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Full text of "Schriften zur Neurosenlehre und zur psychoanalytischen Technik (1913-1926)"

SIGM. FREUD 

SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE 

UND ZUR PSYCHOANALYTISCHEN TECHNIK 



(KLEINOKTAVAUSGABE) 



i Freud, Schriften zur Neurosen'.ehre 






SCHRIFTEN ZUR 

NEUROS EN LEHRE 

UND ZUR 

PSYCHOANALYTISCHEN TECHNIK 

(1913-1926) 

VON 

SIGM. FREUD 



4W4i ' 
1931 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 



ALLE RECHTE, INSBESONDERE DIE DER ÜBER- 
SETZUNG VORBEHALTEN 



PRINTED IN AU STRIA 












■ 








INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






DRUCK DERVERNAY A.-G„ WIEN IX. 









4 





















• 









DIE DISPOSITION ZUR 
ZWANGSNEUROSE 

Ein Beitrag zum Problem der Neurosenwahl 

(1913) 
Das Problem, warum und wieso ein Mensch an einer 
Neurose erkranken kann, gehört gewiß zu jenen, die von 
der Psychoanalyse beantwortet werden sollen. Es ist aber 
wahrscheinlich, daß diese Antwort erst über ein anderes und 
spezielleres wird gegeben werden können, über das Problem, 
warum diese und jene Person gerade an der einen bestimm- 
ten Neurose und an keiner anderen erkranken muß. Dies ist 
das Problem der Neurosenwahl. 

Was wissen wir bis jetzt zu diesem Problem? Eigentlich 
ist hier nur ein einziger allgemeiner Satz gesichert. Wir 
unterscheiden die für die Neurosen in Betracht kommenden 
Krankheitsursachen in solche, die der Mensch ins Leben 
mitbringt, und solche, die das Leben an ihn heranbringt, 
konstitutionelle und akzidentelle, durch deren Zusammen- 
wirken erst in der Regel die Krankheitsverursachung herge- 
stellt wird. Nun besagt der eben angekündigte Satz, daß die 
Gründe für die Entscheidung der Neurosenwahl durchwegs 
von der ersteren Art sind, also von der Natur der Dispositio- 
nen, und unabhängig von den pathogen wirkenden Erlebnissen. 

Worin suchen wir die Herkunft dieser Dispositionen? Wir 
sind aufmerksam darauf geworden, daß die in Betracht 
kommenden psychischen Funktionen - vor allem die 






T 









Die Disposition 



Sexualfunktion, aber ebenso verschiedene wichtige Ichfunk- 
tionen — eine lange und komplizierte Entwicklung durch- 
zumachen haben, bis sie zu dem für den normalen Erwachse- 
nen charakteristischen Zustand gelangen. Wir nehmen nun 
an, daß diese Entwicklungen nicht immer so tadellos voll- 
zogen werden, daß die gesamte Funktion der fortschritt- 
lichen Veränderung unterliege. Wo ein Stück derselben 
die vorige Stufe festhält, da ergibt sich eine sogenannte 
„Fixierungsstelle", zu welcher die Funktion im Falle der Er- 
krankung durch äußerliche Störung regredieren kann. 

Unsere Dispositionen sind also Entwicklungshemmungen. 
Die Analogie mit den Tatsachen der allgemeinen Pathologie 
anderer Krankheiten bestärkt uns in dieser Auffassung. Bei 
der Frage, welche Faktoren solche Störungen der Entwick- 
lung hervorrufen können, macht aber die psychoanalytische 
Arbeit halt und überläßt dies Problem der biologischen 
Forschung. 1 

Mit Hilfe dieser Voraussetzungen haben wir uns bereits 
vor einigen Jahren an das Problem der Neurosenwahl heran- 
gewagt. Unsere Arbeitsrichtung, welche dahin geht, die nor- 
malen Verhältnisse aus ihren Störungen zu erraten, hat uns 
dazu geführt, einen ganz besonderen und unerwarteten An- 
griffspunkt zu wählen. Die Reihenfolge, in welcher die 
Hauptformen der Psychoneurosen gewöhnlich aufgeführt 
werden, — Hysterie, Zwangsneurose, Paranoia, Dementia 
praecox — entspricht (wenn auch nicht völlig genau) der 
Zeitfolge, in der diese Affektionen im Leben hervorbrechen. 
Die hysterischen Krankheitsformen können schon in der 
ersten Kindheit beobachtet werden, die Zwangsneurose offen- 

i) Seitdem die Arbeiten von W. Fließ die Bedeutung be- 
stimmter Zeitgrößen für die Biologie aufgedeckt haben, ist es 
denkbar geworden, daß sich Entwicklungsstörung auf zeitliche 
Abänderung von Entwicklungsschüben zurückführt. 



z«r Zwangsneurose 









bart ihre ersten Symptome gewöhnlich in der zweiten Pe- 
riode der Kindheit (von sechs bis acht Jahren an); die beiden 
anderen, von mir als Paraphrenie zusammengefaßten Psycho- 
neurosen zeigen sich erst nach der Pubertät und im Alter 
der Reife. Diese zuletzt auftretenden Affektionen haben sich 
nun unserer Forschung nach den in die Neurosenwahl aus- 
laufenden Dispositionen zuerst zugänglich erwiesen. Die 
ihnen beiden eigentümlichen Charaktere des Größenwahns, 
der Abwendung von der Welt der Objekte und der Erschwe- 
rung der Übertragung haben uns zum Schlüsse genötigt, daß 
deren disponierende Fixierung in einem Stadium der Libido- 
entwicklung vor der Herstellung der Objektwahl, also in 
der Phase des Autoerotismus und des Narzißmus zu suchen ist. 
Diese so spät auftretenden Erkrankungsformen gehen also auf 
sehr frühzeitige Hemmungen und Fixierungen zurück. 

Demnach würden wir darauf hingewiesen, die Disposition 
für Hysterie und Zwangsneurose, die beiden eigentlichen 
Übertragungsneurosen mit frühzeitiger Symptombildung, in 
den jüngeren Phasen der Libidoentwicklung zu vermuten 
Allein worin wäre hier die Entwicklungshemmung zu finden 
und vor allem, welches wäre der Phasenunterschied, der die 
Disposition zur Zwangsneurose im Gegensatz zur Hysterie 
begründen sollte? Darüber war lange nichts zu erfahren, und 
meine früher unternommenen Versuche, diese beiden Dispo- 
sitionen zu erraten, z. B. daß die Hysterie durch Passivität, 
die Zwangsneurose durch Aktivität im infantilen Erleben 
bedingt sein sollte, mußten bald als verfehlt abgewiesen 

werden. 

Ich kehre nun auf den Boden der klinischen Einzel- 
beobachtung zurück. Ich habe lange Zeit hindurch eine 
Kranke studiert, deren Neurose eine ungewöhnliche Wand- 
lung durchgemacht hatte. Dieselbe begann nach einem 
traumatischen Erlebnis als glatte Angsthysterie und behielt 






Die Disposition 






diesen Charakter durch einige Jahre bei. Eines Tages aber 
verwandelte sie sich plötzlich in eine Zwangsneurose von 
der schwersten Art. Ein solcher Fall mußte nach mehr als 
einer Richtung bedeutsam werden. Einerseits konnte er viel- 
leicht den "Wert eines bilinguen Dokuments beanspruchen 
und zeigen, wie ein identischer Inhalt von den beiden Neu- 
rosen in verschiedenen Sprachen ausgedrückt wird. Ander- 
seits drohte er, unserer Theorie der Disposition durch Ent- 
wicklungshemmung überhaupt zu widersprechen, wenn man 
sich nicht zur Annahme entschließen wollte, daß eine Person 
auch mehr als eine einzige schwache Stelle in ihrer Libido- 
entwicklung mitbringen könne. Ich sagte mir, daß man kein 
Recht habe, diese letztere Möglichkeit abzuweisen, war aber 
auf das Verständnis dieses Krankheitsfalles sehr gespannt. 

Als dieses im Laufe der Analyse kam, mußte ich sehen, 
daß die Sachlage ganz anders war, als ich sie mir vorgestellt 
hatte. Die Zwangsneurose war nicht eine weitere Reaktion 
auf das nämliche Trauma, welches zuerst die Angsthysterie 
hervorgerufen hatte, sondern auf ein zweites Erlebnis, 
welches das erste völlig entwertet hatte. (Also, eine — aller- 
dings noch diskutierbare — Ausnahme von unserem Satze, 
der die Unabhängigkeit der Neurosenwahl vom Erleben be- 
hauptet.) 

Ich kann leider — aus bekannten Motiven — auf die 
Krankengeschichte des Falles nicht so weit eingehen, wie 
ich gern möchte, sondern muß mich auf nachstehende Mit- 
teilungen beschränken. Die Patientin war bis zu ihrer Er- 
krankung eine glückliche, fast völlig befriedigte Frau ge 
wesen. Sie wünschte sich Kinder aus Motiven infantiler 
Wunschfixierung und erkrankte, als sie erfuhr, daß sie von 
ihrem ausschließend geliebten Manne keine Kinder bekom- 
men könne. Die Angsthysterie, mit der sie auf diese Ver- 
sagung reagierte, entsprach, wie sie bald selbst verstehen lern- 






zur Zwangsneurose 



te, der Abweisung von Versuchungsphantasien, in denen sich 
der festgehaltene Wunsch nach einem Kinde durchsetzte. Sie 
tat nun alles dazu, um ihren Mann nicht erraten zu lassen, 
daß sie infolge der durch ihn determinierten Versagung er- 
krankt sei. Aber ich habe nicht ohne gute Gründe be- 
hauptet, daß jeder Mensch in seinem eigenen Unbewußten 
ein Instrument besitzt, mit dem er die Äußerungen des Un- 
bewußten beim anderen zu deuten vermag; der Mann ver- 
stand ohne Geständnis oder Erklärung, was die Angst seiner 
Frau bedeute, kränkte sich darüber, ohne es zu zeigen, und 
reagierte nun seinerseits neurotisch, indem er — zum ersten- 
mal — beim Eheverkehr versagte. Unmittelbar darauf reiste 
er ab, die Frau hielt ihn für dauernd impotent geworden 
und produzierte die ersten Zwangssymptome an dem Tage 
vor seiner erwarteten Rückkunft. 

Der Inhalt ihrer Zwangsneurose bestand in einem pein- 
lichen Wasch- und Reinlichkeitszwang und in höchst ener- 
gischen Schutzmaßregeln gegen böse Schädigungen, welche 
andere von ihr zu befürchten hätten, also in Reaktionsbil- 
dungen gegen analerotische und sadistische 
Regungen. In solchen Formen mußte sich ihr Sexualbedürfnis 
äußern, nachdem ihr Genitallcben durch die Impotenz des 
für sie einzigen Mannes eine volle Entwertung erfahren hatte. 

An diesen Punkt hat das kleine, von mir neugebildete 
Stückchen Theorie angeknüpft, welches natürlich nur schein- 
bar auf dieser einen Beobachtung ruht, in Wirklichkeit eine 
große Summe früherer Eindrücke zusammenfaßt, die aber 
erst nach dieser letzten Erfahrung fähig wurden, eine Ein- 
sicht zu ergeben. Ich sagte mir, daß mein Entwicklungs- 
schema der libidinösen Funktion einer neuen Einschaltung 
bedarf. Ich hatte zuerst nur unterschieden die Phase des 
Autoerotismus, in welcher die einzelnen Partialtriebe, jeder 
für sich, ihre Lustbefriedigung am eigenen Leibe suchen, 















*° Die Disposition 

und dann die Zusammenfassung aller Partialtriebe zur Ob- 
jektwahl unter dem Primat der Genitalien im Dienste der 
Fortpflanzung. Die Analyse der Paraphrenien hat uns, wie 
bekannt, genötigt, dazwischen ein Stadium des Narzißmus 
einzuschieben, in dem die Objektwahl bereits erfolgt ist, 
aber das Objekt noch mit dem eigenen Ich zusammenfällt. 
Und nun sehen wir die Notwendigkeit ein, ein weiteres 
Stadium vor der Endgestaltung gelten zu lassen, in dem die 
Partialtriebe bereits zur Objektwahl zusammengefaßt sind, 
das Objekt sich der eigenen Person schon als eine fremde 
gegenüberstellt, aber der Primat der Genital- 
zonen noch nicht aufgerichtet ist. Die Par- 
tialtriebe, welche diese prägenitale Organisation des 
Sexuallebens beherrschen, sind vielmehr die analerotischen 
und die sadistischen. 

Ich weiß, daß jede solche Aufstellung zunächst befremdend 
klingt. Erst durch die Aufdeckung ihrer Beziehungen zu 
unserem bisherigen Wissen wird sie uns vertraut, und am 
Ende ist ihr Schicksal häufig, daß sie als eine geringfügige, 
längst geahnte Neuerung erkannt wird. Wenden wir uns also 
mit ähnlichen Erwartungen zur Diskussion der „prägenitalen 
Sexualordnung". 

a) Es ist bereits vielen Beobachtern aufgefallen und zuletzt 
mit besonderer Schärfe von E. Jones hervorgehoben wor- 
den, welche außerordentliche Rolle die Regungen von Haß 
und Analerotik in der Symptomatologie der Zwangsneurose 
spielen. 2 Dies leitet sich nun unmittelbar aus unserer Auf- 
stellung ab, wenn es diese Partialtriebe sind, die in der Neu- 
rose die Vertretung der Genitaltriebe wieder übernommen 
haben, deren Vorgänger sie in der Entwicklung waren. 

Hier fügt s ich nun das bisher zurückgehaltene Stück aus 

2) E. Jones: Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. 
(Internat. Zeitschrift für ärztl. Psychoanalyse, I, 1913, H. j.) 







der Krankengeschichte unseres Falles ein. Das Sexualleben 
der Patientin begann im zartesten Kindesalter mit sadisti- 
schen Schlagephantasien. Nach deren Unterdrückung setzte 
eine ungewöhnlich lange Latenzzeit ein, in welcher das 
Mädchen eine hochreichende moralische Entwicklung durch- 
machte, ohne zum weiblichen Sexualempfinden zu erwachen. 
Mit der in jungen Jahren geschlossenen Ehe begann eine 
Periode normaler Sexualbetätigung als glückliche Frau, die 
durch eine Reihe von Jahren anhielt, bis die erste große 
Versagung die hysterische Neurose brachte. Mit der darauf fol- 
genden Entwertung des Genitallebens sank ihr Sexualleben, 
wie erwähnt, auf die infantile Stufe des Sadismus zurück. 

Es ist nicht schwer, den Charakter zu bestimmen, in 
welchem sich dieser Fall von Zwangsneurose von den häufi- 
geren anderen unterscheidet, die in jüngeren Jahren beginnen 
und von da an chronisch mit mehr oder weniger auffälligen 
Exazerbationen verlaufen. In diesen anderen Fällen wird die 
Sexualorganisation, welche die Disposition zur Zwangs- 
neurose enthält, einmal hergestellt, nie wieder völlig überwun- 
den; in unserem Falle ist sie zuerst durch die höhere Ent- 
wicklungsstufe abgelöst und dann durch Regression von 
dieser her wieder aktiviert worden. 

b) Wenn wir von unserer Aufstellung aus den Anschluß 
an biologische Zusammenhänge suchen, dürfen wir nicht 
vergessen, daß der Gegensatz von männlich und weiblich, 
welcher von der Fortpflanzungsfunktion eingeführt wird, 
auf der Stufe der prägenitalen Objektwahl noch nicht vor- 
handen sein kann. An seiner Statt finden wir den Gegensatz 
von Strebungen mit aktivem und passivem Ziel, der sich 
späterhin mit dem Gegensatz der Geschlechter verlöten wird. 
Die Aktivität wird vom gemeinen Bemächtigungstrieb bei- 
gestellt, den wir eben Sadismus heißen, wenn wir ihn im 
Dienste der Sexualfunktion finden; er hat auch im voll- 












12 Die Disposition 

entwickelten normalen Sexualleben wichtige Helferdienste 
zu verrichten. Die passive Strömung wird von der Anal- 
erotik gespeist, deren erogene Zone der alten, undifferenzier- 
ten Kloake entspricht. Die Betonung dieser Analerotik auf 
der prägenitalen Organisationsstufe wird beim Manne eine 
bedeutsame Prädisposition zur Homosexualität hinterlassen, 
wenn die nächste Stufe der Sexualfunktion, die des Primats 
der Genitalien, erreicht wird. Der Aufbau dieser letzten 
Phase über der vorigen und die dabei erfolgende Umarbei- 
tung der Libidobesetzungen bietet der analytischen Forschung 
die interessantesten Aufgaben. 

Man kann der Meinung sein, daß man sich allen hier in 
Betracht kommenden Schwierigkeiten und Komplikationen 
entzieht, wenn man eine prägenitale Organisation des Sexual- 
lebens verleugnet und das Sexualleben mit der Genital- und 
Fortpflanzungsfunktion zusammenfallen, wie auch mit ihr 
beginnen läßt. Von den Neurosen würde man dann mit 
Rücksicht auf die nicht mißverständlichen Ergebnisse der 
analytischen Forschung aussagen, daß sie durch den Prozeß 
der Sexualverdrängung dazu genötigt werden, sexuelle Stre- 
bungen durch andere nicht sexuelle Triebe auszudrücken, 
die letzteren also kompensatorisch zu sexualisieren. Wenn 
man so verfährt, hat man sich aber außerhalb der Psycho- 
analyse begeben. Man steht wieder dort, wo man sich vor 
der Psychoanalyse befand, und muß auf das durch sie ver- 
mittelte Verständnis des Zusammenhanges zwischen Gesund- 
heit, Perversion und Neurose verzichten. Die Psychoanalyse 
steht und fällt mit der Anerkennung der sexuellen Partial- 
triebe, der erogenen Zonen und der so gewonnenen Aus- 
dehnung des Begriffes „Sexualfunktion" im Gegensatz zur 
engeren „Genitalfunktion". Übrigens reicht die Beobachtung 
der normalen Entwicklung des Kindes für sich allein hin, 
um eine solche Versuchung zurückzuweisen. 






zur Zwangsneurose 13 

c) Auf dem Gebiete der Charakterentwicklung müssen 
wir denselben Triebkräften begegnen, deren Spiel wir in den 
Neurosen aufgedeckt haben. Eine scharfe theoretische Schei- 
dung der beiden wird aber durch den einen Umstand ge- 
boten, daß beim Charakter wegfällt, was dem Neurosen- 
mechanismus eigentümlich ist, das Mißglücken der Verdrän- 
gung und die Wiederkehr des Verdrängten. Bei der Charak- 
terbildung tritt die Verdrängung entweder nicht in Aktion 
oder sie erreicht glatt ihr Ziel, das Verdrängte durch Reak- 
tionsbildungen und Sublimierungen zu ersetzen. Darum sind 
die Prozesse der Charakterbildung undurchsichtiger und der 
Analyse unzugänglicher als die neurotischen. 

Gerade auf dem Gebiete der Charakterentwicklung be- 
gegnet uns aber eine gute Analogie zu dem von uns be- 
schriebenen Krankheitsfalle, also eine Bekräftigung der prä- 
genitalen sadistisch-analerotischen Sexualorganisation. Es ist 
bekannt und hat den Menschen viel Stoff zur Klage gegeben, 
daß die Frauen häufig, nachdem sie ihre Genitalfunktionen 
aufgegeben haben, ihren Charakter in eigentümlicher Weise 
verändern. Sie werden zänkisch, quälerisch und rechthabe- 
risch, kleinlich und geizig, zeigen also typische sadistische 
und analerotische Züge, die ihnen vorher in der Epoche der 
Weiblichkeit nicht eigen waren. Lustspieldichter und Sati- 
riker haben zu allen Zeiten ihre Invektiven gegen den „alten 
Drachen" gerichtet, zu dem das holde Mädchen, die liebende 
Frau, die zärtliche Mutter geworden ist. Wir verstehen, daß 
diese Charakterwandlung der Regression des Sexuallebens 
auf die prägenitale sadistisch-analerotische Stufe entspricht, 
in welcher wir die Disposition zur Zwangsneurose gefunden 
haben. Sie wäre also nicht nur die Vorläuferin der genitalen 
Phase, sondern oft genug auch ihre Nachfolge und Ablösung, 
nachdem die Genitalien ihre Funktion erfüllt haben. 
Der Vergleich einer solchen Charakterveränderung mit 



H 



Die Disposition 



der Zwangsneurose ist sehr eindrucksvoll. In beiden Fällen 
das Werk der Regression, aber im ersten Falle volle Regres- 
sion nach glatt vollzogener Verdrängung (oder Unter- 
drückung); im Falle der Neurose: Konflikt, Bemühung, die 
Regression nicht gelten zu lassen, Reaktionsbildungen gegen 
dieselbe und Symptombildungen durch Kompromisse von 
beiden Seiten her, Spaltung der psychischen Tätigkeiten in 
bewußtseinsfähige und unbewußte. 

d) Unsere Aufstellung einer prägenitalen Sexualorganisa- 
tion ist nach zwei Richtungen hin unvollständig. Sie nimmt 
erstens keine Rücksicht auf das Verhalten anderer Partial- 
triebe, an dem manches der Erforschung und Erwähnung 
wert wäre, und begnügt sich, den auffälligen Primat von 
Sadismus und Analerotik herauszuheben. Besonders vom 
Wißtrieb gewinnt man häufig den Eindruck, als ob er im 
Mechanismus der Zwangsneurose den Sadismus geradezu 
ersetzen könnte. Er ist ja im Grunde ein sublimierter, ins 
Intellektuelle gehobener Sprößling des Bemächtigungstriebcs, 
seine Zurückweisung in der Form des Zweifels nimmt im 
Bilde der Zwangsneurose einen breiten Raum ein. 

Ein zweiter Mangel ist weit bedeutsamer. Wir wissen, daß 
die entwicklungsgeschichtliche Disposition für eine Neurose 
nur dann vollständig ist, wenn sie die Phase der Ichentwick- 
lung, in welcher die Fixierung eintritt, ebenso berücksichtigt 
wie die der Libidoentwicklung. Unsere Aufstellung hat sich 
aber nur auf die letztere bezogen, sie enthält also nicht die 
ganze Kenntnis, die wir fordern dürfen. Die Entwicklungs- 
stadien der Ichtriebe sind uns bis jetzt sehr wenig bekannt; 
ich weiß nur von einem vielversprechenden Versuch von 
Ferenczi, sich diesen Fragen zu nähern. 3 Ich weiß nicht, 



3) Ferenczi: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. 
Internat. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, I, 1913. (Ferenczi, 
Bausteine zur Psychoanalyse Bd. I, S. 62 ff.) 



zur 'Zwangsneurose 



iJ 



ob es zu gewagt erscheint, wenn ich den vorhandenen 
Spuren folgend die Annahme ausspreche, daß ein zeitliches 
Voraneilen der Ichentwicklung vor der Libidoentwicklung 
in die Disposition zur Zwangsneurose einzutragen ist. Eine 
solche Voreiligkeit würde von den Ichtrieben her zur 
Objektwahl nötigen, während die Sexualfunktion ihre letzte 
Gestaltung noch nicht erreicht hat, und somit eine Fixierung 
auf der Stufe der prägenitalen Sexualordnung hinterlassen. 
Erwägt man, daß die Zwangsneurotiker eine Ubermoral ent- 
wickeln müssen, um ihre Objektliebe gegen die hinter ihr 
lauernde Feindseligkeit zu verteidigen, so wird man geneigt 
sein, ein gewisses Maß von diesem Voraneilen der Ichent- 
wicklung als typisch für die menschliche Natur hinzustellen 
und die Fähigkeit zur Entstehung der Moral in dem Um- 
stand begründet zu finden, daß nach der Entwicklung der 
Haß der Vorläufer der Liebe ist. Vielleicht ist dies die Be- 
deutung eines Satzes von W. Stekel, der mir seinerzeit 
unfaßbar erschien, daß der Haß und nicht die Liebe die pri- 
märe Gefühlsbeziehung zwischen den Menschen sei. 4 

e) Für die Hysterie erübrigt nach dem Vorstehenden die 
innige Beziehung zur letzten Phase der Libidoentwicklung, 
die durch den Primat der Genitalien und die Einführung 
der Fortpflanzungsfunktion ausgezeichnet ist. Dieser Erwerb 
unterliegt in der hysterischen Neurose der Verdrängung, mit 
welcher eine Regression auf die prägenitale Stufe nicht ver- 
bunden ist. Die Lücke in der Bestimmung der Disposition 
infolge unserer Unkenntnis der Ichentwicklung ist hier noch 
fühlbarer als bei der Zwangsneurose. 

Hingegen ist es nicht schwer nachzuweisen, daß eine 
andere Regression auf ein früheres Niveau auch der Hysterie 
zukommt. Die Sexualität des weiblichen Kindes steht, wie 



4) W. Stekel: Die Sprache des Traumes, 1911, S. 536. 



i6 



Die Disposition zur Zwangsneurose 



wir wissen, unter der Herrschaft eines männlichen Leitorgans 
(der Klitoris) und benimmt sich vielfach wie die des Knaben. 
Ein letzter Entwicklungsschub zur Zeit der Pubertät muß 
diese männliche Sexualität wegschaffen und die von der 
Kloake abgeleitete Vagina zur herrschenden erogenen Zone 
erheben. Es ist nun sehr gewöhnlich, daß in der hysterischen 
Neurose der Frauen eine Reaktivierung dieser verdrängten 
männlichen Sexualität statt hat, gegen welche sich dann 
der Abwehrkampf von Seiten der ichgerechten Triebe 
richtet. Doch erscheint es mir vorzeitig, an dieser Stelle in 
die Diskussion der Probleme der hysterischen Disposition 
einzutreten. 



ZWEI RINDERLÜGEN 

(1913) 

Es ist begreiflich, daß Kinder lügen, wenn sie damit die 
Lügen der Erwachsenen nachahmen. Aber eine Anzahl von 
Lügen von gut geratenen Kindern haben eine besondere Be- 
deutung und sollten die Erzieher nachdenklich machen, 
anstatt sie zu erbittern. Sie erfolgen unter dem Einfluß über- 
starker Liebesmotive und werden verhängnisvoll, wenn sie 
ein Mißverständnis zwischen dem Kinde und der von ihm 
geliebten Person herbeiführen. 

1 

Das siebenjährige Mädchen (im zweiten Schuljahr) hat 
vom Vater Geld verlangt, um Farben zum Bemalen von 
Ostereiern zu kaufen. Der Vater hat es abgeschlagen mit der 
Begründung, er habe kein Geld. Kurz darauf verlangte es 
vom Vater Geld, um zu einem Kranz für die verstorbene 
Landesfürstin beizusteuern. Jedes der Schulkinder soll fünf- 



Zwei Kinderlügen 



«7 



zig Pfennige bringen. Der Vater gibt ihr zehn Mark; sie 
bezahlt ihren Beitrag, legt dem Vater neun Mark auf den 
Schreibtisch und hat für die übrigen fünfzig Pfennige Farben 
gekauft, die sie im Spielschrank verbirgt. Bei Tisch fragt der 
Vater argwöhnisch, was sie mit den fehlenden fünfzig Pfenni- 
gen gemacht, und ob sie dafür nicht doch Farben gekauft 
hat. Sie leugnet es, aber der um zwei Jahre ältere Bruder, 
mit dem gemeinsam sie die Eier bemalen wollte, verrät sie; 
die Farben werden im Schrank gefunden. Der erzürnte Vater 
überläßt die Missetäterin der Mutter zur Züchtigung, die 
sehr energisch ausfällt. Die Mutter ist nachher selbst er- 
schüttert, als sie merkt, wie sehr das Kind verzweifelt ist. 
Sie liebkost es nach der Züchtigung, geht mit ihm spazieren, 
um es zu trösten. Aber die Wirkungen dieses Erlebnisses, 
von der Patientin selbst als „Wendepunkt" ihrer Jugend be- 
zeichnet, erweisen sich als unaufhebbar. Sie war bis dahin 
ein wildes, zuversichtliches Kind, sie wird von da an scheu 
und zaghaft. In ihrer Brautzeit gerät sie in eine ihr unver- 
ständliche Wut, als die Mutter ihr die Möbel und Aussteuer 
besorgt. Es schwebt ihr vor, es ist doch ihr Geld, dafür darf 
kein anderer etwas kaufen. Als junge Frau scheut sie sich, 
von ihrem Manne Ausgaben für ihren persönlichen Bedarf 
zu verlangen, und scheidet in überflüssiger Weise „ihr" Geld 
von seinem Geld. Während der Zeit der Behandlung trifft 
es sich einige Male, daß die Geldzusendungen ihres Mannes 
sich verspäten, so daß sie in der fremden Stadt mittellos 
bleibt. Nachdem sie mir dies einmal erzählt hat, will ich ihr 
das Versprechen abnehmen, in der Wiederholung dieser 
Situation die kleine Summe, die sie unterdes braucht, von 
mir zu entlehnen. Sie gibt dieses Versprechen, hält es aber 
bei der nächsten Geldverlegenheit nicht ein und zieht es vor, 
ihre Schmuckstücke zu verpfänden. Sie erklärt, sie kann kein 
Geld von mir nehmen. 

2 Freud, Schriften zur Neuroscnlehrc 



18 Zwei Kinderlügen 






Die Aneignung der fünfzig Pfennige in der Kindheit hatte 
eine Bedeutung, die der Vater nicht ahnen konnte. Einige 
Zeit vor der Schule hatte sie ein merkwürdiges Stückchen 
mit Geld aufgeführt. Eine befreundete Nachbarin hatte sie 
mit einem kleinen Geldbetrag als Begleiterin ihres noch jün- 
geren Söhnchens in einen Laden geschickt, um irgendetwas 
einzukaufen. Den Rest des Geldes nach dem Einkaufe trug 
sie als die ältere nach Hause. Als sie aber auf der Straße dem 
Dienstmädchen der Nachbarin begegnete, warf sie das Geld 
auf das Straßenpflaster hin. Zur Analyse dieser ihr selbst 
unerklärlichen Handlung fiel ihr Judas ein, der die Silber- 
linge hinwarf, die er für den Verrat am Herrn bekommen. 
Sie erklärt es für sicher, daß sie mit der Passionsgeschichte 
schon vor dem Schulbesuch bekannt wurde. Aber inwiefern 
durfte sie sich mit Judas identifizieren? 

Im Alter von dreieinhalb Jahren hatte sie ein Kinder- 
mädchen, dem sie sich sehr innig anschloß. Dieses Mädchen 
geriet in erotische Beziehungen zu einem Arzt, dessen Ordi- 
nation sie mit dem Kinde besuchte. Es scheint, daß das 
Kind damals Zeuge verschiedener sexueller Vorgänge wurde. 
Ob sie sah, daß der Arzt dem Mädchen Geld gab, ist nicht 
sichergestellt; unzweifelhaft aber, daß das Mädchen dem 
Kinde kleine Münzen schenkte, um sich seiner Verschwie- 
genheit zu versichern, für welche auf dem Heimwege Ein- 
käufe (wohl an Süßigkeiten) gemacht wurden. Es ist auch 
möglich, daß der Arzt selbst dem Kinde gelegentlich Geld 
schenkte. Dennoch verriet das Kind sein Mädchen an die 
Mutter, aus Eifersucht. Es spielte so auffällig mit den heim- 
gebrachten Groschen, daß die Mutter fragen mußte: Woher 
hast du das Geld? Das Mädchen wurde weggeschickt. 

Geld von jemandem nehmen hatte also für sie frühzeitig 
die Bedeutung der körperlichen Hingebung, der Liebesbeziehung 
bekommen. Vom Vater Geld nehmen hatte- den Wert einer 



. . 



Zwei Kinderlügen 



19 



Liebeserklärung. Die Phantasie, daß der Vater ihr Geliebter 
sei, war so verführerisch, daß der Kinderwunsch nach den 
Farben für die Ostereier sich mit ihrer Hilfe gegen das 
Verbot leicht durchsetzte. Eingestehen konnte sie aber die 
Aneignung des Geldes nicht, sie mußte leugnen, weil das 
Motiv der Tat, ihr selbst unbewußt, nicht einzugestehen 
war. Die Züchtigung des Vaters war also eine Abweisung 
der ihm angebotenen Zärtlichkeit, eine Verschmähung, und 
brach darum ihren Mut. In der Behandlung brach ein 
schwerer Verstimmungszustand los, dessen Auflösung zu der 
Erinnerung des hier Mitgeteilten führte, als ich einmal 
genötigt war, die Verschmähung zu kopieren, indem ich sie 
bat, keine Blumen mehr zu bringen. 

Für den Psychoanalytiker bedarf es kaum der Hervor- 
hebung, daß in dem kleinen Erlebnis des Kindes einer jener 
so überaus häufigen Fälle von Fortsetzung der früheren 
Analerotik in das spätere Liebesleben vorliegt. Auch die 
Lust, die Eier farbig zu bemalen, entstammt derselben 
Quelle. 

II 

Eine heute infolge einer Versagung im Leben schwer- 
kranke Frau war früher einmal ein besonders tüchtiges, 
wahrheitsliebendes, ernsthaftes und gutes Mädchen gewesen 
und dann eine zärtliche Frau geworden. Noch früher aber, 
in den ersten Lebensjahren, war sie ein eigensinniges und 
unzufriedenes Kind gewesen, und während sie sich ziemlich 
rasch zur Übergüte und Übergewissenhaftigkeit wandelte, 
ereigneten sich noch in ihrer Schulzeit Dinge, die ihr in 
den Zeiten der Krankheit schwere Vorwürfe einbrachten 
und von ihr als Beweise gründlicher Verworfenheit beurteilt 
wurden. Ihre Erinnerung sagte ihr, daß sie damals oft ge- 
prahlt und gelogen hatte. Einmal rühmte sich auf dem 



20 



Zwei Kinderlügen 



Schulweg eine Kollegin: Gestern haben wir zu Mittag Eis 
gehabt. Sie erwiderte: Oh, Eis haben wir alle Tage. In 
Wirklichkeit verstand sie nicht, was Eis zur Mittagsmahlzeit 
bedeuten sollte; sie kannte das Eis nur in den langen 
Blöcken, wie es auf Wagen verführt wird, aber sie nahm 
an, es müsse etwas Vornehmes damit gemeint sein, und 
darum wollte sie hinter der Kollegin nicht zurückbleiben. 

Als sie zehn Jahre alt war, wurde in der Zeichenstunde 
einmal die Aufgabe gegeben, aus freier Hand einen Kreis 
zu ziehen. Sie bediente sich dabei aber des Zirkels, brachte 
so leicht einen vollkommenen Kreis zustande und zeigte 
ihre Leistung triumphierend ihrer Nachbarin. Der Lehrer 
kam hinzu, hörte die Prahlerin, entdeckte die Zirkelspuren 
in der Kreislinie und stellte das Mädchen zur Rede. Dieses 
aber leugnete hartnäckig, ließ sich durch keine Beweise 
überführen und half sich durch trotziges Verstummen. Der 
Lehrer konferierte darüber mit dem Vater; beide ließen sich 
durch die sonstige Bravheit des Mädchens bestimmen, dem 
Vergehen keine weitere Folge zu geben. 

Beide Lügen des Kindes waren durch den nämlichen 
Komplex motiviert. Als älteste von fünf Geschwistern ent- 
wickelte die Kleine frühzeitig eine ungewöhnlich intensive 
Anhänglichkeit an den Vater, an welcher dann in reifen 
Jahren ihr Lebensglück scheitern sollte. Sie mußte aber bald 
die Entdeckung machen, daß dem geliebten Vater nicht die 
Größe zukomme, die sie ihm zuzuschreiben bereit war. Er 
hatte mit Geldschwierigkeiten zu kämpfen, er war nicht 
so mächtig oder so vornehm, wie sie gemeint hatte. Diesen 
Abzug von ihrem Ideal konnte sie sich aber nicht gefallen 
lassen. Indem sie nach Art des Weibes ihren ganzen Ehrgeiz 
auf den geliebten Mann verlegte, wurde es zum überstarken 
Motiv für sie, den Vater gegen die Welt zu stützen. Sie 
prahlte also vor den Kolleginnen, um den Vater nicht ver- 



Zwei Kinderlügen 



21 



kleinern zu müssen. Als sie später das Eis beim Mittagessen 
mit „Glace" übersetzen lernte, war der Weg gebahnt, auf wel- 
chem dann der Vorwurf wegen dieser Reminiszenz in eine 
Angst vor Glasscherben und Splittern einmünden konnte. 

Der Vater war ein vorzüglicher Zeichner und hatte durch 
die Proben seines Talents oft genug das Entzücken und die 
Bewunderung der Kinder hervorgerufen. In der Identifizierung 
mit dem Vater zeichnete sie in der Schule jenen Kreis, der 
ihr nur durch betrügerische Mittel gelingen konnte. Es war, 
als ob sie sich rühmen wollte: Schau her, was mein Vater 
kann! Das Schuldbewußtsein, das der überstarken Neigung 
zum Vater anhaftete, fand in dem versuchten Betrug seinen 
Ausdruck; ein Geständnis war aus demselben Grunde un- 
möglich wie in der vorstehenden Beobachtung, es hätte das 
Geständnis der verborgenen inzestuösen Liebe sein müssen. 

Man möge nicht gering denken von solchen Episoden des 
Kinderlebens. Es wäre eine arge Verfehlung, wenn man aus 
solchen kindlichen Vergehen die Prognose auf Entwicklung 
eines unmoralischen Charakters stellen würde. Wohl aber 
hängen sie mit den stärksten Motiven der kindlichen Seele 
zusammen und künden die Dispositionen zu späteren Schick- 
salen oder künftigen Neurosen an. 






EINE BEZIEHUNG 

ZWISCHEN EINEM SYMBOL 

UND EINEM SYMPTOM 

(i 9 iö) 

Der Hut als Symbol des Genitales, vorwiegend des männ- 
lichen, ist durch die Erfahrung der Traumanalysen hin- 
reichend sichergestellt. Man kann aber nicht behaupten, daß 



22 



Eine Beziehung zwischen einem Symbol 



dieses Symbol zu den begreiflichen gehört. In Phantasien 
wie in mannigfachen Symptomen erscheint auch der Kopf 
als Symbol des männlichen Genitales, oder wenn man will, 
als Vertretung desselben. Mancher Analytiker wird bemerkt 
haben, daß seine zwangsleidenden Patienten ein Maß von 
Abscheu und Entrüstung gegen die Strafe des Köpfens äußern 
wie weitaus gegen keine andere Todesart, und wird sich 
veranlaßt gesehen haben, ihnen zu erklären, daß sie das 
Geköpftwerden wie einen Ersatz des Kastriertwerdens be- 
handeln. Wiederholt sind Träume jugendlicher Personen oder 
aus jungen Jahren analysiert und auch mitgeteilt worden, die 
das Thema der Kastration betrafen, und in denen von einer 
Kugel die Rede war, welche man als den Kopf des Vaters 
deuten mußte. Ich habe kürzlich ein Zeremoniell vor dem 
Einschlafen auflösen können, in dem es vorgeschrieben war, 
daß das kleine Kopfpolster rautenförmig auf den anderen 
Polstern liegen und der Kopf der Schlafenden genau i m 
langen Durchmesser der Raute ruhen sollte. Die Raute hatte 
die bekannte, aus Mauerzeichnungen vertraute Bedeutung, der 
Kopf sollte ein männliches Glied darstellen. 

Es könnte nun sein, daß die Symbolbedeutung des Hutes 
sich aus der des Kopfes ableitet, insofern der Hut als ein 
fortgesetzter, aber abnehmbarer Kopf betrachtet werden kann. 
In diesem Zusammenhange erinnerte ich mich eines 
Symptoms der Zwangsneurotiker, aus dem sich diese Kranken 
eine hartnäckige Quälerei zu bereiten wissen. Sie lauern auf 
der Straße unausgesetzt darauf, ob sie ein Bekannter zuerst 
durch Hutabnehmen gegrüßt hat, oder ob er auf ihren 
Gruß zu warten scheint, und verzichten auf eine Anzahl von 
Beziehungen, indem sie die Entdeckung machen, daß der Be- 
treffende sie nicht mehr grüßt oder ihren Gruß nicht ordent- 
lich erwidert. Sie finden solcher Grußschwierigkeiten, die sie 
nach Stimmung und Belieben aufgreifen, kein Ende. Es ändert 



und einem Symptom 



2 3 



an diesem Verhalten auch nichts, wenn man ihnen vorhält, 
was sie ohnedies alle wissen, daß der Gruß durch Hut- 
abnehmen eine Erniedrigung vor dem Begrüßten bedeutet, 
daß z. B. ein Grande von Spanien das Vorrecht genoß, in 
Gegenwart des Königs bedeckten Hauptes zu bleiben, und 
daß ihre Grußempfindlichkeit also den Sinn hat, sich nicht 
geringer darzustellen, als der andere sich dünkt. Die 
Resistenz ihrer Empfindlichkeit gegen solche Aufklärung läßt 
die Vermutung zu, daß man die "Wirkung eines dem Bewußt- 
sein weniger gut bekannten Motivs vor sich hat, und die 
Quelle dieser Verstärkung könnte leicht in der Beziehung 
zum Kastrationskomplex gefunden werden. 



MITTEILUNG EINES DER 

PSYCHOANALYTISCHEN THEORIE 

WIDERSPRECHENDEN FALLES 

VON PARANOIA 



(ipij) 






Vor Jahren ersuchte mich ein bekannter Rechtsanwalt um 
Begutachtung eines Falles, dessen Auffassung ihm zweifelhaft 
erschien. Eine junge Dame hatte sich an ihn gewendet, um 
Schutz gegen die Verfolgungen eines Mannes zu finden, der 
sie zu einem Liebesverhältnis bewogen hatte. Sie behauptete, 
daß dieser Mann ihre Gefügigkeit mißbraucht hatte, um von 
ungesehenen Zuschauern photographische Aufnahmen ihres 
zärtlichen Beisammenseins herstellen zu lassen; nun läge es 
in seiner Hand, sie durch das Zeigen dieser Bilder zu be- 
schämen und zum Aufgeben ihrer Stellung zu zwingen. Der 
Rechtsfreund war erfahren genug, das krankhafte Gepräge 
dieser Anklage zu erkennen, meinte aber, es komme so viel 



^4 Ein der psychoanalytischen Theorie 

im Leben vor, was man für unglaubwürdig halten möchte, 
daß ihm das Urteil eines Psychiaters über die Sache wertvoll 
wäre. Er versprach, mich ein nächstes Mal in Gesellschaft 
der Klägerin zu besuchen. 

Ehe ich meinen Bericht fortsetze, will ich bekennen, daß 
ich das Milieu der zu untersuchenden Begebenheit zur 
Unkenntlichkeit verändert habe, aber auch nichts anderes 
als dies. Ich halte es sonst für einen Mißbrauch, aus irgend 
welchen, wenn auch aus den besten Motiven Züge einer 
Krankengeschichte in der Mitteilung zu entstellen, da man 
unmöglich wissen kann, welche Seite des Falles ein selb- 
ständig urteilender Leser herausgreifen wird, und somit 
Gefahr läuft, diesen letzteren in die Irre zu führen. 

Die Patientin, die ich nun bald darauf kennen lernte, war 
ein dreißigjähriges Mädchen von ungewöhnlicher Anmut 
und Schönheit; sie schien viel jünger zu sein, als sie angab, 
und machte einen echt weiblichen Eindruck. Gegen den Arzt 
benahm sie sich voll ablehnend und gab sich keine Mühe, 
ihr Mißtrauen zu verbergen. Offenbar nur unter dem Drucke' 
des mitanwesenden Rechtsfreundes erzählte sie die folgende 
Geschichte, die mir ein später zu erwähnendes Problem 
aufgab. Ihre Mienen und Affektäußerungen verrieten dabei 
nichts von einer schamhaften Befangenheit, wie sie der Ein- 
stellung zu dem fremden Zuhörer entsprochen hätte. Sie 
stand ausschließlich unter dem Banne der Besorgnis, die sich 
aus ihrem Erlebnis ergeben hatte. 

Sie war jahrelang Angestellte in einem großen Institut 
gewesen, in dem sie einen verantwortlichen Posten zur 
eigenen Befriedigung und zur Zufriedenheit der Vorgesetzten 
innehatte. Liebesbeziehungen zu Männern hätte sie nie 
gesucht; sie lebte ruhig neben einer alten Mutter, deren 
einzige Stütze sie war. Geschwister fehlten, der Vater war 
vor vielen Jahren gestorben. In der letzten Zeit hatte sich 



widersprechender Fall von Paranoia 25 

ein männlicher Beamter desselben Bureaus ihr genähert, ein 
sehr gebildeter, einnehmender Mann, dem auch sie ihre 
Sympathie nicht versagen konnte. Eine Heirat zwischen 
ihnen war durch äußere Verhältnisse ausgeschlossen, aber 
der Mann wollte nichts davon wissen, dieser Unmöglichkeit 
wegen den Verkehr aufzugeben. Er hielt ihr vor, wie 
unsinnig es sei, wegen sozialer Konventionen auf alles zu 
verzichten, was sie sich beide wünschten, worauf sie ein 
unzweifelhaftes Anrecht hätten, und was wie nichts anderes 
zur Erhöhung des Lebens beitrüge. Da er versprochen hatte, 
sie nicht in Gefahr zu bringen, willigte sie endlich ein, ihn 
in seiner Junggesellenwohnung bei Tage zu besuchen. Dort 
kam es nun zu Küssen und Umarmungen, sie lagerten sich 
nebeneinander, er bewunderte ihre zum Teil enthüllte 
Schönheit. Mitten in dieser Schäferstunde wurde sie durch 
ein einmaliges Geräusch wie ein Pochen oder Ticken er- 
schreckt. Es kam von der Gegend des Schreibtisches her, 
welcher schräg vor dem Fenster stand; der Zwischenraum 
zwischen Tisch und Fenster war zum Teil von einem 
schweren Vorhang eingenommen. Sie erzählte, daß sie den 
Freund sofort nach der Bedeutung des Geräusches gefragt 
und von ihm die Auskunft bekommen hatte, es rühre wahr- 
scheinlich von der kleinen, auf dem Schreibtisch befindlichen 
Stehuhr her; ich werde mir aber die Freiheit nehmen, zu 
diesem Teil ihres Berichts später eine Bemerkung zu 
machen. 

Als sie das Haus verließ, traf sie noch auf der Treppe 
mit zwei Männern zusammen, die bei ihrem Anblick einander 
etwas zuflüsterten. Einer der beiden Unbekannten trug einen 
verhüllten Gegenstand wie ein Kästchen. Die Begegnung 
beschäftigte ihre Gedanken; noch auf dem Heimwege bildete 
sie die Kombination, dies Kästchen könnte leicht ein photo- 
graphischer Apparat gewesen sein, der Mann, der es trug, 



z6 Ein der psychoanalytischen Theorie 

ein Photograph, der während ihrer Anwesenheit im Zimmer 
hinter dem Vorhang versteckt geblieben war, und das 
Ticken, das sie gehört, das Geräusch des Abdrückens, nach- 
dem der Mann die besonders verfängliche Situation heraus- 
gefunden, die er im Bilde festhalten wollte. Ihr Argwohn 
gegen den Geliebten war von da an nicht mehr zum 
Schweigen zu bringen; sie verfolgte ihn mündlich und 
schriftlich mit der Anforderung, ihr Aufklärung und Be- 
ruhigung zu geben, und mit Vorwürfen, erwies sich aber 
unzugänglich gegen die Versicherungen, die er ihr machte, 
mit denen er die Aufrichtigkeit seiner Gefühle und die 
Grundlosigkeit ihrer Verdächtigung vertrat. Endlich wandte 
sie sich an den Advokaten, erzählte ihm ihr Erlebnis und 
übergab ihm die Briefe, die sie in dieser Angelegenheit von 
dem Verdächtigten erhalten hatte. Ich konnte später in 
einige dieser Briefe Einsicht nehmen; sie machten mir den 
besten Eindruck; ihr Hauptinhalt war das Bedauern, daß 
ein so schönes, zärtliches Einvernehmen durch diese „un- 
glückselige, krankhafte Idee" zerstört worden sei. 

Es bedarf wohl keiner Rechtfertigung, daß ich das Urteil 
des Beschuldigten auch zu dem meinigen machte. Aber der 
Fall hatte für mich ein anderes als bloß diagnostisches 
Interesse. Es war in der psychoanalytischen Literatur be- 
hauptet worden, daß der Paranoiker gegen eine Verstärkung 
seiner homosexuellen Strebungen ankämpft, was im Grunde 
auf eine narzißtische Objektwahl zurückweist. Es war ferner 
gedeutet worden, daß der Verfolger im Grunde der Geliebte 
oder der ehemals Geliebte sei. Aus der Zusammensetzung 
beider Aufstellungen ergibt sich die Forderung, der Ver- 
folger müsse von demselben Geschlechte sein, wie der Ver- 
folgte. Den Satz von der Bedingtheit der Paranoia durch die 
Homosexualität hatten wir allerdings nicht als allgemein 
und ausnahmslos gültig hingestellt, aber nur darum nicht, 






widersprechender Fall von Paranoia 



27 



weil unsere Beobachtungen nicht genug zahlreich waren. Er 
gehörte sonst zu jenen, die infolge gewisser Zusammenhänge 
nur dann bedeutungsvoll sind, wenn sie Allgemeinheit bean- 
spruchen können. In der psychiatrischen Literatur fehlte es 
gewiß nicht an Fällen, in denen sich der Kranke von An- 
gehörigen des anderen Geschlechtes verfolgt glaubte, aber 
es blieb ein anderer Eindruck, von solchen Fällen zu lesen, 
als einen derselben selbst vor sich zu sehen. Was ich und 
meine Freunde hatten beobachten und analysieren können, 
hatte bisher die Beziehung der Paranoia zur Homosexualität 
ohne Schwierigkeit bestätigt. Der hier vorgeführte Fall 
sprach mit aller Entschiedenheit dagegen. Das Mädchen 
schien die Liebe zu einem Mann abzuwehren, indem sie den 
Geliebten unmittelbar in den Verfolger verwandelte; vom 
Einfluß des Weibes, von einem Sträuben gegen eine homo- 
sexuelle Bindung war nichts zu finden. 

Bei dieser Sachlage war es wohl das Einfachste, die Partei- 
nahme für eine allgemein gültige Abhängigkeit des Ver- 
folgungswahnes von der Homosexualität und alles, was sich 
weiter daran knüpfte, wieder aufzugeben. Man mußte wohl 
auf diese Erkenntnis verzichten, wenn man sich nicht etwa 
durch diese Abweichung von der Erwartung bestimmen ließ, 
sich auf die Seite des Rechtsfreundes zu schlagen und wie 
er ein richtig gedeutetes Erlebnis anstatt einer paranoischen 
Kombination anzuerkennen. Ich sah aber einen anderen Aus- 
weg, welcher die Entscheidung zunächst hinausschob. Ich 
erinnerte mich daran, wie oft man in die Lage gekommen 
war, psychisch Kranke falsch zu beurteilen, weil man sich 
nicht eindringlich genug mit ihnen beschäftigt und so zu 
wenig von ihnen erfahren hatte. Ich erklärte also, es sei mir 
unmöglich, heute ein Urteil zu äußern, und bitte sie viel- 
mehr, mich ein zweites Mal zu besuchen, um mir die Ge- 
schichte ausführlicher und mit allen, diesmal vielleicht 



28 



Ein der psychoanalytischen Theorie 



übergangenen Nebenumständen zu erzählen. Durch die Ver- 
mittlung des Advokaten erreichte ich dies Zugeständnis von 
der sonst unwilligen Patientin; er kam mir auch durch die 
Erklärung zu Hilfe, daß bei dieser zweiten Unterredung 
seine Anwesenheit überflüssig sei. 

Die zweite Erzählung der Patientin hob die frühere nicht 
auf, brachte aber solche Ergänzungen, daß alle Zweifel und 
Schwierigkeiten wegfielen. Vor allem, sie hatte den jungen 
Mann nicht einmal, sondern zweimal in seiner "Wohnung 
besucht. Beim zweiten Zusammensein ereignete sich die 
Störung durch das Geräusch, an welches sie ihren Verdacht 
angeknüpft hatte; den ersten Besuch hatte sie bei der ersten 
Mitteilung unterschlagen, ausgelassen, weil er ihr nicht mehr 
bedeutsam vorkam. Bei diesem ersten Besuch hatte sich 
nichts Auffälliges zugetragen, wohl aber am Tage nachher. 
Die Abteilung des großen Unternehmens, bei welcher sie 
tätig war, stand unter der Leitung einer alten Dame, die 
sie mit den Worten beschrieb: Sie hat weiße Haare wie 
meine Mutter. Sie war es gewöhnt, von dieser alten Vor- 
gesetzten sehr zärtlich behandelt, auch wohl manchmal 
geneckt zu werden, und hielt sich für ihren besonderen 
Liebling. Am Tage nach ihrem ersten Besuch bei dem jungen 
Beamten erschien dieser in den Geschäftsräumen, um der 
alten Dame etwas dienstlich mitzuteilen, und während er 
leise mit dieser sprach, entstand in ihr plötzlich die Gewiß- 
heit, er mache ihr Mitteilung von dem gestrigen Abenteuer 
ja, er unterhalte längst ein Verhältnis mit ihr, von dem sie 
selbst nur bisher nichts gemerkt habe. Die weißhaarige, 
mütterliche Alte wisse nun alles. Im weiteren Verlaufe des 
Tages konnte sie aus dem Benehmen und den Äußerungen 
der Alten diesen ihren Verdacht bekräftigen. Sie ergriff die 
nächste Gelegenheit, den Geliebten wegen seines Verrates zur 
Rede zu stellen. Der sträubte sich natürlich energisch gegen 






widersprechender Fall von Paranoia 



29 



das, was er eine unsinnige Zumutung hieß, und es gelang 
ihm in der Tat, sie für diesmal von ihrem Wahn abzubringen, 
so daß sie einige Zeit — ich glaube einige Wochen — spater 
vertrauensvoll genug war, den Besuch in seiner Wohnung 
zu wiederholen. Das Weitere ist uns aus der ersten Erzählung 
der Patientin bekannt. 

Was wir neu erfahren haben, macht zunächst dem Zweifel 
an der krankhaften Natur der Verdächtigung ein Ende. 
Unschwer erkennt man, daß die weißhaarige Vorsteherin 
ein Mutterersatz ist, daß der geliebte Mann trotz seiner 
Jugend an die Stelle des Vaters gerückt wird, und daß es 
die Macht des Mutterkomplexes ist, welche die Kranke 
zwingt, ein Liebesverhältnis zwischen den beiden ungleichen 
Partnern, aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotze, anzunehmen. 
Damit verflüchtigt sich aber auch der anscheinende Wider- 
spruch gegen die von der psychoanalytischen Lehre genährte 
Erwartung, eine überstarke homosexuelle Bindung werde 
sich als die Bedingung zur Entwicklung eines Verfolgungs- 
wahnes herausstellen. Der ursprüngliche Verfolger, die In- 
stanz, deren Einfluß man sich entziehen will, ist auch in 
diesem Falle nicht der Mann, sondern das Weib. Die Vor- 
steherin weiß von den Liebesbeziehungen des Mädchens, 
mißbilligt sie und gibt ihr diese Verurteilung durch ge- 
heimnisvolle Andeutungen zu erkennen. Die Bindung an d 
gleiche Geschlecht widersetzt sich den Bemühungen, 
Mitglied des anderen Geschlechts zum Liebesobjekt zu ge- 
winnen. Die Liebe zur Mutter wird zur Wortführerin all 
der Strebungen, welche in der Rolle eines „Gewissens" das 
Mädchen bei dem ersten Schritt auf dem neuen, in vielen 
Hinsichten gefährlichen Weg zur normalen Sexualbefriedi- 
gung zurückhalten wollen, und sie erreicht es auch, die 
Beziehung zum Manne zu stören. 

Wenn die Mutter die Sexualbetätigung der Tochter 



as 
ein 



3° 



Ein der psychoanalytischen Theorie 



hemmt oder aufhält, so erfüllt sie eine normale Funktion, 
welche durch Kindheitsbeziehungen vorgezeichnet ist, starke 
unbewußte Motivierungen besitzt und die Sanktion der 
Gesellschaft gefunden hat. Sache der Tochter ist es, sich 
von diesem Einfluß abzulösen und sich auf Grund breiter, 
rationeller Motivierung für ein Maß von Gestattung oder 
Versagung des Sexualgenusses zu entscheiden. Verfällt sie 
bei dem Versuch dieser Befreiung in neurotische Erkrankung, 
so liegt ein in der Regel überstarker, sicherlich aber unbe- 
herrschter Mutterkomplex vor, dessen Konflikt mit der 
neuen libidinösen Strömung je nach der verwendbaren 
Disposition in der Form dieser oder jener Neurose erledigt 
wird. In allen Fällen werden die Erscheinungen der neu- 
rotischen Reaktion nicht durch die gegenwärtige Beziehung 
zur aktuellen Mutter, sondern durch die infantilen Be- 
ziehungen zum urzeitlichen Mutterbild bestimmt werden. 

Von unserer Patientin wissen wir, daß sie seit langen 
Jahren vaterlos war; wir dürfen auch annehmen, daß sie 
nicht bis zum Alter von dreißig Jahren frei vom Manne 
geblieben wäre, wenn ihr nicht eine starke Gefühlsbindung 
an die Mutter eine Stütze geboten hätte. Diese Stütze wird 
ihr zur lästigen Fessel, da ihre Libido auf den Anruf einer 
eindringlichen Werbung zum Manne zu streben beginnt. 
Sie sucht sie abzustreifen, sich ihrer homosexuellen Bindung 
zu entledigen. Ihre Disposition — von der hier nicht die 
Rede zu sein braucht — gestattet, daß dies in der Form 
der paranoischen Wahnbildung vor sich gehe. Die Mutter 
wird also zur feindseligen, mißgünstigen Beobachterin und 
Verfolgerin. Sie könnte als solche überwunden werden, wenn 
nicht der Mutterkomplex die Macht behielte, die in seiner 
Absicht liegende Fernhaltung vom Manne durchzusetzen. 
Am Ende dieser ersten Phase des Konflikts hat sie sich also 
der Mutter entfremdet und dem Manne nicht angeschlossen. 



widersprechender Fall von Paranoia 31 

Beide konspirieren ja gegen sie. Da gelingt es der kräftigen 
Bemühung des Mannes, sie entscheidend an sich zu ziehen. 
Sie überwindet den Einspruch der Mutter und ist bereit, 
dem Geliebten eine neue Zusammenkunft zu gewähren. Die 
Mutter kommt in den weiteren Geschehnissen nicht mehr 
vor; wir dürfen aber daran festhalten, daß in dieser Phase 
der geliebte Mann nicht direkt zum Verfolger geworden 
war, sondern auf dem Wege über die Mutter und kraft 
seiner Beziehung zur Mutter, welcher in der ersten Wahn- 
bildung die Hauptrolle zugefallen war. 

Man sollte nun glauben, der Widerstand sei endgültig 
überwunden und das bisher an die Mutter gebundene 
Mädchen habe es erreicht, einen Mann zu lieben. Aber nach 
dem zweiten Beisammensein erfolgt eine neue Wahnbildung, 
welche es durch geschickte Benützung einiger Zufälligkeiten 
durchsetzt, diese Liebe zu verderben, und somit die Absicht 
des Mutterkomplexes erfolgreich fortführt. Es erscheint uns 
noch immer befremdlich, daß das Weib sich der Liebe zum 
Manne mit Hilfe eines paranoischen Wahnes erwehren sollte. 
Ehe wir aber dieses Verhältnis näher beleuchten, wollen wir 
den Zufälligkeiten einen Blick schenken, auf welche sich die 
zweite Wahnbildung, die allein gegen den Mann gerichtete, 
stützt. 

Halb entkleidet auf dem Diwan neben dem Geliebten 
liegend, hört sie ein Geräusch wie ein Ticken, Klopfen, 
Pochen, dessen Ursache sie nicht kennt, das sie aber später 
deutet, nachdem sie auf der Treppe des Hauses zwei 
Männern begegnet ist, von denen einer etwas wie ein ver- 
decktes Kästchen trägt. Sie gewinnt die Überzeugung, daß sie 
im Auftrage des Geliebten während des intimen Beisammen- 
seins belauscht und Photographien wurde. Es liegt uns natür- 
lich fern, zu denken, wenn dies unglückselige Geräusch sich 
nicht ereignet hätte, wäre auch die Wahnbildung nicht zu- 



3* 



Ein der psychoanalytischen Theorie 



stände gekommen. Wir erkennen vielmehr hinter dieser Zu- 
fälligkeit etwas Notwendiges, was sich ebenso zwanghaft 
durchsetzen mußte wie die Annahme eines Liebesverhältnisses 
zwischen dem geliebten Manne und der alten, zum Mutter- 
ersatz erkorenen Vorsteherin. Die Beobachtung des Liebes- 
verkehres der Eltern ist ein selten vermißtes Stück aus dem 
Schatze unbewußter Phantasien, die man bei allen Neu- 
rotikern, wahrscheinlich bei allen Menschenkindern, durch 
die Analyse auffinden kann. Ich heiße diese Phantasie- 
bildungen, die der Beobachtung des elterlichen Geschlechts- 
verkehres, die der Verführung, der Kastration und andere, 
Urphantasien und werde an anderer Stelle deren 
Herkunft sowie ihr Verhältnis zum individuellen Erleben 
eingehend untersuchen. Das zufällige Geräusch spielt also 
nur die Rolle einer Provokation, welche die typische, im 
Elternkomplex enthaltene Phantasie von der Belauschung 
aktiviert. Ja, es ist fraglich, ob wir es als ein „zufälliges" 
bezeichnen sollen. Wie O. Rank mir bemerkt hat, ist es 
vielmehr ein notwendiges Requisit der Belauschungsphantasie 
und wiederholt entweder das Geräusch, durch welches sich 
der Verkehr der Eltern verrät, oder auch das, wodurch sich 
das lauschende Kind zu verraten fürchtet. Nun erkennen wij 
aber mit einem Male, auf welchem Boden wir uns befinden. 
Der Geliebte ist noch immer der Vater, an Stelle der Mutter 
ist sie selbst getreten. Die Belauschung muß dann einer 
fremden Person zugeteilt werden. Es wird uns ersichtlich 
auf welche Weise sie sich von der homosexuellen Abhängig- 
keit von der Mutter freigemacht hat. Durch ein Stückchen 
Regression; anstatt die Mutter zum Liebesobjekt zu nehmen, 
hat sie sich mit ihr identifiziert, ist sie selbst zur Mutter 
geworden. Die Möglichkeit dieser Regression weist auf den 
narzißtischen Ursprung ihrer homosexuellen Objektwahl und 
somit auf die bei ihr vorhandene Disposition zur paranoischen 



■widersprechender Fall von Paranoia 



33 



Erkrankung hin. Man könnte einen Gedankengang ent- 
werfen, der zu demselben Ergebnis führt wie diese Identifi- 
zierung: Wenn die Mutter das tut, darf ich es auch; ich habe 
dasselbe Recht wie die Mutter. 

Man kann in der Aufhebung der Zufälligkeiten einen 
Schritt weitergehen, ohne zu fordern, daß ihn der Leser mit- 
mache, denn das Unterbleiben einer tieferen analytischen 
Untersuchung macht es in unserem Falle unmöglich, hier 
über eine gewisse Wahrscheinlichkeit hinauszukommen. Die 
Kranke hatte in unserer ersten Besprechung angegeben, daß 
sie sich sofort nach der Ursache des Geräusches erkundigt 
und die Auskunft erhalten habe, wahrscheinlich habe die 
auf dem Schreibtisch befindliche kleine Standuhr getickt. Ich 
nehme mir die Freiheit, diese Mitteilung als eine Erinnerungs- 
täuschung aufzulösen. Es ist mir viel glaubhafter, daß sie 
zunächst jede Reaktion auf das Geräusch unterlassen, und 
daß ihr dies erst nach dem Zusammentreffen mit den beiden 
Männern auf der Treppe bedeutungsvoll erschienen ist. Den 
Erklärungsversuch aus dem Ticken der Uhr wird der Mann, 
der das Geräusch vielleicht überhaupt nicht gehört hatte, 
später einmal gewagt haben, als ihn der Argwohn des 
Mädchens bestürmte. „Ich weiß nicht, was du da gehört 
haben kannst; vielleicht hat gerade die Standuhr getickt, 
wie sie es manchmal tut." Solche Nachträglichkeit in der 
Verwertung von Eindrücken und solche Verschiebung in der 
Erinnerung sind gerade bei der Paranoia häufig und für sie 
charakteristisch. Da ich aber den Mann nie gesprochen habe 
und die Analyse des Mädchens nicht fortsetzen konnte, 
bleibt meine Annahme unbeweisbar. 

Ich könnte es wagen, in der Zersetzung der angeblich 
realen „Zufälligkeit" noch weiter zu gehen. Ich glaube über- 
haupt nicht, daß die Standuhr getickt hat, oder daß ein 
Geräusch zu hören war. Die Situation, in der sie sich befand, 

3 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



34 Ein der psychoanalytischen Theorie 

rechtfertigte eine Empfindung von Pochen oder Klopfen an 
der Klitoris. Dies war es dann, was sie nachträglich als 
Wahrnehmung von einem äußeren Objekt hinausprojizierte. 
Ganz Ähnliches ist im Traume möglich. Eine meiner 
hysterischen Patientinnen berichtete einmal einen kurzen 
Wecktraum, zu dem sich kein Material von Einfällen ergeben 
wollte. Der Traum hieß: Es klopft, und sie wachte auf. Es 
hatte niemand an die Tür geklopft, aber sie war in den 
Nächten vorher durch die peinlichen Sensationen von Pollu- 
tionen geweckt worden und hatte nun ein Interesse daran 
zu erwachen, sobald sich die ersten Zeichen der Genital- 
erregung einstellten. Es hatte an der Klitoris geklopft. Dei 
nämlichen Projektionsvorgang möchte ich bei unserer Para- 
noika an die Stelle des zufälligen Geräusches setzen. Ich 
werde selbstverständlich nicht dafür einstehen, daß mir die 
Kranke bei einer flüchtigen Bekanntschaft unter allen 
Anzeichen eines ihr unliebsamen Zwanges einen aufrichtigen 
Bericht über die Vorgänge bei den beiden zärtlichen Zu- 
sammenkünften gegeben, aber die vereinzelte Klitoris- 
kontraktion stimmt wohl zu ihrer Behauptung, daß eine 
Vereinigung der Genitalien dabei nicht stattgefunden habe. 
An der resultierenden Ablehnung des Mannes hat sicherlich 
neben dem „Gewissen" auch die Unbefriedigung ihren Anteil. 
Wir kehren nun zu der auffälligen Tatsache zurück, daß 
sich die Kranke der Liebe zum Manne mit Hilfe einer 
paranoischen Wahnbildimg erwehrt. Den Schlüssel zum Ver- 
ständnis gibt die Entwicklungsgeschichte dieses Wahnes. 
Dieser richtete sich ursprünglich, wie wir erwarten durften 
gegen das Weib, aber nun wurde auf dem Boden 
der Paranoia der Fortschritt vom Weibe 
zum Manne als Objekt vollzogen. Ein solcher 
Fortschritt ist bei der Paranoia nicht gewöhnlich; wir finden 
in der Regel, daß der Verfolgte an denselben Personen, also 



widersprechender Fall von Paranoia 



3J 



auch an demselben Geschlecht fixiert bleibt, dem seine Liebes- 
wahl vor der paranoischen Umwandlung galt. Aber er wird 
durch die neurotische AfTektion nicht ausgeschlossen; unsere 
Beobachtung dürfte für viele andere vorbildlich sein. Es gibt 
außerhalb der Paranoia viele ähnliche Vorgänge, welche bis- 
her nicht unter diesem Gesichtspunkte zusammengefaßt worden 
sind, darunter sehr allgemein bekannte. So wird z. B. der 
sogenannte Neurastheniker durch seine unbewußte Bindung 
an inzestuöse Liebesobjekte davon abgehalten, ein fremdes 
Weib zum Objekt zu nehmen, und in seiner Sexualbetätigung 
auf die Phantasie eingeschränkt. Auf dem Boden der 
Phantasie bringt er aber den ihm versagten Fortschritt zu- 
stande und kann Mutter und Schwester durch fremde Objekte 
ersetzen. Da bei diesen der Einspruch der Zensur entfällt, 
wird ihm die Wahl dieser Ersatzpersonen in seinen Phantasien 
bewußt. 

Die Phänomene des versuchten Fortschrittes, von dem 
neuen meist regressiv erworbenen Boden her, stellen sich den 
Bemühungen zur Seite, welche bei manchen Neurosen unter- 
nommen werden, um eine bereits innegehabte, aber verlorene 
Position der Libido wieder zu gewinnen. Die beiden Reihen 
von Erscheinungen sind begrifflich kaum voneinander zu 
trennen. Wir neigen allzusehr zu der Auffassung, daß der 
Konflikt, welcher der Neurose zugrunde liegt, mit der 
Symptombildung abgeschlossen sei. In Wirklichkeit geht der 
Kampf vielfach auch nach der Symptombildung weiter. Auf 
beiden Seiten tauchen neue Triebanteile auf, welche ihn fort- 
führen. Das Symptom selbst wird zum Objekt dieses 
Kampfes; Strebungen, die es behaupten wollen, messen sich 
mit anderen, die seine Aufhebung und die Herstellung des 
früheren Zustandes durchzusetzen bemüht sind. Häufig wer- 
den Wege gesucht, um das Symptom zu entwerten, indem 
man das Verlorene und durch das Symptom Versagte von 



36 



Ein Fall von Paranoia 



anderen Zugängen her zu gewinnen trachtet. Diese Verhält- 
nisse werfen ein klärendes Licht auf eine Aufstellung von 
C. G. Jung, demzufolge eine eigentümliche psychische 
Trägheit, die sich der Veränderung und dem Fortschritt 
widersetzt, die Grundbedingung der Neurose ist. Diese Träg- 
heit ist in der Tat sehr eigentümlich; sie ist keine allgemeine 
sondern eine höchst spezialisierte, sie ist auch auf ihrem 
Gebiete nicht Alleinherrscherin, sondern kämpft mit Fort- 
schritts- und Wiederherstellungstendenzen, die sich selbst nach 
der Symptombildung der Neurose nicht beruhigen. Spürt 
man dem Ausgangspunkte dieser speziellen Trägheit nach, 
so enthüllt sie sich als die Äußerung von sehr frühzeitig 
erfolgten, sehr schwer lösbaren Verknüpfungen von Trieben 
mit Eindrücken und den in ihnen gegebenen Objekten, durch 
welche die Weiterentwicklung dieser Triebanteile zum Still- 
stand gebracht wurde. Oder, um es anders zu sagen, diese 
spezialisierte „psychische Trägheit" ist nur ein anderer, kaum 
ein besserer Ausdruck für das, was wir in der Psychoanalyse 
eine Fixierung zu nennen gewohnt sind. 









AUS DER GESCHICHTE EINER 
INFANTILEN NEUROSE 



(1918) 



I 

Vorbemerkungen 

Der Krankheitsfall, über welchen ich hier — wiederum nur 
in fragmentarischer Weise — berichten werde, 1 ist durch eine 



1) Diese Krankengeschichte ist kurz nach Abschluß der Behand- 
lung im Winter 1914/191) niedergeschrieben worden unter dem 
damals frischen Eindruck der Umdeutungcn, welche C. G. Jung 
und Alf. Adler an den psychoanalytischen Ergebnissen vor- 
nehmen wollten. Sie knüpft also an den im „Jahrbuch der Psycho- 
analyse' VI, 1914 veröffentlichten Aufsatz: „Zur Geschichte der 
psychoanalytischen Bewegung" (vgl. Band IV. der Ges. Schriften) 
an und ergänzt die dort enthaltene, im wesentlichen persönliche 
Polemik durch objektive Würdigung des analytischen Materials. 
Sie war ursprünglich für den nächsten Band des Jahrbuches be- 
stimmt, aber da sich das Erscheinen desselben durch die Hem- 
mungen des großen Krieges ins Unbestimmbare verzögerte, ent- 
schloß ich mich, sie dieser von einem neuen Verleger veranstalteten 
Sammlung [Samml. kl. Schriften z. Neurosenlchre, 4. Folge] anzu- 
schließen. Manches, was in ihr zum erstenmal hätte ausgesprochen 
werden sollen, hatte ich unterdes in meinen 1916/1917 gehaltenen 
„Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" behandeln 
müssen. Der Text der ersten Niederschrift hat keine Abänderungen 
von irgend welchem Belang erfahren; Zusätze sind durch eckige 
Klammern kenntlich gemacht. 



3« 



Aus der Geschichte 



Anzahl von Eigentümlichkeiten ausgezeichnet, welche zu ihrer 
Hervorhebung vor clcr Darstellung auffordern. Er betrifft 
einen jungen Mann, welcher in seinem achtzehnten Jahr nach 
einer gonorrhöischen Infektion als krank zusammenbrach und 
gänzlich abhängig und existenzunfähig war, als er mehrere 
Jahre später in psychoanalytische Behandlung trat. Das Jahr- 
zehnt seiner Jugend vor dem Zeitpunkt der Erkrankung hatte 
er in annähernd normaler Weise durchlebt und seine Mittel- 
schulstudien ohne viel Störung erledigt. Aber seine früheren 
Jahre waren von einer schweren neurotischen Störung be- 
herrscht gewesen, welche knapp vor seinem vierten Geburts- 
tag als Angsthysterie (Tierphobie) begann, sich dann in eine 
Zwangsneurose mit religiösem Inhalt umsetzte und mit ihren 
Ausläufern bis in sein zehntes Jahr hineinreichte. 

Nur diese infantile Neurose wird der Gegenstand meiner 
Mitteilungen sein. Trotz der direkten Aufforderung des 
Patienten habe ich es abgelehnt, die vollständige Geschichte 
seiner Erkrankung, Behandlung und Herstellung zu schreiben, 
weil ich diese Aufgabe als technisch undurchführbar und 
sozial unzulässig erkannte. Damit fällt auch die Möglichkeit 
weg, den Zusammenhang zwischen seiner infantilen und 
seiner späteren definitiven Erkrankung aufzuzeigen. Ich kann 
von dieser letzteren nur angeben, daß der Kranke ihretwegen 
lange Zeit in deutschen Sanatorien zugebracht hat und 
damals von der zuständigsten Stelle als ein Fall von „manisch- 
depressivem Irresein" klassifiziert worden ist. Diese Dia- 
gnose traf sicherlich für den Vater des Patienten zu, dessen 
an Tätigkeit und Interessen reiches Leben durch wiederholte 
Anfälle von schwerer Depression gestört worden war. An 
dem Sohne selbst habe ich bei mehrjähriger Beobachtung 
keinen Stimmungswandel beobachten können, der an Inten- 
sität und nach den Bedingungen seines Auftretens über die 
ersichtliche psychische Situation hinausgegangen wäre. Ich 



einer infantilen Neurose 39 

habe mir die Vorstellung gebildet, daß dieser Fall sowie viele 
andere, die von der klinischen Psychiatrie mit mannigfaltigen 
und wechselnden Diagnosen belegt werden, als Folgezustand 
nach einer spontan abgelaufenen, mit Defekt ausgeheilten 
Zwangsneurose aufzufassen ist. 

Meine Beschreibung wird also von einer infantilen Neurose 
handeln, die nicht während ihres Bestandes, sondern erst 
fünfzehn Jahre nach ihrem Ablauf analysiert worden ist. 
Diese Situation hat ihre Vorzüge ebensowohl wie ihre Nach- 
teile im Vergleiche mit der anderen. Die Analyse, die man 
am neurotischen Kind selbst vollzieht, wird von vornherein 
vertrauenswürdiger erscheinen, aber sie kann nicht sehr 
inhaltsreich sein; man muß dem Kind zuviel Worte und 
Gedanken leihen und wird vielleicht doch die tiefsten Schich- 
ten undurchdringlich für das Bewußtsein finden. Die Analyse 
der Kindheitserkrankung durch das Medium der Erinnerung 
bei dem Erwachsenen und geistig Gereiften ist von diesen 
Einschränkungen frei; aber man wird die Verzerrung und 
Zurichtung in Rechnung bringen, welcher die eigene Ver- 
gangenheit beim Rückblick aus späterer Zeit unterworfen ist. 
Der erste Fall gibt vielleicht die überzeugenderen Resultate, 
der zweite ist der bei weitem lehrreichere. 

Auf alle Fälle darf man aber behaupten, daß Analysen 
von kindlichen Neurosen ein besonders hohes theoretisches 
Interesse beanspruchen können. Sie leisten für das richtige 
Verständnis der Neurosen Erwachsener ungefähr soviel wie 
die Kinderträume für die Träume der Erwachsenen. Nicht 
etwa, daß sie leichter zu durchschauen oder ärmer an Ele- 
menten wären; die Schwierigkeit der Einfühlung ins kindliche 
Seelenleben macht sie sogar zu einem besonders harten Stück 
Arbeit für den Arzt. Aber es sind doch in ihnen so viele 
der späteren Auflagerungen weggefallen, daß das Wesent- 
liche der Neurose unverkennbar hervortritt. Der Wider- 






4° 



Aus der Geschichte 



stand gegen die Ergebnisse der Psychoanalyse hat bekannt- 
lich in der gegenwärtigen Phase des Kampfes um die Psycho- 
analyse eine neue Form angenommen. Man begnügte sich 
früher damit, den von der Analyse behaupteten Tatsachen 
die Wirklichkeit zu bestreiten, wozu eine Vermeidung der 
Nachprüfung die beste Technik schien. Dies Verfahren 
scheint sich nun langsam zu erschöpfen; man schlägt jetzt 
den anderen Weg ein, die Tatsachen anzuerkennen, aber die 
Folgerungen, die sich aus ihnen ergeben, durch Umdeutungen 
zu beseitigen, so daß man sich der anstößigen Neuheiten doch 
wieder erwehrt hat. Das Studium der kindlichen Neurosen 
erweist die volle Unzulänglichkeit dieser seichten oder ge- 
waltsamen Umdeutungsversuche. Es zeigt den überragenden 
Anteil der so gern verleugneten libidinösen Triebkräfte an 
der Gestaltung der Neurose auf und läßt die Abwesenheit 
fernliegender kultureller Zielstrebungen erkennen, von denen 
das Kind noch nichts weiß, und die ihm darum nichts be- 
deuten können. 

Ein anderer Zug, welcher die hier mitzuteilende Analyse 
der Aufmerksamkeit empfiehlt, hängt mit der Schwere der 
Erkrankung und der Dauer ihrer Behandlung zusammen. Die 
in kurzer Zeit zu einem günstigen Ausgang führenden 
Analysen werden für das Selbstgefühl des Therapeuten wert- 
voll sein und die ärztliche Bedeutung der Psychoanalyse 
dartun; für die Förderung der wissenschaftlichen Erkenntnis 
bleiben sie meist belanglos. Man lernt nichts Neues aus ihnen. 
Sie sind ja nur darum so rasch geglückt, weil man bereits 
alles wußte, was zu ihrer Erledigung notwendig war. Neues 
kann man nur aus Analysen erfahren, die besondere Schwie- 
rigkeiten bieten, zu deren Überwindung man dann viel Zeit 
verbraucht. Nur in diesen Fällen erreicht man es, in die 
tiefsten und primitivsten Schichten der seelischen Entwick- 
lung herabzusteigen und von dort die Lösungen für die Pro- 



einer infantilen Neurose 



4i 



bleme der späteren Gestaltungen zu holen. Man sagt sich 
dann, daß, streng genommen, erst die Analyse, welche so 
weit vorgedrungen ist, diesen Namen verdient. Natürlich 
belehrt ein einzelner Fall nicht über alles, was man wissen 
möchte. Richtiger gesagt, er könnte alles lehren, wenn man 
nur imstande wäre, alles aufzufassen und nicht durch die 
Ungeübtheit der eigenen Wahrnehmung genötigt wäre, sich 
mit wenigem zu begnügen. 

An solchen fruchtbringenden Schwierigkeiten ließ der hier 
zu beschreibende Krankheitsfall nichts zu wünschen übrig. 
Die ersten Jahre der Behandlung erzielten kaum eine Ände- 
rung. Eine glückliche Konstellation fügte es, daß trotzdem 
alle äußeren Verhältnisse die Fortsetzung des therapeutischen 
Versuches ermöglichten. Ich kann mir leicht denken, daß 
bei weniger günstigen Umständen die Behandlung nach 
einiger Zeit aufgegeben worden wäre. Für den Standpunkt 
des Arztes kann ich nur aussagen, daß er sich in solchem 
Falle ebenso „zeitlos" verhalten muß wie das Unbewußte 
selbst, wenn er etwas erfahren und erzielen will. Das bringt 
er schließlich zustande, wenn er auf kurzsichtigen thera- 
peutischen Ehrgeiz zu verzichten vermag. Das Ausmaß von 
Geduld, Gefügigkeit, Einsicht und Zutrauen, welches von 
Seiten des Kranken und seiner Angehörigen erforderlich ist, 
wird man in wenigen anderen Fällen erwarten dürfen. Der 
Analytiker darf sich aber sagen, daß die Ergebnisse, welche 
er an einem Falle in so langer Arbeit gewonnen hat, nun 
dazu verhelfen werden, die Behandlungsdauer einer nächsten, 
ebenso schweren Erkrankung wesentlich zu verkürzen und 
so die Zeitlosigkeit des Unbewußten fortschreitend zu über- 
winden, nachdem man sich ihr ein erstes Mal unterworfen 
hat. 

Der Patient, mit dem ich mich hier beschäftige, blieb lange 
Zeit hinter einer Einstellung von gefügiger Teilnahmslosigkeit 



4 2 



Aus der Geschichte 



unangreifbar verschanzt. Er hörte zu, verstand und ließ sich 
nichts nahe kommen. Seine untadelige Intelligenz war wie 
abgeschnitten von den triebhaften Kräften, welche sein Be- 
nehmen in den wenigen ihm übrig gebliebenen Lebens- 
relationen beherrschten. Es bedurfte einer langen Erziehung, 
um ihn zu bewegen, einen selbständigen Anteil an der Arbeit 
zu nehmen, und als infolge dieser Bemühung die ersten Be- 
freiungen auftraten, stellte er sofort die Arbeit ein, um 
weitere Veränderungen zu verhüten und sich in der her- 
gestellten Situation behaglich zu erhalten. Seine Scheu vor 
einer selbständigen Existenz war so groß, daß sie alle Be- 
schwerden des Krankseins aufwog. Es fand sich ein einziger 
Weg, um sie zu überwinden. Ich mußte warten, bis die 
Bindung an meine Person stark genug geworden war, um 
ihr das Gleichgewicht zu halten, dann spielte ich diesen einen 
Faktor gegen den anderen aus. Ich bestimmte, nicht ohne 
mich durch gute Anzeichen der Rechtzeitigkeit leiten zu 
lassen, daß die Behandlung zu einem gewissen Termin abge- 
schlossen werden müsse, gleichgültig, wie weit sie vor- 
geschritten sei. Diesen Termin war ich einzuhalten ent- 
schlossen; der Patient glaubte endlich an meinen Ernst. Unter 
dem unerbittlichen Druck dieser Terminsetzung gab sein 
Widerstand, seine Fixierung ans Kranksein nach, und die 
Analyse lieferte nun in unverhältnismäßig kurzer Zeit all 
das Material, welches die Lösung seiner Hemmungen und 
die Aufhebung seiner Symptome ermöglichte. Aus dieser 
letzten Zeit der Arbeit, in welcher der Widerstand zeitweise 
verschwunden war und der Kranke den Eindruck einer sonst 
nur in der Hypnose erreichbaren Luzidität machte, stammen 
auch alle die Aufklärungen, welche mir das Verständnis 
seiner infantilen Neurose gestatteten. 

So illustrierte der Verlauf dieser Behandlung den von der 
analytischen Technik längst gewürdigten Satz, daß die Länge 



einer infantilen Neurose 43 

des Weges, welchen die Analyse mit dem Patienten zurück- 
zulegen hat, und die Fülle des Materials, welches auf diesem 
Wege zu bewältigen ist, nicht in Betracht kommen gegen 
den Widerstand, den man während der Arbeit antrifft, und 
nur soweit in Betracht kommen, als sie dem Widerstände 
notwendigerweise proportional sind. Es ist derselbe Vorgang, 
wie wenn jetzt eine feindliche Armee Wochen und Monate 
verbraucht, um eine Strecke Landes zu durchziehen, die sonst 
in friedlichen Zeiten in wenigen Schnellzugsstunden durch- 
fahren wird, und die von der eigenen Armee kurz vorher 
in einigen Tagen zurückgelegt wurde. 

Eine dritte Eigentümlichkeit der hier zu beschreibenden 
Analyse hat mir den Entschluß, sie mitzuteilen, weiterhin er- 
schwert. Die Ergebnisse derselben haben sich im ganzen mit 
unserem bisherigen Wissen befriedigend gedeckt oder guten 
Anschluß daran gefunden. Manche Einzelheiten sind mir 
aber selbst so merkwürdig und unglaubwürdig erschienen, 
daß ich Bedenken trug, bei anderen um Glauben für sie zu 
werben. Ich habe den Patienten zur strengsten Kritik seiner 
Erinnerungen aufgefordert, aber er fand nichts Unwahr- 
scheinliches an seinen Aussagen und hielt an ihnen fest. 
Die Leser mögen wenigstens überzeugt sein, daß ich selbst 
nur berichte, was mir als unabhängiges Erlebnis, unbeein- 
flußt durch meine Erwartung, entgegengetreten ist. So blieb 
mir denn nichts übrig, als mich des weisen Wortes zu er- 
innern, es gebe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als 
unsere Schulweisheit sich träumen läßt. Wer es verstünde, 
seine mitgebrachten Überzeugungen noch gründlicher aus- 
zuschalten, könnte gewiß noch mehr von solchen Dingen 
entdecken. 






44 



Ans der Geschichte 






II 

Übersicht des Milieus und der Krankengeschichte 

Ich kann die Geschichte meines Patienten weder rein 
historisch noch rein pragmatisch schreiben, kann weder eine 
Behandlungs- noch eine Krankengeschichte geben, sondern 
werde mich genötigt sehen, die beiden Darstellungsweisen 
miteinander zu kombinieren. Es hat sich bekanntlich kein 
Weg gefunden, um die aus der Analyse resultierende Über- 
zeugung in der Wiedergabe derselben irgendwie unterzu- 
bringen. Erschöpfende protokollarische Aufnahmen der Vor- 
gänge in den Analysenstunden würden sicherlich nichts dazu 
leisten; ihre Anfertigung ist auch durch die Technik der Be- 
handlung ausgeschlossen. Man publiziert also solche Analysen 
nicht, um Überzeugung bei denen hervorzurufen, die sich 
bisher abweisend und ungläubig verhalten haben. Man er- 
wartet nur solchen Forschern etwas Neues zu bringen, die 
sich durch eigene Erfahrungen an Kranken bereits Über- 
zeugungen erworben haben. 

Ich werde damit beginnen, die Welt des Kindes zu schil- 
dern und" von seiner Kindheitsgeschichte mitzuteilen, was 
ohne Anstrengung zu erfahren war und mehrere Jahre hin- 
durch nicht vollständiger und nicht durchsichtiger wurde. 

Jung verheiratete Eltern, die noch eine glückliche Ehe 
führen, auf welche bald ihre Erkrankungen die ersten 
Schatten werfen, die Unterleibskrankheiten der Mutter und 
die ersten Verstimmungsanfälle des Vaters, die seine Ab- 
wesenheit vom Hause zur Folge hatten. Die Krankheit des 
Vaters lernt der Patient natürlich erst sehr viel später ver- 
stehen, die Kränklichkeit der Mutter wird ihm schon i n 
frühen Kinderjahren bekannt. Sie gab sich darum verhältnis- 
mäßig wenig mit den Kindern ab. Eines Tages, getfiß vor 



einer infantilen Neurose 



45 



seinem vierten Jahr, hört er, von der Mutter an der Hand 
geführt, die Klagen der Mutter an den Arzt mit an, den sie 
vom Hause weg begleitet, und prägt sich ihre Worte ein, 
um sie später für sich selbst zu verwenden. Er ist nicht das 
einzige Kind; vor ihm steht eine um zwei Jahre ältere 
Schwester, lebhaft, begabt und voreilig schlimm, der eine 
große Rolle in seinem Leben zufällt. 

Eine Kinderfrau betreut ihn, soweit er sich zurückerinnert, 
ein ungebildetes altes Weib aus dem Volke, von unermüd- 
licher Zärtlichkeit für ihn. Er ist ihr der Ersatz für einen 
eigenen früh verstorbenen Sohn. Die Familie lebt auf einem 
Landgut, welches im Sommer mit einem anderen vertauscht 
wird. Die große Stadt ist von beiden Gütern nicht weit. Es 
ist ein Abschnitt in seiner Kindheit, als die Eltern die Güter 
verkaufen und in die Stadt ziehen. Nahe Verwandte halten 
sich oft für lange Zeiten auf diesem oder jenem Gut auf, 
Brüder des Vaters, Schwestern der Mutter und deren Kinder, 
die Großeltern von Mutterseite. Im Sommer pflegen die 
Eltern auf einige Wochen zu verreisen. Eine Deckerinnerung 
zeigt ihm, wie er mit seiner Kinderfrau dem Wagen nach- 
schaut, der Vater, Mutter und Schwester entführt, und darauf 
friedlich ins Haus zurückgeht. Er muß damals sehr klein 
gewesen sein. 2 Im nächsten Sommer wurde die Schwester 
zu Hause gelassen und eine englische Gouvernante aufge- 
nommen, der die Oberaufsicht über die Kinder zufiel. 

In späteren Jahren war ihm viel von seiner Kindheit er- 
zählt worden. 3 Vieles wußte er selbst, aber natürlich ohne 



2) 2% Jahre. Fast alle Zeiten ließen sich später mit Sicherheit 
bestimmen. 

3) Mitteilungen solcher Art darf man in der Regel als Material 
von uneingeschränkter Glaubwürdigkeit verwerten. Es läge darum 
nahe, die Lücken in der Erinnerung des Patienten durch Erkundi- 



ff Aus der Geschiebte 

zeitlichen oder inhaltlichen Zusammenhang. Eine dieser Über- 
lieferungen, die aus Anlaß seiner späteren Erkrankung unge- 
zählte Male vor ihm wiederholt worden war, macht uns mit 
dem Problem bekannt, dessen Lösung uns beschäftigen wird. 
Er soll zuerst ein sehr sanftes, gefügiges und eher ruhiges 
Kind gewesen sein, so daß man zu sagen pflegte, er hätte das 
Mädchen werden sollen und die ältere Schwester der Bub. 
Aber einmal, als die Eltern von der Sommerreise zurück- 
kamen, fanden sie ihn verwandelt. Er war unzufrieden, 
reizbar, heftig geworden, fand sich durch jeden Anlaß ge- 
kränkt, tobte dann und schrie wie ein Wilder, so daß die 
Eltern, als der Zustand andauerte, die Besorgnis äußerten, 
es werde nicht möglich sein, ihn später einmal in die Schule 
zu schicken. Es war der Sommer, in dem die englische 
Gouvernante anwesend war, die sich als eine närrische, unver- 
trägliche, übrigens dem Trünke ergebene Person erwies. Die 
Mutter war darum geneigt, die Charakterveränderung des 
Knaben mit der Einwirkung dieser Engländerin zusammen- 
zubringen, und nahm an, sie habe ihn durch ihre Behandlung 
gereizt. Die scharfsichtige Großmutter, die den Sommer mit 
den Kindern geteilt hatte, vertrat die Ansicht, daß die Reiz- 
barkeit des Knaben durch die Zwistigkeiten zwischen der 
Engländerin und der Kinderfrau hervorgerufen sei. Die 
Engländerin hatte die Kinderfrau wiederholt eine Hexe ge- 
heißen, sie gezwungen, das Zimmer zu verlassen; der Kleine 



gungen bei den älteren Familienmitgliedern mühelos auszufüllen, 
allein ich kann nicht entschieden genug von solcher Technik ab- 
raten. Was die Angehörigen über Befragen und Aufforderung 
erzählen, unterliegt allen kritischen Bedenken, die in Betracht 
kommen können. Man bedauert es regelmäßig, sich von diesen 
Auskünften abhängig gemacht zu haben, hat dabei das Vertrauen 
in die Analyse gestört und eine andere Instanz über sie gesetzt. 
Was überhaupt erinnert werden kann, kommt im weiteren Verlauf 
der Analyse zum Vorschein. 



einer infantilen Neurose 47 

hatte offen die Partei seiner geliebten „Nanja" genommen 
und der Gouvernante seinen Haß bezeigt. Wie dem sein 
mochte, die Engländerin wurde bald nach der Rückkehr der 
Eltern weggeschickt, ohne daß sich am unleidlichen Wesen 
des Kindes etwas änderte. 

Die Erinnerung an diese schlimme Zeit ist bei dem 
Patienten erhalten geblieben. Er meint, die erste seiner 
Szenen habe er gemacht, als er einmal zu Weihnachten nicht 
doppelt beschenkt wurde, wie ihm gebührt hätte, weil der 
Weihnachtstag gleichzeitig sein Geburtstag war. Mit seinen 
Ansprüchen und Empfindlichkeiten verschonte er auch die 
geliebte Nanja nicht, ja quälte vielleicht sie am unerbittlich- 
sten. Aber diese Phase der Charakterveränderung ist in seiner 
Erinnerung unlösbar verknüpft mit vielen anderen sonder- 
baren und krankhaften Erscheinungen, die er zeitlich nicht 
anzuordnen weiß. Er wirft all das, was jetzt berichtet wer- 
den soll, was unmöglich gleichzeitig gewesen sein kann und 
voll inhaltlichen Widerspruchs ist, in einen und denselben 
Zeitraum, den er „noch auf dem ersten Gut" benennt. Mit 
fünf Jahren, glaubt er, hätten sie dieses Gut verlassen. Er 
weiß also zu erzählen, daß er an einer Angst gelitten, welche 
sich seine Schwester zu nutze machte, um ihn zu quälen. Es 
gab ein gewisses Bilderbuch, in dem ein Wolf dargestellt war, 
aufrecht stehend und ausschreitend. Wenn er dieses Bild zu 
Gesicht bekam, fing er an wie rasend zu schreien, er 
fürchtete sich, der Wolf werde kommen und ihn auffressen. 
Die Schwester wußte es aber immer so einzurichten, daß er 
dieses Bild sehen mußte, und ergötzte sich an seinem 
Schrecken. Er fürchtete sich indes auch vor anderen Tieren, 
großen und kleinen. Einmal jagte er einem schönen großen 
Schmetterling mit gelb gestreiften Flügeln, die in Zipfel aus- 
liefen, nach, um ihn zu fangen. (Es war wohl ein „Schwalben- 
schwanz".) Plötzlich faßte ihn entsetzliche Angst vor dem 



4» 



Aus der Geschichte 



\ 



Tier, er gab die Verfolgung schreiend auf. Auch vor Käfern 
und Raupen hatte er Angst und Abscheu. Doch wußte er 
sich zu erinnern, daß er um dieselbe Zeit Käfer gequält und 
Raupen zerschnitten; auch Pferde waren ihm unheimlich. 
Wenn ein Pferd geschlagen wurde, schrie er auf und mußte 
deswegen einmal den Zirkus verlassen. Anderemale liebte 
er es selbst, Pferde zu schlagen. Ob diese entgegengesetzten 
Arten des Verhaltens gegen Tiere wirklich gleichzeitig in 
Kraft gewesen, oder ob sie einander nicht vielmehr abgelöst 
hatten, dann aber, in welcher Folge und wann, das ließ seine 
Erinnerung nicht entscheiden. Er konnte auch nicht sagen, 
ob seine schlimme Zeit durch eine Phase von Krankheit er- 
setzt worden war oder sich durch diese hindurch fortgesetzt 
hatte. Jedenfalls war man durch seine nun folgenden Mit- 
teilungen zur Annahme berechtigt, daß er in jenen Kinder- 
jahren eine sehr gut kenntliche Erkrankung an Zwangs- 
neurose durchgemacht hatte. Er erzählte, er sei eine lange 
Zeit hindurch sehr fromm gewesen. Vor dem Einschlafen 
mußte er lange beten und eine unendliche Reihe von Kreuzen 
schlagen. Er pflegte auch abends mit einem Sessel, auf den 
er stieg, die Runde vor allen Heiligenbildern zu machen, die 
im Zimmer hingen, und jedes einzelne andächtig zu küssen. 
Zu diesem frommen Zeremoniell stimmte es dann sehr 
schlecht -- oder vielleicht doch ganz gut, — daß er sich an 
gotteslästerliche Gedanken erinnerte, die ihm wie eine Ein- 
gebung des Teufels in den Sinn kamen. Er mußte denken: 
Gott— Schwein oder Gott— Kot. Irgend einmal auf einer 
Reise in einen deutschen Badeort war er von dem Zwang 
gequält, an die heilige Dreieinigkeit zu denken, wenn er drei 
Häufchen Pferdemist oder anderen Kot auf der Straße liegen 
sah. Damals befolgte er auch ein eigentümliches Zeremoniell, 
wenn er Leute sah, die ihm leid taten, Bettler, Krüppel, 
Greise. Er mußte geräuschvoll ausatmen, um nicht so zu 



einer infantilen Neurose 49 

werden wie sie, unter gewissen anderen Bedingungen auch 
den Atem kräftig einziehen. Es lag mir natürlich nahe anzu- 
nehmen, daß diese deutlich zwangsneurotischen Symptome 
einer etwas späteren Zeit und Entwicklungsstufe angehörten 
als die Zeichen von Angst und die grausamen Handlungen 
gegen Tiere. 

Die reiferen Jahre des Patienten waren durch ein sehr 
ungünstiges Verhältnis zu seinem Vater bestimmt, der damals 
nach wiederholten Anfällen von Depression die krankhaften 
Seiten seines Charakters nicht verbergen konnte. In den 
ersten Kinderjahren war dies Verhältnis ein sehr zärtliches 
gewesen, wie die Erinnerung des Sohnes bewahrt hatte. Der 
Vater hatte ihn sehr lieb und spielte gerne mit ihm. Er war 
von klein auf stolz auf den Vater und äußerte nur, er wolle 
so ein Herr werden wie der. Die Nanja hatte ihm gesagt, 
die Schwester sei das Kind der Mutter, er aber das des 
Vaters, womit er sehr zufrieden war. Zu Ausgang der 
Kindheit war eine Entfremdung zwischen ihm und dem 
Vater eingetreten. Der Vater zog die Schwester unzweifelhaft 
vor, und er war sehr gekränkt darüber. Später wurde die 
Angst vor dem Vater dominierend. 

Gegen das achte Jahr etwa verschwanden alle die Erschei- 
nungen, die der Patient der mit der Schlimmheit beginnenden 
Lebensphase zurechnet. Sie verschwanden nicht mit einem 
Schlage, sondern kehrten einigemale wieder, wichen aber 
endlich, wie der Kranke meint, dem Einfluß der Lehrer und 
Erzieher, die dann an die Stelle der weiblichen Pflegepersonen 
traten. Dies also sind im knappsten Umriß die Rätsel, deren 
Lösung der Analyse aufgegeben wurde: Woher rührte die 
plötzliche Charakterveränderung des Knaben, was bedeuteten 
seine Phobie und seine Perversitäten, wie kam er zu seiner 
zwanghaften Frömmigkeit und wie hängen all diese Phäno- 
mene zusammen? Ich erinnere nochmals daran, daß unsere 

4 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



jo Ans der Geschichte 

therapeutische Arbeit einer späteren, rezenten neurotischen 
Erkrankung galt, und daß Aufschlüsse über jene früheren 
Probleme sich nur ergeben konnten, wenn der Verlauf der 
Analyse für eine Zeit von der Gegenwart abführte, um uns 
zu dem Umweg durch die kindliche Urzeit zu nötigen. 



III 

Die Verführung und ihre nächsten Folgen 

Die nächste Vermutung richtete sich begreiflicherweise 
gegen die englische Gouvernante, während deren Anwesen- 
heit die Veränderung des Knaben aufgetreten war. Es waren 
zwei an sich unverständliche Deckerinnerungen erhalten, die 
sich auf sie bezogen. Sie hatte einmal, als sie vorausging, zu 
den Nachkommenden gesagt: Schauen Sie doch auf mein 
Schwänzchen! Ein andermal war ihr auf einer Fahrt der Hut 
weggeflogen zur großen Befriedigung der Geschwister. Das deu- 
tete auf den Kastrationskomplex hin und gestattete etwa die 
Konstruktion, eine von ihr an den Knaben gerichtete Drohung 
hätte zur Entstehung seines abnormen Benehmens viel beige- 
tragen. Es ist ganz ungefährlich, solche Konstruktionen den 
Analysierten mitzuteilen, sie schaden der Analyse niemals, 
wenn sie irrig sind, und man spricht sie doch nicht aus, wenn 
man nicht Aussicht hat, irgend eine Annäherung an die Wirk- 
lichkeit durch sie zu erreichen. Als nächste Wirkung dieser 
Aufstellung traten Träume auf, deren Deutung nicht voll- 
kommen gelang, die aber immer um denselben Inhalt zu 
spielen schienen. Es handelte sich in ihnen, soweit man sie 
verstehen konnte, um aggressive Handlungen des Knaben 
gegen die Schwester oder gegen die Gouvernante und um 
energische Zurechtweisungen und Züchtigungen dafür. Als 
hätte er . . . nach dein Bad ... die Schwester entblößen . . . 









einer infantilen Neurose S 1 

ihr die Hüllen . . . oder Schleier . . . abreißen wollen und ähn- 
liches. Es gelang aber nicht, aus der Deutung einen sicheren 
Inhalt zu gewinnen, und als man den Eindruck empfangen 
hatte, es werde in diesen Träumen das nämliche Material in 
immer wieder wechselnder Weise verarbeitet, war die Auf- 
fassung dieser angeblichen Reminiszenzen gesichert. Es konnte 
sich nur um Phantasien handeln, die der Träumer irgend 
einmal, wahrscheinlich in den Pubertätsjahren, über seine 
Kindheit gemacht hatte und die jetzt in so schwer kenntlicher 
Form wieder aufgetaucht waren. 

Ihr Verständnis ergab sich mit einem Schlage, als der 
Patient sich plötzlich der Tatsache besann, die Schwester 
habe ihn ja, „als er noch sehr klein war, auf dem ersten 
Gut", zu sexuellen Tätlichkeiten verführt. Zunächst kam die 
Erinnerung, daß sie auf dem Abort, den die Kinder häufig 
gemeinsam benützten, die Aufforderung vorgebracht: Wollen 
wir uns den Popo zeigen, und dem Wort auch die Tat habe 
folgen lassen. Späterhin stellte sich das Wesentlichere der 
Verführung mit allen Einzelheiten der Zeit und der Lokalität 
ein. Es war im Frühjahr, zu einer Zeit, da der Vater ab- 
wesend war; die Kinder spielten auf dem Boden in einem 
Raum, während im benachbarten die Mutter arbeitete. Die 
Schwester hatte nach seinem Glied gegriffen, damit gespielt 
und dabei unbegreifliche Dinge über die Nanja wie zur Er- 
klärung gesagt. Die Nanja tue dasselbe mit allen Leuten, z. B. 
mit dem Gärtner, sie stelle ihn auf den Kopf und greife dann 
nach seinen Genitalien. 

Damit war das Verständnis der vorhin erratenen Phan- 
tasien gegeben. Sie sollten die Erinnerung an einen Vorgang, 
welcher später dem männlichen Selbstgefühl des Patienten 
anstößig erschien, verlöschen, und erreichten dieses Ziel, in- 
dem sie einen Wunschgegensatz an Stelle der historischen 
Wahrheit setzten. Nach diesen Phantasien hatte nicht er die 



5 2 Aus der Geschiebte 

passive Rolle gegen die Schwester gespielt, sondern im Ge- 
genteile, er war aggressiv gewesen, hatte die Schwester ent- 
blößt sehen wollen, war zurückgewiesen und bestraft worden 
und darum in die Wut geraten, von der die häusliche Tradi- 
tion soviel erzählte. Zweckmäßig war es auch, die Gouver- 
nante in diese Dichtung zu verweben, der nun einmal von 
Mutter und Großmutter die Hauptschuld an seinen Wut- 
anfällen zugeteilt wurde. Diese Phantasien entsprachen also 
genau der Sagenbildung, durch welche eine später große und 
stolze Nation die Kleinheit und das Mißgeschick ihrer An- 
fänge zu verhüllen sucht. 

In Wirklichkeit konnte die Gouvernante an der Ver- 
führung und ihren Folgen nur einen sehr entlegenen Anteil 
haben. Die Szenen mit der Schwester fanden im Frühjahr des 
nämlichen Jahres statt, in dessen Hochsommermonaten die 
Engländerin als Ersatz der abwesenden Eltern eintrat. Die 
Feindseligkeit des Knaben gegen die Gouvernante kam viel- 
mehr auf eine andere Weise zu stände. Indem sie die Kinder- 
frau beschimpfte und als Hexe verleumdete, trat sie bei ihm 
in die Fußstapfen der Schwester, die zuerst jene ungeheuer- 
lichen Dinge von der Kinderfrau erzählt hatte, und gestattete 
ihm so, an ihr die Abneigung zum Vorschein zu bringen, die 
sich infolge der Verführung, wie wir hören werden, gegen die 
Schwester entwickelt hatte. 

Die Verführung durch die Schwester war aber gewiß keine 
Phantasie. Ihre Glaubwürdigkeit wurde durch eine niemals 
vergessene Mitteilung aus späteren, reifen Jahren erhöht. Ein 
um mehr als ein Jahrzehnt älterer Vetter hatte ihm in einem 
Gespräch über die Schwester gesagt, er erinnere sich sehr 
wohl daran, was für ein vorwitzig sinnliches Ding sie gewesen 
sei. Als Kind von vier oder fünf Jahren habe sie sich einmal 
auf seinen Schoß gesetzt und ihm die Hose geöffnet, um nach 
seinem Glied zu greifen. 



einer infantilen Neurose 53 

Ich möchte jetzt die Kindergeschichte meines Patienten 
unterbrechen, um von dieser Schwester, ihrer Entwicklung, 
weiteren Schicksalen und von ihrem Einfluß auf ihn zu 
sprechen. Sie war zwei Jahre älter als er und ihm immer 
voraus geblieben. Als Kind bubenhaft unbändig, schlug sie 
dann eine glänzende intellektuelle Entwicklung ein, zeichnete 
sich durch scharfen realistischen Verstand aus, bevorzugte die 
Naturwissenschaften in ihren Studien, produzierte aber auch 
Gedichte, die der Vater hoch einschätzte. Ihren zahlreichen 
ersten Bewerbern war sie geistig sehr überlegen, pflegte sich 
über sie lustig zu machen. In den ersten Zwanzigerjahren aber 
begann sie verstimmt zu werden, klagte, daß sie nicht schön 
genug sei, und zog sich von allem Umgang zurück. Auf eine 
Reise in Begleitung einer befreundeten älteren Dame ge- 
schickt, erzählte sie nach ihrer Heimkehr ganz unwahrschein- 
liche Dinge, wie sie von ihrer Begleiterin mißhandelt worden 
sei, blieb aber an die vorgebliche Peinigerin offenbar fixiert. 
Auf einer zweiten Reise bald nachher vergiftete sie sich und 
starb fern vom Hause. Wahrscheinlich entsprach ihre Affek- 
tion dem Beginne einer Dementia praecox. Sie war eine der 
Zeugen für die ansehnliche neuropathische Heredität in der 
Familie, keineswegs aber die einzige. Ein Onkel, Vaterbruder, 
starb nach langen Jahren einer Sonderlingsexistenz unter 
Zeichen, die auf eine schwere Zwangsneurose schließen lassen; 
eine gute Anzahl von Seitenverwandten war und ist mit 
leichteren nervösen Störungen behaftet. 

Für unseren Patienten war die Schwester in der Kindheit 
— von der Verführung zunächst abgesehen — ein unbeque- 
mer Konkurrent um die Geltung bei den Eltern, dessen 
schonungslos gezeigte Überlegenheit er sehr drückend 
empfand. Er neidete ihr dann besonders den Respekt, den 
der Vater vor ihren geistigen Fähigkeiten und intellektuellen 
Leistungen bezeugte, während er, seit seiner Zwangneurosc 



54 



Aus der Geschiebte 



intellektuell gehemmt, sich mit einer geringen Einschätzung 
begnügen mußte. Von seinem vierzehnten Jahr an begann das 
Verhältnis der Geschwister sich zu bessern; ähnliche geistige 
Anlage und gemeinsame Opposition gegen die Eltern führten 
sie so weit zusammen, daß sie wie die besten Kameraden mit- 
einander verkehrten. In der stürmischen sexuellen Erregtheit 
seiner Pubertätszeit wagte er es, eine intime körperliche An- 
näherung bei ihr zu suchen. Als sie ihn ebenso entschieden 
als geschickt abgewiesen hatte, wandte er sich von ihr sofort 
zu einem kleinen Bauernmädchen, das im Hause bedienstet 
war und den gleichen Namen wie die Schwester trug. Er 
hatte damit einen für seine heterosexuelle Objektwahl bestim- 
menden Schritt vollzogen, denn alle die Mädchen, in die er 
sich dann später, oft unter den deutlichsten Anzeichen des 
Zwanges, verliebte, waren gleichfalls dienende Personen, deren 
Bildung und Intelligenz weit hinter der seinigen zurückstehen 
mußten. "Waren alle diese Liebesobjekte Ersatzpersonen für 
die ihm versagte Schwester, so ist nicht abzuweisen, daß eine 
Tendenz zur Erniedrigung der Schwester, zur Aufhebung 
ihrer intellektuellen Überlegenheit, die ihn einst so bedrückt 
hatte, dabei die Entscheidung über seine Objektwahl bekam. 
Motiven dieser Art, die dem Willen zur Macht, dem Be- 
hauptungstrieb des Individuums entstammen, hat Alf. Adler 
wie alles andere so auch das sexuelle Verhalten der Menschen 
untergeordnet. Ich bin, ohne die Geltung solcher Macht- und 
Vorrechtsmotive je zu leugnen, nie davon überzeugt gewesen, 
daß sie die ihnen zugeschriebene dominierende und ausschließ- 
liche Rolle spielen können. Hätte ich die Analyse meines 
Patienten nicht bis zu Ende geführt, so hätte ich die Beobach- 
tung dieses Falles zum Anlaß nehmen müssen, um eine Kor- 
rektur meines Vorurteils im Sinne von Adler vorzunehmen. 
Unerwarteterweise brachte der Schluß dieser Analyse neues 
Material, aus dem sich wiederum ergab, daß diese Macht- 



einer infantilen Neurose $5 

motive (in unserem Falle die Erniedrigungstendenz) die Ob- 
jektwahl nur im Sinne eines Beitrags und einer Rationalisie- 
rung bestimmt hatten, während die eigentliche, tiefere Deter- 
minierung mir gestattete, an meinen früheren Überzeugungen 
festzuhalten. 4 

Als die Nachricht vom Tode der Schwester anlangte, er- 
zählte der Patient, empfand er kaum eine Andeutung von 
Schmerz. Er zwang sich zu Zeichen von Trauer und konnte 
sich in aller Kühle darüber freuen, daß er jetzt der alleinige 
Erbe des Vermögens geworden sei. Er befand sich schon seit 
mehreren Jahren in seiner rezenten Krankheit, als sich dies 
zutrug. Ich gestehe aber, daß diese eine Mitteilung mich in 
der diagnostischen Beurteilung des Falles für eine ganze 
Weile unsicher machte. Es war zwar anzunehmen, daß der 
Schmerz über den Verlust des geliebtesten Mitglieds seiner 
Familie eine Ausdruckshemmung durch die fortwirkende 
Eifersucht gegen sie und durch die Einmengung der unbewußt 
gewordenen inzestuösen Verliebtheit erfahren würde, aber 
auf einen Ersatz für den unterbliebenen Schmerzausbruch 
vermochte ich nicht zu verzichten. Ein solcher fand sich end- 
lich in einer anderen, ihm unverständlich gebliebenen Ge- 
fühlsäußerung. Wenige Monate nach dem Tode der Schwester 
machte er selbst eine Reise in die Gegend, wo sie gestorben 
war, suchte dort das Grab eines großen Dichters auf, der da- 
mals sein Ideal war, und vergoß heiße Tränen auf diesem 
Grabe. Dies war eine auch ihn befremdende Reaktion, denn 
er wußte, daß mehr als zwei Menschenalter seit dem Tode 
des verehrten Dichters dahingegangen waren. Er verstand sie 
erst, als er sich erinnerte, daß der Vater die Gedichte der 
verstorbenen Schwester mit denen des großen Poeten in Ver- 
gleich zu bringen pflegte. Einen anderen Hinweis auf die 

4) S. unten S. 139. 



56 



Aus der Geschichte 



richtige Auffassung dieser scheinbar an den Dichter gerichte- 
ten Huldigung hatte er mir durch einen Irrtum in seiner Er- 
zählung gegeben, den ich an dieser Stelle hervorziehen 
konnte. Er hatte vorher wiederholt angegeben, daß sich die 
Schwester erschossen habe, und mußte dann berichtigen, daß 
sie Gift genommen hatte. Der Poet aber war in einem Pisto- 
lenduell erschossen worden. 

Ich kehre nun zur Geschichte des Bruders zurück, die ich 
aber von hier ein Stück weit pragmatisch darstellen muß. Als 
das Alter des Knaben zur Zeit, da die Schwester ihre Ver- 
führungsaktionen begann, stellte sich 3% Jahre heraus. Es 
geschah, wie gesagt, im Frühjahr desselben Jahres, in dessen 
Herbst die Eltern ihn bei ihrer Rückkehr so gründlich ver- 
wandelt fanden. Es liegt nun sehr nahe, diese Wandlung mit 
der unterdes stattgehabten Erweckung seiner Sexualtätigkeit 
in Zusammenhang zu bringen. 

Wie reagierte der Knabe auf die Verlockungen der älteren 
Schwester? Die Antwort lautet: mit Ablehnung, aber die 
Ablehnung galt der Person, nicht der Sache. Die Schwester 
war ihm als Sexualobjekt nicht genehm, wahrscheinlich, weil 
sein Verhältnis zu ihr bereits durch den Wettbewerb um die 
Liebe der Eltern im feindseligen Sinne bestimmt war. Er wich 
ihr aus und ihre Werbungen nahmen auch bald ein Ende. 
Aber er suchte an ihrer Statt eine andere, geliebtere Person 
zu gewinnen, und Mitteilungen der Schwester selbst, die sich 
auf das Vorbild der Nanja berufen hatte, lenkten seine Wahl 
auf diese. Er begann also vor der Nanja mit seinem Glied zu 
spielen, was, wie in so vielen anderen Fällen, wenn die 
Kinder die Onanie nicht verbergen, als Verführungsversuch 
aufgefaßt werden muß. Die Nanja enttäuschte ihn, sie machte 
ein ernstes Gesicht und erklärte, das sei nicht gut. Kinder die 
das täten, bekämen an der Stelle eine „Wunde". 

Die Wirkung dieser Mitteilung, die einer Drohung gleich- 



einer infantilen Neurose J7 

kam, ist nach verschiedenen Richtungen zu verfolgen. Seine 
Anhänglichkeit an die Nanja wurde dadurch gelockert. Er 
hätte böse auf sie werden können; später, als seine Wutanfälle 
einsetzten, zeigte es sich auch, daß er wirklich gegen sie er- 
bittert war. Allein es war für ihn charakteristisch, daß er 
jede Libidoposition, die er aufgeben sollte, zunächst hart- 
näckig gegen das Neue verteidigte. Als die Gouvernante auf 
dem Schauplatz erschien und die Nanja beschimpfte, aus 
dem Zimmer jagte, ihre Autorität vernichten wollte, über- 
trieb er vielmehr seine Liebe zu der Bedrohten und benahm 
sich abweisend und trotzig gegen die angreifende Gouver- 
nante. Nichtsdestoweniger begann er im geheimen ein anderes 
Sexualobjekt zu suchen. Die Verführung hatte ihm das pas- 
sive Sexualziel gegeben, an den Genitalien berührt zu 
werden; wir werden hören, bei wem er dies erreichen wollte, 
und welche Wege ihn zu dieser Wahl führten. 

Es entspricht ganz unseren Erwartungen, wenn wir hören, 
daß mit seinen ersten genitalen Erregungen seine Sexualfor- 
schung einsetzte, und daß er bald auf das Problem der Ka- 
stration geriet. Er konnte in dieser Zeit zwei Mädchen, seine 
Schwester und ihre Freundin, beim Urinieren beobachten. 
Sein Scharfsinn hätte ihn schon bei diesem Anblicke den 
Sachverhalt verstehen lassen können, allein er benahm sich 
dabei, wie wir es von anderen männlichen Kindern wissen. 
Er lehnte die Idee, daß er hier die von der Nanja angedrohte 
Wunde bestätigt sehe, ab, und gab sich die Erklärung, das sei 
der „vordere Popo" der Mädchen. Das Thema der Kastra- 
tion war mit dieser Entscheidung nicht abgetan; aus allem, 
was er hörte, entnahm er neue Hindeutungen darauf. Als 
den Kindern einmal gefärbte Zuckerstangen verteilt wurden, 
erklärte die Gouvernante, die zu wüsten Phantasien geneigt 
war, es seien Stücke von zerschnittenen Schlangen. Von da 
aus erinnerte er sich, daß der Vater einmal auf einem Spazier- 



5 8 Aus der Geschichte 

weg eine Schlange getroffen und sie mit seinem Stocke in 
Stücke zerschlagen habe. Er hörte die Geschichte (aus Rei- 
neke Fuchs) vorlesen, wie der Wolf im Winter Fische fangen 
wollte und seinen Schwanz als Köder benützte, wobei der 
Schwanz im Eis abbrach. Er erfuhr die verschiedenen Namen, 
mit denen man je nach der Intaktheit ihres Geschlechts die 
Pferde bezeichnet. Er war also mit dem Gedanken an die 
Kastration beschäftigt, aber er hatte noch keinen Glauben 
daran und keine Angst davor. Andere Sexualprobleme er- 
standen ihm aus den Märchen, die ihm um diese Zeit 
bekannt wurden. Im „Rotkäppchen" und in den „Sieben 
Geißlein" wurden die Kinder aus dem Leib des Wolfs heraus- 
geholt. War der Wolf also ein weibliches Wesen oder 
konnten auch Männer Kinder im Leib haben? Das war um 
diese Zeit noch nicht entschieden. Übrigens kannte er zur 
Zeit dieser Forschung noch keine Angst vor dem Wolf. 

