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Full text of "Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer Versuch."

HRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAÜSGEGEBEH VON PROF. DR. SIGM» FREUD 
ACHTZEHNTES HEFT 



FRIEDRICH HEBBEL 



EIN PSYCHOANALYTISCHER VERSUCH 



VON 



Di J. SADGER 

NCRVENARZT IN WIEN 



mm 



mm 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTiCKE 

1920 



finalfrom 
NIVERSITYOFWICHI& 



VERLAG VON FRAKZ SEÜtlCttE IN LfilPZlG UND Wl£N 

Bleuler, Prof. Dr. E., Die Psychoanaly&e Freuds. Verteidigung upd kri- 
tisäie Bemerkungen, Preis "M 5, — . 

Breuer, Dr. Josef, und Freud, Prof. Dr. Sigm., Stadien fiber Hysterie. 
Dritte Auflage. Preis M 16.—. 

Ferenczi, Dr. S., Intrüjektlon und Übertragung. Eine psychoanalytische 
Studie. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische uud 
psychopathologische Forschungen, I. Band.) Preis M 2-—. 

Fliefi Wilhelm, Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Bio* 
logie. Preis M 36. — , geb. M 48.—. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Drei Abhandtungen zur Sexualtheorie. Dritte^ 
vermehrte Auflage. Preis M 3.75. 

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I. Sammlung. Aus .den Jahren 1893 bis 1906. Dritte, unveränderte Auf- 
lage im Druck. 
11. „ Zweite, unveränderte Auflage. Preis M 10. — . 

in. „ Preis M 14.—. 

Freud, Prof. t)r. Sigm., Die Traumdeutung. Fünfte, vermehrte Auflage. 
Mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. Neue Auflage in Vorbereitung. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Der Vitz und seine Beziehung zum Unbewußten. 

Neue Auflage in Vorbereitung. ' 

Freud, iProf, Dr. Sigm,, Der Wahn ttud die Traume in W. Jensens ^Gra- 
diva'\ (Schriften zur angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) Zweite Auf- 
lage. Preis M 3.75. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Eine Kindlieitserinnerung des Leonardo da Vincl«^ 

(Schriften zur angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 2. Auflage. Preis M 5. — . 

Hit seh mann, Dr. Eduard, Freuds Neurosenlehre. Nach ihrem gegenwärtigen 
Stande zusammenfassend dargestellt. Neue Auflage in Vorbereitung. 

Jahrbuch fflr psychoanalytische u* psychopathologische Forschungen. 

Herausgegeben von. Prof. Dr. E. Bleuler in Zürich und Prof. Dr. S. Freud 
in Wien. Redigiert von C. G. Jung, Privatdozent der Psychiatrie in Zürich. 

I. Band. 1. Hälfte. 1909. Pr^is M 14.—. 



I. 


19 


2.* 


» 


1909. 


n 


H U.-. 


II. 


n 


1. 


» 


1910. 


n 


M 16.—. 


II. 


n 


2. 


» 


1910. 


» 


M 16.—. 


III. 


p 


1. 


»• 


1911. 


» 


M 20.-. 


III. 


» 


2. 


» 


1912. 


n 


M 16.— . 


IV. 


n 


1. 


W 


1912. 


» 


M 28 -. 


IV. 


n 


2. 


n 


1912. 


» 


M 8.—. 


V. 


» 


1. 


» 


1913. 


» 


M 24.—. 


V. 


» 


2. 


» 


1913. 


n 


M 16.-. 



Jährbuch der Psychoanalyse. Herausgegeben von Prof. Dr. S. Freud in Wien, 
Redigiertvon Dr. Karl Abraham in Berlin und Dr. Eduard Hitschmann 
in Wien, Neue Folge des Jahrbuches fUr psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen. VI. Band. 1914. Mit einer Tafel. Preis M 42.—. 



C^ nnril^ Orrginaf frcrnn 

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2')lxil 



SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKÜNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PBOF. DB. SIGM. FREUD 
ACHTZEHNTES HEFT 



FRIEDRICH HEBBEL 



EIN 
PSYCHOANALYTISCHER VERSUCH 



VON 

DR. J. SADGER, 

NERVENARZT IN WIEN 




WIEN 
FRANZ DEÜTICKE 

19 2 



l. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



3^ 

H440 



>Die großen Schriftriteller, überhaupt die anerkannten Größen der Welt- 
geschichte, sind für ein eingehendes Studium schon deshalb besonders geeignet, 
weil sie über aller Anklage stehen. Sie sind von vornherein des Freispruchs 
sicher infolge der Bedeutung, der großen Rolle, die ihnen zugefallen ist. Wie 
immer auch sie in der Nähe erscheinen mögen, sie sind im Rechte, zu beredt 
zeugen für sie ihre Werke — monumenta aere perenniora. Und wenn wir 
vom Durchschnittsmenschen mit Nachsicht zu reden geneigt sind und auf seine 
Fehler oder das, was gemeiniglich seine Fehler genannt wird, durch die Finger 
sehen, so können wir an die Großen offenen Auges herantreten und brauchen 
nicht zu fürchten, ihre Eigenschaften und Eigenheiten beim richtigen Namen 
zu nennen. Was täte es, wenn sich bei Alexander von Mazedonien auch Feigheit 
auffände, bei Plato und Aristoteles auch Unwissenheit und Oberflächlichkeit, 
beim heiligen Augustin auch Ungläubigkeit! Wie schlicht und ruhig berichtet 
doch das Evangelium, daß der Apostel Petrus sich in einer einzigen Nacht 
dreimal von Christus losgesagt habe. 

Und dies hat ebensowenig die Menschheit daran gehindert, ihm in Rom 
•einen herrlichen Tempel zu errichten, wie es unzählige Millionen von Gläubigen 
davon abhält, ehrfurchtsvoll den Fuß seiner Statue zu küssen, ja, seine Stell- 
vertreter gelten noch heute als unfehlbar. Die Mängel der Großen der Menschheit 
können ihnen nicht als persönliche Mängel angerechnet werden; die Armut 
dieser Reichen ist eine allmenschliche, man möchte sagen, kosmische Armut. 
Enthüllungen und Anklagen sind da schlecht angebracht. Hinter dieser Armut 
ruht ein großes Geheimnis, dem sich zu nahen, ein ewiges Bedürftiis der 
St9Hftl4chen ist. ^ 

Unä^Ue Großen fürchten nicht, ihre Dürftigkeit zu zeigen. «*''^«l^^ 

^. -<•* , LEO SCt^TS^TÜi* 






\ 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 









Seite 



INHALT 

j^ Einleitung 1 

ty 1. Kapitel : Kindheit 3—27 

7 2. Kapitel: Knabenzeit 28— 62 

'io 3. Kapitel: Jünglingsjahre 63— 94 

4. Kapitel: Wanderjahre (Sexualität, Charakter, 1. Teil), 

Belastung 96—124 

6, Kapitel : Elise Lensing 126—196 

6. Kapitel: Hebbels Charakter, 2. Teil 197—250 

7. Kapitel : Das Sexuell-Erotische in Hebbels Dichten und 
Leben • 261—275 

8. Kapitel : Das Unbewußte, die Träume und die Religion 
bei Hebbel 276-319 

[9. Kapitel: Judith 320-347 

10. Kapitel : ^Maria Magdalene"" und SchluBbetraohtung 348—374 



.^ 



r^r\onlf* OrFgfnaffrom 

:3y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Verlags-Nn 2516. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



EINLEITUNG. 

In diesen Blättern beabsichtige ich nicht, einen Beitrag 
zu liefern zur Biographie oder Würdigung des' Dichters 
Friedrich Hebbel. Wer also neue Lebensumstände oder 
eine ästhetische Wertung erwartet und strahlende Aufhellung 
über beide Gebiete, wird einer Enttäuschung kaum entgehen. 
Denn der Zweck meiner Arbeit ist ein ganz anderer, Sie will 
einzig und allein auf Grund des bekannten Tatsachenmaterials 
und der neuesten Ergebnisse modemer Seelentiefenforschung 
die psychischen Zusammenhänge in des Dichters Leben und^ 
Schaffen aufzeigen^ Darum setzt sie erst an jenem Punkte 
ein, wo die bisherigen Biographien keinen Aufschluß mehr 
geben. Ich verzichte demnach von vornherein auf eine um- 
fassende Lebensdarstellung oder gar eine kritische Kunst- 
betrachtung und wähle nur jene Kapitel aus, die mir für 
Hebbels Entwicklung und Werden bedeutsam erscheinen. 
Es werden also manche seiner Lebenszeiten, vor allem die 
Kindheit, die breiteste Beleuchtung erfahren, andere da- 
gegen nur kurz gestreift oder zusammengefaßt werden. Ist 
mir doch lediglich darum zu tun, dem Leser zu zeigen, wie ^ 
TT^hb^T Irra.ff. seiner Konstitution, Anlagen und Triebe, dar- 
unter ganz besonders des Geschlechtstriebes, in zweiter Linie 
sein es Milieus und s e iner mißlic hen Lebensumstände so wer- 
den mußtey wie er in der Menschheitsgeschichte dasteht,. Ich 
hoffe Aufklärung bieten zu können für po manches Rätsel in 
unseres Poeten Dasein und Dichten, das ohne vertiefte Psycho- 
logie kaum zu lösen wäre. Immer wieder wird die Trieb- 
gebundenheit seines Schaffens in die Augen springen und 
nicht zum letzten durchsichtig werden, w arum ein Dichter 
von solch er Kraft so wenig in die breiten Volksmassen drang. 
Meine Arbeit will ge wertet sein nicht als eine neue Bio- 

8 ad g er, Hebbel. 1 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



EINLEITUNG. 



graphie, sondern als Vertiefung der schon bestehenden, in- 
dem es dort aufzuhellen sucht, wo einzig und allein die mo- 
derne Neuro-Psychologie hinableuchten kann. 

Noch eines sei gleich hier besprochen. Ich habe den 
Vorsatz — der Leser beurteile, ob er mir gelungen — ein 
durchaus ehrliches Buch zu schreiben, d. h. den Menschen 
Friedrich Hebbel also zu zeichnen, wie er mir erscheint, 
nicht bloß in den Vorzügen und grandiosen Leistungen, son- 
dern auch mit all seinen vielen Schwächen. Man sehe dies 
nicht als Lieblosigkeit an gegenüber dem Genius, der der 
Welt so Großes, Unsterbliches schenkte. Mich dünkt dem 
Verständnis eines Genies recht wenig gedient, wenn man 
sich nur in ewigen Lobpsalmen ergießt. Denn Weihrauch 
ist nu3' der Gottheit kein Gift, den erdgebun^ ^nft^ MAnqnKQn 
umnebelt und betäubt er. die Wahrheit verschleiernd. Und 
die Warheit zu finden^ niemand zuliebe, aber auch niemand 
zuleide, dünkt mich die erste Aufgabe des Forschers. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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!• Kapitel. 
KINDHEIT. 

Es wird wohl kaum einen zweiten Dichter, vielleicht 
keinen zweiten Menschen geben, der eine fortlaufende Erinne- 
run gskett e, nicht nur vereinzelte Erinnerungsbrocken, vom 
zweiten bis zum sechsten Lebensjahre zu künden vermochte 
wie Friedrich Hebbel. In seinem 34. Lebensjahre schrieb 
er ins Tagebuch: „Ich habe angefangen, meine Jugend- 
geschichte aufzuschreiben, und bin überrascht, wie klar sich 
das längst vergessen Geglaubte wieder vor mir auseinander- 
breitet. Nun darf ich fortfahren, denn nun bin ich gewiß, 
daß ich mein Leben darstellen kann und nicht darüber zu 
räsonieren brauche." Was Hebbel in seinen „Aufzeichnun- 
gen aus meiner Kindheit" erzählt, ist ein durchaus einzig- 
artiges Zeugnis. Mit dem inneren Seherauge begabt und 
geradezu phänomenalem Gedächtnis, hat er in einer Skizze 
und anderen Erinnerungen, die sich in den Tagebüchern und 
Briefen verstreut noch finden, ein Denkmal gebaut, das nicht 
bloß individuell einen Schatz, sondern auch ganz allgemein 
ein TJnikuni darstellt^). Und es kann seinen Wert nur etwas 
mindern, aber keineswegs aufheben, daß alles Sexuelle darin 
nur gestreift wird, so daß man es mehr aus den Wirkungen 

1) Selbst Rouss eau s „Bekenntnisse" und K,elXfiXÄ^Grüner Hein- 
rich", die noch am ehesten zu vergleichen wäjpen, bringen nicht aus so 
frühen Jahren fortlaufende Erinneaningen der Dichter, sondern bestenfalls 
Berichte ihrer Angehörigen nebst einzelnem, dsus sie selber behielten. Erst 
die aillerjüngste Zeit hat die obige Behauptung im erschüttern vermocht. 
Da hat nämlich S p i t t eler, der Schweizer Dichter, unter dem Titel 
„Heine früh^sten^ Erlebnisse" fortlaufende deutliche Erinnerungen von 
seinem ersten bis zum fünften Lebensjahr erzahlt, die alles in Schatten 
stellen, was bisher jemals berichtet wurde. 

1* 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



SAD6ER, HEBBEL. 



auf Hebbels Leben und Schaffen, als aus direkter Erinne- 
rung folgern muß. 

„Wer sein Leben darstellt," schrieb der Üichter 1842 in 
sein Tagebuch, „der soll wie Goethe nur das Liebliche, 
Schöne, das Beschwichtigende und Ausgleichende hervor- 
heben, das man auch in den dunkelsten Verhaltnissen auf- 
finden kann, und das übrige auf sich beruhen lassen." Dies 
Eezept zu beiolgen, ward Hebbel um so leichter, als seine 
frühesten Lebensjahre, wie vermutlich der allermeisten Men- 
schen, in der Erinnerung sonnedurchflütet. Beruht doch nach 
seinen eigenen Worten „der Hauptreiz der Kindheit darauf, 
daß alles, bis zu den Haustieren herab, freundlich und wohl- 
wollend gegen sie ist, denn daraus entspringt ein Gefühl der 
Sicherheit, das bei dem ersten Schritt in die feindselige 
Welt hinaus entweicht und nie zurückkehrt. Besonders in 
den unteren Stäaxden ist dies der Fall. Das Kind spielt nicht 
vor der Tür, ohne daß die benachbarte Dienstmagd, die zum 
Einkaufen oder Wasserschöpfen über die Straße geschickt wird, 
ihm eine Blume schenkt; die Obsthändlerin wirft ihm aus 
ihrem Korb eine Kirsche oder Birne zu, ein wohlhabender 
Bürger wohl gar eine kleine Münze, für die es sich eine Semmel 
kaufen kann; der Fuhrmann knallt, vorüberkommend, mit 
seiner Peitsche, der Musikant entlockt seinem Listrument 
im Gehen einige Töne, und wer nichts von allem tut, der 
fragt es wenigstens nach seinem Namen und Alter oder 
lächelt es an. Freilich muß es reinlich gehalten sein. Dieses 
Wohlwollen ^vurde auch mir und meinem Bruder in reich- 
lichem Maße zu teil, besonders von den Mitbewohnern unseres 
Hauses, den vorzugsweise sogenannten Nachbarn, die uns fast 
ebensoviel galten als die Mutter und mehr als der strenge 
Vater." ^ 

Obwohl der letztere infolge geringer Tüchtigkeit im Hand- 
werk trotz allen Fleißes und peinlicher Ordnung nie ^ur 
Selbständigkeit kam, sondern zeitlebens im Tagelohn fronen 
müßte, im Winter sogar meist ohne Beschäftigung und Ver- 
dienst war, so hatte doch die Mutter einen kleinen Becdtz 
in die Ehe gebracht, der zum Eden ihrer Kinder wurde. Bei 



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KINDHEIT. 



aller Not und Dürftigkeit herbergte man doch in der son- 
nigsten und freundlichsten Wohnung des Häuschens^ während 
zwei Kammern an noch ärmere Leute vermietet wurden. Zu 
dem kleinen Anwesen gehörte ferner ein Gärtchen mit einem 
prächtigen Bim- und Zwetschkenbaum und einem alten, von 
Bäumen tief beschatteten Brunnen, des^sen hölzerne Beda- 
chung gebrechlich und dunkelgrün bemoost war und welchen 
der £nabo „nie ohne Scheu betrachten konnte". Von den 
Nachbarn, deren Gärten an den elterlichen grenzten, nennt der 
Dichter zunächst einen jovialen Tischler, von dem er nie be- 
griff, wie jener sich später das Leben nehmen konnte, dann 
einen Prediger mit ernstem, milzsüchtigen Gesicht, der ihn 
mit unbegrenzter Ehrfurcht erfüllte, teils wegen des Standes, , 
teils ob seiner imponierenden Funktionen, zumal des Her- 
wandelns hinter Leichen, endlich noch einen wohlh^tbenden 
Milchhändler und einen überaus verdrießlichen Weißgerber. 
„Matter sagte immer, er sähe aus, als ob er einen verzehrt 
hätte und den andern eben beim Kopfe kriegen wollte. Dies 
war die Atmosphäre, in der ich als Kind atmete. Sie konnte 
nicht enger sein, dennoch erstrecken sich ihre Eindrücke bis 
auf den gegenwärtigen Tag. Noch sieht xnix der lustige 
Tischler über den Zaun, noch der grämliche Pfarrer über die 
Planke. Noch sehe ich den vierschrötigen, wohlgenährten 
Milchhändler in seiner Tür stehen; noch den Weißgerber 
mit seinem galliggelben Gesicht, den ein Kind schon durch 
»eine roten Backen beleidigte, und der mir noch schrecklicher 
vorkam, wenn er zu lächeln anfing. Noch sitze ich auf der 
kleinen Bank unter dem breiten Birnbaum und harre, wäh- 
rend ich mich an seinem Schatten erquicke, ob sein von der 
Sonne beschienener Gipfel nicht eine wegen Wurmstichs früh- 
reife Frucht fallen läßt; noch flößt mir der Brunnen, an 
dessen Bedachung alle Augenblick etwas genagelt werden 
mußte, ein unheimliches Gefühl ein." Dieser Brunnen fand 
nach vielen Jahren Verwertung in der „Maria Magdalene", 
der Bespekt vor dem hinter Leichen Wandeln sowie der nuß- 
knackerische Weißgerber werden uns später zu beschäftigen 
haben. 



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SADOER, HEBBEL. 



Tiefer noch als jene ferneren Nachbarn wirkten die Miets- 
leute, von welchen der Dichter selber sagte, daß sie „für uns 
Kinder zum Hause gehörten wie Vater und Mutter, von denen 
sie sich auch, was die liebreiche Beschäftigung mit uns an- 
langte, kaum oder gar nicht unterschieden". Zumal der allzeit 
lustige Ohl mit seiner beträchtlich geröteten Nase, die nach 
Mutters Mitteilung der künftige Dichter sich einmal mit 
Sehnsucht gewünscht haben soll, leuchtete noch in seinen 
Mannesjahren ihm wie ein Stern. Ebenso blieben dessen 
beide Brüder, die, richtige Taugenichtse, von Zeit zu Zeit 
den Nachbar heimsuchten und dann dem gierig aufhorchen- 
den Knaben von Räubern und Mördern und ihren eigenen 
Abenteuern in den Wäldern erzählten, in seiner Erinnerung 
haften und beeinflußten sicher die Käuberromantlk in so 
vielen seiner ersten poetischen Versuche. Gern gedachte er 
aucli der Frau des Meisters, die ihn oft beschenkte, deren 
übergroße Nähe er aber scheute, weil „sie sich ein Geschäft 
daraus machte, mir die Nägel zu beschneiden, so oft es not 
tat, und das war mir wegen des damit verbundenen prickeln- 
den Gefühles in den Nervenenden äußerst verhaßt'^ ein ganz 
durchsichtiges Zeichen also erheblich gesteigerter Haut- 
erotik i). „Sie las fleißig in der Bibel und der erste starke, 
ja fürchterliche Eindruck aus diesem düstern Buche kam 
mir lange, bevor ich selbst darin zu lesen vermochte, durch 
sie, indem sie mir aus dem Jeremias die schreckliche Stelle 
vorlas, worin der zürnende Prophet weissagt, daß zur Zeit 
der großen Not die Mütter ihre eigenen Kinder schlachten 
und sie essen würden. Ich erinnere mich noch, welch ein 
Grausen diese Stelle mir einflößte, als ich sie hörte, vielleicht 
weil ich nicht wußte, ob sie sich auf die Vergangenheit oder auf 
die Zukunft, auf Jerusalem oder auf Wesselburen bezog, und 
weil ich selbst ein Kind war und eine Mutter hatte*'. Dieser Zug 
wird uns gleichfalls später beschäftigen, ebenso wie die 
Hexen- und ^Spukgeschichten, die die Frau des zweiten Mie- 



1) Von dieser und dem KastratioDökomplex, der hier zum erstenmal in 
Erscheinung tritt, werde ich spater ausführlich reden. 



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KINDHEIT. 



ters, Meta mit Namen, ein riesiges Weib ,^mit alttesfcaj- 
mentarisch ehernem Gesicht" an langen Winterabenden 
vortrug. 

Blieben nur noch die Eltern imd der jüngere Bruder zu 
besprechen. Der Vater hatte mit 22 ein um zwei Jahre 
älteres Mädchen zum Weibe genommen, doch fehlte dem 
Bunde das rechte Glück. Klaus Friedrich war eine verbissene 
Natur und stets gedrückt, teils infolge seines mangelhaften 
Könnens, teils durch die Verhältnisse, die im Gegensatz zu 
dem inneren Stolze standen, den er auf seinen älteren Sohn 
vererbte. „Ble Sorge versteckte er wie eine Schande und 
wollte nicht, daß man ihm die Not ansehe, trotzdem es 
sehr knapp ging"^ zumal als nach 14monatiger Ehe Christian 
Friedrich, der spätere Poet, und zwei Jahre darauf noch 
Bruder Johann geboren wurde. „Mein Vater**, erzählte Heb- 
bel später, „war im Hause sehr ernster Natur, außer dem- 
selben munter und gesprächig; man rühmte an ihm die Gabe, 
Märchen zu erzählen, es vergingen aber viele Jahre, ehe wir 
sie mit eigenen Ohren kennen lernten. Er konnte es nicht 
leiden, wenn wir lachten und uns überhaupt hören ließen; 
dagegen sang er an den langen Winterabenden in der Däm- 
merung gern Choräle, auch wohl weltliche Lieder, und liebte 
es, wenn wir mit einstimmten. Meine Mutter war äußerst 
gutherzig und etwas heftig; aus ihren blauen Augen leuch- 
tete die rührendste Milde, wenn sie sich leidenschaftlich auf- 
geregt fühlte, fing sie zu weinen an. Ich war ihr Liebling, 
mein Bruder der des Vaters. Der G-rund war, weil ich meiner 
Mutter glich, und mein Bruder meinem Vater zu gleichen 
schien, denn es war, wie sich später zeigte, keineswegs der 
Fall. Meine Eltern lebten in bestem Frieden miteinander, so- 
lang sich Brot im Hause befand; wenn es mangelte, was im 
Sommer selten, im Winter, wo es an Arbeit fehlte, öfter vor- 
kam, ergaben sich zuweilen ängstliche Szenen. Ich kann 
mich der Zeit nicht erinnern, wo mir diese, obgleich sie nie 
ausarteten, nicht fürchterlicher als alles gewesen wären, und 
eben darum darf ich - sie nicht mit Stillschweigen über- 
gehen/' 



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SADOER, HEBBEL 



Wir sind hier bei einem Punkte von großer Wichtigkeit 
angelangt, den Zwistigkeiten, welche bei großer Not zwischen 
Vater und Mutter so häufig ausbrachen, bereits in Hebbels 
zartestei Kindheit. Die Erinnerung daran ist nicht bloß un 
sterblich und Vorbild geworden für sein eigenes Verhalten 
zu Elise und Christine, sondern rief schon in seiner frühesten 
Jugend weitgehende Phantasien hervor. Doch selbst wenn 
es nicht zu jenen Szenen kam, mußte doch schon der zwei- 
oder dreijährige Knabe „eine Erfahrung machen, die ein Kind 
besser später macht oder niemals, nämlich, daß der Vater 
zuweilen dies wollte und die Mutter das". Und als er ein- 
mal, freilich in noch schlaftrunkenem Zustand, dem Vater 
etwas verraten hatte, was nach der Muttör Gebot gehehlt 
werden sollte, gab sie ihm am nächsten Tage mit der Rute 
eine eindringliche Lektion im Stillschweigen. „Zu anderen 
Zeiten", fährt der Dichter fort, „schärfte sie niir wieder 
die strengste Wahrheitsliebe ein. Man sollte denken, diese 
Widersprüche hätten schlimme Folgen haben köimen. Es 
war nicht der Fall und wird nie der Fall sein, 
denn das Leben bringt noch ganz andere -und die menschliche 
Natur ist auch auf diese eingerichtet.'' 

Wie wir hörten, hatte die Sorge um das trockene Brot 
schon auf Hebbels erste Lebensjahre ihre Schatten ge- 



worfen. Zwar meint er ausdrücklich: „Daß ich in frühester 
Kindheit wirklich gehungert hätte wie später, erinnere ich 
mich nicht, wohl aber, daß die Mutter sich zuweilen mit ! 

dem Zusehen begnügen mußte und gern begnügte, wenn wir ! 

Kinder aßen, weil wir sonst nicht satt geworden wären." Doch 
war die Armut im Elternhaus bereits damials so arg, daß, | 

als zwei Jahre nach Friedrichs Geburt noch ein Knabe hinzu- 
kam, die Mutter sich bemüßigt fand, zu dem Neugeborenen 
einen Säugling gegen Bezahlung dazu zu nehmen. Als sie 
aber ihren Ältesten dieses fremde Kindlein auch wiegen hieß, 
da weigerte sich jener ganz entschieden: „Meinen Bruder 
will ich wiegen, aber den fremden Bruder nicht I" und stellte 
sich zu Häupten Johanns hin, um ihn zu schaukeln. Auch 
dieser Stolz, der von beiden Eltemteilen überkommen, doch 



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KINDHEIT. 



ebenso zeigt, wie früh und exklusiv seine Liebe sich fixierte, 
wird in seinen Bedingungen noch manche nähere Erklärung 
heischen. 

Das* erste unbewußte Glück der Kindheit umfing unseren 
Dichter nur etwa drei Jahre. Denn schon im vierten kam 
er in die Klippschule der Jungfrau Susanne und damit in Be- 
rührung mit. einer meist feindlichen Außenwelt. Das hub 
schon am Kopfe an, der Lehrerin selber, wie der uijfreundj- 
lichen Magd, die sich hin^ und wieder sogar einen Eingriff 
ins Strafamt erlaubte. Susianne pflegte die braven Schüler 
mit Rosiiien und Blumen zu beschenken, die -schlimmen durch 
Klapse zu bestrafen. Nur tat sie das erstere nicht nur weit 
seltener, sondern, was viel ärger, auch sehr parteiisch. „Die 
Kinder wohlhabender Eltern erhielten das Beste und durften 
ihre oft imbescheidenen Wünsche laut auissprechen, ohne zu- 
rechtgewiesen zu werden; die Ärmeren mußten mit dem zu- 
frieden sein, was übrig blieb, und bekamen gar nichts, wenn 
sie den Gnadenakt nicht stillschweigend abwarteten. Das 
trat am schreiendsten zu Weihnacht hervor." Dann fand 
eine große Verteilung von Kuchen und Nüssen statt, doch 
so, daß die Kinder von Respektspersonen „halbe Dutzende 
von Kuchen und ganze Tücher voll Nüsse bekamen, die armen 
Teufel bingegen, deren Aussichten für den heiligen Abend 
im Gegensatz zu diesen ausschließlich auf Susiannens milder 
Hand beruhten, kümmerlich abgefunden wurden. Der Grund 
war, weil Susanne auf Gegengeschenke rechnete, auch wohl 
rechnen mußte." „Ich wurde nicht ganz zurückgesetzt," be- 
richtet Hebbel, „denn Susanne erhielt im Herbst regel- 
mäßig von unserem Birnbaum ihren Tribut und ich genoß 
ohnehin meines ,guten Kopfes^ wegen vor vielen eine Art 
von Vorzug, aber ich empfand den Unterschied doch auch 
und hatte besonders viel von der Magd zu leiden, die mir 
das Unschuldigste gehässig auslegte, das Ziehen eines Tar 
schentuches z. B. einmal als ein Zeichen, daß ich es gefüllt 
haben wollte, was mir die glühendste Schamröte auf die 
Wangen und die Tränen in die Augen trieb. Sobald Susannens 
Parteilichkeit und die Ungerechtigkeit ihrer Magd mir ins 



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10 SADGER, HEBBEL. 



Bewußtsein traten, hatte ich den Zauberkreis der Kindheit 
überschritten. Es geschah sehr früh." 

Man konnte nun fragen: warum trat ihm hier die Un- 
gerechtigkeit ins Bewußtsein, nicht aber schon früher bei 
seiner Mutter, die zwar auf strengste Wahrhaftigkeit hielt, 
gelegentlich aber das Bekennen derselben mit der Rute be- 
strafte? Doch führt dies auf ein weites Kapitel, das erst 
in einem späteren Zusammenhang ausführliche Würdigung 
finden mag. 

Nicht nur von Susannen und ihrer Magd hatte Klein- 
Friedricl manches zu leiden, viel ärger noch war das Ver- 
halten der Kollegen. „Schon in der Kleinkinderschule finden 
sich alle Elemente beisammen, die • der reifere Mensch in 
potenzierterem Maße später in der Welt antrifft. Die Bru- 
talität, die Hinterlist, die gemeine Klugheit, die Heuchelei, 
alles ist vertreten und ein reines Gremüt steht immer so da, 

wie Adam und Eva auf dem Bilde unter den wilden Tieren 

Der Auswurf hat immer insoweit Instinkt, daß er weiß, wen 
sein Stachel am ersten und am schärfsten trifft, und so war 
denn ich den boshaften Anzapfungen eine Zeitlang am meisten 
ausgesetzt, teils weil ich sie am empfindlichsten aufnahm, 
teils, weil sie wegen meiner großen Arglosigkeit am besten 
bei mir glückten." Dann pflegten einige der älteren Buben 
Schule zu stürzen und später zu renommieren, wie sie sich 
trotz der Entdeckung durch die Ihren mit allerlei List her- 
ausgeholfen hätten. Das reizte unseren Friedrich auch und, 
da sich einmal ein Bursche wieder auftat, er sei zwar für 
das Schwänzen vom Vater hart gezüchtigt worden, werde 
OS aber jetzt nur um so öfter probieren, d^nn er sei kein 
Hase, beschloß auch Hebbel Courage zu zeigen, worin ihn 
der viel ältere Sohn des Nachbar Tischler weidlich bestärkte. 
Als jedoch just der nach geschehener Tat den Verräter .spielte 
und die Mutter auf das Versteck des Knaben aufmerksam 
machte, da „sprang ich, vor Wut außer mir, hervor und 
stieß nach dem lachenden Verräter mit dem Fuß, meine 
Mutter aber, das ganze Gesicht eine Flamme, setzte ihren 
Eimer beiseite und packte mich bei Armen und Haaren, um 



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KINDHEIT. 11 



mich nocb- in die Schute zu bringen. Ich riß mich los, ich 
wälzte mich auf dem Boden, ich heulte und schrie, aber 
alles war umsonst, sie schleppte mich, viel zu empört dar- 
über, in ihrem überall gepriesenen, stillen Liebling einen 
aolcbeh Missetäter zu entdecken, um auf mich zu hören, mit 
Gewalt fort und mein fortgesetztes Widerstreben hatte keine 
andere Folge, als daß alle Fenster auf der Straße aufgerissen 
wurden und alle Köpfe herausschauten. Als ich ankam, wur- 
den meine Kameraden gerade entlassen,' sie- rotteten sich' aber 
um mich herum und überhäuften mich mit Spott und Hohn, 
während Susanne, die einsehen mochte, daß die Lektion zu 
streng war, mich zu begütigen suchte. Seit jenem Tage 
glaube ich zu wissen, wie dem Spießrutenläufer zu Mute ist." 
Wir finden hier neben der unmäßigen Heftigkeit der Mutter 
auch schon die „Beraerkerwut" des Sohnes, die er als Erb- 
teil der „Belastung" von jener überkommen hatte. 

Wahrscheinlich brachte schon das erste Jahr bei Jungfer 
Susanne eine schwere Umwälzung in der Weltanschauung 
unseres Knaben. Vorerst, was sein Verhältnis zu Eltern und 
Gott betraf. In seinen „Aufzeichnungen" wird von einem 
Dichter und Seher zum erstenmal klar ausgesprochen, was 
seitdem Freud auf psychoanalytischem Wege fand: „Das 
Kind hat eine Periode, und sie dauert ziemlich lange, wo es 
die ganze Welt von seinen Eltern, wenigstens von dem immer 
etwas geheimnisvoll im Hintergrund stehen bleibenden Vater 
abhängig glaubt und wo es sie ebensogut um schönes Wetter 
wie um ein Spielzeug bitten könnte. Die Periode nimmt 
natürlich ein Ende, wenn es zu seinem Erstaunen die Er- 
fahrung macht, daß Dinge geschehen, welche den Eltern so 
unwillkommen sind, wie ihm selbst die Schläge, und mit 
ihr entweicht ein großer Teil des mystischen Zaubers, der 
das heilige Haupt der Erzeuger umfließt, ja, es beginnt 
erst, wenn sie vorüber ist, die eigentliche 
menschliche Selbständigkeit. Mir öffnete ein 
fürchterliches Gewitter, das mit einem Wolkenbruch und 
einem Schlossenfall verbunden war, die Augen über diesen 
Punkt/* Mußte doch Hebbel in der Klippschule erleben. 



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12 SADQER, HEBBEL. 



wie sogar Susanne, die gefürchtete Lehrerin, den Kopf verlor 
und ihre Magd nach einem besonders schrecklichen Blitz 
„fast so ängstlich wie das jüngste Kind heulend aufkreischte : 
,der liebe Oott ist bös I', um dann pädagogisch-griesgrämlich 
fortzusetzen: ,Ihr taugt auch alle nichts!* Dies Wort, auja 
so widerwärtigem Munde es auch kam, machte einen tiefen 
Eindruck auf mich, es nötigte mich, über mich selbst und 
über alles, was mich umgab, hinaufzublicken, und e n t z ü n- 
dete den religiösfen Funken in mir. Aus der Schule 
ins^ väterliche Haus zurückgekehrt, fand ich auch dort den 
Greuel der Verwüstung vor, den Birnbaum seiner jimgen 
Früchte wie selbst seines Laubes gänzlich entblößt, und von 
dem »ehr ergiebigen Pflaumenbaum den reichsten seiner Äste 
gebrochen. Jetzt begriff ich's auf einmal, warum mein Vater 
des Sonntags immer in die Kirche ging und warum ich nie 
ein reines Hemd anziehen durfte, ohne dabei: ,das waJte 
Gott!' zu sagen; ich hatte den Herrn aller Herren kennen 
gelernt, seine zornigen Diener, Donner und Blitz, Hagel und 
Sturm, hatten ihm die Pforten meines Herzens weit aufgetan 
und in seiner vollen Majestät war er eingezogen. Es zeigte 
sich auch kurz darauf, was innerlich mit mir vorgegangen 
war, denn als der Wind eines Abends wieder mächtig in den 
Schornstein blies imd der Eegen stark aufs Dach klopfte; 
während ich zu Bett gebracht wurde, verwandelte sich das 
eingelernte Greplapper meiner Lippen plötzlich in ein wirk- 
liches, ängstliches Gebet, und damit war die geistige Nabel- 
schnur, die mich bis dahin ausschließlich an die Eltern ge- 
bunden hatte, zerrissen, ja, es kam gar bald so weit, 
daß ich mich bei Gott über Vater und Mutter 
zu beklagen anfing, wenn ich ein Unrecht von 
ihnen erfahren zu haben glaubte." Es läßt sich 
wohl kaum deutlicher aufzeigen, daß Gott im . Himmel nur 
der imendlich erhöhte, ins Allmächtige gehobene eigene Vater 
und Eurcht eine Quelle der Religion ist. Eine weitere scheint 
mir das Bedürfnis des Kindes zu sein, gegen jedes vermeint- 
liche Unrecht der Eltern, wider das es sonst keine Appella- 
tion gibt, beim „Herrn aller Herren" noch Hilfe zu finden. 



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KINDHEIT. 18 



Zeitlebens ist Hebbel ein Gottsucher geblieben, der das 
Problem der Religion und göttlichen Allmacht in zahllosen 
Variationen wälzte. Ebenso gibt in fast aller prosaischen 
Pubertatsdichtung die schaurige, finstere Nacht und der 
schauerliche Sturm den stimmtingsvollen Hintergrund ab. 

Aber auch von einer anderen Seite ward an der Autorität 
der Eltern, die bis dahin absolut gewesen, unsanft gerüttelt. 
Als Hebbel zum erstenmal daran ging, im Tagebuch seine 
frühesten Erinnerungen zu fixieren, da schrieb er am 29. März 
des Jahres 1842: „Dort (in Susannens Schule) wurde ich, 
wie ich glaube, zuerst mit einer Masse von Knaben bekannt, 
und es dauerte nicht lange, so erfuhr ich allerlei, was ich 
besser noch nicht erfahren hätte, nämlich, daß der Storch 
die Kinder nicht brächte, sondern, daß sie ganz wo anders 
her kämen; auch daß es nicht das Kind Jesus sei, welches 
mich zu Weihnacht beschenke, sondern, daß meine Eltern 
das täten. Letzteres konnte ich nicht für mich behalten, son- 
dern teilte es meiner Mutter gleich mit; sie bestritt mich 
nicht, sondern sagte mir bloß, daß ich, wenn ich an da^s 
Kind Jesus nicht mehr glaube, auch zu Weihnacht nichts 
wieder bekommen würde." Bezeichnend an dieser Erinne- 
rung ist, daß er zwar den Zweifel am Jesukinde der Mutter 
vorträgt, nicht aber sein neues sexuelles Wissen. Aus einer 
Beihe von späteren Zügen werden wir erkennen, wie nach- 
haltig diese frühe Aufklärung auf den Knaben wirkte. 

Dies um so mehr, als sich bereits in recht frühen Jahren 
die Liebe zu einem Mädchen in Friedrich regte. Die Stelle 
aus den „Aufzeichnungen", sowie die erste Tagebuchnotiz sind 
eo wunderschön und derart helles Licht verbreitend, daß 
jeder Zusatz nur abschwächen könnte i). „Ich hatte die Schule 
kaum betreten und meinen Blick zum erstenmal aufgeschlagen, 
als ich mich in ein schlankes, blasses Mädchen, das mit mir 
von gleichem Alter war und mir gerade gegenüber saß, auf 
das Leidenschaftlichste verliebte/* „Sie hieß Emilie und war 
die Tochter des Kirchspielschreibers. Ein leidenschaftliches 

1) Die folgenden Zitate sind aus den genannten beiden Quellen zu- 
sammengestellt. 



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14 SADOER, HEBBEL. 



Zittern überflog mich, das Blut drang mir zum Herzen, aber 
auch eine Eegung von Scham mischte sich gleich in mein 
erstes Empfinden und ich schlug die Augen so rasch wieder 
zu Boden, als ob ich einen Frevel damit begangen hätte. Seit 
dieser Stunde kam Emilie mir nicht mehr aus dem Sinn, die 
vorher so gefürchtete Schule wurde mein Lieblingsaufenthalt, 
weil ich sie nur dort sehen konnte, die Sonn- und Feiertage, 
die mich von ihr trennten, waren mir so verhaßt, als sie -mir 
sonst erwünscht gewesen sein würden." „Ich zitterte am 
ganzen Körper, wenn sie kam, wenn nur ihr Name ge- 
nannt wurde, ich fühlte mich ordentlich unglücklich, wenn 
sie einen Tag ausblieb, dennoch war ich kaum vier Jahre alt." 
„Sie schwebte mir vor, wo ich ging und stand, und ich wurde 
nicht müde, still für mich hin ihren Namen auszusprechen, 
wenn ich mich allein befand; besonders waren ihre schwarzen 
Augenbrauen und ihre sehr roten Lippen mir immer gegen- 
wärtig, wogegen ich mich nicht erinnere, daß auch ihre Stimme 
Eindruck auf mich gemacht hätte, obgleich später gerade 
hievon alles bei mir abhing. Daß ich bald das Lob des flei- 
ßigsten Schulgängers und des besten Schülers davontrug, 
versteht sich von selbst ; mir war dabei aber eigen zu Mute, 
denn ich wußte gar wohl, daß es nicht die Fibel war, die 
mich zu Susanne hintrieb, und daß ich nicht, um schnell 
losen zu lernen, so emsig buchstabierte. Allein niemand durfte 
ahnen, was in mir vorging, und Emilie am wenigsten; ich 
floh sie aufs ängstlichste, um mich nur ja nicht zu verraten; 
ich erwies ihr, wenn die gemeinschaftlichen Spiele uns den- 
noch zusammenführten, eher Feindseligkeiten als etwas 
Freundliches; ich zupfte sie hinten bei den Haaren, um sie 
doch einmal zu berühren, und tat ihr weh dabei, um nur keinen 
Verdacht zu erregen. Ein einziges Mal jedoch brach die 
Natur sich gewaltsam Bahn, weil sie auf eine zu starke 
Probe gesetzt wurde. Eines Nachmittags nämlich, in der 
Tummelstünde, wurde Emilie von einem Knaben gemißhandelt, 
und dieser war einer meiner besten Kameraden. Er zupfte 
und knuffte sie weidlich und das ertrug ich noch, obgleich 
nicht ohne große Mühe und mit immer steigender stiller 



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KINDHEIT. 16 



Erbitterung. Endlich aber trieb er sie in einen Winkel und^ 
als er sie wieder herausließ, blutete ihr der Mund, wahr- 
scheinlich, weil er sie irgendwo gekratzt hatte. Da konnte 
ich nicht länger halten, der Anblick des Blutes versetzte 
mich in Raserei, ich fiel über ihn her, warf ihn zu Boden 
und gab ihm seine Püffe und Schläge doppelt und dreifach 
zurück, bis er blutete. Aber Emilie, weit entfernt, mir dankbar 
zu sein, rief selbst für ihren Feind nach Hilfe und Beistand]^ 
als ich gar nicht wieder aufhörte, und verriet so unwillkürlich, 
daß sie ihn lieber habe als den Rächer. Susianne, durch 
daä Greschrei aus ihrem Schlummer geweckt, eilte herbei und 
forderte, mürrisch und unwillig, wie sie natürlich war, strenge 
Rechenschaft wegeü meines plötzlichen Wutanfalles; was ich 
zur Entschuldigung hervorstotterte und stammelte, war un- 
verständlich und unsinnig, und so trug ich denn als Lohn 
für meinen ersten Ritterdienst eine derbe Züchtigung davon. 
Diese Neigung dauerte bis in mein 18. Jahr, wurde, obgleich 
das Mädchen sich eher verhäßlichte als verschönerte, immer 
heftiger und erlosch erst, als ich vernahm, daß meine Schöne 
einen Schneider, der ihr die Cour machte, nicht unapgenehm 
finden solle." 

Was an dieser Schilderung besonders auffällt, ist das 
voll entwickelte Liebesempfinden eines Bübchens, das erst 
im vierten Lebensjahre stand. Läse man nur die erste Hälfte 
jeneä Berichtes, so könnte man glauben, es handelte sich um 
eine Liebe auf den ersten Blick eines blöden Jünglings zu 
einer voll erblühten Jungfrau. Des ersteren Schamhaftigkeit, 
die den Blick sofort zu Boden zwingt, das leidenschaftliche 
Zittern, der lebhafte Blutandrang zum Herzen, der Tremor, 
wenn man nur den Namen der Geliebten nennt, daß ihr Bild 
ihm stets vorschwebt und er nicht müde wirdj ihren Namen 
auszusprechen, endlich noch sein ängstliches Fliehen vor ihr 
und d^e Neigung, ihr eher Feindseliges zu tun als etwas 
Freundliches, scheint dafür zu Sprecher^. ;Auch der Aus- 
bruch von eifersüchtiger Wut, da er die Geliebte nach einer 
tätlichen Neckerei mit dem Freunde bluten sieht, stimmt 
gut dazu. Es wird späterhin klar werden, daß die Erinnerung 



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16 SADOER, HEBBEL. 



an die eigenen Eltern und der Kas-trationskomplex da eine 
westentliche Rolle spielen. Wir können aua Hebbels klas- 
sischem 2Jeugnis deutlich ersehen, wie grundfalsch die all*- 
gemeine Anschauung ist, daß das Liebesleben erst in den 
Jahren der Pubertät beginnt, wobei man den schwerwiegenden 
Fehler macht, die Fähigkeit zur Fortpflanzung mit der zu 
lieben in einen gemeinsamen Topf zu werfen. Doch auch für 
das Liebesempfinden des Kindes ist da viel zu lemeji. Wir 
erfahren hier aus sicherster Quelle, nicht bloß, daß es schon 
im vierten Lebensjahr zu voller Entwicklung gelangen kann i), 
sondern obendrein weisen schon gewisse Zeichen auf eine 
noch frühere Objektwahl hin. Denn es heißt ausdrücklich, 
daß die Stimme Emiliens keinen Eindruck auf Hebbel 
machte, während sie sonst, um einen Ausdruck von Freud 
zu gebrauchen, eine „spezifische Liebesbedingung" 2) für ihn 
war. Da der Grund zu einer solchen aber sicher in den ersten 
Lebensjahren eines Menschen gelegt wird und wir kein weib- 
liches Wesen sonst kennen, das in Hebbels frühestes Leben 
eingreift, so werden wir darauf hingewiesen, ihn an einer 
typischen Stelle zu suchen, wie ich vermute, bei der Mutter. 
Auch die Folgen der erwachten Herzensneigung sind recht 
bezeichnend. Mit eins wird die bisher so gefürchtete Schule 
dem Knaben der liebste Aufenthalt und er selbst der aller- 
beste Lemer. Doch ist ihm bei einem Lobe deswegen ganz 
eigen zu Mute, wie wenn er dieses zu Unrecht bekäme. End- 
lich wird uns auch noch der Ausbruch heftigster Eifersucht, 
die sich durch sein Lieben und die Belastung nur zum Teil 
erklärt, im späteren ebenso beschäftigen müssen, wie das 

1) Daß dies keineswegs selten, sondern eher als Regel zu bezeichnen 
ist, ward in neuester Zeit von S. Bell durch Beobachtungen an Hunderten 
von drei- und vierjährigen Knaben und Mädchen zmr Evidenz erwiesen. 
(A preliminary study of th« Emotion of lovo between the sexes. American 
Journal of Psyqhology, XIII, 1902.) 

3) Darunter versteht man scharf präzisierte, doch in der Kegel ganz 
unbewußte Ansprüche, die jeder im Innersten an seine Hers&ensliebe stellt, 
und die ganz regelmäßig auf eine Urgeliebbe, z. B. Mutter oder Schwester, 
zurückgehen. Werden jene spezifischen Bedingungen erfüllt, dann setzt 
es eine Lieb© auf den ersten Blick. . 



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KINDHEIT. 17 

Stammeln und Stottern des sonst so sprachgewandten Knaben, 
da er seine scheinbar so berechtigte Bache aufklären soll. 
So wenig der Durchschnittspsychologe die Liebe des Kindes 
begreifen dürfte, so »eltsam mag ihn wohl auch anmuten, daß^ 
der heranwachsende Knabe Emilien nur um so heitiger liebt, 
obwohl sie eher häßlicher wird, bis dann mit ein» im 18. Jahre 
die Meinung, sie wende sich einem minderwertigen Individuum 
zu, das himmlische Feuer plötzlich verlöscht. 

Mit dem Erotischen hängt auch ein anderes Phänomen 
zusammen: die überaus lebhafte und starke Einbildungskraft 
des Knaben: „Schon in der frühesten Zeit**, berichtet der 
Dichter, „war die Phantasie außerordentlich stark in mir. 
Wenn ich des Abends zu ßett gebracht wurde, so fingen die 
Balken über mir zu kriechen an, aus allen Ecken und Win- 
keln des Zimmers glotzten Fratzengesichter hervor imd das 
Vertrauteste, ein Stock, auf dem ich selbst zu reiten pflegte, 
der Tischfuß, ja die eigene Bettdecke mit ihren Blumen und 
Figuren wurden mir fremd und jagten mir Schrecken ein. 
Ich glaube, es ist hier zwischen der unbestimmten, allge- 
meinen Furcht, die allen Kindern ohne Ausnahme eigen ist, 
und einer gesteigerten, die ihre Angstgebilde in schneidend 
scharfen Formen verkörpert und der jungen Seele wahrhaft- 
objektiv macht, wohl zu unterscheiden; jene teilte mein 
Bruder, der neben mir lag, aber ihm fielen immer sehr bald 
die Augen zu und dann schlief er ruhig bis an den hellen 
Morgen; diese quälte mich allein und sie hielt den Schlaf 
nicht bloß von mir fern, sondern scheuchte ihn auch, wenn 
er schon gekommen war, oft noch wieder fort und ließ mich 
mitten in der Nacht um Hilfe rufen. Wie tief sich die Ausge- 
burten derselben mir eingeprägt hatten, geht daraus hervor, 
daß sie mit voller Gewalt in jeder ernsten Krankheit wiedei^- 
kehren; sowie das fieberisch siedende Blut mir übers Gehirn 
lauft und das Bewußtsein ertränkt, stellen die äl- 
testen Teufel, alle sjxäter geborenen vertreibend und entwaff- 
nend, sich wieder ein, und das beweist ohne Zweifel am 
besten, wie sie mich einst gemartert haben müssen." 

In diesem Bericht ist mit klassischer Deutlichkeit unter- 

Sadger, Hebbel. • 2 



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18 SADOER, HEBBEL. 



schieden zwischen der allgemeinen und unbestimmten Furcht 
sämtlicher Kinder, die davon herrührt, daß diese bei Nacht 
und Dunkelheit ihre natürlichen Beschützer nicht sehen, und 
krankhaften, nervösen Angstzustanden, Auch daß die ursprüjng- 
lich voll ttßwußten Angstphantasien hernach ins Unbewußte 
versinken, woraus sie erst wieder ein fieberhafter Prozeß er- 
löst, der „das Bewußtsein ertränkt'*, ist unserem Seelenkünder 
geläufig. Wie herzbeklemmend jene Zustande waren, belegt 
aber nicht bloß die infantile Reaktion, sondern auch ein 
Märchen, das Hebbel in den Pubertät s jähren schrieb, „Die 
einsamen Kinder", worin er durchsichtig sein und des Bruders 
Verhalten schildert. 

Doch nicht nur bei Nacht, „auch am Tage war die Phan- 
tasie ungewöhnlich und vielleicht krankhaft rege in mir; 
häßliche Menschen z. B., über die mein Bruder lachte und 
die er nachäffte, erfüllten mich mit Grauen; ein kleiner, 
bucklichter Schneider, an dessen dreieckigem, leichenblassen 
Gesicht freilich unmäßig lange Ohren saßen, die noch oben- 
drein hochrot und durchsichtig waren, konnte nicht vorbei- 
gehen, ohne daß ich schreiend ins Haus lief, und fast den 
Tod hätte ich davon genommen, als er mir, höchlich auf- 
.gebracht, einmal folgte, mich einen dummen Jungen scheltend 
und mit meiner Mutter keifend, weil er glaubte, daß sie ihn 
in der häuslichen Erziehung als Knecht Ruprecht verwende. 
Ich konnte keinen Knochen sehen und begrub auch den klein- 
sten, der sich in unserem Gärtchen entdecken ließ, ja ich 
merzte später in Susannes Schule das Wort Rippe mit den 
Nägeln aus meinem Katechismus aus, weil es mir den eklen 
Gegenstand, den es bezeichnete, immer so lebhaft vergegenwär- 
tigte, als ob er selbst in widerwärtiger Modergestalt vor 
mir läge." Einmal bekam er von der Bäckersfrau einen alten 
Nußknacker geschenkt, ein Spielzeug, das er noch nicht kannte. 
„Vergnügt den Rückweg antretend und den Nußknacker als 
neugewonnenen Liebling zärtlich an die Brust drückend, be- 
merke ich plötzlich, daß et den Rachen öffnet und mir zum' 
Dank für die Liebkostmg seine grimmigen weißen Zähne zeigt. 
Man male sich meinen Schreck aus. Ich kreischte hell auf, 



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KINDHEIT. 19 



ich rannte wie gehetat über die Straße, aber ich hatte nicht 
soviel Besinnung oder Mut, den Unhold von mir zu werfen, 
und da er natürlich nach Maßgabe meiner eigenen i3ewegungen 
w|>hrend des Laufens sein Maul bald schloß, bald wieder auf- 
riß, so konnte ich nicht umhin, ihn für lebendig zu halten, 
und kam halbtot zu Hause an. Hier wurde ich nun zwar 
ausgelacht und aufgeklaxt, zuletzt gar gescholten, es half 
aber alles nichts, es war mir nicht möglich, mich mit dem 
Ungetüm wieder auszusöhnen, obgleich ich seine Unschuld 
erkannte, und ich ruhte nicht, bis ich die Erlaubnis erhielt, 
ihn an einen anderen Knaben wieder zu verschenken. Als 
mein Vater die Sache erfuhr, meinte er, es gäbe keinen 
zweiten Jungen, dem so etwas begegnen könne; das war 
sehr möglich, denn es gab vielleicht keinen, dem die Vettern 
des Nußknackers des Abends vor'm Eindämmern vom Boden 
und voji den Wänden herab schon Gesichter geschnitten 
hätten." 

In diesem Punkte freilich irrt unser Dichter. Denn dem 
Neurologen sind solche infantile Angstzustände durchaus ge- 
läufig. Er weiß, daß sie ganz ausnahmslos auf unbefriedigte 
oder unterdrückte sexuelle Regungen zurückzuführen sind, 
was uns bei Hebbel um so minder Wunder nehmen wird, 
als wir von seinem frühen Liebesempfinden, sowie der 
vorzeitigen geschlechtlichen Aufklärung ja schon erfuhren. 
Bezeichnenderweise hatte Friedrich der Mutter zwar eine 
gleichzeitig erhaltene Offenbarung über das Christkind, nicht 
aber das Problem der Kinderherkunft vorgelegt. Man könnte 
annehmen, nachdem die erstere nicht bestritten wurde, habe 
er auch das zweite als implizite zutreffend angenommen. 
Doch bleibt sein Schweigen in diesem Punkte immerhin auf- 
fallend und auf noch andere Motive hinweisend. Wissen wir 
doch, daß sonst kleine Kinder, die von Kameraden eine Theorie 
des Kinderkriegens hören, dies unbefangen der Mutter er- 
zählen, zumal wenn sie an die Sache nicht glauben. Warum 
verhielt sich der vierjährige Hebbel da durchaus anders 
und wirklich nicht wie ein unschuldig Kind? Und warum 
auch in seinen Angstzuständen so durchaus verschieden vom 



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20 SADGER, HEBBEL. 



Bruder Johann ? Und wer waren denn eigentlich jene Fratzen, 
was kroch denn immer auf ihn zu, was drohte in der Gestalt 
des Nußknackers ihm den Kopf abzubeißen? Auf all diese 
Fragen sowie ein paar andere, die schon früher uns aufstießen, 
muß ich die Antwort noch ein wenig versparen, bis ich im 
Zusammenhang anführen kann, was immer über die Sexuali- 
tät des Knaben auszusagen ist. Vorläufig wollen wir . im 
Gedächtnis behalten, daß bei Friedrich Hebbel sehr zeitlich- 
schön die Liebe erwachte, er zur nämlichen Zeit, d. h. im 
vierten Lebensjahre, in die Mysterien des Geschlechtslebens 
eingeführt wurde, mindestens bis zu einem gewissen Grade, 
und daß er endlich gleichfalls bereits in frühen Jahren an 
qualvollen Angstzuständen litt, die auf unterdrückte und un- 
befriedigte Libido zurückgehen. 

Im (regensatz zu jenen grundlosen Schrecken der Ein- 
bildungskraft hat er wieder Dinge ohne Schaden geachluckt, 
welche das Gehirn selbst eines Erwachsenen in lebhafte Un- 
ruhe setzen könnten. j^Die ungeheuren Dogmen, die ohne 
Erklärung und Erläuterung aus Luthers Katechismus in 
das unentwickelte Kindergehim hinüberspazierten, setzten 
sich hier natürlich in wunderliche und zum Teil groteske 
Bilder um, die jedoch dem jungen Gemüte keineswegs scha- 
deten, sondern es heilsam anregten und eine ahnungsvolle 
Gärung darin hervorriefen. Denn was tut's, ob das Kind, 
wenn es von der Erbsünde oder von Tod und Teufel hört, 
an diese tiefsinnigen Symbole einen Begriff oder eine aben- 
teuerliche Vorstellung knüpft; sie zu ergründen, ist die Auf- 
•gäbe des ganzen Lebens, aber der werdende Mensch wird 
doch gleich beim Eingang an ein alles bedingendes Höheres 
gemahnt, und ich zweifle, ob sich das gleiche Ziel durch 
frühzeitige Einführung in die Mysterien der Regeldetri oder 
in die Weisheit der äsopischen Fabeln erreichen läßt." 

Diese Ausführungen Hebbels beanspruchen eine all- 
gemeine Geltung. Was die Eeligion vor allen anderen Lehr- 
stoffen auszeichnet, die einem jungen Gemüte zu geben, ist, 
daß sie sich ans Unbewußte wendet und damit des Erfolges 
sicher wird. Der Beginn der Schulte fällt etwa mit dem 



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KINDHEIT. 21 



Zeitpunkt zusammen, da das Kind seinen Gott zu entdecken 
pflegt, wie just bei Hebbel klar zu verfolgen, . wo das 
Unbewußte ^seine allermächtigsten Wurzeln treibt uijd „eine 
ahnungsvolle Gärung" das Gemüt erfüllt. Die Mythen von 
der Erbsünde, Tod und Teufel etc. etc. kommen aber auch 
noch anderen unbewußten Eegungen und Wünschen ent- 
gegen, was später durchsichtig gemacht werden soll. So- 
bald aber nur das Unbewußte seine Rechnung findet, fehlt 
jede» Motiv zum Zweifeln und Grübeln. Erst wenn sich der 
Mensch aus anderen Gründen auflehnt, wird er ein Ungläu- 
biger oder mindest ein Zweifler. Obendrein imponierte Fried- 
rich mit seiner armseligen, erlernten Weisheit selbst Meister 
0hl schon ungemein, indem er bald besser als diese^' wußte, 
was der wahre Christ alles glaubt, und seine Mutter wurde 
fast zu Tränen gerührt, als er ihr das erstemal, ohne zu 
stottern, den Abendsegen vorlas. Ja, sie fühlte sich davon 
so erbaut, daß sie ihm das Lektoramt für immer übertrug, 
welches er dann auch geraume 25eit „mit vielem Eifer und 
nicht ohne Selbstgefühl" versah. Nimmt man all dies zu- 
sammen, die hohe und frühzeitige Lustbefriedigung durch 
den Glauben, dann ist "nicht nur ohne weiteres verständlicli, 
daß ihm damals auch die verwickeltesten Dogmen keine Sor- 
gen machten, sondern daß vielmehr die Eeligion und alles, 
was mit ihr zusammenhäogt, zeitlebens ein Grundprohlem 
seines Denkens wurde. 

Beiläufig um die nämliche Zeit, also um das fünfte Le- 
bensjahr herum, entdeckt der Knabe das Elternhaus wie die 
Vaterstadt, Des Dichters Schilderung ist so wundersam 
malend und hellt uns so viel von der Kinderseele, daß ich 
nichts Besseres zu tun vermag, als sie hier wörtlich herzu- 
setzen: „BLeiß Haus ist so klein, daß es dem Kinde, welches 
darin geboren ward, nicht eine Welt schiene, deren Wunder 
und Geheimnisse es erst nach und nach entdeckt. Selbst 
die ärmlichste Hütte hat wenigstens ihren Boden, zu dem 
eine hölzerne Leiter hinaufführt, und mit welchem Gefühl 
wird diese zum erstenmal erstiegen! Gewiß findet sich oben 
einiges altes Gerät, das unbrauchbar und vergessen in eine 



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28 SADOER, HEBBEL. 



längst vergangene Zeit zurückdeutet und an Mensohen mahnt, 
die schon bis auf den letzten Knochen vermodert sind. Hin- 
term Schomatein steht wohl eine wurmstidsige hölzerne Eiste, 
welche die Neugier reizt; handhoch liegt der Staub darauf, 
noch sitzt das Schloß, aber man braucht nicht nach dem 
Schlüssel zu suchen, denn man kann hineingreifen, wo man 
will, und wenn das Eind es mit Zittern und Zagen tut, so 
zieht es einen zerrissenen Stiefel oder die zerbrochene Kunkel 
eines Spinnrades hervor, das schon vor einem halben Jahr* 
hundert beiseite gestellt wurde." Und jetzt kommt eine 
Stelle, die für den fünfjährigen Hebbel spezifisch : „Schau- 
dernd schleudert es den Doppelfund wieder von 
sich, weil es sich unwillkürlich fragt: wo ist 
das Bein, das jenen trug, und wo die Hand, die 
diese in Schwung setzte? Doch die Mutter hebt das 
eine oder das andere bedäxjhtig wieder auf, weil sie gerade 
eines Riemens bedarf, der sich noch aus dem Stiefel des 
Großvaters herausschneiden läßt, oder weil sie glaubt, daß 
sie mit der Kunkel der Urtante noch einmal Feuer anma<^hen 
kann. Wäre die Eiste aber auch während des letzten harten 
Winters mit in den Eachelofen gewandert, so steckt doch 
im Dache noch eine verrostete Sichel, die einst blank und 
fröhlich zu Felde zog und tausend goldgrüne Halme in einem 
Ausholen darniederstreckte, und darüber hängt die unheim- 
liche Sense, an der sich vor Zeiten ein Enecht die Nase 
. ablief, weil sie zu dicht über der Bodenluke hing und er die 
Lreiter zu rasch hinanstieg. Daneben piepsen in der Ecke 
die Mäuse, es springen wohl auch ein paar aus den Löchern 
hervor, um nach kurzem Tanz wieder hineinzuschlüpfen, ja 
ein blendend weißes Wieselchen wird für einen Augenblick 
sichtbar und der einzige Sonnenstrahl, der durch irgend eine 
verstohlene Spalte dringt, ist einem Goldfaden so vollkommen 
ähnlich, daß man ihn gleich um den Finger wickeln möchte." 
Sowenig als in dieser Schilderung weiß man bei den 
anderen Entdeckungsreisen, wo das Schauen des Eindes und 
des Dichters sich scheidet: „In den Eeller zu kommen, will 
nun noch viel mehr heißen, als auf den Boden zu gelangen; 



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KINDHEIT. 23 



WO aber wäre das Kind, welches nicht auch dieses Gelüst auf 
die eine oder andere Weise zu befriedgeni wüßte 1 Es kanji 
ja zum Nachbar gehen und sich schmeichelnd an die Schürze 
der Magd hängen, wenn sie gerade etwas heraufholen soll, 
es kann sogar den Augenblick erlauern, wo aus Versehen die 
Tür offen blieb, und sich auf eigene Faust hinunterwagen. 
Das ist freilich gefährlich, denn sie kann plötzlich zugeschla- 
gen werden, und die sechzehnfüßigen Kanker, die in ekelhafter 
Mißgestalt an den Wänden herumkriechen, sowie das durch- 
sickernde, grünliche Wasser, das sich in den hie und da 
absichtlich gelassenen Vertiefungen sammelt, laden nicht zu 
langem Verweilen ein. Aber, was tut's, man hat die Kehle 
ja bei sich, und wer ordentlich schreit, der wird zuletzt ge- 
hört I Macht nun schon das Haus unter allen Umständen 
einen solchen Eindruck auf das Kind, wie muß ihm erst der 
Ort vorkommen! Es tritt, wenn es zum erstenmal von der 
Mutter oder vom Vater mitgenommen wird, den Gang durch 
den Straßenknäuel gewiß nicht ohne Staunen an, es kehrt 
noch weniger ohne Schwindel von ihm zurück. Ja, es bringt 
von vielen Objekten vielleicht ewige Typen mit heim, ewig 
in dem Sinne, daß sie sich im Fortgang des Lebens eher 
unmerklich bis ins Unendliche erweitem, als sich jemals 
wieder zerschlagen lassen, denn die primitiven Abdrücke der 
Dinge sind unzerstörbar und behaupten sich gegen alle spä- 
teren, wie weit diese sie auch an sich übertreffen mögen. 
So war es denn auch für mich ein unvergeßlicher und bis auf 
diesen Tag fortwirkender Moment, als meine Mutter mich 
den Abendspaziergang zum erstenmal teilen ließ. Mein Gott, 
wie groß war dies Wesselburen: fünfjährige Beine wurden 
fast müde, bevor sie ganz herumkamen! Und was traf man 
alles unterwegs I Schon die Namen der Straßen und Plätze, 
wie rätselliaft und abenteuerlich klangen sie! Je weniger 
sich ein Anhaltspunkt für sie fand, um so sicherer mußten 
sie Mysterien verbergen! Nun gar die Sachen selbst! Die 
Kirche, der Gottesacker mit seinen düsteren Bäumen und 
seinen Kreuzen und Leichensteinen, ein uraltes Haus, in dessen 
Keller ein vom Teufel bewachter Schatz verborgen sein sollte. 



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24 SADOEB, HEBBEL. 



ein großer Fisohteich : all diese Einzelheiten flössen für mich 
zu einem ungeheuren Totalbilde zusammen und der Herbst- 
mond übergoß es mit bläulichem Lichte. Ich habe seitdem 
den Dom von Sankt Peter und jeden deutschen Münster ge- 
sehen, ich bin auf dem Pdre Lachaise und an der Pyramide 
deö Cestius gewandelt, aber wenn ich im allgemeinen an 
Kirchen, Friedhöfe usw. denke, so schweben sie mir noch jetzt 
in der Gestalt vor, in der ich sie an jenem Abend erblickte." 
Fürwahr, nach solchen Proben der Erzahlungskunst, der 
Fähigkeit, auch das Letzte zu erinnern, und des Hineinschauen- 
könnens in die Kinderseele stimmt man im limersten dem, 
Dichter bei, der über seine Memoiren urteilt: jjch glaube, 
bedauern zu dürfen, daß sie nicht weiter gediehen sind, denn 
ich habe schwerlich je etwas Besseres geschrieben, obgleich 
sie nur bis zu meinem sechsten Lebensjahre gehen und nur 
sieben Bogen füllen." 

An der Grenze von Hebbels Kindheit und Knabenzeit, 
also um sein vollendetes sechstes Lebensjahr herum, stehen 
zwei Ereignisse, jedes für sich einen Merkstein bildend in 
des Dichters Leben. Gerade um jene Zeit hatte die Regie- 
rung angefangen, Elementarschulen zu errichten, und das 
Glück unseres Knaben wollte es, daß die Leitung derselben 
in Wes'selburen ein* Mann bekam, der ., einen unermeßlichen 
Einfluß auf seine Entwicklung nahm": Franz Christian 
Dethlefsen. Noch bis ins Alter hat für Friedrich Hebbel 
„der frische Holz- und Farbegeruch" einen Beiz bewahrt, wie 
damals, da er in der neuen Schule ihn zum erstenmal roch. 
Und als er obendrein auf Grund seiner Kenntnisse in die 
erste Bank und auf einen der obersten Plätze gesetzt ward, 
da ,^,fehlte ihm nicht viel mehr zur Seligkeit". Dieser Sonnen- 
blick war dem Knaben um so nötiger, als das Schicksal 
just damals ihm übel mitspielte. Mußten doch die Eltern 
ihr Häuschen verkaufen und in eine enge, finstere Miet- 
wohnung ohne Garten übersiedeln, weil der Vater leichtsinnig 
eine Bürgschaft übernommen hatte. „Es war für mich und 
meinen Bruder wie Weltuntergang, als die alten Mobilien, 
die sonst kaum beim Weißen des Zimmers von der Stelle 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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KINDHEIT. 2h 



gerückt wurden, plötzlich auf die Straße hinauswanderteii. 
Was der Verlust unseres Hauses hieß, erfuhr ich erst nachher, 
aber freilich bald genug; ich war, ohne es selbst zu wissen, 
bis dahin ein kleiner Aristokrat gewesen und hatte nun aufge- 
hört, es zu sein." Hatte er vorher die Ehren des Käthner- 
sohnes genossen, zu welchem der Sproß des Häuerlings -mit 
Respekt emporsah, so ging es ihm jetzt, „wie jeder Größe, 
die zum Falle kommt: die Unteren rächen sich dafür an 
ihm, daß er sie einst überragt hat. Die Kinder richten sich 
in allen diesen Stücken nach den Eltern, und so hatte ich 
die Ehre der Erhebung, aber auch die Schmach de» Sturzes 
mit meinem Vater zu teilen." „Zunächst wurden meine El- 
tern feierlich als , Hungerleider* eingekleidet, denn es ist 
charakteristisch an den geringen Leuten, daß sie das Sprich- 
wort: , Armut sei keine Schande T zwar erfunden haben, aber 
keineswegs darnach handeln. Dazu trug nun nicht wenig mit 
bei, daß meine Mutter etwas zurückhaltender Natur war und 
auch jetzt noch nicht aufhörte, ihr oft ausgesprochenes Prin- 
zip: ,Wegwerfen kann ich mich immer, damit hat es keine 
EileT fest zu befolgen. Dann fing man an, auf uns Kinder 
zu hacken. Die alten Spielkameraden zogen sich zurück oder 
ließen uns den eingetretenen Unterschied wenigstens empfin- 
den, denn der Knabe, der einen Eierkuchen im Leibe hat, 
blickt den von der Seite an, der sich den Magen mit Kar- 
toffeln füllen mußte; die neuen hänselten uns und zeigten 
sich widerwärtig, wo sie konnten, ja die Pflegehausjungen 
dlrängten sich heran. Doch hatte das alles zuletzt sehr gute 
Folgen für mich. Ich war bis dahin ein Träumer gewesen, 
der sich am Tage gern hinter den Zaun oder den Brunnen 
verkroch, des Abends aber im Schöße der Mutter oder der 
Nachbarinnen kauerte und um Märchen und Grespenster- 
geschichten bat. Je£zt war ich ins tätige Leben hineinge- 
trieben, es galt, sich seiner Haut zu wehren, und, wenn ich 
mich auf die erste Kauferei auch nur ,nach langem Zögern 
und vielen keineswegs kühnen Eettungsversuchen* einließ, so 
fiel sie doch so aus, daß ich die zweite nicht mehr scheute 
und an der dritten und vierten schon Geschmack fand. Sehr 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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86 BADOEB, HEBBEL« 



bald verscherzte ich das mütterliche Lob, ein frommes Kind 
zu sein, das mir bis dahin so wohl getan hatte, und stieg 
dafür im Ansehen bei meinem Vater/' 

Mit diesem Umschwung enden die Aufzeichnungen unseres 
Dichters von seiner Kindheit. Sie waren, wie wir aus dem 
Tagebuche und Briefstellen wissen, nur edelste Gelegenheits- 
schöpfung, wie überhaupt jede echte Dichtung. Heischten 
sie doch zu ihrer Abfassung besondere Umstände, am besten 
einen fieberhaften Erankheitspros^ß, der Hebbels Produk- 
tion stets am förderlichsten war. „Denn es ist unglaublich, 
wie leicht der Mensch vergißt und wie schwer es ihm wird, 
sich Zustände zu vergegenwärtigen, von denen er wohl weiß, 
daß sie einst bedingend für ihn gewesen sind, und die ihm 
trotzdem so fremdartig und ungehörig vorkommen wie das 
Märchen vom Pfannkuchenhausf. Das schwebte dem alten 
Goethe vor, als er seiner Biographie den Vexiertitel Dich- 
tung und Wahrheit gab, den er übrigens, so tief er den Punkt, 
auf den alles ankommt, auch bezeichnet^ aus Rücksicht aufs 
Philisterium nicht hätte wählen sollen." Von meinen eigenen 
Memoiren aber urteilt der Dichter 1848: „Ein Lebensgang 
wie der meinige mit seinen rein inneren Resultaten kann nur 
ganz im Detail dargestellt werden oder gar nicht. Das erstere 
hatte ich im vorigen Jahre im Mai zu einer Zeit, wo ich 
die Grippe hatte imd darum nichts Besseres vornehmen konnte, 
angefangen. Es ist mir auch gelungen, die Atmosphäre meiner 
Kindheit lebendig hinzustellen, wahrscheinlich weil jeder 
Krankheitszustand das Erinnerungsvermögen auffrischt, denn 
als ich wieder gesiind war, konnte ich nicht fortfahren und 
dasi Fertige reicht kaum bis zum vierten Lebensjahr und ist 
auf keine Weise mit teilbar." Wenn er dann freilich acht 
Jahre später an Bamberg schreibt: j^Die Reflexion, daß 
ich nicht genug ins Weite und Breite gewirkt habe, nahm 
mir damals die Feder aus der Hand, aber mii? scheint jetzt, 
daß ich aus dieser, obgleich sie richtig ist, einen verkehrten 
Schluß gezogen haben mag," so ist dies lediglich ein Teil 
der Wahrheit, und zwar ein geringer. Die richtige und ent- 
scheidende Ursache dünkt mich in obigem Geständnis zu 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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KINDHEIT. 



liegen, daß nui' ein fieberhafter Krankheitszustand die Er- 
innerung der Kindheit auffrischen konnte, welche tief ver- 
borgen im Unbewußten schlummerte. In gesunden 25eiten 
blieb die Erinnerung Hebbels stumm, wie so häufig auch 
seine Fähigkeit, ]X)etisch zu gestalten. 

Überblicken wir noch einmal, was wir von der Kindheit 
des Dichters wissen, so läßt sich nicht leugnen, daß wir 
trotz aller Aufklärung durch ihn selbst die meisten Fragen 
bloß anschneiden konnten. Die Probleme wurden mehr aufge- 
worfen als wirklich gelöst. Erst in den nächstfolgenden 
beiden Kapiteln werde ich zur Entfaltung führen können, was 
bislang nicht über die erste Blattknospe gediehen ist. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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II. Kapitel. 
KNABENZEIT. 

I. 

Wenn Hebbel seine Lebensauf Zeichnungen mit dem 
Verlust des Geburtshauses schloß und keine neue Anknüpfung 
fand, so wirkte vielleicht erklecklich mit, daß er seine Ab- 
sicht nicht durchführen konnte, „nur das Liebliche und Schöne, 
Beschwichtigende und Ausgleichende hervorzuheben". Von 
Jahr zu Jahr fiel der Schatten der Not und bitterster Armut 
verdüsternder auf des Knaben Dasein, das Leben im Hause 
zur Hölle wandelnd. Zumal aus dem Vater machte die Sorge 
um das tagliche Brot einen unleidlichen Grämling. Wie 
Kuh berichtet, war „der Alte nach Versicherung seiner Zeit- 
genossen nicht nur ohne geistige Begabung, auch ohne her- 
vorragendes technisches Talent. Rechtschaffenheit und 
rüstige Sorge um seine Familie konnten ihm nicht abgespro»- 
chen werden. Aber ein rauher Sinn und eine düstere Beharr- 
lichkeit, denen jede freimdliche Vermittlung fehlte, machten 
das Bild des Mannes zu einem Sinnbild der Bedrängnis. Be- 
sonders war dieses der Eindruck im Hause. Je mehr die 
Kinder heranwuchsen, desto schwieriger gestaltete sich die 
Aufgabe, das unerläßlich Nötige herbeizuscha^ffen, desto herber 
also kehrte er seinen finsteren Unmut hervor. Am meisten 
litt Friedrich, dessen Naturell und Neigungen das Widerspiel 
zu seinem eigenen Wesen bildeten." Mit 25 Jahren schrieb 
Hebbel in sein Tagebuch: „Ich bleibe dabei: Die Sonne 
scheint dem Menschen nur einmal, in der Kindheit and der 
frühen Jugend. Erwärmt er da, so wird er nie wieder völlig 
kalt, imd was in ihm liegt, wird frisch herausgetrieben, wird 
blühen und Früchte tragen. Tieck sagt in diesem Sinne 
irgendwo : nur wer Eind war, wird Mann ; ich erbebte, als ich 



C^ nri n I r^ Orrgin a f f ro m 

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KNABENZEIT. 89 



dies zum erfitenmal las, nun halte das Gespenst, das mich 
um mein Leben bestiehlt, einen Namen. Wie war nicht 
meine Kindheit finster und ödel Mein Vater haßte mich 
eigentlich, auch ich konnte ihn nicht lieben. Er, ein Sklav 
der Ehe, mit eisernen Fesseln an die Dürftigkeit, die bare 
Not geknüpft^ außer stände, trotz des Aufbietens aller seiner 
Kräfte und der ungemessensten Anstrengung auch nur einen 
Schritt weiter zu kommen, haßte aber auch die Freude: zu 
seinem Herzen war ihr durch Disteln und Domen der Zugang 
versperrt, nun konnte er sie auch auf dön Gesichtern seiner 
Kinder nicht ausstehen. Das frohe, Brust erweiternde Lachen 
war ihm Frevel, Hohn gegen ihn selbst, Hang zum Spiel 
deutete auf Leichtsinn, auf Unbrauchbarkeit, Scheu vor grober 
Handarbeit auf angeborene Verderbnis, auf einen zweiten 
SündenfalL Ich und mein Bruder hießen seine Wölfe; unser 
Appetit vertrieb den seinigen, selten durften wir ein Stück 
Brot verehren, ohne anhören zu müssen, daß wir es nicht 
verdienten. Dennoch war mein Vater (wäre ich davon nicht 
innig überzeugt, so hätte ich so etwas nicht über ihn nieder- 
geschrieben) ein herzensguter, treuer, wohlmeinender Mann; 
aber die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenom- 
men. Ohne Glück keine Gesundheit, ohne Gesundheit kein 
Mensch !** Ergänzt wird dieses triste Bild durch zwei weitere 
Züge. Zuweilen kam es vor, daß der Vater seine beiden 
Jungen gemeinschaftlich prügelte, und zwar ohne Grund, nur 
damit sie sich gegenseitig überwachten. Und noch mit 
24 Jahren schrieb der Dichter ins Tagebuch: „Ich träumte 
mich neulich ganz und gar in meine ängstliche Kindheit zu- 
rück, es war nichts zu essen da und ich zitterte vor meinem 
Vater wie einst." 

Den einzigen Kückhalt im Elternhause bot ihm die Mutter, 
welche, geistig kaum höher stehend als ihr Mann, doch ,,ein 
flüssigeres Temperament'' besaß und ausgesprochene Güte. „Sie 
war eine gute Frau,** kennzeichnet sie Hebbel, „deren Gutes 
und minder Gutes mir in meine eig^e Natur versponnen 
scheint: mit ihr habe ich meinen Jähzorn, mein Aufbrausen 
gemein und nicht weniger die Fähigkeit, schnell und ohne 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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30 SADOER, HEBBEL. 



weiteres alles, es sei groß oder klein, wieder zu vergeben 
und zu vergessen. Obwohl sie mich niemals verstanden hat 
und bei ihrer Geistes- und Erfahrungsstufe verstehen konnte, 
so muß sie doch immer eine Ahnung meines innersten We- 
sens gehabt haben, denn aie war es, die mich fort und f oirt 
gegen die Anfeindungen meines Vaters, der (von [»einem Gre- 
Sichtspunkte aus mit Becht) in mir stets ein mißratenes, un- 
brauchbares, wohl gar böswilliges Geschöpf erblickte, mit 
Eifer in^ Schutz nahm Und lieber über sich selbst etwas Hartes, 
woran es wahrlich im eigentlichsten Sinne des Wortes nicht 
fehlte, ergehen ließ, als daß sie mich preisgegeben hatte. 
Ihr allein verdanke ich'», daß ich nicht, wovon mein Vater 
jeden Winter wie von einem Lieblingsplan sprach, den Bauern- 
jungen spielen mußte, was mich vielleicht bei meiner Beiz-, 
barkeit schon in den zartesten Jahren bis auf den Grund 
zerstört haben würde; ihr allein, daß ich regelmäßig die 
Schule besuchen und mich in reinlichen, wenn auch geflickten 
Kleidern öffentlich sehen' lassen konnte." 

Abermals tritt uns etwas entgegen, was schon im zweiten 
und dritten Lebensjahr fürchterlicher denn alles auf Friedrich 
gewirkt hatte: der stets sich erneuernde und bis zur Schlä- 
gerei gesteigerte Zwist zwischen Vater und Mutter, dessen 
Ursache meist die bitterste Not war, nicht selten aber aoich, 
wie wir von anderer Seite her wissen, der Mutter Be- 
vorzugung des älteren Sohnes, die dem Vater mißfiel, „Die 
besten Stücke an Kleidung und Wäsche erhielt der erstere", 
berichtet uns Kuh, „imd wo grobe Arbeit zu verrichten war, 
da kam sie auf Johamt Als die Mutter einst für den ^eben 
von einer Krankheit genesenen Friedrich eine Hühnersuppe 
bereitet hatte, da genoß sie der Knabe im Dunkeln, damit 
niemand das Huhn zu Gesicht bekorome; sicherlich würde 
Johann gemurrt und der Vater gescholten haben. Diese Aus- 
nahm sstellung Friedrichs, welche um so bedenklicher war, 
als sie auf mißlichen Heimlichkeiten beruhte, hatte dennoch 
keine unselige Veränderung in seinem Denken und Empfinden 
zur Folge, nichts von dem schadenfrohen Selbstüberheben 
und Sichbesserdünken, das in den Muttersöhnen sich so gern 



C^ no n 1 ^ * Orrg I n a f f no m 

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KNABEHZEIT, 31 

einnistet. Neben seiner guten Anlage hat wohl die Gleich- 
macheriu Not so schlimmen Rückschlag aufgehalten/' 

Ob dies alles zutrifft, wie Kuh behauptet, und ob tat- 
sächlich nur die Grleichmacherin Not den Bückschlag auf- 
hielt? Zunächst will ich schon hier vorwegnehmen, daß die 
Vorzugsstellung Friedrichs sein ganzes Leben unsterblich 
nachwirkte und er in jeder Lage verlangte, selbst in Zeiten 
größter Dürftigkeit, was er dereinst zu Haus genossen. Und 
es dünkt mich auch nach der Biographie durchaus nioht 
richtig, daß er sich niemals überhoben habe, wenn freilich auch 
bei einem solchen Genie zwischen befugtem und imbefugtem 
Selbstbewußtsein oft schwer zu unterscheiden ist. Hingegen 
kann ich einen anderen Pimkt gleich jetzt erschöpfen. Es 
gab eine Zeit, wo Friedrich sich nicht bloß von seinem Vater 
zurückgesetzt wähnte, sondern auch von der Mutter. Zwar 
künden davon die „Aufzeichnungen'* nichts, wie wir hören 
werden, aus begreiflichen Gründen, doch besitzen wir ein 
wichtiges Zeugnis hiefür aus des Dichters 18. Lebensjahre. 
Damals schrieb er auf einen hingeworfenen Wunsch der Amalie 
Schoppe ragch ein seltsames Mäjchen „Die einsamen Kin- 
der", das wohl nur darum so schnell produziert wurde, weil der 
Stoff seit langem in ihm bereit lag. Vermochte der Dichter 
nach dem Zeugnis Bambergs doch nie anders zu schaffen, 
als in Abhängigkeit von seinen Erlebnissen. Dies habe ge- 
radezu nach jenem intimen Freunde und Kenner „Hebbels 
innerstes * Wesen" ausgemacht. 

Überhaupt bedünkt mich, hat man bislang den Pubertäts- 
schöpfungen großer Poeten viel zu wenig Bedeutung beige- 
messen, trotzdem sie nächst den Tagebüchern, Briefen und 
autobiographischen Mitteilungen wohl die allerwichtigste 
Quelle bilden für deren innere Lebensgeschichte. Freilich 
war dies oft schon dadurch bedingt, daß die Dichter meis;t 
selbst in gereifteren Jahren jene Jugendprodukte als künst- 
lerisch völlig unzulänglich zum Feuertode verurteilt hatten. 
Wo aber solche noch gerettet wurden, und zwar sowohl von 
echten Poeten, wie von Dichterlingen, sind sie zwar selten 
ästhetisch von Belang, doch biographisch nur um so wertvoller. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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88 SAD6ER, HEBBEL. 



Sie geben nämlich die intimsten Erlebnisse, Phantasien und 
Gedanken des Werdenden wieder und, was am wichtigsten^ 
mit keiner oder nur geringer Entstellung i), im Gegensatz zum 
wirklichen Kunstwerk, das ganz erhebliche Entstellungen for- 
dert. Je höher das Können des Dichters steigt, seine Technik 
erstarkt und sich gebieterisch geltend macht, desto mühsamer 
wird es, das rein Biographische von der Eetouohe und dem 
Firnis zu säubern, welche die Gesetze des Schaffens heischen. 
In der richtigen Jugenddichtung dagegen entfällt diese oft- 
mals so schwierige Scheidung. Da ist die Entstellung noch 
sehr gering, beinahe durchsichtig und das Autobiographische 
mit Händen zu greifen. 

Auch „Die einsamen Kinder" enthalten eine EüUe von 
solchem autobiographischen Material, wie bereits der Ent- 
decker dieses Märchens und spätere Herausgeber klar er- 
kannten. Allein nicht darin scheint mir die Bedeutung des 
Fundes zu liegen, daß, wie z. B. Bornstein hervorhebt, 
der Meldorfer Galgenberg und die Meldorfer Großmutter, die 
Wesselbumer Adventmusik, Beziehungen Hebbels zu seinen 
Eltern und Hamburger Beiseerinnerungen mitspielen und die 
Geschichte von der zerbrochenen Tasse auf ein wirkliches 
Erlebnis zurückgehen dürfte. All das sind wirklich nur leise 
Anklänge, die, an sich zwar richtig, uns aber von des* Dichters 
Seelenleben gar nichts enthüllen. Ganz anders jedoch dünkt 
mich das neue Licht zu werten, welches jenes Märchen auf 
Friedrichs Beziehungen zum Bruder wirft. 

Im Gegensatz zu des Dichters „Aufzeichnungen' und den 
mündlichen Mitteilungen an Emil Kuh ist Johann da nicht 
bloß vom Vater bevorzugt, was ja den tatsächlichen Verhält- 
nissen entsprach, sondern auch noch von der Mutter begün- 
stigt. „Der Hagere'*, die Verkörperung seiner unbewußten 
bösen Regungen, hetzt den älteren Wilhelm also auf: „Ich 
will den Fluch von deinem Haupte nehmen, der dich er- 
drücken würde; ich will dir den Feind zeigen, der sich all 
deinen Bestrebungen in den Weg stellen wird, wenn du ihn 



1) Das konnte ich an Pubertatspoesien von Dichterlingen in der 
Psychoanalyse direkt erweisen. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



KNABENZEIT, 33 



nicJit vernichtest. Es ist dein Bruder !" Und als Wilhelm 
auffahrt: j,Du lügst, mein Bruder ist mir zugetan in ewiger 
Liebe, er ist besser als ichl'* entgegnet jener ruhig: „Und 
doch dein Feind! Wer war der Liebling deiner Eltern, er 
oder du?" — „Es ist wahr," muß Wilhelm zugeben, „ihm 
steckte die Mutter täglich Leckerbissen zu, ihm schnitt der 
Vater zuerst Brot und selten trug ich ein so gutes Kleid wie 
er." — „Versenke dich tief in die Vergangenheit", 
fährt der Hagere fort, „und dann frage dich, ob es nicht immer 
dein Bruder war, dem du deine schmerzlichsten Stunden 
verdankst." Wilhelm schwieg, aber „das Andenken einer 
Stunde, durch die er einst in seinen heiligsten Gefühlen ver- 
letzt und seinen Eltern ohne sein Zutun entfremdet worden 
war, ging schauerlich düster an seiner Seele vorüber. Die 
Mutter hatte einmal eine schöne Tasse zerbrochen gefunden; 
sie hatte geglaubt, daß Wilhelm, den sie immer den Unge- 
stümen, den Wilden zu nennen pflegte, am Zerbrechen der 
Tasse schuld gewesen sei ; sie hatte ihn zur Kede gestellt und, 
ohne auf die flehenden Beteuerungen seiner Unschuld zu 
hören, ihn hart gezüchtigt. Späterhin, als Theodor (der jün- 
gere Bruder im Märchen) von seinem Spaziergang zurück- 
gekehrt war, bekannte dieser, er habe die Tasse aus Un- 
vorsichtigkeit an die Erde geworfen, und statt ihn zu strafen, 
hatte die Mutter ihm seine Unvorsichtigkeit kaum in einigen 
gelinden Worten verwiesen und ihn dann, als ihm eine Träne 
über die Wange floß, gleich wieder geliebkost." 

Wie ist nun der Widerspruch zwischen der Wirklichkeit 
und jener Tviederholten Behauptung des doch sichtlich auto- 
biographischen Märchens zu beheben? Da möchte ich noch 
eine weitere Stelle zur Erklärung heranziehen. „Das Männ- 
chen", eine andere Verkörperung des Unbewußten, meint Wil- 
helm gegenüber: „Solch ein Bruder ist nichts anderes als 
der böse Geist in eigener Person; solange die Eltern noch 
leben, ist er es, dem alle Liebe und Pflege zu teil 
wird, und nachher steht er allenthalben störend 
im Wege, kann selbst nichts tun und verlangt 
tausend Dienstleistungen.** „Diese Worte des Männ- 

SadjfOT, Hebbel. 3 



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84 SADOER, HEBBEL. 



chens", fährt der Dichter fort, „erweckten in WiUielms Brust 
einen tiefen Grroll gegen seinen Bruder; er erinnerte sich, daß 
dieser von Vater und Mutter immer vorgezogen worden war^ 
und nur kaum unterdrückte er die Verwünschungen, die ihm 
schon auf der Lippe saßen." Versenken wir uns nach dem 
Gebot einer früheren Stelle tief in die Vergaagenheit, so 
leuchtet uns ein Verständnis auf. Es gab eine Zeit, wo 
Friedrich tatsächlich, nicht bloß in seiner Einbildung, gegen- 
über dem Bruder zurückgesetzt ward. Ich meine desgen erste 
zwei Lebensjahre, da schon die körperliche Hilflosigkeit in- 
tensivere Beschäftigung der Mutter mit dem Kindlein heischte, 
auch wenn sie innerlich dem älteren den Vorzug geben mochte. 
Bedenken wir, was überliefert ist, daß der zweijährige Fried- 
rich zum Wiegen des Bruders herangezogen ^iirdc und daß 
von weiteren Hilfeleistungen nur nichts vermeldet worden, 
so begreift sich die zornige Klage Hebbels, daß dem jün- 
geren „alle Liebe und Pflege zu teil wird, während er nach- 
her allenthalben störend im Wege steht, selber nichts tut, 
dabei aber tausend Dienstleistungen verlangt". 

Man muß sich hüten, die Neigung der Brüder für einander 
zu hoch einzuschätzen, besonders was die frühe Kindheit 
betrifft. In seiner klassischen „Traumdeutung*' sagt Pro- 
fessor Freud vom Verhältnis der Kinder zu ihren Geschwi- 
stern: „Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es müsse 
ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister- 
foindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden 
sich drängen und wir so oft feststellen können, diese Ent- 
zweiung rühre noch aus der Kindheit- her oder habe von 
.jeher bestanden. Aber auch sehr viele Erwachsene, die heute 
an ihren Geschwistern zärtlich hängen und ihnen beistehen, 
haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener Feindschaft 
mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß- 
handelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das 
jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere ver- 
zehrt, es beneidet und gefürchtet oder seine ersten Regungen 
von Freiheitsdrang imd Rechtsbewußtsein haben sich gegen 
den Unterdrücker gewendet. Es ist nicht schwer, zu sehen,. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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KNABENZEIT. 86 



daß auch der Charakter des braven Kindes ein anderer ist, 
als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden wünstohen. 
Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet seine Bedürf- 
nisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi- 
gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder 
und in erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen 
aber das Kind darum nicht ,schlecht*, wir heißen es ,schlimm^, 
es ist unverantwortlich für seine bösen Taten vor unserem 
Urteil wie vor dem Strafgesetz. Und das mit Eecht ; denn 
wir dürfen erwarten, daß noch innerhalb von Lebenszeiten, 
die wir der Kindheit zurechnen, in dem kleinen Egoisten die 
altruistischen Regungen und die Moral erwachen werden.*' 

„Es ist ganz besonders interessant, kleine Kinder bis 
zu drei Jahren oder wenig darüber in ihrem Verhalten gegen 
jüngerem Greschwister zu beobachten. Das Kind war bisher 
das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch ein 
neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den Ankömm- 
ling und äußert dann entschieden: ,Der Storch soll es wieder 
mitnehmen 1' Der dreieinhalbjährige Hans ruft im Fieber kurz 
nach der Geburt einer Schwester: ,Ich will aber kein Schwe- 
sterchen haben!* Ich kenne einen Fall, daß ein nicht drei- 
jähriges Mädchen den Säugling in der Wiege zu erwürgen 
versuchte, von dessen weiterer Anwesenheit ihr nichts Gutes 
ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese Lebenszeit in 
aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Der obgenannte Hans 
gesteht in seiner Neurose mit fünf Jahren unumwunden den 
Wunsch ein, daß die Mutter das Kleine beim Baden in die 
Wanne fallen lassen möge, damit es sterbe. Dabei ist Hans 
ein gutartiges,* zärtliches Kind, welches bald auch diese 
Schwester liebgewinnt und , sie besonders gern protegiert. 
Empfindungen von Feindseligkeiten gegen die Geschwister 
müssen im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der 
stumpfen Beobachtung Erwachsener auffallen. Den gestei- 
gerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode der 
Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen 
vermißt.*' 

Freud hat als erster den Nachweis geführt, der seitdem 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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SQ SADOER, HEBBEL. 



tausendfach bestätigt wurde, daß ein jeglicher Traum ganz 
ausnahmslos eine Wunscherfüllung bringt und wenigstens mit 
eine solche aus der Kindheit. Auch in Hebbels Märchen 
„Die einsamen Kinder" sind alle Träume völlig durchsichtig. 
Theodor, der jüngere, erklärt direkt: „Ich träume immer 
sehr angenehm, ich gehe mit Vater oder Mutter spazieren 
im Walde, wir pflücken Erdbeeren. Mutter schneidet mir 
große Butterbrote oder Vater bringt mir etwas mit aus der 
Stadt." Nicht minder sind auch die Träume Wilhelms Er- 
füllungen, die freilich erst aus den Todeswünschen auf seinen 
Bruder verständlich werden. So erzählt er z. B. folgenden 
Traum: „Einmal sah ich, wie die Hütte über uns zusammen- 
stürzte, ich sprang aus dem Fenster, du warst zu langsam 
und wurdest zerschmettert; ich sehe dich noch unter den 
Balken liegen mit blutigem, zerquetschten Kopf." 

„Vielleicht wirft nun jemand ein," sagt Freud, „die 
feindseligen Impulse der Kinder gegen ihre Geschwister seien 
wohl zuzugeben, aber wie käme das Kindergemüt zu der 
Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber oder stärkeren 
Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle Ver- 
gehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so 
spricht, erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom 
, Todsein* mit der unsrigen das Wort und dann nur noch 
(wen ig anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von 
den Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grabe, 
vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Erwachsene, 
wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung 
so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm 
fremd, darum spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht 
einem anderen Kinde: ,Wemi du das noch einmal tust, wirst 
du sterben, wie der Franz gestorben ist.* Noch mit acht 
Jahren kann das Kind, von einem Gange durch das Natur- 
historische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen : ,Mama, 
ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich 
dich ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit 
ich dich immer, immer sehen kann.' So wenig gleicht die 
kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der unserigen. Ge- 



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KNABENZEIT. 87 



storbensein heißt für das Kind, welchem ja überdies die Szenen 
des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, soviel als 
,fort sein*, die Überlebenden nicht mehr stören. Es unter- 
scheidet niöht, auf welche Art diese Abwesenheit zu stände 
kommt, ob durch Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn das 
Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen Kindes 
zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltimg, diesen Wunsch 
in die Porm zu kleiden, es möge tot sein." 

Wer „Die einsamen Kinder" mit Aufmerksamkeit liest, 
der wird erstaunen über die häufigen feindseligen, ja Mord- 
impulse Wilhelms, mit anderen Worten des Dichters selbst 
wider seinen Bruder. Nicht nur, daß er jeder bösen Einflü- 
sterung willig sein Ohr leiht, ist er auch mehrmals schon 
drauf und dran, den jüngeren zu töten oder töten zu lassen. 
Eine weitere Bestätigung von Hebbels Mordphantasien gibt 
noch eine andere Pubert^tsdichtung, die bezeichnend den 
Titel „Brudermord" führt. Eduard hört aus einem vorbei- 
rollenden Wagen ein leises Wimmern. Da der Kutscher nicht 
halten will, streckt er ihn mit einem Schusse nieder, umj 
hinterdrein zu erkennen, daß jener zwar der Entführer seiner 
Geliebten, aber auch sein eigener Bruder gewesen. Die dop- 
pelt umworbene Geliebte -bedeutet, wie wir von Analysten 
her wissen, natürlich die Mutter. 

'Daß aber Hebbel seinen Bruder bis zu Mordgedanken 
haßte, was freilich in der Kindesseele Zärtlichkeit nicht aus- 
schloß, beruhte nicht bloß auf Johanns physiologischer Aus- 
nahmsstellung in den ersten zwei Jahren, sondern auch auf 
dem -eigenen ganz ungeheuren Liebesbedürfnis. Nie hat er 
sein ganzes Leben hindurch eine andere Gottheit neben sich 
geduld«et, stets heischte er von seinen Anhängern beiderlei 
Geschlechtes unbedingte Hingabe und brach auf der Stelle, 
wie bei Emil Kuh, selbst jahrelange Beziehungen ab, sowie 
sich ein solcher anderweitig auch anschließen wollte, und 
wäre es an sein künftiges Weib. Dieser absolute Despotis- 
mus der Liebe, die eifersüchtige Wachsamkeit, daß ja nicht 
ein Fremder einen Anteil begehre, ist charakteristisch für 
das einzige wie das Lieblingskind mit seiner Verhätschelung 



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38 • SADOER, HEBBEL. 



durch die Eltern, vornehmlich durch die Mutter. Solche 
Menschen bleiben stets unersättlich in der Liebe, weil nie- 
mand so viel zu bieten vermag, als seinerzeit die zärtliche 
Mutter dem Lieblingssprößling. Selbst der kärgliche Abfall, 
der da gelegentlich an Johann kam, war darum Friedrich 
bereits zuviel, so daß es diesen bisweilen dünkte, der Bruder 
werde nicht bloß vom Vater, sondern auch von der Mutter 
ihm vorgezogen. 

Nun ist's an der Zeit, auch Antwort zu geben auf einige 
offen gelassene Fragen. Wir fanden z. B. die Merkwürdig- 
keit, daß Hebbel keinen Anstoß nahm, als die Mutter, 
die ihn streng zur Wahrheit anhielt, ihm einmal doch die 
Rute gab, da er schlaftrunken die Wahrheit nicht hehlte. 
Der gereifte Mann schrieb in seinen Aufzeichnungen: „Man 
sollte denken, diese Widersprüche hätten schlimme Folgen 
haben können. Es war nicht der,. Fall und wird nie der Fall 
sein, denn das Leben bringt noch ganz andere und die mensch- 
liche Natur ist auch auf diese eingerichtet." Ist dies nun 
wirklich die ganze Erklärung oder heischt sie nicht noch 
eine Jl^gänzung? Wenn wir das Verhalten anderer Kinder 
zum Vergleiche heranziehen, zeigt es sich stets, daß sie solche 
Widersprüche der Eltern nur dann nicht empfinden, wenn 
diese von ihnen noch heiß geliebt werden. Denn „die Liebe 
macht blind", sagt ein altes Wahrwort und man sieht keine 
Mängel, solange dieser mächtige Affekt jede Gregenströmung 
ins Unbewußte drückt. Erst wenn man den Eltern aus irgend 
einem Grunde die Liebe mindest zeitweise entzieht, wird man 
mit einem Schlage hellsichtig. Es hat also die Erkenntnis 
des Widerspruchs niemals gemangelt, nur wurde sie streng 
im Unbewußten zurückgehalten. Wo aber im Verkehre mit 
den Großen nur wenig Zärtlichkeit vorhanden oder gar eine 
offene Feindschaft besteht, wird ein Unrecht auch vom ganz 
kleinen Kinde schon stark empfunden. Darum litt auch 
Friedrich z. B. unter der Parteilichkeit Susannens und trieb 
die Ungerechtigkeit ihrer Magd ihm Tränen ins Auge. So- 
bald ihm die Lieblosigkeit der Großen ins Bewußtsein ge- 
treten, hatte er .^den Zauborkreis der Kindheit überschritten". 



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KNABBNZEIT. 39 



deren Hauptreiz nach Hebbel darin besteht, daß alle so 
wohlwollend und freundlich sind. 

Wir erinnern uns endlich des „fürchterlichen Eindrucks", 
den Xachb^w-in 0hl mit der Prophezeiung Jeremiae hervor- 
rief, daß „zur Zeit der großen Not die Mütter ihre eigenen 
Kinder schlachten und sie essen würden". „Ich erinnere mich 
nochj" fährt der Dichter fort, „welch ein Grausen diese Stelle 
mir einflößte, vielleicht, weil ich nicht wußte, ob sie sich 
auf die Vergangenheit oder auf die Zukunft, auf Jerusalem 
oder auf Wesselburen bezog und weil ich selbst ein Kind 
war und eine Mutter hatte." In den „Einsamen Kindern" 
ist nun wirklich eine solche große Not über die Knaben ge- 
kommen. Da berichtet Theodor dem Bruder einen Traum, 
er sei dem Männchen auf eine hohe Tanne nachgeklettert, 
per Hagere geht mit Wilhelm vorüber und weist auf den 
Baum: „Dort sitzt ein Eichhorn, das wollen wir braten. 
Er riß mich vom Baume herunter; du betastetest mich und 
sagtest: ,Das Tier ist fett/ Dann zündete der Hagere ein 
Feuer an, du trügest selbst hurtig dürres Holz hinzu." Als 
Theodor voll Angst Grott im Himmel anrufen möchte, merkt 
er, er sei in ein Eichhorn verwandelt. Wilhelm ist nach- 
denklich geworden: „Es will mir in diesem Augenblick tat- 
sächlich vorkommen, 'als müßte ich von einem Eichhorn etwas 
mssen, welches der Hagere mir gebraten und mit mir ver- 
zehrt habe." Etwas später kommt ein altes, sieches Weib 
in die Hütte, das durchaus Fleisch haben will, und als Wil- 
helm keines zu haben erklärt, seinen Bruder verlangt. „Men- 
schenfleisch schmeckt süß/* Es ist nicht unmöglich, daß 
im Anschluß an jenen schauerlichen Bibeltext anthropopha- 
gische Phantasien in FBiedrich auftauchten, etwa derart, die 
Mutter könnte in der höchsten Not den minder geliebten 
Johann schlachten und er sich an dem grausen Mahle be- 
teiligen. Doch sei hier nochmals nachdrücklich betont, daß 
auch die bösesten Phantasien Liebe zum Bruder keineswegs 
ausschließen, wie Briefe und Tagebücher der ersten Zeit ganz 
klärlich erweisen. 



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40 SADOER, HEBBEL. 



IL 

Nächst dem Familienkomplex i) ist es vor allem der re- 
ligiöse und der Grott-Komplex, der die Seele des werdenden 
Knaben füllte, wie später des Jünglings und gereiften Man- 
nes. Der kleine Marktflecken Wesselburen besaß eine über- 
auö stattliche Kirche, die dreimal so viel Menschen feußte, 
als jener Flecken Einwohner zählte. Höher ragend als irgend 
ein Bau des ges€bmten Flachlands, trug sie einen weithin 
sichtbaren Turm, der sogar den Seefahrern als Wegweiser 
diente. An die Kirche stieß ein uralter und geräumiger Fried- 
hof, der auch schon in Hebbels Kindheit längst nicht 
mehr zu Begräbniszwecken diente, wohl aber dem Knaben 
ein lieber Spielplatz und Aufenthalt war. „Mit Heftigkeit 
ergriff seine brennende Phantasie die christlichen Symbole 
und der aufs Bebrüten der Gegenstände frühzeitig gerichtete 
Sinn war den religiösen Eindrücken aiafänglich wehrlos hin- 
gegeben." In der Adventzeit und an den hohen christlichen 
Festtagen gab es erhebende Kirchenmusik. Die Erinnerung' 
an diese erlesenen Genüsse hielt der Dichter jahrelang in 
allen Einzelheiten unverfärbt fest und ließ noch in den „Ein- 
samen Kindern" Theodor sagen, da er die Weihnachtsmusik 
v^miömit: „Das ist der Gesang der Engel, von dem die 
Mutter uns so oft erzählte. M i r i s t's, als ob ich in die- 
sem Augenblick den lieben Gott sähe. Ich will 
beten." Am 17. November 1843 schrieb Hebbel ins Tage- 
buch: „Wenn ich mich jener Empfindungen jetzt erinnere,- 
so muß ich sagen, ich schwamm im Element der Poesie, wo 
die Dinge nicht sind, was sie scheinen, und nicht scheinen, 
was sie sind. Das Wunder der weltlichen Transsubstantiation 
vollbrachte sich in meinem Gemüt und alle Welten flössen 
durcheinander." 



1) Unter „Komplex" versteht die Bleuler-Jung sehe Schule eine 
Gruppe von zusammengehörigen, stark affektbetonten Vorstellungen, die an 
eine Person oder an einen Begriff aus der Kindheit anknüpfen und uns 
nun beherrschen, oft ohne daß wir dessen inne werden. So kann d» Vater^ 
die Mutter, beziehungsweise das Vorbild, das sie uns gaben, ebenso der 
Gottes- und der Religionsbegriff den Kern eines solchen Komplexes bilden. 



