(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse"

iB"B^^"i» ossa === a ===Ä=C^355~>S5^r--Ä^^^ 



3aa&SSSS5&HSia^^iwjmBXir.~-.S&7ä-r~i;5S3ii;,1H*-~' 






• 















(V 



£& 






SIGM. FREUD 

NEUE FOLGE DER 

VORLESUNGEN ZUR EINFÜHRUNG 

IN DIE PSYCHOANALYSE 



TC«n«x«vt~ä55}ßEaaesssB»i 



w 



, 



IMI ">**WMBWMillin i l H II W II I IUMIHWII«IUIIUWMllUUIUIIilUiiiiiMiiiuiiiHiiiiiW|Hi||||^ 

NEUE FOLGE DER 

VORLESUNGEN 

ZUR EINFÜHRUNG IN DIE 

PSYCHOANALYSE 



VON 



SIGM. FREUD 



l. BIS 10. TAUSEND 



1933 

INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 



»-'.^aaBss^sssstt^tu'-^KKSSSSSiSSi- 



ALLE RECHTE, 
BESONDERS DIE DER ÜBERSETZUNG VORBEHALTEN 

COPYRIGHT i 933 BY 
INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



PRINTED IN AUSTRIA 
DRUCK DER JOH. N. VERNAY A.-G., WIEN IX. 



- 



I 



VORWORT 

Die „Vorlesungen zur Einführung in die Psycho- 
analyse" wurden in den beiden Wintersemestern 1915/16 
und 19x6/17 in einem Hörsaal der Wiener psychiatrischen 
Klinik vor einem aus Hörern aller Fakultäten gemischten 
Auditorium gehalten. Die Vorlesungen der ersten Hälfte 
wurden improvisiert und unmittelbar nachher nieder- 
geschrieben, die der zweiten während eines dazwischen- 
liegenden Sommeraufenthalts in Salzburg entworfen 
und im folgenden Winter wortgetreu vorgetragen. Ich 
besaß damals noch die Gabe eines phonbgraphischen f 
Gedächtnisses. 

Zum Unterschied hievon sind diese neuen Vorlesun- 
gen niemals gehalten worden. Mein Alter hatte mich in- 
zwischen der Verpflichtung enthoben, die - wenn auch 
nur peripherische - Zugehörigkeit zur Universität 
durch Abhaltung von Vorlesungen zum Ausdruck zu 
bringen, und eine chirurgische Operation hatte mich als 
Redner unmöglich gemacht. Es ist also nur eine Vor- 
spiegelung der Phantasie, wenn ich mich während der 
nachfolgenden Ausführungen wieder in den Hörsaal ver- 
setze; sie mag mithelfen, bei der Vertiefung in den 
Gegenstand die Rücksicht auf den Leser nicht zu ver- 
gessen. 



fr 



izlf^K ' 



6 



Vorwort 



Diese neuen Vorlesungen wollen keineswegs an die 
Stelle der früheren treten. Sie sind überhaupt nichts 
Selbständiges, das erwarten kann, sich einen eigenen 
Leserkreis zu finden, sondern sie sind Fortsetzungen und 
Ergänzungen, die in ihrer Beziehung zu den früheren in 
drei Gruppen zerfallen. In eine erste Gruppe gehören 
Neubearbeitungen von Themen, die schon vor fünfzehn 
Jahren behandelt worden sind, aber infolge der Ver- 
tiefung unserer Einsichten und der Veränderung unserer 
Anschauungen heute eine andere Darstellung verlangen, 
also kritische Revisionen. Die beiden anderen Gruppen 
umfassen die eigentlichen Erweiterungen, indem sie 
Dinge behandeln, die es entweder in der Zeit der ersten 
Vorlesungen in der Psychoanalyse noch nicht gab, oder 
von denen damals zu wenig vorhanden war, um eine 
besondere Kapitelüberschrift zu rechtfertigen. Es ist 
nicht zu vermeiden, aber auch nicht zu bedauern, daß 
einzelne der neuen Vorlesungen die Charaktere dieser 
und jener Gruppe in sich vereinigen. 

Die Abhängigkeit dieser neuen Vorlesungen von 
den „Vorlesungen zur Einführung" kommt auch darin 
zum Ausdruck, daß sie deren Zählung fortsetzen. Die 
erste dieses Bandes wird als die XXIX. bezeichnet. 
Wiederum bieten sie dem Analytiker von Fach wenig 
Neues und wenden sich an jene große Menge Gebildeter, 
denen man ein wohlwollendes, wenn auch zurückgehal- 
tenes Interesse für die Eigenart und die Erwerbungen 
der jungen Wissenschaft zuschreiben möchte. Auch dies- 
mal ist es meine leitende Absicht gewesen, dem Schein 
der Einfachheit, Vollständigkeit und Abgeschlossenheit 



Vorwort 



i 






keine Opfer zu bringen, Probleme nicht zu verhüllen, 
Lücken und Unsicherheiten nicht zu verleugnen. Auf 
keinem andern Gebiet wissenschaftlicher Arbeit dürfte 
man sich solcher Vorsätze zu nüchterner Selbstbeschei- 
dung rühmen. Sie gelten überall als selbstverständlich, 
das Publikum erwartet es nicht anders. Kein Leser einer 
Darstellung der Astronomie wird sich enttäuscht und 
der Wissenschaft überlegen fühlen, wenn man ihm die 1 

Grenzen zeigt, an denen unsere Kenntnis des Weltalls } 

ins Nebelhafte zerflattert. Nur in der Psychologie ist es j 

anders, hier kommt die konstitutionelle Untauglichkeit i 

des Menschen zu wissenschaftlicher Forschung in vollem i 

Ausmaß zum Vorschein. Man scheint von der Psycho- 
logie nicht Fortschritte im Wissen zu verlangen, sondern ] 
irgendwelche andere Befriedigungen; man macht ihr 
aus jedem ungelösten Problem, aus jeder eingestandenen 
Unsicherheit einen Vorwurf. 

Wer die Wissenschaft vom Seelenleben liebt, wird 
auch diese Unbilde hinnehmen müssen. 

Wien, im Sommer ipj2. 

Freud. 



, 




Ä^-srXäHSSHKSXMSSSS 



«avwsssusjaiiiarÄBSBKHSHa^HBll 






















XXIX. VORLESUNG 

REVISION DER TRAUMLEHRE 

Meine Damen und Herren! Wenn ich Sie nach 
langer als fünfzehnjähriger Pause wieder zusammen- 
gerufen habe, um mit Ihnen zu besprechen, was die 
Zwischenzeit an Neuem, vielleicht auch Besserem, in der 
Psychoanalyse gebracht hat, so ist es von mehr als einem 
Gesichtspunkt aus recht und billig, daß wir unsere Auf- 
merksamkeit zuerst dem Stande der Traumlehre zu- 
wenden. Diese nimmt in der Geschichte der Psycho- 
analyse eine besondere Stelle ein, bezeichnet einen 
Wendepunkt; mit ihr hat die Analyse den Schritt von 
einem psychotherapeutischen Verfahren zu einer Tiefen- 
psychologie vollzogen. Die Traumlehre ist seither auch 
das Kennzeichnendste und Eigentümlichste der jungen 
Wissenschaft geblieben, etwas wozu es kein Gegenstück 
in unserem sonstigen Wissen gibt, ein Stück Neuland, 
dem Volksglauben und der Mystik abgewonnen. Die 
Fremdartigkeit der Behauptungen, die sie aufstellen 
mußte, hat ihr die Rolle eines Schiboleth verliehen, 
dessen Anwendung entschied, wer ein Anhänger der 
Psychoanalyse werden konnte und wem sie endgültig 
unfaßbar blieb. Mir selbst war sie ein sicherer Anhalt 
m jenen schweren Zeiten, da die unerkannten Tat- 
bestände der Neurosen mein ungeübtes Urteil zu ver- 






»a-- g >..- Jra .- Jn .-a n MWMMpi 



- Ne * e Vorlesun gen zur Einführung in die Psychoanalyse 



wirren pflegten. So oft ich auch an der Richtigkeit \ 

meiner schwankenden Erkenntnisse zu zweifeln begann, j 

wenn es mir gelungen war, einen sinnlos verworrenen 
Traum in einen korrekten und begreiflichen seelischen 
Vorgang beim Träumer umzusetzen, erneuerte sich 
meine Zuversicht, auf der richtigen Spur zu sein. 

Es hat also für uns ein besonderes Interesse, gerade 
am Fall der Traumlehre zu verfolgen, einerseits welche 1 

Wandlungen die Psychoanalyse in diesem Intervall er- 
fahren, anderseits welche Fortschritte sie unterdes im 1 
Verständnis und in der Schätzung der Mitwelt gemacht M 
hat Ich sage es Ihnen gleich heraus, Sie werden nach 
beiden Richtungen enttäuscht werden. 

Durchblättern Sie mit mir die Jahrgänge der „Inter- 
nationalen Zeitschrift für (ärztliche) Psychoanalyse", in 
denen seit i 9 i) die maßgebenden Arbeiten auf unserem 
Gebiet vereinigt sind. Sie finden in den früheren Bänden 
eine ständige Rubrik „Zur Traumdeutung" mit reichen 
Beiträgen zu den verschiedenen Punkten der Traum- 
lehre. Aber je weiter Sie gehen, desto seltener werden 
solche Beiträge, die ständige Rubrik verschwindet end- 
lich ganz. Die Analytiker benehmen sich, als hätten sie 
über den Traum nichts mehr zu sagen, als wäre die 
Traumlehre abgeschlossen. Wenn Sie aber fragen, was 
die ferner Stehenden von der Traumdeutung ange- 
nommen haben, die vielen Psychiater und Psychothera- 
peuten, die an unserem Feuer ihre Süppchen kochen - 
ohne übrigens so recht dankbar für die Gastfreundschaft 
zu sein — , die sogenannten Gebildeten, die sich auffällige 
Ergebnisse der Wissenschaft anzueignen pflegen, die 



y 




= 






_____ XXIX. Revision der Traumlehre m 

Literaten und das große Publikum, so ist die Antwort 
wenig befriedigend. Einige Formeln sind allgemein be- 
kannt worden, darunter solche, die wir nie vertreten 
haben, wie der Satz, alle Träume seien sexueller Natur, 
aber gerade so wichtige Dinge wie die grundlegende 
Unterscheidung von manifestem Trauminhalt und 
latenten Traumgedanken, die Einsicht, daß die Angst- 
träume der wunscherfüllenden Funktion des Traums 
nicht widersprechen, die Unmöglichkeit den Traum zu 
deuten, wenn man nicht über die dazugehörigen Assozia- 
tionen des Träumers verfügt, vor allem aber die Er- 
kenntnis, daß das Wesentliche am Traum der Prozeß 
der Traumarbeit ist, all das scheint dem allgemeinen 
Bewußtsein noch ungefähr so fremd zu sein wie vor 
dreißig Jahren. Ich darf so sagen, denn ich habe im 
Laufe dieser Zeit eine Unzahl von Briefen erhalten, 
deren Schreiber ihre Träume zur Deutung vorlegen oder 
Auskünfte über die Natur des Traumes verlangen, die 
behaupten, daß sie die „Traumdeutung" gelesen haben 
und dabei doch in jedem Satz ihre Verständnislosigkeit 
für unsere Traumlehre verraten. Das soll uns nicht ab- 
halten, uns nochmals im Zusammenhang vorzuführen, 
was wir vom Traum wissen. Sie erinnern sich, das 
vorige Mal haben wir eine ganze Anzahl von Vor- 
lesungen darauf verwendet zu zeigen, wie man zum 
Verständnis dieses bisher unerklärten seelischen Phäno- 
mens gelangt ist. 

Wenn uns also jemand, z. B. ein Patient in der 
Analyse einen seiner Träume berichtet, so nehmen wir 
an, er habe uns hiemit eine der Mitteilungen gemacht, 



t-^-saaisBiaaiii&aiKnis at i n n tiW &iB&wxiKKxxxia?.:: :-.::::': » ' 



£ NeHe Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

zu denen er sich durch den Eintritt in die analytische 
Behandlung verpflichtet hatte. Eine Mitteilung freilich 
mit ungeeigneten Mitteln, denn der Traum ist an sich 
keine soziale Äußerung, kein Mittel der Verständigung. 
Wir verstehen ja auch nicht, was uns der Träumer 
sagen wollte, und er selbst weiß es auch nicht besser. 
Nun haben wir rasch eine Entscheidung zu treffen: Ent- 
weder der Traum ist, wie uns die nicht analytischen 
Ärzte versichern, ein Anzeichen dafür, daß der Träumer 
schlecht geschlafen hat, daß nicht alle seine Hirnpartien 
gleichmäßig zur Ruhe gekommen sind, daß einzelne 
Stellen unter dem Einfluß unbekannter Reize weiter 
arbeiten wollten und es nur in sehr unvollkommener 
Weise konnten. Wenn dem so ist, dann tuen wir Recht 
daran, uns mit dem psychisch wertlosen Produkt der 
nächtlichen Störung nicht weiter zu beschäftigen. Denn 
Was sollten wir von dessen Untersuchung für unsere 

Absichten Brauchbares erwarten? Oder aber — doch wir 
merken, wir haben uns von Vorneherein anders ent- 
schieden. Wir haben — zugegeben, recht willkürlich — 

die Voraussetzung gemacht, das Postulat aufgestellt, daß 
auch dieser unverständliche Traum ein vollgültiger, 
sinn- und wertvoller psychischer Akt sein müsse, den 
wir in der Analyse wie eine andere Mitteilung ver- 
wenden können. Ob wir recht haben, kann nur der Er- 
folg des Versuchs zeigen. Gelingt es uns, den Traum in 
eine solche wertvolle Äußerung umzuwandeln, so haben 
wir offenbar Aussicht, Neues zu erfahren, Mitteilungen 
von einer Art zu erhalten, wie sie uns sonst unzugäng- 
lich geblieben wären. 






Nun aber erheben sich vor uns die Schwierigkeiten 
unserer Aufgabe und die Rätsel unseres Themas. Wie 
stellen wir es an, den Traum in eine solche normale 
Mitteilung umzuwandeln, und wie erklären wir es, daß 
ein Teil der Äußerungen des Patienten diese für ihn 
wie für uns gleich unverständliche Form angenom- 
men hat? 

Sie sehen, meine Damen und Herren, daß ich dieses 
Mal nicht den Weg einer genetischen, sondern den einer 
dogmatischen Darstellung gehe. Unser erster Schritt ist, 
unsere neue Einstellung zum Problem des Traums durch 
die Einführung zweier neuer Begriffe, Namen, festzu- 
legen. Wir heißen, was man den Traum genannt hat, 
den Traumtext oder den manifesten Traum, und 
das, was wir suchen, sozusagen hinter dem Traum ver- 
muten, die latenten Traumgedanken. Dann können 
wir unsere beiden Aufgaben in folgender Art ausspre- 
chen: Wir haben den manifesten in den latenten Traum 
umzuwandeln und anzugeben, wie im Seelenleben des 
Träumers der letztere zum ersteren geworden ist. Das 
erste Stück ist eine praktische Aufgabe, es fällt der 
Traumdeutung zu, braucht eine Technik; das 
zweite eine theoretische, es soll den angenommenen Pro- 
zeß der Traumarbeit erklären und kann nur eine 
Theorie sein. Beide, Technik der Traumdeutung und 
Theorie der Traumarbeit, sind neu zu schaffen. 

Mit welchem Stück sollen wir nun anfangen? Ich 

meine, mit der Technik der Traumdeutung; es wird 
plastischer ausfallen und Ihnen einen lebendigeren Ein- 
druck machen. 



■-saRnr^aaaaaSBBHDBBAVus&äcSnSraasnMKinnaäiUeiäShT 






14 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Also der Patient habe einen Traum erzählt, den 
wir deuten sollen. "Wir haben gelassen zugehört, ohne 
dabei unser Nachdenken in Bewegung zu setzen. Was 
tun wir zunächst? Wir beschließen, uns um das, was 
wir gehört haben, um den manifesten Traum, mög- 
lichst wenig zu kümmern. Natürlich zeigt dieser mani- 
feste Traum allerlei Charaktere, die uns nicht ganz 
gleichgültig sind. Er kann zusammenhängend sein, glatt 
komponiert wie eine Dichtung, oder unverständlich ver- 
worren, fast wie ein Delirium, kann absurde Elemente 
enthalten oder Witze und anscheinend geistreiche 
Schlüsse, er kann dem Träumer klar und scharf er- 
scheinen oder trüb und verschwommen, seine Bilder 
mögen die volle sinnliche Stärke von Wahrnehmungen 
zeigen oder schattenhaft sein wie ein undeutlicher Hauch, 
die verschiedensten Charaktere mögen sich in dem- 
selben Traum zusammenfinden, auf verschiedene Stellen 
verteilt; der Traum mag endlich einen indifferenten Ge- 
fühlston zeigen oder von den stärksten freudigen oder 
peinlichen Erregungen begleitet werden — glauben Sie 
nicht, daß wir diese unendliche Mannigfaltigkeit im 
manifesten Traum für nichts achten, wir werden später 
auf sie zurückkommen und sehr vieles an ihr für die 
Deutung verwertbar finden, aber zunächst sehen wir 
von ihr ab und schlagen den Hauptweg ein, der zur 
Traumdeutung führt. Das heißt, wir fordern den Träu- 
mer auf, sich gleichfalls vom Eindruck des manifesten 
Traums frei zu machen, seine Aufmerksamkeit vom 
Ganzen weg auf die einzelnen Teile des Trauminhalts 
zu richten und uns der Reihe nach mitzuteilen, was ihm 



fr 



XXIX. Re vision der Trauml ehre rj 

zu jedem dieser Teilstücke einfällt, welche Assoziationen 
sich ihm ergeben, wenn er sie einzeln ins Auge faßt. 
Nicht wahr, das ist eine besondere Technik, nicht 
die gewöhnliche Art, eine Mitteilung oder Aussage zu 
behandeln? Sie erraten auch gewiß, daß hinter diesem 
Verfahren Voraussetzungen stecken, die noch nicht aus- 
gesprochen worden sind. Aber gehen wir weiter. In 
welcher Reihenfolge lassen wir den Patienten die Teil- 
stücke seines Traums vornehmen? Da stehen uns 
mehrere Wege offen. Wir können einfach der chronolo- 
gischen Ordnung folgen, wie sie sich bei der Erzählung 
des Traums herausgestellt hat. Das ist die sozusagen 
strengste, klassische Methode. Oder wir können den 
Träumer weisen, sich zuerst die T a g e s r e s t e im 
Traum herauszusuchen, denn die Erfahrung hat uns ge- 
lehrt, daß fast in jedem Traum ein Erinnerungsrest 
oder eine Anspielung an eine Begebenheit des Traum- 
tags, oft an mehrere, eingegangen ist, und wenn wir 
diesen Anknüpfungen folgen, haben wir oft mit einem 
Schlag den Übergang von der scheinbar weit entrückten 
Traumwelt zum realen Leben des Patienten gefunden. 
Oder wir heißen ihn mit jenen Elementen des Traum- 
inhalts den Anfang machen, die ihm durch ihre beson- 
dere Deutlichkeit und sinnliche Stärke auffallen. Wir 
wissen nämlich, daß es ihm bei diesen besonders leicht 
werden wird, Assoziationen zu bekommen. Es macht 
keinen Unterschied, auf welche dieser Arten wir uns 
den gesuchten Assoziationen nähern. 

Und dann erhalten wir diese Assoziationen. Sie 
bringen das Verschiedenartigste, Erinnerungen an den 



16 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

gestrigen Tag, den Traumtag, und an längst vergan- 
gene Zeiten, Überlegungen, Diskussionen mit einem 
Für und Wider, Bekenntnisse und Anfragen. Manche 
von ihnen sprudelt der Patient heraus, vor anderen 
stockt er eine Weile. Die meisten zeigen eine deutliche 
Beziehung zu einem Element des Traums; kein Wunder, 
denn sie gehen ja von diesen Elementen aus, aber es 
kommt auch vor, daß der Patient sie mit den Worten 
einleitet: Das scheint gar nichts mit dem Traum zu tun 
zu haben; ich sage es, weil es mir einfällt. 

Hört man sich diese Fülle von Einfällen an, so 
merkt man bald, daß sie mit dem Trauminhalt mehr 
gemeinsam haben als nur die Ausgangspunkte. Sie 
werfen ein überraschendes Licht auf alle Teile des 
Traums, füllen die Lücken zwischen ihnen aus, machen 
ihre sonderbaren Zusammenstellungen verständlich. End- 
lich muß man sich über das Verhältnis zwischen ihnen 
und dem Trauminhalt klar werden. Der Traum erscheint 
als ein verkürzter Auszug aus den Assoziationen, nach 
allerdings noch nicht durchschauten Regeln hergestellt, 
seine Elemente wie die aus einer Wahl hervorgegangenen 
Repräsentanten einer Menge. Es ist kein Zweifel, daß 
wir durch unsere Technik erhalten haben, was durch 
den Traum ersetzt wird und worin der psychische Wert 
des Traums zu finden ist, was aber nicht mehr die be- 
fremdenden Eigentümlichkeiten des Traums, seine 
Fremdartigkeit, Verworrenheit zeigt. 

Aber kein Mißverständnis! Die Assoziationen zum 
Traum sind noch nicht die latenten Traumgedanken. 
Diese sind in den Assoziationen wie in einer Mutter- 






XXIX. Revision der Traumlehre 



17 



lauge enthalten — aber doch nicht ganz vollständig 
enthalten. Die Assoziationen bringen einerseits viel mehr, 
als wir für die Formulierung der latenten Traumgedan- 
ken brauchen, nämlich alle die Ausführungen, Über- 
gänge, Verbindungen, die der Intellekt des Patienten 
auf dem Wege der Annäherung an die Traumgedanken 
produzieren mußte. Anderseits hat die Assoziation oft 
gerade vor den eigentlichen Traumgedanken Halt ge- 
macht, ist ihnen nur nahe gekommen, hat sie nur in 
Anspielungen berührt. Wir greifen da selbsttätig ein, 
vervollständigen die Andeutungen, ziehen unabweisbare 
Schlüsse, sprechen das aus, woran der Patient in seinen 
Assoziationen nur gestreift hat. Das klingt dann so, als 
ließen wir unseren Witz und unsere Willkür mit dem 
Material spielen, das uns der Träumer zur Verfügung 
stellt, und mißbrauchen es dazu, in seine Äußerungen 
hineinzudeuten, was sich aus ihnen nicht herausdeuten 
läßt; auch ist es nicht leicht, die Rechtmäßigkeit 
unseres Vorgehens in einer abstrakten Darstellung zu 
erweisen. Aber machen Sie nur selbst eine Traumanalyse 
oder vertiefen Sie sich in ein gut beschriebenes Beispiel 
in unserer Literatur und Sie werden sich überzeugen, 
wie zwingend eine solche Deutungsarbeit abläuft. 

Wenn wir bei der Traumdeutung im Allgemeinen 
und in erster Linie von den Assoziationen des Träumers 
abhängig sind, so benehmen wir uns doch gegen gewisse 
Elemente des Trauminhalts ganz selbständig, vor allem 
darum, weil wir müssen, weil bei ihnen in der Regel 
die Assoziationen versagen. Wir haben frühzeitig ge- 
merkt, daß es immer die nämlichen Inhalte sind, bei 



I ' l "™ nn11 ^ 



^^SssäSismm 



i8 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse _ 



denen dies zutrifft; sie sind nicht sehr zahlreich und ge- 
häufte Erfahrung hat uns gelehrt, daß sie als Sym- 
bole für etwas anderes aufzufassen und zu deuten 
sind. Im Vergleich mit den anderen Traumelementen 
darf man ihnen eine feststehende Bedeutung zuschrei- 
ben, die aber nicht eindeutig zu sein braucht, deren Um- 
fang durch besondere uns ungewohnte Regeln bestimmt 
wird. Da wir diese Symbole zu übersetzen verstehen, 
der Träumer aber nicht, obwohl er sie selbst gebraucht 
hat, kann es sich treffen, daß uns der Sinn eines Traums 
unmittelbar klar wird, noch vor allen Bemühungen um 
die Traumdeutung, sobald wir nur den Traumtext ge- 
hört haben, während der Träumer selbst noch vor 
einem Rätsel steht. Aber über die Symbolik, unser 
Wissen von ihr, die Probleme, die sie uns bietet, habe 
ich schon in den früheren Vorlesungen so viel erzählt, 
daß ich mich heute nicht zu wiederholen brauche. 

Das ist also unsere Methode der Traumdeutung. 
Die nächste, wohlberechtigte Frage lautet: Kann man 
mit ihrer Hilfe alle Träume deuten? Und die Antwort 
ist: Nein, nicht alle, aber doch soviele, daß man der 
Brauchbarkeit und Berechtigung des Verfahrens sicher 
ist. Aber warum nicht alle? Die neuerliche Antwort hat 
uns etwas Wichtiges zu lehren, was bereits in die psy- 
chischen Bedingungen der Traumbildung einführt: Weil 
sich die Arbeit der Traumdeutung gegen einen Wider- 
stand vollzieht, der von unscheinbaren Größen bis zur 
Unüberwindlichkeit — wenigstens für unsere jeweiligen 
Machtmittel — variiert. Die Äußerungen dieses Wider- 
standes kann man während der Arbeit nicht übersehen. 






XXIX. Revision der Traumlehre ___ £9 



An manchen Stellen werden die Assoziationen ohne 
Zögern gegeben und schon der erste oder zweite Einfall 
bringt die Aufklärung. An anderen stockt und zaudert 
der Patient, ehe er eine Assoziation ausspricht, und dann 
hat man oft eine lange Kette von Einfällen anzuhören, 
bevor man etwas für das Verständnis des Traumes 
Brauchbares erhält. Je länger und umwegiger die Asso- 
ziationskette, desto stärker ist der Widerstand, meinen 
wir gewiß mit Recht. Auch im Vergessen der Träume 
verspüren wir denselben Einfluß. Es kommt oft genug 
vor, daß der Patient sich trotz aller Bemühung an einen 
seiner Träume nicht besinnen kann. Nachdem wir aber 
in einem Stück analytischer Arbeit eine Schwierigkeit 
beseitigt haben, die den Patienten in seinem Verhältnis 
zur Analyse gestört hatte, stellt sich der vergessene Traum 
plötzlich wieder ein. Auch zwei andere Beobachtungen 
gehören hierher. Es ereignet sich sehr oft, daß von einem 
Traum zunächst ein Stück wegbleibt, das dann als 
Nachtrag angefügt wird. Das ist als ein Versuch aufzu- 
fassen, dieses Stück zu vergessen. Die Erfahrung zeigt, 
daß gerade dieses Stück das bedeutungsvollste ist; wir 
nehmen an, seiner Mitteilung stand ein stärkerer Wider- 
stand im Wege als bei den anderen. Ferner, wir sehen 
oft, daß der Träumer dem Vergessen seiner Träume 
entgegenarbeitet, indem er den Traum unmittelbar nach 
dem Erwachen schriftlich fixiert. Wir können ihm sagen, 
das ist nutzlos, denn der Widerstand, dem er die Er- 
haltung des Traumtextes abgewonnen hat, verschiebt 
sich dann auf die Assoziation und macht den mani- 
festen Traum für die Deutung unzugänglich. Unter 



2* 






20 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

diesen Verhältnissen brauchen wir uns nicht zu ver- 
wundern, wenn ein weiteres Ansteigen des Widerstands 
überhaupt die Assoziationen unterdrückt und dadurch 
die Traumdeutung vereitelt. 

Wir ziehen aus alledem den Schluß, daß der Wider- 
stand, den wir bei der Arbeit an der Traumdeutung 
merken, auch an der Entstehung des Traums einen An- 
teil haben muß. Man kann geradezu Träume, die unter 
geringem, und solche, die unter hohem Widerstandsdruck 
entstanden sind, unterscheiden. Aber dieser Druck 
wechselt auch innerhalb desselben Traums von Stelle zu 
Stelle; er ist Schuld an den Lücken, Unklarheiten, Ver- 
worrenheiten, die den Zusammenhang des schönsten 
Traumes unterbrechen können. 

Aber was leistet da Widerstand und gegen was? 
Nun, der Widerstand ist uns das sichere Anzeichen eines 
Konflikts. Es muß eine Kraft da sein, die etwas aus- 
drücken will, und eine andere, die sich sträubt, diese 
Äußerung zuzulassen. Was dann als manifester Traum 
zustande kommt, mag alle die Entscheidungen zusammen- 
fassen, zu denen sich dieser Kampf der zwei Strebungen 
verdichtet hat. An der einen Stelle mag es der einen 
Kraft gelungen sein durchzusetzen, was sie sagen wollte, 
an anderen ist es der widerstrebenden Instanz geglückt, 
die beabsichtigte Mitteilung vollkommen auszulöschen 
Oder durch etWaS, WäS keine Spur von inr verrät, zu 
ersetzen. Am häufigsten und für die Traumbildung am 
meisten charakteristisch sind die Fälle, in denen der 
Konflikt in ein Kompromiß ausgegangen ist, so daß die 
mitteilsame Instanz zwar sagen konnte, was sie wollte, 



k. 



XXIX. Revision der Traumlehre 21 









aber nicht so, wie sie es wollte, sondern nur gemildert, 
entstellt und unkenntlich gemacht. Wenn also der Traum 
die Traumgedanken nicht getreu wiedergibt, wenn es 
einer Deutungsarbeit bedarf, um die Kluft zwischen 
beiden zu überbrücken, so ist das ein Erfolg der wider- 
strebenden, hemmenden und einschränkenden Instanz, 
die wir aus der Wahrnehmung des Widerstands bei der 
Traumdeutung erschlossen haben. Solange wir den Traum 
als isoliertes Phänomen unabhängig von ihm verwandten 
psychischen Bildungen studierten, haben wir diese In- 
stanz den Traumzensor geheißen. 

Sie wissen längst, daß diese Zensur keine dem 
Traumleben besondere Einrichtung ist. Daß der Konflikt 
zweier psychischer Instanzen, die wir — ungenau — als 
das unbewußte Verdrängte und das Bewußte bezeichnen, 
überhaupt unser Seelenleben beherrscht und daß der 
Widerstand gegen die Traumdeutung, das Anzeichen der 
Traumzensur, nichts anderes ist als der Verdrängungs- 
widerstand, durch den jene beiden Instanzen sich von 
einander absetzen. Sie wissen auch, daß aus dem Konflikt 
derselben unter bestimmten Bedingungen andere psychi- 
sche Gebilde hervorgehen, die ebenso wie der Traum 
aas Ergebnis von Kompromissen sind, und werden nicht 
verlangen, daß ich hier alles, was in der Einführung zur 
Neurosenlehre enthalten ist, vor Ihnen wiederhole, um 
Ihnen vorzuführen, was wir von den Bedingungen 
solcher Kompromißbildung wissen. Sie haben verstan- 
den, daß der Traum ein pathologisches Produkt ist, das 
erste Glied der Reihe, die das hysterische Symptom, die 
Zwangsvorstellung, die Wahnidee umfaßt, aber vor den 



! 



22 Neue Vorlesungen zur Einführun g in die Psychoanalyse 

anderen ausgezeichnet durch seine Flüchtigkeit und 
seine Entstehung unter Verhältnissen, die dem normalen 
Leben angehören. Denn, halten wir daran fest, das 
Traumleben ist, wie schon Aristoteles gesagt hat, 
die Art, wie unsere Seele während des Schlafzustandes 
arbeitet. Der Schlafzustand stellt eine Abwendung von 
der realen Außenwelt her, und damit ist die Bedingung 
für die Entfaltung einer Psychose gegeben. Das sorgfäl- 
tigste Studium der ernsthaften Psychosen wird uns 
keinen Zug entdecken lassen, der für diesen Krankheits- 
zustand mehr charakteristisch wäre. Aber in der Psychose 
wird die Abwendung von der Realität auf zweierlei 
Weise hervorgerufen, entweder indem das unbewußt 
Verdrängte überstark wird, so daß es das an der Reali- 
tät hängende Bewußte überwältigt, oder weil die Realität 
so unerträglich leidvoll geworden ist, daß sich das be- 
drohte Ich in verzweifelter Auflehnung dem unbewußten 
Triebhaften in die Arme wirft. Die harmlose Traum- 
psychose ist die Folge einer bewußt gewollten, nur zeit- 
weiligen Zurückziehung von der Außenwelt, sie schwin- 
det auch mit der Wiederaufnahme der Beziehungen zu 
dieser. Während der Isolierung des Schlafenden stellt 
sich auch eine Veränderung in der Verteilung seiner 
psychischen Energie her; ein Teil des Verdrängungs- 
aufwands, der sonst zur Niederhaltung des Unbewußten 
gebraucht wurde, kann erspart werden, denn wenn dies 
seine relative Befreiung auch zur Aktivität ausnützt, 
findet es doch den Weg zur Motilität verschlossen und 
nur den unschädlichen zur halluzinatorischen Befriedi- 
gung frei. Es kann sich jetzt also ein Traum bilden; 



XXIX. Revision der Traumlehre 



23 



die Tatsache der Traumzensur zeigt aber, daß noch 
genug vom Verdrängungswiderstand auch während des 
Schlafs erhalten geblieben ist. 

Hier eröffnet sich uns ein Weg zur Beantwortung 
der Frage, ob der Traum auch eine Funktion hat, ob 
er mit einer nützlichen Leistung betraut ist. Die reiz- 
lose Ruhe, welche der Schlafzustand herstellen möchte, 
wird von drei Seiten bedroht, in mehr zufälliger Weise 
von äußeren Reizen während des Schlafs und von Tages- 
interessen, die sich nicht abbrechen lassen, in unvermeid- 
licher Weise von den ungesättigten verdrängten Trieb- 
regungen, die auf die Gelegenheit zur Äußerung lauern. 
Infolge der nächtlichen Herabsetzung der Verdrängun- 
gen bestünde die Gefahr, daß die Ruhe des Schlafs 
jedesmal gestört wird, so oft die äußere oder innere An- 
regung eine Verknüpfung mit einer der unbewußten 
Triebquellen erreichen kann. Der Traumvorgang läßt 
das Produkt eines solchen Zusammenwirkens in ein un- 
schädliches halluzinatorisches Erlebnis einmünden und 
versichert so die Fortdauer des Schlafs. Es ist kein 
Widerspruch gegen diese Funktion, wenn der Traum 
zeitweilig den Schläfer unter Angstentwicklung weckt, 
wohl aber ein Signal, daß der Wächter die Situation für 
zu gefährlich hält und nicht mehr glaubt, sie bewältigen 
zu können. Nicht selten vernehmen wir dann noch im 
Schlaf die Beschwichtigung, die das Aufwachen verhüten 
will: Aber es ist ja nur ein Traum! 

Soviel, meine Damen und Herren, wollte ich 
Ihnen über die Traumdeutung sagen, deren Aufgabe es 
ist, vom manifesten Traum zu den latenten Traum- 









24 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

gedanken zu führen. Ist dies erreicht, so ist in der 
praktischen Analyse zumeist das Interesse für den Traum 
erloschen. Man fügt die Mitteilung, die man in der Form 
eines Traums erhalten hat, in die anderen ein und geht 
in der Analyse weiter. Wir haben ein Interesse, noch 
länger beim Traum zu verweilen; es lockt uns, den 
Prozeß zu studieren, durch den die latenten Traum- 
gedanken in den manifesten Traum verwandelt wurden. 
Wir heißen ihn die Traumarbeit. Sie erinnern sich, ich 
habe ihn in den früheren Vorlesungen so eingehend be- 
schrieben, daß ich mich in der heutigen Überschau auf 
die knappsten Zusammenfassungen beschränken darf. 

Der Prozeß der Traumarbeit ist also etwas ganz. 
Neues und Fremdartiges, dessengleichen vorher nicht 
bekannt worden war. Er hat uns den ersten Einblick in 
die Vorgänge gegeben, die sich im unbewußten System 
abspielen, und uns gezeigt, daß sie ganz andere sind, 
als was wir von unserem bewußten Denken kennen, daß 
sie diesem letzteren als unerhört und fehlerhaft er- 
scheinen müßten. Die Bedeutung dieser Funde ist dann 
durch die Entdeckung erhöht worden, daß bei der Bil- 
dung der neurotischen Symptome dieselben Mechanis- 
men — wir getrauen uns nicht zu sagen: Denkvorgänge 
— wirksam sind, die die latenten Traumgedanken in 
den manifesten Traum verwandelt haben. 

Im folgenden werde ich eine schematisierende Dar- 
stellungsweise nicht vermeiden können. Nehmen wir 
an, wir überblicken in einem bestimmten Falle alle die 
latenten, mehr oder minder affektiv geladenen Ge- 
danken, durch die sich nach vollzogener Traumdeutung 



XXIX. Revision der Traumlehre 



25 






der manifeste Traum ersetzt hat. Dann fällt uns unter 
ihnen ein Unterschied auf und dieser Unterschied wird 
uns weit führen. Fast alle dieser Traumgedanken werden 
vom Träumer erkannt oder anerkannt; er gibt zu, er 
hat so gedacht, diesmal oder ein ander Mal, oder er hätte 
so denken können. Nur gegen die Annahme eines ein- 
zigen sträubt er sich; der ist ihm fremd, vielleicht sogar 
widerlich; möglicher Weise wird er ihn in leidenschaft- 
licher Erregung von sich weisen. Nun wird uns klar, die 
anderen Gedanken sind Stücke seines bewußten, korrek- 
ter gesagt: vorbewußten Denkens; sie hätten auch im 
Wachleben gedacht werden können, haben sich auch 
wahrscheinlich tagsüber gebildet. Dieser eine verleug- 
nete Gedanke aber, oder richtiger diese eine Regung, ist 
ein Kind der Nacht; sie gehört dem Unbewußten des 
Träumers an, wird darum von ihm verleugnet und ver- 
worfen. Sie mußte den nächtlichen Nachlaß der Ver- 
drängung abwarten, um es zu irgendeiner Art von Aus- 
druck zu bringen. Immerhin ist dieser Ausdruck ein ab- 
geschwächter, entstellter, verkleideter; ohne die Arbeit 
der Traumdeutung hätten wir ihn nicht gefunden. Der 
Verknüpfung mit den anderen einwandfreien Traum- 
gedanken dankt diese unbewußte Regung die Gelegen- 
heit, sich in einer unscheinbaren Verkleidung durch die 
Schranke der Zensur einzuschleichen; anderseits danken 
die vorbewußten Traumgedanken dieser selben Ver- 
knüpfung die Macht, das Seelenleben auch während des 
Schlafs zu beschäftigen. Denn uns bleibt kein Zweifel 
daran: Diese unbewußte Regung ist der eigentliche 
Schöpfer des Traums, sie bringt die psychische Energie 






z6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



für seine Bildung auf. "Wie jede andere Triebregung kann 
sie nichts anderes anstreben als ihre eigene Befriedigung, 
und unsere Erfahrung im Traumdeuten zeigt uns auch, 
daß dies der Sinn alles Träumens ist. In jedem Traum 
soll ein Triebwunsch als erfüllt dargestellt werden. Die 
nächtliche Absperrung des Seelenlebens von der Realität, 
die dadurch ermöglichte Regression zu primitiven Me- 
chanismen machen es möglich, daß diese gewünschte 
Triebbefriedigung halluzinatorisch als Gegenwart erlebt 
wird. Infolge derselben Regression werden im Traum 
Vorstellungen in visuelle Bilder umgesetzt, die latenten 
Traumgedanken also dramatisiert und illustriert. 

Aus diesem Stück der Traumarbeit erhalten wir 
Auskunft über einige der auffälligsten und besondersten 
Charaktere des Traums. Ich wiederhole den Hergang 
der Traumbildung. Die Einleitung: der Wunsch zu schla- 
fen, die absichtliche Abwendung von der Außenwelt. 
Zwei Folgen derselben für den seelischen Apparat, erstens 
die Möglichkeit, daß ältere und primitivere Arbeitsweisen 
in ihm hervortreten können, die Regression, zweitens 
die Herabsetzung des Verdrängungswiderstandes, der auf 
dem Unbewußten lastet. Als Folge dieses letzteren Mo- 
ments ergibt sich die Möglichkeit zur Traumbildung, 
die von den Anlässen, den rege gewordenen, inne- 
ren und äußeren Reizen ausgenutzt wird. Der Traum, 
der so entsteht, ist bereits eine Kompromißbildung; er 
hat eine doppelte Funktion, er ist einerseits ichgerecht, 
indem er durch die Erledigung der schlafstörenden Reize 
dem Schlaf wünsch dient, anderseits gestattet er einer ver- 
drängten Triebregung die unter diesen Verhältnissen 



XXIX. Revision der Traumlehre 



27 



' 



mögliche Befriedigung in der Form einer halluzinierten 
Wunscherfüllung. Der ganze vom schlafenden Ich zu- 
gelassene Prozeß der Traumbildung steht aber unter der 
Bedingung der Zensur, die von dem Rest der aufrecht 
erhaltenen Verdrängung ausgeübt wird. Einfacher kann 
ich den Vorgang nicht darstellen, er ist nicht einfacher. 
Aber ich kann nun in der Beschreibung der Traumarbeit 

fortfahren. 

Nochmals zurück zu den latenten Traumgedanken! 
Ihr stärkstes Element ist die verdrängte Triebregung, die 
sich in ihnen in Anlehnung an zufällig vorhandene Reize 
und in Übertragung an die Tagesreste einen wenngleich 
gemilderten und verkleideten Ausdruck geschaffen hat. 
Wie jede Triebregung drängt auch diese zur Be- 
friedigung durch die Handlung, aber der Weg zur 
Motilität ist ihr durch die physiologischen Einrich- 
tungen des Schlafzustandes versperrt; sie ist ge- 
nötigt, die rückläufige Richtung zur Wahrnehmung 
einzuschlagen und sich mit einer halluzinierten Be- 
friedigung zu begnügen. Die latenten Traumgedan- 
ken werden also in eine Summe von Sinnesbildern 
und visuellen Szenen umgesetzt. Auf diesem Wege ge- 
schieht das mit ihnen, was uns so neuartig und befrem- 
dend erscheint. Alle die sprachlichen Mittel, durch welche 
die feineren Denkrelationen ausgedrückt werden, die 
Konjunktionen und Präpositionen, die Abänderungen der 
Deklination und Konjugation entfallen, weil die Dar- 
stellungsmittel für sie fehlen; wie in einer primitiven 
Sprache ohne Grammatik wird nur das Rohmaterial des 
Denkens ausgedrückt, Abstraktes auf das ihm zugrunde 






I 



28 Neue Vorlesungen zur Einfüh rung in di e Psychoanalyse 

liegende Konkrete zurückgeführt. Was so erübrigt, kann 
leicht zusammenhanglos erscheinen. Es entspricht sowohl 
der archaischen Regression im seelischen Apparat wie 
den Anforderungen der Zensur, wenn die Darstellung 
von gewissen Objekten und Vorgängen durch Symbole, 
die dem bewußten Denken fremd geworden sind, in 
reichem Ausmaß verwendet wird. Aber weit darüber 
hinaus greifen andere Veränderungen, die mit den Ele- 
menten der Traumgedanken vorgenommen werden. Solche 
von ihnen, die irgend einen Berührungspunkt auffinden 
lassen, werden zu neuen Einheiten verdichtet. Bei 
der Umsetzung der Gedanken in Bilder werden diejenigen 
unzweideutig bevorzugt, die eine derartige Zusammen- 
legung, Verdichtung gestatten; als ob eine Kraft wirk- 
sam wäre, die das Material einer Pressung, Zusammen- 
drängung, aussetzt. Infolge der Verdichtung kann dann 
ein Element im manifesten Traum zahlreichen Elementen 
in den latenten Traumgedanken entsprechen; umgekehrt 
kann aber auch ein Element der Traumgedanken durch 
mehrere Bilder im Traum vertreten werden. 

Noch merkwürdiger ist der andere Vorgang der Ver- 
schiebung oder Akzentübertragung, der im bewußten 
Denken nur als Denkfehler oder als Mittel des Witzes be- 
kannt ist. Die einzelnen Vorstellungen der Traumgedanken 
sind ja nicht gleichwertig, sie sind mit verschieden gro- 
ßen Affektbeträgen besetzt und dementsprechend vom 
Urteil als mehr oder minder wichtig, des Interesses würdig 
eingeschätzt. In der Traumarbeit werden diese Vorstel- 
lungen von den an ihnen haftenden Affekten getrennt; 
die Affekte werden für sich erledigt, sie können auf an- 












XXIX. Revision der Traumlehre 



29 



deres verschoben werden, erhalten bleiben, Verwandlun- 
gen erfahren, überhaupt nicht im Traum erscheinen. Die 
Wichtigkeit der vom Affekt entblößten Vorstellungen 
kehrt im Traum als sinnliche Stärke der Traumbilder 
wieder, aber wir bemerken, daß dieser Akzent von be- 
deutsamen Elementen auf indifferente übergegangen ist, 
so daß im Traum als Hauptsache in den Vordergrund 
gerückt scheint, was in den Traumgedanken nur eine 
Nebenrolle spielte, und umgekehrt das Wesentliche der 
Traumgedanken im Traum nur eine beiläufige, wenig deut- 
liche Darstellung findet. Kein anderes Stück der Traum- 
arbeit trägt soviel dazu bei, den Traum für den Träumer 
fremdartig und unbegreiflich zu machen. Die Verschie- 
bung ist das Hauptmittel der Traumentstellung, 
welche sich die Traumgedanken unter dem Einfluß der 
Zensur gefallen lassen müssen. 

Nach diesen Einwirkungen auf die Traumgedanken 
ist der Traum fast fertig gemacht. Es tritt noch ein ziem- 
lich inkonstantes Moment hinzu, die sogenannte sekun- 
däre Bearbeitung, nachdem der Traum als Wahrneh- 
mungsobjekt vor dem Bewußtsein aufgetaucht ist. Wir 
behandeln ihn dann so, wie wir überhaupt gewohnt sind 
unsere Wahrnehmungsinhalte zu behandeln, suchen 
Lücken auszufüllen, Zusammenhänge einzufügen, setzen 
uns dabei oft genug groben Mißverständnissen aus. Aber 
diese gleichsam rationalisierende Tätigkeit, die im bestem 
Falle den Traum mit einer glatten Fassade versieht, wie 
sie zu seinem wirklichen Inhalt nicht passen kann, kann 
auch unterlassen werden oder sich nur in sehr beschei- 
denem Maß äußern, wo dann der Traum alle seine Risse 



r 



30 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse^ 



und Sprünge offen zur Schau trägt. Anderseits ist nicht 
zu vergessen, daß auch die Traumarbeit nicht immer 
gleich energisch verfährt; oft genug schränkt sie sich 
nur auf gewisse Stücke der Traumgedanken ein und an- 
dere von ihnen dürfen unverändert im Traum erscheinen. 
Dann macht es den Eindruck, als hätte man im Traum 
die feinsten und kompliziertesten intellektuellen Opera- 
tionen ausgeführt, spekuliert, Witze gemacht, Entschlüsse 
gefaßt, Probleme gelöst, während all dies das Ergebnis 
unserer normalen geistigen Tätigkeit ist, ebensowohl 
am Tag vor dem Traum wie während der Nacht vor- 
gefallen sein mag, mit der Traumarbeit nichts zu tun hat 
und nichts für den Traum Charakteristisches zum Vor- 
schein bringt. Es ist auch nicht überflüssig nochmals den 
Gegensatz zu betonen, der innerhalb der Traumgedanken 
selbst zwischen der unbewußten Triebregung und den 
Tagesresten besteht. Während die letzteren die ganze 
Mannigfaltigkeit unserer seelischen Akte aufweisen, läuft 
die erstere, die der eigentliche Motor der Traumbildung 
wird, regelmäßig in eine Wunscherfüllung aus. 

Das alles hätte ich Ihnen schon vor fünfzehn Jahren 
sagen können, ja ich glaube, ich habe es Ihnen damals 
auch wirklich gesagt. Nun wollen wir zusammentragen, 
was etwa in dieser Zwischenzeit an Abänderungen und 
neuen Einsichten hinzugekommen ist. 

Ich sagte Ihnen schon, ich fürchte, Sie werden fin- 
den, es ist recht wenig, und werden nicht verstehen, 
warum ich Ihnen auferlegt habe, das Nämliche zweimal 
anzuhören, und mir, es zu sagen. Aber es sind 15 Jahre 
dazwischen und ich hoffte auf diese Art am leichtesten 






XXIX. Revision der Traumlehre 



3 1 



den Kontakt mit Ihnen wiederherzustellen. Auch sind es 
so elementare Dinge, von so entscheidender Wichtigkeit 
für das Verständnis der Psychoanalyse, daß man sie 
gern ein zweites Mal anhören mag, und daß sie nach 
15 Jahren so sehr dieselben geblieben sind, ist an und 
für sich wissenswert. 

Sie finden in der Literatur dieser Zeit natürlich eine 
große Anzahl von Bestätigungen und Detailausführun- 
gen, von denen ich Ihnen nur Proben zu geben vorhabe. 
Auch kann ich dabei einiges, was schon früher bekannt 
wurde, nachholen. Es bezieht sich zumeist auf die Sym- 
bolik im Traum und die sonstigen Darstellungsweisen des 
Traumes. Nun hören Sie, erst ganz kürzlich haben die 
Mediziner an einer amerikanischen Universität sich ge- 
weigert, der Psychoanalyse den Charakter einer Wissen- 
schaft zuzugestehen, mit der Begründung, daß sie keine 
experimentellen Beweise zulasse. Sie hätten denselben 
Einwand auch gegen die Astronomie erheben können; das 
Experimentieren mit den Himmelskörpern ist ja beson- 
ders schwierig. Man bleibt da auf die Beobachtung ange- 
wiesen. Immerhin haben gerade Wiener Forscher den An- 
fang gemacht, unsere Traumsymbolik experimentell zu 
bestätigen. Ein Dr. Schrötter hat schon 1912 ge- 
funden, wenn man tief hypnotisierten Personen den Auf- 
trag gibt, von sexuellen Vorgängen zu träumen, erscheint 
in dem so provozierten Traum das sexuelle Material 
durch die uns bekannten Symbole ersetzt. Zum Beispiel 
einer Frau wird aufgegeben, vom Geschlechtsverkehr mit 
einer Freundin zu träumen. In ihrem Traum erscheint diese 
Freundin mit einer R e i s e t a s c h e, die mit einem Zettel 






fTS 



}z Neue Vorlesungen zur Einführung in die Ps ychoanalyse 

beklebt ist: Nur für Damen. Noch eindrucksvoller sind 
Versuche von B e 1 1 h e i m und H a r t m a n n 1924, die 
an Kranken mit sogenannter Korsakoffscher Ver- 
worrenheit arbeiteten. Sie erzählten ihnen Geschichten 
mit grob sexuellem Inhalt und achteten auf die Entstel- 
lungen, die bei der geforderten Reproduktion des Er- 
zählten auftraten. Dabei kamen wiederum die uns ver- 
trauten Symbole für Geschlechtsorgane und Geschlechts- 
verkehr zum Vorschein, unter anderem das Symbol der 
Stiege, von dem die Autoren mit Recht sagen, daß es 

einem bewußten Entstellungswunsch unerreichbar gewesen 
wäre. 

V. S 1 1 b e r e r hat in einer sehr interessanten Ver- 
suchsreihe gezeigt, daß man die Traumarbeit gleichsam 
in flagranti dabei überraschen kann, wie sie abstrakte 
Gedanken in visuelle Bilder umsetzt. Wenn er sich in 
Zuständen von Müdigkeit und Schlaftrunkenheit zu 
geistiger Arbeit nötigen wollte, dann entschwand ihm oft 
der Gedanke und an seiner Stelle trat eine Vision auf, 
die offenbar sein Ersatz war. 

Ein einfaches Beispiel dafür: Ich denke daran, sagt 
S 1 1 b e r e r, daß ich vorhabe, in einem Aufsatz eine holp- 
rige Stelle auszubessern. Vision: Ich sehe mich ein Stück 
Holz glatt hobeln. Bei diesen Versuchen ereignete es sich 
hauhg, daß nicht der einer Bearbeitung harrende Ge- 
danke, sondern sein eigener subjektiver Zustand während 
der Bemühung zum Inhalt der Vision wurde, das Zu- 
standliche anstatt des Gegenständlichen, was S i 1 b e r e r 
als „funktionales Phänomen" bezeichnet hat. Ein Bei- 
spiel wird Ihnen gleich zeigen, was gemeint ist. Der Autor 






XXIX. Revision der Traumlehre 33 



bemüht sich, die Ansichten zweier Philosophen über ein 
gewisses Problem mit einander zu vergleichen. Aber in 
seiner Schläfrigkeit entschlüpft ihm die eine davon immer 
wieder und endlich hat er die Vision, daß er eine Aus- 
kunft von einem mürrischen Sekretär verlangt, der über 
einen Schreibtisch gebeugt ihn zuerst nicht beachtet und 
dann ihn unwillig und abweisend ansieht. Wahrschein- 
lich erklärt es sich aus den Versuchsbedingungen selbst, 
daß die so erzwungene Vision so häufig ein Ergebnis der 
Selbstbeobachtung darstellt. 

Bleiben wir noch bei den Symbolen. Es gab solche, 
die wir erkannt zu haben glaubten, und bei denen es 
uns doch störte, daß wir nicht angeben konnten, wie 
das Symbol zu d e r Bedeutung gekommen war. In 
solchen Fällen mußten uns Bestätigungen von anders- 
woher, aus Sprachwissenschaft, Folklore, Mythologie, 
Ritual besonders willkommen sein. Ein Beispiel dieser 
Art war das Symbol des Mantels. Wir sagten, im Traume 
einer Frau bedeutet der Mantel einen Mann. Ich hoffe 
nun, es macht Ihnen einen Eindruck, wenn Sie hören, 
daß Th. Reik 1920 uns berichtet: „In dem höchst 
altertümlichen Brautzeremoniell der Beduinen bedeckt 
der Bräutigam die Braut mit einem besonderen ,Aba* ge- 
nannten Mantel und spricht dazu die rituellen Worte: 
,Es soll Dich fortan niemand bedecken als nur ich*." 
(Nach Robert E i s 1 e r: „Weitenmantel und Himmels- 
zelt.") Wir haben auch mehrere neue Symbole aufge- 
funden, von denen ich Ihnen wenigstens *.wei Beispiele 
berichten will. Nach Abraham 1922 ist die Spinne 
im Traum ein Symbol der Mutter, aber der phallischen 



34 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Mutter, vor der man sich fürchtet, so daß die Angst vor 
der Spinne den Schrecken vor dem Mutterinzest und das 
Grauen vor dem weiblichen Genitale ausdrückt. Sie 
wissen vielleicht, daß das mythologische Gebilde des Me- 
dusenhaupts auf dasselbe Motiv des Kastrationsschrecks 
zurückzuführen ist. Das andere Symbol, von dem ich 
Ihnen sprechen will, ist das der Brücke. F e r e n c z i hat 
es 1921— 1922 aufgeklärt. Es bedeutet ursprünglich das 
männliche Glied, das das Elternpaar beim Geschlechts- 
verkehr miteinander verbindet, aber es entwickelt sich 
dann zu weiteren Bedeutungen, die sich von jener ersten 
ableiten. Insoferne es dem männlichen Glied zu verdan- 
ken ist, daß man überhaupt aus dem Geburtswasser zur 
Welt kann, wird die Brücke der Übergang vom Jen- 
seits (dem Noch-nicht-geboren-sein, dem Mutterleib) zum 
Diesseits (dem Leben), und da sich der Mensch auch den 
Tod als Rückkehr in den Mutterleib (ins Wasser) vor- 
stellt, bekommt die Brücke auch die Bedeutung einer Be- 
förderung in den Tod und endlich in weiterer Entfer- 
nung von ihrem Anfangssinn bezeichnet sie Übergang, 
Zustandsveränderung überhaupt. Dazu stimmt es dann, 
wenn eine Frau, die den Wunsch nicht überwunden hat, 
ein Mann zu sein, so häufig von Brücken träumt, die zu 
kurz smd, um das andere Ufer zu erreichen. 

häufi B r anifeStCn Inhak ^ TräUmC k ° mmen redlt 
1 Cr Unc * Siumtionen vor) die an bekannte Mo- 

archen, Sagen und Mythen erinnern. Die Deu- 
tung solcher Trän™ • r j • T • u r j- 
.. . * räume wirft dann ein Licht aut die ur- 

en | nt eresscn, die diese Motive geschaffen ha- 

1 Wlr aber natürlich nicht an den Bedeutungs- 



XXIX. Revision der Traumlehre 35 



wandel vergessen dürfen, der im Laufe der Zeiten dieses 
Material betroffen hat. Unsere Deutungsarbeit deckt so- 
zusagen den Rohstoff auf, der häufig genug im weitesten 
Sinne sexuell zu nennen ist, aber in späterer Bearbeitung 
die verschiedenartigste Verwendung fand. Solche Zurück- 
führungen pflegen uns den Zorn aller nicht analytisch 
gerichteten Forscher einzutragen, als ob wir alles, was 
sich an späteren Entwicklungen darüber aufgebaut, leug- 
nen oder geringschätzen wollten. Nichts desto weniger 
sind solche Einsichten lehrreich und interessant. Das 
Gleiche gilt für die Ableitung gewisser Motive der bil- 
denden Kunst, wenn z. B. J. Eis ler (1919) nach der 
Anleitung von Träumen seiner Patienten den mit einem 
Knäblein spielenden Jüngling, der im Hermes des Pra- 
xiteles dargestellt ist, analytisch deutet. Nur noch ein 
Wort, aber ich kann es mir nicht versagen zu erwähnen, 
wie häufig gerade mythologische Themen durch die 
Traumdeutung Aufklärung finden. So läßt sich z. B. die 
Labyrinthsage als Darstellung einer analen Geburt er- 
kennen; die verschlungenen Gänge sind der Darm, der 
Ariadnefaden die Nabelschnur. 

Die Darstellungsweisen der Traumarbeit, ein reiz- 
voller und kaum zu erschöpfender Stoff, sind uns durch 
eingehendes Studium immer vertrauter worden; ich will 
Ihnen auch davon einige Proben geben. So z. B. stellt 
der Traum die Relation der Häufigkeit durch die Ver- 
vielfältigung von Gleichartigem dar. Hören Sie den son- 
derbaren Traum eines jungen Mädchens an: Sie tritt in 
einen großen Saal ein und findet in ihm eine Person auf 
einem Stuhl sitzend, sechs-, achtmal, noch öfter wieder- 



}6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 









holt, die aber jedesmal ihr Vater ist. Das versteht sich 
leicht, wenn man aus den Nebenumständen der Deutung 
erfährt, daß dieser Raum den Mutterleib vorstellt. Dann 
wird der Traum gleichwertig mit der uns wohlbekannten 
Phantasie des Mädchens, das schon im Intrauterinleben 
mit dem Vater zusammengetroffen sein will, wenn er 
während der Schwangerschaft dem Mutterleib einen Be- 
such abstattete. Daß etwas im Traum umgekehrt, das 
Eintreten vom Vater auf die eigene Person verschoben 
ist, darf Sie nicht beirren; es hat übrigens noch seine be- 
sondere Bedeutung. Die Vervielfältigung der Vaterperson 
kann nur ausdrücken, daß der betreffende Vorgang sich 
wiederholt ereignet hat. Eigentlich müssen wir auch zu- 
gestehen, daß der Traum sich nicht viel herausnimmt, 
wenn er Häufigkeit durch Häufung ausdrückt. 
Er hat nur auf die Urbedeutung des Wortes zurück- 
gegriffen, das uns heute eine Wiederholung in der Zeit 
bezeichnet, aber von einer Ansammlung im Raum her- 
genommen ist. Aber die Traumarbeit setzt überhaupt, wo 
es angeht, zeitliche Beziehungen in räumliche um und 
stellt sie als solche dar. Man sieht etwa im Traum eine 
Szene zwischen Personen, die sehr klein und weit ent- 
fernt erscheinen, als ob man sie durch das umgekehrte 
Ende eines Opernglases betrachten würde. Die Kleinheit 
wie die räumliche Entfernung bedeuten hier das Gleiche, 
es ist die Entfernung in der Zeit gemeint, es soll ver- 
standen werden, daß es eine Szene aus weit zurückliegen- 
der Vergangenheit ist. Ferner, Sic erinnern vielleicht, 

daß ich Ihnen schon in den früheren Vorlesungen gesagt 
und an Beispielen gezeigt habe, wir hätten gelernt, auch 




XXIX. Revision der Traumlehre 37 

rein formale Züge des manifesten Traums für die Deu- 
tung zu verwerten, also in Inhalt aus den latenten Traum- 
gedanken umzusetzen. Nun wissen Sie ja, daß alle 
Träume einer Nacht in denselben Zusammenhang ge- 
hören. Aber es ist nicht einmal gleichgültig, ob diese 
Träume den Träumenden als ein Kontinuum erscheinen 
oder ob er sie in mehrere Stücke gliedert und in wie 
viele. Die Anzahl dieser Stücke entspricht oft ebenso viel 
gesonderten Mittelpunkten der Gedankenbildung in den 
latenten Traumgedanken oder miteinander ringenden 
Strömungen im Seelenleben des Träumers, von denen 
jede in einem besonderen Traumstück vorherrschenden, 
wenn auch nie ausschließlichen Ausdruck findet. Ein 
kurzer Vortraum und ein langer Haupttraum stehen oft 
zu einander in der Beziehung von Bedingung und Aus- 
führung, wovon Sie ein sehr deutliches Beispiel in jenen 
alten Vorlesungen finden können. Ein Traum, den der 
Träumer als irgendwie eingeschoben bezeichnet, ent- 
spricht wirklich einem Nebensatz in den Traumgedan- 
ken. Franz Alexander hat (1925) in einer Studie 
über Traumpaare gezeigt, daß zwei Träume einer Nacht 
sich nicht selten derart in die Erfüllung der Traumauf- 
gabe teilen, daß sie zusammen genommen eine Wunsch- 
erfüllung in zwei Etappen ergeben, was jeder Traum für 
sich nicht leistet. Wenn der Traumwunsch etwa eine un- 
erlaubte Handlung an einer bestimmten Person zum In- 
halt hat, so erscheint diese Person unverhüllt im ersten 
Traum, die Handlung aber wird nur schüchtern ange- 
deutet. Der zweite Traum macht es dann anders. Die 
Handlung wird unverhüllt genannt, aber die Person un- 



i - 



WK^^^^^^^^^^^^^^s^ss^^^^^ss^«:---^ iSStag, 



38 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 









kenntlich gemacht oder durch eine indifferente ersetzt. 
Das macht doch wirklich den Eindruck von Schlauheit. 
Eine zweite und ähnliche Relation zwischen den beiden 
Teilen eines Traumpaares ist die, daß der eine die Be- 
strafung darstellt, der andere die sündige Wunscherfül- 
lung. Also gleichsam: Wenn man die Strafe dafür auf 
sich nimmt, dann darf man sich das Verbotene erlauben. 