Eine der Mitteilungen des Patienten wird uns den Weg 
zum Verständnis der Charakterveränderung bahnen, die 
während der Abwesenheit der Eltern im entferntem Anschluß 
an die Verführung bei ihm hervortrat. Er erzählt, daß er 
nach der Abweisung und Drohung der Nanja die Onanie 
sehr bald aufgab. Das beginnende Sexualleben 
unter der Leitung der Genitalzone war 
also einer äußeren Hemmung erlegen und 
durch deren Einfluß auf eine frühere 
Phase prägenitaler Organisation zurück- 
geworfen worden. Infolge der Unterdrückung der 
Onanie nahm das Sexualleben des Knaben sadistisch-analen 
Charakter an. Er wurde reizbar, quälerisch, befriedigte sich 
in solcher Weise an Tieren und Menschen. Sein Hauptobjekt 
war die geliebte Nanja, die er zu peinigen verstand, bis sie 
in Tränen ausbrach. So rächte er sich an ihr für die erfahrene 
Abweisung und befriedigte gleichzeitig sein sexuelles Gelüste 



einer infantilen Neurose ca 

in der der regressiven Phase entsprechenden Form. Er begann 
Grausamkeit gegen kleine Tiere zu üben, Fliegen zu fangen, 
um ihnen die Flügel auszureißen, Käfer zu zertreten; in 
seiner Phantasie liebte er es, auch große Tiere, Pferde, zu 
schlagen. Das waren also durchwegs aktive, sadistische Be- 
tätigungen; von den analen Regungen dieser Zeit wird in 
einem späteren Zusammenhange die Rede sein. 

Es ist sehr wertvoll, daß in der Erinnerung des Patienten 
auch gleichzeitige Phantasien ganz anderer Art auftauchten, 
des Inhalts, daß Knaben gezüchtigt und geschlagen wurden, 
besonders auf den Penis geschlagen; und für wen diese 
anonymen Objekte als Prügelknaben dienten, läßt sich leicht 
aus anderen Phantasien erraten, die sich ausmalten, wie der 
Thronfolger in einen engen Raum eingesperrt und geschlagen 
wird. Der Thronfolger war offenbar er selbst; der Sadismus 
hatte sich also in der Phantasie gegen die eigene Person ge- 
wendet und war in Masochismus umgeschlagen. Das Detail, 
daß das Geschlechtsglied selbst die Züchtigung empfing, läßt 
den Schluß zu, daß bei dieser Umwandlung bereits ein 
Schuldbewußtsein beteiligt war, welches sich auf die Onanie 
berief. 

Es blieb in der Analyse kein Zweifel, daß diese passiven 
Strebungen gleichzeitig oder sehr bald nach den aktiv- 
sadistischen aufgetreten waren. 5 Dies entspricht der unge- 
wöhnlich deutlichen, intensiven und anhaltenden Ambi- 
valenz des Kranken, die sich hier zum erstenmal in der 
gleichmäßigen Ausbildung der gegensätzlichen Partialtrieb- 
paare äußerte. Dieses Verhalten blieb für ihn auch in der 
Folge ebenso charakteristisch wie der weitere Zug, daß 
eigentlich keine der jemals geschaffenen Libidopositionen 






5) Unter passiven Strebungen verstehe ich solche mit passivem 
Sexualziel, habe aber dabei nicht etwa eine Triebverwandlung, 
sondern nur eine Zielverwandlung im Auge. 



6o 



Aus der Geschichte 



durch eine spätere völlig aufgehoben wurde. Sie blieb viel- 
mehr neben allen anderen bestehen und gestattete ihm ein 
unausgesetztes Schwanken, welches sich mit dem Erwerb 
eines fixierten Charakters unvereinbar erwies. 

Die masochistischen Strebungen des Knaben leiten zu 
einem anderen Punkt über, dessen Erwähnung ich mir auf- 
gespart habe, weil er erst durch die Analyse der nächst- 
folgenden Phase seiner Entwicklung sichergestellt werden 
kann. Ich erwähnte schon, daß er nach der Abweisung durch 
die Nanja seine Iibidinöse Erwartung von ihr löste und eine 
andere Person als Sexualobjekt in Aussicht nahm. Diese 
Person war der damals abwesende Vater. Zu dieser Wahl 
wurde er gewiß durch ein Zusammentreffen von Momenten 
geführt, auch durch zufällige wie die Erinnerung an die 
Zerstückelung der Schlange; vor allem aber erneuerte er 
damit seine erste und ursprünglichste Objektwahl, die sich 
dem Narzißmus des kleinen Kindes entsprechend auf dem 
Wege der Identifizierung vollzogen hatte. Wir haben schon 
gehört, daß der Vater sein bewundertes Vorbild gewesen war, 
daß er, gefragt, was er werden wollte, zu antworten pflegte: 
ein Herr wie der Vater. Dies Identifizierungsobjekt seiner 
aktiven Strömung wurde nun das Sexualobjekt einer passiven 
Strömung in der sadistisch-analen Phase. Es macht den 
Eindruck, als hätte ihn die Verführung durch die Schwester 
in die passive Rolle gedrängt und ihm ein passives Sexualziel 
gegeben. Unter dem fortwirkenden Einfluß dieses Erlebnisses 
beschrieb er nun den Weg von der Schwester über die Nanja 
zum Vater, von der passiven Einstellung zum Weib bis zu 
der zum Manne und hatte dabei doch die Anknüpfung an 
seine frühere spontane Entwicklungsphase gefunden. Der 
Vater war jetzt wieder sein Objekt, die Identifizierung war 
der höheren Entwicklung entsprechend durch Objektwahl 
abgelöst, die Verwandlung der aktiven in eine passive Ein- 



einer infantilen Neurose 



61 



Stellung war der Erfolg und das Zeichen der dazwischen vor- 
gefallenen Verführung. Eine aktive Einstellung gegen den 
übermächtigen Vater in der sadistischen Phase wäre natürlich 
nicht so leicht durchführbar gewesen. Als der Vater im Spät- 
sommer oder Herbst zurückkam, bekamen seine Wutanfälle 
und Tobszenen eine neue Verwendung. Gegen die Nanja 
hatten sie aktiv-sadistischen Zwecken gedient; gegen den 
Vater verfolgten sie masochistische Absichten. Er wollte 
durch die Vorführung seiner Schlimmheit Züchtigung und 
Schläge von Seiten des Vaters erzwingen, sich so bei ihm die 
erwünschte masochistische Sexual befriedigung holen. Seine 
Schreianfälle waren also geradezu Verführungsversuche. Der 
Motivierung des Masochismus entsprechend hätte er bei 
solcher Züchtigung auch die Befriedigung seines Schuldgefühls 
gefunden. Eine Erinnerung hat ihm aufbewahrt, wie er 
während einer solchen Szene von Schlimmheit sein Schreien 
verstärkt, sobald der Vater zu ihm kommt. Der Vater 
schlägt ihn aber nicht, sondern sucht ihn zu beschwichtigen, 
indem er mit den Polstern des Bettchens vor ihm Ball spielt. 
Ich weiß nicht, wie oft die Eltern und Erzieher angesichts 
der unerklärlichen Schlimmheit des Kindes Anlaß hätten, sich 
dieses typischen Zusammenhanges zu erinnern. Das Kind, das 
sich so unbändig benimmt, legt ein Geständnis ab und will 
Strafe provozieren. Es sucht in der Züchtigung gleichzeitig 
die Beschwichtigung seines Schuldbewußtseins und die Be- 
friedigung seiner masochistischen Sexualstrebung. 

Die weitere Klärung unseres Krankheitsfalles verdanken 
wir nun der mit großer Bestimmtheit auftretenden Erinnerung, 
daß alle Angstsymptome erst von einem gewissen Vorfall an 
zu den Zeichen der Charakteränderung hinzugetreten seien. 
Vorher habe es keine Angst gegeben und unmittelbar nach 
dem Vorfall habe sich die Angst in quälender Form geäußert. 
Der Zeitpunkt dieser Wandlung läßt sich mit Sicherheit 




6i Am der Geschichte 

angeben, es war knapp vor dem vierten Geburtstag. Die 
Kinderzeit, mit der wir uns beschäftigen wollten, zerlegt sich 
dank diesem Anhaltspunkte in zwei Phasen, eine erste der 
Schlimmheit und Perversität von der Verführung mit 
}Vi Jahren bis zum vierten Geburtstag, und eine längere 
darauffolgende, in der die Zeichen der Neurose vorherrschen. 
Der Vorfall aber, der diese Scheidung gestattet, war kein 
äußeres Trauma, sondern ein Traum, aus dem er mit Angst 
erwachte. 

IV 

Der Traum und die Urszene 

Ich habe diesen Traum wegen seines Gehaltes an Märchen- 
stoffen bereits an anderer Stelle publiziert und werde zu- 
nächst das dort Mitgeteilte wiederholen: 

„Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem 
Bett liege, [mein Bett stand mit dem Fußende gegen das 
Fenster, vor dem Fenster befand sich eine Reihe alter Nuß- 
bäume. Ich weiß, es war Winter, als ich träumte, und Nacht- 
zeit]. Plötzlich geht das Fenster von seihst auf, und ich sehe 
mit großem Schrecken, daß auf dem großen Nußbaum vor dem 
Fenster ein paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder 
sieben Stück. Die Wölfe waren ganz weiß und sahen eher 
aus wie Füchse oder Schäferhunde, denn sie hatten große 
Schwänze wie Füchse und ihre Ohren waren aufgestellt wie 
bei den Hunden, wenn sie auf etwas passen. Unter großer 
Angst, offenbar, von den Wölfen aufgefressen zu werden, 
schrie ich auf und erwachte. Meine Kinderfrau eilte zu 
meinem Bett, um nachzusehen, was mit mir geschehen war. 
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich überzeugt war, es sei 

6) Märchen Stoffe in Träumen. Int. Zeitschr. f. ärztl. Psycho- 
analyse, Bd. I. 191 3. [Bd. III. der Ges. Schriften.] 



einer infantilen Neurose 



63 



nur ein Traum gewesen, so natürlich und deutlich war mir 
das Bild vorgekommen, wie das Fenster aufgeht und die 
Wölfe auf dem Baume sitzen. Endlich beruhigte ich mich, 
fühlte mich wie von einer Gefahr befreit und schlief wieder 



ein.' 




„Die einzige Aktion im Traume war das Aufgehen des 
Fensters, denn die Wölfe saßen ganz ruhig ohne jede Be- 
wegung auf den Ästen des Baumes, rechts und links vom 
Stamm und schauten mich an. Es sah so aus, als ob sie ihre 
ganze Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hätten. — Ich 
glaube, dies war mein erster Angsttraum. Ich war damals 
drei, vier, höchstens fünf Jahre alt. Bis in mein elftes oder 
zwölftes Jahr hatte ich von da an immer Angst, etwas 
Schreckliches im Traume zu sehen." 



• 



6 4 



Aus der Geschichte 






Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den 
Wölfen, die seine Beschreibung bestätigt. Die Analyse des 
Traumes fördert nachstehendes Material zu Tage. 

Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der 
Erinnerung gebracht, daß er in diesen Jahren der Kindheit 
eine ganz ungeheuerliche Angst vor dem Bild eines Wolfes 
in einem Märchenbuche zeigte. Die ältere, ihm recht über- 
legene Schwester pflegte ihn zu necken, indem sie ihm unter 
irgend einem Vorwand gerade dieses Bild vorhielt, worauf 
er entsetzt zu schreien begann. Auf diesem Bild stand der 
Wolf aufrecht, mit einem Fuß ausschreitend, die Tatzen aus- 
gestreckt und die Ohren aufgestellt. Er meint, dieses Bild 
habe als Illustration zum Märchen von Rotkäppchen 
gehört. 

Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die Schafe 
denken, von denen große Herden in der Nähe des Gutes 
gehalten wurden. Der Vater nahm ihn gelegentlich mit, diese 
Herden zu besuchen, und er war dann jedesmal sehr stolz 
und selig. Später — nach eingezogenen Erkundigungen kann 
es leicht kurz vor der Zeit dieses Traumes gewesen sein, — 
brach unter diesen Schafen eine Seuche aus. Der Vater ließ 
einen Pasteurschüler kommen, der die Tiere impfte, aber sie 
starben nach der Impfung noch zahlreicher als vorher. 

Wie kommen die Wölfe auf den Baum? Dazu fällt ihm 
eine Geschichte ein, die er den Großvater erzählen gehört. 
Er kann sich nicht erinnern, ob vor oder nach dem Traum, 
aber ihr Inhalt spricht entschieden für das erstere. Die 
Geschichte lautet: Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei 
der Arbeit, da öffnet sich das Fenster und ein Wolf springt 
herein. Der Schneider schlägt mit der Elle nach ihm — nein, 
verbessert er sich, packt ihn beim Schwanz und reißt ihm 
diesen aus, so daß der Wolf erschreckt davonrennt. Eine 
Weile später geht der Schneider in den Wald und sieht 



einer infantilen Neurose 65 

plötzlich ein Rudel Wölfe herankommen, vor denen er sich 
auf einen Baum flüchtet. Die Wölfe sind zunächst ratlos, aber 
der Verstümmelte, der unter ihnen ist und sich am Schneider 
rächen will, macht den Vorschlag, daß einer auf den anderen 
steigen soll, bis der letzte den Schneider erreicht hat. Er 
selbst — es ist ein kräftiger Alter — will die Basis dieser 
Pyramide machen. Die Wölfe tun so, aber der Schneider 
hat den gezüchtigten Besucher erkannt und ruft plötzlich 
wie damals: Packt den Grauen beim Schwanz. Der schwanz- 
lose Wolf erschrickt bei dieser Erinnerung, läuft davon und 
die andern purzeln alle herab. 

In dieser Erzählung findet sich der Baum vor, auf dem im 
Traum die Wölfe sitzen. Sie enthält aber auch eine unzwei- 
deutige Anknüpfung an den Kastrationskomplex. Der alte 
Wolf ist vom Schneider um den Schwanz gebracht worden. 
Die Fuchsschwänze der Wölfe im Traum sind wohl Kompen- 
sationen dieser Schwanzlosigkeit. 

Warum sind es sechs oder sieben Wölfe? Diese Frage schien 
nicht zu beantworten, bis ich den Zweifel aufwarf, ob sich 
sein Angstbild auf das Rotkäppchenmärchen bezogen haben 
könne. Dies Märchen gibt nur Anlaß zu zwei Illustrationen, 
zur Begegnung des Rotkäppchens mit dem Wolf im Walde 
und zur Szene, wo der Wolf mit der Haube der Großmutter 
im Bette liegt. Es müsse sich also ein anderes Märchen hinter 
der Erinnerung an das Bild verbergen. Er fand dann bald, 
daß es nur die Geschichte vom Wolf und den sieben 
G e i ß 1 e i n sein könne. Hier findet sich die Siebenzahl, aber 
auch die Sechs, denn der Wolf frißt nur sechs Geißlein auf, 
das siebente versteckt sich im Uhrkasten. Auch das Weiß 
kommt in dieser Geschichte vor, denn der Wolf läßt sich 
beim Bäcker die Pfote weiß machen, nachdem ihn die Geiß- 
lein bei seinem ersten Besuch an der grauen Pfote erkannt 
haben. Beide Märchen haben übrigens viel Gemeinsames. In 

5 Freud, Schrifcen zur Neurosenlehre 



66 Aus der Geschichte 

beiden findet sich das Auffressen, das Bauchaufschneiden, die 
Herausbeförderung der gefressenen Personen, deren Ersatz 
durch schwere Steine, und endlich kommt in beiden der böse 
Wolf um. Im Märchen von den Geißlein kommt auch noch 
der Baum vor. Der Wolf legt sich nach der Mahlzeit unter 
einen Baum und schnarcht. 

Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines besonderen 
Umstandes noch an anderer Stelle beschäftigen müssen und 
ihn dann eingehender deuten und würdigen. Es ist ja ein 
erster aus der Kindheit erinnerter Angsttraum, dessen Inhalt 
im Zusammenhang mit anderen Träumen, die bald nachher 
erfolgten, und mit gewissen Begebenheiten in der Kinderzeit 
des Träumers ein Interesse von ganz besonderer Art wachruft. 
Hier beschränken wir uns auf die Beziehung des Traumes zu 
zwei Märchen, die viel Gemeinsames haben, zum „Rotkäpp- 
chen" und zum „Wolf und die sieben Geißlein". Der Ein- 
druck dieser Märchen äußerte sich bei dem kindlichen Träu- 
mer in einer richtigen Tierphobie, die sich von anderen ähn- 
lichen Fällen nur dadurch auszeichnete, daß das Angsttier 
nicht ein der Wahrnehmung leicht zugängliches Objekt war 
(wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus Erzählung und 
Bilderbuch gekannt. 

Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Erklä- 
rung diese Tierphobien haben und welche Bedeutung ihnen 
zukommt. Vorgreifend bemerke ich nur, daß diese Erklärung 
sehr zu dem Hauptcharakter stimmt, welchen die Neurose des 
Träumers in späteren Lebenszeiten erkennen ließ. Die Angst 
vor dem Vater war das stärkste Motiv seiner Erkrankung ge- 
wesen, und die ambivalente Einstellung zu jedem Vaterersatz 
beherrschte sein Leben wie sein Verhalten in der Behandlung. 

Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste Vater- 
ersatz war, so fragt es sich, ob die Märchen vom Wolf, der 
die Geißlein auffrißt, und vom Rotkäppchen etwas anderes 



einer infantilen Neurose 67 

als die infantile Angst vor dem Vater zum geheimen Inhalt 
haben. 7 Der Vater meines Patienten hatte übrigens die Eigen- 
tümlichkeit des „zärtlichen Schimpfen s", die so 
viele Personen im Umgang mit ihren Kindern zeigen, und 
die scherzhafte Drohung „ich fress' dich auf" mag in den 
ersten Jahren, als der später strenge Vater mit dem Söhnlein 
zu spielen und zu kosen pflegte, mehr als einmal geäußert 
worden sein. Eine meiner Patientinnen erzählte mir, daß ihre 
beiden Kinder den Großvater nie lieb gewinnen konnten, 
weil er sie in seinem zärtlichen Spiel zu schrecken pflegte, er 
werden ihnen den Bauch aufschneiden. 

Lassen wir nun all das beiseite, was in diesem Aufsatze der 
Verwertung des Traumes vorgreift, und kehren wir zu seiner 
nächsten Deutung zurück. Ich will bemerken, daß diese 
Deutung eine Aufgabe war, deren Lösung sich durch mehrere 
Jahre hinzog. Der Patient hatte den Traum sehr frühzeitig 
mitgeteilt und sehr bald meine Überzeugung angenommen, 
daß hinter ihm die Verursachung seiner infantilen Neurose 
verborgen sei. "Wir kamen im Laufe der Behandlung oft auf 
den Traum zurück, aber erst in den letzten Monaten der Kur 
gelang es, ihn ganz zu verstehen, und zwar dank der spon- 
tanen Arbeit des Patienten. Er hatte immer hervorgehoben, 
daß zwei Momente des Traumes den größten Eindruck auf 
ihn gemacht hätten, erstens die völlige Ruhe und Unbeweg- 
lichkeit der Wölfe und zweitens die gespannte Aufmerksam- 
keit, mit der sie alle auf ihn schauten. Auch das nachhaltige 
Wirklichkeitsgefühl, in das der Traum auslief, erschien ihm 
beachtenswert. 

An dies letztere wollen wir anknüpfen. Wir wissen aus den 



7) Vgl. die von O. Rank hervorgehobene Ähnlichkeit dieser 
beiden Märchen mit dem Mythus von Kronos (Völkerpsycho- 
logische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien. Zentralblatt 
f. Psychoanalyse, II, 8.) 



68 -Aus der Geschichte 

Erfahrungen der Traumdeutung, daß diesem Wirklichkeits- 
gefühl eine bestimmte Bedeutung zukommt. Es versichert uns, 
daß etwas in dem latenten Material des Traumes den An- 
spruch auf Wirklichkeit in der Erinnerung erhebt, also daß 
der Traum sich auf eine Begebenheit bezieht, die wirklich 
vorgefallen und nicht bloß phantasiert worden ist. Natürlich 
kann es sich nur um die Wirklichkeit von etwas Unbekann- 
tem handeln; die Überzeugung z. B., daß der Großvater 
wirklich die Geschichte vom Schneider und vom Wolf er- 
zählt, oder daß ihm wirklich die Märchen vom Rotkäppchen 
und von den sieben Geißlein vorgelesen worden waren, 
könnte sich niemals durch das den Traum überdauernde 
Wirklichkeitsgefühl ersetzen. Der Traum schien auf eine Be- 
gebenheit hinzudeuten, deren Realität so recht im Gegensatz 
zur Irrealität der Märchen betont wird. 

Wenn eine solche unbekannte, d. h. zur Zeit des Traumes 
bereits vergessene Szene hinter dem Inhalt des Traumes an- 
zunehmen war, so mußte sie sehr früh vorgefallen sein. Der 
Träumer sagt ja: ich war, als ich den Traum hatte, drei, 
vier, höchstens fünf Jahre alt. Wir können hinzufügen: und 
wurde durch den Traum an etwas erinnert, was einer noch 
früheren Zeit angehört haben mußte. 

Zum Inhalt dieser Szene mußte führen, was der Träumer 
aus dem manifesten Trauminhalt hervorhob, die Momente des 
aufmerksamen Schauens und der Bewegungslosigkeit. Wir er- 
warten natürlich, daß dies Material das unbekannte Material 
der Szene in irgend einer Entstellung wiederbringt, vielleicht 
sogar in der Entstellung zur Gegensätzlichkeit. 

Aus dem Rohstoff, welchen die erste Analyse mit dem 
Patienten ergeben hatte, waren gleichfalls mehrere Schlüsse 
zu ziehen, die in den gesuchten Zusammenhang einzufügen 
waren. Hinter der Erwähnung der Schafzucht waren die 
Belege für seine Sexualforschung zu suchen, deren Interessen 



. 



einer infantilen Neurose 69 

er bei seinen Besuchen mit dem Vater befriedigen konnte, 
aber auch Andeutungen von Todesangst mußten dabei sein, 
denn die Schafe waren ja zum größten Teil an der Seuche 
gestorben. Was im Traum das Vordringlichste war, die Wölfe 
auf dem Baume, führte direkt zur Erzählung des Großvaters, 
an welcher kaum etwas anderes als die Anknüpfung an das 
Kastrationsthema das Fesselnde und den Traum Anregende 
gewesen sein konnte. 

Wir hatten aus der ersten unvollständigen Analyse des 
Traumes ferner erschlossen, daß der Wolf ein Vaterersatz sei, 
so daß dieser erste Angsttraum jene Angst vor dem Vater zum 
Vorschein gebracht hätte, welche von nun an sein Leben be- 
herrschen sollte. Dieser Schluß selbst war allerdings noch 
nicht verbindlich. Wenn wir aber als Ergebnis der vorläufi- 
gen Analyse zusammenstellen, was sich aus dem vom Träumer 
gelieferten Material ableitet, so liegen uns etwa folgende 
Bruchstücke zur Rekonstruktion vor: 

Eine wirkliche Begebenheit — aus sehr 
früher Zeit — Schauen — Unbewegtheit — 
S exu al pr o b 1 eme — Kastration — der Vater 
— etwas Schreckliches. 

Eines Tages begann der Patient die Deutung des Traumes 
fortzusetzen. Die Stelle des Traumes, meinte er, in der es 
heißt: Plötzlich geht das Fenster von selbst auf, ist durch die 
Beziehung zum Fenster, an dem der Schneider sitzt, und 
durch das der Wolf ins Zimmer kommt, nicht ganz 
aufgeklärt. Es muß die Bedeutung haben: die Augen gehen 
plötzlich auf. Also ich schlafe und erwache plötzlich, dabei 
sehe ich etwas: den Baum mit den Wölfen. Dagegen war 
nichts einzuwenden, aber es ließ weitere Ausnützung zu. Er 
war erwacht und hatte etwas zu sehen bekommen. Das auf- 
merksame Schauen, das im Traum den Wölfen zugeschrieben 
wird, ist vielmehr auf ihn zu schieben. Da hatte an einem 



7<> 



Aus der Geschichte 



entscheidenden Punkte eine Verkehrung stattgefunden, die 
sich übrigens durch eine andere Verkehrung im manifesten 
Trauminhalt anzeigt. Es war ja auch eine Verkehrung, wenn 
die "Wölfe auf dem Baum saßen, während sie sich in der Er- 
zählung des Großvaters unten befanden und nicht auf den 
Baum steigen konnten. 

"Wenn nun auch das andere vom Träumer betonte Moment 
durch eine Verkehrung oder Umkehrung entstellt wäre? Dann 
müßte es anstatt Bewegungslosigkeit (die "Wölfe sitzen 
regungslos da, schauen auf ihn, aber rühren sich nicht) heißen: 
heftigste Bewegung. Er ist also plötzlich erwacht und hat eine 
Szene von heftiger Bewegtheit vor sich gesehen, auf die er 
mit gespannter Aufmerksamkeit schaute. In dem einen Falle 
bestünde die Entstellung in einer Vertauschung von Subjekt 
und Objekt, Aktivität und Passivität, angeschaut werden an- 
statt anschauen, im anderen Falle in einer Verwandlung ins 
Gegenteil: Ruhe anstatt Bewegtheit. 

Einen weiteren Fortschritt im Verständnis des Traumes 
brachte ein andermal der plötzlich auftauchende Einfall: Der 
Baum ist der "Weihnachtsbaum. Jetzt wußte er, der Traum 
war kurz vor "Weihnachten in der "Weihnachtserwartung ge- 
träumt worden. Da der Weihnachtstag auch sein Geburtstag 
war, ließ sich der Zeitpunkt des Traumes und der von ihm 
ausgehenden "Wandlung nun mit Sicherheit feststellen. Es war 
knapp vor seinem vierten Geburtstag. Er war also einge- 
schlafen in der gespannten Erwartung des Tages, der ihm eine 
doppelte Beschenkung bringen sollte. "Wir wissen, daß das 
Kind unter solchen Verhältnissen leicht die Erfüllung seiner 
Wünsche im Traum antizipiert. Es war also schon Weihnacht 
im Traume, der Inhalt des Traumes zeigte ihm seine Be- 
scherung, am Baume hingen die für ihn bestimmten Ge- 
schenke. Aber anstatt der Geschenke waren es — Wölfe gewor- 
den, und der Traum endigte damit, daß er Angst bekam, vom 



einer infantilen Neurose 7 1 

"Wolf (wahrscheinlich vom Vater) gefressen zu werden, und 
seine Zuflucht zur Kinderfrau nahm. Die Kenntnis seiner 
Sexualentwicklung vor dem Traum macht es uns möglich, die 
Lücke im Traume auszufüllen und die Verwandlung der Be- 
friedigung in Angst aufzuklären. Unter den traumbildenden 
Wünschen muß sich, als der stärkste, der nach der sexuellen 
Befriedigung geregt haben, die er damals vom Vater ersehnte. 
Der Stärke dieses Wunsches gelang es, die längst vergessene 
Erinnerungsspur einer Szene aufzufrischen, die ihm zeigen 
konnte, wie die Sexualbefriedigung durch den Vater aussah, 
und das Ergebnis war Schreck, Entsetzen vor der Erfüllung 
dieses Wunsches, Verdrängung der Regung, die sich durch 
diesen Wunsch dargestellt hatte, und darum Flucht vom 
Vater weg zur ungefährlicheren Kinderfrau. 

Die Bedeutung dieses Weihnachtstermins war in der angeb- 
lichen Erinnerung erhalten geblieben, daß er den ersten Wut- 
anfall bekommen, weil er von den Weinachtsgeschenken un- 
befriedigt gewesen war. Die Erinnerung zog Richtiges und 
Falsches zusammen, sie konnte nicht ohne Abänderung Recht 
haben, denn nach den oft wiederholten Aussagen der Eltern 
war seine Schlimmheit bereits nach deren Rückkehr im Herbst 
und nicht erst zu Weihnachten aufgefallen, aber das Wesent- 
liche der Beziehungen zwischen mangelnder Liebesbefriedi- 
gung, Wut und Weihnachtszeit war in der Erinnerung fest- 
gehalten worden. 

Welches Bild konnte aber die nächtlicherweise wirkende, 
sexuelle Sehnsucht heraufbeschworen haben, das imstande 
war, so intensiv von der gewünschten Erfüllung abzu- 
schrecken? Dieses Bild mußte nach dem Material der 
Analyse eine Bedingung erfüllen, es mußte geeignet sein, die 
Überzeugung von der Existenz der Kastration zu begründen. 
Die Kastrationsangst wurde dann der Motor der AfTektver- 
Wandlung. 



72 



Aus der Geschichte 









Hier kommt nun die Steile, an der ich die Anlehnung an 
den Verlauf der Analyse verlassen muß. Ich fürchte, es wird 
auch die Stelle sein, an der der Glaube der Leser mich ver- 
lassen wird. 

Was in jener Nacht aus dem Chaos der unbewußten Ein- 
drucksspuren aktiviert wurde, war das Bild eines Koitus 
zwischen den Eltern unter nicht ganz gewöhnlichen und für 
die Beobachtung besonders günstigen Umständen. Es gelang 
allmählich, für alle Fragen, die sich an diese Szene knüpfen 
konnten, befriedigende Antworten zu erhalten, indem jener 
erste Traum im Verlauf der Kur in ungezählten Abände- 
rungen und Neuauflagen wiederkehrte, zu denen die Analyse 
die gewünschten Aufklärungen lieferte. So stellte sich zu- 
nächst das Alter des Kindes bei der Beobachtung heraus, 
etwa iK Jahre. 8 Er litt damals an einer Malaria, deren 
Anfall täglich zu bestimmter Stunde wiederkehrte. 9 Von 
seinem zehnten Jahr an war er zeitweise Stimmungen von 
Depression unterworfen, die am Nachmittag einsetzten und 
um die fünfte Stunde ihre Höhe erreichten. Dieses Symptom 
bestand noch zur Zeit der analytischen Behandlung. Die 
wiederkehrende Depression ersetzte den damaligen Fieber- 
oder Mattigkeitsanfall; die fünfte Stunde war entweder die 
Zeit der Fieberhöhe oder die der Koitusbeobachtung, wenn 
nicht beide Zeiten zusammenfallen. 10 Er befand sich wahr- 
scheinlich gerade dieses Krankseins wegen im Zimmer der 
Eltern. Diese auch durch direkte Tradition erhärtete Erkran- 



8) Daneben käme mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit, eigent- 
lich kaum haltbar, das Alter von % Jahr in Betracht. 

9) Vgl. die späteren Umbildungen dieses Moments in der 
Zwangsneurose. In den Träumen während der Kur Ersetzung 
durch einen heftigen Wind (aria — Luft). 

10) Man bringe damit zusammen, daß der Patient zu seinem 
Traum nur fünf Wölfe gezeichnet hat, obwohl der Text des 
Traumes von 6 oder 7 spricht. 



einer infantilen Neurose 73 

kung legt uns nahe, den Vorfall in den Sommer zu verlegen 
und damit für den am Weihnachtstag Geborenen ein Alter 
von n + 1/2 Jahre anzunehmen. Er hatte also im Zimmer 
der Eltern in seinem Bettchen geschlafen und erwachte, etwa 
infolge des steigenden Fiebers, am Nachmittag, vielleicht um 
die später durch Depression ausgezeichnete fünfte Stunde. 
Es stimmt zur Annahme eines heißen Sommertages, wenn sich 
die Eltern halb entkleidet 11 zu einem Nachmittagsschläfchen 
zurückgezogen hätten. Als er erwachte, wurde er Zeuge eines 
dreimal wiederholten 12 coitus a tergo, konnte das Genitale 
der Mutter wie das Glied des Vaters sehen und verstand den 
Vorgang wie dessen Bedeutung. 13 Endlich störte er den Ver- 
kehr der Eltern auf eine Weise, von der späterhin die Rede 
sein wird. 

Im Grunde ist es nichts Außerordentliches, macht nicht den 
Eindruck des Produkts einer ausschweifenden Phantasie, daß 
ein junges, erst wenige Jahre verheiratetes Ehepaar an einen 
Nachmittagsschlaf zu heißer Sommerszeit einen zärtlichen 
Verkehr anschließt und sich dabei über die Gegenwart des 
iVj Jahre alten, in seinem Bettchen schlafenden Knäbleins 
hinaussetzt. Ich meine vielmehr, es wäre etwas durchaus 
Banales, Alltägliches, und auch die erschlossene Stellung 
beim Koitus kann an diesem Urteil nichts ändern. Besonders 
da aus dem Beweismaterial nicht hervorgeht, daß der Koitus 

n) In weißer Wäsche, die weißen Wölfe. 

12) Woher dreimal? Er stellte plötzlich einmal die Behauptung 
auf, daß ich dieses Detail durch Deutung eruiert hätte. Das traf 
nicht zu. Es war ein spontaner, weiterer Kritik entzogener Ein- 
fall, den er nach seiner Gewohnheit mir zuschob und ihn durch 
diese Projektion vertrauenswürdig machte. 

13) Ich meine, er verstand ihn zur Zeit des Traumes mit vier 
Jahren, nicht zur Zeit der Beobachtung. Mit iK» Jahren holte er 
sich die Eindrücke, deren nachträgliches Verständnis ihm zur Zeit 
des Traumes durch seine Entwicklung, seine sexuelle Erregung 
und seine Sexualforschung ermöglicht wurde. 



74 



Aus der Geschichte 



jedesmal in der Stellung von rückwärts vollzogen wurde. 
Ein einziges Mal hätte ja hingereicht, um dem Zuschauer 
die Gelegenheit zu Beobachtungen zu geben, die durch eine 
andere Lage der Liebenden erschwert oder ausgeschlossen 
wären. Der Inhalt dieser Szene selbst kann also kein Argu- 
ment gegen ihre Glaubwürdigkeit sein. Das Bedenken der 
Unwahrschciniichkeit wird sich gegen drei andere Punkte 
richten: dagegen, daß ein Kind in dem zarten Alter von 
iYi Jahren imstande sein sollte, die Wahrnehmungen eines 
so komplizierten Vorganges aufzunehmen und sie so getreu 
in seinem Unbewußten zu bewahren, zweitens dagegen, daß 
eine nachträgliche zum Verständnis vordringende Bearbei- 
tung der so empfangenen Eindrücke zu 4 Jahren möglich 
ist, und endlich, daß es durch irgend ein Verfahren gelingen 
sollte, die Einzelheiten einer solchen Szene, unter solchen 
Umständen erlebt und verstanden, in zusammenhängender 
und überzeugender Weise bewußt zu machen." 

Ich werde diese und andere Bedenken später sorgfältig 
prüfen, versichere dem Leser, daß ich nicht weniger kritisch 
als er gegen die Annahme einer solchen Beobachtung des 
Kindes eingestellt bin, und bitte ihn, sich mit mir zum vor- 
läufigen Glauben an die Realität dieser Szene zu entschließen. 
Zunächst wollen wir das Studium der Beziehungen dieser 

14) Man kann sich die erste dieser Schwierigkeiten nicht durch 
die Annahme erleichtern, das Kind sei zur Zeit der Befrachtung 
doch wahrscheinlich um ein Jahr älter gewesen, also 2.% Jahre 
alt, zu welcher Zeit es eventuell vollkommen sprachfähig sein 
mag. Für meinen Patienten war eine solche Zeitverschiebung durch 
alle Nebenumstände seines Falles fast ausgeschlossen. Übrigens 
wolle man in Betracht ziehen, daß solche Szenen von Beobachtung 
des elterlichen Koitus in der Analyse keineswegs selten aufgedeckt 
werden. Ihre Bedingung ist aber gerade, daß sie in die früheste 
Kinderzeit fallen. Je älter das Kind ist, desto sorgfältiger werden 
auf einem gewissen sozialen Niveau die Eltern dem Kinde die 
Gelegenheit zu solcher Beobachtung versagen. 



einer infantilen Neurose 7$ 

„Urszen e" zum Traum, zu den Symptomen und zur 
Lebensgeschichte des Patienten fortsetzen. Wir werden ge- 
sondert verfolgen, welche Wirkungen vom wesentlichen 
Inhalt der Szene und von einem ihrer visuellen Eindrücke 
ausgegangen sind. 

Unter letzterem meine ich die Stellungen, welche er die 
Eltern einnehmen sah, die aufrechte des Mannes und die 
tierähnlich gebückte der Frau. Wir haben schon gehört, daß 
ihn in der Angstzeit die Schwester mit dem Bild im Märchen- 
buch zu schrecken pflegte, auf dem der Wolf aufrecht dar- 
gestellt war, einen Fuß vorgesetzt, die Tatzen ausgestreckt 
und die Ohren aufgestellt. Er ließ sich während der Kur die 
Mühe nicht verdrießen, in Antiquarläden nachzuspüren, bis 
er das Märchenbilderbuch seiner Kindheit wiedergefunden 
hatte, und erkannte sein Schreckbild in einer Illustration zur 
Geschichte vom „Wolf und den sieben Geißlein". Er meinte, 
die Stellung des Wolfes auf diesem Bild hätte ihn an die des 
Vaters während der konstruierten Urszene erinnern können. 
Dieses Bild wurde jedenfalls zum Ausgangspunkt weiterer 
Angstwirkungen. Als er in seinem siebenten oder achten 
Jahr einmal die Ankündigung erhielt, morgen werde ein 
neuer Lehrer zu ihm kommen, träumte er in der nächstfolgen- 
den Nacht von diesem Lehrer als Löwen, der sich laut 
brüllend in der Stellung des Wolfes auf jenem Bilde seinem 
Bette näherte, und erwachte wiederum mit Angst. Die Wolfs- 
phobie war damals bereits überwunden, er hatte darum die 
Freiheit, sich ein neues Angsttier zu wählen, und aner- 
kannte in diesem späten Traum den Lehrer als Vaterersatz. 
Jeder seiner Lehrer spielte in seinen späteren Kinderjahren 
die gleiche Vaterrolle und wurde mit dem Vatereinfluß zum 
Guten wie zum Bösen ausgestattet. 

Das Schicksal schenkte ihm einen sonderbaren Anlaß, 
seine Wolfsphobie in der Gymnasialzeit aufzufrischen und 















76 -Aus der Geschichte 

die Relation, die ihr zu Grunde lag, zum Ausgang schwerer 
Hemmungen zu machen. Der Lehrer, der den lateinischen 
Unterricht seiner Klasse leitete, hieß "Wolf. Er war von 
Anfang an vor ihm eingeschüchtert, zog sich einmal eine 
schwere Beschimpfung von ihm zu, weil er in einer lateinischen 
Übersetzung einen dummen Fehler begangen hatte, und 
wurde von da an eine lähmende Angst vor diesem Lehrer 
nicht mehr los, die sich bald auf andere Lehrer übertrug. Aber 
die Gelegenheit, bei der er in der Übersetzung strauchelte, war 
auch nicht beziehungslos. Er hatte das lateinische Wort filius 
zu übersetzen und tat es mit dem französischen fils anstatt 
mit dem entsprechenden Wort der Muttersprache. Der Wolf 
war eben noch immer der Vater. 15 

Das erste der „passageren Symptome", 16 welches der Patient 
in der Behandlung produzierte, ging noch auf die Wolfs- 
phobie und auf das Märchen von den sieben Geißlein zurück. 
In dem Zimmer, wo die ersten Sitzungen abgehalten wurden, 
befand sich eine große Wandkastenuhr gegenüber vom 
Patienten, der abgewandt von mir auf einem Diwan lag. Es 
fiel mir auf, daß er von Zeit zu Zeit das Gesicht zu mir 






15) Nach dieser Beschimpfung durch den Lehrer- Wolf erfuhr 
er als die allgemeine Meinung der Kollegen, daß der Lehrer zur 
Beschwichtigung — Geld von ihm erwarte. Darauf werden wir 
später zurückkommen. — Ich kann mir vorstellen, welche Er- 
leichterung es für eine rationalistische Betrachtung einer solchen 
Kindergeschichte bedeuten würde, wenn sich annehmen ließe, die 
ganze Angst vor dem Wolf sei in Wirklichkeit von dem Latein- 
lehrer gleichen Namens ausgegangen, in die Kindheit zurück- 
projiziert worden und hätte in Anlehnung an die Märchen- 
illustration die Phantasie der Urszene verursacht. Allein das ist 
unhaltbar; die zeitliche Priorität der Wolfsphobie und deren Ver- 
legung in die Kindheitsjahre auf dem ersten Gut ist allzusicher 
bezeugt. Und der Traum mit 4 Jahren? 

16) Ferenczi: Über passagere Symptombildungen während 
der Analyse. Zentralbl. f. Psychoanalyse, II. 19 12 S. 588 fr. 
(Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. IL S. 9 ff.) 



einer infantilen Neurose 



77 



kehrte, mich sehr freundlich, wie begütigend ansah und dann 
den Blick von mir zur Uhr wendete. Ich meinte damals, er 
gebe so ein Zeichen seiner Sehnsucht nach Beendigung der 
Stunde. Lange Zeit später erinnerte mich der Patient an dieses 
Gebärdenspiel und gab mir dessen Erklärung, indem er daran 
erinnerte, daß das jüngste der sieben Geißlein ein Versteck 
im Kasten der Wanduhr fände, während die sechs Geschwister 
vom Wolf gefressen würden. Er wollte also damals sagen: Sei 
gut mit mir. Muß ich mich vor dir fürchten? Wirst du mich 
auffressen? Soll ich mich wie das jüngste Geißlein im Wand- 
kasten vor dir verstecken? 

Der Wolf, vor dem er sich fürchtete, war unzweifelhaft 
der Vater, aber die Wolfsangst war an die Bedingung der 
aufrechten Stellung gebunden. Seine Erinnerung behauptete 
mit großer Bestimmtheit, daß Bilder vom Wolf, der auf allen 
Vieren gehe oder wie im Rotkäppchenmärchen im Bett liege, 
ihn nicht geschreckt hätten. Nicht mindere Bedeutung zog die 
Stellung auf sich, die er nach unserer Konstruktion der Ur- 
szene das Weib hatte einnehmen sehen; diese Bedeutung blieb 
aber auf das sexuelle Gebiet beschränkt. Die auffälligste Er- 
scheinung seines Liebeslebens nach der Reife waren Anfälle 
von zwanghafter sinnlicher Verliebtheit, die in rätselhafter 
Folge auftraten und wieder verschwanden, eine riesige 
Energie bei ihm auch in Zeiten sonstiger Hemmung ent- 
fesselten und seiner Beherrschung ganz entzogen waren. Ich 
muß die volle Würdigung dieser Zwangslieben wegen eines 
besonders wertvollen Zusammenhanges noch aufschieben, aber 
ich kann hier anführen, daß sie an eine bestimmte, seinem 
Bewußtsein verborgene Bedingung geknüpft waren, die sich 
erst in der Kur erkennen ließ. Das Weib mußte die Stellung 
eingenommen haben, die wir der Mutter in der Urszene zu- 
schreiben. Große, auffällige Hinterbacken empfand er von 
der Pubertät an als den stärksten Reiz des Weibes; ein anderer 



y% Aus der Geschichte 

Koitus als der von rückwärts bereitete ihm kaum Genuß. Die 
kritische Erwägung ist zwar berechtigt, hier einzuwenden, 
daß solche sexuelle Bevorzugung der hinteren Körperpartien 
ein allgemeiner Charakter der zur Zwangsneurose neigenden 
Personen sei und nicht zur Ableitung von einem besonderen 
Eindruck der Kinderzeit berechtige. Sie gehöre in das Gefüge 
der anal-erotischen Veranlagung und zu jenen archaischen 
Zügen, welche diese Konstitution auszeichnen. Man darf die 
Begattung von rückwärts — more ferarum — doch wohl als 
die phylogenetisch ältere Form auffassen. "Wir werden auch 
auf diesen Punkt in späterer Diskussion zurückkommen, wenn 
wir das Material für seine unbewußte Liebesbedingung nach- 
getragen haben. 

Setzen wir nun in der Erörterung der Beziehungen zwischen 
Traum und Urszene fort. Nach unseren bisherigen Erwartun- 
gen sollte der Traum dem Kind, das sich auf die Erfüllung 
seiner Wünsche zu "Weihnachten freut, dies Bild der Sexual- 
befriedigung durch den Vater vorführen, wie er es in jener 
Urszene gesehen hatte, als Vorbild der eigenen Befriedigung, 
die er vom Vater ersehnt. Anstatt dieses Bildes tritt aber das 
Material der Geschichte auf, die der Großvater kurz vorher 
erzählt hatte: Der Baum, die Wölfe, die Schwanzlosigkeit in 
der Form der Oberkompensation in den buschigen Schwänzen 
der angeblichen Wölfe. Hier fehlt uns ein Zusammenhang, 
eine Assoziationsbrücke, die von dem Inhalt der Urgeschichte 
zu dem der Wolfsgeschichte hinüberleitet. Diese Verbindung 
wird wiederum durch die Stellung und nur durch diese ge- 
geben. Der schwanzlose Wolf fordert in der Erzählung des 
Großvaters die anderen auf, auf ihn zu steigen. 
Durch dieses Detail wurde die Erinnerung an das Bild der 
Urszene geweckt, auf diesem Weg konnte das Material der 
Urszene durch das der Wolfsgeschichte vertreten werden, 
dabei gleichzeitig die Zweizahl der Eltern in erwünschter 



einer infantilen Neurose j<) 

Weise durch die Mehrzahl der Wölfe ersetzt. Eine nächste 
Wandlung erfuhr der Trauminhalt, indem das Material der 
Wolfsgeschichte sich dem Inhalt des Märchens von den sieben 
Geißlein anpaßte, die Siebenzahl von ihm entlehnte. 17 

Die Material Wandlung: Urszene — Wolfsgeschichte — 
Märchen von den sieben Geißlein — ist die Spiegelung des 
Gedankenfortschrittes während der Traumbildung: Sehnsucht 
nach sexueller Befriedigung durch den Vater — Einsicht in 
die daran geknüpfte Bedingung der Kastration — Angst vor 
dem Vater. Ich meine, der Angsttraum des vierjährigen 
Knaben ist erst jetzt restlos aufgeklärt. 1 



18 



17) 6 oder 7 heißt es im Traum. 6 ist die Anzahl der gefressenen 
Kinder, das 7. rettet sich in den Uhrkasten. Es bleibt strenges Ge- 
setz der Traumdeutung, daß jede Einzelheit ihre Aufklärung finde. 

18) Nachdem uns die Synthese dieses Traumes gelungen ist, will 
ich versuchen, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu 
den latenten Traumgedanken übersichtlich darzustellen. 

Es ist Nacht, ich liege in meinem Bette. Das letztere ist der 
Beginn der Reproduktion der Urszene. „Es ist Nacht" ist Ent- 
stellung für: ich hatte geschlafen. Die Bemerkung: Ich weiß, es 
war Winter, als ich träumte, und Nachtzeit, bezieht sich auf die 
Erinnerung an den Traum, gehört nicht zu seinem Inhalt. Sie ist 
richtig, es war eine der Nächte vor dem Geburtstag resp. 
Weihnachtstag. 

Plötzlich geht das Fenster von selbst auf. Zu übersetzen: Plötz- 
lich erwache ich von selbst, Erinnerung der Urszene. Der Einfluß 
der Wolfsgeschichte, in der der Wolf durchs Fenster hereinspringt, 
macht sich modifizierend geltend und verwandelt den direkten in 
einen bildlichen Ausdruck. Gleichzeitig dient die Einführung des 
Fensters dazu, um den folgenden Trauminhalt in der Gegenwart 
unterzubringen. Am Weihnachtsabend geht die Tür plötzlich auf, 
und man sieht den Baum mit den Geschenken vor sich. Hier 
macht sich also der Einfluß der aktuellen Weihnachtserwartung 
geltend, welche die sexuelle Befriedigung miteinschließt. 

Der große Nußbaum. Vertreter des Christbaumes, also aktuell; 
überdies der Baum aus der Wolfsgeschichte, auf den sich der ver- 
folgte Schneider flüchtet, unter dem die Wölfe lauern. Der hohe 
Baum ist auch, wie ich mich oft überzeugen konnte, ein Symbol 
der Beobachtung, des Voyeurtums. Wenn man auf dem Baume 



80 Aus der Geschichte 

Über die pathogene Wirkung der Urszene und die Ver- 
änderung, welche deren Erweckung in seiner Sexual- 
entwicklung hervorruft, kann ich mich nach allem, was bisher 
schon berührt wurde, kurz fassen. "Wir werden nur die- 

sitzt, kann man alles sehen, was unten vorgeht, und wird selbst 
nicht gesehen. Vgl. die bekannte Geschichte des Boccaccio und ähn- 
liche Schnurren. 

Die Wölfe. Ihre Zahl: sechs oder sieben. In der Wolfsgeschichte 
ist es ein Rudel ohne angegebene Zahl. Die Zahlenbestimmung 
zeigt den Einfluß des Märchens von den sieben Geißlein, von 
denen sechs gefressen werden. Die Ersetzung der Zweizahl in der 
Urszene durch eine Mehrzahl, welche in der Urszene absurd wäre, 
ist dem Widerstand als Entstellungsmittel willkommen. In der 
zum Traum gefertigten Zeichnung hat der Träumer die 5 zum 
Ausdruck gebracht, die wahrscheinlich die Angabe: es war Nacht, 
korrigiert. 

Sie sitzen auf dem Baum. Sie ersetzen zunächst die am Baum 
hängenden Weihnachtsgeschenke. Sie sind aber auch auf den 
Baum versetzt, weil das heißen kann, sie schauen. In der Ge- 
schichte des Großvaters lagern sie unten um den Baum. Ihr Ver- 
hältnis zum Baum ist also im Traum umgekehrt worden, woraus 
zu schließen ist, daß im Trauminhalt noch andere Umkehrungen 
des latenten Materials vorkommen. 

Sie schauen ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an. Dieser Zug 
ist ganz aus der Urszene, auf Kosten einer totalen Verkehrung in 
den Traum gekommen. 

Sie sind ganz weiß. Dieser an sich unwesentliche, in der Er- 
zählung des Träumers stark betonte Zug verdankt seine Intensität 
einer ausgiebigen Verschmelzung von Elementen aus allen Schich- 
ten des Materials, und vereinigt dann nebensächliche Details der 
anderen Traumquellen mit einem bedeutsameren Stück der Ur- 
szene. Diese letztere Determinierung entstammt wohl der Weiße 
der Bett- und Leibwäsche der Eltern, dazu das Weiß der Schaf- 
herden, der Schäferhunde als Anspielung auf seine Sexualforschun- 
gen an Tieren, das Weiß in dem Märchen von den sieben Geißlein, 
in dem die Mutter an der Weiße ihrer Hand erkannt wird. Wir 
werden später die weiße Wäsche auch als Todesandeutung ver- 
stehen. 

Sie sitzen regungslos da. Hiemit wird dem auffälligsten Inhalt 
der beobachteten Szene widersprochen; der Bewegtheit, welche 
durch die Stellung, zu der sie führt, die Verbindung zwischen 
Urszene und Wolfsgeschichte herstellt. 



e 



einer infantilen Neurose 81 

jenige Wirkung verfolgen, welcher der Traum Ausdruck gibt 
Später werden wir uns klar machen müssen, daß nicht etwa 
eine einzige Sexualströmung von der Urszene ausgegangen ist, 
sondern eine ganze Reihe von solchen, geradezu eine Aufsplitte- 

Sie haben Schwänze wie Füchse. Dies soll einem Ergebnis wider- 
sprechen, welches aus der Einwirkung der Urszene auf die Wolfs- 
geschichte gewonnen wurde und als der wichtigste Schluß der 
Sexualforschung anzuerkennen ist: Es gibt also wirklich eine 
Kastration. Der Schreck, mit dem dies Denkergebnis auf- 
genommen wird, bricht sich endlich im Traume Bahn und erzeugt 
dessen Schluß. 

Die Angst, von den Wölfen aufgefressen zu werden. Sie erschien 
dem Träumer als nicht durch den Trauminhalt motiviert. Er 
sagte, ich hätte mich nicht fürchten müssen, denn die Wölfe sahen 
eher aus wie Füchse oder Hunde, sie fuhren auch nicht auf mich 
los, wie um mich zu beißen, sondern waren sehr ruhig und gar 
nicht schrecklich. Wir erkennen, daß die Traumarbeit sich eine 
Weile bemüht hat, die peinlichen Inhalte durch Verwandlung ins 
Gegenteil unschädlich zu machen. (Sie bewegen sich nicht, sie 
haben ja die schönsten Schwänze.) Bis endlich dieses Mittel versagt 
und die Angst losbricht. Sie findet ihren Ausdruck mit Hilfe des 
Märchens, in dem die Geißlein-Kinder vom Wolf- Vater gefressen 
werden. Möglicherweise hat dieser Märcheninhalt selbst an scherz- 
hafte Drohungen des Vaters, wenn er mit dem Kinde spielte, 
erinnert, so daß die Angst, vom Wolf gefressen zu werden, eben- 
sowohl Reminiszenz wie Verschiebungsersatz sein könnte. 

Die Wunschmotive dieses Traumes sind handgreifliche; zu den 
oberflächlichen Tageswünschen, Weihnachten mit seinen Ge- 
schenken möge schon da sein (Ungeduldstraum), gesellt sich der 
tiefere, um diese Zeit permanente Wunsch nach der Sexual- 
befriedigung durch den Vater, der sich zunächst durch den 
Wunsch, das wiederzusehen, was damals so fesselnd war, ersetzt. 
Dann verläuft der psychische Vorgang von der Erfüllung dieses 
Wunsches in der heraufbeschworenen Urszene bis zu der jetzt 
unvermeidlich gewordenen Ablehnung des Wunsches und der Ver- 
drängung. 

Die Breite und Ausführlichkeit der Darstellung, zu der ich 
durch das Bemühen genötigt bin, dem Leser irgend ein Äquivalent 
für die Beweiskraft einer selbstdurchgeführten Analyse zu bieten, 
mag ihn gleichzeitig davon abbringen, die Publikation von 
Analysen zu verlangen, die sich über mehrere Jahre erstreckt 
haben. 

6 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 






5 Aus der Geschichte 

rung der Libido. Ferner werden wir uns vorhalten, daß die 
Aktivierung dieser Szene (ich vermeide absichtlich das Wort: 
Erinnerung) dieselbe Wirkung hat, als ob sie ein rezentes 
Erlebnis wäre. Die Szene wirkt nachträglich und hat unter- 
des, in dem Intervall zwischen i% und 4 Jahren, nichts von 
ihrer Frische eingebüßt. Vielleicht finden wir im weiteren 
noch einen Anhaltspunkt dafür, daß sie bestimmte Wirkungen 
bereits zur Zeit ihrer Wahrnehmung, also von iM Jahren an, 
geübt hat. 

Wenn sich der Patient in die Situation der Urszene ver- 
tiefte, förderte er folgende Selbstwahrnehmungen zu Tage: 
Er habe vorher angenommen, der beobachtete Vorgang sei 
ein gewalttätiger Akt, allein dazu stimmte das vergnügte Ge- 
sicht nicht, das er die Mutter machen sah; er mußte erkennen, 
daß es sich um eine Befriedigung handle. 19 Das wesentliche 
Neue, das ihm die Beobachtung des Verkehrs der Eltern 
brachte, war die Überzeugung von der Wirklichkeit der 
Kastration, deren Möglichkeit seine Gedanken schon vorher 
beschäftigt hatte. (Der Anblick der beiden urinierenden 
Mädchen, die Drohung der Nanja, die Deutung der Gouver- 
nante von den Zuckerstangen, die Erinnerung, daß der Vater 

19) Der Aussage des Patienten tragen wir vielleicht am ehesten 
Rechnung, wenn wir annehmen, daß der Gegenstand seiner Be- 
obachtung zuerst ein Koitus in normaler Stellung gewesen ist, der 
den Eindruck eines sadistischen Aktes erwecken muß. Erst nach 
diesem sei die Stellung gewechselt worden, so daß er Gelegenheit 
zu anderen Beobachtungen und Urteilen gewann. Allein diese An- 
nahme ist nicht gesichert worden, scheint mir auch nicht unent- 
behrlich. Wir wollen über die abkürzende Darstellung des Textes 
die wirkliche Situation nicht außer Auge lassen, daß der 
Analysierte im Alter nach 25 Jahren Eindrücken und Regungen 
aus seinem vierten Jahr Worte verleiht, die er damals nicht ge- 
funden hätte. Vernachlässigt man diese Bemerkung, so kann man 
es leicht komisch und unglaubwürdig finden, daß ein vierjähriges 
Kind solcher fachlicher Urteile und gelehrter Gedanken fähig sein 
sollte. Es ist dies einfach ein zweiter Fall von Nachträglich- 



einer infantilen Neurose 83 

eine Schlange in Stücke geschlagen.) Denn jetzt sah er mit 
eigenen Augen die Wunde, von der die Nanja gesprochen 
hatte, und verstand, daß ihr Vorhandensein eine Bedingung 
des Verkehrs mit dem Vater war. Er konnte sie nicht mehr 
wie bei der Beobachtung der kleinen Mädchen mit dem Popo 
verwechseln. 20 

Der Ausgang des Traumes war Angst, von der er sich nicht 
eher beruhigte, als bis er seine Nanja bei sich hatte. Er 
flüchtete sich also zu ihr vom Vater weg. Die Angst war eine 
Ablehnung des Wunsches nach Sexualbefriedigung durch den 
Vater, welches Streben ihm den Traum eingegeben hatte. Ihr 
Ausdruck: vom Wolf gefressen zu werden, war nur eine — 
wie wir hören werden: regressive — Umsetzung des Wunsches, 
vom Vater koitiert, d. h. so befriedigt zu werden wie die 
Mutter. Sein letztes Sexualziel, die passive Einstellung zum 
Vater, war einer Verdrängung erlegen, die Angst vor dem 
Vater in Gestalt der Wolfsphobie an ihre Stelle getreten. 

Und die treibende Kraft dieser Verdrängung? Dem ganzen 
Sachverhalt nach konnte es nur die narzißtische Genitallibido 
sein, die sich als Sorge um sein männliches Glied gegen eine 
Befriedigung sträubte, für die der Verzicht auf dieses Glied 



keit. Das Kind empfängt mit 1% Jahren einen Eindruck, auf 
den es nicht genügend reagieren kann, versteht ihn erst, wird von 
ihm ergriffen bei der Wiederbelebung des Eindrucks mit vier 
Jahren, und kann erst zwei Dezennien später in der Analyse mit 
bewußter Denktätigkeit erfassen, was damals in ihm vorgegangen. 
Der Analysierte setzt sich dann mit Recht über die drei Zeit- 
phasen hinweg und setzt sein gegenwärtiges Ich in die längstver- 
gangene Situation ein. Wir folgen ihm darin, denn bei korrekter 
Selbstbeobachtung und Deutung muß der Effekt so ausfallen, als 
ob man die Distanz zwischen der zweiten und der dritten Zeit- 
phase vernachlässigen könnte. Auch haben wir kein anderes 
Mittel, die Vorgänge in der zweiten Phase zu beschreiben. 

20) Wie er sich mit diesem Anteil des Problems weiter aus- 
einandersetzte, werden wir später bei der Verfolgung seiner Anal- 
erotik erfahren. 
























84 Ans der Geschichte 

Bedingung schien. Aus dem bedrohten Narzißmus schöpfte er 
die Männlichkeit, mit der er sich gegen die passive Einstellung 
zum Vater wehrte. 

Wir werden jetzt darauf aufmerksam, daß wir an diesem 
Punkte der Darstellung unsere Terminologie ändern müssen. 
Er hatte während des Traumes eine neue Phase seiner Sexual- 
organisation erreicht. Die sexuellen Gegensätze waren ihm 
bisher aktiv und passiv gewesen. Sein Sexualziel war 
seit der Verführung ein passives, am Genitale berührt zu 
werden, dann wandelte es sich durch Regression auf die 
frühere Stufe der sadistisch-analen Organisation in das 
masochistische, gezüchtigt, gestraft zu werden. Es war ihm 
gleichgültig, ob er dieses Ziel beim Mann oder Weib erreichen 
sollte. Er war ohne Rücksicht auf den Geschlechtsunterschied 
von der Nanja zum Vater gewandert, hatte von der Nanja 
verlangt, am Glied berührt zu werden, vom Vater die 
Züchtigung provozieren wollen. Das Genitale kam dabei 
außer Betracht; in der Phantasie, auf den Penis geschlagen 
zu werden, äußerte sich noch der durch die Regression ver- 
deckte Zusammenhang. Nun führte ihn die Aktivierung der 
Urszene im Traum zur genitalen Organisation zurück. Er ent- 
deckte die Vagina und die biologische Bedeutung von männ- 
lich und weiblich. Er verstand jetzt, aktiv sei gleich männlich, 
passiv aber weiblich. Sein passives Sexualziel hätte sich jetzt 
in ein weibliches verwandeln, den Ausdruck annehmen müssen: 
vom Vater koitiert zu werden, anstatt: von ihm auf das 
Genitale oder auf den Popo geschlagen zu werden. Dieses 
feminine Ziel verfiel nun der Verdrängung und mußte sich 
durch die Angst vor dem Wolf ersetzen lassen. 

Wir müssen die Diskussion seiner Sexualentwicklung hier 
unterbrechen, bis aus späteren Stadien seiner Geschichte neues 
Licht auf diese früheren zurückfällt. Zur Würdigung der 
Wolfsphobie fügen wir noch hinzu, daß Vater und Mutter, 



einer infantilen Neurose 



85 



beide, zu Wölfen wurden. Die Mutter spielte ja den kastrier- 
ten "Wolf, der die anderen auf sich aufsteigen ließ, der Vater 
den aufsteigenden. Seine Angst bezog sich aber, wie wir ihn 
versichern gehört haben, nur auf den stehenden Wolf, also 
auf den Vater. Ferner muß uns auffallen, daß die Angst, in 
die der Traum ausging, ein Vorbild in der Erzählung des 
Großvaters hatte. In dieser wird ja der kastrierte Wolf, der 
die andern auf sich hat steigen lassen, von Angst befallen, 
sowie er an die Tatsache seiner Schwanzlosigkeit erinnert 
wird. Es scheint also, daß er sich während des Traumvor- 
ganges mit der kastrierten Mutter identifizierte und sich nun 
gegen dieses Ergebnis sträubte. In hoffentlich zutreffender 
Übersetzung: Wenn du vom Vater befriedigt werden willst, 
mußt du dir wie die Mutter die Kastration gefallen lassen; 
das will ich aber nicht. Also ein deutlicher Protest der Männ- 
lichkeit! Machen wir uns übrigens klar, daß die Sexual- 
entwicklung des Falles, den wir hier verfolgen, für unsere 
Forschung den großen Nachteil hat, daß sie keine ungestörte 
ist. Sie wird zuerst durch die Verführung entscheidend be- 
einflußt und nun durch die Szene der Koitusbeobachtung ab- 
gelenkt, die nachträglich wie eine zweite Verführung wirkt. 



V 

Einige Diskussionen 

Eisbär und Walfisch, hat man gesagt, können nicht mit- 
einander Krieg führen, weil sie, ein jeder auf sein Element 
beschränkt, nicht zueinander kommen. Ebenso unmöglich 
wird es mir, mit Arbeitern auf dem Gebiet der Psychologie 
oder der Neurotik zu diskutieren, die die Voraussetzungen 
der Psychoanalyse nicht anerkennen und ihre Ergebnisse für 
Artefakte halten. Daneben hat sich aber in den letzten Jahren 
eine Opposition von Anderen entwickelt, die, nach ihrem 



86 



Aus der Geschiebte 



eigenen Vermeinen wenigstens, auf dem Boden der Analyse 
stehen, die Technik und Resultate derselben nicht bestreiten 
und sich nur für berechtigt halten, aus dem nämlichen 
Material andere Folgerungen abzuleiten und es anderen Auf- 
fassungen zu unterziehen. 

Theoretischer Widerspruch ist aber zumeist unfruchtbar. 
Sowie man begonnen hat, sich von dem Material, aus dem 
man schöpfen soll, zu entfernen, läuft man Gefahr, sich an 
seinen Behauptungen zu berauschen und endlich Meinungen 
zu vertreten, denen jede Beobachtung widersprochen hätte. 
Es scheint mir darum ungleich zweckmäßiger, abweichende 
Auffassungen dadurch zu bekämpfen, daß man sie an ein- 
zelnen Fällen und Problemen erprobt. 

Ich habe oben (S. 74) ausgeführt, es werde gewiß für un- 
wahrscheinlich gehalten werden, „daß ein Kind in dem zarten 
Alter von 1% Jahren imstande sein sollte, die Wahrneh- 
mungen eines so komplizierten Vorganges in sich aufzuneh- 
men und sie so getreu in seinem Unbewußten zu bewahren, 
zweitens, daß eine nachträglich zum Verständnis vor- 
dringende Bearbeitung dieses Materials zu vier Jahren mög- 
lich ist, und endlich, daß es durch irgend ein Verfahren 
gelingen sollte, die Einzelheiten einer solchen Szene, unter 
solchen Umständen erlebt und verstanden, in zusammen- 
hängender und überzeugender Weise bewußt zu machen". 

Die letzte Frage ist eine rein faktische. Wer sich die Mühe 
nimmt, die Analyse mittels der vorgezeichneten Technik in 
solche Tiefen zu treiben, wird sich überzeugen, daß es sehr 
wohl möglich ist; wer es unterläßt und in irgend einer 
höheren Schicht die Analyse unterbricht, hat sich des Urteils 
darüber begeben. Aber die Auffassung des von der Tiefen- 
analyse Erreichten ist damit nicht entschieden. 

Die beiden anderen Bedenken stützen sich auf eine Gering- 
schätzung der frühinfantilen Eindrücke, denen so nachhaltige 






einer infantilen Neurose 87 

Wirkungen nicht zugetraut werden. Sie wollen die Ver- 
ursachung der Neurosen fast ausschließlich in den ernsthaften 
Konflikten des späteren Lebens suchen, und nehmen an, die 
Bedeutsamkeit der Kindheit werde uns in der Analyse nur 
durch die Neigung der Neurotiker vorgespiegelt, ihre gegen- 
wärtigen Interessen in Reminiszenzen und Symbolen der 
frühen Vergangenheit auszudrücken. Mit solcher Ein- 
schätzung des infantilen Moments fiele manches weg, was 
zu den intimsten Eigentümlichkeiten der Analyse gehört hat, 
freilich auch vieles, was ihr Widerstände schafft und das 
Zutrauen der Außenstehenden entfremdet. 

Wir stellen also zur Diskussion die Auffassung ein, solche 
frühinfantile Szenen, wie sie eine erschöpfende Analyse der 
Neurosen, z. B. unseres Falles liefert, seien nicht Reproduk- 
tionen realer Begebenheiten, denen man Einfluß auf die Ge- 
staltung des späteren Lebens und auf die Symptombildung 
zuschreiben dürfe, sondern Phantasiebildungen, die der Zeit 
der Reife ihre Anregung entnehmen, zur gewissermaßen sym- 
bolischen Vertretung realer Wünsche und Interessen bestimmt 
sind, und die einer regressiven Tendenz, einer Abwendung 
von den Aufgaben der Gegenwart ihre Entstehung ver- 
danken. Wenn dem so ist, dann kann man sich natürlich alle 
die befremdenden Zumutungen an das Seelenleben und die 
intellektuelle Leistung von Kindern im unmündigsten Alter 
ersparen. 

Dieser Auffassung kommt außer dem uns allen gemein- 
samen Wunsch nach Rationalisierung und Vereinfachung der 
schwierigen Aufgabe mancherlei Tatsächliches entgegen. 
Auch kann man im vorhinein ein Bedenken aus dem Wege 
räumen, welches sich gerade beim praktischen Analytiker 
erheben könnte. Man muß zugestehen, wenn die besprochene 
Auffassung dieser infantilen Szenen die richtige ist, dann 
wird an der Ausübung der Analyse zunächst nichts geändert. 



i 8 Aus der Geschichte 

1 Hat der Neurotiker einmal die üble Eigentümlichkeit, sein 
Interesse von der Gegenwart abzuwenden und es an solche 
regressive Ersatzbildungen seiner Phantasie zu heften, so 
kann man gar nichts anderes tun, als ihm auf seinen Wegen 
zu folgen und ihm diese unbewußten Produktionen zum 
Bewußtsein zu bringen, denn sie sind, von ihrem realen Un- 
wert ganz abzusehen, für uns höchst wertvoll als die der- 
zeitigen Träger und Besitzer des Interesses, welches wir frei 
machen wollen, um es auf die Aufgaben der Gegenwart zu 
lenken. Die Analyse müßte genau ebenso verlaufen wie jene, 
die im naiven Zutrauen solche Phantasien für wahr nimmt. 
Erst am Ende der Analyse, nach der Aufdeckung dieser 
Phantasien, käme der Unterschied. Man würde dann dem 
Kranken sagen: „Nun gut; Ihre Neurose ist so verlaufen, 
als ob Sie in Ihren Kinderjahren solche Eindrücke emp- 
fangen und fortgesponnen hätten. Sie sehen wohl ein, daß 
dies nicht möglich ist. Es waren Produkte Ihrer Phantasie- 
tätigkeit zur Ablenkung von realen Aufgaben, die Ihnen 
bevorstanden. Nun lassen Sie uns nachforschen, welches 
diese Aufgaben waren, und welche Verbindungswege zwischen 
diesen und Ihren Phantasien bestanden haben." Ein zweiter, 
dem realen Leben zugewendeter Abschnitt der Behandlung 
würde nach dieser Erledigung der infantilen Phantasien ein- 
setzen können. 

Eine Abkürzung dieses Weges, also eine Abänderung der 
bisher geübten psychoanalytischen Kur, wäre technisch un- 
zulässig. Wenn man dem Kranken diese Phantasien nicht 
in ihrem vollen Umfange bewußt macht, kann man ihm 
die Verfügung über das an sie gebundene Interesse nicht 
geben. Wenn man ihn von ihnen ablenkt, sobald man ihre 
Existenz und allgemeinen Umrisse ahnt, unterstützt man nur 
das Werk der Verdrängung, durch das sie für alle Bemü- 
hungen des Kranken unantastbar geworden sind. Wenn man 



einer infantilen Neurose 89 

sie ihm frühzeitig entwertet, etwa indem man ihm er- 
öffnet, es werde sich nur um Phantasien handeln, die ja keine 
reale Bedeutung haben, wird man nie seine Mitwirkung bereit 
finden, sie dem Bewußtsein zuzuführen. Die analytische 
Technik dürfte also bei korrektem Vorgehen keine Änderung 
erfahren, wie immer man diese Infantilszenen einschätzt. 

Ich habe erwähnt, daß die Auffassung dieser Szenen als 
regressiver Phantasien manche tatsächlichen Momente zu 
ihrer Unterstützung anrufen kann. Vor allem das eine: Diese 
Infantilszenen werden in der Kur — soweit meine Erfahrung 
bis jetzt reicht — nicht als Erinnerungen reproduziert, sie 
sind Ergebnisse der Konstruktion. Gewiß wird manchem der 
Streit schon durch dieses eine Zugeständnis entschieden 
scheinen. 

Ich möchte nicht mißverstanden werden. Jeder Analytiker 
weiß und hat es unzählige Male erfahren, daß in einer ge- 
lungenen Kur der Patient eine ganze Anzahl spontaner Er- 
innerungen aus seinen Kinderjahren mitteilt, an deren Auf- 
tauchen — vielleicht erstmaligem Auftauchen — der Arzt 
sich völlig unschuldig fühlt, indem er durch keinerlei Kon- 
struktionsversuch dem Kranken einen ähnlichen Inhalt nahe 
gelegt hat. Diese vorher unbewußten Erinnerungen müssen 
nicht einmal immer wahr sein; sie können es sein, aber sie 
sind oft gegen die Wahrheit entstellt, mit phantasierten 
Elementen durchsetzt, ganz ähnlich wie die spontan erhalten 
gebliebenen sogenannten Deckerinnerungen. Ich will nur 
sagen: Szenen, wie die bei meinem Patienten, aus so früher 
Zeit und mit solchem Inhalt, die dann eine so außerordent- 
liche Bedeutung für die Geschichte des Falles beanspruchen, 
werden in der Regel nicht als Erinnerungen reproduziert, son- 
dern müssen schrittweise und mühselig aus einer Summe von 
Andeutungen erraten — konstruiert — werden. Es reicht 
auch für das Argument hin, wenn ich zugebe, daß solche 



9° Aus der Geschiebte 

Szenen bei den Fällen von Zwangsneurose nicht als Erinne- 
rung bewußt werden, oder wenn ich die Angabe auf den 
einen Fall, den wir hier studieren, beschränke. 

Ich bin nun nicht der Meinung, daß diese Szenen notwen- 
digerweise Phantasien sein müßten, weil sie nicht als Er- 
innerungen wiederkommen. Es scheint mir durchaus der Er- 
innerung gleichwertig, daß sie sich — wie in unserem Falle 
— durch Träume ersetzen, deren Analyse regelmäßig zu der- 
selben Szene zurückführt, die in unermüdlicher Umarbeitung 
jedes Stück ihres Inhalts reproduzieren. Träumen ist ja auch 
ein Erinnern, wenn auch unter den Bedingungen der Nacht- 
zeit und der Traumbildung. Durch diese Wiederkehr in 
Träumen erkläre ich mir, daß sich bei den Patienten selbst 
allmählich eine sichere Überzeugung von der Realität dieser 
Urszenen bildet, eine Überzeugung, die der auf Erinnerung 
gegründeten in nichts nachsteht. 21 

Die Gegner brauchen freilich den Kampf gegen diese 
Argumente nicht als aussichtslos aufzugeben. Träume sind 
bekanntlich lenkbar. 22 Und die Überzeugung des Analysierten 
kann ein Erfolg der Suggestion sein, für die immer noch eine 
Rolle im Kräftespiel der analytischen Behandlung gesucht 
wird. Der Psychotherapeut alten Schlages würde seinem 
Patienten suggerieren, daß er gesund ist, seine Hemmungen 
überwunden hat u. dgl. Der Psychoanalytiker aber, daß er 
als Kind dies oder jenes Erlebnis gehabt hat, das er jetzt 

2i) Wie frühzeitig ich mich mit diesem Problem beschäftigt 
habe, mag eine Stelle aus der ersten Auflage meiner Traum- 
deutung (1900) beweisen. Dort heißt es S. 126 zur Analyse der 
in einem Traum vorkommenden Rede: Das ist nicht mehr zu 
haben, diese Rede stammt von mir selbst; ich hatte ihr einige 
Tage vorher erklärt, „daß die ältesten Kindererlcbnisse nicht 
mehr als solche zu haben sind, sondern durch „Übertra- 
gungen" und Träume in der Analyse ersetzt werden." 

22) Der Mechanismus des Traumes kann nicht beeinflußt werden 
aber das Traummaterial läßt sich partiell kommandieren. 



. 



einer infantilen Neurose 91 

erinnern müsse, um gesund zu werden. Das wäre der Unter- 
schied zwischen beiden. 

Machen wir uns klar, daß dieser letzte Erklärungsversuch 
der Gegner auf eine weit gründlichere Erledigung der In- 
fantilszenen hinausläuft, als anfangs angekündigt wurde. Sie 
sollten nicht Wirklichkeiten sein, sondern Phantasien. Nun 
wird es offenbar: nicht Phantasien des Kranken, sondern des 
Analytikers selbst, die er aus irgend welchen persönlichen 
Komplexen dem Analysierten aufdrängt. Der Analytiker frei- 
lich, der diesen Vorwurf hört, wird sich zu seiner Be- 
ruhigung vorführen, wie allmählich die Konstruktion dieser 
angeblich von ihm eingegebenen Phantasie zustande- 
gekommen ist, wie unabhängig sich doch deren Ausgestaltung 
in vielen Punkten von der ärztlichen Anregung benommen 
hat, wie von einer gewissen Phase der Behandlung an alles 
auf sie hin zu konvergieren schien, und wie nun in der 
Synthese die verschiedensten merkwürdigen Erfolge von ihr 
ausstrahlen, wie die großen und die kleinsten Probleme und 
Sonderbarkeiten der Krankengeschichte ihre Lösung in der 
einen Annahme fanden, und wird geltend machen, daß er 
sich nicht den Scharfsinn zutraut, eine Begebenheit auszu- 
hecken, welche alle diese Ansprüche in einem erfüllen kann. 
Aber auch dieses Plaidoyer wird nicht auf den anderen Teil 
wirken, der die Analyse nicht selbst erlebt hat. Raffinierte 
Selbsttäuschung — wird es von der einen Seite lauten, 
Stumpfheit der Beurteilung — von der anderen; eine Ent- 
scheidung wird nicht zu fällen sein. 

Wenden wir uns zu einem anderen Moment, welches die 
gegnerische Auffassung der konstruierten Infantilszenen unter- 
stützt. Es ist folgendes: Alle die Prozesse, welche zur Auf- 
klärung dieser fraglichen Bildungen als Phantasien heran- 
gezogen worden sind, bestehen wirklich und sind als bedeu- 
tungsvoll anzuerkennen. Die Abwendung des Interesses von 






5>2 



Aus der Geschichte 



den Aufgaben des realen Lebens, 23 die Existenz von Phan- 
tasien als Ersatzbildungen für die unterlassenen Aktionen, 
die regressive Tendenz, die sich in diesen Schöpfungen aus- 
spricht, — regressiv in mehr als einem Sinne, insofern gleich- 
zeitig ein Zurückweichen vor dem Leben und ein Zurück- 
greifen auf die Vergangenheit eintritt, — all das trifft zu 
und läßt sich regelmäßig durch die Analyse bestätigen. Man 
sollte meinen, es würde auch hinreichen, die in Rede stehen- 
den angeblichen frühinfantilen Reminiszenzen aufzuklären, 
und diese Erklärung hätte nach den ökonomischen Prinzipien 
der Wissenschaft das Vorrecht vor einer anderen, die ohne 
neue und befremdliche Annahmen nicht ausreichen kann. 

Ich gestatte mir, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu 
machen, daß die Widersprüche in der heutigen psychoanaly- 
tischen Literatur gewöhnlich nach dem Prinzip des pars pro 
toto angefertigt werden. Man greift aus einem hoch zusam- 
mengesetzten Ensemble einen Anteil der wirksamen Faktoren 
heraus, proklamiert diesen als die Wahrheit und widerspricht 
nun zu dessen Gunsten dem anderen Anteil und dem Ganzen. 
Sieht man etwa näher zu, welcher Gruppe dieser Vorzug 
zugefallen ist, so findet man, es ist die, welche das bereits 
anderswoher Bekannte enthält oder sich am ehesten ihm 
anschließt. So bei J u n g die Aktualität und die Regression, 
bei A d 1 e r die egoistischen Motive. Zurückgelassen, als Irr- 
tum verworfen, wird aber gerade das, was an der Psycho- 
analyse neu ist und ihr eigentümlich zukommt. Auf diesem 
Wege lassen sich die revolutionären Vorstöße der unbequemen 
Psychoanalyse am leichtesten zurückweisen. 

Es ist nicht überflüssig hervorzuheben, daß keines der 
Momente, welche die gegnerische Auffassung zum Verständnis 
der Kindheitsszenen heranzieht, von Jung als Neuheit ge- 

23) Ich ziehe aus guten Gründen vor zu sagen: Die Abwendung 
der Libido von den aktuellen Konflikten. 






einer infantilen Neurose o, 

lehrt zu werden brauchte. Der aktuelle Konflikt, die Abwen- 
dung von der Realität, die Ersatzbefriedigung in der Phan- 
tasie, die Regression auf Material der Vergangenheit, dies 
alles hat, und zwar in der nämlichen Zusammenfügung, viel- 
leicht mit geringer Abänderung der Terminologie, von jeher 
einen integrierenden Bestandteil meiner eigenen Lehre ge- 
bildet. Es war nicht das Ganze derselben, nur der Anteil der 
Verursachung, der von der Realität her zur Neurosenbildung 
in regressiver Richtung einwirkt. Ich habe daneben noch 
Raum gelassen für einen zweiten progredienten Einfluß, der 
von den Kindheitseindrücken her wirkt, der vom Leben 
zurückweichenden Libido den Weg weist und die sonst un- 
klärliche Regression auf die Kindheit verstehen läßt. So wirken 
die beiden Momente nach meiner Auffassung bei der 
Symptombildung zusammen, aber ein früheres Zusammen- 
wirken scheint mir ebenso bedeutungsvoll. Ich behaupte, 
daß der Kindheitseinfluß sich bereits in 
der Anfangssituation der Neurosenbil- 
dung fühlbar macht, indem er in entschei- 
dender Weise mitbestimmt, ob und an 
welcher Stelle das Individuum in der 
Bewältigung der realen Probleme des 
Lebens versagt. 

Im Streit steht also die Bedeutung des infantilen Moments. 
Die Aufgabe geht dahin, einen Fall zu finden, der diese Be- 
deutung, jedem Zweifel entzogen, erweisen kann. Ein solcher 
ist aber der Krankheitsfall, den wir hier so ausführlich be- 
handeln, der durch den Charakter ausgezeichnet ist, daß der 
Neurose im späteren Leben eine Neurose in frühen Jahren 
der Kindheit vorhergeht. Gerade darum habe ich ja diesen 
Fall zur Mitteilung gewählt. Sollte jemand ihn etwa darum 
ablehnen wollen, weil ihm die Tierphobie nicht wichtig ge- 
nug erscheint, um als selbständige Neurose anerkannt zu 






94 Ausder Geschichte 

werden, so will ich ihn darauf verweisen, daß ohne Inter- 
vall an diese Phobie ein Zwangszeremoniell, Zwangshand- 
lungen und Gedanken anschließen, von denen in den folgen- 
den Abschnitten dieser Schrift die Rede sein wird. 

Eine neurotische Erkrankung im vierten und fünften Jahr 
der Kindheit beweist vor allem, daß die infantilen Erlebnisse 
für sich allein imstande sind, eine Neurose zu produzieren, 
ohne daß es dazu der Flucht vor einer im Leben gestellten 
Aufgabe bedürfte. Man wird einwenden, daß auch an das 
Kind unausgesetzt Aufgaben herantreten, denen es sich viel- 
leicht entziehen möchte. Das ist richtig, aber das Leben eines 
Kindes vor der Schulzeit ist leicht zu übersehen, man kann 
ja untersuchen, ob sich eine die Verursachung der Neurose 
bestimmende „Aufgabe" darin findet. Man entdeckt aber 
nichts anderes als Triebregungen, deren Befriedigung dem 
Kind unmöglich, deren Bewältigung es nicht gewachsen ist, 
und die Quellen, aus denen diese fließen. 

Die enorme Verkürzung des Intervalls zwischen dem Aus- 
bruch der Neurose und der Zeit der in Rede stehenden Kind- 
heitserlebnisse läßt, wie zu erwarten stand, das regressive 
Stück der Verursachung aufs äußerste einschrumpfen und 
bringt den progredienten Anteil derselben, den Einfluß frü- 
herer Eindrücke, unverdeckt zum Vorschein. Von diesem 
Verhältnis wird diese Krankengeschichte, wie ich hoffe, ein 
deutliches Bild geben. Auf die Frage nach der Natur der 
Urszenen oder frühesten in der Analyse eruierten Kindheits- 
erlebnisse gibt die Kindheitsneurose noch aus anderen Grün- 
den eine entscheidende Antwort. 

Nehmen wir als unwidersprochene Voraussetzung an, daß 
eine solche Urszene technisch richtig entwickelt worden sei, 
daß sie unerläßlich sei zur zusammenfassenden Lösung aller 
Rätsel, welche uns die Symptomatik der Kindheitserkrankung 
aufgibt, daß alle Wirkungen von ihr ausstrahlen, wie alle 



einer infantilen Neurose p 5 

Fäden der Analyse zu ihr hingeführt haben, so ist es mit 
Rücksicht auf ihren Inhalt unmöglich, daß sie etwas anderes 
sei als die Reproduktion einer vom Kinde erlebten Realität. 
Denn das Kind kann wie auch der Erwachsene Phantasien 
nur produzieren mit irgendwo erworbenem Material; die 
Wege dieser Erwerbung sind dem Kinde zum Teil (wie die 
Lektüre) verschlossen, der für die Erwerbung zu Gebote 
stehende Zeitraum ist kurz und leicht nach solchen Quellen 
zu durchforschen. 

In unserem Falle enthält die Urszene das Bild des ge- 
schlechtlichen Verkehrs zwischen den Eltern in einer für 
gewisse Beobachtungen besonders günstigen Stellung. Es 
würde nun gar nichts für die Realität dieser Szene beweisen, 
wenn wir sie bei einem Kranken fänden, dessen Symptome, 
also die Wirkungen der Szene, irgendwann in seinem späteren 
Leben hervorgetreten wären. Ein solcher kann zu den ver- 
schiedensten Zeitpunkten des langen Intervalls die Eindrücke, 
Vorstellungen und Kenntnisse erworben haben, die er dann 
in ein Phantasiebild verwandelt, in seine Kindheit zurück- 
projiziert und an seine Eltern heftet. Aber wenn die Wirkun- 
gen einer solchen Szene im vierten und fünften Lebensjahr 
hervortreten, so muß das Kind diese Szene in noch früherem 
Alter mitangesehen haben. Dann bleiben aber alle die be- 
fremdenden Folgerungen aufrecht, die sich uns aus der 
Analyse der infantilen Neurose ergeben haben. Es sei denn, 
es wolle jemand annehmen, der Patient habe nicht nur diese 
Urszene unbewußt phantasiert, sondern ebenso seine 
Charakterveränderung, seine Wolfsangst und seinen religiösen 
Zwang konfabuliert, welcher Auskunft aber sein sonstiges 
nüchternes Wesen und die direkte Tradition in seiner Familie 
widersprechen würde. Es muß also dabei bleiben, — ich sehe 
keine andere Möglichkeit, — entweder ist die von seiner 
Kindheitsneurose ausgehende Analyse überhaupt ein Wahn- 






96 Aus der Geschichte 

witz, oder es ist alles so richtig, wie ich es oben dargestellt 
habe. 

Wir haben an einer früheren Stelle auch an der Zwei- 
deutigkeit Anstoß genommen, daß des Patienten Vorliebe für 
die weiblichen Nates und für den Koitus in derjenigen 
Stellung, bei der diese besonders hervortreten, eine Ableitung 
von dem beobachteten Koitus der Eltern zu fordern schien, 
während doch solche Bevorzugung ein allgemeiner Zug der 
zur Zwangsneurose disponierten archaischen Konstitutionen 
ist. Hier bietet sich eine nahe liegende Auskunft, die den 
Widerspruch als Überdeterminierung löst. Die Person, an 
welcher er diese Position beim Koitus beobachtet, war doch 
sein leiblicher Vater, von dem er diese konstitutionelle Vor- 
liebe auch ererbt haben konnte. Weder die spätere Krankheit 
des Vaters noch die Familiengeschichte sprechen dagegen; ein 
Vatersbruder ist, wie bereits erwähnt, in einem Zustand ge- 
storben, der als Ausgang eines schweren Zwangsleidens auf- 
gefaßt werden muß. 

Wir erinnern uns in diesem Zusammenhange, daß die 
Schwester bei der Verführung des 3% jährigen Knaben gegen 
die brave alte Kinderfrau die sonderbare Verleumdung aus- 
gesprochen, sie stelle alle Leute auf den Kopf und greife ihnen 
dann an die Genitalien. 24 Es mußte sich uns da die Idee auf- 
drängen, daß vielleicht auch die Schwester in ähnlich zartem 
Alter dieselbe Szene mitangesehen wie später der Bruder und 
sich daher die Anregung für das Auf-den-Kopf-stellen beim 
sexuellen Akt geholt hätte. Diese Annahme brächte auch 
einen Hinweis auf eine Quelle ihrer eigenen sexuellen Vor- 
eiligkeit. 

[Ich hatte ursprünglich nicht die Absicht, die Diskussion 
über den Realwert der „Urszenen" an dieser Stelle weiter zu 

24) Vgl. S. 51. 



einer infantilen Neurose 97 

führen, aber da ich unterdes veranlaßt worden bin, dieses 
Thema in meinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psycho- 
analyse" in breiterem Zusammenhange und nicht mehr in 
polemischer Absicht zu behandeln, so wäre es irreführend, 
wollte ich die Anwendung der dort bestimmenden Gesichts- 
punkte auf den uns hier vorliegenden Fall unterlassen. Ich 
setze also ergänzend und berichtigend fort: Es ist doch noch 
eine andere Auffassung der dem Traume zu Grunde liegenden 
Urszene möglich, welche die vorhin getroffene Entscheidung 
um ein gutes Stück ablenkt und uns mancher Schwierigkeiten 
überhebt. Die Lehre, welche die Infantilszenen zu regressiven 
Symbolen herabdrücken will, wird zwar auch bei dieser 
Modifikation nichts gewinnen; sie scheint mir überhaupt durch 
diese — wie durch jede andere — Analyse einer Kinder- 
neurose endgültig erledigt. 

Ich meine nämlich, man kann sich den Sachverhalt auch 
in folgender Art zurechtlegen. Auf die Annahme, daß das 
Kind einen Koitus beobachtet, durch dessen Anblick es die 
Überzeugung gewonnen, daß die Kastration mehr sein könne 
als eine leere Drohung, können wir nicht verzichten; auch 
läßt uns die Bedeutung, welche späterhin den Stellungen von 
Mann und Weib für die Angstentwicklung und als Liebes- 
bedingung zukommt, keine andere "Wahl, als zu schließen, es 
müsse ein coitus a tergo, more ferarum, gewesen sein. Aber 
ein anderes Moment ist nicht so unersetzlich und mag fallen 
gelassen werden. Es war vielleicht nicht ein Koitus der Eltern, 
sondern ein Tierkoitus, den das Kind beobachtet und dann 
auf die Eltern geschoben, als ob es erschlossen hätte, die 
Eltern machten es auch nicht anders. 

Dieser Auffassung kommt vor allem zu gute, daß die 
Wölfe des Traumes ja eigentlich Schäferhunde sind und auch 
in der Zeichnung als solche erscheinen. Kurz vor dem Traum 
war der Knabe wiederholt zu den Schafherden mitgenommen 

7 Freud, S J.riftcn zur Nejro$en!e!.re 



9 8 -Aus der Geschichte 



worden, wo er solche große weiße Hunde sehen und sie wahr- 
scheinlich auch beim Koitus beobachten konnte. Ich möchte 
auch die Dreizahl, die der Träumer ohne jede weitere 
Motivierung hinstellte, hieher beziehen und annehmen, es sei 
ihm im Gedächtnis geblieben, daß er drei solcher Beobachtun- 
gen an den Schäferhunden gemacht. Was in der erwartungs- 
vollen Erregtheit seiner Traumnacht hinzukam, war dann die 
Übertragung des kürzlich gewonnenen Erinnerungsbildes mit 
allen seinen Einzelheiten auf die Eltern, wodurch aber erst 
jene mächtigen Affektwirkungen ermöglicht wurden. Es gab 
jetzt ein nachträgliches Verständnis jener vielleicht vor 
wenigen "Wochen oder Monaten empfangenen Eindrücke, ein 
Vorgang, wie ihn vielleicht jeder von uns an sich selbst 
erlebt haben mag. Die Übertragung von den kodierenden 
Hunden auf die Eltern vollzog sich nun nicht mittels eines 
an Worte gebundenen Schlußverfahrens, sondern indem eine 
reale Szene vom Beisammensein der Eltern in der Erinnerung 
aufgesucht wurde, welche sich mit der Koitussituation ver- 
schmelzen ließ. Alle in der Traumanalyse behaupteten Details 
der Szene mochten genau reproduziert sein. Es war wirklich 
an einem Sommernachmittag, während das Kind an Malaria 
litt, die Eltern waren in weißer Kleidung beide anwesend, als 
das Kind aus seinem Schlaf erwachte, aber — die Szene war 
harmlos. Das Übrige hatte der spätere Wunsch des Wiß- 
begierigen, auch die Eltern bei ihrem Liebesverkehr zu be- 
lauschen, auf Grund seiner Erfahrungen an den Hunden hin- 
zugefügt, und nun entfaltete die so phantasierte Szene alle 
die Wirkungen, die wir ihr nachgesagt haben, die nämlichen, 
als ob sie durchaus real gewesen und nicht aus zwei Bestand- 
teilen, einem früheren indifferenten und einem späteren, höchst 
eindrucksvollen, zusammengekleistert worden wäre. 

Es ist sofort ersichtlich, um wieviel das Maß der uns zu- 
gemuteten Glaubensleistung erleichtert wird. Wir brauchen 



einer infantilen Neurose 99 

nicht mehr anzunehmen, daß die Eltern den Koitus in Gegen- 
wart des, wenn auch sehr jugendlichen, Kindes vollzogen 
haben, was für viele von uns eine unliebsame Vorstellung ist. 
Der Betrag der Nachträglichkeit wird sehr herabgesetzt; sie 
bezieht sich jetzt nur auf einige Monate des vierten Lebens- 
jahres und greift überhaupt nicht in die dunkeln ersten Kind- 
heitsjahre zurück. An dem Verhalten des Kindes, welches von 
den Hunden auf die Eltern überträgt und sich vor dem "Wolf 
anstatt vor dem Vater fürchtet, bleibt kaum etwas Be- 
fremdliches. Es befindet sich ja in der Entwicklungphase 
seiner Weltanschauung, die in „Totem und Tabu" als die 
Wiederkehr des Totemismus gekennzeichnet worden ist. Die 
Lehre, welche die Urszenen der Neurosen durch Zurück- 
phantasieren aus späteren Zeiten aufklären will, scheint in 
unserer Beobachtung trotz des zarten Alters von vier Jahren 
bei unserem Neurotiker eine starke Unterstützung zu rinden. 
So jung er ist, so hat er es doch zu stände gebracht, einen 
Eindruck aus dem vierten Jahr durch ein phantasiertes 
Trauma mit 1% Jahren zu ersetzen; diese Regression erscheint 
aber weder rätselhaft noch tendenziös. Die Szene, die herzu- 
stellen war, mußte gewisse Bedingungen erfüllen, welche in- 
folge der Lebensumstände des Träumers gerade nur in dieser 
frühen Zeit zu finden waren, wie z. B. die eine, daß er sich 
im Schlafzimmer der Eltern im Bette befand. 

Für die Richtigkeit der hier vorgeschlagenen Auffassung 
wird es aber den meisten Lesern geradezu entscheidend 
scheinen, was ich aus den analytischen Ergebnissen an anderen 
Fällen hinzugeben kann. Die Szene einer Beobachtung des 
Sexualverkehrs der Eltern in sehr früher Kindheit — sei sie 
nun reale Erinnerung oder Phantasie — ist in den Analysen 
neurotischer Menschenkinder wahrlich keine Seltenheit. Viel- 
leicht findet sie sich ebenso häufig bei den nicht neurotisch 
Gewordenen. Vielleicht gehört sie zum regelmäßigen Bestand 



ioo Aus der Geschichte 

ihres — bewußten oder unbewußten — Erinnerungsschatzes. 
So oft ich aber eine solche Szene durch Analyse entwickeln 
konnte, zeigte sie dieselbe Eigentümlichkeit, die uns auch bei 
unserem Patienten stutzig machte, sie bezog sich auf den 
coitus a tergo, der allein dem Zuschauer die Inspektion der 
Genitalien ermöglicht. Da braucht man wohl nicht länger zu 
bezweifeln, daß es sich nur um eine Phantasie handelt, die 
vielleicht regelmäßig durch die Beobachtung des tierischen 
Sexualverkehrs angeregt wird. Ja noch mehr; ich habe an- 
gedeutet, daß meine Darstellung der „Urszene" unvollständig 
geblieben ist, indem ich mir für später aufsparte mitzuteilen, 
auf welche Weise das Kind den Verkehr der Eltern stört. Ich 
muß jetzt hinzufügen, daß auch die Art dieser Störung in 
allen Fällen die nämliche ist. 

Ich kann mir denken, daß ich mich jetzt schweren Ver- 
dächtigungen von Seiten der Leser dieser Krankengeschichte 
ausgesetzt habe. Wenn mir diese Argumente zu Gunsten einer 
solchen Auffassung der „Urszene" zu Gebote standen, wie 
könnte ich es überhaupt verantworten, zuerst eine so absurd 
erscheinende andere zu vertreten? Oder sollte ich im Inter- 
vall zwischen der ersten Niederschrift der Krankengeschichte 
und diesem Zusatz jene neuen Erfahrungen gemacht haben, 
die mich zur Abänderung meiner anfänglichen Auffassung 
genötigt haben, und wollte dies aus irgend welchen Motiven 
nicht eingestehen? Ich gestehe dafür etwas anderes ein: daß 
ich die Absicht habe, die Diskussion über den Realwert der 
Urszene diesmal mit einem non liquet zu beschließen. Diese 
Krankengeschichte ist noch nicht zu Ende; in ihrem weiteren 
Verlauf wird ein Moment auftauchen, welches die Sicherheit 
stört, deren wir uns jetzt zu erfreuen glauben. Dann wird 
wohl nichts anderes übrig bleiben als der Verweis auf die 
Stellen in meinen „Vorlesungen", in denen ich das Problem 
der Urphantasien oder Urszenen behandelt habe.] 



einer infantilen Neurose 



101 



Die Zwangsneurose 

Zum. drittenmal erfuhr er nun eine Beeinflussung, die seine 
Entwicklung in entscheidender Weise abänderte. Als er 
4% Jahre alt war und sein Zustand von Reizbarkeit und 
Ängstlichkeit sich noch immer nicht gebessert hatte, entschloß 
sich die Mutter, ihn mit der biblischen Geschichte bekannt zu 
machen, in der Hoffnung, ihn so abzulenken und zu erheben. 
Es gelang ihr auch, die Einführung der Religion machte der 
bisherigen Phase ein Ende, brachte aber eine Ablösung der 
Angstsymptome durch Zwangssymptome mit sich. Er hatte 
bisher nicht leicht einschlafen können, weil er fürchtete, 
ähnlich schlechte Dinge zu träumen wie in jener Nacht vor 
Weihnachten; er mußte jetzt vor dem Zubettgehen alle 
Heiligenbilder im Zimmer küssen, Gebete hersagen und unge- 
zählte Kreuze über seine Person und sein Lager schlagen. 

Seine Kindheit gliedert sich uns nun übersichtlich in 
folgende Epochen: erstens die Vorzeit bis zur Verführung 
(3K J.), in welche die Urszene fällt, zweitens die Zeit der 
Charakterveränderung bis zum Angsttraum (4 J.), drittens 
die Tierphobie bis zur Einführung in die Religion (4K J.), 
und von da an die der Zwangsneurose bis nach dem zehnten 
Jahr. Eine momentane und glatte Ersetzung einer Phase 
durch die nächstfolgende liegt weder in der Natur der Ver- 
hältnisse, noch in der unseres Patienten, für den im Gegen- 
teil die Erhaltung alles Vorangegangenen und die Koexistenz 
der verschiedenartigsten Strömungen charakteristisch waren. 
Die Schlimmheit schwand nicht, als die Angst auftrat, und 
setzte sich langsam abnehmend in die Zeit der Frömmigkeit 
fort. Von der Wolfsphobie ist aber in dieser letzten Phase 
nicht mehr die Rede. Die Zwangsneurose verlief diskon- 






UN1YBIBL 

BERLIN. 

102 Aus der Geschichte 

tinuierlich; der erste Anfall war der längste und intensivste 
andere traten zu acht und zehn Jahren auf, jedesmal nach 
Veranlassungen, die in ersichtlicher Beziehung zum Inhalt 
der Neurose standen. Die Mutter erzählte ihm die heilige 
Geschichte selbst und ließ ihm außerdem durch die Nanja 
aus einem Buch, das mit Illustrationen geschmückt war, dar- 
über vorlesen. Das Hauptgewicht bei der Mitteilung fiel 
natürlich auf die Passionsgeschichte. Die Nanja, die sehr 
fromm und abergläubisch war, gab ihre Erläuterungen dazu, 
mußte aber auch alle Einwendungen und Zweifel des kleinen 
Kritikers anhören. Wenn die Kämpfe, die ihn nun zu er- 
schüttern begannen, schließlich in einen Sieg des Glaubens 
ausliefen, so war der Einfluß der Nanja nicht unbeteiligt 
daran. 

Was er mir als Erinnerung von seinen Reaktionen auf die 
Einführung in die Religion mitteilte, traf zunächst auf 
meinen entschiedenen Unglauben. Das konnten, meinte ich, 
nicht die Gedanken eines 4^— 5jährigen Kindes sein; wahr- 
scheinlich schob er in diese frühe Vergangenheit zurück, was 
aus dem Nachdenken des bald 30jährigen Erwachsenen ent- 
sprang. 25 Allein der Patient wollte von dieser Korrektur 
nichts wissen; es gelang nicht, ihn wie bei so vielen anderen 
Urteils Verschiedenheiten zwischen uns zu überführen; der 
Zusammenhang seiner erinnerten Gedanken mit seinen be- 
richteten Symptomen sowie deren Einfügung in seine sexuelle 

25) Ich machte auch wiederholt den Versuch, die Geschichte des 
Kranken wenigstens um ein Jahr vorzuschieben, also die Ver- 
führung auf 4Yi Jahre, den Traum auf den fünften Geburtstag 
usw. zu verlegen. An den Intervallen war ja nichts zu gewinnen 
allein der Patient blieb auch hierin unbeugsam, ohne mich übrigens 
vom letzten Zweifel daran befreien zu können. Für den Eindruck, 
den seine Geschichte macht, und alle daran geknüpften Erörterun- 
gen und Folgerungen wäre ein solcher Aufschub um ein Jahr 
offenbar gleichgültig. 



einer infantilen Neurose 103 

Entwicklung nötigten mich schließlich, vielmehr ihm Glauben 
zu schenken. Ich sagte mir dann auch, daß gerade die 
Kritik gegen die Lehren der Religion, die ich dem Kinde 
nicht zutrauen wollte, nur von einer verschwindenden Min- 
derzahl der Erwachsenen zustande gebracht wird. 

Ich werde nun das Material seiner Erinnerungen vor- 
bringen und erst dann nach einem Weg suchen, der zum 
Verständnis desselben führt. 

Der Eindruck, den er von der Erzählung der heiligen Ge- 
schichte empfing, war, wie er berichtet, anfangs kein ange- 
nehmer. Er sträubte sich zuerst gegen den Leidenscharakter 
der Person Christi, dann gegen den ganzen Zusammenhang 
seiner Geschichte. Er richtete seine unzufriedene Kritik gegen 
Gottvater. Wenn er allmächtig sei, so sei es seine Schuld, 
daß die Menschen schlecht seien und andere quälen, wofür 
sie dann in die Hölle kommen. Er hätte sie gut machen 
sollen; er sei selbst verantwortlich für alles Schlechte und 
alle Qualen. Er nahm Anstoß an dem Gebot, die andere 
Wange hinzuhalten, wenn man einen Schlag auf die eine 
empfangen habe, daran, daß Christus am Kreuz gewünscht 
habe, der Kelch solle an ihm vorübergehen, aber auch daran, 
daß kein Wunder geschehen sei, um ihn als Gottes Sohn zu 
erweisen. So war also sein Scharfsinn geweckt und wußte 
mit unerbittlicher Strenge die Schwächen der heiligen 
Dichtung auszuspüren. 

Zu dieser rationalistischen Kritik gesellten sich aber sehr 
bald Grübeleien und Zweifel, die uns die Mitarbeit ge- 
heimer Regungen verraten können. Eine der ersten Fragen, 
die er an die Nanja richtete, war, ob Christus auch einen 
Hintern gehabt habe. Die Nanja gab die Auskunft, er sei ein 
Gott gewesen und auch ein Mensch. Als Mensch habe er alles 
gehabt und getan wie die anderen Menschen. Das befriedigte 
ihn nun gar nicht, aber er wußte sich selbst zu trösten, in- 






104 Aus der Geschichte 



dem er sich sagte, der Hintere sei ja nur die Fortsetzung der 
Beine. Die kaum beschwichtigte Angst, die heilige Person 
erniedrigen zu müssen, flammte wieder auf, als ihm die 
Frage auftauchte, ob Christus auch geschissen habe. Die 
Frage getraute er sich nicht, der frommen Nanja vorzulegen, 
aber er fand selbst eine Ausflucht, die sie ihm nicht hätte 
besser zeigen können. Da Christus Wein aus dem Nichts 
gemacht, hätte er auch das Essen zu nichts machen und sich 
so die Defäkation ersparen können. 

Wir werden uns dem Verständnis dieser Grübeleien nähern, 
wenn wir an ein vorhin besprochenes Stück seiner Sexual- 
entwicklung anknüpfen. Wir wissen, daß sich sein Sexual- 
leben seit der Zurückweisung durch die Nanja und die 
damit verbundene Unterdrückung der beginnenden Genital- 
betätigung nach den Richtungen des Sadismus und Maso- 
chismus entwickelt hatte. Er quälte, mißhandelte kleine 
Tiere, phantasierte vom Schlagen der Pferde, anderseits vom 
Geschlagenwerden des Thronfolgers. 28 Im Sadismus hielt er 
die uralte Identifizierung mit dem Vater aufrecht, im 
Masochismus hatte er sich diesen zum Sexualobjekt erkoren. 
Er befand sich voll in einer Phase der prägenitalen Organi- 
sation, in welcher ich die Disposition zur Zwangsneurose 
erblicke. Durch die Einwirkung jenes Traumes, der ihn 
unter den Einfluß der Urszene brachte, hätte er den Fort- 
schritt zur genitalen Organisation machen und seinen 
Masochismus gegen den Vater in feminine Einstellung gegen 
ihn, in Homosexualität, verwandeln können. Allein dieser 
Traum brachte den Fortschritt nicht, er ging in Angst aus. 
Das Verhältnis zum Vater, das von dem Sexualziel, von ihm 
gezüchtigt zu werden, zum nächsten Ziel hätte führen sollen, 
vom Vater koitiert zu werden wie ein Weib, wurde durch 



26) Besonders von Schlägen auf den Penis. S. 59. 



einer infantilen Neurose 105 

den Einspruch seiner narzißtischen Männlichkeit auf eine 
noch primitivere Stufe zurückgeworfen und unter Ver- 
schiebung auf einen Vaterersatz als Angst, vom Wolf ge- 
fressen zu werden, abgespalten, aber keineswegs auf diese 
Weise erledigt. Vielmehr können wir dem kompliziert er- 
scheinenden Sachverhalt nur gerecht werden, wenn wir an 
der Koexistenz der drei auf den Vater zielenden Sexual- 
strebungen festhalten. Er war vom Traume an im Unbe- 
wußten homosexuell, in der Neurose auf dem Niveau des 
Kannibalismus; herrschend blieb die frühere masochistische 
Einstellung. Alle drei Strömungen hatten passive Sexualziele; 
es war dasselbe Objekt, die nämliche Sexualregung, aber es 
hatte sich eine Spaltung derselben nach drei verschiedenen 
Niveaus herausgebildet. 

Die Kenntnis der heiligen Geschichte gab ihm nun die 
Möglichkeit, die vorherrschende masochistische Einstellung 
zum Vater zu sublimieren. Er wurde Christus, was ihm durch 
den gleichen Geburtstag besonders erleichtert war. Damit 
war er etwas Großes geworden und auch — worauf vor- 
läufig noch nicht genug Akzent fiel — ein Mann. In dem 
Zweifel, ob Christus einen Hintern haben kann, schimmert 
die verdrängte homosexuelle Einstellung durch, denn die 
Grübelei konnte nichts anderes bedeuten als die Frage, ob 
er vom Vater gebraucht werden könne wie ein Weib, wie 
die Mutter in der Urszene. Wenn wir zur Auflösung der 
anderen Zwangsideen kommen, werden wir diese Deutung 
bestätigt finden. Der Verdrängung der passiven Homo- 
sexualität entsprach nun das Bedenken, daß es schimpflich 
sei, die heilige Person mit solchen Zumutungen in Verbin- 
dung zu bringen. Man merkt, er bemühte sich, seine neue 
Sublimierung von dem Zusatz freizuhalten, den sie aus den 
Quellen des Verdrängten bezog. Aber es gelang ihm nicht. 

Wir verstehen es noch nicht, warum er sich nun auch gegen 



106 Aus d er Geschichte 

den passiven Charakter Christi und gegen die Mißhandlung 
durch den Vater sträubte, und damit auch sein bisheriges 
masochistisches Ideal, selbst in seiner Sublimierung, zu ver- 
leugnen begann. Wir dürfen annehmen, daß dieser zweite 
Konflikt dem Hervortreten der erniedrigenden Zwangs- 
gedanken aus dem ersten Konflikt (zwischen herrschender 
masochistischer und verdrängter homosexueller Strömung) 
besonders günstig war, denn es ist nur natürlich, daß sich in 
einem seelischen Konflikt alle Gegenstrebungen, wenn auch 
aus den verschiedensten Quellen, miteinander summieren. 
Das Motiv seines Sträubens und somit der an der Religion 
geübten Kritik werden wir aus neuen Mitteilungen kennen 
lernen. 

Aus den Mitteilungen über die heilige Geschichte hatte 
auch seine Sexualforschung Gewinn gezogen. Bisher hatte 
er keinen Grund zur Annahme gehabt, daß die Kinder nur 
von der Frau kommen. Im Gegenteile, die Narija hatte ihn 
glauben lassen, er sei das Kind des Vaters, die Schwester 
das der Mutter, und diese nähere Beziehung zum Vater war 
ihm sehr wertvoll gewesen. Nun hörte er, daß Maria die 
Gottesgebärerin hieß. Also kamen die Kinder von der Frau 
und die Angabe der Nanja war nicht mehr zu halten. Ferner 
wurde er durch die Erzählungen irre gemacht, wer eigentlich 
der Vater Christi war. Er war geneigt, Josef dafür zu halten, 
denn er hörte ja, daß sie immer mitsammen gelebt hatten, 
aber die Nanja sagte: Josef war nur wie sein Vater, der 
eigentliche Vater sei Gott gewesen. Daraus konnte er nichts 
machen. Er verstand nur soviel: wenn man überhaupt dar- 
über diskutieren konnte, so war das Verhältnis zwischen 
Vater und Sohn kein so inniges, wie er sich's immer vor- 
gestellt hatte. 

Der Knabe fühlte gewissermaßen die Gefühlsambivalenz 
gegen den Vater, die in allen Religionen niedergelegt ist, 



einer infantilen Neurose 107 

heraus und griff seine Religion wegen der Lockerung dieses 
Vaterverhältnisses an. Natürlich hörte seine Opposition bald 
auf, ein Zweifel an der Wahrheit der Lehre zu sein, und 
wandte sich dafür direkt gegen die Person Gottes. Gott hatte 
seinen Sohn hart und grausam behandelt, aber er war nicht 
besser gegen die Menschen. Er hatte seinen Sohn geopfert 
und dasselbe von Abraham gefordert. Er begann Gott zu 
fürchten. 

Wenn er Christus war, so war der Vater Gott. Aber der 
Gott, den ihm die Religion aufdrängte, war kein richtiger 
Ersatz für den Vater, den er geliebt hatte, und den er sich 
nicht wollte rauben lassen. Die Liebe zu diesem Vater schuf 
ihm seinen kritischen Scharfsinn. Er wehrte sich gegen Gott, 
um am Vater festhalten zu können, verteidigte dabei 
eigentlich den alten Vater gegen den neuen. Er hatte da ein 
schwieriges Stück der Ablösung vom Vater zu vollbringen. 

Es war also die alte, in frühester Zeit offenbar gewordene 
Liebe zu seinem Vater, der er die Energie zur Bekämpfung 
Gottes und den Scharfsinn zur Kritik der Religion entnahm. 
Aber anderseits war diese Feindseligkeit gegen den neuen 
Gott auch kein ursprünglicher Akt, sie hatte ein Vorbild in 
einer feindseligen Regung gegen den Vater, die unter dem 
Einfluß des Angsttraumes entstanden war, und war im 
Grunde nur ein Wiederaufleben derselben. Die beiden gegen- 
sätzlichen Gefühlsregungen, die sein ganzes späteres Leben 
regieren sollten, trafen sich hier zum Ambivalenzkampfe beim 
Thema der Religion. Was sich aus diesem Kampfe als 
Symptom ergab, die blasphemischen Ideen, der Zwang, der 
ihn überfiel, Gott— Dreck, Gott— Schwein zu denken, war 
darum auch ein richtiges Kompromißergebnis, wie die 
Analyse dieser Ideen im Zusammenhange der Analerotik 
uns zeigen wird. 

Einige andere Zwangssymptome von minder typischer Art 



108 Aus der Geschichte 

führen ebenso sicher auf den Vater, lassen aber auch den 
Zusammenhang der Zwangsneurose mit den früheren Zu- 
fällen erkennen. 

Zu dem Frömmigkeitszeremoniell, mit dem er am Ende 
seine Gotteslästerungen sühnte, gehörte auch das Gebot, unter 
gewissen Bedingungen in feierlicher Weise zu atmen. Beim 
Kreuzschlagen mußte er jedesmal tief einatmen oder stark aus- 
hauchen. Hauch ist in seiner Sprache gleich Geist. Das war 
also die Rolle des Heiligen Geistes. Er mußte den Heiligen 
Geist einatmen oder die bösen Geister, von denen er gehört 
und gelesen hatte, 27 ausatmen. Diesen bösen Geistern schrieb 
er auch die blasphemischen Gedanken zu, für die er sich 
soviel Buße auferlegen mußte. Er war aber genötigt auszu- 
hauchen, wenn er Bettler, Krüppel, häßliche, alte, erbarmens- 
werte Leute sah, und diesen Zwang verstand er nicht, mit 
den Geistern zusammenzubringen. Er gab sich selbst nur die 
Rechenschaft, er tue es, um nicht zu werden wie diese. 

Dann brachte die Analyse im Anschluß an einen Traum 
die Aufklärung, daß das Ausatmen beim Anblick der be- 
dauernswerten Personen erst nach dem sechsten Jahre be- 
gonnen hatte und an den Vater anschloß. Er hatte den Vater 
lange Monate nicht gesehen, als die ^lütter einmal sagte, sie 
würde mit den Kindern in die Stadt fahren und ihnen etwas 
zeigen, was sie sehr erfreuen würde. Sie brachte sie dann in 
ein Sanatorium, in dem sie den Vater wiedersahen; er sah 
schlecht aus und tat dem Sohne sehr leid. Der Vater war 
also auch das Urbild all der Krüppel, Bettler und Armen, 
vor denen er ausatmen mußte, wie er sonst das Urbild der 
Fratzen ist, die man in Angstzuständen sieht, und der 
Karikaturen, die man zum Hohne zeichnet. Wir werden 
noch an anderer Stelle erfahren, daß diese Mitleidseinstellung 

27) Dies Symptom hatte sich, wie wir hören werden, mit dem 
sechsten Jahr, als er lesen konnte, entwickelt. 



einer infantilen Neurose 109 

auf ein besonderes Detail der Urszene zurückgeht, welches 
so spät in der Zwangsneurose zur Wirkung kam. 

Der Vorsatz, nicht zu werden wie diese, der sein Aus- 
atmen vor den Krüppeln motivierte, war also die alte 
Vateridentifizierung, ins Negativ gewandelt. Doch kopierte 
er dabei den Vater auch im positiven Sinne, denn das starke 
Atmen war eine Nachahmung des Geräusches, das er beim 
Koitus vom Vater ausgehend gehört hatte. 28 Der Heilige 
Geist dankte seinen Ursprung diesem Zeichen der sinnlichen 
Erregung des Mannes. Durch die Verdrängung wurde dies 
Atmen zum bösen Geist, für den noch eine andere Genealogie 
bestand, die Malaria nämlich, an der er zur Zeit der Urszene 
gelitten hatte. 

Die Ablehnung dieser bösen Geister entsprach einem unver- 
kennbar asketischen Zug, der sich noch in anderen Reaktionen 
äußerte. Als er hörte, daß Christus einmal böse Geister in 
Säue gebannt hatte, die dann in einen Abgrund stürzten, 
dachte er daran, daß die Schwester in ihren ersten Kinder- 
jahren vor seiner Erinnerung vom Klippenweg des Hafens 
an den Strand herabgerollt war. Sie war auch so ein böser 
Geist und eine Sau; von hier führte ein kurzer Weg zu 
Gott— Schwein. Der Vater selbst hatte sich als ebenso von 
Sinnlichkeit beherrscht erwiesen. Als er die Geschichte der 
ersten Menschen erfuhr, fiel ihm die Ähnlichkeit seines Schick- 
sals mit dem Adams auf. Er wunderte sich heuchlerischerweisc 
im Gespräch mit der Nanja, daß Adam sich durch ein Weib 
hatte ins Unglück stürzen lassen, und versprach der Nanja, 
er werde nie heiraten. Eine Verfeindung mit dem Weibe 
wegen der Verführung durch die Schwester schaffte sich um 
diese Zeit starken Ausdruck. Sie sollte ihn in seinem späteren 
Liebesleben noch oft genug stören. Die Schwester wurde ihm 

28) Die reale Natur der Urszene vorausgesetzt! 






110 _____ Am ^ er G esc hichte 

zur dauernden Verkörperung der Versuchung und der Sünde. 
Wenn er gebeichtet hatte, kam er sich rein und sündenfrei 
vor. Dann schien es ihm aber, als ob die Schwester darauf 
lauerte, ihn wieder in Sünde zu stürzen, und ehe er sich's 
versah, hatte er eine Streitszene mit der Schwester provoziert, 
durch die er wieder sündig wurde. So war er genötigt, die 
Tatsache der Verführung immer wieder von Neuem zu re- 
produzieren. Seine blasphemischen Gedanken hatte er übri- 
gens, so sehr sie ihn drückten, niemals in der Beichte preis- 
gegeben. 

Wir sind unversehens in die Symptomatik der späteren 
Jahre der Zwangsneurose geraten und wollen darum mit 
Hinwegsetzung über soviel, was dazwischen liegt, über ihren 
Ausgang berichten. Wir wissen schon, daß sie, von ihrem per- 
manenten Bestand abgesehen, zeitweise Verstärkungen erfuhr, 
das eine Mal, was uns noch nicht durchsichtig sein kann, als 
ein Knabe in derselben Straße starb, mit dem er sich identifi- 
zieren konnte. Als er zehn Jahre alt war, bekam er einen 
deutschen Hofmeister, der sehr bald großen Einfluß auf ihn 
gewann. Es ist sehr lehrreich, daß seine ganze schwere Fröm- 
migkeit dahinschwand, um nie wieder aufzuleben, nachdem 
er gemerkt und in belehrenden Gesprächen mit dem Lehrer 
erfahren hatte, daß dieser Vaterersatz keinen Wert auf Fröm- 
migkeit legte und nichts von der Wahrheit der Religion hielt. 
Die Frömmigkeit fiel mit der Abhängigkeit vom Vater, der 
nun von einem neuen, umgänglicheren Vater abgelöst wurde. 
Dies geschah allerdings nicht ohne ein letztes Aufflackern der 
Zwangsneurose, von dem der Zwang besonders erinnert 
wurde, an die Heilige Dreieinigkeit zu denken, so oft er auf 
der Straße drei Häufchen Kot beisammenliegen sah. Er gab 
eben nie einer Anregung nach, ohne noch einen Versuch zu 
machen, das Entwertete festzuhalten. Als der Lehrer ihm von 
den Grausamkeiten gegen die kleinen Tiere abredete, machte 



einer infantilen Neurose in 

er auch diesen Untaten ein Ende, aber nicht, ohne sich vorher 
noch einmal im Zerschneiden von Raupen gründlich genug 
getan zu haben. Er benahm sich noch in der analytischen Be- 
handlung ebenso, indem er eine passagerc „negative Reaktion" 
entwickelte; nach jeder einschneidenden Lösung versuchte er 
für eine kurze Weile, deren Wirkung durch eine Verschlechte- 
rung des gelösten Symptoms zu negieren. Man weiß, daß 
Kinder sich ganz allgemein ähnlich gegen Verbote benehmen. 
Wenn man sie angefahren hat, weil sie z. B. ein unleidliches 
Geräusch produzieren, so wiederholen sie es nach dem Verbot 
noch einmal, ehe sie damit aufhören. Sie haben dabei erreicht, 
daß sie anscheinend freiwillig aufgehört und dem Verbot ge- 
trotzt haben. 