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KNABENZEIT. 41 



Eine Wiirzel des Eeligiösen, die blanke Furcht, sowie die 
Erkenntnis, daß es etwas Machtigeres geben müsse, als selbst 
den Vater, lernten wir im ersten Kapitel kennen. Sobald dem 
Kinde Grott mehr wurde als ein bloßes Wort und Friedrich in ihm 
eine Instanz erkannte, die höher noch als die Eltern stand, ja, 
diese selber zu strafen vermochte, war die weitere Fortbildung 
nur ein Werk der Zeit, Zunächst erschien ihm Gott als willkom- 
mener oberster Richter, vor dessen Stuhl er sogar die Eltern zu 
fordern vermochte, wenn sie, wie so häufig, ihm Unrecht taten, 
vermeintlich oder wirklich. Dann aber entbrannte ein heißes 
Verlangen, jenen mit Leibesaugen zu sehen. Wenn er abends 
im Bette lag, glaubte er, ihn visionär zu schauen. In einem 
siebenmal wiederholten Traum aus seinem vierten oder fünften 
Jahre, den ich später analysieren werde, wird er von Gott 
persönlich geschaukelt, 3,Ein andermal, ich glaube etwas 
früher oder um dieselbe Zeit, glaubte ich im Waschen unsern 
Herrgott (Ausdruck meiner Eltern) in unserm Hause zu sehen, 
und zwar (lächerlich, aber wahr) in einem Zimmergesellen, 
der zu meinem Vater kam. Ich fragte meine Mutter nachher : 
nicht wahr, das war unser Herrgott? und wnrde von ihr 
abgefertigt; ich erinnere mich aber nur des Faktums, nicht 
dessen, was ich dachte oder empfand. Der Zimmergeselle 
trug eine blau- und weißgestreifte Jacke," Die Brücke zu 
jener merkwürdigen Annahme schuf wohl, was er in der Schule 
lernte, daß Jesus der Sohn eines Zimmermaimes war, wäh- 
rend die Farben der gestreiften Jacke violleicht an den Him- 
mel selber erinnern, blaues Firmament mit weißen Wolken- 
streifen 1), 

Klein-Friedrich mochte es nimmor Wort haben, daß 
keiner noch Gott erblickt haben sollte. Gewiß war dies wieder 
eine Fopperei der Großen! Ganz wundersam war wohl sein 
innerstes Sehnen damals beschaffen, wenn wir einem Jugend- 



^) Maa denk€ auch daran, daß er als kleiner Junge auf dem Rücken 
im Grase zu liegeii und in die Wolken zu gucken liebte^ ob nicht die 
Engelein, wenn sie spielten, ein güldenes Spielzeug zur Erde fallen ließen, 
und daß ihm spater die Bläue des italienischen Himmels noch über 
Kafael und Michel Angelo ging. 



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42 SADOER, HEBBEL. 



gedieht glauben dürfen, das Hebbel selber eines seiner 
besten nannte. Es sei darum wörtlich hiehergesetzt: 

„Wenn ich einst, ein kleiner Bube, 
Sonntags früh im Bette lag 
Und die helle Kirchenglocke 
All das Schweigen unterbrach: 



O, wie schlüpft' ich dann so hurtig 
Aus dem Bett ins Kleid hinein, 
Und wie gern ließ ich da» Frühstück, 
Um zuerst bei Gott zu sein! 

Ein Gesangbuch unterm Arme, 
Eh ichs Lesen noch verstand, 
Ging ich fort, gebeugten Hauptes, 
Fromm verschränkend Hand in Hand. 

Kam mein Hündchen froh gesprungen, 
Schalt ich : Komm mir nicht zu nah 1 
Kaum, daß ich zur Seite schielend, 
Nach der Vogelfalle sah. 

Fiel die Kirchentür nun knarrend 
Hinter meinem Kücken zu. 
Sprach ich furchtsam-zuversichtlich: 
Jetzt allein sind Gott und du! 

LÄngst mit ganzem, vollen Herzen 
Hing ich ja an meinem Gott, 
Doch daß niemand ihn erblicke, 
Hielt ich stets für eitel Spott. 

Und so hofft' ich jeden Morgen, 
Endlich einmal ihn zu sehen : 
War's denn nichts in meinen Jahren, 
Stets um Fünfe aufzustehen? 

Auf dem hohen Turm die Glocke 
War schon lange wieder stumm, 
Der Altar warf düstre Schatten, 
Gräber lagen ringsherum. 



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KNABBNZEIT. 48 



I 

Drang ein Schall zu mir herüber, 
Dacht' ich: Jetzt wirst du ihn schaun! 
Aber meine Augen schlössen 
Sich zugleich vor Angst und Graun. 

Und das Zittern, dies Erbangen, 
Und mein kalter Todesschweiß — 
Daß der Herr vorbeigewandelt. 
Galt mir alles für Beweis. 

Still und träumend dann zu Hause 
Schlich ich mich in süßer Qual, 
Und mein klopfend Herz gelobte 
Sich mehr Mut fürs nächstemal." 

Als die Dämmerzeit der Kindheit vorüber war, da hörte 
das t/auliche Verhältnis zwischen Friedrich und seinem Gotte 
auf und es trat ein anderes zwischen ihm und den Dienern 
Gottes an die Stelle. Er wurde nämlich den Chorknaben ein- 
gereiht. Als solcher half er auch beim „Aussingen" der Toten 
oft tapfer mit. „Dabei gewährte ihm das' Betasten der Särge 
ein schauerliches Vergnügen,** Bald kam es auch zu re- 
ligiösen^) Zweifeln, die seinen ursprünglichen Hang zur Grü- 
belei noch mehr vertieften. „Ihm war der Morgen denkwürdig, 
als er, von Heide kommend, die Auferstehung sah. 

,Nun wird es laut in jedem Grabe, 
Man fragt, wie man geschlafen habe!' 

Dieser Gesang traf ihn tief. Aus der biblischen Vorstellung 
von der Auferstehung des Herrn löste sich, neue, Überschwang- 
liehe Bilder gebärend, die Vorstellung von der Auferstehung 
aller Menschenkinder heraus. Das jüngste Gericht, in seiner 
Furchtbarkeit und Unbegreiflichkeit, nahm vor seinen Augen 
plastische Formen an; insbesondere war das Ine in- 
anderge wachsensein der Leiber ein Bild, das 
ihm lange keine Ruhe ließ. ,Wo aber', frug er sich, 

1) Ober den Gott- und religiösen Komplex wird später noch aus- 
tühilich gehandelt werden, siehe Schluß des 8. Kapitels. 



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44 SADOER, HEBBEL. 



jist iu dem Tale Josaphat Raum für alle die Auferstandenen ? 
wo Raum allein für Barbarossa und dessen Heere?' Diese 
Fragen schlugen in Zweifel um, die ihn um so starker pei- 
nigten, als sie den Phantasieglauben, der sie doch erzeugt 
hatte, nicht im mindesten erschütterten, vielmehr umarmten 
und umrankten wie ein Schlinggewächs den unbeugsamen 
Stamm. Noch zudringlicher verfolgte ihn die Vorstellung ' 
des Nichts, das er mit krankhafter Anstrengung sich denkbar 
zu machen suchte. Auf einem der Notizblätter, welche zer- 
streute biographische Einzelzüge enthalten, finden sich unter 
dem Schlagworte : Das Nichts, die Worte geschrieben : ,Qualen 
meiner Jugend^)'/* 

Ein jeder Fachmann erkennt hier deutlich das Bild der 
infantilen Zwangsneurose mit ihrer Zweifel- uiid Grübelsucht» 
Sie läßt sich aber auch durch Hebbels ganzes Leben und 
Schaffen deutlich verfolgen, nur daß ein Gott ihm gab, zu 
sagen, was er litt, und ihn dadurch vor den schwersten, Folgen 
bewahrte. Allzeit hatte er den Rechtfertigungstrieb und nicht 
bloß das Streben, sich selbst zu belauem, sondern auch vor den 
anderen auseinanderzusetzen. Ebenso fühlen die meisten 
seiner dramatischen Gestalten, die sich gegenseitig ihre Selbst- 
charakteristik an die Kopfe werfen. Unter Hebbels auto- 
biographischen Notizen steht das Bekenntnis: „Ich hatte 
immer den Trieb, den Menschen begreiflich zu machen, warum 
ich in meinem Verhältnis zu ihnen so und nicht anders han- 
delte.'' Und Kuh ergänzt: „Er war einer der Menschen^ 

^) Noch im Jahre 1838, in seinem 22. Lebensjahre demnach» schrieb er 
ins Tagebuch: ,,Alles kann man sich denken, Gott, den Tod, nur nicht 
das Nichts. Hier ist wenigstens für mich der einzige Wirbel. Eigentlich 
ist das auffallend, da das Nichts doch ein Gegensatz ist. Ich kann dem 
Gang, den meine Gedanken nehmen, um zu diesem Wirbel zu kommen, 
nicht einmal beschreiben; sie gehen ihn oft, ich kann der Versuchung 
nicht widerstehen, auch habe ich über diesen Punkt gedacht, solange ich 
denke. Ein anderer, glaube ich, wird mich hier sehr leicht mißverstehen; 
man kann sich freilich ohne Mühe ein Nichts neben einem Etwas denken, 
ich meine aber das Nichts überhaupt, daa Nichts an die Stelle des Alls, 
das Nichts ohne Vergangenheit und Zukunft, das Nichts, welches nicht 
allein die Wirklichkeit, sondern auch die Möglichkeit alles 
Obrigen ausschließt." 



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ENABENZEIT. 46 



die allzeit vor Gericht, vor ihrem inneren Gericht gestanden 
haben und nur spärlich von diesem unheimlichsten und ge- 
fährlichsten aller Verhöre durch das äußere Leben abgelenkt 
wurden/' Es ist interessant, daß ein Moderner, Henrik Ibsen, 
welcher vielfach als Fortsetzer Hebbels gilt, unter ähn- 
Kchen Zweifeln und Zwangsideen litt. In seinen Gedichten 
findet sich „Ein Vers": 

„Leben heißt — dunkler Gewalten 
Spuk bekämpfen in sich, 
Dichten — Gerichtstag halten 
Über sein eigenes Ich." 

Inwieweit vielleicht ein jeder große Dichter einen Funken 
von Zwangsneurose haben muß, will ich an diesem Ort nicht 
verfolgen. 

Bei Hebbel jedoch war es wohl mehr als ein bloßer 
Funke, wie wir auch später noch vernehmen werden. Nun 
hat die Freudsche Lehre von den Psychoneurosen die Tat- 
sache aufgedeckt, daß solche Zwangsgedanken regelmäßig auf 
erotische Dinge einer allerfrühesten Kindheit zurückgehen, 
daß das Grübeln konstant ein Grübeln über sexuelle Dinge 
ist und der Zwang, sich vor allen rechtfertigen zu müssen, 
sich sehr wohl begreift, wenn man ihn auf kindlich sexuelle 
Wünsche und Phantasien bezieht. Daß dem so ist, wird uns 
um so minder wundernehmen, als wir ja von Hebbel bereits 
eine Liebe auf den ersten Blick -aus seinem vierten Lebensjahre 
kennen. Wir vernahmen, wie sich da augenblicklich „eine 
Begung von Scham" in sein erstes Liebesempfinden mischte, 
was nach aller Erfahrung auf ein imbewußtes sexuelles Be- 
gehren von freilich infantiler Art verweist ; des weiteren, daß 
^T^ bald aufgeklärt wurde, woher die kleinen Kinder kommen; 
luid endlich auch von etwa gleichzeitigen schweren Angst- 
zustanden, die, wie wir jetzt wissen, ganz sicher auf unter- 
drückte Libido zurückgehen. 

Wieso aber kam ein Bürschchen von sechs bis höchstens 
2ehn Jahren zu einer solchen Neurose? Was in aller Welt 
hatte denn Hebbel angestellt, daß er sich zeitlebens recht- 



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46 SADOER, HEBBEL, 



fertigen mußte und die angeblich letzten Motive seines Han* 
delns auseinandersetzen? Vielleicht gibt uns jene so frühe 
Auferstehungsneurose den nötigen Schlüssel. Was den Kna- 
ben ganz besonders quälte und ihm lange Zeit keine Küho 
ließ, war „das Ineinanderge wachsensein der Leiber". Sehen 
wir einmal von der Christenlehre ab und fragen wir uns, 
wo findet denn ein solches Ineinandergewachsensein der Leiber 
tatsächlich statt, so gibt es dafür nur eine Antwort : beim Ge- 
schlechtsverkehr zwischen Mann und Weib. Die ausnehmend 
tiefe Nachwirkung läßt dann die Vermutimg gerechtfertigt 
erscheinen, daß der Knabe oder bereits das Kind, vor dem 
man noch gar nicht sich in acht zu nehmen für notwendig 
hält, weil es vom Geschlechtlichen doch nichts verstehe, den 
Verkehr der Eltern belauscht haben wird. Nimmt man die 
überaus ärmlichen Verhältnisse in Hebbels Vaterhaus, den 
geringen Stand und die mangelhafte Erziehung dazu, wird 
meine Vermutung Um so wahrscheinlicher, als ja der Gla^ube 
an die sexuelle Unschuld des Kindes noch selbst zur Stunde 
und in guten Familien gang und gäbe und die Quelle vieler 
Neurosen ist^). 

Aus solchen frühzeitigen Wahrnehmungen Hebbels, die 
vielleicht schon ins zweite Lebenswahr zurückgehen, lassen 
sich auch seine infantilen Angst«ustände ableiten, welche 
er ganz deutlich von denen seines Bruders schied. Ward er 
zu Bett gebracht, so begannen die Balken über ihm zu krie- 
chen, aus allen Ecken und Winkeln glotzten Fratzengesichter 
hervor, und das Vertrauteste, ein Stock, auf dem er zu reiten 
pflegte, der Tis'chfuß, ja die eigene Bettdecke mit ihren Blu- 
men und Figuren wurden ihm fremd und jagten ihm Schreck 
ein. Woher nun diese nervöse Angst, von der ich schon aus- 
führte, daß sie nur eine einzige Ursache hat, die unbefriedigte 
stexuelle Erregung? Wo stak denn hier das geschlechtlich 
Erregende? Um eine richtige Antwort zu finden, darf man 
nicht vorbeigehen an der ungemein verbreiteten Sexualsymbo- 
lik. Wie Kleinpaul in seinem interessanten „Leben der 

1) Daß diese Vermutung zutreffend ist, beweist auch ein autobiogra- 
phischer Traum, den ich etwas später anführe. 



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KNABENZEIT. 47 



Sprache** nachwies, ist diese letztere ganz symbolisiert und 
sexualisiert. Sie wimmelt förmlich von sexueller Symbolik. 
„Ja, die Menschheit ist liebestoll," meint unser Autor an einer 
Stelle. „Man kann niöht umhin, ihre ewige, auf dajs Ge- 
schlechtliche gerichtete Phantasie halb krankhaft, halb 
lächerlich, am Ende •langweilig zu finden. Sie hat geradezu 
den Verstand verloren. Das Männliche, das Weibliche will 
ihr gar nicht mehr aus dem Sinn, sie kann keinen Stiefel und 
kein Loch sehen, ohne daran zu denken - und wenn es ein 
Turm iat, darin die Gefangenen schmachten, so neimt sie 
ihn il maschio di Volterra. Besonders nehmen die Gedanken 
diese erotische Eichtung dann, wenn eine Hervorragung in 
die Höhlung paßt wie der Fuß in den Schuh oder wie das 
Messer in die Scheide, wenn beide Dinge für einander gemacht 
sind und in einander stecken. Dann stellen sie das große 
Glück aller Geschlechtswesen, die geschlechtliche Vereini- 
gung, und das dar, was sie aon Ganges Lingajn nennen. Un- 
zählige technische Ausdrücke lassen sich nur durch seine 
imablassige Adam- und Eva-Eiecherei erkläa^en. So die vielen 
Mütter, Nonnen und Matrizen in den Gewerben." Wie hier 
die Sprachforschung, so lehrt uns auf der anderen Seite 
das Studium der Träume, Märchen, Mythen und des Folklore, 
wie enorm verbreitet die Sexualsymbolik ist, und daß das 
Volk ganz selbstverständlich und ohne zu zaudern jedes Läng- 
liche als männliches, jedeß Hohle, Eundliche, erst Auszu- 
füllende als weibliches Genitale anspricht. 

Was aber vielleicht am verblüffendsten, ist, daß auch 
das Kind spontan, ohne jede fremde Anleitung auf die näm- 
liche SexualsymboUk verfällt, selbst wenn es nicht, wie Fried- 
rich Hebbel, schon im vierten Jahre über die Geschlechts- 
beziehungen zwischen Mann und Weib Aufklärung erhielt. 
Kein Wunder demnach, daß diesem letzteren die Balken zum 
Sinnbild des Phallus werden, wie auch Stock und Tischfuß, 
und es macht das Symbol nur noch durchsichtiger, daß jene 
Balken zu kriechen anheben i). Will man hinwieder die 

1) Das näanliche gilt für Hebbels Schauder vor Würmerii und 
Schlangen. Bezeichnend sagt Kuh, nur in der Motivierung, die er freilich 



r^ nr^n li^ Orrginaf frcrnn 

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48 SADOER, HEBBEL. 



Fratzen verstehen, so erinnere man sich, daß die Menschen 
auf der Höhe der geschlechtlichen Lust das Antlitz ver- 
zerren 1). Die Blumen endlich und^die Figuren der Bettdecke 
pflegen nach der jeweiligen Gestalt und Form die weiblichen 
und männlichen äußeren Genitalien zu symbolisieren 2). Zu der so 
gereizten, aber imbef riedigt bleibenden Sinnlichkeit des* kl^einen 



dem Dichter selber emtnimmt, völlig irre gehend, dieser fürchtete Schlan- 
gen, „gleich nachdem er die Greschichte des ersten Menschenpaares 
kennen gelernt (Eva wird ja bekanntlich durch die Schlange = Phallus 
verführt), wohl auch aus dem Grunde, weil es in der Marsch keine Schlan- 
gen gibt: vor Schlangen konnte er das Weite suchen, wenn er späterhin 
irgendwo einer solchen ansichtig ward". Und in seinem Testament 
spricht er den Wunsch aus, verbrannt zu werden, „denn von Jugend auf 
habe ich vor dem Wurm geschaudert". Ebenso ist auch die Nase Iiaufiges 
Phallus-Symbol, wie wir aus dem Folklore, Mythen, Träumen und Kranken- 
geschichten wissen, und nicht umsonst wünschte schon das Eind sich 
die rote Nase Meister Ohls, d. h. dessen erigiertes Membrum. 

1) Anderseits birgt sich, was noch wichtiger ist, hinter Hebbels 
krankhafter Furcht vor Fratzen und häßlichen Menschen, wie wir aus 
Psychoanalysen wissen, eine Kritik des Vaters. Die Fraitze ist das Gesicht 
des zornigen oder erregten Vaters. Darum hätte der Knabe fast den Tod 
davon gehabt, als ihm der bucklige Schneider ins Elternhaus nachlief. 

2) Nunmehr kann ich auch einen Traum anführen, der direkt die oben 
supponierte Beobachtung des elterlichen Verkehres durch Hebbel er- 
weist. Am 10. Jänner 1847 schrieb dieser in sein Tagebuch : „In der Nacht 
tolle, wüste Traumbilder. Unter anderem sollte der Wesselburner Turm 
wie ein Luftballon in die Höhe fliegen, er war gefüllt und der I>ampf 
quoll rings um ihn hervor. Ich war aber noch ein Knabe und wurde 
von meinem guten Platz von Erwachsenen, die Gefahr für mich fürch- 
teten, vertrieben." Wer in der Traumsymbolik bewandert ist, wird den 
nächtlichen Spuk mit Leichtigkeit deuten. Der Turm, das weithin sicht- 
bare Wahrzeichen von Wesselburen, ist natürlich das Membrum von 
Hebbels Vater. Daß er wie ein Luftballon in die Höhe steigt, ist 
wohl ohne weiteres verständlich, wie nicht minder die Füllung. Bezeich- 
nend aber und direkt neu ist, daß der Knabe offenbar bei den Eltern lag 
oder mindestens der Mutter und von jenen vor dem Akt hinausgelegt 
wurde — wie die spätere Eationalisierung lautete, weil sie Grefahr für ihu 
befürchteten. Man begreift jetzt auch gut, daß der Zwangsgedanke von 
den in einander gewachsenen Leibern just bei der Auferstehung einsetzte 
(Auferstehung natürlich gleich Erectio membri) und daß Hebbel noch 
weiters der Zw£tngsgedanke plagte: wo werden denn alle die Menschen 
Platz haben? 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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KNABENZEIT. 49 



ITriedrioh stimmt auf das beste seine Schlaflosigkeit und die 
nervösen Angstzustände i), welche obendrein noch den Vor- 
teil boten, daß er die Mutter zu Hilfe rufen und, indem er 
liebende Teilnahme erzwang, sie an Ehe-Intimitäten hindern 
konnte. 

Wie aber reagiert nun weiter ein Kind, da» früh den 
Verkehr der Eltern belauschte oder sonst erschloß? Aus den 
Analysen unserer Neurotiker, doch auch der Angstzustände 
von Kindern 2), wissen wir bestimmt, daß diese, wenn sie 
auch keineswegs schon alles begreifen, gleichwohl ein recht 
weitgehendes Verständnis für die unzweifelhaft geschlecht- 
liche Natur 'jener Ehe-Intimitäten besitzen. In ihnen regt 
sich dann leicht das Verlangen, auch dabei zu sein, jenes 
Beizvoll-Sinnliche mit ansehen zu können, und, wie aus 
Psychoanalysen erhellt, sogar der Wunsch, vom Vater selber 
herangezogen zu werden 3). Ja, sie spinnen ihre Phantasien 
noch weiter und setzen sich direkt an Stelle des Erzeugers, 
davon träumend, den Ehemann bei der Mutter zu spielen*, 
nachdem der begünstigte und stärkere Rivale vorher ent- 
fernt worden. 

Das sieht nun für den Laien, dem solche Probleme nie 
aufgegangen, völlig absurd aus. Und doch genügt schon die 
Alltagsbeobachtung, noch mehr dann die Analysen von Träu- 
men und mancher Dramen der Weltliteratur, um jene „ab- 
surden" Kinderphantasien als einfach typisch zu erkennen. 
Ein Kollege erzählte mir folgendes Gespräch mit seinem 
eigenen fünfjährigen Töchterchen. Sie beginnt: „Ich will 
heiraten." — „Wen denn?" — „Dich, Papa!" — „Ich habe 
ja schon eine Frau." — „Dann hast du halt zwei Frauen." 
— „Das geht nicht." — „Also gut, dann wähle ich mir einen 

1) Wie lustvoll bei alledem diese Angstzustände waren, erhellt aus der 
BriefsteUe: „Ach, wie glücklich ist maa in der Kindheit, wo man in der 
Nacht soviel sieht, hört, wenigstens fürchtet I'' 

*) Vgl. hiezu Freuds „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Kna- 
ben", Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschun- 
gen, I. Band, 1. Hälfte 1909. 

^) Wie unsterblich dieser Wunsch in Hebbel fortlebte, werde ich 
an der Entstehung von „Gyges und sein Bing'' nachweisen können. 

Sadger, Hebbel. 4 



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60 , SADGER, HEBBEL. 



Mann, der so lieb ist wie du/' Hier schaut man ganz deutlich 
die Verliebtheit des Kindes, die sich in dem Wunsche einer 
Heirat ausspricht und gar keine Bücksicht auf die entgegen- 
stehenden Rechte der Mutter nimmt* Noch belehrender sind 
die Beispiele Freuds in seiner „Traumdeutung". „Ein acht- 
jähriges Mädchen meiner Bekanntschaft benützt die Gelegen- 
heit, wenn die Mutter vom Tische abberufen wird, um sich 
als Nachfolgerin 2fti proklamieren. , Jetzt will ich die Mama 
sein. Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte 
dich, usw.* Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen 
von noch nicht vier Jahren äußert direkt: , Jetzt kann da& 
Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich hei- 
raten imd ich will seine Frau sein.* Im Kindesleben schließt 
dieser Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine 
Mutter zärtlich liebt. Wenn der kleine Knabe neben der 
Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, und nach 
dessen Bückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Per- 
son, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der 
Wunsch bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend 
sein möge, damit er seinen Platz bei der lieben, schönen 
Mama behalten kann, und ein Mittel zur Erreichung dieses 
Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater tot ist. Denn das 
eine hat ihn die Erfahrung gelehrt: ,Tote Leute*, wie der 
Großpapa z* B. sind immer abwesend, kommen nie wieder.*^ 
So sehr es dem Mehrheitsempfinden widerspricht, so ist 
der Gedanke, die Mutter zu freien, Eifersucht auf den Vater 
und in weiterer Folge Mordideen gegen diesen wirklich all- 
täglich und keinem von uns im Grunde ganz fremd, zumindest 
im Traume, der zensurfreier ist. Nur ward jener ganze Ideen- 
komplex sorgfältig unterdrückt, in den Hades des Unbewußten 
geschleudert und, weil verpönt, auch mit Entsetzen und Ab- 
scheit belegt. Die Griechen jedoch, die in natürlichen Din- 
gen weit menschlicher dachten, als das sexualunfrohe Ur- 
christentum, erfanden für jene primitivsten menschlichen In- 
stinkte die Sage vom ödipus, der den Vater erschlägt und^ 
sich an seine Stelle setzend, die Mutter heiratet. Sophokles^ 
„König ödipus" * wirkt heute noch so stark wie bei den zeit- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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KNABENZEIT. 51 



genössischen Griechen, weil eine Stimme in unserem Innern 
die zwingende Gewalt just seines Schicksals anerkennt im 
Gegensatz zu spateren Schicksalstragödien. Und zwar er- 
greift uns, wie Freud in seiner „Traumdeutung" ausführt, 
sein Schicksal nur darum so unwiderstehlich, weil's auch das 
unsere hatte werden können. „Uns allen vielleicht war es 
beschieden, die erste sexuelle Begung auf die Mutter, den 
ersten Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu 
richten ; unsere Traume überzeugen uns davon. König ödipus, 
der seinen Vater Laios erschlagen und seine Mutter Jokaste 
geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer Kind- 
heit* Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, insofern 
wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere 
sexuellen Eegungen von unseren Müttern abzulösen, unsere 
Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Doch der Traum, 
mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie damals 
auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und 
verwundert erzählen.*' Jahrhunderte nach „König ödipus" 
schuf ein Seelenkünder wie William Shakespeare im 
„Hamlet" ein ähnliches unsterbliches Menschheitsproblem, 
das G^niei3er und Deuter stets wieder zu neuer, doch bisher 
vergeblicher Erklärung reizte. Vergeblich darum, weil man 
das Menschlichste nicht sehen mochte, die in dem Innern 
eines jeden Mannes schlummernde Verliebtheit in die eigene 
Mutter. „Hamlet kann alles," erklärt uns Freud, c,nür nicht 
die Rache an dem Manne vollziehen, der seinen Vater be- 
seitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat, 
an dem Manne, der ihm die Eealisierung seiner verdrängten 
Kinderwünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Eache drän- 
gen sollte, ersetzt sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, 
durch Gowiseensskrupel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich 
verstanden, selbst nicht besser sei, als der von ihm zu stra- 
fende Sünder. Ich habe dabei ins Bewußte übersetzt, was 
in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß." 

Hat man nun einmal die Möglichkeit ins Auge gefaßt, 
daß sich ein Knabe an Stelle des Vaters wünscht und plian- 
tasiert, daß er Mordgedänfcen gegen diesen hegt, der jia als 

4* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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52 8ADOER, HEBBEL. 



begünstigter Nebenbuhler sein ärgster Gegner ist, dann fehlt 
es auch schon in Hebbels allerfrühesten Jahren nicht an 
reichlichen Verstandesgründen für die feindliche Einstellung. 
War doch das zwei- bis dreijährige Kind bereits Zeuge der 
heftigsten Auftritte gewesen, die ihm fürchterlicher denn 
alles schienen und später selbst bis zu Prügeln für die Mutter 
ausarteten. Es konnte demnach sogar vor seinem Verstände 
bestehen, wenn das Bübchen den Vater weg oder tot wünschte, 
in diesem femer den Teufel erblickte — eine Identifikation^ 
die wir aus Traumon und Psychoanalysen sehr gut kennen — 
und sich in einem ohnmächtigen Grimm gegen ihn verzehrte. 
Wie sehr die Religion mit ihren Lehren von Tod und Teufel 
sowie der Erbsünde seinem kindlichen Denken entgegenkam, 
liegt auf der Hand, desgleichen auch, daß imter solchen 
Umstanden ihm jedes Bedenken fehlen mußte. Die Eifer- 
sucht endlich und sein Verlangen, dem Vater einmal heim- 
zahlen zu dürfen, und sei es auch nur an einem Stellvertreter, 
was er so oft an der Mutter verbrochen, erklärt dann wieder 
de^ Knaben Verhalten einem anderen Eivalen gegenÄber, der 
seine Emilie blutig geschlagen. In die Berserkerwut, die 
ihn mit Prügeln gar nicht aufhören ließ, mischte sich die 
Eifersucht!) wider den Vater, und die Hiebe, die der kleine 
Junge erhielt, galten zum großen Teil mit jenem leider so 
Unerreichbaren. Selbstredend konnte Hebbel nachträglich 
nur stottern -und stammeln und keine Bechtfertigungsgründe 
vorbringen, trotzdem er sonst nicht auf den Mund gefallen 
und obendrein für ein geprügeltes' Mädchen eingetreten war. 
Doch wie hätte er vom Vater reden sollen, dem der Haupt- 
teil Steines Wütens galt, das nur an einem anderen ausge- 
lassen wurde! 

Die Zwangsneurotiker, wie Hebbel als Kind schon einer 
war, sind immer richtige Leichenvögel. Sie hören nicht auf. 



.1) Alan könnte fragen, warum ich mich nicht mit der Eifersucht allein 
begnüge, sondern auch noch die Belastung heranzog. Die Erfahrung 
lehrt, daß jedes psychische Geschehen nicht eine einfache Ursache bsAy 
sondern mehrere Wurzeln, organischer sowie seelischer Art, Die Ber- 
ßcrkerwut wird uns übrigens noch häufig genug beschäftigen. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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KNABENZEIT. 53 



ihrer ganzen Umgebung den Tod zu wünBchen. Darum die 
Vorliebe des kleinen Knaben für den Gottesacker, das „schauer- 
liche Vergnügen beim Betasten der Särge" und endlich auch 
mit die gewaltige Ehrfurcht vor dem milzsüchtigen Pfarrer, 
der hinter den Leichen herzuwandeln hatte. Desgleichen dann 
sein steter Schauer vor dem kleinsten Knochen, den er sofort 
begraben muJßte, sowie der Gedanke auf dem Dachboden, wo 
er zum Stiefel sofort das Bein, zur Kunkel die Hand längst 
vermoderter Ahnen halluzinierte. Wenn Friedrich, der seine 
Bücher so schonte, sich des Impulses nicht erwehren konnte, 
das Wörtchen „Eippe" im Katechismus auszukratzen — ein 
Punkt, auf welchen er mehrmals zurückkommt — , darf man 
wohl neben den Todeswünschen auf Vater und Bruder die 
biblische Erzählung schuldbar machen, die Eva aus Adams 
Kippe entstehen läßt^). Die Mutter sollte um keinen Preis 
vom Vater etwas haben. Aber wenn er diesem so Böses 
wünschte, dann hatte Friedrich auch allen Grund, sich dessen 
Eache zu versehen. Darum tritt ihm der Vater nicht bloß im 
Teufel, sondern auch in jedem häßlichen Menschen und endlich 
im Nußknacker drohend genüber, der ihm den Kopf ab- 
beißen möchte. Hatte doch die Mutter von dem verdrießlichen 
Weißgerber gesagt, er sähe aus, als ob er einen verzehrt hätte 
und den anderen eben beim Kopfe kriegen wollte. 

Auch literarisch haben die Todeswünsche wider den Vater 
Verwertung gefunden in einem „Dramatischen Nachtgemälde" 
aus des Dichters 19. Lebensjahre, „Der Vatermord" betitelt. 
Fernando mußte seine Mutter, Weib und Kinder verlassend, 
weil er anvertraute Gelder angegriffen hatte. Schon will 
er die Pistole gegen sich richten, da fällt ihm Graf Arendel 
in den Arm, der sein Vater ist, wovon jedoch Fernando 
nichts weiß. Dieser drückt vielmehr „wie geistesabwesend" 
die Waffe gegen den Grafen ab, der auf der Stelle zusammen- 



1) Vergleiche hiezu aus dem Tagebuche: (Beim Anblick von Knochen) 
„Gefühl wie in der Kindheit, wo ich das Wort Eibbe in meinem kleinen 
lutherischen Katechismus (Stelle: Und Er machte ihm ein Weib aus seiner 
Ribbe) auskratzte und wo mir, wenn ich einen alten Knochen erblickte, 
zu Mute war, als sähe ich den Tod selbst." 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



64 SADOER, HEBBEL. 



bricht. Als die Mutter dazukommt, kehrt sie sich wild 
gegen ihren Sohn: „Mensch, du hast ihn umgebracht I Es 
ist dein Vater 1" Dem unseligen Mörder sträubt sich das 
Haar: „Nein, nein! Es ist ja nicht mein Vater, es ist ja 
mein Henker, der mich im Mutterleibe gebrandmarkt hatte, 
ehe denn ich geworden war — es ist ja nicht mein 
Vater, es ist der Verführer meiner Mutter — ". 
Noch einmal richtet der Graf sich auf, die Mutter um Ver- 
gebung zu bitten. Allein, da diese sich willig zeigt, braust 
Fernando auf: „Mutter, du vergibst ihm? — Mutter, ich 
werde zum Vatermörder, wenn du ihm vergibst — Mutter, 
Mutter, fluch ihm, fluch ihm nur einmal — Mutter — laß 
mich nur nicht hören, daß du ihm vergibst." Trotzdem um- 
schlingt sie den Leichnam des Gatten. Da reißt Fernando 
eine zweite Pistole aus dem Gürtel und erschießt sich selbst, 
die doppelt unglückliche Mutter aber springt in den Wald- 
strom. 

Mit großer Spitzfindigkeit wird hier ein Unterschied auf- 
gestellt zwischen Vater und Verführer der Mutter, welch 
letzterer den Sohn schon im Mutterleibe stigmatisierte, da- 
durch zu dessen Henker werdend. Anerkennt nun jene den 
Verführer als Gatten, dann wird der Sohn zum Vatermörder. 
Hier birgt sich durchsichtig, was wir aus so vielen Träumen 
und Analysen kennen: der Knabe findet es unerträglich, der 
Vater solle mit der Mutter verkehren, ja stets verkehrt haben, 
und obendrein noch mit deren Zustimmung. Ganz anders 
liegt die Sache jedoch, wenn die JMutter dies nur gezwungen 
tat, vom Vater verführt, der den Sohn bereits im Werden 
brandmarkte. Dann erscheint es geradezu legitimiert, wenn 
dieser den Henker und Verführer aufs bitterste haßt, ver- 
folgt und vernichtet. Wie mächtig just dieser Gedanke den 
Knaben gepackt haben muß, erhellt sohon daraus, daß er 
sich bis in die „Judith" hinein nachweisen läßt, wo er uns 
von neuem beschäftigen wird. 

Noch etwas fällt hier bedeutsam auf: „Der Vatermord** 
bringt eine Häufung des Schrecklichen nach Art der verrufenen 
Schicksalstragödien und endet wie Hebbels etwa gleich- 



C^ no n 1 ^ Orrgin a I f ro m 

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KNABENZEIT, 56 



zeitige Romanze „Die Kindesmörderin", dann wie die Entah- 
lungen „Brudermord", „Eäuberbraut" imd eine spätere „Die 
Kuh'' betitelt, mit dem Tode sämtlicher Hauptpersonen. Selbst 
in der „Judith" sticht Holofernes mit wahrer Passion alle 
Menschen nieder, was Nestroy später so köstlich trave- 
stierte. Mit Eecht wurde Hebbel schon zu seinen Leb- 
zeiten „die Vorliebe für das Gräßliche" aufgemutzt, „für das 
gesucht Abnorme und Schauerliche, die raffinierte Häufung 
von Ungeheuerlichkeiten auf kleinstem Raum". Neben jenen 
Oründen, die ich in ihrer infantilen Beziehung bereits auf- 
deckte, spielt da wohl sicher das Sadistische erklecklich mit, 
das keinem Zwangsneurotiker fehlt. Hier begegnet uns zum 
erstenmal etwas, das sich später als eine der Haupttrieb- 
fedem in Hebbels Handeln erweisen wird: sein mächtiger 
Sadismus, die sexuelle Lust an der Grausamkeit, ursprünglich 
wider die . Eltern und den Bruder gekehrt, in der Realität 
und noch viel mehr in der Phantasie, in weiterer Folge dann 
-wider verschiedene andere Geliebte beiderlei Geschlechtes und 
«endlich auch auf Geschöpfe seiner Dichtung übertragen. 

Kein Sadismus ohne masochistische Regung, ohne Wonne 
am Leid-en. Auch diese mangelte Hebbel bereits in der 
Kindheit nicht, wenn auch nur in der Einbildungskraft ge- 
nossen. „Neun oder zehn Jahre alt, las er. in einem alten, 
^zerrissenen Neuen Testament zum erstenmal die Leidens- 
geschichte Jesu Christi; die zerrissene Gestalt des Buches 
gehörte mit zum Eindruck. Er wurde im Innersten gerührt 
und seine Tränen flössen reichlich. Seitdem gehörte es zu 
meinen verstohlenen Wonnen, diese Lektüre in demselben 
Buche, um dieselbe Stunde (während der Abenddämmerung) 
zu wiederholen, und der Eindruck blieb geraume Zeit hindurch 
jenem ersten gleich. Einmal aber bemerkte er zu seinem 
Entsetzen, daß seih Gemüt dabei ziemlich ruhig sich verhielt, 
<iaß seine Augen sich nicht mit Tränen füllten. Dies drückte 
ihm, wie die größte Sünde, das Herz ab, als stünde seine 
Verstocktheit wenig unter dem Frevel des Kriegsknechtes, 
der. des Heilands Seite mit seinem Speer durchstach, daß 
Wasser und Blut floß; er weinte, doch er weinte über sich 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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56 8AD6ER, HEBBEL. 



selbst. Wie aun aber die gesunde Natur sich immer zu 
helfen weiß : er schob seines Herzens Hartnäckigkeit auf die 
Stunde, er ergab sich der Hoffnung, daß die alten Gefühle 
in einer anderen Stunde schon mit der alten Gewalt sich, 
wieder einfinden würden, war aber — unbewußt — klug^ 
genug, keine seiner Stunden wieder auf die Probe zu stellen; 
er las die Historie nicht wieder." In dieser „verstohlenen. 
Wonne" an den Leiden Christi erkennt der Fachmann ganz 
deutlich den masochistischen Zug. Und jene Wonne war 
um so größer, als der Knabe sich mit Jesus selber identifizierte, 
wie wir dies von so vielen Menschen her kennen. Darum 
weinte er auch nachträglich „über sich selbst" und die ver- 
lorenen Wonnen, als ihn die Leiden des Heilands nicht mehr 
so erschütterten, da seine Phantasie, Sohn Gottes zu sein, 
bereits einer anderen Seligkeit gewichen. Auch täuschte sein 
Unbewußtes sich über diese Wandlung durchaus ,nicht und 
wich einer ferneren Probe stets aus. 



HL 

Man kann die Bedeutung des Vaters für das Schicksal 
eines Knaben nicht hoch genug einschätzen, auch wenn jener 
geistig so wenig hervorragt wie Klaus Friedrich HebbeL 
Nicht bloß, daß dieser zu seinen Lebzeiten da« Los des 
Ältesten eminent beeinflußte, er wurde auch vorbildlich für 
Friedrichs Respekt gegenüber seinen ersten Lehrern, dann 
überhaupt vor jedem höheren Wissen, welches ihm abging — 
also genau die Einstellung seiner ersten Kindheit — , vor- 
bildlich endlich für sein Verhalten zu Mohr, zu Tieck und 
Uhland, Thorwaldsen und Napoleon, in weiterer 
Linie zu Fürsten und Herrschern. Von Dethlefsen sagte 
der Dichter selbst, er könne dessen Namen nicht ohne Ge- 
fühle der tiefsten Dankbarkeit niederschreiben, weil jener 
trotz der bescheidenen Stellung einen unermeßlichen Einfluß 
auf seine Entwicklung ausgeübt habe. „Nieniiand als der alte 
Dethlefsen", erklärte er häufig, „hat mir die grammati- 
kaiische Gewissenhaftigkeit eingepflanzt, die Sorgfalt im Ge- 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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KNABENZEIT. 67 



brauche des Wortes als unzerstörbares Fundament in mir 
gelegt." Sonst freilich gab es von diesem nicht allzuviel zu 
lernen und nur aus dem Aufblicken des Kindes heraus vorerst 
zum Vater, jetzt aber auf andere Große übertragen, vor allem 
den Lehrer, ist sein rührender Glaube an deren Allwissenheit 
zu begreifen. Damals erwartete er Aufschlüsse über die höch- 
sten Dinge von den Erwachsenen, und natürlich besonders 
von dem ehrsamen Rektor, für den er nicht selten vor dem 
Einschlafen betete. Einst fragte er diesen um die Bedeutung 
des Wortes „Mandarin", und als die Antwort kam: „Ein 
Mandarin, das ist ein Mann darin I" sagte sich der Knabe, 
vollkommen befriedigt: „Herr Dethlefsen weiß alles T 
Auch außerhalb der Schule war Friedrich gern mit seinem 
Lehrer zusammen, dessen Bücherei ihn mächtig anzog. Dies 
machte sich Dethlefsen zu nutze, indem er jenen zum 
Wiegen seiner vielen Kinder verwendete, wofür er ihm seine 
bescheidene Bibliothek zur Verfügung stellte, die der Knabe 
mit wahrer Lesewut verschlang. 

Ebenso bewahrte er dem Zeichenlehrer, Harding mit 
Namen, zeitlebens tiefste Dankbarkeit. „Noch in später Zeit 
erinnerte er sich der unendlichen Seligkeit, womit er bei 
diesem die erste Arbeit ausgeführt hatte. Die Dinge, die 
ihn umgaben, sagte er, seien in seiner Jugend wie in seiner 
tiefsten Kindheit fast in ihn übergegangen. Jene Arbeit 
stellte einen Garten vor in herbstlicher Gestalt, ein Mädchen 
stand hinter der Pforte. Ihm war zu Mute, als müßte die 
von ibm gemalte Pforte sich auftun, sobald er nur das Mäd- 
chen fertig gemacht. Auch die Nacht blieb ihm unvergeßlich, 
in der er mit dem Sohne des Malers auf saß und Bürgers 
,Lenore* las. , Wonne, Wehmut, Leben, Tod, alles auf einmal: 
ein Urgefühl!* Dies Einswerden der Gegenstände mit seinem 
schauenden Gemüte und dieses . unbewußte Verwandeln der- 
selben, in Symbole kündigte seine dichterischen Kräfte an." 
Ob hinter der Zeichnung mit dem Mädchen sich eine Kind- 
heitserinnerung birgt, z. B. an Emilie Voß, ist nicht zu 
eruieren. Wohl aber laßt sich bei Pforte und Garten an 
eine durchsichtige Weib-Symbolik denken — Pforte und Gar- 



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58 SADGER, HEBBEL. 



ten = Vulva der Frau — die den Poeten des» Morgen-, wie 
des Abendlandes gelaufig, man denke nur an da» Hohelied. 
Was frühzeitig schon den Dichter verrät, die außerordent- 
liche Merkfähigkeit und ein besonders tiefes Empfinden bis 
zum Einswerden mit der ganzen Umgebung, ließ Friedrich 
Hebbel niemals vermissen. Schon mit vier, fünf Jahren 
empfand er nicht bloß das Häßliche tiefer denn andere Kin- 
der, sondern auch das Liebliche xmd Schöne. „Mir war ein 
Rosenblatt, das der Wind mir über den Zaun zuwehte, soviel 
und mehr wie anderen die Rose selbst, und Wörter wie 
Tulpe und Lilie, wie Kirsche und Aprikose, wie Apfel und 
Birne versetzten mich unmittelbar in Frühling, Sommer und 
Herbst hinein, so daß ich die Fibelstücke, in denen sie vor- 
kamen, vor allen gern laut buchstabierte und mich jedesmal 
ärgerte, wenn die Reihe mich nicht traf." Sein erstes Sprüch- 
lein dichtete er mit sechs Jahren, dann folgten Leichencarmina; 
auf dahingeschiedene Kaninchen, im zehnten Jahre ein leider 
nicht erhaltener „Evolia, der Räuberhauptmann", und endlich 
als er durch Wandertruppen die ersten Theatereindrücke emp- 
fing, auch noch verschiedene Stegreifkomödien, die er in 
grundgewaltiger Rede vor gleichaltrigen Kindern im Pferde- 
stall vortrug. Trotzdem erklärt er, „habe ich, obwohl ich 
Verse machte, bis in mein vierzehntes Jahr keine Ahnung 
gehabt, daß ich für die Poesie bestimmt sein könne. Sie 
stand mir bis dahin als Ungeheures vor der Seele, und eher 
würde ich es meinen körperlichen Kräften zugemutet haben, 
eine Alp zu erklimmen, als meinen geistigen, mit einem Dichter 
zu wetteifern, obwohl mich Beides reizte. Ich stand in 
einem Verhältnis zur Poesie wie zu meinem 
Gott, von dem ich wußte, daß ich ihn in mich aufnehmen, 
aber ihn nicht erreichen könne. Deutlich erinnere ich mich 
übrigens noch der Stunde, in welcher ich die Poesie in ihrem 
eigentümlichsten Wesen und in ihrer tiefsten Bedeutung zum 
erstenmal ahnte. Ich mußte meiner Mutter immer aus 
einem alten Abendsegenbuch vorlesen, der gewöhnlich mit 
einem geistlichen Liede schloß. Da las ich eines Abends des 
Lied von Paul Gerhard, worin der «chöne Vers: 



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KNABENZEIT. 5d 



,Die goldnen Stemlein prangen 
Am blauen Himmelssaar 

vorkommt. Dies Lied, vorzüglich aber dieser Vers, ergriff 
mich gewaltig, ich wiederholte es zum Erstaunen meiner 
Mutter in tiefster Rührung gewiß zehnmal. Damals stand 
der Naturgeist mit seiner Wünschelrute über meiner jugend- 
lichen Seele, die Metalladem sprangen und sie erwachte we- 
nigstens aus einem Schlaf." Bemerkenswert ist neben dem 
Erwachen des Naturempfindens vomehnilich die Äußerung des 
Dichters, er sei in dem gleichen Verhältnis« zur Poesie wie 
zu Gott gestanden. Später erblickte er, was ihn von anderen 
Drajnatikem unterscheide, hauptsächlich darin, daß er die 
Fragen stets unmittelbar an die Gottheit knüpfe, indem er 
bei der Lösung die Individuen als nichtig überspringe. 

In das relative innere Glück des Knaben platzt um sein 
zwölftes Lebensjahr herum die Forderung des Vaters, er solle 
das Maurerhandwerk erlernen. Doch zeigte Friedrich so viel 
angeborenes Ungeschick und vermutlich auch so viel man- 
gelnden Willen, daß alles Schelten und die ärgsten Zurecht- 
weisungen keinen anstelligen Lehrling aus ihm machen konn- 
ten. Schließlich hielt ihn der Vater für jede praktische Tätig- 
keit unbrauchbar, was auch sein späteres Leben bestätigte, 
und des Alten kaum je verhehlte Abneigung gewann nach- 
träglich eine Bechtfertigung. Es werden sich damals gar 
böse Auftritte ereignet haben. Die Mutter hatte die größte 
Mühe, den Zorn ihres Mannes ein wenig zu dämpfen und 
ihren Liebling vor dem Ärgsten zu bewahren. Fand dieser 
doch selbst an höheren Berufen, die man ihm anbot, wie 
Kaufmann oder Postschreiber zu werden, keinen Gefallen und 
brachte höchstens durch allerlei kleine Botendienste und Aus- 
tragen von Briefen und Wochenblättern einige Groschen wö- 
chentlich ins Haus. Die meiste Zeit freilich saß er hinter 
Büchern aus Dethlefsens Küche. 

Auch über diese traurige Zeit gibt uns eine Schöpfung 
aus der Feder des Dichters biographische Aufschlüsse. In 
einem unvollendet gebliebenen Lustspiel „Vier Nationen unter 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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60 SADGER, HEBBEL. 



einem Dach" wirft Valentin, der Wortführer Hebbels, von 
seiner Mutter hin: „Wenn Ihr wüßtet, was die alles auf- 
bieten mußte, um mir das bißchen Freiheit zu erhalten, dessen 
ich bedurfte, um nicht schon als Kind zu Grunde zu gehen . . . 
Denn wenn ich jetzt nicht, wie so mancher meiner Schul- 
kameraden, hinter dem Pfluge herkeuchen oder den Schmiede- 
hammer schwingen muß, worauf mein Vater bestand, so hab* 
ich's ihr allein zu danken/' Aber auch dem Erzeuger gibt ei 
die Ehre: ,, Soviel Püffe und Tritte ich auch von meinem. 
Vater bekam, ich verarge es ihm nicht mehr, daß er einen 
Burschen nicht leiden konnte, der noch in seinem siebenten 
Jahre die Getreidearten nicht kannte und, als er aus dem 
Kapitel examiniert wurde, die Gerste trotz ihres langen Bartes 
mit dem Weizen verwechselte. Ich verarge es ihm noch 
weniger, daß er in meinem Bekritzeln der Wände, der Tische 
Und Bänke keine solide Bürgschaft für meine Zukunft er- 
blickte und dii> feierliche Aufmerksamkeit, womit mein Bru- 
der dem Dorfschuster stundenlang zusah, wenn er Pechdraht 
imd Ahle handhabte, viel hoher anschlug. Ich freue mich 
nur, daß er mich nicht wirklich, wie er alle Frühjahr im 
Sinne hatte, zu den Bauern hinausjagte, und dies Schicksal 
wandte einzig und allein meine Mutter von mir ab.*' 

Wie an der Schneide zwischen, Kind und Knabe der Ver- 
lust des Elternhauses steht, so an der Grenze von Knabe und 
Jüngling der Tod des Vaters, nach Freud das aJlerbedeut- 
samste Ereignis, der entscheidende Verlust im Leben eines 
Mannes. Auch die näheren Umstände dieses Verlustes übten 
eine tiefe, nachhaltige Wirkung. Darüber schrieb Hebbel 
ins Tagebuch: „Als mein Vater am Sonnabend, abends um 
6 Uhr, den 11. November 1827, nachdem ich ihn am 
Freitag zuvor geärgert hatte, im Sterben lag, da 
fleht* ich krampfhaft: nur acht Tage, Gott; es war wie 
ein plötzliches Erfassen der unendlichen Kräfte, ich kann's 
nur mit dem konvulsivischen Ergreifen eines Menschen am 
Arme, der in irgend einem ungeheuren Fall, Hilfe oder Eet- 
tung bringen kann, vergleichen. Mein Vater erholte sich 
sogleich; am nächstfolgenden Sonnabend, abends um 6 Uhr, 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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ENABENZEIT. 61 



staxb erl" Man kann sich denken, wie sehr diese mystische 
Wirkung des Gebetes den ohnehin an die Macht des Unbe- 
wußten fest glaubenden Dichter erschüttern mußte und in 
seinem Verhältnis zu Gott bestärken. Noch 15 Jahre später 
erinnerte er sich, welch starken Eindruck das Gespenstische 
und Beklommene in Contessäs Novellen auf ihn ausge- 
übt hatte, die er in jenen Nächten las. Sein heißes Gebet 
erklärt sich aber daraus, daß er am Vortag den Streit mit 
seinem Vater gehabt und ihm da vermutlich, wie so viele 
Kinder in unlieber Lage, den Tod gewünscht hatte. Den 
Ausbruch der Krankheit mußte er dann als Erfüllung, seines 
bösen Wunsches empfinden vmd, um nicht zeitlebens mit 
dem schweren Selbstvorwurf herumzugehen, den Tod seines 
Vaters provoziert zu haben — der Neurotiker glaubt ja so 
leicht an die Allmacht seiner Gedanken, d. h. er könne allein 
schon durch die Kraft seines Willens ein Ziel durchsetzen — , 
fleht er so briiAstig um acht Tage Aufschub. Ich will hier 
ergänzen, daß auch ein Großteil seiner posthumon Liebe in 
Abhängigkeit an den Vater Eeaktionsbildung ist, auf ver- 
drängte böse Wünsche zurückgeht. 

Fassen wir den Inhalt dieses Kapitels kurz zusammen, so 
hat es uns vorerst Hebbels Beziehungen zu Eltern und 
Bruder kennen gelehrt und die feindlichen Impulse gegen 
seine männlichen Angehörigen trotz zweifellos gleichzeitiger 
warmer Liebe. Des weiteren sein inniges Verhältnis zu Gott, 
welches vielfach sogar mit spezifische Grundlage seines Dich- 
tens wurde, sein mächtiges religiöses Empfinden und die 
Zwangsphänomene, die ganz unmittelbar an jenes anzuknüpfen 
scheinen, obwohl- sie tiefer, im Geschlechtlichen wurzeln. Die 
frühzeitige sexuelle Entwicklung und Erfahrung löst ferner 
nicht nur eine Beihe von Eätseln, sondern weckt auch die 
Poesie in ihm und sein festes Vertrauen zum Unbewußten, 
in welchem soviel Verdrängt-Geschlechtliches domröschen- 
haft schlummert. Und endlich erweist sich der Vater, dem 
er in sjÄteren Jahren auch leiblich immer ähnlicher wurde, 
stets mehr als Vorbild und dessen Worte noch lange fort- 
wirkend. 



C^ nonl^ Orrginaf from 

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62 SADOER, HEBBEL. 



Noch eines sei erklärend vorweggenommen. Ich führe 
die verschiedenen Komplexe Hebbels nicht deswegen so 
umständlich an, weil sie etwa einzig diesem Dichter eignen. 
Vielmehr belehrt uns die Alltagserfahrung, daß die nämlichen 
Komplexe z. B. gegen Eltern und Geschwister einfach jed- 
wedem Menschen zukommen und sich höchstens quantitativ 
unterscheiden. Nur wie sich die einzelnen Elemente zu- 
sammenfügen mußten, damit daraus der Mensch und Dichter 
Hebbel werde, das aufzuzeigen, ist Zweck dieser Arbeit i). 



^) Vergleiche hiezu folgende Briefstelle: „Die Kraft- und Misohungs- 
verhältnisso sind entscheidend für die Individualität . . . Verschlossen ist 
der tieferen Einsicht nichts als der Prozeß selbst, mittels dessen und in 
dem jene Kraft- und MischungsverhäJtnisso sich gerade so und nicht anders 
gestalten.'* (Brief Hebbels an Eduard Janinski vom 14. Aug. 1848.) 



C^ nonl^ OrFgmaf fnom 

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III. Kapitel. 

« 

JÜNGLINGSJAHRE. 

Als Klaus Friedrich Hebbel das Zeitliche gesegnet hatte, 
war die Not im Hause derart groß, daß für den Sarg die 
selbstgezogenen Kartoffeln in Zahlung gegeben und für die 
Kosten des, Begräbnisses noch Stücke des Hausrats verkauft 
werden mußten. Was Friedrich durch Botengänge verdiente, 
war minimal, so daß die Witwe, um Brot für sich und die 
Kinder zu gewinnen, zum Spinnen, Nähen und Waschen greifen 
und sich als Aushelferin verdingen mußte. 

Da bedeutete es geradezu ein Glück, daß der Kirchspiel- 
vogt Mohr ihr den Antrag machte, den älteren Jungen für 
Kost, Wohnung und Kleidung in Dienst zu nehmen. Anfangs 
freilich nur als eine Art von Laufburschen, der zwar auch 
kleine Schreibgeschäfte, wie Kopiaturcn, zu besorgen hatte, 
vorzüglich aber Milch holen und Gänge machen mußte. Mit 
dem Kutscher Christoph Sie vors teilte er das Bett, das 
Essen nahm er nach damaliger patriarchalischer Sitte, am 
Gesindetische mit jenem und der Wirtschafterin zusammen. 
Übrigens war die Kost weit besser und reichlicher als je 
zu Hause und die Behandlung des neuen Burschen eine durch- 
aus wohlwollende von allen Seiten. 

An äebbel wiederholt sich, was häufig zu sehen, wenn 
eine Familie frühzeitig ihr Oberhaupt verliert. Der älteste 
Sohn, so er gut geartet, wird alles aufbieten, den Hinter- 
bliebenen den Vater zu ersetzen. Ja, er wacht oft eifersüchtig 
über dieees Recht und es kann vorkommen, daß, wenn die 
Mutter wieder freien möchte, sie dem schärfsten Widerstand 
des Sohnes begegnet, der sich zu wütender Feindschaft ge- 
staltet wider den in Aussicht genommenen Stiefvater. Und 



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«4 SADGER, HEBBEL. 



jener wird sich oft weit über seine Kräfte anstrengen, nur 
um die Familie selbst zu ernähren und der Mutter zu be- 
weisen, daß sie keinen anderen Erhalter brauche. Wenn auch 
bei Antje Margarete eine Wiederverheiratung nicht zu be- 
fürchten war, so desto mehr die bittere Not. Diese aber zu 
lindern, brachte Jung-Friedrich bereits als Laufbursche jeg- 
lichen Groschen getreulich nach Hauso. Wenrt z. B. Mohrs 
Stiefvater zum Besuche vorfuhr, sprang Hebbel diensteifrig 
an den Kutschenschlag und half ihm aussteigen, was jedes-^ 
mal ein Dritthalbschillingstück trug, da« er freudig der Mutter 
für Tee und Feuerung übergab. Noch mehr, der Junge, dem 
zu A'^aters Lebzeiten kein Beruf genug tat, versah nunmehr 
seine Geschäfte bei Mohr mit solchem Eifer, daß ihm bald 
auch andere wichtigere Schroiberarbeiten übertragen wurden. 
Der Eintritt in die Kirchspielvogtei hatte Friedrich aus 
dem Proletariat herausgehoben und seinem Stolze, den er 
von Vater und Mutter überkommen, dann aber, durch widrige 
V-erhältniss-e genötigt, hatte beugen müssen, tat es innig 
wohl, als er nunmehr, noch nicht 16 Jahre alt, die polizei- 
lichen Geschäfte übernehmen durfte. „Der Sohn des Häuer- 
lings, den M o h r^ leider niemals vergessen hat, fühlte eine 
Art stolzer Genugtuung, in deY Kirchspielvogtei amtieren zu 
können, welche sich schon äußerlich so stattlich vor allen 
übrigen Gebäuden Wesselburens hervortat und vollends als 
Inbegriff behördlicher Gewalt etwas Bespekteinflößendes 
hatte. Den wandernden Handwerksburschen gegenüber ließ 
sich Friedrich gern in dem gebieterischen Tone seines Prin- 
zipals' vernehmen. Als die Nachtzettel eingeführt wurden 
• und er den Auftrag bekam, sie auszufüllen, war er schon um 
4 Uhr morgens auf dem Bureau ; Schinderhannes würde einen 
erhalten haben, gestand er später, so sehr war er von Be- 
gierde erfüllt, durch seine Unterschrift zum Gefühle seiner 
Wichtigkeit zu kommen.*' 

Außer dieser Erhöhung seiner Person und der Rücksicht 
auf die Mutter waren es vornehmlich zwei Umstände, die ihm 
seine Stelle teuer machten. Vor allem hatte er in J. J. M o h r 
einen neuen Vater, um nicht zu sagen, Grott gefunden, den 



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JÜNGUNGSJAHRE: 65 



er anfäagKcii mindestens so heiß verehrte, wie als ganz kleines 
Kind den eigenen Erzeuger. Erzählt uns doch Kuh, daß 
J'riedrich jenen in der ersten Zeit direkt „als ein höheres 
Wesen betrachtete und jedes von ihm empfangene Wort als 
eine Art Gnade. Sein zur Dankbarkeit geneigtes Gemüt sah 
in der Hand, welche ihn aus der Niedrigkeit zuerst herauf- 
gezogen, eine Segenshand. Auch imponierte ihm die hoch- 
mütige, durch körperliche Wohlbildung unterstützte Haltung 
Mohrs, sowie dessen nicht geringes Selbstgefühl in Miene 
und Gebärde, und zwar dergestalt, daß er sogai> die manirierten 
Bewegungen seines Prinzipals, ohne es zu wissen, nachmachte. 
Ging Mohr auf der Straße, so geschah es in einem schwe- 
benden Tanzmeisterschritt, langsam, gemessen; er warf sich 
in die Brust und hob sich bei jedem Schritt auf den Zehen. 
Dem jungen Hebbel, der keine natürliche Gewandtheit zeigte 
und frühzeitig vor jedem Vorzug, der ihm persönlich man- 
gelte, Achtung empfand, wurden nach und nach die Eigen- 
heiten Mohrs zur Gewohnheit: das Hinaufschieben der 
Achsel und sonderbare Armbewegungen, die ihm sein Leben 
lang treu geblieben sind". 

Friedrich hatte sich so bewährt, daß der Kirchspielvogt 
später sogar den Schreiber entlassen und jenen mit dessen 
Geschäften betrauen koimte, „ohne daß sich dadurch etwas 
in der gesellschaftlichen Lage Hebbels gebessert hätte: 
nach wie vor aß er am Gesindetisch und teilte mit Christoph 
das Lager, obwohl er Militär- imd Lizitationssiachen be- 
sorgen, auch kleine Amtsreisen unternehmen und bei Feil- 
bietungen amtshandeln mußte. Durch diese Obliegenheiten 
gewann er Einblicke ins Leben, die einem Dichter von höch- 
ster Bedeutung sind, wurde er mit der praktischen Seite der 
Juripterei vertraut, eh er ein juridisches Studium betrieben 
hatte; überdies, kam er mit verschiedenen Kreisen in Ver- 
bindung, was sein Benehmen abschliff und ihm Weltgewandt- 
heit verlieh^'. 

Ein anderes, was Hebbel am Schreiberamt lockte, war, 
daß der Kirchspielvogt, beziehungsweise sein Vertreter, auch 
Polizei- und Friedensrichter war. Das aber kam einem alten 

Sftdger« Hebbel. fi 



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66 SADOER, HEBBEL. 



Wimsche des Dichters entgegen. Wir wissen, daß Zwangs- 
neurotiker wie rriedrich Hebbel immer ein Schuldgefühl 
mit sich tragen, aus freilich sexuellen Gründen, was in unserem 
Falle ein stetes Bedürfnis nach Rechtfertigung setzte, das 
allen so auffiel. Und viele ergreifen die juridische Laufbahn 
bloß, um noch Schuldigere zu sehen, als sie selber sind, und 
gleichzeitig auch die Mittel zu lernen, der gebührenden Strafe 
auszuweichen. Von Hebbel ist uns nun überliefert, daß die 
erste Arretierung, die das Eind mit ansah, der erste Selbst- 
mord, von dem »er sprechen hörte, eine ans Grauen streifende 
Überraschung ihm einflößten, weil er gar nicht begreifen 
konnte, wie schlecht die Erwachsenen den Katechismus re- 
spektierten, den sie doch alle auswendig gelernt hatten. Als 
Schreiber hatte er einmal auch einen Dieb zu verhören, mit 
dem er als Knabe gemeinschaftlich Äpfel gestohlen hatte. 
Die Erinnerung an den Kinderfrevel schüchterte ihn der- 
maßen ein, daß er einiger Minuten bedurfte, sich so weit zu 
fassen, die Amtsperson wieder hervorkehren zu können. Und 
Emil Kuh, der selber ein Stück Poet gewesen, gibt dazu 
die Erklärung: „Gewiß — die Dichter sind sündhaft, wie 
andere Menschenkinder, das erhöhte Schuldgefühl aber haben 
sie schlechthin gegen uns alle voraus." 

Wider J. J, Mohr hat Hebbel später so schwere An- 
schuldigungen erhoben, daß es sich verlohnt, der Sache auf 
den Grund zu gehen und vor allem des Angeklagten Persönlich- 
keit schaxfer zu prüfen, „Aus einer der angesehensten 
dithmarsischen Familien stammend, war Mohr vom Land* 
vogteisekretär zum Kirchspielvogte in Wesselburen aufge- 
stiegen und dabei gewohnt, sich in den höchsten Kreisen der 
Landschaft ausschließend zu bewogen. Dadurch war er in 
ein abgezirkeltes Formelwesen hineingeraten, das sich allge- 
mach mit seinen Neigungen und Bedürfnissen verflocht. Bei 
seiner Ankunft in Wesselburen hatte er nur zwei Familien 
seines Umganges gewürdigt, und auch diese nur deshalb, um 
nicht gänzlich isoliert dazustehen. Von seiner geistigen und 
wissenschaftlichen Befähigung, welche über eine bestimmte 
Glätte und Findigkeit nicht hinaus-zureichen schien, hatte er 



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JÜNQLINGSJAHRE. 67 



eine ungebührlich hohe Meinung. Ein geschulter Jurist, mit 
weltmannischen Spitzen und Liebhabereien, ein empfindliches 
und launisches Temperament, dem es jedoch an berechtigtem 
Nachdruck nicht gebrach: dies wird vielleicht am besten die 
Persönlichkeit des Mannes umschreiben. Als Beamter galt 
er allgemein für rechtschaffen, pünktlich und ordnungsliebend. 
Wohltatig wirkte Mohr insofern auf den jungen Menschen, 
als er ihn nötigte, Strich zu halten, das Begrenzte und Zu- 
nächstliegende ins Auge zu fassen imd in alles Denken und 
Tun Eegel und Takt zu bringen." 

Wie nötig just dies für Hebbel gewesen, erkennen wir 
aus dessen eigenem Bericht an Ludwig August F ran kl: 
.,Eines habe ich von ihm (Mohr) fürs ganze Leben gelernt: 
Ordnung. Ich fanfaronierte eines Tages gegen Freunde in 
meiner Stube, wie das ganze Amt auf mir laste usw. Da kommt 
Herr Mohr und verlangt ein Aktenstück von mir. Ich suche, 
finde eö nicht; er steht ruhig dabei. Ich suche weiter. 
Mir steigt das Blut zu Kopf. Ich finde das Aktenstück nicht. 
Da nimmt »Herr Mohr mir die Papiere gelassen auft der 
Haad: ,LaS(Se mich suchen,' sagt er. Er schied meine Privat- 
schreibereien aus, legte alles übrige nach Datum und Num- 
mer. ,Sieh,* sagte er, ,so muß man das machen. Deine Privat- 
sachen tue wo anders hinl* Darauf ging er. Hätte er getobt, 
mir wäre beösei: gewesen. Aber seine Buhe war wie ein Glüh- 
eisen auf meine Stirn gedrückt. Ich schämte mich vor meinen 
Freunden, 'Von dem Tage an war ich der pedantischeste 
Mensch auf der Erde und bin es noch heute. Das habe ich 
vom Mohr gelernt und ich erachte es für sehr viel." Aus 
diesen eigenen Worten des Dichters erhellt aber nicht nur, 
wie wohltätig dieser zumindest im einzelnen auf ihn gewirkt, 
sondern auch „das Fanfaronieren" Hebbels, das späterhin 
einiges erklären wird. 

Auch sbnst noch dankte er dem Vogte manches. Dieser 
hatte des Jünglings Leseeifer nicht sobald erkannt, als er 
ihm auch schon die Benützung seiner Bibliothek gestattete, 
die Dethlefsens Bücherschatz an Beichtum und innerem 
Werte weit übertraf. Diese Erlaubnis förderte Hebbel un- 

5* 



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GS SAOGER, HEBBEL. 



endlich, Wonngleiclx er später dies Verdienst des Vogtes nur 
widerwillig gelten ließ. Besonders fand er ein Konversations- 
lexikon vor, aus dem er die vielfachen Lücken seines Wissens 
— er hatte ja nur die Volksschule absolyiert — ergänzt haben 
muß und vieles zum erstenmal erfuhr. Auch lenkte ihn der 
Chef, wie er selbst bemerkt, auf Geographie und Geschichte 
bin, die Hebbel fürderhin stets lieb geblieben. „Werm 
Friedrich eines dieser Bücher gerade verschlang, so war er 
aus seinem langen, schmalen Arbeitszimmer nicht heraus- 
zubringen; oder er saß mit seinem Buche in dem der Kirch- 
spielvogtei vis-a-vis gelegenen, durch die Straße von ihr ge- 
trennten Gärtchen, allen Ablenkungen unzugänglich. Einer 
Steiner Jugendfreunde versichert, daß Hebbel in den Zauber- 
kreis dieser Bücherei so gebannt gewesen sei und mit solchem 
Eifer gelesen habe, als ob es gar keine Außenwelt gegeben, 
hätte. Er habe sich damals nur spärlich sehen laäsen, wenn 
nicht Geschäfte oder ein Gang zur Mutter ihn aus der Kirch- 
spielvogtei und ihrem Burgfrieden hinaustrieben. Sogar zur 
Nachtzeit betrieb er diese Lesestudien in seinem Bette, so 
daß nicht selten ganze Nächte hindurch ein Licht gebrannt 
hat." Mohr tat in jenen Tagen das Klügste, wa& einem 
Genie gegenüber möglich: er überließ es einfach sich selbst 
und seiner innerlich notwendigen Entwicklung. Nie erlaubte 
er sich die geringste Störung und den geringsten Eingriff, 
wohl aber förderte er Hebbel wesentlich durch seine Bücher 
und vielleicht nicht minder durch -die Amtsgeschäfte, die 
ihm die willkommene Möglichkeit boten, sich nach jeder Bich- 
tung hin auszubilden. 

Aus all dem erhellt, daß Mohr sich mancherlei schwer- 
wiegende Verdienste um den Jüngling erwarb, und es ist be- 
zeugt, daß dieser sich in den ersten Jahren in der neuen »Um- 
gebung recht wohl gefühlt hat i). Erst etwa um sein 18. Jahr 
herum tritt ein Umschwung ein, beginnt die schwere Erbit- 
terung des Dichters gegen seinen ehemals so verehrten Chef, 

1) Zu dieser großen ZTifriedenheit trug wohl auch die Befriedigung 
seiner sadistischen Bedürfnisse durch Ausübung polizeilicher Funktionen 
erheblich bei. 



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JÜNGLINGSJAHRE. 69 



was ihm anfangs selbst noch unbewußt bleibt. Um sie zu 
verstehen, dünkt es mich nötig, die innere Entwicklung des 
. Jünglings zu verfolgen, soweit die just hier sehr dürftigen 
Quellen dies noch gestatten. 

Zunächst war Hebbel bald der Mittelpunkt eines' 
Freundeskreises geworden, der sich aus Kollegen und Alters- 
genossen verschiedener höherer Berufe rekrutierte. Hier wies 
sich schon ein bezeichnender Zug. Nicht bloß, daß Friedrich 
der Anführer und Tonangebende war, er zeigte auch damals 
bereits das Bedürfnis, andere Personen tyrannisch zu beherr- 
schen oder, wie sein gewöhnlicher Ausdruck lautete: ein- 
ÄUschlücfeen. Dies galt vor allem von Johann Bar b er, der 
bald in die Bolte des Prügelknaben kam, auf den unser Dichter 
allen Mutwillen und alle Possen ablud und über den er ge- 
radezu deö^potisch verfügte. Das ist ein Charakterzug, der 
Hebbel fortab nicht mehr verließ. Er mußte stets einen 
Mann um sich haben, der völlig und blind sich ihm unterwarf, 
der einzig auf seine Worte hörte und jede seiner rasch wech- 
sielnden Launen sich ohne Murren gefallen ließ. Kousseau 
und Engläüder, Bamberg und Kuh wurden später die 
wichtigsten Vertreter dieser Gattung. 

Fragen wir ims nunmehr, wieso denn Hebbel zu solchem 
Despotismus kam, so müssen wir auf seinen Bruder zurückgrei- 
fen. Im zweiten Kapitel vernahmen wir bereitö, daß Friedrich 
allzeit der bevorzugte Liebling der Mutter war, die zum Ver- 
druß des Vaters ihn in Kost und Kleidung stets besser hielt, 
während Johann dagegen alle gröbere Arbeit verrichten mußte. 
Auch daß der geistig so Überragende den Jüngeren, welcher 
zu ihn^ in gläubiger Inbrunst aufsah, völlig beherrschte, ißt 
ebensowohl a priori plausibel, wie durch verschiedene Zeug- 
nisse erhärtet, nicht zuletzt auch durch das Verhältnis dei* 
Brüder in den „Einsamen Kindern*^ Ganz besonders jedoch 
mußte Friedrichs Überlegenheit zur Geltung kommen, nach- 
dem die einzige Stütze Johanns, der Vater, verstorben und 
jener nunmehr auch für den Bruder mit zu sorgen hatte. 
Bezeichnend hiefür ist folgende Brief stelle aus seinem 24. JahV: 
„Sehr gefreut hat es mich, endlich einmal von meinem Bmder 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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70 SADGER, HEBBEL. 



einige Zeilen wieder zu sehen; ich hatte mich darnach ge- 
sehnt. Auch gegen ihn habe ich so manches gut zu machen; 
er ist eine treue und gar nicht unbedeutende Natur und 
ich bin oft so hart gegen ihn gewesen, daß mich's noch in 
die Seele schneidet. Ach, das ist's überhaupt; der imge- 
rechte, wenigstens voreilige oder zu scharfe Schlag, den ich 
mit jähzorniger Hand erteile, schmerzt andere einmal und 
mich ewig und doch kann ich mich nicht zurückhalten. Ich 
bin in diesem Punkte ein wahrer Schwächling, sogar darin, 
daß ich's bekenne." 

Die tyrannische Ader dünkt mich aber noch eine andere, 
wenn auch vielleicht etwas schwächere Wurzel zu haben: das 
Verhältnis zur Mutter !)• Wir wissen ja längst, wie Lieb- 
lingskirider die verziehenden Eltern zu tyrannisieren pflegen, 
imd außerdem hat der Dichter im Tagebuch und einzelnen 
Briefstellen Geständnisse abgelegt, die mancherlei zu denken 
geben. So schreibt er z. B., als die Mutter in seinem 26. Jahre 
stirbt, ins Diarium hinein: „Gute, rastlos um deine Kinder 
bemühte Mutter, du warst eine Märtyrerin und ich kann mir 
nicht das Zeugnis geben, daß ich für die Verbesserung deiner 
Lage immer so viel getan hätte, als in meinen freilich geringen 

Kräften stand Ich war nicht selten, als ich dir noch 

naher war, rauh und hart gegen dich; ach, das Herz ist zu- 
weilen ebenso gut wahnsinnig wie der Geist, ich wühlte in 
deinen Wunden, weil ich sie nicht heilen konnte, deine 
Wunden waren ein G-egenstand meines Hasses, 
denn sie ließen mich meine Ohnmacht fühlen." Und noch 
bedeutsamer fast zwei Jahre früher, an Elise Lensing: 
„Ach, würde mir das eine nur vergönnt, meiner Mutter, die 
in Wahrheit bis jetzt nur vom Hörensagen weiß, daß auf 
Erden eine Sonne scheint, ein ruhiges Alter zu verschaffen! 
Es gehört bei dieser armen, genügsamen Frau, für die ein 
wärmer Unterrock ein Krönungsmantel, und eine Stube, worin 
sie nicht zugleich wohnen und schlafen muß, das köstlichste 
Fragment eines Palast's ist, so außerordentlich wenig dazu, 

1) Die wichtigste Beziehung zum Vater endlich werde ich spater im 
Zusammenhang besprechen. 



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OrfgfrTaffrom 
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JÜNGLINGSJAHRE. 71 



daß ich's allein darum dem Schicksal, wemi es mir diesen 
meinen liebsten und letzten Wunsch vereitelte, nicht ver- 
geben könnte. Schmerzlicheres hat nie einen Menschen ge- 
troffen, als Jean Paul der Tod seiner Mutter, die ihn so lange 
Jahre hindurch mit unermüdlicher Geduld durch ihrer Hände 
Arbeit ernährt hatte, und die eben da starb, als er sich 
zum erstenmal im stände sah, einen Teil seiner Schuld an 
sie abzuzahlen. Wie er's aushielt, begreif ich kaum; doch 
mögt' ihn das Gedächtnis der ihr fort und fort 
bewiesenen Liebeszeichen trösten. Was blieb' 
aber mir in einem solchen Falle, da ich die meinige, solange 
ich bei ihr war, so oft durch Harte verletzte, und da selbst 
meine Liebe eine ungestüme Flamme ist, die, wenn sie nicht 
sogleich verstanden w|rd, versehrt, statt zu erwär- 
men. Wirklich, wenn ich zuweilen über mich nachdenke^ 
so kommt mich das Grauen an, weil meine Natur, in der. 
leider der Augenblick diktatorisch gebietet, so entsetzlich . 
für jene Art des Unglücks, das man zum Teil auf seine eigene 
Eechnung setzen muß, inkliniert. Daß meine früheren nichts- 
würdigen Verhältnisse mich entschuldigen, weiß ich; aber 
das Übel bleibt darum gleich groß." 

Trotz jenes „liebsten und letzten Wunsches", der Mutter 
ein sorgloses Alter zu bieten, tat Friedrich eigentlich wenig 
dazu, ja man könnte fast sagen, daß sein ungestümes Drän- 
gen, von Wesselburen fortzukommen, gerade jenen angeblich 
gar so heißen Wunsch für lange hinaus unmöglich machte. 
Selbst wenn *man Hebbel die Naivität zutraute, sich bei 
Öten damaligen literarischen Verhältnissen und seiner TJh- 
fähigkeit zur „Handwerksschriftstellerei" durch poetische Ar- 
beit Eeichtümer zu erwerben, so dünkt mich doch sein ganzes 
Verhalten in dieaen Jahren von rein egoistischen Triebfedern 
geleitet. Wir haben vernommen, wie hoch er bereits in seiner 
Kindheit die Dichtkunst stellte. Damals nun, etwa um das 
16. Jahr, scheint er zum Bewußtsein seiner poetischen Kraft 
gekommen zu sein, das ihn fortab nicht mehr verließ imd sogar 
«u einer Zeit, da er noch gar nichts geleistet hatte, einen 
eigenartigen Hochmut verlieh, von dem ich in Bälde reden 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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72 SADGER, HEBBEL. 

: -^ 



werde. Die Mutter aber hatte einfach zu warten, bis er ein 
berühmter Poet geworden. Noch zehn Jahre später, als er in 
München die bedenkliche Verschlimmerung ihres Befindens 
erfuhr, dachte er keiAen Augenblick, die Krankheit könne 
auch böse enden. „Daß die Mutter sterben würde, schien 
mir . unmöglich," schrieb er an Elise. j,Es gibt Geschicke, 
vor denen man, aller Wandelharkeit desi Irdischen ungeachtet^ 
sicher zu sein glaubt; dahin gehörte für mich dieser frühe 
Tod meiner Mutter^).., Eines steht fest: sie soll nicht 
umsonst einen Dichter geboren haben. I<jh will ihr Andenken 
bekleiden mit dem höchsten Schmuck der Poesie, soweit er 
mir zu Gebote steht ; der Scheiterhaufen, der sie verzehrt hat^ 
soll sie nun auch ver klaren." Gleichwohl ließ ihn der Tod 
der Mutter, obwohl er angeblich nur für sie und seinen 
Leichenstein gearbeitet hatte, ziemlich kalt. 

War doch um das' 16. Jahr herum noch in Wesselburea 
eine tiefe Wandlung seines Wesens erfolgt, als er durch den 
Einfluß der Pubertät seiner Dichterkraft .sich bewußt ge^ 
worden. Um zunächst den großen sexuellen Vorstoß der 
Mannbarkeitsjahre zu ermessen, führe ich an, daß er trotz 
anfangs fortdauernder Neigung zu Emilie V o ß doch auch für 
eine Reihe von Mädchen schwärmte. Bekannt geworden sind 
folgende Kamen, die sich auf wenige Jahre erstrecken : Wiebke 
Elvers, Doris Voß, Margarete Carstens und Hedwig 
Schulz. Erfahrungsgemäß läuft nun parallel mit dieser 
Entwicklung des Geschlechtstriebes auch ein gesteigertes 
Selbstbewußtsein. Vom 16jährigen Hebbel berichtet ein 
Jugendfreund: „Er disputierte über alles und in der flie- 
ßendsten, gewandtesten, niemals anstoßenden und sich niemals 
verbessernden Sprache ; mochte aufs Tapet kommen, was da 
wollte, er war immer schlagfertig. Die einfachsten Erleb- 
nisse wußte er auf die hübscheste Weise ausgeschmückt vor- 
zutragen. Überhaupt war er unterhaltend, wie ich bis* dahin 
keinen Menschen kennen gelernt hatte. Dabei kam es ihm^ 

1) Diese feste Zuversicht kommt gleichfalls dem Zwangsneurotiker ru, 
der ja schon einmal von Gott einen Aufschub ei'zwungen hatte, da sich 
sein Vater zum Sterben legte. 



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OrfgfrTaffrom 
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JÜNOLINGfiJAHRE. 78 



wenn er einmal im Singen war, auf eine Haadvoir Noten nicht 
an," ein Zug, der im Leben des Diöhters immer wiederkehrt. 
Im ganzen aber, betont der nämliche Gewährsmann, sei er 
ihm als Mensch erschienen, dem ein gewisses gegen-den-Strom- 
schwimmen geradezu Natur sei. Noch bezeichnender ver- 
sichert der ehrliche Hedde, daß He h bei schon damals das 
Bewußtsein des Talents und einer starken Persönlichkeit hatte. 
Die Dichtkunst stellt er über alles und, als er einmal von 
jenem einen Walzer auf dem Piano spielen hörte, rief er 
pathetisch: „Deine Kunst ist zwar groß, aber größer ist die 
meine I" Um diesen Ausspruch würdigen zu können, muß 
man bedenken, daß Hebbel damals eigentlich noch gar 
nichts geschaffen hatte und vor allem nichts von künstleri- 
schem Werte. 

Mit dieser Hinneigung zur Poesie ging aber noch eine 
Wandlung vor sich, die bestimmend für sein Leben wurde. 
Um ein Dichter zu werden und sich durchzusetzen, brauchte 
es Jahre und vor allem tatkräftiger Unterstützung von außen. 
Hatte er früher den Vorsatz gefaßt und eine Zeitlang auch 
durchgeführt, der Mutter den Ernährer zu ersetzen, indem 
er die Rolle des Vaters übernahm, so wurden ihm jetzt die 
Wunden, die sie trug, „ein Gegenstand des Hasses*'. Jedesmal 
brauste er unwillig auf, wenn ihn etwas an diese Fessei ge- 
mahnte 1). Unbewußt kehrte er zum infantilen Ideal zurück, 
zum Kinde, das von Vater und Mutter Erhaltung und stete 
Fördertmg heischt bis zu völliger Aufopferung ihrer selbst. 
Natürlich war es nicht mehr die Mutter oder gar dei- längst 
verstorbene Erzeuger, sondern deren spatere Vertreter auf 
Erden^ die ihm helfen sollten, aus der nunmehr unleidlich 
empfundenen Wesselburner Enge herauszukommen. Von Män- 
nern also Mohr, Lebrun, Uhland und Oehlenschlae- 
ger, von Frauen die Schoppe und Elise Lensing. Und 
OS ist bezeichnend, daß ihm Hilfe am Ende tatsächlich von 
zwei Frauen ward, die im besten Wortsinn „inüttetlich" han- 
delten. Schrieb doch die Schoppe geradeheraus: „Nennen 

1) Eine andere Wurzel für sein Betragen ist natürlich im Sexuellen 
zu suchen. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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74 SADGER, HEBBEL. 



Sie mich Amalie — das steife Madame oder Frau Doktorin 
gefällt mir nicht; ich könnte Ihre Mutter sein — mein Karl 
war fast so alt wie Sie — und ich bin Ihre Freundin. Meine 
41 Jahre geben mir in dieser Hinsicht alle nur zu wünschende 
Freiheit; die Jahre, wo man versucht sein koimte, mir die 
Cour zu machen, sind vorüber, ich kann nur noch kindliche 
Gefühle einflößen und wünsche sie von der teuren Jugend, 
die sich zu mir drängt/* Das war die richtige Helferin für 
Hebbel, die Frau, welche ihren verstorbenen Sohn nicht 
vergessen konnte und in dem Gleichaltrigen sein Ebenbild 
sah, während diesem wieder in der ohne Rast um ihn Be- 
mühten die tatkräftige, ersehnte, opferwillige Mutter erstand. 
Und was nun vollends Elise für den Dichter tat, das ist in 
die Annalen der Literatur für die Unsterblichkeit eingetragen. 
Ein bezeichnend Detail, In den Jahren zwischen 18 und 22 
bekam er zum erstenmal Kleistens „Kätchen von Heil- 
bronn" zu hören, das seine Innersten Wünsche erfüllte. Als 
sehr viel später, 1845, eine nochmalige Lektüre schwerste 
kritische .Bedenken weckte, ward ihm ungeheuer leid um den 
verlorenen ersten Eindruck, „O wie mich das schmerzt I Kät- 
chen, du mein liebes Kätchen von Heilbronn, dich muß ich 
verstoßen, dir darf ich nicht mehr so gut bleiben, als ich dir 
wurde, da ich dir, noch Jüngling, zum erstenmal in die süßen, 
blauen Augen schaute und mir dein rührendes Bild 
alles aufopfernder und darum vom Himmel nach 
langer, schmerzlicher Probe gekrönter Liebe, 
ich glaube für ewig, in die Seele drückte! Wie 
ein Stern bist du in einer trüben Zeit über meinem Haupte 
aufgegangen und hast jene Seligkeit, die mir das 
Leben noch verweigerte und nach der mein Herz 
doch schon ungeduldig schmachtete, in meine 
Brust hineingelächelt; deine Schmerzen habe ich ge- 
teilt; denn mir war, als ob ich ebenso hinter dem Glück 
herzöge, wie du hinter deinem spröden Grafen, und auf deiner 
Hochzeit war ich der fröhlichste, wenn auch zugleich der 
stillste Gast, denn ich glaubte fest wie du, wenn ich mich 
auch nicht so klar auf den prophetischen Traum, der meinen 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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JÜNGLINGSJAHRE. 75 



Wünschen die Erfüllung verhieß, besinnen konnte, an endliche 
Erhörung. Sie ziehen alle wieder an mir vorbei, die linden 
Frühlings- und Sommertage, die oft so schön waren und die 
mir doch nichts brachten als erhöhte Sehnsucht und zuweilen 
auch erhöhtes Vertrauen; wie goldene Kahmen kommen sie 
mir jetzt vor, die sich ^nicht um ein Bild, sondern um die 
leere Luft zusammenschlössen. Aber damals empfand ich 
das nicht so, ich schaute durch diese Rahmen hindurch in 
den Duft der Abendröte hinein, wo die Zaubet^estalten tanzen 
und schweben, die der Dichter schafft, weil die Natur sie 
nicht unmittelbar schaffen kann, undvondiesenGe st al- 
ten warst du lange der Mittelpunkt Mir 

däucht, du kamst in die Welt, um zu zeigen, daß 
die Liebe eben darum, weil sie alles hingibt, 
alles gewinnt, und vielleicht auch, imi zu beweisen, 
daß Plato, als er über dem Geheimnis der Neigung brütend, 
sich zu der Idee der Reminiszenz verstieg, wenn 
auch ein halber, so doch kein ganzer Narr gewesen ist." 

Hier ist es in klaren Worten gesagt, ,welch tiefste Wünsche 
den Jüngling durchfluteten : die Sehnsucht nach einer großen 
Liebe, die eben darum, weil sie alles hingibt, auch alles 
gewinnt, und daam, was er später in München so selig als 
erfüllt empfand, „die Träume seiner frühesten, die Phanta- 
sien seiner späteren Jugendjahre", ein Dichter zu werden. Und 
auch das Urbild der alles aufeßfemden und darum endlich; 
siegenden Liebe ist deutlich gekennzeichnet in Piatos „Idee 
der Reminiszenz**. Mit anderen Worten, es ist Hebbels 
Mutter in den frühesten Tagen, da sie auf seine Hilfe nicht 
zahlen konnte, sondern ihm noch alles selber hingab bis zu 
eigenem Hungern. 

Von diesen beiden tiefsten Sohnsüchten war ihm nur die 
zweite zum Bewußtsein gekommen, und auch diese zunächst 
bloß in der Verkleidung eines Durstes nach „höherer wissen- 
schaftlicher Ausbildung". Wie ihm da allmählig der Wessel- 
bumer Kreis zu enge wurde, ja schließlich geradezu völlig 
unleidlich, hat der Dichter selber in einem autobiographischen 
Bericht an Arnold Enge mitgeteilt, der im Gegensatz zum 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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7« SADGER, HEBBEL. 



Tagebuciic und vielen Briefstellen auch seinem einstigen Priii- 
zipal gerechter wird. „Ich konnte mich erst in meinem 
22sten Jahre dem Studieren widmen, befand mich im 
übrigen aber in ganz erträglichen Verhältnis- 
sen; ich ging nämlich dem Kirchspielvogt meines Geburts- 
ortes in seinem ausgebreiteten Geschäftskreise an die Hand, 
wurde dann sein Sekretär und hatte so früh Gelegenheit, in 
die Mannigfaltigkeit dos menschlichen Tuns und Treibens 
belehrende Blicke zu werfen. Natürlich wußte ich das da- 
mals nicht zu schätzen und begriff nicht, wie es jemals vor- 
teilhafte Folgen für mich haben könne; ich fühlte micBi im 
höchsten Grade unglücklich, weil ich nach höherer wissen- 
schaftlicher Ausbildung dürstete, machte auch die abenteuer- 
lichsten Versuche, mich aus der mich drückenden Lage zu 
befreien, sah aber alle mißlingen. Bald wandte ich mich 
an einen berühmten Dichter um Hilfe, bald entschloß ich 
mich, aufs Geratewohl mit einem jungen Musiker in die 
Welt zu gehen, bald fühlte ich mich versucht, mich einem 
Schauspielertrupp anzuschließen, doch das eine blieb ohne 
Erfolg und dem anderen stellten sich Hindemisse unbesieg- 
barer Art entgegen. Übrigens- kann keiner, der in einer großen, 
an Bildungsmitteln überreichen Stadt aufwuchs, sich eine 
Vorstellung davon machen, wie einem strebenden Geiste, einem 
erwachenden Talent in der Einöde eines Dithmarsischen 
Marktfleckens, den die Kultur nur in Makulaturgestalt be- 
rührt j zu Mute ist. Jedes Buch, das der Zufall dahin ver- 
schlägt, ist ein Ereignis; aus dem Liede, das- ein durch- 
reisender Handwerksbursche singt oder pfeift, erfährt man die 
Existenz eines großen Dichters, von dem man bis dahin nichts 
wußte; ja stogar der Orgelkasten kommt, des begleitenden 
Textes wegen, mit in Betracht.* Aber eine solche Ab- 
geschlossenheit -von der ganzen Welt hat, so 
schwer sie auch zu ertragen ist, nichtsdesto- 
weniger auch ihre Vorteile und, wahrlich, ich 
M^ögte jetzt, wo ich die Dressier anstellten des 
Staates aus eigener Anschauung kenne, meinen 
einsamen und allerdings etwas mühseflligen Ent- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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JÜNGLINGSJAHRE. 77 



wicklungsgang nicht mit dem gewöhnlichen ver- 
tauschen. Es schadet an mid für sich gar nichts, wenn 
die Säfte in der Wurzel ziemlich lange zurückgehalten wer- 
den; das gib* hinterher nur einen um so kräftigeren Schuß, 
Und dann ist es unglaublich, was der Mensch, der gezwungen 
ist, sich der Welt unmittelbar gegenüber zu stellen, ihr mit 
eigenen Kräften abzugewinnen vermag. Ich habe seit 
meinem 22sten Jahre, wo ich den gelehrten Weg 
einschlug und alle bis dahin versäumten Sta- 
tionen nachholte, jiicht eine einzige wirklich 
neue Idee gewonnen; alles was ich schon mehr oder 
weniger dunkel ahnte, ist in mir nur weiter entwickelt und 
links und rechts bestätigt oder bestritten worden. Ich bin 
der Meinung, daß nichts den ursprünglichen 
Kern, den man mir zugesteht, so zusammenge- 
halten hat als jene Einsamkeit, weiß es aber frei- 
lich auch zu würdigen, daß sie zur rechten 2Jeit ein Ende 
nahm und daß es mir vergönnt war, den Inhalt der Welt 
in mich aufzunehmen, als der individuelle Mensch in mir 
seine feste, unzerstörbare Form ein- für allemal gewonnen 
hatte." 

Heben wir aus diesem Eigenbericht die wichtigsten Stel- 
len nochmals heraus. Es ist kein Zweifel, daß Hebbel in 
der Kirchspielvogtei nicht nur „in ganz erträglichen Verhält- 
nis^sen lebte", sondern daß er vielmehr dort einen trefflichen 
Nährboden fand für seine Begabung, einen Humus, wie er 
vielleicht gar nirgends besser zu finden, und daß gerade die 
Wesöelbumer Einsamkeit sein Genie aufs beste zusammen- 
hielt. Von irgend welchen Vorwürfen gegen Mohr ist nicht 
die Rede, ja man kann aus dem Verschwiegenen erschließen, 
daß jener Hebbels geistige Entwicklung zumindest durch 
Ge-währenlasisen und dadurch, daß er den Jüngling in die 
rechte Umgebung stellte, wesentlich förderte. Warum sich 
aber dieser schließlich trotzdem „höchst unglücklich fühlte", 
wird s^ter zu erörtern sein. Nur eines sei gleich vorweg- 
genommen, daß der „Durst nach höherer wissenschaftlicher 
Ausbildung" bloß eine einzelne und noch dafiju nicht die stärkste 



C^ nonl^ Orrginaf from 

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78 SADGER, HEBBEL, 



Ursache für seine vorzweifelte Stimmung abgab. Ein nämliches 
läßt sich von einer anderen Brief bemerkung sagen: „Es kam 
mir vor, als wenn der Aktenstaub in mir einen Dichter er- 
stickte, und da es nnbezweifelbar ein Unglück ist, wenn 
der Mensch seine höchsten Kräfte zum Dünger der niedrigen 
hergeben muß, so hatte ich ein Kecht, mich unglücklich zu 
fühlen." 

Die Befreiung aus der heimatlichen Enge „hatte ich 
meinem Dichtertalent zu verdanken. Dies regte sich sehr 
früh; ich habe schon Verse, wenigstens Reime gemacht, als 
ich noch nicht im stände war, sie aufzuschreiben, und kann 
mich noch jetzt einiger aus' meinem vierten Jahre erinnern, 
die freilich nie ein Menschenkind aus meinem Munde ver- 
nehmen wird. Man glaube jedoch nicht, daß ich mich darum 
auch für einen Dichter hielt; im Gegenteil, Ein großer, ja 
der größte Begriff von der Kunst war, ich muß mich so aus- 
drückeUj mit mir geboren imd stieg mit meiner Entwicklung, 
so daß das Sonett, womit meine erste Gedichtsammlung 
schließt, die imbedingteste subjektive Wahrheit enthält i). 
Aber ich konnte doch trotzdem nicht widerstehen, Verse zu 
machen, sie setzten sich mir unwillkürlich im Kopfe zu- 
sammen und ich fing an, was ich noch tue und was bei mir 
mit der poetischen Tätigkeit unzertrennlich verbunden ist, 
sie halb abzusingen; auch war von einem Eeflektieren über 
diese Verse bei kaltem Blut, ja von einem Beziehen deraelben 
auf den Dichterbegriff natürlich erst in späteren, in den 
frühesten Jünglingsjahren die Eede. Aus den Versen wurden 
nach und nach Gedichte; anfangs solche, die ich bald nach 
dem Entstehen unter schmerzlichster Selbstverhöhnung wieder 
zerriß, dann solche, die sich etwas länger beim Urheber im 
Ansehen erhielten, darauf aber auch mit um so größerer Er- 
bitterung vernichtet wurden, endlich solche, die sich behaup- 

1) Vgl. dazu insbesondere folgende Verse: 

„Dir, heil'ge Kunst, dir hab* ich mich ergeben! 
Nicht drängt' ich mich, du riefst mich zum Altare, 
Ich rang mit dir, ob ich mich frei bewahre, 
Du siegtest, nimm mich denn auf Tod und Leben!" 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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JÜNGLINGSJAHRE. 79 



teten, wenn ich ihnen in jenen hypochondrischen Stunden, 
wo der Mensch sich gern auf eine völlige Null reduzieren 
mögte, auch noch so grimmig zu Leibe ging. Von den Ge- 
dichten der .zweiten Gattung schickte ich in der Periode, wc 
ich so viele Emanzipationsversuche unternahm, einige Pro- 
ben an die Schriftstellerin Amalia Schoppe in Hamburg, 
die dort für 'Schneider und Nähmamsellen ein Modeblatt her- 
ausgab. Sie wurden von der milden Frau mit einer Wärme 
und Anerkennung begrüßt, die ich selbst schon nicht mehr 
begriff, als ich sie gedruckt zu Gesicht bekam; das war 
aber verhängnisvoll für mich, denn an das Interesse, was 
dieste unreifen Produkte unverdienterweise erregten, knüpfte 
sich die Krisis meines Lebens und so bestätigten sie den 
alten Satz, daß das Fahrzeug, welches dem Schiffsankertau 
trotzte, zuweilen durch einen Spinnwebsfaden in Bewegung 
gesetzt wird. Amalia Schoppe erkundigte sich nach meinen 
Verhältnissen, ich vertraute mich ihr an und sie ruhte nicht 
eher, als bis sie mir die Pforte meines Gefängnisses, das mir; 
je älter ich wurde, um so unerträglicher werden mußte (und 
zuletzt auch mit vollem Eecht), geöffnet hatte." 

Ergänzen wir* den vorstehenden Bericht durch eine Notiz 
auö einem Briefe Hebbels an die Schoppe. Lange be- 
mühte sich diese Gönnerin ganz vergeblich. Endlich konnte 
sie jenem melden, sie hätte Aussichten zum Studieren für 
ihn, das Fräulein Jenisch wolle 100 Taler hergeben und 
außerdem stünden noch ein paar Beiträge zu erwarten. „Ich 
atmete frei aufi>" fährt Hebbel fort, „doch mein Prinzipal 
schüttelte den Kopf und bemerkte: es gehört zum Studieren 
viel, stehr viel, und das Fräulein Jenisch verheiratet sich. 
Ich hörte nicht auf diese Äußerung, sah wohl gar etwas 
ganz anderes? darin, als darin lag, entschloß mich 
ohne Zögern, das mir gebotene Handgeld des Glückes anzu- 
nehmen, leistete auf meine Stelle Verzicht und kam nach 
Hamburg." 

Mich dünkt, die obige Zwischenbemerkung über die Mei- 
nung des Vogts am besten in die Tiefe zu führen. Hebbel 
traute dem Prinzipal und Obervormund offenbar nicht mehr 



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80 SAD6EB, HEBBEL. 



und sah in seinen mahnenden Worten ganz andere Motive, 
als wirklich bestanden. Um diesem Manne nicht Unrecht 
zu tun, wozu die Versuchung sehr nahe liegt, da von ihm 
selber außer dem Zeugnis für den einstigen Schreiber keine 
Zeile vorhanden, wohl aber wider ihn wuchtige Anklagen 
imseres Dichters, ist nüchtern zu prüfen, wie sich dessen 
Lage und Zukunftshoffnungen in seihen ' Augen abspiegeln 
mußten. Die Stellung Hebbels war nach einem Briefe des- 
selben an die Schoppe „bürgerlich gesichert und bei dem 
allgemeinen Vertrauen, da« man ihm in öffentlichen Ge- 
schäften bewies, bei der Aufmerksamkeit, die er noch ganz 
in der letzten Zeit durch einen publizistischen Aufsatz er- 
regte, durfte er auch für die Zukunft auf emß ehrenvolle 
Existenz rechnen". Diesen Posten, welcher ihm obendrein 
noch die Möglichkeit bot, für seine Lieben manches zu tun, 
den wollte er nun hinwerfen ohne ein rechtes Ziel vor Augen. 
War's ihm doch weit mehr um innere Ausbildung ala irgend 
einen praktischen Zweck zu tun, und er hätte nach seinem 
eigenen Ausdruck, von Mohr und Wesselburen fortzukommen, 
in die Luft gegriffen und nach Spinnfäden gehascht, um 
sich daran zu halten. Die Idee, zu studieren, hatte erst die 
Schoppe ihm eingegeben, sie entsprang durchaus keinem 
Herzensbedürfnis. Obendrein ließ die materielle Fundierung 
so gut wie alles zu wünschen übrig. Mit 150 Talern bar, 
die seine Gönnerin zusammengebettelt, und der Aussicht auf 
einige Freitische in Hamburg mit der dazu gehörigen De- 
mütigung von Seiten der sogenannten Wohltater sollte der 
Schreiber ein jahrelanges Studium beginnen. 

Kein Wunder, daß Mohr den Kopf dazu schüttelte, zu- 
mal sich vermutlich auch innere schwere Bedenken regten. 
Zunächst ob der äußerst mangelhaften Vorbildung des 22]äh- 
rigen Kandidaten. Im Grunde war Hebbel nicht mehr als 
ein emeritierter Volksschülor, der sein bißchen Wissen nur 
der spärlichen Lektüre in dem kleinen Heimatsneste verdankte. 
Die Lernfähigkeit des Maurersohnes war, wie wir bald ver- 
nehmen werden, auch keine große, hingegen sein Selbst- 
bewußtsein ein maßlos hohes, sogar zu 'einer Zeit, da er noch 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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JÜNGLINOSJAHRE. 81 



gar nichts geschaffen hatte. Vielleicht stieß jnst dieser letz- 
tere Punkt Mohr besonders ab. Wir hörten ja aus Heb- 
bels eigenem Munde, wie jener ihn einst durch die Tat 
widerlegte, da er gewaltig fanfaronierte, es laste das ganze 
Amt auf ihm. Auch was uns sonst von verschiedenen Ju- 
gendfreunden überliefert, erweist, wie der Jüngling sich über- 
nahm. Weit mehr als Demetrius, von welchem der Dichter 
selbst es gestand, scheint mir Holofemes mit seiner unge- 
henerlichen Kraftmeierei sein Ebenbild von damals darzu- 
stellen. Ob aber in ihm ein Größeros steckte, als die ge- 
wöhnliche Pubertätsbegabung, sagen wir eines talentierten 
Jünglings, konnte zu jener Zeit niemand erahnen, im besten 
Falle die Liebe erhoffen; Denn genau so wie Friedrich glänzen 
alljährlich Legionen junger Sterne auf, die niangels einer ge- 
nialeren Anlage entweder völlig zu Grunde gehen oder in 
dürftiger Stellung enden. Was Hebbel bis zum Abschied 
von Mohr geleistet hatte, waren ein paar mäßig gelungene 
Gedichte, größtenteils aber ganz Minderwertiges, durch dessen 
Publizierung vielleicht dem Biographen, doch kaum dem 
Poeten ein Gefallen geschieht. Auf solche Prämissen eine 
Zukunft zu bauen und ein Sicheres zu lassei^, mußte den 
besonnenen Kirchspielvogt ein sehr bedenkliches Wagnis dün- 
ken» und ich begreife recht wohl, daß er sich weigerte, durch 
seine Beihilfe den Schreiber ins Ungewisse zu locken. Wie 
recht er gesehen, erwies sich gar bald, da dessen folgende 
Wanderjahre trotz aller Unterstützung von Seite Elisens zu 
wahren Hungerjahren wurden, ja Hebbel ohne deren Auf- 
opferung vermutlich zu Grunde gegangen wäre. 

