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Full text of "Selbstdarstellung [2., unveränderte Auflage]"

SIGMUND FREUD 

SELBST 

DARSTELLUNG 










SIGM. FREUD 
SELBSTDARSTELLUNG 




AI- 



IpAO^ 




Max Kalberstadt, Atelier f. künstlerische Photographie, Hamburg 




SIGM. FREUD 



SELBST 
DARSTELLUNG 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 



Alle Rechte, insbesondere das der Obersetzung vorbehalten. 

Die vorliegende Arbeit ist zuerst in Band IV der Sammlung 
„Die Medizin in Selbstdarstellungen u , herausgegeben von Prof. 
Dr. L. R. Grote im Verlag Felix Meiner in Leipzig erschienen. 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



^ 



SIGMUND FREUD 

i. 

Mehrere der Mitarbeiter an dieser Sammlung von „Selbst- 
darstellungen" leiten ihren Beitrag mit einigen nachdenklichen 
Bemerkungen über die Besonderheit und Schwere der übernommenen 
Aufgabe ein. Ich meine, ich darf sagen, daß meine Aufgabe noch 
um ein Stück mehr erschwert ist, denn ich habe Bearbeitungen, 
wie die hier erforderte, schon wiederholt veröffentlicht und aus 
der Natur des Gegenstandes ergab sich, daß in ihnen von meiner 
persönlichen Rolle mehr die Rede war als sonst üblich ist oder 
notwendig erscheint. 

Die erste Darstellung der Entwicklung und des Inhalts der 
Psychoanalyse gab ich 1909 in fünf Vorlesungen an der Clark 
University in Worcester, Mass., wohin ich zur 20jährigen 
Gründungsfeier der Institution berufen worden war. 1 ) Vor kurzem 
erst gab ich der Versuchung nach, einem amerikanischen Sammel- 
werk einen Beitrag ähnlichen Inhalts zu leisten, weil diese Publi- 
kation „Über die Anfänge des 20. Jahrhunderts" die Bedeutung 
der Psychoanalyse durch das Zugeständnis eines besonderen Kapitels 
anerkannt hatte. 2 ) Zwischen beiden liegt eine Schrift „Zur Ge- 
schichte der psychoanalytischen Bewegung" 1914 3 ), welche eigent- 
lich alles Wesentliche bringt, das ich an gegenwärtiger Stelle mit- 
zuteilen hätte. Da ich mir nicht widersprechen darf und mich 
nicht ohne Abänderung wiederholen möchte, muß ich versuchen, 



*) Englisch erschienen im American Journal of Psychology, 1910, deutsch 
unter dem Titel „Über Psychoanalyse" bei F. Deuticke, Wien, 7. Aufl. 1924. 

*) These eventful years. The twentieth Century in the making as told by many 
of its makers. Two volumes. London and New York, The Encyclopaedia Britannica 
Company. Mein Aufsatz, übersetzt von Dr. A. A. Brill, bildet Cap. LXXIII des 

zweiten Bandes. 

3 ) Erschienen im Jahrbuch der Psychoanalyse Bd. VI, neuerdings 1924 als 
Sonderabdruck veröffentlicht. 

Medizin in Selbstdarstellungen. IV. r 

I 



SIGMUND FREUD 



Außerdem mußte ich in den ersten Universitätsjahren die Erfahrung 
machen, daß Eigenheit und Enge meiner Begabungen mir in mehreren 
wissenschaftlichen Fächern, auf die ich mich in jugendlichem Über- 
eifer gestürzt hatte, jeden Erfolg versagten. Ich lernte so die Wahrheit 
der Mahnung Mephistos erkennen: 

Vergebens, daß ihr ringsum wissenschaftlich schweift, 
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann. 






nun ein neues Mengungsverhältnis zwischen subjektiver und objek- 
tiver Darstellung, zwischen biographischem und historischem Inter- 
esse zu finden. 

Ich bin am 6. Mai 1856 zu Freiberg in Mähren geboren, einem kleinen 
Städtchen der heutigen Tschechoslowakei. Meine Eltern waren Juden, 
auch ich bin Jude geblieben. Von meiner väterlichen Familie glaube 
ich zu wissen, daß sie lange Zeiten am Rhein (in Köln) gelebt hat, aus 
Anlaß einer Judenverfolgung im 14. oder 15. Jahrhundert nach dem 
Osten floh und im Laufe des 19. Jahrhunderts die Rückwanderung von 
Litauen über Galizien nach dem deutschen Österreich antrat. Als Kind 
von vier Jahren kam ich nach Wien, wo ich alle Schulen durchmachte. 
Auf dem Gymnasium war ich durch sieben Jahre Primus, hatte eine 
bevorzugte Stellung, wurde kaum je geprüft. Obwohl wir in sehr be- 
engten Verhältnissen lebten, verlangte mein Vater, daß ich in der Berufs- 
wahl nur meinen Neigungen folgen sollte. Eine besondere Vorliebe 
für die Stellung und Tätigkeit des Arztes habe ich in jenen Jugend- 
jahren nicht verspürt, übrigens auch später nicht. Eher bewegte mich 
eine Art von Wißbegierde, die sich aber mehr auf menschliche Ver- 
hältnisse als auf natürliche Objekte bezog und auch den Wert der 
Beobachtung als eines Hauptmittels zu ihrer Befriedigung nicht erkannt 
hatte. Indes, die damals aktuelle Lehre Darwins zog mich mächtig 
an, weil sie eine außerordentliche Förderung des Weltverständnisses 
versprach und ich weiß, daß der Vortrag von Goethes schönem Aufsatz 
„Die Natur" in einer populären Vorlesung kurz vor der Reifeprüfung 
die Entscheidung gab, daß ich Medizin inskribierte. 

Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte mir zunächst einige 
fühlbare Enttäuschungen. Vor allem traf mich die Zumutung, daß 
ich mich als minderwertig und nicht volkszugehörig fühlen sollte, weil 
ich Jude war. Das erstere lehnte ich mit aller Entschiedenheit ab. 
Ich habe nie begriffen, warum ich mich meiner Abkunft, oder wie man 
zu sagen begann : Rasse, schämen sollte. Auf die mir verweigerte Volks- 
gemeinschaft verzichtete ich ohne viel Bedauern. Ich meinte, daß 
sich für einen eifrigen Mitarbeiter ein Plätzchen innerhalb des Rahmens 
des Menschtums auch ohne solche Einreihung finden müsse. Aber 
eine für später wichtige Folge dieser ersten Eindrücke von der Uni- 
versität war, daß ich so frühzeitig mit dem Lose vertraut wurde, in 
der Opposition zu stehen und von der „kompakten Majorität" in Bann 
getan zu werden. Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils wurde so 
vorbereitet. 






SIGMUND FREUD 



Im physiologischen Laboratorium von Ernst Brücke fand ich 
endlich Ruhe und volle Befriedigung, auch die Personen, die ich respek- 
tieren und zu Vorbildern nehmen konnte. Brücke stellte mir eine 
Aufgabe aus der Histologie des Nervensystems, die ich zu seiner Zu- 
friedenheit lösen und selbständig weiterführen konnte. Ich arbeitete 
in diesem Institut von 1876 — 1882 mit kurzen Unterbrechungen und 
galt allgemein als designiert für die nächste sich dort ergebende Assistenten- 
stelle. Die eigentlich medizinischen Fächer zogen mich — mit Ausnahme 
der Psychiatrie — nicht an. Ich betrieb das medizinische Studium 
recht nachlässig, wurde auch erst 1881, mit ziemlicher Verspätung also, 
zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert. 

Die Wendung kam 1882, als mein über alles verehrter Lehrer den 
großmütigen Leichtsinn meines Vaters korrigierte, indem er mich mit 
Rücksicht auf meine schlechte materielle Lage dringend ermahnte, die 
theoretische Laufbahn aufzugeben. Ich folgte seinem Rate, verließ 
das physiologische Laboratorium und trat als Aspirant in das Allgemeine 
Krankenhaus ein. Dort wurde ich nach einiger Zeit zum Sekundararzt 
(Interne) befördert und diente an verschiedenen Abteilungen, auch 
länger als ein halbes Jahr bei Meynert, dessen Werk und Persönlichkeit 
mich schon als Studenten gefesselt hatten. 

In gewissem Sinne blieb ich doch der zuerst eingeschlagenen Arbeits - 
richtung treu. Brücke hatte mich an das Rückenmark eines der 
niedrigsten Fische (Ammocoetes-Petromyzon) als Untersuchungsobjekt 
gewiesen, ich ging nun zum menschlichen Zentralnervensystem über, 
auf dessen verwickelte Faserung die Flechsigschen Funde der ungleich- 
zeitigen Markscheidenbildung damals gerade ein helles Licht warfen. 
Auch daß ich mir zunächst einzig und allein die Medulla oblongata 
zum Objekt wählte, war eine Fortwirkung meiner Anfänge. Recht im 
Gegensatz zur diffusen Natur meiner Studien in den ersten Universitäts- 
jahren entwickelte ich nun eine Neigung zur ausschließenden Kon- 
zentration der Arbeit auf einen Stoff oder ein Problem. Diese Neigung 
ist mir verblieben und hat mir später den Vorwurf der Einseitigkeit 
eingetragen. 

Ich war nun ein ebenso eifriger Arbeiter im gehirnanatomischen 
Institut wie früher im physiologischen. Kleine Arbeiten über Faser- 
verlauf und Kernursprünge in der Oblongata sind in diesen Spitals- 
iahren entstanden und immerhin von Edinger vermerkt worden. Eines 
Tages machte mir Meynert, der mir das Laboratorium eröffnet hatte, 
auch als ich nicht bei ihm diente, den Vorschlag, ich sollte mich end- 
gültig der Gehirnanatomie zuwenden, er verspreche, mir seine Vor- 
lesung abzutreten, denn er fühle sich zu alt, um die neueren Methoden 
zu handhaben. Ich lehnte, erschreckt durch die Größe der Aufgabe, 
ab; auch mochte ich damals schon erraten haben, daß der geniale Mann 
mir keineswegs wohlwollend gesinnt sei. 

Die Gehirnanatomie war in praktischer Hinsicht gewiß kein Fort- 
schritt gegen die Physiologie. Den materiellen Anforderungen trug 
ich Rechnung, indem ich das Studium der Nervenkrankheiten begann. 
Dieses Spezialfach wurde damals in Wien wenig gepflegt, das Material 



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4 



SIGMUND FREUD 



war auf verschiedenen internen Abteilungen verstreut, es gab keine 
gute Gelegenheit sich auszubilden, man mußte sein eigener Lehrer sein. 
Auch Nothnagel, den man kurz vorher auf Grund seines Buches über 
die Gehirnlokalisation berufen hatte, zeichnete die Neuropathologie 
nicht vor anderen Teilgebieten der internen Medizin aus. In der Ferne 
leuchtete der große Name Charcots und so machte ich mir den Plan, 
hier die Dozentur für Nervenkrankheiten zu erwerben und dann zur 
weiteren Ausbildung nach Paris zu gehen. 

In den nun folgenden Jahren sekundarärztlichen Dienstes ver- 
öffentlichte ich mehrere kasuistische Beobachtungen über organische 
Krankheiten des Nervensystems. Ich wurde allmählich mit dem Gebiet 
vertraut; ich verstand es, einen Herd in der Oblongata so genau zu 
lokalisieren, daß der pathologische Anatom nichts hinzuzusetzen hatte, 
ich war der erste in Wien, der einen Fall mit der Diagnose Polyneuritis 
acuta zur Sektion schickte. Der Ruf meiner durch die Autopsie be- 
stätigten Diagnosen trug mir den Zulauf amerikanischer Ärzte ein, 
denen ich in einer Art von Pidgin-English Kurse an den Kranken 
meiner Abteilung las. Von den Neurosen verstand ich nichts. Als 
ich einmal meinen Hörern einen Neurotiker mit fixiertem Kopfschmerz 
als Fall von chronischer zirkumskripter Meningitis vorstellte, fielen 
sie alle in berechtigter kritischer Auflehnung von mir ab und meine 
vorzeitige Lehrtätigkeit hatte ein Ende. Zu meiner Entschuldigung 
sei bemerkt, es war die Zeit, da auch größere Autoritäten in Wien die 
Neurasthenie als Hirntumor zu diagnostizieren pflegten. 

Im Frühjahr 1885 erhielt ich die Dozentur für Neuropathologie 
auf Grund meiner histologischen und klinischen Arbeiten. Bald darauf 
wurde mir infolge des warmen Fürspruchs Brückes ein größeres Reise- 
stipendium zugeteilt. Im Herbst dieses Jahres reiste ich nach Paris. 

Ich trat als Eleve in die Salpetriere ein, fand aber anfangs als einer 
der vielen Mitläufer aus der Fremde wenig Beachtung. Eines Tages 
hörte ich Charcot sein Bedauern darüber äußern, daß der deutsche 
Übersetzer seiner Vorlesungen seit dem Kriege nichts von sich habe 
hören lassen. Es wäre ihm lieb, wenn jemand die deutsche Übersetzung 
seiner „Neuen Vorlesungen" übernehmen würde. Ich bot mich schriftlich 
dazu an; ich weiß noch, daß der Brief die Wendung enthielt, ich sei 
bloß mit der Aphasie motrice, aber nicht mit der Aphasie sensorielle 
du francais behaftet. Charcot akzeptierte mich, zog mich in seinen 
Privatverkehr und von da an hatte ich meinen vollen Anteil an allem, 
was auf der Klinik vorging. 

Während ich dies schreibe, erhalte ich zahlreiche Aufsätze und 
Zeitungsartikel aus Frankreich, die von dem heftigen Sträuben gegen 
die Aufnahme der Psychoanalyse zeugen und oft die unzutreffendsten 
Behauptungen über mein Verhältnis zur französischen Schule auf- 
stellen. So lese ich z. B., daß ich meinen Aufenthalt in Paris dazu 
benützt, mich mit den Lehren von P. Jan et vertraut zu machen, und 
dann mit meinem Raube die Flucht ergriffen habe. Ich will darum 
ausdrücklich erwähnen, daß der Name Janets während meines Ver- 
weilens an der Salpetriere überhaupt nicht genannt wurde. 






SIGMUND FREUD 



Von allem, was ich bei Charcot sah, machten mir den größten 
Eindruck seine letzten Untersuchungen über die Hysterie, die zum 
Teil noch unter meinen Augen ausgeführt wurden. Also der Nachweis 
der Echtheit und Gesetzmäßigkeit der hysterischen Phänomene („In- 
troite et hie dii sunt"), des häufigen Vorkommens der Hysterie bei 
Männern, die Erzeugung hysterischer Lähmungen und Kontrakturen 
durch hypnotische Suggestion, das Ergebnis, daß diese Kunstprodukte 
dieselben Charaktere bis ins einzelnste zeigten wie die spontanen, oft 
durch Trauma hervorgerufenen Zufälle. Manche von Charcots Demon- 
strationen hatten bei mir wie bei anderen Gästen zunächst Befremden 
und Neigung zum Widerspruch erzeugt, den wir durch Berufung auf 
eine der herrschenden Theorien zu stützen versuchten. Er erledigte 
solche Bedenken immer freundlich und geduldig, aber auch sehr bestimmt; 
in einer dieser Diskussionen fiel das Wort: Ca n'empeche pas d'exister, 
das sich mir unvergeßlich eingeprägt hat. 

Bekanntlich ist heute nicht mehr alles aufrecht geblieben, was uns 
Charcot damals lehrte. Einiges ist unsicher geworden, anderes hat 
die Probe der Zeit offenbar nicht bestanden. Aber es ist genug davon 
übrig geblieben, was als dauernder Besitz der Wissenschaft gewertet 
wird. Ehe ich Paris verließ, verabredete ich mit dem Meister den Plan 
einer Arbeit zur Vergleichung der hysterischen mit den organischen 
Lähmungen. Ich wollte den Satz durchführen, daß bei der Hysterie 
Lähmungen und Anästhesien einzelner Körperteile sich so abgrenzen, 
wie es der gemeinen (nicht anatomischen) Vorstellung des Menschen 
entspricht. Er war damit einverstanden, aber es war leicht zu sehen, 
daß er im Grunde keine besondere Vorliebe für ein tieferes Eingehen 
in die Psychologie der Neurose hatte. Er war doch von der pathologischen 
Anatomie her gekommen. 

Ehe ich nach Wien zurückkehrte, hielt ich mich einige Wochen 
in Berlin auf, um mir einige Kenntnisse über die allgemeinen Erkrankungen 
des Kindesalters zu holen. Kassowitz in Wien, der ein öffentliches 
Kinderkrankeninstitut leitete, hatte versprochen, mir dort eine Ab- 
teilung für Nervenkrankheiten der Kinder einzurichten. Ich fand in 
Berlin bei Ad. Baginsky freundliche Aufnahme und Förderung. Aus 
dem Kassowitzschen Institut habe ich im Laufe der nächsten Jahre 
mehrere größere Arbeiten über die einseitigen und doppelseitigen Gehirn- 
lähmungen der Kinder veröffentlicht. Demzufolge übertrug mir auch 
später 1897 Nothnagel die Bearbeitung des entsprechenden Stoffes 
in seinem großen „Handbuch der allgemeinen und speziellen Therapie". 

Im Herbst 1886 ließ ich mich in Wien als Arzt nieder und heiratete 
das Mädchen, das seit länger als vier Jahren in einer fernen Stadt auf 
mich gewartet hatte. Ich kann hier rückgreifend erzählen, daß es die 
Schuld meiner Braut war, wenn ich nicht schon in jenen jungen Jahren 
berühmt geworden bin. Ein abseitiges, aber tiefgehendes Interesse 
hatte mich 1884 veranlaßt, mir das damals wenig bekannte Alkaloid 
Kokain von Merck kommen zu lassen und dessen physiologische Wir- 
kungen zu studieren. Mitten in dieser Arbeit eröffnete sich mir die 
Aussicht einer Reise, um meine Verlobte wiederzusehen, von der ich 



SIGMUND FREUD 



zwei Jahre getrennt gewesen war. Ich schloß die Untersuchung über 
das Kokain rasch ab und nahm in meine Publikation die Vorhersage 
auf, daß sich bald weitere Verwendungen des Mittels ergeben würden. 
Meinem Freunde, dem Augenarzt L. Königstein, legte ich aber nahe, zu 
prüfen, inwieweit sich die anästhesierenden Eigenschaften des Kokains 
am kranken Auge verwerten ließen. Als ich vom Urlaub zurückkam, 
fand ich, daß nicht er, sondern ein anderer Freund, Carl Koller (jetzt 
in Newyork), dem ich auch vom Kokain erzählt, die entscheidenden 
Versuche am Tierauge angestellt und sie auf dem Ophthalmologen- 
kongreß zu Heidelberg demonstriert hatte. Koller gilt darum mit 
Recht als der Entdecker der Lokalanästhesie durch Kokain, die für 
die kleine Chirurgie so wichtig geworden ist; ich aber habe mein damaliges 
Versäumnis meiner Braut nicht nachgetragen. 

