwidert: ,Mein Gott, ich 
bin eine alte Frau und werde vielleicht gar nicht in die Lage kom- 
men. Übrigens eine Bedingung müßte eingehalten werden: die 
Berücksichtigung des Alters; daß nicht eine ältere Frau einem 
ganz jungen Burschen . . . (Gemurmel); das wäre entsetzlich.' — 
Der Stabsarzt: ,lch verstehe vollkommen.' Einige Offiziere, dar- 
unter einer, der sich in jungen Jahren um sie beworben hatte, 
lachen hell auf, und die Dame wünscht zu dem ihr bekannten 
Oberarzt geführt zu werden, damit alles ins reine gebracht werde. 
Dabei fällt ihr zur größten Bestürzung ein, daß sie seinen Namen 
nicht kennt. Der Stabsarzt weist sie trotzdem sehr höflich und re- 
spektvoll an, über eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, die 
direkt von dem Zimmer aus in die oberen Stockwerke führt, in 



IX) Die Traumzensur 141 



den zweiten Stock zu gehen. Im Hinaufsteigen hört sie einen Of- 
fizier sagen: ,Das ist ein kolossaler Entschluß, gleichgültig, ob 
eine jung oder alt ist; alle Achtun gl 1 

Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie eine 
endlose Treppe hinauf. 

Dieser Traum wiederholt sich innerhalb weniger Wochen 
noch zweimal mit — wie die Dame bemerkt — ganz unbedeu- 
tenden und recht sinnlosen Abänderungen." 

Der Traum entspricht in seinem Fortlauf einer Tagesphantasie; 
er hat nur wenige Bruchstellen, und manche Einzelheit in seinem 
Inhalt hätte durch Erkundigung geklärt werden können, was, wie 
Sie wissen, unterblieben ist. Das Auffällige und für uns Inter- 
essante ist aber, daß der Traum mehrere Lücken zeigt, Lücken, 
nicht der Erinnerung, sondern des Inhaltes. An drei Stellen ist der 
Inhalt wie ausgelöscht; die Reden, in denen diese Lücken ange- 
bracht sind, werden durch ein Gemurmel unterbrochen. Da wir 
keine Analyse angestellt haben, steht uns strenge genommen auch 
kein Recht zu, etwas über den Sinn des Traumes zu äußern. 
Allein es sind Andeutungen gegeben, aus denen sich etwas fol- 
gern läßt, z. B. im Worte „Liebesdienste", und vor allem nötigen 
die Stücke der Reden, welche dem Gemurmel unmittelbar vor- 
hergehen, zu Ergänzungen, welche nicht anders als eindeutig 
ausfallen können. Setzen wir diese ein, so ergibt sich eine Phan- 
tasie des Inhalts, daß die Träumerin bereit ist, in Erfüllung einer 
patriotischen Pflicht, ihre Person zur Befriedigung der Liebes- 
bedürfnisse des Militärs, Offiziere wie Mannschaft, zur Ver- 
fügung zu stellen. Das ist gewiß höchst anstößig, ein Muster 
einer frech libidinösen Phantasie, aber — es kommt im Traume 
gar nicht vor. Gerade dort, wo der Zusammenhang dieses Be- 
kenntnis fordern würde, findet sich im manifesten Traume ein 
undeutliches Gemurmel, ist etwas verloren gegangen oder unter- 
drückt worden. 

Ich hoffe, Sie erkennen es als naheliegend, daß eben die An- 



142 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

scößigkeit dieser Stellen das Motiv zu ihrer Unterdrückung war. 
Wo rinden Sie aber eine Parallele zu diesem Vorkommnis? Sie 
brauchen in unseren Tagen nicht weit zu suchen. Nehmen Sie 
irgendeine politische Zeitung zur Hand, Sie werden rinden, daß 
von Stehe zu Stelle der Text weggebüeben ist und an seiner Statt 
die Weiße des Papiers schimmert. Sie wissen, daß ist das Werk 
der Zeitungszensur. An diesen leer gewordenen Stellen stand 
etwas, was der hohen Zensurbehörde mißliebig war, und darum 
wurde es entfernt. Sie meinen, es ist schade darum, es wird woni 
das Interessanteste gewesen sein, es war „die beste Stelle' 4 . 

Andere Male hat die Zensur nicht auf den fertigen Satz ge- 
wirkt. Der Autor hat vorhergesehen, welche Stellen die Bean- 
standung durch die Zensur zu erwarten haben, und hat sie darum 
vorbeugend gemildert, leicht modifiziert, oder sich mit Annähe- 
rungen und Anspielungen an das, was ihm eigentlich aus der 
Feder fließen wollte, begnügt. Dann hat auch das Blatt keine 
leeren Stellen, aber aus gewissen Umschweifen und Dunkelheiten 
des Ausdrucks werden Sie die im vorhinein geübte Rücksicht 
auf die Zensur erraten können. 

Nun wir halten diese Parallele fest. Wir sagen, auch die ausge- 
lassenen, durch ein Gemurmel verhüllten Traumreden sind einer 
Zensur zum Opfer gebracht worden. Wir sprechen direkt von 
einer Traumzensur, der ein Stück Anteil an der Traum- 
entstellung zuzuschreiben ist. Überall, wo Lücken im manifesten 
Traum sind, hat die Traumzensur sie verschuldet. Wir sollten 
auch weitergehen und eine Äußerung der Zensur jedesmal dort 
erkennen, wo ein Traumelement besonders schwach, unbestimmt 
und zweifelhaft, unter anderen deutlicher ausgebildeten erinnert 
wird. Aber nur selten äußert sich diese Zensur so unverhohlen, so 
naiv, möchte man sagen, wie in dem Beispiel des Traumes von 
den „Liebesdiensten". Weit öfter bringt sich die Zensur nach 
dem zweiten Typus zur Geltung, durch die Produktion von Ab- 



IX) Die Traumzensur 143 



Schwächungen, Annäherungen, Anspielungen an Stelle des 
Eigentlichen. 

Für eine dritte Wirkungsweise der Traumzensur weiß ich keine 
Parallele aus dem Walten der Zeitungszensur; ich kann aber ge- 
rade diese an dem einzigen bisher analysierten Traumbeispiel de- 
monstrieren. Sie erinnern sich an den Traum von den „drei 
schlechten Theaterkarten für lfl. 50". In den latenten Gedanken 
dieses Traunies stand das Element „voreilig, zu früh" im Vorder- 
grunde. Es hieß : Es war ein Unsinn, so f r ü h zu heiraten, — 
es war auch unsinnig, sich so f r ü h Theaterkarten zu besorgen, 
— es war lächerlich von der Schwägerin, ihr Geld so e i 1 i g aus- 
zugeben, um sich dafür einen Schmuck zu kaufen. Von diesem 
zentralen Element der Traumgedanken ist nichts in den mani- 
festen Traum übergegangen; hier ist das Ins-Theater-Gehen und 
Karten-Bekommen in den Mittelpunkt gerückt. Durch diese 
Verschiebung des Akzents, diese Umgruppierung der Inhalts- 
elemente, wird der manifeste Traum den latenten Traumge- 
danken so unähnlich, daß niemand diese letzteren hinter dem er- 
steren vermuten würde. Diese Akzentverschiebung ist ein Haupt- 
mittel der Traumentstellung und gibt dem Traum jene Fremd- 
artigkeit, deren wegen ihn der Träumer selbst nicht als seine 
eigene Produktion anerkennen möchte. 

Auslassung, Modinkation, Umgruppierung des Materials sind 
also die Wirkungen der Traumzensur und die Mittel der Traum- 
entstellung. Die Traumzensur selbst ist der Urheber oder einer 
der Urheber der Traumentstellung, deren Untersuchung uns jetzt 
beschäftigt. Modifikation und Umordnung sind wir auch gewohnt 
als „V erschiebung" zusammenzufassen. 

Nach diesen Bemerkungen über die Wirkungen der Traum- 
zensur wenden wir uns nun ihrem Dynamismus zu. Ich hoffe, Sie 
nehmen den Ausdruck nicht allzu anthropomorph und stellen 
sich unter dem Traumzensor nicht ein kleines gestrenges Männ- 
lein oder einen Geist vor, der in einem Gehirnkämmerlein wohnt 



144 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



und dort seines Amtes waltet, aber auch nicht allzu lokalisa- 
torisch, so daß Sie an ein „Gehirnzentrum" denken, von dem ein 
solcher zensurierender Einfluß ausgeht, welcher mit der Beschä- 
digung oder Entfernung dieses Zentrums aufgehoben wäre. Es 
ist vorläufig nichts weiter als ein gut brauchbarer Terminus für 
eine dynamische Beziehung. Dieses Wort hindert uns nicht zu 
fragen, von welchen Tendenzen solcher Einfluß geübt wird und 
auf welche; wir werden auch nicht überrascht sein zu erfahren, 
daß wir schon früher einmal auf die Traumzensur gestoßen sind,' 
vielleicht ohne sie zu erkennen. 

Das ist nämlich wirklich der Fall gewesen. Erinnern Sie sich, 
daß wir eine überraschende Erfahrung machten, als wir unsere 
Technik der freien Assoziation anzuwenden begannen. Wir be- 
kamen da zu spüren, daß sich unseren Bemühungen, vom 
Traumelement zum unbewußten Element zu gelangen, dessen 
Ersatz es ist, ein W i d e r s t a n d entgegenstellte. Dieser Wider- 
stand, sagten wir, kann verschieden groß sein, das eine Mal 
riesig, das andere Mal recht geringfügig. Im letzteren Falle 
brauchen wir für unsere Deutungsarbeit nur wenige Zwischen- 
glieder zu passieren; wenn er aber groß ist, dann haben wir lange 
Assoziationsketten vom Element her zu durchmessen, werden 
weit von diesem weggeführt und müssen unterwegs alle die 
Schwierigkeiten überwinden, die sich als kritische Einwendungen 
gegen den Einfall ausgeben. Was uns bei der Deutungsarbeit als I 

Widerstand entgegentritt, das müssen wir nun als Traumzensur 
in die Traumarbeit eintragen. Der Deutungswiderstand ist nur die 
Objektivierung der Traumzensur. Er beweist uns auch, daß die 
Kraft der Zensur sich nicht damit erschöpft hat, die Traument- 
stellung herbeizuführen, und seither erloschen ist, sondern, daß 
diese Zensur als dauernde Institution mit der Absicht, die Ent- 
stellung aufrecht zu halten, fortbesteht. Übrigens wie der Wider- 
stand bei der Deutung für jedes Element in seiner Stärke wech- 
selte, so ist auch die durch Zensur herbeigeführte Entstellung in 






IX) Die Traumzensur 145 



demselben Traume für jedes Element verschieden groß ausgefal- 
len. Vergleicht man manifesten und latenten Traum, so sieht man, 
einzelne latente Elemente sind völlig eliminiert worden, andere 
mehr oder weniger modifiziert, und noch andere sind unverän- 
dert, ja vielleicht verstärkt in den manifesten Trauminhalt hin- 
übergenommen worden. 

Wir wollten aber untersuchen, welche Tendenzen die Zensur 
ausüben und gegen welche. Nun diese für das Verständnis des 
Traumes, ja vielleicht des Menschenlebens, fundamentale Frage 
ist, wenn wir die Reihe der zur Deutung gelangten Träume über- 
blicken, leicht zu beantworten. Die Tendenzen, welche die Zen- 
sur ausüben, sind solche, welche vom wachen Urteilen des Träu- 
mers anerkannt werden, mit denen er sich einig fühlt. Seien Sie 
versichert, wenn Sie eine korrekt durchgeführte Deutung eines 
eigenen Traumes ablehnen, so tun Sie es aus denselben Motiven, 
mit denen die Traumzensur geübt, die Traumentstellung produ- 
ziert und die Deutung notwendig gemacht wurde. Denken Sie 
an den Traum unserer 50jährigen Dame. Sie findet ihren Traum, 
ohne ihn gedeutet zu haben, abscheulich, würde noch entrüstetet 
gewesen sein, wenn ihr Frau Dr. v. H u g etwas von der unerläß- 
lichen Deutung mitgeteilt hätte, und eben dieser Verurteilung 
wegen haben sich in ihrem Traum die anstößigsten Stellen durch 
ein Gemurmel ersetzt. 

Die Tendenzen aber, gegen welche sich die Traumzensur rich- 
tet, muß man zunächst vom Standpunkt dieser Instanz selbst be- 
schreiben. Dann kann man nur sagen, sie seien durchaus ver- 
werflicher Natur, anstößig in ethischer, ästhetischer, sozialer Hin- 
sicht, Dinge, an die man gar nicht zu denken wagt oder nur mit 
Abscheu denkt. Vor allem sind diese zensurierten und im Traum 
zu einem entstellten Ausdruck gelangten Wünsche Äußerungen 
eines schranken- und rücksichtslosen Egoismus. Und zwar kommt 
das eigene Ich in jedem Traum vor und spielt in jedem die Haupt- 
rolle; auch wenn es sich für den manifesten Inhalt gut zu ver- 



IO 



146 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

bergen weiß. Dieser „sacro egoismo" des Traumes ist gewiß 
nicht außer Zusammenhang mit der Einstellung zum Schlafen, 
die ja in der Abziehung des Interesses von der ganzen Außen- 
welt besteht. 

Das aller ethischen Fesseln entledigte Ich weiß sich auch 
einig mit allen Ansprüchen des Sexualstrebens, solchen, die töngst 
von unserer ästhetischen Erziehung verurteilt worden sind, und 
solchen, die allen sittlichen Beschränkungsforderungen wider- 
sprechen. Das Lustbestreben — die Libido, wie wir sagen — 
wählt seine Objekte hemmungslos, und zwar die verbotenen am 
liebsten. Nicht nur das Weib des anderen, sondern vor allem 
inzestuöse, durch menschliche Übereinkunft geheiligte Objekte, 
die Mutter und die Schwester beim Manne, den Vater und den 
Bruder beim Weibe. (Auch der Traum unserer 50jährigen Dame 
ist ein inzestuöser, seine Libido unverkennbar auf den Sohn ge- 
richtet.) Gelüste, die wir ferne von der menschlichen Natur glau- 
ben, zeigen sich stark genug, Träume zu erregen. Auch der Haß 
tobt sich schrankenlos aus. Rache- und Todeswünsche gegen die 
nächststehenden, im Leben geliebtesten Personen, die Eltern, Ge- 
schwister, den Ehepartner, die eigenen Kinder sind nichts Unge- 
wöhnliches. Diese zensurierten Wünsche scheinen aus einer wah- 
ren Hölle aufzusteigen; keine Zensur scheint uns nach der Deu- 
tung im Wachen hart genug gegen sie zu sein. 

Machen Sie aber aus diesem bösen Inhalt dem Traum selbst 
keinen Vorwurf. Sie vergessen doch nicht, daß er die harmlose, 
ja nützliche Funktion hat, den Schlaf vor Störung zu bewahren. 
Solche Schlechtigkeit liegt nicht im Wesen des Traumes. Sie wis- 
sen ja auch, daß es Träume gibt, die sich als Befriedigung be- 
rechtigter Wünsche und dringender körperlicher Bedürfnisse 
erkennen lassen. Diese haben allerdings keine Traumentstellung; 
sie brauchen sie aber auch nicht, sie können ihrer Funktion ge- 
nügen, ohne die ethischen und ästhetischen Tendenzen des Ichs 
zu beleidigen. Auch halten Sie sich vor, daß die Txaumentstellung 



IX) Die Traumzensur 147 



zwei Faktoren proportional ist. Einerseits wird sie um so größer, 
je ärger der zu zensurierende Wunsch ist, anderseits aber auch, 
je strenger derzeit die Anforderungen der Zensur auftreten. Ein 
junges, strenge erzogenes und sprödes Mädchen wird darum mit 
unerbittlicher Zensur Traumregungen entstellen, welche wir 
Ärzte z. B. als gestattete, harmlos libidinöse Wünsche anerken- 
nen müßten, und die die Träumerin selbst ein Dezennium später 
so beurteilen wird. 

Im übrigen sind wir noch lange nicht so weit, uns über dies 
Ergebnis unserer Deutungsarbeit entrüsten zu dürfen. Ich glaube, 
daß wir es noch nicht recht verstehen; vor allem aber obliegt uns 
die Aufgabe, es gegen gewisse Anfechtungen sicherzustellen. Es 
ist gar nicht schwer, einen Haken daran zu finden. Unsere Traum- 
deutungen sind unter den Voraussetzungen gemacht, die wir vor- 
hin einbekannt haben, daß der Traum überhaupt einen Sinn habe, 
daß man die Existenz derzeit unbewußter seelischer Vorgänge 
vom hypnotischen auf den normalen Schlaf übertragen dürfe und 
daß alle Einfälle determiniert seien. Wären wir auf Grund dieser 
Voraussetzungen zu plausiblen Resultaten der Traumdeutung ge- 
kommen, so hätten wir mit Recht geschlossen, diese Voraus- 
setzungen seien richtig gewesen. Wie aber, wenn diese Ergeb- 
nisse so aussehen, wie ich es eben geschildert habe? Dann liegt es 
doch nahe zu sagen: Es sind unmögliche, unsinnige, zum min- 
desten sehr unwahrscheinliche Resultate, also war etwas an den 
Voraussetzungen falsch. Entweder ist der Traum doch kein 
psychisches Phänomen, oder es gibt nichts Unbewußtes im Nor- 
malzustand, oder unsere Technik hat irgendwo ein Leck. Ist 
das nicht einfacher und befriedigender anzunehmen als alle die 
Scheußlichkeiten, die wir auf Grund unserer Voraussetzungen 
angeblich aufgedeckt haben? 

Beides! Sowohl einfacher als auch befriedigender, aber darum 
nicht notwendig richtiger. Lassen wir uns Zeit, die Sache ist noch 
nicht spruchreif. Vor allem können wir die Kritik gegen unsere 



14« 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Traumdeutungen noch verstärken. Daß die Ergebnisse derselben 
so unerfreulich und unappetitlich sind, fiele vielleicht nicht so 
schwer ins Gewicht. Ein stärkeres Argument ist es, daß die 
Träumer, denen wir aus der Deutung ihrer Träume solche 
Wunschtendenzen zuschieben, diese aufs nachdrücklichste und 
mit guten Gründen von sich weisen. Was? sagt der eine, Sie wol- 
len mir aus dem Traume nachweisen, daß es mir leid um die 
Summen tut, die ich für die Ausstattung meiner Schwester und 
die Erziehung meines Bruders aufgewendet habe? Aber das kann 
ja nicht sein; ich arbeite ja nur für meine Geschwister, ich habe 
kein anderes Interesse im Leben, als meine Pflichten gegen sie 
zu erfüllen, wie ich es als Ältester unserer seligen Mutter ver- 
sprochen habe. Oder eine Träumerin sagt: Ich soll meinem 
Manne den Tod wünschen. Das ist ja ein empörender Unsinn! 
Nicht nur, daß wir in der glücklichsten Ehe leben, — das werden 
Sie mir wahrscheinlich nicht glauben, — sein Tod würde mich 
auch um alles bringen, was ich sonst in der Welt besitze. Oder ein 
anderer wird uns erwidern: Ich soll sinnliche Wünsche auf meine 
Schwester richten? Das ist lächerlich; ich mache mir gar nichts 
aus ihr; wir stehen schlecht miteinander und ich habe seit Jahren 
kein Wort mit ihr gewechselt. Wir würden es vielleicht noch 
leicht nehmen, wenn diese Träumer die ihnen zugedeuteten Ten- 
denzen nicht bestätigten oder verleugneten; wir könnten sagen, 
das sind eben Dinge, die sie von sich nicht wissen. Aber daß sie 
das genaue Gegenteil eines solchen gedeuteten Wunsches in sich 
verspüren und uns die Vorherrschaft dieses Gegensatzes durch 
ihre Lebensführung beweisen können, das muß uns doch endlich 
stutzig machen. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, die ganze Arbeit 
an der Traumdeutung als etwas, was durch seine Resultate ad ab- 
surdum geführt ist, beiseite zu werfen? 

Nein, noch immer nicht. Auch dieses stärkere Argument zer- 
bricht, wenn wir es kritisch angreifen. Vorausgesetzt, daß es un- 
bewußte Tendenzen im Seelenleben gibt, so hat es gar keine Be- 



weiskraft, wenn die ihnen entgegengesetzten im bewußten Leben 
als herrschend nachgewiesen werden. Vielleicht gibt es im Seelen- 
leben auch Raum für gegensätzliche Tendenzen, für Wider- 
sprüche, die nebeneinander bestehen; ja möglicherweise ist ge- 
rade die Vorherrschaft der einen Regung eine Bedingung für das 
Unbewußtsein ihres Gegensatzes. Es bleibt also doch bei den zu- 
erst erhobenen Einwendungen, die Resultate der Traumdeutung 
seien nicht einfach und sehr unerfreulich. Aufs erste ist zu er- 
widern, daß Sie mit aller Schwärmerei für das Einfache nicht 
eines der Traumprobleme lösen können; Sie müssen sich da schon 
zur Annahme komplizierter Verhältnisse bequemen. Und zum 
zweiten, daß Sie offenbar unrecht daran tun, ein Wohlgefallen 
oder eine Abstoßung, die Sie verspüren, als Motiv für ein wissen- 
schaftliches Urteil zu verwenden. Was macht es, daß Ihnen die 
Resultate der Traumdeutung unerfreulich, ja beschämend und 
widerwärtig erscheinen? ga rfempeche pas d'exister, habe ich 
als junger Doktor meinen Meister Charcot in ähnlichem 
Falle sagen gehört. Es heißt demütig sein, seine Sympa- 
thien und Antipathien fein zurückstellen, wenn man erfahren 
will, was in dieser Welt real ist. Wenn Ihnen ein Physiker be- 
weisen kann, daß das organische Leben dieser Erde binnen kur- 
zer Frist einer völligen Erstarrung weichen muß, getrauen Sie sich 
auch ihm zu entgegnen: Das kann nicht sein; diese Aussicht ist 
zu unerfreulich? Ich meine, Sie werden schweigen, bis ein anderer 
Physiker kommt und dem ersten einen Fehler in seinen Voraus- 
Setzungen oder Berechnungen nachweist. Wenn Sie von sich wei- 
sen, was Ihnen unangenehm ist, so wiederholen Sie vielmehr 
den Mechanismus der Traumbildung, anstatt ihn zu verstehen 
und ihn zu überwinden. 

Sie versprechen dann vielleicht, von dem abstoßenden Cha- 
rakter der zensurierten Traumwünsche abzusehen, und ziehen 
sich auf das Argument zurück, es sei doch unwahrscheinlich, daß 
man dem Bösen in der Konstitution des Menschen einen so brei- 



150 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



ten Raum zugestehen solle. Aber berechtigen Sie Ihre eigenen Er- 
fahrungen dazu, das zu sagen? Ich will nicht davon sprechen, 
wie Sie sich selbst erscheinen mögen, aber haben Sie so viel 
Wohlwollen bei Ihrem Vorgesetzten und Konkurrenten ge- 
funden, so viel Ritterlichkeit bei Ihren Feinden, und so wenig 
Neid in Ihrer Gesellschaft, daß Sie sich verpflichtet fühlen müs- 
sen, gegen den Anteil des egoistisch Bösen an der mensch- 
lichen Natur aufzutreten? Ist Ihnen nicht bekannt, wie unbe- 
herrscht und unzuverlässig der Durchschnitt der Menschen in 
allen Angelegenheiten des Sexuallebens ist? Oder wissen Sie 
nicht, daß alle Übergriffe und Ausschreitungen, von denen wir 
nächtlich träumen, alltäglich von wachen Menschen als Verbre- 
chen wirklich begangen werden? Was tut die Psychoanalyse hier 
anders als das alte Wort von P 1 a t o bestätigen, daß die Guten 
diejenigen sind, welche sich begnügen, von dem zu träumen, was 
die anderen, die Bösen, wirklich tun? 

Und nun blicken Sie vom Individuellen weg auf den großen 
Krieg, der noch immer Europa verheert, denken Sie an das Un- 
maß von Brutalität, Grausamkeit und Verlogenheit, das sich jetzt 
in der Kulturwelt breitmachen darf. Glauben Sie wirklich, daß 
es einer Handvoll gewissenloser Streber und Verführer geglückt 
wäre, all diese bösen Geister zu entfesseln, wenn die Millionen 
von Geführten nicht mitschuldig wären? Getrauen Sie sich auch 
unter diesen Verhältnissen, für den Ausschluß des Bösen aus der 
seelischen Konstitution des Menschen eine Lanze zu bredien? 

Sie werden mir vorhalten, ich beurteile den Krieg einseitig; er 
habe auch das Schönste und Edelste der Menschen zum Vorschein 
gebracht, ihren Heldenmut, ihre Selbstaufopferung, ihr soziales 
Fühlen. Gewiß, aber machen Sie sich hier nicht mitschuldig an 
der Ungerechtigkeit, die man so oft an der Psychoanalyse be- 
gangen hat, indem man ihr vorgeworfen, das eine zu leugnen, 
weil sie das andere behauptet. Es ist nicht unsere Absicht, die 
edlen Strebungen der menschlichen Natur abzuleugnen, noch 



m 



IX) Die Traumzensur 151 



haben wir je etwas dazu getan, sie in ihrem Wert herabzusetzen. 
Im Gegenteile; ich zeige Ihnen nicht nur die zensurierten bösen 
Traumwünsche, sondern auch die Zensur, welche' sie unter- 
drückt und unkenntlich macht. Bei dem Bösen im Menschen ver- 
weilen wir nur darum mit stärkerem Nachdruck, weil die ande- 
ren es verleugnen, wodurch das menschliche Seelenleben zwar 
nicht besser, aber unverständlich wird. Wenn wir dann die ein- 
seitig ethische Wertung aufgeben, werden wir für das Verhält, 
nis des Bösen zum Guten in der menschlichen Natur gewiß die 
richtigere Formel finden können. 

Es bleibt also dabei. Wir brauchen die Ergebnisse unserer Ar- 
beit an der Traumdeutung nicht aufzugeben, wenn wir sie auch 
befremdend finden müssen. Vielleicht können wir uns sparet 
auf anderem Wege ihrem Verständnis nähern. Vorläufig halten 
wir fest: Die Traumentstellung ist eine Folge der Zensur, welche 
von anerkannten Tendenzen des Ichs gegen irgendwie anstößige 
Wunschregungen ausgeübt wird, die sich nächtlicherweile, wäh- 
rend des Schlafes, in uns rühren. Freilich, warum gerade nächt- 
licherweile, und woher diese verwerflichen Wünsche stammen, 
daran bleibt noch viel zu fragen und zu erforschen. 

Es wäre aber ein Unrecht, wenn wir jetzt versäumten, ein an- 
deres Ergebnis dieser Untersuchungen gebührend hervorzu- 
heben. Die Traumwünsche, die uns im Schlafe stören wollen, sind 
uns unbekannt, wir erfahren von ihnen ja erst durch die Traum- 
deutung; sie sind also als derzeit unbewußte im besprochenen 
Sinne zu bezeichnen. Aber wir müssen uns sagen, sie sind auch 
mehr als derzeit unbewußt. Der Träumer verleugnet sie ja auch, 
wie wir in so vielen Fällen erfahren haben, nachdem er sie durch 
die Deutung des Traumes kennen gelernt hat. Es wiederholt sich 
dann der Fall, dem wir zuerst bei der Deutung des Versprechens 
„Aufstoßen" begegnet sind, als der Toastredner empört ver- 
sicherte, daß ihm weder damals noch je zuvor eine unehrerbietige 
Regung gegen seinen Chef bewußt geworden. Wir hatten schon 



L 



152 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

damals an dem Wert einer solchen Versicherung gezweifelt 
und sie durch die Annahme ersetzt, daß der Redner dauernd 
nichts von dieser in ihm vorhandenen Regung weiß. Solches 
wiederholt sich nun bei jeder Deutung eines stark entstellten 
Traumes und gewinnt somit an Bedeutung für unsere Auffassung. 
Wir sind nun bereit anzunehmen, daß es im Seelenleben Vor- 
gänge, Tendenzen gibt, von denen man überhaupt nichts weiß, 
seit langer Zeit nichts weiß, vielleicht sogar niemals etwas ge- 
wußt hat. Das Unbewußte erhält damit für uns einen neuen Sinn; 
das „derzeit" oder „zeitweilig" schwindet aus seinem Wesen, es 
kann auch dauernd unbewußt bedeuten, nicht bloß „derzeit 
latent". Natürlich werden wir auch darüber ein anderes Mal mehr 
hören müssen. 



X. VORLESUNG 

DIE SYMBOLIK IM TRAUM 

Meine Damen und Herren! Wir haben gefunden, daß die 
Traumentstellung, welche uns im Verständnis des Traumes stört, 
Folge einer zensurierenden Tätigkeit ist, die sich gegen die unanl 
nehmbaren, unbewußten Wunschiegungen richtet. Aber wir 
haben natürlich nicht behauptet, daß die Zensur der einzige Fak- 
tor ist, der die Traumentstellung verschuldet, und wirklich 
können wir bei weiterem Studium des Traumes die Entdeckung 
machen, daß an diesem Effekt noch andere Momente beteiligt 
sind. Das ist soviel, als sagten wir, auch wenn die Traumzensur 
ausgeschaltet wäre, wären wir doch nicht imstande, die Träume 
zu verstehen, wäre der manifeste Traum noch nicht mit den 
latenten Traumgedanken identisch. 

Dieses andere Moment, das den Traum undurchsichtig macht, 
diesen neuen Beitrag zur Traumentstellung entdecken wir, indem 



X) Die Symbolik im Traum 153 

wir auf eine Lücke in unserer Technik aufmerksam werden. Ich 
habe Ihnen schon zugestanden, daß den Analysierten zu ein- 
zelnen Elementen des Traumes mitunter wirklich nichts einfällt. 
Freilich geschieht dies nicht so oft, wie diese es behaupten; in 
sehr vielen Fällen läßt sich der Einfall doch noch durch Beharr- 
lichkeit erzwingen. Aber es bleiben doch Fälle übrig, in denen 
die Assoziation versagt, oder, wenn erzwungen, nicht liefert, was 
wir von ihr erwarten. Geschieht dies während einer psychoana- 
lytischen Behandlung, so kommt ihm eine besondere Bedeutung 
zu, mit welcher wir es hier nicht zu tun haben. Es ereignet sich 
aber auch bei der Traumdeutung mit normalen Personen oder 
bei der Deutung eigener Träume. Überzeugt man sich, daß in 
solchen Fällen alles Drängen nichts nützt, so macht man endlich 
die Entdeckung, daß der unerwünschte Zufall regelmäßig bei 
bestimmten Traumelementen eintrifft, und fängt an, eine neue 
Gesetzmäßigkeit dort zu erkennen, wo man zuerst nur ein aus- 
nahmsweises Versagen der Technik zu erfahren glaubte. 

Man kommt auf solche Weise zur Versuchung, diese „stum- 
men" Traumelemente selbst zu deuten, aus eigenen Mitteln 
eine Übersetzung derselben vorzunehmen. Es drängt sich einem 
auf, daß man jedesmal einen befriedigenden Sinn erhält, wenn 
man sich dieser Ersetzung getraut, während der Traum sinnlos 
bleibt und der Zusammenhang unterbrochen ist, solange man sich 
zu solchem Eingriff nicht entschließt. Die Häufung vieler durch- 
aus ähnlicher Fälle übernimmt es dann, unserem zunächst schüch- 
ternen Versuch die geforderte Sicherheit zu geben. 

Ich stelle das alles ein bißchen schematisch dar, aber zu Unter- 
richtszwecken ist es doch gestattet, und es ist auch nicht ver- 
fälscht, sondern bloß vereinfacht. 

Auf diese Weise erhält man für eine Reihe von Traumelemen- 
ten konstante Übersetzungen, also ganz ähnlich, wie man es in 
unseren populären Traumbüchern für alle geträumten Dinge fin- 
det. Sie vergessen doch nicht, daß bei unserer Assoziationstech- 



V 



154 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



nik niemals konstante Ersetzungen der Traumelemente zu Tage 
kommen. 

Sie werden nun sofort sagen, dieser Weg zur Deutung er- 
scheine Ihnen noch weit unsicherer und angreifbarer als der 
frühere mittels der freien Einfälle. Aber es kommt doch noch et- 
was anderes hinzu. Wenn man nämlich durch die Erfahrung ge- 
nug solcher konstanter Ersetzungen gesammelt hat, dann sagt 
man sich einmal, daß man diese Stücke der Traumdeutung tat- 
sächlich aus eigener Kenntnis hätte bestreiten sollen, daß sie wirk- 
lich ohne die Einfälle des Träumers verständlich sein konnten. 
Woher man ihre Bedeutung kennen müßte, das wird sich in der 
zweiten Hälfte unserer Auseinandersetzung ergeben. 

Eine solche konstante Beziehung zwischen einem Traumele- 
ment und seiner Übersetzung heißen wir eine symbolische, 
das Traumelement selbst ein S y m b o 1 des unbewußten Traum- 
gedankens. Sie erinnern sich, daß ich früher, bei der Unter- 
suchung der Beziehungen zwischen Traumelementen und ihren 
Eigentlichen drei solcher Beziehungen unterschieden habe, die 
des Teils vom Ganzen, die der Anspielung und die der Verbild- 
lichung. Eine vierte habe ich Ihnen damals angekündigt, aber 
nicht genannt. Diese vierte ist nun die hier eingeführte symbo- 
lische. An sie knüpfen sich sehr interessante Diskussionen, denen 
wir uns zuwenden wollen, ehe wir unsere speziellen Beobachtun- 
gen über Symbolik darlegen. Die Symbolik ist vielleicht das 
merkwürdigste Kapitel der Traumlehre. 

Vor allem: Indem die Symbole feststehende Übersetzungen 
sind, realisieren sie im gewissen Ausmaße das Ideal der antiken 
wie der populären Traumdeutung, von dem wir uns durch un- 
sere Technik weit entfernt hatten. Sie gestatten uns unter Um- 
ständen, einen Traum zu deuten, ohne den Träumer zu befragen, 
der ja zum Symbol ohnedies nichts zu sagen weiß. Kennt man die 
gebräuchlichen Traumsymbole und dazu die Person des Träumers, 
die Verhältnisse, unter denen er lebt, und die Eindrücke, nach 



X) Die Symbolik im Traum 155 

welchen der Traum vorgefallen ist, so ist man oft in der Lage, 
einen Traum ohne weiteres zu deuten, ihn gleichsam vom Blatt 
weg zu übersetzen. Ein solches Kunststück schmeichelt dem 
Traumdeuter und imponiert dem Träumer; es sticht wohltuend 
von der mühseligen Arbeit beim Ausfragen des Träumers ab. Las- 
sen Sie sich aber hierdurch nicht verführen. Es ist nicht unsere 
Aufgabe, Kunststücke zu machen. Die auf Symbolkenntnis be- 
ruhende Deutung ist keine Technik, welche die assoziative er- 
setzen oder sich mit ihr messen kann. Sie ist eine Ergänzung zu 
ihr und liefert nur in sie eingefügt brauchbare Resultate. Was 
aber die Kenntnis der psychischen Situation des Träumers be- 
trifft, so wollen Sie erwägen, daß Sie nicht nur Träume von gut 
Bekannten zur Deutung bekommen, daß Sie in der Regel die 
Tagesereignisse, welche die Traumerreger sind, nicht kennen, 
und daß die Einfälle des Analysierten Ihnen gerade die Kenntnis 
dessen, was man die psychische Situation heißt, zutragen. 

Es ist ferner ganz besonders merkwürdig, auch mit Rücksicht 
auf später zu erwähnende Zusammenhänge, daß gegen die Exi- 
stenz der Symbolbeziehung zwischen Traum und Unbewußtem 
wiederum die heftigsten Widerstände laut geworden sind. Selbst 
Personen von Urteil und Ansehen, die sonst ein weites Stück 
Weges mit der Psychoanalyse gegangen sind, haben hier die Ge- 
folgschaft versagt. Um so merkwürdiger aber ist dies Verhalten, 
als erstens die Symbolik nicht allein dem Traum eigentümlich 
oder für ihn charakteristisch ist, und zweitens die Symbolik im 

m 

Traume gar nicht von der Psychoanalyse entdeckt wurde, wie- 
wohl diese sonst nicht arm an überraschenden Entdeckungen ist. 
Als Entdecker der Traumsymbolik ist, wenn man ihr überhaupt 
einen Anfang in modernen Zeiten zuschreiben will, der Philo- 
soph K. A. Scherner (1861) zu nennen. Die Psychoana- 
lyse hat die Funde Sehern e'rs bestätigt und in allerdings ein- 
schneidender Weise modifiziert. 

Nun werden Sie etwas vom Wesen der Traumsymbolik und 



156 Vorlesungen zur Einführung tn die Psychoanalyse 



Beispiele für sie hören wollen. Ich will Ihnen gerne mitteilen, 
was ich weiß, aber ich gestehe Ihnen, daß unser Verständnis nicht 
so weit reicht, wie wir gerne möchten. 

Das Wesen der Symbolbeziehung ist ein Vergleich, aber nicht 
ein beliebiger. Man ahnt für diesen Vergleich eine besondere Be- 
dingtheit, kann aber nicht sagen, worin diese besteht. Nicht alles 
womit wir einen Gegenstand oder einen Vorgang vergleichen 
können, tritt auch im Traum als Symbol dafür auf. Anderseits 
symbolisiert der Traum auch nicht alles Beliebige sondern nur 
bestimmte Elemente der latenten Traumgedanken. Es gibt also 
hier Beschränkungen nach beiden Seiten hin. Man muß auch zu- 
geben, daß der Begriff des Symbols derzeit nicht scharf abzugren- 
zen ist, er verschwimmt gegen die Ersetzung, Darstellung u. dgl., 
nähert sich selbst der Anspielung. Bei einer Reihe von Symbolen 
ist der zu Grunde liegende Vergleich sinnfällig. Daneben gibt 
es andere Symbole, bei denen wir uns die Frage stellen müssen 
wo denn das Gemeinsame, das Tertium comparationis dieses ver- 
mutlichen Vergleichs zu suchen sei. Dann mögen wir es bei 
näherer Überlegung auffinden, oder es kann uns wirklich ver- 
borgen bleiben. Es ist ferner sonderbar, wenn das Symbol eine 
Vergleichung ist, daß dieser Vergleich sich nicht durch die Asso- 
ziation bloßlegen läßt, auch daß der Träumer den Vergleich nicht 
kennt, sich seiner bedient, ohne um ihn zu wissen. Ja noch mehr, 
daß der Träumer nicht einmal Lust hat, diesen Vergleich anzuer- 
kennen, nachdem er ihm vorgeführt worden ist. Sie sehen also, 
eine Symbolbeziehung ist eine Vergleichung von ganz beson- 
derer Art, deren Begründung von uns noch nicht klar erfaßt 
wird. Vielleicht lassen sich später Hinweise auf dieses Unbe- 
kannte finden. 

Der Umfang der Dinge, die im Traume symbolische Darstel- 
lung finden, ist nicht groß. Der menschliche Leib als Ganzes, die 
Eltern, Kinder, Geschwister, Geburt, Tod, Nacktheit — und 
dann noch eines. Die einzig typische, d. h. regelmäßige Darstel- 






X) Die Symbolik im Traum 157 

lung der menschlichen Person als Ganzes ist die als H a u s , wie 
Scherner erkannt hat, der diesem Symbol sogar eine über- 
ragende Bedeutung, die ihm nicht zukommt, zuteilen wollte. 
Es kommt im Traume vor, daß man, bald lustvoll, bald ängstlich 
von Häuserfassaden herabklettert. Die mit ganz glatten Mauern 
sind Männer; die aber mit Vorsprüngen und Baikonen versehen 
sind, an welchen man sich anhalten kann, das sind Frauen. Die 
Eltern erscheinen im Traum als Kaiser und Kaiserin, 
König und Königin oder als andere Respektspersonen; der 
Traum ist also hier sehr pietätsvoll. Minder zärtlich verfährt er 
gegen Kinder und Geschwister; diese werden als kleine 
Tiere, Ungeziefer symbolisiert. Die Geburt findet fast 
regelmäßig eine Darstellung durch eine Beziehung zum Was- 
ser; entweder man stürzt ins Wasser oder man steigt aus ihm 
heraus, man rettet eine Person aus dem Wasser oder wird von 
ihr gerettet, d. h. man hat eine mütterliche Beziehung zu ihr. Das 
Sterben wird im Traum durch Abreisen, mit der Ei- 
senbahn Fahren ersetzt, das Totsein durch verschiedene 
dunkle, wie zaghafte Andeutungen, die Nacktheit durch Klei- 
der und Uniformen. Sie sehen, wie hier die Grenzen zwi- 
schen symbolischer und anspielungsartiger Darstellung ver- 
schwimmen. 

Im Vergleich zur Armseligkeit dieser Aufzählung muß es auf- 
fallen, daß Objekte und Inhalte eines anderen Kreises durch eine 
außerordentlich reichhaltige Symbolik dargestellt werden. Es ist 
dies der Kreis des Sexuallebens, der Genitalien, der Geschlechts- 
vorgänge, des Geschlechtsverkehrs. Die übergroße Mehrzahl der 
Symbole im Traum sind Sexualsymbole. Es stellt sich dabei ein 
merkwürdiges Mißverhältnis heraus. Der bezeichneten Inhalte 
sind nur wenige, der Symbole für sie ungemein viele, so daß jedes 
dieser Dinge durch zahlreiche, nahezu gleichwertige Symbole 
ausgedrückt werden kann. Bei der Deutung ergibt sich dann et- 
was, was allgemein Anstoß erregt. Die Symboldeutungen sind 



158 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



im Gegensatze zur Mannigfaltigkeit der Traumdarstellungen 
sehr monoton. Das mißfällt jedem, der davon erfährt; aber was 
ist dagegen zu tun? 

Da es das erstemal ist, daß in dieser Vorlesung von Inhalten 
des Sexuallebens gesprochen wird, bin ich Ihnen Rechenschaft 
über die Art schuldig, wie ich dieses Thema zu behandeln ge- 
denke. Die Psychoanalyse findet keinen Anlaß zu Verhüllungen 
und Andeutungen, hält es nicht für nötig, sich der Beschäftigung 
mit diesem wichtigen Stoff zu schämen, meint, es sei korrekt und 
anständig, alles bei seinem richtigen Namen zu nennen, und 
hofft, auf solche Weise störende Nebengedanken am ehesten 
ferne zu halten. Daran kann der Umstand, daß man vor einem 
aus beiden Geschlechtern gemischten Zuhörerkreis spricht, nichts 
ändern. So wie es keine Wissenschaft in usum delphini gibt, 
so auch keine für Backfischchen, und die Damen unter Ihnen 
haben durch ihr Erscheinen in diesem Hörsaal zu verstehen ge- 
geben, daß sie den Männern gleichgestellt werden wollen. 

Für das männliche Genitale also hat der Traum eine Anzahl 
von symbolisch zu nennenden Darstellungen, bei denen das Ge- 
meinsame der Vergleichung meist sehr einleuchtend ist. Vor 
allem ist für das männliche Genitale im ganzen die heilige Zahl 3 
symbolisch bedeutsam. Der auffälligere und beiden Geschlech- 
tern interessante Bestandteil des Genitales, das männliche Glied, 
findet symbolischen Ersatz erstens durch Dinge, die ihm in der 
Form ähnlich, also lang und hochragend sind, wie: Stöcke, 
Schirme, Stangen, Bäume und dgl. Ferner durch 
Gegenstände, die die Eigenschaft des In-den-Körper-Eindrin. 
gens und Verletzens mit dem Bezeichneten gemein haben, also 
spitzige Waffen jeder Art, Messer, Dolche, Lan- 
ze n , S ä b e 1 , aber ebenso durch Schießwaffen: Gewehre, 
Pistolen und den durch seine Form so sehr dazu tauglichen 
Revolver. In den ängstlichen Träumen der Mädchen 
spielt die Verfolgung durch einen Mann mit einem Messer 



X) Die Symbolik im Traum 159 

oder einer Schußwaffe eine große Rolle. Es ist dies der viel- 
leicht häufigste Fall der Traumsymbolik, den Sie sich nun leicht 
übersetzen können. Ohne weiteres verständlich ist auch der 
Ersatz des männlichen Gliedes durch Gegenstände, aus denen 
Wasser fließt : Wasserhähne, Gießkannen, 
Springbrunnen, und durch andere Objekte, die einer 
Verlängerung fähig sind, wie Hängelampen, vor- 
schiebbare Bleistifte usw. Daß Bleistifte, 
Federstiele, Nagelfeilen, Hämmer und an- 
dere Instrumente unzweifelhafte männliche Sexualsym- 
bole sind, hängt mit einer gleichfalls nicht ferne liegenden 
Auffassung des Organes zusammen. 

Die merkwürdige Eigenschaft des Gliedes, sich gegen die 
Schwerkraft aufrichten zu können, eine Teilerscheinung der 
Erektion, führt zur Symboldarstellung durch Luftballone, 
Flugmaschinen und neuesten Datums durch das Z e p p e - 
linsche Luftschiff. Der Traum kennt aber noch eine 
andere, weit ausdrucksvollere Art, die Erektion zu symboli- 
sieren. Er macht das Geschlechtsglied zum Wesentlichen der 
ganzen Person und läßt diese selbst fliegen. Lassen Sie sich's 
nicht nahe gehen, daß die oft so schönen Flugträume, die wir 
alle kennen, als Träume von allgemeiner sexueller Erregung, 
als Erektionsträume gedeutet werden müssen. Unter den psy- 
choanalytischen Forschern hat P. F e d e r n diese Deutung gegen 
jeden Zweifel sichergestellt, aber auch der für seine Nüchtern- 
heit vielbelobte Mourly Vold, der jene Traumexperi- 
mente mit künstlichen Stellungen der Arme und Beine durch- 
geführt hat, und der der Psychoanalyse wirklich ferne stand, 
vielleicht nichts von ihr wußte, ist durch seine Untersuchungen 
zu demselben Schluß gekommen. Machen Sie auch keinen Ein- 
wand daraus, daß Frauen dieselben Flugträume haben können. 
Erinnern Sie sich vielmehr daran, daß unsere Träume Wunsch, 
erfüllungen sein wollen, und daß der Wunsch, ein Mann zu 



160 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



sein, sich bei der Frau so häufig, bewußt oder unbewußt, findet. 
Auch daß es der Frau möglich ist, diesen Wunsch durch die- 
selben Sensationen wie der Mann 2u realisieren, wird keinen der 
Anatomie Kundigen irremachen können. Das Weib besitzt in 
seinen Genitalien eben auch ein kleines Glied in der Ähnlichkeit 
des männlichen, und dieses kleine Glied, die Clitoris, spielt sogar 
im Kindesalter und im Alter vor dem Geschlechtsverkehr die 
nämliche Rolle wie das große Glied des Mannes. 

Zu den weniger gut verständlichen männlichen Sexualsym- 
bolen gehören gewisse Reptilien und F i s c h e, vor allem 
das berühmte Symbol der Schlange. Warum Hut und 
Mantel dieselbe Verwendung gefunden haben, ist gewiß nicht 
leicht zu erraten, aber deren Symbolbedeutung ist ganz unzweifel- 
haft. Endlich kann man sich noch fragen, ob man den Ersatz des 
männlichen Gliedes durch ein anderes Glied, den Fuß oder die 
Hand, als einen symbolischen bezeichnen darf. Ich glaube, man 
wird durch den Zusammenhang und durch die weiblichen Gegen- 
stücke dazu genötigt. 

Das weibliche Genitale wird symbolisch dargestellt durch alle 
jene Objekte, die seine Eigenschaft teilen, einen Hohlraum ein- 
zuschließen, der etwas in sich aufnehmen kann. Also durch 
Schachte, Gruben und Höhlen, durch Gefäße 
und Flaschen, durch Schachteln, Dosen, Kof . 
fer, Büchsen, Kisten, Taschen usw. Auch das 
Schiff gehört in diese Reihe. Manche Symbole haben mehr 
Beziehung auf den Mutterleib als auf das Genitale des Weibes, 
so: Schränke, Öfen und vor allem das Z i m m e r. Die 
Zimmersymbolik stößt hier an die Haussymbolik, Türe und 
T o r werden wiederum zu Symbolen der Genitalöffnung. Aber 
auch Stoffe sind Symbole des Weibes, das Holz, das Pa- 
pier, und Gegenstände, die aus diesen Stoffen bestehen, wie 
der Tisch und das Buch. Von Tieren sind wenigstens 
Schnecke und Muschel als unverkennbare weibliche 



Symbole anzuführen; von Körperteilen der Mund zur Ver- 
tretung der Genitalöffnung, von Bauwerken Kirche und K a - 
pelle. Wie Sie sehen, sind nicht alle Symbole gleich gut ver- 
ständlich. 

Zu den Genitalien müssen die Brüste gerechnet werden, die 
wie die größeren Hemisphären des weiblichen Körpers ihre Dar- 
stellung finden in Äpfeln, Pfirsichen, Früchten 
überhaupt. Die Genitalbehaarung beider Geschlechter be- 
schreibt der Traum als W a 1 d und Gebüsch. Die kompli- 
zierte Topographie der weiblichen Geschlechtsteile macht es be- 
greiflich, daß diese sehr häufig als Landschaft mit Fels, 
Wald und Wasser dargestellt werden, während der imposante 
Mechanismus des männlichen Geschlechtsapparates dazu führt, 
daß alle Arten von schwer zu beschreibenden komplizierten 
Maschinen Symbole desselben werden. 

Ein erwähnenswertes Symbol des weiblichen Genitales ist noch 
das Schmuckkästchen; Schmuck und Schatz sind 
Bezeichnungen der geliebten Person auch im Traume; Süßig- 
keiten eine häufige Darstellung des Geschlechtsgenusses. Die 
Befriedigung am eigenen Genitale wird durch jede Art von 
Spielen angedeutet, auch durch das K 1 a v i e r s p i e 1. Ex- 
quisit symbolische Darstellungen der Onanie sind das Glei- 
ten und Rutschen sowie das Abreißen eines 
Astes. Ein besonders merkwürdiges Traumsymbol ist der 
Zahnausfall oder das Z a h n a u s z i e h e n. Es bedeutet 
sicherlich zunächst die Kastration als Bestrafung für die Onanie. 
Besondere Darstellungen für den Verkehr der Geschlechter findet 
man im Traume weniger zahlreich, als man nach den bisherigen 
Mitteilungen erwarten konnte. Rhythmische Tätigkeiten wie 
Tanzen, Reiten und Steigen sind hier zu nennen, 
auch gewaltsame Erlebnisse wie das Überfahrenwerden. 
Dazu gewisse Han d werkst ätigkei ten und natürlich 
die Bedrohung mit Waffen. 



ii 



162 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Sie müssen sich die Verwendung wie die Übersetzung dieser 
Symbole nicht ganz einfach vorstellen. Es kommt dabei allerlei 
vor, was unserer Erwartung widerspricht. So scheint es zum 
Beispiel kaum glaublich, daß in diesen symbolischen Darstel- 
lungen die Geschlechtsunterschiede oft nicht scharf auseinander- 
gehalten, werden. Manche Symbole bedeuten ein Genitale über- 
haupt, gleichgültig ob ein männliches oder weibliches, z. B. das 
kleine Kind, der kleine Sohn oder die kleine Tochter. 
Ein andermal kann ein vorwiegend männliches Symbol für ein 
weibliches Genitale gebraucht werden oder umgekehrt. Man 
versteht das nicht, ehe man Einsicht in die Entwicklung der 
Sexualvorstellungen der Menschen gewonnen hat. In manchen 
Fällen mag diese Zweideutigkeit der Symbole eine nur scheinbare 
sein; die eklatantesten unter den Symbolen wie Waffen, 
Tasche, Kiste sind auch von dieser bisexuellen Verwen- 
dung ausgenommen. 

Ich will nun nicht von dem Dargestellten, sondern vom Symbol 
ausgehen, eine Übersicht geben, aus welchen Gebieten die Sexual- 
symbole zumeist entnommen werden, und einige Nachträge an- 
fügen mit besonderer Rücksicht auf die Symbole mit unverstan- 
denem Gemeinsamen. Solch ein dunkles Symbol ist der H u t 
vielleicht die Kopfbedeckung überhaupt, in der Regel mit männ- 
licher Bedeutung, doch auch der weiblichen fähig. Ebenso be- 
deutet der Mantel einen Mann, vielleicht nicht immer mit 
Genitalbeziehung. Es steht Ihnen frei, zu fragen, warum. Die 
herabhängende und vom Weib nicht getragene Krawatte 
ist ein deutlich männliches Symbol. Weiße Wäsche, 
Leinen überhaupt ist weiblich; Kleider, Uniformen 
sind, wie wir schon gehört haben, Ersatz für Nacktheit, Körper- 
formen; der S c h u h , Pantoffel, ein weibliches Genitale, 
Tisch und Holz wurden als rätselhafte, aber sicherlich weib- 
liche Symbole bereits erwähnt. Leirer, Stiege, Treppe 
respektive das Gehen auf ihnen, sind sichere Symbole des Ge. 



X) Die Symbolik im Traum 163 

schlechtsverkehrs. Bei näherer Überlegung wird uns die 
Rhythmik dieses Gehens als Gemeinsames auffallen, vielleicht 
auch das Anwachsen der Erregung, Atemnot, je höher man 
steigt. 

Die Landschaft haben wir als Darstellung des weib- 
lichen Genitales schon gewürdigt. Berg und Fels sind Sym- 
bole des männlichen Gliedes; der Garten ein häufiges Symbol 
des weiblichen Genitales. Die Frucht steht nicht für das Kind, 
sondern für die Brüste. W i 1 d e T i e r e bedeuten sinnlich er- 
regte Menschen, des weiteren böse Triebe, Leidenschaften. 
Blüten und Blumen bezeichnen das Genitale des Weibes 
oder spezieller die Jungfräulichkeit. Sie vergessen nicht, daß die 
Blüten wirklich die Genitalien der Pflanzen sind. 

Das Zimmer kennen wir bereits als Symbol. Die Darstel- 
lung kann sich hier fortsetzen, indem die Fenster, Ein- und Aus- 
gänge des Zimmers die Bedeutung der Körperöffnungen über- 
nehmen. Audi das Offen- oder Verschlossensein 
des Zimmers fügt sich dieser Symbolik, und der Schlüs- 
sel, der öffnet, ist ein sicheres männliches Symbol. 

Das wäre nun Material zur Traumsymbolik. Es ist nicht voll- 
ständig und könnte sowohl vertieft als auch verbreitert werden. 
Aber ich meine, es wird Ihnen mehr als genug scheinen, viel- 
leicht Sie unwillig machen. Sie werden fragen: Lebe ich also 
wirklich inmitten von Sexualsymbolen? Sind alle Gegenstände, 
die mich umgeben, alle Kleider, die ich anlege, alle Dinge, die 
ich in die Hand nehme, immer wieder Sexualsymbole und nichts 
anderes? Es gibt wirklich Anlaß genug zu verwunderten Fragen, 
und die erste derselben lautet: Woher wir denn eigentlich die 
Bedeutung dieser Traumsymbole kennen sollen, zu denen uns 
der Träumer selbst keine oder nur unzureichende Auskunft gibt? 

Ich antworte: aus sehr verschiedenen Quellen, aus den Märchen 
und Mythen, Schwänken und Witzen, aus dem Folklore, d. i. 
der Kunde von den Sitten, Gebräuchen, Sprüchen und Liedern 



L 



164 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



der Völker, aus dem poetischen und dem gemeinen Sprachge- 
brauch. Überall hier findet sich dieselbe Symbolik vor, und an 
manchen dieser Stellen verstehen wir sie ohne weitere Unterwei- 
sung. Wenn wir diesen Quellen im einzelnen nachgehen, wer- 
den wir so viele Parallelen 2ur Traumsymbolik finden, daß wir 
unserer Deutungen sicher werden müssen. 

Der menschliche Leib, sagten wir, findet nach Scherner 
im Traum häufig eine Darstellung durch das Symbol des Hauses. 
In der Fortführung dieser Darstellung sind dann Fenster, Tü- 
ren und Tore, die Eingänge in die Körperhöhlen, die Fassaden 
glatt oder mit Baikonen und Vorsprüngen zum Anhalten ver- 
sehen. Dieselbe Symbolik findet sich aber in unserem Sprach- 
gebrauch, wenn wir einen gut Bekannten vertraulich als „altes 
Haus" begrüßen, wenn wir davon sprechen, einem eins aufs 
D a c h 1 zu geben, oder von einem anderen behaupten, es sei bei 
ihm nicht richtig im Oberstübchen. In der Anatomie 
heißen die Körperöffnungen direkt die Leibespforten. 

Daß wir die Eltern im Traume als kaiserliche und königliche 
Paare antreffen, ist ja zunächst überraschend. Aber es findet 
seine Parallele in den Märchen. Dämmen uns nicht die Ein- 
sicht, daß die vielen Märchen, die anheben: Es war einmal ein 
König und eine Königin, nichts anderes sagen wol- 
len als: Es waren einmal ein Vater und eine Mutter? In der Fa- 
milie heißen wir die Kinder scherzhaft Prinzen, den ältesten aber 
den Kronprinzen. Der König selbst nennt sich L a n d e s v a t e r. 
Kleine Kinder bezeichnen wir scherzhaft als W ü r m e r und 
sagen mitleidig: das arme Wurm. 

Kehren wir zur Haussymbolik zurück. Wenn wir die Vor- 
sprünge der Häuser im Traume zum Anhalten benützen, mahnt 
das nicht an die bekannte Volksrede auf einen stark entwickel- 
ten Busen: Die hat etwas zum Anhalten? Das Volk äu- 
ßert sich in solchem Falle noch anders, es sagt: Die hat viel 



X) Die Symbolik im Traum 165 



Holz vor dem Haus, als wollte es unserer Deutung zu Hilfe 
kommen, daß Holz ein weibliches, mütterliches Symbol ist. 

Zu Holz noch anderes. Wir werden nicht verstehen, wie die- 
ser Stoff zur Vertretung des Mütterlichen, Weiblichen, gelangt 
ist. Da mag uns die Sprachvergleichung an die Hand gehen. 
Unser deutsches Wort Holz soll gleichen Stammes sein wie das 
griechische öXq, w *s Stoff, Rohstoff bedeutet. Es würde da der 
nicht gerade seltene Fall vorliegen, daß ein allgemeiner Stoff- 
name schließlich für einen besonderen Stoff reserviert worden 
ist. Nun gibt es eine Insel im Ozean, die den Namen M a - 
d e i r a führt. Diesen Namen haben ihr die Portugiesen bei der 
Entdeckung gegeben, weil sie damals über und über bewaldet 
war. Madeira heißt nämlich in der Sprache der Portugiesen: 
Holz. Sie erkennen aber, daß Madeira nichts anderes ist, als 
das wenig veränderte lateinische Wort materia, das wie- 
derum Stoff im allgemeinen bedeutet. Materia ist nun von 
mater, Mutter, abgeleitet. Der Stoff, aus dem etwas besteht, 
ist gleichsam sein mütterlicher Anteil. In dem symbolischen Ge- 
brauch von Holz für Weib, Mutter, lebt also diese alte Auf- 
fassung fort. 

Die Geburt wird im Traume regelmäßig durch eine Beziehung 
zum Wasser ausgedrückt; man stürzt ins Wasser oder kommt 
aus dem Wasser, das heißt : man gebärt oder man wird geboren. 
Nun vergessen wir nicht, daß sich dies Symbol in zweifacher 
Weise auf entwicklungsgeschichtliche Wahrheit berufen kann. 
Nicht nur, daß alle Landsäugetiere, auch die Vorahnen des Men- 
schen, aus Wassertieren hervorgegangen sind, — das wäre die 
ferner liegende Tatsache, — auch jedes einzelne Säugetier, jeder 
Mensch, hat die erste Phase seiner Existenz im Wasser zuge- 
bracht, nämlich als Embryo im Fruchtwasser im Leib seiner Mut- 
ter gelebt und ist mit der Geburt aus dem Wasser gekommen. 
Ich will nicht behaupten, daß der Träumer dies weiß, dagegen ver- 
trete ich, daß er es nicht zu wissen braucht. Etwas anderes weiß 



166 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

der Träumer wahrscheinlich daher, daß man es ihm in seiner 
Kindheit gesagt hat, und selbst dafür will ich behaupten, daß ihm 
dies Wissen nichts zur Symbolbildung beigetragen hat. Man hat 
ihm in der Kinderstube erzählt, daß der Storch die Kinder bringt, 
aber woher holt er sie? Aus dem Teich, aus dem Brunnen, also 
wiederum aus dem Wasser. Einer meiner Patienten, dem diese 
Auskunft gegeben worden war, damals ein kleines Gräflein, 
war hernach einen ganzen Nachmittag lang verschollen. Man 
fand ihn endlich am Rande des Schloßteichs liegend, das Gesicht- 
chen über den Wasserspiegel gebeugt und eifrig spähend, ob er 
die Kindlein auf dem Grunde des Wassers erschauen könnte. 
In den Mythen von der Geburt des Helden, die O. Rank 
einer vergleichenden Untersuchung unterzogen hat, — der älteste 
ist der des Königs Sargon von A g a d e , etwa 2800 v. Chr. 
— spielt die Aussetzung ins Wasser und die Rettung aus dem 
Wasser eine überwiegende Rolle. Rank hat erkannt, daß dies 
Darstellungen der Geburt sind, analog der im Traume üblichen. 
Wenn man im Traum eine Person aus dem Wasser rettet, macht 
man sie zu seiner Mutter oder zur Mutter schlechtweg; im My. 
thus bekennt sich eine Person, die ein Kind aus dem Wasser 
rettet, als die richtige Mutter des Kindes. In einem bekannten 
Scherz wird der intelligente Judenknabe gefragt, wer denn die 
Mutter des M o s e s war. Er antwortet unbedenklich: die Prin- 
zessin. Aber nein, wird ihm vorgehalten, die hat ihn ja nur aus 
dem Wasser gezogen. So sagt sie, repli2iert er und beweist 
damit, daß er die richtige Deutung des Mythus gefunden hat. 

Das Abreisen bedeutet im Traum Sterben. Es ist auch der 
Brauch der Kinderstube, wenn sich das Kind nach dem Verbleib 
eines Verstorbenen erkundigt, den es vermißt, ihm zu sagen, er 
sei verreist. Wiederum möchte ich dem Glauben wider- 
sprechen, daß das Traumsymbol von dieser gegen das Kind ge- 
brauchten Ausrede stammt. Der Dichter bedient sich derselben 
Symbolbeziehung, wenn er vom Jenseits als vom unentdeckten 






X) Die Symbolik im Traum 167 



Land spricht, von dessen Bezirk kein Reisender (no tra- 
veller) wiederkehrt. Auch im Alitag ist es uns durchaus ge- 
bräuchlich, von der letzten Reise zu sprechen. Jeder Kenner des 
alten Ritus weiß, wie ernst z. B. im altägyptischen Glauben die 
Vorstellung von einer Reise ins Land des Todes genommen 
wurde. In vielen Exemplaren ist uns das Totenbuch erhalten, 
welches wie ein Bädeker der Mumie auf diese Reise mitgegeben 
wurde. Seitdem die Begräbnisstätten von den Wohnscätten ab- 
gesondert worden sind, ist ja auch die letzte Reise des Verstor- 
benen eine Realität geworden. 

Ebensowenig ist etwa die Genitalsymbolik etwas, was dem 
Traume allein zukommt. Jeder von Ihnen wird wohl einmal so 
unhöflich gewesen sein, eine Frau eine „alte Schachtel" 
zu nennen, vielleicht ohne zu wissen, daß er sich dabei eines Geni- 
talsymbols bedient. Im Neuen Testament heißt es: Das Weib ist 
ein schwaches Gefäß. Die heiligen Schriften der Juden sind 
in ihrem dem poetischen so angenäherten Stil erfüllt von sexual- 
symbolischen Ausdrücken, die nicht immer richtig verstanden 
worden sind, und deren Auslegung z. B. im Hohen Lied zu 
manchen Mißverständnissen geführt hat. In der späteren hebrä- 
ischen Literatur ist die Darstellung des Weibes als Haus, wobei 
die Tür die Geschlechtsöffnung vertritt, eine sehr verbreitete. 
Der Mann beklagt sich z. B. im Falle der fehlenden Jungfräulich- 
keit, daß er die Tür geöffnet gefunden hat. Auch das 
Symbol Tisch für Weib ist in dieser Literatur bekannt. Die Frau 
sagt von ihrem Manne: Ich ordnete ihm den Tisch, er aber 
wendete ihn um. Lahme Kinder sollen dadurch entstehen, 
daß der Mann den Tisch umwendet. Ich entnehme 
diese Belege einer Abhandlung von L. Levy in Brunn: „Die 
Sexualsymbolik der Bibel und des Talmuds". 

Daß auch die Schiffe des Traumes Weiber bedeuten, machen 
uns die Etymologen glaubwürdig, die behaupten, Schiff sei ur- 
sprünglich der Name eines tönernen Gefäßes gewesen und sei 



168 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



dasselbe Wort wie Schaff. Daß der Ofen ein Weib und 
Mutterleib ist, wird uns durch die griechische Sage von Perian- 
der von Korinth und seiner Frau Melissa bestätigt. Als nach 
H e r o d o t s Bericht der Tyrann den Schatten seiner heißgelieb- 
ten, aber aus Eifersucht von ihm ermordeten Gemahlin beschwor, 
um eine Auskunft von ihr zu bekommen, beglaubigte sich die 
Tote durch die Mahnung, daß er, Periander, s e i n B r o t i n 
einen kalten Ofen geschoben, als Verhüllung ei- 
nes Vorganges, der keiner anderen Person bekannt sein konnte. 
In der von F. S. K r a u ß herausgegebenen „Anthropophyteia" 
einem unersetzlichen Quellenwerk für alles, was das Geschlechts- 
leben der Völker betrifft, lesen wir, daß man in einer bestimmten 
deutschen Landschaft von einer Frau, die entbunden hat, sagt: 
Der Ofen ist bei ihr zusammengebrochen. 
Die Feuerbereitung und alles, was mit ihr zusammenhängt, ist auf 
das innigste von Sexualsymbolik durchsetzt. Stets ist die Flamme 
ein männliches Genitale, und die Feuerstelle, der Herd, ein 
weiblicher Schoß. 

Wenn Sie sich vielleicht darüber verwundert haben, wie häufig 
Landschaften im Traum zur Darstellung des weiblichen Geni- 
tales verwendet werden, so lassen Sie sich von den Mytho- 
logen belehren, welche Rolle M u 1 1 e r E r d e in den Vorstel- 
lungen und Kulten der alten Zeit gespielt hat, und wie die Auf- 
fassung des Ackerbaues von dieser Symbolik bestimmt wurde. 
Daß das Zimmer im Traum ein Frauenzimmer vorstellt, wer- 
den Sie geneigt sein aus unserem Sprachgebrauch abzuleiten, 
der Frauenzimmer anstatt Frau setzt, also die menschliche Per- 
son durch die für sie bestimmte Räumlichkeit vertreten werden 
laßt. So ähnlich sprechen wir von der „Hohen Pforte" und mei- 
nen damit den Sultan und seine Regierung; auch der Name des 
akagyptischen Herrschers Pharao bedeutete nichts anderes 
als „großer Hofraum". (Im alten Orient sind die Höfe zwi- 
schen den Doppeltoren der Stadt Orte der Zusammenkunft wie 



X) Die Symbolik im Traum 169 

in der klassischen Welt die Marktplätze.) Allein ich meine, diese 
Ableitung ist eine allzu oberflächliche. Es ist mir wahrschein- 
licher, daß das Zimmer als der den Menschen umschließende 
Raum zum Symbol des Weibes geworden ist. Das Haus kennen 
wir ja schon in solcher Bedeutung; aus der Mythologie und aus 
dem poetischen Stil dürfen wir Stadt, Burg, Schloß, 
Festung als weitere Symbole für das Weib hinzunehmen. 
Die Frage wäre an Träumen solcher Personen, die nicht Deutsch 
sprechen, und es nicht verstehen, leicht zu entscheiden. Ich 
habe in den letzten Jahren vorwiegend fremdsprachige Patien- 
ten behandelt und glaube mich zu erinnern, daß in deren Träu- 
men das Zimmer gleichfalls ein Frauenzimmer bedeutete, ob- 
wohl sie keinen analogen Sprachgebrauch in ihren Sprachen hat- 
ten. Es sind noch andere Anzeichen dafür vorhanden, daß die 
Symbolbeziehung über die Sprachgrenzen hinausgehen kann, 
was übrigens schon der alte Traumforscher Schubert (1862) 
behauptet hat. Indes, keiner meiner Träumer war des Deutschen 
völlig unkundig, so daß ich diese Unterscheidung jenen Psycho- 
analytikern überlassen muß, die in anderen Ländern an einspra- 
chigen Personen Erfahrungen sammeln können. 

Unter den Symboldarstellungen des männlichen Genitales 
ist kaum eine, die nicht im scherzhaften, vulgären oder im poe- 
tischen Sprachgebrauch, zumal bei den altklassischen Dichtern, 
wiederkehrte. Es kommen hierfür aber nicht nur die im Traume 
auftretenden Symbole in Betracht, sondern auch neue, z. B. die 
Werkzeuge verschiedener Verrichtungen, in erster Reihe der 
Pflug. Im übrigen nahen wir mit der Symboldarstellung des 
Männlichen einem sehr ausgedehnten und vielumstrittenen Ge- 
biet, von dem wir uns aus ökonomischen Motiven fernehalten 
wollen. Nur dem einen, gleichsam aus der Reihe fallenden Sym- 
bol der 3 möchte ich einige Bemerkungen widmen. Ob diese 
Zahl nicht etwa ihre Heiligkeit dieser Symbolbeziehung verdankt, 
bleibe dahingestellt. Gesichert scheint aber, daß manche in der 






170 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Natur vorkommende dreiteilige Dinge ihre Verwendung zu 
Wappen und Emblemen von solcher Symbolbedeutung ableiten, 
z. B. das Kleeblatt. Auch die dreiteilige sogenannte französische 
Lilie und das sonderbare Wappen zweier so weit voneinander 
entfernten Inseln wie Sizilien und die Isle of Man, das T r i s - 
k e 1 e s (drei halbgebeugte Beine von einem Mittelpunkt aus- 
gehend) sollen nur UmStilisierungen eines männlichen Geni- 
tales sein. Ebenbilder des männlichen Gliedes galten im Alter- 
tum als die kräftigsten Abwehrmittel (Apotropaea) gegen 
böse Einflüsse, und es steht im Zusammenhange damit, daß die 
glückbringenden Amulette unserer Zeit sämtlich leicht als Geni- 
tal- oder Sexualsymbole zu erkennen sind. Betrachten wir eine 
solche Sammlung, wie sie etwa in Form kleiner silberner An- 
hängsel getragen wird : ein vierblättriges Kleeblatt, ein Schwein, 
ein Pilz, ein Hufeisen, eine Leiter, ein Rauchfangkehrer. Das 
vierblättrige Kleeblatt ist an die Stelle des eigentlich zum Sym- 
bol geeigneten dreiblättrigen getreten; das Schwein ist ein altes 
Fruchtbarkeitssymbol; der Pilz ist ein unzweifelhaftes Penissym- 
bol, es gibt Pilze, die ihrer unverkennbaren Ähnlichkeit mit dem 
männlichen Glied ihren systematischen Namen verdanken (Phal- 
lus impudicus) ; das Hufeisen wiederholt den Umriß der weib- 
lichen Geschlechtsöffnung, und der Rauchfangkehrer, der die 
Leiter trägt, taugt in diese Gemeinschaft, weil er eine jener Han- 
tierungen übt, mit denen der Geschlechtsverkehr vulgärerweise 
verglichen wird (S. die Anthropophyteia) . Seine Leiter haben 
wir im Traume als Sexualsymbol kennen gelernt; der deutsche 
Sprachgebrauch kommt uns hier zu Hilfe, der uns zeigt, wie das 
Wort „steigen" in exquisit sexuellem Sinn angewendet wird. 
Man sagt: „Den Frauen nachsteigen" und „ein alter 
Steiger". Im Französischen, wo die Stufe la mar che heißt, 
finden wir ganz analog für einen alten Lebemann den Ausdruck 
„un vieux marcheur". Daß der Geschlechtsverkehr vieler gro- 
ßer Tiere ein Sceigeo, B e s t e i g e n des Weibchens, zur Voraus- 



X) Die Symbolik im Traum 171 



Setzung hat, ist diesem Zusammenhang wahrscheinlich nicht 

fremd. 

Das Abreißen eines Astes als symbolische Darstellung der 
Onanie stimmt nicht nur zu vulgären Bezeichnungen des onanisti- 
schen Aktes, sondern hat auch weitgehende mythologische Paral- 
lelen. Besonders merkwürdig ist aber die Darstellung der Onanie 
oder besser der Strafe dafür, der Kastration, durch Zahnausfall 
und Zahnausreißen, weil sich dazu ein Gegenstück aus der Völ- 
kerkunde rindet, das den wenigsten Träumern bekannt sein 
dürfte. Es scheint mir nicht zweifelhaft, daß die bei so vielen 
Völkern geübte Beschneidung ein Äquivalent und eine Ablösung 
der Kastration ist. Und nun wird uns berichtet, daß in Austra- 
lien gewisse primitive Stämme die Beschneidung als Pubertäts- 
ritus ausführen (zur Mannbarkeitsfeier der Jugend), während 
andere, ganz nahewohnende, an Stelle dieses Aktes das Aus- 
schlagen eines Zahnes gesetzt haben. 

Ich beende meine Darstellung mit diesen Proben. Es sind nur 
Proben; wir wissen mehr darüber, und Sie mögen sich vorstellen, 
um wie viel reichhaltiger und interessanter eine derartige Samm- 
lung ausfallen würde, die nicht von Dilettanten wie wir, sondern 
von den richtigen Fachleuten in der Mythologie, Anthropologie, 
Sprachwissenschaft, im Folklore angestellt wäre. Es drängt uns 
zu einigen Folgerungen, die nicht erschöpfend sein können, 
aber uns viel zu denken geben werden. 

Fürs erste sind wir vor die Tatsache gestellt, daß dem Träu- 
mer die symbolische Ausdrucksweise zu Gebote steht, die er im 
Wachen nicht kennt und nicht wiedererkennt. Das ist so ver- 
wunderlich, wie wenn Sie die Entdeckung machen würden, daß 
Ihr Stubenmädchen Sanskrit versteht, obwohl Sie wissen, daß 
sie in einem böhmischen Dorf geboren ist und es nie gelernt 
hat. Es ist nicht leicht, diese Tatsache mit unseren psychologi- 
schen Anschauungen zu bewältigen. Wir können nur sagen, die 
Kenntnis der Symbolik ist dem Träumer unbewußt, sie gehört 



172 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



seinem unbewußten Geistesleben an. Wir kommen aber auch mit 
dieser Annahme nicht nach. Bisher hatten wir nur notwendig, 
unbewußte Strebungen anzunehmen, solche, von denen man 
zeitweilig oder dauernd nichts weiß. Jetzt aber handelt es sich 
um mehr, geradezu um unbewußte Kenntnisse, um Denkbe- 
ziehungen, Vergleichungen zwischen verschiedenen Objekten, 
die dazu führen, daß das eine konstant an Stelle des anderen 
gesetzt werden kann. Diese Vergleichungen werden nicht jedes- 
mal neu angestellt, sondern sie liegen bereit, sie sind ein- für 
allemal fertig; das geht ja aus ihrer Übereinstimmung bei ver- 
schiedenen Personen, ja vielleicht Übereinstimmung trotz der 
Sprachverschiedenheit, hervor. 

Woher soll die Kenntnis dieser Symbolbeziehungen kommen? 
Der Sprachgebrauch deckt nur einen kleinen Teil derselben. 
Die vielfältigen Parallelen aus anderen Gebieten sind dem Träu- 
mer zumeist unbekannt; auch wir mußten sie erst mühsam zusam- 
mensuchen. 

Zweitens sind diese Symbolbeziehungen nichts, was dem Träu- 
mer oder der Traumarbeit, durch die sie zum Ausdruck kommen, 
eigentümlich wäre. Wir haben ja erfahren, derselben Symbolik 
bedienen sich Mythen und Märchen, das Volk in seinen Sprü- 
chen und Liedern, der gemeine Sprachgebrauch und die 
dichterische Phantasie. Das Gebiet der Symbolik ist ein unge- 
mein großes, die Traumsymbolik ist nur ein kleiner Teil davon; 
es ist nicht einmal zweckmäßig, das ganze Problem vom Traum 
aus in Angriff zu nehmen. Viele der anderswo gebräuchlichen 
Symbole kommen im Traum nicht oder nur sehr selten vor; 
manche der Traumsymbole finden sich nicht auf allen anderen 
Gebieten wieder, sondern, wie Sie gesehen haben, nur hier oder 
dort. Man bekommt den Eindruck, daß hier eine alte, aber unter- 
gegangene Ausdrucksweise vorliegt, von welcher sich auf ver- 
schiedenen Gebieten Verschiedenes erhalten hat, das eine nur 
hier, das andere nur dort, ein drittes vielleicht in leicht verän- 



X) Die Symbolik im Traum 173 

dertea Formen auf mehreren Gebieten. Ich muß hier der Phan- 
tasie eines interessanten Geisteskranken gedenken, welcher eine 
„G rundsprach e" imaginiert hatte, von welcher all diese 
Symbolbeziehungen die Überreste wären. 

Drittens muß Ihnen auffallen, daß die Symbolik auf den ge- 
nannten anderen Gebieten keineswegs nur Sexualsymbolik ist, 
während im Traume die Symbole fast ausschließend zum Aus- 
druck sexueller Objekte und Beziehungen verwendet werden. 
Auch das ist nicht leicht erklärlich. Sollten ursprünglich sexuell 
bedeutsame Symbole später eine andere Anwendung erhalten 
haben, und hinge damit etwa noch die Abschwächung von der 
symbolischen zur andersartigen Darstellung zusammen? Diese 
Fragen sind offenbar nicht zu beantworten, wenn man sich nur 
mit der Traumsymbolik beschäftigt hat. Man darf nur an der 
Vermutung festhalten, daß eine besonders innige Beziehung 
zwischen den richtigen Symbolen und dem Sexuellen besteht. 

Ein wichtiger Fingerzeig ist uns hier in den letzten Jahren 
gegeben worden. Ein Sprachforscher, H. Sperber (Upsala), 
der unabhängig von der Psychoanalyse arbeitet, hat die Behaup- 
tung aufgestellt, daß sexuelle Bedürfnisse an der Entstehung und 
Weiterbildung der Sprache den größten Anteil gehabt haben. 
Die anfänglichen Sprachlaute haben der Mitteilung gedient und 
den sexuellen Partner herbeigerufen: die weitere Entwicklung 
der Sprachwurzeln habe die Arbeitsverrichtungen der Urmen- 
schen begleitet. Diese Arbeiten seien gemeinsame gewesen und 
unter rhythmisch wiederholten Sprachäußerungen vor sich ge- 
gangen. Dabei sei ein sexuelles Interesse auf die Arbeit verlegt 
worden. Der Urmensch habe sich gleichsam die Arbeit annehm- 
bar gemacht, indem er sie als Äquivalent und Ersatz der Ge- 
schlechtstätigkeit behandelte. Das bei der gemeinsamen Arbeit 
hervorgestoßene Wort habe so zwei Bedeutungen gehabt, den 
Geschlechtsakt bezeichnet wie die ihm gleichgesetzte Arbeits- 
tätigkeit. Mit der Zeit habe sich das Wort von der sexuellen Be- 



174 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

deutung losgelöst und an diese Arbeit fixiert. Generationen spä- 
ter sei es mit einem neuen Wort, das nun die Sexual bedeutung 
hatte und auf eine neue Art von Arbeit angewendet wurde, eben- 
so ergangen. Auf solche Weise hätte sich eine Anzahl von 
Sprachwurzeln gebildet, die alle sexueller Herkunft waren und 
ihre sexuelle Bedeutung abgegeben hatten. Wenn die hier skiz. 
zierte Aufstellung das Richtige trifft, eröffnet sich uns allerdings 
eine Möglichkeit des Verständnisses für die Traumsymbolik. 
Wir würden begreifen, warum es im Traum, der etwas von die- 
sen ältesten Verhältnissen bewahrt, so außerordentlich viele 
Symbole für das Geschlechtliche gibt, warum allgemein Waffen 
und Werkzeuge immer für das Männliche, die Stoffe und das 
Bearbeitete fürs Weibliche stehen. Die Symbolbeziehung wäre 
der Überrest der alten Wortidentität; Dinge, die einmal gleich ge- 
heißen haben wie das Genitale, könnten jetzt im Traum als Sym- 
bole für dasselbe eintreten. 

Aus unseren Parallelen zur Traumsymbolik können Sie aber 
auch Schätzung für den Charakter der Psychoanalyse gewinnen, 
der sie befähigt, Gegenstand des allgemeinen Interesses zu wer- 
den, wie weder die Psychologie noch die Psychiatrie es konnten. 
Es spinnen sich bei der psychoanalytischen Arbeit Beziehungen zu 
so vielen anderen Geisteswissenschaften an, deren Untersuchung 
die wertvollsten Aufschlüsse verspricht, zur Mythologie wie 
zur Sprachwissenschaft, zum Folklore, zur Völkerpsychologie und 
zur Religionslehre. Sie werden es verständlich finden, daß auf 
psychoanalytischem Boden eine Zeitschrift erwachsen ist, welche 
sich die Pflege dieser Beziehungen zur ausschließlichen Aufgabe 
gemacht hat, die 1912 gegründete, von Hanns S a c h s und Otto 
Rank geleitete „I mago". In all diesen Beziehungen ist die 
Psychoanalyse zunächst der gebende, weniger der empfangende 
Teil. Sie hat zwar den Vorteil davon, daß uns ihre fremdartigen 
Ergebnisse durch das Wiederfinden auf anderen Gebieten ver- 
trauter werden, aber im ganzen ist es die Psychoanalyse, welche 



X) Die Symbolik im Traum 175 



die technischen Methoden und die Gesichtspunkte beistellt, deren 
Anwendung sich auf jenen anderen Gebieten fruchtbar erweisen 
soll. Das seelische Leben des menschlichen Einzelwesens ergibt 
uns bei psychoanalytischer Untersuchung die Aufklärungen, mit 
denen wir manches Rätsel im Leben der Menschenmassen lösen 
oder doch ins rechte Licht rücken können. 

Übrigens habe ich Ihnen noch gar nicht gesagt, unter wel- 
chen Umständen wir die tiefste Einsicht in jene supponierte 
„Grundsprache" nehmen können, auf welchem Gebiet am mei- 
sten von ihr erhalten ist. Solange Sie dies nicht wissen, können 
Sie auch die ganze Bedeutung des Gegenstandes nicht würdigen. 
Dies Gebiet ist nämlich die Neurotik, sein Material die Sym- 
ptome und andere Äußerungen der Nervösen, zu deren Aufklä- 
rung und Behandlung ja die Psychoanalyse geschaffen worden ist. 

Mein vierter Gesichtspunkt kehrt nun wieder zu unserem Aus- 
gang zurück und lenkt in die uns voi gezeichnete Bahn ein. Wir 
sagten, auch wenn es keine Traumzensur gäbe, würde der Traum 
uns doch noch nicht leicht verständlich sein, denn dann fänden 
wir uns vor der Aufgabe, die Symbolsprache des Traumes in die 
unseres wachen Denkens zu übersetzen. Die Symbolik ist also 
ein zweites und unabhängiges Moment der Traumentstellung 
neben der Traumzensur. Es liegt aber nahe anzunehmen, daß es 
der Traumzensur bequem ist, sich der Symbolik zu bedienen, da 
diese zu demselben Ende, zur Fxemdartigkeit und Unverständ- 
lichkcit des Traumes führt. 

Ob wir bei weiterem Studium des Traumes nicht auf ein neues 
Moment, welches zur Traumentstellung beiträgt, stoßen werden, 
muß sich ja alsbald zeigen. Das Thema der Traumsymbolik 
möchte ich aber nicht verlassen, ohne nochmals das Rätsel zu be- 
rühren, daß sie auf so heftigen Widerstand bei den Gebildeten 
stoßen konnte, wo die Verbreitung der Symbolik in Mythus, Re- 
ligion, Kunst und Sprache so unzweifelhaft ist. Ob nicht wie- 
derum die Beziehung zur Sexualität die Schuld daran trägt? 



176 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



XI. VORLESUNG 

DIE TRAUMARBEIT 



Meine Damen und Herren! Wenn Sie die Traumzensur und 
die Symboldarstellung bewältigt haben, haben Sie die Traument- 
stellung zwar noch nicht gänzlich überwunden, aber Sie sind 
doch imstande, die meisten Träume zu verstehen. Sie bedienen 
sich dabei der beiden einander ergänzenden Techniken rufen 
Einfälle des Träumers auf, bis Sie vom Ersatz zum Eigentlichen 
vorgedrungen sind, und setzen für die Symbole deren Bedeutung 
aus eigener Kenntnis ein. Von gewissen Unsicherheiten, die sich 
dabei ergeben, werden wir später handeln. 

Wir können nun eine Arbeit wieder aufnehmen, die wir seiner- 
zeit mit unzureichenden Mitteln versuchten, als wir die Beziehun- 
gen zwischen den Traumelementen und ihren Eigentlichen stu- 
dierten und dabei vier solcher Hauptbeziehungen feststellten die 
des Teils vom Ganzen, die der Annäherung oder Anspielung die 
symbolische Beziehung und die plastische Wortdarstellung. Das 
selbe wollen wir im größeren Maßstabe unternehmen, indem wir 
den manifesten Trauminhalt im ganzen mit dem durch Deutung 
gefundenen latenten Traum vergleichen. 

Ich hoffe, Sie werden diese beiden nie wieder miteinander 
verwechseln. Wenn Sie das zustande bringen, haben Sie im 
Verständnis des Traumes mehr erreicht als wahrscheinlich die 
meisten Leser meiner „Traumdeutung". Lassen Sie sich auch 
noch einmal vorhalten, daß jene Arbeit, welche den latenten 
i räum in den manifesten umsetzt, die Traumarbeit heißt 
Die in entgegengesetzter Richtung fortschreitende Arbeit welche 
vom manifesten Traum zum latenten gelangen will, ist unsere 
Deutungsarbeit. Die Deutungsarbeit will die Traum- 
arbeit aufheben. Die als evidente Wunscherfüllungen erkannten 
Traume vom infantilen Typus haben doch ein Stück der Traum 
arbeit an sich erfahren, nämlich die Umsetzung der Wunsch 



XI) Die Traumarbeit m 



form in die Realität und zumeist auch die der Gedanken in 
visuelle Bilder. Hier bedarf es keiner Deutung, nur der Rück- 
bildung dieser beiden Umsetzungen. Was bei den anderen Träu- 
men an Traumarbeit noch hinzugekommen ist, das heißen wir 
die Traumentstellung, und diese ist durch unsere Deu- 
tungsarbeit rückgängig zu machen. 

Durch die Vergleichung vieler Traumdeutungen bin ich in die 
Lage versetzt, Ihnen in zusammenfassender Darstellung anzu- 
geben, was die Traumarbeit mit dem Material der latenten 
Traumgedanken macht. Ich bitte Sie aber, davon nicht zuviel 
verstehen zu wollen. Es ist ein Stück Deskription, welches mit 
ruhiger Aufmerksamkeit angehört werden soll. 

Die erste Leistung der Traumarbeit ist die V e r d i c h t u n g. 
Wir verstehen darunter die Tatsache, daß der manifeste Traum 
weniger Inhalt hat als der latente, also eine Art von abgekürzter 
Übersetzung des letzteren ist. Die Verdichtung kann eventuell 
einmal fehlen, sie ist in der Regel vorhanden, sehr häufig enorm. 
Sie schlägt niemals ins Gegenteil um, d. h. es kommt nicht vor, 
daß der manifeste Traum umfang- und inhaltsreicher ist als der 
latente. Die Verdichtung kommt dadurch zustande, daß 1. ge- 
wisse latente Elemente überhaupt zugelassen werden, 2. daß 
von manchen Komplexen des latenten Traumes nur ein Brocken 
in den manifesten übergeht, 3. daß latente Elemente, die etwas 
Gemeinsames haben, für den manifesten Traum zusammenge- 
legt, zu einer Einheit verschmolzen werden. 

Wenn Sie wollen, können Sie den Namen „Verdichtung" für 
diesen letzten Vorgang allein reservieren. Seine Effekte sind be- 
sonders leicht zu demonstrieren. Aus Ihren eigenen Träumen 
werden Sie sich mühelos an die Verdichtung verschiedener Per- 
sonen zu einer einzigen erinnern. Eine solche Mischperson sieht 
etwa aus wie A, ist aber gekleidet wie B, tut eine Verrichtung, 
wie man sie von C erinnert, und dabei ist noch ein Wissen, daß 
es die Person D ist. Durch diese Mischbildung wird natürlich 



12 



178 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



etwas den vier Personen Gemeinsames besonders hervorgehoben. 
Ebenso wie aus Personen kann man aus Gegenständen oder, aus 
örtlichkeiten eine Mischbildung herstellen, wenn die Bedingung 
erfüllt ist, daß die einzelnen Gegenstände und Örtlichkeiten 
etwas, was der latente Traum betont, miteinander gemein haben. 
Es ist das wie eine neue und flüchtige BegrifTsbildung mit diesem 
Gemeinsamen als Kern. Durch das Übereinanderfallen der mit- 
einander verdichteten Einzelnen entsteht in der Regel ein un- 
scharfes, verschwommenes Bild, so ähnlich, wie wenn Sie meh- 
rere Aufnahmen auf die nämliche Platte bringen. 

Der Traumarbeit muß an der Herstellung solcher Mischbildun- 
gen viel gelegen sein, denn wir können nachweisen, daß die 
hierzu erforderten Gemeinsamkeiten absichtlich hergestellt wer- 
den, wo sie zunächst vermißt wurden, z. B. durch die Wahl des 
wörtlichen Ausdrucks für einen Gedanken. Wir haben solche 
Verdichtungen und Mischbildungen schon kennen gelernt; sie 
spielten in der Entstehung mancher Fälle von Versprechen eine 
Rolle. Erinnern Sie sich an den jungen Mann, der eine Dame 
begleitdigen wollte. Außerdem gibt es Witze, deren 
Technik sich auf eine solche Verdichtung zurückführt. Davon 
abgesehen, darf man aber behaupten, daß dieser Vorgang etwas 
ganz Ungewöhnliches und Befremdliches ist. Die Bildung der 
Mischpersonen des Traumes findet zwar Gegenstücke in man- 
chen Schöpfungen unserer Phantasie, die leicht Bestandteile, 
welche in der Erfahrung nicht zusammengehören, zu einer Ein! 
heit zusammensetzt, also z. B. in den Zentauren und Fabel- 
tieren der alten Mythologie oder der B ö c k 1 i n sehen Bilder. 
Die „schöpferische" Phantasie kann ja überhaupt nichts erfinden, 
sondern nur einander fremde Bestandteile zusammensetzen. 
Aber das Sonderbare an dem Verfahren der Traumarbeit ist fol- 
gendes: Das Material, das der Traumarbeit vorliegt, sind ja Ge- 
danken, Gedanken, von denen einige anstößig und unannehm- 
bar sein mögen, die aber korrekt gebildet und ausgedrückt sind. 



XI) Die Traumarbeit 179 



Diese Gedanken werden durch die Traumarbeit in eine andere 
Form übergeführt, und es ist merkwürdig und unverständlich, 
daß bei dieser Übersetzung, Übertragung, wie in eine andere 
Schrift oder Sprache, die Mittel der Verschmelzung und Kombi- 
nation Anwendung finden. Eine Übersetzung ist doch sonst be- 
strebt, die im Text gegebenen Sonderungen zu achten und ge- 
rade Ähnlichkeiten auseinander zu halten. Die Traumarbeit be- 
müht sich ganz im Gegenteile, zwei verschiedene Gedanken da- 
durch zu verdichten, daß sie ähnlich wie der Witz ein mehrdeu- 
tiges Wort heraussucht, in dem sich die beiden Gedanken tref- 
fen können. Man muß diesen Zug nicht sofort verstehen, wollen, 
aber er kann für die Auffassung der Traumarbeit bedeutungs- 
voll werden. 

Obwohl die Verdichtung den Traum undurchsichtig macht, 
bekommt man doch nicht den Eindruck, daß sie eine Wirkung 
der Traumzensur sei. Eher möchte man sie auf mechanische oder 
Ökonomische Momente zurückführen; aber die Zensur rindet 
jedenfalls ihre Rechnung dabei. 

Die Leistungen der Verdichtung können ganz außerordent- 
liche sein. Mit ihrer Hilfe wird es gelegentlich möglich, zwei 
ganz verschiedene latente Gedankengänge in einem manifesten 
Traum zu vereinigen, so daß man eine anscheinend zureichende 
Deutung eines Traumes erhalten und dabei doch eine mögliche 
Überdeutung übersehen kann. 

Die Verdichtung hat auch für das Verhältnis zwischen dem 
latenten und dem manifesten Traum die Folge, daß keine ein- 
fache Beziehung zwischen den Elementen hier und dort bestehen 
bleibt. Ein manifestes Element entspricht gleichzeitig mehreren 
latenten, und umgekehrt kann ein latentes Element an mehreren 
manifesten beteiligt sein, also nach Art einer Verschränkung. 
Bei der Deutung des Traumes zeigt es sich auch, daß die Ein- 
fälle zu einem einzelnen manifesten Element nicht der Reihe 



180 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



nach zu kommen brauchen. Man muß oft abwarten, bis der ganze 
Traum gedeutet ist. 

Die Traumarbeit besorgt also eine sehr ungewöhnliche Art 
von Transkription der Traumgedanken, nicht eine Übersetzung 
Wort für Wort oder Zeichen für Zeichen, auch nicht eine Aus- 
wahl nach bestimmter Regel, wie wenn nur die Konsonanten 
eines Wortes wiedergegeben, die Vokale aber ausgelassen wür- 
den, auch nicht, was man eine Vertretung heißen könnte, daß 
immer ein Element an Stelle mehrerer herausgegriffen wird, son- 
dern etwas anderes und weit Komplizierteres. 

Die zweite Leistung der Traumarbeit ist die Verschie- 
bung. Für diese haben wir zum Glück schon vorgearbeitet; 
wir wissen ja, sie ist ganz das Werk der Traumzensur. Ihre bei- 
den Äußerungen sind erstens, daß ein latentes Element nicht 
durch einen eigenen Bestandteil, sondern durch etwas Entfern- 
teres, also durch eine Anspielung ersetzt wird, und zweitens, 
daß der psychische Akzent von einem wichtigen Element auf ein 
anderes, unwichtiges übergeht, so daß der Traum anders zen- 
triert und fremdartig erscheint. 

Die Ersetzung durch eine Anspielung ist auch in unserem 
wachen Denken bekannt, aber es ist ein Unterschied dabei. I m 
wachen Denken muß die Anspielung eine leicht verständliche 
sein, und der Ersatz muß in inhaltlicher Beziehung zu seinem 
Eigentlichen stehen. Auch der Witz bedient sich häufig der An- 
spielung, er läßt die Bedingung der inhaltlichen Assoziation fal- 
len und ersetzt diese durch ungewohnte äußerliche Assozia- 
tionen wie Gleichklang und Wortvieldeutigkeit u. a. Die Be- 
dingung der Verständlichkeit hält er aber fest; der Witz käme um 
jede Wirkung, wenn der Rückweg von der Anspielung zum 
Eigentlichen sich nicht mühelos ergeben würde. Von beiden Ein- 
schränkungen hat sich aber die Verschiebungsanspielung des 
Traumes frei gemacht. Sie hängt durch die äußerlichsten und 
entlegensten Beziehungen mit dem Element, das sie ersetzt, zu- 



XI) Die Traumarbeit 181 

sammen, ist darum unverständlich, und wenn sie rückgängig ge- 
macht wird, macht ihre Deutung den Eindruck eines mißratenen 
Witzes oder einer gewaltsamen, gezwungenen, an den Haaren 
herbeigezogenen Auslegung. Die Traumzensur hat eben nur dann 
ihr Ziel erreicht, wenn es ihr gelungen ist, den Rückweg von der 
Anspielung zum Eigentlichen unauffindbar zu machen. 

Die Akzentverschiebung ist als Mittel des Gedankenausdrucks 
unerhört. Wir lassen sie im wachen Denken manchmal zu, um 
einen komischen Effekt zu erzielen. Den Eindruck der Verirrung, 
den sie macht, kann ich etwa bei Ihnen hervorrufen, wenn ich 
Sie an die Anekdote erinnere, daß es in einem Dorf einen 
Schmied gab, der sich eines todeswürdigen Verbrechens schul- 
dig gemacht hatte. Der Gerichtshof beschloß, daß die Schuld ge- 
sühnt werde, aber da der Schmied allein im Dorfe und unent- 
behrlich war, dagegen drei Schneider im Dorfe wohnten, wurde 
einer dieser drei an seiner Statt gehängt. 

Die dritte Leistung der Traumarbeit ist die psychologisch 
interessanteste. Sie besteht in der Umsetzung von Gedanken in 
visuelle Bilder. Halten wir fest, daß nicht alles in den Traum- 
gedanken diese Umsetzung erfährt; manches behält seine Form 
und erscheint auch im manifesten Traum als Gedanke oder als 
Wissen; auch sind visuelle Bilder nicht die einzige Form, in 
welche die Gedanken umgesetzt werden. Aber sie sind doch das 
Wesentliche an der Traumbildung; dieses Stück der Traumarbeit 
ist das zweitkonstanteste, wie wir schon wissen, und für einzelne 
Traumelemente haben wir die „plastische Wortdarstellung" be- 
reits kennen gelernt. 

Es ist klar, daß diese Leistung keine leichte ist. Um sich einen 
Begriff von ihren Schwierigkeiten zu machen, müssen Sie sich 
vorstellen, Sie hätten die Aufgabe übernommen, einen politischen 
Leitartikel einer Zeitung durch eine Reihe von Illustrationen zu 
ersetzen, Sie wären also von der Buchstabenschrift zur Bilder- 
schrift zurückgeworfen. Was in diesem Artikel von Personen und 



. 



182 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



konkreten Gegenständen genannt wird, das werden Sie leicht und 
vielleicht selbst mit Vorteil durch Bilder ersetzen, aber die 
Schwierigkeiten erwarten Sie bei der Darstellung aller abstrak- 
ten Worte und aller Redeteile, die Denkbeziehungen anzeigen 
wie der Partikeln, Konjunktionen u dgl. Bei den abstrakten 
Worten werden Sie sich durch allerlei Kunstgriffe helfen kön- 
nen. Sie werden z. B. bemüht sein, den Text des Artikels in an- 
deren Wortlaut umzusetzen, der vielleicht ungewohnter klingt, 
aber mehr konkrete und der Darstellung fähige Bestandteile ent- 
hält. Dann werden Sie sich erinnern, daß die meisten abstrak- 
ten Worte abgeblaßte konkrete sind, und werden darum, so oft 
Sie können, auf die ursprüngliche konkrete Bedeutung dieser 
Worte zurückgreifen. Sie werden also froh sein, daß Sie ein „Be- 
sitzen" eines Objekts als ein wirkliches körperliches Daraufsitzen 
darstellen können. So macht es auch die Traumarbeit. Große An- 
sprüche an die Genauigkeit der Darstellung werden Sie unter 
solchen Umständen kaum machen können. Sie werden es also 
auch der Traumarbeit hingehen lassen, daß sie z. B. ein so schwer 
bildlich zu bewältigendes Element wie Ehebruch durch einen 
anderen Bruch, einen Beinbruch, ersetzt. 1 Auf solche Weise wer. 

1) Der Zufall führt mir während der Korrektur dieser Bogen eine 
Zeitungsnotiz zu, die ich als unerwartete Erläuterung zu den obigen 
Sätzen hier abdrucke: 

„Die STRAFE GOTTES. (Armbruch für Ehebruch.) Frau 
Anna M., die Gattin eines Landstürmers, verklagte Frau Klementine K. 
wegen Ehebruches. In der Klage heißt es, daß die K. mit Karl M. 
ein strafbares Verhältnis gepflogen habe, während ihr eigener Mann ira 
Felde steht, von wo er ihr sogar siebzig Kronen monatlich schickt. Die 
K. habe von dem Gatten der Klägerin schon ziemlich v i e 1 G e 1 d er- 
halten, während sie mit ihrem Kinde in Hunger und Elend leben 
müsse. Kameraden ihres Mannes hatten ihr hinterbracht, daß die K. mit 
M. Weinstuben besucht und dort bis in die späte Nacht hinein gezecht 
habe. Einmal habe die Angeklagte den Mann der Klägerin vor mehreren 
Infanteristen sogar befragt, ob er sich denn nicht von seiner,, Alten" schon 
bald scheiden lasse, um zu ihr zu ziehen. Auch die Hausbesorgerin der Je 






XI) Die Traumarbeit 183 



den Sie es dazu bringen, die Ungeschicklichkeiten der Bilder- 
schrift, wenn sie die Buchstabenschrift ersetzen soll, einiger, 
maßen auszugleichen. 

Bei der Darstellung der Redeteile, welche Denkrelationen an- 
zeigen, des „weil, darum, aber" usw., haben Sie keine derartigen 
Hilfsmittel; diese Bestandteile des Textes werden also für ihre 
Umsetzung in Bilder verloren gehen. Ebenso wird durch die 
Traumarbeit der Inhalt der Traumgedanken in sein Rohmaterial 
von Objekten und Tätigkeiten aufgelöst. Sie können zufrieden 
sein, wenn sich Ihnen die Möglichkeit ergibt, gewisse an sich 
nicht darstellbare Relationen in der feineren Ausprägung der 
Bilder irgendwie anzudeuten. Ganz so gelingt es der Traum- 
arbeit, manches vom Inhalt der latenten Traumgedanken in for- 
malen Eigentümlichkeiten des manifesten Traumes auszudrücken, 

habe den Mann der Klägerin wiederholt im tiefsten Negligee in der Woh- 
nung der K. gesehen. 

Die K. leugnete gestern vor einem Richter der Leopoldstadt, den 
M. zu kennen, von intimen Beziehungen könne schon gar keine Rede sein. 
Die Zeugin Albertine M. gab jedoch an, daß die K. den Gatten der 
Klägerin geküßt habe und dabei von ihr überrascht wurde. 

Der schon in einer früheren Verhandlung als Zeuge vernommene M. 
hatte damals die intimen Beziehungen zur Angeklagten in Abrede ge- 
stellt. Gestern lag dem Richter ein B r i e f vor, worin der Zeuge seine in 
der ersten Verhandlung gemachten Aussagen widerrief und zugibt, 
bis vorigen Juni mit der K. ein Liebesverhältnis unterhalten zu haben. 
Er habe in der früheren Verhandlung seine Beziehungen zur Beschul- 
digten bloß deswegen in Abrede gestellt, weil diese vor der Verhandlung 
bei ihm erschienen sei und ihn kniefällig gebeten habe, er 
möge sie doch retten und nichts aussagen. „Heute" — schrieb der 
Zeuge — „fühle ich mich dazu gedrängt, dem Gerichte ein volles Ge- 
ständnis abzulegen, da ich meinen linken Arm gebrochen 
habe und mir dies als eine Strafe Gottes für mein Vergehen er- 
scheint." 

Der Richter stellte fest, daß die strafbare Handlung bereits ver- 
jährt ist, worauf die Klägerin ihre Klage zurückzog und der 
Freispruch der Angeklagten erfolgte. 



184 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



in der Klarheit oder Dunkelheit desselben, in seiner Zerteilung 
in mehrere Stücke u. ä. Die Anzahl der Parti alträume, in welche 
ein Traum zerlegt ist, korrespondiert in der Regel mit der An- 
zahl der Hauptthemen, der Gedankenreihen im latenten Traum; 
ein kurzer Vortraum steht zum nachfolgenden ausführlichen 
Haupttraum oft in der Beziehung einer Einleitung oder einer 
Motivierung; ein Nebensatz in den Traumgedanken wird durch 
einen eingeschalteten Szenenwechsel im manifesten Traum er. 
setzt usw. Die Form der Träume ist also an sich keineswegs be- 
deutungslos und fordert selbst zur Deutung heraus. Mehrfache 
Träume derselben Nacht haben oft die nämliche Bedeutung und 
zeigen die Bemühung an, einen Reiz von ansteigender Dringlich- 
keit immer besser zu bewältigen. Im einzelnen Traum selbst 
kann ein besonders schwieriges Element eine Darstellung durch 
„Doubletten", mehrfache Symbole, finden. 

Bei fortgesetzten Vergleichungen der Traumgedanken mit den 
sie ersetzenden manifesten Träumen erfahren wir allerlei, worauf 
wir nicht vorbereitet sein konnten, z. B. daß auch der Unsinn und 
die Absurdität der Träume ihre Bedeutung haben. Ja, in diesem 
Punkte spitzt sich der Gegensatz der medizinischen und der 
psychoanalytischen Auffassung des Traumes zu einer sonst nicht 
erreichten Schärfe zu. Nach ersterer ist der Traum unsinnig, weil 
die träumende Seelentätigkeit jede Kritik eingebüßt hat; nach 
unserer dagegen wird der Traum dann unsinnig, wenn eine in 
den Traumgedanken enthaltene Kritik, das Urteil „es ist un- 
sinnig", zur Darstellung gebracht werden soll. Der Ihnen be- 
kannte Traum vom Theaterbesuch (drei Karten für 1 fl. 50 kr.) 
ist ein gutes Beispiel dafür. Das so ausgedrückte Urteil lautet : 
Es war ein U n s i n n , so früh zu heiraten. 

Ebenso erfahren wir bei der Deutungsarbeit, was den so häufig 
vom Träumer mitgeteilten Zweifeln und Unsicherheiten ent- 
spricht, ob ein gewisses Element im Traume vorgekommen, ob 
es dies oder nicht vielmehr etwas anderes gewesen sei. Diesen 



XI) Die Traumarbeit 185 



Zweifeln und Unsicherheiten entspricht in der Regel in den 
latenten Traumgedanken nichts; sie rühren durchwegs von der 
Wirkung der Traumzensur her und sind einer versuchten, nicht 
voll gelungenen Ausmerzung gleichzusetzen. 

Zu den überraschendsten Funden gehört die Art, wie die 
Traumarbeit Gegensätzlichkeiten des latenten Traumes behan- 
delt. Wir wissen schon, daß Übereinstimmungen im latenten Ma- 
terial durch Verdichtungen im manifesten Traum ersetzt werden. 
Nun, Gegensätze werden ebenso behandelt wie Übereinstim- 
mungen, mit besonderer Vorliebe durch das nämliche manifeste 
Element ausgedrückt. Ein Element im manifesten Traum, wel- 
ches eines Gegensatzes fähig ist, kann also ebensowohl sich 
selbst bedeuten wie seinen Gegensatz oder beides zugleich; erst 
der Sinn kann darüber entscheiden, welche Übersetzung zu wäh- 
len ist. Damit hängt es dann zusammen, daß eine Darstellung 
des „Nein" im Traume nicht zu finden ist, wenigstens keine 

unzweideutige. 