Wie wohl ihm bei alldem der Kirchspielvogt wollte und 
wie spät dies Hebbel noch anerkannte, beweist uns dessen 
Brief an Ludwig Uhland in seinem 20. Lebensjahre. Da 
schrieb er nämlich wörtlich: „Gleich nach dem Absterben 
meines Vaters wurde ich von dem hiesigen Kirchspielvogt 
Mohr, einem so menschenfreundlichen als ge- 
bildeten Mann, insi Haus genommen, um ihm als Schreiber 
in seihen zahlreichen Geschäften beizustehen: mein Herr 
behandelte mich so gut, wie ich nur immer wün- 

Sadger, Hebbel. 6 



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SADGER, HEBBEL. 



sehen kann: ich könnte daher wohl mit meiner 
Lage zufrieden »ein: allein es fehlt mir hier fast an 
jeder Gelegenheit, mir einige Bildung zu erwerben, welche 
ich mir doch so außerordentlich gern erwerben mögte. Mein 
Herr sieht dieses selbst ein und hat schon wie- 
derholentlich gegen mich geäußert, daß ich 
nicht am rechten Platze stehe: er aber wußte so 
wonig einen Ausweg als ich selbst," 

Und gleichwohl füllt sich des Dichters Seele in deix 
nächsten zwei Jahren mit tiefer Erbitterung, um nicht zu 
sagen Gehässigkeit wider den einst Verehrten, die nunmehr 
sein ganzes Leben fortdauert und He b be 1 zu ebenso schwereri 
als ungerechten Anklagen drängt. Prüfen wir, was er „dem 
menschenfreundlichen Mann" in zahlreichen Briefen und Tage- 
buchstellen 'eigentlich vorwirft. Da heißt es z. B. ein Jahr 
nachdem er Wesselburen verlassen:» „Nur schade^ daß ich, 
durchaus nicht auftreten kann, wie ich wünschte. Das ist 
auch etwas, wofür ich meinem teuren Kirchspielvogt zu 
daiiken habe und dankenwerd e." Ein paar Monate später : 
„Ich denke hauptsächlich an jenen Mohi*, der als ekelhafte 
Blattlaus über meine frische Jugend hinkroch und sich al& 
jämmerliches juste milieu zwischen mich und die sogenannte 
bare, blanke Not, deren Anhauch mich mehr gekräftigt hättc^ 
als das Hocken unter seinem kümmerlichen Eegenschirm, hin- 
stellte; o weh, wie hat der Mann mich in meiner tiefsten 
jülenschheit gekränkt: mög' er's nimmer empfinden. Dies 
wollt' ich jetzt nicht sagen (daß ich immer unwillkürlich 
darauf zurückkomme, zeigt mir und anderen, daß die Wunde 
unheilbar, also tödlich ist), ich wollt' nur sagen, daß vor- 
nämlich der zu- einer Zeit, wo ich hinter jedem Schleier Wun- 
der vermutete und in jedem Tempel, zu dem mir der Zutritt 
verrammelt war, den einigen wahren Gott, mir die Wissen- 
schaft als den Basilisken, der erst versteinern müsse, be- 
vor man leben könne oder dürfe, entgegenhielt." Und wieder, 
nach einem Vierteljahr: „Der Tag ist nicht fem, an dem 
gewisse Leute, denen ich, je älter ich werde,^um so weniger 
vergeben kann, es bereuen und sich schämen mögten, mich 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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JÜNGUNGSJAHRE. 8S 



einst mit Stallknecht und Taglölinern an den Milch- und Brei- 
tisch gesetzt zu haben. Das Blut tritt mir in die Wangen, 
wenn ich nnr daran denke, und bei Gott im Himmel, ich ver- 
gesst es nicht, und der Mann wird den armen, hilflosen, 
schnöde gcmißhandelten Jüngling über kurz oder lang 
rächen/* 

Hier rührt der Dichter an einen Vorwurf, den er sitets 
zu erneuern nimmer ermüdet: „Ich habe dem Kirchspielvogt 
Mohr gegenüber Ursache nicht zum Haß, aber zur bitteren 
Geringschätzung auf alle Zeiten. Woher kommt mein schüch- 
ternes, verlegenes Wesen, als. daher, daß dieser Mensch mir 
in der Lebensperiode, wo man sich geselliges Benehmen er- 
werben muß, jede Gelegenheit dazu nicht allein abstjhnitt, 
sondern naich dadurch, daß er mich mit Kutscher und Stalle 
magd an einen und denselben Tisch zwang, aufs tiefste de* 
mütigte und mir oft im eigentlichsten Verstände das^ Blut 
aus den Wangen heraustrieb, wenn jemand kam und mich 
so antraf. Nie verwinde ich das wieder, nie; und darum 
habe ich auch nicht das Recht zu verzeihen." Ebenso im 
Tagebuch vom Jahre 1838; „daß ich im Dithmarschen geistig 
schon so hoch stand (ich wußte von Kunst und Wissenschaft, 
was ich jetzt weiß, und hatte die Jungfrau imd da^ 
Kind usw. schon gemacht) und dennoch gesellschaftlich von 
dem K. M., der mich erkannte, so niedrig gestellt ward, ist 
dais größte Unglück meines Lebens. Dies begreift niemand, 
als der es selbst erfuhr." Aus seinem Eachebedürfnis heraus 
fand er auf einmal im Gegensatz zu früheren eigenen Aus- 
führungen: „Meine Jugend war eine Hölle, meine frischesten 
Jünglingsrjahre mußte ich auf der schnödesten Galeere unter 
dem Kommaiido eines vornehmelnden Philisters vergeuden.** 
Und als er von König Christian VIII. ein Stipendium bekam, 
freute er sich vor allem, daß dies bereits in den Blättern 
stehe und ihn in den Augen seiner Landsleute „ohne Zweifel 
mit Glanz bedecken" werde. „Ich will auch gar nicht leugnen, 
daß ich mir diesfe Satisfaktion dem rohen Pöbel gegenüber, 
der sich an meiner Jugend versündigt hat, von Herzen gönne.'*' 

Sind diese Anklagen ersichtlich ab irato erhoben und 



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84 SADGER, HEBBEL. | 

- — ' ^ _ . I 

i 
darum allein schon stark zu reduzieren i), so scheinen da- 
gegen zwei andere Vorwürfe recht bedenklich. Zu beachten 
ist freilich von vornherein, daß Hebbel selber sein Ver- 
hältnis zu Mohr in die Worte, faßt: „Es gibt Ungerechtig- 
keiten, die gerade nur dieser Mensch gegen j enen begehen 
und deren Größe der Gekränkte nur dadurch zeigen kann, 
daß er ebenso viele gegen den anderen begeht. . 
In diesem Falle befinde ich mich zu dem Kirchspielvogt 
Mohr in Wes-selburen." Und weiter, daß diese schwersten 
Anklagen erst erhoben wurden, als Hebbel sich für Kuh 
beleidigt fühlte und auch durch einige Bemerkimgen Mohrs 
im Innersten gereizt. So beispielsweise, daß dieser sich als 
seinen Wohltäter bezeichnete, in dessen Hause jener aufge- 
wachsen sei. Damit aber hatte er an einen argen Komplex 
gerührt, auf den ich noch später zu reden kommen werdje. 
Die nächste Beaktion bei unserem Dichter bestand nun darin, 
daß or jetzt seinerseits Dinge behauptete, die mit den eigenen 1 
früheren Erklärungen nicht recht in Einklang zu bringen j 

sind, und anderes wieder ganz sonderbar färbte. Was soll 
man z, B. zu der Anklage sägen: „Sie gefielen sich bis zu 



1) In «inem jüngst publizierten Brief (an Jakob Franz vom 9. Juui 
1885) heißt es wieder: „Der letzte von meinem Bruder an mich ein^* 
sandte Brief hat mir eine Schildorung von seiner und meiner Mutter Not 
gemacht, die mir das Herz emporsträubte. Der Kirchspielvogt Mohr muß 
doch ein gemeiner Kerl seyn, da er meiner iTamilie den letzten geringen 
Terdiensty den sie noch hatte, ohne alle Ursache entzogen hat; ich habe 
Gott um Gelegenheit zur Dankbarkeit angefleht, und wehe meinem Feind 
(als solchen betrachte ich ihn jetzt), wenn meine Bitte jemals 
erhört werden sollte. Das hatte ich nie erwartet." .Warum Mohr auf 
Johanns . Dienste verzichtete, ist nicht gesagt und^ dessevx Bericht wird 
schwerlich im^parteiisch gewesen sein. Übrigens hat auch der Dichter 
selbst mit der Arbeitslust Johanns die allertraurigsten Er£ahrungen ge- 
macht. Als er ihn z. B. auf Grund seines Briefes nach Hamburg kommen 
lieB, verschmähte jener die angetragene Arbeit xuxd kehrte bald w;ieder 
in diö Heimat zurück, da er mit Friedrich „nicht leben" könne. Born- 
stein bemerkt, daß Johanns Dickfelligkeit, Trägheit imd Feigheit 
heute noch in Wesselburcn bekannt seien. Offenbar boten des Bruders 
Klagen dem Dichter nur eine willkommene Begründung für seinen alten 
Haß gegen Mohr. 



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JÜNGLINGSJAHRE, 86 



dem Tage, wo ich Ihr Hatis und Wesselburea zugleich verließ, 
in einem rohen Benehmen", oder zu der zweiten: „Für meine 
Bildung aber taten Sie gar nichts, wenn Sie es sich nicht 
etwa als Verdienst anrechnen, daß Sie mir Ihre paar Bücher 
nicht geradezu aus der Hand rissen." Die erstere Behauptung 
steht in diametralem Gnagensatz zu so vielen Äußerungen Heb- 
bels selber und auch zu allem, was son^t überliefert, wah- 
rend im zweiten Punkte die Sache doch wesentlich andeors 
lag, als der Dichter sie darzustellen beliebte. Er war ja als 
Laufbursche zum Vogt gekommen, der nicht sobald seine 
Leselust erkannte, als er ihm bereitwillig die eigene ansehn- 
liche Privatbibliothek zur Verfügung stellte, welche Hebbel 
wahrscheinlich ungeheuer förderte. Nicht das war also 
Mohrs Verdienst, daß er ihm „seine paar Bücher nicht 
geradezu aus der Hand riß", sondern daß er sie überhaupt 
aus freien Stücken anbot, was nicht leicht der oberste Beamte 
des Ortes einem so Untergeordneten gegenüber tun wird. 

In dem nämlichen Briefe, der solche Wahrheitsverschie^ 
bungen kennt, stehen auch zwei arge Vorwürfe zu lesen, die, 
wenn sie zuträfen, tatsächlich einen schweren Makel würfen 
auf Mohrs Charakter. Er soll dem Dichter, um sich mit 
Gefahr für dessen Leben eine kleine Ausgabe zu ersparen, 
befohlen haben, wie gewöhnlich mit dem Kutscher das Bett 
zu teilen, obwohl dieser eben seine EekonvaJeszenz nach Fleck- 
fieber durchmachte. Noch schmählicher ist die zweite An- 
schuldigung: „Sie schwängerten Ihre Dienstmagd und hatten 
bei d<er Gelegenheit den brutalen Mut, mir einen Antrag zu 
tun, der sogar für den Backergesellen, der ihn nachher einging, 
entehrend war und ihm die Verachtung seiner Genossen 
zuzog." 

Kein Zweifel, jeder dieser beiden Anwürfe müßte ent- 
ehren, wenn seine Wahrheit erwiesen wäre. Nur gilt in einer 
so ernsten Sache doppelt das Wort: audiatur et altera pars, 
und Mohr hat leider weder diesen Brief seinesi einstigen 
Schreibers angenommen, noch sonst auf Hebbels anderwei- 
tige Vorwürfe nachweisbar reagiert. Zu vermuten steht höch- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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86 SADGER, HEBBEL. 



stens, daß er von ihneu vernommen hatte, woraus sich viel- 
leicht sein Verhalten gegen Knh und die Zurückweisung 
jenes Briefes erklärt. Auch fällt mir auf, daß Hebbel just 
die beiden schwersten Anklagen nur in diesem einzigen 
Briefe!) berührte, in all den anderen und dem Tagebuch 
aber stets nur von der argen Zurücksetzung sprach, daß er 
am Gesindetisch essen mußte. Es scheint also, daß der letz- 
tere Umstand den Dichter weitaus mehr erzürnte, als jene 
diffamierenden Anträge. Trotz dieser half er noch ein Jahr 
vor dem Abschied die Hochzeit seines Prinzipals verherrlichen 
und, obwohl er bei den Einladungen übergangen worden, gab 
er die Idee zum Fackelzug und verfaßte sogar das Hochzeits- 
karmen. Auch das Abgangszeugnis, welches ihm Mohr auf 
sein Verlangen ausstellte, läßt nichts von einer Verstimmung 
oder gar Erbitterung zwischen beiden merken, sondern spendet 
dem ehemaligen Schreiber das höchste Lob. Endlich ist noch 
besonders hervorzuheben, daß Hebbel gar nie Personen ge- 
recht beurteilen konnte, denen er einmal Dank schuldig wor- 
den, zumal wenn diese sich darauf beriefen. Die Mahnung 
an empfangene Wohltaten vertrug er nun einmal absolut nicht, 
sondern lohte in wilder Empörung auf und beging da die 
schwersten Ungerechtigkeiten, wider Mohr nicht minder als 
gegen die Schoppe^) und Elise Lensing. Es dünkt mioh 
bezeichnend, daß Hebbel mit jenen zwei ärgsten Anklagen 
erst dann herausrückte, als Kuh von Mohr einen Brief 
erhielt, in welchem sich dieser als Wohltäter seines Meisters 
gab. Darauf schrieb unser Dichter an Theodor Hedde: 

1) Höchstens könnte man die oben zitieorbe Stelle „wie hat der 
Mann mich in meiner tiefsten Menschheit gekränkt" wie dies Werner 
tut, auf jene späteren Anklagen beziehen. Doch ist es keineswegs aus- 
geschlossen, daß auch sie auf das Essen am Geeindetisch geht. 

2) über diese sagt Bornstein: „Überhaupt betone ich — ohne 
Neigung, sie zu überschätzen — , daß die SchoppeHebbel zuliebe viel- 
fach menschlich unterschätzt wird; meine Meinung gründet sich aAif teil- 
weise unbekanntes Material in meinen Händen. Gerechtigkeit gegen ihm 
wesensfrelmde Menschen ist nicht Hebbels Starke; vielfach bedürfen 
seine Urteile stark kritischer Nachprüfung, was auch für die späteren 
Beziehungen zur Sc hopp e gilt. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



JÜNGLINGSJAHRE. 87 



yjHcrr Mohr hat sich miserabel benomiicien und kann sich 
auf die Zahlung freuen/' 

Fragen wir nun, weshalb sich Hebbel so gegen seine 
Wohltäter kehrte, dann muß man wieder sich daran erinnern, 
daß er der Liebling seiner Mutter gewesen. Muttersöhnchen 
aber sind niemals dankbar. Selbst das konventionelle Maß 
diester Tugend bringt ein solcher nicht auf, da er es von 
klein auf nicht nötig hatte. Wie hat nur ein heller Kopf 
. gesagt : „Dankbarkeit ist die Anhoff ung neuer Wohltaten," 
Er aber brauchte ja diese fürwahr nicht erst zu erhoffen. 
Ihm schenkte die Mutter zu allen Zeiten viel mehr an Liebe, 
als nötig und gut war, ohne je einen Dank dafür zu begehren. 
Darum zahlt er bloß mit dem, was er ist, und wird stets 
grob, so man mehr beansprucht. Macht einer nun gar üm- 
irtände, alles für ihn zu opfern, dann fühlt er sofort sich 
einer jeden Dankespflicht ledig. Und vollends die Mahnung 
an vergangene Wohltaten bringt ihn aus dem Hauschen, da 
er doch schon dazumal alles bezahlte — mit seiner Person. 
Das ist genau der Fall unseres Dichters, 

Beim Kirchspielvogt Mohr aber kam noch ein wesent- 
liches dazu, was seine Erbitterung aufs flammendste schürte. 
Jeder Menschenkenner weiß, daß die wütendste Teindächaft 
auf dem Boden verschmähter Liebe gedeiht. Je inniger man 
einst sein Herz an einen anderen hängte, desto grimmer die 
Wut, wenn diese Neigung nicht erwidert wurde. Das* gibt die 
allererbittertste Feindschaft, die zurückgewiesene Liebe heizt. 
Denn der nunmehr unterdrückte Affekt bläst als vis a tergo 
die gegenstehende Empfindung auf. So darf man sagen, 
unser Dichter würde den einstigen Chef weit weniger mit 
Anklagen überschüttet haben, gerechten und noch viel mehr 
ungerechten, hätte er ihn früher minder geliebt. So wie ihm 
Mohr dereinst ein G-ott war, so spater die Inkarnation des 
Teufels. Grehen wir noch ein Stück weiter zurück, so steckt 
hinter Mohr der eigene Vater. Und zwar nicht bloß der 
wirkliche Erzeuger, sondern noch mehr ein phantasierter, vor- 
nehmerer. Die erste unglückliche Liebe des Dichters war 



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88 SADGER, HEBBEL, 



nämlich kein anderer als Klaus Friedrich HebbeL Seine 
Liebe zu erringen, hat er im Unbewußten nie anzustreben 
aufgehört, wenn auch natürlich nach dessen Tode in neuer 
Verkörperung. Sogar Klaus Friedrichs unerfüllte Sehnsucht 
nach dem eigenen Haus, das er besessen und verloren hatte, 
erfüllte der Sohn in spateren Jahren und die Liebe zu ihm 
übertrug er zuletzt auf den alten Grill parzer, der sie 
freilich ebensowenig vergalt, als ehedem der leibliche Vater. 
Was den Stachel in Hebbels Brust noch schärfte, war, 
daß er in M o h r ein besonderes Ideal verkörpert fand. Dieser 
stammte ja aus altem Patriziergeschlecht und schloß sich 
vornehm gegen Mindere ab. Das war nun ein Punkt, der 
schon in der Kindheit auf unseren Dichter stets Eindruck 
machte. In Hebbels „Notizen zur Biographie" führt er 
einmal an: „In die Liebe zu Emilie Voß mischte sich, daß 
sie vornehm war." Aus den Psychoanalysen unserer Neurotiker 
erfahren wir femer ganz regelmäßig, daß diese sich 
sämtlich einen Familienroman zusammendichten: sie 
stammten gar nicht aus bürgerlichen Häusern, sondern wären 
vielmehr von hoher Abkimft, mindestens Grafen- und Fürsten- 
kinder. Das gilt aber keineswegs bloß für Nervöse. Auch 
Goethe z. B. erzahlt einen solchen Familienroman in „Dich- 
tung 'und Wahrheit", und im Grunde ist wohl auch kein Ge- 
sunder davon ganz frei in seinen Träumen und Tagphantasien. 
Nun war aber Hebbel von Haus aus bloß ein Käthnerssohn, 
der im siebenten Lebensjahre noch eine Stufe tiefer sank. 
Um sio herrlicher leuchteten dann die Bilder seiner Phan- 
tasie. Der oberste Beamte seines Heimatfleckens sollte ihn 
wie Gott die Bajadere zu sich emporheben, worauf er als 
gottbegnadeter Dichter ja Anspruch hatte. Und nichts är- 
geres konnte ihm jener antun, als statt der Unterweisung in 
feineren Sitten, die er so gerne angenommen hätte, ihn an 
den Gesindetisch zu setzen mit Knecht und Stallmagd und 
Kutscher zusammen. Dies blieb die wahre Todsünde Mohrs, 
für die es keine Entschuldigung gab, auch nicht, daß dieser 
ihm als Junggeselle i) ein Familienheim gar nicht zu bieten 



1) Ex«t li/i Jahre vor Hebbels Abgang freite der Vogt. 



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JÜNGLIN08JAHRE. 89 



vermochte. Im Vorspiel zum Demetrius will Hebbel sich 
selber gezeichnet haben mit den ganzen Prätendentengelüsten 
der Jugend : 

„Ich setz' mich lieber auf die nackte Erde, 
Als auf den Stuhl des Bauern, trinke lieber 
Aus hohler Hand, als aus dem Napf des Knechts, 
Und such' mir lieber Beeren für den Hunger, 
Als daß ich schwelge, wo der Bettler zecht!" 

Wie er sich seine Stellung erträumte, erkennt man am besten 
auö jener Rolle, die er späterhin Emil Kuh übertrug: eine 
Mischung von Famulus, Hausgenosse und Freund. An diesem 
ward das Sekretärideali) seiner Kindheit und Jugend endlich 
verwirklicht. Weil Mohr nun so gar nicht seine heißesten^ 
heimlichsten Wünsche erriet, schalt er ihn sjÄter einen vor- 
nehmelnden Philister, der seine Jugend zur Hölle machte, 
und fühlte sich aufs tiefste unglücklich, so daß er um jeden 
Preis von dort weg mußte. 

Wenn sein Hauptbiograph stets wieder betont : „Vielleicht 
noch nie, gewiß aber äußerst selten, hat ein Menschenkind 
unter dem Gefühle des Stolzes bei der Nötigung, ihn zu 
unterdrücken, stärker gelitten, als eben Friedrich Hebbel," 
so mag er recht haben. Nur müßte er billigerweise hinzu- 
setzen, daß erstens der Stolz des jungen Schreibers eine fast 
pathologische Höhe erreichte, zumal er ja damals noch so 
gut wie gar nichts geschaffen hatte, und zweitens die Kon- 
flikte minder den wirklichen Verhältnissen entsprangen, als 
seinen Phantasien, die er zu erzwingen weder Macht besaß 
noch eigentlich Anspruch. Das einzige, was Mohr vielleicht 
mit Fug vorzuhalten wäre, ist, daß er Hebbel zu lange am 
Gtesindetisch essen ließ; wogegen man freilich einwenden 
könnte, daß eine große Schwierigkeit bestand, ihn unterzu- 
bringen, so man nicht verlangte, daß der überstolze Vogt, 



^) Auch von Uhlaud erbat er zunächst nur eine SchreiberstellBp 
womöglich bei ihm selber. 



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90 SADGER, HEBBEL. 



den selbst die Wesselbumer Honoratioren nicht ebenbürtig 
dünkten, seinen Laufjungen und Schreiber als gleichwertig 
zu sich setzen sollte. Obendrein war des Dichters Stolz, ein 
Erbteil beider Eltern, von allem Anfang an, schon in der 
Kindheit, überaus hoch und darum auch immer so leicht 
verletzbar. Bereits der Zweijährige sträubte sich, einen Säug- 
ling zu wiegen, den die Mutter zur Wartung übernommen 
hatte, ebenso der Btirsch, ein Pferd auf einen Bauernhof zu 
ziehen. Das setzte schon in der Kindheit Konflikte, innere 
wie äußere. „Wenn jemand in das elterliche Haus kam, dem 
Vater eine kleine Arbeit aufzutragen, dann glaubten wir uns 
nicht dankbar genug bezeigen zu können," worunter am meisten 
wieder Hebbel litt. Wenn der Vater ihn endlich in einen 
Beruf einführen wollte, so trieb er immer passive Obstruk- 
tion 1). „Was beim Sohne des Eeichen angebomer Adel heißt, 
daö wird bei dem Sohne des Armen Bettlerstolz geschimpft. 
An dem jungen Goethe wurde das Selbstgefühl so gelobt, 
ich hatte es auch, wurde aber hart dafür getadelt und oft 
gezüchtigt, wenn es hervortrat. Das ist der Fluch der Armut, 
daß alles', was Selbstgefühl verrät, sich nicht mit ihr ver- 
trägt, sondern als Hochmut, Anmaßung und Lächerlichkeit 
erscheint." Und 'da er sich ein andermal wieder mit Gro e t h e 
verglich, der sich „in ein angenehmes und ehrenvolles Ver- 
hältnis zu Leben und Welt gesetzt", fällt es ihm bitter von 
den Lippen: „Warum ist das alles bei mir so ganz anders? 
Ich mögte knirschen, wenn ich mir diese Frage aufrichtig 
beantworte. Nur deswegen, weil jene verfluchte Schüchtern- 
heit, die wegen meiner so niedrigen Geburt, welche mich 
zwang, jeden Wurstkrämer, von dem mein Vater im Taglohn 
verdiente, als' ein höheres Wesen zu respektieren, meine Ju- 
gend verdüsterte, und die sich später von meiner schmacb- 
voUen Kopistenstellung sehr gut zu ernähren wußte, in das 



^) Allerdings spielt da vieUeicht noch ein Fsycbophysisches mit, das 
auch organisch mitbegrondet war. Wenigstens steht in den Notizen, zu 
seiner Eiographie auch die Bemerkung: ,, Absehen vor physischer Arbeit. 
Kartoffeln." 



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JÜNGLINGSJAHRE. 91 



Innerste meines Wesens, in meinen Charakter übergegangen 
ist, so daß ich, ohne feig zu sein, nie den Augenblick 'zu 
ergreifen, nie mich geltend zu machen wage und daram be- 
standig unzufrieden mit mir sein muß." 

Hier dünkt mich durchsichtig, daß das, was ihn scheinbar 
gegen Mohr so aufbrachte, bis in die erste Kindheit zurück- 
geht und auf seinen überlebensgroßen Stolz, der uns noch 
vielfach beschäftigen wird. Aber auch noch ein anderes 
scheint mir in jener Urzeit verankert: das Sekretarideal. Ich 
vermute, daß der schreibgewandte Junge dem simplen Maurer 
bisweilen Sekretaxdienste leisten mußte, wenn Schriftliches 
auszufertigen war, so wie er anderseits der Mutter den stän- 
digen Vorleser abgab, was gleichfalls'' später zum Charakter- 
zug wurde. Und weil vermutlich jene Schreiberdienste die 
einzige, willkommene Möglichkeit boten, Klaus Eriedrich 
einen Lobspruch abzutrotzen, ja sogar sich noch über ihn 
zu stellen, darum trug er auch bei dem zweiten Vater, dem 
Kirchspielvogt, ein solches Verlangen, Schreiber zu werden. 
Erst als die erhoffte Gleichstellung ausblieb, fand er jenen 
Posten geradezu schmachvoll. Nur mischte sich da in seine 
Erbitterung auch noch die alte wider den Vater und schürte 
den Drang, durch eine ungeheure Leistung dem Chef zu er- 
weisen, wie hoch er eigentlich über ihm stehe. 

Noch ein letzter Umstand wirkte da mit, der aus der 
KüDfltlerpsychologie bekannt ist. Jedweder Künstler hat 
einen stark entwickelten Narzißmus, d. h. Verliebtheit in 
dasi eigene Ich. Ohne diese käme vermutlich die Ausführung 
seiner Werke gar nicht zu stände. Nun führt jene starke 
Selbstverliebtheit notwendig zu einer Selbstüberschätzung. 
Darum steht der Künstler, wde Otto Eank einmal treffend 
ausführte, ab ovo feindselig gegen die Welt, weil er vom 
Hauste aus eine Sonderstellung beansprucht, noch ehe er 
etwas geleistet hat. Er will von vornherein für ein Genie 
gehalten werden und wird sehr böse, wenn man ihn dafür 
nicht achten mag. Und dann beginnt er beispielsweise wirk- 
'lich zu arbeiten und Großes zu leisten. Beim richtigen Künst- 



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92 SADGER, HEBBEL. 



ler steht eine innfere Sicherheit fest, lang eh er iJedeiztendes 
produziert hat, und in dieser inneren Sicherheit wird /er durch 
die feindliche Außenwelt stets von neuem verletzt. Die mei- 
sten sind verkannt, noch ehe sie etwas geleistet haben. Im 
Falle Hebbel wird die Sache noch dadurch kompliziert, 
daß die A'erziehung der Mutter seinen Narzißmus schon in 
frühester Kindheit zu ganz besonderer Ausbildimg brachte. 
Sie bewirkte, daß Hebbel selbst unter den drückendsten 
äußeren Umständen und noch geringsten Leistungen niemals 
an seiner künftigen Unsterblichkeit zweifelte, daß er sich 
endlich durchsetzen werde und durchsetzen müsse. So wohl- 
tätig dies auf der einen Seite für den von äußerem Mißgeschick 
wie von inneren Hemnjungen Verfolgten war, so machte es 
anderseits den Dichter häufig recht unliebenswürdig, ja ge- 
radezu ungerecht. Es führte in späterer Ausbildung dazu, 
daß er den Nebenmenschen, selbst einen kongenialen Poeten, 
nur dann gelten ließ, wenn der andere ihm vorher Bewunderung 
gezollt hatte. Und gar nicht selten ging Hebbel so weit, 
einen vordem Hochgeschätzten direkt zu schmälien, wenn 
dieser über eines seiner Werke nicht verzückt geschrieben, ja 
in anderen Fällen, selbst wenn er bloß geschwiegen hatte. 

Fassen wir nochmals die Gründe zusammen, die Hebbel 
aus seiner Heimat verjagten, so ist zu unterscheiden zwischen 
Motiven, die ihn bewußt zum Fortgehen trieben, und anderen 
vielleicht noch erklecklich stärkeren, den unbewußten. Zu 
den ersteren, die er stets wieder vorbrachte, weil sie sich 
um so viel sauberer präsentierten, zählten angeblicher Wissens- 
durst und die Unmöglichkeit, als Dichter in Wesselburen 
zu atmen. Zu den letzteren die Wandlung seines Ideals, so 
daß er nicht mehr den Ernährer seiner Mutter spielen woUte, 
sondern lieber den von einer Vertreterin jener Erhaltenen, und 
endlich der Assoziationswiderwille des Belasteten, der nie- 
mals lange bei dem nämlichen Berufe ausharren mag, wovon 
ich gleich demnächst handeln werde. In späteren Jahren 
imd gerechteren Stunden sah er dies alles selber ein und schrieb 
z. B. 1852 an Taillandier: „Mein Geburtsort war ein 
kleiner Marktflecken, den ich, durch Familienverhält- 



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JÜNOLINOSJAHRE. 98 



nisse gefesselt, erst in meinem 22sten Jahre verlassen 
konnte; ich entwickelte mich daher weit mehr 
durch mich selbst, als durch Bücher und durch 
Umgang. Wenig für ein idyllisches Leben ge- 
stimmt und dürstend nach der Bekanntschaft 
mit großen Städten, fühlte ich mich damals 
s-ehr unglücklich, obgleich ich mich eigentlich 
über nichts zu beklagen hatte; jetzt bin ich dem 
Schicksal für diese Isolierung eher dankbar, da ich es ihr 
hauptsächlich zuschreiben zu müssen glaube, daß der in mich 
von der Natur gelegte Keim sich ganz frei von äußeren Ein- 
flüssen, die so oft übermächtig werden, in voller IJrsprüng- 
Hehkeit entwickelt hat. Ich machte in jener Zeit die 
abenteuerlichsten Versuche, mich aus der mich 
beengenden Lage zu befreien, und wäre gern mit 
herumziehenden Komödianten, ja wohl gar mit Käubem, 
wenn sich deren in unserer bergleeren Ebene gefunden hätten, 
in die weite Welt gezogen, aber jeder Versuch mißlang." 
So mußte er denn „die sieben längsten Jahre seines Lebens" 
bei Mohr ausharren, bis endlich eine mütterliche Liebe ihm 
die Pforte öffnete zur Freiheit und — zum Hungern. Wie 
er das Vaterwort bewähren wollte: „Der Junge wird noch 
Komödiant!" so hat er damals, in Wesselburen, und später- 
hin sein ganzes Leben hindurch noch eine zweite Äußerung 
seines Erzeugers zur Wahrheit gemacht, er sei zu keiner prak- 
tischen Tätigkeit brauchbar i). 



1) Wie mächtig der Vaterkomplex in ihm wirksam war, earweisen 
noch drei andere Züge. Als er das erstemal mit XJhland gesprochen, 
findet tieioe Enttanschnmg folgende Worte: ,,Ich wollte gedrück t, ja 
erdrückt sein, und eben dies, daS TJhland mich nicht drückte, war 
mir zuwider/* Uhland ist ihm natürlich Vertreter seines Vaters, von 
dem er — siehe, was ich im zweiten Kapitel ausführt© — im Bette 
),gedrückty ja erdruckt" werden wollte^, selbstredend in der Rolle der Mutter, 
Ober seinen Verkehr mit Oehlenschläger, schreibt er an Elise: „Das 
tiefste Bedürfnis meiner Natur ist zu verehren und zu bewundern; die 
Stunden, die ich bei dem herrlichen Alten zubringe, sind voll andächtiger 
Wollust." Als endlich im Jahre 1861 auf den König von Preußen ein 
Attentat verübt wird — Könige und Kaiser sind typische Vertreter dei^ 



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OrfgfrTaffrom 
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94 SADGER, HEBBEL. 



Vaters ia der Phantasie wie in Träumen und Märchen — , da weiß er 
sich gar nicht dareinzufinden: ^^ich hat selten etwas mit solchem Ekel | 

erfüllt und ich fürchte die Polgen.** An den ßroßhers&og von Weiittar 
aber schrieb er sogar: ,yl>as furchtbare Ereignis in Baden hat mir acht 
Tage lang keine Buhe gelassen; Erdbeben, Oberschwemmxmgen, feuer- 
speiende Berge sind in meinen Augen nichts gegen solche EruptioneiL 
des menschlichen Gehirns, und ich gelange nicht eher wieder zum Frie- | 

den mit mir selbst, als bis ich sie mir auf irgendeine Weise moralisch 
auflosen kann." 



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IV. Kapitel. 

WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER, I. TEIL), 

BELASTUNG. 



Mit dem Verlassen der Heimat begannen für Hebbel 
die Hnngerjahre, genau wie Mohr es vorausgegagt. Aller- 
dings, für das erste Jahr, die Vorbereitung zur Universität, 
hatte ihm die Schoppe eine genügende Summe nebst meh- 
reren Freitischen zusammengebettelt. Mit letzteren war frei- 
lich nicht mehr geleistet, als daß er den ehemaligen Be- 
diententisch jetzt mit Gnadentischen vertauschen durfte, 
obendrein bei Leuten, die für 4i^ Mahlzeiten, welche sie 
gaben, Danksagung bis zum jüngsten Tage begehrten. Ein 
jeder solcher Gang, bekannte er später, sei die Hinrichtung 
seines inneren Menschen gewesen, und es liegt auf der Hand^ 
daß dieses Leben voll steter Demütigung seinen Haß gegen 
Wohltaten, der ohnehin von seinem Stolz her in ihm lag, 
noch ganz erklecklich erhöhen mußte. Das Einzige, was ihn 
aufrecht erhielt, war neben der Freundschaft mit Graven- 
horst, die von Tag zu Tag sich traulicher gestaltete, sein 
Verkehr mit Elise Lensing, Bevor ich auf diesen des 
näheren eingehe, den bedeutungsvollsten seines ganzen Le- 
bens, seien noch einige andere Punkte vorweggenommen. 

Der erste betrifft die erwachende Männlichkeit unseres 
Dichters. „Hebbels Sinnlichkeit", berichtet uns Kuh, „ent- 
sprach seinem heißen Naturell, der Heftigkeit aller seiner 
Lebensäußerungen, Und er gehorchte den wilden Impulsen^ 
die durch den rückwirkenden Eindruck seiner leidenschaft- 
lichen Persönlichkeit, welche die Weiber anzulocken pflegt, 
verstärkt wurden. Schon in Wesselburen hatte er sich in 



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96 SADGER, HEBBEL. 



letzter Zeit mit verloreaen Geschöpfen hin und wieder ab- 
gegeben, was diejenigen, die davon erzählen, nicht mit seinen 
lauteren, ja zaghaften Liebesneigungen reimen kSnnen, Diese 
Verdutzten wissen eben nicht, daß die unschuldigen und die 
begehrlichen Empfindungen des Jüglings nicht selten wie 
auf einem Kreuzwege, die eine hierhin, die andere dorthin 
abschwenken. Den reinen Untergrund seiner Natur aber be- 
zeichnet die Tatsache, daß er als Einundzwanzigjähriger 
nach seinem ersten Trünke trüben Weines sich tags darauf 
wohl zehnmal im Spiegel besah, indem er des' Gellert- 
schen Verses gedachte: ,Wie blühte jenes Jünglings Jugend", 
und daß er seinen Freund Franz bei der nächsten Begegnung 
mit ihm halb bekümmert fragte: Ob er denn nichts' bemerke?" 

In dieser Schilderung irrt der Biograph nur insofern, 
als er Hebbels Verhalten dem „reinen Untergrund seiner 
Natur" ankerbt. Denn mit Beinheit hatten jene Vorwürfe 
gar nichts zu tun, nur mit der Neurose und dem großen 
Schuldbewußtsein derselben, das eher auf unreine Gedanken 
hinweist. Zwang die Sinnlichkeit den Dichter, sich auszu- 
leben, so vergällte sie andererseits jene Lust durch schwere, 
qualende Selbstvorwürfe. Auch dieser charakteristische Zug 
stimmt ausgezeichnet zu der schon bekannten Zwangsneurose. 

Eine andere, freilich vergeistigte Seite seiner starken 
Bedürftigkeit bildet die Homosexualität. Man darf, wenn ich 
von gleichgeschlechtlicher Liebe rede, bei Hebbel wie bei 
vielen anderen Männern nicht sofort an gröbliche Verirrun- 
gen denken, nicht etwa also an Päderastie oder andere kör- 
perliche Praktiken. Vielmehr ist scharf zu unterscheiden 
zwischen homosexueller Neigung und ebensolcher Betätigimg. 
Die letztere, welche sich körperlich äußert, kommt nur den 
eigentlich Perversen zu. Eine gleichgeschlechtliche Neigung 
jedoch ist vermutlich sämtlichen Menschen eigen und gibt 
z. B. ein fast unerschütterliches Fundament für innigste 
Freundschaften. Bei Hebbel nun war sie zeitlebens in 
außerordentlichem Maße vorhanden, so daß man direkt be- 
haupten darf, er habe stets neben der Liebe zum Weibe auch 
eine vergeistigte zu irgend einem Manne haben müssen. Ich 



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WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNG. 97 



nenne als solche geliebte Mämier unter. vielen anderen Leo- 
pold Alberti und Gravenhorst, Rousseau und Bam- 
berg, Engländer und Kuh, um aus der Fülle einige 
Spitzen herauszuheben. Die Urbilder seiner bisexuellen Nei- 
gung sind offenbar Mutter i) und Bruder Johann, wahrend 
dagegen dem Vatertypus eine Reihe mehr verehrter Männer 
folgen. 

Nur die Neigung zu zwei Jünglingen, Alberti und 
Rousseau, will ich hier besprechen, weil sie in den Beginn 
seiner Wanderjahre fällt. Obwohl der Dichter nach seinen 
eigenen Worten von dem ersteren „so tief gekränkt worden 
war, wie ein Mensch gekränkt werden kann, so machte er 
es sich doch sogleich zur heiligen Pflicht, über seine Hand- 
lungsweise nur soweit, als die Rechtfertigung seiner selbst 
eä durchaus notwendig machte, zu sprechen, aber allen Nach- 
fragen Stillschweigen entgegenzusetzen". Auch „in dem un- 
würdig befundenen Freund ehrte er den schönen Irrtum der 
Vergangenheit". Und Kuh fügt hin^u: „Wer mit Hebbels 
Reizbarkeit vertraut gewesen, wer jemals selbst unter den 
Wirkungen derselben gelitten hat, der kann aus jenem Ver- 
halten gegen Alberti genau ermessen, wie innig, wie leiden- 
schaftlich Hebbel an ihm gehangen haben muß." „Ich will 
es nicht verhehlen," schreibt der Dichter einmal an Elise, 
„ich denke mit größerer Neigung an Alberti als- an sie" 
(die anderen Freunde). Und selbst als er mit jenem schon 
gänzlich gebrochen hatte, weil dessen Nichtswürdigkeit klar 
zu Tage lag, schrieb er ins Tagebuch: „Dennoch — zieht 
mein Herz mich zu ihm und es ist mir ein seltsam 'be- 
klemmender Gedanke, daß er heute seinen Weihnachtsabend 
mit mir in derselben Stadt verlebt." 

Durchsichtiger noch wird das homosexuelle Moment, mit 
einer starken Portion Sadismus versetzt, in einer anderen Freund- 
schaft. „An Rousseaus Verhalten", erzählt uns Kuh, „lernte 



^) Auch hinter den männlichsten Idealen eines Homosexuellen steckt 
immer, wie Freud und ich nachwiesen, eine Eeihe weiblicher Liebee- 
objekte — in erster Linie gewöhnlich die Mutter — , deren Eigenschaften 
später auf den Mann transskribiert werden. 

Sadger, Hebbel. 7 



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OrfgfrTaffrbm 
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SADQER, HEBBEL. 



Hebbel zum erstenmal^) die unterjochende Macht seiner 
eigenen Persönlichkeit kennen, das verhängnisvolle Vermögen, 
sich jeden Blutstropfen eines unter seinem Einflüsse stehen- 
den Menschenwesons zinsbar zu machen ; aber auch zum 
erstenmal die zärtliche Hingebung einer ihn wahrhaft ver- 
ehrenden, selbstlos liebenden Männerseele. Er konnte mit 
Kousseaus Innerstem schalten und walten, wie es ihm 
gefiel, und er machte von diesem Können den rücksichts- 
losfesten Gebrauch. Er unterwarf sich den Willen des Freun- 
des vollständig, er verschlang dessen Herz und tat dies alles 
mit dem Ansprüche der reißenden Woge, die von der Ver- 
antwortlichkeit nichts weiß, nichts wissen kann. Wenn er 
zur Besinnung kam, dann schauderte er freilich vor seinem 
Dämon, aber der Schauder fesselt nicht die Gewalten, deren 
Produkt er ist, so wenig als der Widerschein des Feuers 
das Feuer zähmt. In wahrlich nicht geringem Grade hatte 
Rousseau unter der Reizbarkeit und Empfindlichkeit Heb- 
bels zu leiden, deren sich unser Freund überhaupt häufig 
in Briefen imd auf Tagebuchblättem anklagt." 

Sein Verhältnis zu dem Freunde charakterisiert der 
Dichter in einem Schreiben an Elise: „Du weißt, ich bin 
so schwer anzufassen wie ein Stechapfel, und ich setze ge- 
rade das, was am wertesten ist, am leichtesten aufs Spiel, 
um den Gedanken, als könnten mich Rücksichten bestim- 
men, ja nicht aufkommen zu lassen. Seine Geduld und Lang- 
mut, die Sorgfalt, die ihn jeden Dorn, statt ihn abzuhauen, 
mit Baumwolle umwickeln läßt, sind mir zuweilen selbst 
ein Gegenstand des Erstaunens gewesen; er ist mir von 
ganzer Seele ergeben, wie noch niemals ein anderer, seine 
Teilnahme für mich ist unbegrenzt und fast weiblicher 
Art. Und sein Blut ist heiß, jede Kleinigkeit regt ihn 
auf." Und ähnlich nach dem Tode Rousseaus: „Uhlands 
, Treuer Kamerad* war sein Lieblingsgedicht; oft zitierte er 
einige Strophen davon, wenn wir miteinander gingen. Den 



^) Das ist, wie sich aus dem Folgenden ergeben wird, keineswegs 
zutreffend. 



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WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNG. 99 

Gedanken, daß er mehr an meinepoL als an seinem Kummei> 
gestorben ist, kann ich nicht los werden. Welch ein Maß 
von Liebe setzt dies voraus; Liebe, die ein. Mann gegen ^ 
den Mann trugl Und ich habe ihn gequält, mit ihm ge- 
rechtet, was mich hätte beseligen sollen, hat mir oft ein 
widerwärtiges Grefühl einflößen können; unsinnig war ich, 
daß ich zuweilen mit der Quelle dieser Liebe nicht zu- 
frieden war; es verdroß mich, daß sie mehr aus Achtung 
vor meinem Greist, als aus Neigung zu mir, dem Menschen^ 
entsprang." Weit mehr als selbst der Tod seiner Mutter 
erschütterte ihn das Sterben des Freundes. Als während 
dessen Krankheit einmal eine trügerische Hoffnung auf- 
blitzte, schrieb er voll heißer Zärtlichkeit: „Gott sei gelobt, 
heute erfahre ich, daß Du Dich auf dem Wege der Genesung 
befindest. Wenn der Himmel mir Dich nur erhält, so will 
ich ihm die Erfüllung meiner übrigen Wünsche erlassen; 
ohne Dich wären sie mir ohnehin gleichgültig." Der Tod 
Rousseaus aber schmetterte ihn nieder: „Erst jetzt ist 
die Welt mir öde. Wenn ich. aus meinem Fenster sehe und 
mir denke: Er kommt nie mehr vorüber, er winkt nie mehr 
hinein, er öffnet die Tür nicht wieder und fragt mit seiner 
sanften, innigen Stimme, wie geht es dir? ach, da scheint 
es mir unmöglich, daß ich fortleben kann. Ich weiß nicht, 
wohin ich mich vor meinen Gedanken und Erinnerungen 
flüchten soll; jeder Weg, den ich wandle, zeigt mir sein 
teures, jetzt in ewiger Nacht versunkenes Bild, denn Arm 
in Arm mit ihm habe ich ihn unzähligemal gemacht; je- 
des Buch, das ich ergreife, erinnert mich an auf immer 
vergangene reiche Stunden. Unleidlicher Schmerz ergreift 
mich und ich bin erbittert auf mich selbst,* daß er zuweilen 
aussetzt, daß er nicht noch größer und gewaltsamer ist. 0, 
Elise, das war der beste Mensch, den die Erde getragen 
hat. Ich weiß, ein jeder sagt das im Augenblicke eines sol- 
chen Verlustes, aber ich sage nichts, als was ich immer 
gefühlt habe. Du kennst mich, Du weißt, wie schwer es 
mit mir zu leben ist. Dritthalb Jahre sind wir Freunde ge- 
wesen, zwei Jähre waren wir ununterbrochen zusammen und 

7* 



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100 SADGER, HEBBEL. 



niemals, niemals haben wir uns entzweit. An mir lag es 
nicht, wenn es nicht geschah, aber seine himmlische Sanft- 
mut, seine Kraft, alles, was ihn verletzen mußte, still in 
sich zu verschließen, seine Großmut, meinem geringen, nichts- 
würdigen Talent jede Herbheit meines Wesens zu vergeben, 
ach, alle jene hohen Eigenschaften meines Herzens, die mich 
ihn jetzt in der Glorie eines Heiligen erblicken lassen, ließen 
•nie einen Zwist aufkommen. Er war mir alles, was» ein 
Mensch in dem höchsten, würdigsten Verhältnis dem andern 
sein kann; wehe mir, daß ich mir nicht das gleiche Zeugnis 
geben darf. Ich konnte mich elenderweise nie 
entschließen, ihn als ganz ebenbürtig "zu be- 
tr achten!); iej^ mißbrauchte meinen Geist nicht selten und 
eben dadurch, daß ich ihn zur unrechten Stunde gebrauchte; 
ich munterte ihn nicht genugsam auf; ich hob immerwährend 
den Medustenschild der Wahrheit und gedachte nicht, daß 
ich ihren Anblick in früheren Jahren wohl auch nicht hätte 
ertragen können. Ich war nicht strenger gegen ihn, als gegen 
mich, doch ich bin 26 und er war 22. Wenn ich dies alles 
bedenke, wenn ich mir vorstelle, wie sehr die innere Ver- 
zweiflung, die die Brust des Künstlers beklemmt, durch der- 
gleichen in ihm genährt werden mußte, wenn ich mich er- 
innere, daß mir Gedanken dieser Art auch früher schon ge- 
kommen sind, daß ich aber deßungeachtet in meiner Strenge 
fort fuhr, da, Elise, mögt' ich mich für einen schlechten 
Kerl halten und mein Gewissen sagt fast ja dazu." 

Ich stelle den Fall Rousseau mit Absicht so ausführ- 
lich dar, weil er in der Verquickung von Herzensmeigung 
und Sadismus, liebevoller Duldung seitens des Partners und 
lustvollem Quälen durch unseren Poeten ein' ganz bestimm- 
tes*, stets wieder abgedrucktes Klischee repräsentiert. Eine 
jegliche Liebe, die Hebbel ward, und jedwede Freundschaft 
verlief nach dem nämlichen, kaum eine Abweichung zulassen- 
den Schema, das also offenbar schon in früher Kindheit 
festgelegt worden. Der Dichter verlangte, wie ich zum Teil 



1) Genau so wenig als Mohr und der Vater es bei ihm getan hatten. 



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WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNO. 101 

schon oben ausführte, nicht nur ganz ausnahmslos unbe- 
dingtt3, aufgehende Liebe, die jede Konkurrenz von vorn- 
herein ausschloß, nicht bloß eine absolute Unter- 
werfung unter seinen despotischen, oft grausamen Willen i), 
sondern heischte auch unbedenklich materielle Unterstützung, 
zuweilen sogar bis zur Selbstentblößung des begönnerten Spen- 
ders. Wer ihm eine Guttat erweisen wollte, die er achl so 
häufig dringendst benötigte, mußte seine Erlaubnis förmlich 
erbetteln. Zerboni z. B. durfte ihm eine neue, modische 
Ausstattung und eine prächtige Wohnung anbieten — nach- 
dem er sich vorher "auf die Knie geworfen, demütig um Ver- 
zeihung gebeten hatte. So sah das Ideal des Dichters aus. 
Er zahlte am liebsten mit seiner Person, dabei sich gehabend, 
als hätte nicht er die Wohltat empfangen, sondern eigentlich 
jener. Das Zartgefühl und die Schonimg des Gönners benützte 
er dazu, um jenen womöglich aus seiner Schenkung noch Vor- 
würfe zu schmieden. Es sollte sich beileibe nicht die Mei- 
nung einnisten, ihm sei Besonderes erwiesen worden. 

Ein Beispiel für viele. Mit dem nachmals so berühmten 
Rudolf I bering war Hebbel als Student in flüchtige Be- 

1) Ein bezeichnendes Beispiel von der Italienreise: „Gurlitt hatte 
unter der Beizbarkeit und den Eigenheiten unseres Dichters viel leiden 
müssen. Besonders störend wirkte auf dieses Verhältnis der Umstand elD, 
daß Hebbel, der sich, wie er sagte, ganz hingebe, nun auch von seiner 
Seite verlangte, jeden anderen Umgang auf das dürftigste zu beschränken. 
Da Gurlitt dies nicht konnte und wollte, so merkte er alsbald an dem 
schroffen, abstoßenden Wesen des Freundes, wie sehr sich dieser beein- 
trächtigt und verletzt fühlte. Oft gingen Wochen in dieser Weise dahin, 
die Gurlitt kaum erträglich waren und ihn zwangen, eine Erklärung 
von dem Schmollenden zu begehren. Dann hielt ihm Hebbel leiden- 
schaftlich vor, wie er seine Freundschaft nicht würdige u. dgl. m. Zwar 
gab er endlich den vorgebrachten Gründen Gehör und fiel dem Ange- 
klagten nicht selten weinend um den Hals. Aber die nächste, ähnliche 
Veranlassung hatte wieder die nämlichen Folgen, ,War es gekränkter 
Stolz oder eine Art Eifersucht?* fragt Gurlitt." Kuh aber antwortet 
durchaus zutreffend: „Es war beides, wenn auch die Wurzel anderswo 
zu suchen ist," In einem Biriefc an Elise sagt Hebbel selber: „Gurlitt 
erweist mir zahllose Freundschaftsdienste und empfängt dafür denn auch 
natürlich durch ein mürrisches, bissiges Wesen von mir den gewöhnlichen 
Lohn " 



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102 SADGER, HEBBEL. 



Ziehung getreten. Fast zwei Jahre später, erzählt uns Ihe- 
ring, trat eines schönen Tages „ein Mann bei mir ein, den 
ich beim ersten Blick nach seiner ganzen äußeren Erschei- 
nung für einen Handwerksburschen hielt, der mich um ein 
Almoseji ansprechen wollte. Die Kleidung und der Hut ab- 
getragen und völlig bestaubt, die Stiefel schmutzig und abge- 
treten, der starke Bjiotenstock in der Hand, alles verkündete 
einen Mann, der eine lange Reise zu Fuß zurückgelegt hatte, 
aber nicht wie der Student zum Vergnügen, sondern wie der 
Handwerksbursche, der aus Mangel an Geld zum Gehen ge- 
zwungen ist. Der Aufzug Hebbels hatte in der Tat etwas 
Wildes, Wüstes, und es war nicht bloß das Gefühl der Teil- 
nahme, das mir dieser Anblick einflößte, sondern es mischte 
sich — ich will mich von dieser Schwäche nicht freisprechen — 
ein gewisses Gefühl der Beschämung ein, einen solchen Mann 
als Bekannten bei mir aufnehmen zu sollen. Denn darauf 
war es abgesehen. Hebbel kam, ohne sich mir vorher an- 
gekündigt zu haben, als mein Gast zu mir, und es zeigte sich 
sehr bald, wie nötig ihm der Zuspruch an meine Gastfreund- 
schaft gewesen war. Er war von allen und jeden Mitteln ent- 
blößt und es handelte sich nicht nur um seine Aufnahme 
bei mir, sondern ich war sogar genötigt, ihm sofort seine 
Stiefel, die alle ferneren Dienste versagten, neu versohlen 
zu lassen und ihn mit etwas Eeisegeld für seine Weiterreise 
nach Hamburg zu versehen. Welche Überwindung mag es 
ihn gekostet haben, ihn, den älteren, gereiften Mann, bei 
seinem Stolz und Unabhängigkeitsgefühl, einen Studenten, 
den er stets mit einer gewissen Herablassung und väterlichen 
Überlegenheit behandelt hatte, in dieser Weise angehen zu 
müssen! Ich bin meinerseits nicht sicher, daß ich als junger 
Mensch den Eindruck, den dies erste Begegnen und der Ein- 
blick in seine Lage auf mich machte, so zu bemeistem ver- 
standen habe, daß er denselben nicht hätte wahrnehmen kön- 
nen, und ich möchte seinen Manen noch hinterher dafür 
Abbitte tun. Noch jetzt erinnere ich mich, wie gelegen es 
mir kam, daß die Reparatur seines einzigen Paares Stiefel 
ihm das Ausgehen unmöglich machte und mir es ersparte. 



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WANDERJÄHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNG. 108 

mich in Göttingen mit ihm l)licken zu lassen; ich hätte die 
öffentliche Aufmerksamkeit auf mich gezogen. Aber noch 
einen anderen Eindruck ließ der Besuch Hebbels bei mir 
zurück. Es war der der entschiedenen geistigen Überlegenheit 
Hebbels über mich und der Gewaltigkeit, oder soll ich 
sagen: herrischen Gewaltsamkeit seiner Persönlich- 
keit. Ohne Zutun von meiner Seite hatte sich das Verhältnis 
atofort ungefähr so gestaltet, als beehrte der Lehrer den Schü- 
ler, ihn auf seinem Zimmer zu besuchen. Hebbel war der 
Gebende, ich der Empfangende, er erwies' mir die Ehre, 
eine Gefälligkeit von mir entgegenzunehmen, 
für die allenfalls ich ihm, nicht er mir dank- 
bar zu sein habe, und gab sich nicht eimn;al die Mühe, 
auf meine Interessen einzugehen, eine Vermittlung mit mir 
durch Herabsteigen auf meinen Standpunkt zu suchen oder 
mir das Gefühl meiner geistigen Unreife oder Inferiorität zu 
ersparen. Er sprach zu mir, wie der Professor vom Katheder, 
ohne eine Antwort meinerseits hervorzurufen oder nur mög- 
lich zu machen; er dozierte, er dozierte unausgesetzt, imd 
als ich nach einem solchen längeren Vortrag, der, wie ich 
glaube, das Wesen der Kunst betraf, ihm für den Genuß und 
die Anregung, die er mir gewährt habe, meine Befriedigung 
ausdrückte, erwiderte er mir: daß er nicht sowohl meinet- 
wegen geredet, als um sich seine Gedanken klar zu sprechen I 
Ich hätte ihm bloß als Wand gedient, gegen die er sprach! 
Ich glaube, diesen Zug nicht verschweigen zu sollen, obschon 
er das Zartgefühl und die sozialen Umgangsformen Hebbels 
nicht gerade in ein günstiges Licht setzt, weil er mit einem 
Schlage die ganze Persönlichkeit zeichnet. Hebbel mein 
Gast und in bedrückendster Weise auf meine Unterstützung 
angewiesen, ich hinwied-^rum mich willig ihm unterordnend 
und seine Überlegenheit anerkennend — und dann solch ein 
unerwarteter Hieb ins Gesicht! War es das ihm unbequeme 
Gefühl der Lage, in der er sich bei mir befand, welches sich 
Memit Luft zu machen suchte, der Protest seines Unabhängig- 
keitssinnes gegen jeden Schein einer mir geschuldeten Kück- 
sicht? Später haben unsere Wege uns leider nie wieder 



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104 SAD6ER, HEBBEL. 



zusammengeführt. Aber selbst jene flüchtigen Berührungen 
mit ihm sind mir stets als eine Art persönlicher Illustration 
seiner Schriften erschienen; so vieles darin gemahnte mich 
an den Mann, wie er mir im Leben entgegengetreten war — 
absonderlich, eckig, etwas schulmeisterlich, aber eine ur- 
sprüngliche, gewaltige Kraft, der ich bereitwillig den Vorzug 
geistiger und persönlicher Überlegenheit einräumte, ohne mich 
sympathisch von ihr berührt zu fühlen. Ich hatte das Ge- 
fühl, daß es sich schwer mit ihm leben ließe'\ 

Nehmen wir endlich noch dazu, was Kuh von der Eeiz- 
barkeit und Empfindlichkeit Hebbels aus jener ' Zeit an- 
führt. „Elise wie Rendtorf, die kleine Beppi wie Bous- 
s e a u waren diesen Ausbrüchen seines Ungestüms gleicher- 
maßen ausgesetzt; der unscheinbarste Anlaß vermochte sie 
hervorzurufen, das harmloseste Mißverständnis ihnen Tür und 
Tor zu öffnen. Unser Freund betrachtete diese maßlose Emp- 
findlichkeit bald traurig alsdasErgebnisseines früh e- 
ren Lebens, wofür, wie in manchem, das gegen- 
wärtige bezahlen müsse, bald entschuldigend 
als eine Folge der Not, welche die inneren Fühlfäden 
nicht abstumpfe, sondern verfeinere, zuweilen aber auch als 
unentschuldbare Sünde, die jegliche Geißel und nicht die 
leiseste Schonung verdiene. ,Es ist nicht wahr,* sagte er ein- 
mal, ,daß ich durch meine grenzenlose Empfindlichkeit eben- 
soviel oder gar mehr leide als andere; der Mensch fühlt 
in seinen Fehlern wie in seinen Tugenden nur 
sein Wollen und seine Kraft.*" 

In den vorstehenden Charakterzügen haben wir so ziem- 
lich alles beisammen, was wir zum Verständnis des Menschen 
Hebbel annoch benötigen. Zunächst, daß seine maßlose 
Reizbar- und Empfindlichkeit außer der späterhin abzuhan- 
delnden Belastung vornehmlich Produkt seines früheren Le- 
bens und der blanken Not war. Wir haben leider kein Zeugnis 
darüber, wie sich das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn 
nach dem Hingang des Vaters im engen Familienkreise ge- 
staltete. Doch beschuldigt sich Hebbel in einem oben zi- 
tierten Brief, daß er die Mutter oft hart verletzte und selbst 



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WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNG. 106 

seine Liebe eine ungestüme Flamme war, die, wenn sie nicht 
sogleich verstanden wurde, statt zu erwärmen, direkt Ver- 
sehrte, Schon dazumal also gab es ,,Mißyerständnisse" in 
reichlicher Fülle und, die ihn zuerst so mißverstand und 
seine Reizbarkeit weckte, war keine andere als seine Mutter. 
Halten wir jene Briefstelle zusammen mit den Pubertätsdich- 
tungen, die Hebbels Phantasien auf seine Mutter ganz deut- 
lich verraten, dann leuchtet uns ein, wo der tiefste Kern 
jenes Mißverstehens lag. Die Mutter mochte durchaus nicht 
begreifen, daß der Sohn, welcher jetzt ihr Erhalter geworden, 
sie nun auch im Unbewußten begehrte» Darum wurde dieser 
dann leicht brutal, da er sich so gar nicht verstanden fühlte. 
Und vollends, wenn Schmalhans Küchenmeister worden und 
die Not im Hause gespenstisch anklopfte, erwachte die Er- 
innerung an den Vater erst recht, der in solchen Zeiten seine 
Frau selbst tätlich mißhandelt hatte. Dann mimte Friedrich 
selbst den Erzeuger, zumindest in sadistischen Worten jenem 
Beispiel folgend, wie später bei jedem weiblichen oder männ- 
lichen ErsÄtz der Mutter. Ja, nach dem Vorbilde dieses ihn 
stets vergötternden Weibes prüfte er immer die Liebe der 
anderen an ihrer Aufopferungsfähigkeit für ihn und an der Ge- 
duld, mit der sie seine Quälereien ertrugen. 

Ich habe bereits im früheren Kapitel ausführen können, 
wie er die Rolle des Ernährers gar bald mit der weit lust- 
voUeron infantilen vertauschte. In der Kindheit hg^tte sein 
Ideal gelautet, die Mutter solle wort- und klaglos alles opfern, 
ja, wenn es not tat, geradezu hungern, damit ihr Friedrich 
nur satt werden könne. Soweit es femer der Vater erlaubte, 
wird lachen das Bübchen, welches naturgemäß noch nichts 
verdiente, wohl aber der verhätschelte Liebling war, die Mutter 
und den Bruder tyrannisiert haben, ob auch nicht so brutal, 
wie in späteren Jahren. Was er nun einst infantil genossen, 
ward Vorbild für sein ganzes Leben: das sadistische Quälen 
jedes Geliebten, zumindest in Worten i), und sein Verlangen 



^) Meine ärztliche Erfahrung hat mich gelehrt, daß in Fällen von 
Sadismus niemals der erbliche Faktor zu missen ist. Bei Hebbel dürfte 



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lOi SADOER, HEBBEL. 



nach steten Opfern bis zur Selbstentäußerung. Nur wer diese 
Feuerprobe bestand, sich ohne Murren peinigen ließ, zu Opfern 
sich drängte und trotzdem in allem unterordnete, konnte 
ihm Freund oder Geliebte werden. Kam vollends dazu, wie 
bei Christine, daß er von der Geliebten erhalten wurde, wie 
einst von der Mutter, dann war sein Kindheitsideal er- 
füllt und er restlos glücklich. Schon das bloße Quallenkönnen 
jedoch war mit hoher sadistischer Lust verknüpft: „Es ist 
nicht wahr, daß ich unter meiner grenzenlosen Empfindlich- 
keit ebenso leide wie andere Menschen. Ich fühle dabei nur 
mein Wollen und meine Kraft." Bei der Besprechung des 
Holofernes werden wir erfahren, daß dieses enorme Kraft- 
gefühl die Grundlage seines Sadismus war. 

Wie sehr ihn der Mutterkomplex beherrschte, erhellt aus 
einer Eeihe von Einzelzügen. So schreibt er z. B. aus seinen 
ersten Tagen in Wien: „Ich gerate in Verzweiflung, wenn 
ich niemanden finde, der mir hilft, mich ein wenig ein- 
zurichten. Es gibt kein sichereres Mittel, sich meine Freund- 
schaft zu erwerben, als mir beizustehen, wenn es sich darum 
handelt, einen Hut, ein Paar Schuhe oder dgl. zu kaufen." 
Er brauchte immer eine Person, die für ihn sorgte, und hatte 
geradezu eine Scheu, selbständig zu werden und sich durch 
eigene Arbeit zu ernähren. Bezeichnenderweise war auch 
Bruder Johann vom nämlichen Schlage und wollte zeitlebens 
von unserem Poeten erhalten werden. Zu diesem Zwecke 
scheute er selbst vor kleinen Unredlichkeiten nicht zurück 
und heuchelte Krankheiten, die er niemals hatte, einmal sogar 
die Wassersucht. Der Dichter, welcher sich gegen ihn man- 
ches vorzuwerfen hatte, mußte schließlich Elise geradezu auf- 
fordern, die Briefe des Bruders von vornherein zurückzu- 
schicken. „Helfen können wir ihm nicht, auch braucht er 
keine Hilfe, wenn er arbeiten will; eine Antwort, die ihm 
kein Geld bringt, tritt er aber mit Füßen, denn ihm liegt 



er vom Vater überkommen sein, in weiterer Linie vielleicht noch von 
jener netten Verwandtschaft, äie wegen einer blauen Sohürze in wütend- 
sten Brbschaftshader geriet. 



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WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNG. 107 



nicht daran, etwas von mir zu hören, er will etwas von mir 
haben. Johann ist ein Lump!" Wie sehr ihm dieser da 
freilich glich, just in dem Punkte des ErhaltenwerdenwoUens, 
machte sich Hebbel sicher nicht bewußt. Er rächte am 
Bruder, den er besser als irgend ein anderer durchschaute, nur 
das Verlangen des eigenen Herzens. Selber machte er sich 
niemals Skrupel, sogar von oberflächlichen Freunden Geld 
anzunehmen, ja direkt zu fordern, wie wir ja von Rudolf 
Ihering vernahmen. Und als er Gurlitt später die Rück- 
zahlung einer alten Schuld anbot, ein Vorschlag, den jener 
von dem jetzt reich verehelichten Freunde mit der Wendung 
annahm, „wenn es ihn nicht zu große Opfer koste", da 
fühlte Hebbel sich durch das „hastige Zugreifen*" beinahe 
verletzt. Nach mehr denn vier Monaten antwortete er mit 
verstecktem Vorwurf, er hätte keine Opfer gescheut, um den 
Freund zu befriedigen, habe sogar bloß aus diesem Grunde 
eine sehr nachteilige Verbindung wieder aufgenommen, sehe 
sich aber durch einen unerwarteten Schicksalsschlag um den 
Preis seiner Anstrengungen betrogen, weshalb sich jener bis 
zum Verkaufe eines anderen Manuskripts getrösten müsse. 
Wie man sieht, war der Eifer, sich alter Schuldpflichten zu 
entledigen, kein allzu heißer. Der andere sollte vielmehr 
sich stets mit der Ehre begnügen, Hebbel in der Not ge- 
pumpt zu haben. 

Ganz wütend aber wurde der Dichter, wenn jemand ihn 
gar an eine alte Dankespflicht mahnte. Das hatte die Mutter 
niemals getan und wehe dem Unseligen, der ihm also kam! 
Verstand es doch Hebbel ganz ausgezeichnet, solche Ver- 
pflichtungen spurlos zu vergessen, ja empfangene Wohltaten, 
die er womöglich noch selbst provoziert hatte, in — erlittene 
Kränkungen umzudichten. So beispielsweise beim Kirchspiel- 
vogt Mohr, dem er später vorwarf, er habe sich zwischen 
um und die blanke, „kräftigende" Not gestellt, bei Amalie 
Schoppe, die er noch anklagte, wenn sie ihm etwas Gutes 
mit auf den Weg gab, beim Hofmarschall von Levetzau, 
Christian VII. und Elise L e n s i n g. Wenn der Hofmarschall 
gegen den ganz Unbekannten und noch Unberühmten „äußerst 



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108 SADGER, HEBBEL. 



höflich ist" und sich erbötig macht, ihn dem Könige vorzu- 
stellen, quittiert unser Hebbel: ^^Ich brauche das nicht 
hoch anzuschlagen. Am Ende ist es eine amtliche Pflicht, 
die er gegen jeden anständigen Fremden, der ihn darum er- 
sucht, erfüllen muß!'* Die Geliebte, die ihm rät, den Dänen- 
könig um eine Staatspension zu bitten, erhält zur Antwort : 
„Man kann sie annehmen, aber sie nachsuchen? Nein, Elise, 
das kann kein Ehrenmann!" Doch der nämliche Ehrenmaom 
ersucht bald darauf um Verlängerung des Stipendiums für 
ein drittes Jahr und, als ihm statt dessen bloß Geld für die 
Heimreise angewiesen wird, ist er derart „empört, daß er an- 
fangs glaubt, er könne und müsse das Almosen zurückweis^sn". 
Das läßt er dann freilich aus guten Gründen bleiben, kann 
sich aber gleichwohl zu sagen nicht entbrechen : „Entschieden 
bin ich behandelt, wie ich nicht behandelt zu werden ver- 
diene." Geradezu empörend ist endlich sein Verhalten wider 
die Geliebte. Ich will da vorläufig nur einen kleinen, doch 
hochbezeichnenden Zug hervorheben. Aus Dänemarks Haupt- 
stadt jammert er Elisen so lange vor, er könne mit seinen 
lumpigen vier Hemden nicht das Auslangen finden, bis diese 
trotz ihrer schmächtigen Kasse ihm Wäsche kauft und sendet. 
Der Dank hiefür ließ nicht lange auf sich warten: „Es ist 
mir nicht angenehm, daß Du, ohne Deine Lage zu berücksich- 
tigen, ohne die mit dem Verschicken von Sachen verbundenen 
großen Kosten zu bedenken, immer alles, was bei mir nach 
einem Wunsche auch nur aussieht, zu erfüllen suchst. Das 
muß und wird mich dazu bringen, mich des- einzigen Trostes 
im Leid zu berauben und meine Klagen für mich zu behalten. 
Dies© Hemden mit Zoll- und Portokosten werden ja noch 
eiumal so teuer, als wenn ich sie hier gekauft hätte. Ist es 
Dir denn gar nicht möglich. Maß zu halten und zu begreifen, 
daß Lifebeszeichen dieser Art mir nur weh tun, nur peinliche 
Gefühle in mir erregen können?" Natürlich hatte er den 
einfachsten Weg, sich aus eigener Tasche Hemden zu kaufen, 
nicht gehen mögen, sondern der Geliebten wiederholt jenes 
Opfer so nahe gelegt, daß sie es schließlich bringen zu müssen 
glaubte. Dann aber kam er mit verletzendem Tadel und 



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WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNG. 109 

bitteren Vorwürfen. Da muß man wohl sagen, es gibt kaum 
eine — bequemere Art, sich des Dankes zu entschlagen ! 

Wie sehr er in diesem Punkte angreifbar war, fühlte 
keiner besser als Hebbel selber. So verteidigt er sich ein- 
mal im Tagebuch: „Ob ich wohl eigentlich undankbar bin, 
d. h. undankbarer, als der Mensch es ist und sein muß? Ich 
bin es in bezug auf materielle Dinge, denn ich habe zuviel 
Stolz, um diesen in meiner Erinnerung so viel einzuräumen, 
als ich vielleicht müßte. Ich bin es nicht, wenn es sich um 
empfangene geistige Wohlthaten handelt, him Liebe und Freund- 
schaft oder um geistige Eindrücke. So hat z. B. U hl and 
sich doch gewiß verletzend gegen mich benommen, aber meine 
Gefühle für ihn haben keine Veränderung erlitten." Man 
sieht, wie geschickt der Dichter zu unterscheiden weiß zwi- 
schen dem, was greifbar geboten wird und wofür sich Er- 
kenntlichkeit ansprechen läßt — „ein Wohltater hat immer 
etwas von einem Gläubiger", schrieb er ins Tagebuch — 
und jenen unfaßbaren Imponderabilien, die eine Dankforderung 
einfach ausschließen. Dabei unterläuft ihm, daß er Uhland 
ein verletzendes Benehmen unterschiebt, während dieser in 
Wahrheit ein hohes Entgegenkommen bewies. Wie wenig 
vollends Hebbel für Liebe und Freundschaft dankbar, min- 
destens in landläufigem Sinne, wird in dem Kapitel „Elise 
Lenfling" ujid vielfach später noch durchsichtig werden. 

Sehr früh schon vertraute er dem Tagebuch: „Die Dank- 
barkeit soll eine der schwersten Tugenden sein. Eine noch 
schwerere mögte sein, die Ansprüche auf Dank nicht zu über- 
treiben," Und beinahe mit denselben Worten ein Jahr darauf : 
„Schwerer, als dankbar zu sein, ist es, die Ansprüche auf 
Dank nicht zu übertreiben." Doch der nämliche Hebbel, 
welcher den Intimsten Undankbarkeit vorwarf, wenn sie sich 
seiner jahrelangen Tyrannis endlich entzogen, schrieb sich 
schon 1840 folgendes auf den Leib: „Dank und Undank ge- 
hören zu denen, in der moralischen Welt jeden Augenblick 
hervortretenden Ereignissen, worüber sich die Menschen unter- 
einander niemals beruhigen können. Ich pflege einen Unter- 
schied zu machen zwischen Nicht-Dankbarkeit, Undank und 



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110 SAD6EB, HEBBEL. 



Widerwillen gegen den Dank. Jene erste ist dem Menschen 
angeboren, ja anerschaf fen : denn sie entspringt aus einer 
glücklichen, leichtsinnigen Vergessenheit des Widerwärtigen 
wie des Erfreulichen, wodurch ganz allein die Fortsetzung des 
Lebens möglich wird. Der Mensch bedarf so unendlich vieler 
äußeren Vor- und Mitwirkungen zu einem leidlichen Dasein, 
daß, wenn er der Sonne und der Erde, G-ott imd der Natur, 
Verwandten und Eltern, Freunden und Gesellen immer den 
gebührenden Dank abtragen wollte, ihm weder Zeit noch 
Gefühl übrig bliebe, um neue Wohltaten zu empfangen und 
zu genießen. Läßt nun freilich der natürliche Mensch jenen 
Leichtsinn in und über sich walten, so nimmt eine kalte 
Gleichgültigkeit immer mehr überhand und man sieht den 
Wohltäter zuletzt als einen Fremden an, zu dessen Schaden 
man allenfalls, wenn es uns nützlich wäre, auch etwas unter- 
nehmen dürfte. Dies allein kann eigentlich Undank genannt 
werden, der aus der Roheit entspringt, worin die ungebildete 
Natur sich am Ende notwendig verlieren muß. Widerwillen 
gegen das "Danken jedoch, Erwiderung einer Wohltat durch 
unmutiges und verdrießliches Wesen ist sehr selten und kommt 
nur bei vorziigliohen Menschen vor, solchen, die mit großen 
Anlagen und dem Vorgefühl derselben in einem niederen 
Stande oder in einer hilflosen Lage geboren, sich von Jugend 
auf Schritt vor Schritt durchdrängen und von allen Orten 
her Hilfe und Beistand annehmen müssen, die ihnen dann 
manchmal durch Plumpheit der Wohltäter vergällt und wider- 
wärtig werden, indem das, was sie empfangen, irdisch, und 
das. was sie dagegen leisten, höherer Art ist, so daß eine 
eigentliche Kompensation nicht gedacht werden kann." Man 
durchschaut das geschickte Räsonnement: Erstens schulde 
ich meinen Wohltätern so wenig Dank als Sonne und Erde, Gott 
und Natur, Verwandten und Eltern, zum zweiten jedoch bezahle 
ich als ein Vorzugsmensch mit einer weit höheren Gegen- 
leistung, der Entwicklung nämlich meines eigenen Ichs, kann 
also des komn^unen Dankes mich dreist entschlagen. Ein 
Eäsonnement, das ebenso bequem als — gewöhnlich ist und 
in praxi auf das Recht zum Undank hinausläuft. Wenn Heb- 



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J 



WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNG. 111 



b^l eine Wohltat je anerkannte, geschali es gewiß aus Em- 
pörung über — einen anderen Wohltater, der sich g,uf des 
Dichters Verpflichtung berief. Daß er einem Menschen Dank 
schuldig sei, erfährt man erst dann, wenn er dafür einen 
anderen zu beschimpfen vermag. 

Um. dies Verhalten ganz zu verstehen, muß man tief 
zurückgreifen bis auf das mächtige Selbstbewußtsein von Heb- 
bels dithmarsischen Bauernvorfahren; des weiteren auf den 
Stolz der Eltern und die trüben Erfahrungen der ersten Kind- 
heil^ da Schuster und Schneider respektiert werden mußten, 
weil sie dem Vater gelegentlich einen Auftrag zukommen 
ließen; und endlich noch auf das mindestens undelikate Be- 
nehmen der allermeisten Hamburger Wohltäter. Am mäch- 
tigsten aber wirkte der Umstand, daß Hebbel der Lieb- 
ling der Mutter war und jede Guttat als einen ihm gebüh- 
renden Vorzug ansah. Dafür noch zu danken, erschien ihm 
nicht bloß ganz überflüssig, sondern direkt zweckwidrig. 
Wenn er aus verborgenen sexuellen Motiven auf die Mutter 
erbost war, dann sollte sie um Himmels willen nicht wähnen, 
er sei ihr für das Selbstverständliche, den Bettel von Gunst, 
den ihre Armut ihm zuwenden konnte, auch noch verpflichtet. 
Ja, ihn reizte geradezu, sie fühlen zu lassen, wie wenig sie 
eigentlich seinen Ansprüchen zu genügen vermöge, um sie 
derart zu neuer und erhöhter Liebe anzuspornen. Daher dann 
„sein dämonischer Hang, die ihm ergebenen Menschen zu 
verletzen.", und je naher sie ihm standen, desto mehr. 

Verstärkung bekam dies Psychische aus erotischen Quel- 
len, durch die Lust am Quälen, den sadistischen Einschlag, 
der ihm von Vaters Seite im Blute lag. Ich will hier eine 
Schilderung Kuhs hersetzen, die zwar einer späteren Zeit 
entstammt, doch Hebbels Sadismus am besten beleuchtet 
und auch den Urgrund desselben aufdeckt: „Solche Überfälle 
unternahm er mitunter aus bloßer Lust an den Wirkungen 
seines Dämons. Es war dies sozusagen der Humor seiner 
Heftigkeit. In gewissen Stunden, von einem Kraftgefühl 
geschwellt, unter dem er ebenso litt, als Be- 
friedigung empfand, ja das mit dem Wehgefühl oft 



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118 SADGER, HEBBEL. 



genug Zeichen und Laute tauschte, schien es ihm eine 
Art schmerzhaften Vergnügens zu bereiten, an- 
deren etwas von seinem persönlichen Schauer einzuflößen, 
in unvermuteten Angriffen ein fremdes Gemüt zu betäuben 
und zu überwältigen. Es gewährte ihm dann und 
wann Wollust, das Weiche und Fügsame in anderen zu 
beschämen oder einzuschüchtern, sie zu verzärtelten G-eschöp- 
fen herabzudrücken und sich in ihrer Vorstellung als den 
harten, den steinernen Mann zu spiegeln, der er nicht war. 
So gefiel er sich darin, die Audienzen bei Iwan dem Schreck- 
lichen zu schildern, auszumalen, wie Hohe und Geringe vor 
ihm zitterten und bebten und wie er einmal einem Gesandten 
die Eisenspitze des Stockes, auf den er sich stützte, in den 
Fuß trieb und mit dem solcherweise vor ihm Angenagelten 
und Erbleichenden unbefangen weiter sprach. So betonte 
Hebbel einst die Notwendigkeit der Vivisektion, welche 
die Sentimentalität des modernen Staates der Naturwissen- 
schaft noch immer vorenthalte, wodurch diese also gezwungen 
werde, vor dem wichtigsten Experiment haltzumachen, an- 
statt daß die zum Tode verurteilten Verbrecher ihr ausge- 
liefert würden. Er wiegte sich in meinem Abscheu, den mein 
Gesicht und meine Rede ausdrückte, und brach erst dann das 
Thema ab, als seine Frau ein starkes Wort der Abweisung 
sprach. Nun veränderte sich sein Gesicht, wel- 
ches seine eigene Maske gewesen, er lächelte, 
beinahe beschämt, wie wenn jemand aus dem Zu- 
stand halber Trunkenheit wachgerüttelt wird. 
Im engsten Zusammenhange mit dieser Grausamkeit stand 
sein diabolisches Behagen an dem hervorgebrachten Entsetzen, 
wenn er Kriminalgeschichten erzählte ; und er erzählte sie mit 
dramatischer Meisterschaft. Die Beweggründe eines ausge- 
zeichneten Verbrechers zu entwickeln, die gräßliche Tat in 
den vielen Facetten der Ruchlosigkeit spielen zu lassen, 
die psychologischen Farben des Geschehnisses von neuem • 
zu mischen und aufzutragen, wobei er die Lokali- 
tät, die Jahres- und Tageszeit mit der großartigen 
Nachlässigkeit und Eindringlichkeit der alten hoUäa- 



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WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNO. 113 

dischen Künstler bildlich machte, dies alles gelang ihm 
auf geradezu bewunderungswürdige Art. Ich erinnere micli 
namentlich seiner Beproduktion des Prozesses jenes unge- 
l^euerlichen Mörders, eines Haarkräuslers in Braunschweig, 
der sich nach Hinschlachtung seines Opfers, einer jungen 
Frau, damit die ,Langweile* kürzte, daß er die Tote, weil 
er nicht sofort aus ihrem Zimmer hinaus konnte, in den 
Lehnstuhl setzte und kunstgemaß frisierte. ,Ja, Kuh,* sagte 
Hebbel, den willenskxäftigen Unterkiefer dabei bewegend, 
,ja, der gelangweilte Mann operierte so gemächlich mit den 
laugen Strähnen, als ob nichts Erhebliches vorgegangen wäre.* 
Ich sah Hebbel auf die Hand, so sehr berückte mich seine 
Geste. Einer solchen Schaustellung des Furchtbaren folgte 
jedoch bei ihm jedesmal der ernste Epilog, welcher einen er- 
staunlichen Eeichtum an Parallelen, Gresichtspunkten und 
Analogien entfaltete und die Vorliebe des Denkers und Dich- 
ters für Kriminalgeschichten erst erklärte. Seine individuelle 
Heftigkeit und sein psychologisches Interesse an den Nacht- 
seiten der Menschennatur taten sich mit seinem dichterischen 
Anteil an der plastischen Gestaltung des Bösen zusammen 
und fesselten ihn darum an die besonders ausgeprägten Bei- 
spiele desselben, welche uns die Chronik der Straf Justiz auf- 
bewahrt hat. Den alten wie den neuen Pitaval hatte er 
ebenso gelehrig als gierig in sich aufgenommen, und sobald 
ein neuer Band dieses Sammelwerkes erschien, verabsäumte 
Grlaser nie, ihm denselben zu bringen. Anselm von Feuer- 
bachs merkwürdige Kriminalgerichtsfälle nannte er eines 
der belangreichsten Bücher unserer Literatur, und den großen 
Kriminalisten wegen seines psychologischen Blickes einen 
Shakespeare verwandten Geist." 

Nach dieser glänzenden Analyse ist nicht mehr zu zwei- 
feln, daß Hebbel ein arger Wort- und noch mehr Phantasie- 
sadist war. „Es steckt etwas von meinem Hagen in mir. 
Man schafft keinen solchen Charakter, wenn nicht etwas 
davon im eigenen Blute liegt,'* bemerkt er einmal zu Eduard 
Kulke. Nicht -umsonst wiegte er sich voll Lust in der 
Vorstellung, an lebenden Menschen zu experimentieren. Daß 

Bftdger, Hebbel. S 



C^ nri n I r^ Orrgin a f f ro m 

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114 »ADOfitl, HEBBEL. 



das alles freilich nut Phantasie und Leben in unbewußten 
Wünschen war, erhellt ans der plötzlichen Veränderung seiner 
Züge, sobald Christine, der dieser Zustand offenbar geläufig, 
mit scharf abweisender Eede dazwischonfuhr. Auch, was ihn 
seinerzeit in der Kirchspielvogtei neben anderem festhielt, 
die Lust am polizeilichen Inquirieren und Strafen, wird nun- 
mehr ins richtige Liöht gesetzt. Unter jenen ganz wenigen 
Problemen, die Hebbel zeitlebens reizten und beschäftigten, 
spielte just das interessante Verbrechen eine Hauptrolle. Daß 
er in jeglichem Einzelfall so gut verstand, die psychologischen 
Fäden auseinanderzulegen, beweist, daß er im Spiele der Ein- 
bildung ein universeller Verbrecher war, dem nichts Un- 
menschliches oder Allzumenschliches fremd gewesen. Es bot 
„eine Art schmerzhaften Vergnügens" und gewährte ihm 
Wollust, den anderen zu quälen. Und auch den tiefsten, orga- 
nischen Ursprung dieser seltsamen perversen Lust hat Emil 
Kuh ganz richtig erfaßt. Das mächtige Knaftgef ühl, welches 
ihn häufig so grimmig schwellte, wie seinen Holofemes, und 
unler welchem er ebenso litt, als Befriedigung empfand, das 
ist im Kern die Zurückführung des sadistischen Komplexes 
auf die konstitutionell gesteigerte Muskelerotik, die, wie wir 
jetzt wissen, neben der erhöhten Hauterotik i) eine der wich- 
tigsten Quellen jener Perversion ist. 

Eine andere Wurzel, auf welche ich die Aufmerksamkeit 
lenken möchte, ist der Kastrationskomplex. Wir wissen, daß 
zumal in den niederen Schichten des Volkes die Drohung 
mit dem „Abschneiden'*, scilicet membri, oft wegen der alier- 
kleinsten Vergehen, gang und gäbe ist, von den Eltern geübt 
wird wie von der Umgebung. Bei empfänglichen Knaben 
wirken solche Drohungen außerordentlich nach und führen 

^) Für diese führe ich nebst dem im 1. Kapitel Erwähnten noch 
folgendes an: Das Betasten der Sarge gewährte ihm als Jungen ,^ein 
schauerliches Vergnügen". Im Vatikan aber fühlt er sich gedrängt, den 
Apoll und die Laokoon-Gruppe nicht bloß za besehen, sondern auch zu 
— befühlen* „So kindisch das letztere ist, ich habe es zum Zeichen der 
geistigen Besitzergreifung getan und zur Strafe will ich es beichten." 
Endlicli noch den Ausspruch des Tagebuches : „Wer das Jucken ein Übel 
nennt, der denkt gewiß nicht ans Kratzen." 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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WANDEBJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNO. 116 

zu einer steten Kastrationsangst, daneben aber auch zur Ka- 
stratiohslust, besonders wenn man jene Strafe bei anderen 
Leuten, den Feinden etwa, anwenden möchte. Ferner ist 
zTl beachten, daß die Entmannung nicht bloß am Membrum 
vollzogen werden kann, sondern auch an einem symbolischen 
Ersatz desselben, wie etwa an Fuß oder Hand, Auge oder 
Kopf. Alles Schneiden und Blutvergießen, an welchem Körper- 
teil immer, erscheint dann als symbolische Kastration. 

Man wird jetzt in Hebbels Leben und Dichten eine 
ganze Beihe von Zügen begreifen. So seine grausige Lust, 
wemi Meisterin 0hl dem kleinen Jungen die Nägel stutzt, 
seine Berserkerwut, als der Freund die Geliebte (Emilie Voß) 
blutig prügelt, die Entrüstung des Erwachsenen über die 
Antivivisektionisten und seine Lust am Aufschneiden des 
Bauches im „Diamant". Judith, die Holofemes zur Strafe 
für ihre Schändimg den Kopf abschlägt, begeht da ebenso 
sinnbildliche Entmannung wie Golo mit seiner sühnenden 
Selbstblendung. Der Dichter schildert mit grimmer Lust, 
wie Iwan der Schreckliclie den Fuß des Gesandten mit einer 
eisernen Spitze durchbohrt, weil er da symbolische Kastra- 
tion vollzieht, gleich Hebbel selber, der das Buch eines 
literarischen Gegners an die Zimmerwand nagelt. Knaben, 
die früh Gelegenheit hatten, Umarmungen ihrer Eltern zu 
belauschen, merken da auch, wie die Männlichkeit des Vaters 
in der mütterlichen Scheide verschwindet, von dieser also 
förmlich kastriert wird. Stellen sich dann die niemals feh- 
lenden Entmannungswünsche auf den begünstigten Vater ein, 
so wird man begreifen, daß z. B. Hebbel von dem un- 
sichtbar, machenden Ringe, i. e, der Vulva seiner Muttor, nicht 
loskommen kann, oder einer Abart desselben, der Tarnkappe 
unserer nordischen Sage, d. h. vermutlich dem Präputium, 
welches das Glied bis zum Verschwinden einhüllt. Auch dajs 
kindliche Grübeln über das Nichts gehört hieher. Nach dem 
Verlust des kostbaren Gliedes bleibt eben ein Nichts zurück, 
das dem weiblichen Genitale von Haus aus zukommt. Endlich 
wäre noch die sadistische Koitustheorie heranzuziehen. Kin- 
der, die den Verkehr der Eltern belauschen und dabei ein 



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116 8ADGBR, HEBBEL. 



Stöhnen und Keuchen vernehmen, vielleicht auch hinterdrein 
Blutspuren im Bettleintuch entdecken, legen dies alles als 
Bauferei des Vaters mit der Mutter aus, bei der sie jener sogar 
verletate. Auch dies wirkt bei der Wut des jugendlichen 
Hebbel mit, da er Emilie Voß, eine Vertreterin der Mutter, 
von dem Freunde blutig geschlagen sieht. 

II. 

Ein Begriff ward bisher schon so oft genannt, daß es 
hoch an der Zeit ist, ihm näher zu treten: ich meine die 
Belastung. In einer Abhandlung „Belastung und Entartung*' ^) 
beschrieb ich die Stigmata jener Grenzfälle, die, ohne eine 
Geisteskrankheit aufzuweisen, sich doch schon so weit vom 
Normalen abheben, daß sie auch dem Laien als krankhaft 
imponieren. Man nennt sie gewöhnlich nach französischem 
Muster Degenerierte oder Entartete, während sie .besser Be- 
lastete hießen. Auch Hebbel war sicher, zumindest von 
Vater und Mutter her, ein solcher Belasteter. Von den ent- 
scheidenden Stigmen der Belastung fehlt auch nicht eines. 
Verhältnismäßig wenig tritt die angeborene Verstimmung zu 
Tage. Immerhin schreibt der Dichter an Charlotte Eousseau 
noch 1841 : „Ich komme schon wieder in meinen melancho- 
lischen Ton hinein, den ich so gern vermeiden mögte. Aber 
Briefe sind nun einmal Schattenrisse der Seele und die mei- 
nigen sind Schatten von Schatten. Ich bin im Leben gar 
nicht ein so mißgestimmtes Instrument und gebe oft genug 
einen lustigen oder mutwilligen Ton. Aber dem Papiere gegen- 
über werde ich selbst in meinen besten Stunden sogleich ein 
anderer und meine Gedanken nehmen die Farbe meiner Dinte 
an. Dies kommt daher, weil ich, statt mich in 
die Welt zu verbreiten, immer in mein Inneres 
hinabsteige/* „Ich fühle mich selten berechtigt, einen 
Brief zu schreiben! Denn, wenn man die schöne Pflicht des 
Schreibens in trüben Stimmungen erfüllt, so begeht man nach 
meiner Ansicht eine größere Rücksichtslosigkeit, als wenn 



1) Bei Eduard Demme, 1910. 



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WANDERJAHRE (SEXÜAUTÄT, CHARAKTER), BELASTUNa. 117 



man sie versäumt." Ein Jahr darauf nach dem Zusammen-, 
treffen mit Oehlenschlägcr: „Ich brauche dergleichen 
Berührungen, um mich vom hypochondrislch-menschenfeind- 
lichen Wesen, das ich teils aus mir selbst gesponnen, teils 
aus dem Umgang mit einem Freund in mich aufgenommen 
habe, wieder herzustellen." Und wiederum ein Jährlein später, 
da Charlotte Kousseau „seinen Gebilden einen weniger 
schwarzen Hintergrund wünscht", rechtfertigt sich Hebbel, 
dieä Finstere sei das Fundament jeder tragischen, ja dra- 
matischen Kunst. „Da« Leben ist eine furchtbare Notwen- 
digkeit, die auf Treu und Glauben angenommen werden muß, 
die aber keiner begreift, und die tragische Kunst ist der 
leuchtende Blitz des menschlichen Bewußtseins, der aber frei- 
lich nichts erhellen kann, was er nicht zugleich verzehrte," 
Erst im Juni 1844 hat er „die Ehrlichkeit einzugestehen, daß 
Charlottens Vorwurf ein gerechter war. Diese Ehrlichkeit 
würde mir vielleicht auch jetzt noch fehlen, wenn sie mir 
noch soviel kostete wie damals ; aber ich trenne mich mehr 
und mehr von meiner allerdings finsteren Vergangenheit los, 
ich übers&euge mich mehr und mehr von dem hohen und 
einzigen Wert des Lebens und von der Kraft des Menschen, 
seine Befriedigung darin zu finden. Ich will nicht prahlen, 
ich will noch weniger die Färbung eines' Moments für die des 
ganzen Lebens geben und |ch will also gleich hinzufügen;, 
daß meine größere Ruhe nicht daher rührt, weil ich nun 
die fürchterlichen Rätsel, die das Dasein aufgibt, besser zu 
lösen weiß wie früher, sondern nur daJier, weil ich jetzt 
besser verstehe, sie mir aus dem Sinn zu schlagen." Man 
könnte nun glauben, daß seine Hypochondrie, die ihm mehr 
alö einmal Gedanken an Selbstmord nahelegte, eine Folge 
der vielen Widerwärtigkeiten in der ersten Hälfte seines Le- 
bern? war vor der Eheschließung. Doch ist dies nur zum Teile 
richtig, wenn auch natürlich nicht zu bezweifeln, daß Heb- 
bels pekuniäre Unsicherheit seine ohnedies aus organischen 
Bedingungen fließende Verstimmung noch wesentlich er- 
höhen mußte. Allein sogar in den Tagen des Glücjsis, da sämt- 
liche Kindheit sideale selige Wirklichkeit geworden, bricht der 



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118 SADaER, HEBBJBtr. 



trübe Grundton gleichwohl iioch hervor. Schreibt er doch selbst 
nach dem großen Erfolg der „Nibelungen", also auf (dem 
Gipfel seines Könnens und Glücks, an seinen Ereund Din- 
gelstedt: „Du würdest, wenn wir näher zusamnienrückten, 
in mir viel mehr Melancholie und Apathie entdecken, als 
Du erwartest, aber das sind Eigenschaften, die niemand scha- 
den, als dem, der sie hat,: zumal wenn er sich kein Mitleid 
oder gar Wartung und Pflege verlangt, sondern sich, wie eine 
traurige Bestie, in die finsterste Höhle zurückzieht und dojrt 
des letzten Besuches harrt." Am häufigsten aber äußert sich 
die angeborene „Melancholie" in mehr oder weniger zweck- 
losen Beisen. 

Die Beisewut ist als Teilerscheinung des steten Assozia- 
tionswiderwillens, d. h^ der Unlust, sein Ich für die Dauer 
mit irgend etwas zu verknüpfen, ein zweites und von mir 
aufgedecktes Stigma,. Der Belastete, welcher sein Ich im 
Innersten peinlich empfindet, sucht, sich selbst zu .ent- 
fliehen i) durch eine stete Ortsveränderung. Das ist just 
bei Hebbel sehr schön zu verfolgen. Kaum ist er von 
Heidelberg nach München übersiedelt, schreibt er an Elise; 
„Leben ist B eisen, sagt der Christ. Mit größerem Bechte 
sa^t man: Beisen ist Leben. Unermeßlich ist's^ was diese 
Beise mir genützt hat. Der Baum muß nie umgepflanzt, 
der Mensch nie ein gepflanzt werden. Das braust und 
schäumt durch alle Adern, wenn man mit jedem neuen Tag 
eine neue Welt um sich sieht; eine schönere ist gar nicht 
eimnal nötig, schöner ist alles, was nur anders ist. 
Jeiie Hypochondrie, jene Unzufriedenheit mit mir selbst ist 
gänzlich verschwunden, soweit sie nämlich verschwinden kann, 
ohne daß man selbst mit v e r s c h w i n de t." Und vier Jalire 
später, indem er den Grund dieser Wanderlust darlegt : ^,Könnt' 
ich doch reisen, von einem halben Jahr zum andern mit dem 
Ort wechseln! Das Ausharren auf einem Fleck ist für mich 
der Tod. AU die bekannten Dinge drängen sich 

1) In ^inenl Briefe an Elise spricht er von „aU dem Unsteten, .Be- 
wegllchen^ Ohamäleonartigen, was sein Inneres zu einem bal^ weißen, 
bald finsteren Nebelknauel macht;,; den er selbst nicht zn entwirren wüßte**. 



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WAKDEBJAHRE (SEXÜALITlT, CffARAKT UR), BÄLASTP»». IW 

um mich, zusammen und drücken j(Ol\t die Brust 
ein.... Wenn ich gedeihen soll, so muß ich weg. Die Welt 
ist ohnehin ein Gefängnis, nur Menschen oime l^raft und 
Kern zimmern sich in dem großen Kerker einen kleineren 
zurecht, den sie ihren Besitz nennen." Das Jleisen sei „eine 
notwendige Bedingung seiner Existenz". In Paris entzückt 
ihn vor allem „die gewaltige Springflut" ^es licbens. „Mir 
ist das Anschauen des Massenhaften und Gewaltigen, vor 
allem aber eines Lebensstromes, dessen Wellen man nicht 
zahlen, geschweige mit Merkzeichen versehen und wieder er- 
kennen kann, Bedürfnis." Und Kuh ergänzt: „Die hohe 
Woge und da« unübersehbare Wellenspiel dieser Stadt trug 
ihn als die allein angemessene Scliaukel seiner Daseinsform. 
Wo in anderen die Behaglichkeit erlischt und das Existena- 
gefühl unsicher wird, dort erst ward ihm in der Seele wohl, 
dort gelangte er wieder zum vollen Gebrauch seiner Kräfte, 
ja zur nachträglichen Rechtfertigung wie Stillung jener un- 
bestimmten Sehnsucht, die nicht nach irgend einem was immer 
für Namen habenden Genuß ausgriff, sondern nur den breiten 
Styom des Lebens begehrte mit entfernt hinausgerückteiji 
üfergrenzen." Da« heißt unverkennbar, nur dort, wo er nir- 
gends festzuhaken brauchte, das Leben der Großstadt ihm 
täglich neue Beziehungen bot, dort einzig vermochte er sich 
wolil zu fühlen, da jeder peinlichen Dauerverknüpfung aus- 
zuweichen war. „Die eigentliche Frucht meiner Reise ist," 
schrieb er^ kurz vor seiner Eheschließung, „daß icl^. nicht 
»sehr leben kann, wenn ich nicht reise." Gelingt mir dies 
aioht, „dann werde ich mich auch immer unglücklich fühlen**. 
Stets/ wenn er sein Ich unleidlich empfand — und das war 
bis. inMie spätesten Jahre zeitweise der Fall — gab es nur 
eine Rettung für .ihn : fortreisen zu können. So schon all- 
jährlich, wenn mit dem Eintritt der warmen Jahreszeit die 
Produktionskraft erlosch. Da erfaßte ihn „jener unruhige 
Drang nach Ortsveränderung, der ihn z. B. ohne rechte Reise- 
lust einmal nach Paris verschlug und am Abend seines Lebens 
sogar nach London. Nie hat er von den ^ unterschiedlichen 
Fahrten Lebenseindrücke davongetragen, wie etwa Goethe 



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KO 8ADOEB, HEBBEL. 



von seiner italienischen Beise. Sie waxen ihm stets nur 
Mittel zum Zweck, seinem Ich zu entfliehen, das früher oder 
später ihm unerträglich wurde, zumal wenn irgend welche 
äußere Umstände die Verknüpfungen desselben noch drücken- 
der machten!). 

Er vertrug nun einmal so wenig wie andere schwer Be- 
lastete eine dauernde Bindung seines eigenen Ichs, Wenn 
er eine solche anzustreben schien, wie z. B, durch eine Hoch- 
schulprofessur, war es sicher nur Vorwand, etwa um von 
Hamburg fort zu können. Sobald eine ernste Möglichkeit 
winkte, dann, drängten sich gewiß tausend Bedenken und 
Ausflüchte auf, die ein Zugreifen schlechterdings unmöglich 
machten, so gern er auch möchte. In Hamburg hat er die 
Vorbereitung zur Universität ba^ld satt und beruft sich auf das 
Recht der Individualität, sich nach eigenem Gutdünken^ aus- 
leben zu können. Und da schon weiß er ganz genau, er werde 
„schwerlich je ein Amt annehmen**, er, welcher nicht den 
mindesten materiellen Rückhalt besaß. In München schreibt 
er an Elise: „Ich werde nie ein Fakultätsmensch, ein Ju- 
rist u, dgl. und wenn, wie's scheint, Dein ,innigster Wunsch* 
darauf abzielt, so tut mir's leid, daß er durchaus nicht er- 
füllt werden kann.** Von König Christian erbittet er vor- 
erst zwar eine Professur, doch liegt ihm das Anliegen so 
wenig am Herzen, daß er gleich bereit ist, jenes Ideal mit 
einem Reisestipendium zu vertauschen. In der dänischen 
Hauptstadt bot sich dem völlig Aussichtslosen, welchem 
obendrein noch Vaterfreuden winkten, ein kleiner Posten mit 
einer gut dotierten Lebensstellung in sieben bis acht Jahren. 
Doch Hebbel sieht nur die momentane Schattenseite: „Sie- 

1) Sehr häufig wird diese Beiselust durch die Gastspiele seiner Frau 
maskiert, die er als Mann doch begleiten mußte. Wenn Hebbel in den 
Jahren seiner Ehe weniger reiste als vor derself»en,. so spielte des Dichters 
Sparsamkeit mit, die, wie wir später hören werden, einer Zwangsfurcht 
entsprang. Trotz dieser aber packt ihn gelegentlich wilde Beiselust wie 
1852, da er an Franz Dingelstedt schreibt: „Einem V^gabonden, wie 
mir, brennt der Boden immer unteor den Füßen, wenn er wieder sechs 
Monate still saß und sich irgend ein Vorwand zu einem neuen kleinem 
Ausflug darbietet." 



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OrfgfrTaffrom 
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WANDEBJAHHE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNO. ISi 

ben bis acht Jahre 1" Je dringender die Vaterpf lichten wer- 
den, desto mehr erscheint ihm das Hochschullehramt als eine 
Utopie: „Es ist kein Gedanke daran, daß ich, selbst wenn 
eine solche mir angetragen würde, jemals eine Professur an- 
nehmen könnte, ich habe mich nun geprüft und gefunden, 
daß ich durchaus unfähig bin, noch irgend etwas zu lernen." 
Und er, der angeblich zu diesem Zwecke nach Dänernark 
gereist war, wird allen Bitten Elisens gegenüber zu wieder- 
holen nicht müde: „Nie und nimmer kann ich Professor wer- 
den!" Hatte er schon einmal eine gute Verbindung mit einer 
Zeitung, z. B. dem Hauffischen „Morgenblatt", dann ließ er 
sie gewiß durch übergroße Nachlässigkeit eingehen, „da er 
nun einmal keine Trivialitäten schreiben könne". (Brief vom 
7. Dezember 1837.) Später gibt Campe ihm deutlich zu 
verstehen, er könne Eedakteur des „Telegraphen'" werden. 
Doch trotz aller materiellen Bedrängnis und seiner Verpflich- 
tungen gegen Elise, darbt er weit lieber, als sich festzulegen. 
Obwohl auch Heine Feuer und Flamme für diesen Plan ist 
und mächtig zuredet, schwankt Hebbel nur einen kurzen 
Moment, dann siegen die tausend, selbstredend nichtigen Be- 
denklichkeiten. Zwei Jahre Journal erschlügen den Dichter, 
er könne nicht viel schreiben und, lasse er das Blatt durch 
Mitarbeiter füllen, so gingen diese mit dem Gelde davon. 
Alä ob ein Eedakteur bloß dafür bezahlt würde, was er selber 
schriebe! Man könne einer der ersten Dichter und desunge- 
achtet einer der letzten Journalisten sein. Oehlenschlä- 
ger und andere gute Freunde könnten mit Prätensionen auf- 
treten, und was dergleichen Ausreden sind, die niemandem 
fehlen, der nicht zu wollen entschlossen ist. Es ist bezeich- 
J^^nd, daß er all diese scheinbar unmöglichen Wege, nach- 
dem er in Wien einmal seßhaft geworden, tatsächlich ging 
oder gehen wollte, wenn auch freilich stets nur für kurze 
Zeit. So wurde er Feuilletonredakteur der „österreichischen 
Keichszeitimg" und ließ ein andermal den Unterrichtsminigter 
^^gen einer üniversitätsprofessur für deutsche Literatur son- 
dieren. Was in jenen Tagen nicht durfehzusetzen, ward zehn 
Jahre spater ihm angeboten. Da aber lehnte der Dichter 



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US SADQER, HEBBEL. 



seinerseits wieder ab, wie er vermutlich eia Dezexmium zuvor 
im letzten Moment oder eventuell nach kurzer Tätigkeit aus- 
gekniffeü wäre. „War doch das Unglück/' wie Emil Kuh 
sehr treffend bemerkt, „daß er in gar keines der sich ihm 
darbietenden Verhältnisse hineinpaßte." Kuh hätte nur 
zweierlei beisetzen müssen: erstens, daß es überhaupt auf 
Erden keine Stellung gab, in welcher der schwerbelastete 
Hebbel sich wohl fühlen konnte, und zweitens, daß dieser 
auch nie sich selber ernähren mochte. Zeitlebens beherrschte 
ihn neben dem Assoziationswiderwillen i) der unsterbliche 
Kinderwunsch, von geliebten Personen, am besten einem 
Weibe, einer zweiten Mutter, erhalten zu werden. Diese zwei 
Momente, organisch bedingter Verknüpfungshaß bei dem Ver- 
langen, das hilfsbedürftige Kind zu spielen, werden uns immer 
wieder begegnen. 

In meiner „Belastimg und Entartung** führte ich aus, daß 
schwere Hereditarier nicht vermögen, bei einer Empfindung 
lang auszuharren, weil sie weder im Guten noch im Bösen 
eine Dauerverknüpfung ihres Ichs vertragen 2). Nach eigenem 
Geständnis hat Hebbel von der Mutter „die Fähigl^eit ge- 
erbt, schnell und ohne weiteres alles, es sei groß oder Jdein, 
wieder -zu vergeben und zu vergessen". Desgleichen dann auch 
ein anderes Stigma, seine ^„furchtbare Eeizbarkeit und Hef- 
tigkeit", das „Jähe und Heißatmige", wie Mörike es nannte, 
das in weiterer Folge auf Jle bbe 1 s einziges Töchterchen kam. 
„Es steckt eine Hölle von Reizbarkeit und Empfindlichkeit. in 
mir," fichrieb er einmal selber. Von seiner maßlosen. Hef- 
tigkeit will ich noch einige Züge ergänzen. Wenn in Rom 
die Magd des Dichters Italienisch nicht verstand, warf dijeser 

1) Für diesen hatte er die vornehme Wendung: „Mir geht nichts 
über Unabhängigkeit." Noch am Abend seines Lebens schreibt er an 
Westermann: „Ich bin in meinen YerhältnisSfQn nicht auf Schrift- 
stellerei angewiesen und erblicke darin das höchste Glück meines Lebens» 
da diese unschätzbare Unabhängigkeit mir gestattet, mich allein mit d^m 
zu beschäftigen, was mich reizt." ' ' L XJ^ 

2) In einem Briefe an Elise (vx^m 30* Oktober. 1838) schreibt :er'Ton 
der „Eigenschaft seines Herzens, auch den. tiefsten' Schmersr/schneU^^^b- 
zufertigen**. . j .r " -^ r( . 



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WANDERJAHRE (SEXUALITÄT, CHARAKTER), BELASTUNG. 123 



in der Wut ob ihror „Einfalt" mehr als einmal seinen Dolch 
nach ihr. Ais er femer in Ancona Paßschwierigkeiten hatte, 
fing er „dermaßen zu toben an, daß er in Deutschland gewiß 
auf die Wache geschleppt worden wäre". Gurlitt be- 
richtet folgendes Stückchen: „Eines Tages wurde ich durch 
einen mächtigen Knall an der Tür, die unsere Zimmer ver- 
band, aber verschlossen war, heftig erschreckt. Ich stürzte 
zu Hebbel und fand ihn in größter Aufregung in seinem 
Zimmer auf und ab schreiten: ,Das neimt sich Dichter! — 
Solche Kerle!* rief er wütend. Es war ein Buch von Gutz- 
kow, in dem er gelesen, das ihn in solche Aufregung ver- 
setzt und das er dann an die Wand geschleudert hatte. Erst 
nachdem er einen großen Nagel aus der Wand gerissen, ihn 
mit dem Stiefelknecht durch das Buch getrieben und dieses 
aa die Wand genagelt hatte ^), beruhigte er sich wieder." 
Zu Ludwig August F ran kl äußerte er einst: „Es gibt Mo- 
mente, wo dem Verstand aller Sinn für Maß und Gewicht 
abgeht, wo er die geringste Kleinigkeit als etwas Ungeheures 
betrachtet. Ich selbst erfuhr das im eigenen Leben. Das 
kommt mir aber nicht als Individuum allein, sondern lals 
Stammesanteil des Nordens zu, wo es Berserker gab. Ich 
saß mit einem Freunde und geriet in eine Sache hinein, 
über die ich lebhaft sprach. Er suchte zu widerlegen. Ich 
geriet in einen Zustand, daß er mich nur mehr schweigend 
beobachtete. Dann führte er mich vor einen Spiegel. Ich 
sah, wie mir der Schaum um die Lippen stand, die Züge 
verzerrt waren. Das brachte mich zu mir selbst. Ich setzte 
mich nieder, suchte, plötzlich ruhig geworden, mich anzu- 
klagen. Er mußte mich trösten und sagte zuletzt: ,Nun, 
diesem Feuer entspringt ja auch anderes in dir!* Nach der 
dritten Vorstellung der ,Genovefa^ sandte mir Laube das 
Manuskript, um noch einige Kleinigkeiten zu ändern. Ich 
meinte das Ganze schon abgetan. Ich warf das Buch auf 
die Erde, trat es' mit Füßen und war plötzlich von Gelbsucht 



^) Auch dieses symbolisohe Kreuzigen seines literarischen Bivalen 
seigt unverkennbar sadistische Züge. 



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1S4 8ADÖER, HE3»BEL. 



befallen. Im Moment ging mir alle Berechnung verloren, 
daß es sich nur um einige Kleinigkeiten handle. Es gibt 
zwischen Verstand und Wahnsinn keine Vermittlang." Selbst 
in späteren Jahren, da er schon ruhiger worden, „konnte 
er noch, wenn auch seltener, durch sein heißes, jählings auf- 
wallendes Blut in den maßlosesten Zorn geraten bis zum 
Knirschen mit den Zahnen, wenn er sich von Konkurrenzneid, 
vom bösen Willen, von ,schaffensohnmächtiger Gemeinheit* 
der gesamten deutschen Literaturgilde verfolgt glaubte; da 
war er der hyperbolischesten Äußerungen fähig: ,Ich werde 
mich emporrichten und wie Simson mit den Eselsbacken drein- 
schlagen; aber anders: ich werde die Eselsbacken meiner 
Freunde maulschellen'." Wie Hebbel endlich bis in die 
spätesten Lebensgahro aufschäumen konnte, um gleich darauf 
sanft und ruhig za werden, mag man bei Emil Kuh nach- 
lesen. Es zeigton sich auch hier ganz deutlich die beiden 
Stigmata : maßlose Heftigkeit, doch mit der blanken Unfähig- 
keit gepaart, in Zorn und Haß auf die Länge zu .verweilen. 

Nochmals aber muß ich mit allem Nachdruck betonen, 
daß jedes psychische Geschehen, also auch bei Hebbel, aus 
mehr denn einer Wurzel entspringt. Zumindest besitzt es 
einen körperlichen Anteil, hier beispielsweise die schwere Be- 
lastung, und bewußte wie unbewußte Motive^ zumal dann 
solche erotischer Art. 