Ich wende mich nun wieder zu meiner Niederlassung als Nerven- 
arzt in Wien 1886. Es lag mir die Verpflichtung ob, in der „Gesellschaft 
der Ärzte" Bericht über das zu erstatten, was ich bei Charcot gesehen 
und gelernt hatte. Allein ich fand eine üble Aufnahme. Maßgebende 
Personen wie der Vorsitzende, der Internist Bamberger, erklärten 
das, was ich erzählte, für unglaubwürdig. Meynert forderte mich auf, 
Fälle, wie die von mir geschilderten, doch in Wien aufzusuchen und 
der Gesellschaft vorzustellen. Dies versuchte ich auch, aber die Primar- 
ärzte, auf deren Abteilung ich solche Fälle fand, verweigerten es mir, 
sie zu beobachten oder zu bearbeiten. Einer von ihnen, ein alter Chirurg, 
brach direkt in den Ausruf aus: „Aber Herr Kollege, wie können Sie 
solchen Unsinn reden! Hysteron (sie!) heißt doch der Uterus. Wie 
kann denn ein Mann hysterisch sein?" Ich wendete vergebens ein, 
daß ich nur die Verfügung über den Krankheitsfall brauchte und nicht 
die Genehmigung meiner Diagnose. Endlich trieb ich außerhalb des 
Spitals einen Fall von klassischer hysterischer Hemianästhesie bei einem 
Manne auf, den ich in der „Gesellschaft der Ärzte" demonstrierte. 
Diesmal klatschte man mir Beifall, nahm aber weiter kein Interesse 
an mir. Der Eindruck, daß die großen Autoritäten meine Neuigkeiten 
abgelehnt hätten, blieb unerschüttert; ich fand mich mit der männlichen 
Hysterie und der suggestiven Erzeugung hysterischer Lähmungen in 
die Opposition gedrängt. Als mir bald darauf das hirnanatomische 
Laboratorium versperrt wurde und ich durch Semester kein Lokal hatte, 
in dem ich meine Vorlesung abhalten konnte, zog ich mich aus dem 
akademischen und Vereinsleben zurück. Ich habe die „Gesellschaft 
der Ärzte" seit einem Menschenalter nicht mehr besucht. 

Wenn man von der Behandlung Nervenkranker leben wollte, mußte 
man offenbar ihnen etwas leisten können. Mein therapeutisches Arsenal 
umfaßte nur zwei Waffen, die Elektrotherapie und die Hypnose, denn 
die Versendung in die Wasserheilanstalt nach einmaliger Konsultation 
war keine zureichende Erwerbsquelle. In der Elektrotherapie vertraute 
ich mich dem Handbuch von W. Erb an, welches detaillierte Vorschriften 
für die Behandlung aller Symptome der Nervenleiden zur Verfügung 
stellte. Leider mußte ich bald erfahren, daß die Befolgung dieser Vor- 
schriften niemals half, daß, was ich für den Niederschlag exakter Beob- 



SIGMUND FREUD 



achtung gehalten hatte, eine phantastische Konstruktion war. Die 
Einsicht, daß das Werk des ersten Namens der deutschen Neuropathologie 
nicht mehr Beziehung zur Realität habe als etwa ein „ägyptisches" 
Traumbuch, wie es in unseren Volksbuchhandlungen verkauft wird, 
war schmerzlich, aber sie verhalf dazu, wieder ein Stück des naiven 
Autoritätsglaubens abzutragen, von dem ich noch nicht frei . war. So 
schob ich denn den elektrischen Apparat beiseite, noch ehe Möbius 
das erlösende Wort gesprochen hatte, die Erfolge der elektrischen Be- 
handlung bei Nervenkranken seien — wo sie sich überhaupt ergeben — 
eine Wirkung der ärztlichen Suggestion. 

Mit der Hypnose stand es besser. Noch als Student hatte ich einer 
öffentlichen Vorstellung des „Magnetiseurs" Hansen beigewohnt und 
bemerkt, daß eine der Versuchspersonen totenbleich wurde, als sie in 
kataleptische Starre geriet und während der ganzen Dauer des Zustandes 
so verharrte. Damit war meine Überzeugung von der Echtheit der 
hypnotischen Phänomene fest begründet. Bald nachher fand diese 
Auffassung in Heidenhain ihren wissenschaftlichen Vertreter, was 
aber die Professoren der Psychiatrie nicht abhielt, noch auf lange hinaus 
die Hypnose für etwas Schwindelhaftes und überdies Gefährliches zu 
erklären und auf die Hypnotiseure geringschätzig herabzuschauen. In 
Paris hatte ich gesehen, daß man sich der Hypnose unbedenklich als 
Methode bediente, um bei den Kranken Symptome zu schaffen und 
wieder aufzuheben. Dann drang die Kunde zu uns, daß in Nancy eine 
Schule entstanden war, welche die Suggestion mit oder ohne Hypnose 
im großen Ausmaße und mit besonderem Erfolg zu therapeutischen 
Zwecken verwendete. Es machte sich so ganz natürlich, daß in den 
ersten Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit, von den mehr zufälligen 
und nicht systematischen psychotherapeutischen Methoden abgesehen, 
die hypnotische Suggestion mein hauptsächliches Arbeitsmittel wurde. 

Damit war zwar der Verzicht auf die Behandlung der organischen 
Nervenkrankheiten gegeben, aber das verschlug wenig. Denn einerseits 
gab die Therapie dieser Zustände überhaupt keine erfreuliche Aussicht 
und andererseits verschwand in der Stadtpraxis des Privatarztes die 
geringe Anzahl der an ihnen Leidenden gegen die Menge von Nervösen, 
die sich überdies dadurch vervielfältigten, daß sie unerlöst von einem 
Arzt zum anderen liefen. Sonst aber war die Arbeit mit der Hypnose 
wirklich verführerisch. Man hatte zum erstenmal das Gefühl seiner 
Ohnmacht überwunden, der Ruf des Wundertäters war sehr schmeichel- 
haft. Welches die Mängel des Verfahrens waren, sollte ich später ent- 
decken. Vorläufig konnte ich mich nur über zwei Punkte beklagen, 
erstens, daß es nicht gelang, alle Kranken zu hypnotisieren; zweitens, 
daß man es nicht in der Hand hatte, den einzelnen in so tiefe Hypnose 
zu versetzen, als man gewünscht hätte. In der Absicht, meine hypno- 
tische Technik zu vervollkommnen, reiste ich im Sommer 1889 nach 
Nancy, wo ich mehrere Wochen zubrachte. Ich sah den rührenden 
alten Liebault bei seiner Arbeit an den armen Frauen und Kindern 
der Arbeiterbevölkerung, wurde Zeuge der erstaunlichen Experimente 
Bernheims an seinen Spitalspatienten und holte mir die stärksten 

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SIGMUND FREUD 



Eindrücke von der Möglichkeit mächtiger seelischer Vorgänge, die doch 
dem Bewußtsein des Menschen verhüllt bleiben. Zum Zwecke der Be- 
lehrung hatte ich eine meiner Patientinnen bewogen, nach Nancy 
nachzukommen. Es war eine vornehme, genial begabte Hysterika", 
die mir überlassen worden war, weil man nichts mit ihr anzufangen 
wußte. Ich hatte ihr durch hypnotische Beeinflussung eine menschen- 
würdige Existenz ermöglicht und konnte sie immer wieder aus dem 
Elend ihres Zustandes herausheben. Daß sie jedesmal nach einiger 
Zeit rückfällig wurde, schob ich in meiner damaligen Unkenntnis darauf, 
daß ihre Hypnose niemals den Grad von Somnambulismus mit Amnesie 
erreicht hatte. Bernheim versuchte es nun mit ihr wiederholte Male, 
brachte es aber auch nicht weiter. Er gestand mir freimütig, daß er 
die großen therapeutischen Erfolge durch die Suggestion nur in seiner 
Spitalspraxis, nicht auch an seinen Privatpatienten erziele. Ich hatte 
viele anregende Unterhaltungen mit ihm und übernahm es, seine beiden 
Werke über die Suggestion und ihre Heilwirkungen ins Deutsche zu 
übersetzen. 

Im Zeitraum von 1886— 1891 habe ich wenig wissenschaftlich 
gearbeitet und kaum etwas publiziert. Ich war davon in Anspruch ge- 
nommen, mich in den neuen Beruf zu finden und meine materielle 
Existenz sowie die meiner rasch anwachsenden Familie zu sichern. 
1891 erschien die erste der Arbeiten über die Gehirnlähmungen der 
Kinder, in Gemeinschaft mit meinem Freunde und Assistenten Dr. Oskar 
Rie abgefaßt. In demselben Jahre veranlaßte mich ein Auftrag der 
Mitarbeiterschaft an einem Handwörterbuch der Medizin, die Lehre 
von der Aphasie zu erörtern, die damals von dem rein lokalisatorischen 
Gesichtspunkte Wernicke-Lichtheims beherrscht war. Ein kleines 
kritisch-spekulatives Buch „Zur Auffassung der Aphasie" war die Frucht 
dieser Bemühung. Ich habe nun aber zu verfolgen, wie es kam, daß 
die wissenschaftliche Forschung wieder zum Hauptinteresse meines 
Lebens wurde. 

IL 

Meine frühere Darstellung ergänzend, muß ich angeben, daß 
ich von Anfang an außer der hypnotischen Suggestion eine andere 
Verwendung der Hypnose übte. Ich bediente mich ihrer zur Aus- 
forschung des Kranken über die Entstehungsgeschichte seines 
Symptoms, die er im Wachzustand oft gar nicht oder nur sehr 
unvollkommen mitteilen konnte. Dies Verfahren schien nicht 
nur wirksamer als das bloße suggestive Gebot oder Verbot, es 
befriedigte auch die "Wißbegierde des Arztes, der doch ein Recht 
hatte, etwas von der Herkunft des Phänomens zu erfahren, das 
er durch die monotone suggestive Prozedur aufzuheben strebte. 

Zu diesem anderen Verfahren war ich aber auf folgende Weise 
gekommen. Noch im Brückeschen Laboratorium wurde ich 



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SIGMUND FREUD 



mit Dr. Josef Breuer bekannt, einem der angesehensten Familien- 
ärzte Wiens, der aber auch eine wissenschaftliche Vergangenheit 
hatte, da mehrere Arbeiten von bleibendem Werte über die Physio- 
logie der Atmung und über das Gleichgewichtsorgan von ihm 
herrührten. Er war ein Mann von überragender Intelligenz, 
14 Jahre älter als ich; unsere Beziehungen wurden bald intimer, 
er wurde mein Freund und Helfer in schwierigen Lebenslagen. 
Wir hatten uns daran gewöhnt, alle wissenschaftlichen Interessen 
miteinander zu teilen. Natürlich war ich der gewinnende Teil 
in diesem Verhältnis. Die Entwicklung der Psychoanalyse hat 
mich dann seine Freundschaft gekostet. Es wurde mir nicht leicht, 
diesen Preis dafür zu zahlen, aber es war unausweichlich. 

Breuer hatte mir, schon ehe ich nach Paris ging, Mitteilungen 
über einen Fall von Hysterie gemacht, den er in den Jahren 1880 
bis 1882 auf eine besondere Art behandelt, wobei er tiefe Einblicke 
in die Verursachung und Bedeutung der hysterischen Symptome 
gewinnen konnte. Das war also zu einer Zeit geschehen, als die 
Arbeiten Janets noch der Zukunft angehörten. Er las mir wieder- 
holt Stücke der Krankengeschichte vor, von denen ich den Eindruck 
empfing, hier sei mehr für das Verständnis der Neurose geleistet 
worden als je zuvor. Ich beschloß bei mir, Charcot von diesen 
Funden Kunde zu geben, wenn ich nach Paris käme, und tat dies 
dann auch. Aber der Meister zeigte für meine eisten Andeutungen 
kein Interesse, so daß ich nicht mehr auf die Sache zurückkam 
und sie auch bei mir fallen ließ. 

Nach Wien zurückgekehrt, wandte ich mich wieder der 
Breuerschen Beobachtung zu und ließ mir mehr von ihr er- 
zählen. Die Patientin war ein junges Mädchen von ungewöhnlicher 
Bildung und Begabung gewesen, die während der Pflege ihres 
zärtlich geliebten Vaters erkrankt war. Als Breuer sie übernahm, 
bot sie ein buntes Bild von Lähmungen mit Kontrakturen, Hem- 
mungen und Zuständen von psychischer Verworrenheit. Eine 
zufällige Beobachtung ließ den Arzt erkennen, daß sie von einer 
solchen Bewußtseinstrübung befreit werden konnte, wenn man sie 
veranlaß te, in Worten der affektiven Phantasie Ausdruck zu geben, 
von der sie eben beherrscht wurde. Breuer gewann aus dieser 
Erfahrung eine Methode der Behandlung. Er versetzte sie in 
tiefe Hypnose und ließ sie jedesmal von dem erzählen, was ihr 
Gemüt bedrückte. Nachdem die Anfälle von depressiver Ver- 
worrenheit auf diese Weise überwunden waren, verwendete er 

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10 SIGMUND FREUD 



dasselbe Verfahren zur Aufhebung ihrer Hemmungen und körper- 
lichen Störungen. Im wachen Zustande wußte das Mädchen so 
wenig wie andere Kranke zu sagen, wie ihre Symptome entstanden 
waren, und fand kein Band zwischen ihnen und irgendwelchen 
Eindrücken ihres Lebens. In der Hypnose entdeckte sie sofort 
den gesuchten Zusammenhang. Es ergab sich, daß alle ihre Sym- 
ptome auf eindrucksvolle Erlebnisse während der Pflege des kranken 
Vaters zurückgingen, also sinnvoll waien, und Resten oder Re- 
miniszenzen dieser affektiven Situationen entsprachen. Gewöhnlich 
war es so zugegangen, daß sie am Krankenbett des Vaters einen 
Gedanken oder Impuls hatte unterdrücken müssen; an dessen 
Stelle, in seiner Vertretung, war dann später das Symptom er- 
schienen. In der Regel war aber das Symptom nicht der Nieder- 
schlag einer einzigen „traumatischen" Szene, sondern das Ergebnis 
der Summation von zahlreichen ähnlichen Situationen. Wenn 
nun die Kranke in der Hypnose eine solche Situation halluzinatorisch 
wieder erinnerte und den damals unterdrückten seelischen Akt 
nachträglich unter freier Affektentfaltung zu Ende führte, war 
das Symptom weggewischt und trat nicht wieder auf. Durch 
dies Verfahren gelang es Breuer in langer und mühevoller Arbeit, 
seine Kranke von all ihren Symptomen zu befreien. 

Die Kranke war genesen und seither gesund geblieben, ja 
bedeutsamer Leistungen fähig geworden. Aber über dem Ausgang 
der hypnotischen Behandlung lastete ein Dunkel, das Breuer 
mir niemals aufhellte; auch konnte ich nicht verstehen, warum er 
seine, wie mir schien, unschätzbare Erkenntnis so lange geheim 
gehalten hatte, anstatt die Wissenschaft durch sie zu bereichern. 
Die nächste Frage aber war, ob man verallgemeinern dürfe, was 
er an einem einzigen Krankheitsfalle gefunden. Die von ihm 
aufgedeckten Verhältnisse erschienen mir so fundamentaler Natur, 
daß ich nicht glauben konnte, sie würden bei irgendeinem Falle 
von Hysterie vermißt werden können, wenn sie einmal bei einem 
einzigen nachgewiesen waren. Doch konnte nur die Erfahrung 
darüber entscheiden. Ich begann also die B reu ersehen Unter- 
suchungen an meinen Kranken zu wiederholen und tat, besonders 
nachdem mir der Besuch bei Bernheim 1889 die Begrenzung 
in der Leistungsfähigkeit der hypnotischen Suggestion gezeigt 
hatte, überhaupt nichts anderes mehr. Als ich mehrere Jahre 
hindurch immer nur Bestätigungen gefunden hatte, bei jedem 
Falle von Hysterie, der solcher Behandlung zugänglich war, auch 



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. 



SIGMUND FREUD II 



bereits über ein stattliches Material von Beobachtungen verfügte, 
die der seinigen analog waren, schlug ich ihm eine gemeinsame 
Publikation vor, gegen die er sich anfangs heftig sträubte. Er 
gab endlich nach, zumal da unterdes Janets Arbeiten einen Teil 
seiner Ergebnisse, die Zurückführung hysterischer Symptome auf 
Lebenseindrücke und deren Aufhebung durch hypnotische Re- 
produktion in statu nascendi vorweggenommen hatten. Wir ließen 
1893 eine vorläufige Mitteilung erscheinen: „Über den psychischen 
Mechanismus hysterischer Phänomene". 1895 folgte unser Buch 
„Studien über Hysterie". 

Wenn die bisherige Darstellung beim Leser die Erwartung 
erweckt hat, die „Studien über Hysterie" würden in allem Wesent- 
lichen ihres materiellen Inhalts Breuers geistiges Eigentum sein, 
so ist das genau dasjenige, was ich immer vertreten habe und 
auch diesmal aussagen wollte. An der Theorie, welche das Buch 
versucht, habe ich in heute nicht mehr bestimmbarem Ausmaße 
mitgearbeitet. Diese ist bescheiden, geht nicht weit über den 
unmittelbaren Ausdruck der Beobachtungen hinaus. Sie will 
nicht die Natur der Hysterie ergründen, sondern bloß die Ent- 
stehung ihrer Symptome beleuchten. Dabei betont sie die Be- 
deutung des Affektlebens, die Wichtigkeit der Unterscheidung 
zwischen unbewußten und bewußten (besser: bewußtseinsfähigen) 
seelischen Akten, führt einen dynamischen Faktor ein, indem sie 
das Symptom durch die Aufstauung eines Affekts entstehen läßt, 
und einen ökonomischen, indem sie dasselbe Symptom als das 
Ergebnis der Umsetzung einer sonst anderswie verwendeten Energie- 
menge betrachtet (sog. Konversion). Breuer nannte unser 
Verfahren das kathartische; als dessen therapeutische Absicht 
wurde angegeben, den zur Erhaltung des Symptoms verwendeten 
Affektbetrag, der auf falsche Bahnen geraten und dort gleichsam 
eingeklemmt war, auf die normalen Wege zu leiten, wo er zur 
Abfuhr gelangen konnte (abreagieren). Der praktische Erfolg 
der kathartischen Prozedur war ausgezeichnet. Die Mängel, die 
sich später herausstellten, waren die einer jeden hypnotischen 
Behandlung. Noch jetzt gibt es eine Anzahl von Psychothera- 
peuten, die bei der Katharsis im Sinne Breuers stehen geblieben 
sind und sie zu loben wissen. In der Behandlung der Kriegs- 
neurotiker des deutschen Heeres während des Weltkriegs hat sie 
sich als abkürzendes Heilverfahren unter den Händen von 
E. Simmel von neuem bewährt. Von der Sexualität ist in der 

II 



12 



SIGMUND FREUD 






Theorie der Katharsis nicht viel die Rede. In den Kranken- 
geschichten, die ich zu den „Studien" beigesteuert, spielen Momente 
aus dem Sexualleben eine gewisse Rolle, werden aber kaum anders 
gewertet als sonstige affektive Erregungen. Von seiner berühmt 
gewordenen ersten Patientin erzählt Breuer, das Sexuale sei 
bei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen. Aus den „Studien 
über Hysterie" hätte man nicht leicht erraten können, welche 
Bedeutung die Sexualität für die Ätiologie der Neurosen hat. 

Das nun folgende Stück der Entwicklung, den Übergang 
von der Katharsis zur eigentlichen Psychoanalyse, habe ich bereits 
mehrmals so eingehend beschrieben, daß es mir schwer fallen wird, 
hier etwas Neues vorzubringen. Das Ereignis, welches diese Zeit 
einleitete, war der Rücktritt Breuers von unserer Arbeits- 
gemeinschaft, so daß ich sein Erbe allein zu verwalten hatte. Es 
hatte schon frühzeitig Meinungsverschiedenheiten zwischen uns 
gegeben, die aber keine Entzweiung begründeten. In der Frage, 
wann ein seelischer Ablauf pathogen, d. h. von der normalen 
Erledigung ausgeschlossen werde, bevorzugte Breuer eine so- 
zusagen physiologische Theorie; er meinte, solche Vorgänge ent- 
zögen sich dem normalen Schicksal, die in außergewöhnlichen 
— hypnoiden — Seelenzuständen entstanden seien. Damit war 
eine neue Frage, die nach der Herkunft solcher Hypnoide, auf- 
geworfen. Ich hingegen vermutete eher ein Kräftespiel, die Wirkung 
von Absichten und Tendenzen, wie sie im normalen Leben zu beob- 
achten sind. So stand „Hypnoidhysterie" gegen „Abwehrneurose". 
Aber dieser und ähnliche Gegensätze hätten ihn wohl der Sache 
nicht abwendig gemacht, wenn nicht andere Momente hinzugetreten 
wären. Das eine derselben war gewiß, daß er als Internist und 
Familienarzt stark in Anspruch genommen war und nicht wie 
ich seine ganze Kraft der kathartischen Arbeit widmen konnte. 
Ferner wurde er durch die Aufnahme beeinflußt, welche unser 
Buch in Wien wie im Reiche draußen gefunden hatte. Sein 
Selbstvertrauen und seine Widerstandsfähigkeit standen nicht 
auf der Höhe seiner sonstigen geistigen Organisation. Als z. B. 
die „Studien" von Strümpell eine harte Abweisung erfuhren, 
konnte ich über die verständnislose Kritik lachen, er aber 
kränkte sich und wurde entmutigt. Am meisten trug aber zu 
seinem Entschluß bei, daß meine eigenen weiteren Arbeiten eine 
Richtung einschlugen, mit der er sich vergeblich zu befreunden 
versuchte. 