Unter dem Einfluß des deutschen Lehrers entstand eine neue 
und bessere Sublimierung seines Sadismus, der entsprechend 
der nahen Pubertät damals die Oberhand über den Masochis- 
mus gewonnen hatte. Er begann fürs Soldatenwesen zu 
schwärmen, für Uniformen, Waffen und Pferde, und nährte 
damit kontinuierliche Tagträume. So war er unter dem Ein- 
fluß eines Mannes von seinen passiven Einstellungen losge- 
kommen und befand sich zunächst in ziemlich normalen 
Bahnen. Eine Nachwirkung der Anhänglichkeit an den 
Lehrer, der ihn bald darauf verließ, war es, daß er in seinem 
späteren Leben das deutsche Element (Ärzte, Anstalten, 
Frauen) gegen das heimische (Vertretung des Vaters) bevor- 
zugte, woraus noch die Übertragung in der Kur großen Vor- 
teil zog. 

In die Zeit vor der Befreiung durch den Lehrer fällt noch 
ein Traum, den ich erwähne, weil er bis zu seiner Gelegenheit 
in der Kur vergessen war. Er sah sich auf einem Pferd reitend 
von einer riesigen Raupe verfolgt. Er erkannte in dem Traum 
eine Anspielung auf einen früheren aus der Zeit vor dem 
Lehrer, den wir längst gedeutet hatten. In diesem früheren 






ii2 Aus der Geschichte 



Traum sah er den Teufel im schwarzen Gewand und in der 
aufrechten Stellung, die ihn seinerzeit am Wolf und am 
Löwen so sehr erschreckt hatte. Mit dem ausgestreckten 
Finger wies er auf eine riesige Schnecke hin. Er hatte bald 
erraten, daß dieser Teufel der Dämon aus einer bekannten 
Dichtung, der Traum selbst die Umarbeitung eines sehr ver- 
breiteten Bildes sei, das den Dämon in einer Liebesszene mit 
einem Mädchen darstellte. Die Schnecke war an der Stelle 
des Weibes als exquisit weibliches Sexualsymbol. Durch die 
zeigende Gebärde des Dämons geleitet, konnten wir bald als 
den Sinn des Traumes angeben, daß er sich nach jemand 
sehne, der ihm die letzten noch fehlenden Belehrungen über 
die Rätsel des Geschlechtsverkehrs geben sollte, wie seinerzeit 
der Vater in der Urszene die ersten. 

Zu dem späteren Traum, in dem das weibliche Symbol 
durch das männliche ersetzt war, erinnerte er ein bestimmtes 
Erlebnis kurz vorher. Er ritt eines Tages auf dem Landgut 
an einem schlafenden Bauern vorüber, neben dem sein Junge 
lag. Dieser weckte den Vater und sagte ihm etwas, worauf 
der Vater den Reitenden zu beschimpfen und zu verfolgen 
begann, so daß er sich rasch auf seinem Pferd entfernte. Dazu 
die zweite Erinnerung, daß es auf demselben Gut Bäume gab, 
die ganz weiß, ganz von Raupen umsponnen waren. Wir ver- 
stehen, daß er auch vor der Realisierung der Phantasie die 
Flucht ergriff, daß der Sohn beim Vater schlafe, und daß er 
die weißen Bäume heranzog, um eine Anspielung an den 
Angsttraum von den weißen Wölfen auf dem Nußbaum her- 
zustellen. Es war also ein direkter Ausbruch der Angst vor 
jener femininen Einstellung zum Mann, gegen die er sich 
zuerst durch die religiöse Sublimierung geschützt hatte und 
bald durch die militärische noch wirksamer schützen sollte. 

Es wäre aber ein großer Irrtum anzunehmen, daß nach der 
Aufhebung der Zwangssymptome keine permanenten Wir- 



; 



einer infantilen Neurose 113 

kungen der Zwangsneurose übrig geblieben wären. Der 
Prozeß hatte zu einem Sieg des frommen Glaubens über die 
kritisch forschende Auflehnung geführt und hatte die Ver- 
drängung der homosexuellen Einstellung zur Voraussetzung 
gehabt. Aus beiden Faktoren ergaben sich dauernde Nachteile. 
Die intellektuelle Betätigung blieb seit dieser ersten großen 
Niederlage schwer geschädigt. Es entwickelte sich kein Lern- 
eifer, es zeigte sich nichts mehr von dem Scharfsinn, der 
seinerzeit im zarten Alter von fünf Jahren die Lehren der 
Religion kritisch zersetzt hatte. Die während jenes Angst- 
traumes erfolgte Verdrängung der überstarken Homo- 
sexualität reservierte diese bedeutungsvolle Regung für das 
Unbewußte, erhielt sie so bei der ursprünglichen Zieleinstel- 
lung und entzog sie all den Sublimierungen, zu denen sie sich 
sonst bietet. Es fehlten dem Patienten darum alle die sozialen 
Interessen, welche dem Leben Inhalt geben. Erst als in der 
analytischen Kur die Lösung dieser Fesselung der Homo- 
sexualität gelang, konnte sich der Sachverhalt zum Besseren 
wenden, und es war sehr merkwürdig mitzuerleben, wie — 
ohne direkte Mahnung des Arztes — jedes befreite Stück der 
homosexuellen Libido eine Anwendung im Leben und eine 
Anheftung an die großen gemeinsamen Geschäfte der Mensch- 
heit suchte. 

VII 

Analerotik und Kastrationskomplex 

Ich bitte den Leser sich zu erinnern, daß ich diese Ge- 
schichte einer infantilen Neurose sozusagen als Nebenprodukt 
während der Analyse einer Erkrankung im reiferen Alter 
gewonnen habe. Ich mußte sie also aus noch kleineren 
Brocken zusammensetzen, als sonst der Synthese zu Gebote 
stehen. Diese sonst nicht schwierige Arbeit findet eine natür- 

8 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



ii4 -Aus der Geschiebte 

liehe Grenze, wo es sich darum handelt, ein vieldimensionales 
Gebilde in die Ebene der Deskription zu bannen. Ich muß 
mich also damit begnügen, Gliederstiicke vorzulegen, die der 
Leser 'zum lebenden Ganzen zusammenfügen mag. Die ge- 
schilderte Zwangsneurose entstand, wie wiederholt betont, auf 
dem Boden einer sadistisch -analen Konstitution. Es war aber 
bisher nur von dem einen Hauptfaktor, dem Sadismus und 
seinen Umwandlungen, die Rede. Alles, was die Analerotik 
betrifft, ist mit Absicht beiseite gelassen worden und soll hier 
gesammelt nachgetragen werden. 

Die Analytiker sind längst einig darüber, daß den viel- 
fachen Triebregungen, die man als Analerotik zusammenfaßt, 
eine außerordentliche, gar nicht zu überschätzende Bedeutung 
für den Aufbau des Sexuallebens und der seelischen Tätigkeit 
überhaupt zukommt. Ebenso, daß eine der wichtigsten Äuße- 
rungen der umgebildeten Erotik aus dieser Quelle in der Be- 
handlung des Geldes vorliegt, welcher wertvolle Stoff* im 
Laufe des Lebens das psychische Interesse an sich gezogen hat, 
das ursprünglich dem Kot, dem Produkt der Analzone, ge- 
bührte. Wir haben uns gewöhnt, das Interesse am Gelde, so- 
weit es libidinöser und nicht rationeller Natur ist, auf Ex- 
krementallust zurückzuführen und vom normalen Menschen 
zu verlangen, daß er sein Verhältnis zum Gelde durchaus von 
libidinösen Einflüssen frei halte und es nach realen Rücksich- 
ten regle. 

Bei unserem Patienten war zur Zeit seiner späteren Erkran- 
kung dies Verhältnis in besonders argem Maße gestört, und 
dies war nicht das Geringste an seiner Unselbständigkeit und 
Lebensuntüchtigkeit. Er war durch Erbschaft von Vater und 
Onkel sehr reich geworden, legte manifesterweise viel Wert 
darauf, für reich zu gelten, und konnte sich sehr kränken, 
wenn man ihn darin unterschätzte. Aber er wußte nicht, wie- 
viel er besaß, was er verausgabte, was er übrig behielt. Es 






einer infantilen Neurose nj 

war schwer zu sagen, ob man ihn geizig oder verschwende- 
risch heißen sollte. Er benahm sich bald so, bald anders, nie- 
mals in einer Art, die auf eine konsequente Absicht hindeuten 
konnte. Nach einigen auffälligen Zügen, die ich weiter unten 
anführen werde, konnte man ihn für einen verstockten Geld- 
protzen halten, der in dem Reichtum den größten Vorzug 
seiner Person erblickt und Gefühlsinteressen neben Geldinter- 
essen nicht einmal in Betracht ziehen läßt. Aber er schätzte 
andere nicht nach ihrem Reichtum ein und zeigte sich bei 
vielen Gelegenheiten vielmehr bescheiden, hilfsbereit und mit- 
leidig. Das Geld war eben seiner bewußten Verfügung ent- 
zogen und bedeutete für ihn irgend etwas anderes. 

Ich habe schon erwähnt (S. 55), daß ich die Art sehr be- 
denklich fand, wie er sich über den Verlust der Schwester, 
die in den letzten Jahren sein bester Kamerad geworden war, 
mit der Überlegung tröstete: Jetzt brauche er die Erbschaft 
von den Eltern nicht mit ihr zu teilen. Auffälliger vielleicht 
war noch die Ruhe, mit welcher er dies erzählen konnte, als 
hätte er kein Verständnis für die so eingestandene Gefühls- 
roheit. Die Analyse rehabilitierte ihn zwar, indem sie zeigte, 
daß der Schmerz um die Schwester nur eine Verschiebung er- 
fahren hatte, aber es wurde nun erst recht unverständlich, 
daß er in der Bereicherung einen Ersatz für die Schwester 
hatte finden wollen. 

Sein Benehmen in einem anderen Falle erschien ihm selbst 
rätselhaft. Nach dem Tode des Vaters wurde das hinterlassene 
Vermögen zwischen ihm und der Mutter aufgeteilt. Die 
Mutter verwaltete es und kam seinen Geldansprüchen, wie er 
selbst zugab, in tadelloser, freigebiger Weise entgegen. Den- 
noch pflegte jede Besprechung über Geldangelegenheiten zwi- 
schen ihnen mit den heftigsten Vorwürfen von seiner Seite 
zu endigen, daß sie ihn nicht liebe, daß sie daran denke, an 
ihm zu sparen, und daß sie ihn wahrscheinlich am liebsten 



8" 






u6 Ans der Geschiebte 

tot sehen möchte, um allein über das Geld zu verfügen. Die 
Mutter beteuerte dann weinend ihre Uneigennützigkeit, er 
schämte sich und konnte mit Recht versichern, daß er das 
gar nicht von ihr denke, aber er war sicher, dieselbe Szene 
bei nächster Gelegenheit zu wiederholen. 

Daß der Kot für ihn lange Zeit vor der Analyse Geld- 
bedeutung gehabt hat, geht aus vielen Zufällen hervor, von 
denen ich zwei mitteilen will. In einer Zeit, da der Darm 
noch unbeteiligt an seinem Leiden war, besuchte er einmal 
in einer großen Stadt einen armen Vetter. Als er wegging, 
machte er sich Vorwürfe, daß er diesen Verwandten nicht 
mit Geld unterstütze, und bekam unmittelbar darauf den 
„vielleicht stärksten Stuhldrang seines Lebens". Zwei Jahre 
später setzte er wirklich diesem Vetter eine Rente aus. Der 
andere Fall: Mit 18 Jahren während der Vorbereitung zur 
Maturitätsprüfung besuchte er einen Kollegen und verabredete 
mit ihm, was die gemeinsame Angst, bei der Prüfung durch- 
zufallen, ratsam erscheinen ließ. 29 Man hatte beschlossen, den 
Schuldiener zu bestechen, und sein Anteil an der aufzubrin- 
genden Summe war natürlicherweise der größte. Auf dem 
Heimwege dachte er, er wolle gern noch mehr geben, wenn 
er nur durchkomme, wenn ihm bei der Prüfung nur nichts 
passiere, und wirklich passierte ihm ein anderes Malheur, ehe 
er noch bei seiner Haustüre war. 30 

Wir sind darauf vorbereitet zu hören, daß er in seiner 
späteren Erkrankung an sehr hartnäckigen, wenn auch mit 
verschiedenen Anlässen schwankenden Störungen der Darm- 
funktion litt. Als er in meine Behandlung trat, hatte er sich 

29) Der Patient teilte mit, daß seine Muttersprache die im 
Deutschen bekannte Verwendung des Wortes „Durchfall" zur Be- 
zeichnung von Darmstörungen nicht kennt. 

30) Diese Redensart ist in der Muttersprache des Patienten 
gleichsinnig wie im Deutschen. 



einer infantilen Neurose 



"7 



an Lavements gewöhnt, die ihm ein Begleiter machte; spon- 
tane Entleerungen kamen Monate hindurch nicht vor, wenn 
nicht eine plötzliche Erregung von einer bestimmten Seite her 
dazukam, in deren Folge sich normale Darmtätigkeit für 
einige Tage herstellen konnte. Seine Hauptklage war, daß 
die Welt für ihn in einen Schleier gehüllt sei, oder er durch 
einen Schleier von der Welt getrennt sei. Dieser Schleier zer-\ 
riß nur in dem einen Moment, wenn beim Lavement der 
Darminhalt den Darm verließ, und dann fühlte er sich auch 
wieder gesund und normal. 31 

Der Kollege, an den ich den Patienten zur Begutachtung 
seines Darmzustandes wies, war einsichtsvoll genug, denselben 
für einen funktionellen oder selbst psychisch bedingten zu 
erklären, und sich eingreifender Medikation zu enthalten. 
Übrigens nützte weder diese noch die angeordnete Diät. In 
den Jahren der analytischen Behandlung gab es keinen spon- 
tanen Stuhlgang (von jenen plötzlichen Beeinflussungen abge- 
sehen). Der Kranke ließ sich überzeugen, daß jede intensivere 
Bearbeitung des störrischen Organs den Zustand noch ver- 
schlimmern würde, und gab sich damit zufrieden, ein- oder 
zweimal in der Woche durch ein Lavement oder ein Abführ- 
mittel eine Darmentleerung zu erzwingen. 

Ich habe bei der Besprechung der Darmstörungen dem 
späteren Krankheitszustand des Patienten einen breiteren 
Raum gelassen, als es sonst im Plane dieser mit seiner Kind- 
heitsneurose beschäftigten Arbeit liegt. Dafür waren zwei 
Gründe maßgebend, erstens, daß die Darmsymptomatik sich 
eigentlich wenig verändert aus der Kinderneurose in die 
spätere fortgesetzt hatte, und zweitens, daß ihr bei der Be- 
endigung der Behandlung eine Hauptrolle zufiel. 

Man weiß, welche Bedeutung der Zweifel für den Arzt hat, 

31) Dieselbe Wirkung, ob er das Lavement von einem anderen 
machen ließ oder es selbst besorgte. 



/ 



n8 Aus der Geschichte 

der eine Zwangsneurose analysiert. Er ist die stärkste Waffe 
des Kranken, das bevorzugte Mittel seines Widerstandes. 
Dank diesem Zweifel konnte auch unser Patient, hinter einer 
respektvollen Indifferenz verschanzt, Jahre hindurch die Be- 
mühungen der Kur von sich abgleiten lassen. Es änderte sich 
nichts, und es fand sich kein Weg, ihn zu überzeugen. Endlich 
erkannte ich die Bedeutung der Darmstörung für meine Ab- 
sichten; sie repräsentierte das Stückchen Hysterie, welches 
regelmäßig zu Grunde einer Zwangsneurose gefunden wird. 
Ich versprach dem Patienten die völlige Herstellung seiner 
Darmtätigkeit, machte seinen Unglauben durch diese Zusage 
offenkundig, und hatte dann die Befriedigung, seinen Zweifel 
schwinden zu sehen, als der Darm wie ein hysterisch affi- 
ziertes Organ bei der Arbeit „mitzusprechen" begann, und 
im Laufe weniger Wochen seine normale, so lange beeinträch- 
tigte Funktion wiedergefunden hatte. 

Ich kehre nun zur Kindheit des Patienten zurück, in eine 
Zeit, zu welcher der Kot unmöglich Geldbedeutung für ihn 
gehabt haben kann. 

Darmstörungen sind sehr frühzeitig bei ihm aufgetreten, 
vor allem die häufigste und für das Kind normalste, die In- 
kontinenz. Wir haben aber gewiß recht, wenn wir für diese 
frühesten Vorfälle eine pathologische Erklärung ablehnen und 
in ihnen nur einen Beweis für die Absicht sehen, sich in der an 
die Entleerungsfunktion geknüpften Lust nicht stören oder auf- 
halten zu lassen. Ein starkes Vergnügen an analen Witzen 
und Schaustellungen, wie es sonst der natürlichen Derbheit 
mancher Gesellschaftsklassen entspricht, hatte sich bei ihm 
über den Beginn der späteren Erkrankung erhalten. 

Zur Zeit der englischen Gouvernante traf es sich wieder- 
holt, daß er und die Nanja das Schlafzimmer der Verhaßten 
teilen mußten. Die Nanja konstatierte dann mit Verständnis, 
daß er gerade in diesen Nächten ins Bett gemacht hatte, was 



einer infantilen Neurose 119 

sonst nicht mehr der Fall gewesen war. Er schämte sich dessen 
gar nicht; es war eine Äußerung des Trotzes gegen die 
Gouvernante. 

Ein Jahr später (zu 4^ Jahren), in der Angstzeit, passierte 
es ihm, daß er bei Tage die Hose schmutzig machte. Er 
schämte sich entsetzlich, und jammerte, als er gereinigt wurde: 
er könne so nicht mehr leben. Dazwischen hatte sich also 
etwas verändert, auf dessen Spur wir durch die Verfolgung 
seiner Klage geführt wurden. Es stellte sich heraus, daß er die 
Worte: so könne er nicht mehr leben, jemand anderem nach- 
geredet hatte. Irgend einmal 32 hatte ihn die Mutter mitge- 
nommen, während sie den Arzt, der sie besucht hatte, zur 
Bahnstation begleitete. Sie klagte während dieses Weges über 
ihre Schmerzen und Blutungen und brach in die nämlichen 
Worte aus: So kann ich nicht mehr leben, ohne zu erwarten, 
daß das an der Hand geführte Kind sie im Gedächtnis be- 
halten werde. Die Klage, die er übrigens in seiner späteren 
Krankheit ungezählte Male wiederholen sollte, bedeutete also 
eine — Identifizierung mit der Mutter. 

Ein der Zeit und dem Inhalt nach fehlendes Mittelglied 
zwischen beiden Vorfällen stellte sich bald in der Erinnerung 
ein. Es geschah einmal zu Beginn seiner Angstzeit, daß die 
besorgte Mutter Warnungen ausgehen ließ, die Kinder vor 
der Dysenterie zu behüten, die in der Nähe des Gutes aufge- 
treten war. Er erkundigte sich, was das sei, und als er gehört 
hatte, bei der Dysenterie finde man Blut im Stuhl, wurde er 
sehr ängstlich und behauptete, daß auch in seinem Stuhlgang 
Blut sei; er fürchtete, an der Dysenterie zu sterben, ließ sich 
aber durch die Untersuchung überzeugen, daß er sich geirrt 
habe und nichts zu fürchten brauche. Wir verstehen, daß sich 



32) Es ist nicht näher bestimmt worden, wann es war, aber 
jedenfalls vor dem Angsttraum mit vier Jahren, wahrscheinlich 
vor der Reise der Eltern. 




120 Aus der Geschichte 



in dieser Angst die Identifizierung mit der Mutter durchsetzen 
wollte, von deren Blutungen er im Gespräch mit dem Arzt 
gehört hatte. Bei seinem späteren Identifizierungs versuch (mit 
4.H. Jahren) hatte er das Blut fallen gelassen; er verstand sich 
nicht mehr, vermeinte sich zu schämen und wußte nicht, daß 
er von Todesangst geschüttelt wurde, die sich in seiner Klage 
aber unzweideutig verriet. 

Die unterleibsleidende Mutter war damals überhaupt ängst- 
lich für sich und die Kinder; es ist durchaus wahrscheinlich, 
daß seine Ängstlichkeit sich neben ihren eigenen Motiven auf 
die Identifizierung mit der Mutter stützte. 

Was sollte nun die Identifizierung mit der Mutter be- 
deuten? 

Zwischen der kecken Verwendung der Inkontinenz mit 
1V2 Jahren und dem Entsetzen vor ihr mit 4% Jahren liegt 
der Traum, mit dem seine Angstzeit begann, der ihm nach- 
trägliches Verständnis der mit iV* Jahren erlebten Szene 33 
und Aufklärung über die Rolle der Frau beim Geschlechtsakt 
brachte. Es liegt nahe, auch die Wandlung in seinem Ver- 
halten gegen die Defäkation mit dieser großen Umwälzung 
zusammenzubringen. Dysenterie war ihm offenbar der Name 
der Krankheit, über die er die Mutter klagen gehört hatte, 
mit der man nicht leben könne; die Mutter galt ihm nicht als 
Unterleibs-, sondern als darmkrank. Unter dem Einfluß der 
Urszene erschloß sich ihm der Zusammenhang, daß die Mutter 
durch das, was der Vater mit ihr vorgenommen, 34 krank ge- 
worden sei, und seine Angst, Blut im Stuhle zu haben, ebenso 
krank zu sein wie die Mutter, war die Ablehnung der Identi- 
fizierung mit der Mutter in jener sexuellen Szene, dieselbe 
Ablehnung, mit der er aus dem Traum erwacht war. Die 
Angst war aber auch der Beweis, daß er in der späteren Be- 

33) Siehe vorhin Seite 82. 

34) Wobei er ja wahrscheinlich nicht irre ging. 



einer infantilen N-eurose 



121 



arbeitung der Urszene sich an die Stelle der Mutter gesetzt, 
ihr diese Beziehung zum Vater geneidet hatte. Das Organ, 
an dem sich die Identifizierung mit dem Weibe, die passiv 
homosexuelle Einstellung zum Manne äußern konnte, war die 
Analzone. Die Störungen in der Funktion dieser Zone hatten 
nun die Bedeutung von femininen Zärtlichkeitsregungen be- 
kommen und behielten sie auch während der späteren Er- 
krankung bei. 

An dieser Stelle müssen wir nun einen Einwand anhören, 
dessen Diskussion viel zur Klärung der scheinbar verworrenen 
Sachlage beitragen kann. Wir haben ja annehmen müssen, 
daß er während des Traumvorganges verstanden, das Weib 
sei kastriert, habe anstatt des männlichen Gliedes eine Wunde, 
die dem Geschlechtsverkehr diene, die Kastration sei die Be- 
dingung der Weiblichkeit, und dieses drohenden Verlustes 
wegen habe er die feminine Einstellung zum Manne verdrängt 
und sei mit Angst aus der homosexuellen Schwärmerei er- 
wacht. Wie verträgt sich dieses Verständnis des Geschlechts- 
verkehrs, diese Anerkennung der Vagina, mit der Auswahl 
des Darmes zur Identifizierung mit dem Weib? Ruhen die 
Darmsymptome nicht auf der wahrscheinlich älteren, der 
Kastrationsangst voll widersprechenden Auffassung, daß der 
Darmausgang die Stelle des sexuellen Verkehrs sei? 

Gewiß, dieser Widerspruch besteht, und die beiden Auf- 
fassungen vertragen sich gar nicht miteinander. Die Frage ist 
nur, ob sie sich zu vertragen brauchen. Unser Befremden 
rührt daher, daß wir immer geneigt sind, die unbewußten 
seelischen Vorgänge wie die bewußten zu behandeln und an 
die tiefgehenden Verschiedenheiten der beiden psychischen 
Systeme zu vergessen. 

Als die erregte Erwartung des Weihnachtstraumes ihm das 
Bild des einst beobachteten (oder konstruierten) Geschlechts- 
verkehres der Eltern vorzauberte, trat gewiß zuerst die alte 






122 Ans der Geschichte 



Auffassung desselben auf, derzufolge die das Glied aufneh- 
mende Körperstelle des Weibes der Darmausgang war. Was 
konnte er auch anderes geglaubt haben, als er mit iVi Jahren 
Zuschauer dieser Szene war? 35 Aber nun kam das, was sich 
mit vier Jahren neu ereignete. Seine seitherigen Erfahrungen, 
die vernommenen Andeutungen der Kastration, wachten auf 
und warfen einen Zweifel auf die „Kloakentheorie", legten 
ihm die Erkenntnis des Geschlechtsunterschiedes und der 
sexuellen Rolle des Weibes nahe. Er benahm sich dabei, wie 
sich überhaupt Kinder benehmen, denen man eine uner- 
wünschte Aufklärung — eine sexuelle oder andersartige — 
gibt. Er verwarf das Neue — in unserem Falle aus Motiven 
der Kastrationsangst — und hielt am Alten fest. Er entschied 
sich für den Darm gegen die Vagina in derselben Weise und 
aus ähnlichen Motiven, wie er später gegen Gott für den 
Vater Partei nahm. Die neue Aufklärung wurde abgewiesen, 
die alte Theorie festgehalten; die letztere durfte das Material 
für die Identifizierung mit dem Weib abgeben, die später als 
Angst vor dem Darmtod auftrat, und für die ersten religiösen 
Skrupel, ob Christus einen Hintern gehabt habe u. dgl. Nicht 
als ob die neue Einsicht wirkungslos geblieben wäre; ganz 
im Gegenteile, sie entfaltete eine außerordentlich starke Wir- 
kung, indem sie zum Motiv wurde, den ganzen Traumvor- 
gang in der Verdrängung zu erhalten und von späterer be- 
wußter Verarbeitung auszuschließen. Aber damit war ihre 
Wirkung erschöpft; auf die Entscheidung des sexuellen Pro- 
blems nahm sie keinen Einfluß. Es war freilich ein Wider- 
spruch, daß von da an Kastrationsangst bestehen konnte 
neben der Identifizierung mit dem Weib mittels des Darmes, 
aber doch nur ein logischer Widerspruch, was nicht viel be- 
sagt. Der ganze Vorgang ist vielmehr jetzt charakteristisch 



35) Oder solange er den Koitus der Hunde nicht verstand. 



einer infantilen Neurose 123 

dafür, wie das Unbewußte arbeitet. Eine Verdrängung ist 
etwas anderes als eine Verwerfung. 

Als wir die Genese der Wolfsphobie studierten, verfolgten 
wir die "Wirkung der neuen Einsicht in den geschlechtlichen 
Akt; jetzt, wo wir die Störungen der Darmtätigkeit unter- 
suchen, befinden wir uns auf dem Boden der alten Kloaken- 
theorie. Die beiden Standpunkte bleiben durch eine Ver- 
drängungsstufe voneinander getrennt. Die durch den Ver- 
drängungsakt abgewiesene weibliche Einstellung zum Manne 
zieht sich gleichsam in die Darmsymptomatik zurück und 
äußert sich in den häufig auftretenden Diarrhöen, Obstipatio- 
nen und Darmschmerzen der Kinderjahre. Die späteren 
sexuellen Phantasien, die auf der Grundlage richtiger Sexual- 
erkenntnis aufgebaut sind, können sich nun in regressiver 
"Weise als Darmstörungen äußern. "Wir verstehen dieselben 
aber nicht, ehe wir den Bedeutungswandel des Kotes seit den 
ersten Kindheitstagen aufgedeckt haben. 30 

Ich habe an einer früheren Stelle erraten lassen, daß vom 
Inhalt der Urszene ein Stück zurückgehalten ist, das ich nun 
nachtragen kann. Das Kind unterbrach endlich das Beisammen- 
sein der Eltern durch eine Stuhlentleerung, die sein Geschrei 
motivieren konnte. Für die Kritik dieses Zusatzes gilt alles 
das, was ich vorhin von dem anderen Inhalt derselben Szene 
in Diskussion gezogen habe. Der Patient akzeptierte diesen 
von mir konstruierten Schlußakt und schien ihn durch 
„passagere Symptombildung" zu bestätigen. Ein weiterer Zu- 
satz, den ich vorgeschlagen hatte, daß der Vater über die 
Störung unzufrieden seinem Unmut durch Schimpfen Luft 
gemacht hatte, mußte wegfallen. Das Material der Analyse 
reagierte nicht darauf. 

Das Detail, das ich jetzt hinzugefügt habe, darf natürlich 

36) Vgl.: Über Triebumsetzungen usw. [Bd. V. der Ges. 
Schriften.] 



124 ÄH* der Geschichte 

mit dem anderen Inhalt der Szene nicht in eine Linie gestellt 
werden. Es handelt sich bei ihm nicht um einen Eindruck von 
außen, dessen "Wiederkehr man in soviel späteren Zeichen zu 
erwarten hat, sondern um eine eigene Reaktion des Kindes. 
Es würde sich an der ganzen Geschichte nichts ändern, wenn 
diese Äußerung damals unterblieben oder wenn sie von später 
her in den Vorgang der Szene eingesetzt wäre. Ihre Auf- 
fassung ist aber nicht zweifelhaft. Sie bedeutet eine Erregtheit 
der Analzone (im weitesten Sinne). In anderen Fällen ähn- 
licher Art hat eine solche Beobachtung des Sexualverkehrs 
mit einer Harnentleerung geendigt; ein erwachsener Mann 
würde unter den gleichen Verhältnissen eine Erektion ver- 
spüren. Daß unser Knäblein als Zeichen seiner sexuellen Er- 
regung eine Darmentleerung produziert, ist als Charakter 
seiner mitgebrachten Sexualkonstitution zu beurteilen. Er stellt 
sich sofort passiv ein, zeigt mehr Neigung zur späteren 
Identifizierung mit dem Weibe als mit dem Manne. 

Er verwendet dabei den Darminhalt wie jedes andere Kind 
in einer seiner ersten und ursprünglichsten Bedeutungen. Der 
Kot ist das erste Geschenk, das erste Zärtlichkeitsopfer 
des Kindes, ein Teil des eigenen Leibes, dessen man sich ent- 
äußert, aber auch nur zu Gunsten einer geliebten Person. 37 
Die Verwendung zum Trotz wie in unserem Falle mit 

37) Ich glaube, es läßt sich leicht bestätigen, daß Säuglinge nur 
die Personen, die von ihnen gekannt und geliebt werden, mit ihren 
Exkrementen beschmutzen; Fremde würdigen sie dieser Aus- 
zeichnung nicht. In den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 
habe ich die allererste Verwendung des Kotes zur autoerotischen 
Reizung der Darmschleimhaut erwähnt; als Fortschritt schließt 
sich nun an, daß die Rücksicht auf ein Objekt für die Defäkation 
maßgebend wird, dem das Kind dabei gehorsam oder gefällig ist. 
Diese Relation setzt sich dann fort, indem sich auch das ältere 
Kind nur von gewissen bevorzugten Personen auf den Topf setzen, 
beim Urinieren helfen läßt, wobei aber auch andere Befriedigungs- 
absichten in Betracht kommen. 



einer infantilen Neurose ^ **S 

1% Jahren gegen die Gouvernante ist nur die negative 
Wendung dieser früheren Geschenkbedeutung. Der grumus 
merdae, den die Einbrecher am Tatorte hinterlassen, scheint 
beides zu bedeuten: den Hohn und die regressiv ausgedrückte 
Entschädigung. Immer, wenn eine höhere Stufe erreicht ist, 
kann die frühere noch im negativ erniedrigten Sinne Ver- 
wendung finden. Die Verdrängung findet ihren Ausdruck in 
der Gegensätzlichkeit. 38 

Auf einer späteren Stufe der Sexualentwicklung nimmt der 
Kot die Bedeutung des K i n d e s an. Das Kind wird ja durch 
den After geboren wie der Stuhlgang. Die Geschenkbedeutung 
des Kotes läßt diese Wandlung leicht zu. Das Kind wird im 
Sprachgebrauch als ein „Geschenk" bezeichnet; es wird 
häufiger vom "Weibe ausgesagt, daß sie dem Manne „ein 
Kind geschenkt" hat, aber im Gebrauch des Unbewußten wird 
mit Recht die andere Seite des Verhältnisses, daß das Weib 
das Kind vom Manne als Geschenk „empfangen" hat, ebenso 

berücksichtigt. 

Die Geldbedeutung des Kotes zweigt nach einer anderen 
Richtung von der Geschenkbedeutung ab. 

Die frühe Deckerinnerung unseres Kranken, daß er einen 
ersten Wutanfall produziert, weil er zu Weihnachten nicht 
genug Geschenke bekommen habe, enthüllt nun ihren tieferen 
Sinn. Was er vermißte, war die Sexualbefriedigung, die er 
anal gefaßt hatte. Seine Sexualforschung war vor dem Traum 
darauf vorbereitet und hatte es während des Traumvorganges 
begriffen, daß der Sexualakt das Rätsel der Herkunft der 
kleinen Kinder löse. Er hatte die kleinen Kinder schon vor 
dem Traum nicht gemocht. Einmal fand er einen kleinen, 
noch nackten Vogel, der aus dem Nest gefallen war, hielt ihn 

38) Es gibt im Unbewußten bekanntlich kein „Nein"; Gegen- 
sätze fallen zusammen. Die Negation wird erst durch den Vorgang 
der Verdrängung eingeführt. 






126 Aus d er Geschichte 

für einen kleinen Menschen und grauste sich vor ihm. Die 
Analyse wies nach, daß all die kleinen Tiere, Raupen, In- 
sekten, gegen die er wütete, ihm kleine Kinder bedeutet 
hatten. 30 Sein Verhältnis zur älteren Schwester hatte ihm 
Anlaß gegeben, viel über die Beziehung der älteren Kinder zu 
den jüngeren nachzudenken; als ihm die Nanja einmal gesagt 
hatte, die Mutter habe ihn so lieb, weil er der jüngste sei, 
hatte er ein begreifliches Motiv bekommen zu wünschen, daß 
ihm kein jüngeres Kind nachfolgen möge. Die Angst vor 
diesem jüngsten wurde dann unter dem Einfluß des Traumes, 
der ihm den Verkehr der Eltern vorführte, neu belebt. 

Wir sollen also zu den uns bereits bekannten eine neue 
Sexualströmung hinzufügen, die wie die anderen von der im 
Traum reproduzierten Urszene ausgeht. In der Identifizierung 
mit dem Weibe (der Mutter) ist er bereit, dem Vater ein Kind 
zu schenken, und eifersüchtig auf die Mutter, die das schon 
getan hat und vielleicht wieder tun wird. 

Auf dem Umweg über den gemeinsamen Ausgang der Ge- 
schenkbedeutung kann nun das Geld die Kindbedeutung an 
sich ziehen und solcher Art den Ausdruck der femininen 
(homosexuellen) Befriedigung übernehmen. Dieser Vorgang 
vollzog sich bei unserem Patienten, als er einmal zur Zeit, 
da beide Geschwister in einem deutschen Sanatorium weilten, 
sah, daß der Vater der Schwester zwei große Geldnoten 
gab. Er hatte den Vater in seiner Phantasie immer mit der 
Schwester verdächtigt; . nun erwachte seine Eifersucht, er 
stürzte sich auf die Schwester, als sie allein waren, und 
forderte mit solchem Ungestüm und solchen Vorwürfen 
seinen Anteil am Gelde, daß ihm die Schwester weinend 
das Ganze hinwarf. Es war nicht allein das reale Geld ge- 
wesen, das ihn gereizt hatte, viel mehr noch das Kind, die 

39) Ebenso das Ungeziefer, das in Träumen und Phobien häufig 
für die kleinen Kinder steht. 



einer infantilen Neurose 127 

anale Sexualbefriedigung vom Vater. Mit dieser konnte er 
sich dann trösten, als — zu Lebzeiten des Vaters — die 
Schwester gestorben war. Sein empörender Gedanke bei der 
Nachricht ihres Todes bedeutete eigentlich nichts anderes 
als: Jetzt bin ich das einzige Kind, jetzt muß der Vater mich 
allein lieb haben. Aber der homosexuelle Hintergrund dieser 
durchaus bewußtseinsfähigen Erwägung war so unerträglich, 
daß ihre Verkleidung in schmutzige Habsucht wohl als 
große Erleichterung ermöglicht wurde. 

Ähnlich wenn er nach dem Tode des Vaters der Mutter 
jene ungerechten Vorwürfe machte, daß sie ihn ums Geld 
betrügen wolle, daß sie das Geld lieber habe als ihn. Die 
alte Eifersucht, daß sie noch ein anderes Kind als ihn ge- 
liebt, die Möglichkeit, daß sie sich noch nach ihm ein anderes 
Kind gewünscht, zwangen ihn zu Beschuldigungen, deren 
Haltlosigkeit er selbst erkannte. 

Durch diese Analyse der Kotbedeutung wird uns nun klar- 
gelegt, daß die Zwangsgedanken, die Gott in Verbindung 
mit Kot bringen mußten, noch etwas anderes bedeuteten als 
die Schmähung, für die er sie erkannte. Sie waren vielmehr 
echte Kompromißergebnisse, an denen eine zärtliche, hin- 
gebende Strömung ebenso Anteil hatte wie eine feindselig 
beschimpfende. „Gott— Kot" war wahrscheinlich eine Ab- 
kürzung für ein Anerbieten, wie man es im Leben auch in 
ungekürzter Form zu hören bekommt. „Auf Gott scheißen", 
„Gott etwas scheißen" heißt auch, ihm ein Kind schenken, 
sich von ihm ein Kind schenken lassen. Die alte negativ 
erniedrigte Geschenkbedeutung und die später aus ihr ent- 
wickelte Kindbedeutung sind in den Zwangsworten mit- 
einander vereinigt. In der letzteren kommt eine feminine 
Zärtlichkeit zum Ausdruck, die Bereitwilligkeit, auf seine 
Männlichkeit zu verzichten, wenn man dafür als Weib ge- 
liebt werden kann. Also gerade jene Regung gegen Gott, die 






128 Aus der Geschichte 

in dem Wahnsystem des paranoischen Senatspräsidenten 
Schreber 40 in unzweideutigen Worten ausgesprochen wird. 

Wenn ich später von der letzten Symptomlösung bei 
meinem Patienten berichten werde, wird sich noch einmal 
zeigen lassen, wie die Darmstörung sich in den Dienst der 
homosexuellen Strömung gestellt und die feminine Einstellung 
zum Vater ausgedrückt hatte. Eine neue Bedeutung des 
Kotes soll uns jetzt den Weg zur Besprechung des Kastrations- 
komplexes bahnen. 

Indem die Kotsäule die erogene Darmschleimhaut reizt, 
spielt sie die Rolle eines aktiven Organs für dieselbe, be- 
nimmt sie sich wie der Penis gegen die Vaginalschleimhaut 
und wird gleichsam zum Vorläufer desselben in der Epoche 
der Kloake. Das Hergeben des Kotes zu Gunsten (aus Liebe 
zu) einer anderen Person wird seinerseits zum Vorbild der 
Kastration, es ist der erste Fall des Verzichts auf ein Stück 
des eigenen Körpers, 41 um die Gunst eines geliebten Anderen 
zu gewinnen. Die sonst narzißtische Liebe zu seinem Penis 
entbehrt also nicht eines Beitrages von Seiten der Analerotik. 
Der Kot, das Kind, der Penis ergeben also eine Einheit, einen 
unbewußten Begriff — sit venia verbo — , den des vom 
Körper abtrennbaren Kleinen. Auf diesen Verbindungwegen 
können sich Verschiebungen und Verstärkungen der Libido- 
besetzung vollziehen, die für die Pathologie von Bedeutung 
sind und von der Analyse aufgedeckt werden. 

Die anfängliche Stellungnahme unseres Patienten gegen 
das Problem der Kastration ist uns bekannt geworden. Er 
verwarf sie und blieb auf dem Standpunkt des Verkehrs im 
After. Wenn ich gesagt habe, daß er sie verwarf, so ist die 
nächste Bedeutung dieses Ausdrucks, daß er von ihr nichts 
wissen wollte im Sinne der Verdrängung. Damit war 

40) Freud, Gesammelte Schriften, Bd. VIII. S. 353 ff. 

41) Als welches der Kot durchaus vom Kinde behandelt wird. 






einer infantilen Neurose I2 q 

eigentlich kein Urteil über ihre Existenz gefällt, aber es war 
so gut, als ob sie nicht existierte. Diese Einstellung kann aber 
nicht die definitive, nicht einmal für die Jahre seiner Kind- 
heitsneurose geblieben sein. Späterhin finden sich gute Be- 
weise dafür, daß er die Kastration als Tatsache anerkannt 
hatte. Er hatte sich auch in diesem Punkte benommen, wie 
es für sein Wesen kennzeichnend war, was uns allerdings die 
Darstellung wie die Einfühlung so außerordentlich erschwert. 
Er hatte sich zuerst gesträubt und dann nachgegeben, aber 
die eine Reaktion hatte die andere nicht aufgehoben. Am 
Ende bestanden bei ihm zwei gegensätzliche Strömungen 
nebeneinander, von denen die eine die Kastration ver- 
abscheute, die andere bereit war, sie anzunehmen und sich 
mit der Weiblichkeit als Ersatz zu trösten. Die dritte, älteste 
und tiefste, welche die Kastration einfach verworfen hatte, 
wobei das Urteil über ihre Realität noch nicht in Frage 
kam, war gewiß auch noch aktivierbar. Ich habe von eben 
diesem Patienten an anderer Stelle 42 eine Halluzination aus 
seinem fünften Jahr erzählt, zu der ich hier nur einen kurzen 
Kommentar hinzuzufügen habe: 

„Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben 
meiner Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschenmesser 
an der Rinde eines jener Nußbäume, die auch in meinem 
Traum 43 eine Rolle spielen. 44 Plötzlich bemerkte ich mit 
unaussprechlichem Schrecken, daß ich mir den kleinen Finger 

42) Über fausse reconnaissance („dejä raconte") während der 
psychoanalytischen Arbeit. Intern. Zschr. f. ärztliche Psychoanalyse. 
I, 19 13. [Enthalten in diesem Bande.] 

43) Vgl. Märchenstoffe in Träumen. Intern. Zeitschrift für ärzt- 
liche Psychoanalyse. I, 2. Heft. [Bd. III der Ges. Schriften.] 

44) Korrektur bei späterer Erzählung: „Ich glaube, ich schnitt 
nicht in den Baum. Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen 
Erinnerung, die auch halluzinatorisch gefälscht sein muß, daß ich 
in einen Baum einen Schnitt mit dem Messer machte und daß 
dabei Blut aus dem Baume kam." 

9 Freud, Schriften zur Neurosenlelire 



13° Aus der Geschichte 



der (rechten oder linken?) Hand so durchgeschnitten hatte, 
daß er nur noch an der Haut hing. Schmerz spürte ich 
keinen, aber eine große Angst. Ich getraute mich nicht, der 
wenige Schritte entfernten Kinderfrau etwas zu sagen, sank 
auf die nächste Bank und blieb da sitzen, unfähig, noch einen 
Blick auf den Finger zu werfen. Endlich wurde ich ruhig, 
faßte den Finger ins Auge, und siehe da, er war ganz unver- 
letzt." 

Wir wissen, daß mit 4^ Jahren nach der Mitteilung der 
heiligen Geschichte bei ihm jene intensive Denkarbeit ein- 
setzte, die in die Zwangsfrömmigkeit auslief. Wir dürfen 
also annehmen, daß diese Halluzination in die Zeit fällt, in 
der er sich zur Anerkennung der Realität der Kastration 
entschloß, und daß sie vielleicht gerade diesen Schritt mar- 
kieren sollte. Auch die kleine Korrektur des Patienten ist 
nicht ohne Interesse. Wenn er dasselbe schaurige Erlebnis 
halluzinierte, das T a s s im „Befreiten Jerusalem" von 
seinem Helden Tancred berichtet, so ist wohl die 
Deutung gerechtfertigt, daß auch für meinen kleinen 
Patienten der Baum ein Weib bedeutete. Er spielte also dabei 
den Vater und brachte die ihm bekannten Blutungen der 
Mutter mit der von ihm erkannten Kastration der Frauen, 
„der Wunde", in Beziehung. 

Die Anregung zur Halluzination vom abgeschnittenen 
Finger gab ihm, wie er später berichtete, die Erzählung, daß 
einer Verwandten, die mit sechs Zehen geboren wurde, dieses 
überzählige Glied gleich nachher mit einem Beil abgehackt 
wurde. Die Frauen hatten also keinen Penis, weil er ihnen 
bei der Geburt abgenommen worden war. Auf diesem Wege 
akzeptierte er zur Zeit der Zwangsneurose, was er schon 
während des Traumvorganges erfahren und damals durch 
Verdrängung von sich gewiesen hatte. Auch die rituelle 
Beschneidung Christi, wie der Juden überhaupt, konnte ihm 



einer infantilen Neurose 131 

während der Lektüre der heiligen Geschichte und der 
Gespräche über sie nicht unbekannt bleiben. 

Es ist ganz unzweifelhaft, daß ihm um diese Zeit der 
Vater zu .jener Schreckensperson wurde, von der die 
Kastration droht. Der grausame Gott, mit dem er damals 
rang, der die Menschen schuldig werden läßt, um sie dann 
zu bestrafen, der seinen Sohn und die Söhne der Menschen 
opfert, warf seinen Charakter auf den Vater zurück, den er 
anderseits gegen diesen Gott zu verteidigen suchte. Der 
Knabe hat hier ein phylogenetisches Schema zu erfüllen 
und bringt es zu stände, wenngleich seine persönlichen Er- 
lebnisse nicht dazu stimmen mögen. Die Kastrationsdrohun- 
gen oder Andeutungen, die er erfahren hatte, waren viel- 
mehr von Frauen ausgegangen, 45 aber das konnte das End- 
ergebnis nicht für lange aufhalten. Am Ende wurde es doch 
der Vater, von dem er die Kastration befürchtete. In diesem 
Punkte siegte die Heredität über das akzidentelle Erleben; 
in der Vorgeschichte der Menschheit ist es gewiß der Vater 
gewesen, der die Kastration als Strafe übte und sie dann zur 
Beschneidung ermäßigte. Je weiter er auch im Verlauf des 
Prozesses der Zwangsneurose in der Verdrängung der Sinn- 
lichkeit kam, 46 desto natürlicher mußte es ihm werden, den 
Vater, den eigentlichen Vertreter der sinnlichen Betätigung, 
mit solchen bösen Absichten auszustatten. 

Die Identifizierung des Vaters mit dem Kastrator 47 wurde 
bedeutungsvoll als die Quelle einer intensiven, bis zum 
Todeswunsch gesteigerten, unbewußten Feindseligkeit gegen 



45) Wir wissen es von der Nanja und werden es von einer 
anderen Frau noch erfahren. 

46) Siehe die Belege dafür S. 1 10. 

47) Zu den quälendsten, aber auch groteskesten Symptomen seines 
späteren Leidens gehörte sein Verhältnis zu jedem — Schneider, 
bei dem er ein Kleidungsstück bestellt hatte, sein Respekt und 
seine Schüchternheit vor dieser hohen Person, seine Versuche, sie 



2f . Aus der Geschichte 

ihn und der darauf reagierenden Schuldgefühle. Soweit be- 
nahm er sich aber normal, d. h. wie jeder Neurotiker, der 
von einem positiven Ödipuskomplex besessen ist. Das Merk- 
würdige war dann, daß auch hiefür bei ihm eine Gegen- 
strömung existierte, bei der der Vater vielmehr der Kastrierte 
war und als solcher sein Mitleid herausforderte. 

Ich habe bei der Analyse des Atemzeremoniells beim An- 
blick von Krüppeln, Bettlern usw. zeigen können, daß auch 
dieses Symptom auf den Vater zurückging, der ihm als Kran- 
ker bei dem Besuch in der Anstalt leid getan hatte. Die 
Analyse gestattete, diesen Faden noch weiter zurückzuver- 
folgen. Es gab in sehr früher Zeit, wahrscheinlich noch vor 
der Verführung ( 3 # Jahre) auf dem Gute einen armen Tag- 
löhner, der das Wasser ins Haus zu tragen hatte. Er konnte 
nicht sprechen, angeblich weil man ihm die Zunge abge- 
schnitten hatte. Wahrscheinlich war es ein Taubstummer. 
Der Kleine liebte ihn sehr und bedauerte ihn von Herzen. 
Als er gestorben war, suchte er ihn am Himmel. 48 Das war 
also der erste von ihm bemitleidete Krüppel; nach dem 
Zusammenhang und der Anreihung in der Analyse unzweifel- 
haft ein Vaterersatz. 

Die Analyse schloß an ihn die Erinnerung an andere ihm 
sympathische Diener an, von denen er hervorhob, daß sie 
kranklich oder Juden (Beschneidung!) gewesen waren. Auch 
cer Lakai, der ihn bei seinem Malheur mit 4% Jahren 
reinigen half, war ein Jude und schwindsüchtig und genoß 
sein Mitleid. Alle diese Personen fallen in die Zeit vor dem 
Besuch des Vaters im Sa ji^onum^ also vor die Sym ptom- 

durch unmäßige TrinkgeldeTfüT^T einzunehmen, und seine 
Verzweiflung über den Erfolg der Arbeit, wie immer sie ausge- 
tauen sein mochte. 

48) Ich erwähne in diesem Zusammenhange Träume, die später 
als der Angsttraum, aber noch auf dem ersten Gut vorfielen und 
die Koitusszene als Vorgang zwischen Himmelskörpern darstellten. 



einer infantilen Neurose t ^y 

bildung, die vielmehr durch das Ausatmen eine Identifizierung 
mit den Bedauerten fernhalten sollte. Dann wandte sich die 
Analyse plötzlich im Anschluß an einen Traum in die Vor- 
zeit zurück und ließ ihn die Behauptung aufstellen, daß er 
bei dem Koitus der Urszene das Verschwinden des Penis 
beobachtet, den Vater darum bemitleidet und sich über das 
Wiedererscheinen des verloren Geglaubten gefreut habe. Also 
eine neue Gefühlsregung, die wiederum von dieser Szene aus- 
geht. Der narzißtische Ursprung des Mitleids, für den das 
Wort selbst spricht, ist hier übrigens ganz unverkennbar. 



VIII 

Naditräge aus der Urzeit — Lösung 

In vielen Analysen geht es so zu, daß, wenn man sich 
dem Ende nähert, plötzlich neues Erinnerungsmaterial auf- 
taucht, welches bisher sorgfältig verborgen gehalten wurde. 
Oder es wird einmal eine unscheinbare Bemerkung hinge- 
worfen, in gleichgültigem Ton, als wäre es etwas Über- 
flüssiges, zu dieser kommt ein andermal etwas hinzu, was 
den Arzt bereits aufhorchen läßt, und endlich erkennt man 
in jenem geringgeschätzten Brocken Erinnerung den Schlüssel 
zu den wichtigsten Geheimnissen, welche die Neurose des 
Kranken umkleidete. 

Frühzeitig hatte mein Patient eine Erinnerung aus der 
Zeit erzählt, da seine Schlimmheit in Angst umzuschlagen 
pflegte. Er verfolgte einen schönen großen Schmetterling mit 
gelben Streifen, dessen große Flügel in spitze Fortsätze aus- 
liefen, — also einen Schwalbenschwanz. Plötzlich erfaßte ihn, 
als der Schmetterling sich auf eine Blume gesetzt hatte, 
eine schreckliche Angst vor dem Tier und er lief schreiend 
davon. 



134 Aus der Geschichte 

Diese Erinnerung kehrte von Zeit zu Zeit in der Analyse 
wieder und forderte ihre Erklärung, die sie lange nicht er- 
hielt. Es war doch von vornherein anzunehmen, daß ein 
solches Detail nicht seinetwegen selbst einen Platz im Ge- 
dächtnis behalten hatte, sondern als Deckerinnerung Wich- 
tigeres vertrat, womit es irgendwie verknüpft war. Er sagte 
eines Tages, ein Schmetterling heiße in seiner Sprache: Ba- 
buschka, altes Mütterchen; überhaupt seien ihm die Schmetter- 
linge wie Frauen und Mädchen, die Käfer und Raupen wie 
Knaben erschienen. Also mußte wohl die Erinnerung an ein 
weibliches Wesen bei jener Angstszene wach geworden sein. 
Ich will nicht verschweigen, daß ich damals die Möglichkeit 
vorschlug, die gelben Streifen des Schmetterlings hätten an 
die ähnliche Streifung eines Kleidungsstückes, das eine Frau 
trug, gemahnt. Ich tue das nur, um an einem Beispiel zu 
zeigen, wie unzureichend in der Regel die Kombination des 
Arztes zur Lösung der aufgeworfenen Fragen ist, wie sehr 
man Unrecht tut, die Phantasie und die Suggestion des 
Arztes für die Ergebnisse der Analyse verantwortlich zu 
machen. 

In einem ganz anderen Zusammenhange, viele Monate 
später, machte dann der Patient die Bemerkung, das öffnen 
und Schließen der Flügel, als der Schmetterling saß, hätte 
den unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dies wäre so 
gewesen, wie wenn eine Frau die Beine öffnet, und die Beine 
ergäben dann die Figur einer römischen V, bekanntlich die 
Stunde, um welche schon in seinen Knabenjahren, aber auch 
jetzt noch, eine Verdüsterung seiner Stimmung einzutreten 
pflegte. 

Das war ein Einfall, auf den ich nie gekommen wäre, 
dessen Schätzung aber durch die Erwägung gewann, daß der 
darin bloßgelegte Assoziationsvorgang so recht infantilen 
Charakter hatte. Die Aufmerksamkeit der Kinder, habe ich 



einer infantilen Neurose 135 

oft bemerkt, wird durch Bewegungen weit mehr angezogen 
als durch ruhende Formen, und sie stellen oft Assoziationen 
auf Grund von ähnlicher Bewegung her, die von uns Er- 
wachsenen vernachlässigt oder unterlassen werden. 

Dann ruhte das kleine Problem wieder für lange Zeit. Ich 
will noch die wohlfeile Vermutung erwähnen, daß die spitzen 
oder Stangen artigen Fortsätze der Schmetterlingsflügel eine 
Bedeutung als Genitalsymbole gehabt haben könnten. 

Eines Tages tauchte schüchtern und undeutlich eine Art 
von Erinnerung auf, es müßte sehr frühe, noch vor der 
Kinderfrau, ein Kindermädchen gegeben haben, das ihn sehr 
lieb hatte. Sie hatte denselben Namen wie die Mutter. Gewiß 
erwiderte er ihre Zärtlichkeit. Also eine verschollene erste 
Liebe. Wir einigten uns aber, irgend etwas müßte da vor- 
gefallen sein, was später von Wichtigkeit wurde. 

Dann korrigierte er ein anderes Mal seine Erinnerung. Sie 
könne nicht so geheißen haben wie die Mutter, das war ein 
Irrtum von ihm, der natürlich bewies, daß sie ihm in der 
Erinnerung mit der Mutter zusammengeflossen war. Ihr rich- 
tiger Name sei ihm auch auf einem Umwege eingefallen. Er 
habe plötzlich an einen Lagerraum auf dem ersten Gute 
denken müssen, in dem das abgenommene Obst aufbewahrt 
wurde, und an eine gewisse Sorte Birnen von ausgezeich- 
netem Geschmack, große Birnen mit gelben Streifen auf ihrer 
Schale. Birne heißt in seiner Sprache Gruscha, und dies 
war auch der Name des Kindermädchens. 

Also wurde es klar, daß sich hinter der Deckerinnerung 
des gejagten Schmetterlings das Gedächtnis des Kindermäd- 
chens verbarg. Die gelben Streifen saßen aber nicht auf 
ihrem Kleid, sondern auf dem der Birne, die so hieß wie sie 
selbst. Aber woher die Angst bei der Aktivierung der Er- 
innerung an sie? Die nächste plumpe Kombination hätte 
lauten können, bei diesem Mädchen habe er als kleines Kind 



x 3* Aus der Geschichte 

zuerst die Bewegungen der Beine gesehen, die er sich mit 
dem Zeichen der römischen V fixiert hatte, Bewegungen, die 
das Genitale zugänglich machen. Wir ersparten uns diese 
Kombination und warteten auf weiteres Material. 

Sehr bald kam nun die Erinnerung an eine Szene, unvoll- 
ständig, aber soweit sie erhalten war, bestimmt. Gruscha lag 
auf dem Boden, neben ihr ein Kübel und ein aus Ruten ge- 
bundener kurzer Besen; er war dabei und sie neckte ihn oder 
lachte ihn aus. 

Was daran fehlte, war von anderen Stellen her leicht ein- 
zusetzen. Er hatte in den ersten Monaten der Kur von einer 
zwanghaft aufgetretenen Verliebtheit in ein Bauernmädchen 
erzählt, bei der er sich mit 18 Jahren den Anlaß zu seiner 
späteren Erkrankung geholt hatte. Damals hatte er sich in 
der auffälligsten Weise gesträubt, den Namen des Mädchens 
mitzuteilen. Es war ein ganz vereinzelter Widerstand; er war 
der analytischen Grundregel sonst ohne Rückhalt gehorsam. 
Aber er behauptete, er müsse sich so sehr schämen, diesen 
Namen auszusprechen, weil er rein bäuerlich sei; ein vor- 
nehmeres Mädchen würde ihn nie tragen. Der Name, den 
man endlich erfuhr, war M a t r o n a. Er hatte mütterlichen 
Klang. Das Schämen war offenbar deplaciert. Der Tatsache 
selbst, daß diese Verliebtheiten ausschließlich die niedrigsten 
Mädchen betrafen, schämte er sich nicht, nur des Namens. 
Wenn das Abenteuer mit der Matrona etwas Gemeinsames 
mit der Gruschaszene haben konnte, dann war das Schämen 
in diese frühe Begebenheit zurückzuversetzen. 

Er hatte ein anderes Mal erzählt, als er die Geschichte 
von Johannes Huß erfuhr, wurde er von ihr sehr er- 
griffen, und seine Aufmerksamkeit blieb an den Bündeln von 
Reisig hängen, die man zu seinem Scheiterhaufen schleppte. 
Die Sympathie für Huß erweckt nun einen ganz bestimmten 
Verdacht; ich habe sie bei jugendlichen Patienten oft gefun- 



einer infantilen Neurose 137 

den und immer auf dieselbe "Weise aufklären können. Einer 
derselben hatte sogar eine dramatische Bearbeitung der 
Schicksale des H u ß geliefert; er begann sein Drama an dem 
Tage zu schreiben, der ihm das Objekt seiner geheim gehal- 
tenen Verliebtheit entzog. H u ß stirbt den Feuertod, er wird 
wie andere, welche die gleiche Bedingung erfüllen, der Held 
der ehemaligen Enuretiker. Die Reisigbündel beim Scheiter- 
haufen des Huß stellte mein Patient selbst mit dem Besen 
(Rutenbündel) des Kindermädchens zusammen. 

Dieses Material fügte sich zwanglos zusammen, um die 
Lücke in der Erinnerung der Szene mit der Gruscha aus- 
zufüllen. Er hatte, als er dem Mädchen beim Aufwaschen 
des Bodens zusah, ins Zimmer uriniert und sie darauf eine 
gewiß scherzhafte Kastrationsdrohung ausgesprochen. 49 

Ich weiß nicht, ob die Leser schon erraten können, warum 
ich diese frühinfantile Episode so ausführlich mitgeteilt 
habe. 50 Sie stellt eine wichtige Verbindung her zwischen der 
Urszene und dem späteren Liebeszwang, der so entscheidend 
für sein Schicksal geworden ist und führt überdies eine 
Liebesbedingung ein, welche diesen Zwang aufklärt. 

Als er das Mädchen auf dem Boden liegen sah, mit dem 
Aufwaschen desselben beschäftigt, kniend, die Nates vor- 
gestreckt, den Rücken horizontal gehalten, fand er an ihr 

49) Es ist sehr merkwürdig, daß die Reaktion der Beschämung 
so innig mit der unfreiwilligen (täglichen wie nächtlichen) Harn- 
entleerung verbunden ist und nicht, wie man erwarten sollte, 
ebenso mit der Stuhlinkontinenz. Die Erfahrung läßt hierüber 
gar keinen Zweifel bestehen. Auch die regelmäßige Beziehung der 
Harninkontinenz zum Feuer gibt zu denken. Es ist möglich, daß 
in diesen Reaktionen und Zusammenhängen Niederschläge aus der 
Kulturgeschichte der Menschheit vorliegen, die tiefer hinab reichen 
als alles, was uns durch seine Spuren im Mythus und im Folklore 
erhalten ist. 

50) Sie fällt etwa in die Zeit um 2% Jahre, zwischen der 
angeblichen Koitusbeobachtung und der Verführung. 



138 Aus der Geschichte 

die Stellung wieder, welche die Mutter in der Koitusszene 
eingenommen hatte. Sie wurde ihm zur Mutter, die sexuelle 
Erregung infolge der Aktivierung jenes Bildes 51 ergriff ihn, 
und er benahm sich männlich gegen sie wie der Vater, dessen 
Aktion er damals ja nur als ein Urinieren verstanden haben 
konnte. Sein auf den Boden Urinieren war eigentlich ein 
Verführungs versuch und das Mädchen antwortete darauf mit 
einer Kastrationsdrohung, als ob sie ihn verstanden hätte. 

Der von der Urszene ausgehende Zwang übertrug sich auf 
diese Szene mit der Gruscha und wirkte durch sie fort. Die 
Liebesbedingung erfuhr aber eine Abänderung, welche den 
Einfluß der zweiten Szene bezeugt; sie übertrug sich von 
der Position des Weibes auf dessen Tätigkeit in solcher 
Position. Dies wurde z. B. in dem Erlebnis mit der Matrona 
evident. Er machte einen Spaziergang durch das Dorf, welches 
zu dem (späteren) Gut gehörte, und sah am Rand des Teiches 
ein kniendes Bauernmädchen, damit beschäftigt, Wäsche im 
Teich zu waschen. Er verliebte sich in die Wäscherin augen- 
blicklich und mit unwiderstehlicher Heftigkeit, obwohl er 
ihr Gesicht noch gar nicht sehen konnte. Sie war ihm durch 
Lage und Tätigkeit an die Stelle der Gruscha getreten. Wir 
verstehen nun, wie sich das Schämen, das dem Inhalt der 
Szene mit der Gruscha galt, an den Namen der Matrona 
knüpfen konnte. 

Den zwingenden Einfluß der Gruschaszene zeigt noch deut- 
licher ein anderer Anfall von Verliebtheit, einige Jahre vor- 
her. Ein junges Bauernmädchen, das im Hause Dienste 
leistete, hatte ihm schon lange gefallen, aber er hatte es über 
sich vermocht, sich ihr nicht zu nähern. Eines Tages packte 
ihn die Verliebtheit, als er sie allein im Zimmer traf. Er 
fand sie auf dem Boden liegend, mit Aufwaschen beschäftigt, 






51) Vor dem Traume! 



einer infantilen Neurose 139 

Kübel und Besen neben sich, also ganz wie das Mädchen in 
seiner Kindheit. 

Selbst seine definitive Objektwahl, die für sein Leben so 
bedeutungsvoll wurde, erweist sich durch ihre näheren Um- 
stände, die hier nicht anzuführen sind, als abhängig von der 
gleichen Liebesbedingung, als ein Ausläufer des Zwanges, der 
von der Urszene aus über die Szene mit Gruscha seine Liebes- 
wahl beherrschte. Ich habe an früherer Stelle bemerkt, daß 
ich das Bestreben zur Erniedrigung des Liebesobjekts bei dem 
Patienten wohl anerkenne. Es ist auf Reaktion gegen den 
Druck der ihm überlegenen Schwester zurückzuführen. Aber 
ich versprach damals zu zeigen, daß dies Motiv (S. 55) 
selbstherrlicher Natur nicht das einzig bestimmende gewesen 
ist, sondern eine tiefere Determinierung durch rein erotische 
Motive verdeckt. Die Erinnerung an das den Boden auf- 
waschende, allerdings in seiner Position erniedrigte, Kinder- 
mädchen brachte diese Motivierung zum Vorschein. Alle 
späteren Liebesobjekte waren Ersatzpersonen dieser einen, die 
selbst durch den Zufall der Situation zum ersten Mutter- 
ersatz geworden war. Der erste Einfall des Patienten zum 
Problem der Angst vor dem Schmetterling läßt sich nach- 
träglich leicht als fernliegende Anspielung an die Urszene 
erkennen (die fünfte Stunde). Die Beziehung der Gruscha- 
szene zur Kastrationsdrohung bestätigte er durch einen be- 
sonders sinnreichen Traum, den er auch selbst zu übersetzen 
verstand. Er sagte: Ich habe geträumt, ein Mann reißt einer 
Espe die Flügel aus. Espe? mußte ich fragen, was meinen Sie 
damit? — Nun, das Insekt mit den gelben Streifen am Leib, 
das stechen kann. Es muß eine Anspielung an die Gruscha, 
die gelbgestreifte Birne, sein. — Wespe, meinen Sie also, 
konnte ich korrigieren. — Heißt es Wespe? Ich habe wirk- 
lich geglaubt, es heißt Espe. (Er bediente sich wie so viele 
andere seiner Fremdsprachigkeit zur Deckung von Symptom- 



r 4° Aus der Geschichte 






handlungen.) Aber Espe, das bin ja ich, S. P. (die Initialen 
seines Namens.) Die Espe ist natürlich eine verstümmelte 
Wespe. Der Traum sagt klar, er räche sich an der Gruscha 
für ihre Kastrationsandrohung. 

Die Aktion des z % jährigen in der Szene mit Gruscha ist 
die erste uns bekanntgewordene Wirkung der Urszene, sie 
stellt ihn als Kopie des Vaters dar und läßt uns eine Ent- 
wicklungstendenz in der Richtung erkennen, die später den 
Namen der männlichen verdienen wird. Durch die Ver- 
führung wird er in eine Passivität gedrängt, die allerdings f 
auch schon durch sein Benehmen als Zuschauer beim elter- 
lichen Verkehr vorbereitet ist. 

Ich muß aus der Behandlungsgeschichte noch hervorheben, 
daß man den Eindruck empfing, mit der Bewältigung der 
Gruschaszene, des ersten Erlebnisses, das er wirklich er- 
innern konnte und ohne mein Vermuten und Dazutun er- 
innerte, sei die Aufgabe der Kur gelöst gewesen. Es gab von 
da an keine Widerstände mehr, man brauchte nur noch zu 
sammeln und zusammenzusetzen. Die alte Traumatheorie, 
die ja auf Eindrücke aus der psychoanalytischen Therapie 
aufgebaut war, kam mit einem Male wieder zur Geltung. 
Aus kritischem Interesse .machte ich noch einmal den Ver- 
such, dem Patienten eine andere Auffassung seiner Geschichte 
aufzudrängen, die dem nüchternen Verstand willkommener 
wäre. An der Szene mit Gruscha sei ja nicht zu zweifeln, 
aber sie bedeute an und für sich nichts und sei hinterher ver- 
stärkt worden durch Regression von den Ereignissen seiner 
Objektwahl, die sich infolge der Erniedrigungstendenz von 
der Schwester weg auf die Dienstmädchen geworfen hätte. 
Die Koitusbeobachtung aber sei eine Phantasie seiner 
späteren Jahre, deren historischer Kern die Beobachtung oder 
das Erlebnis etwa eines harmlosen Lavements gewesen sein 
könnte. Vielleicht meinen manche Leser, erst mit diesen 



einer infantilen Neurose 14 r 

Annahmen hätte ich mich dem Verständnis des Falles ge- 
nähert; der Patient sah mich verständnislos und etwas ver- 
ächtlich an, als ich ihm diese Auflassung vortrug, und 
reagierte niemals wieder auf dieselbe. Meine eigenen Argu- 
mente gegen solche Rationalisierung habe ich oben im Zu- 
sammenhange entwickelt. 

[Die Gruschaszene enthält aber nicht nur die für das Leben 
des Patienten entscheidenden Bedingungen der Objektwahl 
und behütet uns so vor dem Irrtum, die Bedeutung der 
Erniedrigungstendenz gegen das Weib zu überschätzen. Sie 
vermag mich auch zu rechtfertigen, wenn ich es vorhin 
abgelehnt habe, die Zurückführung der Urszene auf eine kurz 
vor dem Traum angestellte Tierbeobachtung ohne jedes 
Bedenken als die einzig mögliche Lösung zu vertreten (S. 100). 
Sie war in der Erinnerung des Patienten spontan und ohne 
mein Dazutun aufgetaucht. Die auf sie zurückgehende Angst 
vor dem gelbgestreiften Schmetterling bewies, daß sie einen 
bedeutungsvollen Inhalt gehabt hatte, oder daß es möglich 
geworden war, ihrem Inhalt nachträglich solche Bedeutung 
zu verleihen. Dies Bedeutungsvolle, was in der Erinnerung 
fehlte, war durch die sie begleitenden Einfälle und die daran 
zu knüpfenden Schlüsse mit Sicherheit zu ergänzen. Es ergab 
sich dann, daß die Schmetterlingsangst durchaus analog war 
der Wolfsangst, in beiden Fällen Angst vor der Kastration, 
zunächst bezogen auf die Person, welche die Kastrations- 
drohung zuerst ausgesprochen hatte, sodann auf die andere 
verlegt, an der sie nach dem phylogenetischen Vorbild An- 
heftung finden mußte. Die Szene mit Gruscha war mit 
zY* Jahren vorgefallen, das Angsterlebnis mit dem gelben 
Schmetterling aber sicherlich nach dem Angsttraum. Es ließ 
sich leicht verstehen, daß das spätere Verständnis für die 
Möglichkeit der Kastration nachträglich aus der Szene mit 
Gruscha die Angst entwickelt hatte; aber diese Szene selbst 



*4 2 Aus der Geschichte 



enthielt nichts Anstößiges oder Unwahrscheinliches, vielmehr 
durchaus banale Einzelheiten, an denen zu zweifeln man 
keinen Grund hatte. Nichts forderte dazu auf, sie auf eine 
Phantasie des Kindes zurückzuführen; es erscheint auch 
kaum möglich. 

Es entsteht nun die Frage, sind wir berechtigt, in dem 
Urinieren des stehenden Knaben, während das auf den Knien 
liegende Mädchen den Boden aufwäscht, einen Beweis seiner 
sexuellen Erregtheit zu sehen? Dann würde diese Erregung 
den Einfluß eines früheren Eindrucks bezeugen, der ebenso- 
wohl die Tatsächlichkeit der Urszene, wie eine vor zVs Jahren 
gemachte Beobachtung an Tieren sein könnte. Oder war jene 
Situation durchaus harmlos, die Harnentleerung des Kindes 
eine rein zufällige, und die ganze Szene wurde erst später 
in der Erinnerung sexualisiert, nachdem ähnliche Situationen 
als bedeutungsvoll erkannt worden waren? 

Hier getraue ich mich nun zu keiner Entscheidung. Ich 
muß sagen, ich rechne es der Psychoanalyse bereits hoch an, 
daß sie zu solchen Fragestellungen gekommen ist. Aber ich 
kann es nicht verleugnen, daß die Szene mit Gruscha, die 
Rolle, die ihr in der Analyse zufiel, und die Wirkungen, 
die im Leben von ihr ausgingen, sich doch am ungezwun- 
gensten und vollständigsten erklären, wenn man die Urszene, 
die andere Male eine Phantasie sein mag, hier als Realität 
gelten läßt. Sie behauptet im Grunde nichts Unmögliches; 
die Annahme ihrer Realität verträgt sich auch ganz mit dem 
anregenden Einfluß der Tierbeobachtungen, auf welche die 
Schäferhunde des Traumbildes hindeuten. 

Von diesem unbefriedigenden Abschluß wende ich mich 
zur Behandlung der Frage, die ich in den „Vorlesungen zur 
Einführung in die Psychoanalyse" versucht habe. Ich möchte 
selbst gerne wissen, ob die Urszene bei meinem Patienten 
Phantasie oder reales Erlebnis war, aber mit Rücksicht auf 



einer infantilen Neurose 143 

andere ähnliche Fälle muß man sagen, es sei eigentlich nicht 
sehr wichtig, dies zu entscheiden. Die Szenen von Beobach- 
tung des elterlichen Sexualverkehrs, von Verführung in der 
Kindheit und von Kastrationsandrohung sind unzweifelhafter 
ererbter Besitz, phylogenetische Erbschaft, aber sie können 
ebensowohl Erwerb persönlichen Erlebens sein. Bei meinem 
Patienten war die Verführung durch die ältere Schwester 
eine unbestreitbare Realität; warum nicht auch die Beobach- 
tung des elterlichen Koitus? 

"Wir sehen nun in der Urgeschichte der Neurose, daß das 
Kind zu diesem phylogenetischen Erleben greift, wo sein 
eigenes Erleben nicht ausreicht. Es füllt die Lücken der 
individuellen Wahrheit mit prähistorischer Wahrheit aus, 
setzt die Erfahrung der Vorahnen an die Stelle der eigenen 
Erfahrung ein. In der Anerkennung dieser phylogenetischen 
Erbschaft stimme ich mit Jung (Die Psychologie der un- 
bewußten Prozesse, 19 17, eine Schrift, die meine „Vor- 
lesungen" nicht mehr beeinflussen konnte) völlig zusammen; 
aber ich halte es für methodisch unrichtig, zur Erklärung 
aus der Phylogenese zu greifen, ehe man die Möglichkeiten 
der Ontogenese erschöpft hat; ich sehe nicht ein, warum 
man der kindheitlichen Vorzeit hartnäckig eine Bedeutung 
bestreiten will, die man der Ahnenvorzeit bereitwillig zu- 
gesteht; ich kann nicht verkennen, daß die phylogenetischen 
Motive und Produktionen selbst der Aufklärung bedürftig 
sind, die ihnen in einer ganzen Reihe von Fällen aus der 
individuellen Kindheit zuteil werden kann, und zum Schlüsse 
verwundere ich mich nicht darüber, wenn die Erhaltung der 
nämlichen Bedingungen beim einzelnen organisch wieder- 
erstehen läßt, was diese einst in Vorzeiten geschaffen und 
als Disposition zum Wiedererwerb vererbt haben.] 

In die Zwischenzeit zwischen Urszene und Verführung 
{1% — 3% Jahre) ist noch der stumme Wasserträger ein- 



*44 Aus der Geschichte 

zuschieben, der für ihn Vaterersatz war wie die Gruscha 
Mutterersatz. Ich glaube, es ist unberechtigt, hier von einer 
Erniedrigungstendenz zu reden, wiewohl sich beide Eltern 
durch dienende Personen vertreten finden. Das Kind setzt 
sich über die sozialen Unterschiede hinweg, die ihm noch 
wenig bedeuten, und reiht auch geringere Leute an die 
Eltern an, wenn sie ihm ähnlich wie die Eltern Liebe ent- 
gegenbringen. Ebensowenig Bedeutung hat diese Tendenz 
für die Ersetzung der Eltern durch Tiere, deren Gering- 
schätzung dem Kinde ganz ferne liegt. Ohne Rücksicht auf 
solche Erniedrigung weiden Onkel und Tanten zum Eltern- 
ersatz herangezogen, wie auch für unseren Patienten durch 
mehrfache Erinnerungen bezeugt ist. 

In dieselbe Zeit gehört noch eine dunkle Kunde von einer 
Phase, in der er nichts essen wollte außer Süßigkeiten, so 
daß man Sorge für sein Fortkommen hatte. Man erzählte 
ihm von einem Onkel, der ebenso das Essen verweigert hatte 
und dann jung an der Auszehrung stirb* Er hörte auch, daß 
er im Alter von drei Monaten so schwer krank gewesen war 
(an einer Lungenentzündung?), daß man schon das Toten- 
hemd für ihn bereit gemacht hatte. Es gelang, ihn ängstlich 
zu machen, so daß er wieder aß; in späteren Kindheits- 
jahren übertrieb er sogar diese Verpflichtung, wie um sich 
gegen den angedrohten Tod zu schützen. Die Todesangst, 
die man damals zu seinem Schutz wachgerufen hatte, zeigte 
sich später wieder, als die Mutter vor der Dysenteriegefahr 
warnte; sie provozierte noch später einen Anfall der Zwangs- 
neurose (S. no). Wir wollen versuchen, ihren Ursprüngen und 
Bedeutungen an späterer Stelle nachzugehen. 

Für die Eßstörung möchte ich die Bedeutung einer aller- 
ersten neurotischen Erkrankung in Anspruch nehmen; so daß 
Eßstörung, ~Wolf sphobie, Zwangsfrömmigkeit die vollständige 
Reihe der infantilen Erkrankungen ergeben, welche die Dis- 



einer infantilen Neurose 145 

Position für den neurotischen Zusammenbruch in den Jahren 
nach der Pubertät mit sich bringen. Man wird mir entgegen- 
halten, daß wenige Kinder solchen Störungen wie einer 
vorübergehenden Eßunlust oder einer Tierphobie entgehen. 
Aber dies Argument ist mir sehr willkommen. Ich bin bereit 
zu behaupten, daß jede Neurose eines Erwachsenen sich über 
seiner Kinderneurose aufbaut, die aber nicht immer intensiv 
genug ist, um aufzufallen und als solche erkannt zu werden. 
Die theoretische Bedeutung der infantilen Neurosen für die 
Auffassung der Erkrankungen, die wir als Neurosen be- 
handeln und nur von den Einwirkungen des späteren Lebens 
ableiten wollen, wird durch jenen Einwand nur gehoben. 
Hätte unser Patient nicht zu seiner Eßstörung und seiner 
Tierphobie noch die Zwangsfrömmigkeit hinzubekommen, so 
würde sich seine Geschichte von der anderer Menschenkinder 
nicht auffällig unterscheiden, und wir wären um wertvolle 
Materialien, die uns vor naheliegenden Irrtümern bewahren 
können, ärmer. 

Die Analyse wäre unbefriedigend, wenn sie nicht das Ver- 
ständnis jener Klage brächte, in die der Patient sein Leiden 
zusammenfaßte. Sie lautete, daß ihm die Welt durch einen 
Schleier verhüllt sei, und die psychoanalytische Schulung 
weist die Erwartung ab, daß diese Worte bedeutungslos und 
wie zufällig gewählt sein sollten. Der Schleier zerriß — 
merkwürdigerweise — nur in einer Situation, nämlich, wenn 
infolge eines Lavements der Stuhlgang den After passierte. 
Dann fühlte er sich wieder wohl und sah die Welt für eine 
ganz kurze Weile klar. Mit der Deutung dieses „Schleiers" 
ging es ähnlich schwierig wie bei der Schmetterlingsangst. 
Auch hielt er nicht an dem Schleier fest, dieser verflüchtigte 
sich ihm weiter zu einem Gefühl von Dämmerung, „tenebres", 
und anderen ungreifbaren Dingen. 

Erst kurz vor dem Abschied von der Kur besann er sich, 

10 Freud, Schriften zur Neurosenlelire 



146 ^4«* der Geschichte 

er habe gehört, daß er in einer „Glückshaube" zur "Welt 
gekommen sei. Darum habe er sich immer für ein besonderes 
Glückskind gehalten, dem nichts Böses widerfahren könne. 
Erst dann verließ ihn diese Zuversicht, als er die gonor- 
rhoische Erkrankung als schwere Beschädigung an seinem 
Körper anerkennen mußte. Vor dieser Kränkung seines 
Narzißmus brach er zusammen. Wir werden sagen, er wieder- 
holte damit einen Mechanismus, der schon einmal bei ihm 
gespielt hatte. Auch seine Wolfsphobie brach aus, als er vor 
die Tatsache, daß eine Kastration möglich sei, gestellt wurde, 
und die Gonorrhöe reihte er offenbar der Kastration an. 

Die Glückshaube ist also der Schleier, der ihn vor der 
Welt und ihm die Welt verhüllte. Seine Klage ist eigentlich 
eine erfüllte Wunschphantasie, sie zeigt ihn wieder in den 
Mutterleib zurückgekehrt, allerdings die Wunschphantasie 
der Weltflucht. Sie ist zu übersetzen: Ich bin so unglücklich 
im Leben, ich muß wieder in den Mutterschoß zurück. 

Was soll es aber bedeuten, daß dieser symbolische, einmal 
real gewesene, Schleier in dem Moment der Stuhlentleerung 
nach dem Klysma zerreißt, daß seine Krankheit unter dieser 
Bedingung von ihm weicht? Der Zusammenhang gestattet 
uns zu antworten: Wenn der Geburtsschleier zerreißt, so 
erblickt er die Welt und wird wiedergeboren. Der Stuhlgang 
ist das Kind, als welches er zum zweitenmal zu einem glück- 
licheren Leben geboren wird. Das wäre also die Wieder- 
geburtsphantasie, auf die Jung kürzlich die Aufmerksam- 
keit gelenkt und der er eine so dominierende Stellung im 
Wunschleben der Neurotiker eingeräumt hat. 

Das wäre schön, wenn es vollständig wäre. Gewisse Einzel- 
heiten der Situation und die Rücksicht auf den erforder- 
lichen Zusammenhang mit der speziellen Lebensgeschichte 
nötigen uns, die Deutung weiter zu führen. Die Bedingung 
der Wiedergeburt ist, daß ihm ein Mann ein Klysma ver- 



einer infantilen Neurose X4 j 

abreicht (diesen Mann hat er erst später notgedrungen selbst 
ersetzt). Das kann nur heißen, er hat sich mit der Mutter 
identifiziert, der Mann spielt den Vater, das Klysma wieder- 
holt den Begattungsakt, als dessen Frucht das Kotkind — 
wiederum er — geboren wird. Die Wiedergeburtsphantasie 
ist also eng mit der Bedingung der sexuellen Befriedigung 
durch den Mann verknüpft. Die Übersetzung lautet jetzt 
also: Nur wenn er sich dem Weib substituieren, die Mutter 
ersetzen darf, um sich vom Vater befriedigen zu lassen und 
ihm ein Kind zu gebären, dann ist seine Krankheit von ihm 
gewichen. Die Wiedergeburtsphantasie war also hier nur 
eine verstümmelte, zensurierte Wiedergabe der homosexuellen 
Wunschphantasie. 

Sehen wir näher zu, so müssen wir eigentlich bemerken, 
daß der Kranke in dieser Bedingung seiner Heilung nur die 
Situation der sogenannten Urszene wiederholt: Damals wollte 
er sich der Mutter unterschieben; das Kotkind hat er, wie 
wir längst vorher angenommen hatten, in jener Szene selbst 
produziert. Er ist noch immer fixiert, wie gebannt, an die 
Szene, die für sein Sexualleben entscheidend wurde, deren 
Wiederkehr in jener Traumnacht sein Kranksein eröffnete. 
Das Zerreißen des Schleiers ist analog dem öffnen der 
Augen, dem Aufgehen der Fenster. Die Urszene ist zur Heil- 
bedingung umgebildet worden. 

Das, was durch die Klage, und was durch die Ausnahme 
dargestellt ist, kann man leicht zu einer Einheit zusammen- 
ziehen, die dann ihren ganzen Sinn offenbart. Er wünscht 
sich in den Mutterleib zurück, nicht um dann einfach 
wiedergeboren zu werden, sondern um dort beim Koitus vom 
Vater getroffen zu werden, von ihm die Befriedigung zu 
bekommen, ihm ein Kind zu gebären. 

Vom Vater geboren worden zu sein, wie er anfänglich 
gemeint hatte, von ihm sexuell befriedigt zu werden, ihm 



10" 






148 Aus der Geschichte 

ein Kind zu schenken, dies unter Preisgebung seiner Männ- 
lichkeit, und in der Sprache der Analerotik ausgedrückt: mit 
diesen Wünschen ist der Kreis der Fixierung an den Vater 
geschlossen, hiemit hat die Homosexualität ihren höchsten 
und intimsten Ausdruck gefunden. 82 

Ich meine, von diesem Beispiel her fällt auch ein Licht auf 
Sinn und Ursprung der Mutterleibs- wie der Wiedergeburts- 
phantasie. Die erstere ist häufig so wie in unserem Falle aus 
der Bindung an den Vater hervorgegangen. Man wünscht 
sich in den Leib der Mutter, um sich ihr beim Koitus zu 
substituieren, ihre Stelle beim Vater einzunehmen. Die 
Wiedergeburtsphantasie ist wahrscheinlich regelmäßig eine 
Milderung, sozusagen ein Euphemismus, für die Phantasie des 
inzestuösen Verkehrs mit der Mutter, eine anagogische 
Abkürzung derselben, um den Ausdruck von H. S i 1 b e r e r 
zu gebrauchen. Man wünscht sich in die Situation zurück, 
in der man sich in den Genitalien der Mutter befand, wobei 
sich der Mann mit seinem Penis identifiziert, durch ihn ver- 
treten läßt. Dann enthüllen sich die beiden Phantasien als 
Gegenstücke, die je nach der männlichen oder weiblichen 
Einstellung des Betreffenden dem Wunsch nach dem Sexual- 
verkehr mit dem Vater oder der Mutter Ausdruck geben. 
Es ist die Möglichkeit nicht abzuweisen, daß in der Klage 
und Heilbedingung unseres Patienten beide Phantasien, also 
auch beide Inzestwünsche, vereinigt sind. 

Ich will noch einmal den Versuch machen, die letzten 
Ergebnisse der Analyse nach dem gegnerischen Vorbild um- 
zudeuten: Der Patient beklagt seine Weltflucht in einer 



$2) Der mögliche Nebensinn, daß der Schleier das Hymen dar- 
stellt, welches beim Verkehr mit dem Manne zerreißt, trifft nicht 
genau mit der Heilbedingung zusammen und hat keine Beziehung 
zum Leben des Patienten, für den die Virginität keine Bedeutung 
hatte. 



einer infantilen Neurose 149 

typischen Mutterleibsphantasie, erblickt seine Heilung allein 
in einer typischgefaßten Wiedergeburt. Diese letztere drückt 
er in analen Symptomen entsprechend seiner vorwiegenden 
Veranlagung aus. Nach dem Vorbild der analen Wieder- 
geburtsphantasie hat er sich eine Kinderszene zurechtgemacht, 
die seine Wünsche in archaisch symbolischen Ausdrucks- 
mitteln wiederholt. Seine Symptome verketten sich dann, als 
ob sie von einer solchen Urszene ausgingen. Zu diesem 
ganzen Rückweg mußte er sich entschließen, weil er auf eine 
Lebensaufgabe stieß, für deren Lösung er zu faul war, oder 
weil er allen Grund hatte, seinen Minderwertigkeiten zu 
mißtrauen und sich durch solche Veranstaltungen am besten 
vor Zurücksetzung zu schützen meinte. 

Das wäre alles gut und schön, wenn der Unglückliche nur 
nicht schon mit vier Jahren einen Traum gehabt hätte, mit 
dem seine Neurose begann, der durch die Erzählung des 
Großvaters vom Schneider und vom Wolf angeregt wurde, 
und dessen Deutung die Annahme einer solchen Urszene 
notwendig macht. An diesen kleinlichen, aber unantastbaren 
Tatsachen scheitern leider die Erleichterungen, die uns die 
Theorien von Jung und Adler verschaffen wollen. Wie 
die Sachen liegen, scheint mir die Wiedergeburtsphantasie 
eher ein Abkömmling der Urszene, als umgekehrt die Urszene 
eine Spiegelung der Wiedergeburtsphantasie zu sein. Viel- 
leicht darf man auch annehmen, der Patient sei damals, vier 
Jahre nach seiner Geburt, doch zu jung gewesen, um sich 
bereits eine Wiedergeburt zu wünschen. Aber dieses letztere 
Argument muß ich doch zurückziehen; meine eigenen 
Beobachtungen beweisen, daß man die Kinder unterschätzt 
hat, und daß man nicht mehr weiß, was man ihnen zu- 
trauen darf. 58 

53) Ich gebe zu, daß diese Frage die heikelste der ganzen 
analytischen Lehre ist. Ich habe nicht der Mitteilungen von 



ijo 



Aus der Geschiebte 



I 



IX 

Zusammenfassungen und Probleme 

Ich weiß nicht, ob es dem Leser des vorstehenden 
Analysenberichtes gelungen ist, sich ein deutliches Bild von 
der Entstehung und Entwicklung des Krankseins bei meinem 
Patienten zu machen. Vielmehr ich fürchte, es ist nicht der 
Fall gewesen. Aber, so wenig ich sonst für die Kunst meiner 
Darstellung Partei genommen habe, diesmal möchte ich doch 
auf mildernde Umstände plaidieren. Es ist eine Aufgabe ge- 
wesen, die noch niemals zuvor in Angriff genommen wurde, 
in die Beschreibung so frühe Phasen und so tiefe Schichten 
des Seelenlebens einzuführen, und es ist besser, man löst sie 
schlecht, als man ergreift vor ihr die Flucht, was ja überdies 
mit gewissen Gefahren für den Verzagten verbunden sein 



Adler oder Jung bedurft, um mich mit der Möglichkeit 
kritisch zu beschäftigen, daß die von der Analyse behaupteten 
vergessenen Kindheitserlebnisse - in unwahrscheinlich früher 
Kindheit erlebt! - vielmehr auf Phantasien beruhen, die bei 
spaten Anlassen geschaffen werden, und daß man überall dort die 
Äußerung eines konstitutionellen Moments oder einer phylo- 
genetisch erhaltenen Disposition anzunehmen habe, wo man die 
Nachwirkung eines solchen infantilen Eindrucks in den Analysen 
zu finden glaubt. Im Gegenteile, kein Zweifel hat mich mehr in 
Anspruch genommen, keine andere Unsicherheit entschiedener von 
Publikationen zurückgehalten. Sowohl die Rolle der Phantasie für 
die Symptombildung als auch das „Zurückphantasieren" von 
spaten Anregungen her in die Kindheit und das nachträgliche 
Sexualisieren derselben habe ich als erster kennen gelernt, worauf 
keiner der Gegner hingewiesen hat. (Siehe „Traumdeutung" 
I. Auflage, S. 45,, [Bd. II der Ges. Schriften] und die „Bemerkun- 
gen über einen Fall von Zwangsneurose" 1908 [Freud, Ges 
Schriften, Bd. VIII, S. 315 ff.]) Wenn ich dennoch die schwierigere 
und unwahrscheinlichere Auffassung als die meinige festgehalten 
habe, so geschah es mit Argumenten, wie sie der hier beschriebene 
Fall oder jede andere infantile Neurose dem Untersucher auf- 
drängen und die ich jetzt neuerdings den Lesern zur Entscheidung 
vorlege. 



einer infantilen Neurose *5 l 

soll. Man zeigt also lieber kühnlich, daß man sich durch 
das Bewußtsein seiner Minderwertigkeit nicht hat abhalten 

lassen. 

Der Fall selbst war nicht besonders günstig. Was den Reich- 
tum der Auskünfte über die Kindheit ermöglichte, daß man 
das Kind durch das Medium des Erwachsenen studieren 
konnte, mußte mit den ärgsten Zerstücklungen der Analyse 
und den entsprechenden Unvollständigkeiten in der Dar- 
stellung erkauft werden. Persönliche Eigentümlichkeiten, ein 
dem unsrigen fremder Nationalcharakter, machten die Ein- 
fühlung mühsam. Der Abstand zwischen der liebenswürdig 
entgegenkommenden Persönlichkeit des Kranken, seiner 
scharfen Intelligenz, vornehmen Denkungsart und seinem 
völlig ungebändigten Triebleben machte eine überlange Vor- 
bereitungs- und Erziehungsarbeit notwendig, durch welche die 
Übersicht erschwert wurde. An dem Charakter des Falles, 
welcher der Beschreibung die härtesten Aufgaben stellte, ist 
der Patient selbst aber völlig unschuldig. "Wir haben es in der 
Psychologie des Erwachsenen glücklich dahin gebracht, die 
seelischen Vorgänge in bewußte und unbewußte zu scheiden 
und beide in klaren Worten zu beschreiben. Beim Kinde läßt 
diese Unterscheidung uns beinahe im Stiche. Man ist oft in 
Verlegenheit anzugeben, was man als bewußt und was man 
als unbewußt bezeichnen möchte. Vorgänge, die die herrschen- 
den geworden sind, und die nach ihrem späteren Verhalten 
den bewußten gleichgestellt werden müssen, sind beim Kinde 
dennoch nicht bewußt gewesen. Man kann leicht verstehen, 
warum; das Bewußte hat beim Kinde noch nicht alle seine 
Charaktere gewonnen, es ist noch in der Entwicklung be- 
griffen und besitzt nicht recht die Fähigkeit, sich in Sprach - 
Vorstellungen umzusetzen. Die Verwechslung, deren wir uns 
sonst regelmäßig schuldig machen, zwischen dem Phänomen, 
als Wahrnehmung im Bewußtsein aufzutreten, und der Zuge- 



152 



Aus der Geschichte 



hörigkeit zu einem angenommenen psychischen System, das 
wir irgendwie konventionell benennen sollten, das wir 
aber gleichfalls Bewußtsein (System Bw) heißen, diese 
Verwechslung ist harmlos bei der psychologischen Be- 
schreibung des Erwachsenen, aber irreführend für die des 
kleinen Kindes. Auch die Einführung des „Vorbewußten" 
nützt hier nicht viel, denn das Vorbewußte des Kindes braucht 
sich mit dem des Erwachsenen ebensowenig zu decken. Man 
begnügt sich also damit, die Dunkelheit klar erkannt zu 
haben. 

Es ist selbstverständlich, daß ein Fall wie der hier be- 
schriebene Anlaß geben könnte, alle Ergebnisse und Probleme 
der Psychoanalyse in Diskussion zu ziehen. Es wäre eine un- 
endliche und eine ungerechtfertigte Arbeit. Man muß sich 
sagen, daß man aus einem einzigen Fall nicht alles erfahren, 
an ihm nicht alles entscheiden kann, und sich darum be- 
gnügen, ihn für das zu verwerten, was er am deutlichsten 
zeigt. Die Erklärungsaufgabe in der Psychoanalyse ist über- 
haupt enge begrenzt. Zu erklären sind die auffälligen 
Symptombildungen durch Aufdeckung ihrer Genese; die psy- 
chischen Mechanismen und Triebvorgänge, zu denen man so 
geführt wird, sind nicht zu erklären, sondern zu beschreiben. 
Um aus den Feststellungen über diese beiden letzteren Punkte 
neue Allgemeinheiten zu gewinnen, sind zahlreiche solche gut 
una tl ef analysierte Fälle erforderlich. Sie sind nicht leicht zu 
haben, jeder einzelne verbraucht jahrelange Arbeit. Der Fort- 
schritt in diesen Gebieten kann sich also nur langsam voll- 
ziehen. Die Versuchung liegt freilich sehr nahe, sich damit zu 
begnügen, daß man bei einer Anzahl von Personen die psy- 
chische Oberfläche „ankratzt", und das Unterlassene dann 
durch Spekulation ersetzt, die man unter die Patronanz 
irgend einer philosophischen Richtung stellt. Man kann auch 
praktische Bedürfnisse zu Gunsten dieses Verfahrens Geltend 



einer infantilen Neurose 153 

machen, aber die Bedürfnisse der Wissenschaft lassen sich 
durch kein Surrogat befriedigen. 

Ich will versuchen, eine synthetische Übersicht der Sexual- 
entwicklung meines Patienten zu entwerfen, bei der ich mit 
den frühesten Anzeichen beginnen kann. Das erste, was wir 
über ihn hören, ist die Störung der Eßlust, die ich nach ande- 
ren Erfahrungen, aber doch mit aller Zurückhaltung, als den 
Erfolg eines Vorgangs auf sexuellem Gebiet auffassen will. 
Als die erste kenntliche Sexualorganisation habe ich die so- 
genannte k a n n i b a 1 e oder orale betrachten müssen, in 
welcher die ursprüngliche Anlehnung der Sexualerregung an 
den Eßtrieb noch die Szene beherrscht. Direkte Äußerungen 
dieser Phase werden nicht zu erwarten sein, wohl aber An- 
zeichen bei eingetretenen Störungen. Die Beeinträchtigung des 
Eßtriebs — die natürlich sonst auch andere Ursachen haben 
kann — macht uns dann aufmerksam, daß eine Bewältigung 
sexueller Erregung dem Organismus nicht gelungen ist. Das 
Sexualziel dieser Phase könnte nur der Kannibalismus, das 
Fressen sein; es kommt bei unserem Patienten durch Regres- 
sion von einer höheren Stufe her in der Angst zum Vorschein: 
vom "Wolf gefressen zu werden. Diese Angst mußten wir uns 
ja übersetzen: vom Vater koitiert zu werden. Es ist bekannt, 
daß es in weit vorgerückteren Jahren, bei Mädchen in den 
Zeiten der Pubertät oder bald nachher, eine Neurose gibt, 
welche die Sexualablehnung durch Anorexie ausdrückt; man 
wird sie in Beziehung zu dieser oralen Phase des Sexual- 
lebens bringen dürfen. Auf der Höhe des verliebten 
Paroxysmus („ich könnte dich fressen vor Liebe") und im 
zärtlichen Verkehr mit kleinen Kindern, wobei der Erwach- 
sene sich selbst wie infantil gebärdet, tritt das Liebesziel der 
oralen Organisation wieder auf. Ich habe an anderer Stelle 
die Vermutung ausgesprochen, daß der Vater unseres Patien- 
ten selbst das „zärtliche Schimpfen" gehabt, mit dem Kleinen 



154 



Aus der Geschichte 



Wolf oder Hund gespielt und ihn im Scherz mit dem Auf- 
fressen bedroht hat. (S. 67) Der Patient hat diese Ver- 
mutung durch sein auffälliges Benehmen in der Übertragung 
nur bestätigt. So oft er vor Schwierigkeiten der Kur auf die 
Übertragung zurückwich, drohte er mit dem Auffressen und 
später mit allen anderen möglichen Mißhandlungen, was alles 
nur Ausdruck von Zärtlichkeit war. • 

Der Sprachgebrauch hat gewisse Prägungen dieser oralen 
Sexualphase dauernd angenommen, er spricht von einem 
„appetitlichen" Liebesobjekt, nennt die Geliebte „süß". Wir 
erinnern uns, daß unser kleiner Patient auch nur Süßes essen 
wollte. Süßigkeiten, Bonbons vertreten im Traume regel- 
mäßig Liebkosungen, sexuelle Befriedigungen. 

Es scheint, daß zu dieser Phase auch eine Angst gehört (im 
Falle von Störung natürlich), die als Lebensangst auftritt und 
sich an alles heften kann, was dem Kinde als geeignet be- 
zeichnet wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu benützt, 
um ihn zur Überwindung seiner Eßunlust, ja zur Überkom- 
pensation derselben anzuleiten. Auf die mögliche Quelle seiner 
Eßstörung werden wir geleitet, wenn wir — auf dem Boden 
jener vielberedeten Annahme — daran erinnern, daß die 
Koitusbeobachtung, von welcher so viele nachträgliche Wir- 
kungen ausgingen, in das Alter von iK Jahren, sicherlich vor 
der Zeit der Eßschwierigkeiten fällt. Vielleicht dürfen wir 
annehmen, daß sie die Prozesse der Sexualreifung beschleunigt 
und so auch direkte, wenn auch unscheinbare Wirkungen ent- 
faltet hat. 

Ich weiß natürlich auch, daß man die Symptomatik dieser 
Periode, die Wolfsangst, die Eßstörung anders und einfacher 
erklären kann, ohne Rücksicht auf die Sexualität und eine 
prägenitale Organisationsstufe derselben. Wer die Zeichen 
der Neurotik und den Zusammenhang der Erscheinungen gern 
vernachlässigt, wird diese andere Erklärung vorziehen und 



einer infantilen Neurose 155 

ich werde ihn daran nicht hindern können. Es ist schwer, 
über diese Anfänge des Sexuallebens anders als auf den ange- 
zeigten Umwegen etwas Zwingendes zu eruieren. 

Die Szene mit der Gruscha (um zYi Jahre) zeigt uns un- 
seren Kleinen zu Beginn einer Entwicklung, welche die An- 
erkennung als normal verdient, vielleicht bis auf ihre Vor- 
zeitigkeit: Identifizierung mit dem Vater, Harnerotik in Ver- 
tretung der Männlichkeit. Sie steht ja auch ganz unter dem 
Einfluß der Urszene. Die Vateridentifizierung haben wir bis- 
her als eine narzißtische aufgefaßt, mit Rücksicht auf den 
Inhalt der Urszene können wir es nicht abweisen, daß sie 
bereits der Stufe der Genitalorganisation entspricht. Das 
männliche Genitale hat seine Rolle zu spielen begonnen und 
setzt sie unter dem Einfluß der Verführung durch die 
Schwester fort. 

Man bekommt aber den Eindruck, daß die Verführung 
nicht bloß die Entwicklung fördert, sondern sie noch in höhe- 
rem Grade stört und ablenkt. Sie gibt ein passives Sexualziel, 
welches mit der Aktion des männlichen Genitales im Grunde 
unverträglich ist. Beim ersten äußeren Hindernis, bei der 
Kastrationsandeutung der Nanja, bricht (mit 3K Jahren) die 
noch zaghafte genitale Organisation zusammen und regrediert 
auf die ihr vorhergehende Stufe der sadistisch-analen Organi- 
sation, welche vielleicht sonst mit ebenso leichten Anzeichen 
wie bei anderen Kindern durchlaufen worden wäre. 

Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fortbildung 
der oralen zu erkennen. Die gewaltsame Muskelbetätigung 
am Objekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle als vor- 
bereitender Akt für das Fressen, das dann als Sexualziel aus- 
fällt. Der vorbereitende Akt wird ein selbständiges Ziel. Die 
Neuheit gegen die vorige Stufe besteht wesentlich darin, daß 
das aufnehmende, passive Organ, von der Mundzone abge- 
sondert, an der Analzone ausgebildet wird. Biologische 



i 5 6 



Aus der Geschieht 



I 



Parallelen oder die Auffassung der prägenitalen menschlichen 
Organisationen als Reste von Einrichtungen, die in manchen 
Tierklassen dauernd festgehalten werden, liegen hier sehr 
nahe. Die Konstituierung des Forschertriebes aus seinen Kom- 
ponenten ist für diese Stufe gleichfalls charakteristisch. 

Die Analerotik macht sich nicht auffällig bemerkbar. Der 
Kot hat unter dem Einfluß des Sadismus seine zärtliche gegen 
seine offensive Bedeutung vertauscht. An der Verwandlung 
des Sadismus in Masochismus ist ein Schuldgefühl mitbeteiligt, 
welches auf Entwicklungsvorgänge in anderen als den sexu- 
ellen Sphären hinweist. 

Die Verführung setzt ihren Einfluß fort, indem sie die 
Passivität des Sexualziels aufrechthält. Sie verwandelt jetzt 
den Sadismus zu einem großen Teil in sein passives Gegen- 
stück, den Masochismus. Es ist fraglich, ob man den Cha- 
rakter der Passivität ganz auf ihre Rechnung setzen darf, 
denn die Reaktion des i ^jährigen Kindes auf die Koitus- 
beobachtung war bereits vorwiegend eine passive. Die sexuelle 
Miterregung äußerte sich in einer Stuhlentleerung, an der 
allerdings auch ein aktiver Anteil zu unterscheiden ist. Neben 
dem Masochismus, der seine Sexualstrebung beherrscht und 
sich in Phantasien äußert, bleibt auch der Sadismus bestehen 
und betätigt sich gegen kleine Tiere. Seine Sexualforschung 
hat von der Verführung an eingesetzt, wesentlich zwei Pro- 
bleme in Angriff genommen, woher die Kinder kommen, und 
ob ein Verlust des Genitales möglich ist, und verwebt sich 
mit den Äußerungen seiner Triebregungen. Sie lenkt seine 
sadistischen Neigungen auf die kleinen Tiere als Repräsentan- 
ten der kleinen Kinder. 

"Wir haben die Schilderung bis in die Nähe des vierten Ge- 
burtstages geführt, zu welchem Zeitpunkt der Traum die 
Koitusbeobachtung von i% Jahren zur nachträglichen Wir- 
kung bringt. Die Vorgänge, die sich nun abspielen, können 



einer infantilen Neurose 157 

wir weder vollständig erfassen, noch sie hinreichend beschrei- 
ben. Die Aktivierung des Bildes, das nun dank der vorge- 
schrittenen intellektuellen Entwicklung verstanden werden 
kann, wirkt wie ein frisches Ereignis, aber auch wie ein neues 
Trauma, ein fremder Eingriff analog der Verführung. Die 
abgebrochene genitale Organisation wird mit einem Schlage 
wieder eingesetzt, aber der im Traum vollzogene Fortschritt 
kann nicht festgehalten werden. Es kommt vielmehr durch 
einen Vorgang, den man nur einer Verdrängung gleichstellen 
kann, zur Ablehnung des Neuen und dessen Ersetzung durch 
eine Phobie. 

Die sadistisch-anale Organisation bleibt also auch in der 
jetzt einsetzenden Phase der Tierphobie fortbestehen, nur 
sind ihr die Angsterscheinungen beigemengt. Das Kind setzt 
die sadistischen wie die masochistischen Betätigungen fort, 
doch reagiert es mit' Angst gegen einen Teil derselben; die 
Verkehrung des Sadismus in sein Gegenteil macht wahrschein- 
lich weitere Fortschritte. 

Aus der Analyse des Angsttraumes entnehmen wir, daß 
die Verdrängung sich an die Erkenntnis der Kastration an- 
schließt. Das Neue wird verworfen, weil seine Annahme den 
Penis kosten würde. Eine sorgfältigere Überlegung läßt etwa 
Folgendes erkennen: Das Verdrängte ist die homosexuelle 
Einstellung im genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der 
Erkenntnis gebildet hatte. Sie bleibt nun aber fürs Unbewußte 
erhalten, als eine abgesperrte tiefere Schichtung konstituiert. 
Der Motor dieser Verdrängung scheint die narzißtische Männ- 
lichkeit des Genitales zu sein, die in einen längst vorbereiteten 
Konflikt mit der Passivität des homosexuellen Sexualzieles 
gerät. Die Verdrängung ist also ein Erfolg der Männlichkeit. 

Man käme in Versuchung, von hier aus ein Stück der 
psychoanalytischen Theorie abzuändern. Man glaubt doch 
mit Händen zu greifen, daß es der Konflikt zwischen mann- 



i 5 8 



Aus der Geschichte 



liehen und weiblichen Strebungen, also die Bisexualität, ist, 
aus der die Verdrängung und Neurosenbildung hervorgeht! 
Allein diese Auffassung ist lückenhaft. Von den beiden wider- 
streitenden Sexualregungen ist die eine ichgerecht, die andere 
beleidigt das narzißtische Interesse; sie verfällt darum der 
Verdrängung. Es ist auch in diesem Falle das Ich, von dem 
die Verdrängung ins Werk gesetzt wird, zu Gunsten einer der 
sexuellen Strebungen. In anderen Fällen existiert ein solcher 
Konflikt zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit nicht; es 
ist nur eine Sexualstrebung da, die Annahme heischt, aber 
gegen gewisse Mächte des Ichs verstößt und darum selbst ver- 
stoßen wird. Weit häufiger als Konflikte innerhalb der Sexua- 
lität selbst finden sich ja die anderen vor, die sich zwischen der 
Sexualität und den moralischen Ichtendenzen ergeben. Ein sol- 
cher moralischer Konflikt fehlt in unserem Falle. Die Betonung 
der Bisexualität als Motiv der Verdrängung wäre also zu enge; 
die des Konflikts zwischen Ich und Sexualstreben (Libido) 
deckt alle Vorkommnisse. 

Der Lehre vom „männlichen Protest", wie sie A d 1 e r aus- 
gebildet hat, ist entgegenzuhalten, daß die Verdrängung 
keineswegs immer die Partei der Männlichkeit nimmt und die 
Weiblichkeit betrifft; in ganzen großen Klassen von Fällen 
ist es die Männlichkeit, die sich vom Ich die Verdrängung 
gefallen lassen muß. 

Eine gerechtere Würdigung des Verdrängungsvorganges in 
unserem Falle würde übrigens der narzißtischen Männlichkeit 
die Bedeutung des einzigen Motivs bestreiten. Die homo- 
sexuelle Einstellung, die während des Traumes zustande 
kommt, ist eine so intensive, daß das Ich des kleinen 
Menschen an ihrer Bewältigung versagt und sich durch den 
Verdrängungsvorgang ihrer erwehrt. Als Helfer bei dieser 
Absicht wird die ihr gegensätzliche narzißtische Männlichkeit 
des Genitales herangezogen. Daß alle narzißtischen Regungen 



einer infantilen Neurose 159 

vom Ich aus wirken und beim Ich verbleiben, die Verdrän- 
gungen gegen libidinöse Objektbesetzungen gerichtet sind, soll 
nur zur Vermeidung von Mißverständnissen ausgesprochen 
werden. 

Wenden wir uns von dem Vorgang der Verdrängung, 
dessen restlose Bewältigung uns vielleicht nicht geglückt ist, 
zu dem Zustand, der sich beim Erwachen aus dem Traum er- 
gibt. Wäre es wirklich die Männlichkeit gewesen, die 
während des Traumvorganges über die Homosexualität 
(Weiblichkeit) gesiegt hat, so müßten wir nun eine aktive 
Sexualstrebung von bereits ausgesprochen männlichem Cha- 
rakter als die herrschende finden. Davon ist keine Rede, das 
Wesentliche der Sexualorganisation hat sich nicht geändert, 
die sadistisch-anale Phase setzt ihren Bestand fort, sie ist die 
herrschende geblieben. Der Sieg der Männlichkeit zeigt sich 
bloß darin, daß nun auf die passiven Sexualziele der herr- 
schenden Organisation (die masochistisch, aber nicht weiblich 
sind) mit Angst reagiert wird. Es ist keine sieghafte männ- 
liche Sexualregung vorhanden, sondern nur eine passive und 
ein Sträuben gegen dieselbe. 

Ich kann mir vorstellen, welche Schwierigkeiten die unge- 
wohnte, aber unerläßliche scharfe Scheidung von aktiv-männ- 
lich und passiv-weiblich dem Leser bereitet und will darum 
Wiederholungen nicht vermeiden. Den Zustand nach dem 
Traume kann man also in folgender Art beschreiben: Die 
Sexualstrebungen sind zerspalten worden, im Unbewußten ist 
die Stufe der genitalen Organisation erreicht und eine sehr 
intensive Homosexualität konstituiert, darüber besteht (vir- 
tuell im Bewußten) die frühere sadistische und überwiegend 
masochistische Sexualströmung, das Ich hat seine Stellung zur 
Sexualität im ganzen geändert, es befindet sich in Sexual- 
ablehnung und weist die herrschenden masochistischen Ziele 
mit Angst ab, wie es auf die tieferen homosexuellen mit der 



i6o 



Aus der Geschichte 



Bildung einer Phobie reagiert hat. Der Erfolg des Traumes 
war also nicht so sehr der Sieg einer männlichen Strömung, 
sondern die Reaktion gegen eine feminine und eine passive. 
Es wäre gewaltsam, dieser Reaktion den Charakter der Männ- 
lichkeit zuzuschreiben. Das Ich hat eben keine Sexualstrebun- 
gen, sondern nur das Interesse an seiner Selbstbewahrung und 
der Erhaltung seines Narzißmus. 

Fassen wir nun die Phobie ins Auge. Sie ist auf dem 
Niveau der genitalen Organisation entstanden, zeigt uns den 
relativ einfachen Mechanismus einer Angsthysterie. Das Ich 
schützt sich durch Angstentwicklung vor dem, was es als 
übermächtige Gefahr wertet, vor der homosexuellen Befrie- 
digung. Doch hinterläßt der Verdrängungsvorgang eine nicht 
zu übersehende Spur. Das Objekt, an das sich das gefürchtete 
Sexualziel geknüpft hat, muß sich vor dem Bewußtsein durch 
ein anderes vertreten lassen. Nicht die Angst vor dem 
Vater, sondern die vor dem Wolf wird bewußt. Es bleibt 
auch nicht bei der Bildung der Phobie mit dem einen Inhalt. 
Der Wolf ersetzt sich eine ganze Weile später durch den 
Löwen. Mit den sadistischen Regungen gegen die kleinen 
Tiere konkurriert eine Phobie vor ihnen als Vertreter der 
Nebenbuhler, der möglichen kleinen Kinder. Besonders inter- 
essant ist die Entstehung der Schmetterlingsphobie. Es ist wie 
eine Wiederholung des Mechanismus, der im Traum die 
Wolfsphobie erzeugt hat. Durch eine zufällige Anregung wird 
ein altes Erlebnis aktiviert, die Szene mit Gruscha, deren 
Kastrationsdrohung nachträglich zur Wirkung kommt, wäh- 
rend sie, als sie vorfiel, ohne Eindruck geblieben war. 54 

54) Die Gruschaszene war, wie erwähnt, eine spontane Erinne- 
rungsleistung des Patienten, an welcher eine Konstruktion oder 
Anregung des Arztes keinen Anteil hatte; die Lücke in ihr wurde 
von der Analyse in einer Weise ausgefüllt, die tadellos genannt 
werden muß, wenn man auf die Arbeitsweise der Analyse über- 
haupt Wert legt. Eine rationalistische Aufklärung dieser Phobie 



einer infantilen Neurose *£* 

Man kann sagen, die Angst, welche in die Bildung dieser 
Phobien eingeht, ist Kastrationsangst. Diese Aussage enthält 
keinen Widerspruch gegen die Auffassung, die Angst sei aus 
der Verdrängung homosexueller Libido hervorgegangen. In 
beiden Ausdrucksweisen meint man den nämlichen Vorgang, 
daß das Ich der homosexuellen Wunschregung Libido ent- 
zieht, welche in freischwebende Angst umgesetzt wird und 
sich dann in Phobien binden läßt. In der ersten Ausdrucks- 
weise hat man nur das Motiv, welches das Ich treibt, mit- 
bezeichnet. 

Bei näherem Zusehen rindet man nun, daß diese erste Er- 
krankung unseres Patienten (von der Eßstörung abzusehen) 
durch das Herausgreifen der Phobie nicht erschöpft wird, 
sondern als eine echte Hysterie verstanden werden muß, der 
neben Angstsymptomen auch Konversionserscheinungen zu- 
kommen. Ein Anteil der homosexuellen Regung wird in dem 
bei ihr beteiligten Organ festgehalten; der Darm benimmt 
sich von da an und ebenso in der Spätzeit wie ein hysterisch 

könnte nur sagen: Es sei nichts Ungewöhnliches, daß ein zur 
Ängstlichkeit disponiertes Kind auch einmal vor einem gelb- 
streifigen Schmetterling einen Angstanfall bekomme, wahrscheinlich 
infolge einer ererbten Angstneigung. (Vgl. Stanley Hall, 
A synthetic genetic study of fear. Amcr. J. of Psychology XXV, 
1914). In Unwissenheit dieser Ursache suche es nun nach einer 
Kindheitsanknüpfung für diese Angst und benütze den Zufall der 
Namensgleichheit und der Wiederkehr der Streifen, um sich die 
Phantasie eines Abenteuers mit dem noch erinnerten Kindermädchen 
zu konstruieren. Wenn aber die Nebensachen der an sich harm- 
losen Begebenheit, Aufwaschen," Kübel, Besen im späteren Leben 
die Macht zeigen, dauernd und zwanghaft die Objektwahl des 
Menschen zu bestimmen, so fällt der Schmetterlingsphobie eine 
unbegreifliche Bedeutung zu. Der Sachverhalt wird mindestens 
ebenso merkwürdig wie der von mir behauptete, und der Gewinn 
aus der rationalistischen Auffassung dieser Szenen ist zerronnen. 
Die Gruschaszcne wird uns also besonders wertvoll, da wir an 
ihr unser Urteil über die minder gesicherte Urszene vorbereiten 
können. 

11 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



1*2 



Ans der Geschiebte 



affiziertes Organ. Die unbewußte, verdrängte Homosexualität 
hat sich in den Darm zurückgezogen. Gerade dieses Stück 
Hysterie hat dann bei der Lösung des späteren Krankseins 
die besten Dienste geleistet. 

Nun soll es uns auch nicht am Mute mangeln, die noch 
komplizierteren Verhältnisse der Zwangsneurose in Angriff 
zu nehmen. Halten wir uns nochmals die Situation vor: eine 
herrschende masochistische und eine verdrängte homosexuelle 
Scxualströmung, dagegen ein in hysterischer Ablehnung be- 
fangenes Ich; welche Vorgänge wandeln diesen Zustand in 
den der Zwangsneurose um? 

Die Verwandlung geschieht nicht spontan, durch innere 
Fortentwicklung, sondern durch fremden Einfluß von außen. 
Ihr sichtbarer Erfolg ist, daß das im Vordergrund stehende 
Verhältnis zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie 
Ausdruck gefunden hatte, sich nun in Zwangsfrömmigkeit 
äußert. Ich kann es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, 
daß der Vorgang bei diesem Patienten eine unzweideutige 
Bestätigung einer Behauptung liefert, die ich in „Totem und 
Tabu" über das Verhältnis des Totemtieres zur Gottheit auf- 
gestellt habe» Ich entschied mich dort dafür, daß die 
Gottesvorstellung nicht eine Fortentwicklung des Totem sei, 
sondern sich unabhängig von ihm aus der gemeinsamen 
Wurzel beider zu seiner Ablösung erhebe. Der Totem sei 
der erste Vaterersatz, der Gott aber ein späterer, in dem der 
Vater seine menschliche Gestalt wiedergewinne. So finden 
wir es auch bei unserem Patienten. Er macht in der Wolfs- 
phobie das Stadium des totemistischen Vaterersatzes durch, 
welches nun abbricht und infolge neuer Relationen zwischen 
ihm und dem Vater durch eine Phase von religiöser Frömmig- 
keit ersetzt wird. 



55) Totem und Tabu, S. 137, 1913. [Enthalten in Bd. X. der 
Ges. Schriften.] 



einer infantilen Neurose 163 

Der Einfluß, welcher diese Wandlung hervorruft, ist die 
durch die Mutter vermittelte Bekanntschaft mit den Lehren 
der Religion und mit der heiligen Geschichte. Das Ergebnis 
wird das von der Erziehung gewünschte. Der sadistisch- 
masochistischen Sexualorganisation wird ein langsames Ende 
bereitet, die Wolfsphobie verschwindet rasch, an Stelle der 
Angstablehnung der Sexualität tritt eine höhere Form der 
Unterdrückung derselben. Die Frömmigkeit wird zur herr- 
schenden Macht im Leben des Kindes. Allein diese Über- 
windungen gehen nicht ohne Kämpfe vor sich, als deren 
Zeichen die blasphemischen Gedanken erscheinen, und als 
deren Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen 
Zeremoniells sich festsetzt. 