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5. Kapitel. 
ELISE LENSING, 



„Ich möchte das tauigste Wort haschen, ich möchte selbst 
ein Dichter sein, nur um dieses Mädchen, das jetzt in sein 
Leben hereintritt, in seiner rührenden Opferwilligkeit, seiner 
erschütternden Hilflosigkeit, die den tiefen Frauennaturen 
eigentümlich ist, würdig ankündigen zu können. Da ich dies 
nicht vermag, so nenne ich bloß ihren Namen, Sie hieß Elise 
L e n s i n g." 

So beginnt der einzige Freund und Biograph, der Hebbel 
nicht bloß Dezennien durch Liebe auf s« engste verbundßn^war, 
sondern ihn auch seelisch zu fassen wußte, wie kaum je ein 
anderer. „Elise war ein seltenes Wesen von seelischer Schön- 
heit, der nicht einmal die trostloseste Jugend einen Makel 
aufgedrückt, die das boshafteste Greschick auch in keinem 
Zuge verhäßlicht hat. — Welch eine Jugend lag hinter ihr! 
Ein wahnsinniger Vater, den sie als Kind schlagen sehen 
mußte, um dann selbst geschlagen zu werden, als sie ihm 
einmal wider die Abrede etwas zu essen brachte. Die Ver- 
heiratung der Mutter mit einem Schiffer, sobald der Vater 
für unheilbar erklärt worden war, und die schlechte Behand- 
lung, welche hierauf die Tochter von dem Stiefvater erfuhr. 
Ein waisenartiges Hin- und Hergeschobenwerden von Ort zu 
Ort, bis ein Hauptmann sich entschloß, sie erziehen zu lassen, 
weil ihm ihr schüchternes Wesen gefiel. Aufenthalt in der 
Pension bei Heyse in Magdeburg, wo man sie undankbar 
schalt, weil sie sich nicht glücklich fühlte. Eine Lehrerstelle 
in einer kleinen Stadt — endlich das Leben in Hamburg von 
ihrer Hände Arbeit und ihre Opferung für Hebbel. Aber 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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126 SAD6ER, HEBBEL. 



wie in einem Gewände von Asbest unversehrt war ihr Ge- 
müt durch das Feuer dieser Zustände hindurchgegangen, ihr 
Vertrauen in die Menschen war unerschüttert, ihre angeborene 
Güte unverändert geblieben. Niemand hatte dies klarer er- 
kannt, tiefer empfunden als unser Freund imd gleichwohl 
niemand unwillkürlich wie absichtlich ihr so wehe getan wie 
er öelbst," 

Die Schoppe, welche für den Schützling alles umsonst 
haben wollte, hatte ihn auch zu Elise gebracht, nicht ohne 
ihm gleichzeitig jede schlimme Nachrede über die Lensing 
mit auf den Weg zu geben. Wenn Hebbels mitgebrachtes 
Vorurteil auch bald wich, so bewirkten doch die fortgesetzten 
Klatschereien der Schoppe, die auf ihren Schützling stets 
eifersüchtig war, daß dieser in Bälde von Elise wegzog. Ins 
Tagebuch aber. schrieb er rückblickend: „Ich habe wohl Ur- 
sache, den sechs Wochen, die ich bei ihr verlebt habe, ein 
kleines Denkmal zu setzen, denn sowie mir die Güte gleich 
beim Eintritt entgegen kam, habe ich die Liebe mit fortge- 
nommen. Da« Mädchen hängt unendlich an mir, wenn meine 
künftige Frau die Hälfte für mich empfindet, so bin ich zu- 
frieden." 

Ehe ich fortfahre, kann ich ein paar einleitende Gesichts- 
punkte nicht unterdrücken. Wir kennen bis heute das Ver- 
hältnis der beiden nur aus Hebbels Tagebüchern und Brie- 
fen und einzelnen, geringen Zusätzen Kuhs. Aber selbst 
von dem wenigen hat uns die „Pietät" des ersten Heraus- 
gebers die entscheidenden Stellen über den Abbruch eskamo- 
tiert. Auch die mindestens ebenso wichtige JErgänzung, 
Elisens Briefe an den Geliebten, fehlen vollständig, so daß 
wir uns mit ihrem kärglichen Reflex in des Dichters Ant- 
worten begnügen müssen. Obendrein ist noch in Rechnung 
zu stellen, daß der bekannteste H e b b e 1 forscher und nach 
ihm auch ändere, sich darin gefallen, ein wehrloses Mädchen 
herabzusetzen, und da diesem schließlich nichts vorzuwerfen, 
auf sein Alter, sein Verblühtsein und ähnliche Dinge ein 
möglichst gehässiges Licht zu werfen. Ich glaube, man 
braucht nicht päpstlicher als der Papst zu sein und Elise 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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ELISE LENSmO. 187 



Lensing häßlicher zu finden als Hebbel selber. Und 
mich dünkt der Wahrheit wenig gedient, wenn man nur den 
Dichter möglichst reinwaschen, den Sonnenball fleckenlos 
putzen wiU. Schon heute läßt sich der Beweis erbringen; 
und zwar aus den eigenen Worten Hebbels, daß er in jener 
Liebesbeziehung recht — menschlich handelte. Ich werde 
bestrebt sein, in allem folgenden den Dichter selber sprechen 
zu lassen und Folgerungen nur dort zu ziehen, wo sie sich 
unabweislich aufdrängen. 

Auch nach der Übersiedlung blieb Hebbel in stetem 
Kontakt mit Elisen, besuchte sie öfters, trank spater an 
jedem • Nachmittag seinen Kaffee bei ihr und schmauste dazu 
seinen Lieblingskuchen ,Frenschbrote*, welche sie stets be- 
reithielt. Im Gegensatz zu den anderen Wohltätern, die immer 
an ihm zu kritteln und zu erziehen hatten, begnügte sie sich 
nach Werner damit, „für den unbeholfenen Jüngling müt- 
terlich zu sorgen. Sie nahm teil an seinen Bestrebungen, Ar- 
beiten und Leiden wie eine Schwester und trug seine Launen 
und Heftigkeiten wie ein liebendes' Weib. Sie war es, die 
ihm das Leben in Hamburg bald allein erträglich machte." 
In dankbarem Gedenken schrieb Hebbel zwei Jahre später 
an sie: „Ich darf es wahrlich für das größte Glück meines 
Lebens halten, daß ich mit Dir zusammengekommen bin; 
Du gewährtest mir in Hamburg, wo mich niemand verstand, 
Teilnahme, Anregung und Trost, Du standest mir zur Seite 
in meiner schlimmsten Stunde und riefst meine schönsten 
— daß ich mich nirgends, als in Deinem Hause wohl befand, 
weißt Du! — hervor, und Du warst es ebenfalls, die bis 
jetzt, wie ein freundlicher Genius in der Feme alles für 
mich tat, was für mich getan werden kann/* Und noch etwas 
mußte ihm Elise wert machen: sie erschien ihm vornehmer, 
als alles, was er bislang gesehen und ordnete sich gleichwohl 
ihm gern unter. „Sie beherrschte die Formen, die ihm fehl- 
ten, sde war in der Welt herumgekommen, was ihm noch 
erst als Wunsch vorschwebte, sie war ein reifes, erfahrenes 
Weib, das ihn als Mann behandelte." Für viele Jahre ward 
aie sein Orakel in allen Gesellschafts- und Umgangsfragen; 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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128 SADOER, HEBBEL. 



So erfüllte sie damals eine Beihe spezifischer Liebesbedin- 
gungen, Sie war die ideale, vornehrae Mutter, die Höher- 
stehende, Gereifte und Erfahrene, die gleichwohl aus Liebe 
sich unter ihn stellte, und in Bälde aucli jene, die nicht 
bloß wortlos ihr Erspartes opferte, sondern Tag und Nacht 
für den Geliebten fronte — wie einst die Mutter, und endlich 
setzte ihn Elise in stand, sich von seinen Wohltätern un- 
abhängig zu machen. Wenn Hebbel seinen Stolz zu be- 
wahren vermochte und sich beispielsweise gegen die Schoppe 
zur Wehr setzen konnte, so hatte er diese Möglichkeit nur, 
weil er in Elise einen Rückhalt besaß, den er so lange un- 
bedenklich nützte, bis ihm neue Opferwillige erstandeji. Bei 
allem zeitweiligen Mißgeschick, das der Dichter in seinem 
Leben erfuhr, hatte er in entscheidenden Augenblicken doch 
stets das Glück, einen Helfer zu finden. 

So gleich zu Anfang, als er mit wenig Geld im Beutel 
die Universität in Heidelberg bezog, nachdem sich die 
Schoppe und die anderen Wohltäter so gut wie vöUjg 
losgesagt hattfen. Daß er, welcher sich im Essen zwar mög- 
lichst einschränken konnte, doch aber zu stolz war, sich 
von den Dozenten auch nur das Kollegiengeld schenken zu 
las-sen oder ein Stipendium zu ergattern, in den nächsten 
sechs Jahren weder verhungerte noch verdarb, ist einzig und 
allein Verdienst Elisens. In einem jener Briefe, in welchen 
Hebbel von fremder Unterstützimg mit Anerkennung sprach, 
um auf diestem Grunde den Dankanspruch einer zweiten Wohl- 
täterin mit flammender Entrüstung zurückzuweisen, schleu- 
dert er Amalio Schoppe hin: „Sie haben mir durch das 
Vorbereitungsjahr geholfen, aber nicht weiter; an meinem 
eigentlichen Studieren haben Sie, was dennoch die ganze Welt 

zu glauben scheint, keinen Anteil Woher nahm ich nun 

aber das Unentbehrliche, wie machte ich es möglich, an- 
ständig zu wohnen, mich anständig zu kleiden und über- 
haupt zu leben? Sie haben soviel geforscht, welch ein Ver- 
hältnis zwischen mir und dem Fräulein Lensing bestehe; 
erfahren Sie es jetzt: es war das Verhältnis eines Menschen 
zu seinem Schutzgeist! Dieses Frauenzimmer, deren Seelen- 



f^nonl^ - Orrginaffnonn 

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EL(8£ LENSING. 139 



adel und Herzensgute wenigsi>ens in meinem Leben ohne Bei- 
spiel geblieben sind und deren Bekanntschaft ich allerdings 
Ihnen verdanke, reichte mir, als ich in Heidelberg nur noch 
das Äußerste vor mir sah, aus eigener Bewegung die Hand.; 
sie schoß mir nach und nach, Alles in Eins gerechnet, eine 
Summe von 600 Kthl. vor; ja^ sie tat, um mein Gemüt von 
seiner drückendsten Sorge zu befreien, noch mehr, sie unter- 
stützte meine Mutter, sandte ihr, was ich wußte, halbjährlich 
die Miete und erfreute sie, was ich nicht wußte, außerdem 
noch mit Geld- und sonstigen Geschenken, die sie ihr in 
meinem Namen und, als ob sie nur die Vermittlerin wäre, 
zufließen ließ. Sie war, was wohl kaum der. . Be- 
merkung bedarf, über das Ungewisse meiner Zukunft und 
über die Unsicherheit der Wiedererstattung keinen Augen- 
blick im Zweifel, aber sie hatte keine andere Sorge, als die, 
meinen Ablehnungen zu begegnen, und sie stellte : mir (in 
einem Brief, den ich ewig als ein Heiligtum aufbewahren 
werde) keine^ andere Bedingung, als die des strengsten Still- 
schweigens; sie ließ es ruhig und ungerügt hingehen, wenn 
in ihrer Anwesenheit sogar bestimmte Personen al» diejenigen 
bezeichnet wurden, die mich auf der Universität erhielten, 
und auch ich habe, ihrem Beispiel gemäß, jene Bedingung 
bis aufs Äußerste unverbrüchlich gehalten; jetzt aber ist 
es meine heilige Pflicht, den Schleier zu lüften, hinter dem 
sich bisher meine größte und edelste Wohltäterin verbarg." 

In diesem entrüstungsgeborenen Danke nannte der Dich- 
ter nur einen Teil steiner großen Verpflichtung. Denn er 
ließ sich von Elisen nicht bloß mit Guttaten übersichütten, 
nahm nicht bloß von ihr, die „das Genie des Gebens«'' in 
einem höchisten Maße besaß, mit offenen Händen stets wieder 
aa, sondern legte noch überdies eine Beihe von Opfern ihr 
derart nahe, daß ihr kaum ein anderes- übrig blieb, als sie 
zu erfüllen. Mitunter graute ihm stelber vor dieser schranken- 
losen Hingabe: „Du gute Seele erbietest Dich abermals zu 
einem Opfer. Ich schaudere vor der Möglichkeit, es an- 
nehmen zu müssen.'^ Doch keinesw^s deshalb, weil er die 
Geliebte so nach und nach aller Mittel entblößte, sondern 



8adger, Hebbel. 



C^ nri n I r^ Orrgin a f f ro m 

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180 SADOBB, HEBBEL. 



einzig aus Furcht, sicjp. durch die Annahme ihrer, sämtlichen 
Ersparnisse am Ende dauernd gefeis^lt zu sehen. Schrieb 
er doch damals schon ins Tagebuch: „Die Weiher wollen 
keine Verhältnisse als ewige", und bald darauf \rteder: ,^Die 
Weiber kennen keinen Gott^ als den Grott der Liebe/ und kein 
Sakrament als das Sakrament der Ehe." Darum wird er nicht 
müde zu wiederholeui, er denke an keine Ehe, sondern nur 
an Freundschaft. Und im nämlichen Britefe, in welchem er 
„schaudert", wünscht er Elisen zum heiligen Abend: „Mögest 
Du repht klar xmd innig fühlen, daß Du in mir ewig Deinen 
wärmsten Freund haben wirst, der Dich an- seinem 
höchsten, würdigsten Leben Anteil nehmen läßt und Dir den 
Blick in die Tiefen seiner Seele frei stellt, dafür denn aber 
auch verlangen darf, daß Du nimmer von ihm forderst, was 
er, als seinem Denken und Empfinden widerstreitend nicht 
gewähren kann. Was Deine Zukunft betrifft, so ist sie 
freilich nicht sicherer, aber jedenfalls ebenso sicher als die 
meinige, und wenn ich einst etwas hab*, so werd* ich gewiß 
nicht vergessen, daß Du mit mir teiltest, als Du hattest. 
Dies ist mein Männerwort. Das zwischen uns bestehende 
Verhältnis ist auf einen sittlichen Felsen, auf gegenseitige 
Achtung gegründet; trat ein Sinnenrausch dazwischen, so 
wollen wir das nicht bedauern, denn es war natürlich, ja, 
bei der Lage der Dinge unvermeidlich, aber noch weniger 
wollen wir's bedauern, daß er vorüber ist. Wie in der phy- 
sischen, so gibt es in der höheren Natur nur eine An- 
ziehungskraft, die Menschen an Menschen kettet; das ist 
die Freundschaft, tmd was man Liebe nennt, ist entweder 
die Flammenvorläuf erin dieser reinen und unvergäng- 
lichen Vestaglut; oder der schnell aufschlagende und schnell 

erlöschende abgezogene Spiritus unlauterer Sinne 

Ahnst Du, daß über mich am Ende etwas Höheres schwebt, 
so ahne auch das daraus folgende, daß ich, ganz anders 
konstruiert als andere, selbst da Becht haben kann, wo 
di^ Welt nicht Unrecht hat. Keiner^ Menschen in 
def Welt schreibe ich Briefe wie Dir; Du genießest . mit 
mir mein geheimstes Leben ; ja> noch - unklar über manche 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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EU8E LENBING. . 181 



innere Zustände, tjringe ich sie nair selbst erst dann zjir 
An- und Überschauung, wenn ich sie vor Deinem Auge ab-, 
wickle — — frage Dich einmal emsithaf t, ob wohl innigere 
Verbindung möglich ist? Mußt Du aber (und es kann, nicht 
aadere sein, oder, ich war' Dir nie gewesen, was ich Dir 
zu sein glaubte und glaube) die Frage mit Nein beiant- 
worten, so erfreue Dich Deines Glucks, wenn Du es Glück 
nennen willst, das erlangt zu haben, warum sich gar viele 
schon umsonst beworben haben und noch bewerben werden, 
Männer wie Weiber." 

Also wieder die alte Melodei: Du bist für alles, was du 
aufgeopfert: Mädchenehre und Zukunft, reichlich ents'chä- 
digt durch den Verkehr mit mir und dadurch, daß ich dich 
teilnehmen ließ an meinem innersten Gedankenleben. Ja so- 
gar, daß er stets eine menschliche Wand brauchte, vor der 
er seine: Ideen entwickeln konnte, rechnet er Elise als reichen 
Lohn an. Im Laufe seines Daseins ward freilich die gleiche 
große Belohnung auch dem Kuts'cher Sievers, Beppi 
Schwa;rz und vielen anderen, ohne daß der Dichter, wie 
das Beispiel Rudolf Iherings lehrt, Dank heischte oder 
aJinahm. Schrieb er doch einmal in seinen Notizen: „Ich 
kann mit einer Tür reden, sobald nur mit Kreide ein Mensch 
darauf gemalt ist. Das erklärt viele meiner Verbindungen 
von ehemals." Werm ihn sein Mitteilungsdrang erfaßte und 
er dozieren müßte, dann war ihm einfach jedweder recht • 
und dessen Verständnis beinahe gleichgültig. * Natürlich be- 
streite ich keineswegs, daß er Elisen, die mündlich und s^jhrif t^ 
lieh bald seiüen häufigsten Umgang bildete, mehr von »einen 
gärenden Ideen vortrug als' irgend ein^m anderen; was freilich 
üoch dadurch unterstützt ward, daß sie ein sehr feines, durch 
Liebe erheblich gesteigertes Verständnis in allen ästhetischen 
ßingen ^ besaß. Endlich weiß ein jeder, der die Liebe des 
sonderen nicht erwidern kann, daß man da die Freundschaft 
stets besonders hoch wertet,' ja höher denn alles; Diese ganze 
Hochschätzung samt der Scheu vor der Ehe verflüchtigte 
sich stracks; als Christine Enghaus alle Witsche Heb- 
bels ans frühester Kindheit zu erfüllen vermochte. Die 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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182 SADaEB, HEBBEL. 



Freundschaft jedoch, die er wirklich benötigte und mit Recht 
hochstellte, hatte stets einen homosexuellen Einschlag. 

Kurz nach der Ankunft in Heidelberg schrieb der Dichter 
an Elise: „Du bist nicht die Erste in Schönheit und Jugend, 
aber Du bist in Deiner gränzenlosen Liebe und Hingebung 
daÄ einzige weibliche Wesen auf Erden, welches mich noch 
mit Glück und Freude zusanmienknüpfen kann." Doch, da 
sie, durch solche Wendungen beglückt, seine Anschauung über 
die Ehe verlangte, zieht er sich alsbald auf die Besonderheit 
seines Ichs zurück und die ewigen Vorrechte des Genies: 
„Meinen Ansichten über die Ehe wünsch' ich keinen Bei- 
fall, am wenigsten unter dem weiblichen Geschlecht. Sie 
gehen überhaupt, nicht auf die Ehe stelbst, sondern auf mein 
Verhältnis zur Ehe. Mir wird alles Unveränderliche 
zur Schranke und alle Schranke zur Bes'chränkung. 
Die Ehe ist eine bürgerliche, physische imd in unendlich 
vielen Eällen auch geistige Notwendigkeit Der Notwen- 
digkeit ist die Menschheit unterordnet; jede aber ist 
mit Eegalien verknüpft. Das Individuum darf sich dör 
Notwendigkeit entziehen, wenn es Kraft hat, den Freibrief 
durch Aufopferung zu lösen, darin liegt seine Freiheit. 
Ich kann alles, nur das nicht, was ich muß. Das liegt zum 
Teil in meiner Natur, zum Teil in der Natur de» Künst- 
lers überhaupt. Wenn ein Genie sich verheiratet, so ge- 
schieht immer ein Wunder, so gut, als wenn ein anderer 
sich nicht verheiratet." Und da sie einmal leise andeutet, 
die engen Beziehungen zu dem Dichter könnten sie gesell- 
schaftlich diskreditieren, so bekommt sie den hochachtungs- 
vollen Bescheid: „Wenn Du Ursach hast, meinem Dichter- 
talent Achtung zu zollen, und ich fühle, daß ich die verdiene, 
so hab ich ungleich mehr Ursach, die reine, sittliche Höhe, 
auf der Du stehst, zu bewundern, so mußt Du fühlen, daß 
Dir höchste Achtung niemand versagen darf. Du hast einen 
Punkt erreicht, den ich mit allen Kräften und bei allem 
Streben vielleicht nie erreichen, gewiß aber nicht übersteigen 
werde. Dadurch aber muß ein Zusammenhang, ein Friede 
in Deine Natur gekommen sein, gegen die alles andere gering 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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ELISE LENSINO. lä» 



ist — Das Heiligste und Wahrste, was aai Ver-r 
ehrung, an Liebe Sn meiner Bmst liegt, ist Dir zuge- 
wandt, ist Dein auf immer. Dein hab ioh in der Weihnaohts-^ 
in der Neujahrsnacht gedacht, Dein gedenke ich stets^ wenn 
ich mein selbst am Würdigsten bin und unter allem Wün- 
schenswerten, was ich von der Ankunft erwarte,, ist mir das 
Wünschenswerteste, wieder mit Dir zusammen zu leben und, 
wasi die Stunde bringt, in Gemeinschaft mit Dir zu genießen 
— . oder zu verscheuchen." Einmal' berichtet sie . ihm einen 
Traum, in welchem sie Hebbel mit einer .anderen verheiratet 
sieht. Den Traum fand der Dichter bloß „nierkwürdig". 
Und nachdem er Elisen, die seiner Mutter Wein gesandt, 
das ernstlich als Luxus verwiesen hatte, sie solle doch besser 
auf sich und ihre Zukunft bedacht sein, da seine Aussichten 
so unsicher stünden, meint er zum Schlüsse: „Sonst weißt 
Du, was mein ist, ist auch . pein und -7- um das Absurde 
zu erwähnen — selbst der Fall, von dem Du geträaimt hast, 
würde in diesem Punkte, wie in unserem Verhältnis über- 
haupt, nichts verändern. Darauf verlaß Dich." Dem Tage- 
b^ch aber vertraut er an : „Ea gibt Fälle, wo Pflicht-ErfüUen 
Sündigen heißt/' 

So spann sich das Verhältnis sechs Jahre hin. Von seiner 
Seite ein stetes Begehren im Kleinen und (Jroßen, nur ge- 
legentlich durch einen „Schauder*' gezügelt vor ihrer „gänz- 
lichen Selbstvergessenheit", die er doch selber stets wieder 
provozierte; von ihrer Seite Opfer um Opfer, unendliche Güte 
und eine Hingabe ohne Halt und Grenze. „Etf gibt auf Erden 
niemand, dem ich lieber etwas verdanke als Dir," „Du bist 
mir eine Freundin, wie ich nie eine zweite finden kann", 
^jDu bist der Schutzengel meines Lebens, die Verkettuhg ge- 
ringfügiger Umstände, die uns zusammenbrachte, ist in meinen 
Augen, der. wunderbarste Eaden meines Geschicks." Docli, 
während Hebbel auf der einen Seite ihr Vorwürfe macht, 
daß sie Nächte hindurch um seinetwillen sticke und nahe, 
fordert er bald darauf Kleider und Wäsche, ja^ legt ihr ge- 
wisse Opfer so nahe, daß sie schon bereit ist, ihre Möbel' 
zu verpfänden und ein andermal ihr Letzted, ihr Service, zti 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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184 SADOEB, HEBBEL. 



verkaufen, damit er sein Doktordiplom auslöse. Fürwahr, es 
ist nicht uuTiutreffend, was er einmal schreibt : „Dein täg- 
liches Gebet in bezug auf mich sollte sein: ,Erlöse mich 
von einem solchen Freimde.*" 

Ihn aber quält bei all dieser Güte bloß die eine Sorge, 
sein „Genius", wie er Elise oft nennt, möge seine „Freundes- 
liebe" nur nicht allzu hoch nehmen. Dabei ist er frei von 
Rücksichtnahme auf ihre soziale Position. Wenn die Ge- 
liebte es nicht ratsam findet, daß sie bei seiner Ankunft sich 
da« erstemal ohne Zeugen sahen, widerspricht er heftig : „Ich 
halte im Gegenteil das für imverfänglich und wünsche es 
sehr . . . Wahrlich, wer sich über mein Verhältnis zu Dir nur 
die geringste zweideutige Anspielung erlaubte, wer sich in 
meiner Gegenwart auch nur ein unzartes Wort gestattete, 
den würde ich schnell zur Rechenschaft fordern." Zwei Mo- 
nate später aber schreibt er selber : „Es ist mir lieb und un- 
lieb, daß Du I.'s Bekanntschaft gemacht hast. Lieb, indem 
durch seine Augen auch die Doct. von jetzt an Dich anders 
sehen wird; unlieb, weil unser Verhältnis der Art ist, daß es 
unendlich leicht gemißdeutet werden kann, was uns beiden 
schadet. Hat Alb. Jahnens Nichts über uns gesagt, als was 
er wußte, so mogte er dies immerhin tun; hat er aber seine 
Schlüsse und Mutmaßimgen, zudenen ich leider da- 
mals wunderliche Anlässe genug gab, ausgespro- 
chen, so wäre es fataL Jedenfalls muß ich Dich bitten, Dich 
in Deinen Äußerungen über mich möglichst in acht zu neh- 
men, damit blöde Augen nicht in der edelsten Freundschafts- 
verbindung eine platte Liebschaft wittern." Und es wird 
iSliste kaum entschädigt haben, daß er gleich entschuldigend 
abzuschwächen sucht: „Ich gebe Dir diesen Rat, weil es 
immer gut ist, das Äußerste zu vermeiden; tritt es dennoch 
ohne unser Zutun ein, so werde ich meine Stellung zu be- 
haupten wissen und keinen Fußbreit weichen. Dessen sei 
gewiß; Du giltst mir tausendma.l, millionenmal mehr, als 
alle die Übrigen, und ich wäre schlecht, wenn ich anders 
empfände." 



C^ nr^n li^ Orrginaf frcrnn 

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ELISE LENSINO. 185 



Am 31. Mäxz batrat er wi6<^er Hamburger Boden, zuerst 
von seiner Eliae begrüßt: „Es war ein schmerzlich süßes 
Wiedersehen. Denn auch wir standen nicht zu einander, wie 
wir sollten, und schltecht vergalt ich ihre unendliche Liebe, 
ihre zahllosen Opfer, durch ein dumpfes, lebefaules Wesen," 
Bald sollte er ihr noch mehr schuldig werden, als nach 
wenigen Monden eine Todeskrankheit ihn niederwarf, „Sieben 
Nächte nacheinander wachte Elise an seinem Krankenlager 
und vorzüglich ihrer aufopfernden Pflege verdankte er die 
verhältnismäßig rasche Zunahme seiner Kräfte." Das hin- 
derte ihn nicht, sie bald in neue Opfer zu stürzen. So trumpft 
er z. B. gegen Campe auf, der ihm einen verlangten Vor- 
schuß verweigert: „Ich bin Ihnen 5 Louisdor schuldig, in 
14 Tagen werde ich sie Ihnen zurückzahlen," — „Zinsen nehme 
ich nicht." — „Und ich lasse mir nichts schenken. Ich will 
Ihr Geld nicht umsonst gehabt haben." Und jetzt fährt 
Hebbel im Tagebuch fort: „Damit ging ich; Elisiens 
grenzenloste Güte wird mich in stand setzen, meine Schuld, bei 
C. abzutragen. Ihr und nur ihr danke ich, was ich bin. 
Von ihren Mitteln habe ich in Heidelberg und in München, 
sowie früher und jetzt in Hamburg gelebt. Sie hat alle 
meine Launen ertragen und mich in der Krankheit mit einer 
himmlischen Aufopferung gepflegt. Ihr bin ich verpflichtet 
wie keinem. Und doch kann die Frau Doctorin — II" 

Die Verhältnisse in Hamburg wurden ihm bald zuwider. 
„So bildeten denn die traulichen Stunden bei Elisen, in deren 
Hause nunmehr Hebbel wohnte, seine einzige menschliche 
Erquickung. Anregend waren aber auch diese Stunden nicht; 
sie stellten gleichsam den Mantel seiner Eigenart vor, den 
er jetzt um ein ihm willenlos hingegebenes und innig ergebenes 
Wesen breitete. Bei Elisen nahm er dem Schmerz und dem 
Zorn über die von anderen ihm zugefügten Unbilden die 
Dämpfer ab, so daß die traurigen oder wilden Seelenstimmun- 
gen für das liebevolle, zärtliche Madchen alltein aufgespart 
schienen.^ Den JahresabschluüS 1839 aber endfet er im Tage- 
buche: „0 Du himmlisches, reines Gemüt, das sich selbst 
nicht zu schätzen weiß, nur Deinetwegen, nur um Dich vor 



)y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



186 SADGEB, HEBBEL. 



einer Lage, die Dich ersticken muß, zu sichern, wünsche ich 
mir eine Äukimft, die mir mehr bringt, als' das Stück Brot 
für meinen eigenen Magen! Ich war so oft hart gegen Dich, 
ich habe Dir so manche Träne entpreßt: wenn Gott mir 
das verzeiht, so brauche ich das Übrige nicht zu fürchten. 
Du bist mir heilig, aber das Heilige reizt ebenso oft zur 
Empörung, als es zur Anbetung zwingt^). In Deinem Namen 
schließe ich das Jahr! die sieben Nächte, die sie in meiner 
Krankheit bei mir wachte!" 

Noch zu Ende 1839 war die „Judith" entstanden, sein 
Löwenwurf, der ihm Anerkennung in Fülle brachte. Sonst 
aber gab's in der nächsten Zeit, wohin er auch blickte, mir 
Widriges in Menge. Da folgte zuerst das Zerwürfnis mit der 
Schoppe, dessen tiefste Wurzel wohl kaum eine andere 
als die Eifersucht der Doktorin auf Elise war. Diese selber 
aber ging gesegneten Leibes, die Niederkunft zum Spätherbst 
1840 erwartend. „Ihre Ersparnisse waren aufgebraucht, 
großenteils für Hebbel, der nicht wußte, wo aus, wo ein, 
und dem zu den Verpflichtungen des Freundes nun auch 
die des Vaters, des Ernährers einer Familie hinzuwachsen 
sollten. Wa« aber das Schlimmste war: gerade mit dem 
Anbruche der Krisis sah er sich in eine Neigung verstrickt, 
in die leidenschaftliche Neigung zu der Tochter eines Ham- 
burger Senators. Das Unglück spielte in den Farben des 
Opals." 

Mag man auch diesie Herzensregung noch begreifen, zu- 
mal unser Dichter nach den Worten K u h s „ujiter der Liebe 
Elisens, die er 'als Liebhaber nicht zu erwidern vermochte, 
wie ein Schuldiger litt", so scheinen mir die Begleitumstände 
nur wenig rühmlich. Die Freundin war nicht bloß schwanger 
geworden, sondern auch leidend. „Elise ist krank," heißt 
es im Tagebuch, „ich fürchte, sehr krank! Ich kann mich 
über soviel Schönes^ das diese Zeit mir brachte/ nicht freuen, 
so lange dies dauert. .Gottl Sie ist die letzte, die mir. die 



t: 



1) Durchsichtig in Erinnerung au die Müflter, deren Heiligsein, rieÄl 
tig^r Festhalten am Vater ihn zur Kmpöiung reizte. t .' 



C^ no n 1 ^ Orrgin a f f no m 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



BUBE LENSINO. 187 



Welt erträglich macht ! Und ich hab' soviel, so unendlich 
viel gegen sie gut zu machen! Der Gedanke — ich will 
ihn nicht denken — er könnte mich vernichten I Es- ist 
fürchterlich, daß man so iimig miteinander verflochten sein 
und doch allein sterbeii kann! Gnade, Gnade !'^ Zehn Tage 
spater: „Mein Geburtstag. Elise schrieb mir von ihrem Bette 
ms ein Briefchen, das mich unendlich gerührt hat. Niemals 
kann ich auf Erden Eine wieder finden, die ihr gleicht! 
Und sie ist krank, sie leidet an der Leber. — Gott, weim ich 
dir etwas gelte, so stelle sie wieder her! Mir ist furchtbar 
zu Mute." Und weiterhin am nächsten Abend: „Wie glück- 
lich könnt' ich jetzt sein, wenn Elise nicht krank wäre! 
Meine Judith erregt allenthalben und in den verschiedensten 
Kreisen Enthusiasmus.... Ach, Gott wird doch nicht alle 
Knospen aus meiner Seele hervorlocken, um sie dann auf 
einmal zu ersticken! Nein, meine teuerste, geliebteste Freun- 
din mi3ß wieder gesund werden!" Als sie aber, um Genesung 
zu finden, nach Kügen gefahren und in Bälde ihrer schweren 
Stunde entgegensah, da — verliebte sich Hebbel in Emma 
Schröder, die vornehme Patriziertochter. Nun ist ja nie- 
mand für sein Empfinden schuldbar zu machen. Aber kaum 
noch begreiflich erscheint die Art, wie der Dichter die doch 
um- seinetwillen Leidende hievon verständigt. Emma Schrö- 
der habe ihm gefallen „wie noch selten ein Mädchen. Seit 
dem Tage, daß ich dies liebliche Wesen sah, bin ich wie 
im Rausch, voll im Herzen wie im Kopf. Du wirst Dich 
dessen freuen, wenn ich Dir sage, daß ich dem innerlichen 
Ersticken nah' war. Die Welt drängte auf mich ein, wie 
ein zusammenfallendes Gewölbe; es war ein Flüchten in's 
Tiefste hinein, ein Schlüpfen und Verstecken in den ver- 
borgensten Winkel. Jetzt bin ich wieder frei und es kommt 
etwas aus mir heraus. Wer Einer ist, wie ich, der hat eigene 
Lebensbedingungen, er kann nun einmal nicht eine Schema^ 
Existenz führen, er muß nach oben und nach unten greifen 
Und wird freilich oft ein Menschenfresser. Gott hat das 
90 eingerichtet. Auch Deine Gesundheit wurde getrunken. 
Ich brachte die Schröder zu Hause. Gönnst Du es mir? 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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188 SADOER, HEBBEL. 



Gewiß r* Und noch viel ärger fünf Tage später: „Emma 
mögt' ich alle Tage sehen, dann würd' ich sprudeln. Es 
ist doch wahr, Liebe ist etwas anderes als 
Freundschaft und es ist auch wahr, Liebe knüpft 
sich an Schönheit und Jugend. Schlimm genug, das 
Ewige an's Vergänglichste, das Wahrste, Tiefste, Inner- 
lichste an das, was so oft täuscht. Aber niemand verändert 
die Welt und die Menschennatur und nichts muß man 
schmerzlicher bezahlen, als wenn man im Zu- 
stand der Dürre und Leere sich ins Gefühl hinein- 
lügt Ich weiß nicht, woher es kommt, daß alle meine 
Verhältnisse so manches enthalten, was sie nicht enthalten 
sollten. Grewiß liegt die Schuld größtenteils an mir, aber 
gewiß würde ich auch die Schuld unendlich vergrößern, wenn 
ich, um mir und andern ein vorübergehendes Weh zu er- 
sparen, nach gemachter einschneidender Erfahrung nicht den 
Mut hätte, auf das, was in seiner jetzigen Grestalt nicht 
fortbestehen kann, hinzudeuten. Die Welt ist so groß, so 
groß, mein Herz ist so unergründlich tief, ein Frevel, eine 
selbstmörderische . Sünde wäre es, wollt' ich mir jene ab- 
sperren und dieses unter Schloß und Eiegel legen. Jeder 
Schacht, woraus gediegenes Gold hervorkommt, ist zugleich 
ein Abgrund, worin man den Hals brechen kann, aber soll 
man ihn darum verschütten? Vergib mir Elise, aber bedenk' 
auch, daß dies alles wahr ist. Das Verhältnis in München 
muß ich aufheben, es geht nicht langer. Das mit Dir ist 
und bleibt ein schönes, denn Du bist edel, bist sicher in 
Deinem Herzen. Wenn ich ein andere^ anknüpfe — auch da« 
geht vorüber und die Zeit kommt, wo ich mit Gleichgültig- 
keit darauf zurückblicke. Aber, ein Tropfen Kühlung für 
die unendliche Glut, ein Trunk, der mir alle Sinne schwellt, 
ist das nicht göttlicher Gewinn? Emma hat mir eine Eose 
gegeben, sie ist verwelkt und liegt in meinem Schreibtisch, 
aber sie duftet mir köstlicher, wie ein ganzes Beet. Was 
ist doch die Liebe I Die Welt drängt sich in's Mädchen zu- 
sammen^ ihre glühende Lippe ist der Zentralpunkt aller mög- 
lichen und denkbaren Wonne und der Mensch ist ganz Durst. 



f^noflL^ ^ Orrginaffnonn 

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ELISE LENSING. 189 



Ich katte fia küs&en können^ warum hab' ich's nicht getan? 
Aus Furcht, aus Verlegenlieit unterblieb es nicht, die waren 
mir fem; ich ließ es, glaub' ich, weil ich konnte, weil ich — 
Hör' auf!" Und am Eande schreibt er zu diesem Ergüsse: 
, Jünglingsgeschwätz, dessen ich nicht mehr fähig sein sollte." 
Daß diese Liebe trotz all jener Worte nicht allzu tief 
ging und auch keineswegs unüberwindlich war, erwies sich 
in Bälde, als obendrein noch unbegründete Zwischenträgereien 
sie zu ersticken vollauf genügten. Da erst erfaßte ihn nagende 
Beue : „Mein ganzes Herz, jeder meiner Gredanken war gestern 
abend, als ich zu Hause kam, bei Dir, ich höre Deine Seufzer, 
Deine Empfindungen Orangen in meine Brust, Deine Gedanken 

vermischten sich mit den meinigen Heute morgen ist 

mir noch ganz so wie gestern abend, mein Herz ist zugleich 
erhoben und in Wehmut aufgelöst . . . , Ich mögte den ganzen 
Tag vor Dir auf den Knien liegen und Dich um Vergebung 
bitten, daß ich Dich sooft gequält, im Tiefsten 
verletzt, bitter geschmäht habe, O, es ist sooft 
eine solche Verwirrung in meiner Natur, daß mein besseres 
Ich ängstlich und schüchtern zwischen diesen chaotischen 
Strömen von Blut und Leidenschaft, die durcheinander stür- 
zen, umherirrt, der Mund ist dann im Solde der dä- 
monischen G-ewalten, die sich zum Herrn über 
ihn gemacht haben, und ganz bis in's Innerste zurück- 
gedrängt, sitzt meine Seele wie ein Kind, das vor Tränen 
und Schauder nicht zu reden vermag und nur stumm die 
Hände faltet, und erst, wenn der Sturm sich gelegt hat, 
wieder zum Vorschein kommt. Das kommt von der Er- 
innerung an frühere Jahre, die ich noch nicht 
ganz los bin, von dem Drucke der Gregenwart, von der 
Furcht vor der Zukunft; auch wohl, weil der Greist oft wie 
Jakob mit Gott ringen muß und dabei in eine Untiefe hinein- 
gerät Wie .hoch stehst Du über mir, Du, die 

Du so ganz Liebe bist. Du, bei der ich von dem 
Fluche und der Schande unseres ganzen Ge- 
schlechts, dem Egoismus, nie etwas entdeckte, 
nie auch nur so viel, als nötig ist, den Menschen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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140 SADGEB, HEBBEL. 



im Kampfe mit der feindlichen, nichtswürdigen 
Welt zusammenzuhalten. Niemals, das glaube mir, 
habe ich Dich verkannt, in meinem Wahnsinn habe ich Dich 
wohl zuweilen boshaft und gegen mein besseres Wissen und 
Wollen bespritzt und beschmitzt, aber gleich darauf habe ich 
auch immer wieder Dein edles Bild mit inneren Tränen 
(äußere sind mir versagt) reingewaschen. Ach, gs ist schänd- 
lich genug, daß wir uns, um uns nur zu behaupten, selbst 
lieben müssen, daß wir uns, trotz des Ekels, den wir an uns 
empfinden, trotzdem, daß wir uns in unseren besten Stunden 
steinigen mögten, selbst lieben müssen; daß wir uns selbst 
lieben müssen, obgleich dies bedingt, daß wir das Bessere 
hassen müssen. Aber wohl dem, der, wie Du, auf Kosten 
seines äußeren Friedens dies schlechte Grundgesetz der Exi- 
stenz bricht, um so recht den inneren zu gewinnen . . , Ewig- 
lich, ewiglich Dein F." 

Will man das wechselvolle Verhalten des Dichters noch 
begreifen, muß man weit zurückgehen auf gewisse kon- 
stitutionelle Momente, sowie Hebbels Beziehungen zu seiner 
Muttor. Sonst wäre man allzu leicht versucht, in Bausch 
und Bogen zu verdammen. Erscheint es schon normalerweise 
als arge Unzartheit, einem liebenden Weibe, das einem doch 
mindestens in früheren Jahren ganz nahe stand xmd dem man 
so tief verpflichtet ist, ins Gesicht zu schleudern: „Es ist 
doch wahr, Liebe ist etwas anderes als Freundschaft und es 
ist auch wahr, Liebe knüpft sich an Schönheit und Jugend," 
so mutet dies vollends als Eoheit an, wenn das selbige Weib 
durch die Schuld des Anklägers hochschwanger geht. Nur 
unwiderstehlicher sadistischer Drang, just das zu quälen, was 
einem am teuersten, zumal wenn eine so wehrlos liebt wie 
Elise Lensihg, des weitexen die völlige Übertragung von 
der Mutter auf jede folgende Geliebte i), endlich noch zeit- 
weilige Überwältigung der Vernunft durch das Unbewußte*) 

1) „Das kommt von der Erimierung an frühere Jahre^ die ich noch 
nicht ganz los bin." 

^) „Der Mund ist dann im Solde der dämonischen Gewalten^ die 
sich zum Herrn über ihn 'gemiEu^ht haben/' 



C^ nonl^ Orrginaf from 

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ELISE LENSINO. 141 



lassen jenes Vorgehen, wenn auch nicht entschuldigen, so 
doch begreifen. 

Und noch eines muß ich hier ergänzen, weil es vorbild- 
lich ward für Hebbels allergeheimste Gedanken wider Elise. 
In dem Briefe an sie, der ihr von dem Tode Rousseaus 
erzählt j steht auch die Stelle: „Ich bin, so außer Fassung 
ich anfangs war, wieder ruhig, fast kalt. Diese Eigenschaft 
meines Herzens, auch den tiefsten Schmerz schnell abzufer- 
tigen, ist doch eigentlich kein gutes Zeichen. Was das Lreben 
doch aus dem Menschen macht! In meiner Kindheit 
und Jugend konnte ich, wenn meiner Mutter nur 
das Geringste fehlte, vor Kummer kein Auge 
schließen; jetzt ist sie gestorben, mein teuerster Freund 
ist ihr in entsetzlich kurzer Zeit nachgefolgt und ich schlafe 
so gut wie immer." Eine Erklärung für dieses Verhalten gab 
ich schon früher: Die blanke Unfähigkeit des Schwerbela- 
steten, bei einer Empfindung lang auszuharren. Die andere 
psychische Seite des Problems, die das Bild erst vollendet, 
sind die gut unterdrückten Todeswünsche auf seine Umge- 
bung. Jeder Zwangsneurotiker ist, wie ich im Früheren aus- 
geführt habe, ein Leichenvogel und Hebbel schlief in Bälde 
so gut, weil sich nur verwirklicht, was er im Innersten längst 
gewünscht hatte i). Die überheftige Anfangsreaktion darf 
uns nicht täuschen. Das ist Übertreibung des Schuldbewußt- 
seins, welche uns noch mehrfach begegnen wird. Sonst wider- 
spräche es aller Erfahrung, daß ein Kind und Jüngling kein 
Auge schließt, wenn seiner Mutter das. Greringste fehlt. Nur 
weil er dieser das Sterben wünschte, wie Vater und Bruder 
und später Elisen, weil er förmlich auf der Lauer lag, ob 
das kleine Übel sich nicht zur Todeskrankheit auswüchse, 
darum floh den Phantasieverbrecher der nächtliche Schlaf. 
Nicht umsonst befürchtet er bei Elise sofort das Schlimmste, 
dünkt ihn der G-edanke so fürchterlich, sie könne allein aus 
dem Leben gehen und fleht er zu Gott, sie wiederherzustellen. 
Er brauchte bei einer im Grunde doch keineswegs schweren 



1) Für Elise wird dies aus dem Späterem noch durchsichtiger werden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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142 SADO£R, HEBBEL. 



Erkrankung nicht derart zu fürchten^ hätte er das Ärgste 
nicht fürchten wollen. Und es fällt ins Kapitel des Allzu- 
menschlichen, daß ihm solche Wünsche erst dann so lebhaft 
ins Bewußtsein treten, als er just anfing, berühmt zu wer- 
den, und Elisen das Greld auszugehen drohte. 

II. 

Am 5. November 1840 genas Elise ihres ersten Knäbleins, 
das ganz ein Ebenbild des Vaters war. Von den düsteren 
Schatten, welche dies „freudige" Ereignis vorauswarf, kennen 
wir nur einen aus dem Tagebuche : ),E(lise). Zwischen Zweien, 
die g^ter Hoffnimg waren, im Beichtstuhl. Ihnen wünscht 
der Priester Gottes Segen, mir nicht. — Wenn das Kind 
H — zu mir sagte! Ich wollte, es wäre kein Knabe; vor 
einem Mädchen würde ich mich weniger schämen! — Eine 
himmlische Seele I Drum aber eben zerfleischte die — sie!" 
Vier Monate zuvor jedoch hatte der nämliche Vater ins Tage- 
buch geschrieben: „Der förmliche Abschluß der ehelichen Ver- 
bindung ist entweder überflüssig oder frevelhaft." Als die 
schwere Stimde immer näher rückte, erwachte wieder Heb- • 
bels neurotische Angst, von der wir jetzt wissen, daß sie 
nur ein verdrängter, verbotener Wunsch ist^). „Wenn ich 
daran denke, was bevorsteht, so will das Herz mir brechen. 
O Grott, wenn Du auf mein Grebet jemals gehört hast, ^o 
halte Deine Hand über sie. Nie, nie, habe ich ihres« Gleichen 
gesehen. Sie hat einen Adel des Herzens^ der allen Adel 

1) Es ist schaxf zu unterscheiden zwischen der berechtigten, auch 
vor dem Verstände bestehenden Angst und der neurotischen. Wer bei- 
spielsweise bei einem Erdbeben oder einer Überschwemmung für sein . 
Leben zittert, mag durchaus normal sein. Wer aber grundlos, „neurotisch" 
farchtet, von einer Angst geschüttelt wird, für die eine vernünftige Ur- 
sache nicht abzusehen, der birgt dahinter ganz regelmäßig, verpönte 
Wünsche. Wenn Hebbel also gleich von vornherein an den Tod Elisens 
denl^t, die doch nicht schwächer als Millionen anderer Frauen war, so 
hat er denselben weniger gefürchtet, als Elisen unbewußt gewünscht, oder 
hat dies zumindest früher getan. Die neurotische Angst ist nie etwas 
anderes als der nämliche Wunsch, es möge eintreten, wovor man an- 
geblich so viel Grauen empfindet. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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EUSE LEM8INO. 148 



des Greistes übertrifft. Auch keine Spur von Egoismus. Ach, 
wenn ich sie oft quälte, sie satanisch im Tiefsten verletzte 
— immer sprangen nur schönere Funken aus ihrer Seele 
hervor, so daß ich mitten im leidenschaftlichen Frevel von 
ihrem Lächeln, ihren Tränen oft plötzlich erstarrte, als ob 
ich einen Engel gegeißelt hätte, der sich nur dadurch rächen 
mag, daß er seine herrliche Natur zeigt, Sie ist ein Brunnen 
unerschöpflicher Liebe. Womit ich es verdient habe, daß ein 
solches Wesen sich mir in seinem Tiefsten ergeben hat, weiß 
ich nicht. O Gott, halt' über sie Deine segnende, schützende 
Hand! Laß sie gesimd in ihre Kammer, wovon sie mit so 
schwerem Herzen Abschied nahm, zurückkehren. Ich finde 
keine Wort^ für inein Gefühl, ich kann nur beten wie ein 
Kind. Wie stach's mir durch's Herz, als sie gestern Mittag 
sagte: iß noch ein paar Bohnen I und dann so zu weinem 
anfing und ausrief: ich kann nicht davor, ich denke, wenn 
das unsre letzte Mahlzeit wäre!" 

Dann kam die Entbindung, die angeblich so schwer war, 
wie sie der Arzt in seiner Praxis noch nicht erlebt hatte. 

• 5,Waö hat die arme Mutter ausgehalten ! Gott, nimm 
sie in Deinen heiligen Schutz I Unmenschlich. Noch höre 
ich ihr Geschrei, sehe ihre verstörten Blicke. Instrumente 

wurden angewandt. Ich bin matt und angegriffen Was 

ich im Nebenzimmer empfand, weiß Gottl" Im übrigen ver- 
liefen Entbindung umd Wochenbett völlig normal. Der Dich- 
ter aber kann sich gar nicht beruhigen: „Ich habe es bisher 
immer für etwas gehalten, wenh Einer sagte: lieber will ich 
selbst leiden, als ein Geliebtes leiden sehen; aber es ist 
bloßer Egoistaus. Viel lieber selbst mit dem Tode kämpfen, 
&lä ein Geliebtes mit dem Tode kämpfen sehen." Man könnte 
darin nun die natürliche Aufregung des Vaters erblicken bei 
der schweren Geburt seines ersten Kindes. Doch dünken 

ihich die vorhin zitierten und noch andere Stellen des' Tage- 
buches ein wenig überheizt, was, wie wir wissen, auf das 

.Gi^ge^itefl hinweist, verdrängte Wünsche, Elise möchte der 
Entbindung ^erliegen. Auch findet sich im Tagebuch drei 
Monate spater folgende Eintragung, die Hebbel obendrein 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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144 SADQER, HEBBEL. 



ZU einem Gredichte verspann: „Einer, dem ein Kind geboren 
wird, welches gleich wieder stirbt mid nun durch Gram die 
Mutter tötet, so daß es der Todesengel war, der aus ihrem 
eigenen Schöße hervorging." Er hat also damals, nachdem 
die Entbindung schon glücklich verlaufen, mindestens mit 
dem Gredanben gespielt, das Neugeborene könnte sterben und 
die Mutter aus Gram ihrem Kinde folgen. Ähnlich dann auch, 
allerdings erst nach Jahren, die Tagebuchstelle: „Zur Ma- 
donna gehört eigentlich der Tod nach der Geburt ihres Kin- 
des/' Bald kam für den Dichter eine neue Angst. „Meine 
Stellung zum Leben ist eine völlig veränderte geworden." Er 
hatte nunmehr statt der Verseilung durch Elise jetzt selber 
zwei Wesen zu erhalten, was er mit jedem Tag druckender 
empfand. Als die junge Mutter ihn zu seinem Geburtstag 
mit allerlei Kleinigkeiten beschenkte, vermerkt das Tage- 
buch: „Ihre Güte und Liebe läßt sich keinen Damm setzen. 
O. wie mich das rührt I Mehr, als daß es mich freut Ob 
denn eine Seele wie sie es nicht verdient, daß sie gegen 
Sorge und Not geschützt wird? Nur ein wenig Glück in 
meinen Unternehmungen, nur so viel, als dazu gehört, um 
von ihr das Elend entfernt zu halten." Und zwei Monate 
später: „Ich bin den ganzen Tag schläfrig. Und die Sorgen! 
Die Angst vor der Zukunft! Was werden soll, weiß ich 
nicht. Wäre ich's allein, dann — Aber sol" 

Ich muß hier ein Symptom berühren, das manches Spar 
tere erklären wird. Es gibt in seinem Leben eine immer 
wiederkehrende Phobie, die bereits in einer früheren Epoche 
auftritt und bis in die letzten Lebensjahre währt. Schon mit 
23 Jahren klagt Hebbel aus München, daß „die Furcht zu 
verhimgem, ihn fast stündlich quäle". Das war zu ' einer 
Zeit, da Elisens Mittel kaum noch angegriffen waren, er 
also, wie sich bald erwies, noch für lange gedeckt war^). 
Aber selbst als Gatte einer Hofschauspielerin, die lebens- 
länglich mit 6000 Grulden Konventionsmünze angestellt war, 

1) Am 12. April 1844 schreibt er an Elise: „Freilich ist es ein 
Fehler meiner Mutter, daß ich zu ängstlich bin, daß ich die Zukunft 
wie die Gregenwart feststeUen will, was keiner vermag.'' 



C^ non L^ Orrginaf fnom 

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ELISE LENSINO. 145 



zeigte er nach Kuh noch „eine fast übertriebene Sparaiam- 
keit, die er erst in den Itetzten Jahren seines) Lebens lockerte". 
Und da er schon Haus- und Grundbesitzer worden, schrieb 
er doch im Jahre 1860 an Friedrich üechtritz: „Wir 
sind hier mit dem Ausbau unseres kleinen Hauses beschäf- 
tigt; was wir da hineinstecken, kann doch bei einem Staats- 
baakerott nicht verloren gehen I Kennen Sie das Donner- 
wort? Ich höre es alle Tage und es ist eine reizende lAüs- 
sicht, die Frucht seines Fleißes und Schweißes in Kauch auf- 
gehen und vielleicht an einem und demselben Tage mit zit- 
ternder Hand die Feder weglegen und den Bettelstab er- 
greifen zu müssen!" — „Wie ihn die Erinnerung an die Not 
»einer Jugend nicht verließ," berichtet uns Kuh, „so be- 
fiel' ihn immer wieder die Furcht, ihr im Alter zum zweiten- 
mal zu verfallen. Seine Ersparnisse waren gering, trotz seiner 
Sparsamkeit; mit dem Tode seiner Frau wäre er ganz auf 
dieselben angewiesen gewesen und so hielt er das Los, im 
Spital zu sterben, durchaus nicht für ein unmögliches ^)/^ 
Ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, daß auch 
Hebb^els direkt hungernde Lebensweise in den Wander- 
jahren nicht allein durch Not, sondern auch durch jene Phobie 
bestimmt war. Inwieweit hier des Dichters Identifikation 
init steinem Vater, der sich in der Sorge ums tägliche Brot 



^) Immer wieder kommt er in einer Reihe von Briefen darauf zu- 
räck, daß ihn der Kursrückgang der österreichischen Staatspapiere zum 
Bettler machen werde. Doch lange schon vor diesem drohenden Gespenst 
Welt er „mit unerschütterlicher Treue" bei Eisenbahnfahrten an der 
letzten Wagenklasse fest, auch wenn ihm die ärgsten Unannehmlichkeiten 
ddiaus erwuchsen. Wie weit seine Sparsamkeit da ging, kann man aus 
seinen Briefen erkennen. So schreibt der Haus- und Grundbesitzer von 
einer größeren Beise durch Deutschland: „Ein einzelner Mann, der sich 
einzuschiänken versteht, reist unglaublich billig; ich habe noch kaum 
hnndert Gulden ausgegebeai, freilich auch die äußerste Sparsamkeit auf- 
geboten und mir bis auf das notwendigste Essen und Trinken versagt." 
^ er im Jahre 1861 eine größeire Fahrt unternommen hatte, meldet er 
Christinen: „Ich reise diesmal wirklich, wie man reisen muß, vor Berlin 
zitt're ich aber einigermaßen, denn die Preise sollen ungeheuer ^ein;" 
Und dann nahm er wirklich das erstbeste Loch, von dem er selbst ur- 
teilte, sein „industrieller Wirt habe ein Treppenhaus, eine Waschküohe, 

Sadger, Hebbel. 10 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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146 SAD6ER, HEBBEL. 



zeittebens verzehrte, unbewußt mitspielte, läßt sich nur ver- 
muten. Sicher aber dünkt mich, daß jene Phobie einen hoch- 
bedeutsamen Beweggrund bildete für Hebbels schließlichen 
Bruch mit Elise und die Eheschließung mit Christine Eng- 
haus. 

Kein Wunder al^, wenn er damals nach der Geburt seines 
Söhnchens sich zuweilen tiefster Verzweiflung ergab. Zu An- 
fang freilich überwog das Glück. Da findet er für Elise 
Worte, wie etwa die folgenden: „Sie ist mein Genius, die 
Liebe, die Aufopferung selbst und mehr wert als ihr ganzes 
Geschlecht und das meinige dazul" „Soviel als ich brauche, 
um meine und der Meinigen leibliche Existenz notdürftig zu 
fristen, wird ein gütiger Gott mir nicht versagen. Elise ist 
ja fast noch bescheidener als ich; freilich schmerzt es, daß 
ich ihr nie eine Freude machen kann, daß sie Kinderwärterin, 
Schneiderin (sogar für mich), oft sogar auch Köchin sein 
muß, während Andere von einer Lustbarkeit zur andern hüp- 
fen.** Dabei jedoch blieb ihr Geist für alles Höhere offen: 
„Ich las Elise heute einige Gesänge aus der Odyssee vor. 
Wie wird ihre Seele durch alles Echte und Große, aber auch 
nur durch dieses ergriffen! Wag Gott mir auch alles ent- 
ziehen mag, in ihr hat er mir mehr gegeben, als ich je ver- 
dienen kann. Aber er selbst sei mein Zeuge, auch nur ihret- 
wegen wünsch' ich das Übrige 1" Und als er „Über Anmut 
und Würde" gelesen, entringt sich ihm: „Wie paßt Alles, 
was Schiller über die schöne Seele, die im Zustand des 
Affekts ins Erhabene übergehe, so sehr auf Elise, als ob sie 
im Gemälde kopiert wäre! Mir ist noch kein menschliches 
Wesen von so wunderbarer, himmlischer Harmonie vorge- 
kommen, wie sie. Ich hätte ohne sie die Genoveva nicht 



im Stiefelbehältnis oder was du willst, bei Grelegenheit der Königskrönung 
in den Adelstand erhoben und für ein vermietbares Zimmer erklaxt." 
Aufs heftigste wehrte er sich einmal gegen eine Zeitungsente, er habe 
eine Burgtheater-Tantiäme den Armen zugewandt: „Ich danke Gott, wenn 
ich soviel zurücklege, daß ich selbst im Alter gegen das Verhungern und 
meine Kinder nach meinem Tode gegen augenblickliche Not geschützt sind.** 



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ELISE LEN8IK6. 147 



schreiben können i). Ich bin ihr alles, meinen äußeren und 
meinen inneren Menschen, meine Existenz in der Welt und 
in der Kunst, schuldig geworden; möge Gott mich in den 
Stand stetzen, ihr ein leidliches Dasein zu verschaffen 1 Das 
ist das Einzige, wovor sie bangt and zittert, daß es ihr und 
dem Kinde noch einmal am Notwendigsten fehlen möge. Gott 
verhüte es gnädig; will er mich strafen, so gibt's andre 
Mittel als dies!" Selbst in den Tagen innerer Leere imd 
„bloßer 2ieit-Tötung" muß er bekennen: „Und dennoch bin 
ich in meinem jetzigen Zustand noch unendlich glücklich, 
wenn ich mir den Zustand denke, wie er auch sein könnte. 
Ich habe Elise, ich habe die treuste, edelste Seele, das himmel- 
schönste G^emüt, die alle meine Unarten erträgt, meinen Un- 
mut verscheucht, sich über mich vergißt und nur das fühlt, 
was von mir ausgeht oder mich angeht. Wenn ich des* Mit- 
tags zu ihr gehe, wenn wir uns zu imserem klleinen Mahl 
setzen, so empfinden wir sicher alle Beide mehr wahres Glück, 
als Tausende, die von einer Gesellschaft in die andere fahren. 
Gott, liaiS mich einen Tag vor ihr sterben!" 

Aber während er sich selber vorsagt: „Hat nicht Elise 
all ihr Hab und Gut für mich aufgeopfert? Wäre ich nicht 
der Schurk^ aller Schurken, wenn ich nicht den letzten Tropfen 
Blut einsetzte, um sie vor Not zu schützen?" und eine Woche 
später : „Man ist oft undankbar gegen den Ewigen. In Besitz 
der treusten, edelsten Seele: was fehlt mir? Einige zer- 
streuende Unterbrechungen des Daseins. Aber, wieviel leichter 
laßt sich das, was mir fehlt, entbehren, als das, was ich 
habel" regt sich doch wieder trotz all jener schönen, trun- 
kenen Worte der alte Sadismus: „Wer bin ich? Was ist 
derjenige, der die völlig waffenlose Liebe, das hingehendste 
Herz, das keinen Vorbehalt kennt, das nicht einmal ein Opfer 
kennt, weil meine Wüns^che die seinigen nicht bloß aufwägen, 
sondern sie völlig aufheben, der eine Seele, die nie von ihren 
eigenen Schmerzen, sondern nur von den meinigen bewegt 

1) Wie sehr sein VerhäJtnis zu Elise und Christine dramatische Ver- 
wertung gefunden von der „Judith** bis zu „Herodes und Mariamne% 
werde ich in einem späteren Kapitel beleuchten. 

10» 



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148 »ADOER, HEBBEL. 



wird, zu mißhandeln vermag? der dies nicht einmal, der es 
täglich, ja stündlich tut? Wer bin ich? Was verdiene ich?" 
— „0, Elise, dein Edelmut. — Ich bin nicht würdig, dich 
zu loben!" 

Und manchmal mutet es beinahe an, als ritte er nicht 
ungern sich in die tiefste Verzweiflung hinein. So am 
1. Mai 1842, nachdem er Campe als schnöden Blutsauger 
erkannt zu haben wähnte: „Ich frage mich umsonst, was 
nun werden soll. In der ganzen Welt habe ich keinen ein- 
zigen, von dem ich Hilfe erwarten dürfte, und wenn ich midi 
auch über den Drang des Augenblicks noch einmal hinüber 
flüchtete, was wäre damit erreicht? Nur ein Aufschub, eine 
kurze Frist, die man aus Angst und Furcht des Kommenden 
nicht einmal zu genießen wagt. Elise ist völlig entblößt, 
sechs Jahre hat sie mich über den Wellen gehalten, nun 
ist sie selbst dem Untergang nahe und ich habe kein Boot, 
in das ich sie hineinziehen kann. Ihr Edelinut, ihre Seelen- 
größe erlauben ihr freilich kaum, nach meiner Hand zu grei- 
fen, sie hat noch nicht den Schmerz der Sorge, sie hat nur 
noch den edlten Schmerz, daß auch sie zu meinen Sorgen 
gehört, und wenn es ginge, so mögte sie mich gern darübei: 
täuschen, daß sie Bedürfnisse hat .... Gott, du siehst mein 
Herz, du weißt, daß es keine eitlen Wünsche nährt, daß ich 
nur das begehre, was ich begehren muß, wenn ich Mensch 
imter Menschen bleiben soll. Du weißt auch, daß, wenn ich 
oft mit dir über mein bisheriges Lebenslos haderte, dies nur 
wegen der unsicheren Zukunft geschah, steh' mir bei !" Zwölf 
Tage später hat ihm jener vielverlästerte Blutsauger, trotz- 
dem bei dem großen Hamburger Brande auch seine Buch- 
handlung . in Asche gelegt wird, durch ein Honorar von 
zehn Louisdors über die Sorge der nächsten Monate geholfen. 

Und noch ein Quell des späteren Bruches scheint mir 
in Hamburg sich aufgetan zu haben. Zwei Monate etwa vor 
der Entbindung stehrieb Hebbel ins Tagebuch: „Das Weib, 
sobald es ein Kind hat, liebt den Mann nur noch so, wie er 
stelbst das Kind liebt." Er selber muß zwar in Bälde be- 
kennen: „Ein Kind ist die natürlichste Ableitung der Eigen- 



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ELISE LENSIN6. u» 



liebe der Eltern," aber gleich darauf wieder: .^Eine Schwan- 
gere: ihre Liebe wendet sich in ihren eigenen Leib hinein." 
Das aber rührte an einem empfindlicheii Punkt in Hebbel. 
Er vertrug kein Teilten der Liebe zu ihm und nicht einmal 
an das eigene Söhnchen mochte er davon etwas verlieren. 
Ich werde im späteren aufzeigen können, wie sehr die Eifer- 
sucht auf das Kind die Ablösung beschleimigte. Vorbild- 
lich wirkte vermutlich auch die Erinnerung an Bruder Jo- 
hann, der ihm seinerzeit durch die bloße Greburt einen Teil 
der mütterlichen Liebe geraubt hatte. Diese Teilung hat 
er der Mutter niemals vergeben können, wie „Die einsamen 
Kinder" imd manches andere noch erweisen. 

Allmählich begann ihm die Luft in Hamburg unleidlich 
zu werden. Teils drängte die tägliche Misere bei Elisen und 
der ihm noch unbewußte Wunsch, sich von ihr zu lösen, teils, 
was er bevnißt weit stärker empfand, der lieuiggestaute Asso- 
ziationswiderwille, der neue Verbindungen, neue Menschen 
und Umgebungen heischte. Dafür fand Hebbel die schöne 
Wendung: „Ich bin gezwungen, mich zu berechnen, ein 
scharfes Auge auf meine Umgebung zu halten, ich kann mich 
nicht, wenn ich nicht alle meine Zwecke aufgeben will, wieder 
in meinen hypochondrischen Winkel zurückziehen, ich muß 
mit Menschen verkehren und es ist gewiß Zeit, daß ich dies 
endlich lerne. Der Dichter in mir hat seine Bildimg erlangt, 
aber der Mensch ist noch weit zurück." So griff er die 
Id^, nach Kopenhagen zu gehen, begierig auf, trotz der neuen 
Schulden, in die sie ihn stürzte. Ins Tagebuch aber schrieb 
er: „Über die Zwecke und Absichten mag ich mir gar keine 
Rechenschaft geben. Eine Professur? Wie lückenhaft, un- 
zusammenhängend, unbedeutend sind meine Kenntnisse I 

WiELs sottst ? Ein Beisestipendium ? Das Glück müßte sehr 
viel für mich tun, wenn ich ein solches davontragen sollte- 
ÖöcH, gleichgültig, die Reise eröffnet mir wenigstens Per- 
spektiven und Möglichkeiten, während ich in Hamburg, wie 
sich hier nun einmal alles mit und ohne meine Schuld ge- 
staltet hat, verwesen müßte." Daß dies nicht ganz zutraf, 
erweist eine Stella des • Tagebuches kurz vor der Abreise^ 



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160 SADOER, HEBBEL. 



Campe, der willens war, mit Gutzkow zu brechen, trug 
Hebbel für diesen Fall die Bedaktion des ,jTelegraphen" 
an. Unser Dichter hielt sich in seinen Verhältnissen nicht 
für berechtigt, dies günstige Anbot zurückzuweisen, nahm 
aber den Umstand, daß die Sache sich in die Lange zog, 
gern als Beweis, daß nichts aus ihr wurde, und reiste ab. 
Unter welchen Vorwanden er später den wiederholten. An- 
spielimgen des Verlegers aus dem Wege ging, habe ich früher 
schon ausgeführt. 

Kurz nach der Trennung von Elisen schreibt Hebbel 
ins Tagebuch: „Eine ganz unbeschreibliche Melancholie 
drückt mich darnieder; alles, was ich in Hamburg vierthalb 
Jahre hindurch gegen die treueste Seele, das edelste Gemüt 
gesündigt^ habe, preßt mir das Herz. Sogar die alte Mutter, 
die es so gut meinte und gegen die ich oft so schnöde war, 
scheint mir jetzt gar keinen Fehter zu haben I" Zwei Wo- 
chen spater erwähnt er noch einmal, wie das erste Schreiben 
Elisens auf ihn wirkte, wie glücklich ihn schon das bloße 
Erblicken ihrer Schriftzüge machte, dann fehlt zwei Monde 
lang jegliches Liebeswort. Erst als sich Campe für einen 
Roman 40 Louisdors vorauszuzahlten erbietet, ja liebenswürdig 
hinzusetzt: „Es versteht sich von selbst, daß ich dasjenige 
drucke, was Sie mit Ihrem Namen der Literatur zu über- 
geben sich gedrungen fühlen!" taut er endlich auf: „Nun 
kann ich für Dich und mich mit Ruhe in die Zukunft des 
nächsten Jahres schauen. Gott sei Dank 1 Ich bin vor Freude 
und Wehmut dem Weinen nahe gewesen, denn ich habe die 
tetzten Monate mehr Angst gelitten, als ich Dich merken 

ließ Meine höchste Sehnsucht ist. Dich wieder zu sehen." 

Und während er bisher sein Söhnchen höchstens ganz neben- 
bei nannte, quillt jetzt zum erstenmal, ob auch nur tröpfelnd, 
die Vaterliebe: „Küsse mir den Ma mit seinen süßen Augen 
und den kleinen rührenden Armen, womit er um sich strebt. 
Je besSser es mir geht, mit um so größerer Liebe und Innig- 
keit denke ich an ihn; aber wenn ich mich dem Ertrinken 
nahe fühle, ist es mir ein furchtbarer Gedanke, auch noch 
ein anderes Wesen mit in den Abgrund zu reißen." Viel 



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ELISE LENSINO. 151 



inniger werden die Vatertöne auch später nicht und seine 
größte Sorge scheint es nach den Briefen zu sein, daß Mäx- 
chen nicht allzu früh — Hosen bekomme an Stelle des ge- 
schlechtslosen Kleidchens. 

Ganz anders hingegen klingt in den Briefen der Preis 
der Geliebten. Allerdings hat schon Kuh ganz richtig be- 
merkt, er möchte fast sagen „in voller Liebe, wenn nicht 
in den betreffenden Briefstellen ein leises Selbststacheln, der 
Atem überhitzter Empfindung fühlbar wäre". Ursache ist da 
wohl nur zum Teil das Entbehren ihrer Liebe und steten. 
Fürsorge. Sogar aus der Feme heischt er ihr Urteil über 
seine Gedichte, ob er als Poet noch der Alte wäre. „Von 
niemand kann ich es sicherer erfahren, was die Dinge wert 
sind, als von Dir, denn Dein Gefühl sagt Dir immer das 
Richtige." Und geradezu ein Panegyrikuö wird das Lob ihrer 
Briefe : „Dein Brief hat mich innig erquickt, er war so schön,'' 
so voll von stammelnder Poesie, daß ich einer tiefen Dichter- 
seele ins Auge zu schauen glaubte, die nur darum nicht singt, 
weil sie ihr Innerstes durch Blicke auszudrücken vermag. 
Du hast eine ganze Handvoll Perlen gesammelt und sie in 
meine Brust hinabgeworfen. Wag sind alle Schnörkeleien 
gegen Deine einfach-schönen Darstellungen und Schilderun- 
gen. Vor allem aber sind Deine Träume im höchsten Sinne 
dichterisch, so daß ich den einen ja auch nur ganz einfach 
in die Judith hineinzusetzen brauchte; es ist kein wüstes, 
phantastisches Durcheinander, sondern jeder ist in sich ab- 
geschlossen und bringt seinen goldenen Eahmen gleich mit. 
Von keinem Menschen in der Welt würde ich als Dichter 
das Geringste entlehnen. Du jedoch bist ausgenommen, Deine 
Edelsteine und Kleinodien werde ich immer gern, ja mit 
Stolz in das Gold meiner Form fassen, und warum? weil 
Du durchaus mit zu meinem Wesen gehörst, weil zwischen 
uns gar keine Grenzen bestehen. Ob ich Dich glücklich 
machen, ob ich Dir für so vielfes, was Deine Liebe und Dein 
über die gewöhnliche negative Weibertugend so hoch erha- 
bener Edelmut mir opferte, Ersatz bieten kann, weiß ich 
nicht, aber das weiß ich, daß mir im Pantheon der Geister 



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162 SADGER, HEBBEL. 



ein Denkmal gewiß ist, und darauf soll wenig von mir, aber 
viel von dem Wesen zu lesen sein, das ich nicht bloß 
am innigsten geliebt, sondern auch am meisten 
verehrt hab e/* „Ach, Du bist so leicht zufriedengestellt, 
daß das Glück, wenn es sein Maß schon auf andere ausge- 
schüttet hat, Dich mit dem Tropfen, der darin hängen blieb, 
noch immer beseligen kann!" 

Gleich aber meldet sich wieder seine neurotische Angst 
und, als er einmal von den günstigen Aussichten für das 
Stipendium schrieb und Elise die Verleihung schon als be- 
vorstehende Tatsache nimmt, winkt er ängstlich ab: „Wenn 
wir nur die bösen Geister nicht durch zu voreiliges Frohlocken 
gereizt haben; mein Wunsch war, die Entscheidung in höch- 
ster Stille abzuwarten und die Freude sogar in meiner eigenen 
Brust bis unter mein Bewußtsein hinabzudrücken. Dir 
konnte ich jedoch nichts verhehlten, denn Du bist die zweite 
Hälfte meiner Seele. Nun, vielleicht nimmt der Dämon mein 
Zittern und Bangen als ein Opfer an, oder unser guter Genius 
hat ihm so lange, als wir jauchzten, die Augen zugedrückt." 

Am stärksten jedoch erklingen die Töne neurotischer 
Angst in seiner Sorge um Elisens Gesundheit. Einen schein- 
baren Ausgang nimmt jene davon, daß Elise ihn einmal über 
ihr Leiden geflissentlich im Dunkeln ließ: „Es ist nicht 
recht, daß Du mir über Deine Krankheit gleich nach meiner 
Abreise nicht das Wahre geschrieben hast; wir gaben uns das 
Wort. Überhaupt, liebste Seele, halte nichts zurück. Eine 
Sache, die ich glteich erfahre, kann ich zehnmal leichter ver- 
dauen, als wenn sie mir erst später in die Quere kommt. 
Warum Du mir Deine Krankheit verschwiegen hast, weiß 
ich wohl, aber Du hättest es nicht tun sollen, denn nun äng- 
stige ich mich im stillen, Du magst sagen, daß Du gesund 
bist oder nicht." Und als dann ihr Geburtstagsbrief um 
einen Posttag sich verzögerte, ja, selbst am zweiten erst nax5h- 
mittags ihm zugestellt wurde, packt ihn ein Entsetzen, das 
überhitzt klingt: „Was bedeutet das? Die tödlichste Angst 
bemächtigt sich meiner; wenn Du mir zu meinem Geburts- 
tag nicht schreibst, so kann ich mir den Grund, weswegen rs 



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ELISE LENSINO. 1&3 



uüterbfeibt, gar nicht stjhrecklich genug ausmalen. Morgens 
kommt keine Post, daß Du Dich im Postengang verrechnet 
haben solltest, ist unmöglich, also bist Du krank, und wie 
krank mußt Du sein, wenn die Krankheit Dich abhält, mir 
einige Worte zu schreiben/* Und als dann auch der nächste 
Posttag nicht alsogleich morgens eine Botschaft brachte, 
entringt sich ihm in gehäuftem Entsetzen: „Kein Brief 1 Du 
bist krank, Du bist höchst gefährlich kranial Denn daß das 
Kind es sei, kann ich mir nicht denken. Dann hättest Du 
mir gewiß geschrieben, wenn auch nur zwei Zeiten. Allmäch- 
tiger Gottl Und daß keiner es der Mühe wert hält, mich zu 
benachrichtigen! Nein, söltehe Tage, wie ich jetzt verlebe, 
habe ich noch nie verlebt. Was soll ich tun? Mich Mitt- 
woch mit meinem Eheumatisijaus aufs Dampfschiff setzen? 
Hier alles im Stich' lassen? Denn wer abreis't, ist vergessen. 
Ach, wie gern, wenn ich nur wenigstens einen Fingerzeig 
hätte 1 Wenn Du (lächerliches Wenn, es ist gewiß, wie 
jemals ein Unglück gewiß war), wenn Du krank bist und I. 
weiß es, so ist dies sein erbärmliches Stillschweigen ein Riß 
zwischen uns beiden auf ewig." Nachmittags kommt dann 
freilich der Zusatz: „Dem gütigen Grott sei Lob und Preis, 
Dein Brief ist da. So hat mich noch nie ein Brief von Dir 
erfreut, teuerste Elise, wie dieser. Aufgeregt, wie ich durch 
Krankheit und Einsamkeit bin, träumte ich von den fürch- 
terlichsten Dingen. Hätte ich nur gehen können, ich hätte 
mich gewiß heute einzeichnen lassen und mich Mittwoch aufs 
Dampfschiff gesetzt. Da dies nun fast unmöglich war, so 
schrieb ich Dir einen Brief, den ich jetzt von der Post zurück- 
holen ließ, damit sein Inhalt Dich nicht erschrecke." In 
dieser Epistel aber hieß es unter anderem: „Ich bin in einer 
wahren Todesangst. Was soll ich mir als den Grund Deines 
Stillschweigens denken! Die fürchterlichsten Gedanken lösen 
sich einander ab Wie habe ich meinen Geburtstag ver- 
lebt! In welcher unsäglichen Angst, als' Dein Brief ausblieb! 
Nein, dieser Eintritt ins 30. Jahr war fürchterlich. Mit Be- 
stimmtheit hatte ich auf Dein liebes Kuvert gerechnet^ es 
war meine einzige Freude ; es kam nicht — tausend Gespenster 



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154 SADGER, HEBBEL. 



Statt seiner I Du, Du allein, hast meine Liebe, meine ganze 
Liebe, darnach ermiß, wie groß mein Schmerz war. Dennoch 
will ich nicht hadern, wenn Du mir nur antworten, mir nur 
sagen kannst, daß alles wieder gut ist! Ich kann keinen 
Brief schreiben, ich kann Dir nur einen Angstruf schicken, 
meine Seelte umklammert die Deinige, wenn man in die Ferne 
aufeinander wirken kann, so mußt Du es fühlten. Wäre es das 
Kind, so wirst Du bedenken, daß Du mein höchÄter Schatz, 
mein teuerstes Kleinod bist, und daß Du Dich schonen mußt, 

wenn Du mich nicht vernichten willsit Ich wage nicht 

zu hoffen, daß diese Zeilen Dich gesund antreffen mögen; 
mögen sie Dich wenigstens in der Genesung antreffen I Ich 
mögte meine Seele mit ins Kuvert schließen, daß sie Dich 
lind anhauche, wenn Du es öffnest I Ein paar Zeilen Ant- 
wort, wenn nicht schon ein Brief an mich unterwegs ist, 
oder ich sterbe vor Angst! Diesem nächsten Freitag sehe 
ich entgegen wie einem Hinrichtungs- oder meinem Begna- 
digungstage I Fühlte meine ganze Liebe ! Ich küsse und um- 
arme Dich. Ewig Dein Friedrich Hebbel." 

Woher diese maßlose Angstexplosion, weil ein Brief sich 
um einen Posttag verspätet? Kein Zweifel, diese überstarke 
Reaktion hat andere als sachliche Verstandesgründe. Auch 
findet der Dichter hier Töne für seine angebliche Liebe, wie 
nie zuvor und auch niemals später, wenn man vom ganz 
analogen Fall beim Tode seines Mäxchens absieht. Die Er- 
klärung habe ich früher gegeben. Hebbelsi entsetzliche 
neurotische Angst ist nichts anderes als ein Deckmantel für 
das gerade Gegenteil. Nicht, er fürchtet, Elise könne er- 
kranken, sondern er wünscht und sehnt es herbei i). Nur 
Krankheit und Tod der so heiß „Geliebten" bot ja die Mög- 
lichkeit, ein Verhältnis zu lösen, das ihn, je länger, je fes- 
selnder dünkte. Konnte doch Hebbel nach seiner Kindheit 
und dem Entwicklungsgang seines Charakters nur jene lieben, 
die nicht nur sich täglich um seinetwillen opferte, sondern 

1) Fast zur nämlichen Stunde verfolgt ihn „Maria Magdalena^': „Mich 
selbst erschüttert diese Klara gewaltig, wie sie aus der Welt her- 
ausgedrängt wird." 



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ELISE LEK8INO. 156 



ihn durch ihrer Häade Arbeit direkt erhielt. Ein Weib und 
Kind selbst emähTen zu müssen, bedeutete für Hebbels 
Liebe den TodI 

Darum wich er auch immer, abgesehen vom Assoziations- 
widerwillen, einer jeden Gelegenheit ängstlich aus, sich eine 
Lebensstellung zu schaffen. Elisens Mahnungen und der 
Freunde Vorschläge wies er stets schnöde und verächtlich 
zurück. Er mochte ja gar nicht selbständig werden und am 
Ende gar seine Nächsten erhalten. Viel lieber auf Königs 
Kosten reisen, auch wenn Elise und Mäxchen darbten, als 
etwa bei Campe Eedakteur zu werden. Erst Jahre später, 
da er in Christine die liebenslängliche Versorgerin gefunden, 
entschloß er sich manchmal, so weit zu arbeiten, daß er sich 
ein Taschengeld selber verdiente. 

in. 

Mit dem Betreten von Hamburgs Boden scheint er in 
neuer Liebe zu entflammen oder mindest in neuer Sinnlich- 
keit. Freilich besitzen wir aus dieser Zeit nur eine ein- 
zige Tagebuchnotiz vom 19. August 1843: „Diese letzten 
14 Tage über in wahrhaft verrückten Gremütsstimmungen ver- 
lebt. Liebesempfindungen — 30 Jahre alt!" Es ist, als zwei- 
felte Hebbel selbst an der Echtheit dieser späten Triebe. 
Gteichwohl sind auch die ersten Briefe aus der Seineresidedlfe 
von Sehnsucht nach der Geliebten geschwellt. Wenn er von 
den hellen, einladenden Villen und Häusern erzählt, die er 
auf söiner Reise gesehen, fehlt nicht der Nachsatz: „Ach, 
90 viele stille Wohnstätten des Glücks und keine einzige 

für Dich und mich! Daran mag ich gar nicht denken 1 " 

„Paris ist groß, St. Germain mit seiner Terrasse ist schön — 
was hilft es mir, ich fühle mich unbehaglich. Diese Welt 
paßt nicht für mich, sie paßt überhaupt nicht für die Deut- 
schen. Ich bedarf des Familienlebens, ich muß 
eine Brust haben, an die ich mein wüstes, müdes 
Haupt anlehnen darf, ich muß bei Dir sein. Ohne 
l>ich bin ich nichts!" Höchstwahrscheinlich kehre er im 



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156 SADOER, RBSBEL. 



Frühjahr wieder. „Dann gehen wir zusammen nach Berlin 

und niemals trennen wir uns wieder I . . . , Du wiederkäust doch 
nicht mehr die letzte Zeit? Mein Leben besteht nur aus 
Extravaganzen, aber ein zusammenhaltender Faden geht hin- 
durch, es ist die ewige Neigung zu Dir. Wir ver- 
abredeten, daß Du erst auf meinen zweiten Brief antworten 
solltest. Aber so lange kann ich unmöglich warten I Wenn 
Dir dies Lebenszeichen von mir lieb ist, so schicke auch mir 
ein's von Dir! Ich schmachte darnach I" 

Hingegen hatte sein Herz für den Sohn nur wenig übrig. 
Selbst als sich dieser bereits zum Sterben hingelegt hatte, 
klingt des Vaters Sorge nur äußerst kühl. „Mäxchens Krank- 
heit hat hoffentlich nichts zu bedeuten gehabt." Erst die 
Todesnachricht weckt zwar nicht Liebe, wohl aber ein tiefes 
Schuldgefühl. „Mein Max, mein holdes, lächelndes Engels- 
kind mit seinen tiefen blauen Augen, seinen süßen blonden 
Locken ist tot . . . Da liegt seine kleine Locke vor mir, die 
ich schon nach Kopenhagen mitnahm und die ich seither — 
es stehe hier! noch nie betrachtete; sie ist das einzige, was 
mir von ihm übrig blieb. O, wenn ich mir das denke, daß 
dies Kind, das keiner — mich selbst, den Vater, den großen 
Dichter ausgenommen, es stehe auch hier! — ohne Freude 
und Entzücken betrachten konnte, so schön, so anmutig war 
es, daß dies Kind nun verwesen und sich von Würmern fressen 
lassen muß, so mögt' ich selbst ein Wurm werden, um mit- 
zues'sen, um als scheuseliges Tier meinen Anteil dahin zu 
nehmen, den -ich als Mensch, als Vater, verschmähte i). Ich 
könnte diese Locke hinunterschlingen, ich könnte etwas noch 
Ärgeres tun, ich könnte sie verbrennen, weil ich sie nicht 

verdiene! Gott, o Gottl Du stelltest den Engel vor 

meine Tür und er lächelte mich an und sagte: willst du 
mich? Ich nickte nicht Ja, aber er kehrte doch bei mir 
ein, er dachte: sieh mich nur erst recht an, dann wirst du 
mich schon behalten, mich nicht wieder lassen wollen. Aber 
ich hattö selten einen anderen Gedanken als den: wie soll 

1) Man denke bei diesen anthropophagischen Ideen an das, was ich 
darüber im 2. Kapitel ausführte. 



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ELISE LBNSINO. . 167 



ich ihn ernähren, und in meiner unpiännliohen Verzagtheit 
war ich stumpf und dumpf gegen das Glüok, das sieh um 
mich herum bewegte, das ich nur in die Arme schließen 
brauchte, um einen Schatz für alle Zeiten zu, haben. Da 
rief Gott ihn wieder ab ... . O, es ist wahr, ich zittere vor 
der Zukunft, ich weiß nicht, woher ich den Bissen Brot neh- 
men soll, dessen ich bedarf, ich habe eine größere Angst, 
afe der Bettler am Wege, denn ich fürchte, das zu werden,- 

was er schon ist Und wie oft war ich hart grausam 

gegen das Kind, wenn es mir in meinen finsteren Stimmungen ** 

in seiner rührenden, unschuldigen Lrebenslust entgegentrat L . , ;• 

0, du teures, liebevolles Kindl Könnt' ich wenigstens dein Ja 

Bild in mir hervorrufen. Ich kann's nicht, ich hab's nie |^ 

gekonnt!" •- 

„Und in meinem tiefen Weh miiß ich einen noch här- .^ 

teren Schlag fürchten I Was hat Elise ausgehalten I Welch jg 

einen Brief hat sie mir geschrieben! So schreibt kein Held! j-j 

Diese Fassung flößt nur Entsetzen ein! Gott, Gott! Du IC 

hättest ihr das Kind lassen sollen, als du sahst, was sie litt, Js 

was sie tat, was sie ertrug! Hätte sie's durchgebracht, so '"^ 

wollt' ich hoffen; kann und wird sie's jetzt verwinden? !b 

Wemi ein Funken Erbarmens für mich übrig ist, so muß ich 
mich täuschen. Ich bin so lauge, bis ich wieder ein^n Brief .«i 

aus Hamburg erhalte, wie einer, der mit dem Kopfe auf O 

dem . Blocke liegt Allmächtiger Gott, sie ! sie ! Ginge | j 

auch sie dahin, und ich könnte nicht wieder gutmachen, was 
ich an ihr verbrochen habe, könnte ihr nicht wenigstens meinen 
Namen geben, wenn ich denn nichts anderes zu geben habe, 
dann wollte ich, der Schmerz um sie sengte mir den Geist 
bis auf den letzten Gedanken aus dem Gehirn und ich müßte 
Gras fressen wie ein Tier." „Ja, Elise," heißt esi in demselben 
Schreiben an sie, „ich zittere jetzt für Dich. Die übermensch- 
liche Kraft, die Du in und nach dieser Krankheit aufgeboten 
l^ast, die mich selbst in Deinem Briefe noch mit Schauder 
erfüllt, läßt mich im Geiste vor einem Verlust zittern, gegen 
den stelbst dieser verschwindet. Wenn ich noch eine Ant- 
wort, auf diesen meinen Brief von Dir erhalte und wenn Du 







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168 SADGER, HEBBEL. 



irdr schreiben kannst, daß Du gesund bist, so will ich meine 
Hände falten und sprechen: Gott hat mir meinen höchsten 
Wunsteh gewährt, er ist mir nichts mehr schuldig. O, erhalte 
Dich mirl Auf meinen Knien flehe ich Dich an: bekämpfe 
Deinen Schmerz! Wenn Du es nicht tust, so bereitest Du 
mir ein Weh, welches das Deinige noch übertrifft. Die» be- 
denke! Du bist das einzige Band, das mich an das Leben 
hoch fesselt, nicht das Leben hat Wert für mich, nur das 
Band .... Nun habe ich Dir drei Vorschläge zu machen. 
Wir heiraten uns, sobald wir uns wiedersehen. Das ver- 
steht sich von selbst. Aber wir müssen uns so schnell 
als irgend möglich wiedersehen. Entweder komme ich nach 
Hamburg oder Du kommst nach Paris. Hier in PStris können 

wir ims augenblicklich vor der Mairie verheiraten Nun 

noch Nr. 3. Du gehst na'oh Berlin zu der Madame Bajim- 
garten und ich komme dahin, sobald Du es verlangst, ent- 
weder gleich oder in einigen Monaten. Ich beschwöre Dich, 
wähle Du, was Dir das Liebste ist. und antworte mir^ sogleich. 
Hörst Du? sogleich, auf der Stelle, in, der Mi- 
nute, in der mein Brief eintrifft; schreibe mir nur 
drei Worte, und am nächsten Tage oder dem folgenden 
schreibst Du mir wieder und teilst mir Deinen Entschluß 
mit! Das Schreiben wird mir schwer, aber so tief ich den 
Verlust des Kindes empfinde, meine Angst um Dich über- 
wiegt meinen Schmerz Teuerste ! Einzige ! Wer Dpinen 

Brief liest, muß sagen: so schreibt nur das reinste, edelste 
Wesen! Demjenigen meiner Freunde, den ich am höchsten 
achte, werde ich einen Blick in das Heiligtum verstatten. 
Keinem sonst i)." 

Am ersten Tage hatte er noch gegen den Freund gewütet: 
„Da geht der Bamberg an mir hin und her und sprichti: 
fassen Sie sich, bedenken Sie, was Sie sich und der Welt 
schuldig sind! Mir! Der Welt! O, ich bilde mir nicht ein, 
daß ich durch meinen Schmerz etwas abbüßen kann« Aber 
ich werde mir auch nie einreden lassen, daß Grefühllosigkeit 



1) Dieser Gedanke fand später Verwertung in „Gyges und sein Ring^. 



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KUSE LBHSINO. 169 



Kraft ist und daß man Fassung hat, wenn man seine Tränen 
im Glase auffangt und nachzählt und spricht: es* ist genug, 
nun schone die Augen, denke daran, daß du blind werden 
kannst imd dann eines Führers bedarfst, der Welt also eine 
Last aufbürdest, indem sie den Führer hergeben muß." Am 
zweiten Ta^ aber läßt er sich vom Freunde durch die Ga- 
lerien und Straßen führen, obwohl dies nicht viel anders sei, 
„als ob man aus Gefälligkeit die Augen schließt, um andere 
glauben zu machen, daß man schlafe". Denn „bei mir führen 
Körper und Geist eine getrennte Wirtschaft. Ich kann essen .4 

mid trinken, ich kann sogar einigermaßen schlafen; aber ich i 

fühlte den Schmerz bis zur Vernichtung", Und aus seiner ;^ 

Gefaßtheit heraus beschwört er Elise, ein Gleiches zu tun, Ig 

zu essen, trinken und zu schlafen. „Stelle die Gegenstande, Z 

die Dich zu tebhaft erinnern, beiseite! Nimm Bücher zur ij 

Hand, lies Eomane von Scott, Sachen von Hoffmann aus j| 

der Leihbibliothek! Ich bitte Dich dringend darum! Du ^ 

mußt Dich mit Gewalt zerstreuen, ündvorallemrge- j 

denke mein, vergiß nicht, daß Du, wenn Du dem Schmerz Ig 

über das Kind zu sehr nachhängst, mir einen Schmerz be- 
reiten kannst, der alles, was mich sonst treffen könnte, über- 
steigt. Verliere ich Dich, so habe ich einen Stachel in der ,^ 
Seele, den die Ewigkeit selbst nicht wieder auszieht I" Welch ;* 
sonderbare Zumutung eines Poeten! Ein Weib, das nun alles '2 
verloren hatte, das einzige Kind und — den Geliebten, das J 
sollte leichte Eomane lesen und nur an ihn denken und , 5 
aeinen Schmerz! '3 

Auch am nächsten Tage quält ihn nur der eine Ge- 
danke, Elise könnte Selbstmord begehen. Darum heißt es 
im Tagebuch: „Allmachtiger Gott! Wie mir jetzt die Tage 
verstreichen! Eine namenlose Angst erfüllte mich> ich weiß 
mich nicht zu lasöenl Ein Jahr meines» Lebens für einen 
Brief von Elise! Schon zweimal habe ich ihr geschrieben, 
kurz hintereinander, damit, wenn der erste Brief zu wirken 
aufhört, der zweite wieder anfange! Wenn ein Funke von 
Erbarmen bei Gott für mich vorhanden ist, so werde ich nicht 
so schrecklich bestraft, alles, was ich liebe, auf einmal zu 



Vm 



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160 SADOBR, HEBBEL. 



verlieren/' Doch der dritte Brief, den er Elise an Mäxohens 
Grebnrtstag schreibt, klingt schon recht gefaßt, ja zu Anfang 
— fast drohend: „Zwei Briefe hast Du nun schon von mir 
empfangen, ich hoffe, daß sie Dein Auge wieder 
etwas mehr auf mich gelenkt und Dich erinnert 
haben, den Lebendigen nicht ganz über den To- 
ten zu vergessen. Dies ist der dritte; ich suche Dich 
mit Gewalt wieder an mich heranzuziehen; wi- 
derstrebe mir nicht zu sehrl Kampfe mit Dei- 
nem Gefühl, nähre es' nicht durch Aufregungen, die Du ver-? 
meiden kannst, geh nicht zum Grabet Entfesselte den Vam- 
pyr der Selbstzerstörung nicht in Deiner Brust, gib ihm Dein 
EdeMes nicht preis, schone es für mich, wenn nicht für 
Dichl" Hingegen behandelt er die Möglichkeit baldigster 
Eheschließung, die ihm früher gar so dringend erschienen, 
bereits recht lau, so daß man förmlich durchzufühlen glaubt, 
wie wenig sie mehr sein Herz beschäftigt. 

Endlich nach langen, qualvollen Tagen läuft von Elise 
Antwort ein. Sie hatte also keine Selbstmordabsichten, eine 
Heirat war demnach — überflüssig I Wie Bergeslast fällt es 
ihm von der Seele. ,,Gott sei Dank!" heißt es im Tagebuch. 
„Der Brief ist zwar wenig tröstlich, denn noch immer spricht 
die fürchterlichste Aufregung aus ihm, aber es ist doch ein 
Brief von ihr." Und nunmehr berichtet das Tagebuch eine 
hochbezeichnende Symptomhandlung, die ein strahlendes Licht 
über Hebbels unbewußte Meinung ausgießt. Zur näm- 
lichen Stunde, da diesen der quälendste Schmerz durchwühlt 
und er kein heißeres Sehnen vorgibt, als sich mit Elisen 
trauen zu lasisen, nimmt er — ihr Bild von der Wand her- 
unter, weil er fürchtet, „die Menschen, die in seiner Ab- 
wesenheit, das Zimmer reinigen, könnten es zerbrechen". Dy 
Sinn dieses Tuns liegt auf der Hand. Mit dem Tode seines 
Söhnchens war auch dessen Mutter ihm abgestorben. Bam- 
berg, der Augenzeuge gewesen von Hebbels ersten Schmerz- 
ausbrüchen, erkennt zutreffend: „Mit diesem Tode und den 
berechtigten und unberechtigten Lehren, die die Vielgeprüfte 
daraus zog, wurde für Elise das Märtyrerschicksal besiegelt." 



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I ELISE LENSING. 161 

I 

Ea scheint, daß die Arme, welche eben wieder neu ge- 
segneten Leibes ging, jene Loslösung Hebbels mindestens 
fühlte, vielleicht sogar durchschaute. In. ihrem kleinen, er- 
greifenden Tagebuch lä^utet eine Stelle: „Ich bin nicht besser 
als: so viele zärtliche Mütter, die ihr liebesi Kind geben, müssen, 
aber sie stehen nicht so allein wie ich — an mein Kind 
woUt' ich mich ketten mit grenzenloser Liebe, er sollte es 
fühlten, würde es fühlen und mich dafür lieben und darum! 
auch gut werden tmd bleiben, er sollte ein festes Band werden, ^ 

8io dacht' ich — andere Mütter haben Kinder, bekommerii U 

eine» wieder und mit ihm ist Freude da — ich mit meinem« £ 

eine neue Schande, neue Qualen und Wirren." — „Von Ok- 5 

tober bis Weihnachten verbrachte sie sozusagen eine einzige Q: 

Passionswoche," erzahlt uns Kuh. „Als der Geburtstag des Ji 

Kindes wiederkehrte, da besah sie sich seine Höschen und JJ! 

Mützchen und seinen zerbrochenen Spielkram; als der Christ- £ 

abend vor der Tür war, da wandelte sie in den neblicht " ^ 

kalten Nachtstunden an den erleuchteten Buden entlang und Jh 

kaufte bunte Sächelchen, womit sie arme Kinder beschenkte. S 

Nie ging in der ganzen Zeit die Sonne unter, ohne daß sie 
an dem Grabe geweint und gebetet hätte. Um .sie herum 3» 

aber zischelten nun die Zungen der Verwandten und Be- m 

kannten, welche von Moral und Ehre sprachen und fragteui, Z 

wann sie denn nun endlich die Frau Doktorin Hebbel wer- 2 

den würde." 3 

Und Hebbel selber, dem der Gedanke, sich zu binden, 5 

stets unerträglich war — zumindest an eine Vermögenslose, 5 

wie sich spater zeigte — wie kam er zu seinem plötzlichen 
luid dringenden Heiratsäntrag ? Selbst einem so schlechten 
Seelenkenner wie Eichard Werner dämmerte schon eine 
-ÄJmimg auf, daß dieses Anbot eigentlich eine Sühne war für 
das, was Hebbel an seinem Söhnchen verbrochen hatte. 
Wasf ihn bei diesem nie zur 'Vaterfreude kommen ließ, war 
^^ zum Teil, wie er so gerne glauben machen möchte, die 
stete Angst um dessen Erhaltung. Noch mehr aber war es 
die qualende Empfindung, dies^ Kind sei eine unlösliche Fessel^ 
die ihn für immer an Elise kette. Darum wünscht er ihm 

Sadger, Hebbel. 11 



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162 SADOER, HEBBEL. 



innerlich ebenso den Tod wie Vater und Mutter und Bruder 
Johann. Und als das Schicksal seinen Wunsch erfüllte und 
ihm jenes „Pfand. der Liebe" entriß, war sein nächster Ge- 
danke: Wie, wenn jetzt die Mutter Selbstmord beginge? Dann 
wärst du ganz freil Aus diesem gehäuften, ungeheuren 
Schuldgefühl heraus macht er dann Elise den Heiratsantrag 
und — zittert, daß sie ihn annehmen könnte, 

Bamberg, sein Vertrauter, vor dem er nun gar nichts 
mehr - geheim hielt, lockte die uneingestandeHen Bedenken 
aus Hebbel heraus. Er „rechnete ihm nüchtern vor, was 
Beise, Wohnung, Kost und Heizung kosten würden; er wies 
auf die Absicht des Eeisestipendiums hin, um ihn von der 
Rückkehr nach Hamburg abzuhalten; er machte ihm Mut, 
über das Mögliche wie über das Notwendige nachzudenken". 
Und der Dichter ließ sich, ach, so geml überzeugen. ZumaJ, 
da Elise, die schwer Greprüfte und Heimgesuchte, noch ein 
ganz Unverantwortliches tat, was sie je länger, je früher von 
Hebbel entfernen mußte. Sie konnte Mäxchen gar nicht 
vergessen und regte damit die Eifersucht ihres lobenden Ge- 
liebten stets wieder auf, ihm so den willkommenen Vorwand 
gebend für die unabwendbare innere Lösung. 

Zunächst beginnt Hebbel, sobald ihm nur Grewißheit 
worden, daß Elise an keinen Selbstmord denke, sich langsam 
von der dringenden Heirat zurückzuziehen. „Ich habe nicht 
so viele Aussichten wie der gemeine Taglöhner, denn seine 
Geschicklichkeiten besitze ich nicht und die meinigen helfen 
mir zu nichts; es ist kein Gedanke daran, daß ich, selbst 
wenn eine solche mir angetragen würde, jemals eine Professur 
übernehmen könnte, mir blfeibt also nichts, gar nichts, nichts, 
als mein Dichtertalent, und damit werde ich mir, kein Hund 
wird zweifeln, die Unsterblichkeit, d. h. einen Platz am Kreuz 
neben meinen Vorgängern, erobern, aber auch nicht die un- 
scheinbarste bürgerliche Existenz." Ihren Klagen über Max 
stellt er seine eigenen Leiden gegenüber. „Wer tilgt aus 
eines Mannes, wer tilgt aus meiner Seele alle die Bisse 
und Blutspuren wieder weg, die sie nun schon seit 20 Jahren 
entstellen ! . . . . Ich will die Erde herausfordern, ob sie einen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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EU8E LEN8ING 163 



Unglücklioberen trägt wie mich; sie soll mich verschlingen, 
wenn sie mir ihn zeigen kann." Und dann beginnt er „mit 
Rechenmeisterklarheit" auseinanderzusetzen, weshalb sie jetzt 
nicht nach Paris kommen solle und daß sie dort nicht zu- 
sammenleben könnten, weil das Greld nicht reiche. „Teuerste 
Elise, Du gehst mir über alles und, was Du tust, ist wohl- 
getan. In meiner Todesangst habe ich nicht gerechnet, ich 
hatte mir für Dich den Kopf abhauen lassen, ohne zu be- 
denken, daß ich mit dem allein etwas verdienen kann, aber f 
jetzt muß ich rechnen, daß wir ja doch lieber miteinander leben, i 
alö miteinander sterben wollen," Er atmet förmlich erleich- 2 
tert auf, als Elise sich wirklich zurückhalten läßt. Fortab c 
ist es seine einzige Sorge, sie von dem Gedanken an die £ 
Möglichkeit einer Eheschließung abzubringen. ^ 
Seine wahre Meinung enthüllt zuerst ein Brief vom 5. De- - 
zembei^ 1843. Er könne Elise nicht verhehlen, daß ihr letztes \ 
Schreiben einen peinlichen Eindruck auf ihn gemacht habe. c 
„Daß der fromme christliche Trost wie Quecksilber an Dir • 
abgleitet, wie Du sagst, ist natürlich, denn eine Lücke wird S 
nicht durch Luft wieder verstopft und Worte sind Luft; . 
daß Du aber jetzt, wo schon acht Wochen verstrichen sind, ■ 
noch immer nicht über die strudelnden Wirbel der ersten " 
Empfindung hinaus bist, macht mich im höchsten Grade be- J 
sorgt. Mein Gott, ist denn der Unterschied zwischen Mann S 
und Weib so groß, so unermeßlich groß, daß ein Geschlecht \ 
das andere nicht einmal begreifen kann! Es kommt mir j 
fast so vor. O, wie recht hatte ich, daß ich ehemals \ 
mit solcher Angst auf Deine krampfhafte Liebe 
zu dem Kinde blickte! Nun bestätigt es sich: für 
Dich war nur Max in der Welt, sie ist leer, nun Max nicht 
da ii*t. Napolfeon schrieb einmal an die Königin Hortense, 
als sie über den Verlust ihres Sohnes imtröstlich war, er 
habe bisher geglaubt, ihr auch etwas zu sein, aber er müsse 
jetzt daran zweifeln. Dies Wort paßt ganz auf mich und 

Dich Ich möchte mich um alles in der Welt an Deinem 

Mutterherzen nicht versündigen, aber ich sehe, daß Du Dich 
mit aller Gewalt in Deine Empfindungen wie in einen Strom, 

11* 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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164 SADOER, HEBBEL. 



der Dich selbst zurückstößt, bineinwirfst, und dagegen muß 
ich ankämpfen, ich würde Dich nicht lieben, wenn ich eöt 
nicht täte. Ich sagte vorhin: ein solcher Schmerz geziemt 
sich nur um das Letzte; war Max Dein Letztes, so habe 
ich nichts zu sagen Du sollst Dich jetzt, nun acht Wo- 
chen verstrichen simi, doch über diese beschränkten Anschau- 
ungen des ersten Moments erheben." Hebbel ist also ordent- 
lich erbost, daß die Mutter ihr Kind über dem Liebhaber 
noch nicht vergessen habe, der ja eben im Begriffe war, sich 
von ihr zu lösen. Sobald nur er mit seinem Söhnchen fertig 
geworden, hatte auch die Mutter flugs einzuschwenken und 
er begriff nicht, daß sie noch weiter klagen mochte, da s e i n 
Gnefühl schon zur Ruhe gekommen. Mit für einen Dichteir 
unglaublicher Verkennung desi weiblichen Herzens rät er der 
Schmerzdurchströmten an, sich auf die hohe Literatur zu 
werfen und am Weihnachtsabend — eine Schilderung des 
Hamburger Brandes zu entwerfen. Er selber jedoch bewun- 
dert im Louvre ein Bild Lethiferes' „Brutus, wie er seinen 
Sohn verurteilt'', und heißt es' ein Maximum in seiner Art, 
über das durchaus nichts gehe. Und zum Weihnachtsabend 
da Elise in Hamburgs Gassen umherirrt, sendet ihr Hebbel 
ein Gedicht „Das abgeschiedene Kind an seine Mutter", welches 
selbst sein Biograph und Bewunderer nur „ein frostiges metar 
physisches Glaubensbekenntnis" nennt, „das in gequälten Ter- 
zinen Wunder der Erquickung wirken sollte I Nie war Heb- 
bel kälter als diesmal, wo er recht warm zu sein glaubte, nie 
abstrakter, als bei diesem Anlaß konkretesten Leids!". 