Eine willkommene Analogie für dies befremdende Benehmen 
der Traumarbeit hat uns die Sprachentwicklung geliefert. Manche 
Sprachforscher haben die Behauptung aufgestellt, daß in den 
ältesten Sprachen Gegensätze wie stark— schwach, licht— dunkel, 
groß— klein durch das nämliche Wurzelwort ausgedrückt wur- 
den. („Der Gegensinn der Urworte".) So hieß im Altägypti- 
schen ken ursprünglich stark und schwach. In der Rede schützte 
man sich vor Mißverständnissen beim Gebrauch so ambivalenter 
Worte durch den Ton und die beigefügte Geste, in der Schrift 
durch die Hinzufügung eines sogenannten Determinativs, 
d. h. eines Bildes, das selbst nicht zur Aussprache bestimmt war. 
Ken — stark wurde also geschrieben, indem nach den Buch- 
stabenzeichen das Bild eines aufrechten Männchens hingesetzt 
wurde; wenn ken — schwach gemeint war, so folgte das Bild 
eines nachlässig hockenden Mannes nach. Erst später wurden 
durch leichte Modifikationen des gleichlautenden Urwortes zwei 



186 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Bezeichnungen für die darin enthaltenen Gegensätze gewonnen. 
So entstand aus ken stark— schwach, ein ken stark und ein kan 
schwach. Nicht nur die ältesten Sprachen in ihren letzten Ent- 
wicklungen, sondern auch weit jüngere und selbst heute noch 
lebende Sprachen sollen reichlich Überreste dieses alten Gegen- 
sinnes bewahrt haben. Ich will Ihnen einige Belege hierfür nach 
K. Abel (1884) mitteilen. 

Im Lateinischen sind solche immer noch ambivalente Worte; 
altus (hoch — tief) und sac er (heilig— verrucht) . 

Als Beispiele für Modifikationen derselben Wurzel erwähne 

ich: clamare — schreien, dam — leise, still, geheim; siccus 

trocken, succus — Saft. Dazu aus dem Deutschen: Stimme -— 
stumm. 

Bezieht man verwandte Sprachen aufeinander, so ergeben sich 
reichliche Beispiele. Englisch lock — schließen; deutsch: Loch, 
Lücke. Englisch : cleave — spalten; deutsch: kleben. 

Das englische wlthout eigentlich mit— ohne wird heute für 
ohne verwendet; daß whh außer seiner zuteilenden auch eine 
entziehende Bedeutung hatte, geht noch aus den Zusammen- 
setzungen wühdmw—withhold hervor. Ähnlich das deutsche 
wieder. 

Noch eine andere Eigentümlichkeit der Traumarbeit findet in 
der Sprachentwicklung ihr Gegenstück. In der altägyptischen 
kam es wie in anderen späteren Sprachen vor, daß die Laut- 
folge der Worte für denselben Sinn umgekehrt wurde. Solche 
Beispiele zwischen dem Englischen und dem Deutschen sind: 
Top] — p ot: h oat __ tub; hurry ( eüen j _ Ruhe; Bdken _^ 

Kloben, club; wait (warten) — tauwen. 

Zwischen dem Lateinischen und dem Deutschen: capere — 
packen; ren — JSIiere. 

Solche Umkehrungen, wie sie hier am einzelnen Wort genom- 
men werden, kommen durch die Traumarbeit in verschiedener 
Weise zustande. Die Umkehrung des Sinnes, Ersetzung durch 



XI) Die Traumarbeit 187 



das Gegenteil, kennen wir bereits. Außerdem finden sich in 
Träumen Umkehrungen der Situation, der Beziehung zwischen 
zwei Personen, also wie in der „verkehrten Welt". Im Traum 
schießt häufig genug der Hase auf den Jäger. Ferner Umkehrung 
in der Reihenfolge der Begebenheiten, so daß die kausal voran- 
gehende der ihr nachfolgenden im Traume nachgesetzt wird. 
Das ist dann wie in der Aufführung eines Stückes in einer 
schlechten Schmiere, wo zuerst der Held hinfällt und erst nach- 
her aus der Kulisse der Schuß abgefeuert wird, der ihn tötet. Oder 
es gibt Träume, in denen die ganze Ordnung der Elemente ver- 
kehrt ist, so daß man in der Deutung ihr letztes zuerst und ihr 
erstes zuletzt nehmen muß, um einen Sinn herauszubekommen. 
Sie erinnern sich auch aus unseren Studien über die Traum- 
symbolik, daß ins Wasser gehen oder fallen dasselbe bedeutet 
wie aus dem Wasser kommen, nämlich gebären oder geboren 
werden, und daß eine Treppe, Leiter, hinaufsteigen dasselbe ist 
wie sie heruntergehen. Es ist unverkennbar, welchen Vorteil die 
Traumentstellung aus solcher Darstellungsfreiheit ziehen kann. 
Diese Züge der Traumarbeit darf man als archaische 
bezeichnen. Sie haften ebenso den alten Ausdruckssystemen, 
Sprachen und Schriften an, und bringen dieselben Erschwerungen 
mit sich, von denen in einem kritischen Zusammenhange noch 

die Rede sein wird. 

Nun noch einige andere Gesichtspunkte. Bei der Traum- 
arbeit handelt es sich offenbar darum, die in Worte gefaßten 
latenten Gedanken in sinnliche Bilder, meist visueller Natur, 
umzusetzen. Nun sind unsere Gedanken aus solchen Sinnes- 
bildern hervorgegangen; ihr erstes Material und ihre Vorstufen 
waren Sinneseindrücke, richtiger gesagt, die Erinnerungsbilder 
von solchen. An diese wurden erst später Worte geknüpft und 
diese dann zu Gedanken verbunden. Die Traumarbeit läßt also 
die Gedanken eine regressive Behandlung erfahren, macht 
deren Entwicklung rückgängig, und bei dieser Regression muß 



188 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



all das wegfallen, was bei der Fortentwicklung der Erinnerungs- 
bilder zu Gedanken als neuer Erwerb dazugekommen ist. 

Dies wäre also die Traumarbeit. Gegen die Vorgänge, die 
wir bei ihr kennengelernt haben, mußte das Interesse am mani- 
festen Traum weit zurücktreten. Ich will aber diesem letzteren, 
der doch das einzige uns unmittelbar Bekannte ist, noch einige 
Bemerkungen widmen. 

Es ist natürlich, daß der manifeste Traum für uns an Bedeu- 
tung verliert. Es muß uns gleichgültig erscheinen, ob er gut 
komponiert oder in eine Reihe von Einzelbildern ohne Zusam- 
menhang aufgelöst ist. Selbst wenn er eine anscheinend sinnvolle 
Außenseite hat, wissen wir doch, daß diese durch Traumentstel- 
lung entstanden sein und zum inneren Gehalt des Traumes so 
wenig organische Beziehung haben kann wie die Fassade einer 
italienischen Kirche zu deren Struktur und Grundriß. Andere 
Male hat auch diese Fassade des Traumes ihre Bedeutung, indem 
sie einen wichtigen Bestandteil der latenten Traumgedanken 
wenig oder gar nicht entstellt wiederbringt. Aber wir können 
das nicht wissen, ehe wir den Traum der Deutung unterzogen 
und dadurch ein Urteil gewonnen haben, welches Maß von Ent- 
stellung Platz gegriffen hat. Ein ähnlicher Zweifel gilt für den 
Fall, daß zwei Elemente im Traum in nahe Beziehung zueinander 
gebracht scheinen. Es kann darin ein wertvoller Wink enthalten 
sein, daß man auch das diesen Elementen im latenten Traum 
Entsprechende zusammenfügen darf, aber andere Male kann man 
sich überzeugen, daß, was in Gedanken zusammengehört, im 
Traum auseinandergerissen worden ist. 

Im allgemeinen muß man sich dessen enthalten, einen Teil des 
manifesten Traumes aus einem anderen erklären zu wollen, als 
ob der Traum kohärent konzipiert und eine pragmatische Dar- 
stellung wäre. Er ist vielmehr zumeist einem Brecciagestein 
vergleichbar, aus verschiedenen Gesteinsbrocken mit Hilfe eines 
Bindemittels hergestellt, so daß die Zeichnungen, die sich dabei 






XI) Die Traumarbeit 189 



ergeben, nicht den ursprünglichen Gesteinseinschlüssen ange- 
hören. Es gibt wirklich ein Stück der Traumarbeit, die soge- 
nannte sekundäre Bearbeitung, dem daran gelegen 
ist, aus den nächsten Ergebnissen der Traumarbeit etwas Ganzes, 
ungefähr Zusammenpassendes herzustellen. Dabei wird das Ma- 
terial nach einem oft ganz mißverständlichen Sinn angeordnet 
und, wo es nötig scheint, Einschübe vorgenommen. 

Anderseits darf man auch die Traumarbeit nicht überschätzen, 
ihr nicht zuviel zutrauen. Mit den aufgezählten Leistungen ist 
ihre Tätigkeit erschöpft; mehr als verdichten, verschieben, pla- 
stisch darstellen und das Ganze dann einer sekundären Bearbei- 
tung unterziehen, kann sie nicht. Was sich im Traum von Ur- 
teilsäußerungen, von Kritik, Verwunderung, Folgerung findet, 
das sind nicht Leistungen der Traumarbeit, nur sehr selten 
Äußerungen des Nachdenkens über den Traum, sondern zumeist 
Stücke der latenten Traumgedanken, die mehr oder weniger 
modifiziert und dem Zusammenhange angepaßt in den mani- 
festen Traum übergetreten sind. Auch Reden komponieren kann 
die Traumarbeit nicht. Bis auf wenige angebbare Ausnahmen 
sind die Traumreden Nachbildungen und Zusammensetzungen 
von Reden, die man am Traumtag gehört oder selbst gehalten 
hat, und die als Material oder als Traumanreger in die latenten 
Gedanken eingetragen worden sind. Ebensowenig kann die 
Traumarbeit Rechnungen anstellen; was sich davon im manifesten 
Traum findet, sind zumeist Zusammenstellungen von Zahlen, 
Scheinrechnungen, als Rechnungen ganz unsinnig und wiederum 
nur Kopien von Rechnungen in den latenten Traumgedanken. 
Bei diesen Verhältnissen ist es auch nicht zu verwundern, daß 
das Interesse, welches sich der Traumarbeit zugewendet hat, bald 
von ihr weg zu den latenten Traumgedanken strebt, die sich 
mehr oder weniger entstellt durch den manifesten Traum ver- 
raten. Es ist aber nicht zu rechtfertigen, wenn dieser Wandel 
so weit geht, daß man in der theoretischen Betrachtung die laten- 



I 



190 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



ten Traumgedanken an Stelle des Traumes überhaupt set2t und 
von letzterem etwas aussagt, was nur für die ersteren gelten kann. 
Es ist sonderbar, daß die Ergebnisse der Psychoanalyse für eine 
solche Verwechslung mißbraucht werden konnten. „Traum" 
kann man nichts anderes nennen als das Ergebnis der Traum- 
arbeit, d. h. also die F o r m , in welche die latenten Gedanken 
durch die Traumarbeit überführt worden sind. 

Die Traumarbeit ist ein Vorgang ganz singulärer Art, dessen- 
gleichen bisher im Seelenleben nicht bekannt geworden ist. Der. 
artige Verdichtungen, Verschiebungen, regressive Umsetzungen 
von Gedanken in Bilder sind Neuheiten, deren Erkenntnis 
die psychoanalytischen Bemühungen bereits reichlich entlohnt. 
Sie entnehmen auch wiederum aus den Parallelen zur Traum, 
arbeit, welche Zusammenhänge der psychoanalytischen Studien 
mit anderen Gebieten, speziell mit der Sprach, und Denkern. 
Wicklung, aufgedeckt werden. Die weitere Bedeutung dieser 
Einsichten können Sie erst ahnen, wenn Sie erfahren, daß die 
Mechanismen der Traumbildung vorbildlich für die Entstehungs- 
weise der neurotischen Symptome sind. 

Ich weiß auch, daß wir den ganzen Neuerwerb, der aus diesen 
Arbeiten für die Psychologie resultiert, noch nicht übersehen 
können. Wir wollen nur darauf hinweisen, welche neuen Be- 
weise sich für die Existenz unbewußter seelischer Akte — das 
sind ja die latenten Traumgedanken — ergeben haben, und wie 
uns die Traumdeutung einen ungeahnt breiten Zugang zur 
Kenntnis des unbewußten Seelenlebens verspricht. 

Nun wird es aber wohl an der Zeit sein, daß ich Ihnen an ver- 
schiedenen kleinen Traumbeispielen einzeln vorführe, worauf 
ich Sie im Zusammenhange vorbereitet habe. 



XII) Analysen von Traumbeispielen 191 



XH. VORLESUNG 

ANALYSEN VON TRAUMBEISPIELEN 

Meine Damen und Herren! Seien Sie nun nicht enttäuscht, 
wenn ich Ihnen wiederum Bruchstücke von Traumdeutungen 
vorlege, anstatt Sie zur Teilnahme an der Deutung eines schönen 
großen Traumes einzuladen. Sie werden sagen, nach so vielen 
Vorbereitungen hätten Sie ein Recht darauf, und werden Ihrer 
Überzeugung Ausdruck geben, daß es nach gelungener Deutung 
von soviel tausend Träumen längst hätte möglich werden müssen, 
eine Sammlung von ausgezeichneten Traumbeispielen zusammen- 
zutragen, an welcher sich alle unsere Behauptungen über Traum- 
arbeit und Traumgedanken demonstrieren ließen. Ja, aber der 
Schwierigkeiten, welche der Erfüllung Ihres Wunsches im Wege 

stehen, sind zu viele. 

Vor allem muß ich Ihnen gestehen, daß es niemand gibt, der 
die Traumdeutung als seine Hauptbeschäftigung betreibt. Wann 
kommt man denn dazu, Träume zu deuten? Gelegentlich kann 
man sich ohne besondere Absicht mit den Träumen einer be- 
freundeten Person beschäftigen, oder man arbeitet eine Zeitlang 
seine eigenen Träume durch, um sich für psychoanalytische 
Arbeit zu schulen; zumeist hat man es aber mit den Träumen 
nervösei Personen zu tun, die in analytischer Behandlung stehen. 
Diese letzteren Träume sind ausgezeichnetes Material und stehen 
in keiner Weise hinter denen Gesunder zurück, aber man ist 
durch die Technik der Behandlung genötigt, die Traumdeutung 
den therapeutischen Absichten unterzuordnen und eine ganze An- 
zahl von Träumen stehen zu lassen, nachdem man ihnen etwas 
für die Behandlung Brauchbares entnommen hat. Manche 
Träume, die in den Kuren vorfallen, entziehen sich überhaupt 
einer vollständigen Deutung. Da sie aus der Gesamtmenge des 
uns noch unbekannten psychischen Materials erwachsen sind, 
wird ihr Verständnis erst nach Abschluß der Kur möglich. Die 



192 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Mitteilung solcher Träume würde auch die Aufdeckung aller 
Geheimnisse einer Neurose notwendig machen; das geht also 
nicht bei uns, die wir den Traum als Vorbereitung für das Stu- 
dium der Neurosen in Angriff genommen haben. 

Nun würden Sie gerne auf dieses Material verzichten und woll- 
ten lieber Träume von gesunden Menschen oder eigene Träume 
erläutert hören. Das geht aber wegen des Inhalts dieser Träume 
nicht an. Man kann weder sich selbst noch einen anderen, dessen 
Vertrauen man in Anspruch genommen hat, so rücksichtslos bloß- 
stellen, wie es die eingehende Deutung seiner Träume mit sich 
brächte, die, wie Sie bereits wissen, das Intimste seiner Persön- 
lichkeit betreffen. Außer dieser Schwierigkeit der Material- 
beschaffung kommt für die Mitteilung eine andere in Betracht. 
Sie wissen, der Traum erscheint dem Träumer selbst fremdartig, 
geschweige denn einem anderen, dem die Person des Träumers 
unbekannt ist. Unsere Literatur ist nicht arm an guten und aus- 
führlichen Traumanalysen; ich selbst habe einige im Rahmen von 
Krankengeschichten veröffentlicht; vielleicht das schönste Bei- 
spiel einer Traumdeutung ist das von O. Rank mitgeteilte, 
zwei aufeinander bezügliche Träume eines jungen Mädchens, 
die im Druck etwa zwei Seiten einnehmen; die Analyse dazu um- 
faßt aber 76 Seiten. Ich brauchte etwa ein ganzes Semester, um 
Sie durch eine solche Arbeit hindurch zu geleiten. Wenn man 
irgendeinen längeren und stärker entstellten Traum vornimmt, 
so muß man soviel Aufklärungen dazugeben, soviel Material von 
Einfällen und Erinnerungen heranziehen, auf so viele Seitenwege 
eingehen, daß ein Vortrag darüber ganz unübersichtlich und 
unbefriedigend ausfallen würde. Ich muß Sie also bitten, sich 
mit dem zu begnügen, was leichter zu haben ist, mit der Mit- 
teilung von kleinen Stücken aus Träumen von neurotischen Per- 
sonen, an denen man dies oder jenes isoliert erkennen kann. Am 
leichtesten lassen sich die Traumsymbole demonstrieren, dann 
noch gewisse Eigentümlichkeiten der regressiven Traumdarstel- 












XII) Analysen von Traumbeispielen 



193 



hing. Ich werde Ihnen von jedem der nun folgenden Träume 
angeben, weshalb ich ihn für mitteüenswert erachtet habe. 

1) Ein Traum besteht nur aus zwei kurzen Bildern: Sein Onkel 
raucht eine Zigarette, obwohl es Samstag ist. — Eine Frau 
streichelt und liebkost ihn wie ihr Kind. 

Zum ersten Bild bemerkt der Träumer (Jude) , sein Onkel sei 
ein frommer Mann, der etwas derart Sündhaftes nie getan hat 
und nie tun würde. Zur Frau im zweiten Bild fällt ihm nichts 
anderes ein als seine Mutter. Diese beiden Bilder oder Gedanken 
sind offenbar in Beziehung zueinander zu setzen. Aber wie? Da 
er die Realität für das Tun des Onkels ausdrücklich abgestritten 
hat, so liegt es nahe, ein „Wenn" einzufügen. „Wen n mein 
Onkel, der heilige Mann, am Samstag eine Zigarette rauchen 
würde, dann dürfte ich mich auch von der Mutter liebkosen 
lassen." Das heißt offenbar, das Kosen mit der Mutter sei auch 
etwas Unerlaubtes wie das Rauchen am Samstag für den frommen 
Juden. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen sagte, bei der Traum- 
arbeit fielen alle Relationen zwischen den Traumgedanken weg; 
diese werden in ihr Rohmaterial aufgelöst, und es ist Aufgabe der 
Deutung, die weggelassenen Beziehungen wieder einzusetzen. 

2) Durch meine Veröffentlichungen über den Traum bin ich 
in gewisser Hinsicht öffentlicher Konsulent für Traumangelegen, 
heiten geworden und erhalte seit vielen Jahren Zuschriften von 
den verschiedensten Seiten, in denen mir Träume mitgeteilt oder 
zur Beurteilung vorgelegt werden. Ich bin natürlich allen jenen 
dankbar, die zum Traum soviel Material hinzufügen, daß eine 
Deutung möglich wird, oder die selbst eine solche Deutung 
geben. In diese Kategorie gehört nun der folgende Traum eines 
Mediziners aus München vom Jahre 1910. Ich bringe ihn vor, 
weil er Ihnen beweisen kann, wie unzugänglich im allgemeinen 
ein Traum dem Verständnis ist, ehe der Träumer uns seine Aus- 
künfte dazu gegeben hat. Ich vermute nämlich, daß Sie im 
Grunde die Traumdeutung durch Einsetzen der Symboldeutung 

13 



194 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 




für die ideale halten, die Technik der Assoziation zum Traum 
aber beiseite schieben möchten, und will Sie von diesem schäd- 
lichen Irrtum freimachen. 

13. Juli 1910: Gegen Morgen träume ichilcb fahre mit dem 
Rad in Tübingen die Straße herunter, als ein brauner Dachshund 
hinter mir drein ist und mich an einer Ferse faßt. Ein Stuck 
weiter steige ich ab, setze mich auf eine Staffel und fange an, auf 
das Vieh loszutrommeln, das sich fest verbissen hat. (Unange- 
nehme Gefühle habe ich von dem Beißen und der ganzen Szene 
nicht.) Gegenüber sitzen ein paar ältere Damen, die mir grin- 
send zusehen. Dann wache ich auf und, wie schon öfter, ist mir 
in diesem Moment des Übergangs zum Wachen der ganze 
Traum klar. 

Mit Symbolen ist hier wenig auszurichten. Der Träumer be- 
richtet uns aber: „Ich habe mich in der letzten Zeit in ein Mäd- 
chen verliebt, nur so vom Sehen auf der Straße, habe aber keiner- 
lei Anknüpfungspunkte gehabt. Dieser Anknüpfungspunkt hätte 
für mich am angenehmsten der Dachshund sein können, zumal 
ich ein großer Tierfreund bin und diese Eigenschaft auch bei 
dem Mädchen sympathisch empfunden habe." Er fügt auch hinzu, 
daß er wiederholt mit großem Geschick und oft zum Erstaunen 
der Zuschauer in die Kämpfe miteinander raufender Hunde ein- 
gegriffen habe. Wir erfahren also, daß das Mädchen, welches 
ihm gefiel, stets in Begleitung dieses besonderen Hundes zu. 
sehen war. Dies Mädchen ist aber für den manifesten Traum 
beseitigt worden, nur der mit ihr assoziierte Hund ist geblieben. 
Vielleicht sind die älteren Damen, die ihn angrinsen, an die 
Stelle des Mädchens getreten. Was er sonst noch mitteilt, reicht 
zur Aufklärung dieses Punktes nicht aus. Daß er im Traume 
auf dem Rade fährt, ist direkte Wiederholung der erinnerten 
Situation. Er war dem Mädchen mit dem Hunde immer nur, 
wenn er zu Rade war, begegnet. 

3) Wenn jemand einen seiner teueren Angehörigen verloren 






XU) Analysen von Traumbeispielen 195 

hat, so produziert er durch längere Zeit nachher Träume von be- 
sonderer Art, in denen das Wissen um den Tod mit dem Be- 
dürfnis, den Toten wiederzubeleben, die merkwürdigsten Kom- 
promisse abschließt. Bald ist der Verstorbene tot und lebt dabei 
doch weiter, weil er nicht weiß, daß er tot ist, und wenn er es 
wüßte, stürbe er erst ganz; bald ist er halb tot und halb lebendig, 
und jeder dieser Zustände hat seine besonderen Anzeichen. 
Man darf diese Träume nicht einfach unsinnige nennen, denn 
das Wiederbelebtwerden ist für den Traum nicht unannehm- 
barer als z. B. für das Märchen, in dem es als ein sehr gewöhn- 
liches Schicksal vorkommt. Soweit ich solche Träume analy- 
sieren konnte, ergab es sich, daß sie einer vernünftigen Lösung 
fähig sind, aber daß der pietätvolle Wunsch, den Toten ins 
Leben zurückzuführen, mit den seltsamsten Mitteln zu arbeiten 
versteht. Ich lege Ihnen hier einen solchen Traum vor, der son- 
derbar und unsinnig genug klingt, und dessen Analyse Ihnen 
vieles von dem vorführen wird, worauf Sie durch unsere theo- 
retischen Ausführungen vorbereitet sind. Der Traum eines 
Mannes, der seinen Vater vor mehreren Jahren verloren hatte: 

Der Vater ist gestorben, aber exhumiert worden und sieht 
schlecht aus. Er lebt seitdem jort, und der Träumer tut alles, 
damit er es nicht merkt. (Dann übergeht der Traum auf andere, 
scheinbar sehr fernliegende Dinge.) 

Der Vater ist gestorben, das wissen wir. Daß er exhumiert 
worden, entspricht nicht der Wirklichkeit, die ja auch für alles 
Weitere nicht in Betracht kommt. Aber der Träumer erzählt: 
Nachdem er vom Begräbnis des Vaters zurückgekommen war, 
begann ihn ein Zahn zu schmerzen. Er wollte diesen Zahn nach 
der Vorschrift der jüdischen Lehre behandeln: Wenn dich dein 
Zahn ärgert, so reiße ihn aus, und begab sich zum Zahnarzt. 
Der aber sagte: Einen Zahn reißt man nicht, man muß Geduld 
mit ihm haben. Ich werde etwas einlegen, um ihn zu töten; 



196 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



nach drei Tagen kommen Sie wieder, dann werde ich's heraus, 
nehmen. 

Dies „Herausnehmen", sagt der Träumer plötzlich, das ist 
das Exhumieren. 

Sollte der Träumer recht haben? Es stimmt zwar nicht ganz, 
nur so ungefähr, denn der Zahn wird ja nicht herausgenommen, 
sondern etwas, das Abgestorbene, aus ihm. Aber dergleichen 
Ungenauigkeiten darf man der Traumarbeit nach anderen Er- 
fahrungen wohl zutrauen. Dann hätte der Träumer den verstor- 
benen Vater mit dem getöteten und doch erhaltenen Zahn ver- 
dichtet, zu einer Einheit verschmolzen. Kein Wunder dann, daß 
im manifesten Traum etwas Sinnloses zustande kommt, denn es 
kann doch nicht alles auf den Vater passen, was vom Zahn ge- 
sagt wird. Wo wäre überhaupt das Tertium comparationis 
zwischen Zahn und Vater, welches diese Verdichtung er- 
möglicht? 

Es muß aber doch wohl so sein, denn der Träumer fährt fort 
es sei ihm bekannt, wenn man von einem ausgefallenen Zahn 
träumt, so bedeutet es, daß man ein Familienmitglied ver- 
lieren werde. 

Wir wissen, daß diese populäre Deutung unrichtig oder 
wenigstens nur in einem skurrilen Sinne richtig ist. Um so mehr 
wird es uns überraschen, das so angechlagene Thema doch hinter 
den anderen Stücken des Trauminhalts aufzufinden. 

Ohne weitere Aufforderung beginnt nun der Träumer von der 
Krankheit und dem Tode des Vaters sowie von seinem Ver- 
hältnis zu ihm zu erzählen. Der Vater war lange krank, die 
Pflege und Behandlung des Kranken kostete ihn, den Sohn, viel 
Geld. Und doch war es ihm nie zuviel, er wurde nie ungeduldig, 
hatte nie den Wunsch, es möge doch schon zu Ende sein. Er 
rühmt sich echt jüdischer Pietät gegen den Vater, der strengen 
Befolgung des jüdischen Gesetzes. Fällt uns da nicht ein Wider- 
spruch in den zum Traum gehörigen Gedanken auf? Er hatte 



XII) Analysen von Traumbeispielen 197 

Zahn und Vater identifiziert. Gegen den Zahn wollte er nach 
dem jüdischen Gesetz verfahren, welches das Urteil mit sich 
brachte, ihn auszureißen, wenn er Schmerz und Ärgernis be- 
reitete. Auch gegen den Vater wollte er nach der Vorschrift 
des Gesetzes verfahren sein, welches aber hier lautet, Aufwand 
und Ärgernis nicht zu achten, alles Schwere auf sich zu nehmen 
und keine feindliche Absicht gegen das Schmerz bereitende Ob- 
jekt aufkommen zu lassen. Wäre die Übereinstimmung nicht 
weit zwingender, wenn er wirklich gegen den kranken Vater 
ähnliche Gefühle entwickelt hätte wie gegen den kranken Zahn, 
d. h. gewünscht hätte, ein baldiger Tod möge seiner überflüs- 
sigen, schmerzlichen und kostspieligen Existenz ein Ende setzen? 
Ich zweifle nicht, daß dies wirklich seine Einstellung gegen 
den Vater während dessen langwieriger Krankheit war, und daß 
die prahlerischen Versicherungen seiner frommen Pietät dazu 
bestimmt sind, von diesen Erinnerungen abzulenken. Unter 
solchen Bedingungen pflegt der Todeswunsch gegen den Er- 
zeuger rege zu werden und sich mit der Maske einer mitleidigen 
Erwägung wie: es wäre nur eine Erlösung für ihn, zu decken. 
Bemerken Sie aber wohl, daß wir hier in den latenten Traum- 
gedanken selbst eine Schranke überschritten haben. Der erste 
Anteil derselben war gewiß nur zeitweilig, d. h. während der 
Traumbildung, unbewußt, die feindseligen Regungen gegen den 
Vater dürften aber dauernd unbewußt gewesen sein, vielleicht 
aus Kinderzeiten stammen und sich während der Krankheit des 
Vaters gelegentlich schüchtern und verkleidet ins Bewußtsein 
geschlichen haben. Mit noch größerer Sicherheit können wir 
dies von anderen latenten Gedanken behaupten, die unverkenn- 
bare Beiträge an den Trauminhalt abgegeben haben. Von den 
feindseligen Regungen gegen den Vater ist ja nichts im Traum 
zu entdecken. Indem wir aber der Wurzel solcher Feindselig- 
keit gegen den Vater im Kinderleben nachforschen, erinnern 
wir uns, daß sich die Furcht vor dem Vater herstellt, weil dieser 



198 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

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sich schon in frühesten Jahren der Sexualbetätigung des Knaben 
entgegensetzt, wie er es in der Regel im Alter nach der Pubertät 
aus sozialen Motiven wiederholen muß. Diese Beziehung zum 
Vater trifft auch für unseren Träumer zu; seiner Liebe zu ihm 
war genug Respekt und Angst beigemengt gewesen, die aus der 
Quelle der frühzeitigen Sexualeinschüchterung geflossen waren. 

Aus dem Onaniekomplex erklären sich nun die weiteren Sätze 
des manifesten Traumes. Er sieht schlecht aus spielt zwar auf 
eine weitere Rede des Zahnarztes an, daß es schlecht aussieht, 
wenn man einen Zahn an dieser Stelle eingebüßt hat; es be- 
zieht sich aber gleichzeitig auf das schlechte Aussehen, durch 
welches der junge Mann in der Pubertät seine übermäßige Sexual- 
betätigung verrät oder zu verraten fürchtet. Nicht ohne eigene 
Erleichterung hat der Träumer im manifesten Inhalt das schlechte 
Aussehen von sich weg auf den Vater geschoben, eine der Ihnen 
bekannten Umkehrungen der Traumarbeit. Er lebt seitdem fort 
deckt sich mit dem Wiederbelebungswunsch wie mit dem Ver- 
sprechen des Zahnarztes, daß der Zahn erhalten bleiben wird. 
Ganz raffiniert ist aber der Satz „der Träumer tut alles, damit 
er (der Vater) es nicht merkt", darauf hergerichtet, uns zur Er- 
gänzung zu verleiten, daß er gestorben ist. Die einzig sinnreiche 
Ergänzung ergibt sich aber wieder aus dem Onaniekomplex, wo 
es selbstverständlich ist, daß der Jüngling alles tut, um sein 
Sexualleben vor dem Vater zu verbergen. Erinnern Sie sich nun 
zum Schluß, daß wir die sogenannten Zahnreizträume stets auf 
Onanie und auf die gefürchtete Bestrafung für sie deuten mußten. 

Sie sehen nun, wie dieser unverständliche Traum zustande ge- 
kommen ist. Durch die Herstellung einer sonderbaren und irre- 
führenden Verdichtung, durch die Ubergehung aller Gedanken 
aus der Mitte des latenten Gedankenganges, und durch die Schaf- 
fung von mehrdeutigen Ersatzbildungen für die tiefsten und zeit- 
lieh entlegensten dieser Gedanken. 

4) Wir haben schon wiederholt versucht, jenen nüchternen 



KU) Analysen von Traumbeispielen 199 

und banalen Träumen beizukommen, die nichts Unsinniges oder 
Befremdendes an sich tragen, bei denen sich aber die Frage er- 
hebt: Wozu träumt man so gleichgültiges Zeug? Ich will also ein 
neues Beispiel dieser Art vorlegen, drei zusammengehörige, in 
einer Nacht vorgefallene Träume einer jungen Dame. 

a) Sie geht durch die Halle ihres Hauses und stößt sich den 
Kopf blutig an dem tief herabhängenden Luster. 

Keine Reminiszenz, nichts, was wirklich vorgefallen ist. Ihre 
Auskunft dazu leitet auf ganz andere Wege. „Sie wissen, wie 
stark mir die Haare ausgehen. Kind, hat die Mutter gestern zu 
mir gesagt, wenn das so weitergeht, wirst du einen Kopf be- 
kommen wie einen Popo." Der Kopf steht also hier für das an- 
dere Körperende. Den Luster können wir ohne Nachhilfe sym- 
bolisch verstehen; alle der Verlängerung fähigen Gegenstände 
sind Symbole des männlichen Gliedes. Also handelt es sich um 
eine Blutung am unteren Körperende, die durch den Zusammen- 
stoß mit dem Penis entsteht. Das könnte noch mehrdeutig sein; 
ihre weiteren Einfälle zeigen, daß es sich um den Glauben han- 
delt, die Menstruationsblutung entstehe durch den Geschlechts- 
verkehr mit dem Mann, ein Stück der Sexualtheorie, das viele 
Gläubige unter den unreifen Mädchen hat. 

b) Sie sieht im Weingarten eine tiefe Grube, von der sie weiß, 
daß sie durch Ausreißen eines Baumes entstanden ist. Dazu ihre 
Bemerkung, der Baum fehle ihr dabei. Sie meint, sie habe im 
Traum den Baum nicht gesehen, aber derselbe Wortlaut dient 
dem Ausdruck eines anderen Gedankens, der nun die symbolische 
Deutung vollends sicherstellt. Der Traum bezieht sich auf ein 
anderes Stück der infantilen Sexualtheorien, auf den Glauben, 
daß die Mädchen ursprünglich dasselbe Genitale hatten wie die 
Knaben, und daß dessen spätere Gestaltung durch Kastration 
(Ausreißen eines Baumes) entstanden ist. 

c) Sie steht vor ihrer Schreibtischlade, in der sie sich so gut 
auskennt, daß sie sofort weiß, wenn jemand darüber gekommen 












200 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

ist. Die Schreibtischlade ist wie jede Lade, Kiste, Schachtel, ein 
weibliches Genitale. Sie weiß, daß man die Anzeichen des Sexual- 
verkehrs (wie sie meint, auch der Berührung) am Genitale er- 
kennen kann, und hat sich lange vor solcher Überführung ge- 
fürchtet. Ich meine, der Akzent ist in all diesen drei Träumen 
auf das Wissenzu legen. Sie gedenkt der Zeit ihrer kindlichen 
Sexualforschung, auf deren Ergebnisse sie damals recht stolz war. 

5) Wiederum ein Stückchen Symbolik. Aber diesmal muß ich 
die psychische Situation in einem kurzen Vorbericht voranstellen. 
Ein Herr, der mit einer Frau eine Liebesnacht verbracht hat, 
schildert seine Partnerin als eine jener mütterlichen Naturen, bei 
denen im Liebesverkehre mit dem Manne der Wunsch nach dem 
Kinde unwiderstehlich durchdringt. Die Verhältnisse jenes Zu- 
sammentreffens nötigen aber zu einer Vorsicht, durch welche 
der befruchtende Samenerguß vom weiblichen Schöße fernge- 
halten wird. Beim Erwachen aus dieser Nacht erzählt die Frau 
nachstehenden Traum: 

Ein Offizier mit einer roten Kappe läuft ihr auf der Straße 
nach. Sie flieht vor ihm, läuft die Stiege hinauf, er immer nach. 
Atemlos erreicht sie ihre Wohnung und wirft die Türe hinter 
sich ins Schloß. Er bleibt draußen, und wie sie durchs Guck- 
loch schaut, sitzt er draußen auf einer Bank und weint. 

Sie erkennen wohl in der Verfolgung durch den Offizier mit 
der roten Kappe und in dem atemlosen Steigen die Darstellung 
des Geschlechtsaktes. Daß die Träumerin sich vor dem Verfolger 
verschließt, mag Ihnen als Beispiel der im Traum so häufig an- 
gewendeten Umkehrungen gelten, denn in Wirklichkeit hatte 
sich ja der Mann der Beendigung des Liebesaktes entzogen. 
Ebenso ist ihre Trauer auf den Partner verschoben, er ist es ja, 
der im Traume weint, womit gleichzeitig der Samenerguß an- 
gedeutet ist. 

Sie werden gewiß einmal gehört haben, in der Psychoanalyse 
werde behauptet, daß alle Träume sexuelle Bedeutung haben. 






-^ 



XU) Analysen von Traumbeispielen 201 



Nun sind Sie selbst in die Lage gekommen, sich über die Unkor- 
rektheit dieses Vorwurfs ein Urteil zu bilden. Sie haben die 
Wunschträume kennengelernt, die von der Befriedigung der 
klarliegendsten Bedürfnisse, des Hungers, des Durstes, der Sehn- 
sucht nach Freiheit handeln, die Bequemlichkeits- und Unge- 
duldsträume und ebenso rein habsüchtige und egoistische. Aber 
daß die stark entstellten Träume vorwiegend — wiederum nicht 
ausschließlich — sexuellen Wünschen Ausdruck geben, dürfen 
Sie allerdings als Ergebnis der psychoanalytischen Forschung im 

Gedächtnis behalten. 

6) Ich habe ein besonderes Motiv, die Beispiele für die Sym- 
bolverwendung im Traume 211 häufen. Ich habe mich bei un- 
serem ersten Zusammentreffen darüber beklagt, wie schwierig 
die Demonstration und damit das Erwecken von Überzeugungen 
in der Unterweisung der Psychoanalyse sei, und Sie haben mir 
seither gewiß beigestimmt. Nun hängen aber die einzelnen Be- 
hauptungen der Psychoanalyse doch so innig zusammen, daß die 
Überzeugung sich leicht von einem Punkt her auf einen größe- 
ren Teil des Ganzen fortsetzen kann. Man könnte von der Psy- 
choanalyse sagen, wer ihr den kleinen Finger gibt, den hält sie 
schon bei der ganzen Hand. Schon wem die Aufklärung der Fehl- 
leistungen eingeleuchtet hat, der kann sich logischerweise dem 
Glauben an alles andere nicht mehr entziehen. Eine zweite ebenso 
zugängliche Stelle ist in der Traumsymbolik gegeben. Ich werde 
Ihnen den bereits publizierten Traum einer Frau aus dem Volke 
vorlegen deren Mann Wachmann ist, und die gewiß niemals 
etwas von Traumsymbolik und Psychoanalyse gehört hat. Ur- 
teilen Sie dann selbst, ob dessen Auslegung mit Hilfe von Sexual- 
symbolen willkürlich und gezwungen genannt werden kann. 

Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie 
habe angstvoll nach einem Wachmann gerujen. Dieser aber sei 
mit zwei „Pälcke^n" einträchtig in eine Kirche gegangen, zu der 
mehrere Stufen emporjuhrten. Hinter der Kirche sei ein Berg ge- 



202 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



wesen und oben ein dichter Wald. Der Wachmann sei mit einem 
Helm, Ringkragen und Mantel versehen gewesen. Er habe einen 
braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit 
dem Wachmann gegangen seien, hätten sackartig angebundene 
Schürzen um die Lenden geschlungen gehabt. Von der Kirche 
habe zum Berge ein Weg gejährt. Dieser sei beiderseits mit 
Gras und Gestrüpp verwachsen gewesen, das immer dichter 
wurde und au] der Höhe des Berges ein ordentlicher Wald ge- 
worden sei." 

Die verwendeten Symbole erkennen Sie ohne Mühe. Das mann- 
liehe Genitale ist durch eine Dreiheit von Personen dargestellt, 
das weibliche durch eine Landschaft mit Kapelle, Berg und 
Wald. Wiederum begegnen Sie den Stufen als Symbol des 
Sexualaktes. Was im Traume ein Berg genannt wird, heißt auch 
in der Anatomie so, nämlich Mons Veneris, Schamberg. 

7) Wiederum ein mittels Symboleinsetzung zu lösender Traum, 
dadurch bemerkenswert und. beweiskräftig, daß der Träumer 
selbst alle Symbole übersetzt hat, obwohl er keinerlei theore- 
tische Vorkenntnisse für die Traumdeutung mitbrachte. Dies 
Verhalten ist recht ungewöhnlich, und die Bedingungen dafür 
sind nicht genau bekannt. 

„Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der ge- 
wiß der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen 
kleineren Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht ist, der 
aber ziemlich schlaft scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles 
ist; er wundert sich darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen 
sie in einen Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet 
hegt. Sein Vater will sich ein großes Stück davon abreißen, sieht 
steh aber vorher um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt 
ihm, er braucht es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann 
er sich ohne weiteres davon nehmen. Aus diesetn Hoj führt eine 
Treppe in einen Schacht herunter, dessen Wände weich ausge- 
polstert sind, etwa wie ein Leder jauteuil. Am Ende dieses Schach- 



XU) Analysen von Traumbeispielen 203 



tes ist eine längere Plattform und dann beginnt ein neuer 
Schacht . . ." 

Der Träumer deutet selbst: Die Rotunde ist mein Genitale, 
der Fesselballon davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu 
klagen habe. Man darf also eingehender übersetzen, die Rotunde 
sei das — vom Kind regelmäßig zum Genitale gerechnete — 
Gesäß, der kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt ihn 
der Vater, was das alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung 
der Genitalien. Es liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, so 
daß er der fragende Teil wird. Da eine solche Befragung des 
Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, muß man den 
Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn etwa kondi- 
tionell nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Aufklärung 
gebeten hätte." Die Fortsetzung dieses Gedankens werden wir 
bald an anderer Stelle finden. 

Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster 
Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäfts, 
lokal des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich das 
„Blech" für das andere Material, mit dem der Vater handelt, ein- 
gesetzt, ohne sonst etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. 
Der Träumer ist in das Geschäft des Vaters eingetreten und hat 
an den eher unkorrekten Praktiken, auf denen der Gewinn zum 
guten Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher dürfte 
die Fortsetzung des obigen Traumgedankens lauten: („Wenn ich 
ihn gefragt hätte) , würde er mich betrogen haben, wie er seine 
Kunden betrügt." Für das Abreißen, welches der Darstellung der 
geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt der Träumer selbst die 
zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies ist uns nicht nur 
längst bekannt, sondern stimmt auch sehr gut dazu, daß das Ge- 
heimnis der Onanie durch das Gegenteil ausgedrückt ist (man 
darf es ja offen tun). Es entspricht dann allen Erwartungen, daß 
die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater zugeschoben wird, 
wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den Schacht deutet 



L 



204 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung der Wände 
als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das Aufsteigen den 
Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich eigen- 
mächtig ein. 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere 
Plattform folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst 
biographisch. Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr 
infolge von Hemmungen aufgegeben und hofft ihn jetzt mit 
Hilfe der Kur wieder aufnehmen zu können. 

8) Die beiden nachstehenden Träume eines Fremden mit sehr 
polygamer Veranlagung teile ich Ihnen als Beleg für die Be- 
hauptung mit, daß das eigene Ich in jedem Traume vorkommt, 
auch wo es sich für den manifesten Inhalt verborgen hat. Die 
Koffer in den Träumen sind Weibsymbole. 

a) Er reist ab, sein Gepäck wird auf einem Wagen zur Bahn 
gebracht, viele Koffer aufgehäuft, darunter zwei große schwarze, 
wie Muster koff er. Er sagt tröstend zu jemand: Nun, die fahren ja 
nur bis zum Bahnhof mit. 

Er reist in Wirklichkeit mit sehr viel Gepäck, bringt aber auch 
sehr viel Geschichten von Frauen mit in die Behandlung. Die 
zwei schwarzen Koffer entsprechen zwei schwarzen Frauen, die 
gegenwärtig in seinem Leben die Hauptrolle spielen. Eine von 
ihnen wollte ihm nach Wien nachreisen; er hatte ihr auf meinen 
Rat telegraphisch abgesagt. 

b) Eine Szene bei der Douane: Ein Mitreisender macht seinen 
Koffer auf und sagt, gleichgültig eine Zigarette rauchend: Da. 
ist nichts drin. Der Zollbeamte scheint ihm zu glauben, greift 
aber noch einmal hinein und findet etwas ganz besonders Ver- 
botenes. Der Reisende sagt dann resigniert: Da ist nichts zu ma- 
chen. Er ist selbst der Reisende, ich der Zollbeamte. Er ist sonst 
sehr aufrichtig in seinen Bekenntnissen, hat sich aber vorgenom- 
men, mir eine neu angeknüpfte Beziehung zu einer Dame zu 
verschweigen, weil er mit Recht annehmen konnte, daß sie mir 



- 












XII) Analysen von Traumbeispielen 205 



nicht unbekannt sei. Die peinliche Situation des Überführtwer- 
dens verschiebt er auf eine fremde Person, so daß er selbst in 
diesem Traum nicht vorzukommen scheint. 

9) Hier ein Beispiel für ein Symbol, das ich noch nicht er- 

wähnt habe: 

Er begegnet seiner Schwester in Begleitung von zwei Freun- 
dinnen, die selbst Schwestern sind. Er gibt beiden die Hand, der 
Schwester aber nicht. 

Keine Anknüpfung an eine wirkliche Begebenheit. Seine Ge- 
danken führen ihn vielmehr in eine Zeit, zu welcher ihm die 
Beobachtung zu denken gab, daß sich der Busen der Mädchen 
so spät entwickelt. Die beiden Schwestern sind also die Brüste, 
er möchte sie gerne mit der Hand begreifen, wenn es nur nicht 
seine Schwester wäre. 

10) Hier ein Beispiel für die Todessymbolik im Traum: 
Er geht mit zwei Personen, deren Namen er weiß, aber beim 
Erwachen vergessen hat, über einen sehr hohen, steilen eisernen 
Steg. Plötzlich sind die beiden weg und er sieht einen gespen- 
stischen Mann mit Kappe und im Leinenanzug. Er fragt ihn, ob 
er der Telegraphenbote sei . . . Nein. Ob er der Fuhrmann sei? 
Nein. Er geht dann weiter, hat noch im Traume große Angst 
und setzt den Traum nach dem Erwachen mit der Phantasie fort, 
daß die eiserne Brücke plötzlich abbricht und er in den Abgrund 

stürzt. 

Personen, bei denen man betont, daß sie unbekannt sind, daß 
man ihre Namen vergessen hat, sind meist sehr nahestehende. 
Der Träumer hat zwei Geschwister; wenn er diesen beiden den 
Tod gewünscht haben sollte, so wäre es nur gerecht, wenn ihn da- 
für die Todesangst heimsuchte. Zum Telegraphenboten bemerkt 
er, daß solche Leute immer Unheilsposten bringen. Es könnte 
auch nach der Uniform ein Laternenanzünder gewesen sein, der 
aber auch die Laternen auslöscht, also wie der Genius des Todes 
die Fackel verlöscht. Zum Fuhrmann assoziiert er das Uhlandsche 







206 



Vorlegungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Gedicht von König Karls Meerfahrt und erinnert an eine gefahr- 
volle Seefahrt mit zwei Genossen, auf welcher er die Rolle des 
Königs im Gedicht spielte. Zur Eisenbrücke fällt ihm ein Unfall 
der letzten Zeit ein und die dumme Redensart: Das Leben ist eine 
Kettenbrück'. 

1 1) Als anderes Beispiel der Todesdarstellung mag der Traum 
gelten: Ein unbekannter Herr gibt eine schwarzgeränderte Visit, 
karte für ihn ab. 

12) In mehrfacher Hinsicht wird Sie der folgende Traum inter- 
essieren, zu dessen Voraussetzungen allerdings auch ein neuro- 
tischer Zustand gehört. 

Er fährt im Eisenbahnzug. Der Zug hält auf offenem Felde. Er 
meint, es steht ein Unfall bevor, man muß daran denken, sich zu 
flüchten, geht durch alle Abteile des Zuges und erschlägt alle, 
die ihm begegnen, Schaffner, Lokomotivführer usw. 

Dazu die Erinnerung an die Erzählung eines Freundes. Auf 
einer Strecke in Italien wurde ein Wahnsinniger in einem 
Halbcoupe transportiert, aber aus Versehen ein Reisender zu ihm 
eingelassen. Der Verrückte erschlug den Mitreisenden. Er identi- 
fiziert sich also mit diesem Verrückten und begründet sein An- 
recht darauf mit der Zwangsvorstellung, die ihn zeitweilig quält, 
daß er alle „Mitwisser beseitigen" müsse. Dann findet er aber 
selbst eine bessere Motivierung, die zum Anlaß des Traumes 
führt. Er hat gestern im Theater das Mädchen wiedergesehen, 
das er heiraten wollte, von der er sich aber, weil sie ihm Grund 
zur Eifersucht gegeben, zurückgezogen hat. Bei der Intensität, 
zu welcher die Eifersucht bei ihm ansteigt, wäre er wirklich ver- 
rückt, wenn er die heiraten wollte. Das heißt: Er hält sie für so 
unverläßlich, daß er alle Leute, die ihm in den Weg kommen 
aus Eifersucht erschlagen müßte. Das Gehen durch eine Reihe 
von Zimmern, hier von Abteilen, haben wir als Symbol des Ver- 
heiratetseins (Gegensatz zur Einehe) bereits kennengelernt. 
Zum Halten des Zuges auf offenem Felde und zur Befürch- 



XIII) Archaische Züge und Injantilismus des Traumes 207 



I 



tung eines Unfalles erzählt er: Als sich einmal auf einer Eisen- 
bahnfahrt ein solches plötzliches Stehenbleiben außerhalb einer 
Station ereignete, erklärte eine mitreisende junge Dame, es stehe 
vielleicht ein Zusammenstoß bevor, und da sei die zweckmäßigste 
Vorsicht, die Beine hoch zu heben. Dieses „die Beine hoch" 
hatte aber auch eine Rolle in den vielen Spaziergängen und Aus- 
flügen in die freie Natur gespielt, die er in der glücklichen 
ersten Liebeszeit mit jenem Mädchen unternommen hatte. Ein 
neues Argument dafür, daß er verrückt sein müßte, um sie jetzt 
zu heiraten. Daß ein Wunsch, so verrückt zu sein, bei ihm den- 
noch bestand, durfte ich nach meiner Kenntnis der Situation als 
gesichert annehmen. 



Xffl. VORLESUNG 

ARCHAISCHE ZÜGE UND INFANTILISMUS 

DES TRAUMES 

Meine Damen und Herren! Lassen Sie uns wieder an unser 
Resultat anknüpfen, daß die Traumarbeit die latenten Traumge- 
danken unter dem Einfluß der Traumzensur in eine andere Aus- 
drucksweise überführt. Die latenten Gedanken sind nicht an- 
ders als die uns bekannten bewußten Gedanken unseres Wach- 
lebens; die neue Ausdrucksweise ist uns durch vielfältige Züge 
unverständlich. Wir haben gesagt, daß sie auf Zustände unserer 
intellektuellen Entwicklung zurückgreift, die wir längst über- 
wunden haben, auf die Bildersprache, die Symbolbeziehung, 
vielleicht auf Verhältnisse, die vor der Entwicklung unserer 
Denksprache bestanden haben. Wir nannten die Ausdrucks- 
weise der Traumarbeit darum eine archaische oder r e - 
g r e s s i v e. 



• 






208 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Sie können daraus den Schluß ableiten, daß es durch das ver- 
tiertere Studium der Traumarbeit gelingen müßte, wertvolle Auf. 
Schlüsse über die nicht gut gekannten Anfänge unserer intellek- 
tuellen Entwicklung zu gewinnen. Ich hoffe, es wird so sein, aber 
diese Arbeit ist bisher noch nicht in Angriff genommen worden. 
Die Vorzeit, in welche die Traumarbeit uns zurückfuhrt, ist eine 
zweifache, erstens die individuelle Vorzeit, die Kindheit, an- 
derseits, insofern jedes Individuum in seiner Kindheit die ganze 
Entwicklung der Menschenart irgendwie abgekürzt wiederholt, 
auch diese Vorzeit, die phylogenetische. Ob es gelingen wird zu 
unterscheiden, welcher Anteil der latenten seelischen Vorgänge 
aus der individuellen, und welcher aus der phylogenetischen Ur- 
zeit stammt, — ich halte es nicht für unmöglich. So erscheint mir 
z. B. die Symbolbeziehung, die der Einzelne niemals erlernt hat 
zum Anspruch berechtigt, als phylogenetisches Erbe betrachtet 
zu werden. 

Indes ist dies nicht der einzige archaische Charakter des Trau- 
mes. Sie kennen alle wohl aus der Erfahrung an sich die 
merkwürdige Amnesie der Kindheit. Ich meine die Tatsache, 
daß die ersten Lebensjahre, bis zum fünften, sechsten oder achten, 
nicht die Spuren im Gedächtnis hinterlassen haben wie das spä- 
tere Erleben. Man trifft zwar auf einzelne Menschen, welche sich 
einer kontinuierlichen Erinnerung vom frühen Anfang bis auf 
den heutigen Tag rühmen können, aber das andere Verhalten, 
das der Gedächnislücke, ist das ungleich häufigere. Ich meine, 
über diese Tatsache hat man sich nicht genug verwundert. Das 
Kind kann mit zwei Jahren gut sprechen, es zeigt bald, daß es 
sich in komplizierten seelischen Situationen zurechtfindet, und 
gibt Äußerungen von sich, die ihm viele Jahre später wiederer- 
zählt werden, die es selbst aber vergessen hat. Und dabei ist das 
Gedächnis in früheren Jahren leistungsfähiger, weil weniger über- 
laden als in späteren. Auch liegt kein Anlaß vor, die Gedächt- 
nisfunktion für eine besonders hohe oder schwierige Seelenlei- 



XIII) Archaische Züge und Infantilismus des Traumes 209 



stung zu halten; man kann im Gegenteile ein gutes Gedächtnis 
noch bei Personen finden, die intellektuell sehr niedrig stehen. 

Als zweite Merkwürdigkeit, die dieser ersten aufgesetzt ist, 
muß ich aber anführen, daß aus der Erinnerungsleere, welche die 
ersten Kindheitsjahre umfaßt, sich einzelne gut erhaltene, meist 
plastisch empfundene Erinnerungen herausheben, welche diese 
Erhaltung nicht rechtfertigen können. Mit dem Material von 
Eindrücken, welche uns im späteren Leben treffen, verfährt unser 
Gedächtnis so, daß es eine Auslese vornimmt. Es behält das 
irgend Wichtige und läßt Unwichtiges fallen. Mit den erhaltenen 
Kindheitserinnerungen ist es anders. Sie entsprechen nicht not- 
wendig wichtigen Erlebnissen der Kinder jähre, nicht einmal sol- 
chen, die vom Standpunkt des Kindes hätten wichtig erscheinen 
müssen. Sie sind oft so banal und an sich bedeutungslos, daß wir 
uns nur verwundert fragen, warum gerade diese Einzelheit dem 
Vergessen entgangen ist. Ich habe seinerzeit versucht, das Rät- 
sel der Kindheitsamnesie und der sie unterbrechenden Erinne- 
rungsreste mit Hilfe der Analyse anzugreifen, und bin zu dem Er- 
gebnis gekommen, daß doch auch beim Kinde nur das Wich- 
tige in der Erinnerung übriggeblieben ist. Nur daß durch die 
Ihnen bereits bekannten Prozesse der Verdichtung und ganz be- 
sonders der Verschiebung dies Wichtige durch anderes, was un- 
wichtig erscheint, in der Erinnerung vertreten ist. Ich habe diese 
Kindheitserinnerungen darum Deckerinnerungen ge- 
nannt; man kann durch gründliche Analyse alles Vergessene aus 
ihnen entwickeln. 

In den psychoanalytischen Behandlungen ist ganz regelmäßig 
die Aufgabe gestellt, die infantile Erinnerungslücke auszufüllen, 
und insoferne die Kur überhaupt einigermaßen gelingt, also 
überaus häufig, bringen wir es auch zustande, den Inhalt jener 
vom Vergessen bedeckten Kindheits jähre wieder ans Licht zu 
ziehen. Diese Eindrücke sind niemals wirklich vergessen gewesen, 
sie waren nur unzugänglich, latent, haben dem Unbewußten an- 

14 



. 



i, 







210 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

gehört. Es kommt aber auch spontan vor, daß sie aus dem Unbe- 
wußten auftauchen, und zwar geschieht es im Anschluß an 
Träume. Es zeigt sich, daß das Traumleben den Zugang zu die- 
sen latenten, infantilen Erlebnissen zu finden weiß. Es sind schöne 
Beispiele hierfür in der Literatur verzeichnet und ich selbst habe 
einen solchen Beitrag leisten können. Ich träumte einmal in einem 
gewissen Zusammenhange von einer Person, die mir einen Dienst 
geleistet haben mußte, und die ich deutlich vor mir sah. Es war 
ein einäugiger Mann von kleiner Gestalt, dick, den Kopf tief 
in den Schultern steckend. Ich entnahm aus dem Zusammenhang, 
daß er ein Arzt war. Zum Glück konnte ich meine noch lebende 
Mutter befragen, wie der Arzt meines Geburtsortes, den ich 
mit drei Jahren verlassen, ausgesehen, und erfuhr von ihr, daß er 
einäugig war, kurz, dick, den Kopf tief in den Schultern steckend, 
lernte auch, bei welchem von mir vergessenen Unfall er mir Hilfe 
geleistet hatte. Diese Verfügung über das vergessene Material 
der ersten Kindheitsjahre ist also ein weiterer archaischer Zug 
des Traumes. 

Dieselbe Auskunft setzt sich nun auf ein anderes der Rätsel, 
auf die wir bisher gestoßen sind, fort. Sie erinnern sich, mit wel- 
chem Staunen es aufgenommen wurde, als wir zur Einsicht ka- 
men, die Erreger der Träume seien energisch böse und ausschwei- 
fend sexuelle Wünsche, welche Traumzensur und Traument- 
stellung notwendig gemacht haben. Wenn wir einen solchen 
Traum dem Träumer gedeutet haben und er im günstigsten 
Falle die Deutung selbst nicht angreift, so stellt er doch regel- 
mäßig die Frage, woher ihm ein solcher Wunsch komme, da er 
ihn doch als fremd empfinde und sich des Gegenteils davon be- 
wußt sei. Wir brauchen nicht zu verzagen, diese Herkunft nach- 
zuweisen. Diese bösen Wunschregungen stammen aus der Ver- 
gangenheit, oft aus einer Vergangenheit, die nicht allzuweit 
zurückliegt. Es läßt sich zeigen, daß sie einmal bekannt und be- 
wußt waren, wenn sie es auch heute nicht mehr sind. Die Frau, 






XIII) Archaische Züge und Infantilismus des Traumes 211 

deren Traum bedeutet, daß sie ihre einzige, jetzt 17jährige Toch- 
ter tot vor sich sehen möchte, findet unter unserer Anleitung, daß 
sie diesen Todeswunsch doch zu einer Zeit genährt hat. Das 
Kind ist die Frucht einer verunglückten, bald getrennten Ehe. 
Als sie die Tochter noch im Muiterleibe trug, schlug sie einmal 
nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne im Wutanfaü mit 
den Fäusten auf ihren Leib los, um das Kind darin zu töten. 
Wie viele Mütter, die ihre Kinder heute zärtlich, vielleicht über- 
zärtlich lieben, haben sie doch ungerne empfangen und damals 
gewünscht, das Leben in ihnen möge sich nicht weiter entwickeln; 
ja sie haben auch diesen Wunsch in verschiedene, zum Glück 
unschädliche Handlungen umgesetzt. Der später so rätselhafte 
Todesversuch gegen die geliebte Person stammt also aus der 
Frühzeit der Beziehung zu ihr. 

Der Vater, dessen Traum zur Deutung berechtigt, er wünsche 
den Tod seines bevorzugten ältesten Kindes, muß sich ebenso 
daran erinnern lassen, daß ihm dieser Wunsch einmal nicht fremd 
war. Als dieses Kind noch Säugling war, dachte der mit seiner 
Ehewahl unzufriedene Mann oft, wenn das kleine Wesen, das 
ihm nichts bedeute, sterben sollte, dann wäre er wieder frei und 
würde von seiner Freiheit einen besseren Gebrauch machen. 
Die gleiche Herkunft läßt sich für eine große Anzahl ähnlicher 
Haßregungen erweisen; sie sind Erinnerungen an etwas, was der 
Vergangenheit angehörte, einmal bewußt war und seine Rolle 
im Seelenleben spielte. Sie werden daraus den Schluß ziehen 
wollen, daß es solche Wünsche und solche Träume nicht geben 
darf, wenn derartige Wandlungen im Verhältnis zu einer Person 
nicht vorgekommen sind, wenn dies Verhältnis von Anfang an 
gleichsinnig war. Ich bin bereit, Ihnen diese Folgerung zuzu- 
geben, will Sie nur daran mahnen, daß Sie nicht den Wortlaut 
des Traumes, sondern den Sinn desselben nach seiner Deutung 
in Betracht ziehen. Es kann vorkommen, daß der manifeste 
Traum vom Tode einer geliebten Person nur eine schreckhafte 






212 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Maske vorgenommen hat, aber etwas ganz anderes bedeutet, 
oder daß die geliebte Person zum täuschenden Ersatz für eine 
andere bestimmt ist. 

Derselbe Sachverhalt wird aber eine andere, weit ernsthaftere 
Frage bei Ihnen wecken. Sie werden sagen: Wenn dieser Todes- 
wunsch auch einmal vorhanden war und von der Erinnerung be- 
stätigt wird, so ist das doch keine Erklärung. Er ist doch längst 
überwunden, er kann heute doch nur als bloße effektlose Erinne- 
rung im Unbewußten vorhanden sein, aber nicht als kräftige Re- 
gung. Für letzteres spricht doch nichts. Wozu wird er also über- 
haupt vom Traume erinnert? Diese Frage ist wirklich berechtigt; 
der Versuch, sie zu beantworten, würde uns zu weit führen und 
zur Stellungnahme in einem der bedeutsamsten Punkte der 
Traumlehre nötigen. Aber ich bin genötigt, im Rahmen unserer 
Erörterungen zu bleiben und Enthaltung zu üben. Bereiten Sie 
sich auf den einstweiligen Verzicht vor. Begnügen wir uns mit 
dem tatsächlichen Nachweis, daß dieser überwundene Wunsch 
als Traumerreger nachweisbar ist und setzen wir die Unter- 
suchung fort, ob auch andere böse Wünsche dieselbe Ableitung 
aus der Vergangenheit zulassen. 

Bleiben wir bei den Beseitigungswünschen, die wir ja zumeist 
auf den uneingeschränkten Egoismus des Träumers zurückführen 
dürfen. Ein solcher Wunsch ist als Traumbildner sehr häufig 
nachzuweisen. Sooft uns irgend jemand im Leben in den Weg 
getreten ist, und wie häufig muß dies bei der Komplikation der 
Lebensbeziehungen der Fall sein, sofort ist der Traum bereit, ihn 
totzumachen, sei er auch der Vater, die Mutter, ein Geschwister, 
ein Ehepartner u. dgl. Wir hatten uns über diese Schlechtigkeit 
der menschlichen Natur genug verwundert und waren gewiß 
nicht geneigt, die Richtigkeit dieses Ergebnisses der Traumdeu- 
tung ohne weiteres anzunehmen. Wenn wir aber einmal darauf 
gewiesen werden, den Ursprung solcher Wünsche in der Ver- 
gangenheit zu suchen, so entdecken wir alsbald die Periode der 






XIII) Archaische Züge und Infantilismus des Traumes 213 



individuellen Vergangenheit, in welcher solcher Egoismus und 
solche Wunschregungen auch gegen die Nächsten nichts Be- 
fremdendes mehr haben. Es ist das Kind gerade in jenen ersten 
Jahren, welche später von der Amnesie verhüllt werden, das die- 
sen Egoismus häufig in extremer Ausprägung zeigt, regelmäßig 
aber deutliche Ansätze dazu oder richtiger Überreste davon er- 
kennen läßt. Das Kind liebt eben sich selbst zuerst und lernt erst 
später andere lieben, von seinem Ich etwas an andere opfern. 
Auch die Personen, die es von Anfang an zu lieben scheint, liebt 
es zuerst darum, weil es sie braucht, sie nicht entbehren kann, 
also wiederum aus egoistischen Motiven. Erst später macht sich 
die Liebesregung vom Egoismus unabhängig. Es hat tatsäch- 
lich am Egoismus lieben gelernt. 

Es wird in dieser Beziehung lehrreich sein, die Einstellung des 
Kindes gegen seine Geschwister mit der gegen seine Eltern zu 
vergleichen. Seine Geschwister liebt das kleine Kind nicht not- 
wendigerweise, oft offenkundig nicht. Es ist unzweifelhaft, daß 
es in ihnen seine Konkurrenten haßt, und es ist bekannt, wie 
häufig diese Einstellung durch lange Jahre bis zur Zeit der Reife, 
ja noch späterhin ohne Unterbrechung anhält. Sie wird ja häufig 
genug durch eine zärtlichere abgelöst oder sagen wir lieber: 
überlagert, aber die feindselige scheint sehr regelmäßig die frü- 
here zu sein. Am leichtesten kann man sie an Kindern von 2 1 /» 
bis 4 und 5 Jahren beobachten, wenn ein neues Geschwister- 
chen dazu kommt. Das hat meist einen sehr unfreundlichen 
Empfang. Äußerungen wie „ich mag es nicht, der Storch soll es 
wieder mitnehmen" sind recht gewöhnlich. In der Folge wird 
jede Gelegenheit benützt, um den Ankömmling herabzusetzen, 
und selbst Versuche ihn zu schädigen, direkte Attentate, sind 
nichts Unerhörtes. Ist die Altersdifferenz geringer, so findet das 
Kind beim Erwachen intensiverer Seelentätigkeit den Konkurren- 
ten bereits vor und richtet sich mit ihm ein. Ist sie größer, so 
kann das neue Kind von Anfang an als ein interessantes Objekt, 



214 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



als eine Art von lebender Puppe, gewisse Sympathien erwecken, 
und bei einem Altersunterschied von acht Jahren und mehr kön- 
nen bereits, besonders bei den Mädchen, vorsorgliche, mütter- 
liche Regungen ins Spiel treten. Aber aufrichtig gesagt, wenn 
man den Wunsch nach dem Tode der Geschwister hinter einem 
Traume aufdeckt, braucht man ihn selten rätselhaft zu finden 
und weist sein Vorbild mühelos im frühen Kindesaiter, oft ge- 
nug auch in späteren Jahren des Beisammenseins nach. 

Es gibt wahrscheinlich keine Kinderstube ohne heftige Kon- 
flikte zwischen deren Einwohnern. Motive sind die Konkurrenz 
um die Liebe der Eltern, um den gemeinsamen Besitz, um den 
Wohnraum. Die feindseligen Regungen richten sich gegen äl- 
tere wie gegen jüngere Geschwister. Ich glaube, es war Ber- 
nard Shaw, der das Wort ausgesprochen hat: Wenn es je- 
mand gibt, den eine junge englische Dame mehr haßt als ihre 
Mutter, so ist es ihre ältere Schwester. An diesem Ausspruch ist 
aber etwas, was uns befremdet. Geschwisterhaß und Konkurrenz 
fänden wir zur Not begreiflich, aber wie sollen sich Haßempfin- 
dungen in das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter, Eltern 
und Kindern, eindrängen können? 

Dies Verhältnis ist ohne Zweifel auch von Seite der Kinder 
betrachtet das günstigere. So fordert es auch unsere Erwartung; 
wir finden es weit anstößiger, wenn die Liebe zwischen Eltern 
und Kindern, als wenn sie zwischen Geschwistern mangelt. Wir 
haben sozusagen im ersten Falle etwas geheiligt, was wir im an- 
dern Falle profan gelassen haben. Doch kann uns die tägliche 
Beobachtung zeigen, wie häufig die Gefühlsbeziehungen zwi- 
schen Eltern und erwachsenen Kindern hinter dem von der Ge- 
sellschaft aufgestellten Ideal zurückbleiben, wieviel Feindselig, 
keit da bereitliegt und sich äußern würde, wenn nicht Zusätze 
von Pietät und von zärtlichen Regungen sie zurückhielten. Die 
Motive hierfür sind allgemein bekannt und zeigen eine Tendenz 
die gleichen Geschlechter voneinander zu trennen, die Tochter 



XIII) Archaische Züge und Injantilistnus des Traumes 215 



von der Mutter, den Vater vom Sohn. Die Tochter findet in der 
Mutter die Autorität, welche ihren Willen beschränkt und mit 
der Aufgabe betraut ist, den von der Gesellschaft geforderten 
Verzicht auf Sexualfreiheit bei ihr durchzusetzen, in einzelnen 
Fällen auch noch die Konkurrentin, die der Verdrängung wider- 
strebt. Dasselbe widerholt sich in noch grellerer Weise zwischen 
Sohn und Vater. Für den Sohn verkörpert sich im Vater jeder 
widerwillig ertragene soziale Zwang; der Vater versperrt ihm 
den Zugang zur Willensbetätigung, zum frühzeitigen Sexual- 
genuß und, wo gemeinsame Familiengüter bestehen, zum Ge- 
nuß derselben. Das Lauern auf den Tod des Vaters wächst im 
Falle des Thronfolgers zu einer das Tragische streifenden Höhe. 
Minder gefährdet erscheint das Verhältnis zwischen Vater und 
Tochter, Mutter und Sohn. Das letztere gibt die reinsten Bei- 
spiele einer durch keinerlei egoistische Rücksicht gestörten, un- 
wandelbaren Zärtlichkeit. 

Wozu ich von diesen Dingen spreche, die doch banal und all- 
gemein bekannt sind? Weil eine unverkennbare Neigung be- 
steht, ihre Bedeutung im Leben zu verleugnen und das sozial ge- 
forderte Ideal weit öfter für erfüllt auszugeben, als es wirklich 
erfüllt wird. Es ist aber besser, daß der Psychologe die Wahrheit 
sagt, als «:.ß diese Aufgabe dem Zyniker überlassen bleibt. Aller- 
dings bezieht sich diese Verleugnung nur auf das reale Leben. 
Der Kunst der erzählenden und der dramatischen Dichtung 
bleibt es freigestellt, sich der Motive zu bedienen, die aus der 
Störung dieses Ideals hervorgehen. 

Bei einer großen Anzahl von Menschen brauchen wir uns also 
nicht zu verwundem, wenn der Traum ihren Wunsch nach Be- 
seitigung der Eltern, speziell des gleichgeschlechtlichen Eltern- 
teiles, aufdeckt. Wir dürfen annehmen, er ist auch im Wach- 
leben vorhanden und wird sogar manchmal bewußt, wenn er 
sich durch ein anderes Motiv maskieren kann, wie im Falle un- 
seres Träumers im Beispiel 3 durch das Mitleid mir dem un- 






216 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



nützen Leiden des Vaters. Selten beherrscht die Feindseligkeit das 
Verhältnis allein, weit häufiger tritt sie hinter zärtlicheren Regun- 
gen zurück, von denen sie unterdrückt wird, und muß warten, 
bis ein Traum sie gleichsam isoliert. Was uns der Traum infolge 
solcher Isolierung übergroß zeigt, das schrumpft dann wieder 
zusammen, wenn es nach der Deutung von uns in den Zusammen, 
hang des Lebens eingereiht wird (H. S a c h s) . Wir finden die- 
sen Traumwunsch aber auch dort, wo er im Leben keinen An- 
halt hat, und wo der Erwachsene sich im Wachen nie zu ihm be- 
kennen müßte. Dies hat seinen Grund darin, daß das tiefste und 
regelmäßigste Motiv zur Entfremdung, besonders zwischen den 
gleichgeschlechtlichen Personen, sich bereits im frühen Kindes- 
alter geltend gemacht hat. 

Ich meine die Liebeskonkurrenz mit deutlicher Betonung des 
Geschlechtscharakters. Der Sohn beginnt schon als kleines Kind 
eine besondere Zärtlichkeit für die Mutter zu entwickeln, die er 
als sein eigen betrachtet, und den Vater als Konkurrenten zu 
empfinden, der ihm diesen Alleinbesitz streitig macht, und eben- 
so sieht die kleine Tochter in der Mutter eine Person, die ihre 
zärtliche Beziehung zum Vater stört und einen Platz einnimmt, 
den sie sehr gut selbst ausfüllen könnte. Man muß aus den 
Beobachtungen erfahren, in wie frühe Jahre diese Einstellungen 
zurückreichen, die wir als Ödipuskomplex bezeichnen, 
weil diese Sage die beiden extremen Wünsche, welche sich aus 
der Situation des Sohnes ergeben, den Vater zu töten, und die 
Mutter zum Weib zu nehmen, mit einer ganz geringfügigen Ab- 
schwächung realisiert. Ich will nicht behaupten, daß der Ödipus- 
komplex die Beziehung der Kinder zu den Eltern erschöpft; diese 
kann leicht viel komplizierter sein. Auch ist der Ödipuskomplex 
mehr oder weniger stark ausgebildet, er kann selbst eine Umkeh- 
rung erfahren, aber er ist ein regelmäßiger und sehr bedeutsamer 
Faktor des kindlichen Seelenlebens, und man läuft eher Gefahr, 
seinen Einfluß und den der aus ihm hervorgehenden Entwick- 



XIII) Archaische Züge und Infantilismus des Traumos 217 



lungert zu unterschätzen, als ihn zu überschätzen. Übrigens reagie- 
ren die Kinder mit der ödipuseinstellung häufig auf eine An- 
regung der Eltern, die sich in ihrer Liebeswahl oft genug vom 
Geschlechtsunterschied leiten lassen, so daß der Vater die Toch- 
ter, die Mutter den Sohn bevorzugt oder im Falle von Erkaltung 
in der Ehe zum Ersatz für das entwertete Liebesobjekt nimmt. 

Man kann nicht behaupten, daß die Welt der psychoanalyti- 
schen Forschung für die Aufdeckung des Ödipuskomplexes sehr 
dankbar gewesen ist. Diese hat im Gegenteile das heftigste 
Sträuben der Erwachsenen hervorgerufen, und Personen, die es 
versäumt hatten, an der Ableugnung dieser verpönten oder ta- 
buierten Gefühlsbeziehung teilzunehmen, haben ihr Verschul- 
den später gutgemacht, indem sie dem Komplex durch Umdeu- 
tungen seinen Wert entzogen. Nach meiner unveränderten Über- 
zeugung ist dahier nichts zu verleugnen und nichts zu beschö- 
nigen. Man befreunde sich mit der Tatsache, die von der grie- 
chischen Sage selbst als unabwendbares Verhängnis anerkannt 
wird. Interessant ist es wiederum, daß der aus dem Leben heraus- 
geworfene Ödipuskomplex der Dichtung überlassen, gleichsam 
zur freien Verfügung abgetreten wurde. O. R an k hat in einer 
sorgfältigen Studie gezeigt, wie gerade der Ödipuskomplex der 
dramatischen Dichtung reiche Motive in unendlichen Abände- 
rungen, Abschwächungen und Verkleidungen geliefert hat, in 
solchen Entstellungen also, wie wir sie bereits als Werk einer 
Zensur erkennen. Diesen Ödipuskomplex dürfen wir also auch 
jenen Träumern zuschreiben, die so glücklich waren, im späteren 
Leben den Konflikten mit ihren Eltern zu entgehen, und an ihn 
innig geknüpft finden wir, was wir den K as t r a t i o n s k o m - 
p 1 e x heißen, die Reaktion auf die dem Vater zugeschriebene 
Sexualeinschüchterung oder Eindämmung der früh-infantilen 

Sexualtätigkeit. 

Durch die bisherigen Ermittlungen auf das Studium des kind- 
lichen Seelenlebens verwiesen, dürfen wir nun auch die Erwar- 



218 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



tung hegen, daß die Herkunft des anderen Anteils der verbotenen 
Traumwünsche, der exzessiven Sexualregungen, auf ähnliche 
Weise Aufklärung finden wird. Wir empfangen also den An- 
trieb, auch die Entwicklung des kindlichen Sexuallebens zu stu- 
dieren und erfahren hierbei aus mehreren Quellen folgendes : Es 
ist vor allem ein unhaltbarer Irrtum, dem Kind ein Sexualleben 
abzusprechen und anzunehmen, daß die Sexualität erst zur Zeit 
der Pubertät mit der Reifung der Genitalien einsetze. Das Kind 
hat im Gegenteile von allem Anfang an ein reichhaltiges Sexual- 
leben, welches sich von dem später als normal geltenden in vie- 
len Punkten unterscheidet. Was wir im Leben der Erwachsenen 
„pervers" nennen, weicht vom Normalen in folgenden Stücken 
ab: erstens durch das Hinwegsetzen über die Artschranke (die 
Kluft zwischen Mensch und Tier), zweitens durch die Über- 
schreitung der Ekelschranke, drittens der Inzestschranke (des 
Verbots, Sexualbefriedigung an nahen Blutsverwandten zu su- 
chen), viertens der Gleichgeschlechlicbkeit, und fünftens durch 
die Übertragung der Genitalrolle an andere Organe und Kör- 
persteJlen. Alle diese Schranken bestehen nicht von Anfang an, 
sondern werden erst allmählich im Laufe der Entwicklung und 
der Erziehung aufgebaut. Das kleine Kind ist frei von ihnen. Es 
kennt noch keine arge Kluft zwischen Mensch und Tier; der 
Hochmut, mit dem sich der Mensch vom Tier absondert, wächst 
ihm erst später zu. Es zeigt anfänglich keinen Ekel vor dem Ex- 
krementellen, sondern erlernt diesen langsam unter dem Nach- 
druck der Erziehung; es legt keinen besonderen Wert auf den 
Unterschied der Geschlechter, mutet vielmehr beiden die gleiche 
Genitalbildung zu; es richtet seine ersten sexuellen Gelüste 
und seine Neugierde auf die ihm nächsten und aus anderen 
Gründen liebsten Personen, Eltern, Geschwister, Pflegepersonen, 
und endlich zeigt sich bei ihm, was späterhin auf der Höhe einer 
Liebesbeziehung wieder durchbricht, daß es nicht nur von den 
Geschlechtsteilen Lust erwartet, sondern daß viele andere Kör- 



XIU) Archaische Züge und Infantilismus des Traumes 219 



perstellen dieselbe Empfindlichkeit für sich in Anspruch neh- 
men, analoge Lustempfindungen vermitteln und somit die Rolle 
von Genitalien spielen können. Das Kind kann also „polymorph 
pervers" genannt werden, und wenn es alle diese Regungen nur 
spurweise betätigt, so kommt dies einerseits von deren geringer 
Intensität im Vergleiche zu späteren Lebenszeiten, anderseits 
daher, daß die Erziehung alle sexuellen Äußerungen des Kindes 
sofort energisch unterdrückt. Diese Unterdrückung setzt sich 
sozusagen in die Theorie fort, indem die Erwachsenen sich be- 
mühen, einen Anteil der kindlichen Sexualäußerungen zu über- 
sehen und einen anderen durch Umdeutung seiner sexuellen 
Natur zu entkleiden, bis sie dann das Ganze ableugnen können. 
Es sind oft dieselben Leute, die erst in der Kinderstube hart gegen 
alle sexuellen Unarten der Kinder wüten und dann am Schreib- 
tisch die sexuelle Reinheit derselben Kinder verteidigen. Wo 
Kinder sich selbst überlassen werden oder unter dem Einfluß 
der Verführung, bringen sie oft ganz ansehnliche Leistungen 
perverser Sexualbetätigung zustande. Natürlich haben die Er- 
wachsenen recht, dies als „Kinderei" und „Spielerei' nicht schwer 
zu nehmen, denn das Kind ist weder vor dem Richterstuhl der 
Sitte noch vor dem Gesetz als vollwertig und verantwortlich zu 
beurteilen, aber diese Dinge existieren doch, sie haben ihre Be- 
deutung sowohl als Anzeichen mitgebrachter Konstitution sowie 
als Ursachen und Förderungen späterer Entwicklungen, sie 
geben uns Aufschlüsse über das kindliche Sexualleben und somit 
über das menschliche Sexualleben überhaupt. Wenn wir also hin- 
ter unseren entstellten Träumen alle diese perversen Wunsch- 
regungen wiederfinden, so bedeutet es nur, daß der Traum auch 
auf diesem Gebiet den Rückschritt zum infantilen Zustand voll- 
zogen hat. 

Eine besondere Hervorhebung unter diesen verbotenen Wün- 
sehen verdienen noch die inzestuösen, d. h. die auf Geschlechts- 
verkehr mit Eltern und Geschwistern gerichteten. Sie wissen, 






220 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



welcher Abscheu in der menschlichen Gemeinschaft gegen sol- 
chen Verkehr verspürt oder wenigstens vorgegeben wird, und 
welcher Nachdruck auf den dagegen gerichteten Verboten ruht. 
Es sind die ungeheuerlichsten Anstrengungen gemacht worden, 
diese Inzestscheu zu erklären. Die einen haben angenommen, daß 
es Züchtungsrücksichten der Natur sind, welche sich psychisch 
durch dieses Verbot repräsentieren lassen, weil Inzucht die Ras- 
sencharaktere verschlechtern würde, die anderen haben behaup- 
tet, daß durch das Zusammenleben von früher Kindheit an die 
sexuelle Begierde von den in Betracht kommenden Personen ab- 
gelenkt wird. In beiden Fällen wäre übrigens die Inzestvermei- 
dung automatisch gesichert, und man verstünde nicht, wozu es 
der strengen Verbote bedürfte, die eher auf das Vorhandensein 
eines starken Begehrens deuten. Die psychoanalytischen Unter- 
suchungen haben unzweideutig ergeben, daß die inzestuöse Lie- 
beswahl vielmehr die erste und die regelmäßige ist, und daß erst 
später ein Widerstand gegen sie einsetzt, dessen Herleitung aus 
der individuellen Psychologie wohl abzulehnen ist. 

Stellen wir zusammen, was uns die Vertiefung in die Kinder- 
psychologie für das Verständnis des Traumes gebracht hat. Wir 
fanden nicht nur, daß das Material der vergessenen Kinderer- 
lebnisse dem Traum zugänglich ist, sondern wir sahen auch, daß 
das Seelenleben der Kinder mit all seinen Eigenheiten, seinem 
Egoismus, seiner inzestuösen Liebeswahl usw. für den Traum, 
also im Unbewußten, noch fortbesteht, und daß uns der Traum 
allnächtlich auf diese infantile Stufe zurückführt. Es wird uns so 
bekräftigt, daß das Unbewußte des Seelenlebens 
das Infantile i s t. Der befremdende Eindruck, daß soviel 
Böses im Menschen steckt, beginnt nachzulassen. Dieses entsetz- 
lich Böse ist einfach das Anfängliche, Primitive, Infantile des 
Seelenlebens, das wir beim Kinde in Wirksamkeit finden können, 
das wir aber bei ihm zum Teil wegen seiner kleinen Dimensionen 
übersehen, zum Teil nicht schwer nehmen, weil wir vom Kinde 



XIII) Archaische Züge und Infantilismus des Träumet 221 

keine ethische Höhe fordern. Indem der Traum auf diese Stufe 
regrediert, erweckt er den Anschein, als habe er das Böse in uns 
zum Vorschein gebracht. Es ist aber nur ein täuschender Schein, 
von dem wir uns haben schrecken lassen. Wir sind nicht so böse, 
wie wir nach der Deutung der Träume annehmen wollten. 

Wenn die bösen Regungen der Träume nur Infantilismen sind, 
eine Rückkehr zu den Anfängen unserer ethischen Entwicklung, 
indem der Traum uns einfach wieder zu Kindern im Denken und 
Fühlen macht, so brauchen wir uns vernünftigerweise dieser 
bösen Träume nicht zu schämen. Allein das Vernünftige ist nur 
ein Anteil des Seelenlebens, es geht außerdem in der Sele noch 
mancherlei vor, was nicht vernünftig ist, und so geschieht es, 
daß wir uns unvemünftigerweise doch solcher Träume schämen. 
Wir unterwerfen sie der Traumzensur, schämen und ärgern uns, 
wenn es einem dieser Wünsche ausnahmsweise gelungen ist, in so 
unentstellter Form zum Bewußtsein zu dringen, daß wir ihn er- 
kennen müssen, ja wir schämen uns gelegentlich der entstellten 
Träume genau so, als ob wir sie verstehen würden. Denken Sie 
nur an das entrüstete Urteil jener braven alten Dame über ihren 
nicht gedeuteten Traum von den „Liebesdiensten". Das Pro- 
blem ist also noch nicht erledigt, und es bleibt möglich, daß wir 
bei weiterer Beschäftigung mit dem Bösen im Traum zu einem 
anderen Urteil und zu einer anderen Schätzung der menschlichen 
Natur gelangen. 

Als Ergebnis der ganzen Untersuchung erfassen wir zwei Ein- 
sichten, die aber nur den Anfang von neuen Rätseln, neuen Zwei- 
feln bedeuten. Erstens: Die Regression der Traumarbeit ist nicht 
nur eine formale, sondern auch eine materielle. Sie übersetzt nicht 
nur unsere Gedanken in eine primitive Ausdrucksform, sondern 
sie weckt auch die Eigentümlichkeiten unseres primitiven Seelen- 
lebens wieder auf, die alte Übermacht des Ichs, die anfänglichen 
Regungen unseres Sexuallebens, ja selbst unseren alten intellek- 
tuellen Besitz, wenn wir die Symbolbeziehung als solchen auf- 



222 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

fassen dürfen. Und zweitens : All dies alte Infantile, was einmal 
herrschend und alleinherrschend war, müssen wir heute dem Un- 
bewußten zurechnen, von dem unsere Vorstellungen sich nun ver- 
ändern und erweitern. Unbewußt ist nicht mehr ein Name für 
das derzeit Latente, das Unbewußte ist ein besonderes seelisches 
Reich mit eigenen Wunschregungen, eigener Ausdrucksweise 
und ihm eigentümlichen seelischen Mechanismen, die sonst nicht 
in Kraft sind. Aber die latenten Traumgedanken, die wir durch 
die Traumdeutung erraten haben, sind doch nicht von diesem 
Reich; sie sind vielmehr so, wie wir sie auch im Wachen hätten 
denken können. Unbewußt sind sie aber doch; wie löst sich also 
dieser Widerspruch? Wir beginnen zu ahnen, daß hier eine Son- 
derung vorzunehmen ist. Etwas, was aus unserem bewußten Le- 
ben stammt und dessen Charaktere teilt — wir heißen es: die 
Tagesreste — tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Un- 
bewußten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden 
Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit. Die Beeinflussung der 
Tagesreste durch das hinzutretende Unbewußte enthält wohl die 
Bedingung für die Regression. Es ist dies die tiefste Einsicht über 
das Wesen des Traumes, zu welcher wir hier, ehe wir weitere 
seelische Gebiete durchforscht haben, gelangen können. Es wird 
aber bald an der Zeit sein, den unbewußten Charakter der laten- 
ten Traumgedanken mit einem anderen Namen zu belegen, zur 
Unterscheidung von dem Unbewußten aus jenem Reich des In- 
fantilen. 

Wir können natürlich auch die Frage aufwerfen : Was nötigt 
die psychische Tätigkeit während des Schlafens zu solcher Re- 
gression? Warum erledigt sie die schlafstörenden seelischen Reize 
nicht ohne diese? Und wenn sie aus Motiven der Traumzensur 
sich der Verkleidung durch die alte, jetzt unverständliche Aus- 
drucksform bedienen muß, wozu dient ihr die Wiederbelebung 
der alten, jetzt überwundenen Seelenregungen, Wünsche und 
Charakterzüge, also die materielle Regression, die zu der for- 



XIV) Die Wunscherfüllung 223 



malen hinzukommt? Die einzige Antwort, die uns befriedigen 
würde, wäre, daß nur auf solche Weise ein Traum gebildet wer- 
den kann, daß dynamisch die Aufhebung des Traumreizes nicht 
anders möglich ist. Aber wir haben vorläufig nicht das Recht, 
eine solche Antwort zu geben. 



XTV. VORLESUNG 

DIE WUNSCHERFÜLLUNG 

Meine Damen und Herren! Soll ich Ihnen nochmals vorhal- 
ten, welchen Weg wir bisher zurückgelegt haben? Wie wir bei 
der Anwendung unserer Technik auf die Traumentstellung ge- 
stoßen sind, uns besonnen haben, ihr zunächst auszuweichen, und 
uns die entscheidenden Auskünfte über das Wesen des Traumes 
an den infantilen Träumen geholt haben? Wie wir dann, mit den 
Ergebnissen dieser Untersuchung ausgerüstet, die Traumentstel- 
lung direkt angegriffen und sie, ich hoffe es, auch schrittweise 
überwunden haben? Nun aber müssen wir uns sagen, was wir auf 
dem einen und auf dem anderen Weg gefunden, trifft nicht ganz 
zusammen. Es wird uns zur Aufgabe, beiderlei Ergebnisse zu- 
sammenzusetzen und gegeneinander auszugleichen. 

Von beiden Seiten her hat sich uns ergeben, die Traumarbeit 
bestehe wesentlich in der Umsetzung von Gedanken in ein hallu- 
zinatorisches Erleben. Wie das geschehen kann, ist rätselhaft ge- 
nug, aber es ist ein Problem der allgemeinen Psychologie, das 
uns hier nicht beschäftigen soll. Aus den Kinderträumen haben 
wir erfahren, die Traumarbeit beabsichtige die Beseitigung eines 
den Schlaf störenden seelischen Reizes durch eine Wunscherfül- 
lung. Von den entstellten Träumen konnten wir nichts Ahn- 









224 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



liches aussagen, ehe wir sie zu deuten verstanden. Unsere Er- 
wartung ging aber von Anfang an dahin, die entstellten Träume 
unter dieselben Gesichtspunkte bringen zu können wie die in- 
fantilen. Die erste Erfüllung dieser Erwartung brachte uns die 
Einsicht, daß eigentlich alle Träume — die Träume von Kindern 
sind, mit dem infantilen Material, den kindlichen Seelenregun- 
gen und Mechanismen arbeiten. Nachdem wir die Traument- 
stellung für überwunden halten, müssen wir an die Untersuchung 
gehen, ob die Auffassung als Wunscherfüllungen auch für die 
entstellten Träume Geltung hat. 

Wir haben erst kürzlich eine Reihe von Träumen der Deu- 
tung unterzogen, aber die Wunscherfüllung ganz außer Betracht 
gelassen. Ich bin überzeugt, daß sich Ihnen dabei wiederholt die 
Frage aufgedrängt hat: Wo bleibt denn die Wunscherfüllung, 
die angeblich das Ziel der Traumarbeit ist? Diese Frage ist be- 
deutsam; sie ist nämlich die Frage unserer Laienkritiker gewor- 
den. Wie Sie wissen, hat die Menschheit ein instruktives Ab- 
wehrbestreben gegen intellektuelle Neuheiten. Zu den Äuße- 
rungen desselben gehört, daß eine solche Neuheit sofort auf den 
geringsten Umfang reduziert, womöglich in ein Schlagwort kom- 
primiert wird. Für die neue Traumlehre ist die Wunscherfül- 
lung dies Schlagwort geworden. Der Laie stellt die Frage: Wo 
ist die Wunscherfüllung? Sofort, nachdem er gehört hat, daß der 
Traum eine Wunscherfüllung sein soll, und indem er sie stellt, 
beantwortet er sie ablehnend. Es fallen ihm sofort ungezählte 
eigene Traumerfahrungen ein, in denen sich Unlust bis zu 
schwerer Angst an das Träumen geknüpft hat, so daß ihm die 
Behauptung der psychoanalytischen Traumlehre recht unwahr- 
scheinlich wird. Wir haben es leicht, ihm zu antworten, daß bei 
den entstellten Träumen die Wunscherfüllung nicht offenkun- 
dig sein kann, sondern erst gesucht werden muß, so daß sie vor 
der Deutung des Traumes nicht anzugeben ist. Wir wissen auch, 
daß die Wünsche dieser entstellten Träume verbotene, von der 






XIV) Die Wunscherfüllung 225 

Zensur abgewiesene Wünsche sind, deren Existenz eben die Ur- 
sache der Traumentstellung, das Motiv für das Eingreifen der 
Traumzensur geworden ist. Aber dem Laienkritiker ist es schwer 
beizubringen, daß man vor der Deutung des Traumes nicht nach 
dessen Wunscherfüllung fragen darf. Er wird es doch immer 
wieder vergessen. Seine ablehnende Haltung gegen die Theorie 
der Wunscherfüllung ist eigentlich nichts anderes als eine Konse- 
quenz der Traumzensur, ein Ersatz und ein Ausfluß der Ableh- 
nung dieser zensurierten Traumwünsche. 

Natürlich werden auch wir das Bedürfnis haben, uns zu er- 
klären, daß es so viele Träume mit peinlichem Inhalt und beson- 
ders, daß es Angstträume gibt. Wir stoßen dabei zum erstenmal 
auf das Problem der Affekte im Traum, welches ein Studium 
für sich verdiente, uns aber leider nicht beschäftigen darf. Wenn 
der Traum eine Wunscherfüllung ist, so sollten peinliche Emp- 
findungen im Traume unmöglich sein; darin scheinen die Laien- 
kritiker recht zu haben. Es kommen aber dreierlei Komplika- 
tionen in Betracht, an welche diese nicht gedacht haben. 

Erstens: es kann sein, daß es der Traumarbeit nicht voll ge- 
lungen ist, eine Wunscherfüllung zu schaffen, so daß von dem 
peinlichen Affekt der Traumgedanken ein Anteil für den mani- 
festen Traum erübrigt wird. Die Analyse müßte dann zeigen, 
daß diese Traumgedanken noch weit peinlicher waren, als der 
aus ihnen gestaltete Traum. Soviel läßt sich auch jedesmal nach- 
weisen. Wir geben dann zu, die Traumarbeit hat ihren Zweck 
nicht erreicht, so wenig wie der Trinktraum auf den Durstreiz 
seine Absicht erreicht, den Durst zu löschen. Man bleibt dur- 
stig und muß erwachen, um zu trinken. Aber es war doch ein 
richtiger Traum, er hatte nichts von seinem Wesen aufgegeben. 
Wir müssen sagen: Ut desint vires, tarnen est laudanda voluntas. 
Die klar zu erkennende Absicht wenigstens bleibt lobenswert. 
Solche Fälle des Mißlingens sind kein seltenes Vorkommnis. 
Es wirkt dazu mit, daß es der Traumarbeit soviel schwerer ge- 

*5 






226 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

lingt, Affekte als Inhalte in ihrem Sinne zu verändern; die Af- 
fekte sind manchmal sehr resistent. So geschieht es denn, daß die 
Traumarbeit den peinlichen Inhalt der Traumgedanken zu einer 
Wunscherfüllung umgearbeitet hat, während sich der peinliche 
Affekt noch unverändert durchsetzt. In solchen Träumen paßt 
der Affekt dann gar nicht zum Inhalt, und unsere Kritiker kön- 
nen sagen, der Traum sei so wenig eine Wunscherfüllung, daß 
in ihm selbst ein harmloser Inhalt peinlich empfunden werden 
kann. Wir werden gegen diese unverständige Bemerkung ein- 
wenden, daß die Wunscherfüllungstendenz der Traumarbeit ge- 
rade an solchen Träumen am deutlichsten, weil isoliert, zum 
Vorschein kommt. Der Irrtum kommt daher, daß, wer die Neu- 
rosen nicht kennt, sich die Verknüpfung von Inhalt und Affekt 
als eine zu innige vorstellt und dämm nicht fassen kann, daß ein 
Inhalt abgeändert wird, ohne daß die dazu gehörige Affektäuße- 
rung mitverändert werde. 

Ein zweites, weit wichtigeres und tiefer reichendes Moment 
welches der Laie gleichfalls vernachlässigt, ist das folgende. Eine 
Wunscherfüllung müßte gewiß Lust bringen, aber es fragt sich 
auch, wem? Natürlich dem, der den Wunsch hat. Vom Träumer 
ist uns aber bekannt, daß er zu seinen Wünschen ein ganz be- 
sonderes Verhältnis unterhält. Er verwirft sie, zensuriert sie, kurz 
er mag sie nicht. Eine Erfüllung derselben kann ihm also keine 
Lust bringen, sondern nur das Gegenteil davon. Die Erfahrung 
zeigt dann, daß dieses Gegenteil, was noch zu erklären ist, in der 
Form der Angst auftritt. Der Träumer kann also in seinem Ver- 
hältnis zu seinen Traumwünschen nur einer Summation von zwei 
Personen gleichgestellt werden, die doch durch eine starke Ge- 
meinsamkeit verbunden sind. Anstatt aller weiteren Ausführun- 
gen biete ich Ihnen ein bekanntes Märchen, in welchem Sie die 
nämlichen Beziehungen wiederfinden werden. Eine gute Fee 
verspricht einem armen Menschenpaar, Mann und Frau, die Er- 
füllung ihrer drei ersten Wünsche. Sie sind selig und nehmen 



_ 



XIV) Die Wunschetjüllung 227 

sich vor, diese drei Wünsche sorgfältig auszuwählen. Die Frau 
läßt sich aber durch den Duft von Bratwürstchen aus der nächsten 
Hütte verleiten, sich ein solches Paar Würstchen herzuwünschen. 
Flugs sind sie auch da; das ist die erste Wunscherfüllung. Nun 
wird der Mann böse und wünscht in seiner Erbitterung, daß die 
Würste der Frau an der Nase hängen mögen. Das vollzieht sich 
auch, und die Würste sind von ihrem neuen Standort nicht weg- 
zubringen, das ist nun die zweite Wunscherfüllung, aber der 
Wunsch ist der des Mannes; der Frau ist diese Wunscherfüllung 
sehr unangenehm. Sie wissen, wie es im Märchen weitergeht. Da 
die beiden im Grunde doch eines sind, Mann und Frau, muß der 
dritte Wunsch lauten, daß die Würstchen von der Nase der Frau 
weggehen mögen. Wir könnten dieses Märchen noch mehrmals 
in anderem Zusammenhange verwerten; hier diene es uns nur 
als Illustration der Möglichkeit, daß die Wunscherfüllung des 
einen zur Unlust für den anderen führen kann, wenn die beiden 
miteinander nicht einig sind. 

Es wird uns nun nicht schwer werden, zu einem noch besseren 
Verständnis der Angstträume zu kommen. Wir werden nur noch 
eine Beobachtung verwerten und uns dann zu einer Annahme 
entschließen, für die sich mancherlei anführen läßt. Die Beobach- 
tung ist, daß die Angstträume häufig einen Inhalt haben, welcher 
der Entstellung völlig entbehrt, sozusagen der Zensur entgangen 
ist. Der Angsttraum ist oft eine unverhüllte Wunscherfüllung, 
natürlich nicht die eines genehmen, sondern eines verworfenen 
Wunsches. An Stelle derZensur istdieAngstentwicklunggetreten. 
Während man vom infantilen Traum aussagen kann, er sei die 
offene Erfüllung eines zugelassenen Wunsches, vom gemeinen 
entstellten Traum, er sei die verkappte Erfüllung eines verdräng- 
ten Wunsches, taugt für den Angsttraum nur die Formel, daß er 
die offene Erfüllung eines verdrängten Wunsches sei. Die Angst 
ist das Anzeichen dafür, daß der verdrängte Wunsch sich stär- 
ker gezeigt hat als die Zensur, daß er seine Wunscherfüllung 



, 



228 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



gegen dieselbe durchgesetzt hat oder durchzusetzen im Begriff 
war. Wir begreif en, daß, was für ihn Wunscherfüllung ist, für uns, 
die wir auf der Seite der Traumzensur stehen, nur Anlaß zu pein- 
lichen Empfindungen und zur Abwehr sein kann. Die dabei im 
Traum auftretende Angst ist, wenn Sie so wollen, Angst vor der 
Stärke dieser sonst niedergehaltenen Wünsche. Warum diese Ab- 
wehr in der Form der Angst auftritt, das kann man aus dem Stu- 
dium des Traumes allein nicht «raten; man muß die Angst 
offenbar an anderen Stellen studieren. 

Dasselbe, was für die unentstellten Angstträume gilt, dürfen 
wir auch für diejenigen annehmen, die ein Teil Entstellung er- 
fahren haben, und für die sonstigen Unlustträume, deren pein- 
liche Empfindungen wahrscheinlich Annäherungen an die Angst 
entsprechen. Der Angsttraum ist gewöhnlich auch ein Weck- 
traum; wir pflegen den Schlaf zu unterbrechen, ehe der ver- 
drängte Wunsch des Traumes seine volle Erfüllung gegen die 
Zensur durchgesetzt hat. In diesem Falle ist die Leistung des 
Traumes mißglückt, aber sein Wesen ist darum nicht verändert. 
Wir haben den Traum mit dem Nachtwächter oder Schlafwäch- 
ter verglichen, der unseren Schlaf vor Störung behüten will. Auch 
der Nachtwächter kommt in die Lage, die Schlafenden zu wecken, 
wenn er sich nämlich zu schwach fühlt, die Störung oder Gefahr 
allein zu verscheuchen. Dennoch gelingt es uns manchmal, den 
Schlaf festzuhalten, selbst wenn der Traum bedenklich zu werden 
und sich zur Angst zu wenden beginnt. Wir sagen uns im Schlaf: 
Es ist doch nur ein Traum und schlafen weiter. 

Wann sollte es geschehen, daß der Traumwunsch in die Lage 
kommt, die Zensur zu überwältigen? Die Bedingung hierfür kann 
ebensowohl von Seiten des Traumwunsches wie der Traumzen- 
sur erfüllt werden. Der Wunsch mag aus unbekannten Gründen 
einmal überstark werden; aber man gewinnt den Eindruck, daß 
häufiger das Verhalten der Traumzensur die Schuld an dieser 
Verschiebung des Kräfteverhältnisses trägt. Wir haben schon 



XIV) Die Wunscherfüllung 229 

gehört, daß dieZensur in jedem einzelnen Falle mit verschiedener 
Intensität arbeitet, jedes Element mit einem anderen Grade von 
Strenge behandelt; jetzt möchten wir die Annahme hinzu- 
fügen, daß sie überhaupt recht variabel ist und gegen das näm- 
liche anstößige Element nicht jedesmal die gleiche Strenge an- 
wendet. Hat es sich so gefügt, daß sie sich einmal ohnmächtig 
gegen einen Traumwunsch fühlt, der sie zu überrumpeln droht, 
so bedient sie sich anstatt der Entstellung des letzten Mittels, 
das ihr bleibt, den Schlafzustand unter Angstentwicklung auf- 
zugeben. 

Dabei fällt uns auf, daß wir ja überhaupt noch nicht wissen, 
warum diese bösen, verworfenen Wünsche sich gerade zur Nacht- 
zeit regen, um uns im Schlafe zu stören. Die Antwort kann kaum 
anders als in einer Annahme bestehen, die auf die Natur des 
Schlafzustandes zurückgreift. Bei Tage lastet der schwere Druck 
einer Zensur auf diesen Wünschen, der es ihnen in der Regel 
unmöglich macht, sich durch irgendeine Wirkung zu äußern. 
Zur Nachtzeit wird diese Zensur wahrscheinlich wie alle anderen 
Interessen des seelischen Lebens zugunsten des einzigen Schlaf- 
wunsches eingezogen oder wenigstens stark herabgesetzt. Diese 
Herabsetzung der Zensur zur Nachtzeit ist es dann, der die ver- 
botenen Wünsche es verdanken, daß sie sich wiederum regen dür- 
fen. Es gibt schlaflose Nervöse, die uns gestehen, daß ihre Schlaf- 
losigkeit anfänglich eine gewollte war. Sie getrauten sich nicht 
einzuschlafen, weil sie sich vor ihren Träumen, also vor den 
Folgen dieser Verminderung der Zensur fürchteten. Daß diese 
Einziehung der Zensur darum doch keine grobe Unvorsichtigkeit 
bedeutet, sehen Sie wohl mit Leichtigkeit ein. Der Schlafzustand 
lähmt unsere Motilität; unsere bösen Absichten können, wenn sie 
sich auch zu rühren beginnen, doch nichts anderes machen als 
eben einen Traum, der praktisch unschädlich ist, und an diesen 
beruhigenden Sachverhalt mahnt die höchst vernünftige, zwar 
der Nacht, aber doch nicht dem Traumleben angehörige Be- 






230 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



merkung des Schläfers: Es ist ja nur ein Traum. Also lassen wir 
ihn gewähren und schlafen wir weiter. 

Wenn Sie drittens sich an die Auffassung erinnern, daß der 
gegen seine Wünsche sich sträubende Träumer gleichzusetzen 
ist einer Summation von zwei gesonderten, aber irgendwie innig 
verbundenen Personen, so werden Sie eine andere Möglichkeit 
begreiflich finden, wie durch Wunscherfüllung etwas zustande 
kommen kann, was höchst unlustig ist, nämlich eine Bestrafung. 
Hier kann uns wiederum das Märchen von den drei Wünschen 
zur Erläuterung dienen : die Bratwürstchen auf dem Teller sind 
die direkte Wunscherfüllung der ersten Person, der Frau; die 
Würstchen an ihrer Nase sind die Wunscherfüllung der zweiten 
Person, des Mannes, aber gleichzeitig auch die Strafe für den 
törichten Wunsch der Frau. Bei den Neurosen werden wir dann 
die Motivierung des dritten Wunsches, der im Märchen allein 
noch übrig bleibt, wiederfinden. Solcher Straftendenzen gibt es 
nun viele im Seelenleben des Menschen; sie sind sehr stark, und 
man darf sie für einen Anteil der peinlichen Träume verant- 
wortlich machen. Vielleicht sagen Sie jetzt, auf diese Weise 
bleibt von der gerühmten Wunscherfüllung nicht viel übrig. 
Aber bei näherem Zusehen werden Sie zugeben, daß Sie unrecht 
haben. Entgegen der später anzuführenden Mannigfaltigkeit 
dessen, was der Traum sein könnte, — und nach manchen 
Autoren auch ist, — ist die Lösung Wunscherfüllung — Angst- 
erfüllung — Straferfüllung doch eine recht eingeengte. Dazu 
kommt, daß die Angst der direkte Gegensatz des Wunsches ist, 
daß Gegensätze einander in der Assoziation besonders nahe 
stehen und im Unbewußten, wie wir gehört haben, zusammen- 
fallen. Femer, daß die Strafe auch eine Wunscherfüllung ist, die 
der anderen, zensurierenden Person. 

Im ganzen habe ich also Ihrem Einspruch gegen die Theorie 
der Wunscherfüllung keine Konzession gemacht. Wir sind aber 
verpflichtet, an jedem beliebigen entstellten Traum die Wunsch- 



^ 



XIV) Die Wunscberjüllung 231 

erfüllung nachzuweisen, und wollen uns dieser Aufgabe gewiß 
nicht entziehen. Greifen wir auf jenen bereits gedeuteten Traum 
von den drei schlechten Theaterkarten für 1 fl. 50 zurück, an 
dem wir schon so manches gelernt haben. Ich hoffe, Sie erinnern 
sich noch an ihn. Eine Dame, der ihr Mann am Tage mitgeteilt, 
daß ihre nur um drei Monate jüngere Freundin Elise sich ver- 
lobt hat, träumt, daß sie mit ihrem Manne im Theater sitzt. 
Eine Seite des Parketts ist fast leer. Ihr Mann sagt ihr, die Elise 
und ihr Bräutigam hätten auch ins Theater gehen wollen, konn- 
ten aber nicht, da sie nur schlechte Karten bekamen, drei um 
einen Gulden fünfzig. Sie meint, es wäre auch kein Unglück 
gewesen. Wir hatten erraten, daß sich die Traumgedanken auf 
den Ärger, so früh geheiratet zu haben und auf die Unzufrieden- 
heit mit ihrem Mann beziehen. Wir dürfen neugierig sein, wie 
diese trüben Gedanken zu einer Wunscherfüllung umgearbeitet 
worden sind, und wo sich deren Spur im manifesten Inhalt 
findet. Nun wissen wir schon, daß das Element „zu früh, vor- 
eilig" durch die Zensur aus dem Traum eliminiert wurde. Das 
leere Parkett ist eine Anspielung darauf. Das rätselhafte „3 um 
einen Gulden fünfzig" wird uns jetzt mit Hilfe der Symbolik, die 
wir seither gelernt haben, besser verständlich 1 . Die 3 bedeutet 
wirklich einen Mann und das manifeste Element ist leicht zu 
übersetzen: sich einen Mann für die Mitgift kaufen. („Einen zehn- 
mal besseren hätte ich mir für meine Mitgift kaufen können.") 
Das Heiraten ist offenbar ersetzt durch das Ins-Thcater-Gehen. 
Das „zu früh Theaterkarten besorgen" steht ja direkt an Stelle 
des zu früh Heiratens. Diese Ersetzung ist aber das Werk der 
Wunscherfüllung. Unsere Träumerin war nicht immer so un- 
zufrieden mit ihrer frühen Heirat wie am Tage, da sie die Nach- 
richt von der Verlobung ihrer Freundin erhielt. Sie war seiner, 
zeit stolz darauf und fand sich vor der Freundin bevorzugt. 

