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Full text of "Das Ich und die Abwehrmechanismen"

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FREUD 



ICH 



DIE 



ABWEHRMECHANISMEI 



ANNA FREUD 



ÜAS ICH UND DIE ABWEHRMECHANISMEN 



DAS ICH 

UND 

DIE ABWEHRMECHANISMEN 



VON 

ANNA FREUD 



»93 6 

INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 



ALLE RBCIITK, 

INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG 

VORBEHALTEN 



COPYRIGHT 1936 
BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHE R 

VERLAG, WIEN I 



DRUCK: CHRISTOPH REISSER'S SÖHNE. WI EN V 
PRINTED IN AUSTRIA 






• 



■ 

I 



A. THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN. 



I 






L KAPITEL. 
DAS ICH ALS STÄTTE DER BEOBACHTUNG. 

Definition der Psychoanalyse. — In bestimmten Ent- 
wicklungsperioden der psychoanalytischen Wissenschaft war 
die theoretische Beschäftigung mit dem Ich des Indivi- 
duums ausgesprochen unpopulär. Irgendwie war bei vielen 
Analytikern die Meinung entstanden, man sei ein um so 
besserer wissenschaftlicher und therapeutischer Arbeiter 
innerhalb der Analyse, auf je tiefere Schichten des Seelen- 
lebens man sein Interesse richte. Jeder Aufstieg des Inter- 
esses von den tieferen zu den oberflächlicheren seelischen 
Schichten, also jede Wendung der Forschung vom Es zum 
Ich wurde als Beginn der Abkehr von der Psychoanalyse 
überhaupt gewertet. Der Name Psychoanalyse sollte für 
die Neuentdeckungen reserviert bleiben, die sich mit dem 
unbewußten Seelenleben beschäftigen, also für die Erkennt- 
nisse über die verdrängten Triebregungen, Affekte und 
Phantasien. Probleme wie die Anpassung des Kindes oder 
des Erwachsenen an die Außenwelt, Wertbegriffe wie Ge- 
sundheit und Krankheit, Tugend oder Laster sollten die 
Psychoanalyse nichts angehen. Objekt der Psychoanalyse 
wären ausschließlich die in die Erwachsenheit fortgesetzten 
infantilen Phantasien, die imaginären Lusterlebnisse und 
die dafür befürchteten Strafen. 



8 



THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 



Eine solche Definition der Psychoanalyse, wie sie nicht 
zu selten in der analytischen Literatur zu finden war, 
könnte sich vielleicht auf den Sprachgebrauch berufen, 
der seit jeher Psychoanalyse und Tiefenpsychologie als 
gleichbedeutend verwendet. Sie hätte vielleicht auch die 
Vergangenheit auf ihrer Seite, denn von den Anfangs- 
jahren der Psychoanalyse kann man sagen, daß die Lehre, 
die sich auf der Basis ihrer Funde aufgebaut hat, vor 
allem eine Psychologie des Unbewußten, nach heutigem 
Ausdruck : des Es war. Aber sie verliert sofort jeden An- 
spruch auf Richtigkeit, wenn man sie auf die psycho- 
analytische Therapie anwendet. Das Objekt der analyti- 
schen Therapie waren von Anfang an das Ich und seine 
Störungen, die Erforschung des Es und seiner Arbeits- 
weise war immer nur Mittel zum Zweck. Und der 
Zweck war immer der gleiche: die Aufhebung dieser 
Störungen und die Wiederherstellung der Intaktheit 
des Ichs. 

Eine Wendung der Arbeitsrichtung in den Schriften 
Freuds, von „Massenpsychologie und Ich-Analyse" und 
„Jenseits des Lustprinzips" angefangen, hat dann die Be- 
schäftigung mit dem Ich von dem Odium des Unanalyti- 
schen befreit und das Interesse für die Ich-Instanzen aus- 
drücklich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. 
Seither läßt das Arbeitsprogramm der analytischen For- 
schung sich sicher nicht mehr mit dem Namen Tiefen- 
psychologie decken. Wir definieren gewöhnlich: Aufgabe 
der Analyse ist die möglichst weitgehende Kenntnis aller 



DAS ICH ALS STÄTTE DER BEOBACHTUNG 9 

drei Instanzen, aus denen wir uns die psychische Persön- 
lichkeit zusammengesetzt denken, die Kenntnis ihrer Be 
Ziehungen untereinander und zur Außenwelt. Das bedeutet 
auf das Ich bezogen: seine Inhalte, seine Ausdehnung, 
seine Funktionen und die Geschichte seiner Abhängig- 
keiten von Außenwelt, Es und Über-Ich. Auf das Eis be- 
zogen, heißt es: die Beschreibung der Triebe, also der 
Es-Inhalte und das Verfolgen der Triebumwandlungen. 



Es, Ich und Über-Ich in der Selbstwahrnehmung. — 
Wir wissen alle, daß die drei Instanzen in sehr verschie- 
dener Weise der Beobachtung zugänglich sind. Für die 
Kenntnis des Es — des früheren Systems Ubw — sind 
wir auf die Abkömmlinge angewiesen, die sich in die 
Systeme Vbw und Bw hinein fortsetzen. Wenn im Es 
ein Zustand von Ruhe und Befriedigung herrscht, in dem 
keine Triebregung Anlaß hat, zum Zwecke des Lusterwerbs 
ins Ich vorzustoßen und dort Spannungs- und Unlust- 
gefühle zu erzeugen, so haben wir auch keine Möglich- 
keit, etwas über seine Inhalte zu erfahren. Das Es ist 
also, wenigstens theoretisch, der Beobachtung nicht unter 
allen Bedingungen zugänglich. 

Anders ist die Lage natürlich für die Über-Ich-Instanz. 
Die Inhalte des Über-Ichs sind zum größeren Teile be- 
wußt, können also von der innerpsychischen Wahrneh- 
mung direkt erreicht werden. Trotzdem entgleitet uns 
die Vorstellung des Über-Ichs überall dort, wo Ich und 
Über-Ich miteinander einig sind. Wir sagen dann: Ich 



lo 



THEORIE DKK ABWEHRMKCHANISMEN 



und Über-Ich fallen zusammen, d. h. das Über-Ich als 
Einzelinstanz ist in diesem Augenblick für die Selbstwahr- 
nehmung und den Beobachter nicht erkennbar. Es wird 
nur dort deutlich, wo sich das Über-Ich dem Ich feind- 
lich oder wenigstens kritisch gegenüberstellt, das heißt auch 
hier wieder, wenn sich im Ich Eolgezustände solcher Kritik, 
z. B. Schuldgefühle bemerkbar machen. 

Das Ich als Beobachter. — Das bedeutet aber, daß 
das Ich das eigentliche Gebiet ist, auf das unsere Beob- 
achtung sich ständig richten muß. Das Ich ist sozusagen 
das Medium, durch das hindurch wir ein Bild der beiden 
andern Instanzen zu erfassen versuchen. 

Diese Rolle des Beobachters dem Es gegenüber erfüllt 
das Ich im friedlichen Grenzverkehr mit ihm in ausge- 
zeichneter Weise. Die einzelnen Triebregungen dringen 
immer wieder aus dem Es in das Ich vor; dort verschaffen 
sie sich Zugang zum Bewegungsapparat, mit dessen Hille 
sie ihre Befriedigung durchsetzen können. Im glücklichen 
Falle hat das Ich gegen den Eindringling nichts einzu- 
wenden, stellt ihm seine Kräfte zur Verfügung und be- 
schränkt sich darauf, wahrzunehmen: es spürt das An- 
drängen der Triebregung, die Spannungssteigerung mit 
den begleitenden Unlustgefühlen und schließlich die Lösung 
der Spannung im befriedigenden Lusterlebnis. Die Beob- 
achtung des ganzen Vorgangs gibt uns ein klares, unent- 
stelltes Bild der betreffenden Triebregung mit dem ihr 
zugehörigen Libidobetrag und ihrem Triebziel. Das mit 



DAS ICH ALS STÄTTE DER BEOBACHTUNG 1 1 

der Triebregung einverstandene Ich ist in dieses Bild in 
keiner Weise mit eingezeichnet. 

Leider bringt aber das Übertreten von Trieb regungen aus 
einer Instanz in die andere alle Möglichkeiten zu Kon- 
flikten und damit auch zur Störung der Es-Beobachtung 
schon mit sich. Die Es-Regungen müssen auf ihrem 
Weg zur Befriedigung den Boden des Ichs passieren. 
Dabei geraten sie in eine fremde Atmosphäre. Im Es 
herrscht der sogenannte „Primärvorgang" ; die Vorstellun- 
gen sind untereinander durch keine Synthese verbunden, 
die Affekte sind verschiebbar, Gegensätze stören einander 
nicht oder fallen zusammen, Verdichtungen stellen sich 
ohne weiteres her; die Gewinnung von Lust regiert die 
Vorgänge als oberstes Prinzip. Dagegen finden sich im Ich 
im Verkehr der Vorstellungen miteinander die strengen 
Bedingungen, die wir als sogenannten „Sekundärvorgang" 
zusammenfassen; auch die Triebregungen können nicht 
mehr ohne weiteres auf Lusterwerb ausgehen, man ver- 
langt von ihnen Rücksichtnahme auf die Forderungen 
der Realität und noch mehr als das: Rücksichtnahme 
auf ethische und moralische Gesetze, die vom Über-Ich 
aus das Verhalten des Ichs bestimmen wollen. Die Trieb- 
regungen geraten so in Gefahr, den ihnen wesensfremden 
Instanzen zu mißfallen, setzen sich der Kritik und Zurück- 
weisung aus und müssen sich Modifikationen aller Art 
gefallen lassen. Damit ist die Situation des friedlichen 
Grenzverkehrs zu Ende. Die Triebregungen halten mit 
der ihnen eigenen Zähigkeit und Energie an ihren Trieb- 



12 



THEORIE DER ABWEHRMECI1AN1SMEN 



zielen fest und unternehmen feindliche Einfälle ins Ich, 
in der Hoffnung, es zu überrumpeln und zu überwältigen. 
Anderseits unternimmt das mißtrauisch gewordene Ich 
Gegenaktionen, Vorstöße nach dem Gebiet des Es hin. 
Seine Absicht ist die dauernde Lahmlegung von Trieben 
durch geeignete Abwehrmaßnahmen, die der Sicherung 
seiner Grenzen dienen sollen. 

Die Bilder, die uns die Beobachtungstätigkeit des Ichs 
von diesen Vorgängen liefert, sind verwirrtcre, aber gleich- 
zeitig viel lohnendere. Sie zeigen uns in einem einzigen 
Augenblick zwei Instanzen in Tätigkeit. Was wir zu sehen 
bekommen, ist nicht mehr die unentstellte Es-Regung, 
sondern Es-Regung, modifiziert durch Abwehrmaßnahme 
des Ichs. Der analytische Beobachter steht dann vor der 
Aufgabe, das zustande gekommene Bild, das einem Kom- 
promiß zwischen den Instanzen entspricht, wieder in einen 
Es- Anteil und einen Ich-, eventuell auch Über- Ich -Anteil 
zu zerlegen. 

Es-Vorstöße und Ich-Vorstöße als Material der Beob- 
achtung. — Dabei fällt uns auf, daß vom Standpunkt 
der Beobachtung aus die Vorstöße aus den beiden Rich- 
tungen sehr verschiedenen Wert haben. Alle abwehren- 
den Aktionen des Ichs gegen das Es hin gehen nämlich 
stumm und unsichtbar vor sich. Wir können sie immer 
erst nachträglich rekonstruieren, nie wirklich verfolgen. 
Das stimmt zum Beispiel für die gelungene Verdrängung. 
Das Ich weiß nichts von ihr, man nimmt sie überhaupt erst 






DAS ICH ALS STÄTTE DER BEOBACHTUNG 1 3 

nachträglich durch das Auftreten von Ausfallserscheinungen 
wahr. Das heißt, bei einer objektiven Beurteilung des be- 
treffenden Individuums fehlen bestimmte Es -Regungen, 
deren Auftauchen ins Ich zum Zwecke der Befriedigung 
man erwarten würde. Wenn sie nie mehr auftauchen, 
bleibt einem nichts übrig, als anzunehmen, daß ihnen 
der Zugang zum Ich dauernd verweigert wird, d. h. daß 
sie einer Verdrängung erlegen sind. Über den Vorgang 
der Verdrängung selbst haben wir dabei nichts Näheres 
erfahren. 

Dasselbe gilt für die gelungene Reaktionsbildung, eine 
der wichtigsten Maßnahmen des Ichs für einen dauern- 
den Schutz gegen das Es hin. Sie erscheint irgendwann 
im Laufe der kindlichen Entwicklung ziemlich unver- 
mittelt im Ich. Man kann nicht immer sagen, daß die 
gegenteilige Triebregung, die durch sie ersetzt wird, vor- 
her im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Ichs gestanden 
wäre. Das Ich weiß gewöhnlich nichts von ihrer Abwei- 
sung und von dem ganzen Konflikt, der zur Einsetzung 
der neuen Eigenschaft geführt hat. Man wäre bei der 
analytischen Beobachtung bereit, sie als ein Stück spon- 
taner Weiterbildung des Ichs anzusehen, wenn nicht be- 
stimmte Züge von zwanghafter Überbetonung auf ihren 
reaktiven Charakter und den dahinter verborgenen alten 
Konflikt hinweisen würden. Jedenfalls läßt die Beobachtung 
dieser Abwehrform wieder nichts über den Vorgang er- 
raten, der zu ihrer Entstehung geführt hat. 

Wir merken, daß wir alle wichtigen Aufschlüsse immer 



H 



THEORIE DER ABWKIIRMRCHANISMEN 



aus dem Studium der Vorstöße von der andern Seite, 
nämlich vom Es zum Ich her bekommen haben. So un- 
durchsichtig die gelungene Verdrängung ist, so durch- 
sichtig wird der Verdrängungsprozeß bei der rückläufigen 
Bewegung, bei der Wiederkehr des Verdrängten, wie wir 
sie in der Neurose beobachten können. Hier ist der Kampf 
zwischen Triebregung und Abwehr Schritt für Schritt 
zu verfolgen. Ebenso studiert man den Vorgang der Re- 
aktionsbildung am leichtesten am Zerfall von Reaktions- 
bildungen. Der Vorstoß vom Es her besteht dabei darin, 
daß die Libidobesetzung der primitiven Triebregung, die 
durch die Reaktionsbildung gedeckt ist, verstärkt wird. 
Dadurch drängt die Triebregung zum Bewußtsein vor, 
und für eine Weile werden Triebregung und Reaktions- 
bildung nebeneinander im Ich sichtbar. Eine andere Funk- 
tion des Ichs, seine Neigung zur Synthese, ist schuld 
daran, daß dieser Zustand, der für die analytische Beob- 
achtung außerordentlich günstig ist, nur für Augenblicke 
bestehen bleibt. Dann entsteht ein neuer Kampf zwischen 
Es-Abkömmling und Ich -Tätigkeit, in dem entschieden 
wird, wer von ihnen die Oberhand behält, oder welchen Kom- 
promiß beide miteinander eingehen. Bleibt die vom Ich 
ausgehende Abwehr durch Verstärkung ihrer Energie- 
besetzung siegreich, so hat der Vorstoß des Es ein Ende, 
und damit ist auch der für die Beobachtung unfrucht- 
barere psychische Ruhezustand wieder hergestellt. 



II. KAPITEL. 

DIE VERWERTUNG DER ANALYTISCHEN TECHNIK 
ZUM STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN. 

Das bisher Beschriebene entspricht etwa den Möglich- 
keiten zur Beobachtung der seelischen Vorgänge, die die 
Psychoanalyse vorgefunden hat. Ich möchte versuchen, im 
folgenden zusammenzustellen, in welcher Weise die Ent- 
wicklung der analytischen Technik sich mit diesen Ver- 
hältnissen auseinandergesetzt hat. 

Die hypnotische Technik der voranalytischen Periode. — 
In der hypnotischen Technik der voranalytischen Periode 
war die Rolle des Ichs noch eine durchaus negative. Absicht 
war die Erfassung der Inhalte des Unbewußten, das Ich galt 
dabei nur als Störung. Daß man mit Hilfe der Hypnose 
das Ich des Patienten ausschalten oder doch überwältigen 
konnte, war schon bekannt. Neu war an der Technik, die 
in den „Studien über Hysterie" beschrieben ist, daß man 
diese Ausschaltung des Ichs benützen konnte, um dem Arzt 
den Zugang zum Unbewußten — dem heutigen Es — des 
Patienten zu eröffnen, der bis dahin durch das Ich verlegt 
war. Die Aufdeckung des Unbewußten war also das er- 
sehnte Ziel, das Ich die Störung, die Hypnose das Mittel 
zur zeitweisen Beseitigung des Störenden. Der Arzt ver- 



i6 



THEORIE DER ABWEHRMECHAN ISMEN 



schafft dem in der Hypnose erfaßten Stück des Unbewuß- 
ten den Zutritt zum Ich, und diese erzwungene Bewußt- 
machung wirkt lösend auf das Symptom. Aber das Ich 
selbst ist in den therapeutischen Prozeß nicht mit ein- 
bezogen. Es duldet den Eindringling nur, so lange der 
Einfluß des Arztes fortwirkt, der die Hypnose durch- 
geführt hat. Dann revoltiert es, beginnt einen neuen 
Abwehrkampf gegen das ihm aufgenötigte Stück des Es 
und zerstört damit den mühsam erreichten therapeuti- 
schen Erfolg. Auf diese Weise wird der größte Triumph 
der hypnotischen Technik, die restlose Beseitigung des 
Ichs für die Dauer der Ausforschung, zur Störung für 
den Dauererfolg und führt zur Enttäuschung an ihr. 



Die freie Assoziation. — Aber auch bei der freien 
Assoziation, die in der Folge die Hypnose als Hilfsmittel 
bei der Ausforschung ersetzt, ist die Rolle des Ichs zu- 
erst noch eine negative. Man verzichtet zwar auf die 
Anwendung von Gewalt bei seiner Beseitigung. Statt 
dessen wird das Ich des Patienten aufgefordert, sich selber 
auszuschalten. Die Kritik der Einfalle soll aufgehoben 
werden, das sonst geltende Bedürfnis nach logischem Zu- 
sammenhang vernachlässigt. Das Ich wird sozusagen er- 
sucht zu schweigen, das Es wird eingeladen zu reden, mit 
dem Versprechen, daß seine Abkömmlinge beim Aufsteigen 
zum Bewußtsein nicht den gewohnten Schwierigkeiten 
begegnen werden. Allerdings wird den Es-Abkömmlingen 
nicht versprochen, daß sie bei diesem Eintritt ins Ich 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN 17 

irgendein Triebziel erreichen werden. Der Passierschein 
gilt nur für die Umsetzung in Wortvorstellungen, nicht 
für die Beherrschung des Bewegungsapparats, die eigent- 
liche Absicht des Aufsteigens. Der Bewegungsapparat 
wird ja durch die strengen Regeln der analytischen 
Technik von vornherein lahmgelegt. Aus diesem Doppel- 
spiel mit der Triebregung, der Aufforderung, sich zu 
äußern, bei gleichzeitiger konsequenter Verweigerung 
der Befriedigung, ergibt sich nebenbei eine der vielen 
Schwierigkeiten für die Handhabung der analytischen 
Technik. 

Vielen Anfängern in der Analyse schwebt noch heute 
vor, es müßte ihnen gelingen, den Patienten dazuzu- 
bringen, daß er wirklich dauernd alle Einfalle ungestört 
und ungehemmt äußert, also die analytische Grundregel 
restlos befolgt. Aber dieser ersehnte Idealzustand würde 
gar keinen Fortschritt bedeuten, würde im Grunde nur 
die überwundene Situation der Hypnose mit der ein- 
seitigen Konzentration des Arztes auf das Es wieder 
heraufbeschwören. Zum Glück für die Analyse ist eine 
solche Fügsamkeit des Patienten praktisch unmöglich. 
Die analytische Grundregel läßt sich immer nur ein 
Stück weit befolgen. Das Ich schweigt eine Zeitlang, 
und die Abkömmlinge des Es benützen diese Ruhepause, 
um ins Bewußtsein zu drängen. Der Analytiker beeilt 
sich, ihre Äußerungen zur Kenntnis zu nehmen. Dann 
rührt das Ich sich wieder, wehrt sich gegen die ihm auf- 
gezwungene untätige Toleranz und mischt sich mit irgend- 

Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechaniiinen. 3 



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THEORIE DER ARWEHRMECHANISMEN 



einer seiner gewohnten Abwehrmaßnahmen störend in 
den Ablauf der Assoziationen ein. Der Patient verstößt 
gegen die analytische Grundregel, wir sagen, er zeigt 
„Widerstände". Das soll heißen: Der Vorstoß vom Es 
zum Ich hin, der in ihm vor sich gegangen ist, wird 
durch eine Gegenaktion in umgekehrter Richtung ab- 
gelöst. Damit verschiebt sich aber auch die Aufmerk- 
samkeit des Beobachters von den Assoziationen auf den 
Widerstand, also vom Es-lnhalt auf die Ich-Tätigkeit. 
Der Analytiker bekommt Gelegenheit, eine jener oben be- 
schriebenen, schwer durchschaubaren Abwehrmaßnahmen 
des Ichs gegen das Es hin vor seinen Augen in Aktion 
treten zu sehen, und muß sie zum Objekt seiner Zer- 
legungsarbeit machen. Dabei merkt er, daß die Situa- 
tion der Analyse mit diesem Wechsel des Objekts plötz- 
lich eine andere geworden ist. Bei der Es-Analyse kommt 
ihm der spontane Auftrieb der Es-Abkömmlinge zu Hilfe; 
die Arbeit der Analyse und die Bestrebungen des Mate- 
rials, das analysiert werden soll, drängen in die gleiche 
Richtung. Bei der Analyse der Abwehrtätigkeiten des 
Ichs ist von einer solchen Gleichsinnigkeit der Richtung 
natürlich keine Rede. Die unbewußten Anteile des Ichs 
haben keine Neigung und keinen Vorteil davon, bewußt 
zu werden. Darum ist jedes solche Stück Ich-Analyse 
viel unbefriedigender als die Analyse des Es. Die Analyse 
geht auf Umwegen, sie kann die Ich-Tätigkeit nicht 
direkt verfolgen, nur aus ihrer Wirkung auf die Asso- 
ziationen rekonstruieren. Die Art dieser Wirkung, also 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN ig 

ob in den Assoziationen Auslassungen, Umkehrungen, 
Sinnesverschiebungen usw. zu sehen sind, soll verraten, 
welcher Art der Abwehrtätigkeit sich das Ich bei seinem 
Einspruch bedient hat. Der Analytiker hat also die Auf- 
gabe, zuerst den Mechanismus der Abwehr zu erkennen. 
Damit ist ihm ein Stück der Ich- Analyse gelungen. Seine 
nächste Aufgabe ist dann, das von der Abwehr Gelei- 
stete wieder rückgängig zu machen, d. h. das durch Ver- 
drängung Ausgelassene zu erraten und wieder einzufügen, 
das Verschobene zurechtzurücken, das Isolierte wieder zu 
verbinden. Mit der Herstellung der zerrissenen Zusammen- 
hänge ist auch seine Aufmerksamkeit wieder von der 
Ich-Analyse zur Es-Analyse zurückgekehrt. 

Also nicht die Befolgung der analytischen Grundregel 
an und für sich, sondern der Kampf um die Befolgung 
der Grundregel ist das, worauf es uns ankommt, Erst 
dieses Hin und Her der Beobachtung zwischen Es und 
Ich, diese Doppelrichtung des Interesses auf beide Seiten 
des Menschen, den wir vor uns haben, ergibt — zum 
Unterschied von der Einseitigkeit der hypnotischen Tech- 
nik — das, was wir Psychoanalyse nennen. 

Die übrigen Hilfsmittel der analytischen Technik ordnen 
sich dann in zwangloser Weise der einen oder der anderen 
Richtung der Beobachtung als ergänzende Maßnahmen 
unter. 

Die Traumdeutung. — Die Situation der Traumdeutung 
reproduziert noch einmal die der analytischen Beobachtung 



20 



THEORIE DER ABWEIIRMECHANISMKN 



# * 



während der freien Assoziation. Der psychische Zustand 
des Träumers ist von dem des Patienten während der 
analytischen Stunde nur wenig verschieden. Die Herab- 
setzung der Ich-Leistungen, die der Patient in Befolgung 
der analytischen Grundregel willkürlich zustande bringen 
soll, stellt sich beim Träumer durch den Schlafzustand 
automatisch her. Die Stillegung des Patienten auf dem 
analytischen Sofa, die ihm die Möglichkeit nehmen soll, 
seinen Triebwünschen durch Handlungen zur Befriedigung 
zu verhelfen, wird durch die Stillegung der Motilität im 
Schlafzustand ersetzt. Und die Wirkungen der Zensur- 
tätigkeit, die Überführung des latenten in den manifesten 
Traum mit den dabei notwendigen Entstellungen, Ver- 
dichtungen, Verschiebungen, Umkehrungen, Auslassungen 
entspricht den Entstellungen der Assoziationen unter dem 
Druck eines Widerstandes. Die Traumdeutung dient also 
der Erforschung des Eis, soweit es ihr gelingt, latente 
Traumgedanken (Es-Inhalt) zutage zu fördern. Sie dient 
der Erforschung der Ich-Instanzen und ihrer Abwehr- 
tätigkeiten, soweit sie die Maßnahmen des Zensors aus 
ihren Wirkungen auf die Traumgedanken rekonstruiert. 



Die Symboldeutung. — Ein Nebenprodukt der Traum- 
deutung, die Kenntnis der Traumsymbole, liefert uns 
dann einen starken Zuschuß zur Seite der Es-Korschung. 
Symbole sind festgelegte allgemeingültige Beziehungen 
zwischen bestimmten Es-Inhalten und bestimmten be- 
wußten Wort- oder Sachvorstellungen. Die Kenntnis dieser 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN 21 

Relationen erlaubt gesicherte Rückschlüsse von bewußten 
Äußerungen auf Unbewußtes, ohne Notwendigkeit, erst 
eine Abwehrmaßnahme des Ichs mühselig rückgängig zu 
machen. Die Technik der Symbolübersetzung erlaubt also 
einen Kurzschluß im Verständnis, besser gesagt, einen 
Sprung von der obersten Schichte des Bewußtseins zur 
untersten Schichte des Unbewußten mit Auslassung der 
dazwischenliegenden Schichten von alten Ich-Tätigkeiten, 
die vielleicht seinerzeit die Überführung dieses speziellen 
Es-Inhaltes in diese spezielle Ich-Form erzwungen haben. 
Für das Verständnis des Eis hat die Kenntnis der Symbol- 
sprache denselben Wert wie in der Mathematik die 
Formeln für die Lösung typischer Aufgaben. Man kann 
sich ihrer mit Vorteil bedienen. Es schadet nichts, wenn 
man den Weg nicht kennt, der ursprünglich zu ihrer 
Ableitung geführt hat. Man löst aber mit ihrer Hilfe 
Aufgaben, ohne dabei an Verständnis für die Mathematik 
zu gewinnen. Ebenso enthüllt man durch die Symbol- 
übersetzung Es -Inhalte, ohne dabei das psychologische 
Verständnis für das Individuum, das man vor sich hat, 
wirklich zu vertiefen. 

Die Fehlhandlungen. — Eine andere Art gelegent- 
licher Einblicke in das Unbewußte bekommen wir dann 
noch von der Seite jener Es-Durchbrüche, die wir Fehl- 
handlungen nennen. Diese Es-Durchbrüche sind, wie wir 
wissen, nicht an die analytische Situation gebunden. Sie 
können überall dort vorkommen, wo die Wachsamkeit 









22 



THEORIE DER ABWEHRMKCHANISMKN 



des Ichs durch irgendwelche Umstände eingeschränkt 
oder abgelenkt ist und eine unbewußte Regung durch 
irgendwelche Umstände plötzliche Verstärkung erfährt. 
Solche Fehlhandlungen, besonders das Versprechen und 
Vergessen, können natürlich auch innerhalb der analyti- 
schen Behandlung vorfallen und erhellen dann blitzartig 
ein Stück Unbewußtes, um das die analytische Deutung 
sich vielleicht lange bemüht hat. In den Anfängen der 
analytischen Technik bediente man sich solcher Zufalls- 
geschenke gerne, um Patienten, die der analytischen Ein- 
sicht sonst schwer zugänglich waren, die Existenz des 
Unbewußten in kaum abweisbarer Form vor Augen zu 
führen. Man freute sich wohl auch, einzelne Mechanismen, 
wie etwa Verschiebung, Verdichtung, Auslassung, an leicht- 
verständlichen Beispielen demonstrieren zu können. Aber 
im allgemeinen verschwindet für die Analysentechnik 
die Bedeutung dieser zufälligen Vorkommnisse neben der 
Bedeutung derjenigen Es-Durchbrüche, die willkürlich 
in den Dienst der Analyse gestellt sind. 



Die Übertragung. — Dieselbe theoretische Unter- 
scheidung zwischen einer Seite der Eis- Beobachtung und 
einer Seite der Ich-Beobachtung läßt sich dann noch 
auf das vielleicht wichtigste Hilfsmittel der analytischen 
Arbeit anwenden: auf die Deutung der Übertragung. 
Übertragung nennen wir alle jene Regungen des Patienten 
dem Analytiker gegenüber, die nicht in der aktuellen 
analytischen Situation neu entstehen, sondern aus früheren 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN »3 

und frühesten Objektbeziehungen stammen und unter 
dem Einfluß des Wiederholungszwanges in der analyti- 
schen Situation nur neu belebt werden. Daß diese 
Regungen Wiederholungen und nicht Neuschöpfungen 
sind, macht sie eben in höchstem Maße dazu geeignet, 
uns Kenntnisse über die vergangenen Gefühlserlebnisse 
des Patienten zu vermitteln. Es scheint nun, daß sich 
bei den Übertragungsäußerungen der Patienten der Kom- 
pliziertheit nach verschiedene Typen unterscheiden lassen. 
a) Die Übertragung libidinöser Regungen. — Der 
erste Typus ist höchst einfacher Art. Der Patient emp- 
findet dem Analytiker gegenüber in störender Weise 
heftige Gefühle, wie Liebe, Haß, Eifersucht, Angst, die 
durch kein Vorkommnis der Gegenwart berechtigt er- 
scheinen. Der Patient selbst wehrt sich gegen diese Ge- 
fühle, fühlt sich durch ihre ungewollte Äußerung be- 
schämt, gedemütigt usw. Es gelingt oft nur unter dem 
Druck der analytischen Grundregel, ihnen überhaupt 
den Zugang zur bewußten Äußerung zu erzwingen. Die 
analytische Durchforschung kennzeichnet diese Gefühle 
als Es-Durchbrüche. Sie entstammen alten Gefühlskon- 
stellationen wie dem Ödipus- und Kastrationskomplex 
und werden verständlich und berechtigt, wenn wir sie 
aus der analytischen Situation herauslösen und in eine 
der infantilen Gefühlssituationen eintragen. Diese Rück- 
versetzung hilft uns, eine amnestische Lücke in der Ver- 
gangenheit des Patienten auszufüllen, sie liefert uns ein 
neues Stück Kenntnis über sein infantiles Trieb- und 



2 4 



THEORIE DER ABWEHRMECHAN ISMEN 



Gefühlsleben. Gewöhnlich haben wir bei einem solchen 
Deutungsversuch an unserm Patienten einen willigen 
Mitarbeiter. Er selber empfindet die übertragene Gefühls- 
regung ja als eingedrungenen Fremdkörper. Die Rück- 
versetzung der Regung in die Vergangenheit befreit ihn 
von einem ich-fremden Impuls in der Gegenwart und 
ermöglicht ihm dadurch die weitere Fortsetzung der 
analytischen Arbeit. Die Deutung dieses ersten Typus 
von Übertragung dient dabei ausschließlich der Seite 
der Es-Beobachtung. 

b) Die Übertragung von Abwehr. — Anders ist es 
bei dem zweiten Übertragungstypus. Der Wiederholungs- 
zwang, dem der Patient in der analytischen Situation 
unterliegt, erstreckt sich nicht nur auf alte Es-Regungen, 
sondern in derselben Weise auch auf alte Maßnahmen 
der Triebabwehr. Der Patient überträgt also nicht nur 
unentstellte infantile Es-Regungen, die dann erst sekundär 
beim Durchdringen zur bewußten Äußerung einer Zensur 
des erwachsenen Ichs unterworfen werden $ er überträgt 
auch Es-Regungen in allen jenen Formen von Entstellung, 
die bereits im infantilen Leben ausgeprägt worden sind; 
im extremen Fall ist das, was in die Übertragung ge- 
langt, überhaupt nicht mehr die Triebregung selbst, 
sondern nur die spezielle Abwehr einer bestimmten 
positiven oder negativen libidinösen Einstellung, wie etwa 
die Fluchtreaktion vor der Gefahr einer positiven Liebes- 
bindung bei latenter weiblicher Homosexualität oder wie 
die von Wilhelm Reich betonte unterwürfige, feminin- 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN 25 

masochistische Haltung des ehemals gegen den Vater 
aggressiven männlichen Patienten. Ich meine, wir tun 
dem Patienten ein großes Unrecht, wenn wir diese über- 
tragenen Abwehrreaktionen als „Täuschungsmanöver", 
als „Frotzelei" oder als irgendeine andere Art des will- 
kürlichen Hintergehens des Analytikers bezeichnen. Es 
wird uns auch kaum gelingen, den Patienten durch 
konsequente Durchsetzung der analytischen Grundregel, 
also durch den Zwang zur Aufrichtigkeit dazu zu be- 
wegen, die Es-Regung preiszugeben, die sich hinter der 
in der Übertragung geäußerten Abwehrform verbirgt. 
Der Patient ist bereits aufrichtig, wenn er den Trieb 
oder Affekt in der einzigen ihm noch zugänglichen Form, 
nämlich in der entstellten Abwehrform äußert. Ich meine, 
es ist in diesem Fall nicht die Aufgabe des Analytikers, 
mit Überspringen aller Zwischenstufen der Triebumwand- 
lung um jeden Preis direkt die abgewehrte primitive 
Triebregung zu erraten und der bewußten Kenntnis des 
Patienten einzufügen. Es ist der richtigere Weg, die 
analytische Aufmerksamkeit hier vom Trieb weg zuerst 
auf den speziellen Mechanismus der Triebabwehr, also 
vom Es auf das Ich hin zu richten. Wenn es gelingt, 
den Weg der Triebumwandlung rückläufig zu gehen, so 
ist der analytische Gewinn ein doppelter. Die gedeutete 
Übertragungsäußerung zerfällt in zwei Anteile, die beide 
der Vergangenheit entstammen: in einen libidinösen oder 
aggressiven Anteil, der dem Es zugehört, und in einen 
Abwehrmechanismus, den wir dem Ich zuschreiben 



20 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

müssen, im instruktivsten Fall dem Ich derselben infantilen 
Periode, in der die Es-Regung zuerst entstanden ist. 
Neben der Ausfüllung der Erinnerungslücke für das Trieb- 
leben des Patienten, die schon bei der Deutung des 
ersten einfachen Übertragungstypus gelingt, erhalten wir 
hier Auskünfte, die die Geschichte der Ich-Entwicklung 
des Patienten, wenn wir es anders sagen wollen, die 
Geschichte seiner Triebumwandlungen ausfüllen und er- 
gänzen. 

Diese lohnenderen Deutungsversuche des zweiten Über- 
tragungstypus bringen aber die meisten technischen 
Schwierigkeiten mit sich, die zwischen Analytiker und 
Patient entstehen. Der Patient empfindet Übertragungs- 
reaktionen der zweiten Art nicht als Fremdkörper. Das 
ist bei dem starken Anteil, den das Ich — wenn auch 
das Ich früherer Jahre — an ihrem Zustandekommen 
hat, nicht weiter verwunderlich. Der Patient ist von dem 
Wiederholungscharakter dieser Äußerungen nur schwer 
zu überzeugen. Die Form, in der sie in seinem Bewußt- 
sein auftauchen, ist ich-gerecht. Die für die Zensur not- 
wendigen Entstellungen sind bereits in der Vergangen- 
heit vollzogen, das erwachsene Ich sieht keinen Grund, 
sich gegen ihr Auftauchen in der freien Assoziation zur 
Wehr zu setzen. Über Diskrepanzen zwischen Anlaß 
und Wirkung, die dem Beobachter auffallen und die 
Übertragung als objektiv unberechtigt erscheinen lassen, 
täuscht sich der Patient leicht mit Rationalisierungen 
hinweg. Wir können also bei dieser Form der Übertra- 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN 27 

gungsreaktionen nicht wie bei den zuerst beschriebenen 
mit der willigen Mitarbeit des Patienten rechnen. Soweit 
die Deutungsarbeit sich gegen die unbekannten Anteile 
des Ichs, die alten Ich-Tätigkeiten richtet, ist das ganze 
Ich des Patienten ein Gegner der analytischen Arbeit. 
Das ist offenbar die Situation, die wir mit dem nicht sehr 
geeigneten Namen „Charakteranalyse" zu bezeichnen 
gewohnt sind. 

Wir trennen also theoretisch die Auskünfte, die wir 
aus diesen Übertragungsdeutungen beziehen, in eine 
Gruppe von bewußt gemachten Es-Inhalten und eine 
Gruppe von bewußt gemachten Ich-Tätigkeiten. Die 
Unterteilung sieht nicht anders aus als bei den Ergeb- 
nissen der Deutung während der freien Assoziation: der 
ungestörte Fluß der Einfälle bringt Aufklärung über Es- 
Inhalte, das Einsetzen eines Widerstandes bringt Auf- 
klärung über Abwehrmechanismen. Ein Unterschied liegt 
nur darin, daß die Übertragungsdeutungen sich ausschließ- 
licher auf die Vergangenheit beziehen und ganze Peri- 
oden der individuellen Vergangenheit des Patienten auf 
einmal aufhellen können. Die Es-Inhalte, die der freie 
Einfall zutage fördert, sind dagegen nicht an bestimmte 
Epochen gebunden und die vom Ich ausgehenden Ab- 
wehrtätigkeiten, die in der Stunde als Widerstand gegen 
das Assoziieren auftreten, können auch dem gegenwärti- 
gen Leben des Patienten angehören. 

c) Das Agieren in der Übertragung. — Eine dritte 
Form der Übertragung liefert uns dann noch einen wich- 



28 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

tigen Beitrag anderer Art zur Kenntnis des Patienten. 
Bei der Traumdeutung, der freien Assoziation, der Wider- 
standsdeutung und den bisher geschilderten Formen der 
Übertragung sehen wir den Patienten immer innerhalb 
der analytischen Situation, d. h. in einem unnatürlichen 
innerpsychischen Zustand vor uns. Die relative Stärke 
der Instanzen ist das eine Mal durch den Schlafzustand, 
das andere Mal durch die Befolgung der analytischen 
Grundregel zugunsten des Es verschoben. Wir lernen 
die Ich-Instanzen immer nur geschwächt und herab- 
gesetzt, das eine Mal als Zensor des Traumes, das andere 
Mal als Widerstand gegen den freien Einfall kennen und 
haben oft alle Mühe, sie uns in ihrer natürlichen Größe 
und Stärke vorzustellen. Wir kennen alle den Vorwurf, 
der den Analytikern oft genug gemacht wird: daß sie 
zwar gute Kenner des Unbewußten, aber schlechte Be- 
urteiler des Ichs ihrer Patienten sind. Er bezieht wahr- 
scheinlich aus diesem Mangel an Gelegenheit, das ganze 
Ich des Patienten in Aktion zu sehen, ein Stück Be- 
rechtigung. 

Nun gibt es eine Steigerung der Übertragung, bei der 
der Patient sich den strengen Regeln der analytischen 
Kur zeitweise entzieht und sowohl die Trieb- wie auch 
die Abwehrseite seiner übertragenen Gefühle in Hand- 
lungen des täglichen Lebens umzusetzen beginnt. Dieses 
sogenannte Agieren in der Übertragung, das streng ge- 
nommen schon außerhalb der Analyse vor sich geht, 
wird für die Analyse dadurch lehrreich, daß es uns die 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN £2 9 

innere Struktur des Patienten in ihren natürlichen Größen- 
verhältnissen zwangsmäßig vor Augen führt. Wo immer 
die Deutung des Agierens gelingt, dort können wir die 
Übertragungsaktionen in die Bestandteile zerlegen, die der 
wirklichen momentanen quantitativen Beteiligung der 
einzelnen Instanzen entsprechen. Der von jeder Instanz 
beigesteuerte Energiebetrag wird zum Unterschied von 
unseren Beobachtungen während der freien Assoziation 
in seiner natürlichen absoluten und relativen Größe 
sichtbar. 

Trotz dieser wertvollen Einsicht, die es uns liefert, ist 
der therapeutische Gewinn aus der Deutung des Agierens 
gewöhnlich gering. Die Möglichkeit zur Bewußtmachung 
des Unbewußten und die therapeutische Einflußnahme 
auf die Beziehungen zwischen Es, Ich und Über-Ich 
beruhen offenbar auf dem künstlich hergestellten, immer 
noch hypnose-ähnlichen Zustand der analytischen Situa- 
tion, bei dem die Aktivität der Ich-Instanzen herabgesetzt 
ist. Solange das Ich in voller Funktion bleibt, und wo 
es als Bundesgenosse des Es nur mehr dessen Aufträge 
ausführt, bleibt für innerpsychische Verschiebungen und 
Einflußnahme von außen her nur wenig Gelegenheit. 
Darum ist für den Analytiker diese dritte Form der 
Übertragung, das Agieren, noch schwerer zu handhaben 
als die Übertragung der Abwehrformen. Es ist verständ- 
lich, daß er versucht, sie mit Hilfe von analytischen 
Deutungen und unanalytischen Verboten soweit als 
möglich einzuschränken. 



30 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Das Verhältnis zwischen Ich-Analyse und Es -Analyse. 
Ich habe diese Einteilung der Übertragungsäußerungen 
in eine Übertragung von libidinösen Strebungen, eine 
Übertragung von Abwehrhaltungen und ein Agieren in 
der Übertragung deshalb so ausführlich geschildert, um 
zu zeigen, daß die technischen Schwierigkeiten der Ana- 
lyse verhältnismäßig geringere sind, wo es sich um die 
Bewußtmachung von Es -Abkömmlingen handelt, und daß 
sie dort am größten sind, wo die Analyse die unbewußten 
Anteile des Ichs angreifen soll. Besser gesagt: es liegt 
nicht an der analytischen Technik an und für sich. Sie 
ist zur Bewußtmachung des Unbewußten im Ich ebenso 
gut geeignet wie zur Bewußtmachung des Unbewußten 
in Es oder Über-Ich. Nur sind uns Analytikern die 
Schwierigkeiten der Ich -Analyse noch fremder als die der 
Es -Analyse. Seitdem für unsere theoretischen Vorstellungen 
der Begriff des Ichs nicht mehr mit dem des Systems 
Wahrnehmung- Bewußtsein zusammenfällt, seitdem wir 
also wissen, daß auch ganze Stücke der Ich-Instanzen un- 
bewußt sind und auf ihre Bewußtmachung mit Hilfe der 
analytischen Technik warten, ist die analytische Arbeit 
am Ich sehr in unserer Achtung gestiegen. Alles, was 
sich von der Ich-Seite her in die Analyse einmischt, ist 
ebenso gutes Material wie irgendein Es-Abkömmling. Wir 
haben kein Recht, es nur als Störung der Es -Analyse 
aufzufassen. Nur ist natürlich alles, was von dieser Seite 
des Ichs kommt, auch Widerstand, in jeder Bedeutung 

dieses Wortes: eine Kraft, die gegen das Auftauchen aus 

\ 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN 51 

dem Unbewußten und damit gegen die Arbeit des Ana- 
lytikers gerichtet ist. Wir möchten gerne lernen, uns in 
dieser Ich-Seite der Analyse, obwohl sie gegen den Willen 
des Ichs durchgeführt werden muß, wenigstens ebenso 
sicher zu fühlen wie in der Analyse der Es-Seite unserer 
Patienten. 