So rückte mählich der Tag stets näher, an dem Elise 
zum zweitenmal Mutter werden s^Ute, ohne Gattin zu sein. 
Wenn sie bescheidene Andeutungen machte, dann entgegnete 
ihr der Geliebte fast schroff: „Sähe ich das schmälste Fun- 
dament vor Augen, worauf ich eine bürgerliche Existenz zu 
begründen wüßte, so sagte ich: ich reise mit dem ersten 
Dampfschiff. Aber, aber I Unsere Freunde können ims nicht 
raten, denn sie beurteilen unsere Verhältnisse falsch und wir 
können und dürfen sie nicht enttäuschen, wenn wir nicht 
zu Giegenständen des Mitleids herabsinken wollen. Auch mit 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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ELISE LEN61N0. 165 



der Einschränkung geht es nicht so, wie man denkt. Wir 
alle sind Menschen, und wenn wir hinter Allen und Jeden 
zurückstehen und uns über die Achsel ansehen lassen sollen, 
so werden wir es bitter empfinden." Und da die also Zurück- 
gestoßene in tiefster HerÄensbangigkeit ausruft: „Alles kann 
ich ertragen, lyir nicht die Trennung von Dir, die würde mich 
töten I" fragt Hebbel mit gut gespielter Naivität: „Wie 
ha&t Du das verstanden? Du wirst doch nicht zweifelh, daß 
wir im wahren Sinne des' Wortes nie getrennt werden kön- 
nen?" Dies geschah denn auch in Wahrheit nicht eher, als | 
bis er eine Frau mit hohem Jahreseinkonüümen fand. Er ver- ! 
stand jedoch auch, mit recht viel Gpöschicklichkeit ausÄU- I 
weichen und Elisen die Ehe unmöglich zu machen. Als der i 
einzige Freund, den er in Hamburg noch besaß», ihm das * 
Wort einer hilfreichen Bekannten vermeldet: Wenn die Ge- , 
liebte auch die Kraft gehabt hatte, alles zu überstehen, der J 
Spott und Hohn des Pöbels um sie her würde sie töten 1 und ; 
dann selber hinzusetzt: „Ich wage nicht zu widersprechen. I" i 
wirft unser Dichter sich in die Brust: „Wenn dem so ist, ; 
liebe Elise, wenn die Frau nicht etwa denkt, wie tausend ' 
andere denken würden: ,er muß jetzt heiraten oder er hei- ! 
ratet niel*, wenn sie Dich nicht durchaus geinißdeutet und 
mißverstanden hat, so vertraue mir l)einen Gemütszustan,d • 

m 

offen an und sei sicher, daß ich, ohne irgend etwas außer * 

Dir zu berücksichtigen, kommen und mich verheiraten werde ... j 

Ich muß es aus Deinem eigenen Munde wissen, ob die Madame 
Ruschke recht hat; ist es aber der Fall, so ist alles ab- 2 

gemacht. Was dann die Wohnung betrifft, so ist mir jede 
recht; ich brauche gar kein Separatzimmer, denn ich werde 
niemand besuchen und also auch niemand bei mir sehen und 
mein bißchen Arbeiten kann allenthalben geschehen. Ich bitte 
Dich aber dringend, die außerordentlich ernste Frage 
mit Entschiedenheit zu beantworten und mir, wenn Du etwa 
sagst, daß die Frau Dich nach sich und also verkehrt be- 
urteilt habe, zu schwören, daß Du mir Dein Innerstes 
nicht verbirgst." Man sieht, der große Poet spekulierte be- 
wußt oder unbewußt, brutal aber richtig auf die Anständig- 



i 



C^ nonl^ Orrginaf from 

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1^6 SADOER, HEBBEL. 



keif der also Bedrängten, um ihr die, ach! so berechtigte 
Forderung unmöglich zu machen. Ja^ er schenkt ihr sogar 
noch ein kleines Pflaster xmd bietet ihr eine — Gewissensehe 
an, die nach seiner Meinung sie vor Hohn und Spott sicher- 
stellen müßte. So wenig dies dann natürlich auch zutraf, 
so hoch haben manche Biographen, wie Werner, ihm jenes 
,, wichtige Zugeständnis" angerechnet. Es ist ja auch ein so 
schönes Wort: Grewissensehe 1 d. h. eine Ehe, bei der sich 
Hebbel kein G^ewissen machte, das Weib, dem er einfach 
alles genommen — sitzen zu lassen, wenn auch freilich erst 
in zirka drei Jahren, nachdem er sich etwa^ Besseres gefunden. 
Ich kann nicht umhin, an dieser Stelle einzuschalten, 
daß der von Hebbel so vielgeschmähte Gutzkow mit 
seinem Vorwurf nicht daneben griff, unser Dichter hätte zum 
literarischen „Arbeitsmann" ganz gut getaugt, wie seine elen- 
den Lohnarbeiten für Behrendson bewiesen und noch viel 
mehr seine spatere Wirksamkeit an einer Wiener Zeitung, 
nur diese Fähigkeit nie ausnützen wollen. Lieber habe er 
sich von seiner Geliebten aushalten lassen, als in die ver- 
schiedenen Zeitschriften zu schreiben, wie er ihm geraten. 
„Das Leben Hebbels bis zu seiner Rückkehr nach Deutsch- 
land über Wien ist die Geschichte einer Natur, die sich 
nicht genug wundern konnte, daß nicht überall bei seiner 
Ankunft die Glocken läuteten und die Postboten geflogen 
kamen, um versiegelte Briefe mit Geldanweisungen zu brin- 
gen. Wo sollten die letzteren herkommen? Wer ernten will, 
muß säen." So sehr nun Gutzkows „Dionysios Longi- 
nus" ein Pamphltet zu heißen, so muß man doch beachten, 
daß das Auge des Hasses noch schärfer sieht, als selber die 
Liebe. Und es trifft Haider zu, daß Hebbel stets für die 
Unsterblichkeit arbeitete, doch selten für Erwerb und Selbst- 
erhaltung. Nur in den Motiven, die unseren Dichter hiebei 
bestimmten^ geht sein Feind in die Irre, oder, richtiger ge- 
sagt, er sieht nicht alles, nur die oberflächlichen. Er kennt 
weder den Assoziationswiderwillen, noch Hebbels spezifi- 
sche Liebesbedingung, sich von einer Mutter erhalten zu 
lassen. Dieser wollte gar nicht in die Lage kommen, Elise 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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i 



ELISE LENSINQ. 167 



und sein Kind ernähren zu müssen und war in dem Augenblick 
mit Elisen fertig, als sie ihn nicht mehr erhalten konnte, ja, 
obendrein inniger am Einde hing, alis an ihrem Geliebten. 

Darum fragte Hebbel jetzt überall herum, ob er die 
Mutter seines kommenden Kindes heiraten dürfe, selbstredend 
nur, um sein inneres Nein bestätigt zu hören^ da er alles 
eher al^ ein Freund von vielem Fragen war. Und natürlich 
steigert sich jetzt seine Angst .um Elisens Gesundheit wie- 
derum maßlos, als Deckmantel dafür, daß er jener das Ster- 
ben bei der Entbindung wünschte. Durchsichtig schreibt er Q 
einmal an Elise: „In Deiner Lage an. Essen und Trinken ^ 
etwas ersparen wollen, hieße Dich töten, ichkannnicht r 
ohne Entsetzen daran denken.*' Und weiter ins s; 
Tagebuch: „Ihre erste Entbindung war so außerordentlich j. 
schwer, sie litt so über alles Maß, daß ich, wenn ich mich ^, 
hieran erinnere, mir etwas Entsetzliches als möglich denken 
muß." Er wird nicht müde, berühmte Männer zu zitieren: 
Lessing, Hegel, Goethe, Thorwaldsen und Ha- 
rn an, die anfangs bloß in Gewissensehe lebten, um erst nach 
Jahren regelrecht zu freien. Unter ihnen ist allerdings nicht 
ein einziger, der nach wenigen Jahren — .eine andere freite. ff 
Der Kern seiner vielen Worte aber ist: „Ein Mann, wie ich, 
kann sich nicht in den Winkel stecken, wir können nicht m 
fortleben wie bisher, es ist unmöglich, und die Kraft hat 5 
kein Mensch, ja, er darf sie nicht haben, hinter seines J 
Gleichen zurückstehen und immer derjenige zu sein, der J 
beklagt und bedauert, nach und nach auch über die Achsel t 
angesehen wird/* Zwischendurch dann stets die stille Hoff- ' 
nung,- genährt durch die Schwierigkeiten der ersten. Entbin- 
dung, ee könnte jetzt schief gehen und lilisens Tod ihn jeder 
Sorge entheben. Für ein Drama endlich „Zu irgend einer 
Zeit" notiert er den Gedanken, daß die Kindesmörderinnen 
nicht, wie bishpr bestraft, sondern sogar belohnt würden und 
„Staatsanstalten existieren müßten, worin die Kinder der 
Pauperisten getötet würden*'. 

Selbst als Elise seinen heimlichen Wünschen entgegen- 
kommt und ihm ihren letzten Willen sendet, klingt die Be- 



> 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:3y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



16H SADOER, HEBBEL. 



ruhigung, die er sich abzwingt, wirkKch sehr matt, obgleich 
angeblich ihr Testament einen „fürchterlichen, zerschmettern- 
den" Eindruck auf ihn machte: „Du würdest mich grausam 
verkennen, wenn Du Dir eine Existenz für mich olme Dich 
auch nur denken könntest! Unser Verhältnis ist derart, wie 

vielleicht auf Erden kein zweites gefunden wird Du, Dein 

edles, schönes Wesen, Deine Liebe ist mein Lebenselement; 
ich kann eher mich selbst aus der Welt wegdenken, als 

Dich Nein, ich fühlte es, dies kann nicht kommen, nur 

ein anderer Fall ist nicht ganz so undenkbar wie dieser, daß 
es mit dem Kinde anders wird, als wir hoffen wollen, und 
darin müßtest Du Dich finden! Du mußt, Elise, 
Du mußt! Rufe Dir, wenn das geschehen sollte, was wenig- 
stens nicht unmöglich ist, dies: Du mußt! selbst zu, da 
ich es Dir nicht zurufen kann." Da Hebbel also nicht den 
Mut aufbringt, seine bösen Gredanken wider Elise zu. bekennen, 
so stellt er ihr wenigstens den Tod ihres Kindes' als wahr- 
scheinlich hin, obgleich dazu keine Ursache vorlag. Und den 
Wunsch, der ihn ' direkt zwangsmaßig verfolgt, auch Elise 
sielber möge zu Grunde gehen, verbirgt er nun hinter einer 
besonderen Angst um ihre Gesundheit, Sie solle um Himmels- 
willen nicht sparen, ihre Wartefrau ja nicht zu früh ent- 
lassen, ihm hinterdrein auch nicht allzu rasch schreiben. Die 
Nachricht von ihrer glücklichen Entbindung sei die wichtigste, 
die er in seinem ganzen Leben empfangen könne, da es un- 
möglich sei, daß von einer anderen jemals wieder so viel 
für ihn abhänge. Und nachdem er so lange mit sorglichen 
Worten herumgeschwindelt hatte, sind allmählich seine Sohuld- 
empfindungen abreagiert imd er schließt die Epistel:, „Ich 
habe mich aus der Angst und Bewegung, womit ich anfing, 
völlig herausgeschrieben, ich bin ganz fest überzeugt, 
daß alles gut gehen wird und muß." Ehe Elise sterbe, müsse 
er selber zuerst gehen. „Bedenke nur dies ! Welchen Furien 
würde ich anheimfallen, wenn ich nicht Gelegenheit erhielte^ 
so manches, so unendlich vieles an Dir wieder gutzumachen I . . . 
Nun empfehle ich Dich in Gottes Schutz, ich werde immer 
an Dich denken und bitte auch Dich nur, in irgend einem 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ELISE LENSING. 109 



äußersten Falle über das Kind mich nicht zu vergessen! Ewig 
I>ein Fr. Hebbel." Als die für ihn „wichtigste" Nachricht 
eintraf, „die wichtigste, die er zeitlebens erhalten", daß Elise 
eines gesunden Knäbteins entbunden, da war sein Entzücken 
ein recht gemäßigtes. Er ließ sich nicht minder denn fünf 
Tage Zeit, überhaupt zu antworten, so groß war seine Freude 
darüber. Obendrein nahm er sich peinlich in acht, sein zweites 
Büblein jemals zu sehen, ja^ wich einer jeden Gelegenheit 
hiezu sorgfältigst aus, fast so wie der Möglichkeit, Geld sm 
verdienen. 

IV. 

Nachdem weder Mutter noch Kind Geneigtheit zeigten, 
zu sterben, begann er sich langsam selber zu lösen. Jene 
bösien Wünsche gab er nun freilich keineswegs auf. Und als 
Jahnen« Elisen durch einen Brief des Dichters in eine so 
schwere Aufregung stürzt, daß sie darüber krank wird, "hofft 
Hebbel sofort auf ihr mögliches Ende. Der Himmel werde 
ja geben, daß die Folgen nicht so entsetzlich seien, als sie 
sein könnten. „Lies', liebste Elise, lies und grüble nicht. 
Vertiefe Dich in Goethe, lies die Mysterien von Paris, nur 
nicht den Kalender unserer eigenen Zukunft. Es ist ja 
möglich, daß sich alles zum Besten kehrt." Und 
alis dann „gute" Nachricht kommt, schreibt er getröstet: 
„Meine allerteuerste Elise 1 Habe Dank, innigen Diank dafür, 
daß Du noch Itebst I Es ist schrecklich, daß man einen Brief so 
anfangen muß, und doch schön, daß man es kannl Ja, mein 
teures Wes^i, ich habe mich die Itetzten Tage sehr abgeäng- 
stigt. Bis zum 23. war ich ruhig und hielt mich an Deinen 
Brief, als aber am 24., 25. usw. Deine Antwort nicht ein- 
traf, wußte ich nicht mehr, was' ich denken sollte." Also 
genau das nämliche Klischee, das wir von öfterer Wieder- 
holung her kennen. Höchstens, daß zum Schluß der Heirats- 
antrag fehlt und auch seine Angst sich in wesentlich milr 
deren Worten ausspricht. 

Eortab ist Elise ihm nur noch lästig, zumal er nicht bloß 
sie und das Kind erhal4;en mußte, sondern sich jene in der 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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170 SADOEli, HEBBEL. 



„GrewiBäensehe'' auch stets als Frau Doktorin Hebbel aus- 
gab. Man könnte zwar fragen^ was jenes berühmte „wichtige 
Zugeständnis'' denn für einen anderen Sinn haben sollte, als 
daß sich Elise, wenn auch ohne öffentliche Sanktion ais seine 
Frau betrachten dürf«. Schrieb ihr doch unser Dichter selbst 
unter „Frau Doktor Hebbel" und hieß sie in einem sogar 
direkt „meine Frau", was sie dem Hausherrn zeigen sollte, 
der ihr ob jener Grewislsensehe die Wohnung aufgekündet hatte. 
Jetzt aber ist Hebbel höchlichst entrüstet, als Elise das 
buchstäblich nimmt «und, um sich „aua einer kleinen Verlegen- 
heit zu ziehen, ihn und sich in eine größere stürzt": „Welch 
eine Situation finde ich in Hamburg vor. Ich bin verheiratet 
mein Name steht auf Assekuranzscheinen und in Mietkontrak- 
ten, Mägde zwischen Dir und Jul. Campe hin und wieder 
laufend, haben von der Frau Doktorin gegrüßt, ja — sogar 
nach Kopenhagen hast Du Dich als Verlobte präsentiert. Du 
mußtest, wie Du behauptest. Warum mußtest Du? Hundert- 
mall in ähnlichen Fällen warst Du nur eine Cousine. Hierin 
habe ich Dich steit meiner Abreise nicht wieder erkannt. Kann 
ich nach Hamburg zurückkehren, ohne auf der 
Stelle zu heiraten, wenn ich mich und Dich nicht den 
heillosesten Spöttereien aussetzen will?" Man sieht, was des 
Dichters eigentliche Absicht bei jenem „wichtigen Zugeständ- 
nis" war. Es »ollte Elisen die Augen auswischen, sie über 
seine wahre Meinung täuschen und vor allem verhindern, daß 
die vor der zweiten Mutterschaft Stehende mit der Hochzeit- 
forderung zu dringend würde. Nun dieses hehre Ziel erreicht, 
war auch die Gewissensehe überflüssig. 

Wiederum meldet sich als beste Entschuldigung Heb- 
bels Phobie, in Not und Elend zu Grunde gehen zu müssen. 
„O, welch ein Fluch ist die Armut 1 Sie bringt den Menschen 
um alles. Die höchsten, schönsten Güter sind nicht für ihn 
da^ er kann sie nicht genießen I Wer dies Gespenst 
einmal sah, und ich sah es in meiner frühesten 
Jugend, der sieht nichts anderes mehr!*' Er heißt 
steine finsteren Gedanken „unsichtbare Lebensräuber, die uns 
schon l'ange vorher vom Abgrund erzählen, ehe wir noch hin- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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ELISE LENSIN6. 171 



einstürzen", und schreibt aus Bom: „loh bin unverändert, 
liebe Elise, aber mir scheint, der Himmel fällt über mir ein 
und ich weiß nicht, wie ich meinen Kopf gegen die Zer- 
schmetterung schützen soll! Hätt* ich so viel festen Boden 
unter den Füßen, daß ich mein Kind in Ruhe, wie ein anderer i 

Mensch, aufziehen könnte, wie wollte ich's lieben!" Natür- 
lich ist das so wenig wahr, als seine unveränderte Liebe 
zu Elise. Denn wenig später zieht er die Bilanz: „Was wird 
das neue Jahr mir bringen? Eine Frau zu dem Kinde, das 
schon wieder da ist? Kann ich, muß ich heiraten? Kann *! 

ich, muß ich einen Schritt tun, der mich auf jeden Eali un- j 

glückhch und Dich! nicht glücklich machen wird? O, meine | 

Lebensverhältnisse? Wie doch immer das, was mich dem s 

einen Abgrund entriß, mich dem anderen wieder nah führte! 3 

Was ist darüber zu sagen 1 Elise ist daß beste Weib der ^ 

Erde, das edelste Herz, die reinste Seele, aber sie liebt, was ? 

sie nicht wieder lieben kann, die Liebe will besitzen, und j 

wer nicht liebt, kann sich nicht hingeben, sondern höchstens S 

opfern." g 

Da Elise aber die Wahrheit noch immer nicht fassen 
will, wird er brutaler i) : „Nimm diesen Brief nicht mit Tränen J 

auf, sondern mit Vernunft* Wenn Du mir etwas Tröstliches ^ 

darauf sÄgen kannst, so wird es mir willkommen sein. Nur JJ 

laß Gott aus dem Spiel." Dann wieder, als sie schreibt, sie 2 

würde eich gern mit Brot und Wasser begnügen, wenn sie J 

nur Italien sehen könnte: „Darum eben, weil hier so vieles j 

notwendig ist, was man anderwärts entbehren kann und was £ 

ich entbehren muß, wird man hier harter als anderswo an 
die Misere, mit der man sein ganzes Leben lang zu kämpfen 
hat, tmd die einen alles nur halb oder zum zehnten Teil 
genießen läßt, erinnert. Ich schweige über diese Dinge, ob- 
gleich die Erbitterung, die sie inmir erregen, 
von Jahr zu Jahr steigt; nur weil Du sie ganz zu 
übersehen schienst, habe ich in meinem letzten Briefe da- 



1) In einem späteren Schreiben an Bamberg nennt er das» „sein 
Verhältnis auf ein rein frenndschaftlichee ziorückffihren". 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

- :)y V_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



178 SADGER, HEBBEL. 



von gesprochen. Das magÄt Du mir glauben, ich kämpfe jetzt 
einen schwereren Kampf, als ich noch je gekämpft habe ; meine 
Geisteskräfte verlassen mich, in meinem Innern ist es öde 
und die Welt, die die Lücken ausfüllen sollte, ist völlig 
düster um mich her. Was bfeibt mir? Damach miß die 
Stimmung, in die der Gedanke mich versetzt, daß ich jetzt 
nach Deutschland reisen und, nachdem ich um Kindheit, Ju- 
gend und Jünglingszeit betrogen bin, als Mann den Vertrag 
mit dem Elend feierlichst abschließen und beeiegeln soll 
Der Mensch kann über alles verfügen, über Blut und Leben, 
über jeden Teil seiner Person, nur nicht über seine Person 
selbst, über diese verfügen höhere Mächte. Nun sind jene 
Verhältnisse da, gleichgültig, ob erstrebt oder durch den natür- 
lichen Lauf der Dinge herbeigeführt, genug, sie sind da^ sie 
sind seit lange da und aller Augen schauen auf mich und 

erwarten den letzten Schritt Es hat durchaus keinen 

Sinn, wenn Du erst auf die Heirat dringst und dann wieder 

sagst. Du wollest nichts für Dich. Das Weib hat alles^ wenn 

sie Mann und Kind hat; darüber hinaus hat nie ein Weib 

etwas verlangt . . . , Wir würden ein ganz erträgliches Leben 

führen können, wenn wir hätten, was dazu gehört, und ich 

würde keinen Augenblick schwanken, wenn- das der Fall wäre. 

Aber isl dies der Fall? Wird es, wenn kein Wunder, geschieht, 

jo der Fall sein? Als Schriftsteller verdiente ich bis jetzt 

wenig und, da die Produktion stockt, ist von jetzt an auf 

nichts mehr zu rechnen. Bedakteur? Nimmermehr. Einzige 

Folge: schimpflicher Zurücktritt oder Tod am Nervenfieber. 

I*rofeesor? Lies, was ich Dir darüber aus Paris geschrieben 

habe. Was noch? Arbeitsmann? Die körperlichen Kräfte 

fehlen mir; sonst lieber als Telegraphen-Eedakteur. Bleibt 

noch irgend etwas? Liebe Elise, Du schreibst, ich sähe selbst 

da. Gespenster, Vo Lichtgestalten zu sehen wären. Ach, meine 

Augen sind so schrecklich scharf, ich schaue durch die Erde 

hindurch und sehe die Toten, wie sie verwesen; nun sehe 

ich die Blumen^ die sie bedecken, nicht mehrl Möglich ist 

es, daß ich alle diese Dinge in einem zu trüben Lichte jßr- 

blicke, aber das ändert nichts an der Sache, denn so viel ist 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ELISE LENSING. 178 



gewiß: ich kann nichts von der Gegenwart genießen, wenn 
ich der . Zukunft nicht sicher bin. Das kommt daher, 
das Elend hat an meiner Wiege gestanden, es 
hat mir in zartester Kindheit ins Gesicht ge- 
schaut und meine Seele versteinert. Was Not ist, 
hast Du noch nicht erfahren und kannst es Dir darum auch 
nicht denken. Du meinst, so schlimm kann es gar nicht werden, 
mir am Weihnachtsabend mein Lieblingsgericht auf den 
Tisch zu schaffen? Teuerste Seele, es kann so schlimm werden, 
daß, wenn Du Deine Adern öffnen und für ein Stück trockenes 
Brot Dgin Bliit hingeben wolltest, man Dir antwortete: wär's 
Ochsenbllit, so ließe sich's in der Zuckersiederei gebrauchen, 

aber Menschenbhit ? Nein, Madam, gehen Sie ! Du 

schreibst, Deine Mutter würde das Geld zur Trauung hergeben, 
wenn wir es nicht hätten. Etwas Furchtbareres ist noch 
nicht aus Deiner Feder geflössen. Nicht einmal das Geld 
zur Trauung und eine Ehe anfangen ! 1 ! Und dann in Hamburg 
leben unter so vielen Feinden und mir gehässigen Personen, 
von einer Stufe des* Elends zur anderen unter Spott und' Hohn- 
gelächter herabsinken, sterben und dafür mit Nadeln gezwickt 

werden nein, ich glaube doch, das' heißt die eheliche 

Taufe meines Sohnes zu teuer bezahlön." 

Ich gebe diese Probe darum so ausführlich, weil sie ein 
treffliches Exempel ist der brutalen Tonart, die Hebbel 
nun anschlägt, nachdem ihn Elise gutwillig nicht frei gibt. 
Wenn sie sich auf den lieben Gott beruft, der helfen werde, 
erwidert er unwirsch: „Ich bitte Dich zum zweitenmal, keine 
Berufungen auf den Heben Grott usw., von denen Dein letzter 
Brief wieder wimmelt 1 Der liebe Gott ist wie die Luft; wir 
teben und weben in ihr, aber wir können keine Würste und 
keinen Speck herausschneiden. Dir müßten meine Ideen end- 
lich doch deutlich sein. Ich kann so etwas nicht ohne den 
peinlichsten Eindruck lesen.'' Nur wenn sich die also Ge- 
tretene aufbäumt, erklingen noch einzelne Töne von früher, 
freilich mit Wut und Zorn unterspickt: „Deine Gefühle 
für mich kann ich nicht erwidern, das hast Du immer wissen 
müssen und immer gewußt, und es ist doch wohl .so wenig 



C^ nri n I r^ Orrgin a f f ro m 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



174 SADOER, HEBBEL. 



bei mir eine Sünde, wie bei Dir, daß ich über mein Herz 
nicht gebieten kann. Aber desungeachtet bist Du mir das 
Teuerste auf der Welt, und wenn das entsetzliche Schicksal 
mich troffen sollte, Dich zu überleben, so würde mir die 
Brust zerspringen und das Gehirn bersten." ,Wenige Monde 
später hat er ein anderes Teuerstes gefunden und Elise dann 
neun Jahre überlebt ohne Spur von Erschütterung. In jenem 
Briefe aber orgelt er weiter : „Wendet sich nicht meine ganze 
Seele nach Dir? Teile ich Dir nicht jeden meiner Gredanken 
mit ? Habe ich Buhe, ehe ich meine besten Gredichte in. Deinen 
Händen weiß? Fühle und erkenne Dich selbst I Du hast 
keinen einzigen Zug von denen, die Du Dir in der Verzweif- 
lung selbst andichtest. Du hast mehr Geist als die meisten 
Deiner Mitschwestem und ein Herz, wie nie ein edleres ge- 
schlagen hat. Du bist eines der herrlichsten Weiber, die 
je über die Erde geschritten sind, und es ist mein höchster 
Schmerz, Dich nicht so lieben zu können, wie Du es verdienst. 
Alles dies solltest Du wissen und wenn Du es nicht weißt, 
wie kannst Du irre werden an Dir und mir? Naturnotwen- 
digkeiten können wir alle beide nicht ändern, man kann sich 
so wenig ein anderes Herz geben ala ein anderes Gesicht. 
Ich schaudere vor der Kückkehr, es ist wahr, aber nicht, 
weil mich hier ein Frätzchen oder auch nur die Natur ge- 
fesselt halt, sondern weil mich in Deutschland alle Schreck- 
nisse erwarten, die ich am meisten scheue. Hättest Du 
mir ein Asyl zu bieten, wie gern wollt' ich kom- 
men. Aber ich fühle in mir nicht die Eähigkeit, mir selbst 
eines zu gründen." Und jetzt fol^t noch eine Stelle, die den 
Schlüssel abgibt für sein ferneres Verhalten. „Manchen 
anderen mag der Kampf mit der Not stählen; 
bei mir ist das Gegenteil der FalU). Der Dichter 
mnß eine behagliche Existenz haben, ehe er arbeiten kami; 
andere arbeiten, um eine solche Existenz zu erlangen. Ohne- 
hin sind meine Bedürfnisse gestiegen, ich kann manches nicht 
paehr so leicht entbehren, wie wohl früher," Und gleich 



1) Mohr gegenüber hatte er freilich genau das Gegenteil behauptet. 



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ELISE LENSTNG. 175 



wallt wieder der Zorn in ihm auf trotz aller schönen Worte 
von früher. „Soviel ich auch nachdenke, das Resulta^t 
is^: uns fehlt Geld! Hast Du mir hiezu etwas zu sagen, 
was trösten und beruhigen kann, so tu's. Aber verschone 
mich mit dem Allerweltstrost. Wen nur noch ein Wunder 
zu erretten vermag, der ist verlbren. Und Greld zu schaffen, 
weiß ich so wenig als Dein kleiner Sohn. Ich bitte Dich 
noch einmal : nie wieder etwas von Grott, von Vorgefühlen usw. 
Meine Hand fährt unwillkürlich nach Briefen, die so etwas 

enthalten, um sie zu zerknittern Weißt Du dagegen einen J 

vernünftigen Plan, der zu etwas' führt, so wird er mir immer ? 

willkommen sein .... Laß dies nun meine letzte Erklärung ^ 

über den unter uns immer wiederkehrenden Zwist sein. Mich J 

ekeln, die ewigen Wiederholungen. Geld! Greld! Greld 1" J 

Wir haben vorstehend ein neues Leitmotiv kennen ge- 
lemt oder richtiger ein altes, das ihm allmählich zum Bewaißt- 
sein kommt. Hebbel wollte, um jeden Preis eine behagliche 
Existenz, mit anderen Worten, was er nur so nackt und hüllen- J; 

loß zu sagen, sich scheute, eine Versorgungsehe, eine Frau, S 

die ihn nähren und erhalten sollte. Kurz vorher hatte er 
an Elise 4 geschrieben-:^^ Mehr als, einmal habe ich mir schon J 

einen Gehims-chllag gewünscht, denn ich kann die Qual des ^ 

Daseins unter solchen Bedingungen nicht mehr ertragen." j 

,,Mir wird doch alles vergiftet. Die Jugend, die Studienzeit, J 

jetzt die Reisen, denn wer kann Erdbeeren essen, wenn eine J 

Lawine über ihn zusammen zu stürzen droht. Und alles, weil I 

ich kein Geld habe! Denn wie glücklich könnte ich noch j 

werden bei meinem Greist, meinen Organen ! Ich daure mich ^ 
selbst, wenn ich's bedenke." Nur Nutzen aus diesem Geiste 
zu ziehen und um Geld zu schreiben, wie auch die größten 
Dichter nicht verschmähten, das mochte er um keinen Preis 
der Welt ; zumindest so lange nicht, als dies Elise und seinem 
Kinde zu statten gekommen wäre. Denn nach Jahren, da 
er es gottlob nimmer nötig hatte, gab er einen brauchbaren 
Redakteur, ja, verfaßte sogar gegen gute Bezahlting ein — 
Libretto. Dazranal aber phantasierte er höchstens von Biesen- 
einnahmen, ohne je das Geringste dafür zu tun, wie Gutz- 



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176 SADGER, HEBBEL 



kow durchaus treffend ihm vorwirft So schreibt er z. B. 
an Elise: „Wenn Du mir zuweilen von , Durchkommen* 
schreibst, überschleicht mich ein unsäglich peinliches Ge- 
fühl Nein, damit bin ich jetzt nicht mehr zufrieden. Lieber 
den Tod, alis so ein enges Dasein, wo man von Tag zu Tag 
wie die Raupe von Bliatt zu Blatt hinüberkriecht und seKg 
ist, wenn man sich satt fühlt. Der Widerspruch zwischen 
meinen kümmerlichen äußeren Verhältnissen und meinem ge- 
nuß- und tatendurstigen Innern wird immer schneidender; 
aber ich hoffe viel von meiner späteren Zukunft, voraus- 
gesetzt, daß ich nicht einen Schritt tue, der ent- 
schieden das Glück verscheucht, und bin nur be- 
sorgt für die nächste. Ein Schriftsteller wie Lewald hat 
für seine sämtlichen Werke 12.000 Taler bekommen, welches 
600 Louisdors Zinsen macht; eine ähnliche Summe kann mir 
in acht bis zehn Jahren nicht fehlen^ und das ist ein hin- 
reichendes Fundament eines imabhängigen Daseins.** Und 
drei Tage später peroriert der allzeit so Schaffensträge dann 
lustig weiter: „Nein, mir ist nicht bange I Die nächste Zu- 
kunft kann mir noch so manche Nuß zu knacken geben, aber 
die spätere wird mich entschädigen. Nur muß ich dem Euf 
meines Genius folgen, nicht meinem Herzen, imd mich nicht 
in eine Lebensform hineinzwängen, für die ich nicht passe." 
Vielleicht aus einem gewissen Schuldgefühl findet er ge- 
legentlich noch ein zärtlich Wort. So schreibt er eiiünal: 
„Könntest Du hören, wie ich hier oft von Dir spreche. Du 
würdest mich in Deinem letzten Briefe nicht gefragt haben: 
ich werde Dich doch wiedersehen? Teuerste Elise, wie 
wäre es denn möglich, daß ein Band, wie es zwi- 
schen uns besteht, zerrissen werden könnte! 
So wie wir Avächs't man sich nicht ineinander ein, und geht 
dann wieder auseinander. Wer weiß denn, wer von uns beiden 
Wurzel, wer Blüte ist." Und gingen doch beide für immer 
auseinander — ein halbes Jahr später I Sein wirkliches Ge- 
sicht spricht aus anderen Zeilen, obwohl er selbst da noch 
die Wahrheit tüncht. „Ich begreife nicht, wie Du an die 
Möglichkeit einer Heirat denken kannst Für Dich und 



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ELISE LENSINO. 177 



das Kind werde ich tun, was in meinen Kräften steht. Das 
bedarf keiner Worte, es ist heilige Pflicht. Wenn ich zehn 
Jahre älter bin, kann auch ein übriges, geschehen." In Grimm 
und Hohn ergießt er sich ein andermal: „Deinen Brief lasse 
ich unbeantwortet, da er natürlich nur die allerunangenehm- 
, stpn Gedanken in mir angeregt hat.*' und ixachdem er seine 
Schulden aufgezählt: „Ein hübsches Sümmchen, nicht wahr? 
Dabei keine Klfeider auf dem Leibe I O, Du hast recht, ich 
schwimme in Genüssen aller Artl" Kurz vorher aber hatte 
er noch selber geschrieben, er sei in Neapel weit länger ge- 
blieben, als er ursprünglich wollte, trotzdem das Leben so 
kostspielig wie in Paris gewesen, nur weil er sich dort in 
der Umgebung von schönen Mädchen glücklich gefühlt habe. 

Aus Wien, das er bei der Rückreise berührte, meint er 
anfangs ähnlich: „Ich glaube nicht, daß hier für mich etwas 
zu hoffen ist, und bitte Dich sehr, Dich keinen Erwartungen 
hinzugeben; ich komme nach Deutschliand mit der festen 
Überzeugung zurück, daß ich die literarische Schlacht ver- 
loren habe, verloren an Lumpe, nicht an Götter, aber nichts.^ 

destoweniger verloren Deinhardtstein hat mich 

auch dringend eingeladen, den Wiener Jahrbüchern einen Bei- 
trag zu geben; sie zahlten sechs Dukaten für den Bogen, 
ach, ich kann nicht schriftsteilem I" Er mußte ein zweitesmal 
von Deinhardtstein förmlich gebeten werden^ eh er 
sich entschloß, mit seiner Feder Geld zu verdienen. Von 
Wien wolle er zunächst nach Berlin, doch auch dort könne 
seines Bteibens nicht sein. „Nach Hamburg kann ich aber 
doch wohl kaum kommen, denn die Zahl der mir Übelwollen- 
den ist in dieser Stadt doch zu groß. Oder meinst Du? Be- 
denke bei der Antwort auf diese Frage aber 
nicht Dich allein, sondern auch mich, Du bist 
seit lange nicht mehr gewohnt, es zu tun." Also 
schrieb einer der selbstliebendsten Menschen, der stets nur 
sich kannte und wiederum sich, an eine Frau, die jahrelang 
einzig bloß ihm gelebt hatte, und sipäter, als Hebbel sie 
verließ, nur seinem Kinde. 

Sftdger, Hebbel. t2 



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OrfgfrTaffrom 
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178 8ADOER, HEBBEL 



Trotzdem ihn Wien mit Ehren und Anerkennung über- 
häufte, klingt auch des Dichters nächster Brief nicht viel 
zuversichtlicher und vor allem für Elise ganz niederschmet- 
ternd: „Grottlob, noch immer sind die Kräfte frisch und 
jede Schlacht will ich bestehen, nur das Gespenst der Not 
muß mir nicht nahe kommen, das vernichtet mich. Dürftig 
lebe ich jetzt; ich ertrag en, alle Ehren, die mir gebühren, 
gehen an meinem Haupte vorüber, ich lache dazu, aber der 
wirklichen Misere würde ich erliegen, es ist Lebens- 
bedingung für mich, daß sie mir fern bleibt/' 
Und dann fügt er, der jeglicher Möglichkeit des Verdienens 
ängstlich aus dem Wege ging — mindestens müsse vorher 
seine Zukunft sichergestellt sein — in grimmer Selbstver- 
höhnung hinzu: „Freilich scheint es, daß mein Untergang 
beschlossen ist, denn wie ich armer Mensch, dem alles 
fehlschlägt, wenn es sich um den Erwerb han- 
delt, mich und eine Familie ernähren, wie ich dabei noch 
Schulden bezahlen soll, weiß ich nicht. Grestem empfingst 
Du meinen Brief, heute schreibst Du mir vielleicht, daß Du 
mir von Herrn Campe nichts zu sagen hast. Mag's! Ich 
entdecke gewiß morgen die Kunst, aus Kartoffeln Gold zu 
machen." Es macht wiederholt auf mich den Eindruck, lais 
triebe sein Unbewußtes absichtlich auf die Verzweiflung hin, 
damit der Dichter eine Rechtfertigung habe, Elisen zu ver- 
stoßen. So z. B. in seinem drittnächsten Schreiben: „Danke 
Grott, liebe Elise, daß ich Deinen Brief nicht gleich am Tag 
des Empfanges beantwortete, es würde Dir wenig Freude ge- 
macht haben. Wer war auf solche Dinge gefaßt! Also, Ju- 
lius Campe ist ein Schurke, und was noch schlimmer ist, 
die Buchhändler achten meine Arbeiten zum wenigsten nicht 
als Handelsartikel, denn sonst hätte dieser Kius zugegriffen. 
Wie Du glauben konntes', daß ich unter solchen Umstäaden 
nach Hamburg gehen, ja fliegen könae, geht über meine 
Fassungskraft. Freilich weiß ich längst, daß die Liebe .die 
höchste Spitze des Egoismus ist und daß ihre Opfer die 
des Gärtners sind, der einen Baum düngt, weil 
er die Früchte herauslocken will. Darüber kein 



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ELISE LENSINO. 179 



Wort mehr. Nach meiner Ansicht habe ich jetzt nichts An- 
gelegentlicheres zu tun, als mir um jeden Preis eine Existenz 
zu gründen. In Hamburg ist das unmöglich, wie das ge- 
ringste Nachdenken Dir zeigen sollte Das mußt Du doch 

fühlen, daß die Verhältnisse von ehemals jetzt unmöglich 
sind und daß meiu Leben entweder einen höheren Schwung 
oder — ein Ende nehmen muß. So steht die Sache, lausche 
Dich nicht. Alle meine Gedanken sind jetzt auf Wirkung 
gerichtet, von allen Arten der Sehnsucht kenne ich nur noch 
die eine nach Taten und nichts kann Pflicht für 
mich sein, was diese verhindert, weil es mich 
und alle meine Kräfte vernichtet.*' Dieise Sehn- 
sucht nach Taten war, wie sich gar bald erweisen sollte, 
die Sehnsucht nach — einer Versorgungsehe, die seine Pflich- 
ten gegen Elise und sein Kind nicht verhindern konnten i). 

In Wien ternte Hebbel die Annehmlichkeiten desi Reich- 
tums kennen. Schon daß ihn Zerboni von Kopf bis' zu Fuß 
ganz neu aus'stattete und im ersten Hotel der Stadt instal- 
lierte — dies alles nahm der stolze Poet als Zk^ll der Be- 
wunderung ohne Widerspruch hin — erhöhte sein Selbst- 
gefühl außerordentlich. „Mit einem, anderen Eock wurde ich 
ein anderer Mensch." Dann kam unser Dichter nicht bloß 
in literarische, sondern auch in sogenannte „vornehme" 
Kreise, die ja dem Maurerssohn in ihm zeitlebens ganz ge- 
waltig imponierten. Und als er nun vollends in Christine 
Eng haus ein liebenswertes Weib erschaute, das den Vor- 
zug besaß, mit 5000 Gulden Konventionsmünze für Lebens- 
dauer angestellt zu sein, war sein Entschluß auf der Stelle 
gefaßt und — Elise verloren. Erfüllte doch jene alle si)ezi- 



1) Gar so verzweifelt stand es übrigens um seine Zukunft nicht, 
denn 14 Jahre spater, da seine Hoffnut^n bloß materiell in ErfüUung 
gegangen, schrieb er an Dingelstodt (Brief vom 31. März 18G0): 
„Lieber Freund, hatte ich geahnt, was mir in Wien bevorstand, hatte 
ich die Winke des damaligen Dänischen Gesandten, des wohlwollenden 
Generalis Löwenstern, nicht unterschätzt, so säße ich seit 1846 als 
Professor in Kiel, denn ich hatte ein Versprechen von Christian dem 
achten und er war ein Gentleman. Das war mein rechter Weg." 

12* 



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180 SAD6ER, HEBBEL. 



fischen Liebesbc'dingungen, dio Hebbel sicli nur wünschen 
konnte. 

Da« Zusammentreffen beider ist durchaus, bezeichnend. 
Christinen war der Dichter durch Prechtler für den näch- 
sten Tag angekündigt worden. Im Schlafe erschien er ihr 
als Meister Anton, sie sich selbst als Klara^ dieweil auch sie 
in ihrer Vergangenheit einen Punkt besaßt über den ,,kein 
Mann hinwegkommt''. „Im Traum**, schrieb Christine spater 
an Kuh, „sah ich die Ziegel von den Dächern fallen, doch 
keiner traf mich — mit diesem Angstgefühl erwachte ich und 
verharrte darin, bis Hebbel eintrat. Seine hagere Gestalt, 
die blasse Leidensmiene flößten mir beim erstJen Anblick das 

tiefste Mitleid ein. Meine Furcht war verschwunden Mir 

wurde recht traurig zu Mute, al!s er mich verlassen — ich 
hatte von seiner Armut gehört, seine ärmliche Kleidung, der 
schwarze Frack, der ihm nicht paßte, bezeugten sie nur zu 
sehr. Wenn ich reich wäre, sagte ich mir, so würde ich ihm 
eine sorgenlose Zukunft schaffen — das war mein Gefühl 
bei seinem ersten Scheiden." Das zweitemal kam er schon 
völlig verändert als reines Modekupfer zu ihr, die vor lauter 
Schüchternheit kaum Bescheid zu geben wagte. „Nur aus 
meinen Angen (auf deren Ausdruck er später alles gab) konnte 
er sehen, welchen Eindruck er auf mich machte." Das dritte- 
mal stürzte er frühmorgens schon herein und da kam es 
zum Küssen. „Die Besuche bei Christine*', erzählt uns Kuh, 
„wurden nun häufig und bald verging kein Tag, an dem er 
sie nicht, sah. Beider Entschluß, einander angehören zu 
wollen, stand fest. Alles hatte er ihr eröffnet, was an schweren 
Bekenntnissen auf seiner Seele lastete — nichts hatte sie 
ihm verschwiegen, was ein geprüftes weibliches Herz arg be- 
drücken kann jmd wa« dem Gitter der Zähne nur ungern 
entschlüpft. So hegten sie ein jedes ihi^ eigene, besondere 
Schuld zusammen, von der Innigkeit der Neigung zwar dazu 
gekräftigt, wie befähigt, aber keines im Rausche des Augen- 
blickes, keines mit verdunkeltem oder auch nur eingeschlä- 
fertem Bewußtsein. Es war eine durch die Verflechtung der 
Umstände und den Hintergnind der Erltebnisso eigentümlich 



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ELISE LENSIN6. 181 



beschaffenen Besonnenheit, die sich bei der Knüpfung des 
Bundes tätig erwies. Aus dem Munde der Witwe des Dich- 
ters weiß der Biograph, daß Mitleid die vornehmste 
Triebfeder gewesen, welche sie damals bestimmte, 
Hebbel ihre Hand zu reichen, so sehr auch der mächtige 
Eindruck seiner Natur und zarte Eegungen ihres Gemütes sie 
an ihn drängten und fesselten." Zum Jahresschluß aber 
schreibt Hebbel ins Tagebuch: „Ich verlobte mich mit 
Fräulein Eng haus; ich tat es sicher aus Liebe, aber ich 
hätte diester Liebe Herr zu 'werden gesucht und meine Eeise 
fortgesetzt, wenn nicht de^r Druck des Lebens so 
schwer über mir geworden' wäre, daß ich in der 
Neigung, die dies edle Mädchen mir zuwendete, 
meine einzige Bettung sehen mußte. Ich zögere 
nicht, dieses Bekenntnis unumwunden abzulegen, soviel ich 
auch dabei verlieren würde, wenn ich einen deutschen Jüng- 
ling zum Bichter hätte; auf eine unbesiegbare Leidenschaft 
darf man sich nach dem dreißigsten Jähre nach meinem Ge- 
fühl nicht mehr berufen, wenn man nicht ein völlig inhalt- 
loses Leben führt, wohl aber auf eine Situation, die, ein Be- 
sultat aller vorhergegangenen, das Dasein selbst mit seinem 
ganzen Gehalt ins Gedränge bringt, wie es in jedem Sinn mein 
Fall war. Es ist meine Überzeugung und wird es in alle 
Ewigkeit bleiben, daß der ganze MensIch derjenigen Kraft 
in ihm angehört, die die bedeutendste ist, denn aus ihr allein 
entspringt sein eigenes Glück \md zugleich aller Nutzen, den 
die Welt von ihm ziehen kann; diese Kraft ist mir die poe- 
tis<5he: wie hätte ich sie in dem miserablen Kampf um die 
Existenz lebendig erhalten und wie hätte ich diesen Kampf 
ohne sie auch nur notdürftig in die Länge ziehen sollen, 
da bei meiner unablenkbaren Bichtung auf das Währe und 
Echte, bei meiner völligen Unfähigkeit zu handwerkem, an 
einen Sieg gar nicht zu denken war. Wenn die Buho des 
Gewissens die Probe des Handelns ist, so habe ich nie besser 
gehandelt, als indem ich den Schritt tat, aus dem Elise 
mir eine Todsünde machte." Alteo Mitleid von Christinens 
und Streben nnch Versorgung von Hebbels Seite, angeb- 



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182 SADGER, HEBBEL. 

lieh weil er nur so ein Dichter zu bleiben vermöchte, das 
war das Fundament dieser Ehe. Und darum mußte eine Elise 
Lensing geopfert werden! 

Wie ertrug nun diese den schweren Schlag? Die ent- 
scheidenden Briefe und Tagebuchblatter über den Bruch hat 
leider der „pietätvolle" Bamberg herausigeschnitten und 
vernichtet. Bedenkt man, wie dieser allzeit bestrebt war, 
des Dichters Bild nicht verdunkeln zu lassen, dann drängt 
sich der Schluß unabweisbar auf, daß jene herausgeschnit- 
tenen Zeugnisse kein Euhmesblatt im Leben Hebbels ger 
wesen sein können, Ihr Inhalt läJßt sich nur aus dem Echo 
in Kulis Biographie beiläufig erraten, wobei obendrein in 
Anschlag zu bringen ist, daß auch dieser liebende Bewunderer 
des Dichters stets alles beschönigte, was seinem Idol ab- 
träglich wäre. Immerhin bleibt seine Schilderung lehrreich. 
„Es war keine Bräutigamszeit, die Hebbel nach seiner Ver- 
lobung mit Christine E n g h a u s durchlebte, es war eine von 
Lichtblicken unterbrochene Erinnenmgsnacht, von der er 
wußte, daß zwei Frauen die Qualen derselben teilten. Briefe 
anklägerischen, verteidigenden, wehe vollen und widerwärtigen 
Inhalts liefen, besser schlichen zwischen ihm und Elise hin 
und her: alte Posten wurden gezählt und aneinandergereiht, 
Vergangenes und Verschollenes, Gutes wie Böses, Schönes 
wie Unschönes rekapituliert. Was das rastlos vorwärts trei- 
bende Leben in seinem mannigfaltigen Wechsel der Lagen 
und Stimmungen zum Heil oder Unheil der beiden, zu ihrem 
Tröste oder ihrer Pein hervorgebracht, und was als Ursache 
und Wirkung, als Schicksal oder Zufall sich vor ihnen be- 
glaubigt hatte, das nahm sich nun, in dem Briefgefecht zum 
Kriegsgebrauch herbeigeholt und erniedrigt, unhold und miß- 
lich, halbwahr oder lügenhaft aus, das erschien als ein Lei- 
Bhenfeld von Fehltritten und Enttäuschungen, als eine Folgen- 
reihe von Willkür und Laune. Die Wärme des Erlebten und 
Durchlebten hatte sich verflüchtigt und alles wurde kalt und 
häßlich und unwahr. Da Christine in diese Kämpfe Heb- 
bels mit hineinschaute, so verwandelte sie sich zu- 
weilen, ohne sich dessen bewußt zu werden, in die B u n- 



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ELISE LENSING. 188 



desgenossin, welche zu der Verlassenen in Ham- 
burg stieß. ,Du hast keine Kinder geboren! Ich weiß, 
wie das tut, und beklage sie unendlich I' rief Christine eines 
Abends weinend aus. Bräutigamswochen, wie sie zu dem 
Dichter der Maria Magdalena passen." Bestünde noch der 
kleinste Zweifel an der Hauptschuld Hebbels, jenes Ein- 
treten seiner eigenen Braut, Wie später der Gattin, müßte 
ihn ersticken. Doch so ausgezeichnet Christine sich als des 
Dichters Ehefrau betrug, ihr edltes Verhalten gegen Elise 
ist nicht bloß Ausfluß innerer Vornehmheit, sondern noch 
vielmehr, ja in erster Linie, ihres Schuldbewußtseins. Viel 
schlimmer stand es um Hebbels Gebaren. Mit der früheren 
Liebschaft fertig geworden, wird dieser nicht müde, sein 
Opfer zu beschmutzen, nachdem er es aufs Äußerste ausge- 
nützt hatte. 

Das beweisen selbst jene Briefe deutlich, die Felix Bam- 
berg unvemichtet ließ, weil sie den Absender am wenigsten 
bloßstellten. So schreibt unser Dichter einmal an jenen: 
„Schon in Eom war ich fest entschlossen, das 
in Hamburg bestehende Verhältnis auf ein 
rein freundschaftliches, was es auch immer gewesen 
war, faktisch zurückzuführen, und ich richtete dar- 
nach meine Briefe ein. Ich führe dies an, um Ihnen zu zeigen, 
daß nicht erst der überwiegend-mächtige Eindruck einer weib- 
Hchen Bekanntschaft den Wendepunkt herbeigeführt hat, was 
freilich bedenklich geweeen wäre. Ich schauderte vor dem 
Gedanken, mein Leben an der Seite eines Frauenzimmers zu 
Ende bringen zu müssen, das ich nie geliebt und das dies 
immer gewußt hatte; ich fühlte, daß sie mich unglücklich 
machen und dadurch selbst unglücklich werden mußte, un- 
glücklicher, als bei der Aufhebung einer Verbindung, die bei 
ihr freilich im Naturgrunde wurzelte, die sie aber bei ihrer 
unbedingten Kenntnis meiner Empfindungen nie hätte suchen 
sollen und die mich für ewig von einer gesunden menschlichen 
Existenz ausschloß. Jedes Opfer darf man bringen, nur nicht 

das eines ganzen Lebens Ein Weib, was einen Mann 

in seinen Armen verwesen sehen könnte, und in dem Bewußt- 



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184 SADOER, HEBBEL. 



sein, ihn zu besitzen, wie man jede andere Sache besitzt,^ 
ErBatz fände, würde das Opfer des Mannes nicht verdienen 
und ein anderes Weib würde ein solches Opfer nicht verlangen. 

Es gibt keine zweite Alternative i) Ich kam dann nach 

Wien, wahrlich nicht mit dem Gredanken, hier längere Zeit 
zu verweilen, geschweige, mir hier eine Frau zu suchen. Noch 
weniger jedoch dachte ich daran, nach Hamburg zurückzu- 
kehren, obgleich ich mit einer Leidenschaftlichkeit dahin be- 
rufen wurde, die, ich leugne es nicht, mich bei ihrer 
gänzlichen Rücksichtslosigkeit auf das, was 
ich empfand, indignierte/' Er habe Christine keine 
dreimal gesehen, als ihm „der volle Inhalt des Lebens, den 
nur die Liebe heraufbeschwört, wieder nahetrat. Ich kämpfte 
mit mir, ob ich fliehen solle, aber nicht aus Rücksicht auf 
mein Hamburger Verhältnis, denn dieses war für mich ab- 
getan, sondern weil mir das neue eine bittere Pflicht auf- 
erlegte, eine Pflicht, der ich mich im ersten Moment 
ebenso wenig gewachsen fühlte, wie der Sekre- 
tär in der ,Maria Magdalena*. Wissen Sie, warum ich 
nicht floh? Weil ich Verfasser dieses Dramas bin, weil 
ich mich der Probe, die das Schicksal mir auf- 
erlegte, nicht entziehen konnte, ohne mein Stück 
und also meine ganze Poesie für eine schnöde Heuchelei zu. 
erklären, weil ich mich sfehämte, in einem Lebensbilde mo- 
ralische Forderungen ausgesprochen zu haben, die zu erfüllen 
mir selbst zu schwer fiel". Also weil er einen Satz seines 
Trauerspieles erhärten mußte, darum habe er Christine ge- 
freit, nicht wegen ihres hohen Jahresgehaltes, der selbst das 
Problem der „Maria Magdalena" übergoldete^). Als ob schon 
ein Mensch um einer dramatischen These willen je geheiratet 
hätte! Etwas ehrlicher schreibt er an Ludwig Gurlitt, 
vor dem er mit seiner Ehefeindlichkeit immer geprunkt hatte. 



^) Wie treffend nennt es Kuh einmal: „seine bis zur Virtuosität 
ausgebildete Sophisterei I^' 

^) Was da vom „Sekretär-Ideal*' tatsächlich bestimmend ndtwirkte, 
werde ich später, bei der Besprechung der „Maria Magdalena^' auszuführcB 
haben. 



C nr^n li^ Orrginaf from 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ELISE LENSING. 186 



Diese Abneigung sei nur einzig seinem früheren „unglück- 
seligen Verhältnis" entsprungen. Nun liebe er „unendlich, 
sie ebenso mich und wir werden uns baJd verheiraten. Die 
bürgerliche Gesellschaft verlangt's, nur der Unabhängigste 
kann ihr trotzen und warum es' tun in gleichgültigen Din- 
gen?". Am richtigsten dünkt mich eine Reihe von Motiven 
angeführt, ob auch keineswegs alle, in einem Schreiben an 
Bamberg: „Sie kennen mein Verhältnis! in Hamburg, Sie 
kennen es ganz und wissen, daß ich dort verehrt, ja ange- 
betet habe, ohne zu lieben. Hier verehre ich, wie ich dort 
verehrte, und liebe, wie ich noch niemals liebte. Rechnen 
Sie die glühendste Gegenliebe, eine brillante Lebensr 
Situation und die unbedingteste Ergebenheit 
in meine Wünsche, die entschiedenste Bereit- 
willigkeit, mir alle Verhältnisse zu opfern, hin- 
zu und fragen Sie, ob ich glücklich bin! Um den Neid der 
Grötter zu beschwichtigen, sei hinzugesetzt, daß auch manche 
dunkle Fäden mit durch dies Groldgewebe laufen, Fäden, die 
nichts für mich sind, aber viel für die Welt!" 
Wie wenig auch diesfes Itetzte Wort zutraf, beweist ein Wort 
Bambergs, der Hebbel allzeit gut durchschaute: „Ohne 
daß sich eine beweiskräftige biographische Tatsache darüber 
feststellen läßt, aber aus richtiger psychologischer Folge- 
rung kann man annehmen, daß die 1847 begonnene Tragödie 
,Herodes und Mariamne' aus Hebbels eigener, rückwärts 
schauender Eifersucht auf Christine entstanden ist, einer 
Leidenschaft, die in der menschlichen Natur vielleicht noch 
tiefer begründet ist, als die vorwärts schauende des Herodes i)". 
Doch der Dichter, der stehen im erstzitierten Schreiben 
an Bamberg sich mancherlei Übers<5hwänglichkeit erlaubte 
— um nicht ein stärkeres Wort zu gebrauchen — begnügte 
sich nicht mit der schroffen Trennung, sondern, wie er beim 
. Bruch ganz regelinäßig tat — ich erinnere an Mohr und 
Amalie Schöppe — , er behauptete weit mehr, als mit der 

1) Vielleicht hat just jener dunkle Punkt Christine veranlaßt, Heb- 
bel die unbedingte Unterwürfigkeit bis zur finanziellen Auslieferung zu 
zeigen, die für diesen spezifische Liebesbedingung. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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1 



186 SADOER, HEBBEL. 



Wahrheit noch zu vereinen. So heißt es z.. B. in einem Briefe 
an Gnrlitt: „Schon durch Auflöaiing jenes früheren Ver- 
hältnisses, das mir in Wahrheit, meine Korrespondenz wird 
es dereinst bezeugen, zehn Jahre lang den Horizont 
verfinsterte, ist eine heitere Buhe über mich gekommen/* 
In Wahrheit begann ihm dieses Verhältnis^ das ihn jahrelang 
vor dem Verhungern schützte, erst dann den Horizont zu 
verfinstern, als Elise kein Geld mehr herzugeben hatte und 
obendrein von ihm schwanger ging, was wiederum auch nur 
sechs Jahre zurückliegt. Und da selbst drückten ilin^ bis 
er zum zweitenmal Vater wurde, weit mehr die Sorgen um 
die Zukrmf t als sonst eine Finsternis. Wie hatte er anders 
aufi< Kopenhagen, also 1842 noch, wahre Liebesbriefe schreiben 
können und sich nach Elisens Nähe gesehnt, kaum geringer 
als drei Jahre zuvor, da er sie anflehte, eine Nacht mit ihm 
zusammen zu Iteben „ohne alle Furcht vor Störung". 

Hören wir die weiteren Vorwürfe an des» sich zurück- 
ziehenden und lästernden Liebhabers: „Alles Unwahre, Fuu- 
damentlose muß einmal ein Ende nehmen und so auch diese 
Verbindung ohne Liebe! Wie ein Todesschleier hat 
sie nun fast zehn Jahre über meinem Leben ge- 
ruht, es ist genug. Ich habe Dir ((Jurlitt) oft über das 
Mädchen gesprochen, hundertmal hat sie mir gesagt und ge- 
schrieben, daß sie nur mein Glück wolle und daß sie vor 
einer Geliebten freudig und ruhig zurücktreten werde, aber 
sie besteht schlecht in der Probe; doch mir gilt es gleich, 
mein Entschluß steht fest. Wäre sie im stände, das Opfer 
einer liebeleeren Ehe anzunehmen, so wäre sie eines solchen 
Opfers nicht wert und hätte nur das zu ertragen, was 
ein Weib denn doch wohlverdient, welches weiß, 
daß ein Mann sie nicht liebt und den Mann doch 
nicht fahren läßt." Also wieder die Märe von ElisetiS 
Selbstsucht. Sie hatte Hebbel in jenem Augenblick ent-^ 
deckt, als die in Not mit seinem Kinde Zurückgebliebene 
sich nicht schlankweg aus seinem Leben fortstahl, sondern 
für dieses, sein leibliches Söhnchen, Erhaltung und Legitimie- 
rung begehrte. 



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ELISE LEirsmO. 187 



Nodbi schärfer wiederholt den obigen Vorwurf ein Brief 
an Bamberg: „Meine Hamburger Freundin liat mir hun- 
dert- und tausendmal gesagt und geschrieben — noch niauch 
Rom, noch nach Wien, aber vor der KataÄtrophe — , daß 
ich frei sei, daß ich jede Verbindung eingehen könne, wenn 
ich dadurch gl|ücklich würde, daß sie sich auf eine endliche 
Tremiung gefaßt mache. Gerade weil sie dies tat, verehrte 
ich sie, gerade, weil sei mich freisprach, fühlte ich mich 
gebunden, denn sonst hätte ich ihr bei der dem Weibe in 
Lebensverhältnissen angeborenen Klugheit und bei den zehn 
Jahren, die sie vor mir voraus hatte, das Unnatürliche in 
unserer Situation ganz anders zur Last gefegt. Hören Sie 
nun, wie sie sich benommen hat. Kaum hatte ich in meinen 
Briefen an sie den Namen des rräuteins E n g h a u s geiiannt, 
als sie mir, scheinbar naiv, aber 'unmöglich ohne Absicht, 
ich sage: unmöglich, eine der niedrigsten Verleumdungen 
mitteilte, die jemals über ein weibliches Wesen, ich sage 
nicht: über ein edles weibliches Wesen, ersonnen worden 
sind. Ich antwortete ihr mit jener Heftigkeit, die 
natürlich ist, wemi eine Dame, die man hochachtet, über 
ein Mädchen, das man liebt, Dinge schreibt, welche ihr selbst 
um so mehr schaden, je weniger sie diesem zu schaden ver- 
mögen; mit jener Heftigkeit, die ihr nach zehn- 
jähriger vertrauter Bekanntschaft mit mir ge- 
wiß nicht unerwartet kommen konnte; ich teilte 
ihr zugleich meine Neigung mit. Seit diesem Moment lernte 
ich eine ganz neue Seite ihrer Natur kennen; keine Idee:, 
daß ihre Handltmgen auch nur im Entferntesten ihren Ver- 
aichenmgen glichen, keine Spur, daß sie sich mit eini- 
ger Würde in das Notwendige fände. In die jäm- 
merlichsten Sophismen sich einspinnend, behauptete sie an- 
fangs, es sei nicht die Sache, die sie verltetzte, sondern die 
Art, wie ich ihr die Sache mitgeteilt habe; denn ich sei 
allerdings frei gewesen, aber nur für den Fall, daß ich ganz 
glücklich hätte werden können, und ganz glücklich werde 
ich nicht; jetzt nach der Trauung verirrt sie sich bis zu 
den gröbsten Insulten, rechnet es sich als große Tat an, 



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188 8ADGER, HEBBEL. 



daß sie die Gerichte nicht gegen mich in Bewegung gesetzt 
hat, was sie bei dem Inhalt ihrer Briefe nicht konnte, über- 
scb\2ttei mich mit Auszügen aus meinen Briefen, die begreif- 
licherweise etwas ganz anderes sagen, als die Totalität der 
Korrespondenz, und fordert von mir, der ich sie seit Jah- 
ren ernähre, der mich ihretwegen in Italien mit 
Schulden beladen habe, gerichtliche Erklärungen über 
meine Bereitwilligkeit, für mein Kind zu sorgen. Natürlich 
fühle ich mich innerlich jetzt viel freier, als ich getan haben 
würde, wenn sie sich entgegengesetzt benommen hätte, aber 
ich gestehe Ihnen, daß mir diese Erfahrung sehr bitter ist, 
denn ich weiß nicht, soll ich sagen: so ist sie? oder: so ist 
der Mensch!" 

Es ist schwer, bei solchen bisweilen geradezu niedrigen 
Ausbrüchen ruhig zu bleiben. Ich verweile nicht lange bei 
den zahlreichen kleinen — Ungenauigkeiten. Daß er z. B. 
durch Elisens Vornehmheit sich bis zum Schlüsse gebimden 
fühlte, obgleich er doch nach eipem früheren Briefe bereits 
in Rom, wohl nach der Geburt seines zweiten Söhnchens, zur 
Trennung entschlössen war; des weiteren, daß er Elise kon- 
stant zehn Jahre mehr gibt, obwohl sie in Wahrheit bloß 
achteinhalb Jahre älter als Hebbel ist; und daß er endlich 
als „eine der niedrigsten Verleumdungen" brandmarkt, was 
eigentlich nur der Wahrheit entsprach, daß Christine nämlich 
vor ihm schon einem anderen angehört, ja mit diesem sogar 
ein Kind gehabt hatte. Wenn der Dichter selber die- „Hef- 
tigkeit** seiner Antwort zugibt, dann kann man sich nach 
den früheren „freundschaftlichen*' Proben aus Rom mit Leich- 
tigkeit ausmalen, wie verletzend Hebbel gewesen sein mag. 
Fast possierlich aber wirkt die Logik des Dichters, wenn er, 
um sein eigenes Tun zu rechtfertigen, sich immer von neuem 
auf Elisens wiederholten Verzicht beruft. Zunächst sollte 
ein Poet doch wissen, daß jede Geliebte, auch wenn sie tau- 
sendmal das Gegenteil sa^t, doch stets an die .schließliche 
Ehe denkt, zumal wenn man soviel getan wie Elise Lensing. 
Doch lassen wir die psychol<^sche Voraussetzung und fragen 
wir lieber, warum bezieht sich Hebbel stets nur auf ihre 



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ELISE LEN8INO. 189 



Worte? Wa43 hat er doch selber in diesem Verhältnis nicht 
alles blitzblau zusammengelogen^ selbst weirige Monde noch 
vor der Verlobung. All das aber sollte jetzt gar nichts' gelten, 
obwohl es ja doch ein Manneswort war. Dahingegen ihre 
obendrein verklausulierte Erklärung, von einer Verlassenen, 
hundertfach Getretehen al^egeban, die sollte stehen wie ein 
Wort der Bibel, nicht was er tausendfach selber gelobt, z. B. 
sich niemals von ihr zu trennen. Nßch seiner Meinung hatte 
Ehse „mit einiger Würde** sich in das Unabänderliche zu 
fügen, , wenn ihr Greliebter sie- samt dem Kinde im Stiche 
heß. Denn entweder konnte sie den Greliebten in ihren Ar- 
men „nicht verwesen" sehen, oder wenn sie es dennoch fertig 
brachte, dann war sie seiner nie wert gewesen I Ein reizender 
Trugschluß für einen Denker! 

Sophisma soll es femer sein, wenn Elise behauptet, sie 
habe ihn nur für den Fall freigegeben, daß er ganz glücklich 
werden könnte, was hier nicht zuträfe. Und doch haben 
wir jener Ehe Beweggründe kennen gelernt, die Elisens 
Ahnung vollauf bestätigen. War Liebe doch weder von Heb- 
bels noch Christinens Seite das Hauptmotiv gewesen. Dies 
hat die Verlassene, wie aus einem Brief zusatz hervorgeht, 
mit Klarheit durchschaut i). Nicht die vielen Auszüge aus 
Hebbels Briefen seien ferner beweisend, sondern nur die 
Totalität derselben, also wohl auch die „rein freundschaft- 
lichen" Schreiben aus den letzten Jahren, die langsiam zum 
Bückzug geblasen hatten. Und endlich hat Hebbel, der 
sich sechs Jahre von Elise völlig aushalten ließ, zum Schluß 
noch die Stirn, ihr vorzurechnen, er habe durch Jahre sie 
und sein Kind ernähren müssen, ja um ihretwillen sich in 
SchuMen gestürzt. Was muß dieser Mann ihr angedroht 
haben, wenn sie eine Sicherstellung begehrt für des Kindes 



1) ,,Leide ich durch seine Grausamkeit, wo jedes Gefühl der Teil- 
nahme sogar aas seij^er Seele für mich erloschen ist — viel mehr? 11 — 
^ entwürdigt das tiefste heiligste Gefühl in mir und wirft mir mein 
Herz mit Hohn und Spott zu Füßen einer SchaAispielerin ' — ich hab 
Mn einmal keinen Glauben zu diesen Leuten, sie wechseln wie mit Klei- 
dern so mit ihren Gefühlen." 



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190 3ADOER, HEBBEL. 



Zukunft I Eine Elise, an die er selber noch vor vier Jahren 
geschrieben: „Ite. würdest Dir einen Finger abschneiden und 
Dir einbilden, Du könntest ihn entbehren, wenn er mir von 
Nutzen sein könnte''; dieselbe EHse, die nach dem schönen 
Worte von Kuh stets nur „nach innen geblutet hatte**, und 
deren schlimmstes Rachewort war, daß die Leute, die sie 
aufs Tiefste gekränkt hatten, tot für sie seien. 

Hebbels Biographen, die mit Ausnahme Ku,hs ganz 
miserable Psychologen sind^ glauben ihren Heros rechtfertigen 
zu können; wenn sie, wie Werner, die Frage auf werfen: 
„Wessen Existenz war wertvoller, die Elisens oder die Heb- 
bels?'* oder wie andere die Weisheit verzapfen: „daß sie 
jetzt ein Opfer sein müsse für das Schaffen eines Genius, 
das sah sie nicht ein", oder gar die verlegene Hohlheit: „er 
hat seine künstlerische Lebensaufgabe noch über die Mannes- 
ehre gestellt!". Man dürfe nur fragen: was hat denn Heb- 
bel in den ersten Jahren seiner glücklichen Ehe Bedeutendes 
geschaffen? Da läutete die Antwort: einfach nichts odei 
Schlechteres als nichts I Denn über die „Julia" urteilt seibat 
Bamberg, „sie wäre besser nicht geschrieben", und über 
„Das Trauerspiel in Sizilien" ist es am klügsten, völlig zu 
schweigen. Erst die posthume Eifersucht des Dichters gab 
ihm „Herodes und Mariamne" ein. Die Wahrheit ist, daß 
Hebbel nur gelegentlich produzieren konnte, ganz unab- 
hängig von äußeren Umständen. So hat er in größter Not 
und Entbehrung, noch ehe das Stipendium bewilligt war, die 
„Maria Magdalena" konzipiert und früher unter ähnlichen 
Sorgen auch schon die „Judith". In den Eevolutionstagen 
1848 schuf er die Dramen „Zwei Todesurteile" und „Herodes 
und Mariamne". Er dichtete eben, wenn er dichten mußte, 
einfach aus innerer Notwendigkeit heraus, und schuf wieder 
anderseits jahrelang kein dramatisches Werk, auch wenn das 
Glück ihm noch so sehr lachte. Elise ward also nicht etwa 
dem Dichter Hebbel geopfert, sondern bloß dessen Wohl- 
leben und seiner Behaglichkeit! 

Es muß nachdrücklichst unterschieden werden zwischen 
dem Poeten und dem Menschen Hebbel. Der erstere er- 



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ELISE LBNSINO. 191 



klomm, als Dramatiker wenigstens, eine stolze Höhe, der 
Mensch blieb weit hinter jenem zurück. Man braucht da 
nur das Verhältnis zu Elise in toto zu nehmen, ^er so lange 
Jahre für sich und die Seinen stets wieder GreM von der 
Geliebten nimmt bis zu deren völliger Selbstentblößung, eine 
Reihe von kleineren und größeren Opfern von ihr mehr, minder 
geradezu heischt, der ist nicht mehr frei, auch wenn er 
immerzu nur von Freundschaft spricht. Hat er der Lieben- 
den obendrein noch zwei Kinder gezeugt, ihre Erwerbsfähig- 
keit und soziale Stellung durch zweifache Mutterschaft dau- 
ernd untergraben, ihr endlich sogar die Grewissensehe und 
späterhin auch die standesamtliche angeboten, dann dünkt 
es mich schlechterdings roh und gemein, wenn er die also 
Ausgenützte nicht bloß nicht zu seinem Weibe macht, son- 
dern überdies noch beschimpft und besudelt. Auch wenn 
man sich etwa vorhalten möchte, daß Hebbel bei Elise nie 
anderes suchte als eben nur ein flüchtiges Verhältnis und 
von dieser bloß mißverstanden wurde, so wird sein Gehaben 
darum nicht korrekter. Was .soll man von einem Manne den- 
ken, der nur eine flüchtige Beziehung sucht, von dem Mäd- 
chen aber sich und die Seinen volle sechs Jahre aushalten 
läßt? Dies macht man nicht gut, indem man die Barauslagen 
zurückzahlt. Der Dichter selber hat einmal das Epigramm 
geprägt : 

„Einem warf ich im Schiffbruch ein Brett zu. Vom Tode 

gerettet, 
Sprach er: Was kostet das Brett? Dankbar bezahl' ich das 

Holz." 

Und wie plebejerhaft folgt dann die Lösung! Es ist 
an sich keine sonderliche Mannestat, sich an die Rockfalten 
einer reichlich verdienenden Frau zu hängen. Doch sei's in 
Gottes Namen darum 1 Man kann begreifen, daß Hebbel 
der beständigen Lebensmisere so ein Ende machte, nachdem 
er zu schwach war, sich selbst zu ernähren, und seine Kom- 
plexe Erfüllung heischten. Doch mußte dies derart brutal 
geschehen, muß man in die Wunde, die man notgedrungen 



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m SADGER, HEBBEL. 



schlagt, auch Gift noch träufeln? Ein Leben zernichten, ist 
meines Bedünkens des Schlimmen genug, ist's da unerläß- 
lich, sein Opfer auch noch zu beschmutzen? Ich mag sein 
Handeln betrachten, wie ich will, so kann ich des Urteils 
mich nicht entschlafen, daß Hebbel sich Elisen gegenüber 
ganz erbärmlich betrug. Man kann sein Verhalten vielleicht 
•noch eben erklärlich finden; doch kaum mehr entschnldbar! 
Und ee ist bezeichnend, daß er zu Kuh, dem er sonst nicht 
das Geringste verschwieg, über dieses Verhältnis keine Silbe 
verlor. 



Es bliebe nur noch der Epilog zu geben. Zunächst, was 
die junge Ehe betrifft. „Die erste Zeit war keine frohe und 
friedliche,*' berichtet uns Kuh, „Zuvörderst aus dem Grunde, 
weil Hebbel sein Augenmerk auf möglichst eingehaltene 
Sparsamkeit richtete^ um die vielen Risse seiner eigenen 
ökonomischen Vergangenheit, wie jener seiner Frau zu schlie- 
ßen. Denn dadurch sfetzte er der ungemes«enen Freigebig- 
keit, womit das weltunkundige Mädchen sich bisher ihren 
Verwandten gegenüber benommen hatte, ein für allemal feste 
Schranken und dies führte zu den in solchen Fällen unver- 
meidlichen Reibungen und unangenehmen Szenen; um so 
mehr, als man ihm, dem angeblich Nichterwerbenden, die 
Berechtigung zum straffen Anziehen des wirtschaftlichen Re- 
giments bestritt. Zwar verwendete er nur die Einkünfte, 
welche die nächsten Büoherhonorare brachten, zur Unter- 
stützung Elisens wie zur Tilgung der Schuldforderungen des 
alten Rousseau und Gurlitts. Aber dies wußten die 
Angehörigen seiner Frau nicht, und vor allem mißbilligten 
sie den knappen Haushalt der angesehenen Hofschauspielerin. 
Jahrelang lebten beide so einfach wie kleine Bürgersleute 
und die Fügsiamkeit Christinens in die neue Hausordnung 
wurde von ihrer Seite ebexuso sehr mit empfindlichen Ent- 
behrungen erkauft, als sie sich in dieselben, ohne zu inurren, 
schickte. Aber auch an inneren Störungen fehlte es nicht, 
welehc aus den Charakterunterschieden der beiden, nament- 



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ELISE LENSING. 193 



lieh aus Hebbels Heftigkeit, entsprangen. Diese Störun- 
gen verbitterten seiner Frau Stunden und Tage, ja Wochen 
und Jahre. Sie konnte sich, ungeachtet ihrer angeborenen 
Güte, äußerst schwer in die oftmaligen, unvorbereiteten Aus- 
brüche seines Naturells finden, in seine mit der Unerbittlich- 
keit einer Diktatur herrschenden wilden Stimmungen, so daß 
es Auftritte genug gab, welche dem Uneingeweihten als un- 
trügliche Kennzeichen einer mißglückten Ehe hätten gelten 
können. Zuträgereien, Verdächtigungen und Verleumdungen, 
in Wien wie in Hamburg ausgeheckt, blieben gleichfalls nicht 
aus imd es bedurfte einer, ich darf wohl sagen, heroischen 
Geduld Christinens, um die äußeren und inneren Kämpfe all- 
gemach zu überwinden und dabei vom Adel ihrer Seele kein 
Fünkchen einzubüßen/* 

Man begreift, warum Hebbel so glücklich war. Nicht 
nur, daß er bei Elise den „Weg ins Freie" gefunden hatte, 
indem er an Stelle der Anständigkeit die Boheit setzte, sah er 
bei Christine seine spezifischen Liebesbedingungen vollauf er- 
füllt. Nicht bloß jene Liebe und absolute Fügsamkeit, die 
ihm auch Elise geboten hätte, sondern vor allem ein glän- 
zendes, sorgenlos-behagliches Leben i). Ohne daß er selbst 
zu verdienen brauchte, waltete er als Herr im Heim, wie 
wenn er Erhalter der Seinen wäre. Und begnügte sich doch, 
den Erwerb seiner Frau mit aufzuzehren und das kiteine Ta- 
schengeld, so er selbst verdiente, für Elise und alte Schulden 
zu verwenden. Dafür aber warf er sich zum Verwalter ihrer 
Einnahmen auf, bestimmte, forderte und schränkte ein und 



1) Ich will hier anflechten, daß ea auch für die reiche Heuat des 
lllannes sehr häufig eine EntschuldigaDg gibt. Natürlich wird es stets 
Männer geben, die bloß aus Schwäche oder Berechnung sich in die 
Versorgungsehe stürzen. Daneben jedoch existieren nicht wenige, die ein- 
fach . den Kindheitskomplex erfüllen und nach ihrer Entwicklung erf üUen 
müssen: sich von der Mutter oder einer spateren Vertreterin derselbetn 
Seitlebens völlig erhalten zu lassen. Sicher spielte dies auch bei Hebbel 
erklecklich mit nebst anderen Umstanden. Aus einem Briefe an Stern 
ans dem Jahre 1862 füge ich hier die Stelle ein: ,,Nach meiner Erfahrung 
und Überzeugung halt der Mensch auf die Läng'e alles eher aus als Kot 
Bnd Soi^e um die Existenz/' 

Sftdger, Hebbel. 18 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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194 SADGEB, HEBBEL. 



fand trotz aller sadistischen Ausbrüche bei seiner Prau 
heroische GreduH. Ob diese nun freilich ausschließlich ihrer 
Liebe und Güte entsprang, dünkt mich zu bezweifeln. Ein 
wenig wird da wohl auch die Bücksicht auf ihre Vergangen- 
heit mitgespielt haben, wie später Elisen gegenüber ein anderes 
Schuldgefühl. Immerhin, es bleibt so viel Hehres an dieser 
hochgemuten Prau, daß sie eine der edebten Gfestalten zu 
heißen, die je einem Dichter beschieden wurden. Dies zeigt • 
sich am deutlichsten in ihrem Verhalten zu Elisen. 

Diese Schwergeprüfte mußte alle Sorgen und Leiden der 
Mutterschaft bis zur Neige auskosten. Auch ihr zweites Söhn- 
chen begann zu kränkeln. Als sie dies dem Vater zum ersten- 
mal mitteilt, schreibt er überhaupt nicht, das zweitemal zwang 
ihn Christine dazu. Wie eiskalt aber klingen seine Worte, 
höchstens durch einige belehrende Seitenhiebe gewürzt: 
„Mein armes Kindl Was soll ich sagen? Du suchst die Kraft 
deö Herzens in Worten, denn Du kannst es mir nicht ver- 
zeihen, daß ich im vorigen Jahre in einem gleichen Pall 
keine machte; ich mache auch jetzt keine. Ich halte es 
für Pflicht, daß der Mensch seinen Schmerz darnieder zu halten 
suche; Du das Gegenteil Ich spreche mich einmal über das 
Tiefste aus und niemals wieder; Du kennst nicht den Wert 
und die Würde des Schweigens. Ich hoffe, ich darf hoffen 
nach der Nachschrift Deines Briefes; wenn diese Hoffnung 
mich dennoch tauschen sollie, so müßten wir uns finden, 
äaä ist sicher besser, sittlicher, als wenn wir uns ganz und 
gar in Schmerz verEeren.,., Du liebst Dein Kind. Dein 
Kind oder in Deinem Kinde Dich selbst? Es wird 
sich zeigen bei dem Vorschlag, den ich Dir jetzt zu machen 
gedenke.** Dajs Kind solle die ungesunde Hamburger Luft mit 
der vortrefflichen Wiener vertauschen. „Soll es Heber bei 
Dir — oder bei mir leben? Es würde in Christine eine zweite 
Mutter finden; sie ist es, die diesen Gedanken zuerst gehabt 
hat. Wenn Du Dir wieder Sophistereien erlauben willst, so 
kannst Du ihre Teilnahme für Dein Kind wieder in Teilnahms- 
losigkeit für Dich verdrehen und meine heiligen Vatergefühle 
ebenso in Rücksichtslosigkeit und Lieblosigkeit auflösen. 



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ELISE LENSING. 195 



Wenn Du den Vorschlag aufnimmst, wie er menschlich auf- 
zmnehmen ist, so kannst Du sie nur hochachten, daß sie ihn 
tut, und in mir nur einen Vater sehen, der einei Pflicht gegen 
sein Kind erfüllt, daß ich ihn nicht länger zurück- 
halte. Sie fügte sogar hinzu: Laß sie selbst nach Wien 
kommen !" Und als dann trostlose Nachricht kommt, tröstet 
er mit beinahe verfetzender Kälte: „Auf einen solchen Brief, 
waä soll ich antworten? Hoffnung läßt er ja kaum mehr zu. 
Der einzige Trost Hegt darin, daß daö arme Kind siech tmd 
elend war. Weiter weiß ich Dir in diesem Moment nichts 
zur Beruhigung zu sagen, denn weiter hab' ich selbst nichts, 
der Schmerz will sein Eecht, Fühle ihn durch, weine Dich 
aus, man kann nicht anders. Aber ergib Dich nicht maßfosi 
Deinen zerstörenden Gefühlten und erhebe Dich, soweit Du 
kannst, zu den Gedanken und Anschauungen, die ihnen einen 
Damm setzen. Lies die Briefe wieder durch, die ich Dir aus 
Paris bei einem ebenso schmerzlichen Anlaß schrieb, das Ge- 
dicht, worin ich für Dich die Frucht meines! Ahnens, Empfin- 
dens und Denkens zusammendrängte." Jetzt fehlt nur noch, 
daß er ihr wie damals literarische Werke namhaft mache, 
die sie Itesen sollte zur Stillung ihres Schmerzes. 

Nach diesem „Tröste" kommt eine Stelle, die seine „hei- 
ligen Vatergefühle" aufs Grellste beleuchtet: „In Deinemj 
Brief ist ein Vorwurf gegen mich erhalten, Du schreibst : Du 
hättest selbst kommen sollen I Kannst Du denn Deine Ver- 
blendung gar nicht los werden, nicht einmal in einem Mo- 
ment wie dem jetzigen! Wir haben nichts, gar nichts übrig, 
wir müssen uns alles das entziehen, dessen Genuß Du bei 
unsi vorauszusetzen nicht aufhörst, tun nur auszukommen ! 
Woher al'so das Geld zu einer Keise nach Hamburg nehmen? 
Kfll ist mir wahrhaft fürchterlich, mit welcher Leichtigkeit 
Du einen Punkt abtust, von dem Du wohl weißt, daß er 
drückend schwer ist.... Ich möchte nicht wieder bitter 
werden, aber Du nimmst bei mir auch gaut keinei 
Rücksichten mehr," Christine erst mußte den Liebe- 
vollen noahnen, falls' das Kind sterbe, die Mutter zu sich 
kejmlmen zu lassen. Er selber heischte von Elise nur — 

13* 



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196 SADOER, HEBBEL. 



Eüoksichten, auch an ihres Einzigen Sterbebette. Wie tief 
stand dieses große Genie als Mensch unter 
jenen beiden Frauen, welche ihn liebten! 

Als die herzlich Gerufene nach Jahr und Tag mit dem 
illegitimen Sprößling Christinens nach Hamburg zurückfuhr,- 
da „nahm sie ein von wehmütigem, aber wirklichen. Frieden 
durchwärmtes Gemüt mit sich fort. Die unerschöpfliche Güte 
Christinens hatte dieses Wunder vollbracht, wie es unter 
solchen Umstanden nicht oft in der Welt der Leidenschaften 
sich ereignen mag, ,Daß unser Verhältnis sich so i^in ge- 
staltete/ sagt Elise in einem der Briefe an Ghtistine, ^ver- 
danke ich meinem Dortstein^ Euerm Buf, nach Wien zu kom- 
m.en. Soviel Schmerzensötunderi mir in jener unvergeßlichen 
Stadt auch bestimmt waren — nimmer würde es sich so ge- 
wendet haben, hatt' ich nicht Dich und alles dort selbst 
kennen gelernt/ .... Wenn jedermann ihren Geburtstag ver- 
gißt, was ihr weh tut, Christine vergißt ihn nie, und Elise 
dankt der ,guten Seele*, welche ihrer gedenkt. Am liebsten, 
sagt sie, schreibe sie an Christine, sie sei das einzige Wesen 
auf der Welt, an die sie noch Briefe richte. Hebbel jedoch 
steht abseits mit dem Blicke düsteren Erstaunens." Wie 
schrieb nur der Selbstgerechte noch zum Schlüsse: ,Jch habe 
immer wahre Pflichten erfüllt und mich davon durch schein- 
bare nicht abhalten lassen, und ich werde fortfahren, es 
zu tun!" 



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6. Kapitel. 
HEBBELS CHARAKTER, 2. TEIL. 



Ich bin leider bemüßigt, noch einige Flecken in Heb- 
bels Charakterbild aufzuzeigen. Wer diesen zürnt, der möge 
bedenken, daß sie nicht nur seiner besonderen Anlage und 
JEntwickTung entsprangen, sondern anderseits auch der Schat- 
ten eines großen Lichtes sind. Durch alle seine Schwächen 
wird der Genius nur ins Menschliche gerückt, dem er durch 
seine unsterblichen Leistungen zu entwachsen droht. Es ist 
ein Vorrecht des* Genies^ dem Allzumenschlichen opfern zu 
dürfen, ohne darum ktein und erbärmlich zu werden, wie 
kraft- und taltentlose Herdenmenschen. 

Zunächst war Hebbel von einem fast krankhaften 
Selbstbewußtsein, sogar ob des schwächsten, das er geschaffen. 
Als er mit 22 Jahren ein neues Tagebuch beginnt, geschieht 
dies mit den Worten: „Ich fange dieses Heft nicht allein 
meinen künftigen Biographen zu Gefallen an, obwohl ich 
bei meinen Aufsichten auf die Unsterblichkeit 
gewiß sein kann, daß ich einen erhalten werde." 
Und wenn Bichard M. Werner dazu bemerkt: „Dies ist 
offenbar Ironie, nicht etwa stolze Zuversicht auf Unsterb- 
Kchkeit, wie man gewöhnlich annimmt," so beweist ein sol- 
cher Deutungsspruch nur, wie wenig jener Biograph von der 
Psyche des Dichters verstanden hat. Denn Hebbel strotzte 
zeitlfebens förmlich von Selbstbewußtsein, das ihn höchstens 
in tiefster Depression und auch da nur für Augenblicke ver- 
ließ. Er hatte so gut wie noch gar nichts geschaffen, kein 
einziges Drama, ja nicht einmal seine besten Gedichte, und 
stellte sich gleichwohl mit ü bland, der damals auf der 



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108 SADGER, HEBBEL. 



Höhe seines Biihmes stand, schon auf gleich und gleich. 
Er öieht von vornherein auf alle zeitgenössischen Poeten ver- 
ächtlich herab und läßt da nebst den Größten der Vergangen- 
heit kaum ühland und ein Weilchen auch Tieck noch 
über sich gelten. Und als er dann Groethe kennen lernt, 
wird er nicht müde, sich an diesem zu messen, den er im 
Drama obendrein weit zu übertreffen vermeint. 

Ein paar BeisJ)iel'e mögen das oben Gresiagte besser be- 
leuchten. Als er mit 23 Jahren zum erstenmal ühland 
gegenübertrat, ,,dem Deutschland seine nationellsten Poesien 
und sein ganzes inneres Leben verdankte", von dem ihm alles 
„heilig" war, da stand er zwar „ehrfurchtsvoll vor Deutsch- 
lands würdigstem Eepräsentanten, aber atuch Mann vor Mami, 
Dichter vor Dichter". Drei Monate zuvor schon schrieb 
er von dem verehrten Poeten: „Nicht als ob er mein Münz- 
wardein wäre — desisen bedarf s nicht, seit zwei Jahren weiß 
ich von innen heraus, was ich will und kann; wohl aber, 
weil er der Münzwardein so vieler anderer hochansehnlicher 
Personen ist, die einen haben müssen, der ihnen die Dukaten 
nachwiegt." Und als er um die Erlaubnis bittet, ihm seine 
ersten Gredichte dedizieren zu dürfen, da „war mein Brief, 
wie er sein mußte, wenn er ihm imd mir zur Ehre und zur 
Freude gereichen sollte: der Abdruck selbstbewußter 
Verehrung". 

Sowenig derartige stolze Rede zu seinen bisherigen Lei- 
stungen auch paßte, man könnte sie immerhin als Äußerung 
eines sich fühlenden Genies noch passieren lassen. Bedenk- 
licher ist schon die Art, wie er sich an Goethe mißt. Zu 
Anfang freilich schreibt er noch ganz besöheiden an Elise: 
„Du hast recht, Hypochondrie ist meine Krankheit. Aber 
woher ents]pringt sie? Einzig und allein aus äußeren Ver- 
hältnissen? Dann wäre vielleicht eine Heilung möglich, ein 
Beutel mit Louisdors könnte Wiinder tun. Ihre letzte Quelle 
ist anderswo, sie liegt tief in meiner Persönlichkeit. Die 
Natur sollte keine Dichter erwecken, die keine Goethes 

sind, darin steckt der Teufel Das ist der Fluch meines 

Daseins, daß mein Talent zu groß ist, um unterdrückt, und 



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HEBBELS CHAKAKTER. 199 



ZU klein, \xm zum Mittelpunkt meiner Existenz gemacht wer- 
den zu können." Höchstens, daß er . sich ungestüm wider 
daö GMck aufbäumte, welches jenen reichen Patrizierssohn 
allzeit begünstigte, während er selber seit frühester Kind-* 
heit mit Not und Dürftigkeit zu kämpfen hatte. Späterhin 
aber beginnt er sich schon an Goethe zu messen, ja direkt 
mit ihm zu identifizieren. Auf dem Straßburger Münster 
denkt er nur an jenen: „Mir ist, als ergösse sich der Strom 
seines Lebens durch meine Brust — es war ein herr- 
licher, unvergänglicher Tagl" In der Unterredung mit König 
Christian schwebt Hebbel eingestandenjermaßen die Be- 
gegnung — Goethes mit Napoleon vor, und Oehlen- 
ächlaeger gegenüber, der ihm begeistert Verse von Goethe 
rezitiert, gibt er drei selbstgefertigte Lieder als Gedichte 
des Gefeierten aus. Mit zunehmenden Jahren wird er immer 
erpichter, sich diesem zu vergleichen, ja in einzelnem sich 
über ihn zu stellen. Kulke berichtet z. B. folgendes: „Sehr 
gern hatte er es, wenn man einen Zug an ihm fand, der auf 
irgend eine Verwandtschaft mit Goethe hindeutete. Wenn 
er etwas gesagt oder getan hatte, wovon er annehmen zu 
können glaubte, daß es dem anderen wunderlich erscheinen 
möchte, drückte er sich oft so aus: ,I>er alte Goethe hat 
es gerade so gemacht!* — oder: ,Der alte Goethe würde 
sich in diesem Falle genau so benoTumen haben 1 Ich bin über- 
zeugt T" Gegen Hanslick aber, der sich in ungemessener 
Bewunderung über „Faust" ergießt, bemerkt er abweisend: 
„Goethe ist unser größter Lyriker, bMbt unerreichbar als 
Lyriker. Alfe Dramatiker ist er ein Kind gegen micli!" Wie 
er über zeitgenössische Poeten aburteilte, davon nur Proben. 
Halms „Griseldis" ist „das Non plus ultra des Schlechten. 
Kein Wunder, daß er in Wien bewundert worden ist". In 
Freiligrath sieht er im Jahre 1839 (also noch vor der 
„Judith") keinen Ebenbürtigen. Gutzkow darf er als dra- 
matischen Dichter einfach „verachten" imd von Gri llpa r- 
zey meint er nach dem ersten Zusammentreffen: „Es ist 
ein Mann, der tief Mdet, imd der einen Teil seines Leidens 
•der beklommenen Atmos'pbare, in der er atmet, zuschreiben 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



200 SADGER, HEBBEL. 



darf, der aber aus dieser Atmosphäre selbst auch wieder 
seinen Trost ziehen mag, indem er, wie es so mancher tut, 
i nnere ünzn i^Tiglir>hKfi^'^' auf äußere Umstände schieben und 
sich einbilden kann, daß sein HoUunderstrauch in besöerem 
Boden eine Palme geworden wäre." Bald nach seiner An- 
kunft in Wien äußert er zu Ludwig August Frank l: „Wenn 
ich sitze, rage ich um Kopfeslänge über all die stehenden, 
stramm sich emporreckenden Gestalten," „Alpenhoch stehe 
ich unter diesen Maulwurf shaufen 1" und dann mit dem Fuße 
stampfend: „So zertrete ich diese Ameisenhaufen!" Unter 
diesen al^o Charakterisierten waren immerhin Poeten wie 
Grillparzer und Lena u, Ba uernf eld und Halm ; 
Anastasius Grün undT Johann Gab riel S eidL Noch 1854, 
also auf der Höhe seines Könnens, urteilt er über Nikolaus 
Lenau, er habe „nicht einmal eine lyrische Ader", und Otto 
Ludwig wird er zur nämlichen Zeit nicht müde, als seinen 



„Schüler und Nachahmer" zu bezeichnen, zu dessen Gunsten 
seine eigenen Dramen zurückgesetzt würden. Er heißt ihn 
„meinen eigenen Mitesser, der alle meine Stücke nacheinander 
ausbeutet". Sei doch im „Erbförster" „der Meister Anton 
fast kopiert", während „Die Makkabäer" „eine Nachahmung 
seiner Judith" seien, oder, wie er ein früheres Mal behauptet, 
seines Holofemes. Trotzdem aber wären sie bei der ersten 
Aufführung durchgefallen, „am eigenen Bombast erstickend". 
Entsprechend solöher Überheblichkeit findet er für seine 
eigenen Dichtungen nicht Worte genug des Preisens und Eüh- 
mens. Auch da eine kleine Blütenlese: „Die letzten hier 
in München entstandenen Szenen (des ,Schnock*) wage ich 
allem, was jemals im Komischen auf deutschem Grund und 
Boden geleistet worden, an die Seite zu setzen." Über die 
beiden Gedichte „Liebeszauber" und „Eine moderne Bal- 
llade" Schreibt er an Elise: „Lies die Gedichte keinem vor, 
der sie nicht zu würdigen weiß, am wenigsten das erste, 
worin ein unendlicher Gehalt niedergelegt ist," und ein ander- 
mal) wieder: „, Liebeszauber* ist himmlisch — schön." Von 
einem weiteren Gedichte: „Opfer deä Frühlings" schwärmt 
er in feilenden Dithyramben: „Ich habe dies Gedicht bis 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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HEBBELS CHARAKTER. 201 



inö Einzelnste und Kleinste durchkomponiert und mir darin 
nicht blbß die Aufgabe gesetzt, auf dem Instrument unserer 
Sprache zu spielen, sondern dies Instrument selbst reiner 
zu stimmen. Mit dem Resultat glaube ich zufrieden sein zu 
dürfen, denn ich zweiflfe, ob unste gesamte Literatur ein 
lyrisches Stück aufzuzeigen hat, worin die äußerste Reinheit 
und Grazie des Verses und der höchstmögliche! sprachliche 
Wohlklang mit so vollkommenem Ausdruck der Idee und 
soviel Tiefe und Zartheit der letzteren verbunden ist. Man 
wird es sehr oft lesen müssen, um alle seine Verdienste zu 
erkennen, um gewahr zu werden, wie hier ein Bild immer 
aual dem anderen, wie aus der Knospe, hervorgeht und wie 
ich hier nicht bloß Wort gegen Wort und Silbe gegen Silbe, 
sondern Vokal gegen Vokal abgewogen und die Verse wie 
im Kontretanz gegeneinander geordnet habe. Von selten des 
Wohlklangs sind, soviel ich weiß, nur Bürgers ,Nachtfeier 
der Venus* und sein ,Hohes Lied von der Einzigen' damit zu- 
sammenzustellen; von Seiten der Versreinheit einiges von 
Platen. Aber iph glaube nicht, daß diese Produktionen, 
die doch mehr rhetorischer Natur sind, meine Idee aufwägen. 
Ich sage ehrlich, was ich meine.*' Endlich noch als letzte 
Probe: „Unter meinen Sonetten und Epigrammen sind die 
bedeutendsten die über die Sprache, Ich glaube, über diesesi 
höchste Wunder des Geistes nicht blbß die neuesten, sondern 
. zugleich die letzten und tiefsten Ideen ausgesprochen zu 
haben. Wenigstens ist alles, was Humboldt in seinem 
Kosmos nach einem Auszug in der ,Allgomeinon Zeitung* dar- 
über sagt, gegen meinen Gredankengang flach und trivial." 

Zm- „Maria Magdalene" hatte Hebbel eine Vorrede ver- 
faßt, von der selbst ein Kuh zugeben muß: „Sie enthält 
bedeutende Ideen und Apergus über das Verhältnis des Dra- 
mas zurzeit und gibt am Schlüsse eine scharfe und wahre 
Charakteristik des bürgerlichen Trauerspiels. Aber alle diese 
Auseinandersetzungen, namentlich in den ersten zwei Dritt- 
teilen der Abhandlung sind so sehr mit Heg eischen Be- 
griff sspitzfindigkeiten durchsprengt und in einem so laster- 
haften Deutsch vorgetragen, daß dadurch die Vorrede sich 



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«02 SADGER, HEBBEL. 



in den Ankläger des Dichters verwandelt und daß seine Be- 
fähigung zur wissenschaftlichen Prosa^ danach gemessen, 
mehr als bezweifelt werden müßte, wenn wir nicht längst 
Proben von ihm hätten, welche das Gegenteil dartun." Der 
Dichter aber meint schon während der Abfassung: „Gut wird 
es, das ist gewiß, und Wirkung wird es auch haben, es fragt 
sich nur, ob der Respekt, den es einflößen, oder die ,Wut. 
die es auf manchen Seiten rege machen wi^rd, größer sein 

werden Es wird und kann nicht ohne Erfolg bleiben." 

Und nach dem Drucke: „Ich denke, das Vorwort soll ihna 
(Herrn Crelinger) imponieren, es! ist das Beste, was 
ich in Prosa jemals geschrieben habe," In Wahrheit 
war der Erfolg ein ganz anderer, als der Dichter voraus- 
gesehen und mit Sicherheit erwartet hatte. Wie Kuh be- 
richtet, „ward mit diesem Vorworte eine Drachensaat ge- 
sät, die in Verdrehungen und Beschuldigungen aufging, welche 
ihn jahrelang später bald aus dieser, bald aus jener Winkel- 
rezension giftig anhauchte". 

Am verblüffendsten aber durch ihre Schiefheit wirken 
die Selbsturteile Hebbels über einzeln^ seiner schwächsten 
dramatischen Schöpfungen. Vom „Diamiant" meint er bei- 
spielsweise: „Die Idee ist einzig und von unerschöpflicher 

Tiefe Gelingt mir die Ausführung, so ist das Werk in 

der deutschen Literatur ohne Gleichen." ^Jch glaube, den 
Deutschen in meinem , Diamant* das zweite Lustspiel gegeben 
zu haben. Kleist im , Zerbrochenen Krug' gab das erste. 
Die Sache ist so, das weiß ich gewiß, es handelt sich nur 
darum, ob sie es morgen oder erst in zehn Jahren eingestehen 
werden. Jedenfalls ist der , Diamant* mein dramatischer 
Eömerzug." Nachdem er bereits die „Maria Magdalene" ge- 
schaffen, nennt er den , Diamant" noch „mein entschieden 
bestes Werk", „in Form und Gehalt mein bestes Werk", „die 
Spitze meiner dramatischen Tätigkeit". „Unstreitig ist er 
das Beste, was ich gemacht habe und machen werde. Er 
wird einen ganz neuen Kreis' der Kunst eröffnen." „Übrigens 
möchte ich, sein (Fr. Th. Vischers) Urteil über die M. M. 
(, Maria Magdalene*) mag nun ausgefeillen sein, wie es will, 



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HEBBELS CHARAKTER. 208 



prophezeien, daß er über den , Diamant* ganz anders urteilen 
wird .... Man wird das Produkt nicht anzufassen wissen. 
Mir macht es größere Freude, wie ein's der frühe- 
ren." Und als die Kritik gleichwohl einstimmig ungünstig 
lautete, lehnte sie Hebbel nur, verachtungsvoll ab: „Ich 
bin der unverständigen Angriffe auf den , Diamant* schon 
gew^ohnt und brauche mir Urteilte, die sich auf den von mir 
für dieses Werk gewähllten Standpunkt nicht einmal in dem 
Sinn einlassen, daß sie ihn als einen unberechtigten hinzu- 
stellen suchen, wohl nicht zu Herzen zu nehmen. Das Geschrei 
würde taaich, da es ein fast allgemeines ist, dennoch vielleicht 
beirren, wenn es nicht durch den ebenso allgemeinen Jubel^ 
der den armseligsten Lustspielversuchen anderer Leute gegen- 
über von demselben Personen, die mich' verwerfen, angestimmt 
wird, alle Bedeutung wieder verlöre. Wenn man Jämmer- 
lichkeiten wie ,Zopf und Schwert' und die sämtlichen Bauem- 
feldiana gelten läßt, ja anstaunt und bewundert, so tritt mau 
den ,Diamant* nur deshalb mit Füßen, weil man für die 
einzig wahre Komik, für diejenige, die in der Komposition 
selbst, in der Dialektik der Charaktere lan sich liegt, kein 
Organ hat. Wiese man auf Cervantes, auf Shakespea^re 
und M o 1 i 6 r e hin, so würde ich einen doch jedenfalls massen- 
haften AußSpruch nach Gebühr respektieren; da -man mir 
aber die ordinärsten Spaßmacher, die flachsten Witzler als 
Muster einer noch niemals vollständig ausgefüllten Form an- 
preisen möchte, so kann ich ihn verachten." 

Ähnlich verkennt er auch den Minderwert einiger anderer 
Dramen. So meint er von der „Julia**: „Dies Stück wird 
wieder in Form und Gehalt etwas ganz Neues, was niemand 
erwarten, wofür alteo auch niemand ein Maß mitbringen wird. 
Wollte man von mir etwas' spielen, man will nicht, so würde 
der Erfolg auf der Buhne nicht zweifelhaft sein, denn wie 
bisher bei mir Akt nach Akt, so wird hier Szene nach Szene 
eine Katastrophe bringen, gleich die erste schließt auf eine 
Weise, daß Herr Gutzkow Shakespeare herausfordern 
würde, wenn er je ein Stück so schließen könnte." „Etwaa 
Dramatischeres, Spannenderes, auf der großen Bühne Fort- 



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204 SADGER, HEBBEL. 



reißenderes ist schwerlich in neuerer Zeit geliefert worden- 
selbst bei den Franzosen nicht." Ganz ebenso selbstbewußt 
und — verkehrt lauten auch verschiedene «andere Urteile. 
So beispielsweise : „Das Trauerspiel in Sizilien ist geschlossen 
und hat meine Erwartungen übertroffen; esi ist ein höchst 
eigenartiges Produkt," Dann heißt er es „ein Werk, das in 
gewissem Sinne in unserer Literatur einzig ist und darum 
auch das einzige Schicksal hat^ total mißverstanden zu wer- 
den." Er muß zwar zugeben, daß es diesem Trauerspiel noch 
schlechter ergehe als seiner „Julia", doch treffe die Schuld 
nicht etwa ihn, sondern nur das Publikum. „Daß man ein 
zwischen dem Tragischen imd Komischen in der Mitte schwe- 
bendes und den Indifferenzpunkt anstrebendes Unikum vor 
sich habe, fällt niemand ein, man ininmit das Stück mir nichts 
dir ^nichts als eine Tragödie und bricht den Stab über mich. 
Innerlich kann mich das aus den schon (bei der , Julia') 
entwickelten Gründen nicht berühren." Endlich über den 
„Eubin" an Emil Palleske: „Sie werden sich überzeugen, 
daß ich nie eine schönere, den bis jetzt von mir nicht ge- 
nügten Ansprüchen in höherem Grade Befriedigung bietende 
Erfindung hatte, wie den ,Eubin*. Auch 'hätte ich sicher 
auf die Masse einen mächtigen Eindruck gemacht, wenn die 
elende Journalistik ihn nicht wochenlang vorher, ehe sie 
ihn kannte, Tag für Tag verleumdet 'und wenn daim nicht 
ein vollständig , organisiertes* Parterre das übrige getan 

hätte Man will hier nur Zaubermärchen mit Musik und 

läßt sich keine Ideen dafür gefallen i)." 



1) Ich will hier eino Äußerung Eduard Hanslicks einflechten 
(„Aus meinem Leben", Berlin 1894): „Das Großartige, Geniale in Heb- 
bels Dramen, die Kühnheit der Probleme, der psychologische Scharf- 
blick — das alles erregte meine lebhafteste Bewunderung. Sie keimte 
aber für die Dauer nicht ungeschmälert bleiben; der Mangel an Schön- 
heitssinn, an naiver Schaffensfreudigkeit bei Hebbel, das Gequälte 
seiner auf krankhaft psychologische Probleme auslugenden Phantasie er- 
nüchterten mich früher, als ich gedacht hätte. Zu dieser innerlichen 
Opposition fühlte ich mich noch mehr gereizt durch Hebbels Neigung, 
in jedem, auch den mindestbedeutenden seiner Werke den Gipfel seiner 
Kunst zu erblicken. Die kleine Erzählung ,Die Kuh', die komische Qe- 



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HEBBELS CHARAKTER. 205 



Bei solcher narzißtischen Abgötterei ist es wohl begreif- 
lich, daß Hebbel wider jegliche Kritik ganz ungeheuer emp- 
findlich .war. Als er Heine auf dessen Bitte die ,, Judith'^ 
geschickt hatte, schrieb er an Elise: „Wenn er das Werk 
nicht auffaßt und aufnimmt, wie dasselbe es verdient, so 
wird unser Umgang aufhören. Ich weiß, was es wert 
ist." So sprach er von dem nämlichen Grenius, von welchem 
er kurz zuvor geschrieben: „Mit Heine kann man das 
Tiefste besprechen und ich erlebte wieder einnial die Freude 
^iner Unterhaltung, wo man bei dem andern nur anzuticken 
braucht, wenn man den eigensten Gedanken aus seinem Geist 

hervortreten lassen will Das ist sehr selten. Daß er 

Dichter ist, tiefer, wahrer Dichter, ein solcher, der sich nicht 
bloß auf gut Glück ins Meer hinuntertaucht, um einige 
Perlten zu stehlen, sondern der unten bei den Teen und Nixen 
wohnt und über ihren Reichtum gebietet, das tritt aus seiner 
Gestalt wie aus seiner Rede hervor/* Zwei andere Episoden 
erzählt uns Hanslick. Er hatte Hebbel von Friedrich 
Theodor Vi scher, dem damals ersten Ästhetiker Üeutsoh- 
lands, einen kritischen Aufsatz über „Judith" und „Maria 
MagdalsDie*' gebracht, „der neben begründeten Einwürfen docR 
auch volle Anerkennung von Hebbels genialer dramatischer 
Kraft enthielt. Ich kannte noch nicht die ganze Reizbarkeit 
seines Selbstgefühles, das absolut keinen Tadel vertrug. Nach- 
dem er den Aufeatz geltesen, kam er in zorniger Erregung 
dicht an mich herangeschritten: , Junger Mann,* herrschte 
er mich an, ,wenn Sie mir noch einmal eine Wespe ins Ge- 
sicht setzen wollen, so werde ich Ihnen dafür ein ganzes 
Wespennest bringen.' Sprach's und ließ mich ganz nieder- 



schichte ,Schuock' und Ähnliches nannte Hebbel »Kunstwerke, in denen 
die höchsten Probleme sittlich gelöst sind, alle Elemente des Tragischen 
und Komischen in der Porm strengster Notwendigkeit vereinigt erscheinen^ 
Sein Gedicht ^Der Brahmane' bezeichnete er als seine großartigste Schöp- 
fimg, ohne auch nnr von fern zu empfinden, wie nahe ans Eomisohe die 
Erhabenheit dieses Brahmanen streift, der sich vom Ungeziefer auffressen 
läfit, weil er nicht das Beoht habe, irgendein lebendes Wesen zu töten/' 



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206 SADGER, HEBBEL. 



gedonnert stehen i). Ich hatte eine Kritik von Vi scher 
doch für mehr angesehen, ailst einen Wespenstich und Heb- 
bels künstlerischen Ernst und Wahrheitsdxang für größer 
aSä seine Eitelkeit. Später schien er sein barsches- Auftreten 
zu bereuen; er kam nach einer Stunde beruhigt wieder und 
erklärte mir, daß man einem schaffenden Poeten alles' Stö- 
rende, Verletzende fernhalten müsse/' Wenn man bedenkt, 
welch hohe Meinung der Dichter nach seinen eigenen Worten 
über Vi seh er und dessen Ästhetik nährte, dann mag man 
ermessen, wie er dem Kunsturteil kleinerer Geister begegnet 
haben wird. „Man konnte Hebbel manchn:ial mit den harm- 
losesten Bemerkungen in Harnisch bringen," fahrt Hanslick 
fort. „Nach einer Aufführung von , Judith* äußerte ich: 
,Wie schön war die Aufführung; wie grofiartig ihre Frau 
im dritten Aktl* — ,Im dritten Akt?* entgegnete Hebbel 
spitzig und gereizt; ,im dritten Akt? Ich glaube von einem 
Ende bis zum andern, von einem Ende bis zum andern!* und 
damit ließ er mich stehen.** 

Die" Meinung des Dichters ist klar genug: man hatte sein 

Schaffen einfach zu bewundem, sonst fehlte dem anderen 

• 

1) Aus dieser Beaktion erkennt man, was von Hebbels Worten za 

halten, wenn er in einem jüngst publizierten Brief (Friedrich Hirth, 
„Aus Friedrich Hebbels Korrespondenz*, Georg Müller, 1913) an Campe 
schreibt: „Eine Begeneration der Kritik wäre Deutschland zu wünschen 
und von jüngeren Köpfen muß sie ausgeheiL Bötscher und Visohert 
sonst äußerst respektabel, sind zu vornehm. Sie mustern bloß den Olymp. 
Wenn did Götter aber einmal gekrönt sind un(d ihre Altäre haben» kajm 
mau ihnen nur noch räuchern« Benjenigen, die noch zwischen Himmel 
und Erdo in der Mitte stehen, kann man nützen. Was gäbe ich z. B. 
um einen Bezensenten, den ich achten könnte, der nur 
nicht in Lob und Tadel trivial wäre" (S. 44.) Sehr bezeich- 
nend ist auch ein Wort des Dichters Foglar gegenüber. Als dieser ihm 
mitteilte« die Bedaktion einer Wochenschrift sei Frenzel übertragen 
worden, biß Hebbel die Zähne zusammen und erwiderte höhnisch: 
„Frenzel, Schwänzel, Scharwänzell Bedeutet der auch etwas ?^ »»Und dooh 
hatte er'', fährt Foglar fort, „ihm, den er auch persözüioh kannte, Emil 
Kuh wärmstens empfohlen. Dazwischen aber lag freilich eine emfife wür- 
digende, aber auch tadelnde Kritik der Nibelui^n." 