Ich kann Sie nicht länger bei ähnlichen Kleinfunden 
aufhalten, auch nicht bei den Diskussionen, die sich auf 
die Verwertung der Traumdeutung in der analytischen 
Arbeit beziehen. Ich kann annehmen, daß Sie ungeduldig 
sind zu hören, welche Änderungen sich in den Grund- 
anschauungen über Wesen und Bedeutung des Traumes 
vollzogen haben. Sie sind bereits darauf vorbereitet, daß 
gerade darüber wenig zu berichten ist. Der bestrittenste 
Punkt der ganzen Lehre war wohl die Behauptung, daß 
alle Träume Wunscherfüllungen sind. Den unvermeid- 
lichen, immer wiederkehrenden Einwand der Laien, daß 
es doch sovielc Angstträume gibt, haben wir bereits in 
den früheren Vorlesungen, ich darf es sagen, voll erledigt. 
Mit der Einteilung in Wunsch-, Angst- und Strafträume 
haben wir unsere Lehre aufrecht erhalten. 

Auch die Strafträume sind Wunscherfüllungen, aber 
nicht solche der Triebregungen, sondern der kritisieren- 
den, zensurierenden und strafenden Instanz im Seelen- 
leben. Wenn wir einen reinen Straftraum vor uns haben, 
so gestattet uns eine leichte Gedankenoperation den 
Wunschtraum wieder herzustellen, auf den der Straf- 
traum die richtige Entgegnung ist, der für den manifesten 
Traum durch diese Zurückweisung ersetzt wurde. Sie 






XXIX. Revision der Traumlehre 39 



wissen, meine Damen und Herren, daß das Studium des 
Traums uns zuerst zum Verständnis der Neurosen ver- 
holfen hat. Sie werden es auch begreiflich finden, daß 
unsere Kenntnis der Neurosen späterhin unsere Auffas- 
sung des Traums beeinflussen konnte. Wie Sie hören 
werden, haben wir uns genötigt gesehen, im Seelenleben 
eine besondere kritisierende und verbietende Instanz an- 
zunehmen, die wir das Uberich heißen. Indem wir nun 
auch die Traumzensur als eine Leistung dieser Instanz 
erkannten, wurden wir angeleitet, den Anteil des Über- 
ichs an der Traumbildung sorgfältiger zu beachten. 

Gegen die Wunscherfüllungstheorie des Traumes 
haben sich nur zwei ernsthafte Schwierigkeiten erhoben, 
deren Erörterung weitab führt, allerdings noch keine voll 
befriedigende Erledigung gefunden hat. Die erste ist 
durch die Tatsache gegeben, daß Personen, die ein Shock- 
erlebnis, ein schweres psychisches Trauma durchgemacht 
haben, wie es so oft im Krieg der Fall war und sich auch 
als Begründung einer traumatischen Hysterie findet, vom 
Traum so regelmäßig in die traumatische Situation zu- 
rückversetzt werden. Das sollte nach unseren Annahmen 
über die Funktion des Traumes nicht der Fall sein. 
Welche Wunschregung könnte durch dieses Rückgreifen 
auf das höchst peinliche traumatische Erlebnis befriedigt 
werden? Das ist schwer zu erraten. Mit der zweiten Tat- 
sache treffen wir in der analytischen Arbeit fast täglich 
zusammen; sie bedeutet auch keinen so gewichtigen Ein- 
wand wie die andere. Sie wissen, es ist eine der Aufgaben 
der Psychoanalyse, den Schleier der Amnesie zu lüften, 
der die ersten Kinderjahre verhüllt und die in ihnen ent- 






tmmKKtK^SiSSSS!¥SS!«3SSS^&!SS^. , •: --- 






n 












40 Neue Vorlesungen z ur Einführung in die Psy choanalyse 

haltenen Äußerungen des frühkindlichen Sexuallebens 
zur bewußten Erinnerung zu bringen. Nun sind diese 
ersten Sexualerlebnisse des Kindes mit schmerzlichen Ein- 
drücken von Angst, Verbot, Enttäuschung und Bestra- 
fung verknüpft; man versteht, daß sie verdrängt worden 
sind, aber dann versteht man nicht, daß sie einen so 
breiten Zugang zum Traumleben haben, daß sie die Mu- 
ster für so viele Traumphantasien hergeben, daß die 
Träume von Reproduktionen dieser Infantilsszenen und 
von Anspielungen an sie erfüllt sind. Ihr Unlustcharakter 
und die Wunscherfüllungstendenz der Traumarbeit 
scheinen sich doch schlecht miteinander zu vertragen. 
Aber vielleicht sehen wir in diesem Fall die Schwierig- 
keit zu groß. An denselben Kindheitserlebnissen haften 
ja alle die unvergänglichen, unerfüllten Triebwünsche, 
die durchs ganze Leben die Energie für die Traumbildung 
abgeben, denen man es wohl zutrauen kann, daß sie in 
ihrem gewaltigen Auftrieb auch das Material peinlich 
empfundener Begebenheiten an die Oberfläche drängen 
können. Und anderseits ist in der Art und Weise, wie 
dieses Material reproduziert wird, die Bemühung der 
Traumarbeit unverkennbar, die die Unlust durch Ent- 
stellung verleugnen, Enttäuschung in Gewährung ver- 
wandeln will. Bei den traumatischen Neurosen ist es 
anders, hier laufen die Träume regelmäßig in Angstent- 
wicklung aus. Ich meine, wir sollen uns nicht scheuen 
zuzugestehen, daß in diesem Falle die Funktion des 
Traumes versagt. Ich will mich nicht auf den Satz be- 
rufen, daß die Ausnahme die Regel bestätigt; seine Weis- 
heit erscheint mir recht zweifelhaft. Aber wohl hebt die 



XXIX. Revision der Traumlehre. 



4* 



Ausnahme die Regel nicht auf. "Wenn man eine einzelne 
psychische Leistung wie das Träumen zum Zweck des 
Studiums aus dem ganzen Getriebe isoliert, hat man es 
sich möglich gemacht, die ihr eigenen Gesetzmäßigkeiten 
aufzudecken; wenn man sie wiederum ins Gefüge ein- 
setzt, muß man gefaßt sein zu finden, daß diese Ergeb- 
nisse durch den Zusammenstoß mit anderen Mächten ver- 
dunkelt oder beeinträchtigt werden. Wir sagen, der Traum 
ist eine Wunscherfüllung; wenn Sie den letzten Ein- 
wänden Rechnung tragen wollen, so sagen Sie immerhin, 
der Traum ist der Versuch einer Wunscherfüllung. 
Für keinen, der sich in die psychische Dynamik hinein- 
versetzen kann, haben Sie dann etwas anderes gesagt. 
Unter bestimmten Verhältnissen kann der Traum seine 
Absicht nur sehr unvollkommen durchsetzen oder muß 
sie überhaupt aufgeben; die unbewußte Fixierung an ein 
Trauma scheint unter diesen Verhinderungen der Traum- 
funktion obenan zu stehen. Während der Schläfer träu- 
men muß, weil der nächtliche Nachlaß der Verdrängung 
den Auftrieb der traumatischen Fixierung aktiv werden 
läßt, versagt die Leistung seiner Traumarbeit, die die 
Erinnerungsspuren der traumatischen Begebenheit in eine 
Wunscherfüllung umwandeln möchte. Unter diesen Ver- 
hältnissen ereignet es sich, daß man schlaflos wird, aus 
Angst vor dem Mißglücken der Traumfunktion auf den 
Schlaf verzichtet. Die traumatische Neurose zeigt uns da 
einen extremen Fall, aber man muß auch den Kindheits- 
erlebnissen den traumatischen Charakter zugestehen und 
braucht sich nicht zu verwundern, wenn sich geringfügi- 
gere Störungen der Traumleistung auch unter anderen 
Bedingungen ergeben. 












XXX. VORLESUNG 

TRAUM UND OKKULTISMUS 

Meine Damen und Herren! Wir werden heute einen 
schmalen Weg gehen, aber der kann uns zu einer weiten 
Aussicht führen. 

Die Ankündigung, daß ich über die Beziehung des 
Traums zum Okkultismus sprechen werde, kann Sie 
kaum überraschen. Der Traum ist ja oft als die Pforte 
zur Welt der Mystik betrachtet worden, gilt heute noch 
vielen selbst als ein okkultes Phänomen. Auch wir, die 
UM zum Objekt wissenschaftlicher Untersuchung gemacht 
haben, bestreiten nicht, daß ihn ein oder mehrere Fäden 
mit jenen dunklen Dingen verknüpfen. Mystik, Okkul- 
tismus, was ist mit diesen Namen gemeint? Erwarten Sie 
keinen Versuch von mir, diese schlecht umgrenzten Ge- 
biete durch Definitionen zu umfassen. In einer allge- 
meinen und unbestimmten Weise wissen wir alle, woran 
w 't dabei zu denken haben. Es ist eine Art von Jenseits 
der hellen, von unerbittlichen Gesetzen beherrschten Welt, 
welche die Wissenschaft für uns aufgebaut hat. 

**er Okkultismus behauptet die reale Existenz jener 
» inge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere 
Schulweisheit sich nichts träumen läßt". Nun, wir wollen 
ment an der Engherzigkeit der Schule festhalten; wir 
sind bereit zu glauben, was man uns glaubwürdig macht. 






XXX. Trau m und Okkultismus 43 

Wir gedenken mit diesen Dingen zu verfahren wie 
mit allem anderen Material der Wissenschaft, zunächst 
festzustellen, ob solche Vorgänge wirklich nachweisbar 
sind und dann, aber erst dann, wenn sich ihre Tatsäch- 
lichkeit nicht bezweifeln läßt, uns um ihre Erklärung zu 
bemühen. Aber es ist nicht zu leugnen, daß schon dieser 
Entschluß uns schwer gemacht wird durch intellektuelle, 
psychologische und historische Momente. Es ist nicht der- 
selbe Fall, wie wenn wir an andere Untersuchungen her- 
angehen. 

Die intellektuelle Schwierigkeit zuerst! Gestatten Sie 
mir grobe, handgreifliche Verdeutlichungen. Nehmen wir 
an, es handle sich um die Frage nach der Beschaffenheit 
des Erdinnern. Bekanntlich wissen wir nichts Sicheres 
darüber. Wir vermuten, daß es aus schweren Metallen 
im glühenden Zustand besteht. Nun stelle einer die Be- 
hauptung auf, das Erdinnere sei mit Kohlensäure ge- 
sättigtes Wasser, also eine Art Sodawasser. Wir werden 
gewiß sagen, das ist sehr unwahrscheinlich, widerspricht 
allen unseren Erwartungen, nimmt keine Rücksicht auf 
jene Anhaltspunkte unseres Wissens, die uns zur Auf- 
stellung der Metallhypothese geführt haben. Aber un- 
denkbar ist es immerhin nicht; wenn uns jemand einen 
Weg zur Prüfung der Sodawasserhypothese zeigt, werden 
wir ihn ohne Widerstand gehen. Aber nun kommt ein 
anderer mit der ernsthaften Behauptung, der Erdkern be- 
stehe aus Marmelade! Dagegen werden wir uns ganz 
anders verhalten. Wir werden uns sagen, Marmelade 
kommt in der Natur nicht vor, es ist ein Produkt der 
menschlichen Küche, die Existenz dieses Stoffes setzt 






44 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



außerdem das Vorhandensein von Obstbäumen und von 
deren Früchten voraus, und wir wüßten nicht, wie wir 
Vegetation und menschliche Kochkunst ins Erdinnere 
verlegen könnten; das Ergebnis dieser intellektuellen Ein- 
wendungen wird eine Schwenkung unseres Interesses sein, 
anstatt auf die Untersuchung einzugehen, ob wirklich 
der Erdkern aus Marmelade besteht, werden wir uns fra- 
gen, was es für ein Mensch sein muß, der auf eine solche 
Idee kommen kann und höchstens noch ihn fragen, wo- 
her er das weiß. Der unglückliche Urheber der Marme- 
ladetheorie wird schwer gekränkt sein und uns anklagen, 
daß wir ihm aus angeblich wissenschaftlichem Vorurteil 
die objektive Würdigung seiner Behauptung versagen. 
Aber es wird ihm nichts nützen. Wir verspüren, daß 
Vorurteile nicht immer verwerflich sind, daß sie manch- 
mal berechtigt sind, zweckmäßig, um uns unnützen Auf- 
wand zu ersparen. Sie sind ja nichts anderes als Ana- 
logieschlüsse nach anderen, gut begründeten Urteilen. 

Eine ganze Anzahl der okkultistischen Behauptun- 
gen wirkt auf uns ähnlich wie die Marmeladehypothese, 
so daß wir uns berechtigt glauben, sie ohne Nachprüfung 
von vorneherein abzuweisen. Aber es ist doch nicht so 
einfach. Ein Vergleich wie der von mir gewählte beweist 
nichts, beweist so wenig wie überhaupt Vergleiche. Es 
bleibt ja fraglich, ob er paßt, und man versteht, daß die 
Einstellung der verächtlichen Verwerfung bereits seine 
Auswahl bestimmt hat. Vorurteile sind manchmal zweck- 
mäßig und berechtigt, andere Male aber irrtümlich und 
schädlich, und man weiß nie, wann sie das eine, wann 
sie das andere sind. Die Geschichte der Wissenschaften 



XXX. Traum und Okkultismus 45 



selbst ist überreich an Vorfällen, die vor einer voreiligen 
Verdammung warnen können. Lange Zeit galt es auch 
als eine unsinnige Annahme, daß die Steine, die wir heute 
Meteoriten heißen, aus dem Himmelsraum auf die Erde 
gelangt sein sollten, oder daß das Gestein der Berge, das 
Muschelreste einschließt, einst den Meeresgrund gebildet 
hätte. Übrigens ist es auch unserer Psychoanalyse nicht 
viel anders ergangen, als sie mit der Erschließung des 
Unbewußten hervortrat. Also haben wir Analytiker be- 
sonderen Grund, mit der Verwendung des intellektuellen 
Motivs zur Ablehnung neuer Aufstellungen vorsichtig zu 
sein, und müssen zugestehen, daß es uns nicht über Ab- 
neigung, Zweifel und Unsicherheit hinaus fördert. 

Das zweite Moment habe ich das psychologische 
genannt. Ich meine damit die allgemeine Neigung der 
Menschen zur Leichtgläubigkeit und Wundergläubig- 
keit. Von allem Anfang an, wenn das Leben uns in seine 
strenge Zucht nimmt, regt sich in uns ein Widerstand 
gegen die Unerbittlichkeit und Monotonie der Denk- 
gesetze und gegen die Anforderungen der Realitätsprü- 
fung. Die Vernunft wird zur Feindin, die uns so viel 
Lustmöglichkeit vorenthält. Man entdeckt, welche Lust 
es bereitet, sich ihr wenigstens zeitweilig zu entziehen 
und sich den Verlockungen des Unsinns hinzugeben. Der 
Schulknabe ergötzt sich an Wortverdrehungen, der Fach- 
gelehrte verulkt seine Tätigkeit nach einem wissenschaft- 
lichen Kongreß, selbst der ernsthafte Mann genießt die 
Spiele des Witzes. Ernsthaftere Feindseligkeit gegen 
„Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerbeste 
Kraft" wartet ihre Gelegenheit ab, sie beeilt sich dem 



BHNHHBHRh^ i^^gSfSggfffi?S3S35SSKa 



"'■ 



■ * ■*■! 













4^ Afow Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse __ 

Wunderdoktor oder Naturheilkünstler den Vorzug zu 
geben vor dem „studierten" Arzt, sie kommt den Be- 
hauptungen des Okkultismus entgegen, solange dessen 
angebliche Tatsachen als Durchbrechungen von Gesetz 
und Regel genommen werden, sie schläfert die Kritik 
ein, verfälscht die Wahrnehmungen, erzwingt Bestäti- 
gungen und Zustimmungen, die nicht zu rechtfertigen 
sind. Wer diese Neigung der Menschen in Betracht 
zieht, hat allen Grund, viele Mitteilungen der okkulti- 
stischen Literatur zu entwerten. 

Das dritte Bedenken nannte ich das historische und 
will damit aufmerksam machen, daß in der Welt des 
Okkultismus eigentlich nichts Neues vorgeht, daß aber 
in ihr alle die Zeichen, Wunder, Prophezeiungen und 
Geistererscheinungen neuerdings auftreten, die uns aus 
alten Zeiten und in alten Büchern berichtet werden und 
die wir längst als Ausgeburten ungezügelter Phantasie 
oder tendenziösen Trugs erledigt zu haben glaubten, als 
Produkte einer Zeit, in der die Unwissenheit der Mensch- 
heit sehr groß war und der wissenschaftliche Geist noch 
in seinen Kinderschuhen stak. Wenn wir als wahr an- 
nehmen, was sich nach den Mitteilungen der Okkulti- 
sten noch heute ereignet, so müssen wir auch jene Nach- 
richten aus dem Altertum als glaubwürdig anerkennen. 
Und nun besinnen wir uns, daß die Traditionen und 
heiligen Bücher der Völker von solchen Wundergeschich- 
ten übervoll sind und daß die Religionen ihren Anspruch 
auf Glaubwürdigkeit gerade auf solche außerordentliche 
und wunderbare Begebenheiten stützen und in ihnen die 
Beweise für das Wirken übermenschlicher Mächte finden. 






XXX. Traum und Okkultismus 



47 



Dann wird es uns schwer, den Verdacht zu vermeiden, 
daß das okkultistische Interesse eigentlich ein religiöses 
ist, daß es zu den geheimen Motiven der okkultistischen 
Bewegung gehört, der durch den Fortschritt des wissen- 
schaftlichen Denkens bedrohten Religion zu Hilfe zu 
kommen. Und mit der Erkenntnis eines solchen Motivs 
muß unser Mißtrauen wachsen und unsere Abneigung, 
uns in die Untersuchung der angeblichen okkulten Phä- 
nomene einzulassen. 

Aber endlich muß diese Abneigung doch über- 
wunden werden. Es handelt sich um eine Frage der Tat- 
sächlichkeit, ob das, was die Okkultisten erzählen, wahr 
ist oder nicht. Das muß doch durch Beobachtung ent- 
schieden werden können. Im Grunde müssen wir den 
Okkultisten dankbar sein. Die Wunderberichte aus alten 
Zeiten sind unserer Nachprüfung entzogen. Wenn wir 
meinen, sie sind nicht zu beweisen, so müssen wir doch 
zugeben, sie sind nicht mit aller Strenge zu widerlegen. 
Aber was in der Gegenwart vor sich geht, wobei wir 
zugegen sein können, darüber müssen wir doch ein 
sicheres Urteil gewinnen können. Kommen wir zur Über- 
zeugung, daß solche Wunder heute nicht vorkommen, 
so fürchten wir den Einwand nicht, sie könnten sich 
doch in alten Zeiten ereignet haben. Andere Erklärungen 
liegen dann viel näher. Wir haben also unsere Bedenken 
abgelegt und sind bereit an der Beobachtung der okkul- 
ten Phänomene teilzunehmen. 

Zum Unglück treffen wir dann auf Verhältnisse, 
die unserer redlichen Absicht äußerst ungünstig sind. 
Die Beobachtungen, von denen unser Urteil abhängen 



m 



48 Neue Vorlesungen zur Einführu ng in die Psychoanalyse 

~ — — — 

soll, werden unter Bedingungen angestellt, die unsere 
Sinneswahrnehmungen unsicher machen, unsere Auf- 
merksamkeit abstumpfen, in der Dunkelheit oder in 
spärlichem roten Licht, nach langen Zeiten leerer Er- 
wartung. Es wird uns gesagt, daß schon unsere ungläu- 
bige, also kritische Einstellung das Zustandekommen der 
erwarteten Phänomene zu hindern vermag. Die so her- 
gestellte Situation ist ein wahres Zerrbild der Umstände, 
unter denen wir sonst wissenschaftliche Untersuchungen 
durchzuführen pflegen. Die Beobachtungen werden an 
sogenannten Medien gemacht, Personen, denen man be- 
sondere „sensitive" Fähigkeiten zuschreibt, die sich aber 
keineswegs durch hervorragende Eigenschaften des Gei- 
stes oder des Charakters auszeichnen, nicht von einer 
großen Idee oder einer ernsthaften Absicht getragen 
werden wie die alten Wundertäter. Im Gegenteil, sie 
gelten selbst bei denen, die an ihre geheimen Kräfte 
glauben, als besonders unzuverlässig; die meisten von 
ihnen sind bereits als Betrüger entlarvt worden, es liegt 
uns nahe zu erwarten, daß den übrigen dasselbe bevor- 
steht. Was sie leisten, macht den Eindruck von mut- 
willigen Kinderstreichen oder Taschenspiclerkunststücken. 
Noch niemals ist in den Sitzungen mit diesen Medien 
etwas Brauchbares herausgekommen, etwa eine neue 
Kraftquelle zugänglich gemacht worden. Freilich er- 
wartet man auch keine Förderung der Taubenzucht von 
dem Kunststück des Taschenspielers, der Tauben aus 
seinem leeren Zylinderhut zaubert. Ich kann mich leicht 
in die Lage eines Menschen versetzen, der die Anforde- 
rung der Objektivität erfüllen will und darum an den 






XXX. Traum und Okkultismus 49 



okkultistischen Sitzungen teilnimmt, aber nach einer 
Weile ermüdet und von den an ihn gestellten Zumutungen 
abgestoßen, sich abwendet und unbelehrt zu seinen frü- 
heren Vorurteilen zurückkehrt. Man kann einem solchen 
vorhalten, das sei auch nicht das richtige Benehmen, 
Phänomenen, die man studieren wolle, dürfe man nicht 
vorschreiben, wie sie sein und unter welchen Bedingun- 
gen sie auftreten sollen. Es sei vielmehr geboten auszu- 
harren und die Vorsichts- und Kontrollmaßregeln zu 
würdigen, durch die man sich neuerdings gegen die Un- 
zuverlässigkeit der Medien zu schützen bemüht ist. 
Leider macht diese moderne Sicherungstechnik der leich- 
ten Zugänglichkeit okkultistischer Beobachtungen ein 
Ende. Das Studium des Okkultismus wird ein besonderer, 
schwieriger Beruf, eine Tätigkeit, die man nicht neben 
seinen sonstigen Interessen betreiben kann. Und bis die 
damit beschäftigten Forscher zu Entscheidungen gekom- 
men sind, bleibt man dem Zweifel und seinen eigenen 
Vermutungen überlassen. 

Unter diesen Vermutungen die wahrscheinlichste ist 
wohl die, daß es sich beim Okkultismus um einen realen 
Kern von noch nicht erkannten Tatsachen handelt, den 
Trug und Phantasiewirkung mit einer schwer durch- 
dringbaren Hülle umsponnen haben. Aber wie können 
wir uns diesem Kern auch nur annähern, an welcher 
Stelle das Problem angreifen? Hier meine ich, kommt 
uns der Traum zu Hilfe, indem er uns den Wink gibt, 
aus all dem Wust das Thema der Telepathie heraus- 
zugreifen. 

Sie wissen, Telepathie nennen wir die angebliche 



■■ 






33£¥3»BHHBaBB^K-^~-£ 



! 









$0 Neue Vorle sungen zur E in führu ng in die Psychoanalyse 

Tatsache, daß ein Ereignis, welches zu einer bestimmten 
Zeit vorfällt, etwa gleichzeitig einer räumlich ent- 
fernten Person zum Bewußtsein kommt, ohne daß die 
uns bekannten Wege der Mitteilung dabei in Betracht 
kämen. Stillschweigende Voraussetzung ist, daß dies Er- 
eignis eine Person betrifft, an welcher die andere, der 
Empfänger der Nachricht ein starkes emotionelles Inter- 
esse hat. Also z. B. die Person A erleidet einen Unfall, 
oder sie stirbt und die Person B, eine ihre nahe ver- 
bundene, die Mutter, Tochter oder Geliebte, erfährt es 
ungefähr zur gleichen Zeit durch eine Gesichts- oder 
Gehörswahrnehmung; im letzteren Falle also so, als ob 
sie tclephonisch verständigt worden wäre, was aber nicht 
der Fall gewesen ist, gewissermaßen ein psychisches 
Gegenstück zur drahtlosen Telegraphie. Ich brauche vor 
Ihnen nicht zu betonen, wie unwahrscheinlich solche 
Vorgänge sind. Auch darf man die meisten dieser Be- 
richte mit guten Gründen ablehnen; einige bleiben übrig, 
bei denen dies nicht so leicht ist. Gestatten Sie mir nun, 
daß ich, für den Zweck meiner beabsichtigten Mittei- 
lung, das vorsichtige Wörtchen „angeblich" weglasse und 
so fortsetze, als glaubte ich an die objekte Realität des 
telepathischen Phänomens. Aber halten Sie daran W8& 
daß dies nicht der Fall ist, daß ich mich auf keine Über- 
zeugung festgelegt habe. 

Ich habe Ihnen eigentlich wenig mitzuteilen, nur 
eine unscheinbare Tatsache. Ich will Ihre Erwartung 
auch gleich weiter einschränken, indem ich Ihnen sag* 
daß der Traum im Grunde wenig mit der Telcpat ^ £ 
zu tun hat. Weder wirft die Telepathie ein neues U* 



XXX. Traum und Okkultismus 



5* 



auf das Wesen des Traums, noch legt der Traum ein 
direktes Zeugnis für die Realität der Telepathie ab. Das 
telepathische Phänomen ist auch gar nicht an den Traum 
gebunden, es kann sich auch während des Wachzustands 
ereignen. Der einzige Grund, die Beziehung zwischen 
Traum und Telepathie zu erörtern, liegt darin, daß der 
Schlafzustand zur Aufnahme der telepathischen Bot- 
schaft besonders geeignet erscheint. Man erhält dann 
einen sogenannt telepathischen Traum und überzeugt 
sich bei dessen Analyse, daß die telepathische Nachricht 
dieselbe Rolle gespielt hat wie ein anderer Tagesrest 
und wie ein solcher von der Traumarbeit verändert und 
ihrer Tendenz dienstbar gemacht worden ist. 

In der Analyse eines solchen telepathischen Traums 
ereignet sich nun das, was mir interessant genug schien, 
um es trotz seiner Geringfügigkeit zum Ausgangspunkt 
für diese Vorlesung zu wählen. Als ich im Jahre 1922 
die erste Mitteilung über diesen Gegenstand machte, 
stand mir erst nur eine Beobachtung zur Verfügung. 
Seither habe ich manche ähnliche gemacht, aber ich 
bleibe beim ersten Beispiel, weil es sich am leichtesten 
darstellen läßt, und werde Sie sogleich in medias res 

einführen. 

Ein offenbar intelligenter, nach seiner Behauptung 
keineswegs „okkultistisch angehauchter" Mann, schreibt 
mir über einen Traum, der ihm merkwürdig erscheint. 
Er schickt voraus, seine verheiratete, entfernt von ihm 
lebende Tochter erwarte Mitte Dezember ihre erste 
Niederkunft. Diese Tochter steht ihm sehr nahe, er 
weiß auch, daß sie sehr innig an ihm hängt. Nun träumt 



m^^^/^^g/mmm^BSHs^ast^---"« 












J2 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

er in der Nacht vom 16. auf den 17. November, daß 
seine Frau Zwillinge geboren hat. Es folgen mancherlei 
Einzelheiten, die ich hier übergehen kann, die auch nicht 
alle Aufklärung gefunden haben. Die Frau, die im 
Traum Mutter der Zwillinge geworden ist, ist seine 
zweite Frau, die Stiefmutter der Tochter. Er wünscht 
sich keine Kinder von dieser Frau, der er die Eignung 
zur verständigen Kindererziehung abspricht, hatte auch 
zur Zeit des Traums den Geschlechtsverkehr mit ihr 
lange ausgesetzt. Was ihn veranlaßt mir zu schreiben, 
ist nicht ein Zweifel an der Traumlehre, zu dem ihn der 
manifeste Trauminhalt berechtigt hätte, denn warum 
läßt der Traum im vollen Gegensatz zu seinen Wünschen 
diese Frau Kinder gebären? Auch zu einer Befürchtung, 
daß dies unerwünschte Ereignis eintreffen könnte, lag 
nach seiner Auskunft kein Anlaß vor. Was ihn bewog, 
mir von diesem Traum zu berichten, war der Umstand, 
daß er am 18. November früh die telegraphische Nach- 
richt erhielt, die Tochter sei mit Zwillingen nieder- 
gekommen. Das Telegramm war tags vorher aufgegeben 
worden, die Geburt in der Nacht vom 16. auf den 17- 
erfolgt, ungefähr zur gleichen Stunde, als er von der 
Zwillingsgeburt seiner Frau träumte. Der Träumer fragt 
mich, ob ich das Zusammentreffen von Traum und Er- 
eignis für zufällig halte. Er getraut sich nicht, den Traum 
einen telepathischen zu nennen, denn der Unterschied 
zwischen Trauminhalt und Ereignis betrifft gerade das, 
was ihm das Wesentliche scheint, die Person der Ge- 
bärenden. Aber aus einer seiner Bemerkungen geht her- 
vor, daß er sich über einen richtigen telepathischen 



.. 



XXX. Traum und Okkultismus 



53 






Traum nicht verwundert hätte. Die Tochter, meint er, 
habe in ihrer schweren Stunde sicher „besonders an ihn 
gedacht". 

Meine Damen und Herren! Ich bin sicher, Sie kön- 
nen sich diesen Traum bereits erklären und verstehen 
auch, warum ich ihn Ihnen erzählt habe. Da ist ein 
Mann, mit seiner zweiten Frau unzufrieden, er möchte 
lieber eine Frau haben wie seine Tochter aus erster Ehe. 
Fürs Unbewußte entfällt natürlich dieses: wie. Nun 
trifft ihn nächtlicher Weile die telepathische Botschaft, 
die Tochter hat Zwillinge geboren. Die Traumarbeit be- 
mächtigt sich dieser Nachricht, läßt den unbewußten 
"Wunsch auf sie einwirken, der die Tochter an die Stelle 
der zweiten Frau setzen möchte, und so entsteht der be- 
fremdende manifeste Traum, der den Wunsch verhüllt 
und die Botschaft entstellt. Wir müssen sagen, erst die 
Traumdeutung hat uns gezeigt, daß es ein telepathischer 
Traum ist, die Psychoanalyse hat einen telepathischen 
Tatbestand aufgedeckt, den wir sonst nicht erkannt 
hätten. 

Aber lassen Sie sich ja nicht irreführen! Trotzdem 
hat die Traumdeutung nichts über die objekte Wahrheit 
des telepathischen Tatbestands ausgesagt. Es kann auch 
ein Anschein sein, der sich auf andere Weise aufklären 
läßt. Es ist möglich, daß die latenten Traumgedanken 
des Mannes gelautet haben: Heute ist ja der Tag, an 
dem die Entbindung erfolgen müßte, wenn die Tochter, 
wie ich eigentlich glaube, sich um einen Monat ver- 
rechnet hat. Und ihr Aussehen war schon damals, als 
ich sie zuletzt sah, so, als ob sie Zwillinge haben würde. 






™^H««™^* : ^~- - ffi? ™^ 



annoHBHw^^ 















14 Nene Vorlesunzen zw Einfübmnz m die tnAomdy* _ 

Und meine verstorbene Frau war so kinderlieb, wie 
würde die sich über Zwillinge gefreut haben! (Letzteres 
Moment setze ich nach noch nicht erwähnten Assozia- 
tionen des Träumers ein.) In diesem Fall wären gut be- 
gründete Vermutungen des Träumers, nicht eine tele- 
pathische Botschaft der Anreiz zum Traum gewesen, der 
Erfolg bliebe der nämliche. Sie sehen, auch diese Traum- 
deutung hat nichts über die Frage ausgesagt, ob man der 
Telepathie objektive Realität zugestehen darf. Das he e 
sich nur durch eingehende Erkundigung nach allen Ver- 
hältnissen des Vorfalles entscheiden, was leider bei 
diesem Beispiel ebenso wenig möglich war wie bei den 
anderen meiner Erfahrung. Zugegeben, daß die Annahme 
der Telepathie die bei weitem einfachste Erklärung 
gibt, aber damit ist nicht viel gewonnen. Die einfachste 
Erklärung ist nicht immer die richtige, die Wahrheit ist 
sehr oft nicht einfach, und ehe man sich zu einer so 
weittragenden Annahme entschließt, will man alle Vor- 
sichten eingehalten haben. 

Das Thema: Traum und Telepathie können wir 
jetzt verlassen, ich habe Ihnen nichts mehr darüber zu 
sagen. Aber beachten Sie wohl, nicht der Traum schien 
uns etwas über die Telepathie zu lehren, sondern die 
Deutung des Traumes, die psychoanalytische Bearbeitung. 
Somit können wir im Folgenden vom Traum ganz ab- 
gehen und wollen der Erwartung nachgehen, daß > e 
Anwendung der Psychoanalyse einiges Licht auf ander* 
okkult geheißene Tatbestände werfen kann. Da ist z. 
das Phänomen der Induktion oder Gedankenübertragung, 
das der Telepathie sehr nahe steht, eigentlich ohne vic 



XXX. Traum und Okku ltismus 



55 



Zwang mit ihr vereinigt werden kann. Es besagt, daß 
seelische Vorgänge in einer Person, Vorstellungen, Er- 
regungszustände, Willensimpulse sich durch den freien 
Raum auf eine andere Person übertragen können, ohne 
die bekannten Wege der Mitteilung durch Worte und 
Zeichen zu gebrauchen. Sie verstehen, wie merkwürdig, 
vielleicht auch praktisch bedeutsam es wäre, wenn der- 
gleichen wirklich vorkäme. Nebenbei gesagt, es ist ver- 
wunderlich, daß gerade von diesem Phänomen in den 
alten Wunderberichten am wenigsten die Rede ist. 

Während der psychoanalytischen Behandlung von 
Patienten habe ich den Eindruck bekommen, daß das 
Treiben der berufsmäßigen Wahrsager eine günstige Ge- 
legenheit verbirgt, um besonders einwandfreie Beobach- 
tungen über Gedankenübertragung anzustellen. Das sind 
unbedeutende oder selbst minderwertige Personen, die 
sich irgendeiner Hantierung hingeben, Karten aufschla- 
gen, Schriften und Handlinien studieren, astrologische 
Berechnungen anstellen und dabei ihren Besuchern die 
Zukunft vorhersagen, nachdem sie sich mit Stücken von 
deren vergangenen oder gegenwärtigen Schicksalen ver- 
traut gezeigt haben. Ihre Klienten zeigen sich meistens 
recht befriedigt durch diese Leistungen und sind ihnen 
auch nicht gram, wenn die Prophezeiungen späterhin 
nicht eintreffen. Ich bin mehrerer solcher Fälle habhaft 
geworden, konnte sie analytisch studieren und werde 
Ihnen gleich das merkwürdigste dieser Beispiele er- 
zählen. Leider wird die Beweiskraft dieser Mitteilungen 
durch die zahlreichen Verschweigungen beeinträchtigt, 
zu denen mich die Pflicht der ärztlichen Diskretion 



s6 Neue Vorlesun g en zur Einführung in die Psychoanalyse 

nötigt. Entstellungen habe ich aber mit strengem Vor- 
satz vermieden. Hören Sie also die Geschichte einer 
meiner Patientinnen, die ein solches Erlebnis mit einem 
Wahrsager gehabt hat. 

Sic war die älteste einer Reihe von Geschwistern 
gewesen, in einer außerordentlichen starken Vaterbin- 
dung aufgewachsen, hatte jung geheiratet, in der Ehe 
volle Befriedigung gefunden. Zu ihrem Glück fehlte nur 
eines, daß sie kinderlos geblieben war, ihren geliebten 
Mann also nicht völlig an die Stelle des Vaters rücken 
konnte. Als sie nach langen Jahren der Enttäuschung 
sich zu einer gynäkologischen Operation entschließen 
wollte, machte ihr der Mann die Eröffnung, daß die 
Schuld an ihm liege, er sei durch eine Erkrankung vor 
der Ehe unfähig zur Kinderzeugung geworden. Diese 
Enttäuschung vertrug sie schlecht, wurde neurotisch, litt 
offenbar an Versuchsängsten. Um sie aufzuheitern 
nahm sie der Mann auf eine Geschäftsreise nach Paris 
mit. Dort saßen sie eines Tages in der Halle des Hotels, 
als ihr eine gewisse Geschäftigkeit unter den Angestellten 
auffiel. Sie fragte, was es gäbe und erfuhr, Monsieur le 
professeur sei gekommen und erteilte Konsultationen in 
jenem Kabinett. Sie äußerte ihren Wunsch, auch einen 
Versuch zu machen. Der Mann schlug es ab, aber in 
einem unbewachten Moment war sie in den Konsul- 
tationsraum geschlüpft und stand vor dem Wahrsager. 
Sie war 27 Jahre alt, sah viel jünger aus, hatte den Ehe- 
ring abgelegt. Monsieur le projesseur ließ sie die Hand auf 
eine Tasse legen, die mit Asche gefüllt war, studierte 
sorgfältig den Abdruck, erzählte ihr dann allerlei von 









XXX. Traum und Okkultismus 57 

schweren Kämpfen, die ihr bevorstünden, und schloß 
mit der tröstlichen Versicherung, sie werde doch noch 
heiraten und mit 32 Jahren zwei Kinder haben. Als sie 
mir diese Geschichte erzählte, war sie 43 Jahre alt, 
schwer krank und ohne jede Aussicht jemals ein Kind 
zu bekommen. Die Prophezeiung war also nicht einge- 
troffen, doch sprach sie von ihr keineswegs mit Bitter- 
keit, sondern mit dem unverkennbaren Ausdruck der 
Befriedigung, als ob sie ein erfreuliches Erlebnis er- 
innern würde. Es war leicht festzustellen, daß sie nicht 
die leiseste Ahnung hatte, was die beiden Zahlen der 
Prophezeiung bedeuten könnten und ob sie überhaupt 
etwas bedeuteten. 

Sie werden sagen, das ist eine dumme und unver- 
ständliche Geschichte, und fragen, wozu ich sie Ihnen 
erzählt habe. Nun ich wäre ganz Ihrer Meinung, wenn 
nicht — und das ist jetzt der springende Punkt — die 
Analyse uns eine Deutung jener Prophezeiung ermög- 
lichte, die gerade durch die Aufklärung der Details 
zwingend wirkt. Die beiden Zahlen finden nämlich ihren 
Platz im Leben der Mutter meiner Patientin. Diese Viatte 
spät geheiratet, nach dreißig, und man hatte in der 
Familie oft dabei verweilt, daß sie sich so erfolgreich 
beeilt hatte, das Versäumte nachzuholen. Die beiden 
ersten Kinder, unsere Patientin voran, wurden mit dem 
kleinsten möglichen Intervall in dem gleichen Kalender- 
jahr geboren und mit 32 Jahren hatte sie wirklich schon 
zwei Kinder. Was Monsieur le professeur meiner Patien- 
tin gesagt hatte, hieß also: Trösten Sie sich, Sie sind 
noch so jung. Sie werden noch dasselbe Schicksal haben 



S« 



Nene Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



wie Ihre Mutter, die auch lange auf Kinder warten 
mußte, werden zwei Kinder haben mit 32 Jahren. Aber, 
dasselbe Schicksal zu haben wie die Mutter, sich an ihre 
Stelle zu setzen, ihren Platz beim Vater einzunehmen, 
das war ja der stärkste Wunsch ihrer Jugend gewesen, 
der Wunsch, an dessen Nichterfüllung sie jetzt zu er- 
kranken begann. Die Prophezeiung versprach ihr, daß 
er doch noch zur Erfüllung kommen werde; wie sollte 
sie gegen den Propheten anders als freundlich fühlen 
können? Aber halten Sie es für möglich, daß Monsieur 
le professeur mit den Daten der intimen Familien- 
geschichte seiner zufälligen Klientin vertraut war? Un- 
möglich; woher kam ihm also die Kenntnis, die ihn be- 
fähigte, den stärksten und geheimsten Wunsch der Pa- 
tientin durch die Aufnahme der beiden Zahlen in seine 
Prophezeiung auszudrücken? Ich sehe nur zwei Möglich- 
keiten der Erklärung. Entweder ist die Geschichte, so 
wie sie mir erzählt wurde, nicht wahr, hat sich anders 
zugetragen oder es ist anzuerkennen, daß eine Gedanken- 
übertragung als reales Phänomen besteht. Man kann frei- 
lich die Annahme machen, daß die Patientin nach einem 
Intervall von 16 Jahren die beiden Zahlen, auf die 
es ankommt, aus ihrem Unbewußten in jene Erinnerung 
eingesetzt hat. Ich habe keinen Anhaltspunkt für diese 
Vermutung, aber ich kann sie nicht ausschließen und ich 
stelle mir vor, daß Sic eher bereit sein werden, an eine 
solche Auskunft zu glauben als an die Realität der Ge- 
dankenübertragung. Wenn Sic sich zu letzterem ent- 
schließen, vergessen Sic nicht daran, daß erst die Analyse 



XXX. Traum und Okkultismus f9_ 



den okkulten Tatbestand geschaffen, ihn aufgedeckt hat, 
wo er bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. 

Handelte es sich nur um einen solchen Fall wie 
der meiner Patientin, so würde man achselzuckend über 
ihn hinweggehen. Niemand fällt es ein, einen Glauben, 
der eine so entscheidende Wendung bedeutet, auf einer 
vereinzelten Beobachtung aufzubauen. Aber glauben Sie 
meiner Versicherung, es ist nicht der einzige Fall in 
meiner Erfahrung. Ich habe eine ganze Reihe von solchen 
Prophezeiungen gesammelt und von allen den Eindruck 
gewonnen, daß der Wahrsager nur die Gedanken der 
ihn befragenden Personen und ganz besonders ihre ge- 
heimen Wünsche zum Ausdruck gebracht hatte, daß 
man also berechtigt war, solche Prophezeiungen zu 
analysieren, als wären es subjektive Produktionen, Phan- 
tasien oder Träume der Betreffenden. Natürlich sind 
nicht alle Fälle gleich beweiskräftig und nicht in allen 
ist es gleich möglich, rationellere Erklärungen auszu- 
schließen, aber es bleibt doch vom Ganzen ein starker 
Überschuß von Wahrscheinlichkeit zu Gunsten einer 
tatsächlichen Gedankenübertragung übrig. Die Wichtig- 
keit des Gegenstandes würde es rechtfertigen, daß ich 
Ihnen alle meine Fälle vorführe, aber das kann ich 
nicht, wegen der Weitläufigkeit der dazu nötigen Dar- 
stellung und der dabei unvermeidlichen Verletzung der 
schuldigen Diskretion. Ich versuche es, mein Gewissen 
möglichst zu beschwichtigen, wenn ich Ihnen noch einige 

Beispiele gebe. 

Eines Tages sucht mich ein hochintelligenter junger 
Mann auf, ein Student vor seinen letzten Doktorprüfun- 



6o 



Neue_VorlesHng en zur Einfühtunz inji^ vchmntly^ 



gen, aber nicht im Stande sie abzulegen, denn, wie er 
klagt, hat er alle Interessen, Konzentrationsfähigkeit, 
selbst die Möglichkeit geordneter Erinnerung verloren. 
Die Vorgeschichte dieses lähmungsartigen Zustandes ist 
bald aufgedeckt, er ist nach einer Leistung großer Selbst- 
überwindung erkrankt. Er hat eine Schwester, an der er 
mit intensiver, aber stets verhaltener Liebe hing, wie sie 
an ihm. Wie schade, daß wir beide uns nicht heiraten 
können, hieß es oft genug unter ihnen. Ein würdiger 
Mann verliebte sich in diese Schwester, sie erwiderte die 
Neigung, aber die Eltern gaben die Verbindung nicht zu 
In dieser Notlage wandte sich das Paar an den Bruder 
der ihnen auch seine Hilfe nicht versagte. Er vermittelte 
die Korrespondenz zwischen ihnen, seinem Einfluß ge- 
lang es auch, die Eltern endlich zur Zustimmung zu be- 
wegen. In der Verlobungszeit ereignete sich allerdings 
ein Zufall, dessen Bedeutung leicht zu erraten ist. Er 
unternahm eine schwierige Bergpartie mit dem zukünf- 
tigen Schwager führerlos, die beiden verloren den Weg 
und gerieten in die Gefahr, nicht mehr heil zurück- 
zukommen. Kurz nach der Heirat der Schwester geriet 
er in jenen Zustand seelischer Erschöpfung. 

Durch den Einfluß der Psychoanalyse arbeitsfähig 
geworden, verließ er mich, um seine Prüfungen zu 

machen, kam aber nach deren glücklichen Erledigung 
im Herbst desselben Jahres für kurze Zeit zu mir zu- 
rück. Er berichtete mir dann über ein merkwürdiges 
Erlebnis, das er vor dem Sommer gehabt hatte. In seiner 
Universitätsstadt gab es eine Wahrsagerin, die sich eines 
großen Zulaufs erfreute. Auch die Prinzen des Herrscher- 




XXX. Traum und Okkultismus 6\ 



hauses pflegten sie vor wichtigen Unternehmungen regel- 
mäßig zu konsultieren. Die Art, wie sie arbeitete, war 
sehr einfach. Sie ließ sich die Geburtsdaten einer be- 
stimmten Person geben, verlangte nichts anderes von ihr 
zu wissen, auch nicht den Namen, dann schlug sie in 
astrologischen Büchern nach, machte lange Berechnun- 
gen und am Ende gab sie eine Prophezeiung über die 
betreffende Person von sich. Mein Patient beschloß, ihre 
Geheimkunst für seinen Schwager in Anspruch zu 
nehmen. Er besuchte sie und nannte ihr die verlangten 
Daten von seinem Schwager. Nachdem sie ihre Rech- 
nungen angestellt hatte, tat sie die Prophezeiung: Diese 
Person wird im Juli oder August dieses Jahres an einer 
Krebs- oder Austernvergiftung sterben. Mein Patient 
schloß dann seine Erzählung mit den "Worten: „Und 
das war ganz großartig!" 

Ich hatte von Anfang an unwillig zugehört. Nach 
diesem Ausruf gestattete ich mir die Frage: Was finden 
Sie an dieser Prophezeiung so großartig? Wir sind jetzt 
im Spätherbst, Ihr Schwager ist nicht gestorben, das 
hätten Sie mir längst erzählt. Also ist die Prophezeiung 
nicht eingetroffen. Das allerdings nicht, meinte er, aber 
das Merkwürdige ist folgendes. Mein Schwager ist ein 
leidenschaftlicher Liebhaber von Krebsen und Austern 
und hat sich im vorigen Sommer — also vor dem Be- 
such bei der Wahrsagerin — eine Austernvergiftung zu- 
gezogen, an der er fast gestorben wäre. Was sollte ich 
darauf sagen? Ich konnte mich nur ärgern, daß der 
hochgebildete Mann, der überdies eine erfolgreiche 
Analyse hinter sich hatte, den Zusammenhang nicht 



1 
1 



< 



«^aB^/ ^^^K^mK HBKBS^I^SS^^SS^S^sae^ssiS!3sss3 



<>i Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

besser durchschaute. Ich für meinen Teil, ehe ich daran 
glaube, daß man aus astrologischen Tafeln den Eintritt 
einer Krebs- oder Austernvergiftung berechnen kann, 
will lieber annehmen, daß mein Patient den Haß gegen 
den Rivalen noch immer nicht überwunden hatte, an 
dessen Verdrängung er seinerzeit erkrankt war, und daiS 
die Astrologin einfach seine eigene Erwartung aussprach: 
solche Liebhabereien gibt man nicht auf und eines Tages 
wird er doch daran zu Grund gehen. Ich gestehe, daiS 
ich für diesen Fall keine andere Erklärung weiß außer 
vielleicht, daß mein Patient sich einen Scherz mit mir 
erlaubt hat. Aber er gab mir weder damals noch später 
Grund zu diesem Verdacht und schien, was er sagte, 
ernsthaft zu meinen. 

Ein anderer Fall. Ein junger Mann in angesehener 
Stellung unterhält ein Verhältnis mit einer Lebedame, 
in dem sich ein merkwürdiger Zwang durchsetzt. Von 
Zeit zu Zeit muß er die Geliebte durch spottende und 
höhnende Reden kränken, bis sie in helle Verzweiflung 
gerät. Hat er sie so weit gebracht, so ist er erleichtert, 
er versöhnt sich mit ihr und beschenkt sie. Aber er 
möchte jetzt frei von ihr werden, der Zwang ist wSO 
unheimlich, er merkt, daß sein eigener Ruf unter diesem 
Verhältnis leidet, er will eine eigene Frau haben, eine 
Familie gründen. Nur, daß er mit eigener Kraft nie t 
von der Lebedame loskommt, er nimmt dazu die rü 
der Analyse in Anspruch. Nach einer solchen Be- 
schimpfungsszene, schon während der Analyse, Uü» 
sich von ihr ein Kärtchen schreiben, das er einem 
Schriftkundigen vorlegt. Die Auskunft, die er von ihn" 



XXX. Traum und Okkultismus 



63 



erhält, lautet: Das ist die Schrift eines Menschen in 
äußerster Verzweiflung, die Person wird sich gewiß in 
den allernächsten Tagen umbringen. Das geschieht zwar 
nicht, die Dame bleibt am Leben, aber der Analyse ge- 
lingt es, seine Fesseln zu lockern; er verläßt die Dame 
und wendet sich einem jungen Mädchen zu, von dem er 
erwartet, daß es eine brave Frau für ihn werden kann. 
Bald nachher erscheint ein Traum, der nur auf einen 
beginnenden Zweifel an dem Wert dieses Mädchens ge- 
deutet werden kann. Er nimmt auch von ihr eine Schrift- 
probe, die er derselben Autorität vorlegt, und hört ein 
Urteil über ihre Schrift, das seine Besorgnisse bestätigt. 
Er gibt also die Absicht, sie zu seiner Frau zu 
machen, auf. 

Um die Gutachten des Schriftkundigen, zumal das 
erste zu würdigen, muß man etwas von der Geheim- 
geschichte unseres Mannes wissen. Im frühen Jünglings- 
alter hatte er sich, seiner leidenschaftlichen Natur ent- 
sprechend, bis zur Raserei in eine junge Frau verliebt, 
die immerhin älter war als er. Von ihr abgewiesen, 
machte er einen Selbstmordversuch, an dessen ernster 
Absicht man nicht zweifeln kann. Nur durch ein Unge- 
fähr entging er dem Tode und erst nach langer Pflege 
war er hergestellt. Aber diese wilde Tat machte auf die 
geliebte Frau einen tiefen Eindruck, sie schenkte ihm 
ihre Gunst, er wurde ihr Liebhaber, blieb ihr von da 
an heimlich verbunden und diente ihr in echt ritter- 
licher Weise. Nach mehr als zwei Dezennien, als sie 
beide gealtert waren, die Frau natürlich mehr als er, 
erwachte in ihm das Bedürfnis, sich von ihr abzulösen, 



^^^^^^^^^^^^^^äs^SSSSSSiSSS^SSSSSiSWar, 



■■Uiui: 



f 



' 






6 4 Neue Vorles ungen zur Ein führung in d ieJtycbo*»dyjL 

frei zu werden, ein eigenes Leben zu führen, selbst ein 
Haus und eine Familie zu gründen. Und gleichzeitig 
mit diesem Überdruß stellte sich bei ihm das lange 
unterdrückte Bedürfnis nach Rache an der Geliebten 
ein. Hatte er sich einst umbringen wollen, weil sie 1 
verschmäht hatte, so wollte er jetzt die Genugtuung 
haben, daß sie den Tod suchte, weil er sie verließ. Aber 
seine Liebe war noch immer zu stark, als daß ies 
Wunsch ihm bewußt werden konnte; auch war er nie 
im Stande, ihr genug Böses anzutun, um sie in den 
zu treiben. In dieser Gemütslage nahm er die Lebe a 
gewissermaßen als Prügelknaben auf, um in corpore vi 
seinen Rachedurst zu befriedigen und gestattete sich an 
ihr alle Quälereien, von denen er erwarten konnte, sie 
würden bei ihr den Erfolg haben, den er bei der geliebten 
Frau erwünschte. Daß die Rache eigentlich dieser letz- 
teren galt, verriet sich nur durch den Umstand, daß er 
die Frau zur Mitwisserin und Ratgeberin in seinem 
Liebesverhältnis machte, anstatt ihr seinen Abfall zu 
verbergen. Die Arme, die längst von der Geberin zur 
Empfängerin herabgesunken war, litt unter seiner Ver- 
traulichkeit wahrscheinlich mehr als die Lebedame unter 
seiner Brutalität. Der Zwang, über den er sich bei der 
Ersatzperson beklagte, und der ihn in die Analyse trie , 
war natürlich von der alten Geliebten her auf sie über- 
tragen; diese letztere war es, von der er sich frei macie^ 
wollte und nicht konnte. Ich bin kein Schriftenkenne^ 
und halte nicht viel von der Kunst, aus der Sehn t ^ 
Charakter zu erraten, noch weniger glaube ich an 
Möglichkeit, auf diesem Wege die Zukunft des 



XXX. Traum und Okkultismus 



6$ 



bers vorherzusagen. Sie sehen aber, wie immer man über 
den Wert der Graphologie denken mag, es ist unver- 
kennbar, daß der Sachverständige, wenn er versprach, 
daß der Schreiber der ihm vorgelegten Probe sich in 
den nächsten Tagen umbringen werde, wiederum nur 
einen starken geheimen Wunsch der ihn befragenden 
Person ans Licht gezogen hatte. Etwas ähnliches ge- 
schah dann auch beim zweiten Gutachten, nur daß hier 
nicht ein unbewußter Wunsch in Betracht kam, sondern 
daß die keimenden Zweifel und Besorgnisse des Befra- 
genden durch den Mund des Schriftkundigen einen 
klaren Ausdruck fanden. Meinem Patienten gelang es 
übrigens mit Hilfe der Analyse eine Liebeswahl zu 
treffen außerhalb des Zauberkreises, in den er gebannt 

gewesen war. 

Meine Damen und Herren! Sie haben nun gehört, 
was die Traumdeutung und die Psychoanalyse über- 
haupt für den Okkultismus leistet. Sie haben an Bei- 
spielen gesehen, daß durch ihre Anwendung okkulte 
Tatbestände klar gemacht werden, die sonst unkennt- 
lich geblieben wären. Die Frage, die Sie gewiß am 
meisten interessiert, ob man an die objektive Realität 
dieser Bestände glauben darf, kann die Psychoanalyse 
nicht direkt beantworten, aber das mit ihrer Hilfe zu 
Tage geförderte Material macht wenigstens einen der 
Bejahung günstigen Eindruck. Dabei wird Ihr Inter- 
esse nicht Halt machen. Sie werden wissen wollen, zu 
welchen Schlüssen jenes ungleich reichere Material be- 
rechtigt, an dem die Psychoanalyse keinen Anteil hat. 
Dahin kann ich Ihnen aber nicht folgen, es ist nicht 



5 






66 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

mehr mein Gebiet. Das einzige, was ich noch tun kann, 
wäre, daß ich Ihnen von Beobachtungen erzähle, die 
wenigstens die eine Beziehung zur Analyse haben, daß 
sie während der analytischen Behandlung gemacht, viel- 
leicht auch durch ihren Einfluß ermöglicht wurden. Ich 
werde Ihnen ein solches Beispiel mitteilen, dasjenige, 
welches mir den stärksten Eindruck hinterlassen hat, 
werde sehr ausführlich sein, Ihre Aufmerksamkeit für 
eine Menge von Einzelheiten in Anspruch nehmen und 
dabei doch vieles unterdrücken müssen, was die über- 
zeugende Kraft der Beobachtung sehr gesteigert hätte. 
Es ist ein Beispiel, in dem der Tatbestand klar zu Tage 
tritt und nicht durch die Analyse entwickelt zu werden 
braucht. Bei seiner Diskussion werden wir die Hilfe der 
Analyse aber nicht entbehren können. Ich sage es Ihnen 
aber vorher, auch dieses Beispiel von anscheinender Ge- 
dankenübertragung in der analytischen Situation ist 
nicht gegen alle Bedenken gefeit, gestattet keine unbe- 
dingte Parteinahme für die Realität des okkulten 
Phänomens. 

Also hören Sie: An einem Herbsttag des Jahres 
1919, etwa um %n Uhr a. m. gibt der eben aus 
London eingetroffene Dr. David F o r s y t h eine Karte 
für mich ab, während ich mit einem Patienten arbeite. 
(Mein geehrter Kollege von der London University wird 
es sicherlich nicht als Indiskretion auffassen, wenn ich 
so verrate, daß er sich von mir durch einige Monate in 
die Künste der psychoanalytischen Technik einführen 
ließ.) Ich habe nur Zeit ihn zu begrüßen und für später 
zu bestellen. Dr. Forsyth hat Anspruch auf mein beson- 



1 

L 



XXX. Traum und Okkultismus 67 



deres Interesse; er ist der erste Ausländer, der nach der 
Absperrung der Kriegsjahre zu mir kommt, der eine 
bessere Zeit eröffnen soll. Bald nachher, um 11 Uhr, 
kommt einer meiner Patienten, Herr P., ein geistreicher 
und liebenswürdiger Mann, im Alter zwischen 40 und 50, 
der mich seinerzeit wegen Schwierigkeiten beim Weibe 
aufgesucht hatte. Sein Fall versprach keinen therapeuti- 
schen Erfolg; ich hatte ihm längst vorgeschlagen, die 
Behandlung einzustellen, aber er hatte deren Fort- 
setzung gewünscht, offenbar weil er sich in einer wohl- 
temperierten Vater-Ubertragung auf mich behaglich 
fühlte. Geld spielte um diese Zeit keine Rolle, da zu 
wenig davon vorhanden war; die Stunden, die ich mit 
ihm verbrachte, waren auch für mich Anregung und 
Erholung und so wurde, mit Hinwegsetzung über die 
strengen Regeln des ärztlichen Betriebs, die analytische 
Bemühung bis zu einem in Aussicht genommenen Termin 
weiter geführt. 

