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Full text of "Theoretische Schriften (1911-1925)"

L 



I 






J 






SIGM. FREUD 

THEORETISCHE SCHRIFTEN 

(KLEINOKTAVAUSGABE) 



ALLE RECHTE, INSBESONDERE DIE DER ÜBER- 
SETZUNG VORBEHALTEN 



PRINTED IN AUSTRIA 


















INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

OIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 







DRUCK DER VERNAY A. G. WIEN IX. 









THEORETISCHE 
SCHRIFTEN 












(1 9 1 1 — 1 9 2 5) 



VON 






SIGM. FREUD 








äflui-^c ff )d/ 



1031 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 










i 



FORMULIERUNGEN ÜBER DIE 

ZWEI PRINZIPIEN DES 
PSYCHISCHEN GESCHEHENS 

Wir haben seit langem gemerkt, daß jede Neurose die Folge, 
also wahrscheinlich die Tendenz habe, den Kranken aus dem 
realen Leben herauszudrängen, ihn der Wirklichkeit zu ent- 
fremden. Eine derartige Tatsache. konnte auch der Beobachtung 
P. Janets nicht entgehen; er sprach von einem Verluste „de 
la fonction du reel" als von einem besonderen Charakter der 
Neurotiker, ohne aber den Zusammenhang dieser Störung mit 
den Grundbedingungen der Neurose aufzudecken. 1 

Die Einführung des Verdrängungsprozesses in die Genese 
der Neurose hat uns gestattet, in diesen Zusammenhang Ein- 
sicht zu nehmen. Der Neurotiker wendet sich von der Wirk- 
lichkeit ab, weil er sie — ihr Ganzes oder Stücke derselben — 
unerträglich findet. Den extremsten Typus dieser Abwendung 
von der Realität zeigen uns gewisse Fälle von halluzinatori- 
scher Psychose, in denen jenes Ereignis verleugnet werden soll, 
welches den Wahnsinn hervorgerufen hat (G r i e s i n g e r). 
Eigentlich tut aber jeder Neurotiker mit einem Stückchen der 



i) P. Jane t, Les Nevroses. 1909. Bibliotheque de Philosophie 
scientifique. 



Formulierungen über die zwei 



Realität das gleiche. 2 Es erwächst uns nun die Aufgabe, die 
Beziehung des Neurotikcrs und des Menschen überhaupt zur 
Realität auf ihre Entwicklung zu untersuchen und so die psy- 
chologische Bedeutung der realen Außenwelt in das Gefüge 
unserer Lehren aufzunehmen. 

Wir haben uns in der auf Psychoanalyse begründeten Psy- 
chologie gewöhnt, die unbewußten seelischen Vorgänge zum 
Ausgange zu nehmen, deren Eigentümlichkeiten uns durch die 
Analyse bekannt geworden sind. Wir halten diese für die älteren, 
primären, für Überreste aus einer Entwicklungsphase, in wel- 
cher sie die eiri .e Art von seelischen Vorgängen waren. Die 
oberste Tendenz, welcher diese primären Vorgänge gehorchen, 
ist leicht zu erkennen; sie wird als das Lust-Unlust-Prinzip 
(oder kürzer als das Lustprinzip) bezeichnet. Diese Vorgänge 
streben danach, Lust zu gewinnen; von solchen Akten, welche 
Unlust erregen können, zieht sich die psychische Tätigkeit zu- 
rück (Verdrängung). Unser nächtliches Träumen, unsere Wach- 
tendenz, uns von peinlichen Eindrücken loszureißen, sind Reste von 
der Herrschaf t dieses Prinzips und Beweise für dessen Mächtigkeit. 

Ich greife auf Gedankengänge zurück, die ich an anderer 
Stelle (im allgemeinen Abschnitt der Traumdeutung) ent- 
wickelt habe, wenn ich supponiere, daß der psychische Ruhe- 
zustand anfänglich durch die gebieterischen Forderungen der 
inneren Bedürfnisse gestört wurde. In diesem Falle wurde das 
Gedachte (Gewünschte) einfach halluzinatorisch gesetzt, wie 
es heute noch allnächtlich mit unseren Traumgedanken ge- 
schieht. 3 Erst das Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die 



2) Eine merkwürdig klare Ahnung dieser Verursachung hat kürz- 
lich Otto Rank in einer Stelle Schopenhauers aufgezeigt. 
(Die Welt als Wille und Vorstellung, 2. Band. Siehe Zcntralblatt 
für Psychoanalyse, Heft 1/2, 1910.) 

3) Der Schlafzustand kann das Ebenbild des Seelenlebens vor der 
Anerkennung der Realität wiederbringen, weil er die absichtliche 
Verleugnung derselben (Schlafwunsch) zur Voraussetzung nimmt. 



Prinzipien des psychischen Geschehens 



Enttäuschung, hatte zur Folge, daß dieser Versuch der Be- 
friedigung auf halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde. 
Anstatt seiner mußte sich der psychische Apparat entschließen, 
die realen Verhältnisse der Außenwelt vorzustellen und die 
reale Veränderung anzustreben. Damit war ein neues Prinzip 
der seelischen Tätigkeit eingeführt; es wurde nicht mehr vor- 
gestellt, was angenehm, sondern was real war, auch wenn es 
unangenehm sein sollte. 4 Diese Einsetzung des Realitäts- 
prinzips erwies sich als ein folgenschwerer Schritt. 

i) Zunächst machten die neuen Anforderungen eine Reihe 
von Adaptierungen des psychischen Apparats nötig, die wir 



4) Ich will versuchen, die obige schematische Darstellung durch 
einige Ausführungen zu ergänzen: Es wird mit Recht eingewendet 
werden, daß eine solche Organisation, die dem Lustprinzip frönt 
und die Realität der Außenwelt vernachlässigt, sich nicht die kür- 
zeste Zeit am Leben erhalten könnte, so daß sie überhaupt nicht 
hätte entstehen können. Die Verwendung einer derartigen Fiktion 
rechtfertigt sich aber durch die Bemerkung, daß der Säugling, wenn 
man nur die Mutterpflege hinzunimmt, ein solches psychisches Sy- 
stem nahezu realisiert. Er halluziniert wahrscheinlich die Erfüllung 
seiner inneren Bedürfnisse, verrät seine Unlust bei steigendem Reiz 
und ausbleibender Befriedigung durch die motorische Abfuhr des 
Schreiens und Zappeins und erlebt darauf die halluzinierte Befrie- 
digung. Er erlernt es später als Kind, diese Abfuhräußerungen ab- 
sichtlich als Ausdrucksmittel zu gebrauchen. Da die Säuglings- 
pflege das Vorbild der späteren Kinderfürsorge ist, kann die Herr- 
schaft des Lustprinzips eigentlich erst mit der vollen psychischen 
Ablösung von den Eltern ein Ende nehmen. — Ein schönes Beispiel 
eines von den Reizen der Außenwelt abgeschlossenen psychischen 
Systems, welches selbst seine Ernährungsbedürfnisse autistisch (nach 
einem Worte Bleulers) befriedigen kann, gibt das mit seinem 
Nahrungsvorrat in die Eischale eingeschlossene Vogelei, für das sich 
die Mutterpdcge auf die Wärmezufuhr einschränkt. — Ich werde 
es nicht als Korrektur, sondern nur als Erweiterung des in Rede 
stehenden Schemas ansehen, wenn man für das nach dem Lust- 
prinzip lebende System Einrichtungen fordert, mittels deren es sich 
den Reizen der Realität entziehen kann. Diese Einrichtungen sind 
nur das Korrelat der „Verdrängung", welche innere Unlustreize so 
behandelt, als ob sie äußere wären, sie also zur Außenwelt schlägt. 



Formulierungen über die zwei 



infolge von ungenügender oder unsicherer Einsicht nur ganz 
beiläufig aufführen können. 

Die erhöhte Bedeutung der äußeren Realität hob auch die 
Bedeutung der jener Außenwelt zugewendeten Sinnesorgane 
und des an sie geknüpften Bewußtseins, welches außer 
den bisher allein interessanten Lust- und Unlustqualitäten die 
Sinnesqualitätcn auffassen lernte. Es wurde eine besondere 
Funktion eingerichtet, welche die Außenwelt periodisch ab- 
zusuchen hatte, damit die Daten derselben im vorhinein be- 
kannt wären, wenn sich ein unaufschiebbares inneres Be- 
dürfnis einstellte, die Aufmerksamkeit. Diese Tätig- 
keit geht den Sinneseindrücken entgegen, anstatt ihr Auftreten 
abzuwarten. Wahrscheinlich wurde gleichzeitig damit ein Sy- 
stem von Merken eingesetzt, welches die Ergebnisse dieser 
periodischen Bewußtseinstätigkeit zu deponieren hatte, ein 
Teil von dem, was wir Gedächtnis heißen. 

An Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der auf- 
tauchenden Vorstellungen als unlusterzeugend von der Be- 
setzung ausschloß, trat die unparteiische Urteilsfällung, 
welche entscheiden sollte, ob eine bestimmte Vorstellung wahr 
oder falsch, das heißt im Einklang mit der Realität sei oder 
nicht, und durch Vergleichung mit den Erinnerungsspuren der 
Realität darüber entschied. 

Die motorische Abfuhr, die wahrend der Herrschaft des 
Lustprinzips zur Entlastung des seelischen Apparats von Reiz- 
zuwächsen gedient hatte und dieser Aufgabe durch ins Innere 
des Körpers gesandte Innervationen (Mimik, Affektäußerun- 
gen) nachgekommen war, erhielt jetzt eine neue Funktion, 
indem sie zur zweckmäßigen Veränderung der Realität ver- 
wendet wurde. Sie wandelte sich zum Handeln. 

Die notwendig gewordene Aufhaltung der motorischen Ab- 
fuhr (des Handelns) wurde durch den Denkprozeß be- 
sorgt, welcher sich aus dem Vorstellen herausbildete. Das 



Prinzipien des psychischen Geschehens 9 

Denken wurde mit Eigenschaften ausgestattet, welche dem 
seelischen Apparat das Ertragen der erhöhten Reizspannung 
während des Aufschubs der Abfuhr ermöglichten. Es ist im 
wesentlichen ein Probehandeln mit Verschiebung kleinerer Be- 
setzungsquantitäten, unter geringer Verausgabung (Abfuhr) 
derselben. Dazu war eine Überführung der frei verschieb- 
baren Besetzungen in gebundene erforderlich, und eine solche 
wurde mittels einer Niveauerhöhung des ganzen Besetzungs- 
vorganges erreicht. Das Denken war wahrscheinlich ursprüng- 
lich unbewußt, insoweit es sich über das bloße Vorstellen er- 
hob und sich den Relationen der Objekteindrücke zuwendete, 
und erhielt weitere für das Bewußtsein wahrnehmbare Quali- 
täten erst durch die Bindung an die Wortreste. 

2) Eine allgemeine Tendenz unseres seelischen Apparats, 
die man auf das ökonomische Prinzip der Aufwandersparnis 
zurückführen kann, scheint sich in der Zähigkeit des Fest- 
haltens an den zur Verfügung stehenden Lustquellen und in 
der Schwierigkeit des Verzichts auf dieselben zu äußern. Mit 
der Einsetzung des Realitätsprinzips wurde eine Art Denk- 
tätigkeit abgespalten, die von der Realitätsprüfung frei 
gehalten und allein dem Lustprinzip unterworfen blieb. 6 Es 
ist dies das Phantasieren, welches bereits mit dem 
Spielen der Kinder beginnt und später als Tagträumen 
fortgesetzt die Anlehnung an reale Objekte aufgibt. 

3) Die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitäts- 
prinzip mit den aus ihr hervorgehenden psychischen Folgen, 
die hier in einer schematisierenden Darstellung in einen ein- 
zigen Satz gebannt ist, vollzieht sich in Wirklichkeit nicht auf 
einmal und nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie. Während 



_ 5) Ähnlich wie eine Nation, deren Reichtum auf der Ausbeutung 
ihrer Bodenschätze beruht, doch ein bestimmtes Gebiet reserviert, 
das im Urzustand belassen und von den Veränderungen der Kultur 
verschont werden soll (Yellowstonepark). 



io Formulierungen über die zwei 

aber diese Entwicklung an den Ichtrieben vor sich geht, lösen 
sich die Sexualtriebe in sehr bedeutsamer Weise von ihnen 
ab. Die Sexualtriebe benehmen sich zunächst autoerotisch, sie 
finden ihre Befriedigung am eigenen Leib und gelangen daher 
nicht in die Situation der Versagung, welche die Einsetzung 
des Realitätsprinzips erzwungen hat. Wenn dann später bei 
ihnen der Prozeß der Objektfindung beginnt, erfährt er als- 
bald eine lange Unterbrechung durch die Latenzzeit, welche 
die Sexualentwicklung bis zur Pubertät verzögert. Diese bei- 
den Momente — Autoerotismus und Latenzperiode — haben 
zur Folge, daß der Sexualtrieb in seiner psychischen Aus- 
bildung aufgehalten wird und weit länger unter der Herr- 
schaft des Lustprinzips verbleibt, welcher er sich bei vielen 
Personen überhaupt niemals zu entziehen vermag. 

Infolge dieser Verhältnisse stellt sich eine nähere Beziehung 
her zwischen dem Sexualtrieb und der Phantasie einerseits, den 
Ichtrieben und den Bewußtseinstätigkeiten anderseits. Diese 
Beziehung tritt uns bei Gesunden wie Neurotikern als eine sehr 
innige entgegen, wenngleich sie durch diese Erwägungen aus 
der genetischen Psychologie als eine sekundäre erkannt 
wird. Der fortwirkende Autoerotismus macht es möglich, daß 
die leichtere momentane und phantastische Befriedigung am 
Sexualobjekte so lange an Stelle der realen, aber Mühe und 
Aufschub erfordernden, festgehalten wird. Die Verdrängung 
bleibt im Reiche des Phantasierens allmächtig; sie bringt es 
zustande, Vorstellungen in statu nascendi, ehe sie dem Be- 
wußtsein auffallen können, zu hemmen, wenn deren Besetzung 
zur Unlustentbindung Anlaß geben kann. Dies ist die 
schwache Stelle unserer psychischen Organisation, die dazu 
benutzt werden kann, um bereits rationell gewordene Denk- 
vorgänge wieder unter die Herrschaft des Lustprinzips zu 
bringen. Ein wesentliches Stück der psychischen Disposition 
zur Neurose ist demnach durch die verspätete Erziehung des 



Prinzipien des psychischen Geschehens 



ii 



Sexualtriebs zur Beachtung der Realität und des weiteren 
durch die Bedingungen, welche diese Verspätung ermöglichen, 
gegeben. 

4) Wie das Lust-Ich nichts anderes kann als wünschen, 
nach Lustgewinn arbeiten und der Unlust ausweichen, so 
braucht das Real-Ich nichts anderes zu tun als nach Nutzen 
zu streben und sich gegen Schaden zu sichern. 8 In Wirklich- 
keit bedeutet die Ersetzung des Lustprinzips durch das Reali- 
tätsprinzip keine Absetzung des Lustprinzips, sondern nur eine 
Sicherung desselben. Eine momentane, in ihren Folgen un- 
sichere Lust wird aufgegeben, aber nur darum, um auf dem 
neuen Wege eine später kommende, gesicherte zu gewinnen. 
Doch ist der endopsychische Eindruck dieser Ersetzung ein so 
mächtiger gewesen, daß er sich in einem besonderen religiösen 
Mythus spiegelt. Die Lehre von der Belohnung im Jenseits 
für den — freiwilligen oder aufgezwungenen — Verzicht auf 
irdische Lüste ist nichts anderes als die mythische Projektion 
dieser psychischen Umwälzung. Die Religionen haben in 
konsequenter Verfolgung dieses Vorbildes den absoluten Lust- 
verzicht im Leben gegen Versprechen einer Entschädigung in 
einem künftigen Dasein durchsetzen können; eine Überwin- 
dung des Lustprinzips haben sie auf diesem Wege nicht er- 
reicht. Am ehesten gelingt diese Überwindung der Wissen- 
s c h a f t, die aber auch intellektuelle Lust während der Arbeit 
bietet und endlichen praktischen Gewinn verspricht. 

5) Die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als An- 
regung zur Überwindung des Lustprinzips, zur Ersetzung des- 
selben durch das Realitätsprinzip beschrieben werden; sie will 
also jenem das Ich betreffenden Entwicklungsprozeß eine 



6) Den Vorzug des Real-Ichs vor dem Lust-Ich drückt Bernard 
Shaw treffend in den Worten aus: To he able to choose the line 
of greatest advantage instead of yielding in the direction of the 
hast resistance. (Man and Superman. A comedy and a philosophy.) 



I 



12 Formulierungen über die zwei 

Nachhilfe bieten, bedient sich zu diesem Zwecke der Liebes- 
prämien von Seiten der Erzieher und schlägt darum fehl, wenn 
das verwöhnte Kind glaubt, daß es diese Liebe ohnedies be- 
sitzt und ihrer unter keinen Umständen verlustig werden 
kann. 

6) Die Kunst bringt auf einem eigentümlichen Weg eine 
Versöhnung der beiden Prinzipien zustande. Der Künstler ist 
ursprünglich ein Mensch, welcher sich von der Realität ab- 
wendet, weil er sich mit dem von ihr zunächst geforderten 
Verzicht auf Triebbefriedigung nicht befreunden kann, und 
seine erotischen und ehrgeizigen Wünsche im Phantasieleben 
gewähren läßt. Er findet aber den Rückweg aus dieser Phan- 
tasiewelt zur Realität, indem er dank besonderer Begabungen 
seine Phantasien zu einer neuen Art von Wirklichkeiten Ge- 
staltet, die von den Menschen als wertvolle Abbilder der 
Realität zur Geltung zugelassen werden. Er wird so auf eine 
gewisse Weise wirklich der Held, König, Schöpfer, Liebling, 
der er werden wollte, ohne den gewaltigen Umweg über die 
wirkliche Veränderung der Außenwelt einzuschlagen. Er kann 
dies aber nur darum erreichen, weil die anderen Menschen die 
nämliche Unzufriedenheit mit dem real erforderlichen Ver- 
zicht verspüren wie er selbst, weil diese bei der Ersetzung des 
Lustprinzips durch das Realitätsprinzip resultierende Un- 
zufriedenheit selbst ein Stück der Realität ist. 7 

7) Während das Ich die Umwandlung von L u s t - 1 c h 
zum R e a 1 - I c h durchmacht, erfahren die Sexualtriebe 
jene Veränderungen, die sie vom anfänglichen Autoerotismus 
durch verschiedene Zwischenphasen zur Objektliebe im 
Dienste der Fortpflanzungsfunktion führen. Wenn es richtig 
ist, daß jede Stufe dieser beiden Entwicklungsgänge zum Sitz 
einer Disposition für spätere neurotische Erkrankung werden 






7) Vgl. Ähnliches bei O. Rank, Der Künstler, Wien 1907. 



Prinzipien des psychischen Geschehens 13 

kann, liegt es nahe, die Entscheidung über die Form der 
späteren Erkrankung (die Neurosenwahl) davon ab- 
hängig zu machen, in welcher Phase der Ich- und der Libido- 
entwicklung die disponierende Entwicklungshemmung ein- 
getroffen ist. Die noch nicht studierten zeitlichen Charaktere 
der beiden Entwicklungen, deren mögliche Verschiebung ge- 
geneinander, kommen so zu unvermuteter Bedeutung. 

8) Der befremdendste Charakter der unbewußten (verdräng- 
ten) Vorgänge, an den sich jeder Untersucher nur mit großer 
Selbstüberwindung gewöhnt, ergibt sich daraus, daß bei ihnen 
die Realitätsprüfung nichts gilt, die Denkrealität gleichgesetzt 
wird der äußeren "Wirklichkeit, der Wunsch der Erfüllung, 
dem Ereignis, wie es sich aus der Herrschaft des alten Lust- 
prinzips ohneweiters ableitet. Darum wird es auch so schwer, 
unbewußte Phantasien von unbewußt gewordenen Erinnerun- 
gen zu unterscheiden. Man lasse sich aber nie dazu verleiten, 
die Realitätswertung in die verdrängten psychischen Bildun- 
gen einzutragen und etwa Phantasien darum für die Sym- 
ptombildung gering zu schätzen, weil sie eben keine Wirklich- 
keiten sind, oder ein neurotisches Schuldgefühl anderswoher 
abzuleiten, weil sich kein wirklich ausgeführtes Verbrechen 
nachweisen läßt. Man hat die Verpflichtung, sich jener Wäh- 
rung zu bedienen, die in dem Lande, das man durchforscht, 
eben die herrschende ist, in unserem Falle der neuro- 
tischen Währung. Man versuche z. B., einen Traum 
wie den folgenden zu lösen. Ein Mann, der einst seinen Vater 
während seiner langen und qualvollen Todeskrankheit ge- 
pflegt, berichtet, daß er in den nächsten Monaten nach dessen 
Ableben wiederholt geträumt habe: der Vater sei wieder am 
Lehen und er spreche mit ihm wie sonst. Dabei habe er es 
aber äußerst schmerzlich empfunden, daß der Vater doch 
schon gestorben war und es nur nicht wußte. Kein anderer 
Weg führt zum Verständnis des widersinnig klingenden 



14 



Die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 



Traumes, als die Anfügung „nach seinem Wunsch" oder „in- 
folge seines Wunsches" nach den Worten, „daß der Vater 
doch gestorben war" und der Zusatz, „daß er es wünschte", 
zu den letzten Worten. Der Traumgedanke lautet dann: Es 
sei eine schmerzliche Erinnerung für ihn, daß er dem Vater 
den Tod (als Erlösung) wünschen mußte, als er noch lebte, 
und wie schrecklich, wenn der Vater dies geahnt hätte. Es 
handelt sich dann um den bekannten Fall der Selbstvorwürfe 
nach dem Verlust einer geliebten Person, und der Vorwurf 
greift in diesem Beispiel auf die infantile Bedeutung des 
Todeswunsches gegen den Vater zurück. 

Die Mängel dieses kleinen, mehr vorbereitenden als aus- 
führenden Aufsatzes sind vielleicht nur zum geringen Anteil 
entschuldigt, wenn ich sie für unvermeidlich ausgebe. In den 
wenigen Sätzen über die psychischen Folgen der Adaptierung 
an das Realitätsprinzip mußte ich Meinungen andeuten, die 
ich lieber noch zurückgehalten hätte, und deren Rechtferti- 
gung gewiß keine kleine Mühe kosten wird. Doch will ich 
hoffen, daß es wohlwollenden Lesern nicht entgehen wird, 
wo auch in dieser Arbeit die Herrschaft des Realitätsprin- 
zips beginnt. 





































































EINIGE BEMERKUNGEN ÜBER DEN 

BEGRIFF DES UNBEWUSSTEN 

IN DER PSYCHOANALYSE 

(1913) 

Ich möchte mit wenigen Worten und so klar als möglich 
darlegen, welcher Sinn dem Ausdruck „Unbewußtes" in der 
Psychoanalyse, nur in der Psychoanalyse, zukommt. 

Eine Vorstellung — oder jedes andere psychische Element 
— kann jetzt in meinem Bewußtsein gegenwärtig sein 
und im nächsten Augenblick daraus verschwinden; sie 
kann nach einer Zwischenzeit ganz unverändert wiederum 
auftauchen, und zwar, wie wir es ausdrücken, aus der Er- 
innerung, nicht als Folge einer neuen Sinneswahrnehmung. 
Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, sind wir zu der An- 
nahme genötigt, daß die Vorstellung auch während der Zwi- 
schenzeit in unserem Geiste gegenwärtig gewesen sei, wenn 
sie auch im Bewußtsein latent blieb. In welcher Gestalt 
sie aber existiert haben kann, während sie im Seelenleben ge- 
genwärtig und im Bewußtsein latent war, darüber können 
wir keine Vermutungen aufstellen. 

An diesem Punkte müssen wir darauf gefaßt sein, dem 
philosophischen Einwurf zu begegnen, daß die latente Vor- 
stellung nicht als Objekt der Psychologie vorhanden gewesen 



l & Einige Bemerkungen über den Begriff 

sei, sondern nur als physische Disposition für den Wiederablaut 
desselben psychischen Phänomens, nämlich eben jener Vor- 
stellung. Aber wir können darauf erwidern, daß eine solche 
Theorie das Gebiet der eigentlichen Psychologie weit über- 
schreitet, daß sie das Problem einfach umgeht, indem sie 
daran festhält, daß „bewußt" und „psychisch" identische Be- 
griffe sind, und daß sie offenbar im Unrecht ist, wenn sie der 
Psychologie das Recht bestreitet, eine ihrer gewöhnlichsten 
Tatsachen, wie das Gedächtnis, durch ihre eigenen Hilfs- 
mittel zu erklären. 

Wir wollen nun die Vorstellung, die in unserem Bewußt- 
sein gegenwärtig ist und die wir wahrnehmen, „bewußt" 
nennen und nur dies als Sinn des Ausdruckes „bewußt" gelten 
lassen; hingegen sollen latente Vorstellungen, wenn wir Grund 
zur Annahme haben, daß sie im Seelenleben enthalten sind — 
wie es beim Gedächtnis der Fall war — mit dem Ausdruck 
„unbewußt" gekennzeichnet werden. 

Eine unbewußte Vorstellung ist dann eine solche, die wir 
nicht bemerken, deren Existenz wir aber trotzdem auf Grund 
anderweitiger Anzeichen und Beweise zuzugeben bereit sind. 
Dies könnte als eine recht uninteressante deskriptive oder 
klassifikatorischc Arbeit aufgefaßt werden, wenn keine andere 
Erfahrung für unser Urteil in Betracht käme als die Tat- 
sachen des Gedächtnisses oder die der Assoziation über un- 
bewußte Mittelglieder. Aber das wohlbekannte Experiment 
der „posthypnotischen Suggestion" lehrt uns an der Wichtig- 
keit der Unterscheidung zwischen bewußt und unbe- 
wußt festhalten und scheint ihren Wert zu erhöhen. 

Bei diesem Experiment, wie es B e r n h e i m ausgeführt hat, 
wird eine Person in einen hypnotischen Zustand versetzt und 
dann daraus erweckt. Während sie sich in dem hypnotischen 
Zustande, unter dem Einflüsse des Arztes, befand, wurde ihr 
der Auftrag erteilt, eine bestimmte Handlung zu einem genau 



des Unbewußten in der Psychoanalyse 17 

bestimmten Zeitpunkt, z. B. eine halbe Stunde später, aus- 
zuführen. Nach dem Erwachen ist allem Anscheine nach 
volles Bewußtsein und die gewöhnliche Geistesverfassung 
wiederum eingetreten, eine Erinnerung an den hypnotischen 
Zustand ist nicht vorhanden, und trotzdem drängt sich in 
dem vorher festgesetzten Augenblick der Impuls, dieses oder 
jenes zu tun, dem Geiste auf, und die Handlung wird mit 
Bewußtsein, wenn auch ohne zu wissen weshalb, ausgeführt. 
Es dürfte kaum möglich sein, eine andere Beschreibung des 
Phänomens zu geben, als mit den Worten, daß der Vorsatz 
im Geiste jener Person in latenter Form oder un- 
bewußt vorhanden war, bis der gegebene Moment kam, in 
dem er dann bewußt geworden ist. Aber nicht in seiner 
Gänze ist er im Bewußtsein aufgetaucht, sondern nur die 
Vorstellung des auszuführenden Aktes. Alle anderen mit dieser 
Vorstellung assoziierten Ideen — der Auftrag, der Einfluß 
des Arztes, die Erinnerung an den hypnotischen Zustand, 
blieben auch dann noch unbewußt. 

Wir können aber aus einem solchen Experiment noch mehr 
lernen. Wir werden von einer rein beschreibenden zu einer 
dynamischen Auffassung des Phänomens hinübergeleitet. 
Die Idee der in der Hypnose aufgetragenen Handlung wurde 
in einem bestimmten Augenblick nicht bloß ein Objekt des 
Bewußtseins, sondern sie wurde auch wirksam, und dies 
ist die auffallendere Seite des Tatbestandes; sie wurde in 
Handlung übertragen, sobald das Bewußtsein ihre Gegenwart 
bemerkt hatte. Da der wirkliche Antrieb zum Handeln der 
Auftrag des Arztes ist, kann man kaum anders als einräumen, 
daß auch die Idee des Auftrages wirksam geworden ist. 

Dennoch wurde dieser letztere Gedanke nicht ins Bewußt- 
sein aufgenommen, wie es mit seinem Abkömmling, der Idee 
der Handlung, geschah; er verblieb unbewußt und war daher 
gleichzeitig wirksam und unbewußt. 

Freud, Theoretische Schriften 2 









18 Einige Bemerkungen über den Begriff 

Die posthypnotische Suggestion ist ein Produkt des Labo- 
ratoriums, eine künstlich geschaffene Tatsache. Aber wenn 
wir die Theorie der hysterischen Phänomene, die zuerst durch 
P. J a n e t aufgestellt und von Breuer und mir ausge- 
arbeitet wurde, annehmen, so stehen uns natürliche Tatsachen 
in Fülle zur Verfügung, die den psychologischen Charakter 
der posthypnotischen Suggestion sogar noch klarer und deut- 
licher zeigen. 

Das Seelenleben des hysterischen Patienten ist erfüllt mit 
wirksamen, aber unbewußten Gedanken; von ihnen stammen 
alle Symptome ab. Es ist in der Tat der auffälligste Charak- 
terzug der hysterischen Geistesverfassung, daß sie von unbe- 
wußten Vorstellungen beherrscht wird. Wenn eine hysterische 
Frau erbricht, so kann sie dies wohl infolge der Idee 
tun, daß sie schwanger sei. Dennoch hat sie von dieser Idee 
keine Kenntnis, obwohl dieselbe durch eine der technischen 
Prozeduren der Psychoanalyse leicht in ihrem Seelenleben 
entdeckt und für sie bewußt gemacht werden kann. Wenn 
sie die Zuckungen und Gesten ausführt, die ihren „Anfall" 
ausmachen, so stellt sie sich nicht einmal die von ihr beabsich- 
tigten Aktionen bewußt vor und beobachtet sie vielleicht mit 
den Gefühlen eines unbeteiligten Zuschauers. Nichtsdesto- 
weniger vermag die Analyse nachzuweisen, daß sie ihre Rolle 
in der dramatischen Wiedergabe einer Szene aus ihrem Leben 
spielte, deren Erinnerung während der Attacke unbewußt 
wirksam war. Dasselbe Vorwalten wirksamer unbewußter 
Ideen wird durch die Analyse als das Wesentliche in der 
Psychologie aller anderen Formen von Neurose enthüllt. 

Wir lernen also aus der Analyse neurotischer Phänomene, 
daß ein latenter oder unbewußter Gedanke nicht notwendiger- 
weise schwach sein muß, und daß die Anwesenheit eines 
solchen Gedankens im Seelenleben indirekte Beweise der 
zwingendsten Art gestattet, die dem direkten durch das Be- 



des Unbewußten in der Psychoanalyse 



icj 



wußtsein gelieferten Beweis fast gleichwertig sind. Wir fühlen 
uns gerechtfertigt, unsere Klassifikation mit dieser Vermehrung 
unserer Kenntnisse in Übereinstimmung zu bringen, indem 
wir eine grundlegende Unterscheidung zwischen verschiedenen 
Arten von latenten und unbewußten Gedanken einführen. 
Wir waren gewohnt zu denken, daß jeder latente Gedanke 
dies infolge seiner Schwäche war, und daß er bewußt wurde, 
sowie er Kraft erhielt. Wir haben nun die Überzeugung ge- 
wonnen, daß es gewisse latente Gedanken gibt, die nicht ins 
Bewußtsein eindringen, wie stark sie auch sein mögen. Wir 
wollen daher die latenten Gedanken der ersten Gruppe vor- 
bewußt nennen, während wir den Ausdruck unbewußt 
(im eigentlichen Sinne) für die zweite Gruppe reservieren, 
die wir bei den Neurosen betrachtet haben. Der Ausdruck 
unbewußt, den wir bisher bloß im beschreibenden Sinne 
benützt haben, erhält jetzt eine erweiterte Bedeutung. Er 
bezeichnet nicht bloß latente Gedanken im allgemeinen, son- 
dern besonders solche mit einem bestimmten dynamischen 
Charakter, nämlich diejenigen, die sich trotz ihrer Intensität 
und Wirksamkeit dem Bewußtsein ferne halten. 

Ehe ich meine Auseinandersetzungen fortführe, will ich auf 
zwei Einwendungen Bezug nehmen, die sich voraussichtlich 
an diesem Punkte erheben. Die erste kann folgendermaßen 
formuliert werden: anstatt uns die Hypothese der unbewußten 
Gedanken, von denen wir nichts wissen, anzueignen, täten 
wir besser anzunehmen, daß das Bewußtsein geteilt werden 
kann, so daß einzelne Gedanken oder andere Seelen- 
vorgänge ein gesondertes Bewußtsein bilden können, das 
von der Hauptmasse bewußter psychischer Tätigkeit los- 
gelöst und ihr entfremdet wurde. Wohlbekannte pathologische 
Fälle, wie jener des Dr. A z a m, scheinen sehr geeignet zu 
sein, zu beweisen, daß die Teilung des Bewußtseins keine 
phantastische Einbildung ist. 



2* 



20 



Einige Bemerkungen über den Begriff 



Ich gestatte mir, dieser Theorie entgegenzuhalten, daß sie 
einfach aus dem Mißbrauch mit dem Worte „bewußt" Kapital 
schlägt. Wir haben kein Recht, den Sinn dieses Wortes so 
weit auszudehnen, daß damit auch ein Bewußtsein bezeichnet 
werden kann, von dem sein Besitzer nichts weiß. Wenn 
Philosophen eine Schwierigkeit darin finden, an die Existenz 
eines unbewußten Gedankens zu glauben, so scheint mir die 
Existenz eines unbewußten Bewußtseins noch angreifbarer. 
Die Fälle, die man als Teilung des Bewußtseins beschreibt, 
wie der des Dr. A z a m, können besser als Wandern des Be- 
wußtseins angesehen werden, wobei diese Funktion — oder 
was immer es sein mag — zwischen zwei verschiedenen 
psychischen Komplexen hin- und herschwankt, die abwech- 
selnd bewußt und unbewußt werden. 

Der andere Einwand, der voraussichtlich erhoben werden 
wird, wäre der, daß wir auf die Psychologie der Normalen 
Folgerungen anwenden, die hauptsächlich aus dem Studium 
pathologischer Zustände stammen. Wir können ihn durch eine 
Tatsache erledigen, deren Kenntnis wir der Psychoanalyse 
verdanken. Gewisse Funktionsstörungen, die sich bei Gesunden 
höchst häufig ereignen, z. B. Lapsus linguae, Gedächtnis- und 
Sprach irr tu mer, Namenvergessen usw. können leicht auf die 
Wirksamkeit starker unbewußter Gedanken zurückgeführt 
werden, gerade so wie die neurotischen Symptome. Wir 
werden mit einem zweiten, noch überzeugenderen Argument 
in einem späteren Abschnitt dieser Erörterung zusammen- 
treffen. 

Durch die Auseinanderhaltung vorbewußter und unbe- 
wußter Gedanken werden wir dazu veranlaßt, das Gebiet der 
Klassifikation zu verlassen und uns über die funktionalen 
und dynamischen Relationen in der Tätigkeit der Psyche 
eine Meinung zu bilden. Wir fanden ein wirksames 
Vorbewußtes, das ohne Schwierigkeit ins Bewußtsein 



des Unbewußten in der Psychoanalyse 21 

übergeht, und ein wirksames Unbewußtes, das un- 
bewußt bleibt und vom Bewußtsein abgeschnitten zu sein 
scheint. 

Wir wissen nicht, ob diese zwei Arten psychischer Tätig- 
keit von Anfang an identisch oder ihrem Wesen nach ent- 
gegengesetzt sind, aber wir können uns fragen, warum sie im 
Verlaufe der psychischen Vorgänge verschieden geworden sein 
sollten. Auf diese Frage gibt uns die Psychoanalyse ohne 
Zögern klare Antwort. Es ist dem Erzeugnis des wirksamen 
Unbewußten keineswegs unmöglich, ins Bewußtsein ein- 
zudringen, aber zu dieser Leistung ist ein gewisser Aufwand 
von Anstrengung notwendig. Wenn wir es an uns selbst ver- 
suchen, erhalten wir das deutliche Gefühl einer Abwehr, 
die bewältigt werden muß, und wenn wir es bei einem 
Patienten hervorrufen, so erhalten wir die unzweideutigsten 
Anzeichen von dem, was wir Widerstand dagegen nennen. 
So lernen wir, daß der unbewußte Gedanke vom Bewußtsein 
durch lebendige Kräfte ausgeschlossen wird, die sich seiner 
Aufnahme entgegenstellen, während sie anderen Gedanken, 
den vorbewußten, nichts in den Weg legen. Die Psycho- 
analyse läßt keine Möglichkeit übrig, daran zu zweifeln, daß 
die Abweisung unbewußter Gedanken bloß durch die in 
ihrem Inhalt verkörperten Tendenzen hervorgerufen wird. 
Die nächstliegende und wahrscheinlichste Theorie, die wir in 
diesem Stadium unseres Wissens bilden können, ist die fol- 
gende: Das Unbewußte ist eine regelmäßige und unvermeid- 
liche Phase in den Vorgängen, die unsere psychische Tätigkeit 
begründen; jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und 
kann entweder so bleiben oder sich weiter entwickelnd zum 
Bewußtsein fortschreiten, je nachdem, ob er auf Widerstand 
trifft oder nicht. Die Unterscheidung zwischen vorbewußter 
und unbewußter Tätigkeit ist keine primäre, sondern wird 
erst hergestellt, nachdem die „Abwehr" ins Spiel getreten ist. 






22 Einige Bemerkungen über den Begriff 

Erst dann gewinnt der Unterschied zwischen vorbewußten 
Gedanken, die im Bewußtsein erscheinen und jederzeit dahin 
zurückkehren können, und unbewußten Gedanken, denen 
dies versagt bleibt, theoretischen sowie praktischen Wert. 
Eine grobe, aber ziemlich angemessene Analogie dieses 
supponierten Verhältnisses der bewußten Tätigkeit zur un- 
bewußten bietet das Gebiet der gewöhnlichen Photographie. 
Das erste Stadium der Photographie ist das Negativ; jedes 
photographische Bild muß den „Negativprozeß" durch- 
machen, und einige dieser Negative, die in der Prüfung gut 
bestanden haben, werden zu dem „Positivprozeß" zugelassen, 
der mit dem Bilde endigt. 

Aber die Unterscheidung zwischen vorbewußter und un- 
bewußter Tätigkeit und die Erkenntnis der sie trennenden 
Schranke ist weder das letzte noch das bedeutungsvollste 
Resultat der psychoanalytischen Durchforschung des Seelen- 
lebens. Es gibt ein psychisches Produkt, das bei den nor- 
malsten Personen anzutreffen ist, und doch eine höchst auf- 
fallende Analogie zu den wildesten Erzeugnissen des Wahn- 
sinns bietet und den Philosophen nicht verständlicher war als 
der Wahnsinn selbst. Ich meine die Träume. Die Psycho- 
analyse gründet sich auf die Traumanalyse; die Traum- 
deutung ist das vollständigste Stück Arbeit, das die junge 
Wissenschaft bis heute geleistet hat. Ein typischer Fall der 
Traumbildung kann folgendermaßen beschrieben werden: Ein 
Gedankenzug ist durch die geistige Tätigkeit des Tages wach- 
gerufen worden und hat etwas von seiner Wirkungsfähigkeit 
zurückbehalten, durch die er dem allgemeinen Absinken des 
Interesses, welches den Schlaf herbeiführt und die geistige 
Vorbereitung für das Schlafen bildet, entgangen ist. Während 
der Nacht gelingt es diesem Gedankenzug, die Verbindung 
zu einem der unbewußten Wünsche zu finden, die von Kind- 
heit an im Seelenleben des Träumers immer gegenwärtig, 



des Unbewußten in der Psychoanalyse 23 

aber für gewöhnlich verdrängt und von seinem bewußten 
Dasein ausgeschlossen sind. Durch die von dieser unbewußten 
Unterstützung geliehene Kraft können die Gedanken, die 
Überbleibsel der Tagesarbeit, nun wiederum wirksam werden 
und im Bewußtsein in der Gestalt eines Traumes auftauchen. 
Es haben sich also dreierlei Dinge ereignet: 

1) die Gedanken haben eine Verwandlung, Verkleidung 
und Entstellung durchgemacht, welche den Anteil des un- 
bewußten Bundesgenossen darstellt; 

2) den Gedanken ist es gelungen, das Bewußtsein zu einer 
Zeit zu besetzen, wo es ihnen nicht zugänglich hätte sein sollen; 

3) ein Stück des Unbewußten, dem dies sonst unmöglich 
gewesen wäre, ist im Bewußtsein aufgetaucht. 

Wir haben die Kunst gelernt, die „Tagesrest e" und 
die latenten Traumgedanken herauszufinden; 
durch ihren Vergleich mit dem manifesten Traum- 
inhalt sind wir befähigt, uns ein Urteil über die "Wand- 
lungen, die sie durchgemacht haben, und über die Art und 
Weise, wie diese zustande gekommen sind, zu bilden. 

Die latenten Traumgedanken unterscheiden sich in keiner 
Weise von den Erzeugnissen unserer gewöhnlichen bewußten 
Seelentätigkeit. Sie verdienen den Namen von vorbewußten 
Gedanken und können in der Tat in einem Zeitpunkte des 
Wachlebens bewußt gewesen sein. Aber durch die Verbindung 
mit den unbewußten Strebungen, die sie während der Nacht 
eingegangen sind, wurden sie den letzteren assimiliert, 
gewissermaßen auf den Zustand unbewußter Gedanken 
herabgedrückt und den Gesetzen, durch welche die unbewußte 
Tätigkeit geregelt wird, unterworfen. Hier ergibt sich die 
Gelegenheit zu lernen, was wir auf Grund von Überlegungen 
oder aus irgend einer andern Quelle empirischen Wissens 
nicht hätten erraten können, daß die Gesetze der unbewußten 
Seelentätigkeit sich im weiten Ausmaß von jenen der be- 






24 Der Begriff des Unbewußten 

wußten unterscheiden. Wir gewinnen durch Detailarbeit die 
Kenntnis der Eigentümlichkeiten des Unbewußten und 
können hoffen, daß wir durch gründlichere Erforschung der 
Vorgänge bei der Traumbildung noch mehr lernen werden. 

Diese Untersuchung ist noch kaum zur Hälfte beendet und 
eine Darlegung der bis jetzt erhaltenen Resultate ist nicht 
möglich, ohne in die höchst verwickelten Probleme der 
Traumdeutung einzugehen. Aber ich wollte diese Erörterung 
nicht abbrechen, ohne auf die Wandlung und den Fortschritt 
unseres Verständnisses des Unbewußten hinzuweisen, welche 
wir dem psychoanalytischen Studium der Träume verdanken. 

Das Unbewußte schien uns anfangs bloß ein rätselhafter 
Charakter eines bestimmten psychischen Vorganges; nun be- 
deutet es uns mehr, es ist ein Anzeichen dafür, daß dieser 
Vorgang an der Natur einer gewissen psychischen Kategorie 
teilnimmt, die uns durch andere bedeutsamere Charakterzüge 
bekannt ist, und daß er zu einem System psychischer Tätig- 
keit gehört, das unsere vollste Aufmerksamkeit verdient. Der 
Wert des Unbewußten als Index hat seine Bedeutung als 
Eigenschaft bei weitem hinter sich gelassen. Das System, 
welches sich uns durch das Kennzeichen kundgibt, daß die 
einzelnen Vorgänge, die es zusammensetzen, unbewußt sind, 
belegen wir mit dem Namen „das Unbewußte", in Ermange- 
lung eines besseren und weniger zweideutigen Ausdruckes. 
Ich schlage als Bezeichnung dieses Systems die Buchstaben 
„Ubw", eine Abkürzung des Wortes „Unbewußt" vor. 

Dies ist der dritte und wichtigste Sinn, den der Ausdruck 
„unbewußt" in der Psychoanalyse erworben hat. 






ZUR EINFÜHRUNG DES 
NARZISSMUS 

11914) 



1 

Der Terminus Narzißmus entstammt der klinischen 
Deskription und ist von P. Näcke 1899 zu * Bezeichnung 
jenes Verhaltens gewählt worden, bei welchem ein Individuum 
den eigenen Leib in ähnlicher Weise behandelt wie sonst den 
eines Sexualobjekts, ihn also mit sexuellem Wohlgefallen be- 
schaut, streichelt, liebkost, bis es durch diese Vornahmen zur 
vollen Befriedigung gelangt. In dieser Ausbildung hat der 
Narzißmus die Bedeutung einer Perversion, welche das ge- 
samte Sexualleben der Person aufgesogen hat, und unterliegt 
darum auch den Erwartungen, mit denen wir an das Studium 
aller Perversionen herantreten. 

Es ist dann der psychoanalytischen Beobachtung auf- 
gefallen, daß einzelne Züge des narzißtischen Verhaltens bei 
vielen mit anderen Störungen behafteten Personen gefunden 
werden, so nach S a d g e r bei Homosexuellen, und endlich 
lag die Vermutung nahe, daß eine als Narzißmus zu be- 
zeichnende Unterbringung der Libido in viel weiterem Um- 
fang in Betracht kommen und eine Stelle in der regulären 



z6 



Zur Einführung 






Sexualentwicklung des Menschen beanspruchen könnte. 1 Auf 
die nämliche Vermutung kam man von den Schwierigkeiten 
der psychoanalytischen Arbeit an Neurotikern her, denn es 
schien, als ob ein solches narzißtisches Verhalten derselben 
eine der Grenzen ihrer Beeinflußbarkeit herstellte. Narzißmus 
in diesem Sinne wäre keine Perversion, sondern die libidinöse 
Ergänzung zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes, von 
dem jedem Lebewesen mit Recht ein Stück zugeschrieben wird. 
Ein dringendes Motiv, sich mit der Vorstellung eines 
primären und normalen Narzißmus zu beschäftigen, ergab 
sich, als der Versuch unternommen wurde, das Verständnis 
der Dementia praecox (Kraepelin) oder Schizophrenie 
(Bleuler) unter die Voraussetzung der Libidotheorie z u 
bringen. Zwei fundamentale Charakterzüge zeigen solche 
Kranke, die ich vorgeschlagen habe als Paraphreniker zu 
bezeichnen: den Größenwahn und die Abwendung ihres 
Interesses von der Außenwelt (Personen und Dingen). Infolge 
der letzteren Veränderung entziehen sie sich der Beeinflussung 
durch die Psychoanalyse, werden sie für unsere Bemühungen 
unheilbar. Die Abwendung des Paraphrenikers von der 
Außenwelt bedarf aber einer genaueren Kennzeichnung. 
Auch der Hysteriker und Zwangsneurotiker hat, soweit seine 
Krankheit reicht, die Beziehung zur Realität aufgegeben. Die 
Analyse zeigt aber, daß er die erotische Beziehung zu Per- 
sonen und Dingen keineswegs aufgehoben hat. Er hält sie 
noch in der Phantasie fest, das heißt er hat einerseits die 
realen Objekte durch imaginäre seiner Erinnerung ersetzt oder 
sie mit ihnen vermengt, anderseits darauf verzichtet, die 
motorischen Aktionen zur Erreichung seiner Ziele an diesen 
Objekten einzuleiten. Für diesen Zustand der Libido sollte 
man allein den von jung ohne Unterscheidung gebrauchten 

i) O. R a n k, Ein Beitrag zum Narzißmus. Jahrbuch f. psycho- 
analyt. Forschungen, Bd. III, 191 1. 



des Narzißmus 2 7 

Ausdruck: Introversion der Libido gelten lassen. 
Anders der Paraphreniker. Dieser scheint seine Libido von 
den Personen und Dingen der Außenwelt wirklich zurück- 
gezogen zu haben, ohne diese durch andere in seiner Phan- 
tasie zu ersetzen. Wo dies dann geschieht, scheint es sekundär 
zu sein und einem Heilungsversuch anzugehören, welcher die 
Libido zum Objekt zurückführen will. 2 

Es entsteht die Frage: Welches ist das Schicksal der den 
Objekten entzogenen Libido bei der Schizophrenie? Der 
Größenwahn dieser Zustände weist hier den Weg. Er ist wohl 
auf Kosten der Objektlibido entstanden. Die der Außenwelt 
entzogene Libido ist dem Ich zugeführt worden, so daß ein 
Verhalten entstand, welches wir Narzißmus heißen können. 
Der Größenwahn selbst ist aber keine Neuschöpfung, son- 
dern, wie wir wissen, die Vergrößerung und Verdeutlichung 
eines Zustandes, der schon vorher bestanden hatte. Somit 
werden wir dazu geführt, den Narzißmus, der durch Ein- 
beziehung der Objektbesetzungen entsteht, als einen sekun- 
dären aufzufassen, welcher sich über einen primären, durch 
mannigfache Einflüsse verdunkelten, aufbaut. 

Ich bemerke nochmals, daß ich hier keine Klärung oder 
Vertiefung des Schizophrenieproblems geben will, sondern nur 
zusammentrage, was bereits an anderen Stellen gesagt worden 
ist, um eine Einführung des Narzißmus zu rechtfertigen. 

Ein dritter Zufluß zu dieser, wie ich meine, legitimen 
Weiterbildung der Libidotheorie ergibt sich aus unseren Be- 
obachtungen und Auffassungen des Seelenlebens von Kindern 
und von primitiven Völkern. Wir finden bei diesen letzteren 
Züge, welche, wenn sie vereinzelt wären, dem Größenwahn 

2) Vgl. für diese Aufstellungen die Diskussion des „Weltunter- 
ganges" in der Analyse des Senatspräsidenten Schreber. 
(Ges. Schriften, Bd. VIII), 191 1. Ferner: Abraham, Die 
psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia 
praecox. 1908. (Klinische Beiträge zur Psychoanalyse. S. 23 ff.) 



28 Zur Einführung 

zugerechnet werden könnten, eine Überschätzung der Macht 
ihrer Wünsche und psychischen Akte, die „Allmacht der Ge- 
danken", einen Glauben an die Zauberkraft der Worte, eine 
Technik gegen die Außenwelt, die „Magie", welche als kon- 
sequente Anwendung dieser größensüchtigen Voraussetzungen 
erscheint. 3 Wir erwarten eine ganz analoge Einstellung zur 
Außenwelt beim Kinde unserer Zeit, dessen Entwicklung für 
uns weit undurchsichtiger ist. 4 Wir bilden so die Vorstellung 
einer ursprünglichen Libidobesetzung des Ichs, von der später 
an die Objekte abgegeben wird, die aber, im Grunde genom- 
men, verbleibt und sich zu den Objektbesetzungen verhält wie 
der Körper eines Protoplasmatierchens zu den von ihm aus- 
geschickten Pseudopodien. Dieses Stück der Libidounterbrin- 
gung mußte für unsere von den neurotischen Symptomen aus- 
gehende Forschung zunächst verdeckt bleiben. Die Ema- 
nationen dieser Libido, die Objektbesetzungen, die ausgeschickt 
und wieder zurückgezogen werden können, wurden uns allein 
auffällig. Wir sehen auch im groben einen Gegensatz zwischen 
der Ichlibido und der Objektlibido. Je mehr die eine ver- 
braucht, desto mehr verarmt die andere. Als die höchste Ent- 
wicklungsphase, zu der es die letztere bringt, erscheint uns 
der Zustand der Verliebtheit, der sich uns wie ein Aufgeben 
der eigenen Persönlichkeit gegen die Objektbesetzung dar- 
stellt und seinen Gegensatz in der Phantasie (oder Selbst- 
wahrnehmung) der Paranoiker vom Weltuntergang findet. 5 
Endlich folgern wir für die Unterscheidung der psychischen 
Energien, daß sie zunächst im Zustande des Narzißmus bei- 

3) Siehe die entsprechenden Abschnitte in meinem Buch „Totem 
und Tabu", 1913. 

4) S. F e r c n c z i, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. 
Intern. Zschr. f. PsA. I, 19 13. 

5) Es gibt zwei Mechanismen dieses Weltunterganges, wenn alle 
Libidobesetzung auf das geliebte Objekt abströmt, und wenn alle 
in das Ich zurückfließt. 



des Narzißmus ^£ 

sammen und für unsere grobe Analyse ununterscheidbar sind, 
und daß es erst mit der Objektbesetzung möglich wird, eine 
Sexualenergie, die Libido, von einer Energie der Ichtriebe zu 
unterscheiden. 

Ehe ich weiter gehe, muß ich zwei Fragen berühren, welche 
mitten in die Schwierigkeiten des Themas leiten. Erstens: Wie 
verhält sich der Narzißmus, von dem wir jetzt handeln, zum 
Autoerotismus, den wir als einen Frühzustand der Libido 
beschrieben haben? Zweitens: Wenn wir dem Ich eine primäre 
Besetzung mit Libido zuerkennen, wozu ist es überhaupt noch 
nötig, eine sexuelle Libido von einer nicht sexuellen Energie 
der Ichtriebe zu trennen? Würde die Zugrundelegung einer 
einheitlichen psychischen Energie nicht alle Schwierigkeiten 
der Sonderung von Ichtriebenergie und Ichlibido, Ichlibido 
und Objektlibido ersparen? Zur ersten Frage bemerke ich: 
Es ist eine notwendige Annahme, daß eine dem Ich ver- 
gleichbare Einheit nicht von Anfang an im Individuum vor- 
handen ist; das Ich muß entwickelt werden. Die autoerotischen 
Triebe sind aber uranfänglich; es muß also irgend etwas zum 
Autoerotismus hinzukommen, eine neue psychische Aktion, 
um den Narzißmus zu gestalten. 

Die Aufforderung, die zweite Frage in entschiedener Weise 
zu beantworten, muß bei jedem Psychoanalytiker ein merk- 
liches Unbehagen erwecken. Man wehrt sich gegen das Gefühl, 
die Beobachtung für sterile theoretische Streitigkeiten zu ver- 
lassen, darf sich dem Versuch einer Klärung aber doch nicht 
entziehen. Gewiß sind Vorstellungen, wie die einer Ichlibido, 
Ichtriebenergie usw., weder besonders klar faßbar noch 
inhaltsreich genug; eine spekulative Theorie der betreffenden 
Beziehungen würde vor allem einen scharf umschriebenen 
Begriff zur Grundlage gewinnen wollen. Allein ich meine, 
das ist eben der Unterschied zwischen einer spekulativen 
Theorie und einer auf Deutung der Empirie gebauten Wissen- 



30 Zur Einführung 

schaft. Die letztere wird der Spekulation das Vorrecht einer 
glatten> logisch unantastbaren Fundamentierung nicht neiden, 
sondern sich mit nebelhaft verschwindenden, kaum vorstell- 
baren Grundgedanken gerne begnügen, die sie im Laufe ihrer 
Entwicklung klarer zu erfassen hofft, eventuell auch gegen 
andere einzutauschen bereit ist. Diese Ideen sind nämlich 
nicht das Fundament der Wissenschaft, auf dem alles ruht; 
dies ist vielmehr allein die Beobachtung. Sie sind nicht das 
Unterste, sondern das Oberste des ganzen Baues und können 
ohne Schaden ersetzt und abgetragen werden. Wir erleben 
dergleichen in unseren Tagen wiederum an der Physik, deren 
Grundanschauungen über Materie, Kraftzentren, Anziehung 
und dergleichen kaum weniger bedenklich sind als die ent- 
sprechenden der Psychoanalyse. 

Der Wert der Begriffe: Ichlibido, Objektlibido liegt darin, 
daß sie aus der Verarbeitung der intimen Charaktere 
neurotischer und psychotischer Vorgänge stammen. Die Son- 
derung der Libido in eine solche, die dem Ich eigen ist, und 
eine, die den Objekten angehängt wird, ist eine unerläßliche 
Fortführung einer ersten Annahme, welche Sexualtriebe und 
Ichtriebe voneinander schied. Dazu nötigte mich wenigstens 
die Analyse der reinen Übertragungsneurosen (Hysterie und 
Zwang), und ich weiß nur, daß alle Versuche, von diesen 
Phänomenen mit anderen Mitteln Rechenschaft zu geben 
gründlich mißlungen sind. 

Bei dem völligen Mangel einer irgendwie orientierenden 
Trieblehre ist es gestattet oder besser geboten, zunächst irgend 
eine Annahme in konsequenter Durchführung zu erproben, 
bis sie versagt oder sich bewährt. Für die Annahme einer 
ursprünglichen Sonderung von Sexualtrieben und anderen, 
Ichtrieben, spricht nun mancherlei nebst ihrer Brauchbarkeit 
für die Analyse der Ubertragungsneurosen. Ich gebe zu, daß 
dieses Moment allein nicht unzweideutig wäre, denn es könnte 



des Narzißmus 31 

sich um indifferente psychische Energie handeln, die erst durch 
den Akt der Objektbesetzung zur Libido wird. Aber diese 
begriffliche Scheidung entspricht erstens der populär so ge- 
läufigen Trennung von Hunger und Liebe. Zweitens machen 
sich biologische Rücksichten zu ihren Gunsten geltend. 
Das Individuum führt wirklich eine Doppelexistenz als sein 
Selbstzweck und als Glied in einer Kette, der es gegen, jeden- 
falls ohne seinen Willen dienstbar ist. Es hält selbst die 
Sexualität für eine seiner Absichten, während eine andere Be- 
trachtung zeigt, daß es nur ein Anhängsel an sein Keimplasma 
ist, dem es seine Kräfte gegen eine Lustprämie zur Verfügung 
stellt, der sterbliche Träger einer — vielleicht — unsterblichen 
Substanz, wie ein Majoratsherr nur der jeweilige Inhaber 
einer ihn überdauernden Institution. Die Sonderung der 
Sexualtriebe von den Ichtrieben würde nur diese doppelte 
Funktion des Individuums spiegeln. Drittens muß man sich 
daran erinnern, daß all unsere psychologischen Vorläufigkeiten 
einmal auf den Boden organischer Träger gestellt werden 
sollen. Es wird dann wahrscheinlich, daß es besondere Stoffe 
und chemische Prozesse sind, welche die Wirkungen der 
Sexualität ausüben und die Fortsetzung des individuellen 
Lebens in das der Art vermitteln. Dieser Wahrscheinlichkeit 
tragen wir Rechnung, indem wir die besonderen chemischen 
Stoffe durch besondere psychische Kräfte substituieren. 

Gerade weil ich sonst bemüht bin, alles andersartige, auch 
das biologische Denken, von der Psychologie ferne zu halten, 
will ich an dieser Stelle ausdrücklich zugestehen, daß die An- 
nahme gesonderter Ich- und Sexualtriebe, also die Libido- 
theorie, zum wenigsten auf psychologischem Grunde ruht, 
wesentlich biologisch gestützt ist. Ich werde also auch kon- 
sequent genug sein, diese Annahme fallen zu lassen, wenn sich 
aus der psychoanalytischen Arbeit selbst eine andere Voraus- 
setzung über die Triebe als die besser verwertbare erheben 



3 2 2«r Einführung 

würde. Dies ist bisher nicht der Fall gewesen. Es mag dann 
sein, daß die Sexualenergie, die Libido — im tiefsten Grund 
und in letzter Ferne — nur ein DifFerenzierungsprodukt der 
sonst in der Psyche wirkenden Energie ist. Aber eine solche 
Behauptung ist nicht belangreich. Sie bezieht sich auf Dinge, 
die bereits so weit weg sind von den Problemen unserer Be- 
obachtung und so wenig Kenntnisinhalt haben, daß es ebenso 
müßig ist, sie zu bestreiten, wie sie zu verwerten; möglicher- 
weise hat diese Uridentität mit unseren analytischen Inter- 
essen so wenig zu tun, wie die Urverwandtschaft aller Men- 
schenrassen mit dem Nachweis der von der Erbschaftsbehörde 
geforderten Verwandtschaft mit dem Erblasser. Wir kommen 
mit all diesen Spekulationen zu nichts; da wir nicht warten 
können, bis uns die Entscheidungen der Trieblehre von einer 
anderen Wissenschaft geschenkt werden, ist es weit zweck- 
mäßiger, zu versuchen, welches Licht durch eine Synthese 
der psychologischen Phänomene auf jene biologischen Grund- 
rätsel geworfen werden kann. Machen wir uns mit der Mög- 
lichkeit des Irrtums vertraut, aber lassen wir uns nicht ab- 
halten, die ersterwählte Annahme eines Gegensatzes von Ich- 
und Sexualtrieben, die sich uns durch die Analyse der Über- 
tragungsneurosen aufgedrängt hat, konsequent fortzuführen, 
ob sie sich widerspruchsfrei und fruchtbringend entwickeln 
und auch auf andere Affektionen, z. B. die Schizophrenie, 
anwenden läßt. 

Anders stünde es natürlich, wenn der Beweis erbracht wäre, 
daß die Libidotheorie an der Erklärung der letztgenannten 
Krankheit bereits gescheitert ist. C. G. Jung hat diese Be- 
hauptung aufgestellt 6 und mich dadurch zu den letzten Aus- 
führungen, die ich mir gern erspart hätte, genötigt. Ich hätte 
es vorgezogen, den in der Analyse des Falles Schreber be- 

6) Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch für psa. For- 
schungen, Bd. IV, 191 2. 



des Narzißmus 33 

tretenen Weg unter Stillschweigen über dessen Voraussetzun- 
gen bis zum Ende zu gehen. Die Behauptung von Jung ist 
aber zum mindesten eine Voreiligkeit. Seine Begründungen 
sind spärlich. Er beruft sich zunächst auf mein eigenes Zeugnis, 
daß ich selbst mich genötigt gesehen habe, angesichts der 
Schwierigkeiten der Schreber-Analyse den Begriff der Libido 
zu erweitern, das heißt seinen sexuellen Inhalt aufzugeben, 
Libido mit psychischem Interesse überhaupt zusammenfallen 
zu lassen. Was zur Richtigstellung dieser Fehldeutung zu 
sagen ist, hat Fercnczi in einer gründlichen Kritik der 
Jung sehen Arbeit bereits vorgebracht. 7 Ich kann dem 
Kritiker nur beipflichten und wiederholen, daß ich keinen 
derartigen Verzicht auf die Libidotheorie ausgesprochen habe. 
Ein weiteres Argument von Jung, es sei nicht anzunehmen, 
daß der Verlust der normalen Realfunktion allein durch die 
Zurückziehung der Libido verursacht werden könne, ist kein 
Argument, sondern ein Dekret; it begs the question, es nimmt 
die Entscheidung vorweg und erspart die Diskussion, denn ob 
und wie das möglich ist, sollte eben untersucht werden. In 
seiner nächsten großen Arbeit 8 ist Jung an der von mir 
längst angedeuteten Lösung knapp vorbeigekommen: „Dabei 
ist nun allerdings noch in Betracht zu ziehen — worauf 
übrigens Freud in seiner Arbeit in dem Schreberschen Falle 
Bezug nimmt — daß die Introversion der Libido sexualis 
zu einer Besetzung des ,Ich £ führt, wodurch möglicherweise 
jener Effekt des Realitätsverlustes herausgebracht wird. Es ist 
in der Tat eine verlockende Möglichkeit, die Psychologie des 
Realitätsverlustes in dieser Art zu erklären." Allein Jung 
läßt sich mit dieser Möglichkeit nicht viel weiter ein. Wenige 
Seiten später tut er sie mit der Bemerkung ab, daß aus dieser 

7) Intern. Zschr. f. PsA., Bd. I, 19 13. 

8) Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie. 
Jahrbuch, Bd. V, 1913. 

Freud, Theoretische Schriften 3 



■ 



34 Zttr Einführung 

Bedingung, „die Psychologie eines asketischen Anachoreten 
hervorgehen würde, nicht aber eine Dementia praecox". Wie 
wenig dieser ungeeignete Vergleich eine Entscheidung bringen 
kann, mag die Bemerkung lehren, daß ein solcher Anachoret, 
der „jede Spur von Sexualinteresse auszurotten bestrebt ist" 
(doch nur im populären Sinne des Wortes „sexual"), nicht 
einmal eine pathogene Unterbringung der Libido aufzuweisen 
braucht. Er mag sein sexuelles Interesse von den Menschen 
gänzlich abgewendet und kann es doch zum gesteigerten 
Interesse für Göttliches, Natürliches, Tierisches sublimiert 
haben, ohne einer Introversion seiner Libido auf seine Phan- 
tasien oder einer Rückkehr derselben zu seinem Ich verfallen 
zu sein. Es scheint, daß dieser Vergleich die mögliche Unter- 
scheidung vom Interesse aus erotischen Quellen und anderen 
von vornherein vernachlässigt. Erinnern wir uns ferner daran, 
daß die Untersuchungen der Schweizer Schule trotz all ihrer 
Verdienstlichkeit doch nur über zwei Punkte im Bilde der 
Dementia praecox Aufklärung gebracht haben, über die 
Existenz der von Gesunden wie von Neurotikern bekannten 
Komplexe und über die Ähnlichkeit ihrer Phantasiebildungen 
mit den Völkermythen, auf den Mechanismus der Erkrankung 
aber sonst kein Licht werfen konnten, so werden wir die 
Behauptung Jungs zurückweisen können, daß die Libido- 
theorie an der Bewältigung der Dementia praecox gescheitert 
und damit auch für die anderen Neurosen erledigt sei. 



II 

Ein direktes Studium des Narzißmus scheint mir durch 
besondere Schwierigkeiten verwehrt zu sein. Der Haupt- 
zugang dazu wird wohl die Analyse der Paraphrenien bleiben. 
Wie die Ubertragungsneurosen uns die Verfolgung der libidi- 
nösen Triebregungen ermöglicht haben, so werden uns die 



des Narzißmus 35 

Dementia praecox und Paranoia die Einsicht in die Ich- 
psychologie gestatten. Wiederum werden wir das anscheinend 
Einfache des Normalen aus den Verzerrungen und Ver- 
gröberungen des Pathologischen erraten müssen. Immerhin 
bleiben uns einige andere Wege offen, um uns der Kenntnis 
des Narzißmus anzunähern, die ich nun der Reihe nach 
beschreiben will: Die Betrachtung der organischen Krankheit, 
der Hypochondrie und des Liebeslebens der Geschlechter. 

Mit der Würdigung des Einflusses organischer Krankheit 
auf die Libidoverteilung folge ich einer mündlichen Anregung 
von S. F e r e n c z i. Es ist allgemein bekannt und erscheint 
uns selbstverständlich, daß der von organischem Schmerz und 
Mißempfindungen Gepeinigte das Interesse an den Dingen der 
Außenwelt, soweit sie nicht sein Leiden betreffen, aufgibt. 
Genauere Beobachtung lehrt, daß er auch das libidinöse Inter- 
esse von seinen Liebesobjekten zurückzieht, aufhört zu lieben, 
solange er leidet. Die Banalität dieser Tatsache braucht uns 
nicht abzuhalten, ihr eine Übersetzung in die Ausdrucksweise 
der Libidotheorie zu geben. Wir würden dann sagen: Der 
Kranke zieht seine Libidobesetzungen auf sein Ich zurück, 
um sie nach der Genesung wieder auszusenden. „Einzig in der 
engen Höhle", sagt W. Busch vom zahnschmerzkraxiken 
Dichter, „des Backenzahnes weilt die Seele." Libido und Ich- 
interesse haben dabei das gleiche Schicksal und sind wiederum 
voneinander nicht unterscheidbar. Der bekannte Egoismus 
der Kranken deckt beides. Wir finden ihn so selbstverständlich, 
weil wir gewiß sind, uns im gleichen Falle ebenso zu ver- 
halten. Das Verscheuchen noch so intensiver Liebesbereitschaft 
durch körperliche Störungen, der plötzliche Ersatz derselben 
durch völlige Gleichgültigkeit, findet in der Komik ent- 
sprechende Ausnützung. 

Ähnlich wie die Krankheit bedeutet auch der Schlafzustand 
ein narzißtisches Zurückziehen der Libidopositionen auf die 

3* 



36 



Zur Einführung 









eigene Person, des Genaueren, auf den einen Wunsch zu 
schlafen. Der Egoismus der Träume fügt sich wohl in diesen 
Zusammenhang ein. In beiden Fällen sehen wir, wenn auch 
nichts anderes, Beispiele von Veränderungen der Libidover- 
teilung infolge von Ichveränderung. 

Die Hypochondrie äußert sich wie das organische Krank- 
sein in peinlichen und schmerzhaften Körperempfindungen 
und trifft auch in der Wirkung auf die Libidoverteilung mit 
ihm zusammen. Der Hypochondrische zieht Interesse wie 
Libido — die letztere besonders deutlich — von den Objekten 
der Außenwelt zurück und konzentriert beides auf das ihn 
beschäftigende Organ. Ein Unterschied zwischen Hypochon- 
drie und organischer Krankheit drängt sich nun vor: im 
letzteren Falle sind die peinlichen Sensationen durch nach- 
weisbare Veränderungen begründet, im ersteren Falle nicht. 
Es würde aber ganz in den Rahmen unserer sonstigen Auf- 
fassung der Neurosenvorgänge passen, wenn wir uns ent- 
schließen würden zu sagen: Die Hypochondrie muß recht 
haben, die Organveränderungen dürfen auch bei ihr nicht 
fehlen. Worin bestünden sie nun? 

Wir wollen uns hier durch die Erfahrung bestimmen 
lassen, daß Körpersensationen unlustiger Art, den hypochon- 
drischen vergleichbar, auch bei den anderen Neurosen nicht 
fehlen. Ich habe schon früher einmal die Neigung aus- 
gesprochen, die Hypochondrie als dritte Aktualneurose neben 
die Neurasthenie und die Angstneurose hinzustellen. Man 
geht wahrscheinlich nicht zu weit, wenn man es so darstellt, 
als wäre regelmäßig bei den anderen Neurosen auch ein 
Stückchen Hypochondrie mitausgebildet. Am schönsten sieht 
man dies wohl bei der Angstneurose und der sie überbauenden 
Hysterie. Nun ist das uns bekannte Vorbild des schmerzhaft 
empfindlichen, irgendwie veränderten und doch nicht im 
gewöhnlichen Sinne kranken Organs das Genitale in seinen. 



des Narzißmus 



37 



Erregungszuständen. Es wird dann blutdurchströmt, ge- 
schwellt, durchfeuchtet und der Sitz mannigfaltiger Sen- 
sationen. Nennen wir die Tätigkeit einer Körperstelle, sexuell 
erregende Reize ins Seelenleben zu schicken, ihre E r o g e- 
n e i t ä t und denken daran, daß wir durch die Erwägungen 
der Sexualtheorie längst an die Auffassung gewöhnt sind, 
gewisse andere Körperstellen — die e r o g e n e n Zonen — 
könnten die Genitalien vertreten und sich ihnen analog ver- 
halten, so haben wir hier nur einen Schritt weiter zu wagen. 
Wir können uns entschließen, die Erogeneität als allgemeine 
Eigenschaft aller Organe anzusehen, und dürfen dann von 
der Steigerung oder Herabsetzung derselben an einem be- 
stimmten Körperteile sprechen. Jeder solchen Veränderung 
der Erogeneität in den Organen könnte eine Verände- 
rung der Libidobesetzung im Ich parallel gehen. In solchen 
Momenten hätten wir das zu suchen, was wir der Hypochon- 
drie zugrunde legen und was die nämliche Einwirkung auf 
die Libidoverteilung haben kann wie die materielle Er- 
krankung der Organe. 

Wir merken, wenn wir diesen Gedankengang fortsetzen, 
stoßen wir auf das Problem nicht nur der Hypochondrie, 
sondern auch der anderen Aktualneurosen, der Neurasthenie 
und der Angstneurose. Wir wollen darum an dieser Stelle 
halt machen; es liegt nicht in der Absicht einer rein psycho- 
logischen Untersuchung, die Grenze so weit ins Gebiet der 
physiologischen Forschung zu überschreiten. Es sei nur er- 
wähnt, daß sich von hier aus vermuten läßt, die Hypochon- 
drie stehe in einem ähnlichen Verhältnis zur Paraphrenie 
wie die anderen Aktualneurosen zur Hysterie und Zwangs- 
neurose, hänge also von der Ichlibido ab, wie die anderen 
von der Objektlibido; die hypochondrische Angst sei das Gegen- 
stück von der Ichlibido her zur neurotischen Angst. Ferner: 
Wenn wir mit der Vorstellung bereits vertraut sind, den 



3 8 2«r Einführung 

Mechanismus der Erkrankung und Symptombildung bei den 
Übertragungsneurosen, den Fortschritt von der Introversion 
zur Regression, an eine Stauung der Objektlibido zu 
knüpfen 9 , so dürfen wir auch der Vorstellung einer Stauung 
der Ichlibido nähertreten und sie in Beziehung zu den 
Phänomenen der Hypochondrie und der Paraphrenie bringen. 
Natürlich wird unsere Wißbegierde hier die Frage auf- 
werfen, warum eine solche Libidostauung im Ich als unlust- 
voll empfunden werden muß. Ich möchte mich da mit der 
Antwort begnügen, daß Unlust überhaupt der Ausdruck der 
höheren Spannung ist, daß es also eine Quantität des 
materiellen Geschehens ist, die sich hier wie anderwärts in 
die psychische Qualität der Unlust umsetzt; für die Unlust- 
entwicklung mag dann immerhin nicht die absolute Größe 
jenes materiellen Vorganges entscheidend sein, sondern eher 
eine gewisse Funktion dieser absoluten Größe. Von hier aus 
mag man es selbst wagen, an die Frage heranzutreten, woher 
denn überhaupt die Nötigung für das Seelenleben rührt, über 
die Grenzen des Narzißmus hinauszugehen und die Libido 
auf Objekte zu setzen. Die aus unserem Gedankengang ab- 
folgende Antwort würde wiederum sagen, diese Nötigung 
trete ein, wenn die Ichbesetzung mit Libido ein gewisses 
Maß überschritten habe. Ein starker Egoismus schützt vor 
Erkrankung, aber endlich muß man beginnen zu lieben, um 
nicht krank zu werden, und muß erkranken, wenn man 
infolge von Versagung nicht lieben kann. Etwa nach dem 
Vorbild, wie sich H. H e i n e die Psychogenese der Welt- 
schöpfung vorstellt: 

„Krankheit ist wohl der letzte Grund 
Des ganzen Schöpf erdrangs gewesen; 
Erschaffend konnte ich genesen, 
Erschaffend wurde ich gesund." 

9) Vgl. „Über neurotische Erkrankungstypen", 19 13. (Ges. Schrif- 
ten, Bd. V, S. 400 ff.) 



des Narzißmus 39 

Wir haben in unserem seelischen Apparat vor allem ein 
Mittel erkannt, welchem die Bewältigung von Erregungen 
übertragen ist, die sonst peinlich empfunden oder pathogen 
wirksam würden. Die psychische Bearbeitung leistet Außer- 
ordentliches für die innere Ableitung von Erregungen, die 
einer unmittelbaren äußeren Abfuhr nicht fähig sind, oder 
für die eine solche nicht augenblicklich wünschenswert wäre. 
Für eine solche innere Verarbeitung ist es aber zunächst 
gleichgültig, ob sie an realen oder an imaginierten Objekten 
geschieht. Der Unterschied zeigt sich erst später, wenn die 
Wendung der Libido auf die irrealen Objekte (Introversion) 
zu einer Libidostauung geführt hat. Eine ähnliche innere 
Verarbeitung der ins Ich zurückgekehrten Libido gestattet bei 
den Paraphrenien der Größenwahn; vielleicht wird erst nach 
seinem Versagen die Libidostauung im Ich pathogen und regt 
den Heilungsprozeß an, der uns als Krankheit imponiert. 

Ich versuche an dieser Stelle, einige kleine Schritte weit in 
den Mechanismus der Paraphrenie einzudringen, und stelle die 
Auffassungen zusammen, welche mir schon heute beachtens- 
wert erscheinen. Den Unterschied dieser Affektionen von den 
Ubertragungsneurosen verlege ich in den Umstand, daß die 
durch Versagung frei gewordene Libido nicht bei Objekten 
in der Phantasie bleibt, sondern sich aufs Ich zurückzieht; 
der Größenwahn entspricht dann der psychischen Bewältigung 
dieser Libidomenge, also der Introversion auf die Phantasie- 
bildungen bei den Übertragungsneurosen; dem Versagen dieser 
psychischen Leistung entspringt die Hypochondrie der Para- 
phrenie, welche der Angst der Übertragungsneurosen homolog 
ist. Wir wissen, daß diese Angst durch weitere psychische 
Bearbeitung ablösbar ist, also durch Konversion, Reaktions- 
bildung, Schutzbildung (Phobie). Diese Stellung nimmt bei 
den Paraphrenien der Restitutionsversuch ein, dem wir die 
auffälligen Krankheitserscheinungen danken. Da die Para- 






40 



Zur Einführung 



phrenie häufig — wenn nicht zumeist — eine bloß partielle 
Ablösung der Libido von den Objekten mit sich bringt, so 
ließen sich in ihrem Bilde drei Gruppen von Erscheinungen 
sondern: i) Die der erhaltenen Normalität oder Neurose 
(Resterscheinungen), 2) die des Krankheitsprozesses (der Ab- 
lösung der Libido von den Objekten, dazu der Größenwahn, 
die Hypochondrie, die AfTektstörung, alle Regressionen), 
3) die der Restitution, welche nach Art einer Hysterie 
(Dementia praecox, eigentliche Paraphrenie) oder einer 
Zwangsneurose (Paranoia) die Libido wieder an die Objekte 
heftet. Diese neuerliche Libidobesetzung geschieht von einem 
anderen Niveau her, unter anderen Bedingungen als die 
primäre. Die Differenz der bei ihr geschaffenen Ubertragungs- 
neurosen von den entsprechenden Bildungen des normalen 
Ichs müßte die tiefste Einsicht in die Struktur unseres 
seelischen Apparates vermitteln können. 



* 



Einen dritten Zugang zum Studium des Narzißmus ge- 
stattet das Liebesleben der Menschen in seiner verschieden- 
artigen Differenzierung bei Mann und Weib. Ähnlich, wie 
die Objektlibido unserer Beobachtung zuerst die Ichlibido 
verdeckt hat, so haben wir auch bei der Objektwahl des 
Kindes (und Heranwachsenden) zuerst gemerkt, daß es seine 
Sexualobjekte seinen Befriedigungserlebnissen entnimmt. Die 
ersten autoerotischen sexuellen Befriedigungen werden im 
Anschluß an lebenswichtige, der Selbsterhaltung dienende 
Funktionen erlebt. Die Sexualtriebe lehnen sich zunächst an 
die Befriedigung der Ichtriebe an, machen sich erst später 
von den letzteren selbständig; die Anlehnung zeigt sich aber 
noch darin, daß die Personen, welche mit der Ernährung, 
Pflege, dem Schutz des Kindes zu tun haben, zu den ersten 
Sexualobjekten werden, also zunächst die Mutter oder ihr 



des Narzißmus 4 1 

Ersatz. Neben diesem Typus und dieser Quelle der Objekt- 
wahl, den man den Anlehnungs typus heißen kann, hat 
uns aber die analytische Forschung einen zweiten kennen 
gelehrt, den zu finden wir nicht vorbereitet waren. Wir haben, 
besonders deutlich bei Personen, deren Libidoentwicklung 
eine Störung erfahren hat, wie bei Perversen und Homo- 
sexuellen, gefunden, daß sie ihr späteres Liebesobjekt nicht 
nach dem Vorbild der Mutter wählen, sondern nach dem 
ihrer eigenen Person. Sie suchen offenkundigerweise sich selbst 
als Liebesobjekt, zeigen den narzißtisch zu nennenden 
Typus der Objektwahl. In dieser Beobachtung ist das stärkste 
Motiv zu erkennen, welches uns zur Annahme des Narzißmus 
genötigt hat. 

Wir haben nun nicht geschlossen, daß die Menschen in 
zwei scharf geschiedene Gruppen zerfallen, je nachdem sie den 
Anlehnungs- oder den narzißtischen Typus der Objektwahl 
haben, sondern ziehen die Annahme vor, daß jedem Menschen 
beide Wege zur Objektwahl offen stehen, wobei der eine oder 
der andere bevorzugt werden kann. Wir sagen, der Mensch 
habe zwei ursprüngliche Sexualobjekte: sich selbst und das 
pflegende Weib, und setzen dabei den primären Narzißmus 
jedes Menschen voraus, der eventuell in seiner Öbjektwahl 
dominierend zum Ausdruck kommen kann. 

Die Vergleichung von Mann und Weib zeigt dann, daß 
sich in deren Verhältnis zum Typus der Objektwahl funda- 
mentale, wenn auch natürlich nicht regelmäßige, Unterschiede 
ergeben. Die volle Objektliebe nach dem Anlehnungstypus ist 
eigentlich für den Mann charakteristisch. Sie zeigt die auf- 
fällige Sexualüberschätzung, welche wohl dem ursprünglichen 
Narzißmus des Kindes entstammt und somit einer Übertragung 
desselben auf das Sexualobjekt entspricht. Diese Sexualüber- 
schätzung gestattet die Entstehung des eigentümlichen, an 
neurotischen Zwang mahnenden Zustandes der Verliebtheit, 



42 Zur Einführung 

der sich so auf eine Verarmung des Ichs an Libido zugunsten 
des Objektes zurückführt. Anders gestaltet sich die Entwick- 
lung bei dem häufigsten, wahrscheinlich reinsten und echte- 
sten Typus des Weibes. Hier scheint mit der Pubertätsent- 
wicklung durch die Ausbildung der bis dahin latenten weib- 
lichen Sexualorgane eine Steigerung des ursprünglichen Nar- 
zißmus aufzutreten, welche der Gestaltung einer ordentlichen, 
mit Sexualüberschätzung ausgestatteten Objektliebe ungünstig 
ist. Es stellt sich besonders im Falle der Entwicklung zur 
Schönheit eine Selbstgenügsamkeit des Weibes her, welche das 
Weib für die ihm sozial verkümmerte Freiheit der Objekt- 
wahl entschädigt. Solche Frauen lieben, streng genommen, nur 
sich selbst mit ähnlicher Intensität, wie der Mann sie liebt. 
Ihr Bedürfnis geht auch nicht dahin zu lieben, sondern ge- 
liebt zu werden, und sie lassen sich den Mann gefallen, 
welcher diese Bedingung erfüllt. Die Bedeutung dieses 
Frauentypus für das Liebesleben der Menschen ist sehr hoch 
einzuschätzen. Solche Frauen üben den größten Reiz auf die 
Männer aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen, weil sie ge- 
wöhnlich die schönsten sind, sondern auch infolge inter- 
essanter psychologischer Konstellationen. Es erscheint nämlich 
deutlich erkennbar, daß der Narzißmus einer Person eine 
große Anziehung auf diejenigen anderen entfaltet, welche 
sich des vollen Ausmaßes ihres eigenen Narzißmus begeben 
haben und sich in der Werbung um die Objektliebe befinden; 
der Reiz des Kindes beruht zum guten Teil auf dessen 
Narzißmus, seiner Selbstgenügsamkeit und Unzugänglichkeit, 
ebenso der Reiz gewisser Tiere, die sich um uns nicht zu 
kümmern scheinen, wie der Katzen und großen Raubtiere, 
ja selbst der große Verbrecher und der Humorist zwingen in 
der poetischen Darstellung unser Interesse durch die narziß- 
tische Konsequenz, mit welcher sie alles ihr Ich Verkleinernde 
von ihm fernzuhalten wissen. Es ist so, als beneideten wir sie; 



des Narzißmus 43 

um die Erhaltung eines seligen psychischen Zustandes, einer 
unangreifbaren Libidoposition, die wir selbst seither aufge- 
geben haben. Dem großen Reiz des narzißtischen Weibes fehlt 
aber die Kehrseite nicht; ein guter Teil der Unbefriedigung 
des verliebten Mannes, der Zweifel an der Liebe des Weibes, 
der Klagen über die Rätsel im Wesen desselben hat in dieser 
Inkongruenz der Objektwahltypen seine Wurzel. 

Vielleicht ist es nicht überflüssig, zu versichern, daß mir bei 
dieser Schilderung des weiblichen Liebeslebens jede Tendenz 
zur Herabsetzung des Weibes fernliegt. Abgesehen davon, daß 
mir Tendenzen überhaupt fernliegen, ich weiß auch, daß diese 
Ausbildungen nach verschiedenen Richtungen der Differenzie- 
rung von Funktionen in einem höchst komplizierten biologi- 
schen Zusammenhang entsprechen; ich bin ferner bereit zuzu- 
gestehen, daß es unbestimmt viele Frauen gibt, die nach dem 
männlichen Typus lieben und auch die dazugehörige Sexual- 
überschätzung entfalten. 

Auch für die narzißtisch und gegen den Mann kühl ge- 
bliebenen Frauen gibt es einen Weg, der sie zur vollen 
Objektliebe führt. In dem Kinde, das sie gebären, tritt ihnen 
ein Teil des eigenen Körpers wie ein fremdes Objekt gegen- 
über, dem sie nun vom Narzißmus aus die volle Objektliebe 
schenken können. Noch andere Frauen brauchen nicht auf 
das Kind zu warten, um den Schritt in der Entwicklung vom 
(sekundären) Narzißmus zur Objektliebe zu machen. Sie 
haben sich selbst vor der Pubertät männlich gefühlt und ein 
Stück weit männlich entwickelt; nachdem diese Strebung mit 
dem Auftreten der weiblichen Reife abgebrochen wurde, 
bleibt ihnen die Fähigkeit, sich nach einem männlichen Ideal 
zu sehnen, welches eigentlich die Fortsetzung des knaben- 
haften Wesens ist, das sie selbst einmal waren. 

Eine kurze Übersicht der Wege zur Objektwahl mag diese 
andeutenden Bemerkungen beschließen. Man liebt; 



44 



Zur Einführung 



i) Nach dem narzißtischen Typus: 

a) was man selbst ist (sich selbst), 

b) was man selbst war, 

c) was man selbst sein möchte, 

d) die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war. 
2) Nach dem Anlehnungstypus: 

a) die nährende Frau, 

b) den schützenden Mann 

und die in Reihen von ihnen ausgehenden Ersatzpersonen. Der 
Fall c) des ersten Typus kann erst durch später folgende Aus- 
führungen gerechtfertigt werden. 

Die Bedeutung der narzißtischen Objektwahl für die Homo- 
sexualität des Mannes bleibt in anderem Zusammenhange zu 
würdigen. 

Der von uns supponierte primäre Narzißmus des Kindes, 
der eine der Voraussetzungen unserer Libidotheorien enthält, 
ist weniger leicht durch direkte Beobachtung zu erfassen als 
durch Rückschluß von einem anderen Punkt her zu bestätigen. 
Wenn man die Einstellung zärtlicher Eltern gegen ihre Kinder 
ins Auge faßt, muß man sie als Wiederaufleben und Repro- 
duktion des eigenen, längst aufgegebenen Narzißmus er- 
kennen. Das gute Kennzeichen der Überschätzung, welches wir 
als narzißtisches Stigma schon bei der Objektwahl gewürdigt 
haben, beherrscht, wie allbekannt, diese Gefühlsbeziehung. So 
besteht ein Zwang, dem Kinde alle Vollkommenheiten zuzu- 
sprechen, wozu nüchterne Beobachtung keinen Anlaß fände, 
und alle seine Mängel zu verdecken und zu vergessen, womit 
ja die Verleugnung der kindlichen Sexualität im Zusammen- 
hange steht. Es besteht aber auch die Neigung, alle kulturellen 
Erwerbungen, deren Anerkennung man seinem Narzißmus 
abgezwungen hat, vor dem Kinde zu suspendieren und die 
Ansprüche auf längst aufgegebene Vorrechte bei ihm zu er- 
neuern. Das Kind soll es besser haben als seine Eltern, es 



des Narzißmus 45 

soll den Notwendigkeiten, die man als im Leben herrschend 
erkannt hat, nicht unterworfen sein. Krankheit, Tod, Ver- 
zicht auf Genuß, Einschränkung des eigenen Willens sollen 
für das Kind nicht gelten, die Gesetze der Natur wie der 
Gesellschaft vor ihm haltmachen, es soll wirklich wieder 
Mittelpunkt und Kern der Schöpfung sein. His AI a je st y the 
Baby, wie man sich einst selbst dünkte. Es soll die unaus- 
geführten Wunschträume der Eltern erfüllen, ein großer 
Mann und Held werden an Stelle des Vaters, einen Prinzen 
zum Gemahl bekommen zur späten Entschädigung der 
Mutter. Der heikelste Punkt des narzißtischen Systems, die 
von der Realität hart bedrängte Unsterblichkeit des Ichs, hat 
ihre Sicherung in der Zuflucht zum Kinde gewonnen. Die 
rührende, im Grunde so kindliche Elternliebe ist nichts anderes 
als der wiedergeborene Narzißmus der Eltern, der in seiner 
Umwandlung zur Objektliebe sein einstiges Wesen unverkenn- 
bar offenbart. 



III 

Welchen Störungen der ursprüngliche Narzißmus des 
Kindes ausgesetzt ist, und mit welchen Reaktionen er sich der- 
selben erwehrt, auch auf welche Bahnen er dabei gedrängt 
wird, das möchte ich als einen wichtigen Arbeitsstoff, welcher 
noch der Erledigung harrt, beiseite stellen; das bedeutsamste 
Stück desselben kann man als „Kastrationskomplex" (Penis- 
angst beim Knaben, Penisneid beim Mädchen) herausheben 
und im Zusammenhange mit dem Einfluß der frühzeitigen 
Sexualeinschüchterung behandeln. Die psychoanalytische 
Untersuchung, welche uns sonst die Schicksale der libidi- 
nösen Triebe verfolgen läßt, wenn diese, von den Ichtrieben 
isoliert, sich in Opposition zu denselben befinden, gestattet 



46 



Zur Einführung 



uns auf diesem Gebiete Rückschlüsse auf eine Epoche und 
eine psychische Situation, in welcher beiderlei Triebe noch 
einhellig wirksam in untrennbarer Vermengung als narziß- 
tische Interessen auftreten. A. Adler hat aus diesem 
Zusammenhange seinen „männlichen Protest" geschöpft, den 
er zur fast alleinigen Triebkraft der Charakter- wie der 
Neurosenbildung erhebt, während er ihn nicht auf eine 
narzißtische, also immer noch libidinöse Strebung, sondern auf 
eine soziale Wertung begründet. Vom Standpunkt der psycho- 
analytischen Forschung ist Existenz und Bedeutung des 
„männlichen Protestes" von allem Anfang an anerkannt, 
seine narzißtische Natur und Herkunft aus dem Kastrations- 
komplex aber gegen Adler vertreten worden. Er gehört der 
Charakterbildung an, in deren Genese er nebst vielen anderen 
Faktoren eingeht, und ist zur Aufklärung der Neurosen- 
probleme, an denen Adler nichts beachten will als die Art, 
wie sie dem Ichinteresse dienen, völlig ungeeignet. Ich finde 
es ganz unmöglich, die Genese der Neurose auf die schmale 
Basis des Kastrationskomplexes zu stellen, so mächtig dieser 
auch bei Männern unter den Widerständen gegen die Heilung 
der Neurose hervortreten mag. Ich kenne endlich auch Fälle 
von Neurosen, in denen der „männliche Protest" oder in 
unserem Sinne der Kastrationskomplex keine pathogene 
Rolle spielt oder überhaupt nicht vorkommt. 

Die Beobachtung des normalen Erwachsenen zeigt dessen 
einstigen Größenwahn gedämpft und die psychischen Charak- 
tere, aus denen wir seinen infantilen Narzißmus erschlossen 
haben, verwischt. Was ist aus seiner Ichlibido geworden? 
Sollen wir annehmen, daß ihr ganzer Betrag in Objekt- 
besetzungen aufgegangen ist? Diese Möglichkeit widerspricht 
offenbar dem ganzen Zuge unserer Erörterungen; wir können 
aber auch aus der Psychologie der Verdrängung einen Hin- 
weis auf eine andere Beantwortung der Frage entnehmen. 



des Narzißmus 47 

Wir haben gelernt, daß libidinöse Triebregungen dem 
Schicksal der pathogenen Verdrängung unterliegen, wenn 
sie in Konflikt mit den kulturellen und ethischen Vorstellun- 
gen des Individuums geraten. Unter dieser Bedingung wird 
niemals verstanden, daß die Person von der Existenz dieser 
Vorstellungen eine bloß intellektuelle Kenntnis habe, sondern 
stets, daß sie dieselben als maßgebend für sich anerkenne, sich 
den aus ihnen hervorgehenden Anforderungen unterwerfe. 
Die Verdrängung, haben wir gesagt, geht vom Ich aus; wir 
könnten präzisieren: von der Selbstachtung des Ichs. Dieselben 
Eindrücke, Erlebnisse, Impulse, Wunschregungen, welche der 
eine Mensch in sich gewähren läßt oder wenigstens bewußt 
verarbeitet, werden vom anderen in voller Empörung zurück- 
gewiesen oder bereits vor ihrem Bewußtwerden erstickt. Der 
Unterschied der beiden aber, welcher die Bedingung der 
Verdrängung enthält, läßt sich leicht in Ausdrücke fassen, 
welche eine Bewältigung durch die Libidotheorie ermöglichen. 
Wir können sagen, der eine habe ein Ideal in sich aufge- 
richtet, an welchem er sein aktuelles Ich mißt, während dem 
anderen eine solche Idealbildung abgehe. Die Idealbildung 
wäre von seiten des Ichs die Bedingung der Verdrängung. 

Diesem Idealich gilt nun die Selbstliebe, welche in der 
Kindheit das wirkliche Ich genoß. Der Narzißmus erscheint 
auf dieses neue ideale Ich verschoben, welches sich wie das 
infantile im Besitz aller wertvollen Vollkommenheiten be- 
findet. Der Mensch hat sich hier, wie jedesmal auf dem Gebiete 
der Libido, unfähig erwiesen, auf die einmal genossene 
Befriedigung zu verzichten. Er will die narzißtische Voll- 
kommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und wenn er 
diese nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen während 
seiner Entwicklungszeit gestört und in seinem Urteil geweckt, 
sucht er sie in der neuen Form des Ichideals wieder zu 
gewinnen. Was er als sein Ideal vor sich hin projiziert, ist 



48 Zur Einführung 

der Ersatz für den verlorenen Narzißmus seiner Kindheit, in 
der er sein eigenes Ideal war. 

Es liegt nahe, die Beziehungen dieser Idealbildung zur 
Sublimierung zu untersuchen. Die Sublimierung ist ein Prozeß 
an der Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf 
ein anderes, von der sexuellen Befriedigung entferntes Ziel 
wirft; der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung vom 
Sexuellen. Die Idealisierung ist ein Vorgang mit dem Objekt, 
durch welchen dieses ohne Änderung seiner Natur vergrößert 
und psychisch erhöht wird. Die Idealisierung ist sowohl 
auf dem Gebiete der Ichlibido wie auch der Objektlibido 
möglich. So ist zum Beispiel die Sexualüberschätzung des 
Objektes eine Idealisierung desselben. Insofern also Sub- 
limierung etwas beschreibt, was mit dem Trieb, Idealisierung 
etwas, was am Objekt vorgeht, sind die beiden begrifflich 
auseinanderzuhalten. 

Die Ichidealbildung wird oft zum Schaden des Verständ- 
nisses mit der Triebsublimierung verwechselt. Wer seinen 
Narzißmus gegen die Verehrung eines hohen Ichideales ein- 
getauscht hat, dem braucht darum die Sublimierung seiner 
libidinösen Triebe nicht gelungen zu sein. Das Ichideal fordert 
zwar solche Sublimierung, aber es kann sie nicht erzwingen; 
die Sublimierung bleibt ein besonderer Prozeß, dessen Ein- 
leitung vom Ideal angeregt werden mag, dessen Durchführung 
durchaus unabhängig von solcher Anregung bleibt. Man findet 
gerade bei den Neurotikern die höchsten Spannungsdifferen- 
zen zwischen der Ausbildung des Ichideals und dem Maß von 
Sublimierung ihrer primitiven libidinösen Triebe, und es 
fällt im allgemeinen viel schwerer, den Idealisten von dem 
unzweckmäßigen Verbleib seiner Libido zu überzeugen, als 
den simplen, in seinen Ansprüchen genügsam gebliebenen 
Menschen. Das Verhältnis von Idealbildung und Sublimie- 
rung zur Verursachung der Neurose ist auch ein ganz ver- 



des Narzißmus 49 

schiedenes. Die Idealbildung steigert, wie wir gehört haben, 
die Anforderungen des Ichs und ist die stärkste Begünstigung 
der Verdrängung; die Sublimierung stellt den Ausweg dar, 
wie die Anforderung erfüllt werden kann, ohne die Ver- 
drängung herbeizuführen. 

Es wäre nicht zu verwundern, wenn wir eine besondere 
psychische Instanz auffinden sollten, welche die Aufgabe er- 
füllt, über die Sicherung der narzißtischen Befriedigung aus 
dem Ichideal zu wachen, und in dieser Absicht das aktuelle 
Ich unausgesetzt beobachtet und am Ideal mißt. Wenn eine 
solche Instanz existiert, so kann es uns unmöglich zustoßen, 
sie zu entdecken; wir können sie nur als solche agnoszieren 
und dürfen uns sagen, daß das, was wir unser Gewissen 
heißen, diese Charakteristik erfüllt. Die Anerkennung dieser 
Instanz ermöglicht uns das Verständnis des sogenannten 
Beachtungs- oder richtiger Beobachtungs wahnes, wel- 
cher in der Symptomatologie der paranoiden Erkrankungen 
so deutlich hervortritt, vielleicht auch als isolierte Erkran- 
kung oder in eine Ubertragungsneurose eingesprengt vor- 
kommen kann. Die Kranken klagen dann darüber, daß man 
alle ihre Gedanken kennt, ihre Handlungen beobachtet und 
beaufsichtigt; sie werden von dem Walten dieser Instanz 
durch Stimmen informiert, welche charakteristischerweise in 
der dritten Person zu ihnen sprechen. („Jetzt denkt sie wieder 
daran; jetzt geht er fort.") Diese Klage hat recht, sie be- 
schreibt die Wahrheit; eine solche Macht, die alle unsere 
Absichten beobachtet, erfährt und kritisiert, besteht wirklich, 
und zwar bei uns allen im normalen Leben. Der Beobach- 
tungswahn stellt sie in regressiver Form dar, enthüllt dabei 
ihre Genese und den Grund, weshalb sich der Erkrankte 
gegen sie auflehnt. 

Die Anregung zur Bildung des Ichideals, als dessen Wächter 
das Gewissen bestellt ist, war nämlich von dem durch die 

Freud, Theoretische Schriften 4 



$0 Zur Einführung 

Stimme vermittelten kritischen Einfluß der Eltern ausgegangen, 
an welche sich im Laufe der Zeiten die Erzieher, Lehrer und 
als unübersehbarer, unbestimmbarer Schwärm alle anderen 
Personen des Milieus angeschlossen hatten. (Die Mitmenschen, 
die öffentliche Meinung.) 

Große Beträge von wesentlich homosexueller Libido wurden 
so zur Bildung des narzißtischen Ichideals herangezogen und 
finden in der Erhaltung desselben Ableitung und Befriedigung. 
Die Institution des Gewissens war im Grunde eine Verkör- 
perung zunächst der elterlichen Kritik, in weiterer Folge der 
Kritik der Gesellschaft, ein Vorgang, wie er sich bei der Ent- 
stehung einer Verdrängungsneigung aus einem zuerst äußer- 
lichen Verbot oder Hindernis wiederholt. Die Stimmen sowie 
die unbestimmt gelassene Menge werden nun von der Krank- 
heit zum Vorschein gebracht, damit die Entwicklungs- 
geschichte des Gewissens regressiv reproduziert. Das Sträuben 
gegen diese zensorische Instanz rührt aber daher, 
daß die Person, dem Grundcharakter der Krankheit ent- 
sprechend, sich von all diesen Einflüssen, vom elterlichen 
angefangen, ablösen will, die homosexuelle Libido von ihnen 
zurückzieht. Ihr Gewissen tritt ihr dann in regressiver Dar- 
stellung als Einwirkung von außen feindselig entgegen. 

Die Klage der Paranoia zeigt auch, daß die Selbstkritik 
des Gewissens im Grunde mit der Selbstbeobachtung, auf die 
sie gebaut ist, zusammenfällt. Dieselbe psychische Tätigkeit, 
welche die Funktion des Gewissens übernommen hat, hat sich 
also auch in den Dienst der Innenforschung gestellt, welche 
der Philosophie das Material für ihre Gedankenoperationen 
liefert. Das mag für den Antrieb zur spekulativen System- 
bildung, welcher die Paranoia auszeichnet, nicht gleichgültig 
sein 10 . 

10) Nur als Vermutung füge ich an, daß die Ausbildung und 
Erstarkung dieser beobachtenden Instanz auch die späte Entstehung 



des Narzißmus S l 

Es wird uns gewiß bedeutsam sein, wenn wir die Anzeichen 
von der Tätigkeit dieser kritisch beobachtenden — zum 
Gewissen und zur philosophischen Introspektion gesteigerten 
— Instanz noch auf anderen Gebieten zu erkennen vermögen. 
Ich ziehe hier heran, was H. S i 1 b e r e r als das „funktionelle 
Phänomen" beschrieben hat, eine der wenigen Ergänzungen 
zur Traumlehre, deren Wert unbestreitbar ist. S i 1 b e r e r hat 
bekanntlich gezeigt, daß man in Zuständen zwischen Schlafen 
und Wachen die Umsetzung von Gedanken in visuelle Bilder 
direkt beobachten kann, daß aber unter solchen Verhältnissen 
häufig nicht eine Darstellung des Gedankeninhalts auftritt, 
sondern des Zustandes (von Bereitwilligkeit, Ermüdung usw.), 
in welchem sich die mit dem Schlaf kämpfende Person befin- 
det. Ebenso hat er gezeigt, daß manche Schlüsse von Träumen 
und Absätze innerhalb des Trauminhaltes nichts anderes be- 
deuten als die Selbstwahrnehmung des Schlafens und Er- 
wachens. Er hat also den Anteil der Selbstbeobachtung — im 
Sinne des paranoischen Beobachtungswahnes — an der Traum- 
bildung nachgewiesen. Dieser Anteil ist ein inkonstanter; ich 
habe ihn wahrscheinlich darum übersehen, weil er in meinen 
eigenen Träumen keine große Rolle spielt; bei philosophisch 
begabten, an Introspektion gewöhnten Personen mag er sehr 
deutlich werden. 

Wir erinnern uns, daß wir gefunden haben, die Traum- 
bildung entstehe unter der Herrschaft einer Zensur, welche 
die Traumgedanken zur Entstellung nötigt. Unter dieser Zen- 
sur stellten wir uns aber keine besondere Macht vor, sondern 
wählten diesen Ausdruck für die den Traumgedanken zuge- 
wandte Seite der das Ich beherrschenden, verdrängenden 
Tendenzen. Gehen wir in die Struktur des Ichs weiter ein, 
so dürfen wir im Ichideal und den dynamischen Äußerungen 

des (subjektiven) Gedächtnisses und des für unbewußte Vorgänge 
nicht geltenden Zeitmoments in sich fassen könnte. 

4* 



52 Zar Einführung 

das Gewissens auch den Traumzensor erkennen. Merkt 
dieser Zensor ein wenig auch während des Schlafes auf, so 
werden wir verstehen, daß die Voraussetzung seiner Tätigkeit, 
die Selbstbeobachtung und Selbstkritik, mit Inhalten, wie: 
jetzt ist er zu schläfrig, um zu denken — jetzt wacht er auf, 
einen Beitrag zum Trauminhalt leistet 11 . 

Von hier aus dürfen wir die Diskussion des Selbstgefühls 
beim Normalen und beim Neurotischen versuchen. 

Das Selbstgefühl erscheint uns zunächst als Ausdruck der 
Ichgröße, deren Zusammengesetztheit nicht weiter in Betracht 
kommt. Alles, was man besitzt oder erreicht hat, jeder durch 
die Erfahrung bestätigte Rest des primitiven Allmachtsgefühls 
hilft das Selbstgefühl steigern. 