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HEBBELS CHARAKTER. 207 



äaä richtige Urteil i). Wie tat er verachtungsvoll' gegen den 
großen Haufen, dessen Lob und Beifall er doch mit heißer 
Inbrunst ersehnte! Als ihm zwei Jahr© vor der „Judith" 
berichtet wird, ein Stück sei in Hamburg mit großem Applaus 
aufgeführt worden, ertönt der Widerhall: „Dasi Publikum, 
besonders das theatralische, ist heutzutage so beschaffen, 
daß eine Arbeit, die mit Beifall aufgenommen wird, nichts 
wert sein kann. Die dramatischen Werke, die ich zu 
schreiben gedenke, werde ich absichtlich und von vornherein 
eo einrichten, daß sie gar nicht auf die Bühna gebracht 
werden können, denn wahrlich, ich mag mit Toepfer und 
Albini keine Lorbeeren teilen." ^^Der deutsche Schrift- 
steller hat in unserer Zeit eine ganz außerordentliche Stel- 
lung zum Publikum imd zur Literatur. Das* größte Talent 
ist (jetzt) schon eitel!, wenn es sich nicht für überflüssig 

baut Das Publikum will nicht gute, sondern miserable 

Ware, es verachtet, wenn es geachtet wird." Und selbst 
nach seinen ersten Bühnenerfolgen: „Von der Abgeschmackt- 
heit des deutschen Publikums macht man sich keinen Be- 
griff 1" Dabei notierte er eifrigst jede Aufführung seiner 
Dramen, zumal den steigenden Erfolg der „Judith" und 
„llljlaria Magdalene". Nur wenn die Hörer nicht allea blind 
schluckten, dann schrie er Zeter über Räaike und Kabalen. 
Die rauschenden Erfolge errang sein Grenie, bheb aber dias 
Pubhkuna kalt und ablehnend, so hatte die Clique wider ihn 

*^) ^^gi* hiezu iiachfolgeiide Stelle aus dem selbstbiographischen Brief 
^A Buge vom 16. September 1852 (also nach der Agnes Berna^uer 
gesehrieben): „Fast jedesmal, wenn meine Werke auf die Bühne kamen, 
bevor sie dem Publikum durch den Druok betkannt geworden waren, fan- 
den sie eine zweifelhafte Aufnahme. Dies könnte nun zu beweisen scheinen, 
daß ich, wie mir oft vorgeworfen wird, in der Konzentration zu weit 
gehe. Ich glaube aber nicht, daß es sich so verhalt, es beweiset viel- 
mehr, daß die Masse durch die Tendenzdichterei und Pointen-Jagd des 
letzten Dezenniums der Hingabe an die Totalitat eines Werkes tmd der 
daixüt verbundenen Suspension des Urteils über die Einzelheiten desselben 
SQ^nz entwöhnt ist; wer aber die Auflösung eines Bätsels nicht abwartet, 
omß es freilich unerquicklich finden und wer die Grundbedingungen der 
Komposition nicht faßt, wird sich allerdings über die grellen Dissonanzen 
ärgern, die eine Zeitlang die Harmonie überschreien." 



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«08 SADGER, HEBBEL. 



gearbeitet, nie etwa er selber Schwächeres geschaffen. Dann 
sprach er nur von j,nichtswürdigen Intriguen*', von dem 
„Hundegebell der Gutzkowianer", von der „Animosität gegon 
ihn, die einen so hohen Grad erreicht habe, daß das, was 
an mir nicht beschmutzt werden kann, wenigstens ignoriert 
wird.*' Campe habe geflissentlich keine Eezensionsexem- 
plare des „Diamant" versandt, damit nur ja nicht die vor- 
nehmsten Zeitschriften zu günstig urteilten und der Dichtör 
zu hohes Honorar begehre. Über die glänzende Aufnahme 
der „Maria Magdalene" „sind meine hiesigen sogenannten 
Freunde außer sich vor Verdruß" und die Literaten aufsässig, 
„denn sie sind überall gesindelhaft". „Es existiert in Deutsch- 
land kein belletristisches oder politisches Blatt, in welchem 
ich nicht schmachvoll behandelt worden wäre." Als ,.Der 
Eubin" glatt abgelehnt wird und sogar ein Spottgedicht er- 
scheint, da wütet Hebbel: „Ich habe in der letzten Zeit 
Nichtswürdigkeiten erltebt, die ich nicht für möglich gehalten 
hätte Der Dichter mußte dafür büßen, daß er Mitredak- 
teur eines mißliebigen Blattes war." „Überhaupt," schreibt 
er an Palleske, „und ich bitte Sie, dies im Ge- 
dächtnis zu behalten, wird über mich aus Wien, aus 
diesem Pfuhl von Mittelmäßigkeiten, kein wahres Wort ge- 
schrieben. Die alten Stücke muß man schon gelton lassen, 
denn die deutsche Kritik hat sie einmal approbiert, aber die 
neue Frucht «sucht man vor oder doch in der Geburt zu er- 
sticken." Es verging kein Tag, versicherte Engländer, au 
dem Hebbel nicht die Herrschaft, welche Jungdeutschland 
und dessen geschlossene Koterien auf die Literatur und das 
Theater ausübten, beklagt hätte. Mit einer beinahe krank- 
haften Gereiztheit witterte er überall Agenten G-utzkowa» 
Laubes, Kühnes usw., ja, er bildete sich eine angezettelte 
Verschwörung gegen sich ein^). 



1) E^ mangelt überhaupt mcht an paranoiden (Verfolgungs- und 
Größenwahn — ähnlichen) Zügen bei Friedrich Hebbel. So schrieb er 
z. B. um nur Einiges au nennen, na<5h den großen Dramen Otto Ludwigs: 
„Es ist die schönste Wirkung, die man haben kann^ in Andeffen das ver* 
wandte Element zu befruchten, und man bezahlt sie gerne damit, duroh 



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HEBBELS CHARAKTER. 2W 



Eh ich die Erklärung all diester merkwürdigen Phänomene 
veraliche, heischt noch eine Eigentümlichkeit Erwähnung, die 
endlich wieder zum Genius zurückführt. Ich folge zunächst 
der Beschreibimg Hans I ick s, der sie vielleicht am an- 
schaulichsten malt. Hebbel „war ein Virtuose des münd- 
lichen Vortrags imd schwelgte augenscheinlich im Selbst- 
genuß dieser Virtuosität i). Ich habe kaum jemanden, der 
stets Eigentümliches, Tiefgedachtes zu sagen wußte, es so 
formvollendet, so druckreif vortragen hören. Nicht ein Wort 
hatte er zu korrigieren, nicht ein Interpunktionszeichen fehlte. 
Es war ein seltener Genuß, Hebbel zuzuhören. Mit seinen 
wunderbar schönen blauen Augen schien er dem anderen tief 
ins Innerste zu ix)hren. Hebbels Gespräche hatten stets 
etwaö Dozierendes, fast Predigendes. Mit einer Zwischen- 
frage oder Gegenbemerkung durfte man ihn nicht unter- 
brechen, ohne dazu aufgefordert zu sein. Er wollte nur Zu^ 
hörer, nicht Mits^precher. Nur die zustimmende Aufmerk- 
siamkeit seiner Hörer war ihm wertvoll, nicht deren eigene 



das, was mau doch selbst ins Leben rief, für eine Weile in den Hinter- 
grand gedrängt za werden. Das war mein Schicksal; ich rief in 
Deutschland das soziale und das biblische Drama hervor 
nnd t3rotz des größten theatralischen Erfolges^ den ich hatte, bemäch- 
tigten sich meine Schüler, freilich aus unlauteren Motiven von der ersten 
imd entscheidenden Theateirdirektioxi unterstützt, des Terrains, das mir 
gehörte." Also Hebbel bildet sich allen Ernstes ein, das soziale und 
biblische Drama in Deutschland geschaffen zu haben, daß ihm dafür 
eine Art Monopol gebühre, daß Otto Ludwig nur sein Schüler sei, der mit 
seinem E^be pflüge und von iHeinrich Laube in diesem Beginnen aas 
tmlautem Motiven besonders unterstützt werde. Ein aaidermal schreibt er 
geradezu (Brief vom 3. Dezember 1842), daß Otto Ludwig ohne ihn nicht 
da sein würde. Sobald ihm ein Stück nicht aufgeführt wird, wittert er 
sofort „geheimnisvolle Zwischenmachte^'. Sein Gedicht an den König von 
Preußen habe „die ganze österreichische Monarchie einen ganzen Monat 
lang fieberhaft aufgeregt**. Chefredakteur Kolb endlich könne es ihm 
nicht vergessen, daß er „Zedlitz einmal etwas hart anfaßte**. Darum 
schreibe die „Augsburger Allgemeine Zeitung^ immer gegen ihn. Wir 
wissen heute, daß solche paranoide Züge mit den Narzißmus in einem 
innigen Zusammenhang stehen. 

^) Man könnte sagen, er lebte im Reden einen Teil seiner großem 
SexTsaJität aus, vor allem den narzißtischen. 

Sftdgan Hebbfll. 14 



(^ nr^ti L^ Orrginaf frcrnn 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



210 SADGER, HEBBEL. 



Meinujigen. Ich hatte bei aller Verehrung für Hebbel doch 
stets die Empfindung, es seien ihm alle Menschen seiner Umge- 
bung eigentlich gleichgültig in ihrem Wohl und Wehe mid 
nur existierend aJs mehr oder weniger würdige Gefäße für 
die Aufnahme seiner Gedanken. Die faszinierende Kraft seiner 
Eede, seiner Unterhaltung ließ anfangs jedermiann sich gern 
mit einer untergeordneten Rolle bescheiden, zu welcher Heb- 
bel seinen Gast herabdrückte. Aber auf die Länge ver- 
trägt selbst der aufrichtigste Verehrer nicht die völlige An- 
nullierung der eigenen Persönlichkeit. Die meisten in Heb- 
bels Haus verkehrenden jüngeren Männer schränkten mit 
der Zeit ihre Besuche ein und benützten irgend einen nicht 
zu vermeidenden Zusammenstoß mit Hebbels tyrannischer 
Laune, um unmerklich auszubleiben. Hebbel strafte diese 
mit dem Ausspruch: ,Wenn die Äpfel reif sind, fallen sie ab.'" 
Nun die Schilderung eines Liebhabers : „Welch eine Elek- 
trizität ging von diesem Kopfe aus! Eine getreue Wieder- 
gebung der Evolutionen seines Geistes im Gespräche ist un- 
möglich. Denn woher das auf- und niederflutende Leben 
nehmen, ohne welches dieselbe matt und unvollständig sein 
muß. Freiheit und Kotwehr hielten einander bei seiner spon- 
tanen Gedankenerzeugung das Gleichgewicht; er kämpfte 
mit sich selbst, indem er die Zuhörenden überwältigte, er 
verteidigte stets jede Idee, während er sie als siegreich ver- 
drängte, und er schhig zehn von ihm selber herangerufene 
Einwendungen zu Boden, sobald er einen Kardinalsiatz be- 
wies . • . . Der dadurch hervorgebrachte dozierende Eindruck 
war dennoch ein vorübergehender. Die schlagende und spar- 
sam gebrauchte Bildlichkeit des Wortes', das sich vom nächst- 
liegenden Objekt Stimmungston und Farbe holte, beseitigte 
jede Erinnerung an professorenhaften Vortrag und das Feuer 
seiner Persönlichkeit schuf die abstrakteste Wendung in 
Sinnlichkeit um. Es ist kein Überschwang, wenn ioh sage : 
er stand mitunter in einem Feuerregen eigener Gedanken 
und Gleichnisse und er schien zu gedeihen wie ein tropi^ 
sches Gewächs, wenn die Gliit über seinem Haupte zusammen- 
schlug. Es wäre unrichtig, wollte man behaupten, daß seia 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



HEBBELS CHARAKTER. Sil 



Gespräch stets ein Monolog inmitten von Statisten gewesen 
sei; dies war es nicht, wenn auch häufig mit seinen jungen^ 
wehrlosen Freunden. Aber das monologische Gepräge trug 
es! allerdings wie manches seiner Dramen. Der Stil ist ebön 
der Mensch. Welch ein Bedürfnis ihm das Sprechen ward, 
je mehr das Schreiben aufhörte, ein solches für ihn zu sein, 
diesf tut eine Brief steile dar ausi dem Jahre 1844: ,Ich kann 
sogar sagen, daß mich nichts so sehr zur Selbsterkenntnis 
führt, als das lebendige, sich aus den Tiefen des Geistes 
herausgebärehde Wort, Wenn all die inneren Ströme rau- 
schen und brausen, wenn sie sich gegenseitig verschlucken 
und ineinander wühlen, da hab* ich ein Bild meiner selbst, 
wie ich im Augenblick bin und wie überhaupt/" 

Zum Schlüsse will ich nur noch Ludwig August Fr an kl 
zitieren, von desisen Erinnerungen unser Dichter selber zu 
Kulke sagte: „Glauben Sie mir, es' wird eine Zeit kommen, 
da man mit Begierde nach diesen Aufzeichnungen greifen 
wird." Jener Grewährsmann berichtet: „Hebbel liebte esi, 
viel zu sprechen. Die Art und Weise, besonders wenn eri Ideen 
entwickelte, war pathetisch, nicht immer klar. Dessen be- 
wüßt, äußerte er sich einmal: ,Das ist mein Unglück, daß 
ich von keinem Gegenstande reden kann, ohne mich in ein 
Gewirre von Gedanken und Bildern zu verlieren.' Esl schien, 
wahrend ihm Gedanken und Bilder fort und fort zuströmten, als 
ob er sich dieselben erst, wenn er sprach, deutlich mache. Eine 
Gruppe sehr junger, geistig sich anempfindender Leute, die 
ihn namentlich in den ersteren Jahren seines Wiener Aufent- 
haltes umgab, ahnte es nicht, daß sie ihm gleichsam nur aJs 
Kleiderstöcke dienten, denen er seine Gedankenpurpurmäntel 
umhing. Eö war zwischen ihm und ihnen ein Verhältnis*, 
wie etwa daö der alten Malermeister zu ihren talentierten 
Lehr jungen, die bewunderten, wohl auch hie und da lernten. 
Hebbel dozierte gern, unbekümmert darum, ob jemand 
Nutzen daraus zog. Er liebte e® aber auch, zuweilen seine 
Hörer zu verblüffen, indem er augl irgend einem historischen 
c oder philosophischen Werke Tatsachen erzählte oder Gedan- 
ken entwickelte, welche er eben gelesen hatte, um sich so 

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212 SADOER, HEBBEL. 



den Anschein großer, vielseitiger Grelehrsamkeit zu geben 

Ich erinnere mich einer eigentümliohen. Szene, wo Hebbel 
stelbst nicht zu Wort kommen konnte tmd, fast erstaunt^ 
einem machtigen Gedankenwaeserfalle zu lauschen gezwun- 
gen war. Das kam so: der genialte^ immer wieder Ideen 
sprudelnde Bogumil Golz befand sich zu Bestich bei Heb- 
bel und hörte nicht auf, in der ihm eigentümlichen, origi- 
nellen Ausdrucksweise von einem Gegenstände ohne 'Vermitt- 
lung zum anderen übergehend, zu sprechen. Er beherrschte 
die Anwesenden. Hebbel versuchte einigemal mitzureden. 
Es? war unmöglich. Am folgenden Tage äußerte er: ^Dieser 
Golz ist der genialste Schwätzer, der mir jemals vorgekom^ 
men ist. Es ist beleidigend, daß es ihm gar nicht darum zu 
tun zu sein scheint, ob seine Zuhörer nicht auch Gedanken 
und inanchem zu widersprechen hätten.* Hebbel ahnte nicht, 
daß er dieses Urteil über seine eigene Art und Weise gespro- 
chen hat." 

Fragen wir nunmehr, wo ist das Vorbild für jenes Do- 
zieren und Monologisieren, welches ohne Bücksicht auf die 
Zuhörer sich selber im Beden Klarheit verschafft, für jene 
maßlösfe Selbstüberhebung und das verachtungsvolle Heiab- 
sehen auf alle Konkurrenten? Da drangt sich uns die Er- 
innerung an den Bjiaben auf, der von steiner Mutter upd 
eventuell noch Bruder Johann und Meister 0hl das in der 
Schule eben Gelernte zu deren hoher Bewunderung vortrug, 
wie in sjÄteren Tagen vor einer staunenden Jüngerkorona 
seine Lesefrüchte. Der Knabe erfuhr kaum je Unterbrechung 
und Widermeinung, bloß lauschendes Horchen und ehrliche 
Bewunderung. Nur zu begreiflich, daß er bei seiner ange- 
borenen BedegewaJt sich stets über alle ganz imgeheuer er- 
haben fühlte und höchstens noch den gestrengen Vater über 
sich erkannte, was er nach Jahren ^auf IT bland und Tieck, 
wie auf Goethe und Grillparzer übertrug. Sowie ihm 
dereinst das Wesen der Dichtkunst durch den Vortrag eines 
Liedes aufgegangen, so lotste er später sich durch Beden 
ins< tiefste Verständnis hinein. VerachtungsvoH aber hat er 
wohl allzeit auf Bruder Johann herabgeblickt, den schärfsten 



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HEBBELS CHARAKTER. 218 



Konkurrenten in der Liebe der Eltern, den, möglichat an die 
Wand zu drücken, stein immerwährendes Bestreben war. Nur 
Eänke und Kabelten konnten bewirken, daß dieser einem 
Menschen von seiner Begabung vorgezogen wurde, wie Heb- 
bel nach den „Einsiamen Kindern** wohl eine Zeitlang ge- 
wähnt haben muß. Eine solche unglaubliche Verschwörung 
wider ihn existierte tatsächlich — in seiner Einbildung, 
vielleicht im Ansichluß an gelegentliche, mißbilligende Worte 
deö Vaters. Daß der Dichter endlich manche seiner schwäch- 
sten Musenkinder weit über um soviel bessere stellte, wird 
verständlich werden durch die hohe Wertschätzung seiner 
infantilen Sexualität sowie einiger späterer Liebesphantasien. 

Es läßt sich nunmehr auch der Widerspruch Frankls 
unschwer erklären, der aus eigener Erfahrung Hebbel in 
Schutz nimmt, dieser habe öfters Tadel' mit Geduld und Be- 
scheidenheit ertragen, sofern er ihm nur nicht in Form von 
Anmaßung entgegentrat. Auch Dingelstedt erzählt, wie 
er Hebbel bei den Proben sfeiner „Agnes Bemauer" stets 
unbefangen, geduldig, von einer zuweilen rührenden Be- 
scheidenheit erfunden habe. Das ist alles richtig und sehr 
wohl zu deuten. Ein offenes' Wort, ja selbst den Widerspruch 
verträgt er ganz gut, wenn er von der Liebe des also 
urteilenden voll überzeugt isit. Das aber ist der 
springende Punkt. Sonst erblickt er in jeder Kritik seiner 
Werke ein Fehlen der persönlichen Liebe zu ihm, was stets 
einen bösen, unsterblichen Kindheitskomplex berührte. Nur 
wenn er der Zuneigung, am besten der Vergötterung des 
anderen gewiß war, vertrug sein Narzißmus, der just bei 
Hebbel noch mächtiger entwickelt war, als! bei den meisten 
Dichtem, etwas' wie Einrede. 

Auch vrirkt noch ein anderer Mechanismus hier mit, die 
Reaktion nach verdrängten Trieben. Die meisten unserer 
infantilen Triebe, der Ich-, wie der sexuellen Triebe,, erweisen 
sich später als mit der Kultur nicht mehr vereinbar. Wir 
dürfen z. B. nicht mehr so rücksichtslos begehren vne der- 
einst als Kinder, unser Selbst nicht auf Kosten der anderen 
dtirchsetzen. Auch unser infantiles Liebesverlangen muß 



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314 SADOER, HEBBEL. 



sich mancherlei Unterdrückung bequemen. Und wenn auch 
gelegentlich Durohbrüche erfolgen, bei denen der ursprüng- 
liche, ungehandigte Trieb in ganzer Starke und Nacktheit 
hervortritt, der allergrößte Teil hat doch mehr oder weniger 
Verdrängung erfahren und wird im Unbewußten an der Kette 
gehalten. Was geschieht nun mit den verdrängten Trieben 
und vor allem mit den starken Affekten, die an ihnen hangen? 
Sie können mancherlei Schicksal erfahren, so beispielsweise 
vergeistigt werden, d. h. abgelenkt vom geschlechtlichen oder 
egoistischen Ziel und zur Erreichung sozial wertvoller ver- 
wendet werden. Der gewesene Sadist wird eventuell in spä- 
teren Jahren ein großer Chirurg, die sexuelle Neugier eines 
Kindes umgewandelt in naturwissenschaftlichen Forschungs- 
drang. Eine andere Form, den kulturell jetzt unmöglichen 
Trieb unschädlich, ja geradezu wertvoll zu machen, ist die 
Keaktionsbildung, d. h. Umkehrung ins Gegenteil, nach dem 
Grundsatze etwa^ daß ein Druck verstärkten Gegendruck er- 
zeugt« So kann sich die Grausamkeit des Kindes in über- 
triebenes Mitteid beim Erwachsenen wandeln, Selbstsucht und 
Härte in höchste Ethik und Altruismus. Und wieder hängt 
sich der ursprüngliche Affekt in ungeminderter Leidenschaft 
dem Gegenteil an, diesöm erst die richtige Wärme verleihend. 
Nicht immer gelingt die Umwandlung ganz. Nicht selten 
bleibt ein Stück des ursprünglichen Triebes bestehen neben 
seinem direkten Gegenteil, wie beispielsweise bei unserm 
Dichter kläa- zu schauen. Am leichtesten jedoch gelingt die 
Umwandlung zu allen Zeiten mit Hilfe der Liebe. So kann 
Hebbels Sadismus, der, wie wir erfuhren, zum größten Teik 
erhalten blieb, der Familie gegenüber und seinen allerengsten 
Freunden in oft unglaubliche Milde umschlagen i), sein un- 



^) Gelegentlich freilich brach auch hier sein ursprünglicher Sadis« 
mus durch. So erzäMt seine Tochter^ die spätere Christine Eaizl- 
Hebbel, in der „Neuen Freien Presse** (16. Mäarz 1918): „Krank durfte 
ich oder Mama nicht werden, da ging mein Vater gewitterschwer umher, 
seine blauen Augen schössen Blitze auf die unglückliche Umgebung, die 
doch an der Sache ganz unschuldig war." Ein Erankwerden der Seinen 
terletzte Hebbels Narzißmus zu schwer. Noch bezeichnender ist fol- 



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HEBBELS CHARAKTEB. 216 



geheurer Stolz, welcher übrigens nicht bloß ein Erbteil seiner 
Eltern war, sondern auch durch die Demütigungen der Kind- 
heit geweckt worden, sich gelegentlich in höchste Beschei- 
denheit, ja wahren Kinderrespekt verwandeln. 

Aus diesem Gesichtspunkt, daß scheinbar entgegenge- 
setzte Züge in einem und demselben Charakter gut neben- 
einander bestehen können, ist mancher Widerspruch un- 
schwer zu lösen. So berichtet Kuh von dem nämlichen Heb- 
bel, dessen Grausamkeit und sadistische Neigungen wir zur 
Genüge kennen lernten: „Er war gutmütig und gut zugleich. 
Er hatte eine liebe Fügsamkeit in fremde Wünsche, Oe- 
bräuche und Eigenheit, ein holdes Nachgeben, sobald er sein 
Widerstreben als ein egoistisches erkannte. Er verzieh leicht, 
wemi er auch nicht vergaß, er war der Rührung zugänglich 
^d sein Mitlteiden hatte die Unruhe der Magnetnadel. Er 
legte alle seine Waffen ab in seinem Vertrauen, das ein 
ungemessenes war und das nicht mehr seiner blbßen Gut- 
niütigkeit, das schon seiner Güte entquoll. Diese seine Güte 
offenbarte sich am bedeutsamsten als Gerechtigkeit, als Treue 
und als Pietät. Nie noch bin ich einem heftigeren, einem 
leidenschaftlicheren Menschen als Hebbel begegnet und nie 
einem gerechteren. Wie zwei Schwestern, von denen die eine 
Dait Milde im Hause waltet, während die andere jeden er- 
schreckt und beängstigt, so gingen bei ihm innige Güte und 

entsetzliche Heftigkeit ein und aus Seine Pietät äußerte 

sich allenthalben, wo ihm die menschliche Bedürftigkeit auf- 
ging und wo gleichsam die Natur selbst um Schonung bat. 
I^r schlafende wie der essende Mensch war ihm heilig und, 
waö dem einzelnen als heilig galt, gleichfalls. Er trat nicht 



gende Episode: „Einmal wollte mein Vater die Entsagungskmft seiner 
kleinen Tochter prüfen, als wir beim Mittagessen saßen und einige» 
Indianerkrapfen mir besonders verlockend in die Angon stachen. Endlich 
^^ der ersehnte Augenblick gekommen und loh tat einen herzhaften 
^iß in meine Lieblingsspeise — o weh! Da sseigte es sich, daß der 
Krapfen bis zur Ungenießbarkeit versalzen war. ,So macht es das Schick- 
^f tröstet mich der strenge Pädagoge.** Ob wohl ein minder sadistischer 
Vater einer solchen ^^Pädagogik^' fähig gewesen wäre? 



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816 SADGER, HEBBEL. 



Über die Schwelle, wenn er geringe Leute, die gerade ihr 
^ittagtfbrot verzehrten, um eine Auskunft bitten wollte; er 
enthielt sich des entschiedenen Einspruchs^ wenn ihm da& 
gebleichte Haax desjenigen, der wider seine Überzeugungen 
redete oder der wohlverdiente Euhm desselben Zurückhaltung 
geboten« Er. achtete jede wirklich fromme Empfindung, ja 
sogar jedes Vorurteil und jede Einbildung, wenn er spürte, 
daß einer wehrlos in ihr befengen war". „Die Schroffheit 
machte Hebbels ganzes Wesen nicht aus," vermeint aucii 
Kulke, „die Milde lag ebenso und vielleicht noch weit mehr 
in seinem Wesen und ich könnte gar manche Züge rührender 
Milde von ihm erzählen. So z. B. beetehenkte er jeden Armen, 
den er auf der Straße traf • Als er eines Tage® einem Bettler 
eine Gabe reichen wollte und kein kleines Geld bei sich 
hatte, ging er in ein Gewölbe, kaufte daselbst etwas, mn 
einen Gulden wechseln zu lassen. Dann eilte er dem Armen 
nach und reichte ihm die Gabe. ,Es ist eine wahre Sünde, 
ohne Kleingeld aus dem Hause zu gehen T sagte er dann zu 
mir." Natürlich spielt in solchen Zügen die Erinnerung an 
die eigene Not in früheren Tagen bestimmend mit. 

„Die Elemente seiner Kindheit**, erzahlt wieder Kuh, 
„traten auch in der Art imd Weise hervor, wie er Menschen 
zuhörte, welche ihm nicht geläufige Dinge mitteilten. Da 
glaubte er unbedingt, was sie sagten, wenn es nur verständig 
gesagt war, da schien seine Selbständigkeit durchaus ver- 
schwunden. ,Das ist vortreffliclj, was Sie jetzt hervorheben.' 
,Höchst merkwürdig I Dergleichen hätte ich für unmöglich 
gehalten I* Ja, sein demütiges Vertrauen auf Aussprüche, 
deren Berechtigung er nicht selbst prüfen und wägen konnte^ 
ging so weit, daß er seinen Arzt Dr. Tedesco, einen Homöo- 
pathen, der jahrelang in sein Haus kam, von dem Moment 
an nicht mehr rief, als er einen Aufsatz Liebigs gelesen 
hatte, worin der berühmte Naturforscher die Existenz der 
Kräfte leugnet, mit denen die Homöopathie angeblich wirke*" 
Von Hebbels Bescheidenheit bei den Proben seiner 
„Agnes Bemauer" erzählt uns Dingeis tedt: „Nicht nur 
.Kürzungen ließ er sich gefallen, gegen, welche so mancher 



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HEBBELS CHARAKTER. 217 



Neuling oder Autokrat in dxamatiaölier Poesie sich sträubti 
und wehrt, wie der Patient gegen das Messer des Opera- 
teurs; er akzeptierte auch Einlagen, Zusätze, Änderungen, 
wo ein Motiv, ein Übergang alsi notwendig sich darstellte. 
jAuf den Brettern bist du der Herr," hat er mir wiederholt 
gesagt; ,davon versteh ich nichts. Mein Eeich geht nicht 
über den Schreibtisch hinaus/" Man darf hinzusetzen, auoh 
diese willige Unterordnung erfolgte nur dort, wo Liebe im 
Spiel war. 

Es ist interessant, daß auch bei Kuh eine ähnliche Ee- 
aktion sich entwickelte und aus den nämlichen Liebesgründen, 
wad so manches in beider Verhältnis erklärt. Ich lasse am^ 
besten Kuh selber das Wort: „Mir schnürte seine inquisi- 
torische Logik häufig die Seele zu. Weil ich ihm aber 
derart zugeneigt war und ihn so verehrte, daß 
ich glaubte, wo ich nicht begriff, daß s'ich ihm 
mein Geist unterwarf, wo mein Herz sich 
sträubte, so nahm bei mir der unscheinbarste 
Anflug der Auflehnung den Charakter blinden 
Grehorsams an und der leiseste Anreiz zur Be- 
schuldigung setzte sich sofort in das Gefühl 
der Demut, ja der Billigung um.* Wer sich ihm 
aber einmal So völlig hingegeben hatte, wie 
ich, mit dem schaltete und waltete er als mit 
steinern Eigentum, je nach seinen Stimmungen, 
Bedürfnissen und Grillen. Ihm war eben ein 
autokratischer Zug angeboren, der sich mit 
seiner Erkenntlichkeit, seiner Güte auf das 
Beste vertrug. Und zwar ging nicht selten eines ins 
^dere über oder es' ward eines vom anderen unvermittelt' und 
unerwartet abgelöst/' 

Wir stehen hier abermals vor Hebbels geistiger Homo- 
sexualität, die sich bei ihm zu jeder Zeit mit Sadismus paarte, 
^it despotischer Unterwerfung des also Geliebten. Er 
heischte vom anderen stets förmliches Aufgehen und blinden 
Gehorsam, selbst dort, wo er quälte, und peiuigte direkt mit 



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218 SADOER, HEBBEL. 



Eifersucht^ wenn jemand noch andere Beziehungen pflegte ^). 
Wer wie Hermann Hettner oder Julius Glaser zu solcbem | 
Opfer sich nicht verstand, dem konnte er sich niemals ganz- ; 
lieh erschließen. Der Letztgenannte schildert dies trefflich: ! 
„Hebbel bedurfte eines fast täglichen Umganges, man j 
mußte ihm mindestens mehrmals in der Woche auf viele | 
Stunden angehören, wenn er die volle Freiheit, Liebenswürdig- j 
keit und Geistesgröße sollte zeigen können, die er in der \ 
Konversation entfaltete. In solcher Weise mich ihm zur Ver- 
fügung zu stellen, gestatteten mir meine Arbeiten schon seit 
1866 nicht mehr; ich konnte auch in geeellÄchaftlicher 
Beziehung auf eine ,Erweiteripig meiner Kreise' nicht ver- 
zichten; ich mußte endlich mit aller Schonung der Wieder- 
kehr einzelner, das Selbstgefühl verletzender Ausbrüche des 
Unwillens oder gelegentlich vorkommender Versuche zu weit- 
gehender Bevormundung mich entziehen, einer Bevormundung, 
welche nicht so sehr in der Sache selbst, als in der Heftig- 
keit lag, mit der sein Bat aufgedrängt ward." In Hebbel 
war stets „der Trieb nach Bevormundung und Alleinbesitz 
seiner Freunde lebendig, ein leicht erregbares Mißtrauen, 
welches dicht neben seinem unbegrenzten Vertrauen schlief. 
\md endlich eine fürchterliche Heftigkeit, lauter Charakter- 
eigenschaften, wodurch er an Othello gemahnte". Ihn plagte 
immer „der Zweifel an der Tragfähigkeit der ihm ergebenen 



1) Vgl. hiezu die Schilderung Gurlitts über seinen Verkehr mit 
dem Dichter in Born: „Wenn ich mit anderen Freunden ausging oder 
verkehrte, so fühlte er sich verletzt. Es folgtea dann Tage und Wochen, 
in denen er mit mir, wie bei Liebenden^ schmollte, bis es 
dann endlich zu Erklärungen kam, mitunter sehr heftigen, wobei er ver^ 
langte, ich solle mich ihm ganz und allein ergeben, wie er es 
mir gegenüber getan habe, darauf ich natürlich, da ich schon, ältere 
Ereunde in Hom hatte, nicht eingehen wollte und konnte. Nach solchen 
Ssenen lebten wir dann wieder in vollster Eintracht,** Ähnliche Eifersucht 
bestand dann später zwischen Euh und van Bruyk: „Sie waren an- 
fänglich aufeinander eifersüchtig und konnten einander nicht ausstehen,*" 
ward Eulke vom Dichter selber erzählt. „Ich mußte sie zähmen xmd 
hatte lange zu tun^ bis ich es dahin brachte, daß einer den andern 
ruhig neben sich duldete." 



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HEBBELS CHARAKTER. 219 



Menschen, die er auf so schwere Proben stellte. Endlick 
atmete in ihm ein imperatorischer Wille, der alles ihn kreu- 
zende und beirrende Wollen niederzuwerfen suchte, ein ganz 
und gar naiver Despotismus". 

Das Zwangsmäßige dieser Triebe erhellt aus der weiteren 
Schilderung Euhs: „Nichts wäre unrichtiger als die An- 
nalime, daß Hebbel. in seiner Heftigkeit, seiner Sophisterei 
der Selbstsucht sich frei bewegte, mit Vorbedacht, Absicht 
oder Überlegung. Sie umstrickte ihn wie ein ^ Gespinnst, 
dessen er sich nicht zu erwehren vermochte, sie verdunkelte 
sein klares Auge, sie lähmte seine Verantwortlichkeit. Ba- 
gatellen konnten diese Heftigkeit erregen, eine unvorsichtige 
Äußerung, ja ein unschuldiger Blick, den er unrichtig aus- 
legte. War sie jedoch einmal erregt, so steigerte sie sich 
von Minute zu Minute und jede in sie hineinfallende fremde 
Silbe hatte die Wirkung des Wasserstrahles, der einen lo- 
dernden Brand stillen will : dann zischte sie erst recht empor. 
Mit der tieferen Farbe, welche in solchen Situationen sein 
Atisdruck gewann, schienen seine Gedanken die Windungen 
der Schraube anzunehmen, jeder Nerv und Muskel seines 
Leibes zog sich zusammen, das kurze, diitme Haupthaar 
sträubte sich an den stark erhobenen Hügeln der Schläfen, 
daö Auge flammte, der ^anze Mensch war ein bis zum Bersten 
straff gespannter Bogen. Dabei verschlug es nichts, ob diese 
Heftigkeit in steinern Zimmer oder auf der Straße hervor- 
brach: die Detonation seiner mächtigen Stimme und die der 
Wut entsprechenden Körperbewegungen waren dieselben." Zu 
Kulke äußerte Hebbel einmal über die spätere Entzweir 
ung mit seinem Hauptbiographen: „Mit großen Männern um- 
zugehen, ist gefährlich; der Umgang mit einem großen Manne 
ist wie das Wohnen in der Nähe eines feuerspeienden Berges, 
Da strömt plötzlich die Lava hervor und verschüttet die un- 
schuldigen Bewohner, aber der Vulkan kann nichts dafür, 
daß er Feuer speit." 

Für Hebbels Charakter gibt es wohl kaum Bezeich- 
nenderes als sein Freundschafts-, um nicht zu sagen Liebes- 
verhältnis mit Emil Kuh. Ich folge der anschaulichen Schü- 



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220 SADOER, HEBBEL. 



derung des letzteren, deren Richtigkeit allseits bestätigt 
wird: „Mein Umgang mit Hebbel dauerte zehn Jalire und. 
hatte mehrere Phasen.... Ich war sein Jünger und sein 
Freund, sein Schüler und sein vertrauter Genosse, ja nicht 
selten sein Beichtkind und sein Beichtiger zu einer und der- 
selben Zeit. Schon im zweiten Jahre meines Yerhältnissies 
zu ihm begann die Vertraulichkeit. Die anderen jungen 
Freunde blieben in betreff dessen allmählich immer um einen 
Schritt weiter hinter mir zurück, aber mit jedem soldhen 
Vorsprung, den ich gegen sie gewann, nahm meine Abhän- 
gigkeit von ihm zu, eine Abhängigkeit, welche viele Un- 
bilden und Leiden mit sich brachte. Indem ich mich an die 
Anfänge meines Verkehres mit Hebbel erimiere, leuchtet 
mir ein durchaus unbefangenes, ja kindliches Wohlwollen aus 
einer dunklen Wolke von herrischem Ungestüm entgegen. 
Ich empfinde es lebhaft nach, wie ihm meine Jugend Duld- 
samkeit auferlegte, ein vorsichtiges Berühren meiner Män- 
gel, und wie er dennoch nicht umhin konnte, mich dann 
und wann für meine Unfertigkeit in vollstem Maße verant- 
wortlich zu machen, gleichwie für einen begangenen argen 
Fehler. Alsdann schlug, was gestern milde Anleitung oder 
ruhiger Verweis war, heute in heftiges Gebieten, in harte 
Strenge um; das Nichtkönnen des jxmgen Menschen faßte 
er mit einem Male als' ein Nichtwollen auf, um ebenso rasch 
wieder zu billigen Anforderungen, einem freundlichen Durch- 
dief ingersehen herunterzugleiten Als jedoch das Ver- 
hältnis ein wärmeres und engeres wurde, da faßte er den 
Wiener in mir, wo er sich von der schlimmen Seite zeigte, 
nichts weniger als vorsichtig an. Alles Lässige, Flüchtige 
imd Leichtsinnige in meinem Denken und Tun verfolgte er 
mit scharfem Auge und unerbittlich drang er auf Pünktlich- 
keit und Gewissenhaftigkeit, Ordnung und Ausdauer. Ein 
mir geliehenes Buch befleckt zurückgeben, einen mir erteilten 
Auftrag nicht genau ausführen, eine verabredete Zusammen- 
kunft nicht präzis, geschweige gar nicht einhalten: dergleichen 
zog unvermeidlich die ärgsten Auftritte nach sich. Ver- 
teidigungsgründe fertigte er mit Worten ab, daß es Gründe 



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HEBBELS CHARAKTER. 221 



für alles gebe. Eiaer Abhaltung wegen ihn um5on&t warten 
las^sen, brachte mir tagsdarauf den entrüsteten Ausruf ein: 
,iii Fällen dieser Art entschuldigt nur ein Beinbruch!* oder: 
,diei^ hatte ich mich U bland gegenüber nie unterstanden I* 
odrer: ,wer sich solcherlei gestattet, der wird auch in seinem 
ganzen Leben keinen ordentlichen Satz zu stände bringen!* Es 
la^ in der Natur des! Verhältnisses, daß Hebbel mich hin 
und. wieder mit kleinen Kopierarbeiten betraute oder daß 
er mir einen Brief diktierte. Auch hiebei lernte ich im 
Hinblick auf Stil ungleich mehr, als mir bis' dahin durch 
^ie Schule vermittelt worden war. Freilich erkaufte ich 
dieses Plus mit Zurechtweisungen oder Scheltworten, welche 
mich bei sblcher Grelegenheit ereilten. Brachte ich ihm eine 
ins Beine geschriebene Abhandlung zurück und hatte ich will- 
kürlich Absätze gemacht, so zerknüllte er zuvörderst, das 
Gesicht zomgerötet, meine Abschrift, hielt mir mein schlaf- 
Tigeä Auge, meinen Mangel an Aufmerksamkeit vor, begrün- 
dete jedoch, einmal ruhiger geworden, seinen früheren Zorn, 
analysierte den ganzen Aufsatz, erklärte mir, warum hier 
eine* neue Zeile anfangen müsse, dort hingegen eine solche 
fehlerhaft wäre, und verbreitete sich am Ende über das eine 

und andere Stil- und Sprachgesietz Wie ein Habicht- 

auge schwebte ober mir das seinige, während er mir beim) 
Diktieren über die Schulter blickte; auf jede falsche Inter- 
punktion stieß er herab, murrte und schalt weidlich, bis er 
abermals wohlwollend einlenkte und mir die Bedeutung ihrer 
Normen einzuprägen suchte." In dieser peinlichen Genauig- 
keit spielt Hebbel, ohne es zu wissen, den Lehrer Dethlef- 
sen und Kirchspielvogt Mohr, anderseits zeigt er typisch 
die charakterbildende Kraft seiner stark verdrängten Anal- 
erotik, von der ich noch später bei Besprechung des ,, Diamant" 
handeln werde. 

Auch die Kehrseite von Hebbels Liebe — „er beteuerte 
mir mehr denn einmal, daß er noch nie einen treueren Freund 
als mich gehabt habe — lernte ich besöer als irgend ein anderer 
seiner jungen Freunde kennen. Sein autokratischesi Begehren 
machte sich bereits in der Forderung geltend, daß ich Tag 



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222 SADGER, HEBBEL. 



für Tag um ihn sein sollte. Namentlich verlangte er dies 
für die Nachmittags^- und Abendstunden. Er wünschte sie 
im Gespräche zu verbringen, auf dem Spaziergange, alsdann 
in seinem Hause, und sobald ich anders über diese Stunden 
verfügte, sah er es als einen Eingriff in sei^ Herrenrecht 
an. Ich kam, soweit ich es vermochte, seinem Wunsche 
nach, vernachlässigte alle meine Beziehipigen zu jenen Alters- 
genossen, die nicht gleichfalls mit ihm verkehrten, entsagte 
vielen Freuden und Zerstreuungen, woran ich, wie jeder junge 
Mensch Gefallen hatte, räumte ihm beinahe gebieterische 
Macht über meine Zeit ein. Aber schon dieses ,beinalie* war 
in seinen Augen ein halbes Verbrechen, das* er mit durch- 
bohrenden Blicken oder spitzigen Bemerkungen ahndete. Der 
oberflächlichste Verkehr, den ich mit anderen unterhielt, be- 
deutete für ihn eine unerlaubte Schmälerung der ihm allein 
gebührenden Neigung und Achtung, imd wollte es' der Zu- 
fall, daß ich mit einem seiner Gegner in Gesellschaft oder 
auf der Straße zusammentraf, dann schüttelte er, indem ich 
es ihm erzählte, so den Kopf dazu und verzog so ernsthaft 
das Gesicht, als ob ich ihm die Verbindung mit einer Falsch- 
münzerbande anvertraut hätte. Bekannte, die mir nie etwa« 
zuleide getan, die mir recht lieb waren, sollte ich, wie gif- 
tiges Gewürm, meiden oder abschütteln, wenn er sich ein- 
bildete, daß sie , Niederträchtigkeiten' gegen ihn begangen 
haben ; und Personen wiederum, die er aus diesem oder jenem 
Grunde eine Weile lang um sich duldete, sollte ich teil- 
nehmend behandeln, weil sieine Königslaune eben diese Men- 
schennummer aus dem Lostopfe des Tages gezogen hatte. 
Sogar Ausflüge mit Eltern und Geschwistern mußte ich dann 
und wann seinetwegen unterlassen. Gestattete ich mir aber 
einmal in den menschlichsten Dingen mein eigener Herr zu 
sein, so las mir Hebbel alsdann ein ganzes Kollegium über 
, Sittliche Pflichten^, wobei seine bis zur Virtuosität ausge- 
bildete Sophisterei nicht zu kurz kam/' 

^,Hebbel spürte ganz gut, daß ich unter seiner Bot- 
mäßigkeit seufzte, und wenn er zehnmal die blinde Unter- 
würfigkeit wie eine Pflichtverletzung heischte, so empfand 



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HEBBELS CHARAKTER. 288 



er doch das elftemal das Unberechtigte seiner Diktatur oder 
lieh gar dieser Empfindung Worte: ,Es mag Ihnen dann 
und wann schwül neben mir zu Mute sein, es ist nicht leicht 
mit mir zu leben ; wenn Sie jedoch alle meine schönen Stun- 
den mit mir teilen, dann müssen Sie auch die bösen mit in 

den KaMf nehmen' Est ließ sich schwer mit ihm leben^I 

Daö ist wahr. Wieviel Peinliches und Aufreibendes ein so 
geartetes Verhältnis wie das meine zu ihm für den schwär 
cheren, den leidenden Teil haben mußte, begreift sich leicht. 
Die tausend und abertausend Liohtstreifen und Schattenflecke 
eines/ unaufhörlich bewegten Grcmütes, einer ruhelos arbei- 
tenden Phantasie gingen über mich als den bestandigen Teil- 
nehmer aller Aufwallungen und Eindrücke Hebbels, aller 
seiner hellen und düsteren^ wehevollen wie zornigen Stunden, 
seiner Hoffnungen und Zweifel, Kränkungen und Martern ge- 
witterähnlich hin, ja durch mich hindurch. Ich genoß und 
ich seufzte, ich bildete und verwirrte mich unter seinem leh- 
renden, erziehenden und aufbrauchenden Einflüsse. Die Ant- 
wort, die er mir gab, als» 'ich ihn vor einem Sommeranfang 
fragte, ob er wiederum aufs Land gehen werde? Die Ant- 
wort: ,Nein, ich bedarf der großen Stadt, ich verzehre Men- 
schen 1* war nur allzu richtig. Er zählte zu jenen starken, 
von dem Drange sich auszuleben übermächtig erfüllten Indi- 
viduen, die man unter den Gattungsbegriff Grehimraubtier 
bringen möchte." Wahrhaftig Dingelsitedt hatte recht: 
„Es gehörte eine gute Dosis Kraft 'und Tapferkeit dazu, den 
Schatten eines Hebbel zu spielen." 

Nur eins übersah er ebenso wie Kuh, daß nicht allein 
die Verliebtheit des „Schattens" in jenen Großen die Ursache 
solchen Aufgehens war, sondern noch viel mehr die masochi- 
stische Anlage des Jüngers. Es bedurfte der akut aus- 
brechenden Liebe zu einem Mädchen, um Kuh von HebT^el 
loszubekommen. Mit großer, liebegetränkter Zartheit hat 
jener die Gründe desi Bruches berührt: „Mir sollte der 
Schmerz nicht erspart bleiben, mich von ihm persönlich los- 
sagen zu .müssen. Die Neigung, die ich für eine Schauspielerin 
^aßte, und wodurch die erste ernste Kollision zwischen Heb- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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224 8AD6ER, HEBBEL. 



bei und mir sich ergab, hatte das innere Verhältnis' bereits 
auf bedenkliche Weise getrübt. Mit dem Hervorbrechen einer 
Leidenschaft, wenige Jahre spater, für meine nunmehrige 
Frau, empfing das Verhältnis den ersten Stoß. Meine Le- 
bensumstände verschoben sich, ich wechselte sogar den Auf- 
enthaltsort, der springende Punkt meines Daseins war nicht 
mehr Hebbel; ich fing an, mir meine eigenen Ziele ab- 
zustecken. Während eines harten Wortwechsels bestritt* mir 
Hebbel das Recht der Selbstbestimmung und, dicht an 
mich herantretend, zitierte er die Worte a\is^ dem Wallenstein: 
, Gehörst du dir? Bist du dein eigener Gebieter, stehst frei 
du in der Welt wie ich, daß du der Täter deiner Tateta 
könntest 3ein? Auf mich bist du gepflanzt. — ^ Ein ver- 
ändertes und dabei menschlich fruchtbares Verhältnis war 
nicht möglich ; dies spürte ich. Und so riß denn eines Tages 
der Faden ab. — Erst auf seinem Sterbebette, sozusagen in 
Gegenwart der Parae, welche die Schere hinter dem stehicksal- 
schweren Mann erhob, knüpfte er sich wieder an/* Noch 
deutlicher ist die Erzählung Hanslicks: „Kuh war durch 
mehrere Jahre jeden Abend zur bestimmten Stunde zu Heb- 
bel gekommen, der sich an ihn gewohnt hatte und alles 
mögliche mit ihm besprach oder richtiger ihm vorsprach. 
Er war Hebbel schließlich unentbehrlich worden. Da ge- 
schah es, daß Emil Kuh sich verlobte und es ganz natürlich 
fand, hin und wieder auch einen Abend bei seiner Braut 
zuzubringen. Hebbel fand diesi aber keineswegst natürlich. 
Er verlangte unbedingte und ausschließliche Hingebung. 
,Entweder Sie kommen täglich zu mir wie bisher oder gar 
nicht I* So sfehwer es dem guten Emil fallen mochte, er 
erwählte Schließlich das ,Gar nicht'. Der auch in der Freund- 
s'chaft autokratische Hebbel war denn doch zu weit ge- 
gangen." • 

Wenn Richard Werner die TJrsiache des Bruches darin 
erblickt, daß „Hebbel, wie dies einem Lehrer so leicht 
gehen kann, weniger das allgemache Heranwachsen, als die 
noch vorhandenen Mängel empfunden und darnach sein Be- 
nehmen eingerichtet habe", so heißt dies äußere Hilf sumstande 



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HEBBELS CHARAKTKK. t>-26 



erheblich überschätzen. Was ihn und K u h in gleicher Weise 
zusamm enhielt und spater auseinander brachte, war wesent- 
lich die Liebe. Für den Dichter war Kuh, wie jeder json- 
stige Freund, nichts anderes als eine männliche Geliebte, und 
er heischte von ihnen unbedingtes und völliges Aufgehen 
wie von seiner Frau. Sie vermochten gar nichts Ärgeres zu 
begehen, als ihr Herz an ein weibliches Wesen zu hängen. 
Daxum hat er Karl Werner, Debrois» und Kuh mit Wucht 
von der Ehe abgeraten. Alle vorgebrachten Verstandesgründe 
waren natürlich nur Eationialisierung seiner liebenden Eifer- 
sucht. Und wenn er den Abfall Debrois' und Kuhsi als 
blaaaken ,, Verrat", den letzteren als „Judas Ischariot" brand- 
niarkte, so traf dies in seinen Augen auch zu. Es war tat- 
sächlicli. ein Verrat an seiner Liebe gewesen, den gar nichts 
auf Erden entschuldigen konnte^ nur freilich damals bereits 
vollzogen, als sie neben Hebbel ein Weib noch zu erküren 
wagten. 

Keines Freundes Verlust jedoch ging ihm so nahe, als 
der Emil Kuhs, des Heißgeliebten. Nachdem ihm dieser 
sogar den gesellschaftlichen Gruß geweigert, schrieb er ins 
Tagebuch: „Ich habe durch diesien Menschen, wegen dessen 
ich mich noch vor einigen Monaten mit Gutzkow auf Tod 
und Leben entzweite, schweres Unrecht erlitten und gründ- 
lich erfahren, wie bitter der Undank ist. Aber ich habe es 
lüir, obgleich ich vierzehn Tage lang keine Nacht 
schlief und dem Typhus nahe war, doch dadurch 
zu versüßen getrachtet, daß ich es als eine Art von Kom- 
peni^tion für das' Unrecht betrachtete, das ich selbst be- 
gangen haben mag, und dadurch wirkliche Erleichterung ge- 
fühlt. So hegt der Gedanke der Buße in der Menschenseele." 
Beweisten jene nervösen Symptome, wie tief ihn das. Abreißen 
diester Liebe schmerzte, und sein Bußebedürfnis, daß er sich 
innerlich keineswegs schuldfrei fühlte, so klingt es in dem 
letzten Brief an Debroisi wie bewegHche Klage: „Sie und 
Ihr Freund haben die fetten zehn Jahre der Produktion, der 
nie stockenden Lebensfülle, der Gesundheit und des Glücks, 
liiit mir geteilt. Nun die mageren vor der Tür stehen, nxm 

«a^ger, Hebbel. ^B 



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226 SADGER, HEBBEL. 



Alter, Krankheit, Lebensüberdruß usw. sich melden, wenden 
Sie mir den Bücken." Und wie eine Probe seiner „bis zur 
Virtuosität ausgebildeten Sophisterei" klingt die Stelle des 
Tagebuches: „Was hab ich davon, daß ich mich s^hn Jahre 
lang mit sogenannten Freunden schleppte und jeden Abend 
um 8 Uhr ängstlich zu Hause eilte, um ja für sie daheim 
zu seinl Viele kostbare Stunden habe ich geopfert, den 
Meinigen oder meinen Arbeiten entzogen, und mein Gewinn 
besteht darin, daß ich mich nicht umsehen darf. Denn, wie 
hell das Licht auch in der Vergangenheit brennen mag. 
überall fällt mein Blick zuerst auf diese Larven, die es um- 
tanzen, und das erfüllt mich mit einem solchen Schauder^ 
daß ich selbst von der schönen Stemenkette der Weihnachts- 
abende mein Auge abwenden muß." Nicht er hat also von 
Kuh und den anderen Jüngern verlaugt, daß sie ihm ihre 
sämtlichen Abende opferten und sich jedweden anderen Ver- 
kehres völlig enthielten, sondern diese hätten ihn zehn Jahre 
gezwungen, allabendlich rechtzeitig zu Hause zu sein, und 
ihm dadurch viele Stunden geraubt, die er sonst besser ver- 
wenden konnte 1 Gleichwohl hat Hebbel auch nach der 
Entzweiung, wie Kulke berichtet, „immer mit Wohlwollen 
und mit dem Gefühle väterlichen Bedauerns über den Ver- 
irrten gesprochen; aus seinem Herzen hat er ihn nie v^er- 
drängt. Wäre dies der Fall gewesen, er hätte sich auch 
auf dem Totenbette nicht mit ihm ausgesöhnt. ,Was müßte 
man von sich selber denken* — sagte mir Hebbel einmal, 
als er von Kuh sprach — , ,wenn man einen Menschen, mit 
dem man zehn Jahre lang persönlich verkehrt hat, plötzlich 
für nichts achten sollte I*" 

Was immer wieder mit dem Menschen Hebbel sich ver- 
söhnen läßt, trotz aller Schwächen, ja größter Fehler, ist 
seine kolossale Fähigkeit zu lieben. Darum erscheinen seine 
Mängel auch minder als Fehler des Charakters, wie als Fol- 
gen des Affekts, als Ausfluß gewaltiger Leidenschaftlichkeit. 
„Ich bin immer so, wie die meisten Menschen nur im Fieber 
sind," bekannte er einmal. Was seine Person für jeden, der 
ihn nicht wieder liebte, fast unleidlich machte, das war dann 



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HEBBELS CHARAKTER. 227 



auf der anderen Seite die Grundlage seiner dramatischen 
Kraft. Auch von Hebbel gilt das biblische Wort: jjhm 
wird viel vergeben werden, denn er hat viel geliebt!" 

n. ' 

Es war nicht klug von unserem Dichter, sich immer wieder 
an Goethe zu meeeen. Denn gerade dadurch weckt ervdie 
Neigung zu einem Vergleich, der keineswegs zu seinen Gim- 
aten ausfällt. Wie Goethe der allseitigste unter den deut- 
schen Poeten, so Hebbel vielleicht der engbegrenzteste. 
Man darf sich durch den Gedankenreiohtum seiner Tage- 
bücher, durch alle Farbenpracht seiner Eede nicht blenden 
lassen. Hebbel beherrscht im Grunde bloß ein ganz kleines 
Gebiet, dies freilich dann bis zur Virtuosität und mit tief- 
stem Wissen. Fast all sein Grübehi dreht sich nur um die 
Poesie, in specie die dramatische und höchstens noch die 
lyrische mit den dazu gehörigen psychologischen Problemen. 
Dann interessieren ihn aus der neurotischen Anlage heraus 
nierkwürdige Kriminalfälle und ein wenig die Geschichte, 
auf die ihn der Kircbspielvogt Mohr gelenkt hatte. Nehmen 
wir endlich, daß er sich gleichfalls aus neurotischen Gründen 
aseitlebens mit dem Gottproblem herumqualte, so ist sein Ge- 
dankenkreis völlig erschöpft. Weder Wissenschaft noch 
Kunst, weder Politik noch Theater vermochten ihm größere 
Anteilnahme zu entlocken. Für Malerei und Plastik hatte er 
Mch Hanslick eigentlich gar kein Interesse, was auch 
die Tagebücher aus Eom erwiesen. „Nur eine Ktinst war 
ihm noch gleichgültiger: die Musik. Auch die Schönheiten 
der Natur vermochten Hebbel, desteen Geist nur an psycho- 
logischen Problemen Nahrung fand, nicht nachhaltig zu 
feöseln. Als er ein kleines Landhau» in Gmunden angekauft 
hatte, war es mit der Preude am Besitz bald vorüber. ,Ach, 
^e glücklich müssen Sie sich in dieser herrlichen 
Laj^idschaft fühlen 1* apostrophierte in ein Bekannter. 
^Lassen Sie mich mit dem ewigen Naturgenuß in Frieden!* 

15* 



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228 SADGER, HEBBEL. 



erwiderte Hebbel gereizt. „Ich esse keine Maikäfer, ich 
esse Menschen 1)!*" ^ 

Es wird wohl kaum einen zweiten großen Dichter geben, 
der so schöne und ausgedehnte Eeisen mit so minimalem 
Nutzen unternahm. Hier trifft völlig zu, was Dingelstedt 
ausführt: „Hebbel hat in Paris und in Rom oder Neapel 
nicht anders gelebt, als in Hamburg oder in München, dort 
mit Heine, Rüge, Gathy, Bamberg, hier mit Het]t- 
ner, Stahr, Gurlitt, Rahl verkehrt, eigentlich also den 
Dunstkreis des deutschen Literatentums nicht verlassen, ge- 
legentliche Exkurse in das Gebiet der bildenden Kunst aus- 
genommen. Weder Politik noch Theater, nicht das' gesel- 
lige und nicht das volkstümliche Leben ziehen ihn in der 
Fremde besonders an, und wie ihn früher der Streit um 
•Schleswig-Holstein meerumschlüngen*, später der Oktober- 
sturm in Wien, bis auf ein männliches Stellungnehmjen zwi- 
schen den Parteien, nur flüchtig berührte, aber nicht in die 
Aktion hineinzog, so ist ihm Frankreich und Italien, damals, 
im Anfang der Vierzigerjahre, gerade in intereeisianten Krisen 
begriffen, eine terra incognita geblieben. Die Unkenntnis^ der 
Sprache allein erklart die starre Abgeschlossenheit deS: nor- 
dischen Pilgers gegen die verführerischen Reize und den Zau- 
ber der Welschländer nicht; dies Hindernis hatte ein eiser- 
ner Wille wie Hebbels überwunden, wenn er es* sich ernst- 
lich vorgesetzt. Aber nein; das Gregent<eil vielmehr findet 
bei ihm statt. Er wickelte sich draußen noch fester in die 
Wolke, in welcher er daheim gewandelt. ' I am myself aJone. 
Den Dichter der ,Judith' kümmerte die Bühne Scribes ver- 
teufelt wenig, und während Goethe unter italienischem 
Himmel die Iphigenie empfing, arbeitete Hebbel dastelbst 
gerade an seinen düsteraten Stücken und Gestalten: ,Mblooh*, 
, Julia*, ,Das Trauerspiel in Sizilien'. Gewiß hat sein treuer 
Schildknappe, hat Emil Kuh recht, wenn er, um die Horn- 
haut seines Helden zu entschuldigen, sagt: ,Eine Viertel- 



1) „Ich ziehe ohnehin die Stadt vor," heißt es Sil einem Brief, „und 
britige jedesmal ein Opfer, sobald ich sie mit Geßners Paradies ver- 
tausche/' 



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i 



HEBBELS CHARAKTER. 229 



Stunde vor der Gruppe des Laokoon oder ein Beisefeuilleton; 
aus; dem. Süden verwandelt den deutschen Dichter nicht/ 
Aber es bleibt darum nicht minder wahr, daß der Aufenthalt 
in Italien, namentlich in Eom, ein Probierstein für die mensch- 
liche Natur im allgemeinen ist, vom Dichter und Künstler 
ganz abgesehen. Wer dort nicht ruhig, nicht reif, nicht 
fertig wird, dem ist es überhaupt versagt, sich ganz and voll 
auszuleben." 

Nur in den Motiven irrt Dingeis tedt. Was Hebbel 
an allseitiger Ausbildung hinderte, das war nicht sein ge- 
flissentliches Zurückziehen ins eigene Schneckenhaus, son- 
dern seine Abstammung. Wie Gr o e t h e nur möglich als End- 
und Gipfelpunkt so vieler begabter Ahnenreihen zuvor, so 
krankte Hebbel an seiner minderwertigen Abkunft. Es wird 
in unsterem nivellierend-sozialistischen Zeitalter nicht gern 
gehört, daß nicht jeder befähigt sei, die Spitzen der Mensch- 
heit zu erklimmen. Daarum aber bleibt es. trotzdem wahr, 
daß nur eine systematische Steigerung des Talents, ein wert- 
volles Erbgut von vielen Vorfahren, das' Aufleuchten des Ge- 
nies ermöglicht. Ein solcher einseitiger Genius wie Heb- 
bel kann einmal auch niederen Ursprüngen entstammen. Das 
wirklich große, vielseitige Genie ist stets nur Produkt kost- 
barer Inzucht in geistigen Patrizierhäusem. Den Maurers- 
sohn konnte Hebbel eigentlich niemals verleugnen, von 
seinem Eespekt vor allem, was er nicht verstand, und ebenso 
vor allem, was nach „Vornehmheit" roch, von seiner ausge- 
bildeten Freude an Esöen und Trinken bis zu seiner Unfähig- 
keit, selbst in jungen Jahren noch etwas zu lernen und Kunst 
zu genießen. G^wiß, es ist auch mit Reaktion gegen einstiges 
Elend, wenn „einer seiner Lieblingsschwänke darin bestand, 
ia launig ernsthaften Versicherungen über den Glanz seines 
Vaterhauses zu schwatzen; wie es dort hoch hergegangen, 
daß er in einent goldenen Saale aufgewacljsen sei u, dgl. m." 
Doch anderseits klingt recht plebejerhaft seine stete „Sehn- 
sucht nach einem Trunk schäumenden Bieres^ weim er am* 
Abend mit Christinen und Kuh zusammensaß. „Stimdenlang 
konnte er sich dafür durstig erhalten; mit dem eintretenden 



C^ nri n I r^ Orrgin a f f ro m 

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280 SADGER, HEBBEL. 



Dienstniädchen hellte sich sein erwartungsvolles Gesicht auf 
und er begann seine stereotypen Scherze: warum sie mich 
(Kuh) unwillig ansehe, ob sie denn dem ,Doktor Kuh' 
durchaus das Nachtessen bei ihm mißgönne? Das erste Grlas 
ihn trinken sehen, wonnig, heftig, lange schlürfend, war mir 
der rührendste Anblick, den mir jemals ein Genießender er- 
regt hat. Ich gönnte ihm den Labetrunk wie keinem Men- 
schen sonst; was gäbe ich darum, "könnte ich Hebbel noch 
einmal das erste Glas trinken sehen! Aus solchem innigen 
Beisammensein schöpfte er die lauterste Befriedigung, in 
solchen Augenblicken sammelte sich, was irgend an Erkennt- 
lichkeit imd Dankbarkeit sein Herz empfand." Schon mit 
22 Jahren war er unfähig, noch Latein zu lernen i). Bedenkt 
man, wieviel Begabte dieser Altersstufe nach einem Selbst- 
studium von ein bis zwei Jahren heute das Abiturium machen, 
welches doch weit höhere Ansprüche stellt, als je in Heb- 
bels Jugend gemacht wurden, so begreift man, daß hier ein 
organischer Mangel vorliegen muß. Desgleichen, wenn Heb- 
bel schon in Kopenhagen wiederholt erklärt, er fühle, daß 
er nichts mehr lernen könne, und in Paris nach halbjährigem 
Aufenthalt noch nicht französisch zu sprechen vermag. Wemi 
er in Frankreich und später in Italien so wenig genießt, 
dann fehlt ihm einfach das ererbte Gehimgut, welches wieder 
G o e t h e- in so hohem Maße zu teil geworden. In dem Neide 
auf diesen Patrizierssohn, dem er um alles gleichwerden 
möchte, steckt sehr viel unbewußte Erkenntnis, wie tief er 
eigentlich unter ihm stünde. Und Hebbel zog sich nicht 
etwa darum stets auf das eigene Ich zurück, weil er sich 
selber voll genügte, sondern weil ihm die Aufnahmsorgane 
mangelten für das Große außerhalb der Poesie. 

Nächst dieser erregte sein Interesse nichts in einem der- 
art hohen Maße als rätselhafte Kriminalfälle, die er nach 
Kuh weit besser verstand und auseinanderzusetzen wußte, 
denn irgend ein anderer. Die Fähigkeit dazu gab ihm nicht 

1^ Einmal stand er auf einer Brücke und trug sich mit Solbstmord- 
gedanken, weil er ille, illa, illud trotz, besten Willens durchaus nicht 
behalten konnte. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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HEBBELS CHARAKTER. 231 

etwa dichterische Intuition, wenn sie auch natürlich beige- 
tragen hat. Entscheidend aber wax, daß Hebbel selber ein 
arger Phantasieverbrecher war, wie aus vielen Stellen des 
Tagebuches hervorgeht, und zu allen psychologisch merkwür- 
digen Verbrechen zumindest Analogien fand im eigenen Bu- 
sen, Sein Freund, der spätere Justizminister Glaser, ver- 
säumte darum nie, ihm* neue Sammlungen interessanter Ge- 
richtsfälle mitzubringen, die Hebbel mit heißer Begierde 
verschlang und der „Neue Pitaval" war nach Ludwig August 
Fr an kl „sein Lieblingsbuch", Hieher gehört auch die Er- 
zählung Hanslicks, wie er des Dichters Bekanntschaft 
machte. Er war im Juridischen Leseverein einen Augenblick 
von seinem Sessel aufgestanden und hatte einen Kommentar 
des Strafgesetzbuches offen liegen lassen, „Zurückkehrend 
faud ich Hebbel auf meinem Sitze installiert und vertieft 
in einen heiklen Paragraphen des Kriminalkodex, Sein Inter- 
esse an allem, was Verbrechen betrifft, verstand ich sehr 
wohl und bald war ein langes Gespräch im Zuge.'* 

Ich führte bereits in Hebbels Jugendgeschichte aus, 
daß einer der Gründe, die ihn beim Kirchspielvogt Mohr 
festhielten, sein Eifer war, interessante Polizeifälle kennenzu- 
lernen und Verbrecher zu verhören. Mit welchem Nutzen er 
dies getan, beweist unter anderem die Aufdeckung der In- 
trige in „Herodes und Mariamne'' und „Gyges und sein 
King", die jedem Untersuchungsrichter Ehre machen würden. 
,,In Paris war er öfters Zuhörer bei einer Assissenverhandlung, 
weil ihm merkwürdige Kriminalfälle seit jeher und bis an 
sein Ende auf das lebhafteste erregten und beschäftigten," 
Die Tagebücher legen Zeugnis dafür ab, daß Hebbel so gut 
wie keinem Verbrechen menschlich ganz fremd war. Je 
komplizierter, grauser und unverständlicher ein Kriminal- 
fall schien, desto mehr fühlte er sich von ihm angezogen 
. and immer wieder max^hte er Beziehungen zu sich selbst und 
seinem Dichten. Da heißt z. B. eine Notiz aus seinem 
25. Jahre: 5,Dürfte ich mir nicht sagen, daß ich gewisse 
Verbrechen niemals' begehen kann, so könnt' ich das Ge- 
fühl der Zukunft nicht aushalten." Aber unmittelbar darauf: 



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232 SADGER, HEBBEL. 



„Zwischen Ansichten, Eigenheiten, Gtestalt pp. eines großen 
Verbrechers nnd seinen eigenen Ähnlichkeiten zu begegnen" ! ! I 
„In der , Julia' ist einer der drei Hauptcharaktere der Sohn 
eines Verbrechers/' „^i^ großes Verbrechen die Basis 
einesi göttlichen Lebens. Novelle/* „Meiner Romanze: Vater 
und Sohn liegt als Idee zum Grunde, wie das Verbrechen 
selbst die edelste Frucht tragen könne; eben dieser Idee 
wegen ist der mystische Aufwand, den ich mir erlaubte, 
hoffentlich zu rechtfertigen. Die Idee verdiente wohl, in 
einer Novelle oder einem Drama behandelt zu werden." „Ein 
Sohn, der seinen Vater nur dadurch, daß er ihn tötet, von 
einem furchtbaren Verbrechen abhalten kann." In den drei 
letztgenannten Fällen brauche ich die Beziehungen zu Heb- 
bels eigenem Leben, zum Vater sowohl, wie zu Elise und 
Christine nicht näher zu beleuchten. Greflissentlich kommt 
er darauf zurück, daß „die einmalige Entfesselung des Teu- 
fels" zu dauernder Befreiung von der Sündhaftigkeit fuhren 
kann^). Kein Crimen aber zitiert er so häufig, wie das 
ärgste, den Mord, der ihn augenscheinlich in Phantasien am 
meisten beschäftigte, was auch seiner enormen sadistischen 
Ader am besten entsprach. Einfügen will ich, daß viele 
Keurotiker sich deshalb dem Studium des Rechts zuwenden, 
weil sie Mittel und Wege erfahren wollen, sich vor den Fol- 
gen eines Verbrechens (natürlich Sexualphantasie) am besten 
zu schützen. Mich dünkt auch die vorhin zitierte Szene mit 
Eduard Hanslick dahin zu deuten. Sehr gut kennt unser 
Dichter ferner die Beziehungen des Verbrechens zur Wol- 
lust, die er in mehreren Kriminalfällen unterstreicht, und 
endlich weist er sogar die Historiker auf das Studium des 
Verbrechens hin: „Ich bin überzeugt, daß unsere Geschichts- 
schreiber dos Pandämonium der Kriminalistiker, worin die 
Unsterblichen mit abgeschlagenen Köpfen herumwandem, 
mit großem Unrecht vernachlässigen; das Verbrechen hat 
seine historisch-soziale Seite, wie der Heroismus, und man 



1) Vgl. Friedrich Hebbels Tagebücher, 2. Aufl., 3. Band, Nr. 3946, 
herausgegeben von E. M. Werner. 



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HEBBELS CHARAKTER. 238 

trifft in dieser Sphäre Farben und Lichter, die man anderswo 
überall umsonst suchen würde." 

Den Mann, der so häufig Mordphantasien im Kopfe 
wälzte, plagten zur Sühne, wie aus den Briefen und ganz 
besonders aus dem Tagebuch hervorgeht, schwere Todes- und 
Selbstmordgedanken, schon seit der Kindheit. Aus der Fülle 
der hier zu Grebote stehenden Äußerungen Hebbels will 
ich nur einiges wonige nennen, das mich besonders charakte- 
ristisch dünkt: 5,Der erste M-ensch hätte aus Furcht vor 
dem Tode auch einen Selbstmord begehen können;" „Die 
Natur ist dem Menschen dafür eine Entschäxiigung schuldig, 
daß sie ihn mit dem Gredanken des Todes: beladen, hat;" im 
23. Lebensjahre: „Lassen wir die Toten ruhen, die uns nim- 
mer ruhen lassen;" femer: „I>er erste, der den Tod 
nicht fürchtet, nicht an ihn glaubt, wird nicht sterben;" 
„Ea ist der fürchterlichste Zustand, wenn einem der Tod 
natürlich und das Leben ein Wunder erscheint;" „Nur so 
viel Leben, um den Tod zu fühlen ;" „Einmal den Tod kosten : 
sich ins Meer stürzen und Leute bestellen, die einen wieder 
herausziehen;" „Selbst wenn das Sterben vom Willen des 
Menschen abhinge, würde keiner am Leben bleiben;" schon 
in, der Kindheit „war mir, wenn ich einen alten Kjiochen 
erblickte, zu Mute, alsi sähe ich den Tod selbst". 

Wer dem Tod in der Phantasie so oft ins^ Auge blickte, 
für den hat das reale Sterben die Schrecken verloren. Daa 
wieä sich im Juli 1839, als Hebbel von einer lebensgefähr- 
lichen Lungenentzündung befallen wurde. „Er machte da- 
mals, wie er (Kuh) später gestand, Erfahrungen, die er, 
w teuer er sie auch erkaufen mußte, doch um keinen Preis 
im Komplex seines Lebens hätte entbehren mögen. Es war 
ihm höchst merkwürdig, daß sein Zustand, wiewohl er sich 
über die Gefahr durchaus nicht täuschte, innerlich gar nichts 
Beklemmendes! und Ängstigendes für ihn hatte, sondern daß 
er dem Fortschritt der Selbstauflösung, soweit da» allerdinga 
große und mit jedem Moment sich steigernde physische Lei- 
den es gestattete, mit Freiheit, ja mit einer gewissen kalten 
Kuhe zusah. Hin und wieder war ihm so zu Mute, als ob 



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284 SADQER, HEBBEL. 



sein geistiges Ich für sich selbst existierte, während es zu- 
gleich ganz ungemein von dem heruntergekommenen Körper 
belästigt ward* Ihn hob in dieser Krankheit ein unbegrenztes, 
zuversichtliches Vertrauen, worüber er nachmals bemerkte, 
daß er es lieber ein allgemein poetisches, als ein spezifisch- 
religiöses nennen möchte. Und damit war ein unwidersteh- 
licher Drang verbunden, alle Spuren seines irdischen Daseins, 
namentlich seine Gredichte, zu vertilgen, weil sie ihm bis 
auf weniges gar zu unzulänglich vorkamen. Das wenige aber, 
was sich behauptete, peinigte ihn am meisten; er wandte 
es imablässig hin und her, um es gleichfalls verurteilen zu 
können, aber er hätte es ohne hinreichenden Grund verdam- 
men müssen. Im fieberhaften Halbschlummer hatte er eines 
Tages ^anze Szenen eines dithmarsischen Dramas ausge- 
arbeitet, idie Dithmarschen lösten sich balÜ wieder in den 
Nebel (Zurück, aus dem sie schattenhaft zu dichterischem 
Körper hervorgeschwebt waren, und die schwärzeste Melan- 
cholie bemächtigte sich seiner vollständig, wie schon öfters." 
Über die Beziehung von Krankheit zu dichterischer Zeugungs- 
kraft ^bei Hebbel werde ich ein wenig später noch reden. 
Hier «ei zu jener Lungenentzündung nur die Stelle eines 
Briefes an Charlotte Eousseau noch nachgetragen: „Ich 
denke trotz der Pein und der Ennuy'si, die sie mir brachte, 
nicht ohne ein angenehmes Gefühl an die Periode meiner 
Krankheit zurück. Die Teilnahme, die man mir von allen 
Seiten erwies, die mir selbst da entgegenkam, wo ich eher 
das Gegenteil erwartet hätte, und (wenn ich dies aussprechen 
darf) der Gleichmut und die Ruhe, die ich in den entschei- 
denden Momenten an mir selbst kennen lernte, haben mich 
mit dieser dumpfen, öden Pause des stockenden Lebens aus- 
gesöhnt." Ja, er konnte den Tod nicht selten direkt lust- 
voll empfinden. Meint er doch über sein Gedicht „Schlafen": 
„Das ist auch ein Gedicht, so recht aus meinem innersten 
Gemüt hervorgegangen; es atmet die Wollust des Todes, 
jene Wollust, die mxs nur in unseren schönsten und in un- 
seren bängsten Stunden beschleicht." Wer sich vor Augen 
hält, daß entschieden lustbetonte Sterbens Sehnsucht in der 



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HEBBELS CHARAKTER. 285 



Pubertät geradezu Regel, weil sie unbefriedigter Libido ent- 
springt, wird diesen Zusammenhang sehr wohl begreifen. 

Gleichfalls sexuellen Ursprung zeigen auch die verschie- 
denen Phobien Hebbels. Von einer derselben, seiner steten 
Furcht, urplötzlich zu verarmen oder gar zu verhungern, habe 
ich echon im Kapitel über Elise Lensing weitläufig ge- 
handelt. Sie hatte wohl zweifellos ihren Ursprung in den 
tristen Verhältnissen im Eltern hause. Aber diese Armut 
ward für den Lieblings;sohn auch eine Quelle steter Bevor- 
zugung, die der Mutter Liebe deutlich verriet, welche schon 
der Knabe so heiß begehrte. Weil femer auch stets der 
ebenso geliebte Vater sich vor dem Verhungern gefürchtet 
hatte -und Friedrich sich mit jenem in der Angst identifi- 
zierte, darum ward seine spätere Verarmungsfurcht auch der- 
art lustvoll, trotz aller zur Schau getragenen Angst. Wie 
in allen Phobien zeigt sich auch hier, daß den Neurotiker 
nicht unendliche Angst vor der Zukunft plagt, sondern hinter 
dieser unendliche Lust verborgen liegt, die eigentlich ge- 
meint ist. 

Minder durchsichtig ist eine andere Phobie des Dich- 
ters, seine poetische Kraft könne plötzlich versagen. Selbst 
iu Zeiten deutlicher Produktivität brauchte nur ein Löwen- 
wurf auszubleiben imd sofort beschlich ihn die fürchterliche 
Angst, sein Genie sterbe ab. So bald nach der „Judith": 
55 Wie hochbegnadigt von Gott und Natur war doch Shake- 
speare, der das Große so oft hervorbringen durfte! Das 
ist die fürchterlichste Angst, die mich plagt, daß die gei- 
stigen Quellen sich rasch verstopfen möchten!" Schon im 
25. Lebensjahre schrieb er an Elise: ,,0, wie mich so ein 
G-edicht, das sich den Tiefen meiner Seele entringt, beschwich- 
tigt! Es ist mir ein Zeichen, daß ich noch lebe, und ich 
^>ödarf solcher Zeichen, Ich kann mich wirklich in manchen 
Stunden fragen, ob ich denn nicht schon gestorben sei, und 
lache bitter, wenn ich nein sage." Als dem Dreißigjährigen 
^'ieder ein paar Gedichte gelungen, ist es wie Erlösung: 
9;Die kleine Regung hat mir innerlich wohlgetan, sie ist zwar 
^och kein Wiedererwachen des Talents, aber doch eine Traum- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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2S6 SADGER, HEBBEL. 



bewegung und auch die erfüllt den Dichter schon mit einer 
stillen Freude, denn keiner kann ja wissen, ob die schöpfe- 
rische Kraft in ihm nur schlummert oder schon ausgebramit 
ist, und obgleich man sich auf das letztere beizeiten gefaßt 
machen muß, so ist es doch ein unendlich peinlicher Ge- 
danke, besonders wenn man noch so voll von Ideen und 
Plänen steckt wie ich/' Und fünf Tage später: „Was mein 
inneres Leben betrifft, so stockt es noch immer; das ist 
in einem Zustand beständiger Anspannung und Aufregung 
natürlich, doch peinigt mich oft der Gedanke, ob nicht ein 
Stein über die Quelle gewälzt ist." Dann aus Paris: „Ach, 
wenn ich so einmal in meine Brust hineingreife und alles, 
was darin verdorrt, versengt und erfroren ist, das ganze Her- 
barium einer blühenden Welt, hervorziehe, slo kann ich doch 
nicht anders, ich muß die Faust ballen und mit den Zähnen 
knirschen. Glaube mir, Elise, der Schmerz um ein geliebtes 

Kind, das der Tod entrückte, ist nicht der größte Aber 

in sich selbst hineinstarren und sich selbst als Ruine nieder- 
brennen sehen müssen, das will etwas sagen, denn so lange 
ich diester spezielle Mensch bin und in dieser speziellen Haut 
stecke, lebe ich nur, wenn ich mich entwickle, wenn das 
aber nicht geschieht, wenn alles in mir mit einer eisernen! 
Faust zusammengedrückt wird, ist mein Leben nur noch ein 
langes, langes Sterben, und dieser Todeskampf, diese innere 
Wut, wenn so einzelne Blüten, schlämm- und schmutzbedeckt, 
wieder auftauchen, dieser Trotz, dieses Versinken in die 
gräulichsten Untiefen der Sinnlichkeit, um den Zustand nur 
einmal zu vergeseen, ist noch bitterer wie der leibliche." 
Einige Monde spater: „Einmal kommt die Zeit, wo das Ta- 
lent mich verlaßt. Wenn sie schon da wäre? Wa« bliebe 
übrig?"; „Als Dichter werde ich auf die Masse des Volke» 
nie die geringst© Wirkung haben, auch verläßt mich mein 
Talent schon, ich bin tot, nichts regt sich in mir, es ist 
kein Wunder. Es gibt für mich gar keine Ausisicht, als ein 
Nervenfieber; mehr als einmal habe ich mir schon einen 
Gehirnschlag gewünscht, denn ich kann die Qual des Da^ 
seins unter solchen Bedingungen nicht mehr ertragen". End- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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HEBBELS CHARAKTER. 287 



lieh aus Rom: „Ich kämpfe jetzt eiaen schwereren Kaanpf^ 
als ich noch je gekämpft habe, meine Geisteskräfte verlassefa. 
mich, in meinem Innern ist es öde, und die Welt, die die 
Lücke ausfüllen sollte, die vielleicht, ja gewiß neues Leben 
in mir entzünden könnte, ist völlig düster um mich her." 

Man weiß, wie grundlos alle Befürchtungen Hebbels- 
waren, wa8 er in besseren Stunden selbst einsah. Wir wissen 
ferner, daß er in späteren Lebensjahren, als er in glücklicher 
Ehe lebte, trotz weitaus längerer Pausen im Dichten kaum 
je imter dieser Phobie mehr litt. Warum nun quälte sie ihn 
just in der Zeit, da seine dichterische Zeugungskraft am 
mächtigsten sprudelte ? Wenn ich nach unseren psychoanaly- 
tischen Erfahrungen urteilte, müßte ich erklären, die Angst 
vor Versagen der poetischen Zet^ungskraft sei wohl nur die 
auf den Beruf übertragene Furcht vor Impotenz, die in den 
Jahren unregelmäßigen sexuellen Lebens* fem von Elise, ihn 
natürlich weit öfter beschleichen konnte, als später in seiner 
glücklichen Ehe^). Gut stimmte dazu, daß Hebbel nur 
„lebt", wenn er noch starke „schöpferische Kraft'' in sich 
verspürt, und daß er weiß: „Einmal kommt die Zeit, wo 
das Talent mich verläßt." „Keiner kann ja wissen, ob die 
schöpferische Kraft in ihm nur schlummert oder schon aus- 
gebrannt ist." Doch muß ich einräumen, daß ich meine Er- 
klärung n.ur ausi psychoanalytischer Analogie zu geben ver- 
mag, nicht aber mit eigenen Worten Hebbels ganz unzweir 
deutig belegen kann. Ereilich ist ja auch nicht zu erwarten, 
daß er über einen so heiklen Punkt sich öffentlich aussprach 
oder ihn selbst Elise gegenüber jemals berührte. 

Im Gegensatz zu jenen Phobien wirkten organisch be- 
dingte Krankheiten, zumal wenn sie mit Fieber einhergingen, 
nicht selten sehr förderlich auf seine Muse. Ich erzählte 
schon oben, daß er in einer lebensgefährlichen, Lungenent- 
zündung ganze Szenen eines: dithmarsischen Dramas aus- 



^) Natürlich steckt hinter dieser Phobie, in letzter Linie die jfliy- 
siologisohe Impotenz des Kindes in seinen Phantasien auf die Mutter. 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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288 SAD6ER, HEBBEL. 



arbeitete, wahrend er freilich in der nämlichen Krankheit 
auch den Zwangsimpuls hatte, alle seine Gredichte zu ver- 
nichten, die er als unzulänglich empfand. Da er spater in 
Kopenhagen mit Gelenksrheumatismus im Bette lag, un- 
fähig, ein Glied mit Ausnahme seiner Arme zu rühren, „über- 
fiel ihn sozusagen der Furor des Dichters" „Hatte ich 

vorgestern abends", schrieb er ai^ Elise, „einen Sekretär bei 
mir gehabt, so hatte ich den ganzen ersten Akt meiner ,Maria 
Mjagdalene* diktieren können; denn kaum hatte ich die 
Tropfen (die ihm der Arzt verschrieben hatte) im Leibe, 
als mein so lange trockenes Grehim Funken zu sprühen an- 
fing, aber ich habe das meiste festgehalten und gestern und 
heute auch zum Teil schon aufgeschrieben. Mir geht es, 
wie Du weißt, immer so, daß mein inneres Leben in krank- 
haften Zustanden nicht abnimmt, sondern sich steigert." „Ei^ 
ist so natürlich bei mir, daß ich in Krankheiten, die bei den 
meisten alle Geistesfunktionen aufheben, mit einer fast nocli 
größeren Lebhaftigkeit, wie in gesunden Zuständen, Ideen ent- 
wickle und darstelle." Die „Aufzeichnungen aus meinem Le- 
ben" begann er in einer fieberhaften Influenza und war dazu 
befähigt, „weil jeder KrankheitsSustand das Erinnerungs- 
vermögen auffrischt". Wieder genesen, vermochte er nicht 
fortzufahren, weil mit dem Fieber auch die Erinnerung ge- 
schwunden war. Selbst in der letzten Todeskrankheit brach 
nach jahrelangem Schweigen die Quelle der Poesie hervor 
„Mit unwiderstehlicher Grewalt bemächtigte sie sich seiner; 
er dichtete und schrieb jetzt im Bette liegend, steif, un- 
fähig ein Glied zu rühren außer Kopf und Arm, unter bitteren 
Schmerzen. Easch füllten sich die Blatter; die kräftige und 
gleichmäßige Schrift läßt keinen Schwerkranken vermuten... 
Allmählich aber ermattete die Hand; nur mit flüchtigen^ 
schwer lesbaren Bleistiftstrichen vermochte sie die treiben- 
den Gedanken aufzuzeichnen: bei der letzten Szene versagte 
sie ilirn den Dienst. Erst an den Pforten des Todes verließ 
ihn der Genius, der sich bei dem Vierjährigen zum erstenmal 
eingestellt, und nur mit den höchsten Freuden seines Le- 
bens sollte er dieses selbst verlieren." 



f^nonl^ Orrginaffnom 

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HEBBELS CHARAKTER. 239 

Die Erklärung für die gesteigerte Produktivität im 
Kraaks-ein 1) — er spricht übrigens einmal auch direkt von 
seinem ^^Produktionsfieber" — ist wohl daxin zu suchen, daß 
das' Fieber gewisse Toxine erzeugt,' also giftige Produkte, die 
gleich dem Alkohol die zerebralen Hemmungen schädigen, 
ja selbst ausschalten, während sie anderseits mächtig die 
Phantasie anregen. Die störende Tätigkeit des Bewußtseins 
wird demnach stark zurückgedrängt, hingegen dasi Unbewußte 
freigemacht, die Brut- und Greburtsstätte poetischen Schaf- 
fens 2), Ist diese Toxin Wirkung aber vorüber, die bei Heb- 
bel z. B. einmal die Erinnerung an die erste Kindheit in 
leuchtenden Farben erstehen ließ, dann versinkt mit einem 
Schlag alles, was plötzlich aufgetaucht war, und der Dichter 
vermag mit seinen Aufzeichnungen ninwner fortzufahren. 

Hier mag auch der Ort sein, verschiedene Eigentümlich- 
keiten von Hebbels Dichterschaffen einzuflechten. „Früh- 
ling und Sommer waren für seine Produktionskraft die übelste 
Zeit. Er war nur dann fruchtbar, wenn die Natur unfrucht- 
bar ist, im Herbst und Winter." „Ich bringe wie das Jahr, 
aur im Herbste Früchte," schrieb er an Gurlitt und an 
Frl. Rousseau: „Ich bin im Sommer immer ein Brunnen 
ohne Eimer, obgleich nicht ohne Waööer." „Wenn ihm die 



^) Daß dies auch im Alltagsleben vorkommt, beweist die Mitteilung 
eines Kollegen, dessen achtjähriges Söhnchen sehr viel an Halsentzün- 
duzigen litt. Am merkwürdigsten war, daß er in solchen Zeiten stets 
selbstverfaßte Gedichte vortrug. Das war so konstant, daß, wenn der 
Junge zu deklamieren begann, der Vater sofort den Auftrag gab, seine 
Temperatur zu messen. Ganz regelmäßig stellte sich heraus, daß eine 
fieberhaft© Angina sich etabliert hatte. 

*) Vgl. hiezu Hebbels Eandbemerkui^ zu einem Konzept seiner 
Selbstbiographie: „ad Traum und Krankheit. Denn wie sich im Fieber 
bei aufgehobenem Bewußtsein die Hieroglyphik des menschlichen Geistes 
^eder in den Bilder-Grundstock auflöset, aus dem sie hervorging, und 
«bea darum alles Denken und Dichten in einem regellosen Phantafliereoi 
untergehet, so pp." Diese Gedanken fanden noch schärfere Präzisierung 
iii folgender Stelle des Tagebuches: „Im Fieber lösen sich alle Gedanken 
des Menschen wieder in Bilder auf, daher sein Phantasieren. Nichts be- 
weis't aber mehr den Ursprung der Gedanken aus Bildern. Sie sind am 
Ende nur eine Art reduzierter Hieroglyphen." 



**. 



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240 SAD6ER, HEBBEL. 



Muse überhaupt günstig wax," berichtet Kuh, „so war dies 
mit dem Begimi des Herbstes der Fall. Nur der wogenden 
schöpferischen Stimmxmg vertraute er sich an, die Poesie 
mußte ihn rufen, das Dichten war für ihn, wie er selbst 
sagte, keine Tat, sondern ein Ereignis; vielleicht war es das 
allzu sehr. Gingen aber einmal die Wellen hoch, dann hielt 
die Sturmflut in der Begel so lange an, daß er das begonnene 
Werk in einem Zuge ausführen konnte. , Judith*, ,Genoveva', 
, Agnes Bemauer', ,Gyges und sein Ring' entstanden ein jedes 
in ungefähr drei Monaten. Blieb die produktive Stimmung 
längere Zeit aus, so bildete er sich jedesnaal ein, es sei mit 
ihr überhaupt vorüber. Stoffe suchen, kannte er nicht, er 
hatte deren so viele, daß die Lebensdauer Michel Angelosi 
nicht hingereicht haben würde, um sie alle aufzubrauchen. 
Die meisten trug er aus der Periode seiner Entwicklung^) 
in die der Beife hinüber, manche zehrte er unterwegs* auf, 
andere wieder gaben ein treibendes* Motiv oder Einzelelemente 
an höher organisierte ab. Einen eigentlichen Plan kannte er 
gleichfalls nicht. Er erachtete es als bodenklich, sich zu 
sehr ins Detail zu vertiefen, weil dies den Beiz vor der ;Z6it 
^abstreifte und im Gehirn abtue, was erst vor der Stiaifelei 
^abgetan werden dürfe. Er schritt produzierend mit einer 
Neugierde vorwärts^ welche allzeit eine Grundbedingung 
«einer Schöpferfreude, und seiner künstlerischen Sicherheit 
war. Aber mit der Lebenßgeschichte einer jeden seiner dra^: 
matischen Personen war er auf das Innigste vertraut. ,Ich 
weiß ganz genau/ sagte er zu mir, ,welche Eigenheiten die 
schöne Agnes als Kind hatte, wie der alte Herzog Ernst 
erzogen worden ist; ich kenne die dummen Streiche des 
Knaben Gyges und meine Bhodope hat mir viele ihrer Traume 
erzählt. Das alles muß eben der dramatische Dichter wissen, 
weil er sonst gar nichts* wüßte*. Ein echtes Drama, so schrieb 
er in sfein Tagebuch, sei einem jener großen Gebäude zu 
vergleichen^ die fast ebensoviel Gänge und Zimmer unter 

1) Vielleicht noch von früher her. Vgl. z. B. aus den ^^Notizen zur 
Biographie" folgende Stelle: „Ich werde aufhören, wenn die BammeruBg 
der Kindheit aufhört " 



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HEBBELS CHARAKTER. 241 

als Über der -Erde haben. Grewöhnliche Menschen kennen nur 
diesfe, der Baumeister kennt auch jene." 

Eine andere Eigentümlichkeit seiner Produktion, in wel- 
cher er sich mit seinem großen Antipoden Otto Ludwig 
berührt, sind die Synästhesien, die optischen Phänomene 
beim Dichten. „Die Mehrzahl seiner Dramen", erzahlte er 
Kuh, „kündigte sich ein jedes mit einer Gresichtserschei- 
nung an, wonach er sofort wußte, daß der schöpferische 
Augenblick nahe sei. Bei dem ersten Akte seiner ,Grenoveva* 
habe ihm beständig die Farbe eines Herbstmorgens vorge- 
schwebt, beim ,Herodes* vom Anfang bis zu ^nde das bren- 
nendste Rot. Als er den Epilog zur ,Genoveva* dichtete, 
da habe er eine angeschossene Taube fliegen sehen, und so 
oft der , Moloch* sich meldete, in Eom, in Neapel, wie in 
Wien, sei vor ihm ein Felsen mit uralten bemoosten Stäm- 
men aus dem Meere emporgestiegen." Wir wissen heute, daß 
Synästhesien ihre letzten Wurzeln in sexuellen Beziehungen 
der Kindheit haben i). Welcher Art diesielben nun freilich 
im Falle Hebbel waren, ist mangels einer Psychoanalyse 
nicht mehr zu sagen. 

Ich wage jetzt einen gewaltigen Sprung von dem Schaf- 
fen des Dichters zu seiner Tierliebe, weil auch die letztere 
zum Teile wenigstens ähnlichen Keimen entsprosöen ist, wie 
die Besonderheit seiner Poesie. Im Gegensatz zur sonstigen 
Gewaltsamkeit seines Wesens besaß Friedrich Hebbel schon 
von Kindheit ab eine ganz ausnehmende Zoophilie. Dieser 
legte, wie Kuh berichtet, „die Mutter, desi schmalen Er- 
werbes ungeachtet, kein Hindernis in den Weg; dagegen tat 
solches der Vater. Eine Katze, ein Hund, auch Kanipchen^ 
waren stets Friedrichs geliebteste Freunde. Starb eines der 
Kaninchen, so dichtete er einen Vers und das Gisibgepränge 
ging los. Als die Eltern noch auf ihrem kargen Besitztum 
sich um den Unterhalt quälten, da s|ah ,der Vater durch 
die Finger und gönnte der Katze öden dem Hunde den 

1) Vgl. hiezu Hug-Hellmuth „Über rarbonhören'* und O. Pf ister 
jjDie Ursache der Farbenbegleitiing bei akustischen Wahrnehmungen und 
das "Wesen anderer SynÄsthesien", Imago, 1. Band (1912), Heft 3. 

Sadgep, Hebbel. 16 



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242 SADOEß, HEBBEL. 



schmalen BisBen und den Platz im Garten oder auf dem 
Dachboden. Jetzt aber drang er unablässig auf die Entfer- 
nung der stummen Mitbewobmer des Hauses. Häufig geschah 
es> daß Friedrich, ohne daß es der Vater gewahr wurde^ 
seine schwarze Katze, unterm Hemde schlau verbergend, mit 
sich forttrug, wenn die Mutter den Kindern in deren Kam- 
mer hinüberleuchtete. Wie er einst sein Kätzchen, das ge- 
stohlen hatte und auf das Geheiß des Vaters ertrankt werden 
sollte, auf allen Plätzen des Ortes« erfolglos feilbot, nur um 
es zu retten, wie er mit dem Entschlüsse der Verzweiflung 
es dem Vollstrecker des Urteils abnahm, selbst in den Teich 
warf und dann dem Kätzchen sofort nachsprang; diese Be- 
gebenheit hat der Dichter selber in einem anmutigen Ge- 
dichte geschildert." Ein zweites dieser Art entstand in 
Hebbels letzten Lebenstagen und beginnt: 

„Schau ich in die tiefste Ferne 
Meiner Kinderzeit hinab, 
Steigt mit Vater und mit Mutter 
Auch ein Hund aus seinem Grab.** 

Der Dichter erzählt, wie dieser Hund sein treuester Spiel- 
kamerad und Schild gegen alle Feinde wurde, der nur einen 
großen Fehler hatte, zu rasch zu wachsen xmd von den ohne* 
hin kärglichen Bissen im Elternhause noch ^^einen Teil za 
beanspruchen. So ward er denn fortgegeben, doch nur, um 
noch am selben Abend mit zerbissenem Strick am Halse 
wiederzukehren. Der hochbeglückte Knabe durfte ihn sogar 
zu sich ins Bett ' nehmen, allein am nächsten Morgen war 
der treue Gefährte verschwunden und Friedrich bekam ihn 
nie wieder zu sehen. 

Auch in späteren Jahren ging ihm das Los* der „stummen 
^Lreatur", wie er sie gern nannte, oft mehr zu Herzen, als 
dasi der Menschen, ja sogar das eigene. Auf der so be- 
schwerlichen Winterfußreise von München nach Hamburg 
passierte es einmal^ daß er seinem Hündchen Boxdllon geben 
ließ, während er sich selbst mit Brot begnügte. „Es war 
ihm ein unsäglich peinlicher Gedanke, daß die treue Kreatur 



C^ non L^ Orrginaf fnom 

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HEBBELS CHARAKTER. 243 

TinterwegB sterben solle, wie ein Bauer in Welle ihm ver- 
sichert hatte. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten und 
nahm, ungeachtet er den schweren Banzen schleppen mußte, 
Hinsehen auf den Arm, bedeckte es mit »einem Eocke und 
versprach ihm, als ob es ihn verstehen könne, in Hamburg 
das schönste Leben." Im Tagebuch aber sind Notizen zu lesen, 
wia^ „Einen treuen Hund zu verkaufen, ist schändlich"; 
55 Ein Hund, den sein Herr verkauft und, wenn er zurückkehrt, 
mit Prügeln vertreibt, ist ein tragischer Gegenstand"; „Der 
Hund ist der sechsite Sinn des Menschen. Darum hat die 
Natur dem Menschen ihn beigeordnet" ; endlich : „Ein Mensch, 
der das Pferd und den Hund nicht liebt, scheint mir un- 
natürlich." Als am Abend seines Lebens „das Hündchen 
seiner Frau gestorben war, begrub Hebbel es' i?elbst; in 
ein welBes! Tuch gewickelt, in eine Schachtel getegt, trug 
er es in den Keller imd bedeckte sein Grab mit dem wenigen 
Grrün, das der Winter im Hause geduldet hatte". 

Am mächtigsten aber schoß seine Tierliebe in die Halme, 
nachdem er von Kuh und Debroia verlassen worden. 
„Jedee Tier ist dankbar und vielleicht jeder Mensch un- 
dankbar/' schrieb er ins Tagebuch. Vor allem wuirde ihm 
daö Eichkatzchen lieb, wie Kriemhild sagt 

„Dieses Sonntagsstück 

Des arbeitsmüden Schöpfers, das er lieblich, 

Wie nichtig gebildet bat, weil ihm der schönste 

Gedanke erst nach Feierabend kam. 

Und das bei mir zum Kind geworden ist". t 

Das erste Eichhörnchen schenkte ilim Christine in seiner 
Krankheit, alsi es kaum 14 Tage alt war. Die ersten vier 
Wochen wohnte es in des Dichters Achselhöhlen, „wohin es 
sich der Wäxme wegen verkroch". Auch spater „war es be- 
ständig um ihn; selbst wenn er schrieb, durfte es ihn stören. 
Wenn es kalt hatte, gestattete er ihm sogar, unter den 
I'ock in die Achselhöhle zu schlüpfen, und schrieb in der 
^bequemen Haltung ruhig weiter". Und als' der allgemeine 
Uebling, „Herzi", „Lampi" oder ,.Schatzi" genannt, schließ- 

16* 



C^ non L^ Orrgmaf fnom 

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lU SADGER, HEBBEL. 



lioL verschied, schrieb Hebbel in sein Tagebuch: „Dies 
Tier waa: so einzig, daß es jedermann wie ein Wunder vor- 
kam tind mir wie eine Offenbarung der Natur. Ich glaube 
jetzt au den Löwen des Andronikus, an die säugende Wölfin 
der Eömer, an die Hirschkuh der Genoveva, ich werde nie 
wieder eine Maus oder auch nur einen Wurm zertreten, ich 
ehre die Verwandtschaft mit dem Entschlafenen, sei sie auch 
noch so entfernt, und suche nicht bloß im Menschen, son- 
dern in allem, was lebt und webt, ein unergründliches gött- 
liches Geheimnis, dem man durch Liebe naher kommen kann. 
So hat das Tier mich veredelt und meinen Gesichtskreis er- 
weitert .... Daß ein Hund sein eigenes Geschlecht ver- 
leugnet und sich dem Menschen anschließt, ist man gewohnt; 
daß aber auch ein Eichkatzchen es tut, daß es dem Menschen 
seine Händchen entgegenbreitet, wenn er ins Zimmer tritt, 
daß es sich liebebedürftig zeigt und, wenn man es küßt, den 
Kuß mit seinem süßen Samtzüngelchen erwidert, das ist 

wunderbar Du allerbestes Kind, wie^ ich dich unzahlige- 

mal rief ! warst mir Ersatz für die Verräter, die mich 

auf so niederträchtige Weise verließen." Als es gestorben, 
trug Hebbel sein Herz in den Augarten, die Eingeweide 
in den Prater, an jedem Orte mit eigenen Händen ein Grab 
ausscharrend. Auf seinen Spaziergängen pflegte er beide 
Stätten zu besuchen, klagte und „mußte weinen". Das aus- 
gestopfte Fell des Lieblings stand stets auf seinem Schreib- 
tisch imd kam nach seinem Tode zu ihm in die Gruft. *Neben 
diesem ersten besaß der Dichter noch ein zweites Eich- 
kätzchen, das zumal nach dem Tode Lampi-Schatzis sich 
„durch seine unwiderstehliche Holdseligkeit" in sein . Herz 
schmeichelte. Als auch dieses verschied, schrieb Hebbel injB 
Tagebuch: „Von den Menschen getäuscht, bin ich zu den 
Tieren geflohen, wie bitter, daß mir 'kein's' bleibt I*' Es mußte 
noch ein drittes ins Haus, mit dem er noch auf seinem Sterbe* 
bette spielte 1). 

i) loh ergänze noch aus Briefen: „Ich war von Jugend auf ein Tier- 
freund und in meiner Kindheit gehorte es zu m^einen größten Freuden, den 
treuen Hausjmdel einmal mit ins Bett nehmen zu dürfen, was mir frei- 



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HEBBELS CHARAKTER. 245 

Die Ursachen dieser übermäßigen Zoophilie sind uns zum 
größten Teil jetzt schon bekannt. Für Hebbel z. B, kam, 
um das Oberflächlichste zunächst zu nennen, die blinde un- 
bedingte Anhänglichkeit der „stummen Kreatux" im Gegen- 
satz zum verräterischen Menschen sicher in Betracht. Beim 
Tiere fand er stein Kätchenideal tatsächlich verwirklicht. Sehr 
häufig, wenn auch hier nicht erweisbar, spielt femer mit, 
daß schon die Kinder Gelegenheit bekommen, bei Hunden, 
Pferden und Bindern die Mysterien des Sexualaktes kennen 
zu lernen. Eine weitere, sicher auch für Hebbel bestehende 
Wurzel ist die wollüstige Erregung seiner Hauterotik, z. B. 
durch das Eichkätzchen, welches in seine Achselhöhle 
schlüpft oder ihn mit seinem Samtzüngelchen küßt. Am 
wichtigsten aber dürfte wohl sein, daß Zoophilie die häu- 
figste Überkompensation ist für starken, jedoch verdrängten 
Sadismus. Das beliebteste Objekt seiner Grausjamkeit bleibt 
für ein Kind das Tier. Und es sieht auch an diesem, der 
wehrlosen Kreatur, den Sadismus der Erwachsenen sich aus- 
toben, z. B. im Ertränken neugeborener Hunde und Katzen 
oder im barbarischen Prügeln der Pferde. Das Töten und 
Ertränken von Hunden und Katzen hat der Knabe Friedrich 
nun sicher erlebt. Doch dieser schon muß ein Stück seines 
eigenen Sadis!mus verdrängt haben, wenigstens so viel, daß 
sich am freigewordenen Platze eine mächtige Tierliebe ent- 
wickeln konnte. Obwohl dann später noch ein weiteres 
Stück in übergroßes Mitleid verwandelt wurde, blieb doch 
der größte Teil von Hebbels Itistvollen GrauBamkeitsregun- 



lich nur gestattet mirde, wemi ich krank war. Auoh auf der Universität 
befand sich der ,treffliche Soolar der Studenten* immer an meiner Seite, 
90 sehr ich mich auch einschränken mußte, und um ihm sein Becht 
BJ^gedeihen lassen zu können, mußte ich auf manchen ,kühlea Trunk* 
Verzicht leisten." Seiner Trau schrieb er oft ,,Mein teuerster kleiner 
Pinscher" und „legte ihr gerade in den Stunden des Überfließens in in- 
iiigster Liebe und Verehrung" den Namen seines ersten kleinen Pinschers 
bei, weil dieser „das Symbol der Treue" für ihn geworden. Der Tod seines 
ersten Eichkätzohens -„ist für mich und meine Familie wie ein Sterbefall 
gewesen und noch jetzt kann ich diese Zeilen nicht ohne tiefe Rührung 
schreiben, denn in Bezug auf Tiere bin ich ganz Indier." 