An diesem Tag kam P. auf seine Versuche zurück, 
die Liebesbeziehungen zu Frauen aufzunehmen, und er- 
wähnte wieder einmal das schöne, pikante, arme Mäd- 
chen, bei dem er Erfolg haben könnte, wenn nicht schon 
die Tatsache ihrer Virginität ihn von jedem ernsthaften 
Unternehmen abschrecken würde. Er hatte schon oft von 
ihr gesprochen, heute erzählte er zum ersten Mal, daß sie, 
die natürlich von den wirklichen Gründen seiner Ver- 
hinderung keine Ahnung hat, ihn den Herrn von V o r- 
s i c h t zu nennen pflegt. Diese Mitteilung frappiert mich, 
die Karte des Dr. F o r s y t h ist mir zur Hand, ich zeige 
sie ihm. 



68 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psych oanalyse 

Dies der Tatbestand. Ich erwarte, er wird Ihnen 
armselig erscheinen, aber hören Sie nur weiter zu, es 
steckt mehr dahinter. 

P. hatte einige seiner jungen Jahre in England ver- 
lebt und daher ein dauerndes Interesse für englische Lite- 
ratur bewahrt. Er besitzt eine reiche englische Bibliothek, 
pflegte mir Bücher aus ihr zu bringen, und ich verdanke 
ihm die Bekanntschaft mit Autoren wie B e n n e 1 1 und 
Galsworthy, von denen ich bisher wenig gelesen 
hatte. Eines Tages lieh er mir einen Roman von Gals- 
worthy mit dem Titel „The man of property", der im 
Schoß einer vom Dichter erfundenen Familie F o r s y t e 
spielt. Galsworthy ist offenbar von dieser seiner Schöp- 
fung selbst gefangengenommen worden, denn er hat in 
späteren Erzählungen wiederholt auf Personen dieser Fa- 
milie zurückgegriffen, und endlich alle auf sie bezüg- 
lichen Erdichtungen unter dem Namen „The Forsyte 
Saga" gesammelt. Erst wenige Tage vor der Begeben- 
heit, die ich erzähle, hatte mir P. einen neuen Band 
aus dieser Reihe gebracht. Der Name Forsyte und alles 
Typische, was der Dichter in ihm verkörpern wollte, 
hatte auch in meinen Unterhaltungen mit P. eine Rolle 
gespielt, er war zu einem Stück der Geheimsprache ge- 
worden, die sich bei regelmäßigem Verkehr so leicht zwi- 
schen zwei Personen ausbildet. Nun ist der Name For- 
syte in jenen Romanen von dem meines Besuchers For- 
s y t h wenig verschieden, für deutsche Aussprache kaum 
zu unterscheiden, und das sinnvolle englische Wort, das 
wir eben so aussprechen würden, wäre foresight, zu 
übersetzen: Voraussicht oder Vorsicht. P. hatte also tat- 



XXX. Traum und Okkultismus 69 



sächlich aus seinen persönlichen Beziehungen den glei- 
chen Namen herausgeholt, der zur selben Zeit infolge 
eines ihm unbekannten Ereignisses mich beschäftigte. 

Nicht wahr, das sieht schon besser aus. Aber ich 
meine, wir werden einen stärkeren Eindruck von dem 
auffälligen Phänomen und sogar etwas wie einen Ein- 
blick in die Bedingungen seiner Entstehung gewinnen, 
wenn wir zwei andere Assoziationen analytisch beleuch- 
ten, die P. in der nämlichen Stunde vorbrachte. 

Erstens: An einem Tag der vorigen Woche hatte 
ich Herrn P. um 11 Uhr vergeblich erwartet und war 
dann ausgegangen, um Dr. Anton v. Freund in seiner 
Pension zu besuchen. Ich war überrascht zu finden, daß 
Herr P. in einem anderen Stockwerk des Hauses wohnte, 
das die Pension beherbergte. Mit Beziehung darauf hatte 
ich P. später erzählt, daß ich ihm sozusagen einen Be- 
such in seinem Hause gemacht hatte; ich weiß aber mit 
Bestimmtheit, daß ich den Namen der Person, die ich in 
der Pension besuchte, nicht genannt habe. Und nun stellt 
er bald nach der Erwähnung des Herrn v. Vorsicht an 
mich die Frage: Ist die Fr eu d- O t to r e go, die an 
der Volksuniversität englische Kurse abhält, vielleicht 
Ihre Tochter? Und zum ersten Mal in unserem langen 
Verkehr läßt er meinem Namen die Entstellung wider- 
fahren, an die mich Behörden, Ämter und Schriftsetzer 
allerdings gewöhnt haben; er sagt anstatt Freud — 
Freund. 

Zweitens: Am Ende derselben Stunde erzählt er 
einen Traum, aus dem er mit Angst erwacht ist, einen 
richtigen Alptraum, meint er. Er fügt hinzu, daß er un- 



70 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

längst das englische Wort dafür vergessen und einem 
Fragenden die Auskunft gegeben, Alptraum heiße im 
Englischen „a mare's nest". Das sei natürlich ein Unsinn, 
a mare's nest bedeute eine unglaubliche, eine Räuber- 
geschichte, die Übersetzung von Alptraum laute „night- 
mare". Dieser Einfall scheint mit dem Früheren nichts 
anderes gemein zu haben als das Element: englisch; mich 
muß er aber an einen kleinen Vorfall etwa einen Monat 
vorher erinnern. P. saß bei mir im Zimmer, als unver- 
mutet ein anderer lieber Gast aus London, Dr. Ernest 
Jones, nach langer Trennung bei mir eintrat. Ich winkte 
ihm, ins andere Zimmer zu gehen, bis ich mit P. abge- 
redet hatte. Der erkannte ihn aber sofort nach seiner im 
Wartezimmer hängenden Photographie und sprach sogar 
den Wunsch aus, ihm vorgestellt zu werden. Nun ist 
Jones der Verfasser einer Monographie über den Alp- 
traum — night-mare; ich wußte nicht, ob sie P. bekannt 
geworden war. Er vermied es analytische Bücher zu lesen. 
Ich möchte vor Ihnen zunächst untersuchen, wel- 
ches analytische Verständnis sich für den Zusammenhang 
von P.'s Einfällen und für ihre Motivierung gewinnen 
läßt. P. war auf den Namen Forsite oder Forsyth ähn- 
lich wie ich eingestellt, er bedeutete ihm dasselbe, ich 
verdankte ihm überhaupt die Bekanntschaft mit diesem 
Namen. Der merkwürdige Tatbestand war, daß er diesen 
Namen unvermittelt in die Analyse brachte, die kürzeste 
Zeit, nachdem er mir durch ein neues Ereignis, die An- 
kunft des Londoner Arztes, in einem anderen Sinn be- 
deutungsvoll geworden war. Aber vielleicht nicht minder 
interessant als die Tatsache selbst ist die Art, wie der 



XXX. Traum und Okkultismus 71 

Name in seiner Analysenstunde auftrat. Er sagte nicht 
etwa: Jetzt fällt mir der Name Forsite aus den Ihnen 
bekannten Romanen ein, sondern er wußte ihn ohne jede 
bewußte Beziehung zu dieser Quelle mit seinen eigenen 
Erlebnissen zu verflechten und brachte ihn von daher 
zum Vorschein, was längst hätte geschehen können und 
bisher nicht geschehen war. Dann aber sagte er: Ich bin 
auch ein Forsyth, das Mädchen nennt mich ja so. Es ist 
schwer, die Mischung von eifersüchtigem Anspruch und 
wehmütiger Selbstherabsetzung zu verkennen, die sich in 
dieser Äußerung Ausdruck schafft. Man wird nicht irre 
gehen, wenn man sie etwa so vervollständigt: Es kränkt 
mich, daß Ihre Gedanken sich so intensiv mit dem An- 
kömmling beschäftigen. Kehren Sie doch zu mir zurück, 
ich bin ja auch ein F o r s y t h, — allerdings nur ein Herr 
von Vorsicht, wie das Mädchen sagt. Und nun greift 
sein Gedankengang am Assoziationsfaden des Elements: 
englisch auf zwei frühere Gelegenheiten zurück, die die 
gleiche Eifersucht rege machen konnten. „Vor einigen 
Tagen haben Sie einen Besuch in meinem Haus gemacht, 
aber leider nicht bei mir, bei einem Herrn v. F r e u n d." 
Dieser Gedanke läßt ihn den Namen Freud in Freund 
verfälschen. Die Freud-Ottorego im Vorlesungs- 
verzeichnis muß herhalten, weil sie als Lehrerin des Eng- 
lischen die manifeste Assoziation vermittelt. Und dann 
schließt sich die Erinnerung an einen anderen Besucher 
einige Wochen vorher an, auf den er gewiß ebenso eifer- 
süchtig war, dem er sich aber gleichfalls nicht gewachsen 
fühlen konnte, denn der Dr. Jones verstand es eine Ab- 
handlung über den Alptraum zu schreiben, während er 



yi Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



I 



solche Träume höchstens selbst produzierte. Auch die Er- 
wähnung seines Irrtums in der Bedeutung von „a mare's 
nest" gehört in denselben Zusammenhang, sie kann nur 
sagen wollen: Ich bin ja doch kein richtiger Engländer, 
so wenig wie ich ein richtiger Forsyth bin. 

Ich kann nun seine Eifersuchtsregungen weder als 
unangemessen noch als unverständlich bezeichnen. Er war 
darauf vorbereitet worden, daß seine Analyse und damit 
unser Verkehr ein Ende finden werden, sobald wieder 
fremde Schüler und Patienten nach Wien kämen, und so 
geschah es auch wirklich bald hernach. Aber was wir 
bisher geleistet haben, war ein Stück analytischer Arbeit, 
die Aufklärung von drei in derselben Stunde vorgebrach- 
ten, von demselben Motiv gespeisten Einfällen, und es hat 
nicht viel mit der anderen Frage zu tun, ob diese Ein- 
fälle ohne Gedankenübertragung ableitbar sind oder nicht. 
Letztere stellt sich zu jedem der drei Einfälle ein und 
zerlegt sich somit in drei Einzelfragen: Konnte P. wissen, 
daß Dr. Forsyth eben seinen ersten Besuch bei mir ge- 
macht hatte? Konnte er wissen, welches der Name der 
Person war, die ich in seinem Hause besucht hatte? 
Wußte er, daß Dr. Jones eine Abhandlung über den Alp- 
traum geschrieben hatte? Oder war es nur mein "Wissen 
um diese Dinge, das sich in seinen Einfällen verriet? Von 
der Beantwortung dieser drei Einzclfragcn wird es ab- 
hängen, ob meine Beobachtung einen Schluß zu Gunsten 
der Gedankenübertragung erlaubt. Lassen wir die erste 
Frage noch eine Weile bei Seite, die beiden anderen sind 
leichter zu behandeln. Der Fall des Besuchs in der Pen- 
sion macht auf den ersten Blick einen besonders zuver- 



^ 



XXX. Traum und Okkultismus 73 



lässigen Eindruck. Ich bin sicher, daß ich in meiner kur- 
zen, scherzenden Erwähnung des Besuchs in seinem Haus 
keinen Namen genannt habe; ich halte es für sehr un- 
wahrscheinlich, daß P. sich in der Pension nach dem 
Namen der betreffenden Person erkundigt hat, ich glaube 
eher, daß ihm die Existenz derselben völlig unbekannt 
geblieben ist. Aber die Beweiskraft dieses Falles wird 
durch eine Zufälligkeit gründlich zerstört. Der Mann, 
den ich in der Pension besucht hatte, hieß nicht nur 
Freund, er war auch uns allen ein wahrer Freund. 
Es war Dr. Anton v. Freund, dessen Spende die 
Gründung unseres Verlags ermöglicht hatte. Sein früher 
Tod, wie der unseres Karl Abraham einige Jahre 
später, waren die schwersten Unglücksfälle, die die Ent- 
wicklung der Psychoanalyse betroffen haben. Ich mag 
also Herrn P. damals gesagt haben: Ich habe in Ihrem 
Hause einen Freund besucht, und mit dieser Mög- 
lichkeit entfällt das okkultistische Interesse an seiner 
zweiten Assoziation. 

Auch der Eindruck des dritten Einfalles verflüch- 
tigt sich bald. Konnte P. wissen, daß Jones eine Ab- 
handlung über den Alptraum veröffentlicht hat, da er 
nie analytische Literatur las? Ja, er konnte es wissen. 
Er besaß Bücher aus unserem Verlag, konnte immerhin 
die Titel der auf den Umschlägen angekündigten Neu- 
erscheinungen gesehen haben. Es ist nicht zu erweisen, 
aber auch nicht abzuweisen. Auf diesem Weg werden 
wir also zu keiner Entscheidung kommen. Ich muß be- 
dauern, daß meine Beobachtung an dem nämlichen 
Fehler leidet wie soviele ähnliche. Sie ist zu spät nieder- 



1 



74 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

geschrieben und ist diskutiert worden zu einer Zeit, da 
ich Herrn P. nicht mehr sah und ihn nicht weiter be- 
fragen konnte. 

Kehren wir also zum ersten Vorfall zurück, der 
den scheinbaren Tatbestand der Gedankenübertragung 
auch isoliert aufrecht hält. Konnte P. wissen, daß Dok- 
tor Forsyth eine Viertelstunde vor ihm bei mir gewesen 
war? Konnte er überhaupt von seiner Existenz oder An- 
wesenheit in Wien wissen? Der Neigung, beides glatt zu 
verneinen, darf man nicht nachgeben. Ich sehe doch 
einen Weg, der zu einer teilweisen Bejahung führt. Ich 
könnte doch Herrn P. die Mitteilung gemacht haben, 
daß ich einen Arzt aus England zum Unterricht in der 
Analyse erwarte, als erste Taube nach der Sintflut. Das 
könnte im Sommer 191 9 gewesen sein; Dr. Forsyth 
hatte sich Monate vor seinem Eintreffen brieflich mit 
mir verständigt. Ich mag sogar seinen Namen genannt 
haben, obwohl mir das sehr unwahrscheinlich ist. Bei 
der anderweitigen Bedeutung dieses Namens für uns 
beide hätte sich an die Namensnennung eine Unterhal- 
tung knüpfen müssen, von der mir etwas im Gedächtnis 
geblieben wäre. Immerhin mag es geschehen sein und 
ich es dann gründlich vergessen haben, so daß mich der 
Herr von Vorsicht in der Analysenstunde wie ein Wun- 
der berühren konnte. Wenn man sich für einen Skepti- 
ker hält, tut man gut daran, gelegentlich auch an seiner 
Skepsis zu zweifeln. Vielleicht gibt es auch bei mir die 
geheime Neigung zum Wunderbaren, die der Schaffung 
okkulter Tatbestände so entgegenkommt. 

Ist so ein Stück des Wunderbaren aus dem Weg ge- 




XXX. Traum und Okkultismus 75 



räumt, so harrt unserer noch ein anderes Stück, das 
Schwierigste von allen. Angenommen, Herr P. habe ge- 
wußt, es gebe einen Dr. Forsyth und er werde im Herbst 
in Wien erwartet, wie erklärt es sich, daß er für ihn 
gerade am Tag seiner Ankunft und unmittelbar nach 
seinem ersten Besuch empfänglich wird? Man kann 
sagen, das ist Zufall, d. h. man läßt es unerklärt — 
aber ich habe jene zwei anderen Einfälle von P. gerade 
darum erörtert, um den Zufall auszuschließen, um 
Ihnen zu zeigen, daß er wirklich mit eifersüchtigen Ge- 
danken über Leute, die mich besuchen und die ich be- 
suche, beschäftigt war; oder man kann, um das Äußer- 
ste des Möglichen nicht zu vernachlässigen, die Annahme 
versuchen, P. habe eine besondere Erregung an mir ge- 
merkt, von der ich freilich nichts weiß, und aus ihr 
seinen Schluß gezogen. Oder Herr P., der ja nur eine 
Viertelstunde nach dem Engländer ankam, sei ihm auf 
dem kleinen Stück des beiden gemeinsamen Weges be- 
gegnet, habe ihn nach seinem charakteristisch englischen 
Aussehen erkannt und beständig auf seine eifersüchtige 
Erwartung eingestellt, gedacht: Also das ist der Doktor 
Forsyth, mit dessen Ankunft meine Analyse zu Ende 
kommen soll. Und wahrscheinlich kommt er gerade 
jetzt vom Professor. Weiter kann ich mit diesen ratio- 
nalistischen Mutmaßungen nicht gehen. Es bleibt wie- 
derum bei einem non liquct, aber ich muß es bekennen, 
nach meiner Empfindung neigt sich die Wagschale auch 
hier zu Gunsten der Gedankenübertragung. Übrigens 
bin ich gewiß nicht der Einzige, der in die Lage ge- 
kommen ist, solche „okkulte" Vorkommnisse in der 



j6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



analytischen Situation zu erleben. Helene Deutsch 
hat 1926 ähnliche Beobachtungen bekannt gemacht und 
deren Bedingtheit durch die Beziehungen der Übertra- 
gung zwischen Patienten und Analytiker studiert. 

Ich bin überzeugt, Sie werden mit meiner Ein- 
stellung zu diesem Problem: nicht völlig überzeugt und 
doch zur Überzeugung bereit, nicht sehr zufrieden sein. 
Vielleicht sagen Sie sich: Das ist wieder so ein Fall, daß 
ein Mensch, der sein Leben lang rechtschaffen als Natur- 
forscher gearbeitet hat, im Alter schwachsinnig, fromm 
und leichtgläubig wird. Ich weiß, einige große Namen 
gehören in diese Reihe, aber mich sollen Sic nicht dazu 
rechnen. Fromm wenigstens bin ich nicht geworden, ich 
hoffe, auch nicht leichtgläubig. Nur, wenn man sich sein 
Leben lang gebückt gehalten hat, um einem schmerz- 
haften Zusammenstoß mit den Tatsachen auszuweichen, 
so behält man auch im Alter den krummen Rücken, der 
sich vor neuen Tatsächlichkeiten beugt. Ihnen wäre es 
gewiß lieber, ich hielte an einem gemäßigten Theismus 
fest und zeigte mich unerbittlich in der Ablehnung alles 
Okkulten. Aber ich bin unfähig um Gunst zu werben, 
ich muß Ihnen nahe legen, über die objektive Möglich- 
keit der Gedankenübertragung und damit auch der 
Telepathie freundlicher zu denken. 

Sie vergessen nicht, daß ich diese Probleme hier nur 
insoweit behandelt habe, als man sich ihnen von der 
Psychoanalyse her annähern kann. Als sie vor länger 
als zehn Jahren zuerst in meinen Gesichtskreis traten, 
verspürte auch ich die Angst vor einer Bedrohung un- 
serer wissenschaftlichen Weltanschauung, die im Falle, 



XXX. Traum und Okkultismus 77 



als sich Stücke des Okkultismus bewahrheiten, dem 
Spiritismus oder der Mystik den Platz räumen müßte. 
Ich denke heute anders; ich meine, es zeugt von keiner 
großen Zuversicht zur Wissenschaft, wenn man ihr 
nicht zutraut, daß sie auch aufnehmen und verarbeiten 
kann, was sich etwa an den okkulten Behauptungen als 
wahr herausstellt. Und was besonders die Gedanken- 
übertragung betrifft, so scheint sie die Ausdehnung der 
wissenschaftlichen — Gegner sagen: mechanistischen — 
Denkweise auf das so schwer faßbare Geistige geradezu zu 
begünstigen. Der telepathische Vorgang soll ja darin be- 
stehen, daß ein seelischer Akt der einen Person den 
nämlichen seelischen Akt bei einer anderen Person an- 
regt. Was zwischen den beiden seelischen Akten liegt, 
kann leicht ein physikalischer Vorgang sein, in den sich 
das Psychische an einem Ende umsetzt und der sich am 
anderen Ende wieder in das gleiche Psychische umsetzt. 
Die Analogie mit anderen Umsetzungen wie beim Spre- 
chen und Hören am Telephon wäre dann unverkenn- 
bar. Und denken Sie, wenn man dieses physikalischen 
Äquivalents des psychischen Akts habhaft werden 
könnte! Ich möchte sagen, durch die Einschiebung des 
Unbewußten zwischen das Physikalische und das bis da- 
hin Psychisch-Genannte hat uns die Psychoanalyse für 
die Annahme solcher Vorgänge wie die Telepathie vor- 
bereitet. Gewöhnt man sich erst an die Vorstellung der 
Telepathie, so kann man mit ihr viel ausrichten, aller- 
dings vorläufig nur in der Phantasie. Man weiß bekannt- 
lich nicht, wie der Gesamtwille in den großen Insekten- 
staaten zu Stande kommt. Möglicherweise geschieht es 



7$ Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

auf dem Wege solch direkter psychischer Übertragung. 
Man wird auf die Vermutung geführt, daß dies der 
ursprüngliche, archaische Weg der Verständigung unter 
den Einzelwesen ist, der im Lauf der phylogenetischen 
Entwicklung durch die bessere Methode der Mitteilung 
mit Hilfe von Zeichen zurückgedrängt wird, die man 
mit den Sinnesorganen aufnimmt. Aber die ältere Me- 
thode könnte im Hintergrund erhalten bleiben und sich 
unter gewissen Bedingungen noch durchsetzen, z. B. 
auch in leidenschaftlich erregten Massen. Das ist alles 
noch unsicher und voll von ungelösten Rätseln, aber es 
ist kein Grund zum Erschrecken. 

Wenn es eine Telepathie als realen Vorgang gibt, 
so kann man trotz ihrer schweren Erweisbarkeit ver- 
muten, daß sie ein recht häufiges Phänomen ist. Es 
würde unseren Erwartungen entsprechen, wenn wir sie 
gerade im Seelenleben des Kindes aufzeigen könnten. 
Man wird da an die häufige Angstvorstellung der Kin- 
der erinnert, daß die Eltern alle ihre Gedanken kennen, 
ohne daß sie sie ihnen mitgeteilt hätten, das volle Ge- 
genstück und vielleicht die Quelle des Glaubens Erwach- 
sener an die Allwissenheit Gottes. Vor kurzem hat eine 
vertrauenswürdige Frau, Dorothy Burlingham, in 
einem Aufsatz „Kinderanalyse und Mutter" Beobach- 
tungen mitgeteilt, die, wenn sie sich bestätigen lassen, 
dem restlichen Zweifel an der Realität der Gedanken- 
übertragung ein Ende machen müssen. Sie machte sich 
die nicht mehr seltene Situation zu Nutze, daß sich 
Mutter und Kind gleichzeitig in Analyse befinden, und 
berichtet aus derselben merkwürdige Vorfälle wie den 



XXX. Traum und Okkultismus 79 



Folgenden: Eines Tages erzählt die Mutter in ihrer 
Analysenstunde von einem Goldstück, das in einer ihrer 
Kinderszenen eine bestimmte Rolle spielt. Gleich dar- 
auf, nachdem sie nach Hause gekommen ist, kommt ihr 
kleiner, etwa zehnjähriger Junge zu ihr ins Zimmer und 
bringt ihr ein Goldstück, das sie für ihn aufbewahren 
soll. Sie fragt ihn erstaunt, woher er es hat. Er hat es 
zu seinem Geburtstag bekommen, aber der Geburtstag 
des Kindes liegt mehrere Monate zurück und es ist kein 
Anlaß, warum sich das Kind gerade jetzt an das Gold- 
stück erinnert haben sollte. Die Mutter verständigt die 
Analytikerin des Kindes von dem Zusammentreffen und 
bittet sie, beim Kind nach der Begründung jener Hand- 
lung zu forschen. Aber die Analyse des Kindes bringt 
keinen Aufschluß, die Handlung hatte sich wie ein 
Fremdkörper in das Leben des Kindes an jenem Tage 
eingedrängt. Einige Wochen später sitzt die Mutter am 
Schreibtisch, um sich, wozu man sie gemahnt hatte, 
eine Notiz über das geschilderte Erlebnis zu machen. Da 
kommt der Knabe herein und verlangt das Goldstück 
zurück, er möchte es in seine analytische Stunde mit- 
nehmen, um es zu zeigen. Wiederum kann die Analyse 
des Kindes keinen Zugang zu diesem Wunsch auffinden. 
Und damit wären wir zur Psychoanalyse zurück- 
gekommen, von der wir ausgegangen sind. 






XXXI. VORLESUNG 

DIE ZERLEGUNG DER 
PSYCHISCHEN PERSÖNLICHKEIT 

Meine Damen und Herren! Ich weiß, Sie kennen für 
Ihre eigenen Beziehungen, ob es sich um Personen oder 
um Dinge handelt, die Bedeutung des Ausgangspunktes. 
So war es auch mit der Psychoanalyse: Für die Entwick- 
lung, die sie nahm, für die Aufnahme, die sie fand, ist es 
nicht gleichgültig gewesen, daß sie ihre Arbeit am Symp- 
tom begann, am Ichfremdesten, das sich in der Seele 
vorfindet. Das Symptom stammt vom Verdrängten ab, 
ist gleichsam der Vertreter desselben vor dem Ich, das 
Verdrängte ist aber für das Ich Ausland, inneres Aus- 
land, sowie die Realität, — gestatten Sic den ungewohn- 
ten Ausdruck — äußeres Ausland ist. Vom Symptom her 
führte der Weg zum Unbewußten, zum Trieblcben, zur 
Sexualität und das war die Zeit, da die Psychoanalyse 
die geistvollen Einwendungen zu hören bekam, der 
Mensch sei nicht bloß ein Sexualwescn, er kenne auch 
edlere und höhere Regungen. Man hätte hinzusetzen 
können, gehoben durch das Bewußtsein dieser höheren 
Regungen nehme er sich öfters das Recht heraus, Unsinn 
zu denken und Tatsachen zu vernachlässigen. 

Sie wissen es besser, es hat von allem Anfang an 
bei uns geheißen, der Mensch erkranke an dem Konflikt 



XXXI. Die 7.erle?uni der psychischen Persönlichkeit 81 



zwischen den Ansprüchen des Trieblebens und dem 
Widerstand, der sich in ihm dagegen erhebt, und wir 
hatten keinen Augenblick an diese widerstehende, ab- 
weisende, verdrängende Instanz vergessen, die wir uns 
mit ihren besonderen Kräften, den Ichtrieben, ausge- 
stattet dachten, und die eben mit dem Ich der popu- 
lären Psychologie zusammenfällt. Nur daß es bei dem 
mühsamen Fortschreiten der wissenschaftlichen Arbeit 
auch der Psychoanalyse nicht möglich war, alle Gebiete 
gleichzeitig zu studieren und sich über alle Probleme in 
einem Atem zu äußern. Endlich war man soweit gekom- 
men, daß man seine Aufmerksamkeit vom Verdrängten 
weg auf das Verdrängende richten konnte und stand vor 
diesem Ich, das so selbstverständlich zu sein schien, mit 
der sicheren Erwartung, auch hier Dinge zu finden, auf 
die man nicht vorbereitet sein konnte; aber es war nicht 
leicht, einen ersten Zugang zu finden. Das ist es, 
worüber ich Ihnen heute berichten will! 

Ich muß aber doch meiner Vermutung Ausdruck 
geben, daß diese meine Darstellung der Ichpsychologie 
anders auf Sie wirken wird als die Einführung in die 
psychische Unterwelt, die ihr vorausgegangen ist. Warum 
das der Fall sein sollte, weiß ich nicht sicher zu sagen. 
Ich meinte zuerst, Sie würden herausfinden, daß ich 
Ihnen vorhin hauptsächlich Tatsachen berichtet hatte, 
wenn auch fremdartige und sonderbare, während Sie 
diesmal vorwiegend Auffassungen, also Spekulationen, 
zu hören bekommen. Aber es trifft nicht zu, bei besserer 
Erwägung muß ich behaupten, daß der Anteil der ge- 
danklichen Verarbeitung des tatsächlichen Materials in 



6 






. . 



82 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

unserer Ichpsychologie nicht viel größer ist als er in der 
Neurosenpsychologie war. Auch andere Begründungen 
meiner Erwartung mußte ich verwerfen; ich meine jetzt, 
es liegt irgendwie am Charakter des Stoffes selbst und 
an unserer Ungewohntheit, mit ihm umzugehen. Immer- 
hin, ich werde nicht erstaunt sein, wenn Sie sich in 
Ihrem Urteil noch zurückhaltender und vorsichtiger 
zeigen als bisher. 

Die Situation, in der wir uns zu Beginn unserer 
Untersuchung befinden, soll uns selbst den Weg weisen. 
Wir wollen das Ich zum Gegenstand dieser Unter- 
suchung machen, unser eigenstes Ich. Aber kann man 
das? Das Ich ist ja doch das eigentlichste Subjekt, wie 
soll es zum Objekt werden? Nun, es ist kein Zweifel, 
daß man dies kann. Das Ich kann sich selbst zum Ob- 
jekt nehmen, sich behandeln wie andere Objekte, sich 
beobachten, kritisieren, Gott weiß was noch alles mit 
sich selbst anstellen. Dabei stellt sich ein Teil des Ichs 
dem übrigen gegenüber. Das Ich ist also spaltbar, es 
spaltet sich während mancher seiner Funktionen, wenig- 
stens vorübergehend. Die Tcilstücke können sich nach- 
her wieder vereinigen. Das ist gerade keine Neuigkeit, 
vielleicht eine ungewohnte Betonung allgemein bekann- 
ter Dinge. Anderseits sind wir mit der Auffassung ver- 
traut, daß die Pathologie uns durch ihre Vergrößerungen 
und Vergröberungen auf normale Verhältnisse aufmerk- 
sam machen kann, die uns sonst entgangen wären. Wo 
sie uns einen Bruch oder Riß zeigt, kann normaler 
Weise eine Gliederung vorhanden sein. Wenn wir einen 
Kristall zu Boden werfen, zerbricht er, aber nicht will- 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 83 



kürlich, er zerfällt dabei nach seinen Spaltrichtungen in 
Stücke, deren Abgrenzung, obwohl unsichtbar, doch 
durch die Struktur des Kristalls vorher bestimmt war. 
Solche rissige und gesprungene Strukturen sind auch die 
Geisteskranken. Etwas von der ehrfürchtigen Scheu, die 
alte Völker den Wahnsinnigen bezeugten, können auch 
wir ihnen nicht versagen. Sie haben sich von der äußeren 
Realität abgewendet, aber eben darum wissen sie mehr 
von der inneren psychischen Realität und können uns 
manches verraten, was uns sonst unzugänglich wäre. 
Von einer Gruppe dieser Kranken sagen wir, sie leiden 
am Beobachtungswahn. Sie klagen uns, daß sie unaus- 
gesetzt und bis in ihr intimstes Tun von der Beobach- 
tung unbekannter Mächte, wahrscheinlich doch Per- 
sonen, belästigt werden, und hören halluzinatorisch, wie 
diese Personen die Ergebnisse ihrer Beobachtung ver- 
künden: Jetzt will er das sagen, jetzt kleidet er sich an, 
um auszugehen usw. Diese Beobachtung ist noch nicht 
dasselbe wie eine Verfolgung, aber sie ist nicht weit 
davon, sie setzt voraus, daß man ihnen mißtraut, daß 
man erwartet, sie bei verbotenen Handlungen zu er- 
tappen, für die sie gestraft werden sollen. Wie wäre es, 
wenn diese Wahnsinnigen Recht hätten, wenn bei uns 
allen eine solche beobachtende und strafandrohende In- 
stanz im Ich vorhanden wäre, die sich bei ihnen nur 
scharf vom Ich gesondert hätte und irrtümlicher Weise 
in die äußere Realität verschoben worden wäre? 

Ich weiß nicht, ob es Ihnen ebenso ergehen wird 
wie mir. Seitdem ich unter dem starken Eindruck dieses 
Krankhcitsbildes die Idee gefaßt hatte, daß die Sonde- 



84 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



rung einer beobachtenden Instanz vom übrigen Ich ein 
regelmäßiger Zug in der Struktur des Ichs sein könnte, 
hat sie mich nicht mehr verlassen, und ich war getrie- 
ben, nach den weiteren Charakteren und Beziehungen 
dieser so abgesonderten Instanz zu forschen. Der nächste 
Schritt ist bald getan. Schon der Inhalt des Beobach- 
tungswahns legt es nahe, daß das Beobachten nur eine 
Vorbereitung ist für das Richten und Strafen, und somit 
erraten wir, daß eine andere Funktion dieser Instanz 
das sein muß, was wir unser Gewissen nennen. Es gibt 
kaum etwas anderes in uns, was wir so regelmäßig von 
unserem Ich sondern und so leicht ihm entgegenstellen 
wie gerade das Gewissen. Ich verspüre die Neigung 
etwas zu tun, wovon ich mir Lust verspreche, aber ich 
unterlasse es mit der Begründung: mein Gewissen erlaubt 
es nicht. Oder ich habe mich von der übergroßen Lust- 
erwartung bewegen lassen, etwas zu tun, wogegen die 
Stimme des Gewissens Einspruch erhob, und nach der 
Tat straft mich mein Gewissen mit peinlichen Vor- 
würfen, läßt mich die Reue ob der Tat empfinden. Ich 
könnte einfach sagen, die besondere Instanz, die ich im 
Ich zu unterscheiden beginne, ist das Gewissen, aber es 
ist vorsichtiger, diese Instanz selbständig zu halten und 
anzunehmen, das Gewissen sei eine ihrer Funktionen, 
und die Selbstbeobachtung, die als Voraussetzung für 
die richterliche Tätigkeit des Gewissens unentbehrlich 
ist, sei eine andere. Und da es zur Anerkennung einer 
gesonderten Existenz gehört, daß man dem Ding einen 
eigenen Namen gibt, will ich diese Instanz im Ich von 
nun an als das „0 b e r i c h" bezeichnen. 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit £5 



Jetzt bin ich darauf gefaßt, daß Sie mich höhnisch 
fragen, ob unsere Ichpsychologie überhaupt darauf 
hinausläuft, gebräuchliche Abstraktionen wörtlich zu 
nehmen und zu vergrößern, sie aus Begriffen in Dinge 
zu verwandeln, womit nicht viel gewonnen wäre. Ich 
antworte, es wird schwer halten, in der Ichpsychologie 
dem Allbekannten auszuweichen, es wird mehr auf neue 
Auffassungen und Anordnungen ankommen als auf 
Neuentdeckungen. Bleiben Sie also vorläufig bei Ihrer 
herabsetzenden Kritik und warten Sie die weiteren Aus- 
führungen ab. Die Tatsachen der Pathologie geben 
unseren Bemühungen einen. Hintergrund, den Sie für die 
Populärpsychologie vergebens suchen würden. Ich setze 
fort. Kaum daß wir uns mit der Idee eines solchen 
Oberichs befreundet haben, das eine gewisse Selbständig- 
keit genießt, seine eigenen Absichten verfolgt und in 
seinem Energiebesitz vom Ich unabhängig ist, drängt 
sich uns ein Krankheitsbild auf, das die Strenge, ja die 
Grausamkeit dieser Instanz und die Wandlungen in 
ihrer Beziehung zum Ich auffällig verdeutlicht. Ich 
meine den Zustand der Melancholie, genauer des melan- 
cholischen Anfalls, von dem ja auch Sie genug gehört 
haben, auch wenn Sie nicht Psychiater sind. An diesem 
Leiden, von dessen Verursachung und Mechanismus wir 
viel zu wenig wissen, ist der auffälligste Zug die Art, 
wie das Oberich — sagen Sie nur im Stillen: das Ge- 
wissen — das Ich behandelt. Während der Melancho- 
liker in gesunden Zeiten mehr oder weniger streng gegen 
sich sein kann wie ein anderer, wird im melancholischen 
Anfall das Überich überstreng, beschimpft, erniedrigt, 



86 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



mißhandelt das arme Ich, läßt es die schwersten Strafen 
erwarten, macht ihm Vorwürfe wegen längst vergan- 
gener Handlungen, die zu ihrer Zeit leicht genommen 
wurden, als hätte es das ganze Intervall über Anklagen 
gesammelt und nur seine gegenwärtige Erstarkung ab- 
gewartet, um mit ihnen hervorzutreten und auf Grund 
dieser Anklagen zu verurteilen. Das Überich legt den 
strengsten moralischen Maßstab an das ihm hilflos 
preisgegebene Ich an, es vertritt ja überhaupt den An- 
spruch der Moralität und wir erfassen mit einem Blick, 
daß unser moralisches Schuldgefühl der Ausdruck der 
Spannung zwischen Ich und Überich ist. Es ist eine sehr 
merkwürdige Erfahrung, die Moralität, die uns angeb- 
lich von Gott verliehen und so tief eingepflanzt wurde, 
als periodisches Phänomen zu sehen. Denn nach einer 
gewissen Anzahl von Monaten ist der ganze moralische 
Spuk vorüber, die Kritik des Überichs schweigt, das Ich 
ist rehabilitiert und genießt wieder alle Menschenrechte 
bis zum nächsten Anfall. Ja bei manchen Formen der 
Erkrankung findet in den Zwischenzeiten etwas Gegen- 
teiliges statt; das Ich befindet sich in einem seligen 
Rauschzustand, es triumphiert, als hätte das Überich 
alle Kraft verloren oder wäre mit dem Ich zusammen- 
geflossen, und dieses freigewordene, manische Ich ge- 
stattet sich wirklich hemmungslos die Befriedigung aller 
seiner Gelüste. Vorgänge, reich an ungelösten Rätseln! 
Sie werden gewiß mehr als eine bloße Illustration 
erwarten, wenn ich Ihnen ankündige, daß wir über die 
Bildung des Überichs, also über die Entstehung des Ge- 
wissens mancherlei gelernt haben. Der Philosoph Kant 



XXXI. Die Zerleeunz der psychischen Persönlichkeit 87 



hat bekanntlich den Ausspruch getan, daß nichts ihm 
die Größe Gottes so überzeugend beweise als der ge- 
stirnte Himmel und das sittliche Gewissen in uns. Die 
Gestirne sind gewiß großartig, aber was das Gewissen 
betrifft, so hat Gott hierin ungleichmäßige und nach- 
lässige Arbeit geleistet, denn eine große Überzahl von 
Menschen hat davon nur ein bescheidenes Maß oder 
kaum so viel, als noch der Rede wert ist, mitbekommen. 
Wir verkennen das Stück psychologischer Wahrheit 
keineswegs, das in der Behauptung, das Gewissen sei 
göttlicher Herkunft, enthalten ist, aber der Satz bedarf 
der Deutung. Wenn das Gewissen auch etwas in uns 
ist, so ist es doch nicht von Anfang an. Es ist so recht 
ein Gegensatz zum Sexualleben, das wirklich vom An- 
fang des Lebens an da ist und nicht erst später hinzu- 
kommt. Aber das kleine Kind ist bekanntlich amora- 
lisch, es besitzt keine inneren Hemmungen gegen seine 
nach Lust strebenden Impulse. Die Rolle, die späterhin 
das Überich übernimmt, wird zuerst von einer äußeren 
Macht, von der elterlichen Autorität, gespielt. Der 
Elterneinfluß regiert das Kind durch Gewährung von 
Liebesbeweisen und durch Androhung von Strafen, die 
dem Kind den Liebesverlust beweisen und an sich ge- 
fürchtet werden müssen. Diese Realangst ist der Vor- 
läufer der späteren Gewissensangst; solange sie herrscht, 
braucht man von Überich und von Gewissen nicht zu 
reden. Erst in weiterer Folge bildet sich die sekundäre 
Situation aus, die wir allzu bereitwillig für die normale 
halten, daß die äußere Abhaltung verinnerlicht wird, 
daß an die Stelle der Elterninstanz das Überich tritt, 



I 



88 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



»v 



welches nun das Ich genau so beobachtet, lenkt und be- 
droht wie früher die Eltern das Kind. 

Das Überich, das solcher Art die Macht, die Lei- 
stung und selbst die Methoden der Elterninstanz über- 
nimmt, ist aber nicht nur der Rechtsnachfolger, sondern 
wirklich der legitime Leibeserbe derselben. Es geht 
direkt aus ihr hervor, wir werden bald erfahren, durch 
welchen Vorgang. Zunächst müssen wir jedoch bei einer 
Unstimmigkeit zwischen beiden verweilen. Das Überich 
scheint in einseitiger Auswahl nur die Härte und 
Strenge der Eltern, ihre verbietende und strafende Funk- 
tion aufgegriffen zu haben, während deren liebevolle 
Fürsorge keine Aufnahme und Fortsetzung findet. Haben 
die Eltern wirklich ein strenges Regiment geführt, so 
glauben wir es leicht begreiflich zu finden, wenn sich 
auch beim Kind ein strenges Überich entwickelt, aber 
die Erfahrung zeigt, gegen unsere Erwartung, daß das 
Überich denselben Charakter unerbittlicher Härte er- 
werben kann, auch wenn die Erziehung milde und gütig 
war, Drohungen und Strafen möglichst vermieden hat. 
Wir werden auf diesen Widerspruch später zurück- 
kommen, wenn wir die Triebumsetzungen bei der Bil- 
dung des Überichs behandeln. 

Von der Umwandlung der Elternbeziehung in das 
Überich kann ich Ihnen nicht soviel sagen, wie ich 
gerne möchte, zum Teil weil dieser Vorgang so ver- 
wickelt ist, daß seine Darstellung sich nicht in den 
Rahmen einer Einführung fügt, wie ich sie Ihnen geben 
will, zum anderen Teil weil wir selbst nicht glauben, 
ihn voll durchschaut zu haben. Begnügen Sie sich also 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 89 



mit den folgenden Andeutungen. Die Grundlage dieses 
Vorganges ist eine sogenannte Identifizierung, d. h. eine 
Angleichung eines Ichs an ein fremdes, in deren Folge 
dies erste Ich sich in bestimmten Hinsichten so benimmt 
wie das andere, es nachahmt, gewissermaßen in sich auf- 
nimmt. Man hat die Identifizierung nicht unpassend 
mit der oralen, kannibalistischen Einverleibung der 
fremden Person verglichen. Die Identifizierung ist eine 
sehr wichtige Form der Bindung an die andere Person, 
wahrscheinlich die ursprünglichste, nicht dasselbe wie 
eine Objektwahl. Man kann den Unterschied etwa so 
ausdrücken: Wenn der Knabe sich mit dem Vater identi- 
fiziert, so will er so sein wie der Vater; wenn er ihn 
zum Objekt seiner Wahl macht, so will er ihn haben, 
besitzen; im ersten Fall wird sein Ich nach dem Vor- 
bild des Vaters verändert, im zweiten Falle ist dies 
nicht notwendig. Identifizierung und Objektwahl sind 
in weitem Ausmaß unabhängig von einander; man kann 
sich aber auch mit der nämlichen Person identifizieren, 
sein Ich nach ihr verändern, die man z. B. zum Sexual- 
objekt genommen hat. Man sagt, daß diese Beeinflussung 
des Ichs durch das Sexualobjekt besonders häufig bei 
Frauen vorkommt und für die Weiblichkeit charakteri- 
stisch ist. Von der bei weitem lehrreichsten Beziehung 
zwischen Identifizierung und Objektwahl muß ich Ihnen 
schon einmal in den früheren Vorlesungen gesprochen 
haben. Sie ist so leicht an Kindern wie an Erwachsenen, 
normalen und kranken Menschen zu beobachten. Wenn 
man ein Objekt verloren hat oder es aufgeben mußte, 
so entschädigt man sich oft genug dadurch, daß man 



90 Neue Vorlesunge n zur Einführung in die Psychoanalyse 

sich mit ihm identifiziert, es in seinem Ich wieder auf- 
richtet, so daß hier die Objektwahl gleichsam zur 
Identifizierung regrediert. 

Ich bin von diesen Ausführungen über die Identi- 
fizierung selbst durchaus nicht befriedigt, aber genug, 
wenn Sie mir zugeben können, daß die Einsetzung des 
Überichs als ein gelungener Fall von Identifizierung mit 
der Elterninstanz beschrieben werden kann. Die für 
diese Auffassung entscheidende Tatsache ist nun, daß 
diese Neuschöpfung einer überlegenen Instanz im Ich 
aufs Innigste mit dem Schicksal des Ödipuskomplexes 
verknüpft ist, so daß das Überich als der Erbe dieser 
für die Kindheit so bedeutungsvollen Gcfühlsbindung 
erscheint. Wir verstehen, mit dem Auflassen des Ödipus- 
komplexes mußte das Kind auf die intensiven Objekt- 
besetzungen verzichten, die es bei den Eltern unter- 
gebracht hatte, und zur Entschädigung für diesen 
Objektverlust werden die wahrscheinlich längst vor- 
handenen Identifizierungen mit den Eltern in seinem 
Ich so sehr verstärkt. Solche Identifizierungen als 
Niederschläge aufgegebener Objektbesetzungen werden 
sich später im Leben des Kindes oft genug wiederholen, 
aber es entspricht durchaus dem Gefühlswert dieses 
ersten Falles einer solchen Umsetzung, daß deren Er- 
gebnis eine Sonderstellung im Ich eingeräumt wird. Ein- 
gehende Untersuchung belehrt uns auch, daß das Uberich 
in seiner Stärke und Ausbildung verkümmert, wenn die 
Überwindung des Ödipuskomplexes nur unvollkommen 
gelingt. Im Laufe der Entwicklung nimmt das Überich 
auch die Einflüsse jener Personen an, die an die Stelle 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 91 



der Eltern getreten sind, also von Erziehern, Lehrern, 
idealen Vorbildern. Es entfernt sich normaler Weise 
immer mehr von den ursprünglichen Elternindividuen, 
es wird sozusagen unpersönlicher. Wir wollen auch nicht 
daran vergessen, daß das Kind seine Eltern in verschie- 
denen Lebenszeiten verschieden einschätzt. Zur Zeit, da 
der Ödipuskomplex dem Überich den Platz räumt, sind 
sie etwas ganz Großartiges, später büßen sie sehr viel 
ein. Es kommen dann auch Identifizierungen mit diesen 
späteren Eltern zustande, sie liefern sogar regelmäßig 
wichtige Beiträge zur Charakterbildung, aber sie be- 
treffen dann nur das Ich, beeinflussen nicht mehr das 
Uberich, das durch die frühesten Elternimagines be- 
stimmt worden ist. 

Ich hoffe, Sie haben bereits den Eindruck empfan- 
gen, daß die Aufstellung des Überichs wirklich ein 
Strukturverhältnis beschreibt und nicht einfach eine 
Abstraktion wie die des Gewissens personifiziert. Wir 
haben noch eine wichtige Funktion zu erwähnen, die wir 
diesem Überich zuteilen. Es ist auch der Träger des Ich- 
ideals, an dem das Ich sich mißt, dem es nachstrebt, 
dessen Anspruch auf immer weitergehende Vervoll- 
kommnung es zu erfüllen bemüht ist. Kein Zweifel, 
dieses Ichideal ist der Niederschlag der alten Eltern- 
vorstellung, der Ausdruck der Bewunderung jener Voll- 
kommenheit, die das Kind ihnen damals zuschrieb. Ich 
weiß, Sie haben viel von dem Gefühl der Minderwertig- 
keit gehört, das gerade die Neurotiker auszeichnen soll. 
Es spukt besonders in der sogenannt schönen Literatur. 
Ein Schriftsteller, der das Wort Minderwertigkeits- 



92 Neue Vorlesun gen zur Einführung in die Psychoanalyse 






komplex gebraucht, glaubt damit allen Anforderungen 
der Psychoanalyse Genüge getan und seine Darstellung 
auf ein höheres psychologisches Niveau gehoben zu 
haben. In Wirklichkeit wird das Kunstwort Minder- 
wertigkeitskomplex in der Psychoanalyse kaum ver- 
wendet. Es bedeutet uns nichts Einfaches, geschweige 
denn etwas Elementares. Es auf die Selbstwahrnehmung 
etwaiger Organverkümmerungen zurückzuführen, wie 
die Schule der sogenannten Individualpsychologen zu 
tun beliebt, erscheint uns ein kurzsichtiger Irrtum. Das 
Gefühl der Minderwertigkeit hat starke erotische Wur- 
zeln. Das Kind fühlt sich minderwertig, wenn es merkt, 
daß es nicht geliebt wird, und ebenso der Erwachsene. 
Das einzige Organ, das wirklich als minderwertig 
betrachtet wird, ist der verkümmerte Penis, die Kli- 
toris des Mädchens. Aber der Hauptanteil des Minder- 
wertigkeitsgefühls stammt aus der Beziehung des Ichs 
zu seinem Überich, ist ebenso wie das Schuldgefühl ein 
Ausdruck der Spannung zwischen beiden. Minderwertig- 
keitsgefühl und Schuldgefühl sind überhaupt schwer 
auseinander zu halten. Vielleicht täte man gut daran, 
im ersteren die erotische Ergänzung zum moralischen 
Minderwertigkeitsgefühl zu sehen. Wir haben dieser 
Frage der begrifflichen Abgrenzung in der Psycho- 
analyse wenig Aufmerksamkeit geschenkt. 

Gerade weil der Minderwertigkeitskomplex so 
populär geworden ist, gestatte ich mir, Sie hier mit 
einer kleinen Abschweifung zu unterhalten. Eine 
historische Persönlichkeit unserer Zeit, die noch lebt, 
aber gegenwärtig in den Hintergrund gerückt ist, hat 






XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 93 

von einer Schädigung während der Geburt eine gewisse 
Verkümmerung eines Gliedes behalten. Ein sehr bekann- 
ter Schriftsteller unserer Tage, der am liebsten Bio- 
graphien hervorragender Personen bearbeitet, hat auch 
das Leben dieses von mir bezeichneten Mannes behandelt. 
Nun mag es ja schwer sein, das Bedürfnis nach psycho- 
logischer Vertiefung zu unterdrücken, wenn man eine 
Biographie schreibt. Unser Autor hat darum den Ver- 
such gewagt, die ganze Charakterentwicklung des 
Helden über dem Minderwertigkeitsgefühl, das jener 
körperliche Defekt wachrufen mußte, aufzubauen. Er 
hat dabei eine kleine, aber nicht unwichtige Tatsache 
übersehen. Es ist gewöhnlich, daß Mütter, denen das 
Schicksal ein krankes oder sonst benachteiligtes Kind 
geschenkt hat, es für diese ungerechte Zurücksetzung 
durch ein Übermaß von Liebe zu entschädigen suchen. 
In dem zur Rede stehenden Falle benahm sich die stolze 
Mutter anders, sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen 
seines Gebrechens. Als aus dem Kinde ein großmächtiger 
Mann geworden war, bewies dieser durch seine 
Handlungen unzweideutig, daß er der Mutter nie ver- 
ziehen hatte. Wenn Sie sich an die Bedeutung der 
Mutterliebe für das kindliche Seelenleben besinnen, 
werden Sie die Minderwertigkeitstheorie des Biographen 
wohl in Ihren Gedanken korrigieren. 

Kehren wir zum Überich zurück! Wir haben ihm 
die Selbstbeobachtung, das Gewissen und die Ideal- 
funktion zugeteilt. Aus unseren Ausführungen über seine 
Entstehung geht hervor, daß es eine unsäglich wichtige 
biologische wie eine schicksalsvolle psychologische Tat- 






94 Neue Vor lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sache zu Voraussetzungen hat, nämlich die lange Ab- 
hängigkeit des Menschenkindes von seinen Eltern und 
den Ödipuskomplex, die beide wieder innig mit ein- 
ander verknüpft sind. Das Überich ist für uns die Ver- 
tretung aller moralischen Beschränkungen, der Anwalt 
des Strcbens nach Vervollkommnung, kurz das, was 
uns von dem sogenannt Höheren im Menschenleben 
psychologisch greifbar geworden ist. Da es selbst auf 
den Einfluß der Eltern, Erzieher u. dgl. zurückgeht, 
erfahren wir noch mehr von seiner Bedeutung, wenn 
wir uns zu diesen seinen Quellen wenden. In der Regel 
folgen die Eltern und die ihnen analogen Autoritäten 
in der Erziehung des Kindes den Vorschriften des 
eigenen Oberichs. Wie immer sich ihr Ich mit ihrem 
Überich auseinandergesetzt haben mag, in der Erziehung 
des Kindes sind sie streng und anspruchsvoll. Sie haben 
die Schwierigkeiten ihrer eigenen Kindheit vergessen, 
sind zufrieden, sich nun voll mit den eigenen Eltern 
identifizieren zu können, die ihnen seinerzeit die 
schweren Einschränkungen auferlegt haben. So wird das 
Überich des Kindes eigentlich nicht nach dem Vorbild 
der Eltern, sondern des elterlichen Überichs aufgebaut; 
es erfüllt sich mit dem gleichen Inhalt, es wird zum 
Träger der Tradition, all der zeitbeständigen Wertun- 
gen, die sich auf diesem Wege über Generationen fort- 
gepflanzt haben. Sie erraten leicht, welch wichtige Hilfen 
für das Verständnis des sozialen Verhaltens der Men- 
schen, z. B. für das der Verwahrlosung, vielleicht auch 
welch praktische Winke für die Erziehung sich aus der 
Berücksichtigung des Überichs ergeben. Wahrscheinlich 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 95 



sündigen die sogenannt materialistischen Geschichtsauf- 
fassungen darin, daß sie diesen Faktor unterschätzen. Sie 
tun ihn mit der Bemerkung ab, daß die „Ideologien" der 
Menschen nichts anderes sind als Ergebnis und Überbau 
ihrer aktuellen ökonomischen Verhältnisse. Das ist die 
Wahrheit, aber sehr wahrscheinlich nicht die ganze Wahr- 
heit. Die Menschheit lebt nie ganz in der Gegenwart, 
in den Ideologien des Überichs lebt die Vergangenheit, 
die Tradition der Rasse und des Volkes fort, die den 
Einflüssen der Gegenwart, neuen Veränderungen, nur 
langsam weicht, und solange sie durch das Überich 
wirkt, eine mächtige, von den ökonomischen Verhält- 
nissen unabhängige Rolle im Menschenleben spielt. 

Im Jahre 1921 habe ich versucht, die Differenzie- 
rung von Ich und Überich beim Studium der Massen- 
psychologie zu verwenden. Ich gelangte zu einer Formel 
wie: Eine psychologische Masse ist eine Vereinigung von 
Einzelnen, die die nämliche Person in ihr Uberich ein- 
geführt und sich auf Grund dieser Gemeinsamkeit in 
ihrem Ich mit einander identifiziert haben. Sie gilt 
natürlich nur für Massen, die einen Führer haben. Be- 
säßen wir mehr Anwendungen dieser Art, so würde die 
Annahme des Überichs das letzte Stück Befremden für 
uns verlieren und wir würden von jener Befangenheit 
gänzlich frei werden, die uns doch noch befällt, wenn 
wir uns, an die Unterweltatmosphäre gewöhnt, in den 
oberflächlicheren, höheren Schichten des seelischen Appa- 
rats bewegen. "Wir glauben selbstverständlich nicht, daß 
wir mit der Sonderung des Uberichs das letzte Wort 
zur Ichpsychologie gesprochen haben. Es ist eher ein 



y 6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

erster Anfang, aber in diesem Falle ist nicht nur der 
Anfang schwer. 

Aber nun wartet unser eine andere Aufgabe, am 
sozusagen entgegengesetzten Ende des Ichs. Sie wird von 
einer Beobachtung während der analytischen Arbeit ge- 
stellt, einer Beobachtung, die eigentlich sehr alt ist. Wie 
es schon manchmal geht, hat es lange gebraucht, bis 
man sich zu ihrer Würdigung entschloß. Wie Sie wissen, 
ist eigentlich die ganze psychoanalytische Theorie über 
der Wahrnehmung des Widerstands aufgebaut, den uns 
der Patient bei dem Versuch, ihm sein Unbewußtes bewußt 
zu machen, leistet. Das objektive Zeichen des Widerstands 
ist, daß seine Einfälle versagen oder sich weit von dem 
behandelten Thema entfernen. Er kann den Widerstand 
auch subjektiv daran erkennen, daß er peinliche Emp- 
findungen verspürt, wenn er sich dem Thema annähert. 
Aber dies letzte Zeichen kann auch wegbleiben. Dann 
sagen wir dem Patienten, daß wir aus seinem Verhalten 
schließen, er befinde sich jetzt im Widerstände, und er 
antwortet, er wisse nichts davon, er merke nur die Er- 
schwerung der Einfälle. Es zeigt sich, daß wir Recht 
hatten, aber dann war sein Widerstand auch unbewußt, 
ebenso unbewußt wie das Verdrängte, an dessen Hebung 
wir arbeiteten. Man hätte längst die Frage aufwerfen 
sollen: von welchem Teil seines Seelenlebens geht ein 
solcher unbewußter Widerstand aus? Der Anfänger in 
der Psychoanalyse wird rasch mit der Antwort zur Hand 
sein: Es ist eben der Widerstand des Unbewußten. Eine 
zweideutige, unbrauchbare Antwort! Wenn damit ge- 
meint ist, er gehe vom Verdrängten aus, so müssen wir 



' 






XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 97 



sagen: Gewiß nicht! Dem Verdrängten müssen wir eher 
einen starken Auftrieb zuschreiben, einen Drang zum 
Bewußtsein durchzudringen. Der Widerstand kann nur 
eine Äußerung des Ichs sein, das seinerzeit die Verdrän- 
gung durchgeführt hat und sie jetzt aufrecht halten 
will. So haben wir's auch früher immer aufgefaßt. Seit- 
dem wir eine besondere Instanz im Ich annehmen, die 
die einschränkenden und abweisenden Forderungen ver- 
tritt, das Überich, können wir sagen, die Verdrängung 
sei das Werk dieses Überichs, es führe sie entweder selbst 
durch oder in seinem Auftrag das ihm gehorsame Ich. 
Wenn nun der Fall vorliegt, daß der Widerstand in der 
Analyse dem Patienten nicht bewußt wird, so heißt das 
entweder, daß das Überich und das Ich in ganz wich- 
tigen Situationen unbewußt arbeiten können oder, was 
noch bedeutsamer wäre, daß Anteile von beiden, Ich und 
Überich selbst, unbewußt sind. In beiden Fällen haben 
wir von der unerfreulichen Einsicht Kenntnis zu neh- 
men, daß, (Über-) Ich und Bewußt einerseits, Verdräng- 
tes und Unbewußt anderseits keineswegs zusammenfallen. 
Meine Damen und Herren! Ich empfinde das Be- 
dürfnis, eine Atempause zu machen, die auch Sie als 
wohltuend begrüßen werden, und mich, ehe ich fort- 
setze, bei Ihnen zu entschuldigen. Ich will Ihnen Nach- 
träge zu einer Einführung in die Psychoanalyse geben, 
die ich vor 15 Jahren begonnen habe, und muß mich 
benehmen, als hätten auch Sie in dieser Zwischenzeit 
nichts anderes als Psychoanalyse getrieben. Ich weiß, 
das ist eine ungehörige Zumutung, aber ich bin hilflos, 
ich kann es nicht anders machen. Es hängt wohl daran, 



98 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

daß cs überhaupt so schwer ist, dem, der nicht selbst 
Psychoanalytiker ist, einen Einblick in die Psychoanalyse 
zu geben. Sie können mir glauben, daß wir nicht gern 
den Anschein erwecken, als seien wir Geheimbündler 
und betreiben eine Geheimwissenschaft. Und doch muß- 
ten wir erkennen und als unsere Überzeugung verkün- 
den, daß niemand das Recht hat, in die Psychoanalyse 
dreinzureden, wenn er sich nicht bestimmte Erfahrun- 
gen erworben hat, die man nur durch eine Analyse an 
seiner eigenen Person erwerben kann. Als ich Ihnen vor 
fünfzehn Jahren meine Vorlesungen gab, suchte ich Sie 
mit gewissen spekulativen Stücken unserer Theorie zu 
verschonen, aber grade an die knüpfen die Neuerwer- 
bungen an, von denen ich heute zu sprechen habe. 

Ich kehre zum Thema zurück. In dem Zweifel, ob 
Ich und Überich selbst unbewußt sein oder nur unbe- 
wußte Wirkungen entfalten können, haben wir uns mit 
guten Gründen für die ersterc Möglichkeit entschieden. 
Ja, große Anteile des Ichs und Überichs können unbe- 
wußt bleiben, sind normaler Weise unbewußt. Das heißt, 
die Person weiß nichts von deren Inhalten und es bedarf 
eines Aufwands an Mühe, sie ihr bewußt zu machen. 
Es trifft zu, daß Ich und Bewußt, Verdrängt und Un- 
bewußt nicht zusammenfallen. Wir empfinden das Be- 
dürfnis, unsere Einstellung zum Problem Bewußt-Unbe- 
wußt gründlich zu revidieren. Zunächst sind wir geneigt, 
den Wert des Kriteriums der Bewußtheit, da es sich als 
so unzuverlässig erwiesen hat, recht herabzusetzen. Aber 
wir täten Unrecht daran. Es ist damit wie mit unserem 
Leben; es ist nicht viel wert, aber es ist alles, was wir 



XXXI. Die Zerlegung, der psychischen Persönlichkeit 99 



haben. Ohne die Leuchte der Bewußtseinsqualität wären 
wir im Dunkel der Tiefenpsychologie verloren; aber wir 
dürfen versuchen, uns neu zu orientieren. 