1) Eine andere naheliegende Deutung dieser 3 bei der kinderlosen Frau 
erwähne ich nicht, weil diese Analyse kein Material hierfür brachte. 



232 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Naive Mädchen sollen häufig nach ihrer Verlobung ihre Freude 
darüber verraten haben, daß sie nun bald zu allen bisher ver. 
botenen Stücken ins Theater gehen, alles mitansehen dürfen. Das 
Stück Schaulust oder Neugierde, das hier zum Vorschein kommt, 
war gewiß anfänglich sexuelle Schaulust, dem Geschlechtsleben, 
besonders der Eltern, zugewendet, und wurde dann zu einem 
starken Motiv, das die Mädchen zum frühen Heiraten drängte. 
Auf solche Art wird der Theaterbesuch zu einem naheliegenden 
Andeutungsersatz für das Verheiratetsein. In dem gegenwärtigen 
Ärger über ihre frühe Heirat greift sie also auf jene Zeit zurück, 
in welcher ihr die frühe Heirat Wunscherfüllung war, weil sie 
ihre Schaulust befriedigte, und ersetzt von dieser alten Wunsch, 
regung geleitet das Heiraten durch das Ins-Theater-Gehen. 

Wir können sagen, daß wir uns für den Nachweis einer ver. 
steckten Wunscherfüllung nicht gerade das bequemste Beispiel 
herausgesucht haben. In analoger Weise müßten wir bei an- 
deren entstellten Träumen verfahren. Ich kann das vor Ihnen 
nicht tun und will bloß die Überzeugung aussprechen, daß es 

P überall gelingen wird. Aber ich will bei diesem Punkte der 

Theorie noch länger verweilen. Die Erfahrung hat mich belehrt, 
daß er einer der gefährdetsten der ganzen Traumlehre ist, und 
daß viele Widersprüche und Mißverständnisse an ihn anknüpfen. 
Außerdem werden Sie vielleicht noch unter dem Eindruck stehen, 
daß ich bereits ein Stück meiner Behauptung zurückgenommen, 
indem ich äußerte, der Traum sei ein erfüllter Wunsch oder das 
Gegenteil davon, eine verwirklichte Angst oder Bestrafung, und 
werden meinen, es sei die Gelegenheit, mir weitere Einschrän- 
kungen abzunötigen. Ich habe auch den Vorwurf gehört, daß 
ich Dinge, die mir selbst evident scheinen, zu knapp und darum 
nicht überzeugend genug darstelle. 

Wenn jemand in der Traumdeutung so weit mit uns gegangen 
ist und alles angenommen hat, was sie bisher gebracht, so macht 
er nicht selten bei der Wunscherfüllung halt und fragt : Zuge- 






. 



XIV) Die Wunscherfüllung 233 

geben, daß der Traum jedesmal einen Sinn hat, und daß dieser 
Sinn durch die psychoanalytische Technik aufgedeckt werden 
kann, warum muß dieser Sinn aller Evidenz zum Trotze immer 
wieder in die Formel der Wunscherfüllung gepreßt werden? 
Warum soll der Sinn dieses nächtlichen Denkens nicht so man- 
nigfaltig sein können wie der des Denkens bei Tage, also der 
Traum das eine Mal einem erfüllten Wunsch entsprechen, das 
andere Mal, wie Sie selbst sagen, dem Gegenteil davon, einer 
verwirklichten Befürchtung, dann aber auch einen Vorsatz aus- 
drücken können, eine Warnung, eine Überlegung mit ihrem 
Für und Wider, oder einen Vorwurf, eine Gewissensmahnung, 
einen Versuch, sich für eine bevorstehende Leistung vorzube- 
reiten usw.? Warum gerade immer nur einen Wunsch oder 
höchstens noch sein Gegenteil? 

Man könnte meinen, eine Differenz in diesem Punkte sei nicht 
wichtig, wenn man sonst einig ist. Genug, daß wir den Sinn 
des Traumes und die Wege, ihn zu erkennen, aufgefunden; es 
tritt dagegen zurück, wenn wir diesen Sinn zu enge bestimmt 
haben sollten; aber es ist nicht so. Ein Mißverständnis in diesem 
Punkte trifft das Wesen unserer Erkenntnis vom Traum und 
gefährdet dessen Wert für das Verständnis der Neurose. Auch 
ist jene Art von Entgegenkommen, die im kaufmännischen 
Leben als „Kulanz" geschätzt wird, im wissenschaftlichen Be- 
trieb nicht an ihrem Platze und eher schädlich. 

Meine erste Antwort auf die Frage, warum der Traum nicht 
im angegebenen Sinn vieldeutig sein soll, lautet wie gewöhnlich 
in solchen Fällen: Ich weiß nicht, warum es nicht so sein soll. 
Ich hätte nichts dagegen. Meinetwegen sei es so. Nur eine 
Kleinigkeit widersetzt sich dieser breiteren und bequemeren Auf- 
fassung des Traumes, daß es nämlich in Wirklichkeit nicht so 
ist. Meine zweite Antwort wird betonen, daß die Annahme, 
der Traum entspreche mannigfaltigen Denkformen und intel- 
lektuellen Operationen, mir selbst nicht fremd ist. Ich habe 



234 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

einmal in einer Krankengeschichte einen Traum berichtet, der 
drei Nächte hintereinander auftrat und dann nicht mehr, und 
habe dieses Verhalten damit erklärt, daß der Traum einem Vor- 
satz entsprach, der nicht wiederzukehren brauchte, nachdem 
er ausgeführt worden war. Später habe ich einen Traum ver- 
öffentlicht, der einem Geständnis entsprach. Wie kann ich also 
doch widersprechen und behaupten, daß der Traum immer nur 
ein erfüllter Wunsch sei? 

Ich tue das, weil ich ein einfältiges Mißverständnis nicht zu- 
lassen will, welches uns die Frucht unserer Bemühung um den 
Traum kosten kann, ein Mißverständnis, das den Traum mit den 
latenten Traumgedanken verwechselt und von ihm etwas aus- 
sagt, was einzig und allein zu den letzteren gehört. Es ist näm- 
lich ganz richtig, daß der Traum all das vertreten und durch 
das ersetzt werden kann, was wir vorhin aufgezählt haben: einen 
Vorsatz, eine Warnung, Überlegung, Vorbereitung, einen Lö- 
sungsversuch einer Aufgabe usw. Aber wenn Sie richtig zusehen, 
erkennen Sie, daß dies alles nur von den latenten Traumgedanken 
gilt, die in den Traum umgewandelt worden sind. Sie erfahren 
aus den Deutungen der Träume, daß das unbewußte Denken der 
Menschen sich mit solchen Vorsätzen, Vorbereitungen, Über- 
legungen usw. beschäftigt, aus denen dann die Traumarbeit die 
Träume macht. Wenn Sie sich für die Traumarbeit derzeit nicht 
interessieren, für die unbewußte Denkarbeit des Menschen aber 
sehr interessieren, dann eliminieren Sie die Traumarbeit und 
sagen von dem Traum praktisch ganz richtig aus, er entspreche 
einer Warnung, einem Vorsatz u. dgl. In der psychoanalytischen 
Tätigkeit trifft dieser Fall oft zu: Man strebt meist nur danach, 
die Traumform wieder zu zerstören und die latenten Gedanken, 
aus denen der Traum geworden ist, an seiner Statt in den Zu- 
sammenhang einzufügen. 

So ganz nebenbei erfahren wir also aus der Würdigung der 
latenten Traumgedanken, daß alle die genannten, hoch kompli- 









XIV) Die Wunscherfüllung 235 



zierten seelischen Akte unbewußt vor sich gehen können, ein 
ebenso großartiges wie verwirrendes Resultat! 

Aber um zurückzukehren, Sie haben nur recht, wenn Sie sich 
klarmachen, daß Sie sich einer abgekürzten Redeweise bedient 
haben, und wenn Sie nicht glauben, daß Sie jene angeführte 
Mannigfaltigkeit auf das Wesen des Traumes beziehen müssen. 
Wenn Sie vom „Traum" sprechen, so müssen Sie entweder den 
manifesten Traum meinen, d. i. das Produkt der Traumarbeit, 
oder höchstens noch die Traumarbeit selbst, d. i. jenen psychi- 
schen Vorgang, der aus den latenten Traumgedanken den mani- 
festen Traum formt. Jede andere Verwendung des Wortes ist 
Begriffsverwirrung, die nur Unheil stiften kann. Zielen Sic mit 
Ihren Behauptungen auf die latenten Gedanken hinter dem 
Traum, so sagen Sie es direkt und verhüllen Sie nicht das 
Problem des Traumes durch die lockere Ausdrucksweise, deren 
Sie sich bedienen. Die latenten Traumgedanken sind der Stoff, 
den die Traumarbeit zum manifesten Traum umbildet. Warum 
wollen Sie durchaus den Stoff mit der Arbeit verwechseln, die 
ihn formt? Haben Sie dann etwas vor jenen voraus, die nur das 
Produkt der Arbeit kannten und sich nicht erklären konnten, 
woher es stammt und wie es gemacht wird? 

Das einzig Wesentliche am Traum ist die Traumarbeit, die 
auf den Gedankenstoff eingewirkt hat. Wir haben kein Recht, 
uns in der Theorie über sie hinwegzusetzen, wenn wir sie auch 
in gewissen praktischen Situationen vernachlässigen dürfen. Die 
analytische Beobachtung zeigt denn auch, daß die Traumarbeit 
sich nie darauf beschränkt, diese Gedanken in die Ihnen bekannte 
archaische oder regressive Ausdrucksweise zu übersetzen. Son- 
dern sie nimmt regelmäßig etwas hinzu, was nicht zu den latenten 
Gedanken des Tages gehört, was aber der eigentliche Motor der 
Traumbildung ist. Diese unentbehrliche Zutat ist der gleichfalls 
unbewußte Wunsch, zu dessen Erfüllung der Trauminhalt um- 
gebildet wird. Der Traum mag also alles mögliche sein, insoweit 



236 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Sie nur die durch ihn vertretenen Gedanken berücksichtigen, 
Warnung, Vorsatz, Vorbereitung usw.; er ist immer auch die 
Erfüllung eines unbewußten Wunsches, und er ist nur dies, 
wenn Sie ihn als Ergebnis der Traumarbeit betrachten. Ein 
Traum ist also auch nie ein Vorsatz, eine Warnung schlechtweg, 
sondern stets ein Vorsatz u. dgl., mit Hilfe eines unbewußten 
Wunsches in die archaische Ausdrucksweise übersetzt und zur 
Erfüllung dieser Wünsche umgestaltet. Der eine Charakter, die 
Wunscherfüllung, ist der konstante; der andere mag variieren; 
er kann seinerseits auch ein Wunsch sein, so daß der Traum 
einen latenten Wunsch vom Tage mit Hilfe eines unbewußten 
Wunsches als erfüllt darstellt. 

Ich verstehe das alles sehr gut, aber ich weiß nicht, ob es mir 
gelungen ist, es auch für Sie verständlich zu machen. Auch habe 
ich Schwierigkeiten, es Ihnen zu beweisen. Das geht einerseits 
nicht ohne die sorgfältige Analyse vieler Träume, und anderer, 
seits ist dieser heikelste und bedeutsamste Punkt unserer Auf- 
fassung des Traumes nicht ohne Beziehung auf Späteres über, 
zeugend darzustellen. Können Sie es überhaupt glauben, daß 
man bei dem innigen Zusammenhang aller Dinge sehr tief in 
die Natur des einen eindringen kann, ohne sich um andere 
Dinge von ähnlicher Natur bekümmert zu haben? Da wir von 
den nächsten Verwandten des Traumes, von den neurotischen 
Symptomen, noch nichts wissen, müssen wir uns auch hier bei 
dem Erreichten bescheiden. Ich will nur noch ein Beispiel vor 
Ihnen erläutern und eine neue Betrachtung anstellen. 

Nehmen wir wieder jenen Traum vor, zu dem wir schon 
mehrmals zurückgekehrt sind, den Traum von den 3 Theater, 
karten für 1 fl. 50. Ich kann Ihnen versichern, daß ich ihn 
zuerst absichtslos als Beispiel aufgegriffen habe. Die latenten 
Traumgedanken kennen Sie. Ärger, daß sie sich mit dem Hei. 
raten so beeilt hatte bei der Nachricht, daß ihre Freundin sich 
erst jetzt verlobt hat; Geringschätzung ihres Mannes, die Idee, 



^ 






XIV) Die Wunscherjüllung 237 



daß sie einen besseren bekommen, wenn sie nur gewartet hätte. 
Den Wunsch, der aus diesen Gedanken einen Traum gemacht 
hat, kennen wir auch bereits, es ist die Schaulust, ins Theater 
gehen zu können, sehr wahrscheinlich eine Abzweigung der 
alten Neugierde, endlich einmal zu erfahren, was denn vorgeht, 
wenn man verheiratet ist. Diese Neugierde richtet sich bei 
Kindern bekanntlich regelmäßig auf das Sexualleben der Eltern, 
ist also eine infantile, und soweit sie später noch vorhanden ist, 
eine mit ihren Wurzeln ins Infantile reichende Triebregung. 
Aber zur Erweckung dieser Schaulust gab die Nachricht vom 
Tage keinen Anlaß, bloß zum Ärger und zur Reue. Zu den 
latenten Traumgedanken gehörte diese Wunschregung zunächst 
nicht, und wir konnten das Ergebnis der Traumdeutung in die 
Analyse einreihen, ohne auf sie Rücksicht zu nehmen. Der Ärger 
war auch an sich nicht traumfähig; ein Traum konnte aus den 
Gedanken: Es war ein Unsinn, so früh zu heiraten, nicht eher 
werden, als bis von ihnen aus der alte Wunsch, endlich einmal 
zu sehen, was beim Heiraten vorgeht, erweckt worden war. Dann 
formte dieser Wunsch den Trauminhalt, indem er das Heiraten 
durch Ins-Theater-Gehen ersetzte, und gab ihm die Form einer 
früheren Wunscherfüllung : So, ich darf ins Theater gehen und 
alles Verbotene ansehen und du darfst es nicht; ich bin ver- 
heiratet und du mußt warten. Auf solche Weise wurde die gegen- 
wärtige Situation in ihr Gegenteil verwandelt, ein alter Triumph 
an die Stelle der rezenten Niederlage gesetzt. Nebenbei eine 
Schaulustbefriedigung mit einer egoistischen Konkurrenzbefrie- 
digung verquickt. Diese Befriedigung bestimmt nun den mani- 
festen Trauminhalt, in dem es wirklich heißt, daß sie im Theater 
sitzt, während die Freundin nicht Einlaß finden konnte. Als un- 
passende und unverständliche Modifikation sind dieser Befrie- 
digungssituation jene Stücke des Trauminhalts aufgesetzt, hinter 
welchen sich die latenten Traumgedanken noch verbergen. Die 
Traumdeutung hat von allem abzusehen, was zur Darstellung 






238 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

der Wunscherfüllung dient, und aus jenen Andeutungen die 
peinlichen latenten Traumgedanken wiederherzustellen. 

Die eine Betrachtung, die ich vorbringen will, soll Ihre Auf. 
merksamkeit auf die jetzt in den Vordergrund gerückten latenten 
Traumgedanken einstellen. Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß 
sie erstens dem Träumer unbewußt, zweitens vollkommen ver- 
ständig und zusammenhängend sind, so daß sie sich als begreif- 
liche Reaktionen auf den Traumanlaß verstehen lassen, drittens, 
daß sie den Wert einer beliebigen seelischen Regung oder intel- 
lektuellen Operation haben können. Ich werde diese Gedanken 
jetzt strenger als vorhin „T a g e s r e s t e" heißen, der Träumer 
mag sich zu ihnen bekennen oder nicht. Ich sondere jetzt Tages- 
reste und latente Traumgedanken, indem ich im Einklang mit 
unserem früheren Gebrauch als latente Traumgedanken alles 
bezeichne, was wir bei der Deutung des Traumes erfahren, 
während die Tagesreste nur ein Teil der latenten Traumgedanken 
sind. Dann geht unsere Auffassung eben dahin, zu den Tages- 
resten ist etwas hinzugekommen, etwas, was auch dem Unbe- 
wußten angehörte, eine starke, aber verdrängte Wunschregung, 
und diese allein ist es, die die Traumbildung ermöglicht hat. Die 
Einwirkung dieser Wunschregung auf die Tagesreste schafft den 
weiteren Anteil der latenten Traumgedanken, jenen, der nicht 
mehr rationell und aus dem Wachleben begreiflich erscheinen 
muß. 

Für das Verhältnis derTagesreste zu dem unbewußten Wunsch 
habe ich mich eines Vergleiches bedient, den ich hier nur 
wiederholen kann. Bei jeder Unternehmung bedarf es eines 
Kapitalisten, der den Aufwand bestreitet, und eines Unterneh- 
mers, der die Idee hat und sie auszuführen versteht. Die Rolle 
des Kapitalisten spielt für die Traumbildung immer nur der 
unbewußte Wunsch; er gibt die psychische Energie für die 
Traumbildung ab; der Unternehmer ist der Tagesrest, der über 
die Verwendung dieses Aufwandes entscheidet. Nun kann der 



XIV) Die Wunscherjüllung 239 



Kapitalist selbst die Idee und die Sachkenntnis haben oder der 
Unternehmer selbst Kapital besitzen. Das vereinfacht die prak- 
tische Situation, erschwert aber ihr theoretisches Verständnis. In 
der Volkswirtschaft wird man immer wieder die eine Person in 
ihre beiden Aspekte als Kapitalist und als Unternehmer zerlegen 
und somit die Grundsituation, von der unser Vergleich ausge- 
gangen ist, wiederherstellen. Bei der Traumbildung kommen die- 
selben Variationen vor, deren weitere Verfolgung ich Ihnen 
überlasse. 

Weiter können wir hier nicht gehen, denn Sie sind wahr- 
scheinlich schon längst durch ein Bedenken gestört worden, das 
angehört zu werden verdient. Sind die Tagesreste, fragen Sie, 
wirklich in demselben Sinne unbewußt wie der unbewußte 
Wunsch, der hinzukommen muß, um sie traumfähig zu machen? 
Sie ahnen richtig. Hier liegt der springende Punkt der ganzen 
Sache. Sie sind nicht unbewußt in demselben Sinne. Der Traum- 
wunsch gehört einem anderen Unbewußten an, jenem, das wir 
als infantiler Herkunft, mit besonderen Mechanismen ausge- 
stattet, erkannt haben. Es wäre durchaus angebracht, diese beiden 
Weisen des Unbewußten durch verschiedene Bezeichnungen von- 
einander zu sondern. Aber wir wollen doch lieber damit warten, 
bis wir uns mit dem Erscheinungsgebiet der Neurosen vertraut 
gemacht haben. Hält man uns doch das eine Unbewußte als 
phantastisch vor; was wird man erst sagen, wenn wir bekennen, 
daß wir erst bei zweierlei Unbewußtem unser Auslangen finden? 

Brechen wir hier ab. Sie haben wiederum nur Unvollständiges 
gehört; aber ist es nicht hoffnungsvoll zu denken, daß dieses 
Wissen eine Fortsetzung hat, die entweder wir selbst oder andere 
nach uns zutage fördern werden? Und haben wir selbst nicht 
Neues und Überraschendes genug erfahren? 



240 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

XV. VORLESUNG 

UNSICHERHEITEN UND KRITIKEN 

Meine Damen und Herren! Wir wollen das Gebiet des 
Traumes doch nicht verlassen, ohne die gewöhnlichsten Zweifel 
und Unsicherheiten zu behandeln, die sich an unsere bisherigen 
Neuheiten und Auffassungen geknüpft haben. Einiges Material 
hierzu werden aufmerksame Hörer unter Ihnen bei sich selbst 
zusammengetragen haben. 

1) Es mag Ihr Eindruck geworden sein, daß die Resultate 
unserer Deutungsarbeit am Traume trotz korrekter Einhaltung der 
Technik so viel Unbestimmtheiten zulassen, daß dadurch eine 
sichere Übersetzung des manifesten Traumes in die latenten 
Traumgedanken doch vereitelt wird. Sie werden dafür anführen, 
daß man erstens nie weiß, ob ein bestimmtes Element des 
Traumes im eigentlichen Sinne oder symbolisch zu verstehen 
ist, denn die als Symbole verwendeten Dinge hören darum doch 
nicht auf, sie selbst zu sein. Hat man aber keinen objektiven 
Anhalt, um dies zu entscheiden, so bleibt die Deutung in diesem 
Punkte der Willkür des Traumdeuters überlassen. Ferner ist es 
infolge des Zusammenfallens von Gegensätzen bei der Traum- 
arbeit jederzeit unbestimmt gelassen, ob ein gewisses Traumele- 
me nt im positiven oder im negativen Sinne, als es selbst oder 
sein Gegenteil verstanden werden soll. Eine neue Gelegenheit 
zur Betätigung der Willkür des Deutenden. Drittens steht es 
m Traumdeuter infolge der im Traume so beliebten Umkeh- 
. £ en jeder Art frei, an ihm beliebigen Stellen des Traumes 
olche Umkehrung vorzunehmen. Endlich werden Sie sich 
berufen, gehört zu haben, daß man selten sicher ist, die 
... f ene ^ eutun g des Traumes sei die einzig mögliche. Man 
Gefahr, eine durchaus zulässige Überdeutung desselben 
fernes zu übersehen. Unter diesen Umständen, werden Sie 
s lle ßen, bleibt der Willkür des Deuters ein Spielraum einge- 




XV) Unsicherheiten und Kritiken 241 






räumt, dessen Weite mit der objektiven Sicherheit der Resultate 
unverträglich scheint. Oder sie können auch annehmen, der 
Fehler liege nicht am Traume, sondern die Unzulänglichkeiten 
unserer Traumdeutung ließen sich auf Unrichtigkeiten unserer 
Auffassungen und Voraussetzungen zurückführen. 

All Ihr Material ist untadelig gut, aber ich glaube, es recht- 
fertigt nicht Ihre Schlüsse nach den beiden Richtungen, daß 
die Traumdeutung, wie wir sie betreiben, der Willkür preis- 
gegeben ist, und daß die Mängel der Ergebnisse die Berechtigung 
unseres Verfahrens in Frage stellen. Wenn Sie anstatt der Will- 
kür des Deuters einsetzen wollen : der Geschicklichkeit, der Er- 
fahrung, dem Verständnis desselben, so pflichte ich Ihnen bei. 
Ein solches persönliches Moment werden wir freilich nicht ent- 
behren können, zumal nicht bei schwierigeren Aufgaben der 
Traumdeutung. Das ist aber bei anderen wissenschaftlichen Be- 
trieben auch nicht anders. Es gibt kein Mittel, um hintanzuhalten, 
daß der eine eine gewisse Technik nicht schlechter handhabe 
oder nicht besser ausnütze als ein anderer. Was sonst, z. B. bei 
der Deutung der Symbole, als Willkür imponiert, das wird da- 
durch beseitigt, daß in der Regel der Zusammenhang der Traum- 
gedanken untereinander, der des Traumes mit dem Leben des 
Träumers und die ganze psychische Situation, in welche der 
Traum fällt, von den gegebenen Deutungsmöglichkeiten die 
eine auswählt, die anderen als unbrauchbar zurückweist. Der 
Schluß aus den Unvollkommenheiten der Traumdeutung auf 
die Unrichtigkeit unserer Aufstellungen wird aber durch eine 
Bemerkung entkräftet, welche die Mehrdeutigkeit oder Unbe- 
stimmtheit des Traumes vielmehr als eine notwendig zu er- 
wartende Eigenschaft desselben erweist. 

Erinnern wir uns daran, daß wir gesagt haben, die Traum- 
arbeit nehme eine Übersetzung der Traumgedanken in eine pri- 
mitive, der Bilderschrift analoge Ausdrucksweise vor. Alle diese 
primitiven Ausdruckssysteme sind aber mit solchen Unbestimmt- 
16 



242 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 









heiten und Zweideutigkeiten behaftet, ohne daß wir darum ein 

Recht hätten, deren Gebrauchsfähigkeit anzuzweifeln. Sie wissen, 

das Zusammenfallen der Gegensätze bei der Traumarbeit ist 

analog dem sogenannten „Gegensinn der Urworte" in den alte- 

sten Sprachen. Der Sprachforscher K. Abe 1 (1884), dem wir 

diesen Gesichtspunkt verdanken, ersucht uns, ja nicht zu glauben, 

daß die Mitteilung, welche eine Person der anderen mit Hilfe 

so ambivalenter Worte machte, dämm eine zweideutige gewesen 

sei. Ton und Geste müssen es vielmehr im Zusammenhang der 

Rede ganz unzweifelhaft gemacht haben, welchen der beiden 

Gegensätze der Sprecher zur Mitteilung im Sinne hatte. In der 

Schrift, wo die Geste entfällt, wurde sie durch ein hinzugesetztes, 

zur Aussprache nicht bestimmtes Bildzeichen ersetzt, z. B. durch 

das Bild eines lässig hockenden oder eines stramm dastehenden 

Männchens, je nachdem das zweideutige ken der Hieroglyphen- 

schrift „schwach" oder „stark" bedeuten sollte. So wurde trotz 

der Mehrdeutigkeit der Laute und der Zeichen das Mißverstand- 

nis vermieden. 

Die alten Ausdruckssysteme, z. B. die Schriften jener ältesten 
Sprachen, lassen uns eine Anzahl von Unbestimmtheiten er- 
kennen, die wir in unserer heutigen Schrift nicht dulden würden. 
So werden in manchen semitischen Schriften nur die Konso- 
nanten der Worte bezeichnet. Die weggelassenen Vokale hat 
der Leser nach seiner Kenntnis und nach dem Zusammenhange 
einzusetzen. Nicht ganz so, aber recht ähnlich verfährt die Hiero- 
glyphenschrift, weshalb uns die Aussprache des Altägyptischen 
unbekannt geblieben ist. Die heilige Schrift der Ägypter kennt 
noch andre Unbestimmtheiten. So ist es z. B. der Willkür des 
Schreibers überlassen, ob er die Bilder von rechts nach links 
oder von links nach rechts aneinanderreihen will. Um lesen zu 
können, muß man sich an die Vorschrift halten, daß man auf 
die Gesichter der Figuren, Vögel u. dgl. hin zu lesen hat. Der 
Schreiber konnte aber auch die Bilderzeichen in Vertikalreihen 



XV) Unsicherheiten und Kritiken 243 

anordnen, und bei Inschriften an kleineren Objekten ließ er sich 
durch Rücksichten der Gefälligkeit und der Raumausfüllung be- 
stimmen, die Folge der Zeichen noch anders abzuändern. Das 
Störendste an der Hieroglyphenschrift ist wohl, daß sie eine 
Worttrennung nicht kennt. Die Bilder laufen in gleichen Ab- 
ständen voneinander über die Seite, und man kann im allge- 
meinen nicht wissen, ob ein Zeichen noch zum vorstehenden 
gehört oder den Anfang eines neuen Wortes macht. In der 
persischen Keilschrift dient dagegen ein schräger Keil als „Wort- 
teiler". 

Eine überaus alte, aber heute noch von 400 Millionen ge- 
brauchte Sprache und Schrift ist die chinesische. Nehmen Sie 
nicht an, daß ich etwas von ihr verstehe; ich habe mich nur über 
sie instruiert, weil ich Analogien zu den Unbestimmtheiten des 
Traumes zu finden hoffte. Meine Erwartung ist auch nicht ge- 
täuscht worden. Die chinesische Sprache ist voll von solchen 
Unbestimmtheiten, die uns Schrecken einjagen können. Sie be- 
steht bekanntlich aus einer Anzahl von Silbenlauten, die für sich 
allein oder zu zweien kombiniert gesprochen werden. Einer der 
Hauptdialekte hat etwa 400 solcher Laute. Da nun der Wort- 
schatz dieses Dialekts auf etwa 4000 Worte berechnet wird, 
ergibt sich, daß jeder Laut im Durchschnitt zehn verschiedene 
Bedeutungen hat, einige davon weniger, aber andere dafür um so 
mehr. Es gibt dann eine ganze Anzahl von Mitteln, um der Viel- 
deutigkeit zu entgehen, da man nicht aus dem Zusammenhang 
allein erraten kann, welche der zehn Bedeutungen des Silben- 
lautes der Sprecher beim Hörer zu erwecken beabsichtigt. Dar- 
unter ist die Verbindung zweier Laute zu einem zusammenge- 
setzten Wort und die Verwendung von vier verschiedenen 
„Tönen", mit denen diese Silben gesprochen werden. Für unsere 
Vergleichung ist der Umstand noch interessanter, daß es in 
dieser Sprache so gut wie keine Grammatik gibt. Man kann 
von keinem der einsilbigen Worte sagen, ob es Haupt-, Zeit-, 









244 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Eigenschaftswort ist, und es fehlen alle Abänderungen der 
Worte, durch welche man Geschlecht, Zahl, Endung, Zeit oder 
Modus erkennen könnte. Die Sprache besteht also sozusagen 
nur aus dem Rohmaterial, ähnlich wie unsere Denksprache 
durch die Traumarbeit in ihr Rohmaterial unter Hinweglassung 
des Ausdrucks der Relationen aufgelöst wird. Im Chinesischen 
wird in allen Fällen von Unbestimmtheit die Entscheidung dem 
Verständnis des Hörers überlassen, der sich dabei vom Zusam- 
menhange leiten läßt. Ich habe mir ein Beispiel eines chine- 
sischen Sprichwortes notiert, das wörtlich übersetzt lautet: 

Wenig was sehen viel was wunderbar. 
Das ist nicht schwer zu verstehen. Es mag heißen : Je weniger 
einer gesehen hat, desto mehr findet er zu bewundern, oder: 
Vieles gibt's zu bewundern für den, der wenig gesehen hat. 
Eine Entscheidung zwischen diesen nur grammatikalisch ver- 
schiedenen Übersetzungen kommt natürlich nicht in Betracht. 
Trotz der Unbestimmtheiten, wird uns versichert, ist die chine- 
sische Sprache ein ganz ausgezeichnetes Mittel des Gedanken- 
ausdrucks. Die Unbestimmtheit muß also nicht notwendig zur 
Vieldeutigkeit führen. 

Nun müssen wir freilich zugestehen, daß die Sachlage für das 
Ausdruckssystem des Traumes weit ungünstiger liegt als für 
alle diese alten Sprachen und Schriften. Denn diese sind doch 
im Grunde zur Mitteilung bestimmt, d. h. darauf berechnet, 
auf welchen Wegen und mit welchen Hilfsmitteln immer ver- 
standen zu werden. Gerade dieser Charakter geht aber dem 
Traume ab. Der Traum will niemandem etwas sagen, er ist 
kein Vehikel der Mitteilung, er ist im Gegenteile darauf ange- 
legt, unverstanden zu bleiben. Darum dürften wir uns nicht 
verwundem und nicht irre werden, wenn sich herausstellen 
sollte, daß eine Anzahl von Vieldeutigkeiten und Unbestimmt- 
heiten des Traumes der Entscheidung entzogen bleibt. Als 
sicherer Gewinn unserer Vergleichung bleibt uns nur die Ein- 






XV) Unsicherheiten und Kritiken 245 

sieht, daß solche Unbestimmtheiten, wie man sie als Ein- 
wand gegen die Triftigkeit unserer Traumdeutungen verwer- 
ten wollte, vielmehr regelmäßige Charaktere aller primitiven 
Ausdruckssysteme sind. 

Wie weit die Verständlichkeit des Traumes in Wirklich- 
keit reicht, läßt sich nur durch Übung und Erfahrung fest- 
stellen. Ich meine, sehr weit, und die Vergleichung der Re- 
sultate, welche sich korrekt geschulten Analytikern ergeben, 
bestätigt meine Ansicht. Das Laienpublikum, auch das wis- 
senschaftliche Laienpublikum, gefällt sich bekanntlich darin, 
angesichts der Schwierigkeiten und Unsicherheiten einer wis- 
senschaftlichen Leistung mit überlegener Skepsis zu prunken. 
Ich meine, mit Unrecht. Es ist Ihnen vielleicht nicht allen be- 
kannt daß sich eine ähnliche Situation in der Geschichte der 
babylonisch-assyrischen Inschriften ergeben hat. Da gab es 
eine Zeit, zu welcher die öffentliche Meinung weit darin ging, 
die Keilschriftentzifferer für Phantasten und diese ganze For- 
schung für einen „Schwindel" zu erklären. Im Jahre 1857 
machte aber die Royal Asiatic Society eine entscheidende Probe. 
Sie forderte vier der angesehensten Keilschriftforscher, Raw- 
linson, Hincks, Fox Talbot und O p p e r t auf, 
ihr von einer neugefundenen Inschrift unabhängige Über- 
setzungen im versiegelten Kuvert einzusenden, und konnte 
nach der Vergleichung der vier Lesungen verkünden, die 
Übereinstimmung derselben gehe weit genug, um das Zutrauen 
in das bisher Erreichte und die Zuversicht auf weitere Fort- 
schritte zu rechtfertigen. Der Spott der gelehrten Laienwelt 
nahm dann allmählich ein Ende, und die Sicherheit in der 
Lesung der Keilschriftdokumente ist seither außerordentlich 
gewachsen. 

2) Eine zweite Reihe von Bedenken hängt tief an dem Ein- 
druck, von dem wohl auch Sie nicht frei geblieben sind, daß 
eine Anzahl von Lösungen der Traumdeutung, zu denen wir 









246 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



uns genötigt sehen, gezwungen, erkünstelt, an den Haaren 
herbeigezogen, also gewaltsam oder selbst komisch und 
witzelnd erscheinen. Diese Äußerungen sind so häufig, daß ich 
aufs Geiatewohl die letzte, von der mir Kunde geworden ist, 
herausgreifen will. Hören Sie also: In der freien Schweiz ist 
kürzlich ein Seminardirektor wegen Beschäftigung mit der 
Psychoanalyse seiner Stellung enthoben worden. Er hat Ein- 
spruch erhoben, und eine Berner Zeitung hat das Gutachten 
der Schulbehörde über ihn zur öffentlichen Kenntnis gebracht. 
Aus diesem Schriftstück ziehe ich einige Sätze, die sich auf die 
Psychoanalyse beziehen, aus: „Femer überrascht das Gesuchte 
und Gekünstelte in vielen Beispielen, die sich auch in dem an- 
geführten Buche von Dr. Pfister in Zürich vorfinden .... Es 
müßte also eigentlich überraschen, daß ein Seminardirektor alle 
diese Behauptungen und Scheinbeweise kritiklos entgegen- 
nimmt." Diese Sätze werden als die Entscheidung eines „ruhig 
Urteilenden" hingestellt. Ich meine vielmehr, diese Ruhe ist 
„erkünstelt". Treten wir diesen Äußerungen in der Erwar- 
tung näher, daß etwas Nachdenken und etwas Sachkenntnis 
auch einem ruhigen Urteil keinen Nachteil bringen kann. 

Es ist wahrhaft erfrischend zu sehen, wie rasch und unbe- 
irrt jemand in einer heiklen Frage der Tiefenpsychologie nach 
seinen ersten Eindrücken urteilen kann. Die Deutungen er- 
scheinen ihm gesucht und gezwungen, sie gefallen ihm nicht, 
also sind sie falsch und die ganze Deuterei taugt nichts; nicht 
einmal ein flüchtiger Gedanke streift an die andere Möglichkeit, 
daß diese Deutungen aus guten Giünden so erscheinen müs- 
sen, woran sich die weitere Frage knüpfen würde, welches diese 
guten Gründe sind. 

Der beurteilte Sachverhalt bezieht sich wesentlich auf die Er- 
gebnisse der Verschiebung, die Sie als das stärkste Mittel der 
Traumzensur kennengelernt haben. Mit Hilfe der Verschiebung 
scharrt die Traumzensur Ersatzbiidungen, die wir als Anspie- 






* 



XV) Unsicherheiten und Kritiken 247 



hingen bezeichnet haben. Es sind aber Anspielungen, die als 
solche nicht leicht zu erkennen sind, von denen der Rückweg 
zum Eigentlichen nicht leicht auffindbar ist, und die mit die- 
sem Eigentlichen durch die sonderbarsten, ungebräuchlichsten, 
äußerlichen Assoziationen in Verbindung stehen. In all diesen 
Fällen handelt es sich aber um Dinge, die versteckt werden sol- 
len, die zur Verheimlichung bestimmt sind; dies will ja die 
Traumzensur erreichen. Etwas, das versteckt worden ist, darf 
man aber nicht an seinem Orte, an der ihm zukommenden 
Stelle, zu finden erwarten. Die heute amtierenden Grenzüber- 
wachungskommissionen sind in dieser Hinsicht schlauer als 
die Schweizer Schulbehörde. Sie begnügen sich bei der Suche 
nach Dokumenten und Aufzeichnungen nicht damit, in Map- 
pen und Brieftaschen nachzusehen, sondern sie ziehen die 
Möglichkeit in Betracht, daß die Spione und Schmuggler solche 
verpönte Dinge an den verborgensten Stellen ihrer Kleidung 
tragen könnten, wo sie entschieden nicht hingehören, wie z. B. 
zwischen den doppelten Sohlen ihrer Stiefel. Finden sich die 
verheimlichten Dinge dort, so waren sie allerdings sehr gesucht, 
aber auch sehr — gefunden. 

Wenn wir die entlegensten, sonderbarsten, bald komisch, 
bald witzig erscheinenden Verknüpfungen zwischen einem la- 
tenten Traumelement und seinem manifesten Ersatz als möglich 
anerkennen, so folgen wir dabei reichlichen Erfahrungen an 
Beispielen, deren Auflösung wir in der Regel nicht selbst ge- 
funden haben. Es ist oft nicht möglich, solche Deutungen aus 
Eigenem zu geben; kein sinniger Mensch könnte die vorlie- 
gende Verknüpfung erraten. Der Träumer gibt uns die Über- 
setzung entweder mit einem Schlage durch seinen direkten 
Einfall, — er kann es ja, denn bei ihm hat sich diese Ersatz- 
bildung hergestellt, — oder er liefert uns so viel Material, daß 
die Lösung keinen besonderen Scharfsinn mehr fordert, son- 
dern sich wie notwendig aufdrängt Hilft uns der Träumer 



.- 



248 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nicht auf eine dieser beiden Weisen, so bleibt uns das be- 
treffende manifeste Element auch ewig unverständlich. Ge- 
statten Sie, daß ich Ihnen noch ein solches kürzlich erlebtes 
Beispiel nachtrage. Eine meiner Patientinnen hat während der 
Behandlung ihren Vater verloren. Sie bedient sich seitdem jedes 
Anlasses, um ihn im Traume wieder zu beleben. In einem ihrer 
Träume kommt der Vater in einem gewissen, weiter nicht ver- 
wertbaren Zusammenhange vor und sagt: Es ist ein Viertel 
zwölf, es ist halb zwölf, es ist drei Viertel zwölf. Zur Deutung 
dieser Sonderbarkeit stellte sich nur der Einfall ein, daß der 
Vater es gerne gesehen hatte, wenn die erwachsenen Kinder die 
gemeinschaftliche Speisestunde pünklich einhielten. Das hing 
gewiß mit dem Traumelement zusammen, gestattete aber kei- 
nen Schluß auf dessen Herkunft. Es bestand ein durch die da- 
malige Situation der Kur gerechtfertigter Verdacht, daß eine 
sorgfältig unterdrückte, kritische Auflehnung gegen den ge- 
liebten und verehrten Vater ihren Anteil an diesem Traum hätte. 
In weiterer Verfolgung ihrer Einfälle, anscheinend weit vom 
Traum entfernt, erzählt die Träumerin, gestern sei in ihrer Gegen- 
wart viel Psychologisches besprochen worden, und ein Ver- 
wandter habe die Äußerung getan: DerUrmensch lebt in 
uns allen fort. Jetzt glauben wir zu verstehen. Das gab eine aus- 
gezeichnete Gelegenheit für sie, den verstorbenen Vater wieder 
einmal fortleben zu lassen. Sie machte ihn also im Traum zum 
Uhrmenschen, indem sie ihn die Viertelstunden der Mit- 
tagszeit ansagen ließ. 

Sie werden an diesem Beispiel die Ähnlichkeit mit einem Witz 
nicht von sich weisen können, und es ist wirklich oft genug vor- 
gekommen, daß man den Witz des Träumers für den des Deuters 
gehalten hat. Es gibt noch andere Beispiele, in denen es gar nicht 
leicht wird zu entscheiden, ob man es mit einem Witz oder einem 
Traum zu tun hat. Sie erinnern sich aber, daß uns der nämliche 
Zweifel bei manchen Fehlleistungen des Versprechens gekommen 



XV) Unsicherheiten und Kritiken 249 

ist. Ein Mann erzählt als seinen Traum, sein Onkel habe ihm, 
während sie in dessen Auto (mobil) saßen, einen Kuß gegeben. 
Er fügt selbst sehr rasch die Deutung hinzu. Es bedeutet Auto- 
erotismus (ein Terminus aus der Libidolehre, der die Be- 
friedigung ohne fremdes Objekt bezeichnet). Hat sich nun der 
Mann einen Scherz mit uns erlaubt und einen Witz, der ihm ein- 
gefallen ist, für einen Traum ausgegeben? Ich glaube es nicht; er 
hat wirklich so geträumt. Woher kommt aber diese verblüffende 
Ähnlichkeit? Diese Frage hat mich seinerzeit ein Stück von mei- 
nem Wege abgeführt, indem sie mir die Notwendigkeit auf- 
erlegte, den Witz selbst einer eingehenden Untersuchung zu un- 
terziehen. Es hat sich dabei für die Entstehung des Witzes er- 
geben, daß ein vorbewußter Gedankengang für einen Moment der 
unbewußten Bearbeitung überlassen wird, aus welcher er dann 
als Witz auftaucht. Unter dem Einfluß des Unbewußten erfährt 
er die Einwirkung der dort waltenden Mechanismen, der Ver- 
dichtung und der Verschiebung, also derselben Vorgänge, die 
wir bei der Traumarbeit beteiligt fanden, und dieser Gemeinsam- 
keit ist die Ähnlichkeit von Witz und Traum, wo sie zustande 
kommt, zuzuschreiben. Vom Lustgewinn des Witzes bringt der 
unbeabsichtigte „Traumwitz" aber nichts mit. Warum, mag Sie 
die Vertiefung in das Studium des Witzes lehren. Der „Traum- 
witz" erscheint uns als schlechter Witz, er macht uns nicht 
lachen, läßt uns kalt. 

Wir treten dabei aber auch in die Fußstapfen der antiken 
Traumdeutung, die uns neben vielem Unbrauchbaren manches 
gute Beispiel einer Traumdeutung hinterlassen hat, welches wir 
selbst nicht zu übertreffen wüßten. Ich erzähle Ihnen nun einen 
historisch bedeutsamen Traum, den mit gewissen Abweichungen 
Plutarch und Artemidorus aus D a 1 d i s von Alexan- 
der dem Großen berichten. Als der König mit der Belagerung der 
hartnäckig verteidigten Stadt Tyrus beschäftigt war (322 v. 
Chr.), träumte er einmal, ex sehe einen tanzenden Satyr. Der 



250 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Traumdeuter Aristandros, der sich beim Heere befand, 
deutete ihm diesen Traum, indem er das Wort „Satyros" in rcc 
Töjoq (dein ist Tyrus) zerlegte und ihm darum den Triumph 
über die Stadt versprach. Alexander ließ sich durch diese Deutung 
bestimmen, die Belagerung fortzusetzen, und nahm endlich Tyrus 
ein. Die Deutung, die gekünstelt genug aussieht, war unzweifel- 
haft die richtige. 

3) Ich kann mir vorstellen, daß es Ihnen einen besonderen Ein- 
druck machen wird zu hören, daß Einwendungen gegen unsere 
Auffassung des Traumes auch von solchen Personen erhoben 
worden sind, die sich selbst längere Zeit als Psychoanalytiker 
mit der Deutung von Träumen beschäftigt haben. Es wäre zu un- 
gewöhnlich gewesen, daß ein so reichhaltiger Anreiz zu neuen Irr- 
tümern ungenützt geblieben wäre, und so haben sich durch be- 
griffliche Verwechslungen und unberechtigte Verallgemeinerun- 
gen Behauptungen ergeben, die hinter der medizinischen Auf- 
fassung des Traumes an Unrichtigkeit nicht weit zurückstehen. 
Die eine davon kennen Sie bereits. Sie sagt aus, daß sich der 
Traum mit Anpassungsversuchen an die Gegenwart und Lö- 
sungsversuchen der Zukunftsaufgaben beschäftige, also eine 
„prospektive Tendenz" verfolge (A. M a e d e r) . Wir haben 
bereits angeführt, daß diese Behauptung auf Verwechslung des 
Traumes mit den latenten Traumgedanken beruht, also das Über- 
sehen der Traumarbeit zur Voraussetzung hat. Als Charakteristik 
der unbewußten Geistestätigkeit, der die latenten Traumge- 
danken angehören, ist sie einerseits keine Neuheit, anderseits 
nicht erschöpfend, denn die unbewußte Geistestätigkeit beschäf- 
tigt sich mit vielem anderen neben der Vorbereitung der Zu- 
kunft. Eine weit ärgere Verwechslung scheint der Versicherung 
zugrunde zu liegen, daß man hinter jedem Traum die „Todes- 
klausel" finde. Ich weiß nicht genau, was diese Formel besagen 
will, aber ich vermute, hinter ihr steckt die Verwechslung des 
Traumes mir der ganzen Persönlichkeit des Träumers. 



XV) Unsicherheiten und Kritiken 251 






Eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung aus wenigen guten 
Beispielen liegt in dem Satze, daß jeder Traum zwei Deutungen 
zulasse, eine solche, wie wir sie aufgezeigt haben, die sogenannte 
psychoanalytische, und eine andere, die sogenannte anagogische, 
welche von den Triebregungen absieht und auf eine Darstellung 
der höheren Seelenleistungen hinzielt (H. S i l b e r e r) . Es gibt 
solche Träume, aber Sie werden diese Auffassung vergeblich auch 
nur auf eine Mehrzahl der Träume auszudehnen versuchen. Ganz 
unbegreiflich wird Ihnen nach allem, was Sie gehört haben, die 
Behauptung erscheinen, daß alle Träume bisexuell zu deuten 
seien als Zusammentreffen einer männlichen mit einer weiblich 
zu nennenden Strömung (A. Ad le r). Es gibt natürlich auch 
einzelne solche Träume, und Sie könnten später erfahren, daß 
diese so gebaut sind wie gewisse hysterische Symptome. Ich er- 
wähne alle diese Entdeckungen neuer allgemeiner Charaktere 
des Traumes, um Sie vor ihnen zu warnen oder um Sie wenigstens 
nicht im Zweifel zu lassen, wie ich darüber urteile. 

4) Eines Tages schien der objektive Wert der Traumforschung 
durch die Beobachtung in Frage gestellt, daß die analytisch be- 
handelten Patienten den Inhalt ihrer Träume nach den Lieblings- 
theorien ihrer Ärzte einrichten, indem die einen vorwiegend von 
sexuellen Triebregungen träumen, die anderen vom Machtstreben 
und noch andere sogar von der Wiedergeburt (W. Stekel). 
Das Gewicht dieser Beobachtung wird durch die Erwägung ver- 
ringert, daß die Menschen bereits geträumt haben, ehe es eine 
psychoanalytische Behandlung gab, die ihre Träume lenken 
konnte, und daß die jetzt in Behandlung Stehenden auch zur Zeit 
vor der Behandlung zu träumen pflegten. Das Tatsächliche dieser 
Neuheit läßt sich bald als selbstverständlich und für die Theorie 
des Traumes belanglos erkennen. Die den Traum anregenden 
Tagesreste erübrigen von den starken Interessen des Wachlebens. 
Wenn die Reden des Arztes und die Anregungen, die er gibt, 
für den Analysierten bedeutungsvoll geworden sind, so treten 






252 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



sie in den Kreis der Tagesreste ein, können die psychischen Reize 
für die Traumbildung abgeben wie die anderen affektbetonten 
unerledigten Interessen des Tages und wirken ähnlich wie die 
somatischen Reize, die während des Schlafes auf den Schläfer 
einwirken. Wie diese anderen Anreger des Traumes können auch 
die vom Arzt angeregten Gedankengänge im manifesten Traum- 
inhalt erscheinen oder im latenten nachgewiesen werden. Wir 
wissen ja, daß man Träume experimentell erzeugen, richtiger 
gesagt, einen Teil des Traummaterials in den Traum einführen 
kann. Der Analytiker spielt also bei diesen Beeinflussungen seiner 
Patienten keine andere Rolle als der Experimentator, der wie 
Mourly Vold den Gliedern seiner Versuchspersonen ge- 
wisse Stellungen erteilt. 

Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er 
träumen soll, nie aber darauf einwirken, w a s er träumen wird. 
Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewußte Traum- 
wunsch sind jedem fremden Einfluß entzogen. Wir haben bereits 
bei der Würdigung der somatischen Reizträume erkannt, daß die 
Eigenart und Selbständigkeit des Traumlebens sich in der Re- 
aktion erweist, mit welcher der Traum auf die zugeführten kör- 
perlichen oder seelischen Reize antwortet. Der hier besprochenen 
Behauptung, welche die Objektivität der Traumforschung in 
Zweifel ziehen will, liegt also wiederum eine Verwechslung, die 
des Traumes mit dem Traummaterial zugrunde. 

Soviel, meine Damen und Herren, wollte ich Ihnen von den 
Problemen des Traumes erzählen. Sie ahnen, daß ich vieles über- 
gangen habe, und haben selbst erfahren, daß ich fast in allen 
Punkten unvollständig sein mußte. Das liegt aber am Zusammen- 
hang der Traumphänomene mit denen der Neurosen. Wir haben 
den Traum als Einführung in die Neurosenlehre studiert und das 
war gewiß richtiger, als wenn wir das Umgekehrte getan hätten. 
Aber wie der Traum für das Verständnis der Neurosen vorbe- 
reitet, so kann anderseits die richtige Würdigung des Traumes 



is 



XV) Unsicherheiten und Kritiken 253 

erst nach der Kenntnis der neurotischen Erscheinungen gewon- 
nen werden. 

Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken werden, aber ich muß 
versichern, daß ich nicht bereue, soviel von Ihrem Interesse und 
von der für uns verfügbaren Zeit für die Probleme des Traumes 
in Anspruch genommen zu haben. An keinem anderen Objekt 
kann man sich so rasch die Überzeugung von der Richtigkeit 
der Behauptungen holen, mit denen die Psychoanalyse steht und 
fällt. Es bedarf der angestrengten Arbeit von vielen Monaten und 
selbst Jahren, um zu zeigen, daß die Symptome eines Falles von 
neurotischer Erkrankung ihren Sinn haben, einer Absicht dienen 
und aus den Schicksalen der leidenden Person hervorgehen. 
Dagegen kann es einer Bemühung von wenigen Stunden ge- 
lingen, denselben Sachverhalt für eine zunächst unverständlich 
verworrene Traumleistung zu erweisen und damit alle die Vor- 
aussetzungen der Psychoanalyse zu bestätigen, die Unbewußtheit 
seelischer Vorgänge, die besonderen Mechanismen, denen sie 
gehorchen, und die Triebkräfte, die sich in ihnen äußern. Und 
wenn wir die durchgreifende Analogie im Aufbau von Traum 
und neurotischem Symptom mit der Raschheit der Verwandlung 
zusammenhalten, die aus dem Träumer einen wachen und ver- 
nünftigen Menschen macht, gewinnen wir die Sicherheit, daß 
auch die Neurose nur auf verändertem Kräftespiel zwischen den 
Mächten des Seelenlebens beruht. 



DRITTER TEIL 

ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 



PSYCHOANALYSE UND PSYCHIATRIE 

Meine Damen und Herren! Ich freue mich, Sie nach Jahres- 
frist zur Fortsetzung unserer Besprechungen wiederzusehen. Ich 
habe Ihnen im Vorjahre die psychoanalytische Behandlung der 
Fehlleistungen und des Traumes vorgetragen; ich möchte Sie 
heuer in das Verständnis der neurotischen Erscheinungen ein- 
führen, die, wie Sie bald entdecken werden, mit beiden vielerlei 
Gemeinsames haben. Aber ich sage es Ihnen vorher, ich kann 
Ihnen diesmal nicht dieselbe Stellung mir gegenüber einräumen 
wie im Vorjahre. Damals lag mir daran, keinen Schritt zu tun, 
ohne mit Ihrem Urteil im Einvernehmen zu bleiben; ich dis- 
kutierte viel mit Ihnen, unterwarf mich Ihren Einwendungen, 
anerkannte eigentlich Sie und Ihren „gesunden Menschenver- 
stand" als entscheidende Instanz. Das geht jetzt nicht länger, 
und zwar wegen eines einfachen Sachverhaltes. Fehlleistungen 
und Träume waren Ihnen als Phänomene nicht fremd; man 
konnte sagen, Sie besaßen ebensoviel Erfahrung wie ich oder 
hatten es leicht, sich ebensoviel Erfahrung zu verschallen. Das 
Erscheinungsgebiet der Neurosen ist Ihnen aber fremd; insofern 
Sie nicht selbst Ärzte sind, haben Sie keinen anderen Zugang da- 
hin als eben meine Mitteilungen, und was hilft das beste Urteil, 



XVI. VORLESUNG J 



' 



XVI J Psychoanalyse und Psychiatrie 255 



wenn die Vertrautheit mit dem zu beurteilenden Material nicht 

mit dabei ist. 

Fassen Sie aber meine Ankündigung nicht in der Weise auf, 
als ob ich dogmatische Vorträge halten und Ihren unbedingten 
Glauben heischen würde. Das Mißverständnis täte mir grob 
Unrecht. Ich will keine Überzeugungen erwecken — ich will 
Anregungen geben und Vorurteile erschüttern. Wenn Sie in- 
folge materieller Unkenntnis nicht in der Lage sind zu urteilen, 
so sollen Sie weder glauben noch verwerfen. Sie sollen anhören 
und auf sich wirken lassen, was ich Ihnen erzähle. Überzeu- 
gungen erwirbt man sich nicht so leicht, oder wenn man so 
mühelos zu ihnen gekommen ist, erweisen sie sich bald als wertlos 
und widerstandsunfähig. Ein Anrecht auf Überzeugung hat erst 
derjenige, der ähnlich wie ich viele Jahre lang an demselben 
Material gearbeitet und dabei dieselben neuen und überraschen- 
den Erfahrungen selbst erlebt hat. Wozu denn überhaupt auf 
intellektuellem Gebiet diese raschen Überzeugungen, blitzähn- 
lichen Bekehrungen, momentanen Abstoßungen? Merken sie 
nicht, daß der coup de joudre, die Liebe auf den ersten Blick, 
von einem ganz verschiedenen, affektiven Gebiet hergenommen 
sind? Wir verlangen nicht einmal von unseren Patienten, daß sie 
eine Überzeugung oder Anhängerschaft an die Psychoanalyse 
mitbringen. Das macht sie uns oft verdächtig. Eine wohlwollende 
Skepsis ist uns die erwünschteste Einstellung bei ihnen. Ver- 
suchen Sie also auch, die psychoanalytische Auffassung neben 
der populären oder der psychiatrischen ruhig in sich aufwachsen 
zu lassen, bis sich die Gelegenheiten ergeben, bei denen die 
beiden sich beeinflussen, sich messen und sich zu einer Ent- 
scheidung vereinigen können. 

Anderseits sollen Sie aber auch keinen Augenblick meinen, daß 
das, was ich Ihnen als psychoanalytische Auffassung vonrage, 
ein spekulatives System ist. Es ist vielmehr Erfahrung, entweder 
direkter Ausdruck der Beobachtung oder Ergebnis einer Ver- 



256 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



arbeitung derselben. Ob diese Verarbeitung auf zureichende und 
auf berechtigte Weise erfolgt ist, das wird sich im weiteren Fort- 
schritt der Wissenschaft herausstellen, und zwar darf ich, nach 
Ablauf von fast zweieinhalb Dezennien und im Leben ziemlich 
weit vorgerückt, ohne Ruhmredigkeit behaupten, daß es be- 
sonders schwere, intensive und vertiefte Arbeit war, welche diese 
Beobachtungen geliefert hat. Ich habe oft den Eindruck emp- 
fangen, als ob unsere Gegner diese Herkunft unserer Behaup- 
tungen gar nicht in Rücksicht ziehen wollten, als meinten sie, 
es handle sich um nur subjektiv bestimmte Einfälle, denen ein 
anderer sein eigenes Belieben entgegensetzen kann. Ganz ver- 
ständlich ist mir dieses gegnerische Benehmen nicht. Vielleicht 
kommt es daher, daß man sich als Arzt sonst so wenig mit den 
Nervösen einläßt, so unaufmerksam zuhört, was sie zu sagen 
haben, daß man sich der Möglichkeit entfremdet hat, aus ihren 
Mitteilungen etwas Wertvolles zu entnehmen, also an Ihnen ein- 
gehende Beobachtungen zu machen. Ich verspreche Ihnen bei 
dieser Gelegenheit, daß ich im Verlaufe meiner Vorträge wenig 
polemisieren werde, am wenigsten mit einzelnen Personen. Ich 
habe mich von der Wahrheit des Satzes, daß der Streit der Vater 
aller Dinge sei, nicht überzeugen können. Ich glaube, er stammt 
von der griechischen Sophistik her und fehlt, wie diese, durch 
Überschätzung der Dialektik. Mir schien es im Gegenteil, als 
ob die sogenannte wissenschaftliche Polemik im ganzen recht 
unfruchtbar sei, abgesehen davon, daß sie fast immer höchst 
persönlich betrieben wird. Bis vor einigen Jahren konnte ich 
auch von mir rühmen, daß ich nur mit einem einzigen Forscher 
(Löwenfeld in München) einmal einen regelrechten wissen, 
schaftlichen Streit eingegangen bin. Das Ende war, daß wir 
Freunde geworden und bis auf den heutigen Tag so geblieben 
sind. Aber ich habe den Versuch lange nicht wiederholt, weil ich 
des gleichen Ausganges nicht sicher war. 

Sie werden nun gewiß urteilen, daß eine solche Ablehnung 



l 




XVI) Psychoanalyse und Psychiatrie 257 



1 



literarischer Diskussion einen besonders hohen Grad von Unzu- 
gänglichkeit gegen Einwürfe, von Eigensinn, oder wie man es 
in der liebenswürdigen, wissenschaftlichen Umgangssprache aus- 
drückt, von „Verranntheit" bezeugt. Ich möchte Ihnen ant- 
worten, wenn Sie einmal eine Übetzeugung mit so schwerer 
Arbeit erworben haben werden, wird Ihnen auch ein gewisses 
Recht zufallen, mit einiger Zähigkeit an dieser Überzeugung 
festzuhalten. Ich kann ferner geltend machen, daß ich im Laufe 
meiner Arbeiten meine Ansichten über einige wichtige Punkte 
modifiziert, geändert, durch neue ersetzt habe, wovon ich natür- 
lich jedesmal öffentlich Mitteilung machte. Und der Erfolg dieser 
Aufrichtigkeit? Die einen haben von meinen Selbstkorrekturen 
überhaupt nicht Kenntnis genommen und kritisieren mich noch 
heute wegen Aufstellungen, die mir längst nicht mehr dasselbe 
bedeuten. Die anderen halten mir gerade diese Wandlungen vor 
und erklären mich darum für unzuverlässig. Nicht wahr, wer 
einige Male seine Ansichten geändert hat, der verdient überhaupt 
keinen Glauben, denn er legt es zu nahe, daß er sich auch mit 
seinen letzten Behauptungen geirrt haben kann? Wer aber an 
dem einmal Geäußerten unbeirrt festhält oder sich nicht rasch 
genug davon abbringen läßt, der heißt eigensinnig und verrannt. 
Was kann man angesichts dieser einander entgegengesetzten Ein- 
wirkungen der Kritik anderes tun, als bleiben, wie man ist, und 
sich benehmen, wie das eigene Urteil es billigt? Dazu bin ich 
auch entschlossen und ich lasse mich nicht abhalten, an all meinen 
Lehren zu modeln und zurechtzurücken, wie es meine fortschrei- 
tende Erfahrung erfordert. An den grundlegenden Einsichten 
habe ich bisher nichts zu ändern gefunden und hoffe, es wird 
auch weiterhin so bleiben. 

Ich soll Ihnen also die psychoanalytische Auffassung der neu- 
rotischen Erscheinungen vorführen. Es liegt mir dabei nahe, an 
die bereits behandelten Phänomene anzuknüpfen, sowohl der 
Analogie als auch des Kontrastes wegen. Ich greife eine Sym- 

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258 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

ptomhandlung auf, die ich viele Personen in meiner Sprech, 
stunde begehen sehe. Mit den Leuten, die uns in der ärztlichen 
Ordination besuchen, um in einer Viertelstunde den Jammer ihres 
langen Lebens vor uns auszubreiten, weiß ja der Analytiker nicht 
viel anzufangen. Sein tieferes Wissen macht es ihm schwer, wie 
ein anderer Arzt das Gutachten von sich zu geben: Es fehlt 
Ihnen nichts, — und den Rat zu erteilen: Gebrauchen Sie eine 
leichte Wasserkur. Einer unserer Kollegen hat denn auch auf 
die Frage, was er mit seinen Ordinationspatienten anstelle, 
achselzuckend geantwortet: Er lege ihnen eine Mutwillensstrafe 
von soundsoviel Kronen auf. Es wird Sie also nicht verwundern zu 
hören, daß selbst bei beschäftigten Psychoanalytikern die Sprech- 
stunde nicht sehr belebt zu sein pflegt. Ich habe die einfache 
Tür zwischen meinem Warte- und meinem Behandlungs- und 
Ordinationszimmer verdoppeln und durch einen Filzüberzug ver- 
stärken lassen. Die Absicht dieser kleinen Vorrichtung leidet 
ja keinen Zweifel. Nun geschieht es immer wieder, daß Per- 
sonen, die ich aus dem Wartezimmer einlasse, es versäumen, 
die Türe hinter sich zu schließen, und zwar lassen sie fast immer 
beide Türen offen stehen. So wie ich das bemerke, bestehe ich 
in ziemlich unfreundlichem Ton darauf, daß der oder die Ein- 
tretende zurückgehe, um das Versäumte nachzuholen, mag es 
auch ein eleganter Herr oder eine sehr geputzte Dame sein. Das 
macht den Eindruck von unangebrachter Pedanterie. Ich habe 
mich auch gelegentlich mit solcher Forderung blamiert, da es 
sich um Personen handelte, die selbst keine Türklinke anfassen 
können und es gern sehen, wenn ihre Begleitung ihnen diese 
Berührung erspart. Aber in der Überzahl der Fälle hatte ich 
recht, denn wer sich so benimmt, wer die Türe vom Warte- 
zimmer zum Sprechzimmer des Arztes offen stehen läßt, der ge- 
hört zum Pöbel und verdient, unfreundlich empfangen zu wer- 
den. Nehmen Sie jetzt nicht Partei, ehe Sie auch das Weitere 
angehört haben. Diese Nachlässigkeit des Patienten ereignet sich 



XVI ) Psychoanalyse und Psychiatrie 259 

nämlich nur dann, wenn er sich allein im Wartezimmer be- 
funden hat und also ein leeres Zimmer hinter sich zurückläßt, 
niemals wenn andere, Fremde, mit ihm gewartet haben. In 
diesem letzteren Falle versteht er sehr wohl, daß es in seinem 
Interesse liegt, nicht belauscht zu werden, während er mit dem 
Arzt spricht, und versäumt es nie, beide Türen sorgfältig zu 
schließen. 

So determiniert ist das Versäumnis des Patienten weder zu- 
fällig noch sinnlos, ja nicht einmal unwichtig, denn wir werden 
sehen, es beleuchtet das Verhältnis des Eintretenden zum Arzt. 
Der Patient ist von der großen Menge jener, die weltliche 
Autorität verlangen, die geblendet, eingeschüchtert werden wol- 
len. Er hat vielleicht durchs Telephon anfragen lassen, um 
welche Zeit er am leichtesten vorkommen kann, er hat sich auf 
ein Gedränge von Hilfesuchenden gefaßt gemacht, etwa wie 
vor einer Filiale von Julius Meinl. Nun tritt er in einen leeren, 
überdies höchst bescheiden ausgestatteten Warteraum und ist 
erschüttert. Er muß es den Arzt entgelten lassen, daß er ihm 
einen so überflüssigen Aufwand von Respekt entgegenbringen 
wollte, und da — unterläßt er es, die Türe zwischen Warte- 
und Ordinationszimmer zu schließen. Er will dem Arzt damit 
sagen: Ach, hier ist ja niemand und wahrscheinlich wird auch, 
so lange ich hier bin, niemand kommen. Er würde sich auch 
während der Besprechung ganz unmanierlich und respektlos 
benehmen, wenn man seine Überhebung nicht gleich anfangs 
durch eine scharfe Zurechtweisung eindämmen würde. 

Sie finden an der Analyse dieser kleinen Symptomhandlung 
nichts, was Ihnen nicht bereits bekannt wäre: Die Behauptung, 
daß sie nicht zufällig ist, sondern ein Motiv hat, einen Sinn und 
eine Absicht, daß sie in einen angebbaren seelischen Zusammen- 
hang gehört, und daß sie als ein kleines Anzeichen von einem 
wichtigeren seelischen Vorgang Kunde gibt. Vor allem anderen 
aber, daß dieser so angezeigte Vorgang dem Bewußtsein dessen, 



260 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

der ihn vollzieht, unbekannt ist, denn keiner der Patienten, 
welche die beiden Türen offen gelassen haben, würde zugeben 
können, daß er mir durch dieses Versäumnis seine Gering- 
schätzung bezeugen wollte. Auf eine Regung von Enttäuschung 
beim Betreten des leeren Wartezimmers würde sich wahrschein- 
lich mancher besinnen, aber der Zusammenhang zwischen diesem 
Eindruck und der darauffolgenden Symptomhandlung ist seinem 
Bewußtsein sicherlich unerkannt geblieben. 

Nun wollen wir dieser kleinen Analyse einer Symptomhand- 
lung eine Beobachtung an einer Kranken an die Seite stellen. Ich 
wähle eine solche, die mir in frischer Erinnerung ist, auch darum, 
weil sie sich verhältnismäßig kurz darstellen läßt. Ein gewisses 
Maß von Ausführlichkeit ist bei jeder solchen Mitteilung un- 
erläßlich. 

Ein auf kurzen Urlaub heimgekehrter junger Offizier bittet 
mich, seine Schwiegermutter in Behandlung zu nehmen, die in 
den glücklichsten Verhältnissen sich und den Ihrigen das Leben 
durch eine unsinnige Idee vergällt. Ich lerne eine 53jährige, 
wohlerhaltene Dame von freundlichem, einfachem Wesen ken- 
nen, die ohne Widerstreben folgenden Bericht gibt. Sie lebt in 
glücklichster Ehe auf dem Lande mit ihrem Manne, der eine 
große Fabrik leitet. Sie weiß die liebenswürdige Sorgfalt ihres 
Mannes nicht genug zu loben. Liebesheirat vor 30 Jahren, seit- 
her nie eine Trübung, Zwist oder Anlaß zur Eifersucht. Ihre 
beiden Kinder gut verheiratet, der Mann und Vater will sich 
aus Pflichtgefühl noch nicht zur Ruhe setzen. Vor einem Jahre 
ereignete sich das Unglaubliche, ihr selbst Unverständliche, daß 
sie einem anonymen Briefe, welcher ihren ausgezeichneten Mann 
des Liebesverhältnisses mit einem jungen Mädchen bezichtigte, 
sofortigen Glauben schenkte, und seither ist ihr Glück zerstört. 
Der nähere Hergang war etwa der folgende: sie hatte ein Stuben- 
mädchen, mit dem sie vielleicht zu oft Intimes besprach. Dieses 
Mädchen verfolgte ein anderes mit einer geradezu gehässigen 



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XVI) Psychoanalyse und Psychiatrie 261 

Feindschaft, weil diese es im Leben soviel weiter gebracht hatte, 
obwohl sie von nicht besserer Herkunft war. Anstatt Dienst 
anzunehmen, hatte das Mädchen sich eine kommerzielle Aus- 
bildung verschafft, war in die Fabrik eingetreten und infolge 
des Personalmangels durch die Einberufungen von Beamten zu 
einer guten Stellung vorgerückt. Sie wohnte jetzt in der Fabrik 
selbst, verkehrte mit allen Herren und hieß sogar Fräulein. Die 
im Leben Zurückgebliebene war natürlich bereit, der ehemaligen 
Schulkameradin alles mögliche Böse nachzusagen. Eines Tages 
unterhielt sich unsere Dame mit dem Stubenmädchen über einen 
alten Herrn, der zu Gast gewesen war, von dem man wußte, daß 
er nicht mit seiner Frau lebte, sondern ein Verhältnis mit einer 
anderen unterhielt. Sie weiß nicht, wie es kam, daß sie plötzlich 
äußerte: Für mich wäre es das Schrecklichste, wenn ich erfahren 
würde, daß mein guter Mann auch ein Verhältnis hat. Am näch- 
sten Tage erhielt sie von der Post einen anonymen Brief, der ihr 
in verstellter Schrift diese gleichsam heraufbeschworene Mit- 
teilung machte. Sie schloß, — wahrscheinlich mit Recht, — daß 
der Brief das Werk ihres bösen Stubenmädchens sei, denn als 
Geliebte des Mannes war eben jenes Fräulein bezeichnet, das die 
Dienerin mit ihrem Haß verfolgte. Aber obwohl sie die Intrige 
sofort durchschaute und an ihrem Wohnorte Beispiele genug 
erlebt hatte, wie wenig Glauben solche feige Denunziationen 
verdienten, geschah es, daß jener Brief sie augenblicklich nieder- 
warf. Sie geriet in eine schreckliche Aufregung und schickte so- 
fort um ihren Mann, um ihm die heftigsten Vorwürfe zu machen. 
Der Mann wies die Beschuldigung lachend ab und tat das 
Beste, was zu tun war. Er ließ den Haus- und Fabrikarzt kommen, 
der sein Bemühen dazutat, um die unglückliche Frau zu be- 
ruhigen. Auch das weitere Vorgehen der beiden war durchaus 
verständig. Das Stubenmädchen wurde entlassen, die angebliche 
Nebenbuhlerin aber nicht. Seither will sich die Kranke wieder- 
holt soweit beruhigt haben, daß sie an den Inhalt des anonymen 






262 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Briefes nicht mehr glaubte, aber nie gründlich und nie für lange 
Zeit. Es reicht hin, den Namen des Fräuleins aussprechen zu 
hören oder ihr auf der Straße zu begegnen, um einen neuen 
Anfall von Mißtrauen, Schmerz und Vorwürfen bei ihr aus- 
zulösen. 

Das ist nun die Krankengeschichte dieser braven Frau. Es 
gehörte nicht viel psychiatrische Erfahrung dazu, um zu ver- 
stehen, daß sie im Gegensatz zu anderen Nervösen ihren 
Fall eher zu milde darstellte, also wie wir sagen: dissimulierte, 
und daß sie den Glauben an die Beschuldigung des anonymen 
Briefes eigentlich niemals überwunden hatte. 

Welche Stellung nimmt nun der Psychiater zu einem solchen 
Krankheitsfalle ein? Wie er sich gegen die Symptomhandlung 
des Patienten benehmen würde, der die Türen zum Wartezimmer 
nicht schließt, das wissen wir bereits. Er erklärt sie für eine Zu- 
fälligkeit ohne psychologisches Interesse, die ihn weiter nichts 
angeht. Aber dies Verhalten läßt sich auf den Krankheitsfall 
der eifersüchtigen Frau nicht fortsetzen. Die Symptomhandlung 
scheint etwas Gleichgültiges zu sein, das Symptom aber drängt 
sich als etwas Bedeutsames auf. Es ist mit intensivem subjektiven 
Leiden verbunden, es bedroht objektiv das Zusammenleben einer 
Familie; es ist also ein unabweisbarer Gegenstand des psychiatri- 
schen Interesses. Der Psychiater versucht zunächst das Symptom 
durch eine wesentliche Eigenschaft zu charakterisieren. Die Idee, 
mit welcher diese Frau sich quält, ist nicht an sich unsinnig zu 
nennen; es kommt ja vor, daß äliere Ehemänner Liebesbe- 
ziehungen zu jungen Mädchen unterhalten. Aber etwas anderes 
daran ist unsinnig und unbegreiflich. Die Patientin hat gar 
keinen anderen Grund daran zu glauben, daß ihr zärtlicher und 
treuer Gatte zu dieser sonst nicht so seltenen Kategorie von Ehe- 
männern gehört, als die Behauptung des anonymen Briefes. Sie 
weiß, daß diesem Schriftstück keine Beweiskraft zukommt, sie 
kann sich dessen Herkunft befriedigend aufklären; sie sollte 




XVI) Psychoanalyse und Psychiatrie 263 

sich also sagen können, daß sie gar keinen Grund für ihre Eifer- 
sucht hat, sie sagt es sich auch, aber sie leidet trotzdem ebenso, 
als ob sie diese Eifersucht als vollberechtigt anerkennen würde. 
Ideen dieser Art, die logischen und aus der Realität geschöpften 
Argumenten unzugänglich sind, ist man übereingekommen, 
Wahnideen zu heißen. Die gute Dame leidet also an E i f e r- 
suchtswahn. Das ist wohl die wesentliche Charakteristik 
dieses Krankheitsfalles. 

Nach dieser ersten Feststellung wird unser psychiatrisches 
Interesse sich noch lebhafter regen wollen. Wenn eine Wahn- 
idee durch den Bezug auf die Realität nicht abzutun ist, so wird 
sie wohl auch nicht aus der Realität stammen. Woher stammt 
sie sonst? Es gibt Wahnideen des verschiedenartigsten Inhaltes; 
warum ist der Inhalt des Wahnes in unserem Falle gerade Eifer- 
sucht? Bei welchen Personen bilden sich Wahnideen oder be- 
sonders Wahnideen der Eifersucht? Hier möchten wir nun dem 
Psychiater lauschen, aber hier läßt er uns im Stiche. Er geht 
überhaupt nur auf eine einzige unserer Fragestellungen ein. Er 
wird in der Familiengeschichte dieser Frau nachforschen und uns 
vielleicht die Antwort bringen: Wahnideen kommen bei 
solchen Personen vor, in deren Familien ähnliche und andere 
psychische Störungen wiederholt vorgekommen sind. Mit an- 
deren Worten, wenn diese Frau eine Wahnidee entwickelt hat, 
so war sie durch erbliche Übertragung dazu disponiert. Das ist 
gewiß etwas, aber ist das alles, was wir wissen wollen? Alles, 
was zur Verursachung dieses Krankheitsfalles mitgewirkt hat? 
Sollen wir uns damit begnügen anzunehmen, daß es gleichgültig, 
willkürlich oder unerklärlich ist, wenn sich ein Eifersuchtswahn 
entwickelt hat an Stelle irgendeines anderen? Und dürfen wir 
den Satz, der die Vorherrschaft des erblichen Einflusses ver- 
kündet, auch im negativen Sinne dahin verstehen, es sei gleich- 
gültig, welche Erlebnisse an diese Seele herangetreten sind, sie 
war dazu bestimmt, irgendeinmal einen Wahn zu produzieren? 



264 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Sie werden wisssen wollen, warum uns die wissenschaftliche 
Psychiatrie keine weiteren Aufschlüsse geben will. Aber ich 
antworte Ihnen: Ein Schelm, wer mehr gibt, als er hat. Der 
Psychiater kennt eben keinen Weg, der in der Aufklärung eines 
solchen Falles weiterführt. Er muß sich mit der Diagnose und 
einer trotz reichlicher Erfahrung unsicheren Prognose des wei- 
teren Verlaufes begnügen. 

Kann aber die Psychoanalyse hier mehr leisten? Ja doch; ich 
hoffe Ihnen zu zeigen, daß sie selbst in einem so schwer zu- 
gänglichen Falle etwas aufzudecken vermag, was das nächste 
Verständnis ermöglicht. Zunächst bitte ich Sie, das unscheinbare 
Detail zu beachten, daß die Patientin den anonymen Brief, der 
nun ihre Wahnidee stützt, geradezu provoziert hat, indem sie 
tags zuvor gegen das intrigante Mädchen die Äußerung tat, es 
wäre ihr größtes Unglück, wenn ihr Mann ein Liebesverhältnis 
mit einem jungen Mädchen hätte. Dadurch brachte sie das 
Dienstmädchen erst auf die Idee, ihr den anonymen Brief zu 
schicken. Die Wahnidee gewinnt so eine gewisse Unabhängig- 
keit von dem Briefe; sie ist schon vorher als Befürchtung — 
oder als Wunsch? — in der Kranken vorhanden gewesen. 
Nehmen Sie nun weiter hinzu, was nur zwei Stunden Analyse 
an weiteren kleinen Anzeichen ergeben haben. Die Patientin ver- 
hielt sich zwar sehr ablehnend, als sie aufgefordert wurde, nach 
der Erzählung ihrer Geschichte ihre weiteren Gedanken, Einfälle 
und Erinnerungen mitzuteilen. Sie behauptete, es fiele ihr nichts 
ein, sie habe schon alles gesagt, und nach zwei Stunden mußte 
der Versuch mit ihr wirklich abgebrochen werden, weil sie ver- 
kündet hatte, sie fühle sich bereits gesund und sei sicher, daß 
die krankhafte Idee nicht wiederkommen werde. Das sagte sie 
natürlich nur aus Widerstand und aus Angst vor der Fortsetzung 
der Analyse. Aber in diesen zwei Stunden hatte sie doch einige 
Bemerkungen fallen lassen, die eine bestimmte Deutung ge- 
statteten, ja unabweisbar machten, und diese Deutung wirft ein 






XVI) Psychoanalyse und Psychiatrie 265 



helles Licht auf die Genese ihres Eifersuchtswahnes. Es bestand 
bei ihr selbst eine intensive Verliebtheit in einen jungen Mann, 
in denselben Schwiegersohn, auf dessen Drängen sie mich als 
Patientin aufgesucht hatte. Von dieser Verliebtheit wußte sie 
nichts oder vielleicht nur sehr wenig; bei dem bestehenden Ver- 
wandtschaftsverhältnis hatte diese verliebte Neigung es leicht, 
sich als harmlose Zärtlichkeit zu maskieren. Nach all unseren 
sonstigen Erfahrungen wird es uns nicht schwer, uns in das 
Seelenleben dieser anständigen Frau und braven Mutter von 
53 Jahren einzufühlen. Eine solche Verliebtheit konnte als etwas 
Ungeheuerliches, Unmögliches nicht bewußt werden; sie blieb 
aber bestehen und übte als unbewußte einen schweren Druck 
aus. Irgend etwas mußte mit ihr geschehen, irgendeine Abhilfe 
gesucht werden, und die nächste Linderung bot wohl der Ver- 
schiebungsmechanismus, der an der Entstehung der wahnhaften 
Eifersucht so regelmäßig Anteil hat. Wenn nicht nur sie alte 
Frau in einen jungen Mann verliebt war, sondern auch ihr alte?: 
Mann ein Liebesverhältnis mit einem jungen Mädchen unter- 
hielt, dann war sie ja vom Gewissensdruck der Untreue ent- 
lastet. Die Phantasie von der Untreue des Mannes war also ein 
kühlendes Pflaster auf ihre brennende Wunde. Ihre eigene Liebe 
war ihr nicht bewußt geworden, aber die Spiegelung derselben, 
die ihr solche Vorteile brachte, wurde nun zwangsartig, wahn- 
haft, bewußt. Alle Argumente dagegen konnten natürlich nichts 
fruchten, denn sie richteten sich nur gegen das Spiegel-, nicht 
gegen das Urbild, dem jenes seine Stärke verdankte, und das 
unantastbar im Unbewußten geborgen lag. 

Stellen wir nun zusammen, was eine kurze und erschwerte 
psychoanalytische Bemühung zum Verständnis dieses Krankheits- 
falles gebracht hat. Vorausgesetzt natürlich, daß unsere Ermitt- 
lungen korrekt zustande gekommen sind, was ich hier Ihrem 
Urteil nicht unterwerfen kann. Fürs erste: Die Wahnidee ist 
nichts Unsinniges oder Unverständliches mehr, sie ist sinnreich. 



266 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

gut motiviert, gehört in den Zusammenhang eines affektvollen 
Erlebnisses der Kranken. Zweitens: Sie ist notwendig als Re- 
aktion auf einen aus anderen Anzeichen erratenen unbewußten 
seelischen Vorgang und verdankt gerade dieser Beziehung ihren 
wahnhaften Charakter, ihre Resistenz gegen logische und reale 
Angriffe. Sie ist selbst etwas Erwünschtes, eine An von Tröstung. 
Drittens: Es ist durch das Erlebnis hinter der Erkrankung un- 
zweideutig bestimmt, daß es gerade eine eifersüchtige Wahnidee 
wurde und keine andere. Sie erinnern sich doch, daß sie tags 
zuvor gegen das intrigante Mädchen die Äußerung tat, es wäre 
ihr das Schrecklichste, wenn ihr Mann ihr untreu würde. Sie 
übersehen auch nicht die beiden wichtigen Analogien mit der 
von uns analysierten Symptomhandlung in der Aufklärung des 
Sinnes oder der Absicht und in der Beziehung auf ein in der 
Situation gegebenes Unbewußtes. 

Natürlich sind damit nicht alle Fragen beantwortet, die wir 
aus Anlaß dieses Falles stellen durften. Der Krankheitsfall starrt 
vielmehr von weiteren Problemen, solchen, die überhaupt noch 
nicht lösbar geworden sind, und anderen, die sich wegen der 
Ungunst der besonderen Verhältnisse nicht lösen ließen. Z. B. 
warum erliegt diese in glücklicher Ehe lebende Frau einer Ver- 
liebtheit in ihren Schwiegersohn, und warum erfolgt die Er- 
leichterung, die auch auf andere Weise möglich wäre, in der 
Form einer solchen Spiegelung, einer Projektion ihres eigenen 
Zustandes auf ihren Mann? Glauben Sie nicht, daß es müßig 
und mutwillig ist, solche Fragen aufzuwerfen. Es steht uns be- 
reits manches Material für eine mögliche Beantwortung der- 
selben zu Gebote. Die Frau befindet sich in dem kritischen Alter, 
das dem weiblichen Sexualbedürfnis eine unerwünschte plötz- 
liche Steigerung bringt; das mag für sich allein hinreichen. Oder 
es mag hinzukommen, daß ihr guter und treuer Ehemann seit 
manchen Jahren nicht mehr im Besitze jener sexuellen Leistungs- 
fähigkeit ist, deren die wohlerhaltene Frau zu ihrer Befriedigung 



XVI) Psychoanalyse und Psychiatrie 267 



bedürfte. Die Erfahrung hat uns darauf aufmerksam gemacht, 
daß gerade solche Männer, deren Treue dann selbstverständlich 
ist, sich durch besondere Zartheit in der Behandlung ihrer Frauen 
und durch ungewöhnliche Nachsicht mit deren nervösen Be- 
schwerden auszeichnen. Oder es ist weiters nicht gleichgültig, 
daß es gerade der junge Ehemann einer Tochter ist, welcher zum 
Objekt dieser pathogenen Verliebtheit wurde. Eine starke ero- 
tische Bindung an die Tochter, die im letzten Grunde auf die 
Sexualkonstitution der Mutter zurückführt, findet oft den Weg 
dazu, sich in solcher Umwandlung fortzusetzen. Ich darf Sie 
vielleicht in diesem Zusammenhange daran erinnern, daß das 
Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn den 
Menschen von jeher als ein besonders heikles gegolten und bei 
den Primitiven Anlaß zu sehr mächtigen Tabuvorschriften und 
Vermeidungen" gegeben hat. 1 Es geht häufig nach der posi- 
tiven wie nach der negativen Seite über das kulturell erwünschte 
Maß hinaus. Welches dieser drei Momente nun in unserem 
Falle zur Wirkung gekommen ist, ob zwei davon, ob sie alle 
zusammengetroffen sind, das kann ich Ihnen freilich nicht sagen, 
aber nur darum nicht, weil es mir nicht gestattet war, die Ana- 
lyse des Falles über die zweite Stunde hinaus fortzusetzen. 

Ich merke jetzt, meine Herren, daß ich von lauter Dingen ge- 
sprochen habe, für die Ihr Verständnis noch nicht vorbereitet ist. 
Ich tat es, um die Vergleichung der Psychiatrie mit der Psycho- 
analyse durchzuführen. Aber eines darf ich Sie jetzt fragen: 
Haben Sie irgend etwas von einem Widerspruch zwischen den 
beiden bemerkt? Die Psychiatrie wendet die technischen Metho- 
den der Psychoanalyse nicht an, sie unterläßt es, etwas an den 
Inhalt der Wahnidee anzuknüpfen, und sie gibt uns im Hinweis 
auf die Heredität eine sehr allgemeine und entfernte Ätiologie, 
anstatt zuerst die speziellere und näherliegende Verursachung 
aufzuzeigen. Aber liegt darin ein Widerspruch, ein Gegensatz? 

1) Vgl. „Totem und Tabu", 1913. 



. 



268 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Ist's nicht vielmehr eine Vervollständigung? Widerspricht denn 
das hereditäre Moment der Bedeutung des Erlebnisses, setzen 
sich nicht vielmehr beide in der wirksamsten Weise zusammen? 
Sie werden mir zugeben, daß im Wesen der psychiatrischen Ar- 
beit nichts liegt, was sich gegen die psychoanalytische Forschung 
sträuben könnte. Die Psychiater sind's also, die sich der Psycho- 
analyse widersetzen, nicht die Psychiatrie. Die Psychoanalyse ver- 
hält sich zur Psychiatrie wie die Histologie zur Anatomie; die 
eine studiert die äußeren Formen der Organe, die andere den Auf- 
bau derselben aus den Geweben und Elementarteilen. Ein Wider- 
spruch zwischen diesen beiden Arten des Studiums, von denen 
das eine das andere fortsetzt, ist nicht gut denkbar. Sie wissen, 
die Anatomie gilt uns heute als die Grundlage einer wissen- 
schaftlichen Medizin, aber es gab eine Zeit, in der es ebenso ver- 
boten war, menschliche Leichen zu zerlegen, um den inneren 
Bau des Körpers kennen zu lernen, wie es heute verpönt er- 
scheint, Psychoanalyse zu üben, um das innere Getriebe des 
Seelenlebens zu erkunden. Und voraussichtlich bringt uns eine 
nicht zu ferne Zeit die Einsicht, daß eine wissenschaftlich ver- 
tiefte Psychiatrie nicht möglich ist ohne eine gute Kenntnis der 
tieferliegenden, der unbewußten Vorgänge im Seelenleben. 

Vielleicht hat nun die viel befehdete Psychoanalyse auch 
Freunde unter Ihnen, welche es gern sehen, wenn sie sich auch 
von anderer, von der therapeutischen Seite her rechtfertigen 
ließe. Sie wissen, daß unsere bisherige psychiatrische Therapie 
Wahnideen nicht zu beeinflussen vermag. Kann es vielleicht die 
Psychoanalyse dank ihrer Einsicht in den Mechanismus dieser 
Symptome? Nein, meine Herren, sie kann es nicht; sie ist gegen 
diese Leiden — vorläufig wenigstens — ebenso ohnmächtig wie 
jede andere Therapie. Wir können zwar verstehen, was in dem 
Kranken vor sich gegangen ist, aber wir haben kein Mittel, um 
es den Kranken selbst verstehen zu machen. Sie haben ja gehört, 
daß ich die Analyse dieser Wahnidee nicht über die ersten An- 



XVII) Der Sinn der Symptome 269 



sätze hinaus fördern konnte. Werden Sie darum behaupten wol- 
len, daß die Analyse solcher Fälle verwerflich ist, weil sie un- 
fruchtbar bleibt? Ich glaube doch nicht. Wir haben das Recht, 
ja die Pflicht, die Forschung ohne Rücksicht auf einen unmittel- 
baren Nutzeffekt 2x1 betreiben. Am Ende — wir wissen nicht, wo 
und wann — wird sich jedes Stückchen Wissen in Können um- 
setzen, auch in therapeutisches Können. Zeigte sich die Psycho- 
analyse bei allen anderen Formen nervöser und psychischer Er- 
krankung ebenso erfolglos wie bei den Wahnideen, so bliebe 
sie doch als unersetzliches Mittel der wissenschaftlichen For- 
schung voll gerechtfertigt. Wir würden dann allerdings nicht in 
die La$*e kommen, sie auszuüben; das Menschenmaterial, an dem 
wir lernen wollen, das lebt, seinen eigenen Willen hat und seiner 
Motive bedarf, um bei der Arbeit mitzutun, würde sich uns ver- 
weigern. Lassen Sie mich darum für heute mit der Mitteilung 
schließen, daß es umfassende Gruppen von nervösen Störungen 
gibt, bei denen sich die Umsetzung unseres besseren Verstehens 
in therapeutisches Können tatsächlich erwiesen hat, und daß 
wir bei diesen sonst schwer zugänglichen Erkrankungen unter 
gewissen Bedingungen Erfolge erzielen, die hinter keinen ande- 
ren auf dem Gebiete der internen Therapie zurückstehen. 



XVII. VORLESUNG 

DER SINN DER SYMPTOME 

Meine Damen und Herren! Ich habe Ihnen im vorigen Vor- 
trag auseinandergesetzt, daß die klinische Psychiatrie sich um die 
Erscheinungsform und den Inhalt des einzelnen Symptoms 
wenig bekümmert, daß aber die Psychoanalyse gerade hier ange- 



270 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



setzt und zunächst festgestellt hat, das Symptom sei sinnreich und 
hänge mit dem Erleben des Kranken zusammen. Der Sinn der 
neurotischen Symptome ist zuerst von J. Breuer aufgedeckt 
worden durch das Studium und die glückliche Herstellung eines 
seither berühmt gewordenen Falles von Hysterie (1880 — 82). 
Es ist richtig, das P. J a n e t unabhängig denselben Nachweis er- 
bracht hat; dem französischen Forscher gebührt sogar die litera- 
rische Priorität, denn B r e u e r hat seine Beobachtung erst mehr 
als ein Dezennium später (1893—95) während der Mitarbeiter, 
schaft mit mir veröffentlicht. Es mag uns übrigens ziemlich gleich, 
gültig sein, von wem diese Entdeckung herrührt, denn Sie wissen, 
jede Entdeckung wird mehr als einmal gemacht, und keine wird 
auf einmal gemacht, und der Erfolg geht ohnedies nicht mit dem 
Verdienst. Amerika heißt nicht nach Kolumbus. Vor 
Breuer und J a n e t hat der große Psychiater Leuret die 
Meinung ausgesprochen, selbst die Delirien der Geisteskran, 
ken müßten sich als sinnvoll erkennen lassen, wenn wir erst ver- 
stünden, sie zu übersetzen. Ich gestehe, daß ich lange Zeit bereit 
war, das Verdienst P. J a n e t s an der Aufklärung der neuroti- 
schen Symptome sehr hoch anzuschlagen, weil er sie als Äuße- 
rungen von idees inconscientes auffaßte, welche die Kranken be- 
herrschen. Aber J a n e t hat sich seitdem in übergroßer Zurück- 
haltung so geäußert, als ob er bekennen wollte, daß das Unbe- 
wußte für ihn weiter nichts gewesen sei als eine Redensart, ein 
Behelf, une \aqon de parier; er habe an nichts Reales dabei ge- 
dacht. Seither verstehe ich J a n e t s Ausführungen nicht mehr, 
ich meine aber, daß er sich überflüssigerweise um viel Verdienst 
geschädigt hat. 

Die neurotischen Symptome haben also ihren Sinn wie die 
Fehlleistungen, wie die Träume, und so wie diese ihren Zu- 
sammenhang mit dem Leben der Personen, die sie zeigen. Ich 
möchte Ihnen nun diese wichtige Einsicht durch einige Beispiele 
näher bringen. Daß es immer und in allen Fällen so ist. kann 



XVII) Der Sinn der Symptome 271 

ich ja nur behaupten, nicht beweisen. Wer selbst Erfahrungen 
sucht, wird sich davon die Überzeugung verschaffen. Ich werde 
aber diese Beispiele aus gewissen Motiven nicht der Hysterie 
entnehmen, sondern einer anderen, höchst merkwürdigen, ihr 
im Grunde sehr nahestehenden Neurose, von der ich Ihnen 
einige einleitende Worte zu sagen habe. Diese, die sogenannte 
Zwangsneurose, ist nicht so populär wie die allbekannte Hy- 
sterie; sie ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, nicht so auf- 
dringlich lärmend, benimmt sich mehr wie eine Privatange- 
legenheit des Kranken, verzichtet fast völlig auf Erscheinungen 
am Körper und schafft alle ihre Symptome auf seelischem Ge- 
biet. Die Zwangsneurose und die Hysterie sind diejenigen For- 
men neurotischer Erkrankung, auf deren Studium die Psychoana- 
lyse zunächst aufgebaut wurde, in deren Behandlung unsere 
Therapie auch ihre Triumphe feiert. Aber die Zwangsneurose, 
welcher jener rätselhafte Sprung aus dem Seelischen ins Kör- 
perliche abgeht, ist uns durch die psychoanalytische Bemühung 
eigentlich durchsichtiger und heimlicher geworden als die Hy- 
sterie, und wir haben erkannt, daß sie gewisse extreme Charak- 
tere der Neurotik weit greller zur Erscheinung bringt. 

Die Zwangsneurose äußert sich darin, daß die Kranken von 
Gedanken beschäftigt werden, für die sie sich eigentlich nicht 
interessieren, Impulse in sich verspüren, die ihnen sehr fremd- 
artig vorkommen, und zu Handlungen veranlaßt werden, deren 
Ausführung ihnen zwar kein Vergnügen bereitet, deren Unter- 
lassung ihnen aber ganz unmöglich ist. Die Gedanken (Zwangs- 
vorstellungen) können an sich unsinnig sein oder auch nur für 
das Individuum gleichgültig, oft sind sie ganz und gar läppisch, 
in allen Fällen sind sie der Ausgang einer angestrengten Denk- 
tätigkeit, die den Kranken erschöpft, und der er sich nur sehr 
ungern hingibt. Er muß gegen seinen Willen grübeln und speku- 
lieren, als ob es sich um seine wichtigsten Lebensaufgaben han- 
delte. Die Impulse, die der Kranke in sich verspürt, können 



272 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

gleichfalls einen kindischen und unsinnigen Eindruck machen, 
meist haben sie aber den schreckhaftesten Inhalt wie Versuchun- 
gen zu schweren Verbrechen, so daß der Kranke sie nicht nur 
als fremd verleugnet, sondern entsetzt vor ihnen flieht und sich 
durch Verbote, Verzichte und Einschränkungen seiner Freiheit 
vor ihrer Ausführung schützt. Dabei dringen sie niemals, aber 
wirklich kein einziges Mal, zur Ausführung durch; der Erfolg ist 
immer, daß die Flucht und die Vorsicht siegen. Was der Kranke 
wirklich ausführt, die sogenannten Zwangshandlungen, das 
sind sehr harmlose, sicherlich geringfügige Dinge, meist Wie- 
derholungen, zeremoniöse Verzierungen an Tätigkeiten des ge- 
wöhnlichen Lebens, wodurch aber ö.'ese notwendigen Verrich- 
tungen, das Zubettgehen, das Waschen, Toilettemachen, Spa- 
zierengehen zu höchst langwierigen und kaum lösbaren Auf- 
gaben werden. Die krankhaften Vorstellungen, Impulse und 
Handlungen sind in den einzelnen Formen und Fällen der 
Zwangsneurose keineswegs zu gleichen Anteilen vermengt; 
vielmehr ist es Regel, daß das eine oder das andere dieser Mo- 
mente das Bild beherrscht und der Krankheit den Namen gibt, 
aber das Gemeinsame all dieser Formen ist unverkennbar genug. 
Das ist doch gewiß ein tolles Leiden. Ich glaube, der aus- 
schweifendsten psychiatrischen Phantasie wäre es nicht gelungen, 
etwas dergleichen zu konstruieren, und wenn man es nicht alle 
Tage vor sich sehen könnte, würde man sich nicht entschließen, 
daran zu glauben. Nun denken Sie aber nicht, daß Sie dem Kran- 
ken etwas leisten, wenn Sie ihm zureden sich abzulenken, sich 
nicht mit diesen dummen Gedanken zu beschäftigen und an 
Stelle seiner Spielereien etwas Vernünftiges zu tun. Das möchte 
er selbst, denn er ist vollkommen klar, teilt Ihr Urteil über seine 
Zwangssymptome, ja er trägt es Ihnen entgegen. Er kann nur 
nicht anders; was sich bei der Zwangsneurose zur Tat durch- 
setzt, das wird von einer Energie getragen, für die uns wahr- 
scheinlich der Vergleich aus dem normalen Seelenleben abgeht. 



XVII) Der Sinn der Symptome 273 

Er kann nur eines: verschieben, vertauschen, anstatt der einen 
dummen Idee eine andere, irgendwie abgeschwächte setzen, von 
einer Vorsicht oder Verbot zu einem anderen fortschreiten, an- 
statt des einen Zeremoniells ein anderes ausführen. Er kann den 
Zwang verschieben, aber nicht aufheben. Die Verschiebbarkeit 
aller Symptome, weit von ihrer ursprünglichen Gestaltung weg, 
ist ein Hauptcharakter seiner Krankheit; außerdem fällt es auf, 
daß die Gegensätze (Polaritäten), von denen das Seelenleben 
durchzogen ist, in seinem Zustand besonders scharf gesondert 
hervortreten. Neben dem Zwang mit positivem und negativem 
Inhalt macht sich auf intellektuellem Gebiet der Zv/eifel geltend, 
der allmählich auch das für gewöhnlich Gesichertste annagt. Das 
Ganze läuft in eine immer mehr zunehmende Unentschlossen- 
heit, Energielosigkeit, Freiheitsbeschränkung aus. Dabei ist der 
Zwangsneurotiker ursprünglich ein sehr energisch angelegter 
Charakter gewesen, oft von außerordentlichem Eigensinn, in der 
Regel über das durchschnittliche Maß intellektuell begabt. Er 
hat es zumeist zu einer erfreulichen Höhe der ethischen Entwick- 
lung gebracht, zeigt sich übergewissenhaft, mehr als gewöhn- 
lich korrekt. Sie können sich denken, daß ein tüchtiges Stück 
Arbeit dazugehört, bis man sich in diesem widerspruchsvollen 
Ensemble von Charaktereigenschafren und Krankheitssym- 
ptomen halbwegs zurechtgefunden hat. Wir streben auch vor- 
läufig gar nichts anderes an, als einige Symptome dieser Krank- 
heit zu verstehen, deuten zu können. 

Vielleicht wollen Sie im Hinblick auf unsere Besprechungen 
vorher wissen, wie sich die gegenwärtige Psychiatrie zu den Pro- 
blemen der Zwangsneurose verhält. Das ist aber ein armseliges 
Kapitel. Die Psychiatrie gibt den verschiedenen Zwängen Na- 
men, sagt sonst weiter nichts über sie. Dafür betont sie, daß die 
Träger solcher Symptome „Degenerierte" sind. Das ist wenig 
Befriedigung, eigentlich ein Werturteil, eine Verurteilung an- 
statt einer Erklärung. Wir sollen uns etwa denken, bei Leuten, 
18 



274 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

die aus der Art geschlagen sind, kämen eben alle möglichen Son- 
derbarkeiten vor. Nun glauben wir ja, daß Personen, die solche 
Symptome entwickeln, von Natur aus etwas anders sein müssen 
als andere Menschen. Aber wir möchten fragen: Sind sie mehr 
„degeneriert" als andere Nervöse, z. B. die Hysteriker oder als 
die an Psychosen Erkrankenden? Die Charakteristik ist offenbar 
wieder zu allgemein. Ja, man kann bezweifeln, ob sie auch nur 
berechtigt ist, wenn man erfährt, daß solche Symptome auch bei 
ausgezeichneten Menschen von besonders hoher und für die All- 
gemeinheit bedeutsamer Leistungsfähigkeit vorkommen. Für 
gewöhnlich erfahren wir ja, dank ihrer eigenen Diskretion und 
der Verlogenheit ihrer Biographen von unseren vorbildlich 
großen Männern wenig Intimes, aber es kommt doch vor, daß 
einer ein Wahrheitsfanatiker ist wie EmileZola, und dann 
hören wir von ihm, an wieviel sonderbaren Zwangsgewohn- 
heiten er sein Leben über gelitten hat. 1 

Die Psychiatrie hat sich da die Auskunft geschaffen, von 
Degeneres superieurs zu sprechen. Schön — aber durch 
die Psychoanalyse haben wir die Erfahrung gemacht, daß man 
diese sonderbaren Zwangssymptome wie andere Leiden und wie 
bei anderen nicht degenerierten Menschen dauernd beseitigen 
kann. Mir selbst ist solches wiederholt gelungen. 

Ich will Ihnen nur zwei Beispiele von Analyse eines Zwangs- 
symptoms mitteilen, eines aus alter Beobachtung, das ich durch 
kein schöneres zu ersetzen weiß, und ein kürzlich gewonnenes. 
Ich beschränke mich auf eine so geringe Anzahl, weil man bei 
einer solchen Mitteilung sehr weitläufig werden, in alle Einzel- 
heiten eingehen muß. 

Eine nahe an 30 Jahre alte Dame, die an den schwersten 
Zwangserscheinungen litt, und der ich vielleicht geholfen hätte, 
wenn ein tückischer Zufall nicht meine Arbeit zunichte gemacht 

1) E. Toulouse, Emile Zola. Enquete m&üco-psychologique, 
Paris 1896. 



XVII) Der Sinn der Symptome 275 



hätte, — vielleicht erzähle ich Ihnen noch davon, — führte unter 
anderen folgende merkwürdige Zwangshandlung vielmals im 
Tage aus. Sie lief aus ihrem Zimmer in ein anderes nebenan, 
stellte sich dort an eine bestimmte Stelle bei dem in der Mitte 
stehenden Tisch hin, schellte ihrem Stubenmädchen, gab ihr 
einen gleichgültigen Auftrag oder entließ sie auch ohne solchen 
und lief dann wieder zurück. Das war nun gewiß kein schweres 
Leidenssymptom, aber es durfte doch die Wißbegierde reizen. Die 
Aufklärung ergab sich auch auf die unbedenklichste, einwand- 
freieste Weise unter Ausschluß jedes Beitrages von Seiten des 
Arztes. Ich weiß gar nicht, wie ich zu einer Vermutung über den 
Sinn dieser Zwangshandlung, zu einem Vorschlag ihrer Deu- 
tung hätte kommen können. So oft ich die Kranke gefragt hatte: 
Warum tun Sie das? Was hat das für einen Sinn? — hatte sie 
geantwortet: Ich weiß es nicht. Aber eines Tages, nachdem es 
mir gelungen war, ein großes prinzipielles Bedenken bei ihr nie- 
derzukämpfen, wurde sie plötzlich wissend und erzählte, was 
zur Zwangshandlung gehörte. Sie hatte vor mehr als zehn Jahren 
einen weitaus älteren Mann geheiratet, der sich in der Hoch- 
zeitsnacht impotent erwies. Er war ungezählte Male in dieser 
Nacht aus seinem Zimmer in ihres gelaufen, um den Versuch 
zu wiederholen, aber jedesmal erfolglos. Am Morgen sagte er 
ärgerlich: Da muß man sich ja vor dem Stubenmädchen 
schämen, wenn sie das Bett macht, ergriff eine Flasche roter 
Tinte, die zufällig im Zimmer war, und goß ihren Inhalt aufs 
Bettuch, aber nicht gerade auf eine Stelle, die ein Anrecht auf 
einen solchen Fleck gehabt hätte. Ich verstand anfangs nicht, 
was diese Erinnerung mit der fraglichen Zwangshandlung zu 
tun haben sollte, da ich nur in dem wiederholten Aus-einem- 
Zimmer-in-das-andere-Laufen eine Übereinstimmung fand und 
etwa noch im Auftreten des Stubenmädchens. Da führte mich die 
Patientin zu dem Tisch im zweiten Zimmer hin und ließ mich 
auf dessen Decke einen großen Fleck entdecken. Sie erklärte 



276 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



auch, sie stelle sich so zum Tisch hin, daß das zu ihr gerufene 
Mädchen den Fleck nicht übersehen könne. Nun war an der in- 
timen Beziehung zwischen jener Szene nach der Brautnacht und 
ihrer heutigen Zwangshandlung nicht mehr zu zweifeln, aber 
auch noch allerlei daran zu lernen. 

Vor allem wird es klar, daß sich die Patientin mit ihrem 
Mann identifiziert; sie spielt ihn ja, indem sie sein Laufen aus 
einem Zimmer ins andere nachahmt. Dann müssen wir, um in 
der Gleichstellung zu bleiben, wohl zugeben, daß sie das Bett 
und Bettuch durch den Tisch und die Tischdecke ersetzt. Das 
schiene willkürlich, aber wir sollen nicht ohne Nutzen Traum- 
symbolik studiert haben. Im Traum wird gleichfalls sehr häufig 
ein Tisch gesehen, der aber als Bett zu deuten ist. Tisch und Bett 
machen mitsammen die Ehe aus, da steht dann leicht eines für 
das andere. 

Der Beweis, daß die Zwangshandlung sinnreich ist, wäre be- 
reits erbracht; sie scheint eine Darstellung, Wiederholung jener 
bedeutungsvollen Szene zu sein. Aber wir sind nicht genötigt, 
bei diesem Schein Halt zu machen; wenn wir die Beziehung 
zwischen den beiden eingehender untersuchen, werden wir 
wahrscheinlich Aufschluß über etwas Weitergehendes, über die 
Absicht der Zwangshandlung erhalten. Der Kern derselben ist 
offenbar das Herbeirufen des Stubenmädchens, dem sie den 
Fleck vor Augen führt, im Gegensatz zur Bemerkung ihres 

Mannes: Da müßte man sich vor dem Mädchen schämen. Er 

dessen Rolle sie agiert — schämt sich also nicht vor dem Mäd- 
chen, der Fleck ist demnach an der richtigen Stelle. Wir sehen 
also, sie hat die Szene nicht einfach wiederholt, sondern sie fort- 
gesetzt und dabei korrigiert, zum Richtigen gewendet. Damit 
korrigiert sie aber auch das andere, was in jener Nacht so pein- 
lich war und jene Auskunft mit der roten Tinte notwendig 
machte, die Impotenz. Die Zwangshandlung sagt also: Nein 
es ist nicht wahr, er hatte sich nicht vor dem Stubenmädchen zu 



XVII) Der Sinn der Symptome 277 



schämen, er war nicht impotent; sie stellt diesen Wunsch nach 
An eines Traumes in einer gegenwärtigen Handlung als erfüllt 
dar, sie dient der Tendenz, den Mann über sein damaliges Miß- 
geschick zu erheben. 