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246 SADOEfi, HEBBEL. 



gen zeittebens bestehen, wie wir im früheren vielfach ver- 
na^hmen. 

Von diesem Sadismus und seinem Widerpaxt, dem Ma- 
sochismus, mit ' jenem alles&eit in einem Individuum zu- 
sammengekoppelt, will ich eigänzen, was bisher noch keinie 
Stelle fand. Zunächst eine Brief stelle über die „Gfenoveva**: 
„Bfl ist mir selbst unlieb, daß dies Drama, welches lind wie 
eine Mondnacht anfängt, sich mir unter den Händen bis zum 
Entsetzlichsten gesteigert hat, aber was fcann. ich dafür? 
Eine Dichtung ist kein Gegenstand der Willkür, der sich 
so und auch anders machen laßt, und meine Muse will; 
nun einmal Blut. Übrigens liegt ja alle Treigik auch 
nur in der Vernichtimg und macht nichts, anschaulich, aJ£ 
die ^Leere des Daseins. Vielleicht bin ich bitterer, wie manche 
meiner Vorganger, die die Wunde, welche sie nicht heilen 
können, der Schwachen wegen gern mit einenj Heftpflaster 
bedecken, während ich offen imd ehrlich auf den Biß hin- 
deute/* Im 23. Lebensjahr schreibt er ins Tagebuch: „Habe 
die Idee zu einer neuen Novelle gefaßt: Der Blutmann. Ein 
Mensch, der nur Blut — morden will' pp, 1. Gribt er jemandem 
die Hand, so halt er sie fest, fest. 2. Als er ein Mädchen 
küßte, biß er sie. 3. Alle Tiere tötet .er . 4. Sein Hin- 
einblicken in einen Eimer mit Blut. 5. Ich mögte mich 
selbst ermorden, um nur Blut zu sehen." Endlich eine Stelle, 
die uns eine Wurzel des Sadismus und zum Schluß auch die 
,, neurotische Währung^)** aufzeigt: „Was söhnt uns mit dem 
Verbrecher aus, obgleich darum noch nicht mit dem Ver- 
brechen? Die Kraft! Kraft zum wenigsten muß derjenige 
haben, der mit der Welt und ihren Gesetzen, denen Millionen 
sich fügen, in den Kampf zu treten wagt, denn, wenn auch 
sie ihm fehlt, wie kommt ihm der Mut und der Grund, «ich 
auf seine eigenen Füße zu stellen 1 Die Kraft soll er aber da- 



^) Darunter versteht man den Glauben des Neurotikers an die All- 
macht seiner Gedanken. Das bloß Gedachte, Phantasierte, Gewfinsohte 
gilt ihm« soviel wie das wirklich Geschehene und er hUt sich für jenes 
bloß in seiner Einbildungskraft Yerubte genau so schuldig, als hatte 
er es in Wirklichkeit getan» 



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HEBBELS CHARAKTER. 247 



durch zeigen, daß er «ich zu seinen Taten bekennt. Frage: 
wenn ein König (in Prankreich natürlich) ein solches Ver- 
brechen beginge, was würde mit ihm? Einfall: Es ließe 
sich jemand erkaufen (etwa zum Besten seiner Familie, etwa 
ein Mensch, der an eine solche Tat schon gedacht, 
sich schon innerlich damit befleckt hätte), 
das Verbrechen zu übernehmen?*' Wie sehr das Kraftmeier- 
tum zumal die Anfänge seiner Dramatik völKg beherrscht, 
werde ich bei Besprechung der „Judith" ausführen. Hier gebe 
ich nur noch zwei Briefstellen: „Es ist keine Sünde, es ist 
Bedingung des .Lebens, daß der Mensch seine Kraft gebraucht ; 
Kraft gegen Kraft, in Gott ist die Ausgleichung." Endlich 
an Elise: „Was Du meine Krankheit nennst, ist 
zugleich die Quelle meines wie jedes höheren 
Lebens. Für das, was den Menschen Glück heißt, habe 
ich niemals viel Sinn gehabt und verliere ihn mehr und mehr; 
dafür gibt es einzelne Stunden, die mich mit einem über- 
schwenglichen Eeichtum in Fülle überschütten; dann löst 
sich mir irgend ein Eätsel, ich fühle mich selbst in meiner 
Würde und meiner Kraft, ich erkenne, daß meine größten 
Schmerzen nur die Geburtswehen meiner größten Ge- 
nüsse sind.** 

Hier haben wir bereits den Übergang zum Masochismus, 
der Wollust am Schmerz. Fast überreich drängen sich Be- 
lege hiefür bei Hebbel auf: „Der Schmerz ist ein Eigen- 
tum wie das Glück und die Freude." „O wie süß sind die 
Schmerzen des Abschieds! Wer könnte scheiden, wenn sie 
nicht wären! Das Herzblut schießt hervor, wir glauben in 
Wehmut zu zerfließen, nnä ist, als sollten wir sterben, und 
*>^ geht's fort. Fort!" „Die Pfeile des Schmerzes sind an- 
fangs bitter und zuletzt süß; die Pfeile der Freude haben 
Honig auf der Spitze und am Ende den Stachel." „Schmerz 
"öud Freude sind weniger, als sie bedeuten. Der Schmerz 
ist ein Vorempfinden unendlicher Qual, die Freude ein Ahnen 
überschwenglicher Wonne. Die Möglichkeit des Schmerzes 
beutet auf ein tiefes Mysterium in der Natur." „Die Wollust, 
die darin liegt, in einer Wunde zu wühlen, ist der Wonne 



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248 SADGER, HEBBEL. 



des Besitzes fast gleich." Von seinem Gedichte ,, Schlafen" 
meint Hebbel: „Das ist auch ein Gredicht, so recht aus 
meinem innersten Gemüt hervorgegangen; es atmet die Wol- 
lust des Todes, jene Wollust, die uns nur in unseren schön- 
sten und in .unseren bängsten Stunden beschleicht." End- 
lich schreibt er noch an Elise am 7. Dezember 1837: „Du 
suchst Dich in den Wonnen der Vernichtung zu berauschen. 
da Dir manche andere versagt ist, und dies ist in meinen 
Augen die einzige Sünde, deren Folgen noch über das Grab 
hinausgehen." Als sie sechs Jahre später ihr Kind verlor, 
suchte Hebbel sie mit den Worten zu trösten: „Es ist 
eine Wollust, sich selbst zu zerstören, die Wunden, wenn 
sie sich zu schließen anfangen, wieder aufzureißen und das 
edelste Lebensblut als Totenopfer dahinströmen zu lassen; 
ich kenne sie und habe oft auf diese Weise gefrevelt; auch 
kann der Mensch im ersten Augenblick nicht anders, wenn 
ihm das Teuerste entrissen ist, weil er sein über Tod und 
Grab hinausreichendes Liebesbedürfnis nur noch so zu be- 
friedigen vermag. Aber endlich muß man widerstreben." 

Daß unterdrückte sadistische Regungen sehr leicht zur 
Zwangsneurose führen, hat Freud schon erwiesen. Diesen 
nahen Zusammenhang zeigt wieder kein Dichter in solchem 
Maße wie Friedrich Hebbel. Schon seit der Kindlieit war 
dieser ein beständiger Grübler und Sinnierer. In seiner 
Werdezeit „duellierte er sich stündlich mit sich selbst" und 
schrieb einmal: „Ach, der Mensch, der über sich selbst eine 
Viertelstunde nachdenken kann, ohne verrückt zu werden, ist 
eine Null." Amalie Schoppe gegenüber erklärte er geraxie- 
zu: „Als die Aufgabe meines Lebens betrachte ich die Sym- 
bolisierung meines Innern, soweit es sich in bedeutenden Mo- 
menten fixiert, durch Schrift und Wort; alles andere, ohne 
Unterschied, hab' ich aufgegeben und auch dies halte ich 
nur fest, weil ich mich selbst in meinen Klagen rechtfertigen 
will.** Unablässig beschaute er sich selbst und fühlte sich 
krankhaft angetrieben, sich zu. explizieren um jeden Preis. 
Er schwankte sein lebelang zwischen mikroskopischer Selbst- 
beobachtung und unersättlichem Lebensdurst und warf ein- 



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HEBBELS CHARAKTER. 249 



mal die Frage auf, wohin dieses stete Selbstbespiegeln und 
Auskundschaften seines eigenen Ichs denn führen solle. Noch 
am Abend seines Lebens schrieb er aus Anlaß seines Auf- 
enthaltes in London: „Wen die Natur dazu bestimmt hat, 
sich ins einzelnste zu vertiefen und selbst die Blutkügelchen 
noch wieder zu zersetzen, der soll sich nicht vor ein Kaleido- 
skop stellen. Die sogenannten Totaleindrücke sind nichts für 
mich; was ich nicht völlig bewältigen kann, das ist für 
mich gar nicht da." 

Auch in den Gestalten von Hebbels Dramen kehrt dieses 
Bespiegeln des eigenen Ichs unablässig wieder. Sie lesen 
zumeist ein Kollegium über sich selbst. „Auch die Leiden- 
schaft, die Hebbel darstellt," meint Emil Kuh, „ist durch 
die Selbstkontrolle seiner Personen gebrochen." „Im ,Trauer- 
spiel in Sizilien* besteht die Charakteristik, jene Angio- 
linas ausgenommen, aus lauter rormeln, welche die Spre- 
chenden über ihr Wesen vorbringen." Am schärfsten und 
unerbittlichsten aber . hat ein Kongenialer, Otto Ludwig, 
der selbst ein ebensolcher Grübler und Zergliederer war, 
dieä ansgesprochen : „Im Hebbel sehen Stück ist alles ab- 
straft ausgesprochen, jede Veränderung der Situation, jedes 
Stück Charakterentwicklung gleichsam ein psychologisches 
Präparat, das Gespräch ist nicht mehr wirkliches Gespräch, 
sondern eine Eeihe von psychologischen charakteristischen 
Zügen, pragmatischen und höheren Motiven.... Ich kann 
mir nicht helfen, dergleichen ist mir kein poetisches Kunst- 
werk; auch die Heb bei sehen Stücke kommen mir immer 
nur vor wie der rohe Stoff zu einem Kunstwerk, nicht wie 
ein solches selbst. Das Psychologische drängt sich noch als 

Psychologisches auf, überall' sieht man die Absicht Die 

Person darf nicht mehr abstrakte Bemerkungen über ihre 
Entwicklungsmomente machen, aus welchen bei Hebbel oft 
der ganze- Dialog besteht. Man muß an der Gebärde der 
Rede, wenn ich so sagen darf, merken, was in der Person 
vorgeht, aber sie muß es nicht mit dürren Worten sagen, 
denn wer kann in solchem Zustand solche Bemerkungen über 
sich machen? Man hört dann eine Marionette und keinen 



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850 SADGER, HEBBEL. 



Menschen, eine Figur, die sagt, was der Dichter will, aber 
nicht, was sie selbst Bei Hebbel erzählen die Per- 
sonen ihre Charakterzüge in kleinen Anekdoten und wissen 
sich selbst etwas damit, was für ganz eigene Menschen sie 
sind, während meiner Meinung nach sich der Charakter einer 
Person ohne ihr Wissen, ja wider ihren Willen zeigen muß, 
die Personen selber ihren Charakter meist nicht kennen, und 
indem sie ihren vormeinten schildern wollten, unwillkürlich 

und ohne es zu wissen, ihren wirklichen schildern müssen 

Der Dichter darf nicht veigesBen, daß dieses Sichselbstbeob- 
achten eben ein individueller Zug ist und kein allgemeiner, 
den er allen Charakteren beilegen darf. Dee^ Philosophen, 
des Mannes der Wissenschaft ist es, das Gesetz aus der 
Fülle seiner Erscheinungen herauszuschälen; des Dichters^ 
das Gesetz wieder hinter der Erscheinung zu verstecken," 
Ich kann dies Kapitel nicht verlassen, ohne einer mir 
von verläßlicher Seite gewordenen Mitteilung zu gedenken, 
die sich auf noch unedierte Briefe stützt. Nach ihr bot 
Hebbel im letzten Lebensjahr ganz manifeste Zwangß- 
impulflie dar. Durch Monate hindurch kam er seiner Gattin 
fast tägHch mit der Aufforderung, die Möbel umzustellen. 
Esf sollte z. B. aus dem Schlaf- das Speisezimmer, aus diesem 
wieder ein anderes gemacht weiden. Jeden Morgen hatte 
er eine neue Idee, und zwar müsse diese sofort ausgeführt 
werden, es könne nicht so bleiben wie bisher. Mit diesen 
Zwangsimpulsen habe er seine Gattin oft direkt gequält. 



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7. Kapitel. 

DAS SEXÜELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN 

UND LEBEN. 



Um emem Grenie vom Hange Hebbels gerecht zu wer- 
den, genügt es nicht, ihn ästhetisch zu werten^ den Maßstab, 
welchen wir von Dichtungen anderer. abgezogen haben, nun- 
mehr an sielne Schöpfungen zu legen. Wer solches tut, der 
biin^ vielleicht die Abweichungen vom Normalkodex ins 
reine, doch nie eine zutreffende Würdigung Hebbels. Auch 
ist zu beachten, daß geniale Dnamatiker in ihrem Spezialfach 
stet» wiSiSender sind, als ihre nachmesisenden, nörgelnden 
Kritiker. Ich würde mich darum allzeit bedenken, großen 
Poeten einen augenscheinlichen, auch dem stumpfen Auge 
durchsichtigen Fehler vorrücken zu wollten, sondern lieber 
annehmen: So klug wie ich ist der geborene Dramatiker 
auch, ja sicherlich klüger. Wenn er trotz angeborenen Cre- 
mest diesen Fehler machte, so hat er ihn wahrscheinlich 
machen müssen. Dann aber scheint es mir unvernünftig, 
ihm auÄ der Notwendigkeit Vorwürfe zu schmieden. Man 
kann da höchstens zu ergrübein versuchen, was jene Mängel 
ihm aufgenötigt hat, warum er sb und nicht anders' schuf. 
Also weniger Kritik dünkt mich dem Genie gegenüber am 
Platze, als liebevolles Eindringen in die Bedingungen seines 
Künstlerschaffens. Wer solcherart vorgeht, mag wohl am 
Ende die Fehler des Poeten auch noch nicht billigen, doch 
wird er begreifen, daß diesfer nicht anders zu dichten ver- 
mochte. Und er wird vielleicht zum Ergebnis kommen, daß 
vieles! von dem, was ästhetisch unhaltbar, nicht künstlerisch 
zu werten ist, sondern biographisch. Denn der Dichter, der 



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252 SADOER, HEBBEL. 



fehlt, tut's selten aus mangelndem Verständnis* der Kunst, 
sondern meist nur aus innerer Notwendigkeit heraus, die in 
seinem Leben und seiner seelischen Entwicklung wurzelt. 

Dies gilt vielleicht für keinen Poeten in solchem Maße 
wie für Friedrich- Hebbel Wenn diesier Dramatiker im 
Gegensatz zu seinem gewaltigen Genie so wenig ins Volk 
zu dringen vermochte und auch den Gebildeten weit minder 
ana Herz wuchs, als selbst viel kleinere, doch bequemerie 
Geister, so ist der Grund in seinen Trieben und den daraus 
entspringenden Lebensschicksalen zu suchen, die zur Grund- 
lage seines Schaffens wurden. Wir wissen durch das Zeugnis 
Bambergs, daß Hebbel nicht anders zu dichten ver- 
mochte als in Abhängigkeit von seinen Erlebnissen. Dies 
habe geradezu sein „innerstes Wesen" ausgemacht, weshalb 
z. B. der „Moloch" niemals fertig geworden. Nur war das 
Erlebnis nicht immer lediglich äußeres Geschehen, viel öfter 
war es rein innerlich erfolgt, eine mehr oder minder ausge- 
sponnene Phantasie. Wir wissen ja aus den PsychoanalyseiL 
unserer Neurotiker, daß die Phantasien eine weit größere 
Bolle spielen und viel zahlreicher sind, als die wirklichen 
Erlebnisise, ja, daß die letzteren meist bloß den Kern bilden,, 
um den sich jene ansetzen können. Einen Teil von Heb- 
bels Phantasien vernahmen wir bereits in den ersten Ka- 
piteln, eine Eeihe andeier laßt sich aus seinem Dichten er- 
schließen. Man nehme nur, wie ihm die Eabel des „Rubin'^ 
aufgegangen ist. 

„Die Erfindung*V sagte er einmal zu Kulke, „hängt nicht 
vom Dichter ^ab, und darum auch nicht die Wahl sfeiner 
Stoffe. Sie kommt wie ein Blitz und dieser kommt 
und trifft ungerufen. Hören Sie z. B., wie mir die 
Idee zum ,Rubin' kam. Ich ging mit einem Freunde spa- 
zieren. Im Laufe des' Gespräches ließ ich den Blick glteich- 
gültig über jdie Erde schweifen, da ward mein Auge von 
einem Blitzstrahl getroffen, der von einem funkelnden Stein 
hervorgeschossen kam. Schneller aber traf der Strahl mein 
Auge nicht, als mir folgende Idee durch den Kopf fuhr. Wenn 
(dachte ich, indem ich mich bückte, um den Stein aufzu- 



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DAS SEXUELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN U. LEBEN. 253 

heben, olme meinen Preund in seiner Auseinandersetzung im 
geringsten zu unterbrechen) in diesem Stein eine Jungfrau 
verschlossen wäre, die aus dem Zauberbann nur dadurch ge- 
lost werden kann, daß der Eigentümer des Steines sich, ohne 
daß er darum weiß;, freiwillig desiselben entauJßert; wenn 
ferner der Stein, gerade wegen des in ihn gebannten Wesens, 
den Besitzer mit einer so magischen Macht anzieht und fesr 
€elt, daß er lieber sein Leben zu verlieren, als diesen Stein 
herzugeben sich entschließen könnte; welch ein wunderbares 
Motiv wäre das' zu einer Reihe von Konflikten! Plötzlich' 
ötand auch das ganze Bild fertig vor meiner 
Seele/^ 

Einem jeden, der gewohnt ist, seelische Probleme anzu- 
gehen, ist auf der Stelle klar, ein solch kompliziertes Ge- 
daakengebaude, daß in dem Stein eine Jungfrau eingeschlossen 
^ei, die nur durch die Erfüllung besonderer Bedingungen er- 
löst werden könne, während anderseits der Stein den Be- 
sitzer mit magischer Macht anziehe, kann nicht das Werk 
eines Augenblicks gewesen sein. Hier wurde ganz einfach 
eine alte, längst schon ausgesponnene Phantasie, die in der 
Seele des Dichters, wer weiß wie lange schon fertig lag, 
duroh einen äußeren Anlaß ins Leben gerufen. Wie neben- 
sachlich und gar nicht spezifisch dann dieser zu stein brauchte, 
erhellt auch daraus', daß HebbeT nicht einmal von einem 
roten Steine sprach, der ihm die Idee zum „Rubin" auslöste. 
Es genügt demnach beinahe ein Nichts, ein überall zu fin- 
dender, beiläufiger Anstoß, um die überreife Frucht vom 
Baume zu schütteln. 

Nicht anders geschah es dann später ^beim Stoffe zu 
„Gryges und sein Ring"^ der Hebbel nach Kulke „plötz- 
lich auf der Bibliothek des Wiener Polizeiministeriums er- 
griff, ' Er pflegte diesfe Bibliothek hie und da zu besuchen 
und wurde eines' Tages' von einem daselbst angestellten. Be- 
amten, der die Fabel von Gyges' soeben aus dem ,Herodot* 
gelesen hatte, auf diesen Stoff aufmerksam gemacht und ge- 
fragt, ob er es wohl nicht für möglich halte, diesen Stoff 
dramatisch zu gestalten. Hebbel las die Fabel durch und 



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Ul SADGER, HEBBEL. 



in demselben Momente hatte sein dramatischer Geist sich 
des Stoffes auch schon ganz bemächtigt/' 

Hat man den Uraprung so vieler Dramen in persönlichen, 
zumal sezuellien Wünschen und Phantasien einmal erkamit, 
dann wird es niemand mehr Wunder nehmen, daß Hebbel 
so mancher seiner anderen Schöpfungen weit höhere Schätzung 
zu teil werden liefi imd daran trotz aUer Mißerfolge fest- 
hielt, als vielen seiner bedeutendsten Tragödien. Sein ver- 
blüffendes Urteil diktierte dann nicht mehr die Ästhetik^ 
sondern der Affekt, die Lust, die sich seit einer frühen Kind- 
heit an den Stoff geheftet. Auf die Gefahr hin, mich etwa« 
von meinem Hauptthema zu entfernen, will ich die& an jenem 
Drama erweislen, das er durch lange Zeit am höchsten stellte, 
trotzdem es ixk Wahrheit eines der schwächsten. 

In einem früheren Eapitel führte ich aus^ was Hebbel 
dem „Diamant'' alles nachrühmte. Daß er ihn z. B. die 
Spits^ seiner dramatischen Tätigkeit nannte, „in Form und 
Gehalt sein bestes Werk", eine jede Kritik entschieden zu- 
rückwies und ihn über die „Judith** und „Maria Magdalene" 
erhöhte^ Woher diese ganz abnorme Wertschätzung, trotz- 
dem er später selbst zugeben muß, daß die phantastisch- 
ernsthafte Hälfte jenes Lustspieles noch Unendliches zu ynin- 
sehen übrig lasse? Um dies zu verstehen, muß man zwei 
wichtige Komponenten von Hebbels Sexualität heran- 
ziehen: die Analerotik und den Sadismus. Was ist denn 
der Fabelkem jenes Lustspiels? Nach dem Dichter folgen- 
der : „Ein Jude, der einen Diamant gectohlen und verschlackt 
hat und ihn nun nicht wieder aus dem Leibe los werden kann, 
ist die Hauptperson." Das zweite, was Hebbel freilich 
noch uneingeatanden reizte, war, daß überlegt wird, dem 
Juden sogar den Bauch auf zuschlitzen i), um zu dem kost- 
baren Stein zu gelangen. Dies letztere deutlich sadistische 



^) Vgl. hieza folgende Stelle aus dem Tagebuch: „Der Babe eines 
Knaben stiehlt imd verschluckt einen Bing, der Knabe, um den Haben 
vorm Aufschlitzen zu retten, sagt> er hab's selbst getan, macht sich aa- 
heischig, ihn in kurzer Zeit wiedw zu liefern, hofft, daß der Babe sich 
seiner entledigen wird. Kollisionen. Gilt noch späten für einen Dieb." 



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DAS SEXUELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN U. LEBEN. S56 

Moment ist ohne weiteres verständlich. Hingegen heischt 
die Analerotik nähere Beleuchtung. 

Das Bestehen derselben und ihre Bedeutung aufgezeigt 
zu haben^ ist das Vordienst Professor Freuds, Dieser konnte 
nachweisen, daß sehr viele Kinder, ja sogar selbst Säuglinge 
oft große Lust aus dem Stuhlabsetzen ziehen. „Kinder, welche 
die erogene Reizbarkeit der Afterzone auÄnützen^ verraten 
sich dadurch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis die^ 
selben durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen 
amregen und beim Durchgaing durch den After einen starken 
Reiz auf die Schleimhaut ausüben können. Dabei muß wohl 
neben der schmerzhaften die Wollustempfindung zu stände 
kommen 1)." Meist brauchen jene verhältnismäßig lange, bis 
sie der infantilen Incontinentia alvi Herr geworden und haben 
nicht selten noch in späten Kinderjahren vereinzeltes Miß- 
glücken diesier Funktion zu beklagen. Doch sogar als Er- 
wachsene bereitet es ihnen direktes Vergnügen^ den Stuhl 
möglichst lange zurückzuhalten, weil sie bei der folgenden 
schweren Entleerung ein hohes Lustgefühl darauö ziehen. Bei 
solchen Individuen liandelt es sich stets um eine .konstitu- 
tionelle Verstärkung der AnaJterotik. In sehr vielen Fällen 
ist aber nach beendeter Kindheit von deren Symptomen nichts 
mehr zu finden, weil sie völlig verbraucht und ausgenützt 
wurde zur Bildung des typischen „Analcharakters**. Ein sol- 
cher weist, wenn voll ausgebildet, drei ganz bezeichnende 
Eigenschaften auf: er ist peinlich ordentlich, d. h. präziser: 
sowohl 'körperlich übertrieben sauber, als pedantisch in der 
Pflichterfüllung, dann sparsam bis zum Geiz und eigensinnig 
bis' zum Trotz. 

All diese Eigenschaften weist Hebbel in vorzüglichem 
Maße auf. Ein Brief an Elisie vom Jänner 1839 läßt sich des 
breiten über ein gewünschtes Privet und „die Unordnung, 
seines Unterleibs" aus, was zumindest erweist, daß ein Stück 



^) Professor Dr. S. Freud, „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", 
F: Deuticke, Wien, Leipzig. 



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256 SADGER, HEBBEL. 



der Analerotik noch lebendig war^). Daß Hebbel die pe- 
dantische Ordnungsliebe des Kirchspielvogts Mohr so Iteicht 
übemalim und zeitlebens bewahrte — nach Kuh war der 
Dichter „im Lesen wie im Schreiben die verkörperte Ge- 
wissenhaftigkeit und bewährte seinen Ordnungssinn in jedem 
Geschäfte, welches er betrieb" — hat sicherlich darin seinen 
Grund, daß eine Seite seines Aualcharakters jener Ordnungs- 
liebe entgegenkam. Wie sparsam der Dichter des weiteren 
war, ist uns aus früherem noch in Erinnerung und endlicli 
ist auch für seinen Trotz, ja ü^ensinn gar mancher Zug 
ins Treffen zu führen, z. B. in seinem Verhältnis zu Christine. 
Die Freude an der Analerotik macht ihm schließlich den 
„Diamant" so ausnehmend wert und bedingt dessen kolossale 
Überschätzung. Nur zu begreiflich, daß da Vernunft und 
ästhetische Einwendungen wirkungslos abprallten. Wo Eros 
im Spiele ist, hat Pallas Athene alle Macht verloren. Nar 
türlich blieben jene analerotischen Motive Hebbel ganz 
unbewußt und wurden hinterdrein rationalisiert. Da sei zwar 
die Grundidee eine der besten, die er je gehabt habe, die Aus- 
führung aber ^unerträglich, weil sie zwischen Satyre und 
naiver Komik schwanke und den märchenhaften Hintergrund 
bei weitem nicht tief genug darstelle. Die Wahrheit ist 
wohl, daß ihn eigentlich nur die naive Komik tatsachlich 
reizte, aus infantilen imd konstitutionellen Gründen heraus, 
natürlich nebet dem sadistischen Moment 2), wogegen der 

i)Zu Hebbels Analerotik gehört wohl auch folgöndö Tagebach- 
stelle: j^Das Schwein ist das non plus ultra an Glück, es bedEiiidet sicli 
wohl im Koth." 

2) Vgl. hiezu die folgende Stelle: Benjamin: „Mir ist, als hörte 
ich den Pöbel hinter mir her rufen: ,Das ist der Jude mit dem DiamaÄt 
im Bauciir — Er soll ihn ja wieder von sich gegeben haben! — ,L^ 
und Triigl Das hat er selbst ausgebracht, um seines Lebens sicher sm sein. 
Der Stein hat sich in seinem Eingeweide so tief verkrochen, daß er 
gar nicht wieder heraus kanni Dm ist die Wahrheit/ — Da nützt er ja 
so wenig dem Juden selbst als Anderen 1 — ,Nütaen7 Er quält den ar- 
men Teufel bis aufs Äußerste, der Mensch hat in seinem Schmus schon 
mehrmals Hand an sich gelegt, aber das will durchgesetzt sein tind 
er ist zu feigl* — Man sollte ihm zu Hilfe kommen! — jDas ist anct 
ein Gedanke! Wollen wir ihm aufpassen und ihm den Gefallen tun?'" — 



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DAS SEXÜELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN ü. LEBEN. 267 

Hilitergrund, weil ohne Affekt entworfen und geschrieben, 
ganz schemenhaft blieb. 

Es ist auch möglich, daß Hebbel über die angeblichen 
Heilwirkungen der Edelsteine sich manches angelesen hatte. 
Sowie in jenem Lustspiel der Wahnsinn der Prinzessin, wel- 
cher sie ein volles Jahr umnachtete, durch den Anblick des 
Diamanten auf der Stelle geheilt wird, so meinen auch die 
Inder von diesem» Juwel : „er heilt alle Krankheiten, lindert 
alle Schmerzen und überall und ist ein Wohlbefinden erzeu- 
gendes, den Körper stärkendes Elixir." (R. Garbe: „Die 
indischen Mineralien und ihre Namen.") Und Hermann Füh- 
ner erklärt dies in seiner „Lithotherapie" auf folgende Weise: 
„Es ist nicht schwierig, die Grenese der angeblichen Diamant- 
wirkungen abzuleiten. Er ist unter den Edelsteinen der Re- 
präsentant der weißen Farbe und bei den Ariern Attribut des 
Lichtes,, der Sonne (weiße Sonnenrosse). Mit der Sonne, deren 
Licht er strahlend zurückwirft, teilt der Diamant die aUesi 
heilende Wirkung." 

Vielleicht noch größere Wirksamkeit aber schreibt der 
Aberglaube seit jeher dem Rubin zu, was wohl auf die Blut- 
farbe desselben zurückgeht^). Nicht bloß, daß ihn Aristoteles 
(„De lapidibus") „den besten von allen" nennt, so übertrifft 
er nach den Angaben der Alten auch sämtliche andere Gem- 
men darin, daß er sogar des Nachts noch leuchtet. Ohne 
ihm bestimmte Tugenden anzudichten, wird doch immer aus- 
gesagt, daß er die Tugenden aller übrigen Steine in sich ver- 
eine. Wie vielfach geglaubt wird, soll er Gegenliebe er- 
zeugen. Auch für Hebbel scheint er aus durchsichtigen 
sexuellen Motiven, die offenbar der Blutfarbe entspringen. 



Bei Aristoteles heißt es: „Wenn jemand unglückseligerweise den 
Stein (Diamant) verschlucken sollte, so zerreißt er demselben alle Ge- 
xJärme und der Arme muß elendiglich sterben." 

^) Sogar im „Diamant" erzahlt die Prinzessin, als sie das erstemal 
den geheimnisvollen Stein berührte, „da war es mir, als ob er mein 
Leben, mein Blut einsöge, ich verbarg ihn auf meiner Brust und 
dachte: er wird rot aussehen, wenn du ihn wieder hervor- 
3iiehst." 

Sadger, Hebbel.- 17 



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2bS. SADGER, HEBBEL. 



ein ungewöhnliches Interesse zu besitzen. Das tritt am stark- 
sten in seinem Lustspiel „Der Rubin*' hervor, dann in „Gyge^ 
und sein Ring" und ein wenig sogar in den „Nibelungen" und 
„Herodes und Mariamne^)". 

In „Eriemhilds Rache'' legte Hagen den Balmung übers 
Knie: 

„Dein Auge funkelt dräuend durch die Nacht, 
Wie der Komet, Ein prächtiger Rubin! 
So rot, als hatt' er alles Blut getrunken, 
Das je vergossen ward mit diesem Stahl." 

Tiefer echon ins Sexuelle führt die Handlung des „Ru- 
bin", der Erzählung sowohl wie des Marchenlustspieles. Hier 
wie dort wird ein Jüngling durch einen Rubin von seltener 
Schönheit mit so magischer Gewalt angezogen, daß er um 
seinetwillen einen Raub begeht, ja^ lieber das Leben lassen 
will, als sich von dem herrlichen Kleinod trennen. Dieser 
Stein aber ist, wie der (ireis dem Jüngling Assad berichtet^ 
„das Grab einer wunderschönen, verzauberten Prinzessin. Aua 
ihrem Blut hat er das dunkle, wunderbare Rot in sich ge- 
sogen, in das er getaucht ist. Das Feuer ihres Auges sprüht 
dir entgegen aus den blitzenden Strahlen, die er so ver- 
schwenderisch entsendet. Ihr schlummerndes Leben schauerte 
dich an, als 4u den Stein im Sonnenschein glänzen sahst, 
da wurde deine Seele bis in die innersten Tiefen mit süßer 
Ahnung getränkt und deine Hand mußte vollbringen, wa» 
Herz und Sinne geboten". Einmal könne Assad sie auch 
sprechen, wenn er um Mittemacht alle seine Gedanken auf 
sie konzentriere und dann den Edelstein dreimal küsse. Doch 
warnt der Greis: „Wage nicht dein Glück und deinen Frie- 
den an einen ungewissen Moment ; mit dem Dämon ist schwer 
zu kämpfen, dich aber würde die herrlichste der Jungfrauen 



1) Mariamne: „So hab' ich mich ja schon im Traum gesehen! — 
Das also war's, was mich vorhin nioht rah'n ließ^ 
Bis der verlorene Bubin sich fand, 
Der jetzt auf meiner Brust so düster glimmt: 
Das Bild hätt' eine Lücke ohne ihnl" 



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DAS SEXÜELL-EROTISCITB IN HEBBELS DICHTEN U. LEBEN. 269 

- 

mit unwiderstehlicher Gewalt in deinem tiefsten Sein ge- 
fangen nehmen, und wenn es dir dann nicht gelange, ihren 
Bann zu brechen, so wäxest du elend auf ewig." Assad be- 
schwört gleichwohl die Prinzessin, doch nur, um zu seinem 
Schmerz zu erfahren, sie könne erlöst werden, allein dies sei 
darum so schwer, weil „die Entzauberung an ein Mittel ge- 
knüpft worden, auf das!, weil es einem jeden an jedem Ort 
und zu jeder Stunde zu Gebote steht, eben darum keiner ver- 
fallen wird". Erst ein Jahr spater, im Augenblick der höch- 
sten Verzweiflung, als der Sultan, um sich in den Besitz des 
verlangten Steines zu setzen, Assad gefangen nehmen laßt, 
findet dieser die Lösung, indem er das Juwel lieber in den 
Fluß wirft, als daß es in fremde Hände geliange. T>Biait aber 
ist die Forderung des Zauberers erfüllt: 

„Die£^ war das einzige Mittel! ' 
Wer den Bubin besaß, der sollte ihn 
Wegwerfen, wie der Knab* den Kiestelstein 1'* 

Die Deutung der Symbolik dünkt mich nicht schwer. Zu- 
näpchst liegt es wohl auf der Hand, daß der Rubin' einen Bluts- 
tropfen darstellt 1). Daß in dem Blute die Jungfrau einge- 
schlossen ist, weist auf die Vorgänge bei der Defloration hin. 
Just jene Blutstropfen begehrt auch der Zauberer, der, vom 
Vater schroff zuriickgewiesen, die Jungfrau in den Rubin 
einschließt. Aus diesem Gefängnis der Jungfräulichkeit kann 
sie nur erlöst werden, wenn der Besitzer jenes Juwels 
es einfach fortwirft, das heißt ihr Blut in der ersten Um- 
armung vergießt. Natürlich wird, wer solches vollbracht, 
dann auch der Schwiegersohn des Sultans. Es ist wohl mehr 
als ein bloßer Zufall, daß Hebbel bald, nachdem er Elise 



^) Vgl. dazu auoh folgende Briefstelle nach Vollendung des erstens 
Aktes der „Maria Magdalena": „Ein Poet bin ich durch und durch. Die 
dunkelroten Blutstropfen, die ich auf dem Wege zum Grabe 
ausschwitze, werden, wenn die Kritik jetzt auoh Scheidewass er 
darauf tröpfelt» nach meinem Tode ein leuchtender Bubinenkranz 
und Max wird mit den Schmerzen seines Vaters ein gutes Geschäft 
machen." 

17» 



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S60 SADOER, HEBBEL. 



kennen gelernt, in& Tagebuch schreibt: „Wirf weg, damit 
du nicht verlierst! ist die beste Lebensregel," worin Bam- 
berg mit Eecht dea Kern jenes Märchens ausgedrückt fia- 
det, das bald darauf in Prosa begonnen wird. Der Dichter 
bezeichnet es in den Briefen zweimal als „beste seiaer 
prosaischen Schriften", in der er „eine sehr schwierige Auf- 
gabe gelöst ;au haben glaube", ja ist von dem Stoffe derart 
erfüllt, daß er zwölf Jahre später das gleiche Motiv zu einem 
Lustspiele ausspinnt, vorgeblich durch den Anblick eines 
glänzenden Steines dazu verführt. Wie wenig ihn bei solchen 
inneren Liebesbeziehungen die Kalte des Publikums rühren 
konnte, begreift sich da leicht. Doch auch die Freunde fan- 
den die Kürze und skizzenhafte Behandlung des Märchen- 
lustspieles als schweren Nachteil, was sich freilich aus der 
Symbolik ergab i). 

Durchschauten wir hier schon die erotischen Beziehungen 
des Kubins, so werden sie vollends xmverkennbar in „Gyges 
und sein Ring", wo noch ein zweites infantiles Moment das 
blitzartige Ergreifen des dargebotenen Stoffes durchsichtig 
macht. Ich will zunäx^hst ein paar Stellen anführen, die an 
das Thema des „Rubin" "anknüpfen. Von Räubern verfolgt, 
sieht Gyges aus einem wüsten * Trümmerhaufen den Stein 
„wie ein Lebendiges, fast an ein -scharfes Schlaagenauge 
mahnend" entgegenfunkeln. Er steckt ihn an und wird alsbald 
den Verfolgern unsichtbar. Doch auf ihn selber wirkt der 
Stein beängstigend^ 



„der mir rot 
Und grell von meiner Hand entgegensprühte 
Und rastlos quellend, wallend, Perlen treibend 
Und sie zerblasend, einem Auge glich, 
Das ewig bricht in Blut, was ewig raucht. 

1) Selbst R. M. Werner meint in der Biographie: „Die Frage drängt 
sich aber unwillkürlich auf: was trieb Hebbel geiade jetzt zu einer 
solchen Produktion? Wir wissen nur zu gut, daß sie nicht ein Ergebnis 
freier Wahl, sondern eines inneren Zwanges zu sein pflegte. Es muß 
etwas in ihm gelegen haben, das sich nur auf die Weise Luft machen 
konnte; aber was war es? Darüber erfahren wir nichts Näheres, sind 
also aufs Baten angewiesen." 



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OrfgfrTaffrom 
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DAS SEXÜELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN U. LEBEN. 261 

1 

loh drehte ihn, aus Notwehr möcht' ich sagen, 

Aus Angst, denn alle diese Perlen blitzten, 

Als wären 's Sterne, und mir ward, zu Mut, 

Als schaut' ich in den ew'gen Born des Lichts 

Unmittelbar hinein und würde blind 

Vom Übermaß, wie von der Harmonie 

Der Sphäxen, wie es heißt, ein jeder taub". 

Wir wissen, was solche, doch eigentlich grundlose Angst 
bedeutet: unterdrückte Libido, was darin noch Bestätigung 
findet, daß so häufig in Träumen, Märchen und Mythen das 
weibliche Genitale als King symbolisiert wird. 

Bedeutsamer noch ist die Zaubereigenschaft jenes Rin- 
ges: Wenn du ihn so drehst, 

„daß dieser kleine Stein, 
Der dunkelrote, um sich blitzen kann. 
So bist du plötzlich \msichtbar und schreitest 
Wie Götter in der Wolke durch die Welt'\ 

Auch Kandaules brüstet sich in seinem Besitze: 

„Durch alle Türen schreit' ich hin, mich halten 
Nicht Schloß, noch Riegel fern!" 

Doch Rhodope, die Übersittsame, hat nur die Antwort: 
„Wie fürchterlich !" ^ — ?,Für jeden Bösen meinst du/' — „Nein, 

doch nein! Für jeden Guten noch viel mehrl Herr, wirf 

ihn fort, hinunter in den tiefsten Fluß!" 

Warum greift Hebbel nun so gern den Mythos vom 
unsichtbar machenden Ringe auf, hier und dann später in 
den „Nibelungen"!), die schon den Knaben so gefangen nah- 
men, daß er zeitlebens den Wunsch herumtrug, der Öage 
dramatisches Leben zu leihen? Vielleicht vermag uns eben 
dieser Umstand die Lösung zu geben. Benützt doch Siegfried 
seine Nebelkappe, um Brunhild, die ihr Magdtum verteidigt, 
„als hinge ihr Leben selbst daran", und „jeden Recken ohne 
Mitleid vertilgt, der ihr den Jungfrau'ngürtel lösen will". 

1) Im „Trauerspiel in Sizilien*' ruft Ambrosio: .,Nun ist e>s aus!*' 
„Mir fehlt's am Stein, der unsichtbar mich ma^^ht/' 



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862 8ADOER, HEBBEL. 



für Günther zu besiegen. Selbst in der Hoohzeitsnacht ist 
er es, der sie unsichtbar bändigt, nachdem der legitime Gatte 
versagt. Erinnern wir uns, was ich in einem früheren Ka- 
pitel ausführte, daß Hebbel als Kind ganz sicher die Um- 
armungen der Eltern belauscht hat, vermutlich sogar zu wie- 
derholten, Malen, und daß er, um jene nicht zu stören, auB 
deren Bett entfernt worden war. Natürlich erwacht in einem 
solchen Kinde, zumal wenn es von Haus aus so sinnlich ver- 
anlagt wie Hebbel ist, das heiße Verlangen, mit dabei zu 
sein, womöglich unter Führung des ebenso gefürchteten als 
geliebten Vaters, wie ich aus einer Eeihe von Psychoanalysen 
weiß. Ein Mittel hiezu, das dem Kinde aus Märchen und 
Sagen naheliegt, ist der unsichtbar machende fiing oder eine 
Tarnkappe von der nämlichen Eigenschaft. Mit dieser be- 
kleidet, soll der Vater ihm in Siegfrieds Gestalt die Mutter 
bezwingen, die für steine noch unentwickelte Potenz sonst 
unerreichbar ist. Doch die Phantasien, besonders zur Stil- 
lung seiner sexuellen Neugier, gehen noch weiter, zumal in 
der späteren Pubertät. Der Vater, in der durchsichtigen 
Verkleidung des Königs, soll sein verborgenes Schönheits- 
gut dem Sohne durchaus zeigen wollen und sich eher nicht 
zufrieden geben, als bis dieser trotz angeblichen Wider- 
strebens — womit für ihn alle Schuld» entfällt — die Reize 
der Mutter hüllenlos schaute. Die wieder soll nicht früher 
ruhen, als bis zur Sühne für den unerhörten Frevel der König 
von dem anderen gefällt und sie selber dessen Gattin ge- 
worden. Raffinierter lassen sich Kindheits- und Pubertäts- 
phantasien kaum noch ausspinnen und es erscheint da nur 
zu begreiflich, daß die Fabel vom Gyges, auf die der Dichter 
hingewiesen wird, ihn gleich so unwiderstehlich packte. Er- 
füllte sie doch seine eigenen und geheimsten Wünsche auf 
das AUerschönste und machte ihn, weil er gezwungen han- 
delte, gleichzeitig ledig jedweder Schuld i). Man versteht 

^) Daß er das Schuldgefühl trotzdem nicht völlig los geworden, 
dafür besitzen wir ein bezeichnend Detail in Hebbels Brief an Eng- 
länder am 27. Jänner 1863. In diesem berichtet unser Poet die Genesis 
des „Gyges" ungefähr so wie Eduard Kulke. Dann aber fügt er noch 



f^nonL^ Orrginaffnonn 

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DAS SEXUELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN ü. LEBEN. S68 

jetzt, was Hebbel aa üechtritz schreibt: „Ich war mir 
5onst bei meinen. Arbeiten immer eines gewissen Ideenhinter- 
grunde» bewußt. Daran mangelt es diesmal ganz, mich 
reizte nur die Anekdote, die, nur etwas« modifi- 
ziert, außerordentlich für die tragische Form 
geeignet erschien, und nun das Stück fertig ist, steigt 
plötzlich zu meiner eigenen Überraschung wie eine Insel aus 
dem Ozean die Idee der Sitte, als die alles bedingende und 
bindende daraus hervor." 

Die Idee der Sittlichkeit, die zu seiner eigenen Über- 
raschung hervortaucht, heischt dann natürlich den Tod des 
Vaters oder Königs, des gefährlichsten Rivalen bei seiner 
Mutter. Rhodopens Sittsamkeit wäre wohl minder verstiegen 
geworden, hätte sie Hebbel nicht unbedingt gebraucht, um 
jenen aus der Welt zu schaffen und anderseits- wieder als 
Reaktion gegen seine infantilen anstößigen Grelüste. Die Kö- 
nigin vermag es nimmer zu tragen, daß ein Unberufener 
sie hüllenlos sah, weil Hebbel als Kind die Neugier nicht 
hatte bezähmen können, die Vulva seiner Mutter zu schauen 
(siehe zweites Kapitel). Die ist dann „der ewige Born des 
Lichts", der blutrot schimmert und dessen Anblick ihn blind 
zu machen droht ^). Die Todesstrafe, die ihn dafür nach 



dazu, er habe gleich am ersten Abeud 'und als allererste die 
Szene zwischen Gyges und Eandaules am Anfang des zweiten Aktes ent- 
worfen. Dort aber wird erzahlt, wie den Griechen, nachdem er die* 
Königin hüUenlos geschaut, da« Gefühl überfällt, eine schwere Missetat 
begangen zu haben, und wie er Kandsuiles durch Drehen des Binges 
ihn niederzuschlagen zwingen will. Vergeblich wendet dieser ein: „Ich 
hatt' es dir erlaubt/' denn Gyges ist's, als hätte auch der Mann kein 
Hecht dazu gehabt. Er will sich also selber zum Opfer bringen oder 
mindestens fliehen. Daß just diese Szene Hebbel am stärksten und 
vor allem anderen beschäftigte^ beweist, daß der schwere innere Konflikt, 
der aus des Dichters eigener Schaulust auf die Mutter (Königin) ent<> 
Bprang, ihn den Stoff des Gyges sofort mit Begierde ergreifen ließ. 

1) Vielleicht geht auf den nämlichen Ursprung die Tagebachstelle 
zurück: „Im Bussischen bezeichnet dasselbe Wort rot und schön. Über- 
dies fliegt mir, wenn ich an etwas Schönes denke, zugleich immer die 
rote Farbe durch den Kopf/' Als Verdrängung lind Cberkompensatiön jener 
infantilen Schaulust ist wohl die folgende Episode aufsnifassen, die Kuh 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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364 SADOBR, HEBBEL. 



kindlicher Anschauung hätte treffen müssen, ist dann ge- 
schickt auf den Vater und Nebenbuhler übertragen. Von 
hier aus erklärt sich auch leicht die unsichtbar machende 
Wirkung des Vulvaringes. In der Umarmung wird tatsächlich 
die Männlichkeit unsichtbar nach dem Eindringen in die 
weibliche Scheide. Sehr geschickt hat der Dichter endlich 
seine Entmannungsphantasien auf den eigenen Vater i) in die 
Eabel des Gryges hineinverwoben. Zu diesem sagt nämhch 
Kandaules über den Unheilsring: 

„Du meinst, er wäre besser 
In seiner Gruft geblieben 1 Das ist wahr! 
Rhodopens Ahnung hat sie nicht betrogen 
Und dich dein Schauder nicht umsonst gewarnt. 
Denn nicht zum Spiel und nicht zu eitlen Possen 
Ist er geschmiedet worden und es hängt 
Vielleicht an ihm das ganze Weltgeschick. 
Mir ist, als dürft' ich in die tiefste Ferne 
Der Zeit hinunterschau*n, ich seh den Kampf 
Der jungen Götter mit den greisen alten: 
Zeus, oft zurückgeworfen, klimmt empor 
Zum goldnen Stuhl des Vaters, in der Hand 
Die grause Sichel, und von hinten schleicht 
Sich ein Titan -heran mit schweren Ketten. 
Warum erblickt ihn Kronos nicht? Er wird 
Gefesselt, wird verstümmelt, wird gestürzt. 
Trägt der den Ring? — Gyges, er trug den Ring, 
. Und Gaea selbst hat ihm den Ring gereicht 1" 

JEndlich jväre noch eine letzte Rubin- Ausschmückung an-- 
zuführen, bei der man deutlich verfolgen kann, wie ein wirk- 

bericAfcet: ,,Ia Gmtinden verfolgte er eines Abends, trotzdem daß er eines 
gichtischen Anfalls wegen schlecht zu Fuße war, wohl eine Viertelstunde 
lang laufend und während des Laufens Flüche ausstoßend, einen unver- 
schämten Menschen, welcher sich zu der bebuschten Stelle oia See hin- 
geschlichen hatte, wo mehrere Frauen nach dem Bade sich ankleideten. 
Ich hätte den Kerl erschlagen! rief er, wenn er nicht entwischt wäre," 
1) Diese sind wohl nichts anderes als die Umkehrung einer Kastrar 
tionsandrohung, die der Vater gegen seinen Friedrich ausgesprochen hatte. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DAS SEXÜELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN ü. LEBEN. 265 

lieber Traum im Simie des' Komplexes exnveitert wird. Unterm 
6. Juli 1837 heißt es im Tagebuch: „Über Nacht träumtei 
mir: Ich sah den alten König Maximilian Josef beerdigen, 
und den König Ludwig krönen. Beides geschah im Grab- 
gewölbe und Leichen- und Krönungsfeierlichkeiten spielten 
gräßlich ineinander: die Leichenfackeln dienten zum Fackel- 
zug bei der Krönung, und als- der König Ludwig die Krone 
aufsetzte, nickte der König Maximilian aus seinem Sarge 
heraus m.it dem Kopfe. Ich war unter den Kronbeamten; 
als wir wieder heraufstiegen, verschloß der König Ludwig 
die Gruft und sagte zu mir, indem er mir den Schlüssel 
gab: laß den nicht heraus, aber mich laß auch nicht hinein!" 
Die Deutung dieses Traumes ist leicht zu geben: der alte 
König ist der Vater, der junge Hebbel selber, der aber, 
wie so häufig der Schläfer, im Traume noch einmal vor- 
kommt. Weil er dem Vater den Tod gewünscht hatte, wollte 
er sich selber das Leben nehmen, doch verbot ihm jener, 
ins Grab zu steigen, d, h. er hieß ihn am Leben bleiben. 
Weshalb ich den Traum an dieser Stelle zitiere, ist ein merk- 
würdiger Zusatz, den H c b b o 1 in der Gedichtbearbeitung des- 
selben machte („Traum. Ein wirklicher."). Der alte König 
ist gestorben und liegt aufgebahrt. Und nun fährt der Dichter 
folgendermaßen fort: 

„Ich sah, umstanden von der stillen Miuige, 

Auf dem Paradebett, geputzt, die Leiche, 

Und viele, die die welke Hand ihr küßten, 

Als ob sie jetzt noch Gnadenzeichen reiche. 

Doch sah ich bald, es galt dem' Edels t e ine, 

Der rot am Finger blinkte, ihr Gelüsten; 

Sie nahten nur, sich ekelhaft vermummend 

In Kummer und Verzweiflung, ihn zu stehlen, 

Doch, weil ihn alte wollten, ward der eine 

Des andern Wächter, und vor Groll verstummend 

Im Heuchel Jammer, eilten sie von hinnen." 

Zum Schlüsse sei noch eine merkwürdige Phantasie des 
Tagebuches näher Ix^leuchtet. Am 21. Jänner 1847 schrieb 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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266 SADOER, HEBBEL. 



Hebbel in dieses: „Ich weiß sehr wohl, welch iinübersteig- 
lieh scheinende Hindernisse sich dem Versuche, ein Loch 
durch die Erde zu bohren, um ihre innere Be- 
schaffenheit zu erforschen, entgegenstellen, Dea- 
noch ist das für mich ein unendlich reizvoller 
Gedanke, und wenn ich König wäre, wer weiß, 
ob ich nicht einen Versuch anstellen ließe und 
mich so der Galerie unsterblicher Narren anschlösse. Genau 
mit diesem Gedanken in Verbindung steht ein anderer, der 
aber jünger ist und mir erst heute kam: Sollte man nicht 
in einem geräumigen Hause von Eisen, das doch sicher wasser- 
dicht gemacht werden und Luft für viele Tage fassen kömite, 
längere Zeit auf dem Boden des Meeres zubringen und dort 
bohren können?" 

Diese Hirngespinste sind das, was in der psychoanalyti- 
schen Forschung als „Mutterleibsphantasie" bezeichnet wird, 
Das Bohren zum Mittelpunkt der Erde läßt kaum eine andere 
Deutung zu, als den Wunsch, zurückzukehren in den Leib der 
Mutter, was für Hebbel „ein unendlich reizvoller Gedanke ist*'. 
Als Sinn jener Mutterleibsphantasien hat die Psychoanalyse 
drei WünBche erforscht: sie können erstens als exzessiver Aus- 
druck der Rückkehr ins Infantile angesehen werden, zum 
zweiten als Bückgängigmachen des Lebens, somit als Todes- 
phantasien, und endlich, was vielleicht am bedeutsamsten 
wirkt, als iimigste sexuell^ Annäherung an die Mutter. Für 
alle drei Wünsche habe ich bei Hebbel reichlich Belege 
erbringen körmen. Für den letztgenannten spricht auch, daß 
der Dichter die Mutterleibsphantasion verwirklichen würde, 
wenn er König, d. h. also Vater wäre und Gatte der Mutter. 
Auch scheint er nach dem Gedicht jjAuf ein schlafend Kind" 
jene Zeit als glücklichste seines Daseins betrachtet zu haben, 
da er noch im Schöße seiner Mutter lag. Heißt es doch da: 

„Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe. 
Wenn ich im Traum dich lächeln sehe, 
Wenn du erglühst so wunderbar, 
Da ahne ich mit süßem Grauen: 



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PAS SEXUELL-EBOTISCHE IN HEBBELS DICHTEN U. LEBEN. 267 



Dürft' ich in deine Träume schauen, 
So wäx' mir alles, alles klar! 
Dir ist die Erde noch verschlossen, 
Du hast noch keine Lust genossen, 
Noch ist kein Glück, was du empfingst; 
Wie könntest du so süß denn träumen, 
Wenn du nicht noch in jenen Träumen, 
Woher du kämest, dich erging'st?" 

IL 

Wir. haben vorstehend die mächtige Eolle der Sexualität 
in Hebbels Dichten nachweisen können. Das betrifft nun 
nicht etwa vereinzelte Fälle, sondern ist direkt spezifische 
Eigenheit unseres Poeten, Fast ausnahmslos sind geschlecht- 
liche Konflikte mit ganz besonders geknüpften Voraussetzun- 
gen in den Mittelpunkt seiner Dramen gestellt. Wie ver- 
hängnisvoll dies für ihr Schicksal wurde, durchschaute schon 
Laube, der Hebbels Schaffen mit Augen des Neides und 
Hasses verfolgte. Bald nach ihrem ersten Zusammentreffen 
in Wien warf er dem Dichter an den Kopf: „Wenn Sie bei 
der Wahl Ihrer Stoffe nicht* immer erst zwei Drittel Ihrer 
Kraft aufbieten müßten,* um den Publikum den Gegenstand- 
appetitlich zu machen, so würden Sie mich, Gutzkow und 
uns alle so darniederwerfen, daß wir nicht wieder aufstehen 
könnten." Und Hebbel bemerkt hiezu im Tagebuch: „Diese 
Äußerung blieb mir buchstäblich im Gedächtnis, weil ich 
etwas Wahres darin fand." Es ist eine tief zu beklagende 
Tatsache, daß Hebbel nie eigentlich populär geworden trotz 
aller grandiosen Leistungen. Ja, er blieb nicht einmal lange 
auf irgend einer Bühne heimisch. Wohl hatte so manche 
seiner Schöpfungen starken Erfolg, doch ward keine einzige 
Repertoirestück, das sich wie andere klassische Werke auf 
die Dauer behauptete. Die Ursache dieser merkwürdigen Er- 
scheinung ist hauptsächlich in der so ausgeklügelten ero- 
tischen Prämisse zu suchen, die Hebbels Dramen fast 
sämtlich auszeichnet. Bis man mit seiner sexuellen Kabu- 



ff nonl^ Orrginaf fnom 

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868 8ADOER, HEBBEL 



listik fertig geworden, ist die halbe Teilnahme aufgezehrt. 
Am treffendsten sprach dies Grillparzer aus nach einer 
Vorlesung von „Gyges und sein Ring" : „Wie ist das filtriert ! 
Wie ist das filtriert!" 

Warum aber kam just Hebbel nicht vom Geschlecht- 
lichen los, trotzdem auch ihm keine anderen erotischen Kom- 
plexe eignen, als jedem Poeten, ja dem Herdenmenschen? 
Gehen wir zur Deutung von einem . analogen Alltagsfall aus : 
wir wissen, daß auch der Normale die nämlichen sexuellen 
Erlebnisse und Phantasien hat wie der spätere Neurotiker, 
und doch erkrankt dieser, während jener gesund bleibt. Die 
Ursache liegt entweder in der sexuellen Konstitution, in der 
abnormen Liebesbedürftigkeit des zur Neuroi^e Vorbestimm- 
ten, oder in der Häufung der geschlechtlichen Schädlich- 
keiten, nicht selten in der Vereinigung beider. Von Heb- 
bels mächtiger Sexualanlage haben wir nun früher genug- 
sam vernommen und, wenn auch vermutlich jedwedem Dich- 
ter eine solche unerläßlich ist, so scheint mir doch eine Seite 
derselben bei Hebbel ganz besonders hypertrophisch und 
vielleicht entscheidend für sein Werden und Schaffen: die 
sadistische nämlich, noch schärfer: die sadistisch-analero- 
tisöhe. Sie erst ermöglicht das ^Zustandekommen seiner mani- 
festen oder jeweils latenten Zwangsneurose, die, auch wenn 
sie ruht, ihn zum Grübeln über geschlechtliche Probleme 
immer wieder anregte. Kaum minder bedeutsam waren dann 
wohl die besonderen Umstände in Hebbels Elternhaus, wo- 
bei vermutlich dem quantitativen Faktor die allergrößte Wich- 
tigkeit zukommt. Selten wohl drängte sich eine solche Fülle 
sexueller Erlebnisse und Phantasien in der Kindheit eines 
Poeten zusammen. Diese beiden Umstände zusammengenom- 
men lassen uns Hebbels Ausnahmsstellung besser verstehen, 
wenn da auch wahrscheinlich noch mianches mitwirkte, wo- 
von wir annoch keine Kunde haben. 

Man kann es dreist und ruhig aussprechen : nie hat unser 
Dichter ein Drama geschaffen, das nicht seine eigenen 
sexuellon Konflikte aus der ersten Kindheit oder in spaterer 
Auflagerung irgendwie darstellte. Ein paar dieser Stoffe 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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w 

DAS SEXUELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN U. LEBEN. 269 



brauche ich lediglich namhaft zu machen,, damit ihr Verstäaid- 
nis alsbald einlteuchte. So z. B. das Thema der „Agnes Ber- 
nauer". In der Frau, die bloß deshalb die Erde lassen muß, 
weil sie zu schön ist, erkennt man leicht Hebbels eigene 
Mutter — diese ist dem Kinde allzeit die Schönste — , wozu 
auch stimmt, daß der Sohn beinahe den Vater erschlägt, weil 
dieser ihm die Geliebte wegnahm i). Immer wieder reizt das 
entwürdigte Weib den Dichter zur Tragödie, Bald, wie in 
der „Judith", hat sie der Mann zur Sache herabgedrückt, 
was Todesstrafe heischt, bald wird eine Königin, also typisch 
die Mutter, von ihrem Gatten so tief verletzt, daß sie Bache 
nehmen muß, ob sie jetzt Rhodope, Mariamne oder Brunhild 
heiße. Der Mann, der also frevelhaft handelt, war selbst- 
redend ursprünglich Hebbels Vater, in späterer Folge der 
Dichter selber bei den verschiedenen Geliebten vor Christine. 
Wir wissen, daß viele, und ganz besonders neurotische Kin- 
der der schwersten Eifersucht auf ihre Mutter fähig sind. 
Es läLßt beinahe auf einen beständig nagenden Zweifel des 
Knaben Friedrich Hebbel schließen, ob ihm die Mutter 
auch Treue gehalten — sehr begreiflich, da sie zwei Jahre 
nach ihm noch Johann gebar — , daß dieses Motiv in seinen 
Dramen so häufig wiederkehrt, im Pfalzgrafen Siegfried, He- 
rodes und Leonhard. Als durch die posthume Eifersucht 
Hebbels auf die Vergangenheit seiner Frau die alte Eifer- 
sucht auf die Mutter erwacht, schafft er „Herodes und Ma- 
riamne", deren männlicher Held kein anderer ist als der 
Dichter in höchsteigener Person. Wenn die Kunstkritiker 
da mit Recht beanstanden, daß der König sein Weib nicht 
minder als zweimal unter das Schwert stellt, damit sie nur 
ja nach ihm keinem anderen angehöre, so ist das ästhetisch 
gewiß nicht zu hfilten. Wohl aber begreift man, wie wenig 
literarische Gegenargumente, die das Genie sich wohl selber 
vorhielt, verfangen konnten, wo Kindeswünsche gebieterisch 



1) Eine andere persönliche Beziehung' dürfte sein, daß Agnes höheren 
Kiicköichten geopfert werden muß, wie Elise dem Glück und der Zu- 
kunft unseres Dichters. 



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270 SADQEB, HEBBEL. 



Erfüllung heischen /^). Aus solchen heraus ward auch der 
bethlehemitische Kindermord aufgeflickt, der durchsichtig 
besagt, daß Bruder Johann umzubringen sei, wenn dies auch 
durch das geschichtliche Faktum geschickt maskiert ist. 
Endlich wird die heterosexuelle Liebe durch die homosexuelle 
nicht selten verkÄrzt, ja zum Teil selbst ersetzt, im Leben 
wie im Dichten. Was ursprünglich wohl das Verhältnis Fried- 
richs' zu seinem Vater, ward spater von Hebbel seinem 
Famulus Kuh gegenüber verwirklicht und endlich zur poeti- 
schen Triebfeder, die Kandaules treibt, seinem Freunde Gyges 
auch das Teuerste und Bestverschlossene aus Liebe zu ent- 
hüllen. 

Vielleicht wirkte Hebbel minder anstößig und mäch- 
tiger packend, hätte er vermocht, etwa^ anderes darzustellen, 
als immer nur wieder sein eigenes Ich, seine eigenen sexuellen 
Phantasien und die verschiedenen Liebeskonflikte aus der 
Kindheit sowohl wie dem spateren Leben. Mag sein, daß 
so ziemlich jeder Dramatiker in sämtlichen Helden nur sein 
Selbst verkörpert. Allein Hebbel war es vorbehalten, die 
geschlechtliche Seite beinahe ausschließlich hervorzukehren, 
und zwar obendrein in ihrer Eabulistik, die er dann freilich 
besser verstand, als irgend ein großer Poet vor ihm. Sterben 
doch sogar die Heldinnen seiner verschiedenen Tragödien fast 
immer an Spitzfindigkeiten der Liebe. All seine Dramen be- 
handeln nichts anderes als sexuelle Konflikte aus Hebbels 
Urzeit, in der Eegel mit jener verbrämenden Auflagerung, 
die sein Verhältnis zu Elise und Christine später hinzufügte. 
Das erstere löste in der Zeit der Liebe die „Judith" und 
„Grenoveva" aus, zur Zeit der Ablösung die „Maria Magda- 
lena", „Julia" und „Das Trauerspiel in Sizilien", der Bund 
mit Christinen „Herodes und Marianme", das Fragment „Die 
Schauspielerin", „Gyges und sein Eing", sowie endlich die 
„Nibelungen"-Trilogie. 



1) Derselbe Mann, der ins Tagebuch schrieb: „Trage deine Mutter 
auf den Armen, wenn ihr die Beine versagen; sie trug dich im Sohoße^ 
als du noch keine hattest," warf ein andermal die Frage auf: ,,Darf man 
denn unter gewissen Umständen seine Mutter nicht verachten?" 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DAS SEXUELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN U.LEBEN. 271 

Wie Dramenstoffe aus seinen persönlichen Erlebnissen 
herauswuchsen, will ich an zwei Exempeln darstellen: Der 
„Genoveva** und der „Schauspielerin", Daß zu der ersteren 
ihm Elise gesessen, bekennt er selber: „Mir ist noch kein 
menschliches Wesen von so wunderbarer, himmlischer Har- 
monie vorgekommen alsi sie. Ich hätte ohne sie die ,Greno- 
veva* nicht schreiben können." Das Drama „entstand in 
fieberischer Hitze und Eile. Zu manchem Akte brauchte er 
nicht mehr als acht bis zehn Tage. Er a£ zuweilen {nicht 
zu Mittag, um nicht die wichtigsten Szenen, - wie er sich 
einmal gesprächsweise gegen Kuh ausdrückte, mit der Suppe 
zu ertränken und mit dem Fleische zu ersticken. Bilder und 
Stimmungen der Vergangenheit und Gregenwart sammelten 
sich mit der wilden Hast aufbrechenden Kriegsvolkes um 
die rührende Legendengestalt". Mit dem Plane zu diesem 
Drama hatte Hebbel sich schon in München getragen, aber 
erst, daß er in Hamburg Elisen mit Emma Schröder treu- 
los geworden, blies dem langgehegten Vorwurfe schöpferischen 
Atem ein. „Er sah sich mit einem Male in ähnlicher Lage 
wie den vor ihm einst aufgestiegenen Golo, er sah sich in 
ähnliche Widersprüche verstrickt. Seine Adern schwellte 
die nämliche dunkle Leidenschaft, die er sich bei G-olo vor- 
gestellt, sein Grehirn wurde von der nämlichen Feuerglut 
überströmt, in der die G^edanken seines geträumten Grolo 
untergetaucht waren; er hatte sich qualvoll und unvermerkt 
zum Doppelgänger seines Helden heraufgelebt. An die Stelle 
des Verrats, den der sagenhafte Schloßverwalter gegen seinen 
Preimd begeht, war Hebbels tatsächliche Treulosigkeit, 
welche, wie jener Verrat, auf ein Naturrecht sich stützen 
und auf eine verhängnisvolle Fügung hinweisen durfte. Das 
Seelenantlitz Elisens, ihre Ergebung in jedes Mißgeschick, 
die wie ein segenspendendes Wasser sanft rieselnde und näh- 
rende Güte diieses Mädchens, ihren geduldigen Aufblick und 
ihre Opferfreudigkeit lieh er der Kirchenheiligen, während 
^r in Golo all die Liebes- und Sinnenglut ergoß, welche die 
blühende Emma, in ihm selber entfacht liatte. So spielte 
der Dichter gleichsam mit durchstochenen Karten. Goethe 



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272 SADOER, HEBBEL. 



züchtigte sich wegen seiner Schuld gegen Friederike in 
Clavigo — Hebbel vermehrte seine Schuld gegen Elise, in- 
dem er auf den Altar Grenovevas die roten Blumen hinlegte, 
die in Emmas Garten gewachsen sind. iSein Hang zur psycho- 
logischen Analyse und sein eigener Rechtfertigungstrieb 
stießen zusammen wie zwei Helfershelfer, die nun beide einen 
Anschlag ins Werk setzten." An Wienbarg aber schrieb 
unser Dichter: „Das Stück ist aus sehr trüben und bitteren 
Gemütsstimmungen hervorgegangen; es ist eher ein aufge- 
brochenes Geschwür, als ein ,objektives Werk*.". 

Wie wohl ihm trotzdem dieses dramatische Abreagieren 
tat, erweisen viele Stellen des Tagebuches : „Tränen des Dan- 
kes, nimm sie, Ewiger! Aus allen Tiefen meiner Seele steigt 
Genoveva hervor! Nur die Kraft, nur die Liebe — dann laß 
kommen, was da will!" „Heute morgen den ersten Akt der 
, Genoveva' beendet. Bin ganz zufrieden und glücklich." „Der 
größte Teil des zweiten Aktes ist fertig und ich fühl's, daß 
es etwas Bechtes wird. Über dies Gefühl geht nichts.** 
„Heute schloß ich den vierten Akt, d. h. die Mittelszene, alles 
übrige, der Schluß besonders, war längst fertig und wurde 
von mir in einer Begeisterung, die mir Schlaf und alles 
raubte, vor drei Wochen geschrieben." „Ich habe mein in- 
nerstes Herzblut in das Stück hineingetan und bin nicht satt 
geworden, als ich daran schrieb." Die geheimsten Gedanken 
wider Elise aber verrät die Stelle: „O Genoveva, du machst 
mir viel Kummer! Lieben darf ich dich nicht und 
vernichten darf ich dich auch nicht!" Vermutlich 
wäre auch Golos Strafe minder grausam und schrecklich aus- 
gefallen, hätte Hebbel nicht selber für allzu Böses zu 
sühnen gehabt. Für sein Verbrecheii an dem Engel Elise 
war keine Strafe schwer genug — zumindest im Trauerspiele. 

Noch durchsichtiger, ja mit Händen zu greifen, sind des 
Dichters allerpersönlichste Beziehungen zur „Schauspiele- 
rin". Ich gebe den Inhalt des wenig bekannten Fragments 
nach Werner wieder: „Eugenie hat sich durch einen Lebe- 
mann täuschen lassen, der es verstand, ihr Mitleid zu er- 
regen, indem er seine Frau verleumdete und mit Selbstmord 



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DAS SEXUELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN ü. LEBEN. 278 

drohte, Sie gab sich ihm mit ihrem ganzen gei^ 
Btigftn Wesen hin, wenn sie auch physich nicht 
die Seine wurde, Eugenie fühlte sich so schuldig, als 
wenn sie Eduard ganz verfallen wäre, und wird darum nach 
der Entdeckung, daß sie getauscht worden sei, aufs tiefste 
getroffen; sie sieht in Eduard einen Vertreter der männlichen 
Gemeinheit und will an seinem ganzen Geschlecht rächen, 
was der einzelne verbrach. Sie beschließt, unter dem Namen 
Eugenie Schauspielerin zu werden und durch Belebung der 
dämmernden Schattengestalten begrabener Dichter in der 
Bolle der Julien und Kleopatren das ganze verräterische Ge- 
schlecht hinzureißen und zu entzünden, Herzen zu brechen, 
bis sie dem verzweifelnden Anbeter den Namen des Elenden 
nennen und so Eache finden kann. Durch Eduard fühlt sie 
ihre Seele erstickt, sie hatte erfahren, daß der Lüge auf 
Erden Macht und Gewalt gegeben ist, wie der Wahrheit; 
nun soll durch die Lüge der Bollen, die sie spielt, das Ge- 
schlecht wie durcli die Wahrheit des Gefühles verzückt und 
elend gemacht werden gleich ihr. Es kommt anders: zwar 
gelingt ihr Plan nur zu gut, sie malt die Gestalten mit Blut, 
sie gibt, ohne es zu wissen, im Schein die Wahrheit, aber 
sie ist nicht so kalt wie ihre Marmorbüste: sie lernt in 
Horst einen Mann anderer Art kennen. Eduard taucht wieder 
auf, umwirbt sie wieder, da er durch den Tod seiner Frau 
frei und unabhängig geworden ist, sie weist ihn zurück. Da 
rächt er sich, indem er unwillkürlich bestätigt, daß Eugenie 
,8eine Witwe* sei, daß er sie besessen habe. Horst wird da- 
durch nicht wankend gemacht, sondern fordert Eduard zum 
Duell heraus, ohne den Besitz Eugeniens zu verlangen. Da 
lernt sie Männer wieder achten, da ef-kennt sie, daß ihr Horst 
doch mehr ist, als ein Mittel ihrer Eache, da gesteht sie vor 
Horsts Duell ihre i'urcht und damit ihre Liebe für Horst. 
So hätte schließlich doch die Wahrheit über die Liebe ge- 
siegt, die Liebe wäre das 2ieichen geworden, unter dem sich 
die Begierde beugt." Von diesem Fragment urteilt Werner: 
,,Uns scheint, als habe Hebbel diesmal seine Seele gar zu 
Backt gezeigt und sich im Stoffe vergriffen. Wäre das Stück 

Sadfftr, Hebbel. 18 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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tu SADOER, HEBBEL. 



abgeschlossen uiid aufgeführt worden, dann hätten sich gewiß 
die Lasterzungen an allen Enden und Ecken gerührt und 
den Schein des^ Rechtes für sich gehabt." 

Es läßt sich nicht leugnen, daß Werners .Anschauung 
hier zutreffend is*. Erwägt man, daß Christine Enghaus 
mit einem illegitimen Sohne in, die Ehe roit unserem Dichter 
trat, der wieder an Elise ähnlich gehandelt wie Eduard an 
Eugenie, so dünkt mich Hebbels Seelenzustand samt aller 
Umbildung durch heimliche Wünsche hüllenlos gezeigt. Zu- 
nächst ist jenes ganze Fragment nur ein einziger Trost- und 
Rechtfertigungsversuch : Es ist gar nicht wahr, daß Christine 
gefallen, sie hat sich dem Verführer nur geistig ergeben undy 
wie Eduard in dem Fragment sagt: „Jedes Mädchen ist 
Witwe, es handelt sich nur darum, zum wievieltenmal." Auch 
Hebbel selber sühnt als Horst, was er als Eduard früher 
verbrochen: „Mein Greschlecht hat sich das Recht angemaßt, 
das deinige iingestraft beleidigen zu dür:^en. Ich glaube nicht, 
daß die edleren Männer davon noch Vorteil ziehen wollen; 
ich will der erste sein, der es aufgibt und sich die Pflicht 
auferlegt, ein beleidigtes Weib zu rächen. Du sollst Männer 
wieder achten lernen 1" Gleichwohl kommt Hebbel von 
jenem Urproblem nicht los. So sehr er zum Schlüsse der 
^, Maria Magdalene" die Ansicht vertreten: darüber kann ein 
Mann denn doch hinweg! und obgleich er bald nach der 
Eheschließung ins Tagebuch geschrieben: „Warum haben die 
Menschen gegen die Verbindung mit einem Mädchen, das 
ein anderer schon bis in die tiefste Seele hinein besaß, so 
wenig Abneigung und warum wird diese Abneigung gleich 
so groß, wenn der Körper mit ins Spiel gekommen ist?*' ruht 
er trotzdem nicht eher, als bis er die physische Ergebung 
seiner Frau in eine geistige umgewandelt — zumindest im 
Drama. So heißt es in den Notizen zum Fragment : 

„Sie fielen?*' 

NeinI Ich hätte fallen können, 
Und ich verhehr mir, ich verberg's dir nicht! 

Ist dies nicht gleich ? 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DAS SEXUELL-EROTISCHE IN HEBBELS DICHTEN U. LEBEN. 276 

Und Werner meint ganz richtig: „In der verwitweten 
Jungfrau hätte Hebbel ein Gregenbild zu Klara und Julia, 
vielleicht auch zur Judith geschaifen, Greistig sollte sie 
durchmaxjhen, was diese physisch erlebten, feiner, aber ebenso 
tief getroffen wie diese. Nur die Lösung wäare nun anders 
ausgefallen. Später hat dann Hebbel die Situation der 
Eugenie freilich mit starker Ändenmg dramatisch benützt, da 
er seine — Brunhild zeichnete." Bloß was dem Problem in 
letzter Linie zu Grunde liegt, durchschaut Werner nicht, 
daß hinter all jenen weiblichen Helden keine andere steckt, 
als Hebbels Mutter, die sich dem Vater ergeben hatte, 
statt — auf ihren Liebling Friedrich zu warten. Damit aber 
haben wir den Kemkomplex unseres Dichters berührt, den 
er in einer Fülle von Fassungen abwandelt, nicht zuletzt 
in dem Mädchen, das sich dem Manne ohne Liebe ergibt oder 
mindest ohne Ehe. Weil jener Gredanke Hebbel gar so 
unleidlich war, darum kommt er stets wieder auf ihn zurück 
in der Judith, in Klara und Julia, bis endlich Brunhild sich 
Günther weigert und erst durch Siegfrieds überlegene Stärke 
dem Gatten bezwungen wird^). Nach Erkenntnis' des Be- 
truges freilich wird sie wieder kalt und Günther seines Sie- 
ges nicht froh. 

Wohin wir auch blicken, kommen wir vom entscheidenden 
Eltemkomplex bei Hebbel nicht loö. Er ist das Urthema, 
das ihn zeitlebens blutheischend verfolgte, bis er es in 
einer Reihe von Dramen von der Seele zu wälzen mindestens 
versuchte. 



1) Man sehe darin keinen Widersprach zu einer früheren Behaup- 
tung, der Vater solle in Siegfrieds Geatalt dem Knaben die sonst uner- 
reichbare Mutter bezwingen. In der Phantasie des Kindes und ebenso 
im Drama» das ja nur eine Dichtereinbildung darstellt, haben beide 
Losungen nebeneinander Platz. 



18* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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8. Kapitel. 

DAS ÜNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME UND DIE RELIGION 

BEI HEBBEL. 

L 

Wer Hebbel bewundern und lieben Itemen will, ohne 
immer wieder gestört zu werden durch ausgeklügelte Sexual- 
probleme, der muß ihn in seinem Tagebuch- studieren. Dort 
wird er den ganzen Reichtum des' Dichters, die Fülle seiner 
Ideen und merkwürdigei;^ Verknüpfungen, den bohrenden Tief- 
5inn und vor allem eine Reihe von Erkenntnissen finden, 
welche die moderne Psychologie des Unbewußten erst vrieder 
entdeckte. Kein zweiter Poet — man darf e» heute ruhig 
aussprechen — hat so viel vom Unbewußten verstanden und 
seinen Beziehungen zur Dichtkunst und zum Liebesleben als 
Friedrich Hebbel. Von diesem seinen Wissen, durch das er 
den Zeitgenossen in manchen Punkten fast um ein volles 
Jalirhundert voraus war, wollen die folgenden Zeilen be- 
richten. 

Kaum hatte der Jüngling die Universität bezogen, so 
notiert das Tagebuch: „Oogito, ergo sum; bin ich nicht viel 
mehr in Gewalt des in mir Denkenden, als dieses in meiner 
Gewalt ist?" Und zwei Jahre später: „Es ist wahrlich noch 
die Frage, ob es ein inneres Leben, d. h. ein bewußtes, denn 
das unbewußte ist doch nicht sowohl Leben, als Lebens- 
nahrung, gibt." Endlich nach der Lektüre von „Emilia 
Galotti": „Das Bewußtsein hat an allem wahrhaft Großen 
und Schönen, welches vom Menschen ausgeht, wenig oder 
gar keinen Anteil; er gebiert es nur, wie eine Mutter ihr 
Kind, das von geheimnisvollen Händen in ihrem Schöße aus- 
gebildet wird, und das', ob es gleich Fleisch von ihrem Fleische 



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DAS ÜNBEWUSSTE, DIE TBÄUME ETC. BEI HEBBEL. 277 

ist, ihr dennoch in unabhängiger Selbständigkeit entgegen- 
tritt, sobald es zu leben anfängt. Der Handwerker weiß 
allerdings mit Bestimmtheit, warum er jetzt zum Ham- 
mer und jetzt zum Hobel greift, aber er macht auch nur 
Tische und Stühle. Das Bewußtsein ist nicht produktiv, es 
schafft nicht, es beleuchtet nur wie der Mond; die Philo- 
sophie beweist nicht gegen diese Behauptimg, denn sie ent- 
wickelt nichts als sich selbst, sie zeugt nur ihre eigenen 
Prozesse." Darum sei die „Emilia Galotti" „trotz ihres rei- 
chen Gehaltes dennoch kein Gedicht. Man könnte sich vielleicht 
so ausdrücken: es erreicht das Ziel der Poesie, insofern dies 
ein allgemeines sein mag, aber es geht nicht den Weg der 
Poesie; der Dichter schulmeistert das Musenroß und es 
treibt im ganzen freilich, wohin er will; aber im einzelnen 
immer entweder zu weit oder nicht weit genug. Gerade dies 
ist der Punkt, worin der echte Dichter sich von seinem 
nächsten Nachbar, der Lessing gewiß war, unterscheidet; 
bei jenem ist die Begeisterung heiliges Feuer, das vom Him- 
mel fällt und das er gewäh.ren läßt ; bei diesem ist es ein 
Flammchen, welches er selbst anmacht imd welches nun, 
]e nachdem die Stoffe sind^ womit er es ernährt, bald nur 
kummerlich schleicht, bald aber gar zu breit und ungestüm 
aufleckt. Bei einer solchen Flamme kann maa löten und 
schmieden, aber die Sonne mit ihrer linden, unsichtbaren 
Glut muß wirken, wenn Bäume und Blumen entstehen sollen". 
Nie wird er müde, Bedeutung und Überlegenheit des Un- 
bewußten herauszustreichen, in ihm das eigentliche Ich zu 
erblicken. „Das Leben ist eine Plünderung des inneren Men- 
schen," „Leben ist Erwachen," „Das Genie ist Bewußtsein 
der Welt," „Die meisten Menschen täuschen sich über sich 
tmd andere, weil sie die Vernunft für die schaffende und 
leitende Macht halten, da sie doch nur die erhaltende und 
korrigierende ist." Voll Bewunderung zitiert er ein „äußer- 
ordentlich schönes Wort" seiner Frau: „Ich besehe mich nach 
innen, wenn ich nachmittags' so dämm're." Die klare Er- 
kenntnis, daß der Grundbau jedes Unbewußten in unserer 
Kindheit aufgerichtet werde, gibt ihm den „dummen Ein- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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278 SADGER, HEBBEL. 



fall" unter, „statt älter, immer jünger zu werden! Und doch 
ist dies die tiefste Notwendigkeit im Leben". Dabei ist er 
keinen Augenblick im Zweifel, daß dort im Unbewußten nie- 
dergehaltene Dämonen hausen. •jVor mancher Grefühlsanalysc 
schaudere ich," „Das Leben der meisten ist ein Fliehen aus 
sich selbst heraus," „Der Begriff seiner selbst ist der Tod 
des Menschen," „Der Fall mit der Sphinx wiederholt sich 
Tag für Tag. Das Eätsel, da^ du nicht lösen kannst, zerstört 
dich." Und trotz alledem notiert er aus tiefstgewonnener 
Erkenntnis: „Der erste Segen, der dem Menschen zu teil 
werden kann, ist, möglichst lange ein Kind zu bleiben/* 

Es ist für den Seelenforscher ein hoher Grenuß, unseren 
Dichter zu verfolgen, wie er sein Innerstes zergliedert und 
durchschaut. So erzählt er einmal: „Es ist unbegreiflich, 
aber wahr, wie man sich im Traum in mehrere Persönlich- 
keiten auflöset, so kann man sich auch im Wachen in zwei 
Wesen zerspalten, die wenig voneinander wissen, in eins, 
welches Fragen stellt, und in ein anderes, welches sie be- 
antwortet. Dies fällt mir eben jetzt, wo ich bei heftigem 
Kopfweh in der Dämmerung auf und ab gehe und mir Selbst- 
unterhaltung abzwinge, zum erstenmal lebhaft auf. Dabei 
fällt mir weiter ein, daß man dies wohl Nachdenken (einen 
Prozeß, den ich bisher nicht zu kennen glaubte) nennt. Die 
Sprache begräbt oft die Sachen; sie bezeichnet so obenhin 
und man meint, es sei nichts weiter dabei zu denken." Hier 
möchte ich als besonders charakteristisch hervorheben, daß 
der Grübler Hebbel das Nachdenken nicht zu kennen 
glaubte, so unmittelbar und mühelos brach ihm das Unbe- 
wußte meist durch. Eine ähnliche Spaltung der Persönlich- 
keit beschreibt er aus einer Todeskrankheit: „Dummer Zu- 
stand zwischen Schlafen und Wachen, wo ich mich selbst 
als Zweiheit empfand: es war mir nämlich so, als ob mein 
geistiges Ich für sich existierte, aber doch ganz ungemein 
von dem heruntergekommenen Körper molestiert ward; der 
Körper kam mir völlig vor, wie ein überaus unbehilflicher 
und unartiger König mit einem dicken Bauch; ich sagte zu 
mir selbst, wenn ich mich vergebens umzuwenden suchte: 



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DAS UNBEWUSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL, 279 

der Alte will nicht u, dgl." Auch die Tagebuchstelle gehört 
hieher : ,, Einer, der, wenn er etwas erlebt, sich dessen immer 
nur zu erinnern meint." 

Wie scharf der Dichter das Entstehen von Bildern und 
Oedanken an sich selber beobachtet, dafür existiert eine Reihe 
von Zeugnissen, So ruft er aus : „Wer doch den wunderbaren 
Zeugungs- und Sichernährungsprozeß des Geistes darstellen 
könnte! Eine Idee erwacht, ein Wort kommt ihr entgegen 
und schließt sie ein, beide bedingen und beschränken sich 
gegenseitig. Die Idee ist das frische Leben des einzelnen- 
das Wort das abgezogene Leben der Gesamtheit, das feinste 
Sublimat von beiden verfliegt aber, indem sie sich berühren, 
5clilägt in den Geist zurück und dient ihm als Speise." Und 
noch wenige Monde vor seinem Tode, als er in Gmuinden Solen- 
bäder , nahm, berichtet das Tagebuch : „Vorher schrieb ich 
meiner Frau einen Brief über Geselligkeit und gesellige Leute. 
Als ich zurückkam, tief in meinen Überrock eingeknöpft, be- 
gegnete mir einer von der noblen Klasse und ich rief: Der 
wird nun über dich herfallen, wie das Faultier über den 
grünen Bauml Es geschah zufällig nicht, aber der Prozeß, 
aus dem dieser Gedanke hervorging, wurde mir merkwürdig. 
Bis zum vergleichenden Wie war er natürlich, als sich ganz 
von selbst verstehend, beim Anblick des bedrohlichen Indi- 
viduums auf der Stelle da und wurde auch laut ausgespro- 
chen. Beim Wie stockte die Zunge, augenblicklich aber 
schloß das ergänzende Bild nach, ohne daß die Genesis des- 
selben vorher ins Bewußtsein gefallen wäre. Das geschieht 
auch nie, aber in diesem speziellen Fall ist der Ideenassozia- 
tion, die das Bild erweckte, vielleicht mit Bestimmtheit 
nachzukommen. Das Faultier tötet den Baum, auf den es 
sich setzt, wenigstens für einen Sommer, und der langweilige 
Mensch denjenigen, an den er sich hängt, wenigstens für 
eine Stunde oder für einen Tag. So decken sich diese beiden 
^tnalogen Erscheinungen der physischen und der intellek- 
tuellen Welt für die Phantasie in dem Punkte, der für sie 
der wesentliche ist, vollständig und müssen sich darum auch 
gegenseitig hervorrufen. Dieser Prozeß wird aber immer statt- 



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SSO 8ADOER, HEBBEL. 



finden, wenn er sich auch nur selten so klar in seine ein- 
zelnen Momente auflösen lassen mag." 

Der Wertschätzung seines Unbewußten entspringt auch 
der Glaube imseres Dichters an wunderbare Ahnungen, Hell- 
sehen, Vorempfindungen und Greis ter. Besonders war dies 
in München der Fall unter dem Einfluß seiner Universitäts- 
lehrer. „Der Nachdruck," meint Kuh, „den Sehe Hing 
auf das Symbolische, Anonyme, Visionäre legte, und Gör res 
Beschäftigung mit den Nachtseiten und Halluzinationen der 
menschlichen Natur brachten den auf das Rätselhafte gerich- 
teten Sinn unseres Freundes in mächtige Schwingung. Der 
Gedanke an das Unbegreifliche im Weltlaufe imd im Men- 
schendasein durchspann seine ernsten Betrachtungen. Seher- 
hafte, verzückte, geistig trunkene Gestalten der Geschichte 
wie der Sage, regten ihn am lebhaftesten auf, ungewöhnliche 
Krankheitserscheinungen, wie der Somnambulismus oder wie 
der ungeheuerliche Sinnentaumel orientalischer imd römi- 
scher Despoten, sprachen sein Nachdenken am stärksten an. 
So verzeichnet er in sein Tagebuch das Wort Görres: daß 
die Hellsehenden vom Gesetz der Schwere entbunden seien; 
so erweckte in ihm dessen Bemerkung: daß Alexander des 
Großen Leben unter dem Zweifel verstrich, ob er ein Sohn 
König Philipps oder Jupiter Am mens sei, die Idee zu einer 
Tragödie. , Zustände der Art sind einzig*, meint er, ,und das 
Unermeßliche ist in ihrem Gefolge/" 

Wie klar er trotz alledem gesehen, beweist eine Tage- 
buchnotiz nach der zweiten Lektüre von Kerners „Seherin 
von Prevorst": „Unser Ahnen, Glauben, Vorempfinden pp. 
haben wir bis jetzt nur als den Beweis für die Existenz einer 
uns in ihrer Realität noch unfaßbaren, außer uns vorhan- 
denen Welt in Anwendung gebracht; mir sind sie mehr, 
sie sind mir zugleich die ersten Pulsschlage einer noch schlum- 
mernden, in uns vorhandenen Welt." Ohne etwas in Ab- 
rede stellen zu wollen, was Kerner von seiner Kranken er- 
zählt, hebt er doch hervor, daß „die Seherin in ihrer Geister- 
welt auch nicht das geringste, was nicht schon längst vorher 
in Millionen Köpfen gespukt hatte, entdeckt, sondern die 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DAS ÜNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 281 

alten gewohnten Gestalten bloß koloriert. Sie steht 
physisch als eine einzige Erscheinung da; dies würde mit- 
hin unbegreiflich sein, wenn sie wirklich mit geistigem Auge 
geschaut und nicht bloß phantastisch geträumt hätte pp." 
Daß sein Geisterglaube direkt die Folge der Empfindung seines 
Unbewußten ist, erweist uns die Stelle des Tagebuches: „Ich 
bin überzeugt, wenn ich jetzt jenen unheimlichen Geister- 
schauder, wie ihn nicht Bücher, nicht gespenstische örter^ 
nicht die Mitternachtsstunde in meiner Brust hervorrufen, 
empfinde, so ist mir ein Greist nah/' Sein Freund „Eousseau 
glaubt zuweilen zu empfinden, er müsse Herr über irgend 
einen Geist sein" und von dessen blödsinnigem Bruder meint 
der Dichter: „Wie wohl solche Menschen gegen die Gcister- 
welt stehen, ob sie nicht vielleicht manches empfinden, füh- 
len und sehen, was ihr angehört und uns verschlossen ist, 
was' sie aber, eben weil sie diese Welt (die unsrige) so 
wenig kennen, ihr zurechnen." Auch die Nutzanwendung auf 
die Poesie macht er ganz richtig. „Wir Menschen sind des 
Grauens und der Ahnung nun einmal fähig ; es ist dem Dichter 
<iaher gewiß erlaubt, sich auch solcher Motive zu bedienen, 
die er nur diesen trüben Regionen abgewinnen kann. Aber 
zweierlei muß er beobachten: Er darf hier erstlich, weniger 
wie jemals, ins rein Willkürliche verfallen, denn dann wird 
er abgeschmackt. Dies vermeidet er dadurch, . daß er auf 
die Stimme des Volkes und der Sage horcht und nur aus den- 
jenigen Illementen, welche sie, die der Natur alles wirklich 
Schauerliche längst ablauschten, geheiligt haben. Er muß 
sich zweitens hüten, solche Phantasiegebilde zu erschaffen, 
die nur einen einzelnen Menschen, etwa den, welchen er, um 
sie nur überall in Tätigkeit zu setzen, in seinem Gedicht 
damit in Verbindung bringt, etwas angehen. Nur die Ge- 
stalt flößt Grauen ein, die mich selbst irgendwo verfolgen 
kann; nur den gespenstischen Kreis fürchte ich, vor dessen 
Wirbel ich nicht gesichert bin.'' Ähnlich wirft er ein ander- 
13^ die Frage auf: „Wie weit gehört das Wunderbare, My- 
stische in die moderne Dichtkunst hinein?" und beantwortet 
sie: „Nur soweit es elementarisch bleibt, d. h. die dumpfen, 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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282 SADGER, HEBBEL. 



a^hnungs vollen Gefühle und Phantasien, auf denen es beruht, 
und die vor etwas Verstecktem, Heimlichen in der Natur zit- 
tern, vor einem ihr innewohnenden Vermögen, von sich selbst 
abzuweichen, dürfen angeregt, sie dürfen aber nicht zu kon- 
kreten Gestalten, etwa Gespenster- und Geistererscheinungen 
verarbeitet werden, denn dem Glauben an diese ist das Welt- 
bewußtsein entwachsen, während jene Gefühle selbst ewiger 
Art sind." Endlich, achtet Hebbel selber bei der Abreise 
von München 1839 fortwährend auf günstige und ungünstige 
Zeichen, und als er in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" 
von einer gelähmten Gräfin liest, die durch den Rock des 
Heilands den Gebrauch ihrer gichtbrüchigen Glieder wieder 
erlangt hatte, zweifelt er nicht nur keinen Augenblick, son- 
dern leistet sich sogar den Ausspruch: „Also seit langem 
wieder das erste Wunder! Und jedenfalÜLs ein Zeichen!" 

Wie Professor Freud in der populärsten seiner Schrif- 
ten, „Zur Psychopathol<^ie des Alltagslebens", nachweisen 
konnte, liegt eine der Wurzeln des Aberglaubens darin, daß 
der ihm Anhangende zwar dunkel fühlt, sein psychisches Ge- 
schehen sei genau determiniert, es gebe also keine seelischen 
Zufälligkeiten, doch dieser Erkenntnis nimmer bewußt wird. 
Weil aber die Tatsache jener Determinierung nach einem 
Platz in seiner Anerkennung drängt, ist er geneigt, sie durch 
Verschiebung irgendwo in der Außenwelt unterzubringen. 
Statt (also zu sagen: es gibt einen äußeren, realen ZufaU, 
aber keine innere psychische Zufälligkeit, mißt er, da er 
dieser psychischen Determinierung nicht inne wird, dem 
äußeren Zufall ganz besondere Bedeutung bei und meint, daß 
durch ihn ein Verborgenes sich ankünde. Tatsächlich kün- 
digt sich auch ein Verborgenes also an, nur nicht im ZufaU 
und nicht in der Außenwelt, sondern einzig und allein in 
seinem eigenen Unbewußten. Der Aberglaube ist also nichts 
anderes als in die Außenwelt projizierte Psychologie des Un- 
bewußten. 

Man sieht, wie nahe sich der Freud sehe Gedankengang 
mit der 'Erklärung Hebbels berührt: „Unser Ahnen, Glau- 



C^ nri n I r^ Orrgin a f f ro m 

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DAS ÜNBEWUSSTE, DIE TRÄUME ETC, BEI HEBBEL. «88 

ben, Vorempfinden pp. haben wir bis jetzt nur als Beweis 
für die Existenz einer uns in ihrer Bealität noch unfaßbaren^ 
außer uns vorhandenen Welt in Anwendung gebracht; mir 
sind sie mehr, sie sind mir zugleich die ersten Pulsschläge 
einer noch schlummernden, in uns vorhandenen Welt." U»d 
nur weil der Dichter in einem Jahrhundert lebte, da jene 
Psychologie des Unbewußten noch gar nicht erforscht war, 
blieb er in den Anfängen der Erkenntnis stecke^, so daß der 
unverstandene Rest genügte, ihn Zeit seines Lebens bis zu 
einem gewissen Grade abergläubisch zu machen. 

Wir vernahmen schon oben, daß Hebbel die Beziehungen 
dea Wahnsinnes zum Unbewußten vermutete. Just weil dem 
Irren unsere bewußte Welt verschlossen, ahne er vielleicht 
um so mehr von der Greister-, i. e. der Welt des Unbewußten. 
Er nennt sie einmal „die innere Licht weit eines Wahnsinni- 
gen". Aus dem Tagebuch eines Arztes zitiert der Dichter: 
„Es war fast immer von glücklichem Erfolg, wenn ich dem 
Benehmen eines Wahnsinnigen einen Beweggrund unterschob,** 
wasf er mit dem Zusatz „Begreiflich I !" versieht. In Pfisters 
Kriminalfällen findet er die Redensart erwähnenswert „sie 
hat sich hintersonnen" für „sie ist wahnsinnig geworden*'. 
Auch erklärt er durchaus zutreffend: „Die Ideenverbindungen 
scheinen im Wahnsinnigen unter dem Gesetz des Wider- 
spruches zu stehen." Einem Briefe an Elise entnehme ich 
noch: „Der Wahnsinn ist nur als Zustand an sich, und in- 
soweit er über das Menschliche hinausgeht, furchtbar. Der 
Wahnsinnige fühlt keine Schmerzen, so wenig körperliche 
als geistige, und er steht jener T^^elt vielleicht 
näher als wir alle. Das geistige Vermögen kann nicht 
untergehen und deswegen auch nicht gestört werden; nur 
das Band zwischen Körper und Geist kann locker werden." 
Endlich hat in der „Maria Magdalene" der Wahnsinn aus der 
Erau des Kaufmanns Wolfram die wahre Natur herausgeholt. 
Sie, die in gesunden Tagen durch Überkompensation „die 
leiste, mitleidigste Seelfe von der Welt war, ist jetzt bos- 
haft und schadenfroh geworden und jauchzt und jubelt, wenn 
vor ihren Augen ein Unglück geschieht". Der infantile Ur- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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284 SADGER, HEBBEL. 



aprung verrät sich in der Art, wie 5,sie Sachen im Hause 
auf die Seite bringt, Gteld versteckt und Papiere zerreißt'*. 

Die Brutstätte jedweder großer Tat, des genialen . Ge- 
dankenB wie des poetischen Gredichtes, ist Hebbel gleich- 
mäßig das Unbewußte. Darum auch das Plötzliche ihres Her- 
vortretens und die völlige Unabänderlichkeit. „Selbst eine 
große Tat kommt dem Menschen wie eine poetische Idee," 
heißt es einmal im Tagebuch. „Das Naive (Unbewußte) ist 
der Gregenstand aller Darstellung." „Den poetischen und 
genialen Gedanken (beides ist in der Bedeutung eins) un- 
terscheidet von jedem anderen die Unmittelbarkeit, mit 
der er hervortritt, und die Unveränderlichkei t, mit der 
er sich fixiert." Nie wird er müde, diese Ursätze alles poeti- 
schen Schaffens in verschiedener Beleuchtung abzuwandeln. 
„Die echte Poeeie dringt aus der Seele wie das heiße Blut 
auö der Ader, die es selbst aufsprengte ;" „Dichten heißt sich 
ermorden;" „Bei einem großen Dichter hat man ein Gefühl, 
alä ob Dinge emportauchten, die im Chaoe stecken geblieben 
sind;" „In die dämmernde, duftende Gefühlswelt des begei- 
sterten Dichters fällt ein Mondstrahl des Bewußtseins und 
das, was er beleuchtet, wird Gestalt." Nur darf das Be- 
wußtsein nicht mehr als fixieren und höchstens noch ordnen, 
was es vom Unbewußten erlauschte. „Ob die Idee den Dich- 
ter überwältigt oder der Dichter die Idee, davon hängt alles 
ab." Und von Walter Scott meint er: „Merkwürdig und 
bezeichnend ist vor allem die Art. wie Scott sich der stoff- 
artig-poetischen Elemente, der Sagen, Träume, Ahnungen pp. 
bedient ; er weiß . sie mit prächtiger Hand zu packen und 
aufsf Geschickteste in den Gang des G^uizen zu verweben, 
aber er besprengt sie immer vorher wohlbedächtig mit dem 
kalten Wasser des Verstandes und erschwert sich dadurch 
die Wirkung, die er zuletzt doch hervorzubringen weiß." Heb- 
bel selber klagt einmal: „Warum vermag der Wille doch 
im Ästhetischen so ganz und gar nichts!" und ein andermal 
wieder: „Wunderlich eigensinnige Kraft, die sich jahrelang 
äo tief verbirgt, wie eine zurückgetretene Quelle unter der 
Erde, und die dann, wie diese, plötzlich und oft zur unbequem- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DAS ÜNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 286 

sten Stunde wieder hervorbricht." So unbedingt aber gab 
er sich dann seinem Innenleben hin, daß er beim Dichten 
auch im imgeheizten Zimmer niemals fror. „Denn dann bin 
ich unempfindlich für äußere Einflüsse, obgleich die innere 
Erhitzung meistens mit einem Schnupfen endet." 

Zweimal hat sich der Dichter einläßlicher ausgesprochen 
über die Tätigkeit des Bewußten und Unbewußten im künst- 
lerischen Schaffen. Das erstemal im Ta^buche: „Worin 
besteht die Naivität in der Kunst? Ist es wirklich ein Zu- 
stand vollkommener Dumpfheit, in dem der Künstler nichts 
von sich selbst weiß, nichts von seiner eigenen Tätigkeit? 
Das ist unmöglich, denn wenn er nicht erkennt oder fühlt: 
dieser Zug ist tief, dieser Gredanke ist schön, warum zeichnet 
er den einen hin, warum hält er den anderen fest ? Die Pra^ 
wird wohl am einfachsten so beantwortet. Unbewußterweise 
erzeugt sich im Künstler alles Stoffliche, beim dramatischen 
Dichter z. B, die Gestalten, die Situationen, zuweilen sogar 
die ganze Handlung, ihrer anekdotischen Seite nach, denn 
das tritt plötzlich und ohne Ankündigung aus der Phantasie 
hervor. Alles übrige aber fällt notwendig in den Kreis des 
Bewußtseins.^ 

Noch schärfer präzisiert er in einem Brief an Engländer 
vom 1/ Mai 1863: „Sie wollen an den Dichter glauben 
wie an die Gottheit; warum sö hoch hinauf, in die Nebel- 
region hinein, wo alleii aufhört, sogar die Analogie? Sollten 
Sie nicht weiter gelangen, wenn Sie zum Tier hinimtersteigen 
und dem künstlerischen Vermögen die Mittelstufe zwischen 
dem Instinkt des Tieres und dem Bewußtsein des Menschen 
anweisen? Da sind wir doch im Bereich der Erfahrung imd 
haben Aussicht, durch die Anwendung zweier bekanntem 
Größen auf eine unbekannte etwas' Eeales zu vermitteln. Das 
Tier führt ein Traumleben, das die Natur unmittelbar regellt 
und streng auf die Zwecke bezieht, durch deren Erreichung 
. auf der einen Seite das Geschöpf selbst, auf der anderen aber 
die Welt besteht. Ein ähnliches Traumleben führt der Künst- 
ler, natürlich nur als Künstler, und wahrscheinlich aus dem- 
selben Grunde, denn die kosmischen Gesetze dürften nicht 



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28« SADGER, HEBBEL. 



klarer in seinen Gresichtskreis fallen, wie die organischen 
in den des Tieres und dennoch kann er keines seiner Bilder 
abrunden und schließen, ohne auf sie zurückzugehen. Warum 
sollte nun die Natur nicht für ihn tun, was sie für das Tier 
tut. Sie werden aber auch überhaupt finden, um tiefer aus- 
zugreifen, daß die Lebensprozesse nichts mit dem Bewußt- 
sein zu tun haben, und die künstlerische Zeugung ist der 
höchste von allen; sie unterscheiden sich ja eben dadurch 
von den logischen, daß man sie absolut nicht auf bestimmte 
Faktoren zurückführen kann. Wer hat das Werden je in 
irgend einer seiner Phasen belauscht und was hat die Be- 
fruchtungstheorie der Physiologie trotz der mikroskopisch- 
genauen Beschreibung des arbeitenden Apparates für die Lö- 
sung des Grundgeheimnisses getan? Kann sie auch nur einen 
Buckel erklären? Dagegen kami ee keine Kombination geben, 
die nicht in allen ihren Schlangenwindungen zu verfolgen 
und endlich aufzulösen wäre; das Weltgebäude ist uns ver- 
schlossen, zum* Tanz der Himmelskörper können wir allen- 
falls die Geige streichen^ aber der sprossende Halin ist uns 
ein Rätsel und wird es ewig bleiben. Sie hatten dahex voll- 
kommen recht, Newton auszulachen, wenn er ,das naive 
Kind spielen* und behaupten wollte, der fallende Apfel habe 
ihn mit dem Gravitationraystem inspiriert, während er ihm 
recht gern den ersten Anstoß zum Reflektieren über den Ge- 
genstand gegeben haben kann, wogegen Sie Dante zu nahe 
treten würden, wenn sie es bezweifeln wollten, daß ihm. Him- 
mel und Hölle zugleich beim Anblick eines halb hellen, halb 
dunklen Waldes in kolossalen Umrissen vor der Seele auf- 
gesti^en seien. Denn Systeme werden nicht erträumt, Kunst- 
werke aber auch nicht errechnet, oder, was' auf das nämliche 
hinausläuft, da das Denken nur ein höheres Rechnen ist, 
erdacht. Die künstlerische Phantasie ist eben das Organ, 
welches diejenigen Tiefen der Welt erschöpft, die den übrigen 
Fakultäten unzugänglich sind, und meine Anschauungsweise 
setzt demnach an die Stelle eines falschen Realismus, der 
den Teil für das Ganze nimmt, nur den wahren, der auch 
das mit umfaßt, was nicht auf der Oberfläche Megt." 