Wenn wir von diesen pathologischen Phänomenen absehen, 
können wir sagen, die Religion hat in diesem Falle alles das 
geleistet, wofür sie in der Erziehung des Individuums ein- 
gesetzt wird. Sie hat seine Sexualstrebungen gebändigt, indem 
sie ihnen eine Subiimierung und feste Verankerung bot, seine 
familiären Beziehungen entwertet und damit einer drohen- 
den Isolierung vorgebeugt, dadurch, daß sie ihm den An- 
schluß an die große Gemeinschaft der Menschen eröffnete. 
Das wilde, verängstigte Kind wurde sozial, gesittet und er- 
ziehbar. 

Der Hauptmotor des religiösen Einflusses war die Identi- 
fizierung mit der Christusgestalt, die ihm durch die Zufällig- 
keit seines Geburtsdatums besonders nahe gelegt war. Hier 
fand die übergroße Liebe zum Vater, welche die Verdrän- 
gung notwendig gemacht hatte, endlich einen Ausweg in eine 
ideale Subiimierung. Als Christus durfte man den Vater, der 
nun Gott hieß, mit einer Inbrunst lieben, die beim irdischen 
Vater vergeblich nach Entladung gesucht hatte. Die Wege, 
auf denen man diese Liebe bezeugen konnte, waren von der 
Religion angezeigt, an ihnen haftete auch nicht das Schuld- 
ig 



164 



Aus der Geschichte 



bewußtsein, das sich von den individuellen Liebesstrebungen 
nicht ablösen ließ. Wenn so die tiefste, bereits als unbewußte 
Homosexualität niedergeschlagene Sexualströmung noch 
drainiert werden konnte, so fand die oberflächlichere 
masochistische Strebung eine unvergleichliche Sublimierung 
ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte Christi, der sich 
im Auftrage und zu Ehren des göttlichen Vaters hatte miß- 
handeln und opfern lassen. So tat die Religion ihr Werk bei 
dem kleinen Entgleisten durch Mischung von Befriedigung, 
Sublimierung, Ablenkung vom Sinnlichen auf rein geistige 
Prozesse, und die Eröffnung sozialer Beziehungen, die sie 
dem Gläubigen bietet. 

Sein anfängliches Sträuben gegen die Religion hatte drei 
verschiedene Ausgangspunkte. Erstens war es überhaupt, wo- 
von wir schon Beispiele gesehen haben, seine Art, alle Neu- 
heiten abzuwehren. Er verteidigte jede einmal eingenommene 
Libidoposition in der Angst vor dem Verlust bei ihrem Auf- 
geben und im Mißtrauen gegen die Wahrscheinlichkeit eines 
vollen Ersatzes durch die neu zu beziehende. Es ist das eine 
wichtige und fundamentale psychologische Besonderheit, die 
ich in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie als Fähigkeit 
zur Fixierung aufgestellt habe. Jung hat sie unter 
dem Namen der psychischen „Trägheit" zur Hauptver- 
ursachung aller Mißerfolge der Neurotiker machen wollen. 
Ich glaube, mit Unrecht, sie reicht viel weiter hinaus und 
spielt auch im Leben nicht Nervöser ihre bedeutsame Rolle. 
Die Leichtbeweglichkeit oder Schwerflüssigkeit der libidi- 
nösen, und ebenso der andersartigen Energiebesetzungen ist 
ein besonderer Charakter, der vielen Normalen und nicht 
einmal allen Nervösen eignet, und der bisher noch nicht in 
Zusammenhang mit anderem gebracht ist, etwas wie eine 
Primzahl nicht weiter zerteilbares. Wir wissen nur das eine, 
daß die Eigenschaft der Beweglichkeit psychischer Be- 



einer infantilen Neurose 165 

Setzungen mit dem Lebensalter auffällig zurückgeht. Sie hat 
uns eine der Indikationen für die Grenzen der psychoanaly- 
tischen Beeinflussung geliefert. Es gibt aber Personen, bei 
denen diese psychische Plastizität weit über die gewöhnliche 
Altersgrenze hinaus bestehen bleibt, und andere, bei denen 
sie sehr frühzeitig verloren geht. Sind es Neurotiker, so 
macht man mit Unbehagen die Entdeckung, daß unter schein- 
bar gleichen Verhältnissen bei ihnen Veränderungen nicht 
rückgängig zu machen sind, die man bei anderen mit Leich- 
tigkeit bewältigt hat. Es ist also auch bei den Umsetzungen 
psychischer Vorgänge der Begriff einer Entropie in Be- 
tracht zu ziehen, deren Maß sich einer Rückbildung des 
Geschehenen widersetzt. 

Einen zweiten Angriffspunkt bot ihm die Tatsache, daß 
die Religionslehre selbst kein eindeutiges Verhältnis zu Gott- 
Vater zu ihrer Grundlage hat, sondern von den Anzeichen 
der ambivalenten Einstellung durchsetzt ist, welche über ihrer 
Entstehung gewaltet hat. Diese Ambivalenz spürte er mit der 
hochentwickelten eigenen heraus und knüpfte an sie jene 
scharfsinnige Kritik, welche uns von einem Kinde im fünften 
Lebensjahr so sehr "Wunder nehmen mußte. Am bedeutsamsten 
war aber gewiß ein drittes Moment, auf dessen Wirkung wir 
die pathologischen Ergebnisse seines Kampfes gegen die 
Religion zurückführen dürfen. Die zum Manne drängende 
Strömung, welche von der Religion sublimiert werden sollte, 
war ja nicht mehr frei, sondern zum Teil durch Verdrängung 
abgesondert und damit der Sublimierung entzogen, an ihr 
ursprüngliches sexuelles Ziel gebunden. Kraft dieses Zu- 
sammenhanges strebte der verdrängte Anteil sich den Weg 
zum sublimierten Anteil zu bahnen oder ihn zu sich herab- 
zuziehen. Die ersten Grübeleien, die die Person Christi um- 
spannen, enthielten bereits die Frage, ob dieser sublime Sohn 
auch das im Unbewußten festgehaltene sexuelle Verhältnis 



i66 



Aus der Geschichte 



rum Vater erfüllen könne. Die Abweisungen dieses Bestrebens 
hatten keinen anderen Erfolg, als scheinbar blasphemische 
Zwangsgedanken entstehen zu lassen, in denen sich die kör- 
perliche Zärtlichkeit für Gott in der Form seiner Erniedrigung 
durchsetzte. Ein heftiger Abwehrkampf gegen diese Kom- 
promißbildungcn mußte dann zur zwanghaften Übertreibung 
aller der Tätigkeiten führen, in denen die Frömmigkeit, die 
reine Liebe zu Gott, ihren vorgezeichneten Ausweg fand. 
Endlich hatte die Religion gesiegt, aber ihre triebhafte Fun- 
dierung erwies sich unvergleichlich stärker als die Haftbar- 
keit ihrer Sublimierungsprodukte. Sowie das Leben einen 
neuen Vaterersatz brachte, dessen Einfluß sich gegen die 
Religion richtete, wurde sie fallen gelassen und durch anderes 
ersetzt. Gedenken wir noch der interessanten Komplikation, 
daß die Frömmigkeit unter dem Einfluß von Frauen entstand 
(Mutter und Kinderfrau), während männlicher Einfluß die 
Befreiung von ihr ermöglichte. 

Die Entstehung der Zwangsneurose auf dem Boden der 
sadistisch-analen Sexualorganisation bestätigt im ganzen, 
was ich an anderer Stelle „über die Disposition zur Zwangs- 
neurose" 6e ausgeführt habe. Aber der vorherige Bestand einer 
starken Hysterie macht unseren Fall in dieser Hinsicht un- 
durchsichtiger. Ich will die Übersicht über die Sexualentwick- 
lung unseres Kranken beschließen, indem ich ein kurzes Streif- 
licht auf deren spätere Wandlungen werfe. Mit den Puber- 
tätsjahren trat bei ihm die normal zu nennende, stark sinn- 
liche, männliche Strömung mit dem Sexualziel der Genital- 
organisation auf, deren Schicksale die Zeit bis zu seiner Spät- 
erkrankung füllen. Sie knüpfte direkt an die Gruschaszene 
an, entlehnte von ihr den Charakter zwanghafter, anfalls- 
weise kommender und schwindender Verliebtheit und hatte 

$6) Internat. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I. Band, 
191 3. S. 525 ff. [Enthalten in diesem Band S. 5 ff.] 



einer infantilen Neurose i6y 

mit den Hemmungen zu kämpfen, die von den Resten der 
infantilen Neurosen ausgingen. Mit einem gewaltsamen Durch - 
bruch zum "Weib hatte er sich endlich die volle Männlichkeit 
erkämpft; dies Sexualobjekt wurde von nun an festgehalten, 
aber er wurde des Besitzes nicht froh, denn eine starke, nun 
völlig unbewußte Hinneigung zum Manne, die alle Kräfte der 
früheren Phasen in sich vereinigte, zog ihn immer wieder vom 
weiblichen Objekt ab und nötigte ihn, in den Zwischenzeiten 
die Abhängigkeit vom "Weib zu übertreiben. Er legte der Kur 
die Klage vor, daß er es beim Weibe nicht aushalten könne, 
und alle Arbeit richtete sich darauf, sein ihm unbewußtes 
Verhältnis zum Manne aufzudecken. Seine Kindheit war, um 
es formelhaft zusammenzufassen, durch das Schwanken zwi- 
schen Aktivität und Passivität ausgezeichnet gewesen, seine 
Pubertätszeit durch das Ringen um die Männlichkeit, und die 
Zeit von seiner Erkrankung an durch den Kampf um das 
Objekt der männlichen Strebung. Der Anlaß seiner Erkran- 
kung fällt nicht unter die „neurotischen Erkrankungstypen", 
die ich als Spezialfälle der „Versagung" zusammenfassen 
konnte, 57 und macht so auf eine Lücke in dieser Reihen- 
bildung aufmerksam. Er brach zusammen, als eine organische 
Affektion des Genitales seine Kastrationsangst aufleben 
machte, seinem Narzißmus Abbruch tat und ihn zwang, die 
Erwartung einer persönlichen Bevorzugung durch das Schick- 
sal aufzugeben. Er erkrankte also an einer narzißtischen 
„Versagung". Diese Überstärke seines Narzißmus stand in 
vollem Einklang mit den anderen Anzeichen einer gehemm- 
ten Sexualentwicklung, daß seine heterosexuelle Liebeswahl 
bei aller Energie so wenig psychische Strebungen in sich kon- 
zentrierte, und daß die homosexuelle Einstellung, die dem 

57) Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 6, 1912. [Über neu- 
rotische Erkrankungstypen. Enthalten in Bd. V der Ges. Schriften.] 









168 Aus der Geschichte 

Narzißmus um so vieles näher liegt, sich als unbewußte 
Macht bei ihm mit solcher Zähigkeit behauptet hatte. Natür- 
lich kann die psychoanalytische Kur bei solchen Störungen 
nicht einen momentanen Umschwung und eine Gleichstellung 
mit einer normalen Entwicklung herbeiführen, sondern nur 
die Hindernisse beseitigen und die Wege gangbar machen, 
damit die Einflüsse des Lebens die Entwicklung nach den 
besseren Richtungen durchsetzen können. 

Als Besonderheiten seines psychischen Wesens, die von der 
psychoanalytischen Kur aufgedeckt, aber nicht weiter auf- 
geklärt und dementsprechend auch nicht unmittelbar beein- 
flußt werden konnten, stelle ich zusammen: die bereits be- 
sprochene Zähigkeit der Fixierung, die außerordentliche Aus- 
bildung der Ambivalenzneigung, und als dritten Zug einer 
archaisch zu nennenden Konstitution die Fähigkeit, die ver- 
schiedenartigsten und widersprechendsten libidinösen Be- 
setzungen alle nebeneinander funktionsfähig zu erhalten. Das 
beständige Schwanken zwischen denselben, durch welches 
Erledigung und Fortschritt lange Zeit ausgeschlossen erschie- 
nen, beherrschte das Krankheitsbild der Spätzeit, das ich 
ja hier nur streifen konnte. Ohne allen Zweifel war dies ein 
Zug aus der Charakteristik des Unbewußten, der sich bei ihm 
in die bewußt gewordenen Vorgänge fortgesetzt hatte; aber 
er zeigte sich nur an den Ergebnissen affektiver Regungen, 
auf rein logischen Gebieten bewies er vielmehr ein besonderes 
Geschick in der Aufspürung von Widersprüchen und Unver- 
träglichkeiten. So empfing man von seinem Seelenleben einen 
Eindruck, wie ihn die altägyptische Religion macht, die da- 
durch für uns so unvorstellbar wird, daß sie die Entwick- 
lungsstufen neben den Endprodukten konserviert, die ältesten 
Götter und Gottesbedeutungen wie die jüngsten fortsetzt, in 
eine Fläche ausbreitet, was in anderen Entwicklungen zu 
einem Tief engebilde wird. 



einer infantilen Neurose 169 

Ich habe nun zu Ende gebracht, was ich über diesen 
Krankheitsfall mitteilen wollte. Nur noch zwei der zahl- 
reichen Probleme, die er anregt, scheinen mir einer beson- 
deren Hervorhebung würdig. Das erste betrifft die phylogene- 
tisch mitgebrachten Schemata, die wie philosophische „Kate- 
gorien" die Unterbringung der Lebenseindrücke besorgen. Ich 
möchte die Auffassung vertreten, sie seien Niederschläge der 
menschlichen Kulturgeschichte. Der Ödipuskomplex, der die 
Beziehung des Kindes zu den Eltern umfaßt, gehört zu ihnen, 
ist vielmehr das bestgekannte Beispiel dieser Art. Wo die 
Erlebnisse sich dem hereditären Schema nicht fügen, kommt 
es zu einer Umarbeitung derselben in der Phantasie, deren 
"Werk im einzelnen zu verfolgen gewiß nutzbringend wäre. 
Gerade diese Fälle sind geeignet, uns die selbständige Existenz 
des Schemas zu erweisen. Wir können oft bemerken, daß das 
Schema über das individuelle Erleben siegt, so wenn in 
unserem Falle der Vater zum Kastrator und Bedroher der 
kindlichen Sexualität wird, trotz eines sonst umgekehrten 
Ödipuskomplexes. Eine andere Wirkung ist es, wenn die 
Amme an die Stelle der Mutter tritt oder mit ihr ver- 
schmolzen wird. Die Widersprüche des Erlebens gegen das 
Schema scheinen den infantilen Konflikten reichlichen Stoff 
zuzuführen. 

Das zweite Problem liegt von diesem nicht fernab, es ist 
aber ungleich bedeutsamer. Wenn man das Verhalten des 
vierjährigen Kindes gegen die reaktivierte Urszene in Betracht 
zieht, 58 ja wenn man nur an die weit einfacheren Reaktionen 
des 1 J4 jährigen Kindes beim Erleben dieser Szene denkt, 

58) Ich darf davon absehen, daß dies Verhalten erst zwei De- 
zennien später in "Worte gefaßt werden konnte, denn alle Wir- 
kungen, die wir von der Szene ableiten, haben sich ja in Form 
von Symptomen, Zwängen usw. bereits in der Kindheit und lange 
vor der Analyse geäußert. Dabei ist es gleichgültig, ob man sie 
als Urszene oder als Urphantasie gelten lassen will. 









1 7° Aus der Geschichte 

kann man die Auffassung schwer von sich weisen, daß eine 
Art von schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie eine Vor- 
bereitung zum Verständnis, beim Kinde dabei mitwirkt. 69 
Worin dies bestehen mag, entzieht sich jeder Vorstellung; 
wir haben nur die eine ausgezeichnete Analogie mit dem 
weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur Ver- 
fügung. 

Gäbe es einen solchen instinktiven Besitz auch beim 
Menschen, so wäre es nicht zu verwundern, wenn er die Vor- 
gänge des Sexuallebens ganz besonders beträfe, wenngleich er 
auf sie keineswegs beschränkt sein kann. Dieses Instinktive 
wäre der Kern des Unbewußten, eine primitive Geistestätig- 
keit, die später durch die zu erwerbende Menschheitsvernunft 
entthront und überlagert wird, aber so oft, vielleicht bei allen, 
die Kraft behält, höhere seelische Vorgänge zu sich herabzu- 
ziehen. Die Verdrängung wäre die Rückkehr zu dieser instink- 
tiven Stufe, und der Mensch würde so mit seiner Fähigkeit 
zur Neurose seine große Neuerwerbung bezahlen und durch 
die Möglichkeit der Neurosen die Existenz der früheren 
instinktartigen Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung der frühen 
Kindheitstraumen läge aber darin, daß sie diesem Unbewuß- 
ten einen Stoff zuführen, der es gegen die Aufzehrung durch 
die nachfolgende Entwicklung schützt. 

Ich weiß, daß ähnliche Gedanken, die das hereditäre, phy- 
logenetisch erworbene Moment im Seelenleben betonen, von 
verschiedenen Seiten ausgesprochen worden sind, ja ich meine, 
daß man allzu bereit war, ihnen einen Platz in der psychoanalyti- 
schen Würdigung einzuräumen. Sie erscheinen mir erst zu- 
lässig, wenn die Psychoanalyse in Einhaltung des korrekten 
Instanze nzuges auf die Spuren des Ererbten gerät, nachdem 

59) Von neuem muß ich betonen, daß diese Überlegungen 
müßig wären, wenn Traum und Neurose nicht der Kindheitszeit 
selbst angehörten. 



einer infantilen Neurose 171 

sie durch die Schichtung des individuell Erworbenen hindurch- 
gedrungen ist. 80 



60) [Zusatz 1923:] Ich stelle hier nochmals die Chronologie der 
in dieser Geschichte erwähnten Begebenheiten zusammen: 

Geboren am Weihnachtstag. 

\Yi Jahre: Malaria. Beobachtung des Koitus der Eltern oder 
jenes Beisammenseins derselben, in das er später die Koitus- 
phantasie eintrug. 

Kurz vor 1% Jahren: Szene mit Gruscha. 

z x /i Jahre: Deckerinnerung an Abreise der Eltern mit Schwester. 
Sie zeigt ihn allein mit der Nanja und verleugnet so Gruscha und 
Schwester. 

Vor 3K Jahren: Klage der Mutter vor dem Arzt. 

3J4 Jahre: Beginn der Verführung durch die Schwester, bald 
darauf Kastrationsdrohung der Nanja. 

3^ Jahre: Die englische Gouvernante, Beginn der Charakter- 
veränderung. 

4 Jahre: Wolfstraum, Entstehung der Phobie. 

4^ Jahre: Einfluß der biblischen Geschichte. Auftreten der 
Zwangssymptome. 
Kurz vor 5 Jahren: Halluzination des Fingerverlustes. 

5 Jahre: Verlassen des ersten Gutes. 

Nach 6 Jahren: Besuch beim kranken Vater. 

8 Jahre: L etzte Ausbrüche der Zwangsneurose. 

10 Jahre: I 

Meine Darstellung hat es leicht gemacht zu erraten, daß der 
Patient Russe war. Ich entließ ihn nach meiner Schätzung als 
geheilt wenige Wochen vor dem unerwarteten Ausbruch des 
Weltkrieges und sah ihn erst wieder, als die Wcchselfälle des 
Krieges den Zentralmächten den Zugang nach Südrußland eröffnet 
hatten. Dann kam er nach Wien und berichtete von einem unmittel- 
bar nach Beendigung der Kur aufgetretenen Bestreben, sich vom 
Einfluß des Arztes loszureißen. In einigen Monaten Arbeit wurde 
nun ein noch nicht überwundenes Stück der Übertragung be- 
wältigt; seither hat Patient, dem der Krieg Heimat, Vermögen 
und alle Familienbeziehungen geraubt hatte, sich normal gefühlt 
und tadellos benommen. Vielleicht hat gerade sein Elend durch 
die Befriedigung seines Schuldgefühls zur Befestigung seiner Her- 
stellung beigetragen. 






GEDANKENASSOZIATION EINES 

VIERJÄHRIGEN RINDES 

(1920) 

Aus dem Brief einer amerikanischen Mutter: „Ich muß Dir 
erzählen, was die Kleine gestern gesagt hat. Ich kann mich 
noch gar nicht fassen darüber. Cousine Emily sprach davon, 
daß sie sich eine Wohnung nehmen wird. Da sagte das Kind: 
"Wenn Emily heiratet, wird sie ein Baby bekommen. Ich war 
sehr überrascht und fragte sie: Ja, woher weißt du denn das? 
Und sie darauf: Ja, wenn jemand heiratet, dann kommt immer 
ein Baby. Ich wiederholte: Aber wie kannst du das wissen? 
Und die Kleine: Oh, ich weiß noch sehr viel, ich weiß auch, 
daß die Bäume in der Erde wachsen (in the ground). Denke 
Dir die sonderbare Gedankenverbindung! Das ist ja gerade 
das, was ich ihr eines Tages zur Aufklärung sagen will. Und 
dann setzt sie noch fort: Ich weiß auch, daß der liebe Gott die 
Welt schafft (makes the world). Wenn sie solche Reden führt, 
kann ich mir's kaum glauben, daß sie noch nicht einmal vier 
Jahre alt ist." 

Es scheint, daß die Mutter den Übergang von der ersten 
Äußerung des Kindes zur zweiten selbst verstanden hat. Das 
Kind will sagen: Ich weiß, daß die Kinder in der Mutter 
wachsen, und drückt dies Wissen nicht direkt, sondern 
symbolisch aus, indem es die Mutter durch die Mutter Erde 
ersetzt. Wir haben bereits aus vielen unzweifelhaften Be- 
obachtungen erfahren, wie frühzeitig sich die Kinder der 
Symbole zu bedienen wissen. Aber auch die dritte Äußerung 



Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes 173 

der Kleinen verläßt den Zusammenhang nicht. Wir können 
nur annehmen, daß das Kind als ein weiteres Stück seines 
Wissens über die Herkunft der Kinder mitteilen wollte: Ich 
weiß auch, das ist alles das Werk des Vaters. Aber diesmal 
ersetzt sie den direkten Gedanken durch die dazugehörige 
Sublimierung, daß der liebe Gott die Welt schafft. 



ÜBER EINIGE NEUROTISCHE 
MECHANISMEN BEI EIFERSUCHT, 
PARANOIA UND HOMOSEXUALITÄT 

(1922) 
A 

Die Eifersucht gehört zu den Affektzuständen, die man 
ähnlich wie die Trauer als normal bezeichnen darf. Wo sie 
im Charakter und Benehmen eines Menschen zu fehlen 
scheint, ist der Schluß gerechtfertigt, daß sie einer starken 
Verdrängung erlegen ist und darum im unbewußten Seelen- 
leben eine um so größere Rolle spielt. Die Fälle von abnorm 
verstärkter Eifersucht, mit denen die Analyse zu tun be- 
kommt, erweisen sich als dreifach geschichtet. Die drei 
Schichten oder Stufen der Eifersucht verdienen die Namen 
1) der konkurrierenden oder normalen, 2) der pro- 
jizierten, 3) der wahnhaften. 

Über die normale Eifersucht ist analytisch wenig zu 
sagen. Es ist leicht zu sehen, daß sie sich wesentlich zu- 
sammensetzt aus der Trauer, dem Schmerz um das verloren- 
geglaubte Liebesobjekt, und der narzißtischen Kränkung, so- 



174 



Über einige neurotische Mechanismen 



weit sich diese vom anderen sondern läßt, ferner aus feind- 
seligen Gefühlen gegen den bevorzugten Rivalen und aus 
einem mehr oder minder großen Beitrag von Selbstkritik, die 
das eigene Ich für den Liebesverlust verantwortlich machen 
will. Diese Eifersucht ist, wenn wir sie auch normal heißen, 
keineswegs durchaus rationell, das heißt aus aktuellen Be- 
ziehungen entsprungen, den wirklichen Verhältnissen pro- 
portional und restlos vom bewußten Ich beherrscht, denn sie 
wurzelt tief im Unbewußten, setzt früheste Regungen der 
kindlichen Affektivität fort und stammt aus dem ödipus- 
oder aus dem Geschwisterkomplex der ersten Sexualperiode. 
Es ist immerhin bemerkenswert, daß sie von manchen 
Personen bisexuell erlebt wird, das heißt beim Manne wird 
außer dem Schmerz um das geliebte "Weib und dem Haß 
gegen den männlichen Rivalen auch Trauer um den unbewußt 
geliebten Mann und Haß gegen das Weib als Rivalin bei 
ihm zur Verstärkung wirksam. Ich weiß auch von einem 
Manne, der sehr arg unter seinen Eifersuchtsanfällen litt und 
die nach seinen Angaben ärgsten Qualen in der bewußten 
Versetzung in das ungetreue Weib durchmachte. Die Emp- 
findung der Hilflosigkeit, die er dann verspürte, die Bilder, 
die er für seinen Zustand fand, als ob er wie Prometheus dem 
Geierfraß preisgegeben oder gefesselt in ein Schlangennest 
geworfen worden wäre, bezog er selbst auf den Eindruck 
mehrerer homosexueller Angriffe, die er als Knabe erlebt 
hatte. 

Die Eifersucht der zweiten Schichte oder die p r o j i z i e r t e 
geht beim Manne wie beim Weibe aus der eigenen, im 
Leben betätigten Untreue oder aus Antrieben zur Untreue 
hervor, die der Verdrängung verfallen sind. Es ist eine 
alltägliche Erfahrung, daß die Treue, zumal die in der Ehe 
geforderte, nur gegen beständige Versuchungen aufrecht- 
erhalten werden kann. Wer dieselben in sich verleugnet, ver- 



bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität 175 

spürt deren Andrängen doch so stark, daß er gerne einen 
unbewußten Mechanismus zu seiner Erleichterung in An- 
spruch nimmt. Eine solche Erleichterung, ja einen Freispruch 
vor seinem Gewissen erreicht er, wenn er die eigenen Antriebe 
zur Untreue auf die andere Partei, welcher er die Treue 
schuldig ist, projiziert. Dieses starke Motiv kann sich dann 
des Wahrnehmungsmaterials bedienen, welches die gleich- 
artigen unbewußten Regungen des anderen Teiles verrät, und 
könnte sich durch die Überlegung rechtfertigen, daß der 
Partner oder die Partnerin wahrscheinlich auch nicht viel 
besser ist, als man selbst. 1 

Die gesellschaftlichen Sitten haben diesem allgemeinen 
Sachverhalt in kluger Weise Rechnung getragen, indem sie 
der Gefallsucht der verheirateten Frau und der Eroberungs- 
sucht des Ehemannes einen gewissen Spielraum gestatten in 
der Erwartung, die unabweisbare Neigung zur Untreue 
dadurch zu drainieren und unschädlich zu machen. Die 
Konvention setzt fest, daß beide Teile diese kleinen Schrittchen 
in der Richtung der Untreue einander nicht anzurechnen 
haben, und erreicht zumeist, daß die am fremden Objekt 
entzündete Begierde in einer gewissen Rückkehr zur Treue 
am eigenen Objekt befriedigt wird. Der Eifersüchtige will 
aber diese konventionelle Toleranz nicht anerkennen, er 
glaubt nicht, daß es ein Stillhalten oder Umkehren auf dem 
einmal betretenen Weg gibt, daß der gesellschaftliche „Flirt" 
auch eine Versicherung gegen wirkliche Untreue sein kann. 
In der Behandlung eines solchen Eifersüchtigen muß man es 
vermeiden, ihm das Material, auf das er sich stützt, zu be- 

1) Vergl. die Strophe im Liede der Desdemona: 

/ called bim thou false one, what answered he then? 
If 1 court more ivomen, you will couch with more men. 
(Ich nannt' ihn: Du Falscher. Was sagt er dazu? 
Schau ich nach den Mägdlein, nach den Büblein schielst du.) 



i/6 



Über einige neurotische Mechanismen 



streiten, man kann ihn nur zu einer anderen Einschätzung 
desselben bestimmen wollen. 

Die durch solche Projektion entstandene Eifersucht hat 
zwar fast wahnhaften Charakter, sie widersteht aber nicht 
der analytischen Arbeit, welche die unbewußten Phantasien 
der eigenen Untreue aufdeckt. Schlimmer ist es mit der Eifer- 
sucht der dritten Schicht, der eigentlich wahnhaften. 
Auch diese geht aus verdrängten Untreuestrebungen hervor, 
aber die Objekte dieser Phantasien sind gleichgeschlechtlicher 
Art. Die wahnhafte Eifersucht entspricht einer vergorenen 
Homosexualität und behauptet mit Recht ihren Platz unter 
den klassischen Formen der Paranoia. Als Versuch zur Ab- 
wehr einer überstarken homosexuellen Regung wäre sie (beim 
Manne) durch die Formel zu umschreiben: 

Ich liebe ihn ja nicht, s i e liebt ihn. 2 

In einem Falle von Eifersuchtswahn wird man darauf 
vorbereitet sein, die Eifersucht aus allen drei Schichten zu 
finden, niemals die aus der dritten allein. 



B 

Paranoia. Aus bekannten Gründen entziehen sich Fälle 
von Paranoia zumeist der analytischen Untersuchung. Indes 
konnte ich doch in letzter Zeit aus dem intensiven Studium 
zweier Paranoiker einiges, was mir neu war, entnehmen. 

Der erste Fall betraf einen jugendlichen Mann mit voll 
ausgebildeter Eifersuchtsparanoia, deren Objekt seine tadellos 
getreue Frau war. Eine stürmische Periode, in der ihn der 
Wahn ohne Unterbrechung beherrscht hatte, lag bereits hinter 
ihm. Als ich ihn sah, produzierte er nur noch gut gesonderte 

2) Vergl. die Ausführungen zum Falle Schreber: Psychoanalyti- 
sche Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall 
von Paranoia (Dementia paranoides) [enthalten in Band VIII der 
Ges. Schriften]. 



bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität 177 

Anfälle, die über mehrere Tage anhielten und interessanter- 
weise regelmäßig am Tage nach einem, übrigens für beide 
Teile befriedigenden, Sexualakt auftraten. Es ist der Schluß 
berechtigt, daß jedesmal nach der Sättigung der hetero- 
sexuellen Libido die mitgereizte homosexuelle Komponente 
sich ihren Ausdruck im Eifersuchtsanfall erzwang. 

Sein Material bezog der Anfall aus der Beobachtung der 
kleinsten Anzeichen, durch welche sich die völlig unbewußte 
Koketterie der Frau, einem anderen unmerklich, ihm verraten 
hatte. Bald hatte sie den Herrn, der neben ihr saß, unab- 
sichtlich mit ihrer Hand gestreift, bald ihr Gesicht zu sehr 
gegen ihn geneigt oder ein freundlicheres Lächeln aufgesetzt, 
als wenn sie mit ihrem Mann allein war. Für all diese 
Äußerungen ihres Unbewußten zeigte er eine außerordent- 
liche Aufmerksamkeit und verstand sie immer richtig zu 
deuten, so daß er eigentlich immer recht hatte und die 
Analyse noch zur Rechtfertigung seiner Eifersucht anrufen 
konnte. Eigentlich reduzierte sich seine Abnormität darauf, 
daß er das Unbewußte seiner Frau schärfer beobachtete und 
dann weit höher einschätzte, als einem anderen eingefallen 

wäre. 

Wir erinnern uns daran, daß auch die verfolgten Paranoiker 
sich ganz ähnlich benehmen. Auch sie anerkennen bei 
Anderen nichts Indifferentes und verwerten in ihrem „Be- 
ziehungswahn" die kleinsten Anzeichen, die ihnen diese 
Anderen, Fremden geben. Der Sinn ihres Beziehungswahnes 
ist nämlich, daß sie von allen Fremden etwas wie Liebe er- 
warten; diese Anderen zeigen ihnen aber nichts dergleichen, 
sie lachen vor sich hin, fuchteln mit ihren Stöcken oder 
spucken sogar auf den Boden, wenn sie vorbeigehen, und das 
tut man wirklich nicht, wenn man an der Person, die in der 
Nähe ist, irgendein freundliches Interesse nimmt. Man tut es 
nur dann, wenn einem diese Person ganz gleichgültig ist, 

12 Freud, Schriften zur Neuroscn'cr-re 



178 Über einige neurotische Mechanismen 

wenn man sie als Luft behandeln kann, und der Paranoiker 
hat bei der Grundverwandtschaft der Begriffe „fremd" und 
„feindlich" nicht so unrecht, wenn er solche Indifferenz im 
Verhältnis zu seiner Liebesforderung als Feindseligkeit 
empfindet. 

Es ahnt uns nun, daß wir das Verhalten des eifersüchtigen 
wie des verfolgten Paranoikers sehr ungenügend beschreiben, 
wenn wir sagen, sie projizieren nach außen auf Andere hin, 
was sie im eigenen Innern nicht wahrnehmen wollen. 

Gewiß tun sie das, aber sie projizieren sozusagen nicht ins 
Blaue hinaus, nicht dorthin, wo sich nichts Ähnliches findet, 
sondern sie lassen sich von ihrer Kenntnis des Unbewußten 
leiten und verschieben auf das Unbewußte der Anderen die 
Aufmerksamkeit, die sie dem eigenen Unbewußten entziehen. 
Unser Eifersüchtiger erkennt die Untreue seiner Frau an Stelle 
seiner eigenen; indem er die seiner Frau sich in riesiger Ver- 
größerung bewußt macht, gelingt es ihm, die eigene unbewußt 
zu erhalten. Wenn wir sein Beispiel für maßgebend erachten, 
dürfen wir schließen, daß auch die Feindseligkeit, die der 
Verfolgte bei Anderen findet, der Widerschein der eigenen 
feindseligen Gefühle gegen diese Anderen ist. Da wir wissen, 
daß beim Paranoiker gerade die geliebteste Person des gleichen 
Geschlechtes zum Verfolger wird, entsteht die Frage, woher 
diese Affektumkehrung rührt, und die naheliegende Antwort 
wäre, daß die stets vorhandene Gefühlsambivalenz die Grund- 
lage für den Haß abgibt und die Nichterfüllung der Liebes- 
ansprüche ihn verstärkt. So leistet die Gefühlsambivalenz dem 
Verfolgten denselben Dienst zur Abwehr der Homosexualität 
wie unserem Patienten die Eifersucht. 

Die Träume meines Eifersüchtigen bereiteten mir eine große 
Überraschung. Sie zeigten sich zwar nicht gleichzeitig mit 
dem Ausbruch des Anfalls, aber doch noch unter der Herr- 
schaft des Wahns, waren vollkommen wahnfrei und ließen 



bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität 179 

die zugrundeliegenden homosexuellen Regungen in nicht 
stärkerer Verkleidung als sonst gewöhnlich erkennen. Bei 
meiner geringen Erfahrung über die Träume von Paranoikern 
lag es mir damals nahe, allgemein anzunehmen, die Paranoia 
dringe nicht in den Traum. 

Der Zustand der Homosexualität war bei diesem Patienten 
leicht zu überblicken. Er hatte keine Freundschaft und keine 
sozialen Interessen gebildet; man mußte den Eindruck be- 
kommen, als ob erst der Wahn die weitere Entwicklung seiner 
Beziehungen zum Manne übernommen hätte, wie um ein 
Stück des Versäumten nachzuholen. Die geringe Bedeutung 
des Vaters in seiner Familie und ein beschämendes homo- 
sexuelles Trauma in frühen Knabenjahren hatten zusammen- 
gewirkt, um seine Homosexualität in die Verdrängung zu 
treiben und ihr den Weg zur Sublimierung zu verlegen. Seine 
ganze Jugendzeit war von einer starken Mutterbindung be- 
herrscht. Unter vielen Söhnen war er der erklärte Liebling 
der Mutter und entwickelte auf sie bezüglich eine starke 
Eifersucht von normalem Typus. Als er später eine Ehewahl 
traf, wesentlich unter der Herrschaft des Motivs, die Mutter 
reich zu machen, äußerte sich sein Bedürfnis nach einer 
virginalen Mutter in zwanghaften Zweifeln an der Virginität 
seiner Braut. Die ersten Jahre seiner Ehe waren von Eifer- 
sucht frei. Er wurde dann seiner Frau untreu und ging ein 
langdauerndes Verhältnis mit einer anderen ein. Erst als er 
diese Liebesbeziehung, durch einen bestimmten Verdacht 
geschreckt, aufgegeben hatte, brach bei ihm eine Eifersucht 
vom zweiten, vom Projektionstypus, los, mit welcher er die 
Vorwürfe wegen seiner Untreue beschwichtigen konnte. Sie 
komplizierte sich bald durch das Hinzutreten der homo- 
sexuellen Regungen, deren Objekt der Schwiegervater war, 
zur vollen Eifersuchtsparanoia. 

Mein zweiter Fall wäre wahrscheinlich ohne Analyse nicht 

12" 



iSo 



Über einige neurotische Mechanismen 



als Paranoia persecutoria klassifiziert worden, aber ich mußte 
den jungen Mann als einen Kandidaten für diesen Krankheits- 
ausgang auffassen. Es bestand bei ihm eine Ambivalenz im 
Verhältnis zum Vater von ganz außerordentlicher Spannweite. 
Er war einerseits der ausgesprochenste Rebell, der sich manifest 
in allen Stücken von den Wünschen und Idealen des Vaters 
weg entwickelt hatte, anderseits in tieferer Schicht noch 
immer der unterwürfigste Sohn, der nach dem Tode des 
Vaters sich in zärtlichem Schuldbewußtsein den Genuß des 
Weibes versagte. Seine realen Beziehungen zu Männern 
standen offenbar unter dem Zeichen des Mißtrauens; mit 
seinem starken Intellekte wußte er diese Einstellung zu 
rationalisieren und verstand es so einzurichten, daß er von 
Bekannten und Freunden betrogen und ausgebeutet wurde. 
Was ich Neues an ihm lernte, war, daß klassische Verfolgungs- 
gedanken vorhanden sein können, ohne Glauben und Anwert 
zu finden. Sie blitzten während seiner Analyse gelegentlich 
auf, aber er legte ihnen keine Bedeutung bei und bespöttelte 
sie regelmäßig. Dies mag in vielen Fällen von Paranoia ähn- 
lich vorkommen, und wenn eine solche Erkrankung losbricht, 
halten wir vielleicht die geäußerten Wahnideen für Neu- 
produktionen, während sie längst bestanden haben mögen. 

Es scheint mir eine wichtige Einsicht, daß ein qualitatives 
Moment, das Vorhandensein gewisser neurotischer Bildungen, 
praktisch weniger bedeutet als das quantitative Moment, 
welchen Grad von Aufmerksamkeit, richtiger, welches Maß 
von Besetzung diese Gebilde an sich ziehen können. Die Er- 
örterung unseres ersten Falles, der Eifersuchtsparanoia, hatte 
uns zur gleichen Wertschätzung des quantitativen Moments 
aufgefordert, indem sie uns zeigte, daß dort die Abnormität 
wesentlich in der Überbesetzung der Deutungen des fremden 
Unbewußten bestand. Aus der Analyse der Hysterie kennen 
wir längst eine analoge Tatsache. Die pathogenen Phantasien, 



bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität 181 

Abkömmlinge verdrängter Triebregungen, werden lange Zeit 
neben dem normalen Seelenleben geduldet und wirken nicht 
eher pathogen, als bis sie aus einem Umschwung der Libido- 
ökonomie eine Überbesetzung erhalten; erst dann bricht der 
Konflikt los, der zur Symptombildung führt. Wir werden so 
im Fortschritt unserer Erkenntnis immer mehr dazu gedrängt, 
den ökonomischen Gesichtspunkt in den Vordergrund 
zu rücken. Ich möchte auch die Frage aufwerfen, ob das hier 
betonte quantitative Moment nicht hinreicht, um die 
Phänomene zu decken, für die Bleuler und andere neuer- 
dings den Begriff der „Schaltung" einführen wollen. Man 
müßte nur annehmen, daß eine "Widerstandssteigerung in einer 
Richtung des psychischen Ablaufes eine Überbesetzung eines 
anderen Weges und damit die Einschaltung desselben in den 
Ablauf zur Folge hat. 

Ein lehrreicher Gegensatz zeigte sich bei meinen zwei 
Fällen von Paranoia im Verhalten der Träume. Während 
im ersten Fall die Träume, wie erwähnt, wahnfrei waren, 
produzierte der andere Patient in großer Zahl Verfolgungs- 
träume, die man als Vorläufer oder Ersatzbildungen für die 
Wahnideen gleichen Inhalts ansehen kann. Das Verfolgende, 
dem er sich nur mit großer Angst entziehen konnte, war in 
der Regel ein starker Stier oder ein anderes Symbol der 
Männlichkeit, das er manchmal noch im Traum selbst als 
Vatervertretung erkannte. Einmal berichtete er einen sehr 
charakteristischen paranoischen Übertragungstraum. Er sah, 
daß ich mich in seiner Gegenwart rasierte, und merkte am 
Gerüche, daß ich dabei dieselbe Seife wie sein Vater ge- 
brauchte. Das tat ich, um ihn zur Vaterübertragung auf meine 
Person zu nötigen. In der Wahl der geträumten Situation 
erwies sich unverkennbar die Geringschätzung des Patienten 
für seine paranoischen Phantasien und sein Unglaube gegen 
sie, denn der tägliche Augenschein konnte ihn belehren, daß 






182 Über einige neurotische Mechanismen 

ich überhaupt nicht in die Lage komme, mich einer Rasier- 
seife zu bedienen und also in diesem Punkte der Vaterüber- 
tragung keinen Anhalt biete. 

Der Vergleich der Träume bei unseren beiden Patienten 
belehrt uns aber, daß unsere Fragestellung, ob die Paranoia 
(oder eine andere Psychoneurose) auch in den Traum dringen 
könne, nur auf einer unrichtigen Auffassung des Traumes 
beruht. Der Traum unterscheidet sich vom Wach denken 
darin, daß er Inhalte (aus dem Bereich des Verdrängten) auf- 
nehmen kann, die im Wachdenken nicht vorkommen dürfen. 
Davon abgesehen ist er nur eine Form des Denkens, 
eine Umformung des vorbewußten Denkstoffes durch die 
Traumarbeit und ihre Bedingungen. Auf das Verdrängte ist 
unsere Terminologie der Neurosen nicht anwendbar, es kann 
weder hysterisch, noch zwangsneurotisch, noch paranoisch 
genannt werden. Dagegen kann der andere Anteil des Stoffes, 
welcher der Traumbildung unterliegt, die vorbewußten Ge- 
danken, normal sein oder den Charakter irgendeiner 
Neurose an sich tragen. Die vorbewußten Gedanken mögen 
Ergebnisse all jener pathogenen Prozesse sein, in denen wir 
das Wesen einer Neurose erkennen. Es ist nicht einzusehen, 
warum nicht jede solche krankhafte Idee die Umformung in 
einen Traum erfahren sollte. Ein Traum kann also ohne 
weiteres einer hysterischen Phantasie, einer Zwangsvorstellung, 
einer Wahnidee entsprechen, das heißt bei seiner Deutung 
eine solche ergeben. In unserer Beobachtung an zwei 
Paranoikern finden wir, daß der Traum des einen normal ist, 
während sich der Mann im Anfall befindet, und daß der des 
anderen einen paranoischen Inhalt hat, während der Mann 
noch über seine Wahnideen spottet. Der Traum hat also in 
beiden Fällen aufgenommen, was im Wachleben derzeit zu- 
rückgedrängt war. Aber auch das braucht nicht die Regel 
zu sein. 






bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität 183 






Homosexualität: Die Anerkennung des organischen 
Faktors der Homosexualität überhebt uns nicht der Ver- 
pflichtung, die psychischen Vorgänge bei ihrer Entstehung 
zu studieren. Der typische, bereits bei einer Unzahl von 
Fällen festgestellte Vorgang besteht darin, daß der bis dahin 
intensiv an die Mutter fixierte junge Mann einige Jahre 
nach abgelaufener Pubertät eine Wendung vornimmt, sich 
selbst mit der Mutter identifiziert und nach Liebesobjekten 
ausschaut, in denen er sich selbst wiederfinden kann, die er 
dann lieben möchte, wie die Mutter ihn geliebt hat. Als Merk- 
zeichen dieses Prozesses stellt sich gewöhnlich für viele Jahre 
die Liebesbedingung her, daß die männlichen Objekte das 
Alter haben müssen, in dem bei ihm die Umwandlung erfolgt 
ist. Wir haben verschiedene Faktoren kennen gelernt, die 
wahrscheinlich in wechselnder Stärke zu diesem Ergebnis bei- 
tragen. Zunächst die Mutterfixierung, die den Übergang zu 
einem anderen Weibobjekt erschwert. Die Identifizierung mit 
der Mutter ist ein Ausgang dieser Objektbindung und er- 
möglicht es gleichzeitig, diesem ersten Objekt in gewissem 
Sinne treu zu bleiben. Sodann die Neigung zur narzißtischen 
Objektwahl, die im allgemeinen näher liegt und leichter 
auszuführen ist als die Wendung zum anderen Geschlecht. 
Hinter diesem Moment verbirgt sich ein anderes von ganz 
besonderer Stärke oder es fällt vielleicht mit ihm zusammen: 
die Hochschätzung des männlichen Organs und die Unfähig- 
keit, auf dessen Vorhandensein beim Liebesobjekt zu ver- 
zichten. Die Geringschätzung des Weibes, die Abneigung 
gegen dasselbe, ja der Abscheu vor ihm, leiten sich in der 
Regel von der früh gemachten Entdeckung ab, daß das Weib 
keinen Penis besitzt. Später haben wir noch als mächtiges 
Motiv für die homosexuelle Objektwahl die Rücksicht auf 



i8 4 



Über einige neurotische Mechanismen 



den Vater oder die Angst vor ihm kennen gelernt, da der 
Verzicht auf das Weib die Bedeutung hat, daß man der 
Konkurrenz mit ihm (oder allen männlichen Personen, die 
für ihn eintreten) ausweicht. Die beiden letzten Motive, das 
Festhalten an der Penisbedingung sowie das Ausweichen, 
können dem Kastrationskomplex zugezählt werden. Mutter- 
bindung — Narzißmus — Kastrationsangst, diese übrigens 
in keiner Weise spezifischen Momente hatten wir bisher in 
der psychischen Ätiologie der Homosexualität aufgefunden, 
und zu ihnen gesellten sich noch der Einfluß dei Verführung, 
welche eine frühzeitige Fixierung der Libido verschuldet, 
sowie der des organischen Faktors, der die passive Rolle im 
Liebesleben begünstigt. 

Wir haben aber niemals geglaubt, daß diese Analyse der 
Entstehung der Homosexualität vollständig ist. Ich kann 
heute auf einen neuen Mechanismus hinweisen, der zur homo- 
sexuellen Objektwahl führt, wenngleich ich nicht angeben 
kann, wie groß seine Rolle bei der Gestaltung der extremen, 
der manifesten und ausschließlichen Homosexualität anzu- 
schlagen ist. Die Beobachtung machte mich auf mehrere Fälle 
aufmerksam, bei denen in früher Kindheit besonders starke 
eifersüchtige Regungen aus dem Mutterkomplex gegen 
Rivalen, meist ältere Brüder, aufgetreten waren. Diese Eifer- 
sucht führte zu intensiv feindseligen und aggressiven Ein- 
stellungen gegen die Geschwister, die sich bis zum Todes- 
wunsch steigern konnten, aber der Entwicklung nicht stand- 
hielten. Unter den Einflüssen der Erziehung, gewiß auch in- 
folge der anhaltenden Ohnmacht dieser Regungen, kam es 
zur Verdrängung derselben und zu einer Gefühlsumwandlung, 
so daß die früheren Rivalen nun die ersten homosexuellen 
Liebesobjekte wurden. Ein solcher Ausgang der Mutterbindung 
zeigt mehrfache interessante Beziehungen zu anderen uns be- 
kannten Prozessen. Er ist zunächst das volle Gegenstück zur 



bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität 185 

Entwicklung der Paranoia persecutoria, bei welcher die 
zuerst geliebten Personen zu den gehaßten Verfolgern werden, 
während hier die gehaßten Rivalen sich in Liebesobjekte um- 
wandeln. Er stellt sich ferner als eine Übertreibung des Vor- 
ganges dar, welcher nach meiner Anschauung zur in- 
dividuellen Genese der sozialen Triebe führt. 3 Hier wie dort 
sind zunächst eifersüchtige und feindselige Regungen vorhan- 
den, die es nicht zur Befriedigung bringen können, und die 
zärtlichen wie die sozialen Identifizierungsgefühle entstehen als 
Reaktionsbildungen gegen die verdrängten Aggressionsimpulse. 

Dieser neue Mechanismus der homosexuellen Objektwahl, 
die Entstehung aus überwundener Rivalität und verdrängter 
Aggressionsneigung, mengt sich in manchen Fällen den uns 
bekannten typischen Bedingungen bei. Man erfährt nicht 
selten aus der Lebensgeschichte Homosexueller, daß ihre 
Wendung eintrat, nachdem die Mutter einen anderen Knaben 
gelobt und als Vorbild angepriesen hatte. Dadurch wurde 
die Tendenz zur narzißtischen Objektwahl gereizt, und nach 
einer kurzen Phase scharfer Eifersucht war der Rivale zum 
Liebesobjekt geworden. Sonst aber sondert sich der neue 
Mechanismus dadurch ab, daß bei ihm die Umwandlung in 
viel früheren Jahren vor sich geht und die Mutteridentifi- 
zierung in den Hintergrund tritt. Auch führte er in den 
von mir beobachteten Fällen nur zu homosexuellen Einstellun- 
gen, welche die Heterosexualität nicht ausschlössen und 
keinen horror feminae mit sich brachten. 

Es ist bekannt, daß eine ziemliche Anzahl homosexueller 
Personen sich durch besondere Entwicklung der sozialen 
Triebregungen und durch Hingabe an gemeinnützige Inter- 
essen auszeichnet. Man wäre versucht, dafür die theoretische 
Erklärung zu geben, daß ein Mann, der in anderen Männern 

3) Siehe Massenpsychologie und Ich- Analyse, 1921. [Band VI 
der Ges. Schriften.] 






i86 



Eifersucht, Paranoia und Homosexualität 




mögliche Liebesobjekte sieht, sich gegen die Gemeinschaft 
der Männer anders benehmen muß, als ein anderer, der 
genötigt ist, im Mann zunächst den Rivalen beim Weibe zu 
erblicken. Dem steht nur die Erwägung entgegen, daß es 
auch bei homosexueller Liebe Eifersucht und Rivalität gibt, 
und daß die Gemeinschaft der Männer auch diese möglichen 
Rivalen umschließt. Aber auch, wenn man von dieser 
spekulativen Begründung absieht, kann die Tatsache für den 
Zusammenhang von Homosexualität und sozialem Empfinden 
nicht gleichgültig sein, daß die homosexuelle Objektwahl nicht 
selten aus frühzeitiger Überwindung der Rivalität mit dem 
Manne hervorgeht. 

In der psychoanalytischen Betrachtung sind wir gewöhnt, 
die sozialen Gefühle als Sublimierungen homosexueller Objekt- 
einstellungen aufzufassen. Bei den sozial gesinnten Homo- 
sexuellen wäre die Ablösung der sozialen Gefühle von der 
Objektwahl nicht voll geglückt. 



NEUROSE UND PSYCHOSE 






(1924) 

In meiner kürzlich erschienenen Schrift „Das Ich und das 
Es" habe ich eine Gliederung des seelischen Apparates ange- 
geben, auf deren Grund sich eine Reihe von Beziehungen 
in einfacher und übersichtlicher Weise darstellen läßt. In 
anderen Punkten, zum Beispiel was die Herkunft und Rolle 
des Über-Ichs betrifft, bleibt genug des Dunkeln und Un- 
erledigten. Man darf nun fordern, daß eine solche Auf- 
stellung sich auch für andere Dinge als brauchbar und förder- 
lich erweise, wäre es auch nur, um bereits Bekanntes in neuer 
Auffassung zu sehen, es anders zu gruppieren und über- 



Neurose und Psychose 187 

zeugender zu beschreiben. Mit solcher Anwendung könnte 
auch eine vorteilhafte Rückkehr von der grauen Theorie zur 
ewig grünenden Erfahrung verbunden sein. 

Am genannten Orte sind die vielfältigen Abhängigkeiten 
des Ichs geschildert, seine Mittelstellung zwischen Außenwelt 
und Es und sein Bestreben, all seinen Herren gleichzeitig zu 
Willen zu sein. Im Zusammenhange eines von anderer Seite 
angeregten Gedankenganges, der sich mit der Entstehung und 
Verhütung der Psychosen beschäftigte, ergab sich mir nun 
eine einfache Formel, welche die vielleicht wichtigste gene- 
tische Differenz zwischen Neurose und Psychose behandelt: 
die Neurose sei der Erfolg eines Konflikts 
zwischen dem Ich und seinem Es, die Psy- 
chose aber der analoge Ausgang einer solchen Störung 
in den Beziehungen zwischen Ich und 
Außenwelt. 

Es ist sicherlich eine berechtigte Mahnung, daß man gegen 
so einfache Problemlösungen mißtrauisch sein soll. Auch 
wird unsere äußerste Erwartung nicht weiter gehen, als daß 
diese Formel sich im Gröbsten als richtig erweise. Aber auch 
das wäre schon etwas. Man besinnt sich auch sofort an eine 
ganze Reihe von Einsichten und Funden, welche unseren Satz 
zu bekräftigen scheinen. Die Übertragungsneurosen entstehen 
nach dem Ergebnis aller unserer Analysen dadurch, daß das 
Ich eine im Es mächtige Triebregung nicht aufnehmen und 
nicht zur motorischen Erledigung befördern will, oder ihr 
das Objekt bestreitet, auf das sie zielt. Das Ich erwehrt sich 
ihrer dann durch den Mechanismus der Verdrängung; das 
Verdrängte sträubt sich gegen dieses Schicksal, schafft sich 
auf Wegen, über die das Ich keine Macht hat, eine Ersatz- 
vertretung, die sich dem Ich auf dem Wege des Kompromisses 
aufdrängt, das Symptom; das Ich findet seine Einheitlich- 
keit durch diesen Eindringling bedroht und geschädigt, setzt 



188 Neurose und Psychose 



den Kampf gegen das Symptom fort, wie es sich gegen die 
ursprüngliche Triebregung gewehrt hatte, und dies alles ergibt 
das Bild der Neurose. Es ist kein Einwand, daß das Ich, 
wenn es die Verdrängung vornimmt, im Grunde den Geboten 
seines Über-Ichs folgt, die wiederum solchen Einflüssen der 
realen Außenwelt entstammen, welche im Über-Ich ihre Ver- 
tretung gefunden haben. Es bleibt doch dabei, daß das Ich 
sich auf die Seite dieser Mächte geschlagen hat, daß in ihm 
deren Anforderungen stärker sind als die Triebansprüche des 
Es, und daß das Ich die Macht ist, welche die Verdrängung 
gegen jenen Anteil des Es ins Werk setzt und durch die 
Gegenbesetzung des Widerstandes befestigt. Im Dienste des 
Über-Ichs und der Realität ist das Ich in Konflikt mit dem 
Es geraten und dies ist der Sachverhalt bei allen Über- 
tragungsneurosen. 

Auf der anderen Seite wird es uns ebenso leicht, aus unserer 
bisherigen Einsicht in den Mechanismus der Psychosen Bei- 
spiele anzuführen, welche auf die Störung des Verhältnisses 
zwischen Ich und Außenwelt hinweisen. Bei der Amentia 
Meynerts, der akuten halluzinatorischen Verworrenheit, 
der vielleicht extremsten und frappantesten Form von 
Psychose, wird die Außenwelt entweder gar nicht wahr- 
genommen oder ihre Wahrnehmung bleibt völlig unwirksam. 
Normalerweise beherrscht ja die Außenwelt das Ich auf zwei 
Wegen: erstens durch die immer von neuem möglichen 
aktuellen Wahrnehmungen, zweitens durch den Erinnerungs- 
schatz früherer Wahrnehmungen, die als „Innenwelt" einen 
Besitz und Bestandteil des Ichs bilden. In der Amentia wird 
nun nicht nur die Annahme neuer Wahrnehmungen ver- 
weigert, es wird auch der Innenwelt, welche die Außenwelt 
als ihr Abbild bisher vertrat, die Bedeutung (Besetzung) ent- 
zogen; das Ich schafft sich selbstherrlich eine neue Außen- 
und Innenwelt und es ist kein Zweifel an zwei Tatsachen, 



Neurose und Psychose 189 

daß diese neue "Welt im Sinne der Wunschregungen des Es 
aufgebaut ist, und daß eine schwere, unerträglich erscheinende 
Wunschversagung der Realität das Motiv dieses Zerfalles mit 
der Außenwelt ist. Die innere Verwandtschaft dieser Psychose 
mit dem normalen Traum ist nicht zu verkennen. Die Bedin- 
gung des Träumcns ist aber der Schlafzustand, zu dessen 
Charakteren die volle Abwendung von Wahrnehmung und 
Außenwelt gehört. 

Von anderen Formen von Psychose, den Schizophrenien, 
weiß man, daß sie zum Ausgang in affektiven Stumpfsinn, 
das heißt zum Verlust alles Anteiles an der Außenwelt ten- 
dieren. Über die Genese der Wahnbildungen haben uns einige 
Analysen gelehrt, daß der Wahn wie ein aufgesetzter Fleck 
dort gefunden wird, wo ursprünglich ein Einriß in der Be- 
ziehung des Ichs zur Außenwelt entstanden war. Wenn die 
Bedingung des Konflikts mit der Außenwelt nicht noch weit 
auffälliger ist, als wir sie jetzt erkennen, so hat dies seinen 
Grund in der Tatsache, daß im Krankheitsbild der Psychose die 
Erscheinungen des pathogenen Vorganges oft von denen eines 
Heilungs- oder Rekonstruktionsversuches überdeckt werden. 

Die gemeinsame Ätiologie für den Ausbruch einer Psycho- 
neurose oder Psychose bleibt immer die Versagung, die Nicht- 
erfüllung eines jener ewig unbezwungenen Kindheitswünsche, 
die so tief in unserer phylogenetisch bestimmten Organisation 
wurzeln. Diese Versagung ist im letzten Grunde immer eine 
äußere; im einzelnen Fall kann sie von jener inneren Instanz 
(im Über-Ich) ausgehen, welche die Vertretung der Realitäts- 
forderung übernommen hat. Der pathogene Effekt hängt 
nun davon ab, ob das Ich in solcher Konfliktspannung seiner 
Abhängigkeit von der Außenwelt treu bleibt und das Es zu 
knebeln versucht, oder ob es sich vom Es überwältigen und 
damit von der Realität losreißen läßt. Eine Komplikation 
wird in diese anscheinend einfache Lage aber durch die 



IC)0 



Neurose und Psychose 



Existenz des Über-Ichs eingetragen, welches in noch nicht 
durchschauter Verknüpfung Einflüsse aus dem Es wie aus 
der Außenwelt in sich vereinigt, gewissermaßen ein Ideal- 
vorbild für das ist, worauf alles Streben des Ichs abzielt, die 
Versöhnung seiner mehrfachen Abhängigkeiten. Das Verhalten 
des Über-Ichs wäre, was bisher nicht geschehen ist, bei allen 
Formen psychischer Erkrankung in Betracht zu ziehen. Wir 
können aber vorläufig postulieren, es muß auch Affektionen 
geben, denen ein Konflikt zwischen Ich und Über-Ich 
zugrunde liegt. Die Analyse gibt uns ein Recht, anzunehmen, 
daß die Melancholie ein Muster dieser Gruppe ist, und dann 
würden wir für solche Störungen den Namen „narzißtische 
Psychoneurosen" in Anspruch nehmen. Es stimmt ja nicht 
übel zu unseren Eindrücken, wenn wir Motive finden, Zu- 
stände wie die Melancholie von den anderen Psychosen zu 
sondern. Dann merken wir aber, daß wir unsere einfache 
genetische Formel vervollständigen konnten, ohne sie fallen 
zu lassen. Die Übertragungsneurose entspricht dem Konflikt 
zwischen Ich und Es, die narzißtische Neurose dem zwischen 
Ich und Über-Ich, die Psychose dem zwischen Ich und 
Außenwelt. Wir wissen freilich zunächst nicht zu sagen, ob 
wir wirklich neue Einsichten gewonnen oder nur unseren 
Formelschatz bereichert haben, aber ich meine, diese Anwen- 
dungsmöglichkeit muß uns doch Mut machen, die vor- 
geschlagene Gliederung des seelischen Apparates in Ich, Über- 
Ich und Es weiter im Auge zu behalten. 

Die Behauptung, daß Neurosen und Psychosen durch die 
Konflikte des Ichs mit seinen verschiedenen herrschenden 
Instanzen entstehen, also einem Fehlschlagen in der Funktion 
des Ichs entsprechen, das doch das Bemühen zeigt, all die 
verschiedenen Ansprüche miteinander zu versöhnen, fordert 
eine andere Erörterung zu ihrer Ergänzung heraus. Man 
möohte wissen, unter welchen Umständen und durch welche 



Neurose und Psychose 191 



Mittel es dem Ich gelingt, aus solchen gewiß immer vorhan- 
denen Konflikten ohne Erkrankung zu entkommen. Dies ist 
nun ein neues Forschungsgebiet, auf dem sich gewiß die ver- 
schiedensten Faktoren zur Berücksichtigung einfinden werden. 
Zwei Momente lassen sich aber sofort herausheben. Der Aus- 
gang aller solchen Situationen wird unzweifelhaft von 
ökonomischen Verhältnissen, von den relativen Größen der 
miteinander ringenden Strebungen abhängen. Und ferner: es 
wird dem Ich möglich sein, den Bruch nach irgendeiner Seite 
dadurch zu vermeiden, daß es sich selbst deformiert, sich 
Einbußen an seiner Einheitlichkeit gefallen läßt, eventuell 
sogar sich zerklüftet oder zerteilt. Damit rückten die Inkon- 
sequenzen, Verschrobenheiten und Narrheiten der Menschen 
in ein ähnliches Licht wie ihre sexuellen Perversionen, durch 
deren Annahme sie sich ja Verdrängungen ersparen. 

Zum Schlüsse ist der Frage zu gedenken, welches der einer 
Verdrängung analoge Mechanismus sein mag, durch den das 
Ich sich von der Außenwelt ablöst. Ich meine, dies ist ohne 
neue Untersuchungen nicht zu beantworten, aber er müßte, 
wie die Verdrängung, eine Abziehung der vom Ich aus- 
geschickten Besetzung zum Inhalt haben. 



DER UNTERGANG DES ÖDIPUS- 
KOMPLEXES 

(1924) 

Immer mehr enthüllt der Ödipuskomplex seine Bedeutung 
als das zentrale Phänomen der frühkindlichen Sexualperiode. 
Dann geht er unter, er erliegt der Verdrängung, wie wir 
sagen, und ihm folgt die Latenzzeit. Es ist aber noch nicht 
klar geworden, woran er zugrunde geht; die Analysen 
scheinen zu lehren: an den vorfallenden schmerzhaften Ent- 



19 2 Der Untergang 

täuschungen. Das kleine Mädchen, das sich für die bevor- 
zugte Geliebte des Vaters halten will, muß einmal eine harte 
Züchtigung durch den Vater erleben und sieht sich aus allen 
Himmeln gestürzt. Der Knabe, der die Mutter als sein Eigen- 
tum betrachtet, macht die Erfahrung, daß sie Liebe und 
Sorgfalt von ihm weg auf einen neu Angekommenen richtet. 
Die Überlegung vertieft den Wert dieser Einwirkungen, indem 
sie betont, daß solche peinliche Erfahrungen, die dem Inhalt 
des Komplexes widerstreiten, unvermeidlich sind. Auch wo 
nicht besondere Ereignisse, wie die als Proben erwähnten, 
vorfallen, muß das Ausbleiben der erhofften Befriedigung, die 
fortgesetzte Versagung des gewünschten Kindes, es dahin 
bringen, daß sich der kleine Verliebte von seiner hoffnungs- 
losen Neigung abwendet. Der Ödipuskomplex ginge so zu- 
grunde an seinem Mißerfolg, dem Ergebnis seiner inneren 
Unmöglichkeit. 

Eine andere Auffassung wird sagen, der Ödipuskomplex 
muß fallen, weil die Zeit für seine Auflösung gekommen ist, 
wie die Milchzähne ausfallen, wenn die definitiven nach- 
rücken. Wenn der Ödipuskomplex auch von den meisten 
Menschenkindern individuell durchlebt wird, so ist er doch 
ein durch die Heredität bestimmtes, von ihr angelegtes 
Phänomen, welches programmgemäß vergehen muß, wenn 
die nächste vorherbestimmte Entwicklungsphase einsetzt. Es 
ist dann ziemlich gleichgültig, auf welche Anlässe hin das 
geschieht, oder ob solche überhaupt nicht ausfindig zu 
machen sind. 

Beiden Auffassungen kann man ihr Recht nicht abstreiten. 
Sie vertragen sich aber auch miteinander; es bleibt Raum für 
die ontogenetische neben der weiterschauenden phylo- 
genetischen. Auch dem ganzen Individuum ist es ja schon 
bei seiner Geburt bestimmt zu sterben und seine Organ- 
anlage enthält vielleicht bereits den Hinweis, woran. Doch 



des Ödipuskomplexes 193 

bleibt es von Interesse zu verfolgen, wie dies mitgebrachte 
Programm ausgeführt wird, in welcher Weise zufällige 
Schädlichkeiten die Disposition ausnützen. 

Unser Sinn ist neuerlich für die Wahrnehmung geschärft 
worden, daß die Sexualentwicklung des Kindes bis zu einer 
Phase fortschreitet, in der das Genitale bereits die führende 
Rolle übernommen hat. Aber dies Genitale ist allein das 
männliche, genauer bezeichnet der Penis, das weibliche ist 
unentdeckt geblieben. Diese phallische Phase, gleichzeitig die 
des Ödipuskomplexes, entwickelt sich nicht weiter zur end- 
gültigen Genitalorganisation, sondern sie versinkt und wird 
von der Latenzzeit abgelöst. Ihr Ausgang vollzieht sich aber 
in typischer Weise und in Anlehnung an regelmäßig wieder- 
kehrende Geschehnisse. 

Wenn das (männliche) Kind sein Interesse dem Genitale 
zugewendet hat, so verrät es dies auch durch ausgiebige 
manuelle Beschäftigung mit demselben und muß dann die 
Erfahrung machen, daß die Erwachsenen mit diesem Tun 
nicht einverstanden sind. Es tritt mehr oder minder deutlich, 
mehr oder weniger brutal, die Drohung auf, daß man ihn 
dieses von ihm hochgeschätzten Teiles berauben werde. Meist 
sind es Frauen, von denen die Kastrationsdrohung ausgeht, 
häufig suchen sie ihre Autorität dadurch zu verstärken, daß 
sie sich auf den Vater oder den Doktor berufen, der nach 
ihrer Versicherung die Strafe vollziehen wird. In einer Anzahl 
von Fällen nehmen die Frauen selbst eine symbolische Mil- 
derung der Androhung vor, indem sie nicht die Beseitigung 
des eigentlich passiven Genitales, sondern die der aktiv sün- 
digenden Hand ankündigen. Ganz besonders häufig geschieht 
es, daß das Knäblein nicht darum von der Kastrationsdrohung 
betroffen wird, weil es mit der Hand am Penis spielt, sondern 
weil es allnächtlich sein Lager näßt und nicht rein zu be- 
kommen ist. Die Pflegepersonen benehmen sich so, als wäre 

13 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



194 Der Untergang 

diese näclitliche Inkontinenz Folge und Beweis für allzu 
eifrige Beschäftigung mit dem Penis und haben wahrschein- 
lich Recht darin. Jedenfalls ist das andauernde Bettnässen 
der Pollution des Erwachsenen gleichzustellen, ein Ausdruck 
der nämlichen Genitalerregung, welche das Kind um diese 
Zeit zur Masturbation gedrängt hat. 

Die Behauptung ist nun, daß die phallische Genital- 
organisation des Kindes an dieser Kastrationsdrohung zu- 
grunde geht. Allerdings nicht sofort und nicht ohne daß 
weitere Einwirkungen dazukommen. Denn der Knabe schenkt 
der Drohung zunächst keinen Glauben und keinen Gehorsam. 
Die Psychoanalyse hat neuerlichen Wert auf zweierlei Er- 
fahrungen gelegt, die keinem Kinde erspart bleiben und durch 
die es auf den Verlust wertgeschätzter Körperteile vorbereitet 
sein sollte, auf die zunächst zeitweilige, später einmal end- 
gültige Entziehung der Mutterbrust und auf die täglich 
erforderte Abtrennung des Darminhaltes. Aber man merkt 
nichts davon, daß diese Erfahrungen beim Anlaß der Kastra- 
tionsdrohung zur Wirkung kommen würden. Erst nachdem 
eine neue Erfahrung gemacht worden ist, beginnt das Kind 
mit der Möglichkeit einer Kastration zu rechnen, auch dann 
nur zögernd, widerwillig und nicht ohne das Bemühen, die 
Tragweite der eigenen Beobachtung zu verkleinern. 

Die Beobachtung, welche den Unglauben des Kindes end- 
lich bricht, ist die des weiblichen Genitales. Irgend einmal 
bekommt das auf seinen Penisbesitz stolze Kind die Genital- 
region eines kleinen Mädchens zu Gesicht und muß sich von 
dem Mangel eines Penis bei einem ihm so ähnlichen Wesen 
überzeugen. Damit ist auch der eigene Penisverlust vorstell- 
bar geworden, die Kastrationsdrohung gelangt nachträglich 
zur Wirkung. 

Wir dürfen nicht so kurzsichtig sein wie die mit der 
Kastration drohende Pflegeperson und sollen nicht übersehen, 



des Ödipuskomplexes 195 

daß sich das Sexualleben des Kindes um diese Zeit keines- 
wegs in der Masturbation erschöpft. Es steht nachweisbar in 
der ödipuseinstellung zu seinen Eltern, die Masturbation ist 
nur die genitale Abfuhr der zum Komplex gehörigen Sexual- 
erregung und wird dieser Beziehung ihre Bedeutung für alle 
späteren Zeiten verdanken. Der Ödipuskomplex bot dem 
Kinde zwei Möglichkeiten der Befriedigung, eine aktive und 
eine passive. Es konnte sich in männlicher Weise an die Stelle 
des Vaters setzen und wie er mit der Mutter verkehren, 
wobei der Vater bald als Hindernis empfunden wurde, oder 
es wollte die Mutter ersetzen und sich vom Vater lieben 
lassen, wobei die Mutter überflüssig wurde. Worin der be- 
friedigende Liebesverkehr bestehe, darüber mochte das Kind 
nur sehr unbestimmte Vorstellungen haben; gewiß spielte 
aber der Penis dabei eine Rolle, denn dies bezeugten seine 
Organgefühle. Zum Zweifel am Penis des Weibes war noch 
kein Anlaß. Die Annahme der Kastrationsmöglichkeit, die 
Einsicht, daß das Weib kastriert sei, machte nun beiden Mög- 
lichkeiten der Befriedigung aus dem Ödipuskomplex ein 
Ende. Beide brachten ja den Verlust des Penis mit sich, die 
eine, männliche, als Straffolge, die andere, weibliche, als 
Voraussetzung. Wenn die Liebesbefriedigung auf dem Boden 
des Ödipuskomplexes den Penis kosten soll, so muß es zum 
Konflikt zwischen dem narzißtischen Interesse an diesem 
Körperteile und der libidinösen Besetzung der elterlichen 
Objekte kommen. In diesem Konflikt siegt normalerweise 
die erstere Macht; das Ich des Kindes wendet sich vom 
Ödipuskomplex ab. 

Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, in welcher Weise 
dies vor sich geht. Die Objektbesetzungen werden aufgegeben 
und durch Identifizierung ersetzt. Die ins Ich introjizierte 
Vater- oder Elternautorität bildet dort den Kern des Über- 
Ichs, welches vom Vater die Strenge entlehnt, sein Inzest- 

1? 



1^6 Der Untergang 

verbot perpetuiert und so das Ich gegen die Wiederkehr der 
libidinösen Objektbesetzung versichert. Die dem Ödipus- 
komplex zugehörigen libidinösen Strebungen werden zum 
Teil desexualisiert und sublimiert, was wahrscheinlich bei 
jeder Umsetzung in Identifizierung geschieht, zum Teil ziel- 
gehemmt und in zärtliche Regungen verwandelt. Der ganze 
Prozeß hat einerseits das Genitale gerettet, die Gefahr des 
Verlustes von ihm abgewendet, anderseits es lahmgelegt, seine 
Funktion aufgehoben. Mit ihm setzt die Latenzzeit ein, die 
nun die Sexualentwicklung des Kindes unterbricht. 

Ich sehe keinen Grund, der Abwendung des Ichs vom 
Ödipuskomplex den Namen einer „Verdrängung" zu ver- 
sagen, obwohl spätere Verdrängungen meist unter der Be- 
teiligung des Über-Ichs Zustandekommen werden, welches 
hier erst gebildet wird. Aber der beschriebene Prozeß ist 
mehr als eine Verdrängung, er kommt, wenn ideal voll- 
zogen, einer Zerstörung und Aufhebung des Komplexes 
gleich. Es liegt nahe anzunehmen, daß wir hier auf die nie- 
mals ganz scharfe Grenzscheide zwischen Normalem und 
Pathologischem gestoßen sind. Wenn das Ich wirklich nicht 
viel mehr als eine Verdrängung des Komplexes erreicht hat, 
dann bleibt dieser im Es unbewußt bestehen und wird später 
seine pathogene Wirkung äußern. 

Solche Zusammenhänge zwischen phallischer Organisation, 
Ödipuskomplex, Kastrationsdrohung, Über-Ichbildung und 
Latenzperiode läßt die analytische Beobachtung erkennen 
oder erraten. Sie rechtfertigen den Satz, daß der Ödipus- 
komplex an der Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aber 
damit ist das Problem nicht erledigt, es bleibt Raum für eine 
theoretische Spekulation, welche das gewonnene Resultat um- 
werfen oder in ein neues Licht rücken kann. Ehe wir aber 
diesen Weg beschreiten, müssen wir uns einer Frage zu- 
wenden, welche sich während unserer bisherigen Erörterungen 



des Ödipuskomplexes 



197 



erhoben hat und so lange zur Seite gedrängt wurde. Der 
beschriebene Vorgang bezieht sich, wie ausdrücklich gesagt, 
nur auf das männliche Kind. Wie vollzieht sich die ent- 
sprechende Entwicklung beim kleinen Mädchen? 

Unser Material wird hier — unverständlicherweise — - 
weit dunkler und lückenhafter. Auch das weibliche Geschlecht 
entwickelt einen Ödipuskomplex, ein Über-Ich und eine 
Latenzzeit. Kann man ihm auch eine phallische Organisation 
und einen Kastrationskomplex zusprechen? Die Antwort 
lautet bejahend, aber es kann nicht dasselbe sein wie beim 
Knaben. Die feministische Forderung nach Gleichberech- 
tigung der Geschlechter trägt hier nicht weit, der morpho- 
logische Unterschied muß sich in Verschiedenheiten der psy- 
chischen Entwicklung äußern. Die Anatomie ist das Schick- 
sal, um ein Wort Napoleons zu variieren. Die Klitoris des 
Mädchens benimmt sich zunächst ganz wie ein Penis, aber 
das Kind nimmt durch die Vergleichung mit einem männ- 
lichen Gespielen wahr, daß es „zu kurz gekommen" ist, und 
empfindet diese Tatsache als Benachteiligung und Grund zur 
Minderwertigkeit. Es tröstet sich noch eine Weile mit der 
Erwartung, später, wenn es heranwächst, ein ebenso großes 
Anhängsel wie ein Bub zu bekommen. Hier zweigt dann der 
Männlichkeitskomplex des Weibes ab. Seinen aktuellen Mangel 
versteht das weibliche Kind aber nicht als Geschlechts- 
charakter, sondern erklärt ihn durch die Annahme, daß es 
früher einmal ein ebenso großes Glied besessen und dann 
durch Kastration verloren hat. Es scheint diesen Schluß nicht 
von sich auf andere, erwachsene Frauen auszudehnen, sondern 
diesen, ganz im Sinne der phallischen Phase, ein großes und 
vollständiges, also männliches, Genitale zuzumuten. Es ergibt 
sich also der wesentliche Unterschied, daß das Mädchen die 
Kastration als vollzogene Tatsache akzeptiert, während sich 
der Knabe vor der Möglichkeit ihrer Vollziehung fürchtet. 



198 Der Untergang 

Mit der Ausschaltung der Kastrationsangst entfällt auch 
ein mächtiges Motiv zur Aufrichtung des Ober-Ichs und zum 
Abbruch der infantilen Genitalorganisation. Diese Verände- 
rungen scheinen weit eher als beim Knaben Erfolg der Er- 
ziehung, der äußeren Einschüchterung zu sein, die mit dem 
Verlust des Geliebtwerdens droht. Der Ödipuskomplex des 
Mädchens ist weit eindeutiger als der des kleinen Penis- 
trägers, er geht nach meiner Erfahrung nur selten über die 
Substituierung der Mutter und die feminine Einstellung zum 
Vater hinaus. Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne 
einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das Mädchen 
gleitet — man möchte sagen: längs einer symbolischen Glei- 
chung — vom Penis auf das Kind hinüber, sein Ödipus- 
komplex gipfelt in dem lange festgehaltenen Wunsch, vom 
Vater ein Kind als Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu 
gebären. Man hat den Eindruck, daß der Ödipuskomplex 
dann langsam verlassen wird, weil dieser "Wunsch sich nie 
erfüllt. Die beiden Wünsche nach dem Besitz eines Penis 
und eines Kindes bleiben im Unbewußten stark besetzt er- 
halten und helfen dazu, das weibliche Wesen für seine spätere 
geschlechtliche Rolle bereit zu machen. Die geringere Stärke 
des sadistischen Beitrages zum Sexualtrieb, die man wohl 
mit der Verkümmerung des Penis zusammenbringen darf, 
erleichtert die Verwandlung der direkt sexuellen Strebungen 
in zielgehemmte zärtliche. Im ganzen muß man aber zuge- 
stehen, daß unsere Einsichten in diese Entwicklungsvorgänge 
beim Mädchen unbefriedigend, lücken- und schattenhaft sind. 

Ich zweifle nicht daran, daß die hier beschriebenen zeit- 
lichen und kausalen Beziehungen zwischen Ödipuskomplex, 
Sexualeinschüchterung (Kastrationsdrohung), Uber-Ichbildung 
und Eintritt der Latenzzeit von typischer Art sind; ich will 
aber nicht behaupten, daß dieser Typus der einzig mögliche 
ist. Abänderungen in der Zeitfolge und in der Verkettung 



des Ödipuskomplexes 199 

dieser Vorgänge müssen für die Entwicklung des Individuums 
sehr bedeutungsvoll werden. 

Seit der Veröffentlichung von O. Ranks interessanter 
Studie über das „Trauma der Geburt" kann man auch das 
Resultat dieser kleinen Untersuchung, der Ödipuskomplex des 
Knaben gehe an der Kastrationsangst zugrunde, nicht ohne 
weitere Diskussion hinnehmen. Es erscheint mir aber vor- 
zeitig, heute in diese Diskussion einzugehen, vielleicht auch 
unzweckmäßig, die Kritik oder Würdigung der Rank sehen 
Auffassung an solcher Stelle zu bringen. 



DER REALITÄTSVERLUST BEI 
NEUROSE UND PSYCHOSE 

(1924) 

Ich habe kürzlich 1 einen der unterscheidenden Züge zwischen 
Neurose und Psychose dahin bestimmt, daß bei ersterer das 
Ich in Abhängigkeit von der Realität ein Stück des Es 
(Trieblebens) unterdrückt, während sich dasselbe Ich bei der 
Psychose im Dienste des Es von einem Stück der Realität 
zurückzieht. Für die Neurose wäre also die Übermacht des 
Realeinflusses, für die Psychose die des Es maßgebend. Der 
Realitätsverlust wäre für die Psychose von vorneherein ge- 
geben; für die Neurose, sollte man meinen, wäre er ver- 
mieden. 

Das stimmt nun aber gar nicht zur Erfahrung, die wir 
alle machen können, daß jede Neurose das Verhältnis des 
Kranken zur Realität irgendwie stört, daß sie ihm ein Mittel 
ist, sich von ihr zurückzuziehen und in ihren schweren Aus- 
bildungen direkt eine Flucht aus dem realen Leben bedeutet. 



1) Neurose und Psychose. [S. 186 dieses Bandes.] 






200 Der Realitätsverlust 



Dieser Widerspruch erscheint bedenklich, allein er ist leicht 
zu beseitigen und seine Aufklärung wird unser Verständnis 
der Neurose nur gefördert haben. 

Der Widerspruch besteht nämlich nur so lange, als wir 
die Eingangssituation der Neurose ins Auge fassen, in welcher 
das Ich im Dienste der Realität die Verdrängung einer Trieb- 
regung vornimmt. Das ist aber noch nicht die Neurose selbst. 
Diese besteht vielmehr in den Vorgängen, welche dem ge- 
schädigten Anteil des Es eine Entschädigung bringen, also in 
der Reaktion gegen die Verdrängung und im Mißglücken 
derselben. Die Lockerung des Verhältnisses zur Realität ist 
dann die Folge dieses zweiten Schrittes in der Neurosen- 
bildung und es sollte uns nicht verwundern, wenn die 
Detailuntersuchung zeigte, daß der Realitätsverlust gerade 
jenes Stück der Realität betrifft, über dessen Anforderung 
die Triebverdrängung erfolgte. 

Die Charakteristik der Neurose als Erfolg einer mißglück- 
ten Verdrängung ist nichts Neues. Wir haben es immer so 
gesagt, und nur infolge des neuen Zusammenhanges war es 
notwendig, es zu wiederholen. 

Das nämliche Bedenken wird übrigens in besonders ein- 
drucksvoller Weise wieder auftreten, wenn es sich um einen 
Fall von Neurose handelt, dessen Veranlassung („die trau- 
matische Szene") bekannt ist und an dem man sehen kann, 
wie sich die Person von einem solchen Erlebnis abwendet 
und es der Amnesie überantwortet. Ich will zum Beispiel 
auf einen vor langen Jahren analysierten Fall zurück- 
greifen, 2 in dem das in ihren Schwager verliebte Mädchen 
am Totenbett der Schwester durch die Idee erschüttert wird: 
Nun ist er frei und kann dich heiraten. Diese Szene wird 
sofort vergessen und damit der Regressionsvorgang einge- 
leitet, der zu den hysterischen Schmerzen führt. Es ist aber 

2) In den „Studien über Hysterie", 1895. (Ges. Schriften, Bd. I) 



bei Neurose und Psychose 



201 



gerade hier lehrreich zu sehen, auf welchem "Wege die 
Neurose den Konflikt zu erledigen versucht. Sie entwertet 
die reale Veränderung, indem sie den in Betracht kommen- 
den Triebanspruch, also die Liebe zum Schwager, verdrängt. 
Die psychotische Reaktion wäre gewesen, die Tatsache des 
Todes der Schwester zu verleugnen. 

Man könnte nun erwarten, daß sich bei der Entstehung 
der Psychose etwas dem Vorgang bei der Neurose Analoges 
ereignet, natürlich zwischen anderen Instanzen. Also daß 
auch bei der Psychose zwei Schritte deutlich werden, von 
denen der erste das Ich diesmal von der Realität losreißt, 
der zweite aber den Schaden wieder gutmachen will und 
nun die Beziehung zur Realität auf Kosten des Es wieder- 
herstellt. Wirklich ist auch etwas Analoges an der Psychose 
zu beobachten; es gibt auch hier zwei Schritte, von denen 
der zweite den Charakter der Reparation an sich trägt, aber 
dann weicht die Analogie einer viel weiter gehenden Gleich- 
sinnigkeit der Vorgänge. Der zweite Schritt der Psychose 
will auch den Realitätsverlust ausgleichen, aber nicht auf 
Kosten einer Einschränkung des Es, wie bei Neurose auf 
Kosten der Realbeziehung, sondern auf einem anderen, mehr 
selbstherrlichen "Weg durch Schöpfung einer neuen Realität, 
welche nicht mehr den nämlichen Anstoß bietet wie die 
verlassene. Der zweite Schritt wird also bei der Neurose wie 
bei der Psychose von denselben Tendenzen getragen, er 
dient in beiden Fällen dem Machtbestreben des Es, das sich 
von der Realität nicht zwingen läßt. Neurose wie Psychose 
sind also beide Ausdruck der Rebellion des Es gegen die 
Außenwelt, seiner Unlust oder, wenn man will, seiner 
Unfähigkeit, sich der realen Not, der 'Ava^Y], anzupassen. 
Neurose und Psychose unterscheiden sich weit mehr von 
einander in der ersten einleitenden Reaktion als in dem auf 
sie folgenden Reparations versuch. 



Z02 Der Realitätsverlust 

Der anfängliche Unterschied kommt dann im Endergebnis 
in der Art zum Ausdruck, daß bei der Neurose ein Stück 
der Realität fluchtartig vermieden, bei der Psychose aber 
umgebaut wird. Oder: bei der Psychose folgt auf die anfäng- 
liche Flucht eine aktive Phase des Umbaus, bei der Neurose 
auf den anfänglichen Gehorsam ein nachträglicher Flucht- 
versuch. Oder noch anders ausgedrückt: Die Neurose ver- 
leugnet die Realität nicht, sie will nur nichts von ihr 
wissen; die Psychose verleugnet sie und sucht sie zu ersetzen. 
Normal oder „gesund" heißen wir ein Verhalten, welches 
bestimmte Züge beider Reaktionen vereinigt, die Realität so 
wenig verleugnet wie die Neurose, sich aber dann wie die 
Psychose um ihre Abänderung bemüht. Dies zweckmäßige, 
normale Verhalten führt natürlich zu einer äußeren Arbeits- 
leistung an der Außenwelt und begnügt sich nicht wie bei 
der Psychose mit der Herstellung innerer Veränderungen; 
es ist nicht mehr autoplastisch, sondern allo- 
plastisch. 

Die Umarbeitung der Realität geschieht bei der Psychose 
an den psychischen Niederschlägen der bisherigen Beziehungen 
zu ihr, also an den Erinnerungsspuren, Vorstellungen und 
Urteilen, die man bisher von ihr gewonnen hatte und durch 
welche sie im Seelenleben vertreten war. Aber diese Beziehung 
war nie eine abgeschlossene, sie wurde fortlaufend durch 
neue "Wahrnehmungen bereichert und abgeändert. Somit 
stellt sich auch für die Psychose die Aufgabe her, sich solche 
Wahrnehmungen zu verschaffen, wie sie der neuen Realität 
entsprechen würden, was in gründlichster Weise auf dem 
Wege der Halluzination erreicht wird. Wenn die Erinnerungs- 
täuschungen, Wahnbildungen und Halluzinationen bei so 
vielen Formen und Fällen von Psychose den peinlichsten 
Charakter zeigen und mit Angstentwicklung verbunden sind, 
so ist das wohl ein Anzeichen dafür, daß sich der ganze 



bei Neurose und Psychose 203 

Umbildungsprozeß gegen heftig widerstrebende Kräfte voll- 
zieht. Man darf sich den Vorgang nach dem uns besser 
bekannten Vorbild der Neurose konstruieren. Hier sehen wir, 
daß jedesmal mit Angst reagiert wird, so oft der verdrängte 
Trieb einen Vorstoß macht, und daß das Ergebnis des 
Konflikts doch nur ein Kompromiß und als Befriedigung 
unvollkommen ist. Wahrscheinlich drängt sich bei der Psy- 
chose das abgewiesene Stück der Realität immer wieder dem 
Seelenleben auf, wie bei der Neurose der verdrängte Trieb, 
und darum sind auch die Folgen in beiden Fällen die gleichen. 
Die Erörterung der verschiedenen Mechanismen, welche bei 
den Psychosen die Abwendung von der Realität und den 
Wiederaufbau einer solchen bewerkstelligen sollen, so wie 
des Ausmaßes von Erfolg, das sie erzielen können, ist eine 
noch nicht in Angriff genommene Aufgabe der speziellen 
Psychiatrie. 

Es ist also eine weitere Analogie zwischen Neurose und 
Psychose, daß bei beiden die Aufgabe, die im zweiten Schritt 
in Angriff genommen wird, teilweise mißlingt, indem sich 
der verdrängte Trieb keinen vollen Ersatz schaffen kann 
(Neurose) und die Realitätsvertretung sich nicht in die 
befriedigenden Formen umgießen läßt. (Wenigstens nicht bei 
allen Formen der psychischen Erkrankungen.) Aber die 
Akzente sind in den zwei Fällen anders verteilt. Bei der 
Psychose ruht der Akzent ganz auf dem ersten Schritt, der 
an sich krankhaft ist und nur zu Kranksein führen kann, 
bei der Neurose hingegen auf dem zweiten, dem Mißlingen 
der Verdrängung, während der erste Schritt gelingen kann 
und auch im Rahmen der Gesundheit ungezählte Male 
gelungen ist, wenn auch nicht ganz ohne Kosten zu machen 
und Anzeichen des erforderten psychischen Aufwandes zu 
hinterlassen. Diese Differenzen und vielleicht noch viele 
andere sind die Folge der topischen Verschiedenheit in der 






204 Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose 



Ausgangssituation des pathogenen Konflikts, ob das Ich darin 
seiner Anhänglichkeit an die reale Welt oder seiner Abhängig- 
keit vom Es nachgegeben hat. 

Die Neurose begnügt sich in der Regel damit, das be- 
treffende Stück der Realität zu vermeiden und sich gegen das 
Zusammentreffen mit ihm zu schützen. Der scharfe Unter- 
schied zwischen Neurose und Psychose wird aber dadurch 
abgeschwächt, daß es auch bei der Neurose an Versuchen 
nicht fehlt, die unerwünschte Realität durch eine wunsch- 
gerechtere zu ersetzen. Die Möglichkeit hiezu gibt die 
Existenz einer Phantasiewelt, eines Gebiets, das seiner- 
zeit bei der Einsetzung des Realitätsprinzips von der realen 
Außenwelt abgesondert wurde, seither nach Art einer 
„Schonung" von den Anforderungen der Lebensnotwendig- 
keit frei gehalten wird und das dem Ich nicht unzugänglich 
ist, aber ihm nur lose anhängt. Aus dieser Phantasiewelt 
entnimmt die Neurose das Material für ihre Wunschneubil- 
dungen und findet es dort gewöhnlich auf dem Wege der 
Regression in eine befriedigendere reale Vorzeit. 

Es ist kaum zweifelhaft, daß die Phantasiewelt bei der 
Psychose die nämliche Rolle spielt, daß sie auch hier die 
Vorratskammer darstellt, aus der der Stoff oder die Muster 
für den Aufbau der neuen Realität geholt werden. Aber 
die neue phantastische Außenwelt der Psychose will sich an 
die Stelle der äußeren Realität setzen, die der Neurose hin- 
gegen lehnt sich wie das Kinderspiel gern an ein Stück der 
Realität an, — ein anderes als das, wogegen sie sich wehren 
mußte, — verleiht ihm eine besondere Bedeutung und einen 
geheimen Sinn, den wir nicht immer ganz zutreffend einen 
symbolischen heißen. So kommt für beide, Neurose wie 
Psychose, nicht nur die Frage des Realitätsverlust s, 
sondern auch die eines Realitätsersatzes in Betracht. 









HEMMUNG, SYMPTOM 
UND ANGST 

(i 9 z6) 

1 

Unser Sprachgebrauch läßt uns in der Beschreibung patho- 
logischer Phänomene Symptome und Hemmungen unter- 
scheiden, aber er legt diesem Unterschied nicht viel Wert bei. 
Kämen uns nicht Krankheitsfälle vor, von denen wir aus- 
sagen müssen, daß sie nur Hemmungen und keine Symptome 
zeigen, und wollten wir nicht wissen, was dafür die Bedin- 
gung ist, so brächten wir kaum das Interesse auf, die Begriffe 
Hemmung und Symptom gegeneinander abzugrenzen. 

Die beiden sind nicht auf dem nämlichen Boden erwachsen. 
Hemmung hat eine besondere Beziehung zur Funktion und 
bedeutet nicht notwendig etwas Pathologisches, man kann 
auch eine normale Einschränkung einer Funktion eine Hem- 
mung derselben nennen. Symptom hingegen heißt soviel wie 
Anzeichen eines krankhaften Vorganges. Es kann also auch 
eine Hemmung ein Symptom sein. Der Sprachgebrauch ver- 
fährt dann so, daß er von Hemmung spricht, wo eine ein- 
fache Herabsetzung der Funktion vorliegt, von Symptom, 
wo es sich um eine ungewöhnliche Abänderung derselben 
oder um eine neue Leistung handelt. In vielen Fällen scheint 
es der Willkür überlassen, ob man die positive oder die 




2o6 Hemmung, Symptom 

negative Seite des pathologischen Vorgangs betonen, seinen 
Erfolg als Symptom oder als Hemmung bezeichnen will. Das 
alles ist wirklich nicht interessant und die Fragestellung, von 
der wir ausgingen, erweist sich als wenig fruchtbar. 

Da die Hemmung begrifflich so innig an die Funktion 
geknüpft ist, kann man auf die Idee kommen, die verschie- 
denen Ichfunktionen daraufhin zu untersuchen, in welchen 
Formen sich deren Störung bei den einzelnen neurotischen 
Affektionen äußert. Wir wählen für diese vergleichende 
Studie: die Sexualfunktion, das Essen, die Lokomotion und 
die Berufsarbeit. 

a) Die Sexualfunktion unterliegt sehr mannigfaltigen 
Störungen, von denen die meisten den Charakter einfacher 
Hemmungen zeigen. Diese werden als psychische Impotenz 
zusammengefaßt. Das Zustandekommen der normalen Sexual- 
leistung setzt einen sehr komplizierten Ablauf voraus, die 
Störung kann an jeder Stelle desselben eingreifen. Die Haupt- 
stationen der Hemmung sind beim Manne: die Abwendung 
der Libido zur Einleitung des Vorgangs (psychische Unlust), 
das Ausbleiben der physischen Vorbereitung (Erektions- 
losigkeit), die Abkürzung des Aktes (Ejaculatio praecox), die 
ebensowohl als positives Symptom beschrieben werden kann, 
die Aufhaltung desselben vor dem natürlichen Ausgang 
(Ejakulationsmangel), das NichtZustandekommen des psychi- 
schen Effekts (der Lustempfindung des Orgasmus). Andere 
Störungen erfolgen durch die Verknüpfung der Funktion mit 
besonderen Bedingungen, perverser oder fetischistischer Natur. 

Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann uns nicht 
lange entgehen. Manche Hemmungen sind offenbar Verzicht« 
auf Funktion, weil bei deren Ausübung Angst entwickelt 
werden würde. Direkte Angst vor der Sexualfunktion ist 
beim "Weibe häufig; wir ordnen sie der Hysterie zu, ebenso 
das Abwehrsymptom des Ekels, das sich ursprünglich als 



und Angst 207 

nachträgliche Reaktion auf den passiv erlebten Sexualakt 
einstellt, später bei der Vorstellung desselben auftritt. Auch 
eine große Anzahl von Zwangshandlungen erweisen sich als 
Vorsichten und Versicherungen gegen sexuelles Erleben, sind 
also phobischer Natur. 

Man kommt da im Verständnis nicht sehr weit; man merkt 
nur, daß sehr verschiedene Verfahren verwendet werden, um 
die Funktion zu stören: 1) die bloße Abwendung der Libido, 
die am ehesten zu ergeben scheint, was wir eine reine Hemmung 
heißen, 2) die Verschlechterung in der Ausführung der 
Funktion, 3) die Erschwerung derselben durch besondere 
Bedingungen und ihre Modifikation durch Ablenkung auf 
andere Ziele, 4) ihre Vorbeugung durch Sicherungsmaßregeln, 
j) ihre Unterbrechung durch Angstentwicklung, sowie sich 
ihr Ansatz nicht mehr verhindern läßt, endlich 6) eine nach- 
trägliche Reaktion, die dagegen protestiert und das Ge- 
schehene rückgängig machen will, wenn die Funktion doch 
durchgeführt wurde. 

b) Die häufigste Störung der Nahrungsfunktion ist die Eß- 
unlust durch Abziehung der Libido. Auch Steigerungen der 
Eßlust sind nicht selten; ein Eßzwang motiviert sich durch 
Angst vor dem Verhungern, ist wenig untersucht. Als hyste- 
rische Abwehr des Essens kennen wir das Symptom des 
Erbrechens. Die Nahrungsverweigerung infolge von Angst 
gehört psychotischen Zuständen an (Vergiftungswahn). 

c) Die Lokomotion wird bei manchen neurotischen Zu- 
ständen durch Gehunlust und Gehschwäche gehemmt, die 
hysterische Behinderung bedient sich der motorischen Läh- 
mung des Bewegungsapparates oder schafft eine spezialisierte 
Aufhebung dieser einen Funktion desselben (Abasie). Beson- 
ders charakteristisch sind die Erschwerungen der Lokomotion 
durch Einschaltung bestimmter Bedingungen, bei deren Nicht- 
erfüllung Angst auftritt (Phobie). 



*° 8 Hemmung, Symptom 

d) Die Arbeitshemmung, die so oft als isoliertes Symptom 
Gegenstand der Behandlung wird, zeigt uns verminderte 
Lust oder schlechtere Ausführung oder Reaktionserscheinun- 
gen wie Müdigkeit (Schwindel, Erbrechen), wenn die Fort- 
setzung der Arbeit erzwungen wird. Die Hysterie erzwingt 
die Einstellung der Arbeit durch Erzeugung von Organ- 
und Funktionslähmungen, deren Bestand mit der Ausführung 
der Arbeit unvereinbar ist. Die Zwangsneurose stört die 
Arbeit durch fortgesetzte Ablenkung und durch den Zeit- 
verlust bei eingeschobenen Verweilungen und Wieder- 
holungen. 

Wir könnten diese Übersicht noch auf andere Funktionen 
ausdehnen, aber wir dürfen nicht erwarten, dabei mehr zu 
erreichen. Wir kämen nicht über die Oberfläche der Er- 
scheinungen hinaus. Entschließen wir uns darum zu einer 
Auffassung, die dem Begriff der Hemmung nicht mehr viel 
Rätselhaftes beläßt. Die Hemmung ist der Ausdruck einer 
Funktionseinschränkung des Ichs, die selbst 
sehr verschiedene Ursachen haben kann. Manche der Mecha- 
nismen dieses Verzichts auf Funktion und eine allgemeine 
Tendenz desselben sind uns wohlbekannt. 

An den spezialisierten Hemmungen ist die Tendenz leichter 
zu erkennen. Wenn das Klavierspielen, Schreiben und selbst 
das Gehen neurotischen Hemmungen unterliegen, so zeigt 
uns die Analyse den Grund hiefür in einer überstarken 
Erotisierung der bei diesen Funktionen in Anspruch genom- 
menen Organe, der Finger und der Füße. Wir haben ganz 
allgemein die Einsicht gewonnen, daß die Ichfunktion eines 
Organes geschädigt wird, wenn seine Erogeneität, seine 
sexuelle Bedeutung, zunimmt. Es benimmt sich dann, wenn 
man den einigermaßen skurrilen Vergleich wagen darf, wie 
eine Köchin, die nicht mehr am Herd arbeiten will, weil der 
Herr des Hauses Liebesbeziehungen zu ihr angeknüpft bat. 



und Angst 20 o 

"Wenn das Schreiben, das darin besteht, aus einem Rohr 
Flüssigkeit auf ein Stück weißes Papier fließen zu lassen, die 
symbolische Bedeutung des Koitus angenommen hat, oder 
wenn das Gehen zum symbolischen Ersatz des Stampfens auf 
dem Leib der Mutter Erde geworden ist, dann wird beides, 
Schreiben und Gehen, unterlassen, weil es so ist, als ob man 
die verbotene sexuelle Handlung ausführen würde. Das Ich 
verzichtet auf diese ihm zustehenden Funktionen, um nicht 
eine neuerliche Verdrängung vornehmen zu müssen, um 
einem Konflikt mit dem Es auszuweichen. 
Andere Hemmungen erfolgen offenbar im Dienste der 
Selbstbestrafung, wie nicht selten die der beruflichen Tätig- 
keiten. Das Ich darf diese Dinge nicht tun, weil sie ihm Nutzen 
und Erfolg bringen würden, was das gestrenge Über-Ich ver- 
sagt hat. Dann verzichtet das Ich auch auf diese Leistungen, 
um nicht in Konflikt mit dem Uber-Ich zu 
geraten. 

Die allgemeineren Hemmungen des Ichs folgen einem 
anderen, einfachen, Mechanismus. Wenn das Ich durch eine 
psychische Aufgabe von besonderer Schwere in Anspruch 
genommen ist, wie z. B. durch eine Trauer, eine großartige 
Affektunterdrückung, durch die Nötigung, beständig auf- 
steigende sexuelle Phantasien niederzuhalten, dann verarmt 
es so sehr an der ihm verfügbaren Energie, daß es seinen 
Aufwand an vielen Stellen zugleich einschränken muß, wie 
ein Spekulant, der seine Gelder in seinen Unternehmungen 
immobilisiert hat. Ein lehrreiches Beispiel einer solchen inten- 
siven Allgemeinhemmung von kurzer Dauer konnte ich an 
einem Zwangskranken beobachten, der in eine lähmende 
Müdigkeit von ein- bis mehrtägiger Dauer bei Anlässen ver- 
fiel, die offenbar einen Wutausbruch hätten herbeiführen 
sollen. Von hier aus muß auch ein Weg zum Verständnis der 
Allgemeinhemmung zu finden sein, durch die sich die Depres- 

14 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



210 



Hemmung, Symptom 



sionszustände und der schwerste derselben, die Melancholie, 
kennzeichnen. 

Man kann also abschließend über die Hemmungen sagen, 
sie seien Einschränkungen der Ichfunktionen, entweder aus 
Vorsicht oder infolge von Energieverarmung. Es ist nun 
leicht zu erkennen, worin sich die Hemmung vom Symptom 
unterscheidet. Das Symptom kann nicht mehr als ein Vor- 
gang in oder am Ich beschrieben werden. 






II 



Die Grundzüge der Symptombildung sind längst studiert 
und in hoffentlich unanfechtbarer Weise ausgesprochen wor- 
den. Das Symptom sei Anzeichen und Ersatz einer unter- 
bliebenen Triebbefriedigung, ein Erfolg des Verdrängungs- 
vorganges. Die Verdrängung geht vom Ich aus, das, even- 
tuell im Auftrage des Über-Ichs, eine im Es angeregte Trieb- 
besetzung nicht mitmachen will. Das Ich erreicht durch die 
Verdrängung, daß die Vorstellung, welche der Träger der 
unliebsamen Regung war, vom Bewußtwerden abgehalten 
wird. Die Analyse weist oftmals nach, daß sie als unbewußte 
Formation erhalten geblieben ist. So weit wäre es klar, aber 
bald beginnen die unerledigten Schwierigkeiten. 

Unsere bisherigen Beschreibungen des Vorganges bei der 
Verdrängung haben den Erfolg der Abhaltung vom Bewußt- 
sein nachdrücklich betont, aber in anderen Punkten Zweifel 
offen gelassen. Es entsteht die Frage, was ist das Schicksal 
der im Es aktivierten Triebregung, die auf Befriedigung ab- 
zielt? Die Antwort war eine indirekte, sie lautete, durch den 
Vorgang der Verdrängung werde die zu erwartende Befriedi- 
gungslust in Unlust verwandelt, und dann stand man vor 
dem Problem, wie Unlust das Ergebnis einer Triebbefriedi- 
gung sein könne. Wir hoffen, den Sachverhalt zu klären, 



und Angst 2I i 

wenn wir die bestimmte Aussage ma:hen, der im Es beab- 
sichtigte Erregungsablauf komme infolge der Verdrängung 
überhaupt nicht zustande, es gelinge dem Ich, ihn zu 
inhibieren oder abzulenken. Dann entfällt das Rätsel der 
„Affektverwandlung" bei der Verdrängung. Wir haben aber 
damit dem Ich das Zugeständnis gemacht, daß es einen so 
weitgehenden Einfluß auf die Vorgänge im Es äußern kann, 
und sollen verstehen lernen, auf welchem Wege ihm diese 
überraschende Machtentfaltung möglich wird. 

Ich glaube, dieser Einfluß fällt dem Ich zu infolge seiner 
innigen Beziehungen zum Wahrnehmungssystem, die ja sein 
Wesen ausmachen und der Grund seiner Differenzierung vom 
Es geworden sind. Die Funktion dieses Systems, das wir 
W-Bw genannt haben, ist mit dem Phänomen des Bewußt- 
seins verbunden; es empfängt Erregungen nicht nur von außen, 
sondern auch von innen her, und mittels der Lust-Unlust- 
empfindungen, die es von daher erreichen, versucht es, alle 
Abläufe des seelischen Geschehens im Sinne des Lustprinzips 
zu lenken. Wir stellen uns das Ich so gerne als ohnmächtig 
gegen das Es vor, aber wenn es sich gegen einen Triebvor- 
gang im Es sträubt, so braucht es bloß ein Unlustsignal 
zu geben, um seine Absicht durch die Hilfe der beinahe all- 
mächtigen Instanz des Lustprinzips zu erreichen. Wenn wir 
diese Situation für einen Augenblick isoliert betrachten, 
können wir sie durch ein Beispiel aus einer anderen Sphäre 
illustrieren. In einem Staate wehre sich eine gewisse Clique 
gegen eine Maßregel, deren Beschluß den Neigungen der 
Masse entsprechen würde. Diese Minderzahl bemächtigt sich 
dann der Presse, bearbeitet durch sie die souveräne „öffent- 
liche Meinung" und setzt es so durch, daß der geplante 
Beschluß unterbleibt. 

An die eine Beantwortung knüpfen weitere Fragestellungen 
an. Woher rührt die Energie, die zur Erzeugung des Unlust- 
ig 



212 Hemmung, Symptom 



signals verwendet wird? Hier weist uns die Idee den "Weg, 
daß die Abwehr eines unerwünschten Vorganges im Inneren 
nach dem Muster der Abwehr gegen einen äußeren Reiz 
geschehen dürfte, daß das Ich den gleichen Weg der Ver- 
teidigung gegen die innere wie gegen die äußere Gefahr ein- 
schlägt. Bei äußerer Gefahr unternimmt das organische 
Wesen einen Fluchtversuch, es zieht zunächst die Besetzung 
von der Wahrnehmung des Gefährlichen ab; später erkennt 
es als das wirksamere Mittel, solche Muskelaktionen vorzu- 
nehmen, daß die Wahrnehmung der Gefahr, auch wenn man 
sie nicht verweigert, unmöglich wird, also sich dem 
Wirkungsbereich der Gefahr zu entziehen. Einem solchen 
Fluchtversuch gleichwertig ist auch die Verdrängung. Das 
Ich zieht die (vorbewußte) Besetzung von der zu verdrän- 
genden Triebrepräsentanz ab und verwendet sie für die 
Unlust- (Angst-) Entbindung. Das Problem, wie bei der Ver- 
drängung die Angst entsteht, mag kein einfaches sein; immer- 
hin hat man das Recht, an der Idee festzuhalten, daß das 
Ich die eigentliche Angststätte ist, und die frühere Auffassung 
zurückzuweisen, die Besetzungsenergie der verdrängten Regung 
werde automatisch in Angst verwandelt. Wenn ich mich 
früher einmal so geäußert habe, so gab ich eine phänomeno- 
logische Beschreibung, nicht eine metapsychologische Dar- 
stellung. 

Aus dem Gesagten leitet sich die neue Frage ab, wie es 
ökonomisch möglich ist, daß ein bloßer Abziehungs- und 
Abfuhrvorgang wie beim Rückzug der vorbewußten Ich- 
besetzung Unlust oder Angst erzeugen könne, die nach 
unseren Voraussetzungen nur Folge gesteigerter Besetzung 
sein kann. Ich antworte, diese Verursachung soll nicht ökono- 
misch erklärt werden, die Angst wird bei der Verdrängung 
nicht neu erzeugt, sondern als Affektzustand nach einem vor- 
handenen Erinnerungsbild reproduziert. Mit der weiteren 




und Angst 213 

Frage nach der Herkunft dieser Angst — wie der Affekte 
überhaupt — verlassen wir aber den unbestritten psycho- 
logischen Boden und betreten das Grenzgebiet der Physio- 
logie. Die Affektzustände sind dem Seelenleben als Nieder- 
schläge uralter traumatischer Erlebnisse einverleibt und wer- 
den in ähnlichen Situationen wie Erinnerungssymbole wach- 
gerufen. Ich meine, ich hatte nicht Unrecht, sie den spät und 
individuell erworbenen hysterischen Anfällen gleichzusetzen 
und als deren Normalvorbilder zu betrachten. Beim Menschen 
und ihm verwandten Geschöpfen scheint der Geburtsakt als 
das erste individuelle Angsterlebnis dem Ausdruck des Angst- 
affekts charakteristische Züge geliehen zu haben. Wir sollen 
aber diesen Zusammenhang nicht überschätzen und in seiner 
Anerkennung nicht übersehen, daß ein Affektsymbol für die 
Situation der Gefahr eine biologische Notwendigkeit ist und 
auf jeden Fall geschaffen worden wäre. Ich halte es auch für 
unberechtigt anzunehmen, daß bei jedem Angstausbruch etwas 
im Seelenleben vor sich geht, was einer Reproduktion der 
Geburtssituation gleichkommt. Es ist nicht einmal sicher, ob 
die hysterischen Anfälle, die ursprünglich solche traumatische 
Reproduktionen sind, diesen Charakter dauernd bewahren. 

Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß die meisten 
Verdrängungen, mit denen wir bei der therapeutischen Arbeit 
zu tun bekommen, Fälle von Nach drängen sind. Sie setzen 
früher erfolgte Urverdrängungen voraus, die auf die 
neuere Situation ihren anziehenden Einfluß ausüben. Von 
diesen Hintergründen und Vorstufen der Verdrängung ist 
noch viel zu wenig bekannt. Man kommt leicht in Gefahr, 
die Rolle des Uber-Ichs bei der Verdrängung zu über- 
schätzen. Man kann es derzeit nicht beurteilen, ob etwa das 
Auftreten des Uber-Ichs die Abgrenzung zwischen Urver- 
drängung und Nachdrängen schafft. Die ersten — sehr 
intensiven — Angstausbrüche erfolgen jedenfalls vor der 



2i4 Hemmung, Symptom 

Differenzierung des Ober-Ichs. Es ist durchaus plausibel, daß 
quantitative Momente, wie die übergroße Stärke der Erregung 
und der Durchbruch des Reizschutzes, die nächsten Anlässe 
der Urverdrängungen sind. 

Die Erwähnung des Reizschutzes mahnt uns wie ein Stich- 
wort, daß die Verdrängungen in zwei unterschiedenen Situa- 
tionen auftreten, nämlich wenn eine unliebsame Triebregung 
durch eine äußere Wahrnehmung wachgerufen wird, und 
wenn sie ohne solche Provokation im Innern auftaucht. "Wir 
werden später auf diese Verschiedenheit zurückkommen. 
Reizschutz gibt es aber nur gegen äußere Reize, nicht gegen 
innere Triebansprüche. 

Solange wir den Fluchtversuch des Ichs studieren, bleiben 
wir der Symptombildung ferne. Das Symptom entsteht aus 
der durch die Verdrängung beeinträchtigten Triebregung. 
Wenn das Ich durch die Inanspruchnahme des Unlustsignals 
seine Absicht erreicht, die Triebregung völlig zu unterdrücken, 
erfahren wir nichts darüber, wie das geschieht. Wir lernen 
nur aus den Fällen, die als mehr oder minder mißglückte 
Verdrängungen zu bezeichnen sind. 

Dann stellt es sich im allgemeinen so dar, daß die Trieb- 
regung zwar trotz der Verdrängung einen Ersatz gefunden 
hat, aber einen stark verkümmerten, verschobenen, gehemm- 
ten. Er ist auch als Befriedigung nicht mehr kenntlich. Wenn 
er vollzogen wird, kommt keine Lustempfindung zustande, 
dafür hat dieser Vollzug den Charakter des Zwanges ange- 
nommen. Aber bei dieser Erniedrigung des Befriedigungsab- 
laufes zum Symptom zeigt die Verdrängung ihre Macht 
noch in einem anderen Punkte. Der Ersatzvorgang wird 
womöglich von der Abfuhr durch die Motilität ferngehalten; 
auch wo dies nicht gelingt, muß er sich in der Veränderung 
des eigenen Körpers erschöpfen und darf nicht auf die Außen- 
welt übergreifen; es wird ihm verwehrt, sich in Handlung 



und Angst 21 5 

umzusetzen. Wir verstehen, bei der Verdrängung arbeitet das 
Ich unter dem Einfluß der äußeren Realität und schließt 
darum den Erfolg des Ersatzvorganges von dieser Realität ab. 

Das Ich beherrscht den Zugang zum Bewußtsein wie den 
Übergang zur Handlung gegen die Außenwelt; in der Ver- 
drängung betätigt es seine Macht nach beiden Richtungen. 
Die Triebrepräsentanz bekommt die eine, die Triebregung 
selbst die andere Seite seiner Kraftäußerung zu spüren. Da 
ist es denn am Platze, sich zu fragen, wie diese Anerkennung 
der Mächtigkeit des Ichs mit der Beschreibung zusammen- 
kommt, die wir in der Studie „Das Ich und das Es" von 
der Stellung desselben Ichs entworfen haben. Wir haben dort 
die Abhängigkeit des Ichs vom Es wie vom Über-Ich geschil- 
dert, seine Ohnmacht und Angstbereitschaft gegen beide, seine 
mühsam aufrecht erhaltene Überheblichkeit entlarvt. Dieses 
Urteil hat seither einen starken Widerhall in der psycho- 
analytischen Literatur gefunden. Zahlreiche Stimmen betonen 
eindringlich die Schwäche des Ichs gegen das Es, des Ratio- 
nellen gegen das Dämonische in uns, und schicken sich an, 
diesen Satz zu einem Grundpfeiler einer psychoanalytischen 
„Weltanschauung" zu machen. Sollte nicht die Einsicht in 
die Wirkungsweise der Verdrängung gerade den Analytiker 
von so extremer Parteinahme zurückhalten? 

Ich bin überhaupt nicht für die Fabrikation von Welt- 
anschauungen. Die überlasse man den Philosophen, die ein- 
gestandenermaßen die Lebensreise ohne einen solchen Baede- 
ker, der über alles Auskunft gibt, nicht ausführbar finden. 
Nehmen wir demütig die Verachtung auf uns, mit der die 
Philosophen vom Standpunkt ihrer höheren Bedürftigkeit 
auf uns herabschauen. Da auch wir unseren narzißtischen 
Stolz nicht verleugnen können, wollen wir unseren Trost in 
der Erwägung suchen, daß alle diese „Lebensführer" rasch 
veralten, daß es gerade unsere kurzsichtig beschränkte Klein- 






216 Hemmung, Symptom 

arbeit ist, welche deren Neuauflagen notwendig macht, und 
daß selbst die modernsten dieser Baedeker Versuche sind, den 
alten, so bequemen und so vollständigen Katechismus zu er- 
setzen. Wir wissen genau, wie wenig Licht die "Wissenschaft 
bisher über das Rätsel dieser Welt verbreiten konnte; alles 
Poltern der Philosophen kann daran nichts ändern, nur ge- 
duldige Fortsetzung der Arbeit, die alles der einen Forderung 
nach Gewißheit unterordnet, kann langsam Wandel schaffen. 
Wenn der Wanderer in der Dunkelheit singt, verleugnet er 
seine Ängstlichkeit, aber er sieht darum um nichts heller. 



in 

Um zum Problem des Ichs zurückzukehren: Der Anschein 
des Widerspruchs kommt daher, daß wir Abstraktionen zu 
starr nehmen und ans einem komplizierten Sachverhalt bald 
die eine, bald die andere Seite allein herausgreifen. Die Schei- 
dung des Ichs vom Es scheint gerechtfertigt, sie wird uns 
durch bestimmte Verhältnisse aufgedrängt. Aber anderseits 
ist das Ich mit dem Es identisch, nur ein besonders differen- 
zierter Anteil desselben. Stellen wir dieses Stück in Gedanken 
dem Ganzen gegenüber, oder hat sich ein wirklicher Zwie- 
spalt zwischen den beiden ergeben, so wird uns die Schwäche 
dieses Ichs offenbar. Bleibt das Ich aber mit dem Es verbun- 
den, von ihm nicht unterscheidbar, so zeigt sich seine Stärke. 
Ähnlich ist das Verhältnis des Ichs zum Über-Ich; für viele 
Situationen fließen uns die beiden zusammen, meistens kön- 
nen wir sie nur unterscheiden, wenn sich. eine Spannung, ein 
Konflikt zwischen ihnen hergestellt hat. Für den Fall der Ver- 
drängung wird die Tatsache entscheidend, daß das Ich eine 
Organisation ist, das Es aber keine; das Ich ist eben der orga- 
nisierte Anteil des Es. Es wäre ganz ungerechtfertigt, wenn 
man sich vorstellte, Ich und Es seien wie zwei verschiedene 



und Angst 2I _ 

Heerlager; durch die Verdrängung suche das Ich ein Stück 
des Es zu unterdrücken, nun komme das übrige Es dem Ange- 
griffenen zu Hilfe und messe seine Stärke mit der des Ichs. 
Das mag oft zustande kommen, aber es ist gewiß nicht die 
Eingangssituation der Verdrängung; in der Regel bleibt die 
zu verdrängende Triebregung isoliert. Hat der Akt der Ver- 
drängung uns die Stärke des Ichs gezeigt, so legt er doch in 
einem auch Zeugnis ab für dessen Ohnmacht und für die Un- 
beeinflußbarkeit der einzelnen Triebregung des Es. Denn der 
Vorgang, der durch die Verdrängung zum Symptom geworden 
ist, behauptet nun seine Existenz außerhalb der Ichorganisa- 
tion und unabhängig von ihr. Und nicht er allein, auch alle 
seine Abkömmlinge genießen dasselbe Vorrecht, man möchte 
sagen: der Extraterritorialität, und wo sie mit Anteilen der 
Ichorganisation assoziativ zusammentreffen, wird es fraglich, 
ob sie diese nicht zu sich herüberziehen und sich mit diesem 
Gewinn auf Kosten des Ichs ausbreiten werden. Ein uns 
längst vertrauter Vergleich betrachtet das Symptom als einen 
Fremdkörper, der unaufhörlich Reiz- und Reaktionserschei- 
nungen in dem Gewebe unterhält, in das er sich eingebettet 
hat. Es kommt zwar vor, daß der Abwehrkampf gegen die 
unliebsame Triebregung durch die Symptombildung abge- 
schlossen wird; soweit wir sehen, ist dies am ehesten bei der 
hysterischen Konversion möglich, aber in der Regel ist der 
Verlauf ein anderer; nach dem ersten Akt der Verdrängung 
folgt ein langwieriges oder nie zu beendendes Nachspiel, der 
Kampf gegen die Triebregung findet seine Fortsetzung in dem 
Kampf gegen das Symptom. 