Dazu kommt alles andere, was ich Ihnen von dieser Frau er. 
zählen könnte; richtiger gesagt: alles, was wir sonst von ihr wis- 
sen, weist uns den Weg zu dieser Deutung der an sich unbe- 
greiflichen Zwangshandlung. Die Frau lebt seit Jahren von 
ihrem Mann getrennt und kämpft mit der Absicht, ihre Ehe ge- 
richtlich scheiden zu lassen. Es ist aber keine Rede, daß sie frei 
von ihm wäre; sie ist gezwungen, ihm treu zu bleiben, sie zieht 
sich von aller Welt zurück, um nicht in Versuchung zu geraten, 
sie entschuldigt und vergrößert sein Wesen in ihrer Phantasie. 
Ja, das tiefste Geheimnis ihrer Krankheit ist, daß sie durch diese 
ihren Mann vor übler Nachrede deckt, ihre örtliche Trennung 
von ihm rechtfertigt und ihm ein behagliches Sonderleben er- 
möglicht. So führt die Analyse einer harmlosen Zwangshand- 
lung auf geradem Wege zum innersten Kern eines Krankheits- 
falles, verrät uns aber gleichzeitig ein nicht unansehnliches Stück 
des Geheimnisses der Zwangsneurose überhaupt. Ich lasse Sie 
gern bei diesem Beispiel verweilen, denn es vereinigt Bedingun- 
gen, die man billigerweise nicht von allen Fällen fordern wird. 
Die Deutung des Symptoms wurde hier von der Kranken mit 
einem Schlage gefunden ohne Anleitung oder Einmengung des 
Analytikers, und sie erfolgte durch die Beziehung auf ein Erleb- 
nis, welches nicht, wie sonst, einer vergessenen Kindheitsperiode 
angehört hatte, sondern im reifen Leben der Kranken vorgefal- 
len und unverlöscht in ihrer Erinnerung geblieben war. Alle die 
Einwendungen, welche die Kritik sonst gegen unsere Symptom- 
deutungen vorzubringen pflegt, gleiten von diesem Einzelfalle 
ab. So gut können wir es freilich nicht immer haben. 

Und noch eines! Ist es Ihnen nicht aufgefallen, wie uns diese 
unscheinbare Zwangshandlung in die Intimitäten der Patien- 



278 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

tin eingeführt hat? Eine Frau hat nicht viel Intimeres zu erzäh- 
len als die Geschichte ihrer Hochzeitsnacht, und daß wir ge- 
rade auf Intimitäten des Geschlechtslebens gekommen sind, 
sollte das zufällig und ohne weiteren Belang sein? Es könnte 
freilich die Folge der Auswahl sein, die ich diesmal getroffen 
habe. Urteilen wir nicht zu rasch und wenden wir uns dem zwei- 
ten Beispiel zu, welches von ganz anderer Art ist, ein Muster 
einer häufig vorkommenden Gattung, nämlich ein Schlafzere- 
moniell. 

Ein 19] ähriges, üppiges, begabtes Mädchen, das einzige Kind 
seiner Eltern, denen es an Bildung und intellektueller Regsam- 
keit überlegen ist, war als Kind wild und übermütig und hat sich 
im Laufe der letzten Jahre ohne sichtbare äußere Einwirkung zu 
einer Nervösen umgewandelt. Sie ist besonders gegen ihre Mut- 
ter sehr reizbar, immer unzufrieden, deprimiert, neigt zur Un- 
entschlossenheit und zum Zweifel und macht endlich das Ge- 
ständnis, daß sie a*uf Plätzen und in größeren Straßen nicht 
mehr allein gehen kann. Wir werden uns mit ihrem kompli- 
zierten Krankheitszustand, der zum mindesten zwei Diagnosen 
erheischt, die einer Agoraphobie und einer Zwangsneurose, nicht 
viel abgeben, sondern nur dabei verweilen, daß dieses Mädchen 
auch ein Schlafzeremoniell entwickelt hat, unter dem sie ihre 
Eltern leiden läßt. Man kann sagen, in gewissem Sinne hat jeder 
Normale sein Schlafzeremoniell oder er hält auf die Herstellung 

o 

von gewissen Bedingungen, deren Nichterfüllung ihn am Ein- 
schlafen stört; er hat den Übergang aus dem Wachleben in den 
Schlafzustand in gewisse Formen gebracht, die er allabendlich 
in gleicher Weise wiederholt. Aber alles, was der Gesunde an 
Schlafbedingung fordert, läßt sich rationell verstehen, und wenn 
die äußeren Umstände eine Änderung notwendig machen, so 
fügt er sich leicht und ohne Zeitaufwand. Das pathologische 
Zeremoniell ist aber unnachgiebig, es weiß sich mit den größten 
Opfern durchzusetzen, es deckt sich gleichfalls mit einer ratio- 



XVII) Der Sinn der Symptome 279 

nellen Begründung und scheint sich bei oberflächlicher Betrach- 
tung nur durch eine gewisse übertriebene Sorgfalt vom Nor- 
malen zu entfernen. Sieht man aber näher zu, so kann man be- 
merken, daß die Decke zu kurz ist, daß das Zeremoniell Be- 
stimmungen umfaßt, die weit über die rationelle Begründung 
hinausgehen, und andere, die ihr direkt widersprechen. Unsere 
Patientin schützt als Motiv ihrer nächtlichen Vorsichten vor, 
daß sie zum Schlafen Ruhe braucht und alle Quellen des Ge- 
räusches ausschließen muß. In dieser Absicht tut sie zweierlei: 
Die große Uhr in ihrem Zimmer wird zum Stehen gebracht, 
alle anderen Uhren aus dem Zimmer entfernt, nicht einmal ihre 
winzige Armbanduhr wird im Nachtkästchen geduldet. Blumen- 
töpfe und Vasen werden auf dem Schreibtische so zusammenge- 
stellt, daß sie nicht zur Nachtzeit herunterfallen, zerbrechen und 
sie im Schlafe stören können. Sie weiß, daß diese Maßregeln 
durch das Gebot der Ruhe nur eine scheinbare Rechtfertigung 
finden können; die kleine Uhr würde man nicht ticken hören, 
auch wenn sie auf dem Nachtkästchen liegen bliebe, und wir 
haben alle die Erfahrung gemacht, daß das regelmäßige Ticken 
einer Pendeluhr niemals eine Schlafstörung macht, sondern eher 
einschläfernd wirkt. Sie gibt auch zu, daß die Befürchtung, Blu- 
mentöpfe und Vasen könnten, an ihrem Platze gelassen, zur 
Nachtzeit von selbst herunterfallen und zerbrechen, jeder 
Wahrscheinlichkeit entbehrt. Für andere Bestimmungen des 
Zeremoniells wird die Anlehnung an das Ruhegebot fallen ge- 
lassen. Ja, die Forderung, daß die Türe zwischen ihrem Zimmer 
und dem Schlafzimmer der Eltern halb offen bleibe, deren Er- 
füllung sie dadurch sichert, daß sie verschiedene Gegenstände 
in die geöffnete Türe rückt, scheint im Gegenteil eine Quelle 
von störenden Geräuschen zu aktivieren. Die wichtigsten Be- 
stimmungen beziehen sich aber auf das Bett selbst. Das Polster 
am Kopfende des Bettes darf die Holzwand des Bettes nicht be- 
rühren. Das kleine Kopfpolsterchen darf auf diesem großen 



280 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Polster nicht anders liegen, als indem es eine Raute bildet; ihren 
Kopf legt sie dann genau in den Längsdurchmesser der Raute. 
Die Federdecke („Duchent", wie wir in Österreich sagen) muß 
vor dem Zudecken so geschüttelt werden, daß ihr Fußende ganz 
dick wird, dann aber versäumt sie es nicht, diese Anhäufung 
durch Zerdrücken wieder zu verteilen. 

Lassen Sie mich die anderen, oft sehr kleinlichen Einzelheiten 
dieses Zeremoniells übergehen; sie würden uns nichts Neues 
lehren und zu weit von unseren Absichten abführen. Aber über- 
sehen Sie nicht, daß dies alles sich nicht so glatt vollzieht. Es ist 
immer die Sorge dabei, daß nicht alles ordentlich gemacht wor- 
den ist; es muß nachgeprüft, wiederholt werden, der Zweifel 
zeichnet bald die eine, bald die andere der Sicherungen aus, und 
der Erfolg ist, daß ein bis zwei Stunden hingebracht werden, 
während welcher das Mädchen selbst nicht schlafen kann und 
die eingeschüchterten Eltern nicht schlafen läßt. • 

Die Analyse dieser Quälereien ging nicht so einfach von stat- 
ten wie die der Zwangshandlung bei unserer früheren Patientin. 
Ich mußte dem Mädchen Andeutungen geben und Vorschläge 
zur Deutung machen, die von ihr jedesmal mit einem entschie- 
denen Nein abgelehnt oder mit geringschätzigem Zweifel auf- 
genommen wurden. Aber auf diese erste ablehnende Reaktion 
folgte eine Zeit, in welcher sie sich selbst mit den ihr vor- 
gelegten Möglichkeiten beschäftigte, Einfälle zu ihnen sam- 
melte, Erinnerungen produzierte, Zusammenhänge herstellte, bis 
sie alle Deutungen aus eigener Arbeit angenommen hatte. In 
dem Maße, als dies geschah, ließ sie auch in der Ausführung der 
Zwangsmaßregeln nach, und noch vor Ende der Behandlung 
hatte sie auf das gesamte Zeremoniell verzichtet. Sie müssen auch 
wissen, daß die analytische Arbeit, wie wir sie heute ausführen, 
die konsequente Bearbeitung des einzelnen Symptoms, bis 
man mit dessen Aufhellung zu Ende gekommen ist, geradezu 
ausschließt. Man ist vielmehr genötigt, das eine Thema immer 



XVII) Der Sinn der Symptome 281 



wieder zu verlassen, und ist sicher, von anderen Zusammenhän- 
gen her von neuem darauf zurückzukommen. Die Symptomdeu- 
tung, die ich Ihnen jetzt mitteilen werde, ist also eine Synthese 
von Ergebnissen, deren Förderung sich, von anderen Arbeiten 
unterbrochen, über die Zeit von Wochen und Monaten erstreckt. 
Unsere Patientin lernt allmählich verstehen, daß sie die Uhr 
als Symbol des weiblichen Genitales aus ihren Zurüstungen für 
die Nacht verbannt hatte. Die Uhr, für die wir sonst auch andere 
Symboldeutungen kennen, gelangt zu dieser genitalen Rolle 
durch ihre Beziehung zu periodischen Vorgängen und gleichen 
Intervallen. Eine Frau kann etwa von sich rühmen, ihre Men- 
struation benehme sich so regelmäßig wie ein Uhrwerk. Die 
Angst unserer Patientin richtete sich aber besonders dagegen, 
durch das Ticken der Uhr im Schlaf gestört zu werden. Das 
Ticken der Uhr ist dem Klopfen der Klitoris bei sexueller Er- 
regung gleichzusetzen. Durch diese ihr nun peinliche Empfin- 
dung war sie in der Tat wiederholt aus dem Schlafe geweckt 
worden, und jetzt äußerte sich diese Erektionsangst in dem Ge- 
bot, welches gehende Uhren zur Nachtzeit aus ihrer Nähe ent- 
fernen hieß. Blumentöpfe und Vasen sind wie alle Gefäße 
gleichfalls weibliche Symbole. Die Vorsicht, daß sie nicht zur 
Nachtzeit fallen und zerbrechen, entbehrt also nicht eines guten 
Sinnes. Wir kennen die vielverbreitete Sitte, daß bei Verlobun- 
gen ein Gefäß oder Teller zerschlagen wird. Jeder der An- 
wesenden eignet sich ein Bruchstück an, welches wir als Ablösung 
seiner Ansprüche an die Braut auf dem Standpunkt einer Ehe- 
ordnung vor der Monogamie auffassen dürfen. Zu diesem Stück 
ihres Zeremoniells brachte das Mädchen auch eine Erinnerung 
und mehrere Einfälle. Sie war einmal als Kind mit einem Glas- 
oder Tongefäß hingefallen, hatte sich in die Finger geschnitten 
und heftig geblutet. Als sie heranwuchs und von den Tatsachen 
des Sexualverkehrs Kenntnis bekam, stellte sich die ängstliche 
Idee bei ihr ein, sie werde in der Hochzeitsnacht nicht bluten 



282 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



und sich nicht als Jungfrau erweisen. Ihre Vorsichten gegen das 
Zerbrechen der Vasen bedeuten also eine Abweisung des ganzen 
Komplexes, der mit der Virginität und dem Bluten beim ersten 
Verkehr zusammenhängt, ebensowohl eine Abweisung der Angst 
zu bluten wie der entgegengesetzten, nicht zu bluten. Mit der 
Geräuschverhütung, welcher sie diese Maßnahmen unterordnete, 
hatten sie nur entfernt etwas zu tun. 

Den zentralen Sinn ihres Zeremoniells erriet sie eines Tages, 
als sie plötzlich die Vorschrift, das Polster dürfe die Bettwand 
nicht berühren, verstand. Das Polster sei ihr immer ein Weib ge- 
wesen, sagte sie, die aufrechte Holzwand ein Mann. Sie wollte 
also — auf magische Weise, dürfen wir einschalten — Mann 
und Weib auseinanderhalten, das heißt die Eltern voneinander 
trennen, nicht zum ehelichen Verkehr kommen lassen. Das- 
selbe Ziel hatte sie in früheren Jahren vor der Einrichtung des 
Zeremoniells auf direktere Weise zu erreichen gesucht. Sie hatte 
Angst simuliert oder eine vorhandene Angstneigung dahin aus- 
gebeutet, daß die Verbindungstüre zwischen dem Schlafzimmer 
der Eltern und dem Kinderzimmer nicht geschlossen werden 
dürfe. Dies Gebot war ja noch in ihrem heutigen Zeremoniell 
erhalten geblieben. Auf solche Art schaffte sie sich die Gelegen- 
heit, die Eltern zu belauschen, zog sich aber in der Ausnützung 
derselben einmal eine durch Monate anhaltende Schlaflosigkeit 
zu. Nicht zufrieden mit solcher Störung der Eltern setzte sie es 
dann zeitweise durch, daß sie im Ehebett selbst zwischen Vater 
und Mutter schlafen durfte. „Polster" und „Holzwand" konnten 
dann wirklich nicht zusammenkommen. Endlich, als sie schon 
so groß war, daß ihr Körperliches nicht mehr bequem im Bette 
zwischen den Eltern Platz rinden konnte, erreichte sie es durch 
bewußte Simulation von Angst, daß die Mutter den Schlafplatz 
mit ihr tauschte und ihr die eigene Stelle neben dem Vater ab- 
trat. Diese Situation war gewiß der Ausgang von Phantasien ge- 
worden, deren Nachwirkung man im Zeremoniell verspürt. 



XVII) Der Sinn der Symptome 283 



Wenn ein Polster ein Weib war, so hatte auch das Schütteln 
der Federdecke, bis alle Federn unten waren und dort eine An- 
schwellung hervorriefen, einen Sinn. Es hieß, das Weib schwan- 
ger machen; aber sie versäumte es nicht, die Schwangerschaft 
wieder wegzustreichen, denn sie harte Jahre hindurch unter der 
Furcht gestanden, der Verkehr der Eltern werde ein anderes 
Kind zur Folge haben und ihr so eine Konkurrenz bescheren. 
Anderseits, wenn das große Polster ein Weib, die Mutter, war, 
so konnte das kleine Kopfpolsterchen nur die Tochter vor- 
stellen. Warum mußte dieses Polster als Raute gelegt werden 
und ihr Kopf genau in die Mittellinie derselben kommen? 
Sie ließ sich leicht daran erinnern, daß die Raute die an allen 
Mauern wiederholte Rune des offenen weiblichen Genitales 
sei. Sie selbst spielte dann den Mann, den Vater, und ersetzte 
durch ihren Kopf das männliche Glied. (Vgl. Die Symbolik 
des Köpfens für Kastration.) 

Wüste Dinge, werden Sie sagen, die da in dem Kopf des 
jungfräulichen Mädchens spuken sollen. Ich gebe es zu, aber 
vergessen Sie nicht, ich habe diese Dinge nicht gemacht, son- 
dern bloß gedeutet. Solch ein Schlafzeremoniell ist auch etwas 
Sonderbares, und Sie werden die Entsprechung zwischen dem 
Zeremoniell und den Phantasien, die uns die Deutung ergibt, 
nicht verkennen dürfen. Wichtiger ist mir aber, daß Sie be- 
merken, es habe sich da nicht eine einzige Phantasie im Zere- 
moniell niedergeschlagen, sondern eine Anzahl von solchen, 
die allerdings irgendwo ihren Knotenpunkt haben. Auch daß 
die Vorschriften des Zeremoniells die sexuellen Wünsche bald 
positiv, bald negativ wiedergeben, zum Teil der Vertretung 
und zum Teil der Abwehr derselben dienen. 

Man könnte auch aus der Analyse dieses Zeremoniells mehr 
machen, wenn man es in die richtige Verknüpfung mit den 
anderen Symptomen der Kranken brächte. Aber unser Weg 
führt uns nicht dahin. Lassen Sie sich die Andeutung ge- 






284 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



nügen, daß dieses Mädchen einer erotischen Bindung an den 
Vater verfallen ist, deren Anfänge in frühe Kinder jähre zu- 
rückgehen. Vielleicht benimmt sie sich auch darum so un- 
freundlich gegen ihre Mutter. Wir können auch nicht über- 
sehen, daß uns die Analyse dieses Symptoms wiederum auf das 
Sexualleben der Kranken hingeführt hat. Vielleicht werden wir 
uns darüber um so weniger verwundern, je öfter wir in den Sinn 
und in die Absicht neurotischer Symptome Einsicht gewinnen. 
. So habe ich Ihnen denn an zwei ausgewählten Beispielen ge- 
zeigt, daß die neurotischen Symptome einen Sinn haben wie 
die Fehlleistungen und wie die Träume, und daß sie in in- 
timer Beziehung zum Erleben der Patienten stehen. Kann ich 
erwarten, daß Sie mir diesen überaus bedeutsamen Satz auf zwei 
Beispiele hin glauben? Nein. Aber können Sie von mir verlan- 
gen, daß ich Ihnen soviel weitere Beispiele erzähle, bis Sie sich 
für überzeugt erklären? Auch nicht, denn bei der Ausführ- 
lichkeit, mit der ich den einzelnen Fall behandle, müßte ich 
ein fünfstündiges Semestralkolleg der Erledigung dieses ein- 
zelnen Punktes der Neurosenlehre widmen. Ich bescheide mich 
also damit, Ihnen eine Probe für meine Behauptung gegeben 
zu haben, und verweise Sie im übrigen auf die Mitteilungen 
in der Literatur, auf die klassischen Symptomdeutungen im 
ersten Fall von B r e u e r (Hysterie), auf die frappanten Aufhel- 
lungen ganz dunkler Symptome bei der sogenannten Dementia 
praecox durch C G. J u n g aus der Zeit, da dieser Forscher bloß 
Psychoanalytiker war und noch nicht Prophet sein wollte, und auf 
alle die Arbeiten, die seither unsere Zeitschriften gefüllt haben. 
Wir haben gerade an solchen Untersuchungen keinen Mangel. 
Die Analyse, Deutung, Übersetzung der neurotischen Sym- 
ptome hat die Psychoanalytiker so angezogen, daß sie zunächst 
die anderen Probleme der Neurotik dagegen vernachlässigten. 
Wer von Ihnen sich einer solchen Bemühung unterzieht, der 
wird gewiß einen starken Eindruck von der Fülle des Beweis- 



XVII) Der Sinn der Symptome 285 



materials empfangen. Aber er wird auch auf eine Schwierigkeit 
stoßen. Der Sinn eines Symptoms liegt, wie wir erfahren haben, 
in einer Beziehung zum Erleben des Kranken. Je individueller 
das Symptom ausgebildet ist, desto eher dürfen wir erwarten, die- 
sen Zusammenhang herzustellen. Die Aufgabe stellt sich dann 
geradezu, für eine sinnlose Idee und eine zwecklose Handlung 
jene vergangene Situation aufzufinden, in welcher die Idee ge- 
rechtfertigt und die Handlung zweckentsprechend war. Die 
Zwangshandlung unserer Patientin, die zum Tisch lief und dem 
Stubenmädchen schellte, ist direkt vorbildlich für diese Art von 
Symptomen. Aber es gibt, und zwar sehr häufig, Symptome von 
ganz anderem Charakter. Man muß sie „typische" Symptome 
der Krankheit nennen, sie sind in allen Fällen ungefähr gleich, 
die individuellen Unterschiede verschwinden bei ihnen oder 
schrumpfen wenigstens so zusammen, daß es schwer fällt, sie 
mit dem individuellen Erleben der Kranken zusammenzubrin- 
gen und auf einzelne erlebte Situationen zu beziehen. Richten 
wir unseren Blick wiederum auf die Zwangsneurose. Schon das 
Schlafzimmerzeremoniell unserer zweiten Patientin hat viel Ty- 
pisches an sich, dabei allerdings genug individuelle Züge, um 
die sozusagen historische Deutung zu ermöglichen. Aber 
alle diese Zwangskranken haben die Neigung zu wiederholen, 
Verrichtungen zu rhythmieren und von anderen zu isolieren. Die 
meisten von ihnen waschen zu viel. Die Kranken, welche an 
Agoraphobie (Topophobie, Raumangst) leiden, was wir nicht 
mehr zur Zwangsneurose rechnen, sondern als Angsthysterie be- 
zeichnen, wiederholen in ihren Krankheitsbildern oft in ermüden- 
der Monotonie dieselben Züge, sie fürchten geschlossene Räume, 
große offene Plätze, lange sich hinziehende Straßen und Alleen. 
Sie halten sich für geschützt, wenn Bekannte sie begleiten oder 
wenn ein Wagen ihnen nachfährt usw. Auf diesem gleichartigen 
Untergrund tragen aber doch die einzelnen Kranken ihre indivi- 
duellen Bedingungen, Launen, möchte man sagen, auf, die ein- 



286 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



ander in den einzelnen Fällen direkt widersprechen. Der eine 
scheut nur enge Straßen, der andere nur weite, der eine kann 
nur gehen, wenn wenig, der andere, wenn viele Menschen auf 
der Straße sind. Ebenso hat die Hysterie bei allem Reichtum an 
individuellen Zügen einen Überfluß an gemeinsamen, typischen 
Symptomen, die einer leichten historischen Zurückfuhrung zu 
widerstreben scheinen. Vergessen wir nicht, es sind ja diese 
typischen Symptome, nach denen wir uns für die Stellung der 
Diagnose orientieren. Haben wir nun wirklich in einem Falle 
von Hysterie ein typisches Symptom auf ein Erlebnis oder auf eine 
Kette von ähnlichen Erlebnissen zurückgeführt, z. B. ein hyste- 
risches Erbrechen auf eine Folge von Ekeleindrücken, so werden 
wir irre, wenn uns die Analyse in einem anderen Fall von Er- 
brechen eine durchaus andersartige Reihe von angeblich wirk- 
samen Erlebnissen aufdeckt. Es sieht dann bald so aus, als müß- 
ten die Hysterischen aus unbekannten Gründen Erbrechen äußern, 
und die von der Analyse gelieferten historischen Anlässe seien 
nur Vorwände, die von dieser inneren Notwendigkeit verwendet 
werden, wenn sie sich zufällig ergeben. 

So kommen wir bald zur betrübenden Einsicht, daß wir zwar 
den Sinn der individuellen neurotischen Symptome durch die 
Beziehung zum Erleben befriedigend aufklären können, daß uns 
aber unsere Kunst für die weit häufigeren typischen Symptome 
derselben im Stiche läßt. Dazu kommt, daß ich Sie noch gar nicht 
mit allen Schwierigkeiten vertraut gemacht habe, die sich bei der 
konsequenten Verfolgung der historischen Symptomdeutung her- 
ausstellen. Ich will es auch nicht tun, denn ich habe zwar die 
Absicht, Ihnen nichts zu beschönigen oder zu verhehlen, aber ich 
darf Sie doch nicht zu Beginn unserer gemeinsamen Studien 
ratlos machen und in Verwirrung bringen. Es ist richtig, daß wir 
erst den Anfang zu einem Verständnis der Symptombedeutung 
gemacht haben, aber wir wollen an dem Gewonnenen festhalten 
und uns schrittweise zur Bewältigung des noch Unverstandenen 






XVII) Der Sinn der Symptome 287 



durchringen. Ich versuche es also, Sie mit der Überlegung zu 
trösten, daß eine fundamentale Verschiedenheit zwischen der 
einen und der anderen Art von Symptomen doch kaum anzu- 
nehmen ist. Hängen die individuellen Symptome so unverkenn- 
bar vom Erleben des Kranken ab, so bleibt für die typischen 
Symptome die Möglichkeit, daß sie auf ein Erleben zurückgehen, 
das an sich typisch, allen Menschen gemeinsam ist. Andere in 
der Neurose regelmäßig wiederkehrende Züge mögen allge- 
meine Reaktionen sein, welche den Kranken durch die Natur 
der krankhaften Veränderung aufgezwungen werden, wie das 
Wiederholen oder das Zweifeln der Zwangsneurose. Kurz, wir 
haben keinen Grund zürn vorzeitigen Verzagen; wir werden ja 
sehen, was sich weiter ergibt. 

Vor einer ganz ähnlichen Schwierigkeit stehen wir auch in der 
Traumlehre. Ich konnte sie in unseren früheren Besprechungen 
über den Traum nicht behandeln. Der manifeste Inhalt der 
Träume ist ja ein höchst mannigfaltiger und individuell ver. 
schiedener, und wir haben ausführlich gezeigt, was man aus die- 
sem Inhalt durch die Analyse gewinnt. Aber daneben gibt es 
Träume, die man gleichfalls „typische" heißt, die bei allen Men- 
schen in gleicher Weise vorkommen, Träume von gleichför- 
migem Inhalt, welche der Deutung dieselben Schwierigkeiten 
entgegensetzen. Es sind dies die Träume vom Fallen, Fliegen, 
Schweben, Schwimmen, Gehemmtsein, vom Nacktsein und an- 
dere gewisse Angstträume, die uns bald diese, bald jene Deu- 
tung bei einzelnen Personen ergeben, ohne daß die Monotonie 
und das typische Vorkommen derselben dabei seine Aufklärung 
fände. Auch bei diesen Träumen beobachten wir aber, daß ein 
gemeinsamer Untergrund durch individuell wechselnde Zu- 
taten belebt wird, und wahrscheinlich werden auch sie sich in 
das Verständnis des Traumlebens, das wir an den anderen Träu- 
men gewonnen haben, ohne Zwang, aber unter Erweiterung 
unserer Einsichten einfügen lassen. 






288 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

XVm. VORLESUNG 

DIE FIXIERUNG AN DAS TRAUMA 
DAS UNBEWUSSTE 

Meine Damen und Herren! Ich sagte das letztemal, wir woll- 
ten die Fortsetzung unserer Arbeit nicht an unsere Zweifel, son- 
dern an unsere Funde anknüpfen. Zwei der interessantesten 
Folgerungen, die sich aus den zwei vorbildlichen Analysen ab- 
leiten, haben wir überhaupt noch nicht ausgesprochen. 

Fürs erste: Beide Patienten machen uns den Eindruck, als 
wären sie an ein bestimmtes Stück ihrer Vergangenheit fixiert, 
verständen nicht davon freizukommen, und seien deshalb der 
Gegenwart und der Zukunft entfremdet. Sie stecken nun in 
ihrer Krankheit, wie man sich in früheren Zeiten in ein Kloster 
zurückzuziehen pflegte, um dort ein schweres Lebensschicksal 
auszutragen. Für unsere erste Patientin ist es die in Wirklich- 
keit aufgegebene Ehe mit ihrem Manne, die ihr dieses Verhäng- 
nis bereitet hat. Durch ihre Symptome setzt sie den Prozeß mit 
ihrem Manne fort; wir haben jene Stimmen verstehen gelernt, 
die für ihn plädieren, die ihn entschuldigen, erhöhen, seinen Ver- 
lust beklagen. Obwohl sie jung und für andere Männer be- 
gehrenswert ist, hat sie alle realen und imaginären (magischen) 
Vorsichten ergriffen, um ihm die Treue zu bewahren. Sie zeigt 
sich nicht vor fremden Augen, vernachlässigt ihre Erscheinung, 
aber sie vermag es auch nicht, so bald von einem Sessel aufzu- 
stehen, auf dem sie gesessen ist, und sie verweigert es, ihren 
Namen zu unterschreiben, kann keinem ein Geschenk machen, 
mit der Motivierung, es dürfe niemand etwas von ihr haben. 

Bei unserer zweiten Patientin, dem jungen Mädchen, ist es 
eine erotische Bindung an den Vater, welche sich in den Jahren 
vor der Pubertät hergestellt hatte, die für ihr Leben dasselbe 
leistet. Sie hat auch für sich den Schluß gezogen, daß sie nicht 
heiraten kann, solange sie so krank ist. Wir dürfen vermuten, sie 



XVIII) Die Fixierung an das Trauma 289 



ist so krank geworden, um nicht heiraten zu müssen und um beim 
Vater zu bleiben. 

Wir dürfen die Frage nicht abweisen, wie, auf welchem Wege 
und kraft welcher Motive kommt man in eine so merkwürdige 
und so unvorteilhafte Einstellung zum Leben? Vorausgesetzt, 
daß dieses Verhalten ein allgemeiner Charakter der Neurose und 
nicht eine besondere Eigentümlichkeit dieser zwei Kranken ist. 
Es ist aber in der Tat ein allgemeiner, praktisch sehr bedeutsamer 
Zug einer jeden Neurose. Die erste hysterische Patientin von 
Breuer war in ähnlicher Weise an die Zeit fixiert, da sie 
ihren schwer erkrankten Vater pflegte. Sie hat trotz ihrer Her- 
Stellung seither in gewisser Hinsicht mit dem Leben abgeschlos- 
sen, sie ist zwar gesund und leistungsfähig geblieben, ist aber 
dem normalen Frauenschicksal ausgewichen. Bei jedem unserer 
Kranken können wir durch die Analyse ersehen, daß er sich in 
seinen Krankheitssymptomen und durch die Folgerungen aus 
ihnen in eine gewisse Periode seiner Vergangenheit zurückver- 
setzt hat. In der Überzahl der Fälle hat er sogar eine sehr frühe 
Lebensphase dazu gewählt, eine Zeit seiner Kindheit, ja so 
lächerlich es klingen mag, selbst seiner Säuglingsexistenz. 

Die nächste Analogie zu diesem Verhalten unserer Nervösen 
bieten Erkrankungen, wie sie gerade jetzt der Krieg in beson- 
derer Häufigkeit entstehen läßt, die sogenannten traumatischen 
Neurosen. Es hat solche Fälle nach Eisenbahnzusammenstößen 
und anderen schreckhaften Lebensgefahren natürlich auch vor 
dem Krieg gegeben. Die traumatischen Neurosen sind im 
Grunde nicht dasselbe wie die spontanen Neurosen, die wir ana- 
lytisch zu untersuchen und zu behandeln pflegen; es ist uns auch 
noch nicht gelungen, sie unseren Gesichtspunkten zu unterwer- 
fen, und ich hoffe, Ihnen einmal klarmachen zu können, woran 
diese Einschränkung liegt. Aber in dem einen Punkt dürfen wir 
eine völlige Übereinstimmung hervorheben. Die traumatischen 
Neurosen geben deutliche Anzeichen dafür, daß ihnen eine Fixie- 

*9 



290 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 

rung an den Moment des traumatischen Unfalles zugrunde liegt. 
In ihren Träumen wiederholen diese Kranken regelmäßig die 
traumatische Situation; wo hysteriforme Anfälle vorkommen, die 
eine Analyse zulassen, erfährt man, daß der Anfall einer vollen 
Versetzung in diese Situation entspricht. Es ist so, als ob diese 
Kranken mit der traumatischen Situation nicht fertig geworden 
wären, als ob diese noch als unbezwungene aktuelle Aufgabe vor 
ihnen stände, und wir nehmen diese Auffassung in allem Ernst 
an; sie zeigt uns den Weg zu einer, heißen wir es ökono- 
mischen Betrachtung der seelischen Vorgänge. Ja, der Aus- 
druck tramatisch hat keinen anderen als einen solchen ökono- 
mischen Sinn. Wir nennen so ein Erlebnis, welches dem Seelen- 
leben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reizzuwachs bringt, 
daß die Erledigung oder Aufarbeitung desselben in normal- 
gewohnter Weise mißglückt, woraus dauernde Störungen im 
Energiebetrieb resultieren müssen. 

Diese Analogie muß uns dazu verlocken, auch jene Erlebnisse, 
an welche unsere Nervösen fixiert erscheinen, als traumatische 
zu bezeichnen. Auf solche Weise würde uns eine einfache Be- 
dingung für die neurotische Erkrankung verheißen werden. Die 
Neurose wäre einer traumatischen Erkrankung gleichzusetzen und 
entstünde durch die Unfähigkeit, ein überstark affektbetontes Er- 
lebnis zu erledigen. So lautete auch wirklich die erste Formel, in 
welcher Breuer und ich 1893/95 theoretische Rechenschaft 
von unseren neuen Beobachtungen ablegten . Ein Fall wie der 
unserer ersten Patientin, der jungen, von ihrem Mann getrenn- 
ten Frau, unterwirft sich dieser Auffassung sehr gut. Sie hat die 
Undurchführbarkeit ihrer Ehe nicht verwunden und ist an die- 
sem Trauma hängen geblieben. Aber schon unser zweiter Fall, 
das an ihren Vater fixierte Mädchen zeigt uns, daß die Formel 
nicht umfassend genug ist. Einerseits ist eine solche Kleinmäd- 
chenverliebtheit in den Vater etwas so Gewöhnliches und so 
häufig Überwundenes, daß die Bezeichnung „traumatisch" allen 



XVlll) Die Fixierung an das Trauma 291 

Gehalt verlieren würde, anderseits lehrt uns die Geschichte der 
Kranken, daß diese erste erotische Fixierung zunächst anscheinend 
schadlos vorüberging und erst mehrere Jahre später in den Sym- 
ptomen der Zwangsneurose wieder zum Vorschein kam. Wir 
sehen da also Komplikationen, eine größere Reichhaltigkeit der 
Erkrankungsbedingungen voraus, aber wir ahnen auch, der trau- 
matische Gesichtspunkt wird nicht etwa als irrig aufzugeben sein; 
er wird sich anderswo einfügen und unterordnen müssen. 

Wir brechen hier wieder den Weg ab, den wir eingeschlagen 
haben. Er führt zunächst nicht weiter, und wir haben allerlei 
anderes zu erfahren, ehe wir seine richtige Fortsetzung finden 
können. Bemerken wir noch zum Thema der Fixierung an eine 
bestimmte Phase der Vergangenheit, daß ein solches Vorkommen 
weit über die Neurose hinausgeht. Jede Neurose enthält eine 
solche Fixierung, aber nicht jede Fixierung führt zur Neurose, 
fällt mit Neurose zusammen oder stellt sich auf dem Wege der 
Neurose her. Ein Mustervorbild einer affektiven Fixierung an 
etwas Vergangenes ist die Trauer, die selbst die vollste Abwen- 
dung von Gegenwart und Zukunft mit sich bringt. Aber die 
Trauer scheidet sich selbst für das Laienurteil scharf von der Neu- 
rose. Dagegen gibt es Neurosen, die man als eine pathologische 
Form der Trauer bezeichnen kann. 

Es kommt auch vor, daß Menschen durch ein traumatisches, 
die bisherigen Grundlagen ihres Lebens erschütterndes Ereignis 
so zum Stillstand gebracht werden, daß sie jedes Interesse für 
Gegenwart und Zukunft aufgeben und dauernd in der seelischen 
Beschäftigung mit der Vergangenheit verharren, aber diese Un- 
glücklichen brauchen dabei nicht neurotisch zu werden. Wir 
wollen also diesen einen Zug für d.e Charakteristik der Neurose 
nicht überschätzen, so regelmäßig und so bedeutsam er sonst 
sein mag. 

Nun aber zum zweiten Ergebnis unserer Analysen, für welches 
wir eine nachträgliche Einschränkung nicht zu besorgen haben. 



292 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Wir haben von unserer ersten Patientin mitgeteilt, welche sinn. 
lose Zwangshandlung sie ausführte und welche intime Lebens, 
erinnerung sie als dazugehörig erzählte, haben auch später das 
Verhältnis zwischen den beiden untersucht und die Absicht der 
Zwangshandlung aus dieser Beziehung zur Erinnerung erraten. 
Aber ein Moment haben wir völlig beiseite gelassen, das unsere 
ganze Aufmerksamkeit verdient. Solange die Patientin auch die 
Zwangshandlung wiederholte, wußte sie nichts davon, daß sie 
mit ihr an jenes Erlebnis anknüpfte. Der Zusammenhang zwi- 
schen den beiden war ihr verborgen; sie mußte wahrheitsgemäß 
antworten, sie wisse nicht, unter welchen Antrieben sie dies tue. 
Dann traf es sich unter dem Einflüsse der Kurarbeit plötzlich 
einmal, daß sie jenen Zusammenhang auffand und mitteilen 
konnte. Aber noch immer wußte sie von der Absicht nichts, in 
deren Dienst sie die Zwangshandlung ausführte, der Absicht, ein 
peinliches Stück der Vergangenheit zu korrigieren und den von 
ihr geliebten Mann auf ein höheres Niveau zu stellen. Es dauerte 
ziemlich lange und kostete viel Mühe, bis sie begriffen und mir 
zugestanden hatte, daß ein solches Motiv allein die treibende 
Kraft der Zwangshandlung gewesen sein könnte. 

Der Zusammenhang mit der Szene nach der verunglückten 
Hochzeitsnacht und das zärtliche Motiv der Kranken ergeben 
mitsammen das, was wir den „Sinn" der Zwangshandlung ge- 
nannt haben. Aber dieser Sinn war ihr nach beiden Richtungen, 
dem „woher" wie dem „wozu" unbekannt gewesen, während sie 
die Zwangshandlung ausführte. Es hatten also seelische Vor. 
gänge in ihr gewirkt, die Zwangshandlung war eben deren 
Wirkung; sie hatte die Wirkung in normaler seelischer Verfas- 
sung wahrgenommen, aber nichts von den seelischen Vorbe- 
dingungen dieser Wirkung war zur Kenntnis ihres Bewußtseins 
gekommen. Sie hatte sich ganz ebenso benommen, wie ein Hyp- 
notisierter, dem B e r n h e i m den Auftrag erteilte, fünf Minu. 
ten nach seinem Erwachen im Krankensaal einen Regenschirm 



XVIII) Die Fixierung an das Trauma 293 

aufzuspannen, der diesen Auftrag im Wachen ausführte, aber 
kein Motiv für sein Tun anzugeben wußte. Einen solchen Sach- 
verhalt haben wir im Auge, wenn wir von der Existenz u n - 
bewußter seelischer Vorgänge reden. Wir dür- 
fen alle Welt herausfordern, von diesem Sachverhalt auf eine 
korrektere wissenschaftliche Art Rechenschaft zu geben, und wol- 
len dann gern auf die Annahme unbewußter seelischer Vorgänge 
verzichten. Bis dahin werden wir aber an dieser Annahme fest- 
halten und wir müssen es mit resignienem Achselzucken als un- 
begreiflich abweisen, wenn uns jemand einwenden will, das Un- 
bewußte sei hier nichts im Sinne der Wissenschaft Reales, ein 
Notbehelf, une \aqon de parier. Etwas nicht Reales, von dem so 
real greifbare Wirkungen ausgehen wie eine Zwangshandlung! 
Im Grunde das nämliche treffen wir bei unserer zweiten Pa- 
tientin an. Sie hat ein Gebot geschaffen, das Polster dürfe die 
Betrwand nicht berühren, und muß dieses Gebot befolgen, aber 
sie weiß nicht, woher es stammt, was es bedeutet und welchen 
Motiven es seine Macht verdankt. Ob sie es selbst als indifferent 
betrachtet oder sich dagegen sträubt, dagegen wütet, sich vor- 
nimmt, es zu übertreten, ist für seine Ausführung gleichgültig. 
Es muß befolgt werden, und sie fragt sich vergeblich, warum. 
Man muß doch bekennen, in diesen Symptomen der Zwangsneu- 
rose, diesen Vorstellungen und Impulsen, die auftauchen, man 
weiß nicht woher, sich so resistent gegen alle Einflüsse des sonst 
normalen Seelenlebens benehmen, den Kranken selbst den Ein- 
druck machen, als wären sie übergewaltige Gäste aus einer 
fremden Welt, Unsterbliche, die sich in das Gewühl der Sterb- 
lichen gemengt haben, ist wohl der deutlichste Hinweis auf einen 
besonderen, vom übrigen abgeschlossenen Bezirk des Seelen- 
lebens gegeben. Von ihnen aus führt ein nicht zu verfehlender 
Weg zur Überzeugung von der Existenz des Unbewußten in der 
Seele, und gerade darum weiß die klinische Psychiatrie, die nur 
eine Bewußtseinspsychologie kennt, mit ihnen nichts anderes an- 



294 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



zufangen, als daß sie sie für die Anzeichen einer besonderen De- 
generationsweise ausgibt. Natürlich sind die Zwangsvorstellun- 
gen und Zwangsimpulse nicht selbst unbewußt, so wenig wie 
die Ausführung der Zwangshandlungen der bewußten Wahr- 
nehmung entgeht. Sie wären nicht Symptome geworden, wenn 
sie nicht zum Bewußtsein durchgedrungen wären. Aber die psy- 
chischen Vorbedingungen, die wir durch die Analyse für sie er- 
schließen, die Zusammenhänge, in welche wir sie durch die Deu- 
tung einsetzen, sind unbewußte, wenigstens so lange, bis wir sie 
dem Kranken durch die Arbeit der Analyse zu bewußten ge- 
macht haben. 

Nun nehmen Sie hinzu, daß dieser bei unseren beiden Fällen 
festgestellte Sachverhalt sich bei allen Symptomen aller neuro- 
tischen Erkrankungen bestätigt, daß immer und überall der 
Sinn der Symptome dem Kranken unbekannt ist, daß die Ana- 
lyse regelmäßig zeigt, diese Symptome seien Abkömmlinge un- 
bewußter Vorgänge, die sich aber unter mannigfaltigen gün- 
stigen Bedingungen bewußt machen lassen, so werden Sie ver- 
stehen, daß wir in der Psychoanalyse das unbewußte Seelische 
nicht entbehren können und gewohnt sind, mit ihm wie mit 
etwas sinnlich Greifbarem zu operieren. Sie werden aber viel- 
leicht auch begreifen, wie wenig urteilsfähig in dieser Frage alle 
anderen sind, die das Unbewußte nur als Begriff kennen, die 
nie analysiert, nie Träume gedeutet oder neurotische Symptome 
in Sinn und Absicht umgesetzt haben. Um es für unsere Zwecke 
nochmals auszusprechen: Die Möglichkeit, den neurotischen 
Symptomen durch analytische Deutung einen Sinn zu geben, ist 
ein unerschütterlicher Beweis für die Existenz — oder, wenn Sie 
so lieber wollen, für die Notwendigkeit der Annahme — un- 
bewußter seelischer Vorgänge. 

Das ist aber nicht alles. Dank einer zweiten Entdeckung von 
Breuer, die mir sogar als die inhaltsreichere erscheint, und in 
welcher er keine Genossen hat, erfahren wir von der Beziehung 



XVIII) Die Fixierung an das Trauma 295 

zwischen dem Unbewußten und den neurotischen Symptomen 
noch mehr. Nicht nur, daß der Sinn der Symptome regelmäßig 
unbewußt ist; es besteht auch ein Verhältnis von Vertretung zwi- 
schen dieser Unbewußtheit und der Existenzmöglichkeit der 
Symptome. Sie werden mich bald verstehen. Ich will mit 
Breuer folgendes behaupten : Jedesmal, wenn wir auf ein 
Symptom stoßen, dürfen wir schließen, es bestehen bei dem 
Kranken bestimmte unbewußte Vorgänge, die eben den Sinn 
des Symptoms enthalten. Aber es ist auch erforderlich, daß die- 
ser Sinn unbewußt sei, damit das Symptom zustande komme. 
Aus bewußten Vorgängen werden Symptome nicht gebildet; so- 
wie die betreffenden unbewußten bewußt geworden sind, muß 
das Symptom verschwinden. Sie erkennen hier mit einem Male 
einen Zugang zur Therapie, einen Weg, Symptome zum Ver- 
schwinden zu bringen. Auf diesem Wege hat B r e u e r in der 
Tat seine hysterische Patientin hergestellt, das heißt von ihren 
Symptomen befreit; er fand eine Technik, ihr die unbewußten 
Vorgänge, die den Sinn des Symptoms enthielten, zum Bewußt- 
sein zu bringen, und die Symptome verschwanden. 

Diese Entdeckung von Breuer war nicht das Ergebnis einer 
Spekulation, sondern einer glücklichen, durch das Entgegen- 
kommen des Kranken ermöglichten Beobachtung. Sie sollen 
sich jetzt auch nicht damit quälen wollen, sie durch Zurückfüh- 
rung auf etwas anderes, bereits Bekanntes zu verstehen, sondern 
sollen eine neue fundamentale Tatsache in ihr erkennen, mit 
deren Hilfe vieles andere erklärlich werden wird. Gestatten 
Sie mir darum, daß ich Ihnen dasselbe in anderen Ausdrucks- 
weisen wiederhole. 

Die Symptombildung ist ein Ersatz für etwas anderes, was 
unterblieben ist. Gewisse seelische Vorgänge hätten sich nor- 
malerweise so weit entwickeln sollen, daß das Bewußtsein Kunde 
von ihnen erhielte. Das ist nicht geschehen, und dafür ist aus 
den unterbrochenen, irgendwie gestörten Vorgängen, die un- 



296 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

bewußt bleiben mußten, das Symptom hervorgegangen. Es ist 
also etwas wie eine Vertauschung vorgefallen; wenn es gelingt, 
diese rückgängig zu machen, hat die Therapie der neurotischen 
Symptome ihre Aufgabe gelöst. 

Der Breuer sehe Fund ist noch heute die Grundlage der 
psychoanalytischen Therapie. Der Satz, daß die Symptome ver- 
schwinden, wenn man ihre unbewußten Vorbedingungen bewußt 
gemacht hat, ist durch alle weitere Forschung bestätigt worden, 
obgleich man den merkwürdigsten und unerwartetsten Kompli- 
kationen begegnet, wenn man den Versuch seiner praktischen 
Durchführung unternimmt. Unsere Therapie wirkt dadurch, daß 
sie Unbewußtes in Bewußtes verwandelt, und wirkt nur, insoweit 
sie in die Lage kommt, diese Verwandlung durchzusetzen. 

Nun rasch eine kleine Abschweifung, damit Sie nicht in die 
Gefahr kommen, sich diese therapeutische Arbeit als zu leicht 
vorzustellen. Nach unseren bisherigen Ausführungen wäre ja die 
Neurose die Folge einer Art von Unwissenheit, des Nichtwis- 
sens um seelische Vorgänge, von denen man wissen sollte. Das 
würde eine starke Annäherung an bekannte sokratische Lehren 
sein, denen zufolge selbst die Laster auf einer Unwissenheit be- 
ruhen. Nun wird es dem in der Analyse erfahrenen Arzt in der 
Regel sehr leicht zu erraten, welche seelische Regungen bei dem 
einzelnen Kranken unbewußt geblieben sind. Es dürfte ihm also 
auch nicht schwer fallen, den Kranken herzustellen, indem er 
ihn durch Mitteilung seines Wissens von seiner eigenen Un- 
wissenheit befreit. Wenigstens der eine Anteil des unbewußten 
Sinnes der Symptome wäre auf diese Weise leicht erledigt, vom 
anderen, vom Zusammenhang der Symptome mit den Erlebnissen 
der Kranken kann der Arzt freilich nicht viel erraten, denn er 
kennt diese Erlebnisse nicht, er muß warten, bis der Kranke sie 
erinnert und ihm erzählt. Aber auch dafür ließe sich in manchen 
Fällen ein Ersatz finden. Man kann sich bei den Angehörigen 
des Kranken nach dessen Erlebnissen erkundigen, und diese wer- 



XVIII) Die Fixierung an das Trauma 297 



den häufig in der Lage sein, die traumatisch wirksamen unter 
ihnen zu erkennen, vielleicht sogar solche Erlebnisse mitzuteilen, 
von denen der Kranke nichts weiß, weil sie in sehr frühe Jahre 
seines Lebens gefallen sind. Durch eine Vereinigung dieser bei- 
den Verfahren hätte man also Aussicht, der pathogenen Un- 
wissenheit des Kranken in kurzer Zeit und mit geringer Mühe 

abzuhelfen. 

Ja, wenn das ginge! Wir haben da Erfahrungen gemacht, 
auf welche wir anfangs nicht vorbereitet waren. Wissen und 
Wissen ist nicht dasselbe; es gibt verschiedene Arten von Wis- 
sen, die psychologisch gar nicht gleichwertig sind. II y a fagots 
et fagots, heißt es einmal bei M o 1 i e r e. Das Wissen des Arztes 
ist nicht dasselbe wie das des Kranken und kann nicht dieselben 
Wirkungen äußern. Wenn der Arzt sein Wissen durch Mittei- 
lung auf den Kranken überträgt, so hat dies keinen Erfolg. Nein, 
es wäre unrichtig, es so zu sagen. Es hat nicht den Erfolg, die 
Symptome aufzuheben, sondern den anderen, die Analyse in 
Gang zu bringen, wovon Äußerungen des Widerspruches häufig 
die ersten Anzeichen sind. Der Kranke weiß dann etwas, was 
er bisher nicht gewußt hat, den Sinn seines Symptoms, und er 
weiß ihn doch ebensowenig wie vorhin. Wir erfahren so, es 
gibt mehr als eine Art von Unwissenheit. Es wird eine gewisse 
Vertiefung unserer psychologischen Kenntnisse dazugehören, um 
uns zu zeigen, worin die Unterschiede bestehen. Aber unser 
Satz, daß die Symptome mit dem Wissen um ihren Sinn vergehen, 
bleibt darum doch richtig. Es kommt nur dazu, daß das Wissen 
auf einer inneren Veränderung im Kranken beruhen muß, wie 
sie nur durch eine psychische Arbeit mit bestimmtem Ziel her- 
vorgerufen werden kann. Hier stehen wir vor Problemen, die 
sich uns bald zu einer Dynamik der Symptombildung zu- 
sammenfassen werden. 

Meine Herren! Ich muß jetzt die Frage aufwerfen, ist Ihnen 
das, was ich Ihnen sage, nicht zu dunkel und kompliziert? Ver- 



298 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wirre ich Sie nicht dadurch, daß ich so oft zurücknehme und 
einschränke, Gedankengänge anspinne und dann fallen lasse? Es 
sollte mir leid tun, wenn es so wäre. Ich habe aber eine starke 
Abneigung gegen Vereinfachungen auf Kosten der Wahrheits- 
treue, habe nichts dagegen, wenn Sie den vollen Eindruck von 
der Vielseitigkeit und Verwobenheit des Gegenstandes empfan- 
gen, und denke mir auch, es ist kein Schaden dabei, wenn ich 
Ihnen zu jedem Punkt mehr sage, als Sie augenblicklich ver- 
werten können. Ich weiß doch, daß jeder Hörer und Leser das 
ihm Dargebotene in Gedanken zurichtet, verkürzt, vereinfacht 
und herauszieht, was er behalten möchte. Bis zu einem gewissen 
Maß ist es wohl richtig, daß um so mehr übrig bleibt, je reich- 
licher vorhanden war. Lassen Sie mich hoffen, daß Sie das 
Wesentliche an meinen Mitteilungen, das über den Sinn der 
Symptome, über das Unbewußte und die Beziehung zwischen 
beiden, trotz alles Beiwerkes klar erfaßt haben. Sie haben wohl 
auch verstanden, daß unsere weitere Bemühung nach zwei Rich- 
tungen gehen wird, erstens um zu erfahren, wie Menschen er- 
kranken, zur Lebenseinstellung der Neurose gelangen können, 
was ein klinisches Problem ist, und zweitens, wie sich aus den 
Bedingungen der Neurose die krankhaften Symptome entwickeln, 
was ein Problem der seelischen Dynamik bleibt. Für die beiden 
Probleme muß es auch irgendwo einen Treffpunkt geben. 

Ich will auch heute nicht weiter gehen, aber da unsere Zeit noch 
nicht um ist, gedenke ich, Ihre Aufmerksamkeit auf einen ande- 
ren Charakter unserer beiden Analysen zu lenken, dessen volle 
Würdigung wiederum erst später erfolgen kann, auf die Erinne- 
rungslücken oder Amnesien. Sie haben gehört, daß man die 
Aufgabe der psychoanalytischen Behandlung in die Formel fas- 
sen kann, alles pathogene Unbewußte in Bewußtes umzusetzen. 
Nun werden Sie vielleicht erstaunt sein zu erfahren, daß man 
diese Formel auch durch die andere ersetzen kann, alle Erinne- 
rungslücken des Kranken auszufüllen, seine Amnesien aufzu- 



XVlll) Die Fixierung an das Trauma 299 



heben. Das käme auf dasselbe hinaus. Den Amnesien des Neu- 
rotikers wird also eine wichtige Beziehung zur Entstehung seiner 
Symptome zugeschrieben. Wenn Sie aber den Fall unserer ersten 
Analyse in Betracht ziehen, werden Sie diese Einschätzung der 
Amnesie nicht berechtigt finden. Die Kranke hat die Szene, 
an welche ihre Zwangshandlung anknüpft, nicht vergessen, im 
Gegenteil in lebhafter Erinnerung bewahrt, und etwas anderes 
Vergessenes ist bei der Entstehung dieses Symptoms auch nicht 
im Spiele. Minder deutlich, aber doch im ganzen analog ist die 
Sachlage bei unserer zweiten Patientin, dem Mädchen mit dem 
Zwangszeremoniell. Auch sie hat das Benehmen ihrer früheren 
Jahre, die Tatsachen, daß sie auf der Eröffnung der Türe zwischen 
dem Schlafzimmer der Eltern und ihrem eigenen bestand, und 
daß sie die Mutter aus ihrer Stelle im Ehebett vertrieb, eigentlich 
nicht vergessen; sie erinnert sich daran sehr deutlich, wenn auch 
zögernd und ungern. Als auffällig können wir nur betrachten, 
daß die erste Patientin, wenn sie ihre Zwangshandlung ungezählte 
Male ausführte, nicht e i n Mal an deren Ähnlichkeit mit dem Er- 
lebnis nach der Hochzeitsnacht gemahnt wurde, und daß sich 
diese Erinnerung auch nicht einstellte, als sie durch direkte Fra- 
gen zur Nachforschung über die Motivierung der Zwangshand, 
lung aufgefordert wurde. Dasselbe gilt für das Mädchen, bei 
dem das Zeremoniell und seine Anlässe überdies auf die näm- 
liche, allabendlich wiederholte Situation bezogen wird. In bei- 
den Fällen besteht keine eigentliche Amnesie, kein Erinnerungs- 
ausfall, aber es ist ein Zusammenhang unterbrochen, der die Re- 
produktion, das Wiederauftauchen in der Erinnerung, herbei- 
führen sollte. Eine derartige Störung des Gedächtnisses reicht 
für die Zwangsneurose hin, bei der Hysterie ist es anders. Diese 
letztere Neurose ist meist durch ganz großartige Amnesien aus- 
gezeichnet. In der Regel wird man bei der Analyse jedes ein- 
zelnen hysterischen Symptoms auf eine ganze Kette von Lebens- 
eindrücken geleiter, die bei ihrer Wiederkehr ausdrücklich als 



r 



300 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



bisher vergessen bezeichnet werden. Diese Kette reicht einerseits 
bis in die frühesten Lebensjahre zurück, so daß sich die hyste- 
rische Amnesie als unmittelbare Fortsetzung der infantilen Am- 
nesie erkennen läßt, die uns Normalen die Anfänge unseres 
Seelenlebens verdeckt. Anderseits erfahren wir mit Erstaunen, 
daß auch die jüngsten Erlebnisse der Kranken dem Vergessen 
verfallen sein können, und daß insbesondere die Anlässe, bei 
denen die Krankheit ausgebrochen oder verstärkt worden ist, von 
der Amnesie angenagt, wenn nicht ganz verschlungen worden 
sind. Regelmäßig sind aus dem Gesamtbild einer solchen rezen- 
ten Erinnerung wichtige Einzelheiten geschwunden oder durch 
Erinnerungsfälschungen ersetzt worden. Ja, es ereignet sich wie- 
derum fast regelmäßig, daß erst kurz vor dem Abschluß einer 
Analyse gewisse Erinnerungen an frisch Erlebtes auftauchen, 
die solange zurückgehalten werden konnten und fühlbare Lücken 
im Zusammenhange gelassen hatten. 

Solche Beeinträchtigungen des Erinnerungsvermögens sind, 
wie gesagt, für die Hysterie charakteristisch, bei welcher ja auch 
als Symptome Zustände auftreten (die hysterischen Anfälle), die 
in der Erinnerung keine Spur zu hinterlassen brauchen. Wenn 
es bei der Zwangsneurose anders ist, so mögen Sie daraus schlie- 
ßen, daß es sich bei diesen Amnesien um einen psychologischen 
Charakter der hysterischen Veränderung und nicht um einen all- 
gemeinen Zug der Neurosen überhaupt handelt. Die Bedeutung 
dieser Differenz wird durch folgende Betrachtung eingeschränkt 
werden. Wir haben als den „Sinn" eines Symptoms zweierlei zu- 
sammengefaßt, sein Woher und sein Wohin oder Wozu, das 
heißt die Eindrücke und Erlebnisse, von denen es ausgeht, und 
die Absichten, denen es dient. Das Woher eines Symptoms löst 
sich also in Eindrücke auf, die von außen gekommen sind, die 
notwendigerweise einmal bewußt waren und seither durch Ver- 
gessen unbewußt geworden sein mögen. Das Wozu des Sym- 
ptoms, seine Tendenz, ist aber jedesmal ein endopsychischer Vor- 






XVIII) Die Fixierung an das Trauma 301 



gang, der möglicherweise zuerst bewußt geworden ist, aber eben- 
sowohl niemals bewußt war und von jeher im Unbewußten ver- 
blieben ist. Es ist also nicht sehr wichtig, ob die Amnesie auch das 
Woher, die Erlebnisse, auf die sich das Symptom stützt, ergrif- 
fen hat, wie es bei der Hysterie geschieht; das Wohin, die Ten- 
denz des Symptoms, die von Anfang an unbewußt gewesen sein 
kann, ist es, die die Abhängigkeit desselben vom Unbewußten 
begründet, und zwar bei der Zwangsneurose nicht weniger fest 
als bei der Hysterie. 

Mit dieser Hervorhebung des Unbewußten im Seelenleben 
haben wir aber die bösesten Geister der Kritik gegen die Psycho- 
analyse aufgerufen. Wundern Sie sich darüber nicht und glauben 
Sie auch nicht, daß der Widerstand gegen uns nur an der be- 
greiflichen Schwierigkeit des Unbewußten oder an der relativen 
Unzugänglichkeit der Erfahrungen gelegen ist, die es erweisen. 
Ich meine, er kommt von tiefer her. Zwei große Kränkungen 
ihrer naiven Eigenliebe hat die Menschheit im Laufe der Zei- 
ten von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als sie er- 
fuhr, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, 
sondern ein winziges Teilchen eines in seiner Größe kaum vor- 
stellbaren Weltsystems. Sie knüpft sich für uns an den Namen 
Kopernikus, obwohl schon die alexandrinische Wissenschaft 
Ähnliches verkündet hatte. Die zweite dann, als die biologische 
Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen 
zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich 
und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies. 
Diese Umwertung hat sich in unseren Tagen unter dem Einfluß 
von Ch. Darwin, Wallace und ihren Vorgängern nicht 
ohne das heftigste Sträuben der Zeitgenossen vollzogen. Die 
dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche 
Größensucht durch die heutige psychologische Forschung er- 
fahren, welche dem Ich nachweisen will, daß es nicht einmal Herr 
ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten ange- 



302 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



wiesen bleibt von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben vor- 
geht. Auch diese Mahnung zur Einkehr haben wir Psychoana- 
lytiker nicht zuerst und nicht als die einzigen vorgetragen, aber 
es scheint uns beschieden, sie am eindringlichsten zu vertreten 
und durch Erfahrungsmaterial, das jedem einzelnen nahegeht, 
zu erhärten. Daher die allgemeine Auflehnung gegen unsere 
Wissenschaft, die Versäumnis aller Rücksichten akademischer 
Urbanität und die Entfesselung der Opposition von allen Zügeln 
unparteiischer Logik, und dazu kommt noch, daß wir den Frie- 
den dieser Welt noch auf andere Weise stören mußten, wie Sie 
bald hören werden. 



XIX. VORLESUNG 

WIDERSTAND UND VERDRÄNGUNG 

Meine Damen und Herren! Um im Verständnis der Neurosen 
weiter zu kommen, bedürfen wir neuer Erfahrungen, und wir 
machen deren zwei. Beide sehr merkwürdig und seinerzeit sehr 
überraschend. Sie sind freilich auf beide durch unsere vor- 
jährigen Besprechungen vorbereitet. 

Erstens: Wenn wir es unternehmen, einen Kranken herzustel- 
len, von seinen Leidenssymptomen zu befreien, so setzt er uns 
einen heftigen, zähen, über die ganze Dauer der Behandlung an- 
haltenden Widerstand entgegen. Das ist eine so sonderbare 
Tatsache, daß wir nicht viel Glauben für sie erwarten dürfen. 
Den Angehörigen des Kranken sagen wir am besten nichts da- 
von, denn diese meinen nie etwas anderes, als es sei eine Aus- 
rede von uns, um die lange Dauer oder den Mißerfolg unserer 
Behandlung zu entschuldigen. Auch der Kranke produziert alle 



XIX) Widerstand und Verdrängung 303 



Phänomene dieses Widerstandes, ohne ihn als solchen zu erken- 
nen, und es ist bereits ein großer Erfolg, wenn wir ihn dazu 
gebracht haben, sich in diese Auffassung zu finden und mit ihr 
zu rechnen. Denken Sie doch, der Kranke, der unter seinen 
Symptomen so leidet und seine Nächsten dabei mitleiden läßt, 
der so viele Opfer an Zeit, Geld, Mühe und Selbstüberwindung 
auf sich nehmen will, um von ihnen befreit zu werden, der sollte 
sich im Interesse seines Krankseins gegen seinen Helfer sträuben. 
Wie unwahrscheinlich muß diese Behauptung klingen! Und 
doch ist es so, und wenn man uns diese Unwahrscheinlichkeit vor- 
hält, so brauchen wir nur zu antworten, es sei nicht ohne seine 
Analogien, und jeder, der wegen unerträglicher Zahnschmerzen 
den Zahnarzt aufgesucht hat, sei diesem wohl in den Arm ge- 
fallen, wenn er sich dem kranken Zahn mit der Zange nähern 

wollte. 

Der Widerstand der Kranken ist sehr mannigfaltig, höchst 
raffiniert, oft schwer zu erkennen, wechselt proteusartig die Form 
seiner Erscheinung. Es heißt für den Arzt mißtrauisch sein und 
auf seiner Hut gegen ihn bleiben. Wir wenden ja in der psycho- 
analytischen Therapie die Technik an, die Ihnen von der Traum- 
deutung her bekannt ist. Wir legen es dem Kranken auf, sich in 
einen Zustand von ruhiger Selbstbeobachtung ohne Nachdenken 
zu versetzen und alles mitzuteilen, was er dabei an inneren Wahr- 
nehmungen machen kann: Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, in 
der Reihenfolge, in der sie in ihm auftauchen. Wir warnen ihn 
dabei ausdrücklich, irgendeinem Motiv nachzugeben, welches 
eine Auswahl oder Ausschließung unter den Einfällen erzielen 
möchte, möge es lauten, das ist zu unangenehm oder zu 
i n d i s k r e t , um es zu sagen, oder das ist zu u n w i c h t i g , 
es gehört nicht hierher, oder das ist u n s i n n i g , braucht nicht 
gesagt zu werden. Wir schärfen ihm ein, immer nur der Ober- 
fläche seines Bewußtseins zu folgen, jede wie immer geartete 
Kritik gegen das, was er findet, zu unterlassen, und vertrauen 



304 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

ihm an, daß der Erfolg der Behandlung, vor allem aber die 
Dauer derselben von der Gewissenhaftigkeit abhängt, mit der er 
diese technische Grundregel der Analyse befolgt. Wir wissen 
ja von der Technik der Traumdeutung, daß gerade solche Ein- 
fälle, gegen welche sich die aufgezählten Bedenken und Ein- 
wendungen erheben, regelmäßig das Material enthalten, wel- 
ches zur Aufdeckung des Unbewußten hinführt. 

Durch die Aufstellung dieser technischen Grundregel errei- 
chen wir zunächst, daß sie zum Angriffspunkt des Widerstandes 
wird. Der Kranke sucht sich ihren Bestimmungen auf jede Art 
zu entwinden. Bald behauptet er, es fiele ihm nichts ein, bald, 
es dränge sich ihm so vieles auf, daß er nichts zu erfassen ver- 
möge. Dann merken wir mit mißvergnügtem Erstaunen, daß er 
bald dieser, bald jener kritischen Einwendung nachgegeben hat; 
er verrät sich uns nämlich durch die langen Pausen, die er in sei- 
nen Reden eintreten läßt. Er gesteht dann zu, das könne er 
wirklich nicht sagen, er schäme sich, und läßt dieses Motiv 
gegen sein Versprechen gelten. Oder es sei ihm etwas eingefal- 
len, aber es betreffe eine andere Person als ihn selbst und sei 
darum von der Mitteilung ausgenommen. Oder, was ihm jetzt 
eingefallen, sei wirklich zu unwichtig, zu dumm und zu unsinnig; 
ich könne doch nicht gemeint haben, daß er auf solche Gedanken 
eingehen solle, und so geht es in unübersehbaren Variationen 
weiter, wogegen man zu erklären hat, daß alles sagen wirklich 
alles sagen bedeutet. 

Man trifft kaum auf einen Kranken, der nicht den Versuch 
machte, irgendein Gebiet für sich zu reservieren, um der Kur den 
Zutritt zu demselben zu verwehren. Einer, den ich zu den 
Höchstintelligenten zählen mußte, verschwieg so wochenlang 
eine intime Liebesbeziehung und verteidigte sich, wegen der Ver- 
letzung der heiligen Regel zur Rede gestellt, mit dem Argument, 
er habe geglaubt, diese eine Geschichte sei seine Privatsache. Na- 
türlich verträgt die analytische Kur ein solches Asylrecht nicht. 






XIX) Widerstand und Verdrängung 305 

Man versuche es etwa in einer Stadt wie Wien für einen Platz 
wie der Hohe Markt oder für die Stephanskirche die Ausnahme 
zuzulassen, daß dort keine Verhaftungen stattfinden dürfen, und 
mühe sich dann ab, einen bestimmten Missetäter einzufangen. 
Er wird an keiner anderen Stelle als an dem Asyl zu finden sein. 
Ich entschloß mich einmal, einem Mann, an dessen Leistungs- 
fähigkeit objektiv viel gelegen war, ein solches Ausnahmsrecht 
zuzugestehen, denn er stand unter einem Diensteid, der ihm ver- 
bot, von bestimmten Dingen einem anderen Mitteilung zu ma- 
chen. Er war allerdings mit dem Erfolg zufrieden, aber ich nicht; 
ich setzte mir vor, einen Versuch unter solchen Bedingungen 
nicht zu wiederholen. 

Zwangsneurotiker verstehen es ausgezeichnet, die technische 
Regel fast unbrauchbar zu machen, dadurch, daß sie ihre Über- 
gewissenhaftigkeit und ihren Zweifel auf sie einstellen. Angst- 
hysteriker bringen es gelegentlich zustande, sie ad absurdum zu 
führen, indem sie nur Einfälle produzieren, die so weit von dem 
Gesuchten entfernt sind, daß sie der Analyse keinen Ertrag brin- 
gen. Aber ich beabsichtige nicht, Sie in die Behandlung dieser 
technischen Schwierigkeiten einzuführen. Genug, es gelingt end- 
lich, durch Entschiedenheit und Beharrung dem Widerstand ein 
gewisses Ausmaß von Gehorsam gegen die technische Grund- 
regel abzuringen, und dann wirft er sich auf ein anderes Gebiet. 
Er tritt als intellektueller Widerstand auf, kämpft mit Argumen- 
ten, bemächtigt sich der Schwierigkeiten und Unwahrscheinlich- 
keiten, welche das normale, aber nicht unterrichtete Denken an 
den analytischen Lehren findet. Wir bekommen dann alle Kri- 
tiken und Einwendungen von dieser einzelnen Stimme zu hören, 
die uns in der wissenschaftlichen Literatur als Chorus umbrausen. 
Daher uns auch nichts unbekannt klingt, was man uns von drau- 
ßen zuruft. Es ist ein richtiger Sturm im Wasserglas. Doch der 
Patient läßt mit sich reden; er will uns gern dazu bewegen, daß 
wir ihn unterrichten, belehren, widerlegen, ihn zur Literatur 
20 



306 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

führen, an welcher er sich weiterbilden kann. Er ist gern bereit, 
ein Anhänger der Psychoanalyse zu werden, unter der Bedingung, 
daß die Analyse ihn persönlich verschont. Aber wir erkennen 
diese Wißbegierde als Widerstand, als Ablenkung von unseren 
speziellen Aufgaben, und weisen sie ab. Bei dem Zwangsneuro- 
tiker haben wir eine besondere Taktik des Widerstandes zu er- 
warten. Er läßt die Analyse oft ungehemmt ihren Weg machen, 
so daß sie eine immer zunehmende Helligkeit über die Rätsel 
des Krankheitsfalles verbreiten kann, aber wir wundern uns end- 
lich, daß dieser Aufklärung kein praktischer Fortschritt, keine 
Abschwächung der Symptome entspricht. Dann können wir ent- 
decken, daß der Widerstand sich auf den Zweifel der Zwangs- 
neurose zurückgezogen hat und uns in dieser Position erfolgreich 
die Spitze bietet. Der Kranke hat sich ungefähr gesagt: Das ist 
ja alles recht schön und interessant. Ich will es auch gern weiter 
verfolgen. Es würde meine Krankheit sehr ändern, wenn es 
wahr wäre. Aber ich glaube ja gar nicht, daß es wahr ist, und 
solange ich es nicht glaube, geht es meine Krankheit nichts an. 
So kann es lange fortgehen, bis man endlich an diese reservierte 
Stellung selbst herangekommen ist, und nun der entscheidende 
Kampf losbricht. 

Die intellektuellen Widerstände sind nicht die schlimmsten; 
man bleibt ihnen immer überlegen. Aber der Patient versteht es 
auch, indem er im Rahmen der Analyse bleibt, Widerstände her- 
zustellen., deren Überwindung zu den schwierigsten technischen 
Aufgaben gehört. Anstatt sich zu erinnern, wiederholt er aus 
seinem Leben solche Einstellungen und Gefühlsregungen, die 
sich mittels der sogenannten „Übertragung" zum Widerstand 
gegen Arzt und Kur \erwenden lassen. Er entnimmt dieses Ma- 
terial, wenn es ein Mann ist, in der Regel seinem Verhältnis zum 
Vater, an dessen Stelle er den Arzt treten läßt, und macht somit 
Widerstände aus seinem Bestreben nach Selbständigkeit der Per- 
son und des Urteiles, aus seinem Ehrgeiz, der sein erstes Ziel 



XIX) Widerstand und Verdrängung 307 

darin fand, es dem Vater gleichzutun oder ihn zu überwinden, 
aus seinem Unwillen, die Last der Dankbarkeit ein zweites Mal 
im Leben auf sich zu laden. Streckenweise empfängt man so den 
Eindruck, als hätte beim Kranken die Absicht, den Arzt ins Un- 
recht zu setzen, ihn seine Ohnmacht empfinden zu lassen, über ihn 
zu triumphieren, die bessere Absicht, der Krankheit ein Ende zu 
machen, völlig ersetzt. Die Frauen verstehen es meisterhaft, eine 
zärtliche, erotisch betonte Übertragung auf den Arzt für die 
Zwecke des Widerstandes auszubeuten. Bei einer gewissen Höhe 
dieser Zuneigung erlischt jedes Interesse für die aktuelle Situa- 
tion der Kur, jede der Verpflichtungen, die sie beim Eingehen in 
dieselbe auf sich genommen hatten, und die nie ausbleibende 
Eifersucht sowie die Erbitterung über die unvermeidliche, wenn 
auch schonend vorgebrachte Abweisung müssen dazu dienen, 
das persönliche Einvernehmen mit dem Arzt zu verderben und so 
eine der mächtigsten Triebkräfte der Analyse auszuschalten. 

Die Widerstände dieser Art dürfen nicht einseitig verurteilt 
werden. Sie enthalten so viel von dem wichtigsten Material aus 
der Vergangenheit des Kranken und bringen es in so überzeugen- 
der Art wieder, daß sie zu den besten Stützen der Analyse wer- 
den, wenn eine geschickte Technik es versteht, ihnen die richtige 
Wendung zu geben. Es bleibt nur bemerkenswert, daß dieses 
Material zunächst immer im Dienste des Widerstandes steht und 
seine der Behandlung feindselige Fassade voranstellt. Man kann 
auch sagen, es seien Charaktereigenschaften, Einstellungen des 
Ichs, welche zur Bekämpfung der angestrebten Veränderungen 
mobil gemacht werden. Man erfährt dabei, wie diese Charakter- 
eigenschaften im Zusammenhang mit den Bedingungen der 
Neurose und in der Reaktion gegen deren Ansprüche gebildet 
worden sind, und erkennt Züge dieses Charakters, die sonst nicht, 
oder nicht in diesem Ausmaße, hervortreten können, die man 
als latent bezeichnen kann. Sie sollen auch nicht den Eindruck 
gewinnen, als erblickten wir in dem Auftreten dieser Widerstände 



308 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



eine unvorhergesehene Gefährdung der analytischen Beeinflus- 
sung. Nein, wir wissen, daß diese Widerstände zum Vorschein 
kommen müssen; wir sind nur unzufrieden, wenn wir sie nicht 
deutlich genug hervorrufen und dem Kranken nicht klar machen 
können. Ja, wir verstehen endlich, daß die Überwindung dieser 
Widerstände die wesentliche Leistung der Analyse und jenes 
Stück der Arbeit ist, welches uns allein zusichert, daß wir etwas 
beim Kranken zustande gebracht haben. 

Nehmen Sie noch hinzu, daß der Kranke alle Zufälligkeiten, 
die sich während der Behandlung ergeben, im Sinne einer 
Störung ausnützt, jedes ablenkende Ereignis außerhalb, jede 
Äußerung einer der Analyse feindseligen Autorität in seinem 
Kreise, eine zufällige oder die Neurose komplizierende organische 
Erkrankung, ja daß er selbst jede Besserung seines Zustandes 
als Motiv für sein Nachlassen seiner Bemühung verwendet, so 
haben Sie ein ungefähres, noch immer nicht vollständiges Bild 
der Formen und der Mittel des Widerstandes gewonnen, unter 
dessen Bekämpfung jede Analyse verläuft. Ich habe diesem Punkt 
eine so ausführliche Behandlung geschenkt, weil ich Ihnen mit- 
zuteilen habe, daß diese unsere Erfahrung mit dem Widerstände 
der Neurotiker gegen die Beseitigung ihrer Symptome die 
Grundlage unserer dynamischen Auffassung der Neurosen ge- 
worden ist. Breuer und ich selbst haben ursprünglich die 
Psychotherapie mit dem Mittel der Hypnose betrieben; Breuers 
erste Patientin ist durchwegs im Zustande hypnotischer Beein- 
flussung behandelt worden; ich bin ihm zunächst darin gefolgt. 
Ich gestehe, die Arbeit ging damals leichter und angenehmer, 
auch in viel kürzerer Zeit, vor sich. Die Erfolge aber waren 
launenhaft und nicht andauernd; darum ließ ich endlich die 
Hypnose fallen. Und dann verstand ich, daß eine Einsicht in 
die Dynamik dieser Affektionen nicht möglich gewesen war, 
solange man sich der Hypnose bedient hatte. Dieser Zustand 
wußte gerade die Existenz des Widerstandes der Wahrnehmung 



XIX) Widerstand und Verdrängung 309 

des Arztes zu entziehen. Er schob ihn zurück, machte ein ge- 
wisses Gebiet für die analytische Arbeit frei und staute ihn an 
den Grenzen dieses Gebietes so auf, daß er undurchdringlich 
wurde, ähnlich wie es der Zweifel bei der Zwangsneurose tut. 
Darum durfte ich auch sagen, die eigentliche Psychoanalyse hat 
mit dem Verzicht auf die Hilfe der Hypnose eingesetzt. 

Wenn aber die Konstatierung des Widerstandes so bedeut- 
sam geworden ist, so dürfen wir wohl einem vorsichtigen Zweifel 
Raum geben, ob wir nicht allzu leichtfertig in der Annahme von 
Widerständen sind. Vielleicht gibt es wirklich neurotische Fälle, 
in denen die Assoziationen sich aus anderen Gründen versagen, 
vielleicht verdienen die Argumente gegen unsere Voraus- 
setzungen wirklich eine inhaltliche Würdigung und wir tun 
Unrecht daran, die intellektuelle Kritik der Analysierten so be- 
quem als Widerstand beiseite zu schieben. Ja, meine Herren, wir 
sind aber nicht leichthin zu diesem Urteil gekommen. Wir haben 
Gelegenheit gehabt, jeden solchen kritischen Patienten bei dem 
Auftauchen und nach dem Schwinden eines Widerstandes zu 
beobachten. Der Widerstand wechselt nämlich im Laufe einer Be- 
handlung beständig seine Intensität; er steigt immer an, wenn 
man sich einem neuen Thema nähert, ist am stärksten auf der 
Höhe der Bearbeitung desselben und sinkt mit der Erledigung 
des Themas wieder zusammen. Wir haben es auch niemals, wenn 
wir nicht besondere technische Ungeschicklichkeiten begangen 
haben, mit dem vollen Ausmaß des Widerstandes, den ein 
Patient leisten kann, zu tun. Wir konnten uns also überzeugen, 
daß derselbe Mann ungezählte Male im Laufe der Analyse seine 
kritische Einstellung wegwirft und wieder aufnimmt. Stehen 
wir davor, ein neues und ihm besonders peinliches Stück des un- 
bewußten Materials zum Bewußtsein zu fördern, so ist er aufs 
äußerste kritisch; hatte er früher vieles verstanden und ange- 
nommen, so sind diese Erwerbungen jetzt wie weggewischt; er 
kann in seinem Bestreben nach Opposition um jeden Preis völlig 



310 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

das Bild eines affektiv Schwachsinnigen ergeben. Ist es gelungen, 
ihm zur Überwindung dieses neuen Widerstandes zu verhelfen 
so bekommt er seine Einsicht und sein Verständnis wieder. Seine 
Kritik ist also keine selbständige, als solche zu respektierende 
Funktion, sie ist der Handlanger seiner affektiven Einstellungen 
und wird von seinem Widerstand dirigiert. Ist ihm etwas nicht 
recht, so kann er sich sehr scharfsinnig dagegen wehren und sehr 
kritisch erscheinen; paßt ihm aber etwas in seinen Kram, so kann 
er sich dagegen sehr leichtgläubig zeigen. Vielleicht sind wir 
alle nicht viel anders; der Analysierte zeigt diese Abhängigkeit 
des Intellekts vom Affektleben nur darum so deutlich, weil wir 
ihn in der Analyse in so große Bedrängnis bringen. 

Auf welche Weise tragen wir nun der Beobachtung Rechnung, 
daß sich der Kranke so energisch gegen die Abstellung seiner 
Symptome und die Herstellung eines normalen Ablaufes in seinen 
seelischen Vorgängen wehrt? Wir sagen uns, wir haben da starke 
Kräfte zu spüren bekommen, die sich einer Veränderung des 
Zustandes widersetzen; es müssen dieselben sein, die seinerzeit 
diesen Zustand erzwungen haben. Es muß bei der SymptombiL 
dung etwas vor sich gegangen sein, was wir nun aus unseren Er- 
fahrungen bei der Symptomlösung rekonstruieren können. Wir 
wissen schon aus der B r e u e r sehen Beobachtung, die Existenz 
des Symptoms hat zur Voraussetzung, daß irgendein seelischer 
Vorgang nicht in normaler Weise zu Ende geführt wurde, so 
daß er bewußt werden konnte. Das Symptom ist ein Ersatz für 
das, was da unterblieben ist. Nun wissen wir, an welche Stelle 
wir die vermutete Kraftwirkung zu versetzen haben. Es muß 
sich ein heftiges Sträuben dagegen erhoben haben, daß der 
fragliche seelische Vorgang bis zum Bewußtsein vordringe; er 
blieb darum unbewußt. Als Unbewußtes hatte er die Macht, ein 
Symptom zu bilden. Dasselbe Sträuben widersetzt sich während 
der analytischen Kur dem Bemühen, das Unbewußte ins Bewußte 
überzuführen, von neuem. Dies verspüren wir als Widerstand. 



XIX) Widerstand und Verdrängung 311 



Der pathogene Vorgang, der uns durch den Widerstand er- 
wiesen wird, soll den Namen Verdrängung erhalten. 

Über diesen Prozeß der Verdrängung müssen wir uns nun 
bestimmtere Vorstellungen machen. Er ist die Vorbedingung 
der Symptombildung, aber er ist auch etwas, wozu wir nichts 
Ähnliches kennen. Nehmen wir einen Impuls, einen seelischen 
Vorgang mit dem Bestreben, sich in eine Handlung umzusetzen, 
als Vorbild, so wissen wir, daß er einer Abweisung unterliegen 
kann, die wir Verwerfung oder Verurteilung heißen. Dabei 
wird ihm die Energie, über die er verfügt, entzogen, er wird 
machtlos, aber er kann als Erinnerung bestehen bleiben. Der 
ganze Vorgang der Entscheidung über ihn läuft unter dem 
Wissen des Ichs ab. Ganz anders, wenn wir uns denken, daß 
derselbe Impuls der Verdrängung unterworfen würde. Dann 
behielte er seine Energie und es würde keine Erinnerung an ihn 
übrig bleiben; auch würde sich der Vorgang der Verdrängung 
vom Ich unbemerkt vollziehen. Durch diese Vergleichung kom- 
men wir dem Wesen der Verdrängung also nicht näher. 

Ich will Ihnen auseinandersetzen, welche theoretischen Vor- 
stellungen sich allein brauchbar erwiesen haben, um den Be- 
griff der Verdrängung an eine bestimmtere Gestalt zu binden. 
Es ist vor allem dazu notwendig, daß wir von dem rein deskrip- 
tiven Sinn des Wortes „unbewußt" zum systematischen Sinn des- 
selben Wortes fortschreiten, das heißt wir entschließen uns zu 
sagen, die Bewußtheit oder Unbewußtheit eines psychischen 
Vorganges ist nur eine der Eigenschaften desselben und nicht 
notwendig eine unzweideutige. Wenn ein solcher Vorgang un- 
bewußt geblieben ist, so ist diese Abhaltung vom Bewußtsein 
vielleicht nur ein Anzeichen des Schicksals, das er erfahren hat, 
und nicht dieses Schicksal selbst. Um uns dieses Schicksal zu 
versinnlichen, nehmen wir an, daß jeder seelische Vorgang — 
es muß da eine später zu erwähnende Ausnahme zugegeben wer- 
den — zuerst in einem unbewußten Stadium oder Phase existiert 



312 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



und erst aus diesem in die bewußte Phase übergeht, etwa wie 
ein photographisches Bild zuerst ein Negativ ist und dann durch 
den Positivprozeß zum Bild wird. Nun muß aber nicht aus jedem 
Negativ ein Positiv werden, und ebensowenig ist es notwendig, 
daß jeder unbewußte Seelenvorgang sich in einen bewußten 
umwandle. Wir drücken uns mit Vorteil so aus, der einzelne 
Vorgang gehöre zuerst dem psychischen System des Unbewußten 
an und könne dann unter Umständen in das System des Be- 
wußten übertreten. 

Die roheste Vorstellung von diesen Systemen ist die für uns 
bequemste; es ist die räumliche. Wir setzen also das System 
des Unbewußten einem großen Vorraum gleich, in dem sich 
die seelischen Regungen wie Einzelwesen tummeln. An diesen 
Vorraum schließe sich ein zweiter, engerer, eine Art Salon, in 
welchem auch das Bewußtsein verweilt. Aber an der Schwelle 
zwischen beiden Räumlichkeiten walte ein Wächter seines Amtes 
der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie 
nicht in den Salon einläßt, wenn sie sein Mißfallen erregen. 
Sie sehen sofort ein, daß es nicht viel Unterschied macht, ob der 
Wächter eine einzelne Regung bereits von der Schwelle ab- 
weist, oder ob er sie wieder über sie hinausweist, nachdem sie 
in den Salon eingetreten ist. Es handelt sich dabei nur um den 
Grad seiner Wachsamkeit und um sein frühzeitiges Erkennen. 
Das Festhalten an diesem Bilde gestattet uns nun eine weitere 
Ausbildung unserer Nomenklatur. Die Regungen im Vorraum 
des Unbewußten sind dem Blick des Bewußtseins, das sich ja 
im anderen Raum befindet, entzogen; sie müssen zunächst un- 
bewußt bleiben. Wenn sie sich bereits zur Schwelle vorgedrängt 
haben und vom Wächter zurückgewiesen worden sind, dann 
sind sie bewußtseinsunfähig, wir heißen sie verdrängt. 
Aber auch die Regungen, welche der Wächter über die Schwelle 
gelassen, sind darum nicht notwendig auch bewußt geworden; 
sie können es bloß werden, wenn es ihnen gelingt, die Blicke 



XIX) Widerstand und Verdrängung 313 



des Bewußtseins auf sich zu ziehen. Wir heißen dämm diesen 
zweiten Raum mit gutem Recht das System des Vorbe- 
wußten. Das Bewußtwerden behält dann seinen rein deskrip- 
tiven Sinn. Das Schicksal der Verdrängung besteht aber für 
eine einzelne Regung darin, daß sie vom Wächter nicht aus 
dem System des Unbewußten in das des Vorbewußten eingelassen 
wird. Es ist derselbe Wächter, den wir als Widerstand kennen 
lernen, wenn wir durch die analytische Behandlung die Ver- 
drängung aufzuheben versuchen. 

Nun weiß ich ja, Sie werden sagen, diese Vorstellungen sind 
ebenso roh wie phantastisch und in einer wissenschaftlichen 
Darstellung gar nicht zulässig. Ich weiß, daß sie roh sind; ja 
noch mehr, wir wissen auch, daß sie unrichtig sind, und wenn 
wir nicht sehr irren, so haben wir bereits einen besseren Er- 
satz für sie bereit. Ob sie Ihnen dann auch noch so phantastisch 
erscheinen werden, weiß ich nicht. Vorläufig sind es Hilfsvor- 
stellungen wie die vom Amp er eschen Männchen, das im 
elektrischen Stromkreis schwimmt, und nicht zu verachten, in- 
sofern sie für das Verständnis der Beobachtungen brauchbar 
sind. Ich möchte Ihnen versichern, daß diese rohen Annahmen 
von den zwei Räumlichkeiten, dem Wächter an der Schwelle 
zwischen beiden und dem Bewußtsein als Zuschauer am Ende 
des zweiten Saales doch sehr weitgehende Annäherungen an den 
wirklichen Sachverhalt bedeuten müssen. Ich möchte auch von 
Ihnen das Zugeständnis hören, daß unsere Bezeichnungen: u n - 
bewußt, vorbewußt, bewußt weit weniger präju- 
dizieren und leichter zu rechtfertigen sind als andere, die in Vor- 
schlag oder in Gebrauch gekommen sind, wie: unter bewußt, 
neben bewußt, binnen bewußt und dergleichen. 

Bedeutsamer wird es mir darum sein, wenn Sie mich daran 
mahnen, daß eine solche Einrichtung des seelischen Apparates, 
wie ich sie hier zugunsten der Erklärung neurotischer Symptome 
angenommen habe, nur eine allgemein gültige sein und also 




314 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



auch über die normale Funktion Auskunft geben müßte. Darin 
haben Sie natürlich recht. Wir können dieser Folgerung jetzt 
nicht nachgehen, aber unser Interesse für die Psychologie der 
Symptombildung muß eine außerordentliche Steigerung erfahren, 
wenn die Aussicht besteht, durch das Studium pathologischer 
Verhältnisse Aufschluß über das so gut verhüllte normale see- 
lische Geschehen zu bekommen. 

Erkennen Sie übrigens nicht, worauf sich unsere Aufstellungen 
von den beiden Systemen, dem Verhältnis zwischen ihnen und 
zum Bewußtsein stützen? Der Wächter zwischen dem Unbe- 
wußten und dem Vorbewußten ist doch nichts anderes als die 
Zensur, der wir die Gestaltung des manifesten Traumes 
unterworfen fanden. Die Tagesreste, in denen wir die Anreger 
des Traumes erkannten, waren vorbewußtes Material, welches 
zur Nachtzeit im Schlafzustande den Einfluß unbewußter und 
verdrängter Wunschregungen erfahren hatte und in Gemein- 
schaft mit ihnen, dank ihrer Energie, den latenten Traum hatte 
bilden können. Unter der Herrschaft des unbewußten Systems 
hatte dieses Material eine Verarbeitung gefunden, — die Ver- 
dichtung und Verschiebung, — wie sie im normalen Seelen- 
leben, das heißt im vorbewußten System, unbekannt oder nur 
ausnahmsweise zulässig ist. Diese Verschiedenheit der Arbeits- 
weisen wurde uns zur Charakteristik der beiden Systeme; das 
Verhältnis zum Bewußtsein, welches dem Vorbewußten anhängt, 
galt uns nur als Zeichen der Zugehörigkeit zu einem der beiden 
Systeme. Der Traum ist eben kein pathologisches Phänomen 
mehr; er kann bei allen Gesunden unter den Bedingungen des 
Schlafzustandes auftreten. Jene Annahme über die Struktur des 
seelischen Apparates, welche uns in einem die Bildung des 
Traumes und die der neurotischen Symptome verstehen läßt, hat 
einen unabweisbaren Anspruch darauf, auch für das normale 
Seelenleben in Betracht gezogen zu werden. 

Soviel wollen wir jetzt von der Verdrängung sagen. Sie ist 



XIX) Widerstand und Verdrängung 315 



aber nur die Vorbedingung für die Symptombildung. Wir wissen, 
das Symptom ist ein Ersatz für etwas, was durch die Ver- 
drängung verhindert wurde. Aber von der Verdrängung bis 
zum Verständnis dieser Ersatzbildung ist noch ein weiter Weg. 
Auf der anderen Seite des Problems erheben sich im Anschluß 
an die Konstatierung der Verdrängung die Fragen: Welche Art 
von seelischen Regungen unterliegt der Verdrängung, von wel- 
chen Kräften wird sie durchgesetzt, aus welchen Motiven? Dazu 
ist uns bisher nur eines gegeben. Wir haben bei der Unter- 
suchung des Widerstandes gehört, daß er von Kräften des Ichs 
ausgeht, von bekannten und latenten Charaktereigenschaften. 
Diese sind es also auch, die die Verdrängung besorgt haben, 
oder sie sind wenigstens an ihr beteiligt gewesen. Alles weitere 
ist uns noch unbekannt. 

Da hilft uns nun die zweite Erfahrung, die ich angekündigt 
hatte, weiter. Wir können aus der Analyse ganz allgemein an- 
geben, was die Absicht der neurotischen Symptome ist. Auch 
das wird Ihnen nichts Neues sein. Ich habe es Ihnen an zwei 
Fällen von Neurose schon gezeigt. Aber freilich, was bedeuten 
zwei Fälle? Sie haben das Recht zu verlangen, daß es Ihnen 
zweihundertmal, ungezählte Male gezeigt werde. Nur das eine, 
daß ich dies nicht kann. Da muß wieder die eigene Erfahrung 
dafür eintreten oder der Glaube, der sich in diesem Punkt auf 
die übereinstimmende Angabe aller Psychoanalytiker berufen 

kann. 

Sie erinnern sich daran, daß in den zwei Fällen, deren Sym- 
ptome wir einer eingehenden Untersuchung unterzogen, die 
Analyse uns in das Intimste des Sexuallebens dieser Kranken 
einweihte. Im ersten Falle haben wir außerdem die Absicht oder 
Tendenz des untersuchten Symptoms besonders deutlich er- 
kannt; vielleicht war sie im zweiten Falle durch ein später zu 
erwähnendes Moment etwas verdeckt. Nun, dasselbe, was wir 
an diesen beiden Beispielen gesehen haben, würden uns alle 



316 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



anderen Fälle zeigen, welche wir der Analyse unterziehen. 
Jedesmal würden wir durch die Analyse in die sexuellen 
Erlebnisse und Wünsche des Kranken eingeführt werden, und 
jedesmal müßten wir feststellen, daß ihre Symptome der gleichen 
Absicht dienen. Als diese Absicht gibt sich uns die Befriedigung 
sexueller Wünsche zu erkennen; die Symptome dienen der 
Sexualbefriedigung der Kranken, sie sind ein Ersatz für solche 
Befriedigung, die sie im Leben entbehren. 

Denken Sie an die Zwangshandlung unserer ersten Patientin. 
Die Frau entbehrt ihren intensiv geliebten Mann, mit dem sie 
wegen seiner Mängel und Schwächen das Leben nicht teilen 
kann. Sie muß ihm treu bleiben, sie kann keinen anderen an seine 
Stelle setzen. Ihr Zwangssymptom gibt ihr, wonach sie sich 
sehnt, erhöht ihren Mann, verleugnet, korrigiert seine Schwächen, 
vor allem seine Impotenz. Dieses Symptom ist im Grunde eine 
Wunscherfüllung, ganz wie ein Traum, und zwar, was der 
Traum nicht jedesmal ist, eine erotische Wunscherfüllung. Bei 
unserer zweiten Patientin konnten Sie wenigstens entnehmen 
daß ihr Zeremoniell den Verkehr der Eltern verhindern oder 
hintanhalten will, daß aus demselben ein neues Kind hervorgehe. 
Sie haben wohl auch erraten, daß es im Grunde dahin strebt," 
sie selbst an die Stelle der Mutter zu setzen. Also wiederum* 
Beseitigung von Störungen in der Sexualbefriedigung und Er- 
füllung eigener sexueller Wünsche. Von der angedeuteten Kom- 
plikation wird bald die Rede sein. 

Meine Herren! Ich möchte dem vorbeugen, daß ich an der 
Allgemeinheit dieser Behauptungen nachträglich Abzüge anzu- 
bringen habe, und mache Sie darum aufmerksam, daß alles, was 
ich hier über Verdrängung, Symptombildung und Symptombe- 
deutung sage, an drei Formen von Neurosen, der Angsthysterie, 
der Konversionshysterie und der Zwangsneurose gewonnen wor! 
den ist und zunächst auch nur für diese Formen gilt. Diese drei 
Affektionen, die wir als „Über tragung sneurosen" in 



XIX) Widerstand und Verdrängung 317 



einer Gruppe zu vereinigen gewohnt sind, umschreiben auch 
das Gebiet, auf welchem sich psychoanalytische Therapie be- 
tätigen kann. Die anderen Neurosen sind von der Psychoanalyse 
weit weniger gut studiert worden; bei einer Gruppe derselben 
ist wohl die Unmöglichkeit einer therapeutischen Beeinflussung 
ein Grund für die Zurücksetzung gewesen. Vergessen Sie auch 
nicht, daß die Psychoanalyse eine noch sehr junge Wissenschaft 
ist, daß sie viel Mühe und Zeit zur Vorbereitung erfordert, und 
daß sie vor gar nicht langer Zeit noch auf zwei Augen gestanden 
ist. Doch sind wir an allen Stellen im Begriffe, in das Verständnis 
dieser anderen Affektionen, die nicht Übertragungsneurosen sind, 
einzudringen. Ich hoffe, Ihnen noch vorführen zu können, wel- 
che Erweiterungen unsere Annahmen und Ergebnisse bei der 
Anpassung an dieses neue Material erfahren, und Ihnen zu 
zeigen, daß diese weiteren Studien nicht zu Widersprüchen, 
sondern zur Herstellung von höheren Einheitlichkeiten geführt 
haben. Wenn also jetzt alles, was hier gesagt wird, für die drei 
Übertragungsneurosen gilt, so lassen Sie mich zunächst den Wert 
der Symptome durch eine neue Mitteilung steigern. Eine verglei- 
chende Untersuchung über die Anlässe der Erkrankung ergibt 
nämlich ein Resultat, welches sich in die Formel fassen läßt, diese 
Personen erkranken an der V e r s a g u n g in irgendeiner Weise, 
wenn ihnen die Realität die Befriedigung ihrer sexuellen Wün- 
sche vorenthält. Sie erkennen, wie vortrefflich diese beiden Er- 
gebnisse miteinander stimmen. Die Symptome sind dann erst 
recht als Ersatzbefriedigung für die im Leben vermißte zu ver- 
stehen. 

Gewiß sind noch allerlei Einwendungen gegen den Satz, daß 
die neurotischen Symptome sexuelle Ersatzbefriedigungen sind, 
möglich. Zwei davon will ich heute noch erörtern. Sie werden, 
wenn Sie selbst eine größere Anzahl von Neurotikern analytisch 
untersucht haben, mir vielleicht kopfschüttelnd berichten: bei 
einer Reihe von Fällen treffe dies aber gar nicht zu; die Sym- 



318 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



ptome scheinen da eher die gegenteilige Absicht zu enthalten, 
die Sexualbefriedigung auszuschließen oder aufzuheben. Ich 
werde die Richtigkeit Ihrer Deutung nicht bestreiten. Der psy- 
choanalytische Sachverhalt pflegt gern etwas komplizierter zu 
sein, als uns lieb ist. Wenn er so einfach wäre, hätte es vielleicht 
nicht der Psychoanalyse bedurft, um ihn ans Licht zu bringen. 
Wirklich lassen bereits einige Züge des Zeremoniells bei unserer 
zweiten Patientin diesen asketischen, der Sexualbefriedigung 
feindlichen Charakter erkennen, z. B. wenn sie die Uhren besei- 
tigt, was den magischen Sinn hat, nächtliche Erektionen zu ver- 
meiden, oder das Fallen und Brechen von Gefäßen verhüten will, 
was einem Schutze ihrer Jungfräulichkeit gleichkommt. In an- 
deren Fällen von Bettzeremoniell, die ich analysieren konnte, 
war dieser negative Charakter weit mehr ausgesprochen; das 
Zeremoniell konnte durchwegs aus Abwehrmaßregeln gegen 
sexuelle Erinnerungen und Versuchungen bestehen. Indessen 
haben wir schon so oft in der Psychoanalyse erfahren, daß Ge- 
gensätze keinen Widerspruch bedeuten. Wir könnten unsere Be- 
hauptung dahin erweitern, die Symptome beabsichtigen entweder 
eine sexuelle Befriedigung oder eine Abwehr derselben, und 
zwar wiegt bei der Hysterie der positive, wunscherfüllende, bei 
der Zwangsneurose der negative, asketische Charakter im ganzen 
vor. Wenn die Symptome sowohl der Sexualbefriedigung als 
auch ihrem Gegensatz dienen können, so hat diese Zweiseitigkeit 
oder Polarität eine ausgezeichnete Begründung in einem Stück 
ihres Mechanismus, welches wir noch nicht erwähnen konnten. 
Sie sind nämlich, wie wir hören werden, Kompromißergebnisse, 
aus der Interferenz zweier gegensätzlichen Strebungen hervor- 
gegangen, und vertreten ebensowohl das Verdrängte wie das Ver- 
drängende, das bei ihrer Entstehung mitgewirkt hat. Die Ver- 
tretung kann dann mehr zugunsten der einen oder der anderen 
Seite geraten, nur selten fällt ein Einfluß völlig aus. Bei der Hy- 
sterie wird zumeist das Zusammentreffen beider Absichten in 






XIX) Widerstand und Verdrängung 319 



dem nämlichen Symptom erreicht. Bei der Zwangsneurose fallen 
beide Anteile oft auseinander; das Symptom wird dann zwei- 
zeitig, es besteht aus zwei Aktionen, einer nach der anderen, die 
einander aufheben. 

Nicht so leicht werden wir ein zweites Bedenken erledigen. 
Wenn Sie eine größere Reihe von Symptomdeutungen über- 
schauen, werden Sie wahrscheinlich zunächst urteilen, daß der 
Begriff einer sexuellen Ersatzbefriedigung bei ihnen bis zu sei- 
nen äußersten Grenzen gedehnt worden sei. Sie werden nicht ver- 
säumen, zu betonen, daß diese Symptome nichts Reales an Be- 
friedigung bieten, daß sie sich oft genug auf die Belebung einer 
Sensation oder die Darstellung einer Phantasie aus einem sexu- 
ellen Komplex beschränken. Ferner, daß die angebliche Sexual- 
befriedigung so häufig einen kindischen und unwürdigen Cha- 
rakter zeigt, sich etwa einem masturbatorischen Akt annähen, 
oder an die schmutzigen Unarten erinnert, die man schon den 
Kindern verbietet und abgewöhnt. Und darüber hinaus werden 
Sie auch Ihre Verwunderung äußern, daß man für eine Sexual- 
befriedigung ausgeben will, was vielleicht als Befriedigung von 
grausamen oder gräßlichen, selbst unnatürlich zu nennenden Ge- 
lüsten beschrieben werden müßte. Über diese letzteren Punkte, 
meine Herren, werden wir kein Einvernehmen erzielen, ehe wir 
nicht das menschliche Sexualleben einer gründlichen Unter- 
suchung unterzogen und dabei festgestellt haben, was man be- 
rechtigt ist, sexuell zu nennen. 



320 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



XX. VORLESUNG 

DAS MENSCHLICHE SEXUALLEBEN 

Meine Damen und Herren! Man sollte doch meinen, es sei 
nicht zweifelhaft, was man unter dem „Sexuellen" zu verstehen 
habe. Vor allem ist doch das Sexuelle das Unanständige, das, von 
dem man nicht sprechen darf. Man hat mir erzählt, daß die Schü- 
ler eines berühmten Psychiaters sich einmal die Mühe nahmen, 
ihren Meister davon zu überzeugen, daß die Symptome der Hy- 
sterischen so häufig sexuelle Dinge darstellen. In dieser Absicht 
führten sie ihn an das Bett einer Hysterika, deren Anfälle unver- 
kennbar den Vorgang einer Entbindung mimten. Er aber äußerte 
abweisend: Nun, eine Entbindung ist doch nichts Sexuelles. Ge- 
wiß, eine Entbindung muß nicht unter allen Umständen etwas 
Unanständiges sein. 

Ich bemerke, Sie verübeln es mir, daß ich in so ernsthaften 
Dingen scherze. Aber es ist nicht so ganz Scherz. Im Ernst, es 
ist nicht leicht, anzugeben, was den Inhalt des Begriffes „sexuell" 
ausmacht. Alles, was mit dem Unterschied der zwei Geschlechter 
zusammenhängt, wäre vielleicht das einzig Treffende, aber Sie 
werden es farblos und zu umfassend finden. Wenn Sie die Tat- 
sache des Sexualaktes in den Mittelpunkt stellen, werden Sie viel- 
leicht aussagen, sexuell sei all das, was sich in der Absicht der 
Lustgewinnung mit dem Körper, speziell den Geschlechtsteilen 
des anderen Geschlechtes beschäftigt und im letzten Sinne auf 
die Vereinigung der Genitalien und die Ausführung des Ge- 
schlechtsaktes hinzielt. Aber dann sind Sie von der Gleichstel- 
lung, das Sexuelle sei das Unanständige, wirklich nicht weit ent. 
fernt und die Entbindung gehört wirklich nicht zum Sexuellen. 
Machen Sie aber die Fortpflanzungsfunktion zum Kern der Sexu- 
alität, so laufen Sie Gefahr, eine ganze Anzahl von Dingen, die 
nicht auf die Fortpflanzung zielen und doch sicher sexuell sind, 
auszuschließen, wie die Masturbation oder selbst das Küssen! 



XX) Das menschliche Sexualleben 321 

Aber wir sind ja bereits darauf gefaßt, daß Definitionsversuche 
immer zu Schwierigkeiten führen; verzichten wir darauf, es 
gerade in diesem Falle besser zu machen. Wir könnten ahnen, 
daß in der Entwicklung des Begriffes „sexuell" etwas vor sich 
gegangen ist, was nach einem guten Ausdruck von H. Silberer 
einen „Überdeckungsfehler" zur Folge hatte. Im ganzen sind wir 
ja nicht ohne Orientierung darüber, was die Menschen sexuell 
heißen. 

Etwas, was aus der Berücksichtigung des Gegensatzes der Ge- 
schlechter, des Lustgewinnes, der Fonpflanzungsfunktion und 
des Charakters des geheimzuhaltenden Unanständigen zusam- 
mengesetzt ist, wird im Leben für alle praktischen Bedürfnisse 
genügen. Aber es genügt nicht mehr in der Wissenschaft. Denn 
wir sind durch sorgfältige, gewiß nur durch opferwillige Selbst- 
überwindung ermöglichte Untersuchungen mit Gruppen von 
menschlichen Individuen bekannt geworden, deren „Sexual- 
leben" in der auffälligsten Weise von dem gewohnten Durch- 
schnittsbilde abweicht. Die einen von diesen „Perversen" haben 
sozusagen die Geschlechtsdifferenz aus ihrem Programm ge- 
strichen. Nur das ihnen gleiche Geschlecht kann ihre sexuellen 
Wünsche erregen; das andere, zumal die Geschlechtsteile dessel- 
ben, ist ihnen überhaupt kein Geschlechtsobjekt, in extremen 
Fällen ein Gegenstand des Abscheus. Sie haben damit natür- 
lich auch auf jede Beteiligung an der Fortpflanzung verzichtet. 
Wir nennen solche Personen Homosexuelle oder Invertierte. Es 
sind Männer und Frauen, sonst oft — nicht immer — tadellos 
gebildet, intellektuell wie ethisch hochentwickelt, nur mit dieser 
einen verhängnisvollen Abweichung behaftet. Sie geben sich 
durch den Mund ihrer wissenschaftlichen Wortführer für eine 
besondere Varietät der Menschenart, für ein „drittes Geschlecht" 
aus, welches gleichberechtigt neben den beiden anderen steht. 
Wir werden vielleicht Gelegenheit haben, ihre Ansprüche kri- 
tisch zu prüfen. Natürlich sind sie nicht, wie sie auch gern be- 

21 



322 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



haupten möchten, eine „Auslese" der Menschheit, sondern ent- 
halten mindestens ebensoviel minderwertige und nichtsnutzige 
Individuen wie die in sexueller Hinsicht anders Gearteten. 