Wenn wir unsere Unterscheidung von Sexual- und Ich- 
trieben einführen, müssen wir dem Selbstgefühl eine besonders 
innige Abhängigkeit von der narzißtischen Libido zuer- 
kennen. Wir lehnen uns dabei an die zwei Grundtatsachen an, 
daß bei den Paraphrenien das Selbstgefühl gesteigert, bei den 
Übertragungsneurosen herabgesetzt ist, und daß im Liebes- 
leben das Nichtgeliebtwerden das Selbstgefühl erniedrigt, das 
Geliebtwerden dasselbe erhöht. Wir haben angegeben, daß 
Gcliebtwerden das Ziel und die Befriedigung bei narzißtischer 
Objektwahl darstellt. 

Es ist ferner leicht zu beobachten, daß die Libidobesetzung 
der Objekte das Selbstgefühl nicht erhöht. Die Abhängigkeit 
vom geliebten Objekt wirkt herabsetzend; wer verliebt ist, ist 
demütig. Wer liebt, hat sozusagen ein Stück seines Narzißmus 
eingebüßt und kann es erst durch das Geliebtwerden ersetzt 
erhalten. In all diesen Beziehungen scheint das Selbstgefühl 

n) Ob die Sonderung dieser zensorischen Instanz vom anderen 
Ich imstande ist, die philosophische Scheidung eines Bewußtseins 
von einem Selbstbewußtsein psychologisch zu fundieren, kann ich 
hier nicht entscheiden. 



des Narzißmus 



53 



in Relation mit dem narzißtischen Anteil am Liebesleben zu 
bleiben. 

Die Wahrnehmung der Impotenz, des eigenen Unvermögens 
zu lieben, infolge seelischer oder körperlicher Störungen, wirkt 
im hohen Grade herabsetzend auf das Selbstgefühl ein. Hier 
ist nach meinem Ermessen eine der Quellen für die so bereit- 
willig kundgegebenen Minderwertigkeitsgefühle der Uber- 
tragungsneurotiker zu suchen. Die Hauptquelle dieser Gefühle 
ist aber die Ichverarmung, welche sich aus den außerordentlich 
großen, dem Ich entzogenen Libidobesetzungen ergibt, also 
die Schädigung des Ichs durch die der Kontrolle nicht mehr 
unterworfenen Sexualstrebungen. 

A. Adler hat mit Recht geltend gemacht, daß die Wahr- 
nehmung eigener Organminderwertigkeiten anspornend auf ein 
leistungsfähiges Seelenleben wirkt und auf dem Wege der 
Überkompensation eine Mehrleistung hervorruft. Es wäre aber 
eine volle Übertreibung, wenn man jede gute Leistung nach 
seinem Vorgang auf diese Bedingung der ursprünglichen 
Organminderwertigkeit zurückführen wollte. Nicht alle Maler 
sind mit Augenfehlern behaftet, nicht alle Redner ursprünglich 
Stotterer gewesen. Es gibt auch reichlich vortreffliche Leistung 
auf Grund vorzüglicher Organbegabung. Für die Ätiologie 
der Neurose spielt organische Minderwertigkeit und Ver- 
kümmerung eine geringfügige Rolle, etwa die nämliche, wie 
das aktuelle Wahrnehmungsmaterial für die Traumbildung. 
Die Neurose bedient sich desselben als Vorwand wie aller 
anderen tauglichen Momente. Hat man eben einer neuroti- 
schen Patientin den Glauben geschenkt, daß sie krank werden 
mußte, weil sie unschön, mißgebildet, reizlos sei, so daß nie- 
mand sie lieben könne, so wird man durch die nächste Neu- 
rotika eines Besseren belehrt, die in Neurose und Sexual- 
ablehnung verharrt, obwohl sie über das Durchschnittsmaß 
begehrenswert erscheint und begehrt wird. Die hysterischen 



54 2«r Einführung 

Frauen gehören in ihrer Mehrzahl zu den anziehenden und 
selbst schönen Vertreterinnen ihres Geschlechts, und ander- 
seits leistet die Häufung von Häßlichkeiten, Organverküm- 
merungen und Gebrechen bei den niederen Ständen unserer 
Gesellschaft nichts für die Frequenz neurotischer Erkran- 
kungen in ihrer Mitte. 

Die Beziehungen des Selbstgefühls zur Erotik (zu den libidi- 
nösen Objektbesetzungen) lassen sich formelhaft in folgender 
Weise darstellen: Man hat die beiden Fälle zu unterscheiden, 
ob die Liebesbesetzungen ichgerecht sind oder im Gegen- 
teil eine Verdrängung erfahren haben. Im ersteren Falle (bei 
ichgerechter Verwendung der Libido) wird das Lieben wie 
jede andere Betätigung des Ichs gewertet. Das Lieben an 
sich, als Sehnen, Entbehren, setzt das Selbstgefühl herab, das 
Geliebtwerden, Gegenliebe finden, Besitzen des geliebten Ob- 
jekts hebt es wieder. Bei verdrängter Libido wird die Liebes- 
besetzung als arge Verringerung des Ichs empfunden, Liebes- 
befriedigung ist unmöglich, die Wiederbereicherung des Ichs 
wird nur durch die Zurückziehung der Libido von den 
Objekten möglich. Die Rückkehr der Objektlibido zum Ich, 
deren Verwandlung in Narzißmus, stellt gleichsam wieder 
eine glückliche Liebe dar, und anderseits entspricht auch eine 
reale glückliche Liebe dem Urzustand, in welchem Objekt- 
und Ichlibido voneinander nicht zu unterscheiden sind. 

Die Wichtigkeit und Unübersichtlichkeit des Gegenstandes 
möge nun die Anfügung von einigen anderen Sätzen in 
loserer Anordnung rechtfertigen: 

Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom 
primären Narzißmus und erzeugt ein intensives Streben, 
diesen wieder zu gewinnen. Diese Entfernung geschieht ver- 
mittels der Libidoverschiebung auf ein von außen auf- 
genötigtes Ichideal, die Befriedigung durch die Erfüllung 
dieses Ideals. 



J 



des Narzißmus 55 

Gleichzeitig hat das Ich die libidinösen Objektbesetzungen 
ausgeschickt. Es ist zugunsten dieser Besetzungen wie des Ich- 
ideals verarmt und bereichert sich wieder durch die Objekt- 
befriedigungen wie durch die Idealerfüllung. 

Ein Anteil des Selbstgefühls ist primär, der Rest des kind- 
lichen Narzißmus, ein anderer Teil stammt aus der durch 
Erfahrung bestätigten Allmacht (der Erfüllung des Ichideals), 
ein dritter aus der Befriedigung der Objektlibido. 

Das Ichideal hat die Libidobefriedigung an den Objekten 
unter schwierige Bedingungen gebracht, indem es einen Teil 
derselben durch seinen Zensor als unverträglich abweisen 
läßt. Wo sich ein solches Ideal nicht entwickelt hat, da tritt 
die betreffende sexuelle Strebung unverändert als Perversion 
in die Persönlichkeit ein. Wiederum ihr eigenes Ideal sein, 
auch in betreff der Sexualstrebungen, wie in der Kindheit, 
das wollen die Menschen als ihr Glück erreichen. 

Die Verliebtheit besteht in einem Überströmen der Ich- 
libido auf das Objekt. Sie hat die Kraft, Verdrängungen auf- 
zuheben und Perversionen wieder herzustellen. Sie erhebt das 
Sexualobjekt zum Sexualideal. Da sie bei dem Objekt- oder 
Anlehnungstypus auf Grund der Erfüllung infantiler Liebes- 
bedingungen erfolgt, kann man sagen: Was diese Liebes- 
bedingung erfüllt, wird idealisiert. 

Das Sexualideal kann in eine interessante Hilfsbeziehung 
zum Ichideal treten. Wo die narzißtische Befriedigung auf 
reale Hindernisse stößt, kann das Sexualideal zur Ersatz- 
befriedigung verwendet werden. Man liebt dann nach dem 
Typus der narzißtischen Objektwahl das, was man war und 
eingebüßt hat, oder was die Vorzüge besitzt, die man über- 
haupt nicht hat (vergleiche oben unter c). Die der obigen 
parallele Formel lautet: Was den dem Ich zum Ideal fehlenden 
Vorzug besitzt, wird geliebt. Dieser Fall der Aushilfe hat eine 
besondere Bedeutung für den Neurotiker, der durch seine 



5« 



Zur Einführung 



übermäßigen Objektbesetzungen im Ich verarmt und außer- 
stande ist, sein Ichideal zu erfüllen. Er sucht dann von seiner 
Libidoverschwendung an die Objekte den Rückweg zum 
Narzißmus, indem er sich ein Sexualideal nach dem narziß- 
tischen Typus wählt, welches die von ihm nicht zu erreichen- 
den Vorzüge besitzt. Dies ist die Heilung durch Liebe, welche 
er in der Regel der analytischen vorzieht. Ja, er kann an 
einen anderen Mechanismus der Heilung nicht glauben, bringt 
meist die Erwartung desselben in die Kur mit und richtet sie 
auf die Person des ihn behandelnden Arztes. Diesem Heilungs- 
plan steht natürlich die Liebesunfähigkeit des Kranken infolge 
seiner ausgedehnten Verdrängungen im Wege. Hat man dieser 
durch die Behandlung bis zu einem gewissen Grade abge- 
holfen, so erlebt man häufig den unbeabsichtigten Erfolg, daß 
der Kranke sich nun der weiteren Behandlung entzieht, um 
eine Liebeswahl zu treffen und die weitere Herstellung dem 
Zusammenleben mit der geliebten Person zu überlassen. Man 
könnte mit diesem Ausgang zufrieden sein, wenn er nicht alle 
Gefahren der drückenden Abhängigkeit von diesem Nothelfer 
mit sich brächte. 

Vom Ichideal aus führt ein bedeutsamer Weg zum Ver- 
ständnis der Massenpsychologie. Dies Ideal hat außer seinem 
individuellen einen sozialen Anteil, es ist auch das gemein- 
same Ideal einer Familie, eines Standes, einer Nation. Es hat 
außer der narzißtischen Libido einen großen Betrag der 
homosexuellen Libido einer Person gebunden, welcher auf 
diesem Wege ins Ich zurückgekehrt ist. Die Unbefriedigung 
durch Nichterfüllung dieses Ideals macht homosexuelle Libido 
frei, welche sich in Schuldbewußtsein (soziale Angst) ver- 
wandelt. Das Schuldbewußtsein war ursprünglich Angst vor 
der Strafe der Eltern, richtiger gesagt: vor dem Licbesverlust 
bei ihnen; an Stelle der Eltern ist später die unbestimmte 
Menge der Genossen getreten. Die häufige Verursachung der 



des Narzißmus 57 

Paranoia durch Kränkung des Ichs, Versagung der Befriedi- 
gung im Bereiche des Ichideals, wird so verständlicher, auch 
das Zusammentreffen von Idealbildung und Subümierung im 
Ichideal, die Rückbildung der Sublimierungen und eventuelle 
Umbildung der Ideale bei den paraphrenischen Erkrankungen. 















TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE 



(1915) 



Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, daß eine 
Wissenschaft über klaren und scharf definierten Grund- 
begriffen aufgebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine 
Wissenschaft mit solchen Definitionen, auch die exaktesten 
nicht. Der richtige Anfang der wissenschaftlichen Tätigkeit 
besteht vielmehr in der Beschreibung von Erscheinungen, 
die dann weiterhin gruppiert, angeordnet und in Zusammen- 
hänge eingetragen werden. Schon bei der Beschreibung 
kann man es nicht vermeiden, gewisse abstrakte Ideen auf 
das Material anzuwenden, die man irgendwoher, gewiß nicht 
aus der neuen Erfahrung allein, herbeiholt. Noch unent- 
behrlicher sind solche Ideen — die späteren Grundbegriffe 
der Wissenschaft — bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes. 
Sie müssen zunächst ein gewisses Maß von Unbestimmtheit 
an sich tragen; von einer klaren Umzeichnung ihres Inhaltes 
kann keine Rede sein. Solange sie sich in diesem Zustande 
befinden, verständigt man sich über ihre Bedeutung durch 
den wiederholten Hinweis auf das Erfahrungsmaterial, dem 
sie entnommen scheinen, das aber in Wirklichkeit ihnen 
unterworfen wird. Sie haben also strenge genommen den 



Triebe und Triebschicksale 59 



Charakter von Konventionen, wobei aber alles darauf an- 
kommt, daß sie doch nicht willkürlich gewählt werden, son- 
dern durch bedeutsame Beziehungen zum empirischen Stoffe 
bestimmt sind, die man zu erraten vermeint, noch ehe man 
sie erkennen und nachweisen kann. Erst nach gründlicherer 
Erforschung des betreffenden Erscheinungsgebietes kann man 
auch dessen wissenschaftliche Grundbegriffe schärfer erfassen 
und sie fortschreitend so abändern, daß sie in großem Um- 
fange brauchbar und dabei durchaus widerspruchsfrei 
werden. Dann mag es auch an der Zeit sein, sie in Defi- 
nitionen zu bannen. Der Fortschritt der Erkenntnis duldet 
aber auch keine Starrheit der Definitionen. Wie das Beispiel 
der Physik in glänzender Weise lehrt, erfahren auch die in 
Definitionen festgelegten „Grundbegriffe" einen stetigen 
Inhaltswandel. 

Ein solcher konventioneller, vorläufig noch ziemlich dunkler 
Grundbegriff, den wir aber in der Psychologie nicht ent- 
behren können, ist der des Triebes. Versuchen wir es, 
ihn von verschiedenen Seiten her mit Inhalt zu erfüllen. 

Zunächst von seiten der Physiologie. Diese hat uns den 
Begriff des Reizes und das Reflexschema gegeben, demzu- 
folge ein von außen her an das lebende Gewebe (der Nerven- 
substanz) gebrachter Reiz durch Aktion nach außen abge- 
führt wird. Diese Aktion wird dadurch zweckmäßig, daß sie 
die gereizte Substanz der Einwirkung des Reizes entzieht, aus 
dem Bereich der Reizwirkung entrückt. 

Wie verhält sich nun der „Trieb" zum „Reiz"? Es hindert 
uns nichts, den Begriff des Triebes unter den des Reizes zu 
subsumieren: der Trieb sei ein Reiz für das Psychische. Aber 
wir werden sofort davor gewarnt, Trieb und psychischen 
Reiz gleichzusetzen. Es gibt offenbar für das Psychische noch 
andere Reize als die Triebreize, solche, die sich den physio- 
logischen Reizen weit ähnlicher benehmen. Wenn z. B. ein 



6o 



Triebe und 



starkes Licht auf das Auge fällt, so ist das kein Triebreiz j 
wohl aber, wenn sich die Austrocknung der Schlundschleim- 
haut fühlbar macht oder die Anätzung der Magenschleim- 
haut • 

Wir haben nun Material für die Unterscheidung von 
Triebreiz und anderem (physiologischem) Reiz, der auf das 
Seelische einwirkt, gewonnen. Erstens: Der Triebreiz stammt 
nicht aus der Außenwelt, sondern aus dem Innern des 
Organismus selbst. Er wirkt darum auch anders auf das 
Seelische und erfordert zu seiner Beseitigung andere Aktionen. 
Ferner: Alles für den Reiz Wesentliche ist gegeben, wenn 
wir annehmen, er wirke wie ein einmaliger Stoß; er kann 
dann auch durch eine einmalige zweckmäßige Aktion er- 
ledigt werden, als deren Typus die motorische Flucht vor 
der Reizquelle hinzustellen ist. Natürlich können sich diese 
Stöße auch wiederholen und summieren, aber das ändert 
nichts an der Auffassung des Vorganges und an den Bedin- 
gungen der Reizaufhebung. Der Trieb hingegen wirkt nie 
wie eine momentane Stoßkraft, sondern immer 
wie eine konstante Kraft. Da er nicht von außen, son- 
dern vom Körperinnern her angreift, kann auch keine Flucht 
gegen ihn nützen. Wir heißen den Triebreiz besser „Bedürf- 
nis"; was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die „B e f r i e d i- 
g u n g". Sie kann nur durch eine zielgerechte (adäquate) 
Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen werden. 

Stellen wir uns auf den Standpunkt eines fast völlig hilf- 
losen, in der Welt noch unorientierten Lebewesens, welches 
Reize in seiner Nervensubstanz auffängt. Dies Wesen wird 
sehr bald in die Lage kommen, eine erste Unter- 
scheidung zu machen und eine erste Orientierung zu 
gewinnen. Es wird einerseits Reize verspüren, denen es sich 

i) Vorausgesetzt nämlich, daß diese inneren Vorgänge die orga- 
nischen Grundlagen der Bedürfnisse Durst und Hunger sind. 



Triebschicksale 61 

durch eine Muskelaktion (Flucht) entziehen kann, diese 
Reize rechnet es zu einer Außenwelt; anderseits aber auch 
noch Reize, gegen welche eine solche Aktion nutzlos bleibt, 
die trotzdem ihren konstant drängenden Charakter behalten; 
diese Reize sind das Kennzeichen einer Innenwelt, der Be- 
weis für Triebbedürfnisse. Die wahrnehmende Substanz des 
Lebewesens wird so an der Wirksamkeit ihrer Muskeltätigkeit 
einen Anhaltspunkt gewonnen haben, um ein „außen" von 
einem „innen" zu scheiden. 

Wir finden also das Wesen des Triebes zunächst in seinen 
Hauptcharakteren, der Herkunft von Reizquellen im Innern 
des Organismus, dem Auftreten als konstante Kraft, und leiten 
davon eines seiner weiteren Merkmale, seine Unbezwingbar- 
keit durch Fluchtaktionen ab. Während dieser Erörterungen 
mußte uns aber etwas auffallen, was uns ein weiteres Einge- 
ständnis abnötigt. Wir bringen nicht nur gewisse Konven- 
tionen als Grundbegriffe an unser Erfahrungsmaterial heran, 
sondern bedienen uns auch mancher komplizierter Vor- 
aussetzungen, um uns bei der Bearbeitung der psycho- 
logischen Erscheinungswelt leiten zu lassen. Die wichtigste 
dieser Voraussetzungen haben wir bereits angeführt; es er- 
übrigt uns nur noch, sie ausdrücklich hervorzuheben. Sie ist 
biologischer Natur, arbeitet mit dem Begriff der Ten- 
denz (eventuell der Zweckmäßigkeit) und lautet: Das Nerven- 
system ist ein Apparat, dem die Funktion erteilt ist, die 
anlangenden Reize wieder zu beseitigen, auf möglichst 
niedriges Niveau herabzusetzen, oder der, wenn es nur mög- 
lich wäre, sich überhaupt reizlos erhalten wollte. Nehmen 
wir an der Unbestimmtheit dieser Idee vorläufig keinen An- 
stoß und geben wir dem Nervensystem die Aufgabe — 
allgemein gesprochen: der Reizbewältigung. Wir sehen 
dann, wie sehr die Einführung der Triebe das einfache 



. 



6 2 Triebe und 

physiologische Reflexschema kompliziert. Die äußeren Reize 
stellen nur die eine Aufgabe, sich ihnen zu entziehen, dies 
geschieht dann durch Muskelbewegungen, von denen endlich 
eine das Ziel erreicht und dann als die zweckmäßige zur 
erblichen Disposition wird. Die im Innern des Organismus 
entstehenden Triebreize sind durch diesen Mechanismus nicht 
zu erledigen. Sie stellen also weit höhere Anforderungen an 
das Nervensystem, veranlassen es zu verwickelten, ineinander 
greifenden Tätigkeiten, welche die Außenwelt so weit ver- 
ändern, daß sie der inneren Reizquelle die Befriedigung 
bietet, und nötigen es vor allem, auf seine ideale Absicht 
der Reizfernhaltung zu verzichten, da sie eine unvermeidliche 
kontinuierliche Reizzufuhr unterhalten. Wir dürfen also wohl 
schließen, daß sie, die Triebe, und nicht die äußeren Reize, 
die eigentlichen Motoren der Fortschritte sind, welche das so 
unendlich leistungsfähige Nervensystem auf seine gegen- 
wärtige Entwicklungshöhe gebracht haben. Natürlich steht 
nichts der Annahme im Wege, daß die Triebe selbst, wenig- 
stens zum Teil, Niederschläge äußerer Reizwirkungen sind, 
welche im Laufe der Phylogenese auf die lebende Substanz 
verändernd einwirkten. 

Wenn wir dann finden, daß die Tätigkeit auch der höchst- 
entwickelten Seelenapparate dem Lustprinzip unter- 
liegt, d. h. durch Empfindungen der Lust-Unlustreihe auto- 
matisch reguliert wird, so können wir die weitere Voraus- 
setzung schwerlich abweisen, daß diese Empfindungen die 
Art, wie die Reizbewältigung vor sich geht, wiedergeben. 
Sicherlich in dem Sinne, daß die Unlustempfindung mit 
Steigerung, die Lustempfindung mit Herabsetzung des Reizes 
zu tun hat. Die weitgehende Unbestimmtheit dieser An- 
nahme wollen wir aber sorgfältig festhalten, bis es uns etwa 
gelingt, die Art der Beziehung zwischen Lust-Unlust und 
den Schwankungen der auf das Seelenleben wirkenden Reiz- 



Triebschicksale 



63 



großen zu erraten. Es sind gewiß sehr mannigfache und 
nicht sehr einfache solcher Beziehungen möglich. 

Wenden wir uns nun von der biologischen Seite her der 
Betrachtung des Seelenlebens zu, so erscheint uns der 
„Trieb" als ein Grenzbegriff zwischen Seelischem und 
Somatischem, als psychischer Repräsentant der aus dem 
Körperinnern stammenden, in die Seele gelangenden Reize, 
als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen 
infolge seines Zusammenhanges mit dem Körperlichen auf- 
erlegt ist. 

Wir können nun einige Termini diskutieren, welche im 
Zusammenhang mit dem Begriffe Trieb gebraucht werden, 
wie: Drang, Ziel, Objekt, Quelle des Triebes. 

Unter dem Drange eines Triebes versteht man dessen 
motorisches Moment, die Summe von Kraft oder das Maß 
von Arbeitsanforderung, das er repräsentiert. Der Charakter 
des Drängenden ist eine allgemeine Eigenschaft der Triebe, 
ja das Wesen derselben. Jeder Trieb ist ein Stück Aktivität; 
wenn man lässigerweise von passiven Trieben spricht, kann 
man nichts anderes meinen als Triebe mit passivem Ziele. 

Das Ziel eines Triebes ist allemal die Befriedigung, die 
nur durch Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle 
erreicht werden kann. Aber wenn auch dies Endziel für jeden 
Trieb unveränderlich bleibt, so können doch verschiedene 
Wege zum gleichen Endziel führen, so daß sich mannig- 
fache nähere oder intermediäre Ziele für einen Trieb er- 
geben können, die miteinander kombiniert oder gegenein- 
ander vertauscht werden. Die Erfahrung gestattet uns auch, 
von „z i e 1 g e h e m m t e n" Trieben zu sprechen bei Vor- 
gängen, die ein Stück weit in der Richtung der Trieb- 
befriedigung zugelassen werden, dann aber eine Hemmung 
oder Ablenkung erfahren. Es ist anzunehmen, daß auch mit 
solchen Vorgängen eine partielle Befriedigung verbunden ist. 









; 



64 Triebe und 

Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder 
durch welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist das 
variabelste am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, 
sondern ihm nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der 
Befriedigung zugeordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder 
Gegenstand, sondern ebensowohl ein Teil des eigenen Kör- 
pers. Es kann im Laufe der Lebensschicksale des Triebes be- 
liebig oft gewechselt werden; dieser Verschiebung des Triebes 
fallen die bedeutsamsten Rollen zu. Es kann der Fall vor- 
kommen, daß dasselbe Objekt gleichzeitig mehreren Trieben 
zur Befriedigung dient, nach Alfred Adler der Fall der 
Triebverschränkung. Eine besonders innige Bindung 
des Triebes an das Objekt wird als Fixierung desselben 
hervorgehoben. Sie vollzieht sich oft in sehr frühen Perioden 
der Triebentwicklung und macht der Beweglichkeit des 
Triebes ein Ende, indem sie der Lösung intensiv widerstrebt. 

Unter der Quelle des Triebes versteht man jenen soma- 
tischen Vorgang in einem Organ oder Körperteil, dessen Reiz 
im Seelenleben durch den Trieb repräsentiert ist. Es ist unbe- 
kannt, ob dieser Vorgang regelmäßig chemischer Natur ist 
oder auch der Entbindung anderer, z. B. mechanischer Kräfte 
entsprechen kann. Das Studium der Triebquellen gehört der 
Psychologie nicht mehr an; obwohl die Herkunft aus der 
somatischen Quelle das schlechtweg Entscheidende für den 
Trieb ist, wird er uns im Seelenleben doch nicht anders als 
durch seine Ziele bekannt. Die genauere Erkenntnis der Trieb- 
quellen ist für die Zwecke der psychologischen Forschung 
nicht durchwegs erforderlich. Manchmal ist der Rückschluß 
aus den Zielen des Triebes auf dessen Quellen gesichert. 

Soll man annehmen, daß die verschiedenen aus dem Körper- 
lichen stammenden, auf das Seelische wirkenden Triebe auch 
durch verschiedene Qualitäten ausgezeichnet sind und darum 
in qualitativ verschiedener Art sich im Seelenleben benehmen? 



Trieb Schicksale 6 5 

Es scheint nicht gerechtfertigt; man reicht vielmehr mit der 
einfacheren Annahme aus, daß die Triebe alle qualitativ 
gleichartig sind und ihre Wirkung nur den Erregungsgrößen, 
die sie führen, verdanken, vielleicht noch gewissen Funk- 
tionen dieser Quantität. Was die psychischen Leistungen der 
einzelnen Triebe von einander unterscheidet, läßt sich auf die 
Verschiedenheit der Triebquellen zurückführen. Es kann 
allerdings erst in einem späteren Zusammenhange klargelegt 
werden, was das Problem der Triebqualität bedeutet. 

Welche Triebe darf man aufstellen und wie viele? Dabei 
ist offenbar der Willkür ein weiter Spielraum gelassen. Man 
kann nichts dagegen einwenden, wenn jemand den Begriff 
eines Spieltriebes, Destruktionstriebes, Geselligkeitstriebes in 
Anwendung bringt, wo der Gegenstand es fordert und die 
Beschränkung der psychologischen Analyse es zuläßt. Man 
sollte aber die Frage nicht außer acht lassen, ob diese einer- 
seits so sehr spezialisierten Triebmotive nicht eine weitere 
Zerlegung in der Richtung nach den Triebquellen gestatten, 
so daß nur die weiter nicht zerlegbaren Urtriebe eine Be- 
deutung beanspruchen können. 

Ich habe vorgeschlagen, von solchen Urtrieben zwei 
Gruppen zu unterscheiden, die der Ich- oder Selbst- 
erhaltungstriebe und die der S e x u a 1 1 r i e b e. Dieser 
Aufstellung kommt aber nicht die Bedeutung einer not- 
wendigen Voraussetzung zu, wie z. B. der Annahme über die 
biologische Tendenz des seelischen Apparates (s. o.); sie ist 
eine bloße Hilfskonstruktion, die nicht länger festgehalten 
werden soll, als sie sich nützlich erweist, und deren Ersetzung 
durch eine andere an den Ergebnissen unserer beschreibenden 
und ordnenden Arbeit wenig ändern wird. Der Anlaß zu 
dieser Aufstellung hat sich aus der Entwicklungsgeschichte 
der Psychoanalyse ergeben, welche die Psychoneurosen, und 
zwar die als „Übertragungsneurosen" zu bezeichnende Gruppe 

Freud, Theoretische Schriften 5 



66 



Triebe und 



derselben (Hysterie und Zwangsneurose) zum ersten Objekt 
nahm und an ihnen zur Einsicht gelangte, daß ein Konflikt 
zwischen den Ansprüchen der Sexualität und denen des 
Ichs an der Wurzel jeder solchen Affektion zu rinden sei. 
Es ist immerhin möglich, daß ein eindringendes Studium der 
anderen neurotischen Affektionen (vor allem der narzißtischen 
Psychoneurosen: der Schizophrenien) zu einer Abänderung 
dieser Formel und somit zu einer anderen Gruppierung der 
Urtriebe nötigen wird. Aber gegenwärtig kennen wir diese 
neue Formel nicht und haben auch noch kein Argument ge- 
funden, welches der Gegenüberstellung von Ich- und Sexual- 
trieben ungünstig wäre. 

Es ist mir überhaupt zweifelhaft, ob es möglich sein wird, 
auf Grund der Bearbeitung des psychologischen Materials ent- 
scheidende Winke zur Scheidung und Klassifizierung der 
Triebe zu gewinnen. Es erscheint vielmehr notwendig, zum 
Zwecke dieser Bearbeitung bestimmte Annahmen über das 
Triebleben an das Material heranzubringen, und es wäre 
wünschenwert, daß man diese Annahmen einem anderen 
Gebiete entnehmen könnte, um sie auf die Psychologie zu 
übertragen. Was die Biologie hiefür leistet, läuft der Sonde- 
rung von Ich- und Sexualtrieben gewiß nicht zuwider. Die 
Biologie lehrt, daß die Sexualität nicht gleichzustellen ist den 
anderen Funktionen des Individuums, da ihre Tendenzen über 
das Individuum hinausgehen und die Produktion neuer Indi- 
viduen, also die Erhaltung der Art, zum Inhalt haben. Sie 
zeigt uns ferner, daß zwei Auffassungen des Verhältnisses 
zwischen Ich und Sexualität wie gleichberechtigt nebenein- 
ander stehen, die eine, nach welcher das Individuum die 
Hauptsache ist und die Sexualität als eine seiner Betätigungen, 
die Sexualbefriedigung als eines seiner Bedürfnisse wertet, 
und eine andere, demzufolge das Individuum ein zeitweiliger 
und vergänglicher Anhang an das quasi unsterbliche Keim- 



Triebschicksale 



67 



plasma ist, welches ihm von der Generation anvertraut wurde. 
Die Annahme, daß sich die Sexualfunktion durch einen 
besonderen Chemismus von den anderen Körpervorgängen 
scheidet, bildet, soviel ich weiß, auch eine Voraussetzung der 
Ehrlich sehen biologischen Forschung. 

Da das Studium des Trieblebens vom Bewußtsein her 
kaum übersteigbare Schwierigkeiten bietet, bleibt die psycho- 
analytische Erforschung der Seelenstörungen die Hauptquelle 
unserer Kenntnis. Ihrem Entwicklungsgang entsprechend hat 
uns aber die Psychoanalyse bisher nur über die Sexualtriebe 
einigermaßen befriedigende Auskünfte bringen können, weil 
sie gerade nur diese Triebgruppe an den Psychoneurosen wie 
isoliert beobachten konnte. Mit der Ausdehnung der Psycho- 
analyse auf die anderen neurotischen Affektionen wird gewiß 
auch unsere Kenntnis der Ichtriebe begründet werden, ob- 
wohl es vermessen erscheint, auf diesem weiteren Forschungs- 
gebiete ähnlich günstige Bedingungen für die Beobachtung zu 
erwarten. 

Zu einer allgemeinen Charakteristik der Sexualtriebe kann 
man folgendes aussagen: Sie sind zahlreich, entstammen viel- 
fältigen organischen Quellen, betätigen sich zunächst unab- 
hängig voneinander und werden erst spät zu einer mehr oder 
minder vollkommenen Synthese zusammengefaßt. Das Ziel, 
das jeder von ihnen anstrebt, ist die Erreichung der Organ- 
lust; erst nach vollzogener Synthese treten sie in den Dienst 
der Fortpflanzungsfunktion, womit sie dann als 
Sexualtriebe allgemein kenntlich werden. Bei ihrem ersten 
Auftreten lehnen sie sich zuerst an die Erhaltungstriebe an, 
von denen sie sich erst allmählich ablösen, folgen auch bei 
der Objektfindung den Wegen, die ihnen die Ichtriebe weisen. 
Ein Anteil von ihnen bleibt den Ichtrieben zeitlebens gesellt 
und stattet diese mit libidinösen Komponenten aus, 
welche während der normalen Funktion leicht übersehen und 



68 



Triebe und 



erst durch die Erkrankung klargelegt werden. Sie sind dadurch 
ausgezeichnet, daß sie in großem Ausmaße vikariierend für 
einander eintreten und leicht ihre Objekte wechseln können. 
Infolge der letztgenannten Eigenschaften sind sie zu Leistun- 
gen befähigt, die weitab von ihren ursprünglichen Zielhand- 
lungen liegen. (Sublimierung.) 

Die Untersuchung, welche Schicksale Triebe im Laufe der 
Entwicklung und des Lebens erfahren können, werden wir 
auf die uns besser bekannten Sexualtriebe einschränken müssen. 
Die Beobachtung lehrt uns als solche Triebschicksale folgende 
kennen : 

Die Verkehrung ins Gegenteil. 

Die Wendung gegen die eigene Person. 

Die Verdrängung. 

Die Sublimierung. 

Da ich die Sublimierung hier nicht zu behandeln gedenke, 
die Verdrängung aber ein besonderes Kapitel beansprucht, er- 
übrigt uns nur Beschreibung und Diskussion der beiden ersten 
Punkte. Mit Rücksicht auf Motive, welche einer direkten 
Fortsetzung der Triebe entgegenwirken, kann man die Trieb- 
schicksale auch als Arten der Abwehr gegen die Triebe 
darstellen. 

Die Verkehrung ins Gegenteil löst sich bei 
näherem Zusehen in zwei verschiedene Vorgänge auf, in die 
Wendung eines Triebes von der Aktivität zur 
Passivität und in die inhaltliche Verkehrung. 
Beide Vorgänge sind, weil wesensverschieden, auch gesondert 
zu behandeln. 

Beispiele für den ersteren Vorgang ergeben die Gegensatz- 
paare Sadismus — Masochismus und Schaulust — Exhibition. Die 
Verkehrung betrifft nur die Z i e 1 e des Triebes; für das aktive 
Ziel: quälen, beschauen, wird das passive: gequält werden, 
beschaut werden eingesetzt. Die inhaltliche Verkehrung findet 



Trieb Schicksale 

sich in dem einen Falle der Verwandlung des Liebens in ein 

Hassen. 

Die Wendung gegen die eigene Person wird 
uns durch die Erwägung nahegelegt, daß der Masochismus 
ja ein gegen das eigene Ich gewendeter Sadismus ist, die 
Exhibition das Beschauen des eigenen Körpers mit einschließt. 
Die analytische Beobachtung läßt auch keinen Zweifel daran 
bestehen, daß der Masochist das Wüten gegen seine Person, 
der Exhibitionist das Entblößen derselben mitgenießt. Das 
Wesentliche an dem Vorgang ist also der Wechsel des 
Objektes bei ungeändertem Ziel. 

Es kann uns indes nicht entgehen, daß Wendung gegen 
die eigene Person und Wendung von der Aktivität zur 
Passivität in diesen Beispielen zusammentreffen oder zu- 
sammenfallen. Zur Klarstellung der Beziehungen wird eine 
gründlichere Untersuchung unerläßlich. 

Beim Gegensatzpaar Sadismus — Masochismus kann man 
den Vorgang folgendermaßen darstellen: 

a) Der Sadismus besteht in Gewalttätigkeit, Macht- 
betätigung gegen eine andere Person als Objekt. 

b) Dieses Objekt wird aufgegeben und durch die eigene 
Person ersetzt. Mit der Wendung gegen die eigene Person 
ist auch die Verwandlung des aktiven Triebzieles in ein 
passives vollzogen. 

c) Es wird neuerdings eine fremde Person als Objekt 
gesucht, welche infolge der eingetretenen Zielverwandlung 
die Rolle des Subjekts übernehmen muß. 

Fall c ist der des gemeinhin so genannten Masochismus. 
Die Befriedigung erfolgt auch bei ihm auf dem Wege des 
ursprünglichen Sadismus, indem sich das passive Ich phan- 
tastisch in seine frühere Stelle versetzt, die jetzt dem fremden 
Subjekt überlassen ist. Ob es auch eine direktere maso- 
chistische Befriedigung gibt, ist durchaus zweifelhaft. Ein 



7° 



Triebe und 



ursprünglicher Masochismus, der nicht auf die beschriebene 
Art aus dem Sadismus entstanden wäre, scheint nicht vor- 
zukommen 2 . Daß die Annahme der Stufe b nicht überflüssig 
ist, geht wohl aus dem Verhalten des sadistischen Triebes 
bei der Zwangsneurose hervor. Hier findet sich die Wendung 
gegen die eigene Person ohne die Passivität gegen eine neue. 
Die Verwandlung geht nur bis zur Stufe b. Aus der Quäl- 
sucht wird Selbstquälerei, Selbstbestrafung, nicht Ma- 
sochismus. Das aktive Verbum wandelt sich nicht in das 
Passivum, sondern in ein reflexives Medium. 

Die Auffassung des Sadismus wird auch durch den Um- 
stand beeinträchtigt, daß dieser Trieb neben seinem allge- 
meinen Ziel (vielleicht besser: innerhalb desselben) eine ganz 
spezielle Zielhandlung anzustreben scheint. Neben der 
Demütigung, Überwältigung, die Zufügung von Schmerzen. 
Nun scheint die Psychoanalyse zu zeigen, daß das Schmerz- 
zufügen unter den ursprünglichen Zielhandlungen des Triebes 
keine Rolle spielt. Das sadistische Kind zieht die Zufügung 
von Schmerzen nicht in Betracht und beabsichtigt sie nicht. 
Wenn sich aber einmal die Umwandlung in Masochismus 
vollzogen hat, eignen sich die Schmerzen sehr wohl, ein 
passives masochistisches Ziel abzugeben, denn wir haben 
allen Grund anzunehmen, daß auch die Schmerz- wie 
andere Unlustempfindungen auf die Sexualerregung über- 
greifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, um dessent- 
willen man sich auch die Unlust des Schmerzes gefallen 
lassen kann. Ist das Empfinden von Schmerzen einmal ein 
masochistisches Ziel geworden, so kann sich rückgreifend 
auch das sadistische Ziel, Schmerzen zuzufügen, ergeben, die 



2) [Zusatz 1924:] In späteren Arbeiten (siehe: „Das ökonomische 
Problem des Masochismus", 1924; Ges. Schriften, Bd. V) habe ich 
im Zusammenhang mit Problemen des Trieblebens mich zu einer 
gegenteiligen Auffassung bekannt. 



Triebschicksale ___^_ — 

man, während man sie anderen erzeugt, selbst masochistisch 
in der Identifizierung mit dem leidenden Objekt genießt. 
Natürlich genießt man in beiden Fällen nicht den Schmerz 
selbst, sondern die ihn begleitende Sexualerregung, und dies 
dann als Sadist besonders bequem. Das Schmerzgenießen 
wäre also ein ursprünglich masochistisches Ziel, das aber 
nur beim ursprünglich Sadistischen zum Triebziele werden 

kann. 

Der Vollständigkeit zuliebe füge ich an, daß das Mit- 
leid nicht als ein Ergebnis der Triebverwandlung beim 
Sadismus beschrieben werden kann, sondern die Auffassung 
einer Reaktionsbildung gegen den Trieb (über den 
Unterschied s. später) erfordert. 

Etwas andere und einfachere Ergebnisse liefert die Unter- 
suchung eines anderen Gegensatzpaares, der Triebe, die das 
Schauen und sich Zeigen zum Ziele haben. (Voyeur und Ex- 
hibitionist in der Sprache der Per Versionen). Auch hier kann 
man die nämlichen Stufen aufstellen wie im vorigen Falle: 
a) Das Schauen als Aktivität gegen ein fremdes Objekt 
gerichtet; b) das Aufgeben des Objektes, die Wendung des 
Schautriebes gegen einen Teil des eigenen Körpers, damit die 
Verkehrung in Passivität und die Aufstellung des neuen 
Zieles: beschaut zu werden; c) die Einsetzung eines neuen 
Subjektes, dem man sich zeigt, um von ihm beschaut zu 
werden. Es ist auch kaum zweifelhaft, daß das aktive Ziel 
früher auftritt als das passive, das Schauen dem Beschaut- 
werden vorangeht. Aber eine bedeutsame Abweichung vom 
Falle des Sadismus liegt darin, daß beim Schautrieb eine 
noch frühere Stufe als die mit a bezeichnete zu erkennen ist. 
Der Schautrieb ist nämlich zu Anfang seiner Betätigung auto- 
erotisch, er hat wohl ein Objekt, aber er findet es am eigenen 
Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet (auf dem Wege 
der Vergleichung), die? Objekt mit einem analogen des 






7* 



Triebe und 



fremden Körpers zu vertauschen (Stufe a). Diese Vorstufe ist 
nun dadurch interessant, daß aus ihr die beiden Situationen 
des resultierenden Gegensatzpaares hervorgehen, je nachdem 
der Wechsel an der einen oder anderen Stelle vorgenommen 
wird. Das Schema für den Schautrieb könnte lauten: 



a) Selbst ein Sexualglicd 

beschauen = Sexualgüedvon 

eigener Person 

beschaut werden 



ß) Selbst fremdes Objekt 

besdiauen 

(aktive Schaulust) 



r) 



Eigenes Objekt von 
fremder 
Person beschaut werden 
(Zeigelust, Exhibition) 

Eine solche Vorstufe fehlt dem Sadismus, der sich von 
vornherein auf ein fremdes Objekt richtet, obwohl es nicht 
gerade widersinnig wäre, sie aus den Bemühungen des Kindes, 
das seiner eigenen Glieder Herr werden will, zu konstruieren 3 . 

Für beide hier betrachteten Triebbeispiele gilt die Be- 
merkung, daß die Triebverwandlung durch Verkehrung der 
Aktivität in Passivität und Wendung gegen die eigene Person 
eigentlich niemals am ganzen Betrag der Triebregung vor- 
genommen wird. Die ältere aktive Triebrichtung bleibt in 
gewissem Ausmaße neben der jüngeren passiven bestehen, 
auch wenn der Prozeß der Triebumwandlung sehr ausgiebig 
ausgefallen ist. Die einzig richtige Aussage über den Schau- 
trieb müßte lauten, daß alle Entwicklungsstufen des Triebes, 
die autoerotische Vorstufe wie die aktive und passive End- 
gestaltung nebeneinander bestehen bleiben, und diese Be- 
hauptung wird evident, wenn man anstatt der Triebhandlun- 
gen den Mechanismus der Befriedigung zur Grundlage seines 
Urteiles nimmt. Vielleicht ist übrigens noch eine andere Auf- 
fassungs- und Darlegungsweise gerechtfertigt. Man kann 
sich jedes Triebleben in einzelne zeitlich geschiedene und 
innerhalb der (beliebigen) Zeiteinheit gleichartige Schübe 
zerlegen, die sich etwa zueinander verhalten wie sukzessive 
Lavaeruptionen. Dann k ann man sich etwa vorstellen, die 

3) Siehe Anmerkung auf Seite 70. 



Triebschicksale 73 



erste und ursprünglichste Trieberuption setze sich ungeändert 
fort und erfahre überhaupt keine Entwicklung. Ein nächster 
Schub unterliege von Anfang an einer Veränderung, etwa 
der Wendung zur Passivität, und addiere sich nun mit diesem 
neuen Charakter zum früheren hinzu usw. Überblickt man 
dann die Triebregung von ihrem Anfang an bis zu einem 
gewissen Haltepunkt, so muß die beschriebene Sukzession 
der Schübe das Bild einer bestimmten Entwicklung des 
Triebes ergeben. 

Die Tatsache, daß zu jener späteren Zeit der Entwicklung 
neben einer Triebregung ihr (passiver) Gegensatz zu beob- 
achten ist, verdient die Hervorhebung durch den trefflichen, 
von Bleuler eingeführten Namen: Ambivalenz. 

Die Triebentwicklung wäre unserem Verständnis durch 
den Hinweis auf die Entwicklungsgeschichte des Triebes und 
die Permanenz der Zwischenstufen nahe gerückt. Das Aus- 
maß der nachweisbaren Ambivalenz wechselt erfahrungs- 
gemäß in hohem Grade bei Individuen, Menschengruppen 
oder Rassen. Eine ausgiebige Triebambivalenz bei einem heute 
Lebenden kann als archaisches Erbteil aufgefaßt werden, da 
wir Grund zur Annahme haben, der Anteil der unver- 
wandelten aktiven Regungen am Triebleben sei in Urzeiten 
größer gewesen als durchschnittlich heute. 

Wir haben uns daran gewöhnt, die frühe Entwicklungs- 
phase des Ichs, während welcher dessen Sexualtriebe sich 
autoerotisch befriedigen, Narzißmus zu heißen, ohne 
zunächst die Beziehung zwischen Autoerotismus und Nar- 
zißmus in Diskussion zu ziehen. Dann müssen wir von der 
Vorstufe des Schautriebes, auf der die Schaulust den eigenen 
Körper zum Objekt hat, sagen, sie gehöre dem Narzißmus 
an, sei eine narzißtische Bildung. Aus ihr entwickelt sich der 
aktive Schautrieb, indem er den Narzißmus verläßt, der 
passive Schautrieb halte aber das narzißtische Objekt fest. 






74 Triebe und 

Ebenso bedeute die Umwandlung des Sadismus in Masochis- 
mus eine Rückkehr zum narzißtischen Objekt, während in 
beiden Fällen das narzißtische Subjekt durch Identifizierung 
mit einem anderen fremden Ich vertauscht wird. Mit Rück- 
sichtnahme auf die konstruierte narzißtische Vorstufe des 
Sadismus nähern wir uns so der allgemeineren Einsicht, daß 
die Triebschicksale der Wendung gegen das eigene Ich und 
der Verkehrung von Aktivität in Passivität von der nar- 
zißtischen Organisation des Ichs abhängig sind und den 
Stempel dieser Phase an sich tragen. Sie entsprechen vielleicht 
den Abwehrversuchen, die auf höheren Stufen der Ich- 
entwicklung mit anderen Mitteln durchgeführt werden. 

Wir besinnen uns hier, daß wir bisher nur die zwei Trieb- 
gegensatzpaare: Sadismus— Masochismus und Schaulust— 
Zeigelust in Erörterung gezogen haben. Es sind dies die 
bestbekannten ambivalent auftretenden Sexualtriebe. Die 
anderen Komponenten der späteren Sexualfunktion sind der 
Analyse noch nicht genug zugänglich geworden, um sie in 
ähnlicher Weise diskutieren zu können. Wir können von 
ihnen allgemein aussagen, daß sie sich autoerotisch 
betätigen, d. h., ihr Objekt verschwindet gegen das Organ, 
das ihre Quelle ist, und fällt in der Regel mit diesem 
zusammen. Das Objekt des Schautriebes, obwohl auch zuerst 
ein Teil des eigenen Körpers, ist doch nicht das Auge selbst, 
und beim Sadismus weist die Organquelle, wahrscheinlich die 
aktionsfähige Muskulatur, direkt auf ein anderes Objekt, sei 
es auch am eigenen Körper hin. Bei den autoerotischen Trieben 
ist die Rolle der Organquelle so ausschlaggebend, daß nach 
einer ansprechenden Vermutung von P. Federn und 
L. J e k e 1 s * Form und Funktion des Organs über die 
Aktivität und Passivität des Triebzieles entscheiden. 



4) Intern. Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 191 3. 



Triebschicksale 75 

Die Verwandlung eines Triebes in sein (materielles) Gegen- 
teil wird nur in einem Falle beobachtet, bei der Um- 
setzung von Liebe in Haß. Da diese beiden besonders 
häufig gleichzeitig auf dasselbe Objekt gerichtet vorkommen, 
ergibt diese Koexistenz auch das bedeutsamste Beispiel einer 
Gefühlsambivalenz. 

Der Fall von Liebe und Haß erwirbt ein besonderes 
Interesse durch den Umstand, daß er der Einreihung in 
unsere Darstellung der Triebe widerstrebt. Man kann an der 
innigsten Beziehung zwischen diesen beiden Gefühlsgegen- 
sätzen und dem Sexualleben nicht zweifeln, muß sich aber 
natürlich dagegen sträuben, das Lieben etwa als einen be- 
sonderen Partialtrieb der Sexualität wie die anderen auf- 
zufassen. Man möchte eher das Lieben als den Ausdruck der 
ganzen Sexualstrebung ansehen, kommt aber auch damit nicht 
zurecht und weiß nicht, wie man ein materielles Gegenteil 
dieser Strebung verstehen soll. 

Das Lieben ist nicht nur eines, sondern dreier Gegensätze 
fähig. Außer dem Gegensatz: lieben — hassen gibt es den 
anderen: lieben — geliebt werden, und überdies setzen sich 
lieben und hassen zusammengenommen dem Zustande der 
Indifferenz oder Gleichgültigkeit entgegen. Von diesen drei 
Gegensätzen entspricht der zweite, der von lieben — geliebt 
werden, durchaus der Wendung von der Aktivität zur 
Passivität und läßt auch die nämliche Zurückführung auf eine 
Grundsituation wie beim Schautrieb zu. Diese heißt: sich 
s e 1 b s t 1 i e b e n, was f ür uns die Charakteristik des Nar- 
zißmus ist. Je nachdem nun das Objekt oder das Subjekt 
gegen ein fremdes vertauscht wird, ergibt sich die aktive 
Zielstrebung des Liebens oder die passive des Geliebtwerdens, 
von denen die letztere dem Narzißmus nahe verbleibt. 

Vielleicht kommt man dem Verständnis der mehrfachen 
Gegenteile des Liebens näher, wenn man sich besinnt, daß 



7 Tri ebe und 

das seelische Leben überhaupt von drei Polaritäten 
beherrscht wird, den Gegensätzen von: 

Subjekt (Ich)-Objekt (Außenwelt). 
Lust — Unlust. 
Aktiv — Passiv. 

Der Gegensatz von Ich-Nicht-Ich (Außen), (Subjekt- 
Objekt), wird dem Einzelwesen, wie wir bereits erwähnt 
haben, frühzeitig aufgedrängt durch die Erfahrung, daß es 
Außenreize durch seine Muskelaktion zum Schweigen bringen 
kann, gegen Triebreize aber wehrlos ist. Er bleibt vor allem 
in der intellektuellen Betätigung souverän und schafft die 
Grundsituation für die Forschung, die durch kein Bemühen 
abgeändert werden kann. Die Polarität von Lust-Unlust 
haftet an einer Empfindungsreihe, deren unübertroffene Be- 
deutung für die Entscheidung unserer Aktionen (Wille) bereits 
betont worden ist. Der Gegensatz von Aktiv-Passiv ist 
nicht mit dem von Ich-Subjekt-Außen-Objekt zu ver- 
wechseln. Das Ich verhält sich passiv gegen die Außenwelt, 
insoweit es Reize von ihr empfängt, aktiv, wenn es auf die- 
selben reagiert. Zu ganz besonderer Aktivität gegen die 
Außenwelt wird es durch seine Triebe gezwungen, so daß 
man unter Hervorhebung des Wesentlichen sagen könnte: Das 
Ich-Subjekt sei passiv gegen die äußeren Reize, aktiv durch 
seine eigenen Triebe. Der Gegensatz Aktiv-Passiv ver- 
schmilzt späterhin mit dem von Männlich— Weiblich, der, 
ehe dies geschehen ist, keine psychologische Bedeutung hat! 
Die Verlötung der Aktivität mit der Männlichkeit, der 
Passivität mit der Weiblichkeit tritt uns nämlich als 
biologische Tatsache entgegen; sie ist aber keineswegs so 
regelmäßig durchgreifend und ausschließlich, wie wir an- 
zunehmen geneigt sind. 

Die drei seelischen Polaritäten gehen die bedeutsamsten 






Triebschicksale 77 



Verknüpfungen miteinander ein. Es gibt eine psychische 
Ursituation, in welcher zwei derselben zusammentreffen. Das 
Ich findet sich ursprünglich, zu allem Anfang des Seelen- 
lebens, triebbesetzt und zum Teil fähig, seine Triebe an sich 
selbst zu befriedigen. Wir heißen diesen Zustand den des 
Narzißmus, die Befriedigungsmöglichkeit die autoerotische 5 . 
Die Außenwelt ist derzeit nicht mit Interesse (allgemein 
gesprochen) besetzt und für die Befriedigung gleichgültig. Es 
fällt also um diese Zeit das Ich-Subjekt mit dem Lustvollen, 
die Außenwelt mit dem Gleichgültigen (eventuell als Reiz- 
quelle Unlustvollen) zusammen. Definieren wir zunächst das 
Lieben als die Relation des Ichs zu seinen Lustquellen, so 
erläutert die Situation, in der es nur sich selbst liebt und 
gegen die Welt gleichgültig ist, die erste der Gegensatz- 
beziehungen, in denen wir das „Lieben" gefunden haben. 

Das Ich bedarf der Außenwelt nicht, insofern es auto- 
erotisch ist, es bekommt aber Objekte aus ihr infolge der 
Erlebnisse der Icherhaltungstriebe und kann doch nicht um- 
hin, innere Triebreize als unlustvoll für eine Zeit zu ver- 
spüren. Unter der Herrschaft des Lustprinzips vollzieht sich 
nun in ihm eine weitere Entwicklung. Es nimmt die dar- 
gebotenen Objekte, insofern sie Lustquellen sind, in sein Ich 
auf, introjiziert sich dieselben (nach dem Ausdrucke 
Ferenczis) und stößt anderseits von sich aus, was ihm 

5) Ein Anteil der Sexualtriebe ist, wie wir wissen, dieser 
autoerotischen Befriedigung fähig, eignet sich also zum Träger der 
nachstehend geschilderten Entwicklung unter der Herrschaft aes 
Lustprinzips. Die Sexualtriebe, welche von vornherein ^n Objekt 
fordern, und die autoerotisch niemals zu befriedigenden Bedürfnisse 
der Ichtriebe stören natürlich diesen Zustand und bereiten die 
Fortschritte vor. Ja, der narzißtische Urzustand könnte nicht jene 
Entwicklung nehmen, wenn nicht jedes Einzelwesen eine Periode 
von Hilflosigkeit und Pflege durchmachte, wahrend 
dessen seine drängenden Bedürfnisse durch Dazutun von Außen 
befriedigt und somit von der Entwicklung abgehalten würden. 



7« 



Triebe und 



im eigenen Innern Unlustanlaß wird. (Siehe später den 
Mechanismus der Projektion.) 

Es wandelt sich so aus dem anfänglichen Real-Ich, welches 
Innen und Außen nach einem guten objektiven Kennzeichen 
unterschieden hat, in ein purifiziertes Lust-Ich, welches 
den Lustcharakter über jeden anderen setzt. Die Außenwelt 
zerfällt ihm in einen Lustanteil, den es sich einverleibt hat 
und einen Rest, der ihm fremd ist. Aus dem eigenen Ich hat 
es einen Bestandteil ausgesondert, den es in die Außenwelt 
wirft und als feindlich empfindet. Nach dieser Umordnung 
ist die Deckung der beiden Polaritäten 

Ich-Subjekt — mit Lust 

Außenwelt - mit Unlust (von früher her Indifferenz) 
wieder hergestellt. 

Mit dem Eintreten des Objekts in die Stufe des primären 
Narzißmus erreicht auch der zweite Gegensinn des Liebens, 
das Hassen, seine Ausbildung. 

Das Objekt wird dem Ich, wie wir gehört haben, zuerst 
von den Selbsterhaltungstrieben aus der Außenwelt gebracht, 
und es ist nicht abzuweisen, daß auch der ursprüngliche' 
Sinn des Hassens die Relation gegen die fremde und reiz- 
zuführende Außenwelt bedeutet. Die Indifferenz ordnet sich 
dem Haß, der Abneigung, als Spezialfall ein, nachdem sie 
zuerst als dessen Vorläufer aufgetreten ist. Das Äußere, das 
Objekt, das Gehaßte wären zu allem Anfang identisch. Er- 
weist sich späterhin das Objekt als Lustquelle, so wird es 
geliebt, aber auch dem Ich einverleibt, so daß für das 
purifizierte Lust-Ich das Objekt doch wiederum mit dem 
Fremden und Gehaßten zusammenfällt. 

Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar 
Liebe-Indifferenz die Polarität Ich-Außenwelt spiegelt, so 
reproduziert der zweite Gegensatz Liebe-Haß die mit der 
ersteren verknüpfte Polarität von Lust— Unlust. Nach der 



Triebschicksale „_____ — 

Ablösung der rein narzißtischen Stufe durch die Objektstufe 
bedeuten Lust und Unlust Relationen des Ichs zum Objekt. 
Wenn das Objekt die Quelle von Lustempfindungen wird, so 
stellt sich eine motorische Tendenz heraus, welche dasselbe 
dem Ich annähern, ins Ich einverleiben will; wir sprechen 
dann auch von der „Anziehung", die das lustspendende 
Objekt ausübt, und sagen, daß wir das Objekt „lieben". 
Umgekehrt, wenn das Objekt Quelle von Unlustempfindungen 
ist, bestrebt sich eine Tendenz, die Distanz zwischen ihm 
und dem Ich zu vergrößern, den ursprünglichen Fluchtver- 
such vor der reizausschickenden Außenwelt an ihm zu 
wiederholen. Wir empfinden die „Abstoßung" des Objekts 
und hassen es; dieser Haß kann sich dann zur Aggressions- 
neigung gegen das Objekt, zur Absicht, es zu vernichten, 
steigern. 

Man könnte zur Not von einem Trieb aussagen, daß er 
das Objekt „liebt", nach dem er zu seiner Befriedigung strebt. 
Daß ein Trieb ein Objekt „haßt", klingt uns aber befremdend, 
so daß wir aufmerksam werden, die Beziehungen Liebe und 
Haß seien nicht für die Relationen der Triebe zu ihren 
Objekten verwendbar, sondern für die Relation des Gesamt- 
ichs zu den Objekten reserviert. Die Beobachtung des gewiß 
sinnvollen Sprachgebrauches zeigt uns aber eine weitere Ein- 
schränkung in der Bedeutung von Liebe und Haß. Von den 
Objekten, welche der Icherhaltung dienen, sagt man nicht 
aus, daß man sie liebt, sondern betont, daß man ihrer bedarf, 
und gibt etwa einem Zusatz von andersartiger Relation Aus- 
druck, indem man Worte gebraucht, die ein sehr abge- 
schwächtes Lieben andeuten, wie: gerne haben, gerne sehen, 

angenehm finden. 

Das Wort „lieben" rückt also immer mehr in die Sphäre 
der reinen Lustbeziehung des Ichs zum Objekt und fixiert 
sich schließlich an die Sexualobjekte im engeren Sinne und 



8o Triebe und 

an solche Objekte, welche die Bedürfnisse sublimierter 
Sexualtriebe befriedigen. Die Scheidung der Ichtriebe von 
den Sexualtrieben, welche wir unserer Psychologie auf- 
gedrängt haben, erweist sich so als konform mit dem Geiste 
unserer Sprache. Wenn wir nicht gewohnt sind zu sagen, der 
einzelne Sexualtrieb liebe sein Objekt, aber die adäquateste 
Verwendung des Wortes „lieben" in der Beziehung des Ichs 
zu seinem Sexualobjekt finden, so lehrt uns diese Beobachtung, 
daß dessen Verwendbarkeit in dieser Relation erst mit der 
Synthese aller Partialtriebe der Sexualität unter dem Primat 
der Genitalien und im Dienste der Fortpflanzungsfunktion 
beginnt. 

Es ist bemerkenswert, daß im Gebrauche des Wortes 
„hassen" keine so innige Beziehung zur Sexuallust und 
Sexualfunktion zum Vorschein kommt, sondern die Unlust- 
relation die einzig entscheidende scheint. Das Ich haßt, ver- 
abscheut, verfolgt mit Zerstörungsabsichten alle Objekte, die 
ihm zur Quelle von Unlustempfindungen werden, gleich- 
gültig ob sie ihm eine Versagung sexueller Befriedigung oder 
der Befriedigung von Erhaltungsbedürfnissen bedeuten. Ja, 
man kann behaupten, daß die richtigen Vorbilder für die 
Haßrelation nicht aus dem Sexualleben, sondern aus dem 
Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung 
stammen. 

Liebe und Haß, die sich uns als volle materielle Gegen- 
sätze vorstellen, stehen also doch in keiner einfachen Be- 
ziehung zueinander. Sie sind nicht aus der Spaltung eines 
Urgemeinsamen hervorgegangen, sondern haben verschiedene 
Ursprünge und haben ein jedes seine eigene Entwicklung 
durchgemacht, bevor sie sich unter dem Einfluß der Lust- 
Uniustrelation zu Gegensätzen formiert haben. Es erwächst 
uns hier die Aufgabe, zusammenzustellen, was wir von der 
Genese von Liebe und Haß wissen. 



Trieb Schicksale 



Die Liebe stammt von der Fähigkeit des Ichs, einen Anteil 
seiner Triebregungen autoerotisch, durch die Gewinnung von 
Organlust zu befriedigen. Sie ist ursprünglich narzißtisch, 
übergeht dann auf die Objekte, die dem erweiterten Ich ein- 
verleibt worden sind, und drückt das motorische Streben des 
Ichs nach diesen Objekten als Lustquellen aus. Sie verknüpft 
sich innig mit der Betätigung der späteren Sexualtriebe und 
fällt, wenn deren Synthese vollzogen ist, mit dem Ganzen 
der Sexualstrebung zusammen. Vorstufen des Liebens ergeben 
sich als vorläufige Sexualziele, während die Sexualtriebe ihre 
komplizierte Entwicklung durchlaufen. Als erste derselben 
erkennen wir das sich Einverleiben oder Fressen, 
eine Art der Liebe, welche mit der Aufhebung der Sonder- 
existenz des Objekts vereinbar ist, also als ambivalent be- 
zeichnet werden kann. Auf der höheren Stufe der prägenitalen 
sadistisch-analen Organisation tritt das Streben nach dem 
Objekt in der Form des Bemächtigungsdranges auf, dem die 
Schädigung oder Vernichtung des Objekts gleichgültig ist. 
Diese Form und Vorstufe der Liebe ist in ihrem Verhalten 
gegen das Objekt vom Haß kaum zu unterscheiden. Erst mit 
der Herstellung der Genitalorganisation ist die Liebe zum 
Gegensatz vom Haß geworden. 

Der Haß ist als Relation zum Objekt älter als die Liebe, 
er entspringt der uranfänglichen Ablehnung der reizspenden- 
den Außenwelt von Seiten des narzißtischen Ichs. Als 
Äußerung der durch Objekte hervorgerufenen Unlustreaktion 
bleibt er immer in inniger Beziehung zu den Trieben der Ich- 
erhaltung, so daß Ichtriebe und Sexualtriebe leicht in einen 
Gegensatz geraten können, der den von Hassen und Lieben 
wiederholt. Wenn die Ichtriebe die Sexualfunktion beherr- 
schen wie auf der Stufe der sadistisch-analen Organisation, 
so leihen sie auch dem Triebziel die Charaktere des Hasses. 

Die Entstehungs- und Beziehungsgeschichte der Liebe macht 

Freud, Theoretische Schriften 6 



82 Triebe und Triebschicksale 

es uns verständlich, daß sie so häufig „ambivalent", d. h. in 
Begleitung von Haßregungen gegen das nämliche Objekt auf- 
tritt. Der der Liebe beigemengte Haß rührt zum Teil von den 
nicht völlig überwundenen Vorstufen des Liebens her, zum 
anderen Teil begründet er sich durch Ablehnungsreaktionen 
der Ichtriebe, die sich bei den häufigen Konflikten zwischen 
Ich- und Liebesinteressen auf reale und aktuelle Motive be- 
rufen können. In beiden Fällen geht also der beigemengte 
Haß auf die Quelle der Icherhaltungstriebe zurück. Wenn die 
Liebesbeziehung zu einem bestimmten Objekt abgebrochen 
wird, so tritt nicht selten Haß an deren Stelle, woraus wir 
den Eindruck einer Verwandlung der Liebe in Haß emp- 
fangen. Über diese Deskription hinaus führt dann die Auf- 
fassung, daß dabei der real motivierte Haß durch die Re- 
gression des Liebens auf die sadistische Vorstufe verstärkt 
wird, so daß das Hassen einen erotischen Charakter erhält 
und die Kontinuität einer Liebesbeziehung gewährleistet wird. 

Die dritte Gegensätzlichkeit des Liebens, die Verwandlung 
des Liebens in ein Geliebtwerden entspricht der Einwirkung 
der Polarität von Aktivität und Passivität und unterliegt der- 
selben Beurteilung wie die Fälle des Schautriebes und des 
Sadismus. Wir dürfen zusammenfassend hervorheben, die 
Triebschicksale bestehen im wesentlichen darin, daß die 
Triebregungen den Einflüssen der drei 
großen, das Seelenleben beherrschenden 
Polaritäten unterzogen werden. Von diesen drei 
Polaritäten könnte man die der Aktivität — Passivität als die 
biologische, die Ich — Außenwelt als die reale, end- 
lich die von Lust— Unlust als die ökonomische be- 
zeichnen. 

Das Triebschicksal der Verdrängung wird den Gegen- 
stand einer anschließenden Untersuchung bilden. 






■ 
■ 






DIE VERDRÄNGUNG 

(»915) 

Es kann das Schicksal einer Triebregung werden, daß sie 
auf Widerstände stößt, welche sie unwirksam machen wollen. 
Unter Bedingungen, deren nähere Untersuchung uns bevor- 
steht, gelangt sie dann in den Zustand der Verdrängung. 
Handelte es sich um die Wirkung eines äußeren Reizes, so 
wäre offenbar die Flucht das geeignete Mittel. Im Falle des 
Triebes kann die Flucht nichts nützen, denn das Ich kann 
sich nicht selbst entfliehen. Später einmal wird in der 
Urteilsverwerfung (Verurteilung) ein gutes Mittel 
gegen die Triebregung gefunden werden. Eine Vorstufe der 
Verurteilung, ein Mittelding zwischen Flucht und Ver- 
urteilung ist die Verdrängung, deren Begriff in der Zeit 
vor den psychoanalytischen Studien nicht aufgestellt werden 
konnte. 

Die Möglichkeit einer Verdrängung ist theoretisch nicht 
leicht abzuleiten. Warum sollte eine Triebregung einem 
solchen Schicksal verfallen? Offenbar muß hier die Bedin- 
gung erfüllt sein, daß die Erreichung des Triebzieles Unlust 
an Stelle von Lust bereitet. Aber dieser Fall ist nicht gut denk- 
bar. Solche Triebe gibt es nicht, eine Triebbefriedigung ist 
immer lustvoll. Es müßten besondere Verhältnisse anzu- 
nehmen sein, irgend ein Vorgang, durch den die Befriedi- 
gungslust in Unlust verwandelt wird. 
6* 



84 



Die Verdrängung 



Wir können zur besseren Abgrenzung der Verdrängung 
einige andere Triebsituationen in Erörterung ziehen. Es kann 
vorkommen, daß sich ein äußerer Reiz, z. B. dadurch, daß 
er ein Organ anätzt und zerstört, verinnerlicht und so eine 
neue Quelle beständiger Erregung und Spannungsvermehrung 
ergibt. Er erwirbt damit eine weitgehende Ähnlichkeit mit 
einem Trieb. Wir wissen, daß wir diesen Fall als Schmerz 
empfinden. Das Ziel dieses Pseudotriebes ist aber nur das Auf- 
hören der Organveränderung und der mit ihr verbundenen 
Unlust. Andere, direkte Lust kann aus dem Aufhören des 
Schmerzes nicht gewonnen werden. Der Schmerz ist auch 
imperativ; er unterliegt nur noch der Einwirkung einer toxi- 
schen Aufhebung und der Beeinflussung durch psychische 
Ablenkung. 

Der Fall des Schmerzes ist zu wenig durchsichtig, um etwas 
für unsere Absicht zu leisten. Nehmen wir den Fall, daß ein 
Triebreiz wie der Hunger unbefriedigt bleibt. Er wird dann 
imperativ, ist durch nichts anderes als durch die Befriedigungs- 
aktion zu beschwichtigen, unterhält eine beständige Bedürfnis- 
spannung. Etwas wie eine Verdrängung scheint hier auf lange 
hinaus nicht in Betracht zu kommen. 

Der Fall der Verdrängung ist also gewiß nicht gegeben, 
wenn die Spannung infolge von Unbefriedigung einer Trieb- 
regung unerträglich groß wird. Was dem Organismus an Ab- 
wehrmitteln gegen diese Situation gegeben ist, muß in 
anderem Zusammenhang erörtert werden. 

Halten wir uns lieber an die klinische Erfahrung, wie sie 
uns in der psychoanalytischen Praxis entgegentritt. Dann 
werden wir belehrt, daß die Befriedigung des der Verdrän- 
gung unterliegenden Triebes wohl möglich und daß sie auch 
jedesmal an sich lustvoll wäre, aber sie wäre mit anderen An- 
sprüchen und Vorsätzen unvereinbar; sie würde also Lust an 
der einen, Unlust an anderer Stelle erzeugen. Zur Bedingung 



Die Verdrängung 8 5 



der Verdrängung ist dann geworden, daß das Unlustmotiv 
eine stärkere Macht gewinnt als die Befriedigungslust. Wir 
werden ferner durch die psychoanalytische Erfahrung an den 
Übertragungsneurosen zu dem Schluß genötigt, daß die Ver- 
drängung kein ursprünglich vorhandener Abwehrmechanis- 
mus ist, daß sie nicht eher entstehen kann, als bis sich eine 
scharfe Sonderung von bewußter und unbewußter Seelen- 
tätigkeit hergestellt hat, und daß ihrWesennurinder 
Abweisung und Fernhaltung vom Bewußten 
besteht. Diese Auffassung der Verdrängung würde durch 
die Annahme ergänzt werden, daß vor solcher Stufe der 
seelischen Organisation die anderen Triebschicksale wie die 
Verwandlung ins Gegenteil, die Wendung gegen die eigene 
Person, die Aufgabe der Abwehr von Triebregungen be- 
wältigen. 

Wir meinen jetzt auch, Verdrängung und Unbewußtes 
seien in so großem Ausmaße korrelativ, daß wir die Ver- 
tiefung in das Wesen der Verdrängung aufschieben müssen, 
bis wir mehr von dem Aufbau des psychischen Instanzen- 
zuges und der Differenzierung von Unbewußt und Bewußt 
erfahren haben. Vorher können wir nur noch einige klinisch 
erkannte Charaktere der Verdrängung in rein deskriptiver 
Weise zusammenstellen, auf die Gefahr hin, vieles anderwärts 
Gesagte ungeändert zu wiederholen. 

Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzu- 
nehmen, eine erste Phase der Verdrängung, die darin besteht, 
daß der psychischen (Vorstellungs-) Repräsentanz des Triebes 
die Übernahme ins Bewußte versagt wird. Mit dieser ist eine 
Fixierung gegeben; die betreffende Repräsentanz bleibt 
von da an unveränderlich bestehen und der Trieb an sie 
gebunden. Dies geschieht infolge der später zu besprechenden 
Eigenschaften unbewußter Vorgänge. 

Die zweite Stufe der Verdrängung, die eigentliche 



86 Die Verdrängung 



Verdrängung, betrifft psychische Abkömmlinge der ver- 
drängten Repräsentanz, oder solche Gedankenzüge, die, 
anderswoher stammend, in assoziative Beziehung zu ihr ge- 
raten sind. Wegen dieser Beziehung erfahren diese Vorstel- 
lungen dasselbe Schicksal wie das Urverdrängte. Die eigent- 
liche Verdrängung ist also ein Nachdrängen. Man tut übri- 
gens unrecht* wenn man nur die Abstoßung hervorhebt, die 
vom Bewußten her auf das zu Verdrängende wirkt. Es kommt 
ebensosehr die Anziehung in Betracht, welche das Urver- 
drängte auf alles ausübt, womit es sich in Verbindung setzen 
kann. Wahrscheinlich würde die Verdrängungstendenz ihre 
Absicht nicht erreichen, wenn diese Kräfte nicht zusammen- 
wirkten, wenn es nicht ein vorher Verdrängtes gäbe, welches 
das vom Bewußten Abgestoßene aufzunehmen bereit wäre. 

Unter dem Einfluß des Studiums der Psychoneurosen, 
welches uns die bedeutsamen Wirkungen der Verdrängung 
vorführt, werden wir geneigt, deren psychologischen Inhalt 
zu überschätzen, und vergessen zu leicht, daß die Verdrän- 
gung die Triebrepräsentanz nicht daran hindert, im Unbe- 
wußten fortzubestehen, sich weiter zu organisieren, Ab- 
kömmlinge zu bilden und Verbindungen anzuknüpfen. Die 
Verdrängung stört wirklich nur die Beziehung zu einem 
psychischen System, dem des Bewußten. 

Die Psychoanalyse kann uns noch anderes zeigen, was für 
das Verständnis der Wirkungen der Verdrängung bei den 
Psychoneurosen bedeutsam ist. Z. B., daß die Triebrepräsen- 
tanz sich ungestörter und reichhaltiger entwickelt, wenn sie 
durch die Verdrängung dem bewußten Einfluß entzogen ist. 
Sie wuchert dann sozusagen im Dunkeln und findet extreme 
Ausdrucksformen, welche, wenn sie dem Neurotiker über- 
setzt und vorgehalten werden, ihm nicht nur fremd er- 
scheinen müssen, sondern ihn auch durch die Vorspiegelung 
einer außerordentlichen und gefährlichen Triebstärke; 






Die Verdrängung 87 



schrecken. Diese täuschende Triebstärke ist das Ergebnis einer 
ungehemmten Entfaltung in der Phantasie und der Aufstau- 
ung infolge versagter Befriedigung. Daß dieser letztere Erfolg 
an die Verdrängung geknüpft ist, weist darauf hin, worin 
wir ihre eigentliche Bedeutung zu suchen haben. 

Indem wir aber noch zur Gegenansicht zurückkehren, 
stellen wir fest, es sei nicht einmal richtig, daß die Verdrän- 
gung alle Abkömmlinge des Urverdrängten vom Bewußten 
abhalte. Wenn sich diese weit genug von der verdrängten 
Repräsentanz entfernt haben, sei es durch Annahme von Ent- 
stellungen oder durch die Anzahl der eingeschobenen Mittel- 
glieder, so steht ihnen der Zugang zum Bewußten ohne 
weiteres frei. Es ist, als ob der Widerstand des Bewußten 
gegen sie eine Funktion ihrer Entfernung vom ursprünglich 
Verdrängten wäre. Während der Ausübung der psychoanaly- 
tischen Technik fordern wir den Patienten unausgesetzt dazu 
auf, solche Abkömmlinge des Verdrängten zu produzieren, 
die infolge ihrer Entfernung oder Entstellung die Zensur des 
Bewußten passieren können. Nichts anderes sind ja die Ein- 
fälle, die wir unter Verzicht auf alle bewußten Zielvorstel- 
lungen und alle Kritik von ihm verlangen, und aus denen 
wir eine bewußte Übersetzung der verdrängten Repräsentanz 
wiederherstellen. Wir beobachten dabei, daß der Patient eine 
solche Einfallsreihe fortspinnen kann, bis er in ihrem Ablauf 
auf eine Gedankenbildung stößt, bei welcher die Beziehung 
zum Verdrängten so intensiv durchwirkt, daß er seinen Ver- 
drängungsversuch wiederholen muß. Auch die neurotischen 
Symptome müssen der obigen Bedingung genügt haben, denn 
sie sind Abkömmlinge des Verdrängten, welches sich mittels 
dieser Bildungen den ihm versagten Zugang zum Bewußtsein 

endlich erkämpft hat. 

Wie weit die Einstellung und Entfernung vom Verdrängten 
gehen muß, bis der Widerstand des Bewußten aufgehoben ist, 



88 Die Verdrängung 



I 



läßt sich allgemein nicht angeben. Es findet dabei eine feine 
Abwägung statt, deren Spiel uns verdeckt ist, deren Wirkungs- 
weise uns aber erraten läßt, es handle sich darum, vor einer 
bestimmten Intensität der Besetzung des Unbewußten halt- 
zumachen, mit deren Überschreitung es zur Befriedigung 
durchdringen würde. Die Verdrängung arbeitet also höchst 
individuell; jeder einzelne Abkömmling des Verdrängten 
kann sein besonderes Schicksal haben; ein wenig mehr oder 
weniger von Entstellung macht, daß der ganze Erfolg um- 
schlägt. In demselben Zusammenhang ist auch zu begreifen, 
daß die bevorzugten Objekte der Menschen, ihre Ideale, aus 
denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen stammen wie die 
von ihnen am meisten verabscheuten, und sich ursprünglich 
nur durch geringe Modifikationen voneinander unterscheiden. 
Ja, es kann, wie wir's bei der Entstehung des Fetisch gefun- 
den haben, die ursprüngliche Triebrepräsentanz in zwei Stücke 
zerlegt worden sein, von denen das eine der Verdrängung ver- 
fiel, während der Rest, gerade wegen dieser innigen Ver- 
knüpftheit, das Schicksal der Idealisierung erfuhr. 

Dasselbe, was ein Mehr oder Weniger an Entstellung leistet, 
kann auch sozusagen am anderen Ende des Apparates durch 
eine Modifikation in den Bedingungen der Lust-Unlustpro- 
duktion erzielt werden. Es sind besondere Techniken aus- 
gebildet worden, deren Absicht dahin geht, solche Verände- 
rungen des psychischen Kräftespieles herbeizuführen, daß 
dasselbe, was sonst Unlust erzeugt, auch einmal lustbringend 
wird, und so oft solch ein technisches Mittel in Aktion tritt, 
wird die Verdrängung für eine sonst abgewiesene Triebreprä- 
sentanz aufgehoben. Diese Techniken sind bisher nur für den 
Witz genauer verfolgt worden. In der Regel ist die Auf- 
hebung der Verdrängung nur eine vorübergehende; sie wird 
alsbald wiederhergestellt. 
Erfahrungen dieser Art reichen aber hin, uns auf weitere 



Die Verdrängung 89 



Charaktere der Verdrängung aufmerksam zu machen. Sie 
ist nicht nur, wie eben ausgeführt, individuell, sondern 
auch im hohen Grade mobil. Man darf sich den Verdrän- 
gungsvorgang nicht wie ein einmaliges Geschehen mit Dauer- 
erfolg vorstellen, etwa wie wenn man etwas Lebendes er- 
schlagen hat, was von da an tot ist; sondern die Verdrängung 
erfordert einen anhaltenden Kraftaufwand, mit dessen Unter- 
lassung ihr Erfolg in Frage gestellt wäre, so daß ein neuer- 
licher Verdrängungsakt notwendig würde. Wir dürfen uns 
vorstellen, daß das Verdrängte einen kontinuierlichen Druck 
in der Richtung zum Bewußten hin ausübt, dem durch un- 
ausgesetzten Gegendruck das Gleichgewicht gehalten werden 
muß. Die Erhaltung einer Verdrängung setzt also eine be- 
ständige Kraftausgabe voraus und ihre Aufhebung bedeutet 
ökonomisch eine Ersparung. Die Mobilität der Verdrängung 
findet übrigens auch einen Ausdruck in den psychischen 
Charakteren des Schlafzustandes, welcher allein die Traum- 
bildung ermöglicht. Mit dem Erwachen werden die einge- 
zogenen Verdrängungsbesetzungen wieder ausgeschickt. 

Wir dürfen endlich nicht vergessen, daß wir von einer 
Triebregung erst sehr wenig ausgesagt haben, wenn wir fest- 
stellen, sie sei eine verdrängte. Sie kann sich unbeschadet der 
Verdrängung in sehr verschiedenen Zuständen befinden, in- 
aktiv sein, d. h. sehr wenig mit psychischer Energie besetzt, 
oder in wechselndem Grade besetzt und damit zur Aktivität 
befähigt. Ihre Aktivierung wird zwar nicht die Folge haben, 
daß sie die Verdrängung direkt aufhebt, wohl aber alle die 
Vorgänge anregen, welche mit dem Durchdringen zum Be- 
wußtsein auf Umwegen einen Abschluß finden. Bei unver- 
drängten Abkömmlingen des Unbewußten entscheidet oft 
das Ausmaß der Aktivierung oder Besetzung über das Schick- 
sal der einzelnen Vorstellung. Es ist ein alltägliches Vor- 
kommnis, daß ein solcher Abkömmling unverdrängt bleibt, 



90 Die Verdrängung 



solange er eine geringe Energie repräsentiert, obwohl sein 
Inhalt geeignet wäre, einen Konflikt mit dem bewußt Herr- 
schenden zu ergeben. Das quantitative Moment zeigt sich 
aber als entscheidend für den Konflikt; sobald die im Grunde 
anstößige Vorstellung sich über ein gewisses Maß verstärkt, 
wird der Konflikt aktuell und gerade die Aktivierung zieht 
die Verdrängung nach sich. Zunahme der Energiebesetzung 
wirkt also in Sachen der Verdrängung gleichsinnig wie An- 
näherung an das Unbewußte, Abnahme derselben wie Ent- 
fernung davon oder Entstellung. Wir verstehen, daß die 
verdrängenden Tendenzen in der Abschwächung des Un- 
liebsamen einen Ersatz für dessen Verdrängung finden 
können. 

In den bisherigen Erörterungen behandelten wir die Ver- 
drängung einer Triebrepräsentanz und verstanden unter einer 
solchen eine Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, welche 
vom Trieb her mit einem bestimmten Betrag von psychischer 
Energie (Libido, Interesse) besetzt ist. Die klinische Beobach- 
tung nötigt uns nun zu zerlegen, was wir bisher einheitlich auf- 
gefaßt hatten, denn sie zeigt uns, daß etwas anderes, was den 
Trieb repräsentiert, neben der Vorstellung in Betracht kommt, 
und daß dieses andere ein Verdrängungsschicksal erfährt, 
welches von dem der Vorstellung ganz verschieden sein kann. 
Für dieses andere Element der psychischen Repräsentanz hat 
sich der Name Affektbetrag eingebürgert; es entspricht 
dem Triebe, insofern er sich von der Vorstellung abgelöst 
hat und einen seiner Quantität gemäßen Ausdruck in Vor- 
gängen findet, welche als Affekte der Empfindung bemerkbar 
werden. Wir werden von nun an, wenn wir einen Fall von 
Verdrängung beschreiben, gesondert verfolgen müssen, was 
durch die Verdrängung aus der Vorstellung und was aus der 
an ihr haftenden Triebenergie geworden ist. 

Gern würden wir über beiderlei Schicksale etwas allgc- 



Die Verdrängung 9 1 



meines aussagen wollen. Dies wird uns auch nach einiger 
Orientierung möglich. Das allgemeine Schicksal der den 
Trieb repräsentierenden Vorstellung kann nicht leicht etwas 
anderes sein, als daß sie aus dem Bewußten verschwindet, 
wenn sie früher bewußt war, oder vom Bewußtsein abgehalten 
wird, wenn sie im Begriffe war, bewußt zu werden. Der 
Unterschied ist nicht mehr bedeutsam; er kommt etwa darauf 
hinaus, ob ich einen unliebsamen Gast aus meinem Salon hin- 
ausbefördere oder aus meinem Vorzimmer oder ihn, nach- 
dem ich ihn erkannt habe, überhaupt nicht über die Schwelle 
der Wohnungstür treten lasse 1 . Das Schicksal des quantitativen 
Faktors der Triebrepräsentanz kann ein dreifaches sein, wie 
uns eine flüchtige Übersicht über die in der Psychoanalyse 
gemachten Erfahrungen lehrt: Der Trieb wird entweder ganz 
unterdrückt, so daß man nichts von ihm auffindet, oder er 
kommt als irgendwie qualitativ gefärbter Affekt zum Vor- 
schein, oder er wird in Angst verwandelt. Die beiden letzteren 
Möglichkeiten stellen uns die Aufgabe, die Umsetzung 
der psychischen Energien der T r i e b e in A f f e k t e und 
ganz besonders in A n g s t als neues Triebschicksal ins Auge 

zu fassen. 

Wir erinnern uns, daß Motiv und Absicht der Verdrän- 
gung nichts anderes als die Vermeidung von Unlust war. Dar- 
aus folgt, daß das Schicksal des Affektbetrags der Repräsen- 
tanz bei weitem wichtiger ist als das der Vorstellung, und 
daß dies über die Beurteilung des Verdrängungsvorganges 
entscheidet. Gelingt es einer Verdrängung nicht, die Ent- 
stehung von Unlustempfln d ungen oder Angst zu verhüten, 

i) Dieses für den Verdrängung* Vorgang brauchbare Gleichnis 
kann auch über einen früher erwähnten Charakter der Ver- 
drängung ausgedehnt werden. Ich brauche nur hinzuzufügen, daß 
ich die dem Gast verbotene Tür durch einen ständigen Wächter 
bewachen lassen muß, weil der Abgewiesene sie sonst aufsprengen 
würde. (S. o.) 



92 Die Verdrängung 



so dürfen wir sagen, sie sei mißglückt, wenngleich sie ihr Ziel 
an dem Vorstellungsanteil erreicht haben mag. Natürlich 
wird die mißglückte Verdrängung mehr Anspruch auf unser 
Interesse erheben als die etwa geglückte, die sich zumeist 
unserem Studium entziehen wird. 

Wir wollen nun Einblick in den Mechanismus des Ver- 
drängungsvorganges gewinnen und vor allem wissen, ob es 
nur einen einzigen Mechanismus der Verdrängung gibt oder 
mehrere, und ob vielleicht jede der Psychoneurosen durch 
einen ihr eigentümlichen Mechanismus der Verdrängung aus- 
gezeichnet ist. Zu Beginn dieser Untersuchung stoßen wir aber 
auf Komplikationen. Der Mechanismus einer Verdrängung 
wird uns nur zugänglich, wenn wir aus den Erfolgen der Ver- 
drängung auf ihn zurückschließen. Beschränken wir die Beob- 
achtung auf die Erfolge an dem Vorstellungsanteil der Reprä- 
sentanz, so erfahren wir, daß die Verdrängung in der Regel 
eine Ersatzbildung schafft. Welches ist nun der Me- 
chanismus einer solchen Ersatzbildung, oder gibt es hier auch 
mehrere Mechanismen zu unterscheiden? Wir wissen auch, 
daß die Verdrängung Symptome hinterläßt. Dürfen wir 
nun Ersatzbildung und Symptombildung zusammenfallen lassen, 
und wenn dies im Ganzen angeht, deckt sich der Mechanismus 
der Symptombildung mit dem der Verdrängung? Die vor- 
läufige Wahrscheinlichkeit scheint dafür zu sprechen, daß 
beide weit auseinandergehen, daß es nicht die Verdrängung 
selbst ist, welche Ersatzbildungen und Symptome schafft, son- 
dern daß diese letzteren als Anzeichen einer Wiederkehr 
des Verdrängten ganz anderen Vorgängen ihr Ent- 
stehen verdanken. Es scheint sich auch zu empfehlen, daß 
man die Mechanismen der Ersatz- und Symptombildung vor 
denen der Verdrängung in Untersuchung ziehe. 

Es ist klar, daß die Spekulation hier weiter nichts zu suchen 
hat, sondern durch die sorgfältige Analyse der bei den ein- 



Die Verdrängung 93 



zelnen Neurosen zu beobachtenden Erfolge der Verdrängung 
abgelöst werden muß. Ich muß aber den Vorschlag machen, 
auch diese Arbeit aufzuschieben, bis wir uns verläßliche Vor- 
stellungen über das Verhältnis des Bewußten zum Unbewußten 
gebildet haben. Nur um die vorliegende Erörterung nicht 
ganz unfruchtbar ausgehen zu lassen, will ich vorwegnehmen, 
daß 1. der Mechanismus der Verdrängung tatsächlich nicht 
mit dem oder den Mechanismen der Ersatzbildung zusammen- 
fällt, 2. daß es sehr verschiedene Mechanismen der Ersatz- 
bildung gibt, und 3. daß den Mechanismen der Verdrängung 
wenigstens eines gemeinsam ist, die Entziehung der 
Energiebesetzung (oder Libido, wenn wir von 
Sexualtrieben handeln). 

Ich will auch unter Einschränkung auf die drei bekann- 
testen Psychoneurosen an einigen Beispielen zeigen, wie die 
hier eingeführten Begriffe auf das Studium der Verdrängung 
Anwendung finden. Von der Angsthysterie werde ich 
das gut analysierte Beispiel einer Tierphobie wählen. Die der 
Verdrängung unterliegende Triebregung ist eine libidinöse 
Einstellung zum Vater, gepaart mit der Angst vor demselben. 
Nach der Verdrängung ist diese Regung aus dem Bewußtsein 
geschwunden, der Vater kommt als Objekt der Libido nicht 
darin vor. Als Ersatz findet sich an anologer Stelle ein Tier, 
das sich mehr oder weniger gut zum Angstobjekt eignet. Die 
Ersatzbildung des Vorstellungsanteiles hat sich auf dem Wege 
der Verschiebung längs eines in bestimmter Weise 
determinierten Zusammenhanges hergestellt. Der quantitative 
Anteil ist nicht verschwunden, sondern hat sich in Angst um- 
gesetzt. Das Ergebnis ist eine Angst vor dem Wolf an Stelle 
eines Liebesanspruches an den Vater. Natürlich reichen die 
hier verwendeten Kategorien nicht aus, um den Erklärungs- 
ansprüchen auch nur des einfachsten Falles von Psycho- 



94 Die Verdrängung 



neurose zu genügen. Es kommen immer noch andere Ge- 
sichtspunkte in Betracht. 

Eine solche Verdrängung wie im Falle der Tierphobie darf 
als eine gründlich mißglückte bezeichnet werden. Das "Werk 
der Verdrängung besteht nur in der Beseitigung und Er- 
setzung der Vorstellung, die Unlustersparnis ist überhaupt 
nicht gelungen. Deshalb ruht die Arbeit der Neurose auch 
nicht, sondern setzt sich in einem zweiten Tempo fort, um 
ihr nächstes, wichtigeres Ziel zu erreichen. Es kommt zur 
Bildung eines Fluchtversuches, der eigentlichen Phobie, 
einer Anzahl von Vermeidungen, welche die Angstentbin- 
dung ausschließen sollen. Durch welchen Mechanismus die 
Phobie ans Ziel gelangt, können wir in einer spezielleren 
Untersuchung verstehen lernen. 

Zu einer ganz anderen Würdigung des Verdrängungsvor- 
ganges nötigt uns das Bild der echten Konversions- 
hysterie. Hier ist das Hervorstechende, daß es gelingen 
kann, den Affektbetrag zum völligen Verschwinden zu brin- 
gen. Der Kranke zeigt dann gegen seine Symptome das Ver- 
halten, welches Charcot Ja belle indifference des hysteri- 
ques st genannt hat. Andere Male gelingt diese Unterdrückung 
nicht so vollständig, ein Anteil peinlicher Sensationen knüpft 
sich an die Symptome selbst, oder ein Stück Angstentbindung 
hat sich nicht vermeiden lassen, das seinerseits den Mechanismus 
der Phobiebildung ins Werk setzt. Der Vorstellungsinhalt der 
Triebrepräsentanz ist dem Bewußtsein gründlich entzogen; als 
Ersatzbildung — und gleichzeitig als Symptom — findet sich 
eine überstarke — in den vorbildlichen Fällen somatische — 
Innervation, bald sensorischer, bald motorischer Natur, ent- 
weder als Erregung oder als Hemmung. Die überinnervierte 
Stelle erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Stück der 
verdrängten Triebrepräsentanz selbst, welches wie durch V e r- 
d i c h t u n g die gesamte Besetzung auf sich gezogen hat. 






Die Verdrängung 95 



Natürlich decken auch diese Bemerkungen den Mechanismus 
einer Konversionshysterie nicht restlos auf; vor allem ist 
noch das Moment der Regression hinzuzufügen, das in 
anderem Zusammenhang gewürdigt werden soll. 

Die Verdrängung der Hysterie kann als völlig mißglückt 
beurteilt werden, insofern sie nur durch ausgiebige Ersatz- 
bildungen ermöglicht worden ist; mit Bezug auf die Erledigung 
des Affektbetrages, die eigentliche Aufgabe der Verdrängung, 
bedeutet sie aber in der Regel einen vollen Erfolg. Der Ver- 
drängungsvorgang der Konversionshysterie ist dann auch mit 
der Symptombildung abgeschlossen und braucht sich nicht 
wie bei Angsthysterie zweizeitig — oder eigentlich unbe- 
grenzt — fortzusetzen. 

Ein ganz anderes Ansehen zeigt die Verdrängung wieder bei 
der dritten Affektion, die wir zu dieser Vergleichung heran- 
ziehen, bei der Zwangsneurose. Hier gerät man zuerst 
in Zweifel, was man als die der Verdrängung unterliegende 
Repräsentanz anzusehen hat, eine libidinöse oder eine feind- 
selige Strebung. Die Unsicherheit rührt daher, daß die Zwangs ■ 
neurose auf der Voraussetzung einer Regression ruht, durch 
welche eine sadistische Strebung an die Stelle der zärtlichen 
getreten ist. Dieser feindselige Impuls gegen eine geliebte Person 
ist es, welcher der Verdrängung unterliegt. Der Effekt ist in 
einer ersten Phase der Verdrängungsarbeit ein ganz anderer als 
später. Zunächst hat diese vollen Erfolg, der Vorstellungsinhalt 
wird abgewiesen und der Affekt zum Verschwinden gebracht. 
Als Ersatzbildung findet sich eine Ichveränderung, die Steige- 
rung der Gewissenhaftigkeit, die man nicht gut ein Symptom 
heißen kann. Ersatz- und Symptombildung fallen hier ausein- 
ander. Hier erfährt man auch etwas über den Mechanismus der 
Verdrängung. Diese hat wie überall eine Libidoentziehung zu- 
standegebracht, aber sich zu diesem Zwecke der Reak- 
tionsbildung durch Verstärkung eines Gegensatzes be- 



96 Die Verdrängung 



dient. Die Ersatzbildung hat also hier denselben Mechanis- 
mus wie die Verdrängung und fällt im Grunde mit ihr 
zusammen, sie trennt sich aber zeitlich wie begrifflich von 
der Symptombildung. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das 
Ambivalenzverhältnis, in welches der zu verdrängende sadi- 
stische Impuls eingetragen ist, den ganzen Vorgang ermög- 
licht. 

Die anfänglich gute Verdrängung hält aber nicht Stand, 
im weiteren Verlaufe drängt sich das Mißglücken der Verdrän- 
gung immer mehr vor. Die Ambivalenz, welche die Verdrän- 
gung durch Reaktionsbildung gestattet hat, ist auch die Stelle, 
an welcher dem Verdrängten die Wiederkehr gelingt. Der ver- 
schwundene Affekt kommt in der Verwandlung zur sozialen 
Angst, Gewissenangst, Vorwurf ohne Ersparnis wieder; die ab- 
gewiesene Vorstellung ersetzt sich durch Verschiebungs- 
ersatz, oft durch Verschiebung auf Kleinstes, Indifferentes. 
Eine Tendenz zur intakten Herstellung der verdrängten Vor- 
stellung ist meist unverkennbar. Das Mißglücken in der 
Verdrängung des quantitativen, affektiven Faktors bringt 
denselben Mechanismus der Flucht durch Vermeidung und 
Verbote ins Spiel, den wir bei der Bildung der hysterischen 
Phobie kennen gelernt haben. Die Abweisung der Vorstellung 
vom Bewußten wird aber hartnäckig festgehalten, weil mit 
ihr die Abhaltung von der Aktion, die motorische Fesselung 
des Impulses, gegeben ist. So läuft die Verdrängungsarbeit 
der Zwangsneurose in ein erfolgloses und unabschließbares 
Ringen aus. 

Aus der kleinen, hier vorgebrachten Vergleichsreihe kann 
man sich die Überzeugung holen, daß es noch umfassender 
Untersuchungen bedarf, ehe man hoffen kann, die mit der Ver- 
drängung und neurotischen Symptombildung zusammenhän- 
genden Vorgänge zu durchschauen. Die außerordentliche Ver- 
schlungenheit aller in Betracht kommenden Momente läßt uns 



Die Verdrängung 



97 



nur einen Weg zur Darstellung frei. Wir müssen bald den 
einen, bald den anderen Gesichtspunkt herausgreifen und ihn 
durch das Material hindurchverfolgen, solange seine Anwen- 
dung etwas zu leisten scheint. Jede einzelne dieser Bearbei- 
tungen wird an sich unvollständig sein und dort Unklarheiten 
nicht vermeiden können, wo sie an das noch nicht Bearbeitete 
anrührt; wir dürfen aber hoffen, daß sich aus der endlichen 
Zusammensetzung ein gutes Verständnis ergeben wird. 









Freud, Theoretische Schriften 7 









DAS UNBEWUSSTE 

(1915) 



Wir haben aus der Psychoanalyse erfahren, das Wesen des 
Prozesses der Verdrängung bestehe nicht darin, eine, den Trieb 
repräsentierende Vorstellung aufzuheben, zu vernichten, son- 
dern sie vom Bewußtwerden abzuhalten. Wir sagen dann, sie 
befinde sich im Zustande des „Unbewußten", und haben gute 
Beweise dafür vorzubringen, daß sie auch unbewußt Wir- 
kungen äußern kann, auch solche, die endlich das Bewußtsein 
erreichen. Alles Verdrängte muß unbewußt bleiben, aber wir 
wollen gleich eingangs feststellen, daß das Verdrängte nicht 
alles Unbewußte deckt. Das Unbewußte hat den weiteren Um- 
fang; das Verdrängte ist ein Teil des Unbewußten. 

Wie sollen wir zur Kenntnis des Unbewußten kommen? Wir 
kennen es natürlich nur als Bewußtes, nachdem es eine Um- 
setzung oder Übersetzung in Bewußtes erfahren hat. Die 
psychoanalytische Arbeit läßt uns alltäglich die Erfahrung 
machen, daß solche Übersetzung möglich ist. Es wird hiezu 
erfordert, daß der Analysierte gewisse Widerstände überwinde, 
die nämlichen, welche es seinerzeit durch Abweisung vom Be- 
wußten zu einem Verdrängten gemacht haben. 



Das Unbewußte . 



I 
Die Rechtfertigung des Unbewußten 

Die Berechtigung, ein unbewußtes Seelisches anzunehmen und 
mit dieser Annahme wissenschaftlich zu arbeiten, wird uns 
von vielen Seiten bestritten. Wir können dagegen anführen, 
daß die Annahme des Unbewußten notwendig und legi- 
tim ist, und daß wir für die Existenz des Unbewußten mehr- 
fache Beweise besitzen. Sie ist notwendig, weil die Daten 
des Bewußtseins in hohem Grade lückenhaft sind; sowohl bei 
Gesunden als bei Kranken kommen häufig psychische Akte vor, 
welche zu ihrer Erklärung andere Akte voraussetzen, für die 
aber das Bewußtsein nicht zeugt. Solche Akte sind nicht nur 
die Fehlhandlungen und die Träume bei Gesunden, alles, was 
man psychische Symptome und Zwangserscheinungen heißt, bei 
Kranken — unsere persönlichste tägliche Erfahrung macht uns 
mit Einfällen bekannt, deren Herkunft wir nicht kennen, und 
mit Denkresultaten, deren Ausarbeitung uns verborgen ge- 
blieben ist. Alle diese bewußten Akte blieben zusammenhanglos 
und unverständlich, wenn wir den Anspruch festhalten wollen, 
daß wir auch alles durchs Bewußtsein erfahren müssen, was an 
seelischen Akten in uns vorgeht, und ordnen sich in einen auf- 
zeigbaren Zusammenhang ein, wenn wir die erschlossenen un- 
bewußten Akte interpolieren. Gewinn an Sinn und Zusammen- 
hang ist aber ein vollberechtigtes Motiv, das uns über die 
unmittelbare Erfahrung hinaus führen darf. Zeigt es sich dann 
noch, daß wir auf die Annahme des Unbewußten ein erfolg- 
reiches Handeln aufbauen können, durch welches wir den 
Ablauf der bewußten Vorgänge zweckdienlich beeinflussen, so 
haben wir in diesem Erfolg einen unanfechtbaren Beweis für 
die Existenz des Angenommenen gewonnen. Man muß sich 
dann auf den Standpunkt stellen, es sei nichts anderes als eine 

7* 



ioo Das Unbewußte 



unhaltbare Anmaßung, zu fordern, daß alles, was 
im Seelischen vorgeht, auch dem Bewußtsein bekannt werden 
müsse. 

Man kann weiter gehen und zur Unterstützung eines unbe- 
wußten psychischen Zustandes anführen, daß das Bewußtsein 
in jedem Moment nur einen geringen Inhalt umfaßt, so daß 
der größte Teil dessen, was wir bewußte Kenntnis heißen, sich 
ohnedies über die längsten Zeiten im Zustande der Latenz, 
also in einem Zustande von psychischer Unbewußtheit, befin- 
den muß. Der Widerspruch gegen das Unbewußte würde mit 
Rücksicht auf alle unsere latenten Erinnerungen völlig unbe- 
greiflich werden. Wir stoßen dann auf den Einwand, daß diese 
latenten Erinnerungen nicht mehr als psychisch zu bezeichnen 
seien, sondern den Resten von somatischen Vorgängen ent- 
sprechen, aus denen das Psychische wieder hervorgehen kann. 
Es liegt nahe zu erwidern, die latente Erinnerung sei im Ge- 
genteil ein unzweifelhafter Rückstand eines psychischen Vor- 
ganges. Wichtiger ist es aber, sich klarzumachen, daß der Ein- 
wand auf der nicht ausgesprochenen, aber von vornherein 
fixierten Gleichstellung des Bewußten mit dem Seelischen ruht. 
Diese Gleichstellung ist entweder eine petitio prineipii, welche 
die Frage, ob alles Psychische auch bewußt sein müsse, nicht 
zuläßt, oder eine Sache der Konvention, der Nomenklatur. 
In letzterem Charakter ist sie natürlich wie jede Konvention 
unwiderlegbar. Es bleibt nur die Frage offen, ob sie sich als so 
zweckmäßig erweist, daß man sich ihr anschließen muß. Man 
darf antworten, die konventionelle Gleichstellung des Psychi- 
schen mit dem Bewußten ist durchaus unzweckmäßig. Sie 
zerreißt die psychischen Kontinuitäten, stürzt uns in die unlös- 
baren Schwierigkeiten des psychophysischen Parallelismus, 
unterliegt dem Vorwurf, daß sie ohne einsichtliche Begründung 
die Rolle des Bewußtseins überschätzt, und nötigt uns, das 
Gebiet der psychologischen Forschung vorzeitig zu verlassen, 



Das Unbewußte 



101 



ohne uns von anderen Gebieten her Entschädigung bringen zu 
können. 

Immerhin ist es klar, daß die Frage, ob man die unabweis- 
baren latenten Zustände des Seelenlebens als unbewußte seeli- 
sche oder als physische auffassen soll, auf einen Wortstreit hin- 
auszulaufen droht. Es ist darum ratsam, das in den Vorder- 
grund zu rücken, was uns von der Natur dieser fraglichen Zu- 
stände mit Sicherheit bekannt ist. Nun sind sie uns nach ihren 
physischen Charakteren vollkommen unzugänglich; keine 
physiologische Vorstellung, kein chemischer Prozeß kann uns 
eine Ahnung von ihrem Wesen vermitteln. Auf der anderen 
Seite steht fest, daß sie mit den bewußten seelischen Vorgängen 
die ausgiebigste Berührung haben; sie lassen sich mit einer 
gewissen Arbeitsleistung in sie umsetzen, durch sie ersetzen, 
und sie können mit all den Kategorien beschrieben werden, die 
wir auf die bewußten Seelenakte anwenden, als Vorstellungen, 
Strebungen, Entschließungen u. dgl. Ja, von manchen dieser 
latenten Zustände müssen wir aussagen, sie unterscheiden sich 
von den bewußten eben nur durch den Wegfall des Bewußtseins. 
Wir werden also nicht zögern, sie als Objekte psychologischer 
Forschung und in innigstem Zusammenhang mit den bewußten 
seelischen Akten zu behandeln. 

Die hartnäckige Ablehnung des psychischen Chiraktcrs der 
latenten seelischen Akte erklärt sich daraus, daß die meisten 
der in Betracht kommenden Phänomene außerhalb der Psycho- 
analyse nicht Gegenstand des Studiums geworden sind. Wer 
die pathologischen Tatsachen nicht kennt, die Fehlhandlungen 
der Normalen als Zufälligkeiten gelten läßt und sich bei der 
alten Weisheit bescheidet, Träume seien Schäume, der braucht 
dann nur noch einige Rätsel der Bewußtseinspsychologie zu 
vernachlässigen, um sich die Annahme unbewußter seelischer 
Tätigkeit zu ersparen. Übrigens haben die hypnotischen Experi- 
mente, besonders die posthypnotische Suggestion, Existenz und 



102 



Das Unbewußte 



Wirkungsweise des seelisch Unbewußten bereits vor der Zeit 
der Psychoanalyse sinnfällig demonstriert. 