Technische Einseitigkeiten und Schwierigkeiten. — Wir 
wissen aus dem bereits Geschilderten, daß die Beschäfti- 
gung mit dem freien Einfall, mit den latenten Traum- 
gedanken, der Symbolübersetzung und den Inhalten der 
phantasierten oder agierten Übertragung in einseitiger 
Weise der Es-Erforschung dient. In ebenso einseitiger 
Weise dient das Studium der Widerstände, der Arbeit der 
Traumzensur und der übertragenen Abwehrformen von 
Triebregungen und Phantasien der Erforschung der un- 
bekannten Tätigkeiten von Ich und Über-Ich. Wenn es 
richtig ist, daß erst die unparteiische Vermischung beider 
Forschungsrichtungen ein vollständiges Bild der inneren 
Verhältnisse des Analysierten gibt, dann muß es auch 
stimmen, daß die Bevorzugung irgendeines der analyti- 
schen Hilfsmittel auf Kosten aller andern immer nur ver- 
zerrte, entstellte oder zumindest unvollständige Bilder der 
psychischen Persönlichkeit zustande bringen kann. 

Eine Technik zum Beispiel, die sich in zu ausschließ- 
licher Weise der Symbolübersetzung bedienen würde, wäre 
in Gefahr, auch in zu ausschließlicher Weise Es-Inhalte 
zutage zu fördern. Wer mit ihr arbeitet, würde leicht 



32 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

geneigt sein, die unbekannten Anteile der Ich-Instanzen 
zu vernachlässigen oder doch geringer zu schätzen, die 
nur mit andern analytischen Mitteln bewußt gemacht 
werden können. Man könnte die Berechtigung einer solchen 
Technik damit verteidigen, daß man meint, sie hätte den 
Umweg über das Ich eben nicht nötig, sie könne das 
verdrängte Triebleben auf direktem Wege erreichen. Aber 
ihre Ergebnisse bleiben doch unvollständig. Nur die Ana- 
lyse der unbewußten Abwehrtätigkeiten des Ichs ermög- 
licht uns, auch die Triebumwandlungen zu rekonstruieren. 
Ohne sie erfahren wir zwar viel über die Inhalte der 
verdrängten Triebwünsche und Phantasien, aber wenig 
oder nichts über ihre Schicksale und die Wege ihrer Ver- 
wendung im Aufbau der Persönlichkeit. 

Eine Technik, die extrem nach der andern Seite hin 
arbeiten, also die Analyse der Widerstände ausschließlich 
in den Vordergrund rücken würde, hätte in ihren Ergeb- 
nissen auch die Lücken auf der andern Seite. Wir be- 
kämen auf diese Weise ein vollständiges Bild des Ich- 
Aufbaues im Analysierten, würden aber auf die Tiefe und 
Vollständigkeit seiner Es-Analyse verzichten müssen. 

Ähnlich wäre es mit einer Technik, die die Über- 
tragung in extremem Maß zu benützen versuchte. Es ist 
keine Frage, daß die Patienten im Zustand gesteigerter 
Übertragung, den ein solcher technischer Versuch begün- 
stigen würde, reichliches Material aus den tiefsten Schichten 
des Es produzieren. Aber sie überschreiten dabei ihre 
analytische Situation. Ihr Ich bleibt nicht außerhalb, er- 



STUDIUM DER PSYCHISCHEN INSTANZEN 



33 



mäßigt, geschwächt, objektiv, als Beobachter, der außer 
Tätigkeit gesetzt ist. Es wird ergriffen, überschwemmt 
und zum Handeln mitgerissen. Wenn es sich auch, vom 
Wiederholungszwang überwältigt, ganz als infantiles Ich 
benimmt, so ändert das doch nichts daran, daß es agiert, 
statt zu analysieren. Das heißt aber, daß eine solche Technik 
nach anfänglichen großen Hoffnungen auf Vertiefung un- 
serer Kenntnis des Patienten am Ende alle therapeuti- 
schen Enttäuschungen mit sich bringen kann, die wir 
unseren theoretischen Vorstellungen nach vom Agieren 
in der Übertragung zu erwarten haben. 

Auch die von mir vertretene Technik der Kinderana- 
lyse ist ein gutes Beispiel für die Gefahren der Einseitig- 
keit. Wenn man auf die freie Assoziation verzichten muß, 
mit der Symboldeutung sparsam ist und die Übertragungs- 
deutungen erst spät in der Entwicklung der Behandlung 
beginnt, sind einem drei wichtige Zugänge zur Aufdeckung 
der Es-Inhalte und der Ich -Tätigkeiten verschlossen. Es 
entsteht dann die Frage, die ich erst im nächsten Kapitel 
beantworten möchte, wie man den Ausfall an diesen 
Stellen wieder gutmachen und trotzdem über die ober- 
flächlichen Schichten des Seelenlebens hinauskommen kann. 



Anna Freud, Das Ich und die Abwehrniechanismen. 






III. KAPITEL. 



DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS 
OBJEKT DER ANALYSE. 

Das Verhältnis des Ichs zum analytischen Verfahren. — 
Die langwierigen und umständlichen theoretischen Aus- 
einandersetzungen des letzten Kapitels lassen sich im 
Praktischen in wenige einfache Sätze zusammenfassen. 
Es ist die Aufgabe des Analytikers, Unbewußtes bewußt 
zu machen, gleichgültig, welcher Instanz dieses Unbewußte 
angehört. Der Analytiker richtet seine Aufmerksamkeit 
gleichmäßig und objektiv auf alle drei Instanzen, soweit 
sie unbewußte Anteile enthalten; er verrichtet seine Auf- 
klärungsarbeit, wie man mit einem anderen Ausdruck 
sagen könnte, von einem Standpunkt aus, der von Es, 
Ich und Über-Ich gleichmäßig distanziert ist. 

Die klare Objektivität dieses Verhältnisses wird aber 
leider durch verschiedene Umstände getrübt. Die Un- 
parteilichkeit des Analytikers bleibt unerwidert, die ver- 
schiedenen Instanzen reagieren auf seine Bemühungen in 
verschiedener Weise. Von den Es-Regungen wissen wir, 
daß sie selber keine Neigung haben, unbewußt zu bleiben. 
Sie besitzen ihren eigenen Auftrieb, eine ständig vor- 
handene Tendenz, sich zum Bewußtsein und damit zur 
Befriedigung hin durchzusetzen, oder wenigstens Ab- 






DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS OBJEKT DER ANALYSE 35 

kömmlinge auf die Oberfläche des Bewußtseins vorzu- 
schicken. Die Arbeit des Analytikers läuft, wie oben 
geschildert, diesem Auftrieb gleichsinnig und verstärkt 
seine Wirksamkeit. Der Analytiker erscheint auf diese 
Weise den verdrängten Anteilen des Es als Helfer und 
Befreier. 

Dem Ich und Über-Ich gegenüber liegen die Ver- 
hältnisse anders. Soweit die Ich-Instanzen sich mit ihren 
eigenen Methoden um Bändigung der Es-Regungen be- 
müht haben, erscheint der Analytiker als Störenfried. 
Seine Zerlegungsarbeit hebt mühsam zustande gebrachte 
Verdrängungen wieder auf und zerstört Kompromiß- 
bildungen, die zwar der Wirkung nach pathologisch, der 
Form nach aber durchaus ich-gerecht waren. Die Arbeit 
des Analytikers zur Bewußtmachung des Unbewußten 
und die Arbeit der Ich-Instanzen zur Bewältigung des 
Trieblebens laufen entgegengesetzt. Soweit die Krankheits- 
einsicht des Individuums nicht anders entscheidet, gilt 
daher den Ich-Instanzen die Absicht des Analytikers als 
drohende Gefahr. 

Den Ausführungen des vorigen Kapitels folgend, läßt 
sich danach das Verhältnis des Ichs zur analytischen 
Bemühung als dreifaches beschreiben. Das Ich ist Bundes- 
genosse der Analyse, soweit es die oben geschilderte 
Selbstbeobachtung ausübt, seine Fähigkeiten in dieser 
Beziehung der Analyse zur Verfügung stellt und durch 
die auf seinem Boden anlangenden Abkömmlinge ein 
Bild der andern Instanzen vermittelt. Das Ich ist Gegner 

5' 



36 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

der Analyse, soweit es sich bei dieser Selbstbeobachtung 
unverläßlich und parteiisch benimmt, bestimmte Daten 
gewissenhaft registriert und weitermeldet, andere fälscht, 
zurückweist und vom Sichtbarwerden abhält, im Wider- 
spruch zur analytischen Forschung, die ohne Unterschied 
alles, was auftaucht, auch zu sehen verlangt. Das Ich 
ist schließlich selbst Objekt der Analyse, soweit diese 
Abwehrtätigkeit, die es ständig ausübt, unbewußt vor 
sich geht und erst mühsam zur Kenntnis des Bewußt- 
seins gebracht werden muß, nicht viel anders als die 
unbewußte Aktivität irgendeiner der verpönten Trieb- 
regungen. 

Triebabwehr und Widerstand. — Ich habe mich im 
letzten Kapitel bemüht, Es- Analyse und Ich- Analyse, die 
in der praktischen Arbeit untrennbar miteinander ver- 
bunden sind, für die Zwecke dieser Untersuchung theo- 
retisch voneinander zu lösen. Ein solcher Versuch be- 
stätigt nur noch einmal die Erfahrung, daß alles Material, 
das der Förderung der Ich-Analyse dient, im analyti- 
schen Verfahren in der Form von Widerstand gegen die 
Es- Analyse auftaucht. Der Tatbestand ist so selbstver- 
ständlich, daß er kaum eine Erklärung braucht. Das Ich 
wird in der Analyse überall dort aktiv, wo es einen 
Vorstoß des Es durch Gegenaktionen verhindern möchte. 
Da es die Aufgabe der analytischen Methode ist, den 
Vorstellungen, welche den verdrängten Trieb repräsen- 
tieren, Zugang zum Bewußtsein zu verschaffen, also 



DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS OBJEKT DER ANALYSE 37 

solche Vorstöße zu fördern, wird die Abwehrhandlung 
des Ichs gegen die Trieb repräsentanz automatisch zum 
aktiven Widerstand gegen die analytische Arbeit. Da 
ferner der Analytiker mit seinem persönlichen Einfluß 
für die Einhaltung der analytischen Grundregel eintritt, 
die das Auftauchen solcher Vorstellungen in der freien 
Assoziation ermöglicht, richtet sich die Triebabwehr des 
Ichs auch als direkte Gegenwehr gegen die Person des 
Analytikers. Feindseligkeit gegen den Analytiker und 
erhöhte Abwehr gegen das Auftauchen von Es-Regungen 
fallen automatisch zusammen. In denjenigen Augen- 
blicken der Analyse, in denen die Abwehr schweigt und 
die Triebrepräsentanzen ungehindert als freie Einfälle 
auftauchen können, ist auch das Verhältnis des Ichs zum 
Analytiker von dieser Seite aus ein ungestörtes. 

Es ist selbstverständlich, daß diese eine Art des Wider- 
standes die Möglichkeiten der analytischen Widerstände 
noch nicht erschöpft. Neben diesen sogenannten Ich- 
Widerständen gibt es, wie wir wissen, die anders zu- 
sammengesetzten Übertragungswiderstände und die in 
der Analyse schwer zu überwindenden Gegenkräfte, die 
auf den Wiederholungszwang zurückgehen. Nicht jeder 
Widerstand ist also das Ergebnis einer Abwehrhandlung 
des Ichs. Aber jede solche Abwehrhandlung des Ichs 
gegen das Es kann, wenn sie in der Analyse vorfällt, 
nur als Widerstand gegen die analytische Arbeit gespürt 
werden. Die Analyse dieses Ich- Widerstandes gibt uns 
eine gute Gelegenheit, unbewußte Abwehrtätigkeit des 



3 8 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Ichs in voller Lebendigkeit zu beobachten und bewußt 
zu machen. 



Affektabwehr. — Die Streitigkeiten zwischen Ich und 
Trieb sind nicht die einzigen Gelegenheiten, die eine 
solche schärfere Beobachtung der Ich-Tätigkeit ermög- 
lichen. Das Ich steht nicht nur im Kampf mit den 
Triebabkömmlingen, die auf seinem Boden den Zutritt 
zum Bewußtsein und zur Befriedigung finden möchten. 
Es entfaltet dieselbe aktive und energische Gegenwehr 
auch gegen die Affekte, die an diese Triebimpulse ge- 
bunden sind. Bei einer Zurückweisung der Triebansprüche 
ist es immer seine nächste Aufgabe, sich mit diesen 
Affekten auseinanderzusetzen. Liebe, Sehnsucht, Eifersucht, 
Kränkung, Schmerz und Trauer als Begleiter der sexuellen 
Wünsche, Haß, Zorn und Wut als Begleiter der aggressiven 
müssen sich, wenn der Triebanspruch, dem sie zugehören, 
abgewehrt wird, vom Ich Bewältigungsversuche aller Art, 
d. h. Verwandlungen gefallen lassen. Wo immer innerhalb 
oder außerhalb der Analyse Affektumwandlungen vor- 
fallen, war das Ich aktiv. Überall dort ergibt sich also 
auch Gelegenheit, Ich-Tätigkeit zu studieren. Wir wissen, 
das Schicksal des Affektbetrags ist nicht einfach dasselbe 
wie das der Vorstellung, die den Triebanspruch repräsen- 
tiert. Aber die Abwehrmöglichkeiten, die einem und 
demselben Ich zur Verfügung stehen, sind doch offenbar 
begrenzte. Das individuelle Ich bevorzugt zu bestimmten 
Lebensphasen, seiner bestimmten Struktur entsprechend, 



. 



DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS OBJEKT DER ANALYSE 39 

bald die einen, bald die andern der Abwehrtechniken, 
wie etwa Verdrängung, Verschiebung, Verkehrung ins 
Gegenteil usw., die es dann sowohl im Kampf gegen 
den Trieb wie auch in der Abwehr gegen die Affekt- 
entbindung verwenden kann. Wenn wir wissen, wie ein 
bestimmter Patient sich gegen das Auftauchen seiner Trieb- 
regungen wehrt, d. h. welche Art von Ich-Widerständen 
er zu machen pflegt, so haben wir auch schon eine 
Vorstellung davon, wie dieser selbe Mensch sich seinen 
eigenen unwillkommenen Affekten gegenüber verhalten 
kann. Wenn bei einem andern Patienten bestimmte 
Formen von Affektverwandlung besonders deutlich sind, 
etwa vollkommene Unterdrückung der Gefühle, Ver- 
leugnung usw., so werden wir nicht erstaunt sein, wenn 
er seinen Triebregungen und seinen freien Einfällen 
gegenüber in der Abwehr dieselben Methoden gebraucht. 
Es ist dasselbe Ich, das eben alle Mittel, die es zur 
Verfügung hat, mehr oder weniger durchgängig in allen 
seinen Kämpfen verwendet. 

Permanente Abwehrerscheinungen. — Ein weiteres 
Gebiet, auf dem sich Abwehrtätigkeit des Ichs studieren 
läßt, sind dann diejenigen Erscheinungen, auf die sich 
Wilhelm Reich in seiner „konsequenten Widerstands- 
analyse" bezieht. 1 Körperliche Haltungen wie Steifheit 
und Starre, Eigenheiten des Wesens wie ein stereotypes 

1) W. Reich, Charakteranalyse, Technik und Grundlagen für stu- 
dierende und praktizierende Analytiker. Wien, 1953. 



4° THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Lächeln, höhnisches, ironisches und hochmütiges Be- 
nehmen sind Rückstände ehemals sehr aktiver Abwehr- 
vorgänge, die sich von ihren Ursprungssituationen, dem 
Kampf mit Trieb oder Affekt gelöst haben und zum 
ständigen Charakterzug, zur „Charakterpanzerung", wie 
Reich es nennt, geworden sind. Wo es in der Analyse 
gelingt, sie auf ihren historischen Ursprung zurück- 
zuführen, löst sich ihre Erstarrung, und der Zugang 
zur lebendigen und aktuellen Abwehrtätigkeit des Ichs 
stellt sich wieder her, der durch ihre Fixierung ver- 
schüttet war. Da diese Abwehrformen permanent ge- 
worden sind, ist es nicht mehr möglich, ihr Auf- 
tauchen und Verschwinden mit dem Auftauchen und 
Verschwinden der Triebansprüche und Affekte von innen 
und den Versuchungssituationen und Affektanlässen von 
außen her in Beziehung zu bringen. Ihre Analyse ist 
darum besonders mühsam. Man ist sicher nur dort be- 
rechtigt, sie in den Vordergrund der Arbeit zu schieben, 
wo überhaupt kein lebendiger Kampf zwischen Ich, 
Trieb und Affekt mehr zu finden ist. Es ist auch sicher 
nicht berechtigt, den Namen Widerstandsanalyse, der die 
Arbeit an allen Widerständen decken muß, für die 
Arbeit an ihnen allein in Anspruch zu nehmen. 

Symptombildung. — Dieselben Abwehrtechniken, die 
sich bei der Analyse von Ich-Widerständen, Triebabwehr 
und Affektverwandlungen im lebendigen Fluß, bei der 
Analyse von permanenten Charakterpanzerungen in er- 



DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS OBJEKT DER ANALYSE 41 

starrter Form erfassen und bewußt machen lassen, finden 
wir im großen fixiert noch einmal beim Studium der 
neurotischen Symptombildung wieder. Der Anteil des 
Ichs an der Kompromißbildung, die wir Symptom nennen, 
besteht eben im fixierten Gebrauch einer bestimmten 
Abwehrmethode gegenüber einem bestimmten Trieb- 
anspruch, der bei der stereotypen Wiederkehr des Trieb- 
anspruchs in immer derselben Weise wiederholt wird. 
Wir wissen 1 , daß bestimmte Neurosen feste Beziehungen 
zu bestimmten Abwehrtechniken haben, wie etwa die 
Hysterie zur Verdrängung, die Zwangsneurose zur Iso- 
lierung und zum Ungeschehenmachen. Diese festen Be- 
ziehungen zwischen Neurose und Abwehrmechanismus 
lassen sich in das Gebiet der Affektabwehr und der 
Ich-Widerstandsform fortsetzen. Die Art, wie ein be- 
stimmter Patient sich in der Analyse seinen freien Ein- 
fällen gegenüber verhält, wie er, allein gelassen, seine 
Triebansprüche bewältigt, wie er unerwünschte Affekte 
abwehrt, läßt im vorhinein Schlüsse auf die Art seiner 
Symptombildung zu. Das Studium seiner Symptom- 
bildung anderseits erlaubt Rückschlüsse auf den Bau 
seiner Widerstände, seiner Affekt- und Triebabwehr. Für 
Hysterie und Zwangsneurose ist uns diese Parallele, be- 
sonders zwischen Symptombildung und Widerstandsform 
am ehesten geläufig. Der hysterische Patient gebraucht 
bei der Symptombildung im Kampf mit dem Trieb vor 

1) aus einer Bemerkung in „Hemmung, Symptom und Angst"; vgl. 
auch unten S. 51, wo diese Stelle angeführt wird. 



42 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

allem die Verdrängung: er entzieht den Vorstellungen, 
die den sexuellen Anspruch repräsentieren wollen, das 
Bewußtsein. Dem entspricht die Form seines Wider- 
standes gegen die freie Assoziation. Einfälle, die die 
Abwehr des Ichs herausfordern, werden einfach beseitigt. 
Der Patient empfindet nur eine Leere im Bewußtsein. 
Er schweigt 5 d. h. in seiner Einfallsreihe hat sich die- 
selbe Unterbrechung hergestellt wie bei der Symptom- 
bildung in seinem Triebablauf. Von dem zwangsneuroti- 
schen Ich anderseits hören wir, daß es bei der Symptom- 
bildung die Abwehrtechnik der Isolierung gebraucht. Es 
zerreißt also nur die Bedeutungszusammenhänge und 
erhält dabei die Triebregungen im Bewußtsein. Dem- 
entsprechend ist auch der Widerstand des zwangsneuroti- 
schen Patienten ein anderer. Der zwangsneurotische 
Patient schweigt nicht, er spricht auch im Widerstand, 
aber er zerreißt die Zusammenhänge zwischen seinen 
Einfällen, isoliert Vorstellung und Affekt beim Sprechen, 
so daß uns seine Assoziationen im kleinen ebenso un- 
sinnig erscheinen müssen wie seine zwangsneurotischen 
Symptome im großen. 

Triebabwehr und Affektabwehr in der Analysentechnik. 
Eine jugendliche Patientin sucht eine analytische Be- 
handlung wegen schwerer Angstzustände auf, die ihr 
Leben und ihren Schulbesuch stören. Obwohl sie auf 
Drängen ihrer Mutter kommt, erzählt sie bereitwillig von 
ihren vergangenen und gegenwärtigen Lebensumständen. 



DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS OBJEKT DER ANALYSE 43 

Ihr Benehmen gegen die Analytikerin ist dabei freund- 
lich und offen. Es wird nur auffällig, daß sie in ihren 
Berichten jede Anspielung auf ihr Symptom sorgfältig 
vermeidet. Angstanfälle, die sich zwischen den Analysen- 
stunden abspielen, werden nicht erwähnt. Wenn die 
Analytikerin das Symptom eigenmächtig in die Analyse 
ziehen will oder Deutungen der Angst gibt, die sich auf 
deutliche andere Mitteilungen in den Einfällen stützen, 
so verwandelt sich das freundliche Verhalten der Patientin. 
Sie überschüttet die Analytikerin bei jedem dieser An- 
lässe mit höhnischen und spöttischen Bemerkungen. Der 
Versuch, diese Haltung der Patientin mit ihrem Verhält- 
nis zur Mutter in Zusammenhang zu bringen, mißlingt 
vollkommen. Die bewußte und unbewußte Beziehung 
des jungen Mädchens zu seiner Mutter zeigt ein ganz 
anderes Bild. Der immer wieder auftauchende Hohn 
und Spott macht die Analytikerin ratlos und die Pa- 
tientin unzugänglich für die weitere analytische Hilfe- 
leistung. Die eingehendere Analyse ergibt dann, daß 
dieser Hohn und Spott gar keine Übertragungsreaktion 
im eigentlichen Sinne und gar nicht an die analytische 
Situation gebunden ist. Die Patientin verwendet ihn 
überall dort gegen sich selbst, wo in ihrem Affektleben 
zärtliche, sehnsüchtige und ängstliche Gefühle auftauchen 
wollen. Je stärker das Andringen des Affekts ist, desto 
lauter und abfälliger wird sie in ihren höhnischen Be- 
merkungen über sich selbst. Die Analytikerin zieht diese 
Abwehrreaktionen nur sekundär auf sich, weil sie die 



44 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Ansprüche der Angstgefühle auf bewußte Verarbeitung 
vertritt. Die Deutung der Angstinhalte, auch wenn sie 
sich aus den übrigen Mitteilungen richtig erraten läßt, 
bleibt wirkungslos, solange jede Annäherung an den 
Affekt die Abwehr nur steigert. Es ist in der Analyse 
erst möglich, den Inhalt der Angst bewußt zu machen, 
wenn die Art der Affektabwehr durch höhnische Ent- 
wertung, die bisher überall im Leben der Patientin 
automatisch wirksam ist, ins Bewußtsein gehoben und 
damit außer Tätigkeit gesetzt ist. Historisch erklärt sich 
bei dieser Patientin die Affektabwehr durch Spott und 
Hohn aus der Identifizierung mit dem verstorbenen 
Vater, der das kleine Mädchen durch spöttische Bemer- 
kungen bei Gefühlsausbrüchen zur Selbstbeherrschung 
erziehen wollte. Die Methode der Affektabwehr fixiert 
hier also die Erinnerung an den sehr geliebten Vater. 
Technisch führt der Weg zum Verständnis in diesem 
Fall von der Analyse der Affektabwehr zur Erklärung 
des Widerstandes in der Übertragung und von hier aus 
erst zur eigentlichen Analyse der Angst mit ihrer Vor- 
geschichte. 

Dieselbe Parallele zwischen Triebabwehr und Affekt- 
abwehr, Symptombildung und Widerstand wird dann be- 
sonders in der Kinderanalyse zum wertvollen technischen 
Gesichtspunkt. Die fühlbarste Lücke in der Technik der 
Kinderanalyse ist der Wegfall der freien Assoziation. Der 
Verzicht auf sie ist nicht nur deshalb so schwer, weil 
wir den im freien Einfall aufsteigenden Vorstellungen, 



DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS OBJEKT DER ANALYSE 45 

die den Trieb repräsentieren, die wichtigsten Auskünfte 
über das Es verdanken. Der Entgang an Mitteilungen 
über die Es-Regungen läßt sich noch am ehesten durch 
andere Mittel ersetzen. Die Träume und Tagträume 
des Kindes, seine Phantasietätigkeit im Spiel, seine Zeich- 
nungen usw. zeigen Es-Regungen un verhüllter und zu- 
gänglicher als beim Erwachsenen und können uns in der 
Analyse das Auftauchen der Eis-Abkömmlinge im freien 
Einfall fast ersetzen. Aber mit dem Wegfall der analyti- 
schen Grundregel fällt auch der Kampf um die Grund- 
regel fort, aus dem wir uns in der Erwachsenenanalyse 
die Kenntnis der Ich- Widerstände, also der Abwehrtätig- 
keit des Ichs gegen die Triebabkömmlinge holen. Die 
Kinderanalyse ist darum in Gefahr, zwar reich an Aus- 
künften über das Es, aber arm an Kenntnis des kind- 
lichen Ichs zu werden. 

Die englische Spielanalyse für das frühe Kindesalter 
ersetzt sich diesen Ausfall der freien Assoziation in der 
direktesten Weise. Sie setzt die Spielhandlungen des 
Kindes den Einfällen des Erwachsenen gleich und ver- 
wertet sie für die Deutung in derselben Weise. Das freie 
Strömen der Einfälle entspricht dem ungestörten Ab- 
lauf der Spielhandlungen; Unterbrechungen und Hem- 
mungen im Verlauf des Spielens werden den Störungen 
des freien Einfalls gleichgesetzt. Die Analyse der Spiel- 
störung müßte dann den Anteil der Ich -Abwehr repräsen- 
tieren,' der bei der freien Assoziation im Ich -Widerstand 
gegeben ist. 



40 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Verzichtet man aber aus theoretischen Gründen, etwa 
aus Bedenken gegen eine zu konsequente Durchführung 
der Symboldeutung, auf diese vollkommene Gleichsetzung 
zwischen Einfall und Spielhandlung, so muß man in 
der Kinderanalyse nach neuen technischen Ersatzmitteln 
suchen, die der Seite der Ich-Analyse dienen können. 
Es scheint mir, daß die Analyse der Affektverwandlungen 
des Kindes an die leere Stelle treten kann. Das Affekt- 
leben des Kindes ist unkomplizierter und leichter zu 
durchschauen als das des Erwachsenen. Wir beobachten, 
was immer sich im Leben des Kindes innerhalb oder 
außerhalb der analytischen Situation als Anlaß zur Affekt- 
entbindung darbietet. Das Kind wird gegen ein anderes 
zurückgesetzt j es muß Eifersucht und Kränkung emp- 
finden. Man erfüllt ihm einen lange gehegten Wunsch; 
die Erfüllung muß Freude auslösen. Das Kind erwartet 
Strafe; es empfindet Angst. Eine erwartete und zugesagte 
Lust wird plötzlich aufgeschoben oder verweigert; das Kind 
muß Enttäuschung empfinden, usw. Wir erwarten, daß 
das Kind normalerweise auf diese speziellen Anlässe mit 
diesen speziellen Affekten reagiert. Die Beobachtung zeigt 
uns im Gegensatz zu unserer Erwartung die verschieden- 
sten Bilder. Das Kind zeigt etwa Gleichgültigkeit, wo es 
Enttäuschung empfinden müßte, Überlustigkeit statt Krän- 
kung, Überzärtlichkeit statt Eifersucht. In allen diesen 
Fällen ist etwas vor sich gegangen, das den normalen 
Ablauf gestört hat, ein Einspruch von der Seite des Ichs, 
auf den wir die Affektverwandlung zurückführen müssen. 



DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS OBJEKT DER ANALYSE 47 

Die Analyse und Bewußtmachung der Form dieser Affekt- 
abwehr, ob es sich um Verkehrung ins Gegenteil, um 
Verschiebungen, um volle Verdrängungen handelt, lehrt 
uns etwas über die speziellen Techniken dieses indivi- 
duellen kindlichen Ichs und erlaubt, nicht anders als die 
Widerstandsanalyse, Rückschlüsse auf sein Verhalten gegen 
den Trieb und in der Symptombildung. Es ist dabei für 
die Situation der Kinderanalyse besonders wichtig, daß 
wir bei der Beobachtung der Affektvorgänge von der 
freiwilligen Mitarbeit und der Aufrichtigkeit oder Unauf- 
richtigkeit des Kindes in der Mitteilung weitgehend un- 
abhängig sind. Der Affekt verrät sich, auch wenn das 
Kind ihn nicht verraten möchte. 

Ein kleiner Knabe zum Beispiel bekommt jedesmal, 
wenn sich ein Anlaß für Kastrationsangst ergibt, kriegeri- 
sche Anwandlungen, muß Uniform anziehen, sich mit 
Säbel und Kindergewehr ausrüsten usw. Wir erraten 
nach Beobachtung mehrerer solcher Anlässe, daß er die 
Angst in ihr Gegenteil, nämlich in Angriffslust verkehrt. 
Von jetzt an wird es uns leicht, jedesmal bei seinen An- 
fällen von aggressivem Verhalten auf dahinter verborgene 
Kastrationsangst zu schließen. Wir sind außerdem nicht 
erstaunt zu erfahren, daß er ein Zwangsneurotiker ist, 
also auch im Triebleben die Neigung hat, unerwünschte 
Regungen ins Gegenteil zu verkehren. — Ein kleines 
Mädchen reagiert auf Situationen, die sie enttäuschen, 
scheinbar überhaupt nicht. Alles, was sich beobachten 
läßt, ist ein Zucken des Mundwinkels. Sie verrät damit 



48 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

die Fähigkeit ihres Ichs, unwillkommene psychische Vor- 
gänge zu beseitigen und durch physische zu ersetzen. 
Es wäre wieder nicht überraschend zu erfahren, daß sie 
im Kampf mit ihrem Triebleben hysterisch reagieren 
kann. — Einem Mädchen in der Latenzperiode ist es 
gelungen, den Penisneid auf ihren kleinen Bruder, der 
ihr Leben völlig ausfüllt, so zu verdrängen, daß es auch 
in der Analyse besonders schwer ist, seine Spuren zu 
verfolgen. Die analytische Beobachtung zeigt nur, daß 
sie bei jeder Gelegenheit, wo sie Neid oder Eifersucht 
auf den Bruder empfinden könnte, ein merkwürdiges 
Phantasiespiel beginnt, in dem sie einen Zauberer dar- 
stellt, der die ganze Welt durch seine Bewegungen ver- 
wandeln und beeinflussen kann. Auch sie verwandelt 
also den Neid in sein Gegenteil, in eine Überbetonung 
ihrer eigenen magischen Fähigkeiten, die ihr die pein- 
liche Einsicht in ihre vermeintliche körperliche Minder- 
wertigkeit erspart. Ihr Ich bedient sich bei der Abwehr der 
Verwandlung ins Gegenteil, einer Art Reaktionsbildung 
gegen den Affekt, womit es gleichzeitig sein Verhalten 
gegen den Trieb als zwangsneurotisch verrät. Es ist von 
da an in der Analyse leicht, jedesmal von dem Auftreten 
der Magie auf das Vorhandensein von Penisneid zu 
schließen. Was wir auf diese Art erlernen, ist also nichts 
als eine Art Übersetzungstechnik für die Abwehrsprache 
des Ichs, die der Auflösung der Ich- Widerstände in der 
freien Assoziation fast völlig entspricht. Unsere Absicht 
dabei ist dieselbe wie in der Widerstandsanalyse. Je besser 






DIE ABWEHRTÄTIGKEIT DES ICHS ALS OBJEKT DER ANALYSE 49 

wir Widerstand und Affektabwehr bewußt machen und 
damit außer Tätigkeit setzen können, desto leichter gelingt 
uns das Vordringen zum Verständnis des Es. 



Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen. 



♦ 



* I 



.▼• 



IV. KAPITEL. 

DIE ABWEHRMECHANISMEN. 

Die Abwehrmechanismen in der psychoanalytischen 
Theorie. — Der Terminus Abwehr, den ich in den drei 
vorhergehenden Kapiteln so reichlich gebraucht habe, ist 
der älteste Vertreter der dynamischen Auffassung in der 
Theorie der Psychoanalyse. Er taucht zuerst im Jahre 1 894 
in der Studie über „Die Abwehr-Neuropsychosen" auf 
und wird in dieser und einer Reihe von darauffolgen- 
den Arbeiten („Zur Ätiologie der Hysterie", „Weitere 
Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen") für das 
Sträuben des Ichs gegen peinliche oder unerträgliche Vor- 
stellungen und Affekte verwendet. Der Name wird später 
fallen gelassen und in der Folge durch den der Verdrän- 
gung ersetzt. Das Verhältnis zwischen beiden bleibt aber 
unbestimmt. Erst eine ergänzende Bemerkung zu „Hem- 
mung, Symptom und Angst" (1926) greift auf den alten 
Begriff der Abwehr wieder zurück und meint, es bringe 
sicheren Vorteil, ihn wieder zu gebrauchen, „wenn man 
dabei festsetzt, daß er die allgemeine Bezeichnung für 
alle die Techniken sein soll, deren sich das Ich in seinen 
eventuell zur Neurose führenden Konflikten bedient, 
während Verdrängung der Name einer bestimmten solchen 
Abwehrmethode bleibt, die uns infolge der Richtung 



DIE ABWEHRMECHANISMEN 



5» 



unserer Untersuchungen zuerst besser bekannt worden ist. " l 
Damit wird die Sonderstellung der Verdrängung ausdrück- 
lich aufgehoben und in der psychoanalytischen Theorie 
Raum für andere Vorgänge geschaffen, die dieselbe Ten- 
denz, nämlich „Schutz des Ichs gegen Triebansprüche" 
verfolgen. Die Verdrängung wird in ihrer Bedeutung zu 
einem „Spezialfall der Abwehr" heruntergesetzt. 

Diese neue Auffassung der Rolle der Verdrängung wird 
zum Anreiz, sich nach den übrigen Spezialfällen der Ab- 
wehr umzusehen und sie, soweit sie in der analytischen 
Arbeit bekannt und beschrieben sind, zusammenzustellen. 

Dieselbe Ergänzung zu „Hemmung, Symptom und 
Angst" enthält auch die schon im letzten Kapitel an- 
geführte Vermutung, daß sich bei „Vertiefung unserer 
Studien eine innige Zusammengehörigkeit zwischen be- 
sonderen Formen der Abwehr und bestimmten Affektionen 
ergeben könnte, z. B. zwischen Verdrängung und Hysterie". 
Als Abwehrtechniken, die in der Zwangsneurose gebräuch- 
lich sind, werden gleichzeitig Regression und reaktive 
Ich -Veränderung (Reaktionsbildung), Isolierung und Un- 
geschehenmachen angeführt. 

Es ist nach diesen ersten Andeutungen nicht schwer, 
die Aufzählung der Abwehrtechniken aus andern Arbeiten 
Freuds zu vervollständigen. So erscheinen in dem Auf- 
satz über Eifersucht, Paranoia und Homosexualität 3 Intro- 

1) Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd. XI, S. 106. 

2) Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und 
Homosexualität. Ges. Sehr., Bd. V, S. 387. 



52 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

jektion oder Identifizierung und Projektion als Ich- 
Methoden, die für die Abwehr bei diesen Erkrankungen 
wichtig sind, unter dem Namen „neurotische Mechanis- 
men". In der Trieblehre 1 werden Wendung gegen die 
eigene Person und Verkehrung ins Gegenteil unter dem 
Namen „Triebschicksale" beschrieben. Von der Seite des 
Ichs her gesehen, muß man auch diese beiden Vorgänge 
als Abwehrmethoden bezeichnen; jedes Triebschicksal dieser 
Art geht ja auf eine Ich -Tätigkeit zurück. Ohne Ein- 
spruch des Ichs oder der Außenweltsmächte, die sich 
durch das Ich vertreten lassen, würde jeder Trieb nur 
ein einziges Schicksal kennenlernen: das der Befriedi- 
gung. Zu diesen neun in der Analysenpraxis und -theorie 
gut bekannten und ausführlich beschriebenen Abwehr- 
methoden (Verdrängung, Regression, Reaktionsbildung, 
Isolierung, Ungeschehenmachen, Projektion, Introjektion, 
Wendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegen- 
teil) kommt dann noch eine zehnte, die mehr dem Studium 
der Normalität als dem der Neurose angehört, nämlich 
die Sublimierung oder die Verschiebung des Triebziels. 
Das Ich hat also nach unserer vorläufigen Kenntnis 
in seinen Kämpfen mit Triebrepräsentanz und Affekt 
diese zehn verschiedenen Methoden zu seiner Verfügung. 
Es ist die Aufgabe der praktischen Analyse, zu verfolgen, 
wie sich diese Techniken bei den Vorgängen des Ich- 
Widerstandes und der Symptombildung im Einzelfall 
bewähren. 

1) Triebe und Triebschicksale. Ges. Sehr., Bd. V, S. 445. 



DIE ABWEHRMECHANISMEN 53 

Vergleich zwischen den Leistungen der Mechanismen 
im Einzelfall. — Ich wähle als Beispiel den Fall einer 
jungen Fürsorgerin aus. Sie ist ein mittleres Kind in einer 
Reihe von vielen Geschwistern. Ihre Kindheit wird von 
einem stürmischen Penisneid auf den älteren und jün- 
geren Bruder ausgefüllt und von Eifersucht, die durch 
die wiederholten Schwangerschaften der Mutter immer 
neu genährt wird. Neid und Eifersucht verbinden sich 
schließlich zu einer starken Feindseligkeit gegen die 
Mutter. Da die Liebesbindung an die Mutter aber nicht 
geringer ist als ihr Haß gegen sie, beginnt in ihr nach 
einer ersten Periode von ungehemmter Wildheit und 
Schlimmheit ein intensiver Abwehrkampf gegen die 
negativen Regungen. Sie hat Angst, die Liebe der 
Mutter, die sie nicht entbehren kann, durch die Äuße- 
rung ihrer eigenen Haßgefühle zu verlieren. Sie hat 
Angst vor den Strafen der Mutter; und sie kritisiert 
sich selbst aufs schärfste für ihre eigenen verbotenen 
Rachegelüste. In dieser Angstsituation und diesem Ge- 
wissenskonflikt, der mit dem Eintritt in das Latenzalter 
immer mehr an Schärfe gewinnt, macht ihr Ich Be- 
wältigungsversuche verschiedener Art. Sie verschiebt zur 
Lösung des Ambivalenzkonflikts die eine Seite der Ambi- 
valenz nach außen. Die Mutter bleibt das geliebte Objekt. 
Neben ihr aber gibt es von da an im Leben des Mäd- 
chens immer eine zweite wichtige weibliche Person, die 
intensiv gehaßt wird. Die Situation erleichtert sich da- 
durch; der Haß gegen das fremdere Objekt wird vom 



54 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Schuldgefühl nicht ebenso energisch verfolgt wie der 
Mutterhaß. Aber auch dieser verschobene Haß bringt 
noch reichlich Leiden mit sich. Diese erste Verschiebung 
erweist sich auch in weiterer Folge als unzureichend 
zur Bewältigung der Lage. 

Das Ich des Mädchens setzt jetzt einen zweiten 
Mechanismus in Tätigkeit. Es wendet den Haß, der 
bis dahin ausschließlich der Außenwelt galt, gegen die 
eigene Person. Das Kind martert sich selbst mit selbst- 
quälerischen Anklagen und Minderwertigkeitsgefühlen, 
tut die Kindheit und Jugend hindurch bis in die Er- 
wachsenheit alles, um sich selbst zu benachteiligen und 
zu schädigen, und setzt die eigenen Ansprüche an ihr 
Leben ständig hinter die der anderen zurück. Für den 
Anschein von außen her ist sie seit Inkrafttreten dieser 
Abwehrtechnik masochistisch geworden. 

Aber auch diese Methode erweist sich noch nicht als 
ausreichend für die Bewältigung. Die Patientin beginnt 
zu projizieren. Der Haß, den sie für die geliebten weib- 
lichen Objekte oder ihre Ersatzpersonen gefühlt hat, 
verwandelt sich in die Überzeugung, daß sie selbst von 
diesen Objekten gehaßt, zurückgesetzt oder verfolgt wird. 
Ihr Ich empfindet Entlastung vom Schuldgefühl. Sie ist 
aus einem schlimmen Kind, das sich böser Gefühle 
gegen die Personen seiner Umgebung schuldig macht, 
zu einem gequälten, benachteiligten, verfolgten Kind 
geworden. Aber ihr Wesen behält seit Benützung dieses 
Mechanismus einen paranoiden Zug, der ihr das Leben 



DIE ABWEHRMECHANISMEN 55 



in der Jugend und Erwachsenheit außerordentlich er- 
schwert. 

Die Patientin sucht die Analyse erst in voller Er- 
wachsenheit auf. Sie gilt der Außenwelt nicht als krank, 
aber sie leidet intensiv. Allem Abwehraufwand, den ihr 
Ich getrieben hat, ist es nicht gelungen, Angst und 
Schuldgefühl wirklich zu bewältigen. Sie setzt bei jedem 
Anlaß, der Neid, Eifersucht und Haß bei ihr hervor- 
rufen könnte, alle ihre Mechanismen immer wieder in 
Tätigkeit. Aber die Gefühlskonflikte kommen zu keinem 
Abschluß, der ihr Ich zur Ruhe, bringen könnte. Außer- 
dem ist das Endergebnis aller ihrer Kämpfe ein sehr 
ärmliches. Es ist ihr gelungen, die Fiktion, daß sie die 
Mutter liebt, zu erhalten. Aber sie fühlt sich selber voll 
von Haß und verachtet und mißtraut sich dafür. Es 
ist ihr nicht gelungen, sich das Gefühl des Geliebt- 
werdens zu erhalten, das durch den Projektionsmechanis- 
mus zerstört ist. Und es gelingt ihr nicht, den in der 
Kindheit gefürchteten Strafen zu entgehen 5 sie fügt 
sich selber durch die Wendung gegen die eigene Per- 
son alles Böse zu, das sie damals als Strafe von der 
Mutter erwartet hatte. Die drei Mechanismen, die sie 
in Tätigkeit gesetzt hat, können nicht verhindern, daß 
ihr Ich ständig einen Zustand der gespannten Unruhe, 
der Wachsamkeit, einer gesteigerten Inanspruchnahme 
und des intensiven Gequältseins empfindet. 