Diese Perversen nehmen mit ihrem Sexualobjekt wenigstens 
noch ungefähr dasselbe vor wie die Normalen mit dem ihrigen. 
Aber nun folgt eine lange Reihe von Abnormen, deren sexuelle 
Betätigung sich immer weiter von dem entfernt, was einem ver- 
nünftigen Menschen begehrenswert erscheint. In ihrer Mannig. 
faltigkeit und Sonderbarkeit sind sie nur vergleichbar den gro- 
tesken Mißgestalten, dieP. Breughel als Versuchung des 
heiligen Antonius gemalt hat, oder den verschollenen Göttern 
und Gläubigen, die G. Flaubert in langer Prozession an 
seinem frommen Büßer vorbeiziehen läßt. Ihr Gewimmel ruft 
nach einer Art von Ordnung, wenn es unsere Sinne nicht ver- 
wirren soll. Wir scheiden sie in solche, bei denen sich, wie bei 
den Homosexuellen, das Sexualobjekt gewandelt hat, und in an- 
dere, bei denen in erster Linie das Sexualziel verändert worden 
ist. Zur ersten Gruppe gehören die, welche auf die Vereinigung 
der beiden Genitalien verzichtet haben und bei dem einen Part- 
ner im Sexualakt das Genitale durch einen anderen Körperteil 
oder Körperregion ersetzen; sie setzen sich dabei über die Män- 
gel der organischen Einrichtung wie über die Abhaltung des 
Ekels hinweg. (Mund, After an Stelle der Scheide.) Dann fol- 
gen andere, die zwar noch am Genitale festhalten, aber nicht 
wegen seiner sexuellen, sondern wegen anderer Funktionen, an 
denen es aus anatomischen Gründen und Anlässen der Nachbar- 
schaft beteiligt ist. Wir erkennen an ihnen, daß die Ausschei- 
dungsfunktionen, die in der Erziehung des Kindes als unan- 
ständig abseits geschafft worden sind, imstande bleiben, das volle 
sexuelle Interesse an sich zu reißen. Dann andere, die das Geni- 
tale überhaupt als Objekt aufgegeben haben, an seiner Statt einen 
anderen Körperteil zum begehrten Objekt erheben, die weib- 
liche Brust, den Fuß, den Haarzopf. In weiterer Folge die, denen 



L 



XX) Das menschliche Sexualleben 323 

auch ein Körperteil nichts bedeutet, aber ein Kleidungsstück alle 
Wünsche erfüllt, ein Schuh, ein Stück weißer Wäsche, die Feti- 
schisten. Weiter im Zuge die Personen, die zwar das ganze Ob- 
jekt verlangen, aber ganz bestimmte, seltsame oder gräßliche, An- 
forderungen an dasselbe stellen, auch die, daß es zur wehrlosen 
Leiche geworden sein muß, und die es in verbrecherischem Zwang 
dazu machen, um es genießen zu können. Genug der Greuel von 
dieser Seite! 

Die andere Schar wird von den Perversen angeführt, die sich 
zum Ziele der sexuellen Wünsche gesetzt haben, was normaler- 
weise nur einleitende und vorbereitende Handlung ist. Also die 
das Beschauen und Betasten der anderen Person oder das Zu- 
schauen bei intimen Verrichtungen derselben anstreben, oder 
die ihre eigenen zu verbergenden Körperteile entblößen in einer 
dunklen Erwartung, durch eine gleiche Gegenleistung belohnt 
zu werden. Dann folgen die rätselhaften Sadisten, deren zärt- 
liches Streben kein anderes Ziel kennt, als ihrem Objekt Schmer- 
zen und Qualen zu bereiten, von Andeutungen der Demütigung 
bis zu schweren körperlichen Schädigungen, und wie zur Aus- 
gleichung ihre Gegenstücke, die Masochisten, deren einzige Lust 
es ist, von ihrem geliebten Objekt alle Demütigungen und Qua- 
len in symbolischer wie in realer Form zu erleiden. Andere 
noch, bei denen mehrere solcher abnormer Bedingungen sich ver- 
einigen und sich verschränken, und endlich müssen wir noch er- 
fahren, daß jede dieser Gruppen zweifach vorhanden ist, daß es 
neben den einen, die ihre Sexualbefriedigung in der Realität 
suchen, noch andere gibt, die sich damit begnügen, sich solche 
Befriedigung bloß vorzustellen, die überhaupt kein wirkliches 
Objekt brauchen, sondern es sich durch die Phantasie ersetzen 
können. 

Dabei kann es nicht den leisesten Zweifel leiden, daß in die- 
sen Tollheiten, Sonderbarkeiten und Gräßlichkeiten wirklich die 
Sexualbetätigung dieser Menschen gegeben ist. Nicht nur, daß 



324 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sie es selbst so auffassen und das Ersatzverhältnis verspüren, wir 
müssen uns auch sagen, es spielt die nämliche Rolle in ihrem 
Leben wie die normale Sexualbefriedigung in unserem, sie brin- 
gen dafür die nämlichen, oft übergroßen Opfer, und es läßt sich 
im Groben wie im feineren Detail verfolgen, wo sich diese Ab- 
normitäten an das Normale anlehnen und wo sie davon abgehen. 
Auch daß Sie den Charakter des Unanständigen, welcher der 
Sexualbecätigung anhaftet, hier wiederfinden, kann Ihnen nicht 
entgehen; er ist aber zumeist zum Schändlichen gesteigert. 

Nun, meine Damen und Herren, wie stellen wir uns zu diesen 
ungewöhnlichen Arten der Sexualbefriedigung? Mit der Ent- 
rüstung, der Äußerung unseres persönlichen Widerwillens und 
der Versicherung, daß wir diese Gelüste nicht teilen, ist offenbat 
nichts getan. Danach werden wir ja nicht gefragt. Am Ende ist 
es ein Erscheinungsgebiet wie ein anderes. Eine ablehnende Aus- 
flucht wie, es seien ja nur Raritäten und Kuriositäten, wäre selbst 
leicht abzuweisen. Es handelt sich im Gegenteil um recht häufige, 
weit verbreitete Phänomene. Wollte man uns aber sagen, wir 
brauchten unsere Ansichten über das Sexualleben durch sie nicht 
beirren zu lassen, weil sie samt und sonders Verirrungen und Ent- 
gleisungen des Sexualtriebes darstellen, so wäre eine ernste Ant- 
wort am Platze. Wenn wir diese krankhaften Gestaltungen det 
Sexualität nicht verstehen und sie nicht mit dem normalen Sexual- 
leben zusammenbringen können, so verstehen wir eben auch die 
normale Sexualität nicht. Kurz, es bleibt eine unabweisbare Auf- 
gabe, von der Möglichkeit der genannten Perversionen und von 
ihrem Zusammenhang mit der sogenannt normalen Sexualität 
volle theoretische Rechenschaft zu geben. 

Dazu werden uns eine Einsicht und zwei neue Erfahrungen vet- 
helfen. Die erstere verdanken wir Iwan Bloch; sie berichtigt 
die Auffassung all dieser Perversionen als „Degenerationszei- 
chen" durch den Nachweis, daß solche Abirrungen vom Sexual- 
ziel, solche Lockerungen des Verhältnisses zum Sexualobjekt von 



L 



XX) Das menschliche Sexualleben 325 



jeher, zu allen uns bekannten Zeiten, bei allen, den primitivsten 
wie den höchstzivilisierten Völkern vorgekommen sind und sich 
gelegentlich Duldung und allgemeine Geltung errungen haben. 
Die beiden Erfahrungen sind bei der psychoanalytischen Unter- 
suchung der Neurotiker gemacht worden; sie müssen unsere Auf- 
fassung der sexuellen Perversionen in entscheidender Weise be- 
einflussen. 

Wir haben gesagt, daß die neurotischen Symptome sexuelle 
Ersatzbefriedigungen sind, und ich habe Ihnen angedeutet, daß 
die Bestätigung dieses Satzes durch die Analyse der Symptome 
auf manche Schwierigkeiten stoßen wird. Er ist nämlich erst 
dann berechtigt, wenn wir unter „sexueller Befriedigung" die 
der sogenannten perversen sexuellen Bedürfnisse mit einschlie- 
ßen, denn eine solche Deutung der Symptome drängt sich uns mit 
überraschender Häufigkeit auf. Der Ausnahmsanspruch der 
Homosexuellen oder Invertierten sinkt sofort zusammen, wenn 
wir erfahren, daß der Nachweis homosexueller Regungen bei 
keinem einzigen Neurotiker mißlingt, und daß eine gute Anzahl 
von Symptomen dieser latenten Inversion Ausdruck gibt. Die 
sich selbst Homosexuelle nennen, sind eben nur die bewußt und 
manifest Invertierten, deren Anzahl neben jener der latent homo- 
sexuellen verschwindet. Wir sind aber genötigt, die Objektwahl 
aus dem eigenen Geschlecht geradezu als eine regelmäßige Ab- 
zweigung des Liebeslebens zu betrachten, und lernen immer 
mehr, ihr eine besonders hohe Bedeutung zuzuerkennen. Gewiß 
sind die Unterschiede zwischen der manifesten Homosexualität 
und dem normalen Verhalten dadurch nicht aufgehoben; ihre 
praktische Bedeutung bleibt bestehen, aber ihr theoretischer 
Wert wird ungemein verringert. Von einer bestimmten Afrek- 
tion, die wir nicht mehr zu den Übertragungsneurosen rechnen 
können, der Paranoia, nehmen wir sogar an, daß sie gesetzmäßig 
aus dem Versuch der Abwehr überstarker homosexueller Regun- 
gen hervorgeht. Vielleicht erinnern Sie sich noch, daß die eine 




326 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



unserer Patientinnen (S. 276) in ihrer Zwangshandlung einen 
Mann, ihren eigenen verlassenen Ehemann, agierte; eine solche 
Produktion von Symptomen in der Person eines Mannes ist bei 
neurotischen Frauen sehr gewöhnlich. Wenn es audi nicht selbst 
der Homosexualität zuzurechnen ist, so hat es doch mit den Vor. 
aussetzungen derselben viel zu tun. 

Wie Sie wahrscheinlich wissen, kann die hysterische Neurose 
ihre Symptome an allen Organsystemen machen und dadurch 
alle Funktionen stören. Die Analyse 2eigt, daß dabei alle pervers 
genannten Regungen zur Äußerung kommen, welche das Geni- 
tale durch andere Organe ersetzen wollen. Diese Organe be- 
nehmen sich dabei wie Ersatzgenitalien; wir sind gerade durch 
die Symptomatik der Hysterie zur Auffassung gelangt, daß den 

Körperorganen außer ihrer funktionellen Rolle eine sexuelle 

erogene — Bedeutung zuzuerkennen ist, und daß sie in der Er- 
füllung dieser ersteren Aufgabe gestört werden, wenn die letz- 
tere sie allzusehr in Anspruch nimmt. Ungezählte Sensationen 
und Innervationen, welche uns als Symptome der Hysterie ent- 
gegentreten, an Organen, die anscheinend nichts mit der Sexuali- 
tät zu tun haben, enthüllen uns so ihre Natur als Erfüllungen 
perverser Sexualregungen, bei denen andere Organe die Bedeu- 
tung der Geschlechtsteile an sich gerissen haben. Dann ersehen 
wir auch, in wie ausgiebiger Weise gerade die Organe der Nah- 
rungsaufnahme und der Exkretion zu Trägern der Sexualerregung 
werden können. Es ist also dasselbe, was uns die Perversionen 
gezeigt haben, nur war es bei diesen ohne Mühe und unverkenn- 
bar zu sehen, während wir bei der Hysterie erst den Umwe» über 
die Symptomdeutung machen müssen und dann die betreffenden 
perversen Sexualregungen nicht dem Bewußtsein der Individuen 
zuschreiben, sondern sie in das Unbewußte derselben versetzen. 

Von den vielen Symptombildern, unter denen die Zwangs- 
neurose auftritt, erweisen sich die wichtigsten als hervorgerufen 
durch den Drang überstarker sadistischer, also in ihrem Ziel per- 



XX) Das menschliche Sexualleben 327 

verser, Sexualregungen, und zwar dienen die Symptome, wie es 
der Struktur einer Zwangsneurose entspricht, vorwiegend der 
Abwehr dieser Wünsche, oder drücken den Kampf zwischen Be- 
friedigung und Abwehr aus. Aber auch die Befriedigung selbst 
kommt dabei nicht zu kurz; sie weiß sich auf Umwegen im Be- 
nehmen der Kranken durchzusetzen und wendet sich mit Vor- 
liebe gegen deren eigene Person, macht sie zu Selbstquälern. 
Andere Formen der Neurose, die grüblerischen, entsprechen 
einer übermäßigen Sexualisierung von Akten, die sich sonst als 
Vorbereitungen in den Weg zur normalen Sexualbefriedigung 
einfügen, vom Sehen-, Berührenwollen und Forschen. Die große 
Bedeutung der Berührungsangst und des Waschzwanges rindet 
hier ihre Aufklärung. Von den Zwangshandlungen geht ein un- 
geahnt großer Anteil als verkappte Wiederholung und Modifika- 
tion auf die Masturbation zurück, welche bekanntlich als einzige, 
gleichförmige Handlung die verschiedenartigsten Formen des 
sexuellen Phantasierens begleitet. 

Es würde mich nicht viel Mühe kosten, Ihnen die Beziehungen 
zwischen Perversion und Neurose noch weit inniger darzustellen, 
aber ich glaube, das Bisherige wird für unsere Absicht genügen. 
Wir müssen uns aber dagegen verwahren, daß wir nach diesen 
Aufklärungen über die Symptombedeutung Häufigkeit und In- 
tensität der perversen Neigungen der Menschen überschätzen. 
Sie haben gehört, daß man an der Versagung der normalen 
Sexualbefriedigung neurotisch erkranken kann. Bei dieser realen 
Versagung wirft sich aber das Bedürfnis auf die abnormen Wege 
der Sexualerregung. Sie werden später einsehen können, wie 
das zugeht. Jedenfalls verstehen Sie, daß durch eine solche 
„k o 1 1 a t e r a 1 e" Rückstauung die perversen Regungen stär- 
ker erscheinen müssen, als sie ausgefallen wären, wenn sich der 
normalen Sexualbefriedigung kein reales Hindernis entgegenge- 
stellt hätte. Ein ähnlicher Einfluß ist übrigens auch für die mani- 
festen Per/ersionen anzuerkennen. Sie werden in mandien Fäl- 






328 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 



len dadurch provoziert oder aktiviert, daß einer normalen Befrie- 
digung des Sexualtriebes allzu große Schwierigkeiten gemacht 
werden, infolge vorübergehender Umstände oder dauernder so- 
zialer Einrichtungen. In anderen Fällen sind die Perversions, 
neigungen freilich von solchen Begünstigungen ganz unabhän- 
gig; sie sind sozusagen für dieses Individuum die normale Art des 
Sexuallebens. 

Vielleicht haben Sie im Augenblicke den Eindruck, als hätten 
wir das Verhältnis zwischen normaler und perverser Sexualität 
eher verwirrt als geklärt. Halten Sie sich aber an folgende Über- 
legung: Wenn es richtig ist, daß die reale Erschwerung oder die 
Entbehrung einer normalen Sexualbefriedigung bei Personen 
perverse Neigungen zum Vorschein bringen, die sonst keine 
solchen gezeigt hatten, so muß bei diesen Personen etwas anzu- 
nehmen sein, was den Perversionen entgegenkommt; oder wenn 
Sie so wollen, sie müssen in latenter Form bei ihnen vorhanden 
sein. Auf diesem Wege kommen wir aber auf die zweite Neuheit 
die ich Ihnen angekündigt habe. Die psychoanalytische Forschung 
ist nämlich genötigt worden, sich auch um das Sexualleben des 
Kindes zu bekümmern, und zwar dadurch, daß die Erinnerungen 
und Einfälle bei der Analyse der Symptome regelmäßig bis in 
frühe Jahre der Kindheit zurückführten. Was wir dabei er- 
schlossen haben, ist dann Punkt für Punkt durch unmittelbare 
Beobachtungen an Kindern bestätigt worden. Und da hat sich 
dann ergeben, daß alle Perversionsneigungen in der Kindheit 
wurzeln, daß die Kinder zu ihnen alle Anlage haben und sie 
in dem ihrer Unreife entsprechenden Ausmaß betätigen, kurz, 
daß die perverse Sexualität nichts anderes ist als die vergrößerte, 
in ihre Einzelregungen zerlegte infantile Sexualität. 

Jetzt werden Sie die Perversionen allerdings in einem anderen 
Lichte sehen und deren Zusammenhang mit dem menschlichen 
Sexualleben nicht mehr verkennen, aber auf Kosten welcher 
Überraschungen und für Ihr Gefühl peinlichen Inkongruenzen! 



XX) Das menschliche Sexualleben 329 



Sie werden gewiß geneigt sein, zuerst alles zu bestreiten, die 
Tatsache, daß die Kinder etwas haben, was man als Sexualleben 
bezeichnen darf, die Richtigkeit unserer Beobachtungen und die 
Berichtigung, an dem Benehmen der Kinder eine Verwandtschaft 
mit dem, was späterhin als Perversion verurteilt wird, zu finden. 
Gestatten Sie also, daß ich Ihnen zuerst die Motive Ihres Sträu- 
bens aufkläre und dann die Summe unserer Beobachtungen vor- 
lege. Daß die Kinder kein Sexualleben — sexuelle Erregungen, 
Bedürfnisse und eine Art der Befriedigung — haben, sondern 
es plötzlich zwischen 12 und 14 Jahren bekommen sollten, wäre 
— von allen Beobachtungen abgesehen — biologisch ebenso 
unwahrscheinlich, ja unsinnig, wie daß sie keine Genitalien mit 
auf die Welt brächten und die ihnen erst um die Zeit der 
Pubertät wüchsen. Was um diese Zeit bei ihnen erwacht, ist die 
Fortpflanzungsfunktion, die sich eines bereits vorhandenen kör- 
perlichen und seelischen Materials für ihre Zwecke bedient. Sie 
begehen den Irrtum, Sexualität und Fortpflanzung miteinander 
zu verwechseln, und versperren sich durch ihn den Weg zum 
Verständnis der Sexualität, der Perversionen und der Neurosen. 
Dieser Irrtum ist aber tendenziös. Er hat seine Quelle merk- 
würdigerweise darin, daß Sie selbst Kinder gewesen und als 
Kinder dem Einfluß der Erziehung unterlegen sind. Die Gesell-» 
Schaft muß es nämlich unter ihre wichtigsten Erziehungsaufgaben 
aufnehmen, den Sexualtrieb, wenn er als Fortpflanzungsdrang 
hervorbricht, zu bändigen, einzuschränken, einem individuellen 
Willen zu unterwerfen, der mit dem sozialen Geheiß identisch 
ist. Sie hat auch Interesse daran, seine volle Entwicklung aufzu- 
schieben, bis das Kind eine gewisse Stufe der intellektuellen 
Reife erreicht hat, denn mit dem vollen Durchbruch des Sexual- 
triebes findet auch die Erziehbarkeit praktisch ein Ende. Der 
Trieb würde sonst über alle Dämme brechen und das mühsam 
errichtete Werk der Kultur hin wegschwemmen. Die Aufgabe, 
ihn zu bändigen, ist auch nie eine leichte, sie gelingt bald zu 



330 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



wenig, bald allzu gut. Das Motiv der menschlichen Gesellschaft 
ist im letzten Grunde ein ökonomisches; da sie nicht genug 
Lebensmittel hat, um ihre Mitglieder ohne deren Arbeit zu er- 
halten, muß sie die Anzahl ihrer Mitglieder beschränken und 
ihre Energien von der Sexualbetätigung weg auf die Arbeit 
lenken. Also die ewige, urzeitliche, bis auf die Gegenwart fortge- 
setzte Lebensnot. 

Die Erfahrung muß wohl den Erziehern gezeigt haben, daß 
die Aufgabe, den Sexualwillen der neuen Generation lenksam 
zu machen, nur dann lösbar ist, wenn man mit den Beeinflus- 
sungen sehr frühzeitig beginnt, nicht erst den Sturm der Pubertät 
abwartet, sondern bereits in das Sexualleben der Kinder eingreift 
welches ihn vorbereitet. In dieser Absicht werden fast alle in- 
fantilen Sexualbestätigungen dem Kinde verboren und verleidet- 
man setzt sich das ideale Ziel, das Leben des Kindes asexuell 
zu gestalten, und hat es im Laufe der Zeit endlich dahin ge- 
bracht, daß man es wirklich für asexuell hält, was dann die 
Wissenschaft als ihre Lehre verkündet. Um sich mit seinem 
Glauben und seinen Absichten nicht in Widerspruch zu setzen 
übersieht man dann die Sexualbetätigung des Kindes, was keine 
geringe Leistung ist, oder begnügt sich in der Wissenschaft 
damit, sie anders aufzufassen. Das Kind gilt als rein, als un- 
schuldig, und wer es anders beschreibt, darf als ruchloser 
Frevler an zarten und heiligen Gefühlen der Menschheit ver- 
klagt werden. 

Die Kinder sind die einzigen, die an diesen Konventionen 
nicht mittun, in aller Naivität ihre animalischen Rechte geltend 
machen und immer wieder beweisen, daß sie den Weg zur Rein- 
heit erst zurückzulegen haben. Merkwürdig genug, daß die Leug- 
ner der kindlichen Sexualität darum in der Erziehung nicht nach- 
lassen, sondern gerade die Äußerungen des Verleugneten unter 
dem Titel der „kindlichen Unarten" aufs strengste verfolgen. 
Von hohem theoretischen Interesse ist es auch, daß die Lebens- 



XX) Das menschliche Sexualleben 331 

zeit, welche dem Vorurteil einer asexuellen Kindheit am grell- 
sten widerspricht, die Kinder jähre bis fünf oder sechs, dann 
bei den meisten Personen von dem Schleier einer Amnesie ver- 
hüllt wird, den erst eine analytische Erforschung gründlich zer- 
reißt, der aber schon vorher für einzelne Traumbildungen durch- 
lässig gewesen ist. 

Nun will ich Ihnen vorführen, was sich vom Sexualleben des 
Kindes am deutlichsten erkennen läßt. Lassen Sie mich zweck- 
mäßigkeitshalber auch den Begriff der Libido einführen. 
Libido soll, durchaus dem Hunger analog, die Kraft be- 
nennen, mit welcher der Trieb, hier der Sexualtrieb wie beim 
Hunger der Ernährungstrieb, sich äußert. Andere Begriffe, wie 
Sexualerregung und Befriedigung, bedürfen keiner Erläuterung. 
Daß bei den Sexualbetätigungen des Säuglings die Deutung am 
meisten zu tun hat, werden Sie selbst leicht einsehen oder wahr- 
scheinlich als Einwand benützen. Diese Deutungen ergeben sich 
auf Grund der analytischen Untersuchungen durch Rückver- 
folgung vom Symptom her. Die ersten Regungen der Sexualität 
zeigen sich beim Säugling in Anlehnung an andere lebens- 
wichtige Funktionen. Sein Hauptinteresse ist, wie Sie wissen, 
auf die Nahrungsaufnahme gerichtet; wenn er an der Brust 
gesättigt einschläft, zeigt er den Ausdruck einer seligen Be- 
friedigung, der sich später nach dem Erleben des sexuellen 
Orgasmus wiederholen wird. Das wäre zu wenig, um einen 
Schluß darauf zu gründen. Aber wir beobachten, daß der Säug- 
ling die Aktion der Nahrungsaufnahme wiederholen will, ohne 
neue Nahrung zu beanspruchen; er steht also dabei nicht unter 
dem Antrieb des Hungers. Wir sagen, er lutscht oder ludelt, 
und daß er bei diesem Tun wiederum mit seligem Ausdruck 
einschläft, zeigt uns, daß die Aktion des Lutschens ihm an 
und für sich Befriedigung gebracht hat. Bekanntlich richtet er 
sich's bald so ein, daß er nicht einschläft, ohne gelutscht zu 
haben. Die sexuelle Natur dieser Betätigung hat ein alter Kinder- 



332 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 



arzt in Budapest, Dr. Lindner, zuerst behauptet. Die 
Pflegepersonen des Kindes, die keine theoretische Stellungnahme 
beabsichtigen, scheinen das Lutschen ähnlich zu beurteilen. Sie 
zweifeln nicht daran, daß es nur einem Lustgewinn dient, stellen 
es zu den Unarten des Kindes und zwingen das Kind durch 
peinliche Eindrücke zum Verzicht darauf, wenn es die Unart 
nicht selbst aufgeben will. Wir erfahren also, daß der Säugling 
Handlungen ausführt, die keine andere Absicht als die des Lust- 
gewinnes haben. Wir glauben, daß er diese Lust zuerst bei der 
Nahrungsaufnahme erlebt, aber bald gelernt hat, sie von dieser 
Bedingung abzutrennen. Wir können den Lustgewinn nur auf 
die Erregung der Mund- und Lippenzone beziehen, heißen diese 
Körperteile erogene Zonen und bezeichnen die durch 
Lutschen erzielte Lust als eine sexuelle. Über die Berech- 
tigung dieser Benennung werden wir gewiß noch diskutieren 
müssen. 

Wenn der Säugling sich äußern könnte, würde er gewiß den 
Akt des Saugens an der Mutterbrust als das weitaus Wichtigste im 
Leben anerkennen. Er hat für sich nicht so unrecht, denn er be- 
friedigt durch diesen Akt in einem beide großen Lebensbedürf- 
nisse. Wir erfahren dann aus der Psychoanalyse nicht ohne Über- 
raschung, wieviel von der psychischen Bedeutung des Aktes fürs 
ganze Leben erhalten bleibt. Das Saugen an der Mutterbrust wird 
der Ausgangspunkt des ganzen Sexuallebens, das unerreichte Vor- 
bild jeder späteren Sexualbefriedigung, zu dem die Phantasie 
m Zeiten der Not oft genug zurückkehrt. Es schließt die Mutter- 
brust als erstes Objekt des Sexualtriebes ein; ich kann Ihnen 
keine Vorstellung davon vermitteln, wie bedeutsam dieses erste 
Objekt für jede spätere Objektfindung ist, welch tiefgreifende 
Wirkungen es in seinen Wandlungen und Ersetzungen noch auf 
die entlegensten Gebiete unseres Seelenlebens äußert. Aber zu- 
nächst wird es vom Säugling in der Tätigkeit des Lutschens auf. 
gegeben und durch einen Teil des eigenen Körpers ersetzt. Das 






XX) Das menschliche Sexualleben 333 



Kind lutscht am Daumen, an der eigenen Zunge. Es macht sich 
dadurch für den Lustgewinn von der Zustimmung der Außen- 
welt unabhängig und zieht überdies die Erregung einer zweiten 
Körperzone zur Verstärkung heran. Die erogenen Zonen sind 
nicht gleich ausgiebig; es wird darum ein wichtiges Erlebnis, 
wenn der Säugling, wie L i n d n e r berichtet, bei dem Herum- 
suchen am eigenen Körper die besonders erregbaren Stellen seiner 
Genitalien entdeckt und so den Weg vom Lutschen zur Onanie 
gefunden hat. 

Durch die Würdigung des Lutschens sind wir bereits mit zwei 
entscheidenden Charakteren der infantilen Sexualität bekannt 
geworden. Sie erscheint in Anlehnung an die Befriedigung der 
großen organischen Bedürfnisse und sie benimmt sich auto- 
erotisch, das heißt, sie sucht und findet ihre Objekte am 
eigenen Körper. Was sich am deutlichsten bei der Nahrungs- 
aufnahme gezeigt hat, wiederholt sich zum Teil bei den Aus- 
scheidungen. Wir schließen, daß der Säugling Lustempfinden 
bei der Entleerung von Harn und von Darminhalt hat, und daß 
er sich bald bemüht, diese Aktion so einzurichten, daß sie ihm 
durch entsprechende Erregungen der erogenen Schleimhautzonen 
einen möglichst großen Lustgewinn bringen. An diesem Punkte 
tritt ihm, wie die feinsinnige Lou Andreas ausgeführt hat, 
zuerst die Außenwelt als hemmende, seinem Luststreben feind- 
liche Macht entgegen und läßt ihn spätere äußere wie innere 
Kämpfe ahnen. Er soll seine Exkrete nicht in dem ihm beliebigen 
Moment von sich geben, sondern wann andere Personen es be- 
stimmen. Um ihn zum Versieht auf diese Lustquellen zu be- 
wegen, wird ihm alles, was diese Funktionen betrifft, als unan- 
ständig, zur Geheimhaltung bestimmt, erklärt. Er soll hier zuerst 
soziale Würde für Lust eintauschen. Sein Verhältnis zu den Ex- 
kreten selbst ist von Anfang an ein ganz anderes. Er empfindet 
keinen Ekel vor seinem Kot, schätzt ihn als einen Teil seines 
Körpers, von dem er sich nicht leicht trennt, und verwendet ihn 



334 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

als erstes „Geschenk", um Personen auszuzeichnen, die er be- 
sonders schätzt. Noch nachdem der Erziehung die Absicht 
gelungen ist, ihn diesen Neigungen zu entfremden, setzt er die 
Wertschätzung des Kotes auf das „Geschenk" und auf das 
„Geld" fort. Seine Leistungen im Urinieren scheint er dagegen 
mit besonderem Stolz zu betrachten. 

Ich weiß, daß Sie mich schon längst unterbrechen wollten, 
um mir zuzurufen: Genug der Ungeheuerlichkeiten! Die Stuhl. 
entleerung soll eine Quelle der sexuellen Lustbefriedigung sein, 
die schon der Säugling ausbeutet! Der Kot eine wertvolle Sub- 
stanz, der After eine Art von Genitale! Das glauben wir nicht, 
aber wir verstehen, warum Kinderärzte und Pädagogen die Psy- 
choanalyse und ihre Resultate weit von sich weg gewiesen haben. 
Nein, meine Herren! Sie haben bloß vergessen, daß ich Ihnen 
die Tatsachen des infantilen Sexuallebens im Zusammenhang 
mit den Tatsachen der sexuellen Perversionen vorführen wollte. 
Warum sollen Sie nicht wissen, daß der After bei einer großen 
Anzahl von Erwachsenen, Homosexuellen wie Heterosexuellen, 
wirklich im Geschlechtsverkehr die Rolle der Scheide übernimmt? 
Und daß es viele Individuen gibt, welche die Wollustempfindung 
bei der Stuhlentleerung durch ihr ganzes Leben behalten und 
sie als gar nicht so gering beschreiben? Was das Interesse am 
Akt der Defäkation und das Vergnügen beim Zuschauen der 
Defäkation eines anderen betrifft, so können Sie es von den Kin- 
dern selbst bestätigt hören, wenn sie einige Jahre älter geworden 
sind und Mitteilung davon machen können. Natürlich dürfen Sie 
diese Kinder nicht vorher systematisch eingeschüchtert haben, 
sonst verstehen sie wohl, daß sie darüber zu schweigen haben* 
Und für die anderen Dinge, die Sie nicht glauben wollen, ver- 
weise ich Sie auf die Ergebnisse der Analyse und der direkten 
Kinderbeobachtung und sage Ihnen, es ist geradezu eine Kunst, 
dies alles nicht oder es anders zu sehen. Ich habe auch gar nichts 
dagegen, wenn Ihnen die Verwandtschaft der kindlichen Sexual- 



.. 



XX) Das menschliche Sexualleben 335 

tätigkeit mit den sexuellen Perversionen reche auffällig wird. Es 
ist eigentlich selbstverständlich; wenn das Kind überhaupt ein 
Sexualleben hat, so muß es von perverser Art sein, denn dem 
Kinde fehlt noch bis auf wenige dunkle Andeutungen, was die 
Sexualität zur Fortpflanzungsfunktion macht. Anderseits ist es 
der gemeinsame Charakter aller Perversionen, daß sie das Fort- 
pflanzungsziel aufgegeben haben. In dem Falle heißen wir eine 
Sexualbetätigung eben pervers, wenn sie auf das Fortpflanzungs- 
ziel verzichtet hat und die Lustgewinnung als davon unab- 
hängiges Ziel verfolgt. Sie verstehen also, der Bruch und Wende- 
punkt in der Entwicklung des Sexuallebens liegt in der Unter- 
ordnung desselben unter die Absichten der Fortpflanzung. Alles 
was vor dieser Wendung vorfällt, ebenso alles, was sich ihr ent- 
zogen hat, was allein dem Lustgewinn dient, wird mit dem nicht 
ehrenvollen Namen des „Perversen" belegt und als solches ge- 
ächtet. 

Lassen Sie mich darum in meiner knappen Schilderung der 
infantilen Sexualität fortfahren. Was ich von zwei Organ- 
systemen berichtet habe, könnte ich durch die Berücksichtigung 
der anderen vervollständigen. Das Sexualleben des Kindes er- 
schöpft sich eben in der Betätigung einer Reihe von Partial- 
trieben, die unabhängig voneinander teils am eigenen Körper 
teils schon am äußeren Objekt Lust zu gewinnen suchen. Unter 
diesen Organen treten die Genitalien sehr bald hervor; es gibt 
Menschen, bei denen sich die Lustgewinnung am eigenen Ge- 
nitale, ohne Beihilfe eines anderen Genitales oder Objekts, ohne 
Unterbrechung von der Säuglingsonanie bis zur Notonanie der 
Pubertätsjahre fortsetzt und dann unbestimmt lange darüber 
hinaus anhält. Mit dem Thema der Onanie würden wir übrigens 
nicht so bald fertig^ werden; es ist ein Stoff für vielseitige Be- 
trachtung. 

Trotz meiner Neigung, das Thema noch weiter zu verkürzen, 
muß ich Ihnen doch noch einiges über die Sexualfor- 



336 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

schung der Kinder sagen. Sie ist zu charakteristisch für die 
kindliche Sexualität und zu bedeutsam für die Symptomatik der 
Neurosen. Die infantile Sexualforschung beginnt sehr früh, 
manchmal vor dem dritten Lebensjahr. Sie knüpft nicht an den 
Geschlechtsunterschied an, der dem Kinde nichts besagt, da es 
— wenigstens die Knaben — beiden Geschlechtern das nämliche 
männliche Genitale zuschreibt. Macht der Knabe dann an einer 
kleinen Schwester oder Gespielin die Entdeckung der Vagina, 
so versucht er zuerst das Zeugnis seiner Sinne zu verleugnen, 
denn er kann sich ein ihm ähnliches menschliches Wesen ohne 
den ihm so wertvollen Teil nicht vorstellen. Später erschrickt 
er über die ihm eröffnete Möglichkeit, und etwaige frühere 
Drohungen wegen zu intensiver Beschäftigung mit seinem klei- 
nen Glied gelangen nachträglich zur Wirkung. Er gelangt unter 
die Herrschaft des Kastrationskomplexes, dessen Gestaltung an 
seiner Charakterbildung, wenn er gesund bleibt, an seiner Neu- 
rose, wenn er erkrankt, und an seinen Widerständen, wenn er 
in analytische Behandlung gerät, großen Anteil hat. Von dem 
kleinen Mädchen wissen wir, daß es sich wegen des Mangels 
eines großen sichtbaren Penis für schwer benachteiligt hält, dem 
Knaben diesen Besitz neidet und wesentlich aus diesem Motiv 
den Wunsch entwickelt, ein Mann zu sein, welcher Wunsch 
späterhin in der Neurose, die wegen Mißgeschicks in ihrer 
weiblichen Rolle auftritt, wieder aufgenommen wird. Die Clitoris 
des Mädchens spielt übrigens im Kindesalter durchaus die Rolle 
des Penis, sie ist der Träger einer besonderen Erregbarkeit, die 
Stelle, an welcher die autoerotische Befriedigung erzielt wird. 
Es kommt für die Weibwerdung des kleinen Mädchens viel 
darauf an, daß die Clitoris diese Empfindlichkeit rechtzeitig 
und vollständig an den Scheideneingang abgebe. In den Fällen 
von sogenannter sexueller Anästhesie der Frauen hat die Clitoris 
die Empfindlichkeit hartnäckig festgehalten. 
Das sexuelle Interesse des Kindes wendet sich vielmehr zu- 






XX) Das menschliche Sexualleben 337 

erst dem Problem zu, woher die Kinder kommen, demselben, 
welches der Fragestellung der thebaischen Sphinx zugrunde liegt, 
und wird meist durch egoistische Befürchtung bei der Ankunft 
eines neuen Kindes geweckt. Die Antwort, welche die Kinder- 
stube bereit hält, daß der Storch die Kinder bringe, stößt viel 
häufiger, als wir wissen, schon bei kleinen Kindern auf Un- 
glauben. Die Empfindung, von den Erwachsenen um die Wahr, 
heit betrogen zu werden, trägt viel zur Vereinsamung des Kindes 
und zur Entwicklung seiner Selbständigkeit bei. Aber das Kind 
ist nicht imstande, dies Problem aus eigenen Mitteln zu lösen. 
Seiner Erkenntnisfähigkeit sind durch seine unentwickelte 
Sexualkonstitution bestimmte Schranken gesetzt. Es nimmt zuerst 
an, daß die Kinder davon kommen, daß man etwas Besonderes 
in der Nahrung zu sich nimmt, und weiß auch nichts davon, daß 
nur Frauen Kinder bekommen können. Später erfährt man von 
dieser Einschränkung und gibt die Ableitung des Kindes vom 
Essen auf, sie bleibt für das Märchen erhalten. Das größer ge- 
wordene Kind merkt bald, daß der Vater irgendeine Rolle beim 
Kinderbekommen spielen müsse, kann aber nicht erraten, welche. 
Wenn es zufällig Zeuge eines geschlechtlichen Aktes wird, so 
sieht es in ihm einen Versuch der Überwältigung, eine Rauferei, 
das sadistische Mißverständnis des Koitus. Es bringt diesen Akt 
aber zunächst nicht mit dem Werden des Kindes in Zusam- 
sammenhang. Auch wenn es Blutspuren in Bett und Wäsche der 
Mutter entdeckt, nimmt es sie als Beweis einer durch den Vater 
zugefügten Verletzung. In noch späteren Kinder jähren ahnt es 
wohl, daß das Geschlechtsglied des Mannes einen wesentlichen 
Anteil an der Entstehung der Kinder hat, kann diesem Körper- 
teil aber keine andere Leistung zutrauen als die der Harnent- 
leerung. 

Von Anfang an sind die Kinder darin einig, daß die Geburt 
des Kindes durch den Darm erfolgen müsse, das Kind also zum 
Vorschein komme wie ein Kotballen. Erst nach der Entwertung 

22 



338 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



aller analen Interessen wird diese Theorie verlassen und durch 
die Annahme ersetzt, daß der Nabel sich öffne oder daß die 
Region der Brust zwischen beiden Mammae die Gebunsstätte 
sei. In solcher Weise nähen sich das forschende Kind der Kennt- 
nis der sexuellen Tatsachen oder geht durch seine Unwissenheit 
beirrt an ihnen vorbei, bis es, meist in den Jahren der Vor- 
pubertät, eine gewöhnlich herabsetzende und unvollständige Auf. 
klärung erfährt, die nicht selten traumatische Wirkungen äußert. 
Sie werden gewiß gehört haben, meine Herren, daß der Be- 
griff des Sexuellen in der Psychoanalyse eine ungebührliche Er- 
weiterung erleidet, in der Absicht, die Sätze von der sexuellen 
Verursachung der Neurosen und von der sexuellen Bedeutung 
der Symptome aufrecht zu erhalten. Sie können nun selbst dar- 
über urteilen, ob diese Erweiterung eine unberechtigte ist. Wir 
haben den Begriff der Sexualität nur soweit ausgedehnt, daß 
er auch das Sexualleben der Perversen und das der Kinder um- 
fassen kann. Das heißt, wir haben ihm seinen richtigen Umfang 
wiedergegeben. Was man außerhalb der Psychoanalyse Sexualität 
heißt, bezieht sich nur auf ein eingeschränktes, im Dienste dei 
Fortpflanzung stehendes und normal genanntes Sexualleben. 



XXI. VORLESUNG 



LIBIDOENTWICKLUNG UND 
SEXUALORGANISATIONEN 

Meine Herren! Ich stehe unter dem Eindruck, daß es mir nicht 
gelungen ist, Ihnen die Bedeutung der Perversionen für unsere 
Auffassung der Sexualität so recht überzeugend nahe zu bringen. 
Ich möchte darum bessern und nachtragen, soviel ich nur kanr» 



-. 



XXI) Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 339 



Es verhält sich ja nicht so, daß die Perversionen allein uns 
zu jener Abänderung des Begriffes Sexualität genötigt hätten, 
welche uns so heftigen Widerspruch eingetragen hat. Das Stu- 
dium der infantilen Sexualität hat noch mehr dazu getan, und die 
Übereinstimmung der beiden wurde für uns entscheidend. Aber 
die Äußerungen der infantilen Sexualität, so unverkennbar sie 
in den späteren Kinderjahren sein mögen, scheinen sich doch 
gegen ihre Anfänge hin ins Unbestimmbare zu verflüchtigen. 
Wer auf Entwicklungsgeschichte und analytischen Zusammen- 
hang nicht achten will, wird ihnen den Charakter des Sexuellen 
bestreiten und ihnen dafür irgendeinen undifferenzierten Cha- 
rakter zuerkennen. Vergessen Sie nicht, wir sind derzeit nicht 
im Besitze eines allgemein anerkannten Kennzeichens für die 
sexuelle Natur eines Vorganges, es sei denn wiederum die Zu- 
gehörigkeit zur Fortpflanzungsfunktion, die wir als zu engherzig 
ablehnen müssen. Die biologischen Kriterien, wie die von 
W. Fließ aufgestellten Periodizitäten zu 23 und 28 Tagen, 
sind noch durchaus strittig; die chemischen Eigentümlichkeiten 
der Sexualvorgänge, die wir vermuten dürfen, harren erst ihrer 
Entdeckung. Die sexuellen Perversionen der Erwachsenen hin- 
gegen sind etwas Greifbares und Unzweideutiges. Wie schon 
ihre allgemein zugestandene Benennung erweist, sind sie un- 
zweifelhaft Sexualität. Mag man sie Degenerationszeichen oder 
anders heißen, es hat noch niemand den Mut gefunden, sie 
anderswohin als zu den Phänomenen des Sexuallebens zu stellen. 
Um ihretwillen allein sind wir zur Behauptung berechtigt, daß 
Sexualität und Fortpflanzung nicht zusammenfallen, denn es ist 
offenkundig, daß sie sämtlich das Ziel der Fortpflanzung ver- 
leugnen. 

Ich sehe da eine nicht uninteressante Parallele. Während für 
die meisten „bewußt" und „psychisch" dasselbe ist, waren wir 
genötigt, eine Erweiterung des Begriffes „psychisch" vorzu- 
nehmen und ein Psychisches anzuerkennen, das nicht bewußt 



340 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



ist. Und ganz ähnlich ist es, wenn die anderen „sexuell" und 
„zur Fortpflanzung gehörig" — oder wenn Sie es kürzer sagen 
wollen: „genital" — für identisch erklären, während wir nicht 
umhin können, ein „sexuell" gelten zu lassen, das nicht „genital** 
ist, nichts mit der Fortpflanzung zu tun hat. Es ist nur eine for- 
male Ähnlichkeit, aber nicht ohne tiefere Begründung. 

Wenn aber die Existenz der sexuellen Perversionen ein so 
zwingendes Argument in dieser Frage ist, warum hat es nicht 
bereits längst seine Wirkung getan und diese Frage erledige? 
Ich weiß es wirklich nicht zu sagen. Es scheint mir daran zu. 
liegen, daß diese sexuellen Perversionen mit einer ganz beson- 
deren Acht belegt sind, die auf die Theorie übergreift und auch 
ihrer wissenschaftlichen Würdigung in den Weg tritt. Ais ob 
niemand vergessen könnte, daß sie nicht nur etwas Abscheu- 
liches, sondern auch etwas Ungeheuerliches, Gefährliches sind, 
als ob man sie für verführerisch hielte und im Grunde einen ge- 
heimen Neid gegen die sie Genießenden niederzukämpfen hätte 
etwa wie ihn der strafende Landgraf in der berühmten Tann- 
häuserparodie eingesteht: 

„Im Venusberg vergaß er Ehr' und Pflicht ! 

— Merkwürdig, unser einem passiert so etwas nicht." 

In Wahrheit sind die Perversen eher arme Teufel, die außer- 
ordentlich hart für ihre schwer zu erringende Befriedigung 
büßen. 

Was die perverse Betätigung trotz aller Fremdheit des Ob- 
jektes und der Ziele zu einer so unverkennbar sexuellen macht 
ist der Umstand, daß der Akt der perversen Befriedigung doch 
zumeist in vollen Orgasmus und in Entleerung der Genital- 
produkte ausgeht. Das ist natürlich nur die Folge der Erwachsen- 
heit der Personen; beim Kinde sind Orgasmus und Genital, 
exkretion nicht gut möglich, sie werden durch Andeutungen 
ersetzt, die wiederum nicht als sicher sexuell anerkannt werden. 



XXI) Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 341 

Ich muß noch etwas hinzufügen, um die Würdigung der 
sexuellen Perversionen zu vervollständigen. So verrufen sie auch 
sein mögen, so scharf man sie auch der normalen Sexualbe- 
tätigung gegenüberstellt, so zeigt doch die bequeme Beobachtung, 
daß dem Sexualleben der Normalen nur selten der eine oder 
andere perverse Zug abgeht. Schon der Kuß hat Anspruch auf 
den Namen eines perversen Aktes, denn er besteht in der Ver- 
einigung zweier erogener Mundzonen an Stelle der beiderlei 
Genitalien. Aber niemand verwirft ihn als pervers, er wird im 
Gegenteil in der Bühnendarstellung als gemilderte Andeutung 
des Sexualaktes zugelassen. Gerade das Küssen kann aber leicht 
zur vollen Perversion werden, wenn es nämlich so intensiv aus- 
fällt, daß sich Genitalentladung und Orgasmus direkt daran- 
schließen, was gar nicht so selten vorkommt. Im übrigen kann 
man erfahren, daß Betasten und Beschauen des Objektes für 
den einen unentbehrliche Bedingungen des Sexualgenusses sind, 
daß ein anderer auf der Höhe der sexuellen Erregung kneift oder 
beißt, daß die größte Erregtheit beim Liebenden nicht immer 
durch das Genitale, sondern durch eine andere Körperregion 
des Objektes hervorgerufen wird, und ähnliches in beliebiger 
Auswahl mehr. Es hat gar keinen Sinn, Personen mit einzelnen 
solchen Zügen aus der Reihe der Normalen auszuscheiden und 
zu den Perversen zu stellen, vielmehr erkennt man immer deut- 
licher, daß das Wesentliche der Perversionen nicht in der Über- 
schreitung des Sexualzieles, nicht in der Ersetzung der Geni- 
talien, ja nicht einmal immer in der Variation des Objektes 
besteht, sondern allein in der Ausschließlichkeit, mit welcher 
sich diese Abweichungen vollziehen, und durch welche der der 
Fortpflanzung dienende Sexualakt beiseite geschoben wird. So 
wie sich die perversen Handlungen als vorbereitende oder als 
verstärkende Beiträge in die Herbeiführung des normalen Sexual- 
aktes einfügen, sind sie eigentlich keine Perversionen mehr. 
Natürlich wird die Kluft zwischen der normalen und der per- 



342 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



versen Sexualität durch Tatsachen dieser Art sehr verringert 
Es ergibt sich ungezwungen, daß die normale Sexualität aus 
etwas hervorgeht, was vor ihr bestanden hat, indem sie einzelne 
Züge dieses Materials als unbrauchbar ausscheidet und die 
anderen zusammenfaßt, um sie einem neuen, dem Fortpflanzungs- 
ziel, unterzuordnen. 

Ehe wir unsere Vertrautheit mit den Perversionen dazu ver- 
wenden, um uns mit geklärten Voraussetzungen neuerlich in das 
Studium der infantilen Sexualität zu vertiefen, muß ich Sie auf 
einen wichtigen Unterschied zwischen beiden aufmerksam 
machen. Die perverse Sexualität ist in der Regel ausgezeichnet 
zentriert, alles Tun drängt zu einem — meist zu einem einzigen 
— Ziel, ein Partialtrieb hat bei ihr die Oberhand, er ist entweder 
der einzig nachweisbare oder hat die anderen seinen Absichten 
unterworfen. In dieser Hinsicht ist zwischen der perversen und 
der normalen Sexualität kein anderer Unterschied, als daß die 
herrschenden Partialtriebe und somit die Sexualziele verschiedene 
sind. Es ist sozusagen hier wie dort eine gut organisierte Tyran- 
nis, nur daß hier die eine, dort eine andere Familie die Herrschaft 
an sich gerissen hat. Die infantile Sexualität ist dagegen im gro- 
ßen und ganzen ohne solche Zentrierung und Organisation, ihre 
einzelnen Partialtriebe sind gleichberechtigt, ein jeder geht auf 
eigene Faust dem Lusterwerb nach. Der Mangel wie d«e An- 
wesenheit der Zentrierung stimmen natürlich gut zu der Tat- 
sache, daß beide, die perverse wie die normale Sexualität aus 
der infantilen hervorgegangen sind. Es gibt übrigens auch Fälle 
von perverser Sexualität, die weit mehr Ähnlichkeit mit der in- 
fantilen haben, indem sich zahlreiche Partialtriebe unabhängig 
voneinander mit ihren Zielen durchgesetzt oder besser: fortge_ 
setzt haben. Man spricht in diesen Fällen richtiger von Infanti- 
lismus des Sexuallebens als von Perversion. 

So vorbereitet können wir an die Erörterung eines Vorschlages 
gehen, der uns sicherlich nicht erspart werden wird. Man wird 



XXI) Libidoenttvicklung und Sexualorganisationen 343 

uns sagen: Warum steifen Sie sich darauf, die nach ihrem eigenen 
Zeugnis unbestimmbaren Äußerungen der Kindheit, aus denen 
später Sexuelles wird, auch schon Sexualität zu nennen? Warum 
wollen Sie sich nicht lieber mit der physiologischen Beschrei- 
bung begnügen und einfach sagen, beim Säugling beobachte man 
bereits Tätigkeiten, wie das Lutschen oder das Zurückhalten der 
Exkremente, die uns zeigen, daß er nach Organlust strebt? 
Dadurch würden Sie doch die jedes Gefühl beleidigende Aufstel- 
lung eines Sexuallebens für das kleinste Kind vermieden haben. 
— Ja, meine Herren, ich habe gar nichts gegen die Organlust 
einzuwenden; ich weiß, daß die höchste Lust der sexuellen Ver- 
einigung auch nur eine an die Tätigkeit der Genitalien gebun- 
dene Organlust ist. Aber können Sie mir sagen, wann diese ur- 
sprünglich indifferente Organlust den sexuellen Charakter be- 
kommt, den sie in späteren Phasen der Entwicklung unzweifel- 
haft besitzt? Wissen wir von der „Organlust" mehr als von der 
Sexualität? Sie werden antworten, der sexuelle Charakter käme 
eben hinzu, wenn die Genitalien ihre Rolle zu spielen beginnen; 
sexuell deckt sich mit genital. Sie werden selbst die Einwendung 
der Perversionen ablehnen, indem Sie mir vorhalten, daß es bei 
den meisten Perversionen doch auf die Erzielung des genitalen 
Orgasmus ankomme, wenn auch auf einem anderen Wege als 
durch die Vereinigung der Genitalien. Sie schaffen sich wirklich 
eine weit bessere Position, wenn Sie aus der Charakteristik des 
Sexuellen die infolge der Perversionen unhaltbare Beziehung zur 
Fortpflanzung streichen und dafür die Genitaltätigkeit voran- 
stellen. Aber dann sind wir nicht mehr weit auseinander; es 
stehen einfach die Genitalorgane gegen die anderen Organe. 
Was machen Sie nun aber gegen die vielfachen Erfahrungen, die 
Ihnen zeigen, daß die Genitalien für die Lustgewinnung durch 
andere Organe vertreten werden können, wie beim normalen 
Kuß, wie in den perversen Praktiken der Lebewelt, wie in der 
Symptomatik der Hysterie? Bei dieser Neurose ist es ganz ge- 



344 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wohnlich, daß Reizerscheinungen, Sensationen und Innervatio- 
nen, selbst die Vorgänge der Erektion, die an den Genitalien da- 
heim sind, auf andere entfernte Körperregionen verschoben wer- 
den (z. B. bei der Verlegung nach oben auf Kopf und Gesicht) . 
In solcher Weise überführt, daß Sie nichts haben, was Sie zur 
Charakteristik Ihres Sexuellen festhalten können, werden Sie 
sich wohl entschließen müssen, meinem Beispiel zu folgen und 
die Bezeichnung „sexuell" auch auf die nach Organlust streben- 
den Betätigungen der frühen Kindheit auszudehnen. 

Und nun wollen Sie zu meiner Rechtfertigung noch zwei wei- 
teren Erwägungen Raum geben. Wie Sie wissen, heißen wir die 
zweifelhaften und unbestimmbaren Lustbetätigungen der frühe- 
sten Kindheit sexuell, weil wir auf dem Wege der Analyse 
von den Symptomen aus über unbestreitbar sexuelles Material zu 
ihnen gelangen. Es müßte nicht darum auch selbst sexuell sein, 
zugestanden. Aber nehmen Sie einen analogen Fall. Stellen Sie 
sich vor, wir hätten keinen Weg, die Entwicklung zweier diko- 
tyledonen Pflanzen, des Apfelbaumes und der Bohne, aus ihren 
Samen zu beobachten, aber es sei uns in beiden Fällen möglich, 
ihre Entwicklung vom voll ausgebildeten pflanzlichen Indivi- 
duum bis zum ersten Keimling mit zwei Keimblättern rück- 
schreitend zu verfolgen. Die beiden Keimblättchen sehen in- 
different aus, sind in beiden Fällen ganz gleichartig. Werde ich 
darum annehmen, daß sie wirklich gleichartig sind, und daß die 
spezifische Differenz zwischen Apfelbaum und Bohne erst später 
in die Vegetation eintritt? Oder ist es biologisch korrekter zu 
glauben, daß diese Differenz schon im Keimling vorhanden ist, 
obwohl ich den Keimblättern eine Verschiedenheit nicht ansehen 
kann. Dasselbe tun wir aber, wenn wir die Lust bei Säuglings- 
betätigungen eine sexuelle heißen. Ob alle und jede Organlust 
eine sexuelle genannt werden darf, oder ob es neben der sexuel- 
len eine andere gibt, welche diesen Namen nicht verdient, das 
kann ich hier nicht diskutieren. Ich weiß zu wenig von der 



' 



XXI) Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 345 



Organlust und von ihren Bedingungen und darf mich bei dem 
rückschreitenden Charakter der Analyse überhaupt nicht ver- 
wundern, wenn ich am letzten Ende bei derzeit unbestimmbaren 
Momenten anlange. 

Und noch eins! Sie haben im ganzen für das, was Sie behaup- 
ten wollen, für die sexuelle Reinheit des Kindes, sehr wenig ge- 
wonnen, auch wenn Sie mich davon überzeugen können, daß die 
Säuglingsbetätigungen besser als nicht sexuelle eingeschätzt wer- 
den sollen. Denn schon vom dritten Lebensjahre an ist das 
Sexualleben des Kindes all diesen Zweifeln entzogen; um diese 
Zeit beginnen bereits die Genitalien sich zu regen, es ergibt sich 
vielleicht regelmäßig eine Periode von infantiler Masturbation, 
also Genitalbefriedigung. Die seelischen und sozialen Äußerun- 
gen des Sexuallebens brauchen nicht mehr vermißt zu werden; 
Objektwahl, zärtliche Bevorzugung einzelner Personen, ja Ent- 
scheidung für eines der beiden Geschlechter, Eifersucht, sind 
durch unparteiische Beobachtungen unabhängig und vor der Zeit 
der Psychoanalyse festgestellt worden und können von jedem 
Beobachter, der es sehen will, bestätigt werden. Sie werden ein- 
wenden, an dem frühen Erwachen der Zärtlichkeit haben Sie 
nicht gezweifelt, nur daran, daß diese Zärtlichkeit den „sexuel- 
len" Charakter trägt. Diesen zu verbergen haben die Kinder 
allerdings zwischen drei und acht Jahren bereits gelernt, aber 
wenn Sie aufmerksam sind, können Sie für die „sinnlichen" Ab- 
sichten dieser Zärtlichkeit immerhin genug Beweise sammeln, 
und was Ihnen dann noch abgeht, werden die analytischen Aus- 
forschungen mühelos in reichem Maße ergeben. Die Sexualziele 
dieser Lebenszeit stehen in innigstem Zusammenhang mit der 
gleichzeitigen Sexualforschung, von der ich Ihnen einige Pro- 
ben gegeben habe. Der perverse Charakter einiger dieser Ziele 
hängt natürlich von der konstitutionellen Unreife des Kindes 
ab, welches das Ziel des Begattungsaktes noch nicht entdeckt hat. 

Etwa vom sechsten bis achten Lebensjahr an macht sich ein 



346 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Stillstand und Rückgang in der Sexualentwicklung bemerkbar, 
der in den kulturell günstigsten Fällen den Namen einer La- 
tenzzeit verdient. Die Latenzzeit kann auch entfallen, sie braucht 
keine Unterbrechung der Sexualbetätigung und der Sexualinter- 
essen auf der ganzen Linie mit sich zu bringen. Die meisten 
Erlebnisse und seelischen Regungen vor dem Eintritt der Latenz- 
zeit verfallen dann der infantilen Amnesie, dem bereits erörterten 
Vergessen, welches unsere erste Jugend verhüllt und uns ihr 
entfremdet. In jeder Psychoanalyse stellt sich die Aufgabe her, 
diese vergessene Lebensperiode in die Erinnerung zurückzufüh- 
ren; man kann sich der Vermutung nicht erwehren, daß die in 
ihr enthaltenen Anfänge des Sexuallebens das Motiv zu diesem 
Vergessen ergeben haben, daß dies Vergessen also ein Erfolg der 
Verdrängung ist. 

Das Sexualleben des Kindes zeigt vom dritten Lebensjahr an 
viel Übereinstimmung mit dem des Erwachsenen; es unterschei- 
det sich von dem letzteren, wie wir bereits wissen, durch den 
Mangel einer festen Organisation unter dem Primat der Geni- 
talien, durch die unvermeidlichen Züge von Perversion und 
natürlich auch durch weit geringere Intensität der ganzen Stre- 
bung. Aber die für die Theorie interessantesten Phasen der 
Sexual-, oder wie wir sagen wollen, der Libidoentwicklung, lie- 
gen hinter diesem Zeitpunkt. Diese Entwicklung wird so rasch 
durchlaufen, daß es der direkten Beobachtung wahrscheinlich 
niemals gelungen wäre, ihre flüchtigen Bilder festzuhalten. Erst 
mit Hilfe der psychoanalytischen Durchforschung der Neurosen 
ist es möglich geworden, noch weiter zurückliegende Phasen der 
Libidoentwicklung zu erraten. Es sind dies gewiß nichts anderes 
als Konstruktionen, aber wenn Sie die Psychoanalyse praktisch 
betreiben, werden Sie finden, daß es notwendige und nutzbrin- 
gende Konstruktionen sind. Wie es zugeht, daß die Pathologie 
ans hier Verhältnisse verraten kann, welche wir am normalen 
Objekt übersehen müssen, werden Sie bald verstehen. 









XXI) Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 347 






Wir können also jetzt angeben, wie sich das Sexualleben des 
Kindes gestaltet, ehe der Primat der Genitalien hergestellt ist, 
der sich in der ersten infantilen Epoche vor der Latenzzeit vor- 
bereitet und von der Pubertät an dauernd organisiert. Es besteht 
in dieser Vorzeit eine Art von lockerer Organisation, die wir 
prägenital nennen wollen. Im Vordergrunde dieser 
Phase stehen aber nicht die genitalen Partialtriebe, sondern die 
sadistischen und analen. Der Gegensatz von m ä n n - 
lieh und weiblich spielt hier noch keine Rolle; seine 
Stelle nimmt der Gegensatz zwischen aktiv und passiv 
ein, den man als den Vorläufer der sexuellen Polarität bezeich- 
nen kann, mit welcher er sich auch späterhin verlötet. Was uns 
an den Betätigungen dieser Phase als männlich erscheint, wenn 
wir sie von der Genitalphase her betrachten, erweist sich als 
Ausdruck eines Bemächtigungstriebes, der leicht ins Grausame 
übergreift. Strebungen mit passivem Ziel knüpfen sich an die 
um diese Zeit sehr bedeutsame erogene Zone des Darmausganges. 
Schau- und Wißtrieb regen sich kräftig; das Genitale nimmt am 
Sexualleben eigentlich nur in seiner Rolle als Exkretionsorgan 
für den Harn Anteil. Es fehlt den Partialtrieben dieser Phase 
nicht an Objekten, aber diese Objekte fallen nicht notwendig zu 
einem Objekt zusammen. Die sadistisch-anale Organisation ist 
die nächste Vorstufe für die Phase des Genitalprimats. Ein ein- 
gehenderes Studium weist nach, wieviel von ihr für die spätere 
endgültige Gestaltung erhalten bleibt, und auf welchen Wegen 
ihre Partialtriebe zur Einreihung in die neue Genitalorganisation 
genötigt werden. Hinter der sadistisch-analen Phase der Libido- 
entwicklung gewinnen wir noch den Ausblick auf eine frühere, 
noch mehr primitive Organisationsstufe, auf welcher die ero- 
gene Mundzone die Hauptrolle spielt. Sie können erraten, daß 
die Sexualbetätigung des Lutschens ihr angehört, und dürfen das 
Verständnis der alten Ägypter bewundern, deren Kunst das Kind, 
auch den göttlichen Horus, durch den Finger im Munde 



348 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



charakterisiert. A b r a h a m hat erst kürzlich Mitteilungen dar- 
über gemacht, welche Spuren diese primitive orale Phase für das 
Sexualleben späterer Jahre hinterläßt. 

Meine Herren! Ich kann ja vermuten, daß die letzten Mittei- 
lungen über die Sexualorganisationen Ihnen mehr Belastung als 
Belehrung gebracht haben. Vielleicht bin ich auch wieder zu 
weit in Einzelheiten eingegangen. Aber haben Sie Geduld; was 
Sie da gehört haben, wird Ihnen durch spätere Verwendung wert- 
voller werden. Halten Sie für jetzt an dem Eindruck fest, daß das 
Sexualleben — wie wir sagen: die Libidofunktion — nicht als 
etwas Fertiges auftritt, auch nicht in seiner eigenen Ähnlichkeit 
weiterwächst, sondern eine Reihe von aufeinanderfolgenden 
Phasen durchmacht, die einander nicht gleichsehen, daß es also 
eine mehrmals wiederholte Entwicklung ist wie von der Raupe 
zum Schmetterling. Wendepunkt der Entwicklung ist die Un- 
terordnung aller sexuellen Partialtriebe unter den Primat der 
Genitalien und damit die Unterwerfung der Sexualität unter die 
Fortpflanzungsfunktion. Vorher ein sozusagen zerfahrenes 
Sexualleben, selbständige Betätigung der einzelnen, nach Organ- 
lust strebenden Partialtriebe. Diese Anarchie gemildert durch 
Ansätze zu „prägenitalen" Organisationen, zunächst die sadi- 
stisch-anale Phase, hinter ihr die orale, vielleicht die primitivste. I 
Dazu die verschiedenen, noch ungenau bekannten Prozesse, 
welche die eine Organisationsstufe in die spätere und nächst- 
höhere überführen. Welche Bedeutung es für die Einsicht in die 
Neurosen hat, daß die Libido einen so langen und absatzreichen 

Entwicklungsweg zurücklegt, werden wir ein nächstes Mal er- 
fahren. 

Heute werden wir noch eine andere Seite dieser Entwicklung 
verfolgen, nämlich die Beziehung der sexuellen Partialtriebe 
zum Objekt. Vielmehr wir werden einen flüchtigen Überblick 
über diese Entwicklung nehmen, um bei einem ziemlich späten 
Ergebnis derselben länger zu verweilen. Also einige der Kom- 







XXI) Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 349 



ponenten des Sexualtriebes haben von vornherein ein Objekt 
und halten es fest, so der Bemächtigungstrieb (Sadismus), der 
Schau- und Wißtrieb. Andere, die deutlicher an bestimmte ero- 
gene Körperzonen geknüpft sind, haben es nur im Anfang, so- 
lange sie sich noch an die nicht sexuellen Funktionen anlehnen, 
und geben es auf, wenn sie sich von diesen loslösen. So ist das 
erste Objekt der oralen Komponente des Sexualtriebes die Mut- 
terbrust, welche das Nahrungsbedürfnis des Säulings befriedigt. 
Im Akte des Lutschens macht sich die beim Saugen mitbefriedigte 
erotische Komponente selbständig, gibt das fremde Objekt auf 
und ersetzt es durch eine Stelle am eigenen Körper. Der orale 
Trieb wird autoerotisch, wie es die analen und die ande- 
ren erogenen Triebe von vornherein sind. Die weitere Entwick- 
lung hat, um es aufs knappste auszudrücken, zwei Ziele: erstens 
den Autoerotismus zu verlassen, das Objekt am eigenen Körper 
wiederum gegen ein fremdes Objekt zu vertauschen, und zwei- 
tens: die verschiedenen Objekte der einzelnen Triebe zu unifi- 
zieren, durch ein einziges Objekt zu ersetzen. Das kann natür- 
lich nur gelingen, wenn dies eine Objekt wiederum ein ganzer, 
dem eigenen ähnlicher Körper ist. Es kann sich auch nicht voll- 
ziehen, ohne daß eine Anzahl der autoerotischen Triebregungen 
als unbrauchbar zurückgelassen wird. 

Die Prozesse der Objektfindung sind ziemlich verwickelt, 
haben bisher auch noch keine übersichtliche Darstellung gefun- 
den. Heben wir für unsere Absicht hervor, daß, wenn der Pro- 
zeß in den Kinderjahren vor der Latenzzeit einen gewissen Ab- 
schluß erreicht hat, das gefundene Objekt sich als fast identisch 
erweist mit dem ersten, durch Anlehnung gewonnenen Objekt 
des oralen Lusttriebes. Es ist, wenn auch nicht die Mutterbrust, 
so doch die Mutter. Wir nennen die Mutter das erste Liebes- 
objekt. Von Liebe sprechen wir nämlich, wenn wir die seelische 
Seite der Sexualstrebungen in den Vordergrund rücken und die 
zugrunde liegenden körperlichen oder „sinnlichen" Trieban- 



F- 



350 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



forderungen zurückdrängen oder für einen Moment vergessen 
wollen. Um die Zeit, da die Mutter Liebesobjekt wird, hat auch 
bereits beim Kinde die psychische Arbeit der Verdrängung be- 
gonnen, welche seinem Wissen die Kenntnis eines Teiles seiner 
Sexualziele entzieht. An diese Wahl der Mutter zum Liebes- 
objekt knüpft nun all das an, was unter dem Namen des „ö d i - 
p u s komplexes" in der psychoanalytischen Aufklärung der Neu- 
rosen zu so großer Bedeutung gekommen ist und einen vielleichc 
nicht geringeren Anteil an dem Widerstand gegen die Psycho- 
analyse gewonnen hat. 

Hören Sie eine kleine Begebenheit an, die sich im Laufe dieses 
Krieges zugetragen hat : Einer der wackeren Jünger der Psycho- 
analyse befindet sich als Arzt an der deutschen Front irgendwo 
in Polen und erregt die Aufmerksamkeit der Kollegen dadurch, 
daß er gelegentlich eine unerwartete Beeinflussung eines Kranken 
zustande bringt. Auf Befragen bekennt er, daß er mit den Mit- 
teln der Psychoanalyse arbeitet, und muß sich bereit erklären, den 
Kollegen von seinem Wissen mitzuteilen. Allabendlich ver- 
sammeln sich nun die Ärzte des Korps, Kollegen und Vorge- 
setzte, um den Geheimlehren der Analyse zu lauschen. Das geht 
eine Weile gut, aber nachdem er den Hörern vom Ödipuskom. 
plex gesprochen hat, erhebt sich ein Vorgesetzter und äußert, das 
glaube er nicht, es sei eine Gemeinheit des Vortragenden, ihnen, 
braven Männern, die für ihr Vaterland kämpfen, und Familien- 
vätern solche Dinge zu erzählen, und er verbiete die Fortsetzung 
der Vorträge. Damit war es zu Ende. Der Analytiker ließ sich 
an einen anderen Teil der Front versetzen. Ich glaube aber, es 
steht schlecht, wenn der deutsche Sieg einer solchen „Organisa- 
tion" der Wissenschaft bedarf, und die deutsche Wissenschaft 
wird diese Organisation nicht gut vertragen. 

Nun werden Sie darauf gespannt sein zu erfahren, was dieser 
schreckliche Ödipuskomplex enthält. Der Name sagt es Ihnen. 
Sie kennen alle die griechische Sage vom König ödipus, der 




XXI) Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 351 



durch das Schicksal dazu bestimmt ist, seinen Vater zu töten und 
seine Mutter zum Weibe zu nehmen, der alles tut, um dem 
Orakelspruch zu entgehen, und sich dann durch Blendung be- 
straft, nachdem er erfahren, daß er diese beiden Verbrechen un- 
wissentlich doch begangen hat. Ich hoffe, viele von Ihnen haben 
die erschütternde Wirkung der Tragödie, in welcher S o p h o - 
kies diesen Stoff behandelt, an sich selbst erlebt. Das Werk des 
attischen Dichters stellt dar, wie die längst vergangene Tat des 
ödipus durch eine kunstvoll verzögerte und durch immer neue 
Anzeichen angefachte Untersuchung allmählich enthüllt wird; es 
hat insofern eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fortgang einer 
Psychoanalyse. Im Verlaufe des Dialogs kommt es vor, daß die 
verblendete Mutter-Gattin J o k a s t e sich der Fortsetzung der 
Untersuchung widersetzt. Sie beruft sich darauf, daß vielen 
Menschen im Traum zuteil geworden, daß sie der Mutter bei- 
wohnen, aber Träume dürfe man gering achten. Wir achten 
Träume nicht gering, am wenigsten typische Träume, solche, die 
sich vielen Menschen ereignen, und zweifeln nicht daran, daß 
der von Jokaste erwähnte Traum innig mit dem befremdenden 
und erschreckenden Inhalt der Sage zusammenhängt. 

Es ist zu verwundern, daß die Tragödie des Sophokles 
nicht vielmehr empörte Ablehnung beim Zuhörer hervorruft, 
eine ähnliche und weit mehr berechtigte Reaktion als die unseres 
schlichten Militärarztes. Denn sie ist im Grunde ein unmoralisches 
Stück, sie hebt die sittliche Verantwortlichkeit des Menschen 
auf, zeigt göttliche Mächte als die Anordner des Verbrechens und 
die Ohnmacht der sittlichen Regungen des Menschen, die sich 
gegen das Verbrechen wehren. Man könnte leicht glauben, daß 
der Sagenstoff eine Anklage der Götter und des Schicksals be- 
absichtige, und in den Händen des kritischen, mit den Göttern 
zerfallenen E u r i p i d e s wäre es wahrscheinlich eine solche 
Anklage geworden. Aber beim gläubigen Sophokles ist von 
dieser Verwendung keine Rede; eine fromme Spitzfindigkeit, es 



352 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sei die höchste Sittlichkeit, sich dem Willen der Götter, auch 
wenn er Verbrecherisches anordne, zu beugen, hilft über die 
Schwierigkeit hinweg. Ich kann nicht finden, daß diese Moral 
zu den Stärken des Stückes gehört, aber sie ist für die Wirkung 
desselben gleichgültig. Der Zuhörer reagiert nicht auf sie, son- 
dern auf den geheimen Sinn und Inhalt der Sage. Er reagiert so, 
als hätte er durch Selbstanalyse den Ödipuskomplex in sich er- 
kannt und den Götterwillen sowie das Orakel als erhöhende Ver- 
kleidungen seines eigenen Unbewußten entlarvt. Als ob er sich 
der Wünsche, den Vater zu beseitigen und an seiner Statt die 
Mutter zum Weibe zu nehmen, erinnern und sich über sie ent- 
setzen müßte. Er versteht auch die Stimme des Dichters so, als 
ob sie ihm sagen wollte: Du sträubst dich vergebens gegen deine 
Verantwortlichkeit und beteuerst, was du gegen diese verbreche- 
rischen Absichten getan hast. Du bist doch schuldig, denn du 
hast sie nicht vernichten können; sie bestehen noch unbewußt in 
dir. Und darin ist psychologische Wahrheit enthalten. Auch 
wenn der Mensch seine bösen Regungen ins Unbewußte ver- 
drängt hat und sich dann sagen möchte, daß er für sie nicht ver- 
antwortlich ist, wird er doch gezwungen, diese Verantwortlich- 
keit als ein Schuldgefühl von ihm unbekannter Begründung zu 
verspüren. 

Es ist ganz unzweifelhaft, daß man in dem Ödipuskomplex 
eine der wichtigsten Quellen des Schuldbewußtseins sehen darf, 
von dem die Neurotiker so oft gepeinigt werden. Aber noch 
mehr: in einer Studie über die Anfänge der menschlichen Reli- 
gion und Sittlichkeit, die ich 1913 unter dem Titel „Totem und 
Tabu" veröffentlicht habe, ist mir die Vermutung nahe gekom- 
men, daß vielleicht die Menschheit als Ganzes ihr Schuldbewußt- 
sein, die letzte Quelle von Religion und Sittlichkeit, zu Beginn 
ihrer Geschichte am Ödipuskomplex erworben hat. Ich möchte 
Ihnen gerne mehr darüber sagen, aber ich unterlasse es besser. 
Es ist schwer, von diesem Thema abzubrechen, wenn man mit 




XXI) Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 353 

ihm begonnen hat, und wir müssen zur individuellen Psycho- 
logie zurückkehren. 

Was läßt also die direkte Beobachtung des Kindes zur Zeit der 
Objekt wähl vor der Latenzzeit vom Ödipuskomplex erkennen? 
Nun, man sieht leicht, daß der kleine Mann die Mutter für sich 
allein haben will, die Anwesenheit des Vaters als störend empfin- 
det, unwillig wird, wenn dieser sich Zärtlichkeiten gegen die 
Mutter erlaubt, seine Zufriedenheit äußert, wenn der Vater ver- 
reist oder abwesend ist. Häufig gibt er seinen Gefühlen direkten 
Ausdruck in Worten, verspricht der Mutter, daß er sie heiraten 
wird. Man wird meinen, das sei wenig im Vergleich zu den 
Taten des Ödipus, aber es ist tatsächlich genug, es ist im Keime 
dasselbe. Die Beobachtung wird häufig durch den Umstand ver- 
dunkelt, daß dasselbe Kind gleichzeitig bei anderen Gelegen- 
heiten eine große Zärtlichkeit für den Vater kundgibt; allein 
solche gegensätzliche — oder besser gesagt : ambivalente 
— Gefühlseinstellungen, die beim Erwachsenen zum Konflikt 
führen würden, vertragen sich beim Kinde eine lange Zeit ganz 
gut miteinander, wie sie später im Unbewußten dauernd neben- 
einander Platz finden. Man wird auch einwenden wollen, daß 
das Benehmen des kleinen Knaben egoistischen Motiven ent- 
springt und keine Berechtigung zur Aufstellung eines erotischen 
Komplexes gibt. Die Mutter sorgt für alle Bedürfnisse des Kin- 
des, und das Kind hat darum ein Interesse daran, daß sie sich um 
keine andere Person bekümmere. Auch das ist richtig, aber es 
wird bald klar, daß in dieser wie in ähnlichen Situationen das 
egoistische Interesse nur die Anlehnung bietet, an welche die 
erotische Strebung anknüpft. Zeigt der Kleine die unverhüllteste 
sexuelle Neugierde für seine Mutter, verlangt er, nachts bei ihr 
zu schlafen, drängt sich zur Anwesenheit bei ihrer Toilette auf 
oder unternimmt er gar Verführungsversuche, wie es die Mutter 
so oft feststellen und lachend berichten kann, so ist die erotische 
Nacur der Bindung an die Mutter doch gegen jeden Zweifel ge- 
a 3 



354 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sichert. Man darf auch nicht vergessen, daß die Mutter dieselbe 
Fürsorge für ihr Töchterchen entfaltet, ohne dieselbe Wirkung 
zu erzielen, und daß der Vater oft genug mit ihr in der Be- 
mühung um den Knaben wetteifert, ohne daß es ihm gelänge, 
sich dieselbe Bedeutung wie die Mutter zu erwerben. Kurz, daß 
das Moment der geschlechtlichen Bevorzugung durch keine Kri- 
tik aus der Situation zu eliminieren ist. Vom Standpunkt des 
egoistischen Interesses wäre es nur unklug von dem kleinen 
Mann, wenn er nicht lieber zwei Personen in seinen Diensten 
dulden würde, als nur eine von ihnen. 

Ich habe, wie Sie merken, nur das Verhältnis des Knaben zu 
Vater und Mutter geschildert. Für das kleine Mädchen gestaltet 
es sich mit den notwendigen Abänderungen ganz ähnlich. Die 
zärtliche Anhänglichkeit an den Vater, das Bedürfnis, die Mut- 
ter als überflüssig zu beseitigen und ihre Stelle einzunehmen, 
eine bereits mit den Mitteln der späteren Weiblichkeit arbeitende 
Koketterie ergeben gerade beim kleinen Mädchen ein reizvol- 
les Bild, welches uns an den Ernst und die möglichen schweren 
Folgen hinter dieser infantilen Situation vergessen läßt. Ver. 
säumen wir nicht hinzuzufügen, daß häufig die Eltern selbst 
einen entscheidenden Einfluß auf die Erweckung der Ödipusein- 
stellung des Kindes üben, indem sie selbst der geschlechtlichen 
Anziehung folgen, und wo mehrere Kinder sind, in der deut- 
lichsten Weise der Vater das Töchterchen und die Mutter den 
Sohn in ihrer Zärtlichkeit bevorzugen. Aber die spontane Natur 
des kindlichen Ödipuskomplexes kann nicht einmal durch dieses 
Moment ernstlich erschüttert werden. Der Ödipuskomplex er- 
weitert sich zum Familienkomplex, wenn andere Kinder dazu- 
kommen. Er motiviert nun mit neuerlicher Anlehnung an die 
egoistische Schädigung, daß diese Geschwister mit Abneigung 
empfangen und unbedenklich durch den Wunsch beseitigt wer- 
den. Diesen Haßempfindungen geben die Kinder sogar in der 
Regel weit eher wörtlichen Ausdruck als den aus dem Eltern- 



^ 



XXI) Libidoentwicklung und Sexualorganisationen 355 



komplex entspringenden. Geht ein solcher Wunsch in Erfül- 
lung und nimmt der Tod den unerwünschten Zuwachs binnen 
kurzem wieder weg, so kann man aus späterer Analyse erfahren, 
ein wie wichtiges Erlebnis dieser Todesfall für das Kind gewesen 
ist, wiewohl er im Gedächtnis desselben nicht gehaftet zu haben 
braucht. Das durch die Geburt eines Geschwisterchens in die 
zweite Linie gedrängte, für die erste Zeit von der Mutter fast 
isolierte Kind, vergißt ihr diese Zurückstellung nur schwer; Ge- 
fühle, die man beim Erwachsenen als schwere Erbitterung be- 
zeichnen würde, stellen sich bei ihm ein und werden oft zur 
Grundlage einer dauernden Entfremdung. Daß die Sexualfor- 
schung mit all ihren Konsequenzen gewöhnlich an diese Lebens- 
erfahrung des Kindes anknüpft, haben wir schon erwähnt. Mit 
dem Heranwachsen dieser Geschwister erfährt die Einstellung zu 
ihnen die bedeutsamsten Wandlungen. Der Knabe kann die 
Schwester zum Liebesobjekt nehmen als Ersatz für die treulose 
Mutter; zwischen mehreren Brüdern, die um ein jüngeres Schwe- 
sterchen werben, ergeben sich schon in der Kinderstube die für 
das spätere Leben bedeutsamen Situationen einer feindseligen 
Rivalität. Ein kleines Mädchen findet im älteren Bruder einen 
Ersatz für den Vater, der sich nicht mehr wie in den frühesten 
Jahren zärtlich um sie kümmert, oder sie nimmt eine jüngere 
Schwester zum Ersatz für das Kind, das sie sich vergeblich vom 
Vater gewünscht hat. 

Solches und sehr viel mehr von ähnlicher Natur zeigt Ihnen 
die direkte Beobachtung der Kinder und die Würdigung ihrer 
klar erhaltenen, von der Analyse nicht beeinflußten Erinnerungen 
aus den Kinderjahren. Sie werden daraus unter anderem den 
Schluß ziehen, daß die Stellung eines Kindes in der Kinderreihe 
ein für die Gestaltung seines späteren Lebens überaus wichtiges 
Moment ist, welches in jeder Lebensbeschreibung Rücksicht fin- 
den sollte. Aber, was wichtiger ist, Sie werden sich angesichts 
dieser mühelos zu gewinnenden Aufklärungen der Äußerungen 



356 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

der Wissenschaft zur Erklärung des Inzestverbotes nicht ohne 
Lächeln erinnern können. Was ist da nicht alles erfunden wor- 
den! Die geschlechtliche Neigung soll durch das Zusammen- 
leben von Kindheit her von den andersgeschlechtlichen Mitglie- 
dern derselben Familie abgelenkt worden sein, oder eine biolo- 
gische Tendenz zur Vermeidung der Inzucht soll in der ange- 
borenen Inzestscheu ihre psychische Repräsentanz finden! Wo- 
bei noch ganz vergessen wird, daß es keines so unerbittlichen 
Verbotes durch Gesetz und Sitte bedürfte, wenn es irgend ver- 
läßliche natürliche Schranken gegen die Inzestversuchung gäbe. 
Im Gegenteil liegt die Wahrheit. Die erste Objektwahl der Men- 
schen ist regelmäßig eine inzestuöse, beim Manne auf Mutter 
und Schwester gerichtete, und es bedarf der schärfsten Verbote, 
um diese fortwirkende infantile Neigung von der Wirklichkeit 
abzuhalten. Bei den heute noch lebenden Primitiven, den wilden 
Völkern, sind die Inzestverbote noch viel schärfer als bei uns, 
und kürzlich hat Th. R e i k in einer glänzenden Arbeit gezeigt, 
daß die Pubertätsriten der Wilden, die eine Wiedergeburt dar- 
stellen, den Sinn haben, die inzestuöse Bindung der Knaben an 
ihre Mutter aufzuheben und ihre Versöhnung mit dem Vater 
herzustellen. 

Die Mythologie belehrt Sie, daß der von den Menschen an- 
geblich so verabscheute Inzest unbedenklich den Göttern zuge- 
standen wird, und aus der alten Geschichte können Sie erfahren, 
daß die inzestuöse Schwesterehe für die Person des Herrschers ge- 
heiligte Vorschrift war (bei den alten Pharaonen, den Incas von 
Peru) . Es handelt sich also um ein der gemeinen Menge ver- 
sagtes Vorrecht. 

Der Mutterinzest ist das eine Verbrechen des Ödipus, der 
Vatermord das andere. Nebenbei erwähnt, es sind auch die bei- 
den großen Verbrechen, welche die erste sozial-religiöse Institu- 
tion der Menschen, der Totemismus, verpönt. Wenden wir uns 
nun von der direkten Beobachtung des Kindes zur analytischen 




- 



. 



XXI) Ubidoentwicklung und Sexualorganisationen 357 






Erforschung des neurotisch gewordenen Erwachsenen. Was 
leistet die Analyse zur weiteren Kenntnis des Ödipuskomplexes? 
Nun, das ist kurz zu sagen. Sie weist ihn so auf, wie ihn die 
Sage erzählt; sie zeigt, daß jeder dieser Neurotiker selbst ein 
ödipus war oder, was auf dasselbe ausgeht, in der Reaktion auf 
den Komplex ein Hamlet geworden ist. Natürlich ist die ana- 
lytische Darstellung des Ödipuskomplexes eine Vergrößerung 
und Vergröberung der infantilen Skizze. Der Haß gegen den 
Vater, die Todeswünsche gegen ihn, sind nicht mehr schüchtern 
angedeutet, die Zärtlichkeit für die Mutter bekennt sich zum Ziel, 
sie als Weib zu besitzen. Dürfen wir diese grellen und extremen 
Gefühlsregungen wirklich jenen zarten Kinderjahren zutrauen 
oder täuscht uns die Analyse durch die Einmengung eines neuen 
Moments? Es ist nicht schwer, ein solches aufzufinden. Jedes- 
mal, wenn ein Mensch über Vergangenes berichtet, und sei er 
auch ein Geschichtsschreiber, haben wir in Betracht zu ziehen, 
was er unabsichtlich aus der Gegenwart oder aus dazwischenlie- 
genden Zeiten in die Vergangenheit zurückversetzt, so daß er 
das Bild derselben fälscht. Im Falle des Neurotikers ist es sogar 
fraglich, ob diese Rückversetzung eine ganz und gar unabsicht- 
liche ist; wir werden Motive für sie später kennenlernen und der 
Tatsache des „Rückphantasierens" in frühe Vergangenheit über- 
haupt gerecht werden müssen. Wir entdecken auch leicht, daß 
der Haß gegen den Vater durch eine Anzahl von Motiven ver- 
stärkt ist, die aus späteren Zeiten und Beziehungen stammen, daß 
die sexuellen Wünsche auf die Mutter in Formen gegossen sind, 
die dem Kinde noch fremd sein mußten. Aber es wäre ein ver- 
gebliches Bemühen, wenn wir das Ganze des Ödipuskomplexes 
durch Rückphantasieren erklären und auf spätere Zeiten beziehen 
wollten. Der infantile Kern und auch mehr oder weniger vom 
Beiwerk bleibt bestehen, wie ihn die direkte Beobachtung des 
Kindes bestätigt. 

Die klinische Tatsache, die uns hinter der analytisch festge- 



358 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

stellten Form des Ödipuskomplexes entgegentritt, ist nun von 
der höchsten praktischen Bedeutung. Wir erfahren, daß zur Zeit 
der Pubertät, wenn der Sexualtrieb zuerst in voller Stärke seine 
Ansprüche erhebt, die alten familiären und inzestuösen Objekte 
wieder aufgenommen und von neuem libidinös besetzt werden. 
Die infantile Objektwahl war nur ein schwächliches, aber Rieh, 
tung gebendes Vorspiel der Objekt wähl in der Pubertät. Hier 
spielen sich nun sehr intensive Gefühlsvorgänge in der Richtung 
des Ödipuskomplexes oder in der Reaktion auf ihn ab, die aber, 
weil ihre Voraussetzungen unerträglich geworden sind, zum gro- 
ßen Teil dem Bewußtsein ferne bleiben müssen. Von dieser 
Zeit an muß sich das menschliche Individuum der großen Auf. 
gäbe der Ablösung von den Eltern widmen, nach deren Lösung 
es erst aufhören kann Kind zu sein, um ein Mitglied der sozialen 
Gemeinschaft zu werden. Die Aufgabe besteht für den Sohn 
darin, seine libidinösen Wünsche von der Mutter zu lösen, um 
sie für die Wahl eines realen fremden Liebesobjektes zu verwen- 
den, und sich mit dem Vater zu versöhnen, wenn er in Gegner- 
schaft zu ihm verblieben ist, oder sich von seinem Druck zu be- 
freien, wenn er in Reaktion auf die infantile Auflehnung in die 
Unterwürfigkeit gegen ihn geraten ist. Diese Aufgaben ergeben 
sich für jedermann; es ist beachtenswert, wie selten ihre Er- 
ledigung in idealer Weise, d. h. psychologisch wie sozial korrekt, 
gelingt. Den Neurotikern aber gelingt diese Lösung überhaupt 
nicht, der Sohn bleibt sein lebelang unter die Autorität des Vaters 
gebeugt und ist nicht imstande, seine Libido auf ein fremdes 
Sexualobjekt zu übertragen. Dasselbe kann mit Veränderung 
der Beziehung das Los der Tochter werden. In diesem Sinne gilt 
der Ödipuskomplex mit Recht als der Kern der Neurosen. 

Sie ahnen, meine Herren, wie flüchtig ich über eine große An- 
zahl von praktisch wie theoretisch bedeutsamen Verhältnissen, 
die mit dem Ödipuskomplex zusammenhängen, hinwegsetze. 
Ich gehe auch auf seine Variationen und seine mögliche Umkeh- 




XXI) Libido entwicklung und Sexualorganisationen 359 

rung nicht ein. Von den entfernteren Beziehungen desselben 
will ich Ihnen nur noch andeuten, daß er sich als höchst bestim- 
mend für die dichterische Produktion erwiesen hat. Otto Rank 
hat in einem verdienstvollen Buch gezeigt, daß die Dramatiker 
aller Zeiten ihre Stoffe hauptsächlich dem ödipus- und Inzest- 
komplex, dessen Variationen und Verschleierungen, entnommen 
haben. Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, daß die beiden 
verbrecherischen Wünsche des Ödipuskomplexes längst vor der 
Zeit der Psychoanalyse als die richtigen Repräsentanten des un- 
gehemmten Trieblebens erkannt worden sind. Unter den Schrif- 
ten des Enzyklopädisten Diderot finden Sie einen berühm- 
ten Dialog „Le neveu de Rameau", den kein Geringerer als 
Goethe deutsch bearbeitet hat. Dort können Sie den merk- 
würdigen Satz lesen: Si le petii sauvage Hait abandonne ä lui- 
meme, qu'il conserva toute son imbecillite et qu'il reunit au peu 
de raison de l'enjant au berceau la violence des passions de 
l' komme de trente ans, il tordrait le coU ä son pere et coucherait 
av€C sa mere. 

Aber etwas anderes kann ich nicht übergehen. Die Mutter- 
Gattin des ödipus soll uns nicht vergeblich an den Traum ge- 
mahnt haben. Erinnern Sie sich noch des Resultates unserer 
Traumanalysen, daß die traumbildenden Wünsche so häufig 
perverser, inzestuöser Natur sind oder eine nicht geahnte Feind- 
seligkeit gegen nächste und geliebte Angehörige verraten? Wir 
haben es damals unaufgeklärt gelassen, woher diese bösen Regun- 
gen stammen. Nun können Sie sich's selbst sagen. Es sind früh- 
infantile, fürs bewußte Leben längst aufgegebene Unterbringun- 
gen der Libido und Objektbesetzungen, die sich nächtlicherweile 
noch als vorhanden und als in gewissem Sinne leistungsfähig 
erweisen. Da aber alle Menschen solche perverse, inzestuöse und 
todeswütige Träume haben, nicht bloß die Neurotiker, dürfen 
wir den Schluß ziehen, daß auch die heute Normalen den Ent- 
wicklungsgang über die Perversionen und die Objektbesetzun- 



360 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



gen des Ödipuskomplexes 2urückgelegc haben, daß dieser Weg 
der der normalen Entwicklung ist, daß die Neurotiker uns nur 
vergrößert und vergröbert zeigen, was uns die Traumanalyse 
auch beim Gesunden verrät. Und dies ist eines der Motive, wes- 
halb wir das Studium der Träume dem der neurotischen Sym- 
ptome vorangeschickt haben. 



XXn. VORLESUNG 

GESICHTSPUNKTE DER ENTWICKLUNG 
UND REGRESSION — ÄTIOLOGIE 

Meine Damen und Herren! Wir haben gehört, daß die Libido- 
funktion eine weitläufige Entwicklung durchmacht, bis sie in der 
normal genannten Weise in den Dienst der Fortpflanzung treten 
kann. Ich möchte Ihnen nun vorführen, welche Bedeutung diese 
Tatsache für die Verursachung der Neurosen hat. 

Ich glaube, wir befinden uns im Einklang mit den Lehren der 
allgemeinen Pathologie, wenn wir annehmen, daß eine solche 
Entwicklung zweierlei Gefahren mit sich bringt, erstens die der 
Hemmung und zweitens die der R e g r e s s i o n. Das heißt, 
bei der allgemeinen Neigung biologischer Vorgänge zur Varia- 
tion wird es sich ereignen müssen, daß nicht alle vorbereitenden 
Phasen gleich gut durchlaufen und vollständig überwunden wer- 
den; Anteile der Funktion werden dauernd auf diesen frühen 
Stufen zurückgehalten werden, und dem Gesamtbild der Ent- 
wicklung wird ein gewisses Maß von Entwicklungshemmung bei- 
gemengt sein. 

Suchen wir uns Analogien zu diesen Vorgängen auf anderen 
Gebieten. Wenn ein ganzes Volk seine Wohnsitze verläßt, um 



XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 



361 



neue aufzusuchen, wie es in früheren Perioden der Menschen- 
geschichte oftmals geschah, so ist es gewiß nicht in seiner Voll- 
zahl an dem neuen Orte angekommen. Von anderen Verlusten 
abgesehen, muß es sich regelmäßig zugetragen haben, daß kleine 
Haufen oder Verbände der Wanderer unterwegs Halt machten 
und sich an diesen Stationen niederließen, während die Haupt- 
menge weiterzog. Oder, um näherliegende Vergleiche zu suchen, 
Sie wissen, daß bei den höchsten Säugetieren die männlichen 
Keimdrüsen, die ursprünglich tief im Innern des Bauchraumes 
lagern, zu einer gewissen Zeit des Intrauterinlebens eine Wan- 
derung antreten, die sie fast unmittelbar unter die Haut des 
Beckenendes geraten läßt. Als Folge dieser Wanderung findet 
man bei einer Anzahl von männlichen Individuen, daß eines der 
paarigen Organe in der Beckenhöhle zurückgeblieben ist, oder 
daß es eine dauernde Lagerung im sogenannten Leistenkanal ge- 
funden hat, den beide auf ihrer Wanderung passieren müssen, 
oder daß wenigstens dieser Kanal offen geblieben ist, der nor- 
malerweise nach Abschluß des Lagewechsels der Keimdrüsen ver- 
wachsen soll. Als ich als junger Student meine erste wissenschaft- 
liche Arbeit unter der Leitung v. Brückes ausführte, beschäf- 
tigte ich mich mit dem Ursprung der hinteren Nervenwurzeln 
im Rückenmark eines kleinen, noch sehr archaisch gebildeten 
Fisches. Ich fand, daß die Nervenfasern dieser Wurzeln aus 
großen Zellen im Hinterhorn der grauen Substanz hervorgehen, 
was bei anderen Rückenmarktieren nicht mehr der Fall ist. 
Aber ich entdeckte auch bald darauf, daß solche Nervenzellen 
sich außerhalb der grauen Substanz an der ganzen Strecke bis 
zum sogenannten Spinalganglion der hinteren Wurzel vorfinden, 
woraus ich den Schluß zog, daß die Zellen dieser Ganglienhaufen 
aus dem Rückenmark in die Wurzelstrecke der Nerven gewandert 
sind. Dies zeigt auch die Entwicklungsgeschichte; bei diesem 
kleinen Fisch war aber der ganze Weg der Wanderung durch zu- 
rückgebliebene Zellen kenntlich gemacht. Bei tieferem Eingehen 






362 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wird es Ihnen nicht schwer fallen, die schwachen Punkce die- 
ser Vergleichungen aufzuspüren. Wir wollen es darum direkt 
aussprechen, daß wir es für jede einzelne Sexualstrebung für 
möglich halten, daß einzelne Anteile von ihr auf früheren Stu- 
fen der Entwicklung zurückgeblieben sind, wenngleich andere 
Anteile das Endziel erreicht haben mögen. Sie erkennen dabei, 
daß wir uns jede solche Strebung als eine seit Lebensbeginn 
kontinuierliche Strömung vorstellen, die wir gewissermaßen 
künstlich in gesondert aufeinanderfolgende Schübe zerlegen. 
Ihr Eindruck, daß diese Vorstellungen einer weiteren Klärung 
bedürftig sind, hat Recht, aber der Versuch würde uns zu weit 
abführen. Lassen Sie uns noch feststellen, daß ein solches Ver- 
bleiben einer Partialstrebung auf einer früheren Stufe eine 
Fixierung (des Triebes nämlich) heißen soll. 

Die zweite Gefahr einer so stufenweisen Entwicklung liegt 
darin, daß auch die Anteile, die es weiter gebracht haben, leicht 
in rückläufiger Bewegung auf eine dieser früheren Stufen zu- 
rückkehren können, was wir eine Regression nennen. Zu 
einer solchen Regression wird sich die Strebung veranlaßt fin- 
den, wenn die Ausübung ihrer Funktion, also die Erreichung 
ihres Befriedigungszieles, in deren späteren oder höher ent- 
wickelten Form auf starke äußere Hindernisse stößt. Es liegt 
uns nahe anzunehmen, daß Fixierung und Regression nicht un- 
abhängig voneinander sind. Je stärker die Fixierungen auf 
dem Entwicklungsweg, desto eher wird die Funktion den 
äußeren Schwierigkeiten durch Regression bis zu jenen Fixie- 
rungen ausweichen, desto widerstandsunfähiger erweist sich 
also die ausgebildete Funktion gegen äußere Hindernisse ihres 
Ablaufes. Denken Sie daran, wenn ein Volk in Bewegung 
starke Abteilungen an den Stationen seiner Wanderung zurück- 
gelassen hat, so wird es den weiter Vorgerückten naheliegen, 
sich bis zu diesen Stationen zurückzuziehen, wenn sie geschla- 
gen werden oder auf einen überstarken Feind stoßen. Sie 



i 



XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 363 



werden aber auch um so eher in die Gefahr der Niederlage 
kommen, je mehr sie von ihrer Anzahl auf der Wanderung 
zurückgelassen haben. 

Es ist für Ihr Verständnis der Neurosen wichtig, daß Sie 
dies Verhältnis zwischen Fixierung und Regression nicht aus 
den Augen lassen. Sie gewinnen dann einen sicheren Halt in 
der Frage nach der Verursachung der Neurosen, in der Frage 
der Neurosenätiologie, an welche wir bald herantreten werden. 
Zunächst wollen wir noch bei der Regression verbleiben. 
Nach dem, was Ihnen von der Entwicklung der Libidofunktion 
bekannt geworden ist, dürfen Sie Regressionen von zweierlei 
Art erwarten, Rückkehr zu den ersten von der Libido be- 
setzten Objekten, die bekanntlich inzestuöser Natur sind, und 
Rückkehr der gesamten Sexualorganisation zu früheren Stufen. 
Beide kommen bei den Übertragungsneurosen vor und spielen 
in deren Mechanismus eine große Rolle. Besonders die Rück- 
kehr zu den ersten inzestuösen Objekten der Libido ist ein 
Zug, der sich bei den Neurotikern mit geradezu ermüdender 
Regelmäßigkeit findet. Weit mehr läßt sich über die Regres- 
sionen der Libido sagen, wenn man eine andere Gruppe der 
Neurosen, die sogenannten narzißtischen, mit heranzieht, was 
wir ja gegenwärtig nicht beabsichtigen. Diese Affektionen 
geben uns Aufschluß über noch andere, bisher nicht erwähnte 
Entwicklungsvorgänge der Libidofunktion und zeigen uns, dem- 
entsprechend auch neue Arten der Regression. Ich glaube 
aber, daß ich Sie jetzt vor allem mahnen muß, Regression 
undV e r d r ä n g u n g nicht zu verwechseln, und Ihnen dazu 
verhelfen muß, sich die Beziehungen zwischen den beiden 
Prozessen zu klären. Verdrängung ist, wie Sie sich erinnern, 
jener Vorgang, durch welchen ein bewußtseinsfähiger Akt, also 
einer, der dem System Vbw. angehört, unbewußt gemacht, 
also in das System Ubw. zurückgeschoben wird. Und ebenso 
nennen wir es Verdrängung, wenn der unbewußte seelische 



364 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Akt überhaupt nicht ins nächste vorbewußte System zugelassen, 
sondern an der Schwelle von der Zensur zurückgewiesen wird. 
Dem Begriff der Verdrängung haftet also keine Beziehung zur 
Sexualität an; bitte, bemerken Sie das wohl. Er bezeichnet 
einen rein psychologischen Vorgang, den wir noch besser cha- 
rakterisieren können, wenn wir ihn einen t o p i s c h e n hei- 
ßen. Wir wollen damit sagen, er habe mit den angenommenen 
psychischen Räumlichkeiten zu tun, oder, wenn wir diese grobe 
Hilfsvorstellung wieder fallen lassen, mit dem Aufbau des 
seelischen Apparates aus gesonderten psychischen Systemen. 

Durch die angestellte Vergleichung werden wir erst aufmerk- 
sam gemacht, daß wir das Wort „Regression" bisher nicht in 
seiner allgemeinen, sondern in einer ganz speziellen Bedeutung 
gebraucht haben. Geben Sie ihm seinen allgemeinen Sinn, den 
einer Rückkehr von einer höheren zu einer niedrigeren Stufe der 
Entwicklung, so ordnet sich auch die Verdrängung der Regres- 
sion unter, denn sie kann auch als Rückkehr zu einer früheren 
und tieferen Stufe in der Entwicklung eines psychischen Aktes 
beschrieben werden. Nur daß es uns bei der Verdrängung auf 
diese rückläufige Richtung nicht ankommt, denn wir heißen es 
auch Verdrängung im dynamischen Sinne, wenn ein psychischer 
Akt auf der niedrigeren Stufe des Unbewußten festgehalten wird. 
Verdrängung ist eben ein topisch-dynamischer Begriff, Regres- 
sion ein rein deskriptiver. Was wir aber bisher Regression ge- 
nannt und zur Fixierung in Beziehung gebracht haben, damit 
meinten wir ausschließlich die Rückkehr der Libido zu früheren 
Stationen ihrer Entwicklung, also etwas, was von der Verdrän- 
gung im Wesen ganz verschieden und von ihr ganz unabhängig 
ist. Wir können die Libidoregression auch nicht einen rein psy- 
chischen Vorgang heißen und wissen nicht, welche Lokalisation 
im seelischen Apparat wir ihr anweisen sollen. Wenn sie auch 
den stärksten Einfluß auf das seelische Leben ausübt, so ist doch 
der organische Faktor an ihr der hervorragendste. 




XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 365 

Erörterungen wie diese, meine Herren, müssen etwas dürr ge- 
raten. Wenden wir uns an die Klinik, um etwas eindrucksvollere 
Anwendungen von ihnen zu machen. Sie wissen, daß Hysterie 
und Zwangsneurose die beiden Hauptvertreter der Gruppe der 
Übertragungsneurosen sind. Bei der Hysterie gibt es nun zwar 
eine Regression der Libido zu den primären inzestuösen Sexual- 
objekten, und diese ganz regelmäßig, aber so gut wie keine Re- 
gression auf eine frühere Stufe der Sexualorganisation. Dafür 
fällt der Verdrängung im hysterischen Mechanismus die Haupt- 
rolle zu. Wenn ich mir gestatten darf, unsere bisherige gesicherte 
Kenntnis dieser Neurose durch eine Konstruktion zu vervoll- 
ständigen, so könnte ich den Sachverhalt in folgender Weise be- 
schreiben: Die Einigung der Partialtriebe unter dem Primat der 
Genitalien ist vollzogen, ihre Ergebnisse stoßen aber auf den 
Widerstand des mit dem Bewußtsein verknüpften vorbewußten 
Systems. Die Genitalorganisation gilt also fürs Unbewußte, nicht 
ebenso fürs Vorbewußte, und diese Ablehnung von Seiten des 
Vorbewußten bringt ein Bild zustande, welches mit dem Zustand 
vor dem Genitalprimat gewisse Ähnlichkeiten hat. Es ist aber 
doch etwas ganz anderes. — Von den beiden Libidoregressionen 
ist die auf eine frühere Phase der Sexualorganisation die bei wei- 
tem auffälligere. Da sie bei der Hysterie fehlt und unsere ganze 
Auffassung der Neurosen noch viel zu sehr unter dem Einflüsse 
des Studiums der Hysterie steht, welches zeitlich voranging, so 
ist die Bedeutung der Libidoregression uns auch viel später klar 
geworden als die der Verdrängung. Seien wir gefaßt darauf, daß 
unsere Gesichtspunkte noch andere Erweiterungen und Umwer- 
tungen erfahren werden, wenn wir außer Hysterie und Zwangs- 
neurose noch die anderen, narzißtischen Neurosen in unsere Be- 
trachtungen einbeziehen können. 

Bei der Zwangsneurose ist im Gegenteil die Regression der 
Libido auf die Vorstufe der sadistisch-analen Organisation das 
auffälligste und das für die Äußerung in Symptomen maßgebende 



366 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Faktum. Der Liebesimpuls muß sich dann als sadistischer Im- 
puls maskieren. Die Zwangsvorstellung: ich möchte dich er- 
morden, heißt im Grunde, wenn man sie von gewissen, aber nicht 
zufälligen, sondern unerläßlichen Zutaten befreit hat, nichts an- 
deres als: ich möchte dich in Liebe genießen. Nehmen Sie dazu, 
daß gleichzeitig eine Objektsregression stattgehabt hat, so daß 
diese Impulse nur den nächsten und den geliebtesten Personen 
gelten, so können Sie sich von dem Entsetzen eine Vorstellung 
machen, welches diese Zwangsvorstellungen beim Kranken er- 
wecken, und gleichzeitig von der Fremdartigkeit, in welcher sie 
seiner bewußten Wahrnehmung entgegentreten. Aber auch die 
Verdrängung hat an dem Mechanismus dieser Neurosen ihren 
großen Anteil, der in einer flüchtigen Einführung wie der un- 
serigen allerdings nicht leicht auseinanderzusetzen ist. Regres- 
sion der Libido ohne Verdrängung würde nie eine Neurose er- 
geben, sondern in eine Perversion auslaufen. Daraus ersehen 
Sie, daß die Verdrängung jener Prozeß ist, welcher der Neu- 
rose am ehesten eigentümlich zukommt und sie am besten charak- 
terisiert. Vielleicht habe ich aber auch einmal Gelegenheit, ihnen 
vorzuführen, was wir über den Mechanismus der Perversionen 
wissen, und Sie werden dann sehen, daß auch hier nichts so ein- 
fach vor sich geht, wie man es sich gerne konstruieren möchte. 
Meine Herren! Ich meine, Sie werden sich mit den eben an- 
gehörten Ausführungen über Fixierung und Regression der Li- 
bido am ehesten versöhnen, wenn Sie sie als Vorbereitung für 
die Erforschung der Ätiologie der Neurosen gelten lassen wollen. 
Ich habe Ihnen hierüber erst eine einzige Mitteilung gemacht, 
nämlich daß die Menschen neurotisch erkranken, wenn ihnen 
die Möglichkeit benommen ist, ihre Libido zu befriedigen, also 
an der „Versagung", wie ich mich ausdrückte, und daß ihre 
Symptome eben der Ersatz für die versagte Befriedigung sind. 
Natürlich sollte das nicht heißen, daß jede Versagung der libidi. 
nösen Befriedigung jeden, den sie trifft, neurotisch macht, son- 



i 



XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 3(?7 



dem bloß, daß in allen untersuchten Fällen von Neurose das Mo- 
ment der Versagung nachweisbar war. Der Satz ist also nicht 
umkehrbar. Sie werden wohl auch verstanden haben, daß jene Be- 
hauptung nicht das ganze Geheimnis der Neurosenätiologie auf- 
decken sollte, sondern eben nur eine wichtige und unerläßliche 
Bedingung hervorhob. 