Was man bewußt heißen soll, brauchen wir nicht 
zu erörtern, es ist jedem Zweifel entzogen. Die älteste 
und beste Bedeutung des Wortes „unbewußt" ist die 
deskriptive; wir nennen unbewußt einen psychischen Vor- 
gang, dessen Existenz wir annehmen müssen, etwa weil wir 
ihn aus seinen Wirkungen erschließen, von dem wir aber 
nichts wissen. Wir haben dann zu ihm dieselbe Bezie- 
hung wie zu einem psychischen Vorgang bei einem an- 
deren Menschen, nur daß er eben einer unserer eigenen 
ist. Wenn wir noch korrekter sein wollen, werden wir 
den Satz dahin modifizieren, daß wir einen Vorgang un- 
bewußt heißen, wenn wir annehmen müssen, er sei der- 
zeit aktiviert, obwohl wir derzeit nichts von ihm 
wissen. Diese Einschränkung läßt uns daran denken, daß 
die meisten bewußten Vorgänge nur kurze Zeit bewußt 
sind; sehr bald werden sie latent, können aber leicht 
wiederum bewußt werden. Wir könnten auch sagen, sie 
seien unbewußt geworden, wenn es überhaupt sicher wäre, 
daß sie im Zustand der Latenz noch etwas Psychisches 
sind. Soweit hätten wir nichts Neues erfahren, auch 
nicht das Recht erworben, den Begriff eines Unbewußten 
in die Psychologie einzuführen. Dann kommt aber die 
neue Erfahrung, die wir schon an den Fehlleistungen 
machen können. Wir sehen uns z. B. zur Erklärung eines 
Versprechens genötigt anzunehmen, daß sich bei dem 
Betreffenden eine bestimmte Redeabsicht gebildet hatte. 
Wir erraten sie mit Sicherheit aus der vorgefallenen Stö- 



ioo Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

rung der Rede, aber sie hatte sich nicht durchgesetzt, 
sie war also unbewußt. Wenn wir sie nachträglich dem 
Redner vorführen, kann er sie als eine ihm vertraute 
anerkennen, dann war sie nur zeitweilig unbewußt, oder 
sie als ihm fremd verleugnen, dann war sie dauernd un- 
bewußt. Aus dieser Erfahrung schöpfen wir rückgreifend 
das Recht, auch das als latent Bezeichnete für ein Un- 
bewußtes zu erklären. Die Berücksichtigung dieser dyna- 
mischen Verhältnisse gestattet uns jetzt zweierlei Un- 
bewußtes zu unterscheiden, eines das leicht, unter häufig 
hergestellten Bedingungen, sich in Bewußtes umwandelt, 
ein anderes, bei dem diese Umsetzung schwer, nur unter 
erheblichem Müheaufwand, möglicherweise niemals er- 
folgt. Um der Zweideutigkeit zu entgehen, ob wir das 
eine oder das andere Unbewußte meinen, das Wort im 
deskriptiven oder im dynamischen Sinn gebrauchen, wen- 
den wir ein erlaubtes, einfaches Auskunftsmittel an. Wir 
heißen jenes Unbewußte, das nur latent ist und so leicht 
bewußt wird, das Vorbewußte, behalten die Bezeichnung 
„Unbewußt" dem anderen vor. Wir haben nun drei 
Termini: bewußt, vorbewußt, unbewußt, mit denen wir 
in der Beschreibung der seelischen Phänomene unser Aus- 
kommen finden. Nochmals, rein deskriptiv ist auch das 
Vorbewußte unbewußt, aber wir bezeichnen es nicht so, 
außer in lockerer Darstellung oder wenn wir die Exi- 
stenz unbewußter Vorgänge überhaupt im Seelenleben zu 
verteidigen haben. 

Sie werden mir hoffentlich zugeben, das sei so weit 
nicht gar arg und erlaube eine bequeme Handhabung. 
Ja, aber leider hat die psychoanalytische Arbeit sich ge- 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 101 



drängt gefunden, das "Wort unbewußt noch in einem 
anderen, dritten, Sinn zu verwenden, und das mag aller- 
dings Verwirrung gestiftet haben. Unter dem neuen und 
starken Eindruck, daß ein weites und wichtiges Gebiet 
des Seelenlebens der Kenntnis des Ichs normaler "Weise 
entzogen ist, so daß die Vorgänge darin als unbewußte 
im richtigen dynamischen Sinn anerkannt werden müssen, 
haben wir den Terminus „unbewußt" auch in einem 
topischen oder systematischen Sinn verstanden, von 
einem System des Vorbewußten und des Unbewußten 
gesprochen, von einem Konflikt des Ichs mit dem Sy- 
stem Ubw, das Wort immer mehr eher eine seelische 
Provinz bedeuten lassen als eine Qualität des Seelischen. 
Die eigentlich unbequeme Entdeckung, daß auch Anteile 
des Ichs und Uberichs im dynamischen Sinne unbewußt 
sind, wirkt hier wie eine Erleichterung, gestattet uns, 
eine Komplikation wegzuräumen. Wir sehen, wir haben 
kein Recht, das ichfremde Seelengebiet das System Ubw 
zu nennen, da die Unbewußtheit nicht sein aus- 
schließender Charakter ist. Gut, so wollen wir unbewußt 
nicht mehr im systematischen Sinn gebrauchen und dem 
bisher so Bezeichneten einen besseren, nicht mehr miß- 
verständlichen Namen geben. In Anlehnung an den 
Sprachgebrauch bei Nietzsche und infolge einer An- 
regung von G. Groddeck heißen wir es fortan das 
E s. Dies unpersönliche Fürwort scheint besonders ge- 
eignet, den Hauptcharakter dieser Seelenprovinz, ihre 
Ichfremdheit, auszudrücken. Überich, Ich und Es sind 
nun die drei Reiche, Gebiete, Provinzen, in die wir den 
Seelenapparat der Person zerlegen, mit deren gegenseiti- 



: 



loa Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 






gen Beziehungen wir uns im Weiteren beschäftigen 

wollen. 

Vorher nur eine kurze Einschaltung. Ich vermute, 
Sie sind unzufrieden damit, daß die drei Qualitäten der 
Bewußtheit und die drei Provinzen des seelischen Appa- 
rats sich nicht zu drei friedlichen Paaren zusammen- 
gefunden haben, und sehen darin etwas wie eine Trü- 
bung unserer Resultate. Ich meine aber, wir sollten es 
nicht bedauern und sollten uns sagen, daß wir kein Recht 
hatten, eine so glatte Anordnung zu erwarten. Lassen 
Sie mich eine Vergleichung bringen; Vergleiche entschei- 
den nichts, das ist wahr, aber sie können machen, daß 
man sich heimischer fühlt. Ich imaginicre ein Land mit 
mannigfaltiger Bodcngestaltung, Hügelland, Ebene und 
Seenketten, mit gemischter Bevölkerung — es wohnen 
darin Deutsche, Magyaren und Slowaken, die auch ver- 
schiedene Tätigkeiten betreiben. Nun könnte die Ver- 
teilung so sein, daß im Hügelland die Deutschen wohnen, 
die Viehzüchter sind, im Flachland die Magyaren, die 
Getreide und Wein bauen, an den Seen die Slowaken, 
die Fische fangen und Schilf flechten. Wenn diese Ver- 
teilung glatt und reinlich wäre, würde ein Wilson 
seine Freude an ihr haben; es wäre auch bequem für der» 
Vortrag in der Geographiestundc. Es ist aber wahrschein- 
lich, daß Sie weniger Ordnung und mehr Vermengung 
finden, wenn Sie die Gegend bereisen. Deutsche, Ma- 
gyaren und Slowaken leben überall durcheinander, im 
Hügelland gibt es auch Acker, in der Ebene wird auch 
Vieh gehalten. Einiges ist natürlich, so wie Sie es er- 
wartet haben, denn auf Bergen kann man keine Fische 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 103 



fangen, im Wasser wächst kein Wein. Ja, das Bild der 
Gegend, das Sie mitgebracht haben, mag im Großen und 
Ganzen zutreffend sein; im Einzelnen werden Sie sich 
Abweichungen gefallen lassen. 

Sie erwarten nicht, daß ich Ihnen vom Es außer 
dem neuen Namen viel Neues mitzuteilen habe. Es ist 
der dunkle, unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit; 
das wenige, was wir von ihm wissen, haben wir durch 
das Studium der Traumarbeit und der neurotischen 
Symptombildung erfahren und das meiste davon hat 
negativen Charakter, läßt sich nur als Gegensatz zum 
Ich beschreiben. Wir nähern uns dem Es mit Verglei- 
chen, nennen es ein Chaos, einen Kessel voll brodelnder 
Erregungen. Wir stellen uns vor, es sei am Ende gegen 
das Somatische offen, nehme da die Triebbedürfnisse in 
sich auf, die in ihm ihren psychischen Ausdruck finden, 
wir können aber nicht sagen, in welchem Substrat. Von 
den Trieben her erfüllt es sich mit Energie, aber es hat 
keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, nur 
das Bestreben, den Triebbedürfnissen unter Einhaltung 
des Lustprinzips Befriedigung zu schaffen. Für die Vor- 
gänge im Es gelten die logischen Denkgesetze nicht, vor 
allem nicht der Satz des Widerspruchs. Gegensätzliche 
Regungen bestehen neben einander, ohne einander auf- 
zuheben oder sich von einander abzuziehen, höchstens 
daß sie unter dem herrschenden ökonomischen Zwang 
zur Abfuhr der Energie zu Kompromißbildungen zusam- 
mentreten. Es gibt im Es nichts, was man der Negation 
gleichstellen könnte, auch nimmt man mit Überraschung 
die Ausnahme von dem Satz der Philosophen wahr, daß 



A 



104 Neue Vorlesun gen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Raum und Zeit notwendige Formen unserer seelischen 
Akte seien. Im Es findet sich nichts, was der Zeitvor- 
stellung entspricht, keine Anerkennung eines zeitlichen 
Ablaufs und, was höchst merkwürdig ist und seiner 
Würdigung im philosophischen Denken wartet, keine 
Veränderung des seelischen Vorgangs durch den Zeit- 
ablauf. Wunschregungen, die das Es nie überschritten 
haben, aber auch Eindrücke, die durch Verdrängung ins 
Es versenkt worden sind, sind virtuell unsterblich, ver- 
halten sich nach Dezennien, als ob sie neu vorgefallen 
wären. Als Vergangenheit erkannt, entwertet und ihrer 
Energiebesetzung beraubt können sie erst werden, wenn 
sie durch die analytische Arbeit bewußt geworden sind, 
und darauf beruht nicht zum kleinsten Teil die thera- 
peutische Wirkung der analytischen Behandlung. 

Ich habe immer wieder den Eindruck, daß wir aus 
dieser über jeden Zweifel feststehenden Tatsache der 
Unveränderlichkeit des Verdrängten durch die Zeit viel 
zu wenig für unsere Theorie gemacht haben. Da scheint 
sich doch ein Zugang zu den tiefsten Einsichten zu er- 
öffnen. Leider bin auch ich da nicht weiter gekommen. 

Selbstverständlich kennt das Es keine Wertungen, 
kein Gut und Böse, keine Moral. Das ökonomische oder, 
wenn Sie wollen, quantitave Moment, mit dem Lust- 
prinzip innig verknüpft, beherrscht alle Vorgänge. Trieb- 
besetzungen, die nach Abfuhr verlangen, das, meinen 
wir, sei alles im Es. Es scheint sogar, daß sich die Energie 
dieser Triebregungen in einem andern Zustand befindet 
als in den andern seelischen Bezirken, weit leichter be- 
weglich und abfuhrfähig ist, denn sonst würden nicht 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit io$ 



jene Verschiebungen und Verdichtungen vorfallen, die 
für das Es charakteristisch sind und die so vollkommen 
von der Qualität des Besetzten — im Ich würden wir 
es eine Vorstellung nennen — absehen. Man gäbe was 
darum, wenn man von diesen Dingen mehr verstehen 
könnte! Sie sehen übrigens, daß wir in der Lage sind, 
vom Es noch andere Eigenschaften anzugeben, als daß 
es unbewußt ist, und Sie erkennen die Möglichkeit, daß 
Teile vom Ich und Überich unbewußt seien, ohne die 
nämlichen primitiven und irrationellen Charaktere zu 
besitzen. Zu einer Charakteristik des eigentlichen Ichs, 
insofern es sich vom Es und vom Uberich sondern läßt, 
gelangen wir am ehesten, wenn wir seine Beziehung 
zum äußersten oberflächlichen Stück des seelischen Appa- 
rats ins Auge fassen, das wir als das System W-Bw 
bezeichnen. Dieses System ist der Außenwelt zugewendet, 
es vermittelt die Wahrnehmungen von ihr, in ihm ent- 
steht während seiner Funktion das Phänomen des Be- 
wußtseins. Es ist das Sinnesorgan des ganzen Apparats, 
empfänglich übrigens nicht nur für Erregungen, die von 
außen, sondern auch für solche, die aus dem Inneren des 
Seelenlebens herankommen. Die Auffassung bedarf kaum 
einer Rechtfertigung, daß das Ich jener Teil des Es ist, 
der durch die Nähe und den Einfluß der Außenwelt 
modifiziert wurde, zur Reizaufnahme und zum Reiz- 
schutz eingerichtet, vergleichbar der Rindenschicht, mit 
der sich ein Klümpchen lebender Substanz umgibt. Die 
Beziehung zur Außenwelt ist für das Ich entscheidend 
geworden, es hat die Aufgabe übernommen, sie bei dem 
Es zu vertreten, zum Heil des Es, das ohne Rücksicht 



io6 Neue Vorlesungen tut Einführung i n die Psychoanalyse 

auf diese übergewaltige Außenmacht im blinden Streben 
nach Triebbefriedigung der Vernichtung nicht entgehen 
würde. In der Erfüllung dieser Funktion muß das Ich 
die Außenwelt beobachten, eine getreue Abbildung von 
ihr in den Erinnerungsspuren seiner Wahrnehmungen 
niederlegen, durch die Tätigkeit der Realitätsprüfung 
fern halten, was an diesem Bild der Außenwelt Zutat 
aus inneren Erregungsqucllen ist. Im Auftrag des Es be- 
herrscht das Ich die Zugänge zur Motilität, aber es hat 
zwischen Bedürfnis und Handlung den Aufschub der 
Denkarbeit eingeschaltet, während dessen es die Erinne- 
rungsreste der Erfahrung verwertet. Auf solche Weise 
hat es das Lustprinzip entthront, das uneingeschränkt den 
Ablauf der Vorgänge im Es beherrscht und es durch das 
Realitätsprinzip ersetzt, das mehr Sicherheit und grö- 
ßeren Erfolg verspricht. 

Auch die so schwer zu beschreibende Beziehung 
zur Zeit wird dem Ich durch das Wahrnehmungssystem 
vermittelt; es ist kaum zweifelhaft, daß die Arbeitsweise 
dieses Systems der Zeitvorstellung den Ursprung gibt. 
Was das Ich zum Unterschied vom Es aber ganz beson- 
ders auszeichnet, ist ein Zug zur Synthese seiner Inhalte, 
zur Zusammenfassung und Vereinheitlichung seiner seeli- 
schen Vorgänge, der dem Es völlig abgeht. Wenn wir 
nächstens einmal von den Trieben im Seelenleben han- 
deln, wird es uns hoffentlich gelingen, diesen wesent- 
lichen Charakter des Ichs auf seine Quelle zurückzu- 
führen. Er allein stellt jenen hohen Grad von Organi- 
sation her, dessen das Ich bei seinen besten Leistungen 
bedarf. Es entwickelt sich von der Triebwahrnchmung 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 107 



zur Triebbeherrschung, aber die letztere wird nur da- 
durch erreicht, daß die Triebrepräsentanz in einen grö- 
ßeren Verband eingeordnet, in einen Zusammenhang auf- 
genommen wird. Wenn wir uns populären Redeweisen 
anpassen, dürfen wir sagen, daß das Ich im Seelenleben 
Vernunft und Besonnenheit vertritt, das Es aber die un- 
gezähmten Leidenschaften. 

Wir haben uns bisher durch die Aufzählung der 
Vorzüge und Fähigkeiten des Ichs imponieren lassen; es 
ist jetzt Zeit auch der Kehrseite zu gedenken. Das Ich 
ist doch nur ein Stück vom Es, ein durch die Nähe der 
gefahrdrohenden Außenwelt zweckmäßig verändertes 
Stück. In dynamischer Hinsicht ist es schwach, seine 
Energien hat es dem Es entlehnt, und wir sind nicht ganz 
ohne Einsicht in die Methoden, man könnte sagen: in 
die Schliche, durch die es dem Es weitere Energiebeträge 
entzieht. Ein solcher Weg ist zum Beispiel auch die 
Identifizierung mit beibehaltenen oder aufgegebenen Ob- 
jekten. Die Objektbesetzungen gehen von den Trieb- 
ansprüchen des Es aus. Das Ich hat sie zunächst zu regi- 
strieren. Aber indem es sich mit dem Objekt identifiziert, 
empfiehlt es sich dem Es an Stelle des Objekts, will es 
die Libido des Es auf sich lenken. Wir haben schon ge- 
hört, daß das Ich im Lauf des Lebens eine große Anzahl 
von solchen Niederschlägen ehemaliger Objektbesetzun- 
gen in sich aufnimmt. Im Ganzen muß das Ich die Ab- 
sichten des Es durchführen, es erfüllt seine Aufgabe, wenn 
es die Umstände ausfindig macht, unter denen diese Ab- 
sichten am besten erreicht werden können. Man könnte 
das Verhältnis des Ichs zum Es mit dem des Reiters zu 



I 



io8 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 






seinem Pferd vergleichen. Das Pferd gibt die Energie für 
die Lokomotion her, der Reiter hat das Vorrecht, das 
Ziel zu bestimmen, die Bewegung des starken Tieres zu 
leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet sich allzu 
häufig der nicht ideale Fall, daß der Reiter das Roß 
dahin führen muß, wohin es selbst gehen will. 

Von einem Teil des Es hat sich das Ich durch Ver- 
drängungswiderstände geschieden. Aber die Verdrängung 
setzt sich nicht in das Es fort. Das Verdrängte fließt mit 
dem übrigen Es zusammen. 

Ein Sprichwort warnt davor, gleichzeitig zwei 
Herren zu dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer, 
es dient drei gestrengen Herren, ist bemüht, deren An- 
sprüche und Forderungen in Einklang mit einander zu 
bringen. Diese Ansprüche gehen immer auseinander, 
scheinen oft unvereinbar zu sein; kein Wunder, wenn 
das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert. Die drei 
Zwingherren sind die Außenwelt, das Überich und das 
Es. Wenn man die Anstrengungen des Ichs verfolgt, ihnen 
gleichzeitig gerecht zu werden, besser gesagt: ihnen 
gleichzeitig zu gehorchen, kann man nicht bereuen, dieses 
Ich personifiziert, es als ein besonderes Wesen hingestellt 
zu haben. Es fühlt sich von drei Seiten her eingeengt, 
von dreierlei Gefahren bedroht, auf die es im Falle der 
Bedrängnis mit Angstentwicklung reagiert. Durch seine 
Herkunft aus den Erfahrungen des Wahrnchmungs- 
systems ist es dazu bestimmt, die Anforderungen der 
Außenwelt zu vertreten, aber es will auch der getreue 
Diener des Es sein, im Einvernehmen mit ihm bleiben, 
sich ihm als Objekt empfehlen, seine Libido auf sich 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 109 

ziehen. In seinem Vermittlungsbestreben zwischen Es 
und Realität ist es oft genötigt, die ubw Gebote des 
Es mit seinen vbw Rationalisierungen zu bekleiden, die 
Konflikte des Es mit der Realität zu vertuschen, mit 
diplomatischer Unaufrichtigkeit eine Rücksichtnahme 
auf die Realität vorzuspiegeln, auch wenn das Es starr 
und unnachgiebig geblieben ist. Anderseits wird es auf 
Schritt und Tritt von dem gestrengen Uberich beobach- 
tet, das ihm bestimmte Normen seines Verhaltens vor- 
hält, ohne Rücksicht auf die Schwierigkeiten von Seiten 
des Es und der Außenwelt zu nehmen, und es im Falle 
der Nichteinhaltung mit den Spannungsgefühlen der Min- 
derwertigkeit und des Schuldbewußtseins bestraft. So 
vom Es getrieben, vom Überich eingeengt, von der Reali- 
tät zurückgestoßen, ringt das Ich um die Bewältigung 
seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter den 
Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf 
es wirken, und wir verstehen, warum wir so oft 
den Ausruf nicht unterdrücken können: Das Leben ist 
nicht leicht! "Wenn das Ich seine Schwäche einbekennen 
muß, bricht es in Angst aus, Realangst vor der Außen- 
welt, Gewissensangst vor dem Uberich, neurotische Angst 
vor der Stärke der Leidenschaften im Es. 

Die Strukturverhältnisse der seelischen Persönlich- 
keit, die ich vor Ihnen entwickelt habe, möchte ich in 
einer anspruchslosen Zeichnung darstellen, die ich Ihnen 
hier vorlege (S. 110). 

Sie sehen hier, das Uberich taucht in das Es ein; als 
Erbe des Ödipuskomplexes hat es ja intime Zusammen- 
hänge mit ihm; es liegt weiter ab vom Wahrnehmungs- 



i io Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

System als das Ich. Das Es verkehrt mit der Außenwelt 
nur über das Ich, wenigstens in diesem Schema. Es ist 
gewiß heute schwer zu sagen, inwieweit die Zeichnung 



W-Bw 




richtig ist; in einem Punkt ist sie es gewiß nicht. Der 
Raum, den das unbewußte Es einnimmt, müßte unver- 
gleichlich größer sein als der des Ichs oder des Vorbe- 
wußten. Ich bitte, verbessern Sie das in Ihren Gedanken. 
Und nun zum Abschluß dieser gewiß anstrengenden 
und vielleicht nicht einleuchtenden Ausführungen noch 
eine Mahnung! Sie denken bei dieser Sonderung der Per- 
sönlichkeit in Ich, Ubcrich und Es gewiß nicht an scharfe 
Grenzen, wie sie künstlich in der politischen Geographie 
gezogen worden sind. Der Eigenart des Psychischen 
können wir nicht durch lineare Konturen gerecht wer- 
den wie in der Zeichnung oder in der primitiven Ma- 
lerei, eher durch verschwimmende Farbenfelder wie bei 
den modernen Malern. Nachdem wir gesondert haben, 
müssen wir das Gesonderte wieder zusammenfließen 



XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit in 

lassen. Urteilen Sie nicht zu hart über einen ersten Ver- 
such, das so schwer erfaßbare Psychische anschaulich zu 
machen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Ausbildung 
dieser Sonderungen bei verschiedenen Personen großen 
Variationen unterliegt, möglich, daß sie bei der Funk- 
tion selbst verändert und zeitweilig rückgebildet werden. 
Besonders für die phylogenetisch letzte und heikelste, 
die Differenzierung von Ich und Uberich, scheint der- 
gleichen zuzutreffen. Es ist unzweifelhaft, daß das 
Gleiche durch psychische Erkrankung hervorgerufen 
wird. Man kann sich auch gut vorstellen, daß es gewissen 
mystischen Praktiken gelingen mag, die normalen Bezie- 
hungen zwischen den einzelnen seelischen Bezirken um- 
zuwerfen, so daß z. B. die Wahrnehmung Verhältnisse 
im tiefen Ich und im Es erfassen kann, die ihr sonst 
unzugänglich waren. Ob man auf diesem Weg der letz- 
ten Weisheiten habhaft werden wird, von denen man 
alles Heil erwartet, darf man getrost bezweifeln. Immer- 
hin wollen wir zugeben, daß die therapeutischen Be- 
mühungen der Psychoanalyse sich einen ähnlichen An- 
griffspunkt gewählt haben. Ihre Absicht ist ja, das Ich 
zu stärken, es vom Überich unabhängiger zu machen, 
sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern und seine Organi- 
sation auszubauen, so daß es sich neue Stücke des Es 
aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden. 

Es ist Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung der 
Zuydersee. 



XXXII. VORLESUNG 

ANGST UND TRIEBLEBEN 

Meine Damen und Herren! Sic werden nicht über- 
rascht sein zu hören, daß ich Ihnen manche Neuheiten 
von unserer Auffassung der Angst und der Grundtriebe 
des Seelenlebens zu berichten habe, auch nicht, daß 
keine derselben als endgiltige Losung der schwebenden 
Probleme gelten will. In bestimmter Absicht spreche ich 
hier von Auffassungen. Es sind die schwierigsten Auf- 
gaben, die uns gestellt werden, aber die Schwierigkeit 
liegt nicht etwa an der Unzulänglichkeit der Beob- 
achtungen, es sind gerade die häufigsten und vertrautesten 
Phänomene, die uns jene Rätsel aufgeben; auch nicht 
an der Entlegenheit der Spekulationen, zu denen sie 
anregen; spekulative Verarbeitung kommt auf diesem 
Gebiet wenig in Betracht. Sondern es handelt sich wirk- 
lich um Auffassungen, d. h. darum, die richtigen ab- 
strakten Vorstellungen einzuführen, deren Anwendung 
auf den Rohstoff der Beobachtung Ordnung und Durch- 
sichtigkeit in ihm entstehen läßt. 

Der Angst habe ich bereits eine Vorlesung der 
früheren Reihe, die fünfundzwanzigste, gewidmet. Ich 
muß deren Inhalt in Verkürzung wiederholen. Wir haben 
gesagt, Angst sei ein Affektzustand, also eine Vereinigung 
von bestimmten Empfindungen der Lust-Unlustreihe mit 









XXXII. Angst und Triebleben rrj 



den ihnen entsprechenden Abfuhrinnervationen und 
deren Wahrnehmung, wahrscheinlich aber der Nieder- 
schlag eines gewissen bedeutungsvollen Ereignisses, 
durch Vererbung einverleibt, also vergleichbar dem 
individuell erworbenen hysterischen Anfall. Als jenes 
Ereignis, das eine solche AfTektspur hinterlassen, haben 
wir den Vorgang der Geburt in Anspruch genommen, 
bei dem die der Angst eigenen Beeinflussungen von 
Herztätigkeit und Atmung zweckmäßig waren. Die 
allererste Angst wäre also eine toxische gewesen. Wir 
sind dann von der Unterscheidung zwischen Realangst 
und neurotischer Angst ausgegangen, die erstere eine 
uns begreiflich scheinende Reaktion auf die Gefahr, 
d. h. auf erwartete Schädigung von Außen, die andere 
durchaus rätselhaft, wie zwecklos. In einer Analyse der 
Realangst haben wir sie auf einen Zustand gesteigerter 
sensorischer Aufmerksamkeit und motorischer Spannung 
reduziert, den wir Angstbereitschaft heißen. 
Aus dieser entwickle sich die Angstreaktion. In der seien 
zwei Ausgänge möglich. Entweder die Angstent- 
wicklung, die Wiederholung des alten traumatischen 
Erlebnisses, beschränkt sich auf ein Signal, dann kann 
die übrige Reaktion sich der neuen Gefahrlage anpassen, 
in Flucht oder Verteidigung ausgehen, oder das Alte 
behält die Oberhand, die gesamte Reaktion erschöpft 
sich in der Angstentwicklung und dann wird der 
ArTektzustand lähmend und für die Gegenwart un- 
zweckmäßig. 

Wir haben uns dann zur neurotischen Angst ge- 
wendet und gesagt, daß wir sie unter dreierlei Verhält- 

8 



ii4 N"** Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nissen beobachten. Erstens als frei flottierende, all- 
gemeine Ängstlichkeit, bereit, sich vorübergehend mit 
jeder neu auftauchenden Möglichkeit zu verknüpfen, als 
sogenannte Erwartungsangst, wie z. B. bei der typischen 
Angstneurose. Zweitens fest gebunden an bestimmte 
Vorstellungsinhalte in den sog. Phobien, bei denen 
wir eine Beziehung zur äußeren Gefahr zwar noch 
erkennen mögen, aber die Angst vor ihr für maßlos 
übertrieben halten müssen. Endlich drittens die Angst 
bei der Hysterie und anderen Formen schwerer Neu- 
rosen, die entweder Symptome begleitet oder unabhängig 
auftritt als Anfall oder länger anhaltender Zustand, 
immer aber ohne ersichtliche Begründung durch eine 
äußere Gefahr. Wir haben uns dann die zwei Fragen 
vorgelegt: Wovor fürchtet man sich bei neurotischer 
Angst? und: Wie kann man diese mit der Realangst 
vor äußeren Gefahren zusammenbringen? 

Unsere Untersuchungen sind keineswegs erfolglos 
geblieben, wir haben einige wichtige Aufschlüsse ge- 
wonnen. In Bezug auf die ängstliche Erwartung hat uns 
die klinische Erfahrung einen regelmäßigen Zusammen- 
hang mit dem Libidohaushalt im Sexualleben kennen ge- 
lehrt. Die gewöhnlichste Ursache der Angstneurose ist 
die frustrane Erregung. Es wird eine libidinöse Erregung 
hervorgerufen, aber nicht befriedigt, nicht verwendet; 
an Stelle dieser, von ihrer Verwendung abgelenkten, 
Libido tritt dann die Ängstlichkeit auf. Ich glaubte mich 
sogar berechtigt zu sagen, diese unbefriedigte Libido ver- 
wandle sich direkt in Angst. Diese Auffassung fand eine 
Unterstützung in gewissen ganz regelmäßigen Phobien der 



XXXII. Angst und Triebleben 115 

kleinen Kinder. Viele dieser Phobien sind uns durchaus 
rätselhaft, andere aber, wie die Angst im Alleinsein und 
die vor fremden Personen, lassen eine sichere Erklärung 
zu. Die Einsamkeit sowie das fremde Gesicht erwecken 
die Sehnsucht nach der vertrauten Mutter; das Kind 
kann diese libidinöse Erregung nicht beherrschen, nicht 
in Schwebe erhalten, sondern verwandelt sie in Angst. 
Diese Kinderangst ist also nicht der Realangst, sondern 
der neurotischen zuzurechnen. Die Kinderphobien und 
die Angsterwartung der Angstneurose geben uns zwei 
Beispiele für die eine Art, wie neurotische Angst entsteht: 
Durch direkte Umwandlung der Libido. Einen zweiten 
Mechanismus werden wir sofort kennen lernen; es wird 
sich zeigen, daß er vom ersten nicht sehr verschieden ist. 
Für die Angst bei der Hysterie und anderen Neu- 
rosen machen wir nämlich den Vorgang der Verdrän- 
gung verantwortlich. Wir meinen, wir können diesen 
vollständiger als vorhin beschreiben, wenn wir das 
Schicksal der zu verdrängenden Vorstellung von dem 
des ihr anhaftenden Libidobetrags gesondert halten. Es 
ist die Vorstellung, die die Verdrängung erfährt, even- 
tuell zum Unkenntlichen entstellt wird; ihr Affektbetrag 
aber wird regelmäßig in Angst verwandelt und zwar 
gleichgültig, von welcher Art er sein mag, ob Aggression 
oder Liebe. Nun macht es keinen wesentlichen Unter- 
schied, aus welchem Grund ein Libidobetrag unver- 
wendbar geworden ist, ob aus infantiler Schwäche des 
Ichs, wie bei den Kinderphobien, infolge somatischer 
Vorgänge im Sexualleben wie bei der Angstneurose, oder 
durch Verdrängung wie bei der Hysterie. Die beiden 



n6 Neue Vorlesun gen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Mechanismen der Entstehung neurotischer Angst fallen 
also eigentlich zusammen. 

Während dieser Untersuchungen sind wir auf 
eine höchst bedeutsame Beziehung zwischen Angst- 
entwicklung und Symptombildung aufmerksam ge- 
worden. Nämlich, daß die beiden einander ver- 
treten und ablösen. Der Agoraphobc z. B. beginnt seine 
Leidensgeschichte mit einem Angstanfall auf der Straße. 
Dieser würde sich jedesmal wiederholen, wenn er wieder 
auf die Straße ginge. Er schafft nun das Symptom der 
Straßenangst, das man auch eine Hemmung, Funktions- 
einschränkung des Ichs heißen kann, und erspart sich 
dadurch den Angstanfall. Das Umgekehrte sieht man, 
wenn man sich, wie es z. B. bei Zwangshandlungen 
möglich ist, in die Symptombildung einmengt. Hindert 
man den Kranken, sein Waschzcremoniell auszuführen, 
so gerät er in einen schwer erträglichen Angstzustand, 
gegen den ihn offenbar sein Symptom geschützt hatte. 
Und zwar scheint es, daß die Angstentwicklung das 
Frühere, die Symptombildung das Spätere ist, als ob die 
Symptome geschaffen würden, um den Ausbruch des 
Angstzustandes zu vermeiden. Und dazu stimmt es auch, 
daß die ersten Neurosen des Kindcsaltcrs Phobien sind, 
Zustände, an denen man so deutlich erkennt, wie eine 
anfängliche Angstentwicklung durch die spätere 
Symptombildung abgelöst wird: man empfängt den Ein- 
druck, daß man von diesen Beziehungen her den besten 
Zugang zum Verständnis der neurotischen Angst finden 
wird. Gleichzeitig ist es uns auch gelungen, die Frage 
zu beantworten, wovor man sich bei neurotischer Angst 



XXXII. Angst und Triebleben 1x7 

fürchtet, und so die Verbindung zwischen neurotischer 
und Realangst herzustellen. Das, wovor man sich fürch- 
tet, ist offenbar die eigene Libido. Der Unterschied von 
der Situation der Realangst liegt in zwei Punkten, daß 
die Gefahr eine innerliche ist anstatt einer äußeren und 
daß sie nicht bewußt erkannt wird. 

Bei den Phobien kann man sehr deutlich erkennen, 
wie diese innerliche Gefahr in eine äußerliche umgesetzt, 
also neurotische Angst in scheinbare Realangst verwan- 
delt wird. Nehmen wir, um einen oft sehr komplizierten 
Sachverhalt zu vereinfachen, an, daß der Agoraphobe 
sich regelmäßig vor den Regungen der Versuchung 
fürchte, die in ihm durch die Begegnungen auf der 
Straße geweckt werden. In seiner Phobie nimmt er eine 
Verschiebung vor und ängstigt sich nun vor einer äußeren 
Situation. Sein Gewinn dabei ist offenbar, daß er meint, 
sich so besser schützen zu können. Vor einer äußeren 
Gefahr kann man sich durch die Flucht retten, der 
Fluchtversuch vor einer inneren Gefahr ist ein schwie- 
riges Unternehmen. 

Am Schlüsse meiner damaligen Vorlesung über die 
Angst habe ich selbst dem Urteil Ausdruck gegeben, daß 
diese verschiedenen Ergebnisse unserer Untersuchung 
nicht etwa einander widersprechen, aber doch irgendwie 
nicht zusammenstimmen. Die Angst ist als Affektzustand 
die Reproduktion eines alten gefahrdrohenden Ereig- 
nisses, die Angst steht im Dienst der Selbsterhaltung und 
ist ein Signal einer neuen Gefahr, sie entsteht aus 
irgendwie unverwendbar gewordener Libido, auch bei 
dem Prozeß der Verdrängung, sie wird durch die Sym- 



u8 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

ptombildung abgelöst, gleichsam psychisch gebunden — 
man verspürt, daß hier etwas fehlt, was aus Stücken 
eine Einheit macht. 

Meine Damen und Herren! Jene Zerlegung der 
seelischen Persönlichkeit in ein Überich, Ich und Es, die 
ich Ihnen in der letzten Vorlesung vorgetragen, hat uns 
auch eine neue Orientierung im Angstproblcm aufge- 
nötigt. Mit dem Satz, das Ich ist die alleinige Angst- 
stätte, nur das Ich kann Angst produzieren und ver- 
spüren, haben wir eine neue, feste Position bezogen, von 
der aus manche Verhältnisse ein anderes Ansehen zeigen. 
Und wirklich, wir wüßten nicht, was für Sinn es hätte, 
von einer „Angst des Es" zu sprechen, oder dem Uberich 
die Fähigkeit zur Ängstlichkeit zuzuschreiben. Hingegen 
haben wir es als eine erwünschte Entsprechung begrüßt, 
daß die drei Hauptarten der Angst, die Realangst, die 
neurotische und die Gewissensangst sich so zwanglos auf 
die drei Abhängigkeiten des Ichs, von der Außenwelt, 
vom Es und vom Uberich, bezichen lassen. Mit dieser 
neuen Auffassung ist auch die Funktion der Angst als 
Signal zur Anzeige einer Gefahrsituation, die uns ja 
vorher nicht fremd war, in den Vordergrund getreten, 
die Frage, aus welchem Stoff die Angst gemacht wird, 
hat an Interesse verloren und die Beziehungen zwischen 
Realangst und neurotischer Angst haben sich in über- 
raschender Weise geklärt und vereinfacht. Es ist übrigens 
bemerkenswert, daß wir jetzt die anscheinend kompli- 
zierten Fälle von Entstehung der Angst besser verstehen 
als die für einfach gehaltenen. 

Wir haben nämlich neuerlich untersucht, wie die 



XXXII. Angst und Triebleben 119 

Angst bei gewissen Phobien entsteht, die wir der Angst- 
hysterie zurechnen, und Fälle gewählt, bei denen es sich 
um die typische Verdrängung der Wunschregungen aus 
dem Ödipuskomplex handelte. Unserer Erwartung nach 
hätten wir finden sollen, daß es die libidinöse Besetzung 
des Mutterobjekts ist, die sich infolge der Verdrängung 
in Angst verwandelt und nun im symptomatischen Aus- 
druck als an den Vaterersatz geknüpft auftritt. Ich kann 
Ihnen die einzelnen Schritte einer solchen Untersuchung 
nicht vorführen, genug, das überraschende Resultat war 
das Gegenteil unserer Erwartung. Nicht die Verdrän- 
gung schafft die Angst, sondern die Angst ist früher da, 
die Angst macht die Verdrängung! Aber was für Angst 
kann es sein? Nur die Angst vor einer drohenden äußeren 
Gefahr, also eine Realangst. Es ist richtig, der Knabe 
bekommt Angst vor einem Anspruch seiner Libido, in 
diesem Fall vor der Liebe zu seiner Mutter, es ist also 
wirklich ein Fall von neurotischer Angst. Aber diese 
Verliebtheit erscheint ihm nur darum als eine innere 
Gefahr, der er sich durch den Verzicht auf dieses Objekt 
entziehen muß, weil sie eine äußere Gefahrsituation 
heraufbeschwört. Und in allen Fällen, die wir unter- 
suchen, erhalten wir dasselbe Resultat. Bekennen wir es 
nur, wir waren nicht darauf gefaßt, daß sich die innere 
Triebgefahr als eine Bedingung und Vorbereitung einer 
äußeren, realen Gefahrsituation herausstellen würde. 

Wir haben aber noch gar nicht gesagt, was die 
reale Gefahr ist, die das Kind als Folge seiner Mutter- 
verliebtheit fürchtet. Es ist die Strafe der Kastration, 
der Verlust seines Gliedes. Natürlich werden Sie ein- 






120 



Neue Vorlesunzen zur Einführung in die Psychoanalyse 




werfen, das sei doch keine reale Gefahr. Unsere Knaben 
werden doch nicht kastriert, weil sie in der Phase des 
Ödipuskomplexes in die Mutter verliebt sind. Aber das 
ist nicht so einfach abzutun. Vor allem kommt es nicht 
darauf an, ob die Kastration wirklich geübt wird; ent- 
scheidend ist, daß die Gefahr eine von außen drohende 
ist, und daß das Kind an sie glaubt. Dazu hat es einigen 
Anlaß, denn man droht ihm oft genug mit dem Ab- 
schneiden des Gliedes während seiner phallischen Phase, 
in der Zeit seiner frühen Onanie, und Andeutungen 
dieser Strafe dürften regelmäßig eine phylogenetische 
Verstärkung bei ihm finden. Wir vermuten, in den Ur- 
zeiten der menschlichen Familie wurde die Kastration 
vom eifersüchtigen und grausamen Vater wirklich an 
den heranwachsenden Knaben vollzogen, und die Be- 
schneidung, die bei den Primitiven so häufig ein Bestand- 
teil des Mannbarkeitsrituals ist, sei ein gut kenntlicher 
Rest von ihr. Wir wissen, wie weit wir uns damit von 
der allgemeinen Ansicht entfernen, aber wir müssen 
daran festhalten, daß die Kastrationsangst einer der 
häufigsten und stärksten Motoren der Verdrängung und 
damit der Neurosenbildung ist. Analysen von Fällen, 
in denen zwar nicht die Kastration, aber wohl die Be- 
schneidung bei Knaben als Therapie oder als Strafe für 
die Onanie vollzogen wurde, was in der anglo-amerika- 
nischen Gesellschaft gar nicht so selten geschah, haben 
unserer Überzeugung die letzte Sicherheit gegeben. Es ist 
eine große Verlockung, an dieser Stelle näher auf den 
Kastrationskomplex einzugehen, aber wir wollen bei un- 
serem Thema bleiben. Die Kastrationsangst ist natürlich 




XXXII. Angst und Triebleben in 



nicht das einzige Motiv der Verdrängung, sie hat ja 
bereits bei den Frauen keine Stätte, die zwar einen 
Kastrationskomplex haben, aber keine Kastrationsangst 
haben können. An ihre Stelle tritt beim anderen Ge- 
schlecht die Angst vor dem Liebesverlust, ersichtlich 
eine Fortbildung der Angst des Säuglings, wenn er die 
Mutter vermißt. Sie verstehen, welche reale Gefahr- 
situation durch diese Angst angezeigt wird. "Wenn die 
Mutter abwesend Ist oder dem Kind ihre Liebe entzogen 
hat, ist es ja der Befriedigung seiner Bedürfnisse nicht 
mehr sicher, möglicherweise den peinlichsten Span- 
nungsgefühlen, ausgesetzt. "Weisen Sie die Idee nicht ab, 
daß diese Angstbedingungen im Grunde die Situation der 
ursprünglichen Geburtsangst wiederholen, die ja auch 
eine Trennung von der Mutter bedeutete. Ja wenn Sie 
einem Gedankengang von F e r e n c z i folgen, können 
Sie auch die Kastrationsangst dieser Reihe anschließen, 
denn der Verlust des männlichen Gliedes hat ja die Un- 
möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Mutter 
oder dem Ersatz für sie im Sexualakt zur Folge. Ich 
erwähne Ihnen nebenbei, die so häufige Phantasie der 
Rückkehr in den Mutterleib ist der Ersatz dieses Koitus- 
wunsches. Es gäbe hier noch soviel interessante Dinge 
und überraschende Zusammenhänge zu berichten, aber 
ich kann nicht über den Rahmen einer Einführung in die 
Psychoanalyse hinausgehen, will Sie nur noch aufmerk- 
sam machen, wie hier psychologische Ermittlungen bis 
zu biologischen Tatsachen vorstoßen. 

Otto Rank, dem die Psychoanalyse viele schöne 
Beiträge verdankt, hat auch das Verdienst, die Bedeu- 



122 Neue Vorl esungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

tung des Geburtsakts und der Trennung von der Mutter 
nachdrücklich betont zu haben. Allerdings fanden wir 
es alle unmöglich, die extremen Folgerungen anzunehmen, 
die er aus diesem Moment für die Theorie der Neu- 
rosen und sogar für die analytische Therapie gezogen hat. 
Den Kern seiner Lehre, daß das Angsterlebnis der Ge- 
burt das Vorbild aller späteren Gefahrsituationen ist, 
hatte er bereits vorgefunden. Wenn wir bei diesen ver- 
weilen, werden wir sagen können, daß eigentlich jedem 
Entwicklungsalter eine bestimmte Angstbedingung, also 
Gefahrsituation, als ihm adacquat, zugeteilt ist. Die 
Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zum Stadium 
der frühen Unreife des Ichs, die Gefahr des Objekts- 
(Liebes-)verlusts zur Unselbständigkeit der ersten Kinder- 
jahre, die Kastrationsgefahr zur phallischen Phase, end- 
lich die Angst vor dem Überich, die eine besondere 
Stellung einnimmt, zur Latenzzeit. Mit dem Lauf der 
Entwicklung sollen die alten Angstbedingungen fallen 
gelassen werden, da die ihnen entsprechenden Gefahr- 
situationen durch die Erstarkung des Ichs entwertet 
werden. Aber das ist nur in sehr unvollkommener Weise 
der Fall. Viele Menschen können die Angst vor dem 
Liebesverlust nicht überwinden, sie werden nie unab- 
hängig genug von der Liebe anderer und setzen in 
diesem Punkt ihr infantiles Verhalten fort. Die Angst 
vor dem Überich soll normaler Weise kein Ende finden, 
da sie als Gewissensangst in den sozialen Beziehungen 
unentbehrlich ist, und der Einzelne nur in den seltensten 
Fällen von der menschlichen Gemeinschaft unabhängig 
werden kann Einige der alten Gefahrsituationen verste- 



. 



XXXII. Angst und Triebleben 123 



hen es auch, sich in späte Zeiten hinüber zu retten, indem 
sie ihre Angstbedingung zeitgemäß modifizieren. So er- 
hält sich z. B. die Kastrationsgefahr unter der Maske 
der Syphilophobie. Man weiß zwar als Erwachsener, daß 
die Kastration nicht mehr als Strafe für das Gewähren- 
lassen sexueller Gelüste üblich ist, aber man hat dafür 
erfahren, daß solche Triebfreiheit mit schweren Erkran- 
kungen bedroht ist. Es ist kein Zweifel, daß die Per- 
sonen, die wir Neurotiker heißen, in ihrem Verhalten 
zur Gefahr infantil bleiben und verjährte Angstbedin- 
gungen nicht überwunden haben. Nehmen wir dies als 
tatsächlichen Beitrag zur Charakteristik der Neurotiker 
an; warum es so ist, kann man nicht so schnell sagen. 

Ich hoffe, Sie haben nicht die Übersicht verloren 
und wissen noch, daß wir dabei sind, die Beziehungen 
zwischen Angst und Verdrängung zu untersuchen. Wir 
haben dabei zwei Dinge neu erfahren, erstens, daß die 
Angst die Verdrängung macht, nicht, wie wir meinten, 
umgekehrt, und daß eine gefürchtete Triebsituation im 
Grunde auf eine äußere Gefahrsituation zurückgeht. Die 
nächste Frage wird lauten: Wie stellen wir uns jetzt 
den Vorgang einer Verdrängung unter dem Einfluß der 
Angst vor? Ich denke so: Das Ich merkt, daß die Be- 
friedigung eines auftauchenden Triebanspruchs eine der 
wohl erinnerten Gefahrsituationen heraufbeschwören 
würde. Diese Triebbesetzung muß also irgendwie unter- 
drückt, aufgehoben, ohnmächtig gemacht werden. Wir 
wissen, diese Aufgabe gelingt dem Ich, wenn es stark 
ist und die betreffende Triebregung in seine Organisation 
einbezogen hat. Der Fall der Verdrängung ist aber der, 



124 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

daß die Triebregung noch dem Es angehört und das Ich 
sich schwach fühlt. Dann hilft sich das Ich durch eine 
Technik, die im Grunde mit der des normalen Denkens 
identisch ist. Das Denken ist ein probeweises Handeln 
mit kleinen Energiemengen, ähnlich wie die Verschie- 
bungen kleiner Figuren auf der Landkarte, ehe der Feld- 
herr seine Truppenmassen in Bewegung setzt. Das Ich 
antizipiert also die Befriedigung der bedenklichen Trieb- 
regung und erlaubt ihr, die Unlustcmpfindungen zu Be- 
ginn der gefürchteten Gefahrsituation zu reproduzieren. 
Damit ist der Automatismus des Lust-Unlustprinzips 
ins Spiel gebracht, der nun die Verdrängung der ge- 
fährlichen Triebregung durchführt. 

Halt! werden Sie mir zurufen; da können wir 
nicht weiter mitgehen! Sie haben Recht, ich muß noch 
einiges dazu tun, bevor es Ihnen annehmbar erscheinen 
kann. Zunächst das Zugeständnis, daß ich versucht 
habe, in die Sprache unseres normalen Denkens zu über- 
setzen, was in Wirklichkeit ein gewiß nicht bewußter 
oder vorbewußter Vorgang zwischen Energiebeträgen an 
einem unvorstellbaren Substrat sein muß. Aber das ist 
kein starker Einwand; man kann es ja nicht anders 
machen. Wichtiger ist, daß wir klar unterscheiden, was 
bei der Verdrängung im Ich und was im Es vorgeht. 
Was das Ich tut, haben wir eben gesagt. Es wendet 
eine Probebesetzung an und weckt den Lust-Unlust- 
automatismus durch das Angstsignal. Dann sind meh- 
rere Reaktionen möglich oder eine Vermengung von 
ihnen in wechselnden Beträgen. Entweder der Angst- 
anfall wird voll entwickelt und das Ich zieht sich ganz- 



XXXII. Angst und Triebleben 125 



lieh von der anstößigen Erregung zurück. Oder es setzt 
ihr an Stelle der Probebesetzung eine Gegenbesetzung 
entgegen und diese tritt mit der Energie der verdräng- 
ten Regung zur Symptombildung zusammen oder wird 
als Reaktionsbildung, als Verstärkung bestimmter Dis- 
positionen, als bleibende Veränderung ins Ich aufge- 
nommen. Je mehr die Angstentwicklung auf ein bloßes 
Signal beschränkt werden kann, desto mehr verwendet 
das Ich auf die Abwehraktionen, die einer psychischen 
Bindung des Verdrängten gleich kommen, desto eher 
nähert sich auch der Vorgang einer normalen Verarbei- 
tung an, gewiß ohne sie zu erreichen. Nebenbei, wir 
wollen hier einen Augenblick verweilen. Sie haben ge- 
wiß schon selbst angenommen, daß jenes schwer Definier- 
bare, das man Charakter heißt, durchaus dem Ich 
zuzuteilen ist. Einiges, was diesen Charakter schafft, 
haben wir schon erhascht. Vor allem die Einverleibung 
der früheren Elterninstanz als Oberich, wohl das wich- 
tigste, entscheidende Stück, sodann die Identifizierungen 
mit beiden Eltern der späteren Zeit und anderen ein- 
flußreichen Personen und die gleichen Identifizierungen 
als Niederschläge aufgelassener Objektbeziehungen. 
Fügen wir jetzt hinzu als nie fehlende Beiträge zur Cha- 
rakterbildung die Reaktionsbildungen, die das Ich zuerst 
in seinen Verdrängungen, später, bei den Zurückweisun- 
gen unerwünschter Triebregungen, durch normalere Mit- 
tel erwirbt. 

Nun kehren wir zurück und wenden uns zum Es. 
Was bei der Verdrängung an der bekämpften Trieb- 
regung vorgeht, ist nicht mehr so leicht zu erraten. Unser 



126 Neue V orlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Interesse fragt ja hauptsächlich, was geschieht mit der 
Energie, der libidinösen Ladung dieser Erregung, wie 
wird sie verwendet? Sie erinnern sich, die frühere An- 
nahme war, gerade sie werde durch die Verdrängung in 
Angst verwandelt. Das getrauen wir uns nicht mehr zu 
sagen; die bescheidene Antwort wird vielmehr lauten: 
wahrscheinlich ist ihr Schicksal nicht jedesmal das 
gleiche. Wahrscheinlich besteht eine intime Entsprechung 
zwischen dem jemaligen Vorgang im Ich und dem im Es 
an der verdrängten Regung, die uns bekannt werden 
sollte. Seitdem wir nämlich das Lust-Unlustprinzip, das 
durch das Angstsignal geweckt wird, in die Verdrängung 
haben eingreifen lassen, dürfen wir unsere Erwartungen 
abändern. Dies Prinzip regiert die Vorgänge im Es ganz 
unumschränkt. Wir können ihm zutrauen, daß es recht 
tief greifende Veränderungen an der betreffenden Trieb- 
regung zu Stande bringt. Wir sind darauf gefaßt, daß 
es sehr verschiedene Erfolge der Verdrängung geben 
wird, mehr oder weniger weitgehende. In manchen Fäl- 
len mag die verdrängte Triebregung ihre Libidobesetzung 
behalten, im Es unverändert fortbestehen, wenn auch 
unter dem ständigen Druck des Ichs. Andere Male scheint 
es vorzukommen, daß sie eine vollständige Zerstörung 
erfährt, bei der ihre Libido endgültig in andere Bahnen 
übergeleitet wird. Ich meinte, es geschehe so bei der 
normalen Erledigung des Ödipuskomplexes, der also in 
diesem wünschenswerten Falle nicht einfach verdrängt, 
sondern im Es zerstört wird. Die klinische Erfahrung 
hat uns ferner gezeigt, daß in vielen Fällen anstatt des 
gewohnten Verdrängungserfolgs eine Libidoerniedrigung 



XXXII. Angst und Triebleben 127 

statt hat, eine Regression der Libidoorganisation zu 
einer früheren Stufe. Das kann natürlich nur im Es vor 
sich gehen, und wenn es geschieht, dann unter dem Ein- 
fluß desselben Konflikts, der durch das Angstsignal ein- 
geleitet wird. Das auffälligste Beispiel dieser Art gibt 
die Zwangsneurose, bei der Libidoregression und Ver- 
drängung zusammenwirken. 

Meine Damen und Herren! Ich besorge, diese Aus- 
führungen werden Ihnen schwer faßbar erscheinen, und 
Sie werden erraten, daß sie nicht erschöpfend dargestellt 
sind. Ich bedauere Ihr Mißvergnügen erregen zu müssen. 
Ich kann mir aber kein anderes Ziel setzen, als daß Sie 
einen Eindruck empfangen von der Art unserer Ergeb- 
nisse und den Schwierigkeiten ihrer Erarbeitung. Je 
tiefer wir in das Studium der seelischen Vorgänge ein- 
dringen, desto mehr erkennen wir deren Reichhaltigkeit 
und Verwicklung. Manche einfache Formel, die uns an- 
fangs zu entsprechen schien, hat sich später als unzu- 
reichend herausgestellt. Wir werden nicht müde, sie ab- 
zuändern und zu verbessern. In der Vorlesung über 
Traumtheorie habe ich Sie in ein Gebiet geführt, auf 
dem sich in fünfzehn Jahren kaum ein neuer Fund er- 
geben hatte; hier, wo wir von der Angst handeln, sehen 
Sie alles in Fluß und "Wandlung begriffen. Diese neuen 
Dinge sind auch noch nicht gründlich durchgearbeitet 
worden, vielleicht macht ihre Darstellung auch darum 
Schwierigkeiten. Halten Sie aus, wir werden das Thema 
der Angst bald verlassen können; ich behaupte nicht, 
daß es dann zu unserer Befriedigung erledigt sein wird. 
Hoffentlich sind wir doch um ein Stückchen weiter ge- 



i 2 8 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

kommen. Und unterwegs haben wir allerlei neue Ein- 
sichten erworben. So werden wir auch jetzt durch das 
Studium der Angst veranlaßt, unserer Schilderung des 
Ichs einen neuen Zug hinzuzufügen. Wir haben gesagt, 
das Ich sei schwach gegen das Es, sei sein getreuer Die- 
ner, bemüht, dessen Befehle durchzuführen, dessen For- 
derungen zu erfüllen. Wir denken nicht daran, diesen 
Satz zurückzunehmen. Aber anderseits ist dies Ich doch 
der besser organisierte, gegen die Realität orientierte 
Teil des Ichs. Wir dürfen die Sonderung beider nicht zu 
sehr übertreiben, auch nicht überrascht sein, wenn dem 
Ich seinerseits ein Einfluß auf die Vorgänge im Es zu- 
stünde. Ich meine, diesen Einfluß übt das Ich aus, indem 
es mittels des Angstsignals das fast allmächtige Lust- 
Unlustprinzip in Tätigkeit bringt. Allerdings unmittel- 
bar darauf zeigt es wieder seine Schwäche, denn durch 
den Akt der Verdrängung verzichtet es auf ein Stück 
seiner Organisation, muß zulassen, daß die verdrängte 
Triebregung dauernd seinem Einfluß entzogen bleibt. 

Und jetzt nur noch eine Bemerkung zum Angst- 
problem! Die neurotische Angst hat sich uns unter un- 
seren Händen in Realangst verwandelt, in Angst vor 
bestimmten äußeren Gefahrsituationen. Aber dabei kann 
es nicht bleiben, wir müssen einen weiteren Schritt 
machen, der aber ein Schritt zurück sein wird. Wir 
fragen uns, was ist denn eigentlich das Gefährliche, das 
Gefürchtete an einer solchen Gefahrsituation? Offenbar 
nicht die objektiv zu beurteilende Schädigung der Per- 
son, die psychologisch gar nichts zu bedeuten brauchte, 
sondern was von ihr im Seelenleben angerichtet wird. 




XXXII. Angst und Triebleben 129 



Die Geburt z. B., unser Vorbild für den Angstzustand, 
kann doch kaum an sich als eine Schädigung betrachtet 
werden, wenngleich die Gefahr von Schädigungen dabei 
sein mag. Das Wesentliche an der Geburt wie an jeder 
Gefahrsituation ist, daß sie im seelischen Erleben einen 
Zustand von hochgespannter Erregung hervorruft, der 
als Unlust verspürt wird und dessen man durch Ent- 
ladung nicht Herr werden kann. Heißen wir einen 
solchen Zustand, an dem die Bemühungen des Lustprin- 
zips scheitern, einen traumatischen Moment, so 
sind wir über die Reihe neurotische Angst-Realangst- 
Gefahrsituation zu dem einfachen Satz gelangt: das Ge- 
fürchtete, der Gegenstand der Angst ist jedesmal das 
Auftreten eines traumatischen Moments, der nicht nach 
der Norm des Lustprinzips erledigt werden kann. Wir 
verstehen sofort, durch die Begabung mit dem Lust- 
prinzip sind wir nicht gegen objektive Schädigungen 
gesichert worden, sondern nur gegen eine bestimmte 
Schädigung unserer psychischen Ökonomie. Vom Lust- 
prinzip zum Selbsterhaltungstrieb ist noch ein weiter 
Weg, es fehlt viel daran, daß beider Absichten sich vom 
Anfang an decken. Wir sehen aber auch noch etwas an- 
deres; vielleicht ist dies die Lösung, die wir suchen. Näm- 
lich, daß es sich hier überall um die Frage der relativen 
Quantitäten handelt. Nur die Größe der Erregungs- 
summe macht einen Eindruck zum traumatischen Mo- 
ment, lähmt die Leistung des Lustprinzips, gibt der Ge- 
fahrsituation ihre Bedeutung. Und wenn es sich so ver- 
hält, wenn sich diese Rätsel durch eine so nüchterne 
Auskunft beheben, warum sollte es nicht möglich sein, 







130 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

daß derartige traumatische Momente sich im Seelenleben 
ohne Beziehung auf die angenommenen Gefahrsituatio- 
nen ereignen, bei denen also die Angst nicht als Signal 
geweckt wird, sondern neu mit frischer Begründung 
entsteht? Die klinische Erfahrung sagt mit Bestimmtheit 
aus, daß es wirklich so ist. Nur die späteren Verdrän- 
gungen zeigen den Mechanismus, den wir beschrieben 
haben, bei dem die Angst als Signal einer früheren Ge- 
fahrsituation wachgerufen wird; die ersten und ursprüng- 
lichen entstehen direkt bei dem Zusammentreffen des 
Ichs mit einem übergroßen Libidoanspruch aus trau- 
matischen Momenten, sie bilden ihre Angst neu, aller- 
dings nach dem Geburtsvorbild. Dasselbe mag für die 
Angstentwicklung bei Angstneurose durch somatische 
Schädigung der Sexualfunktion gelten. Daß es die Libido 
selbst ist, die dabei in Angst verwandelt wird, werden 
wir nicht mehr behaupten. Aber gegen eine zweifache 
Herkunft der Angst, einmal als direkte Folge des trau- 
matischen Moments, das andere Mal als Signal, daß die 
Wiederholung eines solchen droht, sehe ich keinen Ein- 
wand. 