Vergleichen wir diese Vorgänge mit den entsprechen- 
den Verhältnissen bei einer Hysterie oder einer Zwangs- 



. 



56 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

neurose. Nehmen wir an, die Aufgabe wäre die gleiche: 
Bewältigung des Mutterhasses, der aus dem Penisneid 
entspringt. Die Hysterie erledigt sie durch Verdrängung. 
Der Haß gegen die Mutter wird aus dem Bewußtsein 
gestrichen, allen seinen möglichen Abkömmlingen wird 
der Eintritt ins Ich energisch verwehrt. Die aggressiven 
Regungen, die an ihn, die sexuellen, die an den Penis- 
neid geknüpft sind, können in körperliche Symptome 
verwandelt werden, wenn die Fähigkeit zur Konversion 
und ein somatisches Entgegenkommen vorhanden sind. In 
andern Fällen schützt sich das Ich gegen eine Reakti- 
vierung des ursprünglichen Konflikts durch phobische 
Vermeidungen. Es schränkt seine Aktivität ein und ver- 
hütet dadurch das Zusammentreffen mit allen Situationen, 
die eine Rückkehr des Verdrängten begünstigen könnten. 

Auch bei der Zwangsneurose erfahren Mutterhaß und 
Penisneid zuerst eine Verdrängung. Im weiteren Verlauf 
sichert sich das Ich gegen Rückkehr des Verdrängten 
durch Reaktionsbildungen. Das gegen die Mutter aggres- 
sive Kind wird überzärtlich und um das Leben der 
Mutter besorgt, Neid und Eifersucht werden in Selbst- 
losigkeit und Fürsorge für die andern verwandelt. Die 
Einführung von zwanghaften Handlungen und Vorsichts- 
maßregeln schützt die geliebten Objekte vor dem Aus- 
bruch der eigenen Aggressionen, eine strenge Übermoral 
überwacht die sexuellen Äußerungen. 

Das Kind, das seine infantilen Konflikte auf die ge- 
schilderte hysterische oder zwangsneurotische Weise be- 



DIE ABWEHRMECHANISMEN 57 

wältigt, erscheint pathologischer als die zuerst beschrie- 
bene Patientin. Es hat durch die Verdrängung, die 
vorgefallen ist, die Herrschaft über ein Stück seines 
Gefühlslebens verloren. Die ursprüngliche Beziehung zu 
Mutter und Brüdern, die wichtige Beziehung zur eigenen 
Weiblichkeit ist der weiteren bewußten Verarbeitung 
entzogen und in der reaktiven Ich- Veränderung zwang- 
haft und unveränderlich festgelegt worden. Ein großes 
Stück seiner Aktivität zehrt sich in der Aufrechterhal- 
tung der Gegenbesetzungen auf, die die Verdrängung 
für das weitere Leben sichern sollen. Diese Einbuße an 
Energie wird sich durch die Hemmung und Herab- 
setzung anderer lebenswichtiger Tätigkeiten bemerkbar 
machen. Aber das Ich dieses Kindes, dem für die Er- 
ledigung seiner Konflikte die Verdrängung mit ihren 
pathologischen Folgen zur Verfügung gestanden hat, ist 
zur Ruhe gekommen. Es leidet sekundär durch die 
Folgen der Neurose, die es sich durch die Verdrängung 
zugezogen hat. Aber es hat, wenigstens soweit die 
Konversionshysterie und die Zwangsneurose reicht, seine 
Angst gebunden, seine Schuldgefühle untergebracht und 
seine Strafvorstellungen befriedigt. Der Unterschied liegt 
darin, daß in dem einen Fall, dem der Verdrängung, 
dem Ich die Aufgabe der Konfliktbewältigung durch 
die Symptombildung abgenommen wird, während sie bei 
Gebrauch der andern Abwehrtechniken im Wirkungs- 
kreis des Ichs verbleibt. 

Häufiger als die hier beschriebene Trennung der Ver- 









58 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

drängung von der Verwendung anderer Abwehrmethoden 
ist die Kombination von beiden in einem und demselben 
Fall. Ich nehme als Beispiel die Geschichte einer Patientin, 
die gleichfalls in der ersten Kindheit an intensivem, auf 
den Vater gerichtetem Penisneid leidet. Die sexuellen 
Phantasien dieser Phase erreichen ihren Höhepunkt in 
dem Wunsch, dem Vater den Penis abzubeißen. An 
dieser Stelle setzt auch die Abwehr des Ichs ein. Die 
anstößige Vorstellung wird verdrängt. An ihre Stelle setzt 
sich das Gegenteil, eine allgemeine Unlust zu beißen, 
die sich bald zu einer Eßstörung des Kindes, begleitet 
von hysterischen Ekelgefühlen entwickelt. Damit ist die 
eine Seite des Vorgangs, die orale Phantasie bewältigt. 
Der aggressive Inhalt, d. h. der Wunsch, den Vater oder 
eine Ersatzperson zu berauben, bleibt aber noch eine 
Weile im Bewußtsein, bis die fortschreitende Über- 
Ich- Ausbildung die moralische Abwehr des Ichs dagegen 
aufruft. Dann wird die Raublust mit Hilfe eines Ver- 
schiebungsmechanismus, der später noch ausführlichere 
Erwähnung finden wird, in eine besondere Form von 
Genügsamkeit und Anspruchslosigkeit verwandelt. Das 
Bild, das sich durch die Aufeinanderfolge der beiden 
verschiedenen Abwehrmethoden ergibt, ist das eines 
Untergrunds von hysterischer Neurose mit daraufgesetzter 
spezieller Ich- Veränderung, die selber keinen pathologi- 
schen Charakter mehr trägt. 

Der Eindruck, den man von diesen wenigen Beispielen 
erhält, vertieft sich, wenn man die Wirkungen der ver- 



DIE ABWEHRMECHANISMEN 



59 



schiedenen Mechanismen in derselben Weise im einzelnen 
an andern Fällen verfolgt. Die Verdrängung mag in der 
theoretischen Unterordnung unter den allgemeinen Be- 
griff der Abwehr den übrigen Spezialfällen der Abwehr 
nebengeordnet sein. Soweit es sich um ihre Wirksam- 
keit handelt, behält sie trotzdem den übrigen Methoden 
gegenüber eine Sonderstellung. Sie leistet der Quantität 
nach mehr als die andern Techniken, d. h. sie kann 
starke Triebregungen noch bewältigen, gegen die andere 
Abwehrversuche machtlos bleiben. Ihre Wirkung ist ein- 
malig, erst die Gegenbesetzung, die zu ihrer Sicherung 
eingesetzt wird, ist eine ständige Institution, die einen 
ständigen Energieaufwand verlangt. Die andern Mecha- 
nismen dagegen müssen bei jedem neu auftauchenden 
Triebschub von neuem in Tätigkeit gesetzt werden. 
Aber die Verdrängung ist nicht nur der wirksamste, 
sie ist auch der gefährlichste Mechanismus. Die Ab- 
spaltung vom Ich, die sich durch den Bewußtseinsentzug 
für ganze Gebiete des Affekt- und Trieblebens herstellt, 
kann ein für allemal die Intaktheit der Persönlichkeit 
zerstören. Die Verdrängung wird dadurch zur Basis für die 
Kompromiß- und Neurosenbildung. Die Folgen der andern 
Abwehrtechniken sind nicht weniger ernsthaft, aber sie 
halten sich, auch bei der Steigerung ihrer Intensität, mehr 
in den Grenzen des Normalen. Sie äußern sich in den 
zahllosen Verwandlungen, Verzerrungen und Deformie- 
rungen des Ichs, welche die Neurose teils begleiten, teils . 
ersetzen können. 



60 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Versuch einer Chronologie. — Aber auch wenn man 
die Sonderstellung der Verdrängung anerkennt, bleibt 
noch für die andern Mechanismen der Eindruck, daß 
sich hier Ungleichartiges und Mannigfaltiges unter einem. 
Begriff vereinigt. Techniken wie Isolierung und Un- 
geschehenmachen stehen neben wirklichen Trieb Vorgängen, 
wie Regression, Verkehrung ins Gegenteil, Wendung 
gegen die eigene Person. Manche von ihnen können 
große, manche nur kleine Quantitäten Trieb oder Affekt 
bewältigen. Es bleibt offen, nach welchen Gesichtspunkten 
das Ich unter den Mechanismen auswählt. Vielleicht be- 
kämpft die Verdrängung vor allem sexuelle Wünsche, 
und andere Methoden lassen sich besser gegen andere 
Triebkräfte, besonders gegen die aggressiven Regungen 
gebrauchen. Vielleicht haben die andern Abwehrmethoden 
nur aufzuarbeiten, was die Verdrängung übrig läßt oder 
was von verpönten Vorstellungen nach Mißglücken der 
Verdrängung wiederkehrt 1 . Vielleicht ist jedes erste Auf- 
treten einer bestimmten Abwehrmethode auch an eine 
bestimmte Aufgabe der Triebbewältigung, also an eine 
bestimmte Phase der infantilen Entwicklung gebunden 2 . 

Dieselbe Ergänzung zu „Hemmung, Symptom und 
Angst", die ich schon mehrere Male zitiert habe, ent- 
hält auch eine erste Antwort auf diese Fragen. „Es kann 
leicht sein, daß der seelische Apparat vor der scharfen 

1) Nach einer Bemerkung von Jeanne Lampl-de Groot in einer 
Diskussion der Wiener Vereinigung. 

2) Nach einer Bemerkung von Helene Deutsch. 



DIE ABWEHRMECHANISMEN 6l 

Sonderung von Ich und Es, vor der Ausbildung eines 
Über-Ichs, andere Methoden der Abwehr übt als nach 
der Erreichung dieser Organisationsstufen 1 ". Das heißt 
in ausführlicherer Darstellung: Die Verdrängung besteht 
in der Abhaltung oder Ausstoßung von Vorstellung oder 
Affekt vom bewußten Ich. Es kann keinen Sinn haben, 
von Verdrängungen dort zu reden, wo Ich und Es noch 
ineinanderfließen. Ebenso könnte man meinen, Projektion 
und Introjektion seien Methoden, die auf der Sonderung 
von Ich und Außenwelt beruhen. Die Ausstoßung aus 
dem Ich und Zuordnung zur Außenwelt könne erst dann 
für das Ich erleichternd wirken, wenn es gelernt habe, 
sich selbst nicht mehr mit der Außenwelt zu verwechseln. 
Die Introjektion aus der Außenwelt ins Ich anderseits 
bekomme erst dann die Bedeutung einer Bereicherung 
des Ichs, wenn vorher die Trennung des Besitzstands 
zwischen Ich und Außenwelt geklärt sei. Aber die Ver- 
hältnisse liegen gar nicht so einfach. Die Genese bei 
Projektion und Introjektion ist viel dunkler. 2 Die Sub- 
limierung, d. h. die Verschiebung des Triebziels im Sinne 
der höheren sozialen Wertung, setzt die Anerkennung 
oder wenigstens die Kenntnis solcher Wertungen voraus, 
also das Vorhandensein des Über-Ichs. Verdrängung und 
Sublimierung wären danach Abwehrmechanismen, die 
erst verhältnismäßig spät in Gebrauch kommen können; 

1) 1. c, Bd. XI, S. 107. 

2) Vgl. Freud, Ges. Sehr., Bd. X, S. 81, und die unten angeführte 
Auffassung der englischen Schule. 



- 



62 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

die Einreihung von Projektion und Introjektion hängt 
vom jeweiligen Stand der theoretischen Auffassung ab. 
Vorgänge wie Regression, Verkehrung ins Gegenteil, 
Wendung gegen die eigene Person, die ausschließlich am 
Trieb selbst vor sich gehen, könnten vom Stand des 
strukturellen Aufbaus unabhängig und so alt sein wie 
der Trieb selbst oder doch so alt wie der Kampf zwischen 
Triebregungen und irgendeinem Hindernis der Trieb- 
befriedigung. Man wäre nicht erstaunt, sie als die aller- 
frühesten in der Verwendung vorzufinden. 

Aber diesem Versuch einer zeitlichen Einordnung wider- 
spricht die Erfahrung, daß die frühesten neurotischen 
Krankheitserscheinungen, die beim Kleinkind auftreten, 
die hysterischen Symptome sind, über deren Verbunden- 
heit mit der Verdrängung kein Zweifel besteht; und 
anderseits, daß Erscheinungen des wirklichen Masochis- 
mus, die auf der Wendung des Triebes gegen die eigene 
Person beruhen, im frühesten Kindesalter kaum zu finden 
sind. Introjektion und Projektion, die wir in die Zeit 
nach der Sonderung von Ich und Außenwelt verlegen 
möchten, werden in der Theorie der englischen ana- 
lytischen Schule für den Ich-Aufbau und die Abscheidung 
des Ichs von der Außenwelt überhaupt erst verantwort- 
lich gemacht. Wir stoßen hier auf die Tatsache, daß 
die Chronologie eines der ungeklärtesten Gebiete inner- 
halb der analytischen Theorie ist. Die Streitfrage, wann 
das Uber-Ich des Individuums eigentlich gebildet wird, 
ist ein gutes Beispiel dafür. Eine zeitliche Einteilung der 



DIE ABW.EHRMECHANISMEN 63 

Abwehrmechanismen müßte also alle Zweifel und Un- 
sicherheiten teilen, die den Zeitbestimmungen in der 
Analyse heute noch anhaften. Es ist darum vielleicht 
besser, diesen Versuch einer Klassifikation der Mechanis- 
men nicht weiter zu verfolgen und statt dessen lieber 
die Einzelheiten der Abwehrsituationen selber besser zu 
studieren. 






I 



V. KAPITEL. 

ORIENTIERUNG DER ABWEHRVORGÄNGE 
NACH ANGST UND GEFAHR. 

Die Triebgefahren, gegen die das Ich sich verteidigt, 
sind immer die gleichen, aber die Gründe, warum es 
einen bestimmten Triebvorstoß als Gefahr empfindet, 
können von verschiedener Art sein. 

Triebabwehr aus Über-Ich-Angst in der Neurose des 
Erwachsenen. — Am längsten und gründlichsten kennen 
wir in der Analyse die Abwehrsituation, die der Neurose 
des Erwachsenen zugrunde liegt. Hier handelt es sich 
um einen Triebwunsch, der bewußt werden und mit 
Hilfe des Ichs Befriedigung finden möchte. Das Ich wäre 
auch nicht abgeneigt, aber das Über-Ich erhebt Ein- 
spruch. Das Ich fügt sich der höheren Instanz und 
nimmt gehorsam den Kampf gegen die Triebregung 
mit allen seinen Folgen auf. Das Charakteristische an 
diesem Vorgang ist, daß das Ich den Trieb, den es be- 
kämpft, selbst gar nicht als gefährlich empfindet. Das 
Motiv, dem es bei der Abwehr folgt, liegt nicht in ihm. 
Der Trieb wird dadurch gefährlich, daß seine Befriedi- 
gung vom Über-Ich verboten ist und seine Durchsetzung 
einen sicheren Konflikt zwischen Ich und Über-Ich 



ORIENTIERUNG DER ABWEHRVORGÄNGE 65 

heraufbeschwört. Das Ich des erwachsenen Neurotikers 
fürchtet also den Trieb, weil es das Über-Ich fürchtet. 
Seine Triebabwehr erfolgt unter dem Druck der Über- 
ich-Angst. 

Solange wir uns mit der Triebabwehr des erwachsenen 
Neurotikers allein befassen, ist unsere Meinung vom 
Über-Ich eine sehr hohe. Das Über-Ich erscheint hier 
als der Urheber aller Neurose. Das Über-Ich ist der 
Störenfried, der kein freundliches Übereinkommen zwischen 
Ich und Trieb zustande kommen läßt. Es präsentiert die 
Idealforderungen, die die Sexualität verpönen und die 
Aggression für unsozial erklären. Es fordert Sexualent- 
sagung und Aggressionseinschränkung in einem Maß, 
das mit psychischer Gesundheit nicht mehr verträglich 
ist. Es nimmt dem Ich alle Selbständigkeit, drückt es 
zu dem Vollstrecker seiner Wünsche herab und macht 
es dadurch triebfeindlich und genußunfähig. Das Studium 
der Abwehrsituation der Neurose des Erwachsenen drängt 
uns dazu, in der Therapie die analytische Zersetzungs- 
arbeit am Über-Ich ganz besonders zu berücksichtigen. 
Eine Herabsetzung, Milderung oder — wie manche es 
extrem ausdrücken — eine Zertrümmerung des Über- 
Ichs muß das Ich entlasten und für den neurotischen 
Konflikt wenigstens von einer Seite her Erleichterung 
bringen. Die gleiche Auffassung vom Über-Ich als der 
Wurzel alles neurotischen Übels führt auch zu großen 
Hoffnungen für die Neurosenverhütung. Wenn die Neurose 
vom strengen Über-Ich gemacht wird, dann braucht die 

Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen. e 



66 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Erziehung nur alles zu vermeiden, was einer extremen 
Über-Ich-Bildung dient. Die Erziehungsmittel, die später 
vom Über-Ich verinnerlicht werden, müßten milde ge- 
halten sein 5 das Beispiel der Eltern, das das Über-Ich 
sich durch Identifizierung aneignet, soll das Bild ihrer 
wirklichen menschlichen Schwächen und ihrer Trieb- 
freundlichkeit enthalten, statt eine in Wirklichkeit gar 
nicht durchzuführende strenge Übermoral vorzuspiegeln- 
und die Aggression des Kindes soll Möglichkeiten haben, 
sich gegen die Außenwelt zu äußern, damit sie nicht 
aufgestaut und nach innen gewendet werden muß wo 
sie dann das Über-Ich mit seinen grausamen Zügen aus- 
stattet. Bringt die Erziehung das alles zustande, dann 
müßten die Menschen, die aus ihr hervorgehen, angst- 
frei sein, unneurotisch, genußfähig und nicht von inneren 
Konflikten zerrissen. Aber diese Hoffnungen auf Aus- 
rottung aller Neurosen aus dem menschlichen Leben 1 
erfüllen sich in der pädagogischen Praxis nicht und 
werden in der Theorie schon durch den nächsten Schritt 
der analytischen Forschung wieder gründlich zerstört. 

Triebabwehr aus Realangst in der infantilen Neurose. — 
Das Studium der Abwehr in der infantilen Neurose 2 zeigt, 
daß das Über-Ich kein unentbehrlicher Faktor für die 
Neurosenbildung ist. Wenn der erwachsene Neurotiker 



i) Die am extremsten Wilhelm Reich, aber auch viele andere mit 
ihm vertreten. 

2) Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd. XI, S. 47. 



ORIENTIERUNG DER ABWEHRVORGÄNGE 67 

sich gegen seine sexuellen und aggressiven Wünsche 
wehrt, um nicht in Konflikt mit seinem Über-Ich zu 
geraten, so tut das kleine Kind mit seinen Triebregungen 
dasselbe, um nicht in Widerspruch mit den Verboten 
der Eltern zu kommen. Auch das Ich des kleinen Kindes 
kämpft nicht selbständig gegen den Trieb, das Motiv, 
dem es bei der Abwehr folgt, liegt auch nicht in ihm 
selber. Der Trieb wird ihm dadurch gefahrlich, daß 
seine Befriedigung von den Erzieherpersonen verboten 
ist ; der Triebdurchbruch hat Einschränkungen, Strafen 
und Bedrohungen zur Folge. Die Kastrationsangst leistet 
dem kleinen Kind, was die Gewissensangst dem er- 
wachsenen Neurotiker leistet; das Ich des Kindes fürchtet 
den Trieb, weil es die Außenwelt fürchtet. Seine Trieb- 
abwehr erfolgt also unter dem Druck der Angst vor 
der Außenwelt oder der Realangst. 

Die Beobachtung, daß das kindliche Ich, von der 
Realangst getrieben, dieselben Phobien, Zwangsneurosen, 
Hysterien und neurotischen Charakterzüge produziert, 
wie wir sie beim Erwachsenen als Folge der Über-Ich- 
Angst kennengelernt haben, setzt natürlich unsere hohe 
Meinung von der Macht des Über-Ichs wieder herunter. 
Wir merken, daß wir dem Über-Ich zugeschrieben haben, 
was in Wirklichkeit der Angst des Ichs zuzuschreiben 
gewesen wäre. Es scheint für die Neurosenbildung gleich- 
gültig, vor wem das Ich Angst hat. Das Entscheidende 
ist, daß die Angst des Ichs — das eine Mal vor der 
Außenwelt, das andere Mal vor dem Über-Ich — den 



68 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

Abwehrvorgang in Tätigkeit setzt. Das Symptom, das 
dann als letzte Folge des Abwehrvorgangs im Bewußt- 
sein erscheint, läßt nicht mehr erkennen, welcher Art 
von Angst des Ichs es sein Zustandekommen verdankt. 
Das Studium dieser zweiten Abwehrsituation — Trieb- 
abwehr aus Realangst — führt zu einer hohen Ein- 
schätzung der Macht der Außenwelt über das Kind und 
erlaubt uns von dieser Seite her noch Hoffnungen auf 
eine wirksame Neurosenverhütung. Das kleine Kind unserer 
Zeiten hätte nach dieser Auffassung ja viel mehr Real- 
angst, als notwendig wäre. Die Strafen, die es für seine 
Triebbefriedigung fürchtet, sind zum großen Teil in unserer 
Kultur überhaupt nicht mehr vorhanden. Weder übt man 
bei uns die Kastration als Sühne für verbotene sexuelle 
Genüsse, noch die Verstümmelung als Strafe für aggressive 
Handlungen. Aber unsere Erziehungsmaßnahmen haben 
doch immer noch eine entfernte Ähnlichkeit mit diesen bar- 
barischen Strafen früherer Zeiten, gerade genug, um irgend- 
welche dunkle Ahnungen und Befürchtungen, die sich als 
Restbestände durch Vererbung erhalten, wieder neu zu 
aktivieren. Optimisten vertreten den Standpunkt, daß es 
möglich sein müßte, diese entfernten Andeutungen von 
Kastrationsdrohungen und Gewaltmitteln, die sich, wenn 
nicht in den verwendeten Erziehungsmitteln, doch in 
Ton und Stimme der Erwachsenen spiegeln, auch noch 
zu vermeiden. Damit, hofft man, wäre dann endgültig der 
Zusammenhang zwischen unserer Erziehung und jenen 
alten Strafängsten zerrissen. Es müßte gelingen, auf diese 



... 



ORIENTIERUNG DER AEWEHRVORGÄNGE 69 

Art die Realangst des Kindes abzuschwächen, das Ver- 
hältnis zwischen seinem Ich und seinem Trieb müßte 
sich endlich entscheidend verändern, und der infantilen 
Neurose müßte dadurch ein großes Stück Boden endgültig 
entzogen werden können. 

Triebabwehr aus Angst vor der Triebstärke. — Aber 
eine andere Erfahrung der Psychoanalyse stört auch noch 
die Aussichten nach dieser Richtung. Das Ich des Men- 
schen ist seinem Wesen nach überhaupt kein geeigneter 
Boden für ungestörte Triebbefriedigung. Das heißt, das 
Ich ist nur triebfreundlich, soweit es sich noch wenig 
in seiner Ausbildung vom Es differenziert hat. Soweit 
es seine eigene Entwicklung vom Primärvorgang zum 
Sekundärvorgang, vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip 
durchgemacht hat, ist es, wie oben geschildert, ein trieb- 
fremdes Gebiet geworden. Dieses Mißtrauen des Ichs 
gegen die Triebansprüche ist immer vorhanden, wird 
aber unter normalen Verhältnissen nur wenig sichtbar. 
Es wird von dem viel lärmenderen Kampf überdeckt, 
den Über-Ich und Außenwelt auf dem Boden des Ichs 
gegen die Es-Regungen führen. Aber diese stille Feind- 
seligkeit gegen den Trieb steigert sich zur Angst, wenn 
das Ich sich von dem Schutz dieser höheren Mächte ver- 
lassen fühlt oder wenn die Ansprüche der Triebregungen 
übermäßig steigen. „Was das Ich von der äußeren und 
von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht an- 
geben^ wir wissen, es ist Überwältigung oder Vernichtung, 






7° THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

aber es ist analytisch nicht zu fassen." 1 Robert Wälder 
bezeichnet es als „Gefahr, in seiner Organisation zerstört, 
überflutet zu werden." 2 Diese Angst des Ichs vor der 
Triebstärke wirkt nicht anders als die Über-Ich-Angst 
oder die Realangst, die wir bisher verfolgt haben. Sie 
setzt Abwehrmechanismen gegen den Trieb in Bewegung, 
die dann zu allen uns bekannten Folgen für die Neu- 
rosen- und Charakterbildung führen. Diese Triebabwehr 
aus Angst vor der Triebstärke läßt sich im kindlichen 
Leben am besten dort studieren, wo die analytische Päda- 
gogik und Therapie sich sehr angestrengt haben, die An- 
lässe für Realangst und Gewissensangst fortzuschaffen, die 
sie sonst überdecken. Im späteren Leben können wir sie 
überall dort in voller Tätigkeit beobachten, wo eine plötz- 
liche Triebsteigerung von innen her das Gleichgewicht 
zwischen den seelischen Instanzen umzustürzen droht, wie 
es normaler- und physiologischerweise z. ß. in der Pubertät 
und im Klimakterium, aus pathologischen Gründen im 
Beginn des psychotischen Schubes der Fall ist. 

Weitere Motive für die Triebabwehr. — Zu diesen drei 
großen Gründen für die Triebabwehr (Abwehr aus Über- 
Ich-Angst, aus Realangst, aus Angst vor der Triebstär ke) 

i) Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI, S. 403. — Vgl. dazu auch 
„Hemmung, Symptom und Angst", Ges. Sehr., Bd. XI, S. 51, wo davor 
gewarnt wird, die Rolle des Über-Ichs bei der Verdrängung zu über- 
schätzen, und die Bedeutung quantitativer Momente, wie der übergroßen 
Stärke der Erregung hervorgehoben wird. 

2) R. Wälder, Das Prinzip der mehrfachen Funktion. Int. Ztschr. 
f. Psychoanalyse, XVI, 193 o, S. 287 f. 







ORIENTIERUNG DER ABWEHRVORGÄNGE 7 1 

kommen im späteren Leben die Motive, die dem Bedürfnis 
des Ichs nach Synthese entspringen. Das erwachsene Ich 
verlangt, daß die in ihm vorhandenen Regungen auch 
irgendwie übereinstimmen. Daraus ergeben sich alle die 
Konflikte zwischen gegensätzlichen Strebungen, wie Ho- 
mosexualität und Heterosexualität, Passivität und Akti- 
vität etc., die Alexander ausführlich beschrieben hat. 1 
Welche von zwei vorhandenen gegensätzlichen Regungen 
abgewehrt oder zugelassen wird oder welchen Kompromiß 
beide miteinander eingehen, wird sich im einzelnen Fall 
wieder nach der Größe der Besetzungen entscheiden. 

Die ersten beiden von den Motiven, die wir bisher 
kennengelernt haben (Abwehr aus Über-Ich-Angst und 
aus Realangst), lassen sich außerdem noch auf ein Ge- 
meinsames zurückführen. Wenn die Triebbefriedigung sich 
in diesen Fällen trotz des Einspruchs von Über-Ich oder 
Außenwelt durchsetzen könnte, so würde zwar primär 
Lust, sekundär aber durch die nachfolgenden Schuldge- 
fühle, die das Unbewußte, durch die Strafen, die die 
Außenwelt entsendet, Unlust entstehen. Die Abwehr der 
Triebbefriedigung aus diesen beiden Motiven entspricht 
also dem Realitätsprinzip. Sie hat vor allem die Absicht, 
diese sekundäre Unlust zu vermeiden. 

Die Motive der Affektabwehr. — Die Gründe, die 
sich für die Triebabwehr erkennen lassen, gelten ohne 

1) F. Alexander, Über das Verhältnis von Struktur- zu Triebkon- 
flikten. Int. Ztschr. f. Psychoanalyse XX, 1934, S.-35ff. 



7 2 THEORIE DER ABWEHRMECH ANISMEN 

Abänderung auch für die Vorgänge bei der Affektabwehr. 
Wo immer sich das Ich aus einem der angegebenen 
Motive gegen Triebregungen verteidigt, muß es auch 
die Affekte abwehren, von denen der Triebvorgang be- 
gleitet ist. Dabei kommt es nicht darauf an, was es für 
Affekte sind; der Affekt kann lustvoll sein, peinlich oder 
für das Ich bedrohlich. Es ist gleichgültig, das Ich darf 
ihn keinesfalls unentstellt empfinden. Wenn er zu einem 
verpönten Triebvorgang gehört, so ist sein Schicksal von 
vornherein entschieden; diese Zugehörigkeit allein ge- 
nügt, um das Ich gegen ihn in Abwehrstellung zu ver- 
setzen. 

Diese Gründe für Affektabwehr ergeben sich einfach 
aus den Kämpfen zwischen Ich und Trieb. Daneben aber 
gibt es noch eine andere primitivere Beziehung zwischen 
Ich und Affekt, für die sich in der Beziehung zwischen 
Ich und Trieb kein Gegenstück findet. Eine Trieb be- 
friedigung ist primär immer etwas Lustvolles. Aber ein 
Affekt kann je nach seiner Art primär lustvoll oder pein- 
lich sein. Wo das Ich gegen den Triebvorgang nichts 
einzuwenden hat, sich also von dieser Seite her kein 
Grund für Abwehr des Affekts ergibt, dort entscheidet 
das Ich seine Einstellung zum Affekt rein nach dem 
Lustprinzip. Es begrüßt den lustvollen Affekt und ver- 
teidigt sich gegen den peinlichen. Ja sogar dort, wo im 
Zusammenhang mit der Triebverdrängung Angst und 
Schuldgefühl die Affektabwehr erzwingen, lassen sich noch 
Reste dieser Auswahl nach dem Lustprinzip bemerken. 



ORIENTIERUNG DER ABWEHRVORGÄNGE 73 

Das Ich ist um so schneller bereit, Affekte abzuwehren, 
die mit verbotenen Sexualregungen zusammenhängen, 
wenn es sich noch dazu um peinliche Affekte handelt, 
wie etwa Schmerz, Sehnsucht, Trauer. Positive Affekte 
dagegen können rein durch ihren Lustcharakter auch 
gegen den Druck eines Verbots etwas länger vom Ich 
gehalten werden oder sich auch gelegentlich im plötz- 
lichen Durchbruch für kurze Dauer Duldung vom Ich 
erzwingen. 

. Diese simple Abwehr des primär peinlichen Affekts 
entspricht dann der Abwehr der primär peinlichen Reize, 
die dem Ich aus der Außenwelt zuströmen. Wir werden 
später sehen, daß dem Kind für diese primitiven Formen 
der Abwehr, die einfach dem Lustprinzip folgen, auch 
primitivere Techniken zur Verfügung stehen. 

Nachprüfung in der analytischen Praxis. — Was man 
in der theoretischen Darstellung mühsam zusammen- 
setzen und aneinanderreihen muß, das läßt sich glück- 
licherweise in der praktischen Analyse am Patienten ohne 
weitere Schwierigkeiten zeigen und beweisen. Wo immer 
wir einen Abwehrvorgang analytisch rückgängig machen, 
stoßen wir auf die einzelnen Faktoren, die an seinem Zu- 
standekommen beteiligt waren. Wir erkennen in der Ana- 
lyse das Maß von Energie, das bei der Herstellung der 
Verdrängungen aufgebracht worden ist, an der Stärke des 
Widerstands, der sich uns entgegenstellt, wenn wir diese 
Verdrängung wieder lösen wollen. Ebenso erkennen wir 






74 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

das Motiv, das zur Abwehr einer Triebregung geführt hat, 
an dem Gemütszustand des Patienten, der sich herstellt, 
wenn wir in der Analyse dem Abgewehrten wieder Zu- 
gang zum Bewußtsein verschaffen. Wenn wir neurotische 
Abwehr rückgängig machen, die unter dem Druck des 
Über-Ichs entstanden ist, dann empfindet der Analysierte 
Schuldgefühle, d. h. Angst vor dem Über-Ich. Wenn 
wir Abwehr rückgängig machen, die von der Außen- 
welt erzwungen wurde, so entsteht Realangst. Wenn wir 
ein Kind in der Analyse veranlassen, abgewehrte pein- 
liche Affekte wieder zu empfinden, so spürt es dieselbe 
intensive Unlust, die sein Ich zum Gebrauch von Abwehr- 
maßnahmen veranlaßt hatte. Wenn wir uns schließlich 
in einen Abwehrvorgang mischen, der von der Angst vor 
der Triebgröße angeregt war, so ereignet sich auch wieder 
genau das, was das Ich verhüten wollte: die bis dahin 
niedergehaltenen Es- Abkömmlinge dringen ungehinderter 
in das Gebiet des Ichs vor. 

Gesichtspunkte für die psychoanalytische Therapie. — 
Diese Übersicht über die Abwehrvorgänge zeigt uns gleich- 
zeitig die verschiedenen möglichen Angriffspunkte für die 
analytische Therapie in voller Deutlichkeit. Der analy- 
tische Vorgang macht die Abwehr rückgängig, erzwingt 
den abgewehrten Triebregungen oder Affekten von neuem 
den Zutritt zum Bewußtsein und überläßt es dann Ich und 
Uber-Ich, sich auf einer besseren Basis mit ihnen zu ver- 
ständigen. Die günstigste Vorbedingung für eine gute 






1 

> 



ORIENTIERUNG DER ABWEHRVORGÄNGE 75 

Lösung der Konflikte findet sich dort, wo die Triebabwehr 
vorher aus Über-Ich- Angst erfolgt war. Hier ist der Konflikt 
ein wirklich inner-psychischer, der sich auch zwischen den 
Instanzen erledigen läßt, besonders wenn das Über-Ich in- 
zwischen durch Analyse der Identifizierungen, auf die es 
aufgebaut ist, und durch Analyse der Aggression, die es 
übernommen hat, zugänglicher für Vernunftansprüche ge- 
worden ist. Die Angst des Ichs vor dem Über-Ich ist da- 
durch geringer geworden. Es ist darum nicht mehr nötig, 
Abwehrmethoden mit pathologischen Folgen in Tätigkeit 
zu setzen. 

Aber auch dort in der infantilen Neurose, wo die Ab- 
wehr aus Realangst erfolgt war, hat die analytische Thera- 
pie sehr gute Aussicht auf Erfolg. Am einfachsten und 
unanalytischsten ist der Versuch des Analytikers, nach 
Rückgängigmachen des Abwehrvorgangs im Kind selbst, 
die Realität, nämlich die Erzieher des Kindes, so zu beein- 
flussen, daß weniger Realangst vorhanden ist 5 das Ich des 
Kindes wird dann weniger streng gegen den Trieb und 
hat weniger Triebabwehr nötig. In anderen Fällen zeigt 
sich in der Analyse, daß die Ängste, die die Abwehr zu 
stände gebracht haben, einer schon vergangenen Wirklich- 
keit angehören; das Ich erkennt, daß es sich vor dieser 
Wirklichkeit nicht mehr zu fürchten braucht. In anderen 
Fällen wieder erweist sich die scheinbare Realangst als 
Vergrößerung, Vergröberung, Verzerrung der Realität im 
Sinne uralter, nicht mehr existierender Wirklichkeiten. 
Diese „Realängste" werden von der Analyse als phanta- 












7 6 THEORIE DER ABWEHRMECHANISMEN 

stische Ängste entlarvt, für die es nicht lohnt, Trieb- 
abwehr in Tätigkeit zu setzen. 

Das Rückgängigmachen von Affektabwehr zwecks Unlust- 
vermeidung verlangt noch eine Zutat zur Analyse, wenn 
es wirksam bleiben soll. Das Kind muß lernen, immer 
größere Quantitäten von Unlust zu ertragen, ohne sofort 
seine Abwehrmechanismen zur Verteidigung zu Hilfe zu 
rufen. Wir erkennen allerdings, daß das eine Aufgabe ist, 
die theoretisch mehr der Erziehung des Kindes als seiner 
Analyse zugehört. 

Nur diejenigen pathologischen Zustände, die auf der Ab- 
wehr aus Angst vor der Triebgröße beruhen, reagieren 
schlecht auf die analytische Bemühung. Hier bringt das 
Rückgängigmachen der Abwehr dem Ich Gefahr, ohne ihm 
gleich darauf auch Hilfe bringen zu können. Der Analytiker 
beruhigt in der Analyse den Patienten, der das Bewußt- 
machen seiner Es-Regungen furchtet, immer mit der Ver- 
sicherung, daß die bewußte Regung ungefährlicher und 
beherrschbarer ist als dieselbe Strebung im Zustande der 
Unbewußtheit. Die Situation der Abwehr aus Angst vor der 
Triebstärke ist die einzige, in der der Analytiker seine Ver- 
sprechungen nicht halten kann. Dieser ernsthafteste Kampf 
des Ichs gegen die Überschwemmung vom Es her, wie etwa 
beim psychotischen Schub, ist vor allem eine quantitative 
Angelegenheit. Das Ich verlangt zu seiner Hilfe in diesem 
Kampf nur nach Stärkung. Wo die Analyse sie ihm durch 
Bewußtmachung unbewußter Es-Inhalte geben kann, wirkt 
sie auch hier als Therapie. Wo die Analyse aber durch Be- 



ORIENTIERUNG DER ABWEHRVORGÄNGE 77 

wußtmachung der unbewußten Ich -Tätigkeiten die Ab- 
wehrvorgänge aufdeckt und außer Tätigkeit setzt, wirkt 
sie als Schwächung des Ichs und befördert den Krankheits- 
prozeß. 



s 
























• 



• 



B. BEISPIELE FÜR DIE VERMEIDUNG 
VON REALUNLUST UND REALGEFAHR. 

(VORSTUFEN DER ABWEHR.) 



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VI. KAPITEL. 

DIE VERLEUGNUNG IN DER PHANTASIE. 

Die Abwehrmethoden, die die psychoanalytische Arbeit 
uns bisher kennen gelehrt hat, dienen alle ausschließlich 
dem Kampf des Ichs mit seinem Triebleben. Sie werden 
durch die drei großen Ängste in Bewegung gesetzt, denen 
das Ich ausgeliefert ist, durch Triebangst, Realangst und 
Gewissensangst. Auch der einfache Kampf widersprechen- 
der Triebregungen miteinander ist imstande, Abwehr aus- 
zulösen. 

Der Entwicklungsweg der analytischen Forschung geht 
von den Konflikten zwischen dem Es und den Ich-Instanzen 
(Hysterie, Zwangsneurose usw.) zum Konflikt zwischen Ich 
und Über-Ich (Melancholie) und von dort zur Beobachtung 
der Konflikte zwischen Ich und Außenwelt (infantile Tier- 
phobie in „Hemmung, Symptom und Angst"). In allen 
diesen Konfliktsituationen sträubt sich das Ich dagegen, 
ein Stück des eigenen Es zu akzeptieren. Das Abwehrende 
und das Abgewehrte bleiben also jedesmal konstant, die 
variablen Faktoren sind die Mächte, unter deren Druck 
das Ich die Abwehraktionen ausführt. In letzter Linie 
dient jede einzelne Abwehrhandlung immer wieder der 
Sicherung des Ichs und der Ersparung von Unlust. 

Aber das Ich verteidigt sich nicht nur gegen Unlust, 

Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen. 6 



82 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

die von innen kommt. Zur gleichen frühen Zeit wie die 
gefährlichen inneren Triebreize lernt es die Unlust kennen, 
die aus der Außenwelt stammt. Es steht in engem Kon- 
takt mit der Außenwelt, entlehnt ihr seine Liebesobjekte, 
holt sich aus ihr die Eindrücke, die seine Wahrnehmung 
aufnimmt und sein Verstand verarbeitet. Je wichtiger ihm 
die Außenwelt als Lustquelle und Interessengebiet ist, 
desto größer sind die Möglichkeiten, Unlust von ihr zu 
erfahren. Das Ich des kleinen Kindes lebt noch nach dem 
Lustprinzip, es dauert lange, bis es zum Ertragen von Un- 
lust erzogen wird. In dieser Zeit ist das Individuum noch 
zu schwach, um der Außenwelt aktiv entgegenzutreten, 
sich mit körperlichen Kräften zu wehren und sie nach 
seinem Willen zu verändern; es ist gewöhnlich körper- 
lich zu gebunden, um vor ihr die Flucht zu ergreifen; 
es ist gleichzeitig noch zu unverständig, um das Unver- 
meidliche verstandesmäßig zu erfassen und sich ihm zu 
fügen. In dieser Zeit der Unreife und Abhängigkeit macht 
das Ich, unabhängig von seinen Versuchen zur Bewälti- 
gung der Triebreize, auch Abwehranstrengungen aller Art 
gegen die reale Unlust und die Realgefahren, die es be- 
drängen wollen. 

Die Entstehung der psychoanalytischen Lehre aus der 
Neurosenforschung macht es verständlich, daß die ana- 
lytische Beobachtung vor allem immer auf den inneren 
Kampf zwischen Trieb und Ich gerichtet war, dessen 
Folgezustände die neurotischen Symptome sind. Die Ar- 
beit des kindlichen Ichs zur Unlustvermeidung in direkter 



DIE VERLEUGNUNG IN DER PHANTASIE 85 

Gegenwehr gegen die Eindrücke aus der Außenwelt ge- 
hört der Normalpsychologie an. Ihre Folgen sind vielleicht 
schwerwiegend für die Ich- und Charakter-Bildung, aber 
sie sind nicht pathogen. Wo immer wir diese Ich-Leistung 
in klinischen analytischen Arbeiten geschildert finden, er- 
scheint sie deshalb nicht als das eigentliche Objekt der 
Untersuchung, sondern ist immer nur ein Nebenprodukt 
der Beobachtung. 

Nehmen wir die Tierphobie des kleinen Hans noch 
einmal als Beispiel für ein solches klinisches Nebenein- 
ander von Abwehrvorgängen nach innen und außen. Wir 
erfahren 1 , daß der Neurose des Knaben die normalen 
Regungen seines Ödipuskomplexes zugrunde liegen. Er 
liebt die Mutter, gerät aus Eifersucht in eine aggressive 
Einstellung zum Vater, die sekundär wieder mit seiner 
zärtlichen Liebe zum Vater in Konflikt gerät. Die Aggres- 
sion gegen den Vater weckt seine Kastrationsangst, die — 
als Realangst empfunden — den ganzen Apparat der 
Triebabwehr in Bewegung setzt. Die Methoden, deren 
seine Neurose sich bedient, sind die Verschiebung, vom 
Vater auf das Angsttier, und die Verwandlung der Be- 
drohung des Vaters in ihr Gegenteil, nämlich in die 
Angst, von ihm bedroht zu werden. Eine Regression 
zur oralen Stufe, das Gebissenwerden, tritt noch hinzu, 
um das Bild völlig zu entstellen. Die verwendeten Mecha- 
nismen erfüllen ihren Zweck der Triebabwehr vollkommen: 
die verpönte libidinöse Liebe zur Mutter und die gefähr- 

1) Aus der Schilderung in „Hemmung, Symptom und Angst". 