Dieser sekundäre Abwehrkampf zeigt uns zwei Gesichter — 
mit widersprechendem Ausdruck. Einerseits wird das Ich 
durch seine Natur genötigt, etwas zu unternehmen, was wir 
als Herstellungs- oder Versöhnungsversuch beurteilen müssen. 
Das Ich ist eine Organisation, es beruht auf dem freien Ver- 



218 Hemmung, Symptom 

kehr und der Möglichkeit gegenseitiger Beeinflussung unter 
all seinen Bestandteilen, seine desexualisierte Energie bekundet 
ihre Herkunft noch in dem Streben nach Bindung und Ver- 
einheitlichung, und dieser Zwang zur Synthese nimmt immer 
mehr zu, je kräftiger sich das Ich entwickelt. So wird es ver- 
ständlich, daß das Ich auch versucht, die Fremdheit und Iso- 
lierung des Symptoms aufzuheben, indem es alle Möglichkeiten 
ausnützt, es irgendwie an sich zu binden und durch solche 
Bande seiner Organisation einzuverleiben. Wir wissen, daß 
ein solches Bestreben bereits den Akt der Symptombildung 
beeinflußt. Ein klassisches Beispiel dafür sind jene hysterischen 
Symptome, die uns als Kompromiß zwischen Befriedigungs- 
und Strafbedürfnis durchsichtig geworden sind. Als Erfüllun- 
gen einer Forderung des Uber-Ichs haben solche Symptome 
von vornherein Anteil am Ich, während sie anderseits Posi- 
tionen des Verdrängten und Einbruchsstellen desselben in die 
Ichorganisation bedeuten; sie sind sozusagen Grenzstationen 
mit gemischter Besetzung. Ob alle primären hysterischen 
Symptome so gebaut sind, verdiente eine sorgfältige Unter- 
suchung. Im weiteren Verlaufe benimmt sich das Ich so, als 
ob es von der Erwägung geleitet würde: das Symptom 
ist einmal da und kann nicht beseitigt werden; nun heißt es, 
sich mit dieser Situation befreunden und den größtmöglichen 
Vorteil aus ihr ziehen. Es findet eine Anpassung an das ich- 
fremde Stück der Innenwelt statt, das durch das Symptom 
repräsentiert wird, wie sie das Ich sonst normalerweise gegen 
die reale Außenwelt zustande bringt. An Anlässen hiezu fehlt 
es nie. Die Existenz des Symptoms mag eine gewisse Behinde- 
rung der Leistung mit sich bringen, mit der man eine Anfor- 
derung des Über-Ichs beschwichtigen oder einen Anspruch der 
Außenwelt zurückweisen kann. So wird das Symptom all- 
mählich mit der Vertretung wichtiger Interessen betraut, es 
erhält einen Wert für die Selbstbehauptung, verwächst immer 



und Angst 



219 



inniger mit dem Ich, wird ihm immer unentbehrlicher. Nur 
in ganz seltenen Fällen kann der Prozeß der Einheilung eines 
Fremdkörpers etwas ähnliches wiederholen. Man kann die 
Bedeutung dieser sekundären Anpassung an das Symptom auch 
übertreiben, indem man aussagt, das Ich habe sich das Sym- 
ptom überhaupt nur angeschafft, um dessen Vorteile zu 
genießen. Das ist dann so richtig oder so falsch, wie wenn 
man die Ansicht vertritt, der Kriegsverletzte habe sich das 
Bein nur abschießen lassen, um dann arbeitsfrei von seiner 
Invalidenrente zu leben. 

Andere Symptomgestaltungen, die der Zwangsneurose und 
der Paranoia, bekommen einen hohen Wert für das Ich, nicht 
weil sie ihm Vorteile, sondern weil sie ihm eine sonst ent- 
behrte narzißtische Befriedigung bringen. Die Systembildungen 
der Zwangsneurotiker schmeicheln ihrer Eigenliebe durch die 
Vorspiegelung, sie seien als besonders reinliche oder gewissen- 
hafte Menschen besser als andere; die Wahnbildungen der 
Paranoia eröffnen dem Scharfsinn und der Phantasie dieser 
Kranken ein Feld zur Betätigung, das ihnen nicht leicht ersetzt 
werden kann. Aus all den erwähnten Beziehungen resultiert, 
was uns als der (sekundäre) Krankheitsgewinn der 
Neurose bekannt ist. Er kommt dem Bestreben des Ichs, sich 
das Symptom einzuverleiben, zu Hilfe und verstärkt die 
Fixierung des letzteren. Wenn wir dann den Versuch machen, 
dem Ich in seinem Kampf gegen das Symptom analytischen 
Beistand zu leisten, finden wir diese versöhnlichen Bindun- 
gen zwischen Ich und Symptom auf der Seite der Widerstände 
wirksam. Es wird uns nicht leicht gemacht, sie zu lösen. Die 
beiden Verfahren, die das Ich gegen das Symptom anwendet, 
stehen wirklich in Widerspruch zueinander. 

Das andere Verfahren hat weniger freundlichen Charakter, 
es setzt die Richtung der Verdrängung fort. Aber es scheint, 
daß wir das Ich nicht mit dem Vorwurf der Inkonsequenz 



220 Hemmung, Symptom 

belasten dürfen. Das Ich ist friedfertig und möchte sich das 
Symptom einverleiben, es in sein Ensemble aufnehmen. Die 
Störung geht vom Symptom aus, das als richtiger Ersatz und 
Abkömmling der verdrängten Regung deren Rolle weiterspielt, 
deren Befriedigungsanspruch immer wieder erneuert und so 
das Ich nötigt, wiederum das Unlustsignal zu geben und sich 
zur Wehre zu setzen. 

Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom ist viel- 
gestaltig, spielt sich auf verschiedenen Schauplätzen ab und 
bedient sich mannigfaltiger Mittel. Wir werden nicht viel 
über ihn aussagen können, wenn wir nicht die einzelnen Fälle 
der Symptombildung zum Gegenstand der Untersuchung neh- 
men. Dabei werden wir Anlaß rinden, auf das Problem der 
Angst einzugehen, das wir längst wie im Hintergrunde lauernd 
verspüren. Es empfiehlt sich, von den Symptomen, welche die 
hysterische Neurose schafft, auszugehen; auf die Voraus- 
setzungen der Symptombildung bei der Zwangsneurose, Para- 
noia und anderen Neurosen sind wir noch nicht vorbereitet. 

IV 

Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer infantilen 
hysterischen Tierphobie, also z. B. der gewiß in allen Haupt- 
zügen typische Fall der Pferdephobie des „Kleinen Hans". 1 
Schon der erste Blick läßt uns erkennen, daß die Verhältnisse 
eines realen Falles von neurotischer Erkrankung weit kompli- 
zierter sind als unsere Erwartung, solange wir mit Abstrak- 
tionen arbeiten, sich vorstellt. Es gehört einige Arbeit dazu, 
sich zu orientieren, welches die verdrängte Regung, was ihr 
Symptomersatz ist, wo das Motiv der Verdrängung kenntlich 
wird. 







i) Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. [Ges. 
Schriften, Bd. VIII.] 



und Angst 221 

Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße zu gehen, 
weil er Angst vor dem Pferd hat. Dies ist der Rohstoff. Was 
ist nun daran das Symptom: die Angstentwicklung, die Wahl 
des Angstobjekts, oder der Verzicht auf die freie Beweglich- 
keit, oder mehreres davon zugleich? Wo ist die Befriedigung, 
die er sich versagt? Warum muß er sich diese versagen? 

Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht so viel 
rätselhaft. Die unverständliche Angst vor dem Pferd ist das 
Symptom, die Unfähigkeit, auf die Straße zu gehen, ist eine 
Hemmungserscheinung, eine Einschränkung, die sich das Ich 
auferlegt, um nicht das Angstsymptom zu wecken. Man sieht 
ohneweiters die Richtigkeit der Erklärung des letzten Punktes 
ein und wird nun diese Hemmung bei der weiteren Diskussion 
außer Betracht lassen. Aber die erste flüchtige Bekanntschaft 
mit dem Falle lehrt uns nicht einmal den wirklichen Ausdruck 
des vermeintlichen Symptoms kennen. Es handelt sich, wie wir 
bei genauerem Verhör erfahren, gar nicht um eine unbestimmte 
Angst vor dem Pferd, sondern um die bestimmte ängstliche 
Erwartung: das Pferd werde ihn beißen. Allerdings sucht sich 
dieser Inhalt dem Bewußtsein zu entziehen und sich durch 
die unbestimmte Phobie, in der nur noch die Angst und ihr 
Objekt vorkommen, zu ersetzen. Ist nun etwa dieser Inhalt 
der Kern des Symptoms? 

Wir kommen keinen Schritt weiter, solange wir nicht die 
ganze psychische Situation des Kleinen in Betracht ziehen, 
wie sie uns während der analytischen Arbeit enthüllt wird. 
Er befindet sich in der eifersüchtigen und feindseligen ödipus- 
Einstellung zu seinem Vater, den er doch, soweit die Mutter 
nicht als Ursache der Entzweiung in Betracht kommt, herz- 
lich liebt. Also ein Ambivalenzkonflikt, gut begründete Liebe 
und nicht minder berechtigter Haß, beide auf dieselbe Person 
gerichtet. Seine Phobie muß ein Versuch zur Lösung dieses 
Konflikts sein. Solche Ambivalenzkonflikte sind sehr häufig, 






222 Hemmung, Symptom 

wir kennen einen anderen typischen Ausgang derselben. Bei 
diesem wird die eine der beiden miteinander ringenden 
Regungen, in der Regel die zärtliche, enorm verstärkt, die 
andere verschwindet. Nur das Übermaß und das Zwangs- 
mäßige der Zärtlichkeit verrät uns, daß diese Einstellung 
nicht die einzig vorhandene ist, daß sie ständig auf der Hut 
ist, ihr Gegenteil in Unterdrückung zu halten, und läßt uns 
einen Hergang konstruieren, den wir als Verdrängung durch 
Reaktionsbildung (im Ich) beschreiben. Fälle wie 
der kleine Hans zeigen nichts von solcher Reaktionsbildung; 
es gibt offenbar verschiedene Wege, die aus einem Ambivalenz- 
konflikt herausführen. 

Etwas anderes haben wir unterdes mit Sicherheit erkannt. 
Die Triebregung, die der Verdrängung unterliegt, ist ein feind- 
seliger Impuls gegen den Vater. Die Analyse lieferte uns den 
Beweis hiefür, während sie der Herkunft der Idee des beißen- 
den Pferdes nachspürte. Hans hat ein Pferd fallen gesehen, 
einen Spielkameraden fallen und sich verletzen, mit dem er 
„Pferdl" gespielt hatte. Sic hat uns das Recht gegeben, bei 
Hans eine Wunschregung zu konstruieren, die gelautet hat, 
der Vater möge hinfallen, sich beschädigen wie das Pferd 
und der Kamerad. Beziehungen zu einer beobachteten Abreise 
lassen vermuten, daß der Wunsch nach der Beseitigung des 
Vaters auch minder zaghaften Ausdruck gefunden hat. Ein 
solcher Wunsch ist aber gleichwertig mit der Absicht, ihn 
selbst zu beseitigen, mit der mörderischen Regung des ödipus- 
Komplexes. 

Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt kein Weg 
zu dem Ersatz für sie, den wir in der Pferdephobie vermuten. 
Vereinfachen wir nun die psychische Situation des kleinen 
Hans, indem wir das infantile Moment und die Ambivalenz 
wegräumen; er sei etwa ein jüngerer Diener in einem Haushalt, 
der in die Herrin verliebt ist und sich gewisser Gunstbezeu- 






und Angst 223 

gungen von ihrer Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er den 
stärkeren Hausherrn haßt und ihn beseitigt wissen möchte; 
dann ist es die natürlichste Folge dieser Situation, daß er die 
Rache dieses Herrn fürchtet, daß sich bei ihm ein Zustand 
von Angst vor diesem einstellt — ganz ähnlich wie die 
Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd. Das heißt, wir 
können die Angst dieser Phobie nicht als Symptom bezeichnen; 
wenn der kleine Hans, der in seine Mutter verliebt ist, 
Angst vor dem Vater zeigen würde, hätten wir kein Recht, 
ihm eine Neurose, eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten 
eine durchaus begreifliche affektive Reaktion vor uns. Was 
diese zur Neurose macht, ist einzig und allein ein anderer Zug, 
die Ersetzung des Vaters durch das Pferd. Diese Verschiebung 
stellt also das her, was auf den Namen eines Symptoms An- 
spruch hat. Sie ist jener andere Mechanismus, der die Erledi- 
gung des Ambivalenzkonflikts ohne die Hilfe der Reaktions- 
bildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert wird sie durch 
den Umstand, daß die mitgeborenen Spuren totemistischer 
Denkweise in diesem zarten Alter noch leicht zu beleben sind. 
Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist noch nicht aner- 
kannt, gewiß nicht so überbetont wie später. Der erwachsene, 
bewunderte, aber auch gefürchtete Mann steht noch in einer 
Reibe mit dem großen Tier, das man um so vielerlei beneidet, 
vor dem man aber auch gewarnt worden ist, weil es gefähr- 
lich werden kann. Der Ambivalenzkonflikt wird also nicht 
an derselben Person erledigt, sondern gleichsam umgangen, 
indem man einer seiner Regungen eine andere Person als 
Ersatzobjekt unterschiebt. 

Soweit sehen wir ja klar, aber in einem anderen Punkte 
hat uns die Analyse der Phobie des kleinen Hans eine volle 
Enttäuschung gebracht. Die Entstellung, in der die Symptom- 
bildung besteht, wird gar nicht an der Repräsentanz (dem 
Vorstellungsinhalt) der zu verdrängenden Triebregung vor- 



Z2 4 _____^_ Hemmung, Symptom 

genommen, sondern an einer davon ganz verschiedenen, die 
nur einer Reaktion auf das eigentlich Unliebsame entspricht. 
Unsere Erwartung fände eher Befriedigung, wenn der kleine 
Hans an Stelle seiner Angst vor dem Pferd eine Neigung ent- 
wickelt hätte, Pferde zu mißhandeln, sie zu schlagen, oder 
deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte, zu sehen, wie sie 
hinfallen, zu Schaden kommen, eventuell unter Zuckungen 
verenden (das Krawallmachen mit den Beinen). Etwas der 
Art tritt auch wirklich während seiner Analyse auf, aber es 

steht lange nicht voran in der Neurose und — sonderbar 

wenn er wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das Pferd 
anstatt gegen den Vater gerichtet, als Hauptsymptom ent- 
wickelt hätte, würden wir gar nicht geurteilt haben, er be- 
finde sich in einer Neurose. Etwas ist also da nicht in Ord- 
nung, entweder an unserer Auffassung der Verdrängung oder 
in unserer Definition eines Symptoms. Eines fällt uns natürlich 
sofort auf: Wenn der kleine Hans wirklich ein solches Ver- 
halten gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja der Charakter 
der anstößigen, aggressiven Triebregung durch die Verdrängung 
gar nicht verändert, nur deren Objekt gewandelt worden. 

Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung gibt, die 
nicht mehr leisten als dies; bei der Genese der Phobie des 
kleinen Hans ist aber mehr geschehen. Um wieviel mehr, 
erraten wir aus einem anderen Stück Analyse. 

Wir haben bereits gehört, daß der kleine Hans als den 
Inhalt seiner Phobie die Vorstellung angab, vom Pferd ge- 
bissen zu werden. Nun haben wir später Einblick in die 
Genese eines anderen Falles von Tierphobie bekommen, in der 
der Wolf das Angsttier war, aber gleichfalls die Bedeutung 
eines Vaterersatzes hatte. 2 Im Anschluß an einen Traum, den 
die Analyse durchsichtig machen konnte, entwickelte sich bei 

2) Aus der Geschichte einer infantilen Neurose [S. 37 ff. dieses 
Bandes]. 






und Angst 225 

diesem Knaben die Angst, vom Wolf gefressen zu werden, 
wie eines der sieben Geißlein im Märchen. Daß der Vater des 
kleinen Hans nachweisbar „Pferdl" mit ihm gespielt hatte, 
war gewiß bestimmend für die Wahl des Angsttieres gewor- 
den; ebenso ließ sich wenigstens sehr wahrscheinlich machen, 
daß der Vater meines erst im dritten Jahrzehnt analysierten 
Russen in den Spielen mit dem Kleinen den Wolf gemimt 
und scherzend mit dem Auffressen gedroht hatte. Seither habe 
ich als dritten Fall einen jungen Amerikaner gefunden, bei 
dem sich zwar keine Tierphobie ausbildete, der aber gerade 
durch diesen Ausfall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine 
sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen Kinder- 
geschichte entzündet, die man ihm vorlas, von einem arabi- 
schen Häuptling, der einer aus eßbarer Substanz bestehenden 
Person (dem Gingerbreadman), nachjagt, um ihn zu verzehren. 
Mit diesem eßbaren Menschen identifizierte er sich selbst, der 
Häuptling war als Vaterersatz leicht kenntlich und diese 
Phantasie wurde die erste Unterlage seiner autoerotischen 
Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen zu werden, 
ist aber typisches uraltes Kindergut; die Analogien aus der 
Mythologie (Kronos) und dem Tierleben sind allgemein 
bekannt. 

Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt 
uns so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur ungläubig 
zugestehen können. Wir wissen auch nicht, ob er wirklich 
das bedeutet, was er auszusagen scheint, und verstehen nicht, 
wie er Gegenstand einer Phobie werden kann. Die analytische 
Erfahrung gibt uns allerdings die erforderlichen Auskünfte. 
Sie lehrt uns, daß die Vorstellung, vom Vater gefressen zu 
werden, der regressiv erniedrigte Ausdruck für eine passive 
zärtliche Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne der 
Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgung der 
Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel an der Richtigkeit 

15 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 









226 Hemmung, Symptom 

dieser Deutung aufkommen. Die genitale Regung verrät frei- 
lich nichts mehr von ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der 
Sprache der überwundenen Ubergangsphase von der oralen 
zur sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt wird. Handelt 
es sich übrigens nur um eine Ersetzung der Repräsentanz 
durch einen regressiven Ausdruck oder um eine wirkliche 
regressive Erniedrigung der genitalgerichteten Regung im Es? 
Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden. Die Kranken- 
geschichte des russischen „Wolfsmannes" spricht ganz ent- 
schieden für die letztere ernstere Möglichkeit, denn er be- 
nimmt sich von dem entscheidenden Traum an „schlimm", 
quaierisch, sadistisch und entwickelt bald darauf eine richtige 
Zwangsneurose. Jedenfalls gewinnen wir die Einsicht, daß die 
Verdrängung nicht das einzige Mittel ist, das dem Ich zur 
Abwehr einer unliebsamen Triebregung zu Gebote steht. "Wenn 
es ihm gelingt, den Trieb zur Regression zu bringen, so hat es 
ihn im Grunde energischer beeinträchtigt, als durch die Ver- 
drängung möglich wäre. Allerdings läßt es manchmal der 
zuerst erzwungenen Regression die Verdrängung folgen. 

Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas einfachere 
beim kleinen Hans regen noch mancherlei andere Überlegun- 
gen an, aber zwei unerwartete Einsichten gewinnen wir schon 
jetzt. Kein Zweifel, die bei diesen Phobien verdrängte Trieb- 
regung ist eine feindselige gegen den Vater. Man kann sagei 
sie wird verdrängt durch den Prozeß der Verwandlung ins 
Gegenteil; an Stelle der Aggression gegen den Vater tritt die 
Aggression — die Rache — des Vaters gegen die eigene 
Person. Da eine solche Aggression ohnedies in der sadistischen 
Libidophase wurzelt, bedarf sie nur noch einer gewissen Er- 
niedrigung zur oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebissen- 
werden angedeutet, beim Russen aber im Gefressenwerden 
grell ausgeführt ist. Aber außerdem läßt ja die Analyse über 
jeden Zweifel gesichert feststellen, daß gleichzeitig noch eine 



und Angst 227 

andere Triebregung der Verdrängung erlegen ist, die gegen- 
sinnige einer zärtlichen passiven Regung für den Vater, die 
bereits das Niveau der genitalen (phallischen) Libidoorgani- 
sation erreicht hatte. Die letztere scheint sogar die für das 
Endergebnis des Verdrängungsvorganges bedeutsamere zu sein, 
sie erfährt die weitergehende Regression, sie erhält den be- 
stimmenden Einfluß auf den Inhalt der Phobie. Wo wir also 
nur einer Triebverdrängung nachgespürt haben, müssen wir 
das Zusammentreffen von zwei solchen Vorgängen anerkennen; 
die beiden betroffenen Triebregungen — sadistische Aggression 
gegen den Vater und zärtlich passive Einstellung zu ihm — 
bilden ein Gegensatzpaar, ja noch mehr: wenn wir die Ge- 
schichte des kleinen Hans richtig würdigen, erkennen wir, 
daß durch die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche 
Objektbesetzung der Mutter aufgehoben worden ist, wovon 
der Inhalt der Phobie nichts verrät. Es handelt sich bei Hans 
— beim Russen ist das weit weniger deutlich — um einen 
Verdrängungsvorgang, der fast alle Komponenten des ödipus- 
Komplexes betrifft, die feindliche wie die zärtliche Regung 
gegen den Vater und die zärtliche für die Mutter. 

Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die wir 
nur einfache Fälle von Symptombildung infolge von Verdrän- 
gung studieren wollten und uns in dieser Absicht an die frü- 
hesten und anscheinend durchsichtigsten Neurosen der Kind- 
heit gewendet hatten. Anstatt einer einzigen Verdrängung 
fanden wir eine Häufung von solchen vor und überdies be- 
kamen wir es mit der Regression zu tun. Vielleicht haben wir 
die Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die beiden ver- 
fügbaren Analysen von Tierphobien — die des kleinen Hans 
und des Wolfsmannes — durchaus auf denselben Leisten 
schlagen wollten. Nun fallen uns gewisse Unterschiede der 
beiden auf. Nur vom kleinen Hans kann man mit Bestimmt- 
heit aussagen, daß er durch seine Phobie die beiden Haupt- 
15* 



228 Hemmung, Symptom 

regungen des Ödipus-Komplexes, die aggressive gegen den 
Vater und die überzärtliche gegen die Mutter, erledigt; die 
zärtliche für den Vater ist gewiß auch vorhanden, sie spielt 
ihre Rolle bei der Verdrängung ihres Gegensatzes, aber es ist 
weder nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine Ver- 
drängung zu provozieren, noch daß sie nachher aufgehoben 
ist. Hans scheint eben ein normaler Junge mit sogenanntem 
„positiven" Ödipus-Komplex gewesen zu sein. Möglich, daß 
die Momente, die wir vermissen, auch bei ihm mittätig waren, 
aber wir können sie nicht aufzeigen, das Material selbst unserer 
eingehendsten Analysen ist eben lückenhaft, unsere Doku- 
mentierung unvollständig. Beim Russen ist der Defekt an an- 
derer Stelle; seine Beziehung zum weiblichen Objekt ist durch 
eine frühzeitige Verführung gestört worden, die passive, 
feminine Seite ist bei ihm stark ausgebildet und die Analyse 
seines Wolfstraumes enthüllt wenig von beabsichtigter Aggres- 
sion gegen den Vater, erbringt dafür die unzweideutigsten 
Beweise, daß die Verdrängung die passive, zärtliche Einstel- 
lung zum Vater betrifft. Auch hier mögen die anderen Fak- 
toren beteiligt gewesen sein, sie treten aber nicht vor. Wenn 
trotz dieser Unterschiede der beiden Fälle, die sich nahezu 
einer Gegensätzlichkeit nähern, der Enderfolg der Phobie 
nahezu der nämliche ist, so muß uns die Erklärung dafür 
von anderer Seite kommen; sie kommt von dem zweiten 
Ergebnis unserer kleinen vergleichenden Untersuchung. Wir 
glauben den Motor der Verdrängung in beiden Fällen zu 
kennen und sehen seine Rolle durch den Verlauf bestätigt, den 
die Entwicklung der zwei Kinder nimmt. Er ist in beiden 
Fällen der nämliche, die Angst vor einer drohenden Kastra- 
tion. Aus Kastrationsangst gibt der kleine Hans die Aggres- 
sion gegen den Vater auf; seine Angst, das Pferd werde ihn 
beißen, kann zwanglos vervollständigt werden, das Pferd 
werde ihm das Genitale abbeißen, ihn kastrieren. Aber aus 



und Angst 22? 

Kastrationsangst verzichtet auch der kleine Russe auf den 
Wunsch, vom Vater als Sexualobjekt geliebt zu werden, denn 
er hat verstanden, eine solche Beziehung hätte zur Voraus- 
setzung, daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn vom 
Weib unterscheidet. Beide Gestaltungen des Ödipus-Komplexes, 
die normale, aktive, wie die invertierte, scheitern ja am 
Kastrationskomplex. Die Angstidee des Russen, vom Wolf 
gefressen zu werden, enthält zwar keine Andeutung der 
Kastration, sie hat sich durch orale Regression zu weit von 
der phallischen Phase entfernt, aber die Analyse seines 
Traumes macht jeden anderen Beweis überflüssig. Es ist auch 
ein voller Triumph der Verdrängung, daß im Wortlaut der 
Phobie nichts mehr auf die Kastration hindeutet. 

Hier nun das unerwartete Ergebnis: In beiden Fällen ist 
der Motor der Verdrängung die Kastrationsangst; die Angst- 
inhalte, vom Pferd gebissen und vom Wolf gefressen zu wer- 
den, sind Entstellungsersatz für den Inhalt, vom Vater 
kastriert zu werden. Dieser Inhalt ist es eigentlich, der die 
Verdrängung an sich erfahren hat. Beim Russen war er Aus- 
druck eines Wunsches, der gegen die Auflehnung der Männ- 
lichkeit nicht bestehen konnte, bei Hans Ausdruck einer Reak- 
tion, welche die Aggression in ihr Gegenteil umwandelte. 
Aber der Angstaffekt der Phobie, der ihr Wesen ausmacht, 
stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang, nicht aus den 
libidinösen Besetzungen der verdrängten Regungen, sondern 
aus dem Verdrängenden selbst; die Angst der Tierphobie ist 
die unverwandelte Kastrationsangst, also eine Realangst, Angst 
vor einer wirklich drohenden oder als real beurteilten Gefahr. 
Hier macht die Angst die Verdrängung, nicht, wie ich früher 
gemeint habe, die Verdrängung die Angst. 

Es ist nicht angenehm, daran zu denken, aber es hilft 
nichts, es zu verleugnen, ich habe oftmals den Satz vertreten, 
durch die Verdrängung werde die Triebrepräsentanz entstellt, 



230 Hemmung, Symptom 

verschoben u. dgl., die Libido der Triebregung aber in Angst 
verwandelt. Die Untersuchung der Phobien, die vor allem 
berufen sein sollte, diesen Satz zu erweisen, bestätigt ihn also 
nicht, sie scheint ihm vielmehr direkt zu widersprechen. Die 
Angst der Tierphobien ist die Kastrationsangst des Ichs, die 
der weniger gründlich studierten Agoraphobie scheint Ver- 
suchungsangst zu sein, die ja genetisch mit der Kastrations- 
angst zusammenhängen muß. Die meisten Phobien gehen, so 
weit wir es heute übersehen, auf eine solche Angst des Ichs 
vor den Ansprüchen der Libido zurück. Immer ist dabei die 
Angsteinstellung des Ichs das Primäre und der Antrieb zur 
Verdrängung. Niemals geht die Angst aus der verdrängten 
Libido hervor. Wenn ich mich früher begnügt hätte zu sagen, 
nach der Verdrängung erscheint an Stelle der zu erwartenden 
Äußerung von Libido ein Maß von Angst, so hätte ich heute 
nichts zurückzunehmen. Die Beschreibung ist richtig und zwi- 
schen der Stärke der zu verdrängenden Regung und der In- 
tensität der resultierenden Angst besteht wohl die behaup- 
tete Entsprechung. Aber ich gestehe, ich glaubte mehr als 
eine bloße Beschreibung zu geben, ich nahm an, daß ich den 
metapsychologischen Vorgang einer direkten Umsetzung der 
Libido in Angst erkannt hatte; das kann ich also heute, nicht 
mehr festhalten. Ich konnte auch früher nicht angeben, wie 
sich eine solche Umwandlung vollzieht. 

Woher schöpfte ich überhaupt die Idee dieser Umsetzung? 
Zur Zeit, als es uns noch sehr ferne lag, zwischen Vorgängen 
im Ich und Vorgängen im Es zu unterscheiden, aus dem Stu- 
dium der Aktualneurosen. Ich fand, daß bestimmte sexuelle 
Praktiken wie Coitus interruptus, frustrane Erregung, erzwun- 
gene Abstinenz Angstausbrüche und eine allgemeine Angst- 
bereitschaft erzeugen, also immer, wenn die Sexualerregung 
in ihrem Ablauf zur Befriedigung gehemmt, aufgehalten oder 
abgelenkt wird. Da die Sexualerregung der Ausdruck libidi- 



und Angst 231 

nöser Triebregungen ist, schien es nicht gewagt anzunehmen, 
daß die Libido sich durch die Einwirkung solcher Störungen 
in Angst verwandelt. Nun ist diese Beobachtung auch heute 
noch giltig; anderseits ist nicht abzuweisen, daß die Libido 
der Es-Vorgänge durch die Anregung der Verdrängung eine 
Störung erfährt; es kann also noch immer richtig sein, daß 
sich bei der Verdrängung Angst aus der Libidobesetzung der 
Triebregungen bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis mit 
dem anderen zusammenbringen, daß die Angst der Phobien 
eine Ich- Angst ist, im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung 
hervorgeht, sondern die Verdrängung hervorruft? Das scheint 
ein Widerspruch und nicht einfach zu lösen. Die Reduktion 
der beiden Ursprünge der Angst auf einen einzigen läßt sich 
nicht leicht durchsetzen. Man kann es mit der Annahme ver- 
suchen, daß das Ich in der Situation des gestörten Koitus, der 
unterbrochenen Erregung, der Abstinenz, Gefahren wittert, 
auf die es mit Angst reagiert, aber es ist nichts damit zu 
machen. Anderseits scheint die Analyse der Phobien, die wir 
vorgenommen haben, eine Berichtigung nicht zuzulassen. Non 
liquet! 

V 

Wir wollten die Symptombildung und den sekundären 
Kampf des Ichs gegen das Symptom studieren, aber wir haben 
offenbar mit der Wahl der Phobien keinen glücklichen Griff 
getan. Die Angst, welche im Bild dieser Affektionen vor- 
herrscht, erscheint uns nun als eine den Sachverhalt ver- 
hüllende Komplikation. Es gibt reichlich Neurosen, bei denen 
sich nichts von Angst zeigt. Die echte Konversionshysterie 
ist von solcher Art, deren schwerste Symptome ohne Bei- 
mengung von Angst gefunden werden. Schon diese Tatsache 
müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen Angst und 
Symptombildung nicht allzu fest zu knüpfen. Den Kon- 



232 Hemmung, Symptom 

versionshysterien stehen die Phobien sonst so nahe, daß ich 
mich für berechtigt gehalten habe, ihnen diese als „Angst- 
hysterie" anzureihen. Aber niemand hat noch die Bedingung 
angeben können, die darüber entscheidet, ob ein Fall die 
Form einer Konversionshysterie oder einer Phobie annimmt, 
niemand also die Bedingung der Angstentwicklung bei der 
Hysterie ergründet. 

Die häufigsten Symptome der Konversionshysterie, eine 
motorische Lähmung, Kontraktur oder unwillkürliche Aktion 
oder Entladung, ein Schmerz, eine Halluzination, sind ent- 
weder permanent festgehaltene oder intermittierende Be- 
setzungsvorgänge, was der Erklärung neue Schwierigkeiten 
bereitet. Man weiß eigentlich nicht viel über solche Symptome 
zu sagen. Durch die Analyse kann man erfahren, welchen 
gestörten Erregungsablauf sie ersetzen. Zumeist ergibt sich, 
daß sie selbst einen Anteil an diesem haben, so als ob sich 
die gesamte Energie desselben auf dies eine Stück konzentriert 
hätte. Der Schmerz war in der Situation, in welcher die Ver- 
drängung vorfiel, vorhanden; die Halluzination war damals 
"Wahrnehmung, die motorische Lähmung ist die Abwehr einer 
Aktion, die in jener Situation hätte ausgeführt werden sollen, 
aber gehemmt wurde, die Kontraktur gewöhnlich eine Ver- 
schiebung für eine damals intendierte Muskelinnervation an 
anderer Stelle, der Krampfanfall Ausdruck eines Affektaus- 
bruches, der sich der normalen Kontrolle des Ichs entzogen 
hat. In ganz auffälligem Maße wechselnd ist die Unlust- 
empfindung, die das Auftreten der Symptome begleitet. Bei 
den permanenten, auf die Motilität verschobenen Symptomen, 
wie Lähmungen und Kontrakturen, fehlt sie meistens gänzlich, 
das Ich verhält sich gegen sie wie unbeteiligt; bei den inter- 
mittierenden und den Symptomen der sensorischen Sphäre 
werden in der Regel deutliche Unlustempfindungen verspürt, 
die sich im Falle des Schmerzsymptoms zu exzessiver Höhe 






. 



und Angst 23 3 

steigern können. Es ist sehr schwer, in dieser Mannigfaltigkeit 
das Moment herauszufinden, das solche Differenzen er- 
möglicht und sie doch einheitlich erklären läßt. Auch vom 
Kampf des Ichs gegen das einmal gebildete Symptom ist bei 
der Konversionshysterie wenig zu merken. Nur wenn die 
Schmerzempfindlichkeit einer Körperstelle zum Symptom 
geworden ist, wird diese in den Stand gesetzt, eine Doppel- 
rolle zu spielen. Das Schmerzsymptom tritt ebenso sicher auf, 
wenn diese Stelle von außen berührt wird, wie wenn die von 
ihr vertretene pathogene Situation von innen her assoziativ 
aktiviert wird, und das Ich ergreift Vorsichtsmaßregeln, um 
die Erweckung des Symptoms durch äußere Wahrnehmung 
hintanzuhalten. Woher die besondere Undurchsichtigkeit der 
Symptombildung bei der Konversionshysterie rührt, können 
wir nicht erraten, aber sie gibt uns ein Motiv, das unfrucht- 
bare Gebiet bald zu verlassen. 

Wir wenden uns zur Zwangsneurose in der Erwartung, hier 
mehr über die Symptombildung zu erfahren. Die Symptome 
der Zwangsneurose sind im allgemeinen von zweierlei Art 
und entgegengesetzter Tendenz. Es sind entweder Verbote, 
Vorsichtsmaßregeln, Bußen, also negativer Natur, oder im 
Gegenteil Ersatzbefriedigungen, sehr häufig in symbolischer 
Verkleidung. Von diesen zwei Gruppen ist die negative, ab- 
wehrende, strafende, die ältere; mit der Dauer des Krankseins 
nehmen aber die aller Abwehr spottenden Befriedigungen 
überhand. Es ist ein Triumph der Symptombildung, wenn es 
gelingt, das Verbot mit der Befriedigung zu verquicken, so 
daß das ursprünglich abwehrende Gebot oder Verbot auch 
die Bedeutung einer Befriedigung bekommt, wozu oft sehr 
künstliche Verbindungswege in Anspruch genommen werden. 
In dieser Leistung zeigt sich die Neigung zur Synthese, die 
wir dem Ich bereits zuerkannt haben. In extremen Fällen 
bringt es der Kranke zustande, daß die meisten seiner 






234 Hemmung, Symptom 

Symptome zu ihrer ursprünglichen Bedeutung auch die des 
direkten Gegensatzes erworben haben, ein Zeugnis für die 
Macht der Ambivalenz, die, wir wissen nicht warum, in der 
Zwangsneurose eine so große Rolle spielt. Im rohesten Fall 
ist das Symptom zweizeitig, d. h. auf die Handlung, die eine 
gewisse Vorschrift ausführt, folgt unmittelbar eine zweite, die 
sie aufhebt oder rückgängig macht, wenngleich sie noch nicht 
wagt, ihr Gegenteil auszuführen. 

Zwei Eindrücke ergeben sich sofort aus dieser flüchtigen 
Überschau der Zwangssymptome. Der erste, daß hier ein 
fortgesetzter Kampf gegen das Verdrängte unterhalten wird, 
der sich immer mehr zu Ungunsten der verdrängenden Kräfte 
wendet, und zweitens, daß Ich und Uber-Ich hier einen 
besonders großen Anteil an der Symptombildung nehmen. 

Die Zwangsneurose ist wohl das interessanteste und dank- 
barste Objekt der analytischen Untersuchung, aber noch 
immer als Problem unbezwungen. Wollen wir in ihr "Wesen 
tiefer eindringen, so müssen wir eingestehen, daß unsichere 
Annahmen und unbewiesene Vermutungen noch nicht ent- 
behrt werden können. Die Ausgangssituation der Zwangsneu- 
rose ist wohl keine andere als die der Hysterie, die not- 
wendige Abwehr der libidinösen Ansprüche des Ödipus-Kom- 
plexes. Auch scheint sich bei jeder Zwangsneurose eine 
unterste Schicht sehr früh gebildeter hysterischer Symptome 
zu finden. Dann aber wird die weitere Gestaltung durch einen 
konstitutionellen Faktor entscheidend verändert. Die genitale 
Organisation der Libido erweist sich als schwächlich und zu 
wenig resistent. Wenn das Ich sein Abwehrstreben beginnt, 
so erzielt es als ersten Erfolg, daß die Genitalorganisation 
(der phallischen Phase) ganz oder teilweise auf die frühere 
sadistisch-anale Stufe zurückgeworfen wird. Diese Tatsache 
der Regression bleibt für alles folgende bestimmend. 

Man kann noch eine andere Möglichkeit in Erwägung 



und Angst 235 

ziehen. Vielleicht ist die Regression nicht die Folge eines kon- 
stitutionellen, sondern eines zeitlichen Faktors. Sie wird nicht 
darum ermöglicht werden, weil die Genitalorganisation der 
Libido zu schwächlich geraten, sondern weil das Sträuben des 
Ichs zu frühzeitig, noch während der Blüte der sadistischen 
Phase eingesetzt hat. Einer sicheren Entscheidung getraue ich 
mich auch in diesem Punkte nicht, aber die analytische Be- 
obachtung begünstigt diese Annahme nicht. Sie zeigt eher, 
daß bei der "Wendung zur Zwangsneurose die phallische Stufe 
bereits erreicht ist. Auch ist das Lebensalter für den Ausbruch 
dieser Neurose ein späteres als das der Hysterie (die zweite 
Kindheitsperiode, nach dem Termin der Latenzzeit), und in 
einem Fall von sehr später Entwicklung dieser Affektion, den 
ich studieren konnte, ergab es sich klar, daß eine reale Ent- 
wertung des bis dahin intakten Genitallebens die Bedingung 
für die Regression und die Entstehung der Zwangsneurose 
schuf. 3 

Die metapsychologische Erklärung der Regression suche ich 
in einer „Triebentmischung", in der Absonderung der eroti- 
schen Komponenten, die mit Beginn der genitalen Phase zu 
den destruktiven Besetzungen der sadistischen Phase hinzu- 
getreten waren. 

Die Erzwingung der Regression bedeutet den ersten Erfolg 
des Ichs im Abwehrkampf gegen den Anspruch der Libido. 
"Wir unterscheiden hier zweckmäßig die allgemeinere Tendenz 
der „Abwehr" von der „Verdrängung", die nur einer der 
Mechanismen ist, deren sich die Abwehr bedient. Vielleicht 
noch klarer als bei normalen und hysterischen Fällen erkennt 
man bei der Zwangsneurose als den Motor der Abwehr den 
Kastrationskomplex, als das Abgewehrte die Strebungen des 
Ödipus-Komplexes. Wir befinden uns nun zu Beginn der 

3) Siehe: Die Disposition zur Zwangsneurose. [S. j ff. dieses 
Bandes.] 






2}6 Hemmung, Symptom 

Latenzzeit, die durch den Untergang des Ödipus-Komplexes, 
die Schöpfung oder Konsolidierung des Über-Ichs und die 
Aufrichtung der ethischen und ästhetischen Schranken im Ich 
gekennzeichnet ist. Diese Vorgänge gehen bei der Zwangs- 
neurose über das normale Maß hinaus; zur Zerstörung des 
Ödipus-Komplexes tritt die regressive Erniedrigung der Libido 
hinzu, das Über-Ich wird besonders strenge und lieblos, das 
Ich entwickelt im Gehorsam gegen das Über-Ich hohe Reak- 
tionsbildungen von Gewissenhaftigkeit, Mitleid, Reinlichkeit. 
Mit unerbittlicher, darum nicht immer erfolgreicher Strenge 
wird die Versuchung zur Fortsetzung der frühinfantilen 
Onanie verpönt, die sich nun an regressive (sadistisch-anale) 
Vorstellungen anlehnt, aber doch den unbezwungenen Anteil 
der phallischen Organisation repräsentiert. Es liegt ein innerer 
Widerspruch darin, daß gerade im Interesse der Erhaltung 
der Männlichkeit (Kastrationsangst) jede Betätigung dieser 
Männlichkeit verhindert wird, aber auch dieser Widerspruch 
wird bei der Zwangsneurose nur übertrieben, er haftet bereits 
an der normalen Art der Beseitigung des Ödipus-Komplexes. 
Wie jedes Übermaß den Keim zu seiner Selbstaufhebung in 
sich trägt, wird sich auch an der Zwangsneurose bewähren, 
indem gerade die unterdrückte Onanie sich in der Form der 
Zwangshandlungen eine immer weitergehende Annäherung 
an die Befriedigung erzwingt. 

Die Reaktionsbildungen im Ich der Zwangsneurotiker, die 
wir als Übertreibungen der normalen Charakterbildung er- 
kennen, dürfen wir als einen neuen Mechanismus der Abwehr 
neben die Regression und die Verdrängung hinstellen. Sie 
scheinen bei der Hysterie zu fehlen oder weit schwächer zu 
sein. Rückschauend gewinnen wir so eine Vermutung, wodurch 
der Abwehrvorgang der Hysterie ausgezeichnet ist. Es scheint, 
daß er sich auf die Verdrängung einschränkt, indem das Ich 
sich von der unliebsamen Triebregung abwendet, sie dem 



und Angst 237 

Ablauf im Unbewußten überläßt und an ihren Schicksalen 
keinen weiteren Anteil nimmt. So ganz ausschließend richtig 
kann das zwar nicht sein, denn wir kennen ja den Fall, daß 
das hysterische Symptom gleichzeitig die Erfüllung einer 
Strafanforderung des Uber-Ichs bedeutet, aber es mag einen 
allgemeinen Charakter im Verhalten des Ichs bei der Hysterie 
beschreiben. 

Man kann es einfach als Tatsache hinnehmen, daß sich bei 
der Zwangsneurose ein so strenges Über-Ich bildet, oder man 
kann daran denken, daß der fundamentale Zug dieser Affek- 
tion die Libidoregression ist, und versuchen, auch den Charak- 
ter des Über-Ichs mit ihr zu verknüpfen. In der Tat kann ja 
das Uber-Ich, das aus dem Es stammt, sich der dort einge- 
tretenen Regression und Triebentmischung nicht entziehen. 
Es wäre nicht zu verwundern, wenn es seinerseits härter, 
quälerischer, liebloser würde als bei normaler Entwicklung. 

"Während der Latenzzeit scheint die Abwehr der Onanie- 
versuchung als Hauptaufgabe behandelt zu werden. Dieser 
Kampf erzeugt eine Reihe von Symptomen, die bei den ver- 
schiedensten Personen in typischer "Weise wiederkehren und 
im allgemeinen den Charakter des Zeremoniells tragen. Es ist 
sehr zu bedauern, daß sie noch nicht gesammelt und systema- 
tisch analysiert worden sind; als früheste Leistungen der 
Neurose würden sie über den hier verwendeten Mechanismus 
der Symptombildung am ehesten Licht verbreiten. Sie zeigen 
bereits die Züge, welche in einer späteren schweren Erkran- 
kung so verhängnisvoll hervortreten werden: die Unter- 
bringung an den Verrichtungen, die später wie automatisch 
ausgeführt werden sollen, am Schlafengehen, "Waschen und 
Ankleiden, an der Lokomotion, die Neigung zur "Wieder- 
holung und zum Zeitaufwand. "Warum das so geschieht, ist 
noch keineswegs verständlich, die Sublimierung analerotischer 
Komponenten spielt dabei eine deutliche Rolle. 



2} 8 Hemmung, Symptom 

Die Pubertät macht in der Entwicklung der Zwangsneurose 
einen entscheidenden Abschnitt. Die in der Kindheit abge- 
brochene Genitalorganisation setzt nun mit großer Kraft 
wieder ein. Wir wissen aber, daß die Sexualentwicklung der 
Kinderzeit auch für den Neubeginn der Pubertätsjahre die 
Richtung vorschreibt. Es werden also einerseits die aggressiven 
Regungen der Frühzeit wieder erwachen, anderseits muß ein 
mehr oder minder großer Anteil der neuen libidinösen 
Regungen — in bösen Fällen deren Ganzes — die durch die 
Regression vorgezeichneten Bahnen einschlagen und als aggres- 
sive und destruktive Absichten auftreten. Infolge dieser Ver- 
kleidung der erotischen Strebungen und der starken Reaktions- 
bildungen im Ich, wird nun der Kampf gegen die Sexualität 
unter ethischer Flagge weitergeführt. Das Ich sträubt sich 
verwundert gegen grausame und gewalttätige Zumutungen, 
die ihm vom Es her ins Bewußtsein geschickt werden, und 
ahnt nicht, daß es dabei erotische Wünsche bekämpft, dar- 
unter auch solche, die sonst seinem Einspruch entgangen 
wären. Das überstrenge Uber-Ich besteht um so energischer 
auf der Unterdrückung der Sexualität, da sie so abstoßende 
Formen angenommen hat. So zeigt sich der Konflikt bei der 
Zwangsneurose nach zwei Richtungen verschärft, das Ab- 
wehrende ist intoleranter, das Abzuwehrende unerträglicher 
geworden; beides durch den Einfluß des einen Moments, der 
Libidoregression. 

Man könnte einen Widerspruch gegen manche unserer Vor- 
aussetzungen darin finden, daß die unliebsame Zwangsvor- 
stellung überhaupt bewußt wird. Allein es ist kein Zweifel, 
daß sie vorher den Prozeß der Verdrängung durchgemacht 
hat. In den meisten Fällen ist der eigentliche Wortlaut der 
aggressiven Triebregung dem Ich überhaupt nicht bekannt. 
Es gehört ein gutes Stück analytischer Arbeit dazu, um ihn 
bewußt zu machen. Was zum Bewußtsein durchdringt, ist in 



und Angst 239 

der Regel nur ein entstellter Ersatz, entweder von einer ver- 
schwommenen, traumhaften Unbestimmtheit, oder unkenntlich 
gemacht durch eine absurde Verkleidung. Wenn die Ver- 
drängung nicht den Inhalt der aggressiven Triebregung ange- 
nagt hat, so hat sie doch gewiß den sie begleitenden Affekt- 
charakter beseitigt. So erscheint die Aggression dem Ich nicht 
als ein Impuls, sondern, wie die Kranken sagen, als ein bloßer 
„Gedankeninhalt", der einen kalt lassen sollte. Das Merk- 
würdigste ist, daß dies doch nicht der Fall ist. 

Der bei der "Wahrnehmung der Zwangsvorstellung ersparte 
Affekt kommt nämlich an anderer Stelle zum Vorschein. Das 
Ober-Ich benimmt sich so, als hätte keine Verdrängung statt- 
gefunden, als wäre ihm die aggressive Regung in ihrem rich- 
tigen Wortlaut und mit ihrem vollen Affektcharakter bekannt, 
und behandelt das Ich auf Grund dieser Voraussetzung. Das 
Ich, das sich einerseits schuldlos weiß, muß anderseits ein 
Schuldgefühl verspüren und eine Verantwortlichkeit tragen, 
die es sich nicht zu erklären weiß. Das Rätsel, das uns hiemit 
aufgegeben wird, ist aber nicht so groß, als es zuerst erscheint. 
Das Verhalten des Uber-Ichs ist durchaus verständlich, der 
Widerspruch im Ich beweist uns nur, daß er sich mittels der 
Verdrängung gegen das Es verschlossen hat, während es den 
Einflüssen aus dem Über-Ich voll zugänglich geblieben ist.* 
Der weiteren Frage, warum das Ich sich nicht auch der 
peinigenden Kritik des Uber-Ichs zu entziehen sucht, macht 
die Nachricht ein Ende, daß dies wirklich in einer großen 
Reihe von Fällen so geschieht. Es gibt auch Zwangsneurosen 
ganz ohne Schuldbewußtsein; soweit wir es verstehen, hat 
sich das Ich die Wahrnehmung desselben durch eine neue 
Reihe von Symptomen, Bußhandlungen, Einschränkungen zur 
Selbstbestrafung, erspart. Diese Symptome bedeuten aber 

4) Vgl. Reik: Geständniszwang und Strafbedürfnis. 1925. S. 51. 






240 Hemmung, Symptom 

gleichzeitig Befriedigungen masochistischer Triebregungen, die 
ebenfalls aus der Regression eine Verstärkung bezogen haben. 

Die Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen der Zwangs- 
neurose ist eine so großartige, daß es noch keiner Bemühung 
gelungen ist, eine zusammenhängende Synthese aller ihrer 
Variationen zu geben. Man ist bestrebt, typische Beziehungen 
herauszuheben und dabei immer in Sorge, andere nicht minder 
wichtige Regelmäßigkeiten zu übersehen. 

Die allgemeine Tendenz der Symptombildung bei der 
Zwangsneurose habe ich bereits beschrieben. Sie geht dahin, 
der Ersatzbefriedigung immer mehr Raum auf Kosten der 
Versagung zu schaffen. Dieselben Symptome, die ursprüng- 
lich Einschränkungen des Ichs bedeuteten, nehmen dank der 
Neigung des Ichs zur Synthese später auch die von Befriedi- 
gungen an, und es ist unverkennbar, daß die letztere Bedeu- 
tung allmählich die wirksamere wird. Ein äußerst einge- 
schränktes Ich, das darauf angewiesen ist, seine Befriedigungen 
in den Symptomen zu suchen, wird das Ergebnis dieses Pro- 
zesses, der sich immer mehr dem völligen Fehlschlagen des 
anfänglichen Abwehrstrebens nähert. Die Verschiebung des 
Kräfteverhältnisses zugunsten der Befriedigung kann zu dem 
gefürchteten Endausgang der Willenslähmung des Ichs führen, 
das für jede Entscheidung beinahe ebenso starke Antriebe von 
der einen wie von der anderen Seite findet. Der überscharfe 
Konflikt zwischen Es und Über-Ich, der die Affektion von 
Anfang an beherrscht, kann sich so sehr ausbreiten, daß keine 
der Verrichtungen des zur Vermittlung unfähigen Ichs der 
Einbeziehung in diesen Konflikt entgehen kann. 



vi 

Während dieser Kämpfe kann man zwei symptombildende 
Tätigkeiten des Ichs beobachten, die ein besonderes Interesse 



und Angst 241 

verdienen, weil sie offenbare Surrogate der Verdrängung sind 
und darum deren Tendenz und Technik schön erläutern 
können. Vielleicht dürfen wir auch das Hervortreten dieser 
Hilfs- und Ersatztechniken als einen Beweis dafür auffassen, 
daß die Durchführung der regelrechten Verdrängung auf 
Schwierigkeiten stößt. Wenn wir erwägen, daß bei der 
Zwangsneurose das Ich soviel mehr Schauplatz der Symptom- 
bildung ist als bei der Hysterie, daß dieses Ich zähe an 
seiner Beziehung zur Realität und zum Bewußtsein festhält 
und dabei alle seine intellektuellen Mittel aufbietet, ja, daß 
die Denktätigkeit überbesetzt, erotisiert, erscheint, werden 
uns solche Variationen der Verdrängung vielleicht näher 
gebracht. 

Die beiden angedeuteten Techniken sind das Ungesche- 
henmachen und das Isolieren. Die erstere hat ein 
großes Anwendungsgebiet und reicht weit zurück. Sie ist 
sozusagen negative Magie, sie will durch motorische Symbo- 
lik nicht die Folgen eines Ereignisses (Eindruckes, Erleb- 
nisses), sondern dieses selbst „wegblasen". Mit der Wahl 
dieses letzten Ausdruckes ist darauf hingewiesen, welche 
Rolle diese Technik nicht nur in der Neurose, sondern auch 
in den Zauberhandlungen, Volksgebräuchen und im religiösen 
Zeremoniell spielt. In der Zwangsneurose begegnet man dem 
Ungeschehenmachen zuerst bei den zweizeitigen Symptomen, 
wo der zweite Akt den ersten aufhebt, so, als ob nichts ge- 
schehen wäre, wo in Wirklichkeit beides geschehen ist. Das 
zwangsneurotische Zeremoniell hat in der Absicht des Unge- 
schehenmachens seine zweite Wurzel. Die erste ist die Ver- 
hütung, die Vorsicht, damit etwas Bestimmtes nicht geschehe, 
sich nicht wiederhole. Der Unterschied ist leicht zu fassen; 
die Vorsichtsmaßregeln sind rationell, die „Aufhebungen" 
durch Ungeschehenmachen irrationell, magischer Natur. 
Natürlich muß man vermuten, daß diese zweite Wurzel die 

16 Freud, Schrifcen zur Neurosenlehre 



242 Hemmung, Symptom 

ältere, aus der animistischen Einstellung zur Umwelt stam- 
mende ist. Seine Abschattung zum Normalen findet das 
Streben zum Ungeschehenmachen in dem Entschluß ein Er- 
eignis als „non arrive" zu behandeln, aber dann unternimmt 
man nichts dagegen, kümmert sich weder um das Ereignis 
noch um seine Folgen, während man in der Neurose die Ver- 
gangenheit selbst aufzuheben, motorisch zu verdrängen sucht. 
Dieselbe Tendenz kann auch die Erklärung des in der Neu- 
rose so häufigen Zwanges zur Wiederholung geben, bei 
dessen Ausführung sich dann mancherlei einander wider- 
streitende Absichten zusammenfinden. Was nicht in solcher 
Weise geschehen ist, wie es dem Wunsch gemäß hätte gesche- 
hen sollen, wird durch die Wiederholung in anderer Weise 
ungeschehen gemacht, wozu nun alle die Motive hinzutreten, 
bei diesen Wiederholungen zu verweilen. Im weiteren Verlauf 
der Neurose enthüllt sich oft die Tendenz, ein traumatisches 
Erlebnis ungeschehen zu machen, als ein symptombildendes 
Motiv von erstem Range. Wir erhalten so unerwarteten Ein- 
blick in eine neue, motorische Technik der Abwehr oder, 
wie wir hier mit geringerer Ungenauigkeit sagen können, der 
Verdrängung. 

Die andere der neu zu beschreibenden Techniken ist das 
der Zwangsneurose eigentümlich zukommende Isolieren. 
Es bezieht sich gleichfalls auf die motorische Sphäre, besteht 
darin, daß nach einem unliebsamen Ereignis, ebenso nach 
einer im Sinne der Neurose bedeutsamen eigenen Tätigkeit, 
eine Pause eingeschoben wird, in der sich nichts mehr ereignen 
darf, keine Wahrnehmung gemacht und keine Aktion ausge- 
führt wird. Dies zunächst sonderbare Verhalten verrät uns 
bald seine Beziehung zur Verdrängung. Wir wissen, bei 
Hysterie ist es möglich, einen traumatischen Eindruck der 
Amnesie verfallen zu lassen; bei der Zwangsneurose ist dies 
oft nicht gelungen, das Erlebnis ist nicht vergessen, aber es 






und Angst 243 

ist von seinem Affekt entblößt und seine assoziativen Bezie- 
hungen sind unterdrückt oder unterbrochen, so daß es wie 
isoliert dasteht und auch nicht im Verlaufe der Denktätigkeit 
reproduziert wird. Der Effekt dieser Isolierung ist dann der 
nämliche wie bei der Verdrängung mit Amnesie. Diese 
Technik wird also in den Isolierungen der Zwangsneurose 
reproduziert, aber dabei auch in magischer Absicht moto- 
risch verstärkt. Was so auseinandergehalten wird, ist gerade 
das, was assoziativ zusammengehört, die motorische Isolierung 
soll eine Garantie für die Unterbrechung des Zusammen- 
hanges im Denken geben. Einen Vorwand für dies Verfahren 
der Neurose gibt der normale Vorgang der Konzentration. 
Was uns bedeutsam als Eindruck, als Aufgabe erscheint, soll 
nicht durch die gleichzeitigen Ansprüche anderer Denkver- 
richtungen oder Tätigkeiten gestört werden. Aber schon im 
Normalen wird die Konzentration dazu verwendet, nicht nur 
das Gleichgültige, nicht Dazugehörige, sondern vor allem das 
unpassende Gegensätzliche fernzuhalten. Als das Störendste 
wird empfunden, was ursprünglich zusammengehört hat und 
durch den Fortschritt der Entwicklung auseinandergerissen 
wurde, z. B. die Äußerungen der Ambivalenz des Vaterkom- 
plexes in der Beziehung zu Gott oder die Regungen der Ex- 
kretionsorgane in den Liebeserregungen. So hat das Ich 
normalerweise eine große Isolierungsarbeit bei der Lenkung 
des Gedankenablaufes zu leisten, und wir wissen, in der Aus- 
übung der analytischen Technik müssen wir das Ich dazu 
erziehen, auf diese sonst durchaus gerechtfertigte Funktion 
zeitweilig zu verzichten. 

Wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß es dem 
Zwangsneurotiker besonders schwer wird, die psychoanaly- 
tische Grundregel zu befolgen. Wahrscheinlich infolge der 
hohen Konfliktspannung zwischen seinem Ober-Ich und 
seinem Es ist sein Ich wachsamer, dessen Isolierungen 
16* 



244 Hemmung, Symptom 

schärfer. Es hat während seiner Denkarbeit zuviel abzu- 
wehren, die Einmengung unbewußter Phantasien, die Äuße- 
rung der ambivalenten Strebungen. Es darf sich nicht gehen 
lassen, befindet sich fortwährend in Kampfbereitschaft. 
Diesen Zwang zur Konzentration und Isolierung unterstützt 
es dann durch die magischen Isolierungsaktionen, die als 
Symptome so auffällig und praktisch so bedeutsam werden, 
an sich natürlich nutzlos sind und den Charakter des Zere- 
moniells haben. 

Indem es aber Assoziationen, Verbindung in Gedanken, zu 
verhindern sucht, befolgt es eines der ältesten und fundamen- 
talsten Gebote der Zwangsneurose, das Tabu der Berüh- 
rung. Wenn man sich die Frage vorlegt, warum die Ver- 
meidung von Berührung, Kontakt, Ansteckung in der Neu- 
rose eine so große Rolle spielt und zum Inhalt so komplizierter 
Systeme gemacht wird, so findet man die Antwort, daß die 
Berührung, der körperliche Kontakt, das nächste Ziel sowohl 
der aggressiven wie der zärtlichen Objektbesetzung ist. Der 
Eros will die Berührung, denn er strebt nach Vereinigung, 
Aufhebung der Raumgrenzen zwischen Ich und geliebtem 
Objekt. Aber auch die Destruktion, die vor der Erfindung 
der Fernwaffe nur aus der Nähe erfolgen konnte, muß die 
körperliche Berührung, das Handanlegen voraussetzen. Eine 
Frau berühren ist im Sprachgebrauch ein Euphemismus für 
ihre Benützung als Sexualobjekt geworden. Das Glied nicht 
berühren ist der Wortlaut des Verbotes der autoerotischen 
Befriedigung. Da die Zwangsneurose zu Anfang die erotische 
Berührung, dann nach der Regression die als Aggression 
maskierte Berührung verfolgte, ist nichts anderes für sie in so 
hohem Grade verpönt worden, nichts so geeignet, zum Mittel- 
punkt eines Verbotsystems zu werden. Die Isolierung ist 
aber Aufhebung der Kontaktmöglichkeit, Mittel, ein Ding 
jeder Berührung zu entziehen, und wenn der Neurotiker auch 



und Angst 245 

einen Eindruck oder eine Tätigkeit durch eine Pause isoliert, 
gibt er uns symbolisch zu verstehen, daß er die Gedanken an 
sie nicht in assoziative Berührung mit anderen kommen 
lassen will. 

So weit reichen unsere Untersuchungen über die Symptom- 
bildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu resümieren, sie sind 
ergebnisarm und unvollständig geblieben, haben auch wenig 
gebracht, was nicht schon früher bekannt gewesen wäre. Die 
Symptombildung bei anderen Affektionen als bei den Pho 
bien, der Konversionshysterie und der Zwangsneurose in 
Betracht zu ziehen, wäre aussichtslos; es ist zu wenig darüber 
bekannt. Aber auch schon aus der Zusammenstellung dieser 
drei Neurosen erhebt sich ein schwerwiegendes, nicht mehr 
aufzuschiebendes Problem. Für alle drei ist die Zerstörung 
des Ödipus-Komplexes der Ausgang, in allen, nehmen wir an, 
die Kastrationsangst der Motor des Ichsträubens. Aber nur in 
den Phobien kommt solche Angst zum Vorschein, wird sie 
eingestanden. Was ist bei den zwei anderen Formen aus ihr 
geworden, wie hat das Ich sich solche Angst erspart? Das 
Problem verschärft sich noch, wenn wir an die vorhin er- 
wähnte Möglichkeit denken, daß die Angst durch eine Art 
Vergärung aus der im Ablauf gestörten Libidobesetzung 
selbst hervorgeht, und weiters: steht es fest, daß die Kastra- 
tionsangst der einzige Motor der Verdrängung (oder Abwehr) 
ist? Wenn man an die Neurosen der Frauen denkt, muß man 
das bezweifeln, denn so sicher sich der Kastrationskomplex 
bei ihnen konstatieren läßt, von einer Kastrationsangst im 
richtigen Sinne kann man bei bereits vollzogener Kastration 
doch nicht sprechen. 

vn 

Kehren wir zu den infantilen Tierphobien zurück, wir ver- 
stehen diese Fälle doch besser als alle anderen. Das Ich muß 



*4 6 Hemmung, Symptom 

also hier gegen eine libidinöse Objektbesetzung des Es (die 
des positiven oder des negativen Ödipus-Komplexes) ein- 
schreiten, weil es verstanden hat, ihr nachzugeben brächte 
die Gefahr der Kastration mit sich. Wir haben das schon 
erörtert und finden noch Anlaß, uns einen Zweifel klar zu 
machen, der von dieser ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen 
wir beim kleinen Hans (also im Falle des positiven Ödipus- 
Komplexes) annehmen, daß es die zärtliche Regung für die 
Mutter oder die aggressive gegen den Vater ist, welche die 
Abwehr des Ichs herausfordert? Praktisch schiene das gleich- 
gültig, besonders da die beiden Regungen einander bedingen, 
aber ein theoretisches Interesse knüpft sich an die Frage, weil 
nur die zärtliche Strömung für die Mutter als eine rein eroti- 
sche gelten kann. Die aggressive ist wesentlich vom Destruk- 
tionstrieb abhängig, und wir haben immer geglaubt, bei der 
Neurose wehre sich das Ich gegen Ansprüche der Libido, 
nicht der anderen Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der 
Bildung der Phobie die zärtliche Mutterbindung wie ver- 
schwunden ist, sie ist durch die Verdrängung gründlich erle- 
digt worden, an der aggressiven Regung hat sich aber die 
Symptom- (Ersatz-) Bildung vollzogen. Im Falle des Wolfs- 
mannes liegt es einfacher, die verdrängte Regung ist wirklich 
eine erotische, die feminine Einstellung zum Vater, und an 
ihr vollzieht sich auch die Symptombildung. 

Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer Arbeit 
noch immer Schwierigkeiten in der Auffassung der funda- 
mentalsten Verhältnisse finden, aber wir haben uns vorge- 
nommen, nichts zu vereinfachen und nichts zu verheimlichen. 
Wenn wir nicht klar sehen können, wollen wir wenigstens 
die Unklarheiten scharf sehen. Was uns hier im Wege steht, 
ist offenbar eine Unebenheit in der Entwicklung unserer 
Trieblehre. Wir hatten zuerst die Organisationen der Libido 
von der oralen über die sadistisch-anale zur genitalen Stufe 



und Angst 2 47 

verfolgt und dabei alle Komponenten des Sexualtriebs ein- 
ander gleichgestellt. Später erschien uns der Sadismus als der 
Vertreter eines andern, dem Eros gegensätzlichen Triebes. Die 
neue Auffassung von den zwei Triebgruppen scheint die 
frühere Konstruktion von sukzessiven Phasen der Libidoorga- 
nisation zu sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus dieser 
Schwierigkeit brauchen wir aber nicht neu zu erfinden. Sie 
hat sich uns längst geboten und lautet, daß wir es kaum 
jemals mit reinen Triebregungen zu tun haben, sondern 
durchweg mit Legierungen beider Triebe in verschiedenen 
Mengenverhältnissen. Die sadistische Objektbesetzung hat 
also auch ein Anrecht, als eine libidinöse behandelt zu werden, 
die Organisationen der Libido brauchen nicht revidiert zu 
werden, die aggressive Regung gegen den Vater kann mit dem- 
selben Anrecht Objekt der Verdrängung werden wie die 
zärtliche für die Mutter. Immerhin setzen wir als Stoff für 
spätere Überlegung die Möglichkeit beiseite, daß die Verdrän- 
gung ein Prozeß ist, der eine besondere Beziehung zur Geni- 
talorganisation der Libido hat, daß das Ich zu anderen Me- 
thoden der Abwehr greift, wenn es sich der Libido auf ande- 
ren Stufen der Organisation zu erwehren hat, und setzen wir 
fort: Ein Fall wie der des kleinen Hans gestattet uns keine 
Entscheidung; hier wird zwar eine aggressive Regung durch 
Verdrängung erledigt, aber nachdem die Genitalorganisation 
bereits erreicht ist. 

Wir wollen diesmal die Beziehung zur Angst nicht aus den 
Augen lassen. Wir sagten, so wie das Ich die Kastrations- 
gefahr erkannt hat, gibt es das Angstsignal und inhibiert 
mittels der Lust-Unlust-Instanz auf eine weiter nicht einsicht- 
liche Weise den bedrohlichen Besetzungsvorgang im Es. 
Gleichzeitig vollzieht sich die Bildung der Phobie. Die Ka- 
strationsangst erhält ein anderes Objekt und einen entstellten 
Ausdruck: vom Pferd gebissen (vom Wolf gefressen), anstatt 



248 Hemmung, Symptom 

vom Vater kastriert zu werden. Die Ersatzbildung hat zwei 
offenkundige Vorteile, erstens, daß sie einem Ambivalenz- 
konflikt ausweicht, denn der Vater ist ein gleichzeitig geliebtes 
Objekt, und zweitens, daß sie dem Ich gestattet, die Angst- 
entwicklung einzustellen. Die Angst der Phobie ist nämlich 
eine fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt Gegen- 
stand der Wahrnehmung wird. Das ist ganz korrekt; nur 
dann ist nämlich die Gefahrsituation vorhanden. Von einem 
abwesenden Vater braucht man auch die Kastration nicht zu 
befürchten. Nun kann man den Vater nicht wegschaffen, er 
zeigt sich immer, wann er will. Ist er aber durch das Tier 
ersetzt, so braucht man nur den Anblick, d. h. die Gegenwart 
des Tieres zu vermeiden, um frei von Gefahr und Angst zu 
sein. Der kleine Hans legt seinem Ich also eine Einschränkung 
auf, er produziert die Hemmung nicht auszugehen, um nicht 
mit Pferden zusammenzutreffen. Der kleine Russe hat es noch 
bequemer, es ist kaum ein Verzicht für ihn, daß er ein ge- 
wisses Bilderbuch nicht mehr zur Hand nimmt. Wenn die 
schlimme Schwester ihm nicht immer wieder das Bild des 
aufrechtstehenden Wolfes in diesem Buch vor Augen halten 
würde, dürfte er sich vor seiner Angst gesichert fühlen. 

Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter einer 
Projektion zugeschrieben, indem sie eine innere Triebgefahr 
durch eine äußere Wahrnehmungsgefahr ersetzt. Das bringt 
den Vorteil, daß man sich gegen die äußere Gefahr durch 
Flucht und Vermeidung der Wahrnehmung schützen kann, 
während gegen die Gefahr von innen keine Flucht nützt. 
Meine Bemerkung ist nicht unrichtig, aber sie bleibt an der 
Oberfläche. Der Triebanspruch ist ja nicht an sich eine 
Gefahr, sondern nur darum, weil er eine richtige äußere 
Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt. So ist im Grunde 
bei der Phobie doch nur eine äußere Gefahr durch eine andere 
ersetzt. Daß das Ich sich bei der Phobie durch eine Vermei- 



und Angst 249 

düng oder ein Hemmungssymptom der Angst entziehen kann, 
stimmt sehr gut zur Auffassung, diese Angst sei nur ein 
Affektsignal und an der ökonomischen Situation sei nichts 
geändert worden. 

Die Angst der Tierphobien ist also eine Affektreaktion des 
Ichs auf die Gefahr; die Gefahr, die hier signalisiert wird, 
die der Kastration. Kein anderer Unterschied von der Real- 
angst, die das Ich normalerweise in Gefahrsituationen äußert, 
als daß der Inhalt der Angst unbewußt bleibt und nur in einer 
Entstellung bewußt wird. 

Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch für die 
Phobien Erwachsener giltig erweisen, wenngleich das Material, 
das die Neurose verarbeitet, hier sehr viel reichhaltiger ist 
und einige Momente zur Symptombildung hinzukommen. Im 
Grunde ist es das nämliche. Der Agoraphobe legt seinem Ich 
eine Beschränkung auf, um einer Triebgefahr zu entgehen. 
Die Triebgefahr ist die Versuchung, seinen erotischen Gelü- 
sten nachzugeben, wodurch er wieder wie in der Kindheit 
die Gefahr der Kastration, oder eine ihr analoge, herauf- 
beschwören würde. Als einfaches Beispiel führe ich den Fall 
eines jungen Mannes an, der agoraphob wurde, weil er be- 
fürchtete, den Lockungen von Prostituierten nachzugeben und 
sich zur Strafe Syphilis zu holen. 

Ich weiß wohl, daß viele Fälle eine kompliziertere Struktur 
zeigen, und daß viele andere verdrängte Triebregungen in die 
Phobie einmünden können, aber diese sind nur auxiliär und 
haben sich meist nachträglich mit dem Kern der Neurose in 
Verbindung gesetzt. Die Symptomatik der Agoraphobie wird 
dadurch kompliziert, daß das Ich sich nicht damit begnügt, 
auf etwas zu verzichten; es tut noch etwas hinzu, um der 
Situation ihre Gefahr zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhn- 
lich eine zeitliche Regression in die Kinderjahre (im extremen 
Fall bis in den Mutterleib, in Zeiten, in denen man gegen die 



2)0 Hemmung, Symptom 

heute drohenden Gefahren geschützt war) und tritt als die 
Bedingung auf, unter der der Verzicht unterbleiben kann. So 
kann der Agoraphobe auf die Straße gehen, wenn er wie ein 
kleines Kind von einer Person seines Vertrauens begleitet 
wird. Dieselbe Rücksicht mag ihm auch gestatten, allein aus- 
zugehen, wenn er sich nur nicht über eine bestimmte Strecke 
von seinem Haus entfernt, nicht in Gegenden geht, die er 
nicht gut kennt und wo er den Leuten nicht bekannt ist. In 
der Auswahl dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß der 
infantilen Momente, die ihn durch seine Neurose beherrschen. 
Ganz eindeutig, auch ohne solche infantile Regression, ist 
die Phobie vor dem Alleinsein, die im Grunde der Versuchung 
zur einsamen Onanie ausweichen will. Die Bedingung dieser 
infantilen Regression ist natürlich die zeitliche Entfernung 
von der Kindheit. 

Die Phobie stellt sich in der Regel her, nachdem unter ge- 
wissen Umständen — auf der Straße, auf der Eisenbahn, im 
Alleinsein — ein erster Angstanfall erlebt worden ist. Dann 
ist die Angst gebannt, tritt aber jedesmal wieder auf, wenn 
die schützende Bedingung nicht eingehalten werden kann. 
Der Mechanismus der Phobie tut als Abwehrmittel gute 
Dienste und zeigt eine große Neigung zur Stabilität. Eine 
Fortsetzung des Abwehrkampfes, der sich jetzt gegen das 
Symptom richtet, tritt häufig, aber nicht notwendig, ein. 

Was wir über die Angst bei den Phobien erfahren haben, 
bleibt noch für die Zwangsneurose verwertbar. Es ist nicht 
schwierig, die Situation der Zwangsneurose auf die der 
Phobie zu reduzieren. Der Motor aller späteren Symptom- 
bildung ist hier offenbar die Angst des Ichs vor seinem Über- 
ich. Die Feindseligkeit des Über-Ichs ist die Gefahrsituation, 
der sich das Ich entziehen muß. Hier fehlt jeder Anschein 
einer Projektion, die Gefahr ist durchaus verinnerlicht. Aber 
wenn wir uns fragen, was das Ich von Seiten des Uber-Ichs 



und Angst 251 

befürchtet, so drängt sich die Auffassung auf, daß die Strafe 
des Über-Ichs eine Fortbildung der Kastrationsstrafe ist. "Wie 
das Ober-Ich der unpersönlich gewordene Vater ist, so hat 
sich die Angst vor der durch ihn drohenden Kastration zur 
unbestimmten sozialen oder Gewissensangst umgewandelt. 
Aber diese Angst ist gedeckt, das Ich entzieht sich ihr, indem 
es die ihm auferlegten Gebote, Vorschriften und Bußhand- 
lungen, gehorsam ausführt. Wenn es daran gehindert wird, 
dann tritt sofort ein äußerst peinliches Unbehagen auf, in 
dem wir das Äquivalent der Angst erblicken dürfen, das die 
Kranken selbst der Angst gleichstellen. Unser Ergebnis lautet 
also: Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahrsituation; sie 
wird dadurch erspart, daß das Ich etwas tut, um die Situa- 
tion zu vermeiden oder sich ihr zu entziehen. Man könnte 
nun sagen, die Symptome werden geschaffen, um die Angst- 
entwicklung zu vermeiden, aber das läßt nicht tief blicken. 
Es ist richtiger zu sagen, die Symptome werden geschaffen, 
um die Gefahrsituation zu vermeiden, die durch die 
Angstentwicklung signalisiert wird. Diese Gefahr war aber 
in den bisher betrachteten Fällen die Kastration oder etwas 
von ihr Abgeleitetes. 

Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die Gefahr ist, 
so liegt es nahe, die traumatische Neurose, welche sich so 
häufig an überstandene Lebensgefahr anschließt, als direkte 
Folge der Lebens- oder Todesangst mit Beiseitesetzung der 
Abhängigkeiten des Ichs und der Kastration aufzufassen. 
Das ist auch von den meisten Beobachtern der traumatischen 
Neurosen des letzten Krieges geschehen, und es ist triumphie- 
rend verkündet worden, nun sei der Beweis erbracht, daß 
eine Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes eine Neurose 
erzeugen könne ohne jede Beteiligung der Sexualität und ohne 
Rücksicht auf die komplizierten Annahmen der Psychoanalyse. 
Es ist in der Tat außerordentlich zu bedauern, daß nicht eine 



2 j2 Hemmung, Symptom 

einzige verwertbare Analyse einer traumatischen Neurose 
vorliegt. Nicht wegen des "Widerspruches gegen die ätiologi- 
sche Bedeutung der Sexualität, denn dieser ist längst durch 
die Einführung des Narzißmus aufgehoben worden, der die 
libidinöse Besetzung des Ichs in eine Reihe mit den Objekt- 
besetzungen bringt und die libidinöse Natur des Selbsterhal- 
tungstriebes betont, sondern weil wir durch den Ausfall dieser 
Analysen die kostbarste Gelegenheit zu entscheidenden Auf- 
schlüssen über das Verhältnis zwischen Angst und Symptom- 
bildung versäumt haben. Es ist nach allem, was wir von der 
Struktur der simpleren Neurosen des täglichen Lebens wissen, 
sehr unwahrscheinlich, daß eine Neurose nur durch die 
objektive Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der 
tieferen unbewußten Schichten des seelischen Apparats 
zustande kommen sollte. Im Unbewußten ist aber nichts vor- 
handen, was unserem Begriff der Lebensvernichtung Inhalt 
geben kann. Die Kastration wird sozusagen vorstellbar durch 
die tägliche Erfahrung der Trennung vom Darminhalt und 
durch den bei der Entwöhnung erlebten Verlust der mütter- 
lichen Brust; etwas dem Tod Ähnliches ist aber nie erlebt 
worden oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur 
hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung fest, daß 
die Todesangst als Analogon der Kastrationsangst aufzu- 
fassen ist, und daß die Situation, auf welche das Ich reagiert, 
das Verlassensein vom schützenden Über-Ich — den Schick- 
salsmächten — ist, womit die Sicherung gegen alle Gefah- 
ren ein Ende hat. Außerdem kommt in Betracht, daß bei den 
Erlebnissen, die zur traumatischen Neurose führen, äußerer 
Reizschutz durchbrochen wird und übergroße Erregungs- 
mengen an den seelischen Apparat herantreten, so daß hier 
die zweite Möglichkeit vorliegt, daß Angst nicht nur als 
Affekt signalisiert, sondern auch aus den ökonomischen Be- 
dingungen der Situation neu erzeugt wird. 



und Angst ___ ^11 

Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regelmäßig 
wiederholte Objektverluste auf die Kastration vorbereitet 
worden, haben wir eine neue Auffassung der Angst gewon- 
nen. Betrachteten wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr, 
so erscheint sie uns nun, da es sich so oft um die Gefahr 
der Kastration handelt, als die Reaktion auf einen Verlust, 
eine Trennung. Mag auch mancherlei, was sich sofort ergibt, 
gegen diesen Schluß sprechen, so muß uns doch eine sehr 
merkwürdige Übereinstimmung auffallen. Das erste Angst- 
erlebnis, des Menschen wenigstens, ist die Geburt und diese 
bedeutet objektiv die Trennung von der Mutter, könnte 
einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung Kind = 
Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr befriedigend, 
wenn die Angst als Symbol einer Trennung bei jeder spä- 
teren Trennung wiederholt würde, aber leider steht einer Ver- 
wertung dieses Zusammenstimmens im Wege, daß ja die Ge- 
burt subjektiv nicht als Trennung von der Mutter erlebt 
wird, da diese als Objekt dem durchaus narzißtischen Fötus 
völlig unbekannt ist. Ein anderes Bedenken wird lauten, daß 
uns die Affektreaktionen auf eine Trennung bekannt sind, 
und daß wir sie als Schmerz und Trauer, nicht als Angst 
empfinden. Allerdings erinnern wir uns, wir haben bei der 
Diskussion der Trauer auch nicht verstehen können, warum 
sie so schmerzhaft ist. 

VIII 

Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar nach 
einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst erschließt, nach 
einem Entweder— Oder, das die Wahrheit über sie vom 
Irrtum scheidet. Aber das ist schwer zu haben, die Angst ist 
nicht einfach zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht 
als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil keine Wahl 
möglich war. Ich schlage jetzt vor, es anders zu machen; wir 






2 54 ^^ Hemmung, Symptom 

wollen unparteiisch alles zusammentragen, was wir von der 
Angst aussagen können, und dabei auf die Erwartung einer 
neuen Synthese verzichten. 

Die Angst ist also in erster Linie etwas Empfundenes. Wir 
heißen sie einen Affektzustand, obwohl wir auch nicht wissen, 
was ein Affekt ist. Sie hat als Empfindung offenbarsten Unlust- 
charakter, aber das erschöpft nicht ihre Qualität; nicht jede 
Unlust können wir Angst heißen. Es gibt andere Empfin- 
dungen mit Unlustcharakter (Spannungen, Schmerz, Trauer) 
und die Angst muß außer dieser Unlustqualität andere Beson- 
derheiten haben. Eine Frage: Werden wir es dazu bringen, 
die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Unlustaffekten 
zu verstehen? 

Aus der Empfindung der Angst können wir immerhin 
etwas entnehmen. Ihr Unlustcharakter scheint eine besondere 
Note zu haben; das ist schwer zu beweisen, aber wahrschein- 
lich; es wäre nichts Auffälliges. Aber außer diesem schwer 
isolierbaren Eigencharakter nehmen wir an der Angst 
bestimmtere körperliche Sensationen wahr, die wir auf be- 
stimmte Organe beziehen. Da uns die Physiologie der Angst 
hier nicht interessiert, genügt es uns, einzelne Repräsentanten 
dieser Sensationen hervorzuheben, also die häufigsten und 
deutlichsten an den Atmungsorganen und am Herzen. Sie 
sind uns Beweise dafür, daß motorische Innervationen, also 
Abfuhrvorgänge an dem Ganzen der Angst Anteil haben. Die 
Analyse des Angstzustandes ergibt also i) einen spezifischen 
Unlustcharakter, 2) Abfuhraktionen, 3) Wahrnehmungen 
derselben. 

Die Punkte 2 und 3 ergeben uns bereits einen Unterschied 
gegen die ähnlichen Zustände, z. B. der Trauer und des 
Schmerzes. Bei diesen gehören die motorischen Äußerungen 
nicht dazu; wo sie vorhanden sind, sondern sie sich deutlich 
nicht als Bestandteile des Ganzen, sondern als Konsequenzen 



und Angst 255 

oder Reaktionen darauf. Die Angst ist also ein besonderer 
Unlustzustand mit Abfuhraktionen auf bestimmte Bahnen. 
Nach unseren allgemeinen Anschauungen werden wir glau- 
ben, daß der Angst eine Steigerung der Erregung zugrunde 
liegt, die einerseits den Unlustcharaktcr schafft, anderseits sie 
durch die genannten Abfuhren erleichtert. Diese rein physio- 
logische Zusammenfassung wird uns aber kaum genügen; wir 
sind versucht, anzunehmen, daß ein historisches Moment da 
ist, welches die Sensationen und Innervationen der Angst fest 
aneinander bindet. Mit anderen Worten, daß der Angst- 
zustand die Reproduktion eines Erlebnisses ist, das die Bedin- 
gungen einer solchen Reizsteigerung und der Abfuhr auf 
bestimmte Bahnen enthielt, wodurch also die Unlust der 
Angst ihren spezifischen Charakter erhält. Als solches vor- 
bildliches Erlebnis bietet sich uns für den Menschen die 
Geburt, und darum sind wir geneigt, im Angstzustand eine 
Reproduktion des Geburtstraumas zu sehen. 

Wir haben damit nichts behauptet, was der Angst eine 
Ausnahmsstellung unter den Affektzuständen einräumen 
würde. Wir meinen, auch die anderen Affekte sind Repro- 
duktionen alter, lebenswichtiger, eventuell vorindividueller 
Ereignisse und wir bringen sie als allgemeine, typische, mit- 
geborene hysterische Anfälle in Vergleich mit den spät und 
individuell erworbenen Attacken der hysterischen Neurose, 
deren Genese und Bedeutung als Erinnerungssymbole uns 
durch die Analyse deutlich geworden ist. Natürlich wäre es 
sehr wünschenswert, diese Auffassung für eine Reihe anderer 
Affekte beweisend durchführen zu können, wovon wir heute 
weit entfernt sind. 

Die Zurückführung der Angst auf das Geburtsereignis hat 
sich gegen naheliegende Einwände zu verteidigen. Die Angst 
ist eine wahrscheinlich allen Organismen, jedenfalls allen 
höheren zukommende Reaktion, die Geburt wird nur von den 



256 Hemmung, Symptom 

Säugetieren erlebt, und es ist fraglich, ob sie bei allen diesen 
die Bedeutung eines Traumas hat. Es gibt also Angst ohne 
Geburtsvorbild. Aber dieser Einwand setzt sich über die 
Schranken zwischen Biologie und Psychologie hinaus. Gerade 
weil die Angst eine biologisch unentbehrliche Funktion zu 
erfüllen hat, als Reaktion auf den Zustand der Gefahr, mag 
sie bei verschiedenen Lebewesen auf verschiedene Art einge- 
richtet worden sein. Wir wissen auch nicht, ob sie bei dem 
Menschen fernerstehenden Lebewesen denselben Inhalt an 
Sensationen und Innervationen hat wie beim Menschen. Das 
hindert also nicht, daß die Angst beim Menschen den 
Geburtsvorgang zum Vorbild nimmt. 

Wenn dies die Struktur und die Herkunft der Angst ist, 
so lautet die weitere Frage: Was ist ihre Funktion? Bei 
welchen Gelegenheiten wird sie produziert? Die Antwort 
scheint naheliegend und zwingend zu sein. Die Angst ent- 
stand als Reaktion auf einen Zustand der Gefahr, sie 
wird nun regelmäßig reproduziert, wenn sich ein solcher 
Zustand wieder einstellt. 

Dazu ist aber einiges zu bemerken. Die Innervationen des 
ursprünglichen Angstzustandes waren wahrscheinlich auch 
sinnvoll und zweckmäßig, ganz so wie die Muskelaktionen 
des ersten hysterischen Anfalls. Wenn man den hysterischen 
Anfall erklären will, braucht man ja nur die Situation zu 
suchen, in der die betreffenden Bewegungen Anteile einer 
berechtigten Handlung waren. So hat wahrscheinlich während 
der Geburt die Richtung der Innervation auf die Atmungs- 
organe die Tätigkeit der Lungen vorbereitet, die Beschleuni- 
gung des Herzschlags gegen die Vergiftung des Blutes 
arbeiten wollen. Diese Zweckmäßigkeit entfällt natürlich bei 
der späteren Reproduktion des Angstzustandes als Affekt, wie 
sie auch beim wiederholten hysterischen Anfall vermißt wird. 
Wenn also das Individuum in eine neue Gefahrsituation 






und Angst *57 

gerät, so kann es leicht unzweckmäßig werden, daß es mit 
dem Angstzustand, der Reaktion auf eine frühere Gefahr, 
antwortet, anstatt die der jetzigen adäquate Reaktion einzu- 
schlagen. Die Zweckmäßigkeit tritt aber wieder hervor, wenn 
die Gefahrsituation als herannahend erkannt und durch den 
Angstausbruch signalisiert wird. Die Angst kann dann sofort 
durch geeignetere Maßnahmen abgelöst werden. Es sondern 
sich also sofort zwei Möglichkeiten des Auftretens der Angst: 
die eine, unzweckmäßige, in einer neuen Gefahrsituation, die 
andere, zweckmäßige, zur Signalisierung und Verhütung 
einer solchen. 

Was aber ist eine „Gefahr"? Im Geburtsakt besteht eine 
objektive Gefahr für die Erhaltung des Lebens, wir wissen, 
was das in der Realität bedeutet. Aber psychologisch sagt 
es uns gar nichts. Die Gefahr der Geburt hat noch keinen 
psychischen Inhalt. Sicherlich dürfen wir beim Fötus nichts 
voraussetzen, was sich irgendwie einer Art von Wissen um 
die Möglichkeit eines Ausgangs in Lebensvernichtung an- 
nähert. Der Fötus kann nichts anderes bemerken als eine 
großartige Störung in der Ökonomie seiner narzißtischen 
Libido. Große Erregungssummen dringen zu ihm, erzeugen 
neuartige Unlustempfindungen, manche Organe erzwingen 
sich erhöhte Besetzungen, was wie ein Vorspiel der bald 
beginnenden Objektbesetzung ist; was davon wird als Merk- 
zeichen einer „Gefahrsituation" Verwertung finden? 

Wir wissen leider viel zu wenig von der seelischen Ver- 
fassung des Neugeborenen, um diese Frage direkt zu be- 
antworten. Ich kann nicht einmal für die Brauchbarkeit der 
eben gegebenen Schilderung einstehen. Es ist leicht zu sagen, 
das Neugeborene werde den Angstaffekt in allen Situationen 
wiederholen, die es an das Geburtsereignis erinnern. Der ent- 
scheidende Punkt bleibt aber, wodurch und woran es erinnert 
wird. 

17 Freud, Schriften zur Neurosen'.ehre 



2 * 8 Hemmung, Symptom 

Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die Anlässe zu 
studieren, bei denen der Säugling oder das ein wenig ältere Kind 
sich zur Angstentwicklung bereit zeigt. R a n k hat in seinem 
Buch „Das Trauma der Geburt" 5 einen sehr energischen Ver- 
such gemacht, die Beziehungen der frühesten Phobien des 
Kindes zum Eindruck des Geburtsereignisses zu erweisen 
allein ich kann ihn nicht für geglückt halten. Man kann ihm 
zweierlei vorwerfen: Erstens, daß er auf der Voraus- 
setzung beruht, das Kind habe bestimmte Sinneseindrücke, 
insbesondere visueller Natur, bei seiner Geburt empfangen, 
deren Erneuerung die Erinnerung an das Geburtstrauma und 
somit die Angstreaktion hervorrufen kann. Diese Annahme 
ist völlig unbewiesen und sehr unwahrscheinlich; es ist nicht 
glaubhaft, daß das Kind andere als taktile und Allgemein- 
sensationen vom Geburts Vorgang bewahrt hat. Wenn es also 
später Angst vor kleinen Tieren zeigt, die in Löchern ver- 
schwinden oder aus diesen herauskommen, so erklärt Rank 
diese Reaktion durch die Wahrnehmung einer Analogie, die 
aber dem Kinde nicht auffällig werden kann. Zweitens, daß 
Rank in der Würdigung dieser späteren Angstsituationen je 
nach Bedürfnis die Erinnerung an die glückliche intrauterine 
Existenz oder an deren traumatische Störung wirksam werden 
läßt, womit der Willkür in der Deutung Tür und Tor ge- 
öffnet wird. Einzelne Fälle dieser Kinderangst widersetzen 
sich direkt der Anwendung des Rank sehen Prinzips. Wenn 
das Kind in Dunkelheit und Einsamkeit gebracht wird, so 
sollten wir erwarten, daß es diese Wiederherstellung der 
intrauterinen Situation mit Befriedigung aufnimmt, und 
wenn die Tatsache, daß es gerade dann mit Angst reagiert, 
auf die Erinnerung an die Störung dieses Glücks durch die 

5) Otto Rank: Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung 
für die Psychoanalyse. Wien, 1924. 



■■ 



und Angst 259 

Geburt zurückgeführt wird, so kann man das Gezwungene 
dieses Erklärungsversuches nicht länger verkennen. 

Ich muß den Schluß ziehen, daß die frühesten Kindheits- 
phobien eine direkte Rückführung auf den Eindruck des Ge- 
burtsaktes nicht zulassen und sich überhaupt bis jetzt der Er- 
klärung entzogen haben. Eine gewisse Angstbereitschaft des 
Säuglings ist unverkennbar. Sie ist nicht etwa unmittelbar 
nach der Geburt am stärksten, um dann langsam abzunehmen, 
sondern tritt erst später mit dem Fortschritt der seelischen 
Entwicklung hervor und hält über eine gewisse Periode der 
Kinderzeit an. Wenn sich solche Frühphobien über diese Zeit 
hinaus erstrecken, erwecken sie den Verdacht einer neuroti- 
schen Störung, wiewohl uns ihre Beziehung zu den späteren 
deutlichen Neurosen der Kindheit keineswegs einsichtlich ist. 

Nur wenige Fälle der kindlichen Angstäußerung sind uns 
verständlich; an diese werden wir uns halten müssen. So, 
wenn das Kind allein, in der Dunkelheit, ist und wenn es 
eine fremde Person an Stelle der ihm vertrauten (der Mutter) 
findet. Diese drei Fälle reduzieren sich auf eine einzige Be- 
dingung, das Vermissen der geliebten (ersehnten) Person. Von 
da an ist aber der Weg zum Verständnis der Angst und zur 
Vereinigung der Widersprüche, die sich an sie zu knüpfen 
scheinen, frei. 

Das Erinnerungsbild der ersehnten Person wird gewiß 
intensiv, wahrscheinlich zunächst halluzinatorisch besetzt. 
Aber das hat keinen Erfolg und nun hat es den Anschein, als 
ob diese Sehnsucht in Angst umschlüge. Es macht geradezu 
den Eindruck, als wäre diese Angst ein Ausdruck der Rat- 
losigkeit, als wüßte das noch sehr unentwickelte Wesen mit 
dieser sehnsüchtigen Besetzung nichts Besseres anzufangen. 
Die Angst erscheint so als Reaktion auf das Vermissen des 
Objekts und es drängen sich uns die Analogien auf, daß auch 
die Kastrationsangst die Trennung von einem hochgeschätz- 

17* 






260 Hemm ung, Symptom 

ten Objekt zum Inhalt hat, und daß die ursprünglichste 
Angst (die „Urangs t" der Geburt) bei der Trennung von 
der Mutter entstand. 

Die nächste Überlegung führt über diese Betonung des 
Objektverlustes hinaus. Wenn der Säugling nach der "Wahr- 
nehmung der Mutter verlangt, so doch nur darum, weil er 
bereits aus Erfahrung weiß, daß sie alle seine Bedürfnisse 
ohne Verzug befriedigt. Die Situation, die er als „Gefahr" 
wertet, gegen die er versichert sein will, ist also die der Un- 
bef riedigung, des Anwachsens der Bedürfnis- 
spannung, gegen die er ohnmächtig ist. Ich meine, von 
diesem Gesichtspunkt aus ordnet sich alles ein; die Situation 
der Unbefriedigung, in der Reizgrößen eine unlustvolle Höhe 
erreichen, ohne Bewältigung durch psychische Verwendung 
und Abfuhr zu finden, muß für den Säugling die Analogie 
mit dem Geburtserlebnis, die Wiederholung der Gefahrsitua- 
tion sein; das beiden Gemeinsame ist die ökonomische Störung 
durch das Anwachsen der Erledigung heischenden Reizgrößen, 
dieses Moment also der eigentliche Kern der „Gefahr". In 
beiden Fällen tritt die Angstreaktion auf, die sich auch noch 
beim Säugling als zweckmäßig erweist, indem die Richtung 
der Abfuhr auf Atem- und Stimmuskulatur nun die Mutter 
herbeiruft, wie sie früher die Lungentätigkeit zur Weg- 
schaffung der inneren Reize anregte. Mehr als diese Kenn- 
zeichnung der Gefahr braucht das Kind von seiner Geburt 
nicht bewahrt zu haben. 

Mit der Erfahrung, daß ein äußeres, durch Wahrnehmung 
erfaßbares Objekt der an die Geburt mahnenden gefährlichen 
Situation ein Ende machen kann, verschiebt sich nun der 
Inhalt der Gefahr von der ökonomischen Situation auf seine 
Bedingung, den Objektverlust. Das Vermissen der Mutter 
wird nun die Gefahr, bei deren Eintritt der Säugling das 
Angstsignal gibt, noch ehe die gefürchtete ökonomische Situa- 



und Angst l6l 

tion eingetreten ist. Diese "Wandlung bedeutet einen ersten 
großen Fortschritt in der Fürsorge für die Selbsterhaltung, 
sie schließt gleichzeitig den Übergang von der automatisch 
ungewollten Neuentstehung der Angst zu ihrer beabsichtig- 
ten Reproduktion als Signal der Gefahr ein. 

Ii\ beiden Hinsichten, sowohl als automatisches Phänomen 
wie als rettendes Signal, zeigt sich die Angst als Produkt der 
psychischen Hilflosigkeit des Säuglings, welche das selbst- 
verständliche Gegenstück seiner biologischen Hilflosigkeit ist. 
Das auffällige Zusammentreffen, daß sowohl die Geburtsangst 
wie die Säuglingsangst die Bedingung der Trennung von der 
Mutter anerkennt, bedarf keiner psychologischen Deutung; 
es erklärt sich biologisch einfach genug aus der Tatsache, 
daß die Mutter, die zuerst alle Bedürfnisse des Fötus durch 
die Einrichtungen ihres Leibes beschwichtigt hatte, dieselbe 
Funktion zum Teil mit anderen Mitteln auch nach der 
Geburt fortsetzt. Intrauterinleben und erste Kindheit sind 
weit mehr ein Kontinuum, als uns die auffällige Caesur des 
Geburtsaktes glauben läßt. Das psychische Mutterobjekt er- 
setzt dem Kinde die biologische Fötalsituation. Wir dürfen 
darum nicht vergessen, daß im Intrauterinleben die Mutter 
kein Objekt war, und daß es damals keine Objekte gab. 

Es ist leicht zu sehen, daß es in diesem Zusammenhange 
keinen Raum für ein Abreagieren des Geburtstraumas gibt, 
und daß eine andere Funktion der Angst als die eines Signals 
zur Vermeidung der Gefahrsituation nicht aufzufinden ist. 
Die Angstbedingung des Objektverlustes trägt nun noch ein 
ganzes Stück weiter. Auch die nächste Wandlung der Angst, 
die in der phallischen Phase auftretende Kastrationsangst, ist 
eine Trennungsangst und an dieselbe Bedingung gebunden. 
Die Gefahr ist hier die Trennung von dem Genitale. Ein voll- 
berechtigt scheinender Gedankengang von Ferenczi läßt 
uns hier die Linie des Zusammenhanges mit den früheren In- 



161 Hemmung, Symptom 

halten der Gefahrsituation deutlich erkennen. Die hohe nar- 
zißtische Einschätzung des Penis kann sich darauf berufen, 
daß der Besitz dieses Organs die Gewähr für eine Wieder- 
vereinigung mit der Mutter (dem Mutterersatz) im Akt des 
Koitus enthält. Die Beraubung dieses Gliedes ist soviel wie 
eine neuerliche Trennung von der Mutter, bedeutet also wie- 
derum, einer unlustvollen Bedürfnisspannung (wie bei der 
Geburt) hilflos ausgeliefert zu sein. Das Bedürfnis, dessen An- 
steigen gefürchtet wird, ist aber nun ein spezialisiertes, das 
der genitalen Libido, nicht mehr ein beliebiges wie in der 
Säuglingszeit. Ich füge hier an, daß die Phantasie der Rück- 
kehr in den Mutterleib der Koitusersatz des Impotenten 
(durch die Kastrationsdrohung Gehemmten) ist. Im Sinne 
Ferenczis kann man sagen, das Individuum, das sich zur 
Rückkehr in den Mutterleib durch sein Genitalorgan ver- 
treten lassen wollte, ersetzt nun regressiv dies Organ durch 
seine ganze Person. 

Die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes, die Zu- 
nahme seiner Unabhängigkeit, die schärfere Sonderung seines 
seelischen Apparats in mehrere Instanzen, das Auftreten neuer 
Bedürfnisse, können nicht ohne Einfluß auf den Inhalt der 
Gefahrsituation bleiben. Wir haben dessen Wandlung vom 
Verlust des Mutterobjekts zur Kastration verfolgt und sehen 
den nächsten Schritt durch die Macht des Über-Ichs ver- 
ursacht. Mit dem Unpersönlichwerden der Elterninstanz, von 
der man die Kastration befürchtete, wird die Gefahr unbe- 
stimmter. Die Kastrationsangst entwickelt sich zur Gewissens- 
angst, zur sozialen Angst. Es ist jetzt nicht mehr so leicht 
anzugeben, was die Angst befürchtet. Die Formel: „Tren- 
nung, Ausschluß aus der Horde", trifft nur jenen späteren 
Anteil des Uber-Ichs, der sich in Anlehnung an soziale Vor- 
bilder entwickelt hat, nicht den Kern des Uber-Ichs, der der 
introjizierten Elterninstanz entspricht. Allgemeiner ausge- 



und Angst < 263 

drückt, ist es der Zorn, die Strafe des Über-Ichs, der Liebes- 
verlust von dessen Seite, den das Ich als Gefahr wertet und 
mit dem Angstsignal beantwortet. Als letzte Wandlung dieser 
Angst vor dem Uber-Ich ist mir die Todes- (Lebens-) Angst, 
die Angst vor der Projektion des Über-Ichs in den Schicksals- 
mächten erschienen. 

Ich habe früher einmal einen gewissen Wert auf die Dar- 
stellung gelegt, daß es die bei der Verdrängung abgezogene 
Besetzung ist, welche die Verwendung als Angstabfuhr er- 
fährt. Das erscheint mir nun heute kaum wissenswert. Der 
Unterschied liegt darin, daß ich vormals die Angst in jedem 
Falle durch einen ökonomischen Vorgang automatisch ent- 
standen glaubte, während die jetzige Auffassung der Angst 
als eines vom Ich beabsichtigten Signals zum Zweck der Be- 
einflussung der Lust-Unlustinstanz uns von diesem ökono- 
mischen Zwange unabhängig macht. Es ist natürlich nichts 
gegen die Annahme zu sagen, daß das Ich gerade die durch 
die Abziehung bei der Verdrängung frei gewordene Energie 
zur Erweckung des Affekts verwendet, aber es ist bedeutungs- 
los geworden, mit welchem Anteil Energie dies geschieht. 

Ein anderer Satz, den ich einmal ausgesprochen, verlangt 
nun nach Überprüfung im Lichte unserer neuen Auffassung. 
Es ist die Behauptung, das Ich sei die eigentliche Angststätte; 
ich meine, sie wird sich als zutreffend erweisen. Wir haben 
nämlich keinen Anlaß, dem Uber-Ich irgendeine Angstäuße- 
rung zuzuteilen. Wenn aber von einer „Angst des Es" die 
Rede ist, so hat man nicht zu widersprechen, sondern einen 
ungeschickten Ausdruck zu korrigieren. Die Angst ist ein 
Affektzustand, der natürlich nur vom Ich verspürt werden 
kann. Das Es kann nicht Angst haben wie das Ich, es ist 
keine Organisation, kann Gefahrsituationen nicht beurteilen. 
Dagegen ist es ein überaus häufiges Vorkommnis, daß sich 
im Es Vorgänge vorbereiten oder vollziehen, die dem Ich 



Hemmung, Symptom 



Anlaß zur Angstentwicklung geben; in der Tat sind die 
wahrscheinlich frühesten Verdrängungen, wie die Mehrzahl 
aller späteren, durch solche Angst des Ichs vor einzelnen 
Vorgängen im Es motiviert. Wir unterscheiden hier wiederum 
mit gutem Grund die beiden Fälle, daß sich im Es etwas 
ereignet, was eine der Gefahrsituationen fürs Ich aktiviert 
und es somit bewegt, zur Inhibition das Angstsignal zu geben, 
und den anderen Fall, daß sich im Es die dem Geburts- 
trauma analoge Situation herstellt, in der es automatisch zur 
Angstreaktion kommt. Man bringt die beiden Fälle einander 
näher, wenn man hervorhebt, daß der zweite der ersten und 
ursprünglichen Gefahrsituation entspricht, der erste aber einer 
der später aus ihr abgeleiteten Angstbedingungen. Oder auf 
die wirklich vorkommenden AfTektionen bezogen: daß der 
zweite Fall in der Ätiologie der Aktualneurosen verwirklicht 
ist, der erste für die der Psychoneurosen charakteristisch 
bleibt. . 

Wir sehen nun, daß wir frühere Ermittlungen nicht zu ent- 
werten, sondern bloß mit den neueren Einsichten in Ver- 
bindung zu bringen brauchen. Es ist nicht abzuweisen, daß 
bei Abstinenz, mißbräuchlicher Störung im Ablauf der Sexual- 
erregung, Ablenkung derselben von ihrer psychischen Ver- 
arbeitung, direkt Angst aus Libido entsteht, d. h. jener Zu- 
stand von Hilflosigkeit des Ichs gegen eine übergroße Be- 
dürfnisspannung hergestellt wird, der wie bei der Geburt in 
Angstentwicklung ausgeht, wobei es wieder eine gleichgültige, 
aber naheliegende Möglichkeit ist, daß gerade der Überschuß 
an unverwendeter Libido seine Abfuhr in der Angstentwick- 
lung findet. Wir sehen, daß sich auf dem Boden dieser 
Aktualneurosen besonders leicht Psychoneurosen entwickeln, 
d. h. wohl, daß das Ich Versuche macht, die Angst, die es 
eine Weile suspendiert zu erhalten gelernt hat, zu ersparen 
und durch Symptombildung zu binden. Wahrscheinlich 



und Angst 2 6s 

würde die Analyse der traumatischen Kriegsneurosen, welcher 
Name allerdings sehr verschiedenartige Affektionen umfaßt, 
ergeben haben, daß eine Anzahl von ihnen an den Charak- 
teren der Aktualneurosen Anteil hat. 

Als wir die Entwicklung der verschiedenen Gefahrsituatio- 
nen aus dem ursprünglichen Geburtsvorbild darstellten, lag 
es uns ferne zu behaupten, daß jede spätere Angstbedingung 
die frühere einfach außer Kraft setzt. Die Fortschritte der 
Ichentwicklung tragen allerdings dazu bei, die frühere Ge- 
fahrsituation zu entwerten und beiseite zu schieben, so daß 
man sagen kann, einem bestimmten Entwicklungsalter sei eine 
gewisse Angstbedingung wie adäquat zugeteilt. Die Gefahr 
der psychischen Hilflosigkeit paßt zur Lebenszeit der Unreife 
des Ichs, wie die Gefahr des Objektverlustes zur Unselb- 
ständigkeit der ersten Kinderjahre, die Kastrationsgefahr zur 
phallischen Phase, die Über-Ichangst zur Latenzzeit. Aber es 
können doch alle diese Gefahrsituationen und Angstbedingun- 
gen nebeneinander fortbestehen bleiben und das Ich auch zu 
späteren als den adäquaten Zeiten zur Angstreaktion veran- 
lassen, oder es können mehrere von ihnen gleichzeitig in 
Wirksamkeit treten. Möglicherweise bestehen auch engere 
Beziehungen zwischen der wirksamen Gefahrsituation und 
der Form der auf sie folgenden Neurose. 6 

6) Seit der Unterscheidung von Ich und Es mußte auch unser 
Interesse an den Problemen der Verdrängung eine neue Belebung 
erfahren. Bisher hatte es uns genügt, die dem Ich zugewendeten 
Seiten des Vorgangs, die Abhaltung vom Bewußtsein und von der 
Motilität und die Ersatz- (Symptom-) Bildung ins Auge zu fassen, 
von der verdrängten Triebregung selbst nahmen wir an, sie bleibe 
im Unbewußten unbestimmt lange unverändert bestehen. Nun 
wendet sich das Interesse den Schicksalen des Verdrängten zu, 
und wir ahnen, daß ein solcher unveränderter und unveränder- 
licher Fortbestand nicht selbstverständlich, vielleicht nicht einmal 
gewöhnlich ist. Die ursprüngliche Triebregung ist jedenfalls durch 
die Verdrängung gehemmt und von ihrem Ziel abgelenkt worden. 



266 Hemmung, Symptom 

Als wir in einem früheren Stück dieser Untersuchungen auf 
die Bedeutung der Kastrationsgefahr bei mehr als einer 
neurotischen Affektion stießen, erteilten wir uns die Mahnung, 
dies Moment doch nicht zu überschätzen, da es bei dem 
gewiß mehr zur Neurose disponierten weiblichen Geschlecht 
doch nicht ausschlaggebend sein könnte. "Wir sehen jetzt, daß 
wir nicht in Gefahr sind, die Kastrationsangst für den ein- 
zigen Motor der zur Neurose führenden Abwehrvorgänge 
zu erklären. Ich habe an anderer Stelle auseinandergesetzt, 
wie die Entwicklung des kleinen Mädchens durch den Kastra- 
tionskomplex zur zärtlichen Objektbesetzung gelenkt wird. 
Gerade beim "Weibe scheint die Gefahrsituation des Objekt- 
verlustes die wirksamste geblieben zu sein. Wir dürfen an 
ihrer Angstbedingung die kleine Modifikation anbringen, daß 
es sich nicht mehr um das Vermissen oder den realen Ver- 
lust des Objekts handelt, sondern um den Liebesverlust von 






Ist aber ihr Ansatz im Unbewußten erhalten geblieben und hat 
er sich resistent gegen dit verändernden und entwertenden Ein- 
flüsse des Lebens erwiesen? Bestehen also die alten Wünsche noch, 
von deren früherer Existenz uns die Analyse berichtet? Die Ant- 
wort scheint naheliegend und gesichert: Die verdrängten alten 
Wünsche müssen im Unbewußten noch fortbestehen, da wir ihre 
Abkömmlinge, die Symptome, noch wirksam finden. Aber sie ist 
nicht zureichend, sie läßt nicht zwischen den beiden Möglich- 
keiten entscheiden, ob der alte Wunsch jetzt nur durch seine Ab- 
kömmlinge wirkt, denen er all seine Besetzungsenergie übertragen 
hat, oder ob er außerdem selbst erhalten geblieben ist. Wenn es 
sein Schicksal war, sich in der Besetzung seiner Abkömmlinge zu 
erschöpfen, so bleibt noch die dritte Möglichkeit, daß er im 
Verlauf der Neurose durch Regression wiederbelebt wurde, so 
unzeitgemäß er gegenwärtig sein mag. Man braucht diese Erwä- 
gungen nicht für müßig zu halten; vieles an den Erscheinungen 
des krankhaften wie des normalen Seelenlebens scheint solche 
Fragestellungen zu erfordern. In meiner Studie über den Unter- 
gang des Ödipus-Komplexes bin ich auf den Unterschied zwischen 
der bloßen Verdrängung und der wirklichen Aufhebung einer 
alten Wunschregung aufmerksam geworden. 



und Angst 267 

Seiten des Objekts. Da es sicher steht, daß die Hysterie eine 
größere Affinität zur "Weiblichkeit hat, ebenso wie die 
Zwangsneurose zur Männlichkeit, so liegt die Vermutung 
nahe, die Angstbedingung des Liebesverlustes spiele bei 
Hysterie eine ähnliche Rolle wie die Kastrationsdrohung bei 
den Phobien, die Uber-Ichangst bei der Zwangsneurose. 

IX 

Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Beziehungen 
zwischen Symptombildung und Angstentwicklung. 

Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet zu sein. 
Die eine nennt die Angst selbst ein Symptom der Neurose, 
die andere glaubt an ein weit innigeres Verhältnis zwischen 
beiden. Ihr zufolge würde alle Symptombildung nur unter- 
nommen werden, um der Angst zu entgehen; die Symptome 
binden die psychische Energie, die sonst als Angst abge- 
führt würde, so daß die Angst das Grundphänomen und 
Hauptproblem der Neurose wäre. 

Die zumindest partielle Berechtigung der zweiten Be- 
hauptung läßt sich durch schlagende Beispiele erweisen. Wenn 
man einen Agoraphoben, den man auf die Straße begleitet 
hat, dort sich selbst überläßt, produziert er einen Angstanfall; 
wenn man einen Zwangsneurotiker daran hindern läßt, sich 
nach einer Berührung die Hände zu waschen, wird er die 
Beute einer fast unerträglichen Angst. Es ist also klar, die 
Bedingung des Begleitetwerdens und die Zwangshandlung 
des Waschens hatten die Absicht und auch den Erfolg, solche 
Angstausbrüche zu verhüten. In diesem Sinne kann auch 
jede Hemmung, die sich das Ich auferlegt, Symptom genannt 
werden. 

Da wir die Angstentwicklung auf die Gefahrsituation 
zurückgeführt haben, werden wir es vorziehen zu sagen, die 



268 Hemmung, Symptom 

Symptome werden geschaffen, um das Ich der Gefahrsituation 
zu entziehen. Wird die Symptombildung verhindert, so tritt 
die Gefahr wirklich ein, d. h. es stellt sich jene der Geburt 
analoge Situation her, in der sich das Ich hilflos gegen den 
stetig wachsenden Triebanspruch findet, also die erste und 
ursprünglichste der Angstbedingungen. Für unsere An- 
schauung erweisen sich die Beziehungen zwischen Angst und 
Symptom weniger eng als angenommen wurde, die Folge 
davon, daß wir zwischen beide das Moment der Gefahr- 
situation eingeschoben haben. Wir können auch ergänzend 
sagen, die Angstentwicklung leite die Symptombildung ein, 
ja sie sei eine notwendige Voraussetzung derselben, denn 
wenn das Ich nicht durch die Angstentwicklung die Lust- 
Unlust-Instanz wachrütteln würde, bekäme es nicht die 
Macht, den im Es vorbereiteten, gefahrdrohenden Vorgang 
aufzuhalten. Dabei ist die Tendenz unverkennbar, sich auf 
ein Mindestmaß von Angstentwicklung zu beschränken, di< 
Angst nur als Signal zu verwenden, denn sonst bekäme mai 
die Unlust, die durch den Triebvorgang droht, nur ai 
anderer Stelle zu spüren, was kein Erfolg nach der Absicht 
des Lustprinzips wäre, sich aber doch bei den Neurosei 
häufig genug ereignet. 

Die Symptombildung hat also den wirklichen Erfolg, die 
Gefahrsituation aufzuheben. Sie hat zwei Seiten; die eine, 
die uns verborgen bleibt, stellt im Es jene Abänderung her, 
mittels deren das Ich der Gefahr entzogen wird, die andere 
uns zugewendete zeigt, was sie an Stelle des beeinflußten 
Triebvorganges geschaffen hat, die Ersatzbildung. 

Wir sollten uns aber korrekter ausdrücken, dem Abwehr- 
vorgang zuschreiben, was wir eben von der Symptombildung 
ausgesagt haben, und den Namen Symptombildung selbst als 
synonym mit Ersatzbildung gebrauchen. Es scheint dann 
klar, daß der Abwehrvorgang analog der Flucht ist, durch 




und Angst 2 g 9 

die sich das Ich einer von außen drohenden Gefahr entzieht, 
daß er eben einen Fluchtversuch vor einer Triebgefahr dar- 
stellt. Die Bedenken gegen diesen Vergleich werden uns zu 
weiterer Klärung verhelfen. Erstens läßt sich einwenden, daß 
der Objektverlust (der Verlust der Liebe von seiten des 
Objekts) und die Kastrationsdrohung ebensowohl Gefahren 
sind, die von außen drohen, wie etwa ein reißendes Tier, 
also nicht Triebgefahren. Aber es ist doch nicht derselbe Fall. 
Der Wolf würde uns wahrscheinlich anfallen, gleichgiltig, 
wie wir uns gegen ihn benehmen; die geliebte Person würde 
uns aber nicht ihre Liebe entziehen, die Kastration uns nicht 
angedroht werden, wenn wir nicht bestimmte Gefühle und 
Absichten in unserem Inneren nähren würden. So werden 
diese Triebregungen zu Bedingungen der äußeren Gefahr und 
damit selbst gefährlich, wir können jetzt die äußere Gefahr 
durch Maßregeln gegen innere Gefahren bekämpfen. Bei den 
Tierphobien scheint die Gefahr noch durchaus als eine äußer- 
liche empfunden zu werden, wie sie auch im Symptom eine 
äußerliche Verschiebung erfährt. Bei der Zwangsneurose ist 
sie weit mehr verinnerlicht, der Anteil der Angst vor dem 
Uber-Ich, der soziale Angst ist, repräsentiert noch den 
innerlichen Ersatz einer äußeren Gefahr, der andere Anteil, 
die Gewissensangst, ist durchaus endopsychisch. 

Ein zweiter Einwand sagt, beim Fluchtversuch vor einer 
drohenden äußeren Gefahr tun wir ja nichts anderes, als daß 
wir die Raumdistanz zwischen uns und dem Drohenden ver- 
größern. Wir setzen uns ja nicht gegen die Gefahr zur 
Wehr, suchen nichts an ihr selbst zu ändern, wie in dem 
anderen Falle, daß wir mit einem Knüttel auf den Wolf 
losgehen oder mit einem Gewehr auf ihn schießen. Der Ab- 
wehrvorgang scheint aber mehr zu tun, als einem Flucht- 
versuch entspricht. Er greift ja in den drohenden Trieb- 
ablauf ein, unterdrückt ihn irgendwie, lenkt ihn von seinem 



LlJl'l 






270 Hemmung, Symptom 

Ziel ab, macht ihn dadurch ungefährlich. Dieser Einwand 
scheint unabweisbar, wir müssen ihm Rechnung tragen. Wir 
meinen, es wird wohl so sein, daß es Abwehrvorgänge gibt, 
die man mit gutem Recht einem Fluchtversuch vergleichen 
kann, während sich das Ich bei anderen weit aktiver zur 
Wehre setzt, energische Gegenaktionen vornimmt. Wenn der 
Vergleich der Abwehr mit der Flucht nicht überhaupt durch 
den Umstand gestört wird, daß das Ich und der Trieb im 
Es ja Teile derselben Organisation sind, nicht getrennte 
Existenzen, wie der Wolf und das Kind, so daß jede Art 
Verhaltens des Ichs auch abändernd auf den Triebvorgang 
einwirken muß. 

Durch das Studium der Angstbedingungen haben wir das 
Verhalten des Ichs bei der Abwehr sozusagen in rationeller 
Verklärung erblicken müssen. Jede Gefahrsituation entspricht 
einer gewissen Lebenszeit oder Entwicklungsphase des 
seelischen Apparats und erscheint für diese berechtigt. Das 
frühkindliche Wesen ist wirklich nicht dafür ausgerüstet, 
große Erregungssummen, die von außen oder innen an- 
langen, psychisch zu bewältigen. Zu einer gewissen Lebens- 
zeit ist es wirklich das wichtigste Interesse, daß die Per- 
sonen, von denen man abhängt, ihre zärtliche Sorge nicht 
zurückziehen. Wenn der Knabe den mächtigen Vater als 
Rivalen bei der Mutter empfindet, seiner aggressiven Neigun- 
gen gegen ihn und seiner sexuellen Absichten auf die Mutter 
inne wird, hat er ein Recht dazu, sich vor ihm zu fürchten, 
und die Angst vor seiner Strafe kann durch phylogenetische 
Verstärkung sich als Kastrationsangst äußern. Mit dem Ein- 
tritt in soziale Beziehungen wird die Angst vor dem Ober- 
Ich, das Gewissen, zur Notwendigkeit, der Wegfall dieses 
Moments die Quelle von schweren Konflikten und Gefahren 
usw. Aber gerade daran knüpft sich ein neues Problem. 

Versuchen wir es, den Angstaffekt für eine Weile durch 



und Angst 



271 



einen anderen, z. B. den Schmerzaffekt, zu ersetzen. Wir 
halten es für durchaus normal, daß das Mädchen von vier 
Jahren schmerzlich weint, wenn ihm eine Puppe zerbricht, 
mit sechs Jahren, wenn ihm die Lehrerin einen Verweis gibt, 
mit sechzehn Jahren, wenn der Geliebte sich nicht um sie 
bekümmert, mit fünfundzwanzig Jahren vielleicht, wenn sie 
ein Kind begräbt. Jede dieser Schmerzbedingungen hat ihre 
Zeit und erlischt mit deren Ablauf; die letzten, definitiven, 
erhalten sich dann durchs Leben. Es würde uns aber auffallen, 
wenn dies Mädchen als Frau und Mutter über die Beschädi- 
gung einer Nippsache weinen würde. So benehmen sich aber 
die Neurotiker. In ihrem seelischen Apparat sind längst alle 
Instanzen zur Reizbewältigung innerhalb weiter Grenzen 
ausgebildet, sie sind erwachsen genug, um die meisten ihrer 
Bedürfnisse selbst zu befriedigen, sie wissen längst, daß die 
Kastration nicht mehr als Strafe geübt wird, und doch be- 
nehmen sie sich, als bestünden die alten Gefahrsituationen 
noch, sie halten an allen früheren Angstbedingungen fest. 