Die Annahme des Unbewußten ist aber auch eine völlig 
legitime, insofern wir bei ihrer Aufstellung keinen Schritt 
von unserer gewohnten, für korrekt gehaltenen Denkweise 
abweichen. Das Bewußtsein vermittelt jedem einzelnen von 
uns nur die Kenntnis von eigenen Seelenzuständen; daß auch 
ein anderer Mensch ein Bewußtsein hat, ist ein Schluß, der 
per analogiam auf Grund der wahrnehmbaren Äußerungen und 
Handlungen dieses anderen gezogen wird, um uns dieses Be- 
nehmen des anderen verständlich zu machen. (Psychologisch 
richtiger ist wohl die Beschreibung, daß wir ohne besondere 
Überlegung jedem anderen außer uns unsere eigene Konstitu- 
tion, und also auch unser Bewußtsein, beilegen, und daß diese 
Identifizierung die Voraussetzung unseres Verständnisses ist.) 
Dieser Schluß — oder diese Identifizierung — wurde einsr vom 
Ich auf andere Menschen, Tiere, Pflanzen, Unbelebtes und auf 
das Ganze der Welt ausgedehnt und erwies sich als brauchbar, 
solange die Ähnlichkeit mit dem Einzel-Ich eine überwältigend 
große war, wurde aber in dem Maße unverläßlicher, als sich 
das Andere vom Ich entfernte. Unsere heutige Kritik wird be- 
reits beim Bewußtsein der Tiere unsicher, verweigert sich dem 
Bewußtsein der Pflanzen und weist die Annahme eines Bewußt- 
seins des Unbelebten der Mystik zu. Aber auch, wo die ur- 
sprüngliche Identifizierungsneigung die kritische Prüfung 
bestanden hat, bei dem uns nächsten menschlichen Anderen, 
ruht die Annahme eines Bewußtseins auf einem Schluß und 
kann nicht die unmittelbare Sicherheit unseres eigenen Bewußt- 
seins teilen. 

Die Psychoanalyse fordert nun nichts anderes, als daß dieses 
Schluß verfahren auch gegen die eigene Person gewendet werde, 
wozu eine konstitutionelle Neigung allerdings nicht besteht. 
Geht man so vor, so muß man sagen, alle die Akte und Äuße- 



Das Unbewußte 103 



rungen, die ich an mir bemerke und mit meinem sonstigen 
psychischen Leben nicht zu verknüpfen weiß, müssen beurteilt 
werden, als ob sie einer anderen Person angehörten, und sollen 
durch ein ihr zugeschriebenes Seelenleben Aufklärung finden. 
Die Erfahrung zeigt auch, daß man dieselben Akte, denen 
man bei der eigenen Person die psychische Anerkennung ver- 
weigert, bei anderen sehr wohl zu deuten d. h. in den seeli- 
schen Zusammenhang einzureihen versteht. Unsere Forschung 
wird hier offenbar durch ein besonderes Hindernis von der 
eigenen Person abgelenkt und an deren richtiger Erkenntnis 
behindert. 

Dies trotz inneren Widerstrebens gegen die eigene Person 
gewendete Schlußverfahren führt nun nicht zur Aufdeckung 
eines Unbewußten, sondern korrekterweise zur Annahme eines 
anderen, zweiten Bewußtseins, welches mit dem mir bekannten 
in meiner Person vereinigt ist. Allein hier findet die Kritik 
berechtigten Anlaß, einiges einzuwerfen. Erstens ist ein Be- 
wußtsein, von dem der eigene Träger nichts weiß, noch etwas 
anderes als ein fremdes Bewußtsein, und es wird fraglich, ob 
ein solches Bewußtsein, dem der wichtigste Charakter abgeht, 
überhaupt noch Diskussion verdient. Wer sich gegen die An- 
nahme eines unbewußten Psychischen gesträubt hat, der wird 
nicht zufrieden sein können, dafür ein unbewußtes Be- 
wußtsein einzutauschen. Zweitens weist die Analyse dar- 
auf hin, daß die einzelnen latenten Seelenvorgänge, die wir 
erschließen, sich eines hohen Grades von gegenseitiger Unab- 
hängigkeit erfreuen, so als ob sie miteinander nicht in Ver- 
bindung stünden und nichts voneinander wüßten. Wir müssen 
also bereit sein, nicht nur ein zweites Bewußtsein in uns anzu- 
nehmen, sondern auch ein drittes, viertes, vielleicht eine unab- 
schließbare Reihe von Bewußtseinszuständen, die sämtlich uns 
und miteinander unbekannt sind. Drittens kommt als schwer- 
stes Argument in Betracht, daß wir durch die analytische 



104 Das Unbewußte 



Untersuchung erfahren, ein Teil dieser latenten Vorgänge 
besitze Charaktere und Eigentümlichkeiten, welche uns fremd, 
selbst unglaublich erscheinen und den uns bekannten Eigen- 
schaften des Bewußtseins direkt zuwiderlaufen. Somit werden 
wir Grund haben, den gegen die eigene Person gewendeten 
Schluß dahin abzuändern, er beweise uns nicht ein zweites 
Bewußtsein in uns, sondern die Existenz von psychischen Akten, 
welche des Bewußtseins entbehren. Wir werden auch die 
Bezeichnung eines „Unterbewußtseins" als inkorrekt und irre- 
führend ablehnen dürfen. Die bekannten Fälle von „double 
conscience" (Bewußtseinsspaltung) beweisen nichts gegen unsere 
Auffassung. Sie lassen sich am zutreffendsten beschreiben als 
Falle von Spaltung der seelischen Tätigkeiten in zwei Grup- 
pen, wobei sich dann das nämliche Bewußtsein alternierend 
dem einen oder dem anderen Lager zuwendet. 

Es bleibt uns in der Psychoanalyse gar nichts anderes übrig, 
als die seelischen Vorgänge für an sich unbewußt zu erklären 
und ihre Wahrnehmungen durch das Bewußtsein mit der 
Wahrnehmung der Außenwelt durch die Sinnesorgane zu ver- 
gleichen. Wir hoffen sogar aus diesem Vergleich einen Gewinn 
für unsere Erkenntnis zu ziehen. Die psychoanalytische An- 
nahme der unbewußten Seelentätigkeit erscheint uns einerseits 
als eine weitere Fortbildung des primitiven Animismus, der 
uns überall Ebenbilder unseres Bewußtseins vorspiegelte, und 
anderseits als die Fortsetzung der Korrektur, die Kant an 
unserer Auffassung der äußeren Wahrnehmung vorgenommen 
hat. Wie Kant uns gewarnt hat, die subjektive Bedingtheit 
unserer Wahrnehmung nicht zu übersehen und unsere Wahr- 
nehmung nicht für identisch mit dem unerkennbaren Wahr- 
genommenen zu halten, so mahnt die Psychoanalyse, die Be- 
wußtseinswahrnehmung nicht an die Stelle des unbewußten 
psychischen Vorganges zu setzen, welcher ihr Objekt ist. Wie 
das Physische, so braucht auch das Psychische nicht in Wirk- 






Das Unbewußte 105 



lichkeit so zu sein, wie es uns erscheint. Wir werden uns aber 
mit Befriedigung auf die Erfahrung vorbereiten, daß die Kor- 
rektur der inneren Wahrnehmung nicht ebenso große Schwie- 
rigkeit bietet wie die der äußeren, daß das innere Objekt 
minder unerkennbar ist als die Außenwelt. 



II 

Die Vieldeutigkeit des Unbewußten und der topisdie 

Gesichtspunkt 

Ehe wir weitergehen, wollen wir die wichtige, aber auch be- 
schwerliche Tatsache feststellen, daß die Unbewußtheit nur ein 
Merkmal des Psychischen ist, welches für dessen Charakteristik 
keineswegs ausreicht. Es gibt psychische Akte von sehr ver- 
schiedener Dignität, die doch in dem Charakter, unbewußt zu 
sein, übereinstimmen. Das Unbewußte umfaßt einerseits Akte, 
die bloß latent, zeitweilig unbewußt sind, sich aber sonst von 
den bewußten in nichts unterscheiden, und anderseits Vor- 
gänge wie die verdrängten, die, wenn sie bewußt würden, sich 
von den übrigen bewußten aufs grellste abheben müßten. Es 
würde allen Mißverständnissen ein Ende machen, wenn wir 
von nun an bei der Beschreibung der verschiedenartigen psy- 
chischen Akte ganz davon absehen würden, ob sie bewußt 
oder unbewußt sind, und sie bloß nach ihrer Beziehung zu den 
Trieben und Zielen, nach ihrer Zusammensetzung und Ange- 
hörigkeit zu den einander übergeordneten psychischen Systemen 
klassifizieren und in Zusammenhang bringen würden. Dies ist 
aber aus verschiedenen Gründen undurchführbar, und somit 
können wir der Zweideutigkeit nicht entgehen, daß wir die 
Worte bewußt und unbewußt bald im deskriptiven Sinne ge- 
brauchen, bald im systematischen, wo sie dann Zugehörigkeit 
zu bestimmten Systemen und Begabung mit gewissen Eigen- 



io6 Das Unbewußte 



Schäften bedeuten. Man könnte noch den Versuch machen, 
die Verwirrung dadurch zu vermeiden, daß man die erkannten 
psychischen Systeme mit willkürlich gewählten Namen be- 
zeichnet, in denen die Bewußtheit nicht gestreift wird. Allein 
man müßte vorher Rechenschaft ablegen, worauf man die 
Unterscheidung der Systeme gründet, und könnte dabei die 
Bewußtheit nicht umgehen, da sie den Ausgangspunkt aller 
unserer Untersuchungen bildet. Wir können vielleicht einige 
Abhilfe von dem Vorschlag erwarten, wenigstens in der Schrift 
Bewußtsein durch die Darstellung Bw und Unbewußtes durch 
die entsprechende Abkürzung Ubw zu ersetzen, wenn wir 
die beiden Worte im systematischen Sinne gebrauchen. 

In positiver Darstellung sagen wir nun als Ergebnis der 
Psychoanalyse aus, daß ein psychischer Akt im allgemeinen 
zwei Zustandsphasen durchläuft, zwischen welche eine Art 
Prüfung (Zensur) eingeschaltet ist. In der ersten Phase ist 
er unbewußt und gehört dem System Ubw an; wird er bei der 
Prüfung von der Zensur abgewiesen, so ist ihm der Übergang 
in die zweite Phase versagt; er heißt dann „verdrängt" und 
muß unbewußt bleiben. Besteht er aber diese Prüfung, so tritt 
er in die zweite Phase ein und wird dem zweiten System zu- 
gehörig, welches wir das System Bw nennen wollen. Sein Ver- 
hältnis zum Bewußtsein ist aber durch diese Zugehörigkeit 
noch nicht eindeutig bestimmt. Er ist noch nicht bewußt, wohl 
aber bewußtseinsfähig (nach dem Ausdruck von 
J. Breue r), d. h. er kann nun ohne besonderen Widerstand 
beim Zutreffen gewisser Bedingungen Objekt des Bewußtseins 
werden. Mit Rücksicht auf diese Bewußtseinsfähigkeit heißen 
wir das System Bw auch das „V orbewußt e". Sollte es 
sich herausstellen, daß auch das Bewußtwerden des Vorbe- 
wußten durch eine gewisse Zensur mitbestimmt wird, so wer- 
den wir die Systeme Vbw und Bw strenger voneinander son- 
dern. Vorläufig genüge es festzuhalten, daß das System Vbw 



Das Unbewußte 107 



die Eigenschaften des Systems Bw teilt, und daß die strenge 
Zensur am Übergang vom Ubw zum Vbw (oder Bw) ihres 
Amtes waltet. 

Mit der Aufnahme dieser (zwei oder drei) psychischen 
Systeme hat sich die Psychoanalyse einen Schritt weiter von 
der deskriptiven Bewußtseinspsychologie entfernt, sich eine 
neue Fragestellung und einen neuen Inhalt beigelegt. Sie unter- 
schied sich von der Psychologie bisher hauptsächlich durch 
die dynamische Auffassung der seelischen Vorgänge; nun 
kommt hinzu, daß sie auch die psychische T o p i k berück- 
sichtigen und von einem beliebigen seelischen Akt angeben will, 
innerhalb welchen Systems oder zwischen welchen Systemen 
er sich abspielt. Wegen dieses Bestrebens hat sie auch den 
Namen einer Tiefenpsychologie erhalten. Wir wer- 
den hören, daß sie auch noch um einen anderen Gesichtspunkt 
bereichert werden kann. 

Wollen wir mit einer Topik der seelischen Akte Ernst 
machen, so müssen wir unser Interesse einer an dieser Stelle 
auftauchenden Zweifelfrage zuwenden. Wenn ein psychischer 
Akt (beschränken wir uns hier auf einen solchen von der Natur 
einer Vorstellung) die Umsetzung aus dem System Ubw in das 
System Bw (oder Vbw) erfährt, sollen wir annehmen, daß mit 
dieser Umsetzung eine neuerliche Fixierung, gleichsam eine 
zweite Niederschrift der betreffenden Vorstellung verbunden 
ist, die also auch in einer neuen psychischen Lokalität ent- 
halten sein kann, und neben welcher die ursprüngliche unbe- 
wußte Niederschrift fortbesteht? Oder sollen wir eher glauben, 
daß die Umsetzung in einer Zustandsänderung besteht, welche 
sich an dem nämlichen Material und an derselben Lokalität 
vollzieht? Diese Frage kann abstrus erscheinen, muß aber auf- 
geworfen werden, wenn wir uns von der psychischen Topik, 
der psychischen Tiefendimension, eine bestimmtere Idee bilden 
wollen. Sie ist schwierig, weil sie über das rein Psychologische 






io8 Das Unbewußte 



hinausgeht und die Beziehungen dts seelischen Apparates zur 
Anatomie streift. Wir wissen, daß solche Beziehungen im 
Gröbsten existieren. Es ist ein unerschütterliches Resultat der 
Forschung, daß die seelische Tätigkeit an die Funktion des 
Gehirns gebunden ist wie an kein anderes Organ. Ein Stück 
weiter — es ist nicht bekannt, wie weit — führt die Ent- 
deckung von der Ungleichwertigkeit der Gehirnteile und deren 
Sonderbeziehung zu bestimmten Körperteilen und geistigen 
Tätigkeiten. Aber alle Versuche, von da aus eine Lokalisation 
der seelischen Vorgänge zu erraten, alle Bemühungen, die Vor- 
stellungen in Nervenzellen aufgespeichert zu denken und die 
Erregungen auf Nervenfasern wandern zu lassen, sind gründ- 
lich gescheitert. Dasselbe Schicksal würde einer Lehre bevor- 
stehen, die etwa den anatomischen Ort des Systems Bw> der 
bewußten Seelentätigkeit, in der Hirnrinde erkennen und die 
unbewußten Vorgänge in die subkortikalen Hirnpartien ver- 
setzen wollte. Es klafft hier eine Lücke, deren Ausfüllung der- 
zeit nicht möglich ist, auch nicht zu den Aufgaben der Psycho- 
logie gehört. Unsere psychische Topik hat vorläufig nichts 
mit der Anatomie zu tun; sie bezieht sich auf Regionen des 
seelischen Apparats, wo immer sie im Körper gelegen sein 
mögen, und nicht auf anatomische örtlichkeiten. 

Unsere Arbeit ist also in dieser Hinsicht frei und darf nach 
ihren eigenen Bedürfnissen vorgehen. Es wird auch förderlich 
sein, wenn wir uns daran mahnen, daß unsere Annahmen zu- 
nächst nur den Wert von Veranschaulichungen beanspruchen. 
Die erstere der beiden in Betracht gezogenen Möglichkeiten, 
nämlich daß die bw Phase der Vorstellung eine neue, an an- 
derem Orte befindliche Niederschrift derselben bedeute, ist un- 
zweifelhaft die gröbere, aber auch die bequemere. Die zweite 
Annahme, die einer bloß funktionellen Zustands- 
änderung, ist die von vornherein wahrscheinlichere, aber sie 
ist minder plastisch, weniger leicht zu handhaben. Mit der 



Das Unbewußte 109 



ersten, der topischen Annahme, ist die einer topischen Tren- 
nung der Systeme Ubw und Bw und die Möglichkeit ver- 
knüpft, daß eine Vorstellung gleichzeitig an zwei Stellen des 
psychischen Apparats vorhanden sei, ja, daß sie, wenn durch 
die Zensur ungehemmt, regelmäßig von dem einen Ort an den 
anderen vorrücke, eventuell ohne ihre erste Niederlassung 
oder Niederschrift zu verlieren. Das mag befremdlich aussehen, 
kann sich aber an Eindrücke aus der psychoanalytischen 
Praxis anlehnen. 

Wenn man einem Patienten eine seinerzeit von ihm ver- 
drängte Vorstellung, die man erraten hat, mitteilt, so ändert 
dies zunächst an seinem psychischen Zustand nichts. Es hebt 
vor allem nicht die Verdrängung auf, macht deren Folgen 
nicht rückgängig, wie man vielleicht erwarten konnte, weil 
die früher unbewußte Vorstellung nun bewußt geworden ist. 
Man wird im Gegenteil zunächst nur eine neuerliche Ableh- 
nung der verdrängten Vorstellung erzielen. Der Patient hat 
aber jetzt tatsächlich dieselbe Vorstellung in zweifacher Form 
an verschiedenen Stellen seines seelischen Apparats, erstens hat 
er die bewußte Erinnerung an die Gehörspur der Vorstellung 
durch die Mitteilung, zweitens trägt er daneben, wie wir mit 
Sicherheit wissen, die unbewußte Erinnerung an das Erlebte in 
der früheren Form in sich. In Wirklichkeit tritt nun eine Auf- 
hebung der Verdrängung nicht eher ein, als bis die bewußte 
Vorstellung sich nach Überwindung der Widerstände mit der 
unbewußten Erinnerungsspur in Verbindung gesetzt hat. Erst 
durch das Bewußtmachen dieser letzteren selbst wird der Er- 
folg erreicht. Damit schiene ja für oberflächliche Erwägung 
erwiesen, daß bewußte und unbewußte Vorstellungen ver- 
schiedene und topisch gesonderte Niederschriften des näm- 
lichen Inhaltes sind. Aber die nächste Überlegung zeigt, daß 
die Identität der Mitteilung mit der verdrängten Erinnerung 
des Patienten nur eine scheinbare ist. Das Gehörthaben und 



iio Das Unbewußte 



das Erlebthaben sind zwei nach ihrer psychologischen Natur 
ganz verschiedene Dinge, auch wenn sie den nämlichen Inhalt 

haben. 

Wir sind also zunächst nicht imstande, zwischen den beiden 
erörterten Möglichkeiten zu entscheiden. Vielleicht treffen wir 
späterhin auf Momente, welche für eine von beiden den Aus- 
schlag geben können. Vielleicht steht uns die Entdeckung be- 
vor, daß unsere Fragestellung unzureichend war, und daß die 
Unterscheidung der unbewußten Vorstellung von der bewußten 
noch ganz anders zu bestimmen ist. 



in 

Unbewußte Gefühle 

Wir haben die vorstehende Diskussion auf Vorstellungen ein- 
geschränkt und können nun eine neue Frage aufwerfen, deren 
Beantwortung zur Klärung unserer theoretischen Ansichten 
beitragen muß. Wir sagten, es gäbe bewußte und unbewußte 
Vorstellungen; gibt es aber auch unbewußte Triebregungen, 
Gefühle, Empfindungen, oder ist es diesmal sinnlos, solche 
Zusammensetzungen zu bilden? 

Ich meine wirklich, der Gegensatz von Bewußt und Unbe- 
wußt hat auf den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann 
nie Objekt des Bewußtseins werden, nur die Vorstellung, die 
ihn repräsentiert. Er kann aber auch im Unbewußten nicht 
anders als durch die Vorstellung repräsentiert sein. Würde der 
Trieb sich nicht an eine Vorstellung heften oder nicht als ein 
Aflcktzustand zum Vorschein kommen, so könnten wir nichts 
von ihm wissen. Wenn wir aber doch von einer unbewußten 
Triebregung oder einer verdrängten Triebregung reden, so ist 
dies eine harmlose Nachlässigkeit des Ausdrucks. Wir können 
nichts anderes meinen als eine Triebregung, deren Vorstellungs- 



Das Unbewußte in 



repräsentanz unbewußt ist, denn etwas anderes kommt nicht 
in Betracht. 

Man sollte meinen, die Antwort auf die Frage nach den un- 
bewußten Empfindungen, Gefühlen, Affekten sei ebenso leicht 
zu geben. Zum Wesen eines Gefühls gehört es doch, daß es 
verspürt, also dem Bewußtsein bekannt wird. Die Möglichkeit 
einer Unbewußtheit würde also für Gefühle, Empfindungen, 
Affekte völlig entfallen. Wir sind aber in der psychoanalyti- 
schen Praxis gewöhnt, von unbewußter Liebe, Haß, Wut usw. 
zu sprechen und finden selbst die befremdliche Vereinigung 
„unbewußtes Schuldbewußtsein" oder eine paradoxe „unbe- 
wußte Angst" unvermeidlich. Geht dieser Sprachgebrauch an 
Bedeutung über den im Falle des „unbewußten Triebes" 
hinaus? 

Der Sachverhalt ist hier wirklich ein anderer. Es kann zu- 
nächst vorkommen, daß eine Affekt- oder Gefühlsregung 
wahrgenommen, aber verkannt wird. Sie ist durch die Ver- 
drängung ihrer eigentlichen Repräsentanz zur Verknüpfung 
mit einer anderen Vorstellung genötigt worden und wird nun 
vom Bewußtsein für die Äußerung dieser letzteren gehalten. 
Wenn wir den richtigen Zusammenhang wieder herstellen, 
heißen wir die ursprüngliche Affektregung eine „unbewußte", 
obwohl ihr Affekt niemals unbewußt war, nur ihre Vorstel- 
lung der Verdrängung erlegen ist. Der Gebrauch der Aus- 
drücke „unbewußter Affekt und unbewußtes Gefühl" weist 
überhaupt auf die Schicksale des quantitativen Faktors d- r 
Triebregung infolge der Verdrängung zurück (siehe die Ab- 
handlung über Verdrängung). Wir wissen, daß dies Schicksal 
ein dreifaches sein kann; der Affekt bleibt entweder — ganz 
oder teilweise — als solcher bestehen, oder er erfährt eine Ver- 
wandlung in einen qualitativ anderen Affektbetrag, vor allem 
in Angst, oder er wird unterdrückt, d. h. seine Entwicklung 
überhaupt verhindert. (Diese Möglichkeiten sind an der 



ua Das Unbewußte 



Traumarbeit vielleicht noch leichter zu studieren als bei den 
Neurosen.) Wir wissen auch, daß die Unterdrückung der 
Affekten twicklung das eigentliche Ziel der Verdrängung ist, 
und daß deren Arbeit unabgeschlossen bleibt, wenn das Ziel 
nicht erreicht wird. In allen Fällen, wo der Verdrängung die 
Hemmung der Affektentwicklung gelingt, heißen wir die 
Affekte, die wir im Redressement der Verdrängungsarbeit 
wieder einsetzen, „unbewußte". Dem Sprachgebrauch ist also 
die Konsequenz nicht abzustreiten; es besteht aber im Ver- 
gleiche mit der unbewußten Vorstellung der bedeutsame Unter- 
schied, daß die unbewußte Vorstellung nach der Verdrängung 
als reale Bildung im System Ubw bestehen bleibt, während 
dem unbewußten Affekt ebendort nur eine Ansatzmöglichkeit, 
die nicht zur Entfaltung kommen durfte, entspricht. Streng 
genommen und obwohl der Sprachgebrauch tadellos bleibt, 
gibt es also keine unbewußten Affekte, wie es unbewußte Vor- 
stellungen gibt. Es kann aber sehr wohl im System Ubw 
Affektbildungen geben, die wie andere bewußt werden. Der 
ganze Unterschied rührt daher, daß Vorstellungen Besetzungen 
— im Grunde von Erinnerungsspuren — sind, während die 
Affekte und Gefühle Abfuhrvorgängen entsprechen, deren 
letzte Äußerungen als Empfindungen wahrgenommen werden. 
Im gegenwärtigen Zustand unserer Kenntnis von den Affekten 
und Gefühlen können wir diesen Unterschied nicht klarer aus- 
drücken. 

Die Feststellung, daß es der Verdrängung gelingen kann, 
die Umsetzung der Triebregung in Affektäußerung zu hemmen, 
ist für uns von besonderem Interesse. Sie zeigt uns, daß das 
System Bw normalerweise die Affektivität wie den Zugang 
zur Motilität beherrscht, und hebt den Wert der Verdrängung, 
indem sie als deren Folgen nicht nur die Abhaltung vom Be- 
wußtsein, sondern auch von der Affektentwicklung und von 
der Motivierung der Muskeltätigkeit aufzeigt. Wir können 



Das Unbewußte 113 



auch in umgekehrter Darstellung sagen: Solange das System 
Bw Affektivität und Motilität beherrscht, heißen wir den 
psychischen Zustand des Individuums normal. Indes ist ein 
Unterschied in der Beziehung des herrschenden Systems zu 
den beiden einander nahestehenden Abfuhraktionen unver- 
kennbar 1 . Während die Herrschaft des Bw über die willkür- 
liche Motilität fest gegründet ist, dem Ansturm der Neurose 
regelmäßig widersteht und erst in der Psychose zusammen- 
bricht, ist die Beherrschung der Affektentwicklung durch Bw 
minder gefestigt. Noch innerhalb des normalen Lebens läßt sich 
ein beständiges Ringen der beiden Systeme Bw und Ubw um 
den Primat in der Affektivität erkennen, grenzen sich gewisse 
Einflußsphären voneinander ab und stellen sich Vermengungen 
der wirksamen Kräfte her. 

Die Bedeutung des Systems Bw (Vbw) für die Zugänge zur 
Affektentbindung und Aktion macht uns auch die Rolle ver- 
ständlich, welche in der Krankheitsgestaltung der Ersatzvor- 
stellung zufällt. Es ist möglich, daß die AfTektentwicklung 
direkt vom System Ubw ausgeht, in diesem Falle hat sie immer 
den Charakter der Angst, gegen welche alle „verdrängten" 
Affekte eingetauscht werden. Häufig aber muß die Triebregung 
warten, bis sie eine Ersatzvorstellung im System Bw gefunden 
hat. Dann ist die Affektentwicklung von diesem bewußten 
Ersatz her ermöglicht und der qualitative Charakter des 
Affekts durch dessen Natur bestimmt. Wir haben behauptet, 
daß bei der Verdrängung eine Trennung des Affekts von 
seiner Vorstellung stattfindet, worauf beide ihren gesonderten 
Schicksalen entgegengehen. Das ist deskriptiv unbestreitbar; 
der wirkliche Vorgang aber ist in der Regel, daß ein Affekt 

1) Die Affektivität äußert sich wesentlich in motorischer (sekre- 
torischer, gefäßregulierender) Abfuhr zur (inneren) Veränderung 
des eigenen Körpers ohne Beziehung zur Außenwelt, die Motilität 
in Aktionen, die zur Veränderung der Außenwelt bestimmt sind. 

Freud, Theoretische Schriften 8 



H4 D as Unbewußte 



so lange nicht zustandekommt, bis nicht der Durchbruch zu 
einer neuen Vertretung im System Bw gelungen ist. 

IV 
Topik und Dynamik der Verdrängung 

Wir haben das Resultat erhalten, daß die Verdrängung im 
wesentlichen ein Vorgang ist, der sich an Vorstellungen an der 
Grenze der Systeme Ubw und Vbw (Bw) vollzieht, und 
können nun einen neuerlichen Versuch machen, diesen Vorgang 
eingehender zu beschreiben. Es muß sich dabei um eine Ent- 
ziehung von Besetzung handeln, aber es fragt sich, in -wel- 
chem System findet die Entziehung statt, und welchem System 
gehört die entzogene Besetzung an. 

Die verdrängte Vorstellung bleibt im Ubw aktionsfähig; sie 
muß also ihre Besetzung behalten haben. Das Entzogene muß 
etwas anderes sein. Nehmen wir den Fall der eigentlichen Ver- 
drängung vor (des Nachdrängens), wie sie sich an der vorbe- 
wußten oder selbst bereits bewußten Vorstellung abspielt, dann 
kann die Verdrängung nur darin bestehen, daß der Vorstellung 
die (vor)bewußte Besetzung entzogen wird, die dem System 
Vbw angehört. Die Vorstellung bleibt dann unbesetzt oder sie 
erhält Besetzung vom Ubw her, oder sie behält die ubw Be- 
setzung, die sie schon früher hatte. Also Entziehung der vor- 
bewußten, Erhaltung der unbewußten Besetzung oder Ersatz 
der vorbewußten Besetzung durch eine unbewußte. Wir be- 
merken übrigens, daß wir dieser Betrachtung wie unabsichtlich 
die Annahme zu Grunde gelegt haben, der Übergang aus dem 
System Ubw in ein nächstes geschehe nicht durch eine neue 
Niederschrift, sondern durch eine Zustandsänderung, einen 
Wandel in der Besetzung. Die funktionale Annahme hat hier 
die topische mit leichter Mühe aus dem Felde geschlagen. 



Das Unbewußte ri $ 



Dieser Vorgang der Libidoentziehung reicht aber nicht aus, 
um einen anderen Charakter der Verdrängung begreiflich zu 
machen. Es ist nicht einzusehen, warum die besetzt gebliebene 
oder vom Ubw her mit Besetzung versehene Vorstellung nicht 
den Versuch erneuern sollte, kraft ihrer Besetzung in das 
System Vbw einzudringen. Dann müßte sich die Libidoent- 
ziehung an ihr wiederholen, und dasselbe Spiel würde sich un- 
abgeschlossen fortsetzen, das Ergebnis aber nicht das der Ver- 
drängung sein. Ebenso würde der besprochene Mechanismus 
der Entziehung vorbewußter Besetzung versagen, wenn es sich 
um die Darstellung der Urverdrängung handelt; in diesem 
Falle liegt ja eine unbewußte Vorstellung vor, die noch keine 
Besetzung vom Vbw erhalten hat, der eine solche also auch 
nicht entzogen werden kann. 

Wir bedürfen also hier eines anderen Vorganges, welcher im 
ersten Falle die Verdrängung unterhält, im zweiten ihre Her- 
stellung und Fortdauer besorgt, und können diesen nur in der 
Annahme einer Gegenbesetzung finden, durch welche 
sich das System Vbw gegen das Andrängen der unbewußten 
Vorstellung schützt. Wie sich eine solche Gegenbesetzung, die 
im System Vbw vor sich geht, äußert, werden wir an klini- 
schen Beispielen sehen. Sie ist es, welche den Daueraufwand 
einer Urverdrängung repräsentiert, aber auch deren Dauer- 
haftigkeit verbürgt. Die Gegenbesetzung ist der alleinige Me- 
chanismus der Urverdrängung; bei der eigentlichen Verdrän- 
gung (dem Nachdrängen) kommt die Entziehung der vbw Be- 
setzung hinzu. Es ist sehr wohl möglich, daß gerade die der 
Vorstellung entzogene Besetzung zur Gegenbesetzung ver- 
wendet wird. 

Wir merken, wie wir allmählich dazu gekommen sind, in 
der Darstellung psychischer Phänomene einen dritten Gesichts- 
punkt zur Geltung zu bringen, außer dem dynamischen und 
dem topischen den ö k o n o m i s c h e n, der die Schicksale der 

8« 



u6 Das Unbewußte 



Erregungsgrößen zu verfolgen und eine wenigstens relative 
Schätzung derselben zu gewinnen strebt. Wir werden es nicht 
unbillig finden, die Betrachtungsweise, welche die Vollendung 
der psychoanalytischen Forschung ist, durch einen besonderen 
Namen auszuzeichnen. Ich schlage vor, daß es eine meta- 
psychologische Darstellung genannt werden soll, wenn 
es uns gelingt, einen psychischen Vorgang nach seinen dyna- 
mischen, topischen und ökonomischen Beziehun- 
gen zu beschreiben. Es ist vorherzusagen, daß es uns bei dem 
gegenwärtigen Stand unserer Einsichten nur an vereinzelten 
Stellen gelingen wird. 

Machen wir einen zaghaften Versuch, eine metapsycholo- 
gische Beschreibung des Verdrängungsvorganges bei den drei 
bekannten Übertragungsneurosen zu geben. Wir dürfen dabei 
„Besetzung" durch „Libido" ersetzen, weil es sich ja, wie wir 
wissen, um die Schicksale von Sexualtrieben handelt. 

Eine erste Phase des Vorganges bei der Angsthysterie wird 
häufig übersehen, vielleicht auch wirklich übergangen, ist aber 
bei sorgfältiger Beobachtung gut kenntlich. Sie besteht darin, 
daß Angst auftritt, ohne daß wahrgenommen würde, wovor. 
Es ist anzunehmen, daß im Ubw eine Liebesregung vorhanden 
war, die nach der Umsetzung ins System Vbw verlangte; aber 
die von diesem System her ihr zugewendete Besetzung zog sich 
nach Art eines Fluchtversuches von ihr zurück, und die unbe- 
wußte Libidobesetzung der zurückgewiesenen Vorstellung wurde 
als Angst abgeführt. Bei einer etwaigen Wiederholung des Vor- 
ganges wurde ein erster Schritt zur Bewältigung der unlieb- 
samen Angstentwicklung unternommen. Die fliehende Besetzung 
wendete sich einer Ersatzvorstellung zu, die einerseits assozia- 
tiv mit der abgewiesenen Vorstellung zusammenhing, ander- 
seits durch die Entfernung von ihr der Verdrängung entzogen 
war (Verschiebungsersatz) und eine Rationalisierung 
der noch unhemmbaren Angstentwicklung gestattete. Die 



Das Unbewußte ny 



Ersatzvorstellung spielt nun für das System Bw (Vbw) die 
Rolle einer Gegenbesetzung, indem sie es gegen das Auftauchen 
der verdrängten Vorstellung im Bw versichert, anderseits ist 
sie die Ausgangsstelle der nun erst recht unhemmbaren Angst- 
affektentbindung oder benimmt sich als solche. Die klinische 
Beobachtung zeigt, daß z. B. das an der Tierphobie leidende 
Kind nun unter zweierlei Bedingungen Angst verspürt, erstens 
wenn die verdrängte Liebesregung eine Verstärkung erfährt, 
und zweitens wenn das Angsttier wahrgenommen wird. Die 
Ersatzvorsteilung benimmt sich in dem einen Falle wie die 
Stelle einer Überleitung aus dem System Ubw in das System 
Bw, im anderen wie eine selbständige Quelle der Angstentbin- 
dung. Die Ausdehnung der Herrschaft des Systems Bw pflegt 
sich darin zu äußern, daß die erste Erregungsweise der Ersatz- 
vorstellung gegen die zweite immer mehr zurücktritt. Viel- 
leicht benimmt sich am Ende das Kind so, als hätte es gar 
keine Neigung zu dem Vater, wäre ganz von ihm freigewor- 
den, und als hätte es wirklich Angst vor dem Tier. Nur daß 
diese Tierangst, aus der unbewußten Triebquelle gespeist, sich 
widerspenstig und übergroß gegen alle Beeinflussungen aus dem 
System Bw erweist und dadurch ihre Herkunft aus dem System 
Ubw verrät. 

Die Gegenbesetzung aus dem System Bw hat also in der 
zweiten Phase der Angsthysterie zur Ersatzbildung geführt. 
Derselbe Mechanismus findet bald eine neuerliche Anwendung. 
Der Verdrängungsvorgang ist, wie wir wissen, noch nicht ab- 
geschlossen und findet ein weiteres Ziel in der Aufgabe, die 
vom Ersatz ausgehende Angstentwicklung zu hemmen. Dies 
geschieht in der Weise, daß die gesamte assoziierte Umgebung 
der Ersatzvorstellung mit besonderer Intensität besetzt wird, 
so daß sie eine hohe Empfindlichkeit gegen Erregung bezeigen 
kann. Eine Erregung irgend einer Stelle dieses Vorbaues muß 
zufolge der Verknüpfung mit der Ersatzvorstellung den An- 



u8 Das Unbewußte 



stoß zu einer geringen Angstentwicklung geben, welche nun 
als Signal benützt wird, um durch neuerliche Flucht der Be- 
setzung den weiteren Fortgang der Angstentwicklung zu 
hemmen. Je weiter weg vom gefürchteten Ersatz die empfind- 
lichen und wachsamen Gegenbesetzungen angebracht sind, 
desto präziser kann der Mechanismus funktionieren, der die 
Ersatzvorstellung isolieren und neue Erregungen von ihr ab- 
halten soll. Diese Vorsichten schützen natürlich nur gegen Er- 
regungen, die von außen, durch die Wahrnehmung an die Er- 
satzvorstellung herantreten, aber niemals gegen die Trieb- 
erregung, die von der Verbindung mit der verdrängten Vor- 
stellung her die Ersatzvorstellung trifft. Sie beginnen also erst 
zu wirken, wenn der Ersatz die Vertretung des Verdrängten 
gut übernommen hat, und können niemals ganz verläßlich 
wirken. Bei jedem Ansteigen der Trieberregung muß der 
schützende "Wall um die Ersatzvorstellung um ein Stück weiter 
hinaus verlegt werden. Die ganze Konstruktion, die in analoger 
Weise bei den anderen Neurosen hergestellt wird, trägt den 
Namen einer Phobie. Der Ausdruck der Flucht vor bewußter 
Besetzung der Ersatzvorstellung sind die Vermeidungen, Ver- 
zichte und Verbote, an denen man die Angsthysterie erkennt. 
Überschaut man den ganzen Vorgang, so kann man sagen, die 
dritte Phase hat die Arbeit der zweiten in größerem Ausmaß 
wiederholt. Das System Bw schützt sich jetzt gegen die Akti- 
vierung der Ersatzvorstellung durch die Gegenbesetzung der 
Umgebung, wie es sich vorhin durch die Besetzung der Ersatz- 
vorstellung gegen das Auftauchen der verdrängten Vorstellung 
gesichert hatte. Die Ersatzbildung durch Verschiebung hat 
sich in solcher Weise fortgesetzt. Man muß auch hinzufügen, 
daß das System Bw früher nur eine kleine Stelle besaß, die 
eine Einbruchspforte der verdrängten Triebregung war, die 
Ersatz Vorstellung nämlich, daß aber am Ende der ganze phobi- 
sche Vorbau einer solchen Enklave des unbewußten Einflusses 



Das Unbewußte I2 o 



entspricht. Man kann ferner den interessanten Gesichtspunkt 
hervorheben, daß durch den ganzen ins Werk gesetzten Ab- 
wehrmechanismus eine Projektion der Triebgefahr nach außen 
erreicht worden ist. Das Ich benimmt sich so, als ob ihm die 
Gefahr der Angstentwicklung nicht von einer Triebregung, 
sondern von einer Wahrnehmung her drohte, und darf darum 
gegen diese äußere Gefahr mit den Fluchtversuchen der phobi- 
schen Vermeidungen reagieren. Eines gelingt bei diesem Vor- 
gang der Verdrängung: die Entbindung von Angst läßt sich 
einigermaßen eindämmen, aber nur unter schweren Opfern an 
persönlicher Freiheit. Fluchtversuche vor Triebansprüchen sind 
aber im allgemeinen nutzlos, und das Ergebnis der phobischen 
Flucht bleibt doch unbefriedigend. 

Von den Verhältnissen, die wir bei der Angsthysterie er- 
kannt haben, gilt ein großer Anteil auch für die beiden an- 
deren Neurosen, so daß wir die Erörterung auf die Unter- 
schiede und die Rolle der Gegenbesetzung beschränken können. 
Bei der Konversionshysterie wird die Triebbesetzung der ver- 
drängten Vorstellung in die Innervation des Symptoms um- 
gesetzt. Inwieweit und unter welchen Umständen die unbe- 
wußte Vorstellung durch diese Abfuhr zur Innervation drai- 
niert ist, so daß sie ihr Andrängen gegen das System Bw auf- 
geben kann, diese und ähnliche Fragen bleiben besser einer 
speziellen Untersuchung der Hysterie vorbehalten. Die Rolle 
der Gegenbesetzung, die vom System Bw (Vbw) ausgeht, ist 
bei der Konversionshysterie deutlich und kommt in der Sym- 
ptombildung zum Vorschein. Die Gegenbesetzung ist es, 
welche die Auswahl trifft, auf welches Stück der 
Triebrepräsentanz die ganze Besetzung derselben kon- 
zentriert werden darf. Dies zum Symptom erlesene 
Stück erfüllt die Bedingung, daß es dem Wunschziel der Trieb- 
regung ebensosehr Ausdruck gibt wie dem Abwehr- oder Straf- 
bestreben des Systems Bw; es wird also überbesetzt und von 



120 Das Unbewußte 



beiden Seiten her gehalten wie die Ersatzvorstellung der Angst- 
hysterie. Wir können aus diesem Verhältnis ohne weiteres den 
Schluß ziehen, daß der Verdrängungsaufwand des Systems 
Bw nicht so groß zu sein braucht wie die Besetzungsenergie 
des Symptoms, denn die Stärke der Verdrängung wird durch 
die aufgewendete Gegenbesetzung gemessen, und das Symptom 
stützt sich nicht nur auf die Gegenbesetzung, sondern auch auf 
die in ihm verdichtete Triebbesetzung aus dem System Ubw. 
Für die Zwangsneurose hätten wir den in der vorigen Ab- 
handlung enthaltenen Bemerkungen nur hinzuzufügen, daß 
hier die Gegenbesetzung des Systems Bw am sinnfälligsten in 
den Vordergrund tritt. Sie ist es, die als Reaktionsbildung 
organisiert die erste Verdrängung besorgt, und an welcher 
später der Durchbruch der verdrängten Vorstellung erfolgt. 
Man darf der Vermutung Raum geben, daß es an dem Vor- 
wiegen der Gegenbesetzung und Ausfallen einer Abfuhr liegt, 
wenn das Werk der Verdrängung bei Angsthysterie und 
Zwangsneurose weit weniger geglückt erscheint als bei der 
Konversionshysterie. 

V 

Die besonderen Eigenschaften des Systems Ubw 

Eine neue Bedeutung erhält die Unterscheidung der beiden 
psychischen Systeme, wenn wir darauf aufmerksam werden, 
daß die Vorgänge des einen Systems, des Ubw, Eigenschaften 
zeigen, die sich in dem nächst höheren nicht wiederfinden. 

Der Kern des Ubw besteht aus Triebrepräsentanzen, die 
ihre Besetzung abführen wollen, also aus Wunschregungen. 
Diese Triebregungen sind einander koordiniert, bestehen un- 
beeinflußt nebeneinander, widersprechen einander nicht. 
Wenn zwei Wunschregungen gleichzeitig aktiviert werden, 
deren Ziele uns unvereinbar erscheinen müssen, so ziehen sich 









Das Unbewußte 121 



die beiden Regungen nicht etwa voneinander ab oder heben 
einander auf, sondern sie treten zur Bildung eines mittleren 
Zieles, eines Kompromisses, zusammen. 

Es gibt in diesem System keine Negation, keinen Zweifel, 
keine Grade von Sicherheit. All dies wird erst durch die 
Arbeit der Zensur zwischen Ubw und Vbw eingetragen. Die 
Negation ist ein Ersatz der Verdrängung von höherer Stufe. 
Im Ubw gibt es nur mehr oder weniger stark besetzte Inhalte. 

Es herrscht eine weit größere Beweglichkeit der Besetzungs- 
intensitäten. Durch den Prozeß der Verschiebung kann 
eine Vorstellung den ganzen Betrag ihrer Besetzung an eine 
andere abgeben, durch den der Verdichtung die ganze 
Besetzung mehrerer anderer an sich nehmen. Ich habe vor- 
geschlagen, diese beiden Prozesse als Anzeichen des soge- 
nannten psychischen Primärvorganges anzusehen. Im 
System Vbw herrscht der Sekundärvorgang 2 , wo 
ein solcher Primärvorgang sich an Elementen des Systems 
Vbw abspielen darf, erscheint er „komisch" und erregt 
Lachen. 

Die Vorgänge des Systems Ubw sind zeitlos, das heißt 
sie sind nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende 
Zeit nicht abgeändert, haben überhaupt keine Beziehung zur 
Zeit. Auch die Zeitbeziehung ist an die Arbeit des Bw- 
Systems geknüpft. 

Ebensowenig kennen die Ubw- Vorgänge eine Rücksicht auf 
die Realität. Sie sind dem Lustprinzip unterworfen; ihr 
Schicksal hängt nur davon ab, wie stark sie sind, und ob 
sie die Anforderungen der Lust-Unlustregulierung erfüllen. 

Fassen wir zusammen: . Widerspruchslosigkeit, 
Primärvorgang (Beweglichkeit der Besetzungen), 

2) Siehe die Ausführungen im VII. Abschnitt der Traumdeutung 
(Ges. Schriften, Bd. II. u. III), welche sich auf die von J. Breuer 
in den „Studien über Hysterie" entwickelten Ideen stützt. 



122 Das Unbewußte 



Zeitlosigkeit und Ersetzung der äußeren 
Realität durch die psychische sind die 
Charaktere, die wir an zum System Ubw gehörigen Vor- 
gängen zu finden erwarten dürfen. 3 

Die unbewußten Vorgänge werden für uns nur unter den 
Bedingungen des Träumens und der Neurosen erkennbar, also 
dann, wenn Vorgänge des höheren Vbw-Systcms durch eine 
Erniedrigung (Regression) auf eine frühere Stufe zurück- 
versetzt werden. An und für sich sind sie unerkennbar, auch 
existenzunfähig, weil das System Ubw sehr frühzeitig von 
dem Vbw überlagert wird, welches den Zugang zum Bewußt- 
sein und zur Motilität an sich gerissen hat. Die Abfuhr des 
Systems Ubw geht in die Körperinnervation zur AfTekt- 
entwicklung, aber auch dieser Entladungsweg wird ihm, wie 
wir gehört haben, vom Vbw streitig gemacht. Für sich allein 
könnte das Ubw-Systtm unter normalen Verhältnissen keine 
zweckmäßige Muskelaktion zu stände bringen, mit Ausnahme 
jener, die als Reflexe bereits organisiert sind. 

Die volle Bedeutung der beschriebenen Charaktere des 
Systems Ubw könnte uns erst einleuchten, wenn wir sie den 
Eigenschaften des Systems Vbw gegenüberstellen und an ihnen 
messen würden. Allein dies würde uns so weitab führen, daß 
ich vorschlage, wiederum einen Aufschub gutzuheißen und 
die Vergleichung der beiden Systeme erst im Anschluß an 
die Würdigung des höheren Systems vorzunehmen. Nur das 
Allerdringendste soll schon jetzt seine Erwähnung finden. 

Die Vorgänge des Systems Vbw zeigen — und zwar 
gleichgültig, ob sie bereits bewußt oder nur bewußtseinsfähig 
sind — eine Hemmung der Abfuhrneigung von den besetzten 
Vorstellungen. Wenn der Vorgang von einer Vorstellung auf 
eine andere übergeht, so hält die erstere einen Teil ihrer 

3) Die Erwähnung eines anderen bedeutsamen Vorrechtes des 
Ubw sparen wir für einen anderen Zusammenhang au£ 



Das Unbewußte 



"3 



Besetzung fest und nur ein kleiner Anteil erfährt die Ver- 
schiebung. Verschiebungen und Verdichtungen wie beim 
Primärvorgang sind ausgeschlossen oder sehr eingeschränkt. 
Dieses Verhältnis hat J. Breuer veranlaßt, zwei ver- 
schiedene Zustände der Besetzungsenergie im Seelenleben an- 
zunehmen, einen tonisch gebundenen und einen frei beweg- 
lichen, der Abfuhr zustrebenden. Ich glaube, daß diese 
Unterscheidung bis jetzt unsere tiefste Einsicht in das Wesen 
der nervösen Energie darstellt, und sehe nicht, wie man um 
sie herumkommen soll. Es wäre ein dringendes Bedürfnis der 
metapsychologischen Darstellung — vielleicht aber noch ein 
allzu gewagtes Unternehmen — an dieser Stelle die Dis- 
kussion fortzuführen. 

Dem System Vbw fallen ferner zu die Herstellung einer 
Verkehrsfähigkeit unter den Vorstellungsinhalten, so daß sie 
einander beeinflussen können, die zeitliche Anordnung der- 
selben, die Einführung der einen Zensur oder mehrerer Zen- 
suren, die Realitätsprüfung und das Realitätsprinzip. Auch 
das bewußte Gedächtnis scheint ganz am Vbw zu hängen, 
es ist scharf von den Erinnerungsspuren zu scheiden, in denen 
sich die Erlebnisse des Ubw fixieren, und entspricht wahr- 
scheinlich einer besonderen Niederschrift, wie wir sie für 
das Verhältnis der bewußten zur unbewußten Vorstellung 
annehmen wollten, aber bereits verworfen haben. In diesem 
Zusammenhang werden wir auch die Mittel finden, unserem 
Schwanken in der Benennung des höheren Systems, das wir 
jetzt richtungslos bald Vbw, bald Bw heißen, ein Ende zu 
machen. 

Es wird auch die Warnung am Platze sein, nicht voreilig 
zu verallgemeinern, was wir hier über die Verteilung der 
seelischen Leistungen an die beiden Systeme zu Tage ge- 
fördert haben. Wir beschreiben die Verhältnisse, wie sie sich 
beim reifen Menschen zeigen, bei d?m das System Ubw streng 



124 Das Unbewußte 



genommen nur als Vorstufe der höheren Organisation funk- 
tioniert. "Welchen Inhalt und welche Beziehungen dies System 
während der individuellen Entwicklung hat, und welche Be- 
deutung ihm beim Tiere zukommt, das soll nicht aus unserer 
Beschreibung abgeleitet, sondern selbständig erforscht werden. 
Wir müssen auch beim Menschen darauf gefaßt sein, etwa 
krankhafte Bedingungen zu finden, unter denen die beiden 
Systeme Inhalt wie Charaktere ändern oder selbst mit- 
einander tauschen. 

VI 

Der Verkehr der beiden Systeme 

Es wäre doch unrecht sich vorzustellen, daß das Ubiv i n 
Ruhe verbleibt, während die ganze psychische Arbeit vom 
Vbw geleistet wird, daß das Ubw etwas Abgetanes, ein rudi- 
mentäres Organ, ein Residuum der Entwicklung sei. Oder 
anzunehmen, daß sich der Verkehr der beiden Systeme auf 
den Akt der Verdrängung beschränkt, indem das Vbw alles 
was ihm störend erscheint, in den Abgrund des Ubw wirft. 
Das Ubw ist vielmehr lebend, entwicklungsfähig und unter- 
hält eine Anzahl von anderen Beziehungen zum Vbw, dar- 
unter auch die der Kooperation. Man muß zusammenfassend 
sagen, das Ubw setzt sich in die sogenannten Abkömmlinge 
fort, es ist den Einwirkungen des Lebens zugänglich, be- 
einflußt beständig das Vbw und ist seinerseits sogar Be- 
einflussungen von Seiten des Vbw unterworfen. 

Das Studium der Abkömmlinge des Ubw wird unseren 
Erwartungen einer schematisch reinlichen Scheidung zwischen 
den beiden psychischen Systemen eine gründliche Ent- 
täuschung bereiten. Das wird gewiß Unzufriedenheit mit 
unseren Ergebnissen erwecken und wahrscheinlich dazu be- 
nützt werden, den Wert unserer Art der Trennung der psy. 






Das Unbewußte 125 



chischen Vorgänge in Zweifel zu ziehen. Allein, wir werden 
geltend machen, daß wir keine andere Aufgabe haben, als 
die Ergebnisse der Beobachtung in Theorie umzusetzen, und 
die Verpflichtung von uns weisen, auf den ersten Anlauf 
eine glatte und durch Einfachheit sich empfehlende Theorie 
zu erreichen. Wir vertreten deren Komplikationen, solange 
sie sich der Beobachtung adäquat erweisen, und geben die 
Erwartung nicht auf, gerade durch sie zur endlichen Erkennt- 
nis eines Sachverhaltes geleitet zu werden, der, an sich ein- 
fach, den Komplikationen der Realität gerecht werden kann. 
Unter den Abkömmlingen der ubw Triebregungen vom 
beschriebenen Charakter gibt es welche, die entgegengesetzte 
Bestimmungen in sich vereinigen. Sie sind einerseits hoch- 
organisiert, widerspruchsfrei, haben allen Erwerb des Systems 
Bw verwertet und würden sich für unser Urteil von den 
Bildungen dieses Systems kaum unterscheiden. Anderseits sind 
sie unbewußt und unfähig, bewußt zu werden. Sie gehören 
also qualitativ zum System Vbw, faktisch aber zum Ubw. 
Ihre Herkunft bleibt das für ihr Schicksal Entscheidende. 
Man muß sie mit den Mischlingen menschlicher Rassen ver- 
gleichen, die im großen und ganzen bereits den Weißen 
gleichen, ihre farbige Abkunft aber durch den einen oder 
anderen auffälligen Zug verraten und darum von der Gesell- 
schaft ausgeschlossen bleiben und keines der Vorrechte der 
Weißen genießen. Solcher Art sind die Phantasiebildungen der 
Normalen wie der Neurotiker, die wir als Vorstufen der 
Traum- wie der Symptombildung erkannt haben, und die 
trotz ihrer hohen Organisation verdrängt bleiben und als 
solche nicht bewußt werden können. Sie kommen nahe ans 
Bewußtsein heran, bleiben ungestört, solange sie keine inten- 
sive Besetzung haben, werden aber zurückgeworfen, sobald 
sie eine gewisse Höhe der Besetzung überschreiten. Eben- 
solche höher organisierte Abkömmlinge des Ubw sind die 



1x6 Das Unbewußte 



Ersatzbildungen, denen aber der Durchbruch zum Bewußt- 
sein dank einer günstigen Relation gelingt, wie zum Beispiel 
durch das Zusammentreffen mit einer Gegenbesetzung des 
Vbw. 

Wenn wir an anderer Stelle die Bedingungen des Bewußt- 
werdens eingehender untersuchen, wird uns ein Teil der hier 
auftauchenden Schwierigkeiten lösbar werden. Hier mag es 
uns vorteilhaft erscheinen, der bisherigen, vom Ubw her auf- 
steigenden Betrachtung eine vom Bewußtsein ausgehende 
gegenüberzustellen. Dem Bewußtsein tritt die ganze Summe 
der psychischen Vorgänge als das Reich des Vorbewußten 
entgegen. Ein sehr großer Anteil dieses Vorbewußten stammt 
aus dem Unbewußten, hat den Charakter der Abkömmlinge 
desselben und unterliegt einer Zensur, ehe er bewußt werden 
kann. Ein anderer Anteil des Vbw ist ohne Zensur bewußt- 
seinsfähig. Wir gelangen hier zu einem Widerspruch gegen 
eine frühere Annahme. In der Betrachtung der Verdrängung 
wurden wir genötigt, die für das Bewußtwerden entscheidende 
Zensur zwischen die Systeme Ubw und Vbw zu verlegen. 
Jetzt wird uns eine Zensur zwischen Vbw und Bw nahe- 
gelegt. Wir tun aber gut daran, in dieser Komplikation keine 
Schwierigkeit zu erblicken, sondern anzunehmen, daß jedem 
Übergang von einem System zum nächst höheren, also jedem 
Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organisation 
eine neue Zensur entspreche. Die Annahme einer fortlaufen- 
den Erneuerung der Niederschriften ist damit allerdings ab- 
getan. 

Der Grund all dieser Schwierigkeiten ist darin zu suchen 
daß die Bewußtheit, der einzige uns unmittelbar gegebene 
Charakter der psychischen Vorgänge, sich zur Systemunter- 
scheidung in keiner Weise eignet. Abgesehen davon, daß das 
Bewußte nicht immer bewußt, sondern zeitweilig auch latent 
ist, hat uns die Beobachtung gezeigt, daß vieles, was die 



Das Unbewußte 



Eigenschaften des Systems Vbw teilt, nicht bewußt wird, 
und haben wir noch zu erfahren, daß das Bewußtwerden 
durch gewisse Richtungen seiner Aufmerksamkeit ein- 
geschränkt ist. Das Bewußtsein hat so weder zu den Systemen 
noch zur Verdrängung ein einfaches Verhältnis. Die Wahr- 
heit ist, daß nicht nur das psychisch Verdrängte dem Be- 
wußtsein fremd bleibt, sondern auch ein Teil der unser Ich 
beherrschenden Regungen, also der stärkste funktionelle 
Gegensatz des Verdrängten. In dem Maße, als wir uns zu 
einer metapsychologischen Betrachtung des Seelenlebens 
durchringen wollen, müssen wir lernen, uns von der Bedeu- 
tung des Symptoms „Bewußtheit" zu emanzipieren. 

Solange wir noch an diesem haften, sehen wir unsere 
Allgemeinheiten regelmäßig durch Ausnahmen durchbrochen. 
Wir sehen, daß Abkömmlinge des Vbw als Ersatzbildungen 
und als Symptome bewußt werden, in der Regel nach großen 
Entstellungen gegen das Unbewußte, aber oft mit Erhaltung 
vieler zur Verdrängung auffordernder Charaktere. Wir finden, 
daß viele vorbewußte Bildungen unbewußt bleiben, die, 
sollten wir meinen, ihrer Natur nach sehr wohl bewußt wer- 
den dürften. Wahrscheinlich macht sich bei ihnen die stärkere 
Anziehung des Ubw geltend. Wir werden darauf hingewiesen, 
die bedeutsamere Differenz nicht zwischen dem Bewußten 
und dem Vorbewußten, sondern zwischen dem Vorbewußten 
und dem Unbewußten zu suchen. Das Ubw wird an der 
Grenze des Vbw durch die Zensur zurückgewiesen, Abkömm- 
linge desselben können diese Zensur umgehen, sich hoch 
organisieren, im Vbw bis zu einer gewissen Intensität der 
Besetzung heranwachsen, werden aber dann, wenn sie diese 
überschritten haben und sich dem Bewußtsein aufdrängen 
wollen, als Abkömmlinge des Ubw erkannt und an der neuen 
Zensurgrenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt. 
Die erstere Zensur funktioniert so gegen das Ubw selbst, die 



128 Das Unbewußte 



letztere gegen die vbw Abkömmlinge derselben. Man könnte 
meinen, die Zensur habe sich im Laufe der individuellen 
Entwicklung um ein Stück vorgeschoben. 

In der psychoanalytischen Kur erbringen wir den un- 
anfechtbaren Beweis für die Existenz der zweiten Zensur, der 
zwischen den Systemen Vbw und Bw. Wir fordern den 
Kranken auf, reichlich Abkömmlinge des Ubw zu bilden, 
verpflichten ihn dazu, die Einwendungen der Zensur gegen 
das Bewußtwerden dieser vorbewußten Bildungen zu über- 
winden, und bahnen uns durch die Besiegung dieser Zensur 
den Weg zur Aufhebung der Verdrängung, die das Werk 
der früheren Zensur ist. Fügen wir noch die Bemerkung an, 
daß die Existenz der Zensur zwischen Vbw und Bw uns 
mahnt, das Bewußtwerden sei kein bloßer Wahrnehmungsakt, 
sondern wahrscheinlich auch eine Überbesetzung, ein 
weiterer Fortschritt der psychischen Organisation. 

Wenden wir uns zum Verkehr des Ubw mit den anderen 
Systemen, weniger um Neues festzustellen, als um nicht das 
Sinnfälligste zu übergehen. An den Wurzeln der Triebtätig- 
keit kommunizieren die Systeme aufs ausgiebigste mit- 
einander. Ein Anteil der hier erregten Vorgänge geht durch 
das Ubw wie durch eine Vorbereitungsstufe durch und er- 
reicht die höchste psychische Ausbildung im Bw, ein anderer 
wird als Ubw zurückgehalten. Das Ubw wird aber auch von 
den aus der äußeren Wahrnehmung stammenden Erlebnissen 
getroffen. Alle Wege von der Wahrnehmung zum Ub-w 
bleiben in der Norm frei; erst die vom Ubw weiter führenden 
Wege unterliegen der Sperrung durch die Verdrängung. 

Es ist sehr bemerkenswert, daß das Ubw eines Menschen 
mit Umgehung des Bw auf das Ubw eines anderen reagieren 
kann. Die Tatsache verdient eingehendere Untersuchung, 
besonders nach der Richtung, ob sich vorbewußte Tätigkeit 



Das Unbewußte "9 



dabei ausschließen läßt, ist aber als Beschreibung unbestreit- 
bar. 

Der Inhalt des Systems Vbw (oder Bw) entstammt zu einem 
Teile dem Triebleben (durch Vermittlung des Ubw), zum 
anderen Teile der Wahrnehmung. Es ist zweifelhaft, inwieweit 
die Vorgänge dieses Systems eine direkte Einwirkung auf das 
Ubw äußern können; die Erforschung pathologischer Fälle 
zeigt oft eine kaum glaubliche Selbständigkeit und Unbe- 
einflußbarkeit des Ubw. Ein völliges Auseinandergehen der 
Stiebungen, ein absoluter Zerfall der beiden Systeme ist über- 
haupt die Charakteristik des Krankseins. Allein die psycho- 
analytische Kur ist auf die Beeinflussung des Ubw vom Bw 
her gebaut und zeigt jedenfalls, daß solche, wiewohl müh- 
sam, nicht unmöglich ist. Die zwischen beiden Systemen ver- 
mittelnden Abkömmlinge des Ubw bahnen uns, wie schon 
erwähnt, den Weg zu dieser Leistung. Wir dürfen aber wohl 
annehmen, daß die spontan erfolgende Veränderung des 
Ubw von selten des Bw ein schwieriger und langsam ver- 
laufender Prozeß ist. 

Eine Kooperation zwischen einer vorbewußten und einer 
unbewußten, selbst intensiv verdrängten Regung kann Zu- 
standekommen, wenn es die Situation ergibt, daß die un- 
bewußte Regung gleichsinnig mit einer der herrschenden 
Strebungen wirken kann. Die Verdrängung wird für diesen 
Fall aufgehoben, die verdrängte Aktivität als Verstärkung 
der vom Ich beabsichtigten zugelassen. Das Unbewußte wird 
für diese eine Konstellation ichgerecht, ohne daß sonst an 
seiner Verdrängung etwas abgeändert würde. Der Erfolg des 
Ubw ist bei dieser Kooperation unverkennbar; die verstärk- 
ten Strebungen benehmen sich doch anders als die normalen, 
sie befähigen zu besonders vollkommener Leistung und sie 
zeigen gegen Widersprüche eine ähnliche Resistenz wie etwa 
die Zwangssymptome. 

Freud, Theoretische Schriften 9 



I 3° Das Unbewußte 



Den Inhalt des Ubw kann man einer psychischen Ur- 
bevölkerung vergleichen. Wenn es beim Menschen ererbte 
psychische Bildungen, etwas dem Instinkt der Tiere Analoges 
gibt, so macht dies den Kern des Ubw aus. Dazu kommt 
später das während der Kindheitsentwicklung als unbrauch- 
bar Beseitigte hinzu, was seiner Natur nach von dem Er- 
erbten nicht verschieden zu sein braucht. Eine scharfe und 
endgültige Scheidung des Inhaltes der beiden Systeme stellt 
sich in der Regel erst mit dem Zeitpunkte der Pubertät her. 



VII 

Die Agnoszierung des Unbewußten 

Soviel, als wir in den vorstehenden Erörterungen zusam- 
mengetragen haben, läßt sich etwa über das Ubw aussagen, 
solange man nur aus der Kenntnis des Traumlebens und' 
der Übertragungsneurosen schöpft. Es ist gewiß nicht viel, 
macht stellenweise den Eindruck des Ungeklärten und Ver- 
wirrenden und läßt vor allem die Möglichkeit vermissen 
das Ubw an einen bereits bekannten Zusammenhang anzu- 
ordnen oder es in ihn einzureihen. Erst die Analyse einer 
der Affektionen, die wir narzißtische Psychoneurosen heißen, 
verspricht uns Auffassungen zu liefern, durch welche uns das 
rätselvolle Ubw näher gerückt und gleichsam greifbar ge- 
macht wird. 

- 

Seit einer Arbeit von Abraham (1908), welche der ge- 
wissenhafte Autor auf meine Anregung zurückgeführt hat, 
versuchen wir die Dementia praecox Kraepelins 
(Schizophrenie Bleulers) durch ihr Verhalten zum Gegen- 
satz von Ich und Objekt zu charakterisieren. Bei den Über- 
tragungsneurosen (Angst- und Konversionshysterie, Zwangs- 
neurose) lag nichts vor, was diesen Gegensatz in den Vordergrund 



Das Unbewußte 131 



gerückt hätte. Man wußte zwar, daß die Versagung des 
Objekts den Ausbruch der Neurose herbeiführt, und daß die 
Neurose den Verzicht auf das reale Objekt involviert, auch 
daß die dem realen Objekt entzogene Libido auf ein phan- 
tasiertes Objekt und von da aus auf ein verdrängtes zurück- 
geht (Introversion). Aber die Objektbesetzung überhaupt wird 
bei ihnen mit großer Energie festgehalten, und die feinere 
Untersuchung des Verdrängungsvorganges hat uns anzu- 
nehmen genötigt, daß die Objektbesetzung im System Ubw 
trotz der Verdrängung — vielmehr infolge derselben — fort- 
besteht. Die Fähigkeit zur Übertragung, welche wir bei 
diesen AfTektionen therapeutisch ausnützen, setzt ja die un- 
gestörte Objektbesetzung voraus. 

Bei der Schizophrenie hat sich uns dagegen die Annahme 
aufgedrängt, daß nach dem Prozesse der Verdrängung die 
abgezogene Libido kein neues Objekt suche, sondern ins Ich 
zurücktrete, daß also hier die Objektbesetzungen aufgegeben 
und ein primitiver, objektloser Zustand von Narzißmus wieder 
hergestellt werde. Die Unfähigkeit dieser Patienten zur Über- 
tragung — soweit der Krankheitsprozeß reicht, — ihre dar- 
aus folgende therapeutische Unzugänglichkeit, die ihnen eigen- 
tümliche Ablehnung der Außenwelt, das Auftreten von 
Zeichen einer Uberbesetzung des eigenen Ichs, der Ausgang 
in völlige Apathie, all diese klinischen Charaktere scheinen 
zu der Annahme eines Aufgebens der Objektbesetzungen 
trefflich zu stimmen. Von Seiten des Verhältnisses der beiden 
psychischen Systeme wurde allen Beobachtern auffällig, daß 
bei der Schizophrenie vieles als bewußt geäußert wird, was 
wir bei den Ubertragungsneurosen erst durch Psychoanalyse 
im Ubw nachweisen müssen. Aber es gelang zunächst nicht, 
zwischen der Ich-Objektbeziehung und den Bewußtseinsrela- 
tionen eine verständliche Verknüpfung herzustellen. 

Das Gesuchte scheint sich auf folgendem unvermuteten 



151 Das Unbewußte 



Wege zu ergeben. Bei den Schizophrenen beobachtet man, zu- 
mal in den so lehrreichen Anfangsstadien, eine Anzahl von 
Veränderungen der Sprache, von denen einige es ver- 
dienen, unter einem bestimmten Gesichtspunkt betrachtet zu 
werden. Die Ausdrucksweise wird oft Gegenstand einer be- 
sonderen Sorgfalt, sie wird „gewählt", „geziert". Die Satze 
erfahren eine besondere Desorganisation des Aufbaues, durch 
welche sie uns unverständlich werden, so daß wir die Äuße- 
rungen der Kranken für unsinnig halten. Im Inhalt dieser 
Äußerungen wird oft eine Beziehung zu Körperorganen oder 
Körperinnervationen in den Vordergrund gerückt. Dem 
kann man anreihen, daß in solchen Symptomen der Schizo- 
phrenie, welche hysterischen oder zwangsneurotischen Ersatz- 
bildungen gleichen, doch die Beziehung zwischen dem Ersatz 
und dem Verdrängten Eigentümlichkeiten zeigt, welche uns 
bei den beiden genannten Neurosen befremden würden. 

Herr Dr. V. T a u s k (Wien) hat mir einige seiner Be- 
obachtungen bei beginnender Schizophrenie zur Verfüguno- 
gestellt, die durch den Vorzug ausgezeichnet sind, daß die 
Kranke selbst noch die Aufklärung ihrer Reden geben wollte. 
Ich will nun an zweien seiner Beispiele zeigen, welche Auf- 
fassung ich zu vertreten beabsichtige, zweifle übrigens nicht 
daran, daß es jedem Beobachter leicht sein würde, solches 
Material in Fülle vorzubringen. 

Eine der Kranken T a u s k s, ein Mädchen, das nach einem 
Zwist mit ihrem Geliebten auf die Klinik gebracht wurde, 
klagt: 

Die Augen sind nicht richtig, sie sind 
verdreht. Das erläutert sie selbst, indem sie in geordneter 
Sprache eine Reihe von Vorwürfen gegen den Geliebten vor- 
bringt. „Sie kann ihn gar nicht verstehen, er sieht jedesmal 
anders aus, er ist ein Heuchler, ein Augenverdreher, 
er hat ihr die Augen verdreht, jetzt hat sie verdrehte Augen, 



Das Unbewußte 133 






es sind nicht mehr ihre Augen, sie sieht die Welt jetzt mit 
anderen Augen." 

Die Äußerungen der Kranken zu ihrer unverständlichen 
Rede haben den Wert einer Analyse, da sie deren Äquivalent 
in allgemein verständlicher Ausdrucksweise enthalten; sie 
geben gleichzeitig Aufschluß über Bedeutung und über Genese 
der schizophrenen Wortbildung. In Übereinstimmung mit 
T a u s k hebe ich aus diesem Beispiel hervor, daß die Be- 
ziehung zum Organ (zum Auge) sich zur Vertretung des 
ganzen Inhaltes aufgeworfen hat. Die schizophrene Rede hat 
hier einen hypochondrischen Zug, sie ist Organ spräche 
geworden. 

Eine zweite Mitteilung derselben Kranken: „Sie steht in 
der Kirche, plötzlich gibt es ihr einen Ruck, sie muß sich 
anders stellen, als stellte sie jemand, als 
würde sie gestell t." 

Dazu die Analyse durch eine neue Reihe von Vorwürfen 
gegen den Geliebten, „der ordinär ist, der sie, die vom Hause 
aus fein war, auch ordinär gemacht hat. Er hat sie sich 
ähnlich gemacht, indem er sie glauben machte, er sei ihr 
überlegen; nun sei sie so geworden, wie er ist, weil sie 
glaubte, sie werde besser sein, wenn sie ihm gleich werde. 
Er hat sich verstellt, sie ist jetzt so wie er (Identifizie- 
rung!) er hat sie verstell t." 

Die Bewegung „des sich anders Stellen", bemerkt T a u s k, 
ist eine Darstellung des Wortes „verstellen" und der Identi- 
fizierung mit dem Geliebten. Ich hebe wiederum die Prä- 
valenz jenes Elements des ganzen Gedankenganges hervor, 
welches eine körperliche Innervation (vielmehr deren Emp- 
findung) zum Inhalt hat. Eine Hysterika hätte übrigens im 
ersten Falle krampfhaft die Augen verdreht, im zweiten den 
Ruck wirklich ausgeführt, anstatt den Impuls dazu oder die 
Sensation davon zu verspüren, und in beiden Fällen hätte 



134 Das Unbewußte 



sie keinen bewußten Gedanken dabei gehabt und wäre auch 
nachträglich nicht imstande gewesen, solche zu äußern. 

Soweit zeugen diese beiden Beobachtungen für das, was 
wir hypochondrische oder Organsprache genannt haben. Sie 
mahnen aber auch, was uns wichtiger erscheint, an einen 
anderen Sachverhalt, der sich beliebig oft, zum Beispiel an 
den in Bleulers Monographie gesammelten Beispielen 
nachweisen und in eine bestimmte Formel fassen läßt. Bei 
der Schizophrenie werden die Worte demselben Prozeß 
unterworfen, der aus den latenten Traumgedanken die 
Traumbilder macht, den wir den psychischen Pri- 
märvorgang geheißen haben. Sie werden verdichtet und 
übertragen einander ihre Besetzungen restlos durch Ver- 
schiebung; der Prozeß kann so weit gehen, daß ein einziges, 
durch mehrfache Beziehungen dazu geeignetes Wort die Ver- 
tretung einer ganzen Gedankenkette übernimmt. Die 
Arbeiten von Bleuler, Jung und ihren Schülern haben 
gerade für diese Behauptung reichliches Material ergeben 4 . 

Ehe wir aus solchen Eindrücken einen Schluß ziehen, 
wollen wir noch der feinen, aber doch befremdlich wirken- 
den Unterschiede zwischen der schizophrenen und der 
hysterischen und zwangsneurotischen Ersatzbildung gedenken. 
Ein Patient, den ich gegenwärtig beobachte, läßt sich durch 
den schlechten Zustand seiner Gesichtshaut von allen Inter- 
essen des Lebens abziehen. Er behauptet, Mitesser zu haben 
und tiefe Löcher im Gesicht, die ihm jedermann ansieht. Die 
Analyse weist nach, daß er seinen Kastrationskomplex an 
seiner Haut abspielt. Er beschäftigte sich zunächst reuelos mit 
seinen Mitessern, deren Ausdrücken ihm große Befriedigung 
bereitete, weil dabei etwas herausspritzte, wie er sagt. Dann 

4) Gelegentlich behandelt die Traumarbeit die Worte wie die 
Dinge und schafft dann sehr ähnliche „schizophrene" Reden oder 
Wortneubildungen. 



Das Unbewußte 13 j 



begann er zu glauben, daß überall dorr, wo er einen Comedo 
beseitigt hatte, eine tiefe Grube entstanden sei, und er machte 
sich die heftigsten Vorwürfe, durch sein „beständiges Herum- 
arbeiten mit der Hand" seine Haut für alle Zeiten verdorben 
zu haben. Es ist evident, daß ihm das Auspressen des Inhaltes 
der Mitesser ein Ersatz für die Onanie ist. Die Grube, die 
darauf durch seine Schuld entsteht, ist das weibliche Genitale, 
das heißt die Erfüllung der durch die Onanie provozierten 
Kastrationsdrohung (respektive der sie vertretenden Phan- 
tasie). Diese Ersatzbildung hat trotz ihres hypochondrischen 
Charakters viel Ähnlichkeit mit einer hysterischen Konver- 
sion, und doch wird man das Gefühl haben, daß hier etwas 
anderes vorgehen müsse, daß man solche Ersatzbildung einer 
Hysterie nicht zutrauen dürfe, noch ehe man sagen kann, 
worin die Verschiedenheit begründet ist. Ein winziges Grüb- 
chen wie eine Hautpore wird ein Hysteriker kaum zum 
Symbol der Vagina nehmen, die er sonst mit allen möglichen 
Gegenständen vergleicht, welche einen Hohlraum um- 
schließen. Auch meinen wir, daß die Vielheit der Grübchen 
ihn abhalten wird, sie als Ersatz für das weibliche Genitale 
zu verwenden. Ähnliches gilt für einen jugendlichen Patienten, 
über den Tausk vor Jahren der Wiener Psychoanalytischen 
Gesellschaft berichtet hat. Er benahm sich sonst ganz wie ein 
Zwangsneurotiker, verbrauchte Stunden für seine Toilette und 
dergleichen. Es war aber an ihm auffällig, daß er wider- 
standslos die Bedeutung seiner Hemmungen mitteilen konnte. 
Beim Anziehen der Strümpfe störte ihn zum Beispiel die 
Idee, daß er die Maschen des Gewebes, also Löcher, aus- 
einanderziehen müsse, und jedes Loch war ihm Symbol der 
weiblichen Geschlechtsöffnung. Auch dies ist einem Zwangs- 
neurotiker nicht zuzutrauen; ein solcher, aus der Beobachtung 
von R. R e i 1 1 e r, der am gleichen Verweilen beim Strumpf- 
anziehen litt, fand nach Überwindung der Widerstände die 






136 Das Unbewußte 



Erklärung, daß der Fuß ein Penissymbol sei, das Überziehen 
des Strumpfes ein onanistischer Akt, und er mußte den 
Strumpf fortgesetzt an- und ausziehen, zum Teil, um das 
Bild der Onanie zu vervollkommnen, zum Teil, um sie un- 
geschehen zu machen. 

Fragen wir uns, was der schizophrenen Ersatzbildung und 
dem Symptom den befremdlichen Charakter verleiht, so er- 
fassen wir endlich, daß es das Überwiegen der Wortbeziehung 
über die Sachbeziehung ist. Zwischen dem Ausdrücken eines 
Mitessers und einer Ejakulation aus dem Penis besteht eine 
recht geringe Sachähnlichkeit, eine noch geringere zwischen 
den unzähligen seichten Hautporen und der Vagina; aber 
im ersten Falle spritzt beide Male etwas heraus, und für 
den zweiten gilt wörtlich der zynische Satz: Loch ist Loch. 
Die Gleichheit des sprachlichen Ausdrucks, nicht die Ähnlich- 
keit der bezeichneten Dinge, hat den Ersatz vorgeschrieben. 
Wo die beiden — Wort und Ding — sich nicht decken, 
weicht die schizophrene Ersatzbildung von der bei den Uber- 
tragungsneurosen ab. 

Setzen wir diese Einsicht mit der Annahme zusammen, daß 
bei der Schizophrenie die Objektbesetzungen aufgegeben wer- 
den. Wir müssen dann modifizieren: die Besetzung der Wort- 
vorstellungen der Objekte wird festgehalten. Was wir die 
bewußte Objektvorstellung heißen durften, zerlegt sich uns 
jetzt in die Wortvorstellung und in die Sachvor- 
stellung, die in der Besetzung, wenn nicht der direkten 
Sacherinnerungsbilder, doch entfernterer und von ihnen ab- 
geleiteter Erinnerungsspuren besteht. Mit einem Male glauben 
wir nun zu wissen, wodurch sich eine bewußte Vorstellung 
von einer unbewußten unterscheidet. Die beiden sind nicht, 
wie wir gemeint haben, verschiedene Niederschriften des- 
selben Inhalts an verschiedenen psychischen Orten, auch nicht 
verschiedene funktionelle Besetzungszustände an demselben 



Das Unbewußte 



137 



Orte, sondern die bewußte Vorstellung umfaßt die Sach- 
vorstellung plus der zugehörigen Wortvorstellung, die un- 
bewußte ist die Sachvorstellung allein. Das System Ubw ent- 
hält die Sachbesetzungen der Objekte, die ersten und eigent- 
lichen Objektbesetzungen; das System Vbw entsteht, indem 
diese Sachvorstellung durch die Verknüpfung mit den ihr 
entsprechenden Wortvorstellungcn überbesetzt wird. Solche 
Überbesetzungen, können wir vermuten, sind es, welche eine 
höhere psychische Organisation herbeiführen und die Ab- 
lösung des Primärvorganges durch den im Vbw herrschen- 
den Sekundärvorgang ermöglichen. Wir können jetzt auch 
präzise ausdrücken, was die Verdrängung bei den Uber- 
tragungsneurosen der zurückgewiesenen Vorstellung ver- 
weigert: Die Übersetzung in Worte, welche mit dem Objekt 
verknüpft bleiben sollen. Die nicht in Worte gefaßte Vor- 
stellung oder der nicht überbesetzte psychische Akt bleibt 
dann im Ubw als verdrängt zurück. 

Ich darf darauf aufmerksam machen, wie frühzeitig wir 
bereits die Einsicht besessen haben, die uns heute einen der 
auffälligsten Charaktere der Schizophrenie verständlich 
macht. Auf den letzten Seiten der 1900 veröffentlichten 
„Traumdeutung" ist ausgeführt, daß die Denkvorgänge, 
d. i. die von den Wahrnehmungen entfernteren Besetzungs- 
akte, an sich qualitätslos und unbewußt sind und ihre Fähig- 
keit, bewußt zu werden, nur durch die Verknüpfung mit 
den Resten der Wortwahrnehmungen erlangen. Die Wort- 
vorstellungen entstammen ihrerseits der Sinneswahrnehmung 
in gleicher Weise wie die Sachvorstellungen, so daß man die 
Frage aufwerfen könnte, warum die Objektvorstellungen nicht 
mittels ihrer eigenen Wahrnehmungsreste bewußt werden 
können. Aber wahrscheinlich geht das Denken in Systemen 
vor sich, die von den ursprünglichen Wahrnehmungsresten so 
weit entfernt sind, daß sie von deren Qualitäten nichts mehr 



138 Das Unbewußte 



erhalten haben und zum Bewußt werden einer Verstärkung 
durch neue Qualitäten bedürfen. Außerdem können durch 
die Verknüpfung mit Worten auch solche Besetzungen mit 
Qualität versehen werden, die aus den Wahrnehmungen 
selbst keine Qualität mitbringen konnten, weil sie bloß Rela- 
tionen zwischen den Objektvorstellungen entsprechen. Solche 
erst durch Worte faßbar gewordene Relationen sind ein 
Hauptbestandteil unserer Denkvorgänge. Wir verstehen, daß 
die Verknüpfung mit Wortvorstellungen noch nicht mit dem 
Bewußtwerden zusammenfällt, sondern bloß die Möglichkeit 
dazu gibt, daß sie also kein anderes System als das des Vbw 
charakterisiert. Nun merken wir aber, daß wir mit diesen 
Erörterungen unser eigentliches Thema verlassen und mitten 
in die Probleme des Vorbewußten und Bewußten geraten, die 
wir zweckmäßiger Weise einer gesonderten Behandlung vor- 
behalten. 

Bei der Schizophrenie, die wir ja hier auch nur so weit 
berühren, als uns zur allgemeinen Erkennung des Ubw un- 
erläßlich scheint, muß uns der Zweifel auftauchen, ob der 
hier Verdrängung genannte Vorgang überhaupt noch etwas 
mit der Verdrängung bei den Übertragungsneurosen gemein 
hat. Die Formel, die Verdrängung sei ein Vorgang zwischen 
dem System Ubw und dem Vbw (oder Bw) mit dem Erfolg 
der Fernhaltung vom Bewußtsein, bedarf jedenfalls einer Ab- 
änderung, um den Fall der Dementia praecox und anderer 
narzißtischer Affektionen miteinschließen zu können. Aber 
der Fluchtversuch des Ichs, der sich in der Abziehung der 
bewußten Besetzung äußert, bleibt immerhin als das Gemein- 
same bestehen. Um wie vieles gründlicher und tiefgreifender 
dieser Fluchtversuch, diese Flucht des Ichs bei den narziß- 
tischen Neurosen ins Werk gesetzt wird, lehrt die oberfläch- 
lichste Überlegung. 

Wenn diese Flucht bei der Schizophrenie in der Ein- 




Das Unbewußte 139 



ziehung der Triebbesetzung von den Stellen besteht, welche 
die unbewußte Objektvorstellung repräsentieren, so mag es 
befremdlich erscheinen, daß der dem System Vbw angehörige 
Teil derselben Objektvorstellung — die ihr entsprechenden 
Wortvorstellungen — vielmehr eine intensivere Besetzung 
erfahren sollen. Man könnte eher erwarten, daß die Wort- 
vorstellung als der vorbewußte Anteil den ersten Stoß der 
Verdrängung auszuhalten hat, und daß sie ganz und gar 
unbesetzbar wird, nachdem sich die Verdrängung bis zu den 
unbewußten Sachvorstellungen fortgesetzt hat. Dies ist aller- 
dings eine Schwierigkeit des Verständnisses. Es ergibt sich 
die Auskunft, daß die Besetzung der Wortvorstellung nicht 
zum Verdrängungsakt gehört, sondern den ersten der Her- 
stellungs- oder Heilungsversuche darstellt, welche das klinische 
Bild der Schizophrenie so auffällig beherrschen. Diese Be- 
mühungen wollen die verlorenen Objekte wieder gewinnen, 
und es mag wohl sein, daß sie in dieser Absicht den Weg 
zum Objekt über den Wortanteil desselben einschlagen, wobei 
sie sich aber dann mit den Worten an Stelle der Dinge be- 
gnügen müssen. Unsere seelische Tätigkeit bewegt sich ja 
ganz allgemein in zwei entgegengesetzten Verlaufsrichtungen, 
entweder von den Trieben her durch das System Vbw zur 
bewußten Denkarbeit, oder auf Anregung von außen durch 
das System des Bw und Vbw bis zu den ubw Besetzungen 
des Ichs und der Objekte. Dieser zweite Weg muß trotz der 
vorgefallenen Verdrängung passierbar bleiben und steht den 
Bemühungen der Neurose, ihre Objekte wieder zu gewinnen, 
ein Stück weit offen. Wenn wir abstrakt denken, sind wir in 
Gefahr, die Beziehungen der Worte zu den unbewußten Sach- 
vorstellungen zu vernachlässigen, und es ist nicht zu leugnen, 
daß unser Philosophieren dann eine unerwünschte Ähnlichkeit 
in Ausdruck und Inhalt mit der Arbeitsweise der Schizo- 
phrenen gewinnt. Anderseits kann man von der Denkweise 



140 Das Unbewußte 



der Schizophrenen die Charakteristik versuchen, sie behandeln 
konkrete Dinge, als ob sie abstrakte wären. 

Wenn wir wirklich das Ubw agnosziert und den Unter- 
schied einer unbewußten Vorstellung von einer vorbewußten 
richtig bestimmt haben, so werden unsere Untersuchungen von 
vielen anderen Stellen her zu dieser Einsicht zurückführen 
müssen. 















METAPSYCHOLOGISCHE ER- 
GÄNZUNG ZUR TRAUMLEHRE 1 

0917) 



Wir werden bei verschiedenen Anlässen die Erfahrung 
machen können, wie vorteilhaft es für unsere Forschung ist, 
wenn wir gewisse Zustände und Phänomene zur Vergleichung 
heranziehen, die man als Normalvorbilder krank- 
hafter Affektionen auffassen kann. Dahin gehören Affekt- 
zustände, wie Trauer und Verliebtheit, aber auch der Zustand 
des Schlafes und das Phänomen des Träumens. 

Wir sind nicht gewöhnt, viele Gedanken daran zu knüpfen, 
daß der Mensch allnächtlich die Hüllen ablegt, die er über 
seine Haut gezogen hat, und etwa noch die Ergänzungsstücke 
seiner Körperorgane, soweit es ihm gelungen ist, deren Män- 
gel durch Ersatz zu decken, also die Brille, falschen Haare, 
Zähne usw. Man darf hinzufügen, daß er beim Schlafen- 
gehen eine ganz analoge Entkleidung seines Psychischen vor- 
nimmt, auf die meisten seiner psychischen Erwerbungen ver- 

1) Die beiden nachstehenden Abhandlungen schließen an die 
vorangehenden an und stammen aus einer Sammlung, die ich ur- 
sprünglich unter dem Titel „Zur Vorbereitung einer Metapsycho- 
logie" veröffentlichen wollte. Absicht dieser Reihe ist die Klärung 
und Vertiefung der theoretischen Annahmen, die man einem 
psychoanalytischen System zu Grunde legen könnte. 



142 Metapsychologische Ergänzung 

ziehtet und so von beiden Seiten her eine außerordentliche 
Annäherung an die Situation herstellt, welche der Ausgang 
seiner Lebensentwicklung war. Das Schlafen ist somatisch 
eine Reaktivierung des Aufenthalts im Mutterleibe mit der 
Erfüllung der Bedingungen von Ruhelage, "Wärme und Reiz- 
abhaltung; ja, viele Menschen nehmen im Schlafe die fötale 
Körperhaltung wieder ein. Der psychische Zustand der 
Schlafenden charakterisiert sich durch nahezu völlige Zurück- 
ziehung aus der Welt der Umgebung und Einstellung alles 
Interesses für sie. 

Wenn man die psychoneurotischen Zustände untersucht, 
wird man veranlaßt, in jedem derselben die sogenannten 
zeitlichen Regressionen hervorzuheben, den Be- 
trag des ihm eigentümlichen Rückgreifens in der Entwick- 
lung. Man unterscheidet zwei solcher Regressionen, die der 
Ich- und die der Libidoentwicklung. Die letztere reicht beim 
Schlaf zustand bis zur Herstellung des primitiven Nar- 
zißmus, die erstere bis zur Stufe der halluzina- 
torischen Wunschbefriedigung. 

Was man von den psychischen Charakteren des Schlaf- 
zustandes weiß, hat man natürlich durch das Studium des 
Traumes erfahren. Zwar zeigt uns der Traum den Menschen, 
insofern er nicht schläft, aber er kann doch nicht umhin, 
uns dabei auch Charaktere des Schlafes selbst zu verraten. 
Wir haben aus der Beobachtung einige Eigentümlichkeiten 
des Traumes kennen gelernt, die wir zunächst nicht ver- 
stehen konnten und nun mit leichter Mühe einreihen können. 
So wissen wir, der Traum sei absolut egoistisch, und die 
Person, die in seinen Szenen die Hauptrolle spiele, sei immer 
als die eigene zu agnoszieren. Das leitet sich nun leicht be- 
greiflicherweise von dem Narzißmus des Schlafzustandes ab. 
Narzißmus und Egoismus fallen ja zusammen; das Wort 
„Narzißmus" will nur betonen, daß der Egoismus auch ein 



zur Traumlehre 



*43 



libidinöses Phänomen sei, oder, um es anders auszudrücken, 
der Narzißmus kann als die libidinöse Ergänzung des Egois- 
mus bezeichnet werden. Ebenso verständlich wird auch die 
allgemein anerkannte und für rätselhaft gehaltene „dia- 
gnostische" Fähigkeit des Traumes, in welchem beginnende 
Körperleiden oft früher und deutlicher als im Wachen ver- 
spürt werden, und alle gerade aktuellen Körperempfindungen 
ins Riesenhafte vergrößert auftreten. Diese Vergrößerung ist 
hypochondrischer Natur, sie hat zur Voraussetzung, daß alle 
psychische Besetzung von der Außenwelt auf das eigene Ich 
zurückgezogen wurde, und sie ermöglicht nun die frühzeitige 
Erkennung von körperlichen Veränderungen, die im Wach- 
leben noch eine Weile unbemerkt geblieben wären. 

Ein Traum zeigt uns an, daß etwas vorging, was den 
Schlaf stören wollte, und gestattet uns Einsicht in die Art, 
wie diese Störung abgewehrt werden konnte. Am Ende hat 
der Schlafende geträumt und kann seinen Schlaf fortsetzen; 
an Stelle des inneren Anspruches, der ihn beschäftigen wollte, 
ist ein äußeres Erlebnis getreten, dessen Anspruch erledigt 
worden ist. Ein Traum ist also auch eine Projektion, 
eine Veräußerlichung eines inneren Vorganges. Wir erinnern 
uns, daß wir die Projektion bereits an anderer Stelle unter 
den Mitteln der Abwehr begegnet haben. Auch der Mechanis- 
mus der hysterischen Phobie gipfelte darin, daß das Indi- 
viduum sich durch Fluchtversuche vor einer äußeren Gefahr 
schützen durfte, welche an die Stelle eines inneren Trieb- 
anspruches getreten war. Eine gründliche Erörterung der 
Projektion sparen wir uns aber auf, bis wir zur Zergliede- 
rung jener narzißtischen Affektion gekommen sind, bei 
welcher dieser Mechanismus die auffälligste Rolle spielt. 

Auf welche Weise kann aber der Fall herbeigeführt wer- 
den, daß die Absicht zu schlafen eine Störung erfährt? Die 
Störung kann von innerer Erregung oder von äußerem Reiz 



I44 Metaspychologische Ergänzung 

ausgehen. Wir wollen den minder durchsichtigen und inter- 
essanteren Fall der Störung von innen zuerst in Betracht 
ziehen; die Erfahrung zeigt uns als Erreger des Traumes 
Tagesreste, Denkbesetzungen, welche sich der allgemeinen 
Abziehung der Besetzungen nicht gefügt und ihr zum Trotz 
ein gewisses Maß von libidinösem oder anderem Interesse be- 
halten haben. Der Narzißmus des Schlafes hat also hier von 
vornherein eine Ausnahme zulassen müssen, und mit dieser 
hebt die Traumbildung an. Diese Tagesreste lernen wir in 
der Analyse als latente Traumgedanken kennen und müssen 
sie nach ihrer Natur wie zufolge der ganzen Situation als 
vorbewußte Vorstellungen, als Angehörige des Systems Vbw 
gelten lassen. 

Die weitere Aufklärung der Traumbildung gelingt nicht 
ohne Überwindung gewisser Schwierigkeiten. Der Narzißmus 
des Schlafzustandes bedeutet ja die Abziehung der Besetzung 
von allen Objektvorstellungen, sowohl der unbewußten wie 
der vorbewußten Anteile derselben. Wenn also gewisse 
„Tagesreste" besetzt geblieben sind, so hat es Bedenken an- 
zunehmen, daß diese zur Nachtzeit soviel Energie erwerben, 
um sich die Beachtung des Bewußtseins zu erzwingen; man 
ist eher geneigt anzunehmen, daß die ihnen verbliebene Be- 
setzung um vieles schwächer ist, als die ihnen tagsüber eigen 
war. Die Analyse überhebt uns hier weiterer Spekulationen, 
indem sie uns nachweist, daß diese Tagesreste eine Verstär- 
kung aus den Quellen unbewußter Triebregungen bekommen 
müssen, wenn sie als Traumbildner auftreten sollen. Diese 
Annahme hat zunächst keine Schwierigkeiten, denn wir 
müssen glauben, daß die Zensur zwischen Vbw und Ubw 
im Schlafe sehr herabgesetzt, der Verkehr zwischen beiden 
Systemen also eher erleichtert ist. 

Aber ein anderes Bedenken darf nicht verschwiegen wer- 
den. Wenn der narzißtische Schlafzustand die Einziehung 



zur Traumlehre 14 j 

aller Besetzungen der Systeme Ubw und Vbw zur Folge 
gehabt hat, so entfällt ja auch die Möglichkeit, daß die vor- 
bewußten Tagesreste eine Verstärkung aus den unbewußten 
Triebregungen beziehen, die selbst ihre Besetzungen an das 
Ich abgegeben haben. Die Theorie der Traumbildung läuft 
hier in einen Widerspruch aus, oder sie muß durch eine Modi- 
fikation der Annahme über den Schlafnarzißmus gerettet 
werden. 

Eine solche einschränkende Annahme wird, wie sich später 
ergeben soll, auch in der Theorie der Dementia praecox un- 
abweisbar. Sie kann nur lauten, daß der verdrängte Anteil 
des Systems Ubw dem vom Ich ausgehenden Schlafwunsche 
nicht gehorcht, seine Besetzung ganz oder teilweise behält 
und sich überhaupt infolge der Verdrängung ein gewisses 
Maß von Unabhängigkeit vom Ich geschaffen hat. In weiterer 
Entsprechung müßte auch ein gewisser Betrag des Verdrän- 
gungsaufwandes (der Gegenbesetzung) die Nacht über 
aufrechterhalten werden, um der Triebgefahr zu begegnen, 
obwohl die Unzugänglichkeit aller Wege zur Affektentbindung 
und zur Motilität die Höhe der notwendigen Gegenbesetzung 
erheblich herabsetzen mag. Wir würden uns also die zur 
Traumbildung führende Situation folgender Art ausmalen: 
Der Schlafwunsch versucht alle vom Ich ausgeschickten 
Besetzungen einzuziehen und einen absoluten Narzißmus her- 
zustellen. Das kann nur teilweise gelingen, denn das Ver- 
drängte des Systems Ubw folgt dem Schiafwunschc nicht. 
Es muß also auch ein Teil der Gegenbesetzungen aufrecht 
erhalten werden und die Zensur zwischen Ubw und Vbw, 
wenngleich nicht in voller Stärke, verbleiben. Soweit die 
Herrschaft des Ichs reicht, sind alle Systeme von Besetzungen 
entleert. Je stärker die ubw Triebbesetzungen sind, desto 
labiler ist der Schlaf. Wir kennen auch den extremen Fall, 
daß das Ich den Schlafwunsch aufgibt, weil es sich unfähig 

Freud, Theoretische Schnitten 10 



146 Metapsychologiscbe Ergänzung 

fühlt, die während des Schlafes frei gewordenen verdrängten 
Regungen zu hemmen, mit anderen Worten, daß es auf den 
Schlaf verzichtet, weil es sich vor seinen Träumen fürchtet. 

Wir werden später die Annahme von der Widersetzlichkeit 
der verdrängten Regungen als eine folgenschwere schätzen ler- 
nen. Verfolgen wir nun die Situation der Traumbildung weiter. 

Als zweiten Einbruch in den Narzißmus müssen wir die 
vorhin erwähnte Möglichkeit würdigen, daß auch einige der 
vorbewußten Tagesgedanken sich resistent erweisen und einen 
Teil ihrer Besetzung festhalten. Die beiden Fälle können im 
Grunde identisch sein; die Resistenz der Tagesreste mag sich 
auf die bereits im Wachleben bestehende Verknüpfung mit 
unbewußten Regungen zurückführen, oder es geht etwas 
weniger einfach zu, und die nicht ganz entleerten Tagesreste 
setzen sich erst im Schlafzustand, dank der erleichterten 
Kommunikation zwischen Vbw und Ubw, mit dem Ver- 
drängten in Beziehung. In beiden Fällen erfolgt nun der 
nämliche entscheidende Fortschritt der Traumbildung: Es 
wird der vorbewußte Traumwunsch geformt, welcher der 
unbewußten Regung Ausdruck gibt in dem 
Material der vorbewußten Tagesreste. 
Diesen Traumwunsch sollte man von den Tagesresten scharf 
unterscheiden; er muß im Wachleben nicht bestanden haben, 
er kann bereits den irrationellen Charakter zeigen, den alles 
Unbewußte an sich trägt, wenn man es ins Bewußte über- 
setzt. Der Traumwunsch darf auch nicht mit den Wunsch- 
regungen verwechselt werden, die sich möglicherweise, aber 
gewiß nicht notwendigerweise, unter den vorbewußten 
(latenten) Traumgedanken befunden haben. Hat es aber 
solche vorbewußte Wünsche gegeben, so gesellt sich ihnen 
der Traumwunsch als wirksamste Verstärkung hinzu. 

Es handelt sich nun um die weiteren Schicksale dieser in 
ihrem Wesen einen unbewußten Triebanspruch vertretenden 



zur Traumlehre X aj 

Wunschregung, die sich im Vbw als Traumwunsch (wunsch- 
erfüllende Phantasie) gebildet hat. Sie könnte ihre Erledigung 
auf drei verschiedenen Wegen finden, sagt uns die Über- 
legung. Entweder auf dem Wege, der im Wachleben der 
normale wäre, aus dem Vbw zum Bewußtsein drängen, oder 
sich mit Umgehung des Bw direkte motorische Abfuhr 
schaffen, oder den unvermuteten Weg nehmen, den uns die 
Beobachtung wirklich verfolgen läßt. Im ersteren Falle 
würde sie zu einer Wahnidee mit dem Inhalt der Wunsch- 
crfüllung, aber das geschieht im Schlafzustande nie. (Mit 
den metapsychologischen Bedingungen der seelischen Prozesse 
so wenig vertraut, können wir aus dieser Tatsache vielleicht 
den Wink entnehmen, daß die völlige Entleerung eines 
Systems es für Anregungen wenig ansprechbar macht.) Der 
zweite Fall, die direkte motorische Abfuhr, sollte durch das 
nämliche Prinzip ausgeschlossen sein, denn der Zugang zur 
Motilität liegt normalerweise noch ein Stück weiter weg von 
der Bewußtseinszensur, aber er kommt ausnahmsweise als 
Somnambulismus zur Beobachtung. Wir wissen nicht, 
welche Bedingungen dies ermöglichen, und warum er sich 
nicht häufiger ereignet. Was bei der Traumbildung wirklich 
geschieht, ist eine sehr merkwürdige und ganz unvorher- 
gesehene Entscheidung. Der im Vbw angesponnene und durch 
das Vbw verstärkte Vorgang nimmt einen rückläufigen Weg 
durch das Ubw zu der dem Bewußtsein sich aufdrängenden 
Wahrnehmung. Diese Regression ist die dritte Phase 
der Traumbildung. Wir wiederholen hier zur Übersicht die 
früheren: Verstärkung der vbw Tagesreste durch das Ubw 
— Herstellung des Traumwunsches. 

Wir heißen eine solche Regression eine topische zum 
Unterschied von der vorhin erwähnten zeitlichen oder 
entwicklungsgeschichtlichen. Die beiden müssen nicht immer 
zusammenfallen, tun es aber gerade in dem uns vorliegenden 

10* 



I4 g Metapsychologische Ergänzung 

Beispiele. Die Rückwendung des Ablaufes der Erregung vom 
Vhw durch das Ubw zur Wahrnehmung ist gleichzeitig die 
Rückkehr zu der frühen Stufe der halluzinatorischen Wunsch- 
erfüllung. 

Es ist aus der „Traumdeutung" bekannt, in welcher Weise 
die Regression der vorbewußten Tagesreste bei der Traum- 
bildung vor sich geht. Gedanken werden dabei in — vor- 
wiegend visuelle — Bilder umgesetzt, also Wortvorstellungen 
auf die ihnen entsprechenden Sachvorstellungen zurück- 
geführt, im ganzen so, als ob eine Rücksicht auf D a r s t e 1 1- 
barkeit den Prozeß beherrschen würde. Nach vollzogener 
Regression erübrigt eine Reihe von Besetzungen im System 
Ub-Wy Besetzungen von Sacherinncrungen, auf welche der psy- 
chische Primärvorgang einwirkt, bis er durch deren Verdich- 
tung und Verschiebung der Besetzungen zwischen ihnen den 
manifesten Trauminhalt gestaltet hat. Nur wo die Wort- 
vorstellungen in den Tagesresten frische, aktuelle Reste von 
Wahrnehmungen sind, nicht Gedankenausdruck, werden sie 
wie Sachvorstellungen behandelt und unterliegen an sich den 
Einflüssen der Verdichtung und Verschiebung. Daher die in 
der Traumdeutung gegebene, seither zur Evidenz bestätigte 
Regel, daß Worte und Reden im Trauminhalt nicht neu- 
gebildet, sondern Reden des Traumtages (oder sonstigen 
frischen Eindrücken, auch aus Gelesenem) nachgebildet wer- 
den. Es ist sehr bemerkenswert, wie wenig die Traumarbeit 
an den Wortvorstellungen festhält; sie ist jederzeit bereit, 
die Worte miteinander zu vertauschen, bis sie jenen Ausdruck 
findet, welcher der plastischen Darstellung die günstigste 
Handhabe bietet 2 . 