Meine Damen und Herren! Nun sind Sie gewiß 
froh, daß Sie nichts mehr über die Angst anzuhören 
brauchen. Aber Sie haben nichts davon, es kommt nichts 
besseres nach. Ich habe den Vorsatz, Sie noch heute 
auf das Gebiet der Libidotheoric oder Tricblehre zu 
führen, wo sich gleichfalls manches neu gestaltet hat. 
Ich will nicht sagen, daß wir hierin große Fortschritte 
gemacht haben, so daß es Ihnen jede Mühe lohnen 
würde, davon Kenntnis zu nehmen. Nein, es ist ein 









XXXII. Angst und Triebleben 131 



Feld, auf dem wir mühsam nach Orientierung und Ein- 
sichten ringen; Sie sollen nur Zeugen unserer Bemühung 
werden. Auch hier muß ich auf manches zurückgreifen, 
was ich Ihnen früher vorgetragen habe. 

Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. 
Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer 
Unbestimmtheit. Wir können in unserer Arbeit keinen 
Augenblick von ihnen absehen und sind dabei nie sicher, 
sie scharf zu sehen. Sie wissen, wie sich das populäre 
Denken mit den Trieben auseinandersetzt. Man nimmt 
so viele und so verschiedenartige Triebe an, als man 
eben braucht, einen Geltungs-, Nachahmungs-, Spiel-, 
Geselligkeitstrieb und viele dergleichen mehr. Man 
nimmt sie gleichsam auf, läßt jeden seine besondere Ar- 
beit tun und entläßt sie dann wieder. Uns hat immer 
die Ahnung gerührt, daß hinter diesen vielen kleinen 
ausgeliehenen Trieben sich etwas Ernsthaftes und Ge- 
waltiges verbirgt, dem wir uns vorsichtig annähern 
möchten. Unser erster Schritt war bescheiden genug. 
Wir sagten uns, man gehe wahrscheinlich nicht irre, 
wenn man zunächst zwei Haupttriebe, Triebarten oder 
Triebgruppen unterscheide, nach den zwei großen Be- 
dürfnissen: Hunger und Liebe. So eifersüchtig wir sonst 
die Unabhängigkeit der Psychologie von jeder anderen 
Wissenschaft verteidigen, hier stehe man doch im Schat- 
ten der unerschütterlichen biologischen Tatsache, daß 
das lebende Einzelwesen zwei Absichten diene, der 
Selbsterhaltung und der Arterhaltung, die unabhängig 
von einander scheinen, unseres Wissens noch keine ge- 
meinsame Ableitung erfahren haben, deren Interessen 



132 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



einander im tierischen Leben oft widerstreiten. Man 
treibe hier eigentlich biologische Psychologie, studiere 
die psychischen Begleiterscheinungen biologischer Vor- 
gänge. Als Vertreter dieser Auffassung sind die „Ich- 
triebe" und die „Sexualtriebe" in die Psychoanalyse ein- 
gezogen. Zu den ersteren rechneten wir alles, was mit 
der Erhaltung, Behauptung, Vergrößerung der Person zu 
tun hat. Den letzteren mußten wir die Reichhaltigkeit 
leihen, die das infantile und das perverse Sexualleben 
verlangen. Da wir bei der Untersuchung der Neurosen 
das Ich als die einschränkende, verdrängende Macht 
kennen lernten, die Sexualstrebungen als das Einge- 
schränkte, Verdrängte, glaubten wir nicht nur die Ver- 
schiedenheit, sondern auch den Konflikt zwischen beiden 
Triebgruppen mit Händen zu greifen. Gegenstand unse- 
res Studiums waren zunächst nur die Sexualtriebe, deren 
Energie wir „Libido" benannten. An ihnen versuchten 
wir unsere Vorstellungen, was ein Trieb sei und was 
man ihm zuschreiben dürfe, zu klären. Dies ist die 
Stelle der Libidotheorie. 

Ein Trieb unterscheidet sich also von einem Reiz 
darin, daß er aus Reizquellen im Körperinnern stammt, 
wie eine konstante Kraft wirkt und daß die Person sich 
ihm nicht durch die Flucht entziehen kann, wie es beim 
äußeren Reiz möglich ist. Man kann am Trieb Quelle, 
Objekt und Ziel unterscheiden. Die Quelle ist ein Er- 
regungszustand im Körperlichen, das Ziel die Aufhebung 
dieser Erregung, auf dem Wege von der Quelle zum 
Ziel wird der Trieb psychisch wirksam. Wir stellen ihn 
vor als einen gewissen Energiebetrag, der nach einer be- 



XXXII. Angst und Triebleben 133 

stimmten Richtung drängt. Von diesem Drängen hat er 
den Namen: Trieb. Man spricht von aktiven und pas- 
siven Trieben, sollte richtiger sagen: aktiven und passi- 
ven Triebzielen; auch zur Erreichung eines passiven 
Zieles bedarf es eines Aufwands von Aktivität. Das 
Ziel kann am eigenen Körper erreicht werden, in der 
Regel ist ein äußeres Objekt eingeschoben, an dem der 
Trieb sein äußeres Ziel erreicht; sein inneres bleibt jedes- 
mal die als Befriedigung empfundene Körperverände- 
rung. Ob die Beziehung zur somatischen Quelle dem 
Trieb eine Spezifität verleiht und welche, ist uns nicht 
klar geworden. Daß Triebregungen aus einer Quelle 
sich solchen aus anderen Quellen anschließen und deren 
weiteres Schicksal teilen, daß überhaupt eine Triebbefrie- 
digung durch eine andere ersetzt werden kann, sind 
nach dem Zeugnis der analytischen Erfahrung unzwei- 
felhafte Tatsachen. Gestehen wir nur, daß wir sie nicht 
besonders gut verstehen. Auch die Beziehung des Triebs 
zu Ziel und Objekt läßt Abänderungen zu, beide kön- 
nen gegen andere vertauscht werden, die Beziehung zum 
Objekt ist immerhin leichter zu lockern. Eine gewisse 
Art von Modifikation des Ziels und Wechsels des Ob- 
jekts, bei der unsere soziale Wertung in Betracht kommt, 
zeichnen wir als Sublimierung aus. Wir haben 
außerdem noch Grund, zielgehemmte Triebe zu 
unterscheiden, Triebregungen aus gut bekannten Quellen 
mit unzweideutigem Ziel, die aber auf dem Weg zur 
Befriedigung Halt machen, so daß eine dauernde Objekt- 
besetzung und eine anhaltende Strebung zu Stande 
kommt. Solcher Art ist z. B. die Zärtlichkeitsbeziehung, 



I34 Neu e Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

die unzweifelhaft aus den Quellen sexueller Bedürftig- 
keit herrührt und regelmäßig auf deren Befriedigung 
verzichtet. Sie sehen, wieviel von den Eigenschaften 
und Schicksalen der Triebe sich noch unserem Verständ- 
nis entzieht; wir sollten hier auch eines Unterschieds 
gedenken, der sich zwischen Sexualtrieben und Selbst- 
erhaltungstrieben zeigt und der theoretisch höcht bedeut- 
sam wäre, wenn er die ganze Gruppe beträfe. Die Se- 
xualtriebe fallen uns auf durch ihre Plastizität, die 
Fähigkeit, ihre Ziele zu wechseln, durch ihre Vertretbar- 
keit, indem sich eine Triebbefriedigung durch eine andere 
ersetzen läßt, und durch ihre Aufschiebbarkeit, von der 
uns eben die ziclgehcmmten Triebe ein gutes Beispiel 
gegeben haben. Diese Eigenschaften möchten wir den 
Selbsterhaltungstrieben absprechen und von ihnen aus- 
sagen, daß sie unbeugsam, unaufschiebbar, in ganz ande- 
rer Weise imperativ sind und zur Verdrängung wie zur 
Angst ein ganz anderes Verhältnis haben. Allein die 
nächste Überlegung sagt uns, daß diese Ausnahmsstellung 
nicht allen Ichtrieben, nur dem Hunger und dem Durst 
zukommt und offenbar durch eine Besonderheit der 
Triebquellen begründet ist. Ein gutes Stück des verwir- 
renden Eindrucks kommt noch daher, daß wir nicht 
gesondert betrachtet haben, welche Veränderungen die 
ursprünglich dem Es angehörigen Triebregungen unter 
dem Einfluß des organisierten Ichs erfahren. 

Auf festerem Boden bewegen wir uns, wenn wir 
untersuchen, auf welche Weise das Triebleben der 
Sexualfunktion dient. Hier haben wir ganz entschei- 
dende Einsichten erworben, die Ihnen auch nicht mehr 




XXXII. Angst und Triebleben 135 

neu sind. Es ist also nicht so, daß man einen Sexual- 
trieb erkennt, der von Anfang an die Strebung nach dem 
Ziel der Sexualfunktion, der Vereinigung der beiden 
Geschlechtszellen, trägt. Sondern wir sehen eine große 
Anzahl von Partialtrieben, von verschiedenen Körper- 
stellen und Regionen her, die ziemlich unabhängig von 
einander nach Befriedigung streben und diese Befriedi- 
gung in etwas finden, was wir O r g a n 1 u s t heißen 
können. Die Genitalien sind die spätesten unter diesen 
erogenen Zonen, ihrer Organlust wird man den 
Namen: sexuelle Lust nicht mehr verweigern. Nicht 
alle dieser nach Lust strebenden Regungen werden in die 
schließliche Organisation der Sexualfunktion aufgenom- 
men. Manche von ihnen werden als unbrauchbar besei- 
tigt, durch Verdrängung oder anderswie, einige werden 
in der vorhin erwähnten, merkwürdigen Weise von 
ihrem Ziel abgelenkt und zur Verstärkung anderer Re- 
gungen verwendet, noch andere bleiben in Nebenrollen 
erhalten, dienen zur Durchführung einleitender Akte, 
zur Erzeugung von Vorlust. Sie haben gehört, daß sich 
in dieser lang hingezogenen Entwicklung mehrere Pha- 
sen einer vorläufigen Organisation erkennen lassen, auch 
wie sich aus dieser Geschichte der Sexualfunktion ihre 
Abirrungen und Verkümmerungen erklären. Die erste 
dieser prägenitalen Phasen heißen wir die orale, 
weil entsprechend der Art, wie der Säugling ernährt 
wird, die erogene Mundzone auch beherrscht, was man 
die sexuelle Tätigkeit dieser Lebensperiode heißen darf. 
Auf einer zweiten Stufe drängen sich die sadisti- 
schen und die analen Impulse vor, gewiß im Zu- 



I3 6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sammenhang mit dem Auftreten der Zähne, der Erstar- 
kung der Muskulatur und der Beherrschung der 
Sphinkterfunktionen. Wir haben gerade über diese auf- 
fällige Entwicklungsstufe viel interessante Einzelheiten 
erfahren. Zu dritt erscheint die phallische Phase, 
in der bei beiden Geschlechtern das männliche Glied 
und, was ihm beim Mädchen entspricht, eine nicht mehr 
zu übersehende Bedeutung gewinnt. Den Namen der 
genitalen Phase haben wir der endgiltigen Sexual- 
organisation vorbehalten, die sich nach der Pubertät 
herstellt, in der erst das weibliche Genitale die Aner- 
kennung rindet, die das männliche längst erworben 

hatte. 

Soweit ist das alles abgeblaßte Wiederholung. Und 
glauben Sie nicht, daß all das, was ich diesmal nicht er- 
wähnt habe, auch nicht mehr gilt. Es bedurfte dieser 
Wiederholung, um den Bericht über Fortschritte in un- 
seren Einsichten daran anzuknüpfen. Wir können uns 
rühmen, daß wir gerade über die frühen Organisationen 
der Libido viel Neues erfahren und die Bedeutung des 
Alten klarer erfaßt haben, was ich Ihnen wenigstens an 
einzelnen Proben zeigen will. Abraham hat 1924 
dargetan, daß man an der sadistisch-analen Phase zwei 
Stufen unterscheiden kann. Auf der früheren dieser 
beiden walten die destruktiven Tendenzen des Vernich- 
tens und Verlierens vor, auf der späteren die objekt- 
freundlichen des Festhaltens und Besitzens. In der Mitte 
dieser Phase tritt also zuerst die Rücksicht auf das Ob- 
jekt auf als Vorläufer einer späteren Liebesbesetzung. 
Ebenso berechtigt ist es, eine solche Unterteilung auch 



\ XXXII. Angst und Triebleben 137 

für die erste orale Phase anzunehmen. Auf der ersten 
Unterstufe handelt es sich nur um die orale Einverlei- 
bung, es fehlt auch jede Ambivalenz in der Beziehung 
zum Objekt der Mutterbrust. Die zweite Stufe, durch 
das Auftreten der Beißtätigkeit ausgezeichnet, kann als 
die oralsadistische bezeichnet werden; sie zeigt 
zum ersten Mal die Erscheinungen der Ambivalenz, die 
dann in der nächsten, der sadistisch-analen Phase soviel 
deutlicher werden. Der Wert dieser neuen Unterschei- 
dungen zeigt sich besonders, wenn man bei bestimmten 
Neurosen, — Zwangsneurose, Melancholie — nach den 
Dispositionsstellen in der Libidoentwicklung sucht. Rufen 
Sie sich hier ins Gedächtnis zurück, was wir über den 
Zusammenhang von Libidofixierung, Disposition und 
Regression erfahren haben. 

Unsere Einstellung zu den Phasen der Libidoorga- 
nisation hat sich überhaupt ein wenig verschoben. Wenn 
wir früher vor allem betonten, wie die eine derselben 
vor der nächsten vergeht, so gehört unsere Aufmerksam- 
keit jetzt den Tatsachen, die uns zeigen, wieviel von 
jeder früheren Phase neben und hinter den späteren 
Gestaltungen erhalten bleibt und sich eine dauernde Ver- 
tretung im Libidohaushalt und im Charakter der Per- 
son erwirbt. Noch bedeutsamer sind Studien geworden, 
die uns gelehrt haben, wie häufig sich unter pathologi- 
schen Bedingungen Regressionen zu früheren Phasen er- 
eignen, und daß bestimmte Regressionen für bestimmte 
Krankheitsformen charakteristisch sind. Aber das kann 
ich hier nicht behandeln; es gehört in eine spezielle 
Neurosenpsychologie. 



138 Nene Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Triebumsetzungen und ähnliche Vorgänge haben 
wir besonders an der Analerotik, den Erregungen aus 
den Quellen der erogenen Analzone, studieren können 
und waren überrascht, wie vielfältigen Verwendungen 
diese Triebregungen zugeführt werden. Es ist vielleicht 
nicht leicht, sich von der Geringschätzung frei zu 
machen, die im Laufe der Entwicklung gerade diese 
Zone betroffen hat. Lassen wir uns darum von Abra- 
ham daran mahnen, daß der Anus embryologisch dem 
Urmund entspricht, welcher bis zum Darmende herab- 
gewandert ist. Wir erfahren dann, daß mit der Entwer- 
tung des eigenen Kots, der Exkremente, dieses Trieb- 
interesse aus analer Quelle auf Objekte übergeht, die als 
Geschenk gegeben werden können. Und dies mit 
Recht, denn der Kot war das erste Geschenk, das der 
Säugling machen konnte, dessen er sich aus Liebe zu 
seiner Pflegerin entäußerte. Im Weiteren, durchaus ana- 
log dem Bedeutungswandel in der Sprachentwicklung, 
setzt sich dies alte Kotinteresse in die Wertschätzung 
von Gold und Geld um, gibt aber auch seinen Bei- 
trag zur affektiven Besetzung von Kind und von 
Penis. Nach der Überzeugung aller Kinder, die ja 
lange Zeit an der Kloakentheorie festhalten, wird das 
Kind wie ein Stück Kot aus dem Darm geboren; die 
Defäkation ist das Vorbild des Geburtsaktes. Aber 
auch der Penis hat seinen Vorläufer in der Kotsäule, 
die das Schleimhautrohr des Darmes ausfüllt und reizt. 
Wenn das Kind, widerwillig genug, zur Kenntnis ge- 
nommen hat, daß es menschliche Wesen gibt, die dieses 
Glied nicht besitzen, erscheint ihm der Penis als etwas 




XXXII. Angst und Triebleben 139 



vom Körper Ablösbares und rückt in unverkennbare 
Analogie zum Exkrement, das ja das erste Stück Leib- 
lichkeit war, auf das man verzichten mußte. Ein großes 
Stück Analerotik wird so in Penisbesetzung überführt, 
aber das Interesse an diesem Körperteil hat außer der 
analerotischen eine vielleicht noch mächtigere orale 
"Wurzel, denn nach der Einstellung des Säugens erbt der 
Penis auch von der Brustwarze des mütterlichen Organs. 
Es ist unmöglich, sich in den Phantasien, den vom 
Unbewußten beeinflußten Einfällen und in der Symptom- 
sprache der Menschen zurechtzufinden, wenn man diese 
tiefliegenden Beziehungen nicht kennt. Kot-Geld-Ge- 
schenk-Kind-Penis werden hier wie gleichbedeutend be- 
handelt, auch durch gemeinsame Symbole vertreten. 
Vergessen Sie auch nicht, daß ich Ihnen nur sehr un- 
vollständige Mitteilungen machen konnte. Ich kann etwa 
eilig hinzufügen, daß auch das spät erwachende Inter- 
esse an der Vagina hauptsächlich analerotischer Herkunft 
ist. Es ist nicht verwunderlich, denn die Vagina selbst ist 
nach einem guten Wort von Lou Andreas-Salome 
dem Enddarm „abgemietet"; im Leben der Homosexuellen, 
die ein gewisses Stück der Sexualentwicklung nicht mit- 
gemacht haben, wird sie auch wieder durch diesen ver- 
treten. In Träumen kommt häufig eine Lokalität vor, 
die früher ein einziger Raum war und jetzt durch eine 
Wand in zwei geteilt ist, oder auch umgekehrt. Damit 
ist immer das Verhältnis der Vagina zum Darm ge- 
meint. Wir können auch schön verfolgen, wie beim 
Mädchen normaler Weise der ganz und gar unweibliche 
Wunsch nach dem Besitz eines Penis sich in den Wunsch 






i^o Nene Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nach einem Kind und dann nach einem Mann als 
Träger des Penis und Spender des Kindes umwandelt, 
so daß auch hier sichtbar wird, wie ein Stück ursprüng- 
lich analerotischen Interesses die Aufnahme in die 
spätere Genitalorganisation erwirbt. 

Während solcher Studien an den prägeniralen 
Phasen der Libido haben sich uns auch einige neue Ein- 
blicke in die Charakterbildung ergeben. Wir sind auf 
eine Trias von Eigenschaften aufmerksam geworden, die 
ziemlich regelmäßig beisammen sind: Ordentlichkeit, 
Sparsamkeit und Eigensinn, und haben aus der Analyse 
solcher Personen erschlossen, daß diese Eigenschaften 
aus der Aufzehrung und andersartigen Verwendung 
ihrer Analerotik hervorgegangen sind. Wir sprechen 
also von einem Analcharakter, wo wir diese auf- 
fällige Vereinigung finden, und bringen den Anal- 
charakter in einen gewissen Gegensatz zur unaufgear- 
beiteten Analerotik. Eine ähnliche, vielleicht noch 
festere Beziehung fanden wir zwischen dem Ehrgeiz 
und der Urethralerotik. Eine merkwürdige Anspielung 
auf diesen Zusammenhang entnahmen wir der Sage, daß 
Alexander der Große in derselben Nacht geboren 
wurde, in der ein gewisser Herostrat aus eitler 
Ruhmsucht den viel bewunderten Tempel der Artemis 
zu Ephesos in Brand steckte. Als ob den Alten ein 
solcher Zusammenhang nicht unbekannt gewesen wäre! 
Wie viel das Urinieren mit Feuer und Feuerlöschen zu 
tun hat, wissen Sie ja. Natürlich erwarten wir, daß 
auch andere Charaktereigenschaften sich in ähnlicher 
Weise als Niederschläge oder Reaktionsbildungen be- 



XXXII. Angst und Triebleben 141 

stimmter prägenitaler Libidoformationen ergeben wer- 
den, können es aber noch nicht aufzeigen. 

Nun ist es aber an der Zeit, daß ich in der Ge- 
schichte wie im Thema zurückgreife und die allge- 
meinsten Probleme des Trieblebens wieder aufnehme. 
Unserer Libidotheorie lag zunächst der Gegensatz von 
Ichtrieben und Sexualtrieben zu Grunde. Als wir dann 
später begannen, das Ich selbst näher zu studieren und 
den Gesichtspunkt des Narzißmus erfaßten, verlor diese 
Unterscheidung selbst ihren Boden. In seltenen Fällen 
kann man erkennen, daß das Ich sich selbst zum Ob- 
jekt nimmt, sich benimmt, als ob es in sich selbst ver- 
liebt wäre. Daher der der griechischen Sage entlehnte 
Name Narzißmus. Aber das ist nur eine extreme 
Übersteigerung eines normalen Sachverhalts. Man lernt 
■verstehen, daß das Ich immer das Hauptreservoir der 
Libido ist, von dem libidinöse Besetzungen der Objekte 
ausgehen, und in das dieselben wieder zurückkehren, 
während der Großteil dieser Libido stetig im Ich ver- 
bleibt. Es wird also unausgesetzt Ichlibido in Objekt- 
libido umgewandelt und Objektlibido in Ichlibido. 
Dann können die beiden aber ihrer Natur nach nicht 
verschieden sein, dann hat es keinen Sinn, die Energie 
der einen von der der anderen zu sondern, man kann 
die Bezeichnung Libido fallen lassen oder sie als gleich- 
bedeutend mit psychischer Energie überhaupt ge- 
brauchen. 

Wir sind nicht lange auf diesem Standpunkt ver- 
blieben. Die Ahnung von einer Gegensätzlichkeit inner- 
halb des Trieblebens hat sich bald einen anderen, noch 



i 4 i Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

schärferen Ausdruck verschafft. Diese Neuheit in der 
Tricblehre möchte ich aber nicht vor Ihnen ableiten; 
auch sie ruht im Wesentlichen auf biologischen Erwägun- 
gen; ich werde sie Ihnen als fertiges Produkt vorführen. 
Wir nehmen an, daß es zwei wesensverschiedene Arten 
xon Trieben gibt, die Sexualtriebe, im weitesten Sinne 
verstanden, den Eros, wenn Sie diese Benennung vor- 
ziehen, und die Aggrcssions triebe, deren Ziel die 
Destruktion ist. Wenn Sie es so hören, werden Sie es 
kaum als Neuheit gelten lassen; es scheint ein Versuch 
zur theoretischen Verklärung des banalen Gegensatzes 
zwischen Lieben und I lassen, der vielleicht mit jener 
anderen Polarität von Anziehung und Abstoßung zu- 
sammenfällt, welche die Physik für die anorganische 
Welt annimmt. Aber es ist merkwürdig, daß diese Auf- 
stellung doch von Vielen als Neuerung empfunden 
wird, und zwar als eine sehr unerwünschte, die mög- 
lichst bald wieder beseitigt werden sollte. Ich nehme 
an, daß ein starkes affektives Moment sich in dieser 
Ablehnung durchsetzt. Warum haben wir selbst so 
lange Zeit gebraucht, ehe wir uns zur Anerkennung 
eines Aggressionstriebs entschlossen; warum nicht Tat- 
sachen, die offen zu Tage liegen und jedermann be- 
kannt sind, ohne Zögern für die Theorie verwertet? 
Wahrscheinlich würde es auf geringen Widerstand 
stoßen, wenn man den Tieren einen Trieb mit solchem 
Ziel zuschreiben wollte. Aber ihn in die menschliche 
Konstitution aufzunehmen, erscheint frevelhaft; es 
widerspricht zu vielen religiösen Voraussetzungen und 
sozialen Konventionen. Nein, der Mensch muß von 



. 






XXXI l. Angst und Trielleben 143 

Natur aus gut oder wenigstens gutmütig sein. "Wenn 
er sich gelegentlich brutal, gewalttätig, grausam zeigt, 
so sind das vorübergehende Trübungen seines Gefühls- 
lebens, meist provoziert, vielleicht nur Folge der un- 
zweckmäßigen Gesellschaftsordnungen, die er sich bis- 
her gegeben hat. 

Leider spricht, was uns die Geschichte berichtet 
und was wir selbst erlebt haben, nicht in diesem Sinne, 
sondern rechtfertigt eher das Urteil, daß der Glaube 
an die „Güte" der menschlichen Natur eine jener 
schlimmen Illusionen ist, von denen die Menschen eine 
Verschönerung und Erleichterung ihres Lebens er- 
warten, während sie in Wirklichkeit nur Schaden 
bringen. Wir brauchen diese Polemik nicht fortzusetzen, 
denn nicht wegen der Lehren von Geschichte und 
Lebenserfahrung haben wir die Annahme eines beson- 
deren Aggressions- und Destruktionstriebs beim Men- 
schen befürwortet, sondern es geschah auf Grund allge- 
meiner Erwägungen, zu denen uns die "Würdigung der 
Phänome des Sadismus und des Masochismus 
führte. Sie wissen, wir heißen es Sadismus, wenn die 
sexuelle Befriedigung an die Bedingung geknüpft ist, daß 
das Sexualobjekt Schmerzen, Mißhandlungen und Demü- 
tigungen erleide, Masochismus, wenn das Bedürfnis 
besteht, selbst dieses mißhandelte Objekt zu sein. Sie 
wissen auch, daß ein gewisser Zusatz dieser beiden 
Strebungen in die normale Sexualbeziehung aufgenom- 
men ist, und daß wir sie als Perversionen bezeichnen, 
wenn sie die anderen Sexualziele zurückdrängen und 
ihre eigenen Ziele an deren Stelle setzen. Es wird Ihnen 



144 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

auch kaum entgangen sein, daß der Sadismus zur Männ- 
lichkeit, der Masochismus zur "Weiblichkeit eine in- 
timere Beziehung unterhält, als ob hier eine geheime 
Verwandtschaft bestünde, obwohl ich Ihnen sogleich 
sagen muß, daß wir nicht auf diesem Weg weiter ge- 
kommen sind. Beide, Sadismus wie Masochismus, sind 
für die Libidotheorie recht rätselhafte Phänomene, der 
Masochismus ganz besonders, und es ist nur in der 
Ordnung, wenn das, was für die eine Theorie den Stein 
des Anstoßes gebildet hat, für die sie ersetzende den 
Eckstein abgeben sollte. 

Wir meinen also, daß wir im Sadismus und im 
Masochismus zwei ausgezeichnete Beispiele von der Ver- 
mischung beider Triebarten, des Eros mit der Aggres- 
sion, vor uns haben, und machen nun die Annahme, 
daß dies Verhältnis vorbildlich ist, daß alle Trieb- 
regungen, die wir studieren können, aus solchen 
Mischungen oder Legierungen der beiden Triebarten 
bestehen. Natürlich in den verschiedenartigsten Mi- 
schungsverhältnissen. Dabei würden die erotischen 
Triebe die Mannigfaltigkeit ihrer Sexualziele in die 
Mischung einführen, während die anderen nur Mil- 
derungen und Abstufungen ihrer eintönigen Tendenz 
zuließen. Durch diese Annahme haben wir uns die 
Aussicht auf Untersuchungen eröffnet, die einmal eine 
große Bedeutung für das Verständnis pathologischer 
Vorgänge bekommen können. Denn Mischungen mögen 
auch zerfallen und solchen Triebentmischungen darf 
man die schwersten Folgen für die Funktion zutrauen. 
Aber diese Gesichtspunkte sind noch zu neu; niemand 



XXXII. Angst und Triebleben 145 



hat bisher versucht, sie in der Arbeit zu verwerten. 

Wir kehren zu dem besonderen Problem zurück, das 
uns der Masochismus aufgibt. Sehen wir für den Augen- 
blick von seiner erotischen Komponente ab, so bürgt 
er uns für die Existenz einer Strebung, welche die 
Selbstzerstörung zum Ziel hat. Wenn es auch für den 
Destruktionstrieb zutrifft, daß das Ich — aber wir 
meinen hier vielmehr das Es, die ganze Person — ur- 
sprünglich alle Triebregungen in sich schließt, so 
ergibt sich die Auffassung, daß der Masochismus älter 
ist als der Sadismus, der Sadismus aber ist nach außen 
gewendeter Destruktionstrieb, der damit den Charakter 
der Aggression erwirbt. So und soviel vom ursprüng- 
lichen Destruktionstrieb mag noch im Inneren ver- 
bleiben; es scheint, daß unsere Wahrnehmung seiner 
nur unter diesen zwei Bedingungen habhaft wird, wenn 
er sich mit erotischen Trieben zum Masochismus ver- 
bindet, oder wenn er sich als Aggression — mit 
größerem oder geringerem erotischen Zusatz — gegen 
die Außenwelt wendet. Nun drängt sich uns die Be- 
deutung der Möglichkeit auf, daß die Aggression in der 
Außenwelt Befriedigung nicht finden kann, weil sie auf 
reale Hindernisse stößt. Sie wird dann vielleicht 
zurücktreten, das Ausmaß der im Inneren waltenden 
Selbstdestruktion vermehren. Wir werden hören, daß 
dies wirklich so geschieht und wie wichtig dieser Vor- 
gang ist. Verhinderte Aggression scheint eine schwere 
Schädigung zu bedeuten; es sieht wirklich so aus, als 
müßten wir anderes und andere zerstören, um uns nicht 
selbst zu zerstören, um uns vor der Tendenz zur Selbst- 



10 






146 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

destruktion zu bewahren. Gewiß eine traurige Eröff- 
nung für den Ethiker! 

Aber der Ethiker wird sich noch auf lange hinaus 
mit der Unwahrscheinlichkeit unserer Spekulationen 
trösten. Ein sonderbarer Trieb, der sich mit der Zer- 
störung seines eigenen organischen Heims befaßt! Die 
Dichter sprechen zwar von solchen Dingen, aber Dichter 
sind unverantwortlich, sie genießen das Vorrecht der 
poetischen Lizenz. Allerdings sind ähnliche Vorstel- 
lungen auch der Physiologie nicht fremd, z. B. die der 
Magenschleimhaut, die sich selbst verdaut. Aber es ist 
zuzugeben, daß unser Selbstzcrstörungstrieb einer brei- 
teren Unterstützung bedarf. Eine Annahme von solcher 
Tragweite kann man doch nicht bloß darum wagen, 
weil einige arme Narren ihre Sexualbefricdigung an 
eine sonderbare Bedingung geknüpft haben. Ich meine, 
ein vertieftes Studium der Triebe wird uns geben, was 
wir brauchen. Die Triebe regieren nicht allein das 
seelische, sondern auch das vegetative Leben, und diese 
organischen Triebe zeigen einen Charakterzug, der unser 
stärkstes Interesse verdient. Ob es ein allgemeiner 
Charakter der Triebe ist, werden wir erst später be- 
urteilen können. Sie enthüllen sich nämlich als Bestre- 
ben, einen früheren Zustand wieder herzustellen. Wir 
können annehmen, vom Moment an, da ein solcher ein- 
mal erreichter Zustand gestört worden, entsteht ein 
Trieb, ihn neu zu schaffen und bringt Phänomene her- 
vor, die wir als Wiederholungszwang bezeich- 
nen können. So ist die Embryologie ein einziges Stück 
Wiederholungszwang; weit hinauf in die Tierreihe 



XXXII. Angst und Triebleben 147 



erstreckt sich ein Vermögen, verlorene Organe neu zu 
bilden, und der Heiltrieb, dem wir, neben den therapeu- 
tischen Hilfeleistungen, unsere Genesungen verdanken, 
dürfte der Rest dieser bei niederen Tieren so großartig 
entwickelten Fähigkeit sein. Die Laichwanderungen der 
Fische, vielleicht die Vögelflüge, möglicher Weise alles, 
was wir bei den Tieren als Instinktäußerung bezeichnen, 
erfolgt unter dem Gebot des Wiederholungszwangs, der 
diekonservativeNatur der Triebe zum Ausdruck 
bringt. Auch auf seelischem Gebiet brauchen wir nicht 
lange nach Äußerungen desselben zu suchen. Es ist uns 
aufgefallen, daß die vergessenen und verdrängten Er- 
lebnisse der früheren Kindheit sich während der ana- 
lytischen Arbeit in Träumen und Reaktionen, besonders 
in denen der Übertragung reproduzieren, obwohl ihre 
Wiedererweckung dem Interesse des Lustprinzips zu- 
widerläuft, und haben uns die Erklärung gegeben, daß 
in diesen Fällen ein Wiederholungszwang sich selbst 
über das Lustprinzip hinaussetzt. Auch außerhalb der 
Analyse kann man Ähnliches beobachten. Es gibt Men- 
schen, die in ihrem Leben ohne Korrektur immer die 
nämlichen Reaktionen zu ihrem Schaden wiederholen, 
oder die selbst von einem unerbittlichen Schicksal ver- 
folgt scheinen, während doch eine genauere Unter- 
suchung lehrt, daß sie sich dieses Schicksal unwissent- 
lich selbst bereiten. Wir schreiben dann dem Wieder- 
holungszwang den dämonischen Charakter zu. 

Was kann aber dieser konservative Zug der Triebe 
für das Verständnis unserer Selbstzerstörung leisten? 
Welchen früheren Zustand wollte ein solcher Trieb 



148 Neue Vorlesun gen zur Einführung in die Psychoanalyse 

wieder herstellen? Nun, die Antwort liegt nicht ferne 
und eröffnet weite Perspektiven. Wenn es wahr ist, 
daß — in unvordenklicher Zeit und auf unvorstellbare 
Weise — einmal aus unbelebter Materie das Leben her- 
vorgegangen ist, so muß nach unserer Voraussetzung 
damals ein Trieb entstanden sein, der das Leben 
wieder aufheben, den anorganischen Zustand wieder 
herstellen will. Erkennen wir in diesem Trieb die Selbst- 
destruktion unserer Annahme wieder, so dürfen wir 
diese als Ausdruck eines Todestriebes erfassen, 
der in keinem Lebensprozeß vermißt werden kann. 
Und nun scheiden sich uns die Triebe, an die wir 
glauben, in die zwei Gruppen der erotischen, die immer 
mehr lebende Substanz zu größeren Einheiten zusam- 
menballen wollen, und der Todestriebe, die sich diesem 
Streben widersetzen und das Lebende in den anorgani- 
schen Zustand zurückführen. Aus dem Miteinander- 
und Gegeneinanderwirken der beiden gehen die Lebens- 
erscheinungen hervor, denen der Tod ein Ende setzt. 
Sie werden vielleicht achsclzuckcnd sagen: Das ist 
nicht Naturwissenschaft, das ist Schopenhauer- 
sche Philosophie. Aber warum, meine Damen und 
Herren, sollte nicht ein kühner Denker erraten haben, 
was dann nüchterne und mühselige Detailforschung be- 
stätigt? Und dann, alles ist schon einmal gesagt worden 
und vor Schopenhauer haben viele ähnliches gesagt. 
Und weiter, was wir sagen, ist nicht einmal richtiger 
Schopenhauer. Wir behaupten nicht, der Tod sei 
das einzige Ziel des Lebens; wir übersehen nicht neben 
dem Tod das Leben. Wir anerkennen zwei Grund- 



XXX II. Angst und Triebleben 149 

triebe und lassen jedem sein eigenes Ziel. Wie sich die 
beiden im Lebensprozeß vermengen, wie der Todestrieb 
den Absichten des Eros dienstbar gemacht wird, zumal 
in seiner Wendung nach außen als Aggression, das sind 
Aufgaben, die der Forschung der Zukunft überlassen 
bleiben. Wir kommen nicht weiter als bis zur Stelle, 
wo sich eine solche Aussicht vor uns auftut. Auch die 
Frage, ob der konservative Charakter nicht allen 
Trieben ausnahmslos eignet, ob nicht auch die eroti- 
schen Triebe einen früheren Zustand wiederbringen 
wollen, wenn sie die Synthese des Lebenden zu größeren 
Einheiten anstreben, auch diese Frage werden wir un- 
beantwortet lassen müssen. 

Wir haben uns ein wenig weit von unserer Basis 
entfernt. Ich will Ihnen nachträglich mitteilen, welches 
der Ausgangspunkt dieser Überlegungen zur Trieblehre 
war. Derselbe, der uns zur Revision der Beziehung 
zwischen dem Ich und dem Unbewußten geführt hat, 
der Eindruck aus der analytischen Arbeit, daß der 
Patient, der Widerstand leistet, so oft von diesem 
Widerstand nichts weiß. Aber nicht nur die Tatsache 
des Widerstands ist ihm unbewußt, auch die Motive 
desselben sind es. Wir mußten nach diesen Motiven 
oder diesem Motiv forschen und fanden es zu unserer 
Überraschung in einem starken Strafbedürfnis, das wir 
nur den masochistischen Wünschen anreihen konnten. 
Die praktische Bedeutung dieses Fundes steht hinter 
seiner theoretischen nicht zurück, denn dies Strafbedürf- 
nis ist der schlimmste Feind unserer therapeutischen 
Bemühung. Es wird durch das Leiden befriedigt, das 



. 



i 50 Nene Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

mit der Neurose verbunden ist, und hält darum am 
Kranksein fest. Es scheint, daß dieses Moment, das un- 
bewußte Strafbedürfnis, an jeder neurotischen Erkran- 
kung beteiligt ist. Geradezu überzeugend wirken hier 
Fälle, in denen sich das neurotische Leiden durch ein 
andersartiges ablösen läßt. Ich will Ihnen von einer 
solchen Erfahrung berichten. Es war mir einmal gelun- 
gen, ein älteres Mädchen von dem Symptomkomplex 
zu befreien, der sie durch etwa 15 Jahre zu einer qual- 
vollen Existenz verurteilt und von der Teilnahme am 
Leben ausgeschlossen hatte. Sie empfand sich nun als 
gesund, und stürzte sich in eine eifrige Tätigkeit, um 
ihre nicht geringfügigen Talente zu entwickeln und sich 
noch ein Stück Geltung, Genuß und Erfolg zu er- 
haschen. Aber jeder ihrer Versuche endete damit, daß 
man sie wissen ließ oder daß sie selbst einsah, sie sei zu 
alt geworden, um auf diesem Gebiet etwas zu erreichen. 
Nach jedem solchen Ausgang wäre der Rückfall in die 
Krankheit das nächste gewesen, aber das konnte sie 
nicht mehr zustande bringen; anstatt dessen ereigneten 
sich ihr jedesmal Unfälle, die sie für eine Zeit lang 
außer Tätigkeit setzten und leiden ließen. Sie war ge- 
fallen und hatte sich einen Fuß verstaucht oder ein 
Knie verletzt, bei irgend einer Hantierung eine Hand 
beschädigt. Aufmerksam gemacht, wie groß ihr eigener 
Anteil an diesen anscheinenden Zufällen sein könnte, 
änderte sie sozusagen ihre Technik. Anstatt der Unfälle 
traten bei den gleichen Veranlassungen leichte Erkran- 
kungen auf, Katarrhe, Anginen, grippeartige Zustände, 
rheumatische Schwellungen, bis endlich mit der 



I 



XXXII. Angst und Triebleben iji 



Resignation, zu der sie sich entschloß, der ganze Spuk 

vorüber war. 

Über die Herkunft dieses unbewußten Strafbedürf- 
nisses, meinen wir, ist kein Zweifel. Es benimmt sich 
wie ein Stück des Gewissens, wie die Fortsetzung 
unseres Gewissens ins Unbewußte, es wird auch dieselbe 
Herkunft haben wie das Gewissen, also einem Stück 
Aggression entsprechen, das verinnerlicht und vom 
Überich übernommen wurde. Würden die Worte nur 
besser zusammenpassen, so wäre es für alle praktischen 
Belange nur gerechtfertigt, es „unbewußtes Schuldgefühl" 
zu heißen. Theoretisch sind wir eigentlich im Zweifel, 
ob wir annehmen sollen, daß alle aus der Außenwelt 
zurückgekehrte Aggression vom Uberich gebunden und 
somit gegen das Ich gewendet werde, oder daß ein Teil 
von ihr seine stumme und unheimliche Tätigkeit als 
freier Destruktionstrieb im Ich und Es ausübe. Wahr- 
scheinlicher ist eine solche Verteilung, doch wissen wir 
nichts weiter darüber. Bei der ersten Einsetzung des 
Uberichs ist gewiß zur Ausstattung dieser Instanz jenes 
Stück Aggression gegen die Eltern verwendet worden, 
dem das Kind infolge seiner Liebesfixierung wie der 
äußeren Schwierigkeiten keine Abfuhr nach außen 
schaffen konnte, und darum braucht die Strenge des 
Überichs nicht einfach der Härte der Erziehung zu ent- 
sprechen. Es ist sehr wohl möglich, daß bei späteren 
Anlässen zur Unterdrückung der Aggression der Trieb 
denselben Weg nimmt, der ihm in jenem entscheiden- 
den Zeitpunkt eröffnet wurde. 

Personen, bei denen dies unbewußte Schuldgefühl 



152 Neue V orlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

übermächtig ist, verraten sich in der analytischen Be- 
handlung durch die prognostisch so unliebsame nega- 
tive therapeutische Reaktion. Wenn man ihnen eine 
Symptomlösung mitgeteilt hat, auf die normaler Weise 
ein wenigstens zeitweiliges Schwinden des Symptoms 
folgen sollte, erzielt man bei ihnen im Gegenteil eine 
momentane Verstärkung des Symptoms und des 
Leidens. Es reicht oft hin, sie für ihr Benehmen in der 
Kur zu beloben, einige hoffnungsvolle Worte über den 
Fortschritt der Analyse zu äußern, um eine unverkenn- 
bare Verschlimmerung ihres Befindens herbeizuführen. 
Der Nicht-Analytiker würde sagen, er vermisse den 
„Genesungswillen"; nach analytischer Denkweise sehen 
Sic in diesem Benehmen eine Äußerung des unbewußten 
Schuldgefühls, dem Kranksein mit seinen Leiden und 
Verhinderungen eben recht ist. Die Probleme, die das 
unbewußte Schuldgefühl aufgerollt hat, seine Bezie- 
hungen zu Moral, Pädagogik, Kriminalität und Ver- 
wahrlosung sind gegenwärtig das bevorzugte Arbeits- 
gebiet der Psychoanalytiker. An unerwarteter Stelle 
sind wir hier aus der psychischen Unterwelt in den 
offenen Markt eingebrochen. Ich kann Sie nicht weiter 
führen, aber mit einem Gedankengang muß ich Sie 
noch aufhalten, che ich Sie für diesmal verabschiede. 
Es ist uns geläufig worden zu sagen, daß unsere Kultur 
auf Kosten sexueller Strebungen aufgebaut ist, die von 
der Gesellschaft gehemmt, zum Teil zwar verdrängt, 
zum anderen Teil aber für neue Ziele nutzbar gemacht 
werden. Wir haben auch bei allem Stolz auf unsere 
kulturellen Errungenschaften zugestanden, daß es uns 



XXXII. Angst und Triebleben 153 

nicht leicht wird, die Anforderungen dieser Kultur zu 
erfüllen, uns in ihr wohl zu fühlen, weil die uns auf- 
erlegten Triebbeschränkungen eine schwere psychische 
Belastung bedeuten. Nun, was wir für die Sexualtriebe 
erkannt haben, gilt im gleichen, vielleicht in noch 
höherem Maße, für die anderen, die Aggressionstriebe. 
Diese sind es vor Allem, die das Zusammenleben der 
Menschen erschweren und dessen Fortdauer bedrohen; 
Einschränkung seiner Aggression ist das erste, vielleicht 
das schwerste Opfer, das die Gesellschaft vom Einzelnen 
zu fordern hat. Wir haben erfahren, in wie ingeniöser 
Weise diese Bändigung des Widerspenstigen vollzogen 
wird. Die Einsetzung des Uberichs, das die gefährlichen 
aggressiven Regungen an sich reißt, bringt gleichsam 
eine Besatzung in die zum Aufruhr geneigte Stätte. 
Aber anderseits, rein psychologisch betrachtet, muß man 
bekennen, das Ich fühlt sich nicht wohl dabei, wenn es 
so den Bedürfnissen der Gesellschaft geopfert wird, 
wenn es sich den destruktiven Tendenzen der Aggres- 
sion unterwerfen muß, die es gern selbst gegen andere 
betätigt hätte. Es ist wie eine Fortsetzung jenes Dilem- 
mas vom Fressen und Gefressenwerden, das die 
organische Lebewelt beherrscht, aufs psychische Gebiet. 
Zum Glück sind die Aggressionstriebe niemals allein, 
immer mit den erotischen legiert. Diese letzteren haben 
unter den Bedingungen der vom Menschen geschaffenen 
Kultur vieles zu mildern und zu verhüten. 



XXXIII. VORLESUNG 

DIE WEIBLICHKEIT 

Meine Damen und Herren! Die ganze Zeit über, 
während ich mich vorbereite, mit Ihnen zu sprechen, 
ringe ich mit einer inneren Schwierigkeit. Ich fühle 
mich sozusagen meiner Lizenz nicht sicher. Es ist ja 
richtig, daß die Psychoanalyse sich in fünfzehn Arbeits- 
jahren verändert und bereichert hat, aber darum könnte 
doch eine Einführung in die Psychoanalyse unverändert 
und unergänzt bleiben. Immer schwebt es mir vor, daß 
diesen Vorträgen die Daseinsberechtigung fehlt. Den 
Analytikern sage ich zu wenig und überhaupt nichts 
Neues, Ihnen aber zu viel und solche Dinge, für deren 
Verständnis Sic nicht ausgerüstet sind, die nicht für Sie 
gehören. Ich habe nach Entschuldigungen ausgeschaut 
und jede einzelne Vorlesung durch eine andere Be- 
gründung rechtfertigen wollen. Die erste, über die 
Traumtheorie, sollte Sic mit einem Schlage wieder 
mitten in die analytische Atmosphäre versetzen und 
Ihnen zeigen, wie haltbar sich unsere Anschauungen 
erwiesen haben. An der zweiten, die die Wege vom 
Traum zum sogenannten Okkultismus verfolgt, reizte 
mich die Gelegenheit, ein freies Wort über ein Arbeits- 
gebiet zu sagen, auf dem heute vorurteilsvolle Erwar- 
tungen gegen leidenschaftliche Widerstände kämpfen, 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 155 



und ich durfte hoffen, Ihr am Beispiel der Psycho- 
analyse zur Toleranz erzogenes Urteil werde mir die 
Begleitung auf diesen Ausflug nicht verweigern. Die 
dritte Vorlesung, die über die Zerlegung der Persönlich- 
keit, stellte gewiß die härtesten Zumutungen an Sie, so 
fremdartig war ihr Inhalt, aber ich konnte diesen ersten 
Ansatz einer Ichpsychologie Ihnen unmöglich vorent- 
halten, und wenn wir ihn vor fünfzehn Jahren besessen 
hätten, hätte ich ihn schon damals erwähnen müssen. 
Die letzte Vorlesung endlich, der Sie wahrscheinlich 
nur unter großer Anspannung gefolgt sind, brachte not- 
wendige Berichtigungen, neue Lösungsversuche der 
wichtigsten Rätselfragen, und meine Einführung wäre 
zu einer Irreführung geworden, wenn ich darüber ge- 
schwiegen hätte. Sie sehen, wenn man es unternimmt, 
sich zu entschuldigen, kommt es am Ende darauf 
hinaus, daß alles unvermeidlich war, alles Verhängnis. 
Ich unterwerfe mich; ich bitte Sie, tun Sie es auch. 

Auch die heutige Vorlesung sollte keine Aufnahme 
in eine Einführung finden, aber sie kann Ihnen eine 
Probe einer analytischen Detailarbeit geben und ich 
kann zweierlei zu ihrer Empfehlung sagen. Sie bringt 
nichts als beobachtete Tatsachen, fast ohne Beisatz von 
Spekulation, und sie beschäftigt sich mit einem Thema, 
das Anspruch auf Ihr Interesse hat wie kaum ein 
anderes. Über das Rätsel der Weiblichkeit haben die 
Menschen zu allen Zeiten gegrübelt: 

„Häupter in Hieroglyphenmützen, 
Häupter in Turban und schwarzem Barett, 



i$6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Perückenhäupter und tausend andere 

Arme, schwitzende Menschenhäupter — — — " 

(Hein e, Nordsee.) 

Auch Sie werden sich von diesem Grübeln nicht 
ausgeschlossen haben, insoferne Sie Männer sind; von 
den Frauen unter Ihnen erwartet man es nicht, sie sind 
selbst dieses Rätsel. Männlich oder weiblich ist die 
erste Unterscheidung, die Sie machen, wenn Sie mit 
einem anderen menschlichen Wesen zusammentreffen, 
und Sie sind gewöhnt, diese Unterscheidung mit unbe- 
denklicher Sicherheit zu machen. Die anatomische 
Wissenschaft teilt Ihre Sicherheit in einem Punkt und 
nicht weit darüber hinaus. Männlich ist das männliche 
Geschlechtsprodukt, das Spermatozoon und sein Träger, 
weiblich das Ei und der Organismus, der es beherbergt. 
Bei beiden Geschlechtern haben sich Organe gebildet, 
die ausschließlich den Geschlechtsfunktionen dienen, 
wahrscheinlich aus der nämlichen Anlage zu zwei ver- 
schiedenen Gestaltungen entwickelt. Bei beiden zeigen 
außerdem die anderen Organe, die Körperformen und 
Gewebe eine Beeinflussung durch das Geschlecht, aber 
diese ist inkonstant und ihr Ausmaß wechselnd, die soge- 
nannten sekundären Geschlcchtscharaktere. Und dann sagt 
Ihnen die Wissenschaft etwas, was Ihren Erwartungen 
zuwiderläuft und wahrscheinlich geeignet ist, Ihre Ge- 
fühle zu verwirren. Sie macht Sic darauf aufmerksam, 
daß Teile des männlichen Geschlcchtsapparats sich auch 
am Körper des Weibes finden, wenngleich im verküm- 
merten Zustand, und das gleiche im anderen Falle. Sie 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 157 



sieht in diesem Vorkommen das Anzeichen einer 
Zwiegeschlechtigkeit, B i s e x u a 1 i t ä t, als ob das 
Individuum nicht Mann oder "Weib wäre, sondern 
jedesmal beides, nur von dem einen soviel mehr als vom 
andern. Sie werden dann aufgefordert, sich mit der 
Idee vertraut zu machen, daß das Verhältnis, nach dem 
sich Männliches und Weibliches im Einzelwesen ver- 
mengt, ganz erheblichen Schwankungen unterliegt. Da 
aber doch, von allerseltensten Fällen abgesehen, bei 
einer Person nur einerlei Geschlechtsprodukte — Eier 
oder Samenzellen — vorhanden sind, müssen Sie an der 
entscheidenden Bedeutung dieser Elemente irre werden 
und den Schluß ziehen, das, was die Männlichkeit oder 
die Weiblichkeit ausmache, sei ein unbekannter Cha- 
rakter, den die Anatomie nicht erfassen kann. 

Kann es vielleicht die Psychologie? Wir sind ge- 
wohnt, männlich und weiblich auch als seelische Quali- 
täten zu gebrauchen und haben ebenso den Gesichts- 
punkt der Bisexualität auf das Seelenleben übertragen. 
Wir sprechen also davon, daß ein Mensch, ob Männ- 
chen oder Weibchen, sich in diesem Punkt männlich, 
in jenem weiblich benehme. Aber Sie werden bald ein- 
sehen, das ist bloß Gefügigkeit gegen die Anatomie und 
gegen die Konvention. Sie können den Begriffen männ- 
lich und weiblich keinen neuen Inhalt geben. Die 
Unterscheidung ist keine psychologische; wenn Sie 
männlich sagen, meinen Sie in der Regel „aktiv", und 
wenn Sie weiblich sagen, „passiv". Nun ist es richtig, 
daß eine solche Beziehung besteht. Die männliche Ge- 
schlechtszelle ist aktiv beweglich, sucht die weibliche 



15 8 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

auf und diese, das Ei, ist unbeweglich, passiv erwar- 
tend. Dies Verhalten der geschlechtlichen Elementar- 
organismen ist sogar vorbildlich für das Benehmen der 
Geschlechtsindividucn beim Sexualverkehr. Das Männ- 
chen verfolgt das Weibchen zum Zweck der sexuellen 
Vereinigung, greift es an, dringt in dasselbe ein. Aber 
damit haben Sie eben für die Psychologie den Charakter 
des Männlichen auf das Moment der Aggression re- 
duziert. Sie werden zweifeln, ob Sie damit etwas 
Wesentliches getroffen haben, wenn Sic erwägen, daß 
in manchen Tierklassen die Weibchen die stärkeren 
und aggressiven sind, die Männchen nur aktiv bei dem 
einen Akt der geschlechtlichen Vereinigung. So ist 
es z. B. bei den Spinnen. Auch die Funktionen der Brut- 
pflege und Aufzucht, die uns als so exquisit weiblich 
erscheinen, sind bei Tieren nicht regelmäßig an das 
weibliche Geschlecht geknüpft. Bei recht hochstehenden 
Arten beobachtet man, daß die Geschlechter sich in die 
Aufgabe der Brutpflege teilen oder selbst, daß das 
Männchen sich allein ihr widmet. Selbst auf dem Ge- 
biet des menschlichen Sexuallebens merken Sie bald, 
wie unzureichend es ist, das männliche Benehmen durch 
Aktivität, das weibliche durch Passivität zu decken. 
Die Mutter ist in jedem Sinn aktiv gegen das Kind, 
selbst vom Saugakt können Sic ebenso wohl sagen, sie 
säugt das Kind als sie läßt sich vom Kinde säugen. Je 
weiter Sie sich dann vom engeren sexuellen Gebiet ent- 
fernen, desto deutlicher wird jener „Übcrdeckungs- 
fehler". Frauen können große Aktivität nach verschie- 
denen Richtungen entfalten, Männer können nicht mit 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 159 



ihresgleichen zusammenleben, wenn sie nicht ein hohes 
Maß von passiver Gefügigkeit entwickeln. Wenn Sie 
jetzt sagen, diese Tatsachen enthielten eben den Beweis, 
daß Männer wie Weiber im psychologischen Sinn 
bisexuell sind, so entnehme ich daraus, daß Sie bei sich 
beschlossen haben, aktiv mit männlich, passiv mit weib- 
lich zusammenfallen zu lassen. Aber ich rate Ihnen 
davon ab. Es erscheint mir unzweckmäßig und es bringt 
keine neue Erkenntnis. 

Man könnte daran denken, die Weiblichkeit 
psychologisch durch die Bevorzugung passiver Ziele zu 
charakterisieren. Das ist natürlich nicht dasselbe wie 
die Passivität; es mag ein großes Stück Aktivität not- 
wendig sein, um ein passives Ziel durchzusetzen. Viel- 
leicht geht es so zu, daß sich beim Weib von ihrem 
Anteil an der Sexualfunktion her eine Bevorzugung 
passiven Verhaltens und passiver Zielstrebungen ein 
Stück weit ins Leben hinein erstreckt, mehr oder we- 
niger weit, je nachdem sich diese Vorbildlichkeit des 
Sexuallebens begrenzt oder ausbreitet. Dabei müssen 
wir aber Acht haben, den Einfluß der sozialen Ord- 
nungen nicht zu unterschätzen, die das Weib gleichfalls 
in passive Situationen drängen. Das ist alles noch sehr 
ungeklärt. Eine besonders konstante Beziehung zwischen 
Weiblichkeit und Triebleben wollen wir nicht über- 
sehen. Die dem Weib konstitutionell vorgeschriebene 
und sozial auferlegte Unterdrückung seiner Aggression 
begünstigt die Ausbildung starker masochistischer Re- 
gungen, denen es ja gelingt, die nach innen gewendeten 
destruktiven Tendenzen erotisch zu binden. Der 






i6o Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoa nalyse 

Masochismus ist also, wie man sagt, echt weiblich. 
Wenn Sie aber dem Masochismus, wie so häufig, bei 
Männern begegnen, was bleibt Ihnen übrig, als zu sagen, 
diese Männer zeigen sehr deutliche weibliche Züge? 

Nun sind Sie bereits vorbereitet darauf, daß auch 
die Psychologie das Rätsel der Weiblichkeit nicht lösen 
wird. Diese Aufklärung muß wohl anderswoher 
kommen und kann nicht kommen, ehe wir erfahren 
haben, wie die Differenzierung der lebenden Wesen in 
zwei Geschlechter überhaupt entstanden ist. Nichts 
wissen wir darüber und die Zweigeschlechtlichkeit ist 
doch ein so auffälliger Charakter des organischen Le- 
bens, durch den es sich scharf von der unbelebten Natur 
scheidet. Unterdes finden wir an jenen menschlichen 
Individuen, die durch den Besitz von weiblichen Ge- 
nitalien als manifest oder vorwiegend weiblich cha- 
rakterisiert sind, genug zu studieren. Der Eigenart der 
Psychoanalyse entspricht es dann, daß sie nicht be- 
schreiben will, was das Weib ist, — das wäre eine für 
sie kaum lösbare Aufgabe, — sondern untersucht, wie 
es wird, wie sich das Weib aus dem bisexuell veran- 
lagten Kind entwickelt. Wir haben darüber einiges in 
letzter Zeit erfahren, dank dem Umstände, daß mehrere 
unserer trefflichen Kolleginnen in der Analyse begonnen 
haben, diese Frage zu bearbeiten. Die Diskussion 
darüber hat aus dem Unterschied der Geschlechter einen 
besonderen Reiz bezogen, denn jedesmal, wenn eine 
Vergleichung zu Ungunsten ihres Geschlechts auszu- 
fallen schien, konnten unsere Damen den Verdacht 
äußern, daß wir, die männlichen Analytiker, gewisse 



XXXIII. Die Weiblichkeit. i£i 



tief eingewurzelte Vorurteile gegen die Weiblichkeit 
nicht überwunden hätten, was sich nun durch die 
Parteilichkeit unserer Forschung strafte. Wir hatten es 
dagegen auf dem Boden der Bisexualität leicht, jede 
Unhöflichkeit zu vermeiden. Wir brauchten nur zu 
sagen: Das gilt nicht für Sie. Sie sind eine Ausnahme, 
in diesem Punkt mehr männlich als weiblich. 

Mit zwei Erwartungen treten wir auch an die 
Untersuchung der weiblichen Sexualentwicklung heran: 
Die erste, daß auch hier die Konstitution sich nicht 
ohne Sträuben in die Funktion fügen wird. Die andere, 
daß die entscheidenden Wendungen bereits vor der 
Pubertät angebahnt oder vollzogen sein werden. Beide 
sind bald bestätigt. Des weiteren sagt uns der Vergleich 
mit den Verhältnissen beim Knaben, daß die Entwick- 
lung des kleinen Mädchens zum normalen Weib die 
schwierigere und kompliziertere ist, denn sie umfaßt zwei 
Aufgaben mehr, zu denen die Entwicklung des Mannes 
kein Gegenstück zeigt. Verfolgen wir die Parallele von 
ihrem Anfang an. Gewiß ist schon das Material bei 
Knabe und Mädchen verschieden; um das festzustellen, 
braucht es keine Psychoanalyse. Der Unterschied in der 
Bildung der Genitalien wird von anderen körperlichen 
Verschiedenheiten begleitet, die zu bekannt sind, als 
daß sie der Erwähnung bedürften. Auch in der Trieb- 
anlage treten Differenzen hervor, die das spätere Wesen 
des Weibes ahnen lassen. Das kleine Mädchen ist in der 
Regel weniger aggressiv, trotzig und selbstgenügsam, 
es scheint mehr Bedürfnis nach Zärtlichkeit zu haben, 
die man ihm erweisen soll, darum abhängiger und ge- 



n 



16z Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoana lyse 

fügiger zu sein. Daß es sich leichter und schneller zur 
Beherrschung der Exkretionen erziehen läßt, ist sehr 
wahrscheinlich nur die Folge dieser Gefügigkeit; Harn 
und Stuhl sind ja die ersten Geschenke, die das Kind 
seinen Pflegepersonen macht, deren Beherrschung die 
erste Konzession, die sich das kindliche Triebleben ab- 
ringen läßt. Man empfängt auch den Eindruck, daß das 
kleine Mädchen intelligenter, lebhafter ist als der 
gleichaltrige Knabe, es kommt der Außenwelt mehr 
entgegen, macht zur gleichen Zeit stärkere Objekt- 
besetzungen. Ich weiß nicht, ob dieser Vorsprung der 
Entwicklung durch exakte Feststellungen erhärtet 
worden ist, jedenfalls steht es fest, daß das Mädchen 
nicht intellektuell rückständig genannt werden kann. 
Aber diese Geschlechtsunterschiede kommen nicht sehr 
In Betracht, sie können durch individuelle Variationen 
aufgewogen werden. Für die Absichten, die wir zu- 
nächst verfolgen, können wir sie vernachlässigen. 