Die Antwort hierauf wird etwas weitläufig ausfallen. Sie 
wird vor allem den Tatbestand zu sichten haben. In einer 
großen Anzahl von Fällen werden die alten Angstbedingungen 
wirklich fallen gelassen, nachdem sie bereits neurotische 
Reaktionen erzeugt haben. Die Phobien der kleinsten Kinder 
vor Alleinsein, Dunkelheit und vor Fremden, die beinahe 
normal zu nennen sind, vergehen zumeist in etwas späteren 
Jahren, sie „wachsen sich aus", wie man von manchen 
anderen Kindheitsstörungen sagt. Die so häufigen Tier- 
phobien haben das gleiche Schicksal, viele der Konversions- 
hysterien der Kinderjahre finden später keine Fortsetzung. 
Zeremoniell in der Latenzzeit ist ein ungemein häufiges Vor- 
kommnis, nur ein sehr geringer Prozentsatz dieser Fälle 
entwickelt sich später zur vollen Zwangsneurose. Die Kinder- 
neurosen sind überhaupt — soweit unsere Erfahrungen an 



272 Hemmung, Symptom 

den höheren Kulturanforderungen unterworfenen Stadt- 
kindern weißer Rasse reichen — regelmäßige Episoden der 
Entwicklung, wenngleich ihnen noch immer zu wenig Auf- 
merksamkeit geschenkt wird. Man vermißt die Zeichen der 
Kindheitsneurose auch nicht bei einem erwachsenen Neu- 
rotiker, während lange nicht alle Kinder, die sie zeigen, auch 
später Neurotiker werden. Es müssen also im Verlaufe der 
Reifung Angstbedingungen aufgegeben worden sein und 
Gefahrsituationen ihre Bedeutung verloren haben. Dazu 
kommt, daß einige dieser Gefahrsituationen sich dadurch in 
späte Zeiten hinüberretten, daß sie ihre Angstbedingung zeit- 
gemäß modifizieren. So erhält sich z. B. die Kastrationsangst 
unter der Maske der Syphilisphobie, nachdem man erfahren 
hat, daß zwar die Kastration nicht mehr als Strafe für das 
Gewährenlassen der sexuellen Gelüste üblich ist, aber daß 
dafür der Triebfreiheit schwere Erkrankungen drohen. 
Andere der Angstbedingungen sind überhaupt nicht zum 
Untergang bestimmt, sondern sollen den Menschen durchs 
Leben begleiten, wie die der Angst vor dem Über-Ich. Der 
Neurotiker unterscheidet sich dann vor den Normalen 
dadurch, daß er die Reaktionen auf diese Gefahren über- 
mäßig erhöht. Gegen die Wiederkehr der ursprünglichen 
traumatischen Angstsituation bietet endlich auch das Er- 
wachsensein keinen zureichenden Schutz; es dürfte für jeder- 
mann eine Grenze geben, über die hinaus sein seelischer 
Apparat in der Bewältigung der Erledigung heischenden 
Erregungsmengen versagt. 

Diese kleinen Berichtigungen können unmöglich die Be- 
stimmung haben, an der Tatsache zu rütteln, die hier erörtert 
wird, der Tatsache, daß so viele Menschen in ihrem Ver- 
halten zur Gefahr infantil bleiben und verjährte Angst- 
bedingungen nicht überwinden; dies bestreiten, hieße die Tat- 
sache der Neurose leugnen, denn solche Personen heißt man 




und Angst 2-7$ 

eben Neurotiker. "Wie ist das aber möglich? Warum sind 
nicht alle Neurosen Episoden der Entwicklung, die mit Er- 
reichung der nächsten Phase abgeschlossen werden? Woher 
das Dauermoment in diesen Reaktionen auf die Gefahr? 
Woher der Vorzug, den der Angstaffekt vor allen anderen 
Affekten zu genießen scheint, daß er allein Reaktionen her- 
vorruft, die sich als abnorm von den anderen sondern und 
sich als unzweckmäßig dem Strom des Lebens entgegen- 
stellen? Mit anderen Worten, wir finden uns unversehens 
wieder vor der so oft gestellten Vexierfrage, woher kommt 
die Neurose, was ist ihr letztes, das ihr besondere Motiv? 
Nach jahrzehntelangen analytischen Bemühungen erhebt sich 
dies Problem vor uns, unangetastet, wie zu Anfang. 

x 

Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr. Man kann doch 
die Idee nicht abweisen, daß es mit dem Wesen der Gefahr 
zusammenhängt, wenn sich der Angstaffekt eine Ausnahms- 
stellung in der seelischen Ökonomie erzwingen kann. Aber 
die Gefahren sind allgemein menschliche, für alle Individuen 
die nämlichen; was wir brauchen und nicht zur Verfügung 
haben, ist ein Moment, das uns die Auslese der Individuen 
verständlich macht, die den Angstaffekt trotz seiner Be- 
sonderheit dem normalen seelischen Betrieb unterwerfen 
können, oder das bestimmt, wer an dieser Aufgabe scheitern 
muß. Ich sehe zwei Versuche vor mir, ein solches Moment 
aufzudecken; es ist begreiflich, daß jeder solche Versuch 
eine sympathische Aufnahme erwarten darf, da er einem 
quälenden Bedürfnis Abhilfe verspricht. Die beiden Versuche 
ergänzen einander, indem sie das Problem an entgegen- 
gesetzten Enden angreifen. Der erste ist vor mehr als zehn 
Jahren von Alfred Adler unternommen worden; er be- 

18 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 






274 Hemmung, Symptom 

hauptet, auf seinen innersten Kern reduziert, daß diejenigen 
Menschen an der Bewältigung der durch die Gefahr ge- 
stellten Aufgabe scheitern, denen die Minderwertigkeit ihrer 
Organe zu große Schwierigkeiten bereitet. Bestünde der Satz 
Simplex sigillum veri zurecht, so müßte man eine solche 
Lösung wie eine Erlösung begrüßen. Aber im Gegenteile, die 
Kritik des abgelaufenen Jahrzehnts hat die volle Unzuläng- 
lichkeit dieser Erklärung, die sich überdies über den ganzen 
Reichtum der von der Psychoanalyse aufgedeckten Tat- 
bestände hinaussetzt, beweisend dargetan. 

Den zweiten Versuch hat Otto Rank 1923 in seinem 
Buch „Das Trauma der Geburt" unternommen. Es wäre 
unbillig, ihn dem Versuch von Adler in einem anderen 
Punkte als dem einen hier betonten gleichzustellen, denn er 
bleibt auf dem Boden der Psychoanalyse, deren Gedanken- 
gänge er fortsetzt, und ist als eine legitime Bemühung zur 
Lösung der analytischen Probleme anzuerkennen. In der 
gegebenen Relation zwischen Individuum und Gefahr lenkt 
Rank von der Organschwäche des Individuums ab und auf 
die veränderliche Intensität der Gefahr hin. Der Geburts- 
vorgang ist die erste Gefahrsituation, der von ihm 
produzierte ökonomische Aufruhr wird das Vorbild der 
Angstreaktion; wir haben vorhin die Entwicklungslinie ver- 
folgt, welche diese erste Gefahrsituation und Angstbedingung 
mit allen späteren verbindet, und dabei gesehen, daß sie alle 
etwas Gemeinsames bewahren, indem sie alle in gewissem 
Sinne eine Trennung von der Mutter bedeuten, zuerst nur 
in biologischer Hinsicht, dann im Sinn eines direkten Objekt- 
verlustes und später eines durch indirekte Wege vermittelten. 
Die Aufdeckung dieses großen Zusammenhanges ist ein 
unbestrittenes Verdienst der Rank sehen Konstruktion. 
Nun trifft das Trauma der Geburt die einzelnen Individuen 
in verschiedener Intensität, mit der Stärke des Traumas 



und Angst 275 

variiert die Heftigkeit der Angstreaktion, und es soll nach 
Rank von dieser Anfangsgröße der Angstentwicklung ab- 
hängen, ob das Individuum jemals ihre Beherrschung erlangen 
kann, ob es neurotisch wird oder normal. 

Die Einzelkritik der Rank sehen Aufstellungen ist nicht 
unsere Aufgabe, bloß deren Prüfung, ob sie zur Lösung 
unseres Problems brauchbar sind. Die Formel Ranks, 
Neurotiker werde der, dem es wegen der Stärke des Geburts- 
traumas niemals gelinge, dieses völlig abzureagieren, ist 
theoretisch höchst anfechtbar. Man weiß nicht recht, was 
mit dem Abreagieren des Traumas gemeint ist. Versteht 
man es wörtlich, so kommt man zu dem unhaltbaren 
Schluß, daß der Neurotiker sich um so mehr der Gesundung 
nähert, je häufiger und intensiver er den Angstaffekt re- 
produziert. "Wegen dieses Widerspruches mit der Wirklich- 
keit hatte ich ja seinerzeit die Theorie des Abreagierens auf- 
gegeben, die in der Katharsis eine so große Rolle spielte. 
Die Betonung der wechselnden Stärke des Geburtstraumas 
läßt keinen Raum für den berechtigten ätiologischen An- 
spruch der hereditären Konstitution. Sie ist ja ein organisches 
Moment, welches sich gegen die Konstitution wie eine Zu- 
fälligkeit verhält und selbst von vielen, zufällig zu nennen- 
den Einflüssen, z. B. von der rechtzeitigen Hilfeleistung bei 
der Geburt abhängig ist. Die Rank sehe Lehre hat kon- 
stitutionelle wie phylogenetische Faktoren überhaupt außer 
Betracht gelassen. Will man aber für die Bedeutung der 
Konstitution Raum schaffen, etwa durch die Modifikation, 
es käme vielmehr darauf an, wie ausgiebig das Individuum 
auf die variable Intensität des Geburtstraumas reagiere, so 
hat man der Theorie ihre Bedeutung geraubt und den neu 
eingeführten Faktor auf eine Nebenrolle eingeschränkt. Die 
Entscheidung über den Ausgang in Neurose liegt dann doch 
auf einem anderen, wiederum auf einem unbekannten Gebiet. 

18* 



276 Hemmung, Symptom 

Die Tatsache, daß der Mensch den Geburtsvorgang mit 
den anderen Säugetieren gemein hat, während ihm eine be- 
sondere Disposition zur Neurose als Vorrecht vor den Tieren 
zukommt, wird kaum günstig für die Rank sehe Lehre 
stimmen. Der Haupteinwand bleibt aber, daß sie in der 
Luft schwebt, anstatt sich auf gesicherte Beobachtung zu 
stützen. Es gibt keine guten Untersuchungen darüber, ob 
schwere und protrahierte Geburt in unverkennbarer Weise 
mit Entwicklung von Neurose zusammentreffen, ja, ob so 
geborene Kinder nur die Phänomene der frühinfantilen 
Ängstlichkeit länger oder stärker zeigen als andere. Macht 
man geltend, daß präzipitierte und für die Mutter leichte 
Geburten für das Kind möglicherweise die Bedeutung von 
schweren Traumen haben, so bleibt doch die Forderung auf- 
recht, daß Geburten, die zur Asphyxie führen, die be- 
haupteten Folgen mit Sicherheit erkennen lassen müßten. Es 
scheint ein Vorteil der Rank sehen Ätiologie, daß sie ein 
Moment voranstellt, das der Nachprüfung am Material der 
Erfahrung zugänglich ist; solange man eine solche Prüfung 
nicht wirklich vorgenommen hat, ist es unmöglich, ihren 
Wert zu beurteilen. 

Dagegen kann ich mich der Meinung nicht anschließen, 
daß die Ranksche Lehre der bisher in der Psychoanalyse 
anerkannten ätiologischen Bedeutung der Sexualtriebe wider- 
spricht; denn sie bezieht sich nur auf das Verhältnis des 
Individuums zur Gefahrsituation und läßt die gute Auskunft 
offen, daß, wer die anfänglichen Gefahren nicht bewältigen 
konnte, auch in den später auftauchenden Situationen 
sexueller Gefahr versagen muß und dadurch in die Neurose 
gedrängt wird. 

Ich glaube also nicht, daß der Rank sehe Versuch uns 
die Antwort auf die Frage nach der Begründung der Neurose 
gebracht hat, und ich meine, es läßt sich noch nicht unter- 






~ 



und Angst 277 

scheiden, einen wie großen Beitrag zur Lösung der Frage er 
doch enthält. Wenn die Untersuchungen über den Einfluß 
schwerer Geburt auf die Disposition zu Neurosen negativ 
ausfallen, ist dieser Beitrag gering einzuschätzen. Es ist sehr 
zu besorgen, daß das Bedürfnis nach einer greifbaren und 
einheitlichen „letzten Ursache" der Nervosität immer unbe- 
friedigt bleiben wird. Der ideale Fall, nach dem sich der 
Mediziner wahrscheinlich noch heute sehnt, wäre der des 
Bazillus, der sich isolieren und reinzüchten läßt, und dessen 
Impfung bei jedem Individuum die nämliche Affektion her- 
vorruft. Oder etwas weniger phantastisch: die Darstellung 
von chemischen Stoffen, deren Verabreichung bestimmte 
Neurosen produziert und aufhebt. Aber die Wahrscheinlich- 
keit spricht nicht für solche Lösungen des Problems. 

Die Psychoanalyse führt zu weniger einfachen, minder 
befriedigenden Auskünften. Ich habe hier nur längst Be- 
kanntes zu wiederholen, nichts Neues hinzuzufügen. Wenn 
es dem Ich gelungen ist, sich einer gefährlichen Triebregung 
zu erwehren, z. B. durch den Vorgang der Verdrängung, 
so hat es diesen Teil des Es zwar gehemmt und geschädigt, 
aber ihm gleichzeitig auch ein Stück Unabhängigkeit gegeben 
und auf ein Stück seiner eigenen Souveränität verzichtet. Das 
folgt aus der Natur der Verdrängung, die im Grunde ein 
Fluchtversuch ist. Das Verdrängte ist nun „vogelfrei", aus- 
geschlossen aus der großen Organisation des Ichs, nur den 
Gesetzen unterworfen, die im Bereich des Unbewußten herr- 
schen. Ändert sich nun die Gefahrsituation, so daß das Ich 
kein Motiv zur Abwehr einer neuerlichen, der verdrängten 
analogen Triebregung hat, so werden die Folgen der Ich- 
einschränkung manifest. Der neuerliche Triebablauf vollzieht 
sich unter dem Einfluß des Automatismus, — ich zöge vor 
zu sagen: des Wiederholungszwanges — er wandelt dieselben 
Wege wie der früher verdrängte, als ob die überwundene 



278 Hemmung, Symptom 

Gefahrsituation noch bestünde. Das fixierende Moment an 
der Verdrängung ist also der Wiederholungszwang des unbe- 
wußten Es, der normalerweise nur durch die frei bewegliche 
Funktion des Ichs aufgehoben wird. Nun mag es dem Ich 
mitunter gelingen, die Schranken der Verdrängung, die es 
selbst aufgerichtet, wieder einzureißen, seinen Einfluß auf die 
Triebregung wiederzugewinnen und den neuerlichen Trieb- 
ablauf im Sinne der veränderten Gefahrsituation zu lenken. 
Tatsache ist, daß es ihm so oft mißlingt, und daß es seine 
Verdrängungen nicht rückgängig machen kann. Quantitative 
Relationen mögen für den Ausgang dieses Kampfes maß- 
gebend sein. In manchen Fällen haben wir den Eindruck, daß 
die Entscheidung eine zwangsläufige ist, die regressive An- 
ziehung der verdrängten Regung und die Stärke der Ver- 
drängung sind so groß, daß die neuerliche Regung nur dem 
"Wiederholungszwange folgen kann. In anderen Fällen nehmen 
wir den Beitrag eines anderen Kräftespiels wahr, die An- 
ziehung des verdrängten Vorbilds wird verstärkt durch die 
Abstoßung von Seiten der realen Schwierigkeiten, die sich 
einem anderen Ablauf der neuerlichen Triebregung entgegen- 
setzen. 

Daß dies der Hergang der Fixierung an die Verdrängung 
und der Erhaltung der nicht mehr aktuellen Gefahrsituation 
ist, findet seinen Erweis in der an sich bescheidenen, aber 
theoretisch kaum überschätzbaren Tatsache der analytischen 
Therapie. Wenn wir dem Ich in der Analyse die Hilfe leisten, 
die es in den Stand setzen kann, seine Verdrängungen aufzu^ 
heben, bekommt es seine Macht über das verdrängte Es wieder 
und kann die Triebregungen so ablaufen lassen, als ob die 
alten Gefahrsituationen nicht mehr bestünden. "Was wir so 
erreichen, steht in gutem Einklang mit dem sonstigen Macht- 
bereich unserer ärztlichen Leistung. In der Regel muß sich ja 
unsere Therapie damit begnügen, rascher, verläßlicher, mit 



und Angst 279 

weniger Aufwand den guten Ausgang herbeizuführen, der 
sich unter günstigen Verhältnissen spontan ergeben hätte. 

Die bisherigen Erwägungen lehren uns, es sind quantita- 
tive Relationen, nicht direkt aufzuzeigen, nur auf dem Wege 
des Rückschlusses faßbar, die darüber entscheiden, ob die 
alten Gefahrsituationen festgehalten werden, ob die Verr 
drängungen des Ichs erhalten bleiben, ob die Kinderneurosen 
ihre Fortsetzung finden oder nicht. Von den Faktoren, die 
an der Verursachung der Neurosen beteiligt sind, die die 
Bedingungen geschaffen haben, unter denen sich die psychi- 
schen Kräfte miteinander messen, heben sich für unser Ver- 
ständnis drei hervor, ein biologischer, ein phylogenetischer 
und ein rein psychologischer. Der biologische ist die lang hin- 
gezogene Hilflosigkeit und Abhängigkeit des kleinen Menschen- 
kindes. Die Intrauterinexistenz des Menschen erscheint gegen 
die der meisten Tiere relativ verkürzt; es wird unfertiger als 
diese in die Welt geschickt. Dadurch wird der Einfluß der 
realen Außenwelt verstärkt, die Differenzierung des Ichs vom 
Es frühzeitig gefördert, die Gefahren der Außenwelt in ihrer 
Bedeutung erhöht und der Wert des Objekts, das allein gegen 
diese Gefahren schützen und das verlorene Intrauterinleben 
ersetzen kann, enorm gesteigert. Dies biologische Moment stellt 
also die ersten Gefahrsituationen her und schafft das Bedürf- 
nis, geliebt zu werden, das den Menschen nicht mehr ver- 
lassen wird. 

Der zweite, phylogenetische, Faktor ist von uns nur er- 
schlossen worden; eine sehr merkwürdige Tatsache der Libido- 
entwicklung hat uns zu seiner Annahme gedrängt. Wir finden, 
daß das Sexualleben des Menschen sich nicht wie das der 
meisten ihm nahestehenden Tiere vom Anfang bis zur Reifung 
stetig weiter entwickelt, sondern daß es nach einer ersten 
Frühblüte bis zum fünften Jahr eine energische Unterbrechung 
erfährt, worauf es dann mit der Pubertät von neuem anhebt 



z2o Hemmung, Symptom 

und an die infantilen Ansätze anknüpft. "Wir meinen, es 
müßte in den Schicksalen der Menschenart etwas Wichtiges 
vorgefallen sein, was diese Unterbrechung der Sexualentwick- 
lung als historischen Niederschlag hinterlassen hat. Die patho- 
gene Bedeutung dieses Moments ergibt sich daraus, daß die 
meisten Triebansprüche dieser kindlichen Sexualität vom Ich 
als Gefahren behandelt und abgewehrt werden, so daß die 
späteren sexuellen Regungen der Pubertät, die ichgerecht sein 
sollten, in Gefahr sind, der Anziehung der infantilen Vor- 
bilder zu unterliegen und ihnen in die Verdrängung zu folgen. 
Hier stoßen wir auf die direkteste Ätiologie der Neurosen. 
Es ist merkwürdig, daß der frühe Kontakt mit den An- 
sprüchen der Sexualität auf das Ich ähnlich wirkt, wie die 
vorzeitige Berührung mit der Außenwelt. 

Der dritte oder psychologische Faktor ist in einer Unvoll- 
kommenheit unseres seelischen Apparates zu finden, die gerade 
mit seiner Differenzierung in ein Ich und ein Es zusammen- 
hängt, also in letzter Linie auch auf den Einfluß der Außen- 
welt zurückgeht. Durch die Rücksicht auf die Gefahren der 
Realität wird das Ich genötigt, sich gegen gewisse Trieb- 
regungen des Es zur Wehre zu setzen, sie als Gefahren zu 
behandeln. Das Ich kann sich aber gegen innere Triebgefahren 
nicht in so wirksamer Weise schützen wie gegen ein Stück 
der ihm fremden Realität. Mit dem Es selbst innig verbunden, 
kann es die Triebgefahr nur abwehren, indem es seine eigene 
Organisation einschränkt und sich die Symptombildung als 
Ersatz für seine Beeinträchtigung des Triebes gefallen läßt. 
Erneuert sich dann der Andrang des abgewiesenen Triebes, 
so ergeben sich für das Ich alle die Schwierigkeiten, die wir 
als das neurotische Leiden kennen. 

Weiter, muß ich glauben, ist unsere Einsicht in das Wesen 
und die Verursachung der Neurosen vorläufig nicht gekommen. 



und Angst 281 

XI) NACHTRÄGE 

Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene Themen 
berührt worden, die vorzeitig verlassen werden mußten und 
die jetzt gesammelt werden sollen, um den Anteil Aufmerk- 
samkeit zu erhalten, auf den sie Anspruch haben. 



Modifikationen früher geäußerter Ansichten 
a) Widerstand und Gegenbesetzung 

Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Verdrängung, 
daß sie nicht einen einmaligen Vorgang darstellt, sondern 
einen dauernden Aufwand erfordert. Wenn dieser entfiele, 
würde der verdrängte Trieb, der kontinuierlich Zuflüsse aus 
seinen Quellen erhält, ein nächstes Mal denselben "Weg ein- 
schlagen, von dem er abgedrängt wurde, die Verdrängung 
würde um ihren Erfolg gebracht oder sie müßte unbestimmt 
oft wiederholt werden. So folgt aus der kontinuierlichen 
Natur des Triebes die Anforderung an das Ich, seine Abwehr- 
aktion durch einen Daueraufwand zu versichern. Diese 
Aktion zum Schutz der Verdrängung ist es, die wir bei der 
therapeutischen Bemühung als Widerstand verspüren. 
Widerstand setzt das voraus, was ich als Gegenbe- 
setzung bezeichnet habe. Eine solche Gegenbesetzung wird 
bei der Zwangsneurose greifbar. Sie erscheint hier als Ich- 
veränderung, als Reaktionsbildung im Ich, durch Verstärkung 
jener Einstellung, welche der zu verdrängenden Triebrichtung 
gegensätzlich ist (Mitleid, Gewissenhaftigkeit, Reinlichkeit). 
Diese Reaktionsbildungen der Zwangsneurose sind durchweg 
Übertreibungen normaler, im Verlauf der Latenzzeit ent- 



z $ 2 Hemmung, Symptom 

wickelter Charakterzüge. Es ist weit schwieriger, die Gegen- 
besetzung bei der Hysterie aufzuweisen, wo sie nach der 
theoretischen Erwartung ebenso unentbehrlich ist. Auch hier 
ist ein gewisses Maß von Ichveränderung durch Reaktions- 
bildung unverkennbar und wird in manchen Verhältnissen 
so auffällig, daß es sich der Aufmerksamkeit als das Haupt- 
symptom des Zustandes aufdrängt. In solcher Weise wird 
z. B. der Ambivalenzkonflikt der Hysterie gelöst, der Haß 
gegen eine geliebte Person wird durch ein Übermaß von 
Zärtlichkeit für sie und Ängstlichkeit um sie niedergehalten. 
Man muß aber als Unterschiede gegen die Zwangsneurose 
hervorheben, daß solche Reaktionsbildungen nicht die allge- 
meine Natur von Charakterzügen zeigen, sondern sich auf 
ganz spezielle Relationen einschränken. Die Hysterika z. B., 
die ihre im Grunde gehaßten Kinder mit exzessiver Zärtlich- 
keit behandelt, wird darum nicht im ganzen liebesbereiter als 
andere Frauen, nicht einmal zärtlicher für andere Kinder. 
Die Reaktionsbildung der Hysterie hält an einem bestimmten 
Objekt zähe fest und erhebt sich nicht zu einer allgemeinen 
Disposition des Ichs. Für die Zwangsneurose ist gerade diese 
Verallgemeinerung, die Lockerung der Objektbeziehungen, 
die Erleichterung der Verschiebung in der Objektwahl charak- 
teristisch. 

Eine andere Art der Gegenbesetzung scheint der Eigenart 
der Hysterie gemäßer zu sein. Die verdrängte Triebregung 
kann von zwei Seiten her aktiviert (neu besetzt) werden, 
erstens von innen her durch eine Verstärkung des Triebes aus 
seinen inneren Erregungsquellen, zweitens von außen her 
durch die Wahrnehmung eines Objekts, das dem Trieb er- 
wünscht wäre. Die hysterische Gegenbesetzung ist nun vor- 
zugsweise nach außen gegen gefährliche Wahrnehmung ge- 
richtet, sie nimmt die Form einer besonderen Wachsamkeit 
an, die durch Icheinschränkungen Situationen vermeidet, in 



und Angst 283 

denen die Wahrnehmung auftreten müßte, und die es zu- 
standebringt, dieser Wahrnehmung die Aufmerksamkeit zu 
entziehen, wenn sie doch aufgetaucht ist. Französische Auto- 
ren (L a f o r g u e) haben kürzlich diese Leistung der 
Hysterie durch den besonderen Namen „Skotomisation" 
ausgezeichnet. Noch auffälliger als bei Hysterie ist diese 
Technik der Gegenbesetzung bei den Phobien, deren Interesse 
sich darauf konzentriert, sich immer weiter von der Möglich- 
keit der gefürchteten Wahrnehmung zu entfernen. Der Gegen- 
satz in der Richtung der Gegenbesetzung zwischen Hysterie 
und Phobien einerseits und Zwangsneurose anderseits scheint 
bedeutsam, wenn er auch kein absoluter ist. Er legt uns nahe 
anzunehmen, daß zwischen der Verdrängung und der äußeren 
Gegenbesetzung, wie zwischen der Regression und der inneren 
Gegenbesetzung (Ichveränderung durch Reaktionsbildung) ein 
innigerer Zusammenhang besteht. Die Abwehr der gefähr- 
lichen Wahrnehmung ist übrigens eine allgemeine Aufgabe 
der Neurosen. Verschiedene Gebote und Verbote der Zwangs- 
neurose sollen der gleichen Absicht dienen. 

Wir haben uns früher einmal klargemacht, daß der Wider- 
stand, den wir in der Analyse zu überwinden haben, vom 
Ich geleistet wird, das an seinen Gegenbesetzungen festhält. 
Das Ich hat es schwer, seine Aufmerksamkeit Wahrnehmun- 
gen und Vorstellungen zuzuwenden, deren Vermeidung es 
sich bisher zur Vorschrift gemacht hatte, oder Regungen als 
die seinigen anzuerkennen, die den vollsten Gegensatz zu den 
ihm als eigen vertrauten bilden. Unsere Bekämpfung des 
Widerstandes in der Analyse gründet sich auf eine solche 
Auffassung desselben. Wir machen den Widerstand bewußt, 
wo er, wie so häufig, infolge des Zusammenhanges mit dem 
Verdrängten selbst unbewußt ist; wir setzen ihm logische Argu- 
mente entgegen, wenn oder nachdem er bewußt geworden 
ist, versprechen dem Ich Nutzen und Prämien, wenn es auf 




284 Hemmung, Symptom 

den Widerstand verzichtet. An dem Widerstand des Ichs ist 
also nichts zu bezweifeln oder zu berichtigen. Dagegen fragt 
es sich, ob er allein den Sachverhalt deckt, der uns in der 
Analyse entgegentritt. Wir machen die Erfahrung, daß das 
Ich noch immer Schwierigkeiten findet, die Verdrängungen 
rückgängig zu machen, auch nachdem es den Vorsatz gefaßt 
hat, seine Widerstände aufzugeben, und haben die Phase 
anstrengender Bemühung, die nach solchem löblichen Vorsatz 
folgt, als die des „Durcharbeitens" bezeichnet. Es liegt nun 
nahe, das dynamische Moment anzuerkennen, das ein solches 
Durcharbeiten notwendig und verständlich macht. Es kann 
kaum anders sein, als daß nach Aufhebung des Ichwider- 
standes noch die Macht des Wiederholungszwanges, die An- 
ziehung der unbewußten Vorbilder auf den verdrängten 
Triebvorgang, zu überwinden ist, und es ist nichts dagegen 
zu sagen, wenn man dies Moment als den Widerstand 
des Unbewußten bezeichnen will. Lassen wir uns solche 
Korrekturen nicht verdrießen; sie sind erwünscht, wenn sie 
unser Verständnis um ein Stück fördern, und keine Schande, 
wenn sie das frühere nicht widerlegen, sondern bereichern, 
eventuell eine Allgemeinheit einschränken, eine zu enge Auf- 
fassung erweitern. 

Es ist nicht anzunehmen, daß wir durch diese Korrektur 
eine vollständige Übersicht über die Arten der uns in der 
Analyse begegnenden Widerstände gewonnen haben. Bei 
weiterer Vertiefung merken wir vielmehr, daß wir fünf Arten 
des Widerstandes zu bekämpfen haben, die von drei Seiten 
herstammen, nämlich vom Ich, vom Es und vom Uber-Ich, 
wobei sich das Ich als die Quelle von drei in ihrer Dynamik 
unterschiedenen Formen erweist. Der erste dieser drei Ich- 
widerstände ist der von vorhin behandelte V e r d r ä n- 
g u n g s widerstand, über den am wenigsten Neues zu sagen 
ist. Von ihm sondert sich der Übertragungs widerstand, 



und Angst 285 

der von der gleichen Natur ist, aber in der Analyse andere 
und weit deutlichere Erscheinungen macht, da es ihm gelungen 
ist, eine Beziehung zur analytischen Situation oder zur Person 
des Analytikers herzustellen und somit eine Verdrängung, die 
bloß erinnert werden sollte, wieder wie frisch zu beleben. Auch 
ein Ichwiderstand, aber ganz anderer Natur, ist jener, der 
vom Krankheits gewinn ausgeht und sich auf die Ein- 
beziehung des Symptoms ins Ich gründet. Er entspricht dem 
Sträuben gegen den Verzicht auf eine Befriedigung oder 
Erleichterung. Die vierte Art des Widerstandes — den des Es 
— haben wir eben für die Notwendigkeit des Durcharbeitens 
verantwortlich gemacht. Der fünfte Widerstand, der des 
Uber-Ichs, der zuletzt erkannte, dunkelste, aber nicht 
immer schwächste, scheint dem Schuldbewußtsein oder Straf- 
bedürfnis zu entstammen; er widersetzt sich jedem Erfolg 
und demnach auch der Genesung durch die Analyse. 

b) Angst aus Umwandlung von Libido 

Die in diesem Aufsatz vertretene Auffassung der Angst 
entfernt sich ein Stück weit von jener, die mir bisher berech- 
tigt schien. Früher betrachtete ich die Angst als eine allge- 
meine Reaktion des Ichs unter den Bedingungen der Unlust, 
suchte ihr Auftreten jedesmal zu rechtfertigen und nahm an, 
gestützt auf die Untersuchung der Aktualneurosen, daß 
Libido (sexuelle Erregung), die vom Ich abgelehnt oder nicht 
verwendet wird, eine direkte Abfuhr in der Form der Angst 
findet. Man kann es nicht übersehen, daß diese verschiedenen 
Bestimmungen nicht gut zusammengehen, zum mindesten nicht 
notwendig aus einander folgen. Überdies ergab sich der An- 
schein einer besonders innigen Beziehung von Angst und 
Libido, die wiederum mit dem Allgemeincharakter der Angst 
als Unlustreaktion nicht harmonierte. 



286 Hemmung, Symptom 

Der Einspruch gegen diese Auffassung ging von der Ten- 
denz aus, das Ich zur alleinigen Angststätte zu machen, war 
also eine der Folgen der im „Ich und Es" versuchten Gliede- 
rung des seelischen Apparates. Der früheren Auffassung lag 
es nahe, die Libido der verdrängten Triebregung als die 
Quelle der Angst zu betrachten; nach der neueren hatte viel- 
mehr das Ich für diese Angst aufzukommen. Also Ich-Angst 
oder Trieb- (Es-) Angst. Da das Ich mit desexualisierter 
Energie arbeitet, wurde in der Neuerung auch der intime 
Zusammenhang von Angst und Libido gelockert. Ich hoffe, 
es ist mir gelungen, wenigstens den Widerspruch klar zu 
machen, die Umrisse der Unsicherheit scharf zu zeichnen. 

Die Rank sehe Mahnung, der Angstaffekt sei, wie ich 
selbst zuerst behauptete, eine Folge des Geburtsvorganges und 
eine Wiederholung der damals durchlebten Situation, nötigte 
zu einer neuerlichen Prüfung des Angstproblems. Mit seiner 
eigenen Auffassung der Geburt als Trauma, des Angst- 
zustandes als Abfuhrreaktion darauf, jedes neuerlichen Angst- 
affekts als Versuch, das Trauma immer vollständiger „abzu- 
reagieren", konnte ich nicht weiter kommen. Es ergab sich 
die Nötigung, von der Angstreaktion auf die G e f a h r- 
situation hinter ihr zurückzugehen. Mit der Einführung 
dieses Moments ergaben sich neue Gesichtspunkte für die 
Betrachtung. Die Geburt wurde das Vorbild für alle späteren 
Gefahrsituationen, die sich unter den neuen Bedingungen der 
veränderten Existenzform und der fortschreitenden psychi- 
schen Entwicklung ergaben. Ihre eigene Bedeutung wurde 
aber auch auf diese vorbildliche Beziehung zur Gefahr ein- 
geschränkt. Die bei der Geburt empfundene Angst wurde 
nun das Vorbild eines Affektzustandes, der die Schicksale 
anderer Affekte teilen mußte. Er reproduzierte sich entweder 
automatisch in Situationen, die seinen Ursprungssituationen 
analog waren, als unzweckmäßige Reaktionsform, nachdem 



und Angst 287 

er in der ersten Gefahrsituation zweckmäßig gewesen war. 
Oder das Ich bekam Macht über diesen Affekt und reprodu- 
zierte ihn selbst, bediente sich seiner als Warnung vor der 
Gefahr und als Mittel, das Eingreifen des Lust-Unlust- 
mechanismus wachzurufen. Die biologische Bedeutung des 
Angstaffekts kam zu ihrem Recht, indem die Angst als die 
allgemeine Reaktion auf die Situation der Gefahr anerkannt 
wurde; die Rolle des Ichs als Angststätte wurde bestätigt, 
indem dem Ich die Funktion eingeräumt wurde, den Angst- 
affekt nach seinen Bedürfnissen zu produzieren. Der Angst 
wurden so im späteren Leben zweierlei Ursprungsweisen 
zugewiesen, die eine ungewollt, automatisch, jedesmal ökono- 
misch gerechtfertigt, wenn sich eine Gefahrsituation analog 
jener der Geburt hergestellt hatte, die andere, vom Ich pro- 
duziert, wenn eine solche Situation nur drohte, um zu ihrer 
Vermeidung aufzufordern. In diesem zweiten Fall unterzog 
sich das Ich der Angst gleichsam wie einer Impfung, um 
durch einen abgeschwächten Krankheitsausbruch einem unge- 
schwächten Anfall zu entgehen. Es stellte sich gleichsam die 
Gefahrsituation lebhaft vor, bei unverkennbarer Tendenz, 
dies peinliche Erleben auf eine Andeutung, ein Signal, zu 
beschränken. Wie sich dabei die verschiedenen Gefahrsitua- 
tionen nacheinander entwickeln und doch genetisch mitein- 
ander verknüpft bleiben, ist bereits im einzelnen dargestellt 
worden. Vielleicht gelingt es uns, ein Stück weiter ins Ver- 
ständnis der Angst einzudringen, wenn wir das Problem des 
Verhältnisses zwischen neurotischer Angst und Realangst 
angreifen. 

Die früher behauptete direkte Umsetzung der Libido in 
Angst ist unserem Interesse nun weniger bedeutsam geworden. 
Ziehen wir sie doch in Erwägung, so haben wir mehrere 
Fälle zu unterscheiden. Für die Angst, die das Ich als Signal 
provoziert, kommt sie nicht in Betracht; also auch nicht in 



288 Hemmung, Symptom 

all den Gefahrsituationen, die das Ich zur Einleitung einer 
Verdrängung bewegen. Die libidinöse Besetzung der ver- 
drängten Triebregung erfährt, wie man es am deutlichsten 
bei der Konversionshysterie sieht, eine andere Verwendung 
als die Umsetzung in und Abfuhr als Angst. Hingegen 
werden wir bei der weiteren Diskussion der Gefahrsituation 
auf jenen Fall der Angstentwicklung stoßen, der wahrschein- 
lich anders zu beurteilen ist. 

c) Verdrängung und Abwehr 

Im Zusammenhange der Erörterungen über das Angst- 
problem habe ich einen Begriff — oder bescheidener aus- 
gedrückt: einen Terminus — wieder aufgenommen, dessen 
ich mich zu Anfang meiner Studien vor dreißig Jahren aus- 
schließend bedient und den ich späterhin fallen gelassen 
hatte. Ich meine den des Abwehrvorganges. 7 Ich ersetzte ihn 
in der Folge durch den der Verdrängung, das Verhältnis 
zwischen beiden blieb aber unbestimmt. Ich meine nun, es 
bringt einen sicheren Vorteil, auf den alten Begriff der Ab- 
wehr zurückzugreifen, wenn man dabei festsetzt, daß er die 
allgemeine Bezeichnung für alle die Techniken sein soll, 
deren sich das Ich in seinen eventuell zur Neurose führenden 
Konflikten bedient, während Verdrängung der Name einer 
bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt, die uns infolge 
der Richtung unserer Untersuchungen zuerst besser bekannt 
worden ist. 

Auch eine bloß terminologische Neuerung will gerecht- 
fertigt werden, soll der Ausdruck einer neuen Betrachtungs- 
weise oder einer Erweiterung unserer Einsichten sein. Die 
Wiederaufnahme des Begriffes Abwehr und die Einschrän- 
kung des Begriffes der Verdrängung trägt nun einer Tatsach< 

7) Siehe: Die Abwehr-Neuropsychosen [Ges. Schriften, Bd. I], 






und Angst 289 

Rechnung, die längst bekannt ist, aber durch einige neuere 
Funde an Bedeutung gewonnen hat. Unsere ersten Erfahrun- 
gen über Verdrängung und Symptombildung machten wir 
an der Hysterie; wir sahen, daß der Wahrnehmungsinhalt 
erregender Erlebnisse, der Vorstellungsinhalt pathogener 
Gedankenbildungen, vergessen und von der Reproduktion 
im Gedächtnis ausgeschlossen wird, und haben darum in der 
Abhaltung vom Bewußtsein einen Hauptcharakter der 
hysterischen Verdrängung erkannt. Später haben wir die 
Zwangsneurose studiert und gefunden, daß bei dieser Affek- 
tion die pathogenen Vorfälle nicht vergessen werden. Sie 
bleiben bewußt, werden aber auf eine noch nicht vorstell- 
bare Weise „isoliert", so daß ungefähr derselbe Erfolg er- 
zielt wird wie durch die hysterische Amnesie. Aber die 
Differenz ist groß genug, um unsere Meinung zu berechtigen, 
der Vorgang, mittels dessen die Zwangsneurose einen Trieb- 
anspruch beseitigt, könne nicht der nämliche sein wie bei 
Hysterie. Weitere Untersuchungen haben uns gelehrt, daß 
bei der Zwangsneurose unter dem Einfluß des Ichsträubens 
eine Regression der Triebregungen auf eine frühere Libido- 
phase erzielt wird, die zwar eine Verdrängung nicht über- 
flüssig macht, aber offenbar in demselben Sinne wirkt wie 
die Verdrängung. Wir haben ferner gesehen, daß die auch 
bei Hysterie anzunehmende Gegenbesetzung bei der Zwangs- 
neurose als reaktive Ichveränderung eine besonders große 
Rolle beim Ichschutz spielt, wir sind auf ein Verfahren der 
„Isolierung" aufmerksam worden, dessen Technik wir noch 
nicht angeben können, das sich einen direkten symptomati- 
schen Ausdruck schafft, und auf die magisch zu nennende 
Prozedur des „Ungeschehenmachens", über deren abweh- 
rende Tendenz kein Zweifel sein kann, die aber mit dem 
Vorgang der „Verdrängung" keine Ähnlichkeit mehr hat. 
Diese Erfahrungen sind Grund genug, den alten Begriff der 

19 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



2^0 Hemmung, Symptom 

Abwehr wieder einzusetzen, der alle diese Vorgänge mit 
gleicher Tendenz — Schutz des Ichs gegen Triebansprüche 
— umfassen kann, und ihm die Verdrängung als einen 
Spezialfall zu subsumieren. Die Bedeutung einer solchen 
Namengebung wird erhöht, wenn man die Möglichkeit er- 
wägt, daß eine Vertiefung unserer Studien eine innige Zu- 
sammengehörigkeit zwischen besonderen Formen der Ab- 
wehr und bestimmten Affektionen ergeben könnte, z. B. 
zwischen Verdrängung und Hysterie. Unsere Erwartung 
richtet sich ferner auf die Möglichkeit einer anderen bedeut- 
samen Abhängigkeit. Es kann leicht sein, daß der seelische 
Apparat vor der scharfen Sonderung von Ich und Es, vor 
der Ausbildung eines Uber-Ichs, andere Methoden der Ab- 
wehr übt als nach der Erreichung dieser Organisationsstufen. 



B 

Ergänzung zur Angst 

Der Angstaffekt zeigt einige Züge, deren Untersuchung 
weitere Aufklärung verspricht. Die Angst hat eine unver- 
kennbare Beziehung zur Erwartung; sie ist Angst vor 
etwas. Es haftet ihr ein Charakter von Unbestimmt- 
heit und Objektlosigkeit an; der korrekte Sprach- 
gebrauch ändert selbst ihren Namen, wenn sie ein Objekt 
gefunden hat, und ersetzt ihn dann durch Furcht. Die 
Angst hat ferner außer ihrer Beziehung zur Gefahr eine 
andere zur Neurose, um deren Aufklärung wir uns seit lan- 
gem bemühen. Es entsteht die Frage, warum nicht alle 
Angstreaktionen neurotisch sind, warum wir so viele als 
normal anerkennen; endlich verlangt der Unterschied von 
Realangst und neurotischer Angst nach gründlicher Würdi- 
gung. 

Gehen wir von der letzteren Aufgabe aus. Unser Fort- 



. 



und Angst 291 

schritt bestand in dem Rückgreifen von der Reaktion der 
Angst auf die Situation der Gefahr. Nehmen wir dieselbe 
Veränderung an dem Problem der Realangst vor, so wird 
uns dessen Lösung leicht. Realgefahr ist eine Gefahr, die wir 
kennen, Realangst die Angst vor einer solchen bekannten 
Gefahr. Die neurotische Angst ist Angst vor einer Gefahr, 
die wir nicht kennen. Die neurotische Gefahr muß also erst 
gesucht werden; die Analyse hat uns gelehrt, sie ist eine 
Triebgefahr. Indem wir diese dem Ich unbekannte Gefahr 
zum Bewußtsein bringen, verwischen wir den Unterschied 
zwischen Realangst und neurotischer Angst, können wir die 
letztere wie die erstere behandeln. 

In der Realgefahr entwickeln wir zwei Reaktionen, die 
affektive, den Angstausbruch, und die Schutzhandlung. Vor- 
aussichtlich wird bei der Triebgef;ihr dasselbe geschehen. "Wir 
kennen den Fall des zweckmäßigen Zusammenwirkens beider 
Reaktionen, indem die eine das Signal für das Einsetzen der 
anderen gibt, aber auch den unzweckmäßigen Fall, den der 
Angstlähmung, daß die eine sich auf Kosten der anderen 
ausbreitet. 

Es gibt Fälle, in denen sich die Charaktere von Realangst 
und neurotischer Angst vermengt zeigen. Die Gefahr ist be- 
kannt und real, aber die Angst vor ihr übermäßig groß, 
größer als sie nach unserem Urteil sein dürfte. In diesem 
Mehr verrät sich das neurotische Element. Aber diese Fälle 
bringen nichts prinzipiell Neues. Die Analyse zeigt, daß an 
die bekannte Realgefahr eine unerkannte Triebgefahr ge- 
knüpft ist. 

Wir kommen weiter, wenn wir uns auch mit der Zurück- 
führung der Angst auf die Gefahr nicht begnügen. Was ist 
der Kern, die Bedeutung der Gefahrsituation? Offenbar die 
Einschätzung unserer Stärke im Vergleich zu ihrer Größe, 
das Zugeständnis unserer Hilflosigkeit gegen sie, der mate- 






191 Hemmung, Symptom 

riellen Hilflosigkeit im Falle der Realgefahr, der psychischen 
Hilflosigkeit im Falle der Triebgefahr. Unser Urteil wird 
dabei von wirklich gemachten Erfahrungen geleitet werden; 
ob es sich in seiner Schätzung irrt, ist für den Erfolg gleich- 
giltig. Heißen wir eine solche erlebte Situation von Hilf- 
losigkeit eine traumatische; wir haben dann guten 
Grund, die traumatische Situation von der Gefahr- 
situation zu trennen. 

Es ist nun ein wichtiger Fortschritt in unserer Selbst- 
bewahrung, wenn eine solche traumatische Situation von 
Hilflosigkeit nicht abgewartet, sondern vorhergesehen, er- 
wartet, wird. Die Situation, in der die Bedingung für solche 
Erwartung enthalten ist, heiße die Gefahrsituation, in ihr 
wird das Angstsignal gegeben. Dies will besagen: ich erwarte, 
daß sich eine Situation von Hilflosigkeit ergeben wird, oder 
die gegenwärtige Situation erinnert mich an eines der früher 
erfahrenen traumatischen Erlebnisse. Daher antizipiere ich 
dieses Trauma, will mich benehmen, als ob es schon da wäre, 
solange noch Zeit ist, es abzuwenden. Die Angst ist also 
einerseits Erwartung des Traumas, anderseits eine gemilderte 
Wiederholung desselben. Die beiden Charaktere, die uns an 
der Angst aufgefallen sind, haben also verschiedenen Ur- 
sprung. Ihre Beziehung zur Erwartung gehört zur Gefahr- 
situation, ihre Unbestimmtheit und Objektlosigkeit zur 
traumatischen Situation der Hilflosigkeit, die in der Gefahr- 
situation antizipiert wird. 

Nach der Entwicklung der Reihe: Angst — Gefahr - 
Hilflosigkeit (Trauma) können wir zusammenfassen: Die 
Gefahrsituation ist die erkannte, erinnerte, erwartete Situa- 
tion der Hilflosigkeit. Die Angst ist die ursprüngliche Reak- 
tion auf die Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in der 
Gefahrsituation als Hilfssignal reproduziert wird. Das Ich, 
welches das Trauma passiv erlebt hat, wiederholt nun aktiv 



und Angst 293 

eine abgeschwächte Reproduktion desselben, in der Hoff- 
nung, deren Ablauf selbsttätig leiten zu können. Wir 
wissen, das Kind benimmt sich ebenso gegen alle ihm pein- 
lichen Eindrücke, indem es sie im Spiel reproduziert; durch 
diese Art, von der Passivität zur Aktivität überzugehen, 
sucht es seine Lebenseindrücke psychisch zu bewältigen. 
Wenn dies der Sinn eines „Abreagierens" des Traumas sein 
soll, so kann man nichts mehr dagegen einwenden. Das Ent- 
scheidende ist aber die erste Verschiebung der Angstreaktion 
von ihrem Ursprung in der Situation der Hilflosigkeit auf 
deren Erwartung, die Gefahrsituation. Dann folgen die 
weiteren Verschiebungen von der Gefahr auf die Bedingung 
der Gefahr, den Objektverlust und dessen schon erwähnte 
Modifikationen. 

Die „Verwöhnung" des kleinen Kindes hat die un- 
erwünschte Folge, daß die Gefahr des Objektverlustes — das 
Objekt als Schutz gegen alle Situationen der Hilflosigkeit 
— gegen alle anderen Gefahren übersteigert wird. Sie begün- 
stigt also die Zurückhaltung in der Kindheit, der die mo- 
torische wie die psychische Hilflosigkeit eigen sind. 

"Wir haben bisher keinen Anlaß gehabt, die Realangst 
anders zu betrachten als die neurotische Angst. Wir kennen 
den Unterschied; die Realgefahr droht von einem äußeren 
Objekt, die neurotische von einem Triebanspruch. Insoferne 
dieser Triebanspruch etwas Reales ist, kann auch die neuro- 
tische Angst als real begründet anerkannt werden. Wir haben 
verstanden, daß der Anschein einer besonders intimen Be- 
ziehung zwischen Angst und Neurose sich auf die Tatsache 
zurückführt, daß das Ich sich mit Hilfe der Angstreaktion 
der Triebgefahr ebenso erwehrt wie der äußeren Realgefahr, 
daß aber diese Richtung der Abwehrtätigkeit infolge einer 
Unvollkommenheit des seelischen Apparats in die Neurose 
ausläuft. Wir haben auch die Überzeugung gewonnen, daß 






2Q4 Hemmung, Symptom 

der Triebanspruch oft nur darum zur (inneren) Gefahr wird, 
weil seine Befriedigung eine äußere Gefahr herbeiführen 
würde, also weil diese innere Gefahr eine äußere repräsen- 
tiert. 

Anderseits muß auch die äußere (Real-) Gefahr eine Ver- 
innerlichung gefunden haben, wenn sie für das Ich bedeut- 
sam werden soll; sie muß in ihrer Beziehung zu einer erleb- 
ten Situation von Hilflosigkeit erkannt werden. 8 Eine in- 
stinktive Erkenntnis von außen drohender Gefahren scheint 
dem Menschen nicht oder nur in sehr bescheidenem Ausmaß 
mitgegeben worden zu sein. Kleine Kinder tun unaufhörlich 
Dinge, die sie in Lebensgefahr bringen, und können gerade 
darum das schützende Objekt nicht entbehren. In der Be- 
ziehung zur traumatischen Situation, gegen die man hilflos 
ist, treffen äußere und innere Gefahr, Realgefahr und Trieb- 
anspruch zusammen. Mag das Ich in dem einen Falle einen 
Schmerz, der nicht aufhören will, erleben, im anderen Falle 
eine Bedürfnisstauung, die keine Befriedigung finden kann, 
die ökonomische Situation ist für beide Fälle die nämliche 
und die motorische Hilflosigkeit findet in der psychischen 
Hilflosigkeit ihren Ausdruck. 

Die rätselhaften Phobien der frühen Kinderzeit verdie- 
nen an dieser Stelle nochmalige Erwähnung. Die einen von 
ihnen — Alleinsein, Dunkelheit, fremde Personen — konn- 
ten wir als Reaktionen auf die Gefahr des Objektverlusts 

8) Es mag oft genug vorkommen, daß in einer Gefahrsituation, 
die als solche richtig geschätzt wird, zur Realangst ein Stück 
Triebangst hinzukommt. Der Triebanspruch, vor dessen Befrie- 
digung das Ich zurückschreckt, wäre dann der masochistische, der 
gegen die eigene Person gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht 
erklärt diese Zutat den Fall, daß die Angstreaktion übermäßig 
und unzweckmäßig, lähmend, ausfällt. Die Höhenphobien (Fenster, 
Turm, Abgrund) könnten diese Herkunft haben; ihre geheime 
feminine Bedeutung steht dem Masochismus nahe. 






und Angst *9S 

verstehen; für andere — kleine Tiere, Gewitter u. dgl. — 
bietet sich vielleicht die Auskunft, sie seien die verkümmer- 
ten Reste einer kongenitalen Vorbereitung auf die Real- 
gefahren, die bei anderen Tieren so deutlich ausgebildet ist. 
Für den Menschen zweckmäßig ist allein der Anteil dieser 
archaischen Erbschaft, der sich auf den Objektverlust bezieht. 
Wenn solche Kinderphobien sich fixieren, stärker werden und 
bis in späte Lebensjahre anhalten, weist die Analyse nach, 
daß ihr Inhalt sich mit Triebansprüchen in Verbindung ge- 
setzt hat, zur Vertretung auch innerer Gefahren geworden ist. 

c 

Angst, Schmerz und Trauer 

Zur Psychologie der Gefühlsvorgänge liegt so wenig vor, 
daß die nachstehenden schüchternen Bemerkungen auf die 
nachsichtigste Beurteilung Anspruch erheben dürfen. An fol- 
gender Stelle erhebt sich für uns das Problem. Wir mußten 
sagen, die Angst werde zur Reaktion auf die Gefahr des 
Objektverlusts. Nun kennen wir bereits eine solche Reaktion 
auf den Objektverlust, es ist die Trauer. Also wann kommt 
es zur einen, wann zur anderen? An der Trauer, mit der 
wir uns bereits früher beschäftigt haben, 9 blieb ein Zug 
völlig unverstanden, ihre besondere Schmerzlichkeit. Daß die 
Trennung vom Objekt schmerzlich ist, erscheint uns trotz- 
dem selbstverständlich. Also kompliziert sich das Problem 
weiter: Wann macht die Trennung vom Objekt Angst, 
wann Trauer und wann vielleicht nur Schmerz? 

Sagen wir es gleich, es ist keine Aussicht vorhanden, Ant- 
worten auf diese Fragen zu geben. Wir werden uns dabei 
bescheiden, einige Abgrenzungen und einige Andeutungen zu 
finden. 

9) Siehe: Trauer und Melancholie [Ges. Schriften, Bd. V]. 






29 6 Hemmung, Symptom 






Unser Ausgangspunkt sei wiederum die eine Situation, die 
wir zu verstehen glauben, die des Säuglings, der anstatt 
seiner Mutter eine fremde Person erblickt. Er zeigt dann die 
Angst, die wir auf die Gefahr des Objektverlustes gedeutet 
haben. Aber sie ist wohl komplizierter und verdient eine 
eingehendere Diskussion. An der Angst des Säuglings ist 
zwar kein Zweifel, aber Gesichtsaus druck und die Reaktion 
des Weinens lassen annehmen, daß er außerdem noch 
Schmerz empfindet. Es scheint, daß bei ihm einiges zusam- 
menfließt, was später gesondert werden wird. Er kann das 
zeitweilige Vermissen und den dauernden Verlust noch nicht 
unterscheiden; wenn er die Mutter das eine Mal nicht zu 
Gesicht bekommen hat, benimmt er sich so, als ob er sie nie 
wieder sehen sollte, und es bedarf wiederholter tröstlicher 
Erfahrungen, bis er gelernt hat, daß auf ein solches Ver- 
schwinden der Mutter ihr Wiedercrscheinen zu folgen pflegt. 
Die Mutter reift diese für ihn so wichtige Erkenntnis, indem 
sie das bekannte Spiel mit ihm aufführt, sich vor ihm das 
Gesicht zu verdecken und zu seiner Freude wieder zu ent- 
hüllen. Er kann dann sozusagen Sehnsucht empfinden, die 
nicht von Verzweiflung begleitet ist. 

Die Situation, in der er die Mutter vermißt, ist infolge 
seines Mißverständnisses für ihn keine Gefahrsituation, son- 
dern eine traumatische, oder richtiger, sie ist eine trauma- 
tische, wenn er in diesem Moment ein Bedürfnis verspürt, 
das die Mutter befriedigen soll; sie wandelt sich zur Gefahr- 
situation, wenn dies Bedürfnis nicht aktuell ist. Die erste 
Angstbedingung, die das Ich selbst einführt, ist also die des 
Wahrnehmungsverlustes, die der des Objektverlustes gleich- 
gestellt wird. Ein Liebesverlust kommt noch nicht in Be- 
tracht. Später lehrt die Erfahrung, daß das Objekt vorhan- 
den bleiben, aber auf das Kind böse geworden sein kann, 
und nun wird der Verlust der Liebe von Seiten des Ob- 



und Angst *97 

jekts zur neuen, weit beständigeren Gefahr und Angst- 
bedingung. 

Die traumatische Situation des Vermissens der Mutter 
weicht in einem entscheidenden Punkte von der traumati- 
schen Situation der Geburt ab. Damals war kein Objekt vor- 
handen, das vermißt werden konnte. Die Angst blieb die 
einzige Reaktion, die zustande kam. Seither haben wieder- 
holte Befriedigungssituationen das Objekt der Mutter ge- 
schaffen, das nun im Falle des Bedürfnisses eine intensive, 
„sehnsüchtig" zu nennende Besetzung erfährt. Auf diese 
Neuerung ist die Reaktion des Schmerzes zu beziehen. Der 
Schmerz ist also die eigentliche Reaktion auf den Objekt- 
verlust, die Angst die auf die Gefahr, welche dieser Verlust 
mit sich bringt, in weiterer Verschiebung auf die Gefahr des 
Objektverlustes selbst. 

Auch vom Schmerz wissen wir sehr wenig. Den einzig 
sicheren Inhalt gibt die Tatsache, daß der Schmerz — zu- 
nächst und in der Regel — entsteht, wenn ein an der Peri- 
pherie angreifender Reiz die Vorrichtungen des Reizschutzes 
durchbricht und nun wie ein kontinuierlicher Triebreiz 
wirkt, gegen den die sonst wirksamen Muskelaktionen, welche 
die gereizte Stelle dem Reiz entziehen, ohnmächtig bleiben. 
"Wenn der Schmerz nicht von einer Hautstelle, sondern von 
einem inneren Organ ausgeht, so ändert das nichts an der 
Situation; es ist nur ein Stück der inneren Peripherie an die 
Stelle der äußeren getreten. Das Kind hat offenbar Gelegen- 
heit, solche Schmerzerlebnisse zu machen, die unabhängig 
von seinen Bedürfniserlebnissen sind. Diese Entstehungsbedin- 
gung des Schmerzes scheint aber sehr wenig Ähnlichkeit mit 
einem Objektverlust zu haben, auch ist das für den Schmerz 
wesentliche Moment der peripherischen Reizung in der Sehn- 
suchtssituation des Kindes völlig entfallen. Und doch kann 
es nicht sinnlos sein, daß die Sprache den Begriff des inne- 



1 



298 Hemmung, Symptom 

ren, des seelischen, Schmerzes geschaffen hat und die Empfin- 
dungen des Objektverlusts durchaus dem körperlichen 
Schmerz gleichstellt. 

Beim körperlichen Schmerz entsteht eine hohe, narzißtisch 
zu nennende Besetzung der schmerzenden Körperstelle, die 
immer mehr zunimmt und sozusagen entleerend auf das Jch 
wirkt. Es ist bekannt, daß wir, bei Schmerzen in inneren 
Organen, räumliche und andere Vorstellungen von solchen 
Körperteilen bekommen, die sonst im bewußten Vorstellen 
gar nicht vertreten sind. Auch die merkwürdige Tatsache, 
daß die intensivsten Körperschmerzen bei psychischer Ab- 
lenkung durch ein andersartiges Interesse nicht zustande 
kommen (man darf hier nicht sagen: unbewußt bleiben), 
findet in der Tatsache der Konzentration der Besetzung auf 
die psychische Repräsentanz der schmerzenden Körperstelle 
ihre Erklärung. Nun scheint in diesem Punkt die Analogie 
zu liegen, die die Übertragung der Schmerzempfindung auf 
das seelische Gebiet gestattet hat. Die intensive, infolge ihrer 
Unstillbarkeit stets anwachsende Sehnsuchtsbesetzung des 
vermißten (verlorenen) Objekts schafft dieselben ökonomi- 
schen Bedingungen wie die Schmerzbesetzung der verletzten 
Körperstelle und macht es möglich, von der peripherischen 
Bedingtheit des Körperschmerzes abzusehen! Der Übergang 
vom Körperschmerz zum Seelenschmerz entspricht dem 
Wandel von narzißtischer zur Objektbesetzung. Die vom 
Bedürfnis hochbesetzte Objektvorstellung spielt die Rolle der 
von dem Reizzuwachs besetzten Körperstelle. Die Kontinui- 
tät und Unhemmbarkeit des Besetzungsvorganges bringen den 
gleichen Zustand der psychischen Hilflosigkeit hervor. Wenn 
die dann entstehende Unlustempfindung den spezifischen, 
nicht näher zu beschreibenden Charakter des Schmerzes trägt, 
anstatt sich in der Reaktionsform der Angst zu äußern, so 
liegt es nahe, dafür ein Moment verantwortlich zu machen, 






und Angst *99 

das sonst von der Erklärung noch zu wenig in Anspruch 
genommen wurde, das hohe Niveau der Besetzungs- und 
Bindungsverhältnisse, auf dem sich diese zur Unlustempnn- 
dnng führenden Vorgänge vollziehen. 

Wir kennen noch eine andere Gefühlsreaktion auf den 
Objektverlust, die Trauer. Ihre Erklärung bereitet aber keine 
Schwierigkeiten mehr. Die Trauer entsteht unter dem Einfluß 
der Realitätsprüfung, die kategorisch verlangt, daß man sich 
von dem Objekt trennen müsse, weil es nicht mehr besteht. 
Sie hat nun die Arbeit zu leisten, diesen Rückzug vom Ob- 
jekt in all den Situationen durchzuführen, in denen das Ob- 
jekt Gegenstand hoher Besetzung war. Der schmerzliche 
Charakter dieser Trennung fügt sich dann der eben gegebe- 
nen Erklärung durch die hohe und unerfüllbare Sehnsuchts- 
besetzung des Objekts während der Reproduktion der Situa- 
tionen, in denen die Bindung an das Objekt gelöst werden 

soll. 















DER FAMILIENROMAN 
DER NEUROTIKER 

(1909) 

Die Ablösung des heranwachsenden Individuums von der 
Autorität der Eltern ist eine der notwendigsten, aber auch 
schmerzlichsten Leistungen der Entwicklung. Es ist durchaus 
notwendig, daß sie sich vollziehe, und man darf annehmen, 
jeder normal gewordene Mensch habe sie in einem gewissen 
Maß zustande gebracht. Ja, der Fortschritt der Gesellschaft 
beruht überhaupt auf dieser Gegensätzlichkeit der beiden 
Generationen. Anderseits gibt es eine Klasse von Neurotikem, 
in deren Zustand man die Bedingtheit erkennt, daß sie an 
dieser Aufgabe gescheitert sind. 

Für das kleine Kind sind die Eltern zunächst die einzige 
Autorität und die Quelle alles Glaubens. Ihnen, das heißt dem 
gleichgeschlechtlichen Teile, gleich zu werden, groß zu werden 
wie Vater und Mutter, ist der intensivste, folgenschwerste 
Wunsch dieser Kinderjahre. Mit der zunehmenden intellek- 
tuellen Entwicklung kann es aber nicht ausbleiben, daß das 
Kind allmählich die Kategorien kennen lernt, in die seine 
Eltern gehören. Es lernt andere Eltern kennen, vergleicht sie 
mit den seinigen und bekommt so ein Recht, an der ihnen 
zugeschriebenen Unvergleichlichkeit und Einzigartigkeit zu 
zweifeln. Kleine Ereignisse im Leben des Kindes, die eine un- 






. 



■™ 



Der Familienroman der Neurotiker 301 

zufriedene Stimmung bei ihm hervorrufen, geben ihm den 
Anlaß, mit der Kritik der Eltern einzusetzen und die gewon- 
nene Kenntnis, daß andere Eltern in mancher Hinsicht vor- 
zuziehen seien, zu dieser Stellungnahme gegen seine Eltern zu 
verwerten. Aus der Neurosenpsychologie wissen wir, daß da- 
bei unter anderen die intensivsten Regungen sexueller Rivalität 
mitwirken. Der Gegenstand dieser Anlässe ist offenbar das 
Gefühl der Zurücksetzung. Nur zu oft ergeben sich Gelegen- 
heiten, bei denen das Kind zurückgesetzt wird oder sich 
wenigstens zurückgesetzt fühlt, wo es die volle Liebe der 
Eltern vermißt, besonders aber bedauert, sie mit anderen Ge- 
schwistern teilen zu müssen. Die Empfindung, daß die eigenen 
Neigungen nicht voll erwidert werden, macht sich dann in 
der aus frühen Kinderjahren oft bewußt erinnerten Idee Luft, 
man sei ein Stiefkind oder ein angenommenes Kind. Viele 
nicht neurotisch gewordene Menschen entsinnen sich sehr 
häufig an solche Gelegenheiten, wo sie — meist durch Lektüre 
beeinflußt — das feindselige Benehmen der Eltern in dieser 
Weise auffaßten und erwiderten. Es zeigt sich aber hier bereits 
der Einfluß des Geschlechts, indem der Knabe bei weitem mehr 
Neigung zu feindseligen Regungen gegen seinen Vater als 
gegen seine Mutter zeigt und eine viel intensivere Neigung, 
sich von jenem als von dieser freizumachen. Die Phantasie- 
tätigkeit der Mädchen mag sich in diesem Punkte viel 
schwächer erweisen. In diesen bewußt erinnerten Seelen- 
regungen der Kinderjahre finden wir das Moment, welches uns 
das Verständnis des Mythus ermöglicht. 

Selten bewußt erinnert, aber fast immer durch die Psycho- 
analyse nachzuweisen, ist dann die weitere Entwicklungsstufe 
dieser beginnenden Entfremdung von den Eltern, die man mit 
dem Namen: Familienromane der Neurotiker 
bezeichnen kann. Es gehört nämlich durchaus zum Wesen der 
Neurose und auch jeder höheren Begabung eine ganz beson- 






302 Der Familienroman der Neurotiker 

dere Tätigkeit der Phantasie, die sich zunächst in den kind- 
lichen Spielen offenbart und die nun, ungefähr von der Zeit 
der Vorpubertät angefangen, sich des Themas der Familien- 
beziehungen bemächtigt. Ein charakteristisches Beispiel dieser 
besonderen Phantasietätigkeit ist das bekannte T a g t r ä u- 
m e n, 1 das weit über die Pubertät hinaus fortgesetzt wird. 
Eine genaue Beobachtung dieser Tagträume lehrt, daß sie der 
Erfüllung von Wünschen, der Korrektur des Lebens dienen 
und vornehmlich zwei Ziele kennen: das erotische und das 
ehrgeizige (hinter dem aber meist auch das erotische steckt). 
Um die angegebene Zeit beschäftigt sich nun die Phantasie 
des Kindes mit der Aufgabe, die jetzt gering geschätzten Eltern 
loszuwerden und durch in der Regel sozial höherstehende zu 
ersetzen. Dabei wird das zufällige Zusammentreffen mit wirk- 
lichen Erlebnissen (die Bekanntschaft des Schloßherrn oder 
Gutsbesitzers auf dem Lande, der Fürstlichkeit in der Stadt) 
ausgenützt. Solche zufällige Erlebnisse erwecken den Neid des 
Kindes, der dann den Ausdruck in einer Phantasie findet, 
welche beide Eltern durch vornehmere ersetzt. In der Tech- 
nik der Ausführung solcher Phantasien, die natürlich um diese 
Zeit bewußt sind, kommt es auf die Geschicklichkeit und das 
Material an, das dem Kinde zur Verfügung steht. Auch han- 
delt es sich darum, ob die Phantasien mit einem großen oder 
geringen Bemühen, die Wahrscheinlichkeit zu erreichen, aus- 
gearbeitet sind. Dieses Stadium wird zu einer Zeit erreicht, 
wo dem Kinde die Kenntnis der sexuellen Bedingungen der 
Herkunft noch fehlt. 

Kommt dann die Kenntnis der verschiedenartigen sexuellen 
Beziehungen von Vater und Mutter dazu, begreift das Kind, 
daß pater semper incertus est, während die Mutter certissima 
ist, so erfährt der Familienroman eine eigentümliche Ein- 

i) Vgl. darüber Freud: Hysterische Phantasien und ihre Be- 
ziehung zur Bisexualität. Ges. Schriften, Band V, S. 246 ff. 



■■■■ 



Der Familienroman der Neurotiker 303 

schränkung; er begnügt sich nämlich damit, den Vater zu 
erhöhen, die Abkunft von der Mutter aber als etwas Unab- 
änderliches nicht weiter in Zweifel zu ziehen. Dieses zweite 
(sexuelle) Stadium des Familienromans wird auch von einem 
zweiten Motiv getragen, das dem ersten (asexuellen) Stadium 
fehlte. Mit der Kenntnis der geschlechtlichen Vorgänge ent- 
steht die Neigung, sich erotische Situationen und Beziehungen 
auszumalen, wozu als Triebkraft die Lust tritt, die Mutter, 
die Gegenstand der höchsten sexuellen Neugierde ist, in die 
Situation von geheimer Untreue und geheimen Liebesverhält- 
nissen zu bringen. In dieser "Weise werden jene ersten gleich- 
sam asexuellen Phantasien auf die Höhe der jetzigen Erkennt- 
nis gebracht. 

Übrigens zeigt sich das Motiv der Rache und Vergeltung, 
das früher im Vordergrunde stand, auch hier. Diese neuroti- 
schen Kinder sind es ja auch meist, die bei der Abgewöhnung 
sexueller Unarten von den Eltern bestraft wurden, und die 
sich nun durch solche Phantasien an ihren Eltern rächen. 

Ganz besonders sind es nachgeborene Kinder, die vor allem 
ihre Vordermänner durch derartige Dichtungen (ganz wie in 
historischen Intrigen) ihres Vorzuges berauben, ja die sich oft 
nicht scheuen, der Mutter ebensoviele Liebesverhältnisse an- 
zudichten, als Konkurrenten vorhanden sind. Eine interessante 
Variante dieses Familienromans ist es dann, wenn der dich- 
tende Held für sich selbst zur Legitimität zurückkehrt, wäh- 
rend er die anderen Geschwister auf diese Art als illegitim 
beseitigt. Dabei kann noch ein besonderes Interesse den Fami- 
lienroman dirigieren, der mit seiner Vielseitigkeit und mannig- 
fachen Verwendbarkeit allerlei Bestrebungen entgegenkommt. 
So beseitigt der kleine Phantast zum Beispiel auf diese Weise 
die verwandtschaftliche Beziehung zu einer Schwester, die 
ihn etwa sexuell angezogen hat. 

Wer sich von dieser Verderbtheit des kindlichen Gemütes 



304 Der Familienroman der Neurotiker 

mit Schaudern abwendete, ja selbst die Möglichkeit solcher 
Dinge bestreiten wollte, dem sei bemerkt, daß alle diese an- 
scheinend so feindseligen Dichtungen eigentlich nicht so böse 
gemeint sind und unter leichter Verkleidung die erhalten ge- 
bliebene ursprüngliche Zärtlichkeit des Kindes für seine Eltern 
bewahren. Es ist nur scheinbare Treulosigkeit und Undankbar- 
keit; denn wenn man die häufigste dieser Romanphantasien, 
den Ersatz beider Eltern oder nur des Vaters durch großarti- 
gere Personen, im Detail durchgeht, so macht man die Ent- 
deckung, daß diese neuen und vornehmen Eltern durchwegs 
mit Zügen ausgestattet sind, die von realen Erinnerungen an 
die wirklichen niederen Eltern herrühren, so daß das Kind 
den Vater eigentlich nicht beseitigt, sondern e r- 
h ö h t. Ja, das ganze Bestreben, den wirklichen Vater durch 
einen vornehmeren zu ersetzen, ist nur der Aus- 
druck der Sehnsucht des Kindes nach der ver- 
lorenen glücklichen Zeit, in der ihm sein Vater 
als der vornehmste und stärkste Mann, seine 
Mutter als die liebste und schönste Frau erschienen 
ist. Er wendet sich vom Vater, den er jetzt erkennt, zurück zu 
dem, an den er in früheren Kinderjahren geglaubt hat, und 
die Phantasie ist eigentlich nur der Aus- 
druck des Bedauerns, daß diese glückliche 
Zeit entschwunden ist. Die Überschätzung der 
frühesten Kindheitsjahre tritt also in diesen Phantasien wieder 
in ihr volles Recht. Ein interessanter Beitrag zu diesem Thema 
ergibt sich aus dem Studium der Träume. Die Traumdeutung 
lehrt nämlich, daß auch noch in späteren Jahren in Träumen 
vom Kaiser oder von der Kaiserin diese erlauchten Persönlich- 
keiten Vater und Mutter bedeuten. Die kindliche Über- 
schätzung der Eltern ist also auch im Traum des normalen 
Erwachsenen erhalten. 



Kurze Mitteilungen 305 



KURZE MITTEILUNGEN 

I) Beispiele des Verrats pathogener 
Phantasien bei Neurotikern 

(1010) 



A) Ich sah kürzlich einen etwa zwanzigjährigen Kranken, der 
ein unverkennbares, auch von anderer Seite agnosziertes Bild einer 
Dementia praecox (Hebephrenie) bot. In den Anfangsstadien des 
Leidens hatte er periodischen Stimmungswechsel gezeigt, eine 
erhebliche Besserung erreicht und wurde in einem solchen günstigen 
Zustand von den Eltern aus der Anstalt geholt und durch etwa 
eine Woche zur Feier seiner vermeintlichen Herstellung mit allerlei 
Vergnügungen regaliert. An diese Festwoche schloß sich die Ver- 
schlimmerung unmittelbar an. In die Anstalt zurückgebracht, 
erzählte er, der konsultierende Arzt habe ihm den Rat gegeben, 
„mit seiner Mutter etwas zu kokettieren". Es ist nicht zweifelhaft, 
daß er in dieser wahnhaften Erinnerungstäuschung der Erregung 
Ausdruck gegeben, welche durch das Beisammensein mit der Mutter 
in ihm hervorgerufen wurde, und die der nächste Anlaß seiner 
Verschlimmerung war. 

B) Vor länger als zehn Jahren, zu einer Zeit, da die Ergeb- 
nisse und Voraussetzungen der Psychoanalyse nur wenigen Per- 
sonen vertraut waren, wurde mir von verläßlicher Seite folgender 
Vorfall berichtet. Ein junges Mädchen, Tochter eines Arztes, war 
an Hysterie mit lokalen Symptomen erkrankt; der Vater ver- 
leugnete die Hysterie und ließ verschiedene somatische Behand- 
lungen einleiten, die wenig Nutzen brachten. Eine Freundin stellte 
einmal an die Kranke die Frage: Haben Sie denn noch nie daran 
gedacht, den Dr. F. zu Rate zu ziehen? Darauf antwortete die 
Kranke: Wozu sollte ich das tun? Ich weiß ja, er würde mich 
fragen: Haben Sie schon die Idee gehabt, mit Ihrem Vater 
geschlechtlich zu verkehren? — Ich halte es für überflüssig, aus- 
drücklich zu versichern, daß ich eine solche Fragestellung weder 

20 Freud, Schriften zur Ncurosenlehrc 



306 Kurze Mitteilungen 



damals geübt habe noch heute übe. Man wird aber aufmerksam 
darauf, daß gerade vieles, was die Patienten als Äußerungen oder 
Handlungen der Ärzte erzählen, als Verrat ihrer eigenen patho- 
genen Phantasien verstanden werden darf. 

II) Die Bedeutung der Vokalfolge 

(1911) 

Es ist sicherlich oft beanstandet worden, daß, wie S t e k e 1 
behauptet, in Träumen und Einfällen Namen, die sich verbergen, 
durch andere ersetzt werden sollen, welche nur die Vokalfolge 
mit ihnen gemein haben. Doch liefert die Religionsgeschichte 
dazu eine frappante Analogie. Bei den alten Hebräern war der 
Name Gottes „tabu"; er sollte weder ausgesprochen noch nieder- 
geschrieben werden; ein keineswegs vereinzeltes Beispiel von der 
besonderen Bedeutung der Namen in archaischen Kulturen. Dies 
Verbot wurde so gut eingehalten, daß die Vokalisation der vier 
Buchstaben des Gottesnamens J—h—v—h auch heute unbekannt 
ist. Der Name wird J e h o v a h ausgesprochen, indem man ihm 
die Vokalzeichen des nicht verbotenen Wortes A d o n a i (Herr) 
verleiht. (S. R e i n a c h, Cultes, Mythes et Religions. T. I, p. 1, 
1908.) 

III) Erfahrungen und Beispiele aus der 
analytischen Praxis 

(1913) 

Die Sammlung kleiner Beiträge, von welcher wir hier ein erstes 
Stück bringen, bedarf einiger einführender Worte: Die Krank- 
heitsfälle, an denen der Psychoanalytiker seine Beobachtungen 
macht, sind für die Bereicherung seiner Kenntnis natürlich un- 
glcichwertig. Es gibt solche, bei denen er alles in Verwendung 
bringen muß, was er weiß, und nichts Neues lernt; andere, welche 
ihm das bereits Bekannte in besonders deutlicher Ausprägung und 
schöner Isolierung zeigen, so daß er diesen Kranken nicht nur 
Bestätigungen, sondern auch Erweiterungen seines Wissens ver- 
dankt. Man ist berechtigt zu vermuten, daß die psychischen Vor- 



Kurze Mitteilungen 307 



gänge, die man studieren will, bei den Fällen der ersteren Art 
keine anderen sind als bei denen der letzteren, aber man wird 
sie am liebsten an solchen günstigen und durchsichtigen Fällen 
beschreiben. Die Entwicklungsgeschichte nimmt ja auch an, daß 
die Furchung des tierischen Eis sich bei den pigmentstarken und 
für die Untersuchung ungünstigen Objekten nicht anders vollziehe 
als bei den durchsichtigen pigmentarmen, welche sie für ihre 
Untersuchungen auswählt. 

Die zahlreichen schönen Beispiele, welche dem Analytiker in 
der täglichen Arbeit das ihm Bekannte bestätigen, gehen aber 
zumeist verloren, da deren Einreihung in einen Zusammenhang 
oft lange Zeit aufgeschoben werden muß. Es hat darum einen 
gewissen Wert, wenn man eine Form angibt, wie solche Erfah- 
rungen und Beispiele veröffentlicht und der allgemeinen Kenntnis 
zugeführt werden können, ohne eine Bearbeitung von übergeord- 
neten Gesichtspunkten her abzuwarten. 

Die hier eingeführte Rubrik will den Raum für eine Unter- 
bringung dieses Materials zur Verfügung stellen. Äußerste Knapp- 
heit der Darstellung erscheint geboten; die Aneinanderreihung der 
Beispiele ist eine ganz zwanglose. 

• Verschämte Füße (Schuhe) 

Die Patientin berichtet nach mehreren Tagen Widerstand, sie 
habe sich so sehr gekränkt, daß ein junger Mann, dem sie regel- 
mäßig in der Nähe der Wohnung des Arztes begegne, und der 
sie sonst bewundernd anzuschauen pflegte, das letztemal ver- 
ächtlich auf ihre Füße geblickt habe. Sie hat sonst wahrlich keine 
Ursache, sich ihrer Füße zu schämen. Die Lösung bringt sie selbst, 
nachdem sie gestanden hat, daß sie den jungen Mann für den 
Sohn des Arztes halte, der also zufolge der Übertragung ihren 
(älteren) Bruder vertritt. Nun folgt die Erinnerung, daß sie im 
Alter von etwa fünf Jahren ihren Bruder auf das Klosett zu 
begleiten pflegte, wo sie ihm urinieren zusah. Von Neid ergriffen, 
daß sie es nicht so könne wie er, versuchte sie eines Tages es 
ihm glcichzutun (Penisneid), benetzte aber dabei ihre Schuhe und 
ärgerte sich sehr, als der Bruder sie darüber neckte. Der Ärger 






20" 



308 Kurze Mitteilungen 



wiederholte sich lange Zeit, so oft der Bruder in der Absicht, sie 
an jenes Mißglücken zu erinnern, verächtlich auf ihre Schuhe 
blickte. Diese Erfahrung, fügt sie hinzu, habe ihr späteres Ver- 
halten in der Schule bestimmt. Wenn ihr etwas nicht beim ersten 
Versucli gelingen wollte, brachte sie nie den Entschluß zustande, 
es von neuem zu versuchen, so daß sie in vielen Gegenständen 
völlig versagte. — Ein gutes Beispiel für die Charakterbeeinflussung 
durch die Vorbildlichkeit des Sexuellen. 

Selbstkritik der Neurotiker 

Es ist immer auffällig und verdient besondere Aufmerksamkeit, 
wenn ein Neurotiker sich selbst zu beschimpfen, geringschätzig 
zu beurteilen pflegt u. dgl. Häufig gelangt man, wie bei den 
Selbstvorwürfen, zum Verständnis durch die Annahme einer Iden- 
tifizierung mit einer anderen Person. In einem Falle zwangen 
die Begleitumstände der Sitzung zu einer anderen Lösung eines 
solchen Benehmens. Die junge Dame, die nicht müde wurde zu 
versichern, sie sei wenig intelligent, unbegabt usw., wollte damit 
nur andeuten, sie sei am Körper sehr schön, und verbarg diese 
Prahlerei hinter jener Selbstkritik. Der in all solchen Fällen zu 
vermutende Hinweis auf die schädlichen Folgen der Onanie fehlte 
übrigens auch in diesem Falle nicht. 

Rüdisidit auf Darstellbarkeit 

Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bette hervor: — er 
gibt ihr den Vorzug. — Er (ein Offizier) sitzt an einer Tafel 
dem Kaiser gegenüber: — er bringt sich in Gegensatz zum 
Kaiser (Vater). Beide Darstellungen vom Träumer selbst über- 
setzt. 

Auftreten von Krankheitssymptomen im Traume 

Die Symptome der Krankheit (Angst usw.) im Traum scheinen 
ganz allgemein zu besagen: Darum (im Zusammenhange mit den 
vorhergehenden Traumelementen) bin ich krank geworden. Dies 
Träumen entspricht also einer Fortsetzung der Analyse in den 
Traum. 



Zur Selbstmord-Diskussion 309 



ZUR SELBSTMORD-DISKUSSION 

DER WIENER PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

(1910) 

Zur Einleitung 

Meine Herren! Sie haben alle mit hoher Befriedigung das 
Plaidoyer des Schulmannes gehört, der die ihm teure Institution 
nicht unter dem Drucke einer ungerechtfertigten Anklage lassen 
will. Ich weiß aber, Sie waren ohnedies nicht geneigt, die 
Beschuldigung, daß die Schule ihre Schüler zum Selbstmord treibe, 
leichthin für glaubwürdig zu halten. Lassen wir uns indes durch 
die Sympathie für den Teil, dem hier unrecht geschehen ist, nicht 
zu weit fortreißen. Nicht alle Argumente des Herrn Vorredners 
erscheinen mir stichhaltig. Wenn die Jugendselbstmorde nicht bloß 
die Mittelschüler, sondern auch Lehrlinge u. a. betreffen, so spricht 
dieser Umstand an sich die Mittelschule nicht frei; er erfordert 
vielleicht die Deutung, daß die Mittelschule ihren Zöglingen die 
Traumen ersetzt, welche andere Adoleszenten in ihren anderen 
Lebensbedingungen finden. Die Mittelschule soll aber mehr leisten, 
als daß sie die jungen Leute nicht zum Selbstmord treibt; sie soll 
ihnen Lust zum Leben machen und ihnen Stütze und Anhalt 
bieten in einer Lebenszeit, da sie durch die Bedingungen ihrer 
Entwicklung genötigt werden, ihren Zusammenhang mit dem 
elterlichen Hause und ihrer Familie zu lockern. Es scheint mir 
unbestreitbar, daß sie dies nicht tut, und daß sie in vielen Punkten 
hinter ihrer Aufgabe zurückbleibt, Ersatz für die Familie zu 
bieten und Interesse für das Leben draußen in der Welt zu 
erwecken. Es ist hier nicht die Gelegenheit zu einer Kritik der 
Mittelschule in ihrer gegenwärtigen Gestaltung. Vielleicht darf ich 
aber ein einziges Argument herausheben. Die Schule darf nie ver- 
gessen, daß sie es mit noch unreifen Individuen zu tun hat, denen 
ein Recht auf Verweilen in gewissen, selbst unerfreulichen Ent- 
wicklungsstadien nicht abzusprechen ist. Sie darf nicht die Un- 



3io 



Zur Selbstmord-Diskussion 



erbittlichkeit des Lebens für sich in Anspruch nehmen, darf nicht 
mehr sein wollen als ein Lebensspiel. 

Sdilußwort 

Meine Herren, ich habe den Eindruck, daß wir trotz all des 
wertvollen Materials, das hier vorgebracht wurde, zu einer Ent- 
scheidung über das uns interessierende Problem nicht gelangt sind. 
Wir wollten vor allem wissen, wie es möglich wird, den so außer- 
ordentlich starken Lebenstrieb zu überwinden, ob dies nur mit 
Hilfe der enttäuschten Libido gelingen kann, oder ob es einen 
Verzicht des Ichs auf seine Behauptung aus eigenen Ichmotiven 
gibt. Die Beantwortung dieser psychologischen Frage konnte uns 
vielleicht darum nicht gelingen, weil wir keinen guten Zugang 
zu ihr haben. Ich meine, man kann hier nur von dem klinisch 
bekannten Zustand der Melancholie und von deren Vergleich mit 
dem Affekt der Trauer ausgehen. Nun sind uns aber die Affekt- 
vorgänge bei der Melancholie, die Schicksale der Libido in diesem 
Zustande, völlig unbekannt, und auch der Daueraffekt des Trauerns 
ist psychoanalytisch noch nicht verständlich gemacht worden. Ver- 
zögern wir also unser Urteil, bis die Erfahrung diese Aufgabe 
gelöst hat. 



EINLEITUNG 

zu ZUR PSTCHOANALTSE DER KRIEGSNEUROSEN. 

Diskussion auf dem V. Internationalen Psydioanalytisdien Kongreß 
in Budapest, 28. und 2Q. September 1Q18. Beiträge von Freud, 
Ferenczi, Abraham, Simmel, Jones. Internationaler Psydioanaly- 

tisdier Verlag, Wien. 

(1918) 

Das Büchlein über die Kriegsneurosen, mit dem der Verlag die 
„Internationale Psychoanalytische Bibliothek" eröffnet, behandelt 
ein Thema, welches bis vor kurzem den Vorzug der höchsten 
Aktualität genoß. Als dasselbe auf dem V. Psychoanalytischen 



Einleitungen 311 



Kongreß zu Budapest (September 19 18) zur Diskussion gestellt 
wurde, fanden sich offizielle Vertreter von den leitenden Stellen 
der Mittelmächte ein, um von den Vorträgen und Verhandlungen 
Kenntnis zu nehmen, und das hoffnungsvolle Ergebnis dieses ersten 
Zusammentreffens war die Zusage, psychoanalytische Stationen zu 
errichten, in denen analytisch geschulte Ärzte Mittel und Muße 
finden sollten, um die Natur dieser rätselvollen Erkrankungen und 
ihre therapeutische Beeinflussung durch Psychoanalyse zu studieren. 
Ehe noch diese Vorsätze ausgeführt werden konnten, kam das 
Kriegsende; die staatlichen Organisationen brachen zusammen, das 
Interesse für die Kriegsneurosen räumte anderen Sorgen den Platz; 
bezeichnenderweise verschwanden aber auch mit dem Aufhören 
der Bedingungen des Krieges die meisten der durch den Krieg 
hervorgerufenen neurotischen Erkrankungen. Die Gelegenheit zu 
einer gründlichen Erforschung dieser Affektionen war nun leider 
versäumt. Man muß hinzufügen: sie wird hoffentlich nicht so bald 
wiederkommen. 

Diese nun abgeschlossene Episode ist aber für die Verbreitung 
der Psychoanalyse nicht bedeutungslos gewesen. Während der 
Beschäftigung mit den Kriegsneurosen, die ihnen durch die Anfor- 
derungen des Heeresdienstes auferlegt wurde, sind auch solche 
Ärzte psychoanalytischen Lehren näher gekommen, die sich bisher 
von ihnen ferngehalten hatten. Aus dem Referat von F e r e n c z i 
kann der Leser entnehmen, unter welchen Zögerungen und Ver- 
hüllungen sich diese Annäherung vollzogen hat. Einige der 
Momente, welche die Psychoanalyse bei den Neurosen der Friedens- 
zeit längst erkannt und beschrieben hatte, die psychogene Herkunft 
der Symptome, die Bedeutung der unbewußten Trieb- 
regungen, die Rolle des primären Krankheitsgewinnes bei der 
Erledigung seelischer Konflikte („Flucht in die Krankheit"), wurden 
so auch bei den Kriegsneurosen festgestellt und fast allgemein 
angenommen. Die Arbeiten von E. Simmel zeigten auch, welcher 
Erfolg zu erzielen ist, wenn man die Kriegsneurotiker mit Hilfe 
der kathartischen Technik behandelt, die bekanntlich die Vorstufe 
der psychoanalytischen Technik gewesen ist. 

Der so begonnenen Annäherung an die Psychoanalyse braucht 



312 Einleitungen 



man aber den Wert einer Versöhnung oder Abgleichung des 
Gegensatzes zu ihr nicht zuzugestehen. Wenn jemand, der bisher 
von einer Summe miteinander zusammenhängender Behauptungen 
nichts gehalten hat, plötzlich in die Lage kommt, sich von der 
Richtigkeit eines Anteiles dieses Ganzen zu überzeugen, so sollte 
man meinen, er würde jetzt überhaupt in seiner Ablehnung 
schwankend werden und eine gewisse respektvolle Erwartung zu- 
lassen, daß auch der andere Teil, über den er noch keine eigene 
Erfahrung und demnach kein eigenes Urteil besitzt, sich als rich- 
tig herausstellen könne. 

Dieser andere, vom Studium der Kriegsneurosen nicht berührte 
Anteil der psychoanalytischen Lehre geht dahin, daß es sexuelle 
Triebkräfte sind, welche sich in der Symptombildung zum Aus- 
druck bringen, und daß die Neurose aus dem Konflikt zwischen 
dem Ich und den von ihm verstoßenen Sexualtrieben hervorgeht. 
„Sexualität" ist dabei in dem erweiterten, in der Psychoanalyse 
gebräuchlichen Sinne zu verstehen, und nicht mit dem engeren 
Begriff der „Genitalität" zu verwechseln. Es ist nun ganz richtig, 
wie es E. Jones in seinem Beitrag darlegt, daß dieser Teil der 
Theorie an den Kriegsneurosen bisher nicht erwiesen ist. Die 
Arbeiten, die das erweisen könnten, sind noch nicht angestellt 
worden. Vielleicht sind die Kriegsneurosen ein für diesen Nachweis 
überhaupt ungeeignetes Material. Aber die Gegner der Psycho- 
analyse, bei denen sich die Abneigung gegen die Sexualität stärker 
gezeigt hat als die Logik, haben sich zu verkünden geeilt, daß 
die Untersuchung der Kriegsneurosen dieses Stück der psycho- 
analytischen Theorie endgiltig widerlegt habe. Sie haben sich 
dabei einer kleinen Vertauschung schuldig gemacht. Wenn die 
— noch sehr wenig eingehende — Untersuchung der Kriegs- 
neurosen nicht erkennen läßt, daß die Sexualtheorie der 
Neurosen richtig ist, so ist das etwas ganz anderes, als wenn 
sie erkennen ließe, daß diese Theorie nicht richtig ist. 

Bei unparteiischer Einstellung und einigem guten Willen fiele 
es nicht schwer, den Weg zu finden, der zur weiteren Klärung 
führt. 

Die Kriegsneurosen sind, soweit sie sich durch besondere Eigen- 






Einleitungen 313 



heiten von den banalen Neurosen der Friedenszeit unterscheiden, 
aufzufassen als traumatische Neurosen, die durch einen Ichkonflikt 
ermöglicht oder begünstigt worden sind. Gute Hinweise auf diesen 
Ichkonflikt bringt der Beitrag von Abraham; auch die eng- 
lischen und amerikanischen Autoren, die Jones zitiert, haben 
ihn erkannt. Er spielt sich zwischen dem alten friedlichen und 
dem neuen kriegerischen Ich des Soldaten ab, und wird akut, 
sobald dem Friedens-Ich vor Augen gerückt wird, wie sehr es 
Gefahr läuft, durch die Wagnisse seines neugebildeten parasitischen 
Doppelgängers ums Leben gebracht zu werden. Man kann ebenso- 
wohl sagen, das alte Ich schütze sich durch die Flucht in die 
traumatische Neurose gegen die Lebensgefahr, wie es erwehre sich 
des neuen Ichs, das es als bedrohlich für sein Leben erkennt. 
Das Volksheer wäre also die Bedingung, der Nährboden der 
Kriegsneurosen; bei Berufssoldaten, in einer Söldnerschar, wäre 
ihnen die Möglichkeit des Auftretens entzogen. 

Das andere an den Kriegsneurosen ist die traumatische Neurose, 
die bekanntlich auch im Frieden nach Schreck und schweren 
Unfällen vorkommt, ohne jede Beziehung zu einem Konflikt 
im Ich. 

Die Lehre von der sexuellen Ätiologie der Neurosen, oder wie 
wir lieber sagen: die Libidotheorie der Neurosen ist ursprünglich 
nur für die Übertragungsneurosen des friedlichen Lebens auf- 
gestellt worden und bei ihnen durch Anwendung der analytischen 
Technik leicht zu erweisen. Aber ihre Anwendung auf jene anderen 
Affektionen, die wir später als die Gruppe der narzißtischen Neu- 
rosen zusammengefaßt haben, stößt bereits auf Schwierigkeiten. 
Line gewöhnliche Dementia praecox, eine Paranoia, eine Melan- 
cholie sind zum Erweis der Libidotheorie und zur Einführung in 
ihr Verständnis im Grunde recht ungeeignetes Material, weshalb 
auch die Psychiater, welche die Ubertragungsneurosen vernach- 
lässigen, sich mit ihr nicht befreunden können. Als die in dieser 
Hinsicht refraktärste galt immer die traumatische Neurose (der 
Friedenszeit), so daß das Auftauchen der Kriegsneurosen kein 
neues Moment in die vorliegende Situation eintragen konnte. 

Erst durch die Aufstellung und Handhabung des Begriffs einer 



SM 



Einleitungen 



„narzißtischen Libido", d. h. eines Maßes von sexueller Energie, 
welches am Ich selbst hängt und sich an diesem ersättigt, wie 
sonst nur am Objekt, ist es gelungen, die Libidotheorie auch auf 
die narzißtischen Neurosen auszudehnen, und diese durchaus 
legitime Fortentwicklung des Begriffes der Sexualität verspricht 
für diese schweren Neurosen und für die Psychosen all das zu 
leisten, was man von einer sich empirisch vorwärtstastenden 
Theorie erwarten kann. Auch die traumatische Neurose (des 
Friedens) wird sich in diesen Zusammenhang einfügen, wenn erst 
die Untersuchungen über die unzweifelhaft bestehenden Bezie- 
hungen zwischen Schreck, Angst und narzißtischer Libido zu einem 
Ergebnis gelangt sind. 

Wenn die traumatischen und die Kriegsneurosen überlaut vom 
Einfluß der Lebensgefahr reden und gar nicht oder nicht deutlich 
genug von dem der „Liebesversagung", so entfällt dafür bei den 
gewöhnlichen Ubertragungsneurosen der Friedenszeit jeder ätio- 
logische Anspruch des ersteren, dort so mächtig auftretenden 
Moments. Meint man doch sogar, daß diese letzteren Leiden durch 
Verwöhnung, Wohlleben und Untätigkeit nur gefördert werden, 
was wiederum einen interessanten Gegensatz zu den Lebensbedin- 
gungen ergibt, unter denen die Kriegsneurosen ausbrechen. Nach 
dem Vorbild ihrer Gegner hätten die Psychoanalytiker, die ihre 
Patienten an der „Liebesversagung", an den unbefriedigenden 
Ansprüchen der Libido erkrankt finden, behaupten müssen, daß 
es keine Gefahrneurose geben könne, oder daß die nach Schreck 
auftretenden Affektionen keine Neurosen sind. Dies ist ihnen 
natürlich niemals eingefallen. Vielmehr sehen sie eine bequeme 
Möglichkeit, die beiden scheinbar auseinanderstrebenden Tatsachen 
in einer Auffassung zu vereinigen. In den traumatischen und 
Kriegsneurosen wehrt sich das Ich des Menschen gegen eine Ge- 
fahr, die ihm von außen droht, oder die ihm durch eine Ich- 
gestaltung selbst verkörpert wird; bei den friedlichen Über- 
tragungsneurosen wertet das Ich seine Libido selbst als den Feind, 
dessen Ansprüche ihm bedrohlich scheinen. Beide Male Furcht 
des Ichs vor seiner Schädigung: hier durch die Libido, dort durch 
die äußeren Gewalten. Ja man könnte sagen, bei den Kriegsneurosen 



Einleitungen 315 



sei das Gefürchtete, zum Unterschied von der reinen trauma- 
tischen Neurose und in Annäherung an die Übertragungsneurosen, 
doch ein innerer Feind. Die theoretischen Schwierigkeiten, die 
einer solchen einigenden Auffassung im Wege stehen, scheinen nicht 
unüberwindlich; man kann doch die Verdrängung, die jeder 
Neurose zugrunde liegt, mit Fug und Recht als Reaktion auf ein 
Trauma, als elementare traumatische Neurose bezeichnen. 

GELEITWORT 

zu DIE PSYCHOANALYTISCHE METHODE, eine erfahrungs- 

wissensdiaftlidi-systematisdieDarstellung von Dr. OSKAR PFISTER, 

Pfarrer in Züridi. Julius Klinkhardt Verlag, Leipzig. 

(1913) 

Die Psychoanalyse ist auf medizinischem Boden entstanden als 
ein Heilverfahren zur Behandlung gewisser nervöser Erkrankungen, 
die man „funktionelle" geheißen hat, und in denen man mit 
stetig wachsender Sicherheit Erfolge von Störungen des Affekt- 
lebens erkannte. Sie erreicht ihre Absicht, die Äußerungen solcher 
Störungen, die Symptome, aufzuheben, indem sie voraussetzt, die- 
selben seien nicht die einzig möglichen und endgültigen Ausgänge 
gewisser psychischer Prozesse, darum die Entwicklungsgeschichte 
dieser Symptome in der Erinnerung aufdeckt, die ihnen zugrunde 
liegenden Prozesse auffrischt und sie nun unter ärztlicher Leitung 
einem günstigeren Ausgang zuführt. Die Psychoanalyse hat sich 
dieselben therapeutischen Ziele gesetzt wie die hypnotische Behand- 
lung, die sich, von L i e b a u 1 1 und B e r n h e i m eingeführt, 
nach langen und schweren Kämpfen einen Platz in der nerven- 
ärztlichen Technik erworben hatte. Aber sie geht weit tiefer auf 
die Struktur des seelischen Mechanismus ein und sucht dauernde 
Beeinflussungen und haltbare Veränderungen ihrer Objekte zu 
erreichen. 

Die hypnotische Suggestionsbehandlung hat seinerzeit sehr bald 
das ärztliche Anwendungsgebiet überschritten und sich in den 
Dienst der Erziehung jugendlicher Personen gestellt. Wenn wir 
den Berichten Glauben schenken dürfen, hat sie sich als wirksames 



3 i6 



Einleitungen 



Mittel erwiesen zur Beseitigung von Kinderfehlcrn, störenden 
körperlichen Gewöhnungen und sonst unreduzierbaren Charakter- 
zügen. Niemand nahm damals Anstoß daran oder verwunderte 
sich über diese Erweiterung ihrer Brauchbarkeit, die uns allerdings 
erst durch die psychoanalytische Forschung voll verständlich 
geworden ist. Denn heute wissen wir, daß die krankhaften Sym- 
ptome oft nichts anderes sind als die Ersatzbildungen für schlechte, 
d. i. unbrauchbare Neigungen, und daß die Bedingungen dieser 
Symptome in den Kindheits- und Jugendjahren konstituiert wer- 
den, — zu denselben Zeiten, in welchen der Mensch Objekt der 
Erziehung ist, — mögen nun die Krankheiten selbst noch in der 
Jugend hervortreten oder erst in einer späteren Lebenszeit. 

Erziehung und Therapie treten nun in ein angebbares Verhält- 
nis zueinander. Die Erziehung will dafür sorgen, daß aus gewissen 
Anlagen und Neigungen des Kindes nichts dem einzelnen wie der 
Gesellschaft Schädliches hervorgehe. Die Therapie tritt in Wirk- 
samkeit, wenn dieselben Anlagen bereits das unerwünschte Ergebnis 
der Krankheitssymptome geliefert haben. Der andere Ausgang, 
nämlich, daß die unbrauchbaren Dispositionen des Kindes nicht 
zu den Ersatzbildungen der Symptome, sondern zu direkten 
Charakterperversionen geführt haben, ist für die Therapie fast 
unzugänglich und der Beeinflussung durch den Erzieher meist ent- 
zogen. Die Erziehung ist eine Prophylaxe, welche beiden Aus- 
gängen, dem in Neurose wie dem in Perversion, vorbeugen soll; 
die Psychotherapie will den labileren der beiden Ausgänge rück- 
gängig machen und eine Art von Nacherziehung einsetzen. 

Angesichts dieser Sachlage drängt sich von selbst die Frage 
auf, ob man nicht die Psychoanalyse für die Zwecke der Erziehung 
verwerten solle wie seinerzeit die hypnotische Suggestion. Die 
Vorteile davon wären augenfällig. Der Erzieher ist einerseits 
durch seine Kenntnis der allgemein menschlichen Dispositionen 
der Kindheit vorbereitet, 2U erraten, welche der kindlichen Anlagen 
mit einem unerwünschten Ausgang drohen, und wenn die Psycho- 
analyse auf solche Entwicklungsrichtungen Einfluß hat, kann er 
sie in Anwendung bringen, ehe sich die Zeichen einer ungün- 
stigen Entwicklung einstellen. Er kann also am noch gesunden 



Einleitungen 317 



Kinde prophylaktisch mit Hilfe der Analyse wirken. Anderseits 
kann er die ersten Anzeichen einer Entwicklung zur Neurose 
oder zur Perversion bemerken und das Kind vor der weiteren 
Entwicklung zu einer Zeit behüten, wo es aus einer Reihe von 
Gründen dem Arzt niemals zugeführt würde. Man sollte meinen, 
eine solche psychoanalytische Tätigkeit des Erziehers — und des 
ihm gleichstehenden Seelsorgers in protestantischen Ländern — 
müßte Unschätzbares leisten und oft die Tätigkeit des Arztes über- 
flüssig machen können. 

Es fragt sich nur, ob nicht die Ausübung der Psychoanalyse eine 
ärztliche Schulung voraussetzt, welche dem Erzieher und Seel- 
sorger vorenthalten bleiben muß, oder ob nicht andere Verhält- 
nisse sich der Absicht widersetzen, die psychoanalytische Technik 
in andere als ärztliche Hände zu legen. Ich bekenne, daß ich 
keine solchen Abhaltungen sehe. Die Ausübung der Psychoanalyse 
fordert viel weniger ärztliche Schulung als psychologische Vor- 
bildung und freien menschlichen Blick; die Mehrzahl der Ärzte 
aber ist für die Übung der Psychoanalyse nicht ausgerüstet und 
hat in der Würdigung dieses Heilverfahrens völlig versagt. Der 
Erzieher und der Seelsorger sind durch die Anforderungen ihres 
Berufes zu denselben Rücksichten, Schonungen und Enthaltungen 
verpflichtet, die der Arzt einzuhalten gewohnt ist, und ihre sonstige 
Beschäftigung mit der Jugend macht sie zur Einfühlung in deren 
Seelenleben vielleicht geeigneter. Die Garantie für eine schadlose 
Anwendung des analytischen Verfahrens kann aber in beiden 
Fällen nur von der Persönlichkeit des Analysierenden beigebracht 
werden. 

Die Annäherung an das Gebiet des Seelisch-Abnormen wird den 
analysierenden Erzieher nötigen, sich mit den dringendsten psychia- 
trischen Kenntnissen vertraut zu machen und überdies den Arzt 
zu Rate zu ziehen, wo Beurteilung und Ausgang der Störung 
zweifelhaft erscheinen können. In einer Reihe von Fällen wird 
erst das Zusammenwirken des Erziehers mit dem Arzte zum 
Erfolge führen können. 

In einem einzigen Punkte wird die Verantwortlichkeit des 
Erziehers die des Arztes vielleicht noch übersteigen. Der Arzt hat 



3*8 Einleitungen 



es in der Regel mit bereits erstarrten psychischen Formationen zu 
tun und wird in der fertig gewordenen Individualität des Kranken 
eine Grenze für seine eigene Leistung, aber auch eine Gewähr für 
dessen Selbständigkeit finden. Der Erzieher aber arbeitet an 
plastischem, jedem Eindruck zugänglichem Material und wird sich 
die Verpflichtung vorzuhalten haben, das junge Seelenleben nicht 
nach seinen persönlichen Idealen, sondern vielmehr nach den am 
Objekt haftenden Dispositionen und Möglichkeiten zu formen. 

Möge die Verwendung der Psychoanalyse im Dienste der Erzie- 
hung bald die Hoffnungen erfüllen, die Erzieher und Ärzte an 
sie knüpfen dürren ! Ein Buch wie das P f i s t e r s, welches die 
Analyse den Erziehern bekannt machen will, wird dann auf den 
Dank später Generationen rechnen können. 

GELEITWORT 

zu VERWAHRLOSTE JUGEND. Die Psydwanaiyse in der Für- 
sorgeerziehung. Zehn Vorträge zur ersten Einführung von AUGUST 
A1CHHORN. Internationaler Psydwanalytisdier Verlag, Wien. 

(1925) 

Von allen Anwendungen der Psychoanalyse hat keine so viel 
Interesse gefunden, so viel Hoffnungen erweckt und demzufolge 
so viele tüchtige Mitarbeiter herangezogen wie die auf die Theorie 
und Praxis der Kindererziehung. Dies ist leicht zu verstehen. Das 
Kind ist das hauptsächliche Objekt der psychoanalytischen For- 
schung geworden; es hat in dieser Bedeutung den Neurotiker 
abgelöst, an dem sie ihre Arbeit begann. Die Analyse hat im 
Kranken das wenig verändert fortlebende Kind aufgezeigt wie 
im Träumer und im Künstler, sie hat die Triebkräfte und Ten- 
denzen beleuchtet, die dem kindlichen Wesen sein ihm eigenes 
Gepräge geben und die Entwicklungswege verfolgt, die von diesem 
zur Reife des Erwachsenen führen. Kein Wunder also, wenn die 
Erwartung entstand, die psychoanalytische Bemühung um das Kind 
werde der erzieherischen Tätigkeit zugute kommen, die das Kind 
auf seinem Weg zur Reife leiten, fördern und gegen Irrungen 
sichern will. 



Einleitungen 319 



Mein persönlicher Anteil an dieser Anwendung der Psycho- 
analyse ist sehr geringfügig gewesen. Ich hatte mir frühzeitig 
das Scherzwort von den drei unmöglichen Berufen — als da sind: 
Erziehen, Kurieren, Regieren — zu eigen gemacht, war auch von 
der mittleren dieser Aufgaben hinreichend in Anspruch genommen. 
Darum verkenne ich aber nicht den hohen sozialen Wert, den 
die Arbeit meiner pädagogischen Freunde beanspruchen darf. 

Das vorliegende Buch des Vorstandes A. Aichhorn beschäf- 
tigt sich mit einem Teilstück des großen Problems, mit der erziehe- 
rischen Beeinflussung der jugendlichen Verwahrlosten. Der Ver- 
fasser hatte in amtlicher Stellung als Leiter städtischer Fürsorge- 
anstalten lange Jahre gewirkt, ehe er mit der Psychoanalyse be- 
kannt wurde. Sein Verhalten gegen die Pflegebefohlenen entsprang 
aus der Quelle einer warmen Anteilnahme an dem Schicksal dieser 
Unglücklichen und wurde durch eine intuitive Einfühlung in deren 
seelische Bedürfnisse richtig geleitet. Die Psychoanalyse konnte ihn 
praktisch wenig Neues lehren, aber sie brachte ihm die klare 
theoretische Einsicht in die Berechtigung seines Handelns und 
setzte ihn in den Stand, es vor anderen zu begründen. 

Man kann diese Gabe des intuitiven Verständnisses nicht bei 
jedem Erzieher voraussetzen. Zwei Mahnungen scheinen mir aus 
den Erfahrungen und Erfolgen des Vorstandes Aichhorn zu 
resultieren. Die eine, daß der Erzieher psychoanalytisch geschult 
sein soll, weil ihm sonst das Objekt seiner Bemühung, das Kind, 
ein unzugängliches Rätsel bleibt. Eine solche Schulung wird am 
besten erreicht, wenn sich der Erzieher selbst einer Analyse unter- 
wirft, sie am eigenen Leibe erlebt. Theoretischer Unterricht in der 
Analyse dringt nicht tief genug und schafft keine Überzeugung. 

Die zweite Mahnung klingt eher konservativ, sie besagt, daß 
die Erziehungsarbeit etwas sui generis ist, das nicht mit psycho- 
analytischer Beeinflussung verwechselt und nicht durch sie ersetzt 
werden kann. Die Psychoanalyse des Kindes kann von der Erzie- 
hung als Hilfsmittel herangezogen werden. Aber sie ist nicht dazu 
geeignet, an ihre Stelle zu treten. Nicht nur praktische Gründe 
verbieten es, sondern auch theoretische Überlegungen widerraten 
es. Das Verhältnis zwischen Erziehung und psychoanalytischer 



320 



Einleitungen 



Bemühung wird voraussichtlich in nicht ferner Zeit einer gründ- 
lichen Untersuchung unterzogen werden. Ich will hier nur "Weniges 
andeuten. Man darf sich nicht durch die übrigens vollberechtigte 
Aussage irreleiten lassen, die Psychoanalyse des erwachsenen 
Neurotikers sei einer Nacherziehung desselben gleichzustellen. Ein 
Kind, auch ein entgleistes und verwahrlostes Kind, ist eben noch 
kein Neurotiker und Nacherziehung etwas ganz anderes als Er- 
ziehung des Unfertigen. Die Möglichkeit der analytischen Be- 
einflussung ruht auf ganz bestimmten Voraussetzungen, die man 
als „analytische Situation" zusammenfassen kann, erfordert die 
Ausbildung gewisser psychischer Strukturen, eine besondere Ein- 
stellung zum Analytiker. Wo diese fehlen, wie beim Kind, beim 
jugendlichen Verwahrlosten, in der Regel auch beim triebhaften 
Verbrecher, muß man etwas anderes machen als Analyse, was 
dann in der Absicht wieder mit ihr zusammentrifft. Die theore- 
tischen Kapitel des vorliegenden Buches werden dem Leser eine 
erste Orientierung in der Mannigfaltigkeit dieser Entscheidungen 
bringen. 

Ich schließe noch eine Folgerung an, die nicht mehr für die 
Erziehungslehre, wohl aber für die Stellung des Erziehers bedeut- 
sam ist. Wenn der Erzieher die Analyse durch Erfahrung an der 
eigenen Person erlernt hat und in die Lage kommen kann, sie bei 
Grenz- und Mischfällen zur Unterstützung seiner Arbeit zu ver- 
wenden, so muß man ihm offenbar die Ausübung der Analyse frei- 
geben und darf ihn nicht aus engherzigen Motiven daran hindern 
wollen. 












ZUR TECHNIK DER 
PSYCHOANALYSE 






DIE HANDHABUNG 
DER TRAUMDEUTUNG IN DER 

PSYCHOANALYSE 

(1912) 

Das „Zentralblatt für Psychoanalyse" hat sich nicht nur 
die eine Aufgabe gesetzt, über die Fortschritte der Psycho- 
analyse zu orientieren und selbst kleinere Beiträge zur Ver- 
öffentlichung zu bringen, sondern möchte auch den anderen 
Aufgaben genügen, das bereits Erkannte in klarer Fassung 
dem Lernenden vorzulegen und dem Anfänger in der analy- 
tischen Behandlung durch geeignete Anweisungen Aufwand 
an Zeit und Mühe zu ersparen. Es werden darum in dieser 
Zeitschrift von nun an auch Aufsätze didaktischer Natur 
und technischen Inhaltes erscheinen, an denen es nicht 
wesentlich ist, ob sie auch etwas Neues mitteilen. 

Die Frage, die ich heute zu behandeln gedenke, ist nicht 
die nach der Technik der Traumdeutung. Es soll nicht er- 
örtert werden, wie man Träume zu deuten und deren Deutung 
zu verwerten habe, sondern nur, welchen Gebrauch man bei 
der psychoanalytischen Behandlung von Kranken von der 
Kunst der Traumdeutung machen solle. Man kann dabei 
gewiß in verschiedener Weise vorgehen, aber die Antwort 
auf technische Fragen ist in der Psychoanalyse niemals selbst- 

21 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



3 22 



Die Handhabung der Traumdeutung 



verständlich. Wenn es vielleicht mehr als nur einen guten 
Weg gibt, so gibt es doch sehr viele schlechte, und eine Ver- 
gleichung verschiedener Techniken kann nur aufklärend 
wirken, auch wenn sie nicht zur Entscheidung für eine be- 
stimmte Methode führen sollte. 

Wer von der Traumdeutung her zur analytischen Be- 
handlung kommt, der wird sein Interesse für den Inhalt der 
Träume festhalten und darum jeden Traum, den ihm der 
Kranke erzählt, zur möglichst vollständigen Deutung bringen 
wollen. Er wird aber bald merken können, daß er sich nun 
unter ganz andersartigen Verhältnissen befindet, und daß er 
mit den nächsten Aufgaben der Therapie in Kollision gerät, 
wenn er seinen Vorsatz durchführen will. Erwies sich etwa 
der erste Traum des Patienten als vortrefflich brauchbar für 
die Anknüpfung der ersten an den Kranken zu richtenden 
Aufklärungen, so stellen sich alsbald Träume ein, die so 
lang und so dunkel sind, daß ihre Deutung in der begrenzten 
Arbeitsstunde eines Tages nicht zu Ende gebracht werden 
kann. Setzt der Arzt diese Deutungsarbeit durch die nächsten 
Tage fort, so wird ihm unterdes von neuen Träumen be- 
richtet, die zurückgestellt werden müssen, bis er den ersten 
Traum für erledigt halten kann. Gelegentlich ist die Traum- 
produktion so reichlich und der Fortschritt des Kranken im 
Verständnis der Träume dabei so zögernd, daß der Analytiker 
sich der Idee nicht erwehren kann, diese Art der Darreichung 
des Materials sei nur eine Äußerung des Widerstandes, 
welcher sich der Erfahrung bedient, daß die Kur den ihr sc 
gebotenen Stoff nicht bewältigen kann. Unterdes ist die Kur 
aber ein ganzes Stück hinter der Gegenwart zurückgebliebei 
und hat den Kontakt mit der Aktualität eingebüßt. Einei 
solchen Technik muß man die Regel entgegenhalten, daß es 
für die Behandlung von größter Bedeutung ist, die jeweilig« 
psychische Oberfläche des Kranken zu kennen, darübei 



in der Psychoanalyse 323 

orientiert zu sein, welche Komplexe und welche Widerstände 
derzeit bei ihm rege gemacht sind, und welche bewußte 
Reaktion dagegen sein Benehmen leiten wird- Dieses thera- 
peutische Ziel darf kaum jemals zu Gunsten des Interesses an 
der Traumdeutung hintangesetzt werden. 

Wie soll man es also mit der Traumdeutung in der Analyse 
halten, wenn man jener Regel eingedenk bleiben will? Etwa 
so: Man begnüge sich jedesmal mit dem Ergebnis an Deutung, 
welches in einer Stunde zu gewinnen ist, und halte es nicht 
für einen Verlust, daß man den Inhalt des Traumes nicht 
vollständig erkannt hat. Am nächsten Tage setze man die 
Deutungsarbeit nicht wie selbstverständlich fort, sondern erst 
dann, wenn man merkt, daß inzwischen nichts anderes sich 
beim Kranken in den Vordergrund gedrängt hat. Man mache 
also von der Regel, immer das zu nehmen, was dem Kranken 
zunächst in den Sinn kommt, zu Gunsten einer unter- 
brochenen Traumdeutung keine Ausnahme. Haben sich neue 
Träume eingestellt, ehe man die früheren zu Ende gebracht, 
so wende man sich diesen rezenteren Produktionen zu und 
mache sich aus der Vernachlässigung der älteren keinen 
Vorwurf. Sind die Träume gar zu umfänglich und weit- 
schweifig geworden, so verzichte man bei sich von vornherein 
auf eine vollständige Lösung. Man hüte sich im allgemeinen 
davor, ein ganz besonderes Interesse für die Deutung der 
Träume an den Tag zu legen oder im Kranken die Meinung 
zu erwecken, daß die Arbeit stille stehen müsse, wenn er 
keine Träume bringe. Man läuft sonst Gefahr, den Wider- 
stand auf die Traumproduktion zu lenken und ein Versiegen 
der Träume hervorzurufen. Der Analysierte muß vielmehr 
zur Überzeugung erzogen werden, daß die Analyse in jedem 
Falle Material zu ihrer Fortsetzung findet, gleichgültig ob 
er Träume beibringt oder nicht, und in welchem Ausmaße 
man sich mit ihnen beschäftigt. 



324 Die Handhabung der Traumdeutung 

Man wird nun fragen: Verzichtet man nicht auf zuviel 
wertvolles Material zur Aufdeckung des Unbewußten, wenn 
man die Traumdeutung nur unter solchen methodischen Ein- 
schränkungen ausübt? Darauf ist folgendes zu erwidern: Der 
Verlust ist keineswegs so groß, wie es bei geringer Vertiefung 
in den Sachverhalt erscheinen wird. Man mache sich einer- 
seits klar, daß irgend ausführliche Traumproduktionen bei 
schweren Fällen von Neurosen nach allen Voraussetzungen 
als prinzipiell nicht vollständig lösbar beurteilt werden 
müssen. Ein solcher Traum baut sich oft über dem gesamten 
pathogenen Material des Falles auf, welches Arzt und Patient 
noch nicht kennen (sogenannte Programmträume, biographi- 
sche Träume); er ist gelegentlich einer Übersetzung des ganzen 
Inhalts der Neurose in die Traumsprache gleichzustellen. 
Beim Versuch, einen solchen Traum zu deuten, werden alle 
noch unangetastet vorhandenen Widerstände zur Wirkung 
kommen und der Einsicht bald eine Grenze setzen. Die voll- 
ständige Deutung eines solchen Traumes fällt eben zusammen 
mit der Ausführung der ganzen Analyse. Hat man ihn zu 
Beginn der Analyse notiert, so kann man ihn etwa am Ende 
derselben, nach vielen Monaten, verstehen. Es ist derselbe 
Fall wie beim Verständnis eines einzelnen Symptoms (des 
Hauptsymptoms etwa). Die ganze Analyse dient der Auf- 
klärung desselben; während der Behandlung muß man der 
Reihe nach bald dies und bald jenes Stück der Symptom- 
bedeutung zu erfassen suchen, bis man all diese Stücke 
zusammensetzen kann. Mehr darf man also auch von einem 
zu Anfang der Analyse vorfallenden Traume nicht ver- 
langen; man muß sich zufrieden geben, wenn man aus dem 
Deutungsversuch zunächst eine einzelne pathogene Wunsch- 
regung errät. 