2) Der Rücksicht auf Darstellbarkeit schreibe ich auch die von 
Silberer betonte und vielleicht von ihm überschätzte Tatsache 
zu, daß manche Träume zwei gleichzeitig zutreffende und doch 
wesensverschiedene Deutungen gestatten, von denen Silberer die 



zur Traumlehrt 149 



In diesem Punkte zeigt sich nun der entscheidende Unter- 
schied zwischen der Traumarbeit und der Schizophrenie. Bei 
letzterer werden die Worte selbst, in denen der vorbewußte 
Gedanke ausgedrückt war, Gegenstand der Bearbeitung durch 
den Primär Vorgang; im Traume sind es nicht die Worte, 
sondern die Sachvorstellungen, auf welche die Worte zurück- 
geführt wurden. Der Traum kennt eine topische Regression, 
die Schizophrenie nicht; beim Traume ist der Verkehr 
zwischen (vbw) Wortbesetzungen und (ubw) Sachbesetzungen 
frei; für die Schizophrenie bleibt charakteristisch, daß er 
abgesperrt ist. Der Eindruck dieser Verschiedenheit wird 
gerade durch die Traumdeutungen, die wir in der psycho- 
analytischen Praxis vornehmen, abgeschwächt. Indem die 
Traumdeutung den Verlauf der Traumarbeit aufspürt, die 
Wege verfolgt, die von den latenten Gedanken zu den Traum- 
elementen führen, die Ausbeutung der Wortzweideutigkeiten 
aufdeckt und die Wortbrücken zwischen verschiedenen 
Materialkreisen nachweist, macht sie einen bald witzigen, 
bald schizophrenen Eindruck und läßt uns daran vergessen, 
daß alle Operationen an Worten für den Traum nur Vor- 
bereitung zur Sachregression sind. 



eine die analytische, die andere die a na g g is ch e heißt. 
Es handelt sich dann immer um Gedanken von sehr abstrakter 
Natur, die der Darstellung im Traume große Schwierigkeiten be- 
reiten mußten. Man halte sich zum Vergleiche etwa die Aufgabe 
vor den Leitartikel einer politischen Zeitung durch Illustrationen 
zu ersetzen! In solchen Fällen muß die Traumarbeit den abstrakten 
Gedankentext erst durch einen konkreteren ersetzen, welcher mit 
ihm irgendwie durch Vergleich, Symbolik, allegorische Anspielung, 
am besten aber genetisch verknüpft ist, und der nun an seiner 
Stelle Material der Traumarbeit wird. Die abstrakten Gedanken 
ergeben die sogenannte anagogische Deutung, die wir bei der 
Deutungsarbeit leichter erraten als die eigentlich analytische. Nach 
einer richtigen Bemerkung von O. Rank sind gewisse Kurträumc 
von analytisch behandelten Patienten die besten Vorbilder für die 
Auffassung solcher Träume mit mehrfacher Deutung. 



jj Metaspychologische Ergänzung 

Die Vollendung des Traumvorganges liegt darin, daß der 
regressiv verwandelte, zu einer Wunschphantasie umge- 
arbeitete Gedankeninhalt als sinnliche "Wahrnehmung bewußt 
wird, wobei er die sekundäre Bearbeitung erfährt, welcher 
jeder Wahrnehmungsinhalt unterliegt. Wir sagen, der Traum- 
wunsch wird halluziniert und findet als Halluzination 
den Glauben an die Realität seiner Erfüllung. Gerade an 
dieses abschließende Stück der Traumbildung knüpfen sich 
die stärksten Unsicherheiten, zu deren Klärung wir den 
Traum in Vergleich mit ihm verwandten pathologischen 
Zuständen bringen wollen. 

Die Bildung der Wunschphantasie und deren Regression 
zur Halluzination sind die wesentlichsten Stücke der Traum- 
arbeit, doch kommen sie ihm nicht ausschließend zu. Viel- 
mehr finden sie sich ebenso bei zwei krankhaften Zuständen, 
bei der akuten halluzinatorischen Verworrenheit, der 
Amentia (Meynerts), und in der halluzinatorischen 
Phase der Schizophrenie. Das halluzinatorische Delir der 
Amentia ist eine deutlich kennbare Wunschphantasie, oft 
völlig geordnet wie ein schöner Tagtraum. Man könnte ganz 
allgemein von einer halluzinatorischen Wunsch- 
psychose sprechen und sie dem Traume wie der Amentia 
in gleicher Weise zuerkennen. Es kommen auch Träume vor, 
welche aus nichts anderem als aus sehr reichhaltigen, unent- 
stellten Wunschphantasien bestehen. Die halluzinatorische 
Phase der Schizophrenie ist minder gut studiert; sie scheint 
in der Regel zusammengesetzter Natur zu sein, dürfte aber 
im wesentlichen einem neuen Restitutionsversuch entsprechen, 
der die libidinöse Besetzung zu den Objektvorstellungen zu- 
rückbringen will 3 . Die anderen halluzinatorischen Zustände 

3) Als ersten solchen Versuch haben wir in der Abhandlung über 
das „U nbewußte" die Uberbesetzung der Wortvorstellungen 
kennen gelernt. 



zur Traumlehre 151 

bei mannigfaltigen pathologischen Affektionen kann ich nicht 
zum Vergleich heranziehen, weil ich hier weder über eigene 
Erfahrung verfüge, noch die Anderer verwerten kann. 

Machen wir uns klar, daß die halluzinatorische Wunsch- 
psychose — im Traume oder anderwärts — zwei keineswegs 
ineinander fallende Leistungen vollzieht. Sie bringt nicht nur 
verborgene oder verdrängte Wünsche zum Bewußtsein, son- 
dern stellt sie auch unter vollem Glauben als erfüllt dar. 
Es gilt, dieses Zusammentreffen zu verstehen. Man kann 
keineswegs behaupten, die unbewußten Wünsche müßten für 
Realitäten gehalten werden, nachdem sie einmal bewußt ge- 
worden sind, denn unser Urteil ist bekanntermaßen sehr wohl 
imstande, Wirklichkeiten von noch so intensiven Vorstel- 
lungen und Wünschen zu unterscheiden. Dagegen scheint es 
gerechtfertigt, anzunehmen, daß der Realitätsglaube an die 
Wahrnehmung durch die Sinne geknüpft ist. Wenn einmal 
ein Gedanke den Weg zur Regression bis zu den unbewußten 
Objekterinnerungsspuren und von da bis zur Wahrnehmung 
gefunden hat, so anerkennen wir seine Wahrnehmung als real. 
Die Halluzination bringt also den Realitätsglauben mit sich. 
Es fragt sich nun, welches die Bedingung für das Zustande- 
kommen einer Halluzination ist. Die erste Antwort würde 
lauten: Die Regression, und somit die Frage nach der Ent- 
stehung der Halluzination durch die nach dem Mechanismus 
der Regression ersetzen. Die Antwort darauf brauchten wir 
für den Traum nicht lange schuldig zu bleiben. Die Re- 
gression der vbw Traumgedanken zu den Sacherinnerungs- 
bildcrn ist offenbar die Folge der Anziehung, welche diese 
ubw Triebrepräsentanzen — zum Beispiel verdrängte Er- 
lebniserinnerungen — auf die in Worte gefaßten Gedanken 
ausüben. Allein wir merken bald, daß wir auf falsche Fährte 
geraten sind. Wäre das Geheimnis der Halluzination kein 
anderes als das der Regression, so müßte jede genug intensive 



152 Metaspychologische Ergänzung 

Regression eine Halluzination mit Realitätsglauben ergeben. 
Wir kennen aber sehr wohl die Fälle, in denen ein regressives 
Nachdenken sehr deutliche visuelle Erinnerungsbilder zum 
Bewußtsein bringt, die wir darum keinen Augenblick für reale 
Wahrnehmung halten. Wir könnten uns auch sehr wohl vor- 
stellen, daß die Traumarbeit bis zu solchen Erinnerungs- 
bildern vordringt, uns die bisher unbewußten bewußt macht 
und uns eine Wunschphantasie vorspiegelt, die wir sehnsüch- 
tig empfinden, aber nicht als die reale Erfüllung des Wunsches 
anerkennen würden. Die Halluzination muß also mehr sein 
als die regressive Belebung der an sich ubiv Erinnerungsbilder. 

Halten wir uns noch vor, daß es von großer praktischer 
Bedeutung ist, Wahrnehmungen von noch so intensiv er- 
innerten Vorstellungen zu unterscheiden. Unser ganzes Ver- 
hältnis zur Außenwelt, zur Realität, hängt von dieser Fähig- 
keit ab. Wir haben die Fiktion aufgestellt, daß wir diese 
Fähigkeit nicht immer besaßen, und daß wir zu Anfang 
unseres Seelenlebens wirklich das befriedigende Objekt hal- 
luzinierten, wenn wir das Bedürfnis nach ihm verspürten. Aber 
die Befriedigung blieb in solchem Falle aus, und der Miß- 
erfolg muß uns sehr bald bewogen haben, eine Einrichtung 
zu schaffen, mit deren Hilfe eine solche Wunschwahrnehmung 
von einer realen Erfüllung unterschieden und im weiteren 
vermieden werden konnte. Wir haben mit anderen Worten 
sehr frühzeitig die halluzinatorische Wunschbefriedigung auf- 
gegeben und eine Art der R e a 1 i t ä t s p r ü f u n g ein- 
gerichtet. Die Frage erhebt sich nun, worin bestand diese 
Realitätsprüfung, und wie bringt es die halluzinatorische 
Wunschpsychose des Traumes und der Amentia u. dgl. zu- 
stande, sie aufzuheben und den alten Modus der Befriedigung 
wieder herzustellen. 

Die Antwort läßt sich geben, wenn wir nun daran gehen, 
das dritte unserer psychischen Systeme, das System Bw t 



. 



zur Traumlehre 153 

welches wir bisher vom Vbw nicht scharf gesondert haben, 
näher zu bestimmen. Wir haben uns schon in der Traum- 
deutung entschließen müssen, die bewußte Wahrnehmung als 
die Leistung eines besonderen Systems in Anspruch zu nehmen, 
dem wir gewisse merkwürdige Eigenschaften zugeschrieben 
haben und mit guten Gründen noch weitere Charaktere bei- 
legen werden. Dieses dort W genannte System bringen wir 
zur Deckung mit dem System Bw } an dessen Arbeit in der 
Regel das Bewußtwerden hängt. Noch immer aber deckt 
sich die Tatsache des Bewußtwerdens nicht völlig mit der 
Systemzugehörigkeit, denn wir haben ja erfahren, daß sinn- 
liche Erinnerungsbilder bemerkt werden können, denen wir 
unmöglich einen psychischen Ort im System Bw oder W 
zugestehen können. 

Allein die Behandlung dieser Schwierigkeit darf wiederum 
aufgeschoben werden, bis wir das System Bw selbst als Mittel- 
punkt unseres Interesses einstellen können. Für unseren gegen- 
wärtigen Zusammenhang darf uns die Annahme gestattet 
weiden, daß die Halluzination in einer Besetzung des Systems 
Bw (W) besteht, die aber nicht wie normal von außen, son- 
dern von innen her erfolgt, und daß sie zur Bedingung hat, 
die Regression müsse so weit gehen, daß sie dies System 
selbst erreicht und sich dabei über die Realitätsprüfung hin- 
aussetzen kann 4 . 

Wir haben in einem früheren Zusammenhang („Triebe und 
Triebschicksale") für den noch hilflosen Organismus die Fähig- 
keit in Anspruch genommen, mittels seiner Wahrnehmungen 
eine erste Orientierung in der Welt zu schaffen, indem er 
„außen" und „innen" nach der Beziehung zu einer Muskel- 
aktion unterscheidet. Eine Wahrnehmung, die durch eine 

4) Ich füge ergänzend hinzu, daß ein Erklärungsversuch der 
Halluzination nicht an der positiven, sondern vielmehr an der 
negativen Halluzination angreifen müßte. 



154 Metaspycbologische Ergänzung 

Aktion zum Verschwinden gebracht wird, ist als eine äußere, 
als Realität, erkannt; wo solche Aktion nichts ändert, kommt 
die Wahrnehmung aus dem eigenen Körperinnern, sie ist 
nicht real. Es ist dem Individuum wertvoll, daß es ein solches 
Kennzeichen der Realität besitzt, welches gleichzeitig eine 
Abhilfe gegen sie bedeutet, und es wollte gern mit ähnlicher 
Macht gegen seine oft unerbittlichen Triebansprüche aus- 
gestattet sein. Darum wendet es solche Mühe daran, was ihm 
von innen her beschwerlich wird, nach außen zu versetzen, 
zu projizieren. 

Diese Leistung der Orientierung in der Welt durch Unter- 
scheidung von innen und außen müssen wir nun nach einer 
eingehenden Zergliederung des seelischen Apparates dem 
System Bw (W) allein zuschreiben. Bw muß über eine moto- 
rische Innervation verfügen, durch welche festgestellt wird, 
ob die Wahrnehmung zum Verschwinden zu bringen ist oder 
sich resistent verhält. Nichts anderes als diese Einrichtung 
braucht die Realitätsprüfung zu sein 5 . Näheres 
darüber können wir nicht aussagen, da Natur und Arbeits- 
weise des Systems Bw noch zu wenig bekannt sind. Die 
Realitätsprüfung werden wir als eine der großen Institu- 
tionen des Ichs neben die uns bekannt gewordenen 
Zensuren zwischen den psychischen Systemen hinstellen 
und erwarten, daß uns die Analyse der narzißtischen Affek- 
tionen andere solcher Institutionen aufzudecken verhilft. 

Hingegen können wir schon jetzt aus der Pathologie er- 
fahren, auf welche Weise die Realitätsprüfung aufgehoben 
oder außer Tätigkeit gesetzt werden kann, und zwar werden 
wir es in der Wunschpsychose, der Amentia, unzweideutiger 
erkennen als am Traum: Die Amentia ist die Reaktion auf 
einen Verlust, den die Realität behauptet, der aber vom Ich 

5) Über die Unterscheidung einer Aktualitäts- von einer Reali- 
tätsprüfung siehe an späterer Stelle. 




zur Traumlehre r S 5 



als unerträglich verleugnet werden soll. Darauf bricht das 
Ich die Beziehung zur Realität ab, es entzieht dem System 
der Wahrnehmungen Bw die Besetzung oder vielleicht besser 
eine Besetzung, deren besondere Natur noch Gegenstand einer 
Untersuchung werden kann. Mit dieser Abwendung von der 
Realität ist die Realitätsprüfung beseitigt, die — unverdräng- 
ten, durchaus bewußten — Wunschphantasien können ins 
System vordringen und werden von dort aus als bessere 
Realität anerkannt. Eine solche Entziehung darf den Ver- 
drängungsvorgängen beigeordnet werden; die Amentia bietet 
uns das interessante Schauspiel einer Entzweiung des Ichs 
mit einem seiner Organe, welches ihm vielleicht am ge- 
treuesten diente und am innigsten verbunden war 6 . 

Was bei der Amentia die „Verdrängung" leistet, das macht 
beim Traum der freiwillige Verzicht. Der Schlafzustand will 
nichts von der Außenwelt wissen, interessiert sich nicht für 
die Realität oder nur insoweit, als das Verlassen des Schlaf- 
zustandes, das Erwachen, in Betracht kommt. Er zieht also 
auch die Besetzung vom System Bw ab, wie von den anderen 
Systemen, dem Vbw und dem Ubiv, soweit die in ihnen vor- 
handenen Positionen dem Schlafwunsch gehorchen. Mit dieser 
Unbesetztheit des Systems Bw ist die Möglichkeit einer 
Realitätsprüfung aufgegeben, und die Erregungen, welche vom 
Schlafzustand unabhängig den Weg der Regression ein- 
geschlagen haben, werden ihn frei finden bis zum System Bw, 
in welchem sie als unbestrittene Realität gelten werden 7 . Für 



6) Man kann von hier aus die Vermutung wagen, daß auch die 
toxischen Halluzinosen, z. B. das Alkoholdelirmm, in analoger 
Weise zu verstehen sind. Der unerträgliche Verlust, der von der 
Realität auferlegt wird, wäre eben der des Alkohols, Zuführung 
desselben hebt die Halluzination auf. 

7) Das Prinzip der Unerregbarkeit unbesetzter Systeme erscheint 
hier für das Bw (W) außer Kraft gesetzt. Aber es kann sich um 
nur teilweise Aufhebung der Besetzung handeln, und gerade für 



156 Metaspychologiscke Ergänzung zur Traumlehre 

die halluzinatorische Psychose der Dementia praecox werden 
wir aus unseren Erwägungen ableiten, daß sie nicht zu den 
Eingangssymptomen der Affektion gehören kann. Sie wird 
erst ermöglicht, wenn das Ich des Kranken soweit zerfallen 
ist, daß die Realitätsprüfung nicht mehr die Halluzination 
verhindert. 

Zur Psychologie der Traumvorgänge erhalten wir das 
Resultat, daß alle wesentlichen Charaktere des Traumes durch 
die Bedingung des Schlafzustandes determiniert werden. Der 
alte Aristoteles behält mit seiner unscheinbaren Aussage, 
der Traum sei die seelische Tätigkeit des Schlafenden, in 
allen Stücken recht. Wir konnten ausführen: Ein Rest von 
seelischer Tätigkeit, dadurch ermöglicht, daß sich der narziß- 
tische Schlafzustand nicht ausnahmslos durchsetzen ließ. Das 
lautet ja nicht viel anders, als was Psychologen und Philo- 
sophen von jeher gesagt haben, ruht aber auf ganz ab- 
weichenden Ansichten über den Bau und die Leistung des 
seelischen Apparates, die den Vorzug vor den früheren haben, 
daß sie auch alle Einzelheiten des Traumes unserem Ver- 
ständnis nahe bringen konnten. 

Werfen wir am Ende noch einen Blick auf die Bedeutung, 
welche eine Topik des Verdrängungsvorganges für unsere 
Einsicht in den Mechanismus der seelischen Störungen ge- 
winnt. Beim Traum betrifft die Entziehung der Besetzung 
(Libido, Interesse) alle Systeme gleichmäßig, bei den Über- 
tragungsneurosen wird die Vbw Besetzung zurückgezogen, bei 
der Schizophrenie die des Ubw, bei der Amentia die des Bw. 



das Wahrnchmungssystem werden wir eine Anzahl von Erregungs- 
bedingungen annehmen müssen, die von denen anderer Systeme weit 
abweichen. — Der unsicher tastende Charakter dieser metapsycho- 
logischen Erörterungen soll natürlich in keiner Weise verschleiert 
oder beschönigt werden. Erst weitere Vertiefung kann zu einem 
gewissen Grade von Wahrscheinlichkeit führen. 
























TRAUER UND MELANCHOLIE 

(1917) 

Nachdem uns der Traum als Normalvorbild der narziß- 
tischen Seelenstörungen gedient hat, wollen wir den Versuch 
machen, das Wesen der Melancholie durch ihre Vergleichung 
mit dem Normalaffekt der Trauer zu erhellen. Wir müssen 
aber diesmal ein Bekenntnis vorausschicken, welches vor Über- 
schätzung des Ergebnisses warnen soll. Die Melancholie, deren 
Begriffsbestimmung auch in der deskriptiven Psychiatrie schwan- 
kend ist, tritt in verschiedenartigen klinischen Formen auf, 
deren Zusammenfassung zur Einheit nicht gesichert scheint, 
von denen einige eher an somatische als an psychogene Affek- 
tionen mahnen. Unser Material beschränkt sich, abgesehen von 
den Eindrücken, die jedem Beobachter zu Gebote stehen, auf 
eine kleine Anzahl von Fällen, deren psychogene Natur keinem 
Zweifel unterlag. So werden wir den Anspruch auf allgemeine 
Gültigkeit unserer Ergebnisse von vornherein fallen lassen und 
uns mit der Erwägung trösten, daß wir mit unseren gegen- 
wärtigen Forschungsmitteln kaum etwas finden können, was 
nicht typisch wäre, wenn nicht für eine ganze Klasse von 
Affektionen, so doch für eine kleinere Gruppe. 

Die Zusammenstellung von Melancholie und Trauer er- 
scheint durch das Gesamtbild der beiden Zustände gerecht- 



158 Trauer und Melancholie 

fertigt 1 . Auch die Anlässe zu beiden aus den Lebenseinwir- 
kungen fallen dort, wo sie überhaupt durchsichtig sind, zu- 
sammen. Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust 
einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten 
Abstraktion, wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw. Unter 
den nämlichen Einwirkungen zeigt sich bei manchen Personen, 
die wir darum unter den Verdacht einer krankhaften Dis- 
position setzen, an Stelle der Trauer eine Melancholie. Es ist 
auch sehr bemerkenswert, daß es uns niemals einfällt, die 
Trauer als einen krankhaften Zustand zu betrachten und dem 
Arzt zur Behandlung zu übergeben, obwohl sie schwere Ab- 
weichungen vom normalen Lebensverhalten mit sich bringt. 
Wir vertrauen darauf, daß sie nach einem gewissen Zeitraum 
überwunden sein wird, und halten eine Störung derselben für 
unzweckmäßig, selbst für schädlich. 

Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief 
schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für 
die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch 
die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbst- 
gefühls, die sich in Selbstvorwürfcn und Selbstbeschimpfungen 
äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert. 
Dies Bild wird unserem Verständnis näher gerückt, wenn wir 
erwägen, daß die Trauer dieselben Züge aufweist, bis auf 
einen einzigen; die Störung des Selbstgefühls fällt bei ihr 
weg. Sonst aber ist es dasselbe. Die schwere Trauer, die 
Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person, enthält die 
nämliche schmerzliche Stimmung, den Verlust des Interesses 
für die Außenwelt — soweit sie nicht an den Verstorbenen 
mahnt, — den Verlust der Fähigkeit, irgend ein neues Liebes- 

1) Auch Abraham, dem wir die bedeutsamste unter den 
wenigen analytischen Studien über den Gegenstand verdanken, ist 
von dieser Vergleichung ausgegangen. (Zentralblatt für Psycho- 
analyse, II, 6, 19 12.) 



Trauer und Melancholie 159 

objekt zu wählen — was den Betrauerten ersetzen hieße, — 
die Abwendung von jeder Leistung, die nicht mit dem An- 
denken des Verstorbenen in Beziehung steht. Wir fassen es 
leicht, daß diese Hemmung und Einschränkung des Ichs 
der Ausdruck der ausschließlichen Hingabe an die Trauer ist, 
wobei für andere Absichten und Interessen nichts übrig bleibt. 
Eigentlich erscheint uns dieses Verhalten nur darum nicht 
pathologisch, weil wir es so gut zu erklären wissen. 

Wir werden auch den Vergleich gutheißen, der die Stim- 
mung der Trauer eine „schmerzliche" nennt. Seine Berech- 
tigung wird uns wahrscheinlich einleuchten, wenn wir im- 
stande sind, den Schmerz Ökonomisch zu charakterisieren. 

Worin besteht nun die Arbeit, welche die Trauer leistet? 
Ich glaube, daß es nichts Gezwungenes enthalten wird, sie 
in folgender Art darzustellen: Die Realitätsprüfung hat ge- 
zeigt, daß das geliebte Objekt nicht mehr besteht, und erläßt 
nun die Aufforderung, alle Libido aus ihren Verknüpfungen 
mit diesem Objekt abzuziehen. Dagegen erhebt sich ein be- 
greifliches Sträuben, — es ist allgemein zu beobachten, daß 
der Mensch eine Libidoposition nicht gern verläßt, selbst dann 
nicht, wenn ihm Ersatz bereits winkt. Dies Sträuben kann 
so intensiv sein, daß eine Abwendung von der Realität und 
ein Festhalten des Objekts durch eine halluzinatorische 
Wunschpsychose (siehe die vorige Abhandlung) zustande 
kommt. Das Normale ist, daß der Respekt vor der Realität 
den Sieg behält. Doch kann ihr Auftrag nicht sofort erfüllt 
werden. Er wird nun im einzelnen unter großem Aufwand 
von Zeit und Besetzungsenergie durchgeführt und unterdes die 
Existenz des verlorenen Objekts psychisch fortgesetzt. Jede 
einzelne der Erinnerungen und Erwartungen, in denen die 
Libido an das Objekt geknüpft war, wird eingestellt, über- 
besetzt und an ihr die Lösung der Libido vollzogen. Warum 
diese Kompromißleistung der Einzeldurchführung des Realitäts- 



160 Trauer und Melancholie 



gcbotes so außerordentlich schmerzhaft ist, läßt sich in 
ökonomischer Begründung gar nicht leicht angeben. Es ist 
merkwürdig, daß uns diese Schmerzunlust selbstverständlich 
erscheint. Tatsächlich wird aber das Ich nach der Voll- 
endung der Trauerarbeit wieder frei und ungehemmt. 

Wenden wir nun auf die Melancholie an, was wir von 
der Trauer erfahren haben. In einer Reihe von Fällen ist 
es offenbar, daß auch sie Reaktion auf den Verlust eines 
geliebten Objekts sein kann; bei anderen Veranlassungen 
kann man erkennen, daß der Verlust von mehr ideeller 
Natur ist. Das Objekt ist nicht etwa real gestorben, aber 
es ist als Liebesobjekt verlorengegangen (zum Beispiel der 
Fall einer verlassenen Braut). In noch anderen Fällen glaubt 
man an der Annahme eines solchen Verlustes festhalten zu 
sollen, aber man kann nicht deutlich erkennen, was ver- 
loren wurde, und darf um so eher annehmen, daß auch der 
Kranke nicht bewußt erfassen kann, was er verloren hat. 
Ja, dieser Fall könnte auch dann noch vorliegen, wenn 
der die Melancholie veranlassende Verlust dem Kranken 
bekannt ist, indem er zwar weiß wen, aber nicht, was 
er an ihm verloren hat. So würde uns nahegelegt, die 
Melancholie irgendwie auf einen dem Bewußtsein ent- 
zogenen Objektverlust zu beziehen, zum Unterschied 
von der Trauer, bei welcher nichts an dem Verluste 
unbewußt ist. 

Bei der Trauer fanden wir Hemmung und Interesselosig- 
keit durch die das Ich absorbierende Trauerarbeit restlos 
aufgeklärt. Eine ähnliche innere Arbeit wird auch der un- 
bekannte Verlust bei der Melancholie zur Folge haben und 
darum für die Hemmung der Melancholie verantwortlich 
werden. Nur daß uns die melancholische Hemmung einen 
rätselhaften Eindruck macht, weil wir nicht sehen können, 
was die Kranken so vollständig absorbiert. Der Melancholiker 



Trauer und Melancholie 161 



zeigt uns noch eines, was bei der Trauer entfällt, eine außer- 
ordentliche Herabsetzung seines Ichgefühls, eine großartige 
Ichverarmung. Bei der Trauer ist die Welt arm und leer 
geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst. Der 
Kranke schildert uns sein Ich als nichtswürdig, leistungs- 
unfähig und moralisch verwerflich, er macht sich Vorwürfe, 
beschimpft sich und erwartet Ausstoßung und Strafe. Er 
erniedrigt sich vor jedem anderen, bedauert jeden der Sei- 
nigen, daß er an seine so unwürdige Person gebunden sti. 
Er hat nicht das Urteil einer Veränderung, die an ihm 
vorgefallen ist, sondern streckt seine Selbstkritik über die 
Vergangenheit aus; er behauptet, niemals besser gewesen zu 
sein. Das Bild dieses — vorwiegend moralischen — Klein- 
heitswahnes vervollständigt sich durch Schlaflosigkeit, Ab- 
lehnung der Nahrung und eine psychologisch höchst merk- 
würdige Überwindung des Triebes, der alles Lebende am 
Leben festzuhalten zwingt. 

Es wäre wissenschaftlich wie therapeutisch gleich un- 
fruchtbar, dem Kranken zu widersprechen, der solche An- 
klagen gegen sein Ich vorbringt. Er muß wohl irgendwie 
recht haben und etwas schildern, was sich so verhält, wie 
es ihm erscheint. Einige seiner Angaben müssen wir ja ohne 
Einschränkung sofort bestätigen. Er ist wirklich so interesse- 
los, so unfähig zur Liebe und zur Leistung, wie er sagt. 
Aber das ist, wie wir wissen, sekundär, ist die Folge der 
inneren, uns unbekannten, der Trauer vergleichbaren Arbeit, 
welche sein Ich aufzehrt. In einigen anderen Selbstanklagen 
scheint er uns gleichfalls recht zu haben und die Wahrheit 
nur schärfer zu erfassen als andere, die nicht melancholisch 
sind. Wenn er sich in gesteigerter Selbstkritik als klein- 
lichen, egoistischen, unaufrichtigen, unselbständigen Men- 
schen schildert, der nur immer bestrebt war, die Schwächen 
seines Wesens zu verbergen, so mag er sich unseres Wissens 

Freud, Theoretische Schriften 11 



1 6 2 Trauer and Melancholie 



der Selbsterkenntnis ziemlich angenähert haben, und wir 
fragen uns nur, warum man erst krank werden muß, um 
solcher Wahrheit zugänglich zu sein. Denn es leidet keinen 
Zweifel, wer eine solche Selbsteinschätzung gefunden hat 
und sie vor anderen äußert — eine Schätzung, wie sie Prinz 
Hamlet für sich und alle anderen bereit hat 2 , — der ist 
krank, ob er nun die Wahrheit sagt oder sich mehr oder 
weniger Unrecht tut. Es ist auch nicht schwer, zu bemerken, 
daß zwischen dem Ausmaß der Selbsterniedrigung und ihrer 
realen Berechtigung nach unserem Urteil keine Entsprechung 
besteht. Die früher brave, tüchtige und pflichttreue Frau 
wird in der Melancholie nicht besser von sich sprechen, als 
die in Wahrheit nichtsnutzige, ja vielleicht hat die erstere mehr 
Aussicht, an Melancholie zu erkranken, als die andere, von 
der auch wir nichts Gutes zu sagen wüßten. Endlich muß 
uns auffallen, daß der Melancholiker sich doch nicht ganz 
so benimmt wie ein normalerweise von Reue und Selbst- 
vorwurf Zerknirschter. Es fehlt das Schämen vor anderen, 
welches diesen letzteren Zustand vor allem charakterisieren 
würde, oder es tritt wenigstens nicht auffällig hervor. Man 
könnte am Melancholiker beinahe den gegenteiligen Zug 
einer aufdringlichen Mitteilsamkeit hervorheben, die an der 
eigenen Bloßstellung eine Befriedigung findet. 

Es ist also nicht wesentlich, ob der Melancholiker mit 
seiner peinlichen Selbstherabsetzung insofern recht hat, als 
diese Kritik mit dem Urteil der anderen zusammentrifft. 
Es muß sich vielmehr darum handeln, daß er seine psycho- 
logische Situation richtig beschreibt. Er hat seine Selbst- 
achtung verloren und muß guten Grund dazu haben. Wir 
stehen dann allerdings vor einem Widerspruch, der uns ein 
schwer lösbares Rätsel aufgibt. Nach der Analogie mit der 

2) Use every men after his desert, and who should scape whipping. 
Hamlet, II, 2. 



Trauer und Melancholie 163 



Trauer mußten wir schließen, daß er einen Verlust am 
Objekte erlitten hat; aus seinen Aussagen geht ein Verlust 
an seinem Ich hervor. 

Ehe wir uns mit diesem Widerspruch beschäftigen, ver- 
weilen wir einen Moment lang bei dem Einblick, den uns 
die Affektion des Melancholikers in die Konstitution des 
menschlichen Ichs gewährt. Wir sehen bei ihm, wie sich ein 
Teil des Ichs dem anderen gegenüberstellt, es kritisch wertet, 
es gleichsam zum Objekt nimmt. Unser Verdacht, daß die 
hier vom Ich abgespaltene kritische Instanz auch unter 
anderen Verhältnissen ihre Selbständigkeit erweisen könne, 
wird durch alle weiteren Beobachtungen bestätigt werden. 
Wir werden wirklich Grund finden, diese Instanz vom übrigen 
Ich zu sondern. Was wir hier kennen lernen, ist die ge- 
wöhnlich Gewissen genannte Instanz; wir werden sie 
mit der Bewußtseinszensur und der Realitätsprüfung zu den 
grüßen Ich-Institutionen rechnen und irgendwo auch die 
Beweise dafür finden, daß sie für sich allein erkranken kann. 
Das Krankheitsbild der Melancholie läßt das moralische Miß- 
fallen am eigenen Ich vor anderen Ausstellungen hervor- 
treten: körperliche Gebrechen, Häßlichkeit, Schwäche, soziale 
Minderwertigkeit sind weit seltener Gegenstand der Selbst- 
einschätzung; nur die Verarmung nimmt unter den Befürch- 
tungen oder Behauptungen des Kranken eine bevorzugte 
Stelle ein. 

Zur Aufklärung des vorhin aufgestellten Widerspruches 
führt dann eine Beobachtung, die nicht einmal schwer an- 
zustellen ist. Hört man die mannigfachen Selbstanklagen des 
Melancholikers geduldig an, so kann man sich endlich des 
Eindruckes nicht erwehren, daß die stärksten unter ihnen 
zur eigenen Person oft sehr wenig passen, aber mit gering- 
fügigen Modifikationen einer anderen Person anzupassen 
sind, die der Kranke liebt, geliebt hat oder lieben sollte. 

11* 



164 Trauer und Melancholie 

So oft man den Sachverhalt untersucht, bestätigt er diese 
Vermutung. So hat man denn den Schlüssel des Krankheits- 
bildes in der Hand, indem man die Selbstvorwürfe als Vor- 
würfe gegen ein Liebesobjekt erkennt, die von diesem weg 
auf das eigene Ich gewälzt sind. 

Die Frau, die laut ihren Mann bedauert, daß er an eine 
so untüchtige Frau gebunden ist, will eigentlich die Untüch- 
tigkeit des Mannes anklagen, 111 welchem Sinne diese auch 
gemeint sein mag. Man braucht sich nicht zu sehr zu ver- 
wundern, daß einige echte Selbstvorwürfe unter die rück- 
gewendeten eingestreut sind; sie dürfen sich vordrängen, weil 
sie dazu verhelfen, die anderen zu verdecken und die Er- 
kenntnis des Sachverhaltes unmöglich zu machen, sie stam- 
men ja auch aus dem Für und Wider des Liebesstreites, 
der zum Liebesverlust geführt hat. Auch das Benehmen der 
Kranken wird jetzt um vieles verständlicher. Ihre Klagen 
sind Anklagen, gemäß dem alten Sinne des Wortes; sie 
schämen und verbergen sich nicht, weil alles Herabsetzende, 
was sie von sich aussagen, im Grunde von einem anderen 
gesagt wird; und sie sind weit davon entfernt, gegen ihre 
Umgebung die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die 
allein so unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind 
vielmehr im höchsten Grade quälerisch, immer wie gekränkt 
und als ob ihnen ein großes Unrecht widerfahren wäre. Dies 
ist alles nur möglich, weil die Reaktionen ihres Benehmens 
noch von der seelischen Konstellation der Auflehnung aus- 
gehen, welche dann durch einen gewissen Vorgang in die 
melancholische Zerknirschung übergeführt worden ist. 

Es hat dann keine Schwierigkeit, diesen Vorgang zu 
rekonstruieren. Es hatte eine Objektwahl, eine Bindung der 
Libido an eine bestimmte Person bestanden; durch den Ein- 
fluß einer realen Kränkung oder Enttäu- 
schung von Seiten der geliebten Person trat eine Er- 



Trauer und Melancholie 



165 



schütterung dieser Objektbeziehung ein. Der Erfolg war nicht 
der normale einer Abziehung der Libido von diesem Objekt 
und Verschiebung derselben auf ein neues, sondern ein 
anderer, der mehrere Bedingungen für sein Zustandekommen 
zu erfordern scheint. Die Objektbesetzung erwies sich als 
wenig resistent, sie wurde aufgehoben, aber die freie Libido 
nicht auf ein anderes Objekt verschoben, sondern ins Ich 
zurückgezogen. Dort fand sie aber nicht eine beliebige Ver- 
wendung, sondern diente dazu, eine Identifizierung 
des Ichs mit dem aufgegebenen Objekt herzustellen. Der 
Schatten des Objekts fiel so auf das Ich, welches nun von 
einer besonderen Instanz wie ein Objekt, wie das verlassene 
Objekt, beurteilt werden konnte. Auf diese Weise hatte sich 
der Objektverlust in einen Ichverlust verwandelt, der Kon- 
flikt zwischen dem Ich und der geliebten Person in einen 
Zwiespalt zwischen der Ichkritik und dem durch Identifi- 
zierung veränderten Ich. 

Von den Voraussetzungen und Ergebnissen eines solchen 
Vorganges läßt sich einiges unmittelbar erraten. Es muß 
einerseits eine starke Fixierung an das Liebesobjekt vor- 
handen sein, anderseits aber im Widerspruch dazu eine ge- 
ringe Resistenz der Objektbesetzung. Dieser Widerspruch 
scheint nach einer treffenden Bemerkung von O. Rank zu 
fordern, daß die Objektwahl auf narzißtischer Grundlage 
erfolgt sei, so daß die Objektbesetzung, wenn sich Schwierig- 
keiten gegen sie erheben, auf den Narzißmus regredieren 
kann. Die narzißtische Identifizierung mit dem Objekt wird 
dann zum Ersatz der Liebesbesetzung, was den Erfolg hat, 
daß die Liebesbeziehung trotz des Konflikts mit der ge- 
liebten Person nicht aufgegeben werden muß. Ein solcher 
Ersatz der Objektliebe durch Identifizierung ist ein für die 
narzißtischen Affektionen bedeutsamer Mechanismus; 
K. Landauer hat ihn kürzlich in dem Heilungsvorgang 



166 Trauer und Melancholie 



einer Schizophrenie aufdecken können 3 . Er entspricht natür- 
lich der Regression von einem Typus der Objektwahl 
auf den ursprünglichen Narzißmus. Wir haben an anderer 
Stelle ausgeführt, daß die Identifizierung die Vorstufe der 
Objektwahl ist und die erste, in ihrem Ausdruck ambivalente, 
Art, wie das Ich ein Objekt auszeichnet. Es möchte sich 
dieses Objekt einverleiben, und zwar der oralen oder kanni- 
balischen Phase der Libidoentwicklung entsprechend auf dem 
Wege des Fressens. Auf diesen Zusammenhang führt Abra- 
ham wohl mit Recht die Ablehnung der Nahrungsaufnahme 
zurück, welche sich bei schwerer Ausbildung des melan- 
cholischen Zustandes kundgibt. 

Der von der Theorie geforderte Schluß, welcher die Dis- 
position zur melancholischen Erkrankung oder eines Stückes 
von ihr in die Vorherrschaft des narzißtischen Typus der 
Objekt wähl verlegt, entbehrt leider noch der Bestätigung 
durch die Untersuchung. Ich habe in den einleitenden Sätzen 
dieser Abhandlung bekannt, daß das empirische Material, 
auf welches diese Studie gebaut ist, für unsere Ansprüche 
nicht zureicht. Dürfen wir eine Übereinstimmung der 
Beobachtung mit unseren Ableitungen annehmen, so würden 
wir nicht zögern, die Regression von der Objektbesetzung 
auf die noch dem Narzißmus angehörige orale Libidophase 
in die Charakteristik der Melancholie aufzunehmen. Identifi- 
zierungen mit dem Objekt sind auch bei den Übertragungs- 
neurosen keineswegs selten, vielmehr ein bekannter Mechanis- 
mus der Symptombildung, zumal bei der Hysterie. Wir 
dürfen aber den Unterschied der narzißtischen Identifizierung 
von der hysterischen darin erblicken, daß bei ersterer die 
Objektbesetzung aufgelassen wird, während sie bei letzterer 
bestehen bleibt und eine Wirkung äußert, die sich gewöhn- 

3) Internat. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, II, 19 14. 



Trauer und Melancholie 167 

lieh auf gewisse einzelne Aktionen und Innervationen be- 
schränkt. Immerhin ist die Identifizierung auch bei den 
Übertragungsneurosen der Ausdruck einer Gemeinschaft, 
welche Liebe bedeuten kann. Die narzißtische Identifizierung 
ist die ursprünglichere und eröffnet uns den Zugang zum 
Verständnis der weniger gut studierten hysterischen. 

Die Melancholie entlehnt also einen Teil ihrer Charaktere 
der Trauer, den anderen Teil dem Vorgang der Regression 
von der narzißtischen Objektwahl zum Narzißmus. Sie ist 
einerseits wie die Trauer Reaktion auf den realen Verlust 
des Liebesobjekts, aber sie ist überdies mit einer Bedingung 
behaftet, welche der normalen Trauer abgeht oder dieselbe, 
wo sie hinzutritt, in eine pathologische verwandelt. Der 
Verlust des Liebesobjekts ist ein ausgezeichneter Anlaß, um 
die Ambivalenz der Liebesbeziehungen zur Geltung und zum 
Vorschein zu bringen. Wo die Disposition zur Zwangs- 
neurose vorhanden ist, verleiht darum der Ambivalenzkon- 
flikt der Trauer eine pathologische Gestaltung und zwingt 
sie, sich in der Form von Selbstvorwürfen, daß man den 
Verlust des Liebesobjekts selbst verschuldet, das heißt ge- 
wollt habe, zu äußern. In solchen zwangsneurotischen De- 
pressionen nach dem Tode geliebter Personen wird uns vor- 
geführt, was der Ambivalenzkonflikt für sich allein leistet, 
wenn die regressive Einziehung der Libido nicht mit dabei 
ist. Die Anlässe der Melancholie gehen meist über den klaren 
Fall des Verlustes durch den Tod hinaus und umfassen alle 
die Situationen von Kränkung, Zurücksetzung und Ent- 
täuschung, durch welche ein Gegensatz von Lieben und 
Hassen in die Beziehung eingetragen oder eine vorhandene 
Ambivalenz verstärkt werden kann. Dieser Ambivalenzkon- 
flikt, bald mehr realer, bald mehr konstitutiver Herkunft, 
ist unter den Voraussetzungen der Melancholie nicht zu ver- 
nachlässigen. Hat sich die Liebe zum Objekt, die nicht auf- 



i68 Trauer und Melancholie 

gegeben werden kann,, wahrend das Objekt selbst aufgegeben 
wird, in die narzißtische Identifizierung geflüchtet, so be- 
tätigt sich an diesem Ersatzobjekt der Haß, indem er es 
beschimpft, erniedrigt, leiden macht und an diesem Leiden 
eine sadistische Befriedigung gewinnt. Die unzweifelhaft ge- 
nußreiche Selbstquälerei der Melancholie bedeutet ganz wie 
das entsprechende Phänomen der Zwangsneurose die Befrie- 
digung von sadistischen und Haßtendenzen 4 , die einem 
Objekt gelten und auf diesem Wege eine Wendung gegen 
die eigene Person erfahren haben. Bei beiden Affektionen 
pflegt es den Kranken noch zu gelingen, auf dem Umwege 
über die Selbstbestrafung Rache an den ursprünglichen 
Objekten zu nehmen und ihre Lieben durch Vermittlung 
des Krankseins zu quälen, nachdem sie sich in die Krankheit 
begeben haben, um ihnen ihre Feindseligkeit nicht direkt 
zeigen zu müssen. Die Person, welche die Gefühlsstörung 
des Kranken hervorgerufen, nach welcher sein Kranksein 
orientiert ist, ist doch gewöhnlich in der nächsten Umgebung 
des Kranken zu finden. So hat die Liebesbesetzung des 
Melancholischen für sein Objekt ein zweifaches Schicksal 
erfahren; sie ist zum Teil auf die Identifizierung regrediert, 
zum anderen Teil aber unter dem Einfluß des Ambivalenz- 
konflikts auf die ihm nähere Stufe des Sadismus zurück- 
versetzt worden. 

Erst dieser Sadismus löst uns das Rätsel der Selbstmord- 
neigung, durch welche die Melancholie so interessant und so 
— gefährlich wird. Wir haben als den Urzustand, von dem 
das Triebleben ausgeht, eine so großartige Selbstliebe des 
Ichs erkannt, wir sehen in der Angst, die bei Lebensbedrohung 
auftritt, einen so riesigen Betrag der narzißtischen Libido 
frei werden, daß wir es nicht erfassen, wie dies Ich seiner 

4) Über deren Unterscheidung siehe den Aufsatz über „Triebe 
und Triebschicksale" (in diesem Bande). 




Trauer und Melancholie 169 



Selbstzerstörung zustimmen könne. Wir wußten zwar längst, 
daß kein Neurotiker Selbstmordabsichten verspürt, der 
solche nicht von einem Mordimpuls gegen andere auf sich 
zurückwendet, aber es blieb unverständlich, durch welches 
Kräftespiel eine solche Absicht sich zur Tat durchsetzen 
kann. Nun lehrt uns die Analyse der Melancholie, daß das 
Ich sich nur dann töten kann, wenn es durch die Rückkehr 
der Objektbesetzung sich selbst wie ein Objekt behandeln 
kann, wenn es die Feindseligkeit gegen sich richten darf, 
die einem Objekt gilt, und die die ursprüngliche Reaktion 
des Ichs gegen Objekte der Außenwelt vertritt. (Siehe 
„Triebe und Triebschicksale".) So ist bei der Regression 
von der narzißtischen Objektwahl das Objekt zwar auf- 
gehoben worden, aber es hat sich doch mächtiger erwiesen 
als das Ich selbst. In den zwei entgegengesetzten Situationen 
der äußersten Verliebtheit und des Selbstmordes wird das 
Ich, wenn auch auf gänzlich verschiedenen Wegen, vom 
Objekt überwältigt. 

Es liegt dann noch nahe, für den einen auffälligen 
Charakter der Melancholie, das Hervortreten der Ver- 
armungsangst, die Ableitung der aus ihren Verbindungen ge- 
rissenen und regressiv verwandelten Analerotik zuzulassen. 

Die Melancholie stellt uns noch vor andere Fragen, deren 
Beantwortung uns zum Teil entgeht. Daß sie nach einem 
gewissen Zeitraum abgelaufen ist, ohne nachweisbare grobe 
Veränderungen zu hinterlassen, diesen Charakter teilt sie mit 
der Trauer. Dort fanden wir die Auskunft, die Zeit werde 
für die Detaildurchführung des Gebotes der Realitätsprüfung 
benötigt, nach welcher Arbeit das Ich seine Libido vom 
verlorenen Objekt frei bekommen habe. Mit einer analogen 
Arbeit können wir das Ich während der Melancholie be- 
schäftigt denken; das ökonomische Verständnis des Her- 
ganges bleibt hier wie dort aus. Die Schlaflosigkeit der 






170 Trauer und Melancholie 



Melancholie bezeugt wohl die Starrheit des Zustandes, die 
Unmöglichkeit, die für den Schlaf erforderliche allgemeine 
Einziehung der Besetzungen durchzuführen. Der melancho- 
lische Komplex verhält sich wie eine offene Wunde, zieht 
von allen Seiten Besetzungsenergien an sich (die wir bei den 
Obertragungsneurosen „Gegenbesetzungen"' geheißen haben) 
und entleert das Ich bis zur völligen Verarmung; er kann 
sich leicht resistent gegen den Schlafwunsch des Ichs er- 
weisen. — Ein wahrscheinlich somatisches, psychogen nicht 
aufzuklärendes Moment kommt in der regelmäßigen Linde- 
rung des Zustandes zur Abendzeit zum Vorschein. An diese 
Erörterungen schließt die Frage an, ob nicht Ichverlust ohne 
Rücksicht auf das Objekt (rein narzißtische Ichkränkung) 
hinreicht, das Bild der Melancholie zu erzeugen, und ob 
nicht direkt toxische Verarmung an Ichlibido gewisse Formen 
der Affektion ergeben kann. 

Die merkwürdigste und aufklärungsbedürftigste Eigentüm- 
lichkeit der Melancholie ist durch ihre Neigung gegeben, 
in den symptomatisch gegensätzlichen Zustand der Manie 
umzuschlagen. Bekanntlich hat nicht jede Melancholie dieses 
Schicksal. Manche Fälle verlaufen in periodischen Rezidiven, 
deren Intervalle entweder keine oder eine nur sehr gering- 
fügige Tönung von Manie erkennen lassen. Andere zeigen 
jene regelmäßige Abwechslung von melancholischen und 
manischen Phasen, die in der Aufstellung des zyklischen 
Irreseins Ausdruck gefunden hat. Man wäre versucht, diese 
Fälle von der psychogenen Auffassung auszuschließen, wenn 
nicht die psychoanalytische Arbeit gerade für mehrere dieser 
Erkrankungen Auflösung wie therapeutische Beeinflussung 
zustande gebracht hätte. Es ist also nicht nur gestattet, son- 
dern sogar geboten, eine analytische Aufklärung der Melan- 
cholie auch auf die Manie auszudehnen. 

Ich kann nicht versprechen, daß dieser Versuch voll be- 



Trauer und Melancholie 171 



friedigend ausfallen wird. Er reicht vielmehr nicht weit über 
die Möglichkeit einer ersten Orientierung hinaus. Es stehen 
uns hier zwei Anhaltspunkte zu Gebote, der erste ein psycho- 
analytischer Eindruck, der andere eine, man darf wohl sagen, 
allgemeine ökonomische Erfahrung. Der Eindruck, dem be- 
reits mehrere psychoanalytische Forscher Worte geliehen 
haben, geht dahin, daß die Manie keinen anderen Inhalt 
hat als die Melancholie, daß beide Affektionen mit dem- 
selben „Komplex" ringen, dem das Ich wahrscheinlich in 
der Melancholie erlegen ist, während es ihn in der Manie 
bewältigt oder beiseite geschoben hat. Den anderen Anhalt 
gibt die Erfahrung, daß alle Zustände von Freude, Jubel, 
Triumph, die uns das Normalvorbild der Manie zeigen, die 
nämliche ökonomische Bedingtheit erkennen lassen. Es han- 
delt sich bei ihnen um eine Einwirkung, durch welche ein 
großer, lange unterhaltener, oder gewohnheitsmäßig her- 
gestellter psychischer Aufwand endlich überflüssig wird, so 
daß er für mannigfache Verwendungen und Abfuhrmöglich- 
keiten bereitsteht. Also zum Beispiel: Wenn ein armer Teufel 
durch einen großen Geldgewinn plötzlich der chronischen 
Sorge um das tägliche Brot enthoben wird, wenn ein langes 
und mühseliges Ringen sich am Ende durch den Erfolg ge- 
krönt sieht, wenn man in die Lage kommt, einen drückenden 
Zwang, eine lange fortgesetzte Verstellung mit einem Schlag 
aufzugeben u. dgl. Alle solche Situationen zeichnen sich durch 
die gehobene Stimmung, die Abfuhrzeichen des freudigen 
Affekts, und durch die gesteigerte Bereitwilligkeit zu allerlei 
Aktionen aus, ganz wie die Manie und im vollen Gegensatz 
zur Depression und Hemmung der Melancholie. Man kann 
wagen, es auszusprechen, daß die Manie nichts anderes ist 
als ein solcher Triumph, nur daß es wiederum dem Ich 
verdeckt bleibt, was es überwunden hat und worüber es 
triumphiert. Den in dieselbe Reihe von Zuständen gehörigen 



172 Trauer und Melancholie 

Alkoholrausch wird man — insofern er ein heiterer ist — 
ebenso zurechtlegen dürfen; es handelt sich bei ihm wahr- 
scheinlich um die toxisch erzielte Aufhebung von Verdrän- 
gungsaufwänden. Die Laienmeinung nimmt gern an, daß 
man in solcher maniakalischer Verfassung darum so be- 
wegungs- und unternehmungslustig ist, weil man so „gut 
aufgelegt" ist. Diese falsche Verknüpfung wird man natür- 
lich auflösen müssen. Es ist jene erwähnte ökonomische Be- 
dingung im Seelenleben erfüllt worden, und darum ist man 
einerseits in so heiterer Stimmung und anderseits so unge- 
hemmt im Tun. 

Setzen wir die beiden Andeutungen zusammen, so ergibt 
sich: In der Manie muß das Ich den Verlust des Objekts 
(oder die Trauer über den Verlust oder vielleicht das Objekt 
selbst) überwunden haben, und nun ist der ganze Betrag 
von Gegenbesetzung, den das schmerzhafte Leiden der 
Melancholie aus dem Ich an sich gezogen und gebunden 
hatte, verfügbar geworden. Der Manische demonstriert uns 
auch unverkennbar seine Befreiung von dem Objekt, an dem 
er gelitten hatte, indem er wie ein Heißhungriger auf neue 
Objektbesetzungen ausgeht. 

Diese Aufklärung klingt ja plausibel, aber sie ist erstens 
noch zu wenig bestimmt und läßt zweitens mehr neue 
Fragen und Zweifel auftauchen, als wir beantworten können. 
Wir wollen uns der Diskussion derselben nicht entziehen, 
wenn wir auch nicht erwarten können, durch sie hindurch 
den Weg der Klarheit zu finden. 

Zunächst: Die normale Trauer überwindet ja auch den 
Verlust des Objekts und absorbiert gleichfalls während ihres 
Bestandes alle Energien des Ichs. Warum stellt sich bei ihr 
die ökonomische Bedingung für eine Phase des Triumphes 
nach ihrem Ablauf auch nicht andeutungsweise her? Ich 
finde es unmöglich, auf diesen Einwand kurzerhand z u 






Trauer und Melancholie 173 

antworten. Er macht uns auch darauf aufmerksam, daß wir 
nicht einmal sagen können, durch welche ökonomischen 
Mittel die Trauer ihre Aufgabe löst; aber vielleicht kann 
hier eine Vermutung aushelfen. An jede einzelne der Er- 
innerungen und Erwartungssituationen, welche die Libido an 
das verlorene Objekt geknüpft zeigen, bringt die Realität 
ihr Verdikt heran, daß das Objekt nicht mehr existiere, und 
das Ich, gleichsam vor die Frage gestellt, ob es dieses 
Schicksal teilen will, läßt sich durch die Summe der narziß- 
tischen Befriedigungen, am Leben zu sein, bestimmen, seine 
Bindung an das vernichtete Objekt zu lösen. Man kann 
sich etwa vorstellen, diese Lösung gehe so langsam und 
schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit 
auch der für sie erforderliche Aufwand zerstreut ist 5 . 

Es ist verlockend, von der Mutmaßung über die Arbeit 
der Trauer den Weg zu einer Darstellung der melancholischen 
Arbeit zu suchen. Da kommt uns zuerst eine Unsicherheit 
in den Weg. Wir haben bisher den topischen Gesichtspunkt 
bei der Melancholie noch kaum berücksichtigt und die Frage 
nicht aufgeworfen, in und zwischen welchen psychischen 
Systemen die Arbeit der Melancholie vor sich geht. Was von 
den psychischen Vorgängen der Affektion spielt sich noch 
an den aufgelassenen unbewußten Objektbesetzungen, was an 
deren Identifizierungsersatz im Ich ab? 

Es spricht sich nun rasch aus und schreibt sich leicht 
nieder, daß die „unbewußte (Ding-) Vorstellung des Objekts 
von der Libido verlassen wird". Aber in Wirklichkeit ist 
diese Vorstellung durch ungezählte Einzeleindrücke (unbe- 



y) Der ökonomische Gesichtspunkt ist bisher in psychoanalytischen 
Arbeiten wenig berücksichtigt worden. Als Ausnahme sei der Auf- 
satz von V. T a u $ k, Entwertung des Verdrängungsmotives durch 
Rekompense (Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, I, 191 3) 
hervorgehoben. 






174 Trauer und Melancholie 



wußte Spuren derselben) vertreten, und die Durchführung 
dieser Libidoabziehung kann nicht ein momentaner Vorgang 
sein, sondern gewiß wie bei der Trauer ein langwieriger, 
allmählich fortschreitender Prozeß. Ob er an vielen Stellen 
gleichzeitig beginnt oder eine irgendwie bestimmte Reihen- 
folge enthält, läßt sich ja nicht leicht unterscheiden; in den 
Analysen kann man oft feststellen, daß bald diese, bald jene 
Erinnerung aktiviert ist, und daß die gleichlautenden, durch 
ihre Monotonie ermüdenden Klagen doch jedesmal von einer 
anderen unbewußten Begründung herrühren. Wenn das Objekt 
keine so große, durch tausendfältige Verknüpfung verstärkte 
Bedeutung für das Ich hat, so ist sein Verlust auch nicht 
geeignet, eine Trauer oder eine Melancholie zu verursachen. 
Der Charakter der Einzcldurchführung der Libidoablösung 
ist also der Melancholie wie der Trauer in gleicher Weise 
zuzuschreiben, stützt sich wahrscheinlich auf die gleichen 
ökonomischen Verhältnisse und dient denselben Tendenzen. 
Die Melancholie hat aber, wie wir gehört haben, etwas 
mehr zum Inhalt als die normale Trauer. Das Verhältnis 
zum Objekt ist bei ihr kein einfaches, es wird durch den 
Ambivalenzkonflikt kompliziert. Die Ambivalenz ist ent- 
weder konstitutionell, das heißt sie hängt jeder Liebesbezie- 
hung dieses Ichs an, oder sie geht gerade aus den Erlebnissen 
hervor, welche die Drohung des Objektverlustes mit sich 
bringen. Die Melancholie kann darum in ihren Veranlas- 
sungen weit über die Trauer hinausgehen, welche in der 
Regel nur durch den Realverlust, den Tod des Objekts, aus- 
gelöst wird. Es spinnt sich also bei der Melancholie eine 
Unzahl von Einzelkämpfen um das Objekt an, in denen 
Haß und Liebe miteinander ringen, die eine, um die Libido 
vom Objekt zu lösen, die andere, um diese Libidoposition 
gegen den Ansturm zu behaupten. Diese Einzelkämpfe können 
wir in kein anderes System verlegen, als in das Ubw, in 






Trauer und Melancholie 175 

das Reich der sachlichen Ennnerungsspuren (im Gegensatz 
zu den Wortbesetzungen). Ebendort spielen sich auch die 
Lösungsversuche bei der Trauer ab, aber bei dieser letzteren 
besteht kein Hindernis dagegen, daß sich diese Vorgänge auf 
dem normalen Wege durch das Vbw zum Bewußtsein fort- 
setzen. Dieser Weg ist für die melancholische Arbeit gesperrt, 
vielleicht infolge einer Mehrzahl von Ursachen oder des 
Zusammenwirkens derselben. Die konstitutive Ambivalenz 
gehört an und für sich dem Verdrängten an, die trauma- 
tischen Erlebnisse mit dem Objekt mögen anderes Verdrängte 
aktiviert haben. So bleibt alles an diesen Ambivalenz- 
kämpfen dem Bewußtsein entzogen, bis nicht der für die 
Melancholie charakteristische Ausgang eingetreten ist. Er be- 
steht, wie wir wissen, darin, daß die bedrohte Libido- 
besetzung endlich das Objekt verläßt, aber nur, um sich 
auf die Stelle des Ichs, von der sie ausgegangen war, zurück- 
zuziehen. Die Liebe hat sich so durch ihre Flucht ins Ich 
der Aufhebung entzogen. Nach dieser Regression der Libido 
kann der Vorgang bewußt werden und repräsentiert sich 
dem Bewußtsein als ein Konflikt zwischen einem Teil des 
Ichs und der kritischen Instanz. 

Was das Bewußtsein von der melancholischen Arbeit er- 
fährt, ist also nicht das wesentliche Stück derselben, auch 
nicht jenes, dem wir einen Einfluß auf die Lösung des Leidens 
zutrauen können. Wir sehen, daß das Ich sich herabwürdigt 
und gegen sich wütet, und verstehen so wenig wie der 
Kranke, wozu das führen und wie sich das ändern kann. 
Dem unbewußten Stück der Arbeit können wir eine solche 
Leistung eher zuschreiben, weil es nicht schwer fällt, eine 
wesentliche Analogie zwischen der Arbeit der Melancholie 
und jener der Trauer herauszufinden. Wie die Trauer das 
Ich dazu bewegt, auf das Objekt zu verzichten, indem es 
das Objekt für tot erklärt und dem Ich die Prämie des am 



176 Trauer und Melancholie 



Lcbenbleibens bietet, so lockert auch jeder einzelne Ambi- 
valenzkampf die Fixierung der Libido an das Objekt, indem 
er dieses entwertet, herabsetzt, gleichsam auch erschlägt. Es 
ist die Möglichkeit gegeben, daß der Prozeß im Ubw zu Ende 
komme, sei es nachdem die Wut sich ausgetobt hat, sei es 
nachdem das Objekt als wertlos aufgegeben wurde. Es fehlt 
uns der Einblick, welche dieser beiden Möglichkeiten regel- 
mäßig oder vorwiegend häufig der Melancholie ein Ende 
bereitet, und wie diese Beendigung den weiteren Verlauf 
des Falles beeinflußt. Das Ich mag dabei die Befriedigung 
genießen, daß es sich als das Bessere, als dem Objekt über- 
legen anerkennen darf. 

Mögen wir diese Auffassung der melancholischen Arbeit 
auch annehmen, sie kann uns doch das eine nicht leisten, 
auf dessen Erklärung wir ausgegangen sind. Unsere Erwar- 
tung, die ökonomische Bedingung für das Zustandekommen 
der Manie nach abgelaufener Melancholie aus der Ambivalenz 
abzuleiten, welche diese Affektion beherrscht, könnte sich 
auf Analogien aus verschiedenen anderen Gebieten stützen; 
aber es gibt eine Tatsache, vor welcher sie sich beugen muß. 
Von den drei Voraussetzungen der Melancholie: Verlust des 
Objekts, Ambivalenz und Regression der Libido ins Ich, 
finden wir die beiden ersten bei den Zwangsvorwürfen nach 
Todesfällen wieder. Dort ist es die Ambivalerz, die unzweifel- 
haft die Triebfeder des Konflikts darstellt, und die Beob- 
achtung zeigt, daß nach Ablauf desselben nichts von einem 
Triumph einer manischen Verfassung erübrigt. Wir werden 
so auf das dritte Moment als das einzig wirksame hingewiesen. 
Jene Anhäufung von zunächst gebundener Besetzung, welche 
nach Beendigung der melancholischen Arbeit frei wird und die 
Manie ermöglicht, muß mit der Regression der Libido auf 
den Narzißmus zusammenhängen. Der Konflikt im Ich, den 
die Melancholie für den Kampf um das Objekt eintauscht, 



Trauer und Melancholie 177 

muß ähnlich wie eine schmerzhafte Wunde wirken, die eine 
außerordentlich hohe Gegenbesetzung in Anspruch nimmt. 
Aber hier wird es wiederum zweckmäßig sein, Halt zu machen 
und die weitere Aufklärung der Manie zu verschieben, bis wir 
Einsicht in die ökonomische Natur zunächst des körperlichen 
und dann des ihm analogen seelischen Schmerzes ge- 
wonnen haben. Wir wissen es ja schon, daß der Zusammen- 
hang der verwickelten seelischen Probleme uns nötigt, jede 
Untersuchung unvollendet abzubrechen, bis ihr die Ergeb- 
nisse einer anderen zu Hilfe kommen können 6 . 









6) Siehe die weitere Fortsetzung des Problems der Manie in 
„Massenpsychologie und Ich-Analyse" (in diesem Bande). 
Freud, Theoretische Schriften 12 



JENSEITS DES LUSTPRINZIPS 

(1919 

I 

In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbe- 
denklich an, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge auto- 
matisch durch das Lustprinzip reguliert wird, das heißt, 
wir glauben, daß er jedesmal durch eine unlustvolle Span- 
nung angeregt wird und dann eine solche Richtung ein- 
schlägt, daß sein Endergebnis mit einer Herabsetzung dieser 
Spannung, also mit einer Vermeidung von Unlust oder 
Erzeugung von Lust zusammenfällt. Wenn wir die von uns 
studierten seelischen Prozesse mit Rücksicht auf diesen 
Ablauf betrachten, führen wir den ökonomischen Gesichts- 
punkt in unsere Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, 
die neben dem topischen und dem dynamischen Moment 
noch dies ökonomische zu würdigen versuche, sei die voll- 
ständigste, die wir uns derzeit vorstellen können, und ver- 
diene es, durch den Namen einer metapsychologi- 
schen hervorgehoben zu werden. 

Es hat dabei für uns kein Interesse, zu untersuchen, 
inwieweit wir uns mit der Aufstellung des Lustprinzips 
einem bestimmten, historisch festgelegten, philosophischen 
System angenähert oder angeschlossen haben. Wir gelangen 




Jenseits des Lustprinzips 179 



zu solchen spekulativen Annahmen bei dem Bemühen, von 
den Tatsachen der täglichen Beobachtung auf unserem 
Gebiete Beschreibung und Rechenschaft zu geben. Priorität 
und Originalität gehören nicht zu den Zielen, die der 
psychoanalytischen Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke, 
welche der Aufstellung dieses Prinzips zugrunde liegen, sind 
so augenfällig, daß es kaum möglich ist, sie zu übersehen. 
Dagegen würden wir uns gerne zur Dankbarkeit gegen eine 
philosophische oder psychologische Theorie bekennen, die 
uns zu sagen wüßte, was die Bedeutungen der für uns so 
imperativen Lust- und Unlustempfindungen sind. Leider 
wird uns hier nichts Brauchbares geboten. Es ist das 
dunkelste und unzugänglichste Gebiet des Seelenlebens, und 
wenn wir unmöglich vermeiden können, es zu berühren, so 
wird die lockerste Annahme darüber, meine ich, die beste 
sein. Wir haben uns entschlossen, Lust und Unlust mit der 
Quantität der im Seelenleben vorhandenen — und nicht 
irgendwie gebundenen — Erregung in Beziehung zu bringen, 
solcher Art, daß Unlust einer Steigerung, Lust einer Verrin- 
gerung dieser Quantität entspricht. Wir denken dabei nicht 
an ein einfaches Verhältnis zwischen der Stärke der Emp- 
findungen und den Veränderungen, auf die sie bezogen 
werden; am wenigsten — nach allen Erfahrungen der 
Psychophysiologie — an direkte Proportionalität; wahr- 
scheinlich ist das Maß der Verringerung oder Vermehrung 
in der Zeit das für die Empfindung entscheidende Moment. 
Das Experiment fände hier möglicherweise Zutritt, für uns 
Analytiker ist weiteres Eingehen in diese Probleme nicht 
geraten, solange nicht ganz bestimmte Beobachtungen uns 
leiten können. 

Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir 
finden, daß ein so tiefblickender Forscher wie G. Th. F e c h- 
n e r eine Auffassung von Lust und Unlust vertreten hat, 
12* 



180 Jenseits des Lustprinzips 

welche im wesentlichen mit der zusammenfällt, die uns von 
der psychoanalytischen Arbeit aufgedrängt wird. Die Äuße- 
rung Fechners ist in seiner kleinen Schrift: Einige Ideen 
zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, 
1873 (Abschnitt XI, Zusatz, p. 94), enthalten und lautet 
wie folgt: „Insofern bewußte Antriebe immer mit Lust 
oder Unlust in Beziehung stehen, kann auch Lust oder 
Unlust mit Stabilitäts- und Instabilitätsverhältnissen in 
psychophysischer Beziehung gedacht werden, und es läßt 
sich hierauf die anderwärts von mir näher zu entwickelnde 
Hypothese begründen, daß jede die Schwelle des Bewußt- 
seins übersteigende psychophysische Bewegung nach Maß- 
gabe mit Lust behaftet sei, als sie sich der vollen Stabilität 
über eine gewisse Grenze hinaus nähert, mit Unlust nach 
Maßgabe, als sie über eine gewisse Grenze davon abweicht, 
indes zwischen beiden, als qualitative Schwelle der Lust 
und Unlust zu bezeichnenden Grenzen eine gewisse Breite 
ästhetischer Indifferenz besteht . . ." 

Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft 
des Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, finden auch 
ihren Ausdruck in der Annahme, daß es ein Bestreben des 
seelischen Apparates sei, die in ihm vorhandene Quantität 
von Erregung möglichst niedrig oder wenigstens konstant zu 
erhalten. Es ist dasselbe, nur in andere Fassung gebracht, 
denn wenn die Arbeit des seelischen Apparates dahin geht, 
die Erregungsquantität niedrig zu halten, so muß alles, was 
dieselbe zu steigern geeignet ist, als funktions widrig, das 
heißt als unlustvoll empfunden werden. Das Lustprinzip 
leitet sich aus dem Konstanzprinzip ab; in Wirklichkeit 
wurde das Konstanzprinzip aus den Tatsachen erschlossen, 
die uns die Annahme des Lustprinzips aufnötigten. Bei ein- 
gehenderer Diskussion werden wir auch finden, daß dies 
von uns angenommene Bestreben des seelischen Apparates 



Jenseits des Lustprinzips 181 

sich als spezieller Fall dem Fechner sehen Prinzip der 
Tendenz zur Stabilität unterordnet, zu dem er die 
Lust-Unlustempfindungen in Beziehung gebracht hat. 

Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, 
von einer Herrschaft des Lustprinzips über den Ablauf der 
seelischen Prozesse zu reden. Wenn eine solche bestände, 
müßte die übergroße Mehrheit unserer Seelenvorgänge von 
Lust begleitet sein oder zur Lust führen, während doch die 
allgemeinste Erfahrung dieser Folgerung energisch wider- 
spricht. Es kann also nur so sein, daß eine starke Tendenz 
zum Lustprinzip in der Seele besteht, der sich aber gewisse 
andere Kräfte oder Verhältnisse widersetzen, so daß der 
Endausgang nicht immer der Lusttendenz entsprechen kann. 
Vergleiche die Bemerkung Fechners bei ähnlichem An- 
lasse (ebenda, p. 90): „Damit aber, daß die Tendenz zum 
Ziele noch nicht die Erreichung des Zieles bedeutet und 
das Ziel überhaupt nur in Approximationen erreichbar 
ist . . ." Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, welche 
Umstände die Durchsetzung des Lustprinzips zu vereiteln 
vermögen, dann betreten wir wieder sicheren und bekannten 
Boden und können unsere analytischen Erfahrungen in rei- 
chem Ausmaße zur Beantwortung heranziehen. 

Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips 
ist uns als ein gesetzmäßiger vertraut. Wir wissen, daß das 
Lustprinzip einer primären Arbeitsweise des seelischen Appa- 
rates eignet, und daß es für die Selbstbehauptung des Orga- 
nismus unter den Schwierigkeiten der Außenwelt so recht 
von Anfang an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich 
ist. Unter dem Einflüsse der Selbsterhaltungstriebe des Ichs 
wird es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches, 
ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung aufzugeben, doch 
den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf mancherlei 
Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige Duldung der 



182 Jenseits des Lustprinzips 

Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert und durch- 
setzt. Das Lustprinzip bleibt dann noch lange Zeit die 
Arbeitsweise der schwerer „erziehbaren" Sexualtriebe, und 
es kommt immer wieder vor, daß es, sei es von diesen 
letzteren aus, sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum 
Schaden des ganzen Organismus überwältigt. 

Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lust- 
prinzips durch das Realitätsprinzip nur für einen geringen 
und nicht für den intensivsten Teil der Unlusterfahrungen 
verantwortlich gemacht werden kann. Eine andere, nicht 
weniger gesetzmäßige Quelle der Unlustentbindung ergibt 
sich aus den Konflikten und Spaltungen im seelischen 
Apparat, während das Ich seine Entwicklung zu höher 
zusammengesetzten Organisationen durchmacht. Fast alle 
Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus den mitge- 
brachten Triebregungen, aber diese werden nicht alle zu den 
gleichen Entwicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht 
es immer wieder, daß einzelne Triebe oder Triebanteile sich 
in ihren Zielen oder Ansprüchen als unverträglich mit den 
übrigen erweisen, die sich zu der umfassenden Einheit des 
Ichs zusammenschließen können. Sie werden dann von dieser 
Einheit durch den Prozeß der Verdrängung abgespalten, 
auf niedrigeren Stufen der psychischen Entwicklung zurück- 
gehalten und zunächst von der Möglichkeit einer Befriedi- 
gung abgeschnitten. Gelingt es ihnen dann, was bei den ver- 
drängten Sexualtrieben so leicht geschieht, sich auf Um- 
wegen zu einer direkten oder Ersatzbefriedigung durchzu- 
ringen, so wird dieser Erfolg, der sonst eine Lustmöglich- 
keit gewesen wäre, vom Ich als Unlust empfunden. Infolge 
des alten, in die Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat 
das Lustprinzip einen neuerlichen Durchbruch erfahren, 
gerade während gewisse Triebe am Werke waren, in Befol- 
gung des Prinzips neue Lust zu gewinnen. Die Einzelheiten 






Jenseits des Lustprinzips 183 

des Vorganges, durch welchen die Verdrängung eine Lust- 
möglichkeit in eine Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht 
gut verstanden oder nicht klar darstellbar, aber sicherlich 
ist alle neurotische Unlust von solcher Art, ist Lust, die 
nicht als solche empfunden werden kann. 1 

Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken 
noch lange nicht die Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse, aber 
vom Rest wird man mit einem Anschein von gutem Recht 
behaupten, daß sein Vorhandensein der Herrschaft des Lust- 
prinzips nicht widerspricht. Die meiste Unlust, die wir ver- 
spüren, ist ja Wahrnehmungsunlust, entweder Wahrnehmung 
des Drängens unbefriedigter Triebe oder äußere Wahr- 
nehmung, sei es, daß diese an sich peinlich ist, oder daß sie 
unlustvolle Erwartungen im seelischen Apparat erregt, von 
ihm als „Gefahr" erkannt wird. Die Reaktion auf diese 
Triebansprüche und Gefahrdrohungen, in der sich die eigent- 
liche Tätigkeit des seelischen Apparates äußert, kann dann 
in korrekter Weise vom Lustprinzip oder dem es modifi- 
zierenden Realitätsprinzip geleitet werden. Somit scheint es 
nicht notwendig, eine weitergehende Einschränkung des 
Lustprinzips anzuerkennen, und doch kann gerade die Unter- 
suchung der seelischen Reaktion auf die äußerliche Gefahr 
neuen Stoff und neue Fragestellungen zu dem hier behan- 
delten Problem liefern. 



II 

Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahn- 
zusammenstößen und anderen, mit Lebensgefahr verbundenen 
Unfällen ist seit langem ein Zustand beschrieben worden, dem 

1) Das wesentliche ist wohl, daß Lust und Unlust als bewußte 
Empfindungen an das Ich gebunden sind. 



184 Jenseits des Lustprinzips 



dann der Name „traumatische Neurose" verblieben ist. Der 
schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine große 
Anzahl solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens 
der Versuchung ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädi- 
gung des Nervensystems durch Einwirkung mechanischer 
Gewalt zurückzuführen. 2 Das Zustandsbild der traumatischen 
Neurose nähert sich der Hysterie durch seinen Reichtum an 
ähnlichen motorischen Symptomen, übertrifft diese aber in 
der Regel durch die stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven 
Leidens, etwa wie bei einer Hypochondrie oder Melancholie, 
und durch die Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen 
Schwächung und Zerrüttung der seelischen Leistungen. Ein 
volles Verständnis ist bisher weder für die Kriegsneurosen 
noch für die traumatischen Neurosen des Friedens erzielt 
worden. Bei den Kriegsneurosen wirkte es einerseits aufklä- 
rend, aber doch wiederum verwirrend, daß dasselbe Krank- 
heitsbild gelegentlich ohne Mithilfe einer groben mechanischen 
Gewalt zustande kam; an der gemeinen traumatischen Neu- 
rose heben sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung 
anknüpfen konnte, erstens, daß das Hauptgewicht der Ver- 
ursachung auf das Moment der Überraschung, auf den 
Schreck, zu fallen schien, und zweitens, daß eine gleichzeitig 
erlittene Verletzung oder Wunde zumeist der Entstehung der 
Neurose entgegenwirkte. Schreck, Furcht, Angst werden mit 
Unrecht wie synonyme Ausdrücke gebraucht; sie lassen sich in 
ihrer Beziehung zur Gefahr gut auseinanderhalten. Angst 
bezeichnet einen gewissen Zustand wie Erwartung der Gefahr 
und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte 
sein; Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, vor dem man 
sich fürchtet; Schreck aber benennt den Zustand, in den 



2) Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Mit Beiträgen 
von Ferenczi, Abraham, Simmel und E. Jones. Band \ 
der Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek, 1919, 



Jenseits des Lustprinzips 185 

man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne auf sie vor- 
bereitet zu sein, betont das Moment der Überraschung. Ich 
glaube nicht, daß die Angst eine traumatische Neurose 
erzeugen kann; an der Angst ist etwas, was gegen den 
Schreck und also auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir 
werden auf diesen Satz später zurückkommen. 

Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuver- 
lässigsten "Weg zur Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge 
betrachten. Nun zeigt das Traumleben der traumatischen 
Neurose den Charakter, daß es den Kranken immer wieder 
in die Situation seines Unfalles zurückführt, aus der er mit 
neuem Schrecken erwacht. Darüber verwundert man sich viel 
zu wenig. Man meint, es sei eben ein Beweis für die Stärke 
des Eindruckes, den das traumatische Erlebnis gemacht hat, 
daß es sich dem Kranken sogar im Schlaf immer wieder auf- 
drängt. Der Kranke sei an das Trauma sozusagen psychisch 
fixiert. Solche Fixierungen an das Erlebnis, welches die 
Erkrankung ausgelöst hat, sind uns seit langem bei der 
Hysterie bekannt. Breuer und Freud äußerten 1893: Die 
Hysterischen leiden großenteils an Reminiszenzen. Auch bei 
den Kriegsneurosen haben Beobachter wie Ferenczi und 
Simmel manche motorische Symptome durch Fixierung 
an den Moment des Traumas erklären können. 

Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer 
Neurose Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erin- 
nerung an ihren Unfall beschäftigen. Vielleicht bemühen sie 
sich eher, nicht an ihn zu denken. Wenn man es als selbst- 
verständlich hinnimmt, daß der nächtliche Traum sie wieder 
in die krankmachende Situation versetzt, so verkennt man 
die Natur des Traumes. Dieser würde es eher entsprechen, 
dem Kranken Bilder aus der Zeit der Gesundheit oder der 
erhofften Genesung vorzuführen. Sollen wir durch die 
Träume der Unfallsneurotiker nicht an der wunscherfüllen- 



186 Jenseits des Lustprinzips 



den Tendenz des Traumes irre werden, so bleibt uns etwa 
noch die Auskunft, bei diesem Zustand sei wie so vieles 
andere auch die Traumfunktion erschüttert und von ihren 
Absichten abgelenkt worden, oder wir müßten der rätsel- 
haften masochistischen Tendenzen des Ichs gedenken. 

Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere 
Thema der traumatischen Neurose zu verlassen und die 
Arbeitsweise des seelischen Apparates an einer seiner früh- 
zeitigsten normalen Betätigungen zu studieren. Ich meine 
das Kinderspiel. 

Die verschiedenen Theorien des Kinderspieles sind erst 
kürzlich von S. Pfeifer in der „Imago" (V/4) zusammen- 
gestellt und analytisch gewürdigt worden; ich kann hier auf 
diese Arbeit verweisen. Diese Theorien bemühen sich, die 
Motive des Spielens der Kinder zu erraten, ohne daß dabei 
der ökonomische Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lust- 
gewinn, in den Vordergrund gerückt würde. Ich habe, ohne 
das Ganze dieser Erscheinungen umfassen zu wollen, eine 
Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um das erste selbst- 
geschaffene Spiel eines Knaben im Alter von 1% Jahren 
aufzuklären. Es war mehr als eine flüchtige Beobachtung, 
denn ich lebte durch einige Wochen mit dem Kinde und 
dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte ziemlich 
lange, bis das rätselhafte und andauernd wiederholte Tun 
mir seinen Sinn verriet. 

Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keines- 
wegs voreilig, es sprach mit iH Jahren erst wenige ver- 
ständliche Worte und verfügte außerdem über mehrere 
bedeutungsvolle Laute, die von der Umgebung verstanden 
wurden. Aber es war in gutem Rapport mit den Eltern und 
dem einzigen Dienstmädchen und wurde wegen seines „an- 
ständigen" Charakters gelobt. Es störte die Eltern nicht zur 
Nachtzeit, befolgte gewissenhaft die Verbote, manche Gegen- 



Jenseits des Lustprinzips 187 

stände zu berühren und in gewisse Räume zu gehen, und 
vor allem anderen, es weinte nie, wenn die Mutter es für 
Stunden verließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich anhing, 
die das Kind nicht nur selbst genährt, sondern auch ohne 
jede fremde Beihilfe gepflegt und betreut hatte. Dieses brave 
Kind zeigte nun die gelegentlich störende Gewohnheit, alle 
kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, weit weg von 
sich in eine Zimmerecke, unter ein Bett usw. zu schleudern, 
so daß das Zusammensuchen seines Spielzeuges oft keine 
leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit dem Ausdruck von 
Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes 
o — o — — o hervor, das nach dem übereinstimmenden Urteil 
der Mutter und des Beobachters keine Interjektion war, son- 
dern „Fort" bedeutete. Ich merkte endlich, daß das ein Spiel 
sei, und daß das Kind alle seine Spielsachen nur dazu be- 
nütze, mit ihnen „fortsein" zu spielen. Eines Tages machte 
ich dann die Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. 
Das Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden 
umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie zum Beispiel am 
Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen, 
sondern es warf die am Faden gehaltene Spule mit großem 
Geschick über den Rand seines verhängten Bettchens, so 
daß sie darin verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles 
o — — o — o und zog dann die Spule am Faden wieder aus 
dem Bett heraus, begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit 
einem freudigen „Da". Das war also das komplette Spiel, 
Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur 
den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde für sich 
allein unermüdlich als Spiel wiederholt, obwohl die größere 
Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt anhing 3 . 



3) Diese Deutung wurde dann durch eine weitere Beobachtung 
völlig gesichert. Als eines Tages die Mutter über viele Stunden 
abwesend gewesen war, wurde sie b«m Wiederkommen mit der 



iS8 Jenseits des Luslprinzips 



Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zu- 
sammenhang mit der großen kulturellen Leistung des Kin- 
des, mit dem von ihm zustande gebrachten Triebverzicht 
(Verzicht auf Triebbefriedigung), das Fortgehen der Mutter 
ohne Sträuben zu gestatten. Es entschädigte sich gleichsam 
dafür, indem es dasselbe Verschwinden und Wiederkommen 
mit den ihm erreichbaren Gegenständen selbst in Szene 
setzte. Für die affektive Einschätzung dieses Spieles ist es 
natürlich gleichgültig, ob das Kind es selbst erfunden oder 
sich infolge einer Anregung zu eigen gemacht hatte. Unser 
Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden. Das 
Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich angenehm 
oder auch nur gleichgültig gewesen sein. Wie stimmt es also 
zum Lustprinzip, daß es dieses ihm peinliche Erlebnis als 
Spiel wiederholt? Man wird vielleicht antworten wollen, 
das Fortgehen müßte als Vorbedingung des erfreulichen 
Wiedererscheinens gespielt werden, im letzteren sei die 
eigentliche Spielabsicht gelegen. Dem würde die Beobachtung 
widersprechen, daß der erste Akt, das Fortgehen, für sich 
allein als Spiel inszeniert wurde, und zwar ungleich häufiger 
als das zum lustvollen Ende fortgeführte Ganze. 

Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine 
sichere Entscheidung; bei unbefangener Betrachtung gewinnt 
man den Eindruck, daß das Kind das Erlebnis aus einem 
anderen Motiv zum Spiel gemacht hat. Es war dabei passiv, 
wurde vom Erlebnis betroffen und bringt sich nun in eine 
aktive Rolle, indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, 
als foi^ wiederholt. Dieses Bestreben könnte man einem 

Mitteilung begrüßt: Bebt o—o—o—o!, die zunächst unverständ- 
lich blieb. Es ergab sich aber bald, daß das Kind während dieses 
langen Alleinseins ein Mittel gefunden hatte, sich selbst ver- 
schwinden zu lassen. Es hatte sein Bild in dem fast bis zum Boden 
reichenden Standspiegel entdeckt und sich dann niedergekauert 
so daß das Spiegelbild „fort" war. 



Jenseits des Lustprinzips 189 

Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich davon unabhängig 
macht, ob die Erinnerung an sich lustvoll war oder nicht. 
Man kann aber auch eine andere Deutung versuchen. Das 
Wegwerfen des Gegenstandes, so daß er fort ist, könnte die 
Befriedigung eines im Leben unterdrückten Racheimpulses 
gegen die Mutter sein, weil sie vom Kinde fortgegangen ist, 
und dann die trotzige Bedeutung haben: Ja, geh' nur fort, 
ich brauch' dich nicht, ich schick' dich selber weg. Dasselbe 
Kind, das ich mit 1% Jahren bei seinem ersten Spiel beob- 
achtete, pflegte ein Jahr später ein Spielzeug, über das es 
sich geärgert hatte, auf den Boden zu werfen und dabei zu 
sagen: Geh' in K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzählt, der 
abwesende Vater befinde sich im Krieg, und es vermißte 
den Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten Anzeichen 
von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört 
werden wolle 4 . "Wir wissen auch von anderen Kindern, daß 
sie ähnliche feindselige Regungen durch das Wegschleudern 
von Gegenständen an Stelle der Personen auszudrücken ver- 
mögen 5 . Man gerät so in Zweifel, ob der Drang, etwas 
Eindrucksvolles psychisch zu verarbeiten, sich seiner voll zu 
bemächtigen, sich primär und unabhängig vom Lustprinzip 
äußern kann. Im hier diskutierten Falle könnte er einen 
unangenehmen Eindruck doch nur darum im Spiel wieder- 
holen, weil mit dieser Wiederholung ein andersartiger, aber 
direkter Lustgewinn verbunden ist. 

Auch die weitere Verfolgung des Kinderspieles hilft die- 
sem unserem Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht 
ab. Man sieht, daß die Kinder alles im Spiele wiederholen, 

4) Als das Kind fünfdreiviertel Jahre alt war, starb die Mutter. 
Jetzt, da sie wirklich „fort" (0—0—0) war, zeigte der Knabe 
keine Trauer um sie. Allerdings war inzwischen ein zweites Kind 
geboren worden, das seine stärkste Eifersucht erweckt hatte. 

5) Vgl. Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahr- 
heit". Imago, V, 1917. (Ges. Schriften, Bd. X.) 



190 Jenseits des Lustprinzips 

was ihnen im Leben großen Eindruck gemacht hat, daß sie 
dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren und sich sozu- 
sagen zu Herren der Situation machen. Aber anderseits ist 
es klar genug, daß all ihr Spielen unter dem Einflüsse des 
Wunsches steht, der diese ihre Zeit dominiert, des Wunsches: 
groß zu sein und so tun zu können wie die Großen. Man 
macht auch die Beobachtung, daß der Unlustcharakter des 
Erlebnisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. 
Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder 
eine kleine Operation an ihm ausgeführt hat, so wird dies 
erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des nächsten 
Spieles werden, aber der Lustgewinn aus anderer Quelle ist 
dabei nicht zu übersehen. Indem das Kind aus der Passivität 
des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt es 
einem Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst 
widerfahren war, und rächt sich so an der Person dieses 
Stellvertreters. 

Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die 
Annahme eines besonderen Nachahmungstriebes als Motiv 
des Spielens überflüssig ist. Schließen wir noch die Mahnun- 
gen an, daß das künstlerische Spielen und Nachahmen der 
Erwachsenen, das zum Unterschied vom Verhalten des 
Kindes auf die Person des Zuschauers zielt, diesem die 
schmerzlichsten Eindrücke zum Beispiel in der Tragödie 
nicht erspart und doch von ihm als hoher Genuß empfun- 
den werden kann. Wir werden so davon überzeugt, daß es 
auch unter der Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege 
genug gibt, um das an sich Unlustvolle zum Gegenstand der 
Erinnerung und seelischen Bearbeitung zu machen. Mag sich 
mit diesen, in endlichen Lustgewinn auslaufenden Fällen und 
Situationen eine ökonomisch gerichtete Ästhetik befassen; 
für unsere Absichten leisten sie nichts, denn sie setzen 
Existenz und Herrschaft des Lustprinzips voraus und zeugen 



Jenseits des Lustprinzips 191 

nicht für die Wirksamkeit von Tendenzen jenseits des Lust- 
prinzips, das heißt solcher, die ursprünglicher als dies und 
von ihm unabhängig wären. 



m 

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich 
gebracht, daß die nächsten Ziele der psychoanalytischen 
Technik heute ganz andere sind als zu Anfang. Zuerst 
konnte der analysierende Arzt nichts anderes anstreben, als 
das dem Kranken verborgene Unbewußte zu erraten, zu- 
sammenzusetzen und zur rechten Zeit mitzuteilen. Die 
Psychoanalyse war vor allem eine Deutungskunst. Da die 
therapeutische Aufgabe dadurch nicht gelöst war, trat so- 
fort die nächste Absicht auf, den Kranken zur Bestätigung 
der Konstruktion durch seine eigene Erinnerung zu nötigen. 
Bei diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die Wider- 
stände des Kranken; die Kunst war jetzt, diese baldigst 
aufzudecken, dem Kranken zu zeigen und ihn durch 
menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für die als „Über- 
tragung" wirkende Suggestion) zum Aufgeben der Wider- 
stände zu bewegen. 

Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte 
Ziel, die Bewußtwerdung des Unbewußten, auch auf diesem 
Wege nicht voll erreichbar ist. Der Kranke kann von dem 
in ihm Verdrängten nicht alles erinnern, vielleicht gerade 
das Wesentliche nicht, und erwirbt so keine Überzeugung 
von der Richtigkeit der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er 
ist vielmehr genötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Er- 
lebnis zu wiederholen, anstatt es, wie der Arzt es 
lieber sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu erinnern . 

6) S. Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse. II. 
Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



192 Jenseits des Lustprinzips 

Diese mit unerwünschter Treue auftretende Reproduktion 
hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also des 
Ödipuskomplexes und seiner Ausläufer, zum Inhalt und 
spielt sich regelmäßig auf dem Gebiete der Übertragung, das 
heißt der Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in der Be- 
handlung so weit gebracht, so kann man sagen, die frühere 
Neurose sei nun durch eine frische Übertragungsneurose er- 
setzt. Der Arzt hat sich bemüht, den Bereich dieser Über- 
tragungsneurose möglichst einzuschränken, möglichst viel in 
die Erinnerung zu drängen und möglichst wenig zur Wieder- 
holung zuzulassen. Das Verhältnis, das sich zwischen Er- 
innerung und Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein 
anderes. In der Regel kann der Arzt dem Analysierten diese 
Phase der Kur nicht ersparen; er muß ihn ein gewisses 
Stück seines vergessenen Lebens wiedererleben lassen und hat 
dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten 
bleibt, kraft dessen die anscheinende Realität doch immer 
wieder als Spiegelung einer vergessenen Vergangenheit er- 
kannt wird. Gelingt dies, so ist die Überzeugung des Kran- 
ken und der von ihr abhängige therapeutische Erfolg ge- 
wonnen. 

Um diesen „W i e d e r h o 1 u n g s z w a n g", der sich 
während der psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker 
äußert, begreiflicher zu finden, muß man sich vor allem von 
dem Irrtum frei machen, man habe es bei der Bekämpfung 
der Widerstände mit dem Widerstand des „Unbewußten" 
zu tun. Das Unbewußte, das heißt das „Verdrängte", leistet 
den Bemühungen der Kur überhaupt keinen Widerstand, es 
strebt ja selbst nichts anderes an, als gegen den auf ihm 
lastenden Druck zum Bewußtsein oder zur Abfuhr durch 
die reale Tat durchzudringen. Der Widerstand in der Kur 
geht von denselben höheren Schichten und Systemen des 
Seelenlebens ' aus, die seinerzeit die Verdrängung durch- 






Jenseits des Lustprinzips 193 

geführt haben. Da aber die Motive der Widerstände, ja diese 
selbst erfahrungsgemäß in der Kur zunächst unbewußt sind, 
werden wir gemahnt, eine Unzweckmäßigkeit unserer Aus- 
drucksweise zu verbessern. Wir entgehen der Unklarheit, 
wenn wir nicht das Bewußte und das Unbewußte, sondern 
das zusammenhängende Ich und das Verdrängte in 
Gegensatz zueinander bringen. Vieles am Ich ist sicherlich 
selbst unbewußt, gerade das, was man den Kern des Ichs 
nennen darf; nur einen geringen Teil davon decken wir mit 
dem Namen des Vorbewußten. Nach dieser Ersetzung 
einer bloß deskriptiven Ausdrucksweise durch eine syste- 
matische oder dynamische können wir sagen, der Wider- 
stand der Analysierten gehe von ihrem Ich aus, und dann 
erfassen wir sofort, der Wiederholungszwang ist dem un- 
bewußten Verdrängten zuzuschreiben. Er konnte sich wahr- 
scheinlich nicht eher äußern, als bis die entgegenkommende 
Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert hatte 7 . 

Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und 
vorbewußten Ichs im Dienste des Lustprinzips steht, er will 
ja die Unlust ersparen, die durch das Freiwerden des Ver- 
drängten erregt würde, und unsere Bemühung geht dahin, 
solcher Unlust unter Berufung auf das Realitätsprinzip Zu- 
lassung zu erwirken. In welcher Beziehung zum Lustprinzip 
steht aber der Wiederholungszwang, die Kraftäußerung des 
Verdrängten? Es ist klar, daß das meiste, was der Wieder- 
holungszwang wiedererleben läßt, dem Ich Unlust bringen 
muß, denn er fördert ja Leistungen verdrängter Triebregun- 
gen zutage, aber das ist Unlust, die wir schon gewürdigt 
haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht, Unlust für 

7) Ich setze an anderer Stelle auseinander, daß es die 
„Suggestionswirkung" der Kur ist, welche hier dem Wieder- 
holungszwang zu Hilfe kommt, also die tief im unbewußten 
Elternkomplex begründete Gefügigkeit gegen den Arzt. 

Freud, Theoretische Schriften 13 



194 Jenseits des Lustprinzips 

das eine System und gleichzeitig Befriedigung für das andere. 
Die neue und merkwürdige Tatsache aber, die wir jetzt zu 
beschreiben haben, ist, daß der Wiederholungszwang auch 
solche Erlebnisse der Vergangenheit wiederbringt, die keine 
Lustmöglichkeit enthalten, die auch damals nicht Befriedi- 
gungen, selbst nicht von seither verdrängten Triebregungen, 
gewesen sein können. 

Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der 
Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit der Realität und der 
Unzulänglichkeit der kindlichen Entwicklungsstufe zum 
Untergang bestimmt. Sie ging bei den peinlichsten Anlässen 
unter tief schmerzlichen Empfindungen zugrunde. Der 
Liebesverlust und das Mißlingen hinterließen eine dauernde 
Beeinträchtigung des Selbstgefühls als narzißtische Narbe, 
nach meinen Erfahrungen wie nach den Ausführungen 
Marcinowskis 8 den stärksten Beitrag zu dem häufigen 
„Minderwertigkeitsgefühl" der Neurotiker. Die Sexual- 
forschung, der durch die körperliche Entwicklung des Kin- 
des Schranken gesetzt werden, brachte es zu keinem be- 
friedigenden Abschluß; daher die spätere Klage: Ich kann 
nichts fertig bringen, mir kann nichts gelingen. Die zärt- 
liche Bindung, meist an den gegengeschlechtlichen Elternteil, 
erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten auf Be- 
friedigung, der Eifersucht bei der Geburt eines neuen Kin- 
des, die unzweideutig die Untreue des oder der Geliebten 
erwies; der eigene mit tragischem Ernst unternommene Ver- 
such, selbst ein solches Kind zu schaffen, mißlang in be- 
schämender Weise; die Abnahme der dem Kleinen gespen- 
deten Zärtlichkeit, der gesteigerte Anspruch der Erziehung, 
ernste Worte und eine gelegentliche Bestrafung hatten end- 
lich den ganzen Umfang der ihm zugefallenen Vcr- 

8) Marcinowski, Die erotischen Quellen der Minder- 
wertigkeitsgefühle. Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV. 1918. 









Jenseits des Lustprinzips 195 

Schmähung enthüllt. Es gibt hier einige wenige Typen, 
die regelmäßig wiederkehren, wie der typischen Liebe dieser 
Kinderzeit ein Ende gesetzt wird. 

Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen 
Affektlagen werden nun vom Neurotiker in der Über- 
tragung wiederholt und mit großem Geschick neu belebt. 
Sie streben den Abbruch der unvollendeten Kur an, sie 
wissen sich den Eindruck der Verschmähung wieder zu ver- 
schaffen, den Arzt zu harten Worten und kühlem Benehmen 
gegen sie zu nötigen, sie rinden die geeigneten Objekte für 
ihre Eifersucht, sie ersetzen das heiß begehrte Kind der 
Urzeit durch den Vorsatz oder das Versprechen eines großen 
Geschenkes, das meist ebensowenig real wird wie jenes. 
Nichts von alledem konnte damals lustbringend sein; man 
sollte meinen, es müßte heute die geringere Unlust bringen, 
wenn es als Erinnerung oder in Träumen auftauchte, als 
wenn es sich zu neuem Erlebnis gestaltete. Es handelt sich 
natürlich um die Aktion von Trieben, die zur Befriedigung 
führen sollten, allein die Erfahrung, daß sie anstatt dessen 
auch damals nur Unlust brachten, hat nichts gefruchtet. Sie 
wird trotzdem wiederholt; ein Zwang drängt dazu. 

Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungs- 
phänomenen der Neurotiker aufzeigt, kann man auch im 
Leben nicht neurotischer Personen wiederfinden. Es macht 
bei diesen den Eindruck eines sie verfolgenden Schicksals, 
eines dämonischen Zuges in ihrem Erleben, und die Psycho- 
analyse hat vom Anfang an solches Schicksal für zum großen 
Teil selbst bereitet und durch frühinfantile Einflüsse deter- 
miniert gehalten. Der Zwang, der sich dabei äußert, ist vom 
Wiederholungszwang der Neurotiker nicht verschieden, 
wenngleich diese Personen niemals die Zeichen eines durch 
Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts geboten 
haben. So kennt man Personen, bei denen jede menschliche 

13* 






i$6 Jenseits des Lustprinzips 

Beziehung den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die von 
jedem ihrer Schützlinge nach einiger Zeit im Groll verlassen 
werden, so verschieden diese sonst auch sein mögen, denen 
also bestimmt scheint, alle Bitterkeit des Undankes auszu- 
kosten; Männer, bei denen jede Freundschaft den Ausgang 
nimmt, daß der Freund sie verrät; andere, die es unbe- 
stimmt oft in ihrem Leben wiederholen, eine andere Person 
zur großen Autorität für sich oder auch für die Öffentlich- 
keit zu erheben, und diese Autorität dann nach abgemesse- 
ner Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen; 
Liebende, bei denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weibe 
dieselben Phasen durchmacht und zum gleichen Ende führt 
usw. Wir verwundern uns über diese „ewige Wiederkehr 
des Gleichen" nur wenig, wenn es sich um ein aktives Ver- 
halten des Betreffenden handelt, und wenn wir den sich 
gleichbleibenden Charakterzug seines Wesens auffinden, der 
sich in der Wiederholung der nämlichen Erlebnisse äußern 
muß. Weit stärker wirken jene Fälle auf uns, bei denen die 
Person etwas passiv zu erleben scheint, worauf ihr ein Ein- 
fluß nicht zusteht, während sie doch immer nur die Wieder- 
holung desselben Schicksals erlebt. Man denke zum Beispiel 
an die Geschichte jener Frau, die dreimal nacheinander 
Männer heiratete, die nach kurzer Zeit erkrankten und von 
ihr zu Tode gepflegt werden mußten 9 . Die ergreifendste 
poetische Darstellung eines solchen Schicksalszuges hat 
Tasso im romantischen Epos „Gerusalemme liberata" ge- 
geben. Held Tankred hat unwissentlich die von ihm geliebte 
Clorinda getötet, als sie in der Rüstung eines feindlichen 
Ritters mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in 
den unheimlichen Zauberwald ein, der das Heer der Kreuz- 



9) Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufsatz von 
C. G. Jung. Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
Einzelnen. Jahrbuch für Psychoanalyse, I. 1909. 



Jenseits des Lustprinzips 197 



fahrer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen Baum mit 
seinem Schwerte, aber aus der Wunde des Baumes strömt 
Blut und die Stimme Clorindas, deren Seele in diesem Baum 
gebannt war, klagt ihn an, daß er wiederum die Geliebte 
geschädigt habe. 

Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in 
der Übertragung und aus dem Schicksal der Menschen wer- 
den wir den Mut zur Annahme finden, daß es im Seelen- 
leben wirklich einen Wiederholungszwang gibt, der sich 
über das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt 
geneigt sein, die Träume der Unfallsneurotiker und den 
Antrieb zum Spiel des Kindes auf diesen Zwang zu be- 
ziehen. Allerdings müssen wir uns sagen, daß wir die Wir- 
kungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen Fällen 
rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können. Beim 
Kinderspiel haben wir bereits hervorgehoben, welche andere 
Deutungen seine Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang 
und direkte lustvolle Triebbefriedigung scheinen sich dabei 
zu intimer Gemeinsamkeit zu verschränken. Die Phänomene 
der Übertragung stehen offenkundig im Dienste des Wider- 
standes von Seiten des auf der Verdrängung beharrenden 
Ichs; der Wiederholungszwang, den sich die Kur dienstbar 
machen wollte, wird gleichsam vom Ich, das am Lust- 
prinzip festhalten will, auf seine Seite gezogen. An dem, 
was man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns 
vieles durch die rationelle Erwägung verständlich, so daß 
man ein Bedürfnis nach der Aufstellung eines neuen ge- 
heimnisvollen Motivs nicht verspürt. Am unverdächtigsten 
ist vielleicht der Fall der Unfallsträume, aber bei näherer 
Überlegung muß man doch zugestehen, daß auch in den 
anderen Beispielen der Sachverhalt durch die Leistung der 
uns bekannten Motive nicht gedeckt wird. Es bleibt genug 
übrig, was die Annahme des Wiederholungszwanges recht- 



198 Jenseits des Lustprinzips 

fertigt, und dieser erscheint uns ursprünglicher, elementarer, 
triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene Lustprinzip. 
Wenn es aber einen solchen Wiederholungszwang im Seeli- 
schen gibt, so möchten wir gerne etwas darüber wissen, wel- 
cher Funktion er entspricht, unter welchen Bedingungen er 
hervortreten kann, und in welcher Beziehung er zum Lust- 
prinzip steht, dem wir doch bisher die Herrschaft über den 
Ablauf der Erregungsvorgänge im Seelenleben zugetraut 
haben. 



IV 

Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Speku- 
lation, die ein jeder nach seiner besonderen Einstellung 
würdigen oder vernachlässigen wird. Im weiteren ein Ver- 
such zur konsequenten Ausbeutung einer Idee, aus Neu- 
gierde, wohin dies führen wird. 

Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der 
Untersuchung unbewußter Vorgänge empfangenen Eindruck 
an, daß das Bewußtsein nicht der allgemeinste Charakter 
der seelischen Vorgänge, sondern nur eine besondere Funk- 
tion derselben sein könne. In metapsychologischer Aus- 
drucksweise behauptet sie, das Bewußtsein sei die Leistung 
eines besonderen Systems, das sie Bw benennt. Da das Be- 
wußtsein im wesentlichen Wahrnehmungen von Erregungen 
liefert, die aus der Außenwelt kommen, und Empfindungen 
von Lust und Unlust, die nur aus dem Innern des seelischen 
Apparates stammen können, kann dem System W-Bw eine 
räumliche Stellung zugewiesen werden. Es muß an der 
Grenze von außen und innen liegen, der Außenwelt zuge- 
kehrt sein und die anderen psychischen Systeme umhüllen. 
Wir bemerken dann, daß wir mit diesen Annahmen nichts 



Jenseits des Lustprinzips 199 

Neues gewagt, sondern uns der lokalisierenden Hirn- 
anatomie angeschlossen haben, welche den „Sitz" des Be- 
wußtseins in die Hirnrinde, in die äußerste, umhüllende 
Schicht des Zentralorgans verlegt. Die Hirnanatomie braucht 
sich keine Gedanken darüber zu machen, warum — anato- 
misch gesprochen — das Bewußtsein gerade an der Ober- 
fläche des Gehirns untergebracht ist, anstatt wohlverwahrt 
irgendwo im innersten Innern desselben zu hausen. Vielleicht 
bringen wir es in der Ableitung einer solchen Lage für unser 
System W-Bw weiter. 

Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die 
wir den Vorgängen in diesem System zuschreiben. Wir 
stützen uns auf die Eindrücke unserer psychoanalytischen 
Erfahrung, wenn wir annehmen, daß alle Erregungsvor- 
gänge in den anderen Systemen Dauerspuren als Grundlage 
des Gedächtnisses in diesen hinterlassen, Erinnerungsreste 
also, die nichts mit dem Bewußtwerden zu tun haben. Sie 
sind oft am stärksten und haltbarsten, wenn der sie zurück- 
lassende Vorgang niemals zum Bewußtsein gekommen ist. 
Wir finden es aber beschwerlich zu glauben, daß solche 
Dauerspuren der Erregung auch im System W-Bw zustande 
kommen. Sie würden die Eignung des Systems zur Auf- 
nahme neuer Erregungen sehr bald einschränken 10 , wenn sie 
immer bewußt blieben; im anderen Falle, wenn sie un- 
bewußt würden, stellten sie uns vor die Aufgabe, die 
Existenz unbewußter Vorgänge in einem System zu er- 
klären, dessen Funktionieren sonst vom Phänomen des Be- 
wußtseins begleitet wird. Wir hätten sozusagen durch unsere 
Annahme, welche das Bewußtwerden in ein besonderes 
System verweist, nichts verändert und nichts gewonnen. 

10) Dies durchaus nach J. Breuers Auseinandersetzung im 
theoretischen Abschnitt der „Studien über Hysterie", 1895. 