6* 



84 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

liehe Aggression gegen den Vater sind ganz aus dem Be- 
wußtsein verschwunden. Die Kastrationsangst vor dem 
Vater ist im Symptom der Pferdeangst gebunden; der 
Angstanfall aber kann mit Hilfe des phobischen Mecha- 
nismus durch die Auferlegung einer neurotischen Hem- 
mung, nämlich durch den Verzicht auf das Ausgehen, 
vermieden werden. 

Es ist dann die Aufgabe der Analyse des kleinen Hans, 
die Arbeit dieser Abwehrmechanismen wieder rückgängig 
zu machen. Die Triebregungen werden neuerlich aus 
den Entstellungen befreit, die Angst wird vom Pferd auf 
den Vater zurückgeführt und am eigentlichen Objekt be- 
sprochen, ermäßigt und als irreal erkannt. Die liebevolle 
Bindung an die Mutter darf von neuem aufleben, sich 
ein Stück weit im Bewußtsein ausleben und verliert durch 
den Wegfall der Kastrationsangst an Gefährlichkeit. Durch 
Wegfall der Kastrationsangst wird aber auch die durch 
sie erzwungene Regression überflüssig, die Entwicklung 
zur phallischen Stufe wird noch einmal nachgeholt. Die 
Neurose des Kindes ist damit geheilt. 

Soviel über die Schicksale der Abwehrvorgänge, die 
gegen das Triebleben gerichtet sind. 

Aber auch nach der Wiederherstellung seines normalen 
Trieblebens durch die analytischen Deutungen bleibt der 
kleine Hans noch eine Weile gestört. Die reale Außen- 
welt führt ihm ständig zwei Faktoren vor Augen, mit 
denen er sich auch jetzt noch nicht befreunden kann. 
Seine eigenen Körpermaße, vor allem die seiner Sexual- 



DIE VERLEUGNUNG IN DER PHANTASIE 85 

organe, sind naturgemäß geringer als die seines Vaters, 
was letzteren auch weiterhin zum unbesiegbaren Rivalen 
stempelt. Er bleibt also mit realem Grund neidisch und 
eifersüchtig. Beide Affekte beziehen sich außerdem noch 
auf Mutter und Schwester, die er um das gemeinsame 
Vergnügen bei der Körperpflege beneidet, bei der er wirk- 
lich nur die Rolle des unbeteiligten Dritten zu spielen 
hat. Es kann doch kaum sein, daß unsere Erwartung 
dahin geht, der Fünfjährige werde sich auf Grund be- 
wußter und vernünftiger Einsicht in diese realen Ver- 
sagungen fügen, sich vielleicht mit Versprechungen auf 
eine sehr entfernte Zukunft trösten lassen, jedenfalls aber 
diese Unlust auf sich nehmen, ähnlich wie er auf Grund 
bewußter Erkenntnis bereit war, schließlich die Tatsachen 
seines infantilen Trieblebens zu akzeptieren. 

Die ausführliche Darstellung der Geschichte des kleinen 
Hans in der „Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben" gibt uns wirklich andere Auskünfte über das 
Schicksal dieser beiden realen Versagungen. Am Ende 
seiner Analyse erzählt Hans zwei Tagträume: die Phan- 
tasie von den vielen Kindern, die er auf dem Klosett 
reinigt und betreut, und gleich darauf die Phantasie vom 
Installateur, der ihm mit einer Zange Gesäß und Glied 
abschraubt, um ihm größere und bessere zu bringen. 
Der Vater und Analytiker erkennt in ihnen unschwer 
die Erfüllung der beiden real unerfüllten Wünsche des 
Kindes. Hans hat jetzt — wenigstens in seiner Vor- 
stellung — ein Genitale wie der Vater, und Kinder, mit 



86 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

denen er dasselbe tun darf wie die Mutter mit der kleinen 
Schwester. 

Der kleine Hans, der schon vor diesen Phantasien sein 
Symptom der Straßenangst verloren hatte, gewinnt jetzt 
endlich mit dieser neuen Leistung auch noch seine gute 
Laune wieder. Er setzt sich mit ihrer Hilfe mit der 
Wirklichkeit auseinander, ähnlich wie es ihm in seiner 
Neurose gelungen war, sich mit seinen Triebregungen 
auseinanderzusetzen. Wir sehen, daß bewußte Einsicht 
in das Unvermeidliche dabei durchaus keine Rolle spielt. 
Hans verleugnet die Realität mit Hilfe seiner 
Phantasie, gestaltet sie für seinen eigenen Gebrauch 
nach seinen Wünschen um und ermöglicht sich erst 
damit ihre Anerkennung. 

Die Verfolgung der Abwehrvorgänge in der Analyse 
des kleinen Hans scheint zu ergeben, daß das Schicksal 
seiner Neurose von dem Augenblick an bestimmt ist, in 
dem er die Verschiebung seiner Aggression und Angst 
vom Vater auf das Pferd vornimmt. Aber dieser Eindruck 
täuscht. Solche Ersetzungen des menschlichen Objekts 
durch ein Tier sind an und für sich noch kein neurotischer 
Vorgang, kommen auch in der normalen Kinderentwick- 
lung häufig vor und können außerdem dort, wo sie sich 
finden, noch die verschiedensten Ausgänge nehmen. 

Ein siebenjähriger Knabe meiner Beobachtung zum 
Beispiel ist mit folgender Phantasie beschäftigt: Er ist 
der Besitzer eines zahmen Löwen. Der Löwe schreckt 
alle andern Menschen und liebt nur ihn, folgt ihm aufs 



DIE VERLEUGNUNG IN DER PHANTASIE 87 

Wort und begleitet ihn wie ein Hündchen auf allen 
seinen Wegen. Er pflegt den Löwen, sorgt für seine 
Nahrung und Bequemlichkeit, bereitet ihm abends in 
seinem eigenen Zimmer ein Lager. Wie es bei fortgesetzten 
Tagträumen üblich ist, entwickeln sich aus dieser Grund- 
phantasie zahlreiche lustvolle Episoden. Er geht in einem 
solchen Einzeltagtraum zum Beispiel auf ein Kostümfest 
und verbreitet, daß der Löwe, den er mit sich bringt, 
nur ein verkleideter Freund ist. Aber diese Mitteilung 
ist falsch, der angeblich Verkleidete ist sein wirklicher 
Löwe. Er genießt nun in der Vorstellung, wie sehr die 
Menschen sich fürchten würden, wenn sie hinter sein 
Geheimnis kämen. Gleichzeitig empfindet er ihre Angst 
als grundlos; der Löwe ist harmlos, solange er ihn in 
seiner Gewalt hält. 

Ich erfahre leicht aus der Analyse des Knaben, daß 
dieser Löwe ein Ersatz für den Vater ist, den er, nicht 
anders als der kleine Hans, als wirklichen Rivalen bei 
der Mutter haßt und fürchtet. Die Verwandlung der 
Aggression in Angst und die Verschiebung vom Vater auf 
das Tier gehen bei beiden Kindern in gleicher Weise 
vor sich. Danach aber trennen sich die Wege ihrer Ver- 
arbeitung. Hans bildet aus der Angst vor dem Pferd 
seine Neurose, d. h. er legt sich Triebverzicht auf, ver- 
inn erlicht den ganzen Konflikt und zieht sich phobisch 
von den Versuch ungssituationen zurück. Mein Patient 
macht es sich bequemer. Er verleugnet einfach — wie 
Hans in der Phantasie vom Installateur — eine peinliche 



88 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

Tatsache der Wirklichkeit und verkehrt sie in der Löwen- 
phantasie in ihr lustvolles Gegenteil. Das Angsttier wird 
zum Freund ernannt; seine Stärke dient jetzt dem Knaben, 
anstatt ihn zu erschrecken. Und nur die in den Episoden 
ausgemalte Angst der anderen Menschen verrät noch die 
Vergangenheit des Löwen als einstiges Angstobjekt 1 . 

Ich füge an dieser Stelle die Tierphantasie eines an- 
deren, zehnjährigen Patienten an. Im Leben dieses Knaben 
spielen zu einer bestimmten Zeit die Tiere eine über- 
wältigende Rolle, der Tagtraum, der sich mit ihnen be- 
schäftigt, füllt einen großen Teil seines Tages aus, über 
manche seiner Episoden besitzt er sogar Aufzeichnungen. 
Er ist in dieser Phantasie der Besitzer eines riesigen 
Zirkus und gleichzeitig Tierbändiger. Unter seiner Leitung 
vereinigen sich friedlich die wildesten Tiere, die in der 
Freiheit die ärgsten Feinde wären. Er zähmt sie, d. h. er 
lehrt sie, sich erst gegenseitig und dann auch die Men- 
schen zu schonen. Er gebraucht bei seiner Dressur keine 
Peitsche, tritt nur mit den bloßen Händen unter die Tiere. 

Der Mittelpunkt aller seiner Tierepisoden ist folgende 
Geschichte. Eines Tages, in einer Zirkusvorstellung, die 
alle Tiere versammelt, schießt, plötzlich aus dem Publi- 
kum ein Räuber mit einer Pistole auf ihn. Sofort ver- 
einigen sich die Tiere zu seinem Schutz und holen den 

1) Berta Bornstein berichtet über die Phantasien eines siebenjäh- 
rigen Knaben, in denen diese Rückverwandlung vom guten zum bösen 
Tier im aktuellen Leben zu beobachten ist. Die Spieltiere, die er abends 
als Schutzgötter um sein Bett stellt, verbünden sich allnächtlich mit einem 
Ungeheuer, das sich auf ihn stürzen will. 






DIE VERLEUGNUNG IN DER PHANTASIE 89 

Räuber vorsichtig, ohne jemand anderen zu verletzen, 
mitten aus der Menschenmenge. Die Phantasie beschäftigt 
sich weiter mit der Art, wie die Tiere — immer aus 
Liebe für ihren Herrn — den Räuber bestrafen, gefangen- 
halten, begraben, im Triumph aus ihren eigenen Körpern 
einen riesig in die Höhe ragenden Turm über ihm er- 
richten. Sie nehmen ihn dann mit sich in ihre Höhle, 
wo er drei Jahre bleiben muß. Bei seiner endlichen Frei- 
lassung wird er noch von einer langen Reihe von Ele- 
fanten mit den Rüsseln geschlagen, schließlich mit er- 
hobenem Finger (!) verwarnt und gemahnt, es nicht wieder 
zu tun. Das verspricht er. „Er wird es nicht wieder tun, 
solange ich mit meinen Tieren bin." Eine merkwürdige 
Schlußbemerkung versichert noch, nach Schilderung alles 
dessen, was der Räuber von den Tieren zu erdulden hat 
daß die Tiere ihn in der Gefangenschaft sehr gut ge- 
nährt haben, so daß er nicht von Kräften gekommen ist. 
Die Verarbeitung der ambivalenten Einstellung zum 
Vater mit Hilfe der Tierphantasie, die sich im Löwen 
des Siebenjährigen nur andeutet, geht in dieser Zirkus- 
phantasie um mehrere Schritte weiter. Auch hier wird 
der gefürchtete Vater der Wirklichkeit durch Umkehrung 
in der Phantasie in die schützenden Tiere verwandelt. 
Nur ist daneben die Gestalt des gefährlichen Vaterobjektes 
selber noch im Räuber festgehalten. In der Löwengeschichte 
war es unbestimmt, gegen wen der Schutz des Vater- 
ersatzes eigentlich gebraucht wird. Er erhöht nur im 
allgemeinen das Ansehen des Knaben in den Augen der 



90 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

andern Menschen. Aber in der Zirkusphantasie wird ganz 
deutlich, daß die Macht des Vaters, die sich in den Tieren 
verkörpert, dem Schutz vor dem Vater selber dient. Wieder 
deutet die Betonung der ehemaligen Wildheit der Tiere 
auf ihre Vergangenheit als ehemalige Angstobjekte hin. 
Ihre Stärke und Geschicklichkeit, ihre Rüssel und er- 
hobenen Finger gehören offenbar in Wirklichkeit dem 
Vater an. Die Phantasie nimmt dem beneideten Vater 
diese wertvollen Attribute und schreibt sie dem Knaben 
zu, der jetzt mit ihrer Hilfe den Vater besiegt. Die 
Phantasie tauscht also die Rollen. Der Vater wird ge- 
mahnt, etwas „nicht wieder zu tun", und muß Abbitte 
leisten. Es ist auffällig, daß das Versprechen der Sicher- 
heit, das er dem Knaben schließlich, durch die Tiere ge- 
zwungen, leistet, an den Besitz der Tiere gebunden bleibt. 
In der Schlußbemerkung über die Ernährung des Räubers 
bricht schließlich auch die andere Seite der Ambivalenz 
dem Vater gegenüber siegreich durch. Der Tagträumer 
muß sich offenbar beruhigen, daß für das Leben des 
Vaters, trotz aller Aggressionen, gar nichts zu fürchten sei. 
Die Motive, die in den geschilderten Tagträumen beider 
Knaben verwendet werden, sind nichts Individuelles, wir 
finden sie in Märchen und in der Kinderliteratur ganz 
allgemein wieder 1 . Ich erinnere in diesem Zusammenhang 

i) Man kann hier auch auf das „Motiv der hilfreichen Tiere" im Mythos 
hinweisen, das in der psychoanalytischen Literatur bisher von anderen 
Gesichtspunkten her gelegentlich behandelt wurde; vgl. O. Rank, Der 
Mythos von der Geburt des Helden, Schriften zur angew. Seelenkunde, 
5. Heft, S. 87 ff. 



DIE VERLEUGNUNG IN DER PHANTASIE 91 

an das Volks- und Kindermärchen vom Jäger und den 
Tieren: Ein Jäger wird vom bösen König wegen eines 
geringen Vergehens ungerechterweise entlassen und aus 
seinem Haus im Wald vertrieben. Ehe er fortziehen muß 
geht er noch einmal böse und traurig durch den Wald. 
Dort begegnet er nacheinander einen Löwen, einen Tiger, 
Panther, Bären usw. Er legt jedesmal auf das große Tier 
an, um es zu erschießen; jedesmal beginnt das Tier zu 
seinem Erstaunen zu sprechen und bittet um sein Leben. 
(„Lieber Jäger, laß mich leben — Ich will dir auch 
zwei Junge geben!") Der Jäger geht jedesmal auf den 
Handel ein und zieht mit den geschenkten Jungen weiter. 
Wie er schließlich auf diese Weise ein riesiges Gefolge 
von jungen wilden Tieren gesammelt hat, wird er sich 
der Stärke seiner Heerschar bewußt, zieht mit ihnen in 
die Hauptstadt und vor das Königsschloß. Von der Dro- 
hung erschreckt, daß der Jäger die Wildheit der Tiere 
gegen ihn entfesseln könnte, gibt der König ihm Genug- 
tuung und tritt ihm noch dazu aus Angst sein halbes 
Königreich und seine Tochter zur Frau ab. 

Wir erkennen unschwer im Jäger des Märchens eine 
Sohnesfigur, die mit dem Vater im Kampf steht. Der 
Zweikampf macht hier einen besonderen Umweg. Der 
Jäger verzichtet darauf, sich am großen wilden Tier zu 
rächen, das der erste Vaterersatz ist. Dafür bekommt er 
die Jungen abgetreten, die die Kräfte des Tieres ver- 
körpern. Mit diesen neuen Kräften, die jetzt ihm gehören, 
besiegt er den Vater und erzwingt sich noch dazu von 



9 2 



VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 



ihm den Besitz einer Frau. Auch hier verkehrt also die 
Phantasie die realen Verhältnisse ins Gegenteil. Ein starker 
Sohn tritt dem Vater gegenüber, der bei dem Anblick 
seiner Mächtigkeit schwach wird, nachgibt und ihm alle 
seine Wünsche erfüllt. Das Kindermärchen bedient sich 
keiner anderen Methoden als die Zirkusphantasie bei 
meinem Patienten. 

Die oben geschilderte Löwenphantasie findet in der 
Kinderliteratur auch noch außerhalb der Tiergeschichten 
ihr Gegenstück. In vielen Kinderbüchern, am deutlichsten 
vielleicht in der Geschichte vom kleinen Lord Faunt- 
leroy' i und im Little Colonel 2 finden wir die Figur eines 
kleinen Knaben oder Mädchens, die gegen alle Erwartung 
imstande sind, einen bösen, von aller Welt gefürchteten, 
mächtigen oder reichen alten Mann zu „zähmen". Sie 
haben als einzige Zugang zu seinen Gefühlen, erreichen 
es, von ihm geliebt zu werden, obwohl er sonst alle 
Menschen haßt. Der bisher unbeherrschbare und unbe- 
herrschte alte Mann läßt sich schließlich vom kleinen 
Kind leiten und beherrschen und am Ende noch zu allen 
möglichen guten Taten für andere Menschen verlocken. 

Auch in diesen Erzählungen kommt die Lust wieder 
durch die volle Umkehrung der Wirklichkeit zustande. 
Das Kind erscheint nicht nur als Besitzer und Beherr- 
scher der mächtigen Vaterfigur (des Löwen) und erhebt 
sich damit über alle Menschen seiner Umgebung; das 

1) Little Lord Fauntleroy von Alice Hodgson Burnett. 

2) Little Colonel von Annie Fellows Johnston. 



DIE VERLEUGNUNG IN DER PHANTASIE 95 

Kind ist auch der Erzieher, der allmählich die Um- 
wandlung vom Bösen zum Guten vollbringt. Wir er- 
innern uns: auch der erstgeschilderte Löwe wird zur 
Schonung der Menschen erzogen, und die Tiere des Zirkus- 
direktors müssen vor allem lernen, ihre Aggressionen 
untereinander und gegen die Menschen zu beherrschen. 
Auch die Angst vor dem Vater hat in diesen Kinder- 
geschichten wieder das gleiche Schicksal wie in den Tier- 
phantasien. Sie verrät sich in der Angst der anderen, 
die das Kind beschwichtigt; aber ihr Vorhandensein an 
dieser Stelle erhöht von dort her noch den Lustgewinn. 

Die Methode zur Vermeidung von Realunlust und 
Realangst, die wir an den beiden Phantasien des kleinen 
Hans und den Tierphantasien meiner Patienten kennen- 
gelernt ha-ben, ist eine sehr einfache. Das Ich des Kindes 
sträubt sich dagegen, ein Stück unliebsamer Wirklich- 
keit zur Kenntnis zu nehmen. So wendet es sich erst 
einmal von der Realität ab, verleugnet sie und ersetzt 
das Unerwünschte bei sich durch die Vorstellung vom 
umgekehrten Sachverhalt. So wird der böse Vater in der 
Phantasie zum schützenden Tier, das ohnmächtige Kind 
zum Beherrscher mächtiger Vaterfiguren. Wenn die Um- 
wandlung gelingt, wenn das Kind durch die Phantasie- 
bildung für das betreffende Stück der Wirklichkeit un- 
empfindlich gemacht wird, so erspart sich das Ich die 
Angstentwicklung und alle Triebabwehr und Neurosen- 
bildung. 

Wir finden diesen Mechanismus, der einem normalen 



g4 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

Stadium der kindlichen Ich-Entwicklung angehört, dann 
im späteren Leben noch einmal als höchsten Ausdruck 
psychischer Erkrankung wieder. In bestimmten akuten 
psychotischen Verwirrtheitszuständen benimmt das Ich 
des Individuums sich der Realität gegenüber nicht anders. 
Unter dem Eindruck der Schockwirkung, etwa eines 
plötzlichen Objektverlustes, leugnet es den realen Tat- 
bestand und ersetzt ein Stück unerträglicher Wirklich- 
keit durch die Produktion eines erwünschten Wahn- 
gebildes. 

Die Gegenüberstellung der kindlichen Phantasiebildung 
mit dem psychotischen Wahn gibt einen ersten Hinweis, 
warum das menschliche Ich sich den einfachen und dabei 
so souveränen Mechanismus der Leugnung von realen 
Angst- und Unlustquellen nicht weitgehender zunutze 
machen kann. Die Fähigkeit des Ichs, die Realität zu 
leugnen, steht im vollen Widerspruch zu einer anderen, 
von ihm sehr hoch geschätzten Leistung: zu seiner 
Fähigkeit, die Realität zu erkennen und kritisch zu 
prüfen. In der frühen Kindheit wirkt dieser Widerspruch 
noch nicht als Störung. Bei dem kleinen Hans, dem 
Löwenbesitzer und dem Zirkusdirektor ist die Funktion 
der Realitätsprüfung völlig intakt. Sie glauben natürlich 
nicht wirklich an die Existenz ihrer Tiere oder an ihre 
Überlegenheit über ihre Väter. Mit dem Intellekt ver- 
stehen sie Phantasie und Wirklichkeit sehr gut zu unter- 
scheiden. In ihrem Gefühlsleben aber ist der reale pein- 
liche Tatbestand entwertet, und die ihm entgegengesetzte 



DIE VERLEUGNUNG IN DER PHANTASIE 95 

Phantasie überbesetzt, so daß die aus der Vorstellung be- 
zogene Lust über die reale Unlust triumphieren kann. 
Es ist schwer zu sagen, wann das Ich diese Möglich- 
keit verliert, sich auch über größere Mengen realer Unlust 
mit Hilfe seiner Phantasien hinwegzusetzen. Wir wissen 
daß auch im erwachsenen Leben der Tagtraum teils 
als Erweiterung einer zu engen Wirklichkeit, teils als 
Umkehrung dieser Wirklichkeit noch eine Rolle spielen 
kann. Aber er ist zu dieser Zeit nicht viel mehr als ein 
spielerisches, libidinös wenig besetztes Nebenprodukt, kann 
höchstens noch ganz geringe Quantitäten von Unbehagen 
bewältigen oder das Individuum über nebensächliche Un- 
lust hinwegtäuschen. Seine ursprüngliche Bedeutung als 
Abwehrmittel gegen Realängste geht scheinbar schon 
mit Ablauf der ersten Kindheitsperiode verloren. Wir 
vermuten einesteils, daß die Realitätsprüfung objektiv 
erstarkt, so daß sie sich auch im Gefühlsleben nicht 
mehr ausschalten zu lassen braucht; wir wissen, daß das 
im Ich herrschende Bedürfnis nach Synthese das Neben- 
einander von Widersprechendem im späteren Leben über- 
haupt verbietet 5 vielleicht ist auch ganz im allgemeinen 
die Bindung des reiferen Ichs an die Realität eine stärkere, 
so daß eine Hochschätzung der Phantasie wie in früheren 
Jahren an und für sich nicht möglich ist. Sicher ist jeden- 
falls, daß die Phantasiebefriedigung im erwachsenen Leben 
ihre Harmlosigkeit verliert, daß Phantasie und Wirklich- 
keit, sobald es sich um ernsthaftere Besetzungsgrößen 
handelt, nicht mehr friedlich nebeneinander existieren 



g6 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

können, sondern in die Beziehung eines Entweder-Oder 
treten, und daß der Durchbruch zum Lustgewinn an 
wahnhaften Gebilden für den Erwachsenen der Weg in 
die Psychose ist. Ein Ich, das den Versuch macht, sich 
durch Leugnungen Angst, Triebverzicht und Neurose zu 
ersparen, überspannt damit diesen Mechanismus. Wenn 
das in der Latenzperiode geschieht, so wird es sich, wie 
die beiden von mir geschilderten Knaben, eine Charakter- 
verzerrung erwerben; wenn es in der Erwachsenheit vor- 
kommt, werden seine Beziehungen zur Realität damit 
in bedenklicher Weise erschüttert werden. 1 

Es ist derzeit unmöglich zu sagen, was im Ich des 
Erwachsenen vor sich geht, wenn es die wahnhafte Be- 
friedigung wählt und die Funktion der Realitätsprüfung 
aufgibt. Es trennt sich von der Außenwelt ab, hört auf, 
die aus ihr anlangenden Reize überhaupt zu registrieren. 
In der Beziehung zum Triebleben können ähnliche Un- 
empfindlichkeiten für anlangende Reize nur mit Hilfe 
des Verdrängungsmechanismus erworben werden. 

1) Ich erinnere daran, daß die Beziehung des Mechanismus der Ver- 
leugnung zu psychischer Erkrankung und Charakterbildung in den letzten 
Jahren mehrfach Bearbeitung gefunden hat. Helene Deutsch (Zur 
Psychologie der manisch-depressiven Zustände, insbesondere der chroni- 
schen Hypomanie. Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, XIX, 1933, bes. S. 371) 
behandelt die Bedeutung dieses Abwehrvorgangs für die Genese der 
chronischen Hypomanie, Bertram D. Lew in (Analyse und Struktur einer 
passageren Hypomanie. Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, XX, io,34> bes. S. 83) 
schildert seine Verwendung durch das neugebildete Lust-Ich des hypo- 
manischen Patienten, Anny Angel (Einige Bemerkungen über den Opti- 
mismus. Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, XX, 1934.) weist auf die Beziehung 
zwischen Verleugnung und Optimismus hin. 









VII. KAPITEL. 

DIE VERLEUGNUNG IN WORT UND HANDLUNG. 

Das kindliche Ich hat immerhin durch mehrere Jahre 
die Freiheit, bei intakter Realitätsprüfung hinwegzuleug- 
nen, was ihm an der Wirklichkeit mißfällt. Es bedient 
sich dieser Möglichkeit im ausgiebigsten Maße, beschränkt 
sich dabei auch nicht auf das reine Vorstellungs- und 
Phantasiegebiet, denkt nicht nur, sondern handelt. Es 
benützt die verschiedensten Dinge der Außenwelt, um 
seine Umkehrungen auch darzustellen. Die Verleugnung 
der Wirklichkeit ist natürlich auch eines der vielen Motive, 
die hinter dem kindlichen Spiel im allgemeinen und dem 
Rollenspiel des Kindes im besonderen zu finden sind. 

Ich erinnere an dieser Stelle an das kleine Buch eines 
englischen Schriftstellers, der dieses Nebeneinander von 
Phantasie und Wirklichkeit im Leben seines kindlichen 
Helden in besonders reizvoller Weise in Versen beschreibt. 
(„When we were very young", von A. A. Milne.) In der 
Kinderstube dieses Dreijährigen stehen vier Stühle. Auf 
dem ersten dieser Stühle ist er ein Abenteurer, der den 
Amazonenstrom in nächtlichen Fahrten hinauffährt. Auf 
dem zweiten ist er ein brüllender Löwe, der seine Kin- 
derfrau schreckt, auf dem dritten ein Kapitän, der sein 
Schiff durch das Meer lenkt. Auf dem vierten aber, einem 

Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen. - 



g8 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

hohen Kinderstühlchen, versucht er sich vorzustellen, 
daß er nur er selber, nämlich ein kleiner Junge ist. 
Was der Dichter ausdrücken will, ist nicht schwer zu 
erraten: die Elemente zum Aufbau einer lustvollen Phan- 
tasiewelt bieten sich dem Kind von selber an. Seine 
Aufgabe und Leistung aber sind die Erkenntnis und 
Verarbeitung der tatsächlichen Wirklichkeit. 

Es ist auffällig, wie bereit die Erwachsenen sind, ge- 
rade auf der Basis dieses Mechanismus mit Kindern zu 
verkehren. Sehr viel von dem Vergnügen, das der Er- 
wachsene überhaupt dem Kind bereitet, entsteht durch 
seine Mithilfe bei solchen Verleugnungen. Man versichert 
im täglichen Leben auch dem kleinsten Kind, „wie groß" 
es schon ist, und behauptet, allem Augenschein zum Trotz, 
daß es stark ist „wie der Vater", geschickt „wie die 
Mutter", tapfer „wie ein Soldat", ausdauernd wie irgend 
ein „großer Bruder". Es ist verständlicher, daß alle Trö- 
stung des Kindes sich solcher Umkehrungen bedienen muß. 
Die eben geschlagene Wunde tut, nach den Versiche- 
rungen des Erwachsenen, „schon gar nicht mehr weh", 
die verhaßten Speisen „schmecken gar nicht schlecht", wer 
zur Kränkung des Kindes eben fortgegangen ist, wird 
„sofort wiederkommen". Manche Kinder greifen solche 
Trostformeln sogar auf und wenden sie stereotyp zur 
Bezeichnung des Peinlichen an. Ein kleines, zweijähriges 
Mädchen zum Beispiel konstatiert jedes Verschwinden der 
Mutter aus dem Zimmer durch ein mechanisch gemur- 
meltes: „Mami kommt gleich". Ein anderes (englisch 



DIE VERLEUGNUNG IN WORT UND HANDLUNG 99 

sprechendes) Kind ruft auf jede schlecht schmeckende 
Medizin klagend aus: „like it, like it", ein Satzrest, der 
ihm aus der Aufforderung der Nurse geblieben ist die 
Tropfen doch gut zu finden. 

Auch vieles von den Geschenken, die etwas ferner stehende 
Erwachsene Kindern bringen, bewegt sich auf derselben 
Linie. Ein Handtäschchen oder ein kleiner Sonnen- oder 
Regenschirm sollen das kleine Mädchen in der Fiktion 
unterstützen, daß es „eine Dame ist". Ein Spazierstock, 
Uniform und Ausrüstungsgegenstände aller Art dienen 
beim Knaben der Darstellung der Männlichkeit. Aber 
schließlich stellen auch die Puppen neben allen andern 
Zwecken die Fiktion der Mutterschaft her, die Eisen- 
bahnen, Automobile und Baukasten schaffen neben andern 
Wunscherfüllungen und neben den Sublimierungsmög- 
lichkeiten, die sie zu bieten haben, die angenehme Phan- 
tasie von einer Beherrschung der Welt. Hier führt der 
Weg vom Studium der reinen Abwehr- und Vermeidungs- 
vorgänge in das Studium der Bedingungen des kindlichen 
Spiels, wie es von den verschiedenen Richtungen aka- 
demischer Psychologie ausführlich betrieben wird. 

Auch der noch ungelöste Konflikt zwischen den ver- 
schiedenen Methoden der Kleinkinderziehung (Froebel- 
gegen Montessori-Methode) kann von hier aus eine weitere 
theoretische Begründung finden. Es handelt sich dabei 
ja eigentlich um die Streitfrage, wie weit es die Aufgabe 
der Erziehung ist, schon das kleinste Kind ausschließlich 
auf die Verarbeitung der Wirklichkeit hinzuweisen, wie 

7* 



lOO VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

weit es der Erziehung gestattet ist, ihm bei der Abkehr 
von dieser Wirklichkeit und dem Aufbau einer Phantasie- 
welt Vorschub zu leisten. 

Das freiwillige Mittun des Erwachsenen bei der Um- 
leugnung der peinlichen Wirklichkeit bleibt aber unter 
allen Umständen an gewisse strenge Bedingungen gebun- 
den. Man erwartet vom Kind, daß die Darstellung der 
Phantasiewelt sich in bestimmten Grenzen hält. Wer 
eben noch Pferd oder Elefant war und wiehernd oder 
trompetend auf allen Vieren gegangen ist, muß imstande 
sein, im nächsten Augenblick verhältnismäßig still und 
gesittet bei Tische zu sitzen. Der Löwenbändiger muß 
sich selber wieder irgendeinem Kindermädchen unter- 
werfen können, der Abenteurer oder Pirat es sich ge- 
fallen lassen, ins Bett geschickt zu werden, gerade wenn 
in der Welt der Erwachsenen das Interessanteste beginnt. 
Das Wohlwollen des Erwachsenen für den Verleugnungs- 
mechanismus des Kindes hört in dem Augenblick auf, 
in dem der Übergang zwischen Phantasie und Realität 
sich nicht mehr glatt, momentan und reibungslos voll- 
zieht, in dem das Kind aus der Phantasie Konsequenzen 
für sein wirkliches Benehmen ableiten will, oder noch 
schärfer ausgedrückt: in dem Augenblick, in dem die 
Phantasietätigkeit des Kindes aufhört, Spiel zu sein und 
zum Automatismus oder zum Zwang wird. 

Ein kleines Mädchen meiner Beobachtung zum Beispiel 
kann mit der Tatsache des Geschlechtsunterschiedes nicht 
fertig werden. Sie hat einen älteren und einen jüngeren 



DIE VERLEUGNUNG IN WORT UND HANDLUNG ioi 

Bruder. Der Vergleich mit ihnen wird für sie zur Quelle 
ständiger, quälender Unlust, die nach irgendeiner Abwehr 
oder Verarbeitung drängt. In der Entwicklung ihres Trieb- 
lebens spielt gleichzeitig der Exhibitionismus eine beson- 
dere Rolle. Infolgedessen nimmt ihr Penisneid und -wünsch 
die Form an, daß sie auch etwas herzuzeigen haben möchte 
wie die Brüder. Wir wissen aus anderen Kinderentwick- 
lungen, daß ihr zur Erfüllung dieses Wunsches verschie- 
dene Wege zur Verfügung stünden. Sie könnte etwa das 
Bedürfnis, etwas herzuzeigen, vom Genitale weg auf 
ihren übrigen hübschen Körper verschieben. Sie könnte 
Interesse für schöne Kleider bekommen und „eitel" werden. 
Sie könnte turnerische und akrobatische Glanzleistungen 
entwickeln und sich damit die Kunststücke des brüder- 
lichen Penis ersetzen usw. Sie wählt in Wirklichkeit 
einen noch kürzeren Weg. Sie verleugnet den Penis- 
mangel, erspart es sich damit also auch, einen Ersatz 
zu schaffen ; und sie zeigt von da an den nicht Vor- 
handenen fast zwangsmäßig her. Im Körperlichen sieht 
das so aus, daß sie gelegentlich die Röcke hebt und ex- 
hibiert. Das soll heißen: „Schau, was ich Schönes habe!" 
Im täglichen Leben ruft sie bei jeder nur möglichen Ge- 
legenheit die andern Menschen zur Bewunderung für 
etwas nicht Existierendes auf 1 . „Komm und schau, wie 



1) Vgl. hiezu S. Rados Auffassung vom „Wunschpenis" des kleinen 
Mädchens, der als halluzinatorische Reproduktion des beobachteten männ- 
lichen Gliedes geschildert wird. (Die Kastrationsangst des Weibes, Inter- 
nationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, 1934.) 



I 

10S VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

viele Eier die Hühner gelegt haben!" „Hörst du nicht, 
da ist schon der Wagen, mit dem der Onkel kommt!" 
In Wirklichkeit sind weder die erwarteten Eier gelegt 
worden, noch ist der ersehnte Wagen angekommen. In 
der ersten Zeit erntet sie mit diesen Scherzen bei den 
Erwachsenen noch Belustigung und Anerkennung. Bei 
den Geschwistern, denen sie damit ständig schockartige 
Enttäuschungen zufügt, ruft sie Tränenströme hervor. 
Man könnte sagen, zu diesem Zeitpunkt hält sich ihr 
Benehmen gerade noch an der Grenze zwischen Spiel 
und Zwang. 

Noch deutlicher wird der gleiche Vorgang bei dem 
siebenjährigen Löwenbändiger des letzten Kapitels. Wie 
seine Analyse zeigt, will er nicht nur Reste von Unlust 
und Unbehagen durch seine Phantasien kompensieren, 
sondern versucht, seine ganze gewaltige Kastrationsangst 
auf solche Weise zu bewältigen. Seine Leugnungen nehmen 
überhand, er kann seinem Bedürfnis nach Verwandlung 
aller furchterregenden Objekte in schützende oder ihm 
unterworfene Freunde gar nicht mehr nachkommen. Er 
setzt die Versuche noch energischer fort und setzt alles, 
was ihn schreckt, in seiner Wertung immer tiefer hin- 
unter. Alles Angsterregende wird jetzt lächerlich. Da ihm 
aber die ganze Welt Angst macht, wird auch die ganze 
Welt ins Lächerliche verzerrt. Er beantwortet den stän- 
digen Druck der Kastrationsangst mit einem ebenso stän- 
digen Witzeln. Dieses Witzeln, das zuerst spielerisch wirkt, 
verrät seinen zwanghaften Charakter dann dadurch, daß 



DIE VERLEUGNUNG IN WORT UND HANDLUNG 103 

er nur mehr beim Scherzen angstfrei ist und jeden Ver- 
such, sich der Außenwelt ernsthaft zu nähern, mit Angst- 
ausbrüchen bezahlt. 

Die Figur des kleinen Gernegroß, der mit Hut und 
Stock des Vaters „Vater" spielt, gilt als normale Erschei- 
nung $ sie ist uns jedenfalls bekannt und vertraut. Aus 
der Vorgeschichte eines meiner kindlichen Patienten, bei 
dem jede Beobachtung eines größeren und stärkeren 
Mannes die intensivste Verstimmung hervorruft, berichtet 
man mir über ein ähnliches Verhalten. Er setzt den Hut 
des Vaters auf und spaziert damit herum. Solange ihn 
niemand dabei stört, ist er zufrieden und glücklich. Das- 
selbe tut er einen Sommeraufenthalt lang mit einem ge- 
packten Rucksack auf seinem Rücken. Der Unterschied 
zwischen ihm und dem kleinen Gernegroß ist nur der, 
daß sein Spiel ernsthaft ist; denn jeder Zwang, den 
Hut im Zimmer, beim Essen, beim Schlafengehen abzu- 
nehmen, wird von ihm mit Unruhe und Verstimmung 
beantwortet. 

Was mit dem Hut des Vaters beginnt, verschiebt sich 
dann auf eine erwachsen aussehende Schirmmütze, die er 
zum Geschenk erhält. Er trägt die Mütze überallhin mit 
sich, hält sie krampfhaft in der Hand, wo es nicht er- 
laubt ist, sie auf dem Kopf zu tragen. Allerdings macht 
er immer wieder die Erfahrung, daß man die Hände manch- 
mal auch zu andern Zwecken gebraucht. Bei einer solchen 
Gelegenheit, bei der er ängstlich nach Unterkunft für 
seine Mütze sucht, entdeckt er die Möglichkeit, die der 



104 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

Vorderlatz seiner Lederhose ihm bietet. Er schiebt die 
Mütze mit plötzlichem Entschluß in die Hosentüre, hat 
die Hände frei und konstatiert erleichtert, daß sie jetzt 
immer bei ihm bleiben kann. Sie ist auch offenbar dort 
angekommen, wohin sie ihrer symbolischen Bedeutung 
nach von Anfang an gehört: in der nächsten Nähe seines 
Genitales. 

Ich habe im Vorangegangenen die geschilderten Hand- 
lungen der Kinder in Ermangelung eines andern Namens 
immer wieder als Zwang bezeichnet. Sie haben auch, von 
außen her gesehen, die größte Ähnlichkeit mit Zwangs- 
symptomen. Aber sie sind natürlich, wenn man sie näher 
betrachtet, keine Zwangshandlungen im eigentlichen Sinne. 
Ihre Struktur entspricht in keiner Weise dem, was wir 
als charakteristisch für den Bau der neurotischen Sym- 
ptome überhaupt erkannt haben. Am Anfang des Prozesses, 
der ihr Zustandekommen einleitet, steht zwar auch wie 
bei der neurotischen Symptombildung eine reale Ver- 
sagung oder Enttäuschung. Aber der entstandene Kon- 
flikt wird von da aus nicht verinnerlicht, sondern bleibt 
an der Außenwelt haften. Die Abwehrmethode, die das 
Ich zu Hilfe ruft, richtet sich nicht gegen das Triebleben, 
sondern direkt gegen die versagende Außenwelt. So wie 
beim neurotischen Konflikt die Wahrnehmung des ver- 
pönten Triebreizes durch Verdrängung abgewehrt wird, 
so weigert sich das kindliche Ich mit Hilfe der Verleug- 
nung, den peinlichen Eindruck aus der Außenwelt zur 
Kenntnis zu nehmen. Bei der Zwangsneurose wird die 



DIE VERLEUGNUNG IN WORT UND HANDLUNG 



10 5 



Verdrängung durch eine Reaktionsbildung gesichert, die 
das Gegenteil der verdrängten Triebregung enthält (Mit- 
leid statt Grausamkeit, Scham statt Zeigelust). Ebenso 
wird in den geschilderten kindlichen Zuständen die Ver- 
leugnung durch die Schaffung des umgekehrten Tat- 
bestands mit Hilfe von Phantasie, Wort oder Handlung 
ergänzt und gehalten. Die Reaktionsbildung des Zwangs- 
neurotikers erfordert zu ihrer Erhaltung den ständigen 
Aufwand, den wir als Gegenbesetzung bezeichnen. Auch 
die Aufrechterhaltung und Darstellung der lustvollen Phan- 
tasien verlangt vom Ich des Kindes einen ständigen Auf- 
wand. Wenn die Brüder dem kleinen Mädchen ständig ihre 
Männlichkeit vor Augen führen, so antwortet sie darauf 
mit der ebenso ständigen Versicherung: „Auch ich habe 
etwas herzuzeigen". Der Mützenträger hält den Männern 
der Umwelt, die unaufhörlich seinen Neid herausfordern, 
ebenso unaufhörlich Hut, Mütze oder Rucksack entgegen, 
die ihm handgreiflich seine eigene Männlichkeit beweisen. 
Bei jeder Unterbrechung solcher Handlungen von außen 
her geschieht dasselbe wie bei der äußeren Unterbindung 
echter Zwänge. Das mühsam gehaltene Gleichgewicht 
zwischen Abgewehrtem und Abwehr wird gestört, der 
verleugnete Außenweltsreiz oder der verdrängte Triebreiz 
will sich zur bewußten Kenntnis durchsetzen und erzeugt 
im Ich Angst und Unlustgefühle. 

Die Methode der Verleugnung durch Wort und Hand- 
lung unterliegt im zeitlichen Gebrauch denselben Ein- 
schränkungen, die ich im vorigen Kapitel für die Ver- 



. 



.-• 






106 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

leugnung in der Phantasie geschildert habe. 1 Sie kann 
nur so lange verwendet werden, als sie neben der Realitäts- 
prüfung bestehen kann, ohne sie zu stören. Unter den 
Bedingungen der durch Synthese geeinigten erwachsenen 
Ich-Organisation verschwindet sie und taucht erst dort 
wieder auf, wo die Beziehung zur Realität schwer ge- 
stört und die Realitätsprüfung eingestellt ist. In der psycho- 
tischen Wahnbildung zum Beispiel dient ein Stück Holz, 
nicht anders wie ein solcher Schutzgegenstand in der 
Kindheit, zur Darstellung ersehnter oder verlorener Ob- 
jekte. 2 Die einzige Ausnahme in der Neurose macht viel- 
leicht der Talisman des Zwangsneurotikers. Aber ich ge- 
traue mich nicht zu sagen, ob der Besitz, an den ein 
solcher Patient sich krampfhaft klammert, den Schutz 
gegen verpönte innere, gegen gefährliche äußere Mächte 
bedeutet, oder ob er vielleicht beide Abwehrfunktionen 
in sich vereinigt hat. 