Man weiß jetzt nicht, soll man sich für die weitere Diskussion 
dieses Satzes an die Natur der Versagung oder an die Eigenart 
des von ihr Betroffenen halten. Die Versagung ist doch höchst 
selten eine allseitige und absolute; um pathogen wirksam zu wer- 
den, muß sie wohl jene Weise der Befriedigung betreffen, nach 
der die Person allein verlangt, deren sie allein fähig ist. Es gibt 
im allgemeinen sehr viele Wege, die Entbehrung der libidinösen 
Befriedigung zu vertragen, ohne an ihr zu erkranken. Vor allem 
kennen wir Menschen, die imstande sind, eine solche Entbehrung 
ohne Schaden auf sich zu nehmen; sie sind dann nicht glücklich, 
sie leiden an Sehnsucht, aber sie werden nicht krank. Sodann 
müssen wir in Betracht ziehen, daß gerade die sexuellen Trieb- 
regungen außerordentlich plastisch sind, wenn ich so sagen 
darf. Sie können die eine für die andere eintreten, eine kann die 
Intensität der anderen auf sich nehmen; wenn die Befriedigung 
der einen durch die Realität versagt ist, kann die Befriedigung 
einer anderen volle Entschädigung bieten. Sie verhalten sich zu- 
einander wie ein Netz von kommunizierenden, mit Flüssigkeit 
gefüllten Kanälen, und dies trotz ihrer Unterwerfung unter den 
Genitalprimat, was gar nicht so bequem in einer Vorstellung zu 
vereinen ist. Ferner zeigen die Partialtriebe der Sexualität, ebenso 
wie die aus ihnen zusammengefaßte Sexualstrebung, eine große 
Fähigkeit, ihr Objekt zu wechseln, es gegen ein anderes, also 
auch gegen ein bequemer erreichbares, zu vertauschen; diese Ver- 
schiebbarkeit und Bereitwilligkeit, Surrogate anzunehmen, müs- 
sen der pathogenen Wirkung einer Versagung mächtig ent- 
gegenarbeiten. Unter diesen gegen die Erkrankung durch Ent- 



■ 



368 . Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

behrung schützenden Prozessen hac einer eine besondere kul- 
turelle Bedeutung gewonnen. Er besteht darin, daß die Sexual- 
bestrebung ihr auf Partiallust oder Fortpflanzungslust gerichtetes 
Ziel aufgibt und ein anderes annimmt, welches genetisch mit dem 
aufgegebenen zusammenhängt, aber selbstnichtmehr sexuell,son- 
dern sozial genannt werden muß. Wir heißen den Prozeß „Sub- 
limierung", wobei wir uns der allgemeinen Schätzung fügen, 
welche soziale Ziele höher stellt als die im Grunde selbstsüch- 
tigen sexuellen. Die Sublimierung ist übrigens nur ein Spezial- 
fall der Anlehnung von Sexualst rebungen an andere nicht 
sexuelle. Wir werden in anderem Zusammenhange nochmals 
von ihr reden müssen. 

Sie werden nun den Eindruck haben, daß die Entbehrung 
durch alle diese Mittel, sie zu ertragen, zur Bedeutungslosig- 
keit herabgedrückt worden sei. Aber nein, sie behält ihre patho- 
gene Macht. Die Gegenmittel sind allgemein nicht ausreichend. 
Das Maß von unbefriedigter Libido, das die Menschen im Durch- 
schnitt auf sich nehmen können, ist begrenzt. Die Plastizität oder 
freie Beweglichkeit der Libido ist keineswegs bei allen voll er- 
halten, und die Sublimierung kann immer nur einen gewissen 
Bruchteil der Libido erledigen, abgesehen davon, daß die Fähig, 
keit zu sublimieren vielen Menschen nur in geringem Ausmaße 
zugeteilt ist. Die wichtigste unter diesen Einschränkungen ist 
offenbar die in der Beweglichkeit der Libido, da sie die Befrie- 
digung des Individuums von der Erreichung einer sehr geringen 
Anzahl von Zielen und Objekten abhängig macht. Erinnern Sie 
sich nur daran, daß eine unvollkommene Libidoentwicklung sehr 
ausgiebige, eventuell auch mehrfache LibidofLxierungen an frühe 
Phasen der Organisation und Objektfindung hinterläßt, welche 
einer realen Befriedigung meist nicht fähig sind, so werden Sie 
in der Libidofixierung den zweiten mächtigen Faktor erkennen, 
der mit der Versagung zur Krankheitsverursachung zusammen- 
tritt. In schematischer Verkürzung können Sie es aussprechen, daß 



XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 369 

die Libidofixierung den disponierenden, internen, die Versagung 
den akzidentellen, externen Faktor der Neurosenätiologie reprä- 
sentiert. 

Ich ergreife hier die Gelegenheit, Sie vor der Parteinahme in 
einem ganz überflüssigen Streit zu warnen. Im wissenschaftlichen 
Betrieb ist es sehr beliebt, einen Anteil der Wahrheit herauszu- 
greifen, ihn an die Stelle des Ganzen zu setzen und nun zu seinen 
Gunsten das übrige, was nicht minder wahr ist, zu bekämpfen. 
Auf diesem Wege haben sich auch bereits aus der psychoanaly- 
tischen Bewegung mehrere Richtungen abgespalten, von denen 
die eine nur die egoistischen Triebe anerkennt, die sexuellen da- 
gegen verleugnet, die andere nur den Einfluß der realen Lebens- 
aufgaben würdigt, den der individuellen Vergangenheit aber 
übersieht u. dgl. mehr. Nun bietet sich hier ein Anlaß zu einer 
ähnlichen Entgegenstellung und Streitfrage: Sind die Neurosen 
exogene oder endogene Krankheiten, die unausbleibliche 
Folge einer gewissen Konstitution oder das Produkt gewisser 
schädigender (traumatischer) Lebenseindrücke, im besonderen: 
werden sie durch die Libidofixierung (und die sonstige Sexual- 
konstitution) oder durch den Druck der Versagung hervorge- 
rufen? Dies Dilemma scheint mir im ganzen nicht weiser als ein 
anderes, das ich Ihnen vorlegen könnte: Entsteht das Kind durch 
die Zeugung des Vaters oder durch die Empfängnis von Seiten 
der Mutter? Beide Bedingungen sind gleich unentbehrlich, wer- 
den Sie mit Recht antworten. In der Verursachung der Neu- 
rosen ist das Verhältnis, wenn nicht ganz das nämliche, doch ein 
sehr ähnliches. Für die Betrachtung der Verursachung ordnen 
sich die Fälle der neurotischen Erkrankungen zu einer Reihe, 
innerhalb welcher beide Momente — Sexualkonstimtion und Er- 
leben, oder wenn Sie wollen: Libidofixierung und Versagung — 
so vertreten sind, daß das eine wächst, wenn das andere abnimmt. 
An dem einen Ende der Reihe stehen die extremen Fälle, von 
denen Sie mit Überzeugung sagen können: Diese Menschen 
H 



370 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



wären infolge ihrer absonderlichen Libidoentwicklung auf jeden 
Fall erkrankt, was immer sie erlebt hätten, wie sorgfältig sie das 
Leben auch geschont hätte. Am anderen Ende stehen die Fälle, 
bei denen Sie umgekehrt urteilen müssen, sie wären gewiß der 
Krankheit entgangen, wenn das Leben sie nicht in diese oder 
jene Lage gebracht hätte. Bei den Fällen innerhalb der Reihe 
trifft ein Mehr oder Minder von disponierender Sexualkonstitu- 
tion mit einem Minder oder Mehr von schädigenden Lebens- 
anforderungen zusammen. Ihre Sexualkonstitution hätte ihnen 
nicht die Neurose gebracht, wenn sie nicht solche Erlebnisse ge- 
habt hätten, und diese Erlebnisse hätten nicht traumatisch auf 
sie gewirkt, wenn die Verhältnisse der Libido andere gewesen 
wären. Ich kann in dieser Reihe vielleicht ein gewisses Überge- 
wicht an Bedeutung für die disponierenden Momente zuge- 
stehen, aber auch dies Zugeständnis hängt davon ab, wie weit 
Sie die Grenzen der Nervosität abstecken wollen. 

Meine Herren! Ich mache Ihnen den Vorschlag, Reihen wie 
diese als Ergänzungsreihen zu bezeichnen, und bereite 
Sie darauf vor, daß wir Anlaß finden werden, noch andere 
solche Reihen aufzustellen. 

Die Zähigkeit, mit welcher die Libido an bestimmten Rich- 
tungen und Objekten haftet, sozusagen die Klebrigkeit 
der Libido, erscheint uns als ein selbständiger, individuell variab- 
ler Faktor, dessen Abhängigkeiten uns völlig unbekannt sind, 
dessen Bedeutung für die Ätiologie der Neurosen wir gewiß nicht 
mehr unterschätzen werden. Wir sollen aber auch die Innigkeit 
dieser Beziehung nicht überschätzen. Eine ebensolche „Klebrig- 
keit" der Libido — aus unbekannten Gründen — kommt näm- 
lich unter zahlreichen Bedingungen beim Normalen vor und 
wird als bestimmendes Moment bei den Personen gefunden, 
welche in gewissem Sinne der Gegensatz der Nervösen sind, bei 
den Perversen. Es war schon vor der Zeit der Psychoanalyse be- 
kannt (B i n e t) , daß in der Anamnese der Perversen recht 



XXII ) Entwicklung und Regression — Ätiologie 371 

häufig ein sehr frühzeitiger Eindruck von abnormer Triebrich- 
tung oder Objektwahl aufgedeckt wird, an dem nun die Libido 
dieser Person fürs Leben haften geblieben ist. Man weiß oft nicht 
zu sagen, was diesen Eindruck dazu befähigt hat, eine so inten- 
sive Anziehung auf die Libido auszuüben. Ich will Ihnen einen 
selbstbeobachteten Fall dieser Art erzählen. Ein Mann, dem 
heute das Genitale und alle anderen Reize des Weibes nichts 
mehr bedeuten, der nur durch einen beschuhten Fuß von ge- 
wisser Form in unwiderstehliche sexuelle Erregung versetzt wer- 
den kann, weiß sich an ein Erlebnis aus seinem sechsten Jahre zu 
erinnern, welches maßgebend für die Fixierung seiner Libido 
geworden ist. Er saß auf einem Schemel neben der Gouver- 
nante, bei der er englische Stunde nehmen sollte. Die Gouver- 
nante, ein altes, dürres, unschönes Mädchen mit wasserblauen 
Augen und aufgestülpter Nase, hatte an diesem Tage einen kran- 
ken Fuß und ließ ihn darum, mit einem Samtpantoffel bekleidet, 
ausgestreckt auf einem Polster ruhen; ihr Bein selbst war dabei 
in dezentester Weise verhüllt. Ein so magerer sehniger Fuß, wie 
er ihn damals an der Gouvernante gesehen, wurde nun, nach 
einem schüchternen Versuch normaler Sexualbetätigung in der 
Pubertät, sein einziges Sexualobjekt, und der Mann war wider- 
standslos hingerissen, wenn sich zu diesem Fuß noch andere 
Züge gesellten, welche an den Typus der englischen Gouver- 
nante erinnerten. Durch diese Fixierung seiner Libido wurde 
der Mann aber nicht zum Neurotiker, sondern zum Perversen, 
zum Fußfetischisten, wie wir sagen. Sie sehen also, obwohl die 
übermäßige, zudem noch vorzeitige, Fixierung der Libido für 
die Verursachung der Neurosen unentbehrlich ist, geht ihr Wir- 
kungskreis doch weit über das Gebiet der Neurosen hinaus. Auch 
diese Bedingung ist für sich allein so wenig entscheidend, wie 
die früher erwähnte der Versagung. 

Das Problem der Verursachung der Neurosen scheint sich also 
zu komplizieren. In der Tat macht uns die psychoanalytische 




372 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Untersuchung mit einem neuen Moment bekannt, welches in 
unserer ätiologischen Reihe nicht berücksichtigt ist, und das 
man am besten bei Fällen erkennt, deren bisheriges Wohlbefin- 
den plötzlich durch die neurotische Erkrankung gestört wird. 
Man findet bei diesen Personen regelmäßig die Anzeichen eines 
Widerstreites von Wunschregungen oder, wie wir zu sagen ge- 
wohnt sind, eines psychischen Konfliktes. Ein Stück der 
Persönlichkeit vertritt gewisse Wünsche, ein anderes sträubt sich 
dagegen und wehrt sie ab. Ohne solchen Konflikt gibt es keine 
Neurose. Das schiene nun nichts Besonderes. Sie wissen, daß 
unser seelisches Leben unaufhörlich von Konflikten bewegt wird, 
deren Entscheidung wir zu treffen haben. Es müssen also wohl 
besondere Bedingungen erfüllt sein, wenn ein solcher Konflikt 
pathogen werden soll. Wir dürfen fragen, welches diese Be- 
dingungen sind, zwischen welchen seelischen Mächten sich diese 
pathogenen Konflikte abspielen, welche Beziehung der Konflikt 
zu den anderen verursachten Momenten hat. 

Ich hoffe, Ihnen auf diese Fragen ausreichende Antworten 
geben zu können, wenn sie auch schematisch verkürzt sein mögen. 
Der Konflikt wird durch die Versagung heraufbeschworen, indem 
die ihrer Befriedigung verlustige Libido nun darauf angewiesen 
ist, sich andere Objekte und Wege zu suchen. Er hat zur Be- 
dingung, daß diese anderen Wege und Objekte bei einem Anteil 
der Persönlichkeit ein Mißfallen erwecken, so daß ein Veto er- 
folgt, welches die neue Weise der Befriedigung zunächst unmög- 
lich macht. Von hier aus geht der Weg zur Symptombildung 
weiter, den wir später verfolgen werden. Die abgewiesenen libi- 
dinösen Strebungen bringen es zustande, sich auf gewissen Um- 
wegen doch durchzusetzen, allerdings nicht ohne dem Einspruch 
durch gewisse Entstellungen und Milderungen Rechnung zu 
tragen. Die Umwege sind die Wege der Symptombildung, die 
Symptome sind die neue oder Ersatzbefriedigung, die durch die 
Tatsache der Versagung notwendig geworden ist. 



_ 



XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 373 

Man kann der Bedeutung des psychischen Konflikts auch durch 
eine andere Ausdrucksweise gerecht werden, indem man sagt: 
zur äußeren Versagung muß, damit sie pathogen wirke, noch 
die innere Versagung hinzutreten. Äußere und innere Ver- 
sagung beziehen sich dann natürlich auf verschiedene Wege und 
Objekte. Die äußere Versagung nimmt die eine Möglichkeit der 
Befriedigung weg, die innere Versagung möchte eine andere 
Möglichkeit ausschließen, um welche dann der Konflikt losbricht. 
Ich gebe dieser Art der Darstellung den Vorzug, weil sie einen 
geheimen Gehalt besitzt. Sie deutet nämlich auf die Wahrschein, 
lichkeit hin, daß die inneren Abhaltungen in den Vorzeiten 
menschlicher Entwicklung aus realen äußeren Hindernissen her- 
vorgegangen sind. 

Welches sind aber die Mächte, von denen der Einspruch 
gegen die libidinöse Strebung ausgeht, die andere Partei im 
pathogenen Konflikt? Es sind, ganz allgemein gesagt, die nicht 
sexuellen Triebkräfte. Wir fassen sie als „Ichtriebe" zusammen; 
die Psychoanalyse der Übertragungsneurosen gibt uns keinen 
guten Zugang zu ihrer weiteren Zerlegung, wir lernen sie höch- 
stens einigermaßen durch die Widerstände kennen, die sich der 
Analyse entgegensetzen. Der pathogene Konflikt ist also ein 
solcher zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben. Es hat 
in einer ganzen Reihe von Fällen den Anschein, als ob es auch ein 
Konflikt zwischen verschiedenen, rein sexuellen Strebungen sein 
könnte; aber das ist im Grunde dasselbe, denn von den beiden 
im Konflikt befindlichen Sexualst rebungen ist immer die eine 
sozusagen ichgerecht, während die andere die Abwehr des Ichs 
herausfordert. Es bleibt also beim Konflikt zwischen Ich und 
Sexualität. 

Meine Herren! Oft und oft, wenn die Psychoanalyse ein seeli- 
sches Geschehen als Leistung der Sexualtriebe in Anspruch ge- 
nommen hat, wurde ihr in ärgerlicher Abwehr vorgehalten, der 
Mensch bestehe nicht nur aus Sexualität, es gebe im Seelen- 








374 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

leben noch andere Triebe und Interessen als die sexuellen, man 
dürfe nicht „alles" von der Sexualität ableiten u. dgl. Nun, es 
ist hocherfreulich, sich auch einmal eines Sinnes mit seinen Geg- 
nern zu finden. Die Psychoanalyse hat nie vergessen, daß es auch 
nicht sexuelle Triebkräfte gibt, sie hat sich auf der scharfen 
Sonderung der sexuellen Triebe von den Ichtrieben aufgebaut 
und vor jedem Einspruch behauptet, nicht daß die Neurosen 
aus der Sexualität hervorgehen, sondern daß sie dem Konflikt 
zwischen Ich und Sexualität ihren Ursprung danken. Sie hat 
auch gar kein denkbares Motiv, Existenz oder Bedeutung der 
Ichtriebe zu bestreiten, während sie die Rolle der sexuellen 
Triebe in der Krankheit und im Leben verfolgt. Nur daß es ihr 
Schicksal geworden ist, sich in erster Linie mit den Sexualtrie- 
ben zu beschäftigen, weil diese durch die Übertragungsneurosen 
der Einsicht am ehesten zugänglich geworden sind, und weil es 
ihr obgelegen hat, das zu studieren, was andere vernachlässigt 
hatten. 

Es trifft auch nicht zu, daß sich die Psychoanalyse um den 
nicht sexuellen Anteil der Persönlichkeit gar nicht gekümmert 
hat. Gerade die Sonderung von Ich und Sexualität hat uns mit 
besonderer Klarheit erkennen lassen, daß auch die Ichtriebe eine 
bedeutsame Entwicklung durchmachen, eine Entwicklung, die 
weder ganz unabhängig von der Libido, noch ohne Gegenwir- 
kung auf diese ist. Wir kennen allerdings die Ichentwicklung 
sehr viel schlechter als die der Libido, weil nämlich erst das Stu- 
dium der narzißtischen Neurosen eine Einsicht in den Aufbau 
des Ichs verspricht. Doch liegt bereits ein beachtenswerter Ver- 
such von F e r e n c z i vor, die Entwicklungsstufen des Ichs 
theoretisch zu konstruieren, und an wenigstens zwei Stellen 
haben wir feste Anhaltspunkte für die Beurteilung dieser Ent- 
wicklung gewonnen. Wir denken ja nicht daran, daß sich die 
libidinösen Interessen einer Person von vornherein im Gegensatz 
zu ihren Selbsterhaltungsinteressen befinden; vielmehr wird aas 




XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 375 

Ich auf jeder Stufe bestrebt sein, mit seiner derzeitigen Se-'.ual- 
organisation im Einklang zu bleiben und sie sich einzuordnen. 
Die Ablösung der einzelnen Phasen in der Libidoentwicklung 
folgt wahrscheinlich einem vorgeschriebenen Programm; es ist 
aber nicht abzuweisen, daß dieser Ablauf von seiten des Ichs 
beeinflußt werden kann, und ein gewisser Parallelismus, eine be- 
stimmte Entsprechung der Entwicklungsphasen von Ich und 
Libido dürfte gleichfalls vorgesehen sein; ja, die Störung dieser 
Entsprechung könnte ein pathogenes Moment ergeben. Ein für 
uns wichtiger Gesichtspunkt ist es nun, wie sich das Ich verhält, 
wenn seine Libido an einer Stelle ihrer Entwicklung eine starke 
Fixierung hinterläßt. Es kann dieselbe zulassen und wird dann 
in dem entsprechenden Maß pervers oder, was dasselbe ist, in- 
fantil. Es kann sich aber auch ablehnend gegen diese Festsetzung 
der Libido verhalten, und dann hat das Ich dort eine Ver- 
drängung, wo die Libido eine Fixierung erfahren hat. 

Auf diesem Wege gelangen wir zur Kenntnis, daß der dritte 
Faktor der Neurosenätiologie, die Konfliktneigung, 
von der Entwicklung des Ichs ebensosehr abhängt wie von der 
der Libido. Unsere Einsicht in die Verursachung der Neurosen 
hat sich also vervollständigt. Zuerst als allgemeinste Bedingung 
die Versagung, dann die Fixierung der Libido, welche sie in be- 
stimmte Richtungen drängt, und zu dritt die Konfliktneigung 
aus der Ichentwicklung, die solche Libidoregungen abgelehnt hat. 
Der Sachverhalt ist also nicht so sehr verworren und schwer zu 
durchschauen, wie es Ihnen wahrscheinlich während des Fort- 
schrittes meiner Ausführungen erschienen ist. Aber freilich, wir 
werden finden, daß wir noch nicht fertig sind. Wir müssen 
noch etwas Neues hinzufügen und etwas bereits Bekanntes weiter 
zerlegen. 

Um Ihnen den Einfluß der Ichentwicklung auf die Konflikt- 
bildung und somit auf die Verursachung der Neurosen zu de- 
monstrieren, möchte ich Ihnen ein Beispiel vorführen, das zwar 



■ 



376 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



durchaus erfunden ist, aber sich in keinem Punkte von der 
Wahrscheinlichkeit entfernt. Ich will es in Anlehnung an den 
Titel einer N e s t r o y sehen Posse mit der Charakteristik „Zu 
ebener Erde und im ersten Stock" versehen. Zu ebener Erde 
wohnt der Hausbesorger, im ersten Stock der Hausherr, ein 
reicher und vornehmer Mann. Beide haben Kinder, und wir 
wollen annehmen, daß es dem Töchterchen des Hausherrn ge- 
stattet ist, unbeaufsichtigt mit dem Proletarierkind zu spielen. 
Dann kann es sehr leicht geschehen, daß die Spiele der Kinder 
einen ungezogenen, das heißt sexuellen Charakter annehmen, 
daß sie „Vater und Mutter" spielen, einander bei den intimen 
Verrichtungen beschauen und an den Genitalien reizen. Das 
Hausmeistermädchen, das trotz seiner fünf oder sechs Jahre 
manches von der Sexualität der Erwachsenen beobachten konnte, 
mag dabei die Rolle der Verführerin übernehmen. Diese Erleb- 
nisse reichen hin, auch wenn sie sich nicht über lange Zeit fort- 
setzen, um bei beiden Kindern gewisse sexuelle Regungen zu 
aktivieren, die sich nach dem Aufhören der gemeinsamen Spiele 
einige Jahre hindurch als Masturbation äußern. Soweit die Ge- 
meinsamkeit; der endliche Erfolg wird bei beiden Kindern sehr 
verschieden sein. Die Tochter des Hausbesorgers wird die 
Masturbation etwa bis zum Auftreten der Periode fortsetzen, sie 
dann ohne Schwierigkeit aufgeben, wenige Jahre später einen Ge- 
liebten nehmen, vielleicht auch ein Kind bekommen, diesen 
oder jenen Lebensweg einschlagen, der sie vielleicht zur popu- 
lären Künstlerin führt, die als Aristokratin endigt. Wahrschein- 
lich wird ihr Schicksal minder glänzend ausfallen, aber jeden- 
falls wird sie ungeschädigt durch die vorzeitige Betätigung ihrer 
Sexualität, frei von Neurose, ihr Leben erfüllen. Anders das 
Töchterchen des Hausherrn. Dies wird frühzeitig und noch als 
Kind die Ahnung bekommen, daß es etwas Unrechtes getan 
habe, wird nach kürzerer Zeit, aber vielleicht erst nach hartem 
Kampf, auf die masturbatorische Befriedigung verzichten und 









XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 377 



trotzdem etwas Gedrücktes in seinem Wesen behalten. Wenn sie 
in den Jungmädchen jähren in die Lage kommt, etwas vom 
menschlichen Sexualverkehr zu erfahren, wird sie sich mit un- 
erklärtem Abscheu davon abwenden und unwissend bleiben wol- 
len. Wahrscheinlich unterliegt sie jetzt auch einem von neuem 
auftretenden unbezwingbaren Drang zur Masturbation, über den 
sich zu beklagen, sie nicht wagt. In den Jahren, da sie einem 
Manne als Weib gefallen soll, wird die Neurose bei ihr los- 
brechen, die sie um Ehe und Lebenshoffnung betrügt. Gelingt 
es nun durch Analyse Einsicht in diese Neurose zu gewinnen, so 
zeigt sich, daß dies wohlerzogene, intelligente und hochstrebende 
Mädchen seine Sexual regungen vollkommen verdrängt hat, daß 
diese aber, ihr unbewußt, an den armseligen Erlebnissen mit ihrer 
Kinderfreundin haften. 

Die Verschiedenheit der beiden Schicksale trotz gleichen Er- 
lebens rührt daher, daß das Ich der einen eine Entwicklung er- 
fahren hat, welche bei der anderen nicht eingetreten ist. Der 
Tochter des Hausbesorgers ist die Sexualbetätigung später ebenso 
natürlich und unbedenklich erschienen wie in der Kindheit. Die 
Tochter des Hausherrn hat die Einwirkung der Erziehung erfah- 
ren und deren Ansprüche angenommen. Ihr Ich hat aus den 
ihm dargebotenen Anregungen Ideale von weiblicher Reinheit 
und Unbedürftigkeit gebildet, mit denen sich die sexuelle Be- 
tätigung nicht verträgt; ihre intellektuelle Ausbildung hat ihr 
Interesse für die weibliche Rolle, zu der sie bestimmt ist, ernie- 
drigt. Durch diese höhere moralische und intellektuelle Ent- 
wicklung ihres Ichs ist sie in den Konflikt mit den Ansprüchen 
ihrer Sexualität geraten. 

Ich will heute noch bei einem zweiten Punkt in der Ichent- 
wicklung verweilen, sowohl wegen gewisser weitschauender Aus- 
blicke, als auch darum, v/eil gerade das Folgende geeignet ist, 
die von uns beliebte, scharfe und nicht selbstverständliche Sonde- 
rung der Ichtriebe von den Sexualttieben zu rechtfertigen. In der 







378 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Beurteilung der beiden Entwicklungen, des Ichs wie der Libido, 
müssen wir einen Gesichtspunkt voranstellen, der bisher noch 
nicht oft gewürdigt worden ist. Beide sind ja im Grunde Erb- 
schaften, abgekürzte Wiederholungen der Entwicklung, welche 
die ganze Menschheit von ihren Urzeiten an durch sehr lange 
Zeiträume zurückgelegt hat. Der Libidoentwicklung, möchte ich 
meinen, sieht man diese phylogenetische Herkunft ohne 
weiteres an. Denken Sie daran, wie bei der einen Tierklasse der 
Genitalapparat in die innigste Beziehung zum Mund gebracht 
ist, bei der anderen sich vom Exkretionsapparat nicht sondern 
läßt, bei noch anderen an die Bewegungsorgane geknüpft ist, 
Dinge, die Sie in dem wertvollen Buch von W. B ö 1 s c h e an- 
ziehend geschildert finden. Man sieht bei den Tieren sozusagen 
alle Arten von Perversion zur Sexualorganisation erstarrt. Nur 
wird der phylogenetische Gesichtspunkt beim Menschen zum Teil 
durch den Umstand verschleiert, daß das, was im Grunde ver- 
erbt ist, doch in der individuellen Entwicklung neu erworben 
wird, wahrscheinlich darum, weil dieselben Verhältnisse noch 
fortbestehen und auf jeden einzelnen wirken, die seinerzeit zur 
Erwerbung genötigt haben. Ich möchte sagen, sie haben seiner- 
zeit schaffend gewirkt, sie wirken jetzt hervorrufend. Außerdem 
ist es unzweifelhaft, daß der Lauf der vorgezeichneten Entwick- 
lung bei jedem einzelnen durch rezente Einflüsse von außen ge- 
stört und abgeändert werden kann. Die Macht aber, welche der 
Menschheit eine solche Entwicklung aufgenötigt hat und ihren 
Druck nach der gleichen Richtung heute ebenso aufrechthält, 
kennen wir; es ist wiederum die Versagung der Realität, oder 
wenn wir ihr ihren richtigen großen Namen geben, die N o r des 
Lebens: die Ävdyici]. Sie ist eine strenge Erzieherin gewesen 
und hat viel aus uns gemacht. Die Neurotiker gehören zu den 
Kindern, bei welchen diese Strenge üble Erfolge gebracht hat, 
aber das ist bei jeder Erziehung zu riskieren. — Diese Wür- 
digung der Lebensnot als des Motors der Entwicklung braucht 




XXII) Entwicklung und Regression — Ätiologie 379 

uns übrigens nicht gegen die Bedeutung von „inneren Entwick- 
lungstendenzen" einzunehmen, wenn sich solche beweisen lassen. 

Nun ist es sehr beachtenswert, daß Sexualtriebe und Selbst- 
erhaltungstriebe sich nicht in gleicher Weise gegen die reale 
Not benehmen. Die Selbsterhaltungstriebe und alles, was mit 
ihnen zusammenhängt, sind leichter zu erziehen; sie lernen es 
frühzeitig, sich der Not zu fügen und ihre Entwicklungen nach 
den Weisungen der Realität einzurichten. Das ist begreiflich, 
denn sie können sich die Objekte, deren sie bedürfen, auf keine 
andere Art verschaffen; ohne diese Objekte muß das Individuum 
zugrunde gehen. Die Sexualtriebe sind schwerer erziehbar, denn 
sie kennen zu Anfang die Objektnot nicht. Da sie sich gleichsam 
schmarotzend an die anderen Körperfunktionen anlehnen und 
am eigenen Körper autoerotisch befriedigen, sind sie dem erzieh- 
lichen Einfluß der realen Not zunächst entzogen, und sie behaup- 
ten diesen Charakter der Eigenwilligkeit, Unbeeinflußbarkeit, 
das, was wir „Unverständigkeit" nennen, bei den meisten Men- 
schen in irgendeiner Hinsicht durchs ganze Leben. Auch hat die 
Erziehbarkeit einer jugendlichen Person in der Regel ein Ende, 
wenn ihre Sexualbedürfnisse in endgültiger Stärke erwachen. 
Das wissen die Erzieher und handeln danach; aber vielleicht las- 
sen sie sich durch die Ergebnisse der Psychoanalyse noch dazu be- 
wegen, den Hauptnachdruck der Erziehung auf die ersten Kin- 
derjahre, vom Säuglingsalter an, zu verlegen. Der kleine Mensch 
ist oft mit dem vierten und fünften Jahr schon fertig und bringt 
später nur allmählich zum Vorschein, was bereits in ihm steckt. 

Um die volle Bedeutung des angezeigten Unterschiedes zwi- 
schen beiden Triebgruppen zu würdigen, müssen wir weit aus- 
holen und eine jener Betrachtungen einführen, die ökono- 
mische genannt zu werden verdienen. Wir begeben uns 
damit auf eines der wichtigsten, aber leider auch dunkelsten Ge- 
biete der Psychoanalyse. Wir stellen uns die Frage, ob an der 
Arbeit unseres seelischen Apparates eine Hauptabsicht zu er- 



380 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



kennen sei, und beantworten sie in erster Annäherung, daß diese 
Absicht auf Lustgewinnung gerichtet ist. Es scheint, daß unsere 
gesamte Seelentätigkeit darauf gerichtet ist,Lust zu erwerben und 
Unlust zu vermeiden, daß sie automatisch durch das Lust- 
p r i n z i p reguliert wird. Nun wüßten wir um alles in der Welt 
gerne, welches die Bedingungen der Entstehung von Lust und 
Unlust sind, aber daran fehlt es uns eben. Nur soviel darf man 
sich getrauen zu behaupten, daß die Lust irgendwie an die 
Verringerung, Herabsetzung oder das Erlöschen der im Seelen- 
apparat waltenden Reizmenge gebunden ist, die Unlust aber an 
eine Erhöhung derselben. Die Untersuchung der intensivsten 
Lust, welche dem Menschen zugänglich ist, der Lust bei der Voll. 
Ziehung des Sexualaktes, läßt über diesen einen Punkt wenig 
Zweifel. Da es sich bei solchen Lust Vorgängen um die Schick- 
sale von Quantitäten seelischer Erregung oder Energie handelt, 
bezeichnen wir Betrachtungen dieser Art als ökonomische. Wir 
merken, daß wir die Aufgabe und Leistung des Seelenapparates 
auch anders und allgemeiner beschreiben können als durch die 
Betonung des Lustgewinnes. Wir können sagen, der seelische 
Apparat diene der Absicht, die von außen und von innen an 
ihn herantretenden Reizmengen, Erregungsgrößen, zu bewältigen 
und zu erledigen. Von den Sexualtrieben ist es ohne weiteres 
evident, daß sie zu Anfang wie zu Ende ihrer Entwicklung auf 
Lustgewinn arbeiten; sie behalten diese ursprüngliche Funktion 
ohne Abänderung bei. Das nämliche streben auch die anderen, 
die Ichtriebe, anfänglich an. Aber unter dem Einfluß der Lehr- 
meisterin Not lernen die Ichtriebe bald, das Lustprinzip durch 
eine Modifikation zu ersetzen. Die Aufgabe, Unlust zu verhüten, 
stellt sich für sie fast gleichwertig neben die des Lustgewinns; 
das Ich erfährt, daß es unvermeidlich ist, auf unmittelbare Be- 
friedigung zu verzichten, den Lustgewinn aufzuschieben, ein 
Stück Unlust zu ertragen und bestimmte Lustquellen überhaupt 
aufzugeben. Das so erzogene Ich ist „verständig" geworden, es 



XXlll) Die Wege der Symptombildung 381 



läßt sich nicht mehr vom Lustprinzip beherrschen, sondern folgt 
dem Realitätsprinzip, das im Grunde auch Lust er- 
zielen will, aber durch die Rücksicht auf die Realität gesicherte, 
wenn auch aufgeschobene und verringerte Lust. 

Der Übergang vom Lust- zum Realitätsprinzip ist einer der 
wichtigsten Fortschritte in der Entwicklung des Ichs. Wir wissen 
schon, daß die Sexualtriebe dieses Stück der Ichentwicklung 
spät und nur widerstrebend mitmachen, und werden später hören, 
welche Folgen es für den Menschen hat, daß seine Sexualität 
sich mit einem so lockeren Verhältnis zur äußeren Realität be- 
gnügt. Und nun zum Schlüsse noch eine hierher gehörige Be- 
merkung. Wenn das Ich des Menschen seine Entwicklungs- 
geschichte hat wie die Libido, so werden Sie nicht überrascht 
sein zu hören, daß es auch „Ichregressionen" gibt, und werden 
auch wissen wollen, welche Rolle diese Rückkehr des Ichs zu 
früheren Entwicklungsphasen bei den neurotischen Erkrankungen 

spielen kann. 



XXin. VORLESUNG 

DIE WEGE DER SYMPTOMBILDUNG 

Meine Damen und Herren! Für den Laien sind es die Sym- 
pcome, die das Wesen der Krankheit bilden, und Heilung ist 
ihm die Aufhebung der Symptome. Der Arzt legt Wert darauf, 
die Symptome von der Krankheit zu unterscheiden, und sagt, 
daß die Beseitigung der Symptome noch nicht die Heilung der 
Krankheit ist. Aber was nach Beseitigung der Symptome Greif- 
bares von der Krankheit übrigbleibt, ist nur die Fähigkeit, neue 
Symptome zu bilden. Darum wollen wir uns für jetzt auf den 
Standpunkt des Laien stellen und die Ergründung der Symptome 
für gleichbedeutend mit dem Verständnis der Krankheit halten. 






382 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Die Symptome — wir handeln hier natürlich von psychischen 
(oder psychogenen) Symptomen und psychischem Kranksein — 
sind für das Gesamtleben schädliche oder wenigstens nutzlose 
Akte, häufig von der Person als widerwillig beklagt und mit Un- 
lust oder Leiden für sie verbunden. Ihr Hauptschaden liegt in 
dem seelischen Aufwand, den sie selbst kosten, und in dem 
weiteren, der durch ihre Bekämpfung notwendig wird. Diese 
beiden Kosten können bei ausgiebiger Symptombildung eine 
außerordentliche Verarmung der Person an verfügbarer seeli- 
scher Energie und somit eine Lähmung derselben für alle wich- 
tigen Lebensaufgaben zur Folge haben. Da es für diesen Erfolg 
hauptsächlich auf die Quantität der so in Anspruch genommenen 
Energie ankommt, so erkennen Sie leicht, daß „Kranksein" ein 
im Wesen praktischer Begriff ist. Stellen Sie sich aber auf einen 
theoretischen Standpunkt und sehen von diesen Quantitäten ab, 
so können Sie leicht sagen, daß wir alle krank, d. i. neurotisch 
sind, denn die Bedingungen für die Symptombildung sind auch 
bei den Normalen nachzuweisen. 

Von den neurotischen Symptomen wissen wir bereits, daß 
sie der Erfolg eines Konfliktes sind, der sich um eine neue Art 
der Libidobefriedigung erhebt. Die beiden Kräfte, die sich ent- 
zweit haben, treffen im Symptom wieder zusammen, versöhnen 
sich gleichsam durch das Kompromiß der Symptombildung. Dar- 
um ist das Symptom auch so widerstandsfähig; es wird von 
beiden Seiten her gehalten. Wir wissen auch, daß der eine der 
beiden Partner des Konflikts die unbefriedigte, von der Realität 
abgewiesene Libido ist, die nun andere Wege zu ihrer Befrie- 
digung suchen muß. Bleibt die Realität unerbittlich, auch wenn 
die Libido bereit ist, ein anderes Objekt an Stelle des versagten 
anzunehmen, so wird diese endlich genötigt sein, den Weg der 
Regression einzuschlagen und die Befriedigung in einer der be- 
reits überwundenen Organisationen oder durch eines der früher 
aufgegebenen Objekte anzustreben. Auf den Weg der Regres- 



XXIII) Die Wege der Symptombildung 383 

sion wird die Libido durch die Fixierung gelockt, die sie an 
diesen Stellen ihrer Entwicklung zurückgelassen hat. 

Nun scheidet sich der Weg zur Perversion scharf von dem 
der Neurose. Erwecken diese Regressionen nicht den Wider- 
spruch des Ichs, so kommt es auch nicht zur Neurose, und die 
Libido gelangt zu irgendeiner realen, wenn auch nicht mehr 
normalen Befriedigung. Wenn aber das Ich, das nicht nur über 
das Bewußtsein, sondern auch über die Zugänge zur motorischen 
Innervation und somit zur Realisierung der seelischen Strebungen 
verfügt, mit diesen Regressionen nicht einverstanden ist, dann 
ist der Konflikt gegeben. Die Libido ist wie abgeschnitten und 
muß versuchen irgendwohin auszuweichen, wo sie nach der 
Forderung des Lustprinzips einen Abfluß für ihre Energiebe- 
setzung findet. Sie muß sich dem Ich entziehen. Ein solches 
Ausweichen gestatten ihr aber die Fixierungen auf ihrem jetzt 
regressiv beschrittenen Entwicklungsweg, gegen welche sich das 
Ich seinerzeit durch Verdrängungen geschützt hatte. Indem die 
Libido rückströmend diese verdrängten Positionen besetzt, hat 
sie sich dem Ich und seinen Gesetzen entzogen, dabei aber auch 
auf alle unter dem Einfluß dieses Ichs erworbene Erziehung 
verzichtet. Sie war lenksam, solange ihr Befriedigung winkte; 
unter dem doppelten Druck der äußern und der innern Ver- 
sagung wird sie unbotmäßig und besinnt sich früherer besserer 
Zeiten. Das ist so ihr im Grund unveränderlicher Charakter. 
Die Vorstellungen, denen jetzt die Libido ihre Energie als Be- 
setzung überträgt, gehören dem System des Unbewußten an 
und unterliegen den Vorgängen, die daselbst möglich sind, ins- 
besondere der Verdichtung und Verschiebung. Hiermit sind nun 
Verhältnisse hergestellt, die vollkommen denen bei der Traum- 
bildung gleichen. Wie dem im Unbewußten fertig gewordenen 
eigentlichen Traum, der die Erfüllung einer unbewußten 
Wunschphantasie ist, ein Stück (vor) bewußter Tätigkeit ent- 
gegenkommt, welches die Zensurtätigkeit ausübt und nach deren 






384 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Abfindung die Bildung eines manifesten Traumes als Kompro- 
miß gestattet, so hat auch noch die Libidovertretung im Unbe- 
wußten mit der Macht des vorbewußten Ichs zu rechnen. Der 
Widerspruch, der sich gegen sie im Ich erhoben hatte, geht ihr 
als „Gegenbesetzung" nach und nötigt sie, jenen Ausdruck zu 
wählen, der gleichzeitig sein eigener Ausdruck werden kann. 
So entsteht denn das Symptom als vielfach entstellter Abkömm- 
ling der unbewußten libidinösen Wunscherfüllung, eine kunstvoll 
ausgewählte Zweideutigkeit mit zwei einander voll widerspre- 
chenden Bedeutungen. Allein in diesem letzteren Punkte ist ein 
Unterschied zwischen der Traum- und der Symptombildung zu 
erkennen, denn die vorbewußte Absicht bei der Traumbildung 
geht nur dahin, den Schlaf zu erhalten, nichts, was ihn stören 
würde, zum Bewußtsein dringen zu lassen; sie besteht aber nicht 
darauf, der unbewußten Wunschregung ein scharfes: Nein, im 
Gegenteile! entgegenzurufen. Sie darf toleranter sein, weil die 
Situation des Schlafenden eine minder gefährdete ist. Der Au«, 
weg in die Realität ist durch den Schlafzustand allein gesperrt. 
Sie sehen, das Ausweichen der Libido unter den Bedingungen 
des Konflikts ist durch das Vorhandensein von Fixierungen er- 
möglicht. Die regressive Besetzung dieser Fixierungen führt zur 
Umgehung der Verdrängung und zu einer Abfuhr — oder Be- 
friedigung — der Libido, bei welcher die Bedingungen des 
Kompromisses eingehalten werden müssen. Auf dem Umwege 
über das Unbewußte und die alten Fixierungen ist es der Libido 
endlich gelungen, zu einer allerdings außerordentlich einge- 
schränkten und kaum mehr kenntlichen realen Befriedigung 
durchzudringen. Lassen Sie mich zwei Bemerkungen zu diesem 
Endausgang hinzufügen. Wollen Sie erstens beachten, wie enge 
sich hier die Libido und das Unbewußte einerseits, das Ich, das 
Bewußtsein und die Realität anderseits verbunden erweisen, ob- 
wohl sie von Anfang an keineswegs zusammengehören, und 
hören Sie ferner meine Mitteilung an, daß alles hier Gesagte 



XXIII) Die Wege der Symptombildung 385 

und im weiteren Folgende sich nur auf die Symptombildung bei 
der hysterischen Neurose bezieht. 

Wo findet nun die Libido die Fixierungen, deren sie zum 
Durchbruch der Verdrängungen bedarf? In den Betätigungen 
und Erlebnissen der infantilen Sexualität, in den verlassenen 
Partialbestrebungen und aufgegebenen Objekten der Kinderzeit. 
Zu ihnen kehrt die Libido also wieder zurück. Die Bedeutung die- 
ser Kinderzeit ist eine zweifache; einerseits haben sich in ihr 
Triebrichtungen zuerst gezeigt, die das Kind in seiner angebore- 
nen Anlage mitbrachte, und zweitens sind durch äußere Einwir- 
kungen, akzidentelle Erlebnisse, andere seiner Triebe zuerst ge- 
weckt, aktiviert worden. Ich glaube, es ist kein Zweifel daran, daß 
wir ein Recht haben, diese Zweiteilung aufzustellen. Die Äuße- 
rung der angeborenen Anlage unterliegt ja keinem kritischen Be- 
denken, aber die analytische Erfahrung nötigt uns geradezu an- 
zunehmen, daß rein zufällige Erlebnisse der Kindheit imstande 
sind, Fixierungen der Libido zu hinterlassen. Ich sehe auch 
keine theoretische Schwierigkeit darin. Die konstitutionellen 
Anlagen sind sicherlich auch die Nachwirkungen der Erlebnisse 
früherer Vorfahren, auch sie sind einmal erworben worden; 
ohne solche Erwerbung gäbe es keine Heredität. Und ist es 
denkbar, daß solche zur Vererbung führende Erwerbung gerade 
bei der von uns betrachteten Generation ein Ende nimmt? Die 
Bedeutung der infantilen Erlebnisse sollte aber nicht, wie es mit 
Vorliebe geschieht, gegen die der Erlebnisse der Vorfahren und 
der eigenen Reife völlig vernachlässigt werden, sondern im 
Gegenteile eine besondere Würdigung finden. Sie sind um so 
folgenschwerer, weil sie in die Zeiten der unvollendeten Ent- 
wicklung fallen, und gerade durch diesen Umstand geeignet, 
traumatisch zu wirken. Die Arbeiten über Entwicklungsmechanik 
von R o u x und anderen haben uns gezeigt, daß ein Nadelstich 
in die in Zellteilung begriffene Keimanlage eine schwere Ent- 
wicklungsstörung zur Folge hat. Dieselbe Verletzung, der Larve 

35 



•- 




386 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

oder dem fertigen Tier zugefügt, würde schadlos vertragen 
werden. 

Die Libidofixierung des Erwachsenen, die wir als Repräsen- 
tanten des konstitutionellen Faktors in die ätiologische Glei- 
chung der Neurosen eingeführt haben, zerlegt sich also jetzt 
für uns in zwei weitere Momente, in die ererbte Anlage und in 
die in der frühen Kindheit erworbene Disposition. Wir wissen, 
daß ein Schema der Sympathie des Lernenden sicher ist. Fassen 
wir also diese Verhältnisse in einem Schema zuammen: 

Verursachung Disposition durch , Akzidentelles Erleben 
der Neurose Libidofixierung ' (traumatisches) 



Sexuelle Konstitution Infantiles Erleben 

(Prähistorisches Erleben) 

Die hereditäre Sexualkonstitution bietet uns eine große Mannig- 
faltigkeit von Anlagen, je nachdem dieser oder jener Partial- 
trieb für sich allein oder im Verein mit anderen in besonderer 
Stärke angelegt ist. Mit dem Faktor des infantilen Erlebens bildet 
die Sexualkonstitution wiederum eine „Ergänzungsreihe", ganz 
ähnlich der uns zuerst bekannt gewordenen zwischen Disposition 
und akzidentellem Erleben des Erwachsenen. Hier wie dort 
finden sich dieselben extremen Fälle und die nämlichen Be- 
ziehungen der Vertretung. Es liegt nahe, hier die Frage auf zu- 
werfen, ob die auffälligste der Libidoregressionen, die auf frühere 
Stufen der Sexualorganisation, nicht überwiegend durch das here- 
ditär konstitutionelle Moment bedingt wird; aber die Beant- 
wortung der Frage wird am besten aufgeschoben, bis man eine 
größere Reihe der neurotischen Erkrankungsformen in Betracht 
ziehen kann. 

Verweilen wir nun bei der Tatsache, daß die analytische Unter- 
suchung die Libido der Neurotiker an ihre infantilen Sexual- 
erlebnisse gebunden zeigt. Sie verleiht diesen so den Schein 



XXIII) Die Wege der Symptombildung 387 

einer enormen Bedeutsamkeit für das Leben und die Erkrankung 
des Menschen. Solche Bedeutung verbleibt ihnen ungeschmälert, 
insoweit die therapeutische Arbeit in Betracht kommt. Sehen wir 
aber von dieser Aufgabe ab, so erkennen wir doch leicht, daß 
hier die Gefahr eines Mißverständnisses vorliegt, das uns ver- 
leiten könnte, das Leben allzu einseitig nach der neurotischen 
Situation zu orientieren. Man muß doch von der Bedeutung der 
Infantilerlebnisse in Abzug bringen, daß die Libido regressiv 
zu ihnen zurückgekehrt ist, nachdem sie aus ihren späteren 
Positionen vertrieben wurde. Dann liegt aber der Schluß nach 
der Gegenseite sehr nahe, daß die Libidoerlebnisse zu ihrer 
Zeit gar keine Bedeutung gehabt, sondern sie erst regressiv er- 
worben haben. Erinnern Sie sich, daß wir zu einer solchen Alter- 
native bereits bei der Erörterung des Ödipuskomplexes Stellung 
genommen haben. 

Die Entscheidung wird uns auch diesmal nicht schwer werden. 
Die Bemerkung, daß die Libidobesetzung — und also die patho- 
gene Bedeutung — der Infantilerlebnisse in großem Maße durch 
die Libidoregression verstärkt worden ist, hat unzweifelhaft 
recht, aber sie würde zum Irrtum führen, wenn man sie einzig 
maßgebend werden ließe. Man muß noch andere Erwägungen 
gelten lassen. Fürs erste zeigt die Beobachtung in einer jeden 
Zweifel ausschließenden Weise, daß die infantilen Erlebnisse 
ihre eigene Bedeutung haben und sie auch bereits in den Kinder- 
jahren beweisen. Es gibt ja auch Kinderneurosen, bei denen 
das Moment der zeitlichen Zurückschiebung notwendigerweise 
sehr herabgesetzt wird oder ganz entfällt, indem die Erkrankung 
als unmittelbare Folge an die traumatischen Erlebnisse anschließt. 
Das Studium dieser infantilen Neurosen schützt gegen manch 
ein gefährliches Mißverständnis der Neurosen Erwachsener, ähn- 
lich wie uns die Träume der Kinder den Schlüssel zum Ver- 
ständnis der Träume von Erwachsenen gegeben haben. Die Neu- 
rosen der Kinder sind sehr häufig, viel häufiger, als man glaubt. 



. 



388 Vorlesungen zwr Einführung in dit Psychoanalyse 

Sie werden oft übersehen, als Zeichen von Schlimmheit oder Un- 
artigkeit beurteilt, oft auch durch die Autoritäten der Kinder- 
stube niedergehalten, aber sie lassen sich in der Rückschau von 
später her immer leicht erkennen. Sie treten zumeist in der Form 
einer Angsthysterie auf. Was das heißt, werden wir noch 
bei einer anderen Gelegenheit erfahren. Wenn in späteren 
Lebenszeiten eine Neurose ausbricht, so enthüllt sie sich durch 
die Analyse regelmäßig als die direkte Fortsetzung jener viel- 
leicht nur schleierhaften, nur andeutungsweise ausgebildeten 
infantilen Erktankung. Es gibt aber, wie gesagt, Fälle, in denen 
sich diese kindliche Nervosität ohne jede Unterbrechung in 
lebenslanges Kranksein fortsetzt. Einige wenige Beispiele von 
Kinderneurosen haben wir noch am Kind selbst — im Zustande 
der Aktualität — analysieren können; weit häufiger mußte es 
uns genügen, daß uns der im reifen Leben Erkrankte eine nach- 
trägliche Einsicht in seine Kinderneurose gestattete, wobei wir 
dann gewisse Korrekturen und Vorsichten nicht vernachlässigen 
durften. 

An zweiter Stelle muß man doch sagen, daß es unbegreif- 
lich wäre, daß die Libido so regelmäßig auf Zeiten der Kindheit 
regrediert, wenn dort nichts wäre, was eine Anziehung auf sie 
ausüben könnte. Die Fixierung, die wir an den einzelnen Stellen 
des Entwicklungsweges annehmen, hat nur dann einen Gehalt, 
wenn wir sie in der Festlegung eines bestimmten Betrages von 
libidinöser Energie bestehen lassen. Endlich kann ich Sie daran 
mahnen, daß hier zwischen der Intensität und pathogenen Be- 
deutung der infantilen und der späteren Erlebnisse ein ähnliches 
Ergänzungsverhältnis besteht wie in den früher von uns stu- 
dierten Reihen. Es gibt Fälle, in denen das ganze Schwergewicht 
der Verursachung auf die Sexualerlebnisse der Kindheit fällt, 
in denen diese Eindrücke eine sicher traumatische Wirkung 
äußern und keiner anderen Unterstützung dabei bedürfen, als 
ihnen die durchschnittliche Sexualkonstitution und deren Un- 



XXIII) Die Wege der Symptombildung 389 

fertigkeit bieten kann. Daneben andere, bei welchen aller Akzent 
auf den späteren Konflikten liegt und die analytische Betonung 
der Kindereindrücke durchaus als das Werk der Regression er- 
scheint; also Extreme der „Entwicklungshemmung" und der 
„Regression" und zwischen ihnen jedes Ausmaß von Zusammen- 
wirken der beiden Momente. 

Diese Verhältnisse haben ein gewisses Interesse für die Päda- 
gogik, die sich eine Verhütung der Neurosen durch frühzeitiges 
Eingreifen in die Sexualentwicklung des Kindes zum Vorsatz 
nimmt. Solange man seine Aufmerksamkeit vorwiegend auf die 
infantilen Sexualerlebnisse gerichtet hält, muß man meinen, man 
habe alles für die Prophylaxe nervöser Erkrankungen getan, 
wenn man dafür sorgt, daß diese Entwicklung verzögert werde, 
und daß dem Kinde derartige Erlebnisse erspart bleiben. Allein 
wir wissen schon, daß die Bedingungen der Verursachung für 
die Neurosen komplizierte sind und durch die Berücksichtigung 
eines einzigen Faktors nicht allgemein beeinflußt werden können. 
Die strenge Behütung der Kindheit verliert an Wert, weil sie 
gegen den konstitutionellen Faktor ohnmächtig ist; sie ist über- 
dies schwerer durchzuführen, als die Erzieher sich vorstellen, 
und sie bringt zwei neue Gefahren mit sich, die nicht gering zu 
schätzen sind: daß sie zu viel erreicht, nämlich ein für die 
Folge schädliches Übermaß von Sexualverdrängung begünstigt, 
und daß sie das Kind widerstandslos gegen den in der Pubertät 
zu erwartenden Ansturm der Sexualforderungen ins Leben 
schickt. So bleibt es durchaus zweifelhaft, wie weit die Kindheits- 
prophylaxe mit Vorteil gehen kann, und ob nicht eine veränderte 
Einstellung zur Aktualität einen besseren Angriffspunkt zur 
Verhütung der Neurosen verspricht. 

Kehren wir nun zu den Symptomen zurück. Sie schaffen also 
Ersatz für die versagte Befriedigung durch eine Regression der 
Libido auf frühere Zeiten, womit die Rückkehr zu früheren Ent- 
wicklungsstufen der Objektwahl oder der Organisation untrenn- 



L 



T 



390 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



bar verbunden ist. Wir haben frühzeitig gehört, daß der Neu- 
rotiker irgendwo in seiner Vergangenheit festhaftet; wir wissen 
jetzt, daß es eine Periode seiner Vergangenheit ist, in welcher 
seine Libido die Befriedigung nicht vermißte, in der er glücklich 
war. Er sucht so lange in seiner Lebensgeschichte, bis er eine 
solche Zeit gefunden hat, und müßte er auch bis in seine Säug- 
lingszeit zurückgehen, wie er sie erinnert oder sich nach späteren 
Anregungen vorstellt. Das Symptom wiederholt irgendwie jene 
frühinfantile Art der Befriedigung, entstellt durch die aus dem 
Konflikt hervorgehende Zensur, in der Regel zur Empfindung 
des Leidens gewendet und mit Elementen aus dem Anlaß der 
Erkrankung vermengt. Die Art der Befriedigung, welche das 
Symptom bringt, hat viel Befremdendes an sich. Wir sehen 
davon ab, daß sie für die Person unkenntlich ist, welche die 
angebliche Befriedigung vielmehr als Leiden empfindet und be- 
klagt. Diese Verwandlung gehört dem psychischen Konflikt an, 
unter dessen Druck sich das Symptom bilden mußte. Was der- 
einst dem Individuum eine Befriedigung war, muß eben heute 
seinen Widerstand oder seinen Abscheu erwecken. Wir kennen 
für solche Sinnesänderung ein unscheinbares, aber lehrreiches 
Vorbild. Dasselbe Kind, das mit Gier die Milch aus der Mutter- 
brust gesogen hat, pflegt einige Jahre später einen starken 
Widerwillen gegen Milchgenuß zu äußern, dessen Überwindung 
der Erziehung Schwierigkeiten bereitet. Dieser Widerwille stei- 
gert sich bis zum Abscheu, wenn die Milch oder das mit ihr 
versetzte Getränk von einem Häutchen überzogen ist. Es ist 
vielleicht nicht abzuweisen, daß diese Haut die Erinnerung an 
die einst so heiß begehrte Mutterbrust heraufbeschwört. Da- 
zwischen liegt allerdings das traumatisch wirkende Erlebnis der 
Abgewöhnung. 

Es ist noch etwas anderes, was uns die Symptome merkwürdig 
und als Mittel der libidinösen Befriedigung unverständlich er- 
scheinen läßt. Sit erinnern uns so gar nicht an all das, wovon 



XXlll) Die Wege der Symptombildung 391 



wir normalerweise eine Befriedigung zu erwarten pflegen. Sie 
sehen meist vom Objekt ab und geben damit die Beziehung zur 
äußeren Realität auf. Wir verstehen dies als Folge der Abwen- 
dung vom Realitäts- und der Rückkehr zum Lustprinzip. Es ist 
aber auch eine Rückkehr zu einer Art von erweitertem Auto- 
erotismus, wie er dem Sexualtrieb die ersten Befriedigungen bot. 
Sie setzen an die Stelle einer Veränderung der Außenwelt eine 
Körperveränderung, also eine innere Aktion an die Stelle einer 
äußeren, eine Anpassung anstatt einer Handlung, was wiederum 
einer in phylogenetischer Hinsicht höchst bedeutsamen Regres- 
sion entspricht. Wir werden das erst im Zusammenhange mit 
einer Neuheit verstehen, die wir noch aus den analytischen 
Untersuchungen über die Symptombildung zu erfahren haben. 
Ferner erinnern wir uns, daß bei der Symptombildung die näm- 
liehen Prozesse des Unbewußten wie bei der Traumbildung mit- 
gewirkt haben, die Verdichtung und Verschiebung. Das Sym- 
ptom stellt wie der Traum etwas als erfüllt dar, eine Befriedigung 
nach Art der infantilen, aber durch äußerste Verdichtung kann 
diese Befriedigung in eine einzige Sensation oder Innervation 
gedrängt, durch extreme Verschiebung auf eine kleine Einzel- 
heit des ganzen libidinösen Komplexes eingeschränkt sein. Es 
ist kein Wunder, wenn auch wir häufig Schwierigkeiten haben, 
in dem Symptom die vermutete und jedesmal bestätigte libidi- 
nöse Befriedigung zu erkennen. 

Ich habe Ihnen angekündigt, daß wir noch etwas Neues zu 
erfahren haben; es ist wirklich etwas Überraschendes und Ver- 
wirrendes. Sie wissen, durch die Analyse von den Symptomen aus 
kommen wir zur Kenntnis der infantilen Erlebnisse, an welche 
die Libido fixiert ist, und aus denen die Symptome gemacht 
werden. Nun, die Überraschung liegt darin, daß diese Infantil- 
szenen nicht immer wahr sind. Ja, sie sind in der Mehrzahl der 
Fälle nicht wahr, und in einzelnen Fällen im direkten Gegensatz 
zur historischen Wahrheit. Sie sehen ein, daß dieser Fund wie 



. 



392 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

kein anderer da2u geeignet ist, entweder die Analyse zu diskredi- 
tieren, die zu solchem Ergebnis geführt hat, oder die Kranken, 
auf deren Aussagen die Analyse wie das ganze Verständnis der 
Neurosen aufgebaut ist. Außerdem ist aber noch etwas ungemein 
Verwirrendes dabei. Wenn die durch die Analyse zutage geför- 
derten infantilen Erlebnisse jedesmal real wären, hätten wir das 
Gefühl, uns auf sicherem Boden zu bewegen; wenn sie regel- 
mäßig gefälscht wären, sich als Erfindungen, als Phantasien der 
Kranken enthüllten, müßten wir diesen schwankenden Boden 
verlassen und uns auf einen anderen retten. Aber es ist weder 
so noch so, sondern der Sachverhalt ist nachweisbar der, daß die 
in der Analyse konstruierten oder erinnerten Kindererlebnisse 
einmal unstreitig falsch sind, das andere Mal aber ebenso sicher 
richtig und in den meisten Fällen aus Wahrem und Falschem 
gemengt. Die Symptome sind also dann bald die Darstellung von 
Erlebnissen, die wirklich stattgefunden haben, und denen man 
einen Einfluß auf die Fixierung der Libido zuschreiben darf 
und bald die Darstellung von Phantasien des Kranken, die sich 
zu einer ätiologischen Rolle natürlich gar nicht eignen. Es ist 
schwer, sich darin zurechtzufinden. Einen ersten Anhalt finden 
wir vielleicht an einer ähnlichen Entdeckung, daß nämlich die 
vereinzelten Kindheitserinnerungen, welche die Menschen von 
jeher und vor jeder Analyse bewußt in sich getragen haben, 
gleichfalls gefälscht sein können oder wenigstens reichlich 
Wahres mit Falschem vermengen. Der Nachweis der Unrichtig, 
keit macht hier selten Schwierigkeiten, und so haben wir wenig, 
stens die eine Beruhigung, daß an dieser unerwarteten Ent- 
täuschung nicht die Analyse, sondern irgendwie die Kranken 
die Schuld tragen. 

Nach einiger Überlegung verstehen wir leicht, was uns an 
dieser Sachlage so verwirrt. Es ist die Geringschätzung der Reali- 
tät, die Vernachlässigung des Unterschiedes zwischen ihr und 
der Phantasie. Wir sind in Versuchung beleidigt zu sein, daß 




XXIII) Die Wege der Symptombildung 593 



uns der Kranke mit erfundenen Geschichten beschäftigt hat. 
Die Wirklichkeit erscheint uns als etwas von der Erfindung 
himmelweit Verschiedenes, und sie genießt bei uns eine ganz 
andere Einschätzung. Denselben Standpunkt nimmt übrigens 
auch der Kranke in seinem normalen Denken ein. Wenn er jenes 
Material vorbringt, welches hinter den Symptomen zu den 
Wunschsituationen führt, die den Kindererlebnissen nachgebildet 
sind, so sind wir allerdings anfangs im Zweifel, ob es sich um 
Wirklichkeit oder um Phantasien handelt. Später wird uns die 
Entscheidung durch gewisse Kennzeichen ermöglicht, und wir 
stehen vor der Aufgabe, sie auch dem Kranken bekanntzugeben. 
Dabei geht es nun auf keinen Fall ohne Schwierigkeiten ab. 
Eröffnen wir ihm gleich zu Beginn, daß er jetzt im Begriffe 
ist, die Phantasien zum Vorschein zu bringen, mit denen er 
sich seine Kindheitsgeschichte verhüllt hat, wie jedes Volk durch 
Sagenbildung seine vergessene Vorzeit, so bemerken wir, daß 
sein Interesse für die weitere Verfolgung des Themas plötzlich 
in unerwünschter Weise absinkt. Er will auch Wirklichkeiten 
erfahren und verachtet alle „Einbildungen". Lassen wir ihn 
aber bis zur Erledigung dieses Stückes der Arbeit im Glauben, 
daß wir mit der Erforschung der realen Begebenheiten seiner 
Kinderjahre beschäftigt sind, so riskieren wir, daß er uns später 
Irrtum vorwirft und uns wegen unserer scheinbaren Leicht- 
gläubigkeit verlacht. Für den Vorschlag, Phantasie und Wirk- 
lichkeit gleichzustellen und sich zunächst nicht darum zu küm- 
mern, ob die zu klärenden Kindereriebnisse das eine oder das 
andere seien, hat er lange Zeit kein Verständnis. Und doch ist 
dies offenbar die einzig richtige Einstellung zu diesen seelischen 
Produktionen. Auch sie besitzen eine Art von Realität; es bleibt 
eine Tatsache, daß der Kranke sich solche Phantasien geschaffen 
hat, und diese Tatsache hat kaum geringere Bedeutung für seine 
Neurose, als wenn er den Inhalt dieser Phantasien wirklich er- 
lebt hätte. Diese Phantasien besitzen psychische Realität 



394 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

im Gegensatz zur materiellen, und wir lernen allmählich 
verstehen, daß in der Welt der Neurosen die 
psychische Realität die maßgebende ist. 

Unter den Begebenheiten, die in der Jugendgeschichte der 
Neurotiker immer wiederkehren, kaum je zu fehlen scheinen, 
sind einige von besonderer Wichtigkeit, die ich darum auch 
einer Hervorhebung vor den anderen für würdig halte. Ich zähle 
Ihnen als Muster dieser Gattung auf: die Beobachtung des elter. 
liehen Verkehres, die Verführung durch eine erwachsene Person 
und die Kastrationsandrohung. Es wäre ein großer Irrtum an- 
zunehmen, daß ihnen niemals materielle Realität zukommt; 
diese ist im Gegenteil oft einwandfrei durch Nachforschung 
bei älteren Angehörigen zu erweisen. So ist es z. B. gar keine 
Seltenheit, daß dem kleinen Knaben, welcher unartig mit seinem 
Glied zu spielen beginnt und noch nicht weiß, daß man solche 
Beschäftigung verbergen muß, von Eltern oder von Pflege- 
personen gedroht wird, man werde ihm das Glied oder die 
sündigende Hand abschneiden. Die Eltern gestehen es auf Nach- 
frage oft ein, da sie mit solcher Einschüchterung etwas Zweck- 
mäßiges getan zu haben glauben; manche Menschen haben eine 
korrekte, bewußte Erinnerung an diese Drohung, besonders dann, 
wenn sie in etwas späteren Jahren erfolgt ist. Wenn die Mutter 
oder eine andere weibliche Person die Drohung ausspricht, so 

schiebt sie ihre Ausführung gewöhnlich dem Vater oder dem 

Arzt zu. In dem berühmten „Struwelpeter" des Frankfurter Kin- 
derarztes H o f f m a n n, der seine Beliebtheit gerade dem Ver- 
ständnis für die sexuellen und andere Komplexe des Kindesalters 
verdankt, finden Sie die Kastration gemildert, durch das Ab- 
schneiden der Daumen als Strafe für hartnäckiges Lutschen er- 
setzt. Es ist aber im hohen Grade unwahrscheinlich, daß die Ka- 
strationsdrohung so oft an die Kinder ergeht, als sie in den Analy- 
sen der Neurotiker vorkommt. Wir sind damit zufrieden zu ver- 
stehen, daß sich das Kind eine solche Drohung auf Grund von 




XXIII) Die Wege der Symptombildung 395 

Andeutungen, mit Hilfe des Wissens, daß die autoerotische Be- 
friedigung verboten ist, und unter dem Eindruck seiner Ent- 
deckung des weiblichen Genitales in der Phantasie zusammen- 
setzt. Ebenso ist es keineswegs ausgeschlossen, daß das kleine 
Kind, solange man ihm kein Verständnis und kein Gedächtnis 
zutraut, auch in anderen als Proletarierfamilien zum Zeugen 
eines Geschlechtsaktes zwischen den Eltern oder anderen Er- 
wachsenen wird, und es ist nicht abzuweisen, daß das Kind 
nachträglich diesen Eindruck verstehen und auf ihn rea- 
gieren kann. Wenn aber dieser Verkehr mit den ausführlichsten 
Details beschrieben wird, die der Beobachtung Schwierigkeiten 
bereiten, oder wenn er sich, wie überwiegend häufig, als ein 
Verkehr von rückwärts, more jerarum, herausstellt, so bleibt 
wohl kein Zweifel über die Anlehnung dieser Phantasie an die 
Beobachtung des Verkehrs von Tieren (Hunden) und die Moti- 
vierung derselben durch die unbefriedigte Schaulust des Kindes 
in den Pubertäts jähren. Die äußerste Leistung dieser Art ist 
dann die Phantasie von der Beobachtung des elterlichen Koitus, 
während man sich noch ungeboren im Mutterleib befunden hat. 
Besonderes Interesse hat die Phantasie der Verführung, weil sie 
nur zu oft keine Phantasie, sondern reale Erinnerung ist. Aber 
zum Glück ist sie doch nicht so häufig real, wie es nach den 
Ergebnissen der Analyse zuerst den Anschein hatte. Die Ver- 
führung durch ältere oder gleichaltrige Kinder ist immer noch 
häufiger als die durch Erwachsene, und wenn bei den Mädchen, 
welche diese Begebenheit in ihrer Kindergeschichte vorbringen, 
ziemlich regelmäßig der Vater als Verführer auftritt, so leidet 
weder die phantastische Natur dieser Beschuldigung noch das 
zu ihr drängende Motiv einen Zweifel. Mit der Verführungs- 
phantasie, wo keine Verführung stattgehabt hat, deckt das Kind 
in der Regel die autoerotische Periode seiner Sexualbetätigung. 
Es erspart sich die Beschämung über die Masturbation, indem es 
ein begehrtes Objekt in diese frühesten Zeiten zurückphantasiert. 



396 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Glauben Sie übrigens nicht, daß sexueller Mißbrauch des Kindes 
durch die nächsten männlichen Verwandten durchaus dem Reiche 
der Phantasie angehört. Die meisten Analytiker werden Fälle 
behandelt haben, in denen solche Beziehungen real waren und 
einwandfrei festgestellt werden konnten; nur gehörten sie auch 
dann späteren Kindheitsjahren an und waren in frühere ein- 
getragen worden. 

Man empfängt keinen anderen Eindruck, als daß solche Kinder- 
begebenheiten irgendwie notwendig verlangt werden, zum eiser- 
nen Bestand der Neurose gehören. Sind sie in der Realität ent- 
halten, dann ist es gut; hat sie die Realität verweigert, so werden 
sie aus Andeutungen hergestellt und durch die Phantasie ergänzt. 
Das Ergebnis ist das gleiche, und es ist uns bis heute nicht ge- 
lungen, einen Unterschied in den Folgen nachzuweisen, wenn die 
Phantasie oder die Realität den größeren Anteil an diesen Kinder- 
begebenheiten hat. Hier besteht eben wieder nur eines der so oft 
erwähnten Ergänzungsverhältnisse; es ist allerdings das Befrem- 
dendste von allen, die wir kennen gelernt haben. Woher rührt 
das Bedürfnis nach diesen Phantasien und das Material für sie? 
Über die Triebquellen kann woh! kein Zweifel sein, aber es ist 
zu erklären, daß jedesmal die nämlichen Phantasien mit dem- 
selben Inhalt geschaffen werden. Ich habe hier eine Antwort be- 
reit, von der ich weiß, daß sie Ihnen gewagt erscheinen wird. 
Ich meine, diese Urphantasien — so möchte ich sie und 
gewiß noch einige andere nennen — sind phylogenetischer Be- 
sitz. Das Individuum greift in ihnen über sein eigenes Erleben 
hinaus in das Erleben der Vorzeit, wo sein eigenes Erleben allzu 
rudimentär geworden ist. Es scheint mir sehr wohl möglich, daß 
alles, was uns heute in der Analyse als Phantasie erzählt wird, 
die Kinderverführung, die Entzündung der Sexualerregung an 
der Beobachtung des elterlichen Verkehrs, die Kastrationsan 
drohung, — oder vielmehr die Kastration, — in den Urzeiten der 
menschlichen Familie einmal Realität war, und daß das phanta- 




XXIII J Die Wege der Symptombildung 2&1 

sicrende Kind einfach die Lücken der individuellen Wahrheit 
mit prähistorischer Wahrheit ausgefüllt hat. Wir sind wiederholt 
auf den Verdacht gekommen, daß uns die Neurosenpsychologie 
mehr von den Altertümern der menschlichen Entwicklung auf- 
bewahrt hat als alle anderen Quellen. 

Meine Herren! Die letzterörterten Dinge nötigen uns, auf die 
Entstehung und Bedeutung jener Geistestätigkeit näher einzu- 
gehen, die „Phantasie" genannt wird. Sie genießt, wie Ihnen be- 
kannt ist, allgemein eine hohe Schätzung, ohne daß man über 
ihre Stellung im Seelenleben klar geworden wäre. Ich kann 
Ihnen folgendes darüber sagen. Wie Sie wissen, wird das Ich des 
Menschen durch die Einwirkung der äußeren Not langsam zur 
Schätzung der Realität und zur Befolgung des Realitätsprinzips 
erzogen und muß dabei auf verschiedene Objekte und Ziele seines 
Luststrebens — nicht allein des sexuellen — vorübergehend oder 
dauernd verzichten. Aber Lustverzicht ist dem Menschen immer 
schwer gefallen; er bringt ihn nicht ohne eine Art von Ent- 
schädigung zustande. Er hat sich daher eine seelische Tätigkeit 
vorbehalten, in welcher all diesen aufgegebenen Lustquellen und 
verlassenen Wegen der Lustgewinnung eine weitere Existenz zu- 
gestanden ist, eine Form der Existenz, in welcher sie von dem 
Realitätsanspruch und dem, was wir Realitätsprüfung nennen, frei 
gelassen sind. Jedes Streben erreicht bald die Form einer Erfül- 
lungsvorstellung; es ist kein Zweifel, daß das Verweilen bei den 
Wunscherfüllungen der Phantasie eine Befriedigung mit sich 
bringt, obwohl das Wissen, es handle sich nicht um Realität, 
dabei nicht getrübt ist. In der Phantasietätigkeit genießt also der 
Mensch die Freiheit vom äußeren Zwang weiter, auf die er in 
Wirklichkeit längst verzichtet hat. Er hat es zustande gebracht, 
abwechselnd noch Lusttier zu sein und dann wieder ein verstän- 
diges Wesen. Er findet mit der kargen Befriedigung, die er der 
Wirklichkeit abringen kann, eben nicht sein Auskommen. „Es 
geht überhaupt ohne Hilfskonstruktionen," hat Th. Fontane 




398 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

einmal gesagt. Die Schöpfung des seelischen Reiches der Phan- 
tasie findet ein volles Gegenstück in der Einrichtung von „Scho- 
nungen", „Naturschutzparks" dort, wo die Anforderungen des 
Ackerbaues, des Verkehrs und der Industrie das ursprüngliche 
Gesicht der Erde rasch bis zur Unkenntlichkeit zu verändern 
drohen. Der Naturschutzpark erhält diesen alten Zustand, wel- 
chen man sonst überall mit Bedauern der Notwendigkeit geopfert 
hat. Alles darf darin wuchern und wachsen, wie es will, auch das 
Nutzlose, selbst das Schädliche. Eine solche dem Realitätsprinzip 
entzogene Schonung ist auch das seelische Reich der Phantasie. 

Die bekanntesten Produktionen der Phantasie sind die soge- 
nannten „Tagträume", die wir schon kennen, vorgestellte Be- 
friedigungen ehrgeiziger, großsüchtiger, erotischer Wünsche, die 
um so üppiger gedeihen, je mehr die Wirklichkeit zur Beschei- 
dung oder zur Geduldung mahnt. Das Wesen des Phantasie- 
glücks, die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Lustge- 
winnung von der Zustimmung der Realität, zeigt sich in ihnen 
unverkennbar. Wir wissen, solche Tagträume sind Kern und Vor- 
bilder der nächtlichen Träume. Der Nachttraum ist im Grunde 
nichts anderes als ein durdi die nächtliche Freiheit der Trieb- 
regungen verwendbar gewordener, durch die nächtliche Form der 
seelischen Tätigkeit entstellter Tagtraum. Wir haben uns bereits 
mit der Idee vertraut gemacht, daß auch ein Tagtraum nicht 
notwendig bewußt ist, daß es auch unbewußte Tagträume gibt. 
Solche unbewußte Tagträume sind also ebensowohl die Quelle 
der nächtlichen Träume wie — der neurotischen Symptome. 

Die Bedeutung der Phantasie für die Symptombildung wird 
Ihnen durch die folgende Mitteilung klar werden. Wir haben 
gesagt, im Falle der Versagung besetze die Libido regressiv die 
von ihr aufgelassenen Positionen, an denen sie doch mit ge- 
wissen Beträgen haften geblieben ist. Das werden wir nicht zu- 
rücknehmen oder korrigieren, aber wir haben ein Zwischenglied 
einzusetzen. Wie findet die Libido ihren Weg zu diesen Fixie- 



XXIII) Die Wege der Symptombildung 399 

rungsstellen? Nun, alle aufgegebenen Objekte und Richtungen 
der Libido sind noch nicht in jedem Sinne aufgegeben. Sie 
oder ihre Abkömmlinge werden noch mit einer gewissen Inten- 
sität in den Phantasievorstellungen festgehalten. Die Libido 
braucht sich also nur auf die Phantasien zurückzuziehen, um 
von ihnen aus den Weg zu allen verdrängten Fixierungen offen 
zu finden. Diese Phantasien erfreuten sich einer gewissen Dul- 
dung, es kam nicht zum Konflikt zwischen ihnen und dem Ich, 
so scharf auch die Gegensätze sein mochten, solange eine gewisse 
Bedingung eingehalten wurde. Eine Bedingung quantita- 
tiver Natur, die nun durch das Rückfluten der Libido auf die 
Phantasien gestört wird. Durch diesen Zuschuß wird die Energie- 
besetzung der Phantasien so erhöht, daß sie anspruchsvoll wer- 
den, einen Drang nach der Richtung der Realisierung ent- 
wickeln. Das macht aber den Konflikt zwischen ihnen und dem 
Ich unvermeidlich. Ob sie früher vorbewußt oder bewußt waren, 
sie unterliegen jetzt der Verdrängung von Seiten des Ichs und 
sind der Anziehung von Seiten des Unbewußten preisgegeben. 
Von den jetzt unbewußten Phantasien wandert die Libido bis 
zu deren Ursprüngen im Unbewußten, bis zu ihren eigenen 
Fixierungsstellen zurück. 

Der Rückgang der Libido auf die Phantasie ist eine Zwischen- 
stufe des Weges zur Symptombildung, welche wohl eine be- 
sondere Bezeichnung verdient. C. G. Jung hat den sehr ge- 
eigneten Namen der I n t r o v e r s i o n für sie geprägt, ihn 
aber in unzweckmäßiger Weise auch anderes bedeuten lassen. 
Wir wollen daran festhalten, daß die Introversion die Abwen- 
dung der Libido von den Möglichkeiten der realen Befriedigung 
und die Überbesetzung der bisher als harmlos geduldeten Phanta- 
sien bezeichnet. Ein Introvertierter ist noch kein Neurotiker, aber 
er befindet sich in einer labilen Situation; er muß bei der näch- 
sten Kräfteverschiebung Symptome entwickeln, wenn er nicht 
noch für seine gestaute Libido andere Auswege findet. Der 



400 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

irreale Charakter der neurotischen Befriedigung und die Ver- 
nachlässigung des Unterschiedes zwischen Phantasie und Wirk- 
lichkeit sind hingegen bereits durch das Verweilen auf der 
Stufe der Introversion bestimmt. 

Sie haben gewiß bemerkt, daß ich in den letzten Erörterungen 
einen neuen Faktor in das Gefüge der ätiologischen Verkettung 
eingeführt habe, nämlich die Quantität, die Größe der in Be- 
tracht kommenden Energien; diesen Faktor müssen wir überall 
noch in Rechnung bringen. Mit rein qualitativer Analyse der ätio- 
logischen Bedingungen reichen wir nicht aus. Oder um es anders 
zu sagen, eine bloß dynamische Auffassung dieser seeli- 
schen Vorgänge ist ungenügend, es bedarf noch des ökono- 
mischen Gesichtspunktes. Wir müssen uns sagen, daß der 
Konflikt zwischen zwei Strebungen nicht losbricht, ehe nicht 
gewisse Besetzungsintensitäten erreicht sind, mögen auch die 
inhaltlichen Bedingungen längst vorhanden sein. Ebenso richtet 
sich die pathogene Bedeutung der konstitutionellen Faktoren 
danach, wie viel mehr von dem einen Partialtrieb als von 
einem anderen in der Anlage gegeben ist; man kann sich so- 
gar vorstellen, die Anlagen aller Menschen seien qualitativ 
gleichartig und unterscheiden sich nur durch diese quantitativen 
Verhältnisse. Nicht minder entscheidend ist das quantitative Mo- 
ment für die Widerstandsfähigkeit gegen neurotische Erkran- 
kung. Es kommt darauf an, w e 1 c h e n Betrag der unver- 
wendeten Libido eine Person in Schwebe erhalten kann, und 
einen wie großen Bruchteil ihrer Libido sie vom 
Sexuellen weg auf die Ziele der Sublimierung zu lenken vermag. 
Das Endziel der seelischen Tätigkeit, das sich qualitativ als 
Streben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung beschreiben 
läßt, stellt sich für die ökonomische Betrachtung als die Aufgabe 
dar, die im seelischen Apparat wirkenden Erregungsgrößen 
(Reizmengen) zu bewältigen und deren Unlust schaffende 
Stauung hintanzuhalten. 







XXlll) Die Wege der Symptombildung 401 

Soviel wollte ich Ihnen also über die Symptombildung bei den 
Neurosen sagen. Ja aber, daß ich nicht versäume, es nochmals 
ausdrücklich zu betonen: Alles hier Gesagte bezieht sich nur 
auf die Symptombildung bei der Hysterie. Schon bei der Zwangs- 
neurose ist — bei Erhaltung des Grundsätzlichen — vieles an- 
ders zu finden. Die Gegenbesetzungen gegen die Triebanforde- 
rungen, von denen wir auch bei der Hysterie gesprochen haben, 
drängen sich bei der Zwangsneurose vor und beherrschen durch 
sogenannte „Reaktionsbildungen" das klinische Bild. Ebensolche 
und noch weiter reichende Abweichungen entdecken wir bei den 
anderen Neurosen, wo die Untersuchungen über die Mechanis- 
men der Symptombildung noch an keinem Punkte abgeschlossen 
sind. 

Ehe ich Sie heute entlasse, möchte ich aber Ihre Aufmerksam- 
keit noch eine Weile für eine Seite des Phantasielebens in 
Anspruch nehmen, die des allgemeinsten Interesses würdig ist. 
Es gibt nämlich einen Rückweg von der Phantasie zur Realität, 
und das ist — die Kunst. Der Künstler ist im Ansätze auch ein 
Introvertierter, der es nicht weit zur Neurose hat. Er wird von 
überstarken Triebbedürfnissen gedrängt, möchte Ehre, Macht, 
Reichtum, Ruhm und die Liebe der Frauen erwerben; es fehlen 
ihm aber die Mittel, um diese Befriedigungen zu erreichen. 
Darum wendet er sich wie ein anderer Unbefriedigter von der 
Wirklichkeit ab und überträgt all sein Interesse, auch seine 
Libido, auf die Wunschbildungen seines Phantasielebens, von 
denen aus der Weg zur Neurose führen könnte. Es muß wohl 
vielerlei zusammentreffen, damit dies nicht der volle Ausgang 
seiner Entwicklung werde; es ist ja bekannt, wie häufig gerade 
Künstler an einer partiellen Hemmung ihrer Leistungsfähigkeit 
durch Neurosen leiden. Wahrscheinlich enthält ihre Konsti- 
tution eine starke Fähigkeit zur Sublimierung und eine gewisse 
Lockerheit der den Konflikt entscheidenden Verdrängungen. 
Den Rückweg zur Realität findet der Künstler aber auf folgende 
26 






402 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Art. Er ist ja nicht der einzige, der ein Phantasieleben führt. 
Das Zwischenreich der Phantasie ist durch allgemein menschliche 
Übereinkunft gebilligt, und jeder Entbehrende erwartet von 
daher Linderung und Trost. Aber den Nichtkünstlern ist der 
Bezug von Lustgewinn aus den Quellen der Phantasie sehr ein- 
geschränkt. Die Unerbittlichkeit ihrer Verdrängungen nötigt sie, 
sich mit den spärlichen Tagträumen, die noch bewußt werden 
dürfen, zu begnügen. Wenn einer ein rechter Künstler ist, dann 
verfügt er über mehr. Er versteht es erstens, seine Tagträume 
so zu bearbeiten, daß sie das allzu Persönliche, welches Fremde 
abstößt, verlieren und für die anderen mitgenießbar werden. Er 
weiß sie auch so weit zu mildern, daß sie ihre Herkunft aus den 
verpönten Quellen nicht leicht verraten. Er besitzt ferner das 
rätselhafte Vermögen, ein bestimmtes Material zu formen, bis 
es zum getreuen Ebenbilde seiner Phantasievorstellung geworden 
ist, und dann weiß er an diese Darstellung seiner unbewußten 
Phantasie so viel Lustgewinn zu knüpfen, daß durch sie die Ver- 
drängungen wenigstens zeitweilig überwogen und aufgehoben 
werden. Kann er das alles leisten, so ermöglicht er es den An- 
deren, aus den eigenen unzugänglich gewordenen Lustquellen 
ihres Unbewußten wiederum Trost und Linderung zu schöpfen, 
gewinnt ihre Dankbarkeit und Bewunderung und hat nun durch 
seine Phantasie erreicht, was er vorerst nur in seiner Phantasie 
erreicht hatte: Ehre, Macht und Liebe der Frauen. 




XXIV) Die gemeine Nervosität 403 



XXIV. VORLESUNG 

DIE GEMEINE NERVOSITÄT 

Meine Damen und Herren! Nachdem wir in den letzten Be- 
sprechungen ein so schweres Stück Arbeit hinter uns gebracht 
haben, verlasse ich für eine Weile den Gegenstand und wende 
mich zu Ihnen. 

Ich weiß nämlich, daß Sie unzufrieden sind. Sie haben sich 
eine „Einführung in die Psychoanalyse" anders vorgestellt. Sie 
haben lebensvolle Beispiele zu hören erwartet, nicht Theorie. 
Sie sagen mir, das eine Mal, da ich Ihnen die Parallele vortrug 
„Zu ebener Erde und im ersten Stock", da haben Sie etwas von 
der Verursachung der Neurosen begriffen, nur hätten es wirk- 
liche Beobachtungen sein sollen und nicht konstruierte Ge- 
schichten. Oder als ich Ihnen zu Beginn zwei — hoffentlich nicht 
auch erfundene — Symptome erzählte, deren Auflösung und 
Beziehung zum Leben der Kranken entwickelte, da leuchtete 
Ihnen der „Sinn" der Symptome ein; Sie hofften, ich würde in 
dieser An fortsetzen. Anstatt dessen gab ich Ihnen weitläufige, 
schwer übersehbare Theorien, die nie vollständig waren, zu 
denen immer noch etwas Neues hinzukam, arbeitete mit Be- 
griffen, die ich Ihnen noch nicht vorgestellt hatte, fiel aus der 
deskriptiven Darstellung in die dynamische Auffassung, aus 
dieser in eine sogenannte „ökonomische", machte es Ihnen 
schwer zu verstehen, wie viele von den angewendeten Kunst- 
worten dasselbe bedeuten und nur aus Gründen des Wohl- 
lautes miteinander abwechseln, ließ so weitausgreifende Ge- 
sichtspunkte wie das Lust- und Realitätsprinzip und den phylo- 
genetisch ererbten Besitz vor Ihnen auftauchen, und anstatt 
Sie in etwas einzuführen, ließ ich etwas, was sich immer mehr 
von Ihnen entfernte, vor Ihren Augen vorüberziehen. 

Warum habe ich die Einführung in die Neurosenlehre nicht 



404 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

mit dem begonnen, was Sie selbst von der Nervosität kennen 
und was längst Ihr Interesse erweckt hat? Mit dem eigen- 
tümlichen Wesen der Nervösen, ihren unverständlichen Reak- 
tionen auf menschlichen Verkehr und äußere Einflüsse, ihrer 
Reizbarkeit, Unberechenbarkeit und Untauglichkeit? Warum 
Sie nicht schrittweise vom Verständnis der einfacheren alltäg- 
lichen Formen bis zu den Problemen der rätselhaften extremen 
Erscheinungen der Nervosität geführt? 

Ja, meine Herren, ich kann Ihnen nicht einmal Unrecht geben. 
Ich bin nicht so vernarrt in meine Darstellungskunst, daß ich 
jeden ihrer Schönheitsfehler für einen besonderen Reiz ausgeben 
sollte. Ich glaube selbst, es hätte sich mit mehr Vorteil für Sie 
anders machen lassen; es lag auch in meiner Absicht. Aber 
man kann seine verständigen Absichten nicht immer durch- 
führen. Im Stoff selbst ist oft etwas, wodurch man kommandiert 
und von seinen ersten Absichten abgelenkt wird. Selbst eine so 
unscheinbare Leistung wie die Anordnung eines wohlbekannten 
Materials unterwirft sich nicht ganz der Willkür des Autors; 
sie gerät, wie sie will, und man kann sich nur nachträglich be- 
fragen, warum sie so und nicht anders ausgefallen ist. 

Einer der Gründe ist wahrscheinlich, daß der Titel „Ein- 
führung in die Psychoanalyse" für diesen Abschnitt, der die 
Neurosen behandeln soll, nicht mehr zutrifft. Diese Einführung 
in die Psychoanalyse gibt das Studium der Fehlleistungen und 
des Traumes; die Neurosenlehre ist die Psychoanalyse selbst. 
Ich glaube nicht, daß ich vom Inhalt der Neurosenlehre in so 
kurzer Zeit Ihnen anders als in so konzentrierter Form hätte 
Kenntnis geben können. Es handelte sich darum, Ihnen Sinn und 
Bedeutung der Symptome, äußere und innere Bedingungen und 
Mechanismus der Symptombildung im Zusammenhange vorzu- 
führen. Das habe ich zu tun versucht; es ist so ziemlich der 
Kern dessen, was die Psychoanalyse heute zu lehren hat. Dabei 
war von der Libido und ihrer Entwicklung vieles zu sagen, 



_ 



XXIV) Die gemeine Nervosität 405 



einiges auch von der des Ichs. Auf die Voraussetzungen unserer 
Technik, auf die großen Gesichtspunkte des Unbewußten und 
der Verdrängung (des Widerstandes) waren Sie schon durch die 
Einführung vorbereitet. Sie werden in einer der nächsten Vor- 
lesungen erfahren, an welchen Stellen die psychoanalytische 
Arbeit ihren organischen Fortgang nimmt. Vorläufig habe ich 
Ihnen nicht verheimlicht, daß alle unsere Ermittlungen nur aus 
dem Studium einer einzigen Gruppe von nervösen Affektionen, 
den sogenannten Übertragungsneurosen, stammen. Den Me- 
chanismus der Symptombildung habe ich sogar nur für die hy- 
sterische Neurose verfolgt. Wenn Sie auch kein solides Wissen 
erworben und nicht jede Einzelheit behalten haben sollten, so 
hoffe ich doch, daß Sie so ein Bild davon gewonnen haben, mit 
welchen Mitteln die Psychoanalyse arbeitet, welche Fragen sie 
angreift und welche Ergebnisse sie geliefert hat. 

Ich habe Ihnen den Wunsch unterlegt, daß ich die Dar- 
stellung der Neurosen mit dem Gehaben der Nervösen hätte 
beginnen sollen, mit der Schilderung der Art, wie sie unter ihrer 
Neurose leiden, wie sie sich ihrer erwehren und sich mit ihr ein- 
richten. Das ist gewiß ein interessanter und wissenswerter Stoff, 
auch nicht sehr schwierig zu behandeln, aber es ist nicht unbe- 
denklich, mit ihm zu beginnen. Man läuft Gefahr, das Unbewußte 
nicht zu entdecken, dabei die große Bedeutung der Libido zu über- 
sehen und alle Verhältnisse so zu beurteilen, wie sie dem Ich 
des Nervösen erscheinen. Daß dieses Ich keine verläßliche und 
unparteiische Instanz ist, liegt auf der Hand. Das Ich ist ja 
die Macht, welche das Unbewußte verleugnet und es zum Ver- 
drängten herabgesetzt hat, wie sollte man ihm zutrauen, diesem 
Unbewußten gerecht zu werden? Unter diesem Verdrängten 
stehen die abgewiesenen Ansprüche der Sexualität in erster Linie; 
es ist ganz selbstverständlich, daß wir deren Umfang und Be- 
deutung nie aus den Auffassungen des Ichs erraten können. Von 
dem Moment an, da uns der Gesichtspunkt der Verdrängung 




406 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

aufdämmen, sind wir auch gewarnt davor, daß wir nicht die 
eine der beiden streitenden Parteien, überdies noch die siegreiche, 
zum Richter über den Streit einsetzen. Wir sind vorbereitet dar. 
auf, daß Uns die Aussagen des Ichs irreführen werden. Wenn 
man dem Ich glauben will, so war es in allen Stücken aktiv, 
so hat es selbst seine Symptome gewollt und gemacht. Wir wissen, 
daß es ein gutes Stück Passivität über sich ergehen ließ, die es 
sich dann verheimlichen und beschönigen will. Allerdings ge- 
traut es sich dieses Versuches nicht immer; bei den Symptomen 
der Zwangsneurose muß es sich eingestehen, daß etwas Fremdes 
sich ihm entgegenstellt, dessen es sich nur mühsam erwehrt. 

Wer sich durch diese Mahnungen nicht abhalten läßt, die Ver- 
fälschungen des Ichs für bare Münze zu nehmen, der hat frei- 
lich dann ein leichtes Spiel und ist all den Widerständen ent- 
gangen, die sich der psychoanalytischen Betonung des Unbe- 
wußten, der Sexualität und der Passivität des Ichs entgegen- 
setzen. Der kann wie Alfred Adler behaupten, daß der 
„nervöse Charakter" die Ursache der Neurose sei, anstatt die 
Folge derselben, aber er wird auch nicht imstande sein, ein ein- 
ziges Detail der Symptombildung oder einen einzelnen Traum 
zu erklären. 

Sie werden fragen: Sollte es denn nicht möglich sein, dem 
Anteil des Ichs an der Nervosität und an der Symptombildung 
gerecht zu werden, ohne dabei die von der Psychoanalyse auf- 
gedeckten Momente in gröblicher Weise zu vernachlässigen? 
Ich antworte: Gewiß muß es möglich sein und es wird auch 
irgendeinmal geschehen; es liegt aber nicht in der Arbeits- 
richtung der Psychoanalyse, gerade damit zu beginnen. Es läßt 
sich wohl vorhersagen, wann diese Aufgabe an die Psychoana- 
lyse herantreten wird. Es gibt Neurosen, bei welchen das Ich 
weit intensiver beteiligt ist als bei den bisher von uns studier: en, 
wir nennen sie „narzißtische" Neurosen. Die analytische Be- 
arbeitung dieser Affektionen wird uns befähigen, die Beteiligung 



XXIV) Die gemeine Nervosität 407 



des Ichs an der neurotischen Erkrankung in unparteiischer und 
zuverlässiger Weise zu beurteilen. 

Eine der Beziehungen des Ichs zu seiner Neurose ist aber so 
augenfällig, daß sie von Anfang an Berücksichtigung finden 
konnte. Sie scheint in keinem Falle zu fehlen; man erkennt sie 
aber am deutlichsten bei einer Affektion, die unserem Verstand- 
nis heute noch fernsteht, bei der traumatischen Neu. 
rose. Sie müssen nämlich wissen, daß in der Verursachung 
und im Mechanismus aller möglichen Formen von Neurosen 
immer wieder dieselben Momente in Tätigkeit treten, nur fällt 
hier dem einen, dort dem anderen dieser Momente die Haupt- 
bedeutung für die Symptombildung zu. Es ist wie mit dem Per- 
sonal einer Schauspielertruppe, unter dem jeder sein festes 
Rollenfach hat: Held, Vertrauter, Intrigant usw.; es wird aber 
jeder ein anderes Stück für seine Benenzvorstellung wählen. 
So sind die Phantasien, die sich in die Symptome umsetzen, 
nirgends greifbarer als in der Hysterie; die Gegenbesetzungen 
oder Reaktionsbildungen des Ichs beherrschen das Bild bei der 
Zwangsneurose; was wir für den Traum sekundäre Be- 
arbeitung genannt haben, steht als Wahn obenan in der 

Paranoia usw. 

So drängt sich uns bei den traumatischen Neurosen, besonders 
bei solchen, wie sie durch die Schrecken des Krieges entstehen, 
unverkennbar ein selbstsüchtiges, nach Schutz und Nutzen stre- 
bendes Ichmotiv auf, welches die Krankheit nicht etwa allein 
schaffen kann, aber seine Zustimmung zu ihr gibt und sie erhält, 
wenn sie einmal zustande gekommen ist. Dies Motiv will das Ich 
vor den Gefahren bewahren, deren Drohung der Anlaß der Er- 
krankung ward, und wird die Genesung nicht eher zulassen, als 
bis die Wiederholung dieser Gefahren ausgeschlossen scheint, 
oder erst nachdem eine Entschädigung für die ausgestandene Ge- 
fahr erreicht ist. • 

Aber ein ähnliches Interesse nimmt das Ich in allen anderen 




408 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 

Fällen an der Entstehung und dem Fortbestand der Neurose. 
Wir haben schon gesagt, daß das Symptom auch vom Ich ge- 
halten wird, weil es eine Seite hat, mit welcher es der verdrängen- 
den Ichtendenz Befriedigung bietet. Überdies ist die Erledigung 
des Konflikts durch die Symptombildung die bequemste und die 
dem Lustprinzip genehmste Auskunft; sie erspart dem Ich un- 
zweifelhaft eine große und peinlich empfundene innere Arbeit. 
Ja, es gibt Fälle, in denen selbst der Arzt zugestehen muß, daß 
der Ausgang eines Konflikts in Neurose die harmloseste und 
sozial erträglichste Lösung darstellt. Erstaunen Sie nicht, wenn 
Sie hören, daß also selbst der Arzt mitunter die Partei der von 
ihm bekämpften Krankheit nimmt. Es steht ihm ja nicht an, 
sich gegen alle Situationen des Lebens auf die Rolle des Gesund- 
heitsfanatikers einzuengen, er weiß, daß es nicht nur neurotisches 
Elend in der Welt gibt, sondern auch reales, unabstellbares 
Leiden, daß die Notwendigkeit von einem Menschen auch for- 
dern kann, daß er seine Gesundheit zum Opfer bringe, und er 
erfährt, daß durch ein solches Opfer eines einzelnen oft unüber- 
sehbares Unglück für viele andere hintangehalten wird. Wenn 
man also sagen konnte, daß der Neurotiker jedesmal vor einem 
Konflikt die F 1 u c h t in die Krankheit nimmt, so muß 
man zugeben, in manchen Fällen sei diese Flucht vollberechtigt, 
und der Arzt, der diesen Sachverhalt erkannt hat, wird sich 
schweigend und schonungsvoll zurückziehen. 

Aber sehen wir von diesen Ausnahmefällen für die weitere 
Erörterung ab. Unter durchschnittlichen Verhältnissen erkennen 
wir, daß dem Ich durch das Ausweichen in die Neurose ein ge- 
wisser innerer Krankheitsgewinn zuteil wird. Zu diesem 
gesellt sich in manchen Lebenslagen ein greifbarer äußerer, in 
der Realität mehr oder weniger hoch einzuschätzender Vorteil. 
Betrachten Sie den häufigsten Fall dieser An. Eine Frau, die 
von ihrem Manne roh behandelt und schonungslos ausgenützt 
wird, findet ziemlich regelmäßig den Ausweg in die Neurose, 



XXIV) Die gemeine Nervosität 409 

wenn ihre Anlagen es ihr ermöglichen, wenn sie zu feige oder 
zu sittlich ist, um sich im geheimen bei einem anderen Manne 
zu trösten, wenn sie nicht stark genug ist, sich gegen alle 
äußeren Abhaltungen von ihrem Mann zu trennen, wenn sie 
nicht die Aussicht hat, sich selbst zu erhalten oder einen 
besseren Mann zu gewinnen, und wenn sie überdies durch ihr 
sexuelles Empfinden noch an diesen brutalen Mann gebunden ist. 
Ihre Krankheit wird nun ihre Waffe im Kampfe gegen den über- 
starken Mann, eine Waffe, die sie zu ihrer Verteidigung ge- 
brauchen und für ihre Rache mißbrauchen kann. Sie darf über 
ihre Krankheit klagen, während sie sich wahrscheinlich über 
ihre Ehe nicht beklagen dürfte. Sie findet einen Helfer im Arzt, 
sie nötigt den sonst rücksichtslosen Mann, sie zu schonen, Auf- 
wendungen für sie zu machen, ihr Zeiten der Abwesenheit vom 
Hause und somit der Befreiung von der ehelichen Unter- 
drückung zu gestatten. Wo ein solcher äußerer oder akzidenteller 
Krankheitsgewinn recht erheblich ist und keinen realen Ersatz 
finden kann, da werden Sie die Möglichkeit einer Beeinflussung 
der Neurose durch Ihre Therapie nicht groß veranschlagen 
dürfen. 

Sie werden mir vorhalten, was ich Ihnen da vom Krankheits- 
gewinn erzählt habe, spricht ja durchaus zugunsten der von 
mir zurückgewiesenen Auffassung, daß das Ich selbst die Neu- 
rose will und sie schafft. Gemach, meine Herren, es bedeutet 
vielleicht weiter nichts, als daß das Ich sich die Neurose gefallen 
läßt, die es doch nicht verhindern kann, und daß es das Beste 
aus ihr macht, wenn sich überhaupt etwas aus ihr machen läßt. 
Es ist nur die eine Seite der Sache, die angenehme allerdings. 
Soweit die Neurose Vorteile hat, ist das Ich wohl mit ihr ein- 
verstanden, aber sie hat nicht nur Vorteile. In der Regel stellt 
sich bald heraus, daß das Ich ein schlechtes Geschäft gemacht 
hat, indem es sich auf die Neurose einließ. Es hat eine Erleich- 
terung des Konflikts zu teuer erkauft, und die Leidensemp- 



410 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



findungen, welche an den Symptomen haften, sind vielleicht 
ein äquivalenter Ersatz für die Qualen des Konflikts, wahr- 
scheinlich aber ein Mehrbetrag von Unlust. Das Ich möchte 
diese Unlust der Symptome loswerden, den Krankheitsgewinn 
aber nicht herausgeben, und das bringt es eben nicht zustande. 
Dabei erweist sich dann, daß es nicht so durchaus aktiv war, 
wie es sich geglaubt hat, und das wollen wir uns gut merken. 

Meine Herren, wenn Sie als Arzt mit Neurotikern umgehen, 
werden Sie bald die Erwartung aufgeben, daß diejenigen, die 
über ihre Krankheit am stärksten jammern und klagen, der Hilfe- 
leistung am bereitwilligsten entgegenkommen und ihr die ge- 
ringsten Widerstände bereiten werden. Eher das Gegenteil. 
Wohl aber werden Sie es leicht verstehen, daß alles, was zum 
Krankheitsgewinn beiträgt, den Verdrängungswiderstand ver- 
stärken und die therapeutische Schwierigkeit vergrößern wird. 
Zu dem Stück des Krankheitsgewinnes, welches sozusagen mit 
dem Symptom geboren wird, haben wir aber auch noch ein 
anderes hinzuzufügen, das sich später ergibt. Wenn solch eine 
psychische Organisation wie die Krankheit durch längere Zeit 
bestanden hat, so benimmt sie sich endlich wie ein selbständiges 
Wesen; sie äußert etwas wie einen Selbsterhaltungstrieb, es 
bildet sich eine Art von modus vivendi zwischen ihr und anderen 
Anteilen des Seelenlebens, selbst solchen, die ihr im Grunde 
feindselig sind, und es kann kaum fehlen, daß sich Gelegenheiten 
ergeben, bei denen sie sich wieder nützlich und verwertbar 
erweist, gleichsam eine Sekundärfunktion erwirbt, die 
ihren Bestand von neuem kräftigt. Nehmen Sie anstatt eines Bei- 
spiels aus der Pathologie eine grelle Erläuterung aus dem täg- 
lichen Leben. Ein tüchtiger Arbeiter, der seinen Unterhalt er- 
wirbt, wird durch einen Unfall in seiner Beschäftigung zum 
Krüppel; mit der Arbeit ist es jetzt aus, aber der Verunglückte 
empfängt mit der Zeit eine kleine Unfallsrente und lernt es, 
seine Verstümmelung als Bettler zu verwerten. Seine neue, wie- 



XXIV) Die gemeine Nervosität 411 



wohl verschlechterte Existenz gründet sich jetzt gerade auf das- 
selbe, was ihn um seine erste Existenz gebracht hat. Wenn Sie 
seine Verunstaltung beheben können, so machen Sie ihn zunächst 
subsistenzlos; es eröffnet sich die Frage, ob er noch fähig ist, 
seine frühere Arbeit wieder aufzunehmen. Was bei der Neurose 
einer solchen sekundären Nutzung der Krankheit entspricht, 
können wir als sekundären Krankheitsgewinn zum pri- 
mären hinzuschlagen. 

Im allgemeinen aber möchte ich Ihnen sagen, unterschätzen 
Sie die praktische Bedeutung des Krankheitsgewinnes nicht und 
lassen Sie sich in theoretischer Hinsicht nicht von ihm impo- 
nieren. Von jenen früher anerkannten Ausnahmen abgesehen, 
mahnt er doch immer an die Beispiele „von der Klugheit der 
Tiere", die Oberländer in den „Fliegenden Blättern" 
illustriert hat. Ein Araber reitet auf seinem Kamel einen schmalen 
Pfad, der in die steile Bergwand eingeschnitten ist. Bei einer 
Wendung des Weges sieht er sich plötzlich einem Löwen 
gegenüber, der sich sprungbereit macht. Er sieht keinen Aus- 
weg; auf der einen Seite die senkrechte Wand, auf der anderen 
der Abgrund; Umkehr und Flucht sind unmöglich; er gibt sich 
verloren. Anders das Tier. Es macht mit seinem Reiter einen 
Satz in den Abgrund — und der Löwe hat das Nachsehen. 
Besseren Erfolg für den Kranken haben in der Regel auch die 
Hilfeleistungen der Neurose nicht. Es mag daher kommen, daß 
die Erledigung eines Konflikts durch die Symptombildung doch 
ein automatischer Vorgang ist, der sich den Anforderungen des 
Lebens nicht gewachsen zeigen kann, und bei dem der Mensch 
auf die Verwertung seiner besten und höchsten Kräfte verzichtet 
hat. Wenn es eine Wahl gäbe, sollte man es vorziehen, im 
ehrlichen Kampf mit dem Schicksal unterzugehen. 

Meine Herren! Ich bin Ihnen aber noch die weitere Moti- 
vierung schuldig, weshalb ich in einer Darstellung der Neurosen- 
lehre nicht von der gemeinen Nervosität ausgegangen bin. Viel- 



412 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



leicht nehmen Sie an, ich tat es darum, weil mir dann der Nach- 
weis der sexuellen Verursachung der Neurosen größere Schwie- 
rigkeiten bereitet hätte. Aber da würden Sie irre gehen. Bei 
den Übertragungsneurosen muß man sich erst durch die Sym- 
ptomdeutung durcharbeiten, um zu dieser Einsicht zu kom- 
men. Bei den gemeinen Formen der sogenannten A k t u a 1 - 
n e u r o s e n ist die ätiologische Bedeutung des Sexuallebens 
eine grobe, der Beobachtung entgegenkommende Tatsache. Ich 
bin vor mehr als zwanzig Jahren auf sie gestoßen, als ich mir 
eines Tages die Frage vorlegte, warum man denn beim Examen 
der Nervösen so regelmäßig ihre sexuellen Betätigungen von der 
Berücksichtigung ausschließt. Ich habe damals diesen Unter- 
suchungen meine Beliebtheit bei den Kranken zum Opfer ge- 
bracht, aber ich konnte schon nach kurzer Bemühung den Satz 
aussprechen, daß es bei normaler vita sexualis keine Neurose 
— ich meinte: Aktualneurose — gibt. Gewiß, der Satz setzt 
sich zu leicht über die individuellen Verschiedenheiten der Men- 
schen hinweg, er leidet auch an der Unbestimmtheit, die von 
dem Urteil „normal" nicht zu trennen ist, aber er hat für die 
grobe Orientierung noch heute seinen Wert behalten. Ich bin 
damals so weit gekommen, spezifische Beziehungen zwischen 
bestimmten Formen der Nervosität und besonderen sexuellen 
Schädlichkeiten aufzustellen, und ich zweifle nicht daran, daß 
ich heute dieselben Beobachtungen wiederholen könnte, wenn 
mir noch ein ähnliches Material von Kranken zu Gebote stünde. 
Ich erfuhr oft genug, daß ein Mann, der sich mit einer gewissen 
Art von unvollständiger sexueller Befriedigung begnügte, z. B. 
mit der manuellen Onanie, an einer bestimmten Form von 
Aktualneurose erkrankt war, und daß diese Neurose prompt 
einer anderen den Platz räumte, wenn er ein anderes, ebenso- 
wenig untadeliges sexuelles Regime an die Stelle treten ließ. 
Ich war dann imstande, aus der Änderung im Zustand des 
Kranken den Wechsel in seiner sexuellen Lebensweise zu er- 



XXIV ) Die gemeine Nervosität 413 



raten. Ich erlernte es damals auch, hartnäckig bei meinen Ver- 
mutungen zu verharren, bis ich die Unaufrichtigkeit der Pa- 
tienten überwunden und sie zur Bestätigung gezwungen hatte. 
Es ist wahr, sie zogen es dann vor, zu anderen Ärzten zu gehen, 
die sich nicht so eifrig nach ihrem Sexualleben erkundigten. 