200 Jenseits des Lustprinzips 

Wenn dies auch keine absolut verbindliche Erwägung sein 
mag, so kann sie uns doch zur Vermutung bewegen, daß 
Bewußtwerden und Hinterlassung einer Gedächtnisspur für 
dasselbe System miteinander unverträglich sind. Wir würden 
so sagen können, im System Bw werde der Erregungsvor- 
gang bewußt, hinterlasse aber keine Dauerspur; alle die 
Spuren desselben, auf welche sich die Erinnerung stützt, 
kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf die nächsten 
inneren Systeme in diesen zustande. In diesem Sinne ist 
auch das Schema entworfen, welches ich dem spekulativen 
Abschnitt meiner „Traumdeutung" 1900 eingefügt habe. 
Wenn man bedenkt, wie wenig wir aus anderen Quellen 
über die Entstehung des Bewußtseins wissen, wird man dem 
Satze, das Bewußtsein entstehe an Stelle 
der Erinnerungsspur, wenigstens die Bedeutung 
einer irgendwie bestimmten Behauptung einräumen müssen. 

Das System Bw wäre also durch die Besonderheit ausge- 
zeichnet, daß der Erregungsvorgang in ihm nicht wie in 
allen anderen psychischen Systemen eine dauernde Ver- 
änderung seiner Elemente hinterläßt, sondern gleichsam" im 
Phänomen des Bewußtwerdens verpufft. Eine solche Ab- 
weichung von der allgemeinen Re^el fordert eine Erklärung 
durch ein Moment, welches ausschließlich bei diesem einen 
System in Betracht kommt, und dies den anderen Systemen 
abzusorechende Moment könnte leicht die exponierte Lage 
des Systems Bw sein, sein unmittelbares Anstoßen an die 
Außenwelt. 

Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größt- 
möglichen Vereinfachung als undifferenziertes Bläschen reiz- 
barer Substanz vor; dann ist seine der Außenwelt zu- 
gekehrte Oberfläche durch ihre Lage selbst differenziert und 
dient als reizaufnehmendes Organ. Die Embryologie als 
Wiederholung der Entwicklungsgeschichte zeigt auch wirk- 



Jenseits des Lustprinzips 201 

lieh, daß das Zentralnervensystem aus dem Ektoderm her- 
vorgeht, und die graue Hirnrinde ist noch immer ein Ab- 
kömmling der primitiven Oberfläche und könnte wesentliche 
Eigenschaften derselben durch Erbschaft übernommen haben. 
Es wäre dann leicht denkbar, daß durch unausgesetzten An- 
prall der äußeren Reize an die Oberfläche des Bläschens 
dessen Substanz bis in eine gewisse Tiefe dauernd verändert 
wird, so daß ihr Erregungsvorgang anders abläuft als in 
tieferen Schichten. Es bildete sich so eine Rinde, die end- 
lich durch die Reizwirkung so durchgebrannt ist, daß sie 
der Reizaufnahme die günstigsten Verhältnisse entgegen- 
bringt und einer weiteren Modifikation nicht fähig ist. Auf 
das System Bw übertragen, würde dies meinen, daß dessen 
Elemente keine Dauerveränderung beim Durchgang der Er- 
regung mehr annehmen können, weil sie bereits aufs äußerste 
im Sinne dieser Wirkung modifiziert sind. Dann sind sie 
aber befähigt, das Bewußtsein entstehen zu lassen. Worin 
diese Modifikation der Substanz und des Erregun?svor<janges 
in ihr besteht, darüber kann man sich mancherlei Vorstel- 
lungen machen, die sich derzeit der Prüfung entziehen. Man 
kann annehmen, die Erregung habe bei ihrem Fortgang von 
einem Element zum anderen einen Widerstand zu überwin- 
den und diese Verringerung des Widerstandes setze eben die 
Dauerspur der Erregung (Bahnung); im System Bw bestünde 
also ein solcher Übergangswiderstand von einem Element 
zum anderen nicht mehr. Man kann mit dieser Vorstellung 
die B reu ersehe Unterscheidung von ruhender (gebunde- 
ner) und frei beweglicher Besetzungsenergie in den Elemen- 
ten der psychischen Systeme zusammenbringen 11 ; die Ele- 
mente des Systems Bw würden dann keine gebundene und 



11) Studien über Hysterie von J. Breuer und Freud, 
4. unveränderte Auflage, 1922. (Ges. Schriften, Bd. I.) 



202 Jenseits des Lustprinzips 

nur frei abfuhrfähige Energie führen. Aber ich meine, vor- 
läufig ist es besser, wenn man sich über diese Verhältnisse 
möglichst unbestimmt äußert. Immerhin hätten wir durch 
diese Spekulation die Entstehung des Bewußtseins in einen 
gewissen Zusammenhang mit der Lage des Systems Bw und 
den ihm zuzuschreibenden Besonderheiten des Erregungsvor- 
ganges verflochten. 

An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden 
Rindenschichte haben wir noch anderes zu erörtern. Dieses 
Stückchen lebender Substanz schwebt inmitten einer mit den 
stärksten Energien geladenen Außenwelt und würde von 
den Reizwirkungen derselben erschlagen werden, wenn es 
nicht mit einem Reizschutz versehen wäre. Es bekommt 
ihn dadurch, daß seine äußerste Oberfläche die dem Leben- 
den zukommende Struktur aufgibt, gewissermaßen anorga- 
nisch wird und nun als eine besondere Hülle oder Membran 
reizabhaltend wirkt, das heißt, veranlaßt, daß die Energien 
der Außenwelt sich nun mit einem Bruchteil ihrer Intensität 
auf die nächsten lebend gebliebenen Schichten fortsetzen 
können. Dieser können nun hinter dem Reizschutz sich der 
Aufnahme der durchgelassenen Reizmengen widmen. Die 
Außenschicht hat aber durch ihr Absterben alle tieferen vor 
dem gleichen Schicksal bewahrt, wenigstens so lange, bis 
nicht Reize von solcher Stärke herankommen, daß sie den 
Reizschutz durchbrechen. Für den lebenden Organismus ist 
der Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als die 
Reizaufnahme; er ist mit einem eigenen Energie vorrat aus- 
gestattet und muß vor allem bestrebt sein, die besonderen 
Formen der Energieumsetzung, die in ihm spielen, vor dem 
gleichmachenden, also zerstörenden Einfluß der übergroßen, 
draußen arbeitenden Energien zu bewahren. Die Reizauf- 
nahme dient vor allem der Absicht, Richtung und Art der 
äußeren Reize zu erfahren und dazu muß es genügen, der 



Jenseits des Lustprinzips 203 

Außenwelt kleine Proben zu entnehmen, sie in geringen 
Quantitäten zu verkosten. Bei den hochentwickelten Orga- 
nismen hat sich die reizaufnehmende Rindenschicht des ein- 
stigen Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern zu- 
rückgezogen, aber Anteile von ihr sind an der Oberfläche 
unmittelbar unter dem allgemeinen Reizschutz zurückge- 
lassen. Dies sind die Sinnesorgane, die im wesentlichen Ein- 
richtungen zur Aufnahme spezifischer Reizeinwirkungen 
enthalten, aber außerdem besondere Vorrichtungen zu neuer- 
lichem Schutz gegen übergroße Reizmengen und zur Ab- 
haltung unangemessener Reizarten. Es ist für sie charakte- 
ristisch, daß sie nur sehr geringe Quantitäten des äußeren 
Reizes verarbeiten, sie nehmen nur Stichproben der Außen- 
welt vor; vielleicht darf man sie Fühlern vergleichen, die 
sich an die Außenwelt herantasten und dann immer wieder 
von ihr zurückziehen. 

Ich gestatte mir, an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu 
berühren, welches die gründlichste Behandlung verdienen 
würde. Der Kant sehe Satz, daß Zeit und Raum notwendige 
Formen unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisser 
psychoanalytischer Erkenntnisse einer Diskussion unterzogen 
werden. Wir haben erfahren, daß die unbewußten Seelen- 
vorgänge an sich „zeitlos" sind. Das heißt zunächst, daß sie 
nicht zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts von ihnen 
verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht an sie heran- 
bringen kann. Es sind dies negative Charaktere, die man 
sich nur durch Vergleichung mit den bewußten seelischen 
Prozessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeit- 
vorstellung scheint vielmehr durchaus von der Arbeitsweise 
des Systems W-Bw hergeholt zu sein und einer Selbstwahr- 
nehmung derselben zu entsprechen. Bei dieser Funktionsweise 
des Systems dürfte ein anderer "Weg des Reizschutzes be- 
schritten werden. Ich weiß, daß diese Behauptungen sehr 



204 Jenseits des Lustprinzips 

dunkel klingen, muß mich aber auf solche Andeutungen 
beschränken. 

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen 
mit einem Reizschutz gegen die Außenwelt ausgestattet ist. 
Vorhin hatten wir festgelegt, daß die nächste Rindenschicht 
desselben als Organ zur Reizaufnahme von außen differen- 
ziert sein muß. Diese empfindliche Rindenschicht, das spätere 
System Bw, empfängt aber auch Erregungen von innen her; 
die Stellung des Systems zwischen außen und innen und die 
Verschiedenheit der Bedingungen für die Einwirkung von der 
einen und der anderen Seite werden maßgebend für die 
Leistung des Systems und des ganzen seelischen Apparates. 
Gegen außen gibt es einen Reizschutz, die ankommenden 
Erregungsgrößen werden nur in verkleinertem Maßstab wir- 
ken; nach innen zu ist der Reizschutz unmöglich, die Er- 
regungen der tieferen Schichten setzen sich direkt und in 
unverringertem Maße auf das System fort, indem gewisse 
Charaktere ihres Ablaufes die Reihe der Lust-Unlust- 
empfindungen erzeugen. Allerdings werden die von innen 
kommenden Erregungen nach ihrer Intensität und nach 
anderen qualitativen Charakteren (eventuell nach ihrer 
Amplitude) der Arbeitsweise des Systems adaequater sein 
als die von der Außenwelt zuströmenden Reize. Aber 
zweierlei ist durch diese Verhältnisse entscheidend bestimmt, 
erstens die Praevalenz der Lust- und Unlustempfindungen, 
die ein Index für Vorgänge im Innern des Apparates sind, 
über alle äußeren Reize, und zweitens eine Richtung des 
Verhaltens gegen solche innere Erregungen, welche allzu 
große Unlustvermehrung herbeiführen. Es wird sich die 
Neigung ergeben, sie so zu behandeln, als ob sie nicht von 
innen, sondern von außen her einwirkten, um die Abwehr- 
mittel des Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu 
können. Dies ist die Herkunft der Projektion, der eine 



Jenseits des Lustprinzips 205 



so große Rolle bei der Verursachung pathologischer Prozesse 
vorbehalten ist. 

Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten Über- 
legungen die Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständ- 
nis angenähert haben; eine Aufklärung jener Fälle, die sich 
ihm widersetzen, haben wir aber nicht erreicht. Gehen wir 
darum einen Schritt weiter. Solche Erregungen von außen, 
die stark genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen, heißen 
wir traumatische. Ich glaube, daß der Begriff des 
Traumas eine solche Beziehung auf eine sonst wirksame Reiz- 
abhaltung erfordert. Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma 
wird gewiß eine großartige Störung im Energiebetrieb des 
Organismus hervorrufen und alle Abwehrmittel in Bewegung 
setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei zunächst außer Kraft 
gesetzt. Die Überschwemmung des seelischen Apparates mit 
großen Reizmengen ist nicht mehr hintanzuhalten; es ergibt 
sich vielmehr eine andere Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, 
die hereingebrochenen Reizmengen psychisch zu binden, um 
sie dann der Erledigung zuzuführen. 

Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen 
Schmerzes der Erfolg davon, daß der Reizschutz in be- 
schränktem Umfange durchbrochen wurde. Von dieser Stelle 
der Peripherie strömen dann dem seelischen Zentralapparat 
kontinuierliche Erregungen zu, wie sie sonst nur aus dem 
Innern des Apparates kommen konnten 12 . Und was können 
wir als die Reaktion des Seelenlebens auf diesen Einbruch 
erwarten? Von allen Seiten her wird die Besetzungsenergie 
aufgeboten, um in der Umgebung der Einbruchsstelle ent- 
sprechend hohe Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird eine 
großartige „Gegenbesetzung" hergestellt, zu deren Gunsten 
alle anderen psychischen Systeme verarmen, so daß eine aus- 

") Vgl. Triebe und Triebschicksale. (S. 58 ff dieses Bandes.) 



2o6 Jenseits des Lustprinzips 

gedehnte Lähmung oder Herabsetzung der sonstigen psy- 
chischen Leistung erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen 
zu lernen, unsere metapsychologischen Vermutungen an 
solche Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem 
Verhalten den Schluß, daß ein selbst hochbesetztes System 
imstande ist, neu hinzukommende strömende Energie auf- 
zunehmen, sie in ruhende Besetzung umzuwandeln, also sie 
psychisch zu „binden". Je höher die eigene ruhende Be- 
setzung ist, desto größer wäre auch ihre bindende Kraft; 
umgekehrt also, je niedriger seine Besetzung ist, desto weniger 
wird das System für die Aufnahme zuströmender Energie 
befähigt sein, desto gewaltsamer müssen dann die Folgen 
eines solchen Durchbruches des Reizschutzes sein. Man wird 
gegen diese Auffassung nicht mit Recht einwenden, daß die 
Erhöhung der Besetzung um die Einbruchsstelle sich weit 
einfacher aus der direkten Fortleitung der ankommenden 
Erregungsmengen erkläre. Wenn dem so wäre, so würde der 
seelische Apparat ja nur eine Vermehrung seiner Energie- 
besetzungen erfahren, und der lähmende Charakter des 
Schmerzes, die Verarmung aller anderen Systeme bliebe un- 
aufgeklärt. Auch die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des 
Schmerzes stören unsere Erklärung nicht, denn sie gehen 
reflektorisch vor sich, das heißt, sie erfolgen ohne Vermitt- 
lung des seelischen Apparats. Die Unbestimmtheit all unserer 
Erörterungen, die wir metapsychologische heißen, rührt 
natürlich daher, daß wir nichts über die Natur des Er- 
regungsvorganges in den Elementen der psychischen Systeme 
wissen und uns zu keiner Annahme darüber berechtigt fühlen. 
So operieren wir also stets mit einem großen X, welches 
wir in jede neue Formel mit hinübernehmen. Daß dieser 
Vorgang sich mit quantitativ verschiedenen Energien voll- 
zieht, ist eine leicht zulässige Forderung, daß er auch mehr 
als eine Qualität (zum Beispiel in der Art einer Amplitude) 



- 



i 



Jenseits des Lustprinzips 207 

hat, mag uns wahrscheinlich sein; als neu haben wir die 
Aufstellung Breuers in Betracht gezogen, daß es sich um 
zweierlei Formen der Energieerfüllung handelt, so daß eine 
freiströmende, nach Abfuhr drängende, und eine ruhende 
Besetzung der psychischen Systeme (oder ihrer Elemente) zu 
unterscheiden ist. Vielleicht geben wir der Vermutung Raum, 
daß die „Bindung" der in den seelischen Apparat ein- 
strömenden Energie in einer Überführung aus dem frei 
strömenden in den ruhenden Zustand besteht. 

Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine 
traumatische Neurose als die Folge eines ausgiebigen Durch- 
bruchs des Reizschutzes aufzufassen. Damit wäre die alte, 
naive Lehre vom Schock in ihre Rechte eingesetzt, an- 
scheinend im Gegensatz zu einer späteren und psychologisch 
anspruchsvolleren, welche nicht der mechanischen Gewalt- 
einwirkung, sondern dem Schreck und der Lebensbedrohung 
die ätiologische Bedeutung zuspricht. Allein diese Gegen- 
sätze sind nicht unversöhnlich, und die psychoanalytische 
Auffassung der traumatischen Neurose ist mit der rohesten 
Form der Schocktheorie nicht identisch. Versetzt letztere das 
Wesen des Schocks in die direkte Schädigung der molekularen 
Struktur, oder selbst der histologischen Struktur der nervösen 
Elemente, so suchen wir dessen Wirkung aus der Durch- 
brechung des Reizschutzes für das Seelenorgan und aus den 
daraus sich ergebenden Aufgaben zu verstehen. Der Schreck 
behält seine Bedeutung auch für uns. Seine Bedingung ist das 
Fehlen der Angstbereitschaft, welche die Überbesetzung der 
den Reiz zunächst aufnehmenden Systeme miteinschließt. 
Infolge dieser niedrigeren Besetzung sind die Systeme dann 
nicht gut imstande, die ankommenden Erregungsmengen zu 
binden, die Folgen der Durchbrechung des Reizschutzes stellen 
sich um so vieles leichter ein. Wir finden so, daß die Angst- 
bereitschaft mit der Überbesetzung der aufnehmenden Systeme 



20 8 Jenseits des Lustprinzips 



die letzte Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze 
Anzahl von Traumen mag der Unterschied zwischen den 
unvorbereiteten und den durch Uberbesetzung vorbereiteten 
Systemen das für den Ausgang entscheidende Moment sein; 
von einer gewissen Stärke des Traumas an wird er wohl 
nicht mehr ins Gewicht fallen. Wenn die Träume der Unfalls- 
neurotiker die Kranken so regelmäßig in die Situation des 
Unfalles zurückführen, so dienen sie damit allerdings nicht 
der Wunscherfüllung, deren halluzinatorische Herbeiführung 
ihnen unter der Herrschaft des Lustprinzips zur Funktion 
geworden ist. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich 
dadurch einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, deren 
Lösung vorangehen muß, ehe das Lustprinzip seine Herr- 
schaft beginnen kann. Diese Träume suchen die Reiz- 
bewältigung unter Angstentwicklung nachzuholen, deren 
Unterlassung die Ursache der traumatischen Neurose ge- 
worden ist. Sie geben uns so einen Ausblick auf eine Funktion 
des seelischen Apparats, welche, ohne dem Lustprinzip zu 
widersprechen, doch unabhängig von ihm ist und ursprüng- 
licher scheint als die Absicht des Lustgewinns und der 
Unlustvermeidung. 

Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme von dem 
Satze, der Traum ist eine Wunscherfüllung, zuzugestehen. 
Die Angstträume sind keine solche Ausnahme, wie ich wieder- 
holt und eingehend gezeigt habe, auch die „Strafräume" 
nicht, denn diese setzen nur an die Stelle der verpönten 
Wunscherfüllung die dafür gebührende Strafe, sind also die 
Wunscherfüllung des auf den verworfenen Trieb reagierenden 
Schuldbewußtseins. Aber die obenerwähnten Träume der 
Unfallsneurotiker lassen sich nicht mehr unter den Gesichts- 
punkt der Wunscherfüllung bringen, und ebensowenig die in 
den Psychoanalysen vorfallenden Träume, die uns die Er- 
innerung der psychischen Traumen der Kindheit wieder- 






Jenseits des Lustprinzips 209 

bringen. Sie gehorchen vielmehr dem Wiederholungszwang, 
der in der Analyse allerdings durch den von der „Suggestion" 
geförderten Wunsch, das Vergessene und Verdrängte herauf- 
zubeschwören, unterstützt wird. So wäre also auch die Funk- 
tion des Traumes, Motive zur Unterbrechung des Schlafes 
durch Wunscherfüllung der störenden Regungen zu beseitigen, 
nicht seine ursprüngliche; er konnte sich ihrer erst bemäch- 
tigen, nachdem das gesamte Seelenleben die Herrschaft des 
Lustprinzips angenommen hatte. Gibt es ein „Jenseits des 
Lustprinzips", so ist es folgerichtig, auch für die wunsch- 
erfüllende Tendenz des Traumes eine Vorzeit zuzulassen. 
Damit wird seiner späteren Funktion nicht widersprochen. 
Nur erhebt sich, wenn diese Tendenz einmal durchbrochen 
ist, die weitere Frage: Sind solche Träume, welche im Inter- 
esse der psychischen Bindung traumatischer Eindrücke dem 
Wiederholungszwange folgen, nicht auch außerhalb der 
Analyse möglich? Dies ist durchaus zu bejahen. 

Von den „Kriegsneurosen", soweit diese Bezeichnung mehr 
als die Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet, 
habe ich an anderer Stelle ausgeführt, daß sie sehr wohl 
traumatische Neurosen sein könnten, die durch einen Ich- 
konflikt erleichtert worden sind 13 . Die auf Seite 185 er- 
wähnte Tatsache, daß eine gleichzeitige grobe Verletzung 
durch das Trauma die Chance für die Entstehung einer Neu- 
rose verringert, ist nicht mehr unverständlich, wenn man 
zweier von der psychoanalytischen Forschung betonter Ver- 
hältnisse gedenkt. Erstens, daß mechanische Erschütterung 
als eine der Quellen der Sexualerregung anerkannt werden 
muß (vgl. die Bemerkungen über die Wirkung des Schaukeins 
und Eisenbahnfahrens in „Drei Abhandlungen zur Sexual- 



13) Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Inter- 
nationale Psychoanalytische Bibliothek, Nr. 1, 19 19. (Ges. Schriften, 
Bd. XI.) 

Freud, Theoretische Schriften 14 



210 Jenseits des Lustprinzips 

theorie" Ges. Schriften, Bd. V), und zweitens, daß dem 
schmerzhaften und fieberhaften Kranksein während seiner 
Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung der Libido 
zukommt. So würde also die mechanische Gewalt des Traumas 
das Quantum Sexualerregung frei machen, welches infolge 
der mangelnden Angstvorbereitung traumatisch wirkt, die 
gleichzeitige Körperverletzung würde aber durch die An- 
spruchnahme einer narzißtischen Uberbesetzung des leidenden 
Organs den Überschuß an Erregung binden (siehe „Zur Ein- 
führung des Narzißmus", S. 25 ff dieses Bandes). Es ist 
auch bekannt, aber für die Libidotheorie nicht genügend 
verwertet worden, daß so schwere Störungen in der Libido- 
verteilung wie die einer Melancholie durch eine interkurrente 
organische Erkrankung zeitweilig aufgehoben werden, ja, daß 
sogar der Zustand einer voll entwickelten Dementia praecox 
unter der nämlichen Bedingung einer vorübergehenden Rück- 
bildung fähig ist. 



v 

Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende 
Rindenschicht gegen Erregungen von innen her wird die 
Folge haben müssen, daß diese Reizübertragungen die größere 
ökonomische Bedeutung gewinnen und häufig zu ökonomi- 
schen Störungen Anlaß geben, die den traumatischen Neu- 
rosen gleichzustellen sind. Die ausgiebigsten Quellen solch 
innerer Erregung sind die sogenannten Triebe des Organis- 
mus, die Repräsentanten aller aus dem Körperinnern stam- 
menden, auf den seelischen Apparat übertragenen Kraft- 
wirkungen, selbst das wichtigste wie das dunkelste Element 
der psychologischen Forschung. 

Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß 
die von den Trieben ausgehenden Regungen nicht den Typus 



Jenseits des Lustprinzips zu 



des gebundenen, sondern den des frei beweglichen, nach 
Abfuhr drängenden Nervenvorganges einhalten. Das Beste, 
was wir über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium 
der Traumarbeit her. Dabei fanden wir, daß die Prozesse 
in den unbewußten Systemen von denen in den (vor-)be- 
wußten gründlich verschieden sind, daß im Unbewußten 
Besetzungen leicht vollständig übertragen, verschoben, ver- 
dichtet werden können, was nur fehlerhafte Resultate er- 
geben könnte, wenn es an vorbewußtem Material geschähe, 
und was darum auch die bekannten Sonderbarkeiten des 
manifesten Traums ergibt, nachdem die vorbewußten Tages- 
reste die Bearbeitung nach den Gesetzen des Unbewußten 
erfahren haben. Ich nannte die Art dieser Prozesse im Unbe- 
wußten den psychischen „Primärvorgang" zum Unterschied 
von dem für unser normales Wachleben gültigen Sekundär- 
vorgang. Da die Triebregungen alle an den unbewußten 
Systemen angreifen, ist es kaum eine Neuerung, zu sagen, 
daß sie dem Primärvorgang folgen, und anderseits gehört 
wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mit der frei 
beweglichen Besetzung, den Sekundärvorgang mit den Ver- 
änderungen an der gebundenen oder tonischen Besetzung 
Breuers zu identifizieren 14 . Es wäre dann die Aufgabe 
der höheren Schichten des seelischen Apparates, die im 
Primärvorgang anlangende Erregung der Triebe zu binden. 
Das Mißglücken dieser Bindung würde eine der traumatischen 
Neurose analoge Störung hervorrufen; erst nach erfolgter 
Bindung könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips (und 
seiner Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durch- 
setzen. Bis dahin aber würde die andere Aufgabe des Seelen- 
apparates, die Erregung zu bewältigen oder zu binden, vor- 
anstehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip, aber 

14) Vgl. den Abschnitt VII, Psychologie der Traumvorgänge in 
meiner „Traumdeutung". (Ges. Schriften, Bd. II.) 

14* 






212 Jenseits des Lustprinzips 

unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rücksicht auf 
dieses. 

Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an 
den frühen Tätigkeiten des kindlichen Seelenlebens wie an 
den Erlebnissen der psychoanalytischen Kur beschrieben 
haben, zeigen im hohen Grade den triebhaften, und wo sie 
sich im Gegensatz zum Lustprinzip befinden, den dämonischen 
Charakter. Beim Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, 
daß das Kind auch das unlustvolle Erlebnis darum wieder- 
holt, weil es sich durch seine Aktivität eine weit gründ- 
lichere Bewältigung des starken Eindruckes erwirbt, als beim 
bloß passiven Erleben möglich war. Jede neuerliche Wieder- 
holung scheint diese angestrebte Beherrschung zu verbessern, 
und auch bei lustvollen Erlebnissen kann sich das Kind an 
Wiederholungen nicht genug tun und wird unerbittlich auf 
der Identitär des Eindruckes bestehen. Dieser Charakterzug 
ist dazu bestimmt, späterhin zu verschwinden. Ein zum 
zweitenmal angehörter Witz wird fast wirkungslos bleiben, 
eine Theateraufführung wird nie mehr zum zweitenmal den 
Eindruck erreichen, den sie das erstemal hinterließ; ja, der 
Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein Buch, das 
ihm sehr gefallen hat, sobald nochmals durchzulesen. Immer 
wird die Neuheit die Bedingung des Genusses sein. Das Kind 
aber wird nicht müde werden, vom Erwachsenen die Wieder- 
holung eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles 
zu verlangen, bis dieser erschöpft es verweigert, und wenn 
man ihm eine schöne Geschichte erzählt hat, will es immer 
wieder die nämliche Geschichte, anstatt einer neuen hören, 
besteht unerbittlich auf der Identität der Wiederholung und 
verbessert jede Abänderung, die sich der Erzähler zuschulden 
kommen läßt, mit der er sich vielleicht sogar ein neues Ver- 
dienst erwerben wollte. Dem Lustprinzip wird dabei nicht 
widersprochen; es ist sinnfällig, daß die Wiederholung, das 



Jenseits des Lustprinzips 213 

Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle bedeutet. 
Beim Analysierten hingegen wird es klar, daß der Zwang, 
die Begebenheiten seiner infantilen Lebensperiode in der 
Übertragung zu wiederholen, sich in jeder Weise über 
das Lustprinzip hinaussetzt. Der Kranke benimmt sich dabei 
völlig wie infantil und zeigt uns so, daß die verdrängten 
Erinnerungsspuren seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht im ge- 
bundenen Zustande in ihm vorhanden, ja gewissermaßen des 
Sekundärvorganges nicht fähig sind. Dieser Ungebundenheit 
verdanken sie auch ihr Vermögen, durch Anheftung an die 
Tagesreste eine im Traum darzustellende Wunschphantasie 
zu bilden. Derselbe Wiederholungszwang tritt uns so oft als 
therapeutisches Hindernis entgegen, wenn wir zu Ende der 
Kur die völlige Ablösung vom Arzte durchsetzen wollen, 
und es ist anzunehmen, daß die dunkle Angst der mit der 
Analyse nicht Vertrauten, die sich scheuen, irgend etwas 
aufzuwecken, was man nach ihrer Meinung besser schlafen 
ließe, im Grunde das Auftreten dieses dämonischen Zwanges 

fürchtet. 

Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang 
zur Wiederholung zusammen? Hier muß sich uns die Idee 
aufdrängen, daß wir einem allgemeinen, bisher nicht klar 
erkannten — oder wenigstens nicht ausdrücklich betonten — 
Charakter der Triebe, vielleicht alles organischen Lebens 
überhaupt, auf die Spur gekommen sind. Ein Trieb 
wäre also ein dem belebten Organischen 
innewohnender Drang zur Wiederher- 
stellung eines früheren Zustande s, welchen 
dies Belebte unter dem Einflüsse äußerer Störungskräfte auf- 
geben mußte, eine Art von organischer Elastizität, oder wenn 
man will, die Äußerung der Trägheit im organischen Leben 15 . 

15) Ich bezweifle nicht, daß ähnliche Vermutungen über die 
Natur der „Triebe" bereits wiederholt geäußert worden sind. 



214 Jenseits des Lustprinzips 



Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn 
wir haben uns daran gewöhnt, im Triebe das zur Verände- 
rung und Entwicklung drängende Moment zu sehen, und 
sollen nun das gerade Gegenteil in ihm erkennen, den Aus- 
druck der konservativen Natur des Lebenden. Ander- 
seits fallen uns sehr bald jene Beispiele aus dem Tierleben 
ein, welche die historische Bedingtheit der Triebe zu be- 
stätigen scheinen. Wenn gewisse Fische um die Laichzeit 
beschwerliche Wanderungen unternehmen, um den Laich in 
bestimmten Gewässern, weit entfernt von ihren sonstigen 
Aufenthalten, abzulegen, so haben sie nach der Deutung 
vieler Biologen nur die früheren Wohnstätten ihrer Art auf- 
gesucht, die sie im Laufe der Zeit gegen andere vertauscht 
hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der Zugvögel 
gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen enthebt uns 
bald die Mahnung, daß wir in den Phänomenen der Erb- 
lichkeit und in den Tatsachen der Embryologie die groß- 
artigsten Beweise für den organischen Wiederholungszwang 
haben. Wir sehen, der Keim eines lebenden Tieres ist ge- 
nötigt, in seiner Entwicklung die Strukturen all der Formen, 
von denen das Tier abstammt — wenn auch in flüchtiger 
Abkürzung — zu wiederholen, anstatt auf dem kürzesten 
Wege zu seiner definitiven Gestaltung zu eilen, und können 
dies Verhalten nur zum geringsten Teile mechanisch er- 
klären, dürfen die historische Erklärung nicht beiseite 
lassen. Und ebenso erstreckt sich weit in die Tierreihe hinauf 
ein Reproduktionsvermögen, welches ein verlorenes Organ 
durch die Neubildung eines ihm durchaus gleichen ersetzt. 
Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl so, daß 
es außer den konservativen Trieben, die zur Wiederholung 
nötigen, auch andere gibt, die zur Neugestaltung und zum 
Fortschritt drängen, darf gewiß nicht unberücksichtigt 
bleiben; er soll auch späterhin in unsere Erwägungen ein- 



Jenseits des Lustprinzips 215 

bezogen werden. Aber vorher mag es uns verlocken, die 
Annahme, daß alle Triebe Früheres wiederherstellen wollen, 
in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei 
herauskommt, den Anschein des „Tiefsinnigen" erwecken 
oder an Mystisches anklingen, so wissen wir uns doch von 
dem Vorwurf frei, etwas Derartiges angestrebt zu haben. 
Wir suchen nüchterne Resultate der Forschung oder der 
auf sie gegründeten Überlegung, und unser Wunsch möchte 
diesen keinen anderen Charakter als den der Sicherheit 

verleihen 16 . 

Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch 
erworben und auf Regression, Wiederherstellung von 
Früherem, gerichtet sind, so müssen wir die Erfolge der 
organischen Entwicklung auf die Rechnung äußerer, 
störender und ablenkender Einflüsse setzen. Das elementare 
Lebewesen würde sich von seinem Anfang an nicht haben 
ändern wollen, hätte unter sich gleichbleibenden Verhält- 
nissen stets nur den nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber 
im letzten Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte 
unserer Erde und ihres Verhältnisses zur Sonne sein, die 
uns in der Entwicklung der Organismen ihren Abdruck 
hinterlassen hat. Die konservativen organischen Triebe haben 
jede dieser aufgezwungenen Abänderungen des Lebenslaufes 
aufgenommen und zur Wiederholung aufbewahrt und müssen 
so den täuschenden Eindruck von Kräften machen, die nach 
Veränderung und Fortschritt streben, während sie bloß ein 
altes Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. 
Auch dieses Endziel alles organischen Strebens ließe sich 
angeben. Der konservativen Natur der Triebe widerspräche 



16) Man möge nicht übersehen, daß das folgende die Entwick- 
lung eines extremen Gedankenganges ist, der späterhin, wenn die 
Sexualtriebe in Betracht gezogen werden, Einschränkung und Be- 
richtigung findet. 



n6 Jenseits des Lustprinzips 

es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter 
Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein Ausgangs- 
zustand sein, den das Lebende einmal verlassen hat, und 
zu dem es über alle Umwege der Entwicklung zurückstrebt. 
Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung annehmen dürfen, 
daß alles Lebende aus inneren Gründen stirbt, ins An- 
organische zurückkehrt, so können wir nur sagen: Daj 
Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurück- 
greifend: Das Leblose war früher da als das 
Lebende. 

Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine 
noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften 
des Lebenden erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang, vor- 
bildlich ähnlich jenem anderen, der in einer gewissen Schicht 
der lebenden Materie später das Bewußtsein entstehen ließ. 
Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten 
Stoff trachtete darnach, sich abzugleichen; es war der erste 
Trieb gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren. Die 
damals lebende Substanz hatte das Sterben noch leicht, es 
war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebensweg zu durch- 
laufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur des 
jungen Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit hindurch mag 
so die lebende Substanz immer wieder neu geschaffen wor- 
den und leicht gestorben sein, bis sich maßgebende äußere 
Einflüsse so änderten, daß sie die noch überlebende Substanz 
zu immer größeren Ablenkungen vom ursprünglichen Lebens- 
weg und zu immer komplizierteren Umwegen bis zur Er- 
reichung des Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum Tode, 
von den konservativen Trieben getreulich festgehalten, böten 
uns heute das Bild der Lebenserscheinungen. Wenn man an 
der ausschließlich konservativen Natur der Triebe festhält, 
kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft und Ziel 
des Lebens nicht gelangen. 



Jenseits des Lustprinzips 217 



Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, 
was sich für die großen Gruppen von Trieben ergibt, die 
wir hinter den Lebenserscheinungen der Organismen 
statuieren. Die Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe, die wir 
jedem lebenden Wesen zugestehen, steht in merkwürdigem 
Gegensatz zur Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben 
der Herbeiführung des Todes dient. Die theoretische Bedeu- 
tung der Selbsterhaltungs-, Macht- und Geltungstriebe 
schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es sind Partial- 
triebe, dazu bestimmt, den eigenen Todesweg des Organismus 
zu sichern und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum 
Anorganischen als die immanenten fernzuhalten, aber das 
rätselhafte, in keinen Zusammenhang einfügbare Bestreben 
des Organismus sich aller Welt zum Trotz zu behaupten, 
entfällt. Es erübrigt, daß der Organismus nur auf seine 
Weise sterben will; auch diese Lebenswächter sind ursprüng- 
lich Trabanten des Todes gewesen. Dabei kommt das 
Paradoxe zustande, daß der lebende Organismus sich auf 
das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren) sträubt, 
die ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem 
Wege (durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen, aber dies 
Verhalten charakterisiert eben ein rein triebhaftes im Gegen- 
satz zu einem intelligenten Streben. 

Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! In ein 
ganz anderes Licht rücken die Sexualtriebe, für welche die 
Ncuroscnlehre eine Sonderstellung in Anspruch genommen 
hat. Nicht alle Organismen sind dem äußeren Zwang unter- 
legen, der sie zu immer weiter gehender Entwicklung an- 
trieb. Vielen ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe 
bis auf die Gegenwart zu bewahren; es leben ja noch heute, 
wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die den Vorstufen 
der höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein müssen. Und 
ebenso machen nicht alle Elemcntarorganismen, welche den 






2i 8 Jenseits des Lustprinzips 



komplizierten Leib eines höheren Lebewesens zusammen- 
setzen, den ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen 
Tode mit. Einige unter ihnen, die Keimzellen, bewahren 
wahrscheinlich die ursprüngliche Struktur der lebenden 
Substanz und lösen sich, mit allen ererbten und neu erwor- 
benen Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit vom 
ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden 
Eigenschaften, die ihnen ihre selbständige Existenz ermög- 
lichen. Unter günstige Bedingungen gebracht, beginnen sie 
sich zu entwickeln, das heißt, das Spiel, dem sie ihre Ent- 
stehung verdanken, zu wiederholen, und dies endet damit, 
daß wieder ein Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis 
zum Ende fortführt, während ein anderer als neuer Keim- 
rest von neuem auf den Anfang der Entwicklung zurück- 
greift. So arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden 
Substanz entgegen und wissen für sie zu erringen, was uns 
als potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß, wenn- 
gleich es vielleicht nur eine Verlängerung des Todesweges 
bedeutet. Im höchsten Grade bedeutungsvoll ist uns die Tat- 
sache, daß die Keimzelle für diese Leistung durch die Ver- 
schmelzung mit einer anderen, ihr ähnlichen und doch von 
ihr verschiedenen, gekräftigt oder überhaupt erst befähigt 
wird. 

Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen 
überlebenden Elementarorganismen in acht nehmen, für ihre 
sichere Unterbringung sorgen, solange sie wehrlos gegen die 
Reize der Außenwelt sind, ihr Zusammentreffen mit den 
anderen Keimzellen herbeiführen usw., bilden die Gruppe 
der Sexualtriebe. Sie sind in demselben Sinne konservativ 
wie die anderen, indem sie frühere Zustände der lebenden 
Substanz wiederbringen, aber sie sind es in stärkerem Maße, 
indem sie sich als besonders resistent gegen äußere Einwir- 
kungen erweisen, und dann noch in einem weiteren Sinne, 



Jenseits des Lustprinzips 219 

da sie das Leben selbst für längere Zeiten erhalten 17 . Sie 
sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie der 
Absicht der anderen Triebe, welche durch die Funktion zum 
Tode führt, entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz 
zwischen ihnen und den übrigen an, den die Neurosenlehre 
frühzeitig als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein 
Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die eine Trieb- 
gruppe stürmt nach vorwärts, um das Endziel des Lebens 
möglichst bald zu erreichen, die andere schnellt an einer 
gewissen Stelle dieses Weges zurück, um ihn von einem 
bestimmten Punkt an nochmals zu machen und so die Dauer 
des Weges zu verlängern. Aber wenn auch Sexualität und 
Unterschied der Geschlechter zu Beginn des Lebens gewiß 
nicht vorhanden waren, so bleibt es doch möglich, daß die 
später als sexuell zu bezeichnenden Triebe von allem Anfang 
an in Tätigkeit getreten sind und ihre Gegenarbeit gegen 
das Spiel der „Ichtriebe" nicht erst zu einem späteren Zeit- 
punkte aufgenommen haben 18 . 

Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu 
fragen, ob nicht alle diese Spekulationen der Begründung 
entbehren. Gibt es wirklich, abgesehen von den 
Sexualtrieben, keine anderen Triebe als solche, die 
einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, nicht auch 
andere, die nach einem noch nie erreichten streben? Ich 
weiß in der organischen Welt kein sicheres Beispiel, das 
unserer vorgeschlagenen Charakteristik widerspräche. Ein 
allgemeiner Trieb zur Höherentwicklung in der Tier- und 
Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht feststellen, wenn auch 



17) Und doch sind sie es, die wir allein für eine innere Tendenz 
zum „Fortschritt" und zur Höherentwicklung in Anspruch nehmen 
können! (S. u.) 

18) Es sollte aus dem Zusammenhange verstanden werden, daß 
„Ichtriebe" hier als eine vorläufige Bezeichnung gemeint sind, 
welche an die erste Namengebung der Psychoanalyse anknüpft- 






220 Jenseits des Lustprinzips 

eine solche Entwicklungsrichtung tatsächlich unbestritten 
bleibt. Aber einerseits ist es vielfach nur Sache unserer Ein- 
schätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher als 
eine andere erklären, und anderseits zeigt uns die Wissen- 
schaft des Lebenden, daß Höherentwicklung in einem Punkte 
sehr häufig durch Rückbildung in einem anderen erkauft 
oder wettgemacht wird. Auch gibt es Tierformen genug, 
deren Jugendzustände uns erkennen lassen, daß ihre Ent- 
wicklung vielmehr einen rückschreitenden Charakter ge- 
nommen hat. Höherentwicklung wie Rückbildung könnten 
beide Folgen der zur Anpassung drängenden äußeren Kräfte 
sein und die Rolle der Triebe könnte sich für beide Fälle 
darauf beschränken, die aufgezwungene Veränderung als 
innere Lustquelle festzuhalten 19 . 

Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den 
Glauben zu verzichten, daß im Menschen selbst ein Trieb 
zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige 
Höhe geistiger Leistung und ethischer Sublimierung gebracht 
hat, und von dem man erwarten darf, daß er seine Ent- 
wicklung zum Übermenschen besorgen wird. Allein ich 
glaube nicht an einen solchen inneren Trieb und sehe keinen 
Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige 
Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Er- 
klärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man an 
einer Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen 
Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt sich 



19) Auf anderem Wege ist Ferenczi zur Möglichkeit der- 
selben Auffassung gelangt (Entwicklungsstufen des Wirklichkeits- 
sinnes, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 191 3): „Bei 
konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges muß man 'sich 
mit der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden 
Beharrungs-, respektive Regressionstendenz vertraut machen 
während die Tendenz nach Fortentwicklung, Anpassung usw. nur 
auf äußere Reize hin lebendig wird.** (S. 137.) 






Jenseits des Lustprinzips 211 

ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen, auf 
welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur auf- 
gebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner 
vollen Befriedigung zu streben, die in der "Wiederholung 
eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, 
Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, 
um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der 
Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten 
Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches 
bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren ge- 
stattet, sondern nach des Dichters Worten „ungebändigt 
immer vorwärts dringt" (Mephisto im „Faust", I, Studier- 
zimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Befriedigung, 
ist in der Regel durch die Widerstände, welche die Ver- 
drängungen aufrecht halten, verlegt, und somit bleibt nichts 
anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungs- 
richtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß 
abschließen und das Ziel erreichen zu können. Die Vorgänge 
bei der Ausbildung einer neurotischen Phobie, die ja nichts 
anderes als ein Fluchtversuch vor einer Triebbefriedigung 
ist, geben uns das Vorbild für die Entstehung dieses an- 
scheinenden „Vervollkommnungstriebes", den wir aber un- 
möglich allen menschlichen Individuen zuschreiben können. 
Die dynamischen Bedingungen dafür sind zwar ganz allge- 
mein vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse scheinen 
das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen. 

Nur mit einem Wort sei aber auf die Wahrscheinlichkeit 
hingewiesen, daß das Bestreben des Eros, das Organische 
zu immer größeren Einhei.m zusammenzufassen, einen Ersatz 
für den nicht anzuerkennenden „Vervollkommnungstrieb" 
leistet. Im Verein mit den Wirkungen der Verdrängung 
würde es die dem letzteren zugeschriebenen Phänomene 
erklären können. 



222 



Jenseits des Lustprinzips 



VI 

Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegen- 
satz zwischen den „Ichtrieben" und den Sexualtrieben auf- 
stellt, die ersteren zum Tode und die letzteren zur Lebens- 
fortsetzung drängen läßt, wird uns gewiß nach vielen Rich- 
tungen selbst nicht befriedigen. Dazu kommt, daß wir eigent- 
lich nur für die ersteren den konservativen oder besser 
regredierenden, einem Wiederholungszwang entsprechenden 
Charakter des Triebes in Anspruch nehmen konnten. Denn 
nach unserer Annahme rühren die Ichtriebe von der Belebung 
der unbelebten Materie her und wollen die Unbelebtheit 
wieder herstellen. Die Sexualtriebe hingegen — es ist augen- 
fällig, daß sie primitive Zustände des Lebewesens repro- 
duzieren, aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes Ziel ist die 
Verschmelzung zweier in bestimmter Weise differenzierter 
Keimzellen. Wenn diese Vereinigung nicht zustande kommt, 
dann stirbt die Keimzelle wie alle anderen Elemente des 
vielzelligen Organismus. Nur unter dieser Bedingung kann 
die Geschlechtsfunktion das Leben verlängern und ihm den 
Schein der Unsterblichkeit verleihen. Welches wichtige Er- 
eignis im Entwicklungsgang der lebenden Substanz wird aber 
durch die geschlechtliche Fortpflanzung oder ihren Vorläufer, 
die Kopulation zweier Individuen unter den Protisten, 
wiederholt? Das wissen wir nicht zu sagen, und darum 
würden wir es als Erleichterung empfinden, wenn unser 
ganzer Gedankenaufbau sich als irrtümlich erkennen ließe. 
Der Gegensatz von Ich(Todes-)trieben und Sexual(Lebens-) 
trieben würde dann entfallen, damit auch der Wiederholungs- 
zwang die ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen. 

Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen An- 
nahme zurück, in der Erwartung, sie werde sich exakt wider- 



. 



Jenseits des Lnstprinzips 223 



legen lassen. Wir haben auf Grund der Voraussetzung weitere 
Schlüsse aufgebaut, daß alles Lebende aus inneren Ursachen 
sterben müsse. Wir haben diese Annahme so sorglos ge- 
macht, weil sie uns nicht als solche erscheint. Wir sind ge- 
wohnt, so zu denken, unsere Dichter bestärken uns darin. 
Vielleicht haben wir uns dazu entschlossen, weil ein Trost 
in diesem Glauben liegt. Wenn man schon selbst sterben 
und vorher seine Liebsten durch den Tod verlieren soll, so 
will man lieber einem unerbittlichen Naturgesetz, der hehren 
'Ava^XT], erlegen sein, als einem Zufall, der sich etwa 
noch hätte vermeiden lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube 
an die innere Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine 
der Illusionen, die wir uns geschaffen haben, „um die 
Schwere des Daseins zu ertragen". Ursprünglich ist er sicher- 
lich nicht, den primitiven Völkern ist die Idee eines „natür- 
lichen Todes" fremd; sie führen jedes Sterben unter ihnen 
auf den Einfluß eines Feindes oder eines bösen Geistes zurück. 
Versäumen wir es darum nicht, uns zur Prüfung dieses 
Glaubens an die biologische Wissenschaft zu wenden. 

Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig 
die Biologen in der Frage des natürlichen Todes einig sind, 
ja, daß ihnen der Begriff des Todes überhaupt unter den 
Händen zerrinnt. Die Tatsache einer bestimmten durchschnitt- 
lichen Lebensdauer wenigstens bei höheren Tieren spricht 
natürlich für den Tod aus inneren Ursachen, aber der 
Umstand, daß einzelne große Tiere und riesenhafte Baum- 
gewächse ein sehr hohes und bisher nicht abschätzbares Alter 
erreichen, hebt diesen Eindruck wieder auf. Nach der groß- 
artigen Konzeption von W. Fließ sind alle Lebens- 
erscheinungen — und gewiß auch der Tod — der Organismen 
an die Erfüllung bestimmter Termine gebunden, in denen 
die Abhängigkeit zweier lebenden Substanzen, einer männ- 
lichen und einer weiblichen, vom Sonnenjahr zum Ausdruck 



224 Jenseits des Lustprinzips 

kommt. Allein die Beobachtungen, wie leicht und bis zu 
welchem Ausmaß es dem Einflüsse äußerer Kräfte möglich 
ist, die Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzenwelt in 
ihrem zeitlichen Auftreten zu verändern, sie zu verfrühen 
oder hintanzuhalten, sträuben sich gegen die Starrheit der 
Fließ sehen Formeln und lassen zum mindesten an der 
Alleinherrschaft der von ihm aufgestellten Gesetze zweifeln. 

Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behand- 
lung, welche das Thema von der Lebensdauer und vom 
Tode der Organismen in den Arbeiten von A. Weismann 
gefunden hat 20 . Von diesem Forscher rührt die Unter- 
scheidung der lebenden Substanz in eine sterbliche und un- 
sterbliche Hälfte her; die sterbliche ist der Körper im 
engeren Sinne, das Soma, sie allein ist dem natürlichen Tode 
unterworfen, die Keimzellen aber sind poientia unsterblich, 
insofern sie imstande sind, unter gewissen günstigen Bedin- 
gungen sich zu einem neuen Individuum zu entwickeln, oder 
anders ausgedrückt, sich mit einem neuen Soma zu um- 
geben 21 . 

Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit 
unserer eigenen, auf so verschiedenem Wege entwickelten 
Auffassung. Weismann, der die lebende Substanz mor- 
phologisch betrachtet, erkennt in ihr einen Bestandteil, der 
dem Tode verfallen ist, das Soma, den Körper abgesehen 
vom Geschlechts- und Vererbungsstoff, und einen unsterb- 
lichen, eben dieses Keimplasma, welches der Erhaltung der 
Art, der Fortpflanzung, dient. Wir haben nicht den lebenden 
Stoff, sondern die in ihm tätigen Kräfte eingestellt, und sind 
dazu geführt worden, zwei Arten von Trieben zu unter- 
scheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen wollen, 



20) Über die Dauer des Lebens, 18S2; über Leben und Tod, 1892; 
Das Keimplasma, 1892, u. a. 

tt) Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20. 



Jenseits des Lustprinzips 225 



die anderen, die Sexualtriebe, welche immer wieder die 
Erneuerung des Lebens anstreben und durchsetzen. Das klingt 
wie ein dynamisches Korollar zu Weismanns morpho- 
logischer Theorie. 

Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung ver- 
flüchtigt sich alsbald, wenn wir Weismanns Entschei- 
dung über das Problem des Todes vernehmen. Denn Weis- 
mann läßt die Sonderung von sterblichem Soma und un- 
sterblichem Keimplasma erst bei den vielzelligen Organismen 
gelten, bei den einzelligen Tieren sind Individuum und Fort- 
pflanzungszelle noch ein- und dasselbe 22 . Die Einzelligen 
erklärt er also für potentiell unsterblich, der Tod tritt erst 
bei den Metazoen, den Vielzelligen, auf. Dieser Tod der 
höheren Lebewesen ist allerdings ein natürlicher, ein Tod 
aus inneren Ursachen, aber er beruht nicht auf einer Ur- 
eigenschaft der lebenden Substanz 23 , kann nicht als eine 
absolute, im Wesen des Lebens begründete Notwendigkeit 
aufgefaßt werden 24 . Der Tod ist vielmehr eine Zweckmäßig- 
keitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung an die 
äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung der 
Körperzellen in Soma und Keimplasma an die unbegrenzte 
Lebensdauer des Individuums ein ganz unzweckmäßiger 
Luxus geworden wäre. Mit dem Eintritt dieser Differenzie- 
rung bei den Vielzelligen wurde der Tod möglich und zweck- 
mäßig. Seither stirbt das Soma der höheren Lebewesen aus 
inneren Gründen zu bestimmten Zeiten ab, die Protisten 
aber sind unsterblich geblieben. Die Fortpflanzung hingegen 
ist nicht erst mit dem Tode eingeführt worden, sie ist viel- 
mehr eine Ureigenschaft der lebenden Materie wie das 
Wachstum, aus welchem sie hervorging, und das Leben ist 



22) Dauer des Lebens, S. 38. 

23) Leben und Tod, 2. Aufl., S. 6j. 

24) Dauer des Lebens, S. 33. 

Freud, Theoretische Schriften 15 



tz6 Jenseits des Lustprinzips 

von seinem Beginn auf Erden an kontinuierlich geblieben 25 . 
Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natür- 
lichen Todes für die höheren Organismen unserer Sache 
wenig hilft. Wenn der Tod eine späte Erwerbung der Lebe- 
wesen ist, dann kommen Todestriebe, die sich vom Beginn 
des Lebens auf Erden ableiten, weiter nicht in Betracht. 
Die Vielzelligen mögen dann immerhin aus inneren Gründen 
sterben, an den Mängeln ihrer Differenzierung oder an den 
Unvollkommenheiten ihres Stoffwechsels; es hat für die 
Frage, die uns beschäftigt, kein Interesse. Eine solche Auf- 
fassung und Ableitung des Todes liegt dem gewohnten Den- 
ken der Menschen auch sicherlich viel näher als die befrem- 
dende Annahme von „Todestrieben". 

Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von W e i s- 
m a n n angeschlossen, hat nach meinem Urteil in keiner 
Richtung Entscheidendes ergeben 28 . Manche Autoren sind 
zum Standpunkt von Goette zurückgekehrt (1883), der 
in dem Tod die direkte Folge der Fortpflanzung sah. Hart- 
mann charakterisiert den Tod nicht durch Auftreten einer 
„Leiche", eines abgestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, 
sondern definiert ihn als den „Abschluß der individuellen 
Entwicklung". In diesem Sinne sind auch die Protozoen 
sterblich, der Tod fällt bei ihnen immer mit der Fort- 
pflanzung zusammen, aber er wird durch diese gewisser- 
maßen verschleiert, indem die ganze Substanz des Eltern- 
tieres direkt in die jungen Kinderindividuen übergeführt 
werden kann (1. c, S. 29). 

Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, 
die behauptete Unsterblichkeit der lebenden Substanz an den 

25) Über Leben und Tod, Schluß. 

26) Vgl. Max Hartmann, Tod und Fortpflanzung, 1906. 
Alex. Lipschütz, Warum wir sterben, Kosmosbücher, 1914. 
Franz Doflein, Das Problem des Todes und der Unsterblich- 
keit bei den Pflanzen und Tieren, 1909. 



Jenseits des Lustprinzips izj 



Einzelligen experimentell zu erproben. Ein Amerikaner, 
Woodruff, hat ein bewimpertes Infusorium, ein „Pan- 
toffeltierchen", das sich durch Teilung in zwei Individuen 
fortpflanzt, in Zucht genommen und es bis zur 302<?sten 
Generation, wo er den Versuch abbrach, verfolgt, indem er 
jedesmal das eine der Teilprodukte isolierte und in frisches 
Wasser brachte. Dieser späte Abkömmling des ersten Pan- 
toffeltierchens war ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle 
Zeichen des Alterns oder der Degeneration; somit schien, 
wenn solchen Zahlen bereits Beweiskraft zukommt, die 
Unsterblich keit der Protisten experimentell erweisbar 27 . 

Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. 
Maupas, Calkins und andere haben im Gegensatz zu 
Woodruff gefunden, daß auch diese Infusorien nach 
einer gewissen Anzahl von Teilungen schwächer werden, an 
Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organisation einbüßen 
und endlich sterben, wenn sie nicht gewisse auffrischende 
Einflüsse erfahren. Demnach stürben die Protozoen nach einer 
Phase des Altersverfalles ganz wie die höheren Tiere, so 
recht im Widerspruch zu den Behauptungen Weismanns, 
der den Tod als eine späte Erwerbung der lebenden Orga- 
nismen anerkennt. 

Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir 
zwei Tatsachen heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten 
scheinen. Erstens: Wenn die Tierchen zu einem Zeitpunkt, 
da sie noch keine Altersveränderung zeigen, miteinander zu 
zweit verschmelzen, „kopulieren" können — worauf sie nach 
einiger Zeit wieder auseinandergehen, — so bleiben sie vom 
Alter verschont, sie sind „verjüngt" worden. Diese Kopulation 
ist doch wohl der Vorläufer der geschlechtlichen Fort- 
pflanzung höherer Wesen; sie hat mit der Vermehrung noch 

27) Für dies und das Folgende vgl. L i p s c h ü t z 1. c, S. 26 
und 52 ff. 

15* 



228 Jenseits des Lustprinzips 

nichts zu tun, beschränkt sich auf die Vermischung der Sub- 
stanzen beider Individuen (W e i s m a n n s Amphimixis). 
Der auffrischende Einfluß der Kopulation kann aber auch 
ersetzt werden durch bestimmte Reizmittel, Veränderungen 
in der Zusammensetzung der Nähtflüssigkeit, Temperatur- 
steigerung oder Schütteln. Man erinnert sich an das berühmte 
Experiment von J. L o e b, der Seeigeleier durch gewisse 
chemische Reize zu Teilungsvorgängen zwang, die sonst nur 
nach der Befruchtung auftreten. 

Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien 
durch ihren eigenen Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod 
geführt werden, denn der Widerspruch zwischen den Er- 
gebnissen von Woodruff und von anderen rührt daher, 
daß Woodruff jede neue Generation in frische Nähr- 
flüssigkeit brachte. Unterließ er dies, so beobachtete er die- 
selben Altersveränderungen der Generationen wie die anderen 
Forscher. Er schloß, daß die Tierchen durch die Produkte 
des Stoffwechsels, die sie an die umgebende Flüssigkeit ab- 
geben, geschädigt werden, und konnte dann überzeugend 
nachweisen, daß nur die Produkte des eigenen Stoff- 
wechsels diese zum Tod der Generation führende Wirkung 
haben. Denn in einer Lösung, die mit den Abfallsprodukten 
einer entfernter verwandten Art übersättigt war, gediehen 
dieselben Tierchen ausgezeichnet, die, in ihrer eigenen Nähr- 
flüssigkeit angehäuft, sicher zugrunde gingen. Das Infusor 
stirbt also, sich selbst überlassen, eines natürlichen Todes an 
der Unvollkommenheit der Beseitigung seiner eigenen StofF- 
wechselprodukte; aber vielleicht sterben auch alle höheren 
Tiere im Grunde an dem gleichen Unvermögen. 

Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt 
zweckdienlich war, die Entscheidung der Frage nach dem 
natürlichen Tod im Studium der Protozoen zu suchen. Die 
primitive Organisation dieser Lebewesen mag uns wichtige 






Jenseits des Lustprinzips 229 



Verhältnisse verschleiern, die auch bei ihnen statthaben, aber 
erst bei höheren Tieren erkannt werden können, wo sie sich 
einen morphologischen Ausdruck verschafft haben. Wenn wir 
den morphologischen Standpunkt verlassen, um den 
dynamischen einzunehmen, so kann es uns überhaupt gleich- 
gültig sein, ob sich der natürliche Tod der Protozoen er- 
weisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die später als 
unsterblich erkannte Substanz von der sterblichen noch in 
keiner Weise gesondert. Die Triebkräfte, die das Leben in 
den Tod überführen wollen, könnten auch in ihnen von 
Anfang an wirksam sein, und doch könnte ihr Effekt durch 
den der lebcnscrhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr 
direkter Nachweis sehr schwierig wird. Wir haben allerdings 
gehört, daß die Beobachtungen der Biologen uns die An- 
nahme solcher zum Tod führenden inneren Vorgänge auch 
für die Protisten gestatten. Aber selbst wenn die Protisten 
sich als unsterblich im Sinne von W e i s m a n n erweisen, 
so gilt seine Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung, 
nur für die manifesten Äußerungen des Todes und macht 
keine Annahme über die zum Tode drängenden Prozesse 
unmöglich. Unsere Erwartung, die Biologie werde die An- 
erkennung der Todestriebe glatt beseitigen, hat sich nicht 
erfüllt. Wir können uns mit ihrer Möglichkeit weiter be- 
schäftigen, wenn wir sonst Gründe dafür haben. Die auf- 
fällige Ähnlichkeit der W e i s m a n n sehen Sonderung von 
Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung der Todes- 
triebe von den Lebenstrieben bleibt aber bestehen und erhält 
ihren Wert wieder. 

Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auf- 
fassung des Trieblebens. Nach der Theorie E. Herings 
von den Vorgängen in der lebenden Substanz laufen in ihr 
unausgesetzt zweierlei Prozesse entgegengesetzter Richtung 
ab, die einen aufbauend — assimilatorisch, die anderen ab- 



230 Jenseits des Lustprinzips 

bauend — dissimilatorisch. Sollen wir es wagen, in diesen 
beiden Richtungen der Lebensprozesse die Betätigung unserer 
beiden Triebregungen, der Lebenstriebe und der Todestriebe, 
zu erkennen? Aber etwas anderes können wir uns nicht ver- 
hehlen: daß wir unversehens in den Hafen der Philosophie 
Schopenhauers eingelaufen sind, für den ja der Tod 
„das eigentliche Resultat" und insofern der Zweck des 
Lebens ist 28 , der Sexualtrieb aber die Verkörperung des 
Willens zum Leben. 

Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach 
allgemeiner Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen 
zu einem Lebensverband, die Vielzelligkeit der Organismen, 
ein Mittel zur Verlängerung ihrer Lebensdauer geworden. 
Eine Zelle hilft dazu, das Leben der anderen zu erhalten, 
und der Zellenstaat kann weiter leben, auch wenn einzelne 
Zellen absterben müssen. Wir haben bereits gehört, daß auch 
die Kopulation, die zeitweilige Verschmelzung zweier Ein- 
zelliger, lebenserhaltend und verjüngend auf beide wirkt. 
Somit könnte man den Versuch machen, die in der Psycho- 
analyse gewonnene Libidotheorie auf das Verhältnis der 
Zellen zu einander zu übertragen und sich vorzustellen, daß 
es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe sind, 
welche die anderen Zellen zum Objekt nehmen, deren Todes- 
triebe, das ist die von diesen angeregten Prozesse, teilweise 
neutralisieren und sie so am Leben erhalten, während andere 
Zellen dasselbe für sie besorgen und noch andere in der Aus- 
übung dieser libidinösen Funktion sich selbst aufopfern. Die 
Keimzellen selbst würden sich absolut „narzißtisch" be- 
nehmen, wie wir es in der Neurosenlehre zu bezeichnen ge- 
wohnt sind, wenn ein ganzes Individuum seine Libido im 
Ich behält und nichts von ihr für Objektbesetzungen ver- 

28) „Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des 
Einzelnen", Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe, IV. Bd., S. 268. 



Jenseits des Lustprinzips 231 



ausgabt. Die Keimzellen brauchen ihre Libido, die Tätigkeit 
ihrer Lebenstriebe, für sich selbst als Vorrat für ihre spätere, 
großartig aufbauende Tätigkeit. Vielleicht darf man auch 
die Zellen der bösartigen Neugebilde, die den Organismus 
zerstören, für narzißtisch in demselben Sinne erklären. Die 
Pathologie ist ja bereit, ihre Keime für mitgeboren zu halten 
und ihnen embryonale Eigenschaften zuzugestehen. So würde 
also die Libido unserer Sexualtriebe mit dem Eros der Dichter 
und Philosophen zusammenfallen, der alles Lebende zu- 
sammenhält. 

An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Ent- 
wicklung unserer Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse 
der Übertragungsneurosen zwang uns zunächst den Gegen- 
satz zwischen „Sexualtrieben", die auf das Objekt gerichtet 
sind, und anderen Trieben auf, die wir nur sehr ungenügend 
erkannten und vorläufig als „Ichtriebe" bezeichneten. Unter 
ihnen mußten Triebe, die der Selbsterhaltung des Individuums 
dienen, in erster Linie anerkannt werden. Was für andere 
Unterscheidungen da zu machen waren, konnte man nicht 
wissen. Keine Kenntnis wäre für die Begründung einer rich- 
tigen Psychologie so wichtig gewesen, wie eine ungefähre 
Einsicht in die gemeinsame Natur und die etwaigen Besonder- 
heiten der Triebe. Aber auf keinem Gebiete der Psycho- 
logie tappte man so sehr im Dunkeln. Jedermann stellte so 
viele Triebe oder „Grundtriebe" auf, als ihm beliebte, und 
wirtschaftete mit ihnen, wie die alten griechischen Natur- 
philosophen mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der 
Erde, dem Feuer und der Luft. Die Psychoanalyse, die 
irgend einer Annahme über die Triebe nicht entraten konnte, 
hielt sich vorerst an die populäre Triebunterscheidung, für 
die das Wort von „Hunger und Liebe" vorbildlich ist. Es 
war wenigstens kein neuer Willkürakt. Damit reichte man 
in der Analyse der Psychoneurosen ein ganzes Stück weit 



232 Jenseits des Lustprinzips 



aus. Der Begriff der „Sexualität" — und damit der eines 
Sexualtriebes — mußte freilich erweitert werden, bis er vieles 
einschloß, was sich nicht der Fortpflanzungsfunktion ein- 
ordnete, und darüber gab es Lärm genug in der strengen, 
vornehmen oder bloß heuchlerischen Welt. 

Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse 
näher an das psychologische Ich herantasten konnte, das 
ihr zunächst nur als verdrängende, zensurierende und zu 
Schutzbauten, Reaktionsbildungen befähigte Instanz bekannt 
geworden war. Kritische und andere weitblickende Geister 
hatten zwar längst gegen die Einschränkung des Libido- 
begriffes auf die Energie der dem Objekt zugewendeten 
Sexualtriebe Einspruch erhoben. Aber sie versäumten es mit- 
zuteilen, woher ihnen die bessere Einsicht gekommen war, 
und verstanden nicht, etwas für die Analyse Brauchbares aus 
ihr abzuleiten. In bedächtigerem Fortschreiten fiel es nun der 
psychoanalytischen Beobachtung auf, wie regelmäßig Libido 
vom Objekt abgezogen und aufs Ich gerichtet wird (Intro- 
version), und indem sie die Libidoentwicklung des Kindes 
in ihren frühesten Phasen studierte, kam sie zur Einsicht, 
daß das Ich das eigentliche und ursprüngliche Reservoir der 
Libido sei, die erst von da aus auf das Objekt erstreckt 
werde. Das Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich 
als das vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido 
so im Ich verweilte, wurde sie narzißtisch genannt 29 . Diese 
narzißtische Libido war natürlich auch die Kraftäußerung 
von Sexualtrieben im analytischen Sinne, die man mit den 
von Anfang an zugestandenen „Selbsterhaltungstrieben" 
identifizieren mußte. Somit war der ursprüngliche Gegen- 
satz von Ichtrieben und Sexualtrieben unzureichend ge- 
worden. Ein Teil der Ichtriebe war als libidinös erkannt; 

29) Zur Einführung des Narzißmus. (In diesem Bande.) 






Jenseits des Lustprinzips 233 



im Ich waren — - neben anderen wahrscheinlich — auch 
Sexualtriebe wirksam, doch ist man berechtigt zu sagen, daß 
die alte Formel, die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt 
zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts ent- 
hielt, was heute zu verwerfen wäre. Der Unterschied der 
beiden Triebarten, der ursprünglich irgendwie qualitativ 
gemeint war, ist jetzt nur anders, nämlich topisch zu 
bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose, das eigent- 
liche Studienobjekt der Psychoanalyse, bleibt das Ergebnis 
eines Konflikts zwischen dem Ich und der libidinösen Objekt- 
besetzung. 

Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der 
Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den weiteren 
Schritt wagen, den Sexualtrieb als den alles erhaltenden 
Eros zu erkennen und die narzißtische Libido des Ichs aus 
den Libidobciträgen ableiten, mit denen die Somazellen an- 
einander haften. Nun aber finden wir uns plötzlich fol- 
gender Frage gegenüber: Wenn auch die Selbsterhaltungs- 
triebe libidinöser Natur sind, dann haben wir vielleicht 
überhaupt keine anderen Triebe als libidinöse. Es sind 
wenigstens keine anderen zu sehen. Dann muß man aber 
doch den Kritikern recht geben, die von Anfang an 
geahnt haben, die Psychoanalyse erkläre alles aus der 
Sexualität, oder den Neuerern wie Jung, die, kurz ent- 
schlossen, Libido für „Triebkraft" überhaupt gebraucht 
haben. Ist dem nicht so? 

In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir 
sind ja vielmehr von einer scharfen Scheidung zwischen Ich- 
trieben = Todestrieben und Sexualtrieben = Lebenstrieben 
ausgegangen. Wir waren ja bereit, auch die angeblichen 
Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den Todestrieben zu rech- 
nen, was wir seither berichtigend zurückgezogen haben. 
Unsere Auffassung war von Anfang eine dualistische 



234 Jenseits des Lustprinzips 



und sie ist es heute schärfer denn zuvor, seitdem wir die 
Gegensätze nicht mehr Ich- und Sexualtriebe, sondern 
Lebens- und Todestriebe benennen. Jungs Libidotheorie ist 
dagegen eine monistische; daß er seine einzige Triebkraft 
Libido geheißen hat, mußte Verwirrung stiften, soll uns aber 
weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich noch 
andere als die libiuinösen Selbsterhaltungstriebe tätig sind; 
wir sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen. Es ist zu 
bedauern, daß die Analyse des Ichs so wenig fortgeschritten 
ist, daß dieser Nachweis uns recht schwer wird. Die 
libidinösen Triebe des Ichs mögen allerdings in besonderer 
Weise mit den anderen, uns noch fremden Ichtrieben ver- 
knüpft sein. Noch ehe wir den Narzißmus klar erkannt 
hatten, bestand bereits in der Psychoanalyse die Vermutung, 
daß die „Ichtriebe" libidinöse Komponenten an sich ge- 
zogen haben. Aber das sind recht unsichere Möglichkeiten, 
denen die Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt 
mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in den Stand 
gesetzt hat, libidinöse Triebe nachzuweisen. Den Schluß, 
daß es andere nicht gibt, möchten wir darum doch nicht 
mitmachen. 

Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir 
wohl nicht gut, irgend einen Einfall, der uns Aufklärung 
verspricht, zurückzuweisen. Wir sind von der großen Gegen- 
sätzlichkeit von Lebens- und Todestrieben ausgegangen. Die 
Objektliebe selbst zeigt uns eine zweite solche Polarität, die 
von Liebe (Zärtlichkeit) und Haß (Aggression). Wenn es uns 
gelänge, diese beiden Polaritäten in Beziehung zu einander 
zu bringen, die eine auf die andere zurückzuführen! Wir 
haben von jeher eine sadistische Komponente des Sexual- 
triebes anerkannt 80 ; sie kann sich, wie wir wissen, selbstän- 

30) „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", von der I. Auflage, 
190$, an. (Ges. Schriften, Bd. V.) 






Jenseits des Lustprinzips . 235 

dig machen und als Perversion das gesamte Sexualstreben der 
Person beherrschen. Sie tritt auch in einer der von mir 
sogenannten „prägenitalen Organisationen" als dominierender 
Partialtrieb hervor. Wie soll man aber den sadistischen 
Trieb, der auf die Schädigung des Objekts zielt, vom lebens- 
erhaltenden Eros ableiten können? Liegt da nicht die An- 
nahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb 
ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich 
abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein 
kommt? Er tritt dann in den Dienst der Sexualfunktion; im 
oralen Organisationsstadium der Libido fällt die Liebes- 
bemächtigung noch mit der Vernichtung des Objekts zu- 
sammen, später trennt sich der sadistische Trieb ab und end- 
lich übernimmt er auf der Stufe des Genitalprimats zum 
Zwecke der Fortpflanzung die Funktion, das Sexualobjekt 
so weit zu bewältigen, als es die Ausführung des Geschlechts- 
aktes erfordert. Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich 
herausgedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten 
des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese 
zum Objekt nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine 
Ermäßigung und Verschmelzung erfährt, ist die bekannte 
Liebe-Haß-Ambivalenz des Liebeslebens hergestellt. 

Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so 
wäre die Forderung erfüllt, ein Beispiel eines — allerdings 
verschobenen — Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auf- 
fassung von jeder Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen 
geradezu mystischen Eindruck macht. Wir kommen in den 
Verdacht, um jeden Preis eine Auskunft aus einer großen 
Verlegenheit gesucht zu haben. Dann dürfen wir uns darauf 
berufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß wir 
sie bereits früher einmal gemacht haben, als von einer Ver- 
legenheit noch keine Rede war. Klinische Beobachtungen 
haben uns seinerzeit zur Auffassung genötigt, daß der dem 



2 3 6 Jenseits des Lustprinzips 



Sadismus komplementäre Partialtrieb des Masocbismus als 
eine Rückwendung des Sadismus gegen das eigene Ich zu 
verstehen sei 31 . Eine Wendung des Triebes vom Objekt zum 
Ich ist aber prinzipiell nichts anderes als die Wendung vom 
Ich zum Objekt, die hier als neu in Frage steht. Der 
Masochismus, die Wendung des Triebes gegen das eigene 
Ich, wäre dann in Wirklichkeit eine Rückkehr zu einer 
früheren Phase desselben, eine Regression. In einem Punkte 
bedürfte die damals vom Masochismus gegebene Darstellung 
einer Berichtigung als allzu ausschließlich; der Masochismus 
könnte auch, was ich dort bestreiten wollte, ein primärer 
sein 3 *. 

Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben 
zurück. Schon aus der Protistenforschung haben wir erfahren* 
daß die Verschmelzung zweier Individuen ohne nachfolgende 
Teilung, die Kopulation, auf beide Individuen, die sich dann 
bald von einander lösen, stärkend und verjüngend wirkt. 
(S. o. L i p s c h ü t z.) Sie zeigen in weiteren Generationen 
keine Degenerationserscheinungen und scheinen befähigt, den 
Schädlichkeiten ihres eigenen Stoffwechsels länger zu wider- 
stehen. Ich meine, daß diese eine Beobachtung als vorbildlich 
für den Effekt auch der geschlechtlichen Vereinigung ge- 

31) Vgl. Drei Abhandl. zur Sexualtheorie (Ges. Schriften, Bd. V) 
und „Triebe und Triebschicksale" (in diesem Bande, S. 58 ff). 

32) In einer inhalts- und gedankenreichen, für mich leider nicht 
ganz durchsichtigen Arbeit hat Sabina S p i c 1 r e i n ein ganzes 
Stück dieser Spekulation vorweggenommen. Sie bezeichnet die 
sadistische Komponente des Sexualtriebs als die „destruktive". (Die 
Destruktion als Ursache des Werdens. Jahrbuch für Psychoanalyse, 
IV, 1912.) In noch anderer Weise suchte A. Stärcke (Inleiding 
by de vertaling von S. Freud, De sexuele beschavingsmoral etc., 
1914) den Libidobegriff selbst mit dem theoretisch zu supponieren- 
den biologischen Begriff eines Antriebes zum Tode zu 
identifizieren. (Vgl. auch Rank, Der Künstler.) Alle diese Be- 
mühungen zeigen, wie die im Texte, von dem Drang nach einer 
noch nicht erreichten Klärung in der Trieblehre. 



Jenseits des Lustprinzips 237 



nommen werden darf. Aber auf welche Weise bringt die 
Verschmelzung zweier wenig verschiedener Zellen eine solche 
Erneuerung des Lebens zustande? Der Versuch, der die 
Kopulation bei den Protozoen durch die Einwirkung 
chemischer, ja selbst mechanischer Reize (1. c.) ersetzt, ge- 
stattet wohl, eine sichere Antwort zu geben: Es geschieht 
durch die Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt nun aber 
gut zur Annahme, daß der Lebensprozeß des Individuums 
aus inneren Gründen zur Abgleichung chemischer Span- 
nungen, das heißt zum Tode führt, während die Vereinigung 
mit einer individuell verschiedenen lebenden Substanz diese 
Spannungen vergrößert, sozusagen neue Vitaldifferen- 
z c n einführt, die dann abgelebt werden müssen. Für 
diese Verschiedenheit muß es natürlich ein oder mehrere 
Optima geben. Daß wir als die herrschende Tendenz des 
Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens überhaupt, das 
Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung 
der inneren Reizspannung erkannten (das Nirwana- 
prinzip nach einem Ausdruck von Barbara L o w), wie 
es im Lustprinzip zum Ausdruck kommt, das ist ja eines 
unserer stärksten Motive, an die Existenz von Todestrieben 
zu glauben. 

Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges ver- 
spüren wir es aber noch immer, daß wir gerade für den 
Sexualtrieb jenen Charakter eines Wiederholungszwanges 
nicht nachweisen können, der uns zuerst zur Aufspürung der 
Todestriebe führte. Das Gebiet der embryonalen Entwick- 
lungsvorgänge ist zwar überreich an solchen Wiederholungs- 
erscheinungen, die beiden Keimzellen der geschlechtlichen 
Fortpflanzung und ihre Lebensgeschichte sind selbst nur 
Wiederholungen der Anfänge des organischen Lebens; aber 
das Wesentliche an den vom Sexualtrieb intendierten Vor- 
gängen ist doch die Verschmelzung zweier Zelleiber. Erst 



238 Jenseits des Lustprinzips 

durch diese wird bei den höheren Lebewesen die Unsterb- 
lichkeit der lebenden Substanz gesichert. 

Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft scharfen über 
die Entstehung der geschlechtlichen Fortpflanzung und die 
Herkunft der Sexualtriebe überhaupt, eine Aufgabe, vor der 
ein Außenstehender zurückschrecken muß, und die von den 
Spezialforschern selbst bisher noch nicht gelöst werden 
konnte. In knappster Zusammendrängung sei darum aus all 
den widerstreitenden Angaben und Meinungen hervor- 
gehoben, was einen Anschluß an unseren Gedankengang zu- 
läßt. 

Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fort- 
pflanzung seinen geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fort- 
pflanzung als eine Teilerscheinung des Wachstums darstellt 
(Vermehrung durch Teilung, Sprossung, Knospung). Die 
Entstehung der Fortpflanzung durch geschlechtlich differen- 
zierte Keimzellen könnte man sich nach nüchterner Dar- 
w i n scher Denkungsart so vorstellen, daß der Vorteil der 
Amphimixis, der sich dereinst bei der zufälligen Kopulation 
zweier Protisten ergab, in der ferneren Entwicklung fest- 
gehalten und weiter ausgenützt wurde 33 . Das „Geschlecht" 
wäre also nicht sehr alt, und die außerordentlich heftigen 
Triebe, welche die geschlechtliche Vereinigung herbeiführen 
wollen, wiederholten dabei etwas, was sich zufällig einmal 
ereignet und seither als vorteilhaft befestigt hat. 

Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man 

33) Obwohl Weis mann (Das Keimplasma, 1892) auch diesen 
Vorteil leugnet: „Die Befruchtung bedeutet keinesfalls eine Ver- 
jüngung oder Erneuerung des Lebens, sie wäre durchaus nicht 
notwendig zur Fortdauer des Lebens, sie ist nichts als eine 
Einrichtung, um die Vermischung zweier ver- 
schiedener Vererbungstendenzen möglich zu 
machen." Als die Wirkung einer solchen Vermischung betrachtet 
er aber doch eine Steigerung der Variabilität der Lebewesen. 



. 



jenseits des Lustprinzips 239 



bei den Protisten nichts anderes gelten lassen soll, als was 
sie zeigen, und ob man annehmen darf, daß Kräfte und 
Vorgänge, die erst bei höheren Lebewesen sichtbar werden, 
auch bei diesen zuerst entstanden sind. Für unsere Absichten 
leistet die erwähnte Auffassung der Sexualität sehr wenig. 
Man wird gegen sie einwenden dürfen, daß sie die Existenz 
von Lebenstrieben, die schon im einfachsten Lebewesen wir- 
ken, voraussetzt, denn sonst wäre ja die Kopulation, die dem 
Lebenslauf entgegenwirkt und die Aufgabe des Ablebens er- 
schwert, nicht festgehalten und ausgearbeitet, sondern ver- 
mieden worden. Wenn man also die Annahme von Todes- 
trieben nicht fahren lassen will, muß man ihnen von allem 
Anfang an Lebenstriebe zugesellen. Aber man muß es zu- 
gestehen, wir arbeiten da an einer Gleichung mit zwei Un- 
bekannten. Was wir sonst in der Wissenschaft über die 
Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, daß 
man dies Problem einem Dunkel vergleichen kann, in welches 
auch nicht der Lichtstrahl einer Hypothese gedrungen ist. 
An ganz anderer Stelle begegnen wir allerdings einer solchen 
Hypothese, die aber von so phantastischer Art ist, — gewiß 
eher ein Mythus als eine wissenschaftliche Erklärung — daß 
ich nicht wagen würde, sie hier anzuführen, wenn sie nicht 
gerade die eine Bedingung erfüllen würde, nach deren Er- 
füllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb ab von 
dem Bedürfnis nach Wiederherstellung 
eines früheren Zustande s. 

Ich meine natürlich die Theorie, die P 1 a t o im Sym- 
posion durch Aristophanes entwickeln läßt, und die 
nicht nur die Herkunft des Geschlechtstriebes, sondern auch 
seiner wichtigsten Variation in Bezug auf das Objekt be- 
handelt 34 . 

34) Übersetzung von U. v. Wilamowitz-Moellen- 
d o r f f (P 1 a t o n I, S. 366 f.). 






240 Jenseits des Lustprinzips 

„Unser Leib war nämlich zuerst gar nicht ebenso gebildet 
wie jetzt; er war ganz anders. Erstens gab es drei Ge- 
schlechter, nicht bloß wie jetzt männlich und weiblich, son- 
dern noch ein drittes, das die beiden vereinigte . . . das Mann- 
weibliche . . ." Alles an diesen Menschen war aber doppelt, 
sie hatten also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter, 
doppelte Schamteile usw. Da ließ sich Zeus bewegen, jeden 
Menschen in zwei Teile zu teilen, „wie man die Quitten 
zum Einmachen durchschneidet . . . Weil nun das ganze 
Wesen entzweigeschnitten war, trieb die Sehnsucht die beiden 
Hälften zusammen: sie umschlangen sich mit den Händen, 
verflochten sich ineinander im Verlangen, zusa m- 
menzuwachsen.. .' <35 

35) Prof. Heinrich Gomperz (Wien) verdanke ich die nach- 
stehenden Andeutungen über die Herkunft des Platonischen 
Mythus, die ich zum Teil in seinen Worten wiedergebe: Ich möchte 
darauf aufmerksam machen, daß sich wesentlich dieselbe Theorie 
auch schon in den Upanishaden findet. Denn B r i h a d- 
Aranyaka-Upanishad, I. 4, 3 (Deussen, 60 Upanishads 
des Veda, S. 393), wo das Hervorgehen der Welt aus dem Atman 
(dem Selbst oder Ich) geschildert wird, heißt es:,,... Aber er (der 
Atman, das Selbst oder das Ich) hatte auch keine Freude; darum 
hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach 
einem Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib und ein 
Mann, wenn sie sich umschlungen halten. Dieses sein Selbst zer- 
fällte er in zwei Teilt: daraus entstanden Gatte und Gattin. 
Darum ist dieser Leib an dem Selbst gleichsam eine Halbscheid, 
so nämlich hat es Yajnavalkya erklärt. Darum wird dieser 
leere Raum hier durch das Weib ausgefüllt." 

Die Brihad-Aranyaka-Upanishad ist die älteste aller 
Upanishaden und wird wohl von keinem urteilsfähigen Forscher 
später angesetzt als etwa um das Jahr 800 v. Chr. Die Frage, ob 
eine, wenn auch nur mittelbare Abhängigkeit P 1 a t o s von diesen 
indischen Gedanken möglich wäre, möchte ich im Gegensatz zur 
herrschenden Meinung nicht unbedingt verneinen, da eine solche 
Möglichkeit wohl auch für die Seelenwanderungslehre nicht ge- 
radezu in Abrede gestellt werden kann. Eine solche, zunächst 
durch Pythagoreer vermittelte Abhängigkeit würde dem gedank- 
lichen Zusammentreffen kaum etwas von seiner Bedeutsamkeit 



Jenseits des Lustprinzips 241 



Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die 
Annahme wagen, daß die lebende Substanz bei ihrer Be- 
lebung in kleine Partikel zerrissen wurde, die seither durch 
die Sexualtriebe ihre Wiedervereinigung anstreben? Daß diese 
Triebe, in denen sich die chemische Affinität der unbelebten 
Materie fortsetzt, durch das Reich der Protisten hindurch 
allmählich die Schwierigkeiten überwinden, welche eine mit 
lebensgefährlichen Reizen geladene Umgebung diesem 
Streben entgegensetzt, die sie zur Bildung einer schützenden 
Rindenschicht nötigt? Daß diese zersprengten Teilchen 
lebender Substanz so die Vielzelligkeit erreichen und endlich 
den Keimzellen den Trieb zur Wiedervereinigung in höchster 
Konzentration übertragen? Ich glaube, es ist hier die Stelle, 
abzubrechen. 

Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzu- 
schließen. Man könnte mich fragen, ob und inwieweit ich 
selbst von den hier entwickelten Annahmen überzeugt bin. 
Meine Antwort würde lauten, daß ich weder selbst über- 
zeugt bin, noch bei anderen um Glauben für sie werbe. 
Richtiger: ich weiß nicht, wie weit ich an sie glaube. Es 
scheint mir, daß das affektive Moment der Überzeugung hier 
gar nicht in Betracht zu kommen braucht. Man kann sich 
doch einem Gedankengang hingeben, ihn verfolgen, soweit 
er führt, nur aus wissenschaftlicher Neugierde oder, wenn 
man will, als advocatus diaboli, der sich darum doch nicht 

nehmen, da P 1 a t o eine derartige ihm irgendwie aus orientalischer 
Überlieferung zugetragene Geschichte sich nicht zu eigen gemacht, 
geschweige denn ihr eine so bedeutsame Stellung angewiesen hätte, 
hätte sie ihm nicht selbst als wahrheitshältig eingeleuchtet. 

In einem Aufsatz von K. Z i e g 1 c r, Menschen- und Welten- 
werden (Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Bd. 31, 
S. 529 ff., 1913), der sich planmäßig mit der Erforschung des 
fraglichen Gedankens vor P 1 a t o beschäftigt, wird dieser auf 
babylonische Vorstellungen zurückgeführt. 

Freud, Theoretische Schriften 16 



242 Jenseits des Lustprinzips 

dem Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne nicht, daß der 
dritte Schritt in der Trieblehre, den ich hier unternehme, 
nicht dieselbe Sicherheit beanspruchen kann wie die beiden 
früheren, die Erweiterung des Begriffs der Sexualität und die 
Aufstellung des Narzißmus. Diese Neuerungen waren direkte 
Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, mit nicht größeren 
Fehlerquellen behaftet, als in all solchen Fällen unvermeidlich 
ist. Die Behauptung des regressiven Charakters der 
Triebe ruht allerdings auch auf beobachtetem Material, näm- 
lich auf den Tatsachen des Wiederholungszwanges. Allein 
vielleicht habe ich deren Bedeutung überschätzt. Die Durch- 
führung dieser Idee ist jedenfalls nicht anders möglich, als 
daß man mehrmals nacheinander Tatsächliches mit bloß 
Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der Be- 
obachtung entfernt. Man weiß, daß das Endergebnis um so 
unverläßlicher wird, je öfter man dies während des Aufbaues 
einer Theorie tut, aber der Grad der Unsicherheit ist nicht 
angebbar. Man kann dabei glücklich geraten haben oder 
schmählich in die Irre gegangen sein. Der sogenannten In- 
tuition traue ich bei solchen Arbeiten wenig zu; was ich von 
ihr gesehen habe, schien mir eher der Erfolg einer gewissen 
Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß man leider selten 
unparteiisch ist, wo es sich um die letzten Dinge, die großen 
Probleme der Wissenschaft und des Lebens handelt. Ich 
glaube, ein jeder wird da von innerlich tief begründeten 
Vorlieben beherrscht, denen er mit seiner Spekulation un- 
wissentlich in die Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum 
Mißtrauen bleibt wohl nichts anderes als ein kühles Wohl- 
wollen für die Ergebnisse der eigenen Denkbemühung mög- 
lich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß solche Selbst- 
kritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen ab- 
weichende Meinungen verpflichtet. Man darf unerbittlich 
Theorien abweisen, denen schon die ersten Schritte in der 



Jenseits des Lustprinzips 243 



Analyse der Beobachtung widersprechen, und kann dabei 
doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt, doch 
nur eine vorläufige ist. In der Beurteilung unserer Speku- 
lation über die Lebens- und Todestriebe würde es uns wenig 
stören, daß so viel befremdende und unanschauliche Vor- 
gänge darin vorkommen, wie ein Trieb werde von anderen 
herausgedrängt, oder er wende sich vom Ich zum Objekt 
und dergleichen. Dies rührt nur daher, daß wir genötigt 
sind, mit den wissenschaftlichen Terminis, das heißt mit der 
eigenen Bildersprache der Psychologie (richtig: der Tiefen- 
psychologie) zu arbeiten. Sonst könnten wir die entspre- 
chenden Vorgänge überhaupt nicht beschreiben, ja, wür- 
den sie gar nicht wahrgenommen haben. Die Mängel 
unserer Beschreibung würden wahrscheinlich verschwin- 
den, wenn wir anstatt der psychologischen Termini schon 
die physiologischen oder chemischen einsetzen könnten. 
Diese gehören zwar auch nur einer Bildersprache an, aber 
einer uns seit längerer Zeit vertrauten und vielleicht auch 
einfacheren. 

Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die 
Unsicherheit unserer Spekulation zu einem hohen Grade 
durch die Nötigung gesteigert wurde, Anleihen bei der bio- 
logischen Wissenschaft zu machen. Die Biologie ist wahr- 
lich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben 
die überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und 
können nicht erraten, welche Antworten sie auf die von 
uns an sie gestellten Fragen einige Jahrzehnte später geben 
würde. Vielleicht gerade solche, durch die unser ganzer 
künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen wird. Wenn 
dem so ist, könnte jemand fragen, wozu unternimmt man 
also solche Arbeiten, wie die in diesem Abschnitt nieder- 
gelegte, und warum bringt man sie doch zur Mitteilung? 
Nun, ich kann nicht in Abrede stellen, daß einige der 

16* 



244 Jenseits des Lustprinzips 



Analogien, Verknüpfungen und Zusammenhänge darin mir 
der Beachtung würdig erschienen sind 3 



133 



VII 

Wenn es wirklich ein so allgemeiner Charakter der Triebe 
ist, daß sie einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, 

36) Anschließend hier einige Worte zur Klärung unserer Namen- 
gebung, die im Laufe dieser Erörterungen eine gewisse Entwick- 
lung durchgemacht hat. Was „Sexualtriebe" sind, wußten wir 
aus ihrer Beziehung zu den Geschlechtern und zur Fortpflanzungs- 
funktion. Wir behielten dann diesen Namen bei, als wir durch 
die Ergebnisse der Psychoanalyse genötigt waren, deren Beziehung 
zur Fortpflanzung zu lockern. Mit der Aufstellung der narziß- 
tischen Libido und der Ausdehnung des Libidobegriffes auf die 
einzelne Zelle wandelte sich uns der Sexualtrieb zum Eros, der 
die Teile der lebenden Substanz zueinanderzudrängen und zu- 
sammenzuhalten sucht, und die gemeinhin so genannten Sexual- 
triebe erschienen als der dem Objekt zugewandte Anteil dieses 
Eros. Die Spekulation läßt dann diesen Eros vom Anfang des 
Lebens an wirken und als „Lebenstrieb" im Gegensatz zum 
„Todestrieb" treten, der durch die Belebung des Anorganischen 
entstanden ist. Sie versucht das Rätsel des Lebens durch die An- 
nahme diesei beiden von Uranfang an miteinander ringenden 
Triebe zu lösen. Unübersichtlicher ist vielleicht die Wandlung, die 
der Begriff der „Ichtriebe" erfahren hat. Ursprünglich nannten 
wir so alle jene von uns nicht näher gekannten Triebrichtungen, 
die sich von den auf das Objekt gerichteten Sexualtrieben ab- 
scheiden lassen, und brachten die Ichtriebe im Gegensatz zu den 
Sexualtrieben, deren Ausdruck die Libido ist. Späterhin näherten 
wir uns der Analyse des Ichs und erkannten, daß auch ein Teil 
der „Ichtriebe" libidinöser Natur ist, das eigene Ich zum Objekt 
genommen hat. Diese narzißtischen Selbsterhaltungstriebe mußten 
also jetzt den libidinösen Sexualtrieben zugerechnet werden. Der 
Gegensatz zwischen Ich- und Sexualtrieben wandelte sich in den 
zwischen Ich- und Objekttrieben, beide libidinöser Natur. An 
seine Stelle trat aber ein neuer Gegensatz zwischen libidinösen 
(Ich- und Objekt-) Trieben und anderen, die im Ich zu statuieren 
und vielleicht in den Destruktionstrieben aufzuzeigen sind. Die 
Spekulation wandelt diesen Gegensatz in den von Lebenstrieben 
(Eros) und von Todestrieben um. 



Jenseits des Lustprinzips 245 

so dürfen wir uns nicht darüber verwundern, daß im Seelen- 
leben so viele Vorgänge sich unabhängig vom Lustprinzip 
vollziehen. Dieser Charakter würde sich jedem Partialtrieb 
mitteilen und sich in seinem Falle auf die Wiedererreichung 
einer bestimmten Station des Entwicklungsweges beziehen. 
Aber all dies, worüber das Lustprinzip noch keine Macht 
bekommen hat, brauchte darum noch nicht im Gegensatz 
zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch ungelöst, das 
Verhältnis der triebhaften Wiederholungsvorgänge zur Herr- 
schaft des Lustprinzips zu bestimmen. 

Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten 
Funktionen des seelischen Apparates erkannt, die anlangen- 
den Triebregungen zu „binden", den in ihnen herrschenden 
Primärvorgang durch den Sekundärvorgang zu ersetzen, ihre 
frei bewegliche Besetzungsenergie in vorwiegend ruhende 
(tonische) Besetzung umzuwandeln. Während dieser Um- 
setzung kann auf die Entwicklung von Unlust nicht Rück- 
sicht genommen werden, allein das Lustprinzip wird dadurch 
nicht aufgehoben. Die Umsetzung geschieht vielmehr im 
Dienste des Lustprinzips; die Bindung ist ein vorbereitender 
Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet und 
sichert. 

Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer voneinander, 
als wir es bisher getan haben. Das Lustprinzip ist dann eine 
Tendenz, welche im Dienste einer Funktion steht, der es 
zufällt, den seelischen Apparat überhaupt erregungslos zu 
machen, oder den Betrag der Erregung in ihm konstant oder 
möglichst niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für 
keine dieser Fassungen sicher entscheiden, aber wir merken, 
daß die so bestimmte Funktion Anteil hätte an dem allge- 
meinsten Streben alles Lebenden, zur Ruhe der anorganischen 
Welt zurückzukehren. Wir haben alle erfahren, daß die 
größte uns erreichbare Lust, die des Sexualaktes, mit dem 



246 Jenseits des Lustprinzips 

momentanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung ver- 
bunden ist. Die Bindung der Triebregung wäre aber eine 
vorbereitende Funktion, welche die Erregung für ihre end- 
gültige Erledigung in der Abfuhrlust zurichten soll. 

Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob 
die Lust- und Unlustempfindungen von den gebundenen wie 
von den ungebundenen Erregungsvorgängen in gleicher Weise 
erzeugt werden können. Da erscheint es denn ganz un- 
zweifelhaft, daß die ungebundenen, die Primärvorgänge, weit 
intensivere Empfindungen nach beiden Richtungen ergeben 
als die gebundenen, die des Sekundärvorganges. Die Primär- 
vorgänge sind auch die zeitlich früheren, zu Anfang des 
Seelenlebens gibt es keine anderen, und wir können schließen, 
wenn das Lustprinzip nicht schon bei ihnen in Wirksamkeit 
wäre, könnte es sich überhaupt für die späteren nicht her- 
stellen. Wir kommen so zu dem im Grunde nicht einfachen 
Ergebnis, daß das Luststreben zu Anfang des seelischen Lebens 
sich weit intensiver äußert als späterhin, aber nicht so un- 
eingeschränkt; es muß sich häufige Durchbrüche gefallen 
lassen. In reiferen Zeiten ist die Herrschaft des Lustprinzips 
sehr viel mehr gesichert, aber dieses selbst ist der Bändigung 
so wenig entgangen wie die anderen Triebe überhaupt. Jeden- 
falls muß das, was am Erregungsvorgange die Empfindungen 
von Lust und Unlust entstehen läßt, beim Sekundärvorgang 
ebenso vorhanden sein wie beim Primärvorgang. 

Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien einzusetzen. 
Unser Bewußtsein vermittelt uns von innen her nicht nur 
die Empfindungen von Lust und Unlust, sondern auch von 
einer eigentümlichen Spannung, die selbst wieder eine lust- 
volle oder unlustvolle sein kann. Sind es nun die gebun- 
denen und die ungebundenen Energievorgänge, die wir mittels 
dieser Empfindungen von einander unterscheiden sollen, oder 
ist die Spannungsempfindung auf die absolute Größe, even- 



Jenseits des Lustprinzips 247 

tuell das Niveau der Besetzung zu beziehen, während die 
Lust- Unlustreihe auf die Änderung der Besetzungsgröße in 
der Zeiteinheit hindeutet? Es muß uns auch auffallen, daß 
die Lcbenstriebe so viel mehr mit unserer inneren "Wahr- 
nehmung zu tun haben, da sie als Störenfriede auftreten, 
unausgesetzt Spannungen mit sich bringen, deren Erledigung 
als Lust empfunden wird, während die Todestriebe ihre 
Arbeit unauffällig zu leisten scheinen. Das Lustprinzip 
scheint geradezu im Dienste der Todestriebe zu stehen; es 
wacht allerdings auch über die Reize von außen, die von 
beiderlei Triebarten als Gefahren eingeschätzt werden, aber 
ganz besonders über die Reizsteigerungen von innen her, die 
eine Erschwerung der Lebensaufgabe erzielen. Hieran 
knüpfen sich ungezählte andere Fragen, deren Beantwortung 
jetzt nicht möglich ist. Man muß geduldig sein und auf 
weitere Mittel und Anlässe zur Forschung warten. Auch 
bereit bleiben, einen Weg wieder zu verlassen, den man eine 
Weile verfolgt hat, wenn er zu nichts Gutem zu führen 
scheint. Nur solche Gläubige, die von der Wissenschaft einen 
Ersatz für den aufgegebenen Katechismus fordern, werden 
dem Forscher die Fortbildung oder selbst die Umbildung 
seiner Ansichten verübeln. Im übrigen mag uns ein Dichter 
(R ü c k e r t in den Makamen des Hariri) über die lang- 
samen Fortschritte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis 
trösten : 

„Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken. 

Die Schrift sagt, es ist keine Sünde zu hinken." 

















































MASSENPSYCHOLOC1E UND 
ICH-ANALYSE. 

lQSl) 
I 

Einleitung 

Der Gegensatz von Individual- und Sozial- oder Massen- 
psychologie, der uns auf den ersten Blick als sehr bedeutsam 
erscheinen mag, verliert bei eingehender Betrachtung sehr viel 
von seiner Schärfe. Die Individualpsychologie ist zwar auf 
den einzelnen Menschen eingestellt und verfolgt, auf welchen 
Wegen derselbe die Befriedigung seiner Triebregungen zu 
erreichen sucht, allein sie kommt dabei nur selten, unter 
bestimmten Ausnahmsbedingungen, in die Lage, von den 
Beziehungen dieses Einzelnen zu anderen Individuen abzu- 
sehen. Im Seelenleben des Einzelnen kommt ganz regelmäßig 
der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als 
Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist daher 
von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem 
erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinne. 

Das Verhältnis des Einzelnen zu seinen Eltern und Ge- 
schwistern, zu seinem Liebesobjekt, zu seinem Lehrer und zu 



Massenpsychologie und Ich-Analyse 249 



seinem Arzt, also alle die Beziehungen, welche bisher vorzugs- 
weise Gegenstand der psychoanalytischen Untersuchung ge- 
worden sind, können den Anspruch erheben, als soziale 
Phänomene gewürdigt zu werden, und stellen sich dann in 
Gegensatz zu gewissen anderen, von uns narzißtisch 
genannten Vorgängen, bei denen die Triebbefriedigung sich 
dem Einfluß anderer Personen entzieht oder auf sie ver- 
zichtet. Der Gegensatz zwischen sozialen und narzißtischen 

— Bleuler würde vielleicht sagen: autistischen — 
seelischen Akten fällt also durchaus innerhalb des Bereichs 
der Individualpsychologie und eignet sich nicht dazu, sie 
von einer Sozial- oder Massenpsychologie abzutrennen. 

In den erwähnten Verhältnissen zu Eltern und Geschwi- 
stern, zur Geliebten, zum Freund, Lehrer und zum Arzt er- 
fährt der Einzelne immer nur den Einfluß einer einzigen 
oder einer sehr geringen Anzahl von Personen, von denen 
eine jede eine großartige Bedeutung für ihn erworben hat. 
Man hat sich nun gewöhnt, wenn man von Sozial- oder 
Massenpsychologie spricht, von diesen Beziehungen abzusehen 
und die gleichzeitige Beeinflussung des Einzelnen durch eine 
große Anzahl von Personen, mit denen er durch irgend etwas 
verbunden ist, während sie ihm sonst in vielen Hinsichten 
fremd sein mögen, als Gegenstand der Untersuchung abzu- 
sondern. Die Massenpsychologie behandelt also den einzelnen 
Menschen als Mitglied eines Stammes, eines Volkes, einer 
Kaste, eines Standes, einer Institution oder als Bestandteil 
eines Menschenhaufens, der sich zu einer gewissen Zeit für 
einen bestimmten Zweck zur Masse organisiert. Nach dieser 
Zerreißung eines natürlichen Zusammenhanges lag es dann 
nahe, die Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen 
Bedingungen zeigen, als Äußerungen eines besonderen, weiter 
nicht zurückführbaren Triebes anzusehen, des sozialen Triebes 

— herd instmet, group mind — der in anderen Situationen 



2 5° Massenpsychologie 

nicht zum Ausdruck kommt. Wir dürfen aber wohl den 
Einwand erheben, es falle uns schwer, dem Moment der 
Zahl eine so große Bedeutung einzuräumen, daß es ihm allein 
möglich sein sollte, im menschlichen Seelenleben einen neuen 
und sonst nicht betätigten Trieb zu wecken. Unsere Erwar- 
tung wird somit auf zwei andere Möglichkeiten hingelenkt: 
daß der soziale Trieb kein ursprünglicher und unzerlegbarer 
sein mag, und daß die Anfänge seiner Bildung in einem 
engeren Kreis, wie etwa in dem der Familie, gefunden 
werden können. 

Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren Anfängen 
befindlich, umfaßt eine noch unübersehbare Fülle von Einzel- 
problemen und stellt dem Untersucher ungezählte, derzeit 
noch nicht einmal gut gesonderte Aufgaben. Die bloße 
Gruppierung der verschiedenen Formen von Massenbildung 
und die Beschreibung der von ihnen geäußerten psychischen 
Phänomene erfordern einen großen Aufwand von Beobach- 
tung und Darstellung und haben bereits eine reichhaltige 
Literatur entstehen lassen. Wer dies schmale Büchlein an 
dem Umfang der Massenpsychologie mißt, wird ohneweiters 
vermuten dürfen, daß hier nur wenige Punkte des ganzen 
Stoffes behandelt werden sollen. Es werden wirklich auch 
nur einige Fragen sein, an denen die Tiefenforschung der 
Psychoanalyse ein besonderes Interesse nimmt. 



n 

Le Bons Schilderung der Massenseele 

Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen scheint es, 
mit einem Hinweis auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen 
und aus diesem einige besonders auffällige und charak- 
teristische Tatsachen herauszugreifen, an welche die Unter- 



und Ich- Analyse 251 

suchung anknüpfen kann. Wir erreichen beides durch einen 
Auszug aus dem mit Recht berühmt gewordenen Buch von 
Le Bon, Psychologie der Massen 1 . 

Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: Wenn die 
Psychologie, welche die Anlagen, Triebregungen, Motive, 
Absichten eines einzelnen Menschen bis zu seinen Handlungen 
und in die Beziehungen zu seinen Nächsten verfolgt, ihre 
Aufgabe restlos gelöst und alle diese Zusammenhänge durch- 
sichtig gemacht hätte, dann fände sie sich plötzlich vor 
einer neuen Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr erhebt. Sie 
müßte die überraschende Tatsache erklären, daß dies ihr 
verständlich gewordene Individuum unter einer bestimmten 
Bedingung ganz anders fühlt, denkt und handelt, als von 
ihm zu erwarten stand, und diese Bedingung ist die Ein- 
reihung in eine Menschenmenge, welche die Eigenschaft einer 
„psychologischen Masse" erworben hat. Was ist nun eine 
„Masse", wodurch erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelen- 
leben des Einzelnen so entscheidend zu beeinflussen, und 
worin besteht die seelische Veränderung, die sie dem Ein- 
zelnen aufnötigt? 

Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Aufgabe einer 
theoretischen Massenpsychologie. Man greift sie offenbar am 
besten an, wenn man von der dritten ausgeht. Es ist die 
Beobachtung der veränderten Reaktion des Einzelnen, welche 
der Massenpsychologie den Stoff liefert; jedem Erklärungs- 
versuch muß ja die Beschreibung des zu Erklärenden voraus- 
gehen. 