Die Methode der Verleugnung durch Wort und Handlung 
ist aber einer noch weiteren Einschränkung unterworfen 
als die Verleugnung in der Phantasie. Das Kind ist beim 
Phantasieren souverän. Solange es seine Phantasien nie- 
mandem mitteilt, hat die Umgebung keine Veranlassung, 
sich einzumischen. Dagegen braucht die Darstellung der 



1) Eine Brücke zwischen der „Verleugnung in Wort und Handlung" 
und zwischen der „Verleugnung in der Phantasie" bildet das „Rollen- 
spiel" der Kinder, dessen ausführliche Analyse hier unterbleibt. 

2 ) Vgl. dazu R. Laforgues Auffassung von der Skotomisation (Über- 
legungen zum Begriff der Verdrängung), Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 
XIV, 1928, S. 371 f. 



DIE VERLEUGNUNG IN WORT UND HANDLUNG 107 

Phantasien in Wort und Tat Raum in der Außenwelt. 
Die Nachgiebigkeit der Außenwelt gegenüber diesen 
Darstellungen des Kindes ist also die äußere Bedingung 
für die Anwendbarkeit des Mechanismus, ähnlich wie 
seine Verträglichkeit mit der Realitätsprüfung die innere 
Bedingung ist. Bei dem Mützenträger zum Beispiel hängt 
der Erfolg seiner Abwehrversuche ganz davon ab, ob 
man ihm im Haus, in Schule und Kindergarten die 
Kopfbedeckung gestattet. Die Außenwelt anderseits läßt 
sich in ihrem Urteil über die Normalität oder Abnor- 
mität solcher Schutzmechanismen nicht von dem inneren 
Bau der Abwehrform, sondern nur durch den Grad ihrer 
Auffälligkeit bestimmen. Solange der Knabe mit seinem 
Zwangshut herumgeht, hat er ein „Symptom". Er gilt 
als sonderbar, steht jeden Augenblick in Gefahr, seines 
Angstschutzes beraubt zu werden. Zu einer andern Zeit 
seines Lebens ermäßigt er seine Schutzanforderungen. 
Er legt Rucksack und Kopfbedeckungen ab und begnügt 
sich damit, ständig einen Füllbleistift in der Tasche zu 
tragen. Von da an gilt er als normal. Er hat seinen 
Mechanismus zur Zufriedenheit der Umwelt unterge- 
bracht oder wenigstens vor ihren Blicken und Anforde- 
rungen verborgen. Das ändert allerdings nichts an seiner 
inneren Angstsituation. Er ist an das Tragen des Füll- 
bleistifts genau so zwanghaft zur Verleugnung seiner 
Kastrationsangst gebunden geblieben und bezahlt den 
eventuellen Verlust oder jede Trennung von ihm mit 
den alten Angst- und Unlustausbrüchen. 



1 08 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

Die Nachgiebigkeit der Außenwelt solchen Schutz- 
maßnahmen gegenüber entscheidet gelegentlich darüber, 
ob die Angstentwicklung an dieser Stelle aufgehalten 
und im primitiven „Symptom" gebunden wird, oder ob 
der Abwehrversuch scheitert, die Angstentwicklung fort- 
schreitet, direkt zum inneren Konflikt, zur Wendung der 
Abwehrversuche gegen das Triebleben und damit zur 
wirklichen neurotischen Verarbeitung führt. Es wäre aber 
gefährlich, den Versuch einer Verhütung der infantilen 
Neurosen etwa auf solche Nachgiebigkeit gegen die Ver- 
leugnungen aufzubauen. Das Ich erwirbt sich, wo der 
Mechanismus über Gebühr gebraucht wird, Auswüchse, 
Sonderbarkeiten, Eigenheiten, die sich — wenn die Zeit 
der primitiven Leugnungen endgültig abgelaufen ist — 
nur schwer wieder rückbilden lassen. 



VIII. KAPITEL. 

DIE ICH-EINSCHRÄNKUNG. 

Die Parallele zwischen den Methoden der Unlust- 
vermeidung nach außen und innen, die mit der Gegen- 
überstellung von Verleugnung und Verdrängung, Phan- 
tasiebildung tmd Reaktionsbildung begonnen hat, läßt sich 
an einem anderen, simpleren Abwehrmechanismus noch 
weiter fortsetzen. Die Methode der Leugnung mit darauf- 
gesetzter Phantasie vom Gegenteil wird in Situationen 
verwendet, in denen der peinliche Außenweltseindruck 
unentrinnbar ist. Eine so komplizierte psychische Leistung 
ist gar nicht notwendig, wo das Ich des etwas älteren 
Kindes durch seine größere körperliche Bewegungsfreiheit 
und seine größeren psychischen Aktionsmöglichkeiten 
dem Reiz entrinnen kann. Statt den peinlichen Eindruck 
wahrzunehmen und nachträglich durch Besetzungsentzug 
zu entwerten, steht es dem Ich ja frei, es gar nicht auf 
das Zusammentreffen mit der gefahrlichen äußeren 
Situation ankommen zu lassen. Das Ich kann also flüchten 
und „vermeidet" dadurch die Entstehung von Unlust 
im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser Mechanismus der 
Vermeidung ist ein so primitiver und selbstverständlicher, 
ist auch so untrennbar mit der normalen Ich-Bildung 
verknüpft, daß es nicht leicht ist, ihn für die Zwecke 



* 



1 1 O VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

der theoretischen Diskussion aus seinen gewöhnlichen 
Zusammenhängen zu lösen und gesondert zu betrachten. 

Derselbe Knabe, den ich im vorigen Kapitel als Mützen- 
träger eingeführt habe, gibt mir während seiner Analyse 
auch Gelegenheit, solche Entwicklungen seiner Unlust- 
vermeidung zu beobachten. Er findet eines Tages bei 
mir einen kleinen Block mit magischen Blättern, die er 
sehr schätzt und liebt. Er macht sich eifrig daran, die 
einzelnen Blätter mit einem bunten Bleistift anzustreichen, 
und ist zufrieden, daß ich das gleiche tue. Plötzlich 
wirft er aber einen Blick auf meine Arbeit hinüber, 
stockt und wird verstört. Im nächsten Augenblick legt 
er seinen Buntstift beiseite, schiebt mir den ganzen Vorrat 
zu, den er bis dahin eifersüchtig gehütet hat, steht auf 
und sagt: „Mach du sie nur, ich schau viel lieber zu." 
Es ist deutlich, daß ihm beim Her überschauen mein 
Zeichenblatt schöner, fertiger oder vollkommener er- 
schienen ist als seines. Der Vergleich wirkt offenbar auf 
ihn als Schock. Aber er beendet, schnell gefaßt, die Kon- 
kurrenz mit ihren peinlichen Folgen durch den Verzicht 
auf die eben noch lustbetonte Tätigkeit. Er begibt sich 
in die Rolle des Zuschauers, dessen nicht vorhandene 
Leistung mit keiner fremden mehr verglichen werden 
kann, und verhütet durch diese Einschränkung die Wieder- 
holung des unlustvollen Eindrucks. 

Dieser Vorfall bleibt auch kein vereinzelter. Ein Spiel 
mit mir, in dem er nicht gewinnt, ein Abziehbild, das 
mehr Defekte zeigt als meines, irgendeine Einzelhandlung, 






DIE ICH-EINSCHRÄNKUNG 111 

die er mir nicht gleich nachmachen kann, genügen, um 
den gleichen Stimmungsumschwung bei ihm hervor- 
zurufen. Er wird unlustig, inaktiv und zieht wie auto- 
matisch sein Interesse von der jeweiligen Beschäftigung 
zurück. Dafür verweilt er zwanghaft und endlos bei 
andern, bei denen er sich überlegen fühlt. Es ist nur 
selbstverständlich, daß er sich in seiner ersten Schul- 
klasse auch nicht anders benehmen kann als im Zu- 
sammensein mit mir. Er verweigert konsequent jedes 
Mittun bei Spiel und Arbeit der andern, bei dem er 
sich nicht völlig sicher weiß. Er geht zwischen den 
Kindern herum und „schaut zu". Seine Methode zur 
Bewältigung von Unlust durch Umkehrung ins lustvolle 
Gegenteil hat sich verwandelt. Er schränkt seine Ich- 
Funktionen ein, zieht sich, sehr zum Schaden seiner Ent- 
wicklung, von allen äußeren Situationen zurück, die ihm 
die am meisten gefürchtete Unlust präsentieren könnten. 
Nur im Verkehr mit sehr viel jüngeren Kindern kann 
er sich auch weiterhin uneingeschränkt und interessiert 
benehmen. 

In modern geführten Kindergärten und in Schul- 
anstalten, in denen der Gesamtunterricht zugunsten des 
frei gewählten individuellen Lernens in den Hintergrund 
tritt, ist der Typus meines Mützenträgers gar nichts 
Seltenes. Die dort arbeitenden Erzieher berichten, daß 
zwischen den gewohnten Gruppen der Aufgeweckten, 
Interessierten und Fleißigen einerseits und den intellektuell 
Stumpferen, Uninteressierten und Faulen anderseits eine 



. J.^ 



112 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

neue Zwischenschicht von Kindern entstanden ist, deren 
Zustand sich auf den ersten Blick in keine der bekannten 
Kategorien von Lernstörung einreihen läßt. Diese Kinder 
sind trotz ausgesprochener Intelligenz und guter Ent- 
wicklung, trotzdem sie von den Mitschülern als gute 
Kameraden geachtet werden, nicht in den regelrechten 
Spiel- oder Arbeitsbetrieb einzuordnen. Sie benehmen 
sich, als wären sie eingeschüchtert, obwohl die Schul- 
methoden Kritik und Tadel streng vermeiden. Aber schon 
der bloße Vergleich ihrer Leistungen mit denen der 
andern genügt, um ihnen ihre Arbeit zu entwerten. Aus 
dem Mißlingen einer Aufgabe oder eines Materialspiels 
beziehen sie eine dauernde Abneigung gegen die Wieder- 
holung des Versuchs. Sie bleiben darum untätig, wollen 
sich an keinen Platz und keine Beschäftigung binden 
und begnügen sich damit, den andern bei der Arbeit 
zuzuschauen. Sie wirken sekundär durch ihr Herum- 
lungern auch dissozial, denn sie geraten in ihrer Lange- 
weile in Konflikte mit denjenigen, die in Arbeit oder 
Spiel vertieft sind. 

Es liegt nahe, diese Kinder wegen des Kontrastes 
zwischen ihrer guten Begabung und ihren schlechten 
Leistungen als neurotisch gehemmte zu betrachten und 
hinter ihrer Störung dieselben Vorgänge und Inhalte zu 
vermuten, die uns aus der Analyse echter Hemmungen 
bekannt sind. Beide Zustandsbilder zeigen jedenfalls die 
gleiche Beziehung zur Vergangenheit. Bei beiden spielt 
das Symptom sich nicht am Eigentlichen ab, sondern 



DIE ICH-EINSCHRÄNKUNG ! X3 

nur an einem aktuellen Ersatz für ein zentrales Element 
der Vergangenheit. Bei der Rechen- oder Denkhemmung 
der Schüler, der Sprechhemmung der Erwachsenen, der 
Spielhemmung des Musikers zum Beispiel ist nicht das 
gedankliche Hantieren mit Vorstellungen oder Zahlen 
das Aussprechen der Worte, das Führen des Geigenbogens 
oder das Berühren der Klaviertasten die eigentlich ver- 
miedene Tätigkeit. Diese an sich harmlosen Ich-Leistungen 
sind nur in Beziehung zu alten abgewehrten Sexual- 
handlungen geraten, haben deren Vertretung auf sich ge- 
nommen und ziehen als „sexualisierte" Tätigkeiten jetzt 
die Abwehr auf sich. Ebenso hat die aus den Vergleichen 
bezogene Unlust, gegen die die geschilderten Kinder sich 
wehren, nur Ersatzcharakter. Die bessere Leistung, die 
die Außenwelt ihnen entgegenhält, bedeutet, wenigstens 
bei meinem Patienten, den Anblick des größeren Genitales, 
das ihn neidisch macht, der Wettstreit, in den sie sich 
einlassen sollen, die aussichtslose Konkurrenz mit dem 
Rivalen der Ödipusphase oder die unlustvolle Demon- 
stration des Geschlechtsunterschiedes. 

Dafür unterscheiden sich die beiden Störungen in einem 
andern Punkte. Die Arbeitsfähigkeit der beschriebenen 
Zuschauer läßt sich durch einen Wechsel in den Arbeits- 
bedingungen wieder herstellen. Die echten Hemmungen 
sind konsequent und bleiben von Veränderungen in der 
Umwelt eher unbeeinflußt. Ein kleines Mädchen einer 
solchen Kindergruppe zum Beispiel ist durch äußere 
Umstände genötigt, der ersten Schulklasse, in der sie 

■•..'ii,;. Freud, Das Ich und die Abwchrmechanismen. g 



I 14 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

„zuschaut", für eine Weile fernzubleiben. Sie wird allein 
unterrichtet und bewältigt plötzlich spielend den Lehr- 
stoff, zu dem sie im Beisein der andern Kinder keinen 
Zugang finden konnte. Derselbe Umschwung zeigt sich 
auch bei einer andern Siebenjährigen. Sie erhält Nach- 
hilfeunterricht, um den schlechten Schulfortgang auszu- 
gleichen. Sie benimmt sich in diesen Einzelstunden normal 
und ungehemmt, ohne daß diese gute Leistung aber in 
den parallel danebenlaufenden Schulunterricht zu über- 
tragen wäre. Die beiden Schulmädchen können also 
lernen wenn ihre Leistungen nur nicht den Vergleich 
mit denen der Kolleginnen aushalten müssen 5 mein kleiner 
Patient kann sich beschäftigen, wenn kleinere und nicht 
größere Kinder seine Spielgefährten sind. Für den äußeren 
Anschein benehmen diese Kinder sich, als wäre die 
Handlung selbst von innen und außen durch Verbote 
unterbunden. In Wirklichkeit verbietet sie sich von selbst, 
wenn sie zu einem unlustvollen Eindruck führt. Die 
Lage dieser Kinder ist also dieselbe wie die uns aus 
dem Studium der Weiblichkeit 1 bekannte innere Situation 
des kleinen Mädchens an einem entscheidenden Ent- 
wicklungspunkt. Abgesehen von Strafe und Gewissens- 
angst verzichtet das Mädchen zu einer bestimmten Zeit 
auf seine Klitorismasturbation und schränkt damit die 
männlichen Bestrebungen ein. Sie fühlt sich durch den 
Vergleich mit dem zur Masturbation besser ausgestatteten 

1) Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse. Ges. Sehr., Bd. XII, S. 285. 



DIE ICH-EINSCHRÄNKUNG ! ! 5 

Knaben in ihrer Selbstliebe gekränkt und will nicht 
durch Wiederholung der masturbatorischen Handlungen 
ständig an diese Zurücksetzung erinnert werden. 

Es wäre aber falsch zu glauben, daß nur die Unlust 
des Unterliegens im Vergleich, also Enttäuschung und 
Entmutigung mit Hilfe solcher Einschränkungen ver- 
mieden werden. In der Behandlung eines zehnjährigen 
Patienten habe ich Gelegenheit, denselben Vorgang zur 
Vermeidung direkter Realangst aus umgekehrtem Anlaß 
als passageres Symptom in Tätigkeit treten zu sehen. 
Der Knabe entwickelt sich in einer bestimmten Phase 
seiner Analyse zum glänzenden Fußballspieler. Die großen 
Jungen der Schule schätzen seine Leistung und lassen 
den viel Jüngeren zu seiner Freude als Gleichberechtigten 
zu ihren Spielen zu. Nach kurzer Zeit berichtet er mir 
einen Traum: Er spielt Ball. Ein großer Junge schießt 
so stark, daß er nur gerade noch über den Fußball weg- 
springen kann, um nicht getroffen zu werden. Er erwacht 
danach mit Angst. — Die Deutung zeigt, daß sein Stolz 
über den Verkehr mit Großen sich schnell in Angst ver- 
wandelt hat. Er fürchtet die Aggression der älteren Jungen, 
die ihn um sein Spiel beneiden könnten. Die anfangs 
lustvolle Situation, die er durch seine Leistung schafft, 
hat sich damit in eine ängstliche verwandelt. Das gleiche 
Thema wiederholt sich kurz darauf in einer Einschlaf- 
phantasie. Er sieht die Buben, die ihm mit dem Ball 
die Füße abschießen wollen. Der große Fußball fliegt 
auf ihn zu, er zuckt im Bett mit seinen Füßen in die 




1 16 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

Höhe, um sie noch zu retten. Die Füße spielen bei ihm, 
wie seine Analyse schon ergeben hat, auf dem Umweg 
über Geruchsempfindungen, Steifheit, Lahmheit usw. eine 
besondere Rolle als Vertreter seines Genitales. — Mit 
Traum und Phantasie ist die Entwicklung seiner neuen 
Leidenschaft gestört. Seine Leistungen gehen zurück, das 
Ansehen, das er in der Schule dafür genossen hat, ver- 
schwindet schnell wieder. Er sagt mit diesem Rückzug: 
Ihr braucht mir nicht die Füße abzuschießen, ich bin 
ja ohnehin kein guter Spieler mehr." 

Mit dieser Einschränkung seines Ichs nach einer Seite 
ist der Prozeß bei ihm aber noch nicht zu Ende. Er 
verstärkt plötzlich beim Rückzug vom Sport eine ganz 
andere Seite seiner Leistungen, nämlich seine seit jeher 
vorhandene Neigung zur Dichtkunst und zur Schrift- 
stellerei. Er liest mir Gedichte vor, verfertigt eigene, 
bringt mir Novellen mit, die er schon als Siebenjähriger 
geschrieben hat, und macht weitgehende Zukunftspläne 
für seine Dichterkarriere. Der Fußballspieler hat sich 
damit in einen Literaten verwandelt. In einer Stunde 
dieser Art gibt er mir eine graphische Darstellung seiner 
Einstellung zu den verschiedenen männlichen Berufen 
und Betätigungen. Die Literatur bekommt dabei einen 
großen dicken Punkt in der Mitte seiner Zeichnung zu- 
gewiesen, Wissenschaften aller Art werden im Kreis darum 
angeordnet, die praktischen Berufe folgen in entfernteren 
Punkten. In einer obersten Ecke des Blattes, ganz am 
Rand gelegen, erhält schließlich der vor kurzem noch 



DIE ICH-EINSCHRÄNKUNG 11 7 

so wichtige Sport ein winziges Pünktchen, das seine höchste 
Geringschätzung für solche Vergnügungen ausdrücken soll. 
Es ist lehrreich zu sehen, wie schon nach wenigen Tagen 
seine bewußte Wertschätzung nach Art einer Rationali- 
sierung seiner Angst gefolgt ist. Auf dem Gebiet der 
Dichtkunst bringt er allerdings in diesen Tagen wirklich 
Erstaunliches zusammen. Die leere Stelle, die durch Aus- 
fall der Sportleistung in seiner Ich -Funktion entstanden 
ist, wird durch tatsächliche Überproduktion nach einer 
andern Richtung in gewissem Sinne wieder wettgemacht. 
Die Analyse macht natürlich klar, daß die Angst vor der 
Rache der großen Buben ihre Stärke aus der Wieder- 
holung seiner Vaterkonkurrenz bezieht. 

Ein zehnjähriges Mädchen geht mit großen Erwartun- 
gen in ihre erste Tanzgesellschaft. Sie gefällt sich in ihren 
neuen Kleidern und Schuhen, auf die sie sehr viel Nach- 
denken verwendet hat, und verliebt sich augenblicklich 
in den hübschesten und vornehmsten der anwesenden 
Buben. Der Zufall, daß er als gänzlich Unbekannter den 
gleichen Familiennamen trägt wie sie, gibt ihr Anlaß 
zu einer Phantasie geheimer Zugehörigkeit. Sie benimmt 
sich entgegenkommend gegen ihn, findet aber keine An- 
erkennung. Er macht sogar nach einem Tanz eine spöt- 
tische Bemerkung über ihre Ungeschicklichkeit. Die Ent- 
täuschung wirkt auf sie wie eine schockartige Beschämung. 
Sie vermeidet von da an solche Gesellschaften, verliert 
das Interesse an Kleidern und gibt sich keine Mühe 
mehr, das Tanzen zu erlernen. Eine Weile behält sie noch 



1 18 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGKKAHR 

ein gewisses Vergnügen daran, andern Kindern unbeteiligt 
und ernsthaft beim Tanzen zuzuschauen und eventuelle 
Aufforderungen abzuweisen. Allmählich belegt sie diese 
ganze Seite ihres Lebens mit hochmütiger Verachtung. 
Aber gleichzeitig macht sie, ebenso wie der Fußball- 
spieler, diese Ich-Einschränkung wieder wett. Sie steigert 
beim Rückzug von den weiblichen Interessen ihre Denk- 
und Lernleistungen und erwirbt sich schließlich auf einem 
längeren Umweg doch noch die Anerkennung vieler 
Buben ihres Alters. Die spätere Analyse zeigt, daß die 
Zurückweisung durch den gleichnamigen Jungen von ihr 
als Wiederholung eines traumatischen Ereignisses der aller- 
ersten Kinderjahre verstanden worden ist. Das Element 
in der Situation, vor der ihr Ich flüchtet, ist hier wieder 
nicht Angst oder Schuldgefühl, sondern intensivste Unlust 
über eine erfolglose Werbung. 

Kehren wir von hier aus noch einmal zum Unter- 
schied zwischen Hemmung und Ich-Einschränkung zurück. 
Der neurotisch Gehemmte wehrt sich gegen die Durch- 
setzung einer verpönten Triebhandlung, also gegen Unlust- 
entbindung durch innere Gefahr. Auch wo seine Angst 
und Abwehr sich wie in der Phobie scheinbar gegen 
die Außenwelt richten, fürchtet er in ihr sein Inneres. 
Er vermeidet die Straße, um seinen eigenen alten Ver- 
suchungen dort nicht zu begegnen. Er weicht seinem 
Angsttier aus, nicht um sich gegen das Tier selbst, sondern 
gegen seine eigenen, durch eine Begegnung geweckten 
aggressiven Regungen und ihre Folgen zu schützen. Die 






DIE ICH-EINSCHRÄNKUNG 1 1 9 

Methode der Ich- Einschränkung anderseits wehrt aktuelle 
unlustvolle Außenweltseindrücke ab, die das Wiederauf- 
leben vergangener unlustvoller Außenweltseindrücke zur 
Folge hätten. Der Unterschied zwischen Hemmung und 
Ich-Einschränkung liegt also wieder wie beim Vergleich 
zwischen Verdrängung und Verleugnung darin, daß der Ab- 
wehrvorgang das eine Mal gegen das eigene Innere, das 
andere Mal gegen die Reize der Außenwelt gerichtet wird. 

Weitere Differenzen zwischen diesen beiden Zustands- 
bildern sind dann noch Folgen dieses einen prinzipiellen 
Unterschieds. Hinter der neurotisch gehemmten Hand- 
lung steht ein Triebwunsch. Die Hartnäckigkeit, mit der 
jede einzelne Es-Regung sich um Erreichung ihres Be- 
friedigungsziels bemüht, verwandelt den einfachen Hem- 
mungsvorgang in ein fixiertes neurotisches Symptom, in 
dem Es -Wunsch und Abwehr ständig miteinander ringen. 
Das Individuum verausgabt seine Energie in diesem Kampf 
und bleibt an den Wunsch zu rechnen, vorzutragen, 
Violine zu spielen usw. mit geringen Abwandlungen 
vom Es aus gebunden, wobei gleichzeitig die Verhinde- 
rung oder wenigstens die Verschlechterung seiner Aus- 
führung vom Ich her mit derselben Standhaftigkeit er- 
zwungen wird. 

Bei der Ich-Einschränkung aus Realangst oder -unlust 
liegt eine solche Bindung an die gestörte Tätigkeit nicht 
vor. Hier steht nicht die Handlung selbst, sondern die 
durch sie erzeugte Unlust oder Lust im Vordergrund. 
Bei seiner Suche nach Lust und seiner Unlustvermeidung 



120 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

wirtschaftet das Ich frei mit allen Leistungen, die zur 
Verfügung stehen. Es läßt die Handlungen fallen, die 
zu Unlust- oder Angstentbindung führen, hält auch den 
Wunsch nach ihrer Ausführung nicht fest. Es zieht sein 
Interesse von ganzen Gebieten zurück und wirft die Akti- 
vität nach schlechten Erfahrungen in möglichst entgegen- 
gesetzte Richtungen. So wird aus dem Fußballspieler ein 
Dichter, aus der enttäuschten Tänzerin die Vorzugs- 
schülerin. Natürlich schafft das Ich dabei nicht neue 
Fähigkeiten, es kann sich nur vorhandener bedienen. 

Die Ich-Einschränkung als Methode der Unlustvermei- 
dung gehört ebenso wie die verschiedenen Formen der 
Leugnung nicht der Neurosenpsychologie, sondern dem 
normalen Prozeß der Ich-Entwicklung an. Beim jungen 
und plastischen Ich belohnt sich der Rückzug von der 
einen Seite gelegentlich durch konzentrierte Höchst- 
leistungen auf anderem Gebiet. Wo das Ich starr ist 
oder wo es sich bereits eine Intoleranz für Unlust er- 
worben hat und sich zwanghaft an die Fluchtmethode 
bindet, dort bestraft sich diese durch schlechte Folgen für 
die Ich-Ausbildung. Das Ich wird durch den Rückzug 
aus zu vielen Positionen einseitig, verliert zu viele Inter- 
essen und verarmt an Leistungen. 

Die theoretische Unterschätzung der Einstellung des 
kindlichen Ichs auf Unlustvermeidung ist mitverantwort- 
lich für das Mißlingen mancher pädagogischer Experi- 
mente der letzten Jahre. Die moderne Pädagogik will dem 
wachsenden Ich des Kindes größere Handlungsfreiheit, vor 



DIE ICH-EINSCHRÄNKUNG 1 2 1 

allem freie Wahl der Tätigkeit und Interessen sichern. Ab- 
sicht ist die bessere Entwicklung des Ichs und die Unter- 
bringung aller Sublimierungen. Aber das Kind der Latenz- 
periode kann die Aufgabe der Angst- und Unlustvermei- 
dung noch höher stellen als direkte oder indirekte Trieb- 
befriedigung. Es wählt in vielen Fällen, wo es nicht von 
äußeren Forderungen gelenkt wird, seine Beschäftigungen 
nicht nach Begabung und Sublimierungsmöglichkeit, son- 
dern nur nach schneller Sicherung vor Angst und Unlust. 
Zur Überraschung der Erzieher ist dann der Erfolg solcher 
Wahlfreiheit nicht Persönlichkeitsentfaltung, sondern Ich- 
Verarmung. 

Mit Hilfe solcher Abwehrmittel gegen reale Unlust und 
Realgefahr, von denen ich drei hier beispielsweise ange- 
führt habe, betreibt das kindliche Ich Neurosenprophylaxe 
auf seine eigene Gefahr. Es hält Angstentwicklung 
auf und deformiert sich selbst zum Zweck der Leidens- 
verhütung. Aber die Schutzmaßnahmen, die es aufbaut, 
wie etwa die Flucht vor körperlicher Leistung auf gei- 
stiges Gebiet, wie die Bindung der Frau an Gleich- 
stellung mit Männern, wie die Einschränkung des Funk- 
tionierens auf den Verkehr mit Schwächeren, sind im 
späteren Leben allen Angriffen von außen ausgesetzt. 
Änderungen der Lebensform, die durch Katastrophen wie 
Objektverlust, Krankheit, Not und Krieg erzwungen 
werden, konfrontieren das Ich von neuem mit der ur- 
sprünglichen Angstsituation. Ein solcher Entzug des Angst- 



122 VERMEIDUNG VON REALUNLUST UND REALGEFAHR 

Schutzes kann dann, nicht anders als die Versagung ge- 
wohnter Triebbefriedigung, zum aktuellen Anlaß für 
Neurosenbildung werden. 

In der Unselbständigkeit des kindlichen Lebens läßt 
sich ein solcher Anlaß zur Neurosenbildung gelegentlich 
je nach dem Willen des Erwachsenen erzeugen oder aus 
dem Wege räumen. Das Kind, das in der freien Schule 
nicht lernt, sondern zuschaut oder zeichnet, wird unter 
den Bedingungen des strengeren Schulbetriebs „gehemmt". 
Die Unerbittlichkeit, mit der die Außenwelt an einer 
Forderung festhält, ergibt die Bindung an die Tätigkeit, 
die Unlust bringt; die Unentrinnbarkeit der Unlust aber 
verlangt nach neuen Mitteln der Bewältigung. Ander- 
seits kann auch die fertige Hemmung oder ein Symptom 
noch von dem Außenschutz beeinflußt werden. Die Mutter, 
die sich durch den Anblick des gestörten Kindes geängstigt 
und in ihrem Stolz gekränkt fühlt, verschafft ihm Siche- 
rung und verhütet das Zusammentreffen mit Unlustsitua- 
tionen in der Außenwelt. Das heißt aber, sie benimmt 
sich dem Symptom des Kindes gegenüber nicht anders als 
der Phobiker zu seinem Angstanfall, sie ermöglicht Flucht 
und Leidens Verhütung durch künstliche Einschränkung der 
kindlichen Handlungsfreiheit. Diese gemeinsame Arbeit an 
der Sicherung gegen Angst und Unlust bei Mutter und Kind 
trägt wahrscheinlich die Verantwortung für die so häufige 
Symptomlosigkeit der kindlichen Neurosen. Man muß 
ein solches Kind erst seinem Schutz entziehen, ehe der 
Umfang seiner Symptome sich objektiv beurteilen läßt. 






C. ZWEI BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN. 



IX. KAPITEL. 

DIE IDENTIFIZIERUNG MIT DEM ANGREIFER. 

Die Abwehrgewohnheiten des Ichs sind verhältnismäßig 
durchschaubar, solange die einzelnen Methoden isoliert 
gebraucht werden und nur im Kampf mit einer spe- 
ziellen Gefahr Verwendung finden. Wo wir Leugnungen 
antreffen, handelt es sich um äußere Gefahr 5 wo Ver- 
drängungen im Gang sind, kämpft das Ich mit Trieb- 
reizen. Die große äußere Ähnlichkeit zwischen Hemmung 
und Ich-Einschränkung macht die Zuordnung zum äußeren 
oder inneren Kampf schon weniger gesichert. Aber die 
Verhältnisse werden noch verwirrtere, wo Abwehrvor- 
gänge sich kombinieren oder wo dasselbe Mittel das eine 
Mal nach innen, das andere Mal nach außen hin ge- 
braucht wird. Beides gilt zum Beispiel in vollem Maße 
für die Identifizierung. Durch ihre Verwendung zum 
Aufbau des Über-Ichs dient sie der Bewältigung des Trieb- 
lebens. Zu anderen Zeiten aber bedeutet sie, wie ich im 
folgenden zu zeigen versuche, im Verein mit anderen 
Methoden eines der wichtigsten Mittel im Umgang mit 
den angsterregenden Objekten der Außenwelt. 

August A ich hörn berichtet aus seiner Praxis als Er- 
ziehungsberater über den Fall eines Volksschülers, der 
ihm wegen Grimassierens zugewiesen wird. Der Lehrer 



1 2.6 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 



klagt, daß der Junge Tadel und Ermahnung nicht in 
normaler Weise entgegennehmen kann. Er schneidet bei 
solchen Anlässen Gesichter, über welche die ganze Schul- 
klasse in Lachen ausbricht. Der Lehrer kann sich dieses 
Benehmen nur als bewußte Verspottung oder aber als 
Folge ticartiger Zuckungen erklären. Die Angaben des 
Lehrers bestätigen sich leicht, das Grimassieren wieder- 
holt sich auch in der Beratungsstunde. Gleichzeitig aber 
bringt die Unterredung zu dritt die Aufklärung des Zu- 
standes. Die aufmerksame Beobachtung der beiden zeigt, 
daß die Grimassen des Jungen nichts anderes sind als 
ein verzerrtes Abbild der Gesichtszüge des ärgerlichen 
Lehrers. Der Junge, der dem Tadel des Lehrers stand- 
halten soll, bewältigt seine Angst durch unwillkürliche 
Nachahmung des Zornigen. Er übernimmt selber seinen 
Zorn und folgt den Worten des Lehrers mit dessen eigenen, 
nicht wiedererkannten Ausdrucksbewegungen. Das Gri- 
massieren dient hier also der Angleichung oder Identi- 
fizierung mit dem gefürchteten Objekt der Außenwelt. 
Das kleine Mädchen, das, wie oben berichtet, die Krän- 
kungen des Penisneids durch Magie und Zauberei zu 
überwinden sucht, verwendet mit Absicht und Bewußt- 
sein, was dieser Junge unwillkürlich zustande bringt. Sie 
traut sich nicht, das Vorzimmer der Wohnung zu über- 
queren^ die Dunkelheit macht ihr Gespensterangst. Aber 
sie erlernt es einmal plötzlich und ist jetzt imstande, 
den gefürchteten Raum mit allerlei sonderbaren Bewe- 
gungen zu durchlaufen. Nach kurzem teilt sie ihrem 






DIE IDENTIFIZIERUNG MIT DEM ANGREIFER 127 

kleinen Bruder triumphierend das Geheimnis ihrer Angst- 
bewältigung mit. „Du brauchst dich im Vorzimmer nicht 
zu fürchten", sagt sie. „Du mußt nur spielen, daß du 
selber der Geist bist, der dir begegnen könnte." Ihre 
magischen Gebärden dabei erklären sich offenbar als die 
von ihr vermuteten Bewegungen der Geister. 

Was uns in den geschilderten Beispielen als Eigenheit 
der beiden Kinder entgegentritt, ist in Wirklichkeit eine 
der natürlichsten und verbreitetsten Verhaltungsweisen 
des primitiven Ichs, die aus dem Studium der Geister- 
beschwörungen und religiösen Zeremonien primitiver Zei- 
ten längst bekannt ist. Auch in zahlreichen Kinderspielen 
dient diese Verwandlung der eigenen Person in ein ge- 
fürchtetes Objekt der Umwandlung von Angst in lust- 
betonte Sicherheit. Es ist deutlich, daß auch von hier 
aus wieder ein Weg zum Verständnis des kindlichen 
Rollenspiels hinüberführt. 

Die körperliche Darstellung des Gegners entspricht 
aber nur der Verarbeitung eines einzigen Stücks aus 
einem zusammengesetzten Angsterlebnis, dessen andere 
Elemente, wie andere Beobachtungen zeigen, auch noch 
nach weiterer Bewältigung verlangen. 

Mein schon mehrmals geschilderter sechsjähriger Pa- 
tient macht Zahnarztbesuche. Einige Male geht es aus- 
gezeichnet, die Behandlung ist schmerzlos, er triumphiert 
und macht sich über alle lustig, die den Zahnarzt fürch- 
ten. Ein nächstes Mal aber kommt er außerordentlich 
verstimmt zur Stunde. Der Zahnarzt hat ihm soeben 



128 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

weh getan. Er ist böse und unfreundlich und läßt es an 
den Dingen meines Zimmers aus. Ein Radiergummi ist 
sein erstes Opfer. Er will ihn zum Geschenk haben. Da 
ich das verweigere, nimmt er ein Messer und will ihn 
mitten auseinanderschneiden. Dann richtet sich seine Be- 
gehrlichkeit auf eine große Spagatrolle. Er will auch 
sie geschenkt und malt mir aus, wie gut er sie als Leine 
für seine Tiere brauchen könnte. Da ich die ganze Rolle 
verweigere, greift er zum Messer und schneidet wenig- 
stens ein großes Stück davon für sich ab. Aber er ver- 
wendet es nicht; statt dessen wird es nach kurzer Zeit 
noch einmal in lauter kleine Teile zerschnitten. Schließ- 
lich verwirft er auch den Bindfaden, wendet sich zu den 
Bleistiften und spitzt sie unermüdlich mit dem Messer, 
bricht alle Köpfe ab und spitzt sie wieder weiter. Es 
wäre falsch zu sagen, daß er „Zahnarzt" spielt. In seinem 
Benehmen ist das Bild des Arztes gar nicht mitenthalten. 
Seine Identifizierung betrifft nicht die Person des Gegners, 
nur dessen Aggression. 

Derselbe Knabe kommt ein anderes Mal nach einem 
kleinen Unfall. Er ist bei einem Bewegungsspiel in seiner 
Schule dem Sportlehrer mit aller Kraft in die vorgestreckte 
Faust gelaufen. Er blutet an der Lippe, ist verweint und 
verbirgt beides hinter einer vorgehaltenen Hand. Ich 
versuche ihn zu trösten und zu beruhigen. Er verläßt 
mich in einem kläglichen Zustand, kehrt aber am näch- 
sten Tag sehr aufrecht und in voller Kriegsausrüstung 
zu mir zurück. Er trägt eine Militärmütze auf dem Kopf, 



DIE IDENTIFIZIERUNG MIT DEM ANGREIFER 129 

einen Säbel an der Seite und eine Kinderpistole in der 
Hand. Auf mein Erstaunen über die Verwandlung sagt 
er nur: „Ich wollte einmal so angezogen mit dir spielen". 
Dann spielt er aber gar nicht, setzt sich statt dessen 
hin und schreibt einen Brief an seine Mutter: „Liebe 
Mami, bitte, bitte, bitte, bitte, schenk mir das verspro- 
chene Taschenmesser schon vor Ostern!" Wieder können 
wir nicht sagen, daß er zur Bewältigung des angster- 
regenden Ereignisses vom Vortag die Person des Lehrers 
darstellt, mit dem er den Zusammenstoß gehabt hat. 
Was er vorspielt, ist diesmal auch nicht dessen Aggres- 
sion. Seine Waffen und Ausrüstungsgegenstände bedeuten 
offenbar als männliche Attribute die Stärke des Lehrers 
und dienen, ähnlich wie die Attribute des Vaters in den 
Tierphantasien, der Identifizierung mit seiner Männlich- 
keit und damit der Verteidigung gegen narzißtische Be- 
schädigungen und Unfälle. 

Die bisher zusammengestellten Beispiele enthalten gut 
Bekanntes. Das Kind introjiziert etwas von der Person 
des Angstobjekts und verarbeitet auf diese Weise ein eben 
vorgefallenes Angsterlebnis. Das Mittel der Identifizierung 
oder Introjektion tritt dabei mit einer zweiten wichtigen 
Methode in Verbindung. Mit der Darstellung des An- 
greifers, der Übernahme seiner Attribute oder seiner Ag- 
gressionen verwandelt das Kind sich gleichzeitig aus dem 
Bedrohten in den Bedroher. In „Jenseits des Lustprinzips" 
ist die Bedeutung dieser Wendung von der Passivität zur 
Aktivität für die Verarbeitung unlustvoller oder trauma- 

Anna Freud. Das Ich und die Abwehrmechanismen. Q 



15 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

tischer Erlebnisse des infantilen Lebens ausführlich ge- 
schildert. „Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals 
geschaut oder eine kleine Operation an ihm ausgeführt 
hat", heißt es dort, „so wird dies erschreckende Erlebnis 
ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles werden, aber 
der Lustgewinn aus anderer Quelle ist dabei nicht zu 
übersehen. Indem das Kind aus der Passivität des Erlebens 
in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt es einem 
Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst wider- 
fahren war, und rächt sich so an der Person dieses Stell- 
vertreters." 1 Was für das Spiel gilt, läßt sich auf das 
Benehmen des Kindes übertragen. Bei dem grimassierenden 
Knaben und der kleinen Zauberin ist zwar das Schicksal 
der übernommenen Bedrohung nicht weiter zu verfolgen. 
Der andere Knabe aber richtet seine Aggression, die er 
vom Zahnarzt und vom Lehrer übernommen hat, in 
seinem Bösesein diffus gegen die ganze Außenwelt. 

Das Auftreten des gleichen Umwandlungsprozesses wirkt 
dann befremdender, wenn die Angst sich gar nicht auf 
ein vergangenes, sondern auf ein zukünftiges Ereignis 
bezieht. Ich berichte an anderer Stelle über einen Knaben, 
der die Gewohnheit hat, überstark an der Klingel seines 
Pflegeheims zu läuten. Wenn ihm geöffnet wird, über- 
häuft er das Hausmädchen mit lauten Vorwürfen über 
ihre Verspätung und Unaufmerksamkeit. Zwischen seiner 
Hantierung an der Klingel und dem Ausbruch seines 
Ärgers liegt aber die Angst vor den Vorwürfen, die 

i) Ges. Sehr., Bd. VI, S. 203. 






DIE IDENTIFIZIERUNG MIT DEM ANGREIFER 131 

man ihm wegen seines rücksichtslosen Läutens machen 
könnte. Er überfällt also das Mädchen mit Anklagen, ehe 
sie Zeit hat, ihre Klage gegen sein Benehmen vorzubrin- 
gen. Die Vehemenz seines prophylaktischen Schimpfens 
entspricht dabei der Stärke seiner Angst. Er verwendet 
die übernommene Aggression auch nicht gegen irgend- 
einen Stellvertreter, sondern wendet sie zurück, gerade 
gegen diejenige Person der Außenwelt, von der er 
Aggression erwartet hat. Der Austausch zwischen An- 
greifer und Angegriffenem wird also in diesem Falle bis 
zu Ende durchgeführt. 

Ein anschauliches Beispiel dieser Art berichtet Jenny 
Wälder aus der Behandlung eines fünfjährigen Knaben. 1 
Zur Zeit, in der die Analyse sich dem Material über 
die Onanie mit den dazugehörigen Phantasien nähert, 
verfällt der sonst schüchterne und gehemmte Junge in 
einen Zustand wilder Aggression. Seine sonst passive Hal- 
tung verschwindet, von seinen femininen Zügen ist nichts 
mehr zu bemerken. Er attackiert in der Stunde die Ana- 
lytikerin als brüllender Löwe. Er trägt eine Rute mit 
sich herum und spielt Krampus; das heißt, er schlägt im 
Stiegenhaus, zu Hause und in der Stunde nach den Men- 
schen. Großmutter und Mutter beklagen sich, daß er 
Versuche macht, sie ins Gesicht zu schlagen. Die Beun- 
ruhigung der Mutter erreicht den Höhepunkt, als er 
beginnt, mit Küchenmessern zu hantieren. Die Arbeit 
in der Analyse zeigt dann, daß die aggressive Aktivität 

1) Nach einem mündlichen Bericht aus dem Wiener Kinderseminar. 