Es konnte mir auch damals nicht entgehen, daß die Verur- 
sachung der Erkrankung nicht immer auf das Sexualleben hin- 
wies. Der eine war zwar direkt an einer sexuellen Schädlichkeit 
erkrankt, der andere aber, weil er sein Vermögen verloren oder 
eine erschöpfende organische Krankheit durchgemacht hatte. Die 
Erklärung für diese Mannigfaltigkeit ergab sich später, als wir 
in die vermuteten Wechselbeziehungen zwischen dem Ich und 
der Libido Einsicht bekamen, und sie wurde um so befriedigen- 
der, je tiefer diese Einsicht reichte. Eine Person erkrankt nur dann 
neurotisch, wenn ihr Ich die Fähigkeit eingebüßt hat, die Li- 
bido irgendwie unterzubringen. Je stärker das Ich ist, desto 
leichter wird ihm die Erledigung dieser Aufgabe; jede Schwä- 
chung des Ichs aus irgendeiner Ursache muß dieselbe Wirkung 
tun wie eine übergroße Steigerung des Anspruches der Libido, 
also die neurotische Erkrankung ermöglichen. Es gibt noch an- 
dere und intimere Beziehungen zwischen Ich und Libido, die 
aber noch nicht in unseren Gesichtskreis getreten sind, und die 
ich darum zur Erklärung hier nicht heranziehe. Wesentlich und 
aufklärend für uns bleibt, daß in jedem Falle und gleichgültig, 
auf welchem Wege die Erkrankung hergestellt wurde, die Sym- 
ptome der Neurose von der Libido bestritten werden und so eine 
abnorme Verwendung derselben bezeugen. 

Nun muß ich Sie aber auf den entscheidenden Unterschied 
zwischen den Symptomen der Aktualneurosen und denen der 
Psychoneurosen aufmerksam machen, von denen uns die erste 
Gruppe, die der Übertragungsneurosen, bisher so viel beschäftigt 
hat. In beiden Fällen gehen die Symptome aus der Libido her- 
vor, sind also abnorme Verwendungen derselben, Bef riedigungs- 



414 Vorlesungen zur Einjührmg in die Psychoanalyse 

ersatz. Aber die Symptome der Aktualneurosen, ein Kopfdruck, 
eine Schmerzempfindung, ein Reizzustand in einem Organ, die 
Schwächung oder Hemmung einer Funktion haben keinen 
„Sinn", keine psychische Bedeutung. Sie äußern sich nicht nur vor- 
wiegend am Körper, wie auch z. B. die hysterischen Symptome, 
sondern sie sind auch selbst durchaus körperliche Vorgänge, bei 
deren Entstehung alle die komplizierten seelischen Mechanis- 
men, die wir kennengelernt haben, entfallen. Sie sind also wirk- 
lieh das, wofür man die psychoneurotischen Symptome so lange 
gehalten hat. Aber wie können sie dann Verwendungen der 
Libido entsprechen, die wir als eine im Psychischen wirkende 
Kraft kennengelernt haben? Nun, meine Herren, das ist sehr 
einfach. Lassen Sie mich einen der allerersten Einwürfe auf- 
frischen, die man gegen die Psychoanalyse vorgebracht hat. Man 
sagte damals, sie bemühe sich um eine rein psychologische 
Theorie der neurotischen Erscheinungen, und das sei ganz aus- 
sichtslos, denn psychologische Theorien könnten nie eine Krank- 
heit erklären. Man hatte zu vergessen beliebt, daß die Sexual- 
funktion nichts rein Seelisches ist, ebensowenig wie etwas bloß 
Somatisches. Sie beeinflußt das körperliche wie das seelische 
Leben. Haben wir in den Symptomen der Psychoneurosen die 
Äußerungen der Störung in ihren psychischen Wirkungen ken- 
nengelernt, so werden wir nicht erstaunt sein, in den Aktual- 
neurosen die direkten somatischen Folgen der Sexualstörungen 
zu finden. 

Für die Auffassung der letzteren gibt uns die medizinische 
Klinik einen wertvollen, auch von verschiedenen Forschern be- 
rücksichtigten Fingerzeig. Die Aktualneurosen bekunden in den 
Einzelheiten ihrer Symptomatik, aber auch in der Eigentümlich- 
keit, alle Organsysteme und alle Funktionen zu beeinflussen, eine 
unverkennbare Ähnlichkeit mit den Krankheitszuständen, die 
durch den chronischen Einfluß von fremden Giftstoffen und 
durch die akute Entziehung derselben entstehen, mit den Intoxi- 




XXIV) Die gemeine Nervosität 415 



kationen und Abstinenzzuständen. Noch enger werden die beiden 
Gruppen von Affektionen aneinandergerückt durch die Ver- 
mittlung von solchen Zuständen, die wir wie den M. Basedowii 
gleichfalls auf die Wirkung von Giftstoffen zu beziehen gelernt 
haben, aber von Giften, die nicht als fremd in den Körper ein- 
geführt werden, sondern in seinem eigenen Stoffwechsel ent- 
stehen. Ich meine, wir können nach diesen Analogien nicht um- 
hin, die Neurosen als Folgen von Störungen in einem Sexual- 
stoffwechsel anzusehen, sei es, daß von diesen Sexualtoxinen 
mehr produziert wird, als die Person bewältigen kann, sei es, 
daß innere und selbst psychische Verhältnisse die richtige Ver- 
wendung dieser Stoffe beeinträchtigen. Die Volksseele hat von 
jeher solchen Annahmen für die Natur des sexuellen Verlangens 
gehuldigt, sie nennt die Liebe einen „Rausch" und läßt die 
Verliebtheit durch Liebestränke entstehen, wobei sie das wir- 
kende Agens gewissermaßen nach außen verlegt. Für uns wäre 
hier der Anlaß, der erogenen Zonen und der Behauptung zu 
gedenken, daß die Sexualerregung in den verschiedensten Or- 
ganen entstehen kann. Im übrigen aber ist uns das Wort „Sexual- 
stoffwechsel" oder „Chemismus der Sexualität" ein Fach ohne 
Inhalt; wir wissen nichts darüber und können uns nicht einmal 
entscheiden, ob wir zwei Sexualstoffe annehmen sollen, die dann 
„männlich" und „weiblich" heißen würden oder ob wir uns 
mit einem Sexualtoxin bescheiden können, in dem wir den 
Träger aller Reizwirkungen der Libido zu erblicken haben. Das 
Lehrgebäude der Psychoanalyse, das wir geschaffen haben, ist 
in Wirklichkeit ein Überbau, der irgendeinmal auf sein orga- 
nisches Fundament aufgesetzt werden soll; aber wir kennen 
dieses noch nicht. 

Die Psychoanalyse wird als Wissenschaft nicht durch den 
Stoff, den sie behandelt, sondern durch die Technik, mit der sie 
arbeitet, charakterisiert. Man kann sie auf Kulturgeschichte, 
Religionswissenschaft und Mythologie ebensowohl anwenden 






416 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wie auf die Neurosenlehre, ohne ihrem Wesen Gewalt anzutun. 
Sie beabsichtigt und leistet nichts anderes als die Aufdeckung des 
Unbewußten im Seelenleben. Die Probleme der Aktualneurosen, 
deren Symptome wahrscheinlich durch direkte toxische Schädi- 
gung entstehen, bieten der Psychoanalyse keine Angriffspunkte, 
sie kann nur wenig für deren Aufklärung leisten und muß diese 
Aufgabe der biologisch-medizinischen Forschung überlassen. 
Sie verstehen jetzt vielleicht besser, warum ich keine andere 
Anordnung meines Stoffes gewählt habe. Hätte ich Ihnen eine 
„Einführung in die Neurosenlehre" zugesagt, so wäre der Weg 
von den einfachen Formen der Aktualneurosen zu den kompli- 
zierteren psychischen Erkrankungen durch Libidostörungen der 
unzweifelhaft richtige gewesen. Ich hätte bei den ersteren zu- 
sammentragen müssen, was wir von verschiedenen Seiten her 
erfahren haben oder zu wissen glauben, und bei den Psycho- 
neurosen wäre dann die Psychoanalyse als das wichtigste tech- 
nische Hilfsmittel zur Durchleuchtung dieser Zustände zur 
Sprache gekommen. Ich hatte aber eine „Einführung in die 
Psychoanalyse" beabsichtigt und angekündigt; es war mir wich- 
tiger, daß Sie eine Vorstellung von der Psychoanalyse, als daß 
Sie gewisse Kenntnisse von den Neurosen gewinnen, und da 
durfte ich die für die Psychoanalyse unfruchtbaren Aktualneu- 
rosen nicht mehr in den Vordergrund rücken. Ich glaube auch, 
ich habe die für Sie günstigere Wahl getroffen, denn die Psy- 
choanalyse verdient wegen ihrer tiefgreifenden Voraussetzungen 
und weitumfassenden Beziehungen einen Platz im Interesse eines 
jeden Gebildeten; die Neurosenlehre aber ist ein Kapitel der 
Medizin wie andere auch. 

Sie werden indes mit Recht erwarten, daß wir auch für die 
Aktualneurosen einiges Interesse aufbringen müssen. Schon ihr 
intimer klinischer Zusammenhang mit den Psychoneurosen 
nötigt uns dazu. Ich will Ihnen also berichten, daß wir drei 
reine Formen der Aktualneurosen unterscheiden: die Neu- 



■i 



XXIV) Die gemeine Nervosität 417 

rasthenie, die Angstneurose und die Hypochon- 
drie. Auch diese Aufstellung ist nicht ohne Widerspruch ge- 
blieben. Die Namen sind zwar alle im Gebrauch, aber ihr Inhalt 
ist unbestimmt und schwankend. Es gibt auch Ärzte, die jeder 
Sonderung in der wirren Welt von neurotischen Erscheinungen, 
jeder Heraushebung von klinischen Einheiten, Krankheitsindi- 
viduen, widerstreben und selbst die Scheidung von Aktual- und 
Psychoneurosen nicht anerkennen. Ich meine, sie gehen zu weit 
und haben nicht den Weg eingeschlagen, der zum Fortschritt 
führt. Die genannten Formen von Neurose kommen gelegentlich 
rein vor; häufiger vermengen sie sich allerdings miteinander 
und mit einer psychoneurotischen Affektion. Dieses Vorkommen 
braucht uns nicht zu bewegen, ihre Sonderung aufzugeben. 
Denken Sie an den Unterschied von Mineraikunde und Ge- 
steinkunde in der Mineralogie. Die Mineralien werden als Indi- 
viduen beschrieben, gewiß mit Anlehnung an den Umstand, 
daß sie häufig als Kristalle, von ihrer Umgebung scharf abge- 
grenzt, auftreten. Die Gesteine bestehen aus Gemengen von 
Mineralien, die sicherlich nicht zufällig, sondern infolge ihrer 
Entstehungsbedingungen zusammengetroffen sind. In der Neu- 
rosenlehre verstehen wir noch zu wenig von dem Hergang der 
Entwicklung, um etwas der Gesteinlehre Ähnliches zu schaffen. 
Wir tun aber gewiß das Richtige, wenn wir zunächst aus der 
Masse die für uns kenntlichen klinischen Individuen isolieren, 
die den Mineralien vergleichbar sind. 

Eine beachtenswerte Beziehung zwischen den Symptomen der 
Aktual- und der Psychoneurosen bringt uns noch einen wichtigen 
Beitrag zur Kenntnis der Symptombildung bei den letzteren; das 
Symptom der Aktualneurose ist nämlich häufig der Kern und 
die Vorstufe des psychoneurotischen Symptoms. Man beobachtet 
ein solches Verhältnis am deutlichsten zwischen der Neurasthenie 
und der Konversionshysterie genannten Übertragungsneurose 
zwischen der Angstneurose und der Angsthysterie, aber auch 

27 




418 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

zwischen der Hypochondrie und den später als Paraphrenie 
(Dementia praecox und Paranoia) zu erwähnenden Formen. 
Nehmen wir als Beispiel den Fall eines hysterischen Kopf- 
oder Kreuzschmerzes. Die Analyse zeigt uns, daß er durch Ver- 
dichtung und Verschiebung zum Befriedigungsersatz für eine 
ganze Reihe von libidinösen Phantasien oder Erinnerungen ge- 
worden ist. Aber dieser Schmerz war auch einmal real, und 
damals war er ein direkt sexualtoxisches Symptom, der körper- 
liche Ausdruck einer libidinösen Erregung. Wir wollen keines- 
wegs behaupten, daß alle hysterischen Symptome einen solchen 
Kern enthalten, aber es bleibt bestehen, daß es besonders häufig 
der Fall ist, und daß alle — normalen oder pathologischen — 
Beeinflussungen des Körpers durch die libidinöse Erregung ge- 
radezu für die Symptombildung der Hysterie bevorzugt sind. 
Sie spielen dann die Rolle jenes Sandkorns, welches das Muschel- 
tier mit den Schichten von Perlmuttersubstanz umhüllt hat. In 
derselben Weise werden die vorübergehenden Zeichen der sexu- 
ellen Erregung, welche den Geschlechtsakt begleiten, von der 
Psychoneurose als das bequemste und geeignetste Material zur 
Symptombildung verwendet. 

Ein ähnlicher Vorgang bietet ein besonderes diagnostisches 
und therapeutisches Interesse. Es kommt bei Personen, die zur 
Neurose disponiert sind, ohne gerade an einer noriden Neurose 
zu leiden, gar nicht selten vor, daß eine krankhafte Körperver- 
änderung — etwa durch Entzündung oder Verletzung — die 
Arbeit der Symptombildung weckt, so daß diese das ihr von der 
Realität gegebene Symptom eiligst zum Vertreter aller jener un- 
bewußten Phantasien macht, die nur darauf gelauert hatten 
sidi eines Ausdrucksmittels zu bemächtigen. Der Arzt wird in 
solchem Falle bald den einen, bald den anderen Weg der 
Therapie einschlagen, entweder die organische Grundlage weg- 
schaffen wollen, ohne sich um deren lärmende neurotische Ver- 
arbeitung zu bekümmern, oder die zur Gelegenheit entstandene 



XXV) Die Angst 419 



Neurose bekämpfen und deren organischen Anlaß gering achten 
Der Erfolg wird bald dieser bald jener Art der Bemühung recht 
oder unrecht geben; allgemeine Vorschriften lassen sich für 
solche Mischfälle kaum aufstellen. 



XXV. VORLESUNG 

DIE ANGST 

Meine Damen und Herren! Was ich Ihnen in der letzten Vor- 
lesung über die allgemeine Nervosität gesagt habe, werden 
Sie sicherlich als die unvollständigste und unzulänglichste meiner 
Mitteilungen erkannt haben. Ich weiß das und ich denke mir, 
nichts anderes wird Sie mehr verwundert haben, als daß darin 
von der Angst nicht die Rede war, über die doch die meisten 
Nervösen klagen, die sie selbst als ihr schrecklichstes Leiden 
bezeichnen, und die wirklich die großartigste Intensität bei ihnen 
erreichen und die tollsten Maßnahmen zur Folge haben kann. 
Aber darin wenigstens wollte ich Sie nicht verkürzen; ich habe 
mir im Gegenteil vorgenommen, das Problem der Angst bei den 
Nervösen besonders scharf einzustellen und es ausführlich vor 
Ihnen zu erörtern. 

Die Angst selbst brauche ich Ihnen ja nicht vorzustellen; 
jeder von uns hat diese Empfindung, oder richtiger gesagt, diesen 
Affektzustand irgend einmal aus eigenem kennengelernt. Aber 
ich meine, man hat sich nie ernsthaft genug gefragt, warum 
gerade die Nervösen so viel mehr und so viel stärkere Angst 
haben als die anderen. Vielleicht hielt man es für selbstver- 
ständlich; man verwendet ja gewöhnlich die Worte „nervös" 
und „ängstlich" so für einander, als ob sie dasselbe bedeuten 



420 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 




würden. Dazu hat man aber kein Recht; es gibt ängstliche Men- 
schen, die sonst gar nicht nervös sind, und außerdem Nervöse, 
die an vielen Symptomen leiden, unter denen aber die Neigung 
zur Angst nicht aufgefunden wird. 

Wie immer das sein mag, es steht fest, daß das Angstproblem 
ein Knotenpunkt ist, an welchem die verschiedensten und wich- 
tigsten Fragen zusammentreffen, ein Rätsel, dessen Lösung eine 
Fülle von Licht über unser ganzes Seelenleben ergießen müßte. 
Ich werde nicht behaupten, daß ich Ihnen diese volle Lösung 
geben kann, aber Sie werden gewiß erwarten, daß die Psycho- 
analyse auch dieses Thema ganz anders angreifen wird als die 
Medizin der Schulen. Dort scheint man sich vor allem dafür 
zu interessieren, auf welchen anatomischen Wegen der Angst- 
zustand zustande gebracht wird. Es heißt, die Medulla oblongata 
sei gereizt, und der Kranke erfährt, daß er an einer Neurose 
des Nervus vagus leidet. Die Medulla oblongata ist ein sehr 
ernsthaftes und schönes Objekt. Ich erinnere mich ganz genau, 
wieviel Zeit und Mühe ich vor Jahren ihrem Studium gewidmet 
habe. Aber heute muß ich sagen, ich weiß nichts, was mir für 
das psychologische Verständnis der Angst gleichgültiger sein 
könnte als die Kenntnis des Nervenweges, auf dem ihre Er- 
regungen ablaufen. 

Von der Angst kann man zunächst eine ganze Weile handeln, 
ohne der Nervosität überhaupt zu gedenken. Sie verstehen mich 
ohne weiteres, wenn ich diese Angst als R e a 1 angst bezeichne, 
im Gegensatz zu einer neurotischen. Die Realangst er- 
scheint uns nun als etwas sehr Rationelles und Begreifliches. 
Wir werden von ihr aussagen, sie ist eine Reaktion auf die 
Wahrnehmung einer äußeren Gefahr, d. h. einer erwarteten, 
vorhergesehenen Schädigung, sie ist mit dem Fluchtreflex ver- 
bunden, und man darf sie als Äußerung des Selbsterhaltungs- 
triebes ansehen. Bei welchen Gelegenheiten, d. h. vor welchen 
Objekten und in welchen Situationen die Angst auftritt, wird 



XXV) Die Angst 421 



natürlich zum großen Teil von dem Stande unseres Wissens und 
von unserem Machtgefühl gegen die Außenwelt abhängen. Wir 
finden es ganz begreiflich, daß der Wilde sich vor einer Kanone 
fürchtet und bei einer Sonnenfinsternis ängstigt, während der 
Weiße, der das Instrument handhaben und das Ereignis vorher- 
sagen kann, unter diesen Bedingungen angstfrei bleibt. Ein 
andermal ist es gerade das Mehrwissen, was die Angst befördert, 
weil es die Gefahr frühzeitig erkennen läßt. So wird der Wilde 
vor einer Fährte im Walde erschrecken, die dem Unkundigen 
nichts sagt, ihm aber die Nähe eines reißenden Tieres verrät, und 
der erfahrene Schiffer mit Entsetzen ein Wölkchen am Himmel 
betrachten, das dem Passagier unscheinbar dünkt, während es 
ihm das Herannahen des Orkans verkündet. 

Bei weiterer Überlegung muß man sich sagen, daß das Urteil 
über die Realangst, sie sei rationell und zweckmäßig, einer 
gründlichen Revision bedarf. Das einzig zweckmäßige Verhalten 
bei drohender Gefahr wäre nämlich die kühle Abschätzung der 
eigenen Kräfte im Vergleich zur Größe der Drohung und darauf 
die Entscheidung, ob die Flucht oder die Verteidigung, mög- 
licherweise selbst der Angriff, größere Aussicht auf einen guten 
Ausgang verspricht. In diesem Zusammenhang ist aber für die 
Angst überhaupt keine Stelle; alles, was geschieht, würde eben- 
sowohl und wahrscheinlich besser vollzogen werden, wenn es 
nicht zur Angstentwicklung käme. Sie sehen ja auch, wenn 
die Angst übermäßig stark ausfällt, dann erweist sie sich als 
äußerst unzweckmäßig, sie lähmt dann jede Aktion, auch die der 
Flucht. Für gewöhnlich besteht die Reaktion auf die Gefahr 
aus einer Vermengung von Angstaffekt und Abwehraktion. Das 
geschreckte Tier ängstigt sich und flieht, aber das Zweckmäßige 
daran ist die „Flucht", nicht das „sich ängstigen". 

Man fühlt sich also versucht zu behaupten, daß die Angstent- 
wicklung niemals etwas Zweckmäßiges ist. Vielleicht verhilft 
es zu besserer Einsicht, wenn man sich die Angstsituation sorg- 



■ 



422 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

fältiger zerlegt. Das Erste an ihr ist die Bereitschaft auf die Ge- 
fahr, die sich in gesteigerter sensorischer Aufmerksamkeit und 
motorischer Spannung äußert. Diese Erwartungsbereitschaft ist 
unbedenklich als vorteilhaft anzuerkennen, ja ihr Wegfall mag 
für ernste Folgen verantwortlich gemacht werden. Aus ihr geht 
nun einerseits die motorische Aktion hervor, zunächst Flucht, auf 
einer höheren Stufe tätige Abwehr, andetseits das, was wir als 
den Angstzustand empfinden. Je mehr sich die Angstentwicklung 
auf einen bloßen Ansatz, auf ein Signal einschränkt, desto un- 
gestörter vollzieht sich die Umsetzung der Angstbereitschaft 
in Aktion, desto zweckmäßiger gestaltet sich der ganze Ablauf. 
Die Angstbereitschaft scheint mir also das Zweckmäßige, die 
Angstentwicklung das Zweckwidrige an dem, was wir Angst 
heißen, zu sein. 

Ich vermeide es, auf die Frage näher einzugehen, ob unser 
Sprachgebrauch mit Angst, Furcht, Schreck das Nämliche oder 
deutlich Verschiedenes bezeichnen will. Ich meine nur, Angst 
bezieht sich auf den Zustand und sieht vom Objekt ab, während 
Furcht die Aufmerksamkeit gerade auf das Objekt richtet. Schreck 
scheint hingegen einen besonderen Sinn zu haben, nämlich die 
Wirkung einer Gefahr hervorzuheben, welche nicht von einer 
Angstbereitschaft empfangen wird. So daß man sagen könnte, 
der Mensch schütze sich durch die Angst vor dem Schreck. 

Die gewisse Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit im Gebrauche 
des Wortes „Angst" wird Ihnen nicht entgangen sein. Zumeist 
versteht man unter Angst den subjektiven Zustand, in den 
man durch die Wahrnehmung der „Angstentwicklung" gerät, 
und heißt diesen einen Affekt. Was ist nun im dynamischen 
Sinne ein Affekt? Jedenfalls etwas sehr Zusammengesetztes. Ein 
Affekt umschließt erstens bestimmte motorische Innervationen 
oder Abfuhren, zweitens gewisse Empfindungen, und zwar von 
zweierlei Art, die Wahrnehmungen der stattgehabten moto- 
rischen Aktionen und die direkten Lust- und Unlustempfin- 




., 



XXV) Die Angst 423 



düngen, die dem Affekt, wie man sagt, den Grundton geben. 
Ich glaube aber nicht, daß mit dieser Aufzählung das Wesen 
des Affektes getroffen ist. Bei einigen Affekten glaubt man 
tiefer zu blicken und zu erkennen, daß der Kern, welcher das ge- 
nannte Ensemble zusammenhält, die Wiederholung eines be- 
stimmten bedeutungsvollen Erlebnisses ist. Dies Erlebnis könnte 
nur ein sehr frühzeitiger Eindruck von sehr allgemeiner Natur 
sein, der in die Vorgeschichte nicht des Individuums, sondern 
der An zu verlegen ist. Um mich verständlicher zu machen, 
der Affektzustand wäre ebenso gebaut wie ein hysterischer Anfall, 
wie dieser der Niederschlag einer Reminiszenz. Der hysterische 
Anfall ist also vergleichbar einem neugebildeten individuellen 
Affekt, der normale Affekt dem Ausdruck einer generellen, zur 
Erbschaft gewordenen Hysterie. 

Nehmen Sie nicht an, daß dasjenige, was ich Ihnen hier über 
die Affekte gesagt habe, ein anerkanntes Gut der Normalpsy- 
chologie ist. Es sind im Gegenteil Auffassungen, die auf dem 
Boden der Psychoanalyse erwachsen und nur dort heimisch sind. 
Was Sie in der Psychologie über die Affekte erfahren können, 
z. B. die J a m e s - L a n g e sehe Theorie, ist für uns Psychoana- 
lytiker geradezu unverständlich und undiskutierbar. Für sehr 
gesichert halten wir aber unser Wissen um die Affekte auch 
nicht; es ist ein erster Versuch, sich auf diesem dunkeln Gebiet 
zu orientieren. Ich setze nun fort: Beim Angstaffekt glauben wir 
zu wissen, welchen frühzeitigen Eindruck er als Wiederholung 
wiederbringt. Wir sagen uns, es ist der Geburtsakt, bei 
welchem jene Gruppierung von Unlustempfindungen, Abfuhr- 
regungen und Körpersensationen zustande kommt, die das Vor- 
bild für die Wirkung einer Lebensgefahr geworden ist und seit- 
her als Angstzustand von uns wiederholt wird. Die enorme 
Reizsteigerung durch die Unterbrechung der Bluterneuerung 
(der inneren Atmung) war damals die Ursache des Angsterleb- 
nisses, die erste Angst also eine toxische. Der Name Angst — 



. 



424 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

angustiae, Enge — betont den Charakter der Beengung im At- 
men, die damals als Folge der realen Situation vorhanden war 
und heute im Affekt fast regelmäßig wiederhergestellt wird. 
Wir werden es auch als beziehungsreich erkennen, daß jener 
erste Angstzustand aus der Trennung von der Mutter hervorging. 
Natürlich sind wir der Überzeugung, die Disposition zur Wieder- 
holung des ersten Angstzustandes sei durch die Reihe unzähl- 
barer Generationen dem Organismus so gründlich einverleibt, 
daß ein einzelnes Individuum dem Angstaffekt nicht entgehen 
kann, auch wenn es wie der sagenhafte M a c d u f f „aus seiner 
Mutter Leib geschnitten wurde", den Geburtsakt selbst also nicht 
erfahren hat. Was bei anderen als Säugetieren das Vorbild des 
Angstzustandes geworden ist, können wir nicht sagen. Dafür 
wissen wir auch nicht, welcher Empfindungskomplex bei diesen 
Geschöpfen unserer Angst äquivalent ist. 

Es wird Sie vielleicht interessieren zu hören, wie man auf eine 
solche Idee kommen kann, wie daß der Geburtsakt die Quelle 
und das Vorbild des Angstaffektes ist. Die Spekulation hat den 
geringsten Anteil daran; ich habe vielmehr bei dem naiven 
Denken des Volkes eine Anleihe gemacht. Als wir vor langen 
Jahren junge Spitalsärzte um den "Mittagstisch im Wirtshause 
saßen, erzählte ein Assistent der geburtshilflichen Klinik, was 
für lustige Geschichte sich bei der letzten Hebammenprüfung 
zugetragen. Eine Kandidatin wurde gefragt, was es bedeute, 
wenn sich bei der Geburt Mekonium (Kindspech, Exkremente) 
im abgehenden Wasser zeigen, und sie antwortete prompt: Daß 
das Kind Angst habe. Sie wurde ausgelacht und war durchge- 
fallen. Aber ich nahm im stillen ihre Partei und begann zu 
ahnen, daß das arme Weib aus dem Volke unbeirrten Sinnes 
einen wichtigen Zusammenhang bloßgelegt hatte. 

Übergehen wir nun zur neurotischen Angst, welche neue Er- 
scheinungsformen und Verhältnisse zeigt uns die Angst bei den 
Nervösen? Da ist viel zu beschreiben. Wir finden erstens eine 



XXV) Die Angst 425 



allgemeine Ängstlichkeit, eine sozusagen frei flottierende Angst, 
die bereit ist, sich an jeden irgendwie passenden Vorstellungs- 
inhalt anzuhängen, die das Urteil beeinflußt, die Erwartungen 
auswählt, auf jede Gelegenheit lauert, um sich rechtfertigen zu 
lassen. Wir heißen diesen Zustand „Erwartungsangst" oder 
„ängstliche Erwartung". Personen, die von dieser Art Angst 
geplagt werden, sehen von allen Möglichkeiten immer die 
schrecklichste voraus, deuten jeden Zufall als Anzeige eines Un- 
heils, nützen jede Unsicherheit im schlimmen Sinne aus. Die 
Neigung zu solcher Unheilserwartung findet sich als Charakter- 
zug bei vielen Menschen, die man sonst nicht als krank bezeich- 
nen kann, man schilt sie überängstlich oder pessimistisch; ein 
auffälliges Maß von Erwartungsangst gehört aber regelmäßig 
einer nervösen Affektion an, die ich als „A n g s t n e u r o s e" 
benannt habe und zu den Aktualneurosen rechne. 

Eine zweite Form der Angst ist im Gegensatze zu der eben 
beschriebenen vielmehr psychisch gebunden und an gewisse Ob- 
jekte oder Situationen geknüpft. Es ist die Angst der überaus 
mannigfaltigen und oft sehr sonderbaren „Phobie n". Stan- 
ley H a 1 1 , der angesehene amerikanische Psychologe, hat sich 
erst kürzlich die Mühe genommen, uns die ganze Reihe dieser 
Phobien in prunkender griechischer Namengebung vorzuführen. 
Das klingt wie die Aufzählung der zehn ägyptischen Plagen, nur 
daß ihre Anzahl weit über die Zehn hinausgeht. Hören Sie, was 
alles Objekt oder Inhalt einer Phobie werden kann: Finsternis, 
freie Luft, offene Plätze, Katzen, Spinnen, Raupen, Schlangen, 
Mäuse, Gewitter, scharfe Spitzen, Blut, geschlossene Räume, 
Menschengedränge, Einsamkeit, Überschreiten von Brücken, 
See- und Eisenbahnfahrt usw. Bei einem ersten Versuch der 
Orientierung in diesem Gewimmel liegt es nahe, drei Gruppen 
zu unterscheiden. Manche der gefürchteten Objekte und Situa- 
tionen haben auch für uns Normale etwas Unheimliches, eine 
Beziehung zur Gefahr, und diese Phobien erscheinen uns darum 



426 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nicht unbegreiflich, wiewohl in ihrer Stärke sehr übertrieben. So 
empfinden die meisten von uns ein widerwärtiges Gefühl beim 
Zusammentreffen mit einer Schlange. Die Schlangenphobie, kann 
man sagen, ist eine allgemein menschliche, und Ch. Darwin 
hat sehr eindrucksvoll beschrieben, wie er sich der Angst vor 
einer auf ihn losfahrenden Schlange nicht erwehren konnte, wie- 
wohl er sich durch eine dicke Glasscheibe vor ihr geschützt 
wußte. Zu einer zweiten Gruppe stellen wir die Fälle, in denen 
noch eine Beziehung zu einer Gefahr besteht, wobei wir aber 
gewöhnt sind, diese Gefahr geringzuschätzen und sie nicht vor- 
anzustellen. Hierher gehören die meisten Situationsphobien. 
Wir wissen, daß es auf der Eisenbahnfahrt eine Chance des 
Verunglückens mehr gibt, als wenn wir zu Hause bleiben, näm- 
lich die des Eisenbahnzusammenstoßes, wissen auch, daß ein 
Schiff untergehen kann, wobei man dann in der Regel ertrinkt, 
aber wir denken nicht an diese Gefahren und reisen angstfrei 
mit Eisenbahn und Schiff. Es ist auch nicht zu leugnen, daß man 
in den Fluß stürzen würde, wenn die Brücke in dem Moment 
einstürzte, in dem man sie passiert, aber das geschieht so über- 
aus selten, daß es als Gefahr gar nicht in Betracht kommt. Auch 
die Einsamkeit hat ihre Gefahren, und wir vermeiden sie auch 
unter gewissen Umständen; es ist aber nicht die Rede davon, daß I 

wir sie unter irgendwelcher Bedingung auch nur einen Moment 
lang nicht vertragen. Ähnliches gilt für das Menschengedränge, 
für den geschlossenen Raum, das Gewitter u. dgl. Was uns an 
diesen Phobien der Neurotiker befremdet, ist überhaupt nicht 
so sehr der Inhalt als die Intensität derselben. Die Angst der 
Phobien ist geradezu inappellabel! Und manchmal bekommen 
wir den Eindruck, als ängstigten sich die Neurotiker gar nicht 
vor denselben Dingen und Situationen, die unter gewissen Um- 
ständen auch bei uns Angst hervorrufen können, und die sie 
mit denselben Namen belegen. 
Es erübrigt uns eine dritte Gruppe von Phobien, denen unser 



XXV) Die Angst 427 



Verständnis überhaupt nicht mehr nachkommt. Wenn ein star- 
ker, erwachsener Mann vor Angst nicht durch eine Straße oder 
über einen Platz der ihm so wohlvertrauten Heimatstadt gehen 
kann, wenn eine gesunde, gut entwickelte Frau in eine be- 
sinnungslose Angst verfällt, weil eine Katze an ihren Kleider- 
saum gestreift hat oder ein Mäuschen durchs Zimmer gehuscht 
ist, wie sollen wir da die Verbindung mit der Gefahr herstellen, 
die offenbar doch für die Phobischen besteht? Bei den hierher 
gehörigen Tierphobien kann es sich nicht um die Steigerung 
allgemein menschlicher Antipathien handeln, denn es gibt wie 
zur Demonstration des Gegensatzes zahlreiche Menschen, die 
an keiner Katze vorbeigehen können, ohne sie zu locken und zu 
streicheln. Die von den Frauen so gefürchtete Maus ist gleich- 
zeitig ein Zärtlichkeitsname erster Ordnung; manches Mädchen, 
das sich mit Befriedigung von seinem Geliebten so nennen hört, 
schreit doch entsetzt auf, wenn es das niedliche Tierchen dieses 
Namens erblickt. Für den Mann mit Straßen- oder Platzangst 
drängt sich uns die einzige Erklärung auf, daß er sich benehme 
wie ein kleines Kind. Ein Kind wird durch die Erziehung direkt 
angehalten, solche Situationen als gefährlich zu vermeiden, und 
unser Agoraphobiker ist wirklich vor seiner Angst geschützt, 
wenn man ihn über den Platz begleitet. 

Die beiden hier beschriebenen Formen der Angst, die frei 
flottierende Erwartungsangst und die an Phobien gebundene, 
sind unabhängig voneinander. Die eine ist nicht etwa eine 
höhere Stufe der anderen, sie kommen auch nur ausnahmsweise 
und dann wie zufällig miteinander vor. Die stärkste allgemeine 
Ängstlichkeit braucht sich nicht in Phobien zu äußern; Personen, 
deren ganzes Leben durch eine Agoraphobie eingeschränkt wird, 
können von der pessimistischen Erwartungsangst völlig frei sein. 
Manche der Phobien, z. B. Platzangst, Eisenbahnangst, werden 
nachweisbar erst in reiferen Jahren erworben, andere, wie 
Angst vor Dunkelheit, Gewitter, Tieren, scheinen von Anfang 



428 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

an bestanden zu haben. Die der ersteren Are haben die Bedeutung 
von schweren Krankheiten; die letzteren erscheinen eher wie 
Sonderbarkeiten, Launen. Wer eine von diesen letzteren zeigt, 
bei dem darf man in der Regel noch andere, ähnliche vermuten. 
Ich muß hinzufügen, daß wir diese Phobien sämtlich zur 
Angsthysterie rechnen, d. h. also sie als eine der be- 
kannten Konversionshysterie sehr verwandte Affektion be- 
trachten. 

Die dritte der Formen neurotischer Angst stellt uns vor das 
Rätsel, daß wir den Zusammenhang zwischen Angst und drohen- 
der Gefahr völlig aus den Augen verlieren. Die Angst tritt z. B. 
bei der Hysterie auf als Begleitung der hysterischen Symptome, 
oder unter beliebigen Bedingungen der Aufregung, wo wir zwar 
eine ArTektäußerung erwarten würden, aber gerade den Angst- 
affekt am wenigsten, oder losgelöst von allen Bedingungen, für 
uns und den Kranken gleich unverständlich, als freier Angst- 
anfall. Von einer Gefahr oder einem Anlaß, der durch Über- 
treibung dazu erhoben werden könnte, ist dann weit und breit 
keine Rede. Bei diesen spontanen Anfällen erfahren wir dann, 
daß der Komplex, den wir als Angstzustand bezeichnen, einer 
Aufsplitterung fähig ist. Das Ganze des Anfalles kann durch 
ein einzelnes, intensiv ausgebildetes Symptom vertreten werden, 
durch ein Zittern, einen Schwindel, eine Herzpalpitation, eine 
Atemnot, und das Gemeingefühl, an dem wir die Angst er- 
kennen, kann dabei fehlen oder undeutlich geworden sein. Und 
doch sind diese Zustände, die wir als „Angstäquivalente" be- 
schreiben, in allen klinischen und ätiologischen Beziehungen der 
Angst gleichzustellen. 

Nun erheben sich zwei Fragen. Kann man die neurotische 
Angst, bei welcher die Gefahr keine oder eine so geringe Rolle 
spielt, in Zusammenhang mit der Realangst bringen, welche 
durchwegs eine Reaktion auf die Gefahr ist? Und wie läßt sich 
die neurotische Angst verstehen? Wir werden doch zunächst die 




. 



XXV) Die Angst 429 



Erwartung festhalten wollen: wo Angst ist, muß auch etwas vor- 
handen sein, vor dem man sich ängstigt. 

Für das Verständnis der neurotischen Angst ergeben sich nun 
aus der klinischen Beobachtung mehrere Hinweise, deren Be- 
deutung ich vor Ihnen erörtern will. 

a) Es ist nicht schwer festzustellen, daß die Erwartungsangst 
oder allgemeine Ängstlichkeit in enger Abhängigkeit von be- 
stimmten Vorgängen im Sexualleben, sagen wir: von gewissen 
Verwendungen der Libido, steht. Der einfachste und lehrreichste 
Fall dieser Art ergibt sich bei Personen, die sich der sogenannten 
frustranen Erregung aussetzen, d. h. bei denen heftige sexuelle 
Erregungen keine genügende Abfuhr erfahren, nicht zu einem 
befriedigenden Abschluß geführt werden. Also z. B. bei Männern 
während des Brautstandes, und bei Frauen, deren Männer un- 
genügend potent sind oder die den Geschlechtsakt aus Vorsicht 
verkürzt oder verkümmert ausführen. Unter diesen Umständen 
schwindet die libidinöse Erregung und an ihrer Stelle tritt Angst 
auf, sowohl in der Form der Erwartungsangst als auch in An- 
fällen und Anfallsäquivalenten. Die vorsichtige Unterbrechung 
des Geschlechtsaktes wird, wenn sie als sexuelles Regime geübt 
wird, so regelmäßig Ursache der Angstneurose bei Männern, be- 
sonders aber bei Frauen, daß es sich in der ärztlichen Praxis 
empfiehlt, bei derartigen Fällen in erster Linie nach dieser Ätio- 
logie zu forschen. Man kann dann auch ungezählte Maie die 
Erfahrung machen, daß die Angstneurose erlischt, wenn der 
sexuelle Mißbrauch abgestellt wird. 

Die Tatsache eines Zusammenhanges zwischen sexueller Zu- 
rückhaltung und Angstzuständen wird, soviel ich weiß, auch 
von Ärzten, die der Psychoanalyse fernestehen, nicht mehr be- 
stritten. Allein ich kann mir wohl denken, daß der Versuch nicht 
unterlassen wird, die Beziehung umzukehren, indem man die 
Auffasung vertritt, es handle sich dabei um Personen, die von 
vornherein zur Ängstlichkeit neigen und darum auch in sexuellen 






430 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Dingen Zurückhaltung üben. Dagegen spricht aber mit Ent- 
schiedenheit das Verhalten der Frauen, deren Sexualbetätigung ja 
wesentlich passiver Natur ist, d. h. durch die Behandlung von 
Seiten des Mannes bestimmt wird. Je temperamentvoller, also 
je geneigter zum Sexualverkehr und befähigter zur Befriedigung 
eine Frau ist, desto sicherer wird sie auf die Impotenz des 
Mannes oder auf den Coitus interruptus mit Angsterscheinungen 
reagieren, während solche Mißhandlung bei anästhetischen oder 
wenig libidinösen Frauen eine weit geringere Rolle spielt. 

Dieselbe Bedeutung für die Entstehung von Angstzuständen 
hat die jetzt von den Ärzten so warm empfohlene sexuelle Ab- 
stinenz natürlich nur dann wenn die Libido, der die befrie- 
digende Abfuhr versagt wird, entsprechend stark und nicht zum 
größten Teil durch Sublimierung erledigt ist. Die Entscheidung 
über den Krankheitserfolg liegt ja immer bei den quantitativen 
Faktoren. Auch wo nicht Krankheit sondern Charaktergestaltung 
in Betracht kommt, erkennt man leicht, daß sexuelle Einschrän- 
kung mit einer gewissen Ängstlichkeit und Bedenklichkeit Hand 
in Hand geht, während Unerschrockenheit und kecker Wage- 
mut ein freies Gewährenlassen der sexuellen Bedürftigkeit mit 
sich bringen. So sehr sich diese Beziehungen durch mannigfache 
Kultureinflüsse abändern und komplizieren lassen, so bleibt es 
doch für den Durchschnitt der Menschen bestehen, daß die Angst 
mit der sexuellen Beschränkung zusammengehörig ist. 

Ich habe Ihnen noch lange nicht alle Beobachtungen mitge- 
teilt, die für die behauptete genetische Beziehung zwischen 
Libido und Angst sprechen. Dazu gehört z. B. noch der Einfluß 
gewisser Lebensphasen auf die Angsterkrankungen, denen man, 
wie der Pubertät und der Zeit der Menopause, eine erhebliche 
Steigerung in der Produktion der Libido zuschreiben darf. In 
manchen Zuständen von Aufregung kann man auch die Ver- 
mengung von Libido und Angst und die endliche Ersetzung 
der Libido durch die Angst direkt beobachten. Der Eindruck, 



XXV) Die Angst 431 



den man von all diesen Tatsachen empfängt, ist ein zweifacher, 
erstens daß es sich um eine Anhäufung von Libido handelt, die 
von ihrer normalen Verwendung abgehalten wird, zweitens, daß 
man sich dabei durchaus auf dem Gebiete somatischer Vorgänge 
befindet. Wie aus der Libido die Angst entsteht, ist zunächst 
nicht ersichtlich; man stellt nur fest, daß Libido vermißt und an 
ihrer Statt Angst beobachtet wird. 

b) Einen zweiten Fingerzeig entnehmen wir aus der Analyse 
der Psychoneurosen, speziell der Hysterie. Wir haben gehört, 
daß bei dieser Affektion häufig Angst in Begleitung der Sym- 
ptome auftritt, aber auch ungebundene Angst, die sich als Anfall 
oder als Dauerzustand äußert. Die Kranken wissen nicht zu 
sagen, wovor sie sich ängstigen, und verknüpfen sie durch eine 
unverkennbare sekundäre Bearbeitung mit den nächstliegenden 
Phobien, wie Sterben, Verrücktwerden, Schlaganfall. Wenn wir 
die Situation, aus welcher die Angst oder von Angst begleitete 
Symptome hervorgegangen sind, der Analyse unterziehen, so 
können wir in der Regel angeben, welcher normale psychische 
Ablauf unterblieben ist und sich durch das Angstphänomen er- 
setzt hat. Drücken wir uns anders aus: Wir konstruieren den un- 
bewußten Vorgang so, als ob er keine Verdrängung erfahren und 
sich ungehindert zum Bewußtsein fortgesetzt hätte. Dieser Vor- 
gang wäre auch von einem bestimmten Affekt begleitet gewesen, 
und nun erfahren wir zu unserer Überraschung, daß dieser den 
normalen Ablauf begleitende Affekt nach der Verdrängung in 
jedem Falle durch Angst ersetzt wird, gleichgültig, was seine 
eigene Qualität ist. Wenn wir also einen hysterischen Angst- 
zustand vor uns haben, so kann sein unbewußtes Korrelat eine 
Regung von ähnlichem Charakter sein, also von Angst, Scham, 
Verlegenheit, ebensowohl eine positive libidinöse Erregung oder 
eine feindselig aggressive, wie Wut und Ärger. Die Angst ist 
also die allgemein gangbare Münze, gegen welche alle Affekt- 
regungen eingetauscht werden oder werden können, wenn der 



432 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

dazugehörige Vorstellungsinhalt der Verdrängung unter- 
legen ist. 

c) Eine dritte Erfahrung machen wir bei den Kranken mit 
Zwangshandlungen, die in bemerkenswerter Weise von der 
Angst verschont zu sein scheinen. Wenn wir sie an der Aus- 
führung ihrer Zwangshandlung, ihres Waschens, ihres Zere- 
moniells zu hindern versuchen, oder wenn sie selbst den Versuch 
wagen, einen ihrer Zwänge aufzugeben, so werden sie durch 
eine entsetzliche Angst zur Gefügigkeit gegen den Zwang ge- 
nötigt. Wir verstehen, daß die Angst durch die Zwangshandlung 
gedeckt war, und daß diese nur ausgeführt wurde, um die Angst 
zu ersparen. Es wird also bei der Zwangsneurose die Angst, 
die sich sonst einstellen müßte, durch Symptombildung ersetzt, 
und wenn wir uns zur Hysterie wenden, finden wir bei dieser 
Neurose eine ähnliche Beziehung: als Erfolg des Verdrängungs- 
vorganges entweder reine Angstentwicklung oder Angst mit 
Symptombildung oder vollkommenere Symptombildung ohne 
Angst. Es schiene also in einem abstrakten Sinne nicht unrichtig 
zu sagen, daß Symptome überhaupt nur gebildet werden, um der 
sonst unvermeidlichen Angstentwicklung zu entgehen. Duich 
diese Auffassung wird die Angst gleichsam in den Mittelpunkt 
unseres Interesses für die Neurosenprobleme gerückt. 

Aus den Beobachtungen an der Angstneurose hatten wir ge- 
schlossen, daß die Ablenkung der Libido von ihrer normalen 
Verwendung, welche die Angst entstehen läßt, auf dem Boden der 
somatischen Vorgänge erfolgt. Aus den Analysen der Hysterie 
und der Zwangsneurose ergibt sich der Zusatz, daß die nämliche 
Ablenkung mit demselben Ergebnis auch die Wirkung einer Ver- 
weigerung der psychischen Instanzen sein kann. Soviel wissen 
wir also über die Entstehung der neurotischen Angst; es klingt 
noch ziemlich unbestimmt. Ich sehe aber vorläufig keinen Weg, 
der weiterführen würde. Die zweite Aufgabe, die wir uns ge- 
stellt haben, die Herstellung einer Verbindung zwischen der 




XXV) Die Angst 433 



neurotischen Angst, die abnorm verwendete Libido ist, und der 
Realangst, welche einer Reaktion auf die Gefahr entspricht, 
scheint noch schwieriger lösbar. Man möchte glauben, es handle 
sich da um ganz disparate Dinge, und doch haben wir kein 
Mittel, Realangst und neurotische Angst in der Empfindung von- 
einander zu unterscheiden. 

Die gesuchte Verbindung stellt sich endlich her, wenn wir 
den oft behaupteten Gegensatz zwischen Ich und Libido zur 
Voraussetzung nehmen. Wie wir wissen, ist die Angstent- 
wicklung die Reaktion des Ichs auf die Gefahr und das Signal 
für die Einleitung der Flucht; da liegt uns denn die Auffassung 
nahe, daß bei der neurotischen Angst das Ich einen ebensolchen 
Fluchtversuch vor dem Anspruch seiner Libido unternimmt, 
diese innere Gefahr so behandelt, als ob sie eine äußere wäre. 
Damit wäre die Erwartung erfüllt, daß dort, wo sich Angst zeigt, 
auch etwas vorhanden ist, wovor man sich ängstigt. Die Ana- 
logie ließe sich aber weiter fortführen. So wie der Fluchtversuch 
vor der äußeren Gefahr abgelöst wird durch Standhalten und 
zweckmäßige Maßnahmen zur Verteidigung, so weicht auch die 
neurotische Angstentwicklung der Symptombildung, welche eine 
Bindung der Angst herbeiführt. 

Die Schwierigkeit des Verständnisses liegt jetzt an anderer 
Stelle. Die Angst, welche eine Flucht des Ichs vor seiner Lib.do 
bedeutet, soll doch aus dieser Libido selbst hervorgegangen sein. 
Das ist undurchsichtig und enthält die Mahnung, nicht zu ver- 
gessen, daß die Libido einer Person doch im Grunde zu ihr ge- 
hört und sich ihr nicht wie etwas Äußerliches entgegenstellen 
kann. Es ist die topische Dynamik der Angstentwicklung, die uns 
noch dunkel ist, was für seelische Energien dabei ausgegeben 
werden und von welchen psychischen Systemen her. Ich kann 
Ihnen nicht versprechen, auch diese Frage zu beantworten, aber 
wir wollen es nicht unterlassen, zwei andere Spuren zu verfolgen 
und uns dabei wieder der direkten Beobachtung und der ana- 
28 






434 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 

lytischen Forschung zu bedienen, um unserer Spekulation zu 
Hilfe zu kommen. Wir wenden uns zur Entstehung der Angst 
beim Kinde und zur Herkunft der neurotischen Angst, welche 
an Phobien gebunden ist. 

Die Ängstlichkeit der Kinder ist etwas sehr Gewöhnliches, 
und die Unterscheidung, ob sie neurotische oder Realangst ist, 
scheint recht schwierig. Ja, der Wert dieser Unterscheidung wird 
durch das Verhalten der Kinder in Frage gestellt. Denn einer- 
seits verwundern wir uns nicht, wenn sich das Kind vor allen 
fremden Personen, neuen Situationen und Gegenständen äng- 
stigt, und erklären uns diese Reaktion sehr leicht durch seine 
Schwäche und Unwissenheit. Wir schreiben also dem Kinde eine 
starke Neigung zur Realangst zu und würden es für ganz zweck- 
mäßig ansehen, wenn es diese Ängstlichkeit als Erbschaft mit- 
gebracht hätte. Das Kind würde hierin nur das Verhalten des 
Urmenschen und des heutigen Primitiven wiederholen, der in- 
folge seiner Unwissenheit und Hilflosigkeit vor allem Neuen 
Angst hat und vor so viel Vertrautem, was uns heute keine 
Angst mehr einflößt. Auch entspräche es durchaus unserer Er- 
wartung, wenn die Phobien des Kindes wenigstens zum Teil 
noch dieselben wären, die wir jenen Urzeiten der menschlichen 
Entwicklung zutrauen dürfen. 

Anderseits können wir nicht übersehen, daß nicht alle Kinder 
in gleichem Maße ängstlich sind, und daß gerade die Kinder, 
welche eine besondere Scheu vor allen möglichen Objekten und 
Situationen äußern, sich späterhin als Nervöse erweisen. Die 
neurotische Disposition verrät sich also auch durch eine ausge- 
sprochene Neigung zur Realangst, die Ängstlichkeit erscheint 
als das Primäre, und man gelangt zum Schlüsse, das Kind und 
später der Heranwachsende ängstigen sich vor der Höhe ihrer 
Libido, weil sie sich eben vor allem ängstigen. Die Entstehung 
der Angst aus der Libido wäre hiermit abgelehnt, und wenn 
man den Bedingungen der Realangst nachforschte, gelangte man 









* 



XXV) Die Angst 435 



konsequent zu der Auffassung, daß das Bewußtsein der eigenen 
Schwäche und Hilflosigkeit — Minderwertigkeit in der Termi- 
nologie von A. A d 1 e r — auch der letzte Grund der Neurose 
ist, wenn es sich aus der Kinderzeit ins reifere Leben fortsetzen 
kann. 

Das klingt so einfach und bestechend, daß es ein Anrecht auf 
unsere Aufmerksamkeit hat. Es würde allerdings eine Verschie- 
bung des Rätsels der Nervosität mit sich bringen. Der Fortbe- 
stand des Minderwertigkeitsgefühls — und damit der Angst- 
bedingung und Symptombildung — scheint so gut gesichert, 
daß es vielmehr einer Erklärung bedarf, wenn ausnahmsweise 
das, was wir als Gesundheit kennen, zustande kommen sollte. 
Was läßt aber eine sorgfältige Beobachtung der Ängstlichkeit 
der Kinder erkennen? Das kleine Kind ängstigt sich zu allererst 
vor fremden Personen; Situationen werden erst dadurch be- 
deutsam, daß sie Personen enthalten, und Gegenstände kommen 
überhaupt erst später in Betracht. Vor diesen Fremden ängstigt 
sich das Kind aber nicht etwa darum, weil es ihnen böse Ab- 
sichten zutraut und seine Schwäche mit deren Stärke vergleicht, 
sie also aus Gefahren für seine Existenz, Sicherheit und Schmerz- 
freiheit agnosziert. Ein derart mißtrauisches, von dem weltbe- 
herrschenden Aggressionstrieb geschrecktes Kind ist eine recht 
verunglückte theoretische Konstruktion. Sondern das Kind er- 
schrickt vor der fremden Gestalt, weil es auf den Anblick der 
vertrauten und geliebten Person, im Grunde der Mutter, ein- 
gestellt ist. Es ist seine Enttäuschung und Sehnsucht, welche sich 
in Angst umsetzt, also unverwendbar gewordene Libido, die 
derzeit nicht in Schwebe gehalten werden kann, sondern als Angst 
abgeführt wird. Es kann auch kaum zufällig sein, daß in dieser 
für die kindliche Angst vorbildlichen Situation die Bedingung 
des ersten Angstzustandes während des Geburtsaktes, näml'ch 
die Trennung von der Mutter, wiederholt wird. 

Die ersten Situationsphobien der Kinder sind die vor der 



436 



Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 



Dunkelheit und der Einsamkeit; die erstere bleibt oft durchs 
Leben bestehen, beiden gemeinsam ist das Vermissen der ge- 
liebten Pflegeperscn, der Mutter also. Ein Kind, das sich in der 
Dunkelheit ängstigte, hörte ich ins Nebenzimmer rufen: „Tante, 
sprich doch zu mir, ich fürchte mich." „Aber was hast du davon? 
Du siehst mich ja nicht"; darauf das Kind: „Wenn jemand 
spricht, wird es heller." Die Sehnsucht in der Dunkelheit wird 
also zur Angst vor der Dunkelheit umgebildet. Weit entfernt, 
daß die neurotische Angst nur sekundär und ein Spezialfall der 
Realangst wäre, sehen wir vielmehr beim kleinen Kinde, daß 
sich etwas als Realangst gebärdet, was mit der neurotischen 
Angst den wesentlichen Zug der Entstehung aus unverwendeter 
Libido gemein hat. Von richtiger Realangst scheint das Kind 
wenig mitzubringen. In all den Situationen, die später die Be- 
dingungen von Phobien werden können, auf Höhen, schmalen 
Stegen über dem Wasser, auf der Eisenbahnfahrt und im Schiff, 
zeigt das Kind keine Angst, und zwar um so weniger, je un- 
wissender es ist. Es wäre sehr wünschenswert, wenn es mehr von 
solchen lebenschützenden Instinkten zur Erbschaft bekommen 
hätte; die Aufgabe der Überwachung, die es daran verhindern 
muß, sich einer Gefahr nach der anderen auszusetzen, wäre da- 
durch sehr erleichtert. In Wirklichkeit aber überschätzt das Kind 
anfänglich seine Kräfte und benimmt sich angstfrei, weil es 
die Gefahren nicht kennt. Es wird an den Rand des Wassers 
laufen, auf die Fensterbrüstung steigen, mit scharfen Gegen- 
ständen und mit dem Feuer spielen, kurz alles tun, was ihm 
Schaden bringen und seinen Pflegern Sorge bereiten muß. Es 
ist durchaus das Werk der Erziehung, wenn endlich die Real- 
angst bei ihm erwacht, da man ihm nicht erlauben kann, die be- 
lehrende Erfahrung selbst zu machen. 

Wenn es nun Kinder gibt, die dieser Erziehung zur Angst 
ein Stück weit entgegenkommen, und die dann auch selbst Ge- 
fahren finden, vor denen man sie nicht gewarnt hat, so reicht 



XXV ) Die Angst 437 



für sie die Erklärung aus, daß sie ein größeres Maß von libidi- 
nöser Bedürftigkeit in ihrer Konstitution mitgebracht haben 
oder frühzeitig mit libidinöser Befriedigung verwöhnt worden 
sind. Kein Wunder, wenn sich unter diesen Kindern auch die 
späteren Nervösen befinden; wir wissen ja, die größte Erleich- 
terung für die Entstehung einer Neurose liegt in der Unfähigkeit, 
eine ansehnlichere Libidostauung durch längere Zeit zu er- 
tragen. Sie merken, daß hier auch das konstitutionelle Moment 
zu seinem Recht kommt, dem wir seine Rechte ja nie bestreiten 
wollen. Wir verwahren uns nur dagegen, wenn jemand über 
diesem Anspruch alle anderen vernachlässigt und das konsti- 
tutionelle Moment dort einführt, wo es nach den vereinigten 
Ergebnissen von Beobachtung und Analyse nicht hingehört oder 
an die letzte Stelle zu rücken hat. 

Lassen Sie uns aus den Beobachtungen über die Ängstlichkeit 
der Kinder die Summe ziehen: Die infantile Angst hat sehr wenig 
mit der Realangst zu schaffen, ist dagegen der neurotischen 
Angst der Erwachsenen nahe verwandt. Sie entsteht wie diese 
aus unverwendeter Libido und ersetzt das vermißte Liebesobjekt 
durch einen äußeren Gegenstand oder eine Situation. 

Nun werden Sie es gerne hören, daß uns die Analyse der 
Phobien nicht mehr viel Neues zu lehren hat. Bei diesen 
geht nämlich dasselbe vor wie bei der Kinderangst; es wird un- 
ausgesetzt unverwendbare Libido in eine scheinbare Realangst 
umgewandelt und so eine winzige äußere Gefahr zur Vertretung 
der Libidoansprüche eingesetzt. Die Übereinstimmung hat nichts 
Befremdliches, denn die infantilen Phobien sind nicht nur das 
Vorbild für die späteren, die wir zur „Angsthysterie" rechnen, 
sondern die direkte Vorbedingung und das Vorspiel derselben. 
Jede hysterische Phobie geht auf eine Kinderangst zurück und 
setzt sie fort, auch wenn sie einen anderen Inhalt hat und also 
anders benannt werden muß. Der Unterschied der beiden Affek- 
tionen liegt im Mechanismus. Beim Erwachsenen reicht es für 



438 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 



die Verwandlung der Libido in Angst nicht mehr hin, daß die 
Libido als Sehnsucht augenblicklich unverwendbar geworden 
ist. Er hat es längst erlernt, solche Libido schwebend zu er- 
halten oder anders zu verwenden. Aber wenn die Libido einer 
psychischen Regung angehört, welche die Verdrängung erfahren 
hat, dann sind ähnliche Verhältnisse wiederhergestellt wie beim 
Kind, das noch keine Scheidung zwischen Bewußtem und Un- 
bewußtem besitzt, und durch die Regression auf die infantile 
Phobie ist gleichsam der Paß eröffnet, über den sich die Ver- 
wandlung der Libido in Angst bequem vollziehen kann. Wir 
haben ja, wie Sie sich erinnern, viel von der Verdrängung ge- 
handelt, aber dabei immer nur das Schicksal der zu verdrängen- 
den Vorstellung verfolgt, natürlich weil dieses leichter zu er- 
kennen und darzustellen war. Was mit dem Affekt geschieht, der 
an der verdrängten Vorstellung hing, das haben wir immer bei- 
seite gelassen, und wir erfahren erst jetzt, daß es das nächste 
Schicksal dieses Affektes ist, in Angst verwandelt zu werden, in 
welcher Qualität immer er sich sonst bei normalem Ablauf ge- 
zeigt hätte. Diese Affektverwandlung ist aber das bei weitem 
wichtigere Stück des Verdrängungsvorganges. Es ist nicht so 
leicht davon zu reden, weil wir die Existenz unbewußter Affekte 
nicht in demselben Sinne behaupten können wie die unbewußter 
Vorstellungen. Eine Vorstellung bleibt bis auf einen Unterschied 
dasselbe, ob sie bewußt oder unbewußt ist; wir können angeben, 
was einer unbewußten Vorstellung entspricht. Ein Affekt aber 
ist ein Abfuhrvorgang, ganz anders zu beurteilen als eine Vor- 
stellung; was ihm im Unbewußten entspricht, ist ohne tiefer- 
gehende Überlegungen und Klärung unserer Voraussetzungen 
über die psychischen Vorgänge nicht zu sagen. Das können wir 
hier nicht unternehmen. Wir wollen aber den Eindruck hoch- 
halten, den wir nun gewonnen haben, daß die Angstentwicklung 
innig an das System des Unbewußten geknüpft ist. 

Ich sagte, die Verwandlung in Angst, besser: die Abfuhr in 



XXV) Die Angst 439 



der Form der Angst, sei das nächste Schicksal der von der Ver- 
drängung betroffenen Libido. Ich muß hinzufügen: nicht das 
einzige oder endgültige. Es sind bei den Neurosen Prozesse im 
Gange, welche sich bemühen, diese Angstentwicklung zu binden, 
und denen dies auch auf verschiedenen Wegen gelingt. Bei den 
Phobien z. B. kann man deutlich zwei Phasen des neurotischen 
Vorganges unterscheiden. Die erste besorgt die Verdrängung 
und die Überführung der Libido in Angst, welche an eine äußere 
Gefahr gebunden wird. Die zweite besteht in dem Aufbau all 
jener Vorsichten und Sicherungen, durch welche eine Berührung 
mit dieser wie eine Äußerlichkeit behandelten Gefahr vermieden 
werden soll. Die Verdrängung entspricht einem Fluchtversuch 
des Ichs vor der als Gefahr empfundenen Libido. Die Phobie 
kann man einer Verschanzung gegen die äußere Gefahr ver- 
gleichen, die nun die gefürchtete Libido vertritt. Die Schwäche 
des Verteidigungssystems bei den Phobien liegt natürlich darin, 
daß die Festung, die sich nach außen hin so verstärkt hat, von 
innen her angreifbar geblieben ist. Die Projektion der Libido- 
gefahr nach außen kann nie gut gelingen. Bei den anderen 
Neurosen sind darum andere Systeme der Verteidigung gegen 
die Möglichkeit der Angstentwicklung im Gebrauch. Das ist ein 
sehr interessantes Stück der Neurosenpsychologie, leider führt 
es uns zu weit und setzt gründlichere Spezialkenntnisse voraus. 
Ich will nur noch eines beifügen. Ich habe Ihnen doch bereits 
von der „Gegenbesetzung" gesprochen, die das Ich bei einer Ver- 
drängung aufwendet und dauernd unterhalten muß, damit die 
Verdrängung Bestand habe. Dieser Gegenbesetzung fällt die 
Aufgabe zu, die verschiedenen Formen der Verteidigung gegen 
die Angstentwicklung nach der Verdrängung durchzuführen. 

Kehren wir zu den Phobien zurück. Ich darf nun sagen, Sie 
sehen ein, wie unzureichend es ist, wenn man an ihnen nur den 
Inhalt erklären will, sich für nichts anderes interessiert, als wo- 
her es kommt, daß dies oder jenes Objekt oder eine beliebige 






440 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Situation zum Gegenstand der Phobie gemacht wird. Der Inhalt 
einer Phobie hat für diese ungefähr dieselbe Bedeutung wie die 
manifeste Traumfassade für den Traum. Es ist mit den notwen- 
digen Einschränkungen zuzugeben, daß unter diesen Inhalten 
der Phobien sich manche befinden, die, wie Stanley Hall 
hervorhebt, durch phylogenetische Erbschaft zu Angstobjekten 
geeignet sind. Ja es stimmt dazu, daß viele dieser Angstdinge 
ihre Verbindung mit der Gefahr nur durch eine symbolische Be- 
ziehung herstellen können. 

Wir haben uns so überzeugt, welche geradezu zentral zu 
nennende Stelle das Angstproblem in den Fragen der Neurosen. 
Psychologie einnimmt. Wir haben einen starken Eindruck davon 
empfangen, wie die Angstentwicklung mit den Schicksalen der 
Libido und dem System des Unbewußten verknüpft ist. Nur 
einen Punkt empfanden wir als unverbunden, als eine Lücke in 
unserer Auffassung, die eine doch schwer bestreitbare Tatsache, 
daß die Realangst als eine Äußerung der Selbsterhaltungstriebe 
des Ichs gewertet werden muß. 



XXVI. VORLESUNG 

DIE LIBIDOTHEORIE UND DER 
NARZISSMUS 

Meine Damen und Herren! Wir haben wiederholt und erst 
vor kurzem wieder mit der Sonderung der Ichtriebe und der 
Sexualtriebe zu tun gehabt. Zuerst hat uns die Verdrängung ge- 
zeigt, daß die beiden in Gegensatz zueinander treten können, 
daß dann die Sexualtriebe formell unterliegen und genötigt sind, 
sich auf regressiven Umwegen Befriedigung zu holen, wobei sie 
dann in ihrer Unbezwingbarkeit eine Entschädigung für ihre 
Niederlage finden. Sodann haben wir gelernt, daß die beiden 
von Anfang an ein verschiedenes Verhältnis zur Erzieherin Not 



XXVI) Die Ubidotheor'te und der Narzißmus 441 

haben, so daß sie nicht dieselbe Entwicklung durchmachen 
und nicht in die nämliche Beziehung zum Realitätsprinzip ge- 
raten. Endlich glauben wir zu erkennen, daß die Sexualtriebe 
durch weit engere Bande mit dem Affektzustand der Angst ver- 
knüpft sind als die Ichtriebe, ein Resultat, welches nur noch in 
einem wichtigen Punkte unvollständig erscheint. Wir wollen 
darum zu seiner Verstärkung noch die bemerkenswerte Tatsache 
heranziehen, daß die Unbefriedigung von Hunger und Durst, 
der zwei elementarsten Selbsterhaltungstriebe niemals deren Um- 
schlag in Angst zur Folge hat, während die Umsetzung von un- 
befriedigter Libido in Angst, wie wir gehört haben, zu den best, 
bekannten und am häufigsten beobachteten Phänomenen gehört. 

An unserem guten Recht, Ich- und Sexualtriebe zu sondern, 
kann doch wohl nicht gerüttelt werden. Es ist ja mit der Existenz 
des Sexuallebens als einer besonderen Betätigung des Indivi- 
duums gegeben. Es kann sich nur fragen, welche Bedeutung wir 
dieser Sonderung beilegen, für wie tief einschneidend wir sie 
halten wollen. Die Beantwortung dieser Frage wird sich aber 
nach dem Ergebnis der Feststellung richten, inwiefern sich die 
Sexualtriebe in ihren somatischen und seelischen Äußerungen 
anders verhalten als die anderen, die wir ihnen gegenüberstellen, 
und wie bedeutsam die Folgen sind, die sich aus diesen Diffe- 
renzen ergeben. Eine übrigens nicht recht faßbare Wesensver- 
schiedenheit der beiden Triebgruppen zu behaupten, dazu fehlt 
uns natürlich jedes Motiv. Beide treten uns nur als Benennungen 
für Energiequellen des Individuums entgegen, und die Diskus- 
sion, ob sie im Grunde eins oder wesensverschieden sind, und 
wenn eins, wann sie sich voneinander getrennt haben, kann 
nicht an den Begriffen geführt werden, sondern muß sich an 
die biologischen Tatsachen hinter ihnen halten. Darüber wissen 
wir vorläufig zu wenig, und wüßten wir selbst mehr, es käme 
für unsere analytische Aufgabe nicht in Betracht. 

Wir profitieren offenbar auch sehr wenig, wenn wir nach 



442 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

dem Vorgang von Jung die uranfängliche Einheit aller Triebe 
betonen und die in allem sich äußernde Energie „Libido" 
nennen. Da sich die Sexualfunktion durch keinerlei Kunststück 
aus dem Seelenleben eliminieren läßt, sehen wir uns dann ge- 
nötigt, von sexueller und von asexueller Libido zu sprechen. 
Der Name Libido bleibt aber mit Recht für die Triebkräfte des 
Sexuallebens vorbehalten, wie wir es bisher geübt haben. 

Ich meine also, die Frage, wie weit die unzweifelhaft berech- 
tigte Sonderung von Sexual- und Selbsterhaltungstrieben fort- 
zusetzen ist, hat für die Psychoanalyse nicht viel Belang; sie ist 
auch nicht kompetent dafür. Von Seiten der Biologie ergeben 
sich allerdings verschiedene Anhaltspunkte dafür, daß sie etwas 
Wichtiges bedeutet. Die Sexualität ist ja die einzige Funktion 
des lebenden Organismus, welche über das Individuum hinaus- 
geht und seine Anknüpfung an die Gattung besorgt. Es ist un- 
verkennbar, daß ihre Ausübung dem Einzelwesen nicht immer 
Nutzen bringt wie seine anderen Leistungen, sondern ihn um 
den Preis einer ungewöhnlich hohen Lust in Gefahren bringt, 
die sein Leben bedrohen und es oft genug verwirken. Es werden 
auch wahrscheinlich ganz besondere, von allen anderen abwei- 
chende Stoffwechselvorgänge erforderlich sein, um einen Anteil 
des individuellen Lebens als Disposition für die Nachkommen- 
schaft zu erhalten. Und endlich ist das Einzelwesen, das sich 
selbst als Hauptsache und seine Sexualität als ein Mittel zu seiner 
Befriedigung wie andere betrachtet, in biologischer Anschauung 
nur eine Episode in einer Generationsreihe, ein kurzlebiges An- 
hängsel an ein mit virtueller Unsterblichkeit begabtes Keim- 
plasma, gleichsam der zeitweilige Inhaber eines ihn überdauern- 
den Fideikommisses. 

Indes braucht es für die psychoanalytische Aufklärung der 
Neurosen nicht so weitreichender Gesichtspunkte. Mit Hilfe 
der gesonderten Verfolgung von Sexual- und Ichtrieben haben 
wir den Schlüssel zum Verständnis der Gruppe der Übertragungs- 



XXVI) Die Libidotheorie und der Narzißmus 443 



neurosen gewonnen. Wir konnten sie auf die grundlegende 
Situation zurückführen, daß die Sexualtriebe in Zwist mit den 
Erhaltungstrieben geraten oder biologisch, — wenn auch un- 
genauer ausgedrückt, — daß die eine Position des Ichs als 
selbständiges Einzelwesen mit der anderen als Glied einer Gene- 
rationsreihe in Widerstreit tritt. Zu solcher Entzweiung kommt 
es vielleicht nur beim Menschen, und darum mag im ganzen 
und großen die Neurose sein Vorrecht vor den Tieren sein. 
Die überstarke Entwicklung seiner Libido und die vielleicht 
gerade dadurch ermöglichte Ausbildung eines reich gegliederten 
Seelenlebens scheinen die Bedingungen für die Entstehung eines 
solchen Konflikts geschaffen zu haben. Es ist ohne weiteres er- 
sichtlich, daß dies auch die Bedingungen der großen Fortschritte 
sind, die der Mensch über seine Gemeinschaft mit den Tieren 
hinaus gemacht hat, so daß seine Fähigkeit zur Neurose nur 
die Kehrseite seiner sonstigen Begabung wäre. Aber auch das 
sind nur Spekulationen, die uns von unserer nächsten Aufgabe ab- 
lenken. 

Es war bisher die Voraussetzung unserer Arbeit, daß wir Ich- 
und Sexualtriebe nach ihren Äußerungen voneinander unter- 
scheiden können. Bei Übertragungsneurosen gelang dies ohne 
Schwierigkeit. Wir nannten die Energiebesetzungen, die das 
Ich den Objekten seiner Sexualbestrebungen zuwendet, „Li- 
bido", alle anderen, die von den Selbsterhaltungstrieben aus- 
geschickt werden, „Interesse" und konnten uns durch die 
Verfolgung der Libidobesetzungen, ihrer Umwandlungen und 
ihrer endlichen Schicksale eine erste Einsicht in das Getriebe der 
seelischen Kräfte verschaffen. Die Übertragungsneurosen boten 
uns hierfür den günstigsten Stoff. Das Ich aber, seine Zusammen- 
setzung aus verschiedenen Organisationen, deren Aufbau und 
Funktionsweise, blieb uns verhüllt, und wir durften vermuten, 
daß erst die Analyse anderer neurotischer Störungen uns diese 
Einsicht bringen könnte. 



444 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Wir haben frühzeitig damit begonnen, die psychoanalytischen 
Anschauungen auf diese anderen Affektionen auszudehnen. 
Schon 1908 sprach K. Abraham nach einem Gedankenaus- 
tausch mit mir den Satz aus, es sei der Hauptcharakter der (zu. 
den Psychosen gerechneten) Dementia praecox, daß ihr die 
Libidobesetzung der Objekte abgehe. („Die 
psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia 
praecox.") Dann erhob sich aber die Frage, was geschieht mit 
der von den Objekten abgewandten Libido der Dementen? 
Abraham zögerte nicht, die Antwort zu geben: sie wird auf 
das Ich zurückgewandt, und diese reflexive Rück, 
wendung ist die Quelle des Größenwahns 
der Dementia praecox. Der Größenwahn ist durchaus der im 
Liebesleben bekannten Sexualüberschätzung des Objektes zu 
vergleichen. Wir haben so zum erstenmal einen Zug einer psy- 
chotischen Affektion durch die Beziehung auf das normale 
Liebesleben verstehen gelernt. 

Ich sage es Ihnen gleich, diese ersten Auffassungen von 
Abraham haben sich in der Psychoanalyse erhalten und sind 
die Grundlagen für unsere Stellungnahme zu den Psychosen ge- 
worden. Man machte sich also langsam mit der Vorstellung ver- 
traut, daß die Libido, die wir an den Objekten haftend finden, die 
der Ausdruck eines Bestrebens ist, an diesen Objekten eine Befrie- 
digung zu gewinnen, auch von diesen Objekten ablassen und an 
ihrer Statt das eigene Ich setzen kann und man baute diese Vor- 
stellung allmählich immer konsequenter aus. Den Namen für 
diese Unterbringung der Libido — Narzißmus — ent- 
lehnen wir einer von P. N ä c k e beschriebenen Perversion, bei 
welcher das erwachsene Individuum den eigenen Leib mit all 
den Zärtlichkeiten bedenkt, die man sonst für ein fremdes Sexual- 
objekt aufwendet. 

Man sagt sich dann alsbald, wenn es eine solche Fixierung der 
Libido an den eigenen Leib und die eigene Person anstatt an 



XXVI) Die Libidotheorie und der Narzißmus 445 

ein Objekt gibt, so kann dies kein ausnahmsweises und kein ge- 
ringfügiges Vorkommnis sein. Es ist vielmehr wahrscheinlich, 
daß dieser Narzißmus der allgemeine und ursprüngliche Zustand 
ist, aus welchem sich erst später die Objektliebe herausbildete, 
ohne daß darum der Narzißmus zu verschwinden brauchte. Man 
mußte sich ja aus der Entwicklungsgeschichte der Objektlibido 
daran erinnern, daß viele Sexualtriebe sich anfänglich am eigenen 
Körper, wie wir sagen: autoerotisch befriedigen, und daß 
diese Fähigkeit zum Autoerotismus das Zurückbleiben der Sexua- 
lität in der Erziehung zum Realitätsprinzip begründet. So war 
also der Autoerotismus die Sexualbetätigung des narzißtischen 
Stadiums der Libidounterbringung. 

Um es kurz zu fassen, wir machten uns von dem Verhältnis 
der Ichlibido zur Objektlibido eine Vorstellung, die ich Ihnen 
durch ein Gleichnis aus der Zoologie veranschaulichen kann. 
Denken Sie an jene einfachsten Lebewesen, die aus einem wenig 
differenzierten Klümpchen protoplasmatischer Substanz bestehen. 
Sie strecken Fortsätze aus, Pseudopodien genannt, in welche sie 
ihre Leibessubstanz hinüberfließen lassen. Sie können diese Fort- 
sätze aber auch wieder einziehen und sich zum Klumpen ballen. 
Das Ausstrecken der Fortsätze vergleichen wir nun der Aus- 
sendung von Libido auf die Objekte, während die Hauptmenge 
der Libido im Ich verbleiben kann, und wir nehmen an, daß 
unter normalen Verhältnissen Ichlibido ungehindert in Objekt- 
libido umgesetzt und diese wieder ins Ich aufgenommen werden 

kann. 

Mit Hilfe dieser Vorstellungen können wir nun eine ganze 
Anzahl von seelischen Zuständen erklären oder, bescheidener 
ausgedrückt, in der Sprache der Libidotheorie beschreiben, Zu- 
stände, die wir dem normalen Leben zurechnen müssen, wie das 
psychische Verhalten in der Verliebtheit, bei organischem Krank- 
sein, im Schlaf. Wir haben für den Schlafzustand die Annahme 
gemacht, daß er auf Abwendung von der Außenwelt und Ein- 






446 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Stellung auf den Schlafwunsch beruhe. Was sich als nächtliche 
Seelentätigkeit im Traume äußerte, fanden wir im Dienste eines 
Schlafwunsches und überdies von durchaus egoistischen Motiven 
beherrscht. Wir führen jetzt im Sinne der Libidotheorie aus, daß 
der Schlaf ein Zustand ist, in welchem alle Objektbesetzungen, 
die libidinösen ebensowohl wie die egoistischen, aufgegeben und 
ins Ich zurückgezogen werden. Ob damit nicht ein neues Licht 
auf die Erholung durch den Schlaf und auf die Natur der Er- 
müdung überhaupt geworfen wird? Das Bild der seligen Iso- 
lierung im Intrauterinleben, welches uns der Schlafende allnächt- 
lich wieder heraufbeschwört, wird so auch nach der psychischen 
Seite vervollständigt. Beim Schlafenden hat sich der Urzustand 
der Libidoverteilung wiederhergestellt, der volle Narzißmus, bei 
dem Libido und Ichinteresse noch vereint und ununterscheidbar 
in dem sich selbst genügenden Ich wohnen. 

Hier ist Raum für zwei Bemerkungen. Erstens, wie unter, 
scheiden sich Narzißmus und Egoismus begrifflich? Nun, ich 
meine, Narzißmus ist die libidinöse Ergänzung zum Egoismus. 
Wenn man von Egoismus spricht, hat man nur den Nutzen für 
das Individuum ins Auge gefaßt; sagt man Narzißmus, so zieht 
man auch seine libidinöse Befriedigung in Betracht. Als prak- 
tische Motive lassen sich die beiden ein ganzes Stück weit ge- 
sondert verfolgen. Man kann absolut egoistisch sein und doch 
starke libidinöse Objektbesetzungen unterhalten, insofern die 
libidinöse Befriedigung am Objekt zu den Bedürfnissen des Ichs 
gehört. Der Egoismus wird dann darauf achten, daß die Stre- 
bung nach dem Objekt dem Ich keinen Schaden bringe. Man 
kann egoistisch sein und dabei auch überstark narzißtisch, d. h. 
ein sehr geringes Objektbedürfnis haben und dies wiederum ent- 
weder in der direkten Sexualbefriedigung oder auch in jenen 
höheren, vom Sexualbedürfnis abgeleiteten Strebungen, die wir 
gelegentlich als „Liebe" in einen Gegensatz zur „Sinnlichkeit" 
zu bringen pflegen. Der Egoismus ist in all diesen Beziehungen 



XXVI) Die Libidotbeorie und der Narzißmus 447 

das Selbstverständliche, Konstante, der Narzißmus das variable 
Element. Der Gegensatz von Egoismus, Altruismus, deckt 
sich begrifflich nicht mit libidinöser Objektbesetzung, er sondert 
sich von ihr durch den Wegfall der Strebungen nach sexueller 
Befriedigung. In der vollen Verliebtheit trifft aber der Altruis- 
mus mit der libidinösen Objektbesetzung zusammen. Das Sexual, 
objekt zieht in der Regel einen Anteil des Narzißmus des Ichs 
auf sich, was als die sogenannte „Sexualüberschätzung" des 
Objektes bemerkbar wird. Kommt noch die altruistische Über- 
leitung vom Egoismus auf das Sexualobjekt hinzu, so wird das 
Sexualobjekt übermächtig; es hat das Ich gleichsam aufgesogen. 
Ich denke, Sie werden es als Erholung empfinden, wenn ich 
Ihnen nach der im Grunde trockenen Phantastik der Wissenschaf t 
eine poetische Darstellung des ökonomischen Gegensatzes von 
Narzißmus und Verliebtheit vorlege. Ich entnehme sie dem 
Westöstlichen Di van Goethes: 

S u 1 e i k a : Volk und Knecht und Überwinder 

Sie gestehn zu jeder Zeit : 

Höchstes Glück der Erdenkinder 

Sei nur die Persönlichkeit. 

Jedes Leben sei 211 führen, 

Wenn man sich nicht selbst vermißt ; 

Alles könne man verlieren, 

Wenn man bliebe, was man ist. 
H a t e m : Kann wohl sein ! So wird gemeinet ; 

Doch ich bin auf andrer Spur: 

Alles Erdenglück vereinet 

Find' ich in Suleika nur. 

Wie sie sich an mich verschwendet, 

Bin ich mir ein wertes Ich ; 

Hätte sie sich weggewendet, 

Augenblicks verlor' ich mich. 

Nun mit Hatem wär's zu Ende ; 
Doch schon hab' ich umgelost ; 
Ich verkörpere mich behende 
In den Holden, den sie kost. 



448 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Die zweite Bemerkung ist eine Ergänzung zur Traumtheorie. 
Wir können uns die Entstehung des Traumes nicht erklären, 
wenn wir nicht die Annahme einfügen, daß das verdrängte Un- 
bewußte eine gewisse Unabhängigkeit vom Ich gewonnen hat, 
so daß es sich dem Schlafwunsch nicht fügt und seine Be- 
setzungen behält, auch wenn alle vom Ich abhängigen Objekt- 
besetzungen zugunsten des Schlafes eingezogen werden. Erst 
dann ist zu verstehen, daß dies Unbewußte sich die nächtliche 
Aufhebung oder Herabsetzung der Zensur zu nutze machen kann, 
und daß es sich der Tagesreste zu bemächtigen weiß, um mit 
ihrem Stoff einen verbotenen Traumwunsch zu bilden. Ander- 
seits mögen schon die Tagesreste ein Stück ihrer Resistenz gegen 
die vom Schlafwunsch verfügte Libidoeinziehung einer bereits 
bestehenden Verbindung mit diesem verdrängten Unbewußten 
verdanken. Diesen dynamisch wichtigen Zug wollen wir also 
in unsere Auffassung von der Traumbildung nachträglich ein- 
fügen. 

Organische Erkrankung, schmerzhafte Reizung, Entzündung 
von Organen schafft einen Zustand, der deutlich eine Ablösung 
der Libido von ihren Objekten zur Folge hat. Die eingezogene 
Libido findet sich im Ich wieder als verstärkte Besetzung des 
erkrankten Körperteiles. Ja man kann die Behauptung wagen, 
daß unter diesen Bedingungen die Abziehung der Libido von 
ihren Objekten auffälliger ist als die Abwendung des egoistischen 
Interesses von der Außenwelt. Von hier aus scheint sich ein 
Weg zum Verständnis der Hypochondrie zu eröffnen, bei wel- 
cher ein Organ in gleicher Weise das Ich beschäftigt, ohne für 
unsere Wahrnehmung krank zu sein. Aber ich widerstehe der 
Versuchung, hier weiterzugehen oder andere Situationen zu er- 
örtern, die uns durch die Annahme einer Wanderung der Ob- 
jektlibido in das Ich verständlich oder darstellbar werden, weil 
es mich drängt, zwei Einwendungen zu begegnen, die, wie ich 
weiß, jetzt Ihr Gehör haben. Sie wollen mich erstens zur Rede 



XXVI) Die Libidotheorie und der Narzißmus 449 

stellen, warum ich beim Schlaf, in der Krankheit und in den 
ähnlichen Situationen durchaus Libido und Interesse, Sexual- 
triebe und Ichtriebe unterscheiden will, wo sich die Beobach- 
tungen durchwegs mit der Annahme einer einzigen und ein- 
heitlichen Energie erledigen lassen, die, frei beweglich, bald das 
Objekt, bald das Ich besetzt, sowohl in den Dienst des einen 
wie des anderen Triebes tritt. Und zweitens, wie ich mich ge- 
trauen kann, die Ablösung der Libido vom Objekt als Quelle 
eines pathologischen Zustandes zu behandeln, wenn solche Um- 
setzung der Objektlibido in Ichlibido — oder allgemeiner in 
Ichenergie — zu den normalen und täglich, allnächtlich, wieder- 
holten Vorgängen in der seelischen Dynamik gehört. 

Darauf ist zu erwidern: Ihr erster Einwand klingt gut. Die 
Erörterung der Zustände des Schlafes, des Krankseins, der Ver- 
liebtheit hätte uns an sich wahrscheinlich niemals zur Unter- 
scheidung einer Ichlibido von einer Objektlibido oder der Libido 
vom Interesse geführt. Aber Sie vernachlässigen dabei die Unter- 
suchungen, von denen wir ausgegangen sind, und in deren Licht 
wir jetzt die in Rede stehenden seelischen Situationen betraditen. 
Die Unterscheidung von Libido und Interesse, also von Sexual- 
und Selbsterhaltungstrieben, ist uns durch die Einsicht in den 
Konflikt aufgedrängt worden, aus welchem die Übertragungs- 
neurosen hervorgehen. Wir können sie seitdem nicht wieder 
aufgeben. Die Annahme, daß sich Objektlibido in Ichlibido um- 
setzen kann, daß man also mit einer Ichlibido zu rechnen hat, 
ist uns als die einzige erschienen, welche das Rätsel der soge- 
nannten narzißtischen Neurosen, z. B. der Dementia praecox, 
zu lösen vermag, von deren Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten 
im Vergleich mit Hysterie und Zwang Rechenschaft geben kann. 
Auf Krankheit, Schlaf und Verliebtheit wenden wir nun an, was 
wir anderwärts als unabweisbar bewährt gefunden haben. Wir 
dürfen mit solchen Anwendungen fortfahren und sehen, wie weit 
wir damit reichen. Die einzige Behauptung, die nicht direkter 

29 



. 



450 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Niederschlag unserer analytischen Erfahrung ist, geht dahin, 
daß Libido Libido bleibt, ob sie nun auf Objekte oder auf das 
eigene Ich gewendet wird, und sich niemals in egoistisches 
Interesse umsetzt und ebenso das Umgekehrte. Diese Behauptung 
ist aber gleichwertig mit der bereits kritisch gewürdigten Sonde- 
rung von Sexual- und Ichtrieben, an der wir bis zum möglichen 
Scheitern aus heuristischen Motiven festhalten wollen. 

Auch Ihre zweite Einwendung greift eine berechtigte Frage 
auf, aber sie zielt in falsche Richtung. Gewiß ist die Einziehung 
der Objektlibido ins Ich nicht direkt pathogen; wir sehen ja, daß 
sie jedesmal vor dem Schlafengehen vorgenommen wird, um mit 
dem Wachen wieder rückgängig zu werden. Das Protoplasma- 
tierchen zieht seine Fortsätze ein, um sie beim nächsten Anlaß 
wieder auszuschicken. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn ein 
bestimmter, sehr energischer Prozeß die Abziehung der Libido 
von den Objekten erzwingt. Die narzißtisch gewordene Libido 
kann dann den Rückweg zu den Objekten nicht finden, und diese 
Behinderung in der Beweglichkeit der Libido wird allerdings 
pathogen. Es scheint, daß die Anhäufung der narzißtischen 
Libido über ein gewisses Maß hinaus nicht vertragen wird. Wir 
können uns auch vorstellen, daß es eben darum zur Objektbe- 
setzung gekommen ist, daß das Ich seine Libido ausschicken 
mußte, um nicht an ihrer Stauung zu erkranken. Wenn es in 
unserem Plane läge, uns mit der Dementia praecox eingehender 
zu beschäftigen, würde ich Ihnen zeigen, daß jener Prozeß, der 
die Libido von den Objekten ablöst und ihr den Rückweg zu 
ihnen absperrt, dem Verdrängungsprozeß nahesteht, als ein 
Seitenstück zu ihm aufzufassen ist. Vor allem aber würden Sie 
bekannten Boden unter Ihren Füßen spüren, indem Sie erfahren, 
daß die Bedingungen dieses Prozesses fast identisch sind — 
soviel wir bis jetzt erkennen — mit denen der Verdrängung. Der 
Konflikt scheint der nämliche zu sein und sich zwischen den- 
selben Mächten abzuspielen. Wenn der Ausgang ein so anderer 






XXVI) Die Libidotheorie und der Narzißmus 451 

ist als z. B. bei der Hysterie, so kann der Grund davon nur in 
einer Verschiedenheit der Disposition liegen. Die Libidoent Wick- 
lung hat bei diesen Kranken ihre schwache Stelle an einer 
anderen Phase; die maßgebende Fixierung, welche, wie Sie sich 
erinnern, den Durchbruch zur Symptombildung gestattet, liegt 
anderswo, wahrscheinlich im Stadium des primitiven Narzißmus, 
zu welchem die Dementia praecox in ihrem Endausgang zurück- 
kehrt. Es ist ganz bemerkenswert, daß wir für alle narzißtischen 
Neurosen Fixierungsstellen der Libido annehmen müssen, welche 
in weit frühere Phasen der Entwicklung zurückreichen, als bei 
der Hysterie oder der Zwangsneurose. Sie haben aber gehört, daß 
die Begriffe, die wir im Studium der Übertragungsneurosen er- 
worben haben, auch zur Orientierung in den praktisch so viel 
schwereren narzißtischen Neurosen ausreichen. Die Gemeinsam- 
keiten gehen sehr weit; es ist im Grunde dasselbe Erscheinungs- 
gebiet. Sie können sich aber auch vorstellen, wie aussichtslos die 
Aufklärung dieser schon der Psychiatrie zufallenden Affektionen 
sich für den gestaltet, der nicht die analytische Kenntnis der 
Übertragungsneurosen für diese Aufgäbe mitbringt. 

Das Symptombild der Dementia praecox, das übrigens sehr 
wechselvoll ist, wird nicht ausschließlich durch die Symptome 
bestimmt, welche aus der Abdrängung der Libido von den Ob- 
jekten und deren Anhäufung als narzißtische Libido im Ich her- 
vorgehen. Einen breiten Räum nehmen vielmehr andere Phäno- 
mene ein, die sich auf das Bestreben der Libido zurückführen, 
wieder zu den Objekten zu gelangen, die also einem Restitutions- 
oder Heilungsversuch entsprechen. Diese Symptome sind sogar 
die auffälligeren, die lärmenden; sie zeigen eine unzweifelhafte 
Ähnlichkeit mit denen der Hysterie oder seltener der Zwangs- 
neurose, sind aber doch in jedem Punkte anders. Es scheint, 
daß die Libido bei der Dementia praecox in ihrem Bemühen, 
wieder zu den Objekten, d. h. zu den Vorstellungen der Ob- 
jekte zu kommen, wirklich etwas von ihnen erhascht, aber gleich- 



452 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sam nur ihre Schatten, ich meine, die ihnen zugehörigen Wort- 
Vorstellungen. Ich kann hier nicht mehr darüber sagen, aber ich 
meine, dies Benehmen der rückstrebenden Libido hat uns ge- 
stattet, eine Einsicht in das zu gewinnen, was wirklich den 
Unterschied zwischen einer bewußten und einer unbewußten 
Vorstellung ausmacht. 

Ich habe Sie nun in das Gebiet geführt, auf welchem die 
nächsten Fortschritte der analytischen Arbeit zu erwarten sind. 
Seitdem wir uns getrauen, den Begriff der Ichlibido zu hand- 
haben, sind uns die narzißtischen Neurosen zugänglich ge- 
worden; es hat sich die Aufgabe ergeben, eine dynamische Auf- 
klärung dieser Affektionen zu gewinnen und gleichzeitig unsere 
Kenntnis des Seelenlebens durch das Verständnis des Ichs zu 
vervollständigen. Die Ichpsychologie, die wir anstreben, soll 
nicht auf die Daten unserer Selbstwahrnehmungen, sondern wie 
bei der Libido auf die Analyse der Störungen und Zerstörungen 
des Ichs begründet sein. Wahrscheinlich werden wir von un- 
serer bisherigen Kenntnis der Libidoschicksale, die wir aus dem 
Studium der Übertragungsneurosen geschöpft haben, gering den- 
ken, wenn jene größere Arbeit geleistet ist. Aber dafür sind wir 
in ihr auch noch nicht weit gekommen. Die narzißtischen Neu- 
rosen sind für die Technik, welche uns bei den Übertragungs- 
neurosen gedient hat, kaum angreifbar. Sie werden bald hören, 
warum. Es geht uns mit ihnen immer so, daß wir nach kurzem 
Vordringen vor eine Mauer zu stehen kommen, die uns Halt 
gebietet. Sie wissen, auch bei den Übertragungsneurosen sind 
wir auf solche Widerstandsschranken gestoßen, aber wir konnten 
sie Stück für Stück abtragen. Bei den narzißtischen Neurosen 
ist der Widerstand unüberwindbar; wif dürfen höchstens einen 
neugierigen Blick über die Höhe der Mauer werfen, um zu er- 
spähen, was jenseits derselben vor sich geht. Unsere technischen 
Methoden müssen also durch andere ersetzt werden; wir wissen 
noch nicht, ob uns ein solcher Ersatz gelingen wird. Es fehlt uns 




XXVI) Die Libidotbeorie und der Narzißmus 453 

allerdings auch bei diesen Kranken nicht an Material. Sie geben 
vielerlei Äußerungen von sich, wenn auch nicht als Antworten 
auf unsere Fragen, und wir sind vorläufig darauf angewiesen, 
diese Äußerungen mit Hilfe des Verständnisses, das wir an den 
Symptomen der Übertragungsneurosen gewonnen haben, zu deu- 
ten. Die Übereinstimmung ist groß genug, um uns einen An- 
fangsgewinn zuzusichern. Wie weit diese Technik reichen wird, 
bleibt dahingestellt. 

Andere Schwierigkeiten kommen hinzu, um unseren Fort- 
schritt aufzuhalten. Die narzißtischen Affektionen und die an 
sie anschließenden Psychosen können nur von Beobachtern ent- 
rätselt werden, die sich durch das analytische Studium der Über- 
tragungsneurosen geschult haben. Aber unsere Psychiater stu- 
dieren keine Psychoanalyse und wir Psychoanalytiker sehen zu 
wenig psychiatrische Fälle. Es muß erst ein Geschlecht von Psy- 
chiatern herangewachsen sein, welches durch die Schule der Psy- 
choanalyse als vorbereitender Wissenschaft gegangen ist. Der 
Anfang dazu wird gegenwärtig in Amerika gemacht, wo sehr 
viele leitende Psychiater den Studenten die psychoanalytischen 
Lehren vortragen, und wo Anstaltsbesitzer und Irrenhausdirek- 
toren sich bemühen, ihre Kranken im Sinne dieser Lehren zu 
beobachten. Immerhin ist es auch uns hier einige Male geglückt, 
einen Blick über die narzißtische Mauer zu werfen, und ich will 
Ihnen im folgenden einiges berichten, was wir erhascht zu haben 

glauben. 

Die Krankheitsform der Paranoia, der chronischen systemati- 
schen Verrücktheit, nimmt in den Klassifikationsversuchen der 
heutigen Psychiatrie eine schwankende Stellung ein. An ihrer 
nahen Verwandtschaft mit der Dementia praecox ist indes kein 
Zweifel. Ich habe mir einmal den Vorschlag erlaubt, Paranoia 
und Dementia praecox unter der gemeinsamen Bezeichnung der 
Paraphrenie zusammenzufassen. Die Formen der Paranoia 
werden nach ihrem Inhalt als: Größenwahn, Verfolgungswahn, 






454 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Liebeswahn (Erotomanie), Eifersuchtswahn usw. beschrieben. 
Erklärungsversuche werden wir von der Psychiatrie nicht erwar- 
ten. Als Beispiel eines solchen, allerdings ein veraltetes und nicht 
ganz vollweniges Beispiel, erwähne ich Ihnen den Versuch, ein 
Symptom mittels einer intellektuellen Rationalisierung aus einem 
anderen abzuleiten: Der Kranke, der sich aus primärer Neigung 
verfolgt glaubt, soll aus dieser Verfolgung den Schluß ziehen, 
er müsse doch eine ganz besonders wichtige Persönlichkeit sein, 
und darum den Größenwahn entwickeln. Für unsere analytische 
Auffassung ist der Größenwahn die unmittelbare Folge der Ich- 
Vergrößerung durch die Einziehung der libidinösen Objektbe- 
setzungen, ein sekundärer Narzißmus als Wiederkehr des ur- 
sprünglich frühinfantilen. An den Fällen von Verfolgungswahn 
haben wir aber einiges beobachtet, was uns veranlaßte, eine ge- 
wisse Spur zu verfolgen. Es fiel uns zunächst auf, daß in der 
überwiegenden Mehrzahl der Fälle der Verfolger von demselben 
Geschlecht war wie der Verfolgte. Das war immer noch einer 
harmlosen Erklärung fähig, aber in einigen gut studierten Fällen 
zeigte es sich klar, daß die in normalen Zeiten am besten geliebte 
Person des gleichen Geschlechtes sich seit der Erkrankung zum 
Verfolger umgewandelt hatte. Eine weitere Entwicklung wird 
dadurch möglich, daß die geliebte Person nach bekannten Affini- 
täten durch eine andere ersetzt wird, z. B. der Vater durch den 
Lehrer, den Vorgesetzten. Wir zogen aus solchen, sich immer 
vermehrenden Erfahrungen den Schluß, daß die Paranoia perse- 
cutona die Form ist, in der sich das Individuum gegen eine über- 
stark gewordene homosexuelle Regung zur Wehre setzt. Die 
Verwandlung der Zärtlichkeit in Haß, die bekanntlich zur ernst- 
haften Lebensbedrohung für das geliebte und gehaßte Objekt 
werden kann, entspricht dann der Umsetzung libidinöser Regun- 
gen in Angst, die ein regelmäßiges Ergebnis des Verdrängungs- 
vorganges ist. Hören Sie z. B. den wiederum letzten Fall meiner 
diesbezüglichen Beobachtungen. Ein junger Arzt mußte aus sei- 



XXVI) Die Libidotbeorie und der Narzißmus 455 



nem Heimatsort verschickt werden, weil er den Sohn eines dor- 
tigen Universitätsprofessors, der bis dahin sein bester Freund ge- 
wesen war, am Leben bedroht hatte. Er schrieb diesem einstigen 
Freund wahrhaft teuflische Absichten und eine dämonische Macht 
zu. Er war schuld an allem Unglück, das in den letzten Jahren 
die Familie des Kranken getroffen hatte, an jedem familiären 
und sozialen Mißgeschick. Aber nicht genug damit, der böse 
Freund und sein Vater, der Professor, hatten auch den Krieg ver- 
ursacht, die Russen ins Land gerufen. Er hatte sein Leben tau- 
sendmal verwirkt, und unser Kranker war überzeugt, daß mit 
dem Tode des Missetäters alles Unheil zu Ende gebracht wäre. 
Und doch war seine alte Zärtlichkeit für ihn noch so stark, daß 
sie seine Hand gelähmt hatte, als sich ihm einmal die Gelegen- 
heit bot, den Feind aus nächster Nähe niederzuschießen. In den 
kurzen Besprechungen, die ich mit dem Kranken hatte, kam zum 
Vorschein, daß das freundschaftliche Verhältnis zwischen den 
beiden weit in die Gymnasial jähre zurückreichte. Wenigstens 
einmal hatte es die Grenzen der Freundschaft überschritten; ein 
nächtliches Beisammensein war ihnen der Anlaß zu vollem sexu- 
ellen Verkehr geworden. Unser Patient hatte nie die Gefühls- 
beziehung zu den Frauen gewonnen, die seiner Altersphase und 
seiner einnehmenden Persönlichkeit entsprochen hätte. Er war 
einmal mit einem schönen und vornehmen Mädchen verlobt, aber 
dieses brach das Verlöbnis ab, weil es bei seinem Bräutigam keine 
Zärtlichkeit fand. Jahre später brach seine Krankheit gerade in 
dem Moment aus, als es ihm zum erstenmal geglückt war, ein Weib 
voll zu befriedigen. Als diese Frau ihn dankbar und hingebungs- 
voll umarmte, bekam er plötzlich einen rätselhaften Schmerz, der 
wie ein scharfer Schnitt um die Schädeldecke lief. Er deutete sich 
diese Sensation später, als ob an ihm der Schnitt ausgeführt 
wurde, mit dem man bei einer Sektion das Gehirn bloßlegt, und 
da sein Freund pathologischer Anatom geworden war, entdeckte 
er langsam, daß nur dieser ihm diese letzte Frau zur Versuchung 



456 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 

geschickt haben könne. Von da an gingen ihm auch die Augen 
über die anderen Verfolgungen auf, deren Opfer er durch das 
Betreiben des einstigen Freundes werden sollte. 

Wie ist es nun aber mit den Fällen, bei denen der Verfolger 
nicht desselben Geschlechts ist wie der Verfolgte, deren An- 
schein also unserer Erklärung einer Abwehr homosexueller Li- 
bido widerspricht? Ich habe vor einiger Zeit Gelegenheit gehabt, 
einen solchen Fall zu untersuchen, und habe aus dem scheinbaren 
Widerspruch eine Bestätigung entnehmen können. Das junge 
Mädchen, welches sich von dem Manne verfolgt glaubte, dem 
sie zwei zärtliche Zusammenkünfte zugestanden, hatte in der 
Tat zuerst eine Wahnidee gegen eine Frau gerichtet, die man 
als Mutterersatz auffassen kann. Erst nach der zweiten Zusam- 
menkunft machte sie den Fortschritt, dieselbe Wahnidee von der 
Frau abzulösen und auf den Mann zu übertragen. Die Bedin- 
gung des gleichen Geschlechts für den Verfolger war also ur- 
sprünglich auch in diesem Falle eingehalten worden. In ihrer 
Klage vor dem Rechtsfreund und dem Arzt hatte die Patientin 
dieses Vorstadium ihres Wahnes nicht erwähnt und so den An- 
schein eines Widerspruches gegen unser Verständnis der Para- 
noia erweckt. 

Die homosexuelle Objektwahl liegt dem Narzißmus ursprüng- 
lich näher als die heterosexuelle. Wenn es dann gilt, eine un- 
erwünscht starke homosexuelle Regung abzuweisen, so ist der 
Rückweg zum Narzißmus besonders erleichtert. Ich habe bisher 
sehr wenig Gelegenheit gehabt, Ihnen von den Grundlagen des 
Liebeslebens, soweit wir sie erkannt haben, zu sprechen, kann 
es auch jetzt nicht nachholen. Ich will nur soviel herausheben, 
daß die Objektwahl, der Fortschritt in der Libidoentwicklung, 
der nach dem narzißtischen Stadium gemacht wird, nach zwei 
verschiedenen Typen erfolgen kann. Entweder nach dem n a r - 
zißtischenTypus, indem an die Stelle des eigenen Ichs 
ein ihm möglichst ähnliches tritt, oder nach dem A n 1 e h - 



XXVI) Die Libidotheorie und der Narzißmus 457 



nungstypus, indem die Personen, die durch Befriedigung 
der anderen Lebensbedürfnisse wertvoll geworden sind, auch 
von der Libido zu Objekten gewählt werden. Eine starke Li- 
bidofixierung an den narzißtischen Typus der Objektwahl rech- 
nen wir auch in die Disposition zur manifesten Homo- 
sexualität ein. 

Sie erinnern sich, daß ich Ihnen in der ersten Zusammenkunft 
dieses Semesters von einem Fall von Eifersuchtswahn bei einer 
Frau erzählt habe. Nun da wir so nahe dem Ende sind, möchten 
Sie gewiß gerne hören, wie wir psychoanalytisch eine Wahnidee 
erklären. Aber ich habe Ihnen dazu weniger zu sagen, als Sie 
erwarten. Die Unangreifbarkeit der Wahnidee durch logische 
Argumente und reale Erfahrungen erklärt sich ebenso wie die 
eines Zwanges durch die Beziehung zum Unbewußten, welches 
durch die Wahnidee oder Zwangsidee repräsentiert und nieder- 
gehalten wird. Der Unterschied zwischen beiden ist in der ver- 
schiedenen Topik und Dynamik der beiden Affektionen be- 
gründet. 

Wie bei der Paranoia, so haben wir auch bei der Melancholie, 
von der übrigens sehr verschiedene klinische Formen beschrieben 
werden, eine Stelle gefunden, an welcher ein Einblick in die 
innere Struktur der Affektion möglich wird. Wir haben erkannt, 
daß die Selbstvorwürfe, mit denen sich diese Melancholiker in 
der erbarmungslosesten Weise quälen, eigentlich einer anderen 
Person gelten, dem Sexualobjekt, welches sie verloren haben, 
oder das ihnen durch seine Schuld entwertet worden ist. Daraus 
konnten wir schließen, der Melancholiker habe zwar seine Li- 
bido von dem Objekt zurückgezogen, aber durch einen Vorgang, 
den man „narzißtische Identifizierung" heißen muß, sei das Ob- 
jekt im Ich selbst errichtet, gleichsam auf das Ich projiziert wor- 
den. Ich kann Ihnen hier nur eine bildliche Schilderung, nicht 
eine topisch-dynamisch geordnete Beschreibung geben. Nun 
wird das eigene Ich wie das aufgegebene Objekt behandelt und 



458 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



erleidet alle die Aggressionen und Äußerungen der Rachsucht, 
die dem Objekt zugedacht waren. Auch die Selbstmordneigung 
der Melancholiker wird durch die Erwägung begreiflicher, daß 
die Erbitterung des Kranken mit demselben Schlage das eigene 
Ich wie das geliebtgehaßte Objekt trifft. Bei der Melancholie 
wie bei anderen narzißtischen Affektionen kommt in sehr aus. 
geprägter Weise ein Zug des Gefühlslebens zum Vorschein, den 
wir seit Bleuler als Ambivalenz zu bezeichnen gewohnt 
sind. Wir meinen damit die Richtung entgegengesetzter, zärt- 
licher und feindseliger, Gefühle gegen dieselbe Person. Ich bin 
im Verlaufe dieser Besprechungen leider nicht in die Lage ge- 
kommen, Ihnen mehr von der Gefühlsambivalenz zu erzählen. 
Außer der narzißtischen Identifizierung gibt es eine hysterische, 
die uns seit sehr viel längerer Zeit bekannt ist. Ich wollte, es 
wäre schon möglich, Ihnen die Verschiedenheiten der beiden 
durch einige klargestellte Bestimmungen zu erläutern. Von den 
periodischen und zyklischen Formen der Melancholie kann ich 
Ihnen etwas mitteilen, was Sie gewiß gerne hören werden. Es 
ist nämlich unter günstigen Umständen möglich, — ich habe die 
Erfahrung zweimal gemacht, — durch analytische Behandlung 
in den freien Zwischenzeiten der Wiederkehr des Zustandes in 
der gleichen oder entgegengesetzten Stimmungslage vorzubeu- 
gen. Man erfährt dabei, daß es sich auch bei der Melancholie 
und Manie um eine besondere Art der Erledigung eines Kon. 
fliktes handelt, dessen Voraussetzungen durchaus mit denen der 
anderen Neurosen übereinstimmen. Sie können sich denken, 
wieviel es auf diesem Gebiete noch für die Psychoanalyse zu 
erfahren gibt. 