Ich lasse nun Le Bon zu Worte kommen. Er sagt (S. 13): 
„An einer psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies: 
welcher Art auch die sie zusammensetzenden Individuen sein 
mögen, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Be- 



1) Übersetzt von Dr. Rudolf E i s 1 c r, zweite Auflage 1912. 



2J2 Massenpsychologie 

schäftigung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch 
den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen 
sie eine Kollektivseele, vermöge deren sie in ganz anderer 
Weise fühlen, denken und handeln, als jedes von ihnen für 
sich fühlen, denken und handeln würde. Es gibt Ideen und 
Gefühle, die nur bei den zu Massen verbundenen Individuen 
auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. Die psycho- 
logische Masse ist ein provisorisches Wesen, das aus hetero- 
genen Elementen besteht, die für einen Augenblick sich mit- 
einander verbunden haben, genau so wie die Zellen des 
Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit 
ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen 
bilden." 

Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung L e 
Bons durch unsere Glossen zu unterbrechen, geben wir hier 
der Bemerkung Raum: Wenn die Individuen in der Masse 
zu einer Einheit verbunden sind, so muß es wohl etwas 
geben, was sie aneinander bindet, und dies Bindemittel könnte 
gerade das sein, was für die Masse charakteristisch ist. Allein 
L e B o n beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Ver- 
änderung des Individuums in der Masse ein und beschreibt 
sie in Ausdrücken, welche mit den Grundvoraussetzungen 
unserer Tiefenpsychologie in guter Übereinstimmung stehen. 

(S. 14.) „Leicht ist die Feststellung des Maßes von Ver- 
schiedenheit des einer Masse angehörenden vom isolierten 
Individuum, weniger leicht ist aber die Entdeckung der Ur- 
sachen dieser Verschiedenheit. 

Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu rinden, 
muß man sich zunächst der von der modernen Psychologie 
gemachten Feststellung erinnern, daß nicht bloß im organi- 
schen Leben, sondern auch in den intellektuellen Funktionen 
die unbewußten Phänomene eine überwiegende Rolle spielen. 
Das bewußte Geistesleben stellt nur einen recht geringen 



und Ich- Analyse 253 

Teil neben dem unbewußten Seelenleben dar. Die feinste 
Analyse, die schärfste Beobachtung gelangt nur zu einer 
kleinen Anzahl bewußter Motive des Seelenlebens. Unsere 
bewußten Akte leiten sich aus einem, besonders durch Ver- 
erbungseinflüsse geschaffenen, unbewußten Substrat her. 
Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, aus denen sich 
die Rassenseele konstituiert. Hinter den eingestandenen 
Motiven unserer Handlungen gibt es zweifellos die geheimen 
Gründe, die wir nicht eingestehen, hinter diesen liegen aber 
noch geheimere, die wir nicht einmal kennen. Die Mehrzahl 
unserer alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung ver- 
borgener, uns entgehender Motive.*' 

In der Masse, meint L e Bon, verwischen sich die indivi- 
duellen Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet 
deren Eigenart. Das rassenmäßige Unbewußte tritt hervor, 
das Heterogene versinkt im Homogenen. Wir würden sagen, 
der psychische Oberbau, der sich bei den Einzelnen so ver- 
schiedenartig entwickelt hat, wird abgetragen, entkräftet 
und das bei allen gleichartige unbewußte Fundament wird 
bloßgelegt (wirksam gemacht). 

Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher Charakter der 
Massenindividuen zustande. Allein L e Bon findet, sie 
zeigen auch neue Eigenschaften, die sie vorher nicht besessen 
haben, und sucht den Grund dafür in drei verschiedenen 
Momenten. ! 

(S. 15.) „Die erste dieser Ursachen besteht darin, daß das 
Individuum in der Masse schon durch die Tatsache der 
Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches 
ihm gestattet, Trieben zu frönen, die es allein notwendig 
gezügelt hätte. Es wird dies nun um so weniger Anlaß haben, 
als bei der Anonymität und demnach auch Unverantwort- 
lichkcit der Masse das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die 
Individuen stets zurückhält, völlig schwindet." 



2 54 Massenpsychologie 

Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger Wert auf 
das Auftauchen neuer Eigenschaften zu legen. Es genügte 
uns zu sagen, das Individuum komme in der Masse unter 
Bedingungen, die ihm gestatten, die Verdrängungen seiner 
unbewußten Triebregungen abzuwerfen. Die anscheinend 
neuen Eigenschaften, die es dann zeigt, sind eben die 
Äußerungen dieses Unbewußten, in dem ja alles Böse der 
Menschenseele in der Anlage enthalten ist; das Schwinden 
des Gewissens oder Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen 
Umständen macht unserem Verständnis keine Schwierigkeit. 
Wir hatten längst behauptet, der Kern des sogenannten 
Gewissens sei „soziale Angst" 2 . 

(S. 16.) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung, tragt ebenso 
dazu bei, bei den Massen die Äußerung spezieller Merkmale 
und zugleich deren Richtung zu bewerkstelligen. Die An- 
steckung ist ein leicht zu konstatierendes, aber unerklärliches 
Phänomen, das man den von uns sogleich zu studierenden 
Phänomenen hypnotischer Art zurechnen muß. In der Menge 
ist jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar in so 
hohem Grade, daß das Individuum sehr leicht sein persön- 
liches Interesse dem Gesamtinteresse opfert. Es ist dies eine 
seiner Natur durchaus entgegengesetzte Fähigkeit, deren der 
Mensch nur als Massenbestandteil fähig ist." 



2) Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung Le Bons 
und der unserigen stellt sich dadurch her, daß sein Begriff des 
Unbewußten nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse ange- 
nommenen zusammenfällt. Das Unbewußte Le Bons enthält vor 
allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele, welche für die 
individuelle Psychoanalyse eigentlich außer Betracht kommt. Wir 
verkennen zwar nicht, daß der Kern des Ichs (das Es, wie ich es 
später genannt habe), dem die „archaische Erbschaft" der Menschen- 
seele angehört, unbewußt ist, aber wir sondern außerdem das 
„unbewußte Verdrängte" ab, welches aus einem Anteil dieser Erb- 
schaft hervorgegangen ist. Dieser Begriff des Verdrängten fehlt 
bei L e Bon. 



und Ich- Analyse 25 j 

Wir werden auf diesem letzten Satz später eine wichtige 
Vermutung begründen. 

(S. 16.) „Eine dritte, und zwar die wichtigste Ursache 
bedingt in den zur Masse vereinigten Individuen besondere 
Eigenschaften, welche denen des isolierten Individuums völlig 
entgegengesetzt sind. Ich rede hier von der Suggestibilität, 
von der die erwähnte Ansteckung übrigens nur eine Wir- 
kung ist. 

Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die Vergegen- 
wärtigung gewisser neuer Entdeckungen der Physiologie. Wir 
wissen jetzt, daß ein Mensch mittels mannigfacher Proze- 
duren in einen solchen Zustand versetzt werden kann, daß 
er nach Verlust seiner ganzen bewußten Persönlichkeit allen 
Suggestionen desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlich- 
keitsbewußtseins beraubt hat, und daß er die zu seinem 
Charakter und seinen Gewohnheiten in schärfstem Gegen- 
satz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen sehr sorg- 
fältige Beobachtungen darzutun, daß ein, eine Zeitlang im 
Schöße einer tätigen Masse eingebettetes Individuum in 
Bälde — durch Ausströmungen, die von ihr ausgehen oder 
sonst eine unbekannte Ursache — sich in einem Sonder- 
zustand befindet, der sich sehr der Faszination nähert, die 
den Hynotisierten unter dem Einfluß des Hypnotisators be- 
fällt . . . Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden, 
Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle 
und Gedanken sind nach der durch den Hypnotisator her- 
gestellten Richtung orientiert. 

So ungefähr verhält sich auch der Zustand des einer 
psychologischen Masse angehörenden Individuums. Es ist 
sich seiner Handlungen nicht mehr bewußt. Wie beim 
Hypnotisierten können bei ihm, während zugleich gewisse 
Fähigkeiten aufgehoben sind, andere auf einen Grad höchster 
Stärke gebracht werden. Unter dem Einflüsse einer Suggestion 



256 Massenpsychologie 

wird es sich mit einem unwiderstehlichen Triebe an die Aus- 
führung bestimmter Handlungen machen. Und dieses Unge- 
stüm ist bei den Massen noch unwiderstehlicher als beim 
Hypnotisierten, weil die für alle Individuen gleiche 
Suggestion durch Gegenseitigkeit anwächst." 

(S. 17.) „Die Hauptmerkmale des in der Masse befindlichen 
Individuums sind demnach: Schwund der bewußten Per- 
sönlichkeit, Vorherrschaft der unbewußten Persönlichkeit, 
Orientierung der Gedanken und Gefühle in derselben Rich- 
tung durch Suggestion und Ansteckung, Tendenz zur unver- 
züglichen Verwirklichung der suggerierten Ideen. Das Indi- 
viduum ist nicht mehr es selbst, es ist ein willenloser Auto- 
mat geworden." 

Ich habe dieses Zitat so ausführlich wiedergegeben, um zu 
bekräftigen, daß L e B o n den Zustand des Individuums in 
der Masse wirklich für einen hypnotischen erklärt, nicht etwa 
ihn bloß mit einem solchen vergleicht. Wir beabsichtigen hier 
keinen Widerspruch, wollen nur hervorheben, daß die beiden 
letzten Ursachen der Veränderung des Einzelnen in der 
Masse, die Ansteckung und die höhere Suggerierbarkcit, 
offenbar nicht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch 
eine Äußerung der Suggerierbarkeit sein soll. Auch die Wir- 
kungen der beiden Momente scheinen uns im Text L e 
Bons nicht scharf geschieden. Vielleicht deuten wir seine 
Äußerung am besten aus, wenn wir die Ansteckung auf die 
Wirkung der einzelnen Mitglieder der Masse aufeinander 
beziehen, während die mit den Phänomenen der hypnotischen 
Beeinflussung gleichgestellten Suggestionserscheinungen in der 
Masse auf eine andere Quelle hinweisen. Auf welche aber? 
Es muß uns als eine empfindliche Unvoliständigkeit berühren, 
daß eines der Hauptstücke dieser Angleichung, nämlich die 
Person, welche für die Masse den Hypnotiseur ersetzt, in der 
Darstellung L e Bons nicht erwähnt wird. Immerhin unter- 



und Ich- Analyse 257 

scheidet er von diesem im Dunkeln gelassenen faszinierenden 
Einfluß die ansteckende Wirkung, die die Einzelnen aufein- 
ander ausüben, durch welche die ursprüngliche Suggestion 
verstärkt wird. 

Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beurteilung des 
Massenindividuums: (S. 17.) „Ferner steigt durch die bloße 
Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse der Mensch 
mehrere Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. In 
seiner Vereinzelung war er vielleicht ein gebildetes Indi- 
viduum, in der Masse ist er ein Barbar, das heißt ein Trieb- 
wesen. Er besitzt die Spontaneität, die Heftigkeit, die Wild- 
heit und auch den Enthusiasmus und Heroismus primitiver 
Wesen." Er verweilt dann noch besonders bei der Herab- 
setzung der intellektuellen Leistung, die der Einzelne durch 
sein Aufgehen in der Masse erfährt 8 . 

Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir uns zur 
Beschreibung der Massenseele, wie L e Bon sie entwirft. Es 
ist kein Zug darin, dessen Ableitung und Unterbringung 
dem Psychoanalytiker Schwierigkeiten bereiten würde. Le 
Bon weist uns selbst den Weg, indem er auf die Überein- 
stimmung mit dem Seelenleben der Primitiven und der 
Kinder hinweist (S. 19). 

Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird 
fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet 4 . Die Impulse, 
denen die Masse gehorcht, können je nach Umständen edel 
oder grausam, heroisch oder feige sein, jedenfalls aber sind 
sie so gebieterisch, daß nicht das persönliche, nicht einmal 
das Interesse der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.) 

3) Vergleiche das Schi 11 ersehe Distichon: 

Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig; 
Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus. 

4) Unbewußt wird von L e B n richtig im Sinne der Deskription 
gebraucht, wo es nicht allein das „Verdrängte" bedeutet. 

Freud, Theoretioche Schriften 17 






2 j 8 Massenpsychologie 

Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch die Dinge 
leidenschaftlich begehrt, so doch nie für lange, sie ist unfähig 
zu einem Dauerwillen. Sie verträgt keinen Aufschub 
zwischen ihrem Begehren und der Verwirklichung des 
Begehrten. Sie hat das Gefühl der Allmacht, für das Indi- 
viduum in der Masse schwindet der Begriff des Unmöglichen-''. 

Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leicht- 
gläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für 
sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ her- 
vorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen des 
freien Phantasierens einstellen, und die von keiner verstän- 
digen Instanz an der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit 
gemessen werden. Die Gefühle der Masse sind stets sehr ein- 
fach und sehr überschwenglich. Die Masse kennt also weder 
Zweifel noch Ungewißheit . 

Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene Ver- 
dacht wandelt sich bei ihr sogleich in unumstößliche Gewiß- 
heit, ein Keim von Antipathie wird zum wilden Haß (S. 32) T . 

5) Vergleiche Totem und Tabu III., Animismus, Magie 
und Allmacht der Gedanken. [Ges. Schriften, Bd. X.] 

6) In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste Kennt- 
nis vom unbewußten Seelenleben verdanken, befolgen wir die 
technische Regel, daß von Zweifel und Unsicherheit in der Traum- 
crzählung abgesehen und jedes Element des manifesten Traumes als 
gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten Zweifel und Unsicher- 
heit von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die Traumarbeit 
unterliegt, und nehmen an, daß die primären Traumgedanken 
Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung nicht kennen. Als 
Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den zum Traum 
führenden Tagesresten vorkommen. (Traumdeutung, Ges. Schriften 
Bd. II, S.440.) 

7) Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Extremen 
und Maßlosen gehört auch der Affektivität des Kindes an und 
findet sich im Traumleben wieder, wo dank der im Unbewußten 
vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen ein 
leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die schuldige 
Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend einer Ver- 



und Ich-Analyse 259 

Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse auch nur 
durch übermäßige Reize erregt. Wer auf sie wirken will, 
bedarf keiner logischen Abmessung seiner Argumente, er muß 
in den kräftigsten Bildern malen, übertreiben und immer das 
Gleiche wiederholen. 

Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen nicht im 
Zweifel ist und dabei das Bewußtsein ihrer großen Kraft hat, 
ist sie ebenso intolerant wie autoritätsgläubig. Sie respektiert 
die Kraft und läßt sich von der Güte, die für sie nur eine 
Art von Schwäche bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie 
von ihren Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. 
Sie will beherrscht und unterdrückt werden und ihren Herrn 
fürchten. Im Grunde durchaus konservativ, hat sie tiefen 
Abscheu vor allen Neuerungen und Fortschritten und unbe- 
grenzte Ehrfurcht vor der Tradition (S. 37). 

Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beurteilen, muß 
man in Betracht ziehen, daß im Beisammensein der Massen- 
individuen alle individuellen Hemmungen entfallen und alle 
grausamen, brutalen, destruktiven Instinkte, die als Über- 
bleibsel der Urzeit im Einzelnen schlummern, zur freien 
Triebbefriedigung geweckt werden. Aber die Massen sind auch 
unter dem Einfluß der Suggestion hoher Leistungen von Ent- 
sagung, Uneigennützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig. 
Während der persönliche Vorteil beim isolierten Individuum 
so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den Massen 
sehr selten vorherrschend. Man kann von einer Versittlichung 



suchung zum Anstoß einer im Traum dargestellten verbrecherischen 
Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Dr. Hanns Sachs die 
hübsche Bemerkung gemacht: „Was der Traum uns an Beziehungen 
zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen wir dann auch im 
Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht wundern, wenn wir 
das Ungeheuer, das wir unter dem Vergrößerungsglas der Analyse 
gesehen haben, als Infusionstierchen wiederfinden." (Traum- 
deutung, Ges. Schriften, Bd. III, S. 171.) 



*"° Massenpsychologii 



des Einzelnen durch die Masse sprechen (S. 39). Während die 
intellektuelle Leistung der Masse immer tief unter der des 
Einzelnen steht, kann ihr ethisches Verhalten dies Niveau 
ebenso hoch überragen, wie tief darunter herabgehen. 

Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massenseele mit 
der Seele der Primitiven zu identifizieren, werfen einige 
andere Züge der Le Bon sehen Charakteristik. Bei den 
Massen können die entgegengesetztesten Ideen nebeneinander 
bestehen und sich miteinander vertragen, ohne daß sich aus 
deren logischem Widerspruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe 
ist aber im unbewußten Seelenleben der Einzelnen, der Kin- 
der und der Neurotiker der Fall, wie die Psychoanalyse 
längst nachgewiesen hat 8 . 

8) Beim kleinen Kinde bestehen zum Beispiel ambivalente 
Gefühlsemstellungen gegen die ihm nächsten Personen lange Zeit 
nebeneinander, ohne daß die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem 
Ausdruck stört. Kommt es dann endlich zum Konflikt zwischen 
den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das 
Objekt wechselt, die eine der ambivalenten Regungen auf ein 
Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der Entwicklungsgeschichte einer 
Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren, daß eine unter- 
drückte Regung sich häufig lange Zeit in unbewußten oder selbst 
bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer herr- 
schenden Strebung direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus diesem 
Gegensatz ein Einschreiten des Ichs gegen das von ihm Verwor- 
fene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über toleriert, 
bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steigerung der 
affektiven Besetzung derselben, der Konflikt zwischen ihr und dem 
len mit allen seinen Folgen herstellt. 

Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Er- 
wachsenen kommt es überhaupt zu einer immer weiter greifenden 
Integration der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der 
einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Trieb- 
regungen und Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem 
Gebiet des Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexual- 
Aifu m UT definitiven Genitalorganisation lange bekannt. (Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905. Ges. Schriften, Bd. V.) Daß 
die Vereinheitlichung des Ichs übrigens dieselben Störungen er- 
fahren kann wie die der Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte 



und Ich- Analyse 261 

Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen Macht 
von Worten, die in der Massenseele die furchtbarsten Stürme 
hervorrufen und sie auch besänftigen können (S. 74). „Mit 
Vernunft und Argumenten kann man gegen gewisse Worte 
und Formeln nicht ankämpfen. Man spricht sie mit Andacht 
vor den Massen aus, und sogleich werden die Mienen respekt- 
voll und die Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als 
Naturkräfte oder als übernatürliche Mächte betrachtet." 
(S. 75.) Man braucht sich dabei nur an die Tabu der Namen 
bei den Primitiven, an die magischen Kräfte, die sich ihnen 
an Namen und Worte knüpfen, zu erinnern 9 . 

Und endlich: Die Massen haben nie den Wahrheitsdurst 
gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten 
können. Das Irreale hat bei ihnen stets den Vorrang vor 
dem Realen, das Unwirkliche beeinflußt sie fast ebenso stark 
wie das Wirkliche. Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen 
beiden keinen Unterschied zu machen (S. 47). 

Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der vom un- 
erfüllten Wunsch getragenen Illusion haben wir als be- 
stimmend für die Psychologie der Neurosen aufgezeigt. Wir 
fanden, für die Neurotiker gelte nicht die gemeine objektive, 
sondern die psychische Realität. Ein hysterisches Symptom 
gründe sich auf Phantasie, anstatt auf die Wiederholung 
wirklichen Erlebens, ein zwangsneurotisches Schuldbewußt- 
sein auf die Tatsache eines bösen Vorsatzes, der nie zur 
Ausführung gekommen. Ja, wie im Traum und in der Hyp- 
nose, tritt in der Seelentätigkeit der Masse die Realitäts- 
prüfung zurück gegen die Stärke der affektiv besetzten 
Wunschregungen. 

Beispiele, wie das der Naturforscher, die bibelgläubig geblieben 
sind und andere. Die verschiedenen Möglichkeiten eines späteren 
Zerfalls des Ich« bilden ein besonderes Kapitel der Psycho- 
pathologie. 

9) Siehe „Totem und Tabu". 



2 6z Massen Psychologie 

Was L e Bon über die Führer der Massen sagt, ist 
weniger erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige nicht so 
deutlich durchschimmern. Er meint, sobald lebende Wesen 
in einer gewissen Anzahl vereinigt sind, einerlei, ob eine 
Herde Tiere oder eine Menschenmenge, stellen sie sich 
instinktiv unter die Autorität eines Oberhauptes (S. 86). Die 
Masse ist eine folgsame Herde, die nie ohne Herrn zu leben 
vermag. Sie hat einen solchen Durst zu gehorchen, daß sie 
sich jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt, instinktiv 

unterordnet. 

Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer entgegen, 
so muß er ihm doch durch persönliche Eigenschaften ent- 
sprechen. Er muß selbst durch einen starken Glauben (an 
eine Idee) fasziniert sein, um Glauben in der Masse zu er- 
wecken, er muß einen starken, imponierenden Willen be- 
sitzen, den die willenlose Masse von ihm annimmt. L c 
Bon bespricht dann die verschiedenen Arten von Führern 
und die Mittel, durch welche sie auf die Masse wirken. Im 
ganzen läßt er die Führer durch die Ideen zur Bedeutung 
kommen, für die sie selbst fanatisiert sind. 

Diesen Ideen wie den Führern schreibt er überdies eine 
geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zu, die er „Prestige" 
benennt. Das Prestige ist eine Art Herrschaft, die ein In- 
dividuum, ein Werk oder eine Idee über uns übt. Sie lähmt 
all unsere Fähigkeit zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen 
und Achtung. Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich 
wie das der Faszination der Hypnose (S. 96). 

Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und persön- 
liches Prestige. Das erstere wird bei Personen durch Name, 
Reichtum, Ansehen verliehen, bei Anschauungen, Kunst- 
werken und dergleichen durch Tradition. Da es in allen 
Fällen auf die Vergangenheit zurückgreift, wird es für das 
Verständnis dieses rätselhaften Einflusses wenig leisten. Das 



und Ich-Analyse 263 

persönliche Prestige haftet an wenigen Personen, die durch 
dasselbe zu Führern werden, und macht, daß ihnen alles 
wie unter der Wirkung eines magnetischen Zaubers gehorcht. 
Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig und geht 
durch Mißerfolge verloren (S. 103). 

Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei L e Bon die 
Rolle der Führer und die Betonung des Prestiges in richtigen 
Einklang mit der so glänzend vorgetragenen Schilderung der 
Massenseele gebracht worden ist. 



III 
Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlehens 

Wir haben uns der Darstellung von L e B o n als Ein- 
führung bedient, weil sie in der Betonung des unbewußten 
Seelenlebens so sehr mit unserer eigenen Psychologie zu- 
sammentrifft. Nun müssen wir aber hinzufügen, daß eigent- 
lich keine der Behauptungen dieses Autors etwas Neues 
bringt. Alles, was er Abträgliches und Herabsetzendes über 
die Äußerungen der Massenseele sagt, ist schon vor ihm 
ebenso bestimmt und ebenso feindselig von anderen gesagt 
worden, wird seit den ältesten Zeiten der Literatur von 
Denkern, Staatsmännern und Dichtern gleichlautend so 
wiederholt 10 . Die beiden Sätze, welche die wichtigsten An- 
sichten L e Bons enthalten, der von der kollektiven Hem- 
mung der intellektuellen Leistung und der von der Steige- 
rung der AfTektivität in der Masse waren kurz vorher von 

ro) Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in 

B. Kraskovic jun. Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus 

dem Kroatischen übersetzt von Siegmund von P s a v e c. 
Vukovar 191 j. 



264 Massenpsychologie 

S i g h e 1 c formuliert worden 11 . Im Grunde erübrigen als 
L e Bon eigentümlich nur die beiden Gesichtspunkte des 
Unbewußten und des Vergleiches mit dem Seelenleben der 
Primitiven, auch diese natürlich oftmals vor ihm berührt. 

Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung der 
Massenseele, wie L e Bon und die anderen sie geben, ist 
auch keineswegs unangefochten geblieben. Kein Zweifel, daß 
alle die vorhin beschriebenen Phänomene der Massenseele 
richtig beobachtet worden sind, aber es lassen sich auch 
andere, geradezu entgegengesetzt wirkende Äußerungen der 
Massenbildung erkennen, aus denen man dann eine weit 
höhere Einschätzung der Massenseele ableiten muß. 

Auch L e Bon war bereit, zuzugestehen, daß die Sitt- 
lichkeit der Masse unter Umständen höher sein kann als 
die der sie zusammensetzenden Einzelnen, und daß nur die 
Gesamtheiten hoher Uneigennützigkcit und Hingebung 
fähig sind. 

(S. 38.) „Während der persönliche Vorteil beim isolierten 
Individuum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er 
bei den Massen sehr selten vorherrschend." 

Andere machen geltend, daß es überhaupt erst die Gesell- 
schaft ist, welche dem Einzelnen die Normen der Sittlich- 
keit vorschreibt, während der Einzelne in der Regel irgend- 
wie hinter diesen hohen Ansprüchen zurückbleibt. Oder daß 
in Ausnahmszuständen in einer Kollektivität das Phänomen 
der Begeisterung zustande kommt, welches die großartigsten 
Massenleistungen ermöglicht hat. 

In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar be- 
stehen, daß die großen Entscheidungen der Denkarbeit, die 

1 1) Siehe Walter M o e d e, Die Massen- und Sozialpsychologie 
im kritischen Überblick. Zeitschrift für pädagogische Psychologie 
und experimentelle Pädagogik von Meumann und Scheib- 
ner, XVI, 191 5. 



und Ich- Analyse 265 

folgenschweren Entdeckungen und Problemlösungen nur dem 
Einzelnen, der in der Einsamkeit arbeitet, möglieb sind. Aber 
auch die Massenseele ist genialer geistiger Schöpfungen fähig, 
wie vor allem die Sprache selbst beweist, sodann das Volks- 
lied, Folklore und anderes. Und überdies bleibt es dahin- 
gestellt, wieviel der einzelne Denker oder Dichter den An- 
regungen der Masse, in welcher er lebt, verdankt, ob er 
mehr als der Vollender einer seelischen Arbeit ist, an der 
gleichzeitig die anderen mitgetan haben. 

Angesichts dieser vollkommenen "Widersprüche scheint es 
ja, daß die Arbeit der Massenpsychologie ergebnislos ver- 
laufen müsse. Allein es ist leicht, einen hoffnungsvolleren 
Ausweg zu finden. Man hat wahrscheinlich als „Massen" 
sehr verschiedene Bildungen zusammengefaßt, die einer Son- 
derung bedürfen. Die Angaben von Sighele, Le Bon 
und anderen beziehen sich auf Massen kurzlebiger Art, die 
rasch durch ein vorübergehendes Interesse aus verschieden- 
artigen Individuen zusammengeballt werden. Es ist unver- 
kennbar, daß die Charaktere der revolutionären Massen, 
besonders der großen französischen Revolution, ihre Schil- 
derungen beeinflußt haben. Die gegensätzlichen Behaup- 
tungen stammen aus der Würdigung jener stabilen Massen 
oder Vergesellschaftungen, in denen die Menschen ihr Leben 
zubringen, die sich in den Institutionen der Gesellschaft ver- 
körpern. Die Massen der ersten Art sind den letzteren gleich- 
sam aufgesetzt, wie die kurzen, aber hohen Wellen den 
langen Dünungen der See. 

Mc D o u g a 1 1, der in seinem Buch The Group 
M i n d 12 von dem nämlichen, oben erwähnten Widerspruch 
ausgeht, findet die Lösung desselben im Moment der Orga- 
nisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt die Masse 

12) Cambridge, 1920. 



2.66 Massenpsychologie 

(group) überhaupt keine Organisation oder eine kaum nen- 
nenswerte. Er bezeichnet eine solche Masse als einen Haufen 
(crowd). Doch gesteht er zu, daß ein Haufen Menschen 
nicht leicht zusammenkommt, ohne daß sich in ihm wenig- 
stens die ersten Anfänge einer Organisation bildeten, und 
daß gerade an diesen einfachen Massen manche Grundtat- 
sachen der Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen 
sind (S. 22). Damit sich aus den zufällig zusammengewehten 
Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas wie eine Masse 
im psychologischen Sinne bilde, wird als Bedingung erfordert, 
daß diese Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein 
gemeinsames Interesse an einem Objekt, eine gleichartige 
Gefühlsrichtung in einer gewissen Situation und (ich würde 
einsetzen: infolgedessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit, 
sich untereinander zu beeinflussen. (Some degree of reeiprocal 
influence between the members of the group) (S. 23). Je 
stärker diese Gemeinsamkeiten (this mental homogeneity) 
sind, desto leichter bildet sich aus den Einzelnen eine psycho- 
logische Masse und desto auffälliger äußern sich die Kund- 
gebungen einer „Massenseele". 

Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phänomen der 
Massenbildung ist nun die bei jedem Einzelnen hervor- 
gerufene Steigerung der Affektivität (exaltation or intensifi- 
cation of emotion) (S. 24). Man kann sagen, meint McDou- 
gall, daß die Affekte der Menschen kaum unter anderen 
Bedingungen zu solcher Höhe anwachsen, wie es in einer 
Masse geschehen kann, und zwar ist es eine genußreiche 
Empfindung für die Beteiligten, sich so schrankenlos ihren 
Leidenschaften hinzugeben und dabei in der Masse auf- 
zugehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu ver- 
lieren. Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen erklärt 
Mc D o u g a 1 1 aus dem von ihm so genannten „principle 
of direct induetion of emotion by way of the primitive sym- 



und Ich-Analyse ffl 

paihetic response" (S. 25), das heißt durch die uns bereits 
bekannte Gefühlsansteckung. Die Tatsache ist die, daß die 
wahrgenommenen Zeichen eines Affektzustandes geeignet 
sind, bei dem "Wahrnehmenden automatisch denselben Affekt 
hervorzurufen. Dieser automatische Zwang wird um so 
stärker, an je mehr Personen gleichzeitig derselbe Affekt be- 
merkbar ist. Dann schweigt die Kritik des Einzelnen, und er 
läßt sich in denselben Affekt gleiten. Dabei erhöht er aber 
die Erregung der anderen, die auf ihn gewirkt hatten, und 
so steigert sich die AfFektladung der Einzelnen durch gegen- 
seitige Induktion. Es ist unverkennbar etwas wie ein Zwang 
dabei wirksam, es den anderen gleichzutun, im Einklang 
mit den Vielen zu bleiben. Die gröberen und einfacheren 
Gefühlsregungen haben die größere Aussicht, sich auf solche 
Weise in einer Masse zu verbreiten (S. 39). 

Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch durch 
einige andere, von der Masse ausgehende Einflüsse begün- 
stigt. Die Masse macht dem Einzelnen den Eindruck einer 
unbeschränkten Macht und einer unbesiegbaren Gefahr. Sie 
hat sich für den Augenblick an die Stelle der gesamten 
menschlichen Gesellschaft gesetzt, welche die Trägerin der 
Autorität ist, deren Strafen man gefürchtet, der zuliebe man 
sich so viele Hemmungen auferlegt hat. Es ist offenbar ge- 
fährlich, sich in Widerspruch mit ihr zu setzen, und man 
ist sicher, wenn man dem ringsumher sich zeigenden Beispiel 
folgt, also eventuell sogar „mit den Wölfen heult". Im 
Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein früheres 
„Gewissen" außer Tätigkeit setzen und dabei der Lockung 
des Lustgewinnes nachgeben, den man sicherlich durch die 
Aufhebung seiner Hemmungen erzielt. Es ist also im ganzen 
nicht so merkwürdig, wenn wir den Einzelnen in der Masse 
Dinge tun oder gutheißen sehen, von denen er sich unter 
seinen gewohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, und 



268 Massenpsychologie 

wir können selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise ein 
Stück der Dunkelheit zu lichten, die man mit dem Rätscl- 
wort der „Suggestion" zu decken pflegt. 

Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung in der 
Masse widerspricht auch Mc Dougall nicht (S. 41). Er 
sagt, die geringeren Intelligenzen ziehen die größeren auf 
ihr Niveau herab. Die letzteren werden in ihrer Betätigung 
gehemmt, weil die Steigerung der Affektivität überhaupt 
ungünstige Bedingungen für korrekte geistige Arbeit schafft, 
ferner weil die Einzelnen durch die Masse eingeschüchtert 
sind und ihre Denkarbeit nicht frei ist, und weil bei jedem 
Einzelnen das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für seine 
Leistung herabgesetzt wird. 

Das Gesamturteil über die psychische Leistung einer ein- 
fachen, „unorganisierten" Masse lautet bei Mc Dougall 
nicht freundlicher als bei L e Bon. Eine solche Masse ist 
(S. 45): überaus erregbar, impulsiv, leidenschaftlich, wankel- 
mütig, inkonsequent, unentschlossen und dabei zum Äußer- 
sten bereit in ihren Handlungen, zugänglich nur für die 
gröberen Leidenschaften und einfacheren Gefühle, außer- 
ordentlich suggestibel, leichtsinnig in ihren Überlegungen, 
heftig in ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für die ein- 
fachsten und unvollkommensten Schlüsse und Argumente, 
leicht zu lenken und zu erschüttern, ohne Selbstbewußtsein, 
Selbstachtung und Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit, 
sich von ihrem Kraftbewußtsein zu allen Untaten fortreißen 
zu lassen, die wir nur von einer absoluten und unverant- 
wortlichen Macht erwarten können. Sie benimmt sich also 
eher wie ein ungezogenes Kind oder wie ein leidenschaft- 
licher, nicht beaufsichtigter Wilder in einer ihm fremden 
Situation; in den schlimmsten Fällen ist ihr Benehmen eher 
das eines Rudels von wilden Tieren als von menschlichen 
Wesen. 



und Ich-Analyse z $ 9 

Da Mc Dougall das Verhalten der hoch organisierten 
Massen in Gegensatz zu dem hier Geschilderten bringt, wer- 
den wir besonders gespannt sein, zu erfahren, worin diese 
Organisation besteht und durch welche Momente sie her- 
gestellt wird. Der Autor zählt fünf dieser „principal con- 
ditwns" für die Hebung des seelischen Lebens der Masse 
auf ein höheres Niveau auf. 

Die erste grundlegende Bedingung ist ein gewisses Maß 
von Kontinuität im Bestand der Masse. Diese kann eine 
materielle oder eine formale sein, das erstere, wenn dieselben 
Personen längere Zeit in der Masse verbleiben, das andere, 
wenn innerhalb der Masse bestimmte Stellungen entwickelt 
sind, die den einander ablösenden Personen angewiesen 
werden. 

Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse eine 
bestimmte Vorstellung von der Natur, der Funktion, den 
Leistungen und Ansprüchen der Masse gebildet hat, so daß 
sich daraus für ihn ein Gefühlsverhältnis zum Ganzen der 
Masse ergeben kann. 

Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen, ihr 
ähnlichen, aber doch von ihr in vielen Punkten abweichen- 
den Massenbildungen gebracht wird, etwa daß sie mit diesen 
rivalisiert. 

Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche und 
Einrichtungen besitzt, besonders solche, die sich auf das Ver- 
hältnis ihrer Mitglieder zueinander beziehen. 

Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung gibt, die 
sich in der Spezialisierung und Differenzierung der dem Ein- 
zelnen zufallenden Leistung ausdrückt. 

Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden nach 
Mc Dougall die psychischen Nachteile der Massenbildung 
aufgehoben. Gegen die kollektive Herabsetzung der Intel- 
ligenzleistung schützt man sich dadurch, daß man die 



270 Massenpsychologie' 

Lösung der intellektuellen Aufgaben der Masse entzieht und 
sie Einzelnen in ihr vorbehält. 

Es scheint uns, daß man die Bedingung, die Mc D o u- 
g a 1 1 als „Organisation" der Masse bezeichnet hat, mit mehr 
Berechtigung anders beschreiben kann. Die Aufgabe besteht 
darin, der Masse gerade jene Eigenschaften zu verschaffen, 
die für das Individuum charakteristisch waren und die bei 
ihm durch die Massenbildung ausgelöscht wurden. Denn 
das Individuum hatte — außerhalb der primitiven Masse 
— seine Kontinuität, sein Selbstbewußtsein, seine Tradi- 
tionen und Gewohnheiten, seine besondere Arbeitsleistung 
und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, mit 
denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen 
Eintritt in die nicht „organisierte" Masse für eine Zeit ver- 
loren. Erkennt man so als Ziel, die Masse mit den Attri- 
buten des Individuums auszustatten, so wird man an eine 
gehaltreiche Bemerkung von W. Trotter 13 gemahnt, der 
in der Neigung zur Massenbildung eine biologische Fort- 
führung der Vielzelligkeit aller höheren Organismen er- 
blickt 14 . 



IV 
Suggestion und Libido 

Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein 
Einzelner innerhalb einer Masse durch den Einfluß derselben 

13) Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916. 

14) Ich kann im Gegensatz zu einer sonst verständnisvollen und 
scharfsinnigen Kritik von Hans K eisen (Imago VIII/2, 1922) 
nicht zugeben, daß eine solche Ausstattung der „Massenseele" mit 
Organisation eine Hypostasierung derselben, das heißt die Zuer- 
kennung einer Unabhängigkeit von den seelischen Vorgängen im 
Individuum bedeute. 



und Ich-Analyse zji 

eine oft tiefgreifende Veränderung seiner seelischen Tätig- 
keit erfährt. Seine Affektivität wird außerordentlich ge- 
steigert, seine intellektuelle Leistung merklich eingeschränkt, 
beide Vorgänge offenbar in der Richtung einer Angleichung 
an die anderen Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch 
die Aufhebung der jedem Einzelnen eigentümlichen Trieb- 
hemmungen und durch den Verzicht auf die ihm besonderen 
Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden kann. Wir 
haben gehört, daß diese oft unerwünschten Wirkungen durch 
eine höhere „Organisation" der Massen wenigstens teilweise 
hintangehalten werden, aber der Grundtatsache der Massen- 
psychologie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung und 
der Denkhemmung in der primitiven Masse ist dadurch nicht 
widersprochen worden. Unser Interesse geht nun dahin, für 
diese seelische Wandlung des Einzelnen in der Masse die 
psychologische Erklärung zu finden. 

Rationelle Momente, wie die vorhin erwähnte Einschüch- 
terung des Einzelnen, also die Aktion seines Selbsterhaltungs- 
triebes, decken offenbar die zu beobachtenden Phänomene 
nicht. Was uns sonst als Erklärung von den Autoren über 
Soziologie und Massenpsychologie geboten wird, ist immer 
das nämliche, wenn auch unter wechselnden Namen: das 
Zauberwort der Suggestion. Bei Tarde hieß sie 
Nachahmung, aber wir müssen einem Autor recht 
geben, der uns vorhält, die Nachahmung falle unter den 
Begriff der Suggestion, sei eben eine Folge derselben 15 . Bei 
Le Bon wurde alles Befremdende der sozialen Erscheinun- 
gen auf zwei Faktoren zurückgeführt, auf die gegenseitige 
Suggestion der Einzelnen und das Prestige der Führer. Aber 
das Prestige äußert sich wiederum nur in der Wirkung, 
Suggestion hervorzurufen. Bei M c D o u g a 1 1 konnten wir 

iy) Brugeilles, L'essence du ph£nomene social: La Suggestion. 
Revue philosophique XXV. 191 3. 






zyi Massenpsychologie 

einen Moment lang den Eindruck empfangen, daß sein Prin- 
zip der „primären Affektinduktion" die Annahme der 
Suggestion entbehrlich mache. Aber bei weiterer Überlegung 
müssen wir doch einsehen, daß dies Prinzip nichts anderes 
aussagt als die bekannten Behauptungen der „Nachahmung" 
oder „Ansteckung", nur unter entschiedener Betonung des 
affektiven Moments. Daß eine derartige Tendenz in uns be- 
steht, wenn wir ein Zeichen eines Affektzustandes bei einem 
anderen gewahren, in denselben Affekt zu verfallen, ist 
unzweifelhaft, aber wie oft widerstehen wir ihr erfolgreich, 
weisen den Affekt ab, reagieren oft in ganz gegensätzlicher 
Weise? Warum also geben wir dieser Ansteckung in der Masse 
regelmäßig nach? Man wird wiederum sagen müssen, es sei 
der suggestive Einfluß der Masse, der uns nötigt, dieser Nach- 
ahmungstendenz zu gehorchen, der den Affekt in uns indu- 
ziert. Übrigens kommen wir auch sonst bei Mc D o u g a 1 1 
nicht um die Suggestion herum; wir hören von ihm wie von 
anderen: die Massen zeichnen sich durch besondere Sugge- 
stibilität aus. 

Man wird so für die Aussage vorbereitet, die Suggestion 
(richtiger die Suggerierbarkeit) sei eben ein weiter nicht 
reduzierbares Urphänomen, eine Grundtatsache des mensch- 
lichen Seelenlebens. So hielt es auch Bernheim, von 
dessen erstaunlichen Künsten ich im Jahre 1889 Zeuge war. 
Ich weiß mich aber auch damals an eine dumpfe Gegner- 
schaft gegen diese Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn 
ein Kranker, der sich nicht gefügig zeigte, angeschrieen wurde: 
Was tun Sie denn? Vous vous contresuggestionnez! so sagte 
ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalttat. Der Mann 
habe zu Gegensuggestionen gewiß ein Recht, wenn man ihn 
mit Suggestionen zu unterwerfen versuche. Mein Widerstand 
nahm dann später die Richtung einer Auflehnung dagegen, 
daß die Suggestion, die alles erklärte, selbst der Erklärung 



und Ich-Analyse 2 j-> 

entzogen sein sollte. Ich wiederhole mit Bezug auf sie die 
alte Scherzfrage 16 : 

Christoph trug Christum, — Christus trug die ganze Welt, 
Sag', wo hat Christoph — Damals hin den Fuß gestellt? 

Cbristophorus Christum, sed Christus sustulit orbem: 
Constiterit pedibus die ubi Cbristophorus? 

Wenn ich nun nach etwa dreißigjähriger Fernhaltung 
wieder an das Rätsel der Suggestion herantrete, finde ich, daß 
sich nichts daran geändert hat. Von einer einzigen Aus- 
nahme, die eben den Einfluß der Psychoanalyse bezeugt, darf 
ich ja bei dieser Behauptung absehen. Ich sehe, daß man sich 
besonders darum bemüht, den Begriff der Suggestion korrekt 
zu formulieren, also den Gebrauch des Namens konventionell 
festzulegen 17 , und dies ist nicht überflüssig, denn das Wort 
geht einer immer weiteren Verwendung mit aufgelockerter 
Bedeutung entgegen und wird bald jede beliebige Beein- 
flussung bezeichnen wie im Englischen, wo ,,to suggest, 
Suggestion" unserem „Nahelegen", unserer „Anregung" ent- 
spricht. Aber über das Wesen der Suggestion, das heißt über 
die Bedingungen, unter denen sich Beeinflussungen ohne zu- 
reichende logische Begründung herstellen, hat sich eine Auf- 
klärung nicht ergeben. Ich würde mich der Aufgabe nicht 
entziehen, diese Behauptung durch die Analyse der Literatur 
dieser letzten dreißig Jahre zu erhärten, allein ich unterlasse 
es, weil mir bekannt ist, daß in meiner Nähe eine ausführliche 
Untersuchung vorbereitet wird, welche sich eben diese Auf- 
gabe gestellt hat 18 . 

16) Konrad Richter. Der deutsche St. Christoph. Berlin 1896. 
Acta Germanica V, 1. 

17) So McDougall im „Journal of Neurology and Psycho- 
pathology", Vol. 1, No. 1, May 1920: A note on Suggestion. 

18) [Zusatz 1924]: Diese Arbeit ist dann leider nicht zu- 
stande gekommen. 

Freud, Theoretische Schriften 18 



274 Massetipsychologie 

Anstatt dessen werde ich den Versuch machen, zur Auf- 
klärung der Massenpsychologie den Begriff der Libido zu 
verwenden, der uns im Studium der Psychoneurosen so gute 
Dienste geleistet hat. 

Libido ist ein Ausdruck aus der Arlektivitätslehre. Wir 
heißen so die als quantitative Größe betrachtete — wenn 
auch derzeit nicht meßbare — Energie solcher Triebe, welche 
mit all dem zu tun haben, was man als Liebe zusammen- 
fassen kann. Den Kern des von uns Liebe Geheißenen bildet 
natürlich, was man gemeinhin Liebe nennt und was die 
Dichter besingen, die Geschlechtsliebe mit dem Ziel der 
geschlechtlichen Vereinigung. Aber wir trennen davon nicht 
ab, was auch sonst an dem Namen Liebe Anteil hat, einer- 
seits die Selbstliebe, anderseits die Eltern- und Kindesliebe, 
die Freundschaft und die allgemeine Menschenliebe, auch 
nicht die Hingebung an konkrete Gegenstände und an ab- 
strakte Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt darin, daß die 
psychoanalytische Untersuchung uns gelehrt hat, alle diese 
Strebungen seien der Ausdruck der nämlichen Triebregungen, 
die zwischen den Geschlechtern zur geschlechtlichen Ver- 
einigung hindrängen, in anderen Verhältnissen zwar von 
diesem sexuellen Ziel abgedrängt oder in der Erreichung des- 
selben aufgehalten werden, dabei aber doch immer genug von 
ihrem ursprünglichen Wesen bewahren, um ihre Identität 
kenntlich zu erhalten (Selbstaufopferung, Streben nach An- 
näherung). 

Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort „Liebe" 
in seinen vielfältigen Anwendungen eine durchaus berech- 
tigte Zusammenfassung geschaffen hat, und daß wir nichts 
Besseres tun können, als dieselbe auch unseren wissenschaft- 
lichen Erörterungen und Darstellungen zugrunde zu legen. 
Durch diesen Entschluß hat die Psychoanalyse einen Sturm 
von Entrüstung entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften 



und Ich-Analyse 275 

Neuerung schuldig gemacht hätte. Und doch hat die Psycho- 
analyse mit dieser „erweiterten" Auffassung der Liebe nichts 
Originelles geschaffen. Der „E r o s" des Philosophen P 1 a t o 
zeigt in seiner Herkunft, Leistung und Beziehung zur 
Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung mit der Liebes- 
kraft, der Libido der Psychoanalyse, wie Nachmansohn 
und P f i s t e r im Einzelnen dargelegt haben 10 , und wenn der 
Apostel Paulus in dem berühmten Brief an die Korinther 
die Liebe über alles andere preist, hat er sie gewiß im näm- 
lichen „erweiterten" Sinn verstanden 20 , woraus nur zu lernen 
ist, daß die Menschen ihre großen Denker nicht immer ernst 
nehmen, auch wenn sie sie angeblich sehr bewundern. 

Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse 
a potiori und von ihrer Herkunft her Sexualtriebe geheißen. 
Die Mehrzahl der „Gebildeten" hat diese Namengebung als 
Beleidigung empfunden und sich für sie gerächt, indem sie 
der Psychoanalyse den Vorwurf des „Pansexualismus" ent- 
gegenschleuderte. Wer die Sexualität für etwas die mensch- 
liche Natur Beschämendes und Erniedrigendes hält, dem 
steht es ja frei, sich der vornehmeren Ausdrücke Eros und 
Erotik zu bedienen. Ich hätte es auch selbst von Anfang an 
so tun können und hätte mir dadurch viel Widerspruch 
erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide gern 
Konzessionen an die Schwachmütigkeit. Man kann nicht 
wissen, wohin man auf diesem Wege gerät; man gibt zuerst 
in Worten nach und dann allmählich auch in der Sache. Ich 
kann nicht finden, daß irgend ein Verdienst daran ist, sich 
der Sexualität zu schämen; das griechische Wort Eros, das den 

19) Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der 
Eroslehre Piatos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III, 191 5; 
Pf ist er, ebd. VII, 192 1. 

20) „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, 
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine 
klingende Schelle," u. ff. 

18* 



2j6 Massenpsychologie 

Schimpf lindern soll, ist doch schließlich nichts anderes als 
die Übersetzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich, 
wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen. 

Wir werden es also mit der Voraussetzung versuchen, daß 
Liebesbeziehungen (indifferent ausgedrückt: Gefühlsbindun- 
gen) auch das Wesen der Massenseele ausmachen. Erinnern 
wir uns daran, daß von solchen bei den Autoren nicht die 
Rede ist. Was ihnen entsprechen würde, ist offenbar hinter 
dem Schirm, der spanischen Wand, der Suggestion ver- 
borgen. Auf zwei flüchtige Gedanken stützen wir zunächst 
unsere Erwartung. Erstens, daß die Masse offenbar durch 
irgend eine Macht zusammengehalten wird. Welcher Macht 
könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als dem 
Eros, der alles in der Welt zusammenhält? Zweitens, daß man 
den Eindruck empfängt, wenn der Einzelne in der Masse seine 
Eigenart aufgibt und sich von den Anderen suggerieren läßt, 
er tue es, weil ein Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Ein- 
vernehmen mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu sein, also 
vielleicht doch „ihnen zuliebe". 



V 

Zwei künstliche Massen; Kirche und Heer 

Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns ins Ge- 
dächtnis, daß man sehr verschiedene Arten von Massen und 
gegensätzliche Richtungen in ihrer Ausbildung unterscheiden 
kann. Es gibt sehr flüchtige Massen und höchst dauerhafte; 
homogene, die aus gleichartigen Individuen bestehen, und 
nicht homogene; natürliche Massen und künstliche, die zu 
ihrem Zusammenhalt auch einen äußeren Zwang erfordern; 
primitive Massen und gegliederte, hoch organisierte. Aus 
Gründen aber, in welche die Einsicht noch verhüllt ist, 



und Ich-Analyse 277 

möchten wir auf eine Unterscheidung besonderen Wert legen, 
die bei den Autoren eher zu wenig beachtet wird; ich meine 
die von führerlosen Massen und von solchen mit Führern. 
Und recht im Gegensatz zur gewohnten Übung soll unsere 
Untersuchung nicht eine relativ einfache Massenbildung zum 
Ausgangspunkt wählen, sondern an hoch organisierten, 
dauerhaften, künstlichen Massen beginnen. Die interessante- 
sten Beispiele solcher Gebilde sind die Kirche, die Gemein- 
schaft der Gläubigen, und die Armee, das Heer. 

Kirche und Heer sind künstliche Massen, das heißt es wird 
ein gewisser äußerer Zwang aufgewendet, um sie vor der 
Auflösung zu bewahren 21 und Veränderungen in ihrer 
Struktur hintanzuhalten. Man wird in der Regel nicht be- 
fragt oder es wird einem nicht freigestellt, ob man in eine 
solche Masse eintreten will; der Versuch des Austrittes wird 
gewöhnlich verfolgt oder strenge bestraft oder ist an ganz 
bestimmte Bedingungen geknüpft. Warum diese Vergesell- 
schaftungen so besonderer Sicherungen bedürfen, liegt unserem 
Interesse gegenwärtig ganz ferne. Uns zieht nur der eine 
Umstand an, daß man an diesen hochorganisierten, in solcher 
Weise vor dem Zerfall geschützten Massen mit großer 
Deutlichkeit gewisse Verhältnisse erkennt, die anderswo weit 
mehr verdeckt sind. 

In der Kirche — wir können mit Vorteil die katholische 
Kirche zum Muster nehmen — gilt wie im Heer, so ver- 
schieden beide sonst sein mögen, die nämliche Vorspiegelung 
(Illusion), daß ein Oberhaupt da ist — in der katholischen 
Kirche Christus, in der Armee der Feldherr, — das alle 
Einzelnen der Masse mit der gleichen Liebe liebt. An dieser 
Illusion hängt alles; ließe man sie fallen, so zerfielen sofort, 

21) Die Eigenschaften „stabil" und „künstlich" scheinen bei den 
Massen zusammenzufallen oder wenigstens intim zusammenzu- 
hängen. 



278 Massenpsychologie 

soweit der äußere Zwang es gestattete, Kirche wie Heer. Von 
Christus wird diese gleiche Liebe ausdrücklich ausgesagt: "Was 
ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, 
das habt ihr mir getan. Er steht zu den Einzelnen der 
gläubigen Masse im Verhältnis eines gütigen älteren Bruders, 
ist ihnen ein Vaterersatz. Alle Anforderungen an die Einzel- 
nen leiten sich von dieser Liebe Christi ab. Ein demokratischer 
Zug geht durch die Kirche, eben weil vor Christus alle 
gleich sind, alle den gleichen Anteil an seiner Liebe haben. 
Nicht ohne tiefen Grund wird die Gleichartigkeit der christ- 
lichen Gemeinde mit einer Familie heraufbeschworen und 
nennen sich die Gläubigen Brüder in Christo, das heißt 
Brüder durch die Liebe, die Christus für sie hat. Es ist nicht 
zu bezweifeln, daß die Bindung jedes Einzelnen an Christus 
auch die Ursache ihrer Bindung untereinander ist. Ähnliches 
gilt für das Heer; der Feldherr ist der Vater, der alle seine 
Soldaten gleich liebt, und darum sind sie Kameraden unter- 
einander. Das Heer unterscheidet sich strukturell von der 
Kirche darin, daß es aus einem Stufenbau von solchen Massen 
besteht. Jeder Hauptmann ist gleichsam der Feldherr und 
Vater seiner Abteilung, jeder Unteroffizier der seines Zuges. 
Eine ähnliche Hierarchie ist zwar auch in der Kirche aus- 
gebildet, spielt aber in ihr nicht dieselbe ökonomische Rolle, 
da man Christus mehr Wissen und Bekümmern um die Ein- 
zelnen zuschreiben darf als dem menschlichen Feldherrn. 

Gegen diese Auffassung der libidinösen Struktur einer 
Armee wird man mit Recht einwenden, daß die Ideen des 
Vaterlandes, des nationalen Ruhmes und andere, die für den 
Zusammenhalt der Armee so bedeutsam sind, hier keine 
Stelle gefunden haben. Die Antwort darauf lautet, dies sei 
ein anderer, nicht mehr so einfacher Fall von Massenbindung, 
und wie die Beispiele großer Heerführer, Caesar, Wallen- 
stein, Napoleon, zeigen, sind solche Ideen für den Bestand 



und Ich-Analyse zj<) 

einer Armee nicht unentbehrlich. Von dem möglichen Ersatz 
des Führers durch eine führende Idee und den Beziehungen 
zwischen beiden wird später kurz die Rede sein. Die Ver- 
nachlässigung dieses libidinösen Faktors in der Armee, auch 
dann, wenn er nicht der einzig wirksame ist, scheint nicht 
nur ein theoretischer Mangel, sondern auch eine praktische 
Gefahr. Der preußische Militarismus, der ebenso unpsycho- 
logisch war wie die deutsche Wissenschaft, hat dies vielleicht 
im großen "Weltkrieg erfahren müssen. Die Kriegsneurosen, 
welche die deutsche Armee zersetzten, sind ja großenteils als 
Protest des Einzelnen gegen die ihm in der Armee zuge- 
mutete Rolle erkannt worden, und nach den Mitteilungen 
von E. S i m m e l 22 darf man behaupten, daß die lieblose 
Behandlung des gemeinen Mannes durch seine Vorgesetzten 
obenan unter den Motiven der Erkrankung stand. Bei 
besserer Würdigung dieses Libidoanspruches hätten wahr- 
scheinlich die phantastischen Versprechungen der 14 Punkte 
des amerikanischen Präsidenten nicht so leicht Glauben ge- 
funden und das großartige Instrument wäre den deutschen 
Kriegskünstlern nicht in der Hand zerbrochen. 

Merken wir an, daß in diesen beiden künstlichen Massen 
jeder Einzelne einerseits an den Führer (Christus, Feldherrn), 
anderseits an die anderen Massenindividuen libidinös gebun- 
den ist. Wie sich diese beiden Bindungen zueinander ver- 
halten, ob sie gleichartig und gleichwertig sind und wie sie 
psychologisch zu beschreiben wären, das müssen wir einer 
späteren Untersuchung vorbehalten. Wir getrauen uns aber 
jetzt schon eines leisen Vorwurfes gegen die Autoren, daß sie 
die Bedeutung des Führers für die Psychologie der Masse nicht 
genügend gewürdigt haben, während uns die Wahl des ersten 
Untersuchungsobjekts in eine günstigere Lage gebracht hat. 



22) Kriegsneurosen und „Psychisches Trauma", München 1918. 



2 8° Massenpsychologie 

Es will uns scheinen, als befänden wir uns auf dem richtigen 
Weg, der die Haupterscheinung der Massenpsychologic, die 
Unfreiheit des Einzelnen in der Masse, aufklären kann. Wenn 
für jeden Einzelnen eine so ausgiebige Gefühlsbindung nach 
zwei Richtungen besteht, so wird es uns nicht schwer werden, 
aus diesem Verhältnis die beobachtete Veränderung und 
Einschränkung seiner Persönlichkeit abzuleiten. 

Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse bestehe in 
den in ihr vorhandenen libidinösen Bindungen, erhalten wir 
auch in dem Phänomen der Panik, welches am besten an 
militärischen Massen zu studieren ist. Eine Panik entsteht, 
wenn eine solche Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist, daß 
kein Befehl des Vorgesetzten mehr angehört wird, und daß 
jeder für sich selbst sorgt ohne Rücksicht auf die anderen. 
Die gegenseitigen Bindungen haben aufgehört und eine 
riesengroße, sinnlose Angst wird frei. Natürlich wird auch 
hier wieder der Einwand naheliegen, es sei vielmehr umge- 
kehrt, indem die Angst so groß gewachsen sei, daß sie sich 
über alle Rücksichten und Bindungen hinaussetzen konnte. 
Mc D o u g a 1 1 hat sogar (S. 24) den Fall der Panik (aller- 
dings der nicht militärischen) als Musterbeispiel für die von 
ihm betonte Affektsteigerung durch Ansteckung (primary 
induetion) verwertet. Allein diese rationelle Erklärungs- 
weise geht hier doch ganz fehl. Es steht eben zur Erklärung, 
warum die Angst so riesengroß geworden ist. Die Größe der 
Gefahr kann nicht beschuldigt werden, denn dieselbe Armee, 
die jetzt der Panik verfällt, kann ähnlich große und größere 
Gefahren tadellos bestanden haben, und es gehört geradezu 
zum Wesen der Panik, daß sie nicht im Verhältnis zur 
drohenden Gefahr steht, oft bei den nichtigsten Anlässen 
ausbricht. Wenn der Einzelne in panischer Angst für sich 
selbst zu sorgen unternimmt, so bezeugt er damit die Einsicht, 
daß die affektiven Bindungen aufgehört haben, die bis dahin 



und Ich-Analyse 281 

die Gefahr für ihn herabsetzten. Nun, da er der Gefahr 
allein entgegensteht, darf er sie allerdings höher einschätzen. 
Es verhält sich also so, daß die panische Angst die Lockerung 
in der libidinösen Struktur der Masse voraussetzt und in 
berechtigter Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, daß die 
Libidobindungen der Masse an der Angst vor der Gefahr 
zugrunde gegangen wären. 

Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung, daß die 
Angst in der Masse durch Induktion (Ansteckung) ins Unge- 
heure wachse, keineswegs widersprochen. Die Mc D o u g a 1 1- 
sche Auffassung ist durchaus zutreffend für den Fall, daß die 
Gefahr eine real große ist und daß in der Masse keine starken 
Gefühlsbindungen bestehen, Bedingungen, die verwirklicht 
werden, wenn zum Beispiel in einem Theater oder Vergnü- 
gungslokal Feuer ausbricht. Der lehrreiche und für unsere 
Zwecke verwertete Fall ist der oben erwähnte, daß ein 
Heereskörper in Panik gerät, wenn die Gefahr nicht über 
das gewohnte und oftmals gut vertragene Maß hinaus ge- 
steigert ist. Man wird nicht erwarten dürfen, daß der 
Gebrauch des Wortes „Panik" scharf und eindeutig bestimmt 
sei. Manchmal bezeichnet man so jede Massenangst, andere 
Male auch die Angst eines Einzelnen, wenn sie über jedes 
Maß hinausgeht, häufig scheint der Name für den Fall 
reserviert, daß der Angstausbruch durch den Anlaß nicht 
gerechtfertigt wird. Nehmen wir das Wort „Panik" im Sinne 
der Massenangst, so können wir eine weitgehende Analogie 
behaupten. Die Angst des Individuums wird hervorgerufen 
entweder durch die Größe der Gefahr oder durch das Auf- 
lassen von Gefühlsbindungen (Libidobesetzungen); der letztere 
Fall ist der der neurotischen Angst 28 . Ebenso entsteht die 
Panik durch die Steigerung der alle betreffenden Gefahr oder 

23) S. „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse." 
XXV. Vorlesung. 



2S2 Massenpsychologie 

durch das Aufhören der die Masse zusammenhaltenden 
Gefühlsbindungen, und dieser letzte Fall ist der neurotischen 
Angst analog. (Vgl. hiezu den gedankenreichen, etwas phan- 
tastischen Aufsatz von Bela v. Felszeghy: Panik und 
Pankomplex, „Imago", VI, 1920.) 

Wenn man die Panik wie Mc Dougall (1. c.) als eine 
der deutlichsten Leistungen der »group mind" beschreibt, ge- 
langt man zum Paradoxon, daß sich diese Massenseele in einer 
ihrer auffälligsten Äußerungen selbst aufhebt. Es ist kein 
Zweifel möglich, daß die Panik die Zersetzung der Masse 
bedeutet, sie hat das Aufhören aller Rücksichten zur Folge, 
welche sonst die Einzelnen der Masse für einander zeigen. 

Der typische Anlaß für den Ausbruch einer Panik ist so 
ähnlich, wie er in der N e s t r o y sehen Parodie des 
Hebbel sehen Dramas von Judith und Holofernes dar- 
gestellt wird. Da schreit ein Krieger: „Der Feldherr hat den 
Kopf verloren", und darauf ergreifen alle Assyrer die Flucht. 
Der Verlust des Führers in irgend einem Sinne, das Irre- 
werden an ihm, bringt die Panik bei gleichbleibender Gefahr 
zum Ausbruch; mit der Bindung an den Führer schwinden 
— in der Regel — auch die gegenseitigen Bindungen der 
Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein Bologneser 
Fläschchen, dem man die Spitze abgebrochen hat. 

Die Zersetzung einer religiösen Masse ist nicht so leicht zu 
beobachten. Vor kurzem geriet mir ein von katholischer 
Seite stammender, vom Bischof von London empfohlener eng- 
lischer Roman in die Hand mit dem Titel: „When it was 
dark", der eine solche Möglichkeit und ihre Folgen in ge- 
schickter und, wie ich meine, zutreffender Weise ausmalte. 
Der Roman erzählt, wie aus der Gegenwart, daß es einer 
Verschwörung von Feinden der Person Christi und des 
christlichen Glaubens gelingt, eine Grabkammer in Jerusalem 
auffinden zu lassen, in deren Inschrift Josef von Arimathia 



und Ich- Analyse 283 

bekennt, daß er aus Gründen der Pietät den Leichnam Christi 
am dritten Tag nach seiner Beisetzung heimlich aus seinem 
Grabe entfernt und hier bestattet habe. Damit ist die Auf- 
erstehung Christi und seine göttliche Natur abgetan und die 
Folge dieser archäologischen Entdeckung ist eine Erschütterung 
der europäischen Kultur und eine außerordentliche Zunahme 
aller Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet, nach- 
dem das Komplott der Fälscher enthüllt werden kann. 

Was bei der hier angenommenen Zersetzung der religiösen 
Masse zum Vorschein kommt, ist nicht Angst, für welche der 
Anlaß fehlt, sondern rücksichtslose und feindselige Impulse 
gegen andere Personen, die sich bis dahin dank der gleichen 
Liebe Christi nicht äußern konnten 24 . Außerhalb dieser Bin- 
dung stehen aber auch während des Reiches Christi jene 
Individuen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören, die 
ihn nicht lieben und die er nicht liebt; darum muß eine Reli- 
gion, auch wenn sie sich die Religion der Liebe heißt, hart 
und lieblos gegen diejenigen sein, die ihr nicht angehören. Im 
Grunde ist ja jede Religion eine solche Religion der Liebe 
für alle, die sie umfaßt, und jeder liegt Grausam- 
keit und Intoleranz gegen die nicht dazugehörigen 
nahe. Man darf, so schwer es einem auch persönlich 
fällt, den Gläubigen daraus keinen zu argen Vor- 
wurf machen; Ungläubige und Indifferente haben es in 
diesem Punkte psychologisch um so viel leichter. Wenn diese 
Intoleranz sich heute nicht mehr so gewalttätig und grausam 
kundgibt wie in früheren Jahrhunderten, so wird man daraus 
kaum auf eine Milderung in den Sitten der Menschen 
schließen dürfen. Weit eher ist die Ursache davon in der 
unleugbaren Abschwächung der religiösen Gefühle und der 

24) Vergleiche hiezu die Erklärung ähnlicher Phänomene nach 
dem Wegfall der landesväterlichen Autorität bei P. Federn, 
Die vaterlose Gesellschaft, Wien, 1919. 



284 Massenpsychologie 

von ihnen abhängigen libidinösen Bindungen zu suchen. 
Wenn eine andere Massenbindung an die Stelle der religiösen 
tritt, wie es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, so 
wird sich dieselbe Intoleranz gegen die Außenstehenden er- 
geben wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und wenn die 
Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je eine ähnliche 
Bedeutung für die Massen gewinnen könnten, würde sich 
dasselbe Resultat auch für diese Motivierung wiederholen. 






VI 
Weitere Aufgaben und Arbeit sriditungen 

Wir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und 
gefunden, daß sie von zweierlei Gefühlsbindungen beherrscht 
werden, von denen die eine an den Führer — wenigstens für 
sie — bestimmender zu sein scheint als die andere, die der 
Massenindividuen aneinander. 

Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu 
untersuchen und zu beschreiben. Man hätte von der Fest- 
stellung auszugehen, daß eine bloße Menschenmenge noch 
keine Masse ist, solange sich jene Bindungen in ihr nicht 
hergestellt haben, hätte aber das Zugeständnis zu machen, 
daß in einer beliebigen Menschenmenge sehr leicht die 
Tendenz zur Bildung einer psychologischen Masse hervor- 
tritt. Man müßte den verschiedenartigen, mehr oder minder 
beständigen Massen, die spontan zustande kommen, Aufmerk- 
samkeit schenken, die Bedingungen ihrer Entstehung und 
ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde uns der Unterschied 
zwischen Massen, die einen Führer haben, und führerlosen 
Massen beschäftigen. Ob nicht die Massen mit Führer die 
ursprünglicheren und vollständigeren sind, ob in den anderen 
der Führer nicht durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt 



und Ich- Analyse 285 

sein kann, wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem 
unaufzeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob nicht 
eine gemeinsame Tendenz, ein "Wunsch, an dem eine Vielheit 
Anteil nehmen kann, den nämlichen Ersatz leistet. Dieses 
Abstrakte könnte sich wiederum mehr oder weniger voll- 
kommen in der Person eines gleichsam sekundären Führers 
verkörpern, und aus der Beziehung zwischen Idee und 
Führer ergäben sich interessante Mannigfaltigkeiten. Der 
Führer oder die führende Idee könnten auch sozusagen 
negativ werden; der Haß gegen eine bestimmte Person oder 
Institution könnte ebenso einigend wirken und ähnliche 
Gefühlsbindungen hervorrufen wie die positive Anhänglich- 
keit. Es fragt sich dann auch, ob der Führer für das "Wesen 
der Masse wirklich unerläßlich ist und anderes mehr. 

Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der Literatur 
der Massenpsychologie behandelt sein mögen, werden nicht 
imstande sein, unser Interesse von den psychologischen 
Grundproblemen abzulenken, die uns in der Struktur einer 
Masse geboten werden. Wir werden zunächst von einer Über- 
legung gefesselt, die uns auf dem kürzesten "Weg den Nach- 
weis verspricht, daß es Libidobindungen sind, welche eine 
Masse charakterisieren. 

Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im allgemeinen 
affektiv zueinander verhalten. Nach dem berühmten 
Schopenhauer sehen Gleichnis von den frierenden 
Stachelschweinen verträgt keiner eine allzu intime Annähe- 
rung des anderen 25 . 

25) „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem 
kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige 
Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfan- 
den sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von- 
einander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie 
wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite 
Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen 






286 Massenpsychologie 

Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse enthält fast jedes 
intime Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen von längerer 
Dauer — Ehebeziehung, Freundschaft, Eltern- und Kind- 
schaft 26 — einen Bodensatz von ablehnenden, feindseligen 
Gefühlen, der nur infolge von Verdrängung der Wahr- 
nehmung entgeht. Unverhüllter ist es, wenn jeder Kompagnon 
mit seinem Gesellschafter hadert, jeder Untergebene gegen 
seinen Vorgesetzten murrt. Dasselbe geschieht dann, wenn 
die Menschen zu größeren Einheiten zusammentreten. Jedes- 
mal, wenn sich zwei Familien durch eine Eheschließung ver- 
binden, hält sich jede von ihnen für die bessere oder vor- 
nehmere auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten 
Städten wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der an- 
deren; jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das andere 
herab. Nächst verwandte Völkerstämme stoßen einander ab, 
der Süddeutsche mag den Norddeutschen nicht leiden, der 
Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der Spanier 
verachtet den Portugiesen. Daß bei größeren Differenzen 
sich eine schwer zu überwindende Abneigung ergibt, des 
Galliers gegen den Germanen, des Ariers gegen den Semiten, 
des Weißen gegen den Farbigen, hat aufgehört, uns zu 
verwundern. 

Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen 
richtet, bezeichnen wir es als Gefühlsambivalenz und erklären 
uns diesen Fall in sicherlich allzu rationeller Weise durch die 
vielfachen Anlässe zu Interessenkonflikten, die sich gerade in 
so intimen Beziehungen ergeben. In den unverhüllt hervor- 
wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, 
in der sie es am besten aushalten konnten." (Parerga und Parali- 
pomena, II. Teil, XXXI, Gleichnisse und Parabeln.) 

26) Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter 
zum Sohn, die, auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität 
nicht gestört und durch einen Ansatz zur sexuellen Objektwahl 
verstärkt wird. 



und Ich-Analyse 287 

tretenden Abneigungen und Abstoßungen gegen nahe- 
stehende Fremde können wir den Ausdruck einer Selbstliebe, 
eines Narzißmus, erkennen, der seine Selbstbehauptung an- 
strebt und sich so benimmt, als ob das Vorkommen einer Ab- 
weichung von seinen individuellen Ausbildungen eine Kritik 
derselben und eine Aufforderung, sie umzugestalten, mit sich 
brächte. Warum sich eine so große Empfindlichkeit gerade 
auf diese Einzelheiten der Differenzierung geworfen haben 
sollte, wissen wir nicht; es ist aber unverkennbar, daß sich 
in diesem "Verhalten der Menschen eine Haßbereitschaft, eine 
Aggressivität kundgibt, deren Herkunft unbekannt ist, und 
der man einen elementaren Charakter zusprechen möchte 27 . 
Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder dauernd, 
durch die Massenbildung und in der Masse. Solange die 
Massenbildung anhält oder soweit sie reicht, benehmen sich 
die Individuen, als wären sie gleichförmig, dulden sie die 
Eigenart des anderen, stellen sich ihm gleich und verspüren 
kein Gefühl der Abstoßung gegen ihn. Eine solche Ein- 
schränkung des Narzißmus kann nach unseren theoretischen 
Anschauungen nur durch ein Moment erzeugt werden, durch 
libidinöse Bindung an andere Personen. Die Selbstliebe findet 
nur an der Fremdliebe, Liebe zu Objekten, eine Schranke 28 . 
Man wird sofort die Frage aufwerfen, ob nicht die Inter- 
essengemeinschaft an und für sich und ohne jeden libidinösen 
Beitrag zur Duldung des anderen und zur Rücksichtnahme 
auf ihn führen muß. Man wird diesem Einwand mit dem 
Bescheid begegnen, daß auf solche Weise eine bleibende Ein- 

27) In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift „Jenseits des 
Lustprinzips" habe ich versucht, die Polarität vom Lieben und 
Hassen mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens- und 
Todestrieben zu verknüpfen und die Sexualtriebe als die reinsten 
Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen. 

28) S. Zur Einführung des Narzißmus 1914. (Seite 25 ff dieses 
Bandes.) 



288 Massenpsychologie 

schränkung des Narzißmus doch nicht zustande kommt, da 
diese Toleranz nicht länger anhält als der unmittelbare Vor- 
teil, den man aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der 
praktische Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man 
meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß sich im 
Falle der Mitarbeiterschaft regelmäßig libidinöse Bindungen 
zwischen den Kameraden herstellen, welche die Beziehung 
zwischen ihnen über das Vorteilhafte hinaus verlängern und 
fixieren. Es geschieht in den sozialen Beziehungen der Men- 
schen dasselbe, was der psychoanalytischen Forschung in dem 
Entwicklungsgang der individuellen Libido bekannt geworden 
ist. Die Libido lehnt sich an die Befriedigung der großen 
Lebensbedürfnisse an und wählt die daran beteiligten Per- 
sonen zu ihren ersten Objekten. Und wie beim Einzelnen, so 
hat auch in der Entwicklung der ganzen Menschheit nur die 
Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer Wendung vom Egois- 
mus zum Altruismus gewirkt. Und zwar sowohl die ge- 
schlechtliche Liebe zum Weibe mit all den aus ihr fließenden 
Nötigungen, das zu verschonen, was dem Weibe lieb war, 
als auch die desexualisierte, sublimiert homosexuelle Liebe 
zum anderen Manne, die sich an die gemeinsame Arbeit 
knüpfte. 

Wenn also in der Masse Einschränkungen der narziß- 
tischen Eigenliebe auftreten, die außerhalb derselben nicht 
wirken, so ist dies ein zwingender Hinweis darauf, daß das 
Wesen der Massenbildung in neuartigen libidinösen Bindungen 
der Massenmitglieder aneinander besteht. 

Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, welcher 
Art diese Bindungen in der Masse sind. In der psychoanaly- 
tischen Neurosenlehre haben wir uns bisher fast ausschließ- 
lich mit der Bindung solcher Liebestriebe an ihre Objekte 
beschäftigt, die noch direkte Sexualziele verfolgen. Um solche 
Sexualziele kann es sich in der Masse offenbar nicht handeln. 



und Ich-Analyse « 

Wir haben es hier mit Liebestrieben zu tun, die, ohne darum 
minder energisch zu wirken, doch von ihren ursprünglichen 
Zielen abgelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der 
gewöhnlichen sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen be- 
merkt, die einer Ablenkung des Triebes von seinem Sexualziel 
entsprechen. Wir haben sie als Grade von Verliebtheit be- 
schrieben und erkannt, daß sie eine gewisse Beeinträchtigung 
des Ichs mit sich bringen. Diesen Erscheinungen der Ver- 
liebtheit werden wir jetzt eingehendere Aufmerksamkeit zu- 
wenden, in der begründeten Erwartung, an ihnen Verhältnisse 
zu finden, die sich auf die Bindungen in den Massen über- 
tragen lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, ob diese 
Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechts- 
leben kennen, die einzige Weise der Gefühlsbindung an eine 
andere Person darstellt, oder ob wir noch andere solche 
Mechanismen in Betracht zu ziehen haben. Wir erfahren 
tatsächlich aus der Psychoanalyse, daß es noch andere 
Mechanismen der Gefühlsbindung gibt, die sogenannten 
Identifizierungen, ungenügend bekannte, schwer 
darzustellende Vorgänge, deren Untersuchung uns nun eine 
gute Weile vom Thema der Massenpsychologie fernhalten 
wird. 



VII 
Die Identifizierung 

Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste 
Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person be- 
kannt. Sie spielt in der Vorgeschichte des Ödipuskomplexes eine 
Rolle. Der kleine Knabe legt ein besonderes Interesse für 
seinen Vater an den Tag, er möchte so werden und so sein 
wie er, in allen Stücken an seine Stelle treten. Sagen wir 

Freud, Theoretische Schriften 19 



2 o Massenpsychologie 

ruhig: er nimmt den Vater zu seinem Ideal. Dies Verhalten 
hat nichts mit einer passiven oder femininen Einstellung 
zum Vater (und zum Manne überhaupt) zu tun, es ist viel- 
mehr exquisit männlich. Es verträgt sich sehr wohl mit dem 
Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft. 

Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater, 
vielleicht sogar vorher, hat der Knabe begonnen, eine rich- 
tige Objektbesetzung der Mutter nach dem Anlehnungstypus 
vorzunehmen. Er zeigt also dann zwei psychologisch ver- 
schiedene Bindungen, zur Mutter eine glatt sexuelle Objekt- 
besetzung, zum Vater eine vorbildliche Identifizierung. Die 
beiden bestehen eine Weile nebeneinander, ohne gegenseitige 
Beeinflussung oder Störung. Infolge der unaufhaltsam fort- 
schreitenden Vereinheitlichung des Seelenlebens treffen sie 
sich endlich und durch dies Zusammenströmen entsteht der 
normale Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, daß ihm der 
Vater bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung 
mit dem Vater nimmt jetzt eine feindselige Tönung an und 
wird mit dem Wunsch identisch, den Vater auch bei der 
Mutter zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben von Anfang 
an ambivalent, sie kann sich ebenso zum Ausdruck der Zärt- 
lichkeit wie zum Wunsch der Beseitigung wenden. Sie be- 
nimmt sich wie ein Abkömmling der ersten oralen Phase 
der Libidoorganisation, in welcher man sich das begehrte 
und geschätzte Objekt durch Essen einverleibte und es dabei 
als solches vernichtete. Der Kannibale bleibt bekanntlich auf 
diesem Standpunkt stehen; er hat seine Feinde zum Fressen 
lieb, und er frißt die nicht, die er nicht irgendwie lieb 
haben kann 20 . 



29) S. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" und Abraham: 
„Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe 
der Libido." Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 19 16, auch in 
dessen „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse", Wien 1921. 



und Ich- Analyse 

Das Schicksal dieser Vateridentifizierung verliert man 
später leicht aus den Augen. Es kann dann geschehen, daß 
der Ödipuskomplex eine Umkehrung erfährt, daß der Vater 
in femininer Einstellung zum Objekte genommen wird, von 
dem die direkten Sexualtriebe ihre Befriedigung erwarten, 
und dann ist die Vateridentifizierung zum Vorläufer der 
Objektbindung an den Vater geworden. Dasselbe gilt mit den 
entsprechenden Ersetzungen auch für die kleine Tochter. 

Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vateridentifizie- 
rung von einer Vaterobjektwahl in einer Formel auszu- 
sprechen. Im ersten Falle ist der Vater das, was man sein, 
im zweiten das, was man haben möchte. Es ist- also der 
Unterschied, ob die Bindung am Subjekt oder am Objekt des 
Ichs angreift. Die erstere ist darum bereits vor jeder sexuellen 
Objektwahl möglich. Es ist weit schwieriger, diese Verschie- 
denheit metapsychologisch anschaulich darzustellen. Man er- 
kennt nur, die Identifizierung strebt danach, das eigene Ich 
ähnlich zu gestalten wie das andere zum „Vorbild" ge- 
nommene. 

Aus einem verwickeiteren Zusammenhange lösen wir die 
Identifizierung bei einer neurotischen Symptombildung. Das 
kleine Mädchen, an das wir uns jetzt halten wollen, bekomme 
dasselbe Leidenssymptom wie seine Mutter, zum Beispiel den- 
selben quälenden Husten. Das kann nun auf verschiedenen 
Wegen zugehen. Entweder ist die Identifizierung dieselbe aus 
dem Ödipuskomplex, die ein feindseliges Ersetzenwollen der 
Mutter bedeutet, und das Symptom drückt die Objektliebe 
zum Vater aus; es realisiert die Ersetzung der Mutter unter 
dem Einfluß des Schuldbewußtseins: Du hast die Mutter sein 
wollen, jetzt bist du's wenigstens im Leiden. Das ist dann 
der komplette Mechanismus der hysterischen Symptom- 
bildung. Oder aber das Symptom ist dasselbe wie das der ge- 
liebten Person (so wie zum Beispiel Dora im „Bruchstück 

19* 



2 £2 Massenpsychologie 

einer Hysterieanalyse" den Husten des Vaters imitiert); dann 
können wir den Sachverhalt nur so beschreiben, dieldenti- 
fizierung sei an Stelle der Objektwahl ge- 
treten, die Objektwahl sei zur Identifizie- 
rung regrediert. Wir haben gehört, daß die Identi- 
fizierung die früheste und ursprünglichste Form der Gefühls- 
bindung ist; unter den Verhältnissen der Symptombildung, 
also der Verdrängung, und der Herrschaft der Mechanismen 
des Unbewußten kommt es oft vor, daß die Objektwahl 
wieder zur Identifizierung wird, also das Ich die Eigenschaften 
des Objektes an sich nimmt. Bemerkenswert ist es, daß das 
Ich bei diesen Identifizierungen das eine Mal die ungeliebte, 
das andere Mal aber die geliebte Person kopiert. Es muß uns 
auch auffallen, daß beide Male die Identifizierung eine par- 
tielle, höchst beschränkte ist, nur einen einzigen Zug von der 
Objektperson entlehnt. 

Es ist ein dritter, besonders häufiger und bedeutsamer Fall 
der Symptombildung, daß die Identifizierung vom Objekt- 
verhältnis zur kopierten Person ganz absieht. Wenn zum Bei- 
spiel eines der Mädchen im Pensionat einen Brief vom geheim 
Geliebten bekommen hat, der ihre Eifersucht erregt, und auf 
den sie mit einem hysterischen Anfall reagiert, so werden 
einige ihrer Freundinnen, die darum wissen, diesen Anfall 
übernehmen, wie wir sagen, auf dem Wege der psychischen 
Infektion. Der Mechanismus ist der der Identifizierung auf 
Grund des sich in dieselbe Lage Versetzenkönnens oder Ver- 
setzenwollens. Die anderen möchten auch ein geheimes Liebes- 
verhältnis haben und akzeptieren unter dem Einfluß des 
Schuldbewußtseins auch das damit verbundene Leid. Es wäre 
unrichtig zu behaupten, sie eignen sich das Symptom aus Mit- 
gefühl an. Im Gegenteil, das Mitgefühl entsteht erst aus der 
Identifizierung, und der Beweis hiefür ist, daß sich solche 
Infektion oder Imitation auch unter Umständen herstellt, 



und Ich- Analyse 2 _. 

wo noch geringere vorgängige Sympathie zwischen beiden 
anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu bestehen 
pflegt. Das eine Ich hat am anderen eine bedeutsame Analogie 
in einem Punkte wahrgenommen, in unserem Beispiel in der 
gleichen Gefühlsbereitschaft, es bildet sich daraufhin eine 
Identifizierung in diesem Punkte, und unter dem Einfluß der 
pathogenen Situation verschiebt sich diese Identifizierung zum 
Symptom, welches das eine Ich produziert hat. Die Identi- 
fizierung durch das Symptom wird so zum Anzeichen für 
eine Deckungsstelle der beiden Ich, die verdrängt gehalten 
werden soll. 

Das aus diesen drei Quellen Gelernte können wir dahin 
zusammenfassen, daß erstens die Identifizierung die ursprüng- 
lichste Form der Gefühlsbindung an ein Objekt ist, zweitens 
daß sie auf regressivem Wege zum Ersatz für eine libidinöse 
Objektbindung wird, gleichsam durch Introjektion des Objekts 
ins Ich, und daß sie drittens bei jeder neu wahrgenommenen 
Gemeinsamkeit mit einer Person, die nicht Objekt der 
Sexualtriebe ist, entstehen kann. Je bedeutsamer diese Ge- 
meinsamkeit ist, desto erfolgreicher muß diese partielle 
Identifizierung werden können und so dem Anfang einer 
neuen Bindung entsprechen. 

Wir ahnen bereits, daß die gegenseitige Bindung der 
Massenindividuen von der Natur einer solchen Identifizie- 
rung durch eine wichtige affektive Gemeinsamkeit ist, und 
können vermuten, diese Gemeinsamkeit liege in der Art der 
Bindung an den Führer. Eine andere Ahnung kann uns 
sagen, daß wir weit davon entfernt sind, das Problem der 
Identifizierung erschöpft zu haben, daß wir vor dem Vor- 
gang stehen, den die Psychologie „Einfühlung" heißt, und 
der den größten Anteil an unserem Verständnis für das Ich- 
fremde anderer Personen hat. Aber wir wollen uns hier auf 
die nächsten affektiven Wirkungen der Identifizierung be- 



2^4 Massenpsychologie 

schränken und auch ihre Bedeutung für unser intellektuelles 
Leben beiseite lassen. 

Die psychoanalytische Forschung, die gelegentlich auch 
schon die schwierigeren Probleme der Psychosen in Angriff 
genommen hat, konnte uns auch die Identifizierung in 
einigen anderen Fällen aufzeigen, die unserem Verständnis 
nicht ohne weiteres zugänglich sind. Ich werde zwei dieser 
Fälle als Stoff für unsere weiteren Überlegungen ausführlich 
behandeln. 

Die Genese der männlichen Homosexualität ist in einer 
großen Reihe von Fällen die folgende: Der junge Mann ist 
ungewöhnlich lange und intensiv im Sinne des Ödipus- 
komplexes an seine Mutter fixiert gewesen. Endlich kommt 
doch nach vollendeter Pubertät die Zeit, die Mutter gegen 
ein anderes Sexualobjekt zu vertauschen. Da geschieht eine 
plötzliche Wendung; der Jüngling verläßt nicht seine Mutter, 
sondern identifiziert sich mit ihr, er wandelt sich in sie um 
und sucht jetzt nach Objekten, die ihm sein Ich ersetzen 
können, die er so lieben und pflegen kann, wie er es von der 
Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger Vorgang, der 
beliebig oft bestätigt werden kann und natürlich ganz un- 
abhängig von jeder Annahme ist, die man über die orga- 
nische Triebkraft und die Motive jener plötzlichen Wand- 
lung macht. Auffällig an dieser Identifizierung ist ihre Aus- 
giebigkeit, sie wandelt das Ich in einem höchst wichtigen 
Stück, im Sexualcharakter, nach dem Vorbild des bisherigen 
Objekts um. Dabei wird das Objekt selbst aufgegeben; ob 
durchaus oder nur in dem Sinne, daß es im Unbewußten 
erhalten bleibt, steht hier außer Diskussion. Die Identifizie- 
rung mit dem aufgegebenen oder verlorenen Objekt zum 
Ersatz desselben, die Introjektion dieses Objekts ins Ich, ist 
für uns allerdings keine Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang 
läßt sich gelegentlich am kleinen Kind unmittelbar be- 



und Ich- Analyse 295 

obachten. Kürzlich wurde in der Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse eine solche Beobachtung veröffentlicht, 
daß ein Kind, das unglücklich über den Verlust eines Kätz- 
chens war, frischweg erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen, 
dementsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische 
essen wollte usw 30 . 

Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des Objekts 
hat uns die Analyse der Melancholie gegeben, welche Affek- 
tion ja den realen oder affektiven Verlust des geliebten 
Objekts unter ihre auffälligsten Veranlassungen zählt. Ein 
Hauptcharakter dieser Fälle ist die grausame Selbstherab- 
setzung des Ichs in Verbindung mit schonungsloser Selbst- 
kritik und bitteren Selbstvorwürfen. Analysen haben ergeben, 
daß diese Einschätzung und diese Vorwürfe im Grunde dem 
Objekt gelten und die Rache des Ichs an diesem darstellen. 
Der Schatten des Objekts ist auf das Ich gefallen, sagte ich 
an anderer Stelle 31 . Die Introjektion des Objekts ist hier von 
unverkennbarer Deutlichkeit. 

Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas anderes, 
was für unsere späteren Betrachtungen wichtig werden kann. 
Sie zeigen uns das Ich geteilt, in zwei Stücke zerfällt, von 
denen das eine gegen das andere wütet. Dies andere Stück 
ist das durch Introjektion veränderte, das das verlorene 
Objekt einschließt. Aber auch das Stück, das sich so grausam 
betätigt, ist uns nicht unbekannt. Es schließt das Gewissen 
ein, eine kritische Instanz im Ich, die sich auch in normalen 
Zeiten dem Ich kritisch gegenübergestellt hat, nur niemals 
so unerbittlich und so ungerecht. Wir haben schon bei 
früheren Anlässen die Annahme machen müssen (Narzißmus, 



30) Markuszewicz, Beitrag zum autistischen Denken bei 
Kindern. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920. 

31) Trauer und Melancholie. Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. IV. Folge, 1918. (Seite 157 ff dieses Bandes.) 



296 Massenpsychologie 

Trauer und Melancholie), daß sich in unserem Ich eine solche 
Instanz entwickelt, welche sich vom anderen Ich absondern 
und in Konflikte mit ihm geraten kann. Wir nannten sie das 
„Ichideal" und schrieben ihr an Funktionen die Selbst- 
beobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur und 
den Haupteinfluß bei der Verdrängung zu. Wir sagten, sie 
sei der Erbe des ursprünglichen Narzißmus, in dem das 
kindliche Ich sich selbst genügte. Allmählich nehme sie aus 
den Einflüssen der Umgebung die Anforderungen auf, die 
diese an das Ich stelle, denen das Ich nicht immer nach- 
kommen könne, so daß der Mensch, wo er mit seinem Ich 
selbst nicht zufrieden sein kann, doch seine Befriedigung in 
dem aus dem Ich differenzierten Ichideal finden dürfe. Im 
Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest, werde der Zer- 
fall dieser Instanz offenkundig und dabei ihre Herkunft aus 
den Einflüssen der Autoritäten, voran der Eltern, auf- 
gedeckt 32 . Wir haben aber nicht vergessen anzuführen, daß 
das Maß der Entfernung dieses Ichideals vom aktuellen Ich 
für das einzelne Individuum sehr variabel ist, und daß bei 
vielen diese Differenzierung innerhalb des Ichs nicht weiter 
reicht als beim Kinde. 

Ehe wir aber diesen Stoff zum Verständnis der libidinösen 
Organisation einer Masse verwenden können, müssen wir 
einige andere Wechselbeziehungen zwischen Objekt und Ich 
in Betracht ziehen 38 . 



32) Zur Einführung des Narzißmus, 1. c. 

33) Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie 
entnommenen Beispielen das Wesen der Identifizierung nicht er- 
schöpft haben und somit am Rätsel der Massenbildung ein Stück 
unangerührt lassen. Hier müßte eine viel gründlichere und mehr 
umfassende psychologische Analyse eingreifen. Von der Identi- 
fizierung führt ein Weg über die Nachahmung zur Einfühlung, 
-u S , ßt 2um Verständnis des Mechanismus, durch den uns 
überhaupt eine Stellungnahme zu einem anderen Seelenleben 
ermöglicht wird. Auch an den Äußerungen einer bestehenden 



und Ich-Analyse 



*97 



vin 

Verliebtheit und Hypnose 

Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen irgend 
einer Wirklichkeit treu. So nennt er zwar sehr mannigfaltige 
Gefühlsbeziehungen „Liebe", die auch wir theoretisch als 
Liebe zusammenfassen, zweifelt aber dann wieder, ob diese 
Liebe die eigentliche, richtige, wahre sei, und deutet so auf 
eine ganze Stufenleiter von Möglichkeiten innerhalb der 
Liebesphänomene hin. Es wird uns auch nicht schwer, die- 
selbe in der Beobachtung aufzufinden. 

In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts an- 
deres als Objektbesetzung von seiten der Sexualtriebe zum 
Zwecke der direkten Sexualbefriedigung, die auch mit der 
Erreichung dieses Zieles erlischt; das ist das, was man die 
gemeine, sinnliche Liebe heißt. Aber wie bekannt, bleibt die 
libidinöse Situation selten so einfach. Die Sicherheit, mit der 
man auf das Wiedererwachen des eben erloschenen Bedürf- 
nisses rechnen konnte, muß wohl das nächste Motiv gewesen 
sein, dem Sexuaiobjekt eine dauernde Besetzung zuzuwenden, 
es auch in den begierdefreien Zwischenzeiten zu „lieben". 

Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte des 
menschlichen Liebeslebens kommt ein zweites Moment 



Identifizierung ist noch vieles aufzuklären. Sie hat unter anderem 
die Folge, daß man die Aggression gegen die Person, mit der man 
sich identifiziert hat, einschränkt, sie verschont und ihr Hilfe 
leistet. Das Studium solcher Identifizierungen, wie sie zum Bei- 
spiel der Clangemeinschaft zugrunde liegen, ergab Robertson 
Smith das überraschende Resultat, daß sie auf der Anerkennung 
einer gemeinsamen Substanz beruhen (Kinship and Marriage, 1885), 
daher auch durch eine gemeinsam genommene Mahlzeit geschaffen 
werden können. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifizierung 
mit der von mir in „Totem und Tabu" konstruierten Urgeschichte 
der menschlichen Familie zu verknüpfen. 



2 9 S Massenpsychologie 

hinzu. Das Kind hatte in der ersten, mit fünf Jahren meist 
schon abgeschlossenen Phase in einem Elternteil ein erstes 
Liebesobjekt gefunden, auf welches sich alle seine Befriedi- 
gung heischenden Sexualtriebe vereinigt hatten. Die dann 
eintretende Verdrängung erzwang den Verzicht auf die 
meisten dieser kindlichen Scxualziele und hinterließ eine tief- 
greifende Modifikation des Verhältnisses zu den Eltern. Das 
Kind blieb fernerhin an die Eltern gebunden, aber mit Trieben, 
die man „zielgehemmte" nennen muß. Die Gefühle, die es 
von nun an für diese geliebten Personen empfindet, werden 
als „zärtliche" bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Un- 
bewußten die früheren „sinnlichen" Strebungen mehr oder 
minder stark erhalten bleiben, so daß die ursprüngliche Voll- 
strömung in gewissem Sinne weiterbesteht 34 . 

Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue, sehr intensive 
Strebungen nach den direkten Sexualzielen ein. In un- 
günstigen Fällen bleiben sie als sinnliche Strömung von den 
fortdauernden „zärtlichen" Gefühlsrichtungen geschieden. 
Man hat dann das Bild vor sich, dessen beide Ansichten von 
gewissen Richtungen der Literatur so gerne idealisiert werden. 
Der Mann zeigt schwärmerische Neigungen zu hoch- 
geachteten Frauen, die ihn aber zum Liebesverkehr nicht 
reizen, und ist nur potent gegen andere Frauen, die er nicht 
„liebt", geringschätzt oder selbst verachtet 35 . Häufiger indes 
gelingt dem Heranwachsenden ein gewisses Maß von 
Synthese der unsinnlichen, himmlischen und der sinnlichen, 
irdischen Liebe, und ist sein Verhältnis zum Sexualobjekt 
durch das Zusammenwirken von ungehemmten mit ziel- 
gehemmten Trieben gekennzeichnet. Nach dem Beitrag der 
zielgehemmten Zärtlichkeitstriebe kann man die Höhe der 

34) S. Sexualtheorie 1. c. 

35) Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. Samm- 
lung, 4. Folge, 191 8. [Ges. Schriften, Bd. V.] 






und Ich-Analyse 299 

Verliebtheit im Gegensatz zum bloß sinnlichen Begehren 
bemessen. 

Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang an das 
Phänomen der Sexualüberschätzung aufgefallen, die Tat- 
sache, daß das geliebte Objekt eine gewisse Freiheit von der 
Kritik genießt, daß alle seine Eigenschaften höher einge- 
schätzt werden als die ungeliebter Personen oder als zu einer 
Zeit, da es nicht geliebt wurde. Bei einigermaßen wirksamer 
Verdrängung oder Zurücksetzung der sinnlichen Strebun- 
gen kommt die Täuschung zustande, daß das Objekt seiner 
seelischen Vorzüge wegen auch sinnlich geliebt wird, wäh- 
rend umgekehrt erst das sinnliche Wohlgefallen ihm diese 
Vorzüge verliehen haben mag. 

Das Bestreben, welches hier das Urteil fälscht, ist das der 
Idealisierung. Damit ist uns aber die Orientierung er- 
leichtert; wir erkennen, daß das Objekt so behandelt wird 
wie das eigene Ich, daß also in der Verliebtheit ein größeres 
Maß narzißtischer Libido auf das Objekt überfließt. Bei 
manchen Formen der Liebeswahl wird es selbst augenfällig, 
daß das Objekt dazu dient, ein eigenes, nicht erreichtes Ich- 
ideal zu ersetzen. Man liebt es wegen der Vollkommenheiten, 
die man fürs eigene Ich angestrebt hat und die man sich nun 
auf diesem Umweg zur Befriedigung seines Narzißmus ver- 
schaffen möchte. 

Nehmen Sexualüberschätzung und Verliebtheit noch 
weiter zu, so wird die Deutung des Bildes immer unverkenn- 
barer. Die auf direkte Sexualbefriedigung drängenden Stre- 
bungen können nun ganz zurückgedrängt werden, wie es 
zum Beispiel regelmäßig bei der schwärmerischen Liebe des 
Jünglings geschieht; das Ich wird immer anspruchsloser, be- 
scheidener, das Objekt immer großartiger, wertvoller; es 
gelangt schließlich in den Besitz der gesamten Selbstliebe des 
Ichs, so daß dessen Selbstaufopferung zur natürlichen Kon- 



300 Massenpsychologic 

scqucnz wird. Das Objekt hat das Ich sozusagen aufgezehrt. 
Züge von Demut, Einschränkung des Narzißmus, Selbst- 
schädigung sind in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden; 
im extremen Falle werden sie nur gesteigert und durch das 
Zurücktreten der sinnlichen Ansprüche bleiben sie allein 
herrschend. 

Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, unerfüllbarer 
Liebe der Fall, da bei jeder sexuellen Befriedigung doch die 
Sexualüberschätzung immer wieder eine Herabsetzung er- 
fährt. Gleichzeitig mit dieser „Hingabe" des Ichs an das 
Objekt, die sich von der sublimierten Hingabe an eine 
abstrakte Idee schon nicht mehr unterscheidet, versagen die 
dem Ichideal zugeteilten Funktionen gänzlich. Es schweigt 
die Kritik, die von dieser Instanz ausgeübt wird; alles, was 
das Objekt tut und fordert, ist recht und untadelhaft. Das 
Gewissen findet keine Anwendung auf alles, was zugunsten 
des Objektes geschieht; in der Liebesverblendung wird man 
reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt sich restlos 
in eine Formel zusammenfassen: Das Objekt hat sich 
an die Stelle des Ichideals gesetzt. 

Der Unterschied der Identifizierung von der Verliebtheit 
in ihren höchsten Ausbildungen, die man Faszination, ver- 
liebte Hörigkeit heißt, ist nun leicht zu beschreiben. Im 
ersteren Falle hat sich das Ich um die Eigenschaften des 
Objektes bereichert, sich dasselbe nach Ferenczis Aus- 
druck „introjiziert"; im zweiten Fall ist es verarmt, hat sich 
dem Objekt hingegeben, dasselbe an die Stelle seines wich- 
tigsten Bestandteiles gesetzt. Indes merkt man bei näherer 
Erwägung bald, daß eine solche Darstellung Gegensätze vor- 
spiegelt, die nicht bestehen. Es handelt sich ökonomisch 
nicht um Verarmung oder Bereicherung, man kann auch die 
extreme Verliebtheit so beschreiben, daß das Ich sich das 
Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere Unter- 






und Ich-Analyse 301 

Scheidung eher das Wesentliche. Im Falle der Identifizierung 
ist das Objekt verloren gegangen oder aufgegeben worden; 
es wird dann im Ich wieder aufgerichtet, das Ich verändert 
sich partiell nach dem Vorbild des verlorenen Objektes. Im 
anderen Falle ist das Objekt erhalten geblieben und wird als 
solches von Seiten und auf Kosten des Ichs überbesetzt. Aber 
auch hiegegen erhebt sich ein Bedenken. Steht es denn fest, 
daß die Identifizierung das Aufgeben der Objektbesetzung 
voraussetzt, kann es nicht Identifizierung bei erhaltenem 
Objekt geben? Und ehe wir uns in die Diskussion dieser 
heiklen Frage einlassen, kann uns bereits die Einsicht auf- 
dämmern, daß eine andere Alternative das "Wesen dieses 
Sachverhaltes in sich faßt, nämlich ob das Objekt an 
die Stelle des Ichs oder des Ichideals ge- 
setzt wird. 

Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt zur 
Hypnose. Die Übereinstimmungen beider sind augenfällig. 
Dieselbe demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosig- 
keit gegen den Hypnotiseur wie gegen das geliebte Objekt. 
Dieselbe Aufsaugung der eigenen Initiative; kein Zweifel, 
der Hypnotiseur ist an die Stelle des Ichideals getreten. Alle 
Verhältnisse sind in der Hypnose nur noch deutlicher und 
gesteigerter, so daß es zweckmäßiger wäre, die Verliebtheit 
durch die Hypnose zu erläutern als umgekehrt. Der 
Hypnotiseur ist das einzige Objekt, kein anderes wird neben 
ihm beachtet. Daß das Ich traumhaft erlebt, was er fordert 
und behauptet, mahnt uns daran, daß wir verabsäumt 
haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die Aus- 
übung der Realitätsprüfung zu erwähnen 36 . Kein Wunder, 

36) S. Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre, Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 19 18. [Seite 141 ff 
dieses Bandes.] Indes scheint ein Zweifel an der Berechtigung 
dieser Zuteilung, der eingehende Diskussion erfordert, zulässig. 



302 Massenpsychologie 

daß das Ich eine Wahrnehmung für real hält, wenn die sonst 
mit der Aufgabe der Realitätsprüfung betraute psychische 
Instanz sich für diese Realität einsetzt. Die völlige Abwesen- 
heit von Strebungen mit ungehemmten Sexualzielen trägt 
zur extremen Reinheit der Erscheinungen weiteres bei. Die 
hypnotische Beziehung ist eine uneingeschränkte verliebte 
Hingabe bei Ausschluß sexueller Befriedigung, während eine 
solche bei der Verliebtheit doch nur zeitweilig zurück- 
geschoben ist und als spätere Zielmöglichkeit im Hinter- 
grunde verbleibt. 

Anderseits können wir aber auch sagen, die hypnotische 
Beziehung sei — wenn dieser Ausdruck gestattet ist — eine 
Massenbildung zu zweien. Die Hypnose ist kein gutes Ver- 
gleichsobjekt mit der Massenbildung, weil sie vielmehr mit 
dieser identisch ist. Sie isoliert uns aus dem komplizierten 
Gefüge der Masse ein Element, das Verhalten des Massen- 
individuums zum Führer. Durch diese Einschränkung der 
Zahl scheidet sich die Hypnose von der Massenbildung, 
wie durch den Wegfall der direkt sexuellen Strebungen 
von der Verliebtheit. Sie hält insoferne die Mitte zwischen 
beiden. 

Es ist interessant zu sehen, daß gerade die zielgehemmten 
Sexualstrebungen so dauerhafte Bindungen der Menschen 
aneinander erzielen. Dies versteht sich aber leicht aus der 
Tatsache, daß sie einer vollen Befriedigung nicht fähig sind, 
während ungehemmte Sexualstrebungen durch die Abfuhr 
bei der Erreichung des jedesmaligen Sexualzieles eine außer- 
ordentliche Herabsetzung erfahren. Die sinnliche Liebe ist 
dazu bestimmt, in der Befriedigung zu erlöschen; um an- 
dauern zu können, muß sie mit rein zärtlichen, daß heißt 
zielgehemmten Komponenten von Anfang an versetzt sein 
oder eine solche Umsetzung erfahren. 

Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen Kon- 



und Ich-Analyse 303 

stitution einer Masse glatt lösen, wenn sie selbst nicht noch 
Züge enthielte, die sich der bisherigen rationellen Auf- 
klärung — als Verliebtheit bei Ausschluß direkt sexueller 
Strebungen — entziehen. Es ist noch vieles an ihr als un- 
verstanden, als mystisch anzuerkennen. Sie enthält einen 
Zusatz von Lähmung aus dem Verhältnis eines Übermäch- 
tigen zu einem Ohnmächtigen, Hilflosen, was etwa zur 
Schreckhypnose der Tiere überleitet. Die Art, wie sie er- 
zeugt wird, ihre Beziehung zum Schlaf, sind nicht durch- 
sichtig, und die rätselhafte Auswahl von Personen, die sich 
für sie eignen, während andere sie gänzlich ablehnen, weist 
auf ein noch unbekanntes Moment hin, welches in ihr ver- 
wirklicht wird, und das vielleicht erst die Reinheit der 
Libidoeinstellungen in ihr ermöglicht. Beachtenswert ist 
auch, daß häufig das moralische Gewissen der hypnotisierten 
Person sich selbst bei sonst voller suggestiver Gefügigkeit 
resistent zeigen kann. Aber das mag daher kommen, daß bei 
der Hypnose, wie sie zumeist geübt wird, ein Wissen erhalten 
geblieben sein kann, es handle sich nur um ein Spiel, eine 
unwahre Reproduktion einer anderen, weit lebenswichtigeren 
Situation. 