Die frühen Phasen der Libidoentwicklung scheinen 
beide Geschlechter in gleicher Weise durchzumachen. 
Man hätte erwarten können, daß sich beim Mädchen 
bereits in der sadistisch-analen Phase ein Zurückbleiben 
der Aggression äußert, aber das trifft nicht ein. Die 
Analyse des Kinderspiels hat unseren weiblichen Ana- 
lytikern gezeigt, daß die aggressiven Impulse der kleinen 
Mädchen an Reichlichkeit und Heftigkeit nichts zu 
wünschen übrig lassen. Mit dem Eintritt in die phallische 
Phase treten die Unterschiede der Geschlechter vollends 
gegen die Übereinstimmungen zurück. Wir müssen nun 
anerkennen, das kleine Mädchen sei ein kleiner Mann. 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 163 



Diese Phase ist beim Knaben bekanntlich dadurch aus- 
gezeichnet, daß er sich von seinem kleinen Penis lust- 
volle Sensationen zu verschaffen weiß und dessen er- 
regten Zustand mit seinen Vorstellungen von sexuellem 
Verkehr zusammenbringt. Das nämliche tut das Mäd- 
chen mit ihrer noch kleineren Klitoris. Es scheint, daß 
sich bei ihr alle onanistischen Akte an diesem Penis- 
äquivalent abspielen, daß die eigentlich weibliche 
Vagina noch für beide Geschlechter unentdeckt ist. 
Vereinzelte Stimmen berichten zwar auch von früh- 
zeitigen vaginalen Sensationen, aber es dürfte nicht 
leicht sein, solche von analen oder Vorhofsensationen 
zu unterscheiden; auf keinen Fall können sie eine große 
Rolle spielen. Wir dürfen daran festhalten, daß in der 
phallischen Phase des Mädchens die Klitoris die leitende 
erogene Zone ist. Aber so soll es ja nicht bleiben, mit 
der Wendung zur Weiblichkeit soll die Klitoris ihre 
Empfindlichkeit und damit ihre Bedeutung ganz oder 
teilweise an die Vagina abtreten, und dies wäre die eine 
der beiden Aufgaben, die von der Entwicklung des 
Weibes zu lösen sind, während der glücklichere Mann 
zur Zeit der Geschlechtsreife nur fortzusetzen braucht, 
was er in der Periode der sexuellen Frühblüte vor- 
geübt hatte. 

Wir werden auf die Rolle der Klitoris noch 
zurückkommen, wenden uns jetzt zur zweiten Aufgabe, 
mit der die Entwicklung des Mädchens belastet ist. Das 
erste Liebesobjekt des Knaben ist die Mutter, sie bleibt 
es auch in der Formation des Ödipuskomplexes, im 
Grunde genommen durchs ganze Leben hindurch. Auch 






164 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

fürs Mädchen muß die Mutter — und die mit ihr ver- 
schmelzenden Gestalten der Amme, Pflegerin — das 
erste Objekt sein; die ersten Objektbesetzungen erfolgen 
ja in Anlehnung an die Befriedigung der großen und 
einfachen Lebensbedürfnisse und die Verhältnisse der 
Kinderpflege sind für beide Geschlechter die gleichen. 
In der ödipussituation ist aber für das Mädchen der 
Vater das Liebesobjekt geworden, und wir erwarten, 
daß sie bei normalem Ablauf der Entwicklung vom 
Vaterobjekt aus den Weg zur endgiltigen Objektwahl 
finden wird. Das Mädchen soll also im Wandel der 
Zeiten erogene Zone und Objekt tauschen, die beide der 
Knabe beibehält. Es entsteht dann die Frage, wie geht 
das vor sich, im besonderen: wie kommt das Mädchen 
von der Mutter zur Bindung an den Vater, oder mit 
anderen Worten: aus ihrer männlichen in die ihr bio- 
logisch bestimmte weibliche Phase? 

Nun wäre es eine Lösung von idealer Einfachheit, 
wenn wir annehmen dürften, von einem bestimmten 
Alter an mache sich der elementare Einfluß der gegen- 
geschlechtlichen Anziehung geltend und dränge das 
kleine Weib zum Mann, während dasselbe Gesetz dem 
Knaben das Beharren bei der Mutter gestatte. Ja man 
könnte hinzunehmen, daß die Kinder dabei den Winken 
folgen, die ihnen die geschlechtliche Bevorzugung der 
Eltern gibt. Aber so gut sollen wir es nicht haben, wir 
wissen kaum, ob wir an jene geheimnisvolle, analytisch 
nicht weiter zersetzbare Macht, von der die Dichter 
soviel schwärmen, im Ernst glauben dürfen. Wir haben 
eine Auskunft ganz anderer Art aus mühevollen Unter- 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 16$ 



suchungen gewonnen, für welche wenigstens das Ma- 
terial leicht zu beschaffen war. Sie müssen nämlich 
wissen, daß die Zahl der Frauen, die bis in späte Zeiten 
in der zärtlichen Abhängigkeit vom Vaterobjekt, ja 
noch vom realen Vater, verbleiben, eine sehr große ist. 
An solchen Frauen mit intensiver und lang andauernder 
Vaterbindung haben wir überraschende Feststellungen 
gemacht. Wir wußten natürlich, daß es ein Vorstadium 
von Mutterbindung gegeben hatte, aber wir wußten 
nicht, daß es so inhaltsreich sein, so lang anhalten, so 
viel Anlässe zu Fixierungen und Dispositionen hinter- 
lassen könne. "Während dieser Zeit ist der Vater nur ein 
lästiger Rivale; in manchen Fällen überdauert die 
Mutterbindung das vierte Jahr. Fast alles, was wir 
später in der Vaterbeziehung finden, war schon in ihr 
vorhanden und ist nachher auf den Vater übertragen 
worden. Kurz, wir gewinnen die Überzeugung, daß man 
das "Weib nicht verstehen kann, wenn man nicht diese 
Phase der präödipalen Mutterbindung 
würdigt. 

Nun wollen wir gerne wissen, welches die libidi- 
nösen Beziehungen des Mädchens zur Mutter sind. Die 
Antwort lautet: sie sind sehr mannigfaltig. Da sie durch 
alle drei Phasen der kindlichen Sexualität gehen, neh- 
men sie auch die Charaktere der einzelnen Phasen an, 
drücken sich durch orale, sadistisch-anale und phallische 
"Wünsche aus. Diese "Wünsche vertreten sowohl aktive 
als passive Regungen; wenn man sie auf die später 
auftretende Differenzierung der Geschlechter bezieht, 
was man aber möglichst vermeiden soll, kann man sie 



1 66 Neu e Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

männliche und weibliche heißen. Sie sind überdies voll- 
ambivalent, ebensowohl zärtlicher als feindselig-aggres- 
siver Natur. Die letzteren kommen oft erst zum Vor- 
schein, nachdem sie in Angstvorstellungen verwandelt 
worden sind. Es ist nicht immer leicht, die Formulie- 
rung dieser frühen Sexualwünsche aufzuzeigen; am 
deutlichsten drückt sich der Wunsch aus, der Mutter 
ein Kind zu machen, wie der ihm entsprechende, ihr 
ein Kind zu gebären, beide der phallischen Zeit ange- 
hörig, befremdend genug, aber durch die analytische 
Beobachtung über jeden Zweifel festgestellt. Der Reiz 
dieser Untersuchungen liegt in den überraschenden 
Einzelfunden, die sie uns bringen. So z. B. entdeckt 
man die Angst, umgebracht oder vergiftet zu werden, 
die später den Kern einer paranoischen Erkrankung 
bilden kann, schon in dieser präödipalen Zeit auf die 
Mutter bezogen. Oder, ein anderer Fall: Sie erinnern 
sich an eine interessante Episode aus der Geschichte der 
analytischen Forschung, die mir viele peinliche Stunden 
verursacht hat. In der Zeit, da das Hauptinteresse auf 
die Aufdeckung sexueller Kindheitsträume gerichtet 
war, erzählten mir fast alle meine weiblichen Patienten, 
daß sie vom Vater verführt worden waren. Ich mußte 
endlich zur Einsicht kommen, daß diese Berichte 
unwahr seien, und lernte so verstehen, daß die hysteri- 
schen Symptome sich von Phantasien, nicht von realen 
Begebenheiten ableiten. Später erst konnte ich in dieser 
Phantasie von der Verführung durch den Vater den 
Ausdruck des typischen Ödipuskomplexes beim "Weibe 
erkennen. Und nun findet man in der präödipalen Vor- 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 167 



geschichte der Mädchen die Verführungsphantasie 
wieder, aber die Verführerin ist regelmäßig die Mutter. 
Hier aber berührt die Phantasie den Boden der Wirk- 
lichkeit, denn es war wirklich die Mutter, die bei den 
Verrichtungen der Körperpflege Lustempfindungen am 
Genitale hervorrufen, vielleicht sogar zuerst erwecken 
mußte. 

Ich erwarte, daß Sie zu dem Verdacht bereit seien, 
diese Schilderung von der Reichhaltigkeit und der 
Stärke der sexuellen Beziehungen des kleinen Mädchens 
zu seiner Mutter sei sehr überzeichnet. Man hat doch 
Gelegenheit, kleine Mädchen zu sehen und merkt ihnen 
nichts dergleichen an. Aber der Einwand trifft nicht zu; 
man kann genug an den Kindern sehen, wenn man zu 
beobachten versteht, und überdies wollen Sie bedenken, 
wie wenig von seinen sexuellen Wünschen das Kind zu 
vorbewußtem Ausdruck bringen oder gar mitteilen 
kann. Wir bedienen uns dann nur eines guten Rechts, 
wenn wir nachträglich die Residuen und Konsequenzen 
dieser Gefühlswelt an Personen studieren, bei denen 
diese Entwicklungsvorgänge eine besonders deutliche 
oder selbst eine übermäßige Ausbildung erreicht hatten. 
Die Pathologie hat uns ja immer den Dienst geleistet, 
durch Isolierung und Übertreibung Verhältnisse kennt- 
lich zu machen, die in der Normalität verdeckt ge- 
blieben wären. Und da unsere Untersuchungen keines- 
wegs an schwer abnormen Menschen ausgeführt worden 
sind, meine ich, wir dürfen ihre Ergebnisse für glaub- 
würdig halten. 

Wir werden jetzt unser Interesse auf die eine Frage 






1 6 8 Neue Vorlesungen zur Einfühlung in die Psychoanalyse 

richten, woran denn diese mächtige Mutterbindung des 
Mädchens zu Grunde geht. Wir wissen, das ist ihr ge- 
wöhnliches Schicksal; sie ist dazu bestimmt, der Vater- 
bindung den Platz zu räumen. Da stoßen wir auf eine 
Tatsache, die uns den weiteren Weg weist. Es handelt 
sich bei diesem Schritt in der Entwicklung nicht um 
einen einfachen Wechsel des Objekts. Die Abwendung 
von der Mutter geschieht im Zeichen der Feindseligkeit, 
die Mutterbindung geht in Haß aus. Ein solcher Haß 
kann sehr auffällig werden und durchs ganze Leben 
anhalten, er kann später sorgfältig überkompensiert 
werden, in der Regel wird ein Teil von ihm über- 
wunden, ein anderer Teil bleibt bestehen. Darauf haben 
die Begebenheiten späterer Jahre natürlich starken Ein- 
fluß. Wir beschränken uns aber darauf, ihn zur Zeit 
der Wendung zum Vater zu studieren und nach seinen 
Motivierungen zu befragen. Wir hören dann eine lange 
Liste von Anklagen und Beschwerden gegen die Mutter, 
die die feindseligen Gefühle des Kindes rechtfertigen 
sollen, von sehr verschiedenem Wert, deren Würdigung 
wir nicht unterlassen werden. Manche sind offenkundige 
Rationalisierungen, die wirklichen Quellen der Feind- 
schaft haben wir zu finden. Ich hoffe, Sie werden Anteil 
daran nehmen, wenn ich Sie diesmal durch alle Details 
einer psychoanalytischen Untersuchung führe. 

Der Vorwurf gegen die Mutter, der am weitesten 
zurückgreift, lautet, daß sie dem Kind zu wenig Milch 
gespendet hat, was ihr als Mangel an Liebe ausgelegt 
wird. Nun hat dieser Vorwurf in unseren Familien eine 
gewisse Berechtigung. Die Mütter haben oft nicht genug 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 169 



Nahrung für das Kind und begnügen sich damit, es 
einige Monate, ein halbes oder dreiviertel Jahre zu 
säugen. Bei primitiven Völkern werden die Kinder bis 
zu zwei und drei Jahren an der Mutterbrust genährt. 
Die Gestalt der nährenden Amme wird in der Regel mit 
der Mutter verschmolzen; wo dies nicht geschehen ist, 
wandelt sich der Vorwurf in den anderen, daß sie die 
Amme, die das Kind so bereitwillig nährte, zu früh 
weggeschickt hat. Aber was immer der wirkliche Sach- 
verhalt gewesen sein mag, es ist unmöglich, daß der 
Vorwurf des Kindes so oft berechtigt ist, als man ihm 
begegnet. Es scheint vielmehr, daß die Gier des Kindes 
nach seiner ersten Nahrung überhaupt unstillbar ist, daß 
es den Verlust der Mutterbrust niemals verschmerzt. Ich 
wäre gar nicht überrascht, wenn die Analyse eines 
Primitiven, der noch an der Mutterbrust saugen durfte, 
als er schon laufen und sprechen konnte, denselben Vor- 
wurf zu Tage fördern würde. Mit der Entziehung der 
Brust hängt wahrscheinlich auch die Angst vor Ver- 
giftung zusammen. Gift ist die Nahrung, die einen 
krank macht. Vielleicht führt das Kind auch seine 
frühen Erkrankungen auf diese Versagung zurück. Es 
gehört bereits ein gut Stück intellektueller Schulung 
dazu, um an Zufall zu glauben; der Primitive, der Un- 
gebildete, gewiß auch das Kind, wissen für alles, was 
geschieht, einen Grund anzugeben. Vielleicht war es ur- 
sprünglich ein Motiv im Sinne des Animismus. In 
manchen Schichten unserer Bevölkerung kann noch 
heute niemand sterben, der nicht von einem anderen 
umgebracht worden wäre, am besten vom Doktor. Und 



I7Q Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

die regelmäßige neurotische Reaktion auf den Tod einer 
nahestehenden Person ist doch die Selbstbeschuldigung, 
daß man selbst diesen Tod verursacht hat. 

Die nächste Anklage gegen die Mutter flammt auf, 
wenn das nächste Kind in der Kinderstube erscheint. 
Wenn möglich, hält sie den Zusammenhang mit der 
oralen Versagung fest. Die Mutter konnte oder wollte 
dem Kind nicht mehr Milch geben, weil sie die Nah- 
rung für das neu Angekommene brauchte. Im Falle, daß 
die beiden Kinder so nahe beisammen sind, daß die 
Laktation durch die zweite Gravidität geschädigt wird, 
erwirbt ja dieser Vorwurf eine reale Begründung und 
merkwürdiger Weise ist das Kind auch bei einer Alters- 
differenz von nur n Monaten nicht zu jung, um den 
Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen. Aber nicht allein 
die Milchnahrung mißgönnt das Kind dem unerwünsch- 
ten Eindringling und Rivalen, sondern ebenso alle an- 
deren Zeichen der mütterlichen Fürsorge. Es fühlt sich 
entthront, beraubt, in seinen Rechten geschädigt, wirft 
einen eifersüchtigen Haß auf das Geschwisterchen und 
entwickelt einen Groll auf die ungetreue Mutter, der 
sich sehr oft in einer unliebsamen Veränderung seines 
Benehmens Ausdruck schafft. Es wird etwa „schlimm", 
reizbar, unfolgsam und macht seine Erwerbungen in der 
Beherrschung der Ausscheidungen rückgängig. Das ist 
alles längst bekannt und wird als selbstverständlich hin- 
genommen, aber wir machen uns selten die richtige 
Vorstellung von der Stärke dieser eifersüchtigen Re- 
gungen, von der Zähigkeit, mit der sie haften bleiben, 
sowie von der Größe ihres Einflusses auf die spätere 



XXXI 1 1. Die Weiblichkeit. 171 



Entwicklung. Besonders, da dieser Eifersucht in den 
späteren Kinderjahren immer neue Nahrung zugeführt 
wird und die ganze Erschütterung sich bei jedem neuen 
Geschwisterchen wiederholt. Es ändert auch nicht viel 
daran, wenn das Kind etwa der bevorzugte Liebling 
der Mutter bleibt; die Liebesansprüche des Kindes sind 
unmäßig, fordern Ausschließlichkeit, lassen keine 
Teilung zu. 

Eine reichliche Quelle für die Feindseligkeit des 
Kindes gegen die Mutter ergeben seine mannigfachen, 
je nach der Libidophase wechselnden Sexualwünsche, 
die meist nicht befriedigt werden können. Die stärkste 
dieser Versagungen ereignet sich in der phallischen Zeit, 
wenn die Mutter die lustvolle Betätigung am Genitale 
verbietet, — oft unter harten Drohungen und mit allen 
Zeichen des Unwillens, — zu der sie doch das Kind selbst 
angeleitet hatte. Man sollte meinen, das wären Motive 
genug, die Abwendung des Mädchens von der Mutter 
zu begründen. Man würde dann urteilen, diese Ent- 
zweiung folge unvermeidlicher Weise aus der Natur der 
kindlichen Sexualität, aus der Unmäßigkeit der Liebes- 
ansprüche und der Unerfüllbarkeit der Sexualwünsche. 
Ja vielleicht denkt man, diese erste Liebesbeziehung des 
Kindes sei zum Untergang verurteilt, eben darum, weil 
sie die erste ist, denn diese frühzeitigen Objekt- 
besetzungen sind regelmäßig im hohen Grade ambi- 
valent; neben der starken Liebe ist immer eine starke 
Aggressionsneigung vorhanden und je leidenschaftlicher 
das Kind sein Objekt liebt, desto empfindlicher wird es 
gegen Enttäuschungen und Versagungen von dessen 



172 Neue Vorlesungen zur Einführun g in die Psychoanalyse 



Seite. Endlich muß die Liebe der angehäuften Feind- 
seligkeit erliegen. Oder man kann eine solche ursprüng- 
liche Ambivalenz der Liebesbesetzungen ablehnen und 
darauf hinweisen, daß es die besondere Natur des 
Mutter-Kind- Verhältnisses ist, die mit der gleichen Un- 
vermeidlichkeit zur Störung der kindlichen Liebe führt, 
denn auch die mildeste Erziehung kann nicht anders 
als Zwang ausüben und Einschränkungen einführen, und 
jeder solche Eingriff in seine Freiheit muß beim Kind 
als Reaktion die Neigung zur Auflehnung und Aggres- 
sion hervorrufen. Ich meine, die Diskussion dieser Mög- 
lichkeiten könnte sehr interessant werden, aber da 
stellt sich plötzlich ein Einwand ein, der unser Interesse 
in eine andere Richtung drängt. Alle diese Momente, 
die Zurücksetzungen, Liebesenttäuschungen, die Eifer- 
sucht, die Verführung mit nachfolgendem Verbot, 
kommen doch auch im Verhältnis des Knaben zur 
Mutter zur Wirksamkeit und sind doch nicht im Stande, 
ihn dem Mutterobjekt zu entfremden. Wenn wir nicht 
etwas finden, was für das Mädchen spezifisch ist, beim 
Knaben nicht oder nicht so vorkommt, haben wir den 
Ausgang der Mutterbindung beim Mädchen nicht 
erklärt. 

Ich meine, wir haben dies spezifische Moment ge- 
funden, und zwar an erwarteter Stelle, wenn auch in 
überraschender Form. An erwarteter Stelle, sage ich, 
denn es liegt im Kastrationskomplex. Der anatomische 
Unterschied muß sich doch in psychischen Folgen aus- 
prägen. Eine Überraschung war es aber, aus den Ana- 
lysen zu erfahren, daß das Mädchen die Mutter für 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 173 



seinen Penismangel verantwortlich macht und ihr 
diese Benachteiligung nicht verzeiht. 

Sie hören, wir schreiben auch dem Weib einen 
Kastrationskomplex zu. Mit gutem Grund, aber er 
kann nicht denselben Inhalt haben wie beim Knaben. 
Bei diesem entsteht der Kastrationskomplex, nachdem 
er durch den Anblick eines weiblichen Genitales erfah- 
ren hat, daß das von ihm so hoch geschätzte Glied nicht 
notwendig mit dem Körper beisammen sein muß. Er 
entsinnt sich dann der Drohungen, die er sich durch 
seine Beschäftigung mit dem Glied zugezogen, fängt an, 
ihnen Glauben zu schenken und gerät von da an unter 
den Einfluß der K a s t r a t i o n s a n g s t, die der 
mächtigste Motor seiner weiteren Entwicklung wird. 
Auch der Kastrationskomplex des Mädchens wird durch 
den Anblick des anderen Genitales eröffnet. Es merkt 
sofort den Unterschied und — man muß es zugestehen 
— auch seine Bedeutung. Es fühlt sich schwer beein- 
trächtigt, äußert oft, es möchte „auch so etwas haben" 
und verfällt nun dem P e n i s n e i d, der unvertilgbare 
Spuren in seiner Entwicklung und Charakterbildung 
hinterlassen, auch im günstigsten Fall nicht ohne 
schweren psychischen Aufwand überwunden werden 
wird. Daß das Mädchen die Tatsache ihres Penis- 
mangels anerkennt, will nicht etwa besagen, daß sie 
sich ihr leichthin unterwirft. Im Gegenteil, sie hält noch 
lange an dem Wunsch fest, auch so etwas zu bekommen, 
glaubt an diese Möglichkeit bis in unwahrscheinlich 
weite Jahre, und noch zu Zeiten, wenn das Wissen um 
die Realität die Erfüllung dieses Wunsches längst als 






174 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 






unerreichbar bei Seite geworfen hat, kann die Analyse 
nachweisen, daß er im Unbewußten erhalten geblieben 
ist und eine ansehnliche Energiebesetzung bewahrt hat. 
Der Wunsch, den ersehnten Penis endlich doch zu be- 
kommen, kann noch seinen Beitrag zu den Motiven 
leisten, die das gereifte Weib in die Analyse drängen, 
und was sie verständiger Weise von der Analyse er- 
warten kann, etwa die Fähigkeit, einen intellektuellen 
Beruf auszuüben, läßt sich oft als eine sublimierte Ab- 
wandlung dieses verdrängten Wunsches erkennen. 

An der Bedeutsamkeit des Penisneides kann man 
nicht gut zweifeln. Hören Sie sich als ein Beispiel 
männlicher Ungerechtigkeit die Behauptung an, daß 
Neid und Eifersucht im Seelenleben der Frauen eine 
noch größere Rolle spielen als bei den Männern. Nicht 
daß diese Eigenschaften bei Männern vermißt würden 
oder daß sie bei Frauen keine andere Wurzel hätten als 
den Penisneid, aber wir sind geneigt, das Mehr bei den 
Frauen diesem letzteren Einfluß zuzuschreiben. Es hat 
sich aber bei manchen Analytikern die Neigung er- 
geben, jenen ersten Schub von Penisneid, in der phal- 
lischen Phase, in seiner Bedeutung herabzudrücken. Sie 
meinen, was man von dieser Einstellung bei der Frau 
findet, sei der Hauptsache nach eine sekundäre Bildung, 
die bei Gelegenheit späterer Konflikte durch Regression 
auf jene frühinfantile Regung zu Stande gekommen. 
Nun ist das ein allgemeines Problem der Tiefenpsycho- 
logie. Bei vielen pathologischen — oder auch nur un- 
gewöhnlichen — Triebeinstellungen z. B. bei allen 
sexuellen Perversionen fragt es sich, wieviel von 



XXXIII. Die Weiblichkeit. i 7J 



deren Stärke den frühinfantilen Fixierungen, wieviel 
dem Einfluß späterer Erlebnisse und Entwicklungen zu- 
zuteilen ist. Es handelt sich dabei fast immer um Er- 
gänzungsreihen, wie wir sie bei der Erörterung der 
Neurosenätiologie angenommen haben. Beide Momente 
teilen sich in wechselndem Ausmaß in die Ver- 
ursachung; ein Minder auf der einen Seite wird durch 
ein Mehr auf der anderen wettgemacht. Das Infantile 
ist in allen Fällen richtunggebend, ausschlaggebend nicht 
immer, aber doch oftmals. Grade im Fall des Penis- 
neides möchte ich mit Entschiedenheit für das Über- 
gewicht des infantilen Moments eintreten. 

Die Entdeckung seiner Kastration ist ein Wende- 
punkt in der Entwicklung des Mädchens. Drei Ent- 
wicklungsrichtungen gehen von ihr aus; die eine führt 
zur Sexualhemmung oder zur Neurose, die nächste zur 
Charakterveränderung im Sinne eines Männlichkeits- 
komplexes, die letzte endlich zur normalen Weiblich- 
keit. Über alle drei haben wir ziemlich viel, wenn auch 
nicht alles erfahren. Der wesentliche Inhalt der ersten 
ist, daß das kleine Mädchen, welches bisher männlich 
gelebt hatte, sich durch Erregung seiner Klitoris Lust 
zu verschaffen wußte und diese Betätigung mit seinen 
oft aktiven Sexualwünschen, die der Mutter galten, in 
Beziehung brachte, sich durch den Einfluß des Penis- 
neides den Genuß seiner phallischen Sexualität verder- 
ben läßt. Durch den Vergleich mit dem soviel besser 
ausgestatteten Knaben in seiner Selbstliebe gekränkt, 
verzichtet es auf die masturbatorische Befriedigung an 
der Klitoris, verwirft seine Liebe zur Mutter und ver- 






176 Neue Vorl esungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

drängt dabei nicht selten ein gutes Stück seiner Sexual- 
strebungen überhaupt. Die Abwendung von der Mutter 
erfolgt wohl nicht mit einem Schlag, denn das Mädchen 
hält seine Kastration zuerst für ein individuelles Un- 
glück, erst allmählich dehnt sie dieselbe auf andere weib- 
liche Wesen, endlich auch auf die Mutter aus. Ihre Liebe 
hatte der phallischen Mutter gegolten; mit der Ent- 
deckung, daß die Mutter kastriert ist, wird es möglich, 
sie als Liebesobjekt fallen zu lassen, so daß die lange 
angesammelten Motive zur Feindseligkeit die Oberhand 
gewinnen. Das heißt also, daß durch die Entdeckung der 
Penislosigkeit das Weib dem Mädchen ebenso entwertet 
wird wie dem Knaben und später vielleicht dem Manne. 
Sie wissen alle, welche überragende ätiologische 
Bedeutung unsere Neurotiker ihrer Onanie einräumen. 
Sie machen sie für alle ihre Beschwerden verantwortlich 
und wir haben große Mühe sie glauben zu machen, daß 
sie im Irrtum sind. Aber eigentlich sollten wir ihnen zu- 
gestehen, daß sie im Recht sind, denn die Onanie ist die 
Exekutive der kindlichen Sexualität, an deren Fehlent- 
wicklung sie allerdings leiden. Nur beschuldigen die 
Neurotiker meist die Onanie der Pubertätszeit; die früh- 
kindliche, auf die es in Wirklichkeit ankommt, haben 
sie meist vergessen. Ich wollte, ich hätte einmal die Ge- 
legenheit, Ihnen ausführlich darzulegen, wie wichtig alle 
tatsächlichen Einzelheiten der frühen Onanie für die 
spätere Neurose oder den Charakter des Einzelnen wer- 
den, ob sie entdeckt wurde oder nicht, wie die Eltern sie 
bekämpften oder zuließen, ob es ihm selbst gelang, sie zu 
unterdrücken. Das alles hat unvergängliche Spuren in 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 177 



seiner Entwicklung hinterlassen. Aber ich bin vielmehr 
froh, daß ich dies nicht zu tun brauche; es wäre eine 
schwere, langwierige Aufgabe und am Ende würden Sie 
mich in Verlegenheit bringen, weil Sie ganz gewiß prak- 
tische Ratschläge von mir forderten, wie man sich als 
Elternteil oder als Erzieher gegen die Onanie der kleinen 
Kinder verhalten soll. In der Entwicklung der Mäd- 
chen, die ich Ihnen vorführe, hören Sie nun ein Beispiel 
dafür, daß das Kind sich selbst um die Befreiung von 
der Onanie bemüht. Aber es gelingt ihm nicht immer. 
Wo der Penisneid einen starken Impuls gegen die kli- 
toridische Onanie erweckt hat und diese doch nicht wei- 
chen will, entspinnt sich ein heftiger Befreiungskampf, 
in dem das Mädchen gleichsam die Rolle der jetzt abge- 
setzten Mutter selbst aufnimmt und seine ganze Unzu- 
friedenheit mit der minderwertigen Klitoris im Wider- 
streben gegen die Befriedigung an ihr zum Ausdruck 
bringt. Noch viele Jahre später, wenn die onanistische 
Betätigung längst unterdrückt ist, setzt sich ein Inter- 
esse fort, das wir als Abwehr einer noch immer gefürch- 
teten Versuchung deuten müssen. Es äußert sich im Auf- 
tauchen von Sympathie für Personen, denen man ähn- 
liche Schwierigkeiten zumutet, es geht als Motiv in die 
Eheschließung ein, ja es kann die Wahl des Ehe- oder 
Liebespartners bestimmen. Die Erledigung der frühkind- 
lichen Masturbation ist wahrlich keine leichte oder 

gleichgiltige Sache. 

Mit dem Aufgeben der klitoridischen Masturbation 
wird auf ein Stück Aktivität verzichtet. Die Passivität 
hat nun die Oberhand, die Wendung zum Vater 



12 



178 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psycho analyse 

wird vorwiegend mit Hilfe passiver Triebregungen voll- 
zogen. Sie erkennen, daß ein solcher Entwicklungsschub, 
der die phallische Aktivität aus dem Weg räumt, der 
Weiblichkeit den Boden ebnet. Wenn dabei nicht zuviel 
durch Verdrängung verloren geht, kann diese Weiblich- 
keit normal ausfallen. Der Wunsch, mit dem sich das 
Mädchen an den Vater wendet, ist wohl ursprünglich 
der Wunsch nach dem Penis, den ihr die Mutter ver- 
sagt hat und den sie nun vom Vater erwartet. Die weib- 
liche Situation ist aber erst hergestellt, wenn sich der 
Wunsch nach dem Penis durch den nach dem Kind er- 
setzt, das Kind also nach alter symbolischer Äquivalenz 
an die Stelle des Penis tritt. Es entgeht uns nicht, daß 
sich das Mädchen schon früher, in der ungestörten phal- 
lischen Phase ein Kind gewünscht hatte; das war ja der 
Sinn ihres Spieles mit Puppen. Aber dies Spiel war nicht 
eigentlich der Ausdruck ihrer Weiblichkeit, es diente der 
Mutteridentifizierung in der Absicht der Ersetzung der 
Passivität durch Aktivität. Sie spielte die Mutter und 
die Puppe war sie selbst; nun konnte sie an dem Kind 
all das tun, was die Mutter an ihr zu tun pflegte. Erst 
mit dem Einmünden des Peniswunsches wird das Puppen- 
kind ein Kind vom Vater und von da an das stärkste 
weibliche Wunschziel. Das Glück ist groß, wenn dieser 
Kinderwunsch später einmal seine reale Erfüllung findet, 
ganz besonders aber, wenn das Kind ein Knäblein ist, 
das den ersehnten Penis mitbringt. In der Zusammen- 
stellung: Ein Kind vom Vater ruht der Akzent häufig 
genug auf dem Kind und läßt den Vater unbetont. So 
schimmert der alte männliche Wunsch nach dem Besitz 



XXXIII. Die Weiblichkeit. i_79 



des Penis noch durch die .vollendete Weiblichkeit durch. 
Aber vielleicht sollten wir diesen Peniswunsch eher als 
einen exquisit weiblichen anerkennen. 

Mit der Übertragung des Kind-Penis- Wunsches auf 
den Vater ist das Mädchen in die Situation des Ödipus- 
komplexes eingetreten. Die Feindseligkeit gegen die Mut- 
ter, die nicht erst neu geschaffen zu werden brauchte, 
erfährt jetzt eine große Verstärkung, denn sie wird zur 
Rivalin, die vom Vater all das erhält, was das Mädchen 
von ihm begehrt. Der Ödipuskomplex des Mädchens hat 
uns lange den Einblick in dessen präödipale Mutterbin- 
dung verhüllt, die doch so wichtig ist und so nachhaltige 
Fixierungen hinterläßt. Für das Mädchen ist die ödipus- 
situation der Ausgang einer langen und schwierigen Ent- 
wicklung, eine Art vorläufiger Erledigung, eine Ruhe- 
position, die man nicht so bald verläßt, besonders da 
der Beginn der Latenzzeit nicht fern ist. Und nun fällt 
uns im Verhältnis des Ödipuskomplexes zum Kastrations- 
komplex ein Unterschied zwischen den Geschlechtern 
auf, der wahrscheinlich folgenschwer ist. Der Ödipus- 
komplex des Knaben, in dem er seine Mutter begehrt 
und seinen Vater als Rivalen beseitigen möchte, ent- 
wickelt sich natürlich aus der Phase seiner phallischen 
Sexualität. Die Kastrationsdrohung zwingt ihn aber, 
diese Einstellung aufzugeben. Unter dem Eindruck der 
Gefahr, den Penis zu verlieren, wird der Ödipuskomplex 
verlassen, verdrängt, im normalsten Falle gründlich zer- 
stört, und als sein Erbe ein strenges Uberich eingesetzt. 
Was beim Mädchen geschieht, ist beinahe das Gegenteil. 
Der Kastrationskomplex bereitet den Ödipuskomplex vor 



i8o Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

anstatt ihn zu zerstören, durch den Einfluß des Penis- 
neides wird das Mädchen aus der Mutterbindung ver- 
trieben und läuft in die ödipussituation wie in einen 
Hafen ein. Mit dem Wegfall der Kastrationsangst ent- 
fällt das Hauptmotiv, das den Knaben gedrängt hatte, 
den Ödipuskomplex zu überwinden. Das Mädchen ver- 
bleibt in ihm unbestimmt lange, baut ihn nur spät und 
dann unvollkommen ab. Die Bildung des Uberichs muß 
unter diesen Verhältnissen leiden, es kann nicht die 
Stärke und die Unabhängigkeit erreichen, die ihm seine 
kulturelle Bedeutung verleihen und — Feministen hören 
es nicht gerne, wenn man auf die Auswirkungen dieses 
Moments für den durchschnittlichen weiblichen Charak- 
ter hinweist. 

Um nun zurückzugreifen: als die zweite der mög- 
lichen Reaktionen nach der Entdeckung der weiblichen 
Kastration haben wir die Entwicklung eines starken 
Männlichkeitskomplexes erwähnt. Damit ist gemeint, daß * 
das Mädchen sich gleichsam weigert, die unliebsame Tat- 
sache anzuerkennen, in trotziger Auflehnung seine bis- 
herige Männlichkeit noch übertreibt, an seiner klitori- 
dischen Betätigung festhält und seine Zuflucht zu einer 
Identifizierung mit der phallischen Mutter oder dem 
Vater nimmt. Was kann für diesen Ausgang entscheidend 
sein? Wir können uns nichts anderes vorstellen als einen 
konstitutionellen Faktor, ein größeres Ausmaß von Ak- 
tivität, wie es sonst für das Männchen charakteristisch ist. 
Das Wesentliche des Vorganges ist doch, daß an dieser 
Stelle der Entwicklung der Passivitätsschub vermieden 
wird, der die Wendung zur Weiblichkeit eröffnet. Als die 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 181 



äußerste Leistung dieses Männlichkeitskomplexes er- 
scheint uns die Beeinflussung der Objektwahl im Sinne 
einer manifesten Homosexualität. Die analytische Erfah- 
rung lehrt uns zwar, daß die weibliche Homosexualität 
selten oder nie die infantile Männlichkeit gradlinig fort- 
setzt. Es scheint dazuzugehören, daß auch solche Mäd- 
chen für eine Weile den Vater zum Objekt nehmen und 
sich in die ödipussituation begeben. Dann aber werden 
sie durch die unausbleiblichen Enttäuschungen am Vater 
zur Regression auf ihren frühen Männlichkeitskomplex 
gedrängt. Man darf die Bedeutung dieser Enttäuschun- 
gen nicht überschätzen; sie bleiben auch dem zur Weib- 
lichkeit bestimmten Mädchen nicht erspart, ohne den 
gleichen Erfolg zu haben. Die Übermacht des konstitu- 
tionellen Moments scheint unbestreitbar, aber die zwei 
Phasen in der Entwicklung der weiblichen Homosexua- 
lität spiegeln sich sehr schön in den Praktiken der Ho- 
mosexuellen, die eben so oft und eben so deutlich Mutter 
und Kind mit einander spielen wie Mann und Weib. 

Was ich Ihnen da erzählt habe, ist sozusagen die 
Vorgeschichte des Weibes. Es ist eine Erwerbung der 
allerletzten Jahre, mag Ihnen als Probe analytischer 
Kleinarbeit interessant gewesen sein. Da die Frau selbst 
das Thema ist, gestatte ich mir, diesmal einige Frauen 
namentlich zu erwähnen, denen diese Untersuchung wich- 
tige Beiträge verdankt. Dr. Ruth Mack Bruns- 
wick hat als die erste einen Fall von Neurose be- 
schrieben, der auf eine Fixierung im präödipalen Sta- 
dium zurückging und die ödipussituation überhaupt 
nicht erreicht hatte. Er hatte die Form einer Eifersuchts- 






1 82 Neue Vorlegungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Paranoia und erwies sich der Therapie zugänglich. 
Dr. Jeanne Lampl-de Groot hat die so un- 
glaubwürdige phallische Aktivität des Mädchens gegen 
die Mutter in gesicherten Beobachtungen festgestellt, 
Dr. Helene Deutsch gezeigt, daß die Liebesakte 
homosexueller Frauen die Mutter-Kind Beziehungen re- 
produzieren. 

Das weitere Verhalten der Weiblichkeit durch die 
Pubertät bis in die Zeit der Reife zu verfolgen, liegt 
nicht in meiner Absicht. Unsere Einsichten wären auch 
unzureichend dafür. Einige Züge werde ich im Nach- 
folgenden zusammenstellen. An die Vorgeschichte an- 
knüpfend will ich hier nur hervorheben, daß die Ent- 
faltung der Weiblichkeit der Störung durch die Rest- 
erscheinungen der männlichen Vorzeit ausgesetzt bleibt. 
Regressionen zu den Fixierungen jener präödipalen Pha- 
sen ereignen sich sehr häufig; in manchen Lebensläufen 
kommt es zu einem wiederholten Alternieren von Zeiten, 
in denen die Männlichkeit oder die Weiblichkeit die 
Oberhand gewonnen hat. Ein Stück dessen, was wir 
Männer das „Rätsel des Weibes" heißen, leitet sich viel- 
leicht von diesem Ausdruck der Bisexualität im weib- 
lichen Leben ab. Aber eine andere Frage scheint wäh- 
rend dieser Untersuchungen spruchreif geworden zu sein. 
Wir haben die Triebkraft des Sexuallebens Libido ge- 
nannt. Dies Sexualleben wird von der Polarität Männ- 
lich-Weiblich beherrscht; also liegt es nahe, das Verhält- 
nis der Libido zu diesem Gegensatz ins Auge zu fassen. 
Es wäre nicht überraschend, wenn sich herausstellte, daß 
jeder Sexualität ihre besondere Libido zugeordnet wäre, 



XXXIII. Die Weiblichkeit. 183 



so daß eine Art von Libido die Ziele des männlichen, 
eine andere die des weiblichen Sexuallebens verfolgen 
würde. Aber nichts dergleichen ist der Fall. Es gibt nur 
eine Libido, die in den Dienst der männlichen wie der 
weiblichen Sexualfunktion gestellt wird. Wir können ihr 
selbst kein Geschlecht geben; wenn wir sie nach der kon- 
ventionellen Gleichstellung von Aktivität und Männlich- 
keit selbst männlich heißen wollen, dürfen wir nicht ver- 
gessen, daß sie auch Strebungen mit passiven Zielen ver- 
tritt. Immerhin, die Zusammenstellung „weibliche Li- 
bido" läßt jede Rechtfertigung vermissen. Es ist dann 
unser Eindruck, daß der Libido mehr Zwang angetan 
wurde, wenn sie in den Dienst der weiblichen Funktion 
gepreßt ist, und daß — um teleologisch zu reden — die 
Natur ihren Ansprüchen weniger sorgfältig Rechnung 
trägt als im Falle der Männlichkeit. Und das mag — 
wiederum teleologisch gedacht — seinen Grund darin 
haben, daß die Durchsetzung des biologischen Ziels der 
Aggression des Mannes anvertraut und von der Zustim- 
mung des Weibes einigermaßen unabhängig gemacht 
worden ist. 

Die sexuelle Frigidität des Weibes, deren Häufig- 
keit diese Zurücksetzung zu bestätigen scheint, ist ein 
erst ungenügend verstandenes Phänomen. Manchmal psy- 
chogen und dann der Beeinflussung zugänglich, legt sie 
in anderen Fällen die Annahme einer konstitutionellen 
Bedingtheit, selbst den Beitrag eines anatomischen Fak- 
tors, nahe. 

Ich habe versprochen, Ihnen noch einige psychische 
Besonderheiten der reifen Weiblichkeit vorzuführen, wie 



184 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sie uns in der analytischen Beobachtung entgegen treten. 
Mehr als durchschnittlichen Wahrheitswert nehmen wir 
für diese Behauptungen nicht in Anspruch; auch ist es 
nicht immer leicht auseinanderzuhalten, was dem Ein- 
fluß der Sexualfunktion und was der sozialen Züchtung 
zuzuschreiben ist. Wir schreiben also der Weiblichkeit 
ein höheres Maß von Narzißmus zu, das noch ihre Ob- 
jektwahl beeinflußt, so daß geliebt zu werden dem 
Weib ein stärkeres Bedürfnis ist, als zu lieben. An der 
körperlichen Eitelkeit des Weibes ist noch die Wirkung 
des Penisneides mitbeteiligt, da sie ihre Reize als späte 
Entschädigung für die ursprüngliche sexuelle Minder- 
wertigkeit um so höher einschätzen muß. Der Scham, 
die als eine exquisit weibliche Eigenschaft gilt, aber weit 
mehr konventionell ist, als man denken sollte, schreiben 
wir die ursprüngliche Absicht zu, den Defekt des Geni- 
tales zu verdecken.Wir vergessen nicht, daß sie später- 
hin andere Funktionen übernommen hat. Man meint, 
daß die Frauen zu den Entdeckungen und Erfindungen 
der Kulturgeschichte wenig Beiträge geleistet haben, aber 
vielleicht haben sie doch eine Technik erfunden, die des 
Flechtens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man 
versucht, das unbewußte Motiv dieser Leistung zu er- 
raten. Die Natur selbst hätte das Vorbild für diese Nach- 
ahmung gegeben, in dem sie mit der Geschlechtsreife die 
Genitalbehaarung wachsen ließ, die das Genitale ver- 
hüllt. Der Schritt, der dann noch zu tun war, bestand 
darin, die Fasern an einander haften zu machen, die am 
Körper in der Haut staken und nur mit einander 
verfilzt waren. Wenn Sie diesen Einfall als phantastisch 



XX XIII. Die Weiblichkeit. 185 



zurückweisen und mir den Einfluß des Penismangels auf 
die Gestaltung der Weiblichkeit als eine fixe Idee an- 
rechnen, bin ich natürlich wehrlos. 

Die Bedingungen der Objektwahl des Weibes sind 
häufig genug durch soziale Verhältnisse unkenntlich ge- 
macht. Wo sie sich frei zeigen darf, erfolgt sie oft nach 
dem narzißtischen Ideal des Mannes, der zu werden das 
Mädchen gewünscht hatte. Ist das Mädchen in der Vater- 
bindung, also im Ödipuskomplex verblieben, so wählt 
es nach dem Vatertypus. Da bei der Wendung von der 
Mutter zum Vater die Feindseligkeit der ambivalenten 
Gefühlsbeziehung bei der Mutter verblieben ist, sollte 
eine solche Wahl eine glückliche Ehe versichern. Aber 
sehr oft tritt der Ausgang ein, der eine solche Erledigung 
des Ambivalenzkonflikts im allgemeinen bedroht. Die zu- 
rückgelassene Feindseligkeit kommt der positiven Bin- 
dung nach und greift auf das neue Objekt über. Der 
Ehemann, der zunächst vom Vater geerbt hatte, tritt mit 
der Zeit auch das Muttererbe an. So kann es leicht ge- 
schehen, daß die zweite Hälfte des Lebens einer Frau 
von dem Kampf gegen ihren Mann erfüllt wird, wie die 
kürzere erste von der Auflehnung gegen ihre Mutter. 
Nachdem diese Reaktion ausgelebt worden ist, kann sich 
eine zweite Ehe leicht sehr viel befriedigender gestalten. 
Eine andere Wandlung im Wesen der Frau, für die die 
Liebenden nicht vorbereitet sind, mag eintreten, nach- 
dem in der Ehe das erste Kind geboren worden ist. Unter 
dem Eindruck der eigenen Mutterschaft kann eine Iden- 
tifizierung mit der eigenen Mutter wieder belebt werden, 
gegen die sich das Weib bis zur Ehe gesträubt hatte, und 



1 86 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

alle verfügbare Libido an sich reißen, so daß der "Wieder- 
holungszwang eine unglückliche Ehe der Eltern repro- 
duziert. Daß das alte Moment des Penismangels seine 
Kraft noch immer nicht eingebüßt hat, zeigt sich in der 
verschiedenen Reaktion der Mutter auf die Geburt eines 
Sohnes oder einer Tochter. Nur das Verhältnis zum Sohn 
bringt der Mutter uneingeschränkte Befriedigung; es ist 
überhaupt die vollkommenste, am ehesten ambivalenz- 
freie aller menschlichen Beziehungen. Auf den Sohn kann 
die Mutter den Ehrgeiz übertragen, den sie bei sich unter- 
drücken mußte, von ihm die Befriedigung all dessen er- 
warten, was ihr von ihrem Männlichkeitskomplex ver- 
blieben ist. Selbst die Ehe ist nicht eher versichert, als 
bis es der Frau gelungen ist, ihren Mann auch zu ihrem 
Kind zu machen und die Mutter gegen ihn zu agieren. 
Die Mutteridentifizierung des Weibes läßt zwei 
Schichten erkennen, die präödipale, die auf der zärt- 
lichen Bindung an die Mutter beruht, und sie zum Vor- 
bild nimmt, und die spätere aus dem Ödipuskomplex, 
die die Mutter beseitigen und beim Vater ersetzen will. 
Von beiden bleibt viel für die Zukunft übrig, man hat 
wohl ein Recht zu sagen, keine wird im Laufe der Ent- 
wicklung in ausreichendem Maße überwunden. Aber die 
Phase der zärtlichen präödipalen Bindung ist die für 
die Zukunft des Weibes entscheidende; in ihr bereitet 
sich die Erwerbung jener Eigenschaften vor, mit denen 
sie später ihrer Rolle in der Sexualfunktion genügen und 
ihre unschätzbaren sozialen Leistungen bestreiten wird. 
In dieser Identifizierung gewinnt sie auch die Anzie- 
hung für den Mann, die dessen ödipale Mutterbin- 






XXXIII. Die Weiblichkeit. 187 

dung zur Verliebtheit entfacht. Nur daß dann so häufig 
erst der Sohn das erhält, um was er für sich geworben 
hatte. Man hat den Eindruck, die Liebe des Mannes und 
die der Frau sind um eine psychologische Phasendifferenz 
auseinander. 

Daß man dem Weib wenig Sinn für Gerechtigkeit 
zuerkennen muß, hängt wohl mit dem Überwiegen des 
Neids in ihrem Seelenleben zusammen, denn die Gerech- 
tigkeitsforderung ist eine Verarbeitung des Neids, gibt 
die Bedingung an, unter der man ihn fahren lassen kann. 
Wir sagen auch von den Frauen aus, daß ihre sozialen 
Interessen schwächer und ihre Fähigkeit zur Triebsubli- 
mierung geringer sind als die der Männer. Das erstere 
leitet sich wohl vom dissozialen Charakter ab, der allen 
Sexualbeziehungen unzweifelhaft eignet. Liebende finden 
an einander Genüge und noch die Familie widerstrebt 
der Aufnahme in umfassendere Verbände. Die Eignung 
zur Sublimierung ist den größten individuellen Schwan- 
kungen unterworfen. Hingegen kann ich es nicht unter- 
lassen, einen Eindruck zu erwähnen, den man immer 
wieder in der analytischen Tätigkeit empfängt. Ein Mann 
um die Dreißig erscheint als ein jugendliches, eher un- 
fertiges Individuum, von dem wir erwarten, daß es die 
Möglichkeiten der Entwicklung, die ihm die Analyse er- 
öffnet, kräftig ausnützen wird. Eine Frau um die gleiche 
Lebenszeit aber erschreckt uns häufig durch ihre psychi- 
sche Starrheit und Unveränderlichkeit. Ihre Libido hat 
endgiltige Positionen eingenommen und scheint unfähig, 
sie gegen andere zu verlassen. Wege zu weiterer Ent- 
wicklung ergeben sich nicht; es ist, als wäre der ganze 



1 88 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Prozeß bereits abgelaufen, bliebe von nun an unbeein- 
flußbar, ja als hätte die schwierige Entwicklung zur 
Weiblichkeit die Möglichkeiten der Person erschöpft. 
Wir beklagen diesen Sachverhalt als Therapeuten, selbst 
wenn es uns gelingt, dem Leiden durch die Erledigung 
des neurotischen Konflikts ein Ende zu machen. 

Das ist alles, was ich Ihnen über die Weiblichkeit 
zu sagen hatte. Es ist gewiß unvollständig und fragmen- 
tarisch, klingt auch nicht immer freundlich. Vergessen 
Sie aber nicht, daß wir das Weib nur insofern beschrie- 
ben haben, als sein Wesen durch seine Sexualfunktion 
bestimmt wird. Dieser Einfluß geht freilich sehr weit, 
aber wir behalten im Auge, daß die einzelne Frau auch 
sonst ein menschliches Wesen sein mag. Wollen Sie mehr 
über die Weiblichkeit wissen, so befragen Sie ihre eigenen 
Lebenserfahrungen, oder Sie wenden sich an die Dichter, 
oder Sie warten, bis die Wissenschaft Ihnen tiefere und 
besser zusammenhängende Auskünfte geben kann. 






' 



XXXIV. VORLESUNG 

AUFKLÄRUNGEN, ANWENDUNGEN, 
ORIENTIERUNGEN 

Meine Damen und Herren! Darf ich einmal, sozu- 
sagen des trockenen Tones satt, über Dinge vor Ihnen 
reden, die sehr wenig theoretische Bedeutung haben, die 
Sie aber doch nahe angehen, insoferne Sie der Psycho- 
analyse freundlich gesinnt sind? Setzen wir z. B. den 
Fall, daß Sie in Ihren Mußestunden einen deutschen, 
englischen oder amerikanischen Roman zur Hand neh- 
men, in dem Sie eine Schilderung der Menschen und der 
Zustände von heute zu finden erwarten. Nach wenigen 
Seiten stoßen Sie auf eine erste Äußerung über Psycho- 
analyse und dann bald auf weitere, auch wenn der Zu- 
sammenhang es nicht zu erfordern scheint. Sie müssen 
nicht meinen, daß es sich dabei um Anwendungen der 
Tiefenpsychologie zum besseren Verständnis der Personen 
im Text oder ihrer Taten handelt; es gibt allerdings auch 
ernsthaftere Dichtungen, in denen das wirklich versucht 
wird. Nein, es sind meist spöttische Bemerkungen, mit 
denen der Verfasser des Romans seine Belesenheit oder 
seine intellektuelle Überlegenheit dartun will. Nicht 
immer bekommen Sie auch den Eindruck, daß er das 
wirklich kennt, worüber er sich ausspricht. Oder Sie 
gehen zu Ihrer Erholung in eine gesellige Vereinigung; 



i9Q Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

es muß nicht gerade in Wien sein. Nach kurzer Zeit 
geht das Gespräch auf die Psychoanalyse, Sie hören die 
verschiedensten Leute ihr Urteil abgeben, meist im Tone 
unbeirrter Sicherheit. Dies Urteil ist ganz gewöhnlich ein 
geringschätzendes, oft eine Schmähung, zum Mindesten 
wieder eine Spötterei. Wenn Sie so unvorsichtig sind zu 
verraten, daß Sie etwas von dem Gegenstand verstehen, 
fallen Alle über Sie her, verlangen Auskünfte und Er- 
klärungen und geben Ihnen nach kurzer Zeit die Über- 
zeugung, daß alle diese strengen Urteile vor jeder Infor- 
mation gefällt worden waren, daß kaum einer von diesen 
Gegnern je ein analytisches Buch zur Hand genommen 
hat oder wenn doch, daß er nicht über den ersten Wider- 
stand beim Zusammentreffen mit einem neuen Stoff hin- 
weggekommen ist. 

Von einer Einführung in die Psychoanalyse erwar- 
ten Sie vielleicht auch eine Anweisung, welche Argu- 
mente man zur Richtigstellung der offenkundigen Irr- 
tümer über die Analyse verwenden, welche Bücher man 
zur besseren Information empfehlen, oder selbst, welche 
Beispiele aus Ihrer Lektüre oder Erfahrung Sie in der 
Diskussion anrufen sollen, um die Einstellung der Ge- 
sellschaft zu ändern. Ich bitte Sie, tun Sie nichts von 
alledem. Es wäre unnütz; am besten Sie verbergen über- 
haupt Ihre besseres Wissen. Wenn das nicht mehr mög- 
lich ist, so beschränken Sie sich darauf zu sagen, Sie 
meinen, soweit Sie orientiert sind, daß die Psychoana- 
lyse ein besonderer Wissenszweig sei, recht schwer zu 
verstehen und zu beurteilen, daß sie sich mit sehr ernst- 
haften Dingen beschäftige, sodaß man ihr mit ein paar 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientieru ngen 191 

Scherzen nicht nahekomme, und daß man sich für ge- 
sellschaftliche Unterhaltungen lieber ein anderes Spiel- 
zeug aussuchen solle. Natürlich beteiligen Sie sich auch 
nicht an Deutungsversuchen, wenn unvorsichtige Leute 
ihre Träume erzählen, und widerstehen auch der Ver- 
suchung, durch Berichte von Heilungen um Gunst für die 
Analyse zu werben. 

Sie können aber die Frage aufwerfen, warum diese 
Leute, sowohl die Bücher schreiben als die Konversation 
machen, sich so inkorrekt benehmen, und Sie werden 
zur Annahme neigen, daß dies nicht nur an den Leuten, 
sondern auch an der Psychoanalyse liegt. Das meine ich 
auch; was Ihnen in Literatur und Gesellschaft als Vor- 
urteil entgegentritt, ist die Nachwirkung eines früheren 
Urteils, — nämlich des Urteils, das die Vertreter der 
offiziellen Wissenschaft über die junge Psychoanalyse ge- 
fällt hatten. Ich habe mich schon einmal in einer histo- 
rischen Darstellung darüber beklagt und werde es nicht 
wieder tun, — vielleicht war schon dies eine Mal zuviel, 
— aber wirklich, es gab keine Verletzung der Logik, 
aber auch keine des Anstands und guten Geschmacks, 
die sich die wissenschaftlichen Gegner der Psychoanalyse 
damals nicht gestattet hätten. Es war eine Situation, wie 
sie im Mittelalter verwirklicht war, wenn ein Missetäter 
oder auch nur ein politischer Gegner an den Pranger 
gestellt und der Mißhandlung durch den Pöbel preis- 
gegeben wurde. Und Sie machen es sich vielleicht nicht 
klar, wie weit hinauf in unserer Gesellschaft die Pöbel- 
haftigkeit reicht und welchen Unfug sich die Menschen 
erlauben, wenn sie sich als Massenbestandteil und der 



192 Neue V orlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

persönlichen Verantwortung überhoben fühlen. Ich war 
zu Beginn jener Zeiten ziemlich allein, sah bald 
ein, daß Polemisieren keine Aussicht habe, daß aber 
auch das Sich - beklagen und die Anrufung besserer 
Geister sinnlos sei, da es ja keine Instanzen gäbe, 
bei denen die Klage anzubringen wäre. Somit ging 
ich einen anderen Weg; ich machte die erste An- 
wendung der Psychoanalyse, indem ich mir das Beneh- 
men der Masse als Phänomen desselben "Widerstands 
aufklärte, den ich bei den einzelnen Patienten zu be- 
kämpfen hatte, enthielt mich selbst der Polemik und 
beeinflußte meine Anhänger, als sie allmählich hinzu- 
kamen, nach derselben Richtung. Das Verfahren war gut, 
der Bann, in den damals die Analyse getan wurde, ist 
seither aufgehoben worden, aber wie ein verlassener 
Glaube als Aberglaube fortlebt, eine von der Wissen- 
schaft aufgegebene Theorie als Volksmeinung erhalten 
bleibt, so setzt sich heute jene ursprüngliche Ächtung der 
Psychoanalyse durch wissenschaftliche Kreise in der 
spöttischen Geringschätzung der Bücher schreibenden 
oder Konversation machenden Laien fort. Darüber wer- 
den Sie sich also nicht mehr verwundern. 

Nun erwarten Sie aber nicht, die frohe Botschaft 
zu hören, der Kampf um die Analyse sei zu Ende und 
habe mit ihrer Anerkennung als Wissenschaft, ihrer Zu- 
lassung als Lehrstoff zur Universität geendet. Es ist 
keine Rede davon, er setzt sich fort, nur in mehr ge- 
sitteten Formen. Neu ist auch, daß sich in der wissen- 
schaftlichen Gesellschaft eine Art von PufTerschicht zwi- 
schen der Analyse und ihren Gegnern gebildet hat, Leute, 






r* 







XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 193 



die etwas an der Analyse gelten lassen, es auch unter 
ergötzlichen Verklausulierungen bekennen, dafür anderes 
ablehnen, wie sie nicht laut genug verkünden können. 
Was sie bei dieser Auswahl bestimmt, ist nicht leicht 
zu erraten. Es scheinen persönliche Sympathien zu sein. 
Der eine nimmt Anstoß an der Sexualität, der andere 
am Unbewußten; besonders unbeliebt scheint die Tat- 
sache der Symbolik zu sein. Daß das Gebäude der 
Psychoanalyse, obwohl unfertig, doch schon heute eine 
Einheit darstellt, aus der nicht jeder nach seiner Willkür 
Elemente herausbrechen kann, scheint für diese Eklek- 
tiker nicht in Betracht zu kommen. Von keinem dieser 
Halb- oder Viertelanhänger konnte ich den Eindruck 
bekommen, daß ihre Ablehnung auf Nachprüfung be- 
gründet war. Auch manche hervorragende Männer ge- 
hören zu dieser Kategorie. Sie sind freilich entschuldigt 
durch die Tatsache, daß ihre Zeit wie ihr Interesse an- 
deren Dingen gehören, nämlich jenen, in deren Bewäl- 
tigung sie so Bedeutendes geleistet haben. Aber sollten 
sie dann nicht lieber mit ihrem Urteil zurückhalten an- 
statt so entschieden Partei zu nehmen? Bei einem dieser 
Großen gelang mir einmal eine rasche Bekehrung. Es war 
ein weltberühmter Kritiker, der den geistigen Strömun- 
gen der Zeit mit wohlwollendem Verständnis und pro- 
phetischem Scharfblick gefolgt war. Ich lernte ihn erst 
kennen, als er das achtzigste Jahr überschritten hatte, 
aber er war noch immer bezaubernd im Gespräch. Sie 
werden leicht erraten, wen ich meine. Ich war es auch 
nicht, der auf die Psychoanalyse zu reden kam. Er tat 
es, indem er sich auf die bescheidenste Weise an mir 



13 



194 Nf»g Vorlesungen zur Einführung in die Psycho analyse 

maß. „Ich bin nur ein Literat, sagte er, aber Sie sind 
ein Naturforscher und Entdecker. Aber das eine muß 
ich Ihnen sagen: ich habe nie sexuelle Gefühle für meine 
Mutter gehabt." „Aber das brauchen Sie ja gar nicht 
gewußt zu haben", war meine Erwiderung, „das sind ja 
für den Erwachsenen unbewußte Vorgänge." „Ach, so 
meinen Sie das", sagte er erleichtert und drückte meine 
Hand. Wir plauderten noch einige Stunden im besten 
Einvernehmen. Ich hörte später, daß er in dem kurzen 
Lebensrest, der ihm noch vergönnt war, sich wiederholt 
freundlich über die Analyse äußerte und gerne das ihm 
neue Wort „Verdrängung" gebrauchte. 