9* 



132 



BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 



des Kindes keiner Enthemmung seiner Triebregungen 
entspricht. Er ist von einer Befreiung seiner männlichen 
Tendenzen noch weit entfernt. Er hat nur Angst. Das 
Bewußtwerden und das notwendige Eingeständnis seiner 
alten und rezenten Sexualbetätigung erweckt Straferwar- 
tungen in ihm. Seinen Erfahrungen nach werden die Er- 
wachsenen böse, wenn sie solche Handlungen bei einem 
Kind entdecken. Man wird angebrüllt, mit Ohrfeigen 
eingeschüchtert, mit der Rute geschlagen ; vielleicht wird 
einem auch etwas mit einem Messer abgeschnitten. Die 
Aktivität mittels Gebrüll, Rute und Messer dient also 
der Darstellung und Vorwegnahme seiner Befürchtungen. 
Er hat die Aggressionen der Erwachsenen, vor denen er 
sich schuldig fühlt, introjiziert und wendet sie jetzt aktiv 
gegen dieselben Personen seiner Außenwelt zurück. Seine 
Aggressionen steigern sich dann jedesmal, wenn er sich 
der Mitteilung des gefährlichen Materials annähert. Nach 
dem endlichen Durchbruch, der Besprechung und Deutung 
seiner verbotenen Gedanken und Gefühle läßt er die 
plötzlich überflüssig gewordene Krampusrute, die er bis 
dahin ständig mit sich geführt hat, bei der Analytikerin 
zurück. Sein Zwang zu schlagen verschwindet gleichzeitig 
mit seiner angstvollen Erwartung, Schläge zu bekommen. 
Wir erkennen in dieser „Identifizierung mit dem An- 
greifer" eine gar nicht seltene Zwischenstufe in der nor- 
malen Über-Ich-Entwicklung des Individuums. Wenn die 
beiden letztgeschilderten Knaben sich mit den Straf- 
androhungen der Erwachsenen identifizieren, so machen 



DIE IDENTIFIZIERUNG MIT DEM ANGREIFER 1 33 

sie damit einen entscheidenden Schritt zur Entwicklung 
ihrer Über-Ich-Instanz$ sie verinnerlichen eine von außen 
kommende Kritik ihrer Handlungsweise. Durch fort- 
schreitende Verinnerlichungen dieser Art, durch die In- 
trojektion der Eigenschaften der Erzieher, durch Über- 
nahme ihrer Attribute und ihrer Meinungen liefern sie 
ja fortlaufend dem Über-Ich das Material zu seiner Aus- 
gestaltung. Aber sie machen trotzdem an dieser Stelle 
mit der Aufrichtung der Über-Ich-Instanz noch nicht recht 
Ernst. Die verinnerlichte Kritik wird noch nicht sofort 
in Selbstkritik verwandelt. Sie wendet sich, wie wir an 
den vorangehenden Beispielen gesehen haben, von der 
beanstandeten Handlung des Kindes weg zur Außenwelt 
zurück. Der Identifizierung mit dem Angreifer folgt mit 
Hilfe eines neuen Abwehrvorgangs der aktive Angriff auf 
die Außenwelt. 

Ein nächstes komplizierteres Beispiel macht es dann viel- 
leicht möglich, auch diesen nächsten Schritt des Abwehr- 
vorgangs besser zu durchschauen. Ein Knabe bedient sich 
auf der Höhe seines Ödipuskomplexes der geschilderten 
Methode zur Bewältigung der Bindung an die Mutter. 
Seine gute Beziehung zur Mutter wird durch Ausbrüche 
von Unwillen gegen sie gestört. Er macht ihr heftige 
Vorwürfe aller Art, in denen unverständlicherweise ein 
stereotyper Vorwurf immer wiederkehrt: er beklagt sich 
ständig über ihre Neugier. Der erste Schritt in seiner 
Verarbeitung der verbotenen Gefühle ist deutlich. In seiner 
Phantasie weiß sie von seiner Werbung und weist sie 



134 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

böse ab. Ihr Bösesein wird in seinen bösen Stimmungen 
gegen sie in aktiver Weise dargestellt. Aber zum Unter- 
schied von dem Patienten Jenny Wälders ist seine An- 
klage gegen sie nicht allgemein gehalten. Sein spezieller 
Vorwurf ist ihre Neugier. Seine Analyse zeigt dann, daß 
diese Neugier nicht ihrem, sondern seinem eigenen Trieb- 
leben angehört. In seiner Beziehung zur Mutter macht 
ihm unter allen Partialtrieben die Bewältigung seiner auf 
sie gerichteten Schaulust die größte Schwierigkeit. Der 
Austausch ist hier ein vollkommener. Er übernimmt das 
Bösesein der Mutter und schreibt ihr dafür seine Neu- 
gierde zu. 

Eine jugendliche Patientin überhäuft ihre Analytikerin 
in bestimmten Widerstandsphasen mit den lebhaftesten 
Vorwürfen über Geheimnistuerei. Sie beklagt sich über 
ihre übergroße Zurückhaltung, plagt sie mit Fragen nach 
persönlichen Details und ist untröstlich, wenn die Ant- 
wort wieder ausbleibt. Die Vorwürfe verschwinden dann 
wieder, um nach einer Weile stereotyp und wie auto- 
matisch von neuem aufzutauchen. Der Vorgang läßt sich 
auch hier wieder im Verständnis in zwei Phasen teilen. 
Die Patientin hält selber von Zeit zu Zeit infolge einer 
bestimmten Mitteilungshemmung intimes Material be- 
wußt geheim. Sie weiß, daß sie damit gegen die Grund- 
regel der Analyse verstößt, und erwartet den Vorwurf der 
Analytikerin. Sie introjiziert den phantasierten Vorwurf 
und wendet ihn aktiv gegen die Person der Analytikerin 
zurück. Ihre Phasen der Aggression fallen zeitlich genau 



DIE IDENTIFIZIERUNG MIT DEM ANGREIFER 135 

mit ihren Phasen von Geheimhaltung zusammen. Die 
spezielle Art ihres Vergehens erscheint dabei unentstellt 
in der speziellen Form ihrer Kritik. Das Vergehen der 
Geheimnistuerei, das dem Benehmen der Patientin an- 
gehört, wird als Vergehen der Analytikerin wahrge- 
nommen. 

Eine andere junge Patientin gerät periodisch in einen 
Zustand intensivster Aggression. Sie wendet ihren Un- 
willen ziemlich gleichmäßig gegen mich, gegen ihre 
Eltern und gegen Außenstehende. In ihren Anklagen 
kehren vor allem zwei Elemente immer wieder. Es 
entsteht in solchen Phasen in ihr das Gefühl, daß man 
etwas vor ihr verbirgt, daß alle außer ihr um irgendein 
Geheimnis wissen. Sie wird von dem Verlangen gequält, 
dieses Geheimnis zu erfahren. Gleichzeitig empfindet sie 
eine tiefe Enttäuschung über die innere Unvollkommen- 
heit aller Menschen, die ihr nahestehen. Wie bei der 
Patientin des vorigen Beispiels die Zeiten der Geheim- 
haltung mit denen der Klagen über Geheimnistuerei 
zusammenfallen, so entsprechen die aggressiven Phasen 
dieser Patientin automatisch den Zeiten, zu denen ihre 
verdrängten, ihr selbst unbekannten Onaniephantasien 
zum Bewußtsein auftauchen wollen. Die Verurteilung 
der Liebesobjekte entspricht der Verurteilung, die sie 
von den ihr Nahestehenden für ihre Kinderonanie er- 
wartet. Sie identifiziert sich voll mit diesem Urteil und 
wendet es gegen die Außenwelt zurück. Dafür ist das 
Geheimnis, das alle vor ihr verbergen, ihr eigenes Onanie- 



136 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

geheimnis, das sie vor den andern und sich selbst ver- 
birgt. Ihre Aggression entspricht also wieder der Aggression 
der andern, das Geheimnis in der Außenwelt ist eine 
Spiegelung der eigenen Verdrängung. 

Die Verfolgung der drei letzten Beispiele läßt ver- 
stehen, wodurch die geschilderte Zwischenstufe in der Ent- 
wicklung der Über- Ich-Funktion zustande kommt. Straf- 
androhung und Vergehen sind auch nach der Introjektion der 
Kritik noch nicht im Innern des Individuums zusammen- 
getroffen. In demselben Augenblick, in dem die Kritik 
nach innen verlegt wird, verschiebt sich das Vergehen 
in die Außenwelt. Das heißt aber: die Identifizierung 
mit dem Angreifer ergänzt sich durch ein anderes Ab- 
wehrmittel, durch die Projektion der Schuld. 

Ein Ich, das mit Hilfe dieses Abwehrmechanismus 
diesen speziellen Entwicklungsweg durchmacht, introjiziert 
die kritisierenden Autoritäten als Über-Ich und ist im- 
stande, seine verbotenen Regungen nach außen zu pro- 
jizieren. Ein solches Ich ist intolerant gegen die Außen- 
welt, ehe es streng gegen sich selber wird. Es erlernt, 
was verurteilt werden soll, schützt sich aber mit Hilfe 
dieses Abwehrvorgangs gegen die Unlust der Selbst- 
kritik. Das Wüten gegen den Schuldigen in der Außen- 
welt dient ihm als Vorläufer und Ersatz des Schuldgefühls. 
Es steigert sich automatisch, wo die Selbstwahrnehmung 
der eigenen Schuld sich steigern will. Diese Zwischen- 
phase der Über-Ich-Entwicklung entspricht einer Art Vor- 
stufe der Moral. Die wirkliche Moral beginnt, wenn die 



DIE IDENTIFIZIERUNG MIT DEM ANGREIFER 137 

verinnerlichte Kritik als Über-Ich-Forderung auf dem Boden 
des Ichs mit der Wahrnehmung des eigenen Vergehens 
zusammentrifft. Die Strenge des Über-Ichs wendet sich 
von da an nach innen statt nach außen, die Intoleranz 
nach außen ermäßigt sich damit. Aber das Ich hat von 
diesem Entwicklungsstadium an die größere Unlust zu 
ertragen, die Selbstkritik und Schuldgefühl in ihm er- 
zeugen. 

Es ist möglich, daß manche Individuen auf dieser 
Zwischenstufe der Über-Ich-Bildung stehenbleiben und 
die Verinnerlichung des Vorgangs nie ganz zustande bringen. 
Sie bleiben dann in der Selbstwahrnehmung der eigenen 
Schuld besonders aggressiv gegen die Außenwelt. Das 
Über-Ich benimmt sich in solchen Fällen gegen die Außen- 
welt ähnlich schonungslos wie das Über-Ich der Melan- 
cholie gegen das eigene Ich. Es könnte sein, daß solche 
Hemmungen der Uber-Ich-Entwicklung auch einem ver- 
kümmerten Ansatz zur Ausbildung melancholischer Zu- 
stände entsprechen. 

So wie die „Identifizierung mit dem Angreifer" einer- 
seits einer Vorstufe der Über-Ich-Bildung entspricht, scheint 
sie anderseits eine Zwischenphase in der Entwicklung zu 
paranoiden Zuständen zu bilden. Die Verwendung der 
Identifizierung stellt die Gemeinsamkeit mit der einen, 
die Verwendung der Projektion die Gemeinsamkeit mit 
der andern Gruppe von Erscheinungen her. Anderseits 
sind Identifizierung und Projektion normale Formen der 
Ich -Tätigkeit, die je nach dem Material, auf das sie an- 



Ij8 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

gewendet werden, zu den verschiedensten Endausgängen 
führen. 

Die spezielle Kombination von Introjektion und Pro- 
jektion, die wir hier als Identifizierung mit dem Angreifer 
bezeichnen, gehört nur solange dem normalen Leben an, 
solange das Ich sich ihrer im Kampf mit den Autoritäts- 
personen, also in der Auseinandersetzung mit seinen Angst- 
objekten bedient. Der gleiche Abwehrvorgang verliert 
seine Harmlosigkeit und erhält pathologischen Charakter, 
wenn er in das Liebesleben übertragen wird. Auch der 
Ehemann, der seine eigenen Impulse zur Untreue auf 
seine Frau verschiebt und ihr dann über ihre Treulosig- 
keit leidenschaftliche Vorhaltungen macht, introjiziert ihre 
Vorwürfe und projiziert ein Element des eigenen Es*. 
Aber seine Absicht dabei ist nicht der Schutz gegen einen 
aggressiven Eingriff von außen her, sondern der Schutz 
gegen die Erschütterung einer positiven libidinösen Bin- 
dung an den Partner durch Störungen von innen. Dem- 
entsprechend ist auch der Ausgang ein verschiedener. 
Statt der aggressiven Haltung gegen die ehemaligen An- 
greifer in der Außenwelt erwirbt sich ein solcher Patient 
eine zwanghafte Fixierung an den Liebespartner in der 
Form der projizierten Eifersucht. 

Wo derselbe Projektionsmechanismus zur Abwehr homo- 
sexueller Liebesregungen verwendet wird, geht er noch 
weitere Kombinationen mit anderen Mechanismen ein. 

1) Siehe: Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia 
und Homosexualität. Freud, Ges. Sehr., Bd. V, S. 388. 




DIE IDENTIFIZIERUNG MIT DEM ANGREIFER 139 

Die Verkehrung ins Gegenteil, in diesem Falle die Ver- 
kehrung von Liebe in Haß, vervollständigt dann die 
Leistung von Introjektion und Projektion und bringt den 
Aufbau paranoider Wahngebilde zustande. In diesen beiden 
letzten Fällen, der Abwehr heterosexueller und homo- 
sexueller Liebesregungen, benimmt sich das Ich auch nicht 
mehr willkürlich in seinen Projektionen. Es läßt sich in 
der Auswahl des Ansatzpunktes für die Unterbringung 
seiner eigenen unbewußten Regungen durch das Wahr- 
nehmungsmaterial bestimmen, „welches die gleichartigen 
unbewußten Regungen des anderen Teiles verrät" 1 . 

Außer für diese theoretischen Differenzierungen zwi- 
schen der Verwendungsweise der einzelnen Abwehrformen 
kann uns die Analyse der Identifizierung mit dem An- 
greifer auch für die Unterscheidung zwischen Angst- und 
Aggressionsausbrüchen in der analytischen Übertragung 
zu Hilfe kommen. Wo wir durch die analytische Arbeit 
im Patienten echte unbewußte aggressive Regungen ins 
Bewußtsein heben, verlangt der aufgestaute Affekt nach 
Ermäßigung durch Abreagieren in der Übertragung. Wo 
aber die auftauchende Aggression des Patienten einer 
solchen Identifizierung mit unserer vermeintlichen Kritik 
entspricht, bleibt sie durch „Ausleben" und „Abreagieren" 
völlig unberührt. Sie steigert sich, solange die Verpönung 
der unbewußten Regungen anhält, und verschwindet, wie 
bei dem geschilderten Knaben vor dem Onaniegeständnis, 
nur mit der Auflösung der Straf- und Über-Ich-Ängste. 

1; 1. c. Bd. V, S. 588. 



X. KAPITEL. 

EINE FORM VON ALTRUISMUS. 

Soweit es darauf ankommt, die Vorstellungsrepräsen- 
tanz gefährlicher Triebregungen aus dem Zusammenhang 
des Ichs zu beseitigen, ist die Wirkungsweise des Pro- 
jektionsmechanismus der Leistung der Verdrängung am 
ähnlichsten. Andere Ab wehr Vorgänge wie Verschiebung, 
Verkehrung ins Gegenteil, Wendung gegen die eigene 
Person beeinflussen den Triebvorgang selbst; Verdrängung 
und Projektion verhindern nur seine Wahrnehmung. Bei 
der Verdrängung wird die beanstandete Vorstellung ins 
Eis zurückgewiesen, die Projektion verlegt sie statt dessen 
in die Außenwelt. Die Projektion gleicht auch darin 
der Verdrängung, daß sie nicht an eine spezielle Angst- 
situation gebunden ist, sondern durch Realangst, Über- 
Ich- Angst und Triebangst gleichmäßig ausgelöst werden 
kann. Die Autoren der englischen analytischen Schule 
stellen die Behauptung auf, daß schon in den ersten 
Lebensmonaten vor allen Verdrängungen Projektionen der 
ersten aggressiven Regungen vorgenommen werden und 
für die Ausgestaltung des kindlichen Weltbildes und der 
kindlichen Persönlichkeit entscheidende Bedeutung haben. 

Dem Ich des kleinen Kindes in der ganzen ersten 
Infantilperiode ist der Gebrauch von Projektionen jeden- 



EINE FORM VON ALTRUISMUS 141 

falls natürlich. Sie dienen ihm dazu, seine Handlungen 
und Wünsche, wenn sie gefährlich werden, von sich ab- 
zuweisen und in der Außenwelt einen neuen Urheber 
für sie zu suchen. Ein „fremdes Kind", ein Tier, selbst 
unbelebte Gegenstände sind ihm zur Unterbringung der 
eigenen Vergehen gleichmäßig recht. Das kindliche Ich 
entledigt sich auf diese Art normalerweise ständig ver- 
pönter Regungen und Wünsche und gibt sie freigebig 
an die Umgebung ab. Wo diese Wünsche von außen 
her mit Strafandrohungen belegt sind, schiebt es die Er- 
satzpersonen, auf die es projiziert hat, zur Bestrafung vor, 
wo Schuldgefühle es zur Projektion veranlaßt haben, 
wendet es die Selbstkritik als Anklage nach außen. In 
beiden Fällen distanziert es sich vom neuen Täter und 
benimmt sich äußerst intolerant bei seiner Beurteilung. 

Aber der Projektionsmechanismus verursacht nicht nur 
Störungen der menschlichen Beziehungen durch die Er- 
zeugung von projizierter Eifersucht und die Hinausver- 
legung von Aggressionen. Er dient auch der Herstellung 
wichtiger positiver Bindungen und damit der Befestigung 
der menschlichen Beziehungen. Diese normale und un- 
auffälligere Form von Projektion könnte man als „al- 
truistische Abtretung" eigener Triebregungen an andere 
Menschen bezeichnen. 1 

Ich gebe im folgenden ein Beispiel eines solchen Sach- 
verhalts. 

Eine junge Erzieherin berichtet in ihrer Analyse, daß 

1) Nach einer Namengebung von Edward Bibring. 



1 42 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

ihre Kinder jähre von zwei Vorstellungen erfüllt waren: 
sie wollte schöne Kleider und viele Kinder haben. Das 
Ausmalen der Erfüllung beider Wünsche beschäftigte sie 
fast zwanghaft in ihren Phantasien. Aber auch neben 
diesen beiden Hauptwünschen war sie von zahllosen an- 
deren Verlangen erfüllt: sie wollte alles haben und mit- 
machen, was ihre viel älteren Spielgefährten besaßen und 
unternahmen, ja sogar alles besser machen und dafür 
bewundert werden. Ihr ewiges „Möcht auch!" war eine 
Plage für die erwachsene Umgebung. Dabei hatten die 
meisten ihrer Wünsche den Charakter der Dringlichkeit 
und Unersättlichkeit. 

In der Erwachsenheit wirkt sie vor allem als beschei- 
den und anspruchslos. Sie ist zur Zeit der Analyse noch 
unverheiratet und kinderlos, in der Kleidung eher ärm- 
lich und unauffällig. Sie zeigt wenig Neid und geringen 
Ehrgeiz und konkurriert mit andern nur, wenn äußere 
Notwendigkeiten sie dazu drängen. Der erste Eindruck 
ist, daß sie sich, wie es so häufig vorkommt, im vollen 
Gegensatz zu ihrer Kinderzeit entwickelt hat, daß ihre 
Wünsche Verdrängungen erlegen sind und sich im Be- 
wußtsein durch Reaktionsbildungen ersetzen (etwa Ge- 
fallsucht durch Bescheidenheit, Ehrgeiz durch Anspruchs- 
losigkeit). Als Ursache der Verdrängung würde man ein 
Sexualverbot zu finden erwarten, das sich von Exhibi- 
tionsgelüsten und Kindeswunsch aus über das übrige 
Triebleben verbreitet hat. 

Aber nicht alles an ihrem aktuellen Verhalten fügt 



EINE FORM VON ALTRUISMUS 143 

sich diesem Eindruck. Eine ausführlichere Darstellung 
ihres Lebens zeigt eine nach Verdrängungen kaum mög- 
liche Bejahung ihrer alten Wünsche. Ihre eigene Sexual- 
ablehnung stört sie nicht darin, das Liebesleben ihrer 
Freundinnen und Berufskolleginnen mit positivem Inter- 
esse zu verfolgen. Sie hilft bei Eheschließungen und ist 
die Vertraute vieler Liebesabenteuer. Der Mangel an 
Interesse für ihre eigene Kleidung hindert sie nicht an 
aktiver Fürsorge für die Kleidung anderer. Der eigenen 
Kinderlosigkeit parallel läuft eine Zuwendung zu den 
Kindern anderer Menschen, die auch in der Berufswahl 
ihren Ausdruck findet. Man könnte sagen: sie hat ein 
gesteigertes Interesse daran, daß ihre Freundinnen schöne 
Kleider bekommen, gefallen und Kinder haben. In ana- 
loger Weise ist sie trotz eigener Zurückhaltung ehrgeizig 
für ihre männlichen Liebesobjekte, deren berufliche Lauf- 
bahn sie auch mit gesteigertem Interesse verfolgt. Man 
erhält den Eindruck, als wäre ihr eigenes Leben von 
Wünschen und Interessen entleert; es bleibt bis zur Zeit 
der Analyse fast ereignislos. Statt Aktivität auf die Er- 
reichung eigener Ziele zu verwenden, gibt sie alle Energie 
in Teilnahme an dem Schicksal der ihr Nahestehenden 
aus. Sie lebt mit andern Menschen mit, statt selber etwas 
zu erleben. 

Die Analyse ihrer infantilen Beziehungen zu Mutter 
und Vater gibt auch entscheidende Auskunft über die 
Umwandlung, die mit ihr vorgegangen ist. Ein früher 
Triebverzicht, der das Über-Ich mit besonderer Strenge 



144 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

ausstattet, macht ihr die Durchsetzung der eigenen Wunsch- 
regungen unmöglich. Der Peniswunsch mit seinen Aus- 
läufern in männliche Ehrgeizphantasien und weibliche 
Kindeswünsche und der Wunsch, dem Vater nackt oder 
in schönen Kleidern zu gefallen, verfallen der Verpönung. 
Aber sie werden nicht verdrängt. Für jede einzelne dieser 
Regungen finden sich Ersatzpersonen in der Außenwelt, 
bei denen sie sich unterbringen lassen. Die Eitelkeit der 
Freundinnen wird zum Ansatzpunkt, auf den die eigene 
Eitelkeit sich projizieren läßt, libidinöse Wünsche und 
Ehrgeizphantasien finden auf dieselbe Weise Unterbrin- 
gung in der Außenwelt. Sie projiziert also ihre ver- 
botenen Triebregungen auf andere Menschen, nicht 
anders, als es bei den Beispielen des letzten Kapitels der 
Fall war. Der Unterschied liegt nur in der weiteren 
Verarbeitung. Sie' identifiziert sich mit dem neuen Täter, 
anstatt sich von ihm zu distanzieren. Sie benimmt sich 
verständnisvoll seinen Wünschen gegenüber, fühlt sich 
ihm sogar außerordentlich nahe. Das Über-Ich, das die 
betreffende Triebregung im Zusammenhang des eigenen 
Ichs verurteilt hat, toleriert sie überraschenderweise in 
der Außenwelt. Ihr Triebgenuß besteht dadurch im Mit- 
genuß der Triebbefriedigung anderer, der ihr durch 
Projektion und Identifizierung ermöglicht wird. 1 Die 
Zurückhaltung, zu der das Triebverbot sie im eigenen 
Leben zwingt, wird aufgehoben, wo es sich darum handelt, 

1) Vgl. dazu Paul Federns Begriff der „teilnehmenden Identifi- 
zierung" und seine Ausführungen. Imago XXII, 1956, S. 33. 



EINE FORM VON ALTRUISMUS 145 

am fremden Objekt die eigenen projizierten Wünsche 
zur Durchsetzung zu bringen. Die Abtretung ihrer eigenen 
Triebregungen an andere Personen hat danach egoisti- 
schen Sinn; aber die Bemühung um die Triebbefriedigung 
dieser andern ergibt ein Verhalten, das wir altruistisch 
nennen müssen. 

Diese Kommunikation zwischen eigenem und fremdem 
Wunsch, die sich in ihrer ganzen Lebensführung aus- 
drückt, läßt sich in der Analyse kleiner Einzelvorfälle 
mit besonderer Deutlichkeit verfolgen. Als Dreizehnjährige 
zum Beispiel verhebt sie sich heimlich in einen Freund 
der älteren Schwester, die in alten Zeiten ihr besonderes 
Eifersuchtsobjekt war. Sie zweifelt, ob nicht auch er sie 
gelegentlich der Schwester vorzieht, und hofft ständig 
auf Liebesbeweise von seiner Seite. Bei einer solchen 
Gelegenheit wird sie, wie schon oft, zurückgesetzt. Der 
junge Mann kommt abends unerwartet, um die Schwester 
zu einem Ausgang abzuholen. Sie erinnert in der Analyse 
mit voller Deutlichkeit, wie ihre anfangs lähmende Ent- 
täuschung in plötzliche Geschäftigkeit umschlägt. Sie be- 
ginnt herbeizuschaffen, was die Schwester zum Ausgang 
„schön" machen könnte, und schmückt sie voller Eifer. 
Dabei gerät sie in die glücklichste Stimmung und ver- 
gißt vollkommen, daß nicht sie, sondern die andere es 
ist, der das Vergnügen bevorsteht. Sie hat ihren eigenen 
Liebeswunsch und ihre Gefallsucht auf die Konkurrentin 
projiziert und genießt die Erfüllungen in Identifizierung 
mit dem Neidobjekt. 

Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen. 10 



14 _6 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

Sie erlebt den gleichen Vorgang auch, wo es sich um 
Versagung und nicht um Erfüllung handelt. Sie gibt den 
Kindern, die ihr anvertraut sind, gern zu essen. Bei einer 
solchen Gelegenheit weigert sich eine Mutter, irgend- 
einen besonderen Leckerbissen für das Kind zu opfern. 
Während sie selbst im allgemeinen große Gleichgültigkeit 
gegen Eßgenüsse zeigt, gerät sie über die Verweigerung 
in stürmische Empörung. Sie empfindet die Versagung 
des Wunsches für das fremde Objekt als eigene, so wie sie 
im andern Fall die Erfüllung am fremden Objekt als eigene 
empfunden hat. Was sie den andern abgetreten hat, ist 
offenbar das Recht auf eine ungestörte Wunscherfüllung. 
Dieser letztgeschilderte Zug läßt sich an dem Erlebnis 
einer andern Patientin vom gleichen Typus noch deut- 
licher erkennen. Eine junge Frau, die in besonders guter 
Beziehung zum Schwiegervater steht, reagiert in sonder- 
barer Weise auf den Tod der Schwiegermutter. Sie hat 
zur Pflicht, mit andern Frauen der Familie den Kleider- 
nachlaß der Verstorbenen aufzuteilen. Zum Unterschied 
von allen andern weigert sie sich, auch nur ein einziges 
Kleidungsstück für ihren eigenen Gebrauch anzunehmen. 
Statt dessen bestimmt sie einen Mantel zum Geschenk 
für eine arme Kusine. Wie aber die Schwester der Ver- 
storbenen vorher einen Pelzkragen vom Mantel abtrennen 
und zurückbehalten will, gerät sie, die bisher völlig affekt- 
los und uninteressiert war, in einen Zustand namenloser 
Wut. Sie wendet ihre volle, sonst gehemmte Aggression 
gegen die Tante und setzt am Ende durch, daß ihr 



EINE FORM VON ALTRUISMUS 147 

Schützling bekommt, was sie ihm zugedacht hat. Die 
Analyse des Vorfalls zeigt, daß sie durch Schuldgefühle 
gehindert ist, etwas aus dem Besitz der Schwiegermutter 
anzunehmen. Das Kleidungsstück bedeutet für sie die 
symbolische Erfüllung des Wunsches, beim Schwieger- 
vater ihre Stelle einzunehmen. Sie verzichtet darum für 
ihre eigene Person und tritt den Wunsch, die „Mutter" 
zu beerben, an die Kusine ab. Dort aber fühlt sie Ver- 
langen und Enttäuschung in voller Stärke und ist im- 
stande, sich für die Erfüllung einzusetzen, was ihr in 
ihrem eigenen Leben nie gelingt. Das Über-Ich, das sich 
der eigenen Triebregung gegenüber unerbittlich zeigt, 
ist mit dem Trieb wünsch einverstanden, wenn er von 
dem eigenen Ich entfernt wird. Das sonst gehemmte 
aggressive Verhalten ist bei der Durchsetzung des fremden 
Wunsches plötzlich ich-gerecht. 

Die beiden hier angeführten Beispiele lassen sich aus 
der alltäglichen Beobachtung beliebig ergänzen, wenn man 
einmal auf diesen aus Projektion und Identifizierung 
kombinierten Abwehrvorgang aufmerksam geworden ist. 
Ein junges Mädchen, das beim Entschluß zur eigenen 
Heirat durch Gewissensskrupel gestört ist, betreibt statt 
dessen die Eheschließung der Schwester aufs energischeste. 
Eine Patientin, die bei Geldausgaben für ihre eigene Person 
zwangsneurotisch gehemmt ist, kann plötzlich freigebig 
werden, wenn sie nur Geschenke einkauft. Eine Patientin, 
die durch Angst an der Ausführung ihrer Reisepläne ver- 
hindert ist, rät mit unerwarteter Wärme Freundinnen 



!48 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

zum Reisen zu. Die Identifizierung mit Schwester, Freundin 
und Beschenktem verrät sich jedesmal durch ein plötz- 
lich auftretendes warmes Zusammengehörigkeitsgefühl, 
das anhält, während der eigene Wunsch an der Ersatz- 
person verwirklicht wird. Der Volksmund belustigt sich 
seit jeher über „alte Jungfern, die Ehen stiften" und 
über „Kiebitze, denen kein Spiel zu hoch ist". Die Ab- 
tretung der Wunschregung an einen andern und die 
Überwachung der Wunscherfüllung am Ersatzobjekt 
gleichen tatsächlich dem interessierten und genußreichen 
Zuschauen bei einem Spiel, bei dem man selber keinen 
Einsatz wagen kann. 

Aber die Leistung dieses Abwehrvorgangs ist eine 
doppelte. Er sichert nicht nur, wo er auftritt, das Wohl- 
wollen des Individuums für die Triebbefriedigung des 
Nebenmenschen und gestattet dadurch indirekten Trieb- 
genuß trotz Über-Ich-Verbots; er befreit gleichzeitig die 
gehemmte Aktivität und Aggression, die der Sicherung 
der ursprünglichen Wünsche dienen sollten. Die Patientin, 
die nichts dazu tun kann, um sich selbst orale Genüsse 
zu verschaffen, darf sich gegen die Mutter empören, die 
einem fremden Kind orale Verzichte auferlegt. Wo es 
verboten ist, sich selbst die Rechte der verstorbenen Haus- 
frau zu erwerben, darf das symbolische Recht einer 
andern mit voller Aggression verteidigt werden. Eine 
Angestellte, die nie wagen würde, für sich selbst Ge- 
haltserhöhung zu verlangen, bestürmt plötzlich die Chefin, 
um die Rechte einer Kollegin durchzusetzen. Die Ana- 



EINE FORM VON ALTRUISMUS 1 49 

lyse solcher Situationen verrät die Herkunft des Abwehr- 
vorgangs aus dem infantilen Kampf mit einer elterlichen 
Autorität um irgendeine Form der Triebbefriedigung. 
Die Aggression gegen die Mutter, die verpönt ist, so- 
lange es sich um den eigenen Triebwunsch handelt, setzt 
sich durch, wenn es um die Befriedigung scheinbar 
fremder Wünsche geht. Der bekannteste Vertreter dieses 
Typus ist der öffentliche Wohltäter, der einer Gruppe 
von Menschen mit voller Aggression und Aktivität Geld 
abfordert, um eine andere Gruppe damit zu beschenken ; 
das Extrem vielleicht ist der Attentäter, der im Namen 
der Unterdrückten an einem Unterdrücker einen Mord 
verübt. Das Objekt, gegen das die befreite Aggression 
sich richtet, bleibt immer der Vertreter jener Autorität, 
die in der infantilen Zeit den Triebverzicht erzwungen hat. 
Das Objekt, an das die eigene Triebregung abgetreten 
wird, kann nach verschiedenen Gesichtspunkten aus- 
gewählt werden. Es ist möglich, daß die Wahrnehmung 
der verpönten Triebregung in der Außenwelt dem Ich 
als Anhaltspunkt für Projektion genügt. Im Falle des 
Erbes der Schwiegermutter ist es die Entfernung aus 
dem engen Familienzusammenhang, die an der Ersatz- 
person zum harmlosen Wunsch stempelt, was dem In- 
dividuum selbst Vertretung des Inzestwunsches bedeutet. 
In den meisten Fällen ist die Ersatzperson ein altes Neid- 
objekt. Die altruistische Erzieherin des ersten Beispiels 
verlegt ihre Ehrgeizphantasien auf ihre Freunde, die 
libidinösen Wünsche auf ihre Freundinnen. Die Freunde 



1 50 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

sind in ihrer Zuneigung die Nachfolger des Vaters und 
eines großen Bruders, an denen ihr Penisneid sich ab- 
gespielt hat ^ die Freundinnen sind die Vertreter einer 
Schwester, auf die in etwas späterer Kindheit der Penis- 
neid in Form von Neid auf ihre Schönheit verschoben 
worden war. Sie fühlt sich selbst in der Durchsetzung 
ihrer Ehrgeizpläne dadurch gestört, daß sie ein Mädchen 
ist; als Mädchen aber fühlt sie sich nicht hübsch genug, 
um Männern wirklich zu gefallen. In der Enttäuschung 
an sich selbst verlegt sie darum ihre Wünsche auf ge- 
eignetere Objekte. Die Männer sollen in der Berufswelt für 
sie erreichen, was sie selber nicht erreichen kann, die schö- 
neren Mädchen sollen das gleiche in der Liebe für sie 
tun. Die altruistische Abtretung wird hier zur Methode, 
mit der sich ihre narzißtische Kränkung überwinden läßt. 
Eine solche Abtretung des Trieb Wunsches an ein zur 
Wunscherfüllung geeigneteres Objekt bestimmt häufig 
überhaupt das Verhältnis eines Mädchens zum Mann, den 
sie damit — zum Nachteil jeder wirklichen Objektbezie- 
hung — zum Vertreter ihrer eigenen Person erwählt. 
Sie verlangt auf Grund einer solchen „altruistischen" 
Bindung an ihn, daß er in seinem Leben die Pläne er- 
füllt, an deren Erreichung sie sich durch ihre Weiblich- 
keit gehindert fühlt, daß er etwa an ihrer Statt studiert, 
einen bestimmten Beruf wählt, berühmt oder reich wird 
usw. Hier treten Egoismus und Altruismus zu den ver- 
schiedensten Mischungen zusammen. Aus dem Verhältnis 
zwischen Eltern und Kindern ist eine solche altruistisch- 



EINE FORM VON ALTRUISMUS 151 

egoistische Abtretung eigener Lebenspläne an das Kind 
bekannt. Die Eltern wollen etwa mit Hilfe des Kindes 
als dem geeigneteren Objekt gewaltsam die Ehrgeizwünsche 
durchsetzen, die sie am eigenen Leben nicht verwirklichen 
konnten. Vielleicht ist auch das so rein altruistische Ver- 
hältnis der Mutter zum Sohn durch solche Abtretung 
ihrer Wünsche an das durch seine Männlichkeit „geeig- 
nete" Objekt weitgehend mitbestimmt. Tatsächlich ent- 
schädigt der Erfolg im Leben eines Mannes die ihm zu- 
gehörigen Frauen weitgehend für Verzicht auf eigene 
Ehrgeiz w ünsche. 

Das schönste und ausführlichste Beispiel einer solchen 
altruistischen Abtretung an das geeignetere Objekt findet 
sich in dem Schauspiel „Cyrano de Bergerac" von Edmond 
Rostand. Der Held des Stückes ist eine historische Figur, 
ein französischer Edelmann, Dichter und Gardeoffizier 
des 17. Jahrhunderts, der durch seinen Verstand und seine 
Tapferkeit bekannt, aber durch eine besonders häßliche 
Nase zur Frauenliebe ungeeignet ist. Er verliebt sich in 
seine schöne Kusine Roxane, verzichtet aber im Bewußt- 
sein seiner Häßlichkeit sofort auf jede Aussicht auf ihre 
Gegenliebe. Statt sich mit seiner gefürchteten Fechtkunst 
aller Nebenbuhler zu erwehren, tritt er seine eigenen 
Liebesansprüche an einen schöneren Mann ab. Von diesem 
Verzicht angefangen, stellt er seine Kraft, seinen Mut 
und seinen Geist in den Dienst dieses Glücklicheren und 
macht alle Anstrengungen, um ihm zur Erreichung seiner 
Wünsche zu verhelfen. Höhepunkt des Stückes ist eine 



152 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

nächtliche Szene unter dem Balkon der von beiden 
Männern geliebten Frau. Cyrano flüstert dem Rivalen 
die Worte zu, die ihm Erfolg verschaffen sollen, tritt 
dann selber als Redner im Dunkel an seine Stelle, ver- 
gißt im Feuer der Werbung, daß er nicht selbst der 
Werbende ist, und vollzieht die Rückverwandlung zur 
Resignation erst im letzten Augenblick, in dem der schöne 
Christian erhört wird und zur Umarmung den Balkon 
hinaufsteigt. Er nimmt den Rivalen immer mehr zum 
Freund an und beschützt im Krieg sein Leben statt des 
eigenen. Wie sein Ersatzobjekt ihm durch den Tod ge- 
nommen wird, gibt er auch die Werbung um Roxane 
als verboten auf. — Daß der Dichter in dem „Altruis- 
mus Cyranos mehr schildern will als ein sonderbares 
Liebesabenteuer, zeigt eine Parallele, die er zwischen 
dem Liebesleben Cyranos und seinen Schicksalen als 
Dichter herstellt. So wie Christian mit Cyranos Gedichten 
und Briefen Roxanes Liebe erwirbt, so bedienen sich 
Dichter wie Corneille, Moliere und Swift ganzer Szenen 
aus Cyranos unbekannten Werken und erhöhen damit 
ihre eigene Berühmtheit. Der Cyrano des Schauspiels ak- 
zeptiert dieses Schicksal. Er leiht dem schöneren Christian 
seine Worte so bereitwillig wie dem genialeren Moliere. 
Der Defekt, den er an der eigenen Person mißachtet, 
läßt ihm die bevorzugten anderen als geeignetere Objekte 
zur Verwirklichung der eigenen Wunschphantasien er- 
scheinen. 

Eine kleine Beobachtung am Phänomen der Todes- 



EINE FORM VON ALTRUISMUS 1 53 

angst ermöglicht schließlich noch von anderer Seite her 
den Zugang zum Begriff der altruistischen Abtretung. 
Wo immer die Projektion von Triebregungen auf andere 
in größerem Umfange stattfindet, dort fehlt dem be- 
treffenden Individuum das Erlebnis von Todesangst. Ein 
solches Ich spürt auch im Augenblick der Gefahr keine 
wirkliche Besorgnis für das eigene Leben. Es kennt aber 
statt dessen eine gesteigerte Besorgnis und Angst um das 
Leben seiner Liebesobjekte. Die Beobachtung zeigt, daß 
diese Objekte, deren Sicherheit so lebenswichtig ist, die- 
selben Ersatzpersonen sind, auf die die Triebwünsche ver- 
schoben wurden. Die geschilderte junge Erzieherin zum 
Beispiel zittert in übertriebener Angst um das Leben 
ihrer Freundinnen bei Geburten und Schwangerschaften 5 
Cyrano stellt, wie die obige Schilderung zeigt, Christians 
Sicherheit im Krieg weit über seine eigene. Es wäre 
falsch, zu vermuten, daß es die verdrängte Rivalität ist, 
die hier doch wieder in abgewehrten Todeswünschen 
durchbricht. Es scheint auf Grund der Analyse solcher 
Angst und Angstfreiheit eher so, daß das eigene Leben 
nur so weit als wertvoll und erhaltenswert gilt, als Mög- 
lichkeit zur Triebbefriedigung darin enthalten ist. Wo die 
Triebregung an fremde Objekte abgetreten ist, wird statt 
des eigenen Lebens das fremde Leben wertvoll. Die Ver- 
nichtung des Ersatzobjekts wäre — wie bei dem Tod 
Christians für Cyrano — mit der Vernichtung aller Hoff- 
nung auf Erfüllungsmöglichkeiten gleichbedeutend. 

Die junge Erzieherin spürt zum erstenmal nach ihrer 



154 BEISPIELE FÜR ABWEHRTYPEN 

Analyse anläßlich einer Erkrankung, daß der Gedanke 
an das Sterben ihr etwas Unlustvolles bedeutet. Sie wünscht 
sich zum eigenen Erstaunen dringend, doch noch so lange 
zu leben, bis sie ihre neue Wohnung eingerichtet und 
eine Prüfung abgelegt hat, die ihr berufliche Anerkennung 
sichern soll. Wohnung und Prüfung bedeuten, wenn auch 
in sublimierter Form, die Erfüllungen von Trieb wünschen, 
zu deren Rückversetzung ins eigene Leben die Analyse 
sie befähigt hat. 1 

l) Die Ähnlichkeit der Verhältnisse bei der altruistischen Abtretung 
mit den uns bekannten Entstehungsbedingungen der männlichen Homo- 
sexualität ist deutlich. Auch der Homosexuelle überträgt seinen Anspruch 
darauf, von der Mutter geliebt zu werden, auf einen jüngeren Bruder, 
der vorher sein Neidobjekt war. Allerdings befriedigt er diesen Anspruch 
dann selber durch Übernahme der mütterlichen Haltung, genießt also 
das Mutter -Sohn -Verhältnis aktiv und passiv. Es ist schwer zu ent- 
scheiden, wieweit dieser Vorgang an den geschilderten Situationen al- 
truistischer Abtretung mitbeteiligt ist. Der Lustgewinn Cyranos und der 
altruistischen Lehrerin beginnt sicher nicht erst beim Mitgenuß an den 
Erfolgen der Ersatzpersonen. Der Rausch des Schenkens und Helfens, 
in den sie geraten, verrät die Abtretung selbst als befriedigenden Trieb- 
vorgang. Ähnlich wie bei der Identifizierung mit dem Angreifer erheben 
sie sich damit aus der Passivität in die Aktivität; die narzißtische Krän- 
kung wird auch durch die Betonung der eigenen Machtfülle als Gönner, 
die passiv erlebte Versagung durch die aktive Beglückung des andern 
wieder wettgemacht. 

Die Frage bleibt offen, ob es auch eine wirklich altruistische Be- 
ziehung zum Nebenmenschen gibt, bei der der eigene Triebgenuß auch 
in verschobener und sublimierter Form keine Rolle mehr spielt. Sicher 
ist, daß Projektion und Identifizierung nicht der einzige Weg zum schein- 
bar altruistischen Verhalten sind ; ein anderer, leicht zu verfolgender Weg 
zum selben Ziel kann zum Beispiel über die verschiedenen Formen des 
Masochismus führen. 




D. ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE. 

(DARGESTELLT AM BEISPIEL DER PUBERTÄT.) 



XL KAPITEL. 

ICH UND ES IN DER PUBERTÄT. 