Man verzichtet also auf nichts Erreichbares, wenn man die 
Absicht einer vollständigen Traumdeutung aufgibt. Man ver- 



in der Psychoanalyse 325 

liert aber auch in der Regel nichts, wenn man die Deutung 
eines älteren Traumes abbricht, um sich einem rezenteren zu- 
zuwenden. Wir haben aus schönen Beispielen voll gedeuteter 
Träume erfahren, daß mehrere aufeinanderfolgende Szenen 
desselben Traumes den nämlichen Inhalt haben können, der 
sich in ihnen etwa mit steigender Deutlichkeit durchsetzt. Wir 
haben ebenso gelernt, daß mehrere in derselben Nacht vor- 
fallende Träume nichts anderes zu sein brauchen als Ver- 
suche, denselben Inhalt in verschiedener Ausdrucksweise dar- 
zustellen. Wir können ganz allgemein versichert sein, daß 
jede Wunschregung, die sich heute einen Traum schafft, in 
einem anderen Traume wiederkehren wird, solange sie nicht 
verstanden und der Herrschaft des Unbewußten entzogen 
ist. So wird auch oft der beste Weg, um die Deutung eines 
Traumes zu vervollständigen, darin bestehen, daß man ihn 
verläßt, um sich dem neuen Traume zu widmen, der das 
nämliche Material in vielleicht zugänglicherer Form wieder 
aufnimmt. Ich weiß, daß es nicht nur für den Analysierten, 
sondern auch für den Arzt eine starke Zumutung ist, die 
bewußten Zielvorstellungen bei der Behandlung aufzugeben 
und sich ganz einer Leitung zu überlassen, die uns doch 
immer wieder als „zufällig" erscheint. Aber ich kann ver- 
sichern, es lohnt sich jedesmal, wenn man sich entschließt, 
seinen eigenen theoretischen Behauptungen Glauben zu 
schenken, und sich dazu überwindet, die Herstellung des 
Zusammenhanges der Führung des Unbewußten nicht streitig 
zu machen. 

Ich plädiere also dafür, daß die Traumdeutung in der 
analytischen Behandlung nicht als Kunst um ihrer selbst 
willen betrieben werden soll, sondern daß ihre Handhabung 
jenen technischen Regeln unterworfen werde, welche die 
Ausführung der Kur überhaupt beherrschen. Natürlich kann 
man es gelegentlich auch anders machen und seinem theoreti- 



3 26 



Die Handhabung der Traumdeutung 



sehen Interesse ein Stück weit nachgehen. Man muß dabei 
aber immer wissen, was man tut. Ein anderer Fall ist noch 
in Betracht zu ziehen, der sich ergeben hat, seitdem wir zu 
unserem Verständnis der Traumsymbolik größeres Zutrauen 
haben und uns von den Einfällen der Patienten unabhängiger 
wissen. Ein besonders geschickter Traumdeuter kann sich 
etwa in der Lage befinden, daß er jeden Traum des Patienten 
durchschaut, ohne diesen zur mühsamen und zeitraubenden 
Bearbeitung des Traumes anhalten zu müssen. Für einen 
solchen Analytiker entfallen also alle Konflikte zwischen 
den Anforderungen der Traumdeutung und jenen der 
Therapie. Er wird sich auch versucht fühlen, die Traum- 
deutung jedesmal voll auszunützen und dem Patienten alles 
mitzuteilen, was er aus seinen Träumen erraten hat. Dabei 
hat er aber eine Methodik der Behandlung eingeschlagen, di< 
von der regulären nicht unerheblich abweicht, wie ich ii 
anderem Zusammenhange dartun werde. Dem Anfänger ii 
der psychoanalytischen Behandlung ist jedenfalls zu wider- 
raten, daß er sich diesen außergewöhnlichen Fall zum Vor- 
bild nehme. 

Gegen die allerersten Träume, die ein Patient in der ana- 
lytischen Behandlung mitteilt, so lange er selbst noch nichts 
von der Technik der Traumübersetzung gelernt hat, verhält 
sich jeder Analytiker wie jener von uns angenommene über- 
legene Traumdeuter. Diese initialen Träume sind sozusagen 
naiv, sie verraten dem Zuhörer sehr viel, ähnlich wie die 
Träume sogenannt gesunder Menschen. Es entsteht nun die 
Frage, soll der Arzt auch sofort dem Kranken alles über- 
setzen, was er selbst aus dem Traume herausgelesen hat. 
Diese Frage soll aber hier nicht beantwortet werden, denn 
sie ist offenbar der umfassenderen Frage untergeordnet, in 
welchen Phasen der Behandlung und in welchem Tempo der 
Kranke in die Kenntnis des ihm seelisch Verhüllten vom 



in der Psychoanalyse 327 

Arzte eingeführt werden soll. Je mehr dann der Patient von 
der Übung der Traumdeutung erlernt hat, desto dunkler 
werden in der Regel seine späteren Träume. Alles erworbene 
Wissen um den Traum dient auch der Traumbildung als 
Warnung. 

In den „wissenschaftlichen" Arbeiten über den Traum, die 
trotz der Ablehnung der Traumdeutung einen neuen Impuls 
durch die Psychoanalyse empfangen haben, findet man 
immer wieder eine recht überflüssige Sorgfalt auf die getreue 
Erhaltung des Traumtextes verlegt, der angeblich vor den 
Entstellungen und Usuren der nächsten Tagesstunden be- 
wahrt werden muß. Auch manche Psychoanalytiker scheinen 
sich ihrer Einsicht in die Bedingungen der Traumbildung 
nicht konsequent genug zu bedienen, wenn sie dem Behandel- 
ten den Auftrag geben, jeden Traum unmittelbar nach dem 
Erwachen schriftlich zu fixieren. Diese Maßregel ist in der 
Therapie überflüssig; auch bedienen sich die Kranken der 
Vorschrift gern, um sich im Schlafe zu stören und einen 
großen Eifer dort anzubringen, wo er nicht von Nutzen sein 
kann. Hat man nämlich auf solche Weise mühselig einen 
Traumtext gerettet, der sonst vom Vergessen verzehrt wor- 
den wäre, so kann man sich doch leicht überzeugen, daß für 
den Kranken damit nichts erreicht ist. Zu dem Text stellen 
sich die Einfälle nicht ein, und der Effekt ist der nämliche, 
als ob der Traum nicht erhalten geblieben wäre. Der Arzt 
hat allerdings in dem einen Falle etwas erfahren, was ihm 
im anderen entgangen wäre. Aber es ist nicht dasselbe, ob 
der Arzt oder ob der Patient etwas weiß; die Bedeutung 
dieses Unterschiedes für die Technik der Psychoanalyse soll 
ein anderes Mal von uns gewürdigt werden. 

Ich will endlich noch einen besonderen Typus von 
Träumen erwähnen, die ihren Bedingungen nach nur in einer 
psychoanalytischen Kur vorkommen können, und die den 






328 Zur Dynamik 

Anfänger befremden oder irreführen mögen. Es sind dies die 
sogenannten nachhinkenden oder bestätigenden Träume, die 
der Deutung leicht zugänglich sind und als Übersetzung 
nichts anderes ergeben, als was die Kur in den letzten Tagen 
aus dem Material der Tageseinfälle erschlossen hatte. Es 
sieht dann so aus, als hätte der Patient die Liebenswürdig- 
keit gehabt, gerade das in Traumform zu bringen, was man 
ihm unmittelbar vorher „suggeriert" hat. Der geübtere 
Analytiker hat allerdings Schwierigkeiten, seinem Patienten 
solche Liebenswürdigkeiten zuzumuten; er greift solche 
Träume als erwünschte Bestätigungen auf und konstatiert, 
daß sie nur unter bestimmten Bedingungen der Beeinflussung 
durch die Kur beobachtet werden. Die weitaus zahlreichsten 
Träume eilen ja der Kur voran, so daß sich aus ihnen nach 
Abzug von allem bereits Bekannten und Verständlichen ein 
mehr oder minder deutlicher Hinweis auf etwas, was bisher 
verborgen war, ergibt. 












ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG 

(1912) 

Das schwer zu erschöpfende Thema der „Übertragung" ist 
kürzlich in diesem Zentralblatt von W. St ekel in deskrip- 
tiver Weise behandelt worden. 1 Ich möchte nun hier einige 
Bemerkungen anfügen, die verstehen lassen sollen, wie die 
Übertragung während einer psychoanalytischen Kur notwen- 
dig zustande kommt, und wie sie zu der bekannten Rolle 
während der Behandlung gelangt. 

Machen wir uns klar, daß jeder Mensch durch das Zusam- 
menwirken von mitgebrachter Anlage und von Einwirkungen 
auf ihn während seiner Kinderjahre eine bestimmte Eigenart 

1) „Zentralblatt f. Psychoanalyse", II. Jg., S. 26. 




der Übertragung 329 

erworben hat, wie er das Liebesleben ausübt, also welche 
Liebesbedingungen er stellt, welche Triebe er dabei befriedigt, 
und welche Ziele er sich setzt. 2 Das ergibt sozusagen ein 
Klischee (oder auch mehrere), welches im Laufe des Lebens 
regelmäßig wiederholt, neu abgedruckt wird, insoweit die 
äußeren Umstände und die Natur der zugänglichen Liebes- 
objekte es gestatten, welches gewiß auch gegen rezente Ein- 
drücke nicht völlig unveränderlich ist. Unsere Erfahrungen 
haben nun ergeben, daß von diesen das Liebesleben bestim- 
menden Regungen nur ein Anteil die volle psychische Ent- 
wicklung durchgemacht hat; dieser Anteil ist der Realität 
zugewendet, steht der bewußten Persönlichkeit zur Verfügung 

2) Verwahren wir uns an dieser Stelle gegen den mißverständ- 
lichen Vorwurf, als hätten wir die Bedeutung der angeborenen 
(konstitutionellen) Momente geleugnet, weil wir die der infantilen 
Eindrücke hervorgehoben haben. Ein solcher Vorwurf stammt 
aus der Enge des Kausalbedürfnisses der Menschen, welches sich 
im Gegensatz zur gewöhnlichen Gestaltung der Realität mit 
einem einzigen verursachenden Moment zufrieden geben will. Die 
Psychoanalyse hat über die akzidentellen Faktoren der Ätiologie 
viel, über die konstitutionellen wenig geäußert, aber nur darum, 
weil sie zu den ersteren etwas Neues beibringen konnte, über die 
letzteren hingegen zunächst nicht mehr wußte, als man sonst 
weiß. Wir lehnen es ab, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen 
beiden Reihen von ätiologischen Momenten zu statuieren; wir 
nehmen vielmehr ein regelmäßiges Zusammenwirken beider zur 
Hervorbringung des beobachteten Effekts an. Aatjxcov xat Tuyrj 
bestimmen das Schicksal eines Menschen; selten, vielleicht niemals, 
eine dieser Mächte allein. Die Aufteilung der ätiologischen "Wirk- 
samkeit zwischen den beiden wird sich nur individuell und im 
einzelnen vollziehen lassen. Die Reihe, in welcher sich wechselnde 
Größen der beiden Faktoren zusammensetzen, wird gewiß auch 
ihre extremen Fälle haben. Je nach dem Stande unserer Erkennt- 
nis werden wir den Anteil der Konstitution oder des Erlebens im 
Einzelfalle anders einschätzen und das Recht behalten, mit der 
Veränderung unserer Einsichten unser Urteil zu modifizieren. 
Übrigens könnte man es wagen, die Konstitution selbst aufzu- 
fassen als den Niederschlag aus den akzidentellen Einwirkungen 
auf die unendlich große Reihe der Ahnen. 



330 Zur Dynamik 

und macht ein Stück von ihr aus. Ein anderer Teil dieser 
libidinösen Regungen ist in der Entwicklung aufgehalten 
worden, er ist von der bewußten Persönlichkeit wie von der 
Realität abgehalten, durfte sich entweder nur in der Phantasie 
ausbreiten oder ist gänzlich im Unbewußten verblieben, so 
daß er dem Bewußtsein der Persönlichkeit unbekannt ist. 
Wessen Liebesbedürftigkeit nun von der Realität nicht restlos 
befriedigt wird, der muß sich mit libidinösen Erwartungs- 
vorstellungen jeder neu auftretenden Person zuwenden, und 
es ist durchaus wahrscheinlich, daß beide Portionen seiner 
Libido, die bewußtseinsfähige wie die unbewußte an dieser 
Einstellung Anteil haben. 

Es ist also völlig normal und verständlich, wenn die er- 
wartungsvoll bereitgehaltene Libidobesetzung des teilweise Un- 
befriedigten sich auch der Person des Arztes zuwendet. 
Unserer Voraussetzung gemäß, wird sich diese Besetzung an 
Vorbilder halten, an eines der Klischees anknüpfen, die 
bei der betreffenden Person vorhanden sind oder, wie wir 
auch sagen können, sie wird den Arzt in eine der psychischen 
„Reihen" einfügen, die der Leidende bisher gebildet hat. Es 
entspricht den realen Beziehungen zum Arzte, wenn für diese 
Einreihung die Vater-Imago (nach Jungs glücklichem Aus- 
druck) 3 maßgebend wird. Aber die Übertragung ist an dieses 
Vorbild nicht gebunden, sie kann auch nach der Mutter- oder 
Bruder-Imago usw. erfolgen. Die Besonderheiten der Über- 
tragung auf den Arzt, durch welche sie über Maß und Art 
dessen hinausgeht, was sich nüchtern und rationell recht- 
fertigen läßt, werden durch die Erwägung verständlich, daß 
eben nicht nur die bewußten Erwartungsvorstellungen, son- 
dern auch die zurückgehaltenen oder unbewußten diese Über- 
tragung hergestellt haben. 

3) Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch für Psycho- 
analyse, III, S. 164. 






der Übertragung 331 

Über dieses Verhalten der Übertragung wäre weiter nichts 
zu sagen oder zu grübeln, wenn nicht dabei zwei Punkte 
unerklärt blieben, die für den Psychoanalytiker von beson- 
derem Interesse sind. Erstens verstehen wir nicht, daß die 
Übertragung bei neurotischen Personen in der Analyse soviel 
intensiver ausfällt als bei anderen, nicht analysierten, und 
zweitens bleibt es rätselhaft, weshalb uns bei der Analyse die 
Übertragung als der stärkste Widerstand gegen die 
Behandlung entgegentritt, während wir sie außerhalb der 
Analyse als Trägerin der Heilwirkung, als Bedingung des 
guten Erfolges anerkennen müssen. Es ist doch eine beliebig 
oft zu bestätigende Erfahrung, daß, wenn die freien Assozia- 
tionen eines Patienten versagen 4 , jedesmal die Stockung be- 
seitigt werden kann durch die Versicherung, er stehe jetzt 
unter der Herrschaft eines Einfalles, der sich mit der Person 
des Arztes oder mit etwas zu ihm Gehörigen beschäftigt. 
Sobald man diese Aufklärung gegeben hat, ist die Stockung 
beseitigt, oder man hat die Situation des Versagens in die des 
Verschweigens der Einfälle verwandelt. 

Es scheint auf den ersten Blick ein riesiger methodischer 
Nachteil der Psychoanalyse zu sein, daß sich in ihr die Über- 
tragung, sonst der mächtigste Hebel des Erfolgs, in das 
stärkste Mittel des Widerstandes verwandelt. Bei näherem 
Zusehen wird aber wenigstens das erste der beiden Probleme 
weggeräumt. Es ist nicht richtig, daß die Übertragung wäh- 
rend der Psychoanalyse intensiver und ungezügelter auftritt 
als außerhalb derselben. Man beobachtet in Anstalten, in 
denen Nervöse nicht analytisch behandelt werden, die höch- 
sten Intensitäten und die unwürdigsten Formen einer bis zur 
Hörigkeit gehenden Übertragung, auch die unzweideutigste 



4) Ich meine, wenn sie wirklich ausbleiben, und nicht etwa 
infolge eines banalen Unlustgefühles von ihm verschwiegen 
werden. 



332 Zjw Dynamik 

erotische Färbung derselben. Eine feinsinnige Beobachterin wie 
die Gabriele Reuter hat dies zur Zeit, als es noch kaum 
eine Psychoanalyse gab, in einem merkwürdigen Buche ge- 
schildert, welches überhaupt die besten Einsichten in das 
Wesen und die Entstehung der Neurosen verrät. 5 Diese Cha- 
raktere der Übertragung sind also nicht auf Rechnung der 
Psychoanalyse zu setzen, sondern der Neurose selbst zuzu- 
schreiben. Das zweite Problem bleibt vorläufig unangetastet. 
Diesem Problem, der Frage, warum die Übertragung uns 
in der Psychoanalyse als Widerstand entgegentritt, müssen 
wir nun näher rücken. Vergegenwärtigen wir uns die psycho- 
logische Situation der Behandlung: Eine regelmäßige und 
unentbehrliche Vorbedingung jeder Erkrankung an einer 
Psychoneurose ist der Vorgang, den Jung treffend als 
Introversion der Libido bezeichnet hat. 6 Das heißt: Der 
Anteil der bewußtseinsfähigen, der Realität zugewendeten 
Libido wird verringert, der Anteil der von der Realität ab- 
gewendeten, unbewußten, welche etwa noch die Phantasien 
der Person speisen darf, aber dem Unbewußten angehört, um 
so viel vermehrt. Die Libido hat sich (ganz oder teilweise) 
in die Regression begeben und die infantilen Imagines wieder- 
belebt. 7 Dorthin folgt ihr nun die analytische Kur nach, 

5) Aus guter Familie, 1895. 

6) Wenngleich manche Äußerungen Jungs den Eindruck 
machen, als sehe er in dieser Introversion etwas für die Dementia 
praecox Charakteristisches, was bei anderen Neurosen nicht 
ebenso in Betracht käme, 

7) Es wäre bequem zu sagen: Sie hat die infantilen „Komplexe" 
wieder besetzt. Aber das wäre unrichtig; einzig zu rechtfertigen 
wäre die Aussage: Die unbewußten Anteile dieser Komplexe. — 
Die außerordentliche Verschlungenheit des in dieser Arbeit be- 
handelten Themas legt die Versuchung nahe, auf eine Anzahl von 
anstoßenden Problemen einzugehen, deren Klärung eigentlich er- 
forderlich wäre, ehe man von den hier zu beschreibenden psychi- 
schen Vorgängen in unzweideutigen Worten reden könnte. Solche 
Probleme sind: Die Abgrenzung der Introversion und der Re- 



der Übertragung 333 

welche die Libido aufsuchen, wieder dem Bewußtsein zugäng- 
lich und endlich der Realität dienstbar machen will. Wo die 
analytische Forschung auf die in ihre Verstecke zurückge- 
zogene Libido stößt, muß ein Kampf ausbrechen; alle die 
Kräfte, welche die Regression der Libido verursacht haben, 
werden sich als „Widerstände" gegen die Arbeit erheben, um 
diesen neuen Zustand zu konservieren. Wenn nämlich die 
Introversion oder Regression der Libido nicht durch eine be- 
stimmte Relation zur Außenwelt (im allgemeinsten: durch die 
Versagung der Befriedigung) berechtigt und selbst für den 
Augenblick zweckmäßig gewesen wäre, hätte sie überhaupt 
nicht zustande kommen können. Die Widerstände dieser Her- 
kunft sind aber nicht die einzigen, nicht einmal die stärksten. 
Die der Persönlichkeit verfügbare Libido hatte immer unter 
der Anziehung der unbewußten Komplexe (richtiger der dem 
Unbewußten angehörenden Anteile dieser Komplexe) gestan- 
den und war in die Regression geraten, weil die Anziehung 
der Realität nachgelassen hatte. Um sie frei zu machen, muß 
nun diese Anziehung des Unbewußten überwunden, also die 
seither in dem Individuum konstituierte Verdrängung der un- 
bewußten Triebe und ihrer Produktionen aufgehoben werden. 
Dies ergibt den bei weitem großartigeren Anteil des Wider- 
standes, der ja so häufig die Krankheit fortbestehen läßt, auch 
wenn die Abwendung von der Realität die zeitweilige Begrün- 
dung wieder verloren hat. Mit den Widerständen aus beiden 
Quellen hat die Analyse zu kämpfen. Der Widerstand be- 
gleitet die Behandlung auf jedem Schritt; jeder einzelne Ein- 
fall, jeder Akt des Behandelten muß dem Widerstände Rech- 

gression gegeneinander, die Einfügung der Komplexlehre in die 
Libidotheorie, die Beziehungen des Phantasierens zum Bewußten 
und Unbewußten wie zur Realität u. a. Es bedarf keiner Entschul- 
digung, wenn ich an dieser Stelle diesen Versuchungen widerstan- 
den habe. 



334 Z«r Dynamik 

nung tragen, stellt sich als ein Kompromiß aus den zur Ge- 
nesung zielenden Kräften und den angeführten, ihr wider- 
strebenden, dar. 

Verfolgt man nun einen pathogenen Komplex von seiner 
(entweder als Symptom auffälligen oder auch ganz unschein- 
baren) Vertretung im Bewußten gegen seine Wurzel im Un- 
bewußten hin, so wird man bald in eine Region kommen, wo 
der Widerstand sich so deutlich geltend macht, daß der 
nächste Einfall ihm Rechnung tragen und als Kompromiß 
zwischen seinen Anforderungen und denen der Forschungs- 
arbeit erscheinen muß. Hier tritt nun nach dem Zeugnisse der 
Erfahrung die Übertragung ein. Wenn irgend etwas aus dem 
Komplexstoff (dem Inhalt des Komplexes) sich dazu eignet, 
auf die Person des Arztes übertragen zu werden, so stellt sich 
diese Übertragung her, ergibt den nächsten Einfall und kündigt 
sich durch die Anzeichen eines Widerstandes, etwa durch eine 
Stockung, an. Wir schließen aus dieser Erfahrung, daß diese 
Übertragungsidee darum vor allen anderen Einfallsmöglich- 
keiten zum Bewußtsein durchgedrungen ist, weil sie auch 
dem Widerstände Genüge tut. Ein solcher Vorgang wiederholt 
sich im Verlaufe einer Analyse ungezählte Male. Immer wie- 
der wird, wenn man sich einem pathogenen Komplexe an- 
nähert, zuerst der zur Übertragung befähigte Anteil des Kom- 
plexes ins Bewußtsein vorgeschoben und mit der größten 
Hartnäckigkeit verteidigt. 8 

Nach seiner Überwindung macht die der anderen Komplex- 

8) Woraus man aber nicht allgemein auf eine besondere patho- 
gene Bedeutsamkeit des zum Obertragungswiderstand gewählten 
Elementes schließen darf. Wenn in einer Schlacht um den Besitz 
eines gewissen Kirchleins oder eines einzelnen Gehöfts mit beson- 
derer Erbitterung gestritten wird, braucht man nicht anzunehmen, 
daß die Kirche etwa ein Nationalheiligtum sei, oder daß das Haus 
den Armeeschatz berge. Der Wert der Objekte kann ein bloß tak- 
tischer sein, vielleicht nur in dieser einen Schlacht zur Geltung 
kommen. 









der Übertragung 335 

bestandteile wenig Schwierigkeiten mehr. Je länger eine ana- 
lytische Kur dauert, und je deutlicher der Kranke erkannt 
hat, daß Entstellungen des pathogenen Materials allein keinen 
Schutz gegen die Aufdeckung bieten, desto konsequenter be- 
dient er sich der einen Art von Entstellung, die ihm offenbar 
die größten Vorteile bringt, der Entstellung durch Über- 
tragung. Diese Verhältnisse nehmen die Richtung nach einer 
Situation, in welcher schließlich alle Konflikte auf dem Ge- 
biete der Übertragung ausgefochten werden müssen. 

So erscheint uns die Übertragung in der analytischen Kur 
zunächst immer nur als die stärkste Waffe des Widerstandes, 
und wir dürfen den Schluß ziehen, daß die Intensität und 
Ausdauer der Übertragung eine Wirkung und ein Ausdruck 
des Widerstandes seien. Der Mechanismus der Übertragung 
ist zwar durch ihre Zurückführung auf die Bereitschaft der 
Libido erledigt, die im Besitze infantiler Imagines geblieben 
ist; die Aufklärung ihrer Rolle in der Kur gelingt aber nur, 
wenn man auf ihre Beziehungen zum Widerstände eingeht. 

Woher kommt es, daß sich die Übertragung so vorzüglich 
zum Mittel des Widerstandes eignet? Man sollte meinen, diese 
Antwort wäre nicht schwer zu geben. Es ist ja klar, daß das 
Geständnis einer jeden verpönten Wunschregung besonders 
erschwert wird, wenn es vor jener Person abgelegt werden 
soll, der die Regung selbst gilt. Diese Nötigung ergibt Situa- 
tionen, die in der Wirklichkeit als kaum durchführbar er- 
scheinen. Gerade das will nun der Analysierte erzielen, wenn 
er das Objekt seiner Gefühlsregungen mit dem Arzte zusam- 
menfallen läßt. Eine nähere Überlegung zeigt aber, daß dieser 
scheinbare Gewann nicht die Lösung des Problems ergeben 
kann. Eine Beziehung von zärtlicher, hingebungsvoller An- 
hänglichkeit kann ja anderseits über alle Schwierigkeiten des 
Geständnisses hinweghelfen. Man pflegt ja unter analogen 
realen Verhältnissen zu sagen: Vor dir schäme ich mich nicht, 



o 






33^ Zur Dynamik 

dir kann ich alles sagen. Die Übertragung auf den Arzt 
könnte also ebensowohl zur Erleichterung des Geständnisses 
dienen, und man verstünde nicht, warum sie eine Erschwerung 
hervorruft. 

Die Antwort auf diese hier wiederholt gestellte Frage wird 
nicht durch weitere Überlegung gewonnen, sondern durch die 
Erfahrung gegeben, die man bei der Untersuchung der einzel- 
nen Übertragungswiderstände in der Kur macht. Man merkt 
endlich, daß man die Verwendung der Übertragung zum 
Widerstände nicht verstehen kann, solange man an „Übertra- 
gung" schlechtweg denkt. Man muß sich entschließen, eine 
„positive" Übertragung von einer „negativen" zu sondern, die 
Übertragung zärtlicher Gefühle von der feindseliger, und 
beide Arten der Übertragung auf den Arzt gesondert zu be- 
handeln. Die positive Übertragung zerlegt sich dann noch in 
die solcher freundlicher oder zärtlicher Gefühle, welche be- 
wußtseinsfähig sind, und in die ihrer Fortsetzungen ins Un- 
bewußte. Von den letzteren weist die Analyse nach, daß sie 
regelmäßig auf erotische Quellen zurückgehen, so daß wir zur 
Einsicht gelangen müssen, alle unsere im Leben verwertbaren 
Gefühlsbeziehungen von Sympathie, Freundschaft, Zutrauen 
und dergleichen seien genetisch mit der Sexualität verknüpft 
und haben sich durch Abschwächung des Sexualzieles aus rein 
sexuellen Begehrungen entwickelt, so rein und unsinnlich sie 
sich auch unserer bewußten Selbtwahrnehmung darstellen 
mögen. Ursprünglich haben wir nur Sexualobjekte gekannt; 
die Psychoanalyse zeigt uns, daß die bloß geschätzten oder 
verehrten Personen unserer Realität für das Unbewußte in uns 
immer noch Sexualobjekte sein können. 

Die Lösung des Rätsels ist also, daß die Übertragung auf 
den Arzt sich nur insofern zum Widerstände in der Kur 
eignet, als sie negative Übertragung oder positive von ver- 
drängten erotischen Regungen ist. Wenn wir durch Bewußt- 



der Übertragung 337 

machen die Übertragung „aufheben", so lösen wir nur diese 
beiden Komponenten des Gefühlsaktes von der Person des 
Arztes ab; die andere bewußtseinsfähige und unanstößige 
Komponente bleibt bestehen und ist in der Psychoanalyse 
genau ebenso die Trägerin des Erfolges wie bei anderen Be- 
handlungsmethoden. Insofern gestehen wir gerne zu, die Re- 
sultate der Psychoanalyse beruhten auf Suggestion; nur muß 
man unter Suggestion das verstehen, was wir mit Ferenczi 9 
darin finden: die Beeinflussung eines Menschen vermittels der 
bei ihm möglichen Ubertragungsphänomene. Für die endliche 
Selbständigkeit des Kranken sorgen wir, indem wir die Sug- 
gestion dazu benützen, ihn eine psychische Arbeit vollziehen 
zu lassen, die eine dauernde Verbesserung seiner psychischen 
Situation zur notwendigen Folge hat. 

Es kann noch gefragt werden, warum die Widerstands- 
phänomene der Übertragung nur in der Psychoanalyse, nicht 
auch bei indifferenter Behandlung, z. B. in Anstalten zum 
Vorschein kommen. Die Antwort lautet: sie zeigen sich auch 
dort, nur müssen sie als solche gewürdigt werden. Das Her- 
vorbrechen der negativen Übertragung ist in Anstalten sogar 
recht häufig. Der Kranke verläßt eben die Anstalt ungeändert 
oder rückfällig, sobald er unter die Herrschaft der negativen 
Übertragung gerät. Die erotische Übertragung wirkt in An- 
stalten nicht so hemmend, da sie dort wie im Leben beschö- 
nigt, anstatt aufgedeckt wird; sie äußert sich aber ganz deut- 
lich als "Widerstand gegen die Genesung, zwar nicht, indem 
sie den Kranken aus der Anstalt treibt, — sie hält ihn im 
Gegenteil in der Anstalt zurück, — wohl aber dadurch, daß 
sie ihn vom Leben ferne hält. Für die Genesung ist es nämlich 
recht gleichgültig, ob der Kranke in der Anstalt diese oder jene 

9) Ferenczi, Introjektion und Übertragung, Jahrbuch für 
Psychoanalyse, Bd. I, 1909. (Auch in „Bausteine zur Psycho- 
analyse", Bd.L, S. 9 ff.) ' 

22 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



33 8 Z«r Dynamik 

Angst oder Hemmung überwindet; es kommt vielmehr 
darauf an, daß er auch in der Realität seines Lebens davon 
frei wird. 

Die negative Übertragung verdiente eine eingehende 
"Würdigung, die ihr im Rahmen dieser Ausführungen nicht 
zuteil werden kann. Bei den heilbaren Formen von Psycho- 
neurosen findet sie sich neben der zärtlichen Übertragung, 
oft gleichzeitig auf die nämliche Person gerichtet, für welchen 
Sachverhalt Bleuler den guten Ausdruck Ambivalenz 
geprägt hat. 10 Eine solche Ambivalenz der Gefühle scheint 
bis zu einem gewissen Maße normal zu sein, aber ein hoher 
Grad von Ambivalenz der Gefühle ist gewiß eine besondere 
Auszeichnung neurotischer Personen. Bei der Zwangsneurose 
scheint eine frühzeitige „Trennung der Gegensatzpaare" für 
das Triebleben charakteristisch zu sein und eine ihrer kon- 
stitutionellen Bedingungen darzustellen. Die Ambivalenz der 
Gefühlsrichtungen erklärt uns am besten die Fähigkeit der 
Neurotiker, ihre Übertragungen in den Dienst des Wider- 
standes zu stellen. "Wo die Übertragungsfähigkeit im wesent- 
lichen negativ geworden ist, wie bei den Paranoiden, da hört 
die Möglichkeit der Beeinflussung und der Heilung auf. 

Mit allen diesen Erörterungen haben wir aber bisher nur 
eine Seite des Übertragungsphänomens gewürdigt; es wird 
erfordert, unsere Aufmerksamkeit einem anderen Aspekt der- 
selben Sache zuzuwenden. Wer sich den richtigen Eindruck 
davon geholt hat, wie der Analysierte aus seinen realen Be- 
ziehungen zum Arzte herausgeschleudert wird, sobald er 
unter die Herrschaft eines ausgiebigen Übertragungswider- 

10) E. B 1 e u 1 e r, Dementia praecox oder Gruppe der Schizo- 
phrenien in Aschaffenburgs Handbuch der Psychiatrie, 
191 1. — Vortrag über Ambivalenz in Bern 19 10, referiert in 
Zentralblatt f. PsA. I, p. 266. — Für die gleichen Phänomene 
hatte W. S t e k e 1 vorher die Bezeichnung „B i p o 1 a r i t ä t 4C 
vorgeschlagen. 






der Übertragung j™ 

Standes gerät, wie er sich dann die Freiheit herausnimmt, die 
psychoanalytische Grundregel zu vernachlässigen, daß man 
ohne Kritik alles mitteilen solle, was einem in den Sinn 
kommt, wie er die Vorsätze vergißt, mit denen er in die 
Behandlung getreten war, und wie ihm logische Zusammen- 
hänge und Schlüsse nun gleichgültig werden, die ihm kurz 
vorher den größten Eindruck gemacht hatten, der wird das 
Bedürfnis haben, sich diesen Eindruck noch aus anderen als 
den bisher angeführten Momenten zu erklären, und solche 
liegen in der Tat nicht ferne; sie ergeben sich wiederum aus 
der psychologischen Situation, in welche die Kur den 
Analysierten versetzt hat. 

In der Aufspürung der dem Bewußten abhanden ge- 
kommenen Libido ist man in den Bereich des Unbewußten 
eingedrungen. Die Reaktionen, die man erzielt, bringen nun 
manches von den Charakteren unbewußter Vorgänge mit 
ans Licht, wie wir sie durch das Studium der Träume kennen 
gelernt haben. Die unbewußten Regungen wollen nicht er- 
innert werden, wie die Kur es wünscht, sondern sie streben 
danach, sich zu reproduzieren, entsprechend der Zeitlosigkeit 
und der Halluzinationsfähigkeit des Unbewußten. Der 
Kranke spricht ähnlich wie im Traume den Ergebnissen der 
Erweckung seiner unbewußten Regungen Gegenwärtigkeit 
und Realität zu; er will seine Leidenschaften agieren, ohne 
auf die reale Situation Rücksicht zu nehmen. Der Arzt will 
ihn dazu nötigen, diese Gefühlsregungen in den Zusammen- 
hang der Behandlung und in den seiner Lebensgeschichte 
einzureihen, sie der denkenden Betrachtung unterzuordnen 
und nach ihrem psychischen Werte zu erkennen. Dieser 
Kampf zwischen Arzt und Patienten, zwischen Intellekt und 
Triebleben, zwischen Erkennen und Agierenwollen spielt sich 
fast ausschließlich an den Ubertragungsphänomenen ab. Auf 
diesem Felde muß der Sieg gewonnen werden, dessen Aus- 



22" 



340 



Ratschläge für den Arzt 



druck die dauernde Genesung von der Neurose ist. Es ist 
unleugbar, daß die Bezwingung der Ubertragungsphänomene 
dem Psychoanalytiker die größten Schwierigkeiten bereitet, 
aber man darf nicht vergessen, daß gerade sie uns den un- 
schätzbaren Dienst erweisen, die verborgenen und ver- 
gessenen Liebesregungen der Kranken aktuell und manifest 
zu machen, denn schließlich kann niemand in absentia oder 
in effigie erschlagen werden. 






■ 

RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT 
BEI DER PSYCHOANALYTISCHEN 

BEHANDLUNG 

(1912) 

- 

Die technischen Regeln, die ich hier in Vorschlag bringe, 
haben sich mir aus der langjährigen eigenen Erfahrung er- 
geben, nachdem ich durch eigenen Schaden von der Ver- 
folgung anderer Wege zurückgekommen war. Man wird 
leicht bemerken, daß sie sich, wenigstens viele von ihnen, 
zu einer einzigen Vorschrift zusammensetzen. Ich hoffe, daß 
ihre Berücksichtigung den analytisch tätigen Ärzten viel 
unnützen Aufwand ersparen und sie vor manchem Über- 
sehen behüten wird; aber ich muß ausdrücklich sagen, diese 
Technik hat sich als die einzig zweckmäßige für meine 
Individualität ergeben; ich wage es nicht in Abrede zu 
stellen, daß eine ganz anders konstituierte ärztliche Persön- 
lichkeit dazu gedrängt werden kann, eine andere Einstellung 
gegen den Kranken und gegen die zu lösende Aufgabe zu 
bevorzugen. 

a) Die nächste Aufgabe, vor die sich der Analytiker ge- 
stellt sieht, der mehr als einen Kranken im Tage so behandelt, 






bei der psychoanalytischen Behandlung 341 

wird ihm auch als die schwierigste erscheinen. Sie besteht ja 
darin, alle die unzähligen Namen, Daten, Einzelheiten der 
Erinnerung, Einfälle und Krankheitsproduktionen während 
der Kur, die ein Patient im Laufe von Monaten und Jahren 
vorbringt, im Gedächtnis zu behalten und sie nicht mit ähn- 
lichem Material zu verwechseln, das von anderen gleichzeitig 
oder früher analysierten Patienten herrührt. Ist man gar 
genötigt, täglich sechs, acht Kranke oder selbst mehr zu 
analysieren, so wird eine Gedächtnisleistung, der solches 
gelingt, bei Außenstehenden Unglauben, Bewunderung oder 
selbst Bedauern wecken. In jedem Fall wird man auf die 
Technik neugierig sein, welche die Bewältigung einer solchen 
Fülle gestattet, und wird erwarten, daß dieselbe sich be- 
sonderer Hilfsmittel bediene. 

Indes ist diese Technik eine sehr einfache. Sie lehnt alle 
Hilfsmittel, wie wir hören werden, selbst das Niederschreiben 
ab und besteht einfach darin, sich nichts besonders merken 
zu wollen und allem, was man zu hören bekommt, die 
nämliche „gleichschwebende Aufmerksamkeit", wie ich es 
schon einmal genannt habe, entgegenzubringen. Man erspart 
sich auf diese Weise eine Anstrengung der Aufmerksamkeit, 
die man doch nicht durch viele Stunden täglich festhalten 
könnte, und vermeidet eine Gefahr, die von dem absicht- 
lichen Aufmerken unzertrennlich ist. Sowie man nämlich 
seine Aufmerksamkeit absichtlich bis zu einer gewissen Höhe 
anspannt, beginnt man auch unter dem dargebotenen 
Materiale auszuwählen; man fixiert das eine Stück besonders 
scharf, eliminiert dafür ein anderes, und folgt bei dieser Aus- 
wahl seinen Erwartungen oder seinen Neigungen. Gerade 
dies darf man aber nicht; folgt man bei der Auswahl seinen 
Erwartungen, so ist man in Gefahr, niemals etwas anderes 
zu finden, als was man bereits weiß; folgt man seinen 
Neigungen, so wird man sicherlich die mögliche "Wahr- 



342 Ratschläge für den Arzt 

nehmung fälschen. Man darf nicht daran vergessen, daß 
man ja zumeist Dinge zu hören bekommt, deren Bedeutung 
erst nachträglich erkannt wird. 

Wie man sieht, ist die Vorschrift, sich alles gleichmäßig 
zu merken, das notwendige Gegenstück zu der Anforderung 
an den Analysierten, ohne Kritik und Auswahl alles zu er- 
zählen, was ihm einfällt. Benimmt sich der Arzt anders, so 
macht er zum großen Teile den Gewinn zunichte, der aus 
der Befolgung der „psychoanalytischen Grundregel" von 
Seiten des Patienten resultiert. Die Regel für den Arzt läßt 
sich so aussprechen: Man halte alle bewußten Einwirkungen 
von seiner Merkfähigkeit ferne und überlasse sich völlig 
seinem „unbewußten Gedächtnisse", oder rein technisch aus- 
gedrückt: Man höre zu und kümmere sich nicht darum, ob 
man sich etwas merke. 

Was man auf diese Weise bei sich erreicht, genügt allen 
Anforderungen während der Behandlung. Jene Bestandteile 
des Materials, die sich bereits zu einem Zusammenhange 
fügen, werden für den Arzt auch bewußt verfügbar; das 
andere, noch zusammenhanglose, chaotisch ungeordnete, 
scheint zunächst versunken, taucht aber bereitwillig im Ge- 
dächtnisse auf, sobald der Analysierte etwas Neues vorbringt, 
womit es sich in Beziehung bringen und wodurch es sich 
fortsetzen kann. Man nimmt dann lächelnd das unverdiente 
Kompliment des Analysierten wegen eines „besonders guten 
Gedächtnisses" entgegen, wenn man nach Jahr und Tag eine 
Einzelheit reproduziert, die der bewußten Absicht, sie im 
Gedächtnisse zu fixieren, wahrscheinlich entgangen wäre. 

Irrtümer in diesem Erinnern ereignen sich nur zu Zeiten 
und an Stellen, wo man durch die Eigenbeziehung gestört 
wird (siehe unten), hinter dem Ideale des Analytikers also in 
arger Weise zurückbleibt. Verwechslungen mit dem Materiale 
anderer Patienten kommen recht selten zustande. In einem 



bei der psychoanalytischen Behandlung 343 

Streite mit dem Analysierten, ob und wie er etwas einzelnes 
gesagt habe, bleibt der Arzt zumeist im Rechte. 11 

b) Ich kann es nicht empfehlen, während der Sitzungen mit 
dem Analysierten Notizen in größerem Umfange zu machen, 
Protokolle anzulegen u. dgl. Abgesehen von dem ungünstigen 
Eindruck, den dies bei manchen Patienten hervorruft, gelten 
dagegen die nämlichen Gesichtspunkte, die wir beim Merken 
gewürdigt haben. Man trifft notgedrungen eine schädliche 
Auswahl aus dem Stoffe, während man nachschreibt oder 
stenographiert, und man bindet ein Stück seiner eigenen 
Geistestätigkeit, das in der Deutung des Angehörten eine bes- 
sere Verwendung finden soll. Man kann ohne Vorwurf Aus- 
nahmen von dieser Regel zulassen für Daten, Traumtexte 
oder einzelne bemerkenswerte Ergebnisse, die sich leicht aus 
dem Zusammenhange lösen lassen und für eine selbständige 
Verwendung als Beispiele geeignet sind. Aber ich pflege auch 
dies nicht zu tun. Beispiele schreibe ich am Abend nach Ab- 
schluß der Arbeit aus dem Gedächtnis nieder; Traumtexte, 
an denen mir gelegen ist, lasse ich von den Patienten nach 
der Erzählung des Traumes fixieren. 

c) Die Niederschrift während der Sitzung mit dem Patienten 
könnte durch den Vorsatz gerechtfertigt werden, den behan- 
delten Fall zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Publika- 
tion zu machen. Das kann man ja prinzipiell kaum versagen. 
Aber man muß doch im Auge behalten, daß genaue Protokolle 
in einer analytischen Krankengeschichte weniger leisten, als 



n ) Der Analysierte behauptet oft, eine gewisse Mitteilung be- 
reits früher gemacht zu haben, während man ihm mit ruhiger 
Überlegenheit versichern kann, sie erfolge jetzt zum erstenmal. 
Es stellt sich dann heraus, daß der Analysierte früher einmal die 
Intention zu dieser Mitteilung gehabt hat, an ihrer Ausführung 
aber durch einen noch bestehenden Widerstand gehindert wurde. 
Die Erinnerung an diese Intention ist für ihn ununterscheidbar 
von der Erinnerung an deren Ausführung. 



344 Ratschläge für den Arzt 

man von ihnen erwarten sollte. Sie gehören, streng genommen, 
jener Scheinexaktheit an, für welche uns die „moderne" 
Psychiatrie manche auffällige Beispiele zur Verfügung stellt. 
Sie sind in der Regel ermüdend für den Leser und bringen es 
doch nicht dazu, ihm die Anwesenheit bei der Analyse zu 
ersetzen. Wir haben überhaupt die Erfahrung gemacht, daß 
der Leser, wenn er dem Analytiker glauben will, ihm auch 
Kredit für das bißchen Bearbeitung einräumt, das er an seinem 
Material vorgenommen hat; wenn er die Analyse und den 
Analytiker aber nicht ernst nehmen will, so setzt er sich auch 
über getreue Behandlungsprotokolle hinweg. Dies scheint nicht 
der Weg, um dem Mangel an Evidenz abzuhelfen, der an den 
psychoanalytischen Darstellungen gefunden wird. 

d) Es ist zwar einer der Ruhmestitel der analytischen Arbeit, 
daß Forschung und Behandlung bei ihr zusammenfallen, aber 
die Technik, die der einen dient, widersetzt sich von einem 
gewissen Punkte an doch der anderen. Es ist nicht gut, einen 
Fall wissenschaftlich zu bearbeiten, solange seine Behandlung 
noch nicht abgeschlossen ist, seinen Aufbau zusammenzusetzen, 
seinen Fortgang erraten zu wollen, von Zeit zu Zeit Auf- 
nahmen des gegenwärtigen Status zu machen, wie das wissen- 
schaftliche Interesse es fordern würde. Der Erfolg leidet in 
solchen Fällen, die man von vornherein der wissenschaftlichen 
Verwertung bestimmt und nach deren Bedürfnissen behandelt; 
dagegen gelingen jene Fälle am besten, bei denen man wie 
absichtslos verfährt, sich von jeder Wendung überraschen läßt, 
und denen man immer wieder unbefangen und voraussetzungs- 
los entgegentritt. Das richtige Verhalten für den Analytiker 
wird darin bestehen, sich aus der einen psychischen Einstellung 
nach Bedarf in die andere zu schwingen, nicht zu spekulieren 
und zu grübeln, solange er analysiert, und erst dann das ge- 
wonnene Material der synthetischen Denkarbeit zu unterziehen, 
nachdem die Analyse abgeschlossen ist. Die Unterscheidung 



bei der psychoanalytischen Behandlung 345 

der beiden Einstellungen würde bedeutungslos, wenn wir 
bereits im Besitze aller oder doch der wesentlichen Erkennt- 
nisse über die Psychologie des Unbewußten und über die 
Struktur der Neurosen wären, die wir aus der psychoanalyti- 
schen Arbeit gewinnen können. Gegenwärtig sind wir von 
diesem Ziele noch weit entfernt und dürfen uns die Wege 
nicht verschließen, um das bisher Erkannte nachzuprüfen und 
Neues dazu zu finden. 

e) Ich kann den Kollegen nicht dringend genug empfehlen, 
sich während der psychoanalytischen Behandlung den Chirur- 
gen zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte und selbst 
sein menschliches Mitleid beiseite drängt und seinen geistigen 
Kräften ein einziges Ziel setzt: die Operation so kunstgerecht 
als möglich zu vollziehen. Für den Psychoanalytiker wird 
unter den heute waltenden Umständen eine Affektstrebung 
am gefährlichsten, der therapeutische Ehrgeiz, mit seinem 
neuen und viel angefochtenen Mittel etwas zu leisten, was 
überzeugend auf andere wirken kann. Damit bringt er nicht 
nur sich selbst in eine für die Arbeit ungünstige Verfassung, 
er setzt sich auch wehrlos gewissen "Widerständen des Patienten 
aus, von dessen Kräftespiel ja die Genesung in erster Linie 
abhängt. Die Rechtfertigung dieser vom Analytiker zu for- 
dernden Gefühlskälte liegt darin, daß sie für beide Teile die 
vorteilhaftesten Bedingungen schafft, für den Arzt die wün- 
schenswerte Schonung seines eigenen Affektlebens, für den 
Kranken das größte Ausmaß von Hilfeleistung, das uns heute 
möglich ist. Ein alter Chirurg hatte zu seinem Wahlspruch 
die Worte genommen: Je le pansai, Dien le guerit. Mit etwas 
Ähnlichem sollte sich der Analytiker zufrieden geben. 

f) Es ist leicht zu erraten, in welchem Ziele diese einzeln 
vorgebrachten Regeln zusammentreffen. Sie wollen alle beim 
Arzte das Gegenstück zu der für den Analysierten aufgestellten 
„psychoanalytischen Grundregel" schaffen. Wie der Analysierte 



346 Ratschläge für den Arzt 

alles mitteilen soll, was er in seiner Selbstbeobachtung er- 
hascht, mit Hintanhaltung aller logischen und affektiven Ein- 
wendungen, die ihn bewegen wollen, eine Auswahl zu treffen, 
so soll sich der Arzt in den Stand setzen, alles ihm Mitgeteilte 
für die Zwecke der Deutung, der Erkennung des verborgenen 
Unbewußten zu verwerten, ohne die vom Kranken aufge- 
gebene Auswahl durch eine eigene Zensur zu ersetzen, in eine 
Formel gefaßt: er soll dem gebenden Unbewußten des Kranken 
sein eigenes Unbewußtes als empfangendes Organ zuwenden, 
sich auf den Analysierten einstellen wie der Receiver des 
Telephons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver die 
von Schallwellen angeregten elektrischen Schwankungen der 
Leitung wieder in Schallwellen verwandelt, so ist das Unbe- 
wußte des Arztes befähigt, aus den ihm mitgeteilten Abkömm- 
lingen des Unbewußten dieses Unbewußte, welches die Ein- 
fälle des Kranken determiniert hat, wiederherzustellen. 

Wenn der Arzt aber imstande sein soll, sich seines Unbe- 
wußten in solcher Weise als Instrument bei der Analyse zu 
bedienen, so muß er selbst eine psychologische Bedingung in 
weitem Ausmaße erfüllen. Er darf in sich selbst keine Wider- 
stände dulden, welche das von seinem Unbewußten Erkannte 
von seinem Bewußtsein abhalten, sonst würde er eine neue 
Art von Auswahl und Entstellung in die Analyse einführen, 
welche weit schädlicher wäre als die durch Anspannung seiner 
bewußten Aufmerksamkeit hervorgerufene. Es genügt nicht 
hiefür, daß er selbst ein annähernd normaler Mensch sei, man 
darf vielmehr die Forderung aufstellen, daß er sich einer 
psychoanalytischen Purifizierung unterzogen und von jenen 
Eigenkomplexen Kenntnis genommen habe, die geeignet wären, 
ihn in der Erfassung des vom Analysierten Dargebotenen zu 
stören. An der disqualifizierenden Wirkung solcher eigener 
Defekte kann billigerweise nicht gezweifelt werden; jede unge- 
löste Verdrängung beim Arzte entspricht nach einem treffenden 



bei der psychoanalytischen Behandlung 347 

Worte von W. Stekel einem „blinden Fleck" in seiner 
analytischen Wahrnehmung. 

Vor Jahren erwiderte ich auf die Frage, wie man ein 
Analytiker werden könne: Durch die Analyse seiner eigenen 
Träume. Gewiß reicht diese Vorbereitung für viele Personen 
aus, aber nicht für alle, die die Analyse erlernen möchten. 
Auch gelingt es nicht allen, die eigenen Träume ohne fremde 
Hilfe zu deuten. Ich rechne es zu den vielen Verdiensten der 
Züricher analytischen Schule, daß sie die Bedingung verschärft 
und in der Forderung niedergelegt hat, es solle sich jeder, der 
Analysen an anderen ausführen will, vorher selbst einer 
Analyse bei einem Sachkundigen unterziehen. Wer es mit der 
Aufgabe ernst meint, sollte diesen Weg wählen, der mehr als 
einen Vorteil verspricht; das Opfer, sich ohne Krankheits- 
zwang einer fremden Person eröffnet zu haben, wird reichlich 
gelohnt. Man wird nicht nur seine Absicht, das Verborgene 
der eigenen Person kennen zu lernen, in weit kürzerer Zeit 
und mit geringerem affektiven Aufwand verwirklichen, son- 
dern auch Eindrücke und Überzeugungen am eigenen Leibe 
gewinnen, die man durch das Studium von Büchern und An- 
hören von Vorträgen vergeblich anstrebt. Endlich ist auch 
der Gewinn aus der dauernden seelischen Beziehung nicht 
gering anzuschlagen, die sich zwischen dem Analysierten und 
seinem Einführenden herzustellen pflegt. 

Eine solche Analyse eines praktisch Gesunden wird begreif- 
licherweise unabgeschlossen bleiben. Wer den hohen Wert der 
durch sie erworbenen Selbsterkenntnis und Steigerung der 
Selbstbeherrschung zu würdigen weiß, wird die analytische 
Erforschung seiner eigenen Person nachher als Selbstanalyse 
fortsetzen und sich gerne damit bescheiden, daß er in sich 
wie außerhalb seiner immer Neues zu finden erwarten muß. 
Wer aber als Analytiker die Vorsicht der Eigenanalyse ver- 
schmäht hat, der wird nicht nur durch die Unfähigkeit be- 






348 Ratschläge für den Arzt 

straft, über ein gewisses Maß an seinen Kranken zu lernen, 
er unterliegt auch einer ernsthafteren Gefahr, die zur Gefahr 
für andere werden kann. Er wird leicht in die Versuchung 
geraten, was er in dumpfer Selbstwahrnehmung von den 
Eigentümlichkeiten seiner eigenen Person erkennt, als allge- 
meingültige Theorie in die Wissenschaft hinauszuprojizieren, 
er wird die psychoanalytische Methode in Mißkredit bringen 
und Unerfahrene irreleiten. 

g) Ich füge noch einige andere Regeln an, in welchen der 
Übergang gemacht wird von der Einstellung des Arztes zur 
Behandlung des Analysierten. 

Es ist gewiß verlockend für den jungen und eifrigen Psycho- 
analytiker, daß er viel von der eigenen Individualität einsetze, 
um den Patienten mit sich fortzureißen und ihn im Schwung 
über die Schranken seiner engen Persönlichkeit zu erheben. 
Man sollte meinen, es sei durchaus zulässig, ja zweckmäßig 
für die Überwindung der beim Kranken bestehenden Wider- 
stände, wenn der Arzt ihm Einblick in die eigenen seelischen 
Defekte und Konflikte gestattet, ihm durch vertrauliche Mit- 
teilungen aus seinem Leben die Gleichstellung ermöglicht. Ein 
Vertrauen ist doch das andere wert, und wer Intimität vom 
anderen fordert, muß ihm doch auch solche bezeugen. 

Allein im psychoanalytischen Verkehre läuft manches 
anders ab, als wir es nach den Voraussetzungen der Bewußt- 
seinspsychologie erwarten dürfen. Die Erfahrung spricht nicht 
für die Vorzüglichkeit einer solchen Technik. Es ist auch 
nicht schwer einzusehen, daß man mit ihr den psycho- 
analytischen Boden verläßt und sich den Suggestionsbehand- 
lungen annähert. Man erreicht so etwa, daß der Patient eher 
und leichter mitteilt, was ihm selbst bekannt ist, und was er 
aus konventionellen Widerständen noch eine Weile zurück- 
gehalten hätte. Für die Aufdeckung des dem Kranken Unbe- 
wußten leistet diese Technik nichts, sie macht ihn nur noch 



_ 



bei der psychoanalytischen Behandlung 349 

unfähiger, tiefere Widerstände zu überwinden, und sie ver- 
sagt in schwereren Fällen regelmäßig an der rege gemachten 
Unersättlichkeit des Kranken, der dann gerne das Verhältnis 
umkehren möchte und die Analyse des Arztes interessanter 
findet als die eigene. Auch die Lösung der Übertragung, eine 
der Hauptaufgaben der Kur, wird durch die intime Einstel- 
lung des Arztes erschwert, so daß der etwaige Gewinn zu 
Anfang schließlich mehr als wettgemacht wird. Ich stehe 
darum nicht an, diese Art der Technik als eine fehlerhafte 
zu verwerfen. Der Arzt soll undurchsichtig für die Analysier- 
ten sein und wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als 
was ihm gezeigt wird. Es ist allerdings praktisch nichts da- 
gegen zu sagen, wenn ein Psychotherapeut ein Stück Analyse 
mit einer Portion Suggestivbeeinflussung vermengt, um in 
kürzerer Zeit sichtbare Erfolge zu erzielen, wie es zum Bei- 
spiel in Anstalten notwendig wird, aber man darf verlangen, 
daß er selbst nicht im Zweifel darüber sei, was er vornehme, 
und daß er wisse, seine Methode sei nicht die der richtigen 
Psychoanalyse. 

h) Eine andere Versuchung ergibt sich aus der erzieheri- 
schen Tätigkeit, die dem Arzte bei der psychoanalytischen 
Behandlung ohne besonderen Vorsatz zufällt. Bei der Lösung 
von Entwicklungshemmungen macht es sich von selbst, daß 
der Arzt in die Lage kommt, den freigewordenen Strebun- 
gen neue Ziele anzuweisen. Es ist dann nur ein begreiflicher 
Ehrgeiz, wenn er sich bemüht, die Person, auf deren Be- 
freiung von der Neurose er soviel Mühe aufgewendet hat, 
auch zu etwas besonders vortrefflichem zu machen, und ihren 
Wünschen hohe Ziele vorschreibt. Aber auch hiebei sollte 
der Arzt sich in der Gewalt haben und weniger die eigenen 
Wünsche als die Eignung des Analysierten zur Richtschnur 
nehmen. Nicht alle Neurotiker bringen viel Talent zur 
Sublimierung mit; von vielen unter ihnen kann man an- 






35° Ratschläge für den Arzt 

nehmen, daß sie überhaupt nicht erkrankt wären, wenn sie 
die Kunst, ihre Triebe zu sublimieren, besessen hätten. Drängt 
man sie übermäßig zur Sublimierung und schneidet ihnen die 
nächsten und bequemsten Triebbefriedigungen ab, so macht 
man ihnen das Leben meist noch schwieriger, als sie es ohne- 
dies empfinden. Als Arzt muß man vor allem tolerant sein 
gegen die Schwäche des Kranken, muß sich bescheiden, auch 
einem nicht Vollwertigen ein Stück Leistungs- und Genuß- 
fähigkeit wiedergewonnen zu haben. Der erzieherische Ehr- 
geiz ist so wenig zweckmäßig wie der therapeutische. Es 
kommt außerdem in Betracht, daß viele Personen gerade an 
dem Versuche erkrankt sind, ihre Triebe über das von ihrer 
Organisation gestattete Maß hinaus zu sublimieren, und daß 
sich bei den zur Sublimierung Befähigten dieser Prozeß von 
selbst zu vollziehen pflegt, sobald ihre Hemmungen durch 
die Analyse überwunden sind. Ich meine also, das Bestreben, 
die analytische Behandlung regelmäßig zur Triebsublimie- 
rung zu verwenden, ist zwar immer lobenswert, aber keines- 
wegs in allen Fällen empfehlenswert. 

i) In welchen Grenzen soll man die intellektuelle Mit- 
arbeit des Analysierten bei der Behandlung in Anspruch 
nehmen? Es ist schwer, hierüber etwas allgemein Gültiges 
auszusagen. Die Persönlichkeit des Patienten entscheidet in 
erster Linie. Aber Vorsicht und Zurückhaltung sind hiebei 
jedenfalls zu beobachten. Es ist unrichtig, dem Analysierten 
Aufgaben zu stellen, er solle seine Erinnerung sammeln, über 
eine gewisse Zeit seines Lebens nachdenken u. dgl. Er hat 
vielmehr vor allem zu lernen, was keinem leicht fällt anzu- 
nehmen, daß durch geistige Tätigkeit von der Art des Nach- 
denkens, daß durch Willens- und Aufmerksamkeitsanstren- 
gung keines der Rätsel der Neurose gelöst wird, sondern nur 
durch die geduldige Befolgung der psychoanalytischen Regel, 
welche die Kritik gegen das Unbewußte und dessen Ab- 




bei der psychoanalytischen Behandlung 351 

kömmlinge auszuschalten gebietet. Besonders unerbittlich 
sollte man auf der Befolgung dieser Regel bei jenen Kranken 
bestehen, die die Kunst üben, bei der Behandlung ins 
Intellektuelle auszuweichen, dann viel und oft sehr weise 
über ihren Zustand reflektieren, und es sich so ersparen, 
etwas zu seiner Bewältigung zu tun. Ich nehme darum bei 
meinen Patienten auch die Lektüre analytischer Schriften 
nicht gern zu Hilfe; ich verlange, daß sie an der eigenen 
Person lernen sollen, und versichere ihnen, daß sie dadurch 
mehr und "Wertvolleres erfahren werden, als ihnen die ge- 
samte psychoanalytische Literatur sagen könnte. Ich sehe 
aber ein, daß es unter den Bedingungen eines Anstaltsauf- 
enthaltes sehr vorteilhaft werden kann, sich der Lektüre zur 
Vorbereitung der Analysierten und zur Herstellung einer 
Atmosphäre von Beeinflussung zu bedienen. 

Am dringendsten möchte ich davor warnen, um die Zu- 
stimmung und Unterstützung von Eltern oder Angehörigen 
zu werben, indem man ihnen ein — einführendes oder tiefer 
gehendes — Werk unserer Literatur zu lesen gibt. Meist 
reicht dieser wohlgemeinte Schritt hin, um die naturgemäße, 
irgendeinmal unvermeidliche Gegnerschaft der Angehörigen 
gegen die psychoanalytische Behandlung der Ihrigen vor- 
zeitig losbrechen zu lassen, so daß es überhaupt nicht zum 
Beginne der Behandlung kommt. 

Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die fortschreitende 
Erfahrung der Psychoanalytiker bald zu einer Einigung über 
die Fragen der Technik führen wird, wie man am zweck- 
mäßigsten die Neurotiker behandeln solle. Was die Behand- 
lung der „Angehörigen" betrifft, so gestehe ich meine völlige 
Ratlosigkeit ein und setze auf deren individuelle Behand- 
lung überhaupt wenig Zutrauen. 



352 Über jausse reconnaissance („de ja raconte") 






ÜBER FAUSSE RECONNAISSANCE 

ODfeJÄ RACONTfc«) WÄHREND DER 

PSYCHOANALYTISCHEN ARBEIT 

(i9M) 

Es ereignet sich nicht selten während der Arbeit der Ana- 
lyse, daß der Patient die Mitteilung eines von ihm erinnerten 
Faktums mit der Bemerkung begleitet, „das habe ich 
Ihnen aber schon erzähl t", während man selbst 
sicher zu sein glaubt, diese Erzählung von ihm noch niemals 
vernommen zu haben. Äußert man diesen Widerspruch gegen 
den Patienten, so wird er häufig energisch versichern, er 
wisse es ganz gewiß, er sei bereit, es zu beschwören usw.; in 
demselben Maße wird aber die eigene Überzeugung von der 
Neuheit des Gehörten stärker. Es wäre nun ganz unpsycho- 
logisch, einen solchen Streit durch Überschreien oder Über- 
bieten mit Beteuerungen entscheiden zu wollen. Ein solches 
Überzeugungsgefühl von der Treue seines Gedächtnisses hat 
bekanntlich keinen objektiven "Wert, und da einer von beiden 
sich notwendigerweise irren muß, kann es ebensowohl der 
Arzt wie der Analysierte sein, welcher der Paramnesie ver- 
fallen ist. Man gesteht dies dem Patienten zu, bricht den 
Streit ab und verschiebt dessen Erledigung auf eine spätere 
Gelegenheit. 

In einer Minderzahl von Fällen erinnert man sich dann 
selbst, die fragliche Mitteilung bereits gehört zu haben, und 
findet gleichzeitig das subjektive, oft weit hergeholte Motiv 
für deren zeitweilige Beseitigung. In der großen Mehrzahl 
aber ist es der Analysierte, der geirrt hat und auch dazu be- 
wogen werden kann, es einzusehen. Die Erklärung für dieses 
häufige Vorkommnis scheint zu sein, daß er wirklich bereits 






während der psychoanalytischen Arbeit 353 

die Absicht gehabt hat, diese Mitteilung zu machen, daß er 
eine vorbereitende Äußerung wirklich ein oder mehrere Male 
getan hat, dann aber durch den "Widerstand abgehalten 
wurde, seine Absicht auszuführen, und nun die Erinnerung 
an die Intention mit der an die Ausführung derselben ver- 
wechselt. 

Ich lasse nun alle die Fälle beiseite, in denen der Sachver- 
halt irgendwie zweifelhaft bleiben kann, und hebe einige 
andere hervor, die ein besonderes theoretisches Interesse 
haben. Es ereignet sich nämlich bei einzelnen Personen, und 
zwar wiederholt, daß sie die Behauptung, sie hätten dies oder 
jenes schon erzählt, besonders hartnäckig bei Mitteilungen 
vertreten, wo die Sachlage es ganz unmöglich macht, daß 
sie recht haben können. "Was sie bereits früher einmal erzählt 
haben wollen, und jetzt als etwas altes, was auch der Arzt 
wissen müßte, wiedererkennen, sind dann Erinnerungen vom 
höchsten "Wert für die Analyse, Bestätigungen, auf welche 
man lange Zeit gewartet, Lösungen, die einem Teilstück der 
Arbeit ein Ende machen, an die der analysierende Arzt 
sicherlich eingehende Erörterungen geknüpft hätte. Ange- 
sichts dieser Verhältnisse gibt der Patient auch bald zu, daß 
ihn seine Erinnerung getäuscht haben muß, obwohl er sich 
die Bestimmtheit derselben nicht erklären kann. 

Das Phänomen, welches der Analysierte in solchen Fällen 
bietet, hat Anspruch darauf, eine „fausse reconnaissance" ge- 
nannt zu werden, und ist durchaus analog den anderen Fäl- 
len, in denen man spontan die Empfindung hat: In dieser 
Situation war ich schon einmal, das habe ich schon einmal 
erlebt (das „dejä vu"), ohne daß man je in die Lage käme, 
diese Überzeugung durch das Wiederauffinden jenes früheren 
Males im Gedächtnisse zu bewahrheiten. Es ist bekannt, daß 
dies Phänomen eine Fülle von Erklärungsversuchen hervor- 
gerufen hat, die sich im allgemeinen in zwei Gruppen brin- 

23 Freud, Schriften zur Neurosenlehrc 






354 Über fausse reconnaissance (,>dejä raconte") 

gen lassen. 12 In der einen wird der im Phänomen enthaltenen 
Empfindung Glauben geschenkt und angenommen, es handle 
sich wirklich darum, daß etwas erinnert werde; die Frage 
bleibt nur, was. Zu einer bei weitem zahlreicheren Gruppe 
treten jene Erklärungen zusammen, die vielmehr behaupten, 
daß hier eine Täuschung der Erinnerung vorliege, und die 
nun die Aufgabe haben, nachzuspüren, wie es zu dieser 
paramnestischen Fehlleistung kommen könne. Im übrigen 
umfassen diese Versuche einen weiten Umkreis von Motiven, 
beginnend mit der uralten, dem Pythagoras zugeschrie- 
benen Auffassung, daß das Phänomen des dejä litt einen 
Beweis für eine frühere individuelle Existenz enthalte, fort- 
gesetzt über die auf die Anatomie gestützte Hypothese, daß 
ein zeitliches Auseinanderweichen in der Tätigkeit der bei- 
den Hirnhemisphären das Phänomen begründe (W i g a n 
1860), bis auf die rein psychologischen Theorien der meisten 
neueren Autoren, welche im dejä vu eine Äußerung einer 
Apperzeptionsschwäche erblicken und Ermüdung, Erschöp- 
fung, Zerstreutheit für dasselbe verantwortlich machen. 

G r a s s e t 13 hat im Jahre 1904 eine Erklärung des dejä vu 
gegeben, welche zu den „gläubigen" gerechnet werden muß. 
Er meinte, das Phänomen weise darauf hin, daß früher ein- 
mal eine unbewußte "Wahrnehmung gemacht worden sei, 
welche erst jetzt unter dem Einfluß eines neuen und ähnlichen 
Eindruckes das Bewußtsein erreiche. Mehrere andere Autoren 
haben sich ihm angeschlossen und die Erinnerung an ver- 
gessenes Geträumtes zur Grundlage des Phänomens gemacht. 
In beiden Fällen würde es sich um die Belebung eines un- 
bewußten Eindruckes handeln. 

12) Siehe eine der letzten Zusammenstellungen der betreffenden 
Literatur in H. Ellis „World of Dreams". 1911. 

13) La Sensation du „deja vu". (Journal de psychologie norm, 
et pathol. I, 1904.) 



während der psychoanalytischen Arbeit 355 

Ich habe im Jahre 1907, in der zweiten Auflage meiner 
„Psychopathologie des Alltagslebens", eine ganz ähnliche Er- 
klärung der angeblichen Paramnesie vertreten, ohne die 
Arbeit von Grasset zu kennen oder zu erwähnen. Zu 
meiner Entschuldigung mag dienen, daß ich meine Theorie 
als Ergebnis einer psychoanalytischen Untersuchung gewann, 
die ich an einem sehr deutlichen, aber etwa 28 Jahre zurück- 
liegenden Falle von deja vu bei einer Patientin vornehmen 
konnte. Ich will die kleine Analyse hier nicht wiederholen. 
Sie ergab, daß die Situation, in welcher das deja vu auftrat, 
wirklich geeignet war, die Erinnerung an ein früheres Erleb- 
nis der Analysierten zu wecken. In der Familie, welche das 
damals zwölfjährige Kind besuchte, befand sich ein schwer- 
kranker, dem Tode verfallener Bruder, und ihr eigener 
Bruder war einige Monate vorher in derselben Gefahr ge- 
wesen. An dies Gemeinsame hatte sich aber im Falle des 
ersteren Erlebnisses eine bewußtseinsunfähige Phantasie ge- 
knüpft, — der Wunsch, der Bruder solle sterben — und 
darum konnte die Analogie der beiden Fälle nicht bewußt 
werden. Die Empfindung derselben ersetzte sich durch das 
Phänomen des Schon-einmal-erlebt-habens, indem sich die 
Identität von dem Gemeinsamen auf die Lokalität verschob. 
Man weiß, daß der Name „deja vu <( für eine ganze Reihe 
analoger Phänomene steht, für ein „deja entendu", ein „deja 
eprouve", ein „deja senti". Der Fall, den ich an Stelle vieler 
ähnlicher nun berichten werde, enthält ein „deja raconte", 
welches also von einem unbewußten, unausgeführt gebliebe- 
nen Vorsatz abzuleiten wäre. 

Ein Patient erzählt im Laufe seiner Assoziationen: „Wie 
ich damals im Alter von fünf Jahren im Garten mit einem 
Messer gespielt und mir dabei den kleinen Finger durchge- 
schnitten habe — oh, ich habe nur geglaubt, daß er durch- 
geschnitten ist, — aber das habe ich Ihnen ja schon erzählt." 

23* 



356 Über fausse reconnaissance („de ja raconte") 

Ich versichere, daß ich mich an nichts Ähnliches zu er- 
innern weiß. Er beteuert immer überzeugter, daß er sich 
darin nicht täuschen kann. Endlich mache ich dem Streit 
in der eingangs angegebenen Weise ein Ende und bitte ihn, 
die Geschichte auf alle Fälle zu wiederholen. Wir würden 
ja dann sehen. 

„Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben 
meiner Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschen- 
messer an der Rinde eines jener Nußbäume, die auch in 
meinem Traum 14 eine Rolle spielen. 15 Plötzlich bemerkte ich 
mit unaussprechlichem Schrecken, daß ich mir den kleinen 
Finger der (rechten oder linken?) Hand so durchgeschnitten 
hatte, daß er nur noch an der Haut hing. Schmerz spürte 
ich keinen, aber eine große Angst. Ich getraute mich nicht, 
der wenige Schritte entfernten Kinderfrau etwas zu sagen, 
sank auf die nächste Bank und blieb da sitzen, unfähig, noch 
einen Blick auf den Finger zu werfen. Endlich wurde ich 
ruhig, faßte den Finger ins Auge, und siehe da, er war ganz 
unverletzt." 

Wir einigten uns bald darüber, daß er mir diese Vision 
oder Halluzination doch nicht erzählt haben könne. Er ver- 
stand sehr wohl, daß ich einen solchen Beweis für die Exi- 
stenz der Kastrationsangst in seinem fünften Jahre 
doch nicht unverwertet gelassen hätte. Sein Widerstand gegen 
die Annahme des Kastrationskomplexes war damit gebrochen, 
aber er warf die Frage auf: Warum habe ich so sicher ge- 
glaubt, daß ich diese Erinnerung schon erzählt habe? 

Dann fiel uns beiden ein, daß er wiederholt, bei verschie- 



14) Vgl. Märchenstoffe in Träumen [Ges. Schriften, Bd. III]. 

15) Korrektur bei späterer Erzählung: Ich glaube, ich schnitt 
nicht in den Baum. Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen 
Erinnerung, die auch halluzinatorisch gefälscht sein muß, daß 
ich in einen Baum einen Schnitt mit dem Messer machte, und 
daß dabei Blut aus dem Baume kam. 




während der psychoanalytischen Arbeit 357 

denen Anlässen, aber jedesmal ohne Vorteil, folgende kleine 
Erinnerung vorgetragen hatte: 

„Als der Onkel einmal verreiste, fragte er mich und die 
Schwester, was er uns mitbringen solle. Die Schwester 
wünschte sich ein Buch, ich ein Taschenmesser." Nun ver- 
standen wir diesen Monate vorher aufgetauchten Einfall als 
Deckerinnerung für die verdrängte Erinnerung und als An- 
satz zu der infolge des Widerstandes unterbliebenen Erzäh- 
lung vom vermeintlichen Verlust des kleinen Fingers (eines 
unverkennbaren Penisäquivalents). Das Messer, welches ihm 
der Onkel auch wirklich mitgebracht hatte, war nach seiner 
sicheren Erinnerung das nämliche, welches in der lange unter- 
drückten Mitteilung vorkam. 

Ich glaube, es ist überflüssig, zur Deutung dieser kleinen 
Erfahrung, soweit sie auf das Phänomen der „fausse recon- 
naissance" Licht wirft, weiteres hinzuzufügen. Zum Inhalt 
der Vision des Patienten will ich bemerken, daß solche hallu- 
zinatorische Täuschungen gerade im Gefüge des Kastrations- 
komplexes nicht vereinzelt sind, und daß sie ebensowohl zur 
Korrektur unerwünschter "Wahrnehmungen dienen können. 

Im Jahre 19 11 stellte mir ein akademisch Gebildeter aus 
einer deutschen Universitätsstadt, den ich nicht kenne, dessen 
Alter mir unbekannt ist, folgende Mitteilung aus seiner 
Kindheit zur freien Verfügung: 

„Bei der Lektüre Ihrer ,Kindheitserinnerung des Leonardo' 
haben mich die Ausführungen auf pag. 29 bis 31 zu innerem 
Widerspruch gereizt. Ihre Bemerkung, daß das männliche 
Kind von dem Interesse für sein eigenes Genitale beherrscht 
ist, weckte in mir eine Gegenbemerkung von der Art: ,Wenn 
das ein allgemeines Gesetz ist, so bin Ich jedenfalls eine 
Ausnahme.' Die nun folgenden Zeilen (pag. 31 bis 32 oben) 
las ich mit dem größten Staunen, jenem Staunen, von dem 
man bei Kenntnisnahme einer ganz neuartigen Tatsache er- 






358 Über fausse reconnaissance („de ja raconte") 






faßt wird. Mitten in meinem Staunen kommt mir eine Er- 
innerung, die mich — zu meiner eigenen Überraschung — 
lehrt, daß mir jene Tatsache gar nicht so neu sein dürfte. 
Ich hatte nämlich zur Zeit, da ich mich mitten in der .in- 
fantilen Sexualforschung' befand, durch einen glücklichen 
Zufall Gelegenheit, ein weibliches Genitale an einer kleinen 
Altersgenossin zu betrachten und habe hiebei ganz 
klar einen Penis von der Art meines eige- 
nen bemerkt. Bald darauf hat mich aber der Anblick 
weiblicher Statuen und Akte in neue Verwirrung gestürzt 
und ich habe, um diesem wissenschaftlichen' Zwiespalt zu 
entrinnen, das folgende Experiment ersonnen: Ich brachte 
mein Genitale durch Aneinanderpressen der Oberschenkel 
zwischen diesen zum Verschwinden und konstatierte mit Be- 
friedigung, daß hiedurch jeder Unterschied gegen den weib- 
lichen Akt beseitigt sei. Offenbar, so dachte ich mir, war 
auch beim weiblichen Akt das Genitale auf gleiche Weise 
zum Verschwinden gebracht." 

„Hier nun kommt mir eine andere Erinnerung, die mir 
insofern schon von jeher von größter "Wichtigkeit war, als 
sie die eine von den drei Erinnerungen ist, aus welchen 
meine Gesamterinnerung an meine früh verstorbene Mutter 
besteht. Meine Mutter steht vor dem Waschtisch und reinigt 
die Gläser und Waschbecken, während ich im selben Zimmer 
spiele und irgend einen Unfug mache. Zur Strafe wird mir 
die Hand durchgeklopft: da sehe ich zu meinem größten 
Entsetzen, daß mein kleiner Finger herabfällt, und zwar 
gerade in den Wasserkübel fällt. Da ich meine Mutter er- 
zürnt weiß, getraue ich mich nichts zu sagen und sehe mit 
noch gesteigertem Entsetzen, wie bald darauf der Wasser- 
kübel vom Dienstmädchen hinausgetragen wird. Ich war 
lange überzeugt, daß ich einen Finger verloren habe, ver- 
mutlich bis in die Zeit, wo ich das Zählen lernte." 



während der psychoanalytischen Arbeit 359 

„Diese Erinnerung, die mir — wie bereits erwähnt — 
durch ihre Beziehung zu meiner Mutter immer von größter 
Wichtigkeit war, habe ich oft zu deuten versucht: keine 
dieser Deutungen hat mich aber befriedigt. Erst jetzt — 
nach Lektüre Ihrer Schrift — ahne ich eine einfache, befrie- 
digende Lösung des Rätsels." 

Eine andere Art der fausse reconnaissance kommt zur Be- 
friedigung des Therapeuten nicht selten beim Abschluß einer 
Behandlung vor. Nachdem es gelungen ist, das verdrängte 
Ereignis realer oder psychischer Natur gegen alle Widerstände 
zur Annahme durchzusetzen, es gewissermaßen zu rehabili- 
tieren, sagt der Patient : Jetzt habe ich die Empfin- 
dung, ich habe es immer gewußt. Damit ist die 
analytische Aufgabe gelöst. 






ZUR EINLEITUNG DER BEHANDLUNG 

(1913) 

Wer das edle Schachspiel aus Büchern erlernen will, der 
wird bald erfahren, daß nur die Eröffnungen und Endspiele 
eine erschöpfende systematische Darstellung gestatten, während 
die unübersehbare Mannigfaltigkeit der nach der Eröffnung 
beginnenden Spiele sich einer solchen versagt. Eifrigstes Stu- 
dium von Partien, in denen Meister miteinander gekämpft 
haben, kann allein die Lücke in der Unterweisung ausfüllen. 
Ähnlichen Einschränkungen unterliegen wohl die Regeln, die 
man für die Ausübung der psychoanalytischen Behandlung 
geben kann. 

Ich werde im folgenden versuchen, einige dieser Regeln für 
die Einleitung der Kur zum Gebrauche des praktischen 
Analytikers zusammenzustellen. Es sind Bestimmungen darun- 



360 Zw Einleitung 

ter, die kleinlich erscheinen mögen und es wohl auch sind. 
Zu ihrer Entschuldigung diene, daß es eben Spielregeln sind, 
die ihre Bedeutung aus dem Zusammenhange des Spielplanes 
schöpfen müssen. Ich tue aber gut daran, diese Regeln als 
„Ratschläge" auszugeben und keine unbedingte Verbindlich- 
keit für sie zu beanspruchen. Die außerordentliche Verschie- 
denheit der in Betracht kommenden psychischen Konstellatio- 
nen, die Plastizität aller seelischen Vorgänge und der Reich- 
tum an determinierenden Faktoren widersetzen sich auch 
einer Mechanisierung der Technik und gestatten es, daß ein 
sonst berechtigtes Vorgehen gelegentlich wirkungslos bleibt 
und ein für gewöhnlich fehlerhaftes einmal zum Ziele führt. 
Diese Verhältnisse hindern indes nicht, ein durchschnittlich 
zweckmäßiges Verhalten des Arztes festzustellen. 

Die wichtigsten Indikationen für die Auswahl der Kranken 
habe ich bereits vor Jahren an anderer Stelle angegeben. 18 
Ich wiederhole sie darum hier nicht; sie haben unterdes die 
Zustimmung anderer Psychoanalytiker gefunden. Ich füge 
aber hinzu, daß ich mich seither gewöhnt habe, Kranke, von 
denen ich wenig weiß, vorerst nur provisorisch, für die Dauer 
von einer bis zwei Wochen, anzunehmen. Bricht man inner- 
halb dieser Zeit ab, so erspart man dem Kranken den pein- 
lichen Eindruck eines verunglückten Heilungsversuches. Man 
hat eben nur eine Sondierung vorgenommen, um den Fall 
kennen zu lernen und um zu unterscheiden, ob er für die 
Psychoanalyse geeignet ist. Eine andere Art der Erprobung 
als einen solchen Versuch hat man nicht zur Verfügung; noch 
so lange fortgesetzte Unterhaltungen und Ausfragungen in 
der Sprechstunde würden keinen Ersatz bieten. Dieser Vor- 
versuch aber ist bereits der Beginn der Psychoanalyse und soll 
den Regeln derselben folgen. Man kann ihn etwa dadurch 

16) Über Psychotherapie, 1905 (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 11 ff). 



der Behandlung 



3 6i 



gesondert halten, daß man hauptsächlich den Patienten 
reden läßt und ihm von Aufklärungen nicht mehr mitteilt, 
als zur Fortführung seiner Erzählungen durchaus unerläß- 
lich ist. 

Die Einleitung der Behandlung mit einer solchen für einige 
"Wochen angesetzten Probezeit hat übrigens auch eine diagno- 
stische Motivierung. Oft genug, wenn man eine Neurose mit 
hysterischen oder Zwangssymptomen vor sich hat, von nicht 
exzessiver Ausprägung und von kürzerem Bestände, also 
gerade solche Formen, die man als günstig für die Behandlung 
ansehen wollte, muß man dem Zweifel Raum geben, ob der 
Fall nicht einem Vorstadium einer sogenannten Dementia 
praecox (Schizophrenie nach Bleuler, Paraphrenie nach 
meinem Vorschlage) entspricht und nach kürzerer oder 
längerer Zeit ein ausgesprochenes Bild dieser Affektion zeigen 
wird. Ich bestreite es, daß es immer so leicht möglich ist, die 
Unterscheidung zu treffen. Ich weiß, daß es Psychiater gibt, 
die in der DirTerentialdiagnose seltener schwanken, aber ich 
habe mich überzeugt, daß sie ebenso häufig irren. Der Irrtum 
ist nur für den Psychoanalytiker verhängnisvoller als für den 
sogenannten klinischen Psychiater. Denn der letztere unter- 
nimmt in dem einen Falle so wenig wie in dem anderen etwas 
Ersprießliches; er läuft nur die Gefahr eines theoretischen 
Irrtums und seine Diagnose hat nur akademisches Interesse. 
Der Psychoanalytiker hat aber im ungünstigen Falle einen 
praktischen Mißgriff begangen, er hat einen vergeblichen 
Aufwand verschuldet und sein Heilverfahren diskreditiert. Er 
kann sein Heilungsversprechen nicht halten, wenn der Kranke 
nicht an Hysterie oder Zwangsneurose, sondern an Para- 
phrenie leidet, und hat darum besonders starke Motive, den 
diagnostischen Irrtum zu vermeiden. In einer Probebehand- 
lung von einigen Wochen wird er oft verdächtige Wahr- 
nehmungen machen, die ihn bestimmen können, den Versuch 



3<Ji 



Zur Einleitung 



nicht weiter fortzusetzen. Ich kann leider nicht behaupten, 
daß ein solcher Versuch regelmäßig eine sichere Entscheidung 
ermöglicht; es ist nur eine gute Vorsicht mehr. 17 

Lange Vorbesprechungen vor Beginn der analytischen Be- 
handlung, eine andersartige Therapie vorher, sowie frühere 
Bekanntschaft zwischen dem Arzt und dem zu Analysierenden 
haben bestimmte ungünstige Folgen, auf die man vorbereitet 
sein muß. Sie machen nämlich, daß der Patient dem Arzt in 
einer fertigen Ubertragungseinstellung gegenübertritt, die der 
Arzt erst langsam aufdecken muß, anstatt daß er die Gelegen- 
heit hat, das Wachsen und Werden der Übertragung von An- 
fang an zu beobachten. Der Patient hat so eine Zeitlang einen 
Vorsprung, den man ihm in der Kur nur ungern gönnt. 

Gegen alle die, welche die Kur mit einem Aufschübe be- 
ginnen wollen, sei man mißtrauisch. Die Erfahrung zeigt, daß 
sie nach Ablauf der vereinbarten Frist nicht eintreffen, auch 
wenn die Motivierung dieses Aufschubes, also die Rationali- 
sierung des Vorsatzes, dem Uneingeweihten tadellos erscheint. 

Besondere Schwierigkeiten ergeben sich, wenn zwischen dem 
Arzte und dem in die Analyse eintretenden Patienten oder 
deren Familien freundschaftliche oder gesellschaftliche Bezie- 
hungen bestanden haben. Der Psychoanalytiker, von dem ver- 
langt wird, daß er die Ehefrau oder das Kind eines Freundes 
in Behandlung nehme, darf sich darauf vorbereiten, daß ihn 
das Unternehmen, wie immer es ausgehe, die Freundschaft 

17) Über das Thema dieser diagnostischen Unsicherheit, über 
die Chancen der Analyse bei leichten Formen von Paraphrenie 
und über die Begründung der Ähnlichkeit beider Affektionen wäre 
sehr viel zu sagen, was ich in diesem Zusammenhange nicht aus- 
führen kann. Gern würde ich nach Jungs Vorgang Hysterie und 
Zwangsneurose als „Übertragungsneurosen" den para- 
phrenischen Affektionen als „Introversionsneurosen" 
gegenüberstellen, wenn bei diesem Gebrauch der Begriff der 
„Introversion" (der Libido) nicht seinem einzig berechtigten Sinne 
entfremdet würde. 



der Behandlung 363 

kosten wird. Er muß doch das Opfer bringen, wenn er nicht 
einen vertrauenswürdigen Vertreter stellen kann. 

Laien wie Ärzte, welche die Psychoanalyse immer noch 
gern mit einer Suggestivbehandlung verwechseln, pflegen 
hohen Wert auf die Erwartung zu legen, welche der Patient 
der neuen Behandlung entgegenbringt. Sie meinen oft, mit 
dem einen Kranken werde man nicht viel Mühe haben, denn 
er habe ein großes Zutrauen zur Psychoanalyse und sei von 
ihrer Wahrheit und ihrer Leistungsfähigkeit voll überzeugt. 
Bei einem anderen werde es wohl schwerer gehen, denn er 
verhalte sich skeptisch und wolle nichts glauben, ehe er nicht 
den Erfolg an seiner eigenen Person gesehen habe. In Wirk- 
lichkeit hat aber diese Einstellung der Kranken eine recht 
geringe Bedeutung; sein vorläufiges Zutrauen oder Mißtrauen 
kommt gegen die inneren Widerstände, welche die Neurose 
verankern, kaum in Betracht. Die Vertrauensseligkeit des 
Patienten macht ja den ersten Verkehr mit ihm recht ange- 
nehm; man dankt ihm für sie, bereitet ihn aber darauf vor, 
daß seine günstige Voreingenommenheit an der ersten in der 
Behandlung auftauchenden Schwierigkeit zerschellen wird. 
Dem Skeptiker sagt man, daß die Analyse kein Vertrauen 
braucht, daß er so kritisch und mißtrauisch sein dürfe, als 
ihm beliebt, daß man seine Einstellung gar nicht auf die 
Rechnung seines Urteiles setzen wolle, denn er sei ja nicht in 
der Lage, sich ein verläßliches Urteil über diese Punkte zu 
bilden; sein Mißtrauen sei eben ein Symptom wie seine anderen 
Symptome, und es werde sich nicht störend erweisen, wenn 
er nur gewissenhaft befolgen wolle, was die Regel der Behand- 
lung von ihm fordere. 

Wer mit dem Wesen der Neurose vertraut ist, wird nicht 
erstaunt sein zu hören, daß auch derjenige, der sehr wohl 
befähigt ist, die Psychoanalyse an anderen auszuüben, sich 
benehmen kann wie ein anderer Sterblicher und die inten- 



364 Zur Einleitung 

sivsten "Widerstände zu produzieren imstande ist, sobald er 
selbst zum Objekte der Psychoanalyse gemacht wird. Man 
bekommt dann wieder einmal den Eindruck der psychischen 
Tiefendimension und findet nichts Überraschendes daran, daß 
die Neurose in psychischen Schichten wurzelt, bis zu denen 
die analytische Bildung nicht hinabgedrungen ist. 

"Wichtige Punkte zu Beginn der analytischen Kur sind die 
Bestimmungen über Zeit und Geld. 

In betreff der Zeit befolge ich ausschließlich das Prinzip 
des Vermietens einer bestimmten Stunde. Jeder Patient er- 
hält eine gewisse Stunde meines verfügbaren Arbeitstages zu- 
gewiesen; sie ist die seine und er bleibt für sie haftbar, auch 
wenn er sie nicht benützt. Diese Bestimmung, die für den 
Musik- oder Sprachlehrer in unserer guten Gesellschaft als 
selbstverständlich gilt, erscheint beim Arzte vielleicht hart 
oder selbst standesunwürdig. Man wird geneigt sein, auf die 
vielen Zufälligkeiten hinzuweisen, die den Patienten hindern 
mögen, jedesmal zu derselben Stunde beim Arzte zu er- 
scheinen, und wird verlangen, daß den zahlreichen inter- 
kurrenten Erkrankungen Rechnung getragen werde, die im 
Verlaufe einer längeren analytischen Behandlung vorfallen 
können. Allein meine Antwort ist: es geht nicht anders. Bei 
milderer Praxis häufen sich die „gelegentlichen" Absagen so 
sehr, daß der Arzt seine materielle Existenz gefährdet findet. 
Bei strenger Einhaltung dieser Bestimmung stellt sich dagegen 
heraus, daß hinderliche Zufälligkeiten überhaupt nicht vor- 
kommen und interkurrente Erkrankungen nur sehr selten. 
Man kommt kaum je in die Lage, eine Muße zu genießen, 
deren man sich als Erwerbender zu schämen hätte; man kann 
die Arbeit ungestört fortsetzen und entgeht der peinlichen, 
verwirrenden Erfahrung, daß gerade dann immer eine un- 
verschuldete Pause in der Arbeit eintreten muß, wenn sie 
besonders wichtig und inhaltsreich zu werden versprach. Von 



der Behandlung 365 

der Bedeutung der Psychogenie im täglichen Leben der 
Menschen, von der Häufigkeit der „Schulkrankheiten" und 
der Nichtigkeit des Zufalls gewinnt man erst eine ordent- 
liche Überzeugung, wenn man einige Jahre hindurch Psycho- 
analyse betrieben hat unter strenger Befolgung des Prinzips 
der Stundenmiete. Bei unzweifelhaften organischen Affektio- 
nen, die durch das psychische Interesse doch nicht ausge- 
schlossen werden können, unterbreche ich die Behandlung, 
halte mich für berechtigt, die frei gewordene Stunde anders 
zu vergeben, und nehme den Patienten wieder auf, sobald er 
hergestellt ist, und ich eine andere Stunde frei bekommen habe. 

Ich arbeite mit meinen Patienten täglich mit Ausnahme 
der Sonntage und der großen Festtage, also für gewöhnlich 
sechsmal in der "Woche. Für leichte Fälle oder Fortsetzungen 
von weit gediehenen Behandlungen reichen auch drei Stun- 
den wöchentlich aus. Sonst bringen Einschränkungen an Zeit 
weder dem Arzte noch dem Patienten Vorteil; für den An- 
fang sind sie ganz zu verwerfen. Schon durch kurze Unter- 
brechungen wird die Arbeit immer ein wenig verschüttet; 
wir pflegten scherzhaft von einer „Montagskruste" zu spre- 
chen, wenn wir nach der Sonntagsruhe von neuem begannen; 
bei seltener Arbeit besteht die Gefahr, daß man mit dem 
realen Erleben des Patienten nicht Schritt halten kann, daß 
die Kur den Kontakt mit der Gegenwart verliert und auf 
Seitenwege gedrängt wird. Gelegentlich trifft man auch auf 
Kranke, denen man mehr Zeit als das mittlere Maß von 
einer Stunde widmen muß, weil sie den größeren Teil einer 
Stunde verbrauchen, um aufzutauen, überhaupt mitteilsam zu 
werden. 

Eine dem Arzte unliebsame Frage, die der Kranke zu allem 
Anfange an ihn richtet, lautet: Wie lange Zeit wird die Be- 
handlung dauern? Welche Zeit brauchen Sie, um mich von 
meinem Leiden zu befreien? Wenn man eine Probebehandlung 



l 



366 Zur Einleitung 

von einigen Wochen vorgeschlagen hat, entzieht man sich der 
direkten Beantwortung dieser Frage, indem man verspricht, 
nach Ablauf der Probezeit eine zuverlässigere Aussage abgeben 
zu können. Man antwortet gleichsam wie der Ä s o p der Fabel 
dem Wanderer, der nach der Länge des Weges fragt, mit der 
Aufforderung: Geh, und erläutert den Bescheid durch die 
Begründung, man müsse zuerst den Schritt des Wanderers 
kennen lernen, ehe man die Dauer seiner Wanderung berech- 
nen könne. Mit dieser Auskunft hilft man sich über die ersten 
Schwierigkeiten hinweg, aber der Vergleich ist nicht gut, denn 
der Neurotiker kann leicht sein Tempo verändern und zu 
Zeiten nur sehr langsame Fortschritte machen. Die Frage nach 
der voraussichtlichen Dauer der Behandlung ist in Wahrheit 
kaum zu beantworten. 

Die Einsichtslosigkeit der Kranken und die Unaufrichtigkeit 
der Ärzte vereinigen sich zu dem Effekt, an die Analyse die 
maßlosesten Ansprüche zu stellen und ihr dabei die knappste 
Zeit einzuräumen. Ich teile zum Beispiel aus dem Briefe einer 
Dame in Rußland, der vor wenigen Tagen an mich gekommen 
ist, folgende Daten mit. Sie ist 53 Jahre alt, seit 23 Jahren 
leidend, seit zehn Jahren keiner anhaltenden Arbeit mehr 
fähig. „Behandlung in mehreren Nervenheilanstalten" hat es 
nicht vermocht, ihr ein „aktives Leben" zu ermöglichen. Sie 
hofft durch die Psychoanalyse, über die sie gelesen hat, ganz 
geheilt zu werden. Aber ihre Behandlung hat ihrer Familie 
schon so viel gekostet, daß sie keinen längeren Aufenthalt in 
Wien nehmen kann als sechs Wochen oder zwei Monate. 
Dazu kommt die Erschwerung, daß sie sich von Anfang an 
nur schriftlich „deutlich machen" will, denn Antasten ihrer 
Komplexe würde bei ihr eine Explosion hervorrufen oder sie 
„zeitlich verstummen lassen". — Niemand würde sonst erwar- 
ten, daß man einen schweren Tisch mit zwei Fingern heben 
werde wie einen leichten Schemel, oder daß man ein großes 



der Behandlung 367 

Haus in derselben Zeit bauen könne wie ein Holzhüttchen, 
doch sowie es sich um die Neurosen handelt, die in den Zu- 
sammenhang des menschlichen Denkens derzeit noch nicht 
eingereiht scheinen, vergessen selbst intelligente Personen an 
die notwendige Proportionalität zwischen Zeit, Arbeit und 
Erfolg. Übrigens eine begreifliche Folge der tiefen Unwissen- 
heit über die Ätiologie der Neurosen. Dank dieser Ignoranz 
ist ihnen die Neurose eine Art „Mädchen aus der Fremde". 
Man wußte nicht, woher sie kam, und darum erwartet man, 
daß sie eines Tages entschwunden sein wird. 

Die Ärzte unterstützen diese Vertrauensseligkeit; auch 
wissende unter ihnen schätzen häufig die Schwere der neuroti- 
schen Erkrankungen nicht ordentlich ein. Ein befreundeter 
Kollege, dem ich es hoch anrechne, daß er sich nach mehreren 
Dezennien wissenschaftlicher Arbeit auf anderen Voraussetzun- 
gen zur Würdigung der Psychoanalyse bekehrt hat, schrieb 
mir einmal: Was uns nottut, ist eine kurze, bequeme, ambula- 
torische Behandlung der Zwangsneurosen. Ich konnte damit 
nicht dienen, schämte mich und suchte mich mit der Bemer- 
kung zu entschuldigen, daß wahrscheinlich auch die Inter- 
nisten mit einer Therapie der Tuberkulose oder des Karzinoms, 
welche diese Vorzüge vereinte, sehr zufrieden sein würden. 

Um es direkter zu sagen, es handelt sich bei der Psycho- 
anlyse immer um lange Zeiträume, halbe oder ganze Jahre, 
um längere, als der Erwartung des Kranken entspricht. Man 
hat daher die Verpflichtung, dem Kranken diesen Sachver- 
halt zu eröffnen, ehe er sich endgültig für die Behandlung 
entschließt. Ich halte es überhaupt für würdiger, aber auch 
für zweckmäßiger, wenn man ihn, ohne gerade auf seine Ab- 
schreckung hinzuarbeiten, doch von vornherein auf die 
Schwierigkeiten und Opfer der analytischen Therapie auf- 
merksam macht und ihm so jede Berechtigung nimmt, später 
einmal zu behaupten, man habe ihn in die Behandlung, deren 



I 



368 Zur Einleitung 

Umfang und Bedeutung er nicht gekannt habe, gelockt. Wer 
sich durch solche Mitteilungen abhalten läßt, der hätte sich 
später doch als unbrauchbar erwiesen. Es ist gut, eine der- 
artige Auslese vor dem Beginne der Behandlung vorzunehmen. 
Mit dem Fortschritte der Aufklärung unter den Kranken 
wächst doch die Zahl derjenigen, welche diese erste Probe 
bestehen. 

Ich lehne es ab, die Patienten auf eine gewisse Dauer des 
Ausharrens in der Behandlung zu verpflichten, gestatte jedem, 
die Kur abzubrechen, wann es ihm beliebt, verhehle ihm aber 
nicht, daß ein Abbruch nach kurzer Arbeit keinen Erfolg zu- 
rücklassen wird und ihn leicht wie eine unvollendete Opera- 
tion in einen unbefriedigenden Zustand versetzen kann. In den 
ersten Jahren meiner psychoanalytischen Tätigkeit fand ich 
die größte Schwierigkeit, die Kranken zum Verbleiben zu be- 
wegen; diese Schwierigkeit hat sich längst verschoben, ich 
muß jetzt ängstlich bemüht sein, sie auch zum Aufhören zu 
nötigen. 

Die Abkürzung der analytischen Kur bleibt ein berechtigter 
Wunsch, dessen Erfüllung, wie wir hören werden, auf ver- 
schiedenen Wegen angestrebt wird. Es steht ihr leider ein sehr 
bedeutsames Moment entgegen, die Langsamkeit, mit der sich 
tiefgreifende seelische Veränderungen vollziehen, in letzter 
Linie wohl die „Zeitlosigkeit" unserer unbewußten Vorgänge. 
Wenn die Kranken vor die Schwierigkeit des großen Zeitauf- 
wandes für die Analyse gestellt werden, so wissen sie nicht selten 
ein gewisses Auskunftsmittel vorzuschlagen. Sie teilen ihre Be- 
schwerden in solche ein, die sie als unerträglich, und andere, 
die sie als nebensächlich beschreiben, und sagen: Wenn Sic 
mich nur von dem einen (zum Beispiel dem Kopfschmerz, der 
bestimmten Angst) befreien, mit dem anderen will ich schon 
selbst im Leben fertig werden. Sie überschätzen dabei aber die 
elektive Macht der Analyse. Gewiß vermag der analytische 



der Behandlung ,60 

Arzt viel, aber er kann nicht genau bestimmen, was er zu- 
stande bringen wird. Er leitet einen Prozeß ein, den der Auf- 
lösung der bestehenden Verdrängungen, er kann ihn über- 
wachen, fördern, Hindernisse aus dem Wege räumen, gewiß 
auch viel an ihm verderben. Im ganzen aber geht der einmal 
eingeleitete Prozeß seinen eigenen Weg und läßt sich weder 
seine Richtung noch die Reihenfolge der Punkte, die er an- 
greift, vorschreiben. Mit der Macht des Analytikers über die 
Krankheitserscheinungen steht es also ungefähr so wie mit der 
männlichen Potenz. Der kräftigste Mann kann zwar ein ganzes 
Kind zeugen, aber nicht im weiblichen Organismus einen Kopf 
allein, einen Arm oder ein Bein entstehen lassen; er kann nicht 
einmal über das Geschlecht des Kindes bestimmen. Er leitet 
eben auch nur einen höchst verwickelten und durch alte Ge- 
schehnisse determinierten Prozeß ein, der mit der Lösung des 
Kindes von der Mutter endet. Auch die Neurose eines Men- 
schen besitzt die Charaktere eines Organismus, ihre Teil- 
erscheinungen sind nicht unabhängig voneinander, sie bedingen 
einander, pflegen sich gegenseitig zu stützen; man leidet immer 
nur an einer Neurose, nicht an mehreren, die zufällig in einem 
Individuum zusammengetroffen sind. Der Kranke, den man 
nach seinem Wunsche von dem einen unerträglichen Symptome 
befreit hat, könnte leicht die Erfahrung machen, daß nun ein 
bisher mildes Symptom sich zur Unerträglichkeit steigert. Wer 
überhaupt den Erfolg von seinen suggestiven (das heißt Uber- 
tragungs-)Bedingungen möglichst ablösen will, der tut gut 
daran, auch auf die Spuren elektiver Beeinflussung des Heil- 
erfolges, die dem Arzte etwa zustehen, zu verzichten. Dem 
Psychoanalytiker müssen diejenigen Patienten am liebsten sein, 
welche die volle Gesundheit, soweit sie zu haben ist, von ihm 
fordern, und ihm so viel Zeit zur Verfügung stellen, als der 
Prozeß der Herstellung verbraucht. Natürlich sind so günstige 
Bedingungen nur in wenig Fällen zu erwarten. 

24 Freud, Schriften zur Neurosenlehre 






370 Z#r Einleitung 

Der nächste Punkt, über den zu Beginn einer Kur entschie- 
den werden soll, ist das Geld, das Honorar des Arztes. Der 
Analytiker stellt nicht in Abrede, daß Geld in erster Linie als 
Mittel zur Selbsterhaltung und Machtgewinnung zu betrachten 
ist, aber er behauptet, daß mächtige sexuelle Faktoren an der 
Schätzung des Geldes mitbeteiligt sind. Er kann sich dann 
darauf berufen, daß Geldangelegenheiten von den Kultur- 
menschen in ganz ähnlicher Weise behandelt werden wie 
sexuelle Dinge, mit derselben Zwiespältigkeit, Prüderie und 
Heuchelei. Er ist also von vornherein entschlossen, dabei nicht 
mitzutun, sondern Geldbeziehungen mit der nämlichen selbst- 
verständlichen Aufrichtigkeit vor dem Patienten zu behandeln, 
zu der er ihn in Sachen des Sexuallebens erziehen will. Er 
beweist ihm, daß er selbst eine falsche Scham abgelegt hat, 
indem er unaufgefordert mitteilt, wie er seine Zeit einschätzt. 
Menschliche Klugheit gebietet dann, nicht große Summen zu- 
sammenkommen zu lassen, sondern nach kürzeren regelmäßi- 
gen Zeiträumen (etwa monatlich) Zahlung zu nehmen. (Man 
erhöht, wie bekannt, die Schätzung der Behandlung beim 
Patienten nicht, wenn man sie sehr wohlfeil gibt.) Das ist, wie 
man weiß, nicht die gewöhnliche Praxis des Nervenarztes 
oder des Internisten in unserer europäischen Gesellschaft. Aber 
der Psychoanalytiker darf sich in die Lage des Chirurgen ver- 
setzen, der aufrichtig und kostspielig ist, weil er über Behand- 
lungen verfügt, welche helfen können. Ich meine, es ist doch 
würdiger und ethisch unbedenklicher, sich zu seinen wirk- 
lichen Ansprüchen und Bedürfnissen zu bekennen, als, wie es 
jetzt noch unter Ärzten gebräuchlich ist, den uneigennützigen 
Menschenfreund zu agieren, dessen Situation einem doch ver- 
sagt ist, und sich dafür im Stillen über die Rücksichtslosigkeit 
und die Ausbeutungssucht der Patienten zu grämen oder laut 
darüber zu schimpfen. Der Analytiker wird für seinen An- 
spruch auf Bezahlung noch geltend machen, daß er bei 






der Behandlung 37I 

schwerer Arbeit nie so viel erwerben kann wie andere medi- 
zinische Spezialisten. 

Aus denselben Gründen wird er es auch ablehnen dürfen, 
ohne Honorar zu behandeln, und auch zugunsten der Kollegen 
oder ihrer Angehörigen keine Ausnahme machen. Die letzte 
Forderung scheint gegen die ärztliche Kollegialität zu ver- 
stoßen; man halte sich aber vor, daß eine Gratisbehandlung 
für den Psychoanalytiker weit mehr bedeutet als für jeden 
anderen, nämlich die Entziehung eines ansehnlichen Bruch- 
teiles seiner für den Erwerb verfügbaren Arbeitszeit (eines 
Achtels, Siebentels u. dgl.) auf die Dauer von vielen Monaten. 
Eine gleichzeitige zweite Gratisbehandlung raubt ihm bereits 
ein Viertel oder Drittel seiner Erwerbsfähigkeit, was der Wir- 
kung eines schweren traumatischen Unfalles gleichzusetzen 
wäre. 

Es fragt sich dann, ob der Vorteil für den Kranken das 
Opfer des Arztes einigermaßen aufwiegt. Ich darf mir wohl 
ein Urteil darüber zutrauen, denn ich habe durch etwa zehn 
Jahre täglich eine Stunde, zeitweise auch zwei, Gratisbehand- 
lungen gewidmet, weil ich zum Zwecke der Orientierung in 
der Neurose möglichst widerstandsfrei arbeiten wollte. Ich 
fand dabei die Vorteile nicht, die ich suchte. Manche der 
Widerstände des Neurotikers werden durch die Gratisbehand- 
lung enorm gesteigert, so beim jungen Weibe die Versuchung, 
die in der Übertragungsbeziehung enthalten ist, beim jungen 
Manne das aus dem Vaterkomplex stammende Sträuben gegen 
die Verpflichtung der Dankbarkeit, das zu den widrigsten Er- 
schwerungen der ärztlichen Hilfeleistung gehört. Der Wegfall 
der Regulierung, die doch durch die Bezahlung an den Arzt 
gegeben ist, macht sich sehr peinlich fühlbar; das ganze Ver- 
hältnis rückt aus der realen Welt heraus; ein gutes Motiv, die 
Beendigung der Kur anzustreben, wird dem Patienten ent- 
zogen. 

*4* 



yj Z Zur Einleitung 

Man kann der asketischen Verdammung des Geldes ganz 
ferne stehen und darf es doch bedauern, daß die analytische 
Therapie aus äußeren wie aus inneren Gründen den Armen 
fast unzugänglich ist. Es ist wenig dagegen zu tun. Vielleicht 
hat die viel verbreitete Behauptung recht, daß der weniger 
leicht der Neurose verfällt, wer durch die Not des Lebens 
zu harter Arbeit gezwungen ist. Aber ganz unbestreitbar 
steht die andere Erfahrung da, daß der Arme, der einmal eine 
Neurose zustande gebracht hat, sich dieselbe nur sehr schwer 
entreißen läßt. Sie leistet ihm zu gute Dienste im Kampfe um 
die Selbtbehauptung; der sekundäre Krankheitsgewinn, den sie 
ihm bringt, ist allzu bedeutend. Das Erbarmen, das die Men- 
schen seiner materiellen Not versagt haben, beansprucht er 
jetzt unter dem Titel seiner Neurose und kann sich von der 
Forderung, seine Armut durch Arbeit zu bekämpfen, selbst 
freisprechen. Wer die Neurose eines Armen mit den Mitteln 
der Psychotherapie angreift, macht also in der Regel die Er- 
fahrung, daß in diesem Falle eigentlich eine Aktualtherapie 
ganz anderer Art von ihm gefordert wird, eine Therapie, wie 
sie nach der bei uns heimischen Sage Kaiser Josef II. zu üben 
pflegte. Natürlich findet man doch gelegentlich wertvolle und 
ohne ihre Schuld hilflose Menschen, bei denen die unentgelt- 
liche Behandlung nicht auf die angeführten Hindernisse stößt 
und schöne Erfolge erzielt. 

Für den Mittelstand ist der für die Psychoanalyse benötigte 
Geldaufwand nur scheinbar ein übermäßiger. Ganz abgesehen 
davon, daß Gesundheit und Leistungsfähigkeit einerseits, ein 
mäßiger Geldaufwand anderseits überhaupt inkommensurabel 
sind: wenn man die nie aufhörenden Ausgaben für Sanatorien 
und ärztliche Behandlung zusammenrechnet und ihnen die 
Steigerung der Leistungs- und Erwerbsfähigkeit nach glücklich 
beendeter analytischer Kur gegenüberstellt, darf man sagen, 
daß die Kranken einen guten Handel gemacht haben. Es ist 



der Behandlung 373 

nichts Kostspieligeres im Leben als die Krankheit und — die 
Dummheit. 

Ehe ich diese Bemerkungen zur Einleitung der analytischen 
Behandlung beschließe, noch ein Wort über ein gewisses Zere- 
moniell der Situation, in welcher die Kur ausgeführt wird. 
Ich halte an dem Rate fest, den Kranken auf einem Ruhebett 
lagern zu lassen, während man hinter ihm, von ihm ungesehen, 
Platz nimmt. Diese Veranstaltung hat einen historischen Sinn, 
sie ist der Rest der hypnotischen Behandlung, aus welcher sich 
die Psychoanalyse entwickelt hat. Sie verdient aber aus mehr- 
fachen Gründen festgehalten zu werden. Zunächst wegen 
eines persönlichen Motivs, das aber andere mit mir teilen 
mögen. Ich vertrage es nicht, acht Stunden täglich (oder 
länger) von anderen angestarrt zu werden. Da ich mich 
während des Zuhörens selbst dem Ablauf meiner unbewußten 
Gedanken überlasse, will ich nicht, daß meine Mienen dem 
Patienten Stoff zu Deutungen geben oder ihn in seinen Mit- 
teilungen beeinflussen. Der Patient faßt die ihm aufgezwun- 
gene Situation gewöhnlich als Entbehrung auf und sträubt sich 
gegen sie, besonders wenn der Schautrieb (das Voyeurtum) in 
seiner Neurose eine bedeutende Rolle spielt. Ich beharre aber 
auf dieser Maßregel, welche die Absicht und den Erfolg hat, die 
unmerkliche Vermengung der Übertragung mit den Einfällen 
des Patienten zu verhüten, die Übertragung zu isolieren und 
sie zur Zeit als Widerstand scharf umschrieben hervortreten 
zu lassen. Ich weiß, daß viele Analytiker es anders machen, 
aber ich weiß nicht, ob die Sucht, es anders zu machen, oder 
ob ein Vorteil, den sie dabei gefunden haben, mehr Anteil an 
ihrer Abweichung hat. 

Wenn nun die Bedingungen der Kur in solcher Weise ge- 
regelt sind, erhebt sich die Frage, an welchem Punkte und mit 
welchem Materiale soll man die Behandlung beginnen? 

Es ist im ganzen gleichgültig, mit welchem Stoffe man die 









374 Z ur Einleitung 

Behandlung beginnt, ob mit der Lebensgeschichte, der Kran- 
kengeschichte oder den Kindheitserinnerungen des Patienten. 
Jedenfalls aber so, daß man den Patienten erzählen läßt und 
ihm die Wahl des Anfangspunktes freistellt. Man sagt ihm 
also: Ehe ich Ihnen etwas sagen kann, muß ich viel über Sie 
erfahren haben; bitte teilen Sie mir mit, was Sie von sich 
wissen. 

Nur für die Grundregel der psychoanalytischen Technik, 
die der Patient zu beobachten hat, macht man eine Ausnahme. 
Mit dieser macht man ihn von allem Anfang an bekannt: 
Noch eines, ehe Sie beginnen. Ihre Erzählung soll sich doch 
in einem Punkte von einer gewöhnlichen Konversation unter- 
scheiden. Während Sie sonst mit Recht versuchen, in Ihrer 
Darstellung den Faden des Zusammenhanges festzuhalten und 
alle störenden Einfälle und Nebengedanken abweisen, um 
nicht, wie man sagt, aus dem Hundertsten ins Tausendste zu 
kommen, sollen Sie hier anders vorgehen. Sie werden be- 
obachten, daß Ihnen während Ihrer Erzählung verschiedene 
Gedanken kommen, welche Sie mit gewissen kritischen Ein- 
wendungen zurückweisen möchten. Sie werden versucht sein, 
sich zu sagen: Dies oder jenes gehört nicht hieher, oder es ist 
ganz unwichtig, oder es ist unsinnig, man braucht es darum 
nicht zu sagen. Geben Sie dieser Kritik niemals nach und 
sagen Sie es trotzdem, ja gerade darum, weil Sie eine Abnei- 
gung dagegen verspüren. Den Grund für diese Vorschrift — 
eigentlich die einzige, die Sie befolgen sollen — werden Sie 
später erfahren und einsehen lernen. Sagen Sie also alles, was 
Ihnen durch den Sinn geht. Benehmen Sie sich so, wie zum 
Beispiel ein Reisender, der am Fensterplatze des Eisenbahn- 
wagens sitzt und dem im Innern Untergebrachten beschreibt, 
wie sich vor seinen Blicken die Aussicht verändert. Endlich 
vergessen Sie nie daran, daß Sie volle Aufrichtigkeit ver- 
sprochen haben, und gehen Sie nie über etwas hinweg, weil 






1 



der Behandlung 375 

Ihnen dessen Mitteilung aus irgendeinem Grunde unange- 
nehm ist. 18 

18) Über die Erfahrungen mit der psychoanalytischen Grund- 
regel wäre viel zu sagen. Man trifft gelegentlich auf Personen, die 
sich benehmen, als ob sie sich diese Regel selbst gegeben hätten. 
Andere sündigen gegen sie von allem Anfang an. Ihre Mitteilung 
ist in den ersten Stadien der Behandlung unerläßlich, auch nutz- 
bringend; später unter der Herrschaft der Widerstände versagt 
der Gehorsam gegen sie, und für jeden kommt irgend einmal die 
Zeit, sich über sie hinwegzusetzen. Man muß sich aus seiner Selbst- 
analyse daran erinnern, wie unwiderstehlich die Versuchung auf- 
tritt, jenen kritischen Vorwänden zur Abweisung von Einfällen 
nachzugeben. Von der geringen Wirksamkeit solcher Verträge, 
wie man sie durch die Aufstellung der psa. Grundregel mit dem 
Patienten schließt, kann man sich regelmäßig überzeugen, wenn 
sich zum erstenmal etwas Intimes über dritte Personen zur Mit- 
teilung einstellt. Der Patient weiß, daß er alles sagen soll, aber er 
macht aus der Diskretion gegen andere eine neue Abhaltung. „Soll 
ich wirklich alles sagen? Ich habe geglaubt, das gilt nur für Dinge, 
die mich selbst betreffen." Es ist natürlich unmöglich, eine analy- 
tische Behandlung durchzuführen, bei der die Beziehungen des 
Patienten zu anderen Personen und seine Gedanken über sie von 
der Mitteilung ausgenommen sind. Pour faire une omelette il faut 
casser des oeufs. Ein anständiger Mensch vergißt bereitwillig, was 
ihm von solchen Geheimnissen fremder Leute nicht wissenswert 
erscheint. Auch auf die Mitteilung von Namen kann man nicht 
verzichten; die Erzählungen des Patienten bekommen sonst etwas 
Schattenhaftes wie die Szenen der „natürlichen Tochter" 
Goethes, was im Gedächtnis des Arztes nicht haften will; auch 
decken die zurückgehaltenen Namen den Zugang zu allerlei wich- 
tigen Beziehungen. Man kann Namen etwa' reservieren lassen, bis 
der Analysierte mit dem Arzt und dem Verfahren vertrauter ge- 
worden ist. Es ist sehr merkwürdig, daß die ganze Aufgabe unlös- 
bar wird, sowie man die Reserve an einer einzigen Stelle gestattet 
hat. Aber man bedenke, wenn bei uns ein Asylrecht, zum Beispiel 
für einen einzigen Platz in der Stadt, bestände, wie lange es 
brauchen würde, bis alles Gesindel der Stadt auf diesem einen 
Platze zusammenträfe. Ich behandelte einmal einen hohen Funk- 
tionär, der durch seinen Diensteid genötigt war, gewisse Dinge als 
Staatsgeheimnisse vor der Mitteilung zu bewahren, und scheiterte 
bei ihm an dieser Einschränkung. Die psychoanalytische Behand- 
lung muß sich über alle Rücksichten hinaussetzen, weil die 
Neurose und ihre Widerstände rücksichtslos sind. 



376 Z«r Einleitung 

Patienten, die ihr Kranksein von einem bestimmten Momente 
an rechnen, stellen sich gewöhnlich auf die Krankheitsveran- 
lassung ein; andere, die den Zusammenhang ihrer Neurose mit 
ihrer Kindheit selbst nicht verkennen, beginnen oft mit der 
Darstellung ihrer ganzen Lebensgeschichte. Eine systematische 
Erzählung erwarte man auf keinen Fall und tue nichts dazu, 
sie zu fördern. Jedes Stückchen der Geschichte wird später 
von Neuem erzählt werden müssen, und erst bei diesen Wie- 
derholungen werden die Zusätze erscheinen, welche die wichti- 
gen, dem Kranken unbekannten Zusammenhänge vermitteln. 