Ein bekannter Spruch mahnt, man soll von seinen 
Feinden lernen. Ich gestehe, daß mir dies nie gelungen 
ist, aber ich dachte doch, es könnte für Sie lehrreich 
werden, wenn ich mit Ihnen eine Musterung aller der 
Vorwürfe und Einwendungen vornähme, die die Gegner 
der Psychoanalyse gegen sie erhoben haben, und dann 
auf die so leicht aufzudeckenden Ungerechtigkeiten und 
Verstöße gegen die Logik hinwiese. Aber „o« second 
thoughts" habe ich mir gesagt, das würde gar nicht inter- 
essant, sondern ermüdend und peinlich werden und grade 
das sein, was ich in all diesen Jahren sorgfältig ver- 
mieden habe. Entschuldigen Sie mich also, wenn ich 
diesen Weg nicht weiter verfolge und Sie mit den Ur- 
teilen unserer sogenannt wissenschaftlichen Gegner ver- 
schone. Handelt es sich doch fast immer um Personen, 
deren einziger Befähigungsnachweis die Unbefangenheit 
ist, die sie sich durch Fernhaltung von den Erfahrungen 
der Psychoanalyse bewahrt haben. Aber ich weiß, so 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 195 



leichten Kaufs werden Sie mich nicht in anderen Fällen 
entlassen. Sie werden mir vorhalten: Es gibt doch soviel 
Personen, für die Ihre letzte Bemerkung nicht zutrifft. 
Diese sind der analytischen Erfahrung nicht ausgewichen, 
haben Patienten analysiert, sind vielleicht selbst analy- 
siert worden, waren sogar eine Zeit lang Ihre Mitarbei- 
ter und sind doch zu anderen Auffassungen und Theo- 
rien gekommen, auf Grund deren sie von Ihnen abge- 
fallen sind und selbständige Schulen der Psychoanalyse 
begründet haben. Über die Möglichkeit und Bedeutung 
dieser in der Geschichte der Analyse so häufigen Ab- 
fallsbewegungen sollten Sie uns Aufklärung geben. 

Ja, ich will es versuchen; in Kürze zwar, denn es 
kommt dabei weniger für das Verständnis der Analyse 
heraus, als Sie erwarten mögen. Ich weiß, Sie denken 
in erster Linie an die A d 1 e r sehe Individualpsychologie, 
die z. B. in Amerika als eine gleichberechtigte Neben- 
linie unserer Psychoanalyse betrachtet und regelmäßig 
mit ihr zusammen genannt wird. In Wirklichkeit hat 
sie sehr wenig mit ihr zu tun, führt aber in Folge ge- 
wisser historischer Umstände eine Art von parasitärer 
Existenz auf ihre Kosten. Auf ihren Gründer treffen die 
Bedingungen, die wir für die Gegner dieser Gruppe an- 
genommen haben, nur in geringem Ausmaß zu. Der Name 
selbst ist unpassend, scheint ein Produkt der Verlegen- 
heit; wir können uns seine berechtigte Verwendung als 
Gegensatz zu Massenpsychologie nicht stören lassen; 
auch was wir treiben ist zumeist und vor allem Psycho- 
logie des menschlichen Individuums. In eine objektive 
Kritik der Adlerschen Individualpsychologie werde ich 



[96 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



heute nicht eingehen, sie liegt nicht im Plan dieser Ein- 
führung, auch habe ich sie schon einmal versucht und 
habe wenig Anlaß etwas an ihr zu ändern. Den Ein- 
druck, den sie hervorruft, will ich aber durch eine kleine 
Begebenheit in den Jahren vor der Analyse illustrieren. 
In der Nähe der mährischen Kleinstadt, in der ich 
geboren bin und die ich als Kind von drei Jahren ver- 
lassen habe, befindet sich ein bescheidener Kurort, schön 
im Grünen gelegen. In den Gymnasial jähren war ich 
mehrmals auf Ferien dort. Etwa zwei Jahrzehnte später 
wurde die Erkrankung einer nahen Verwandten der An- 
laß, diesen Ort wiederzusehen. In einer Unterhaltung 
mit dem Kurarzt, der meiner Verwandten Beistand ge- 
leistet hatte, erkundigte ich mich auch nach seinen Be- 
ziehungen, zu den — ich glaube — slowakischen Bauern, 
die im Winter seine einzige Klientel bildeten. Er erzählte, 
die ärztliche Tätigkeit spiele sich in folgender Weise ab: 
Zur Stunde seiner Ordination kommen die Patienten in 
sein Zimmer und stellen sich in einer Reihe auf. Einer 
nach dem anderen tritt dann hervor und klagt über seine 
Beschwerden. Er hat Kreuzschmerzen oder Magen- 
krämpfe oder Müdigkeit in den Beinen u. s. w. Dann 
untersucht er ihn und nachdem er sich orientiert hat, 
ruft er ihm die Diagnose zu, in jedem Fall die nämliche. 
Er übersetzte mir das Wort, es heiße soviel wie „ver- 
hext". Ich fragte erstaunt, ob die Bauern denn keinen 
Anstoß daran nehmen, daß er bei allen Kranken den- 
selben Befund habe. O nein, erwiderte er, sie sind sehr 
zufrieden damit, es ist das, was sie erwartet haben. 
Jeder, der in die Reihe zurücktritt, deutet den anderen 



. 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 197 

durch Mienen und Gebärden: Ja, das ist einer, der's 
versteht. Wenig ahnte ich damals, unter welchen Ver- 
hältnissen ich einer analogen Situation wieder begegnen 
würde. 

Ob nämlich einer ein Homosexueller ist oder ein 
Nekrophile, ein verängstigter Hysteriker, ein abgesperr- 
ter Zwangsneurotiker oder ein tobender Wahnsinniger, 
in jedem Fall wird der Individualpsychologe Adlerscher 
Richtung als das treibende Motiv seines Zustandes an- 
geben, daß er sich zur Geltung bringen, seine Minder- 
wertigkeit überkompensieren, oben bleiben, von der weib- 
lichen auf die männliche Linie gelangen will. Etwas ganz 
ähnliches hatten wir als junge Studenten auf der Klinik 
gehört, wenn einmal ein Fall von Hysterie vorgestellt 
wurde: Die Hysterischen erzeugen ihre Symptome, um 
sich interessant zu machen, die Aufmerksamkeit auf sich 
zu ziehen. Wie doch alte Weisheiten immer wiederkeh- 
ren! Aber dieses Stückchen Psychologie schien uns schon 
damals die Rätsel der Hysterie nicht zu decken, es ließ 
z. B. unerklärt, warum die Kranken sich keiner anderen 
Mittel zur Erreichung ihrer Absicht bedienen. Etwas an 
dieser Lehre der Individualpsychologen muß natürlich 
richtig sein, ein Partikelchen für das Ganze. Der Selbst- 
erhaltungstrieb wird versuchen, sich jede Situation zu 
Nutze zu machen, das Ich wird auch das Kranksein zum 
Vorteil wenden wollen. Man nennt das in der Psycho- 
analyse den „sekundären Krankheitsgewinn". Freilich, 
wenn man an die Tatsachen des Masochismus denkt, des 
unbewußten Strafbedürfnisses und der neurotischen 
Selbstschädigung, die die Annahme von Triebregungen 



198 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nahe legen, welche der Selbsterhaltung zuwiderlaufen, 
wird man auch an der Allgemeingiltigkeit jener banalen 
Wahrheit irre, auf der das Lehrgebäude der Individual- 
psychologie erbaut ist. Aber der großen Menge muß eine 
solche Lehre hoch willkommen sein, die keine Kompli- 
kationen anerkennt, keine neuen, schwer faßbaren Be- 
griffe einführt, vom Unbewußten nichts weiß, das auf 
Allen lastende Problem der Sexualität mit einem Hieb 
beseitigt, sich auf die Aufdeckung der Schliche be- 
schränkt, mit denen man sich das Leben bequem machen 
will. Denn die Menge ist selbst bequem, verlangt zur 
Erklärung nicht mehr als einen Grund, dankt der Wissen- 
schaft nicht für ihre Weitläufigkeiten, will einfache Lö- 
sungen haben und Probleme erledigt wissen. Erwägt man, 
wie sehr die Individualpsychologie diesen Anforderun- 
gen entgegenkommt, so kann man die Erinnerung an 
einen Satz im Wallenstein nicht zurückdrängen: 
„War* der Gedank' nicht so verwünscht gescheidt, 
Man wär y versucht, ihn herzlich dumm zu nennen." 
Die Kritik der Fachkreise, so unerbittlich gegen die 
Psychoanalyse, hat die Individualpsychologie im allge- 
meinen mit Samthandschuhen angefaßt. Es hat sich 
zwar in Amerika ereignet, daß einer der angesehensten 
Psychiater einen Aufsatz gegen Adler veröffentlichte, 
den er „Enough" überschrieb, in dem er seinem Über- 
druß an dem „Wiederholungszwang" der Individualpsy- 
chologen energischen Ausdruck gab. Wenn andere sich 
weit liebenswürdiger benommen haben, so hat wohl die 
Gegnerschaft gegen die Analyse viel dazu getan. 

Über andere Schulen, die von unserer Psychoanalyse 



XXXIV. Aufklärungen, Anzctndungen, Orientierungen 199 



abgezweigt haben, brauche ich nicht viel zu sagen. Daß 
es geschehen ist, läßt sich weder für noch gegen den 
"Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse verwerten. Denken 
Sie an die starken affektiven Momente, die es Vielen 
schwer machen, sich einzuordnen oder unterzuordnen, 
und an die noch größere Schwierigkeit, die der Spruch 
quot capita tot sensus mit Recht betont. "Wenn die Mei- 
nungsverschiedenheiten ein gewisses Maß überschritten 
hatten, wurde es das Zweckmäßigste, sich zu trennen 
und von da an verschiedene Wege zu gehen, besonders 
wenn die theoretische Differenz eine Änderung des prak- 
tischen Handelns zur Folge hatte. Nehmen Sie z. B. an, 
daß ein Analytiker den Einfluß der persönlichen Ver- 
gangenheit geringschätzt und die Verursachung der Neu- 
rosen ausschließlich in gegenwärtigen Motiven und auf 
die Zukunft gerichteten Erwartungen sucht. Dann wird 
er auch die Analyse der Kindheit vernachlässigen, über- 
haupt eine andere Technik einschlagen und den Ausfall 
der Ergebnisse aus der Kindheitsanalyse durch Steigerung 
seines lehrhaften Einflusses und durch direkte Hinweise 
auf bestimmte Lebensziele wettmachen müssen. Wir an- 
deren werden dann sagen: Das mag eine Schule der Weis- 
heit sein, ist aber keine Analyse mehr. Oder ein anderer 
mag zur Einsicht gekommen sein, daß das Angsterlebnis 
der Geburt den Keim zu allen späteren neurotischen Stö- 
rungen legt; dann mag es ihm rechtmäßig erscheinen, die 
Analyse auf die "Wirkungen dieses einen Eindrucks ein- 
zuschränken und therapeutischen Erfolg von einer drei- 
bis viermonatlichen Behandlung zu versprechen. Sie mer- 
ken, ich habe zwei Beispiele gewählt, die von diametral 



200 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psy choanalyse 

entgegengesetzten Voraussetzungen ausgehen. Es ist ein 
fast allgemeiner Charakter dieser „Abfallsbewegungen", 
daß eine jede sich eines Stücks aus dem Motivenreichtum 
der Psychoanalyse bemächtigt und sich auf Grund dieser 
Besitzergreifung selbständig macht, etwa des Machttriebs, 
des ethischen Konflikts, der Mutter, der Genitalität 
u. s. w. Wenn es Ihnen scheint, daß solche Sezessionen 
in der Geschichte der Psychoanalyse heute schon häu- 
figer sind als bei anderen geistigen Bewegungen, so weiß 
ich nicht, ob ich Ihnen Recht geben soll. Wenn es so ist, 
so muß man die innigen Beziehungen zwischen theoreti- 
schen Ansichten und therapeutischem Handeln dafür ver- 
antwortlich machen, die in der Psychoanalyse bestehen. 
Meinungsverschiedenheiten allein würden weit länger er- 
tragen werden. Man liebt es, uns Psychoanalytikern In- 
toleranz vorzuwerfen. Die einzige Äußerung dieser häß- 
lichen Eigenschaft war eben die Trennung von den an- 
ders Denkenden. Sonst wurde ihnen nichts angetan; im 
Gegenteile, sie sind auf die Butterseite gefallen, haben es 
seither besser als vorhin, denn bei ihrem Ausscheiden 
haben sie sich gewöhnlich von einer der Belastungen frei 
gemacht, unter denen wir keuchen — vom Odium der 
kindlichen Sexualität etwa oder von der Lächerlichkeit 
der Symbolik — und gelten jetzt der Umwelt als halb- 
wegs ehrlich, was wir, die Zurückgebliebenen, noch 
immer nicht sind. Auch haben sie sich — bis auf eine 
bemerkenswerte Ausnahme — selbst ausgeschlossen. 

Was für Ansprüche erheben Sie noch im Namen 
der Toleranz? Daß, wenn jemand eine Meinung geäußert 
hat, die wir für grundfalsch halten, wir ihm sagen: 



r 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendung en, Orientierungen 201 

„Danke Ihnen schön, daß Sie diesen Widerspruch ge- 
äußert haben. Sie schützen uns gegen die Gefahr der 
Selbstgefälligkeit und geben uns Gelegenheit, den Ameri- 
kanern zu beweisen, daß wir wirklich so „broadminded" 
sind, wie sie es immer wünschen. Wir glauben zwar kein 
Wort von dem, was Sie sagen, aber das macht nichts. 
Wahrscheinlich haben Sie ebenso Recht wie wir. Wer 
kann denn überhaupt wissen, wer Recht hat? Erlauben 
Sie uns, daß wir trotz der Gegnerschaft Ihre Ansicht in 
der Literatur vertreten. Wir hoffen, Sie werden die Lie- 
benswürdigkeit haben, sich dafür für unsere einzusetzen, 
die Sie verwerfen." Dies wird offenbar in der Zukunft 
die Gepflogenheit im wissenschaftlichen Betrieb werden, 
wenn sich der Mißbrauch der Einstein sehen Rela- 
tivität vollends durchgesetzt hat. Es ist wahr, vorläufig 
haben wir es noch nicht so weit gebracht. Wir beschrän- 
ken uns nach alter Manier darauf, nur unsere eigenen 
Überzeugungen zu vertreten, setzen uns der Gefahr des 
Irrtums aus, weil man sich dagegen nicht schützen kann, 
und lehnen ab, was uns widerspricht. Von dem Recht, 
unsere Meinungen abzuändern, wenn wir glauben, etwas 
Besseres gefunden zu haben, haben wir in der Psycho- 
analyse reichlich Gebrauch gemacht. 

Es war eine der ersten Anwendungen der Psycho- 
analyse, daß sie uns die Gegnerschaft verstehen lehrte, 
die uns die Mitwelt bewies, weil wir Psychoanalyse trie- 
ben. Andere Anwendungen, von objektiver Natur, kön- 
nen ein allgemeineres Interesse beanspruchen. Unsere 
erste Absicht war ja, die Störungen des menschlichen 
Seelenlebens zu verstehen, weil eine merkwürdige Erfah- 






202 



Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



rung gezeigt hatte, daß hier Verständnis und Heilung 
beinahe zusammenfallen, daß ein gangbarer Weg von 
dem einen zum anderen führt. Es war auch lange Zeit 
die einzige Absicht. Aber dann erkannten wir die nahen 
Beziehungen, ja die innere Identität zwischen den patho- 
logischen und den sogenannt normalen Vorgängen, die 
Psychoanalyse wurde zur Tiefenpsychologie, und da 
nichts, was Menschen schaffen oder treiben, ohne Mit- 
hilfe der Psychologie verständlich ist, ergaben sich die 
Anwendungen der Psychoanalyse auf zahlreiche Wissens- 
gebiete, besonders geisteswissenschaftliche, von selbst, 
drängten sich auf und forderten Bearbeitung. Leider stie- 
ßen diese Aufgaben auf Hindernisse, die, in der Sach- 
lage begründet, auch heute noch nicht überwunden sind. 
Eine solche Anwendung setzt fachliche Kenntnisse vor- 
aus, die der Analytiker nicht besitzt, während diejenigen, 
die sie besitzen, die Fachleute, von Analyse nichts wissen 
und vielleicht nichts wissen wollen. Es hat sich also er- 
geben, daß die Analytiker als Dilettanten mit mehr oder 
weniger zureichender Ausrüstung, oft in Eile zusammen- 
gerafft, Einfälle in jene Wissensgebiete unternommen 
haben wie Mythologie, Kulturgeschichte, Ethnologie, Re- 
ligionswissenschaft, u. s. w. Sie wurden von den dort an- 
sässigen Forschern nicht besser behandelt als Eindring- 
linge überhaupt, ihre Methoden wie ihre Resultate, soweit 
sie Aufmerksamkeit fanden, zunächst abgelehnt. Aber 
diese Verhältnisse sind in stetiger Besserung, auf allen 
Gebieten wächst die Anzahl der Personen, die Psycho- 
analyse studieren, um sie in ihrem Spezialfach zu ver- 
werten, als Kolonisten die Pioniere abzulösen, Wir dür- 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 203 



fen hier eine reiche Ernte an neuen Einsichten erwarten. 
Anwendungen der Analyse sind auch immer Bestätigun- 
gen derselben. Dort wo die wissenschaftliche Arbeit von 
einer praktischen Betätigung weiter entfernt ist, werden 
wohl auch die unvermeidlichen Meinungskämpfe weniger 
erbittert ausfallen. 

Ich empfinde es als eine starke Versuchung, Sie 
durch all die Anwendungen der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften zu führen. Es sind Dinge, wissens- 
wert für jeden Menschen mit geistigen Interessen, und 
eine Zeit lang nichts von Abnormität und Krankheit zu 
hören, wäre eine verdiente Erholung. Aber ich muß dar- 
auf verzichten,' es führte uns wiederum über den Rahmen 
dieser Vorträge hinaus und, ehrlich gestanden, ich wäre 
der Aufgabe auch nicht gewachsen. Auf einigen dieser 
Gebiete habe ich zwar selbst den ersten Schritt getan, 
aber heute übersehe ich die Fülle nicht mehr und hätte 
viel zu studieren um zu bewältigen, was seit meinen An- 
fängen hinzugekommen ist. Die unter Ihnen, die durch 
meine Absage enttäuscht sind, mögen sich an unserer 
Zeitschrift „I m a g o" schadlos halten, die für die nicht 
medizinischen Anwendungen der Analyse bestimmt ist. 

Nur an einem Thema kann ich nicht so leicht vor- 
beigehen, nicht weil ich besonders viel davon verstehe 
oder selbst soviel dazu getan habe. Ganz im Gegenteil, ich 
habe mich kaum je damit beschäftigt. Aber es ist so über- 
aus wichtig, so reich an Hoffnungen für die Zukunft, 
vielleicht das Wichtigste von allem, was die Analyse be- 
treibt. Ich meine die Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Pädagogik, die Erziehung der nächsten Generation. 



204 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Ich freue mich wenigstens sagen zu können, daß meine 
Tochter Anna Freud sich diese Arbeit zur Lebens- 
aufgabe gesetzt hat, mein Versäumnis auf solche Art 
wieder gutmacht. Der Weg, der zu dieser Anwendung 
geführt hat, ist leicht zu übersehen. Wenn wir in der Be- 
handlung eines erwachsenen Neurotikers der Determinie- 
rung seiner Symptome nachspürten, wurden wir regel- 
mäßig bis in seine frühe Kindheit zurückgeleitet. Die 
Kenntnis der späteren Ätiologien reichte weder für das 
Verständnis noch für die therapeutische Wirkung aus. 
So wurden wir genötigt, uns mit den psychischen Beson- 
derheiten des Kindesalters bekannt zu machen, und er- 
fuhren eine Menge von Dingen, die anders als durch Ana- 
lyse nicht zu erfahren waren, konnten auch viele allge- 
mein geglaubte Meinungen über die Kindheit richtig 
stellen. Wir erkannten, daß den ersten Kinderjahren 
(etwa bis fünf) aus mehreren Gründen eine besondere 
Bedeutung zukommt. Erstens, weil sie die Frühblüte der 
Sexualität enthalten, die für das Sexualleben der Reife- 
zeit entscheidende Anregungen hinterläßt. Zweitens, weil 
die Eindrücke dieser Zeit auf ein unfertiges und schwa- 
ches Ich treffen, auf das sie wie Traumen wirken. Das 
Ich kann sich der Affektstürme, die sie hervorrufen, nicht 
anders als durch Verdrängung erwehren und erwirbt sol- 
cher Art im Kindesalter alle Dispositionen zu späteren 
Erkrankungen und Funktionsstörungen. Wir haben ver- 
standen, die Schwierigkeit der Kindheit liegt darin, daß 
das Kind in einer kurzen Spanne Zeit sich die Resultate 
einer Kulturentwicklung aneignen soll, die sich über Jahr- 
zehntausende erstreckt, Triebbeherrschung und soziale 



XX XIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientieru ngen 205 

Anpassung, wenigstens die ersten Stücke von beiden. Nur 
einen Teil dieser Veränderung kann es durch seine eigene 
Entwicklung erreichen, vieles muß ihm von der Erzie- 
hung aufgedrängt werden. Wir verwundern uns nicht, 
wenn das Kind diese Aufgabe oft nur unvollkommen be- 
wältigt. Viele Kinder machen in diesen frühen Zeiten 
Zustände durch, die man den Neurosen gleichstellen darf, 
gewiß alle, die späterhin manifest erkranken. Bei man- 
chen Kindern wartet die neurotische Erkrankung nicht 
die Zeit der Reife ab, sie bricht schon in der Kinderzeit 
aus und macht Eltern und Ärzten zu schaffen. 

Wir haben kein Bedenken getragen, die analytische 
Therapie bei solchen Kindern anzuwenden, die entweder 
unzweideutige neurotische Symptome zeigen oder auf 
dem Weg zu einer ungünstigen Charakterentwicklung 
waren. Die Besorgnis, dem Kind durch die Analyse zu 
schaden, der Gegner der Analyse Ausdruck gegeben ha- 
ben, erwies sich als unbegründet. Unser Gewinn bei die- 
sen Unternehmungen war, daß wir am lebenden Objekt 
bestätigen konnten, was wir beim Erwachsenen sozusagen 
aus historischen Dokumenten erschlossen hatten. Aber 
auch der Gewinn für die Kinder war sehr erfreulich. Es 
ergab sich, daß das Kind ein sehr günstiges Objekt für 
die analytische Therapie ist; die Erfolge sind gründliche 
und halten an. Natürlich muß man die für Erwachsene 
ausgearbeitete Technik der Behandlung für das Kind 
weitgehend abändern. Das Kind ist psychologisch ein 
anderes Objekt als der Erwachsene, es besitzt noch kein 
Uberich, die Methode der freien Assoziation trägt nicht 
weit, die Übertragung spielt, da die realen Eltern noch 



206 Neue Vorlesungen zur Einführung, in die Psychoanalyse 

vorhanden sind, eine andere Rolle. Die inneren Wider- 
stände, die wir beim Erwachsenen bekämpfen, sind beim 
Kind zumeist durch äußere Schwierigkeiten ersetzt. Wenn 
sich die Eltern zu Trägern des Widerstandes machen, 
wird oft das Ziel der Analyse oder diese selbst gefährdet, 
daher ist es oft notwendig, mit der Analyse des Kindes 
ein Stück analytischer Beeinflussung der Eltern zu ver- 
binden. Anderseits werden die unvermeidlichen Abwei- 
chungen der Kinderanalyse von der Erwachsener durch 
den Umstand verringert, daß manche unserer Patienten 
soviel infantile Charakterzüge bewahrt haben, daß der 
Analytiker, wiederum in Anpassung an das Objekt, nicht 
umhin kann, sich bei ihnen gewisser Techniken der Kin- 
deranalyse zu bedienen. Es hat sich von selbst ergeben, 
daß die Kinderanalyse die Domäne weiblicher Analytiker 
geworden ist, und dabei wird es wohl bleiben. 

Die Einsicht, daß die meisten unserer Kinder in 
ihrer Entwicklung eine neurotische Phase durchmachen, 
trägt den Keim einer hygienischen Forderung in sich. 
Man kann die Frage aufwerfen, ob es nicht zweckmäßig 
wäre, dem Kind mit einer Analyse zu Hilfe zu kommen, 
auch wenn es keine Anzeichen von Störung zeigt, als 
eine Maßregel der Fürsorge für seine Gesundheit, sowie 
man heute gesunde Kinder gegen Diphtherie impft, ohne 
abzuwarten, ob sie an Diphtherie erkranken. Die Dis- 
kussion dieser Frage hat heute nur ein akademisches 
Interesse; ich kann mir gestatten, sie vor Ihnen zu er- 
örtern; der großen Menge unserer Zeitgenossen würde 
schon das Projekt als ein ungeheurer Frevel erscheinen, 
und bei der Stellung der meisten Elternpersonen zur Ana- 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 207 



lyse muß man derzeit jede Hoffnung auf dessen Durch- 
führung aufgeben. Eine solche Prophylaxe der Nervo- 
sität, die wahrscheinlich sehr wirksam sein würde, setzt 
auch eine ganz andere Verfassung der Gesellschaft vor- 
aus. Das Stichwort für die Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Erziehung fällt heute an anderer Stelle. 
Machen wir uns klar, was die nächste Aufgabe der Er- 
ziehung ist. Das Kind soll Triebbeherrschung lernen. Ihm 
die Freiheit geben, daß es uneingeschränkt allen seinen 
Impulsen folgt, ist unmöglich. Es wäre ein sehr lehrreiches 
Experiment für Kinderpsychologen, aber die Eltern 
könnten dabei nicht leben und die Kinder selbst würden 
zu großem Schaden kommen, wie es sich zum Teil so- 
fort, zum anderen Teil in späteren Jahren zeigen würde. 
Die Erziehung muß also hemmen, verbieten, unter- 
drücken und hat dies auch zu allen Zeiten reichlich be- 
sorgt. Aber aus der Analyse haben wir erfahren, daß 
grade diese Triebunterdrückung die Gefahr der neuroti- 
schen Erkrankung mit sich bringt. Sie erinnern sich, wir 
haben eingehend untersucht, auf welchen Wegen dies ge- 
schieht. Die Erziehung hat also ihren Weg zu suchen 
zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Cha- 
rybdis des Versagens. Wenn die Aufgabe nicht über- 
haupt unlösbar ist, muß ein Optimum für die Erziehung 
aufzufinden sein, wie sie am meisten leisten und am 
wenigsten schaden kann. Es wird sich darum handeln 
zu entscheiden, wieviel man verbieten darf, zu welchen 
Zeiten und mit welchen Mitteln. Und dann hat man 
noch in Rechnung zu setzen, daß die Objekte der erzieh- 
lichen Beeinflussung sehr verschiedene konstitutionelle 



2o8 Neue Vorlesungen zur E inführung in die Psychoanalyse 

Veranlagungen mitbringen, so daß das nämliche Vor- 
gehen des Erziehers unmöglich für alle Kinder gleich 
gut sein kann. Die nächste Erwägung lehrt, daß die Er- 
ziehung bisher ihre Aufgabe sehr schlecht erfüllt und 
den Kindern großen Schaden zugefügt hat. Wenn sie 
das Optimum findet und ihre Aufgabe in idealer Weise 
löst, dann kann sie hoffen, den einen Faktor in der 
Ätiologie der Erkrankung, den Einfluß der akzidentellen 
Kindheitstraumen, auszulöschen. Den anderen, die Macht 
einer unbotmäßigen Triebkonstitution, kann sie auf kei- 
nen Fall beseitigen. Überlegt man nun die schwierigen 
Aufgaben, die dem Erzieher gestellt sind, die konstitu- 
tionelle Eigenart des Kindes zu erkennen, aus kleinen 
Anzeichen zu erraten, was sich in seinem unfertigen 
Seelenleben abspielt, ihm das richtige Maß von Liebe 
zuzuteilen und doch ein wirksames Stück Autorität auf- 
recht zu halten, so sagt man sich, die einzig zweck- 
mäßige Vorbereitung für den Beruf des Erziehers ist 
eine gründliche psychoanalytische Schulung. Am besten 
ist es, wenn er selbst analysiert worden ist, denn ohne 
Erfahrung an der eigenen Person kann man sich die 
Analyse doch nicht zu eigen machen. Die Analyse der 
Lehrer und Erzieher scheint eine wirksamere prophy- 
laktische Maßregel als die der Kinder selbst, auch setzen 
sich ihrer Durchführung geringere Schwierigkeiten ent- 
gegen. 

Nur nebenbei sei einer indirekten Förderung der 
Kindererziehung durch die Analyse gedacht, die mit der 
Zeit zu größerem Einfluß kommen kann. Eltern, die 
selbst eine Analyse erfahren haben und ihr viel verdan- 



XXXIV. Aufk lärungen, Anwendu n gen, Orientierungen 20 9 



ken, darunter die Einsicht in die Fehler ihrer eigenen 
Erziehung, werden ihre Kinder mit besserem Verständnis 
behandeln und ihnen vieles ersparen, was ihnen selbst 
nicht erspart geblieben war. Parallel mit den Bemühun- 
gen der Analytiker um die Beeinflussung der Erziehung 
laufen andere Untersuchungen über die Entstehung und 
Verhütung der Verwahrlosung und der Kriminalität. 
Auch hier öffne ich Ihnen nur die Türe und zeige Ihnen 
die Gemächer dahinter, führe Sie aber nicht hinein. Ich 
weiß, wenn Ihr Interesse der Psychoanalyse treu bleibt, 
werden Sie über diese Dinge viel Neues und Wertvolles 
hören können. Ich mag aber das Thema der Erziehung 
nicht verlassen, ohne eines bestimmten Gesichtspunktes zu 
gedenken. Es ist — und gewiß mit Recht — gesagt wor- 
den, jede Erziehung sei eine parteiisch gerichtete, strebe 
an, daß sich das Kind der bestehenden Gesellschafts- 
ordnung einordne, ohne Rücksicht darauf, wie wertvoll 
oder wie haltbar diese an sich sei. Wenn man von den 
Mängeln unserer gegenwärtigen sozialen Einrichtungen 
überzeugt ist, kann man es nicht rechtfertigen, die psy- 
choanalytisch gerichtete Erziehung noch in ihren Dienst 
zu stellen. Man muß ihr ein anderes, höheres Ziel setzen, 
das sich von den herrschenden sozialen Anforderungen 
frei gemacht hat. Ich meine aber, dies Argument ist hier 
nicht am Platz. Die Forderung geht über die Funktions- 
berechtigung der Analyse hinaus. Auch der Arzt, der zur 
Behandlung einer Pneumonie gerufen wird, hat sich nicht 
darum zu kümmern, ob der Erkrankte ein braver Mann, 
ein Selbstmörder oder ein Verbrecher ist, ob er verdient 
im Leben zu bleiben und ob man es ihm wünschen soll. 



14 



2 io Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Auch dies andere Ziel, das man der Erziehung setzen 
will, wird ein parteiisches sein, und es ist nicht Sache 
des Analytikers, zwischen den Parteien zu entscheiden. 
Ich sehe ganz ab davon, daß man der Psychoanalyse 
jeden Einfluß auf die Erziehung verweigern wird, wenn 
sie sich zu Absichten bekennt, die mit der bestehenden 
sozialen Ordnung unvereinbar sind. Die psychoanalyti- 
sche Erziehung nimmt eine ungebetene Verantwortung 
auf sich, wenn sie sich vorsetzt, ihren Zögling zum Auf- 
rührer zu modeln. Sie hat das ihrige getan, wenn sie ihn 
möglichst gesund und leistungsfähig entläßt. In ihr selbst 
sind genug revolutionäre Momente enthalten, um zu ver- 
sichern, daß der von ihr Erzogene im späteren Leben 
sich nicht auf die Seite des Rückschritts und der Unter- 
drückung stellen wird. Ich meine sogar, revolutionäre 
Kinder sind in keiner Hinsicht wünschenswert. 

Meine Damen und Herren! Ich habe noch vor, Ihnen 
einige Worte über die Psychoanalyse als Therapie zu sagen. 
Das Theoretische darüber habe ich schon vor 15 Jahren 
besprochen und kann es heute auch nicht anders formulie- 
ren; die Erfahrung dieser Zwischenzeit soll nun auch zu 
Worte kommen. Sie wissen, die Psychoanalyse ist als 
Therapie entstanden, sie ist weit darüber hinaus gewach- 
sen, hat aber ihren Mutterboden nicht aufgegeben und 
ist für ihre Vertiefung und Weiterentwicklung immer 
noch an den Umgang mit Kranken gebunden. Die ge- 
häuften Eindrücke, aus denen wir unsere Theorien ent- 
wickeln, können auf andere Weise nicht gewonnen wer- 
den. Die Mißerfolge, die wir als Therapeuten erfahren, 
stellen uns immer wieder neue Aufgaben, die Anforde- 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 



211 



rungen des realen Lebens sind ein wirksamer Schutz 
gegen das Überwuchern der Spekulation, die wir in un- 
serer Arbeit doch auch nicht entbehren können. Mit wel- 
chen Mitteln die Psychoanalyse den Kranken hilft, wenn 
sie hilft, und auf welchen Wegen, das haben wir schon 
vor Zeiten erörtert; heute wollen wir fragen, wieviel sie 

leistet. 

Sie wissen vielleicht, ich war nie ein therapeutischer 
Enthusiast; es ist keine Gefahr, daß ich diesen Vortrag 
zu Anpreisungen mißbrauche. Ich sage lieber zu wenig 
als zu viel. Zur Zeit, als ich noch der einzige Analyti- 
ker war, pflegte ich von Personen, die meiner Sache an- 
geblich freundlich gesinnt waren, zu hören: Das ist alles 
recht schön und geistreich, aber zeigen Sie mir einen Fall, 
den Sie durch Analyse geheilt haben. Das war eine der 
vielen Formeln, die einander im Lauf der Zeiten in der 
Funktion abgelöst haben, die unbequeme Neuheit bei 
Seite zu schieben. Sie ist heute ebenso veraltet wie viele 
andere, — der Stoß von Dankbriefen geheilter Patienten 
findet sich auch in der Mappe des Analytikers. Dabei 
macht die Analogie nicht Halt. Die Psychoanalyse ist 
wirklich eine Therapie wie andere auch. Sie hat ihre 
Triumphe wie ihre Niederlagen, ihre Schwierigkeiten, 
Einschränkungen, Indikationen. Zu einer gewissen Zeit 
lautete eine Anklage gegen die Analyse, sie sei als Thera- 
pie nicht ernst zu nehmen, denn sie getraue sich nicht, 
eine Statistik ihrer Erfolge bekannt zu geben. Seither hat 
das von Dr. Max Eitingon gegründete psycho- 
analytische Institut in Berlin einen Rechenschaftsbericht 
über sein erstes Jahrzehnt veröffentlicht. Die Heilerfolge 



212 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

geben weder einen Grund, damit zu prahlen, noch sich 
ihrer zu schämen. Aber solche Statistiken sind überhaupt 
nicht lehrreich, das verarbeitete Material ist so heterogen, 
daß nur sehr große Zahlen etwas besagen würden. Man 
tut besser seine Einzelerfahrungen zu befragen. Da möchte 
ich sagen, ich glaube nicht, daß unsere Heilerfolge es mit 
denen von L o u r d e s aufnehmen können. Es gibt so- 
viel mehr Menschen, die an die Wunder der heiligen 
Jungfrau, als die an die Existenz des Unbewußten glau- 
ben. Wenden wir uns zur irdischen Konkurrenz, so haben 
wir die psychoanalytische Therapie mit den anderen Me- 
thoden der Psychotherapie zusammen zu stellen. Orga- 
nische physikalische Behandlungen neurotischer Zustände 
braucht man heute kaum zu erwähnen. Als psychothera- 
peutisches Verfahren steht die Analyse nicht im Gegen- 
satz zu den anderen Methoden dieses ärztlichen Spezial- 
fachs; sie entwertet sie nicht, schließt sie nicht aus. Es 
ginge in der Theorie sehr gut zusammen, daß ein Arzt, 
der sich Psychotherapeut nennen will, die Analyse neben 
allen anderen Heilmethoden bei seinen Kranken verwen- 
det, je nach der Eigenart des Falles und der Gunst oder 
Ungunst äußerer Verhältnisse. In der Wirklichkeit ist es 
die Technik, die die Spezialisierung der ärztlichen Tätig- 
keit erzwingt. So mußten sich auch Chirurgie und Ortho- 
pädie von einander sondern. Die psychoanalytische Tä- 
tigkeit ist schwierig und anspruchsvoll, sie läßt sich nicht 
gut handhaben wie die Brille, die man beim Lesen auf- 
setzt und fürs Spazierengehen ablegt. In der Regel hat 
die Psychoanalyse den Arzt entweder ganz oder gar 
nicht. Die Psychotherapeuten, die sich gelegentlich auch 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 213 



der Analyse bedienen, stehen nach meiner Kenntnis nicht 
auf sicherem analytischen Boden; sie haben nicht die 
ganze Analyse angenommen, sondern sie verwässert, viel- 
leicht „entgiftet"; man kann sie nicht zu den Analytikern 
zählen. Ich meine, das ist bedauerlich; aber ein Zusam- 
menwirken in der ärztlichen Tätigkeit eines Analytikers 
mit einem Psychotherapeuten, der sich auf die anderen 
Methoden des Fachs beschränkt, wäre durchaus zweck- 
mäßig. 

Mit den anderen Verfahren der Psychotherapie ver- 
glichen ist die Psychoanalyse das über jeden Zweifel 
mächtigste. Es ist auch recht und billig so, sie ist auch 
das mühevollste und zeitraubendste, man wird sie in 
leichten Fällen nicht anwenden; man kann mit ihr in 
geeigneten Fällen Störungen beseitigen, Änderungen her- 
vorrufen, auf die man in voranalytischen Zeiten nicht 
zu hoffen wagte. Aber sie hat auch ihre sehr fühlbaren 
Schranken. Der therapeutische Ehrgeiz mancher meiner 
Anhänger hat sich die größte Mühe gegeben, über diese 
Hindernisse hinwegzukommen, so daß alle neurotischen 
Störungen durch die Psychoanalyse heilbar würden. Sie 
haben versucht, die analytische Arbeit in eine verkürzte 
Dauer zu zwängen, die Übertragung so zu steigern, daß 
sie allen Widerständen überlegen wird, andere Arten der 
Beeinflussung mit ihr zu vereinigen, um die Heilung zu 
erzwingen. Diese Bemühungen sind gewiß lobenswert, 
aber ich meine, sie sind vergeblich. Sie bringen auch die 
Gefahr mit sich, daß man selbst aus der Analyse heraus- 
gedrängt wird und in ein uferloses Experimentieren 
gerät. Die Erwartung, alles Neurotische heilen zu kön- 



I 



214 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nen, ist mir der Abkunft verdächtig von jenem Laien- 
glauben, daß die Neurosen etwas ganz Überflüssiges sind, 
was überhaupt kein Recht hat zu existieren. In Wahr- 
heit sind sie schwere, konstitutionell fixierte AfFektionen, 
die sich selten auf einige Ausbrüche beschränken, meist 
über lange Lebensperioden oder das ganze Leben an- 
halten. Die analytische Erfahrung, daß man sie weit- 
gehend beeinflussen kann, wenn man sich der historischen 
Krankheitsanlässe und der akzidentellen Hilfsmomente 
bemächtigt, hat uns veranlaßt, den konstitutionellen Fak- 
tor in der therapeutischen Praxis zu vernachlässigen; 
wir können ihm ja auch nichts anhaben; in der Theorie 
sollten wir seiner immer gedenken. Schon die durch- 
gängige Unzugänglichkeit der Psychosen für die ana- 
lytische Therapie sollte bei deren naher Verwandtschaft 
mit den Neurosen unsere Ansprüche bei diesen letzteren 
einschränken. Die therapeutische Wirksamkeit der Psy- 
choanalyse bleibt durch eine Reihe von bedeutsamen und 
kaum angreifbaren Momenten beengt. Beim Kind, wo 
man auf die größten Erfolge rechnen könnte, sind es die 
äußerlichen Schwierigkeiten der Elternsituation, die aber 
doch zum Kindsein gehören. Beim Erwachsenen sind es 
in erster Linie zwei Momente, das Maß von psychischer 
Erstarrung und die Krankheitsform mit allem, was sie 
an tieferen Bestimmungen deckt. Das erste Moment wird 
mit Unrecht oft übersehen. So groß die Plastizität des 
seelischen Lebens und die Möglichkeit der Auffrischung 
alter Zustände auch ist, es läßt sich nicht alles wieder 
beleben. Manche Veränderungen scheinen endgiltig, ent- 
sprechen Narbenbildungen nach abgelaufenen Prozessen. 



XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 21 $ 

Andere Male empfängt man den Eindruck einer allge- 
meinen Erstarrung des Seelenlebens; die psychischen 
Vorgänge, die man sehr wohl auf andere Wege weisen 
könnte, scheinen unfähig, die alten Wege zu verlassen. 
Aber vielleicht ist das dasselbe wie vorhin, nur anders 
gesehen. Gar zu häufig glaubt man zu verspüren, daß 
es der Therapie nur an der erforderlichen Triebkraft 
fehlt, um die Änderung durchzusetzen. Eine bestimmte 
Abhängigkeit, eine gewisse Triebkomponente ist zu stark 
im Vergleich mit den Gegenkräften, die wir mobil machen 
können. Ganz allgemein ist es so bei den Psychosen. Wir 
verstehen sie soweit, daß wir wohl wüßten, wo die Hebel 
anzusetzen wären, aber sie könnten die Last nicht be- 
wegen. Hier knüpft sogar die ZukunftshorTnung an, daß 
die Kenntnis der Hormonwirkungen — Sie wissen, was 
das ist — uns die Mittel leiht, mit den quantitativen 
Faktoren der Erkrankungen erfolgreich zu ringen, aber 
heute sind wir davon weit entfernt. Ich verstehe, daß die 
Unsicherheit in all diesen Verhältnissen einen ständigen 
Antrieb gibt, die Technik der Analyse und besonders die 
Übertragung zu vervollkommnen. Besonders der Anfänger 
in der Analyse wird bei einem Mißerfolg im Zweifel 
bleiben, ob er die Eigenheiten des Falles oder seine un- 
geschickte Handhabung des therapeutischen Verfahrens 
beschuldigen soll. Aber ich sagte schon, ich glaube nicht, 
daß man durch die Bemühungen nach dieser Richtung 
viel erreichen kann. 

Die andere Einschränkung der analytischen Erfolge 
wird durch die Krankheitsform gegeben. Sie wissen schon, 
das Anwendungsgebiet der analytischen Therapie sind 




z\6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

die Ubertragungsneurosen, Phobien, Hysterien, Zwangs- 
neurosen, außerdem noch Abnormitäten des Charakters, 
die an Stelle solcher Erkrankungen entwickelt worden 
sind. Alles was anders ist, narzißtische, psychotische Zu- 
stände, ist mehr oder weniger ungeeignet. Nun wäre es ja 
durchaus legitim, sich durch sorgfältige Ausschließung 
solcher Fälle vor Mißerfolgen zu schützen. Die Statisti- 
ken der Analyse würden durch diese Vorsicht eine große 
Aufbesserung erfahren. Ja, aber das hat einen Haken. 
Unsere Diagnosen erfolgen sehr häufig erst nachträglich, 
sie sind von der Art wie die Hexenprobe des Schotten- 
königs, von der ich bei Victor Hugo gelesen habe. 
Dieser König behauptete, im Besitz einer unfehlbaren 
Methode zu sein, um eine Hexe zu erkennen. Er ließ sie 
in einem Kessel kochenden Wassers abbrühen und kostete 
dann die Suppe. Danach konnte er sagen: das war eine 
Hexe oder: nein, das war keine. Ähnlich ist es bei uns, 
nur daß wir die Geschädigten sind. Wir können den 
Patienten, der zur Behandlung, oder ebenso den Kandi- 
daten, der zur Ausbildung kommt, nicht beurteilen, ehe 
wir ihn durch einige Wochen oder Monate analytisch 
studiert haben. Wir kaufen tatsächlich die Katze im 
Sack. Der Patient brachte unbestimmte, allgemeine Be- 
schwerden mit, die eine sichere Diagnose nicht gestatteten. 
Nach dieser Probezeit mag sich herausstellen, daß es ein 
ungeeigneter Fall ist. Wir schicken dann den Kandi- 
daten weg, versuchen dann beim Patienten noch eine 
Weile, ob wir ihn nicht in günstigerem Licht sehen kön- 
nen. Der Patient rächt sich dadurch, daß er die Liste 
unserer Mißerfolge vergrößert, der abgewiesene Kandidat, 



XX XIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen nj 



wenn er ein Paranoider ist, etwa indem er selbst psycho- 
analytische Bücher verfaßt. Sie sehen, unsere Vorsicht 
hat uns nichts genützt. 

Ich besorge, diese detaillierten Ausführungen gehen 
über Ihr Interesse hinaus. Aber noch mehr müßte es mir 
leid tun, wenn Sie meinen sollten, es sei meine Absicht, 
Ihre Achtung vor der Psychoanalyse als Therapie herab- 
zusetzen. Vielleicht habe ich es wirklich ungeschickt an- 
gefangen; ich wollte nämlich das Gegenteil, die thera- 
peutischen Beschränkungen der Analyse durch den Hin- 
weis auf deren Unvermeidlichkeit entschuldigen. In der- 
selben Absicht wende ich mich zu einem anderen Punkt, 
zum Vorwurf, daß die analytische Behandlung unver- 
hältnismäßig lange Zeiten in Anspruch nimmt. Darauf 
ist zu sagen, psychische Veränderungen vollziehen sich 
eben nur langsam; wenn sie rasch, plötzlich eintreten, 
ist es ein übles Zeichen. Es ist wahr, die Behandlung 
einer schwereren Neurose zieht sich leicht über mehrere 
Jahre, aber legen Sie sich im Fall des Erfolgs die Frage 
vor, wie lange das Leiden gedauert hätte. Wahrschein- 
lich ein Dezennium für jedes Jahr Behandlung, das heißt 
das Kranksein wäre, wie wir es so oft an unbehandelten 
Kranken sehen, überhaupt nie erloschen. In manchen 
Fällen haben wir Grund eine Analyse nach vielen Jahren 
wieder aufzunehmen, das Leben hatte auf neue Anlässe 
neue krankhafte Reaktionen entwickelt, in der Zwischen- 
zeit war unser Patient gesund gewesen. Die erste Analyse 
hatte eben nicht alle seine pathologischen Dispositionen 
zum Vorschein gebracht und es war natürlich, daß die 
Analyse eingestellt wurde, nachdem der Erfolg erreicht 



2 ig Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

war. Es gibt auch schwer benachteiligte Menschen, die 
man ihr ganzes Leben über in analytischer Obhut hält 
und von Zeit zu Zeit wieder in Analyse nimmt, aber 
diese Personen wären sonst überhaupt nicht existenzfähig 
und man muß froh sein, daß man sie mit dieser fraktio- 
nierten und rekurrierenden Behandlung aufrecht halten 
kann. Auch die Analyse von Charakterstörungen nimmt 
lange Behandlungszeiten in Anspruch, aber sie ist oft er- 
folgreich, und kennen Sie eine andere Therapie, mit der 
man diese Aufgabe auch nur in Angriff nehmen könnte? 
Therapeutischer Ehrgeiz mag sich durch diese Angaben 
unbefriedigt fühlen, allein wir haben am Beispiel der 
Tuberkulose und des Lupus gelernt, daß man Erfolg erst 
haben kann, wenn man die Therapie den Charakteren 
des Leidens angepaßt hat. 

Ich sagte Ihnen, die Psychoanalyse begann als eine 
Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem 
Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheits- 
gehalts, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt über das, 
was den Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen, 
und wegen der Zusammenhänge, die sie zwischen den 
verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt. Als The- 
rapie ist sie eine unter vielen, freilich eine prima inter 
pares. Wenn sie nicht ihren therapeutischen Wert hätte, 
wäre sie nicht an Kranken gefunden und durch mehr 
als dreißig Jahre entwickelt worden. 






XXXV. VORLESUNG. 

ÜBER EINE WELTANSCHAUUNG 

Meine Damen und Herren! Bei unserem letzten Bei- 
sammensein haben wir uns mit kleinen Alltagssorgen be- 
schäftigt, gleichsam unser bescheidenes eigenes Haus be- 
stellt. Nun wollen wir einen kühnen Anlauf nehmen und 
uns an die Beantwortung einer Frage wagen, die wieder- 
holt von anderer Seite gestellt worden ist, ob die Psycho- 
analyse zu einer bestimmten Weltanschauung führt und 
zu welcher. 

Weltanschauung ist, besorge ich, ein spezifisch deut- 
scher Begriff, dessen Übersetzung in fremde Sprachen 
Schwierigkeiten machen dürfte. Wenn ich eine Defini- 
tion davon versuche, wird sie Ihnen gewiß ungeschickt 
erscheinen. Ich meine also, eine Weltanschauung ist eine 
intellektuelle Konstruktion, die alle Probleme unseres 
Daseins aus einer übergeordneten Annahme einheitlich 
löst, in der demnach keine Frage offen bleibt und alles, 
was unser Interesse hat, seinen bestimmten Platz findet. 
Es ist leicht zu verstehen, daß der Besitz einer solchen 
Weltanschauung zu den Idealwünschen der Menschen ge- 
hört. Im Glauben an sie kann man sich im Leben sicher 
fühlen, wissen, was man anstreben soll, wie man seine 
Affekte und Interessen am zweckmäßigsten unterbringen 
kann. 



no Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Wenn das der Charakter einer Weltanschauung ist, 
so wird die Antwort für die Psychoanalyse leicht. Als 
eine Spezialwissenschaft, ein Zweig der Psychologie — 
Tiefenpsychologie oder Psychologie des Unbewußten — 
ist sie ganz ungeeignet, eine eigene Weltanschauung zu 
bilden, sie muß die der Wissenschaft annehmen. Die 
wissenschaftliche Weltanschauung entfernt sich aber be- 
reits merklich von unserer Definition. Die Einheit- 
lichkeit der Welterklärung wird zwar auch von ihr 
angenommen, aber nur als ein Programm, dessen Erfül- 
lung in die Zukunft verschoben ist. Sonst ist sie durch 
negative Charaktere ausgezeichnet, durch die Einschrän- 
kung auf das derzeit Wißbare und die scharfe Ableh- 
nung gewisser, ihr fremder Elemente. Sie behauptet, daß 
es keine andere Quelle der Weltkenntnis gibt als die 
intellektuelle Bearbeitung sorgfältig überprüfter Beobach- 
tungen, also was man Forschung heißt, daneben keine 
Kenntnis aus Offenbarung, Intuition oder Divination. Es 
scheint, daß diese Auffassung in den letztvergangenen 
Jahrhunderten der allgemeinen Anerkennung sehr nahe 
war. Unserem Jahrhundert blieb es vorbehalten, den über- 
heblichen Einwand zu finden, eine solche Weltanschauung 
sei ebenso armselig wie trostlos, übersehe die Ansprüche 
des Menschengeistes und die Bedürfnisse der menschlichen 
Seele. 

Man kann diesen Einwand nicht energisch genug 
zurückweisen. Er ist ganz haltlos, denn Geist und Seele 
sind in genau der nämlichen Weise Objekte der wissen- 
schaftlichen Forschung wie irgendwelche menschenfremde 
Dinge. Die Psychoanalyse hat ein besonderes Anrecht, 



XXXV. Über eine Weltanschauung 221 

hier das Wort für die wissenschaftliche Weltanschauung 
zu führen, weil man ihr nicht den Vorwurf machen 
kann, daß sie das Seelische im Weltbild vernachlässigt 
habe. Ihr Beitrag zur Wissenschaft besteht grade in der 
Ausdehnung der Forschung auf das seelische Gebiet. Ohne 
eine solche Psychologie wäre allerdings die Wissenschaft 
sehr unvollständig. Nimmt man aber die Erforschung der 
intellektuellen und emotionellen Funktionen des Men- 
schen (und der Tiere) in die Wissenschaft auf, so zeigt 
sich, daß an der Gesamteinstellung der Wissenschaft 
nichts geändert wird, es ergeben sich keine neuen Quellen 
des Wissens oder Methoden des Forschens. Intuition und 
Divination wären solche, wenn sie existierten, aber man 
darf sie beruhigt zu den Illusionen rechnen, den Erfül- 
lungen von Wunschregungen. Man erkennt auch leicht, 
daß jene Anforderungen an eine Weltanschauung nur 
affektiv begründet sind. Die Wissenschaft nimmt zur 
Kenntnis, daß das menschliche Seelenleben solche Forde- 
rungen erschafft, ist bereit deren Quellen nachzuprüfen, 
hat aber nicht den geringsten Anlaß, sie als berechtigt 
anzuerkennen. Sie sieht sich im Gegenteil gemahnt, alles 
was Illusion, Ergebnis solcher Affektforderung ist, sorg- 
fältig vom Wissen zu scheiden. 

Das bedeutet keineswegs diese Wünsche verächtlich 
bei Seite zu schieben oder ihren Wert fürs Menschen- 
leben zu unterschätzen. Man ist bereit zu verfolgen, 
welche Erfüllungen dieselben sich in den Leistungen der 
Kunst, in den Systemen der Religion und der Philoso- 
phie geschaffen haben, aber man kann doch nicht über- 
sehen, daß es unrechtmäßig und in hohem Grade un- 






222 



Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



zweckmäßig wäre, die Übertragung dieser Ansprüche auf 
das Gebiet der Erkenntnis zuzulassen. Denn damit öffnet 
man die Wege, die ins Reich der Psychose, sei es der 
individuellen oder der Massenpsychose führen, und ent- 
zieht jenen Strebungen wertvolle Energien, die sich der 
Wirklichkeit zuwenden, um, soweit es möglich ist, 
Wünsche und Bedürfnisse in ihr zu befriedigen. 

Vom Standpunkt der Wissenschaft aus ist es unver- 
meidlich, hier Kritik zu üben und mit Ablehnungen und 
Zurückweisungen vorzugehen. Es ist unzulässig zu sagen, 
die Wissenschaft ist ein Gebiet menschlicher Geistestätig- 
keit, Religion und Philosophie sind andere, ihr zum min- 
desten gleichwertig, und die Wissenschaft hat diesen bei- 
den nichts darein zu reden; sie haben alle gleichen An- 
spruch auf Wahrheit und jedem Menschen steht es frei, 
zu wählen, woher er seine Überzeugung nehmen und wo- 
hin er seinen Glauben verlegen will. Eine solche An- 
schauung gilt als besonders vornehm, tolerant, umfassend 
und frei von engherzigen Vorurteilen. Leider ist sie nicht 
haltbar, sie hat Anteil an allen Schädlichkeiten einer 
ganz unwissenschaftlichen Weltanschauung und kommt 
ihr praktisch gleich. Es ist nun einmal so, daß die Wahr- 
heit nicht tolerant sein kann, keine Kompromisse und 
Einschränkungen zuläßt, daß die Forschung alle Gebiete 
menschlicher Tätigkeit als ihr eigen betrachtet und un- 
erbittlich kritisch werden muß, wenn eine andere Macht 
ein Stück davon für sich beschlagnahmen will. 

Von den drei Mächten, die der Wissenschaft Grund 
und Boden bestreiten können, ist die Religion allein der 
ernsthafte Feind. Die Kunst ist fast immer harmlos und 



XXXV. Über eine Weltanschauung 223 

wohltätig, sie will nichts anderes sein als Illusion. Außer 
bei wenigen Personen, die, wie man sagt, von der Kunst 
besessen sind, wagt sie keine Übergriffe ins Reich der 
Realität. Die Philosophie ist der Wissenschaft nicht 
gegensätzlich, sie gebärdet sich selbst wie eine Wissen- 
schaft, arbeitet zum Teil mit den gleichen Methoden, 
entfernt sich aber von ihr, indem sie an der Illusion fest- 
hält, ein lückenloses und zusammenhängendes Weltbild 
liefern zu können, das doch bei jedem neuen Fortschritt 
unseres Wissens zusammenbrechen muß. Methodisch geht 
sie darin irre, daß sie den Erkenntniswert unserer logi- 
schen Operationen überschätzt und etwa noch andere 
Wissensquellen wie die Intuition anerkennt. Und oft 
genug meint man, der Spott des Dichters (H. Heine) 
sei nicht unberechtigt, wenn er vom Philosophen sagt: 
„Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen 
Stopft er die Lücken des Weltenbaus." 
Aber die Philosophie hat keinen unmittelbaren Ein- 
fluß auf die große Menge von Menschen, sie ist das Inter- 
esse einer geringen Anzahl selbst von der dünnen Ober- 
schicht der Intellektuellen, für alle anderen kaum faß- 
bar. Dahingegen ist die Religion eine ungeheure Macht, 
die über die stärksten Emotionen der Menschen verfügt. 
Es ist bekannt, daß sie früher einmal alles umfaßte, was 
als Geistigkeit im Menschenleben eine Rolle spielt, daß 
sie die Stelle der Wissenschaft einnahm, als es noch kaum 
eine Wissenschaft gab und, daß sie eine Weltanschauung 
von unvergleichlicher Folgerichtigkeit und Geschlossen- 
heit geschaffen hat, die, wiewohl erschüttert, heute noch 
fortbesteht. 



224 Ne ue Vorlesu n gen zur E in führung in die Psy choanal yse 

Will man sich vom großartigen Wesen der Religion 
Rechenschaft geben, so muß man sich vorhalten, was sie 
den Menschen zu leisten unternimmt. Sie gibt ihnen Auf- 
schluß über Herkunft und Entstehung der Welt, sie ver- 
sichert ihnen Schutz und endliches Glück in den Wechsel- 
fällen des Lebens und sie lenkt ihre Gesinnungen und 
Handlungen durch Vorschriften, die sie mit ihrer ganzen 
Autorität vertritt. Sie erfüllt also drei Funktionen. In 
der ersten befriedigt sie die menschliche Wißbegierde, tut 
dasselbe, was mit ihren Mitteln die Wissenschaft ver- 
sucht und tritt hier in Rivalität mit ihr. Ihrer zweiten 
Funktion verdankt sie wohl den größten Anteil ihres Ein- 
flusses. Wenn sie die Angst der Menschen vor den Ge- 
fahren und Wechselfällen des Lebens beschwichtigt, sie 
des guten Ausganges versichert, ihnen Trost im Unglück 
spendet, kann die Wissenschaft es nicht mit ihr aufneh- 
men. Diese lehrt zwar, wie man gewisse Gefahren ver- 
meiden, manche Leiden erfolgreich bekämpfen kann; es 
wäre sehr unrecht zu bestreiten, daß sie den Menschen 
eine mächtige Helferin ist, aber in vielen Lagen muß sie 
den Menschen seinem Leid überlassen und weiß ihm nur 
zur Unterwerfung zu raten. In ihrer dritten Funktion, 
wenn sie Vorschriften gibt, Verbote und Einschränkun- 
gen erläßt, entfernt sie sich von der Wissenschaft am 
meisten. Denn diese begnügt sich damit zu untersuchen 
und festzustellen. Aus ihren Anwendungen leiten sich 
allerdings Regeln und Ratschläge für das Verhalten im 
Leben ab. Unter Umständen sind es dieselben, die von 
der Religion geboten werden, aber dann mit anderer Be- 
gründung. 