12 






SIGMUND FREUD 13 



Die Theorie, die wir in den „Studien" aufzubauen versucht 
hatten, war ja noch sehr unvollständig gewesen, insbesondere 
das Problem der Ätiologie, die Frage, auf welchem Boden der 
pathogene Vorgang entstehe, hatten wir kaum berührt. Nun 
zeigte mir eine rasch sich steigernde Erfahrung, daß nicht beliebige 
Affekterregungen hinter den Erscheinungen der Neurose wirksam 
waren, sondern regelmäßig solche sexueller Natur, entweder aktuelle 
sexuelle Konflikte oder Nachwirkungen früherer sexueller Er- 
lebnisse. Ich war auf dieses Resultat nicht vorbereitet, meine 
Erwartung hatte keinen Anteil daran, ich war vollkommen arglos 
an die Untersuchung der Neurotiker herangetreten. Als ich 19 14 
die „Geschichte der psychoanalytischen Bewegung" schrieb, tauchte 
in mir die Erinnerung an einige Aussprüche von Breuer, Charcot 
und Chrobak auf, aus denen ich eine solche Erkenntnis hätte 
frühzeitig gewinnen können. Allein ich verstand damals nicht, 
was diese Autoritäten meinten; sie hatten mir mehr gesagt, als 
sie selbst wußten und zu vertreten bereit waren. Was ich von 
ihnen gehört hatte, schlummerte unwirksam in mir, bis es bei 
Gelegenheit der kathartischen Untersuchungen als anscheinend 
originelle Erkenntnis hervorbrach. Auch wußte ich damals noch 
nicht, daß ich mit der Zurückführung der Hysterie auf Sexualität 
bis auf die ältesten Zeiten der Medizin zurückgegriffen und an 
Plato angeknüpft hatte. Ich erfuhr es erst später aus einem 
Aufsatz von Havelock Ellis. 

Unter dem Einfluß meines überraschenden Fundes machte 
ich nun einen folgenschweren Schritt. Ich ging über die Hysterie 
hinaus und begann, das Sexualleben der sogenannten Neurastheniker 
zu erforschen, die sich zahlreich in meiner Sprechstunde ein- 
zufinden pflegten. Dieses Experiment kostete mich zwar meine 
Beliebtheit als Arzt, aber es trug mir Überzeugungen ein, die 
sich heute, fast 30 Jahre später, noch nicht abgeschwächt haben. 
Man hatte viel Verlogenheit und Geheimtuerei zu überwinden, 
aber wenn das gelungen war, fand man, daß bei all diesen Kranken 
schwere Mißbräuche der Scxualfunktion bestanden. Bei der 
großen Häufigkeit solcher Mißbräuche einerseits, der Neurasthenie 
andererseits, hatte ein häufiges Zusammentreffen beider natürlich 
nicht viel Beweiskraft, aber es blieb auch nicht bei dieser einen 
groben Tatsache. Schärfere Beobachtung legte mir nahe, aus 
dem bunten Gewirre von Krankheitsbildern, die man mit dem 
Namen Neurasthenie deckte, zwei grundverschiedene Typen heraus- 



13 



14 SIGMUND FREUD 






zugreifen, die in beliebiger Vermengung vorkommen konnten, aber 
doch in reiner Ausprägung zu beobachten waren. Bei dem einen 
Typus war der Angstanfall das zentrale Phänomen mit seinen 
Äquivalenten, rudimentären Formen und chronischen Ersatz- 
symptomen; ich hieß ihn darum auch Angstneurose. Auf den 
anderen Typus beschränkte ich die Bezeichnung Neurasthenie. 
Nun war es leicht festzustellen, daß jedem dieser Typen eine andere 
Abnormität des Sexuallebens als ätiologisches Moment entsprach 
(Coitus interruptus, frustrane Erregung, sexuelle Enthaltung hier, 
exzessive Masturbation, gehäufte Pollutionen dort). Für einige 
besonders instruktive Fälle, in denen eine überraschende Wendung 
des Krankheitsbildes von dem einen Typus zum anderen statt- 
gefunden hatte, gelang es auch, nachzuweisen, daß ein entsprechen- 
der Wechsel des sexuellen Regimes zugrunde lag. Konnte man 
den Mißbrauch abstellen und durch normale Sexualtätigkeit er- 
setzen, so lohnte sich dies durch eine auffällige Besserung des Zu- 
standes. 

So wurde ich dazu geführt, die Neurosen ganz allgemein als 
Störungen der Sexualfunktion zu erkennen, und zwar die sogenannten 
Aktualneurosen als direkten toxischen Ausdruck, die Psycho- 
neurosen als psychischen Ausdruck dieser Störungen. Mein 
ärztliches Gewissen fühlte sich durch diese Aufstellung befriedigt. 
Ich hoffte, eine Lücke in der Medizin ausgefüllt zu haben, die 
bei einer biologisch so wichtigen Funktion keine anderen Schädi- 
gungen als durch Infektion oder grobe anatomische Läsion in 
Betracht ziehen wollte. Außerdem kam der ärztlichen Auffassung 
zugute, daß die Sexualität ja keine bloß psychische Sache war. 
Sie hatte auch ihre somatische Seite, man durfte ihr einen be- 
sondern Chemismus zuschreiben und die Sexualerregung von der 
Anwesenheit bestimmter, wenn auch noch unbekannter Stoffe 
ableiten. Es mußte auch seinen guten Grund haben, daß die 
echten, spontanen Neurosen mit keiner anderen Krankheitsgruppe 
so viel Ähnlichkeit zeigen wie mit den Intoxikations- und Ab- 
stinenzerscheinungen, hervorgerufen durch die Einführung und 
die Entbehrung gewisser toxisch wirkender Stoffe oder mit dem 
M. Basedowii, dessen Abhängigkeit vom Produkt der Schilddrüse 
bekannt ist. 

Ich habe später keine Gelegenheit mehr gehabt, auf die Unter- 
suchungen über die Aktualneurosen zurückzukommen. Auch von 
anderen ist dieses Stück meiner Arbeit nicht fortgesetzt worden. 

14 



SIGMUND FREUD 15 



Blicke ich heute auf meine damaligen Ergebnisse zurück, so kann 
ich sie als erste, rohe Schematisierungen erkennen an einem wahr- 
scheinlich weit komplizierteren Sachverhalt. Aber sie scheinen 
mir im ganzen heute noch richtig zu sein. Gern hätte ich später 
noch Fälle von reiner juveniler Neurasthenie dem psychoanalytischen 
Examen unterzogen; es hat sich leider nicht gefügt. Um miß- 
verständlichen Auffassungen zu begegnen, will ich betonen, daß 
es mir ferne liegt, die Existenz des psychischen Konflikts und 
der neurotischen Komplexe bei der Neurasthenie zu leugnen. 
Die Behauptung geht nur dahin, daß die Symptome dieser Kranken 
nicht psychisch determiniert und analytisch auflösbar sind, sondern 
als direkte toxische Folgen des gestörten Sexualchemismus auf- 
gefaßt werden müssen. 

Als ich in den nächsten Jahren nach den „Studien" diese 
Ansichten über die ätiologische Rolle der Sexualität bei den 
Neurosen gewonnen hatte, hielt ich über sie einige Vorträge in 
ärztlichen Vereinen, fand aber nur Unglauben und Widerspruch, 
Breuer versuchte noch einige Male, das große Gewicht seines 
persönlichen Ansehens zu meinen Gunsten in die Wagschale zu 
werfen, aber er erreichte nichts, und es war leicht zu sehen, daß 
die Anerkennung der sexuellen Ätiologie auch gegen seine Neigungen 
ging. Er hätte mich durch den Hinweis auf seine eigene erste 
Patientin schlagen oder irre machen können, bei der sexuelle 
Momente angeblich gar keine Rolle gespielt hatten. Er tat es 
aber nie; ich verstand es lange nicht, bis ich gelernt hatte, mir 
diesen Fall richtig zu deuten und nach einigen früheren Bemerkungen 
von ihm den Ausgang seiner Behandlung zu rekonstruieren. 
Nachdem die kathartische Arbeit erledigt schien, hatte sich bei 
dem Mädchen plötzlich ein Zustand von „Übertragungsliebe" ein- 
gestellt, den er nicht mehr mit ihrem Kranksein in Beziehung 
brachte, so daß er sich bestürzt von ihr zurückzog. Es war ihm 
offenbar peinlich, an dieses anscheinende Mißgeschick erinnert 
zu werden. Im Benehmen gegen mich schwankte er eine Weile 
zwischen Anerkennung und herber Kritik, dann traten Zufällig- 
keiten hinzu, wie sie in gespannten Situationen niemals ausbleiben, 
und wir trennten uns voneinander. 

Nun hatte meine Beschäftigung mit den Formen allgemeiner 
Nervosität die weitere Folge, daß ich die Technik der Katharsis 
abänderte. Ich gab die Hypnose auf und suchte sie durch eine 
andere Methode zu ersetzen, weil ich die Einschränkung der Be- 



15 



16 SIGMUND FREUD 



handlung auf hysteriforme Zustände überwinden wollte. Auch 
hatten sich mir mit zunehmender Erfahrung zwei schwere Be- 
denken gegen die Anwendung der Hypnose selbst im Dienste der 
Katharsis ergeben. Das erste war, daß selbst die schönsten 
Resultate plötzlich wie weggewischt waren, wenn sich das persön- 
liche Verhältnis zum Patienten getrübt hatte. Sie stellten sich 
zwar wieder her, wenn man den Weg zur Versöhnung fand, aber 
man wurde belehrt, daß die persönliche affektive Beziehung doch 
mächtiger war als alle kathartische Arbeit und gerade dieses 
Moment entzog sich der Beherrschung. Sodann machte ich eines 
Tages eine Erfahrung, die mir in grellem Lichte zeigte, was ich 
längst vermutet hatte. Als ich einmal eine meiner gefügigsten 
Patientinnen, bei der die Hypnose die merkwürdigsten Kunst- 
stücke ermöglicht hatte, durch die Zurückführung ihres Schmerz- 
anfalls auf seine Veranlassung von ihrem Leiden befreite, schlug 
sie beim Erwachen ihre Arme um meinen Hals. Der unvermutete 
Eintritt einer dienenden Person enthob uns einer peinlichen Aus- 
einandersetzung, aber wir verzichteten von da an in stillschweigender 
Übereinkunft auf die Fortsetzung der hypnotischen Behandlung. 
Ich war nüchtern genug, diesen Zufall nicht auf die Rechnung 
meiner persönlichen Unwiderstehlichkeit zu setzen und meinte, 
jetzt die Natur des mystischen Elements, welches hinter der 
Hypnose wirkte, erfaßt zu haben. Um es auszuschalten oder 
wenigstens zu isolieren, mußte ich die Hypnose aufgeben. 

Die Hypnose hatte aber der kathartischen Behandlung außer- 
ordentliche Dienste geleistet, indem sie das Bewußtseinsfeld der 
Patienten erweiterte und ihnen ein Wissen zur Verfügung stellte, 
über das sie im Wachen nicht verfügten. Es schien nicht leicht, 
sie darin zu ersetzen. In dieser Verlegenheit kam mir die Er- 
innerung an ein Experiment zu Hilfe, das ich oft bei Bernheim 
mit angesehen hatte. Wenn die Versuchsperson aus dem Som- 
nambulismus erwachte, schien sie jede Erinnerung an die Vorfälle 
während dieses Zustands verloren zu haben. Aber Bernheim 
behauptete, sie wisse es doch, und wenn er sie aufforderte, sich 
zu erinnern, wenn er beteuerte, sie wisse alles, sie solle es doch 
nur sagen, und ihr dabei noch die Hand auf die Stirne legte, so 
kamen die vergessenen Erinnerungen wirklich wieder, zuerst nur 
zögernd, und dann im Strome und in voller Klarheit. Ich beschloß, 
es ebenso zu machen. Meine Patienten mußten ja auch all das 
„wissen", was ihnen sonst erst die Hypnose zugänglich machte, 

16 









SIGMUND FREUD 



17 



und mein Versichern und Antreiben, etwa unterstützt durch Hand- 
auflegen, sollte die Macht haben, die vergessenen Tatsachen und 
Zusammenhänge ins Bewußtsein zu drängen. Das schien freilich 
mühseliger zu sein als die Versetzung in die Hypnose, aber es war 
vielleicht sehr lehrreich. Ich gab also die Hypnose auf und behielt 
von ihr nur die Lagerung des Patienten auf einem Ruhebett bei, 
hinter dem ich saß, so daß ich ihn sah, aber nicht selbst gesehen 
wurde. 

III. 

Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der Hypnose 
frei, aber mit dem Wechsel der Technik änderte auch die kathar- 
tische Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein Kräftespiel 
verdeckt, welches sich nun enthüllte, dessen Erfassung der Theorie 
eine sichere Begründung gab. 

Woher kam es nur, daß die Kranken soviel Tatsachen des 
äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten, und diese doch 
erinnern konnten, wenn man die beschriebene Technik auf sie 
anwendete ? Auf diese Fragen erteilte die Beobachtung erschöpfende 
Antwort. All das Vergessene war irgendwie peinlich gewesen, 
entweder schreckhaft oder schmerzlich oder beschämend für die 
Ansprüche der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der 
Gedanke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h. nicht 
bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte 
man etwas in dem Kranken überwinden, was sich sträubte, mußte 
man eigene Anstrengung aufwenden, um ihn zu drängen und zu 
nötigen. Die vom Arzt erforderte Anstrengung war verschieden 
oroß für verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhältnis zur 
Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des Arztes war 
offenbar das Maß für einen Widerstand des Kranken. Man 
brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen, was man selbst verspürt 
hatte, und man war im Besitz der Theorie der Verdrängung. 

Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekonstruieren. 
Um beim einfachen Beispiel zu bleiben, es war im Seelenleben 
eine einzelne Strebung aufgetreten, der aber mächtige andere 
widerstrebten. Der nun entstehende seelische Konflikt sollte 
nach unserer Erwartung so verlaufen, daß die beiden dynamischen 
Größen — heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Wider- 
stand — eine Weile unter stärkster Anteilnahme des Bewußtseins 
miteinander rangen, bis der Trieb abgewiesen, seiner Strebung 

Medizin in Selbstdarstellungen. IV. 3 

17 



l8 SIGMUND FREUD 



die Energiebesetzung entzogen war. Das wäre die normale Er- 
ledigung. Bei der Neurose hatte aber — aus noch unbekannten 
Gründen — der Konflikt einen anderen Ausgang gefunden. Das 
Ich hatte sich sozusagen beim ersten Zusammenstoß von der 
anstößigen Triebregung zurückgezogen, ihr den Zugang zum 
Bewußtsein und zur direkten motorischen Abfuhr versperrt, dabei 
hatte sie aber ihre volle Energiebesetzung behalten. Diesen Vorgang 
nannte ich Verdrängung; er war eine Neuheit, nichts ihm 
Ähnliches war je im Seelenleben erkannt worden. Er war offenbar 
ein primärer Abwehrmechanismus, einem Fluchtversuch vergleichbar, 
erst ein Vorläufer der späteren normalen Urteilserledigung. An 
den ersten Akt der Verdrängung knüpften weitere Folgen an. 
Erstens mußte sich das Ich gegen den immer bereiten Andrang 
der verdrängten Regung durch einen permanenten Aufwand, eine 
Gegenbesetzung, schützen und verarmte dabei, andererseits 
konnte sich das Verdrängte, das nun unbewußt war, Abfuhr 
und Ersatzbefriedigung auf Umwegen schaffen und solcherart 
die Absicht der Verdrängung zum Scheitern bringen. Bei der 
Konversionshysterie führte dieser Umweg in die Körpcrinnervation, 
die verdrängte Regung brach an irgendeiner Stelle durch und 
schuf sich die Symptome, die also Kompromißergebnisse waren, 
zwar Ersatzbefriedigungen, aber doch entstellt und von ihrem 
Ziele abgelenkt durch den Widerstand des Ichs. 

Die Lehre von der Verdrängung wurde zum Grundpfeiler 
des Verständnisses der Neurosen. Die therapeutische Aufgabe 
mußte nun anders gefaßt werden, ihr Ziel war nicht mehr das 
„Abreagieren" des auf falsche Bahnen geratenen Affekts, sondern 
die Aufdeckung der Verdrängungen und deren Ablösung durch 
Urteilsleistungen, die in Annahme oder Verwerfung des damals 
Abgewiesenen ausgehen konnten. Ich trug der neuen Sachlage 
Rechnung, indem ich das Verfahren zur Untersuchung und Heilung 
nicht mehr Katharsis, sondern Psychoanalyse benannte. 

Man kann von der Verdrängung wie von einem Zentrum ausgehen 
und alle Stücke der psychoanalytischen Lehre mit ihr in Verbindung 
bringen. Vorher will ich aber noch eine Bemerkung polemischen Inhalts 
machen. Nach der Meinung Janets war die Hysterika eine arme 
Person, die infolge einer konstitutionellen Schwäche ihre seelischen 
Akte nicht zusammenhalten konnte. Darum verfiel sie der seelischen 
Spaltung und der Einengung des Bewußtseins. Nach den Ergebnissen 
der psychoanalytischen Untersuchungen waren diese Phänomene aber 
Erfolg dynamischer Faktoren, des seelischen Konflikts und der voll- 

18 



SIGMUND FREUD ig 



zogenen Verdrängung. Ich meine, dieser Unterschied ist weittragend 
o-enug und sollte dem immer wiederholten Gerede ein Ende machen, 
was an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke sich auf eine Ent- 
lehnung Jan et scher Gedanken ein. Meine Darstellung muß dem 
Leser gezeigt haben, daß die Psychoanalyse von den Jan et sehen 
Funden in historischer Hinsicht völlig unabhängig ist, wie sie auch 
inhaltlich von ihnen abweicht und weit über sie hinausgreift. Niemals 
wären auch von den Arbeiten Janets die Folgerungen ausgegangen, 
welche die Psychoanalyse so wichtig für die Geisteswissenschaften 
gemacht und ihr das allgemeinste Interesse zugewendet haben. Jan et 
selbst habe ich immer respektvoll behandelt, weil seine Entdeckungen 
ein ganzes Stück weit mit denen Breuers zusammentrafen, die früher 
gemacht und später veröffentlicht worden waren. Aber als die Psycho- 
analyse Gegenstand der Diskussion auch in Frankreich wurde, hat 
Jan et sich schlecht benommen, geringe Sachkenntnis gezeigt und 
unschöne Argumente gebraucht. Endlich hat er sich in meinen Augen 
bloßgestellt und sein Werk selbst entwertet, indem er verkündete, wenn 
er von „unbewußten" seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts 
damit gemeint, es sei bloß „une facon de parier" gewesen. 

Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium der patho- 
genen Verdrängungen und anderer noch zu erwähnender Phäno- 
mene gezwungen, den Begriff des „Unbewußten" ernst zu nehmen. 
Für sie war alles Psychische zunächst unbewußt, die Bewußtseins- 
qualität konnte dann dazukommen oder auch wegbleiben. Dabei 
stieß man freilich mit dem Widerspruch der Philosophen zusammen, 
für die „bewußt" und „psychisch" identisch war und die beteuerten, 
sie könnten sich so ein Unding wie das „unbewußte Seelische" 
nicht vorstellen. Es half aber nichts, man mußte sich achsel- 
zuckend über diese Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen. 
Die Erfahrungen am pathologischen Material, das die Philosophen 
nicht kannten, über die Häufigkeit und Mächtigkeit solcher 
Regungen, von denen man nichts wußte und die man wie irgend- 
eine Tatsache der Außenwelt erschließen mußte, ließen keine Wahl. 
Man konnte dann geltend machen, daß man nur am eigenen Seelen- 
leben tat, was man immer schon für das anderer getan hatte. Man 
schrieb doch auch der anderen Person psychische Akte zu, obwohl 
man kein unmittelbares Bewußtsein von diesen hatte und sie aus 
Äußerungen und Handlungen erraten mußte. Was aber beim 
anderen recht ist, das muß auch für die eigene Person billig sein. 
Will man dies Argument weiter treiben und daraus ableiten, daß 
die eigenen verborgenen Akte eben einem zweiten Bewußtsein 
angehören, so steht man vor der Konzeption eines Bewußtseins, 
von dem man nichts weiß, eines unbewußten Bewußtseins, was 



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20 SIGMUND FREUD 



doch kaum ein Vorteil gegen die Annahme eines unbewußten 
Psychischen ist. Sagt man aber mit anderen Philosophen, man 
würdige die pathologischen Vorkommnisse, nur sollten die diesen 
zugrunde liegenden Akte nicht psychisch, sondern psychoid ge-. 
heißen werden, so läuft die Differenz auf einen unfruchtbaren 
Wortstreit hinaus, in dem man sich doch am zweckmäßigsten 
für die Beibehaltung des Ausdrucks „unbewußt psychisch" ent- 
scheidet. Die Frage, was dies Unbewußte an sich sei, ist dann 
nicht klüger und aussichtsreicher als die andere, frühere, was das 
Bewußte sei. 

Schwieriger wäre es, in kurzem darzustellen, wie die Psycho- 
analyse dazu gekommen ist, das von ihr anerkannte Unbewußte 
noch zu gliedern, es in ein Vor bewußt es und in ein eigentlich 
Unbewußtes zu zerlegen. Es mag die Bemerkung genügen, daß 
es legitim erschien, die Theorien, welche direkter Ausdruck der 
Erfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen, welche, zur Be- 
wältigung des Stoffes zweckdienlich sind und sich auf Verhältnisse 
beziehen, die nicht Gegenstand unmittelbarer Beobachtung werden 
können. Man pflegt auch in älteren Wissenschaften nicht anders 
zu verfahren. Die Gliederung des Unbewußten hängt mit dem 
Versuch zusammen, sich den seelischen Apparat aus einer Anzahl 
von Instanzen oder Systemen aufgebaut zu denken, von deren 
Beziehung zueinander man in räumlicher Ausdrucksweise spricht 
wobei aber ein Anschluß an die reale Hirnanatomie nicht gesucht 
wird. (Der sog. topische Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche 
Vorstellungen gehören zu einem spekulativen Überbau der Psycho- 
analyse, von dem jedes Stück ohne Schaden und Bedauern geopfert 
oder ausgetauscht werden kann, sobald seine Unzulänglichkeit 
erwiesen ist. Es bleibt genug zu berichten übrig, was der Beob- 
achtung näher steht. 

Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung nach den Ver- 
anlassungen und Begründungen der Neurose mit immer steigender 
Häufigkeit auf Konflikte zwischen den sexuellen Regungen der Person 
und den Widerständen gegen die Sexualität führte. Bei der Suche 
nach den pathogenen Situationen, in denen die Verdrängungen 
der Sexualität eingetreten waren, und aus denen die Symptome 
als Ersatzbildungen des Verdrängten stammten, wurde man in 
immer frühere Lebenszeiten des Kranken zurückgeleitet und langte 
endlich in dessen ersten Kindheitsjahren an. Es ergab sich, was 
Dichter und Menschenkenner immer behauptet hatten, daß die 

20 



SIGMUND FREUD 21 



Eindrücke dieser frühen Lebensperiode, obwohl sie meist der 
Amnesie verfallen, unvertilgbare Spuren in der Entwicklung des 
Individuums zurücklassen, insbesondere daß sie die Disposition 
für spätere neurotische Erkrankungen festlegen. Da es sich aber 
in diesen Kindererlebnissen immer um sexuelle Erregungen und 
um die Reaktion gegen dieselben handelte, stand man vor der 
Tatsache der infantilen Sexualität, die wiederum eine Neuheit 
und einen Widerspruch gegen eines der stärksten Vorurteile der 
Menschen bedeutete. Die Kindheit sollte ja „unschuldig" sein, 
frei von geschlechtlichen Gelüsten, und der Kampf mit dem Dämon 
„Sinnlichkeit" erst mit dem Sturm und Drang der Pubertät ein- 
setzen. Was man von sexuellen Betätigungen gelegentlich an 
Kindern hatte wahrnehmen müssen, faßte man als Zeichen von 
Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit oder als kuriose Laune 
der Natur auf. Wenige der Ermittlungen der Psychoanalyse haben 
eine so allgemeine Ablehnung gefunden, einen solchen Ausbruch 
von Entrüstung hervorgerufen, wie die Behauptung, daß die 
Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an beginne und schon 
in der Kindheit sich in wichtigen Erscheinungen äußere. Und 
doch ist kein anderer analytischer Fund so leicht und so voll- 
ständig zu erweisen. 

Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen Sexualität 
eingehe, muß ich eines Irrtums gedenken, dem ich eine Weile 
verfallen war und der bald für meine ganze Arbeit verhängnis- 
voll geworden wäre. Unter dem Drängen meines damaligen 
technischen Verfahrens reproduzierten die meisten meiner Patienten 
Szenen aus ihrer Kindheit, deren Inhalt die sexuelle Verführung 
durch einen Erwachsenen war. Bei den weiblichen Personen 
war die Rolle des Verführers fast immer dem Vater zugeteilt. 
Ich schenkte diesen Mitteilungen Glauben und nahm also an, 
daß ich in diesen Erlebnissen sexueller Verführung in der Kindheit 
die Quellen der späteren Neurose aufgefunden hatte. Einige 
Fälle, in denen sich solche Beziehungen zum Vater, Oheim oder 
älteren Bruder bis in die Jahre sicherer Erinnerung fortgesetzt 
hatten, bestärkten mich in meinem Zutrauen. Wenn jemand 
über meine Leichtgläubigkeit mißtrauisch den Kopf schütteln 
wollte, so kann ich ihm nicht ganz unrecht geben, will aber vor- 
bringen, daß es die Zeit war, wo ich meiner Kritik absichtlich 
Zwang antat, um unparteiisch und aufnahmsfähig für die vielen 
Neuheiten zu bleiben, die mir täglich entgegentraten. Als ich 

21 



I 



22 SIGMUND FREUD 



dann doch erkennen mußte, diese Verführungsszenen seien niemals 
vorgefallen, seien nur Phantasien, die meine Patienten erdichtet, 
die ich ihnen vielleicht selbst aufgedrängt hatte, war ich eine 
Zeitlang ratlos. Mein Vertrauen in meine Technik wie in ihre 
Ergebnisse erlitt einen harten Stoß; ich hatte doch diese Szenen 
auf einem technischen Wege, den ich für korrekt hielt, gewonnen 
und ihr Inhalt stand in unverkennbarer Beziehung zu den Sym- 
ptomen, von denen meine Untersuchung ausgegangen war. Als 
ich mich gefaßt hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die richtigen 
Schlüsse, daß die neurotischen Symptome nicht direkt an wirkliche 
Erlebnisse anknüpften, sondern an Wunschphantasien, und daß 
für die Neurose die psychische Realität mehr bedeute als die 
materielle. Ich glaube auch heute nicht, daß ich meinen Patienten 
jene Verführungsphantasien aufgedrängt, „suggeriert" habe. Ich 
war da zum erstenmal mit dem Ödipuskomplex zusammen- 
getroffen, der späterhin eine so überragende Bedeutung gewinnen 
sollte, den ich aber in solch phantastischer Verkleidung noch nicht 
erkannte. Auch blieb der Verführung im Kindesalter ihr Anteil 
an der Ätiologie, wenngleich in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt. 
Die Verführer waren aber zumeist ältere Kinder gewesen. 

Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie wenn jemand 
die Sagengeschichte der römischen Königszeit nach der Erzählung 
des Li vi us für historische Wahrheit nehmen würde, anstatt für 
das, was sie ist, eine Reaktionsbildung gegen die Erinnerung arm- 
seliger, wahrscheinlich nicht immer rühmlicher Zeiten und Ver- 
hältnisse. Nach der Aufhellung des Irrtums war der Weg zum 
Studium des infantilen Sexuallebens frei. Man kam da in die 
Lage, die Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet anzuwenden, 
aus ihren Daten ein bisher unbekanntes Stück des biologischen 
Geschehens zu erraten. 

Die. Sexualfunktion war von Anfang an vorhanden, lehnte 
sich zunächst an die anderen lebenswichtigen Funktionen an und 
machte sich dann von ihnen unabhängig; sie hatte eine lange und 
komplizierte Entwicklung durchzumachen, bis aus ihr das wurde, 
was als das normale Sexualleben des Erwachsenen bekannt war. 
Sie äußerte sich zuerst als Tätigkeit einer ganzen Reihe von Trieb- 
komponenten, welche von erogenen Körperzonen abhängig 
waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auftraten (Sadismus — 
Masochismus, Schau trieb — Exhibitionslust), unabhängig von- 
einander auf Lustgewinn ausgingen und ihr Objekt zumeist am 

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SIGMUND FREUD 23 



eigenen Körper fanden. Sie war also zuerst nicht zentriert und 
vorwiegend autoerotisch. Später traten Zusammenfassungen in 
ihr auf; eine erste Organisationsstufe stand unter der Vorherr- 
schaft der oralen Komponenten, dann folgte eine sadistisch- 
anale Phase und erst die spät erreichte dritte Phase brachte den 
Primat der Genitalien, womit die Scxualfunktion in den Dienst 
der Fortpflanzung trat. Während dieser Entwicklung wurden 
manche Triebanteile als für diesen Endzweck unbrauchbar bei- 
seite gelassen oder anderen Verwendungen zugeführt, andere von 
ihren Zielen abgelenkt und in die genitale Organisation über- 
geleitet. Ich nannte die Energie der Sexualtriebe — und nur 

diese Libido. Ich mußte nun annehmen, daß die Libido die 

beschriebene Entwicklung nicht immer tadellos durchmache. In- 
folge der Überstärke einzelner Komponenten oder frühzeitiger 
Befriedigungserlebnisse kommt es zu Fixierungen der Libido 
an gewissen Stellen des Entwicklungsweges. Zu diesen Stellen 
strebt dann die Libido im Falle einer späteren Verdrängung zurück 
(Regression) und von ihnen aus wird auch der Durchbruch 
zum Symptom erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu, daß 
die Lokalisation der Fixierungsstelle auch entscheidend ist für 
die Neurosenwahl, für die Form, in der die spätere Erkrankung 

auftritt. 

Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß der Objekt- 
findung einher, dem eine große Rolle im Seelenleben vorbehalten 
ist. Das erste Liebesobjekt nach dem Stadium des Autoerotismus 
wird für beide Geschlechter die Mutter, deren nährendes Organ 
wahrscheinlich anfänglich vom eigenen Körper nicht unterschieden 
wurde. Später, aber noch in den ersten Kinderjahren, stellt sich 
die Relation des Ödipuskomplexes her, in welcher der Knabe 
seine sexuellen Wünsche auf die Person der Mutter konzentriert 
und feindselige Regungen gegen den Vater als Rivalen entwickelt. 
In analoger Weise stellt sich das kleine Mädchen ein, alle Variationen 
und Abfolgen des Ödipuskomplexes werden bedeutungsvoll, die 
angeborene bisexuelle Konstitution macht sich geltend und ver- 
mehrt die Anzahl der gleichzeitig vorhandenen Strebungen. Es 
dauert eine ganze Weile, bis das Kind über die Unterschiede der 
Geschlechter Klarheit gewinnt; in dieser Zeit der Sexualforschung 
schafft es sich typische Sexualtheorien, die, abhängig von der 
Unvollkommenheit der eigenen körperlichen Organisation, Richtiges 
und Falsches vermengen und die Probleme des Geschlechtslebens 

23 



24 SIGMUND FREUD 



(das Rätsel der Sphinx: woher die Kinder kommen) nicht lösen 
können. Die erste Objektwahl des Kindes ist also eine inzestuöse. 
Die ganze hier beschriebene Entwicklung wird rasch durchlaufen. 
Der merkwürdigste Charakter des menschlichen Sexuallebens ist 
sein zweizeitiger Ansatz mit dazwischenliegender Pause. Im 
vierten und fünften Lebensjahr erreicht es einen ersten Höhepunkt, 
dann aber vergeht diese Frühblüte der Sexualität, die bisher leb- 
haften Strebungen verfallen der Verdrängung und es tritt die 
bis zur Pubertät dauernde Latenzzeit ein, während welcher 
die Reaktionsbildungen der Moral, der Scham, des Ekels auf- 
gerichtet werden. Die Zweizeitigkeit der Sexualentwicklung scheint 
von allen Lebewesen allein dem Menschen zuzukommen, sie ist 
vielleicht die biologische Bedingung seiner Disposition zur Neurose. 
Mit der Pubertät werden die Strebungen und Objektbesetzungen 
der Frühzeit wieder belebt, auch die Gefühlsbindungen des Ödipus- 
komplexes. Im Sexualleben der Pubertät ringen miteinander die 
Anregungen der Frühzeit und die Hemmungen der Latenzpcriode. 
Noch auf der Höhe der infantilen Sexualentwicklung hatte sich 
eine Art von genitaler Organisation hergestellt, in der aber nur 
das männliche Genitale eine Rolle spielte, das weibliche unentdeckt 
geblieben war (der sog. phallische Primat). Der Gegensatz 
der Geschlechter hieß damals noch nicht männlich oder weiblich, 
sondern: im Besitze eines Penis oder kastriert. Der hier an- 
schließende Kastrationskomplex wird überaus bedeutsam für 
die Bildung von Charakter und Neurose. 

In dieser verkürzten Darstellung meiner Befunde über das 
menschliche Sexualleben habe ich dem Verständnis zuliebe vielfach 
zusammengetragen, was zu verschiedenen Zeiten entstand und 
als Ergänzung oder Berichtigung in die aufeinanderfolgenden 
Auflagen meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" Auf- 
nahme fand. Ich hoffe, es läßt sich aus ihr leicht entnehmen, 
worin die oft betonte und beanstandete Erweiterung des Begriffes 
Sexualität besteht. Diese Erweiterung ist eine zweifache. Erstens 
wird die Sexualität aus ihren allzu engen Beziehungen zu den 
Genitalien gelöst und als eine umfassendere, nach Lust strebende 
Körperfunktion hingestellt, welche erst sekundär in den Dienst 
der Fortpflanzung tritt; zweitens werden zu den sexuellen Regungen 
alle die bloß zärtlichen und freundschaftlichen gerechnet, für 
welche unser Sprachgebrauch das vieldeutige Wort „Liebe" ver- 
wendet. Allein ich meine, diese Erweiterungen sind nicht 



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■ 



SIGMUND FREUD 2 5 



Neuerungen, sondern Wiederherstellungen, sie bedeuten die Auf- 
hebung von unzweckmäßigen Einengungen des Begriffes, zu denen 
wir uns haben bewegen lassen. Die Loslösung der Sexualität von 
den Genitalien hat den Vorteil, daß sie uns gestattet, die Sexual- 
betätigung der Kinder und der Perversen unter dieselben Gesichts- 
punkte zu bringen wie die der normalen Erwachsenen, während 
die erstere bisher völlig vernachlässigt, die andere zwar mit mora- 
lischer Entrüstung, aber ohne Verständnis aufgenommen wurde. 
Der psychoanalytischen Auffassung erklären sich auch die ab- 
sonderlichsten und abstoßendsten Perversionen als Äußerung von 
sexuellen Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat entzogen 
haben und wie in den Urzeiten der Libidoentwicklung selbständig 
dem Lusterwerb nachgehen. Die wichtigste dieser Perversionen, 
die Homosexualität, verdient kaum diesen Namen. Sie führt 
sich auf die konstitutionelle Bisexualität und auf die Nachwirkung 
des phallischen Primats zurück; durch Psychoanalyse kann man 
bei jedermann ein Stück homosexueller Objektwahl nachweisen. 
Wenn man die Kinder „polymorph pervers" genannt hat, so war 
das nur eine Beschreibung in allgemein gebräuchlichen Ausdrücken; 
eine moralische Wertung sollte damit nicht ausgesprochen werden. 
Solche Werturteile liegen der Psychoanalyse überhaupt fern. 

Die andere der angeblichen Erweiterungen rechtfertigt sich 
durch den Hinweis auf die psychoanalytische Untersuchung, welche 
zeigt, daß all diese zärtlichen Gefühlsregungen ursprünglich 
vollsexuelle Strebungen waren, die dann „zielgehemmt" oder 
„sublimiert" worden sind. Auf dieser Beeinflußbarkeit und Ab- 
lenkbarkeit der Sexualtriebe beruht auch ihre Verwendbarkeit für 
mannigfache kulturelle Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten 

Beiträge stellen. 

Die überraschenden Ermittlungen über die Sexualität des 
Kindes wurden zunächst durch die Analyse Erwachsener gewonnen, 
konnten aber später, etwa von 1908 an, durch direkte Beobachtungen 
an Kindern bis in alle Einzelheiten und in beliebigem Ausmaße 
bestätigt werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den regulären 
sexuellen Betätigungen der Kinder zu überzeugen, daß man sich 
verwundert fragen muß, wie es die Menschen zustande gebracht 
haben, diese Tatsachen zu übersehen und die Wunschlegende von 
der asexuellen Kindheit solange aufrecht zu halten. Dies muß 
mit der Amnesie der meisten Erwachsenen für ihre eigene Kindheit 
zusammenhängen. 

25 






26 SIGMUND FREUD 



IV. 

Die Lehren vom Widerstand und von der Verdrängung, vom 
Unbewußten, von der ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens 
und der Wichtigkeit der Kindheitserlebnisse sind die Haupt- 
bestandteile des psychoanalytischen Lehrgebäudes. Ich bedauere, 
daß ich hier nur die einzelnen Stücke beschreiben konnte und 
nicht auch, wie sie sich zusammensetzen und ineinander greifen. 
Es ist jetzt an der Zeit, sich zu den Veränderungen zu wenden, 
die sich allmählich an der Technik des analytischen Verfahrens 
vollzogen. 

Die zuerst geübte Überwindung des Widerstandes durch 
Drängen und Versichern war unentbehrlich gewesen, um dem 
Arzt die ersten Orientierungen in dem, was er zu erwarten hatte, 
zu verschaffen. Auf die Dauer war sie aber für beide Teile zu 
anstrengend und schien nicht frei von gewissen naheliegenden 
Bedenken. Sie wurde also von einer anderen Methode ab- 
gelöst, welche in gewissem Sinne ihr Gegensatz war. Anstatt 
den Patienten anzutreiben, etwas zu einem bestimmten Thema 
zu sagen, forderte man ihn jetzt auf, sich der „freien Assoziation" 
zu überlassen, d. h. zu sagen, was immer ihm in den Sinn kam, 
wenn er sich jeder bewußten Zielvorstellung enthielt. Nur mußte 
er sich dazu verpflichten, auch wirklich alles mitzuteilen, was 
ihm seine Selbstwahrnehmung ergab, und den kritischen Ein- 
wendungen nicht nachzugeben, die einzelne Einfälle mit den 
Motivierungen beseitigen wollten, sie seien nicht wichtig genug, 
gehörten nicht dazu oder seien überhaupt ganz unsinnig. Die 
Forderung nach Aufrichtigkeit in der Mitteilung brauchte man 
nicht ausdrücklich zu wiederholen, sie war ja die Voraussetzung 
der analytischen Kur. 

Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Einhaltung 
der psychoanalytischen Grundregel leisten sollte, was man 
von ihm erwartete, nämlich das verdrängte und durch Widerstände 
ferngehaltene Material dem Bewußtsein zuzuführen, mag be- 
fremdend erscheinen. Allein man muß bedenken, daß die freie 
Assoziation nicht wirklich frei ist. Der Patient bleibt unter dem 
Einfluß der analytischen Situation, auch wenn er seine Denk- 
tätigkeit nicht auf ein bestimmtes Thema richtet. Man hat das 
Recht, anzunehmen, daß ihm nichts anderes einfallen wird, als 
was zu dieser Situation in Beziehung steht. Sein Widerstand 

26 



SIGMUND FREUD 



27 



gegen die Reproduktion des Verdrängten wird sich jetzt auf 
zweierlei Weise äußern. Erstens durch jene kritischen Ein- 
wendungen, auf welche die psychoanalytische Grundregel gemünzt 
ist. Überwindet er aber in Befolgung der Regel diese Abhaltungen, 
so findet der Widerstand einen anderen Ausdruck. Er wird es 
durchsetzen, daß dem Analysierten niemals das Verdrängte selbst 
einfällt, sondern nur etwas, was diesem nach Art einer Anspielung 
nahe kommt, und je größer der Widerstand ist, desto weiter wird 
sich der mitzuteilende Ersatzeinfall von dem Eigentlichen, das 
man sucht, entfernen. Der Analytiker, der in Sammlung, aber 
ohne Anstrengung zuhört und der durch seine Erfahrung im all- 
gemeinen auf das Kommende vorbereitet ist, kann nun das Material, 
das der Patient zutage fördert, nach zwei Möglichkeiten verwerten. 
Entweder gelingt es ihm, bei geringem Widerstand, aus den An- 
deutungen das Verdrängte selbst zu erraten, oder er kann, bei 
stärkerem Widerstand, an den Einfällen, die sich vom Thema 
zu entfernen scheinen, die Beschaffenheit dieses Widerstandes 
erkennen, den er dann dem Patienten mitteilt. Die Aufdeckung 
des Widerstandes ist aber der erste Schritt zu seiner Überwindung. 
So ergibt sich im Rahmen der analytischen Arbeit eine Deutungs- 
kunst, deren erfolgreiche Handhabung zwar Takt und Übung 
erfordert, die aber unschwer zu erlernen ist. Die Methode der 
freien Assoziation hat große Vorzüge vor der früheren, nicht nur 
den der Ersparung an Mühe. Sie setzt den Analysierten dem ge- 
ringsten Maß von Zwang aus, verliert nie den Kontakt mit der 
realen Gegenwart, gewährt weitgehende Garantien dafür, daß man 
kein Moment in der Struktur der Neurose übersieht und nichts aus 
eigener Erwartung in sie einträgt. Man überläßt es bei ihr wesentlich 
dem Patienten, den Gang der Analyse und die Anordnung des 
Stoffes zu bestimmen, daher wird die systematische Bearbeitung 
der einzelnen Symptome und Komplexe unmöglich. Recht im 
Gegensatz zum Hergang beim hypnotischen oder antreibenden 
Verfahren erfährt man das Zusammengehörige zu verschiedenen 
Zeiten und an verschiedenen Stellen der Behandlung. Für einen 
Zuhörer — den es in Wirklichkeit nicht geben darf — würde die 
analytische Kur daher ganz undurchsichtig sein. 

Ein anderer Vorteil der Methode ist, daß sie eigentlich nie 
zu versagen braucht. Es muß theoretisch immer möglich sein, 
einen Einfall zu haben, wenn man seine Ansprüche an die Art 
desselben fallen läßt. -Doch tritt solches Versagen ganz regel- 






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28 SIGMUND FREUD 



mäßig in einem Falle auf, aber gerade durch seine Vereinzelung 
wird auch dieser Fall deutbar. 

Ich nähere mich nun der Beschreibung eines Moments, welches 
einen wesentlichen Zug zum Bilde der Analyse hinzufügt und 
technisch wie theoretisch die größte Bedeutung beanspruchen 
darf. In jeder analytischen Behandlung stellt sich ohne Dazutun 
des Arztes eine intensive Gefühlsbeziehung des Patienten zur 
Person des Analytikers her, die in den realen Verhältnissen keine 
Erklärung finden kann. Sie ist positiver oder negativer Natur, 
variiert von leidenschaftlicher, vollsinnlicher Verliebtheit bis zum 
extremen Ausdruck von Auflehnung, Erbitterung und Haß. Diese 
abkürzend sogenannte „Übertragung" setzt sich beim Patienten 
bald an die Stelle des Wunsches nach Genesung und wird, solange 
sie zärtlich und gemäßigt ist, zum Träger des ärztlichen Einflusses 
und zur eigentlichen Triebfeder der gemeinsamen analytischen 
Arbeit. Später, wenn sie leidenschaftlich geworden ist oder ins 
Feindselige umgeschlagen hat, wird sie das Hauptwerkzeug des 
Widerstandes. Dann geschieht es auch, daß sie die Einfallstätigkeit 
des Patienten lahm legt und den Erfolg der Behandlung gefährdet. 
Es wäre aber unsinnig, ihr ausweichen zu wollen; eine Analyse 
ohne Übertragung ist eine Unmöglichkeit. Man darf nicht glauben, 
daß die Analyse die Übertragung schafft und daß diese nur bei 
ihr vorkommt. Die Übertragung wird von der Analyse nur auf- 
gedeckt und isoliert. Sie ist ein allgemein menschliches Phänomen, 
entscheidet über den Erfolg bei jeder ärztlichen Beeinflussung, 
ja sie beherrscht überhaupt die Beziehungen einer Person zu ihrer 
menschlichen Umwelt. Unschwer erkennt man in ihr denselben 
dynamischen Faktor, den die Hypnotiker Suggerierbarkeit genannt 
haben, der der Träger des hypnotischen Rapports ist, über dessen 
Unberechenbar keit auch die kathartische Methode zu klagen hatte. 
Wo diese Neigung zur Gefühlsübertragung fehlt oder durchaus 
negativ geworden ist, wie bei der Dementia praecox und der 
Paranoia, da entfällt auch die Möglichkeit einer psychischen Be- 
einflussung des Kranken. 

Es ist ganz richtig, daß auch die Psychoanalyse mit dem 
Mittel der Suggestion arbeitet wie andere psychotherapeutische 
Methoden. Der Unterschied ist aber, daß ihr — der Suggestion 
oder der Übertragung — hier nicht die Entscheidung über den 
therapeutischen Erfolg überlassen wird. Sie wird vielmehr dazu 
verwendet, den Kranken zur Leistung einer psychischen Arbeit 



28 



SIGMUND FREUD 2g 



zu bewegen — zur Überwindung seiner Übertragungswiderstände — , 
die eine dauernde Veränderung seiner seelischen Ökonomie be- 
deutet. Die Übertragung wird vom Analytiker dem Kranken 
bewußt gemacht, sie wird aufgelöst, indem man ihn davon über- 
zeugt, daß er in seinem Übertragungsverhalten Gefühlsrelationen 
wiedererlebt, die von seinen frühesten Objektbesetzungen, aus 
der verdrängten Periode seiner Kindheit, herstammen. Durch 
solche Wendung wird die Übertragung aus der stärksten Waffe 
des Widerstandes zum besten Instrument der analytischen Kur. 
Immerhin bleibt ihre Handhabung das schwierigste wie das 
wichtigste Stück der analytischen Technik. 

Mit Hilfe des Verfahrens der freien Assoziation und der an 
sie anschließenden Deutungskunst gelang der Psychoanalyse eine 
Leistung, die anscheinend nicht praktisch bedeutsam war, aber 
in Wirklichkeit zu einer völlig neuen Stellung und Geltung im 
wissenschaftlichen Betrieb führen mußte. Es wurde möglich, 
nachzuweisen, daß Träume sinnvoll sind, und den Sinn derselben 
zu erraten. Träume waren noch im klassischen Altertum als 
Verkündigungen der Zukunft hochgeschätzt worden; die moderne 
Wissenschaft wollte vom Traum nichts wissen, überließ ihn dem 
Aberglauben, erklärte ihn für einen bloß „körperlichen" Akt, für 
eine Art Zuckung des sonst schlafenden Seelenlebens. Daß jemand, 
der ernste wissenschaftliche Arbeit geleistet hatte, als „Traum- 
deuter" auftreten könnte, schien doch ausgeschlossen. Wenn man 
sich aber um eine solche Verdammung des Traumes nicht kümmerte, 
ihn behandelte wie ein unverstandenes neurotisches Symptom, 
eine Wahn- oder Zwangsidee, von seinem scheinbaren Inhalt absah 
und seine einzelnen Bilder zu Objekten der freien Assoziation 
machte, so kam man zu einem anderen Ergebnis. Man gewann 
durch die zahlreichen Einfälle des Träumers Kenntnis von einem 
Gedankengebilde, das nicht mehr absurd oder verworren genannt 
werden konnte, das einer vollwertigen psychischen Leistung ent- 
sprach und von dem der manifeste Traum nur eine entstellte, 
verkürzte und mißverstandene Übersetzung war, zumeist eine 
Übersetzung in visuelle Bilder. Diese latenten Traumgedanken 
enthielten den Sinn des Traumes, der manifeste Trauminhalt war 
nur eine Täuschung, eine Fassade, an welche zwar die Assoziation 
anknüpfen konnte, aber nicht die Deutung. 

Man stand nun vor der Beantwortung einer ganzen Reihe 
von Fragen, die wichtigsten darunter, ob es denn ein Motiv für 

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30 SIGMUND FR EUD 

die Traumbildung gebe, unter welchen Bedingungen sie sich voll- 
ziehen könne, auf welchen Wegen die Überführung der immer 
sinnreichen Traumgedanken in den oft sinnlosen Traum vor sich 
geht u.a. In meiner 1900 veröffentlichten „Traumdeutung" 
habe ich versucht, alle diese Probleme zu erledigen. Nur der 
kürzeste Auszug aus dieser Untersuchung kann hier Raum finden: 
Wenn man die latenten Traumgedanken, die man aus der Analyse 
des Traumes erfahren hat, untersucht, findet man einen unter 
ihnen, der sich von den anderen, verständigen und dem Träumer 
wohlbekannten, scharf abhebt. Diese anderen sind Reste des 
Wachlebens (Tagesreste); in dem vereinzelten aber erkennt man 
eine oft sehr anstößige Wunschregung, die dem Wachleben des 
Träumers fremd ist, die er dementsprechend auch verwundert 
oder entrüstet verleugnet. Diese Regung ist der eigentliche Traum- 
bildner, sie hat die Energie für die Produktion des Traumes auf- 
gebracht und sich der Tagesreste als Material bedient; der so 
entstandene Traum stellt eine Befriedigungssituation für sie vor, 
ist ihre Wunscherfüllung. Dieser Vorgang wäre nicht möglich 
geworden, wenn nicht etwas in der Natur des Schlafzustandes 
ihn begünstigt hätte. Die psychische Voraussetzung des Schlafens 
ist die Einstellung des Ichs auf den Schlafwunsch und die Ab- 
ziehung der Besetzungen von allen Interessen des Lebens; da 
gleichzeitig die Zugänge zur Motilität gesperrt werden, kann das 
Ich auch den Aufwand herabsetzen, mit dem es sonst die Ver- 
drängungen aufrecht hält. Diesen nächtlichen Nachlaß der Ver- 
drängung macht sich die unbewußte Regung zunutze, um mit 
dem Traum zum Bewußtsein vorzudringen. Der Verdrängungs- 
widerstand des Ichs ist aber auch im Schlafe nicht aufgehoben, 
sondern bloß herabgesetzt worden. Ein Rest von ihm ist als 
Traumzensur verblieben und verbietet nun der unbewußten 
Wunschregung, sich in den Formen zu äußern, die ihr eigentlich 
angemessen wären. Infolge der Strenge der Traumzensur müssen 
sich die latenten Traumgedanken Abänderungen und Ab- 
schwächungen gefallen lassen, die den verpönten Sinn des Traumes 
unkenntlich machen. Dies ist die Erklärung der Traum- 
entstellung, welcher der manifeste Traum seine auffälligsten 
Charaktere verdankt. Daher die Berechtigung des Satzes: der 
Traum sei die (verkappte) Erfüllung eines (verdrängten) 
Wunsches. Wir erkennen schon jetzt, daß der Traum gebaut 
ist wie ein neurotisches Symptom, er ist eine Kompromißbildung 

30 



. 



SIGMUND FREUD 



31 



zwischen dem Anspruch einer verdrängten Triebregung und dem 
Widerstand einer zensurierenden Macht im Ich. Infolge der 
gleichen Genese ist er auch ebenso unverständlich wie das Sym- 
ptom und in gleicher Weise der Deutung bedürftig. 

Die allgemeine Funktion des Träumens ist leicht aufzufinden. 
Es dient dazu, um äußere oder innere Reize, welche zum Erwachen 
auffordern würden, durch eine Art von Beschwichtigung abzuwehren 
und so den Schlaf gegen Störung zu versichern. Der äußere Reiz 
wird abgewehrt, indem er umgedeutet und in irgendeine harmlose 
Situation verwoben wird; den inneren Reiz des Triebanspruchs 
läßt der Schläfer gewähren und gestattet ihm die Befriedigung 
durch die Traumbildung, solange sich die latenten Traumgedanken 
der Bändigung durch die Zensur nicht entziehen. Droht aber 
diese Gefahr und wird der Traum allzu deutlich, so bricht der 
Schläfer den Traum ab und wacht erschreckt auf (Angsttraum). 
Dasselbe Versagen der Traumfunktion tritt ein, wenn der äußere 
Reiz so stark wird, daß er sich nicht mehr abweisen läßt (Weck- 
traum). Den Prozeß, welcher unter Mitwirkung der Traum- 
zensur die latenten Gedanken in den manifesten Trauminhalt 
überführt, habe ich die Traumarbeit genannt. Er besteht in 
einer eigenartigen Behandlung des vorbewußten Gedankenmaterials, 
bei welcher dessen Bestandteile verdichtet, seine psychischen 
Akzente verschoben, das Ganze dann in visuelle Bilder umgesetzt, 
dramatisiert, und durch eine mißverständliche sekundäre Be- 
arbeitung ergänzt wird. Die Traumarbeit ist ein ausgezeichnetes 
Muster der Vorgänge in den tieferen, unbewußten Schichten des 
Seelenlebens, welche sich von den uns bekannten normalen Denk- 
vorgängen erheblich unterscheiden. Sie bringt auch eine Anzahl 
archaischer Züge zum Vorschein, z. B. die Verwendung einer hier 
vorwiegend sexuellen Symbolik, die man dann auf anderen Ge- 
bieten geistiger Tätigkeit wiedergefunden hat. 

Indem sich die unbewußte Triebregung des Traumes mit einem 
Tagesrest, einem unerledigten Interesse des Wachlebens, in Ver- 
bindung setzt, verschafft sie dem von ihr gebildeten Traume einen 
zweifachen Wert für die analytische Arbeit. Der gedeutete Traum 
erweist sich ja einerseits als die Erfüllung eines verdrängten 
Wunsches, andererseits kann er die vorbewußte Denktätigkeit 
des Tages fortgesetzt und sich mit beliebigem Inhalt erfüllt haben, 
einem Vorsatz, einer Warnung, Überlegung und wiederum einer 
Wunscherfüllung Ausdruck geben. Die Analyse verwertet ihn 

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22 SIGMUND FREUD 



nach beiden Richtungen, sowohl für die Kenntnis der bewußten 
wie der unbewußten Vorgänge beim Analysierten. Auch zieht 
sie aus dem Umstände Vorteil, daß dem Traume der vergessene 
Stoff des Kindheitslebens zugänglich ist, so daß die infantile 
Amnesie zumeist im Anschluß an die Deutung von Träumen über- 
wunden wird. Der Traum leistet hier ein Stück von dem, was 
früher der Hypnose auferlegt war. Dagegen habe ich nie die mir 
oft zugeschriebene Behauptung aufgestellt, die Traumdeutung 
ergebe, daß alle Träume sexuellen Inhalt haben oder auf sexuelle 
Triebkräfte zurückgehen. Es ist leicht zu sehen, daß Hunger, 
Durst und Exkretionsdrang ebensogut Befriedigungsträume er- 
zeugen wie irgendeine verdrängte sexuelle oder egoistische Regung. 
Bei kleinen Kindern stellt sich eine bequeme Probe auf die Richtig- 
keit unserer Traumtheorie zur Verfügung. Hier, wo die verschiedenen 
psychischen Systeme noch nicht scharf gesondert, die Verdrängungen 
noch nicht tiefer ausgebildet sind, erfährt man häufig von Träumen, 
die nichts anderes sind als unverhüllte Erfüllungen irgendwelcher 
vom Tage erübrigten Wunschregungen. Unter dem Einfluß 
imperativer Bedürfnisse können auch Erwachsene solche Träume 
vom infantilen Typus produzieren. 

In ähnlicher Weise wie der Traumdeutung bedient sich die 
Analyse des Studiums der so häufigen kleinen Fehlleistungen 
und Symptomhandlungen der Menschen, denen ich eine 1904 
zuerst als Buch veröffentlichte Untersuchung „Zur Psycho- 
pathologie des Alltagslebens" gewidmet habe. Den Inhalt dieses 
vielgelesenen Werkes bildet der Nachweis, daß diese Phänomene 
nichts Zufälliges sind, daß sie über physiologische Erklärungen 
hinausgehen, sinnvoll und deutbar sind und zum Schluß auf 
zurückgehaltene oder verdrängte Regungen und Intentionen be- 
rechtigen. Der überragende Wert der Traumdeutung wie dieser 
Studie hegt aber nicht in der Unterstützung, die sie der analytischen 
Arbeit leihen, sondern in einer anderen Eigenschaft derselben. 
Bisher hatte die Psychoanalyse sich nur mit der Auflösung patho- 
logischer Phänomene beschäftigt und zu deren Erklärung oft 
Annahmen machen müssen, deren Tragweite außer Verhältnis 
zur Wichtigkeit des behandelten Stoffes stand. Der Traum 
aber, den sie dann in Angriff nahm, war kein krankhaftes Sym- 
ptom, er war ein Phänomen des normalen Seelenlebens, konnte 
sich bei jedem gesunden Menschen ereignen. Wenn der Traum 
so gebaut ist wie ein Symptom, wenn seine Erklärung die nämlichen 

32 



SIGMUND FREUD 



33 



Annahmen erfordert, die der Verdrängung von Triebregungen, 
der Ersatz- und Kompromißbildung, der verschiedenen psychischen 
Systeme zur Unterbringung des Bewußten und Unbewußten, dann 
ist die Psychoanalyse nicht mehr eine Hilfswissenschaft der Psycho- 
pathologie, dann ist sie vielmehr der Ansatz zu einer neuen und 
gründlicheren Seelenkundc, die auch für das Verständnis des 
Normalen unentbehrlich wird. Man darf ihre Voraussetzungen 
und Ergebnisse auf andere Gebiete des seelischen und geistigen 
Geschehens übertragen; der Weg ins Weite, zum Weltinteresse, 
ist ihr eröffnet. 

V. 