Durch die bisherigen Erörterungen sind wir aber voll 
darauf vorbereitet, die Formel für die libidinöse Konstitution 
einer Masse anzugeben. Wenigstens einer solchen Masse, wie 
wir sie bisher betrachtet haben, die also einen Führer hat 
und nicht durch allzuviel „Organisation" sekundär die Eigen- 
schaften eines Individuums erwerben konnte. Eine solche 
primäre Masse ist eine Anzahl von Indi- 
viduen, die ein und dasselbe Objekt an die 
Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich 
infolgedessen in ihrem Ich miteinander 
identifiziert haben. Dies Verhältnis läßt eine 
graphische Darstellung zu: 



30 4 



Massenpsychologie 



Ichideal 



Objekt 




äußeres 
Objekt 






IX 

Der Herdentrieb 

Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, durch 
diese Formel das Rätsel der Masse gelöst zu haben. Alsbald 
muß uns die Mahnung beunruhigen, daß wir ja im wesent- 
lichen die Verweisung auf das Rätsel der Hypnose ange- 
nommen haben, an dem so vieles noch unerledigt ist. Und nun 
zeigt uns ein anderer Einwand den weiteren Weg. 

Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven Bindun- 
gen, die wir in der Masse erkennen, reichen voll aus, um 
einen ihrer Charaktere zu erklären, den Mangel an Selb- 
ständigkeit und Initiative beim Einzelnen, die Gleichartigkeit 
seiner Reaktion mit der aller anderen, sein Herabsinken zum 
Massenindividuum sozusagen. Aber die Masse zeigt, wenn wir 
sie als Ganzes ins Auge fassen, mehr; die Züge von Schwä- 
chung der intellektuellen Leistung, von Ungehemmtheit der 
Affektivität, die Unfähigkeit zur Mäßigung und zum Auf- 
schub, die Neigung zur Überschreitung aller Schranken in der 



und Ich-Analyse , j 

Gefühlsäußerung und zur vollen Abfuhr derselben in Hand- 
lung, dies und alles Ähnliche, was wir bei L e B o n so ein- 
drucksvoll geschildert finden, ergibt ein unverkennbares Bild 
von Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere 
Stufe, wie wir sie bei Wilden oder bei Kindern zu finden 
nicht erstaunt sind. Eine solche Regression gehört insbeson- 
dere zum Wesen der gemeinen Massen, während sie, wie wir 
gehört haben, bei hoch organisierten, künstlichen, weitgehend 
hintangehalten werden kann. 

Wir erhalten so den Eindruck eines Zustandes, in dem die 
vereinzelte Gefühlsregung und der persönliche intellektuelle 
Akt des Individuums zu schwach sind, um sich allein zur 
Geltung zu bringen, und durchaus auf Bekräftigung durch 
gleichartige Wiederholung von Seiten der anderen warten 
müssen. Wir werden daran erinnert, wieviel von diesen 
Phänomenen der Abhängigkeit zur normalen Konstitution der 
menschlichen Gesellschaft gehört, wie wenig Originalität und 
persönlicher Mut sich in ihr findet, wie sehr jeder Einzelne 
durch die Einstellung einer Massenseele beherrscht wird, die 
sich als Rasseneigentümlichkeiten, Standes Vorurteile, öffent- 
liche Meinung und dergleichen kundgeben. Das Rätsel des 
suggestiven Einflusses vergrößert sich für uns, wenn wir zu- 
geben, daß ein solcher nicht allein vom Führer, sondern auch 
von jedem Einzelnen auf jeden Einzelnen geübt wird, und 
wir machen uns den Vorwurf, daß wir die Beziehung zum 
Führer einseitig herausgehoben, den anderen Faktor der 
gegenseitigen Suggestion aber ungebührend zurückgedrängt 
haben. 

Auf solche Weise zur Bescheidenheit gewiesen, werden wir 
geneigt sein, auf eine andere Stimme zu horchen, welche uns 
Erklärung auf einfacheren Grundlagen verspricht. Ich ent- 
nehme eine solche dem klugen Buch von W. T r o 1 1 e r über 
den Herdentrieb, an dem ich nur bedauere, daß es sich den 

Freud, Theoretische Schriften 20 



}o<$ Massenpsychologie 

durch den letzten großen Krieg entfesselten Antipathien nicht 
ganz entzogen hat 37 . 

Trottcr leitet die an der Masse beschriebenen seelischen 
Phänomene von einem Herdeninstinkt (gregariousness) ab, 
der dem Menschen wie anderen Tierarten angeboren zu- 
kommt. Diese Herdenhaftigkeit ist biologisch eine Analogie 
und gleichsam eine Fortführung der Vielzelligkeit, im Sinne 
der Libidotheorie eine weitere Äußerung der von der Libido 
ausgehenden Neigung aller gleichartigen Lebewesen, sich zu 
immer umfassenderen Einheiten zu vereinigen 38 . Der Einzelne 
fühlt sich unvollständig (incomplete), wenn er allein ist. Schon 
die Angst des kleinen Kindes sei eine Äußerung dieses Herden- 
instinkts. Widerspruch gegen die Herde ist soviel wie Tren- 
nung von ihr und wird darum angstvoll vermieden. Die 
Herde lehnt aber alles Neue, Ungewohnte ab. Der Herden- 
instinkt sei etwas Primäres, nicht weiter Zerlegbares (wbich 
cannot be split up). 

T r o 1 1 e r gibt als die Reihe der von ihm als primär ange- 
nommenen Triebe (oder Instinkte): den Selbstbehauptungs-, 
Ernährungs-, Geschlechts- und Herdentrieb. Der letztere 
gerate oft in die Lage, sich den anderen gegenüberzustellen. 
Schuldbewußtsein und Pflichtgefühl seien die charakteristi- 
schen Besitztümer eines gregarious animal. Vom Herden- 
instinkt läßt T r o 1 1 e r auch die verdrängten Kräfte aus- 
gehen, welche die Psychoanalyse im Ich aufgezeigt hat, und 
folgerichtig gleicherweise die Widerstände, auf welche der 
Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung stößt. Die 
Sprache verdanke ihre Bedeutung ihrer Eignung zur 
gegenseitigen Verständigung in der Herde, auf ihr be- 

37) W. Trotte r, Instincts of the Herd in Peace and War. 
London 1916. Zweite Auflage. 

38) Siehe meinen Aufsatz: Jenseits des Lustprinzips, 1920 
[Seite 178 ff dieses Bandes]. 



und Ich-Analyse , y 

ruhe zum großen Teil die Identifizierung der Einzelnen 
miteinander. 

Wie Le Bon vorwiegend die charakteristischen flüchtigen 
Massenbildungen und Mc D o u g a 1 1 die stabilen Vergesell- 
schaftungen, so hat Trott er die allgemeinsten Verbände, 
in denen der Mensch, dies Cüov awktCHÖV lebt, in den 
Mittelpunkt seines Interesses gerückt und deren psychologische 
Begründung angegeben. Für T r o 1 1 er bedarf es aber keiner 
Ableitung des Herdentriebes, da er ihn als primär und nicht 
weiter auflösbar bezeichnet. Seine Bemerkung, Boris 
S i d i s leite den Herdentrieb von der Suggestibilität ab, ist 
zum Glück für ihn überflüssig; es ist eine Erklärung nach 
bekanntem, unbefriedigendem Muster, und die Umkehr 
dieses Satzes, also daß die Suggestibilität ein Abkömm- 
ling des Herdeninstinkts sei, erschiene mir bei weitem ein- 
leuchtender. 

Aber gegen T r o 1 1 e r s Darstellung läßt sich mit noch 
besserem Recht als gegen die anderen einwenden, daß sie auf 
die Rolle des Führers in der Masse zu wenig Rücksicht 
nimmt, während wir doch eher zum gegenteiligen Urteil 
neigen, daß das Wesen der Masse bei Vernachlässigung des 
Führers nicht zu begreifen sei. Der Herdeninstinkt läßt über- 
haupt für den Führer keinen Raum, dieser kommt nur so 
zufällig zur Herde hinzu, und im Zusammenhange damit 
steht, daß von diesem Trieb aus auch kein Weg zu einem 
Gottesbedürfnis führt; es fehlt der Hirt zur Herde. Außerdem 
aber kann man Trotters Darstellung psychologisch unter- 
graben, das heißt man kann es zum mindesten wahrschein- 
lich machen, daß der Herdentrieb nicht unzerlegbar, nicht in 
dem Sinne primär ist wie der Selbsterhaltungstrieb und der 
Geschlechtstrieb. 

Es ist natürlich nicht leicht, die Ontogenese des Herden- 
triebes zu verfolgen. Die Angst des kleinen Kindes, wenn es 
20* 



308 Massenpsychologie 

allein gelassen wird, die T r o 1 1 e r bereits als Äußerung 
des Triebes in Anspruch nehmen will, legt doch eine andere 
Deutung näher. Sie gilt der Mutter, später anderen ver- 
trauten Personen, und ist der Ausdruck einer unerfüllten 
Sehnsucht, mit der das Kind noch nichts anderes anzufangen 
weiß, als sie in Angst zu verwandeln 30 . Die Angst des ein- 
samen kleinen Kindes wird auch nicht durch den Anblick 
eines beliebigen anderen „aus der Herde" beschwichtigt, son- 
dern im Gegenteil durch das Hinzukommen eines solchen 
„Fremden" erst hervorgerufen. Dann merkt man beim Kinde 
lange nichts von einem Herdeninstinkt oder Massengefühl. 
Ein solches bildet sich zuerst in der mehrzähligen Kinder- 
stube aus dem Verhältnis der Kinder zu den Eltern, und zwar 
als Reaktion auf den anfänglichen Neid, mit dem das ältere 
Kind das jüngere aufnimmt. Das ältere Kind möchte gewiß 
das nachkommende eifersüchtig verdrängen, von den Eltern 
fernhalten und es aller Anrechte berauben, aber angesichts 
der Tatsache, daß auch dieses Kind — wie alle späteren — 
in gleicher Weise von den Eltern geliebt wird, und infolge 
der Unmöglichkeit, seine feindselige Einstellung ohne eigenen 
Schaden festzuhalten, wird es zur Identifizierung mit den 
anderen Kindern gezwungen, und es bildet sich in der 
Kinderschar ein Massen- oder Gemeinschaftsgefühl, welches 
dann in der Schule seine weitere Entwicklung erfährt. Die 
erste Forderung dieser Reaktionsbildung ist die nach Gerech- 
tigkeit, gleicher Behandlung für alle. Es ist bekannt, wie laut 
und unbestechlich sich dieser Anspruch in der Schule äußert. 
Wenn man schon selbst nicht der Bevorzugte sein kann, so 
soll doch wenigstens keiner von allen bevorzugt werden. Man 
könnte diese Umwandlung und Ersetzung der Eifersucht 
durch ein Massengefühl in Kinderstube und Schulzimmer für 

39) Siehe „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse", 
Vorlesung XXV über die Angst. 



und Icb-Analyse 309 

unwahrscheinlich halten, wenn man nicht den gleichen Vor- 
gang später unter anderen Verhältnissen neuerlich beobachten 
würde. Man denke an die Schar von schwärmerisch verliebten 
Frauen und Mädchen, die den Sänger oder Pianisten nach 
seiner Produktion umdrängen. Gewiß läge es jeder von ihnen 
nahe, auf die andere eifersüchtig zu sein, allein angesichts 
ihrer Anzahl und der damit verbundenen Unmöglichkeit, 
das Ziel ihrer Verliebtheit zu erreichen, verzichten sie darauf, 
und anstatt sich gegenseitig die Haare auszuraufen, handeln 
sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem Gefeierten in 
gemeinsamen Aktionen und wären etwa froh, sich in seinen 
Lockenschmuck zu teilen. Sie haben sich, ursprünglich Ri- 
valinnen, durch die gleiche Liebe zu dem nämlichen Objekt 
miteinander identifizieren können. Wenn eine Triebsituation, 
wie ja gewöhnlich, verschiedener Ausgänge fähig ist, so 
werden wir uns nicht verwundern, daß jener Ausgang zu- 
stande kommt, mit dem die Möglichkeit einer gewissen Be- 
friedigung verbunden ist, während ein anderer, selbst ein 
näher liegender, unterbleibt, weil die realen Verhältnisse ihm 
die Erreichung dieses Zieles versagen. 

"Was man dann später in der Gesellschaft als Gemeingeist, 
e sprit de corps usw. wirksam findet, verleugnet nicht seine 
Abkunft vom ursprünglichen Neid. Keiner soll sich hervor- 
tun wollen, jeder das gleiche sein und haben. Soziale Gerech- 
tigkeit will bedeuten, daß man sich selbst vieles versagt, 
damit auch die anderen darauf verzichten müssen, oder was 
dasselbe ist, es nicht fordern können. Diese Gleichheitsforde- 
rung ist die Wurzel des sozialen Gewissens und des Pflicht- 
gefühls. In unerwarteter Weise enthüllt sie sich in der 
Infektionsangst der Syphilitiker, die wir durch die Psycho- 
analyse verstehen gelernt haben. Die Angst dieser Armen 
entspricht ihrem heftigen Sträuben gegen den unbewußten 
Wunsch, ihre Infektion auf die anderen auszubreiten, denn 



310 Massenpsychologie 

warum sollten sie allein infiziert und von so vielem ausge- 
schlossen sein und die anderen nicht? Auch die schöne 
Anekdote vom Urteil Salomonis hat denselben Kern. Wenn 
der einen Frau das Kind gestorben ist, soll auch die andere 
kein lebendes haben. An diesem Wunsch wird die Verlust- 
trägerin erkannt. 

Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung eines 
erst feindseligen Gefühls in eine positiv betonte Bindung von 
der Natur einer Identifizierung. Soweit wir den Hergang bis 
jetzt durchschauen können, scheint sich diese Umwendung 
unter dem Einfluß einer gemeinsamen zärtlichen Bindung an 
eine außer der Masse stehende Person zu vollziehen. Unsere 
Analyse der Identifizierung erscheint uns selbst nicht als er- 
schöpfend, aber unserer gegenwärtigen Absicht genügt es, 
wenn wir auf den einen Zug, daß die konsequente Durch- 
führung der Gleichstellung gefordert wird, zurückkommen. 
Wir haben bereits bei der Erörterung der beiden künstlichen 
Massen, Kirche und Armee, gehört, ihre Voraussetzung sei, 
daß alle von einem, dem Führer, in gleicher Weise geliebt 
werden. Nun vergessen wir aber nicht, daß die Gleichheits- 
forderung der Masse nur für die Einzelnen derselben, nicht 
iür den Führer gilt. Alle Einzelnen sollen einander gleich 
sein, aber alle wollen sie von einem beherrscht werden. Viele 
Gleiche, die sich miteinander identifizieren können, und ein 
einziger, ihnen allen Überlegener, das ist die Situation, die 
wir in der lebensfähigen Masse verwirklicht finden. Getrauen 
wir uns also, die Aussage T r o 1 1 e r s, der Mensch sei ein 
Herdentier, dahin zu korrigieren, er sei vielmehr ein 
Hordentier, ein Einzelwesen einer von einem Ober- 
haupt angeführten Horde. 



und Ich- Analyse 311 

X 

Die Masse and die Urhorde 



Im Jahre 191 2 habe ich die Vermutung von Ch. Darwin 
aufgenommen, daß die Urform der menschlichen Gesell- 
schaft die von einem starken Männchen unumschränkt be- 
herrschte Horde war. Ich habe darzulegen versucht, daß die 
Schicksale dieser Horde unzerstörbare Spuren in der mensch- 
lichen Erbgeschichte hinterlassen haben, speziell, daß die 
Entwicklung des Totemismus, der die Anfänge von Religion, 
Sittlichkeit und sozialer Gliederung in sich faßt, mit der 
gewaltsamen Tötung des Oberhauptes und der Umwandlung 
der Vaterhorde in eine Brüdergemeinde zusammenhängt 40 . 
Es ist dies zwar nur eine Hypothese wie so viele andere, mit 
denen die Prähistoriker das Dunkel der Urzeit aufzuhellen 
versuchen — eine „just so story" nannte sie witzig ein nicht 
unliebenswürdiger englischer Kritiker — aber ich meine, es 
ist ehrenvoll für eine solche Hypothese, wenn sie sich geeignet 
zeigt, Zusammenhang und Verständnis auf immer neuen 
Gebieten zu schaffen. 

Die menschlichen Massen zeigen uns wiederum das ver- 
traute Bild des überstarken Einzelnen inmitten einer Schar 
von gleichen Genossen, das auch in unserer Vorstellung von 
der Urhorde enthalten ist. Die Psychologie dieser Masse, wie 
wir sie aus den oft erwähnten Beschreibungen kennen, — 
der Schwund der bewußten Einzelpersönlichkeit, die Orien- 
tierung von Gedanken und Gefühlen nach gleichen Rich- 
tungen, die Vorherrschaft der Affektivität und des unbe- 
wußten Seelischen, die Tendenz zur unverzüglichen Aus- 



40) Totem und Tabu, 1912/1913 in „Imago" („Einige Über- 
einstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker"), 
in Buchform 191 3, 4. Auflage 192 j. [Ges. Schriften, Bd. X.] 



312 Massenpsychologie 

führung auftauchender Absichten, — das alles entspricht 
einem Zustand von Regression zu einer primitiven Seelen- 
tätigkeit, wie man sie gerade der Urhorde zuschreiben 
möchte* 1 . 

Die Masse erscheint uns so als ein Wiederaufleben der 
Urhorde. So wie der Urmensch in jedem Einzelnen virtuell 
erhalten ist, so kann sich aus einem beliebigen Menschen- 
haufen die Urhorde wieder herstellen; soweit die Massen- 
bildung die Menschen habituell beherrscht, erkennen wir den 
Fortbestand der Urhorde in ihr. "Wir müssen schließen, die 
Psychologie der Masse sei die älteste Menschenpsychologie; 
was wir unter Vernachlässigung aller Massenreste als Indi- 
vidualpsychologie isoliert haben, hat sich erst später, allmäh- 
lich und sozusagen immer noch nur partiell aus der alten 
Massenpsychologie herausgehoben. Wir werden noch den 
Versuch wagen, den Ausgangspunkt dieser Entwicklung 
anzugeben. 

Eine nächste Überlegung zeigt uns, in welchem Punkt diese 
Behauptung einer Berichtigung bedarf. Die Individualpsycho- 

41) Für die Urhorde muß insbesondere gelten, was wir vor- 
hin in der allgemeinen Charakteristik der Menschen beschrieben 
haben. Der Wille des Einzelnen war zu schwach, er getraute sich 
nicht der Tat. Es kamen gar keine anderen Impulse zustande als 
kollektive, es gab nur einen Gemeinwillen, keinen singulären. Die 
Vorstellung wagte es nicht, sich in Willen umzusetzen, wenn sie 
sich nicht durch die Wahrnehmung ihrer allgemeinen Verbreitung 
gestärkt fand Diese Schwäche der Vorstellung findet ihre Erklärung 
in der Starke der allen gemeinsamen Gefühlsbindung, aber die 
Gleichartigkeit der Lebensumstände und das Fehlen eines privaten 
Eigentums kommen hinzu, um die Gleichförmigkeit der seelischen 
Akte bei den Einzelnen zu bestimmen. — Auch die exkrementellen 
Bedürfnisse schließen, wie man an Kindern und Soldaten merken 
kann, die Gemeinsamkeit nicht aus. Die einzige mächtige Aus- 
nahme macht der sexuelle Akt, bei dem der Dritte zumindest über- 
flüssig, im äußersten Fall zu einem peinlichen Abwarten verurteilt 
ist. Über die Reaktion des Sexualbedürfnisses (der Genitalbefriedi- 
gung) gegen das Herdenhafte siehe unten. 



und Ich-Analyse 313 

logie muß vielmehr ebenso alt sein wie die Massenpsycho- 
logie, denn von Anfang an gab es zweierlei Psychologien, die 
der Massenindividuen und die des Vaters, Oberhauptes, 
Führers. Die Einzelnen der Masse waren so gebunden, wie 
wir sie heute finden, aber der Vater der Urhorde war frei. 
Seine intellektuellen Akte waren auch in der Vereinzelung 
stark und unabhängig, sein "Wille bedurfte nicht der Be- 
kräftigung durch den anderer. Wir nehmen konsequenter- 
weise an, daß sein Ich wenig libidinös gebunden war, er liebte 
niemand außer sich, und die anderen nur, insoweit sie seinen 
Bedürfnissen dienten. Sein Ich gab nichts Überschüssiges an 
die Objekte ab. 

Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der Über- 
mensch, den Nietzsche erst von der Zukunft er- 
wartete. Noch heute bedürfen die Massenindividuen der Vor- 
spiegelung, daß sie in gleicher und gerechter Weise vom 
Führer geliebt werden, aber der Führer selbst braucht niemand 
anderen zu lieben, er darf von Herrennatur sein, absolut 
narzißtisch, aber selbstsicher und selbständig. Wir wissen, 
daß die Liebe den Narzißmus eindämmt, und könnten nach- 
weisen, wie sie durch diese Wirkung Kulturfaktor geworden 
ist. 

Der Urvater der Horde war noch nicht unsterblich, wie er 
es später durch Vergottung wurde. Wenn er starb, mußte er 
ersetzt werden; an seine Stelle trat wahrscheinlich ein jüngster 
Sohn, der bis dahin Massenindividuum gewesen war wie ein 
anderer. Es muß also eine Möglichkeit geben, die Psychologie 
der Masse in Individualpsychologie umzuwandeln, es muß 
eine Bedingung gefunden werden, unter der sich solche 
Umwandlung leicht vollzieht, ähnlich wie es den Bienen 
möglich ist, aus einer Larve im Bedarfsfalle eine Königin 
anstatt einer Arbeiterin zu ziehen. Man kann sich da nur 
dies eine vorstellen: Der Urvater hatte seine Söhne an der 



3*4 Massenpsychologie 

Befriedigung ihrer direkten sexuellen Strebungen verhindert" 
er zwang sie zur Abstinenz und infolgedessen zu den Gefühls- 
bindungen an ihn und aneinander, die aus den Strebungen 
mit gehemmtem Sexualziel hervorgehen konnten. Er zwang sie 
sozusagen in die Massenpsychologie. Seine sexuelle Eifersucht 
und Intoleranz sind in letzter Linie die Ursache der Massen- 
psychologie geworden 42 . 

Für den, der sein Nachfolger wurde, war auch die Mög- 
lichkeit der sexuellen Befriedigung gegeben und damit der 
Austritt aus den Bedingungen der Massenpsychologie eröff- 
net. Die Fixierung der Libido an das Weib, die Möglichkeit 
der Befriedigung ohne Aufschub und Aufspeicherung machte 
der Bedeutung zielgehemmter Sexualstrebungen ein Ende und 
ließ den Narzißmus immer zur gleichen Höhe ansteigen. Auf 
diese Beziehung der Liebe zur Charakterbildung werden wir 
in einem Nachtrag zurückkommen. 

Heben wir noch als besonders lehrreich hervor, in welcher 
Beziehung zur Konstitution der Urhorde die Veranstaltung 
steht, mittels derer — abgesehen von Zwangsmitteln — eine 
künstliche Masse zusammengehalten wird. Bei Heer und 
Kirche haben wir gesehen, es ist die Vorspiegelung, daß der 
Führer alle Einzelnen in gleicher und gerechter Weise liebt. 
Dies ist aber geradezu die idealistische Umarbeitung der Ver- 
hältnisse der Urhorde, in der sich alle Söhne in gleicher Weise 
vom Urvater verfolgt wußten und ihn in gleicher Weise 
fürchteten. Schon die nächste Form der menschlichen Sozietät, 
der totemistische Clan, hat diese Umformung, auf die alle 
sozialen Pflichten aufgebaut sind, zur Voraussetzung. Die 
unverwüstliche Stärke der Familie als einer natürlichen 

42) Es läßt sich etwa auch annehmen, daß die vertriebenen 
Söhne, vom Vater getrennt, den Fortschritt von der Identifizierung 
miteinander zur homosexuellen Objektliebe machten und so die 
Freiheit gewannen, den Vater zu töten. 



und Ich- Analyse 3*5 

Massenbildung beruht darauf, daß diese notwendige Vor- 
aussetzung der gleichen Liebe des Vaters für sie wirklich zu- 
treffen kann. 

Aber wir erwarten noch mehr von der Zurückführung der 
Masse auf die Urhorde. Sie soll uns auch das noch Unver- 
standene, Geheimnisvolle an der Massenbildung näher bringen, 
das sich hinter den Rätselworten Hypnose und Suggestion 
verbirgt. Und ich meine, sie kann es auch leisten. Erinnern 
wir uns daran, daß die Hypnose etwas direkt Unheimliches 
an sich hat; der Charakter des Unheimlichen deutet auf 
etwas der Verdrängung verfallenes Altes und Wohlvertrautes 
hin 43 . Denken wir daran, wie die Hypnose eingeleitet wird. 
Der Hypnotiseur behauptet, im Besitz einer geheimnisvollen 
Macht zu sein, die dem Subjekt den eigenen Willen raubt, 
oder, was dasselbe ist, das Subjekt glaubt es von ihm. Diese 
geheimnisvolle Macht — populär noch oft als tierischer 
Magnetismus bezeichnet — muß dieselbe sein, welche den 
Primitiven als Quelle des Tabu gilt, dieselbe, die von Königen 
und Häuptlingen ausgeht und die es gefährlich macht, sich 
ihnen zu nähern (Mana). Im Besitz dieser Macht will nun 
der Hypnotiseur sein, und wie bringt er sie zur Erscheinung? 
Indem er die Person auffordert, ihm in die Augen zu sehen; 
er hypnotisiert in typischer Weise durch seinen Blick. Gerade 
der Anblick des Häuptlings ist aber für den Primitiven ge- 
fährlich und unerträglich, wie später der der Gottheit für den 
Sterblichen. Noch Moses muß den Mittelsmann zwischen 
seinem Volke und Jehova machen, da das Volk den Anblick 
Gottes nicht ertrüge, und wenn er von der Gegenwart Gottes 
zurückkehrt, strahlt sein Anlitz, ein Teil des „Mana" hat 
sich wie beim Mittler" der Primitiven auf ihn übertragen. 



43) Das Unheimliche. Image-, V (1919)- t Ges « Schriften, Bd. X.] 

44) S. „Totem und Tabu" und die dort zitierten Quellen. 



3 I<? Massenpsychologit 



Man kann die Hypnose allerdings auch auf anderen Wegen 
hervorrufen, was irreführend ist und zu unzulänglichen 
physiologischen Theorien Anlaß gegeben hat, zum Beispiel 
durch das Fixieren eines glänzenden Gegenstandes oder durch 
das Horchen auf ein monotones Geräusch. In Wirklichkeit 
dienen diese Verfahren nur der Ablenkung und Fesselung der 
bewußten Aufmerksamkeit. Die Situation ist die nämliche, 
als ob der Hynotiseur der Person gesagt hätte: Nun beschäf- 
tigen Sie sich ausschließlich mit meiner Person, die übrige 
Welt ist ganz uninteressant. Gewiß wäre es technisch un- 
zweckmäßig, wenn der Hypnotiseur eine solche Rede hielte; 
das Subjekt würde durch sie aus seiner unbewußten Ein- 
stellung gerissen und zum bewußten Widerspruch aufgereizt 
werden. Aber während der Hypnotiseur es vermeidet, das 
bewußte Denken des Subjekts auf seine Absichten zu richten, 
und die Versuchsperson sich in eine Tätigkeit versenkt, bei 
der ihr die Welt uninteressant vorkommen muß, geschieht es, 
daß sie unbewußt wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit auf 
den Hypnotiseur konzentriert, sich in die Einstellung des 
Rapportes, der Übertragung, zum Hypnotiseur begibt. Die 
indirekten Methoden des Hypnotisierens haben also, ähnlich 
wie manche Techniken des Witzes, den Erfolg, gewisse Ver- 
teilungen der seelischen Energie, welche , den Ablauf des 
unbewußten Vorganges stören würden, hintanzuhalten, und 
sie führen schließlich zum gleichen Ziel wie die direkten 
Beeinflussungen durch Anstarren oder Streichen 45 . 



45) Die Situation, daß die Person unbewußt auf den Hynotiseur 
eingestellt ist, während sie sich bewußt mit gleichbleibenden, un- 
interessanten Wahrnehmungen beschäftigt, rindet ein Gegenstück 
in den Vorkommnissen der psychoanalytischen Behandlung, das 
hier erwähnt zu werden verdient. In jeder Analyse ereignet es sich 
mindestens einmal, daß der Patient hartnäckig behauptet, jetzt 
fiele ihm aber ganz bestimmt nichts ein. Seine freien Assoziationen 
stocken und die gewöhnlichen Antriebe, sie in Gang zu bringen, 







und Ich-Analyse 317 

F e r e n c z i hat richtig herausgefunden, daß sich der 
Hypnotiseur mit dem Schlafgebot, welches oft zur Einleitung 
der Hypnose gegeben wird, an die Stelle der Eltern setzt. 
Er meinte zwei Arten der Hypnose unterscheiden zu sollen, 
eine schmeichlerisch begütigende, die er dem Muttervorbild, 
und eine drohende, die er dem Vater zuschrieb 46 . Nun be- 
deutet das Gebot zu schlafen in der Hynose auch nichts 
anderes, als die Aufforderung, alles Interesse von der Welt 
abzuziehen und auf die Person des Hypnotiseurs zu konzen- 
trieren; es wird auch vom Subjekt so verstanden, denn in 
dieser Abziehung des Interesses von der Außenwelt liegt die 
psychologische Charakteristik des Schlafes und auf ihr be- 
ruht die Verwandtschaft des Schlafes mit dem hypnotischen 
Zustand. 

Durch seine Maßnahmen weckt also der Hypnotiseur beim 
Subjekt ein Stück von dessen archaischer Erbschaft, die auch 
den Eltern entgegenkam und im Verhältnis zum Vater eine 
individuelle Wiederbelebung erfuhr, die Vorstellung von 
einer übermächtigen und gefährlichen Persönlichkeit, gegen 
die man sich nur passiv-masochistisch einstellen konnte, an 
die man seinen Willen verlieren mußte, und mit der allein 
zu sein, „ihr unter die Augen zu treten" ein bedenkliches 

schlagen fehl. Durch Drängen erreicht man endlich das Einge- 
ständnis, der Patient denke an die Aussicht aus dem Fenster des 
Behandlungsraumes, an die Tapete der Wand, die er vor sich 
sieht, oder an die Gaslampe, die von der Zimmerdecke herab- 
hängt. Man weiß dann sofort, daß er sich in die Übertragung 
begeben hat, von noch unbewußten Gedanken in Anspruch ge- 
nommen wird, die sich auf den Arzt beziehen, und sieht die 
Stockung in den Einfällen des Patienten schwinden, sobald man 
ihm diese Aufklärung gegeben hat. 

46) Ferenczi, Introjektion und Übertragung. Jahrbuch für 
psychoanalytische u. psychopathol. Forschungen, I, 1909. Abge- 
druckt auch in „Bausteine der Psychoanalyse", Bd. I. 



3 1 8 Massenpsychologie 

Wagnis schien. Nur so etwa können wir uns das Verhältnis 
eines Einzelnen der Urhorde zum Urvater vorstellen. Wie 
wir aus anderen Reaktionen wissen, hat der Einzelne ein 
variables Maß von persönlicher Eignung zur Wieder- 
belebung solch alter Situationen bewahrt. Ein Wissen, daß 
die Hypnose doch nur ein Spiel, eine lügenhafte Erneuerung 
jener alten Eindrücke ist, kann aber erhalten bleiben und für 
den Widerstand gegen allzu ernsthafte Konsequenzen der 
hypnotischen Willensaufhebung sorgen. 

Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massenbildung, 
der sich in ihren Suggestionserscheinungen zeigt, kann also 
wohl mit Recht auf ihre Abkunft von der Urhorde zurück- 
geführt werden. Der Führer der Masse ist noch immer der 
gefürchtete Urvater, die Masse will immer noch von unbe- 
schränkter Gewalt beherrscht werden, sie ist im höchsten 
Grade autoritätssüchtig, hat nach L e Bons Ausdruck den 
Durst nach Unterwerfung. Der Urvater ist das Massenideal, 
das an Stelle des Ichideals das Ich beherrscht. Die Hypnose 
hat ein gutes Anrecht auf die Bezeichnung: eine Masse zu zweit; 
für die Suggestion erübrigt die Definition einer Überzeugung, 
die nicht auf Wahrnehmung und Denkarbeit, sondern auf 
erotische Bindung gegründet ist 47 . 



47) Es erscheint mir der Hervorhebung wert, daß wir durch 
die Erörterungen dieses Abschnittes veranlaßt werden, von der 
Bernheimschen Auffassung der Hypnose auf die naive ältere 
derselben zurückzugreifen. Nach Bernheim sind alle hyp- 
notischen Phänomene von dem weiter nicht aufzuklärenden 
Moment der Suggestion abzuleiten. Wir schließen, daß die Sug- 
gestion eine Teilerscheinung des hypnotischen Zustandes ist, der in 
einer unbewußt erhaltenen Disposition aus der Urgeschichte der 
menschlichen Familie seine gute Begründung hat. 




und Ich-Analyse 319 

XI 

Eine Stufe im Idi 

Wenn man, eingedenk der einander ergänzenden Beschrei- 
bungen der Autoren über Massenpsychologie, das Leben der 
heutigen Einzelmenschen überblickt, mag man vor den Kom- 
plikationen, die sich hier zeigen, den Mut zu einer zusammen- 
fassenden Darstellung verlieren. Jeder Einzelne ist ein 
Bestandteil von vielen Massen, durch Identifizierung viel- 
seitig gebunden, und hat sein Ichideal nach den verschieden- 
sten Vorbildern aufgebaut. Jeder Einzelne hat so Anteil an 
vielen Massenseelen, an der seiner Rasse, des Standes, der 
Glaubensgemeinschaft, der Staatlichkeit usw. und kann sich 
darüber hinaus zu einem Stückchen Selbständigkeit und 
Originalität erheben. Diese ständigen und dauerhaften 
Massenbildungen fallen in ihren gleichmäßig anhaltenden 
Wirkungen der Beobachtung weniger auf als die rasch gebil- 
deten, vergänglichen Massen, nach denen Le Bon die glän- 
zende psychologische Charakteristik der Massenseele entworfen 
hat, und in diesen lärmenden, ephemeren, den anderen gleich- 
sam superponierten Massen begibt sich eben das Wunder, 
daß dasjenige, was wir eben als die individuelle Ausbil- 
dung erkannt haben, spurlos, wenn auch nur zeitweilig, 

untergeht. 

Wir haben dies Wunder so verstanden, daß der Einzelne 
sein Ichideal aufgibt und es gegen das im Führer verkörperte 
Massenideal vertauscht. Das Wunder, dürfen wir berichtigend 
hinzufügen, ist nicht in allen Fällen gleich groß. Die 
Sonderung von Ich und Ichideal ist bei vielen Individuen 
nicht weit vorgeschritten, die beiden fallen noch leicht zu- 
sammen, das Ich hat sich oft die frühere narzißtische Selbst- 
gefälligkeit bewahrt. Die Wahl des Führers wird durch dies 



3 20 Massenpsychologie 

Verhältnis sehr erleichert. Er braucht oft nur die typischen 
Eigenschaften dieser Individuen in besonders scharfer und 
reiner Ausprägung zu besitzen und den Eindruck größerer 
Kraft und libidinöser Freiheit zu machen, so kommt ihm das 
Bedürfnis nach einem starken Oberhaupt entgegen und be- 
kleidet ihn mit der Übermacht, auf die er sonst vielleicht 
keinen Anspruch hätte. Die anderen, deren Ichideal sich in 
seiner Person sonst nicht ohne Korrektur verkörpert hätte, 
werden dann „suggestiv", das heißt durch Identifizierung 
mitgerissen. 

Wir erkennen, was wir zur Aufklärung der libidinösen 
Struktur einer Masse beitragen konnten, führt sich auf die 
Unterscheidung des Ichs vom Ichideal und auf die dadurch 
ermöglichte doppelte Art der Bindung — Identifizierung und 
Einsetzung des Objekts an die Stelle des Ichideals — zurück. 
Die Annahme einer solchen Stufe im Ich als erster Schritt 
einer Ichanalyse muß ihre Rechtfertigung allmählich auf den 
verschiedensten Gebieten der Psychologie erweisen. In meiner 
Schrift „Zur Einführung des Narzißmus 48 " habe ich zusam- 
mengetragen, was sich zunächst von pathologischem Material 
zur Stütze dieser Sonderung verwerten ließ. Aber man darf 
erwarten, daß sich ihre Bedeutung bei weiterer Vertiefung 
in die Psychologie der Psychosen als eine viel größere ent- 
hüllen wird. Denken wir daran, daß das Ich nun in die 
Beziehung eines Objekts zu dem aus ihm entwickelten Ich- 
ideal tritt, und daß möglicherweise alle Wechselwirkungen, 
die wir zwischen äußerem Objekt und Gesamt-Ich in der 
Neurosenlehre kennen gelernt haben, auf diesem neuen Schau- 
platz innerhalb des Ichs zur Wiederholung kommen. 

Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt aus 
möglichen Folg erungen nachgehen und damit die Erörterung 

48) Jahrbuch für Psychoanalyse, VI, 19 14. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge. [Seite 2jff dieses Bandes.] 




und Ich- Analyse 321 

eines Problems fortsetzen, das ich an anderer Stelle ungelöst 
verlassen mußte**. Jede der seelischen Differenzierungen, die 
uns bekannt geworden sind, stellt eine neue Erschwerung der 
seelischen Funktion dar, steigert deren Labilität und kann 
der Ausgangspunkt eines Versagens der Funktion, einer Er- 
krankung werden. So haben wir mit dem Geborenwerden 
den Schritt vom absolut selbstgenügsamen Narzißmus zur 
Wahrnehmung einer veränderlichen Außenwelt und zum 
Beginn der Objektfindung gemacht, und damit ist verknüpft, 
daß wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen, daß wir 
ihn periodisch rückgängig machen und im Schlaf zum frü- 
heren Zustand der Reizlosigkeit und Objektvermeidung zu- 
rückkehren. Wir folgen dabei allerdings einem Wink der 
Außenwelt, die uns durch den periodischen Wechsel von 
Tag und Nacht zeitweilig den größten Anteil der auf uns 
wirkenden Reize entzieht. Keiner ähnlichen Einschränkung 
ist das zweite, für die Pathologie bedeutsamere Beispiel 
unterworfen. Im Laufe unserer Entwicklung haben wir eine 
Sonderung unseres seelischen Bestandes in ein kohärentes Ich 
und ein außerhalb dessen gelassenes, unbewußtes Verdrängtes 
vorgenommen, und wir wissen, daß die Stabilität dieser Neu- 
erwerbung beständigen Erschütterungen ausgesetzt ist. Im 
Traum und in der Neurose pocht dieses Ausgeschlossene um 
Einlaß an den von Widerständen bewachten Pforten, und in 
wacher Gesundheit bedienen wir uns besonderer Kunstgriffe, 
um das Verdrängte mit Umgehung der Widerstände und 
unter Lustgewinn zeitweilig in unser Ich aufzunehmen. Witz 
und Humor, zum Teil auch das Komische überhaupt, dürfen 
in diesem Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der Neu- 
rosenpsychologie werden ähnliche Beispiele von geringerer 



49) Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, IV, 19 16/ 18. Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre, 4. Folge. [Seite 1 J7 ff dieses Bandes.] 

Freud, Theoretische Schriften 21 



322 Massenpsychologie 

Tragweite einfallen, aber ich eile zu der beabsichtigten An- 
wendung. 

Es wäre gut denkbar, daß auch die Scheidung des Ich- 
ideals vom Ich nicht dauernd vertragen wird und sich zeit- 
weilig zurückbilden muß. Bei allen Verzichten und Ein- 
schränkungen, die dem Ich auferlegt werden, ist der perio- 
dische Durchbruch der Verbote Regel, wie ja die Institution 
der Feste zeigt, die ursprünglich nichts anderes sind als vom 
Gesetz gebotene Exzesse und dieser Befreiung auch ihren 
heiteren Charakter verdanken 50 . Die Saturnalien der Römer 
und unser heutiger Karneval treffen in diesem wesentlichen 
Zug mit den Festen der Primitiven zusammen, die in Aus- 
schweifungen jeder Art mit Übertretung der sonst heiligsten 
Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal umfaßt aber die 
Summe aller Einschränkungen, denen das Ich sich fügen soll, 
und darum müßte die Einziehung des Ideals ein großartiges 
Fest für das Ich sein, das dann wieder einmal mit sich 
selbst zufrieden sein dürfte 51 . 

Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph, 
wenn etwas im Ich mit dem Ichideal zusammenfällt. Als 
Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Ideal kann auch 
das Schuldgefühl (und Minderwertigkeitsgefühl) verstanden 
werden. 

Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das Allgemein- 
gefühl der Stimmung in periodischer Weise schwankt, von 
einer übermäßigen Gedrücktheit durch einen gewissen Mittel- 
zustand zu einem erhöhten Wohlbefinden, und zwar treten 
diese Schwankungen in sehr verschieden großen Amplituden 

jo) Totem und Tabu. 

Ji) Trotter läßt die Verdrängung vom Herdentrieb ausgehen. 
Es ist eher eine Übersetzung in eine andere Ausdrucksweise aj. s 
ein Widerspruch, wenn ich in der „Einführung des Narzißmus" 
gesagt habe: die Idealbildung wäre von Seiten des Ichs die Bedin- 
gung der Verdrängung. 



und Ich-Analyse 323 

auf, vom eben Merklichen bis zu jenen Extremen, die als 
Melancholie und Manie höchst qualvoll oder störend in das 
Leben der Betroffenen eingreifen. In typischen Fällen dieser 
zyklischen Verstimmung scheinen äußere Veranlassungen 
keine entscheidende Rolle zu spielen; von inneren Motiven 
findet man bei diesen Kranken nicht mehr oder nichts 
anderes als bei allen anderen. Man hat sich deshalb gewöhnt, 
diese Fälle als nicht psychogene zu beurteilen. Von anderen, 
ganz ähnlichen Fällen zyklischer Verstimmung, die sich aber 
leicht auf seelische Traumen zurückführen, soll später die 
Rede sein. . ; . - - 

Die Begründung dieser spontanen Stimmungsschwankungen 
ist also unbekannt; in den Mechanismus der Ablösung einer 
Melancholie durch eine Manie fehlt uns die Einsicht. -Somit 
wären dies die Kranken, für welche unsere Vermutung Gel- 
tung haben könnte, daß ihr Ichideal zeitweilig ins Ich auf- 
gelöst wird, nachdem es vorher besonders strenge regiert hat. 

Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest: Auf 
dem Boden unserer Ichanalyse ist es nicht zweifelhaft, daß 
beim Manischen Ich und Ichideal zusammengeflossen sind, 
so daß die Person sich in einer durch keine Selbstkritik 
gestörten Stimmung von Triumph und Selbstbeglücktheit des 
Wegfalles von Hemmungen, Rücksichten und Selbstvorwür- 
fen erfreuen kann. Es ist minder evident, aber doch recht 
wahrscheinlich, daß das Elend des Melancholikers der Aus- 
druck eines scharfen Zwiespalts zwischen beiden Instanzen 
des Ichs ist, in dem das übermäßig empfindliche Ideal seine 
Verurteilung des Ichs im Kleinheitswahn und in der Selbst- 
erniedrigung schonungslos zum Vorschein bringt. In Frage 
steht nur, ob man die Ursache dieser veränderten Beziehun- 
gen zwischen Ich und Ichideal in den oben postulierten 
periodischen Auflehnungen gegen die neue Institution suchen, 
oder andere Verhältnisse dafür verantwortlich machen soll. 

81* 



3^4 Massenpsychologie 

Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug im 
Krankheitsbild der melancholischen Depression. Es gibt ein- 
fache, einmalige und auch periodisch wiederholte Melancho- 
lien, welche niemals dieses Schicksal haben. Anderseits gibt 
es Melancholien, bei denen die Veranlassung offenbar eine 
ätiologische Rolle spielt. Es sind die nach dem Verlust eines 
geliebten Objekts, sei es durch den Tod desselben oder in- 
folge von Umständen, die zum Rückzug der Libido vom 
Objekt genötigt haben. Eine solche psychogene Melancholie 
kann ebensowohl in Manie ausgehen und dieser Zyklus mehr- 
mals wiederholt werden wie bei einer anscheinend spon- 
tanen. Die Verhältnisse sind also ziemlich undurchsichtig, 
zumal da bisher nur wenige Formen und Fälle von Melan- 
cholie der psychoanalytischen Untersuchung unterzogen 
worden sind 52 . Wir verstehen bis jetzt nur jene Fälle, in 
denen das Objekt aufgegeben wurde, weil es sich der Liebe 
unwürdig gezeigt hatte. Es wird dann durch Identifizierung 
im Ich wieder aufgerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. 
Die Vorwürfe und Aggressionen gegen das Objekt kommen 
als melancholische Selbstvorwürfe zum Vorschein 53 . 

Auch an eine solche Melancholie kann sich der Umschlag 
in Manie anschließen, so daß diese Möglichkeit einen von 
den übrigen Charakteren des Krankheitsbildes unabhängigen 
Zug darstellt. 

Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der perio- 
dischen Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal für beide 
Arten der Melancholien, die psychogenen wie die spontanen, 



$2) Vgl. Abraham, Ansätze zur psychoanalytischen Erfor- 
schung und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins usw., 
1912, in ,,Klinische Beiträge zur Psychoanalyse" 192 1. 

J3) Genauer gesagt: sie verbergen sich hinter den Vorwürfen 
gegen das eigene Ich, verlernen ihnen die Festigkeit, Zähigkeit und 
Unabweisbarkeit, durch welche sich die Selbstvorwürfe der 
Melancholiker auszeichnen. 



und Ich- Analyse 3 2 5 

in Betracht kommen zu lassen. Bei den spontanen kann man 
annehmen, daß das Ichideal zur Entfaltung einer besonderen 
Strenge neigt, die dann automatisch seine zeitweilige Auf- 
hebung zur Folge hat. Bei den psychogenen würde das Ich 
zur Auflehnung gereizt durch die Mißhandlung von Seiten 
seines Ideals, die es im Fall der Identifizierung mit einem 
verworfenen Objekt erfährt. 

XII ' 
Nachträge 

Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem vorläufigen 
Abschluß gekommen ist, haben sich uns verschiedene Neben- 
wege eröffnet, die wir zuerst vermieden haben, auf denen 
uns aber manche nahe Einsicht winkte. Einiges von dem so 
Zurückgestellten wollen wir nun nachholen. 

A) Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und Ich- 
idealersetzung durch das Objekt findet eine interessante Er- 
läuterung an den zwei großen künstlichen Massen, die wir 
eingangs studiert haben, dem Heer und der christlichen 
Kirche. 

Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, also 
eigentlich den Armeeführer, zum Ideal nimmt, während er 
sich mit seinesgleichen identifiziert und aus dieser Ichgemein- 
samkeit die Verpflichtungen der Kameradschaft zur gegen- 
seitigen Hilfeleistung und Güterteilung ableitet. Aber er wird 
lächerlich, wenn er sich mit dem Feldherrn identifizieren 
will. Der Jäger in „Wallensteins Lager" verspottet darob 
den Wachtmeister: 

Wie er räuspert und wie er spuckt, 

Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt!... 

Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ liebt 



326 Massenpsychologie 

Christus als sein Ideal und fühlt sich den anderen Christen 
durch Identifizierung verbunden. Aber die Kirche fordert 
von ihm mehr. Er soll überdies sich mit Christus identifizie- 
ren und die anderen Christen lieben, wie Christus sie geliebt 
hat. Die Kirche fordert also an beiden Stellen die Ergänzung 
der durch die Massenbildung gegebenen Libidoposition. Die 
Identifizierung soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl 
stattgefunden hat, und die Objektliebe dort, wo die Identi- 
fizierung besteht. Dieses Mehr geht offenbar über die Kon- 
stitution der Masse hinaus. Man kann ein guter Christ sein 
und doch könnte einem die Idee, sich an Christi Stelle zu 
setzen, wie er alle Menschen liebend zu umfassen, ferne 
liegen. Man braucht sich ja nicht als schwacher Mensch die 
Seelengröße und Liebesstärke des Heilandes zuzutrauen. Aber 
diese Weiterentwicklung der Libidoverteilung in der Masse 
ist wahrscheinlich das Moment, auf welches das Christentum 
den Anspruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu 
haben. 

B) Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der seelischen 
Entwicklung der Menschheit anzugeben, an der sich auch 
für den Einzelnen der Fortschritt von der Massen- zur In- 
dividualpsychologie vollzog 54 . 

Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen 
Mythus vom Vater der Urhorde zurückgreifen. Er wurde 
später zum Weltschöpfer erhöht, mit Recht, denn er hatte 
alle die Söhne erzeugt, welche die erste Masse zusammen- 
setzten. Er war das Ideal jedes einzelnen von ihnen, gleich- 
zeitig gefürchtet und verehrt, was für später den Begriff des 
Tabu ergab. Diese Mehrheit faßte sich einmal zusammen, 
tötete und zerstückelte ihn. Keiner der Massensieger konnte 

54) Das hier Folgende steht unter dem Einflüsse eines Gedanken- 
austausches mit Otto Rank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt", 
Imago, VIII, 1922); seither auch in Buchform, 1924. 






und Ich-Analyse 

sich an seine Stelle setzen, oder wenn es einer tat, erneuerten 
sich die Kämpfe, bis sie einsahen, daß sie alle auf die Erb- 
schaft des Vaters verzichten mußten. Sie bildeten dann die 
totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit gleichem Rechte 
und durch die Totemverbote gebunden, die das Andenken 
der Mordtat erhalten und sühnen sollten. Aber die Unzu- 
friedenheit mit dem Erreichten blieb und wurde die Quelle 
neuer Entwicklungen. Allmählich näherten sich die zur 
Brudermasse Verbundenen einer Herstellung des alten Zu- 
standes auf neuem Niveau, der Mann wurde wiederum 
Oberhaupt einer Familie und brach die Vorrechte der 
Frauenherrschaft, die sich in der vaterlosen Zeit festgesetzt 
hatte. Zur Entschädigung mag er damals die Muttergott- 
heiten anerkannt haben, deren Priester kastriert wurden zur 
Sicherung der Mutter nach dem Beispiel, das der Vater der 
Urhorde gegeben hatte; doch war die neue Familie nur ein 
Schatten der alten, der Väter waren viele und jeder durch 
die Rechte des anderen beschränkt. 

Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen Einzelnen 
bewogen haben, sich von der Masse loszulösen und sich in 
die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer dies tat, war der 
erste epische Dichter, der Fortschritt wurde in seiner Phan- 
tasie vollzogen. Der Dichter log die Wirklichkeit um im 
Sinne seiner Sehnsucht. Er erfand den heroischen Mythus. 
Heros war, wer allein den Vater erschlagen hatte, der im 
Mythus noch als totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der 
Vater das erste Ideal des Knaben gewesen war, so schuf 
jetzt der Dichter im Heros, der den Vater ersetzen will, 
das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot wahr- 
scheinlich der jüngste Sohn, der Liebling der Mutter, den 
sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt hatte, und der 
in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters geworden war. 
In der lügenhaften Umdichtung der Urzeit wurde das Weib, 



3 2 8 Massenpsychologie 

das der Kampf preis und die Verlockung des Mordes ge- 
wesen war, wahrscheinlich zur Verführerin und Anstifterin 
der Untat. 

Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren 
sich gewiß nur die Horde als Ganzes getraut hatte. Doch 
hat nach einer Bemerkung von Rank das Märchen deut- 
liche Spuren des verleugneten Sachverhaltes bewahrt. Denn 
dort kommt es häufig vor, daß der Held, der eine schwierige 
Aufgabe zu lösen hat — meist ein jüngster Sohn, nicht selten 
einer, der sich vor dem Vatersurrogat dumm, das heißt un- 
gefährlich gestellt hat — diese Aufgabe doch nur mit Hilfe 
einer Schar von kleinen Tieren (Bienen, Ameisen) lösen 
kann. Dies wären die Brüder der Urhorde, wie ja auch in 
der Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister 
(verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten. Jede der Aufgaben 
in Mythus und Märchen ist überdies leicht als Ersatz der 
heroischen Tat zu erkennen. 

Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Einzelne 
aus der Massenpsychologie austritt. Der erste Mythus war 
sicherlich der psychologische, der Heroenmythus; der er- 
klärende Naturmythus muß weit später aufgekommen sein. 
Der Dichter, der diesen Schritt getan und sich so in der 
Phantasie von der Masse gelöst hatte, weiß nach einer 
weiteren Bemerkung von Rank doch in der Wirklichkeit 
die Rückkehr zu ihr zu finden. Denn er geht hin und erzählt 
dieser Masse die Taten seines Helden, die er erfunden. Dieser 
Held ist im Grunde kein anderer als er selbst. Er senkt sich 
somit zur Realität herab und hebt seine Hörer zur Phan- 
tasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter, sie 
können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen 
Beziehung zum Urvater mit dem Heros identifizieren 56 . 

55) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat 
eines Vortrages auf dem VI. Psychoanalytischen Kongreß im 



und Ich- Analyse 329 

Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Vergottung 
•des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros, früher als 
der Vatergott, der Vorläufer der Wiederkehr des Urvaters 
als Gottheit. Die Götterreihe liefe dann chronologisch so: 
Muttergöttin — Heros — Vatergott. Aber erst mit der Erhöhung 
des nie vergessenen Urvaters erhielt die Gottheit die Züge, 
die wir noch heute an ihr kennen 50 . 

C) Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten 
und von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und dürfen 
hoffen, daß diese Unterscheidung nicht auf großen Wider- 
stand stoßen wird. Doch wird eine eingehende Erörterung 
darüber nicht unwillkommen sein, selbst wenn sie nur wieder- 
holt, was zum großen Teil bereits an früheren Stellen gesagt 
worden ist. 

Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexual- 
triebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes kennen ge- 
lehrt. Alle die Gefühle, welche das Kind für seine Eltern 
und Pflegepersonen empfindet, setzen sich ohne Schranke in 
die Wünsche fort, welche dem Sexualstreben des Kindes 
Ausdruck geben. Das Kind verlangt von diesen geliebten 
Personen alle Zärtlichkeiten, die ihm bekannt sind, will sie 
küssen, berühren, beschauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu 
sehen und bei ihren intimen Exkretionsverrichtungen an- 
wesend zu sein, es verspricht, die Mutter oder Pflegerin zu 
heiraten, was immer es sich darunter vorstellen mag, setzt 
sich vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte Be- 
obachtung sowie die nachträgliche analytische Durchleuch- 
tung der Kindheitsreste lassen über das unmittelbare Zu- 
Haag, 1920. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI, 
(1920); seither auch in Buchform erschienen (Imago-Bücher, 
Bd. y). 

56) In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material aus 
Sage, Mythus, Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der 
Konstruktion verzichtet worden. 



33° Massenpsychologie 

sammenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Gefühle und 
sexueller Absichten keinen Zweifel und legen uns dar, in 
wie gründlicher Weise das Kind die geliebte Person zum 
Objekt aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexual- 
bestrebungen macht. (Vgl. Sexualtheorie.) 

Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch dem 
Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie bekannt, 
vom Beginn der Latenzzeit an einem Verdrängungsschub. 
Was von ihr erübrigt, zeigt sich uns als rein zärtliche Ge- 
fühlsbindung, die denselben Personen gilt, aber nicht mehr 
als „sexuell" bezeichnet werden soll. Die Psychoanalyse, 
welche die Tiefen des Seelenlebens durchleuchtet, hat es 
nicht schwer, aufzuweisen, daß auch die sexuellen Bindun- 
gen der ersten Kinderjahre noch fortbestehen, aber verdrängt 
und unbewußt. Sie gibt uns den Mut zu behaupten, daß 
überall, wo wir einem zärtlichen Gefühl begegnen, dies der 
Nachfolger einer voll„sinnlichen" Objektbindung an die be- 
treffende Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann 
uns freilich nicht ohne besondere Untersuchung verraten, 
ob diese vorgängige sexuelle Vollströmung in einem gegebenen 
Fall noch als verdrängt besteht oder ob sie bereits aufgezehrt 
ist. Um es noch schärfer zu fassen: es steht fest, daß sie 
als Form und Möglichkeit noch vorhanden ist und jederzeit 
wieder durch Regression besetzt, aktiviert werden kann; es 
fragt sich nur und ist nicht immer zu entscheiden, welche 
Besetzung und Wirksamkeit sie gegenwärtig noch hat. Man 
muß sich hiebei gleichmäßig vor zwei Fehlerquellen in acht 
nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des verdrängten 
Unbewußten, wie vor der Charybdis der Neigung, das Nor- 
male durchaus mit dem Maß des Pathologischen zu messen. 

Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten nicht 
durchdringen will oder kann, stellen sich die zärtlichen 
Gefühlsbindungen jedenfalls als Ausdruck von Strebungen 



und Ich-Analyse 33 1 

dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen, wenngleich sie 
aus solchen, die danach gestrebt haben, hervorgegangen 

sind 57 

Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen sexuellen 
Zielen abgelenkt worden, wenngleich es seine Schwierig- 
keiten hat, in der Darstellung einer solchen Zielablenkung 
den Anforderungen der Metapsychologie zu entsprechen. 
Übrigens halten diese zielgehemmten Triebe immer noch 
einige der ursprünglichen Sexualziele fest; auch der zärtlich 
Anhängliche, auch der Freund, der Verehrer sucht die kör- 
perliche Nähe und den Anblick der nur mehr im „pau- 
linischen" Sinne geliebten Person. Wenn wir es wollen, 
können wir in dieser Zielablenkung einen Beginn von 
Sublimierung der Sexualtriebe anerkennen oder aber 
die Grenze für letztere noch ferner stecken. Die zielgehemm- 
ten Sexualtriebe haben vor den ungehemmten einen großen 
funktionellen Vorteil. Da sie einer eigentlich vollen Befrie- 
digung nicht fähig sind, eignen sie sich besonders dazu, 
dauernde Bindungen zu schaffen, während die direkt 
sexuellen jedesmal durch die Befriedigung ihrer Energie ver- 
lustig werden und auf Erneuerung durch Wiederanhäufung 
der sexuellen Libido warten müssen, wobei inzwischen das 
Objekt gewechselt werden kann. Die gehemmten Triebe sind 
jedes Maßes von Vermengung mit den ungehemmten fähig, 
können sich in sie rückverwandeln, wie sie aus ihnen hervor- 
gegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht sich aus Gefühls- 
beziehungen freundschaftlicher Art, auf Anerkennung und 
Bewunderung gegründet, erotische Wünsche entwickeln (das 
Molieresche: Embrassez-moi pour l'amour du Grec), 
zwischen Meister und Schülerin, Künstler und entzückter 
Zuhörerin, zumal bei Frauen. Ja, die Entstehung solcher 

$7) Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück kompli- 
zierter aufgebaut. 



33 2 Massenpsychologie 

zuerst absichtsloser Gefühlsbindurl gen gibt direkt einen viel 
begangenen Weg zur sexuellen Objektwahl. In der „Fröm- 
migkeit des Grafen von Zinzendorf" hat P f i s t e r ein über- 
deutliches, gewiß nicht vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, 
wie nahe es liegt, daß auch intensive religiöse Bindung in 
brünstige sexuelle Erregung zurückschlägt. Anderseits ist auch 
die Umwandlung direkter, an sich kurzlebiger, sexueller 
Strebungen in dauernde, bloß zärtliche Bindung etwas sehr 
Gewöhnliches und die Konsolidierung einer aus verliebter 
Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu einem großen Teil 
auf diesem Vorgang. 

Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, daß die 
zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den direkt sexuellen 
dann ergeben, wenn sich der Erreichung der Sexualziele 
innere oder äußere Hindernisse entgegenstellen. Die Ver- 
drängung der Latenzzeit ist ein solches inneres — oder besser: 
innerlich gewordenes — Hindernis. Vom Vater der Urhorde 
haben wir angenommen, daß er durch seine sexuelle Intole- 
ranz alle Söhne zur Abstinenz nötigt und sie so in ziel- 
gehemmte Bindungen drängt, während er sich selbst freien 
Sexualgenuß vorbehält und somit ungebunden bleibt. Alle 
Bindungen, auf denen die Masse beruht, sind von der Art 
der zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns der 
Erörterung eines neuen Themas genähert, welches die Be- 
ziehung der direkten Sexualtriebe zur Massenbildung be- 
handelt. 

D) Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen 
darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten Sexual- 
strebungen der Massenbildung ungünstig sind. Es hat zwar 
auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie Massen- 
beziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die Gruppenehe), 
aber je bedeutungsvoller die Geschlechtsliebe für das Ich 
wurde, je mehr Verliebtheit sie entwickelte, desto eindring- 



und Ich-Analyse _^^_____ HL 

licher forderte sie die Einschränkung auf zwei Personen — 
una cum uno, — die durch die Natur des Genitalzieles vor- 
gezeichnet ist. Die polygamen Neigungen wurden darauf 
angewiesen, sich im Nacheinander des Objektwechsels zu be- 
friedigen. 

Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung aufeinander 
angewiesenen Personen demonstrieren gegen den Herdentrieb, 
das Massengefühl, indem sie die Einsamkeit aufsuchen. Je 
verliebter sie sind, desto vollkommener genügen sie einander. 
Die Ablehnung des Einflusses der Masse äußert sich als 
Schamgefühl. Die äußerst heftigen Gefühlsregungen der Eifer- 
sucht werden aufgeboten, um die sexuelle Objektwahl gegen 
die Beeinträchtigung durch eine Massenbindung zu schützen. 
Nur wenn der zärtliche, also persönliche Faktor der Liebes- 
beziehung völlig hinter dem sinnlichen zurücktritt, wird der 
Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart anderer oder gleich- 
zeitige Sexualakte innerhalb einer Gruppe wie bei der Orgie 
möglich. Damit ist aber eine Regression zu einem frühen 
Zustand der Geschlechtsbeziehungen gegeben, in dem die 
Verliebtheit noch keine Rolle spielte, die Sexualobjektc 
einander gleichwertig erachtet wurden, etwa im Sinne von 
dem bösen Wort Bernard Shaws: Verliebtsein heiße, 
den Unterschied zwischen einem Weib und einem anderen 
ungebührlich überschätzen. 

Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß die Ver- 
liebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen zwischen Mann 
und Weib Eingang fand, so daß auch die Gegnerschaft 
zwischen Geschlechtsliebe und Massenbindung eine spät ent- 
wickelte ist. Nun kann es den Anschein haben, als ob diese 
Annahme unverträglich mit unserem Mythus von der Ur- 
familie wäre. Die Brüderschar soll doch durch die Liebe zu 
den Müttern und Schwestern zum Vatermord getrieben wor- 
den sein, und es ist schwer, sich diese Liebe anders denn als 



334 Massenpsychologie 

eine ungebrochene, primitive, das heißt als innige Vereinigung 
von zärtlicher und sinnlicher vorzustellen. Allein bei weiterer 
Überlegung löst sich dieser Einwand in eine Bestätigung auf. 
Eine der Reaktionen auf den Vatermord war doch die Ein- 
richtung der totemistischcn Exogamie, das Verbot jeder 
sexuellen Beziehung mit den von der Kindheit an zärtlich 
geliebten Frauen der Familie. Damit war der Keil zwischen 
die zärtlichen und sinnlichen Regungen des Mannes einge- 
trieben, der heute noch in seinem Liebesleben festsitzt 58 . In- 
folge dieser Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürfnisse 
der Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen. 

In den großen, künstlichen Massen, Kirche und Heer, ist 
für das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbeziehung 
zwischen Mann und Weib bleibt außerhalb dieser Organi- 
sationen. Auch wo sich Massen bilden, die aus Männern und 
Weibern gemischt sind, spielt der Geschlechtsunterschied keine 
Rolle. Es hat kaum einen Sinn zu fragen, ob die Libido, 
welche die Massen zusammenhält, homosexueller oder hetero- 
sexueller Natur ist, denn sie ist nicht nach den Geschlechtern 
differenziert und sieht insbesondere von den Zielen der Geni- 
talorganisation der Libido völlig ab. 

Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für das sonst 
in der Masse aufgehende Einzelwesen ein Stück individueller 
Betätigung. Wo sie überstark werden, zersetzen sie jede 
Massenbildung. Die katholische Kirche hatte die besten Mo- 
tive, ihren Gläubigen die Ehelosigkeit zu empfehlen und 
ihren Priestern das Zölibat aufzuerlegen, aber die Verliebt- 
heit hat oft auch Geistliche zum Austritt aus der Kirche g e - 
trieben. In gleicher Weise durchbricht die Liebe zum Weibe 
die Massenbindungen der Rasse, der nationalen Absonderung 
und der sozialen Klassenordnung und vollbringt damit kul- 

58) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. 1912. 
[Ges. Schriften, Bd. V.] 



und Ich- Analyse 335 

turell wichtige Leistungen. Es scheint gesichert, daß sich die 
homosexuelle Liebe mit den Massenbindungen weit besser 
verträgt, auch wo sie als ungehemmte Sexualstrebung auf- 
tritt; eine merkwürdige Tatsache, deren Aufklärung weit 
führen dürfte. 

Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneurosen 
hat uns gelehrt, daß deren Symptome von verdrängten, aber 
aktiv gebliebenen direkten Sexualstrebungen abzuleiten sind. 
Man kann diese Formel vervollständigen, wenn man hinzu- 
fügt: oder von solchen zielgehemmten, bei denen die Hem- 
mung nicht durchgehends gelungen ist oder einer Rückkehr 
zum verdrängten Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem 
Verhältnis entspricht, daß die Neurose asozial macht, den 
von ihr Betroffenen aus den habituellen Massenbildungcn 
heraushebt. Man kann sagen, die Neurose wirkt in ähnlicher 
Weise zersetzend auf die Masse wie die Verliebtheit. Dafür 
kann man sehen, daß dort, wo ein kräftiger Anstoß zur 
Massenbildung erfolgt ist, die Neurosen zurücktreten und 
wenigstens für eine Zeitlang schwinden können. Man hat 
auch mit Recht versucht, diesen Widerstreit von Neurose und 
Massenbildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das 
Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen Kultur- 
welt nicht bedauert, wird zugestehen, daß sie den durch sie 
Gebundenen den stärksten Schutz gegen die Gefahr der Neu- 
rose boten, so lange sie selbst noch in Kraft waren. Es ist 
auch nicht schwer, in all den Bindungen an mystisch-religiöse 
oder philosophisch-mystische Sekten und Gemeinschaften den 
Ausdruck von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen zu 
erkennen. Das alles hängt mit dem Gegensatz der direkten 
und zielgehemmten Sexualstrebungen zusammen. 

Sich selbst überlassen, ist der Neurotiker genötigt, sich die 
großen Massenbildungen, von denen er ausgeschlossen ist, 
durch seine Symptombildungen zu ersetzen. Er schafft sich 



. 



3 3 *> Massenpsychologie 

seine eigene Phantasiewelt, seine Religion, sein Wahnsystem 
und wiederholt so die Institutionen der Menschheit in einer 
Verzerrung, welche deutlich den übermächtigen Beitrag der 
direkten Sexualstrebungen bezeugt 69 . 

E) Fügen wir zum Schluß eine vergleichende Würdigung 
der Zustände, die uns beschäftigt haben, vom Standpunkt 
der Libidotheorie an, der Verliebtheit, Hypnose, Massen- 
bildung und der Neurose. 

Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen Vor- 
handensein von direkten und von zielgehemmten Sexual- 
strebungen, wobei das Objekt einen Teil der narzißtischen 
Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum für das Ich und 
das Objekt. 

Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Einschrän- 
kung auf diese beiden Personen, aber sie beruht durchaus auf 
zielgehemmten Sexualstrebungen und setzt das Objekt an die 
Stelle des Ichideals. 

Die Masse vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt mit 
der Hypnose in der Natur der sie zusammenhaltenden Triebe 
und in der Ersetzung des Ichideals durch das Objekt über- 
ein, aber sie fügt die Identifizierung mit anderen Individuen 
hinzu, die vielleicht ursprünglich durch die gleiche Beziehung 
zum Objekt ermöglicht wurde. 

Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind Erb- 
niederschläge aus der Phylogenese der menschlichen Libido, 
die Hypnose als Disposition, die Masse überdies als direktes- 
Überbleibsel. Die Ersetzung der direkten Sexualstrebungen 
durch die zielgehemmten befördert bei beiden die Sonderung 
von Ich und Ichideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein 
Anfang gemacht ist. 

Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch sie 

59) S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnittes II: Das Tabu 
und die Ambivalenz. [Ges. Schriften, Bd. X.] 



und Ich- Analyse 337 

beruht auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen Libido- 
entwicklung, auf dem durch die Latenzzeit unterbrochenen, 
doppelten Ansatz der direkten Sexualfunktion. 00 Insoferne 
teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den Charakter einer 
Regression, welcher der Verliebtheit abgeht. Sie tritt überall 
dort auf, wo der Fortschritt von direkten zu zielgehemmten 
Sexualtrieben nicht voll geglückt ist, und entspricht einem 
Konflikt zwischen den ins Ich aufgenommenen Trieben, 
welche eine solche Entwicklung durchgemacht haben, und 
den Anteilen derselben Triebe, welche vom verdrängten Un- 
bewußten her — ebenso wie andere völlig verdrängte Trieb- 
regungen — nach ihrer direkten Befriedigung streben. Sic ist 
inhaltlich ungemein reichhaltig, da sie alle möglichen Be- 
ziehungen zwischen Ich und Objekt umfaßt, sowohl die, in 
denen das Objekt beibehalten, als auch andere, in denen es 
aufgegeben oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso 
die Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem Ich- 
ideal. 



60) S. Sexualtheorie, j. Auflage, 1922, S. $6. [Ges. Schriften, 
Bd. V, S. 109.] 

Freud, Theoretische Schriften 22 









DAS ICH UND DAS ES 

(1923) 



Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge fort, 
die in meiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips" 1920 1 be- 
gonnen wurden, denen ich persönlich, wie dort erwähnt ist, 
mit einer gewissen wohlwollenden Neugierde gegenüberstand. 
Sie nehmen diese Gedanken auf, verknüpfen sie mit ver- 
schiedenen Tatsachen der analytischen Beobachtung, suchen 
aus dieser Vereinigung neue Schlüsse abzuleiten, machen aber 
keine neuen Anleihen bei der Biologie und stehen darum der 
Psychoanalyse näher als das „Jenseits". Sie tragen eher den 
Charakter einer Synthese als einer Spekulation und scheinen 
sich ein hohes Ziel gesetzt zu haben. Ich weiß aber, daß sie 
beim Gröbsten haltmachen, und bin mit dieser Beschrän- 
kung recht einverstanden. 

Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht Gegen- 
stand der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen sind, und 
können es nicht vermeiden, manche Theorien zu streifen, die 
von Nicht-Analytikern oder ehemaligen Analytikern auf 



1) Seite 178 ff dieses Bandes. 



Das Ich und das Es 339 



ihrem Rückzug von der Analyse aufgestellt wurden. Ich bin 
sonst immer bereit gewesen, meine Verbindlichkeiten gegen 
andere Arbeiter anzuerkennen, fühle mich aber in diesem 
Falle durch keine solche Dankesschuld belastet. Wenn die 
Psychoanalyse gewisse Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so 
geschah es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte 
oder deren Bedeutung verleugnen wollte, sondern weil sie 
einen bestimmten Weg verfolgt, der noch nicht so weit ge- 
führt hatte. Und endlich, wenn sie dahin gekommen ist, er- 
scheinen ihr auch die Dinge anders als den anderen. 



1 
Bewußtsein und Unbewußtes 

In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen 
und die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu 
vermeiden. 

Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Un- 
bewußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und 
gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wich- 
tigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen, 
der Wissenschaft einzuordnen. Nochmals und anders ge- 
sagt: die Psychoanalyse kann das Wesen des Psychischen 
nicht ins Bewußtsein verlegen, sondern muß das Bewußtsein 
als eine Qualität des Psychischen ansehen, die zu anderen 
Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag. 

Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psy- 
chologie Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre 
ich auch darauf vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein 
Teil der Leser haltmacht und nicht weiter mitgeht, denn 
hier ist das erste Schibboleth der Psychoanalyse. Den meisten 
philosophisch Gebildeten ist die Idee eines Psychischen, das 

? 22* 



34° Das Ich und das Es 



nicht auch bewußt ist, so unfaßbar, daß sie ihnen absurd 
und durch bloße Logik abweisbar erscheint. Ich glaube, dies 
kommt nur daher, daß sie die betreffenden Phänomene der 
Hypnose und des Traumes, welche — vom Pathologischen 
ganz abgesehen — zu solcher Auffassung zwingen, nie stu- 
diert haben. Ihre Bewußtseinspsychologie ist aber auch un- 
fähig, die Probleme des Traumes und der Hypnose zu lösen. 

Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus, 
der sich auf die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung 
beruft. Die Erfahrung zeigt uns dann, daß ein psychisches 
Element, zum Beispiel eine Vorstellung, gewöhnlich nicht 
dauernd bewußt ist. Es ist vielmehr charakteristisch, daß der 
Zustand des Bewußtseins rasch vorübergeht; die jetzt be- 
wußte Vorstellung ist es im nächsten Moment nicht mehr, 
allein sie kann es unter gewissen leicht hergestellten Bedin- 
gungen wieder werden. Inzwischen war sie, wir wissen nicht 
was; wir können sagen, sie sei latent gewesen, und meinen 
dabei, daß sie jederzeit bewußtseinsfähig war. Auch 
wenn wir sagen, sie sei unbewußt gewesen, haben wir 
eine korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt fällt 
dann mit latent-bewußtseinsfähig zusammen. Die Philosophen 
würden uns zwar einwerfen: Nein, der Terminus unbewußt 
hat hier keine Anwendung, solange die Vorstellung im Zu- 
stand der Latenz war, war sie überhaupt nichts Psychisches. 
Würden wir ihnen schon an dieser Stelle widersprechen, so 
gerieten wir in einen Wortstreit, aus dem sich nichts ge- 
winnen ließe. 

Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Unbewußten 
auf einem anderen Weg gekommen, durch Verarbeitung von 
Erfahrungen, in denen die seelische Dynamik eine Rolle 
spielt. Wir haben erfahren, das heißt annehmen müssen, daß 
es sehr starke seelische Vorgänge oder Vorstellungen gibt, — 
hier kommt zuerst ein quantitatives, also ökonomisches 



Das Ich und das Es 34 x 



Moment in Betracht — die alle Folgen für das Seelenleben 
haben können wie sonstige Vorstellungen, auch solche 
Folgen, die wiederum als Vorstellungen bewußt werden 
können, nur werden sie selbst nicht bewußt. Es ist nicht 
nötig, hier ausführlich zu wiederholen, was schon so oft 
dargestellt worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die 
psychoanalytische Theorie ein und behauptet, daß solche 
Vorstellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse 
Kraft sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden 
könnten und daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich 
von anderen anerkannten psychischen Elementen unter- 
scheiden. Diese Theorie wird dadurch unwiderleglich, daß 
sich in der psychoanalytischen Technik Mittel gefunden 
haben, mit deren Hilfe man die widerstrebende Kraft auf- 
heben und die betreffenden Vorstellungen bewußt machen 
kann. Den Zustand, in dem diese sich vor der Bewußt- 
machung befanden, heißen wir Verdrängung, und die 
Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrecht- 
gehalten hat, behaupten wir während der analytischen Arbeit 
als Widerstand zu verspüren. 

Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also aus 
der Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte ist uns das 
Vorbild des Unbewußten. Wir sehen aber, daß wir zweierlei 
Unbewußtes haben, das latente, doch bewußtseinsfähige, und 
das Verdrängte, an sich und ohne weiteres nicht bewußtseins- 
fähige. Unser Einblick in die psychische Dynamik kann 
nicht ohne Einfluß auf Nomenklatur und Beschreibung 
bleiben. Wir heißen das Latente, das nur deskriptiv unbewußt 
ist, nicht im dynamischen Sinne, vorbewußt; den 
Namen unbewußt beschränken wir auf das dynamisch 
unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben, 
bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbewußt (ubw\ deren 
Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw, nehmen wir 



342 Das Ich und das Es 



an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da wir das 
Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim latenten 
Vbw um so unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber 
nicht lieber im Einvernehmen mit den Philosophen bleiben 
und das Vbw wie das Ubw konsequenterweise vom bewußten 
Psychischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vor- 
schlagen, das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen 
des P s y c h o i d e n zu beschreiben, und die Einigkeit wäre 
hergestellt. Aber unendliche Schwierigkeiten in der Dar- 
stellung wären die Folge davon und die einzig wichtige 
Tatsache, daß diese Psychoide fast in allen anderen Punkten 
mit dem anerkannt Psychischen übereinstimmen, wäre zu- 
gunsten eines Vorurteils in den Hintergrund gedrängt, eines 
Vorurteils, das aus der Zeit stammt, da man diese Psychoide 
oder das Bedeutsamste von ihnen noch nicht kannte. 

Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw, vbw und 
ubw, bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht vergessen, 
daß es im deskriptiven Sinne zweierlei Unbewußtes gibt, im 
dynamischen aber nur eines. Für manche Zwecke der Dar- 
stellung kann man diese Unterscheidung vernachlässigen, für 
andere ist sie natürlich unentbehrlich. Wir haben uns immer- 
hin an diese Zweideutigkeit des Unbewußten ziemlich ge- 
wöhnt und sind gut mit ihr ausgekommen. Vermeiden läßt 
sie sich, soweit ich sehen kann, nicht; die Unterscheidung 
zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist schließlich eine 
Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beant- 
worten ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine 
Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen 
wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht 
darüber beklagen, daß das Dynamische in der Erscheinung 
nur einen zweideutigen Ausdruck findet 2 . 

2) Soweit vgl.: Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten. 
[S 15 dieses Bandes.] Eine neuerliche Wendung in der Kritik 



Das leb und das Es 343 

Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit stellt 
sich aber heraus, daß auch diese Unterscheidungen unzu- 
länglich, praktisch insuffizient sind. Unter den Situationen, 
die das zeigen, sei folgende als die entscheidende hervor- 
gehoben. Wir haben uns die Vorstellung von einer zusammen- 
hängenden Organisation der seelischen Vorgänge in einer 
Person gebildet und heißen diese das Ich derselben. An 
diesem Ich hängt das Bewußtsein, es beherrscht die Zugänge 
zur Motilität, das ist: zur Abfuhr der Erregungen in die 
Außenwelt; es ist diejenige seelische Instanz, welche eine 
Kontrolle über all ihre Partialvorgänge ausübt, welche zur 
Nachtzeit schlafen geht und dann immer noch die Traum- 
zensur handhabt. Von diesem Ich gehen auch die Ver- 
drängungen aus, durch welche gewisse seelische Strebungen 
nicht nur vom Bewußtsein, sondern auch von den anderen 
Arten der Geltung und Betätigung ausgeschlossen werden 

des Unbewußten verdient an dieser Stelle gewürdigt zu werden. 
Manche Forscher, die sich der Anerkcnung der psychoanalytischen 
Tatsachen nicht verschließen, das Unbewußte aber nicht annehmen 
wollen, schaffen sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen 
Tatsache, daß auch das Bewußtsein — als Phänomen — eine große 
Reihe von Abstufungen der Intensität oder Deutlichkeit erkennen 
läßt. So wie es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft, grell, greifbar 
bewußt sind, so erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum 
eben merklich bewußt sind, und die am schwächsten bewußten 
seien eben die, für welche die Psychoanalyse das unpassende Wort 
unbewußt gebrauchen wolle. Sie seien aber doch auch bewußt oder 
„im Bewußtsein" und lassen sich voll und stark bewußt machen, 
wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte. 

Soweit die Entscheidung in einer solchen entweder von der 
Konvention oder von Gefühlsmomenten abhängigen Frage durch 
Argumente beeinflußt werden kann, läßt sich hiezu folgendes be- 
merken: Der Hinweis auf eine Deutlichkeitsskala der Bewußt- 
heit hat nichts Verbindliches und nicht mehr Beweiskraft als etwa 
i'.ie analogen Sätze: es gibt so viel Abstufungen der Beleuchtung 
vom grellsten, blendenden Licht bis zum matten Lichtschimmer, 
folglich gibt es überhaupt keine Dunkelheit. Oder: es gibt ver- 
schiedene Grade von Vitalität, folglich gibt es keinen Tod. Diese 



344 D as Ich un d ^ as ^ s 



sollen. Dies durch die Verdrängung Beseitigte stellt sich in 
der Analyse dem Ich gegenüber, und es wird der Analyse 
die Aufgabe gestellt, die Widerstände aufzuheben, die das 
Ich gegen die Beschäftigung mit dem Verdrängten äußert. 
Nun machen wir während der Analyse die Beobachtung, daß 
der Kranke in Schwierigkeiten gerät, wenn wir ihm gewisse 
Aufgaben stellen; seine Assoziationen versagen, wenn sie 
sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm dann, 
er stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber er 
weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen Unlust- 
gefühlen erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand in ihm 
wirkt, so weiß er ihn nicht zu benennen und anzugeben. Da 
aber dieser Widerstand sicherlich von seinem Ich ausgeht 
und diesem angehört, so stehen wir vor einer unvorher- 
gesehenen Situation. Wir haben im Ich selbst etwas gefun- 
den, was auch unbewußt ist, sich gerade so benimmt wie 

Sätze mögen ja in einer gewissen Weise sinnreich sein, aber sie 
sind praktisch verwerflich, wie sich herausstellt, wenn man be- 
stimmte Folgerungen von ihnen ableiten will, zum Beispiel: also 
braucht man kein Licht anzustecken, oder: also sind alle Organis- 
men unsterblich. Ferner erreicht man durch die Subsumierung 
des Unmerklichen unter das Bewußte nichts anderes, als daß man 
sich die einzige unmittelbare Sicherheit verdirbt, die es im 
Psychischen überhaupt gibt. Ein Bewußtsein, von dem man nichts 
weiß, scheint mir doch um vieles absurder als ein unbewußtes 
Seelisches. Endlich ist solche Angleichung des Unbemerkten an das 
Unbewußte offenbar ohne Rücksicht auf die dynamischen Ver- 
hältnisse versucht worden, welche für die psychoanalytische Auf- 
fassung maßgebend waren. Denn zwei Tatsachen werden dabei 
vernachlässigt; erstens, daß es sehr schwierig ist, großer Anstren- 
gung bedarf, um einem solchen Unbemerkten genug Aufmerksam- 
keit zuzuführen, und zweitens, daß, wenn dies gelungen ist, das 
vordem Unbemerkte jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird, 
sondern oft genug ihm völlig fremd, gegensätzlich erscheint und 
von ihm schroff abgelehnt wird. Der Rekurs vom Unbewußten auf 
das wenig Bemerkte und nicht Bemerkte ist also doch nur ein 
Abkömmling des Vorurteils, dem die Identität des Psychischen 
mit dem Bewußten ein für allemal feststeht. 



Das leb und das Es 345 



das Verdrängte, das heißt starke Wirkungen äußert, ohne 
selbst bewußt zu werden, und zu dessen Bewußtmachung es 
einer besonderen Arbeit bedarf. Die Folge dieser Erfahrung 
für die analytische Praxis ist, daß wir in unendlich viele 
Undeutlichkeiten und Schwierigkeiten geraten, wenn wir an 
unserer gewohnten Ausdrucksweise festhalten und zum 
Beispiel die Neurose auf einen Konflikt zwischen dem Be- 
wußten und dem Unbewußten zurückführen wollen. Wir 
müssen für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die 
strukturellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen 
einsetzen: den zwischen dem zusammenhängenden Ich und 
dem von ihm abgespaltenen Verdrängten 8 . 

Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten sind 
aber noch bedeutsamer. Die dynamische Betrachtung hatte 
uns die erste Korrektur gebracht, die strukturelle Einsicht 
bringt uns die zweite. Wir erkennen, daß das Ubw nicht mit 
dem Verdrängten zusammenfällt; es bleibt richtig, daß alles 
Verdrängte ubw ist, aber nicht alles Ubw ist auch verdrängt. 
Auch ein Teil des Ichs, ein Gott weiß wie wichtiger Teil 
des Ichs, kann ubw sein, ist sicherlich ubw. Und dies Ubw 
des Ichs ist nicht latent im Sinne des Vbw, sonst dürfte es 
nicht aktiviert werden, ohne bw zu werden, und seine 
Bewußtmachung dürfte nicht so große Schwierigkeiten be- 
reiten. Wenn wir uns so vor der Nötigung sehen, ein drittes, 
nicht verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen wir zu- 
gestehen, daß der Charakter des Unbewußtseins für uns an 
Bedeutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen Qualität, 
die nicht die weitgehenden und ausschließenden Folgerungen 
gestattet, für welche wir ihn gerne verwertet hätten. Doch 
müssen wir uns hüten, ihn zu vernachlässigen, denn schließ- 
lich ist die Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige Leuchte 
im Dunkel der Tiefenpsychologie. 

3) Vgl. Jenseits des Lustprinzips. 



346 Das Ich und das Es 

II 

Das Idi und das Es 

Die pathologische Forschung hat unser Interesse allzu aus- 
schließlich auf das Verdrängte gerichtet. Wir möchten mehr 
vom Ich erfahren, seitdem wir wissen, daß auch das Ich 
unbewußt im eigentlichen Sinne sein kann. Unser einziger 
Anhalt während unserer Untersuchungen war bisher das 
Kennzeichen des Bewußt- oder Unbewußtseins; zuletzt haben 
wir gesehen, wie vieldeutig dies sein kann. 

Nun ist all unser "Wissen immer an das Bewußtsein ge- 
bunden. Auch das Ubw können wir nur dadurch kennen 
lernen, daß wir es bewußt machen. Aber halt, wie ist das 
möglich? Was heißt: etwas bewußt machen? Wie kann das 
vor sich gehen? 

Wir wissen schon, wo wir hiefür anzuknüpfen haben. Wir 
haben gesagt, das Bewußtsein ist die Oberfläche des 
seelischen Apparates, das heißt wir haben es einem System 
als Funktion zugeschrieben, welches räumlich das erste von 
der Außenwelt her ist. Räumlich übrigens nicht nur im 
Sinne der Funktion, sondern diesmal auch im Sinne der 
anatomischen Zergliederung 4 . Auch unser Forschen muß 
diese wahrnehmende Oberfläche zum Ausgang nehmen. 

Von vornherein bw sind alle Wahrnehmungen, die von 
außen herankommen (Sinneswahrnehmungen), und von innen 
her, was wir Empfindungen und Gefühle heißen. Wie aber 
ist es mit jenen inneren Vorgängen, die wir etwa — roh 
und ungenau — als Denkvorgänge zusammenfassen können? 
Kommen sie, die sich irgendwo im Innern des Apparates 
als Verschiebungen seelischer Energie auf dem Wege zur 
Handlung vollziehen, an die Oberfläche, die das Bewußtsein 
entstehen läßt, heran? Oder kommt das Bewußtsein zu ihnen? 

4) S. Jenseits des Lustprinzips. 



Das Ich und das Es 347 



Wir merken, das ist eine von den Schwierigkeiten, die sich 
ergeben, wenn man mit der räumlichen, topischen Vor- 
stellung des seelischen Geschehens Ernst machen will. Beide 
Möglichkeiten sind gleich unausdenkbar, es müßte etwas 
drittes der Fall sein. 

An einer anderen Stelle 5 habe ich schon die Annahme 
gemacht, daß der wirkliche Unterschied einer ubw von einer 
vbw Vorstellung (einem Gedanken) darin besteht, daß die 
erstere sich an irgendwelchem Material, das unerkannt bleibt, 
vollzieht, während bei der letzteren (der vbw) die Ver- 
bindung mit Wortvorstellungen hinzukommt. Hier 
ist zuerst der Versuch gemacht, für die beiden Systeme Vbw 
und Ubw Kennzeichen anzugeben, die anders sind als die 
Beziehung zum Bewußtsein. Die Frage: Wie wird etwas 
bewußt? lautet also zweckmäßiger: Wie wird etwas vor- 
bewußt? Und die Antwort wäre: durch Verbindung mit den 
entsprechenden Wortvorstellungen. 

Diese Wortvorstellungen sind Erinnerungsreste, sie waren 
einmal Wahrnehmungen und können wie alle Erinnerungs- 
reste wieder bewußt werden. Ehe wir noch weiter von ihrer 
Natur handeln, dämmert uns wie eine neue Einsicht auf: 
bewußt werden kann nur das, was schon einmal bw Wahr- 
nehmung war, und was außer Gefühlen von innen her 
bewußt werden will, muß versuchen, sich in äußere Wahr- 
nehmungen umzusetzen. Dies wird mittels der Erinnerungs- 
spuren möglich. 

Die Erinnerungsreste denken wir uns in Systemen ent- 
halten, welche unmittelbar an das System W-Bw anstoßen, 
so daß ihre Besetzungen sich leicht auf die Elemente dieses 
Systems von innen her fortsetzen können. Man denkt hier 
sofort an die Halluzination und an die Tatsache, daß die 

5) Das Unbewußte. Internat. Ztschr. f. PsA., III., 191 j. [Seite 
98 ff dieses Bandes.] 



348 Das Ich und das Es 



lebhafteste Erinnerung immer noch von der Halluzination 
wie von der äußeren Wahrnehmung unterschieden wird, 
allein ebenso rasch stellt sich die Auskunft ein, daß bei 
der Wiederbelebung einer Erinnerung die Besetzung im 
Erinnerungssystem erhalten bleibt, während die von der 
Wahrnehmung nicht unterscheidbare Halluzination entstehen 
mag, wenn die Besetzung nicht nur von der Erinnerungsspur 
auf das W-Element übergreift, sondern völlig auf dasselbe 
übergeht. 

Die Wortreste stammen wesentlich von akustischen Wahr- 
nehmungen ab, so daß hiedurch gleichsam ein besonderer 
Sinnesursprung für das System Vbw gegeben ist. Die visuellen 
Bestandteile der Wortvorstellung kann man als sekundär, 
durch Lesen erworben, zunächst vernachlässigen und ebenso 
die Bewegungsbilder des Wortes, die außer bei Taubstummen 
die Rolle von unterstützenden Zeichen spielen. Das Wort ist 
doch eigentlich der Erinnerungsrest des gehörten Wortes. 

Es darf uns nicht beifallen, etwa der Vereinfachung 
zuliebe, die Bedeutung der optischen Erinnerungsreste — von 
den Dingen — zu vergessen, oder zu verleugnen, daß ein 
Bewußtwerden der Denkvorgänge durch Rückkehr zu den 
visuellen Resten möglich ist und bei vielen Personen bevor- 
zugt scheint. Von der Eigenart dieses visuellen Denkens 
kann uns das Studium der Träume und der vorbewußten 
Phantasien nach den Beobachtungen J. Varendoncks 
eine Vorstellung geben. Man erfährt, daß dabei meist nur 
das konkrete Material des Gedankens bewußt wird, für die 
Relationen aber, die den Gedanken besonders kennzeichnen, 
ein visueller Ausdruck nicht gegeben werden kann. Das 
Denken in Bildern ist also ein nur sehr unvollständiges 
Bewußtwerden. Es steht auch irgendwie den unbewußten 
Vorgängen näher als das Denken in Worten und ist 
unzweifelhaft onto- wie phylogenetisch älter als dieses. 







Das Ich und das Es 349 



Wenn also, um zu unserem Argument zurückzukehren, 
dies der Weg ist, wie etwas an sich Unbewußtes vorbewußt 
wird, so ist die Frage, wie machen wir etwas Verdrängtes 
(vor)bcwußt, zu beantworten: indem wir solche vbw Mittel- 
glieder durch die analytische Arbeit herstellen. Das Bewußt- 
sein verbleibt also an seiner Stelle, aber auch das Vbw ist 
nicht etwa zum Bw aufgestiegen. 

Während die Beziehung der äußeren Wahrnehmung zum 
Ich ganz offenkundig ist, fordert die der inneren Wahr- 
nehmung zum Ich eine besondere Untersuchung heraus. Sie 
läßt noch einmal den Zweifel auftauchen, ob man wirklich 
Recht daran tut, alles Bewußtsein auf das eine oberflächliche 
System W-Bw zu beziehen. 

Die innere Wahrnehmung ergibt Empfindungen von Vor- 
gängen aus den verschiedensten, gewiß auch tiefsten 
Schichten des seelischen Apparates. Sie sind schlecht ge- 
kannt, als ihr bestes Muster können noch die der Lust- 
Unlustreihe gelten. Sie sind ursprünglicher, elementarer als 
die von außen stammenden, können noch in Zuständen ge- 
trübten Bewußtseins zustande kommen. Über ihre größere 
ökonomische Bedeutung und deren metapsychologische Be- 
gründung habe ich mich an anderer Stelle geäußert. Diese 
Empfindungen sind multilokular wie die äußeren Wahr- 
nehmungen, können gleichzeitig von verschiedenen Stellen 
kommen und dabei verschiedene, auch entgegengesetzte 

Qualitäten haben. 

Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts Drän- 
gendes an sich, dagegen im höchsten Grad die Unlust- 
empfindungen. Diese drängen auf Veränderung, auf Abfuhr, 
und darum deuten wir die Unlust auf eine Erhöhung, die 
Lust auf eine Erniedrigung der Energiebesetzung. Nennen 
wir das, was als Lust und Unlust bewußt wird, ein 
quantitativ-qualitativ Anderes im seelischen Ablauf, so ist 



350 Das Ich und das Es 



die Frage, ob ein solches Anderes an Ort und Stelle bewußt 
werden kann oder bis zum System W fortgeleitet werden 
muß. 

Die klinische Erfahrung entscheidet für das letztere. Sie 
zeigt, daß dies Andere sich verhält wie eine verdrängte 
Regung. Es kann treibende Kräfte entfalten, ohne daß das 
Ich den Zwang bemerkt. Erst Widerstand gegen den Zwang, 
Aufhalten der Abfuhrreaktion macht dieses Andere sofort 
als Unlust bewußt. Ebenso wie Bedürfnisspannungen, kann 
auch der Schmerz unbewußt bleiben, dies Mittelding 
zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung, der sich wie 
eine innere Wahrnehmung verhält, auch wo er aus der 
Außenwelt stammt. Es bleibt also richtig, daß auch Empfin- 
dungen und Gefühle nur durch Anlangen an das System W 
bewußt werden; ist die Fortleitung gesperrt, so kommen sie 
nicht als Empfindungen zustande, obwohl das ihnen ent- 
sprechende Andere im Erregungsablauf dasselbe ist. Abge- 
kürzter, nicht ganz korrekter Weise sprechen wir dann von 
unbewußten Empfindungen, halten die Analogie 
mit unbewußten Vorstellungen fest, die nicht ganz gerecht- 
fertigt ist. Der Unterschied ist nämlich, daß für die ubw 
Vorstellung erst Verbindungsglieder geschaffen werden 
müssen, um sie zum Bw zu bringen, während dies für die 
Empfindungen, die sich direkt fortleiten, entfällt. Mit 
anderen Worten: die Unterscheidung von Bw und Vbw hat 
für die Empfindungen keinen Sinn, das Vbw fällt hier aus, 
Empfindungen sind entweder bewußt oder unbewußt. Auch 
wenn sie an Wortvorstellungen gebunden werden, danken 
sie nicht diesen ihr Bewußtwerden, sondern sie werden es 
direkt. 

Die Rolle der Wortvorstellungen wird nun vollends klar. 
Durch ihre Vermittlung werden die inneren Denkvorgänge 
zu Wahrnehmungen gemacht. Es ist, als sollte der Satz er- 



Das Ich und das Es 351 



wiesen werden: alles Wissen stammt aus der äußeren Wahr- 
nehmung. Bei einer Überbesetzung des Denkens werden die 
Gedanken wirklich — wie von außen — wahrgenommen 
und darum für wahr gehalten. 

Nach dieser Klärung der Beziehungen zwischen äußerer 
und innerer Wahrnehmung und dem Oberflächensystem W-Bw 
können wir darangehen, unsere Vorstellung vom Ich aus- 
zubauen. Wir sehen es vom System W als seinem Kern 
ausgehen und zunächst das Vbw, das sich an die Erinnerungs- 
reste anlehnt, umfassen. Das Ich ist aber auch, wie wir 
erfahren haben, unbewußt. 

Nun meine ich, wir werden großen Vorteil davon haben, 
wenn wir der Anregung eines Autors folgen, der vergebens 
aus persönlichen Motiven beteuert, er habe mit der gestrengen, 
hohen Wissenschaft nichts zu tun. Ich meine G. Groddeck, 
der immer wieder betont, daß das, was wir unser Ich heißen, 
sich im Leben wesentlich passiv verhält, daß wir nach seinem 
Ausdruck „g e 1 e b t" werden von unbekannten, unbeherrsch- 
baren Mächten". Wir haben alle dieselben Eindrücke empfan- 
gen, wenngleich sie uns nicht bis zum Ausschluß aller 
anderen überwältigt haben, und verzagen nicht daran, der 
Einsicht Groddecks ihre Stelle in dem Gefüge der 
Wissenschaft anzuweisen. Ich schlage vor, ihr Rechnung zu 
tragen, indem wir das vom System W ausgehende Wesen, 
das zunächst vbw ist, das Ich heißen, das andere Psychische 
aber, in welches es sich fortsetzt, und das sich wie ubw 
veihält, nach Groddecks Gebrauch das Es 7 . 

Wir werden bald sehen, ob wir aus dieser Auffassung 

6) G. Groddeck, Das Buch vom Es. Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag 1923. 

7) Groddeck selbst ist wohl dem Beispiel Nietzsches 
gefolgt, bei dem dieser grammatikalische Ausdruck für das Un- 
persönliche und sozusagen Naturnotwendige in unserem Wesen 
durchaus gebräuchlich ist. 



352 



Das Ich und das Es 



Nutzen für Beschreibung und Verständnis ziehen können. 
Ein Individuum ist nun für uns ein psychisches Es, unerkannt 
und unbewußt, diesem sitzt das Ich oberflächlich auf, aus 
dem W-System als Kern entwickelt. Streben wir nach 
graphischer Darstellung, so werden wir hinzufügen, das Ich 
umhüllt das Es nicht ganz, sondern nur insoweit das System 
W dessen Oberfläche bildet, also etwa so wie die Keim- 
scheibe dem Ei aufsitzt. Das Ich ist vom Es nicht scharf 
getrennt, es fließt nach unten hin mit ihm zusammen. 

Aber auch das Verdrängte fließt mit dem Es zusammen, 
ist nur ein Teil von ihm. Das Verdrängte ist nur vom Ich 
durch die Verdrängungswiderstände scharf geschieden, durch 
das Es kann es mit ihm kommunizieren. Wir erkennen so- 
fort, fast alle Sonderungen, die wir auf die Anregung der 
Pathologie hin beschrieben haben, beziehen sich nur auf die 
— uns allein bekannten — oberflächlichen Schichten des 
seelischen Apparates. Wir könnten von diesen Verhältnissen 



W-Bi 




eine Zeichnung entwerfen, deren Konturen allerdings nur 
der Darstellung dienen, keine besondere Deutung bean- 
spruchen sollen. Etwa fügen wir hinzu, daß das Ich eine 






Das Ich und das Es 553 



„Hörkappe" trägt, nach dem Zeugnis der Gehirnanatomie 
nur auf einer Seite. Sie sitzt ihm sozusagen schief auf. 

Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den direk- 
ten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von W-Bw 
veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der 
Oberflächendifferenzierung. Es bemüht sich auch, den Ein- 
fluß der Außenwelt auf das Es und seine Absichten zur 
Geltung zu bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die 
Stelle des Lustprinzips zu setzen, welches im Es uneinge- 
schränkt regiert. Die Wahrnehmung spielt für das Ich die 
Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsen- 
tiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann, 
im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält. 
Dies alles deckt sich mit allbekannten populären Unter- 
scheidungen, ist aber auch nur als durchschnittlich oder 
ideell richtig zu verstehen. 

Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin zum 
Ausdruck, daß ihm normalerweise die Herrschaft über die 
Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht so im Ver- 
hältnis zum Es dem Reiter, der die überlegene Kraft des 
Pferdes zügeln soll, mit dem Unterschied, daß der Reiter 
dies mit eigenen Kräften versucht, das Ich mit geborgten. 
Dieses Gleichnis trägt ein Stück weiter. Wie dem Reiter, 
will er sich nicht vom Pferd trennen, oft nichts anderes 
übrig bleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will, 
so pflegt auch das Ich den Willen des Es in Handlung um- 
zusetzen, als ob es der eigene wäre. 

Auf die Entstehung des Ichs und seine Absonderung vom 
Es scheint noch ein anderes Moment als der Einfluß des 
Systems W hingewirkt zu haben. Der eigene Körper und 
vor allem die Oberfläche desselben ist ein Ort, von dem 
gleichzeitig äußere und innere Wahrnehmungen ausgehen 
können. Er wird wie ein anderes Objekt gesehen, ergibt 

Freud, Theoretische Schriften 23 



354 Üas leb und das Es 



aber dem Getast zweierlei Empfindungen, von denen die 
eine einer inneren "Wahrnehmung gleichkommen kann. Es 
ist in der Psychophysiologie hinreichend erörtert worden, 
auf welche Weise sich der eigene Körper aus der Wahr- 
nehmungswelt heraushebt. Auch der Schmerz scheint dabei 
eine Rolle zu spielen, und die Art, wie man bei schmerz- 
haften Erkrankungen eine neue Kenntnis seiner Organe er- 
wirbt, ist vielleicht vorbildlich für die Art, wie man über- 
haupt zur Vorstellung seines eigenen Körpers kommt. 

Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur 
ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer 
Oberfläche. Wenn man eine anatomische Analogie für das- 
selbe sucht, kann man es am ehesten mit dem „Gehirn- 
männchen" der Anatomen identifizieren, das in der Hirn- 
rinde auf dem Kopf steht, die Fersen nach oben streckt, 
nach hinten schaut und wie bekannt, links die Sprachzone 
trägt. 

Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wiederholt 
gewürdigt worden, doch sind hier einige wichtige Tat- 
sachen neu zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichtspunkt 
einer sozialen oder ethischen Wertung überallhin mitzu- 
nehmen, sind wir nicht überrascht zu hören, daß das Trei- 
ben der niedrigen Leidenschaften im Unbewußten vor sich 
geht, erwarten aber, daß die seelischen Funktionen um so 
leichter sicheren Zugang zum Bewußtsein finden, je höher 
sie in dieser Wertung angesetzt sind. Hier enttäuscht uns 
aber die psychoanalytische Erfahrung. Wir haben einerseits 
Belege dafür, daß selbst feine und schwierige intellektuelle 
Arbeit, die sonst angestrengtes Nachdenken erfordert, auch 
vorbewußt geleistet werden kann, ohne zum Bewußtsein 
zu kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifelhaft, sie ereig- 
nen sich zum Beispiel im Schlafzustand und äußern sich 
darin, daß eine Person unmittelbar nach dem Erwachen die 



Das Ich und das Es 355 



Lösung eines schwierigen mathematischen oder anderen 
Problems weiß, um das sie sich am Tage vorher vergeblich 
bemüht hatte 8 . 

Weit befremdender ist aber eine andere Erfahrung. Wir 
lernen in unseren Analysen, daß es Personen gibt, bei denen 
die Selbstkritik und das Gewissen, also überaus hoch- 
gewertete seelische Leistungen, unbewußt sind und als un- 
bewußt die wichtigsten Wirkungen äußern; das Unbewußt- 
bleiben des Widerstandes in der Analyse ist also keineswegs 
die einzige Situation dieser Art. Die neue Erfahrung aber, 
die uns nötigt, trotz unserer besseren kritischen Einsicht, 
von einem unbewußten Schuldgefühl zu reden, 
verwirrt uns weit mehr und gibt uns neue Rätsel auf, be- 
sonders wenn wir allmählich erraten, daß ein solches un- 
bewußtes Schuldgefühl bei einer großen Anzahl von Neu- 
rosen eine ökonomisch entscheidende Rolle spielt und der 
Heilung die stärksten Hindernisse in den Weg legt. Wollen 
wir zu unserer Wertskala zurückkehren, so müssen wir 
sagen: Nicht nur das Tiefste, auch das Höchste am Ich 
kann unbewußt sein. Es ist, als würde uns auf diese Weise 
demonstriert, was wir vorhin vom bewußten Ich ausgesagt 
haben, es sei vor allem ein Körper-Ich. 