Ich sagte Ihnen auch, daß wir durch die Analyse der narziß. 
tischen Affektionen eine Kenntnis von der Zusammensetzung 
unseres Ichs und seinem Aufbau aus Instanzen zu gewinnen hof- 
fen. An einer Stelle haben wir den Anfang dazu gemacht. Aus 
der Analyse des Beobachtungswahnes haben wir den Schluß ge- 



XXVI) Die Libidotheorie und der Narzißmus 459 






zogen, daß es im Ich wirklich eine Instanz gibt, die unausgesetzt 
beobachtet, kritisiert und vergleicht und sich solcherart dem an- 
deren Anteil des Ichs entgegenstellt. Wir meinen also, daß der 
Kranke uns eine noch nicht genug gewürdigte Wahrheit verrät, 
wenn er sich beklagt, daß jeder seiner Schritte ausgespäht und 
beobachtet, jeder seiner Gedanken gemeldet und kritisiert wird. 
Er irrt nur darin, daß er diese unbequeme Macht als etwas ihm 
Fremdes nach außen verlegt. Er verspürt das Walten einer In- 
stanz in seinem Ich, welche sein aktuelles Ich und jede seiner 
Betätigungen an einem I d e a 1 - 1 c h mißt, das er sich im Laufe 
seiner Entwicklung geschaffen hat. Wir meinen auch, diese 
Schöpfung geschah in der Absicht, jene Selbstzufriedenheit wie- 
derherzustellen, die mit dem primären infantilen Narzißmus 
verbunden war, die aber seither soviel Störungen und Kränkun- 
gen erfahren hat. Die selbstbeobachtende Instanz kennen wir als 
den Ichzensor, das Gewissen; sie ist dieselbe, die nächtlicher, 
weise die Traumzensur ausübt, von der die Verdrängungen ge 
gen unzulässige Wunschregungen ausgehen. Wenn sie beim Be- 
obachtungswahn zerfällt, so deckt sie uns dabei ihre Herkunft 
auf aus den Einflüssen von Eltern, Erziehern und sozialer Um- 
gebung, aus der Identifizierung mit einzelnen dieser vorbild- 
lichen Personen. 

Dies wären einige der Ergebnisse, welche uns die Anwendung 
der Psychoanalyse auf die narzißtischen Affektionen bisher ge- 
liefen hat. Es sind gewiß noch zu wenige, und sie entbehren oft 
noch jener Schärfe, die erst durch sichere Vertrautheit auf einem 
neuen Gebiete erreicht werden kann. Wir verdanken sie alle 
der Ausnützung des Begriffes der Ichlibido oder narzißtischen 
Libido, mit dessen Hilfe wir die Auffassungen, die sich bei den 
Übertragungsneurosen bewährt haben, auf die narzißtischen Neu- 
rosen erstrecken. Nun werden Sie aber die Frage stellen: ist es 
möglich, daß es uns gelingt, alle Störungen der narzißtischen 
Affektionen und der Psychosen der Libidotheorie unterzuord- 



460 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nen, daß wir überall den libidinösen Faktor des Seelenlebens als 
den an der Erkrankung schuldigen erkennen und niemals eine 
Abänderung in der Funktion der Selbsterhaltungstriebe verant- 
wortlich zu machen brauchen? Nun, meine Damen und Herren, 
diese Entscheidung scheint mir nicht dringlich und vor allem 
nicht spruchreif zu sein. Wir können sie ruhig dem Fortschritt 
der wissenschaftlichen Arbeit überlassen. Ich würde mich nicht 
verwundern, wenn sich das Vermögen der pathogenen Wirkung 
wirklich als ein Vorrecht der libidinösen Triebe herausstellte, 
so daß die Libidotheorie auf der ganzen Linie von den einfach, 
sten Aktualneurosen bis zur schwersten psychotischen Entfrem- 
dung des Individuums ihren Triumph feiern könnte. Kennen 
wir es doch als charakteristischen Zug der Libido, daß sie der 
Unterordnung unter die Realität der Welt, die Ananke, wider- 
strebt. Aber ich halte es für überaus wahrscheinlich, daß die 
Ichtriebe durch die pathogenen Anregungen der Libido sekundär 
mitgerissen und zur Funktionsstörung genötigt werden. Und ich 
kann kein Scheitern unserer Forschungsrichtung darin erblicken, 
wenn uns die Erkenntnis bevorsteht, daß bei den schweren Psy- 
chosen die Ichtriebe selbst in primärer Weise irregeführt wer- 
den; die Zukunft wird es, Sie wenigstens, lehren. Lassen Sie mich 
aber noch für einen Moment zur Angst zurückkehren, um eine 
letzte Dunkelheit, die wir dort gelassen haben, zu erleuchten. 
Wir sagten, es stimme uns nicht zu der sonst so gut erkannten 
Beziehung zwischen Angst und Libido, daß die Realangst ange- 
sichts einer Gefahr die Äußerung der Selbsterhaltungstriebe sein 
sollte, was sich aber doch kaum bestreiten läßt. Wie wäre es 
aber, wenn der Angstaffekt nicht von den egoistischen Ichtrie- 
ben, sondern von der Ichlibido bestritten würde? Der Angstzu- 
stand ist doch auf alle Fälle unzweckmäßig, und seine Unzweck- 
mäßigkeit wird offenkundig, wenn er einen höheren Grad er- 
reicht. Er stört dann die Aktion, sei es der Flucht oder der Ab- 
wehr, die allein zweckmäßig ist und der Selbsterhaltung dient. 



i 









XXVII) Die Übertragung 461 



Wenn wir also den affektiven Anteil der Realangst der Ichlibido, 
die Aktion dabei dem Icherhaltungstrieb zuschreiben, haben wir 
jede theoretische Schwierigkeit beseitigt. Sie werden übrigens 
doch nicht im Ernst glauben, daß man sich flüchtet, weil man 
Angst verspürt? Nein, man verspürt die Angst und man ergreift 
die Flucht aus dem gemeinsamen Motiv, das durch die Wahr- 
nehmung der Gefahr geweckt wird. Menschen, die große Le- 
bensgefahren bestanden haben, erzählen, sie haben sich gar nicht 
geängstigt, bloß gehandelt, z. B. das Gewehr auf das Raubtier 
angelegt, und das war gewiß das Zweckmäßigste. 



XXVH. VORLESUNG 

DIE ÜBERTRAGUNG 

Meine Damen und Herren! Da wir uns jetzt dem Abschluß 
unserer Besprechungen nähern, wird eine bestimmte Erwartung 
bei Ihnen rege werden, die Sie nicht irreführen soll. Sie denken 
es sich wohl, daß ich Sie nicht durch dick und dünn des psy- 
choanalytischen Stoffes geführt habe, um Sie am Ende zu ent- 
lassen, ohne Ihnen ein Wort von der Therapie zu sagen, auf 
welcher doch die Möglichkeit beruht, überhaupt Psychoanalyse 
zu treiben. Ich kann Ihnen dieses Thema auch unmöglich vor- 
enthalten, denn dabei sollen Sie aus der Beobachtung eine neue 
Tatsache kennenlernen, ohne welche das Verständnis der von 
uns untersuchten Erkrankungen in fühlbarster Weise unvoll- 
ständig bliebe. 

Ich weiß, Sie erwarten keine Anleitung in der Technik, wie 



/ 



/ 



462 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalysi 



man die Analyse zu therapeutischen Zwecken ausüben soll. Sie 
wollen nur im allgemeinsten wissen, auf welchem Wege die psy- 
choanalytische Therapie wirkt und was sie ungefähr leistet. Und 
das zu erfahren, haben Sie ein unbestreitbares Recht. Ich will es 
Ihnen aber nicht mitteilen, sondern bestehe darauf, daß Sie es 
selbst erraten. 

Denken Sie nach! Sie haben alles Wesentliche von den Be- 
dingungen der Erkrankung sowie alle die Faktoren, die bei der 
erkrankten Person zur Geltung kommen, kennengelernt. Wo 
bleibt da ein Raum für eine therapeutische Einwirkung? Da ist 
zunächst die hereditäre Disposition; — wir kommen nicht oft 
auf sie zu sprechen, weil sie von anderer Seite energisch betont 
wird und wir nichts Neues zu ihr zu sagen haben. Aber glau- 
ben Sie nicht, daß wir sie unterschätzen; gerade als Therapeuten 
bekommen wir ihre Macht deutlich genug zu spüren. Jeden- 
falls können wir nichts an ihr ändern; sie bleibt auch für uns et- 
was Gegebenes, was unserer Bemühung Schranken setzt. Dann 
der Einfluß der frühen Kindererlebnisse, den wir in der Analyse 
voranzustellen gewohnt sind; sie gehören der Vergangenheit an, 
wir können sie nicht ungeschehen machen. Denn all das, was 
wir als die „reale Versagung" zusammengefaßt haben, als das 
Unglück des Lebens, aus dem die Entbehrung an Liebe hervor- 
geht, die Armut, der Familienzwist, das Ungeschick in der Ehe- 
wahl, die Ungunst der sozialen Verhältnisse und die Strenge 
der sittlichen Anforderungen, unter deren Druck eine Person 
steht. Da wären freilich Handhaben genug für eine sehr wirk- 
same Therapie, aber es müßte eine Therapie sein, wie sie nach 
der Wiener Volkssage Kaiser Josef geübt hat, das wohltätige 
Eingreifen eines Mächtigen, vor dessen Willen Menschen sich 
beugen und Schwierigkeiten verschwinden. Aber wer sind wir, 
daß wir solches Wohltun als Mittel in unsere Therapie aufneh- 
men könnten? Selbst arm und gesellschaftlich ohnmächtig, ge- 
nötigt von unserer ärztlichen Tätigkeit unseren Unterhalt zu be- 



XXVII) Die Übertragung 463 



streiten, sind wir nicht einmal in der Lage, unsere Bemühungen 
auch dem Mittellosen zuzuwenden, wie es doch andere Ärzte bei 
anderen Behandlungsmethoden können. Unsere Therapie ist 
dafür zu zeitraubend und zu langwierig. Aber vielleicht klam- 
mern Sie sich an eines der angeführten Momente und glauben 
dort den Angriffspunkt für unsere Beeinflussung gefunden zu 
haben. Wenn die sittliche Beschränkung, die von der Gesell- 
schaft gefordert wird, ihren Anteil an der dem Kranken aufer- 
legten Entbehrung hat, so kann ihm ja die Behandlung den Mut 
oder direkt die Anweisung geben, sich über diese Schranken hin- 
auszusetzen, sich Befriedigung und Genesung zu holen unter 
Verzicht auf die Erfüllung eines von der Gesellschaft hochgehal- 
tenen, doch so oft nicht eingehaltenen Ideals. Man wird also 
dadurch gesund, daß man sich sexuell „auslebt". Allerdings fällt 
dabei auf die analytische Behandlung der Schatten, daß sie nicht 
der allgemeinen Sittlichkeit dient. Was sie dem Einzelnen zu- 
wendet, hat sie der Allgemeinheit entzogen. 

Aber, meine Damen und Herren, wer hat Sie denn so falsch 
berichtet? Es ist nicht die Rede davon, daß der Rat, sich sexuell 
auszuleben, in der analytischen Therapie eine Rolle spielen 
könnte. Schon darum nicht, weil wir selbst verkündet haben, bei 
den Kranken bestehe ein hartnäckiger Konflikt zwischen der 
libidinösen Regung und der Sexualverdrängung, zwischen der 
sinnlichen und der asketischen Richtung. Dieser Konflikt wird 
dadurch nicht aufgehoben, daß man einer dieser Richtungen 
zum Sieg über die gegnerische verhilft. Wir sehen es ja, daß 
beim Nervösen die Askese die Oberhand behalten hat. Die 
Folge davon ist gerade, daß sich die unterdrückte Sexualstrebung 
in Symptomen Luft schafft. Wenn wir jetzt im Gegenteil der 
Sinnlichkeit den Sieg verschaffen würden, so müßte sich die 
beiseite geschobene Sexualverdrängung durch Symptome erset- 
zen. Keine der beiden Entscheidungen kann den inneren Kon- 
flikt beenden, jedesmal bliebe ein Anteil unbefriedigt. Es gibt 



464 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nur wenige Fälle in denen der Konflikt so labil ist, daß ein Mo- 
ment wie die Parteinahme des Arztes den Ausschlag geben kann, 
und diese Fälle bedürfen eigentlich keiner analytischen Behand- 
lung. Personen, bei welchen dem Arzt ein solcher Einfluß zu- 
fallen kann, hätten denselben Weg auch ohne den Arzt gefun- 
den. Sie wissen doch, wenn ein abstinenter junger Mann sich 
zum illegitimen Sexualverkehr entschließt oder eine unbefrie- 
digte Frau bei einem anderen Manne Entschädigung sucht, so 
haben sie in der Regel nicht auf die Erlaubnis eines Arztes oder 
gar des Analytikers gewartet. 

Man übersieht an dieser Sachlage gewöhnlich den einen we- 
sentlichen Punkt, daß der pathogene Konflikt der Neurotiker 
nicht mit einem normalen Kampf seelischer Regungen, die auf 
demselben psychologischen Boden stehen, zu verwechseln ist. 
Es ist ein Widerstreit zwischen Mächten, von denen die eine es 
zur Stufe des Vorbewußten und Bewußten gebracht hat, die 
andere auf der Stufe des Unbewußten zurückgehalten worden 
ist. Darum kann der Konflikt zu keinem Austrag gebracht wer- 
den; die Streitenden kommen so wenig zueinander wie in dem 
bekannten Beispiel der Eisbär und der Walfisch. Eine wirkliche 
Entscheidung kann erst fallen, wenn sich die beiden auf dem- 
selben Boden treffen. Ich denke, dies zu ermöglichen, ist die 
einzige Aufgabe der Therapie. 

Und überdies kann ich Ihnen versichern, daß Sie falsch berich- 
tet sind, wenn Sie annehmen, Rat und Leitung in den Angele- 
genheiten des Lebens sei ein integrierendes Stück der analyti- 
schen Beeinflussung. Im Gegenteil, wir lehnen eine solche Men- 
torrolle nach Möglichkeit ab, wollen nichts lieber erreichen, als 
daß der Kranke selbständig seine Entscheidungen treffe. In die- 
ser Absicht fordern wir auch, daß er alle lebenswichtigen Ent- 
schlüsse über Berufswahl, wirtschaftliche Unternehmungen, Ehe- 
schließung oder Trennung über die Dauer der Behandlung zu- 
rückstelle und erst nach Beendigung derselben zur Ausführung 



XXVII) Die Übertragung 465 

bringe. Gestehen Sie nur, das ist alles anders, als Sie es sich vor- 
gestellt haben. Nur bei gewissen sehr jugendlichen oder ganz 
hilf- und haltlosen Personen können wir die gewollte Beschrän- 
kung nicht durchsetzen. Bei ihnen müssen wir die Leistung des 
Arztes mit der des Erziehers kombinieren; wir sind uns dann 
unserer Verantwortung wohl bewußt und benehmen uns mit der 
notwendigen Vorsicht. 

Aus dem Eifer, mit dem ich mich gegen den Vorwurf vertei- 
dige, daß der Nervöse in der analytischen Kur zum Sichausleben 
angeleitet wird, dürfen Sie aber nicht den Schluß ziehen, daß 
wir zugunsten der gesellschaftlichen Sittsamkeit auf ihn wirken. 
Das liegt uns zum mindesten ebenso ferne. Wir sind zwar keine 
Reformer, sondern bloß Beobachter, aber wir können nicht um- 
hin, mit kritischen Augen zu beobachten, und haben es unmög- 
lich gefunden, für die konventionelle Sexualmoral Partei zu neh- 
men, die Art, wie die Gesellschaft die Probleme des Sexuallebens 
praktisch zu ordnen versucht, hoch einzuschätzen. Wir können 
es der Gesellschaft glatt vorrechnen, daß das, was sie ihre 
Sittlichkeit heißt, mehr Opfer kostet, als es wert ist, und 
daß ihr Verfahren weder auf Wahrhaftigkeit beruht, noch 
von Klugheit zeugt. Wir ersparen es unseren Patienten 
nicht, diese Kritik mitanzuhören, wir gewöhnen sie an 
vorurteilsfreie Erwägung der sexuellen Angelegenheiten wie 
aller anderen, und wenn sie, nach Vollendung ihrer Kur 
selbständig geworden, sich aus eigenem Ermessen zu irgend- 
einer mittleren Position zwischen dem vollen Ausleben und 
der unbedingten Askese entschließen, fühlen wir unser Ge- 
wissen durch keinen dieser Ausgänge belastet. Wir sagen uns, 
wer die Erziehung zur Wahrheit gegen sich selbst mit Erfolg 
durchgemacht hat, der ist gegen die Gefahr der Unsittlichkeit 
dauernd geschützt, mag sein Maßstab der Sittlichkeit auch von 
dem in der Gesellschaft gebräuchlichen irgendwie abweichen. 
Übrigens, hüten wir uns davor, die Bedeutung der Abstinenz- 

5° 



466 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

frage für die Beeinflussung der Neurosen zu überschätzen. Nur 
in einer Minderzahl kann der pathogenen Situation der Ver- 
sagung mit darauffolgender Libidostauung duich die Art von 
Sexualverkehr ein Ende gemacht werden, die mit geringer Mühe 
zu erreichen ist. 

Durch die Gestattung des sexuellen Auslebens können Sie also 
die therapeutische Wirkung der Psychoanalyse nicht erklären. 
Sehen Sie sich nach anderem um. Ich denke, während ich diese 
Ihre Mutmaßung abwies, hat eine Bemerkung von mir Sie auf 
die richtige Spur geführt. Es muß wohl die Ersetzung des Un- 
bewußten durch Bewußtes, die Übersetzung des Unbewußten in 
Bewußtes sein, wodurch wir nützen. Richtig, das ist es auch. 
Indem wir das Unbewußte zum Bewußten fortsetzen, heben wir 
die Verdrängungen auf, beseitigen wir die Bedingungen für 
die Symptombildung, verwandeln wir den pathogenen Konflikt 
in einen normalen, der irgendwie eine Entscheidung finden muß. 
Nichts anderes als diese eine psychische Veränderung rufen wir 
beim Kranken hervor: so weit diese reicht, so weit trägt unsere 
Hilfeleistung. Wo keine Verdrängung oder ein ihr analoger psy- 
chischer Vorgang rückgängig zu machen ist, da hat auch unsere 
Therapie nichts zu suchen. 

Wir können das Ziel unserer Bemühung in verschiedenen 
Formeln ausdrücken: Bewußtmachen des Unbewußten, Auf- 
hebung der Verdrängungen, Ausfüllung der amnestischen 
Lücken, das kommt alles auf das gleiche hinaus. Aber vielleicht 
weiden Sie von diesem Bekenntnis unbefriedigt sein. Sie haben 
sich unter dem Gesundwerden eines Nervösen etwas anderes 
vorgestellt, daß er ein anderer Mensch werde, nachdem er 
sich der mühseligen Arbeit einer Psychoanalyse unterzogen 
hat, und dann soll das ganze Ergebnis sein, daß er etwas 
weniger Unbewußtes und etwas mehr Bewußtes in sich 
hat als vorher. Nun, Sie unterschätzen wahrscheinlich 
die Bedeutung einer solchen inneren Veränderung. Der 









XXVII) Die Übertragung 467 



geheilte Nervöse ist wirklich ein anderer Mensch geworden, 
im Grunde ist er aber natürlich derselbe geblieben, das heißt er 
ist so geworden, wie er bestenfalls unter den günstigsten Be- 
dingungen hätte werden können. Aber das ist sehr viel. Wenn 
Sie dann hören, was man alles tun muß und welcher Anstren- 
gung es bedarf, um jene anscheinend geringfügige Veränderung 
in seinem Seelenleben durchzusetzen, wird Ihnen die Bedeutung 
eines solchen Unterschiedes im psychischen Niveau wohl glaub- 
haft erscheinen. 

Ich schweife für einen Augenblick ab, um zu fragen, ob Sie 
wissen, was man eine kausale Therapie nennt? So heißt man 
nämlich ein Verfahren, welches nicht die Krankheitserscheinun- 
gen zum Angriffspunkt nimmt, sondern sich die Beseitigung der 
Krankheitsursachen vorsetzt. Ist nun unsere psychoanalytische 
eine kausale Therapie oder nicht? Die Antwort ist nicht ein- 
fach, gibt aber vielleicht Gelegenheit, uns von dem Unwert einer 
solchen Fragestellung zu überzeugen. Insoferne die analytische 
Therapie sich nicht die Beseitigung der Symptome zur nächsten 
Aufgabe setzt, benimmt sie sich wie eine kausale. In anderer 
Hinsicht können Sie sagen, sie sei es nicht. Wir haben nämlich 
die Kausalverkettung längst über die Verdrängungen hinaus ver- 
folgt bis zu den Triebanlagen, deren relativen Intensitäten in 
der Konstitution und den Abweichungen ihres Entwicklungs- 
ganges. Nehmen Sie nun an, es wäre uns etwa auf chemischem 
Wege möglich, in dies Getriebe einzugreifen, die Quantität der 
jeweils vorhandenen Libido zu erhöhen oder herabzusetzen oder 
den einen Trieb auf Kosten eines anderen zu verstärken, so 
wäre dies eine im eigentlichen Sinne kausale Therapie, für 
welche unsere Analyse die unentbehrliche Vorarbeit der Re- 
kognoszierung geleistet hätte. Von solcher Beeinflussung der 
Libidovorgänge ist derzeit, wie Sie wissen, keine Rede; mit un- 
serer psychischen Therapie greifen wir an einer anderen Stelle 
des Zusammenhanges an, nicht gerade an den uns ersichtlichen 



468 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Wurzeln der Phänomene, aber doch weit genug weg von den 
Symptomen, an einer Stelle, die uns durch sehr merkwürdige 
Verhältnisse zugänglich geworden ist. 

Was müssen wir also tun, um das Unbewußte bei unserem 
Patienten durch Bewußtes zu ersetzen? Wir haben einmal ge- 
meint, das ginge ganz einfach, wir brauchten nur dies Unbe- 
wußte zu erraten und es ihm vorzusagen. Aber wir wissen schon, 
das war ein kurzsichtiger Irrtum. Unser Wissen um das Un- 
bewußte ist nicht gleichwertig mit seinem Wissen; wenn wir 
ihm unser Wissen mitteilen, so hat er es nicht an S t e 1 1 e seines 
Unbewußten, sondern neben demselben, und es ist sehr wenig 
geändert. Wir müssen uns vielmehr dieses Unbewußte to- 
pisch vorstellen, müssen es in seiner Erinnerung dort auf- 
suchen, wo es durch eine Verdrängung zustande gekommen ist. 
Diese Verdrängung ist zu beseitigen, dann kann sich der Er- 
satz des Unbewußten durch Bewußtes glatt vollziehen. Wie 
hebt man nun eine solche Verdrängung auf? Unsere Aufgabe 
tritt hier in eine zweite Phase. Zuerst das Aufsuchen der Ver- 
drängung, dann die Beseitigung des Widerstandes, welcher 
diese Verdrängung aufrecht hält. 

Wie schafft man den Widerstand weg? In der nämlichen 
Weise: indem man ihn errät und dem Patienten vorhält. Der 
Widerstand stammt ja auch aus einer Verdrängung, aus der 
nämlichen, die wir zu lösen suchen, oder aus einer früher vorge- 
fallenen. Er wird ja von der Gegenbesetzung hergestellt, die 
sich zur Verdrängung der anstößigen Regung erhob. Wir tun 
also jetzt dasselbe, was wir schon anfangs tun wollten, deuten, 
erraten und es mitteilen; aber wir tun es jetzt an der richtigen 
Stelle. Die Gegenbesetzung oder der Widerstand gehört nicht 
dem Unbewußten, sondern dem Ich an, welches unser Mitarbei- 
ter ist, und dies, selbst wenn sie nicht bewußt sein sollte. Wir 
wissen, es handelt sich hier um den Doppelsinn des Wortes 
„unbewußt", einerseits als Phänomen, anderseits als System. 









XXVII) Die Übertragung 469 



Das scheint sehr schwierig und dunkel; aber nicht wahr, es ist 
doch nur Wiederholung? Wir sind längst darauf vorbereitet. 

Wir erwarten, daß dieser Widerstand aufgegeben, die Gegen- 

besetzung eingezogen werden wird, wenn wir dem Ich die Er- 
kenntnis desselben durch unsere Deutung ermöglicht haben. 
Mit weichen Triebkräften arbeiten wir denn in einem solchen 
Falle? Erstens mit dem Streben des Patienten gesund zu werden, 
das ihn bewogen hat, sich in die gemeinschaftliche Arbeit mit 
uns zu fügen, und zweitens mit der Hilfe seiner Intelligenz, 
welche wir durch unsere Deutung unterstützen. Es ist kein 
Zweifel, daß die Intelligenz des Kranken es leichter hat, den 
Widerstand zu erkennen und die dem Verdrängten entspre- 
chende Übersetzung zu finden, wenn wir ihr die dazu passenden 
Erwartungsvorstellungen gegeben haben. Wenn ich Ihnen sage: 
schauen Sie auf den Himmel, da ist ein Luftballon zu sehen, so 
werden Sie ihn auch viel leichter finden, als wenn ich Sie bloß 
auffordere hinaufzuschauen, ob Sie irgend etwas entdecken. 
Auch der Student, der die ersten Male ins Mikroskop guckt, 
wird vom Lehrer unterrichtet, was er sehen soll, sonst sieht er 
es überhaupt nicht, obwohl es da und sichtbar ist. 

Und nun die Tatsache. Bei einer ganzen Anzahl von Formen 
nervöser Erkrankung, bei den Hysterien, Angstzuständen, 
Zwangsneurosen trifft unsere Voraussetzung zu. Durch solches 
Aufsuchen der Verdrängung, Aufdecken der Widerstände, An- 
deuten des Verdrängten gelingt es wirklich, die Aufgabe zu 
lösen, also die Widerstände zu überwinden, die Verdrängung 
aufzuheben und das Unbewußte in Bewußtes zu verwandeln. 
Dabei gewinnen wir den klarsten Eindruck davon, wie sich um 
die Überwindung eines jeden Widerstandes ein heftiger 
Kampf in der Seele des Patienten abspielt, ein normaler Seelen- 
kampf auf gleichem psychologischen Boden zwischen den Mo- 
tiven, welche die Gegenbesetzung aufrechthalten wollen, und 
denen, die bereit sind, sie aufzugeben. Die ersteren sind die 




470 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 



alten Motive, die seinerzeit die Verdrängung durchgesetzt 
haben; unter den letzteren befinden sich die neu hinzugekom- 
menen, die hoffentlich den Konflikt in unserem Sinne entschei- 
den werden. Es ist uns gelungen, den alten Verdrängungskon- 
flikt wieder aufzufrischen, den damals erledigten Prozeß zur 
Revision zu bringen. Als neues Material bringen wir erstens 
hinzu die Mahnung, daß die frühere Entscheidung zur Krank- 
heit geführt hat, und das Versprechen, daß eine andere den 
Weg zur Genesung bahnen wird, zweitens die großartige Ver- 
änderung aller Verhältnisse seit dem Zeitpunkt jener ersten 
Abweisung. Damals war das Ich schwächlich, infantil, und hatte 
vielleicht Grund, die Libidoforderung als Gefahr zu ächten. 
Heute ist es erstarkt und erfahren und hat überdies in dem Arzt 
einen Helfer zur Seite. So dürfen wir erwarten, den aufge- 
frischten Konflikt zu einem besseren Ausgang als dem in Ver- 
drängung zu leiten, und wie gesagt, bei den Hysterien, Angst- 
und Zwangsneurosen gibt der Erfolg uns prinzipiell recht. 

Nun gibt es aber andere Krankheitsformen, bei denen trotz 
der Gleichheit der Verhältnisse unser therapeutisches Vorgehen 
niemals Erfolg bringt. Es hat sich auch bei ihnen um einen ur- 
sprünglichen Konflikt zwischen dem Ich und der Libido ge- 
handelt, der zur Verdrängung geführt hat, — mag diese auch 
topisch anders zu charakterisieren sein, — es ist auch hier mög- 
lich, die Stellen aufzuspüren, an denen im Leben des Kranken 
die Verdrängungen vorgefallen sind, wir wenden das nämliche 
Verfahren an, sind zu denselben Versprechungen bereit, leisten 
dieselbe Hilfe durch Mitteilung von Erwartungsvorstellungen, 
und wiederum läuft die Zeitdifferenz zwischen der Gegenwart 
und jenen Veränderungen zugunsten eines anderen Ausganges 
des Konflikts. Und doch gelingt es uns nicht, einen Wider- 
stand aufzuheben oder eine Verdrängung zu beseitigen. Diese 
Patienten, Paranoiker, Melanchoüker, mit Dementia praecox 
Behaftete, bleiben im ganzen ungerührt und gegen die psycho- 



I 



XXVII) Die Übertragung 471 



analytische Therapie gefeit. Woher kann das kommen? Nicht 
von dem Mangel an Intelligenz; ein gewisses Maß von intellek- 
tueller Leistungsfähigkeit wird bei unseren Patienten natürlich 
erforderlich sein, aber daran fehlt es z. B. den so scharfsinnig 
kombinierenden Paranoikern sicherlich nicht. Auch von den 
anderen Triebkräften können wir keine vermissen. Die Melan- 
choliker z. B. haben das Bewußtsein, krank zu sein und darum 
so schwer zu leiden, das den Paranoikern abgeht, in sehr hohem 
Maße, aber sie sind darum nicht zugänglicher. Wir stehen hier 
vor einer Tatsache, die wir nicht verstehen, und die uns darum 
auch zweifeln heißt, ob wir den möglichen Erfolg bei den an- 
deren Neurosen wirklich in all seinen Bedingungen verstan- 
den haben. 

Bleiben wir bei der Beschäftigung mit unseren Hysterikern 
und Zwangsneurotikern, so tritt uns alsbald eine zweite Tat- 
sache entgegen, auf die wir in keiner Weise vorbereitet waren. 
Nach einer Weile müssen wir nämlich bemerken, daß diese 
Kranken sich gegen uns in ganz besonderer Art benehmen. Wir 
glaubten ja, uns von allen bei der Kur in Betracht kommenden 
Triebkräften Rechenschaft gegeben zu haben, die Situation zwi- 
schen uns und dem Patienten voll rationalisiert zu haben, so daß 
sie sich übersehen läßt wie ein Rechenexempel, und dann scheint 
sich doch etwas einzuschleichen, was in dieser Rechnung nicht 
in Anschlag gebracht worden ist. Dieses unerwartete Neue ist 
selber vielgestaltig, ich werde zunächst die häufigere und leich- 
ter verständliche seiner Erscheinungsformen beschreiben. 

Wir bemerken also, daß der Patient, der nichts anderes 
suchen soll als einen Ausweg aus seinen Leidenskonflikten, ein 
besonderes Interesse für die Person des Arztes entwickelt. Alles, 
was mit dieser Person zusammenhängt, scheint ihm bedeutungs- 
voller zu sein als seine eigenen Angelegenheiten und ihn von 
seinem Kranksein abzulenken. Der Verkehr mit ihm gestaltet 
sich demnach für eine Weile sehr angenehm; er ist besonders 









472 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

verbindlich, sucht sich, wo er kann, dankbar zu erweisen, zeigt 
Feinheiten und Vorzüge seines Wesens, die wir vielleicht nicht 
bei ihm gesucht hätten. Der Arzt faßt dann auch eine günstige 
Meinung vom Patienten und preist den Zufall, der ihm gestattet 
hat, gerade einer besonders wertvollen Persönlichkeit Hilfe zu 
leisten. Hat der Arzt Gelegenheit, mit Angehörigen des Pa- 
tienten zu sprechen, so hört er mit Vergnügen, daß dies Ge- 
fallen gegenseitig ist. Der Patient wird zu Hause nicht müde, 
den Arzt zu loben, immer neue Vorzüge an ihm zu rühmen. „Er 
schwärmt für Sie, er vertraut Ihnen blind; alles, was Sie sagen, ist 
für ihn wie eine Offenbarung", erzählen die Angehörigen. Hie 
und da sieht einer aus diesem Chorus schärfer und äußert: Es 
wird schon langweilig, wie er von nichts anderem spricht als 
von Ihnen und immer nur Sie im Munde führt. 

Wir wollen hoffen, daß der Arzt bescheiden genug ist, diese 
Schätzung seiner Persönlichkeit durch den Patienten auf die 
Hoffnungen zurückzuführen, die er ihm machen kann, und auf 
die Erweiterung seines intellektuellen Horizonts durch die 
überraschenden und befreienden Eröffnungen, die die Kur mit 
sich bringt. Die Analyse macht unter diesen Bedingungen auch 
prächtige Fortschritte, der Patient versteht, was man "ihm an- 
deutet, vertieft sich in die Aufgaben, die ihm von der Kur ge- 
stellt werden, das Material von Erinnerungen und Einfällen 
strömt ihm reichlich zu, er überrascht den Arzt durch die 
Sicherheit und Triftigkeit seiner Deutungen, und dieser kann 
nur mit Genugtuung feststellen, wie bereitwillig ein Kranker 
alle die psychologischen Neuheiten aufnimmt, die bei den Ge- 
sunden in der Welt draußen den erbittertsten Widerspruch zu 
erregen pflegen. Dem guten Einvernehmen während der ana- 
lytischen Arbeit entspricht auch eine objektive, von allen Sei- 
ten anerkannte Besserung des Krankheitszustandes. 

So schönes Wetter kann es aber nicht immer geben. Eines 
Tages trübt es sich. Es stellen sich Schwierigkeiten in der Be- 






XXVII) Die Übertragung 473 

handlung ein; der Patient behauptet, es falle ihm nichts mehr 
ein. Man hat den deutlichsten Eindruck, daß sein Interesse nicht 
mehr bei der Arbeit ist, und daß er sich leichten Sinnes über die 
ihm gegebene Vorschrift hinaussetzt, alles zu sagen, was ihm 
durch den Sinn fährt, und keiner kritischen Abhalcung da- 
gegen nachzugeben. Er benimmt sich wie außerhalb der Kur, so 
als ob er jenen Vertrag mit dem Arzt nicht abgeschlossen hätte; 
er ist offenbar von etwas eingenommen, was er aber für sich be- 
halten will. Das ist eine für die Behandlung gefährliche Situa- 
tion. Man steht unverkennbar vor einem gewaltigen Wider- 
stand. Aber was ist da vorgefallen? 

Wenn man imstande ist, die Situation wieder zu klären, so 
erkennt man als die Ursache der Störung, daß der Patient inten- 
sive zärtliche Gefühle auf den Arzt übertragen hat, zu denen ihn 
weder das Benehmen des Arztes noch die in der Kur entstandene 
Beziehung berechtigt. In welcher Form sich diese Zärtlichkeit 
äußert und welche Ziele sie anstrebt, das hängt natürlich von 
den persönlichen Verhältnissen der beiden Beteiligten ab. Han- 
delt es sich um ein junges Mädchen und einen jüngeren Mann, 
so werden wir den Eindruck einer normalen Verliebtheit be- 
kommen, werden es begreiflich finden, daß sich ein Mädchen 
in einen Mann verliebt, mit dem es viel allein sein und Intimes 
besprechen kann, der ihm in der vorteilhaften Position des über- 
legenen Helfers entgegentritt, und werden darüber wahrschein- 
lich übersehen, daß bei dem neurotischen Mädchen eher eine 
Störung der Liebesfähigkeit zu erwarten wäre. Je weiter sich 
dann die persönlichen Verhältnisse von Arzt und Patient von 
diesem angenommenen Fall entfernen, desto mehr wird es uns 
befremden, wenn wir trotzdem immer wieder dieselbe Gefühls- 
beziehung hergestellt finden. Es mag noch angehen, wenn die 
junge, in der Ehe unglückliche Frau von einer ernsten Leiden- 
schaft für ihren selbst noch freien Arzt erfaßt scheint, wenn sie 
bereit ist, die Scheidung ihrer Ehe anzustreben, um ihm anzuge- 



. 



474 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



hören, oder im Falle sozialer Hemmnisse selbst kein Beden- 
ken äußert, ein heimliches Liebesverhältnis mit ihm einzugehen. 
Dergleichen kommt ja auch sonst außerhalb der Psychoanalvse 
vor. Man hört nun aber unter diesen Umständen mit Erstaunen 
Äußerungen von Seiten der Frauen und Mädchen, welche eine 
ganz bestimmte Stellungnahme zum therapeutischen Problem 
bekunden: sie hätten immer gewußt, daß sie nur durch die Liebe 
gesund werden können, und von Beginn der Behandlung an er- 
wartet, daß ihnen durch diesen Verkehr endlich geschenkt 
werde, was ihnen das Leben bisher vorenthalten. Nur dieser 
Hoffnung wegen hätten sie sich so viel Mühe in der Kur ge- 
geben und alle Schwierigkeiten der Mitteilung überwunden. 
Wir werden für uns hinzusetzen: und alles, was sonst zu glau- 
ben schwer fällt, so leicht verstanden. Aber ein solches Ge- 
ständnis überrascht uns; es wirft unsere Berechnungen über den 
Haufen. Könnte es sein, daß wir den wichtigsten Posten aus 
unserem Ansatz weggelassen haben? 

Und wirklich, je weiter wir in der Erfahrung kommen, desto 
weniger können wir dieser für unsere Wissenschaftlichkeit be- 
schämenden Korrektur widerstreben. Die ersten Male konnte 
man etwa glauben, die analytische Kur sei auf eine Störung 
durch ein zufälliges, d. h. nicht in ihrer Absicht liegendes und 
von ihr nicht hervorgerufenes Ereignis gestoßen. Aber wenn 
sich eine solche zärtliche Bindung des Patienten an den Arzt 
regelmäßig bei jedem neuen Falle wiederholt, wenn sie unter 
den ungünstigsten Bedingungen, bei geradezu grotesken Miß- 
verhältnissen immer wieder zum Vorschein kommt, auch bei der 
gealterten Frau, auch gegen den graubärtigen Mann, auch dort, 
wo nach unserem Urteil keinerlei Verlockungen bestehen, dann 
müssen wir doch die Idee eines störenden Zufalles aufgeben und 
erkennen, daß es sich um ein Phänomen handelt, welches mit 
dem Wesen des Krankseins selbst im Innersten zusammenhängt. 

Die neue Tatsache, welche wir also widerstrebend anerken- 



XXVII) Die Übertragung 475 



nen, heißen wir die Übertragung. Wir meinen eine 
Übertragung von Gefühlen auf die Person des Arztes, weil wir 
nicht glauben, daß die Situation der Kur eine Entstehung solcher 
Gefühle rechtfertigen könne. Vielmehr vermuten wir, daß die 
ganze Gefühlsbereitschaft anderswoher stammt, in der Kranken 
vorbereitet war und bei der Gelegenheit der analytischen Behand- 
lung auf die Person des Arztes übertragen wird. Die Übertragung 
kann als stürmische Liebesforderung auftreten oder in gemäßig- 
teren Formen; an Stelle des Wunsches, Geliebte zu sein, kann 
zwischen dem jungen Mädchen und dem alten Mann der Wunsch 
auftauchen, als bevorzugte Tochter angenommen zu werden, das 
libidinöse Streben kann sich zum Vorschlag einer unzertrenn- 
lichen, aber ideal unsinnlichen Freundschaft mildern. Manche 
Frauen verstehen es, die Übertragung zu sublimieren und an ihr 
zu modeln, bis sie eine Art von Existenzfähigkeit gewinnt; andere 
müssen sie in ihrer rohen, ursprünglichen, zumeist unmöglichen 
Gestalt äußern. Aber es ist im Grunde immer das gleiche und 
läßt die Herkunft aus derselben Quelle nie verkennen. 

Ehe wir uns fragen, wo wir die neue Tatsache der Übertragung 
unterbringen wollen, wollen wir ihre Beschreibung vervollstän- 
digen. Wie ist es denn bei männlichen Patienten? Da dürfte man 
doch hoffen, der lästigen Einmengung der Geschlechtsverschie- 
denheit und Geschlechtsanziehung zu entgehen. Nun, nicht 
viel anders als bei weiblichen, muß die Antwort lauten. Dieselbe 
Bindung an den Arzt, dieselbe Überschätzung seiner Eigenschaf- 
ten, das nämliche Aufgehen in dessen Interessen, die gleiche 
Eifersucht gegen alle, die ihm im Leben nahestehen. Die su- 
blimierten Formen der Übertragung sind zwischen Mann und 
Mann in dem Maße häufiger und die direkte Sexualforderung 
seltener, in welchem die manifeste Homosexualität gegen die 
anderen Verwendungen dieser Triebkomponente zurücktritt. 
Bei seinen männlichen Patienten beobachtet der Arzt auch häu- 
figer als bei Frauen eine Erscheinungsform der Übertragung, 



476 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

welche auf den ersten Blick allem bisher Beschriebenen zu wider- 
sprechen scheint, die feindselige oder negative Übertragung. 

Machen wir uns zunächst klar, daß die Übertragung sich vom 
Anfang der Behandlung an beim Patienten ergibt und eine 
Weile die stärkste Triebfeder der Arbeit darstellt. Man ver- 
spürt nichts von ihr und braucht sich auch nicht um sie zu 
bekümmern, solange sie zugunsten der gemeinsam betriebe- 
nen Analyse wirkt. Wandelt sie sich dann zum Widerstand, so 
muß man ihr Aufmerksamkeit zuwenden und erkennt, daß sie 
unter zwei verschiedenen und entgegengesetzten Bedingungen 
ihr Verhältnis zur Kur geändert hat, erstens wenn sie als zärt- 
liche Neigung so stark geworden ist, so deutlich die Zeichen 
ihrer Herkunft aus dem Sexualbedürfnis verraten hat, daß sie ein 
inneres Widerstreben gegen sich wachrufen muß, und zweitens, 
wenn sie aus feindseligen anstatt aus zärtlichen Regungen be- 
steht. Die feindseligen Gefühle kommen in der Regel später als 
die zärtlichen und hinter ihnen zum Vorschein; in ihrem gleich- 
zeitigen Bestand ergeben sie eine gute Spiegelung der Gefühls- 
ambivalenz, welche in den meisten unserer intimen Beziehungen 
zu anderen Menschen herrscht. Die feindlichen Gefühle bedeu- 
ten ebenso eine Gefühlsbindung wie die zärtlichen, ebenso wie 
der Trotz dieselbe Abhängigkeit bedeutet wie der Gehorsam, 
wenn auch mit entgegengesetztem Vorzeichen. Daß die feind- 
lichen Gefühle gegen den Arzt den Namen einer „Übertragung" 
verdienen, kann uns nicht zweifelhaft sein, denn zu ihrer Ent- 
stehung gibt die Situation der Kur gewiß keinen zureichenden 
Anlaß; die notwendige Auffassung der negativen Übertragung 
versichert uns so, daß wir in der Beurteilung der positiven oder 
zärtlichen nicht irregegangen sind. 

Woher die Übertragung stammt, welche Schwierigkeiten sie 
uns bereitet, wie wir sie überwinden, und welchen Nutzen wir 
schließlich aus ihr ziehen, das ist ausführlich in einer technischen 
Unterweisung zur Analyse zu behandeln und soll heute von mir 



XXVII) Die Übertragung 477 

nur gestreift werden. Es ist ausgeschlossen, daß wir den aus der 
Übertragung folgenden Forderungen des Patienten nachgeben, 
es wäre widersinnig, sie unfreundlich oder gar entrüstet abzu- 
weisen; wir überwinden die Übertragung, indem wir dem Kran- 
ken nachweisen, daß seine Gefühle nicht aus der gegenwärtigen 
Situation stammen und nicht der Person des Arztes gelten, son- 
dern daß sie wiederholen, was bei ihm bereits früher einmal 
vorgefallen ist. Auf solche Weise nötigen wir ihn, seine Wie- 
derholung in Erinnerung zu verwandeln. Dann wird die Über- 
tragung, die, ob zärtlich oder feindselig, in jedem Falle die 
stärkste Bedrohung der Kur zu bedeuten schien, zum besten 
Werkzeug derselben, mit dessen Hilfe sich die verschlossensten 
Fächer des Seelenlebens eröffnen lassen. Ich möchte Ihnen aber 
einige Worte sagen, um Sie von dem Befremden über das Auf- 
treten dieses unerwarteten Phänomens zu befreien. Wir wollen 
doch nicht vergessen, daß die Krankheit des Patienten, den wir 
zur Analyse übernehmen, nichts Abgeschlossenes, Erstarrtes ist, 
sondern weiterwächst und ihre Entwicklung fortsetzt wie ein 
lebendes Wesen. Der Beginn der Behandlung macht dieser Ent- 
wicklung kein Ende, aber wenn die Kur sich erst des Kranken 
bemächtigt hat, dann ergibt es sich, daß die gesamte Nsupro- 
duktion der Krankheit sich auf eine einzige Stelle wirft, näm- 
lich auf das Verhältnis zum Arzt. Die Übertragung wird so der 
Cambiumschicht zwischen Holz und Rinde eines Baumes ver- 
gleichbar, von welcher Gewebsneubildung und Dickenwachs- 
tum des Stammes ausgehen. Hat sich die Übertragung erst zu 
dieser Bedeutung aufgeschwungen, so tritt die Arbeit an den 
Erinnerungen des Kranken weit zurück. Es ist dann nicht un- 
richtig, zu sagen, daß man es nicht mehr mit der früheren 
Krankheit des Patienten zu tun hat, sondern mit einer neuge- 
schaffenen und umgeschaffenen Neurose, welche die erstere er- 
setzt. Diese Neuauflage der alten Affektion hat man von An- 
fang an verfolgt, man hat sie entstehen und wachsen gesehen 



478 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

und findet sich in ihr besonders gut zurecht, weil man selbst 
als Objekt in ihrem Mittelpunkt steht. Alle Symptome des Kran- 
ken haben ihre ursprüngliche Bedeutung aufgegeben und sich 
auf einen neuen Sinn eingerichtet, der in einer Beziehung zur 
Übertragung besteht. Oder es sind nur solche Symptome beste- 
hen geblieben, denen eine solche Umarbeitung gelingen konnte. 
Die Bewältigung dieser neuen künstlichen Neurose fällt aber 
zusammen mit der Erledigung der in die Kur mitgebrachten 
Krankheit, mit der Lösung unserer therapeutischen Aufgabe. Der 
Mensch, der im Verhältnis zum Arzt normal und frei von der 
Wirkung verdrängter Triebregungeu geworden ist, bleibt auch 
so in seinem Eigenleben, wenn der Arzt sich wieder ausgeschal- 
tet hat. 

Diese außerordentliche, für die Kur geradezu zentrale Be- 
deutung hat die Übertragung bei den Hysterien, Angsthysterien 
und Zwangsneurosen, die darum mit Recht als „Übertra- 
gungsneurosen" zusammengefaßt werden. Wer sich aus 
der analytischen Arbeit den vollen Eindruck von der Tatsache 
der Übertragung geholt hat, der kann nicht mehr bezweifeln, von 
welcher Art die unterdrückten Regungen sind, die sich in den 
Symptomen dieser Neurosen Ausdruck verschaffen, und verlangt 
nach keinem kräftigeren Beweis für deren libidinöse Natur. Wir 
dürfen sagen, unsere Überzeugung von der Bedeutung der Sym- 
ptome als libidinöse Ersatzbefriedigungen ist erst durch die Ein- 
reihung der Übertragung endgültig gefestigt worden. 

Nun haben wir allen Grund, unsere frühere dynamische Auf- 
fassung des Heilungsvorganges zu verbessern und sie mit der 
neuen Einsicht in Einklang zu bringen. Wenn der Kranke den 
Normalkonflikt mit den Widerständen durchzukämpfen hat, 
die wir ihm in der Analyse aufgedeckt haben, so bedarf er eines 
mächtigen Antriebes, der die Entscheidung in dem von uns ge- 
wünschten, zur Genesung führenden Sinne beeinflußt. Sonst 
könnte es geschehen, daß er sich für die Wiederholung des frü- 



XXVII) Die Übertragung 479 

heren Ausganges entscheidet und das ins Bewußtsein Gehobene 
wieder in die Verdrängung gleiten läßt. Den Ausschlag in die- 
sem Kampfe gibt dann nicht seine intellektuelle Einsicht, — die 
ist weder stark noch frei genug für solche Leistung, — sondern 
einzig sein Verhältnis zum Arzt. Soweit seine Übertragung von 
positivem Vorzeichen ist, bekleidet sie den Arzt mit Autorität, 
setzt sie sich in Glauben an seine Mitteilungen und Auffassun- 
gen um. Ohne solche Übertragung, oder wenn sie negativ ist, 
würde er den Arzt und dessen Argumente nicht einmal zu Gehör 
kommen lassen. Der Glaube wiederholt dabei seine eigene Ent- 
stehungsgeschichte; er ist ein Abkömmling der Liebe und hat 
zuerst der Argumente nicht bedurft. Erst später hat er ihnen so- 
viel eingeräumt, daß er sie in prüfende Betrachtung zieht, wenn 
sie von einer ihm lieben Person vorgebradit werden. Argu- 
mente ohne solche Stütze haben nicht gegolten, gelten bei den 
meisten Menschen niemals im Leben etwas. Der Mensch ist 
also im allgemeinen auch von der intellektuellen Seite her nur 
insoweit zugänglich, als er der libidinösen Objektbesetzung fähig 
ist, und wir haben genug Grund, in dem Ausmaß seines Nar- 
zißmus eine Schranke für seine Beeinflußbarkeit auch für die 
beste analytische Technik zu erkennen und zu fürchten. 

Die Fähigkeit, libidinöse Objektbesetzungen auch auf Perso- 
nen zu richten, muß ja allen normalen Menschen zugesprochen 
werden. Die Übertragungsneigung der genannten Neurotiker 
ist nur eine außerordentliche Steigerung dieser allgemeinen 
Eigenschaft. Nun wäre es doch sehr sonderbar, wenn ein mensch- 
licher Charakterzug von solcher Verbreitung und Bedeutung nie 
bemerkt und nie verwertet worden wäre. Das ist auch wirklich 
geschehen. B e r n h e i m hat die Lehre von den hypnotischen 
Erscheinungen mit unbeirrtem Scharfblick auf den Satz begrün- 
det, daß alle Menschen irgendwie suggerierbar, „suggestibel" 
sind. Seine Suggestibilität ist nichts anderes als die Neigung zur 
Übertragung, etwas zu enge gefaßt, so daß die negative Über- 






480 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

tragung keinen Raum darin fand. Aber B e r n h e i m konnte 
nie sagen, was die Suggestion eigentlich ist und wie sie zustande 
kommt. Sie war für ihn eine Grundtatsache, für deren Herkunft 
er keinen Nachweis geben konnte. Er hat die Abhängigkeit der 
suggesUbilite von der Sexualität, von der Betätigung der Li- 
bido nicht erkannt. Und wir müssen gewahr werden, daß wir 
in unserer Technik die Hypnose nur aufgegeben haben, um die 
Suggestion in der Gestalt der Übertragung wiederzuentdecken. 
Jetzt halte ich aber ein und lasse Ihnen das Wort. Ich merke, 
eine Einwendung schwillt bei Ihnen so mächtig an, daß sie Ihnen 
die Fähigkeit rauben würde zuzuhören, würde man sie nicht zu 
Worte kommen lassen: „Also Sie haben endlich zugestanden, 
daß Sie mit der Hilfskraft der Suggestion arbeiten wie die Hyp- 
notiker. Das haben wir uns ja schon lange gedacht. Aber dann, 
wozu der Umweg über die Erinnerungen der Vergangenheit, die 
Aufdeckung des Unbewußten, die Deutung und Rücküberset- 
zung der Entstellungen, der ungeheure Aufwand an Mühe, Zeit 
und Geld, wenn das einzig Wirksame doch nur die Suggestion 
ist? Warum suggerieren Sie nicht direkt gegen die Symptome, 
wie es die anderen tun, die ehrlichen Hypnotiseure? Und ferner, 
wenn Sie sich entschuldigen wollen, auf dem Umwege, den Sie 
gehen, haben Sie zahlreiche bedeutsame psychologische Funde 
gemacht, die sich bei der direkten Suggestion verbergen: wer 
steht denn jetzt für die Sicherheit dieser Funde ein? Sind die 
nicht auch ein Ergebnis der Suggestion, der unbeabsichtigten 
nämlich; können Sie denn nicht dem Kranken auch auf diesem 
Gebiete aufdrängen, was Sie wollen und was Ihnen richtig 
scheint?" 

Was Sie mir da einwerfen, ist ungemein interessant und muß 
beantwortet werden. Aber heute kann ich's nicht mehr, es fehlt 
uns die Zeit. Auf nächstes Mal also. Sie werden sehen, ich stehe 
Ihnen Rede. Für heute muß ich noch das Begonnene zu Ende 
bringen. Ich habe versprochen, Ihnen mit Flilfe der Tatsache 



, 



XXVII) Die Übertragung 481 

der Übertragung verständlich zu machen, warum unsere thera- 
peutische Bemühung bei den narzißtischen Neurosen keinen Er- 
folg hat. 

Ich kann es mit wenigen Worten tun, und Sie werden sehen, 
wie einfach sich das Rätsel löst, und wie gut alles zusammen- 
stimmt. Die Beobachtung läßt erkennen, daß die an narzißti- 
schen Neurosen Erkrankten keine Übertragungsfähigkeit haben 
oder nur ungenügende Reste davon. Sie lehnen den Arzt ab, 
nicht in Feindseligkeit, sondern in Gleichgültigkeit. Darum sind 
sie auch nicht durch ihn zu beeinflussen; was er sagt, läßt sie 
kalt, macht ihnen keinen Eindruck, darum kann sich der Hei- 
lungsmechanismus, den wir bei den anderen durchsetzen, die Er- 
neuerung des pathogenen Konfliktes und die Überwindung des 
Verdrängungswiderstandes bei ihnen nicht herstellen. Sie blei- 
ben, wie sie sind. Sie haben häufig bereits Herstellungsversuche 
auf eigene Faust unternommen, die zu pathologischen Ergebnis- 
sen geführt haben; wir können nichts daran ändern. 

Auf Grund unserer klinischen Eindrücke von diesen Kranken 
hatten wir behauptet, bei ihnen müsse die Objektbesetzung auf- 
gegeben und die Objektlibido in Ichlibido umgesetzt worden 
sein. Durch diesen Charakter hatten wir sie von der ersten 
Gruppe von Neurotikern (Hysterie, Angst- und Zwangsneurose) 
geschieden. Ihr Verhalten beim therapeutischen Versuch bestä- 
tigt nun diese Vermutung. Sie zeigen keine Übertragung und 
darum sind sie auch für unsere Bemühungen unzugänglich, durch 
uns nicht heilbar. 



3 1 



482 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

XXVm. VORLESUNG 

DIE ANALYTISCHE THERAPIE 

Meine Damen und Herren! Sie wissen, worüber wir heute 
sprechen werden. Sie haben mich gefragt, warum wir uns in 
der psychoanalytischen Therapie nicht der direkten Suggestion 
bedienen, wenn wir zugeben, daß unser Einfluß wesentlich auf 
Übertragung, d. i. auf Suggestion, beruht, und haben daran 
den Zweifel geknüpft, ob wir bei einer solchen Vorherrschaft der 
Suggestion noch für die Objektivität unserer psychologischen 
Funde einstehen können. Ich habe versprochen, Ihnen ausfuhr- 
liehe Antwort zu geben. 

Direkte Suggestion, das ist Suggestion gegen die Äußerung 
der Symptome gerichtet, Kampf zwischen Ihrer Autorität und 
den Motiven des Krankseins. Sie kümmern sich dabei um diese 
Motive nicht, fordern vom Kranken nur, daß er deren Äußerung 
in Symptomen unterdrücke. Es macht dann keinen prinzipiellen 
Unterschied, ob Sie den Kranken in Hypnose versetzen oder 
nicht. B e r n h e i m hat wiederum mit der ihn auszeichnenden 
Schärfe behauptet, daß die Suggestion das Wesentliche an den 
Erscheinungen des Hypnotismus sei, die Hypnose aber selbst 
schon ein Erfolg der Suggestion, ein suggerierter Zustand, und 
er hat mit Vorliebe die Suggestion im Wachen geübt, die das- 
selbe leisten kann wie die Suggestion in der Hypnose. 

Was wollen Sie nun in dieser Frage zuerst anhören, die Aus- 
sagung der Erfahrung oder theoretische Überlegungen? 

Beginnen wir mit der ersteren. Ich war Schüler von Bern- 
heim, den ich 1889 in Nancy aufgesucht und dessen Buch über 
die Suggestion ich ins Deutsche übersetzt habe. Ich habe Jahre 
hindurch die hypnotische Behandlung ausgeübt, zunächst mit 
Verbotsuggestion und später mit der Breuer sehen Ausfor- 
schung des Patienten kombiniert. Ich darf also über die Erfolge 



XXVUl) Die analytische Therapie 483 

der hypnotischen oder suggestiven Therapie aus guter Erfahrung 
sprechen. Wenn nach einem alten Ärztewort eine ideale Therapie 
rasch, verläßlich und für den Kranken nicht unangnehm sein 
soll, so erfüllte die B e r n h e i m sehe Methode allerdings zwei 
dieser Anforderungen. Sie ließ sich viel rascher, das heißt un- 
sagbar rascher, durchführen als die analytische, und sie brachte 
dem Kranken weder Mühen noch Beschwerden. Für den Arzt 
wurde es auf die Dauer — monoton; bei jedem Fall in gleicher 
Weise, mit dem nämlichen Zeremoniell den verschiedenartigsten 
Symptomen die Existenz zu verbieten, ohne von deren Sinn und 
Bedeutung etwas erfassen zu können. Es war eine Handlanger- 
arbeit, keine wissenshaftliche Tätigkeit und erinnerte an Magie, 
Beschwörung und Hokuspokus; aber das kam ja gegen das In- 
teresse des Kranken nicht in Betracht. Am dritten fehlte es; ver- 
läßlich war das Verfahren nach keiner Richtung. Bei dem einen 
ließ es sich anwenden, bei dem anderen nicht; bei einem gelang 
vieles, beim andern sehr wenig, man wußte nie warum. Ärger 
als diese Launenhaftigkeit des Verfahrens war der Mangel an 
Dauer der Erfolge. Nach einiger Zeit war, wenn man von den 
Kranken wieder hörte, das alte Leiden wieder da, oder es hatte 
sich durch ein neues ersetzt. Man konnte von neuem hypnoti- 
sieren. Im Hintergrunde stand die von erfahrener Seite ausge- 
sprochene Mahnung, den Kranken nicht durch häufige Wieder- 
holung der Hypnose um seine Selbständigkeit zu bringen und 
ihn an diese Therapie zu gewöhnen wie an ein Narkotikum. Zu- 
gegeben, manchmal gelang es auch ganz nach Wunsch; nach we- 
nigen Bemühungen hatte man vollen und dauernden Erfolg. 
Aber die Bedingungen eines so günstigen Ausganges blieben 
unbekannt. Einmal geschah es mir, daß ein schwerer Zustand, 
den ich durch kurze hypnotische Behandlung gänzlich beseitigt 
hatte, unverändert wiederkehrte, nachdem mir die Kranke ohne 
mein Dazutun gram geworden war, daß ich ihn nach der Ver- 
söhnung von neuem und weit gründlicher zum Verschwinden 



484 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 

brachte, und daß er doch wiederkam, nachdem sie sich mir ein 
zweites Mal entfremdet hatte. Ein andermal erlebte ich, daß 
eine Kranke, der ich wiederholt von nervösen Zuständen durch 
Hypnose geholfen hatte, mir während der Behandlung eines 
besonders hartnäckigen Zufalles plötzlich die Arme um den Hals 
schlang. Das nötigte einen doch, sich mit der Frage nach Natur 
und Herkunft seiner suggestiven Autorität, ob man wollte oder 
nicht, zu beschäftigen. 

Soweit die Erfahrungen. Sie zeigen uns, daß wir mit dem 
Verzicht auf die direkte Suggestion nichts Unersetzliches auf- 
gegeben haben. Nun lassen Sie uns einige Erwägungen daran 
knüpfen. Die Ausübung der hypnotischen Therapie legt dem 
Patienten wie dem Arzt nur eine sehr geringfügige Arbeitslei- 
stung auf. Diese Therapie ist in schönster Übereinstimmung mit 
einer Einschätzung der Neurosen, zu der sich noch die Mehrzahl 
der Ärzte bekennt. Der Arzt sagt dem Nervösen: Es fehlt Ihnen 
ja nichts, es ist nur nervös, und darum kann ich auch Ihre Be- 
schwerden mit einigen Worten in wenigen Minuten wegblasen. 
Es widerstrebt aber unserem energetischen Denken, daß man 
durch eine winzige Kraftanstrengung eine große Last sollte be- 
wegen können, wenn man sie direkt und ohne fremde Hilfe ge- 
eigneter Vorrichtungen angreift. Soweit die Verhältnisse ver- 
gleichbar sind, lehrt auch die Erfahrung, daß dieses Kunststück 
bei den Neurosen nicht gelingt. Ich weiß aber, dieses Argument 
ist nicht unangreifbar; es gibt auch „Auslösungen". 

Im Lichte der Erkenntnis, welche wir aus der Psychoanalyse 
gewonnen haben, können wir den Unterschied zwischen der 
hypnotischen und der psychoanalytischen Suggestion in folgen- 
der An beschreiben: Die hypnotische Therapie sucht etwas im 
Seelenleben zu verdecken und zu übertünchen, die analytische 
etwas freizulegen und zu entfernen. Die erstere arbeitet wie eine 
Kosmetik, die letztere wie eine Chirurgie. Die erstere benützt 
die Suggestion, um die Symptome zu verbieten, sie verstärkt die 



XXVIII) Die analytische Therapie 485 

Verdrängungen, läßt aber sonst alle Vorgänge, die 2ur Symptom- 
bildung geführt haben, ungeändert. Die analytische Therapie 
greift weiter wurzelwärts an, bei den Konflikten, aus denen die 
Symptome hervorgegangen sind, und bedient sich der Sug- 
gestion, um den Ausgang dieser Konflikte abzuändern. Die hyp- 
notische Therapie läßt den Patienten untätig und ungeändert, 
darum auch in gleicher Weise widerstandslos gegen jeden neuen 
Anlaß zur Erkrankung. Die analytische Kur legt dem Arzt wie 
dem Kranken schwere Arbeitsleistung auf, die zur Aufhebung 
innerer Widerstände verbraucht wird. Durch die Überwindung 
dieser Widerstände wird das Seelenleben des Kranken dauernd 
verändert, auf eine höhere Stufe der Entwicklung gehoben und 
bleibt gegen neue Erkrankungsmöglichkeiten geschützt. Diese 
Überwindungsarbeit ist die wesentliche Leistung der analyti- 
schen Kur, der Kranke hat sie zu vollziehen, und der Arzt er- 
möglicht sie ihm durch die Beihilfe der im Sinne einer Erzie- 
hung wirkenden Suggestion. Man hat darum auch mit Recht 
gesagt, die psychoanalytische Behandlung sei eine Art von 
Nacherziehung. 

Ich hoffe, Ihnen nun klargemacht zu haben, worin sich unsere 
Art, die Suggestion therapeutisch zu verwenden, von der bei der 
hypnotischen Therapie allein möglichen unterscheidet. Sie ver- 
stehen auch durch die Zurückführung der Suggestion auf die 
Übertragung die Launenhaftigkeit, die uns an der hypnotischen 
Therapie auffiel, während die analytische bis zu ihren Schranken 
berechenbar bleibt. Bei der Anwendung der Hypnose sind wir 
von dem Zustande der Übertragungsfähigkeit des Kranken ab- 
hängig, ohne daß wir auf diese selbst einen Einfluß üben könn- 
ten. Die Übertragung des zu Hypnotisierenden mag negativ 
oder, wie zu allermeist, ambivalent sein, er kann sich durch be- 
sondere Einstellungen gegen seine Übertragung geschützt haben; 
wir erfahren nichts davon. In der Psychoanalyse arbeiten wir an 
der Übertragung selbst, lösen auf, was ihr entgegensteht, richten 



486 Vorlesungen zur Einfährung in die Psychoanalyse 



uns das Instrument zu, mit dem wir einwirken wollen. So wird 
es uns möglich, aus der Macht der Suggestion einen ganz ande- 
ren Nutzen zu ziehen; wir bekommen sie in die Hand; nicht der 
Kranke suggeriert sich allein, wie es in seinem Belieben steht, 
sondern wir lenken seine Suggestion, soweit er ihrem Einfluß 
überhaupt zugänglich ist. 

Nun werden Sie sagen, gleichgültig, ob wir die treibende 
Kraft unserer Analyse Übertragung oder Suggestion heißen, es 
besteht doch die Gefahr, daß die Beeinflussung des Patienten die 
objektive Sicherheit unserer Befunde zweifelhaft macht. Was 
der Therapie zugute kommt, bringt die Forschung zu Schaden. 
Es ist die Einwendung, welche am häufigsten gegen die Psycho- 
analyse erhoben worden ist, und man muß zugestehen, wenn sie 
auch unzutreffend ist, so kann man sie doch nicht als unverstän- 
dig abweisen. Wäre sie aber berechtigt, so würde die Psycho- 
analyse doch nichts anderes als eine besonders gut verkappte, 
besonders wirksame Art der Suggestionsbehandlung sein, und 
wir dürften alle ihre Behauptungen über Lebenseinflüsse, psy- 
chische Dynamik, Unbewußtes leicht nehmen. So meinen es 
auch die Gegner; besonders alles, was sich auf die Bedeutung 
der sexuellen Erlebnisse bezieht, wenn nicht gar diese selbst, 
sollen wir den Kranken „eingeredet" haben, nachdem uns in der 
eigenen verderbten Phantasie solche Kombinationen gewachsen 
sind. Die Widerlegung dieser Anwürfe gelingt leichter durch 
die Berufung auf die Erfahrung als mit Hilfe der Theorie. Wer 
selbst Psychoanalysen ausgeführt hat, der konnte sich ungezählte 
Male davon überzeugen, daß es unmöglich ist, den Kranken in 
solcher Weise zu suggerieren. Es hat natürlich keine Schwierig, 
keit, ihn zum Anhänger einer gewissen Theorie zu machen und 
ihn so auch an einem möglichen Irrtum des Arztes teilnehmen 
zu lassen. Er verhält sich dabei wie ein anderer, wie ein Schüler, 
aber man hat dadurch auch nur seine Intelligenz, nicht seine 
Krankheit beeinflußt. Die Lösung seiner Konflikte und die Über- 






XXVIII) Die analytische Therapie 487 

Windung seiner Widerstände glückt doch nur, wenn man ihm 
solche Erwartungsvorstellungen gegeben hat, die mit der Wirk- 
lichkeit in ihm übereinstimmen. Was an den Vermutungen des 
Arztes unzutreffend war, das fällt im Laufe der Analyse wieder 
heraus, muß zurückgezogen und durch Richtigeres ersetzt wer- 
den. Durch eine sorgfältige Technik sucht man das Zustande- 
kommen von vorläufigen Suggestionserfolgen zu verhüten; aber 
es ist auch unbedenklich, wenn sich solche einstellen, denn man 
begnügt sich nicht mit dem ersten Erfolg. Man hält die Analyse 
nicht für beendigt, wenn nkht die Dunkelheiten des Falles auf- 
geklärt, die Erinnerungslücken ausgefüllt, die Gelegenheiten der 
Verdrängungen aufgefunden sind. Man erblickt in Erfolgen, 
die sich zu früh einstellen, eher Hindernisse als Förderungen 
der analytischen Arbeit und zerstört diese Erfolge wieder, indem 
man die Übertragung, auf der sie beruhen, immer wieder auf- 
löst. Im Grunde ist es dieser letzte Zug, welcher die analytische 
Behandlung von der rein suggestiven scheidet und die analyti- 
schen Ergebnisse von dem Verdacht befreit, suggestive Erfolge 
zu sein. Eei jeder anderen suggestiven Behandlung wird die 
Übertragung sorgfältig geschont, unberührt gelassen; bei der 
analytischen ist sie selbst Gegenstand der Behandlung und wird 
in jeder ihrer Erscheinungsformen zersetzt. Zum Schlüsse einer 
analytischen Kur muß die Übertragung selbst abgetragen sein, 
iind wenn der Erfolg jetzt sich einstellt oder erhält, so beruht er 
nicht auf der Suggestion, sondern auf der mit ihrer Hilfe voll- 
brachten Leistung der Überwindung innerer Widerstände, auf 
der in dem Kranken erzielten inneren Veränderung. 

Der Entstehung von Einzelsuggestionen wirkt wohl entgegen, 
daß wir während der Kur unausgesetzt gegen Widerstände anzu- 
kämpfen haben, die sich in negative (feindselige) Übertragun- 
gen zu verwandeln wissen. Wir werden es auch nicht versäu- 
men, uns darauf zu berufen, daß eine große Anzahl von Einzel- 
ergebnissen der Analyse, die man sonst als Produkte der Sug- 



488 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

gestion verdächtigen würde, uns von anderer einwandfreier Seite 
bestätigt werden. Unsere Gewährsmänner sind in diesem Falle 
die Dementen und Paranoiker, die über den Verdacht suggestiver 
Beeinflussung natürlich hoch erhaben sind. Was uns diese Kran- 
ken an Symbolübersetzungen und Phantasien erzählen, die bei 
ihnen zum Bewußtsein durchgedrungen sind, deckt sich getreu- 
lich mit den Ergebnissen unserer Untersuchungen an dem Un- 
bewußten der Übertragungsneurotiker und bekräftigt so die ob- 
jektive Richtigkeit unserer oft bezweifelten Deutungen. Ich 
glaube, Sie werden nicht irregehen, wenn Sie in diesen Punkten 
der Analyse Ihr Zutrauen schenken. 

Wir wollen jetzt unsere Darstellung vom Mechanismus der 
Heilung vervollständigen, indem wir sie in die Formeln der Li- 
bidotheorie kleiden. Der Neurotiker ist genuß- und leistungs- 
unfähig, das erstere, weil seine Libido auf kein reales Objekt ge- 
richtet ist, das letztere, weil er sehr viel von seiner sonstigen 
Energie aufwenden muß, um die Libido in der Verdrängung zu 
erhalten und sich ihres Ansturmes zu erwehren. Er würde ge- 
sund, wenn der Konflikt zwischen seinem Ich und seiner Libido 
ein Ende hätte und sein Ich wieder die Verfügung über seine 
Libido besäße. Die therapeutische Aufgabe besteht also darin, 
die Libido aus ihren derzeitigen, dem Ich entzogenen Bindungen 
zu lösen und sie wieder dem Ich dienstbar zu machen. Wo steckt 
nun die Libido des Neurotikers? Leicht zu finden; sie ist an die 
Symptome gebunden, die ihr die derzeit einzig mögliche Ersatz- 
befriedigung gewähren. Man muß also der Symptome Herr 
werden, sie auflösen, gerade dasselbe, was der Kranke von uns 
fordert. Zur Lösung der Symptome wird es nötig, bis auf deren 
Entstehung zurückzugehen, den Konflikt, aus dem sie hervor- 
gegangen sind, zu erneuern und ihn mit Hilfe solcher Trieb-* 
kräfte, die seinerzeit nicht verfügbar waren, zu einem anderen 
Ausgang zu lenken. Diese Revision des Verdrängungsprozesses 
läßt sich nur zum Teil an den Erinnerungsspuren der Vorgänge 



XXVIII) Die analytische Therapie 489 

vollziehen, welche zur Verdrängung geführt haben. Das ent- 
scheidende Stück der Arbeit wird geleistet, indem man im Ver- 
hältnis zum Arzt, in der „Übertragung", Neuauflagen jener 
alten Konflikte schafft, in denen sich der Kranke benehmen 
möchte, wie er sich seinerzeit benommen hat, während man ihn 
durch das Aufgebot aller verfügbaren seelischen Kräfte zu einer 
anderen Entscheidung nötigt. Die Übertragung wird also das 
Schlachtfeld, auf welchem sich alle miteinander ringenden Kräfte 
treffen sollen. 

Alle Libido wie alles Widerstreben gegen sie wird auf das eine 
Verhältnis zum Am gesammelt; dabei ist es unvermeidlich, daß 
die Symptome von der Libido entblößt werden. An Stelle der 
eigenen Krankheit des Patienten tritt die künstlich hergestellte 
der Übertragung, die Übertragungskrankheit, an Stelle der ver- 
schiedenartigen irrealen Libidoobjekte das eine wiederum phan- 
tastische Objekt der ärztlichen Person. Der neue Kampf um 
dieses Objekt wird aber mit Hilfe der ärztlichen Suggestion auf 
die höchste psychische Stufe gehoben, er verläuft als normaler 
seelischer Konflikt. Durch die Vermeidung einer neuerlichen 
Verdrängung wird der Entfremdung zwischen Ich und Libido 
ein Ende gemacht, die seelische Einheit der Person wieder her- 
gestellt. Wenn die Libido von dem zeitweiligen Objekt der 
ärztlichen Person wieder abgelöst wird, kann sie nicht zu ihren 
früheren Objekten zurückkehren, sondern steht zur Verfügung 
des Ichs. Die Mächte, die man während dieser therapeutischen 
Arbeit bekämpft hat, sind einerseits die Abneigung des Ichs 
gegen gewisse Richtungen der Libido, die sich als Verdrängungs- 
neigung geäußert hat, und anderseits die Zähigkeit oder Klebrig- 
keit der Libido, die einmal von ihr besetzte Objekte nicht gerne 
verläßt. 

Die therapeutische Arbeit zerlegt sich also in zwei Phasen; 
in der ersten wird alle Libido von den Symptomen her in die 
Übertragung gedrängt und dort konzentriert, in der zweiten der 






490 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Kampf um dies neue Objekt durchgeführt und die Libido von 
ihm freigemacht. Die für den guten Ausgang entscheidende 
Veränderung ist die Ausschaltung der Verdrängung bei diesem 
erneuerten Konflikt, so daß sich die Libido nicht durch die 
Flucht ins Unbewußte wiederum dem Ich entziehen kann. Ermög- 
licht wird sie durch die Ichveränderung, welche sich unter dem 
Einfluß der ärztlichen Suggestion vollzieht. Das Ich wird durch 
die Deutungsarbeit, welche Unbewußtes in Bewußtes umsetzt, 
auf Kosten dieses Unbewußten vergrößert, es wird durch Beleh- 
rung gegen die Libido versöhnlich und geneigt gemacht, 
ihr irgendeine Befriedigung einzuräumen, und seine Scheu vor 
den Ansprüchen der Libido wird durch die Möglichkeit, einen 
Teilbetrag von ihr durch Sublimierung zu erledigen, verringert. 
Je besser sich die Vorgänge bei der Behandlung mit dieser idealen 
Beschreibung decken, desto größer wird der Erfolg der psycho- 
analytischen Therapie. Seine Schranke findet er an dem Mangel 
an Beweglichkeit der Libido, die sich sträuben kann, von ihren 
Objekten abzulassen, und an der Starrheit des Narzißmus, der 
die Objektübertragung nicht über eine gewisse Grenze anwach- 
sen läßt. Vielleicht werfen wir ein weiteres Licht auf die Dy- 
namik des Heilungsvorganges durch die Bemerkung, daß wir 
die ganze der Herrschaft des Ichs entzogene Libido auffangen, 
indem wir durch die Übertragung ein Stück von ihr auf uns 
ziehen. 

Es ist auch die Mahnung nicht unangebracht, daß wir aus den 
Verteilungen der Libido, die sich während und durch die Be- 
handlung herstellen, keinen direkten Schluß auf die Unterbrin- 
gung der Libido während des Krankseins ziehen dürfen. Ange- 
nommen, es sei uns gelungen, den Fall durch die Herstellung 
und Lösung einer starken Vaterübertragung auf den Arzt glück- 
lich zu erledigen, so ginge der Schluß fehl, daß der Kranke vor- 
her an einer solchen unbewußten Bindung seiner Libido an den 
Vater gelitten hat. Die Vaterübertragung ist nur das Schlacht- 



m 












XXVIII) Die analytische Therapie 491 



feld, auf welchem wir uns der Libido bemächtigen; die Libido 
des Kranken ist von anderen Positionen her dorthin gelenkt wor- 
den. Dies Schlachtfeld muß nicht notwendig mit einer der wich- 
tigsten Festungen des Feindes zusammenfallen. Die Vertei- 
digung der feindlichen Hauptstadt braucht nicht gerade vor 
deren Toren zu geschehen. Erst nachdem man die Übertragung 
wieder gelöst hat, kann man die Libidoverteilung, welche wäh- 
rend des Krankseins bestanden hatte, in Gedanken rekon- 
struieren. 

Vom Standpunkt der Libidotheorie können wir auch noch ein 
letztes Won über den Traum sagen. Die Träume der Neurotiker 
dienen uns wie ihre Fehlleistungen und ihre freien Einfälle dazu, 
den Sinn der Symptome zu erraten und die Unterbringung der 
Libido aufzudecken. Sie zeigen uns in der Form der Wunsch- 
erfüllung, welche Wunsch regungen der Verdrängung verfallen 
sind, und an welche Objekte sich die dem Ich entzogene Libido 
gehängt hat. Die Deutung der Träume spielt darum in der 
psychoanalytischen Behandlung eine große Rolle und ist in man- 
chen Fällen durch lange Zeiten das wichtigste Mittel der Ar- 
beit. Wir wissen bereits, daß der Schlafzustand an sich einen 
gewissen Nachlaß der Verdrängungen herbeiführt. Durch diese 
Ermäßigung des auf ihr lastenden Druckes wird es möglich, 
daß sich die verdrängte Regung im Traume einen viel deut- 
licheren Ausdruck schafft, als ihn während des Tages das Sym- 
ptom gewähren kann. Das Studium des Traumes wird so zum 
bequemsten Zugang für die Kenntnis des verdrängten Unbe- 
wußten, dem die dem Ich entzogene Libido angehört. 

Die Träume der Neurotiker sind aber in keinem wesent- 
lichen Punkte von denen der Normalen verschieden; ja sie sind 
von ihnen vielleicht überhaupt nicht unterscheidbar. Es wäre 
widersinnig, von den Träumen Nervöser auf eine Weise Rechen- 
schaft zu geben, welche nicht auch für die Träume Normaler 
Geltung hätte. Wir müssen also sagen, der Unterschied zwischen 



492 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Neurose und Gesundheit gilt nur für den Tag, er setzt sich nicht 
ins Traumleben fort. Wir sind genötigt, eine Anzahl von Annah- 
men, die sich beim Neurotiker infolge des Zusammenhanges zwi- 
schen seinen Träumen und seinen Symptomen ergeben, auch auf 
den gesunden Menschen zu übertragen. Wir können es nicht in 
Abrede stellen, daß auch der Gesunde in seinem Seelenleben das 
besitzt, was allein die Traumbildung wie die Symptombildung 
ermöglicht, und müssen den Schluß ziehen, daß auch er Ver- 
drängungen vorgenommen hat, einen gewissen Aufwand treibt, 
um sie zu unterhalten, daß sein System des Unbewußten ver- 
drängte und noch energiebesetzte Regungen verbirgt, und daß 
ein Anteil seiner Libido der Verfügung sei- 
nes Ichs entzogen ist. Auch der Gesunde ist also vir- 
tuell ein Neurotiker, aber der Traum scheint das einzige Sym- 
ptom zu sein, das zu bilden er fähig ist. Unterwirft man sein 
Wachleben einer schärferen Prüfung, so entdeckt man freilich, 
— was diesen Anschein widerlegt, — daß dies angeblich ge- 
sunde Leben von einer Unzahl geringfügiger, praktisch nicht be- 
deutsamer Symptombildungen durchsetzt ist. 

Der Unterschied zwischen nervöser Gesundheit und Neurose 
schränkt sich also aufs Praktische ein und bestimmt sich nach 
dem Erfolg, ob der Person ein genügendes Maß von Genuß- und 
Leistungsfähigkeit verblieben ist. Er fuhrt sich wahrscheinlich 
auf das relative Verhältnis zwischen den freigebliebenen und den 
durch Verdrängung gebundenen Energiebeträgen zurück und ist 
von quantitativer, nicht von qualitativer Art. Ich brauche Sie 
nicht daran zu mahnen, daß diese Einsicht die Überzeugung von 
der prinzipiellen Heilbarkeit der Neurosen, trotz ihrer Begrün- 
dung in der konstitutionellen Anlage, theoretisch begründet. 

Soviel dürfen wir aus der Tatsache der Identität der Träume 
bei Gesunden und bei Neurotikern für die Charakteristik der Ge- 
sundheit erschließen. Für den Traum selbst ergibt sich aber die 
weitere Folgerung, daß wir ihn nicht aus seinen Beziehungen zu 



XXV1U) Die analytische Therapie 493 



den neurotischen Symptomen lösen dürfen, daß wir nicht glauben 
sollen, sein Wesen sei durch die Formel einer Übersetzung von 
Gedanken in eine archaische Ausdrucksform erschöpft, daß wir 
annehmen müssen, er zeige uns wirklich vorhandene Libido- 
unterbringungen und Objektbesetzungen. 

Wir sind nun bald zu Ende gekommen. Vielleicht sind Sie ent- 
täuscht, daß ich Ihnen zum Kapitel der psychoanalytischen The- 
rapie nur Theoretisches erzählt habe, nichts von den Bedingun- 
gen, unter denen man die Kur einschlägt, und von den Erfolgen, 
die sie erzielt. Ich unterlasse aber beides. Das erstere, weil ich 
Ihnen ja keine praktische Anleitung zur Ausübung der Psycho- 
analyse zu geben gedenke, und das letztere, weil mehrfache Mo- 
tive mich davon abhalten. Ich habe es zu Eingang unserer Be- 
sprechungen betont, daß wir unter günstigen Umständen Heiler- 
folge erzielen, die hinter den schönsten auf dem Gebiete der in- 
ternen Therapie nicht zurückstehen, und ich kann etwa noch hin- 
zusetzen, daß dieselben durch kein anderes Verfahren erreicht 
worden wären. Würde ich mehr sagen, so käme ich in den Ver- 
dacht, daß ich die laut gewordenen Stimmen der Herabsetzung 
durch Reklame übertönen wollte. Es ist gegen die Psychoanaly- 
tiker wiederholt, auch auf öffentlichen Kongressen, von ärztlichen 
Kollegen" die Drohung ausgesprochen worden, man werde 
durch eine Sammlung der analytischen Mißerfolge und Schädi- 
gungen dem leidenden Publikum die Augen über den Unwert 
dieser Behandlungsmethode öffnen. Aber eine solche Sammlung 
wäre, abgesehen von dem gehässigen, denunziatorischen Charak- 
ter der Maßregel, nicht einmal geeignet, ein richtiges Urteil über 
die therapeutische Wirksamkeit der Analyse zu ermöglichen. Die 
analytische Therapie ist, wie Sie wissen, jung; es hat lange Zeit 
gebraucht, bis man ihre Technik feststellen konnte und dies konnte 
auch nur während der Arbeit und unter dem Einfluß der zuneh- 
menden Erfahrung geschehen. Infolge der Schwierigkeiten der 
Unterweisung ist der ärztliche Anfänger in der Psychoanalyse in 



494 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



größerem Ausmaße als ein anderer Spezialist auf seine eigene Fä- 
higkeit zur Fortbildung angewiesen, und die Erfolge seiner ersten 
Jahre werden nie die Leistungsfähigkeit der analytischen Thera- 
pie beurteilen lassen. 

Viele Behandlungsversuche mißlangen in der Frühzeit der 
Analyse, weil sie an Fällen unternommen waren, die sich über- 
haupt nicht für das Verfahren eignen, und die wir heute durch 
unsere Indikationsstellung ausschließen. Aber diese Indikationen 
konnten auch nur durch den Versuch gewonnen werden. Von 
vornherein wußte man seinerzeit nicht, daß Paranoia und De- 
mentia praecox in ausgeprägten Formen unzugänglich sind, und 
hatte noch das Recht, die Methode an allerlei Affektionen zu er- 
proben. Die meisten Mißerfolge jener ersten Jahre sind aber 
nicht durch die Schuld des Arztes oder wegen der ungeeigneten 
Objektwahl, sondern durch die Ungunst der äußeren Bedingun- 
gen zustande gekommen. Wir haben nur von den inneren Wider- 
ständen gehandelt, denen des Patienten, die notwendig und 
überwindbar sind. Die äußeren Widerstände, die der Analyse 
von den Verhältnissen des Kranken, von seiner Umgebung be- 
reitet werden, haben ein geringes theoretisches Interesse, aber 
die größte praktische Wichtigkeit. Die psychoanalytische Be- 
handlung ist einem chirurgischen Eingriff gleichzusetzen und hat 
wie dieser den Anspruch, unter den für das Gelingen günstigsten 
Veranstaltungen vorgenommen zu werden. Sie wissen, welche 
Vorkehrungen der Chirurg dabei zu treffen pflegt: geeigneter 
Raum, gutes Licht, Assistenz, Ausschließung der Angehörigen 
usw. Nun fragen Sie sich selbst, wie viele dieser Operationen 
gut ausgehen würden, wenn sie im Beisein aller Familien- 
glieder stattfinden müßten, die ihre Nasen in das Operations- 
feld stecken und bei jedem Messerschnitt laut aufschreien wür- 
den. Bei den psychoanalytischen Behandlungen ist die Dazwi- 
schenkunft der Angehörigen geradezu eine Gefahr, und zwar eine 
solche, der man nicht zu begegnen weiß. Man ist gegen die inne- 



ren Widerstände des Patienten, die man als notwendig erkennt, 
gerastet, aber wie soll man sich gegen jene äußeren Widerstände 
wehren? Den Angehörigen des Patienten kann man durch keiner- 
lei Aufklärung beikommen, man kann sie nicht dazu bewegen, 
sich von der ganzen Angelegenheit fernzuhalten, und man darf 
nie gemeinsame Sache mit ihnen machen, weil man dann Gefahr 
läuft, das Vertrauen des Kranken zu verlieren, der — übrigens 
mit Recht — fordert, daß sein Vertrauensmann auch seine Partei 
nehme. Wer überhaupt weiß, von welchen Spaltungen oft eine 
Familie zerklüftet wird, der kann auch als Analytiker nicht von 
der Wahrnehmung überrascht werden, daß die dem Kranken 
Nächsten mitunter weniger Interesse daran verraten, daß er ge- 
sund werde, als daß er so bleibe, wie er ist. Wo, wie so häufig, 
che Neurose mit Konflikten zwischen Familienmitgliedern zusam- 
menhängt, da bedenkt sich der Gesunde nicht lange bei der Wahl 
zwischen seinem Interesse und dem der Wiederherstellung des 
Kranken. Es ist ja nicht zu verwundern, wenn der Ehemann eine 
Behandlung nicht gerne sieht, in welcher, wie er mit Recht ver- 
muten darf, sein Sündenregister aufgerollt werden wird; wir ver- 
wundern uns auch nicht darüber, aber wir können uns dann kei- 
nen Vorwurf machen, wenn unsere Bemühung erfolglos bleibt 
und vorzeitig abgebrochen wird, weil sich der Widerstand des 
Mannes zu dem der kranken Frau hinzuaddiert hat. Wir hatten 
eben etwas unternommen, was unter den bestehenden Verhält- 
nissen undurchführbar war. 

Ich will Ihnen anstatt vieler Fälle nur einen einzigen erzählen, 
in dem ich durch ärztliche Rücksichten zu einer leidenden Rolle 
verurteilt wurde. Ich nahm — vor vielen Jahren — ein junges 
Mädchen in analytische Behandlung, welches schon seit längerer 
Zeit aus Angst nicht auf die Straße gehen und zu Hause nicht 
allein bleiben konnte. Die Kranke rückte langsam mit dem Ge- 
ständnis heraus, daß ihre Phantasie durch zufällige Beobachtun- 
gen des zärtlichen Verkehres zwischen ihrer Mutter und einem 






496 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wohlhabenden Hausfreund ergriffen worden sei. Sie war aber so 
ungeschickt — oder so raffiniert — der Mutter einen Wink von 
dem zu geben, was in den Analysenstunden besprochen wurde, 
indem sie ihr Benehmen gegen die Mutter änderte, darauf be- 
stand, von keiner anderen als der Mutter gegen die Angst des 
Alleinseins beschützt zu werden, und ihr angstvoll die Türe ver- 
trat, wenn sie das Haus verlassen wollte. Die Mutter war früher 
selbst sehr nervös gewesen, hatte aber in einer Wasserheilanstalt 
vor Jahren die Heilung gefunden. Setzen wir dafür ein, sie hatte 
in jener Anstalt die Bekanntschaft des Mannes gemacht, mit dem 
sie ein sie nach jeder Richtung befriedigendes Verhältnis ein- 
gehen konnte. Durch die stürmischen Anforderungen des Mäd- 
chens stutzig gemacht, verstand die Mutter plötzlich, was 
die Angst ihrer Tochter bedeutete. Sie ließ sich krank werden, 
um die Mutter zur Gefangenen zu machen und ihr die für den 
Verkehr mit dem Geliebten notwendige Bewegungsfreiheit zu 
rauben. Rasch entschlossen machte die Mutter der schädlichen 
Behandlung ein Ende. Das Mädchen wurde in eine Nervenheil- 
anstalt gebracht und durch lange Jahre als „armes Opfer der Psy- 
choanalyse" demonstriert. Ebensolange ging mir die üble Nach- 
rede wegen des schlechten Ausganges dieser Behandlung nach. 
Ich bewahrte das Schweigen, weil ich mich durch die Pflicht der 
ärztlichen Diskretion gebunden glaubte. Lange Zeit nachher er- 
fuhr ich von einem Kollegen, der jene Anstalt besucht und das 
agoraphobische Mädchen dort gesehen hatte, daß das Verhältnis 
zwischen ihrer Mutter und dem vermögenden Hausfreund stadt- 
bekannt sei und wahrscheinlich die Billigung des Gatten und 
Vaters habe. Diesem „Geheimnis" war also die Behandlung ge- 
opfert worden. 

In den Jahren vor dem Kriege, als der Zulauf aus vieler Herren 
Länder mich von der Gunst oder Mißgunst der Vaterstadt unab- 
hängig machte, befolgte ich die Regel, keinen Kranken in Be- 
handlung zu nehmen, der nicht sui juris, in seinen wesentlichen 




XXVIII) Die analytische Therapie 497 



Lebensbeziehungen von anderen unabhängig wäre. Das kann sich 
nun nicht jeder Psychoanalytiker gestatten. Vielleicht ziehen Sie 
aus meiner Warnung vor den Angehörigen den Schluß, man solle 
die Kranken zum Zwecke der Psychoanalyse aus ihren Familien 
nehmen, diese Therapie also auf die Insassen von Nervenheilan- 
stalten beschränken. Allein ich könnte Ihnen hierin nicht bei- 
stimmen; es ist weit vorteilhafter, wenn die Kranken — insofern 
sie nicht in einer Phase schwerer Erschöpfung sind — während 
der Behandlung in jenen Verhältnissen bleiben, in denen sie mit 
den ihnen gestellten Aufgaben zu kämpfen haben. Nur sollten 
die Angehörigen diesen Voneil nicht durch ihr Benehmen wett- 
machen und sich überhaupt nicht der ärztlichen Bemühung feind- 
selig widersetzen. Aber wie wollen Sie diese für uns unzugäng- 
lichen Faktoren dazu bewegen! Sie werden natürlich auch erra- 
ten, wieviel von den Aussichten einer Behandlung durdi das 
soziale Milieu und den kulturellen Zustand einer Familie be- 
stimmt wird. 

Nicht wahr, das gibt für die Wirksamkeit der Psychoanalyse als 
Therapie einen trüben Prospekt, selbst wenn wir die überwie- 
gende Mehrzahl unserer Mißerfolge durch solche Rechenschaft 
von den störenden äußeren Momenten aufklären können; Freunde 
der Analyse haben uns dann geraten, einer Sammlung von Miß- 
erfolgen durch eine von uns entworfene Statistik der Erfolge zu 
begegnen. Ich bin auch darauf nicht eingegangen. Ich machte 
geltend, daß eine Statistik wertlos sei, wenn die aneinander ge- 
reihten Einheiten derselben zu wenig gleichartig seien, und die 
Fälle von neurotischer Erkrankung, die man in Behandlung ge- 
nommen hatte, waren wirklich nach den verschiedensten Rich- 
tungen nicht gleichwertig. Außerdem war der Zeitraum, den man 
überschauen konnte, zu kurz, um die Haltbarkeit der Heilungen 
zu beurteilen, und von vielen Fällen konnte man überhaupt nicht 
Mitteilung machen. Sie betrafen Personen, die ihre Krankheit 
wie ihre Behandlung geheim gehalten hatten, und deren Herstel- 
32 



498 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

lung gleichfalls verheimlicht werden mußte. Die stärkste Abhal- 
tung lag aber in der Einsicht, daß die Menschen sich in Dingen 
der Therapie höchst irjationell benehmen, so daß man keine Aus- 
sicht hat, durch verständige Mittel etwas bei ihnen auszurichten. 
Eine therapeutische Neuerung wird entweder mit rauschartiger 
Begeisterung aufgenommen, wie z. B. damals, als Koch sein 
erstes Tuberkulin gegen Tuberkulose in die Öffentlichkeit 
brachte, oder mit abgrundtiefem Mißtrauen behandelt, wie die 
wirklich segensreiche Jennersche Impfung, die heute noch 
ihre unversöhnlichen Gegner hat. Gegen die Psychoanalyse lag 
offenbar ein Vorurteil vor. Wenn man einen schwierigen Fall 
hergestellt hatte, so konnte man hören : Das ist kein Beweis, der 
wäre auch von selbst in dieser Zeit gesund geworden. Und wenn 
eine Kranke, die bereits vier Zyklen von Verstimmung und 
Manie absolviert hatte, in einer Pause nach der Melancholie in 
meine Behandlung gekommen war und drei Wochen später sich 
wieder zu Beginn einer Manie befand, so waren alle Familien- 
mitglieder, aber auch die zu Rate gezogene hohe ärztliche Autori- 
tät, überzeuge, daß der neuerliche Anfall nur die Folge der an ihr 
versuchten Analyse sein könne. Gegen Vorurteile kann man 
nichts tun; Sie sehen es ja jetzt wieder an den Vorurteilen, die 
die eine Gruppe von kriegführenden Völkern gegen die andere 
entwickelt hat. Das Vernünftigste ist, man wartet und überläßt 
sie der Zeit, welche sie abnützt. Eines Tages denken dieselben 
Menschen über dieselben Dinge ganz anders als bisher; warum 
sie nicht schon früher so gedacht haben, bleibt ein dunkles Ge- 
heimnis. 

Möglicherweise ist das Vorurteil gegen die analytische Thera- 
pie schon jetzt in Abnahme begriffen. Die stete Ausbreitung der 
analytischen Lehren, die Zunahme analytisch behandelnder Ärzte 
in manchen Ländern scheint es zu verbürgen. Als ich ein junger 
Arzt war, geriet ich in einen ebensolchen Entrüstungssturm der 
Ärzte gegen die hypnotische Suggestivbehandlung, die heute von 



XXVUl) Die analytische Therapie 499 

den „Nüchternen" der Psychoanalyse entgegengehalten wird. 
Der Hypnotismus hat aber als therapeutisches Agens nicht gehal- 
ten, was er anfangs versprach; wir Psychoanalytiker dürfen uns 
für seine rechtmäßigen Erben ausgeben und vergessen nicht, wie 
viel Aufmunterung und theoretische Aufklärung wir ihm verdan- 
ken. Die der Psychoanalyse nachgesagten Schädigungen schrän- 
ken sich im wesentlichen auf vorübergehende Erscheinungen von 
Konfliktsteigerung ein, wenn die Analyse ungeschickt gemacht, 
oder wenn sie mittendrin abgebrochen wird. Sie haben ja Re- 
chenschaft darüber gehört, was wir mit den Kranken anstellen, 
und können sich ein eigenes Urteil darüber bilden, ob unsere 
Bemühungen geeignet sind, zu einer dauernden Schädigung zu 
führen. Mißbrauch der Analyse ist nach verschiedenen Richtungen 
möglich; zumal die Übertragung ist ein gefährliches Mittel in 
den Händen eines nicht gewissenhaften Arztes. Aber vor Miß- 
brauch ist kein ärztliches Mittel oder Verfahren geschützt; wenn 
ein Messer nicht schneidet, kann es auch nicht zur Heilung 
dienen. 

Ich bin nun zu Ende, meine Damen und Herren. Es ist mehr 
als die gebräuchliche Redensart, wenn ich bekenne, daß die vielen 
Mängel der Vorträge, die ich Ihnen gehalten habe, mich selbst 
empfindlich bedrücken. Vor allem tut es mir leid, daß ich so oft 
versprochen habe, auf ein kurz berührtes Thema an anderer Stelle 
wieder zurückzukommen, und dann hat der Zusammenhang es 
nicht ergeben, daß ich mein Versprechen halten konnte. Ich habe 
es unternommen, Ihnen von einer noch unfertigen, in Entwick- 
lung begriffenen Sache Bericht zu geben, und meine kürzende 
Zusammenfassung ist dann selbst eine unvollkommene gewor- 
den. An manchen Stellen habe ich das Material für eine Schluß- 
folgerung bereitgelegt und diese dann nicht selbst gezogen. Aber 
ich konnte es nicht beanspruchen, Sie zu Sachkundigen zu ma- 
chen; ich wollte Ihnen nur Aufklärung und Anregung bringen. 





INHALTSVERZEICHNIS 

Vorwort 5 

ERSTER TEIL: DIE FEHLLEISTUNGEN 

I. Einleitung 7 

II. Die Fehlleistungen 18 

III. Die Fehlleistungen (Fortsetzung) 34 

IV. Die Fehlleistungen (Schluß) 56 

ZWEITER TEIL: DER TRAUM 

V. Schwierigkeiten und erste Annäherungen 80 

VI. Voraussetzungen und Technik der Deutung 99 

VII. Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken 113 

Vm. Kinderträume 127 

IX. Die Traumzensur 138 

X. Die Symbolik im Traum 152 

XI. Die Traumarbeit jy6 

XII. Analysen von Traumbeispielen 191 

XIII. Archaische Züge und Infantilismus des Traumes 207 

XIV. Die Wunscherfüllung 223 

XV. Unsicherheiten und Kritiken 240 

DRITTER TEIL: ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE 

XVI. Psychoanalyse und Psychiatrie 254 

XVII. Der Sinn der Symptome 269 

XVIII. Die Fixierung an das Trauma. Das Unbewußte 288 

XDX. Widerstand und Verdrängung 302 

XX. Das menschliche Sexualleben 320 

XXI. Libidoentwicklung und Sexualorganisation 338 

XXII. Gesichtspunkte der Entwicklung und Regression. Ätiologie 360 

XXITI. Die Wege der Symptombildung 381 

XXIV. Die gemeine Nervosität 403 

XXV. Die Angst 419 

XXVI. Die Libidotheorie und der Narzißmus 440 

XXVH. Die Übertragung 461 

XXVni. Die analytische Therapie 482 



. 



■SS 




Almaeadh. der Psydioanalyse 






1926 




HERAUSGEGEBEN VON A. J. STORFER 




*•'■ 


In blauem Ganzleinen M. 4. — 






, , Die Widerstände gegen die Psychoanalyse 






. . Die „Ausnahmen" 






. . Die okkulte Bedeutung des Traumes 




Thomas Mann . . . 


Mein Verhältnis zur Psychoanalyse 




Hermann Hesse . . 


. . Künstler und Psychoanalyse 






. . Das Unbewußte im Drama 






Über Psychoanalyse 






. . Gemeinsamer Tagtraum und Dichtung 






. . Carl Spitteler f 




Alfred Polgar . . . 


Der Seelensucher 




Georg Groddech . . . 


, Wie ich Arzt wurde und wie ich zur Abneigung gegen das 
Wissen gekommen bin 




Theodor Reik . . . 


. . Psychoanalytische Strafrechtstheorie 




A.Stdrcke 


. . Geisteskrankheit und Gesellschaft 




0. P/ister 


. . Eltemfehler in der Erziehung zur Sexualität und Liebe 




Vera Schmidt 


. . Das psychoanalytische Kinderheim in Moskau 






. . Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung 




Siegfried Bernfdd 


. . Bürger Macchiavell ist Unterrichtsminister geworden 






. . Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens 




* * * 


. . Aus dem „Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens" 






. . Begattung und Befruchtung 






. . Kälte, Krankheit und Geburt 




K. Abraham .... 


. . Über Charakteranalyse 




Otto Rank 


. . . Drei Stunden einer Analyse 




P. Schilder 


. . Selbstbeherrschung und Hypochondrie 




A. Kielholt .... 


. . Über Erfinderwahn 

Zwei Kunstbeilagen 

















araadh der Psychoanalyse 
1927 

HERAUSGEGEBEN VON A. J. STORFER 
In gelbem Ganzleinen M. 4. — 

Lqu Andreas Salomi Zum 70. Geburtstag Sigm. Freuds 
Prof. E. Bleuler.... „ „ 

Stefan Zweig „ „ 

Alfred Döblin „ „ 

Sigm. Freud Vergänglichkeit 

Sigm. Freud Zur Psychologie des Gymnasiasten 

Sigm. Freud Psychoanalyse und Kurpfuscherei 

O. Pf ister Die menschlichen Einigungsbestrebungen im Lichte der 

Psychoanalyse 

M. D. Eier Kann das Unbewußte erzogen werden? 

Jh. Reik Gedenkrede auf Karl Abraham 

K. Abraham Die Geschichte eines Hochstaplers 

K. Abraham Über Coues Heilformel 

/. Levine Psychoanalyse und Moral 

G. Wyneken Sisyphos oder: Die Grenzen der Erziehung 

L. Binswangcr Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse 

Ertvin Kohn Das Liebesschicksal Lassalles 

H. Gomperz Sokrates und die Handwerksmeister 

0. Rank Don Juan und Leporello 

E. v. Sydow Die Wiedererweckung der primitiven Kunst 

L. Jekels Zur Psychologie der Komödie . . 

Th. Reik Zur Technik des Witzes 

F. Alexander Zu Ferenczis Genital theorie 

Karen Horney Flucht aus der Weiblichkeit 

E. Simmel Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf 

Georg Groddeck Nicht wahr, zwei Damen . . . ? 



Zwei Kunstbeilagen 



Almanadh. der Psychoanalyse 




1928 


HERAUSGEGEBEN VON A. J. STORFER 




In grünem Ganzleinen M. 4. — 




. Der Humor 




Fetischismus 


Lou Andreas Salomt Was daraus folgt, daß es nicht die Frau gewesen ist, die den 




Vater totgeschlagen hat 


Fritx WiUels 


Das Sakrament der Ehe 




Die monogame Forderung 


W.Reich 


. Die Spaltung der GeschJechtlichkeit und ihre Folgen für 




Ehe und Gesellschaft 


Th. Reih 


Das Schweigen 


Th. Reih 


Zweifel und Hohn in der Dogmenbildung 




. Spinoza und die Psychoanalyse 


E. v. Sydow 


. Primitive Kunst und Sexualität 




. Der Raumfaktor in der Traumdeutung 




. Der Mantel als Symbol 




. Über obszöne Worte 




. Sonntagsneurosen 




. Analyse von Gleichnissen 


F. Boehm 


. Bemerkungen zu Balzacs Liebcsleben 




. Ein Fall von masochistischem Transvestitismus 


S. Bernfeld 


. Der Irrtum des Pestalozzi 


Oskar Pfisier 


. Der Schülerberater 




. Die Einleitung der Kinderanalyse 


Karl Landauer . . . 


. Das Strafvollzugsgesetz 




Vier Kunstbeilagen 



_. 



Almanadi der Psydfaoamalyse 



HERAUSGEGEBEN VON A. J. STORFER 

In rotem Ganzleinen M. 4. — 

Sigm. Freud Ein religiöses Erlebnis 

Th. Reik Bemerkungen zu Freuds „Zukunft einer Illusion" 

S. Bern/eld Ist Psychoanalyse eine Weltanschauung ? 

0. Pfister Psychoanalyse und Metaphysik 

0. Pfister Der Schrei nach Leben und die Psychoanalyse 

R. Wälder Die Psychoanalyse im Lebensgefühl des modernen Menschen 

S. Radö Die Naturforschung im Lichte der Psychoanalyse 

Ludwig Hopf Exakte Naturwissenschaft und Psychoanalyse 

W. Eliasberg Über sozialen Zwang und abhängige Arbelt 

M . Wulff Psychiatrisch-neurologische Untersuchung von Chauffeuren 

S. Ferenczi GulLiverphantasien 

E. Hitschmann .... Zur Psychoanalyse des Misanthropen von Möllere 
H. Deutsch Ein Frauenschicksal — George Sand 

S. Fsrcticxi Anatole France als Analytiker 

Codet u. Laforgue. . . Der Salavin des Georges Duhamel 

F. Lehner Die Psychoanalyse in der franzosischen Literatur 

R. Slerba Zum dichterischen Ausdruck des modernen Naturgeiühls 

F. WUtels Rache und Richter 

H. Piutti Identifizierung eines zehnjährigen Knaben mit der schwange- 
ren Mutter 

0. Fenichel Beispiele zur Traumdeutung 

H. Meng Das Problem der Onanie von Kant bis Freud 



Zwei Kunstbeilagen 






AJLoia 

HE 


nach der Psychoanalyse 
1930 

RAUSGEGEBEN VON A. J. STORFER 

In braunem Ganzleinen M. 4. — 

. . Dostojewski und die Vatertötung 

. Freuds Studie über Dostojewski 

. Das Unbewußte, die Vererbung und da» Gedächtnis im Lichte 
der mathematischen Naturwissenschaft 

, Kunst und Persönlichkeit 

. Geschichte eines Traumes 

, Der Selbstmord des Knaben Boris 

. Der Schülerselbstmord in Andr£ Gides Roman „Die Falsch- 
münzer" 
. . „Kinder können furchtbar schweigen" (Episoden aus der 


Theodor Reik . . . 
Friedrich Eckstein 

AlbrecJU Schaeffer 
» • * 


Heinrich Meng 
Fritz Witteis 

Joan Riviere . . . 
Theodor Reih 


Kindheit eines Proletariermädchens) 
. . Sexualpädagogik und Psychoanalyse 
. . Kindweib, die große Mode 
. . Psychosexuelle Genese der Dummheit 
. . Weiblichkeit als Maske 
. . Über den zynischen Witz 
. . Die englische Schicldichkeit 


Alexander-Stmtb . 
W. Reich 


. . Ein Fall von Kleptomanie aus Schuldgefühl 
. . Die Dialektik im Seelischen 

Zwei Kunstbeilagen 



1 



PSYCHOANALYTISCHE 
ZEITSCHRIFTEN 



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE 

HERAUSGEGEBEN VON SIGM. FREUD 
Redigiert von M. Eitingon, S. Ferenczi, S. Radö 

* 

IMAGO 

Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Natur* und Geisteswissenschaften 

HERAUSGEGEBEN VON SIGM. FREUD 
Redigiert von S. R«dö, H. Sachs, A. J. Storfer 

DIE 
PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON A. J. STORFER 
* 

ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYTISCHE PÄDAGOGIK 

HERAUSGEGEBEN VON PAUL FEDERN, ANNA FREUD, 
HEINRICH MENG, ERNST SCHNEIDER, A. J. STORFER 



PROSPEKTE UND PROBEHEFTE AUF VERLANGEN 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG ■ WIEN I 



T 



Im gleichen Format 

und in der gleichen Ausstattung 

wie der vorliegende Band 

erschien: 

SIGM.FKEUD 

ZUM PSYCHOPATHOLOGIE 
DES ALLTAGSLEBENS 

Über Vergessen, Versprechen 

Vergreifen, Aberglaube 

und Irrtum 

ELFTE AUFLAGE 
22. — 27. Tausend 

In Ganzleinen M.p. — 



J. 



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