Ich unterbreche die Darstellung vom inneren Wachstum 
der Psychoanalyse und wende mich ihren äußeren Schicksalen zu. 
Was ich von ihrem Erwerb bisher mitgeteilt habe, war in großen 
Zügen der Erfolg meiner Arbeit, ich habe aber in den Zusammen- 
hang auch spätere Ergebnisse eingetragen und die Beiträge meiner 
Schüler und Anhänger nicht von den eigenen gesondert. 

Durch mehr als ein Jahrzehnt nach der Trennung von 
Breuer hatte ich keine Anhänger. Ich stand völlig isoliert. In 
Wien wurde ich gemieden, das Ausland nahm von mir keine Kenntnis. 
Die „Traumdeutung", 1900, wurde in den Fachzeitschriften kaum 
referiert. Im Aufsatz „Zur Geschichte der psychoanalytischen 
Bewegung" habe ich als Beipsiel für die Einstellung der psychia- 
trischen Kreise in Wien ein Gespräch mit einem Assistenten mit- 
geteilt, der ein Buch gegen meine Lehren geschrieben, aber die 
„Traumdeutung" nicht gelesen hatte. Man hatte ihm auf der 
Klinik gesagt, es lohne nicht der Mühe. Der Betreffende, seither 
Extraordinarius geworden, hat sich gestattet, den Inhalt jener 
Unterredung zu verleugnen und überhaupt die Treue meiner Er- 
innerung anzuzweifeln. Ich halte jedes Wort meines damaligen 
Berichtes aufrecht. 

Als ich verstanden hatte, mit welchen Notwendigkeiten ich 
zusammengestoßen war, ließ meine Empfindlichkeit sehr nach. 
Allmählich fand auch die Isolierung ein Ende. Zuerst sammelte 
sich in Wien ein kleiner Kreis von Schülern um mich; nach 1906 
erfuhr man, daß sich die Psychiater in Zürich, E. Bleuler, sein 
Assistent C. G. Jung und andere lebhaft für die Psychoanalyse 
interessierten. Persönliche Beziehungen knüpften sich an, zu 
Ostern 1908 trafen sich die Freunde der jungen Wissenschaft in 

Medizin in Selbstdarstellungen. IV. 3 

33 



34 SIGMUND FREUD 



Salzburg, verabredeten die regelmäßige Wiederholung solcher 
Privatkongresse und die Herausgabe einer Zeitschrift, die unter 
dem Titel „Jahrbuch für psychopathologische und psychoana- 
lytische Forschungen" von Jung redigiert wurde. Herausgeber 
waren Bleuler und ich; sie wurde dann mit Beginn des Weltkrieges 
eingestellt. Gleichzeitig mit dem Anschluß der Schweizer war 
auch überall in Deutschland das Interesse für die Psychoanalyse 
erwacht, sie wurde der Gegenstand zahlreicher literarischer Äuße- 
rungen und lebhafter Diskussion auf wissenschaftlichen Kongressen. 
Die Aufnahme war nirgends eine freundliche oder wohlwollend zu- 
wartende. Nach kürzester Bekanntschaft mit der Psychoanalyse 
war die deutsche Wissenschaft in ihrer Verwerfung einig. 

Ich kann natürlich auch heute nicht wissen, welches das end- 
gültige Urteil der Nachwelt über den Wert der Psychoanalyse für 
Psychiatrie, Psychologie und die Geisteswissenschaften überhaupt 
sein wird. Aber ich meine, wenn die Phase, die wir durchlebt 
haben, einmal ihren Geschichtsschreiber findet, wird dieser zu- 
gestehen müssen, daß das Verhalten ihrer damaligen Vertreter 
nicht rühmlich für die deutsche Wissenschaft war. Ich beziehe 
mich dabei nicht auf die Tatsache der Ablehnung oder auf die 
Entschiedenheit, mit der sie geschah; beides war leicht zu ver- 
stehen, entsprach nur der Erwartung und konnte wenigstens keinen 
Schatten auf den Charakter der Gegner werfen. Aber für das Aus- 
maß von Hochmut und gewissenloser Verschmähung der Logik, 
für die Roheit und Geschmacklosigkeit der Angriffe gibt es keine 
Entschuldigung. Man kann mir vorhalten, es sei kindisch, noch 
nach fünfzehn Jahren solcher Empfindlichkeit freien Lauf zu geben; 
ich würde es auch nicht tun, wenn ich nicht noch etwas anderes 
hinzuzufügen hätte. Jahre später, als während des Weltkrieges ein 
Chor von Feinden gegen die deutsche Nation den Vorwurf der 
Barbarei erhob, in dem all das Erwähnte zusammentrifft, schmerzte 
es doch tief, daß man aus eigener Erfahrung dem nicht wider- 
sprechen konnte. 

Einer der Gegner rühmte sich laut, daß er seinen Patienten den 
Mund verbiete, wenn sie von sexuellen Dingen zu sprechen beginnen, 
und leitete aus dieser Technik offenbar ein Recht ab, über die ätio- 
logische Rolle der Sexualität bei den Neurosen zu urteilen. Abgesehen 
von den affektiven Widerständen, die sich nach der psychoanalytischen 
Theorie so leicht erklärten, daß sie uns nicht irre machen konnten, 
schien mir das Haupthindernis der Verständigung in dem Umstand zu 
liegen, daß die Gegner in der Psychoanalyse ein Produkt meiner speku- 

34 






SIGMUND FREUD 35 



lativen Phantasie sahen und nicht an die lange, geduldige, voraus- 
setzungslose Arbeit glauben wollten, die zu ihrem Aufbau aufgewendet 
worden war. Da nach ihrer Meinung die Analyse nichts mit Beobachtung 
und Erfahrung zu tun hatte, hielten sie sich auch für berechtigt, sie 
ohne eigene Erfahrung zu verwerfen. Andere, die sich solcher Über- 
zeugung nicht so sicher fühlten, wiederholten das klassische Widerstands- 
manöver, nicht ins Mikroskop zu gucken, um das nicht zu sehen, was 
sie bestritten hatten. Es ist überhaupt merkwürdig, wie inkorrekt sich 
die meisten Menschen benehmen, wenn sie in einer neuen Sache auf 
ihr eigenes Urteil gestellt sind. Durch viele Jahre und auch heute noch 
bekam ich von „wohlwollenden" Kritikern zu hören, so und so weit 
habe die Psychoanalyse Recht, aber an dem Punkte beginne ihr Über- 
maß, ihre unberechtigte Verallgemeinerung. Dabei weiß ich, daß nichts 
schwieriger ist als über eine solche Abgrenzung zu entscheiden, und 
daß die Kritiker selbst bis vor wenigen Tagen oder Wochen in voller 
Unkenntnis der Sache gewesen waren. 

Das offizielle Anathema gegen die Psychoanalyse hatte zur 
Folge, daß sich die Analytiker enger zusammenschlössen. Auf 
dem zweiten Kongreß zu Nürnberg 1910 organisierten sie sich 
auf Vorschlag von S. Ferenczi zu einer „Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung", die in Ortsgruppen zerfiel und unter 
der Leitung eines Präsidenten stand. Diese Vereinigung hat den 
Weltkrieg überstanden, sie besteht heute noch und umfaßt die 
Ortsgruppen Wien, Berlin, Budapest, Zürich, London, Holland, 
New York, Pan-Amerika, Moskau und Calkutta. Zum ersten 
Präsidenten ließ ich C. G. Jung wählen, ein recht unglücklicher 
Schritt, wie sich später herausstellte. Die Psychanalyse erwarb 
damals ein zweites Journal, das „Zentralblatt für Psychoanalyse" 
redigiert von Adler und Stekel und bald darauf ein drittes, die 
„Imago", von den Nichtärzten H. Sachs und 0. Rank für die 
Anwendungen der Analyse auf die Geisteswissenschaften bestimmt. 
Bald darauf veröffentlichte Bleuler seine Schrift zur Ver- 
teidigung der Psychoanalyse („Die Psychoanalyse Freuds" 1910). 
So erfreulich es war, daß in dem Streit einmal auch Gerechtigkeit 
und ehrliche Logik zu Worte kamen, so konnte mich die Arbeit 
Bleulers doch nicht völlig befriedigen. Sie strebte zu sehr nach 
dem Anschein der Unparteilichkeit; es war kein Zufall, daß man 
gerade ihrem Autor die Einführung des wertvollen Begriffes der 
Ambivalenz in unsere Wissenschaft zu danken hatte. In 
späteren Aufsätzen hat Bleuler sich so ablehnend gegen das ana- 
lytische Lehrgebäude verhalten, so wesentliche Stücke desselben 
bezweifelt oder verworfen, daß ich mich verwundert fragen konnte, 

3* 

35 



36 SIGMUND FREUD 



was für seine Anerkennung davon erübrige. Und doch hat er auch 
später nicht nur die herzhaftesten Äußerungen zugunsten der 
„Tiefenpsychologie" getan, sondern auch seine großangelegte Dar- 
stellung der Schizophrenien auf sie begründet. Bleuler verblieb 
übrigens nicht lange in der „Internationalen Psychoanalytischen 
Vereinigung", er verließ sie infolge von Mißhelligkeiten mit Jung 
und das „Burghölzli" ging der Analyse verloren. 

Der offizielle Widerspruch konnte die Ausbreitung der Psycho- 
analyse weder in Deutschland noch in den anderen Ländern auf- 
halten. Ich habe an anderer Stelle („Zur Geschichte der psycho- 
analytischen Bewegung") die Etappen ihres Fortschrittes verfolgt 
und dort auch die Männer genannt, die sich als ihre Vertreter 
hervortaten. Im Jahre 1909 waren Jung und ich von G. Stanley 
Hall nach Amerika berufen worden, um dort an der Clark Uni- 
versity, Worcester Mass., deren Präsident er war, zur 20jährigen 
Gründungsfeier des Instituts eine Woche lang Vorlesungen (in 
deutscher Sprache) zu halten. Hall war ein mit Recht an- 
gesehener Psycholog und Pädagog, der die Psychoanalyse schon 
seit Jahren in seinen Unterricht einbezogen hatte; es war etwas 
vom „Königsmacher" in ihm, dem es gefiel, Autoritäten ein- und 
wieder abzusetzen. Wir trafen dort auch James J. Putnam, 
den Neurologen von Harvard, der sich trotz seines Alters für die 
Psychoanalyse begeisterte und mit dem ganzen Gewicht seiner 
allgemein respektierten Persönlichkeit für ihren kulturellen Wert 
und die Reinheit ihrer Absichten eintrat. An dem ausgezeichneten 
Manne, der in Reaktion auf eine zwangsneurotische Anlage vor- 
wiegend ethisch orientiert war, störte uns nur die Zumutung, 
die Psychoanalyse an ein bestimmtes philosophisches System an- 
zuschließen und in den Dienst moralischer Bestrebungen zu stellen. 
Auch eine Zusammenkunft mit dem Philosophen William James 
hinterließ mir einen bleibenden Eindruck. Ich kann nicht die 
kleine Szene vergessen, wie er auf einem Spaziergang plötzlich 
stehen blieb, mir seine Handtasche übergab und mich bat voraus- 
zugehen, er werde nachkommen, sobald er den herannahenden 
Anfall von Angina pectoris abgemacht habe. Er starb ein Jahr 
später am Herzen; ich habe mir seither immer eine ähnliche 
Furchtlosigkeit angesichts des nahen Lebensendes gewünscht. 

Damals war ich erst 53 Jahre alt, fühlte mich jugendlich und 
gesund, der kurze Aufenthalt in der neuen Welt tat meinem Selbst- 
gefühl überhaupt wohl; in Europa fühlte ich mich wie geächtet, 

■ 

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SIGMUND FREUD 37 

hier sah ich mich von den Besten wie ein Gleichwertiger auf- 
genommen. Es war wie die Verwirklichung eines unglaubwürdigen 
Tagtraumes, als ich in Worcester den Katheder bestieg, um meine 
„Fünf Vorlesungen über Psychoanalyse" abzuhalten. Die Psycho- 
analyse war also kein Wahngebilde mehr, sie war zu einem wert- 
vollen Stück der Realität geworden. Sie hat auch den Boden in 
Amerika seit unserem Besuch nicht mehr verloren, sie ist unter den 
Laien ungemein populär und wird von vielen offiziellen Psychiatern 
als wichtiger Bestandteil des medizinischen Unterrichts anerkannt. 
Leider hat sie dort auch viel Verwässerung erfahren. Mancher 
Mißbrauch, der nichts mit ihr zu tun hat, deckt sich mit ihrem 
Namen, es fehlt an Gelegenheiten zu gründlicher Ausbildung in 
Technik und Theorie. Auch stößt sie in Amerika mit dem Beha- 
viourism zusammen, der sich in seiner Naivität rühmt, das 
psychologische Problem überhaupt ausgeschaltet zu haben. 

In Europa vollzogen sich in den Jahren 191 1 — 1913 zwei Ab- 
fallsbewegungen von der Psychoanalyse, eingeleitet von Personen, 
die bisher eine ansehnliche Rolle in der jungen Wissenschaft ge- 
spielt hatten, die von Alfred Adler und von C. G. Jung. Beide 
sahen recht gefährlich aus und gewannen rasch eine große An- 
hängerschaft. Ihre Stärke dankten sie aber nicht dem eigenen 
Gehalt, sondern der Verlockung, von den anstößig empfundenen 
Resultaten der Psychoanalyse frei zu kommen, auch wenn man 
ihr tatsächliches Material nicht mehr verleugnete. Jung versuchte 
eine Umdeutung der analytischen Tatsachen ins Abstrakte, Un- 
persönliche und Unhistorische, wodurch er sich die Würdigung der 
infantilen Sexualität und des Ödipuskomplexes sowie die Notwendig- 
keit der Kindheitsanalyse zu ersparen hoffte. Adler schien sich 
noch weiter von der Psychoanalyse zu entfernen, er verwarf die 
Bedeutung der Sexualität überhaupt, führte Charakter- wie Neu- 
rosenbildung ausschließlich auf das Machtstreben der Menschen 
und ihr Bedürfnis nach Kompensationen ihrer konstitutionellen 
Minderwertigkeit zurück und schlug alle psychologischen Neu- 
erwerbungen der Psychoanalyse in den Wind. Doch hat das von 
ihm Verworfene sich unter geändertem Namen die Aufnahme in 
sein geschlossenes System erzwungen; sein „männlicher Protest" 
ist nichts anderes als die zu Unrecht sexualisierte Verdrängung. 
Die Kritik begegnete beiden Häretikern mit großer Milde; ich 
konnte nur erreichen, daß Adler wie Jung darauf verzichteten, 
ihre Lehren „Psychoanalyse" zu heißen. Man kann heute, nach 

37 



r 



38 SIGMUND FREUD 



einem Jahrzehnt, feststellen, daß beide Versuche an der Psycho- 
analyse schadlos vorübergegangen sind. 

Wenn eine Gemeinschaft auf Übereinstimmung in einigen 
kardinalen Punkten begründet ist, wird es selbstverständlich, daß 
diejenigen aus ihr ausscheiden, welche diesen gemeinsamen Boden 
aufgegeben haben. Doch hat man häufig den Abfall früherer Schüler 
als Zeichen meiner Intoleranz mir zur Schuld angerechnet oder den 
Ausdruck eines besonderen auf mir lastenden Verhängnisses darin ge- 
sehen. Es genüge dagegen, darauf hinzuweisen, daß denen, die mich 
verlassen haben, wie Jung, Adler, Stekel und wenige andere, 
eine große Anzahl von Personen gegenübersteht, die, wie Abraham, 
Eitingon, Ferenczi, .Rank, Jones, Brill, Sachs, Pfarrer 
Pf ister, van Emden, Reik u. a. seit etwa fünfzehn Jahren 
mir in treuer Mitarbeiterschaft, meist auch in ungetrübter Freund- 
schaft anhängen. Ich habe nur die ältesten meiner Schüler 
hier genannt, die sich bereits einen rühmlichen Namen in der 
Literatur der Psychoanalyse geschaffen haben, die Übergehung 
anderer soll keine Zurücksetzung bedeuten und gerade unter den 
jungen und spät hinzugekommenen befinden sich Talente, auf die 
man große Hoffnungen setzen darf. Aber ich darf wohl für mich 
geltend machen, daß ein intoleranter und vom Unfehlbarkeitsdünkel 
beherrschter Mensch niemals eine so große Schar geistig bedeutender 
Personen an sich hätte fesseln können, zumal wenn er über nicht 
mehr praktische Verlockungen verfügte als ich. 

Der Weltkrieg, der so viel andere Organisationen zerstört hat, 
konnte unserer „Internationalen" nichts anhaben. Die erste Zu- 
sammenkunft nach dem Kriege fand 1920 im Haag statt, auf 
neutralem Boden. Es war rührend, wie holländische Gastfreund- 
schaft sich der verhungerten und verarmten Mitteleuropäer an- 
nahm, es geschah auch meines Wissens damals zum ersten Male 
in einer zerstörten Welt, daß Engländer und Deutsche sich wegen 
wissenschaftlicher Interessen freundschaftlich an denselben Tisch 
setzten. Der Krieg hatte sogar in Deutschland wie in den west- 
lichen Ländern das Interesse an der Psychoanalyse gesteigert. 
Die Beobachtung der Kriegsneurotiker hatte den Ärzten endlich 
die Augen über die Bedeutung der Psychogenese für neurotische 
Störungen geöffnet, einige unserer psychologischen Konzeptionen, 
der „Krankheitsgewinn", die „Flucht in die Krankheit" wurden 
rasch populär. Zum letzten Kongreß vor dem Zusammenbruch 
Budapest 1918, hatten die verbündeten Regierungen der Mittel- 



38 



SIGMUND FREUD 39 






mächte offizielle Vertreter geschickt, welche die Einrichtung psycho- 
analytischer Stationen zur Behandlung der Kriegsneurotiker zu- 
sagten. Es kam nicht mehr dazu. Auch weitausgreifende Pläne 
eines unserer besten Mitglieder, des Dr. Anton von Freund, 
welche in Budapest eine Zentrale für analytische Lehre und 
Therapie schaffen wollten, scheiterten an den bald darauf er- 
folgenden politischen Umwälzungen und dem frühen Tod des un- 
ersetzlichen Mannes. Einen Teil seiner Anregungen verwirklichte 
später Max Eitingon, indem er 1920 in Berlin eine psychoana- 
lytische Poliklinik schuf. Während der kurzen Dauer der bolsche- 
wistischen Herrschaft in Ungarn konnte Ferenczi noch eine 
erfolgreiche Lehrtätigkeit als offizieller Vertreter der Psychoanalyse 
an der Universität entfalten. Nach dem Kriege gefiel es unseren 
Gegnern zu verkünden, daß die Erfahrung ein schlagendes Argument 
gegen die Richtigkeit der analytischen Behauptungen ergeben 
habe. Die Kriegsneurosen hätten den Beweis für die Überflüssig- 
keit sexueller Momente in der Ätiologie neurotischer Affektionen 
geliefert. Allein das war ein leichtfertiger und voreiliger Triumph. 
Denn einerseits hatte niemand die gründliche Analyse eines Falles 
von Kriegsneurose durchführen können, man wußte also einfach 
nichts Sicheres über deren Motivierung und durfte doch aus solcher 
Unwissenheit keinen Schluß ziehen. Anderseits aber hatte die 
Psychoanalyse längst den Begriff des Narzißmus und der narzißti- 
schen Neurose gewonnen, der die Anheftung der Libido an das 
eigene Ich, an Stelle eines Objekts, zum Inhalt hatte. D. h. also, 
man machte sonst der Psychoanalyse zum Vorwurf, daß sie den 
Begriff der Sexualität ungebührlich erweitert habe; wenn man es 
aber in der Polemik bequem fand, vergaß man an dieses ihr Ver- 
gehen und hielt ihr wiederum die Sexualität im engsten Sinne vor. 
Die Geschichte der Psychoanalyse zerfällt für mich in zwei 
Abschnitte, von der kathartischen Vorgeschichte abgesehen. Im 
ersten stand ich allein und hatte alle Arbeit selbst zu tun, so war 
es von 1895/96 an bis 1906 oder 1907. Im zweiten Abschnitt, von 
da an bis zum heutigen Tage, haben die Beiträge meiner Schüler 
und Mitarbeiter immer mehr an Bedeutung gewonnen, so daß 
ich jetzt, durch schwere Erkrankung an das nahe Ende gemahnt, 
mit innerer Ruhe an das Aufhören meiner eigenen Leistung denken 
kann. Gerade dadurch schließt es sich aber aus, daß ich in dieser 
„Selbstdarstellung" die Fortschritte der Psychoanalyse im zweiten 
Zeitabschnitt mit solcher Ausführlichkeit behandle wie deren all- 

39 









40 SIGMUND FREUD 



mählichen Aufbau im ersten, der allein von meiner Tätigkeit aus- 
gefüllt ist. Ich fühle mich nur berechtigt, hier jene Neuerwerbungen 
zu erwähnen, an denen ich noch einen hervorragenden Anteil hatte, 
also vor allem die auf dem Gebiet des Narzißmus, der Trieblehre 
und der Anwendung auf die Psychosen. 