III 

Das Ich und das Über-Idi (Idiideal) 

Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des Wahr- 
nehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der Vertreter 
der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten wir es mit 



8) Ein solcher Fall ist mir erst kürzlich, und zwar als Ein- 
wand gegen meine Beschreibung der „Traumarbeit", mitgeteilt 
worden. 



23« 



..$ Das Ich und das Es 



einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein es kommt etwas 
anderes hinzu. 

Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich 
anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die 
Ich-Ideal oder Über-Ich zu nennen ist, sind an 
anderen Orten auseinandergesetzt worden 9 . Sie bestehen zu 
Recht 10 . Daß dieses Stück des Ichs eine weniger feste Be- 
ziehung zum Bewußtsein hat, ist die Neuheit, die nach Er- 
klärung verlangt. 

Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns 
gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie durch 
die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im 
Ich wieder aufgerichtet, also eine Objektbesetzung durch 
eine Identifizierung abgelöst wird". Damals erkannten wir 
aber noch nicht die ganze Bedeutung dieses Vorganges und 
wußten nicht, wie häufig und typisch er ist. Wir haben 
seither verstanden, daß solche Ersetzung einen großen An- 
teil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich dazu 
beiträgt, das herzustellen, was man seinen Charakter 
heißt. 

Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi- 
duums sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht 
von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur 
annehmen, daß die Objektbesetzungen vom Es ausgehen, 

9) Zur Einführung des Narzißmus. — Massenpsychologie und 
Ich-Analyse. 

10) Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem 
Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur 
bedürftig. Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur 
Wahrnehmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine 
eigene Aufgabe bliebe. — Auch frühere, ziemlich unbestimmt 
gehaltene Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt 
dahin richtiggestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern 
des Ichs anzuerkennen ist. 

11) Trauer und Melancholie. 



Das Ich und das Es *tj 

welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse empfindet. 
Das anfangs noch schwächliche Ich erhält von den Objekt- 
besetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder sucht sie 
durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren 1 *. 

Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben wer- 
den, so tritt dafür nicht selten die Ichveränderung auf, die 
man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie bei der 
Melancholie beschreiben muß; die näheren Verhältnisse 
dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt. Vielleicht 
erleichtert oder ermöglicht das Ich durch diese Introjektion, 
die eine Art von Regression zum Mechanismus der oralen 
Phase ist, das Aufgeben des Objekts. Vielleicht ist diese 
Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es 
seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in 
frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die 
Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein 
Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die 
Geschichte dieser Objektwahlen enthalt. Es ist natürlich 
von vornherein eine Skala der Resistenzfähigkeit zuzugeben, 
inwieweit der Charakter einer Person diese Einflüsse aus 
der Geschichte der erotischen Objektwahlen abwehrt oder 
annimmt. Bei Frauen, die viel Liebeserfahrungen gehabt 
haben, glaubt man, die Rückstände ihrer Objektbesetzungen 
in ihren Charakterzügen leicht nachweisen zu können. Auch 
eine Gleichzeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizie- 

ii) Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl 
durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die 
Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es ißt, 
als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten 
Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung 
des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche der 
Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen, die 
hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden, treffen 
für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu. 



358 Das Ich und das Es 



rung, also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf- 
gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem Fall 
könnte die Charakterveränderung die Objektbeziehung 
überleben und sie in gewissem Sinne konservieren. 

Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Umsetzung 
einer erotischen Objektwahl in eine Ichveränderung auch 
ein Weg ist, wie das Ich das Es bemeistern und seine Be- 
ziehungen zu ihm vertiefen kann, allerdings auf Kosten 
einer weitgehenden Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse. 
Wenn das Ich die Züge des Objektes annimmt, drängt es 
sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm 
seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: „Sieh , du kannst 
auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich." 

Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido, 
die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben der 
Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, also eine Art 
von Sublimierung. Ja, es entsteht die eingehender Behand- 
lung würdige Frage, ob dies nicht der allgemeine Weg zur 
Sublimierung ist, ob nicht alle Sublimierung durch die Ver- 
mittlung des Ichs vor sich geht, welches zunächst die 
sexuelle Objektlibido in narzißtische verwandelt, um ihr 
dann vielleicht ein anderes Ziel zu setzen 13 . Ob diese Ver- 
wandlung nicht auch andere Triebschicksale zur Folge 
haben kann, zum Beispiel eine Entmischung der verschiede- 
nen mit einander verschmolzenen Triebe herbeizuführen, 
wird uns noch später beschäftigen. 

Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und doch 
nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksamkeit für 



13) Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Einführung 
des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung von Ich und 
Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch die 
beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen „s e k u n- 
dären Narzißmus" her. 



Das Ich und das Es 359 



einen Moment bei den Objektidentifizierungen des Ichs ver- 
weilen lassen. Nehmen diese überhand, werden allzu zahl- 
reich, und überstark und miteinander unverträglich, so 
liegt ein pathologisches Ergebnis nahe. Es kann zu einer 
Aufsplitterung des Ichs kommen, indem sich die einzelnen 
Identifizierungen durch Widerstände gegeneinander ab- 
schließen, und vielleicht ist es das Geheimnis der Fälle von 
sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die 
einzelnen Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an 
sich reißen. Auch wenn es nicht so weit kommt, ergibt 
sich das Thema der Konflikte zwischen den verschiedenen 
Identifizierungen, in die das Ich auseinanderfährt, Kon- 
flikte, die endlich nicht durchwegs als pathologische bezeich- 
net werden können. 

Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charak- 
ters gegen die Einflüsse aufgegebener Objektbesetzungen ge- 
stalten mag, die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter 
erfolgten Identifizierungen werden allgemeine und nach- 
haltige sein. Dies führt uns zur Entstehung des Ichideals 
zurück, denn hinter ihm verbirgt sich die erste und be- 
deutsamste Identifizierung des Individuums, die mit dem 
Vater der persönlichen Vorzeit". Diese scheint zunächst 
nicht Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, 
sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger als 
jede Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der 

14) Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern, 
denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des 
Geschlechtsunterschiedes, des Penismangels, nicht verschieden ge- 
wertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich 
Gelegenheit, zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penis- 
mangel bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen, 
sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte. 
Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren 
Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem 
Vater behandeln. 



360 Das Ich und das Es 



ersten Sexualperiode angehören und Vater und Mutter 
betreffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in 
solche Identifizierung zu nehmen und somit die primäre 
Identifizierung zu verstärken. 

Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, daß es 
notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben. Es sind 
zwei Momente, welche diese Komplikation verschulden, 
die dreieckige Anlage des ödipusverhältnisses und die kon- 
stitutionelle Bisexualität des Individuums. 

Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männliche 
Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig entwickelt es für 
die Mutter eine Objektbesetzung, die von der Mutterbrust 
ihren Ausgang nimmt und das vorbildliche Beispiel einer 
Objektwahl nach dem Anlehnungstypus zeigt; des Vaters 
bemächtigt sich der Knabe durch Identifizierung. Die beiden 
Beziehungen gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch 
die Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter 
und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen 
ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht 15 . Die Vater- 
identifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung an, sie 
wendet sich zum Wunsch, den Vater zu beseitigen, um 
ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhält- 
nis zum Vater ambivalent; es scheint, als ob die in der 
Identifizierung von Anfang an enthaltene Ambivalenz 
manifest geworden wäre. Die ambivalente Einstellung zum 
Vater und die nur zärtliche Objektstrebung nach der 
Mutter beschreiben für den Knaben den Inhalt des ein- 
fachen, positiven Ödipuskomplexes. 

Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß die 
Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre 
Stelle kann zweierlei treten, entweder eine Identifizierung 

15) Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse, VII. 






Das Ich und das Es 361 



mit der Mutter oder eine Verstärkung der Vaterindenti- 
fizierung. Den letzteren Ausgang pflegen wir als den nor- 
maleren anzusehen, er gestattet es, die zärtliche Beziehung 
zur Mutter in gewissem Maße festzuhalten. Durch den 
Untergang des Ödipuskomplexes hätte so die Männlichkeit 
im Charakter des Knaben eine Festigung erfahren. In ganz 
analoger Weise kann die ödipuseinstellung des kleinen 
Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentiflzierung 
(oder in die Herstellung einer solchen) auslaufen, die den 
weiblichen Charakter des Kindes festlegt. 

Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer Er- 
wartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Objekt ins 
Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt vor und ist bei 
Mädchen leichter zu beobachten als bei Knaben. Man er- 
fährt sehr häufig aus der Analyse, daß das kleine Mädchen, 
nachdem es auf den Vater als Liebesobjekt verzichten 
mußte, nun seine Männlichkeit hervorholt und sich anstatt 
mit der Mutter, mit dem Vater, also mit dem verlorenen 
Objekt, identifiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an, 
ob ihre männlichen Anlagen stark genug sind — worin 
immer diese bestehen mögen. 

Der Ausgang der ödipussituation in Vater- oder in 
Muttcridentifizierung scheint also bei beiden Geschlechtern 
von der relativen Stärke der beiden Geschlechtsanlagen ab- 
zuhängen. Dies ist die eine Art, wie sich die Bisexualität in 
die Schicksale des Ödipuskomplexes einmengt. Die andere 
ist noch bedeutsamer. Man gewinnt nämlich den Eindruck, 
daß der einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das 
häufigste ist, sondern einer Vereinfachung oder Sehern ati- 
sicrung entspricht, die allerdings oft genug praktisch ge- 
rechtfertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu- 
meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der 
ein zweifacher ist, ein positiver und ein negativer, ab- 



}6x Das Ich und das Es 



hängig von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d. h. 
der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Einstellung 
zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter, 
sondern er benimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mäd- 
chen, er zeigt die zärtliche feminine Einstellung zum 
Vater und die ihr entsprechende eifersüchtig-feindselige 
gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der Bisexualität macht 
es so schwer, die Verhältnisse der primitiven Objektwahlen 
und Identifizierungen zu durchschauen und noch schwie- 
riger, sie faßlich zu beschreiben. Es könnte auch sein, daß 
die im Elternverhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus 
auf die Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich 
es vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus 
der Identifizierung entwickelt würde. 

Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz 
besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen 
Ödipuskomplexes anzunehmen. Die analytische Erfahrung 
zeigt dann, daß bei einer Anzahl von Fällen der eine oder 
der andere Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche 
Spuren schwindet, so daß sich eine Reihe ergibt, an deren 
einem Ende der normale, positive, an deren anderem Ende 
der umgekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die 
Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Beteili- 
gung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim Untergang 
des Ödipuskomplexes werden die vier in ihm enthaltenen 
Strebungen sich derart zusammenlegen, daß aus ihnen eine 
Vater- und eine Mutteridentifizierung hervorgeht, die Vater- 
identifizierung wird das Mutterobjekt des positiven Kom- 
plexes festhalten und gleichzeitig das Vaterobjekt des um- 
gekehrten Komplexes ersetzen; Analoges wird für die Mutter- 
identifizierung gelten. In der verschieden starken Ausprägung 
der beiden Identifizierungen wird sich die Ungleichheit der 
beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln. 






Das Ich und das Es 363 

So kann man als allgemeinstes Ergebnis 
der vom Ödipuskomplex beherrschten 
Sexualphase einen Niederschlag im Ich an- 
nehmen, welcher in der Herstellung dieser 
beiden, irgendwie miteinander vereinbar- 
ten Identifizierungen besteht. Diese Ich- 
veränderung behält ihre Sonderstellung, 
sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als 
Ichideal oder Uber-Ich entgegen. 

Das Über-Ich ist aber nicht einfach ein Residuum der 
ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat auch die 
Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen die- 
selben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht in der 
Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, sie umfaßt 
auch das Verbot: So (wie der Vater) darfst du nicht 
sein, das heißt nicht alles tun, was er tut; manches bleibt 
ihm vorbehalten. Dies Doppelangesicht des Ichideals leitet 
sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur Verdrängung 
des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem Umschwung 
erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipus- 
komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. Da 
die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis gegen die 
Verwirklichung der ödipuswünsche erkannt werden, stärkte 
sich das infantile Ich für diese Verdrängungsleistung, indem 
es dies selbe Hindernis in sich aufrichtete. Es lieh sich 
gewissermaßen die Kraft dazu vom Vater aus und diese 
Anleihe ist ein außerordentlich folgenschwerer Akt. Das 
Über-Ich wird den Charakter des Vaters bewahren und je 
stärker der Ödipuskomplex war, je beschleunigter (unter dem 
Einfluß von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) 
seine Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das 
Uber-Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuldgefühl 
über das Ich herrschen. — Woher es die Kraft zu dieser 






364 Das Ich und das Es 



Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter, der sich 
als kategorischer Imperativ äußert, darüber werde ich spater 
eine Vermutung vorbringen. 

Fassen wir die beschriebene Entstehung des Uber-Ichs 
nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das Ergebnis zweier 
höchst bedeutsamer biologischer Faktoren, der langen kind- 
lichen Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Menschen und der 
Tatsache seines Ödipuskomplexes, den wir ja auf die Unter- 
brechung der Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit 
auf den zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens 
zurückgeführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch 
menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische 
Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwungenen 
Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist die Sonderung 
des Uber-Ichs vom Ich nichts Zufälliges, sie vertritt die be- 
deutsamsten Züge der individuellen und der Artentwicklung, 
ja, indem sie dem Elterneinfluß einen dauernden Ausdruck 
schafft, verewigt sie die Existenz der Momente, denen sie 
ihren Ursprung verdankt. 

Es ist der Psychoanalyse unzählige Male der Vorwurf 
gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Moralische, 
Uberpersönliche im Menschen nicht kümmere. Der Vorwurf 
war doppelt ungerecht, historisch wie methodisch. Ersteres, 
da von Anbeginn an den moralischen und ästhetischen Ten- 
denzen im Ich der Antrieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, 
letzteres, da man nicht einsehen wollte, daß die psycho- 
analytische Forschung nicht wie ein philosophisches System 
mit einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auftreten 
konnte, sondern sich den Weg zum Verständnis der seelischen 
Komplikationen schrittweise durch die analytische Zer- 
gliederung normaler wie abnormer Phänomene bahnen 
mußte. Wir brauchten die zitternde Besorgnis um den Ver- 
bleib des Höheren im Menschen nicht zu teilen, solange wir 



Das Ich und das Es }6 j 



uns mit dem Studium des Verdrängten im Seelenleben zu 
beschäftigen hatten. Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs 
heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sitt- 
lichen Bewußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch 
ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: Gewiß, 
und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal oder Uber-Ich, 
die Repräsentanz unserer Elternbeziehung. Als kleine Kinder 
haben wir diese höheren Wesen gekannt, bewundert, gefürch- 
tet, später sie in uns selbst aufgenommen. 

Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskomplexes und 
somit Ausdruck der mächtigsten Regungen und wichtigsten 
Libidoschicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das 
Ich des Ödipuskomplexes bemächtigt und gleichzeitig sich 
selbst dem Es unterworfen. Während das Ich wesentlich 
Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das 
Über-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon- 
flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir nun 
vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von Real und 
Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, widerspiegeln. 

Was die Biologie und die Schicksale der Menschenart im 
Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird durch die 
Idealbildung vom Ich übernommen und an ihm individuell 
wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge seiner Bildungs- 
geschichte die ausgiebigste Verknüpfung mit dem phylo- 
genetischen Erwerb, der archaischen Erbschaft, des Einzelnen. 
Was im einzelnen Seelenleben dem Tiefsten angehört hat, 
wird durch die Idealbildung zum Höchsten der Menschen- 
seele im Sinne unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergeb- 
liches Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise 
wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleichnisse 
einzupassen, durch welche wir die Beziehung von Ich und 
Es nachzubilden versuchten. 

Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen 



$66 Das leb und das Es 



genügt, die an das höhere Wesen im Menschen gestellt 
werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält 
es den Keim, aus dem sich alle Religionen gebildet haben. 
Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich des 
Ichs mit seinem Ideal ergibt das demütige religiöse Emp- 
finden, auf das sich der sehnsüchtig Gläubige beruft. Im 
weiteren Verlauf der Enwicklung haben Lehrer und Autori- 
täten die Vaterrolle fortgeführt; deren Gebote und Verbote 
sind im Ideal-Ich mächtig geblieben und üben jetzt als 
Gewissen die moralische Zensur aus. Die Spannung 
zwischen den Ansprüchen des Gewissens und den Leistun- 
gen des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die 
sozialen Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen 
auf Grund des gleichen Ichideals. 

Religion, Moral und soziales Empfinden — diese Haupt- 
inhalte des Höheren im Menschen 16 — sind ursprünglich eins 
gewesen. Nach der Hypothese von „Totem und Tabu" 
wurden sie phylogenetisch am Vaterkomplex erworben, Reli- 
gion und sittliche Beschränkung durch die Bewältigung des 
eigentlichen Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch 
die Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität 
unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all diesen 
sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht der Männer 
vorangegangen zu sein, gekreuzte Vererbung hat den Besitz 
auch den Frauen zugeführt. Die sozialen Gefühle entstehen 
noch heute beim Einzelnen als Überbau über die eifersüch- 
tigen Rivalitätsregungen gegen die Geschwister. Da 
die Feindseligkeit nicht zu befriedigen ist, stellt sich 
eine Identifizierung mit dem anfänglichen Rivalen her. 
Beobachtungen an milden Homosexuellen stützen die Ver- 
mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer zärt- 

16) Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen. 



Das leb und das Es 367 



liehen Objektwahl ist, welche die aggressiv-feindselige Ein- 
stellung abgelöst hat 17 . 

Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber neue 
Probleme auf, vor deren Beantwortung man zaghaft zurück- 
weichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, man muß den 
Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, daß er die Un- 
zulänglichkeit unserer ganzen Bemühung bloßstellen wird. 
Die Frage lautet: Wer hat seinerzeit Religion und Sittlichkeit 
am Vaterkomplex erworben, das Ich des Primitiven oder 
sein Es? Wenn es das Ich war, warum sprechen wir nicht 
einfach von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt 
das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differenzierung 
in Ich, Uber-Ich und Es nicht in so frühe Zeiten tragen? 
Oder soll man nicht ehrlich eingestehen, daß die ganze Auf- 
fassung der Ichvorgänge nichts fürs Verständnis der Phylo- 
genese leistet und auf sie nicht anwendbar ist? 

Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten beant- 
worten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es müssen 
wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern noch viel 
einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie der notwendige 
Ausdruck des Einflusses der Außenwelt ist. Das Uber-Ich 
ließen wir gerade aus jenen Erlebnissen, die zum Totemismus 
führten, entstehen. Die Frage, ob das Ich oder das Es jene 
Erfahrungen und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in 
sich zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das Es 
kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann außer 
durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm vertritt. Von 
einer direkten Vererbung im I c h kann man aber doch nicht 
reden. Hier tut sich die Kluft auf zwischen dem realen In- 
dividuum und dem Begriff der Art. Auch darf man den 

17) Vgl. Massenpsychologie und Ich- Analyse [Seite 248 ff dieses 
Bandes]. — Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, 
Paranoia und Homosexualität [Ges. Schriften, Bd. V]. 



368 Das Ich und das Es 



Unterschied von Ich und Es nicht zu starr nehmen, nicht 
vergessen, daß das Ich ein besonders differenzierter Anteil 
des Es ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die 
Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie sich aber häufig und 
stark genug bei vielen generationsweise aufeinanderfolgen- 
den Individuen wiederholen, setzen sie sich sozusagen in 
Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke durch Vererbung fest- 
gehalten werden. Somit beherbergt das erbliche Es in sich 
die Reste ungezählt vieler Ich-Existenzen, und wenn das Ich 
sein über-Ich aus dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur 
ältere Ichgestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen 
eine Auferstehung. 

Die Entstehungsgeschichte des Ober-Ichs macht es ver- 
ständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den Objekt- 
besetzungen des Es sich in Konflikte mit deren Erben, dem 
Über-Ich, fortsetzen können. Wenn dem Ich die Bewältigung 
des Ödipuskomplexes schlecht gelungen ist, wird dessen dem 
Es entstammende Energiebesetzung in der Reaktionsbildung 
des Ichideals wieder zur Wirkung kommen. Die ausgiebige 
Kommunikation dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen 
wird das Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil 
unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der Kampf, 
der in tieferen Schichten getobt hatte, durch rasche Subli- 
mierung und Identifizierung nicht zum Abschluß gekommen 
war, setzt sich nun wie auf dem K a u 1 b a c h sehen Gemälde 
der Hunnenschlacht in einer höheren Region fort. 



IV 



Die beiden Triebarten 

Wir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des seelischen 
Wesens in ein Es, ein Ich und ein Ober-Ich einen Fortschritt 
in unserer Einsicht bedeutet, so muß sie sich auch als Mittel 



Das Ich und das Es 369 



zum tieferen Verständnis und zur besseren Beschreibung der 
dynamischen Beziehungen im Seelenleben erweisen. Wir 
haben uns auch bereits klar gemacht, daß das Ich unter 
dem besonderen Einfluß der Wahrnehmung steht und daß 
man im Rohen sagen kann, die Wahrnehmungen haben für 
das Ich dieselbe Bedeutung wie die Triebe für das Es. Dabei 
unterliegt aber auch das Ich der Einwirkung der Triebe wie 
das Es, von dem es ja nur ein besonders modifizierter 
Anteil ist. 

Über die Triebe habe ich kürzlich (Jenseits des Lust- 
prinzips) eine Anschauung entwickelt, die ich hier festhalten 
und den weiteren Erörterungen zugrunde legen werde. Daß 
man zwei Triebarten zu unterscheiden hat, von denen die 
eine, Sexualtriebe oder Eros, die bei weitem auf- 
fälligere und der Kenntnis zugänglichere ist. Sie umfaßt 
nicht nur den eigentlichen ungehemmten Sexualtrieb und 
die von ihm abgeleiteten zielgehemmten und sublimierten 
Triebregungen, sondern auch den Selbsterhaltungstrieb, den 
wir dem Ich zuschreiben müssen und den wir zu Anfang 
der analytischen Arbeit mit guten Gründen den sexuellen 
Objekttrieben gegenübergestellt hatten. Die zweite Triebart 
aufzuzeigen, bereitete uns Schwierigkeiten; endlich kamen 
wir darauf, den Sadismus als Repräsentanten derselben an- 
zusehen. Auf Grund theoretischer, durch die Biologie ge- 
stützter Überlegungen supponierten wir einen Todes- 
trieb, dem die Aufgabe gestellt ist, das organische Lebende 
in den leblosen Zustand zurückzuführen, während der Eros 
das Ziel verfolgt, das Leben durch immer weitergreifende 
Zusammenfassung der in Partikel zersprengten lebenden 
Substanz zu komplizieren, natürlich es dabei zu erhalten. 
Beide Triebe benehmen sich dabei im strengsten Sinne kon- 
servativ, indem sie die Wiederherstellung eines durch die 
Entstehung des Lebens gestörten Zustandes anstreben. Die 

Freud, Theoretische Schriften 24 



37° Das Ich und das Es 



Entstehung des Lebens wäre also die Ursache des Weiter- 
lebens und gleichzeitig auch des Strebens nach dem Tode, 
das Leben selbst ein Kampf und Kompromiß zwischen diesen 
beiden Strebungen. Die Frage nach der Herkunft des Lebens 
bliebe eine kosmologische, die nach Zweck und Absicht des 
Lebens wäre dualistisch beantwortet. 

Jeder dieser beiden Triebarten wäre ein besonderer physio- 
logischer Prozeß (Aufbau und Zerfall) zugeordnet, in jedem 
Stück lebender Substanz wären beiderlei Triebe tätig, aber 
doch in ungleicher Mischung, so daß eine Substanz die 
Hauptvertretung des Eros übernehmen könnte. 

In welcher Weise sich Triebe der beiden Arten miteinander 
verbinden, vermischen, legieren, wäre noch ganz unvor- 
stellbar; daß dies aber regelmäßig und in großem Ausmaß 
geschieht, ist eine in unserem Zusammenhang unabweisbare 
Annahme. Infolge der Verbindung der einzelligen Elementar- 
organismen zu mehrzelligen Lebewesen wäre es gelungen, 
den Todestrieb der Einzelzelle zu neutralisieren und die 
destruktiven Regungen durch Vermittlung eines besonderen 
Organs auf die Außenwelt abzuleiten. Dies Organ wäre die 
Muskulatur und der Todestrieb würde sich nun — wahr- 
scheinlich doch nur teilweise — als Destruktions- 
trieb gegen die Außenwelt und andere Lebewesen äußern. 

Haben wir einmal die Vorstellung von einer Mischung 
der beiden Triebarten angenommen, so drängt sich uns auch 
die Möglichkeit einer — mehr oder minder vollständigen — 
Entmischung derselben auf. In der sadistischen Kom- 
ponente des Sexualtriebes hätten wir ein klassisches Beispiel 
einer zweckdienlichen Triebmischung vor uns, im selb- 
ständig gewordenen Sadismus als Perversion das Vorbild 
einer, allerdings nicht bis zum äußersten getriebenen Ent- 
mischung. Es eröffnet sich uns dann ein Einblick in ein 
großes Gebiet von Tatsachen, welches noch nicht in diesem 



Das Ich und das Es 371 



Licht betrachtet worden ist. Wir erkennen, daß der 
Destruktionstrieb regelmäßig zu Zwecken der Ab- 
fuhr in den Dienst des Eros gestellt ist, ahnen, daß der 
epileptische Anfall Produkt und Anzeichen einer Triebent- 
mischung ist, und lernen verstehen, daß unter den Erfolgen 
mancher schweren Neurosen, zum Beispiel der Zwangs- 
neurosen, die Triebentmischung und das Hervortreten des 
Todestriebes eine besondere Würdigung verdient. In rascher 
Verallgemeinerung möchten wir vermuten, daß das Wesen 
einer Libidoregression, zum Beispiel von der genitalen zur 
sadistisch-analen Phase, auf einer Triebentmischung beruht, 
wie umgekehrt der Fortschritt von der früheren zur defini- 
tiven Genitalphase einen Zuschuß von erotischen Kompo- 
nenten zur Bedingung hat. Es erhebt sich auch die Frage, 
ob nicht die reguläre Ambivalenz, die wir in der kon- 
stitutionellen Anlage zur Neurose so oft verstärkt finden, 
als Ergebnis einer Entmischung aufgefaßt werden darf; allein 
diese ist so ursprünglich, daß sie vielmehr als nicht voll- 
zogene Triebmischung gelten muß. 

Unser Interesse wird sich natürlich den Fragen zuwenden, 
ob sich nicht aufschlußreiche Beziehungen zwischen den an- 
genommenen Bildungen des Ichs, Ober-Ichs und des Es 
einerseits, den beiden Triebarten anderseits auffinden lassen, 
ferner, ob wir dem die seelischen Vorgänge beherrschenden 
Lustprinzip eine feste Stellung zu den beiden Triebarten und 
den seelischen Differenzierungen zuweisen können. Ehe wir 
aber in diese Diskussion eintreten, haben wir einen Zweifel 
zu erledigen, der sich gegen die Problemstellung selbst richtet. 
Am Lustprinzip ist zwar kein Zweifel, die Gliederung des 
Ichs ruht auf klinischer Rechtfertigung, aber die Unter- 
scheidung der beiden Triebarten scheint nicht genug gesichert 
und möglicherweise heben Tatsachen der klinischen Analyse 
ihren Anspruch auf. 

24* 



372 Das Ich und das Es 



Eine solche Tatsache scheint es zu geben. Für den Gegen- 
satz der beiden Triebarten dürfen wir die Polarität von Liebe 
und Haß einsetzen. Um eine Repräsentanz des Eros sind wir 
ja nicht verlegen, dagegen sehr zufrieden, daß wir für den 
schwer zu fassenden Todestrieb im Destruktionstrieb, dem 
der Haß den Weg zeigt, einen Vertreter aufzeigen können. 
Nun lehrt uns die klinische Beobachtung, daß der Haß nicht 
nur der unerwartet regelmäßige Begleiter der Liebe ist (Ambi- 
valenz), nicht nur häufig ihr Vorläufer in menschlichen Be- 
ziehungen, sondern auch, daß Haß sich unter mancherlei 
Verhältnissen in Liebe und Liebe in Haß verwandelt. Wenn 
diese Verwandlung mehr ist als bloß zeitliche Sukzession, 
also Ablösung, dann ist offenbar einer so grundlegenden 
Unterscheidung wie zwischen erotischen und Todestrieben, 
die entgegengesetzt laufende physiologische Vorgänge voraus- 
setzt, der Boden entzogen. 

Nun der Fall, daß man dieselbe Person zuerst liebt und 
dann haßt, oder umgekehrt, wenn sie einem die Anlässe dazu 
gegeben hat, gehört offenbar nicht zu unserem Problem. 
Auch nicht der andere, daß eine noch nicht manifeste Ver- 
liebtheit sich zuerst durch Feindseligkeit und Aggressions- 
neigung äußert, denn die destruktive Komponente könnte da 
bei der Objektbesetzung vorangeeilt sein, bis die erotische 
sich zu ihr gesellt. Aber wir kennen mehrere Fälle aus der 
Psychologie der Neurosen, in denen die Annahme einer Ver- 
wandlung näher liegt. Bei der Paranoia persecutoria erwehrt 
sich der Kranke einer überstarken homosexuellen Bindung 
an eine bestimmte Person auf eine gewisse Weise, und das 
Ergebnis ist, daß diese geliebteste Person zum Verfolger 
wird, gegen den sich die oft gefährliche Aggression des 
Kranken richtet. Wir haben das Recht, einzuschalten, daß 
eine Phase vorher die Liebe in Haß umgewandelt hatte. Bei 
der Entstehung der Homosexualität, aber auch der de- 



Das Ich und das Es 373 



sexualisierten sozialen Gefühle, lehrte uns die analytische 
Untersuchung erst neuerdings die Existenz von heftigen, zu 
Aggressionsneigung führenden Gefühlen der Rivalität ken- 
nen, nach deren Überwindung erst das früher gehaßte Objekt 
zum geliebten oder zum Gegenstand einer Identifizierung 
wird. Die Frage erhebt sich, ob für diese Fälle eine direkte 
Umsetzung von Haß in Liebe anzunehmen ist. Hier handelt 
es sich ja um rein innerliche Änderungen, an denen ein ge- 
ändertes Benehmen des Objekts keinen Anteil hat. 

Die analytische Untersuchung des Vorganges bei der 
paranoischen Umwandlung macht uns aber mit der Mög- 
lichkeit eines anderen Mechanismus vertraut. Es ist von An- 
fang an eine ambivalente Einstellung vorhanden und die 
Verwandlung geschieht durch eine reaktive Besetzungsver- 
schiebung, indem der erotischen Regung Energie entzogen 
und der feindseligen Energie zugeführt wird. 

Nicht das nämliche, aber ähnliches geschieht bei der Über- 
windung der feindseligen Rivalität, die zur Homosexualität 
führt. Die feindselige Einstellung hat keine Aussicht auf 
Befriedigung, daher — aus ökonomischen Motiven also — 
wird sie von der Liebeseinstellung abgelöst, welche mehr 
Aussicht auf Befriedigung, das ist Abfuhrmöglichkeit, bietet. 
Somit brauchen wir für keinen dieser Fälle eine direkte Ver- 
wandlung von Haß in Liebe, die mit der qualitativen Ver- 
schiedenheit der beiden Triebarten unverträglich wäre, an- 
zunehmen. 

Wir bemerken aber, daß wir bei der Inanspruchnahme 
dieses anderen Mechanismus der Umwandlung von Liebe in 
Haß stillschweigend eine andere Annahme gemacht haben, 
die laut zu werden verdient. Wir haben so geschaltet, als 
gäbe es im Seelenleben — unentschieden, ob im Ich oder im 
Es — eine verschiebbare Energie, die, an sich indifferent, zu 
einer qualitativ differenzierten erotischen oder destruktiven 



374 Das Ich und das Es 



Regung hinzutreten und deren Gesamtbesetzung erhöhen 
kann. Ohne die Annahme einer solchen verschiebbaren 
Energie kommen wir überhaupt nicht aus. Es fragt sich nur, 
woher sie stammt, wem sie zugehört und was sie bedeutet. 

Das Problem der Qualität der Triebregungen und deren 
Erhaltung bei den verschiedenen Triebschicksalen ist noch 
sehr dunkel und derzeit kaum in Angriff genommen. An den 
sexuellen Partialtrieben, die der Beobachtung besonders gut 
zugänglich sind, kann man einige Vorgänge, die in denselben 
Rahmen gehören, feststellen, zum Beispiel, daß die Partial- 
triebe gewissermaßen miteinander kommunizieren, daß ein 
Trieb aus einer besonderen erogenen Quelle seine Intensität 
zur Verstärkung eines Partialtriebes aus anderer Quelle ab- 
geben kann, daß die Befriedigung des einen Triebes einem 
anderen die Befriedigung ersetzt und dergleichen mehr, was 
einem Mut machen muß, Annahmen gewisser Art zu wagen. 

Ich habe auch in der vorliegenden Diskussion nur eine 
Annahme, nicht einen Beweis zu bieten. Es erscheint 
plausibel, daß diese wohl im Ich und im Es tätige, verschieb- 
bare und indifferente Energie dem narzißtischen Libidovorrat 
entstammt, also desexualisierter Eros ist. Die erotischen 
Triebe erscheinen uns ja überhaupt plastischer, ablenkbarer 
und verschiebbarer als die Destruktionstriebe. Dann kann 
man ohne Zwang fortsetzen, daß diese verschiebbare Libido 
im Dienst des Lustprinzips arbeitet, um Stauungen zu ver- 
meiden und Abfuhren zu erleichtern. Dabei ist eine gewisse 
Gleichgültigkeit, auf welchem Wege die Abfuhr geschieht, 
wenn sie nur überhaupt geschieht, unverkennbar. Wir 
kennen diesen Zug als charakteristisch für die Besetzungs- 
vorgänge im Es. Er findet sich bei den erotischen Besetzungen, 
wobei eine besondere Gleichgültigkeit in bezug auf das 
Objekt entwickelt wird, ganz besonders bei den Übertragun- 
gen in der Analyse, die vollzogen werden müssen, gleich- 



Das Ich und das Es 375 



gültig auf welche Personen. Rank hat kürzlich schöne 
Beispiele dafür gebracht, daß neurotische Racheaktionen 
gegen die unrichtigen Personen gerichtet werden. Man muß 
bei diesem Verhalten des Unbewußten an die komisch ver- 
wertete Anekdote denken, daß einer der drei Dorfschneider 
gehängt werden soll, weil der einzige Dorfschmied ein 
todwürdiges Verbrechen begangen hat. Strafe muß eben sein, 
auch wenn sie nicht den Schuldigen trifft. Die nämliche 
Lockerheit haben wir zuerst an den Verschiebungen des 
Primärvorganges in der Traumarbeit bemerkt. Wie hier die 
Objekte, so wären es in dem uns beschäftigenden Falle die 
Wege der Abfuhraktion, die erst in zweiter Linie in Betracht 
kommen. Dem Ich würde es ähnlich sehen, auf größerer 
Exaktheit in der Auswahl des Objekts, wie des Weges der 
Abfuhr zu bestehen. 

Wenn diese Verschiebungsenergie desexualisierte Libido ist, 
so darf sie auch s u b 1 i m i e r t heißen, denn sie würde noch 
immer an der Hauptabsicht des Eros, zu vereinigen und zu 
binden, festhalten, indem sie zur Herstellung jener Einheit- 
lichkeit dient, durch die — oder durch das Streben nach 
welcher — das Ich sich auszeichnet. Schließen wir die Denk- 
vorgänge im weiteren Sinne unter diese Verschiebungen ein, 
so wird eben auch die Denkarbeit durch Sublimierung eroti- 
scher Triebkraft bestritten. 

Hier stehen wir wieder vor der früher berührten Möglich- 
keit, daß die Sublimierung regelmäßig durch die Vermittlung 
des Ichs vor sich geht. Wir erinnern den anderen Fall, daß 
dies Ich die ersten und gewiß auch spätere Objektbesetzungen 
des Es dadurch erledigt, daß es deren Libido ins Ich aufnimmt 
und an die durch Identifizierung hergestellte Ichveränderung 
bindet. Mit dieser Umsetzung in Ichlibido ist natürlich ein 
Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung, verbunden. 
Jedenfalls erhalten wir so Einsicht in eine wichtige Leistung 



376 Das Ich und das Es 



des Ichs in seinem Verhältnis zum Eros. Indem es sich in 
solcher "Weise der Libido der Objektbesetzungen bemächtigt, 
sich zum alleinigen Liebesobjekt aufwirft, die Libido des Es 
desexualisiert oder sublimiert, arbeitet es den Absichten des 
Eros entgegen, stellt sich in den Dienst der gegnerischen 
Triebregungen. Einen anderen Anteil der Es-Objektbesetzun- 
gen muß es sich gefallen lassen, sozusagen mitmachen. Auf 
eine andere mögliche Folge dieser Ichtätigkeit werden wir 
später zu sprechen kommen. 

An der Lehre vom Narzißmus wäre nun eine wichtige 
Ausgestaltung vorzunehmen. Zu Uranfang ist alle Libido im 
Es angehäuft, während das Ich noch in der Bildung begriffen 
oder schwächlich ist. Das Es sendet einen Teil dieser Libido 
auf erotische Objektbesetzungen aus, worauf das erstarkte 
Ich sich dieser Objektlibido zu bemächtigen und sich dem 
Es als Liebesobjekt aufzudrängen sucht. Der Narzißmus des 
Ichs ist so ein sekundärer, den Objekten entzogener. 

Immer wieder machen wir die Erfahrung, daß die Trieb- 
regungen, die wir verfolgen können, sich als Abkömmlinge 
des Eros enthüllen. Wären nicht die im „Jenseits des Lust- 
prinzips" angestellten Erwägungen und endlich die sadisti- 
schen Beiträge zum Eros, so hätten wir es schwer, an der 
dualistischen Grundanschauung festzuhalten. Da wir aber 
dazu genötigt sind, müssen wir den Eindruck gewinnen, daß 
die Todestriebe im wesentlichen stumm sind und der Lärm 
des Lebens meist vom Eros ausgeht 18 . 

Und vom Kampf gegen den Eros! Es ist die Anschauung 
nicht abzuweisen, daß das Lustprinzip dem Es als ein Kompaß 
im Kampf gegen die Libido dient, die Störungen in den 
Lebensablauf einführt. Wenn das Konstanz-Prinzip im Sinne 

18) Nach unserer Auffassung sind ja die nach außen gerichteten 
Destruktionstriebe durch Vermittlung des Eros vom eigenen Selbst 
abgelenkt worden. 



Das Ich und das Es 377 



Fcchners das Leben beherrscht, welches also dann ein 
Gleiten in den Tod sein sollte, so sind es die Ansprüche des 
Eros, der Sexualtriebe, welche als Triebbedürfnisse das Herab- 
sinken des Niveaus aufhalten und neue Spannungen ein- 
führen. Das Es erwehrt sich ihrer, vom Lustprinzip, das 
heißt der Unlustwahrnehmung geleitet, auf verschiedenen 
Wegen. Zunächst durch möglichst beschleunigte Nachgiebig- 
keit gegen die Forderungen der nicht desexualisierten Libido, 
also durch Ringen nach Befriedigung der direkt sexuellen 
Strebungen. In weit ausgiebigerer Weise, indem es sich bei einer 
dieser Befriedigungen, in der alle Teilansprüche zusammen- 
treffen, der sexuellen Substanzen entledigt, welche sozusagen 
gesättigte Träger der erotischen Spannungen sind. Die Ab- 
stoßung der Sexualstoffe im Sexualakt entspricht gewisser- 
maßen der Trennung von Soma und Keimplasma. Daher die 
Ähnlichkeit des Zustandes nach der vollen Sexualbefriedigung 
mit dem Sterben, bei niederen Tieren das Zusammenfallen 
des Todes mit dem Zeugungsakt. Diese Wesen sterben an 
der Fortpflanzung, insoferne nach der Ausschaltung des Eros 
durch die Befriedigung der Todestrieb freie Hand be- 
kommt, seine Absichten durchzusetzen. Endlich erleichtert, 
wie wir gehört haben, das Ich dem Es die Bewältigungs- 
arbeit, indem es Anteile der Libido für sich und seine 
Zwecke sublimiert. 



V 

Die Abhängigkeiten des Ichs 

Die Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen, daß 
sich keine der Überschriften ganz mit dem Inhalt 
der Kapitel deckt, und daß wir immer wieder auf bereits 



37 8 Das Ich und das Es 



Erledigtes zurückgreifen, wenn wir neue Beziehungen studieren 
wollen. 

So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich zum 
guten Teil aus Identifizierungen bildet, welche aufgelassene 
Besetzungen des Es ablösen, daß die ersten dieser Iden- 
tifizierungen sich regelmäßig als besondere Instanz im ich 
gebärden, sich als Über-Ich dem Ich entgegenstellen, während 
das erstarkte Ich sich späterhin gegen solche Identifizierungs- 
einflüsse resistenter verhalten mag. Das Über-Ich verdankt 
seine besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem Moment, 
das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll, erstens, 
daß es die erste Identifizierung ist, die vorfiel, solange das 
Ich noch schwach war, und zweitens, daß es der Erbe des 
Ödipuskomplexes ist, also die großartigsten Objekte ins Ich 
einfühlte. Es verhält sich gewissermaßen zu den späteren Ich- 
veränderungen wie die primäre Sexualphase der Kindheit 
zum späteren Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen 
späteren Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den 
Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem Vater- 
komplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich dem Ich 
entgegenzustellen und es zu meistern. Es ist das Denkmal 
der einstigen Schwäche und Abhängigkeit des Ichs und setzt 
seine Herrschaft auch über das reife Ich fort. Wie das Kind 
unter dem Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so 
unterwirft sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines 
Über-Ichs. 

Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen des Es, 
also vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für das Über-Ich 
noch mehr. Sie bringt es, wie wir bereits ausgeführt haben, 
in Beziehung zu den phylogenetischen Erwerbungen des 
Es und macht es zur Reinkarnation früherer Ichbildungen, 
die ihre Niederschläge im Es hinterlassen haben. Somit steht 
das Über-Ich dem Es dauernd nahe und kann dem Ich 






Das Ich und das Es 379 



gegenüber dessen Vertretung führen. Es taucht tief ins Es 
ein, ist dafür entfernter vom Bewußtsein als das Ich 19 . 

Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn wir 
uns gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die längst 
keine Neuheit sind, aber ihrer theoretischen Verarbeitung 
noch warten. 

Es gibt Personen, die sich in der analytischen Arbeit ganz 
sonderbar benehmen. Wenn man ihnen Hoffnung gibt und 
ihnen Zufriedenheit mit dem Stand der Behandlung zeigt, 
scheinen sie unbefriedigt und verschlechtern regelmäßig ihr 
Befinden. Man hält das anfangs für Trotz und Bemühen, 
dem Arzt ihre Überlegenheit zu bezeugen. Später kommt 
man zu einer tieferen und gerechteren Auffassung. Man über- 
zeugt sich nicht nur, daß diese Personen kein Lob und keine 
Anerkennung vertragen, sondern, daß sie auf die Fortschritte 
der Kur in verkehrter Weise reagieren. Jede Partiallösung, 
die eine Besserung oder zeitweiliges Aussetzen der Symptome 
zur Folge haben sollte und bei anderen auch hat, ruft bei 
ihnen eine momentane Verstärkung ihres Leidens hervor, sie 
verschlimmern sich während der Behandlung, anstatt sich zu 
bessern. Sie zeigen die sogenannte negative thera- 
peutische Reaktion. 

Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung 
widersetzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr gefürchtet 
wird. Man sagt, bei diesen Personen hat nicht der Genesungs- 
wille, sondern das Krankheitsbedürfnis die Oberhand. 
Analysiert man diesen Widerstand in gewohnter Weise, zieht 
die Trotzeinstellung gegen den Arzt, die Fixierung an die 
Formen des Krankheitsgewinnes von ihm ab, so bleibt doch 
das meiste noch bestehen und dies erweist sich als das 

19) Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder meta- 
psychologische Ich steht auf dem Kopf wie das anatomische, das 
Gehirnmännchen. 



380 Das Ich und das Es 



stärkste Hindernis der Wiederherstellung, stärker als die uns 
bereits bekannten der narzißtischen Unzugänglichkeit, der 
negativen Einstellung gegen den Arzt und des Haftens am 
Krankheitsgewinne. 

Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um einen 
sozusagen „moralischen" Faktor handelt, um ein Schuld- 
gefühl, welches im Kranksein seine Befriedigung findet und 
auf die Strafe des Leidens nicht verzichten will. An dieser 
wenig tröstlichen Aufklärung darf man endgültig festhalten. 
Aber dies Schuldgefühl ist für den Kranken stumm, es sagt 
ihm nicht, daß er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig, 
sondern krank. Dies Schuldgefühl äußert sich nur als schwer 
reduzierbarer Widerstand gegen die Herstellung. Es ist auch 
besonders schwierig, den Kranken von diesem Motiv seines 
Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich an die näher 
liegende Erklärung halten, daß die analytische Kur nicht 
das richtige Mittel ist, ihm zu helfen 20 . 



20) Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuld- 
gefühls wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann 
direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts anderes, als daß man 
langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt, wobei 
es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt. Eine 

«dSLlJ ??£ d£r B " in ? ussun S gewinnt man, wenn dies 
«^Schuldgefühl ein entlehntes ist, das heißt das Ergebnis 
der Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal Objekt 
einer erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuld- 
gefühls ist oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufge- 
gebenen Liebesbeziehung. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei 
Melancholie ist dabei unverkennbar. Kann man diese einstige 
Objektbesetzung hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist 
die therapeutische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der 
Ausgang der therapeutischen Bemühung keineswegs gesichert. Er 
hängt in erster Linie von der Intensität des Schuldgefühls ab, 
welcher die Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größen- 
ordnung entgegenstellen kann. Vielleicht auch davon, ob die 
Person des Analytikers es zuläßt, daß sie vom Kranken an die 
Stelle seines Ichideals gesetzt werde, womit die Versuchung ver- 



Das leb und das Es 381 



Was hier beschrieben wurde, entspricht den extremsten 
Vorkommnissen, dürfte aber in geringerem Ausmaß für sehr 
viele, vielleicht für alle schwereren Fälle von Neurose in 
Betracht kommen. Ja, noch mehr, vielleicht ist es gerade 
dieser Faktor, das Verhalten des Ichideals, der die Schwere 
einer neurotischen Erkrankung maßgebend bestimmt. Wir 
wollen darum einigen weiteren Bemerkungen über die 
Äußerung des Schuldgefühls unter verschiedenen Bedingungen 
nicht aus dem Wege gehen. 

Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet der 
Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der Spannung 
zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der Ausdruck einer 
Verurteilung des Ichs durch seine kritische Instanz. Die be- 
kannten Minderwertigkeitsgefühle der Neurotiker dürften 
nicht weit davon abliegen. In zwei uns wohlvertrauten 
AfTektionen ist das Schuldgefühl überstark bewußt; das Ich- 
ideal zeigt dann eine besondere Strenge und wütet gegen das 
Ich oft in grausamer Weise. Neben dieser Übereinstimmung 
ergeben sich bei den beiden Zuständen, Zwangsneurose und 
Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten des Ichideals, 
die nicht minder bedeutungsvoll sind. 

Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen derselben) ist das 
Schuldgefühl überlaut, kann sich aber vor dem Ich nicht 
rechtfertigen. Das Ich des Kranken sträubt sich daher gegen 
die Zumutung, schuldig zu sein, und verlangt vom Arzt, in 
seiner Ablehnung dieser Schuldgefühle bestärkt zu werden. 



blinden ist, gegen den Kranken die Rolle des Propheten, Seclen- 
retters, Heilands zu spielen. Da die Regeln der Analyse einer 
solchen Verwendung der ärztlichen Persönlichkeit entschieden 
widerstreben, ist ehrlich zuzugeben, daß hier eine neue Schranke 
für die Wirkung der Analyse gegeben ist, die ja die krankhaften 
Reaktionen nicht unmöglich machen, sondern dem Ich des 
Kranken die Freiheit schaffen soll, sich so oder anders zu 
entscheiden. 



382 Das Ich und das Es 



Es wäre töricht, ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos. 
Die Analyse zeigt dann, daß das Über-lch durch Vorgänge 
beeinflußt wird, welche dem Ich unbekannt geblieben sind. 
Es lassen sich wirklich die verdrängten Impulse auffinden, 
welche das Schuldgefühl begründen. Das Über-lch hat hier 
mehr vom unbewußten Es gewußt als das Ich. 

Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-lch das 
Bewußtsein an sich gerissen hat, bei der Melancholie. Aber 
hier wagt das Ich keinen Einspruch, es bekennt sich schuldig 
und unterwirft sich den Strafen. Wir verstehen diesen Unter- 
schied. Bei der Zwangsneurose handelte es sich um anstößige 
Regungen, die außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der 
Melancholie aber ist das Objekt, dem der Zorn des Über- 
Ichs gilt, durch Identifizierung ins Ich aufgenommen worden. 

Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen beiden 
neurotischen AfTektioncn das Schuldgefühl eine so außer- 
ordentliche Stärke erreicht, aber das Hauptproblem der 
Situation liegt doch an anderer Stelle. Wir schieben seine 
Erörterung auf, bis wir die anderen Fälle behandelt haben, 
in denen das Schuldgefühl unbewußt bleibt. 

Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zuständen vom 
hysterischen Typus zu finden. Der Mechanismus des Un- 
bewußtbleibens ist hier leicht zu erraten. Das hysterische Ich 
erwehrt sich der peinlichen Wahrnehmung, die ihm von 
Seiten der Kritik seines Über-Ichs droht, in derselben Weise, 
wie es sich sonst einer unerträglichen Objektbesetzung zu 
erwehren pflegt, durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt 
also am Ich, wenn das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir 
wissen, daß sonst das Ich die Verdrängungen im Dienst und 
Auftrag seines Übcr-Ichs vornimmt; hier ist aber ein Fall, 
wo es sich derselben Waffe gegen seinen gestrengen Herrn 
bedient. Bei der Zwangsneurose überwiegen bekanntlich die 
Phänomene der Reaktionsbildung; hier gelingt dem Ich nur 



Das Ich und das Es 383 

die Fernhaltung des Materials, auf welches sich das Schuld- 
gefühl bezieht. 

Man kann weiter gehen und die Voraussetzung wagen, daß 
ein großes Stück des Schuldgefühls normalerweise unbewußt 
sein müsse, weil die Entstehung des Gewissens innig an den 
Ödipuskomplex geknüpft ist, welcher dem Unbewußten an- 
gehört. Würde jemand den paradoxen Satz vertreten wollen, 
daß der normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist, 
als er glaubt, sondern auch viel moralischer, als er weiß, so 
hätte die Psychoanalyse, auf deren Befunden die erste Hälfte 
der Behauptung ruht, auch gegen die zweite Hälfte nichts 
einzuwenden 21 . 

Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine Steigerung 
dieses ubw Schuldgefühls den Menschen zum Verbrecher 
machen kann. Aber es ist unzweifelhaft so. Es läßt sich bei 
vielen, besonders jugendlichen Verbrechern, ein mächtiges 
Schuldgefühl nachweisen, welches vor der Tat bestand, also 
nicht deren Folge, sondern deren Motiv ist, als ob es als 
Erleichterung empfunden würde, dies unbewußte Schuld- 
gefühl an etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu können. 

In all diesen Verhältnissen erweist das Uber-Ich seine 
Unabhängigkeit vom bewußten Ieh und seine innigen Be- 
ziehungen zum unbewußten Es. Nun erhebt sich mit Rück- 
sicht auf die Bedeutung, die wir den vorbewußten Wort- 
resten im Ich zugeschrieben haben, die Frage, ob das Uber- 
Ich, wenn es ubw ist, nicht aus solchen Wortvorstellungen, 
oder aus was sonst es besteht. Die bescheidene Antwort wird 
lauten, daß das Über-Ich auch seine Herkunft aus Gehörtem 
unmöglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs und 

11) Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt 
einfach, daß die Natur des Menschen im Guten wie im Bösen weit 
über das hinausgeht, was er von sich glaubt, das heißt was seinem 
Ich durch Bewußtseinswahrnehmung bekannt ist. 



384 Das Ich und das Es 



bleibt von diesen Wortvorstellungen (Begriffen, Abstraktionen) 
her dem Bewußtsein zugänglich, aber die Besetzungsenergie 
wird diesen Inhalten des Über-Ichs nicht von der Hörwahr- 
nehmung, dem Unterricht, der Lektüre, sondern von den 
Quellen im Es zugeführt. 

Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt hatten, 
lautet: wie geht es zu, daß das Uber-Ich sich wesentlich als 
Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuldgefühl ist die dieser 
Kritik entsprechende Wahrnehmung im Ich) äußert und dabei 
eine so außerordentliche Härte und Strenge gegen das Ich 
entfaltet. Wenden wir uns zunächst zur Melancholie, so 
finden wir, daß das überstarke Uber-Ich, welches das Be- 
wußtsein an sich gerissen hat, gegen das Ich mit schonungs- 
loser Heftigkeit wütet, ais ob es sich des ganzen im 
Individuum verfügbaren Sadismus bemächtigt hätte. Nach 
unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen, die 
destruktive Komponente habe sich im Uber-Ich abgelagert 
und gegen das Ich gewendet. Was nun im Über-Ich herrscht, 
ist wie eine Reinkultur des Todestriebes, und wirklich 
gelingt es diesem oft genug, das Ich in den Tod zu treiben, 
wenn das Ich sich nicht vorher durch den Umschlag in 
Manie seines Tyrannen erwehrt. 

Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissensvor- 
würfe bei bestimmten Formen der Zwangsneurose, aber die 
Situation ist hier weniger durchsichtig. Es ist im Gegensatz 
zur Melancholie bemerkenswert, daß der Zwangskranke 
eigentlich niemals den Schritt der Selbsttötung macht, er ist 
wie immun gegen die Selbstmordgefahr, weit besser dagegen 
geschützt als der Hysteriker. Wir verstehen, es ist die Erhal- 
tung des Objekts, die die Sicherheit des Ichs verbürgt. Bei 
der Zwangsneurose ist es durch eine Regression zur prägeni- 
talen Organisation möglich geworden, daß die Liebesimpulse 
sich in Aggressionsimpulse gegen das Objekt umsetzen. 



Das Ich und das Es 385 



Wiederum ist der Destrukionsbetrieb frei geworden und 
will das Objekt vernichten, oder es hat wenigstens den An- 
schein, als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Ten- 
denzen nicht aufgenommen, es sträubt sich gegen sie mit 
Reaktionsbildungen und Vorsichtsmaßregeln; sie verbleiben 
im Es. Das Über-Ich aber benimmt sich, als wäre das Ich für 
sie verantwortlich, und zeigt uns gleichzeitig durch den Ernst, 
mit dem es diese Vernichtungsabsichten verfolgt, daß es sich 
nicht um einen durch die Regression hervorgerufenen An- 
schein, sondern um wirklichen Ersatz von Liebe durch Haß 
handelt. Nach beiden Seiten hilflos, wehrt sich das Ich ver- 
geblich gegen die Zumutungen des mörderischen Es wie gegen 
die Vorwürfe des strafenden Gewissens. Es gelingt ihm, 
gerade die gröbsten Aktionen beider zu hemmen, das Er- 
gebnis ist zunächst eine endlose Selbstqual und in der weiteren 
Entwicklung eine systematische Quälerei des Objekts, wo 
dies zugänglich ist. 

Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum auf 
verschiedene Weise behandelt, teils durch Mischung mit 
erotischen Komponenten unschädlich gemacht, teils als 
Aggression nach außen abgelenkt, zum großen Teil setzen 
sie gewiß unbehindert ihre innere Arbeit fort. Wie kommt 
es nun, daß bei der Melancholie das Über-Ich zu einer Art 
Sammelstätte der Todestriebe werden kann? 

Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der Moralität, 
kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, das Ich ist 
bemüht, moralisch zu sein, das Über-Ich kann hypermoralisch 
und dann so grausam werden wie nur das Es. Es ist merk- 
würdig, daß der Mensch, je mehr er seine Aggression nach 
außen einschränkt, desto strenger, also aggressiver in seinem 
Ichideal wird. Der gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies 
umgekehrt, sie sieht in der Forderung des Ichideals das 
Motiv für die Unterdrückung der Aggression. Die Tatsache 

Freud, Theoretische Schriften 25 



386 Das Ich und das Es 



bleibt aber, wie wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein 
Mensch seine Aggression meistert, desto mehr steigert sich 
die Aggressionsneigung seines Ideals gegen sein Ich. Es ist 
wie eine Verschiebung, eine Wendung gegen das eigene Ich. 
Schon die gemeine, normale Moral hat den Charakter des 
hart Einschränkenden, grausam Verbietenden. Daher stammt 
ja die Konzeption des unerbittlich strafenden höheren 
Wesens. 

Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern, 
ohne eine neue Annahme einzuführen. Das Über-Ich ist ja 
durch eine Identifizierung mit dem Vatervorbild entstanden. 
Jede solche Identifizierung hat den Charakter einer De- 
sexualisierung oder selbst Sublimierung. Es scheint nun, daß 
bei einer solchen Umsetzung auch eine Triebentmischung 
stattfindet. Die erotische Komponente hat nach der Subli- 
mierung nicht mehr die Kraft, die ganze hinzugesetzte De- 
struktion zu binden, und diese wird als Aggressions- und 
Destruktionsneigung frei. Aus dieser Entmischung würde das 
Ideal überhaupt den harten, grausamen Zug des gebieteri- 
schen Sollens beziehen. 

Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose. Hier 
liegen die Verhältnisse anders. Die Entmischung der Liebe 
zur Aggression ist nicht durch eine Leistung des Ichs zu- 
stande gekommen, sondern die Folge einer Regression, die 
sich im Es vollzogen hat. Aber dieser Vorgang hat vom Es 
auf das Über-Ich übergegriffen, welches nun seine Strenge 
gegen das unschuldige Ich verschärft. In beiden Fällen würde 
aber das Ich, welches die Libido durch Identifizierung be- 
wältigt hat, dafür die Strafe durch die der Libido beige- 
mengte Aggression vom Uber-Ich her erleiden. 

Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu klären, 
seine verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit zu gewin- 
nen. Wir sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und in seinen 



Das Ich und das Es 387 



Schwächen. Es ist mit wichtigen Funktionen betraut, kraft 
seiner Beziehung zum Wahrnehmungssystem stellt es die 
zeitliche Anordnung der seelischen Vorgänge her und unter- 
zieht dieselben der Realitätsprüfung. Durch die Einschaltung 
der Denkvorgänge erzielt es einen Aufschub der motorischen 
Entladungen und beherrscht die Zugänge zur Motilität. 
Letztere Herrschaft ist allerdings mehr formal als faktisch, 
das Ich hat in der Beziehung zur Handlung etwa die Stel- 
lung eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sank- 
tion nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über- 
legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments sein Veto 
einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen Lebenserfahrungen 
von außen; das Es aber ist seine andere Außenwelt, die es 
sich zu unterwerfen strebt. Es entzieht dem Es Libido, bildet 
die Objektbesetzungen des Es zu Ichgestaltungen um. Mit 
Hilfe des Über-Ichs schöpft es in einer für uns noch dunklen 
Weise aus den im Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit. 

Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es ins Ich 
eindringen kann. Der eine ist der direkte, der andere führt 
über das Ichideal, und es v mag für manche seelische Tätig- 
keiten entscheidend sein, auf welchem der beiden Wege sie 
erfolgen. Das Ich entwickelt sich von der Triebwahr- 
nehmung zur Triebbeherrschung, vom Triebgehorsam zur 
Triebhemmung. An dieser Leistung hat das Ichideal, das ja 
zum Teil eine Reaktionsbildung gegen die Triebvorgänge des 
Es ist, seinen starken Anteil. Die Psychoanalyse ist ein Werk- 
zeug, welches dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es 
ermöglichen soll. 

Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes Ding, 
welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und dem- 
zufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, 
von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der 
Strenge des Über-Ichs. Dreierlei Arten von Angst entsprechen 

25* 



3 SS Das Ich und das Es 



diesen drei Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines 
Rückzuges vor der Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich 
zwischen der Welt und dem Es vermitteln, das Es der Welt 
gefügig machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen 
dem Es-Wunsch gerecht machen. Es benimmt sich eigentlich 
wie der Arzt in einer analytischen Kur, indem es sich selbst 
mit seiner Rücksichtnahme auf die reale Welt dem Es als 
Libidoobjekt empfiehlt und dessen Libido auf sich lenken 
will. Es ist nicht nur der Helfer des Es, auch sein unter- 
würfiger Knecht, der um die Liebe seines Herrn wirbt. Es 
sucht, wo möglich, im Einvernehmen mit dem Es zu bleiben, 
überzieht dessen ubw Gebote mit seinen vbw Rationalisie- 
rungen, spiegelt den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen 
der Realität vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig 
geblieben ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität 
und wo möglich auch die mit dem Über-Ich. In seiner Mittel- 
stellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur zu oft 
der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch und lüg- 
nerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann, der bei guter 
Einsicht sich doch in der Gunst der öffentlichen Meinung 
behaupten will. 

Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht unparteiisch. 
Durch seine Identifizierungs- und Sublimierungsarbeit leistet 
es den Todestrieben im Es Beistand zur Bewältigung der 
Libido, gerät aber dabei in Gefahr, zum Objekt der Todes- 
triebe zu werden und selbst umzukommen. Es hat sich zu 
Zwecken der Hilfeleistung selbst mit Libido erfüllen müssen, 
wird dadurch selbst Vertreter des Eros und will nun leben 
und geliebt werden. 

Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebentmischung 
und Freiwerden der Aggressionstriebe im Über-Ich zur Folge 
hat, liefert es sich durch seinen Kampf gegen die Libido der 
Gefahr der Mißhandlung und des Todes aus. Wenn das Ich 



/ 



Das Ich und das Es 389 



unter der Aggression des Uber-Ichs leidet oder selbst erliegt, 
so ist sein Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten, die 
an den Zersetzungsprodukten zugrunde gehen, die sie selbst 
geschaffen haben. Als solches Zersetzungsprodukt im ökono- 
mischen Sinne erscheint uns die im Uber-Ich wirkende 
Moral. 

Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die vom 
Über-Ich die interessanteste. 

Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den dreierlei 
Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den Fluchtreflex, indem 
es seine eigene Besetzung von der bedrohlichen Wahrneh- 
mung oder dem ebenso eingeschätzten Vorgang im Es zu- 
rückzieht und als Angst ausgibt. Diese primitive Reaktion 
wird später durch Aufführung von Schutzbesetzungen abge- 
löst (Mechanismus der Phobien). Was das Ich von der äußeren 
und von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht 
angeben; wir wissen, es ist Überwältigung oder Vernichtung, 
aber es ist analytisch nicht zu fassen. Das Ich folgt einfach 
der Warnung des Lustprinzips. Hingegen läßt sich sagen, 
was sich hinter der Angst des Ichs vor dem Uber-Ich, der 
Gewissensangst, verbirgt. Vom höheren Wesen, welches zum 
Ichideal wurde, drohte einst die Kastration und diese Kastra- 
tionsangst ist wahrscheinlich der Kern, um den sich die 
spätere Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als Ge- 
wissensangst fortsetzt. 

Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich Todesangst, 
schließt kaum einen Sinn ein, ist jedenfalls nicht zu recht- 
fertigen. Es scheint mir vielmehr durchaus richtig, die Todes- 
angst von der Objekt-(Real-) Angst und von der neuroti- 
schen Libidoangst zu sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein 
schweres Problem auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff 
von negativem Inhalt, für den eine unbewußte Entsprechung 
nicht zu finden ist. Der Mechanismus der Todesangst könnte 



39° Das Ich und das Es 



nur sein, daß das Ich seine narzißtische Libidobesetzung in 
reichlichem Ausmaß entläßt, also sich selbst aufgibt, wie 
sonst im Angstfalle ein anderes Objekt. Ich meine, daß die 
Todesangst sich zwischen Ich und Uber-Ich abspielt. 

Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter zwei 
Bedingungen, die übrigens denen der sonstigen Angstentwick- 
lung durchaus analog sind, als Reaktion auf eine äußere 
Gefahr und als inneren Vorgang, zum Beispiel bei Melan- 
cholie. Der neurotische Fall mag uns wieder einmal zum Ver- 
ständnis des realen verhelfen. 

Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine Er- 
klärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich vom Uber- 
Ich gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt. Leben ist also 
für das Ich gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Uber- 
Ich geliebt werden, das auch hier als Vertreter des Es auftritt. 
Das Uber-Ich vertritt dieselbe schützende und rettende Funk- 
tion wie früher der Vater, später die Vorsehung oder das 
Schicksal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen, 
wenn es sich in einer übergroßen realen Gefahr befindet, die 
es aus eigenen Kräften nicht glaubt überwinden zu können. 
Es sieht sich von allen schützenden Mächten verlassen und 
läßt sich sterben. Es ist übrigens immer noch dieselbe 
Situation, die dem ersten großen Angstzustand der Geburt 
und der infantilen Sehnsucht-Angst zugrunde lag, die der 
Trennung von der schützenden Mutter. 

Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todesangst 
wie die Gewissensangst als Verarbeitung der Kastrationsangst 
aufgefaßt werden. Bei der großen Bedeutung des Schuld- 
gefühls für die Neurosen ist es auch nicht von der Hand zu 
weisen, daß die gemeine neurotische Angst in schweren Fällen 
eine Verstärkung durch die Angstentwicklung zwischen Ich 
und Uber-Ich (Kastrations-, Gewissens-, Todesangst) erfährt. 
Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat keine 



Das Ich und das Es 391 



Mittel, dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen. Es kann nicht 
sagen, was es will; es hat keinen einheitlichen Willen zu- 
stande gebracht. Eros und Todestrieb kämpfen in ihm; wir 
haben gehört, mit welchen Mitteln sich die einen Triebe 
gegen die anderen zur Wehre setzen. Wir könnten es so dar- 
stellen, als ob das Es unter der Herrschaft der stummen, aber 
mächtigen Todestriebe stünde, die Ruhe haben und den 
Störenfried Eros nach den Winken des Lustprinzips zur Ruhe 
bringen wollen, aber wir besorgen, doch dabei die Rolle des 
Eros zu unterschätzen. 












NOTIZ ÜBER DEN 
„WUNDERBLOCK" 

0925) 

Wenn ich meinem Gedächtnis mißtraue — der Neurotiker 
tut dies bekanntlich in auffälligem Ausmaße, aber auch der 
Normale hat allen Grund dazu — so kann ich dessen Funk- 
tion ergänzen und versichern, indem ich mir eine schriftliche 
Aufzeichnung mache. Die Fläche, welche diese Aufzeichnung 
bewahrt, die Schreibtafel oder das Blatt Papier, ist dann 
gleichsam ein materialisiertes Stück des Erinnerungsapparates, 
uen ich sonst unsichtbar in mir trage. Wenn ich mir nur den 
Ort merke, an dem die so fixierte „Erinnerung« unter- 
gebracht ist, so kann ich sie jederzeit nach Belieben „repro- 
duzieren" und bin sicher, daß sie unverändert geblieben, 
also den Entstellungen entgangen ist, die sie vielleicht in 
meinem Gedächtnis erfahren hätte. 

Wenn ich mich dieser Technik zur Verbesserung meiner 
Gedächtnisfunktion in ausgiebiger Weise bedienen will, 
bemerke ich, daß mir zwei verschiedene Verfahren zu Gebote 
stehen. Ich kann erstens eine Schreibfläche wählen, welche 
die ihr anvertraute Notiz unbestimmt lange unversehrt be- 
wahrt, also ein Blatt Papier, das ich mit Tinte beschreibe. Ich 



Notiz über den „Wunder block" 393 

erhalte dann eine „dauerhafte Erinnerungsspur". Der Nach- 
teil dieses Verfahrens besteht darin, daß die Aufnahmsfähig- 
keit der Schreibfläche sich bald erschöpft. Das Blatt ist voll- 
geschrieben, hat keinen Raum für neue Aufzeichnungen und 
ich sehe mich genötigt, ein anderes noch unbeschriebenes 
Blatt in Verwendung zu nehmen. Auch kann der Vorzug 
dieses Verfahrens, das eine „Dauerspur" liefert, seinen Wert 
für mich verlieren, nämlich wenn mein Interesse an der Notiz 
nach einiger Zeit erloschen ist und ich sie nicht mehr „im 
Gedächtnis behalten" will. Das andere Verfahren ist von 
beiden Mängeln frei. Wenn ich zum Beispiel mit Kreide auf 
eine Schiefertafel schreibe, so habe ich eine Aufnahmsfläche, 
die unbegrenzt lange aufnahmsfähig bleibt und deren Auf- 
zeichnungen ich zerstören kann, sobald sie mich nicht mehr 
interessieren, ohne die Schreibfläche selbst verwerfen zu 
müssen. Der Nachteil ist hier, daß ich eine Dauerspur nicht 
erhalten kann. Will ich neue Notizen auf die Tafel bringen, 
so muß ich die, mit denen sie bereits bedeckt ist, wegwischen. 
Unbegrenzte Aufnahmsfähigkeit und Erhaltung von Dauer- 
spuren scheinen sich also für die Vorrichtungen, mit denen 
wir unser Gedächtnis substituieren, auszuschließen, es muß 
entweder die aufnehmende Fläche erneut oder die Aufzeich- 
nung vernichtet werden. 

Die Hilfsapparate, welche wir zur Verbesserung oder Ver- 
stärkung unserer Sinnesfunktionen erfunden haben, sind alle 
so gebaut wie das Sinnesorgan selbst oder Teile desselben 
(Brille, photographische Kamera, Hörrohr usw.). An diesem 
Maß gemessen, scheinen die Hilfsvorrichtungen für unser 
Gedächtnis besonders mangelhaft zu sein, denn unser seeli- 
scher Apparat leistet gerade das, was diese nicht können; 
er ist in unbegrenzter Weise aufnahmsfähig für immer neue 
Wahrnehmungen und schafft doch dauerhafte — wenn auch 
nicht unveränderliche — Erinnerungsspuren von ihnen. Ich 



394 Notiz über den „Wunder block" 

habe schon in der „Traumdeutung" 1900 die Vermutung aus- 
gesprochen, daß diese ungewöhnliche Fähigkeit auf die 
Leistung zweier verschiedener Systeme (Organe des seelischen 
Apparates) aufzuteilen sei. Wir besäßen ein System W-Bw, 
welches die Wahrnehmungen aufnimmt, aber keine Dauer- 
spur von ihnen bewahrt, so daß es sich gegen jede neue 
Wahrnehmung wie ein unbeschriebenes Blatt verhalten kann. 
Die Dauerspuren der aufgenommenen Erregungen kämen in 
dahinter gelegenen „Erinnerungssystemen" zustande. Später 
(„Jenseits des Lustprinzips") habe ich die Bemerkung hinzu- 
gefügt, das unerklärliche Phänomen des Bewußtseins entstehe 
im Wahrnehmungssystem an Stelle der Dauerspuren. 

Vor einiger Zeit ist nun unter dem Namen Wunder- 
block ein kleines Gerät in den Handel gekommen, das 
mehr zu leisten verspricht als das Blatt Papier oder die 
Schiefertafel. Es will nicht mehr sein als eine Schreibtafel, 
von der man die Aufzeichnungen mit einer bequemen Han- 
tierung entfernen kann. Untersucht man es aber näher, so 
findet man in seiner Konstruktion eine bemerkenswerte 
Übereinstimmung mit dem von mir supponierten Bau unseres 
Wahrnehmungsapparats und überzeugt sich, daß es wirklich 
beides liefern kann, eine immer bereite Aufnahmsfläche und 
Dauerspuren der aufgenommenen Aufzeichnungen. 

Der Wunderblock ist eine in einen Papierrand gefaßte 
Tafel aus dunkelbräunlicher Harz- oder Wachsmasse, über 
welche ein dünnes, durchscheinendes Blatt gelegt ist, am 
oberen Ende an der Wachstafel fest haftend, am unteren ihr 
frei anliegend. Dieses Blatt ist der interessantere Anteil des 
kleinen Apparats. Es besteht selbst aus zwei Schichten, die 
außer an den beiden queren Rändern von einander abge- 
hoben werden können. Die obere Schicht ist eine durch- 
sichtige Zelluloidplatte, die untere ein dünnes, also durch- 
scheinendes Wachspapier. Wenn der Apparat nicht gebraucht 



Notiz über den „Wunderblock" 395 

wird, klebt die untere Fläche des Wachspapiers der oberen 
Fläche der Wachstafel leicht an. 

Man gebraucht diesen Wunderblock, indem man die 
Aufschreibung auf der Zelluloidplatte des die Wachstafel 
deckenden Blattes ausführt. Dazu bedarf es keines Bleistifts 
oder einer Kreide, denn das Schreiben beruht nicht darauf, 
daß Material an die aufnehmende Fläche abgegeben wird. Es 
ist eine Rückkehr zur Art, wie die Alten auf Ton- und 
Wachstäfelchen schrieben. Ein spitzer Stilus ritzt die Ober- 
fläche, deren Vertiefungen die „Schrift" ergeben. Beim Wun- 
derblock geschieht dieses Ritzen nicht direkt, sondern unter 
Vermittlung des darüber liegenden Deckblattes. Der Stilus 
drückt an den von ihm berührten Stellen die Unterfläche 
des Wachspapiers an die Wachstafel an und diese Furchen 
werden an der sonst glatten weißlichgrauen Oberfläche des 
Zelluloids als dunkle Schrift sichtbar. Will man die Auf- 
schreibung zerstören, so genügt es, das zusammengesetzte 
Deckblatt von seinem freien unteren Rand her mit leichtem 
Griff von der Wachstafel abzuheben. Der innige Kontakt 
zwischen Wachspapier und Wachstafel an den geritzten 
Stellen, auf dem das Sichtbarwerden der Schrift beruhte, 
wird damit gelöst und stellt sich auch nicht her, wenn die 
beiden einander wieder berühren. Der Wunderblock ist nun 
schriftfrei und bereit, neue Aufzeichnungen aufzunehmen. 

Die kleinen Unvollkommenheiten des Geräts haben für 
uns natürlich kein Interesse, da wir nur dessen Annäherung 
an die Struktur des seelischen Wahrnehmungsapparats ver- 
folgen wollen. 

Wenn man, während der Wunderblock beschrieben ist, 
die Zelluloidplatte vorsichtig vom Wachspapier abhebt, so 
sieht man die Schrift ebenso deutlich auf der Oberfläche des 
letzteren und kann die Frage stellen, wozu die Zelluloidplatte 
des Deckblattes überhaupt notwendig ist. Der Versuch zeigt 



396 Notiz über den „Wunderblock" 

dann, daß das dünne Papier sehr leicht in Falten gezogen 
oder zerrissen werden würde, wenn man es direkt mit dem 
Stilus beschriebe. Das Zelluloidblatt ist also eine schützende 
Hülle für das Wachspapier, die schädigende Einwirkungen 
von außen abhalten soll. Das Zelluloid ist ein „Reizschutz"; 
die eigentlich reizaufnehmende Schicht ist das Papier. Ich 
darf nun darauf hinweisen, daß ich im „Jenseits des Lust- 
prinzips" ausgeführt habe, unser seelischer Wahrnehmungs- 
apparat bestehe aus zwei Schichten, einem äußeren Reiz- 
schutz, der die Größe der ankommenden Erregungen herab- 
setzen soll, und aus der reizaufnehmenden Oberfläche dahin- 
ter, dem System W-Bw. 

Die Analogie hätte nicht viel Wert, wenn sie sich nicht 
weiter verfolgen ließe. Hebt man das ganze Deckblatt — 
Zelluloid und Wachspapier — von der Wachstafel ab, so 
verschwindet die Schrift und stellt sich, wie erwähnt, auch 
später nicht wieder her. Die Oberfläche des Wunderblocks 
ist schriftfrei und von neuem aufnahmsfähig. Es ist aber 
leicht festzustellen, daß die Dauerspur des Geschriebenen auf 
der Wachstafel selbst erhalten bleibt und bei geeigneter Be- 
lichtung lesbar ist. Der Block liefert also nicht nur eine 
immer von neuem verwendbare Aufnahmsfläche wie die 
Schiefertafel, sondern auch Dauerspuren der Aufschreibung 
wie der gewöhnliche Papierblock; er löst das Problem, die 
beiden Leistungen zu vereinigen, indem er sie auf zwei 
gesonderte, mit einander verbundene Be- 
standteile — Systeme — verteilt. Das ist aber 
ganz die gleiche Art, wie nach meiner oben erwähnten An- 
nahme unser seelischer Apparat die Wahrnehmungsfunktion 
erledigt. Die reizaufnehmende Schicht — das System W-Bw 
— bildet keine Dauerspuren, die Grundlagen der Erinnerung 
kommen in anderen, anstoßenden Systemen zustande. 

Es braucht uns dabei nicht zu stören, daß die Dauerspuren 



Notiz über den „Wunderblock" 397 

der empfangenen Aufzeichnungen beim Wunderblock nicht 
verwertet werden; es genügt, daß sie vorhanden sind. Irgend- 
wo muß ja die Analogie eines solchen Hilfsapparats mit dem 
vorbildlichen Organ ein Ende finden. Der Wunderblock 
kann ja auch nicht die einmal verlöschte Schrift von innen 
her wieder „reproduzieren"; er wäre wirklich ein Wunder- 
block, wenn er das wie unser Gedächtnis vollbringen könnte. 
Immerhin erscheint es mir jetzt nicht allzu gewagt, das aus 
Zelluloid und Wachspapier bestehende Deckblatt mit dem 
System W-Bw und seinem Reizschutz, die Wachstafel mit 
dem Unbewußten dahinter, das Sichtbarwerden der Schrift 
und ihr Verschwinden mit dem Aufleuchten und Vergehen 
des Bewußtseins bei der Wahrnehmung gleichzustellen. Ich 
gestehe aber, daß ich geneigt bin, die Vergleichung noch 
weiter zu treiben. 

Beim Wunderblock verschwindet die Schrift jedesmal, 
wenn der innige Kontakt zwischen dem den Reiz empfan- 
genden Papier und der den Eindruck bewahrenden Wachs- 
tafel aufgehoben wird. Das trifft mit einer Vorstellung zu- 
sammen, die ich mir längst über die Funktionsweise des 
seelischen Wahrnehmungsapparats gemacht, aber bisher für 
mich behalten habe. Ich habe angenommen, daß Besetzungs- 
innervationen in raschen periodischen Stößen aus dem Inne- 
ren in das völlig durchlässige System W-Bw geschickt und 
wieder zurückgezogen werden. Solange das System in solcher 
Weise besetzt ist, empfängt es die von Bewußtsein begleiteten 
Wahrnehmungen und leitet die Erregung weiter in die un- 
bewußten Erinnerungssysteme; sobald die Besetzung zurück- 
gezogen wird, erlischt das Bewußtsein und die Leistung des 
Systems ist sistiert. Es wäre so, als ob das Unbewußte mittels 
des Systems W-Bw der Außenwelt Fühler entgegenstrecken 
würde, die rasch zurückgezogen werden, nachdem sie deren 
Erregungen verkostet haben. Ich ließ also die Unterbrechun- 






. 



39 8 Notiz über den „Wunderblock" 



gen, die beim Wunderblock von außen her geschehen, durch 
die Diskontinuität der Innervationsströmung zustande kom- 
men, und an Stelle einer wirklichen Kontaktaufhebung stand 
in meiner Annahme die periodisch eintretende Unerregbar- 
keit des Wahrnehmungssystems. Ich vermutete ferner, daß 
diese diskontinuierliche Arbeitsweise des Systems W-Bw der 
Entstehung der Zeitvorstellung zugrunde liegt. 

Denkt man sich, daß während eine Hand die Oberfläche 
des Wunderblocks beschreibt, eine andere periodisch das 
Deckblatt desselben von der Wachstafel abhebt, so wäre das 
eine Versinnlichung der Art, wie ich mir die Funktion 
unseres seelischen Wahrnehmungsapparats vorstellen wollte. 












■ 






DIE VERNEINUNG 

(ms) 



Die Art, wie unsere Patienten ihre Einfälle während der 
analytischen Arbeit vorbringen, gibt uns Anlaß zu einigen 
interessanten Beobachtungen. „Sie werden jetzt denken, ich 
will etwas Beleidigendes sagen, aber ich habe wirklich nicht 
diese Absicht. " Wir verstehen, das ist die Abweisung eines 
eben auftauchenden Einfalles durch Projektion. Oder „Sie 
fragen, wer diese Person im Traum sein kann. Die Mutter ist 
es nicht." Wir berichtigen: Also ist es die Mutter. Wir 
nehmen uns die Freiheit, bei der Deutung von der Verneinung 
abzusehen und den reinen Inhalt des Einfalls herauszugreifen. 
Es ist so, als ob der Patient gesagt hätte: „Mir ist zwar die 
Mutter zu dieser Person eingefallen, aber ich habe keine Lust, 
diesen Einfall gelten zu lassen." 

Gelegentlich kann man sich eine gesuchte Aufklärung über 
das unbewußte Verdrängte auf eine sehr bequeme Weise ver- 
schaffen. Man fragt: Was halten Sie wohl für das Aller- 
unwahrscheinlichste in jener Situation? Was, meinen Sie, ist 
Ihnen damals am fernsten gelegen? Geht der Patient in die 
Falle und nennt das, woran er am wenigsten glauben kann, so 
hat er damit fast immer das Richtige zugestanden. Ein 






400 Die Verneinung 



hübsches Gegenstück zu diesem Versuch stellt sich oft beim 
Zwangsneurotiker her, der bereits in das Verständnis seiner 
Symptome eingeführt worden ist. „Ich habe eine neue 
Zwangsvorstellung bekommen. Mir ist sofort dazu einge- 
fallen, sie könnte dies Bestimmte bedeuten. Aber nein, das 
kann ja nicht wahr sein, sonst hätte es mir nicht einfallen 
können." Was er mit dieser der Kur abgelauschten Begrün- 
dung verwirft, ist natürlich der richtige Sinn der neuen 
Zwangsvorstellung. 

Ein verdrängter Vorstellungs- oder Gedankeninhalt kann 
also zum Bewußtsein durchdringen, unter der Bedingung, 
daß er sich verneinen läßt. Die Verneinung ist eine Art, 
das Verdrängte zur Kenntnis zu nehmen, eigentlich schon 
eine Aufhebung der Verdrängung, aber freilich keine An- 
nahme des Verdrängten. Man sieht, wie sich hier die intel- 
lektuelle Funktion vom affektiven Vorgang scheidet. Mit 
Hilfe der Verneinung wird nur die eine Folge des Verdrän- 
gungsvorganges rückgängig gemacht, daß dessen Vorstellungs- 
inhalt nicht zum Bewußtsein gelangt. Es resultiert daraus 
eine Art von intellektueller Annahme des Verdrängten bei 
Fortbestand des Wesentlichen an der Verdrängung 1 . Im 
Verlauf der analytischen Arbeit schaffen wir oft eine andere, 
sehr wichtige und ziemlich befremdende Abänderung der- 
selben Situation. Es gelingt uns, auch die Verneinung zu 
besiegen und die volle intellektuelle Annahme des Verdräng- 
ten durchzusetzen, — der Verdrängungsvorgang selbst ist 
damit noch nicht aufgehoben. 

Da es die Aufgabe der intellektuellen Urteilsfunktion ist, 



i) Derselbe Vorgang liegt dem bekannten Vorgang des 
„Berufens" zugrunde. „Wie schön, daß ich meine Migräne so 
lange nicht gehabt habe!" Das ist aber die erste Ankündigung des 
Anfalls, dessen Herannahen man bereits verspürt, aber noch nicht 
glauben will. 



Die Verneinung 401 



Gedankeninhalte zu bejahen oder zu verneinen, haben uns 
die vorstehenden Bemerkungen zum psychologischen Ur- 
sprung dieser Funktion geführt. Etwas im Urteil verneinen, 
heißt im Grunde: das ist etwas, was ich am liebsten ver- 
drängen möchte. Die Verurteilung ist der intellektuelle Ersatz 
der Verdrängung, ihr Nein ein Merkzeichen derselben, ein 
Ursprungszertifikat etwa wie das „made in Germany". Ver- 
mittels des Verneinungssymbols macht sich das Denken von 
den Einschränkungen der Verdrängung frei und bereichert 
sich um Inhalte, deren es für seine Leistung nicht entbehren 
kann. 

Die Urteilsfunktion hat im wesentlichen zwei Entschei- 
dungen zu treffen. Sie soll einem Ding eine Eigenschaft zu- 
oder absprechen, und sie soll einer Vorstellung die Existenz 
in der Realität zugestehen oder bestreiten. Die Eigenschaft, 
über die entschieden werden soll, könnte ursprünglich gut 
oder schlecht, nützlich oder schädlich gewesen sein. In der 
Sprache der ältesten, oralen Triebregungen ausgedrückt: das 
will ich essen oder will es ausspucken, und in weitergehender 
Übertragung: das will ich in mich einführen und das aus 
mir ausschließen. Also: es soll in mir oder außer mir sein. 
Das ursprüngliche Lust-Ich will, wie ich an anderer Stelle 
ausgeführt habe, alles Gute sich introjizieren, alles Schlechte 
von sich werfen. Das Schlechte, das dem Ich Fremde, das 
Außenbefindliche, ist ihm zunächst identisch 2 . 

Die andere der Entscheidungen der Urteilsfunktion, die 
über die reale Existenz eines vorgestellten Dinges, ist ein 
Interesse des endgültigen Real-Ichs, das sich aus dem an- 
fänglichen Lust-Ich entwickelt. (Realitätsprüfung.) Nun 
handelt es sich nicht mehr darum, ob etwas Wahrgenom- 
menes (ein Ding) ins Ich aufgenommen werden soll oder 

2) Vgl. hiezu die Ausführungen in „Triebe und Triebschicksale" 
[Seite 58 ff dieses Bandes.] 

Freud, Theoretische Schriften 26 



402 Die Verneinung 



nicht, sondern ob etwas im Ich als Vorstellung Vorhan- 
denes auch in der Wahrnehmung (Realität) wiedergefunden 
werden kann. Es ist, wie man sieht, wieder eine Frage des 
Außen und Innen. Das Nichtreale, bloß Vorgestellte, 
Subjektive, ist nur innen; das andere, Reale, auch im 
Draußen vorhanden. In dieser Entwicklung ist die Rück- 
sicht auf das Lustprinzip beiseite gesetzt worden. Die Er- 
fahrung hat gelehrt, es ist nicht nur wichtig, ob ein Ding 
(Befriedigungsobjekt) die „gute" Eigenschaft besitzt, also die 
Aufnahme ins Ich verdient, sondern auch, ob es in der 
Außenwelt da ist, so daß man sich seiner nach Bedürfnis be- 
mächtigen kann. Um diesen Fortschritt zu verstehen, muß 
man sich daran erinnern, daß alle Vorstellungen von Wahr- 
nehmungen stammen, Wiederholungen derselben sind. Ur- 
sprünglich ist also schon die Existenz der Vorstellung eine 
Bürgschaft für die Realität des Vorgestellten. Der Gegensatz 
zwischen Subjektivem und Objektivem besteht nicht von 
Anfang an. Er stellt sich erst dadurch her, daß das Denken 
die Fähigkeit besitzt, etwas einmal Wahrgenommenes durch 
Reproduktion in der Vorstellung wieder gegenwärtig zu 
machen, während das Objekt draußen nicht mehr 
vorhanden zu sein braucht. Der erste und nächste 
Zweck der Realitätsprüfung ist also nicht, ein dem 
Vorgestellten entsprechendes Objekt in der realen 
Wahrnehmung zu finden, sondern es wiederzu- 
finden, sich zu überzeugen, daß es noch vorhanden 
ist. Ein weiterer Beitrag zur Entfremdung zwischen dem 
Subjektiven und dem Objektiven rührt von einer anderen 
Fähigkeit des Denkvermögens her. Die Reproduktion der 
Wahrnehmung in der Vorstellung ist nicht immer deren 
getreue Wiederholung; sie kann durch Weglassungen modi- 
fiziert, durch Verschmelzungen verschiedener Elemente ver- 
ändert sein. Die Realitätsprüfung hat dann zu kontrollieren, 



Die Verneinung 403 

wie weit diese Entstellungen reichen. Man erkennt aber als 
Bedingung für die Einsetzung der Realitätsprüfung, daß 
Objekte verloren gegangen sind, die einst reale Befriedigung 
gebracht hatten. 

Das Urteilen ist die intellektuelle Aktion, die über die 
Wahl der motorischen Aktion entscheidet, dem Denkauf- 
schub ein Ende setzt und vom Denken zum Handeln über- 
leitet. Auch über den Denkaufschub habe ich bereits an 
anderer Stelle gehandelt. Er ist als eine Probeaktion zu be- 
trachten, ein motorisches Tasten mit geringen Abfuhrauf- 
wänden. Besinnen wir uns: wo hatte das Ich ein solches 
Tasten vorher geübt, an welcher Stelle die Technik erlernt, 
die es jetzt bei den Denkvorgängen anwendet? Dies geschah 
am sensorischen Ende des seelischen Apparats, bei den 
Sinneswahrnehmungen. Nach unserer Annahme ist ja die 
"Wahrnehmung kein rein passiver Vorgang, sondern das Ich 
schickt periodisch kleine Besetzungsmengen in das Wahr- 
nehmungssystem, mittels deren es die äußeren Reize ver- 
kostet, um sich nach jedem solchen tastenden Vorstoß wieder 
zurückzuziehen. 

Das Studium des Urteils eröffnet uns vielleicht zum ersten- 
mal die Einsicht in die Entstehung einer intellektuellen 
Funktion aus dem Spiel der primären Triebregungen. Das 
Urteilen ist die zweckmäßige Fortentwicklung der ursprüng- 
lich nach dem Lustprinzip erfolgten Einbeziehung ins Ich 
oder Ausstoßung aus dem Ich. Seine Polarität scheint der 
Gegensätzlichkeit der beiden von uns angenommenen Trieb- 
gruppen zu entsprechen. Die Bejahung — als Ersatz der Ver- 
einigung — gehört dem Eros an, die Verneinung — Nach- 
folge der Ausstoßung — dem Destruktionstrieb. Die allge- 
meine Verneinungslust, der Negativismus mancher Psycho- 
tiker ist wahrscheinlich als Anzeichen der Triebentmischung 
durch Abzug der libidinösen Komponenten zu verstehen. 

26* 






404 Die Verneinung 



Die Leistung der Urteilsfunktion wird aber erst dadurch 
ermöglicht, daß die Schöpfung des Verneinungssymbols dem 
Denken einen ersten Grad von Unabhängigkeit von den 
Erfolgen der Verdrängung und somit auch vom Zwang des 
Lustprinzips gestattet hat. 

Zu dieser Auffassung der Verneinung stimmt es sehr gut, 
daß man in der Analyse kein „Nein" aus dem Unbewußten 
auffindet, und daß die Anerkennung des Unbewußten von 
Seiten des Ichs sich in einer negativen Formel ausdrückt. 
Kein stärkerer Beweis für die gelungene Aufdeckung des 
Unbewußten, als wenn der Analysierte mit dem Satze: Das 
habe ich nicht gedacht, oder: Daran habe ich 
nicht (nie) gedacht, darauf reagiert. 









■ 






INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi- 
schen Geschehens 5 

Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 

in der Psychoanalyse *$ 

Zur Einführung des Narzißmus 25 

Triebe und Triebschicksale 5** 

Die Verdrängung 83 

Das Unbewußte 98 

I. Die Rechtfertigung des Unbewußten 99 

IL Die Vieldeutigkeit des Unbewußten und der topische 

Gesichtspunkt 105 

III. Unbewußte Gefühle 110 

IV. Topik und Dynamik der Verdrängung 114 

V. Die besonderen Eigenschaften des Systems Ubw . 120 

VI. Der Verkehr der beiden Systeme 124 

VII. Die Agnoszierung des Unbewußten 130 

Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre . . . 141 

Trauer und Melancholie 157 

Jenseits des Lustprinzips 178 

Massenpsychologie und Ich-Analyse 248 

I. Einleitung 248 

II. Le Bon's Schilderung der Massenseele 250 

III. Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens . 263 

IV. Suggestion und Libido 270 



406 Inhaltsverzeichnis 



Seite 

V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer . . . 276 

VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen .... 284 

VII. Die Identifizierung 289 

VIII. Verliebtheit und Hypnose 297 

IX. Der Herdentrieb i a 

X. Die Masse und die Urhorde i IX 

XI. Eine Stufe im Ich 31g 

XII. Nachträge ^2$ 

Das Ich und das Es 338 

I. Bewußtsein und Unbewußtes 339 

IL Das Ich und das Es 346 

III. Das Ich und das Ober-Ich (Ichideal) 30c 

IV. Die beiden Triebarten 368 

V. Die Abhängigkeiten des Ichs 377 

Notiz über den „Wunderblock" 392 

Die Verneinung 3 99 



• 















VERLA GSANZ EIGEN 



DIE ZEITSCHRIFTEN 






Internationale Zeitschrift 

| für Psychoanalyse 

_ Offizielles Organ der 

jl Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

B Herausgegeben von 

Sigm. Freud 

Redigiert von M. Eitingon, S. Ferenc^i, S. Radö 

Jährlich 4 Hefte L,exikonoktav im Gesamtumfang 
von etwa öbo Seiten. Abonnement jahrlich M. 28.— 

Im Januar ip31 Besinnt der XVII. Jahrgang 

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lUlfllgO 

Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse 
auf die Natur« und Geisteswissenschaften 

Herausgegeben von 

Sigm. Freud 

Redigiert von Sandor Radö, Hanns Sachs, A. J. Storfer 

Jährlich 4 Hefte Großquart im Gesamtumfang von 
etwa 56b Seiten. Abonnement jährlich M. 22. — 

Im Januar ip31 Beginnt der XVII. Jahrgang 



F.l 



DEM PSYCHOANALYSE 



Psychoanalytische 
Bewegung 

Erscheint zweimonatlich — Hcratissegeben von 
A. J. Storfer 

Jährlich ö Hefte im Gesamtumfang von über öoo Seiten. 
Abonnement jährlich M. lo. — 

Im Januar l?3i besinnt der III. Jahrgang 



Zeitschrift; ftir 

psydioaealytisdhe Pädagogik 

Herausgegeben von 

Paul Federn, Anna Freud, Heinrich Meng, 
Ernst Schneider, A. J. Storfer 

12 Hefte jährlich im Gesamtumfang von etwa 
5oo Seiten. Abonnement M. lo. — 

Im Januar 1?31 Beginnt der V. Jahrgang 









SIGM. FREUD 
Die Zukauft einer Illusion 

Geheftet M. 2.30, in Ganzleinen M. 3.Ö0 

Die religiösen Ideen — führt der Schöpfer der Psychoanalyse aus — sind 
sämtlich Illusionen, niemand darf gezwungen werden, an sie zu glauban. Einige 
von ihnen stehen so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die 
Realität der Welt erfahren haben, daß man sie den Wahnideen vergleichen kann. 
In den Jahrtausenden, durch die die Religion die menschliche Gesellschaft be- 
herrscht hat, ist es ihr nicht gelungen, die Mehrzahl der Menschen glücklich zu 
machen ; vielmehr empfindet eine erschreckend große Anzahl der Menschen die 
Gesellschaftsordnung als ein Joch, das man abschütteln muß. Unsittlichkeit hat 
zu allen Zeiten an der Religion keine mindere Stütze gefunden als die Sittlichkeit. 

Wenn man den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz 
eines gesunden Kindes und der Denkschwächc des durchschnittlichen Erwachsenen 
ins Auge faßt, kann man ermessen, welch großen Anteil an der intellektuellen 
Verkümmerung neben der sexuellen Denkhemmung und der Verzögerung der 
sexuellen Entwicklung besonders auch die religiöse Erziehung hat. Freuds Aus- 
führungen gipfeln in der Forderung: „Erziehung zur Realität!" 
Was soll dem Menschen die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes auf dem 
Mond, von dessen Ertrag doch noch nie jemand etwas gesehen hat ? Als ehrlicher 
Kleinbauer wird der Mensch auf dieser Erde seine Scholle zu bearbeiten wissen, 
so daß sie ihn nährt Eine Menschheit, die auf Illusionen verzichtet, wird wahr- 
scheinlich erreichen können, daß ihre Einrichtungen keinen mehr erdrücken Die 
Summe des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft 
hat ; dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Mensch- 
heit opurmsüsch sein darf ... Auf die Dauer kam, der Vernunft und der Er- 

^r n !^ Tl C 7 he \ Und ^ mdetSpruA der Reli 6 ion S<*en beide ist 
allzu greifbar. Auch d.e geläuterten religiösen Ideen können sich diesem Schicksal 

mcht entziehen, solange sie noch etwas vom Trostgehalt der Religion retten wollen. 

* 
„Freud spricht zu dem heute so überaus großen Haufen von Neurotikern und 
Entfesselten, die von ihm wie von einem wissenschaftlichen Tetzel einen General- 
ablaß für alle ihre auch ihnen selbst unerträglichen Ekelhaftigkeiten und Laster 
und ein gnädiges Admittatur für ihre libidinösen Sättigungsbedürfnisse erwarten, 
j Nur für diese Sorte kann er ein Abgott und der Vertreter höchster Wissenschaft- 
lichkeit sein. Wir hielten es für eine Pflicht, unser Volk und unsere deutsdie 
Jugend vor dieser Sumpfwissenschaft eindringlich zu warnen und da dies geschehen, 
ist der Wiener .Gelehrte' für uns abgetan." („Freie Welt") 



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SIGM. FREUD 






I Das Unbehagen in der Kultur 

ü 

Geheftet M. 340, in Ganzleinen M. 5.- 






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„Nun ergänzt ein neues Werk Freuds in willkommenster Weise sein philo- 
sophisches Weltbild, abermals die Weite und Spannkraft dieses 
strengen und unbeugsamen Geistes erweisend, ein Werk, durch- 
aus produktiv, eigenartig und wie jedes seiner früheren vehement zur Diskussion 
anreizend. Fragen in die Welt werfen, also in sokratischer Methode Probleme 
zu erlichten, war von je Freuds besondere Kunst und Leidenschaft: auch an 
dieser neuen und unerwarteten wird sich die allgemeine Aufmerksamkeit unbe- 
dingt erregen müssen . . . Hier ist das psychologische Lot tief hinabgelassen in 
den Abgrund eines zeitgenössisch wichtigen Problems, eines unlösbaren, gewiß, 
aber welche Probleme darf man wirklich Probleme nennen, die glatt lösbare sind ; 
hier handelt es sich nicht um optimistische oder pessimistische Ausdeutung, die 
Zeiten sind vorbei, wo eine Akademie die billige Preisfrage stellte, ob der Fort- 
schritt den Menschen besser mache oder nicht, und Jean Jacques Rousseau durch 
sein glattes Nein die Begeisterung der Welt errang. Gerade die harte, sach- 
liche, von keiner Gläubigkeit und Tendenz verzuckerte 
Art, wie Freud seine Thesen stellt, geben jedem, der sie ernstlich mitdenken 
will, etwas von seiner hohen Strenge und Entschlossenheit. Oberreich an An- 
regungen, gedrängt voll mit Denkstoff, merkwürdig in vielen Einzelheiten, er- 
weist abermals dieses Werk, einen wie ernsten und weiträumigen Denker wir 
gleichzeitig mit dem genialen Forscher in Sigmund Freud zu bewundern haben 
und wie sehr diejenigen ihrer selber spotten, die seine Leistung als Psychologe 
noch immer auf das einspurige Sexualgeleise abschieben wollen, indes seine 
Wirkung ständig ihre Grenzen erweitert und auf allen Gebieten geistiger Pro- 
duktivität schöpferisch anregend zutage tritt." 

Stefan Zweig im „Berliner Tageblatt" 

»Von Freuds neuester Schrift gilt das Wort : So viele Sätze, so viele Irr. 
tümer oder doch wenigstens Unrichtigkeiten, Schiefheiten, unbewiesene 
und unbeweisbare Behauptungen, falsche und gewaltsame Deutun- 
gen, willkürliche Annahmen . . . Manche Behauptungen klingen geradezu roman- 
haft, muten wie tolle Phantasien eines Irrsinnigen an, ja 
fordern zu schallender Heiterkeit heraus . . . Was gegen das Gebot 
der christlichen Nächstenliebe eingewendet wird, erhebt sich nicht über das Niveau 
frivoler Witze... Ebenso abenteuerliche und bizarre, wie 
verworrene Ausführungen über die Entstehung des Gewissens . . ." 

Prof. Dr. Johann Triebl in der Wiener „Reidisposi" 






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Psychoanalyse und 
Kindergarten 



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Nelly Wolffheim 

Geheftet M. 2.40 s Ganzleinen M. 4 — 

Inhalt: Grundgedanken der psychoanalytischen Pädagogik. — Das Entwicklungs- 
stadium des Kindes im Kindergartenalter. Äußerungsformen des Ödipuskomplexes 
im Kindergarten. Die Geschwisterbeziehung und ihre Auswirkung im Gemein- 
schaftsleben. Äußerungsformen der Sexualität beim Kindergartenkinde. Erotisch 
gefärbte Freundschaften in der frühen Jugend. — Die pädagogische Leitung des 
Kindergartens. — Spiel und Beschäftigung im Kindergarten. — Die Beziehungen 
des Kindergartens zur Psychoanalyse. Anhang : Kritische Überlegungen zur Frage 
der frühen Gemeinschaftserziehung. — Erklärung der benützten psycho- 
analytischen Fachausdrücke. 

Die besondere Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung, die Freud dem 
Kleinkinderalter beimißt, hat eine in die Tiefen der Psychoanalyse eingedrungene 
und außerdem mit hoher pädagogischer Intuition begabte Kindergärtnerin ver- 
anlaßt, che Aufgabe des Kindergartens bei der Bewältigung des Ödipuskomplexes 
darzustellen. Geradezu umwälzend ist die psychoanalytische Betrachtung*- 

ne u<; ClT ^ ^ kindHd,en SpidS - Nid " nur «-** als viele bis- 
her zu sark beachtete Reaktionen des Kindes ihr Gewicht verlieren (z. B. Tier- 
qualerei le.chteren Grades) und andere bisher übersehene als Ansatzpunkte für 
spatere Neurosen Aufmerksamkeit beanspruchen, sondern auch insofern, als der 
Sinn des kindlichen Spieles in der Selbstdarstellung erblickt wird - nicht in der 
Beschäftigung (Fr ö bei) und nicht in der Belehrung (Montessori), sondern 

in dem Abreagieren unbewältigter Erlebnisse Als besonderes Verdienst der 

kleinen Schrift sei hervorgehoben, daß die große Gefahr derartiger Veröffent- 
lichungen, die Verbreitung psychoanalytischer Halbbildung, mit Geschick ver- 
mieden wird. Alles in allem ein Stück angewandter Sexualwissenschaft von 
Bedeutung ! 

„Zeitschrift für Sexualmssensdiaft 



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Zehn Jahre 




Psychoanalytisches 
Institut 

(Poliklinik und Lehranstalt) 

Herausgegeben von der 
Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft 

Mit einem Vorwort von 

Sigm. Freud 

Beiträge von Simmel, Fenichel, Müller= 

Braunschweig, Lampl, Homey, Sachs, Alex« 

ander,, Rado, Bernfeld/ Boehm, Harnik, 

Zilboorg, Raknes, Eitingon 

Illustrationen 

Vo rlesungsver^eichnisse 

Behandlungsstatistiken 

Geheftet M. 440, Ganzleinen M. 6.60 






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Im gleichen Format und in der gleichen 
Ausstattung wie der vorliegende Band 

erschien von 

SIGM. FREUD 

VOBLESUNGEN ZUR 

EINFÜHRUNG IN DIE 

PSYCHOANALYSE 

31. — 45. Tausend 

In Ganzleinen M. Q.- 



UR PSYCHOPATHOLOGIE 

DES ALLTAGSLEBENS 

Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen 
Aberglaube und Irrtum 

22. — 27. Tausend 






In Ganzleinen M. Q.- 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Wien, I., In der Börse 






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