XXXV. Über eine Weltanschauung 225 



Das Zusammentreffen dieser drei Inhalte der Reli- 
gion ist nicht ganz durchsichtig. Was soll die Aufklärung 
über die Entstehung der Welt mit der Einschärfung be- 
stimmter ethischer Vorschriften zu tun haben? Die Zu- 
sicherungen von Schutz und Beglückung sind mit den 
ethischen Anforderungen inniger verknüpft. Sie sind der 
Lohn für die Erfüllung dieser Gebote; nur wer sich ihnen 
fügt, darf auf diese Wohltaten rechnen, auf den Unge- 
horsamen warten Strafen. Übrigens gibt es bei der Wis- 
senschaft etwas Ähnliches. Wer ihre Anwendungen miß- 
achtet, meint sie, setzt sich Schädigungen aus. 

Man versteht das merkwürdige Zusammensein von 
Belehrung, Tröstung und Anforderung in der Religion 
erst, wenn man diese einer genetischen Analyse unter- 
zieht. Diese darf von dem auffälligsten Punkt des En- 
sembles, von der Belehrung über die Weltentstehung aus- 
gehen, denn warum sollte eine Kosmogonie ein regel- 
mäßiger Bestandteil des religiösen Systems sein? Die 
Lehre ist also, daß die Welt von einem menschenähn- 
lichen, aber in allen Stücken, Macht, Weisheit, Stärke 
der Leidenschaft vergrößerten Wesen, einem idealisierten 
Übermenschen geschaffen wurde. Tiere als Weltschöpfer 
weisen auf den Einfluß des Totemismus hin, den wir 
später wenigstens mit einer Bemerkung streifen werden. 
Es ist interessant, daß dieser Weltschöpfer immer nur 
einer ist, auch wo an viele Götter geglaubt wird. Ebenso, 
daß es zumeist ein Mann ist, obwohl es keineswegs an 
Andeutungen weiblicher Gottheiten fehlt und manche 
Mythologien die Weltschöpfung grade damit beginnen 
lassen, daß ein Manngott eine weibliche Gottheit, die 

15 



226 Neue Vorlesun gen zur Einführung in die Psychoanalyse 

zum Ungeheuer erniedrigt ist, beseitigt. Die interessante- 
sten Einzelprobleme schließen hier an, aber wir müssen 
eilen. Der weitere Weg ist uns leicht kenntlich gemacht, 
indem dieser Gott-Schöpfer direkt Vater geheißen wird. 
Die Psychoanalyse schließt, es ist wirklich der Vater, so 
großartig, wie er einmal dem kleinen Kind erschienen 
war. Der religiöse Mensch stellt sich die Schöpfung der 
Welt so vor wie seine eigene Entstehung. 

Dann erklärt sich leicht, wie die tröstlichen Ver- 
sicherungen und die strengen ethischen Forderungen mit 
der Kosmogonie zusammenkommen. Denn dieselbe Per- 
son, der das Kind seine Existenz verdankt, der Vater 
(richtiger wohl, die aus Vater und Mutter zusammen- 
gesetzte Elterninstanz) hat auch das schwache, hilflose, 
allen in der Außenwelt lauernden Gefahren ausgesetzte 
Kind beschützt und bewacht; in seiner Obhut hat es sich 
sicher gefühlt. Selbst erwachsen geworden, weiß sich der 
Mensch zwar im Besitz größerer Kräfte, aber auch seine 
Einsicht in die Gefahren des Lebens hat zugenommen 
und er schließt mit Recht, daß er im Grunde noch ebenso 
hilflos und ungeschützt geblieben ist wie in der Kind- 
heit, daß er der Welt gegenüber noch immer Kind ist. 
Er mag also auch jetzt nicht auf den Schutz verzichten, 
den er als Kind genossen hat. Längst hat er aber auch 
erkannt, daß sein Vater ein in seiner Macht eng be- 
schränktes, nicht mit allen Vorzügen ausgestattetes Wesen 
ist. Darum greift er auf das Erinnerungsbild des von ihm 
so überschätzten Vaters der Kinderzeit zurück, erhebt 
es zur Gottheit und rückt es in die Gegenwart und in 
die Realität. Die affektive Stärke dieses Erinnerungsbildes 



j. 



XXXV. Über eine Weltanschauung 227 



und die Fortdauer seiner Schutzbedürftigkeit tragen mit 
einander seinen Glauben an Gott. 

Auch der dritte Hauptpunkt des religiösen Pro- 
gramms, die ethische Forderung, fügt sich ungezwungen 
in diese Kindheitssituation ein. In einem berühmten Aus- 
spruch ruft der Philosoph Kant die Existenz des ge- 
stirnten Himmels und die des Sittengesetzes in unserer 
Brust als die stärksten Zeugen für die Größe Gottes an. 
So befremdend diese Zusammenstellung klingt, — denn was 
mögen die Himmelskörper mit der Frage zu tun haben, 
ob ein Menschenkind ein anderes liebt oder totschlägt? 
— so streift sie doch an eine große psychologische Wahr- 
heit. Derselbe Vater (die Elterninstanz), der dem Kind 
das Leben gegeben und es vor den Gefahren desselben 
behütet hat, belehrte es auch, was es tun darf und was 
es unterlassen soll, wies es an, sich bestimmte Einschrän- 
kungen seiner Triebwünsche gefallen zu lassen, ließ es 
wissen, welche Rücksichten auf Eltern und Geschwister 
von ihm erwartet werden, wenn es ein geduldetes und 
gern gesehenes Mitglied des Familienkreises und später 
größerer Verbände werden will. Durch ein System von 
Liebesprämien und Strafen wird das Kind zur Kenntnis 
seiner sozialen Pflichten erzogen, wird es belehrt, daß 
seine Lebenssicherheit davon abhängt, daß die Eltern und 
dann auch die Anderen es lieben und an seine Liebe zu 
ihnen glauben können. Alle diese Verhältnisse trägt dann 
der Mensch unverändert in die Religion ein. Die Ver- 
bote und Forderungen der Eltern leben als sittliches Ge- 
wissen in seiner Brust weiter; mit Hilfe desselben Sy- 
stems von Lohn und Strafe regiert Gott die Menschen- 



228 Neu e Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

weit, von der Erfüllung der ethischen Forderungen hängt 
es ab, welches Maß von Schutz und Glücksbefriedigung 
dem Einzelnen zugewiesen wird; in der Liebe zu Gott 
und im Bewußtsein, von ihm geliebt zu werden, ist die 
Sicherheit begründet, mit der man sich gegen die Ge- 
fahren der Außenwelt wie der menschlichen Mitwelt 
wappnet. Endlich hat man sich im Gebet einen direkten 
Einfluß auf den göttlichen Willen und damit einen An- 
teil an der göttlichen Allmacht gesichert. 

Ich weiß, während Sie mir zuhörten, haben sich 
Ihnen zahlreiche Fragestellungen aufgedrängt, auf die Sie 
gerne die Antwort hören möchten. Ich kann es hier und 
heute nicht unternehmen, aber ich bin zuversichtlich, daß 
keine dieser Detailuntersuchungen unseren Satz erschüt- 
tern würde, die religiöse Weltanschauung sei durch die 
Situation unserer Kindheit determiniert. Umso merkwür- 
diger dann, daß sie trotz ihres infantilen Charakters 
doch einen Vorläufer hat. Es gab ohne Zweifel eine Zeit 
ohne Religion, ohne Götter. Man heißt sie den Animis- 
mus. Die Welt war auch damals voll von menschenähn- 
lichen geistigen Wesen, Dämonen nennen wir sie, alle 
Objekte der Außenwelt waren der Sitz von ihnen oder 
vielleicht identisch mit ihnen, aber es gab keine Über- 
macht, die sie alle erschaffen hatte und auch weiter be- 
herrschte und an die man sich um Schutz und Abhilfe 
wenden konnte. Die Dämonen des Animismus waren den 
Menschen zumeist feindlich gesinnt, aber es scheint, daß 
der Mensch sich damals mehr zutraute als später. Er litt 
gewiß beständig unter schwerster Angst vor diesen bösen 
Geistern, aber er erwehrte sich ihrer durch bestimmte 



. 



XXXV. Über eine Weltanschauung 119 

Handlungen, denen er die Kraft zuschrieb, sie zu ver- 
jagen. Auch hielt er sich sonst nicht für machtlos. Wenn 
er an die Natur einen Wunsch zu stellen hatte, z. B. 
Regen wollte, so richtete er nicht ein Gebet an den 
Wettergott, sondern er übte einen Zauber, von dem er 
eine direkte Beeinflussung der Natur erwartete, machte 
selbst etwas dem Regen Ähnliches. Im Kampf gegen die 
Mächte der Umwelt war seine erste Waffe die Magie, 
die erste Vorläuferin unserer heutigen Technik. Wir neh- 
men an, daß das Vertrauen in die Magie sich von der 
Überschätzung der eigenen intellektuellen Operationen 
ableitet, von dem Glauben an die „Allmacht der Gedan- 
ken", den wir übrigens bei unseren Zwangsneurotikern 
wiederfinden. Wir könnten uns vorstellen, daß die Men- 
schen jener Zeit besonders stolz auf ihre Erwerbungen in 
der Sprache waren, mit denen eine große Erleichterung 
des Denkens einhergehen mußte. Sie verliehen dem Wort 
Zauberkraft. Dieser Zug wurde später von der Religion 
übernommen. „Und Gott sprach: es werde Licht und es 
ward Licht". Übrigens zeigt die Tatsache der magischen 
Handlungen, daß der animistische Mensch sich nicht ein- 
fach auf die Kraft seiner Wünsche verließ. Er erwartete 
den Erfolg vielmehr von der Ausführung eines Aktes, 
der die Natur zur Nachahmung veranlassen sollte. Wenn 
er Regen wollte, schüttete er selbst Wasser aus; wenn 
er den Boden zur Fruchtbarkeit anregen wollte, gab er 
ihm das Schauspiel eines Geschlechtsverkehrs auf dem 

Felde. 

Sie wissen, wie schwer etwas untergeht, was sich 
einmal psychischen Ausdruck verschafft hat. Sie werden 



230 N eue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

also nicht überrascht sein zu hören, daß viele Äußerun- 
gen des Animismus sich bis auf den heutigen Tag er- 
halten haben, meist als sogenannter Aberglaube, neben 
und hinter der Religion. Aber mehr noch, Sie werden 
das Urteil kaum abweisen können, daß unsere Philo- 
sophie wesentliche Züge der animistischen Denkweise 
bewahrt hat, die Überschätzung des Wortzaubers, den 
Glauben, daß die realen Vorgänge in der Welt die 
Wege gehen, die unser Denken ihnen anweisen will. Es 
wäre freilich ein Animismus ohne magische Handlungen. 
Anderseits dürfen wir erwarten, daß es schon in jenem 
Zeitalter irgend eine Art von Ethik gegeben hat, Vor- 
schriften für den Verkehr der Menschen untereinander, 
aber nichts spricht dafür, daß sie inniger an den animi- 
stischen Glauben geknüpft waren. Wahrscheinlich waren 
sie der unmittelbare Ausdruck der Machtverhältnisse 
und praktischen Bedürfnisse. 

Was den Übergang vom Animismus zur Religion 
erzwungen hat, wäre sehr wissenswert, aber Sie können 
sich vorstellen, welches Dunkel heute noch diese Ur- 
zeiten der Entwicklungsgeschichte des Menschengeistes 
verhüllt. Es scheint Tatsache, daß die erste Erscheinungs- 
form der Religion der merkwürdige Totemismus war, die 
Tierverehrung, in dessen Gefolge auch die ersten ethischen 
Gebote, die Tabus, auftraten. Ich habe seinerzeit in einem 
Buche „Totem und Tabu" eine Vermutung ausgearbeitet, 
die diese Wandlung auf einen Umsturz in den Verhält- 
nissen der menschlichen Familie zurückführt. Die Haupt- 
leistung der Religion im Vergleich zum Animismus liegt 
in der psychischen Bindung der Dämonenangst. Doch hat 



XXXV. Über eine Weltanschauung 231 

sich als Oberlebsel der Vorzeit der böse Geist eine Stelle 
im System der Religion gewahrt. 

Ist dies die Vorgeschichte der religiösen Welt- 
anschauung, so wenden wir uns jetzt zu dem, was seit- 
her geschehen und noch unter unseren Augen vor sich 
geht. Der wissenschaftliche Geist, an der Beobachtung 
der Naturvorgänge erstarkt, hat im Laufe der Zeiten 
begonnen, die Religion wie eine menschliche Angelegen- 
heit zu behandeln und sie einer kritischen Prüfung zu 
unterziehen. Der konnte sie nicht Stand halten. Es waren 
zunächst ihre Wunderberichte, die Befremden und Un- 
glauben hervorriefen, weil sie allem widersprachen, was 
die nüchterne Beobachtung gelehrt hatte, und überdeut- 
lich den Einfluß menschlicher Phantasietätigkeit verrieten. 
Dann mußten ihre Lehren zur Erklärung der bestehenden 
Welt Ablehnung finden, denn sie zeugten von einer Un- 
wissenheit, die den Stempel alter Zeiten an sich trug 
und der man sich dank gesteigerter Vertrautheit mit den 
Naturgesetzen überlegen wußte. Daß die Welt durch 
Zeugungs- oder Schöpfungsakte entstanden sein sollte, 
analog der Entstehung des einzelnen Menschen, erschien 
nicht mehr als die nächste, selbstverständliche Annahme, 
seitdem sich dem Denken die Unterscheidung von be- 
lebten und seelenvollen Wesen und einer unbelebten 
Natur aufgedrängt hatte, mit der das Festhalten am ur- 
sprünglichen Animismus unmöglich wurde. Nicht zu 
übersehen ist auch der Einfluß des vergleichenden Stu- 
diums verschiedener religiöser Systeme und der Eindruck 
ihrer gegenseitigen Ausschließung und ihrer Intoleranz 
gegen einander. 



.232 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

An diesen Vorübungen erstarkt, hat der wissen- 
schaftliche Geist endlich den Mut gewonnen, sich an die 
Prüfung der bedeutsamsten und affektiv wertvollsten 
Stücke der religiösen Weltanschauung zu wagen. Man 
hätte es immer sehen können, aber man getraute sich 
erst spät es auszusprechen, daß auch die Behauptungen 
der Religion, die dem Menschen Schutz und Glück ver- 
sprechen, wenn er nur gewisse ethische Anforderungen 
erfüllt, sich als unglaubwürdig erweisen. Es scheint nicht 
zuzutreffen, daß es eine Macht im "Weltall gibt, die mit 
elterlicher Sorgfalt über das Wohlergehen des Einzelnen 
wacht und alles, was ihn betrifft, zu glücklichem Ende 
leitet. Vielmehr sind die Schicksale der Menschen weder 
mit der Annahme einer Weltgüte, noch mit der — ihr 
zum Teil widersprechenden — einer Weltgerechtigkeit 
zu vereinen. Erdbeben, Sturmfluten, Feuersbrünste machen 
keinen Unterschied zwischen dem Guten und Frommen 
und dem Bösewicht oder dem Ungläubigen. Auch wo 
nicht die unbelebte Natur in Betracht kommt und inso- 
ferne das Schicksal des einzelnen Menschen von seinen 
Beziehungen zu den anderen Menschen abhängt, ist es 
keineswegs die Regel, daß die Tugend belohnt wird und 
das Böse seine Strafe findet, sondern oft genug reißt der 
Gewalttätige, Schlaue, Rücksichtslose die beneideten Güter 
der Welt an sich und der Fromme geht leer aus. Dunkle, 
fühllose und lieblose Mächte bestimmen das menschliche 
Schicksal; das System von Belohnungen und Strafen, dem 
die Religion die Weltherrschaft zugeschrieben hat, scheint 
nicht zu existieren. Hier ist wiederum ein Anlaß, ein 



r^-- 



XXXV. Über eine Weltanschauung 



2 33 



Stück der Beseelung, das sich aus dem Animismus in 
die Religion gerettet hatte, fallen zu lassen. 

Den letzten Beitrag zur Kritik der religiösen Welt- 
anschauung hat die Psychoanalyse geleistet, indem sie 
auf den Ursprung der Religion aus der kindlichen Hilf- 
losigkeit hinwies und ihre Inhalte aus den ins reife Le- 
ben fortgesetzten Wünschen und Bedürfnissen der Kin- 
derzeit ableitete. Das bedeutete nicht grade eine Wider- 
legung der Religion, aber es war doch eine notwendige 
Abrundung unseres Wissens um sie und wenigstens in 
einem Punkt ein Widerspruch, da sie selbst göttliche Ab- 
kunft für sich in Anspruch nimmt. Freilich hat sie damit 
nicht Unrecht, wenn man unsere Deutung Gottes an- 
nimmt. 

Das zusammenfassende Urteil der Wissenschaft über 
die religiöse Weltanschauung lautet also: Während die 
einzelnen Religionen mit einander hadern, welche von 
ihnen im Besitz der Wahrheit sei, meinen wir, daß der 
Wahrheitsgehalt der Religion überhaupt vernachlässigt 
werden darf. Religion ist ein Versuch, die Sinneswelt, in 
die wir gestellt sind, mittels der Wunschwelt zu bewäl- 
tigen, die wir infolge biologischer und psychologischer 
Notwendigkeiten in uns entwickelt haben. Aber sie kann 
es nicht leisten. Ihre Lehren tragen das Gepräge der 
Zeiten, in denen sie entstanden sind, der unwissenden 
Kinderzeiten der Menschheit. Ihre Tröstungen verdienen 
kein Vertrauen. Die Erfahrung lehrt uns: Die Welt ist 
keine Kinderstube. Die ethischen Forderungen, denen die 
Religion Nachdruck verleihen will, verlangen vielmehr 
eine andere Begründung, denn sie sind der menschlichen 



mtmm 



234 Ne ue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Gesellschaft unentbehrlich und es ist gefährlich, ihre Be- 
folgung an die religiöse Gläubigkeit zu knüpfen. Ver- 
sucht man die Religion in den Entwicklungsgang der 
Menschheit einzureihen, so erscheint sie nicht als ein 
Dauererwerb, sondern als ein Gegenstück der Neurose, 
die der einzelne Kulturmensch auf seinem Wege von 
der Kindheit zur Reife durchzumachen hat. 

Es steht Ihnen natürlich frei, an dieser meiner Dar- 
stellung Kritik zu üben; ich werde Ihnen dabei selbst 
entgegenkommen. Was ich Ihnen über die allmähliche 
Abbröckelung der religiösen Weltanschauung gesagt habe, 
war gewiß in seiner Verkürzung unvollständig; die Rei- 
henfolge der einzelnen Vorgänge war nicht ganz richtig 
angegeben, das Zusammenwirken verschiedener Kräfte 
beim Erwachen des wissenschaftlichen Geistes wurde 
nicht verfolgt. Ich habe auch die Veränderungen außer 
Acht gelassen, die sich in der religiösen Weltanschauung 
selbst während der Zeit ihrer unbestrittenen Herrschaft 
und dann unter dem Einfluß der erwachenden Kritik 
vollzogen haben. Endlich habe ich meine Erörterung 
streng genommen auf eine einzige Gestaltung der Reli- 
gion, die der abendländischen Völker, eingeschränkt. Ich 
habe mir sozusagen ein Phantom geschaffen zum Zweck 
einer beschleunigten, möglichst eindrucksvollen Demon- 
stration. Lassen wir die Frage bei Seite, ob mein Wissen 
überhaupt hingereicht hätte, es besser und vollständiger 
zu machen. Ich weiß, alles, was ich Ihnen gesagt habe, 
können Sie anderswo finden, besser finden, nichts davon 
ist neu. Lassen Sie mich die Überzeugung aussprechen, 
daß die sorgfältigste Bearbeitung des Stoffs der Reli- 



gionsprobleme unser Ergebnis nicht erschüttern würde. 
Sie wissen, daß der Kampf des wissenschaftlichen 
Geistes gegen die religiöse Weltanschauung nicht zu Ende 
gekommen ist, er spielt sich noch in der Gegenwart unter 
unseren Augen ab. So wenig sonst die Psychoanalyse 
von der Waffe der Polemik Gebrauch macht, so wollen 
wir es uns doch nicht versagen, in diesen Streit Einsicht 
zu nehmen. Wir erreichen dabei vielleicht eine weitere 
Klärung unserer Stellung zu den Weltanschauungen. Sie 
werden sehen, wie leicht sich einige der Argumente, die 
die Anhänger der Religion vorbringen, zurückweisen 
lassen; andere mögen sich allerdings der Widerlegung 
entziehen. 

Die erste Einwendung, die man hört, lautet, es sei 
eine Vermessenheit der Wissenschaft, die Religion zum 
Gegenstand ihrer Untersuchungen zu nehmen, denn diese 
sei etwas Souveränes, jeder menschlichen Verstandes- 
tätigkeit Überlegenes, dem man mit klügelnder Kritik 
nicht nahekommen darf. Mit anderen Worten, die Wis- 
senschaft ist zur Beurteilung der Religion nicht zustän- 
dig. Sie sei sonst ganz brauchbar und schätzenswert, so- 
lange sie sich auf ihr Gebiet beschränkt, aber die Reli- 
gion sei nicht ihr Gebiet, da habe sie nichts zu suchen. 
Läßt man sich durch diese barsche Abweisung nicht ab- 
halten und fragt weiter, worauf sich dieser Anspruch an 
eine Ausnahmsstellung unter allen menschlichen Ange- 
legenheiten gründet, so erhält man zur Antwort, wenn 
man überhaupt einer Antwort gewürdigt wird, die Reli- 
gion darf nicht mit menschlichem Maß gemessen werden, 
denn sie ist göttlicher Herkunft, uns durch Offenbarung 



z$6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoana lyse 

von einem Geist gegeben, den der Menschengeist nicht 
zu begreifen vermag. Man sollte meinen, nichts sei leich- 
ter abzuweisen als dieses Argument, es ist doch eine offen- 
kundige petitio principii, ein begging the quesüon> ich 
weiß keinen guten Ausdruck dafür im Deutschen. Es 
wird eben in Frage gestellt, ob es einen göttlichen Geist 
und seine Offenbarung gibt, und da ist es sicherlich keine 
Entscheidung, wenn gesagt wird, das könne man nicht 
fragen, denn die Gottheit darf nicht in Frage gestellt 
werden. Es ist hier wie gelegentlich in der analytischen 
Arbeit. Wenn ein sonst verständiger Patient eine be- 
stimmte Zumutung mit einer besonders dummen Begrün- 
dung zurückweist, so verbürgt diese logische Schwäche 
die Existenz eines besonders starken Motivs zum Wider- 
spruch, das nur affektiver Natur, eine Gefühlsbindung 
sein kann. 

Man kann auch eine andere Antwort erhalten, in 
der ein solches Motiv offen eingestanden wird. Die Reli- 
gion darf nicht kritisch geprüft werden, weil sie das 
Höchste, Wertvollste, Erhabenste ist, was der mensch- 
liche Geist hervorgebracht hat, weil sie den tiefsten Ge- 
fühlen Ausdruck gibt, allein die Welt erträglich und das 
Leben menschenwürdig macht. Darauf braucht man nicht 
zu antworten, indem man diese Einschätzung der Reli- 
gion bestreitet, sondern indem man die Aufmerksamkeit 
auf einen anderen Sachverhalt richtet. Man betont, daß 
es sich gar nicht um einen Übergriff des wissenschaft- 
lichen Geistes auf das Gebiet der Religion handelt, son- 
dern im Gegenteil um einen Übergriff der Religion auf 
die Sphäre des wissenschaftlichen Denkens. Was immer 



XXXV. Über eine Weltanschauung 137 



"Wert und Bedeutung der Religion sein mögen, sie hat 
kein Recht, das Denken irgendwie zu beschränken, also 
auch nicht das Recht, sich selbst von der Anwendung des 
Denkens auszunehmen. 

Das wissenschaftliche Denken ist in seinem Wesen 
nicht verschieden von der normalen Denktätigkeit, die 
wir alle, Gläubige wie Ungläubige, bei der Besorgung 
unserer Angelegenheiten im Leben verwenden. Es hat sich 
nur in einigen Zügen besonders gestaltet, es interessiert 
sich auch für Dinge, die keinen unmittelbaren greifbaren 
Nutzen haben, es bemüht sich, individuelle Faktoren und 
affektive Beeinflussungen sorgfältig fernzuhalten, prüft 
die Sinneswahrnehmungen, auf die es seine Schlüsse baut, 
strenger auf ihre Zuverlässigkeit, schafft sich neue Wahr- 
nehmungen, die mit den Mitteln des Alltags nicht zu er- 
reichen sind, und isoliert die Bedingungen dieser Neu- 
erfahrungen in absichtlich variierten Versuchen. Sein 
Bestreben ist, die Übereinstimmung mit der Realität zu 
erreichen, d. h. mit dem, was außerhalb von uns, unab- 
hängig von uns besteht und, wie uns die Erfahrung ge- 
lehrt hat, für die Erfüllung oder Vereitelung unserer 
Wünsche maßgebend ist. Diese Übereinstimmung mit der 
realen Außenwelt heißen wir Wahrheit. Sie bleibt das 
Ziel der wissenschaftlichen Arbeit, auch wenn wir deren 
praktischen Wert außer Augen lassen. Wenn also die 
Religion behauptet, daß sie die Wissenschaft ersetzen 
kann, daß sie darum, weil sie wohltuend und erhebend 
ist, auch wahr sein muß, so ist das in der Tat ein Über- 
griff, den man im allgemeinsten Interesse zurückweisen 
sollte. Es ist eine starke Zumutung an den Menschen, 



238 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



der gelernt hat, seine gewöhnlichen Geschäfte nach den 
Regeln der Erfahrung und unter Rücksicht auf die Rea- 
lität zu führen, daß er die Besorgung grade seiner intim- 
sten Interessen einer Instanz übertragen sollte, die die 
Befreiung von den Vorschriften des rationellen Denkens 
als ihr Vorrecht in Anspruch nimmt. Und was den Schutz 
betrifft, den die Religion ihren Gläubigen verspricht, so 
meine ich, niemand von uns würde auch nur in ein 
Automobil einsteigen wollen, dessen Lenker erklärt, er 
fahre unbeirrt durch die Regeln des Straßenverkehrs nach 
den Impulsen seiner von hohem Schwung getragenen 
Phantasie. 

Das Denkverbot, das die Religion im Dienste ihrer 
Selbsterhaltung ausgehen läßt, ist auch keineswegs unge- 
fährlich, weder für den Einzelnen, noch für die mensch- 
liche Gemeinschaft. Die analytische Erfahrung hat uns 
gelehrt, daß ein solches Verbot, wenn auch ursprünglich 
auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt, die Neigung hat 
sich auszubreiten und dann eine Ursache schwerer Hem- 
mungen in der Lebenshaltung der Person wird. Diese 
Wirkung kann man auch am weiblichen Geschlecht be- 
obachten als Folge des Verbots, sich auch nur im Den- 
ken mit seiner Sexualität zu beschäftigen. Die Schädlich- 
keit der religiösen Denkhemmung vermag die Biographik 
in der Lebensgeschichte fast aller hervorragenden Indi- 
viduen vergangener Zeiten nachzuweisen. Anderseits ge- 
hört der Intellekt — oder nennen wir ihn bei seinem uns 
vertrauten Namen: die Vernunft — zu den Mächten, 
von denen man am ehesten einen einigenden Einfluß auf 
die Menschen erwarten darf, die Menschen, die so schwer 



XXXV. Über eine Weltanschauung 239 



zusammenzuhalten und darum kaum zu regieren sind. 
Man stelle sich vor, wie unmöglich die menschliche Ge- 
sellschaft würde, wenn jedermann auch nur sein eigenes 
Einmaleins und seine besondere Längen- und Gewichts- 
einheit hätte. Es ist unsere beste Zukunftshoffnung, daß 
der Intellekt — der wissenschaftliche Geist, die Ver- 
nunft — mit der Zeit die Diktatur im menschlichen 
Seelenleben erringen wird. Das Wesen der Vernunft bürgt 
dafür, daß sie dann nicht unterlassen wird, den mensch- 
lichen Gefühlsregungen und was von ihnen bestimmt 
wird, die ihnen gebührende Stellung einzuräumen. Aber 
der gemeinsame Zwang einer solchen Herrschaft der Ver- 
nunft wird sich als das stärkste einigende Band unter 
den Menschen erweisen und weitere Einigungen anbahnen. 
Was sich, wie das Denkverbot der Religion, einer solchen 
Entwicklung widersetzt, ist eine Gefahr für die Zukunft 
der Menschheit. 

Man kann nun fragen: Warum macht die Religion 
diesem für sie aussichtslosen Streit nicht ein Ende, indem 
sie frei heraus erklärt: „Es ist richtig, daß ich Euch das 
nicht geben kann, was man gemeinhin Wahrheit nennt; 
dafür müßt Ihr Euch an die Wissenschaft halten. Aber 
was ich zu geben habe, ist ungleich schöner, trostreicher 
und erhebender als alles, was Ihr von der Wissenschaft 
bekommen könnt. Und darum sage ich Euch, es ist wahr 
in einem anderen, höheren Sinn." Die Antwort ist leicht 
zu finden. Die Religion kann dieses Zugeständnis nicht 
machen, weil sie damit jeden Einfluß auf die Menge ein- 
büßen würde. Der gemeine Mann kennt nur eine Wahr- 
heit im gemeinen Sinn des Wortes. Was eine höhere 



240 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

oder höchste Wahrheit sein soll, kann er sich nicht vor- 
stellen. Die Wahrheit erscheint ihm so wenig der Steige- 
rung fähig wie der Tod, und den Sprung vom Schönen 
zum Wahren kann er nicht mitmachen. Vielleicht den- 
ken Sie mit mir, er tut Recht daran. 

Der Kampf ist also nicht zu Ende. Die Anhänger 
der religiösen Weltanschauung handeln nach dem alten 
Satz: Die beste Verteidigung ist der Angriff. Sie fragen: 
Wer ist denn diese Wissenschaft, die sich anmaßt unsere 
Religion zu entwerten, die Millionen von Menschen durch 
lange Jahrtausende Heil und Trost gespendet hat? Was 
hat sie ihrerseits bereits geleistet? Was können wir ferner 
von ihr erwarten? Trost und Erhebung zu bringen, dazu 
ist sie nach eigenem Geständnis unfähig. Sehen wir also 
davon ab, obwohl das kein leichter Verzicht ist. Aber 
was ist's mit ihren Lehren? Kann sie uns sagen, wie die 
Welt geworden ist und welchem Schicksal sie entgegen- 
geht? Kann sie uns auch nur ein zusammenhängendes 
Weltbild zeichnen, uns zeigen, wohin die unerklärten 
Phänomene des Lebens gehören, wie die geistigen Kräfte 
auf die träge Materie zu wirken vermögen? Wenn sie das 
könnte, würden wir ihr unsere Achtung nicht versagen. 
Aber nichts von alledem, kein Problem dieser Art hat 
sie noch gelöst. Sie gibt uns Bruchstücke angeblicher Er- 
kenntnis, die sie nicht zur Übereinstimmung mit einander 
bringen kann, sammelt Beobachtungen von Regelmäßig- 
keiten im Ablauf der Geschehnisse, die sie mit dem 
Namen von Gesetzen auszeichnet und ihren gewagten 
Deutungen unterwirft. Und mit welch geringem Grad 
von Sicherheit stattet sie ihre Ergebnisse aus? Alles, was 




XXXV. Über eine Weltanschauung 



241 



sie lehrt, gilt nur vorläufig; was man heute als höchste 
Weisheit anpreist, wird morgen verworfen und wiederum 
nur probeweise durch anderes ersetzt. Der letzte Irrtum 
heißt dann Wahrheit. Und dieser Wahrheit sollen wir 
unser höchstes Gut zum Opfer bringen! 

Meine Damen und Herren! Ich denke, insofern Sie 
selbst der hier angegriffenen wissenschaftlichen Welt- 
anschauung anhängen, werden Sie durch diese Kritik 
nicht allzu tief erschüttert worden sein. Im kaiserlichen 
Österreich fiel einst ein Wort, an das ich hier erinnern 
möchte. Der alte Herr schrie einmal die Abordnung einer 
ihm unbequemen Partei an: Das ist keine gewöhnliche 
Opposition mehr, das ist faktiöse Opposition. So ähnlich 
werden Sie finden, die Vorwürfe gegen die Wissenschaft, 
daß sie die Welträtsel noch nicht gelöst, sind in unge- 
rechter und gehässiger Weise übertrieben; für diese gro- 
ßen Leistungen hat sie bisher wirklich zu wenig Zeit 
gehabt. Die Wissenschaft ist sehr jung, eine spät ent- 
wickelte menschliche Tätigkeit. Halten wir uns vor, um 
nur einige Daten auszuwählen, es sind etwa 300 Jahre 
vergangen, seit Kepler die Gesetze der Planetenbewe- 
gung fand, die Lebenszeit Newtons der das Licht in 
seine Farben zerlegte und die Lehre von der Schwer- 
kraft aufstellte, ging 1727 zu Ende, also vor wenig mehr 
als 200 Jahren, kurz vor der französischen Revolution 
erkannte L a v o i s i e r den Sauerstoff. Ein Menschen- 
dasein ist sehr kurz im Vergleich zur Dauer der Mensch- 
heitsentwicklung, ich mag heute ein sehr alter Mann sein, 
aber immerhin, ich war schon am Leben, als C h. Dar- 
w i n sein Werk über die Entstehung der Arten der 

16 



242 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



Öffentlichkeit übergab. In dem gleichen Jahr 1859 wurde 
der Entdecker des Radium, Pierre Curie geboren. 
Und wenn Sie weiter zurückgehen, zu den Anfängen der 
exakten Naturwissenschaft bei den Griechen, zu A r c h i- 
medes, Aristarch von Samos (um 250 v. Chr.), 
dem Vorläufer des Köpern ikus, oder selbst zu den 
ersten Ansätzen der Astronomie bei den Babyloniern, so 
decken Sie damit nur einen kleinen Bruchteil des Zeit- 
raums, den die Anthropologie für die Entwicklung des 
Menschen von seiner affenähnlichen Urform aus in An- 
spruch nimmt, und der gewiß mehr als ein Jahrhundert- 
tausend umfaßt. Und vergessen wir nicht, das letzte Jahr- 
hundert hat eine solche Fülle von neuen Entdeckungen, 
eine so große Beschleunigung des wissenschaftlichen Fort- 
schritts gebracht, daß wir allen Grund haben, der Zu- 
kunft der Wissenschaft mit Zuversicht entgegen zu sehen. 
Den anderen Ausstellungen müssen wir in gewissem 
Umfang Recht geben. So ist eben der Weg der Wissen- 
schaft, langsam, tastend, mühselig. Es ist nicht zu leugnen 
und zu ändern. Kein Wunder, daß die Herren von der 
anderen Seite unzufrieden sind; sie sind verwöhnt, bei 
der Offenbarung haben sie es leichter gehabt. Der Fort- 
schritt in der wissenschaftlichen Arbeit vollzieht sich 
ganz ähnlich wie in einer Analyse. Man bringt Erwar- 
tungen in die Arbeit mit, aber man muß sie zurück- 
drängen. Man erfährt durch die Beobachtung bald hier 
bald dort etwas Neues, die Stücke passen zunächst nicht 
zusammen. Man stellt Vermutungen auf, macht Hilfs- 
konstruktionen, die man zurücknimmt, wenn sie sich 
nicht bestätigen, man braucht viel Geduld, Bereitschaft 



. XXXV. Über eine Weltanschauung 243 

für alle Möglichkeiten, verzichtet auf frühe Überzeugun- 
gen, um nicht unter deren Zwang neue, unerwartete Mo- 
mente zu übersehen, und am Ende lohnt sich der ganze 
Aufwand, die zerstreuten Funde fügen sich zusammen, 
man gewinnt den Einblick in ein ganzes Stück des seeli- 
schen Geschehens, hat die Aufgabe erledigt, und ist nun 
frei für die nächste. Nur die Hilfe, die das Experiment 
der Forschung leistet, muß man in der Analyse ent- 
behren. 

An jener Kritik der Wissenschaft ist auch ein gutes 
Stück Übertreibung. Es ist nicht wahr, daß sie blind von 
einem Versuch zum andern torkelt, einen Irrtum mit 
einem anderen vertauscht. In der Regel arbeitet sie wie 
der Künstler am Tonmodell, wenn er am rohen Entwurf 
unermüdlich ändert, aufträgt und wegnimmt, bis er einen 
ihn befriedigenden Grad von Ähnlichkeit mit dem ge- 
sehenen oder vorgestellten Objekt erreicht hat. Auch gibt 
es, wenigstens in den älteren und reiferen Wissenschaften, 
schon heute einen soliden Grundstock, der nur modifi- 
ziert und ausgebaut, aber nicht mehr abgetragen wird. 
Es sieht nicht so arg aus im wissenschaftlichen Betrieb. 
Und endlich, was wollen diese leidenschaftlichen 
Verunglimpfungen der Wissenschaft bezwecken? Trotz 
ihrer heutigen Unvollkommenheit und der ihr anhaften- 
den Schwierigkeiten bleibt sie uns unentbehrlich und ist 
durch nichts anderes zu ersetzen. Sie ist ungeahnter Ver- 
vollkommnungen fähig, die religiöse Weltanschauung ist 
es nicht. Diese ist in allen wesentlichen Stücken fertig; 
wenn sie ein Irrtum war, muß sie es für immer bleiben. 
Keine Verkleinerung der Wissenschaft kann auch etwas 



144 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psych oanalyse 

an der Tatsache ändern, daß sie versucht, unserer 
Abhängigkeit von der realen Außenwelt gerecht zu 
werden, während die Religion Illusion ist und ihre 
Stärke aus dem Entgegenkommen gegen unsere Trieb- 
wunschregungen bezieht. 

Ich habe die Verpflichtung, noch anderer Welt- 
anschauungen zu gedenken, die sich im Gegensatz zur 
wissenschaftlichen befinden; ich tue es aber ungern, da 
ich weiß, daß mir die richtige Kompetenz zu deren Be- 
urteilung abgeht. Nehmen Sie also die folgenden Bemer- 
kungen unter dem Eindruck dieses Bekenntnisses auf 
und, wenn Ihr Interesse geweckt worden ist, suchen Sie 
bessere Belehrung von anderer Seite. 

An erster Stelle wären hier die verschiedenen philo- 
sophischen Systeme zu nennen, die es gewagt haben, das 
Bild der Welt zu zeichnen, wie es sich im Geist des meist 
weitabgewandten Denkers spiegelte. Aber eine allgemeine 
Charakteristik der Philosophie und ihrer Methoden zu 
geben, habe ich bereits versucht und zur Würdigung der 
einzelnen Systeme bin ich wohl so ungeeignet wie selten 
jemand. Wenden Sie sich also mit mir zu zwei anderen 
Erscheinungen, an denen man grade in unserer Zeit nicht 
vorbeigehen kann. 

Die eine dieser Weltanschauungen ist gleichsam ein 
Gegenstück zum politischen Anarchismus, vielleicht eine 
Ausstrahlung von ihm. Es hat solche intellektuelle Nihi- 
listen gewiß schon früher gegeben, aber gegenwärtig 
scheint ihnen die Relativitätstheorie der modernen Phy- 
sik zu Kopf gestiegen zu sein. Sie gehen zwar von der 
Wissenschaft aus, aber sie verstehen es, sie zur Selbst- 



XXXV. Über eine Weltanschauung 



*45 



aufhebung, zum Selbstmord zu drängen, tragen ihr die 
Aufgabe auf, sich selbst durch Widerlegung ihrer An- 
sprüche aus dem Weg zu räumen. Oft gewinnt man da- 
bei den Eindruck, dieser Nihilismus sei nur eine zeit- 
weilige Einstellung, die bis zur Erledigung jener Aufgabe 
festgehalten wird. Hat man die Wissenschaft beseitigt, 
so mag auf dem freigewordenen Raum sich irgend ein 
Mystizismus oder doch wieder die alte religiöse Welt- 
anschauung ausbreiten. Nach der anarchistischen Lehre 
gibt es überhaupt keine Wahrheit, keine gesicherte Er- 
kenntnis der Außenwelt. Was wir für wissenschaftliche 
Wahrheit ausgeben, ist doch nur das Produkt unserer 
eigenen Bedürfnisse, wie sie sich unter den wechselnden 
äußeren Bedingungen äußern müssen, also wiederum Illu- 
sion. Im Grunde finden wir doch nur, was wir brauchen 
sehen nur, was wir sehen wollen. Wir können nicht anders. 
Da das Kriterium der Wahrheit, die Übereinstimmung 
mit einer Außenwelt, entfällt, ist es recht gleichgiltig, 
welchen Meinungen wir anhängen. Alle sind gleich wahr 
und gleich falsch. Und niemand hat das Recht, den 
Andern des Irrtums zu zeihen. 

Für einen erkenntnistheoretisch gerichteten Geist 
könnte es eine Verlockung sein nachzuspüren, auf wel- 
chen Wegen, durch welche Sophismen es den Anarchisten 
gelingt, der Wissenschaft solche Endergebnisse abzulocken. 
Man müßte da auf Situationen stoßen, ähnlich wie sie 
sich aus dem bekannten Beispiel ableiten: Ein Kreter 
sagt: Alle Kreter sind Lügner, usw. Aber mir fehlen Lust 
und Fähigkeit, mich da tiefer einzulassen. Ich kann nur 
sagen, die anarchistische Lehre klingt so großartig über- 



2^6 Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psycho analyse 

legen, solange sie sich auf Meinungen über abstrakte 
Dinge bezieht; sie versagt beim ersten Schritt ins prak- 
tische Leben. Nun werden die Handlungen der Menschen 
von ihren Meinungen, Kenntnissen, geleitet und es ist 
derselbe wissenschaftliche Geist, der über den Bau der 
Atome oder die Abstammung des Menschen spekuliert 
und der die Konstruktion einer tragfähigen Brücke ent- 
wirft. Wäre es wirklich gleichgiltig, was wir meinen, 
gäbe es keine Kenntnisse, die unter unseren Meinungen 
durch ihre Übereinstimmung mit der Wirklichkeit aus- 
gezeichnet sind, so dürften wir Brücken ebensowohl aus 
Pappe bauen wie aus Stein, dem Kranken ein Dezigramm 
Morphin einspritzen anstatt eines Zentigramms, Tränen- 
gas zur Narkose nehmen an Stelle von Äther. Aber auch 
die intellektuellen Anarchisten würden solche praktische 
Anwendungen ihrer Theorie energisch ablehnen. 

Die andere Gegnerschaft ist weit ernster zu neh- 
men, auch bedauere ich in diesem Fall am lebhaftesten 
die Unzulänglichkeit meiner Orientierung. Ich vermute, 
Sie wissen von dieser Sache mehr als ich und Sie haben 
längst Stellung für oder gegen den Marxismus genommen. 
Die Untersuchungen von K. M a r x über die ökonomische 
Struktur der Gesellschaft und den Einfluß der verschie- 
denen Wirtschaftsformen auf alle Gebiete des Menschen- 
lebens haben in unserer Zeit eine unbestreitbare Auto- 
rität gewonnen. Inwieweit sie im Einzelnen das Richtige 
treffen oder irre gehen, kann ich natürlich nicht wissen. 
Ich höre, daß es auch anderen, besser Unterrichteten, 
nicht leicht wird. In der Marxschen Theorie haben mich 
Sätze befremdet, wie, daß die Entwicklung der Gesell- 



XXXV. Über eine Weltanschauung 247 

Schaftsformen ein naturgeschichtlicher Prozeß sei, oder 
daß die Wandlungen in der sozialen Schichtung auf dem 
Weg eines dialektischen Prozesses aus einander hervor- 
gehen. Ich bin gar nicht sicher, daß ich diese Behaup- 
tungen richtig verstehe, sie klingen auch nicht „materia- 
listisch", sondern eher wie ein Niederschlag jener dun- 
keln PI e g e 1 sehen Philosophie, durch deren Schule auch 
Marx gegangen ist. Ich weiß nicht, wie ich von meiner 
Laienmeinung frei werden kann, die gewohnt ist, die 
Klassenbildung in der Gesellschaft auf die Kämpfe zu- 
rückzuführen, die sich seit dem Beginn der Geschichte 
zwischen den um ein Geringes verschiedenen Menschen- 
horden abspielten. Die sozialen Unterschiede, meinte ich, 
waren ursprünglich Stammes- oder Rassenunterschiede. 
Psychologische Faktoren, wie das Ausmaß der konstitu- 
tionellen Aggressionslust aber auch die Festigkeit der 
Organisation innerhalb der Horde und materielle, wie der 
Besitz der besseren Waffen, entschieden den Sieg. Im Zu- 
sammenleben auf demselben Boden wurden die Sieger 
die Herren, die Besiegten die Sklaven. Dabei ist nichts 
von Naturgesetz oder Begriffswandlung zu entdecken, 
hingegen ist der Einfluß unverkennbar, den die fort- 
schreitende Beherrschung der Naturkräfte auf die sozia- 
len Beziehungen der Menschen übt, indem sie die neu- 
gewonnenen Machtmittel immer auch in den Dienst ihrer 
Aggression stellen und gegen einander verwenden. Die 
Einführung des Metalls, der Bronze, des Eisens hat gan- 
zen Kulturepochen und ihren sozialen Institutionen ein 
Ende gemacht. Ich glaube wirklich, daß das Schieß- 
pulver, die Feuerwaffe, Rittertum und Adelsherrschaft 



Hl 



248 Neue Vorlesun gen zur Einführung in die Psychoanalyse 

aufgehoben hat und daß der russische Despotismus be- 
reits vor dem verlorenen Krieg verurteilt war, da keine 
Inzucht innerhalb der Europa beherrschenden Familien 
ein Geschlecht von Zaren hätte erzeugen können, fähig, 
der Sprengkraft des Dynamits zu widerstehen. 

Ja vielleicht zahlen wir mit der gegenwärtigen, an 
den Weltkrieg anschließenden Wirtschaftskrise auch nur 
den Preis für den letzten großartigen Sieg über die 
Natur, die Eroberung des Luftraums. Das klingt nicht 
sehr einleuchtend, aber wenigstens die ersten Glieder des 
Zusammenhangs sind klar zu erkennen. Die Politik Eng- 
lands fußte auf der Sicherheit, die ihm das seine Küsten 
umspülende Meer verbürgte. Im Moment, da B 1 e r i o t 
den Kanal im Aeroplan überflogen hatte, war diese 
schützende Isolierung durchbrochen, und in jener Nacht 
als in Friedenszeiten und zu Übungszwecken ein deut- 
scher Zeppelin über London kreiste, war wohl der 
Krieg gegen Deutschland beschlossene Sache. 1 ) Auch die 
Drohung des Unterseeboots ist dabei nicht zu vergessen. 
Ich schäme mich beinahe, ein Thema von solcher 
Wichtigkeit und Kompliziertheit vor Ihnen mit so we- 
nigen unzureichenden Bemerkungen zu behandeln, weiß 
auch, daß ich Ihnen nichts gesagt habe, was Ihnen neu 
ist. Es lag mir nur daran, Sie aufmerksam zu machen, 
daß das Verhältnis des Menschen zur Beherrschung der 
Natur, der er seine Waffen zum Kampf gegen Seines- 
gleichen entnimmt, notwendigerweise auch seine öko- 
nomischen Einrichtungen beeinflussen muß. Wir scheinen 



*) So wurde es mir im ersten Kriegsjahr von vertrauens- 
würdiger Seite mitgeteilt. 



XXXV. Über eine Weltanschauung 249 



uns weit von den Problemen der Weltanschauung ent- 
fernt zu haben, aber wir werden bald wieder zur Steile 
sein. Die Stärke des Marxismus liegt offenbar nicht in 
seiner Auffassung der Geschichte und der darauf ge- 
gründeten Vorhersage der Zukunft, sondern in dem 
scharfsinnigen Nachweise des zwingenden Einflusses, den 
die ökonomischen Verhältnisse der Menschen auf ihre 
intellektuellen, ethischen und künstlerischen Einstellun- 
gen haben. Eine Reihe von Zusammenhängen und Ab- 
hängigkeiten wurden damit aufgedeckt, die bis dahin 
fast völlig verkannt worden waren. Aber man kann 
nicht annehmen, daß die ökonomischen Motive die ein- 
zigen sind, die das Verhalten der Menschen in der Ge- 
sellschaft bestimmen. Schon die unzweifelhafte Tatsache, 
daß verschiedene Personen, Rassen, Völker unter den 
nämlichen Wirtschaftsbedingungen sich verschieden be- 
nehmen, schließt die Alleinherrschaft der ökonomischen 
Momente aus. Man versteht überhaupt nicht, wie man 
psychologische Faktoren übergehen kann, wo es sich um 
die Reaktionen lebender Menschenwesen handelt, denn 
nicht nur, daß solche bereits an der Herstellung jener 
ökonomischen Verhältnisse beteiligt waren, auch unter 
deren Herrschaft können Menschen nicht anders als ihre 
ursprünglichen Triebregungen ins Spiel bringen, ihren 
Selbsterhaltungstrieb, ihre Aggressionslust, ihr Liebes- 
bedürfnis, ihren Drang nach Lusterwerb und Unlustver- 
meidung. In einer früheren Untersuchung haben wir 
auch den bedeutsamen Anspruch des Uberichs geltend 
gemacht, das Tradition und Idealbildungen der Vergan- 
genheit vertritt und den Antrieben aus einer neuen öko- 



2 j A /e«e Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

nomischen Situation eine Zeit lang Widerstand leisten 
wird. Endlich wollen wir nicht vergessen, daß über die 
Menschenmasse, die den ökonomischen Notwendigkeiten 
unterworfen ist, auch der Prozeß der Kulturentwicklung 
— Zivilisation sagen andere — abläuft, der gewiß von 
allen anderen Faktoren beeinflußt wird, aber sicherlich 
in seinem Ursprung von ihnen unabhängig ist, einem 
organischen Vorgang vergleichbar, und sehr wohl im 
Stande, seinerseits auf die anderen Momente einzuwir- 
ken. Er verschiebt die Triebziele und macht, daß die 
Menschen sich gegen das sträuben, was ihnen bisher er- 
träglich war; auch scheint die fortschreitende Erstarkung 
des wissenschaftlichen Geistes ein wesentliches Stück von 
ihm zu sein. Wenn jemand im Stande wäre, im Einzel- 
nen nachzuweisen, wie sich diese verschiedenen Momente, 
die allgemeine menschliche Triebanlage, ihre rassenhaften 
Variationen und ihre kulturellen Umbildungen unter den 
Bedingungen der sozialen Einordnung, der Berufstätig- 
keit und Erwerbsmöglichkeiten gebärden, einander hem- 
men und fördern, wenn jemand das leisten könnte, dann 
würde er die Ergänzung des Marxismus zu einer wirk- 
lichen Gesellschaftskunde gegeben haben. Denn auch die 
Soziologie, die vom Verhalten der Menschen in der Ge- 
sellschaft handelt, kann nichts anderes sein als ange- 
wandte Psychologie. Streng genommen gibt es ja nur 
zwei Wissenschaften, Psychologie, reine und angewandte, 
und Naturkunde. 

Mit der neu gewonnenen Einsicht in die weit- 
reichende Bedeutung ökonomischer Verhältnisse ergab 
sich die Versuchung, deren Abänderung nicht der histo- 



XXXV. Über eine Weltanschauung 251 



rischen Entwicklung zu überlassen, sondern sie durch 
revolutionären Eingriff selbst durchzusetzen. In seiner 
Verwirklichung im russischen Bolschewismus hat nun der 
theoretische Marxismus die Energie, Geschlossenheit 
und Ausschließlichkeit einer Weltanschauung gewonnen, 
gleichzeitig aber auch eine unheimliche Ähnlichkeit mit 
dem, was er bekämpft. Ursprünglich selbst ein Stück 
Wissenschaft, in seiner Durchführung auf Wissenschaft 
und Technik aufgebaut, hat er doch ein Denkverbot ge- 
schaffen, das eben so unerbittlich ist wie seinerzeit das 
der Religion. Eine kritische Untersuchung der marxisti- 
schen Theorie ist untersagt, Zweifel an ihrer Richtigkeit 
werden so geahndet wie einst die Ketzerei von der ka- 
tholischen Kirche. Die Werke von Marx haben als 
Quelle einer Offenbarung die Stelle der Bibel und des 
Korans eingenommen, obwohl sie nicht freier von Wider- 
sprüchen und Dunkelheiten sein sollen als diese älteren 
heiligen Bücher. 

Und obwohl der praktische Marxismus mit allen 
idealistischen Systemen und Illusionen erbarmungslos 
aufgeräumt hat, hat er doch selbst Illusionen entwickelt, 
die nicht weniger fragwürdig und unbeweisbar sind als 
die früheren. Er hofft im Laufe weniger Generationen 
die menschliche Natur so zu verändern, daß sich ein 
fast reibungsloses Zusammenleben der Menschen in der 
neuen Gesellschaftsordnung ergibt und daß sie die Auf- 
gaben der Arbeit zwangsfrei auf sich nehmen. Unterdes 
verlegt er die in der Gesellschaft unerläßlichen Trieb- 
einschränkungen an andere Stellen und lenkt die aggres- 
siven Neigungen, die jede menschliche Gemeinschaft be- 



— i 



*S* 



Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 



drohen, nach außen ab, stützt sich auf die Feindseligkeit 
der Armen gegen die Reichen, der bisher Ohnmächtigen 
gegen die früheren Machthaber. Aber eine solche Um- 
wandlung der menschlichen Natur ist sehr unwahrschein- 
lich. Der Enthusiasmus, mit dem die Menge gegenwärtig 
der bolschewistischen Anregung folgt, solange die neue 
Ordnung unfertig und von außen bedroht ist, gibt keine 
Sicherheit für eine Zukunft, in der sie ausgebaut und 
ungefährdet wäre. Ganz ähnlich wie die Religion muß 
auch der Bolschewismus seine Gläubigen für die Leiden 
und Entbehrungen des gegenwärtigen Lebens durch das 
Versprechen eines besseren Jenseits entschädigen, in dem 
es kein unbefriedigtes Bedürfnis mehr geben wird. Dies 
Paradies soll allerdings ein diesseitiges sein, auf Erden 
eingerichtet und in absehbarer Zeit eröffnet werden. Aber 
erinnern wir uns, auch die Juden, deren Religion nichts 
von einem jenseitigen Leben weiß, haben die Ankunft 
des Messias auf Erden erwartet und das christliche 
Mittelalter hat wiederholt geglaubt, daß das Reich Gottes 
nahe bevorsteht. 

Es ist nicht zweifelhaft, wie die Antwort des Bol- 
schewismus auf diese Vorhalte lauten wird. Er wird 
sagen: Solange die Menschen in ihrer Natur noch nicht 
umgewandelt sind, muß man sich der Mittel bedienen, 
die heute auf sie wirken. Man kann den Zwang in ihrer 
Erziehung nicht entbehren, das Denkverbot, die Anwen- 
dung der Gewalt bis zum Blutvergießen, und wenn man 
nicht jene Illusionen in ihnen erweckte, würde man sie 
nicht dazu bringen, sich diesem Zwang zu fügen. Und 
er könnte höflich ersuchen, ihm doch zu sagen, wie man 



XXXV. Über eine Weltanschauung *5_3 



es anders machen könnte. Damit wären wir geschlagen. 
Ich wüßte keinen Rat zu geben. Ich würde gestehen, 
daß die Bedingungen dieses Experiments mich und 
meinesgleichen abgehalten hätten, es zu unternehmen, 
aber wir sind nicht die einzigen, auf die es ankommt. 
Es gibt auch Männer der Tat, unerschütterlich in ihren 
Überzeugungen, unzugänglich dem Zweifel, unempfind- 
lich für die Leiden Anderer,wenn sie ihren Absichten im 
Wege sind. Solchen Männern verdanken wir es, daß der 
großartige Versuch einer solchen Neuordnung jetzt in 
Rußland wirklich durchgeführt wird. In einer Zeit, da 
große Nationen verkünden, sie erwarten ihr Heil nur 
vom Festhalten an der christlichen Frömmigkeit, wirkt 
die Umwälzung in Rußland — trotz aller unerfreulichen 
Einzelzüge — doch wie die Botschaft einer besseren Zu- 
kunft. Leider ergibt sich weder aus unserem Zweifel 
noch aus dem fanatischen Glauben der Anderen ein 
Wink, wie der Versuch ausgehen wird. Die Zukunft 
wird es lehren, vielleicht wird sie zeigen, daß der Ver- 
such vorzeitig unternommen wurde, daß eine durch- 
greifende Änderung der sozialen Ordnung wenig Aus- 
sicht auf Erfolg hat, solange nicht neue Entdeckungen 
unsere Beherrschung der Naturkräfte gesteigert und da- 
mit die Befriedigung unserer Bedürfnisse erleichtert 
haben. Erst dann mag es möglich werden, daß eine neue 
Gesellschaftsordnung nicht nur die materielle Not der 
Massen verbannt, sondern auch die kulturellen Ansprüche 
des Einzelnen erhört. Mit den Schwierigkeiten, welche 
die Unbändigkeit der menschlichen Natur jeder Art von 



254 Nene Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

sozialer Gemeinschaft bereitet, werden wir freilich auch 
dann noch unabsehbar lange zu ringen haben. 

Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zum 
Schluß zusammenfassen, was ich über die Beziehung der 
Psychoanalyse zur Frage der Weltanschauung zu sagen 
hatte. Die Psychoanalyse, meine ich, ist unfähig, eine 
ihr besondere "Weltanschauung zu erschaffen. Sie braucht 
es nicht, sie ist ein Stück Wissenschaft und kann sich 
der wissenschaftlichen Weltanschauung anschließen. Diese 
verdient aber kaum den großtönenden Namen, denn sie 
schaut nicht alles an, sie ist zu unvollendet, erhebt keinen 
Anspruch auf Geschlossenheit und Systembildung. Das 
wissenschaftliche Denken ist noch sehr jung unter den 
Menschen, hat zuviele der großen Probleme noch nicht 
bewältigen können. Eine auf die Wissenschaft aufgebaute 
Weltanschauung hat außer der Betonung der realen 
Außenwelt wesentlich negative Züge wie die Bescheidung 
zur Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen. Wer von 
unseren Mitmenschen mit diesem Zustand der Dinge un- 
zufrieden ist, wer zu seiner augenblicklichen Beschwich- 
tigung mehr verlangt, der mag es sich beschaffen, wo 
er es findet. Wir werden es ihm nicht verübeln, können 
ihm nicht helfen, aber auch seinetwegen nicht anders 
denken. 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 

Vorwort 

XXIX. Revision der Traumlehre 9 

XXX. Traum und Okkultismus 4 2 

XXXI. Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit . . 80 

XXXII. Angst und Triebleben II2 

XXXIII. Die Weiblichkeit r 54 

XXXIV. Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen . .189 
XXXV. Über eine Weltanschauung 2I 9 



SIGMUND FREUD 



TOTEM UND TABU 

Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker 

In Leinen M 7. — 

Thomas Mann: „Fragte man mich, welcher unter den kühnen 
und umwälzenden Beiträgen Sigmund Freuds zur Erkenntnis des Mensch- 
lichen auf mich den stärksten Eindruck gemacht habe, so würde ich 
ohne Besinnen die große, viergeteilte Abhandlung über ,Totem und 
Tabu' nennen. Unwahrscheinlich übrigens, daß ich mit solcher Vorliebe 
allein stehe . . ." 



DIE ZUKUNFT EINER ILLUSION 

In Leinen M j.6o 

. . . spannend und zu tiefer Selbstbesinnung anregend. (Nationalzeitung 
Basel). — Es wird nicht leicht sein, auch nicht für den religiösen 
Menschen, an diesem letzten Willen eines großen Mannes achtungslos 
vorüberzugehen. (Der Tag, Wien.) — . . . interessant gleidierweise für 
Gegner und Zustimmende. (Münchner Medizinische Wochenschrift) — 
. . . hat, wie fast alles, was Freud schrieb, eine lebhafte, gewiß nicht 
unergiebige Diskussion gezeitigt. (Berliner Tageblatt.) 



DAS UNBEHAGEN IN DER KULTUR 

In Leinen M ß. — 

Stefan Zweig im Berliner Tageblatt: „...Überreich 
an Anregungen, gedrängt voll mit Denkstoff, merkwürdig in vielen 
Einzelheiten, erweist abermals dieses Werk, einen wie ernsten und weit- 
räumigen Denker wir gleichzeitig mit dem genialen Forscher in Sigmund 
Freud zu bewundern haben, und wie sehr diejenigen ihrer selber spotten, 
die seine Leistung als Psychologe nodi immer auf das einspurige Sexual- 
geleise abschieben wollen, indes seine Wirkung ständig ihre Grenzen 
erweitert und auf allen Gebieten geistiger Produktivität schöpferisch 
anregend zutage tritt." 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG, WIEN I