Ich habe nachzutragen, daß mit zunehmender Erfahrung der 
Ödipuskomplex sich immer deutlicher als der Kern der Neurose 
herausstellte. Er war sowohl der Höhepunkt des infantilen Sexual- 
lebens wie auch der Knotenpunkt, von dem alle späteren Ent- 
wicklungen ausgingen. Damit schwand aber die Erwartung, durch 
die Analyse ein für die Neurose spezifisches Moment aufzudecken. 
Man mußte sich sagen, wie es Jung in seiner analytischen Früh- 
zeit treffend auszudrücken verstand, daß die Neurose keinen be- 
sonderen ihr ausschließlich eigenen Inhalt habe, und daß die Ncuro- 
tiker an den nämlichen Dingen scheitern, welche von den Nor- 
malen glücklich bewältigt werden. Diese Einsicht bedeutete 
durchaus keine Enttäuschung. Sie stand im besten Einklang mit 
jener anderen, daß die durch die Psychoanalyse gefundene Tiefen- 
psychologie eben die Psychologie des normalen Seelenlebens war. 
Es war uns ebenso ergangen wie den Chemikern; die großen 
qualitativen Verschiedenheiten der Produkte führten sich auf 
quantitative Abänderungen in den Kombinationsverhältnissen der 
nämlichen Elemente zurück. 

Im Ödipuskomplex zeigte sich die Libido an die Vorstellung 
der elterlichen Personen gebunden. Aber es hatte vorher eine 
Zeit ohne alle solche Objekte gegeben. Daraus ergab sich die für 
eine Libidotheorie grundlegende Konzeption eines Zustandes, in 
dem die Libido das eigene Ich erfüllt, dieses selbst zum Objekt 
genommen hat. Diesen Zustand konnte man „Narzißmus" oder 
Selbstliebe nennen. Die nächsten Überlegungen sagten, daß er 
eigentlich nie völlig aufgehoben wird; für die ganze Lebenszeit 
bleibt das Ich das große Libidoreservoir, aus welchem Objekt- 
besetzungen ausgeschickt werden, in welches die Libido von den 
Objekten wieder zurückströmen kann. Narzißtische Libido setzt 
sich also fortwährend in Objektlibido um und umgekehrt. Ein 
ausgezeichnetes Beispiel davon, welches Ausmaß diese Umsetzung 
erreichen kann, zeigt uns die bis zur Selbstaufopferung reichende 
sexuelle oder sublimierte Verliebtheit. Während man bisher im 
Verdrängungsprozeß nur dem Verdrängten Aufmerksamkeit ge- 
schenkt hatte, ermöglichten diese Vorstellungen, auch das Ver- 

40 



SIGMUND FREUD ^j 



drängende richtig zu würdigen. Man hatte gesagt, die Verdrängung 
werde von den im Ich wirksamen Selbsterhaltungstrieben („Ich- 
trieben") ins Werk gesetzt und an den libidinösen Trieben voll- 
zogen. Nun da man die Selbsterhaltungstriebe auch als libidinöser 
Natur, als narzißtische Libido, erkannte, erschien der Verdrängungs- 
vorgang als ein Prozeß innerhalb der Libido selbst; narzißtische 
Libido stand gegen Objektlibido, das Interesse der Selbsterhaltung 
wehrte sich gegen den Anspruch der Objektliebe, also auch gegen 
den der engeren Sexualität. 

Kein Bedürfnis wird in der Psychologie dringender empfunden 
als nach einer tragfähigen Trieblehre, auf welcher man weiter- 
bauen kann. Allein nichts dergleichen ist vorhanden, die Psycho- 
analyse muß sich in tastenden Versuchen um eine Trieblehre be- 
mühen. Sie stellte zuerst den Gegensatz von Ichtrieben (Selbst- 
erhaltung, Hunger) und von libidinösen Trieben (Liebe) auf, ersetzte 
ihn dann durch den neuen von narzißtischer und Objektlibido. 
Damit war offenbar das letzte Wort nicht gesprochen; biologische 
Erwägungen schienen zu verbieten, daß man sich mit der An- 
nahme einer einzigen Art von Trieben begnüge. 

In den Arbeiten meiner letzten Jahre („Jenseits des Lust- 
prinzips", „Massenpsychologie und Ich-Analyse", „Das Ich und das 
Es") habe ich der lange niedergehaltenen Neigung zur Spekulation 
freien Lauf gelassen und dort auch eine neue Lösung des Trieb- 
problems ins Auge gefaßt. Ich habe Selbst- und Arterhaltung 
unter den Begriff des Eros zusammengefaßt und ihm den ge- 
räuschlos arbeitenden Todes- oder Destruktionstrieb gegen- 
übergestellt. Der Trieb wird ganz allgemein erfaßt als eine Art 
Elastizität des Lebenden, als ein Drang nach Wiederherstellung 
einer Situation, die einmal bestanden hatte und durch eine äußere 
Störung aufgehoben worden war. Diese im Wesen konservative 
Natur der Triebe wird durch die Erscheinungen des Wieder- 
holungszwanges erläutert. Das Zusammen- und Gegeneinander- 
wirken von Eros und Todestrieb ergibt für uns das Bild des Lebens. 

Es steht dahin, ob sich diese Konstruktion als brauchbar er- 
proben wird. Sie ist zwar von dem Bestreben geleitet worden, 
einige der wichtigsten theoretischen Vorstellungen der Psycho- 
analyse zu fixieren, aber sie geht weit über die Psychoanalyse 
hinaus. Ich habe wiederholt die geringschätzige Äußerung gehört, 
man könne nichts von einer Wissenschaft halten, deren oberste 
Begriffe so unscharf wären wie die der Libido und des Triebes in 



41 



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42 SIGMUND FREUD 



der Psychoanalyse. Aber diesem Vorwurf liegt eine völlige Ver- 
kennung des Sachverhalts zugrunde. Klare Grundbegriffe und 
scharf umrissene Definitionen sind nur in den Geisteswissenschaften 
möglich, soweit diese ein Tatsachengebiet in den Rahmen einer 
intellektuellen Systembildung fassen wollen. In den Naturwissen- 
schaften, zu denen die Psychologie gehört, ist solche Klarheit der 
Oberbegriffe überflüssig, ja unmöglich. Zoologie und Botanik 
haben nicht mit korrekten und zureichenden Definitionen von 
Tier und Pflanze begonnen, die Biologie weiß noch heute den Be- 
griff des Lebenden nicht mit sicherem Inhalt zu erfüllen. Ja, 
selbst die Physik hätte ihre ganze Entwicklung versäumt, wenn sie 
hätte abwarten müssen, bis ihre Begriffe von Stoff, Kraft, Gravi- 
tation und andere die wünschenswerte Klarheit und Präzision er- 
reichten. Die Grundvorstellungen oder obersten Begriffe der 
naturwissenschaftlichen Disziplinen werden immer zunächst un- 
bestimmt gelassen, vorläufig nur durch den Hinweis auf das Er- 
scheinungsgebiet erläutert, dem sie entstammen, und können erst 
durch die fortschreitende Analyse des Beobachtungsmaterials klar, 
inhaltsreich und widerspruchsfrei werden. 

Ich habe schon in früheren Phasen meiner Produktion den 
Versuch gemacht, von der psychoanalytischen Beobachtung aus 
allgemeinere Gesichtspunkte zu erreichen. ,1911 betonte ich in einem 
kleinen Aufsatz „Formulierungen über die zwei Prinzipien des 
psychischen Geschehens" in gewiß nicht origineller Weise die Vor- 
herrschaft des Lust-Unlustprinzips für das Seelenleben und dessen 
Ablösung durch das sog. „Realitätsprinzip". Später wagte ich den 
Versuch einer „Metapsychologie". Ich nannte so eine Weise der Be- 
trachtung, in der jeder seelische Vorgang nach den drei Koordinaten 
der Dynamik, Topikund Ökonomie gewürdigt wird, und sah in 
ihr das äußerste Ziel, das der Psychologie erreichbar ist. Der Ver- 
such blieb ein Torso, ich brach nach wenigen Abhandlungen 
(Triebe und Triebschicksale — Verdrängung — Das Unbewußte — 
Trauer und Melancholie usw.) ab und tat gewiß wohl daran, denn 
die Zeit für solche theoretische Festlegung war noch nicht ge- 
kommen. In meinen letzten spekulativen Arbeiten habe ich es 
unternommen, unseren seelischen Apparat auf Grund analytischer 
Verwertung der pathologischen Tatsachen zu gliedern und habe 
ihn in ein Ich, ein Es und ein Über- Ich zerlegt. („Das Ich und 
das Es", 1922.) Das Über-Ich ist der Erbe des Ödipuskomplexes 
und der Vertreter der ethischen Anforderungen des Menschen. 

42 



SIGMUND FREUD 



43 



Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, als hätte ich in dieser 
letzten Periode meiner Arbeit der geduldigen Beobachtung den Rücken 
gewendet und mich durchaus der Spekulation überlassen. Ich bin 
vielmehr immer in inniger Berührung mit dem analytischen Material 
geblieben und habe die Bearbeitung spezieller, klinischer oder tech- 
nischer Themata nie eingestellt. Auch wo ich mich von der Beobachtung 
entfernte, habe ich die Annäherung an die eigentliche Philosophie sorg- 
fältig vermieden. Konstitutionelle Unfähigkeit hat mir solche Ent- 
haltung sehr erleichtert. Ich war immer für die Ideen G. Th. Fechners 
zugänglich und habe mich auch in wichtigen Punkten an diesen Denker 
angelehnt. Die weitgehenden Übereinstimmungen der Psychoanalyse 
mit der Philosophie Schopenhauers — er hat nicht nur den Primat 
der Affektivität und die überragende Bedeutung der Sexualität ver- 
treten, sondern selbst den Mechanismus der Verdrängung gekannt — 
lassen sich nicht auf meine Bekanntschaft mit seiner Lehre zurückführen. 
Ich habe Schopenhauer sehr spät im Leben gelesen. Nietzsche, 
den anderen Philosophen, dessen Ahnungen und Einsichten sich oft 
in der erstaunlichsten Weise mit den mühsamen Ergebnissen der Psycho- 
analyse decken, habe ich gerade darum lange gemieden; an der Priorität 
lag mir ja weniger als an der Erhaltung meiner Unbefangenheit. 

Die Neurosen waren das erste, lange Zeit auch das einzige 
Objekt der Analyse gewesen. Keinem Analytiker blieb es zweifel- 
haft, daß die medizinische Praxis unrecht hat, welche diese Affek- 
tionen von den Psychosen fern hält und an die organischen Nerven- 
leiden anschließt. Die Neurosenlehre gehört zur Psychiatrie, ist 
unentbehrlich zur Einführung in dieselbe. Nun scheint das ana- 
lytische Studium der Psychosen durch die therapeutische Aus- 
sichtslosigkeit einer solchen Bemühung ausgeschlossen. Den 
psychisch Kranken fehlt im allgemeinen die Fähigkeit zur posi- 
tiven Übertragung, so daß das Hauptmittel der analytischen 
Technik unanwendbar ist. Aber es ergeben sich doch mancherlei 
Zugänge. Die Übertragung ist oft nicht so völlig abwesend, daß 
man nicht ein Stück weit mit ihr kommen könnte, bei zyklischen 
Verstimmungen, leichter paranoischer Veränderung, partieller 
Schizophrenie hat man unzweifelhafte Erfolge mit der Analyse 
erzielt. Es war auch wenigstens für die Wissenschaft ein Vorteil, 
daß in vielen Fällen die Diagnose längere Zeit zwischen der An- 
nahme einer Psychoneurose und der einer Dementia praecox 
schwanken kann; der angestellte therapeutische Versuch konnte 
so wichtige Aufschlüsse bringen, ehe er abgebrochen werden mußte. 
Am meisten kommt aber in Betracht, daß in den Psychosen so 
vieles für jedermann sichtbar an die Oberfläche gebracht wird, 
was man bei den Neurosen in mühsamer Arbeit aus der Tiefe 



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r- 



44 SIGMUND FREUD 



heraufholt. Für viele analytische Behauptungen ergibt darum 
die psychiatrische Klinik die besten Demonstrationsobjekte. Es 
konnte also nicht ausbleiben, daß die Analyse bald den Weg zu 
den Objekten der psychiatrischen Beobachtung fand. Sehr früh- 
zeitig (1896) habe ich an einem Fall von paranoider Demenz die 
gleichen ätiologischen Momente und das Vorhandensein der näm- 
lichen affektiven Komplexe wie bei den Neurosen feststellen können. 
Jung hat rätselhafte Stereotypien bei Dementen durch Rück- 
beziehung auf die Lebensgeschichte der Kranken aufgeklärt; 
Bleuler bei verschiedenen Psychosen Mechanismen aufgezeigt, 
wie die durch Analyse bei den Neurotikern eruierten. Seither 
haben die Bemühungen der Analytiker um das Verständnis der 
Psychosen nicht mehr aufgehört. Besonders seitdem man mit 
dem Begriff des Narzißmus arbeitete, gelang es bald an dieser, 
bald an jener Stelle einen Blick über die Mauer zu tun. Am weitesten 
hat es wohl Abraham in der Aufklärung der Melancholien gebracht. 
Auf diesem Gebiet setzt sich zwar gegenwärtig nicht alles Wissen 
in therapeutische Macht um; aber auch der bloß theoretische Ge- 
winn ist nicht gering anzuschlagen und mag gern auf seine prak- 
tische Verwendung warten. Auf die Dauer können auch die 
Psychiater der Beweiskraft ihres Krankenmaterials nicht wider- 
stehen. Es vollzieht sich jetzt in der deutschen Psychiatrie eine 
Art von penetration paeifique mit analytischen Gesichts- 
punkten. Unter unausgesetzten Beteuerungen, daß sie keine 
Psychoanalytiker sein wollen, nicht der „orthodoxen" Schule an- 
gehören, deren Übertreibungen nicht mitmachen, insbesondere aber 
an das übermächtige sexuelle Moment nicht glauben, machen 
doch die meisten der jüngeren Forscher dies oder jenes Stück der 
analytischen Lehre zu ihrem Eigen und wenden es in ihrer Weise 
auf das Material an. Alle Anzeichen deuten auf das Bevorstehen 
weiterer Entwicklungen nach dieser Richtung. 

VI. 

Ich verfolge jetzt aus der Ferne, unter welchen Reaktions- 
symptomen sich der Einzug der Psychoanalyse in das lange refrak- 
täre Frankreich vollzieht. Es wirkt wie eine Reproduktion von 
früher Erlebtem, hat aber doch auch seine besonderen Züge. Ein- 
wendungen von unglaublicher Einfalt werden laut, wie der, das 
französische Feingefühl nehme Anstoß an der Pedanterie und 
Plumpheit der psychoanalytischen Namengebungen (man muß 

44 



. 



SIGMUND FREUD 



45 



dabei doch an Lessings unsterblichen Chevalier Riccaut de la 
Marliniere denken!). Eine andere Äußerung klingt ernsthafter; sie 
ist selbst einem Professor der Psychologie an der Sorbonne nicht 
unwürdig erschienen: das Genie latin vertrage überhaupt nicht 
die Denkungsart der Psychoanalyse. Dabei werden die anglo- 
sächsischen Alliierten, die als ihre Anhänger gelten, ausdrücklich 
preisgegeben. Wer das hört, muß natürlich glauben, das Gdnie 
teutonique habe die Psychoanalyse gleich nach ihrer Geburt als 
sein liebstes Kind ans Herz gedrückt. 

In Frankreich ist das Interesse an der Psychoanalyse von den 
Männern der schönen Literatur ausgegangen. Um das zu ver- 
stehen, muß man sich erinnern, daß die Psychoanalyse mit der 
Traumdeutung die Grenzen einer rein ärztlichen Angelegenheit 
überschritten hat. Zwischen ihrem Auftreten in Deutschland und 
nun in Frankreich liegen ihre mannigfachen Anwendungen auf 
Gebiete der Literatur und Kunstwissenschaft, auf Religions- 
geschichte und Prähistorie, auf Mythologie, Volkskunde, Päda- 
gogik usw. Alle diese Dinge haben mit der Medizin wenig zu tun, 
sind mit ihr eben nur durch die Vermittlung der Psychoanalyse 
verknüpft. Ich habe darum kein Anrecht, sie an dieser Stelle ein- 
gehend zu behandeln. Ich kann sie aber auch nicht ganz vernach- 
lässigen, denn einerseits sind sie unerläßlich, um die richtige Vor- 
stellung vom Wert und Wesen der Psychoanalyse zu geben, ander- 
seits habe ich mich ja der Aufgabe unterzogen, mein eigenes 
Lebenswerk darzustellen. Von den meisten dieser Anwendungen 
gehen die Anfänge auf meine Arbeiten zurück. Hier und da habe 
ich wohl auch einen Schritt vom Wege getan, um ein solches 
außerärztliches Interesse zu befriedigen. Andere, nicht nur Arzte, 
sondern auch Fachmänner, sind dann meiner Wegspur nachgefolgt 
und weit in die betreffenden Gebiete eingedrungen. Da ich mich 
aber meinem Programm gemäß auf den Bericht über meine eigenen 
Beiträge zur Anwendung der Psychoanalyse beschränken werde, 
kann ich dem Leser nur ein ganz unzureichendes Bild von deren 
Ausdehnung und Bedeutung ermöglichen. 