Es gibt Patienten, die sich von den ersten Stunden an sorg- 
fältig auf ihre Erzählung vorbereiten, angeblich um so die 
bessere Ausnutzung der Behandlungszeit zu sichern. Was sich 
so als Eifer drapiert, ist Widerstand. Man widerrate solche 
Vorbereitung, die nur zum Schutze gegen das Auftauchen un- 
erwünschter Einfälle geübt wird. 19 Mag der Kranke noch so 
aufrichtig an seine löbliche Absicht glauben, der Widerstand 
wird seinen Anteil an der absichtlichen Vorbereitungsart for- 
dern und es durchsetzen, daß das wertvollste Material der 
Mitteilung entschlüpft. Man wird bald merken, daß der 
Patient noch andere Methoden erfindet, um der Behandlung 
das Verlangte zu entziehen. Er wird sich etwa täglich mit 
einem intimen Freunde über die Kur besprechen und in dieser 
Unterhaltung alle die Gedanken unterbringen, die sich ihm im 
Beisein des Arztes aufdrängen sollten. Die Kur hat dann ein 
Leck, durch das gerade das Beste verrinnt. Es wird dann bald 
an der Zeit sein, dem Patienten anzuraten, daß er seine ana- 
lytische Kur als eine Angelegenheit zwischen seinem Arzte und 
ihm selbst behandle und alle anderen Personen, mögen sie 
noch so nahestehend oder noch so neugierig sein, von der Mit- 
wisserschaft ausschließe. In späteren Stadien der Behandlung 

19) Ausnahmen lasse man nur zu für Daten wie: Familien tafel, 
Aufenthalte, Operationen u. dgl. 



der Behandlung 377 

ist der Patient in der Regel solchen Versuchungen nicht unter- 
worfen. 

Kranken, die ihre Behandlung geheim halten wollen, oft 
darum, weil sie auch ihre Neurose geheim gehalten haben, 
lege ich keine Schwierigkeiten in den Weg. Es kommt natür- 
lich nicht in Betracht, wenn infolge dieser Reservation einige 
der schönsten Heilerfolge ihre Wirkung auf die Mitwelt ver- 
fehlen. Die Entscheidung der Patienten für das Geheimnis 
bringt selbstverständlich bereits einen Zug ihrer Geheim- 
geschichte ans Licht. 

Wenn man den Kranken einschärft, zu Beginn ihrer Be- 
handlung möglichst wenig Personen zu Mitwissern zu machen, 
so schützt man sie dadurch auch einigermaßen vor den vielen 
feindseligen Einflüssen, die es versuchen werden, sie der 
Analyse abspenstig zu machen. Solche Beeinflussungen können 
zu Anfang der Kur verderblich werden. Späterhin sind sie 
meist gleichgültig oder selbst nützlich, um Widerstände, die 
sich verbergen wollen, zum Vorscheine zu bringen. 

Bedarf der Patient während der analytischen Behandlung 
vorübergehend einer anderen, internen oder spezialistischen 
Therapie, so ist es weit zweckmäßiger, einen nicht analyti- 
schen Kollegen in Anspruch zu nehmen, als diese andere 
Hilfeleistung selbst zu besorgen. Kombinierte Behandlung 
wegen neurotischer Leiden mit starker organischer Anlehnung 
sind meist undurchführbar. Die Patienten lenken ihr Interesse 
von der Analyse ab, sowie man ihnen mehr als einen Weg 
zeigt, der zur Heilung führen soll. Am besten schiebt man die 
organische Behandlung bis nach Abschluß der psychischen auf; 
würde man die erstere voranschicken, so bliebe sie in den 
meisten Fällen erfolglos. 

Kehren wir zur Einleitung der Behandlung zurück. Man 
wird gelegentlich Patienten begegnen, die ihre Kur mit der 
ablehnenden Versicherung beginnen, daß ihnen nichts einfalle, 












37** Zur Einleitung 

was sie erzählen könnten, obwohl das ganze Gebiet der 
Lebens- und Krankheitsgeschichte unberührt vor ihnen liegt. 
Auf die Bitte, ihnen doch anzugeben, wovon sie sprechen 
sollen, gehe man nicht ein, dieses erste Mal so wenig wie 
spätere Male. Man halte sich vor, womit man es in solchen 
Fällen zu tun hat. Ein starker Widerstand ist da in die Front 
gerückt, um die Neurose zu verteidigen; man nehme die 
Herausforderung sofort an und rücke ihm an den Leib. Die 
energisch wiederholte Versicherung, daß es solches Ausbleiben 
aller Einfälle zu Anfang nicht gibt, und daß es sich um einen 
Widerstand gegen die Analyse handle, nötigt den Patienten 
bald zu den vermuteten Geständnissen oder deckt ein erstes 
Stück seiner Komplexe auf. Es ist böse, wenn er gestehen muß, 
daß er sich während des Anhörens der Grundregel die Reser- 
vation geschaffen hat, dies oder jenes werde er doch für sich 
behalten. Minder arg, wenn er nur mitzuteilen braucht, wel- 
ches Mißtrauen er der Analyse entgegenbringt, oder was für 
abschreckende Dinge er über sie gehört habe. Stellt er diese 
und ähnliche Möglichkeiten, die man ihm vorhält, in Abrede, 
so kann man ihn durch Drängen zum Eingeständnis nötigen, 
daß er doch gewisse Gedanken, die ihn beschäftigen, vernach- 
lässigt hat. Er hat an die Kur selbst gedacht, aber an nichts 
Bestimmtes, oder das Bild des Zimmers, in dem er sich be- 
findet, hat ihn beschäftigt, oder er muß an die Gegenstände 
im Behandlungsraum denken, und daß er hier auf einem 
Divan liegt, was er alles durch die Auskunft „Nichts" ersetzt 
hat. Diese Andeutungen sind wohl verständlich; alles was an 
die gegenwärtige Situation anknüpft, entspricht einer Über- 
tragung auf den Arzt, die sich zu einem Widerstände geeignet 
erweist. Man ist so genötigt, mit der Aufdeckung dieser Über- 
tragung zu beginnen; von ihr aus findet sich rasch der Weg 
zum Eingange in das pathogene Material des Kranken. Frauen, 
die nach dem Inhalte ihrer Lebensgeschichte auf eine sexuelle 






. 






der Behandlung 



379 



Aggression vorbereitet sind, Männer mit überstarker verdräng- 
ter Homosexualität werden am ehesten der Analyse eine 
solche Verweigerung der Einfälle vorausschicken. 

"Wie der erste Widerstand, so können auch die ersten 
Symptome oder Zufallshandlungen der Patienten ein beson- 
deres Interesse beanspruchen und einen ihre Neurose beherr- 
schenden Komplex verraten. Ein geistreicher junger Philosoph, 
mit exquisiten ästhetischen Einstellungen, beeilt sich, den 
Hosenstreif zurechtzuzupfen, ehe er sich zur ersten Behand- 
lung niederlegt; er erweist sich als dereinstiger Koprophile von 
höchstem Raffinement, wie es für den späteren Ästheten zu er- 
warten stand. Ein junges Mädchen zieht in der gleichen Situa- 
tion hastig 'den Saum ihres Rockes über den vorschauenden 
Knöchel; sie hat damit das Beste verraten, was die spätere 
Analyse aufdecken wird, ihren narzißtischen Stolz auf ihre 
Körperschönheit und ihre Exhibitionsneigungen. 

Besonders viele Patienten sträuben sich gegen die ihnen 
vorgeschlagene Lagerung, während der Arzt ungesehen hinter 
ihnen sitzt, und bitten um die Erlaubnis, die Behandlung in 
anderer Position durchzumachen, zumeist, weil sie den An- 
blick des Arztes nicht entbehren wollen. Es wird ihnen regel- 
mäßig verweigert; man kann sie aber nicht daran hindern, 
daß sie sich's einrichten, einige Sätze vor Beginn der 
„Sitzung" zu sprechen oder nach der angekündigten Be- 
endigung derselben, wenn sie sich vom Lager erhoben haben. 
Sie teilen sich so die Behandlung in einen offiziellen Ab- 
schnitt, während dessen sie sich meist sehr gehemmt benehmen, 
und in einen „gemütlichen", in dem sie wirklich frei sprechen 
und allerlei mitteilen, was sie selbst nicht zur Behandlung 
rechnen. Der Arzt läßt sich diese Scheidung nicht lange 
gefallen, er merkt auf das vor oder nach der Sitzung Ge- 
sprochene, und indem er es bei nächster Gelegenheit ver- 
wertet, reißt er die Scheidewand nieder, die der Patient auf- 



380 Zur Einleitung 

richten wollte. Dieselbe wird wiederum aus dem Material 
eines Übertragungswiderstandes gezimmert sein. 

Solange nun die Mitteilungen und Ein- 
fälle des Patienten ohne Stockung er- 
folgen, lasse man das Thema der Über- 
tragung unberührt. Man warte mit dieser heikelsten 
aller Prozeduren, bis die Übertragung zum Widerstände ge- 
worden ist. 

Die nächste Frage, vor die wir uns gestellt finden, ist eine 
prinzipielle. Sie lautet: Wann sollen wir mit den Mitteilungen 
an den Analysierten beginnen? Wann ist es Zeit, ihm die 
geheime Bedeutung seiner Einfälle zu enthüllen, ihn in die 
Voraussetzungen und technischen Prozeduren der Analyse 
einzuweihen? 

Die Antwort hierauf kann nur lauten: Nicht eher, als bis 
sich eine leistungsfähige Übertragung, ein ordentlicher 
Rapport, bei dem Patienten hergestellt hat. Das erste Ziel der 
Behandlung bleibt, ihn an die Kur und an die Person des 
Arztes zu attachieren. Man braucht nichts anderes dazu zu 
tun, als ihm Zeit zu lassen. Wenn man ihm ernstes Interesse 
bezeugt, die anfangs auftauchenden Widerstände sorgfältig 
beseitigt und gewisse Mißgriffe vermeidet, stellt der Patient 
ein solches Attachement von selbst her und reiht den Arzt an 
eine der Imagines jener Person an, von denen er Liebes zu 
empfangen gewohnt war. Man kann sich diesen ersten Erfolg 
allerdings verscherzen, wenn man von Anfang an einen 
anderen Standpunkt einnimmt als den der Einfühlung, etwa 
einen moralisierenden, oder wenn man sich als Vertreter oder 
Mandatar einer Partei gebärdet, des anderen Eheteiles etwa 
usw. 

Diese Antwort schließt natürlich die Verurteilung eines 
Verfahrens ein, welches dem Patienten die Übersetzungen 
seiner Symptome mitteilen wollte, sobald man sie selbst er- 



der Behandlung 381 

raten hat, oder gar einen besonderen Triumph darin erblicken 
würde, ihm diese „Lösungen" in der ersten Zusammenkunft 
ins Gesicht zu schleudern. Es wird einem geübteren Analytiker 
nicht schwer, die verhaltenen Wünsche eines Kranken schon 
aus seinen Klagen und seinem Krankenberichte deutlich ver- 
nehmbar herauszuhören; aber welches Maß von Selbstgefällig- 
keit und von Unbesonnenheit gehört dazu, um einem Frem- 
den, mit allen analytischen Voraussetzungen Unvertrauten, 
nach der kürzesten Bekanntschaft zu eröffnen, er hänge 
inzestuös an seiner Mutter, er hege Todeswünsche gegen seine 
angeblich geliebte Frau, er trage sich mit der Absicht, seinen 
Chef zu betrügen u. dgl.! Ich habe gehört, daß es Analytiker 
gibt, die sich mit solchen Augenblicksdiagnosen und Schnell- 
behandlungen brüsten, aber ich warne jedermann davor, 
solchen Beispielen zu folgen. Man wird dadurch sich und 
seine Sache um jeden Kredit bringen und die heftigsten 
Widersprüche hervorrufen, ob man nun richtig geraten hat 
oder nicht, ja eigentlich um so heftigeren Widerstand, je eher 
man richtig geraten hat. Der therapeutische Effekt wird in 
der Regel zunächst gleich Null sein, die Abschreckung von 
der Analyse aber eine endgültige. Noch in späteren Stadien 
der Behandlung wird man Vorsicht üben müssen, um eine 
Symptomlösung und Wunschübersetzung nicht eher mitzu- 
teilen, als bis der Patient knapp davor steht, so daß er nur 
noch einen kurzen Schritt zu machen hat, um sich dieser 
Lösung selbst zu bemächtigen. In früheren Jahren hatte ich 
häufig Gelegenheit zu erfahren, daß die vorzeitige Mitteilung 
einer Lösung der Kur ein vorzeitiges Ende bereitete, sowohl 
infolge der Widerstände, die so plötzlich geweckt wurden, als 
auch auf Grund der Erleichterung, die mit der Lösung ge- 
geben war. 

Man wird hier die Einwendung machen: Ist es denn unsere 
Aufgabe, die Behandlung zu verlängern, und nicht vielmehr, 



3 ^^^ Zur Einleitung 

sie so rasch wie möglich zu Ende zu führen? Leidet der 
Kranke nicht infolge seines Nichtwissens und Nichtverstehens 
und ist es nicht Pflicht, ihn so bald als möglich wissend zu 
machen, also sobald der Arzt selbst wissend geworden ist? 

Die Beantwortung dieser Frage fordert zu einem kleinen 
Exkurs auf, über die Bedeutung des Wissens und über den 
Mechanismus der Heilung in der Psychoanalyse. 

In den frühesten Zeiten der analytischen Technik haben 
wir allerdings in intellektualistischer Denkeinstellung das 
Wissen des Kranken um das von ihm Vergessene hoch ein- 
geschätzt und dabei kaum zwischen unserem Wissen und dem 
seinigen unterschieden. Wir hielten es für einen besonderen 
Glücksfall, wenn es gelang, Kunde von dem vergessenen 
Kindheitstrauma von anderer Seite her zu bekommen, zum 
Beispiel von Eltern, Pflegepersonen oder dem Verführer 
selbst, wie es in einzelnen Fällen möglich wurde, und be- 
eilten uns, dem Kranken die Nachricht und die Beweise für 
ihre Richtigkeit zur Kenntis zu bringen in der sicheren Er- 
wartung, so Neurose und Behandlung zu einem schnellen 
Ende zu führen. Es war eine schwere Enttäuschung, als der 
erwartete Erfolg ausblieb. Wie konnte es nur zugehen, daß 
der Kranke, der jetzt von seinem traumatischen Erlebnis 
wußte, sich doch benahm, als wisse er nicht mehr davon als 
früher? Nicht einmal die Erinnerung an das verdrängte 
Trauma wollte infolge der Mitteilung und Beschreibung des- 
selben auftauchen. 

In einem bestimmten Falle hatte mir die Mutter eines 
hysterischen Mädchens das homosexuelle Erlebnis verraten, 
dem auf die Fixierung der Anfälle des Mädchens ein großer 
Einfluß zukam. Die Mutter hatte die Szene selbst überrascht, 
die Kranke aber dieselbe völlig vergessen, obwohl sie bereits 
den Jahren der Vorpubertät angehörte. Ich konnte nun eine 
lehrreiche Erfahrung machen. Jedesmal, wenn ich die Er- 









der Behandlung 



383 



Zählung der Mutter vor dem Mädchen wiederholte, reagierte 
dieses mit einem hysterischen Anfalle und nach diesem war 
die Mitteilung wieder vergessen. Es war kein Zweifel, daß die 
Kranke den heftigsten Widerstand gegen ein ihr aufgedrängtes 
Wissen äußerte; sie simulierte endlich Schwachsinn und vollen 
Gedächtnisverlust, um sich gegen meine Mitteilungen zu 
schützen. So mußte man sich denn entschließen, dem Wissen 
an sich die ihm vorgeschriebene Bedeutung zu entziehen und 
den Akzent auf die Widerstände zu legen, welche das Nicht- 
wissen seinerzeit verursacht hatten und jetzt noch bereit 
waren, es zu verteidigen. Das bewußte Wissen aber war gegen 
diese Widerstände, auch wenn es nicht wieder ausgestoßen 
wurde, ohnmächtig. 

Das befremdende Verhalten der Kranken, die ein be- 
wußtes Wissen mit dem Nichtwissen zu vereinigen verstehen, 
bleibt für die sogenannte Normalpsychologie unerklärlich. 
Der Psychoanalyse bereitet es auf Grund ihrer Anerkennung 
des Unbewußten keine Schwierigkeit; das beschriebene 
Phänomen gehört aber zu den besten Stützen einer Auf- 
fassung, welche sich die seelischen Vorgänge topisch differen- 
ziert näher bringt. Die Kranken wissen nun von dem ver- 
drängten Erlebnis in ihrem Denken, aber diesem fehlt die 
Verbindung mit jener Stelle, an welcher die verdrängte 
Erinnerung in irgend einer Art enthalten ist. Eine Verände- 
rung kann erst eintreten, wenn der bewußte Denkprozeß bis 
zu dieser Stelle vorgedrungen ist und dort die Verdrängungs- 
widerstände überwunden hat. Es ist gerade so, als ob im 
Justizministerium ein Erlaß verlautbart worden wäre, daß 
man jugendliche Vergehen in einer gewissen milden Weise 
richten solle. Solange dieser Erlaß nicht zur Kenntnis der 
einzelnen Bezirksgerichte gelangt ist, oder für den Fall, daß 
die Bezirksrichter nicht die Absicht haben, diesen Erlaß zu 
befolgen, vielmehr auf eigene Hand judizieren, kann an der 






384 Zur Einleitung 

Behandlung der einzelnen jugendlichen Delinquenten nichts 
geändert sein. Fügen wir noch zur Korrektur hinzu, daß die 
bewußte Mitteilung des Verdrängten an den Kranken doch 
nicht wirkungslos bleibt. Sie wird nicht die gewünschte Wir- 
kung äußern, den Symptomen ein Ende zu machen, sondern 
andere Folgen haben. Sie wird zunächst Widerstände, dann 
aber, wenn deren Überwindung erfolgt ist, einen Denkprozeß 
anregen, in dessen Ablauf sich endlich die erwartete Beein- 
flussung der unbewußten Erinnerung herstellt. 

Es ist jetzt an der Zeit, eine Übersicht des Kräftespieles zu 
gewinnen, welches wir durch die Behandlung in Gang bringen. 
Der nächste Motor der Therapie ist das Leiden des Patienten 
und sein daraus entspringender Heilungswunsch. Von der 
Größe dieser Triebkraft zieht sich mancherlei ab, was erst im 
Laufe der Analyse aufgedeckt wird, vor allem der sekundäre 
Krankheitsgewinn, aber die Triebkraft selbst muß bis zum Ende 
der Behandlung erhalten bleiben; jede Besserung ruft eine Ver- 
ringerung derselben hervor. Für sich allein ist sie aber unfähig, 
die Krankheit zu beseitigen; es fehlt ihr zweierlei dazu: sie 
kennt die Wege nicht, die zu diesem Ende einzuschlagen sind, 
und sie bringt die notwendigen Energiebeträge gegen die 
Widerstände nicht auf. Beiden Mängeln hilft die analytische 
Behandlung ab. Die zur Überwindung der Widerstände er- 
forderten Affektgrößen stellt sie durch die Mobilmachung der 
Energien bei, welche für die Übertragung bereit liegen; durch 
die rechtzeitigen Mitteilungen zeigt sie dem Kranken die 
Wege, auf welche er diese Energien leiten soll. Die Über- 
tragung kann häufig genug die Leidenssymptome allein be- 
seitigen, aber dann nur vorübergehend, solange sie eben selbst 
Bestand hat. Das ist dann eine Suggestivbehandlung, keine 
Psychoanalyse. Den letzteren Namen verdient die Behandlung 
nur dann, wenn die Übertragung ihre Intensität zur Über- 
windung der Widerstände verwendet hat. Dann allein ist das 






der Behandlung 385 

Kranksein unmöglich geworden, auch wenn die Übertragung 
wieder aufgelöst worden ist, wie ihre Bestimmung es verlangt. 
Im Laufe der Behandlung wird noch ein anderes fördern- 
des Moment wachgerufen, das intellektuelle Interesse und 
Verständnis des Kranken. Allein dies kommt gegen die anderen 
miteinander ringenden Kräfte kaum in Betracht; es droht 
ihm beständig die Entwertung infolge der Urteilstrübung, 
welche von den Widerständen ausgeht. Somit erübrigen Über- 
tragung und Unterweisung (durch Mitteilung) als die neuen 
Kraftquellen, welche der Kranke dem Analytiker verdankt. 
Der Unterweisung bedient er sich aber nur, insofern er durch 
die Übertragung dazu bewogen wird, und darum soll die 
erste Mitteilung abwarten, bis sich eine starke Übertragung 
hergestellt hat, und fügen wir hinzu, jede spätere, bis die 
Störung der Übertragung durch die der Reihe nach auf- 
tauchenden Ubertragungswiderstände beseitigt ist. 

ERINNERN, WIEDERHOLEN UND 
DURCHARBEITEN 

(1914) 

Es scheint mir nicht überflüssig, den Lernenden immer 
wieder daran zu mahnen, welche tiefgreifenden Veränderungen 
die psychoanalytische Technik seit ihren ersten Anfängen er- 
fahren hat. Zuerst, in der Phase der B r e u e r sehen Katharsis, 
die direkte Einstellung des Moments der Symptombildung und 
das konsequent festgehaltene Bemühen, die psychischen Vor- 
gänge jener Situation reproduzieren zu lassen, um sie zu einem 
Ablauf durch bewußte Tätigkeit zu leiten. Erinnern und Ab- 
reagieren waren damals die mit Hilfe des hypnotischen Zu- 
Standes zu erreichenden Ziele. Sodann, nach dem Verzicht auf 
die Hypnose, drängte sich die Aufgabe vor, aus den freien 

2$ Freud, Schriften zur Neurosenlehre 









386 Erinnern, Wiederholen 

Einfällen des Analysierten zu erraten, was er zu erinnern ver- 
sagte. Durch die Deutungsarbeit und die Mitteilung ihrer 
Ergebnisse an den Kranken sollte der Widerstand umgangen 
werden; die Einstellung auf die Situationen der Symptom- 
bildung und jene anderen, die sich hinter dem Momente der 
Erkrankung ergaben, blieb erhalten, das Abreagieren trat 
zurück und schien durch den Arbeitsaufwand ersetzt, den 
der Analysierte bei der ihm aufgedrängten Überwindung der 
Kritik gegen seine Einfälle (bei der Befolgung der d»a Grund- 
regel) zu leisten hatte. Endlich hat sich die konsequente heutige 
Technik herausgebildet, bei welcher der Arzt auf die Ein- 
stellung eines bestimmten Moments oder Problems verzichtet, 
sich damit begnügt, die jeweilige psychische Oberfläche des 
Analysierten zu studieren, und die Deutungskunst wesentlich 
dazu benützt, um die an dieser hervortretenden Widerstände 
zu erkennen und dem Kranken bewußt zu machen. Es stellt 
sich dann eine neue Art von Arbeitsteilung her: der Arzt 
deckt die dem Kranken unbekannten Widerstände auf; sind 
diese erst bewältigt, so erzählt der Kranke oft ohne alle Mühe 
die vergessenen Situationen und Zusammenhänge. Das Ziel 
dieser Techniken ist natürlich unverändert geblieben. Deskrip- 
tiv: die Ausfüllung der Lücken der Erinnerung, dynamisch: 
die Überwindung der Verdrängungswiderstände. 

Man muß der alten hypnotischen Technik dankbar dafür 
bleiben, daß sie uns einzelne psychische Vorgänge der Analyse 
in Isolierung und Schematisierung vorgeführt hat. Nur da- 
durch konnten wir den Mut gewinnen, komplizierte Situa- 
tionen in der analytischen Kur selbst zu schaffen und durch- 
sichtig zu erhalten. 

Das Erinnern gestaltete sich nun in jenen hypnotischen 
Behandlungen sehr einfach. Der Patient versetzte sich in eine 
frühere Situation, die er mit der gegenwärtigen niemals zu 
verwechseln schien, teilte die psychischen Vorgänge derselben 



und Durcharbeiten 387 

mit, soweit sie normal geblieben waren, und fügte daran, was 
sich durch die Umsetzung der damals unbewußten Vorgänge 
in bewußte ergeben konnte. 

Ich schließe hier einige Bemerkungen an, die jeder Analyti- 
ker in seiner Erfahrung bestätigt gefunden hat. Das Ver- 
gessen von Eindrücken, Szenen, Erlebnissen reduziert sich zu- 
meist auf eine „Absperrung" derselben. Wenn der Patient von 
diesem „Vergessenen" spricht, versäumt er selten, hinzuzu- 
fügen: das habe ich eigentlich immer gewußt, nur nicht daran 
gedacht. Er äußert nicht selten seine Enttäuschung darüber, 
daß ihm nicht genug Dinge einfallen wollen, die er als „ver- 
gessen" anerkennen kann, an die er nie wieder gedacht, seit- 
dem sie vorgefallen sind. Indes findet auch diese Sehnsucht, 
zumal bei Konversionshysterien, ihre Befriedigung. Das „Ver- 
gessen" erfährt eine weitere Einschränkung durch die Würdi- 
gung der so allgemein vorhandenen Deckerinnerungen. In 
manchen Fällen habe ich den Eindruck empfangen, daß die 
bekannte, für uns theoretisch so bedeutsame Kindheitsamnesie 
durch die Deckerinnerungen vollkommen aufgewogen wird. 
In diesen ist nicht nur einiges Wesentliche aus dem Kindheits- 
leben erhalten, sondern eigentlich alles Wesentliche. Man muß 
nur verstehen, es durch die Analyse aus ihnen zu entwickeln. 
Sie repräsentieren die vergessenen Kinderjahre so zureichend 
wie der manifeste Trauminhalt die Traumgedanken. 

Die andere Gruppe von psychischen Vorgängen, die man als 
rein interne Akte den Eindrücken und Erlebnissen entgegen- 
stellen kann, Phantasien, Beziehungsvorgänge, Gefühlsregun- 
gen, Zusammenhänge, muß in ihrem Verhältnis zum Vergessen 
und Erinnern gesondert betrachtet werden. Hier ereignet es 
sich besonders häufig, daß etwas „erinnert" wird., was nie „ver- 
gessen" werden konnte, weil es zu keiner Zeit gemerkt wurde, 
niemals bewußt war, und es scheint überdies völlig gleich- 
gültig für den psychischen Ablauf, ob ein solcher „Zusammen- 






3 88 Erinnern, Wiederholen 

— 

hang" bewußt war und dann vergessen wurde, oder ob er es 
niemals zum Bewußtsein gebracht hat. Die Überzeugung, die 
der Kranke im Laufe der Analyse erwirbt, ist von einer 
solchen Erinnerung ganz unabhängig. 

Besonders bei den mannigfachen Formen der Zwangsneurose 
schränkt sich das Vergessen meist auf die Auflösung von 
Zusammenhängen, Verkennung von Abfolgen, Isolierung von 
Erinnerungen ein. 

Für eine besondere Art von überaus wichtigen Erlebnissen, 
die in sehr frühe Zeiten der Kindheit fallen und seinerzeit 
ohne Verständnis erlebt worden sind, nachträglich aber 
Verständnis und Deutung gefunden haben, läßt sich eine Er- 
innerung meist nicht erwecken. Man gelangt durch Träume 
zu ihrer Kenntnis und wird durch die zwingendsten Motive 
aus dem Gefüge der Neurose genötigt, an sie zu glauben, kann 
sich auch überzeugen, daß der Analysierte nach Überwindung 
seiner Widerstände das Ausbleiben des Erinnerungsgefühles 
(Bekanntschaftsempfindung) nicht gegen deren Annahme ver- 
wertet. Immerhin erfordert dieser Gegenstand soviel kritische 
Vorsicht und bringt soviel Neues und Befremdendes, daß ich 
ihn einer gesonderten Behandlung an geeignetem Materiale 
vorbehalte. 

Von diesem erfreulich glatten Ablauf ist nun bei Anwen- 
dung der neuen Technik sehr wenig, oft nichts, übrig geblie- 
ben. Es kommen auch hier Fälle vor, die sich ein Stück weit 
verhalten wie bei der hypnotischen Technik und erst später 
versagen; andere Fälle benehmen sich aber von vornherein 
anders. Halten wir uns zur Kennzeichnung des Unterschiedes 
an den letzteren Typus, so dürfen wir sagen, der Analysierte 
erinnere überhaupt nichts von dem Vergessenen und Ver- 
drängten, sondern er agiere es. Er reproduziert es nicht 
als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne 
natürlich zu wissen, daß er es wiederholt. 



und Durcharbeiten 



389 



Zum Beispiel: Der Analysierte erzählt nicht, er erinnere 
sich, daß er trotzig und ungläubig gegen die Autorität der 
Eltern gewesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise 
gegen den Arzt. Er erinnert nicht, daß er in seiner infantilen 
Sexualforschung rat- und hilflos stecken geblieben ist, sondern 
er bringt einen Haufen verworrener Träume und Einfälle vor, 
jammert, daß ihm nichts gelinge, und stellt es als sein Schick- 
sal hin, niemals eine Unternehmung zu Ende zu führen. Er 
erinnert nicht, daß er sich gewisser Sexualbetätigungen intensiv 
geschämt und ihre Entdeckung gefürchtet hat, sondern er 
zeigt, daß er sich der Behandlung schämt, der er sich unter- 
zogen hat, und sucht diese vor allem geheim zu halten usw. 

Vor allem beginnt er die Kur mit einer solchen Wieder- 
holung. Oft, wenn man einem Patienten mit wechselvoller 
Lebensgeschichte und langer Krankheitsgeschichte die psycho- 
analytische Grundregel mitgeteilt und ihn dann aufgefordert 
hat, zu sagen, was ihm einfalle, und nun erwartet, daß sich 
seine Mitteilungen im Strom ergießen werden, erfährt man 
zunächst, daß er nichts zu sagen weiß. Er schweigt und be- 
hauptet, daß ihm nichts einfallen will. Das ist natürlich nichts 
anderes als die Wiederholung einer homosexuellen Einstellung, 
die sich als Widerstand gegen jedes Erinnern vordrängt. So- 
lange er in Behandlung verbleibt, wird er von diesem 
Zwange zur Wiederholung nicht mehr frei; man versteht 
endlich, dies ist seine Art zu erinnern. 

Natürlich wird uns das Verhältnis dieses Wiederholungs- 
zwanges zur Übertragung und zum Widerstände in erster 
Linie interessieren. Wir merken bald, die Übertragung ist 
selbst nur ein Stück Wiederholung und die Wiederholung 
ist die Übertragung der vergessenen Vergangenheit nicht nur 
auf den Arzt, sondern auch auf alle anderen Gebiete der 
gegenwärtigen Situation. Wir müssen also darauf gefaßt sein, 
daß der Analysierte sich dem Zwange zur Wiederholung, 



)$o Erinnern, Wiederholen 

der nun den Impuls zur Erinnerung ersetzt, • nicht nur im 
persönlichen Verhältnis zum Arzte hingibt, sondern auch in 
allen anderen gleichzeitigen Tätigkeiten und Beziehungen 
seines Lebens, zum Beispiel wenn er während der Kur ein 
Liebesobjekt wählt, eine Aufgabe auf sich nimmt, eine Unter- 
nehmung eingeht. Auch der Anteil des Widerstandes ist leicht 
zu erkennen. Je größer der Widerstand ist, desto ausgiebiger 
wird das Erinnern durch das Agieren (Wiederholen) ersetzt 
sein. Entspricht doch das ideale Erinnern des Vergessenen 
in der Hypnose einem Zustande, in welchem der Widerstand 
völlig bei Seite geschoben ist. Beginnt die Kur unter der 
Patron anz einer milden und unausgesprochenen positiven 
Übertragung, so gestattet sie zunächst ein Vertiefen in die 
Erinnerung wie bei der Hypnose, während dessen selbst die 
Krankheitssymptome schweigen; wird aber im weiteren Ver- 
laufe diese Übertragung feindselig oder überstark und darum 
verdrängungsbedürftig, so tritt sofort das Erinnern dem 
Agieren den Platz ab. Von da an bestimmen dann die Wider- 
stände die Reihenfolge des zu Wiederholenden. Der Kranke 
holt aus dem Arsenale der Vergangenheit die Waffen hervor, 
mit denen er sich der Fortsetzung der Kur erwehrt, und die 
wir ihm Stück für Stück entwinden müssen. 

Wir haben nun gehört, der Analysierte wiederholt anstatt 
zu erinnern, er wiederholt unter den Bedingungen des Wider- 
standes; wir dürfen jetzt fragen, was wiederholt oder agiert 
er eigentlich? Die Antwort lautet, er wiederholt alles, was 
sich aus den Quellen seines Verdrängten bereits in seinem 
offenkundigen Wesen durchgesetzt hat, seine Hemmungen 
und unbrauchbaren Einstellungen, seine pathologischen 
Charakterzüge. Er wiederholt ja auch während der Behand- 
lung alle seine Symptome. Und nun können wir merken, daß 
wir mit der Hervorhebung des Zwanges zur Wiederholung 
keine neue Tatsache, sondern nur eine einheitlichere Auffas- 



und Durcharbeiten 



39i 



sung gewonnen haben. Wir machen uns nur klar, daß das 
Kranksein des Analysierten nicht mit dem Beginne seiner 
Analyse aufhören kann, daß wir seine Krankheit nicht als 
eine historische Angelegenheit, sondern als eine aktuelle 
Macht zu behandeln haben. Stück für Stück dieses Krank- 
seins wird nun in den Horizont und in den "Wirkungsbereich 
der Kur gerückt, und während der Kranke es als etwas 
Reales und Aktuelles erlebt, haben wir daran die therapeu- 
tische Arbeit zu leisten, die zum guten Teile in der Zurück- 
führung auf die Vergangenheit besteht. 

Das Erinnernlassen in der Hypnose mußte den Eindruck 
eines Experiments im Laboratorium machen. Das Wieder- 
holenlassen während der analytischen Behandlung nach der 
neueren Technik heißt ein Stück realen Lebens heraufbe- 
schwören und kann darum nicht in allen Fällen harmlos und 
unbedenklich sein. Das ganze Problem der oft unausweich- 
lichen „Verschlimmerung während der Kur" schließt hier an. 

Vor allem bringt es schon die Einleitung der Behandlung 
mit sich, daß der Kranke seine bewußte Einstellung zur 
Krankheit ändere. Er hat sich gewöhnlich damit begnügt, sie 
zu bejammern, sie als Unsinn zu verachten, in ihrer Bedeu- 
tung zu unterschätzen, hat aber sonst das verdrängende Ver- 
halten, die Vogel-Strauß-Politik, die er gegen ihre Ursprünge 
übte, auf ihre Äußerungen fortgesetzt. So kann es kommen, 
daß er die Bedingungen seiner Phobie nicht ordentlich kennt, 
den richtigen Wortlaut seiner Zwangsideen nicht anhört oder 
die eigentliche Absicht seines Zwangsimpulses nicht erfaßt. 
Das kann die Kur natürlich nicht brauchen. Er muß den 
Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit den Erscheinun- 
gen seiner Krankheit zu beschäftigen. Die Krankheit selbst 
darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr ein würdi- 
ger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich auf 
gute Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres 



. ■: 



39 2 Erinnern, Wiederholen 

Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem Verdrängten, 
welches sich in den Symptomen äußert, wird so von Anfang 
an vorbereitet, aber es wird auch eine gewisse Toleranz fürs 
Kranksein eingeräumt. Werden nun durch dies neue Verhält- 
nis zur Krankheit Konflikte verschärft und Symptome her- 
vorgedrängt, die früher noch undeutlich waren, so kann man 
den Patienten darüber leicht durch die Bemerkung trösten, 
daß dies nur notwendige, aber vorübergehende Verschlechte- 
rungen sind, und daß man keinen Feind umbringen kann, der 
abwesend oder nicht nahe genug ist. Der "Widerstand kann 
aber die Situation für seine Absichten ausbeuten und die Er- 
laubnis, krank zu sein, mißbrauchen wollen. Er scheint dann 
zu demonstrieren; Schau her, was dabei herauskommt, wenn 
ich mich wirklich auf diese Dinge einlasse. Hab' ich nicht 
recht getan, sie der Verdrängung zu überlassen? Besonders 
jugendliche und kindliche Personen pflegen die in der Kur 
erforderliche Einlenkung auf das Kranksein gern zu einem 
Schwelgen in den Krankheitssymptomen zu benützen. 

Weitere Gefahren entstehen dadurch, daß im Fortgange der 
Kur auch neue, tiefer liegende Triebregungen, die sich noch 
nicht durchgesetzt hatten, zur Wiederholung gelangen kön- 
nen. Endlich können die Aktionen des Patienten außerhalb 
der Übertragung vorübergehende Lebensschädigungen mit 
sich bringen oder sogar so gewählt sein, daß sie die zu er- 
reichende Gesundheit dauernd entwerten. 

Die Taktik, welche der Arzt in dieser Situation einzu- 
schlagen hat, ist leicht zu rechtfertigen. Für ihn bleibt das 
Erinnern nach alter Manier, das Reproduzieren auf psychi- 
schem Gebiete, das Ziel, an welchem er festhält, wenn er auch 
weiß, daß es bei der neuen Technik nicht zu erreichen ist. 
Er richtet sich auf einen beständigen Kampf mit dem Patien- 
ten ein, um alle Impulse auf psychischem Gebiete zurückzu- 
halten, welche dieser aufs Motorische lenken möchte, und 



und Durcharbeiten 393 

feiert es als einen Triumph der Kur, wenn es gelingt, etwas 
durch die Erinnerungsarbeit zu erledigen, was der Patient 
durch eine Aktion abführen möchte. Wenn die Bindung durch 
die Übertragung eine irgend brauchbare geworden ist, so 
bringt es die Behandlung zustande, den Kranken an allen 
bedeutungsvolleren Wiederholungsaktionen zu hindern und 
den Vorsatz dazu in statu nascendi als Material für die thera- 
peutische Arbeit zu verwenden. Vor der Schädigung durch 
die Ausführung seiner Impulse behütet man den Kranken 
am besten, wenn man ihn dazu verpflichtet, während der 
Dauer der Kur keine lebenswichtigen Entscheidungen zu 
treffen, etwa keinen Beruf, kein definitives Liebesobjekt zu 
wählen, sondern für alle diese Absichten den Zeitpunkt der 
Genesung abzuwarten. 

Man schont dabei gern, was von der persönlichen Freiheit 
des Analysierten mit diesen Vorsichten vereinbar ist, hindert 
ihn nicht an der Durchsetzung belangloser, wenn auch 
törichter Absichten, und vergißt nicht daran, daß der Mensch 
eigentlich nur durch Schaden und eigene Erfahrung klug 
werden kann. Es gibt wohl auch Fälle, die man nicht ab- 
halten kann, sich während der Behandlung in irgend eine 
ganz unzweckmäßige Unternehmung einzulassen, und die erst 
nachher mürbe und für die analytische Bearbeitung zugäng- 
lich werden. Gelegentlich muß es auch vorkommen, daß man 
nicht die Zeit hat, den wilden Trieben den Zügel der Über- 
tragung anzulegen, oder daß der Patient in einer Wieder- 
holungsaktion das Band zerreißt, das ihn an die Behandlung 
knüpft. Ich kann als extremes Beispiel den Fall einer älteren 
Dame wählen, die wiederholt in Dämmerzuständen ihr Haus 
und ihren Mann verlassen hatte und irgendwohin geflüchtet 
war, ohne sich je eines Motives für dieses „Durchgehen" 
bewußt zu werden. Sie kam mit einer gut ausgebildeten 
zärtlichen Übertragung in meine Behandlung, steigerte die- 









394 Erinnern, Wiederholen 

selbe in unheimlich rascher Weise in den ersten Tagen und 
war am Ende einer Woche auch von mir „durchgegangen", 
ehe ich noch Zeit gefunden hatte, ihr etwas zu sagen, was 
sie an dieser Wiederholung hätte hindern können. 

Das Hauptmittel aber, den Wiederholungszwang des 
Patienten zu bändigen und ihn zu einem Motiv fürs Erinnern 
umzuschaffen, liegt in der Handhabung der Übertragung. 
Wir machen ihn unschädlich, ja vielmehr nutzbar, indem 
wir ihm sein Recht einräumen, ihn auf einem bestimmten 
Gebiete gewähren zu lassen. Wir eröffnen ihm die Über- 
tragung als den Tummelplatz, auf dem ihm gestattet wird, 
sich in fast völliger Freiheit zu entfalten, und auferlegt ist, 
uns alles vorzuführen, was sich an pathogenen Trieben im 
Seelenleben des Analysierten verborgen hat. Wenn der Pa- 
tient nur So viel Entgegenkommen zeigt, daß er die Existenz- 
bedingungen der Behandlung respektiert, gelingt es uns regel- 
mäßig, allen Symptomen der Krankheit eine neue Über- 
tragungsbedeutung zu geben, seine gemeine Neurose durch 
eine Übertragungsneurose zu ersetzen, von der er durch die 
therapeutische Arbeit geheilt werden kann. Die Übertragung 
schafft so ein Zwischenreich zwischen der Krankheit und dem 
Leben, durch welches sich der Übergang von der ersteren 
zum letzteren vollzieht. Der neue Zustand hat alle Charak- 
tere der Krankheit übernommen, aber er stellt eine artefizielle 
Krankheit dar, die überall unseren Eingriffen zugänglich ist. 
Er ist gleichzeitig ein Stück des realen Erlebens, aber durch 
besonders günstige Bedingungen ermöglicht und von der 
Natur eines Provisoriums. Von den Wiederholungsreaktionen, 
die sich in der Übertragung zeigen, führen dann die bekann- 
ten Wege zur Erweckung der Erinnerungen, die sich nach 
Überwindung der Widerstände wie mühelos einstellen. 

Ich könnte hier abbrechen, wenn nicht die Überschrift 
dieses Aufsatzes mich verpflichten würde, ein weiteres Stück 



und Durcharbeiten 



39J 



der analytischen Technik in die Darstellung zu ziehen. Die 
Überwindung der Widerstände wird bekanntlich dadurch 
eingeleitet, daß der Arzt den vom Analysierten niemals er- 
kannten Widerstand aufdeckt und ihn dem Patienten mitteilt. 
Es scheint nun, daß Anfänger in der Analyse geneigt sind, 
diese Einleitung für die ganze Arbeit zu halten. Ich bin oft 
in Fällen zu Rate gezogen worden, in denen der Arzt darüber 
klagte, er habe dem Kranken seinen Widerstand vorgestellt, 
und doch habe sich nichts geändert, ja der Widerstand sei 
erst recht erstarkt und die ganze Situation sei noch undurch- 
sichtiger geworden. Die Kur scheine nicht weiter zu gehen. 
Diese trübe Erwartung erwies sich dann immer als irrig. 
Die Kur war in der Regel im besten Fortgang; der Arzt 
hatte nur vergessen, daß das Benennen des Widerstandes 
nicht das unmittelbare Aufhören desselben zur Folge haben 
kann. Man muß dem Kranken die Zeit lassen, sich in den ihm 
unbekannten Widerstand zu vertiefen, ihn durchzu- 
arbeiten, ihn zu überwinden, indem er ihm zum Trotze 
die Arbeit nach der analytischen Grundregel fortsetzt. Erst 
auf der Höhe desselben rindet man dann in gemeinsamer 
Arbeit mit dem Analysierten die verdrängten Triebregungen 
auf, welche den Widerstand speisen und von deren Existenz 
und Mächtigkeit sioh der Patient durch solches Erleben über- 
zeugt. Der Arzt hat dabei nichts anderes zu tun, als zuzu- 
warten und einen Ablauf zuzulassen, der nicht vermieden, 
auch nicht immer beschleunigt werden kann. Hält er an 
dieser Einsicht fest, so wird er sich oftmals die Täuschung, 
gescheitert zu sein, ersparen, wo er doch die Behandlung längs 
der richtigen Linie fortführt. 

Dieses Durcharbeiten der Widerstände mag in der Praxis 
zu einer beschwerlichen Aufgabe für den Analysierten und 
zu einer Geduldprobe für den Arzt werden. Es ist aber jenes 
Stück der Arbeit, welches die größte verändernde Einwirkung 



': 



} 9 6 



Bemerkungen 



auf den Patienten hat und das die analytische Behandlung 
von jeder Suggestionsbeeinflussung unterscheidet. Theoretisch 
kann man es dem „Abreagieren" der durch die Verdrängung 
eingeklemmten Affektbeträge gleichstellen, ohne welches die 
hypnotische Behandlung einflußlos blieb. 



BEMERKUNGEN ÜBER DIE 
ÜBERTRAGUNGSLIEBE 

O915) 

Jeder Anfänger in der Psychoanalyse bangt wohl zuerst 
vor den Schwierigkeiten, welche ihm die Deutung der Ein- 
fälle des Patienten und die Aufgabe der Reproduktion des 
Verdrängten bereiten werden. Es steht ihm aber bevor, diese 
Schwierigkeiten bald gering einzuschätzen und dafür die 
Überzeugung einzutauschen, daß die einzigen wirklich ernst- 
haften Schwierigkeiten bei der Handhabung der Übertragung 

anzutreffen sind. 

Von den Situationen, die sich hier ergeben, will ich eine 
einzige, soharf umschriebene, herausgreifen, sowohl wegen 
ihrer Häufigkeit und realen Bedeutsamkeit als auch wegen 
ihres theoretischen Interesses. Ich meine den Fall, daß eine 
weibliche Patientin durch unzweideutige Andeutungen erraten 
läßt oder es direkt ausspricht, daß sie sich wie ein anderes 
sterbliches Weib in den sie analysierenden Arzt verliebt hat. 
Diese Situation hat ihre peinlichen und komischen Seiten wie 
ihre ernsthaften; sie ist auch so verwickelt und vielseitig be- 
dingt, so unvermeidlich und so schwer lösbar, daß ihre Dis- 
kussion längst ein vitales Bedürfnis der analytischen Technik 
erfüllt hätte. Aber da wir selbst nicht immer frei sind, die 
wir über die Fehler der anderen spotten, haben wir uns zur 
Erfüllung dieser Aufgabe bisher nicht eben gedrängt. Immer- 
wieder stoßen wir hier mit der Pflicht der ärztlichen Dis- 



über die Übertragungsliebe _ 397 

kretion zusammen, die im Leben nicht zu entbehren, in 
unserer Wissenschaft aber nicht zu brauchen ist. Insoferne 
die Literatur der Psychoanalytik auch dem realen Leben an- 
gehört, ergibt sich hier ein unlösbarer Widerspruch. Ich habe 
mich kürzlich an einer Stelle über die Diskretion hinaus- 
gesetzt und angedeutet, daß die nämliche Übertragungs- 
situation die Entwicklung der psychoanalytischen Therapie 

h20 

Für den wohlerzogenen Laien — ein solcher ist wohl der 
ideale Kulturmensch der Psychoanalyse gegenüber — sind 
Liebesbegebenheiten mit allem anderen inkommensurabel; sie 
stehen gleichsam auf einem besonderen Blatte, das keine 
andere Beschreibung verträgt. Wenn sich also die Patientin 
in den Arzt verliebt hat, wird er meinen, dann kann es nur 
zwei Ausgänge haben, den selteneren, daß alle Umstände die 
dauernde legitime Vereinigung der Beiden gestatten, und den 
häufigeren, daß Arzt und Patientin auseinandergehen und 
die begonnene Arbeit, welche der Herstellung dienen sollte, 
als durch ein Elementarereignis gestört aufgeben. Gewiß ist 
auch ein dritter Ausgang denkbar, der sich sogar mit der 
Fortsetzung der Kur zu vertragen scheint, die Anknüpfung 
illegitimer und nicht für die Ewigkeit bestimmter Liebes- 
beziehungen; aber dieser ist wohl durch die bürgerliche Moral 
wie durch die ärztliche Würde unmöglich gemacht. Immer- 
hin würde der Laie bitten, durch eine möglichst deutliche 
Versicherung des Analytikers über den Ausschluß dieses 
dritten Falles beruhigt zu werden. 
Es ist evident, daß der Standpunkt des Psychoanalytikers 

,J ein anderer sein muß. 
\ Setzen wir den Fall des zweiten Ausganges der Situation, 

die wir besprechen, Arzt und Patientin gehen auseinander, 

20) Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung (1914). 
[S. Gesammelte Schriften, Bd. IV.] 



39 __^____ Bemerkungen 

nachdem sich die Patientin in den Arzt verliebt hat; die Kur 
wird aufgegeben. Aber der Zustand der Patientin macht bald 
einen zweiten analytischen Versuch bei einem anderen Arzte 
notwendig; da stellt es sich denn ein, daß sich die Patientin 
auch in diesen zweiten Arzt verliebt fühlt, und ebenso, wenn 
sie wieder abbricht und von neuem anfängt, in den dritten 
usw. Diese mit Sicherheit eintreffende Tatsache, bekanntlich 
eine der Grundlagen der psychoanalytischen Theorie, gestattet 
zwei Verwertungen, eine für den analysierenden Arzt, die 
andere für die der Analyse bedürftige Patientin. 

Für den Arzt bedeutet sie eine kostbare Aufklärung und 
eine gute Warnung vor einer etwa bei ihm bereitliegenden 
Gegenübertragung. Er muß erkennen, daß das Verlieben der 
Patientin durch die analytische Situation erzwungen wird 
und nicht etwa den Vorzügen seiner Person zugeschrieben 
werden kann, daß er also gar keinen Grund hat, auf eine 
solche „Eroberung", wie man sie außerhalb der Analyse 
heißen würde, stolz zu sein. Und es ist immer gut, daran 
gemahnt zu werden. Für die Patientin ergibt sich aber eine 
Alternative: entweder sie muß auf eine psychoanalytische 
Behandlung verzichten oder sie muß sich die Verliebtheit in 
den Arzt als unausweichliches Schicksal gefallen lassen. 21 

Ich zweifle nicht daran, daß sich die Angehörigen der 
Patientin mit ebensolcher Entschiedenheit für die erste der 
beiden Möglichkeiten erklären werden wie der analysierende 
Arzt für die zweite. Aber ich meine, es ist dies ein Fall, in 
welchem der zärtlichen — oder vielmehr egoistisch eifersüch- 
tigen — Sorge der Angehörigen die Entscheidung nicht über- 
lassen werden kann. Nur das Interesse der Kranken sollte 
den Ausschlag geben. Die Liebe der Angehörigen kann aber 

21) Daß die Übertragung sich in anderen und minder zärtlichen 
Gefühlen äußern kann, ist bekannt und soll in diesem Aufsatze 
nicht behandelt werden. 






— _ 



über die Übertragungsliebe 



399 



keine Neurose heilen. Der Psychoanalytiker braucht sich 
nicht aufzudrängen, er darf sich aber als unentbehrlich für 
gewisse Leistungen hinstellen. Wer als Angehöriger die Stel- 
lung Tolstois zu diesem Probleme zu der seinigen macht, 
mag im ungestörten Besitze seiner Frau oder Tochter bleiben 
und muß es zu ertragen suchen, daß diese auch ihre Neurose 
und die mit ihr verknüpfte Störung ihrer Liebesfähigkeit bei- 
behält. Es ist schließlich ein ähnlicher Fall wie der der 
gynäkologischen Behandlung. Der eifersüchtige Vater oder 
Gatte irrt übrigens groß, wenn er meint, die Patientin werde 
der Verliebtheit in den Arzt entgehen, wenn er sie zur Be- 
kämpfung ihrer Neurose eine andere als die analytische 
Behandlung einschlagen läßt. Der Unterschied wird vielmehr 
nur sein, daß eine solche Verliebtheit, die dazu bestimmt ist, 
unausgesprochen und unanalysiert zu bleiben, niemals jenen 
Beitrag zur Herstellung der Kranken leisten wird, den ihr die 
Analyse abzwingen würde. 

Es ist mir bekannt geworden, daß einzelne Ärzte, welche 
die Analyse ausüben, die Patienten häufig auf das Erscheinen 
der Liebesübertragung vorbereiten oder sie sogar auffordern, 
sich „nur in den Arzt zu verlieben, damit die Analyse vor- 
wärtsgehe". Ich kann mir nicht leicht eine unsinnigere Tech- 
nik vorstellen. Man raubt damit dem Phänomen den über- 
zeugenden Charakter der Spontaneität und bereitet sich selbst 
schwer zu beseitigende Hindernisse. 

Zunächst hat es allerdings nicht den Anschein, als ob aus 
der Verliebtheit in der Übertragung etwas für die Kur För- 
derliches entstehen könnte. Die Patientin, auch die bisher 
fügsamste, hat plötzlich Verständnis und Interesse für die 
Behandlung verloren, will von nichts anderem sprechen und 
hören als von ihrer Liebe, für die sie Entgegnung fordert; sie 
hat ihre Symptome aufgegeben oder vernachlässigt sie, ja, sie 
erklärt sich für gesund. Es gibt einen völligen Wechsel der 



4 00 Bemerkungen 

- 

Szene, wie wenn ein Spiel durch eine plötzlich hereinbrechende 
Wirklichkeit abgelöst würde, etwa wie wenn sich während 
einer Theatervorstellung Feuerlärm erhebt. Wer dies als Arzt 
zum erstenmal erlebt, hat es nicht leicht, die analytische 
Situation festzuhalten und sich der Täuschung zu entziehen, 
daß die Behandlung wirklich zu Ende sei. 

Mit etwas Besinnung findet man sich dann zurecht. Vor 
allem gedenkt man des Verdachtes, daß alles, was die Fort- 
setzung der Kur stört, eine Widerstandsäußerung sein mag. 
An dem Auftreten der stürmischen Liebesforderung hat der 
Widerstand unzweifelhaft einen großen Anteil. Man hatte ja 
die Anzeichen einer zärtlichen Übertragung bei der Patientin 
längst bemerkt und durfte ihre Gefügigkeit, ihr Eingehen auf 
die Erklärungen der Analyse, ihr ausgezeichnetes Verständnis 
und die hohe Intelligenz, die sie dabei erwies, gewiß auf 
Rechnung einer solchen Einstellung gegen den Arzt schreiben. 
Nun ist das alles wie weggefegt, die Kranke ist ganz ein- 
sichtslos geworden, sie scheint in ihrer Verliebtheit aufzu- 
gehen, und diese Wandlung ist ganz regelmäßig in einem 
Zeitpunkte aufgetreten, da man ihr gerade zumuten mußte, 
ein besonders peinliches und schwer verdrängtes Stück ihrer 
Lebensgeschichte zuzugestehen oder zu erinnern. Die Ver- 
liebtheit ist also längst dagewesen, aber jetzt beginnt der 
Widerstand sich ihrer zu bedienen, um die Fortsetzung der 
Kur zu hemmen, um alles Interesse von der Arbeit abzu- 
lenken und um den analysierenden Arzt in eine peinliche 
Verlegenheit zu bringen. 

Sieht man näher zu, so kann man in der Situation auch 
den Einfluß komplizierender Motive erkennen, zum Teile 
solcher, die sich der Verliebtheit anschließen, zum anderen 
Teile aber besonderer Äußerungen des Widerstandes. Von 
der ersteren Art ist das Bestreben der Patientin, sich ihrer 
Unwiderstehlichkeit zu versichern, die Autorität des Arztes 






über die Übertragungsliebe 401 

durch seine Herabsetzung zum Geliebten zu brechen und was 
sonst als Nebengewinn bei der Liebesbefriedigung winkt. 
Vom Widerstände darf man vermuten, daß er gelegentlich 
die Liebeserklärung als Mittel benützt, um den gestrengen 
Analytiker auf die Probe zu stellen, worauf er im Falle seiner 
"Willfährigkeit eine Zurechtweisung zu erwarten hätte. Vor 
allem aber hat man den Eindruck, daß der Widerstand als 
agent -provocateur die Verliebtheit steigert und die Bereit- 
willigkeit zur sexuellen Hingabe übertreibt, um dann desto 
nachdrücklicher unter Berufung auf die Gefahren einer sol- 
chen Zuchtlosigkeit das Wirken der Verdrängung zu recht- 
fertigen. All dieses Beiwerk, das in reineren Fällen auch weg- 
bleiben kann, ist von Alf. Adler bekanntlich als das 
Wesentliche des ganzen Vorganges angesehen worden. 

Wie muß sich aber der Analytiker benehmen, um nicht an 
dieser Situation zu scheitern, wenn es für ihn feststeht, daß 
die Kur trotz dieser Liebesübertragung und durch dieselbe 
hindurch fortzusetzen ist? 

Ich hätte es nun leicht, unter nachdrücklicher Betonung der 
allgemein gültigen Moral zu postulieren, daß der Analytiker 
nie und nimmer die ihm angebotene Zärtlichkeit annehmen 
oder erwidern dürfe. Er müsse vielmehr den Moment für 
gekommen erachten, um die sittliche Forderung und die Not- 
wendigkeit des Verzichtes vor dem verliebten Weibe zu ver- 
treten und es bei ihr zu erreichen, daß sie von ihrem Ver- 
langen ablasse und mit Überwindung des animalischen An- 
teils an ihrem Ich die analytische Arbeit fortsetze. 

Ich werde aber diese Erwartungen nicht erfüllen, weder den 
ersten noch den zweiten Teil derselben. Den ersten nicht, weil 
ich nicht für die Klientel schreibe, sondern für Ärzte, die mit 
ernsthaften Schwierigkeiten zu ringen haben, und weil ich 
überdies hier die Moralvorschrift auf ihren Ursprung, das 
heißt auf Zweckmäßigkeit zurückführen kann. Ich bin dies- 
aä Freud, Schriften zur Neurosenlehre 



402 



Bemerkungen 






mal in der glücklichen Lage, das moralische Oktroi ohne Ver- 
änderung des Ergebnisses durch Rücksichten der analytischen 
Technik zu ersetzen. 

Noch entschiedener werde ich aber dem zweiten Teile der 
angedeuteten Erwartung absagen. Zur Triebunterdrückung, 
zum Verzicht und zur Sublimierung auffordern, sobald die 
Patientin ihre Liebesübertragung eingestanden hat, hieße nicht 
analytisch, sondern sinnlos handeln. Es wäre nicht anders, 
als wollte man mit kunstvollen Beschwörungen einen Geist 
aus der Unterwelt zum Aufsteigen zwingen, um ihn dann 
ungefragt wieder hinunter zu schicken. Man hätte ja dann das 
Verdrängte nur zum Bewußtsein gerufen, um es erschreckt 
von neuem zu verdrängen. Auch über den Erfolg eines sol- 
chen Vorgehens braucht man sich nicht zu täuschen. Gegen 
Leidenschaften richtet man mit sublimen Redensarten be- 
kanntlich wenig aus. Die Patientin wird nur die Verschmä- 
hung empfinden und nicht versäumen, sich für sie zu rächen. 

Ebensowenig kann ich zu einem Mittelwege raten, der sich 
manchen als besonders klug empfehlen würde, welcher darin 
besteht, daß man die zärtlichen Gefühle der Patientin zu 
erwidern behauptet und dabei allen körperlichen Betätigun- 
gen dieser Zärtlichkeit ausweicht, bis man das Verhältnis in 
ruhigere Bahnen lenken und auf eine höhere Stufe heben 
kann Ich habe gegen dieses Auskunftsmittel einzuwenden, 
daß die psychoanalytische Behandlung auf Wahrhaftigkeit 
aufgebaut ist. Darin liegt ein gutes Stück ihrer erzieherischen 
Wirkung und ihres ethischen Wertes. Es ist gefährlich, dieses 
Fundament zu verlassen. Wer sich in die analytische Technik 
eingelebt hat, trifft das dem Arzte sonst unentbehrliche 
Lügen und Vorspiegeln überhaupt nicht mehr und pflegt sich 
zu verraten, wenn er es in bester Absicht einmal versucht. 
Da man vom Patienten strengste Wahrhaftigkeit fordert, 
setzt man seine ganze Autorität aufs Spiel, wenn man sie 



selbst von ihm bei einer Abweichung von der Wahrheit er- 
tappen läßt. Außerdem ist der Versuch, sich in zärtliche 
Gefühle gegen die Patientin gleiten zu lassen, nicht ganz un- 
gefährlich. Man beherrscht sich nicht so gut, daß man nicht 
plötzlich einmal weiter gekommen wäre, als man beabsich- 
tigt hatte. Ich meine also, man darf die Indifferenz, die man 
sich durch die Niederhaltung der Gegenübertragung erwor- 
ben hat, nicht verleugnen. 

Ich habe auch bereits erraten lassen, daß die analytische 
Technik es dem Arzte zum Gebote macht, der liebesbedürfti- 
gen Patientin die verlangte Befriedigung zu versagen. Die 
Kur muß in der Abstinenz durchgeführt werden; ich meine 
dabei nicht allein die körperliche Entbehrung, auch nicht die 
Entbehrung von allem, was man begehrt, denn dies würde 
vielleicht kein Kranker vertragen. Sondern ich will den 
Grundsatz aufstellen, daß man Bedürfnis und Sehnsucht als 
zur Arbeit und Veränderung treibende Kräfte bei der Kran- 
ken bestehen lassen und sich hüten muß, dieselben durch 
Surrogate zu beschwichtigen. Anderes als Surrogate könnte 
man ja nicht bieten, da die Kranke infolge ihres Zustandes, 
solange ihre Verdrängungen nicht behoben sind, einer wirk- 
lichen Befriedigung nicht fähig ist. 

Gestehen wir zu, daß der Grundsatz, die analytische Kur 
solle in der Entbehrung durchgeführt werden, weit über den 
hier betrachteten Einzelfall hinausreicht und einer eingehenden 
Diskussion bedarf, durch welche die Grenzen seiner Durch- 
führbarkeit abgesteckt werden sollen. Wir wollen es aber 
vermeiden, dies hier zu tun, und uns möglichst enge an die 
Situation halten, von der wir ausgegangen sind. Was würde 
geschehen, wenn der Arzt anders vorginge und die etwa 
beiderseits gegebene Freiheit ausnützen würde, um die Liebe 
der Patientin zu erwidern und ihr Bedürfnis nach Zärtlich- 
keit zu stillen? 



26* 



*°* ______ Bemerkungen 

Wenn ihn dabei die Berechnung leiten sollte, durch solches 
Entgegenkommen würde er sich die Herrschaft über die 
Patientin sichern und sie so bewegen, die Aufgaben der Kur 
zu lösen, also ihre dauernde Befreiung von der Neurose zu 
erwerben, so müßte ihm die Erfahrung zeigen, daß er sich 
verrechnet hat. Die Patientin würde ihr Ziel erreichen, er 
niemals das seinige. Es hätte sich zwischen Arzt und Patientin 
nur wieder abgespielt, was eine lustige Geschichte vom Pastor 
und vom Versicherungsagenten erzählt. Zu dem ungläubigen 
und schwerkranken Versicherungsagenten wird auf Betreiben 
der Angehörigen ein frommer Mann gebracht, der ihn vor 
seinem Tode bekehren soll. Die Unterhaltung dauert so lange, 
daß die Wartenden Hoffnung schöpfen. Endlich öffnet sich 
die Tür des Krankenzimmers. Der Ungläubige ist nicht be- 
kehrt worden, aber der Pastor geht versichert weg. 

Es wäre ein großer Triumph für die Patientin, wenn ihre 
Liebeswerbung Erwiderung fände, und eine volle Niederlage 
für die Kur. Die Kranke hätte erreicht, wonach alle Kranken 
in der Analyse streben, etwas zu agieren, im Leben zu wieder- 
holen, was sie nur erinnern, als psychisches Material reprodu- 
zieren und auf psychischem Gebiete erhalten soll. 22 Sie würde 
im weiteren Verlaufe des Liebesverhältnisses alle Hemmungen 
und pathologischen Reaktionen ihres Liebeslebens zum Vor- 
scheine bringen, ohne daß eine Korrektur derselben möglich 
wäre, und das peinliche Erlebnis mit Reue und großer Ver- 
stärkung ihrer Verdrängungsneigung abschließen. Das Liebes- 
verhältnis macht eben der Beeinflußbarkeit durch die analy- 
tische Behandlung ein Ende; eine Vereinigung von beiden ist 
ein Unding. 

Die Gewährung des Liebesverlangens der Patientin ist also 
ebenso verhängnisvoll für die Analyse wie die Unterdrückung 



22) Siehe die vorhergehende Abhandlung über „Erinnern . . ." usw. 






über die Übertragungsliebe 40 c 

desselben. Der Weg des Analytikers ist ein anderer, ein 
solcher, für den das reale Leben kein Vorbild liefert. Man 
hütet sich, von der Liebesübertragung abzulenken, sie zu ver- 
scheuchen oder der Patientin zu verleiden; man enthält sich 
ebenso standhaft jeder Erwiderung derselben. Man hält die 
Liebesübertragung fest, behandelt sie aber als etwas Unreales, 
als eine Situation, die in der Kur durchgemacht, auf ihre 
unbewußten Ursprünge zurückgeleitet werden soll und dazu 
verhelfen muß, das Verborgenste des Liebeslebens der Kranken 
dem Bewußtsein und damit der Beherrschung zuzuführen. Je 
mehr man den Eindruck macht, selbst gegen jede Versuchung 
gefeit zu sein, desto eher wird man der Situation ihren ana- 
lytischen Gehalt entziehen können. Die Patientin, deren 
Sexualverdrängung doch nicht aufgehoben, bloß in den 
Hintergrund geschoben ist, wird sich dann sicher genug fühlen, 
um alle Liebesbedingungen, alle Phantasien ihrer Sexualsehn- 
sucht, alle Einzelcharaktere ihrer Verliebtheit zum Vorscheine 
zu bringen, und von diesen aus dann selbst den "Weg zu den 
infantilen Begründungen ihrer Liebe eröffnen. 

Bei einer Klasse von Frauen wird dieser Versuch, die 
Liebesübertragung für die analytische Arbeit zu erhalten, 
ohne sie zu befriedigen, allerdings nicht gelingen. Es sind 
das Frauen von elementarer Leidenschaftlichkeit, welche keine 
Surrogate verträgt, Naturkinder, die das Psychische nicht für 
das Materielle nehmen wollen, die nach des Dichters Worten 
nur zugänglich sind „für Suppenlogik mit Knödelargumen- 
ten." Bei diesen Personen steht man vor der Wahl: entweder 
Gegenliebe zeigen oder die volle Feindschaft des verschmäh- 
ten Weibes auf sich laden. In keinem von beiden Fällen kann 
man die Interessen der Kur wahrnehmen. Man muß sich er- 
folglos zurückziehen und kann sich etwa das Problem vor- 
halten, wie sich die Fähigkeit zur Neurose mit so unbeug- 
samer Liebesbedürftigkeit vereinigt. 



406 



Bemerkungen 






Die Art, wie man andere, minder gewalttätige Verliebte 
allmählich zur analytischen Auffassung nötigt, dürfte sich 
vielen Analytikern in gleicher Weise ergeben haben. Man be- 
tont vor allem den unverkennbaren Anteil des Widerstandes 
an dieser „Liebe". Eine wirkliche Verliebtheit würde die 
Patientin gefügig machen und ihre Bereitwilligkeit steigern, 
die Probleme ihres Falles zu lösen, bloß darum, weil der 
geliebte Mann es fordert. Eine solche würde gern den Weg 
über die Vollendung der Kur wählen, um sich dem Arzte 
wertvoll zu machen und die Realität vorzubereiten, in 
welcher die Liebesneigung ihren Platz finden könnte. Anstatt 
dessen zeige sich die Patientin eigensinnig und ungehorsam, 
habe alles Interesse für die Behandlung von sich geworfen 
und offenbar auch keine Achtung vor den tiefbegründeten 
Überzeugungen des Arztes. Sie produziere also einen Wider- 
stand in der Erscheinungsform der Verliebtheit und trage 
überdies kein Bedenken, ihn in die Situation der sogenannten 
„Zwickmühle" zu bringen. Denn wenn er ablehne, wozu 
seine Pflicht und sein Verständnis ihn nötigen, werde sie die 
Verschmähte spielen können und sich dann aus Rachsucht 
und Erbitterung der Heilung durch ihn entziehen, wie jetzt 
infolge der angeblichen Verliebtheit. 

Als zweites Argument gegen die Echtheit dieser Liebe fuhrt 
man die Behauptung ein, daß dieselbe nicht einen einzigen 
neuen, aus der gegenwärtigen Situation entspringenden Zug 
an sich trage, sondern sich durchwegs aus Wiederholungen 
und Abklatschen früherer, auch infantiler, Reaktionen zu- 
sammensetze. Man macht sich anheischig, dies durch die detail- 
lierte Analyse des Liebesverhaltens der Patientin zu erweisen. 

Wenn man zu diesen Argumenten noch das erforderliche 
Maß von Geduld hinzufügt, gelingt es zumeist, die schwierige 
Situation zu überwinden und entweder mit einer ermäßigten 
oder mit der „umgeworfenen" Verliebtheit die Arbeit fort- 



über die Übertragungsliebe ( lf7 

zusetzen, deren Ziel dann die Aufdeckung der infantilen 
Objektwahl und der sie umspinnenden Phantasien ist. Ich 
möchte aber die erwähnten Argumente kritisch beleuchten und 
die Frage aufwerfen, ob wir mit ihnen der Patientin die 
Wahrheit sagen oder in unserer Notlage zu Verhehlungen und 
Entstellungen Zuflucht genommen haben. Mit anderen 
Worten: ist die in der analytischen Kur manifest werdende 
Verliebtheit wirklich keine reale zu nennen? 

Ich meine, wir .haben der Patientin die Wahrheit gesagt, 
aber doch nicht die ganze, um das Ergebnis unbekümmerte. 
Von unseren beiden Argumenten ist das erste das stärkere. 
Der Anteil des Widerstandes an der übertragungshebe ist 
unbestreitbar und sehr beträchtlich. Aber der Widerstand hat 
diese Liebe doch nicht geschaffen, er findet sie vor bedient 
sich ihrer und übertreibt ihre Äußerungen. Die Echtheit des 
Phänomens wird auch durch den Widerstand nicht entkräftet 
\ Unser zweites Argument ist weit schwächer; es ist wahr, daß 

diese Verliebtheit aus Neuauflagen alter Züge besteht und 
infantile Reaktionen wiederholt. Aber dies ist der wesent- 
liche Charakter jeder Verliebtheit. Es gibt keine, die nicht 
infantile Vorbilder wiederholt. Gerade das, was ihren zwang- 
haften, ans Pathologische mahnenden Charakter ausmacht, 
rührt von ihrer infantilen Bedingtheit her. Die Übertragungs- 
liebe hat vielleicht einen Grad von Freiheit weniger als die 
im Leben vorkommende, normal genannte, läßt die Abhän- 
gigkeit von der infantilen Vorlage deutlicher erkennen, zeigt 
sich weniger schmiegsam und modifikationsfähig, aber das ist 
auch alles und nicht das Wesentliche. 

Woran soll man die Echtheit einer Liebe sonst erkennen? 
An ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Brauchbarkeit zur Durch- 
setzung des Liebeszieles? In diesem Punkte scheint die Über- 
tragungsliebe hinter keiner anderen zurückzustehen; man hat 
den Eindruck, daß man alles von ihr erreichen könnte. 






2 _____ Bemerkungen 

Resümieren wir also: Man hat kein Anrecht, der in der 
analytischen Behandlung zutage tretenden Verliebtheit den 
Charakter einer „echten" Liebe abzustreiten. Wenn sie so 
wenig normal erscheint, so erklärt sich dies hinreichend aus 
dem Umstände, daß auch die sonstige Verliebtheit außerhalb 
der analytischen Kur eher an die abnormen als an die nor- 
malen seelischen Phänomene erinnert. Immerhin ist sie durch 
einige Züge ausgezeichnet, welche ihr eine besondere Stellung 
sichern. Sie ist i.) durch die analytische Situation provoziert, 
2.) durch den diese Situation beherrschenden Widerstand in 
die Höhe getrieben, und 3.), sie entbehrt in hohem Grade der 
Rücksicht auf die Realität, sie ist unkluger, unbekümmerter 
um ihre Konsequenzen, verblendeter in der Schätzung der 
geliebten Person, als wir einer normalen Verliebtheit gerne 
zugestehen wollen. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß 
gerade _Rese von der Norm abweichenden Züge das Wesent- 
liche einer Verliebtheit ausmachen. 

Für das Handeln des Arztes ist die erste der drei erwähn- 
ten Eigenheiten der Übertragungsliebe das Maßgebende. Er 
hat diese Verliebtheit durch die Einleitung der analytischen 
Behandlung zur Heilung der Neurose hervorgelockt; sie ist 
für ihn das unvermeidliche Ergebnis einer ärztlichen Situa- 
tion, ähnlich wie die körperliche Entblößung eines Kranken 
oder wie die Mitteilung eines lebenswichtigen Geheimnisses. 
Damit steht es für ihn fest, daß er keinen persönlichen Vor- 
teil aus ihr ziehen darf. Die Bereitwilligkeit der Patientin 
ändert nichts daran, wälzt nur die ganze Verantwortlichkeit 
auf seine eigene Person. Die Kranke war ja, wie er wissen 
muß, auf keinen anderen Mechanismus der Heilung vorbe- 
reitet. Nach glücklicher Überwindung aller Schwierigkeiten 
gesteht sie oft die Erwartungsphantasie ein, mit der sie in die 
Kur eingetreten war: Wenn sie sich brav benehme, werde sie 
am Ende durch die Zärtlichkeit des Arztes belohnt werden. 



— —m 



über die übertragungsliebe 40 o 

Für den Arzt vereinigen sich nun ethische Motive mit den 
technischen, um ihn von der Liebesgewährung an die Kranke 
zurückzuhalten. Er muß das Ziel im Auge behalten, daß das 
in seiner Liebesfähigkeit durch infantile Fixierungen behin- 
derte Weib zur freien Verfügung über diese für sie unschätz- 
bar wichtige Funktion gelange, aber sie nicht in der Kur ver- 
ausgabe, sondern sie fürs reale Leben bereichalte, wenn dessen 
Forderungen nach der Behandlung an sie herantreten. Er 
darf nicht die Szene des Hundewettrennens mit ihr auffüh- 
ren, bei dem ein Kranz von Würsten als Preis ausgesetzt ist, 
und das ein Spaßvogel verdirbt, indem er eine einzelne Wurst 
in die Rennbahn wirft. Über die fallen die Hunde her und 
vergessen ans Wettrennen und an den in der Ferne winken- 
den Kranz für den Sieger. Ich will nicht behaupten, daß es 
dem Arzte immer leicht wird, sich innerhalb der ihm von 
Ethik und Technik vorgeschriebenen Schranken zu halten. 
Besonders der jüngere und noch nicht fest gebundene Mann 
mag die Aufgabe als eine harte empfinden. Unzweifelhaft ist 
die geschlechtliche Liebe einer der Hauptinhalte des Lebens 
und die Vereinigung seelischer und körperlicher Befriedigung 
im Liebesgenusse geradezu einer der Höhepunkte desselben. 
Alle Menschen bis auf wenige verschrobene Fanatiker wissen 
das und richten ihr Leben danach ein; nur in der Wissen- 
schaft ziert man sich, es zuzugestehen. Anderseits ist es eine 
peinliche Rolle für den Mann, den Abweisenden und Ver- 
sagenden zu spielen, wenn das Weib um Liebe wirbt, und 
von einer edlen Frau, die sich zu ihrer Leidenschaft bekennt, 
geht trotz Neurose und Widerstand ein unvergleichbarer 

Zauber aus. Nicht das grobsinnliche Verlangen der Patientin 
stellt die Versuchung her. Dies wirkt ja eher abstoßend 
und ruft alle Toleranz auf, um es als natürliches Phänomen 
gelten zu lassen. Die feineren und zielgehcmmten Wunsch- 
regungen des Weibes sind es vielleicht, die die Gefahr mit sich 



4io 



Bemerkungen 



bringen, Technik und ärztliche Aufgabe über ein schönes 
Erlebnis zu vergessen. 

Und doch bleibt für den Analytiker das Nachgeben aus- 
geschlossen. So hoch er die Liebe schätzen mag, er muß es 
höher stellen, daß er die Gelegenheit hat, seine Patientin 
über eine entscheidende Stufe ihres Lebens zu heben. Sie hat 
von ihm die Überwindung des Lustprinzips zu lernen, den 
Verzicht auf eine naheliegende, aber sozial nicht eingeordnete 
Befriedigung zugunsten einer entfernteren, vielleicht über- 
haupt unsicheren, aber psychologisch wie sozial untadeligen. 
Zum Zwecke dieser Überwindung soll sie durch die Urzeiten 
ihrer seelischen Entwicklung durchgeführt werden und auf 
diesem Wege jenes Mehr von seelischer Freiheit erwerben, 
durch welches sich die bewußte Seelentätigkeit -- im syste- 
matischen Sinne — von der unbewußten unterscheidet. 

Der analytische Psychotherapeut hat so einen dreifachen 
Kampf zu führen, in seinem Inneren gegen die Mächte, 
welche ihn von dem analytischen Niveau herabziehen moch- 
ten, außerhalb der Analyse gegen die Gegner, die ihm die 
Bedeutung der sexuellen Triebkräfte bestreiten und es ihm 
verwehren, sich ihrer in seiner wissenschaftlichen Technik 
zu bedienen, und in der Analyse gegen seine Patienten, die 
sich anfangs wie die Gegner gebärden, dann aber die sie be- 
herrschende Überschätzung des Sexuallebens kundgeben und 
den Arzt mit ihrer sozial ungebändigten Leidenschaftlichkeit 

gefangen nehmen wollen. . 

Die Laien, von deren Einstellung zur Psychoanalyse ich 
eingangs sprach, werden gewiß auch diese Erörterungen über 
die Übertragungsliebe zum Anlasse nehmen, um die Aufmerk- 
samkeit der Welt auf die Gefährlichkeit dieser therapeuti- 
schen Methode zu lenken. Der Psychoanalytiker weiß, da 
er mit den explosivsten Kräften arbeitet und derselben Vo r 
sieht und Gewissenhaftigkeit bedarf wie der Chemiker. 









über die Übertragungsliebe 4 11 

wann ist dem Chemiker je die Beschäftigung mit den ob ihrer 
Wirkung unentbehrlichen Explosivstoffen wegen deren Ge- 
fährlichkeit untersagt worden? Es ist merkwürdig, daß sich 
die Psychoanalyse alle Lizenzen erst neu erobern muß, die 
anderen ärztlichen Tätigkeiten längst zugestanden sind. Ich 
bin gewiß nicht dafür, daß die harmlosen Behandlungsmetho- 
den aufgegeben werden sollen. Sie reichen für manche Fälle 
aus, und schließlich kann die menschliche Gesellschaft den 
furor sanandi ebensowenig brauchen wie irgend einen anderen 
Fanatismus. Aber es heißt die Psychoneurosen nach ihrer 
Herkunft und ihrer praktischen Bedeutung arg unterschätzen, 
wenn man glaubt, diese Affektionen müßten durch Opera- 
tionen mit harmlosen Mittelchen zu besiegen sein. Nein, im 
ärztlichen Handeln wird neben der mediana immer ein 
Raum bleiben für das ferrum und für das ignis, und so wird 
auch die kunstgerechte, unabgeschwächte Psychoanalyse nicht 
zu entbehren sein, die sich nicht scheut, die gefährlichsten 
seelischen Regungen zu handhaben und zum Wohle des 
Kranken zu meistern. 



WEGE DER PSYCHOANALYTISCHEN 

THERAPIE 

Rede auf dem V. Psycho analytisdien Kongreß in Budapeß, Sept. 1Q18 
Meine Herren Kollegen! 

Sie wissen, wir waren nie stolz auf die Vollständigkeit und 
Abgeschlossenheit unser« Wissens und Könnens; wir sind, wie 
früher so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheiten 
unserer Erkenntnis zuzugeben, Neues dazuzulernen und an 
unserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres er- 
setzen läßt. 

Da wir nun nach langen, schwer durchlebten Jahren der 






412 ___^ Wege der 

Trennung wieder einmal zusammengetroffen sind, reizt es 
mich, den Stand unserer Therapie zu revidieren, der wir ja 
unsere Stellung in der menschlichen Gesellschaft danken, und 
Ausschau zu halten, nach welchen neuen Richtungen sie sich 
entwickeln könnte. 

Wir haben als unsere ärztliche Aufgabe formuliert, den 
neurotisch Kranken zur Kenntnis der in ihm bestehenden 
unbewußten, verdrängten Regungen zu bringen und zu diesem 
Zwecke die Widerstände aufzudecken, die sich in ihm gegen 
solche Erweiterungen seines Wissens von der eigenen Person 
sträuben. Wird mit der Aufdeckung dieser Widerstände auch 
deren Überwindung gewährleistet? Gewiß nicht immer, aber 
wir hoffen, dieses Ziel zu erreichen, indem wir seine Über- 
tragung auf die Person des Arztes ausnützen, um unsere 
Überzeugung von der Unzweckmäßigkeit der in der Kindheit 
vorgefallenen Verdrängungsvorgänge und von der Undurch- 
führbarkeit eines Lebens nach dem Lustprinzip zu der seinigen 
werden zu lassen. Die dynamischen Verhältnisse des neuen 
Konflikts, durch den wir den Kranken führen, den wir an 
die Stelle des früheren Krankheitskonflikts bei ihm gesetzt 
haben, sind von mir an anderer Stelle klargelegt worden. 
Daran weiß ich derzeit nichts zu ändern. 

Die Arbeit, durch welche wir dem Kranken das verdrängte 
Seelische in ihm zum Bewußtsein bringen, haben wir Psycho- 
analyse genannt. Warum „Analyse", was Zerlegung, Zer- 
setzung bedeutet und an eine Analogie mit der Arbeit des 
Chemikers an den Stoffen denken läßt, die er in der Natur 
vorfindet und in sein Laboratorium bringt? Weil eine solche 
Analogie in einem wichtigen Punkte wirklich besteht. Die 
Symptome und krankhaften Äußerungen des Patienten sind 
wie alle seine seelischen Tätigkeiten höchzüsammengesetzter 
Natur; die Elemente dieser Zusammensetzung sind im letzten 
Grunde Motive, Triebregungen. Aber der Kranke weiß von 



psychoanalytischen Therapie 4^ 

diesen elementaren Motiven nichts oder nur sehr Ungenügen- 
des. "Wir lehren ihn nun die Zusammensetzung dieser hoch- 
komplizierten seelischen Bildungen verstehen, führen die 
Symptome auf die sie motivierenden Triebregungen zurück, 
weisen diese dem Kranken bisher unbekannten Triebmotive 
in den Symptomen nach, wie der Chemiker den Grundstoff, 
das chemische Element, aus dem Salz ausscheidet, in dem es 
in Verbindung mit anderen Elementen unkenntlich geworden 
war. Und ebenso zeigen wir dem Kranken an seinen nicht für 
krankhaft gehaltenen seelischen Äußerungen, daß ihm deren 
Motivierung nur unvollkommen bewußt war, daß andere 
Triebmotive bei ihnen mitgewirkt haben, die ihm unerkannt 
geblieben sind. 

Auch das Sexualstreben der Menschen haben wir erklärt, 
indem wir es in seine Komponenten zerlegten, und wenn wir 
einen Traum deuten, gehen wir so vor, daß wir den Traum 
als Ganzes vernachlässigen und die Assoziation an seine ein- 
zelnen Elemente anknüpfen. 

Aus diesem berechtigten Vergleich der ärztlichen psycho- 
analytischen Tätigkeit mit einer chemischen Arbeit könnte 
sich nun eine Anregung zu einer neuen Richtung unserer 
Therapie ergeben. Wir haben den Kranken analysiert, 
das heißt seine Seelentätigkeit in ihre elementaren Bestandteile 
zerlegt, diese Triebclemente einzeln und isoliert in ihm auf- 
gezeigt; was läge nun näher als zu fordern, daß wir ihm auch 
bei einer neuen und besseren Zusammensetzung derselben 
behilflich sein müssen? Sie wissen, diese Forderung ist auch 
wirklich erhoben worden. Wir haben gehört: Nach der 
Analyse des kranken Seelenlebens muß die Synthese desselben 
folgen! Und bald hat sich daran auch die Besorgnis geknüpft, 
man könnte zu viel Analyse und zu wenig Synthese geben, 
und das Bestreben, das Hauptgewicht der psychotherapeuti- 
schen Einwirkung auf diese Synthese, eine Art Wiederher- 



414 Wege der 

Stellung des gleichsam durch die Vivisektion Zerstörten, zu 
verlegen. 

Ich kann aber nicht glauben, meine Herren, daß uns in 
dieser Psychosynthese eine neue Aufgabe zuwächst. Wollte ich 
mir gestatten, aufrichtig und unhöflich zu sein, so würde ich 
sagen, es handelt sich da um eine gedankenlose Phrase. Ich 
bescheide mich zu bemerken, daß nur eine inhaltsleere Über- 
dehnung eines Vergleiches, oder, wenn Sie wollen, eine unbe- 
rechtigte Ausbeutung einer Namengebung vorliegt. Aber ein 
Name ist nur eine Etikette, zur Unterscheidung von anderem, 
ähnlichem, angebracht, kein Programm, keine Inhaltsangabe 
oder Definition. Und ein Vergleich braucht das Verglichene 
nur an einem Punkte zu tangieren und kann sich in allen 
anderen weit von ihm entfernen. Das Psychische ist etwas so 
einzig Besonderes, daß kein vereinzelter Vergleich seine Natur 
wiedergeben kann. Die psychoanalytische Arbeit bietet 
Analogien mit der chemischen Analyse, aber ebensolche mit 
dem Eingreifen des Chirurgen oder der Einwirkung des 
Orthopäden oder der Beeinflussung des Erziehers. Der Ver- 
gleich mit der chemischen Analyse findet seine Begrenzung 
darin, daß wir es im Seelenleben mit Strebungen zu tun 
haben, die einem Zwang zur Vereinheitlichung und Zu- 
sammenfassung unterliegen. Ist es uns gelungen, ein Symptom 
zu ersetzen, eine Triebregung aus einem Zusammenhange zu 
befreien, so bleibt sie nicht isoliert, sondern tritt sofort in 
einen neuen ein. 23 

Ja, im Gegenteil! Der neurotisch Kranke bringt uns ein 
zerrissenes, durch Widerstände zerklüftetes Seelenleben ent- 
gegen, und während wir daran analysieren, die Widerstände 









23) Ereignet sich doch wahrend der chemischen Analyse etwas 
ganz Ähnliches. Gleichzeitig mit den Isolierungen, die der Chemiker 
erzwingt, vollziehen sich von ihm ungewollte Synthesen dank der 
freigewordenen Affinitäten und der Wahlverwandtschaft der Stoffe. 



psychoanalytischen Therapie 



4i$ 



beseitigen, wächst dieses Seelenleben zusammen, fügt die große 
Einheit, die wir sein Ich heißen, sich alle die Triebregungen 
ein, die bisher von ihm abgespalten und abseits gebunden 
waren. So vollzieht sich bei dem analytisch Behandelten die 
Psychosynthese ohne unser Eingreifen, automatisch und un- 
ausweichlich. Durch die Zersetzung der Symptome und die 
Aufhebung der Widerstände haben wir die Bedingungen für 
sie geschaffen. Es ist nicht wahr, daß etwas in dem Kranken 
in seine Bestandteile zerlegt ist, was nun ruhig darauf wartet, 
bis wir es irgendwie zusammensetzen. 

Die Entwicklung unserer Therapie wird also wohl andere 
Wege einschlagen, vor allem jenen, den kürzlich F e r e n c z i 
in seiner Arbeit über „Technische Schwierigkeiten einer 
Hysterieanalyse 4 ' (Internat. Zschr. f. Psychoanalyse V, 1919) 
als die „A k t i v i t ä t" des Analytikers gekennzeichnet hat. 

Einigen wir uns rasch, was unter dieser Aktivität zu ver- 
stehen ist. Wir umschrieben unsere therapeutische Aufgabe 
durch die zwei Inhalte: Bewußtmachen des Verdrängten und 
Aufdeckung der Widerstände. Dabei sind wir allerdings aktiv 
genug. Aber sollen wir es dem Kranken überlassen, allein mit 
den ihm aufgezeigten Widerständen fertig zu werden? 
Können wir ihm dabei keine andere Hilfe leisten, als er durch 
den Antrieb der Übertragung erfährt? Liegt es nicht vielmehr 
sehr nahe, ihm auch dadurch zu helfen, daß wir ihn in jene 
psychische Situation versetzen, welche für die erwünschte 
Erledigung des Konflikts die günstigste ist? Seine Leistung ist 
doch auch abhängig von einer Anzahl von äußerlich kon- 
stellierenden Umständen. Sollen wir uns da bedenken, diese 
Konstellation durch unser Eingreifen in geeigneter Weise zu 
verändern? Ich meine, eine solche Aktivität des analytisch 
behandelnden Arztes ist einwandfrei und durchaus gerecht- 
fertigt. 

Sie bemerken, daß sich hier für uns ein neues Gebiet der 



WP 



416 



Wege der 



analytischen Technik eröffnet, dessen Bearbeitung eingehende 
Bemühung erfordern und ganz bestimmte Vorschriften ergeben 
wird. Ich werde heute nicht versuchen, Sie in diese noch in 
Entwicklung begriffene Technik einzuführen, sondern mich 
damit begnügen, einen Grundsatz hervorzuheben, dem wahr- 
scheinlich die Herrschaft auf diesem Gebiete zufallen wird. Er 
lautet: Die analytische Kur soll, soweit es 
möglich ist, in der Entbehrung — Abstinenz 
— durchgeführt werden. 

Wie weit es möglich ist, dies festzustellen, bleibe einer 
detaillierten Diskussion überlassen. Unter Abstinenz ist aber 
nicht die Entbehrung einer jeglichen Befriedigung zu ver- 
stehen — das wäre natürlich undurchführbar — auch nicht, 
was man im populären Sinne darunter versteht, die Ent- 
haltung vom sexuellen Verkehr, sondern etwas anderes, was 
mit der Dynamik der Erkrankung und der Herstellung weit 

mehr zu tun hat. 

Sie erinnern sich daran, daß es eine Versagung war, 
die den Patienten krank gemacht hat, daß seine Symptome 
ihm den Dienst von Ersatzbefriedigungen leisten. Sie können 
während der Kur beobachten, daß jede Besserung seines 
Leidenszustandes das Tempo der Herstellung verzögert und 
die Triebkraft verringert, die zur Heilung drängt. Auf diese 
Triebkraft können wir aber nicht verzichten; eine Ver- 
ringerung derselben ist für unsere Heilungsabsicht gefährlich. 
Welche Folgerung drängt sich uns also unabweisbar auf? Wir 
müssen, so grausam es klingt, dafür sorgen, daß das Leiden 
des Kranken in irgendeinem wirksamen Maße kein vorzeitiges 
Ende finde. Wenn es durch die Zersetzung und Entwertung 
der Symptome ermäßigt worden ist, müssen wir es irgendwo 
anders als eine empfindliche Entbehrung wieder aufrichten, 
sonst laufen wir Gefahr, niemals mehr als bescheidene und 
nicht haltbare Besserungen zu erreichen. 






psychoanalytischen Therapie 



4i7 



Die Gefahr droht, soviel ich sehe, besonders von zwe 
Seiten. Einerseits ist der Patient, dessen Kranksem durch die 
Analyse erschüttert worden ist, aufs emsigste bemuht, sich an 
Stelle seiner Symptome neue Ersatzbefriedigangen zu schaffen, 
denen nun der Leidenscharakter abgeht. * U *g^ 
großartigen Verschiebbarkeit der zum leil ^igew 
Libido, um die mannigfachsten Tätigkeiten Vorhebe. .Ge- 
wohnheiten, auch solche, die bereits ^\ h ^f\™2 
mit Libido zu besetzen und sie zu f^ff^SiZ 
erheben. Er findet immer wieder neue solche A» 
durch welche die zum Betrieb der Kur jÄ^J^g 
sickert, und weiß sie eine Zeitlang geheim zu "-^ 
hat die Aufgabe, alle diese Abwege aufzuspüren 1 und , d srn 1 
von ihm den Verzicht zu verlangen, so harmlos die zu r B 
friedigung führende Tätigkeit auch an sich «*£** 
Der Halbgeheilte kann aber auch minder harmlose Wege an- 
schlagen, zum Beispiel indem er, wenn ein Mann, eine vor- 
eilige Bindung an ein Weib aufsucht. Nebenbei bemerkt, 
unglückliche Ehe und körperliches Siechtum sind die gebräuch- 
lichsten Ablösungen der Neurose. Sie befriedigen insbesondere 
das Schuldbewußtsein (Strafbedürfnis), welches viele Kranke 
so zähe an ihrer Neurose festhalten läßt. Durch eine unge- 
schickte Ehewahl bestrafen sie sich selbst; langes organisches 
Kranksein nehmen sie als eine Strafe des Schicksals an und 
verzichten dann häufig auf eine Fortführung der Neurose. 

Die Aktivität des Arztes muß sich in all solchen Situationen 
als energisches Einschreiten gegen die voreiligen Ersatz- 
befriedigungen äußern. Leichter wird ihm aber die Ver- 
wahrung gegen die zweite, nicht zu unterschätzende Gefahr, 
von der die Triebkraft der Analyse bedroht wird. Der Kranke 
sucht vor allem die Ersatzbefriedigung in der Kur selbst im 
Übertragungsverhältnis zum Arzt und kann sogar danach 
streben, sich auf diesem Wege für allen ihm sonst auferlegten 



27 Freud, Schriften zur Neurosenleiire 



Verzicht zu entschädigen. Einiges muß man ihm ja wohl ge- 
währen, mehr oder weniger, je nach der Natur des Falles und 
der Eigenart des Kranken. Aber es ist nicht gut, wenn es zu 
viel wird. "Wer als Analytiker etwa aus der Fülle seines hilfs- 
bereiten Herzens dem Kranken alles spendet, was ein Mensch 
vom anderen erhoffen kann, der begeht denselben ökonomi- 
schen Fehler, dessen sich unsere nicht analytischen Nerven- 
heilanstalten schuldig machen. Diese streben nichts anderes 
an, als es dem Kranken möglichst angenehm zu machen, damit 
er sich dort wohlfühle und gerne wieder aus den Schwierig- 
keiten des Lebens seine Zuflucht dorthin nehme. Dabei ver- 
zichten sie darauf, ihn für das Leben stärker, für seine 
eigentlichen Aufgaben leistungsfähiger zu machen. In der 
analytischen Kur muß jede solche Verwöhnung vermieden 
werden. Der Kranke soll, was sein Verhältnis zum Arzt be- 
trifft, unerfüllte Wünsche reichlich übrig behalten. Es ist 
zweckmäßig, ihm gerade die Befriedigung zu versagen, die 
er am intensivsten wünscht und am dringendsten äußert. 

Ich glaube nicht, daß ich den Umfang der erwünschten 
Aktivität des Arztes mit dem Satze: In der Kur sei die Ent- 
behrung aufrecht zu halten, erschöpft habe. Eine andere 
Richtung der analytischen Aktivität ist, wie Sie sich erinnern 
v/erden, bereits einmal ein Streitpunkt zwischen uns und der 
Schweizer Schule gewesen. Wir haben es entschieden abge- 
lehnt, den Patienten, der sich Hilfe suchend in unsere Hand 
begibt, zu unserem Leibgut zu machen, sein Schicksal für ihn 
zu formen, ihm unsere Ideale aufzudrängen und ihn im Hoch- 
mut des Schöpfers zu unserem Ebenbild, an dem wir Wohl- 
gefallen haben sollen, zu gestalten. Ich halte an dieser Ab- 
lehnung auch heute noch fest und meine, daß hier die Stelle 
für die ärztliche Diskretion ist, über die wir uns in anderen 
Beziehungen hinwegsetzen müssen, habe auch erfahren, daß 
eine so weit gehende Aktivität gegen den Patienten für die 



— *i 



psychoanalytischen Therapie 



419 



therapeutische Absicht gar nicht erforderlich ist. Denn ich 
habe Leuten helfen können, mit denen mich keinerlei Gemein- 
samkeit der Rasse, Erziehung, sozialen Stellung und "Welt- 
anschauung verband, ohne sie in ihrer Eigenart zu stören. Ich 
habe damals, zur Zeit jener Streitigkeiten, allerdings den 
Eindruck empfangen, daß der Einspruch unserer Vertreter 
— ich glaube, es war in erster Linie E. J o n e s — allzu 
schroff und unbedingt ausgefallen ist. Wir können es nicht 
vermeiden, auch Patienten anzunehmen, die so haltlos und 
existenzunfähig sind, daß man bei ihnen die analytische Beein- 
flussung mit der erzieherischen vereinigen muß, und auch bei 
den meisten anderen wird sich hie und da eine Gelegenheit 
ergeben, wo der Arzt als Erzieher und Ratgeber aufzutreten 
genötigt ist. Aber dies soll jedesmal mit großer Schonung ge- 
schehen, und der Kranke soll nicht zur Ähnlichkeit mit uns, 
sondern zur Befreiung und Vollendung seines eigenen "Wesens 
erzogen werden. 

Unser verehrter Freund J. Putnam in dem uns jetzt 
so feindlichen Amerika muß es uns verzeihen, wenn wir 
auch seine Forderung nicht annehmen können, die Psycho- 
analyse möge sich in den Dienst einer bestimmten philosophi- 
schen "Weltanschauung stellen und diese dem Patienten zum 
Zwecke seiner Veredlung aufdrängen. Ich möchte sagen, dies 
ist doch nur Gewaltsamkeit, wenn auch durch die edelsten 
Absichten gedeckt. 

Eine letzte, ganz anders geartete Aktivität wird uns durch 
die allmählich wachsende Einsicht aufgenötigt, daß die ver- 
schiedenen Krankheitsformen, die wir behandeln, nicht durch 
die nämliche Technik erledigt werden können. Es wäre vor- 
eilig, hierüber ausführlich zu handeln, aber an zwei Beispielen 
kann ich erläutern, inwiefern dabei eine neue Aktivität in 
Betracht kommt. Unsere Technik ist an der Behandlung der 
Hysterie erwachsen und noch immer auf diese Affektionen 



27" 



4 20 ^ We & e der 

eingerichtet. Aber schon die Phobien nötigen uns, über unser 
bisheriges Verhalten hinauszugehen. Man wird kaum einer 
Phobie Herr, wenn man abwartet, bis sich der Kranke durch 
die Analyse bewegen läßt, sie aufzugeben. Er bringt dann 
niemals jenes Material in die Analyse, das zur überzeugenden 
Lösung der Phobie unentbehrlich ist. Man muß anders vor- 
gehen. Nehmen Sie das Beispiel eines Agoraphoben; es gibt 
zwei Klassen von solchen, eine leichtere und eine schwerere. 
Die ersteren haben zwar jedesmal unter der Angst zu leiden, 
wenn sie allein auf die Straße gehen, aber sie haben darum 
das Alleingehen noch nicht aufgegeben; die anderen schützen 
sich vor der Angst, indem sie auf das Alleingehen verzichten. 
Bei diesen letzteren hat man nur dann Erfolg, wenn man sie 
durch den Einfluß der Analyse bewegen kann, sich wieder 
wie Phobiker des ersten Grades zu benehmen, also auf die 
Straße zu gehen und während dieses Versuches mit der Angst 
zu kämpfen. Man bringt es also zunächst dahin, die Phobie 
so weit zu ermäßigen, und erst wenn dies durch die Forderung 
des Arztes erreicht ist, wird der Kranke jener Einfälle und 
Erinnerungen habhaft, welche die Lösung der Phobie er- 
möglichen. 

Noch weniger angezeigt scheint ein passives Zuwarten bei 
den schweren Fällen von Zwangshandlungen, die ja im allge- 
meinen zu einem „asymptotischen" Heilungsvorgang, zu einer 
unendlichen Behandlungsdauer neigen, deren Analyse immer 
in Gefahr ist, sehr viel zutage zu fördern und nichts zu 
ändern. Es scheint mir wenig zweifelhaft, daß die richtige 
Technik hier nur darin bestehen kann, abzuwarten, bis die 
Kur selbst zum Zwang geworden ist, und dann mit diesem 
Gegenzwang den Krankheitszwang gewaltsam zu unter- 
drücken. Sie verstehen aber, daß ich Ihnen in diesen zwei 
Fällen nur Proben der neuen Entwicklungen vorgelegt habe, 
denen unsere Therapie entgegengeht. 



psychoanalytischen Therapie 



421 



Und nun möchte ich zum Schlüsse eine Situation ins Auge 
fassen, die der Zukunft angehört, die vielen von Ihnen phan- 
tastisch erscheinen wird, die aber doch verdient, sollte ich 
meinen, daß man sich auf sie in Gedanken vorbereitet. Sie 
wissen, daß unsere therapeutische Wirksamkeit keine sehr 
intensive ist. Wir sind nur eine Handvoll Leute, und jeder 
von uns kann auch bei angestrengter Arbeit sich in einem Jahr 
nur einer kleinen Anzahl von Kranken widmen. Gegen das 
Übermaß von neurotischem Elend, das es in der Welt gibt 
und vielleicht nicht zu geben braucht, kommt das, was wir 
davon wegschaffen können, quantitativ kaum in Betracht. 
Außerdem sind wir durch die Bedingungen unserer Existenz 
auf die wohlhabenden Oberschichten der Gesellschaft ein- 
geschränkt, die ihre Ärzte selbst zu wählen pflegen und bei 
dieser Wahl durch alle Vorurteile von der Psychoanalyse 
abgelenkt werden. Für die breiten Volksschichten, die unge- 
heuer schwer unter den Neurosen leiden, können wir derzeit 
nichts tun. 

Nun lassen Sie uns annehmen, durch irgend eine Organi- 
sation gelänge es uns, unsere Zahl so weit zu vermehren, daß 
wir zur Behandlung von größeren Menschenmassen ausreichen. 
Anderseits läßt sich vorhersehen: Irgend einmal wird das 
Gewissen der Gesellschaft erwachen und sie mahnen, daß der 
Arme ein ebensolches Anrecht auf seelische Hilfeleistung hat 
wie bereits jetzt auf lebensrettende chirurgische. Und daß die 
Neurosen die Volksgesundheit nicht minder bedrohen als die 
Tuberkulose und ebensowenig wie diese der ohnmächtigen 
Fürsorge des Einzelnen aus dem Volke überlassen werden 
können. Dann werden also Anstalten oder Ordinationsinstitute 
errichtet werden, an denen psychoanalytisch ausgebildete Ärzte 
angestellt sind, um die Männer, die sich sonst dem Trunk er- 
geben würden, die Frauen, die unter der Last der Entsagungen 
zusammenzubrechen drohen, die Kinder, denen nur die Wahl 





















422 Wege der psychoanalytischen Therapie 

zwischen Verwilderung und Neurose bevorsteht, durch Analyse 
Widerstands- und leistungsfähig zu erhalten. Diese Behandlun- 
gen werden unentgeltlich sein. Es mag lange dauern, bis der 
Staat diese Pflichten als dringende empfindet. Die gegen- 
wärtigen Verhältnisse mögen den Termin noch länger hinaus- 
schieben, es ist wahrscheinlich, daß private Wohltätigkeit mit 
solchen Instituten den Anfang machen wird; aber irgend 
einmal wird es dazu kommen müssen. 

Dann wird sich für uns die Aufgabe ergeben, unsere Technik 
den neuen Bedingungen anzupassen. Ich zweifle nicht daran, 
daß die Triftigkeit unserer psychologischen Annahmen auch 
auf den Ungebildeten Eindruck machen wird, aber wir werden 
den einfachsten und greifbarsten Ausdruck unserer theoreti- 
schen Lehren suchen müssen. "Wir werden wahrscheinlich die 
Erfahrung machen, daß der Arme noch weniger zum Verzicht 
auf seine Neurose bereit ist als der Reiche, weil das schwere 
Leben, das auf ihn wartet, ihn nicht lockt, und das Kranksein 
ihm einen Anspruch mehr auf soziale Hilfe bedeutet. Mög- 
licherweise werden wir oft nur dann etwas leisten können, 
wenn wir die seelische Hilfeleistung mit materieller Unter- 
stützung nach Art des Kaiser Josef vereinigen können. Wir 
werden auch sehr wahrscheinlich genötigt sein, in der Massen- 
anwendung unserer Therapie das reine Gold der Analyse 
reichlich mit dem Kupfer der direkten Suggestion zu legieren, 
und auch die hypnotische Beeinflussung könnte dort wie bei 
der Behandlung der Kriegsneurotiker wieder eine Stelle finden. 
Aber wie immer sich auch diese Psychotherapie fürs Volk 
gestalten, aus welchen Elementen sie sich zusammensetzen mag, 
ihre wirksamsten und wichtigsten Bestandteile werden gewiß 
die bleiben, die von der strengen, der tendenzlosen Psycho- 
analyse entlehnt worden sind. 



Zur Vorgeschichte der analytischen Technik 423 

ZUR VORGESCHICHTE DER ANALY- 
TISCHEN TECHNIK 

(Zuerst erschienen — ohne Nennung des Verfassers, nur mit F. gezeichnet — in der 
„Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse", Bd. VI, 1920) 






In einem neuen Buche von Havelock Ellis, dem 
hochverdienten Sexualforscher und vornehmen Kritiker der 
Psychoanalyse, betitelt „The Philosophy of Conflict and 
other essays in war-time, second series", London 19 19, ist 
ein Aufsatz: „Psycho- Analysis in relation to sex" enthalten, 
der sich nachzuweisen bemüht, daß das Werk des Schöpfers 
der Analyse nicht als ein Stück wissenschaftlicher Arbeit, 
sondern als eine künstlerische Leistung gewertet werden sollte. 
Es Hegt uns nahe, in dieser Auffassung eine neue Wendung 
des Widerstandes und eine Ablehnung der Analyse zu sehen, 
wenngleich sie in liebenswürdiger, ja in allzu schmeichelhafter 
Weise verkleidet ist. Wir sind geneigt, ihr aufs entschiedenste 
zu widersprechen. 

Doch nicht solcher Widerspruch ist das Motiv unserer 
Beschäftigung mit dem Essay von Havelock Ellis, son- 
dern die Tatsache, daß er durch seine große Belesenheit in 
die Lage gekommen ist, einen Autor anzuführen, der die freie 
Assoziation als Technik geübt und empfohlen hat, wenngleich 
zu anderen Zwecken, und somit ein Recht hat, in dieser 
Hinsicht als Vorläufer der Psychoanalytiker genannt zu wer- 
den. „Im Jahre 1857", schreibt Havelock Ellis, „ver- 
öffentlichte Dr. J. J. G a r t h W i 1 k i n s o n, besser bekannt 
als Dichter und Mystiker von der Richtung Sweden- 
borgs denn als Arzt, einen Band mystischer Gedichte in 
Knüttelversen, durch eine angeblich neue Methode, die er 
, Impression' nennt, hervorgebracht." „Man wählt ein Thema", 
sagt er, „oder schreibt es nieder; sobald dies geschehen ist, 
darf man den ersten Einfall (impression upon the mind), der 



• 



424 Zwr Vorgeschichte der analytischen Technik 

sich nach der Niederschrift des Titels ergibt, als den Beginn 
der Ausarbeitung des Themas betrachten, gleichgültig wie 
sonderbar oder nicht dazu gehörig das betreffende Wort oder 
der Satz erscheinen mag." „Die erste Regung des Geistes, das 
erste Wort, das sich einstellt, ist der Erfolg des Bestrebens, 
sich in das gegebene Thema zu vertiefen." Man setzt das 
Verfahren in konsequenter Weise fort, und G a r t h W i 1- 
kinson sagt: „Ich habe immer gefunden, daß es wie in- 
folge eines untrüglichen Instinkts ins Innere der Sache führt." 
Diese Technik entsprach nach W i 1 k i n s n s Ansicht einem 
aufs höchste gesteigerten Sich-gehen-lassen, einer Aufforde- 
rung an die tiefstliegenden unbewußten Regungen, sich zur 
Äußerung zu bringen. Wille und Überlegung, mahnte er, sind 
beiseite zu lassen; man vertraut sich der Eingebung (influx) 
an und kann dabei finden, daß sich die geistigen Fähigkeiten 
auf unbekannte Ziele einstellen." 

„Man darf nicht außer acht lassen, daß W i 1 k i n s o n, 
obwohl er Arzt war, diese Technik zu religiösen und litera- 
rischen, niemals zu ärztlichen oder wissenschaftlichen 
Zwecken in Anwendung zog, aber es ist leicht einzusehen, 
daß es im wesentlichen die psychoanalytische Technik ist, 
die hier die eigene Person zum Objekt nimmt, ein Beweis 
mehr dafür, daß das Verfahren Freuds das eines Künst- 
lers (artist) ist." 

Kenner der psychoanalytischen Literatur werden sich hier 
jener schönen Stelle im Briefwechsel Schillers mit 
Körner erinnern, 24 in welcher der große Dichter und 
Denker (1788) demjenigen, der produktiv sein möchte, die 
Beachtung des freien Einfalles empfiehlt. Es ist zu vermuten, 
daß die angeblich neue W i 1 k i n s o n sehe Technik bereits 
vielen anderen vorgeschwebt hat, und ihre systematische An- 

24) Entdeckt von O. Rank und zitiert in der Traumdeutung, 
siebente Auflage, 1922, Seite 72. [Ges. Schriften, Bd. IL] 






Zur Vorgeschichte der analytischen Technik 



42 5 



wendung in der Psychoanalyse wird uns nicht so sehr als 
Beweis für die künstlerische Artung Freuds erscheinen, wie 
als Konsequenz seiner nach Art eines Vorurteils festgehalte- 
nen Überzeugung von der durchgängigen Determinierung 
alles seelischen Geschehens. Die Zugehörigkeit des freien Ein- 
falles zum fixierten Thema ergab sich dann als die nächste 
und wahrscheinlichste Möglichkeit, welche auch durch die 
Erfahrung in der Analyse bestätigt wird, insofern nicht über- 
große Widerstände den vermuteten Zusammenhang unkennt- 
lich machen. 

Indes darf man es als sicher annehmen, daß weder 
Schiller noch Garth W i 1 k ii n s o n auf die Wahl der 
psychoanalytischen Technik Einfluß geübt haben. Mehr per- 
sönliche Beziehung scheint sich von einer anderen Seite her 
anzudeuten. 

Vor kurzem machte Dr. Hugo Dubowitz in Budapest 
Dr. Ferenczi auf einen kleinen, nur 4% Seiten umfassen- 
den Aufsatz von Ludwig Börne aufmerksam, der, 1823 
verfaßt, im ersten Band seiner Gesammelten Schriften (Aus- 
gabe von 1862) abgedruckt ist. Er ist betitelt: „Die Kunst, 
in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden" und trägt 
die bekannten Eigentümlichkeiten des Jean Paul sehen Stils, 
dem Börne damals huldigte, an sich. Er schließt mit den 
Sätzen: „Und hier folgt die versprochene Nutzanwendung. 
Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hinter- 
einander, ohne Falsch und Heuchelei, alles nieder, was euch 
durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, 
von euren Weibern, von dem Türkenkrieg, von Goethe, von 
Fonks Kriminalprozeß, vom jüngsten Gericht, von euren Vor- 
gesetzten — und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor 
Verwunderung, was ihr für neue unerhörte Gedanken gehabt, 
ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen 
ein Originalschriftsteller zu werden!" 






426 Zur Vorgeschichte der analytischen Technik 

Als Prof. Freud veranlaßt wurde, diesen Börne sehen 
Aufsatz zu lesen, machte er eine Reihe von Angaben, die 
für die hier berührte Frage nach der Vorgeschichte der 
psychoanalytischen Einfallsverwertung bedeutungsvoll sein 
können. Er erzählte, daß er Börnes "Werke im vierzehnten 
Jahr zum Geschenk bekommen habe und dieses Buch heute, 
fünfzig Jahre später, noch immer als das einzige aus seiner 
Jugendzeit besitze. Dieser Schriftsteller sei der erste gewesen, 
in dessen Schriften er sich vertieft habe. An den in Rede ste- 
henden Aufsatz könne er sich nicht erinnern, aber andere, 
in denselben Band aufgenommene, wie die Denkrede auf Jean 
Paul, Der Eß*künstler, Der Narr im weißen Schwan, seien 
durch lange Jahre ohne ersichtlichen Grund immer wieder in 
seiner Erinnerung aufgetaucht. Er war besonders erstaunt, in 
der Anweisung zum Originalschmftsteller einige Gedanken 
ausgesprochen zu finden, die er selbst immer gehegt und ver- 
treten habe, zum Beispiel: „Eine schimpfliche Feigheit zu 
denken, hält uns alle zurück. Drückender als die Zensur der 
Regierungen ist die Zensur, welche die öffentliche Meinung 
über unsere Geisteswerke ausübt." (Hier findet sich übrigens 
die „Zensur" erwähnt, die in der Psychoanalyse als Traum- 
zensur wiedergekommen ist . . .) „Nicht an Geist, an Cha- 
rakter mangelt es den meisten Schriftstellern, um besser zu 
sein, als sie sind . . . Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genia- 
lität, und die Menschen wären geistreicher, wenn sie sittlicher 
wären . . ." 

Es scheint uns also nicht ausgeschlossen, daß dieser Hin- 
weis vielleicht jenes Stück Kryptomnesie aufgedeckt hat, das 
in so vielen Fällen hinter einer anscheinenden Originalität 
vermutet werden darf. 









INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 

Die Disposition zur Zwangsneurose 5 . 

Zwei Kinderlügen 16 

Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem 

Symptom 21 

Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie wider- 
sprechenden Falles von Paranoia 23 

Aus der Geschichte einer infantilen Neurose 37 

I) Vorbemerkungen " . ", 37 

II) Übersicht des Milieus und der Krankengeschichte 44 

III) Die Verführung und ihre nächsten Folgen .... 50 

IV) Der Traum und die Urszene 62 

V) Einige Diskussionen . g, 

VI) Die Zwangsneurose .... I0I 

VII) Analerotik und Kastrationskomplex 113 

VIII) Nachträge aus der Urzeit — Lösung . . . . .' II3 

IX) Zusammenfassungen und Probleme I5 o 

.... 

Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes .... 172 

Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, 

Paranoia und Homosexualität I75 

Neurose und Psychose 186 . 

Der Untergang des Ödipuskomplexes 191 

Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose ... 199 . 

Hemmung, Symptom und Angst 205 






Seite 

Der Familienroman der Neurotiker 299 

Kurze Mitteilungen 3°5 

I) Beispiele des Verrats pathogener Phantasien bei Neu- 

rotikern 3°5 

II) Die Bedeutung der Vokalfolge . 306 

III) Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen 

Praxis 3° 6 

Zur Selbstmorddiskussion der Wiener Psychoanalyti- 
schen Vereinigung 309 

Einleitung zu „Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen" 310 

Geleitwort zu „Die psychanalytische Methode" von 

Dr. Oskar Pfister ....." 315 

Geleitwort zu „Verwahrloste Jugend" von August 

Aichhorn 3 l8 



ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE 

Die Handhabung der Traumdeutung in der Psycho- 
analyse 3 21 

Zur Dynamik der Übertragung 3 2 8 

Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen 

Behandlung 34° 

Über fausse reconnaissance („dejä racont£") während 

der psychoanalytischen Arbeit 352 

Zur Einleitung der Behandlung 359 

Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 385 

Bemerkungen über die Übertragungsliebe 396 

Wege der psychoanalytischen Therapie 411 

Zur Vorgeschichte der analytischen Technik .... 423 



Im gleichen Format und in der gleichen Ausstattung 
vorliegende Band erschien von 



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IN DIE PSYCHOANALYSE 

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Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum 

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THEORETISCHE SCHRIFTEN 

Aus dem Inhalt: Über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens — 
Zur Einführung des Narzißmus — Triebe und Triebschicksale — Die Ver- 
drängung — Das Unbewußte — Trauer und Melancholie — Jenseits des Lust- 
prinzips — Massenpsychologie und Ich-Analyse — Das Ich und das Es — Die 

Verneinung — usw. 



Kleine Sdiriffcem zur 

SEXUALTHEORIE und TRAUMLEHRE 

Aus dem Inhalt: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens — Über Trieb- 
umsetzungen, insbesondere der Analerotik — Über die Psychogenese eines Falles 
von weiblicher Homosexualität — „Ein Kind wird geschlagen" — Das ökono- 
mische Problem des Masochismus — Einige Folgen des anatomischen Gesdilechts- 
unterschiedes — Fetischismus — Zur Onaniediskussion — Über den Traum — 
Ein Traum als Beweismittel — Traum und Telepathie — Die sittliche Verantwortung 
für den Inhalt des Traumes — Die okkulte Bedeutung des Traumes — usw. 

Preis jedes Bandes in Ganzleinen Mark Q — 



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Darstellungen 



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| Psychoanalyse der Neurosen § 

Geheftet Mark f.- in Ganzleinen Mark Q.- 

Inhalt: Einleitung: Die Rolle des aktuellen Konfliktes in der Neuroscn- 
bildung. - Erster Teü : H y s t e r i e (Hysterische Schicksalsneurose. Konversions- 

R Symptome. Nachtangst, Bettnässen, Potenzstörungen. Lähmung, Sprachstörungen, 
Freßlust, Anfälle, Dämmerzustände. - Zweiter Teil: Phobie (Angstzustände 
Ein Fall von Katzenphobie. Ein Fall von Hühnerphobie. Platzangst). - Dritter 
Teil: Zwangsneurose (Zwangszeremoniell, Zwangshandlungen, Zwangs- 
vorstellungen). - Anhang: Melancholische und depressive Zu- 

ig stände. j|§ 

PAUL SCHILDER | 

Entwarf einer Psychiatrie | 

auf psychoanalytischer Grundlage 

In Ganzleinen Mark Q- 

I n h a 1 1 : I) Das Ideal-Ich. — II) Die Ichtnebe. — III) Die feinere Struktur des 
Ideal-Ichs und das Wahrnehmungs-Ich. — IV) Phänomenologie des Icherlebens. — 
V) Selbstbeobachtung und Hypochondrie. — VI) Depersonalisation. — VII) Ver- 
drängung und Zensur, Symbol und Sphäre, Sprachverwirrtheit. — VIII) Narziß- 
mus und Außenwelt. — DQ Identifizierung in der Schizophrenie. — X) Sympto- 
matologie der Schizophrenie. - XI) Schizophrenie-Paranoia. — XII) Amentia 
Aphasie, Agnosie. - XHI) Epilepsie. _ XIV) Manisch-depressives Irresein 2 
XV) Demenz. Progressive Paralyse. - XVI) Korsakoff. - XVII) Intoxikationen - 

XVIII) Therapie. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 









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der psychoanalytischen/ speziellen 

lNeurosenlenre 









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Hysterien und Zwangsneurosen 

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Inhalt: Einleitung. — I) Hysterie. — II) Angsthysterie. — III) Hysterieforme 
Krankheiten. Organlibido. Aktualneurosen, Pathoneurosen, Organneurosen. Hem- 
ngszustände. Die traumatische Neurose. — IV) Zwangsneurose. — V) Prä- 
genitale Konversionsneurosen. Stottern. Asthma. Psychogener Tic. 



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Perversiooee, Psychosen, 
Charakterstörmegee 

Geheftet Mark 8.-, in Ganzleinen Mark lO.- 






Inhalt: Vorwort. — I) Perversionen. — II) Perversionsverwandte Neurosen. 

Sexualstörungcn. Impulshandlungen und Süchte. — III) Die Schizophrenie. — 

IV) Die manisch-depressive Gruppe. — V) Charakterstörungen. 






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Forschung in Theorie und Praxis und über die 
psychoanalytische Bewegung unterrichten die 

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Zeitschrift für 
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Sigm. Freud 

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M. Eitingon, S. Ferenczi, S. Radö 

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Herausgegeben von 

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Redigiert von 
S. Radö, H. Sachs, A. J. Storfer 

Jährlich (4 Hefte, Gesamtumfang ca. 
560 Seiten) M. 22.— 



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psychoanalytische 
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P. Federn, Anna Freud, H. Meng, 
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Jährlich (12 Hefte, Gesamtumfang ca. 
500 Seiten) M. 10.— 



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