Von allen Perioden des menschlichen Lebens, in denen 
die Bedeutung des Trieblebens unverkennbar in den 
Vordergrund tritt, hat die Pubertät seit jeher die meiste 
Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die psychischen Er- 
scheinungen, die das Eintreten der Geschlechtsreife be- 
gleiten, beschäftigen die Psychologie seit langem. Wir 
finden in der außeranalytischen Literatur immer wieder 
eindrucksvolle Schilderungen der Charakter Veränderungen, 
die in diesen Jahren vor sich gehen, der Störungen im 
psychischen Gleichgewicht, vor allem der unverständ- 
lichen und nicht zu vereinbarenden Gegensätze im Seelen- 
leben des Einzelnen. Der Jugendliche ist gleichzeitig im 
stärksten Maße egoistisch, betrachtet sich selbst als den 
Mittelpunkt der Welt, auf den das ganze eigene Inter- 
esse konzentriert ist, und ist doch wie nie mehr im 
späteren Leben opferfähig und zur Hingabe bereit. Er 
formt die leidenschaftlichsten Liebes beziehungen, bricht 
sie aber ebenso unvermittelt ab, wie er sie begonnen hat. 
Er wechselt zwischen begeistertem Anschluß an die Ge- 
meinschaft und unüberwindlichem Hang nach Einsam- 
keit ; zwischen blinder Unterwerfung unter einen selbst- 
gewählten Führer und trotziger Auflehnung gegen alle 



158 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEB STÄRKE 

und jede Autorität. Er ist eigennützig und materiell ge- 
sinnt, dabei gleichzeitig von hohem Idealismus erfüllt. 
Er ist asketisch, mit plötzlichen Durchbrüchen in primi- 
tivste Triebbefriedigungen. Er benimmt sich zu Zeiten 
grob und rücksichtslos gegen seine Nächsten und ist 
dabei selbst für Kränkungen aufs äußerste empfindlich. 
Seine Stimmung schwankt von leichtsinnigstem Optimis- 
mus zum tiefsten Weltschmerz, seine Einstellung zur 
Arbeit zwischen unermüdlichem Enthusiasmus und dump- 
fer Trägheit und Interesselosigkeit. 

Wir finden in der offiziellen Psychologie zwei Er- 
klärungsversuche dieser Erscheinungen, die sehr weit aus- 
einandergehen. Der einen Theorie nach ist dieser Sturm im 
Seelenleben die direkte, wahrscheinlich im Chemismus 
begründete Folge der neu aufgenommenen Tätigkeit der 
Geschlechtsdrüsen, also nur die psychische Begleiterschei- 
nung physiologischer Vorgänge. Die andere Theorie lehnt 
eine solche Verbindung zwischen Physischem und Psy- 
chischem ab. Die geschilderten psychischen Umsturz- 
erscheinungen seien eben das Zeichen der beginnenden 
seelischen Erwachsenheit, so wie die gleichzeitigen körper- 
lichen Veränderungen das Zeichen der körperlichen Ge- 
schlechtsreife sind. Daß psychische und physische Vor- 
gänge gleichzeitig in Erscheinung treten, beweise noch 
nicht, daß die einen auch die Ursache der andern seien. 
Diese Theorie beansprucht also für die Tatsachen der 
seelischen Entwicklung die volle Unabhängigkeit von den 
Drüsen- und Triebvorgängen. Nur über einen Punkt sind 



ICH UND ES IN DER PUBERTÄT 159 

beide Richtungen der Psychologie sich einig: daß sowohl 
den körperlichen wie den seelischen Pubertätserscheinungen 
die höchste Bedeutung für die Entwicklung des Indi- 
viduums zukäme, daß hier der Anfang und die Wurzel 
des Geschlechtslebens, der Liebesfähigkeit und des Cha- 
rakters zu finden sei. 

Die Psychoanalyse dagegen ist von den psychologischen 
Problemen des Pubertätsalters bisher merkwürdig wenig 
angezogen worden, obwohl sie sonst Widersprüche im 
Psychischen sehr oft zum Ausgangspunkt ihrer Erklärungs- 
versuche genommen hat. Sie hat das Studium der Pubertät 
bis auf wenige grundlegende Arbeiten 1 eher vernach- 
lässigt und gegen die Untersuchung anderer Entwick- 
lungsperioden zurückgesetzt. Das kommt offenbar daher, 
daß die Psychoanalyse die oben geschilderte Einschätzung 
der Pubertät als Anfang des menschlichen Geschlechts- 
lebens nicht teilt. Der analytischen Lehre nach ist der 
Ansatz des menschlichen Sexuallebens zweizeitig. Der 
erste Beginn fällt in das erste Lebensjahr. In der früh- 
infantilen Sexualperiode, nicht in der Pubertät, werden 
die entscheidenden Entwicklungsschritte gemacht, die 
wichtigen prägenitalen Sexualorganisationen durchlaufen, 
die verschiedenen Partialtriebe ausgebildet und betätigt, 
die Entscheidungen über Normalität und Abnormität, 



1) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. — Ernest Jones: 
Einige Probleme des jugendlichen Alters, Imago, IX, 1923, S. 145 ff. — 
S. Bernfeld: Über eine typische Form der männlichen Pubertät, ibid., 
S. 169 ff. 



l6o ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

Liebesfähigkeit oder -Unfähigkeit des Individuums gefällt. 
Das Studium dieser frühen Periode muß also auch die 
Aufklärungen über Ursprung und Entwicklung des Sexu- 
ellen bringen, die die Schulpsychologie sich von der Pu- 
bertätsforschung erwartet. Die Pubertät ist dann nur eine 
unter den andern Entwicklungsphasen des menschlichen 
Lebens. Sie ist die zeitlich nächste Wiederholung der 
infantilen Sexualperiode ; eine zeitlich entferntere findet 
sich im späteren Leben im Klimakterium. Jede dieser 
Sexualperioden ist die Wieder auf frischung und Wieder- 
belebung der vorangegangenen. Daneben bringt jede 
natürlich auch ihre eigene Zutat zum menschlichen Ge- 
schlechtsleben. Die Pubertät rückt durch das Eintreten 
der körperlichen Geschlechtsreife die Genitalität in den 
Vordergrund und verschafft den genitalen Streb ungen 
die Oberherrschaft über die prägenitalen Partialtriebe. 
Das Klimakterium bringt, der körperlichen Rückbildung 
der Geschlechtsfunktionen entsprechend, die genitalen Re- 
gungen zu einem letzten Aufflackern und setzt prägenitale 
Regungen wieder in alte Rechte ein. 

Die psychoanalytische Literatur beschäftigt sich bisher 
vor allem mit den Ähnlichkeiten zwischen diesen drei 
Perioden stürmischer Sexualität im menschlichen Leben. 
Diese Ähnlichkeiten sind am deutlichsten bei den quan- 
titativen Kräfteverhältnissen zwischen Ich und Trieb. In 
der ersten infantilen Periode, in der Pubertät und im 
Klimakterium steht jedesmal ein relativ starkes Es einem 
relativ schwachen Ich gegenüber. Es sind also Perioden 



ICH UND ES IN DER PUBERTÄT l6l 

von Es-Stärke und Ich-Schwäche. Darüber hinaus gibt 
es auch noch große qualitative Ähnlichkeiten, soweit es 
den einen Faktor aus diesem Kräfteverhältnis zwischen 
Ich und Es betrifft. Das Es des Menschen bleibt sich 
weitgehend zu allen Zeiten gleich. Die Triebregungen 
sind zwar verwandlungsfahig, wo sie an das Ich und an 
die Außenweltsforderungen stoßen. Aber im Bereich des 
Es selbst ändert sich, abgesehen von dem Fortschritt der 
Triebziele vom prägenitalen zum genitalen, wenig oder 
nichts. Die Sexualwünsche, die bei Libidoverstärkung 
immer wieder bereit sind, aus der Verdrängung aufzu- 
tauchen, und die zu ihnen gehörigen Objektbesetzungen 
und Phantasien sind in der Kindheit, in der Pubertät, 
in der Erwachsenheit und im Klimakterium mit geringen 
Wandlungen immer wieder dieselben. Die Ähnlichkeiten 
zwischen den drei Perioden von Libidosteigerung im 
menschlichen Leben erklären sich also qualitativ durch 
die verhältnismäßige Unwandelbarkeit des Es. 

Die Unterschiede zwischen ihnen, mit denen die psycho- 
analytische Literatur sich bisher weniger beschäftigt hat, 
sind dann auf den zweiten Partner im Verhältnis Es und 
Ich zurückzuführen: auf die große Verwandlungsfähig- 
keit des menschlichen Ichs. So sehr das Es sich gleich 
bleibt, so sehr verändert sich das Ich. Nehmen wir das 
Ich der frühen Kindheit und das der Pubertät als Bei- 
spiel: es hat ein anderes Ausmaß, andere Inhalte, andere 
Kenntnisse und Fähigkeiten, andere Abhängigkeiten und 
Ängste. Es benützt infolgedessen auch andere Abwehr- 
Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen. n 



iöa ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

mittel in seinem Kampf gegen den Trieb. Es ist zu er- 
warten, daß eine eingehendere Untersuchung dieser Ver- 
schiedenheiten zwischen erster Kindheit und Pubertät uns 
ebenso viele Aufklärungen über die Ich-Bildung bringen 
wird, wie das Studium der Parallelen zwischen diesen 
Perioden für das Triebleben bereits gebracht hat. 

Wie bei der Untersuchung der Triebvorgänge ist auch 
beim Studium des Ichs die spätere Entwicklung nur auf 
Grund der früheren zu verstehen. Wir müssen die Ich- 
Situation der ersten Kindheit erfassen, ehe wir die Ich- 
Störungen der Pubertät erklären können. Der Kampf 
zwischen Ich und Es beim kleinen Kind hat seine eigenen 
Bedingungen. Die Ansprüche auf Befriedigung, die von 
den Wünschen der oralen, analen und phallischen Phase 
ausgehen, die Affekte und Phantasien, die mit dem Ödipus- 
komplex und Kastrationskomplex zusammenhängen, sind 
außerordentlich lebhaft; das Ich, das ihnen gegenüber- 
steht, ist eben erst in Bildung begriffen, also noch schwach 
und unentwickelt. Trotzdem ist das kleine Kind weder 
ein uneingeschränktes Triebwesen, noch kommt es unter 
normalen Verhältnissen dazu, den Druck der Triebängste 
zu spüren, die sich in ihm abspielen. Das schwache Ich 
des Kindes hat an der Außenwelt, also an den erziehen- 
den Einflüssen, denen es unterworfen ist, einen starken 
Bundesgenossen gegen sein Triebleben. Es kommt gar 
nicht in die Lage, seine eigenen geringen Kräfte an den 
sehr viel stärkeren Triebregungen zu messen, denen es 
alleine sicher unterliegen müßte. Man läßt ihm kaum 



ICH UND ES IN DER PUBERTÄT 163 

Zeit, seine eigenen Wünsche kennenzulernen und seine 
eigene Stärke oder Schwäche dem Trieb gegenüber zu 
spüren. Die Außenwelt schreibt ihm durch Versprechungen 
und Drohungen, also durch Liebesprämien und Strafen 
sein Verhalten gegen das Es einfach vor. 

Das kleine Kind ist unter dem Einfluß der Außenwelt 
im Verlaufe einiger Jahre sehr gut fähig, sein Triebleben 
zu bändigen ; was von dieser Leistung seinem Ich und 
wieviel dem direkten Druck der Außenwelt zuzuschreiben 
ist, bleibt allerdings unentschieden. Soweit das Ich des 
Kindes sich in dieser Kampfsituation auf die Seite der 
Außenweltseinflüsse stellt, nennt man das Kind brav". 
Man nennt es „schlimm", wenn sein Ich die Partei des 
Es ergreift und sich gegen die Einschränkung der Trieb- 
befriedigung durch die Erziehung wehrt. Die Wissenschaft 
die sich zur Aufgabe gemacht hat, dieses Schwanken des 
kindlichen Ichs zwischen Es und Außenwelt im einzel- 
nen zu verfolgen, ist die Pädagogik. Sie sucht nach 
Mitteln, wie sich das Bündnis zwischen Erziehung und 
Ich immer enger gestalten und der gemeinsame Kampf 
um die Triebbeherrschung immer wirksamer durch- 
führen läßt. 

Die Situation des Kleinkindes enthält aber auch schon 
einen innerpsychischen Konflikt, der über die Reichweite 
der Erziehung hinausgeht. Die Außenwelt schafft sich 
sehr bald einen Vertreter im Inneren des Kindes: die 
Realangst. Ihr Auftreten ist noch kein Beweis von Bildung 
einer höheren Instanz im Ich selbst, also von Gewissen 



11« 



* 



164 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEB STÄRKE 

oder Über-Ich, aber doch der erste Vorläufer derselben. 
Sie bedeutet die Antizipation der Schädigungen, die die 
Außenwelt dem Kind strafweise zufügen könnte, eine 
Art Vor -Unlust also, die das Verhalten des Ichs regiert, 
gleichgültig, ob die erwarteten Strafen jedesmal eintreffen 
oder nicht. Die Realangst ist einerseits um so größer, 
je gefährlicher und drohender sich die Umwelt des Kindes 
benimmt. Anderseits wissen wir, daß die Realangst sich 
durch Rück wendung von Triebvorgängen verstärkt, sich 
reichlich mit phantastischen Ängsten verbindet und Ver- 
änderungen der äußeren Realität ignoriert, so daß sich 
ihr Zusammenhang mit der Wirklichkeit immer mehr 
lockert. Zwischen der Größe der Triebansprüche und der 
Stärke dieser Realangst spielt sich jedenfalls der innere 
Konflikt des Kleinkindes ab, als dessen Lösungsversuche 
die Symptome der infantilen Neurosen auftauchen. Die 
Verfolgung und Beschreibung dieser inneren Kämpfe ist 
wissenschaftlich ein umstrittenes Gebiet, von dem manche 
behaupten, daß es noch der Pädagogik, von dem wir 
wissen, daß es schon der Neurosenlehre angehört. 

Die Ich-Situation des Kleinkindes hat auch noch etwas 
Charakteristisches an sich, das sich im späteren Leben 
nie mehr wiederholen wird. In jeder späteren Abwehr- 
situation sind beide Kampfpartner gegeben; der Trieb 
trifft auf ein mehr oder weniger starres Ich, mit dem 
er sich auseinandersetzt. Hier schafft sich der Konflikt 
erst das Ich. Diejenige Seite des Ichs, der für das ganze 
weitere Leben die Aufgabe der Triebbewältigung zufallen 






ICH UND ES IN DER PUBERTÄT 165 

wird, entsteht in diesen ersten Zeiten unter dem Drängen 
der Triebansprüche vom Es her bei gleichzeitigem Druck 
der Realangst, die von außen stammt. Man könnte sagen: 
das Ich wird nach Maß gemacht 1 , um diesen beiden 
Mächten, Triebdrang und Außenweltsdruck, die Waage 
zu halten. Wir betrachten die erste infantile Periode als 
abgeschlossen, wenn diese Seite der Ich-Bildung in ein 
bestimmtes Stadium getreten ist. Das Ich hat seine Kampf- 
gewohnheiten dem Es gegenüber ausgebildet. Es hat ein 
bestimmtes Größenverhältnis zwischen Triebgenuß und 
Triebverzicht festgelegt, an das es sich bei der Erledi- 
gung von Einzelkonflikten halten kann. Es hat sich an 
gewisse Normen im Aufschub von Befriedigung gewöhnt. 
Es bevorzugt die Abwehrmethoden, die im Zeichen der 
Realangst stehen. Man könnte sagen: zwischen seinem 
Ich und seinem Es haben sich bestimmte Umgangsformen 
eingebürgert, an die beide sich von jetzt an halten werden. 
Diese Verhältnisse ändern sich dann im Verlauf weniger 
Jahre. Die Latenzperiode mit dem physiologisch bedingten 
Absinken der Triebstärke bringt dem Ich eine Ruhe- 
pause im Abwehrkampf. Es gewinnt Zeit, sich um andere 
Aufgaben zu kümmern, es erweitert seinen Bestand an 
Inhalten, Kenntnissen und Fähigkeiten. Es erstarkt damit 
auch der Außenwelt gegenüber, steht ihr weniger hilf- 
los und unterworfen gegenüber, sie erscheint ihm nicht 
mehr ganz so allmächtig wie vorher. Seine Einstellung 

1) Man könnte die Bemühungen der extrem modernen Pädagogik 
dahin verstehen, auch die Außenwelt für das Kind „nach Maß" zu machen. 



l66 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

zu den äußeren Objekten ändert sich überhaupt allmählich 
mit der Überwindung der Ödipussituation. Die ausschließ- 
liche Abhängigkeit von den Eltern wird gelockert und 
damit tritt die Identifizierung als Nachfolgerin der Objekt- 
liebe immer mehr in ihre Rechte. Was die Eltern und 
Erzieherpersonen dem Kind vor allem entgegengehalten 
haben, ihre Wünsche, Forderungen und Ideale, wird in 
steigendem Maße introjiziert. Die Außenwelt macht sich 
jetzt im inneren Leben des Kindes nicht mehr nur durch 
das Auftreten von Realängsten bemerkbar. Das Kind hat 
als Vertreter der Umweltsforderungen in seinem Ich eine 
ständige Instanz errichtet, die wir das Über-Ich nennen. 
Gleichzeitig mit dieser Entwicklung vollzieht sich auch 
ein Wandel in der kindlichen Angst. Die Angst vor der 
Außenwelt wird unwichtiger, sie ersetzt sich immer mehr 
durch die Angst vor dem neuen Repräsentanten der alten 
Macht: durch Angst vor dem Über-Ich, vor dem Gewissen, 
durch das Schuldgefühl. Das heißt aber: das Ich der 
Latenzperiode hat einen neuen Verbündeten in seinem 
Kampf um die Beherrschung der Triebvorgänge. Die 
Gewissensangst wird zum Motor der Triebabwehr in der 
Latenzperiode, wie es die Realangst in der frühkindlichen 
Zeit gewesen ist. Wieder ist es schwer zu entscheiden, 
welcher Anteil an der zustande kommenden Triebbeherr- 
schung in dieser Zeit dem Ich selbst zufällt und was 
davon der Stärke und Wirksamkeit des Über-Ichs zuzu- 
schreiben ist. 

Aber auch diese Ruhepause der Latenzperiode dauert 



ICH UND ES IN DER PUBERTÄT 167 

nicht lange. Der Kampf zwischen den beiden Gegen- 
spielern Ich und Es hat noch kaum zu dem oben ge- 
schilderten vorläufigen Abschluß geführt und schon 
werden durch Verstärkung des einen Kampfpartners die 
Grundlagen des Übereinkommens gründlich verändert. 
Der physiologische Vorgang der körperlichen Geschlechts- 
reifung bringt eine Belebung der Triebvorgänge mit sich, 
die sich als Libidovorstoß ins Psychische hinein fortsetzt. 
Damit ist aber das festgelegte Kräfteverhältnis zwischen 
Ich und Es umgestoßen, das mühsam erreichte psychische 
Gleichgewicht zerstört, und die inneren Konflikte zwischen 
den beiden Instanzen müssen von neuem entbrennen. 
Dabei ist das, was auf der Seite des Es vor sich geht, 
im Anfang noch recht wenig, in der Periode zwischen 
Latenz und Pubertät, der sogenannten Vorpubertät, wird 
die körperliche Geschlechtsreife erst vorbereitet. Qualitativ 
ändert sich im Triebleben noch gar nichts, nur die Quantität 
der Triebregungen wird gesteigert. Diese Steigerung be- 
schränkt sich auch nicht auf das Geschlechtsleben. Es 
ist mehr Libido zur Verfügung und besetzt ohne Unter- 
schied, was von Es-Regungen vorhanden ist. Aggressive 
Regungen steigern sich dadurch zu zügelloser Wildheit, 
Hunger zu Gefräßigkeit, die Schlimmheit der Latenz- 
periode zur Kriminalität des Jugendlichen. Längst unter- 
gegangene orale und anale Interessen tauchen wieder 
auf der Oberfläche auf. Hinter der mühsam erworbenen 
Reinlichkeit der Latenzzeit kommen Schmutzlust und 
Unordentlichkeit zum Vorschein, an Stelle von Scham 



168 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEB STÄRKE 

und Mitleid erscheinen Exhibitionsgelüste, Grausamkeit 
und Tierquälerei. Die Reaktionsbildungen, die uns schon 
als gesicherter Bestandteil des Ichs erschienen sind, drohen 
also, wieder zu zerfallen. Gleichzeitig kommen alte, unter- 
gegangene Tendenzen ins Bewußtsein. Die Ödipus wünsche 
erfüllen sich in Gestalt von wenig entstellten Phantasien 
und Tagträumen, die Kastrationsvorstellungen bei den 
Knaben, der Penisneid bei den Mädchen stehen von neuem 
im Mittelpunkt des Interesses. Dabei hat dieser ganze 
Ansturm wenig fremde Elemente in sich. Er bringt nur 
noch einmal an die Oberwelt, was wir als Inhalt der 
frühinfantilen Sexualität des kleinen Kindes bereits kennen- 
gelernt haben. 

Aber diese neuerstandene infantile Sexualität trifft 
nicht mehr die alten Bedingungen. Wenn das Ich der 
frühinfantilen Periode unentwickelt und unentschieden, 
also nachgiebig für Druck und Formung vom Es her 
war, so ist das Ich der Vorpubertät starr und konsolidiert. 
Es weiß bereits selbst, was es will. Wenn das kindliche 
Ich in plötzlicher Revolution gegen die Außenwelt sich 
zur Durchsetzung der Triebbefriedigung auf Seite des 
Es schlagen konnte, so gelingt dem Ich des Jugendlichen 
das gleiche nur auf Kosten innerer Konflikte mit dem 
Über-Ich. Sein festgelegtes Verhältnis zum Es auf der 
einen, zum Über-Ich auf der andern Seite, das also, was 
wir den Charakter des Individuums nennen, macht das 
Ich unnachgiebig. Es kann nur einen Wunsch kennen: 
den Charakter der Latenzperiode zu erhalten, das alte 



ICH UND ES IN DER PUBERTÄT 169 

Kräfteverhältnis wieder herzustellen, den erhöhten Trieb- 
ansprüchen in gleichem Maße erhöhte Abwehranstren- 
gungen entgegenzusetzen. In diesem Kampf um Er- 
haltung seiner unveränderten Existenz wird das Ich von 
Realangst und Gewissensangst in gleicher Weise getrieben, 
es bedient sich wahllos aller Abwehrmethoden, die es 
im infantilen Leben und in der Latenzzeit jemals ge- 
übt hat. Es verdrängt, verschiebt, verleugnet, verkehrt 
ins Gegenteil, wendet die Triebe gegen die eigene Person, 
es erzeugt Phobien, hysterische Symptome, bindet Angst 
mit Zwangsdenken und Zwangshandlungen. Wenn wir 
diesen Kampf um die Herrschaft zwischen Ich und Es 
ins einzelne verfolgen, wird uns klar, daß fast alle be- 
unruhigenden Erscheinungen der Vorpubertät einzelnen 
Phasen seines Verlaufes entsprechen. Die Steigerung der 
Phantasietätigkeit, die Durchbrüche zur prägenitalen, 
also perversen sexuellen Befriedigung, die Aggressivität 
und Kriminalität bedeuten Teilerfolge des Es. Das Auf- 
treten von Ängsten, die asketischen Züge, die Steigerung 
von neurotischen Symptomen und Hemmungserschei- 
nungen sind die Konsequenzen der erhöhten Trieb- 
abwehr, also Teilerfolge des Ichs. 

Die körperliche Geschlechtsreife, der Eintritt in die 
wirkliche Pubertät, bringt dann zur quantitativen Ver- 
änderung noch die qualitative. War die Erhöhung der 
Triebbesetzung bisher eine allgemeine, unterschiedslose, 
so ändert sich das jetzt — wenigstens in der männ- 
lichen Pubertät — zugunsten der Bevorzugung der geni- 



. 



170 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

talen Regungen. Im Psychischen geht das so vor sich, 
daß die Libidobesetzung von den prägenitalen Regungen 
zurückgezogen und auf die genitalen Gefühle, Ziele, 
Objektvorstellungen konzentriert wird. Die Genitalität 
steigt dadurch an psychischer Bedeutung, die prägenitalen 
Strebungen treten in den Hintergrund. Dadurch tritt in 
erster Linie eine Verbesserung des äußeren Anscheins ein. 
Die erziehende Außenwelt, die dem prägenitalen Charakter 
des Trieblebens in der Vorpubertät besorgt und verständnis- 
los gegenübergestanden ist, bemerkt erleichtert, daß der 
ganze Spuk von Rüpelhaftigkeit, Aggression und Per- 
versionen wie über Nacht verflogen ist. Die genitale 
Männlichkeit, die an ihre Stelle tritt, findet bei der Um- 
gebung eine weit günstigere und nachsichtigere Beur- 
teilung, auch wo sie sich nicht in den Grenzen des 
sozial Erlaubten halten will. Dabei ist diese physiologische 
Spontanheilung der Prägenitalität, die durch die Pubertäts- 
entwicklung zustande gebracht wird, weitgehend eine 
Täuschung. Sie wirkt nur dort als wohltätiger kompen- 
sierender Ausgleich, wo vorher ganz bestimmte prägenitale 
Fixierungen das Bild beherrscht haben. Der passiv-feminine 
Knabe zum Beispiel wird plötzlich durch die Überleitung 
der Libidobesetzung aufs Genitale mann lieh- aktiver. Das 
heißt aber nicht, daß die Kastrationsängste und Kon- 
flikte, deren Endresultat seine weibliche Einstellung war, 
gelöst oder aus der Welt geschafft sind. Sie sind durch 
die vorübergehende genitale Besetzungssteigerung nur 
überdeckt. Nach Absinken der Triebstärke der Pubertät 



ICH UND ES IN DER PUBERTÄT 171 

zum normalen Niveau des erwachsenen Lebens werden 
sie wahrscheinlich unangetastet wieder zum Vorschein 
kommen und die Männlichkeit von neuem stören. Das- 
selbe gilt für orale und anale Fixierungen, die während 
des Pubertätsschubs vorübergehend an Bedeutung verlieren. 
Diese Bedeutung bleibt trotzdem bestehen, und die alte 
pathogene Anziehungskraft dieser prägenitalen Formationen 
wird sich im späteren Leben unverändert wieder zeigen.. 
Die kompensierende Wirkung der Pubertät versagt natür- 
lich auch dort, wo schon in der Kindheit und Vorpubertät 
nicht die oralen und analen, sondern phallische Inter- 
essen im Vordergrund gestanden sind, also etwa beim 
phallisch-exhibitionistischen Knaben. Hier bringt der 
Genitalschub der Pubertät nicht nur keine Ermäßigung 
der Störung, sondern wirkt noch mit dem Störenden 
gleichsinnig. Es entsteht also keine Spontanheilung der 
kindlichen Perversion, sondern im Gegenteil eine höchst 
beunruhigend wirkende Verschlimmerung des vorhandenen 
Zustands. Die phallischen Tendenzen erhöhen sich zum 
Bild einer nicht mehr beherrschbaren, abnorm über- 
steigerten genitalen Männlichkeit. 

Diese Einschätzung der Triebziele als normal oder ab- 
norm gehört aber ganz den Wertungen der erwachsenen 
Außenwelt an und hat wenig oder nichts mit dem Ich 
des Jugendlichen selbst zu tun. Der innere Abwehrkampf 
geht weiter, ohne viel Notiz von ihnen zu nehmen. Das 
Ich des Jugendlichen wird in seiner Einstellung zum Es 
in erster Linie von quantitativen und nicht von qualita- 



172 



ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEB STÄRKE 



tiven Gesichtspunkten bestimmt. Was in Frage steht, sind 
nicht Befriedigung oder Versagung triebhafter Wünsche im 
kleinen und einzelnen, sondern die psychische Struktur 
der Kindheit und Latenz im ganzen und allgemeinen. 
Die möglichen extremen Ausgänge des Kampfes sind 
dabei von zweierlei Art. Entweder überwältigt das stark 
gewordene Es das Ich. Dann bleibt vom bisherigen 
Charakter des Individuums erst einmal nichts übrig. Der 
Eintritt in die Erwachsenheit vollzieht sich im Zeichen 
stürmischer und hemmungsloser Triebbefriedigung. Oder 
das Ich bleibt Sieger. Dann wird der Charakter der Latenz- 
periode in Permanenz erklärt. Die Es-Regungen des Heran- 
wachsenden werden in die kleinliche Enge gezwängt, 
die für das kindliche Triebleben vorgesehen war. Der 
unverwendbare Libidozuschuß verlangt einen ständigen 
Aufwand von Gegenbesetzungen, Abwehrmechanismen 
und Symptombildungen, um niedergehalten zu bleiben. 
Neben der Verkümmerung des Trieblebens, die daraus 
resultiert, wird die Erstarrung eines solchen siegreichen 
Ichs zum dauernden Schaden für das Individuum. Ich- 
Instanzen, die dem Pubertätsansturm standgehalten haben, 
ohne nachzugeben, bleiben gewöhnlich auch im ganzen 
späteren Eeben unnachgiebig, unangreifbar und für Revi- 
sionen, die die veränderliche Realität verlangen würde, 
unzugänglich. 

Für den Ausgang des Kampfes nach der einen oder 
andern extremen Richtung, für glückliche Lösungen im 
Sinne eines neuen Übereinkommens zwischen den In- 



ICH UND ES IN DER PUBERTÄT 173 

stanzen und für die vielen wechselnden Zwischenphasen 
seines Verlaufes möchte man am liebsten auch einen 
quantitativen Faktor verantwortlich machen, nämlich die 
Schwankungen der absoluten Triebstärke. Aber die ana- 
lytische Beobachtung individueller Pubertätsentwicklungen 
widerspricht dieser einfachen Erklärung. Es ist natürlich 
nicht so, daß ein Anschwellen der Triebstärke aus physio- 
logischen Gründen das Individuum triebhafter machen 
muß und daß anderseits ein Sinken der Triebstärke die- 
jenigen Erscheinungen in den Vordergrund treten läßt, 
an denen Ich und Über-Ich den größeren Anteil haben. 
Wie wir es vom neurotischen Symptom und den prä- 
menstruellen Zuständen her kennen, treibt die Verstärkung 
der Triebansprüche jedesmal auch das Ich zu erhöhten 
Abwehranstrengungen. Verringerung der Triebbedürfnisse 
dagegen verringert die Triebgefahr und damit gleich- 
zeitig die Realangst, die Gewissensangst und die Trieb- 
angst des Ichs. Das Verhältnis ist also, solange es sich 
nicht um Überschwemmungen vom Es her handelt, ein 
umgekehrtes. Verstärkung der Triebansprüche steigert 
den Ich -Widerstand gegen den Trieb und die Symptome, 
Hemmungen usw., die auf ihm beruhen ; Verringerung 
der Triebbedürfnisse macht das Ich nachgiebiger und zu- 
gänglicher für die Gestattung von Befriedigungen. Das 
bedeutet aber, daß die absolute Triebstärke der Pubertät 
— ein Begriff, der an und für sich ohnedies nicht meßbar 
und nicht faßbar ist — noch nichts über den Pubertäts- 
verlauf aussagt. Die Faktoren, die ihn bestimmen, sind 



174 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

relative: die Stärke der Es-Regungen,, die vom physio- 
logischen Pubertätsvorgang gegeben ist, auf der einen 
Seite; die Toleranz oder Intoleranz der Ich-Instanzen 
gegen den Trieb, wie sie sich aus dem in der Latenz- 
zeit gebildeten Charakter ergibt, auf der andern Seite $ 
und als entscheidender qualitativer Faktor in diesem 
Kampf zwischen quantitativen Größen: die Art und 
Leistungsfähigkeit der Abwehrmechanismen, die einem 
bestimmten Ich je nach seiner Konstitution, etwa nach 
seiner hysterischen oder zwangsneurotischen Veranlagung, 
und seiner individuellen Entwicklung zur Verfügung stehen. 






• • , 



XII. KAPITEL. 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT. 

Wir schätzen die Phasen von Libidosteigerung im mensch- 
lichen Leben für die analytische Erforschung des Es seit 
jeher sehr hoch ein. Wünsche, Phantasien und Trieb Vor- 
gänge, die zu anderen Zeiten unbemerkt oder unbewußt 
vor sich gehen, steigen durch die erhöhte Besetzung zum 
Bewußtsein auf, überwinden, wo es nötig ist, die Hinder- 
nisse, die die Verdrängung ihnen entgegenstellt, und 
werden im Durchbruch der Beobachtung zugänglich. 

Aber auch die analytische Erforschung des Ichs hat 
allen Grund, diesen Perioden von Libidosteigerung ihr 
Interesse zuzuwenden. Durch die Intensivierung der Trieb- 
ansprüche werden, wie wir gesehen haben, indirekt auch 
die Anstrengungen des Individuums, den Trieb zu be- 
wältigen, in die Höhe getrieben. Allgemeine Tendenzen 
des Ichs, die in Zeiten ruhigen Trieblebens wenig auf- 
fällig sind, bekommen dadurch neue Deutlichkeit und die 
ausgeprägten Ich-Mechanismen der Latenz oder Erwachsen- 
heit können sich bis zur krankhaften Charakterverzerrung 
übersteigern. In der Pubertät sind es unter anderen be- 
sonders zwei Einstellungen des Ichs dem Triebleben gegen- 
über, die in ihrer Steigerung für den Beobachter neue 
Lebendigkeit bekommen und uns den Zugang zum Ver- 



176 ABWEHR AUS ANGST VOR JDER TRIEBSTÄRKE 

ständnis einiger typischer Eigenheiten der Pubertät ver- 
schaffen: nämlich der Askese des Jugendlichen und seiner 
Intellektualität. 

Die Pubertätsaskese. — Die Triebfeindlichkeit des 
Jugendlichen, wo immer wir sie mitten zwischen seinen 
Triebexzessen, Triebdurchbrüchen und anderen ihr wider- 
sprechenden Einstellungen beobachten können, geht weit 
über das hinaus, was wir unter den Bedingungen des 
normalen Lebens, der leichteren oder schwereren neuro- 
tischen Erkrankung an Trieb Verdrängung zu sehen ge- 
wöhnt sind. Sie ähnelt in ihrem Auftreten und ihrer Aus- 
breitung weniger den Erscheinungen bei ausgesprochener 
neurotischer Erkrankung als der Einstellung zum Trieb, 
die bei den Asketen aus religiösem Fanatismus zu finden 
ist Bei der Neurose finden wir, daß die Triebabweisung 
durch Verdrängung immer an die Art, die Qualität des 
Triebes geknüpft ist. Das heißt etwa : der Hysteriker ver- 
drängt die genitalen Regungen, die mit den Objekt- 
wünschen des Ödipuskomplexes zusammenhängen, be- 
nimmt sich aber anderen Trieb wünschen gegenüber, wie 
zum Beispiel den analen oder aggressiven Regungen, eher 
gleichgültig oder tolerant. Die Verdrängung des Zwangs- 
neurotikers richtet sich gegen die anal-sadistischen Wünsche, 
die durch die stattgefundene Regression zum Träger seiner 
Sexualität geworden sind; aber er toleriert zum Beispiel 
orale Befriedigungen und hat kein besonderes Mißtrauen 
gegen etwa vorhandene exhibitionistische Gelüste, die 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT 177 

nicht direkt mit dem Zentrum seiner Neurose zusammen- 
hängen. Bei der Melancholie wieder sind es besonders 
die oralen Tendenzen, die der Abweisung verfallen, beim 
Phobiker die mit dem Kastrationskomplex zusammen- 
hängenden Regungen, die die Verdrängung herausfordern. 
In allen diesen Fällen aber ist die Triebabweisung keine 
unterschiedslose, es läßt sich immer in der Analyse eine 
bestimmte Beziehung zwischen der Qualität des verdrängten 
Triebes und der individuellen Begründung seiner Aus- 
stoßung aus dem Bewußtsein aufdecken. 

Die Triebabweisung, die wir in der Analyse von Jugend- 
lichen verfolgen können, gibt ein anderes Bild. Sie nimmt 
zwar auch ihren Ausgangspunkt von besonders verpönten 
Zentren des Trieblebens, etwa von den Inzestphantasien 
der Vorpubertät oder der Steigerung der körperlichen 
Onaniehandlungen, die der Abfuhr solcher Wünsche dienen. 
Aber sie verbreitet sich von da aus mehr oder weniger 
unterschiedslos über das ganze Leben. Wie schon weiter 
oben hervorgehoben, handelt es sich dem Jugendlichen 
nicht um die Befriedigung oder Versagung spezieller Trieb- 
wünsche, sondern um Triebgenuß oder Triebverzicht an 
und für sich. Jugendliche, die eine solche asketische Phase 
durchmachen, scheinen die Quantität des Triebes zu 
fürchten, nicht seine Qualität. Ihr Mißtrauen gegen den 
Genuß ist ein allgemeines, so scheint es am sichersten, 
dem gesteigerten Verlangen einfach ein gesteigertes Ver- 
bot entgegenzusetzen. Jedem „Ich will" des Triebes wird 
ein „Du darfst nicht" des Ichs entgegengestellt, nicht 

Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen. 12 



. 



178 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

viel anders, wie strenge Eltern es in der ersten Erziehung 
des Kleinkindes zu halten pflegen. Dieses Triebmißtrauen 
des Jugendlichen hat einen gefährlich fortschreitenden 
Charakter; es kann sich von den wirklichen Trieb wünschen 
angefangen bis auf die alltäglichsten körperlichen Be- 
dürfnisse erstrecken. Wir kennen aus der gewöhnlichen Be- 
obachtung die Jugendlichen, die sich alle ans Geschlecht- 
liche streifenden Bedürfnisse streng versagen, die die Ge- 
sellschaft Gleichaltriger meiden, jeder Unterhaltung aus- 
weichen, nach puritanischem Vorbild von Theater, Musik 
und Tanz nichts wissen wollen. Der Verzicht auf Schön- 
heit und Gefälligkeit der Kleidung paßt noch gut in 
diesen Zusammenhang des sexuellen Verbotes. Aber wir 
fangen an besorgt zu werden, wenn die Verweigerung 
sich auf harmlose und notwendige Dinge erstreckt, wenn 
der betreffende Jugendliche sich den gewöhnlichsten Kälte- 
schutz versagt, sich in jeder Beziehung kasteit, sich un- 
nötigen gesundheitlichen Schädigungen aussetzt; wenn er 
nicht nur besondere orale Genüsse vermeidet, sondern 
auch die tägliche Nahrung „aus Prinzip" auf ein be- 
scheidenes Mindestmaß einschränkt; wenn er aus einem 
Langschläfer zu einem erzwungenen Frühaufsteher wird; 
wenn er sich das Lachen und Lächeln mißgönnt, ja im 
extremen Fall Defäkation und Harnentleerung bis zum 
äußersten verhält, mit der Begründung, daß man nicht 
jedem Bedürfnis gleich nachgeben müsse. 

Eine Triebabweisung dieser Art unterscheidet sich auch 
noch in einem andern Punkt von der gewöhnlichen Ver- 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT 



179 



drängung. Unter den Bedingungen der Neurose sind wir 
gewöhnt zu sehen, daß überall dort, wo eine Trieb- 
befriedigung durch Verdrängung gestört wird, eine Ersatz- 
befriedigung an ihre Stelle rückt. Die Hysterie bedient 
sich zu diesem Zweck der Konversion, d. h. der Abfuhr 
der sexuellen Erregung in andere, sexualisierte Körper- 
teile oder Körpervorgänge. Die Zwangsneurose verschafft 
sich regressive Ersatzlust, die Phobie zumindest einen 
sekundären Krankheitsgewinn. Außerdem erscheinen an 
Stelle der verbotenen Befriedigungen verschobene Ge- 
nüsse, reaktive Bildungen; von den wirklichen neuroti- 
schen Symptomen, den Anfällen, Tics, Zwangshandlungen, 
Grübeleien usw. wissen wir, daß sie Kompromißbildungen 
sind, in denen das Gebot von Ich und Über-Ich sich nicht 
energischer durchsetzt als das Triebverlangen des Es. Die 
Triebabweisung des Jugendlichen anderseits läßt für solche 
Ersatzbefriedigung keinen Raum, sie scheint einem andern 
Mechanismus zu folgen. Statt Kompromißbildungen, die 
den neurotischen Symptomen entsprechen, und an Stelle 
von den gewöhnlichen Verschiebungen, Regressionen, 
Rückwendungen gegen die eigene Person findet sich fast 
regelmäßig ein Umschlag der Askese in den Triebexzeß, 
in dem ohne alle Rücksicht auf Einschränkungen von 
außen her plötzlich alles erlaubt wird, was vorher ver- 
boten war. So unwillkommen diese Triebexzesse der Um- 
gebung des Jugendlichen an und für sich ihres dissozia- 
len Charakters wegen sein müssen, so entsprechen sie, 
analytisch gesehen, doch momentanen Spontanheilungen 



12* 



180 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

des asketischen Zustands. Wo solche Selbstheilungen nicht 
vorfallen, wo das Ich auf irgendeine unerklärte Weise 
die Kraft hat, die Triebabweisung konsequent zu Ende 
zu führen, dort kommt es zur Lahmlegung der Lebens- 
tätigkeiten, also zu einer Art katatonen Zustands, den wir 
nicht mehr dem gewöhnlichen Pubertätsablauf, sondern 
schon einer Art psychotischerVeränderung zuweisen müssen. 
Es entsteht die Frage, ob man wirklich berechtigt ist, 
diese Triebabweisung im Pubertätsschub von der ge- 
wöhnlichen Triebabweisung durch Verdrängung abzu- 
trennen. Die Grundlagen für eine solche begriffliche Son- 
derung wären nur im Anfang des Prozesses das Über- 
wiegen der Angst vor der Triebquantität über die Angst 
vor der Qualität des Triebanspruchs und an seinem Aus- 
gang das Zurücktreten von Ersatzbefriedigungen und Kom- 
promißbildungen zugunsten eines schroffen Nebeneinan- 
der oder Nacheinander, besser gesagt, eines Wechsels von 
Triebverzicht und Triebexzeß. Wir wissen anderseits, daß 
auch bei der gewöhnlichsten neurotischen Verdrängung 
die quantitative Besetzung des abzuweisenden Triebes 
eine große Rolle spielt und daß auch unter den Bedin- 
gungen der Zwangsneurose ein Nacheinander von Verbot 
und Erlaubnis nur das Gewöhnliche ist. Trotzdem bleibt 
der Eindruck, daß es sich bei der Askese des Jugend- 
lichen um einen primitiveren, weniger zusammengesetzten 
Prozeß handelt als bei der eigentlichen Verdrängung, 
daß wir es hier vielleicht mit einem Sonderfall oder eher 
einer Vorstufe von Verdrängungsaktionen zu tun haben. 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT 181 

Das analytische Studium der Neurosen hat nun schon 
seit langem zu der Vermutung geführt, daß im Menschen 
eine Neigung zur Abweisung bestimmter Triebe, beson- 
ders der Sexualtriebe, ohne alle Erfahrung und ohne 
spezielle Auswahl als philogenetische Erbschaft schon von 
vornherein vorhanden ist, d. h. als Niederschlag der Trieb- 
verdrängungen, die viele Generationen bereits geübt haben 
und die im individuellen Leben nur fortgesetzt, nicht 
neu eingeführt werden. Bleuler hat für diese doppelte 
Einstellung des Menschen zum Geschlechtsleben — 
konstitutionelle Abneigung bei gleichzeitiger Begierde 
— seinen Begriff der Ambivalenz geprägt. 