Eine Reihe von Anregungen ging für mich vom Ödipus- 
komplex aus, dessen Ubiquität ich allmählich erkannte. War schon 
immer die Wahl, ja die Schöpfung des grauenhaftes Stoffes rätsel- 
haft gewesen, die erschütternde Wirkung seiner poetischen Dar- 
stellung und das Wesen der Schicksalstragödie überhaupt, so er- 
klärte sich dies alles durch die Einsicht, daß hier eine Gesetz- 

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j 






46 SIGMUMD FREUD 

mäßigkeit des seelischen Geschehens in ihrer vollen affektiven 
Bedeutung erfaßt worden war. Verhängnis und Orakel waren nur 
die Materialisationen der inneren Notwendigkeit; daß der Held 
ohne sein Wissen und gegen seine Absicht sündigte, verstand sich 
als der richtige Ausdruck der unbewußten Natur seiner ver- 
brecherischen Strebungen. Vom Verständnis dieser Schicksals- 
tragödie war dann nur ein Schritt bis zur Aufstellung der Charakter- 
tragödie des Hamlet, die man seit dreihundert Jahren bewunderte, 
ohne ihren Sinn angeben und die Motive des Dichters erraten zu 
können. Es war doch merkwürdig, daß dieser vom Dichter er- 
schaffene Neurotiker am Ödipuskomplex scheitert wie seine zahl- 
reichen Gefährten in der realen Welt, denn Hamlet ist vor die 
Aufgabe gestellt, an einem anderen die beiden Taten zu rächen, die 
den Inhalt des Ödipusstrebens bilden, wobei ihm sein eigenes dunkles 
Schuldgefühl lähmend in den Arm fallen darf. Der Hamlet ist von 
Shakespeare sehr bald nach dem Tode seines Vaters geschrieben 
worden. Meine Andeutungen zur Analyse dieses Trauerspiels 
haben später durch Ernest Jones eine gründliche Ausarbeitung 
erfahren. Dasselbe Beispiel nahm dann Otto Rank zum Ausgangs- 
punkt seiner Untersuchungen über die Stoffwahl der dramatischen 
Dichter. In seinem großen Buche über das ,, Inzest-Motiv" konnte 
er zeigen, wie häufig die Dichter gerade die Motive der Ödipus- 
situation zur Darstellung wählen und die Wandlungen, Abände- 
rungen und Milderungen des Stoffes durch die Weltliteratur verfolgen. 
Es lag nahe, von da aus die Analyse des dichterischen und 
künstlerischen Schaffens überhaupt in Angriff zu nehmen. Man 
erkannte, daß das Reich der Phantasie eine „Schonung" war, 
die beim schmerzlich empfundenen Übergang vom Lust- zum 
Realitätsprinzip eingerichtet wurde, um einen Ersatz für Trieb- 
befriedigung zu gestatten, auf die man im wirklichen Leben hatte 
verzichten müssen. Der Künstler hatte sich wie der Neurotiker 
von der unbefriedigenden Wirklichkeit in diese Phantasiewelt 
zurückgezogen, aber anders als der Neurotiker verstand er den 
Rückweg aus ihr zu finden und in der Wirklichkeit wieder festen 
Fuß zu fassen. Seine Schöpfungen, die Kunstwerke, waren 
Phantasiebefriedigungen unbewußter Wünsche, ganz wie die Träume, 
mit denen sie auch den Charakter des Kompromisses gemein hatten, 
denn auch sie mußten den offenen Konflikt mit den Mächten der 
Verdrängung vermeiden. Aber zum Unterschied von den asozialen, 
narzißtischen Traumproduktionen waren sie auf die Anteilnahme 

46 









SIGMUND FREUD 



47 



anderer Menschen berechnet, konnten bei diesen die nämlichen un- 
bewußten Wunschregungen beleben und befriedigen. Überdies be- 
dienten sie sich der Wahrnehmungslust der Formschönheit als 
„Verlockungsprämie". Was die Psychoanalyse leisten konnte, war, 
aus der Aufeinanderbeziehung der Lebenseindrücke, zufälligen 
Schicksale, und der Werke des Künstlers seine Konstitution und die 
in ihr wirksamen Triebregungen, also das allgemeine Menschliche 
an ihm, zu konstruieren. In solcher Absicht habe ich z. B. 
Leonardo da Vinci zum Gegenstand einer Studie genommen, die 
auf einer einzigen, von ihm mitgeteilten Kindheitserinnerung ruht 
und im wesentlichen auf die Erklärung seines Bildes ,,Die heilige 
Anna selbdritt" hinzielt. Meine Freunde und Schüler haben dann 
zahlreiche ähnliche Analysen an Künstlern und ihren Werken 
unternommen. Es ist nicht eingetroffen, daß der Genuß am Kunst- 
werk durch das so gewonnene analytische Verständnis geschädigt 
wird. Dem Laien, der aber hier vielleicht von der Analyse zu viel 
erwartet, muß eingestanden werden, daß sie auf zwei Probleme 
kein Licht wirft, die ihn wahrscheinlich am meisten interessieren. 
Die Analyse kann nichts zur Aufklärung der künstlerischen Be- 
gabung sagen und auch die Aufdeckung der Mittel, mit denen der 
Künstler arbeitet, der künstlerischen Technik, fällt ihr nicht zu. 

An einer kleinen, an sich nicht besonders wertvollen Novelle, 
der ,,Gradiva" von W. Jensen, konnte ich nachweisen, daß er- 
dichtete Träume dieselben Deutungen zulassen wie reale, daß also 
in der Produktion des Dichters die uns aus der Traumarbeit be- 
kannten Mechanismen des Unbewußten wirksam sind. 

Mein Buch über den „Witz und seine Beziehung zum 
Unbewußten" ist direkt ein Seitensprung von der „Traum- 
deutung" her. Der einzige Freund, der damals an meinen Arbeiten 
Anteil nahm, hatte mir bemerkt, daß meine Traumdeutungen 
häufig einen „witzigen" Eindruck machten. Um diesen Eindruck 
aufzuklären, nahm ich die Untersuchung der Witze vor und fand, 
das Wesen des Witzes liege in seinen technischen Mitteln, diese 
seien aber dieselben wie die Arbeitsweisen der „Traumarbeit" 
also Verdichtung, Verschiebung, Darstellung durch das Gegenteil, 
durch ein Kleinstes usw. Daran schloß sich die ökonomische Unter- 
suchung, wie der hohe Lustgewinn beim Hörer des Witzes zustande 
komme. Die Antwort war: durch momentane Aufhebung von Ver- 
drängungsaufwand nach der Verlockung durch eine dargebotene 
Lustprämie (Vorlust). 



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Höher schätze ich selbst meine Beiträge zur Religionspsycho- 
logie ein, die 1907 mit der Feststellung einer überraschenden 
Ähnlichkeit zwischen Zwangshandlungen und Religionsübungen 
(Ritus) begannen. Ohne noch die tieferen Zusammenhänge zu 
kennen, bezeichnete ich die Zwangsneurose als eine verzerrte 
Privatreligion, die Religion sozusagen als eine universelle Zwangs- 
neurose. Später, 191 2, wurde der nachdrückliche Hinweis von 
Jung auf die weitgehenden Analogien zwischen den geistigen 
Produktionen der Neurotiker und der Primitiven mir zum Anlaß, 
meine Aufmerksamkeit diesem Thema zuzuwenden. In den vier 
Aufsätzen, welche zu einem Buch mit dem Titel „Totem und 
Tabu" zusammengefaßt wurden, führte ich aus, daß bei den 
Primitiven die Inzestscheu noch stärker ausgeprägt ist als bei den 
Kultivierten und ganz besondere Abwehrmaßregeln hervorgerufen 
hat, untersuchte die Beziehungen der Tabuverbote, in welcher 
Form die ersten Moraleinschränkungen auftreten, zur Gefühlsambi- 
valenz, und deckte im primitiven Weltsystem des Animismus 
das Prinzip der Überschätzung der seelischen Realität, der „All- 
macht der Gedanken" auf, welches auch der Magie zugrunde 
liegt. Überall wurde die Vergleichung mit der Zwangsneurose 
durchgeführt und gezeigt, wie viel von den Voraussetzungen des 
primitiven Geisteslebens bei dieser merkwürdigen Affektion noch 
in Kraft ist. Vor allem zog mich aber der Totemismus an, dies 
erste Organisationssystem primitiver Stämme, in dem die Anfänge 
sozialer Ordnung mit einer rudimentären Religion und der un- 
erbittlichen Herrschaft einiger weniger Tabuverbote vereinigt sind. 
Das „verehrte" Wesen ist hier ursprünglich immer ein Tier, von 
dem der Clan auch abzustammen behauptet. Aus verschiedenen 
Anzeichen wird erschlossen, daß alle, auch die höchststehenden 
Völker, einst dieses Stadium des Totemismus durchgemacht haben. 

Meine literarische Hauptquelle für die Arbeiten auf diesem Gebiete 
warendie bekannten Werke von J. G. Frazer(„TotemismandExbgamy", 
„The Golden Bough") eine Fundgrube wertvoller Tatsachen und Gesichts- 
punkte. Aber zur Aufklärung der Probleme des Totemismus leistete 
Frazer wenig; er hatte seine Ansicht über diesen Gegenstand mehrmals 
grundstürzend verändert und die anderen Ethnologen und Prähistoriker 
schienen ebenso unsicher als uneinig in diesen Dingen. Mein Ausgangs- 
punkt war die auffällige Übereinstimmung der beiden Tabusatzungen 
des Totemismus, den Totem nicht zu töten und kein Weib des gleichen 
Totemclans geschlechtlich zu gebrauchen, mit den beiden Inhalten des 
Ödipuskomplexes, den Vater zu beseitigen und die Mutter zum Weibe 
zu nehmen . Es ergab sich so die Versuchung, das Totemtier dem Vater 



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gleichzustellen, wie es die Primitiven ohnedies ausdrücklich taten, indem 
sie es als den Ahnherrn des Clans verehrten. Von psychoanalytischer 
Seite kamen mir dann zwei Tatsachen zu Hilfe, eine glückliche Beob- 
achtung Ferenczis am Kinde, welche gestattete, von einer infantilen 
Wiederkehr des Totemismus zu sprechen, und die Analyse der 
frühen Tierphobien der Kinder, welche so oft zeigte, daß dies Tier ein 
Vaterersatz war, auf welchen die im Ödipuskomplex begründete Furcht 
vor dem Vater verschoben wurde. Es fehlte nun nicht mehr viel, um 
die Vatertötung als Kern des Totemismus und als Ausgangspunkt 
der Religionsbildung zu erkennen. 

Dies fehlende Stück kam durch die Kenntnisnahme von W. Robert- 
son Smith'sWerk „The Religion of the Semites" hinzu — der geniale 
Mann, Physiker und Bibelforscher, hatte als ein wesentliches Stück der 
Totemreligion die sog. Totemmahlzeit hingestellt. Einmal im Jahre 
wurde das sonst heilig gehaltene Totemtier feierlich unter Beteiligung 
aller Stammesgenossen getötet, verzehrt und dann betrauert. An diese 
Trauer schloß sich ein großes Fest an. Nahm ich die Darwinsche 
Vermutung hinzu, daß die Menschen ursprünglich in Horden lebten, 
deren jede unter der Herrschaft eines einzigen, starken, gewalttätigen 
und eifersüchtigen Männchens stand, so gestaltete sich mir aus all diesen 
Komponenten die Hypothese, oder ich möchte lieber sagen : die Vision, 
des folgenden Hergangs: Der Vater der Urhorde hatte als unumschränkter 
Despot alle Frauen für sich in Anspruch genommen, die als Rivalen 
gefährlichen Söhne getötet oder verjagt. Eines Tages aber taten sich 
diese Söhne zusammen, überwältigten, töteten und verzehrten ihn gemein- 
sam, der ihr Feind, aber auch ihr Ideal gewesen war. Nach der Tat 
waren sie außerstande, sein Erbe anzutreten, da einer dem anderen im 
Wege stand. Unter dem Einfluß des Mißerfolges und der Reue lernten 
sie, sich miteinander zu vertragen, banden sich zu einem Brüderclan 
durch die Satzungen des Totemismus, welche die Wiederholung einer 
solchen Tat ausschließen sollten, und verzichteten insgesamt auf den 
Besitz der Frauen, um welche sie den Vater getötet hatten. Sie waren 
nun auf fremde Frauen angewiesen; dies der Ursprung der mit dem 
Totemismus eng verknüpften Exogamie. Die Totemmahlzeit war die 
Gedächtnisfeier der ungeheuerlichen Tat, von der das Schuldbewußtsein 
der Menschheit (die Erbsünde) herrührte, mit der soziale Organisation, 
Religion und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren Anfang nahmen. 
Ob nun eine solche Möglichkeit als historisch anzunehmen ist 
oder nicht, die Religionsbildung war hiermit auf den Boden des 
Vaterkomplexes gestellt und über der Ambivalenz aufgebaut, 
welche diesen beherrscht. Nachdem der Vatcrersatz durch das 
Totemtier verlassen war« wurde der gefürchtete und gehaßte, ver- 
ehrte und beneidete Urvater selbst das Vorbild Gottes. Der Sohnes- 
trotz und seine Vatersehnsucht rangen miteinander in immer neuen 
Kompromißbildungen, durch welche einerseits die Tat des Vater- 
mordes gesühnt, anderseits deren Gewinn behauptet werden sollte. 

Medizin in Selbstdarstellungen, IV. 4 

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Ein besonders helles Licht wirft diese Auffassung der Religion auf 
die psychologische Fundierung des Christentums, in dem ja die 
Zeremonie der Totemmahlzeit noch wenig entstellt als Kom- 
munion fortlebt. Ich will ausdrücklich bemerken, daß diese letztere 
Agnoszierung nicht von mir herrührt, sondern sich bereits bei 
Robertson Smith und Frazer findet. 

Th. Reik und der Ethnologe G. Röheim haben in zahl- 
reichen beachtenswerten Arbeiten an die Gedankengänge von 
„Totem und Tabu" angeknüpft, sie fortgeführt, vertieft oder be- 
richtigt. Ich selbst bin später noch einige Male auf sie zurück- 
gekommen, bei Untersuchungen über das „unbewußte Schuld- 
gefühl", dem auch unter den Motiven des neurotischen Leidens eine 
so große Bedeutung zukommt, und bei Bemühungen, die soziale 
Psychologie enger an die Psychologie des Individuums zu binden 
(„Das Ich und das Es" — „Massenpsychologie und Ich-Analyse"). 
Auch zur Erklärung der Hypnotisierbarkeit habe ich die archaische 
Erbschaft aus der Urhordenzeit der Menschen herangezogen. 

Gering ist mein direkter Anteil an anderen Anwendungen der 
Psychoanalyse, die doch des allgemeinsten Interesses würdig sind. 
Von den Phantasien des einzelnen Neurotikers führt ein breiter 
Weg zu den Phantasieschöpfungen der Massen und Völker, wie sie 
in den Mythen, Sagen und Märchen zutage liegen. Die Mytho- 
logie ist das Arbeitsgebiet von Otto Rank geworden, die Deutung 
der Mythen, ihre Zurückführung auf die bekannten unbewußten 
Kindheitskomplexe, der Ersatz astraler Erklärungen durch mensch- 
liche Motivierung war in vielen Fällen der Erfolg seiner analytischen 
Bemühung. Auch das Thema der Symbolik hat zahlreiche Be- 
arbeiter in meinen Kreisen gefunden. Die Symbolik hat der 
Psychoanalyse viel Feindschaften eingetragen; manche allzu nüch- 
terne Forscher haben ihr die Anerkennung der Symbolik, wie sie 
sich aus der Deutung der Träume ergab, niemals verzeihen können. 
Aber die Analyse ist an der Entdeckung der Symbolik unschuldig, 
sie war auf anderen Gebieten längst bekannt und spielt dort 
(Folklore, Sage, Mythus) selbst eine größere Rolle als in der 
„Sprache des Traumes". 

Zur Anwendung der Analyse auf die Pädagogik habe ich per- 
sönlich nichts beigetragen; aber es war natürlich, daß die ana- 
lytischen Ermittelungen über das Sexualleben und die seelische 
Entwicklung der Kinder die Aufmerksamkeit der Erzieher auf 
sich zogen und sie ihre Aufgaben in einem neuen Lichte sehen 

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ließen. Als unermüdlicher Vorkämpfer dieser Richtung in der 
Pädagogik hat sich der protestantische Pfarrer 0. Pfister in 
Zürich hervorgetan, der die Pflege der Analyse auch mit dem Fest- 
halten an einer allerdings sublimierten Religiosität vereinbar fand; 
neben ihm Frau Dr. Hug-Hellmuth und Dr. S. Bernfeld in 
Wien sowie viele andere. Aus der Verwendung der Analyse zur 
vorbeugenden Erziehung des gesunden und zur Korrektur des noch 
nicht neurotischen, aber in seiner Entwicklung entgleisten Kindes 
hat sich eine praktisch wichtige Folge ergeben. Es ist nicht mehr 
möglich, die Ausübung der Psychoanalyse den Ärzten vorzubehalten 
und die Laien von ihr auszuschließen. In der Tat ist der Arzt, der 
nicht eine besondere Ausbildung erfahren hat, trotz seines Diploms 
ein Laie in der Analyse und der Nichtarzt kann bei entsprechender 
Vorbereitung und gelegentlicher Anlehnung an einen Arzt auch die 
Aufgabe der analytischen Behandlung von Neurosen erfüllen. 

Durch eine jener Entwicklungen, gegen deren Erfolg man sich 
vergebens sträuben würde, ist das Wort Psychoanalyse selbst 
mehrdeutig geworden. Ursprünglich die Bezeichnung eines be- 
stimmten therapeutischen Verfahrens, ist es jetzt auch der Name 
einer Wissenschaft geworden, der vom Unbewußt- Seelischen. Diese 
Wissenschaft kann nur selten für sich allein ein Problem voll er- 
ledigen; aber sie scheint berufen, zu den verschiedensten Wissens- 
gebieten wichtige Beiträge zu liefern. Das Anwendungsgebiet der 
Psychoanalyse reicht ebensoweit wie das der Psychologie, zu der 
sie eine Ergänzung von mächtiger Tragweite hinzufügt. 

So kann ich denn, rückschauend auf das Stückwerk meiner 
Lebensarbeit, sagen, daß ich vielerlei Anfänge gemacht und manche 
Anregungen ausgeteilt habe, woraus dann in der Zukunft etwas 
werden soll. Ich kann selbst nicht wissen, ob es viel sein wird 
oder wenig. 



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Bibliographie 

Ich übergehe die histologischen und kasuistischen Arbeiten meiner Studenten- 
und Dozentenzeit. Die späteren Veröffentlichungen in Buchform sind in chrono- 
logischer Folge aufgezählt. 

1884. Über Coca. 

1S91. Klinische Studie über die halbseitige Zcrebrallähmung der Kinder (mit 

Dr. 0. Rie). 

1891. Zur Auffassung der Aphasien. 

1893. Zur Kenntnis der zerebralen Diplegien des Kindesalter. 

1895. Studien über Hysterie (mit Jos. Breuer). 

1897. Die infantile Zerebrallähmung (Nothnagels Handbuch). 

1900. Die Traumdeutung (7. Aufl. 1922). 

1901. Der Traum (Löwenfelds Grenzfragen, 3. Aufl. 1922). 

1901. Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1904 zuerst als Buch erschienen, 

10. Aufl. 1924). 
1905. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (5. Aufl. 1922). 
1905. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten (4. Aufl. 1925). 
1907. Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva (3. Aufl. 1924). 
1910. Über Psychoanalyse (Vorlesungen in Worcester Mass. (7. Aufl. I9 2 4)- 
1910. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (3. Aufl. 1923). 
1913. Totem und Tabu (3. Aufl. 1922). 
1916/18. Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (4. Aufl. 1922). 

1920. Jenseits des Lustprinzips (3. Aufl. 1923). 

192 1. Massenpsychologie und Ich-Analyse (2. Aufl. 1923). 
1923. Das Ich und das Es. 

Meine zahlreichen Abhandlungen zur Psychoanalyse und zu ihren Anwendungen 
sind 1906 — 1922 in den fünf Folgen der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre" in Buchform erschienen. Sie stammen zumeist aus den Zeitschriften, deren 
Herausgeber ich bin. (Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, Imago.) 

In den letzten Jahren hat der Internat, psychoanalyt. Verlag in Wien eine 
Gesamtausgabe meiner Schriften unternommen, von der gegenwärtig (1924) 
fünf Bände vorliegen. Eine spanische Gesamtausgabe (Obras Complctas) besorgt 
von Lopez Ballesteros im Verlag R. Castillo , Madrid, umfaßt bereits fünf 
Bände. Die meisten der in dieser Bibliographie angeführten Bücher und viele Ab- 
handlungen sind durch Übersetzungen auch außerdeutschen Lesern zugänglich 
worden (z. B. Alltagsleben: russisch, englisch, holländisch, polnisch, ungarisch, 
französisch, spanisch; Vorlesungen zur Einführung: amerikanisch, englisch, hollän- 
disch, französisch, italienisch, spanisch, russisch). 



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SELBST 

DARSTELLUNG