Diese primäre Triebfeindlichkeit des Ichs, seine Angst vor 
der Triebstärke, wie wir sie nennen, ist aber in ruhigen 
Lebensperioden nicht viel mehr als ein theoretischer Be- 
griff. Wir vermuten, daß sie überall dort als Grundlage 
zu finden ist, wo das Individuum überhaupt Triebängste 
entwickelt. Für die Beobachtung aber wird sie von den 
viel deutlicheren und lauteren Erscheinungen überdeckt, 
die der Realangst und Gewissensangst entspringen und 
sich auf schockartig wirkende Vorfälle des individuellen 
Lebens zurückführen lassen. 

Es könnte sein, daß es die quantitative Triebsteigerung 
des Pubertätsschubes wie auch anderer Triebschübe im 
Laufe des individuellen Lebens ist, die diese primäre 
Triebfeindlichkeit des Ichs zu einem eigenen lebendigen 
Abwehrmechanismus steigert. Was wir in der Pubertäts- 
askese zu sehen bekommen, wären dann nicht eigentlich 



182 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

qualitativ bedingte Verdrängungsaktionen, sondern eben 
die unterschiedslose, primäre und primitive angeborene 
Feindschaft zwischen Ich und Trieb. 

Die Intellektualisierung in der Pubertät. — Wenn die 
Auffassung zu Recht besteht, daß unter den Bedingungen 
eines Libidovorstoßes allgemeine Einstellungen des Ichs 
sich zur Bedeutung wirklicher Abwehrmethoden erheben 
können, dann läßt sich dieser Gesichtspunkt vielleicht 
auch auf andere Ich- Veränderungen ausdehnen, die in 
der Pubertät zustande kommen. 

Wir wissen, daß das Hauptgebiet für Verwandlungen 
in der Pubertät das Trieb- und Gefühlsleben ist, ferner, 
daß das Ich sich sekundär überall dort verändert, wo 
es direkt mit der Bewältigung des Trieb- und Gefühls- 
lebens zu tun hat. Aber der Bereich der Pubertätsver- 
änderungen ist damit natürlich noch lange nicht er- 
schöpft. Der Jugendliche wird unter den Bedingungen 
des Pubertätsschubes triebhafter 5 das ist verständlich und 
bedarf keiner weiteren Erklärung. Er wird moralischer 
und asketischer; die Erklärung dafür ergibt sich aus dem 
Kampf zwischen Ich und Es, der sich in ihm abspielt. 
Aber er wird auch gescheiter, steigert alle seine intellek- 
tuellen Bedürfnisse; es ist auf den ersten Blick nicht 
einzusehen, was dieser Fortschritt in der intellektuellen 
Entwicklung mit dem Fortschritt in der Triebentwick- 
lung und der Steigerung der Ich-Entwicklung durch er- 
höhte Abwehrbedürfnisse zu tun haben soll. 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT 183 

Wir sind im allgemeinen eher darauf vorbereitet zu 
finden, daß Trieb- oder Gefühlsstürme und Intellektuali- 
tät in einem umgekehrten Verhältnis zueinander stehen. 
Schon im Zustand der normalen Verliebtheit verringert 
sich die intellektuelle Leistungsfähigkeit eines Menschen; 
sein Verstand funktioniert weniger verläßlich. Je mehr 
ihm an der Durchsetzung seiner triebhaften Wünsche 
liegt, desto weniger Neigung hat er gewöhnlich, sie ver- 
standesgemäß zu betrachten und auf ihre vernünftige 
Begründung zu prüfen. 

Beim Jugendlichen scheint das für die erste Beobach- 
tung ganz anders. Es gibt einen Typus von Halbwüch- 
sigen, bei denen der Sprung nach vorwärts in der in- 
tellektuellen Entwicklung nicht weniger auffällig und 
überraschend ist als der Entwicklungsvorstoß auf den 
anderen Gebieten. Wir wissen, wie häufig bei Knaben 
in der Latenzperiode das Interesse sich einseitig ganz 
auf reale und sachliche Dinge richtet. Entdeckungen und 
Abenteuer, Zahlen und Größenverhältnisse, Schilderungen 
fremder Tiere und Gegenstände dirigieren die Leselust 
der einen ; andere beschränken sich auf Motoren von 
der einfachsten bis zur kompliziertesten Form. Das Ge- 
meinsame bei beiden Typen ist gewöhnlich die Bedin- 
gung, daß der Gegenstand, mit dem man sich beschäftigt, 
konkret sein muß, also kein Produkt der Phantasie, wie 
die Märchen und Fabeln der ersten Kindheitsperiode, 
sondern in der Wirklichkeit real und körperlich vor- 
handen. Diese konkreten Interessen der Latenzperiode 



184 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEB STÄRKE 

können sich nun von der Vorpubertät angefangen immer 
auffälliger ins Abstrakte verwandeln. Besonders die Ju- 
gendlichen, die Bernfeld in seinem Typus der „verlän- 
gerten Pubertät" geschildert hat, haben ein unstillbares 
Verlangen, über abstrakte Themen zu denken, zu grübeln 
und zu reden. Sehr viele Jugendfreundschaften werden 
auf der Basis dieses Bedürfnisses nach gemeinsamem 
Grübeln und gemeinsamer Diskussion begründet und 
unterhalten. Die Themen, die diese Jugendlichen beschäf- 
tigen, und die Probleme, die sie zu lösen versuchen, sind 
sehr weitreichende. Es handelt sich ihnen gewöhnlich um 
die Formen der freien Liebe oder um Ehe und Familien- 
gründung, um Freiheit oder Beruf, Wanderschaft oder 
Niederlassung, um weltanschauliche Fragen, wie Religion 
oder Freidenkertum, um die verschiedenen Formen der 
Politik, um Revolution oder Unterwerfung, um die 
Freundschaft selbst in allen ihren Formen. Wenn wir 
in der Analyse Gelegenheit haben, die Gespräche der 
Jugendlichen wahrheitsgetreu berichtet zu bekommen oder 
— wie viele Pubertätsforscher getan haben — die Tage- 
bücher und Aufzeichnungen Jugendlicher zu verfolgen, 
so sind wir nicht nur überrascht von der Weite und 
Uneingeschränktheit des jugendlichen Denkens, sondern 
auch voll Respekt für das Maß an Einfühlung und Ver- 
ständnis, die scheinbare Überlegenheit und gelegentlich 
fast die Weisheit in der Behandlung schwierigster Pro- 
bleme. 

Unsere Einstellung ändert sich dann, wenn wir unsere 



. 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT 185 

Beobachtung von der Verfolgung der intellektuellen Vor- 
gänge selbst auf ihre Einreihung in das Leben des Ju- 
gendlichen richten. Wir finden dann mit Erstaunen, daß 
alle diese hohe Verstandesleistung mit dem Verhalten 
des Jugendlichen selbst wenig oder gar nichts zu tun 
hat. Seine Einfühlung in fremdes Seelenleben hält ihn 
von den gröbsten Rücksichtslosigkeiten gegen seine näch- 
sten Objekte nicht ab. Seine hohe Auffassung der Liebe 
und der Verpflichtungen des Liebenden hat keinen Ein- 
fluß auf die ständigen Treulosigkeiten und Gefühls- 
roheiten, die er sich bei seinen wechselnden Verliebtheiten 
zu Schulden kommen läßt. Die Einreihung in das soziale 
Leben wird auch nicht im mindesten dadurch erleichtert, 
daß das Verständnis und Interesse für den Aufbau der 
Gesellschaft das der späteren Jahre oft weit überschreitet. 
Die Vielseitigkeit seiner Interessen hält den Jugendlichen 
nicht davon ab, sein Leben eigentlich auf einen einzigen 
Punkt zu konzentrieren: auf die Beschäftigung mit seiner 
eigenen Persönlichkeit. 

Wir erkennen, besonders in der Zerlegung dieser in- 
tellektuellen Interessen unter den Bedingungen der ana- 
lytischen Behandlung, daß es sich hier gar nicht um 
Intellektualität im gewöhnlichen Sinne handelt. Es ist 
nicht so, daß der Jugendliche sich etwa die verschiedenen 
Situationen der Liebe oder der Berufswahl überdenkt, 
um an seinen Überlegungen eine Richtschnur für sein 
Handeln zu finden, wie der Erwachsene es täte, oder 
wie der Knabe in der Latenzzeit einen Motor studieren 



I 



186 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

würde, um ihn dann zerlegen und wieder zusammen- 
setzen zu können. Die Intellektualität des Jugendlichen 
scheint keinem andern Zweck zu dienen als seine Tag- 
träumerei. Auch die Ehrgeizphantasien der Vorpubertät 
sind ja nicht dazu bestimmt, in die Wirklichkeit um- 
gesetzt zu werden. Der Jugendliche, der sich selber als 
Eroberer phantasiert, fühlt auch deshalb noch nicht die 
Verpflichtung, sich im wirklichen Leben mutig oder 
standhaft zu beweisen. Ebenso fühlt der Jugendliche 
offenbar schon Befriedigung, wenn er überhaupt denkt, 
grübelt oder diskutiert. Sein Handeln geht unter andern 
Bedingungen vor sich und braucht von den Ergebnissen 
des Denkens, Grübelns oder der Diskussionen nicht be- 
einflußt zu werden. 

Die analytische Verfolgung der intellektuellen Vor- 
gänge im Jugendlichen macht uns aber auch noch auf 
etwas anderes aufmerksam. Die Themen, die im Vorder- 
grund seines Interesses stehen, sind beim näheren Zu- 
sehen dieselben, um die die Konflikte zwischen seinen 
inneren Instanzen entbrannt sind. Auch hier handelt es 
sich wieder um die Unterbringung des Triebhaften in 
den Zusammenhang des menschlichen Lebens, um sexu- 
elles Ausleben oder Verzicht, Freiheit oder Freiheitsbe- 
schränkung, Auflehnung gegen die Autorität oder Unter- 
ordnung. Das glatte Triebverbot, die Askese, leistet, wie 
wir gesehen haben, dem Jugendlichen im allgemeinen 
nicht, was er von ihr erwartet. Da die Gefahr erst ein- 
mal allgegenwärtig bleibt, muß er sich nach vielen 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT 187 

Mitteln umsehen, um sie zu bewältigen. Das Durch- 
denken des Triebkonflikts, seine Intellektualisierung, 
scheint ein solches Mittel zu sein. Hier wird die Flucht 
vor dem Trieb, die wir bei der Askese finden, durch 
Zuwendung zu ihm ersetzt. Aber die Zuwendung bleibt 
eine gedankliche, intellektuelle. Was der Jugendliche in 
seinen abstrakten intellektuellen Gesprächen und Lei- 
stungen zustande bringt, sind keine Lösungsversuche von 
Aufgaben, die die Realität ihm stellt. Seine Gedanken- 
arbeit entspricht eher einer gespannten Wachsamkeit für 
die Triebvorgänge in seinem Innern und einem Umsetzen 
dessen, was er spürt, in abstrakte Gedanken. Die Welt- 
anschauung, die er in Gedanken aufbaut, etwa die For- 
derung nach Umsturz in der Außenwelt entspricht also 
der Wahrnehmung des Neuen und sein ganzes Leben 
Umstürzenden im Trieb verlangen des eigenen Es. Die 
Idealbilder von Freundschaft und ewiger Treue müssen 
nichts anderes sein als eine Spiegelung der Besorgnisse 
seines eigenen Ichs, das spürt, wie wenig haltbar alle 
seine neuen und stürmischen Objektbeziehungen gewor- 
den sind 1 . Die Sehnsucht nach Führung und Unterstützung 
in dem oft aussichtslosen Kampf gegen die Triebstärke 
kann sich in scharfsinnige Beweise für die Unselbstän- 
digkeit des Menschen in politischen Entscheidungen um- 

1) Ich verdanke Margit Dubovitz, Budapest, den Hinweis darauf, 
daß das Nachgrübeln des Jugendlichen über den Sinn des Lebens und 
Sterbens eine Spiegelung der Arbeit der Destruktion im eigenen Innern 
bedeutet. 



l88 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

setzen. Was sich im Intellektuellen äußert, wäre also 
eine Schilderung der Triebvorgänge. Das Motiv dieser 
gesteigerten Zuwendung von Aufmerksamkeit für den 
Trieb wäre aber der Versuch, ihn auf einem andern 
Niveau zu fassen und zu bewältigen. 

Wir erinnern uns daran, daß in der psychoanalytischen 
Metapsychologie die Verbindung von Affekten und Trieb- 
vorgängen mit Wortvorstellungen als der erste und wich- 
tigste Schritt zur Triebbeherrschung geschildert wird, 
den das Individuum in seiner Entwicklung durchzu- 
machen hat. Das Denken wird dort überhaupt als „ein 
Probehandeln unter Verwendung kleinster Triebquan- 
titäten" bezeichnet. Diese Intellektualisierung des Trieb- 
lebens, der Versuch, der Triebvorgänge dadurch habhaft 
zu werden, daß man sie mit Vorstellungen verknüpft, mit 
denen sich im Bewußtsein hantieren läßt, gehört zu den 
allgemeinsten, frühesten und notwendigsten Erwerbungen 
des menschlichen Ichs. Wir empfinden sie als unentbehr- 
lichen Bestandteil des Ichs, nicht als eine Tätigkeit, die 
es ausübt. 

Man bekommt wieder den Eindruck, daß die Er- 
scheinungen, die im vorstehenden als „Intellektualisierung 
in der Pubertät" zusammengefaßt sind, nichts anderes 
sind als die Übersteigerung dieser allgemeinen Ich- 
Einstellung unter den besonderen Bedingungen eines 
Libidoschubes. Was das Ich zu anderen Zeiten selbst- 
verständlich, stumm und nebenher leistet, rückt durch 
bloße quantitative Steigerung in den Vordergrund der 



TRIEB ANGST IN DER PUBERTÄT 189 

Aufmerksamkeit. Die erhöhte Intellektualität des Jugend- 
lichen — vielleicht auch das so hoch gesteigerte in- 
tellektuelle Verständnis für innere Vorgänge zu Beginn 
jedes psychotischen Schubes — wäre nach dieser Auf- 
fassung nichts anderes als die auch sonst vorhandene 
Bemühung des Ichs um die Triebbewältigung mit Hilfe 
von Gedankenarbeit. 

Vielleicht erlaubt uns die Verfolgung dieses Gedanken- 
ganges an dieser Stelle noch einen kleinen Nebengewinn. 
Wenn Erhöhung der Triebbesetzung jedesmal automatisch 
auch das Bemühen steigert, die Triebvorgänge intellek- 
tuell zu verarbeiten, dann verstehen wir, daß Triebgefahr 
den Menschen gescheit macht; in triebruhigen, also un- 
gefährlichen Perioden kann das Individuum es sich eher 
erlauben, dumm zu sein. Die Triebangst wirkt hier nicht 
anders, als wir es von der Realangst her kennen. Reale 
Gefahr und reale Entbehrung spornen den Menschen 
zu intellektuellen Leistungen und Lösungsversuchen an, 
während reale Sicherheit und Überfluß eher dumm und 
bequem machen. Die Zuwendung der intellektuellen Auf- 
merksamkeit auf die Triebvorgänge entspricht eben der 
Wachsamkeit, die das Ich des Menschen der gefährlichen 
Realität gegenüber als notwendig kennengelernt hat. 

Wir haben bisher immer einen andern Erklärungs- 
versuch für das Abnehmen der Gescheitheit des Klein- 
kindes bei Eintritt in die Latenzperiode verwendet. Die 
glänzenden intellektuellen Leistungen des Kleinkindes 
sind eng verbunden mit seiner Sexualforschung. Mit 



1Q0 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

dem Verbot des Sexuellen in der frühen Kindheit dehnt 
sich auch das Denkverbot und die Denkhemmung auf 
andere Gebiete des Lebens aus. Man war nicht über- 
rascht, mit dem Wiederaufflammen des Sexuellen in der 
Vorpubertät, also mit dem Durchbruch durch die Sexual- 
verdrängung der ersten Kindheit auch die intellektuellen 
Fähigkeiten in alter Kraft wiederkehren zu sehen. 

Diesem uns gewohnten Erklärungsversuch läßt sich 
jetzt noch ein zweiter an die Seite stellen. Es ist vielleicht 
nicht nur so, daß das Kind in der Latenzperiode nicht 
abstrakt denken darf, es hat es vielleicht nicht nötig, 
abstrakt zu denken. Erste Kindheit und Pubertät sind 
Zeiten voll Triebgefahren, die „Gescheitheit" dieser 
Perioden dient wenigstens zum Teil ihrer Bewältigung. 
Latenz und Erwachsenheit dagegen sind Zeiten verhältnis- 
mäßiger Ich-Stärke. Das Bemühen des Ichs zu intellek- 
tualisieren darf auf ein geringeres Maß herabsinken, 
ohne dem Individuum Schaden zu bringen. Dabei darf 
man nicht vergessen, daß diese Verstandesleistungen, be- 
sonders die der Pubertät, zwar blendend und auffällig, 
aber weitgehend unfruchtbar sind. Sogar die von uns so 
bewunderten und geschätzten intellektuellen Leistungen 
der ersten Kindheit haben in einer Richtung Anteil an 
diesem Charakter. Wir brauchen nur daran zu denken, 
daß auch die infantile Sexualforschung, in der wir in 
der Psychoanalyse den schärfsten Ausdruck der kind- 
lichen Verstandestätigkeit sehen, fast nie die wirklichen 
Tatsachen des erwachsenen Sexuallebens zu Tage fördert. 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT 



J 9* 



Das Ergebnis der kindlichen Sexualforschung sind in der 
Regel die infantilen Sexualtheorien, also nicht ein Er- 
fassen der Wirklichkeit, sondern eine Widerspiegelung der 
Triebvorgänge im eigenen Innern des beobachtenden 
Kindes. 

Die Verstandesarbeit, die das Ich in der Latenzzeit und 
in der Erwachsenheit zustande bringt, ist weitaus solider, 
verläßlicher und vor allem viel enger mit seinem Handeln 
verbunden. 



Objektliebe und Identifizierung in der Pubertät.— Wenn 
wir Askese und Intellektualisierung in der Pubertät in 
das Schema einreihen wollen, das ich weiter oben als 
Orientierung der Abwehrvorgänge nach Angst und Gefahr 
bezeichnet habe, so ist es deutlich, daß beide der dort 
geschilderten dritten Art angehören. Die Gefahr, die dem 
Ich droht, ist die der Überschwemmung durch den Trieb ; 
die Angst, von der es beherrscht wird, ist Angst vor der 
Triebquantität. In der individuellen Entwicklung müssen 
wir die Entstehung dieser Angst in sehr frühe Zeiten 
zurückversetzen. Sie gehört zeitlich zu der Periode der 
allmählichen Ablösung eines Ichs vom undifferenzierten 
Es. Die Abwehrhaltungen, die sich unter dem Druck 
der Angst vor der Triebstärke ausbilden, sind dazu be- 
stimmt, diese Scheidung zwischen Ich und Es aufrecht- 
zuerhalten und den Bestand der neu aufgerichteten Ich- 
Organisation zu sichern. Die Askese hat also die Aufgabe, 
das Es durch simples Verbot in Schranken zu halten, 



1 92 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

die Intellektualisierung den Zweck, Triebvorgänge durch 
enge Verbindung mit Vorstellungsinhalten zugänglich und 
beherrschbar zu machen. 

Aber ein Zurückfallen des Individuums im Libidoschub 
auf diese primitive Stufe der Angst vor der Triebstärke kann 
auch sonst nicht ohne Folgen für die übrigen Trieb- und 
Ich -Vorgänge bleiben. Ich greife im folgenden aus den 
vielen Sonderbarkeiten, die die Pubertätsphänomene bieten, 
zwei der wichtigsten heraus und verfolge ihren Zusammen- 
hang mit dieser Ich-Regression. 

Die auffälligsten Erscheinungen im Leben des Jugend- 
lichen gehen im Grunde auf dem Gebiete seiner Objekt- 
beziehungen vor sich. Hier wird der Kampf zwischen 
zwei entgegengesetzten Tendenzen am allersichtbarsten. 
Die aus der allgemeinen Triebabneigung stammende Ver- 
drängung nimmt, wie wir gehört haben, gewöhnlich die 
Inzestphantasien der Vorpubertät zu ihrem ersten Angriffs- 
punkt. Das Mißtrauen des Ichs und seine asketische 
Haltung richten sich vor allem gegen die Liebesbindung 
an alle Objekte der Kindheit. Dadurch vereinsamt der 
Jugendliche einerseits; er bringt es zustande, von da an 
unter seiner Familie zu leben, als wären es Fremde. 
Anderseits greift die Triebabneigung von der Objekt- 
beziehung selbst auch auf die Beziehung zur Über-Ich- 
Instanz über. Soweit das Über-Ich zu dieser Zeit noch 
mit Libido besetzt ist, die aus der Elternbeziehung stammt, 
wird es selber behandelt wie ein verdächtiges inzestuöses 
Objekt und verfällt auch selbst den Folgen der Askese. 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT 



!93 



Das Ich entfremdet sich auch von ihm. Das jugendliche 
Individuum empfindet diese partielle Verdrängung des 
Uber-Ichs, die teilweise Entfremdung von seinen Inhalten 
als eine seiner schwersten Störungen. Die Erschütterung 
der Beziehung zwischen Ich und Über-Ich wirkt vor 
allem wieder steigernd auf die Triebgefahr. Das Indivi- 
duum wird dissozialer. Vor dieser Störung sind die Ge- 
wissensängste und Schuldgefühle, die aus der Beziehung 
des Ichs zum Über-Ich stammen, ja die wirksamsten 
Hilfen des Ichs im Kampf gegen den Trieb. Man kann 
in den Anfangsstadien der Pubertät auch einen deut- 
lichen Versuch zur vorübergehenden Überbesetzung aller 
Über-Ich-Inhalte beobachten. Der sogenannte „Idealismus" 
des Jugendlichen erklärt sich wahrscheinlich aus diesem 
Vorgang. Jetzt entsteht also die Situation, daß die Askese, 
die selbst schon eine Folge der erhöhten Triebgefahr ist, 
selber wieder durch Erschütterung der Beziehung zum 
Über-Ich die Abwehrmaßnahmen außer Kraft setzt, die 
der Über-Ich-Angst angehören, und dadurch das Ich noch 
energischer auf die Stufe der reinen Triebangst und der 
primitiven ihr zugehörigen Schutzmaßnahmen zurück- 
wirft. 

Die Vereinsamung und Abwendung ist aber nur eine 
der Tendenzen, die sich in der Objektbeziehung des 
Jugendlichen durchsetzen. An Stelle der verdrängten Bin- 
dungen an die Kindheitsobjekte entstehen zahlreiche neue 
Bindungen, zum Teil an Gleichaltrige, wo sie die Form 
leidenschaftlicher Freundschaft oder voller Verliebtheit 

Anna Freud, Da» Ich und die Abwehrmechanismen. 15 









1 g4 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEB STÄRKE 

annehmen, zum Teil an ältere Führergestalten, die deutlich 
den Ersatz für die verlassenen Elternobjekte bedeuten. 
Diese Liebesbeziehungen sind während ihrer Dauer stür- 
misch und ausschließlich, aber ihre Dauer ist kurz. Die 
einmal gewählten Objekte werden ohne Rücksicht auf 
die Gefühle des Partners wieder verlassen und gegen 
andere eingetauscht. Die verlassenen Objekte werden 
schnell und völlig vergessen; nur die Form der Beziehung 
zu ihnen erhält sich bis ins kleinste und stellt sich am 
neuen Objekt gewöhnlich in getreuester Wiederholung 
wie zwanghaft wieder her. 

Diese Objektbeziehungen der Pubertät haben neben 
der auffallenden Treulosigkeit gegen das Liebesobjekt 
noch einen zweiten besonderen Charakter. Ihr Ziel ist 
nicht eigentlich die Besitzergreifung des Objekts im ge- 
wöhnlichen körperlichen Sinne des Wortes. Das Ziel 
scheint vielmehr die möglichst volle Angleichung an die 
geliebte Person des Augenblicks. 

Wir wissen alle aus der alltäglichen Beobachtung, wie 
verwandlungsfähig der Jugendliche ist. Schrift, Aussprache, 
Haartracht, Kleidung und Lebensgewohnheiten aller Art 
sind weit anpassungsfähiger als zu irgendeiner andern 
Lebenszeit. Oft zeigt ein erster Blick auf einen Halb- 
wüchsigen, wer sein älterer und bewunderter Freund ist. 
Aber die Verwandlungsfähigkeit geht auch noch weiter. 
Weltanschauung, Religion und Politik lassen sich nach 
dem Vorbild des andern ändern; die Überzeugung von 
der Richtigkeit des willig Übernommenen verliert auch 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT ig5 

bei häufigem Wechsel nicht an Stärke und Leidenschaft. 
Der Jugendliche gleicht in dieser Beziehung dem „Als 
ob"-Typus, den Helene Deutsch als Zwischenstufe zwi- 
schen neurotischer und psychotischer Erkrankung in einer 
klinischen Arbeit zur Psychologie des Erwachsenen be- 
schrieben hat 1 . Er lebt in jeder neuen Beziehung zu einem 
Objekt, „als ob" er wirklich sein eigenes Leben leben, 
seine eigenen Gefühle, Meinungen und Ansichten zum 
Ausdruck bringen würde. 

Eine Jugendliche meiner eigenen analytischen Beob- 
achtung ließ den Mechanismus, der diesen Verwandlungs- 
vorgängen zugrunde liegt, besonders deutlich erkennen. 
Sie wechselte während eines Jahres in der oben beschrie- 
benen Weise mehrmals von einer Freundschaftsbeziehung 
zur anderen, von Mädchen zu Knaben, von Knaben zu 
älteren Frauen. Bei jedem solchen Wechsel wurde sie 
nicht nur gleichgültig gegen das verlassene Objekt, son- 
dern verfolgte es mit einer ganz besonderen leidenschaft- 
lichen, fast verächtlichen Abneigung, empfand jedes zu- 
fällige oder notwendige Zusammentreffen mit ihm fast 
als unerträglich. Wir verstanden schließlich nach längerer 
analytischer Bemühung, daß das gar nicht ihre eigenen 
Gefühle gegen die ehemaligen Freunde waren. So wie 
sie nach jedem solchen Wechsel in vielen inneren und 
äußeren Dingen Formen und Anschauungen des neuen 
Liebesobjektes zu übernehmen gezwungen war, so fühlte 

1) Helene Deutsch, Über einen Typus der Pseudoaffektivität („Als ob"). 
Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, XX, 1934, S. 323 fr. 



1 g 6 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEB STÄRKE 

sie auch nicht mehr ihre eigenen Gefühle, sondern die 
des neugewählten Freundes. Ihre Abneigung gegen die 
früher geliebten Menschen war wirklich nicht ihre ei- 
gene. Sie war in Einfühlung in die Gefühle des neuen 
Freundes empfunden. Auf diese Weise brachte sie seine 
phantasierte Eifersucht gegen jeden früher von ihr Ge- 
liebten zum Ausdruck, oder seine, nicht ihre eigene 
Verachtung gegen eventuelle Nebenbuhler. 

Die innere Situation in dieser und ähnlichen Puber- 
tätsphasen läßt sich in sehr einfachen Worten beschrei- 
ben: diese stürmischen und wenig haltbaren Liebesbin- 
dungen der Pubertät sind gar keine Objektbeziehungen 
im erwachsenen Sinne des Wortes. Es sind Identifizierungen 
der primitivsten Art, wie wir sie etwa in der ersten 
Entwicklung des Kleinkindes, vor Beginn aller Objekt- 
liebe kennenlernen können. Die Treulosigkeit der Puber- 
tät anderseits wäre dann gar kein Liebes- oder Über- 
zeugungswechsel innerhalb des Individuums, sondern ein 
durch den Wechsel der Identifizierungen bedingter Per- 
sönlichkeitsverlust. 

Eine analytische Einsicht an einer anderen Fünfzehn- 
jährigen führt dann vielleicht noch einen Schritt weiter 
in das Verständnis für die Rolle dieser Identifizierungs- 
neigungen. Die Patientin ist ein besonders schönes und 
anmutiges Mädchen, das im gesellschaftlichen Leben sei- 
nes Kreises schon eine Rolle spielt, trotzdem aber von 
rasender Eifersucht auf eine noch kindliche Schwester 
geplagt wird. Sie stellt alle früher bei ihr vorhandenen 



TRIEBANGST IN DER PUBERTÄT *97 

Lebensinteressen in der Pubertät zurück und wird nur 
von dem einen Verlangen getrieben, sich von ihren 
jugendlichen und älteren Freunden bewundern und lieben 
zu lassen. Sie verhebt sich mit voller Stärke aus der 
Ferne in einen etwas älteren Knaben, mit dem sie auch 
gelegentlich in Gesellschaften und an Tanzabenden zu- 
sammentrifft. In dieser Zeit schreibt sie mir einen Brief, 
in dem sie ihre Liebeszweifel und Besorgnisse schildert. 
„Du mußt mir raten", heißt es dort, „wie ich mich 
benehmen soll, wenn ich mit ihm zusammentreffe. Soll 
ich ernst oder lustig sein? Wird er mich lieber haben, 
wenn ich mich gescheit zeige oder wenn ich mich dumm 
stelle? Ist es besser, wenn ich die ganze Zeit nur von 
ihm oder auch von mir selbst rede? ..." Ich beantworte 
die Fragen in unserer nächsten Zusammenkunft münd- 
lich. Ich meine, daß es doch vielleicht nicht nötig sei, 
Pläne für ihr Benehmen schon im voraus zu machen. 
Ob sie nicht im Augenblick so sein könnte, wie sie eben 
sei und wie ihr eben zumute wäre? Sie versichert, nein, 
das ginge nicht, und begründet in langer Rede die Not- 
wendigkeit, so zu sein, wie es den andern gefällt und 
sie einen haben wollen. Nur dann könne man sicher 
sein, ihre Liebe zu erwerben. Und ohne von diesem 
Knaben geliebt zu werden, könne sie überhaupt nicht 

leben. 

Sehr bald darauf schildert mir die gleiche Patientin 
eine Phantasie, die eine Art allgemeinen Weltuntergangs 
darstellt. Wie es wäre, wenn alle Menschen zugrunde 



l * 8 ABWEHR ^ ANGSTV0RDERTRIEBSTÄRKE 

wa n r ßte ; ? ? geht die Reihe ih - *™* - 

Verwandten durch, bis sie sich schließlich in der Vor- 
stellung allein zurückgelassen auf der Erde findet. Aus 
Mimme, Betonung und der Schilderung aller Details ist 
es klar, daß es sich um Wunsch Vorstellungen handelt. 
Sie empfindet Lust, keine Angst bei der Erzählung. 

Ich erinnere sie an dieser Stelle an ihr stürmisches 
Verlangen nach Geliebtwerden. Schon die bloße Vor- 
stellung, einem ihrer Freunde zu mißfallen und seine 
Liebe zu verlieren, konnte sie die Tage vorher in Ver- 
zweiflung versetzen. Wer aber wird sie lieben, wenn 
sie so allein auf der Welt zurückbleibt? Sie weist die 
Mahnung an die Besorgnisse des Vortages ruhig ab. „Dann 
würde ich mich selber lieben", sagt sie, als wäre sie 
endlich alle Ängste los, mit einem tiefen Seufzer der 
Erleichterung. 

Diese kleine analytische Beobachtung an einem Einzel- 
fall scheint mir einen Hinweis auf etwas für bestimmte 
Objektbeziehungen der Pubertät Charakteristisches zu ent- 
halten. Durch die Erschütterung der alten Objektbezie- 
hungen, durch die Folgen von Triebabneigung und Askese 
wird die Außenwelt des Jugendlichen entlibidinisiert. Er 
ist in Gefahr, seine Objektlibido von der Umwelt auf 
die eigene Person zurückzuziehen, entsprechend den Re- 
gressionen in seinem Ich auch im libidinösen Leben von 
der Objektliebe zum Narzißmus zu regredieren. Dieser 
Gefahr entzieht er sich durch die krampfhaften Bemü- 
hungen, doch wieder Anschluß an die Außenweltsobjekte 



TRIEB ANGST IN DER PUBERTÄT 199 

zu finden, wenn auch erst einmal in Anlehnung an den 
Narzißmus, also durch Identifizierungen. Die stürmischen 
Objektbeziehungen des Jugendlichen hätten nach dieser 
Auffassung — wieder ähnlich den Zuständen im Beginn 
psychotischer Schübe — den Charakter von Restitutions- 
versuchen. 

Ich habe im Verlaufe der vorangegangenen Schilde- 
rungen die charakteristischen Einzelheiten des Pubertäts- 
verlaufes so häufig mit schweren Krankheitserscheinungen 
verglichen, daß es vielleicht notwendig ist, trotz der Un- 
vollständigkeit dieser Ausführungen noch ein Wort über 
Normalität oder Abnormität der Pubertätsvorgänge hinzu- 
zufügen. 

Die Basis für den Vergleich zwischen der Pubertät 
und den Anfangszuständen bei psychotischen Schüben ist, 
wie wir gesehen haben, die Auffassung von der Wirkung 
quantitativer Besetzungsänderungen. Die erhöhte Libido- 
besetzung des Es steigert in beiden Fällen einerseits die 
Triebgefahr, anderseits die Abwehranstrengungen aller 
Arten. Daß auf Grund dieser quantitativen Vorgänge jede 
Periode von Libidosteigerung im menschlichen Leben zum 
geeigneten Ansatzpunkt für neurotische und psychotische 
Erkrankung werden kann, war uns in der Analyse immer 

gegenwärtig. 

Die besondere Ähnlichkeit zwischen dem Pubertäts- 
verlauf und psychotischen Schüben scheint nebenbei noch 
in dem Hervortreten primitiver Abwehrhaltungen zu 
liegen, die der Angst des Ichs vor der Triebstärke zu- 



200 ABWEHR AUS ANGST VOR DER TRIEBSTÄRKE 

gehören, also einer Angst, die älter ist als alle Real- und 
Gewissensangst. 

Der Eindruck des individuellen Pubertätsverlaufs, seine 
Normalität und Abnormität wird dann wahrscheinlich 
davon abhängen, ob der eine oder der andere dieser Züge 
oder mehrere von ihnen gleichzeitig das Bild beherrschen. 
Der asketische Jugendliche, bei dem aber der Intellekt 
frei funktioniert und zahlreiche gute Objektbeziehungen 
erhalten sind, erscheint uns normal. Dasselbe gilt für den 
intellektualisierenden Typus, für den idealistischen Jugend- 
lichen, auch für den, der von einer schwärmerischen 
Freundschaft zur andern getrieben wird. Wo aber die 
Triebaskese weitgehend durchgesetzt ist, wo die Intellek- 
tualisierung gleichzeitig die andern Verstandesleistungen 
überwuchert und die Beziehungen zur Umwelt aus- 
schließlich auf Grund von wechselnden Identifizierungen 
hergestellt werden, dort wird es dem beobachtenden 
Pädagogen oder dem Analytiker nicht mehr leicht fallen 
zu entscheiden, was noch einem Durchgangsstadium der 
normalen Entwicklung und was schon einem pathologi- 
schen Zustand angehört. 



• 



SCHLUSSBEMERKUNG. 



■ 



Die Zuordnung der einzelnen Abwehrmechanismen 
zu bestimmten Angstsituationen, die ich in den vor- 
stehenden Kapiteln an einigen Beispielen durchzuführen 
versucht habe, wird sich bei fortschreitender Kenntnis 
der unbewußten Tätigkeit des Ichs wahrscheinlich viel 
genauer bestimmen lassen. Auch der historische Zu- 
sammenhang zwischen typischen Erlebnissen in der 
individuellen Entwicklung und der Entstehung be- 
stimmter Abwehrformen ist zum großen Teil noch 
dunkel. Die angeführten Beispiele gestatten etwa die 
Vermutung, daß der Mechanismus der Leugnung in 
typischer Weise bei der Verarbeitung von Kastrations- 
vorstellungen und dem Erlebnis von Objektverlusten zu 
Hilfe gerufen wird. Die altruistische Abtretung von 
Triebregungen scheint unter bestimmten Bedingungen 
speziell zur Überwindung narzißtischer Kränkungen ge- 
eignet zu sein. 

Besser gelingt schon auf Grund unserer heutigen 
Kenntnisse die Parallele zwischen der Abwehrtätigkeit 
des Ichs nach außen und innen. Die Verdrängung 
leistet für die Beseitigung der Triebabkömmlinge das- 
selbe wie die Leugnung für die Beseitigung der Außen- 
weltsreize. Die Reaktionsbildung dient der Sicherung 
gegen Rückkehr des Verdrängten von innen her, die 



204 SCHLUSSBEMERKUNG 

Phantasie vom Gegenteil der Sicherung der Leugnung 
gegen Erschütterung durch die Außenwelt. Die Hemmung 
der Trieb regung gegenüber entspricht der Ich -Ei nschr än- 
kung zum Zwecke der Vermeidung äußerer Unlust. Die 
Intellektualisierung der Triebvorgänge als Gefahrver- 
hütung nach innen ist dasselbe wie die immer vor- 
handene Wachsamkeit des Ichs für die Gefahren der 
Außenwelt. Alle jene andern Abwehrvorgänge, die wie 
die Verkehrung ins Gegenteil oder die Wendung gegen 
die eigene Person in Veränderung der Trieb Vorgänge 
selbst bestehen, entsprechen nach außen hin den hier 
nicht mehr einbezogenen Versuchen des Ichs, die Verhält- 
nisse der Außenwelt durch aktiven Eingriff zu verändern. 
Die Aufstellung dieser Gegensatzpaare führt zu der 
Frage, woher das Ich die Form der Abwehrmechanismen 
bezieht, ob der Kampf mit der Außenwelt nach dem 
Vorbild der Triebabwehr geführt wird oder ob umge- 
kehrt die Formen der Triebabwehr nach den Vorbildern 
der Außenweltskämpfe gestaltet sind. Aber die Ent- 
scheidung in dieser Alternative kann kaum eindeutig 
ausfallen. Das infantile Ich erlebt den Ansturm der 
Trieb- und Außenweltsreize zur gleichen Zeit; es muß 
also, wenn es seine Existenz erhalten will, die Abwehr 
nach beiden Seiten gleichzeitig üben. Es ist am wahr- 
scheinlichsten, daß es sich im Kampf mit den ver- 
schiedenartigen Reizen, die es zu bewältigen hat, den 
Eigenheiten der Innenwelt und Außenwelt weitgehend 
anpassen wird. 






SCHLUSSBEMERKUNG 2 °5 

Wieweit das Ich bei der Triebabwehr seinen eigenen 
Gesetzen folgt, wieweit es sich vom Charakter des 
Triebes bestimmen läßt, kann man vielleicht am leich- 
testen durch einen Vergleich mit einem Vorgang auf 
verwandtem Gebiet, nämlich mit den Verhältnissen bei 
der Traumentstellung verdeutlichen. Die Überführung 
der latenten Traumgedanken in den manifesten Traum 
geschieht im Auftrag des Zensors, der im Schlaf das 
Ich vertritt. Trotzdem ist die Traumarbeit selber keine 
Ich-Leistung. Die Fähigkeit zur Verdichtung, Verschie- 
bung und zum Gebrauch der verschiedenen fremdartigen 
Darstellungsmittel des Traumes sind Eigenschaften des 
Es, deren sich die Entstellungsabsicht nur bedient. In 
derselben Weise sind auch die Abwehrmethoden keine 
reinen Ich-Leistungen. Soweit sie den Triebvorgang selber 
beeinflussen, bedienen sie sich auch der Triebeigenschaften. 
Die Absicht des Ichs, das Triebziel vom rein Sexuellen 
weg auf ein sozial höher gewertetes Ziel zu lenken, kann 
sich z. B. mit Hilfe der leichten Verschiebbarkeit der 
Triebvorgänge im Sublimierungsmechanismus durch- 
setzen. Die Sicherung der Verdrängung durch Reaktions- 
bildung bedient sich der Neigung der Triebe, sich ins 
Gegenteil zu verkehren. Wir dürfen annehmen, daß 
die Haltbarkeit eines Abwehrvorgangs mit dieser doppelten 
Verankerung im Ich einerseits und im Wesen des Trieb- 
vorgangs anderseits zusammenhängt. 

Aber auch trotz dieser Einschränkung der Selbständig- 
keit des Ichs bei der Schaffung der Formen, die ihm 



2 °6 SCHLUSSBEMERKUNG 

für seine Abwehrtätigkeit zur Verfügung stehen, bleibt 
nach der Beschäftigung mit den Abwehrmechanismen 
noch ein starker Eindruck von der Größe der Ich- Leistung 
übrig. Die Existenz neurotischer Symptome ist an sich 
schon ein Zeichen von Überwältigung des Ichs. Jede 
Rückkehr des Verdrängten, die eine Kompromiß bildung 
einleitet, bedeutet ein Fehlschlagen der beabsichtigten 
Abwehrleistung, also eine Niederlage des Ichs. Das Ich 
ist siegreich, wenn seine Abwehrleistungen glücken, d. h. 
wenn es ihm gelingt, mit ihrer Hilfe die Entwicklung 
von Angst und Unlust einzuschränken, durch notwendige 
Triebumwandlungen dem Individuum auch unter schwieri- 
gen Umständen noch Triebgenuß zu sichern und damit, 
soweit es möglich ist, eine Harmonie zwischen Es, Über- 
ich und den Außenweltsmächten herzustellen. 



INHALT 

Seite 

A. THEORIE DER AR WEHRMECHANISMEN. 

I. Das Ich als Stätte der Reobachtung 7 

II. Die Verwertung der analytischen Technik zum Studium 

der psychischen Instanzen 15 

III. Die Abwehrtätigkeit des Ichs als Objekt der Analyse 34 

IV. Die Abwehrmechanismen 50 

V. Orientierung der Abwehrvorgänge nach Angst und 

Gefahr 64 

fi. REISPIELE FÜR DIE VERMEIDUNG VON 
REALUNLUST UND REALGEFAHR. 

(VORSTUFEN DER ABWEHR.) 

VI. Die Verleugnung in der Phantasie 81 

VII. Die Verleugnung in Wort und Handlung 97 

VIII. Die Ich- Einschränkung 109 

C. ZWEI REISPIELE FÜR ARWEHRTYPEN. 

IX. Die Identifizierung mit dem Angreifer 125 

X. Eine Form von Altruismus 14° 

D. ARWEHR AUS ANGST VOR DER TRIERSTÄRKE. 
(DARGESTELLT AM BEISPIEL DER PUBERTÄT.) 

XI. Ich und Es in der Pubertät 157 

XII. Triebangst in der Pubertät 175 

Schlußbemerkung 203 



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ANNA FREUD 

DAS ICH UND DIE 
ABWEHRMECHANISMEN