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DAS UNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC, BEI HEBBEL. 287 

Dem Hineinhorcheii in sein Unbewußtes! entsprach auch 
die Art seines Dichterschaffens. Darüber berichtet Emil 
Kuh: „Den produzierenden Hebbel erblicken, war das Bild 
einesi Traumwandelnden sehen. Sein Antlitz hatte alsdann 
den leidenden Ausdruck des Beseligten. Er neigte sein Haupt 
tief herab^ wie eine dem warmen Sommerregen hingegebene 
Pflanze, Die Arme vor der Brust ineinander gelegt, hin und 
wieder das Lächeln oder die Trauer des schauenden Menschen 
um den Mund, so schritt er durch die Straßen Wiens, durch 
daä Gehölz des Praters oder durch die Laubgänge des Au- 
gartens, gleichviel ob das klare Licht des Si)ätherbstes sie 
vergoldete, oder feuchte Oktobemebel sie verschatteten oder 
überrieselten. Sogar das Teufelswetter dieser Jahreszeit 
konnte ihm nichts anhaben, wenn er im Bildersegen unter- 
getaucht war. Das. Gewühl und Getöse der Großstadt störte 
den visionären Spaziergänger niemals und die berüchtigte 
Windsbraut Wiens, wie sie auch in den Baumkronen der ge- 
waltigen Praterbäume wühlte und knirschte, weckte ihn nicht 
aus seiner Weltvergessenheit auf. Sprach ihn aber jemand 
an, dann entfuhr ihm der heftigste Laut der Abwehr. Manch- 
mal überhörte er die Anrede imd schwankte, leise singend, 
vorbei. Das entstehende Gredicht kam ihm nämlich immer 
mit einer Melodie i). Ich habe diese seltsamen Summtöne 
zuweilen vemomnlen, wenn ich zufälligerweise hinter ihm her- 
ging. Dann und wann trat er in einen Hausflur und notierte 
rasch das Empfangene, meistens jedoch brachte er alles un- 
aufgeschrieben heim, einnual hundert Verse, die er frei aus 
dem Kopfe kopierte. Seine Originalmanuskripte sind von 
einer Sauberkeit, als ob es Abschriften wären." 

Für Hebbel war Dichten ein unumgängliches' Sich-Ent- 
äußem, das Abreagieren seines quälenden Ichs, die einzige 
Mc^lichkeitj dem Schrecken des Unbewußten zu entfliehen. 
So schreibt er einmal an Elise über Oeh len schlage r: 
„Wenn dieser herzensgute und glückliche Mann doch nur 

1) Hebbel selber schrieb eimnal: „Ich höre immer Musik, wenn 
ich an einer bedeutenden Szene arbeite," weshalb er auch glaubte, daß 
>,alle Künste nur verschiedene Ausläufer einer und derselben Urkraft sind." 



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288 SADGER, HEBBEL. 



eine Vorstellung davon hätte, wie es in Geistern hergeht, 
die nicht ihre Phaatasiegebilde gestalten, sondern die Angst 
und das Sehnen ihres Herzens in Symbole kleiden!" Ähnlich 
in einer kritischen Arbeit: „Alle Kunst ist Notwehr des 
Menschen gegen die Idee, wie ja schon, um ins Besonderste 
hinabzusteigen, jede ernste dichterische Schöpfung aus der 
Angst des schaffenden Individuums vor den Konsequenzen 
eines dunklen Gedankens hervorgeht; was aber dem Künstler 
sein Werk, das ist der Menschheit die Kunst." Und endlich 
im Tagebuch: „Daß Shakespeare Mörder schuf, war 
seine Bettung, daß er nicht selbst Mörder zu werden brauchte. 
Und wenn dies, einer solchen Kraft gegenüber, zuviel ge- 
sagt sein könnte, so ist doch sehr gut eine gebrochene Dichter- 
natur denkbar, bei der das in anderen Menschen gebundene 
und von vornherein ins Gleichgewicht gebrachte, im Künst- 
ler aber entfesselte und auf ein zu erringendes Gleichgewicht 
angewiesene elementarische Leben unmittelbar in Taten her- 
vorbräche, weil die künstlerischen Produktionen in sich er- 
sticken oder in der Geburt verunglücken." In dem „Grenz- 
boten" stand ein wunderlicher Artikel über Hebbel^ dem 
prognostiziert ward, er müsse dereinst wahnsinnig werden. 
Darauf reagierte unser Poet: „Nein, da weiß ich's besser! 
Dasi wird nie geschehen, nie, ich fühle etwas von. einem 
ehernen Reif im Kopf und habe in Todkrankheiten schon die 
Erfahrung gemacht, daß selbst die wilden Fieberphantasien 
das Bewußtsein in mir nicht überwuchern konnten, daß ich, 
wenn ich sie auch nicht ganz zu ersticken vermochte, sie doch 
innerlich bespöttelte und verlachte. Übrigens ist ein solches 
Urteil nicht ohne allen Grund i), indem es doch auf einiger 
Einsicht in die schöpferischen Prozesse des dichterischen Gei- 

1) Vgl. daÄU aus dem „Diamant": „Wer den Menschen zwingt, unter 
sich selbst hinabzuschauen und das schmale Fundament -seines Daseins 
ins Auge zu fassen, um Bechenschaft davon zu geben, kann ihn für ewig 
verwirren,'* ferner aus dem Briefe an Eliso vom 19. Dezember 1836: 
„Es ist zugleich unheimlich und gefährlich, wenn ein Mensch zum Fun- 
dament seines Wesens hinunter steigt, und er tut gar wohl, wenn er 
niemal«: daran rüttelt, denn drunten lauem die Finsternis und der 
AVahnsinn.*' 



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DAS ÜNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 289 

stes beruht und es nur darin versieht, daß es die' befreiende 
Kraft des Vorstellungsvermögens, die doch im subjektiven 
wie im objektiven Sinne damit verbunden ist, nicht in An- 
schlag bringt. Ich habe es oft gesagt und werde nie davon 
abweichen: die Darstellung tötet das Darzustellende zunächst 
im Darsteller selbst, der das, was ihm bis dahin zu schaffen 
machte, durch sie unter die Füße bringt, dann aber auch für 
den, der sie genießt I" Im Vorwort zur „Maria Magdalena" 
heißt eine Stelle: „Selbst einsichtige Männer hören nicht 
auf, mit dem Dichter über die Wahl seiner Stoffe, wie sie 
es nennen, zu hadern, und zeigen dadurch, daß sie sich das 
Schaffen, dessen erstes Stadium, das empfangende, doch tief 
unter dem Bewußtsein liegt und zuweilen in die dun- 
kelste Ferne der Kindheit zurückfällt, immer als 
ein, wenn auch veredeltes Machen vorstellen und daß sie 
in das geistige Grebären eine Willkür verlegen, die sie dem 

leiblichen gewiß nicht zusprechen würden Der Dichter 

hat keine Wahl, er hat nicht einmal die Wahl, ob er ein Werk 
überhaupt hervorbringen will oder nicht, denn das einmal 
lebendig Gewordene läßt sich nicht zurückverdauen, es läßt 
sich nicht wieder in Blut verwandeln, sondern muß in freier 
Selbständigkeit hervortreten und eine unterdrückte oder un- 
mögliche geistige Entbindung kann ebenso gut wie eine leib- 
liche, die Vernichtung, sei es nun durch den Tod oder durch 
den Wahnsinn, nach sich ziehen. Man denke an Goethes 
Jugendgenossen Lenz, an Hölderlin, an Grabbe." Und 
ins Tagebuch trägt er einmal ein: „Für so mancherlei, das 
sich in mir regt, bedarf ich eines Gefäßes, wenn nicht alles, 
was sich mir aus dem Innersten losgerissen hat, zurücktreten 
und mich zerstören solL" 

IL 

Ich habe nie wieder einen Dichter gefunden, der mit 
solchem Interesse auf Träume achtet, eigene wie fremde, und 
ihnen so viel Beachtung zumißt wie Friedrich Hebbel, Er 
sammelt sie von Beppi und Elise, Christine und Baronin 

8 ad g er, Hebbel. 1^ 



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290 SADOER, HEBBEL. 



Engelhofe n, aus Lektüre und Dichtung, verwöbt auch 
stets zumindest einen, nicht selten mehrere in jedes seiner 
Dramen und hebt in Gresprächen über Schopenhauer als 
eine von dessen höchsten Leistungen die Entwicklungen über 
den Traum hervor. Mit dem Denker erblickt er im Traum- 
leben einen der metaphysischen Schlüssel. Er selbst aber 
dringt bisweilen ganz erstaunlich tief in das Verständnis des 
Traumes ein, dessen Symbolik, Deutung und Eigentümlich- 
keiten er, wenn schon nicht weiß, so doch mindestens ahnt. 
Wo ihm ein solches Verstehen gelungen, da deckt sich seine 
Erkenntnis durchaus mit den Erlebnissen der modernen, 
psychologischen, durch Freud inaugurierten Tranmausie- 
gungi). 

Eh ich dies an einigen Beispielen erlautere, sei ein all- 
gemeines vorausgeschickt. Man fühlt sich gar nicht selten 
versucht, die hohe Bewunderung, die dem Grenius gezollt wird, 
auf die Tatsachen etwas abfärben zu lassen. Selbst ein 
Haeckel z. B. scheute sich nicht, in Goethe einen Vor- 
läufer Darwins zu erblicken, der vieles schon klar vor- 
ausgesehen habe. Und welch ein profundes, umfassendes 
Wissen ward nicht einem Shakespeare in die Schuhe ge- 
schoben! Ich glaube, man tut unbeschadet aller berechtigten 
Bewunderung doch immer gut, sich streng an die nackten 
Tatsachen zu halten und dem Genie nicht imterzulegen, was 
er als Kind eines früheren Jahrhunderts nicht wissen konnte. 
In schwierigen Materien ist es schon Verdienst, eine große 
Wahrheit wenn auch nur von fem geahnt zu haben. Und 
Lionardos Versuche, die Luft zu durchfliegen, bleiben 
darum nicht minder bewundernswert, weil es zu seiner Zeit 
noch keine leichten Motoren gab. In den meisten Fällen 
wird sich bei strengem Forschen ergeben, daß es sich besten- 
falls um ein Ahnen, nicht um ein volles Verstehen handelt. 
Kein Bewundern also, sondern eine vorsichtige Tatsachen- 
prüfung wird eine richtige Wertschätzung geben. 

^) Vgl. hiezu insbesondere „Die Traumdentung** von Prof. Sigmund 
Preud, 3. Aufl. 1911, die den wissenschaftlichen Ausführungen dieses 
Kapitels zu Grunde liegt. 



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DAS UNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 291 



Bei Friedrich Hebbel findet sich nun gar manche Be- 
merkung; die aussieht, als wäxe sie direkt den Schriften 
Freuds entlehnt. So heißt eine Stelle der Tagebücher: 
„Wenn sich ein Mensch entschließen könnte, alle seine 
Träume, ohne Unterschied, ohne Kücksicht, mit Treue und 
Umständlichkeit und unter Hinzufügung eines Kommen- 
tars, der dasjenige umfaßte, was er etwa selbst nach Er- 
innerungen aus seinem Leben und seiner Lektüre an seinen 
Träumen erklären könnte, niederzuschreiben, so würde er der 
Menschheit ein großes Greschenk machen. Doch so wie die 
Menschheit jetzt ist, wird das wohl keiner tun; im stillen 
und zur eigenen Beherzigung es zu, versuchen, wäre auch schon 
etwas wert.^' 

Hier springt zunächst die außerordentliche Wertschätzung 
ins Auge, die Hebbel den Träumen im allgemeinen zu- 
schreibt und die uns noch mehrfach beschäftigen wird. Er 
weiß auch, man müsse nicht bloß den manifesten Trauminhalt 
erzählen, und zwar wortgetreu und mit Uniständlichkeit, 
sondern auch noch eine Erläuterung beifügen mit allem, was 
uns aus Leben und Lektüre zu jenem einfällt. Und endlich 
kennt er auch noch die allgemeine Scheu der Sterblichen, 
zu den „Müttern" hinabzutauchen, und die noch größere, das 
also Erschaute der Welt zu verkünden. 

Einige Aussprüche Hebbels» erweisen, daß er sich be- 
reits zur Erkenntnis durchrang, im Schlafe erwache das 
Längstvergessene, unbewußt Grewordene. „Alle Träume sind 
vielleicht nur Erinnerungen!" heißt es einmal im Tagebuch. 
„Wenn wir schlafen, erwacht in uns der Grottl" „Schlafen 
ist ein Hineinkriechen des Menschen in sich selbst." ,, Schlaf 
ist Zurücksinken ins Chaos." 55l>er Traum ist der beste 
Beweis dafür, daß wir nicht so fest in unsere Haut einge- 
schlossen sind, als es scheint." „Träumen — dumpf, da haben 
wir eine doppelte und dreifache Haut und können gar nicht 
heraus — heller und heller, da fällt eine Haut nach der 
anderen — erwachen — da entströmen wir uns selbst und 
sind nichts mehr für uns selbst!" Also Hebbel weiß nicht 
nur, daß alte Erinnerungen im Traume erwachen, die wir 

19* 



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292 SADGER, HEBBEL. 



schon längst aus dem Bewußtsein drängten, sondern daß es 
auch mehrfache Schichtungen gibt im Unbewußten^ Bis in 
Jugend und Kindheit führe der Traum uns häufig zurück, 
bis ins Unausgebildete, im Keime noch Euhende, mit Unter- 
drückung der späteren Auflagerungen. „Der Traum löscht 
zuweilen eine ganze Zeile Lebens aus und führt den Menschen 
ganz so, wie er war, als ihm das hätte begegnen können, 
was der Traum ihm vorspiegelt, in eine fernere Vergangenheit 
zurück. So ging ich mit Alberti und wußte nichts von 
allem, was sich zwischen uns in Hamburg ereignet hat." 
Noch bezeichnender ist der Traum vom 6. August 1838 : 
„Über Nacht träumte mir: ich arbeite im Dithmarschen einen 
Bericht in einer Armensache aus, in der ich ein Versehen 
begangen hatte. Dieselben ängstlichen Verhältnisse, die mich 
immer zwangen, alles über mich ergehen zu lassen und meine 
Rechtfertigung in meiner Brust zu verschließen; kein Ge- 
danke an die gänzliche Veränderung meiner Lage. Die 
menschliche Seele ist doch ein wunderbares 
Wesen und der Zentralpunkt aller ihrer Ge- 
heimnisse ist der Traum i). Diejenigen Träume, welche 
etwas ganz Neues, wohl gar Phantastisches bringen, sind in 
meinen Augen bei weitem nicht so bedeutend, als diejenigen, 
welche die ganze Gegenwart bis auf die leiseste Regung der 
Erinnerung töten und den Menschen in das Gefängnis eines 
längst vergangenen Zustandes zurückschleppen. Denn bei 
jenem ist doch nur dasselbe Vermögen wirksam, worauf die 
Kunst und alles, was mehr oder weniger annähernd zu ihr 
heranführt, beruht und was man Phantasie zu nennen pflegt; 
bei diesen aber eine ganz eigentümliche, rätselhafte Kraft, 
die den Menschen im eigentlichsten Verstände sich selbst 
stiehlt und die ausgemeißelte Statue wieder in den Marmor- 
block einschließt.*' 

Auch daß der Traum eine Wohltat bedeute und Wunsch- 
erfüllung, hat Hebbel zweifellos schon geahnt, wenn nicht 



^) Vgl. dazu aus Freuds „Traumdeutung": „Die Traumdeutung ist 
die Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben." 



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DAS UNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 293 

direkt gewußt. Schreibt er ja doch ina Tagebuch: „Sich 
schöne Träume zu bilden, mögen diese nun Realität haben 
oder nicht, ist doch immer ein herrliches Vergnügen der 
Menschheit." Und endlich, was die Wunscherfüllung am 
deutlichsten verrät: „Wie oft träumt man und weiß, daß 
man nur träimit. Aber man weiß auch, daß das Zimmer noch 
nicht geheizt, der Kaffee noch nicht gekocht ist, und träumt 
fort." Man schläft also weiter, bis sich sämtliche Wünsche 
einem erfüllen. Aus dem gleichen Verstehen stammen die 
Aussprüche: „Die Alten wollten aus dem Traum weissagen, 
was dem Menschen geschehen würde. Das war verkehrt! 
Weit eher läßt sich aus dem Traume weissagen, was er tun 
wird." „Der Traum ist die Pforte des Werdenden zum Seien- 
den." „Jemanden verklagen, weil er niederträchtig von 
einem träumt. ,Denn das setzt voraus, daß er niederträchtig 
von einem denkt.*" 

Auch von den Darstellungsmitteln des Traumes und seiner 
Symbolik ist Hebbel einiges vertraut und noch mehr wird 
vermutet. „Das schönste Mädel wird vielleicht im Traum 
von dem schmutzigsten Kerl entehrt. Vielleicht träumt sie 
dann, daß die Blumenwiese sich unter ihr in einen Morast 
verwandelt." Und ein andermal noch deutlicher: „Wahn- 
sinnige, verrückte Träume, die uns selbst im Traum doch 
vernünftig vorkommen: die Seele setzt mit einem Alphabet, 
das sie noch nicht versteht, unsinnige Figuren zusammen, 
wie ein Kind mit den 2.4 Buchstaben; es ist aber gar nicht 
gesagt, daß dies Alphabet an und für sich unsinnig ist. ' 
Hierin liegt zumindest ein ahmendes Verstehen der Traum- 
symbolik. Ebenso fallen dann unserem Dichter mancherlei 
Eigentümlichkeiten auf. „Wie seltsam ist, daß man von Gre- 
storbenen so selten träumt 1" Oder: „Warum nur der Traum, 
der doch alles durcheinander wirft, dem jungen Menschen 
den alten nicht ebenso gegenüberstellt, wie die Erinnerung 
dem alten den jungen?" Ferner: „Sie träumt nicht davon, 
woran sie denkt." Und endlich zitiert er noch Beppis Be- 
merkung : „Wenn ich, obgleich ich wache, nur die Augen nicht 
aufmache, so weiß ich noch, was mir geträumt hat, sonst nicht." 



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294 SADGER, HEBBEL. 



Sogar die sekundäre Bearbeitung und die Traumzensur 
kennt Hebbel genau. Man lese z. B. die Abhandlung im 
Tagebuch vom 19. Maxz 1838: „Über Nacht hatte ich einen 
/Traum, der mir deswegen merkwürdig ist, weil er sich so 
oft (ich hatt' ihn schon früher mehreremal) in mir wieder- 
holte. Mir träumte nämlich, ich hätte die Idee zu einem 
Gedicht. Sie gefiel mir sehr ; ich ging, wie ich zu tun pflege, 
mit schnellen Schritten in meinem Zimmer auf und ab und 
trat zuweilen an den Schreibtisch, um die Verse, so wie sie 
entständen, niederzuschreiben. Je mehr ich mich (ich fühlte 
dies» deutlich, ohne mich dessen bewußt zu sein) dem Er- 
wachen näherte, um so weniger war ich mit den Versen zu- 
frieden und es kam mir zuletzt vor, als ob die Idee überhaupt 
nichts wert sei. Ich überdachte sie noch einmal und in der- 
selben Minute, wo ich mich von ihrer Nullität überzeugte, 
erwachte ich, hatte nun aber doch nicht mehr die leiseste 
Ahnung von ihr, die mich doch noch kurz zuvor so lebhaft 
beschäftigt hatte. — Es ist mir (wenn man über Traum- 
erfahrungen überall räsonieren darf, was ich bezweifle, da 
ich glaube, daß sie niemals rein in das Bewußtsein über- 
gehen, weil sie in das Bewußtsein entweder durchaus nicht 
lüneinpassen, oder weil doch der Akt des Erwachens ihnen 
einen fremdartigen Bestandteil beimischt, der sie gänzlich 
verändert), es ist mir schon oft vorgekommen, als ob sich 
die Seele in Träumen eines veränderten Maßes und Gewichtes 
bedient, wonach sie die Bedeutung der Dinge, die in und 
außer ihr vorgehen, bestimmt; sie wirkt auf die alte Weise, 
aber nicht bloß in anderen Stoffen und Elementen, sondern 
auch, wemi der Ausdruck erlaubt ist, nach einer anderen Me- 
thode. Hindemisse, mit denen wir wachend nicht in Ge- 
danken zu kämpfen wagen, verfliegen im Traum vor dem 
Hauche des Mundes; an Armseligkeiten, denen wir wachend 
kaum die Ehre antun würden, sie zu umgehen, bricht sich 
im Traum unsere ganze Kraft ^). Ebenso ist es mit Innerlich- 

1) Hier sei aus einem Aufsatz, den Hebbel für die Beichszeitung 
schrieb („Mein Traum in der Neujahrsnaoht 1849"), die folgende Stelle 
angefügt: „Der Schlaf ist nicht blpß in dem Sinne der Vermittler und 



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DAS UNBEWUSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 295 

keiten ; ich bin z. B. überzeugt, daß ich über Nacht nicht 
erwachte, weil ich wirklich einsah, daß die poetische Idee, 
die ich erfaßt hatte, nichts tauge, und weil also die Tätig- 
keit meiner Seele plötzlich stockte; ich bin gewiß, daß die 
sonderbaren Regungen des Selbstbewußtseins, die dem Er- 
wachen immer vorhergehen und die uns den Traumzustand, 
in welchem wir uns befinden, mit mißtrauischen Aug^n be- 
betrachten lassen, die poetischen Operationen meiner Seele 
erstarrten und den eigentlichen Lebenskeim jener zarten Idee, 
wie plötzlich hinzudringende kalte Luft, töteten, so daß die 
Idee paralysiert wurde, weil ich erwachte. Ich. glaube nicht, 
daß mich hier jemand, der nicht an sich selbst etwas ähn- 
liches erlebt hat, verstehen würde, und doch ist mir dies 
alles klar, wie das Einmaleins.*' Zum Verständnis füge ich 
noch hinzu, daß die eingangs beschriebene kritische Abküh- 
lung der Wirklichkeit entsprach. ^Ganz ebenso war unser 
Dichter zu Anfang von vielen seiner Gredichte begeistert, um 
sie dann später, bei kühlerem Blute, völlig zu verwerfen. 
Die Art, wie dies im Traume geschieht, offenbart ganz deut- 
lich das Walten der Zensur, die gegen das Aufwachen immer 
stärker wird imd es schließlich dahin bringt, daß jenes Gre- 
dicht ohne jede Spur vergessen wird. Wie Hebbel endlich 
das Verhalten des Traumes gegenüber kleinen und großen 
Schwierigkeiten richtig durchschaut und ebenso die sekun- 
däre Bearbeitung, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. 



Ausgleichcr der Welt, daß er die Dekrete des Gewissens rücksichtslos 
zur Yollziehung bringt, daß er die Guten belohnt und die Bösen bestraft, 
daß er unter Umständen die Könige erniedrigt und die Bettler »höht. 
Er verhilft auch den unterdrückten Elementen der Menschennatur, ja 
der Natur überhaupt zu ihrem Kechte, er frischt die alten Verbindungen, 
die nach dem Tode ja doch gern oder ungern wieder eingegangen werden 
müssen, in manchen Nächten wieder auf, und wenn er sich an das Gesetz, 
das uns im wachen Zustand beherrscht, nicht kehrt, wenn er unser ge- 
wöhnliches Maß und Gewicht zerbricht und alle unsere Anschauungs- 
\md ^neignungsformen durcheinander wirft, so geschieht das nur, weil 
er selbst der AuBdruck eines viel höheren Gesetees ist, das uns natür- 
lich so wenig faßlich sein kann, wie unserem kleinen Finger der Begriff 
der Hand und des Organismus, dem sie angehört/* 



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296 SADOER, -HEBBEL. 



Nun einen hochbezeichnenden Ausspruch: „Ich fühle, daß 
meine herrlichsten Taten nur Nachahmung herrlicherer seien, 
wovon ich einst geträumt." Sobald ihm etwas Köstlichen^ 
begegnet oder ein ganz Großes, fühlt er sich sofort wie in 
einem Traum ! So vor der .Abreise nach Italien : ,,22 Jahre 
auf einem Fleck in Dithmarschen und jetzt doch im Begriffe, 
nach Rom zu gehen! Es ist wie ein Traum I** Und als er 
beim großen Brande in Hamburg sich an der Loschaktion 
beteiligt, „war ihm zu Mute, wie bei einer Tätigkeit im 
Traum". 

Kein zweiter Poet verstand so viel von den Beziehungen 
imd Zusammenhangen seiner Kunst mit dem Traume wie 
Friedrich Hebbel. „Mein Gedanke, daß Traum und Poesie 
identisch sind, bestätigt sich mehr und mehr," heißt eine 
Erkenntnis. „Die Stimmung des Dichters hat zu viel vom 
Nachtwandeln, sie wird ebenso leicht gestört, wie der Traum- 
zustand, worin dies geschieht," „Man kann sich auf das 
Dichten ebensowenig vorbereiten wie auf das Träumen/* „Der 
Dichter braucht nur ein Stückchen Brot zu sich zu nehmen, 
so ist er der Stelle der Produktion entrückt und wieder in 
die gemeine Wirklichkeit versetzt." Am 6. November 1843 
schreibt er in Paris: „Als ich noch dichterische Werke aus- 
führte, träumte ich dichterisch, nun nicht mehr." Nachdem 
er- eine Eeihe seltsamer Träume angeführt hat, setzt er in 
einem Gedicht fort: 



„Damals aber könnt' ich noch keine Tragödien dichten, 
Seit ich dieses vermag, bleiben die Träume mir aus. 
Wären die Träume vielleicht nur imvoUkommene Gedichte? 
Ist ein gutes Gedicht ein vollkommener Traum?" 

Und ein andermal ähnlich: 

„Träume und Dichtergebilde sind eng miteinander 

verschwistert, 
Beide .lösen sich ab oder ergänzen sich stillt" 

Das Jahr 1839 brachte folgende Tagebuchnotiz: „Der Zu- 
stand dichterischer Begeisterung (wie tief empfind' ich's in 



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DAS UNBE WÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 297 

diesem Augenblick 1) ist ein Tranmzustand, so müssen andere 
Menschen sich ihn denken. Es bereitet sich in des 
Dichters Seele vor, was er selbst nicht weiß." 
Also Dichten und Träumen wurzelten beide im Unbewußten. 
Nüchterne, phantasielose Menschen träumten auch nicht, und 
von L e s s i n g bemerkt er : „Er hat nie geträumt. Er schlief 
immer sehr gut, sobald er die Augen schloß; er schrieb an 
der ,Emilia G-aJotti' täglich nur sieben Zeilen." Hingegen 
erzählt unser Dichter von sich schon im Jahre 1838: „An 
meinen Träumen bemerk' ich seit einiger Zeit, daß ich fast 
immer das Leben derjenigen dichterischen Charaktere fort- 
setze, mit denen ich mich kurz vor dem Einschlafen beschaf- 
ft 

tigte." Er identifiziert sich also mit dem bewunderten Helden. 

Ähnlich lauten Stellen der Briefe : „Das Abschließen eines 
größeren Werkes geschieht bei mir immer in einem gewissen 
Traumzustand, der so wenig wie ein wirklicher Traum eine 
Unterbrechung verträgt." „Das dramatische Produzieren ist 
nun einmal ein Traum- und Nachtwandeln, welches sich von 
allem anderen WandeM imd Wandern dadurch unterscheidet, 
daß man einen Tm.d denselben Weg nicht zweimal machen 
kann." „Das Produzieren ist bei mir eine Art von Nacht- 
wandeln und greift mich an, wie im Physischen ein Aderlaß; 
es würde mich aufreiben, wenn nicht zwischen meinen ein- 
zelnen Arbeiten immer große Pausen lägen, in die ich mich 
nicht ohne Widerwillen ergebe, die aber am Ende doch so 
notwendig sind wie der Schlaf." „Das Dichten ist ein Mittel- 
ding von Träumen und Nachtwandeln." Endlicl^ hielt er nach 
Kulke den dichterischen Schöpfungsprozeß für einen dem 
Traume analogen Zustand. 

Nun einige interessantere Träume. Im allgemeinen ist 
freilich zu sägen, daß von den vielen, die das Tagebuch ver- 
zeichnet, die meisten jenes Kommentars entbehren, den Heb- 
bel selber für notwendig erklärte. Gleichwohl sind manche 
völlig verständlich als nackte Wunscherfüllungsträume, oder 
weil sie mit durchsichtiger Symbolik arbeiten, oder endlich 
biographisch zu deuten sind. Von jeder Gruppe will ich 
etliche anführen. Zunächst einen Wunsch- und Trosttraum! 



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298 SADGER, HEBBEL. 



Beppiß, mit einer Erläuterung unseres Dichters: „Seltsam,! 
Seltsam I Josepha erzählte mir heut' abends, sie habe in der 
Sonntagnacht (am Abend zuvor hatte sie mir Geötandnisse 
gemacht, deren Inhalt mich nur ihre große Aufrichtigkeit 
vergessen machen konnte), nachdem sie mit dem Gedanken, 
alles sei zv^ischen uns vorbei, eingeschliafen, geträumt, ein 
anderes Mädchen sei zu ihr gekommen und hab' ihr gesagt: 
sie soll mich nur laufen lassen; ich verspräche jeder das 
Heiraten." Der Sinn des Traumes liegt auf der Hand: Wenn 
Hebbel jeder das Heiraten verspricht, also sämtliche Mäd- 
chen betrügt, dann habe ich durch meine Aufrichtigkeit 
kaum etwas verloren. Auch anderes ist als Wunscherfüllung 
leicht zu durchschauen. So, wenn Hebbel träumt, daß 
Mutter und Bruder, die er lange nicht gesehen, nach Mün- 
chen gekommen 1), oder was eine Kindheitssehnsucht verrät, 
er hätte ein Schwesterchen bekommen, oder eine verstorbene 
Jugendgeliebte träte lebend ins Zimmer, oder gar ein ander- 
mal, eine längst schon tote Geliebte seiner Knabenjahre gäbe 
ihm einen Kuß, den er in Wirklichkeit stets nur ersehnt, 
aber nie tatsächlich empfangen hatte. Als der Dichter sich 
nach dem Tode Bousseaus verzweifelt anklagt, diesen^ 
da er noch auf Erden wandelte, zu wenig Liebe erwiesen zu 
haben, träumt er zweimal: „Kousseaü lebte noch, aber ich 
wußte recht gut, daß er bald sterben würde; ich hatte ihn 
imendlich lieb und suchte ihm dies auf alle Weise an den 
Tag zu legen,*' Und um die WunscherfüUto^ ganz über jeden 
Zweifel zu l^ben, setzt Hebbel hinzu: „Ich wußte nicht, 
daß ich jemals eine Empfindung von so wunder Süßigkeit 
(ich finde kein anderes Wort) gehabt hätte." Endlich, was 
wieder hochbezeichnend ist : „Über Nacht im Dämmerzustand 
zwischen Schlafen und Wachen: ein MenLSch, der so vor- 
trefflich ist, daß ein König ihm das Privilegium gegeben hat, 
es solle nie einer Anklage wider ihn Glauben beigemessen 
werden." Dieser so ganz vortreffliche Mensch ist natürlich 
kein anderer als Hebbel selber, der ein stetes Schuldbewußt- 

1) Daß dieser Traum noch weit tiefer zu deuten, hat neuerdings 
Otto Bank ausgeführt. 



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OrfgfrTaffrom 
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DAS ÜNBEWUSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 299 

sein mit sich herumtrug, und König wie immer in Traum und 
Mythos der eigene Vater, welcher im Gegensatz zur Wirk- 
lichkeit nie Klagen wider Friedrich glauben soll. 

Wie überragend der Vaterkomplex in des Dichters Leben, 
erweist sich auch deutlich aus seinen Träumen. So heißt es 
am 3. Dezember 1837: „Ich träumte mich neulich ganz und 
gar in meine ängstliche Kindheit zurück, es war nichts zu 
essen da und ich zitterte vor meinem Vater wie einst." Hier 
lautet der Wunsch, wieder Kind zu sein; welches trotz aller 
Not doch so glücklich gewesen, und vielleicht auch Sehn- 
sucht nach masochistischer Lustbefriedigung, während die 
Angst, die den Traum provozierte, wahrscheinlich rezenter 
Quelle entsprang, der unbefriedigten Libido Hebbels. Sehr 
häufig vertritt den Erzeuger im Traume kein Geringerer als 
Napoleon Bonaparte, und zwar nicht bloß bei unserem 
Dichter, der schon im vierten oder fünften Lebensjahre sein 
überhaupt allererstes Gedicht just auf jenen gemacht hatte. 
Wie kein Zweiter eignet sich dieser rücksichtslose Gewalt- 
mensch zur Darstellung des Vaters, wie er wirklich ist oder 
dem Kinde erscheint, und auch sein endlicher Sturz von der 
Höhe kommt heimlichen Kinderwünschen entgegen. In Träu- 
men sieht Hebbel um finster und bleich vorüberreiten, ein 
andermal wieder wird er aus unsterblicher Vaterliebe Na- 
poleons Kammerdiener, hingegen wohnt er dann wieder dessen 
Abdankung bei. Nicht lange, nachdem rasch hintereinander 
Mutter und Rousseau verschieden waren, notiert das Tage- 
buch: „Ich kann den Gedanken nicht los werden, daß ich 
sehr bald sterben werde." Und zwar motiviert er das sehr 
bezeichnend: „Im Traume sah ich über Nacht meinen längst 
verstorbenen Vater, den ich fast noch nie im Traume sah." 
Wir dürfen ergänzen: weil er dem Vater als Kind so häufig 
den Tod gewünscht hatte, glaubt er jetzt selber, sterben zu 
müssen. Der Vater, der ihm zur Nacht erscheint, zeigt ihm 
sein baldiges Ende an. Übrigens scheint Hebbel auch sonst 
an prophetische Träume geglaubt zu haben. 

Die meisten Träume des Tagebuches, die nicht mit einer 
staxken Symbolik arbeiten, bleiben in Ermanglung eines Kom- 



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800 8ADOER, HEBBEL. 



mentars entweder ganz oder halb unverständlich. Immerhin 
vermag man einiges zu deuten. So hat Hebbel einmal 
Elise schwer gekrankt und darüber heftige Beue empfunden"; 
„Es trieb mich, Dir aus voller Seelte zu schreiben, was ich 
dachte und fühlte," doch „fühlte ich mich so erschöpft, daß 
ich mich wider Willen dem Schlaf überlasisen mußte. Ich 
schlief fest und träumte von einer schönen Schlange, die mir 
nicht, wie diese Tiere doch im Wachen tun, Abscheu einflößte, 
sondern Wohlgefallen, ein gutes Zeichen. Auch mit Dir 
führte der Traum mich zusammen, doch weiß ich nicht mehr 
wie." Bedenkt man, daß Schlange eines' der häufigsten, 
Phallusjsymbole darstellt, so begreift man sofort, warum sie 
dem Dichter im Traum Wohlgefallen erregt, während er im 
Wachen sie auf Grund der Verdrängung geradezu verabscheut ; 
weiters auch leicht, daß der Traum ihn mit Elise zusammen- 
führt und daß ihm solches ein gutes Zeichen zu bedeuten, 
scheint. Man kennt femer zumindest aus Witzblättern und 
B^arrikaturen die Geigensymbolik. Die ausladenden Formen 
der Violine eignen sich trefflich zur Darstellung eines Frauen- 
leibes, wodurch dann das Spielen auf einer Greige symbolisch 
wird für den Geschlechtsverkehr. Dies vorausgeschickt, 
wird man ohne weiteren Kommentar die Notiz des Tage- 
buches verstehen: „Ich sah neulich im Traum einen Lieb- 
haber um seine Geliebte bei ihren Eltern durch Violinspielen 
werben und wunderte mich nicht im geringsten^ 
darüber, daß er auf zwei G ei *gen zugleich spielte.*' 
Erinnern wir uns endlich, daß Kaiser und König regelmäßig 
für Vater stehen, und an das Verlangen eines jeden Jun- 
gen, an Stelle seines Erzeugers zu treten, dann wird uns 
der folgende Traum durchsichtig, den Hebbel auch in Ge- 
dichtform umschuf: „Ich sah den alten König Maximilian« 
Josef beerdigen und den König Ludwig krönen. Beides ge- 
schah im Grabgewölbe und Leichen- und Krönungsfeierlich- 
keit spielten gräßlich ineinander: die Leichenfackeln dien- 
ten zum Fackelzug bei der Krönung, und als' der König 
Ludwig die Krone aufsetzte, nickte der König Maximilian 
aus- seinem Sarg heraus mit dem Kopf. Ich war unter djen 



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DAS ÜNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 801 

Kronbeamten ; als wir wieder heraufstiegen, verschloß der 
König Ludwig die Gruft und sagte zu mir, indem er mir 
den Schlüssel gab : laß den nicht heraus, aber mich laß auch 
nicht hinein!" Der Vater ist also einverstanden, daß sein 
Sohn die Herrschaft übernimmt. Dieser aber trägt sich selber 
auf, jenen nie wieder ans- Licht zu lassen, aber auch selber 
nicht zu sterben. 

Zum Schlüsse noch einen wichtigen biographischen 
Traum, der manches auch sonst psychoanalytisch leicht zu 
Erschließende vollauf bestätigt. Die „Aufzeichnungen aus 
meiner Kindheit" schildern ihn so: „Mir war, als hätte der 
Hebe Grott, von dem ich schon so manches gehört hatte, 
zwischen Himmel und Erde ein Seil ausgespannt, mich hin- 
eingesetzt und sich daneben gestellt, um mich zu schaukeün. 
Nun flog ich denn ohne East und Aufenthalt in schwindel- 
erregender Eile hinauf und hinimter; jetzt war ich hoch 
in den Wolken, die Haare flatterten mir im Winde, ich hielt 
mich krampfhaft fest xmd schloß die Augen; jetzt war ich 
dem Boden wieder so nah, daß ich den gelben Sand sowie 
die kleinen roten und weißen Steinchen deutlich erblicken, 
ja mit den Fußspitzen erreichen konnte. Dann wollte ich 
mich hinauswerfen, aber das kostete doch einen Entschluß 
und, bevor es mir gelang, ging^s wieder in die Höhe und mir 
blieb nichts übrig, als abermals ins Seil zu greifen, um nur 
nicht zu stürzen und zerschmettert zu werden." Der nämliche 
Traum wird im Tagebuch mit kleinen, aber wichtigen Ab- 
weichungen geschildert. Hebbel wurde als Kind von der 
Sehnsucht verzehrt, einmal Gott zu schauen, wovon ja früher 
weitläufig die Eede. Dies ewig unerfüllte Verlangen gewährt 
ihm der Traum: „Ich habe wirklich in meiner Kindheit ein- 
mal geträumt, den lieben Gott zu sehen; es war ein 
schwankes Seil hoch am Himmel aufgeknüpft, 
auf das setzte mich Gott und schaukelte mich. Ich hatte 
große Angst, wenn ich so in die Wolken hinaufflog, und 
wollte mich immer, wenn das Seü' wieder die Erde berührte, 
herausstürzen, aber ich hatte den Mut nicht. Ich erinnere 
mich all dieser Empfindungen noch auf das Deutlichste; ich 



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302 SADGEB, HEBBEL. 



meine die roten Steinchen, die ich an der Erde bemerkte, 
wenn mein Blick sie streifte, noch zu sehen/' 

Was bedeutet nun dieser „ungeheuerliche" Traum aus des 
Dichters viertem oder fünftem Lebensjahre, der nach den 
„Aufzeichnungen" einen solchen Eindruck in ihm zurückließ, 
daß er „siebenmal hintereinander wiederkehrte". Wir müssen 
seinen Wert wohl sehr hoch einschätzen, wenn wir aus jenen 
„Aufzeichnungen" ergänzen: „Die Woche, in welche dieser 
Traum fällt, war vielleicht die entsetzlichste meiner Kind- 
heit, denn die Erinnerung an ihn verließ mich den ganzen 
Tag nicht, und, da ich, sowie ich trotz meines Sträubens 
zu Bett gebracht wurde, die Angst vor seiner Wiederkehr 
gleich mit hinein-, ja unmittelbar mit in den Schlaf hinüber- 
nahm, so ist es kein Wunder, daß er sich auch immer wieder 
einstellte." Ein Traum, der solche Wirkung übt, muß wohl 
an die wichtigsten Komplexe rühren. 

Gehen wir zur Deutung von der Erkenntnis aus, die wir 
Freud verdanken, daß jeder Traum eine WunscherfüUuag 
gibt, ja meist sogar mehrere, so scheint eine Lösung auf der 
Hand zu liegen. Dem Knaben wird nicht nur der Wunsch 
gewährt, Gott von Angesicht zu schauen, sondern noch ein 
zweiter, die fraglos sexuelle Lust am Schaukeln. Dadurch, 
daß Grott ihn selber schaukelt, wird ein doppeltes Sehnen 
des Knaben erfüllt. Doch berührt diese Lösung nur die 
Oberfläche. Tiefer schon führt, daß Gott und Vater im 
Traume gleichzusetzen sind. Also nicht nur der Himmelfe-, 
sondern auch der leibliche Vater soll ihn zum Zeichen seiner 
Liebe schaukeln, was in Hebbels Kindheit wohl mehr als 
einmal geschehen sein wird. Soweit die harmlose, unanstö- 
ßige Deutung. 

Nur fehlt uns bisher eine Erklärung der mächtigen Angst^ 
die den Knaben eine volle Woche lang schüttelte. Da den 
Traum ein Kind von vier bis höchstens fünf Jahren erlebte, 
kann die Ursache kaum in der Unterdrückung einer starken, 
rezenten Libido liegen. Vielmehr muß man annehmen, daß 
die durch den Traum erfüllten Wünsche selbst Angst zu 



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DAS ÜNBEWUSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 303 

erzeugen geeignet sind. Diese finde ich nun in dreierlei 
Eicht ung. Zunächst in Hebbels bösen Gredanken auf seinen 
Vater, die wir längst schon kennen. Der Vater war nun 
Maurer, der, wie zu jener Zeit allgemein und noch heute am 
Lande üblich ist, ein Seil am Dachboden oder einem Haus- 
vorsprung befestigt haben wird, um an ihm von der Erde 
hinaufzuklimmen. Die zweite Fassung unseres Traumes, wo 
Gott ein Seil am Himmel anknüpft, das bis zur Erde her- 
unterreicht, scheint dies zu bestätigen. Es liegt nun sehr 
nahe, daß, wenn der Knabe den aus vielen Gründen so ge- 
haßten Vater so hinaufklettern sah, seine Todeswünsche die 
Richtung nahmen, dieser möge beim Klimmen zu Boden 
stürzen, und man begreift jetzt die stets erneute, wachsende 
Angst, jener Todes wünsch könne zur Sühne an ihm selber 
vergolten werden. Die beiden letzten Traumdeutungen end- 
lich sind direkt sexueller Art, an die Phallussymbolik des 
Seiles anknüpfend. Schaukeln am Phallus heißt zunächst so- 
viel wie Masturbation, die von und mit dem Vater gewünscht 
wird. Am sinnreichsten aber und durch den im zweiten Ka- 
pitel mitgeteilten Traum vom Wesselburner Turm, der wie 
ein Luftballon in die Höhe fliegt (siehe Anmerkung), wahr- 
scheinlicher noch ist folgende Erklärung. Das Schaukeln ist 
von den rhytmischen Bewegungen beim Koitus genommen i). 
Und da der Knabe, wie wir ja wissen, sehr früh den Verkehr 
seiner Eltern beobachtet haben muß, so wird sich in ihmi, 
wie in all diesen Fällen, auch der VP'unsch geregt haben, 
nicht bloß an Stelle des Vaters zu treten, /sondern auch der 
Mutter. Diese letztere feminine und homosexuelle Einstel- 
lung erfüllt nun der Traum und auf die Erfüllung dieses 



1) Diese Bedeutung des Schaukelns bestätigt ein Brief an Elise vom 
10. Februar 1842: „Über Nacht träumte ich schauerlich und süß. Ich 
und Du schaukelten Etwas, es war stürmisch und finster, der Wind strich 
mir eiskalt durch die Haare und Du sagtest mit heller Stimme ein ganz 
wunderschönes Lied." Hier tritt Elise für die Mutter ein, die ihn oft 
in Schlaf gesungen haben wird. Beim Schaukeln jedoch spielt er hier 
natürlich die Bolle des Vaters. 



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804 SADOER, HEBBEL. 



Wunsches hat Hebbel dann eine voUfe Woche in Angst und 
Bangigkeit, zumal vor dem Schlafengehen, gewartet i). 

Eö bliebe nur noch die Verwendung des Traumes in 
Hebbels Dichterschaffen zu berühren. Da lehrt die Nach- 
prüfung, daß kein zweiter Poet erlebte und fingierte Träume 
in solcher Menge und so unterstrichen in seine Gredichte 
und Dramen verwob. Ich kann mich nach meinen früheren 
Darlegungen darauf beschränken, ohne weiteren Koromentaj 
Stichproben zu geben. Nicht wenige Träume des Tagebuches 
hat Hebbel in Gedichtform umgegossen. In der „Miran- 
dola", einem dramatischen Jugendversuch, erklärt Flaminia: 
„Ich weiß recht gut — Träume sind nichts — aber zuweilen 
dringt sich mir doch unwillkürlich die Frage auf, ob die 
Gottheit, die sonst immer durch Wunder sprach, nun gar 
keinen anderen Weg, als den ewig gleichen der Natur wan- 
delt. Und da zuckt's mir dann oft durch den Busen, daß 
ich mich sehr oft geneigt fühle, solche Träume für Warnungs- 
zeichen der Gottheit zu erklären." In einer Reihe von Dra- 
men bis hinauf zu den „Nibelungen" werden Träume als „War- 
nungszeichen der Gottheit" angeführt. So erklärt z. B. Ju- 
dith ihrer Dienerin Mirza: „Solche Träume soll man nicht 
gering achten! Sieh, ich denke mir das- so. Wenn der 
Mensch im Schlaf liegt, aufgelös't, nicht mehr zusammen- 
gehalten durch das Bewußtsein seiner selbst, dann verdräogt 
ein Gefühl der Zukunft alle Gedanken und Bilder der Gegen- 
wart, und die Dinge, die kommen sollen, gleiten als Schatten 
durch die Seele, vorbereitend, warnend, tröstend. Daher 
kommt's, daß uns so selten oder nie etwas wahrhaft über- 
rascht, daß wir auf das Gute schon lange vorher so zuver- 

1) Eine Bestätigung hiefür findet der Kundige auch in Hebbels 
<Jedicht „Herr und Knecht". Der junge Herr weist den alten Forstpfleger 
für immer von seinem Angesicht. Selbst als dieser ihm dann das Leben 
rettet, hebt er nur grimmig den Speer gegen ihn. Da bringt die Wut 
das treue Blut des Alten zum Kochen und er durchsticht den Junker 
mit dem Messer. Der Sterbende aber murmelt: „So habe ich ihn schon 
im Traume gesehen." Daß ein Durchstechen mit dem Messer Koitieren 
bedeutet, der Junge und der Alte nur Hebbel und sein eigener Vater 
sind, brauche ich wohl nicht näher auszuführen. 



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DAS ÜNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 305 

sichtlich hoffen und vor jedem Übel unwillkürlich zitlem. 
Oft hab' ich gedacht, ob der Mensch wohl auch noch kurz 
vor seinem Tode träumt/* Endlich Frau Ute in ,,Der ge- 
hörnte Siegfried": 

„Wir sehen oft im Traum den Finger Grottes, 
Und wenn wir noch im Wachen ängstlich zittern, 
Wie du es tust, so sah'n wir ihn gewiß." 

Zwei Träume Elisens fand Hebbel so „im höchsten 
Sinn dichterisch", daß er sie unverändert in die „Judith" 
aufaahm,, den einen als Traum, den anderen zu wirklichem 
Geschehen ummünzend. In der „Grenoveva" sagt Golo von 
sich : 

„Ein Traum 
Hatt' mir in jener Nacht mein Innerstes 
Enthüllt, wie wohl ein Licht in's Schlangennest 
Gestellt, den grausen Würmerknäul erhellt." 

Als Klara in der „Maria Magdaltena" sich dem drängen- 
den Leonhard ergeben und dann zu Hause die Mutter plötz- 
lich totkrank traf, da hatte sie augenblicklich die Empfin- 
dung: meinetwegen liegt sie so dal Daß ihr aber da- 
mit eine alte Wunschphantasie erfüllt ward, die Mutter, 
welche den Bruder stets vorzog, sollte verscheiden, zeigt 
folgende Stelle: „Da geht siel Dreimal träumt' ich, sie läge 
im Sarg und nun — o, die boshaften Träume, sie kleideja 
sich in unsere Furcht, um unsere Hoffnung zu erschrecken^ 1 
Ich will mich niemals wieder an einen Traum kehren, ich 
will mich über einen guten nicht wieder freuen, damit ich 
mich über den bösen, der ihm folgt, nicht wieder zu ängstigen 

brauche Ja ! Ja 1 Wenn meine Mutter gestorben wäre, 

nie war' ich wieder ruhig geworden 1" Im nämlichen Drama 
träumt Meister Anton, er sei mit Gift vergeben worden, und 
scheut sich niederzulegen, er könnte träumen, daß seine 
Tochter in die Wochen gekommen. Im „Rubin" meint Ässad, 
alB ihm das Purpurgewand umgetan und ein strahlend Diadem 

Sa dg er, Hebbel. 20 



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806 SADOER, HEBBEL. 



aufgehetzt wird: „Schon einmal träumt' ich so," und ganz; 
ähnlich Mariamne, als sie nach dem Tanze sich im Spiegel 
erblickt: „So hab' ich mich ja schon im Traum gesehen i)/* 
Endlich noch zwei charakteristische Träume der Agnes Ber- 
nauer, kurz bevor sie die Schergen des Herzogs gefangen- 
nehmen. Der erste ist nur hjrpothetisch : „Wenn ich eine 
böse Ahnung hätte und fürchtete, dir weh zu tim, würd' ich 
sagen: denke dir, mir hat geträumt, ich würde begraben, 
und darüber mußt du dich freuen, denn es bedeutet langes 
Leben ^), aber das Leichenbegängnis war wirklich so schön, 
daß ich's dereinst gerade so und nicht anders haben möchte. 
Und dann würde ich's dir beschreiben." Wenn aber alle sie 
wie eine Herzogin behandeln, dann meint sie bescheiden: 
„Nur in meinen Träumen geht's anders her, sonst würd* ich 
gewiß KU Stölzl Da kehrt die alte Zeit wieder, wo ich die 
Brotkrumen sorgfältig auflesen mußte, die zu Boden fielen, 
und wo mein Geburtstagsgeschenk meistens darin bestand, 
daß ich nicht gescholten wurde, wenn ich etwas tat, was 
nicht ganz recht war. Noch in der letzten Nacht, du mit 
deiner immer offenen Hand wirst lachen, bat ich meinen 
Vater glühend und stotternd um ii^end eine Kleinigkeit und 
er eagte, was er gewöhnlich zu sagen pflegte, wenn er eine 
Bitte Äicht zweimal hören wollte: gut, es sei, aber dann 
kann ich ein halbes Jahr lang keinen Tropfen Wein mehr 
trinken 1 Ich war noch recht unwillig auf ihn, als ich er- 
wachte, aber nun — Ich hab' ihn doch wenigstens 
einmal wiedergesehen!" 

Um zusammenzufassen: Friedrich Hebbel, der, wie 
kein zweiter Poet vor ihm, dem Traume das regste Interesse 
zuwandte, hat uns in Erkenntnissen und Einzelträumen ein 
Material hinterlassen, das nicht bloß die Freud sehen Leh- 
ren bestätigt, sondern auch für die Lebensgeschichte des 



1) Wie Hebbel im Tagebuch erzähl t, hat Christine ihm tatsächlich 
einen Traum erzahlt, den er dann seiner Mariamne in den Mund legt. 

*) Nach dem bekannten Volksglauben bedeutet der manifeste Traum- 
inhalt das Gegenteil, was Freud für viele Fälle bestätigen konnte. 



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DAS UNBEWUSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 807 

Dichters und sein Seelenverständnis von großem und blei- 
benden Wert ist^). 

III. 

Wir vernahmen bereits in früheren Kapiteln, wie Gott 
und Religion den Knaben Hebbel aus leeren, ihm gar nichts 
sagenden Worten zu tief empfundenen Begriffen wurden und 
wie in der späteren Kinderzeit die Sehnsucht ihn packte, den 
Herrn aller Welten von Angesicht zu schauen. Es ist an 
der Zeit, diesen Werdegang möglichst durchsichtig zu machen 
und, was die moderne psychologische Religionsforschung auf- 
gedeckt hat, an dem Beispiel unseres Dichters zu erhärten. 

Um zunächst beim Grottesbegriff zu bleiben, so wissen 
wir heute, daß Gott in erster Linie ein ins Ungeheure ge- 
steigerter Vater ist. Dem kleinen Kinde in den ersten Le- 
bensjahren erscheint ja sein Erzeuger nicht bloß als ein un- 
geheurer Riese, sondern auch mit den nämlichen Attributen 
geschmückt, die der Erwachsene später seinem Gotte zu- 
teilt: er ist allmächtig, allwissend und lenkt die Menschen 
in weiser Fürsorge nach seinem Willen i). In den „Erinne- 
rungen aus meiner Kindheit" spricht Friedrich Hebbel es 
deutlich aus: „Das Kind hat eine Periode, und sie dauert 



*) Hier noch einiges Material, das im Text selber keine Stelle fend. 
„Gedicht : Gott merkt auf die Träume der Kinder und ruft sie ins Leben. 
Daher soviel Possierliches, Liebliches, Unschuldiges in der Schöpfung." 
„Das Leben ist ein Traum, der sich selbst bezweifelt," — • „Man öffnet 

Die Augen, schließt sie wieder und nimmt das, 
Was man erblickt, hinüber in den Traum. 
Das ist das Leben!" 

„Der Schlaf ist die Nabelschnur, durch die das Individuum mit dem 
Weltall zusammenliängt." Endlich eine kleine Erzählung Elisens, die 
die Verwechslung von Traum und Wirklichkeit beim Kindo illustriert: 
„Ein kleines Kind stürzt sich, weil es im! Traum geflogen hat und fliegen 
zu können glaubt, zum Fenster heraus. Ich konnte sonst doch fliegen!" 

*) Streng genommen wirkt auch die Mutter bei Entstehung des 
Gottesbegriffes mit. Beweis dafür verschiedene heidnische und auch 
christliche Attribute der Gottheit. Immerhin bleibt der Anteil der Mu;tfcer 
um vieles geringer als der des Vaters. 

20* 



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308 SADOER, HEBBEL. 



ziemlich lange, wo es die ganze Welt von seinen Eltern, 
wenigstens von dem immer etwajs geheimnisvoll im Hinter- 
grund stehenbleibenden Vater abhängig glaubt und wo es 
sie ebenso gut um schönes Wetter, wie um ein Spielzeug 
bitten könnte. Diese Periode nimmt natürlich ein Ende, wemi 
es zu seinem Erstaunen die Erfahrung macht, daß Dinge ge- 
schehen, welche den Eltern so unwillkommen sind, wie ihm 
selbst die Schläge, und mit ihr entweicht ein großer Teil 
des' mystischen Zaubersi^ der das heilige Haupt des Erzeugers 
umfließt, ja^ es begiimt erst, wemi sie vorüber ist, die eigent- 
liche menschliche Selbständigkeit." Im Augenblick, da ihm 
der Vater nicht mehr allmächtig erscheint, erhält der bisher 
unbegriffene Gott seine rechte Bedeutung und wendet sich 
daö Kind an* das höhere Wesen, dem jene Eigenschaft tat- 
sächlich zukommt. Damit ist aber, um mit Hebbel zu 
reden, die geistige Nabelschnur zerrissen, die es bis dahin 
ausschließlich an die Eltern band. Biologisch geht also der 
Glaube an Gott uud die Religion zunächst auf die Hilfsbe- 
dürftigkeit des kleinen Kindes zurück, der vorerst die Eltern 
abhelfen sollten und, wo diese zu schwach sind, der himmlische 
Vater. Und genau nach dem Vorbild des Erzeugers ist dann 
auch Gott bald zornig strafend und Furcht erregend, bald 
wieder väterlich liebevoll und weise führend — man denke 
z. B. an den Gott des Alten Testaments. 

Die typische Genese des Gottesbegriffes kann in maa- 
chem Menschen noch eine ganz spezifische Färbung erhalten. 
Nehmen wir z. B. den Fall unseres Dichters. Wir Itemt^a 
an diesem schon in zartester Kindheit die ausnehmende Liebe- 
bedürftigkeit kennen, die besondere Stärke von Liebe und 
Haß gegen seine Angehörigen, was später, nach der Über- 
tragung auf Gott, die mächtigste Heizkraft für sein reli- 
giöses Empfinden al^ab, und endlich die gleichfalls schon 
früh nachweisibare sadistische Note. Kein Wunder, daß be- 
reits der kleine Knabe, welcher Gott soeben zu begreifen 
begonnen, sich bei ihm alsbald über Vater und Mutter be- 
klagen ging, wenn er von diesen ein Unrecht erfahren zu haben 
vermeinte. Er heischt dami von Gott die besondere Liebe, 



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DAS UNBEWÜSSTE, DIE TBlüMB ETC. BEI HEBBEL. 309 

welche seiiie Eltern ihm geweigert hatten, und Befriedigung 
seines sadistischen Kachedurstes. Ein paar Jahre später — 
ich vermute nach der Aufrichtung der Inzestsohranke — wird 
esi dem Knaben tiefstes Bedürfnis, zu der, wie er einst ins 
Tagebuch schrieb, „in ihrer Unendlichkeit unfaßbaren Gott- 
heit" in den allerpersönlichsten Verkehr zu treten. Er kann 
die längste Zeit gar nicht glauben, daß mian Gott nicht von 
Angesicht schauen könne, und schreibt das Mißlingen aller 
Versuche nur seinem individuellen Ungeschick zu. Bald 
darauf beginnen die religiösen Zweifel, deren Genesis aus 
dem wiederholt belauschten Verkehr der Eltern ich im zweiten 
Kapitel nachweisen konnte. Die moderne psychoanalytische 
Forschung hat es zu hoher Wahrscheinlichkeit gemacht, daß 
der religiöse Trieb die inzestuöse Libido der infantilen Vor- 
zeit aufhebt, indem er sich an deren Stelle setzt. Damm 
gewahrt man so häufig bei Kindern der Elementarklassen 
eine Überentwicklung des religiösen Sinnes, sowie nur die 
Inzestschranke aufgerichtet worden. 

Die Entstehung des Grottesbegriffes aus dem Eltern-, zu- 
mal dem Vaterkomplex ist ferner deutlich in den Jahren 
der Entwicklung zu verfolgen. Bekanntlich zeichnet sich die 
Pubertät durch einen ganz gewaltigen Vorstoß organischer 
und psychischer Sexualität aus. Fast regelmäßig erwacht 
da im Knaben ein, wenn auch rasch unterdrücktes Verlangen, 
eine neue Verliebtheit in seine Mutter, wodurch naturgemäß 
der Vater in die KoUe des feindlichen Nebenbuhlers tritt. 
Daraus entsteht dann der in jener Epoche so überaus häufige 
Atheismus und die typische revolutionäre Gesinnung, weil 
ja Grott sowohl, als Behörden und Vorgesetzte natürliche Ver- 
treter des in der Kindheit allmächtig gedachten Erzeugers 
sind. Und den Vater, den man nicht fortschaffen fcann^ den 
leugnet man weg in seiner Übertragung auf Gott oder be- 
kämpft ihn aufs schärfste im Staat und seinen. Einrichtungen. 
Von dieser Eegel gibt es Ausnahmen, deren wichtigste wohl 
ist, daß der Kampf wider den Vater und seine Vertreter 
schon darum ausbleibt, weil jener früher das Zeitliche 
gesegnet hat. Ein Erzeuger, der physisch nicht mehr ge- 



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810 SAD6ER, HEBBEL. 



fährlich, kann dann sogar, sobald sich der Jüngling von 
seiner Mutter irgendwie enttäuscht fühlt, zum Abgott wer- 
den, zum Gegenstand ewig ungestillter Sehnsucht und förm- 
licher Verehrung. Eine solche R^eaktion wird um so eher 
eintreten, je häufiger und intensiver der Sohn seinem Vater 
den Tod gewünscht hat, je stärker demnach sein Schuld- 
bewußtsein ist. 

Dies ist auch bei Hebbel gut zu belegen. Dieser hat 
seinem früh verstorbenen Erzeuger von der Pubertät ab nie 
mehr gezürnt, trotz allem, was er in seiner Kindheit von 
diesem erfahren, vielmehr sein Andenken stets rein erhalten 
und hochgestellt. Auch war unser Dichter politisch kaum 
je revolutionär, sondern konservativ, d. h. festhaltend an der 
Liebe zum Vater. In jungen Jahren und mächtig gesteiger- 
tem Selbstbewußtsein empörte er sich gelegentlich wider 
andere Poeten, doch je älter er ward, desto tiefer wuchs sein 
Bedürfnis zu verehren, z. B. Goethe, Grillparzer oder 
regierende Fürsten. Und Zeit seines Lebens hat er Gott 
in der Natur gesucht und in den Mächten des eigenen Un- 
bewußten. Ehe ich auf den letzteren Punkt eingehe, will 
ich aus dem Tagebuch die Vatergebundenheit seines Gottes 
exemplifizieren. 

Da heißt eine der frühesten Eintragungen: „Heine über 
die Gottheit (wenn ich ihn nämlich höre) hast du nie einen 
flegelhaften Jungen gesehen, der seinen gütigen Vater am 
Bart zupfte? Und, je dümmer der Junge, und je gütiger der 
Vater, um so eher tut er's." Sich selber auf den Leib ge- 
schrieben sind etwa folgende Bemerkungen: „Es war eine 
große Idee der katholischen Religion, daß bedeutende 
Menschen in den Augen der Gottheit etwas gelten und durch 
Fürbitten wirken konnten." Femer: „Ein Mensch, der an 
der Überwältigung durch den ersten Gottgedanken stirbt." 
„Ich möchte mich nie an Menschen rächen, die mir Übles 
tun, aber an Gott, der solche Menschen geschaffen hat. 
Buchstäblich wahr." „Wenn nicht Gott-Schöpfer, warum 
nicht Gott-Geschöpf? Wenn nicht ein ungeheures Indivi- 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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DAS ÜNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 311 

duum am Anfang, warum nicht am Ende^)?" „Jede Sehn- 
sucht fühlt, daß sie Befriedigung verdient, am meisten die 
Sehnsucht nach Grott. Daraus entspringt unmittelbar die 
Überzeugung, daß, wenn der Sehende nicht Magnet sein kann, 
das Ersehnte Magnet werden muß, daß, wenn jener sich 
nicht zu erheben vermag, dieses sich zu ihm herablassen 
muß. Dies ist das festeste Fundament des Glaubens an 
Offenbarung," Weiter dann über seine „Judith": „Meine" 
ganze Tragödie ist darauf basiert, daß in außerordentlichen, 
Weltlagen di-ß Gottheit unmittelbar in den Gang der Er- 
eignisse eingreift und ungeheure Taten durch Menschen, die 
sie aus eigenem Antrieb nicht ausführen würden, voll- 
bringen läßt." Und endlich beim Nachdenken über seine 
Dramen: „Ihr Unterscheidendes liegt wohl darin, daß ich 
die Lösung, die andere Dramatiker nur nicht zu stände brin- 
gen, gar nicht versuche, sondern, die Individuen als nichtig 
überspringend, die Fragen immer unmittelbar an die Gott- 
heit anknüpfe. Dies ist in , Judith* der Fall und heute wird 
es mir klar, daß es auch in ,Genoveva', namentlich in Golo, 
der Fall sein wird. Was besser ist, das eine, oder das andere, 
weiß ich nicht." 

Doch Gott ist nicht bloß ein erhöhter Vater, er ist auch 
die in die Außenwelt projizierte und in den Himmel versetzte 
Libido des Menschen, oder, weiter gefaßt, sein Unbewußtes. 
Wie der Primitive sich die Wirkung der Naturgewalten nicht 
anders zu erklären vermochte, als aus der Tätigkeit über- 
irdischer Wesen heraus, die er sich nach dem Vorbild des 
Vaters formte, so später auch die Kräfte seines eigenen Ichs. 
Er merkte bald, daß all seine Handlungen und Gedanken 
durch ein Muß in seinem Innern streng determini^ waren. 
Auch hier war also eine höhere Macht, die alles lenkte und 
leitete, über welche sein Wille keine Gewalt besaß und auf 
die er, was wieder bedeutsam wurde, seine persönliche Ver- 
antwortung abwälzen konnte. Diese höhere Macht seines 
eigenen Innern nannte er dann Gott. 

1) Hier dünkt mich der Übergang zum Gott-Kind gegeben, von dem 
bei Besprechung der „Maria Magdalena" die Rede sein wird. 



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812 SADGER, HEBBEL. 



Nun ein paax Belege aus dem Tagebuche : „In jedem Wesen 
gibt es einen Punkt, der nicht mehr zu dem Wesen selbst 
gehört, wodurch es* unmittelbar mit dem großen Ganzen zu- 
sammenhängt. Der Mensch durch sein Gedankenorgan mit 
Gott." „Ein Abgrund, aus dem unten das Auge Gottes hin- 
aufsieht." „Wenn wir einschlafen, erwacht in uns der Gott." 
„Wenn der Mensch betet, so atmet der Gott in ihm auf." 
Dann ferner aus seiner besten Dichterzeit: „Wie die Luft 
uns die physischen Lebensstoff zuführt, so atmet und webt 
der Geist in Grott, jeder Gedanke, jedes Gefühl, das ihmi 
kommt, ist ein Odemzug, es ist eine Torheit, daß man glaubt, 
tman könne sich von ihm losmachen." „Gott-Lebenstraum 
des Menschen." Und endlich etwas später: „Wir leben für 
Gott." „Der Mensch denkt sich leichter einen Gott als sich 
selbst." 

„Wir Menschen sind gefrome Gottgedanken, 
Die inn're Glut, von Gott uns= eingehaucht. 
Kämpft mit dem Frost, der uns als Leib umgibt, 
Sie schmilzt ihn oder wird von ihm erstickt — 
In beiden Fällen stirbt der Mensch!" 

^ Das Band zwischen den beiden Wurzeln des Gottes- 
begriffes^ der unbegreiflichen Macht des Vaters und der 
ebenso unbegreiflichen des Unbewußten gibt die Libido. Die 
moderne Neuropsychologie hat herausgefunden, daß der 
Grund- und Urstock des Unbewußten gebildet wird von den 
ersten, verdrängten sexuellen Teiltrieben, also unterdrücktem 
sinnlichen Verlangen, mit anderen Worten verdrängter Libido. 
Die frühesten geschlechtliche!], Regungen des Menschen, die 
schon das Neugeborene aufweist, erfahren durch die Anfor- 
derungen der Kultur ^ar bald Verwerfung. Es geht beispiels- 
weise nicht an, daß das Kind aus der Befriedigung seiner 
natürlichen Bedürfnisse sexuellte Lust schöpft, daß es sich 
femer schamlos entblößt, wie man dies bei Kleinen so häufig 
findet, ehe noch die Verdrängung ihr Werk getan^ oder daß 
das infantile Ludein oder Wonnesaugen zeitlebens vorhält. 
Vielmehr müssen solche und analoge, unzweifelhaft sexuelle 



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DAS UNBEWüfeSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 313 

Eegungen früher oder später in den Orkus des Unbewußten 
wandern, dessen unzerstörbaren Kern sie dann bilden/ In 
den nämlichen Hade® des Unbewußten werden dann aber im 
späteren Leben aAich alle anderen verpönten Regungen un- 
barmherzig hin verwiesen, und zwar nicht bloß die geschlecht- 
licher Art. AUtes, was irgend das Licht des Bewußtseins zu 
scheuen hat, mit unserer Kulturhöhe unvereinbar ist, wird 
dorthin verdrängt oder unterdrückt, wobei dann freilich das 
also Verdrängte aus dem Unbewußten oft entscheidender 
wirkt, als je un^er vollbewußter Wille. Zieht jenes doch 
aufii dem sexuellen Urkem, an den es sich anlagert, immer 
neue Kraft und neue Stärke, wie der Kiese Antaeus von der 
Mutter Erde. Der libidinöse Zuschuß, die mächtige Verstär- 
kung aus verdrängten geschlechtlichen Urregungen heraus, 
gibt dem Unbewußten seine Übergewalt. 

All dies voraujsgeschickt, wird uns jetzt manches in Heb- 
bels Grottsuchen besser verständlich. So, wenn er mit 
22- Jahren kalkuliert: „Grott ist der Inbegriff aller Kraft, 
physischer wie psychischer. Er hat mithin sinnliche Be- 
gierden," oder ein andermal die Frage aufwirft: „Kann Gott 
lieben?" Dann etwas später: „Nur wer Grott liebt, liebt sich 
selbst." „Grott versteckt sich hinter das, was wir lieben." 
„Man sollte jeden so lieben, wie er Giott liebt." „Das Ur- 
gefühl des Daseins, höher, als die Spaltung Lieb' und Haß, 
ein solches, womit Grott die Welt umfaßt." Endlich, was an 
das bekannte Wort erinnert, daß Grott die Liebe ist: „Wenn 
alle Menschen sich bei der Hand fassen, ist Grott fertig." 
Aus tiefem Verständnis für das dunkle Unbewußte und seinen 
Gegensatz zum Bewußten sind Aussprüche geboren wie : „Gott 
war sich vor der Schöpfung selbst ein Greheimnis, er mußte 
schaffen, um sich selbst kennen zu lernen." „Grott teilt sich 
nur dem Gref ühl, nicht dem Verstajade mit ; dieser ist sein 
Widersacher, weil er ihn nicht erfassen kann. Das weist 
dem Verstände den Bang an." Femer: „Der Mensch dachte 
sich sein eigenes Gregenteil ; da hatte er seinen Gott." Schließ- 
lich die charakteristische Erkenntnis: „Es ist von der höch- 
sten Wichtigkeit, alles, was im Laufe der Zeit allgemeiner 



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314 SAD6ER, HEBBEL. 



Glaube, unumstößlich scheinende Satzung geworden ist, auf 
das persönliche, individuelle Bedürfnis zurückzuführen; nur 
dadurch gelangt man zu einiger Freiheit der Erkenntnis. Maai 
macht auf diesem Wege die merkwürdigsten Entdeckungen, 
z. B. daß Gottes Mantel aus dem Schlafrock des Menschen 
und aus dem Gespensteranzug seines Gewissens zusammen- 
gestückt ist!)/' 

Oben vernahmen wir, daß unser Dichter sein Unbewußtes 
als das eigentlich Schöpferische und Geniale erkannte. Er 
bezeichnete es glatt als das Göttliche in sich und trägt 
unter den frühesten Aufzeichnungen ein: „Aus den Wirkun- 
gen des Genies auf Gott zu schließen." Jetzt dürfen wir 
ergänzen, daß er Gott reden und schaffen läßt durch unser 
Unbewußtes. Schreibt er doch einmal: „Der heilige Geist 
wird dir eingeben, was du reden sollst, d. h. Gott wird dir 
soufflieren." Und ein andermal, da er das Drama der Alten 
mit dem der Neueren vergleicht : „Die Alten durch wandelten 
mit der Fackel der Poesie das Labyrinth des Schicksals; 
wir Neueren suchen die Menschenjiatur, in welcher Gestalt 
oder Verzerrung sie uns auch entgegentrete, auf gewisse ewige 

und unveränderliche Grundzüge zurückzuführen Das F a- 

tum der Griechen hatte keine Physiognomie, es wai' den 
Göttern, die sie anbeteten und gestaltet hatten, selbst ein 
schauerliches Geheimnis; das moderne Schicksal ist die 
Silhouette Gottes, des Unbegreiflichen und Unerfaßbaren," 



1) In einem anderen Betrachte führt, wie wir von der Neurosen- 
Psychologie her wissen, die Libido, je nachdem sie erhalten bleibt oder 
unterdrückt wird, leicht zur Zweiteilung des Gottesbegriffes. Gott wird 
dann zum Sinnbild der höchsten Sexualverdrängung, der Teufel hingegen 
zum Symbol fortdauernder sexueller Lust. Vgl. hiezu die folgenden Stelleu 
des Tagebuches: „Der Mensch tut sein Schlimmes selbst; sein Gutes 
wirken Gott und Natur durch ihn." „Das Böse steht als Schianke zwi- 
schen GotL und dem Menschen, aber als solche Schi-anke, die dem Men- 
schen allein individuellen Bestand gibt. Wäre es nicht da, so würde der 
Mensch mit Gott zu Eins." „Große Talente kommen von Gott, geringe 
vom Teufel." „Wenn der Genius- geboren werden soll, so müssen Gott 
und Teufel einmal einig werden und sich von oben und unten die Hand 
reichen." 



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DAS UNBEWUSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 315 

Wie höchst persönlich klingt das Bekenntnis: „Das ist des 
Menschen letzte Aufgabe, aus sich heraus ein dem Höchsten, 
Göttlichen, Gremäßes zu entwickeln und so sich selbst Bürge 
zu werden für jede seinem Bedürfnis entsprechende Verhei- 
ßung," zumal er bald darauf, vermutlich in einem Moment 
der Schwäche, fragt: „Woher kommt's, daß ich's noch nie 
so sehr, wie jetzt, gefühlt habe, daß der Glaube an ein Höch- 
stes, nicht bloß in. der Menschheit, sondern auch im ein- 
zelnen Menschen, mir unbedingt zum Loben selbst not- 
wendig ist. Kommt's daher, daß ich vielleicht eben jetzt 
im Begriff stehe, ihn zu verlieren?" Dann sagt er sich immer 
wieder zum Tröste: „Es gibt keinen Weg zur Gottheit, als 
durch das Tun des Menschen. Durch die vorzüglichste Kraft, 
das hervorragendste Talent, was jedem verliehen worden, 
hängt er mit dem Ewigen zusammen, und soweit er dies 
Talent ausbildet, diese Kraft entwickelt, so weit nähert er 
sich seinem Schöpfer und tritt mit ihm in Verhältnis. Alle 
andere Religion ist Dunst und leerer Schein." 

Diese allerpersönlichste Beziehung zu Gott, in dem sich 
Vater und Unbewußtes einen, gibt ihm die Weihe seines 
Dichterberufes. „Die Seele des Künstlers ist das Asyl der 
Gottheit." „Dem Dichter ist das Geheimnis des Lebens an- 
vertraut, das er dann hinzustellen hat." „Der Dichter, wie 
der Priester, trinkt das heilige Blut, imd die ganze Welt 
fühlt die Gegenwart des Gottes." „Den Göttern kannst du 
nur schenken, was von ihnen selbst ausgeht." „Immer klarer 
wird mir: nur was von Gott selbst ausging, ist Gegenstand der 
höchsten Kunst, nichts, was Menschen den Ursprung ver- 
dankt." Auf die Frage: wie weit sind die Charaktere des 
Dichters objektiv? weiß er nur zu antworten: „Soweit der 
Mensch in seinem Verhältnis zu Gott frei ist. Die Notwen- 
digkeit der Schöpfung ist die Grenze menschlicher Freiheit." 
„Daß die GiDttheit dem Menschen die formende Kraft verlieh, 
das ist die höchste Selbstentäußerung." Dafür aber fühlt er 
sich auch als Sachwalter Gt)ttes: „Durch den Dichter allein 
zieht Gi3tt einen Zins von der Schöpfung, denn nur dieser gibt 
sie ihm schöner zurück." 



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316 SADGER, HEBBEL. 



Ob diese stete Grottgebuiidenheit von Hebbels Dichten, 
die er zu betonen nicht müde wird, nicht noch in einem an- 
deren Sinne an den Vater anknüpft? Hatte doch der alte 
Klaus' Friedrich von seinem Ältesten behauptet: „Aus dem 
wird nichts I" Wie, "wenn dessen Dichten, natürlich abge- 
sehen von der unbezwinglichen genialen Anlage nur die un- 
ablässige Bechtfertigung darstellte, er habe es doch zu etwas 
gebracht? Und daß er seinem Vater schöner und reicher 
zurückgeben will, was dieser ihm durch seine Zeugung 
schenkte? 

Fast will mich bedünken, daß auch Hebbels unerschüt- 
terlicher Glaube an die persönliche Unsterblichkeit in der 
Sehnsucht nach Vereinigung mit Grott, respektive dem Vater, 
seine Wurzel habe. Zwar meint der Dichter einmal: „Der 
Hauptbeweis gegen das Dasein Gottes ist, daß uns das ab- 
solute Gefühl unserer Unsterblichkeit fehlt." Doch tröstet 
er sich bald: „Es ist gar nicht möglich, daß die Ideen 
von Gott und Unsterblichkeit Irrtümer sind. Wäre das, so 
überwöge ja der Wahn reell alle Wahrheit, und das ist eine 
Ungereimtheit. Wir können jene Ideen nicht beweisen, 
wie wir Hins selbst nicht beweisen können; jene Ideen 
sind eben wir selbst, und kein Wesen kann die Fähigkeit be- 
sitzen, seine eigene Möglichkeit zu deduzieren Wir könnten 

die Unsterblichkeit gewiß beweisen, wenn wir nicht selbst 
unsterblich wären." Und dann seine entscheidende Erklä- 
rung: „Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist der fortbren- 
nende Schmerz der Wunde, die entstand, als wir vom All 
losgerissen wurden, um als Polypenglieder- ein Einzeldasein 
zu führen." Und sollte nicht auf ihn selbst gelegentlich zu- 
getroffen haben: „Manche Menschen glauben nur darum an 
einen Gott, weil sie sich so ungeheuren Ideen nicht zu oppo- 
nieren wagen/' 



Wir hörten vorhin, die wahre Religion sei, da^s hervor- 
ragendste Talent in sich auszubilden, das man von Gott emp- 
fangen habe ; alles andere sei Dunst und leerer Schein. Durch 
jene Ausbildung wäre man im stände, seinem Schöpfer mög- 



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DAS UNBEWÜSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 817 

liehst nahe zu kommen. Das mag dann auch zwei weitere 
merkwürdige Aussprüche erklären: „Eeligion ist die höchste 
Eitelkeit*' und ^,Eeligion ist erweiterte Freundschaft". Den 
meisten freilich sei Eeligion und Glaube ein bequemes Faul- 
kissen, um nicht nachdenken zu müssen: „Die Eeligion der 
meisten Leute ist nichts als ein ^Sich-schlafen-lfegen* und es 
ist wirklich zu befürchiten, Grott möge sie für ihre Gottes- 
furcht scharf ansehen, denn es ist keine Kuns.t, zu Bett zu 
gehen, wenn man müde ist, oder gar — der Fall ist noch 
häufiger — niemals aufzustehen und die Unbegreiflichkeiten 
der Natur und deö Menschengeistes im Schlaf — d. h. im 
Glauben — vor sich vorübergehen zu lassen." Darum meint 
er sogar: „Es ist am Ende an der Eeligion das beste, idaß 
sie Ketzer hervorruft." Wohl auf tiefster Selbstempfindung 
und dem Bedürfnisi, G<>tt zur Erfüllung seiner Wünsche zu 
zwingen, fußt: „Das' Gebet des Herrn ist himmlisch. Es ist 
aus dem innersten Zustand des Menschen, aus seinem schwan- 
kenden Verhältnis zwischen eigener Kraft, die a»n gestrengt 
sein will, und zwischen einer höheren Macht, die durch er- 
hobenes Gefühl herbeigezogen werden muß, geschöpft. Wie 
hoch, wio göttlich hoch steht der Mensch, wenn er betet: 
vergib uns, wie wir vergeben unseren Schuldigern; selb- 
ständig, frei, steht er der " Gottheit gegenüber, und öffnet 
sich mit eigener Hand Himmel oder Hölle. Und wie herrlich 
ist es, daß diese stolzeste Empfindung nichts gebiert, als 
den reinsten Seufzer der Demut: führe uns nicht in Ver- 
suchung! Man kann sagen: wer dieses Gebet recht betet, 
wer es innig empfindet, und soweit es die menschliche Ohn- 
macht gestattet, den Fopderungen desselben gemäß lebt, ist 
schon erhört, muß erhört werden. Das Amen geht immittel- 
bar aus dem Gebet selbst hervor, so ist es im höchsten Sinne 
ein Kunstwerk." Und er fügt mit Fug die Erklärung an: „Es 
ist merkwürdig und unleugbar, daß die Verbesserung der 
Keligionsideen mit dem Vorteil der Menschen Haad in Hand 
ging," Ist doch „Eeligion die Phantasie der Menschheit, das 
Vermögen, alle Widersprüche nicht aufzuheben, sondern zu 
verneinen". 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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318 SADOER, HEBBEL. 



Der Dichter unterscheidet scharf zwischen Religion und 
ihren einzelnen Erscheinungsformen, z. B. dem Christentum, 
die er als vergängliche Gebilde ansieht. „Auch bei der Re- 
ligion muß man auf den Urgrund zurückgehen. Dieser ist 
ewig, aber er tritt nur in vergänglicher Erscheinung hervor, 
und darin, daß diese sich zu lange behaupten wiU^ liegt 
hier, wie überall, der tragische Fluch. Das Sterben wird 
immer mit zum Leben gerechnet." Wenn die Wissenschaft 
eine solche spezielle Religionsform zerpflückt, dann helfe die 
Dichtkunst, sie von neuem zu stützen. „Historische Erschei- 
nungen, welche die Kritik auflös't, muß die Poesie wieder 
ins Leben rufen. Erst, wenn der mythische Christus der 
Wissenschaft in einen historisch-psychologischen des Dra- 
maa verwandelt sein wird, ist der religiöse Kreis geschlossen." 
Persönlich bekennt sich Hebbel als Christ bloß in ethischem 
Sinne, doch glaubt er nicht an einen Gottmenschen. Im 
positiven Christentum kann er „nichts Ausschließliches fin- 
den, sondern es nur als ein Symbol neben anderen Symbolen 
betrachten und ehren", ja, einmal spricht er sogar von der 
„christlichen Mythologie". Und kurz vor seinem Tode schreibt 
er noch in die „Collectaneen, Gedanken und Erinnerungen": 
„Man kann sich über die Eigenschaften eines Objekts, welches 
gar nicht existiert, wohl nicht füglich vereinigen. Dies ißt 
der letzte Grund aller deistischen Religionen und ihrer Zer- 
Spaltung in Sekten." 

Friedrich von Uechtritz und vor allem dem Pfarrer 
L u c k gegenüber, der ihn dem positiven Christentum naher 
bringen w^oUte, erging er sich in Wort und Schrift in bedeut- 
samen Religionsgesprächen. Aus diesen will ich zum Schlüsse 
einige bezeichnende Äußerungen des Dichters hersetzen: „Ich 
stehe durchaus in keinem feindlichen Verhältnis zur Religion; 
das ist auch bei einem Dichter nicht wohl möglich, wenn er 
anders den Namen verdient, denn Religion imd Poesie haben 
einen gemeinschaftlichen Ursprung und einen gemeinschaft- 
lichen Zweck und alle Meinungsdifferenzen sind darauf zu- 
rückzuführen, ob man die Religion oder die Poesie für die 
Urquelle hält. Ich muß mich nun für die Poesie entscheiden 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DAS UNBEWUSSTE, DIE TRÄUME ETC. BEI HEBBEL. 819 

und kann so wenig in den religiösen Anthropomorphismen, 
wie in den philosophischen Doktrinen etwas von den großen 
poetischen Schöpfungen spezifisch Verschiedenes erblicken; 
es sind für mich alles Gredankentrauerspiele, in denen bald 
die Phantasie, bald der Intellekt vorschlägt, bis beide sich 
im reinen Kunstwerk durchdringen und in gegenseitiger Sät- 
tigung zusammen wirken Sollte Ihnen das zu profan 

klingen, so erwägen Sie, daß ich ja von der Religion nicht 
geringer, sondern von der Poesie, der AUumfasserin, nur höher 
denke; jedenfalls glaube ich nicht, daß es einen Dichter 
geben kann, dem die universellen Formen des Dramas und 
deä lEpos zu Gebote stehen und der zu der positiven Religion 
ein anderes Verhältnis hat." 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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9. Kapitel. 
JUDITH. 

Wiederholt hat Friedrich -Hebbel geklagt, seine „Ju- 
dith" sei voa den Freunden so wenig als den Feinden ver- 
standen worden. Doch glaube ich kaum, daß dies ausschließ- 
lich Schuld der Genießenden und Kritiker ist, vielmehr zu 
einem nicht geringen Teile damit zusammenhangt, daß, was 
der Dichter in jenes' Drama alles hineinlegte, einfach nicht 
voll zu begreifen ist ohne ganz spezielle psychische Schulung. 
Im folgenden will ich den Beweis antreten. 

Hören wir zunächst, was die Biographen zu sa^en wissen. 
Eduard Kulke vernahm über die Entstehung der „Judith" 
aus! des Dichters eigenem Mimde folgendes : „Ich hatte nicht 
die mindeste Absicht, ein Drama zu schreiben, oder auch 
nur zu der schönen Literatur in eine nähere Beziehung zu 
treten 1). Ich wollte mich der juristischen Laufbahn wid- 
fj men. Eines Tages war ich bei Ludmilla As s ing zu Besuch 
und die Unterhaltung betraf die neueste dramatische Litera- 
tur. Ich äußerte mich über sämtliche Erscheinungen der- 
selben sehr herb und streng. Die Unterhaltung Ifenkte sich 
auf Gutzkow und dessen Werke, vorzüglich auf dessen 
, König Säur. Ich bezweifelte sehr und betonte diesen Zweifel, 
ob unsere Zeit überhaupt fähig sei, einen großen Dramatiker 
hervorzubringen; im biblischen Drama„ meinte ^ch, lasse sich 
gewiß schon gar nichts anfangen. Darüber geriet Ludmilla 
in Entrüstung und ich sagte: Ich bilde mir nicht im ent- 
ferntesten ein, ein dramatischer Dichter zu sein, aber so 
ein ,Saur müßte sich doch wohl leicht überbieten lassen. 
,Ich nehme Sie beim Wort!' sagte Ludmilla heftig, worauf 

1) Das letztere trifft, wie wir aus Hebbels Briefen wissen, nicht 
völlig zu. 



I s:', f 



ff i IKI n I f^ Sr 



JUDITH. 321 



ich ruhig erwiderte: ,Sie bringen mich hiednroh nicht im 
geringsten in Verlegenheit/ Ich hatte ein Gremalde, welches 
tue Judith mit dem Haupte des Holofemes darstellte, nicht 
lange vcrher gesehen. Es hatte in mir einen so mächtigen 
Eindruck hinterlassen i), daß ich gar keinen Stoff zu suchen 
brauchte, weil sich mir der Stoff der ,Judith* so von selbst 
aufgedrängt. Über Nacht war der fünfte Akt fertig, die ent- 
scheidende Katastrophe, Hierauf ging ich mit einem Freunde 
spazieren und rezitierte auf dem Wege einzelne Stellen aus 
dem fünften Akt. Mein Freund war darüber erstaunt und 
ich erzählte ihm das Vorgefallene. 'Er und mehrere andere, 
die den fünften Akt kennen lernten, drangen in mich, das 
Drama ganz zu komponieren und aufzuschreiben, In vierzehn 
Tagen war die , Judith* fertig 2).'* 

In diesem Berichte fällt zweierlei auf: zunächst da.0 ein 
Bild auf den sonst keineswegs so kunstsinnigen Hebbel einen 
derart mächtigen Eindruck machte, daß sich ihm das Thema 
als Stoff für ein Trauerspiel von selber aufdrängte, sodann 
daß der fünfte Akt zuerst fertig wurde, die Katastrophe also, 
Liebesnaoht und Rache des entehrten Weibes, ihm die Haupt- 
sache war. Wir wollen uns beides vorläufig merken, gleich 
hier aber festlegen, daß eine tiefer grabende Erklärung von 
keinem Biographen irgend gegeben oder auch nur versucht 
ward* 



^^IMa^ 



Nur in einem Punkte, Judiths doch gar zu rätselhafter 
Brautnacht, suchte man etwas weiter zu schürfen, indem man 
den Dichter selber befragte. Die Antwort lautete nach Eduard 
Kulke: „Judith soll Holofemee töten. Damit sie dies im 
Stande sei, muß sie sich ihm ergeben, darin liegt ihr Opfer. 
Bin Weib, das solch ein Opfer bringen soU^ ist im Drama^ 
schlechterdings nur möglich, weim sie weder Jungfrau, noch 

1) Man sieht hier durchsichtig die Wirkung des Eastrationskomplexes 
fiuf Hebbels Leben und Schaffen. 

^) Trotzdem unser Dichter diese Behauptung in einem Briefe an 
Buge vom 16. Februar 1852 wiederholt, ist sie nachweislich unrichtig. 
Nach den Tagebüchern dauerte die Abfassung der Tragödie vom 2. Ok- 
tober 1839 bis zum 28. Jänner 1840^ also beipahe ypll^ vier Konate. 

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Sadger, Hebbel, 

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822 SADOER, HEBBEL. 



eigentlich Weib ist. Ist sie wirklich Weib, so kennt sie die 
Größe des Opfers und es widerstrebt ihrem innersten Gefühl, 
sie kann sich nicht entschließen; ist sie Jungfrau, kann ihr 
der Gredanke, dieses Opfer zu bringen, gar nicht in den Sinn 
kommen, dies verhindert die Naivität der Jungfräulichkeit. 
Die biblische Judith ist also im Drama schlechterdings un- 
möglich. Die Judith^ welche die Tat vollführen soll, darf 
keine Jungfrau sein tind muß es doch sein. Das ist nur dann 
möglich, wenn sie verheiratet ist, aber von ihrem Manne 
nicht berührt wurde. -Einer solchen Jungfrau kann der Ein- 
fall kommen und doch kennt sie, weil sie eben noch Jungfrau 
ist, die Größe des Opfers nicht, zu dem sie sich entschließt. 
Es handelt sich also darum, in der Brautnacht etwas zu 
setzen, das Manassos zurückhält, sich ihr zu nähern. Was 
dies etwa sei — und hier liegt das Greheimnis — , das ist ganz 
gleichgültig. Supponiere sich jeder, was ihm beliebt, sei es 
ein Gesicht, ein Gespenst oder was immer, darum handelt 
es sich gar nicht, es handelt sich nur um die Konsequenz 
dieser Erscheinung. Die dramatische Motivierung ihrer nach- 
herigen Heldentat bedingt eine vorausgegangene ehelose Ehe." 
Was Hebbel da einleitend über die Notwendigkeit sagt, 
die Judith zur jungfräulichen Witwe zu machen, hat er iwt 
Tagebuch, dann ferner in einem Brief an die Crelinger 
nochmals umschrieben. Der Sinn, ja stellenweise der Wort- 
laut ist immer der gleiche. Trotzdem wird manchem das 
Gewicht der vorgebrachten Gründe nicht genügend dünken, 
ja vielleicht sogar eine Ahnung beschleichen, daß da weit 
mehr verborgen sein müsse, als der Dichter selber Wort 
haben mochte. Ganz besonders jedoch ist der Schluß der 
oben zitierten Äußerung Hebbels ausweichend. „Es sei 
ganz gleichgültig, was Manassos zurückhalte, supponiere sich 
jeder, was ihm beliebe," ist doch keine Erklärung, sondern 
eine Abweisung, die durchsichtig besagt, daß dem Dichter 
dad Forschen in jener Bogion zu unangenehm sei. um so 
mehr besteht ein Grund, zu vermuten, daß da vielleicht der 
Kern dos Problems zu finden sein müsse. Beim Schaffen 
muß übrigens der Dichter noch angenommen haben, daß jene 



3y Google 



Orrgmaffnonn 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



rrfn '.^^*'.» .7"^vr-n!Lw rT:ätr. u n 'n^r^iM '^ o^cvi^ •^-iurr-r^trwwr/tt 



JUDITH. 323 



Episode dkne weiteres ganz versfcäadlicli sei. Schrieb er dach 
im Briefe vom 14. Jänner 1843: „Es! überrascht mich, daß 
auch er (Oehlenschläger) fragt, was das denn für eine 
Erscheinung sei, die den Manasses in der Hochzeitsnacht er- 
schreckt habe," 

Was ich sonst bei Biographen und Kunstrichtem über 
die „Judith" finde, ist, von Kleinigkeiten abgesehen, ausschÜeß- 
lioh nur ästhetische Betrachtung, doch ohne Versuch einer 
tieferen Deutung. Denn über die Worte unseres Dichters 
geht keiner hinaus, die Lösung jener wie anderer Eatsel unter- 
nahm kein einziger. Wir wollen versuchen, was sich mit 
der psychoanalytischen Methode hier ausrichten laßt. 

Die Heldin des Dramas ist wie die Frauen ihres Voikes 
allgemein, stark sinnlich veranlagt. Als die 14jährige demi 
Manasses zugeführt wird an einem auch sonst gar verführe- 
rischen Abend, da glüht ihr Gesicht derart vor Verlangen, 
daß sie sich fast schämt und ihre Dienerin mit. Wie jedes' 
Mädchen hat auch Judith das' Lieben vom Vater gelernt, der 
immer das erste Sexualobjekt ist. Doch anich die notwendige 
AblÖstoig von diesem vollzog sie schon, ihre Libido steht 
Äur Übertragung auf den Ehemann völlig bereit. Denn alsj 
der Vater an ihrer Seite noch allerlei ernste Ratschläge gibt, 
hört sie kaum hin. Wenn sie dennoch bisweilen zu ihml 
^mporschaut, denkt sie nur daran: Manasses! sieht gewiß 
anders aus! Endlich gelangt sie ins Biias ihres Gatten. Da 
tritt ihr bezeichnend nicht dieöer selbst, sondern als fast 
feindlich empfundene Macht dessen Mutter entgegen, die, 
mit diesem Namen zu begrüßen, Judith direkt Überwindung 
kostet. „Ich glaubte, meine Mutter müsse das in ihrem Grabe 
fühlen und es müsse ihr weh tun." Eine hochbezeichnende 
Einzelheit: Judith, von ihrer Dienerin gesalbt, wird plötzlich 
ganz bleich und hat die Empfindung, als» wäre sie tot und 
würde als Tote nun so gesalbt. Sie spielt also durchsichtig 
die verstorbene Mutter, Auch die Art, in der sie dem wer- 
benden Gatten entgegentritt, ist durchaus iafantil. Zwar^ 
setzt sie seine Annäherung gleich lichterloh in Brand, doch 
äußert sich dies so, daß sie vorerst ihr Gesicht in die Hände 

21* 



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324 8ADGER, HEBBEL. 



preßt, daan aber aufspringt, und j<3nem um den Hals fällt, 
wie etwa dem Vater. Allein als Mirza darüber erschrickt, 
lacht Judith sie aus und dünkt sich mit eins weit klüger 
als diese. ' 

Dann kommt die so rätselhafte Hochzeitsnacht, die ich 
mit Judiths Worten schildere: „Wir gingen in die Kammer 
hinein ; die Alte tat allerlei seltsame Dinge und sprach etwas 
wie einen Segen; mir ward doch wieder schwer und ängst- 
lich, ak ich mich mit Manasses allein befand. Drei Lichter 
brannten, er wollte sie auslöschen; laß, laß, sagte ich bit- 
tend; Närrin I sagte er und wollte mich fassen — da ging 
eines der Lichter aus, wir bemerkten's kaum; er küßte mich 
— da erlosch das zweite. Er schauderte und ich nach ihm, 
dann lacht' er und sprach: das dritte lösch' ich selbst; 
schnell, schnell, sagte ich, denn es überlief mich kalt; er 
tat's 1). Der Mond schien hell in die Kammer, ich schlüpfte 
ins Bett, er schien mir gerade ins Gtesicht. Maaasses rief: 
ich sehe dich so deutlich wie am Tage und kam auf mich 
zu. Auf einmal blieb er stehen; es war, als ob die schwarze 
Erde eine Hand ausgestreckt und ihn von unten damit ge- 
packt hätte. Mir wird's unheimlich ; • komm, komm I rief ich 
und schämte mich gar nicht, daß ich's tat. Ich kann ja 
nicht, antwortete er dumpf und bleiern, ich kann nicht! wie- 
derholte er noch einmal und starrte schrecklich mit weit 
au^riasenen Augen zu mir herüber, dann schwankte er zum 
Fenster und sagte wohl zehnmal hintereinander: ich kann 
nicht I Er schien nicht mich, er schien etwas Fremdes, Ent- 
setzliches zu sehen. Ich fing au, heftig zu weinen, ich kam 
mir verunreinigt vor, ich haßte und verabscheute mich. Er 



^) Dio Symbolik ist durchsichtig, brennendes Licht »= membram erec- 
tum, das Erloschen desselben s=3 psychische Impotenz. Man begreift, dE^ 
Manasses und Judith zuerst schaudern und der erstere dann lacht und 
das letzte Licht selber auslöschen will, was Judith mit den Worten: 
„Schnell, schnell l'^ begleitet. Die weitere IBeziehung, daß mit dem Er- 
löschen der Geschlechtskraft auch gewissermaßen das Leben des Men- 
schen zu Ende sei, fuhrt zum Aberglauben vom Sterben und Tod beim 
Ausloschen der Kerzen. 



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JUDITH. 326 



gab mir liebe, liebe Worte, ich streckte die Arme nach ihm 
aus, aber statt zu kommen, begann er leise zn beten. Mein 
Herz hörte auf zu schlagen, mir war, als ob ich einfröre in 
meinem Blut; ich wühlte mich in mich selbst hinein, wie 
in etwas Fremdes, und als ich mich zuletzt nach und nach 
in Schlaf verlor, hatt' ich ein Grefühl, alö ob ich erwachte^ 
Am anderen Morgen stand Manasses vor meinem Bett, er sah 
mich mit imendlichem Mitleid an, mir ward's schwer, ich 
hätte ersticken mögen; da war's, als ob etwas in mir riß, 
ich brach in ein wildeö Gelächter aus und konnte wieder 
atmen. Seine Mutter blickte finster und spöttisch auf mich, 
ich merkte, daß sie gelauscht hatte, sie sagte kein Wort 
zu mir und trat flüsternd mit ihrem Sohn in eine Ecke, 
Pfui! rief er auf einmal laut und zornig, Judith ist ein 
Engel I setzte er hinzu und wollte mich küssen, ich weigerte 
ihm meinen Mund^ er nickte sonderbar mit dem Kopf, es 
schien ihm recht zu sein. Sechs Monate war ich sein Weib 
— er hat mich nie berührt. Wir gingen so eins neben dem 
anderen hin, wir fühlten, daß wir zueinander gehörten, aber 
es war, als ob etwas zwischen uns stände, etwas Dunkles, 
Unbekanntes. Zuweilen ruhte sein Auge mit einem Ausdruck 
auf mir, der mich söhaudern machte; ich hätte ihn in einem 
solchen Moment erwürgen können, aus Angst, aus Notwehr, 
sein Blick bohrte wie ein Giftpfeil in mich hinein." Da er- 
krankt Manasöes jäh und stirbt in dritthalb Tagen. Doch 
Judith will nicht, daß er sein Greheimnis ins Grab mitnehme. 
Angesichts des Todes ist er wirklich schon bereit, ihr alles 
zu gestehen. „Ja^ ja, ja, jetzt darf ich's dir sagen, du .. .." 
Da tritt der Sensenmann ihn an und verschließt auf ewig 
seine Lippen^). 

Überblicken wir das Ganze, so liegt für den Fachmann 
auf der Hand, daß hier ein Fall von psychischer Impotenz 
geschildert ist. Die psychoanalytische Forschung hat nun die 
Tatsache aufgedeckt, daß da so gut wie ausnahmslos eine 

1) Nostroy hat dies trefflich travestiert: 

„Ein ewiges Dunkel bleibt*s und niemand waß es, 
Das eigentliche Bewandtnis mit'n Manasses." 



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82C SADGER, HEBBEL. 



allzu iiinige Yerlötung von Sohn und Mutter zu Grunde liegt 
nebst der Kastrationsangst. Wie die Tochter vom Vater, 
so lernt ja der Sohn von der Mutter das Lieben. Nur soE 
und muß in der Pubertät die Ablösung von diesem erstea 
Sexualobjekt erfolgen, damit eine neue Familiengründung er- 
möglicht werde. Wo aber jene Beziehung zwischen Mutter 
und Sohn gar zu innig gewesen, da bleibt die notwendige Ab- 
lösung aus, deren wichtigste Folge die seelische Imjyotenz 
des! Mannes ist genüber dem Weibe. Zu diesen empirisch 
gefundenen Tatsachen stimmen recht gut die Einzelheiten 
unserer Tragödie. Denn die Mutter des Manasses kommt 
nicht nur, wie üblich, der Schwiegertochter auf der Schwelle 
entgegen, sondern tut auch allerlei seltsame Dinge und lauscht 
obendrein voll Eifersucht, wie jene in der Hochzeitsnacht 
sich betrage. Finster und spöttisch sieht sie am nächsten 
Morgen auf Judith und ist auf der Stelle zu glauben bereit, 
daß diese nicht unberührt befunden wurde. Erst das „Pfui!" 
ihres Sohnes muß sie da eines Besseren belehren. Dieser 
selbst aber ist nicht weniger unfrei. Als er sein Weib um- 
armen möchte, da ist's auf einmal, als ob die Erde eine 
Hand ausstrecke und ihn damit von imten piacke. Er empfin- 
det also durchsichtige Kastrationsangst. Von Entsetzen ge- 
schüttelt, weicht er zurück, immer wieder murmelnd: „Ich 
kann nicht, ich kann nicht I" Er scheint nicht sein Weib, 
sondern etwas Fremdes, Entsetzliches zu sehen. Dieses 
Fremde imd Entsfetzliche, das zwischen ihn imd die Gattin 
tritt, ist natürlich die als Sexualbbjekt streng verpönte Mutter, 
an die er doch nicht vergessen kann. Ihre Hand streckt sich 
ihm hindernd entgegen, wenn er sein geliebtes, sehnendes 
Weib umfangen möchte. Dies aber, welches sein ganzes Ver- 
langen brunstig enthüllte, fühlt sich, verschmäht, im Inner- 
sten verunreinigt. Vergebens sind alle mitleidigen und selbst 
liebevollen Worte, die ihr Gatte spater an sie verschwendet. 
Sie weigert ihm selbst den Mund zum Küssen, erzielt aber 
nur, daß er wie zustimmend mit dem Kopfe nickt. Da braucht 
er der Mutter also selbst in dieser Kleinigkeit nicht luitreu 
zu werden. Immer ist es, als stünde jene zwischen den 



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JUDITH. 327 



Gatten. Zuweilen ruht Manasses Blick auf seiner Frau mit 
einem Ausdruck, der sie erschaudern macht. Da prüft er, 
wie weit öein Eheweib der Mutter gleiche, die zu berühren, 
ja streng verboten. 

Wozu aber Hebbels Geheimniskrämerei, warum will er 
durchaus den Grund jener psychischen Impotenz gar niemand 
verraten? Die TJrsiache liegt, wie nicht anders zu erwarten, 
im eigenen Empfinden unsieres Poeten. An Manasses ward 
nur dichterisch dargestellt,^ was eigentlich den Knaben Fried- 
rich bewegt hatte. Seine eigenen Inzestphantasien auf die 
Mutter setzen sich dann in einem innerlich langst fertigen 
Stoff zu psychisQher Impotenz des Manasses um, der sein 
Eheweib nicht berühren darf, nicht um alles in der Welt. 
So hatte ja auch Hebbels Sehnsucht gellautet, der Vater 
solle seine eigene Frau nie angerührt habend). Mußte aber 
die Mutter stehen das Weib des verhaßten Vaters werden^ 
dann söi sie wenigstens Jungfrau geblieben, wie die Ehe- 
gattin des Manasses ^), und Jimgfrau natürlich für den eigenen 
Sohn, der nicht vertragt, daß die Mutter schon früher einen 
Mann erkannt hat. Was* der Dichter als Motivierung vor- 
bringt, warum er Judith zur jungfräulichen Witwe machen 
mußte, ist nur posthume, wenn auch äußerst geschickte Ea- 
tionalisierung einer Kinderphantasie, die dfen beleidigenden 
Verkehr der Eltern einfach aus der Welt schafft. Wenn in 
der Hypnose einem Medium aufgetragen wird, hinterher im 
Zimmer den Schirm aufzuspannen und dieser Befehl dann 
zur Ausführung kommt, so weiß die Versuchsperson für ihr 
seltsames Tun stets eine plausible Erklärung zu geben. Und 
doch wird keiner der Anwesienden zweifeln, daß sie aus- 



1) Wie heiJife es bloß ia der „Genoveva", dio nach Hebbel „eigent- 
lich nur ein zweiter Teil der , Judith* ist": 

„Von Jugend auf erschien mir als aller Gräuel höchster, 

Wenn irgendwo ein edles Frauenbild, 

Von einem ehrvergeßnen Mann verfolgt, 

Nur kaum sich sohnöder Übermacht erwehrt." 

2) Das stimmt nicht bloß mit den Besultaten der Analysen überein, 
sondern auch mit den Mythen von der unbefleckten Empfängnis, die in 
ähnlicher Weise viele Völker und Kulte sich schufen. 



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328 SADGER, HEBBEL. 



schließlich eine posthypnotische Suggestion erfüllte, die sie 
nur nachträglich geschickt erklärt. Ganz ebenso geht auch 
der Dichter vor, macht seine Judith zur unberührten Witwe^ 
'die in eheloser Ehe lebte, weil der Knabe Hebbel für seine 
Phantasie einer Jungfrau bedurfte, gibt aber hinterdrein eine 
sehr scharfsinnige Motivierung, in welcher er lediglich den 
Gesetzen der Psychologie gefolgt sein will. 

Der jungfräulichen Mutter Hebbels widersprach nur 
leider die böste Wirklichkeit. Kam doch zwei Jahre nach 
unserem Dichter ein Brüderchen auf die Welt. Wie fand 
siph Hebbel dichterisch mit dieser Tatsache ab? Da gibt 
sich Judith Holofemes zwar hin als Gottes Werkzeug, um 
die sonst verlorene Vaterstadt zu retten, nimmt aber sogleich 
auch Rache dafür, indem sie den Entehrer mit dem Schwerte 
enthauptet, ihn also damit symbolisch entmannt. Wir wissen 
schon aus dem siebenten Kapitel, daß die Phantasie vom ent- 
ehrten und sich rächenden Weibe ein Hauptproblem in des 
Knaben Seele gebildet hat, das er immer wieder im Kopfe 
wälzte und in einer Reihe von Dramen ausführte. Darum 
wirkte da^ Bild der Judith mit dem Haupte des Feindes so 
mächtig auf ihn, darum war die Tragödie in ihren Grund- 
linien alsbald fertig, darum endlich packte ihn vor allem 
anderen und kam auch zunächst zur dramatischen Ausfüh- 
rung die Katastrophe, während das übrige erst später und 
mählig hinzugedichtet ward. 

Wir haben oben nur die Vorfabel erledigt von Judiths 
eheloser Ehe. Drei Jalire sind seit Manasses frühem Tode 
verflossen, drei Jahre, in welchen die Witwe ganz zurück- 
gezogen lebte. Nie hat sie jemand öffentlich gesehen, außer 
wenn sie beten und opfern wollte. Und sie, die Eeiche, er- 
klärte immer, ihre vielen Güter gehörten nicht ihr^ 
sie verwalte sie lediglich für die Armen. So kam sie 
mählig in den Ruf besonderer Heiligkeit. Selbst ihre Die- 
nerin denkt nicht andere. Sieht sie die Herrin doch oft bei 
der Arbeit in sich zusammensinken und zu beten anheben. 
Man hat sie deswegen allgemein für fromm und besonders 
gottesfürchtig gehalten, während es in Wahrheit immer ge- 



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JUDITH. 329 



schah, wenn sie vor dem Sehnen imd Verlangen ihrer Sinne 
sich nicht mehr zu erretten wußte. Ihre heimlichen, wohl- 
behüteten Godanken galten dem Manne. Doch einen von den 
vielen zu wählen, die ihre Trefflichkeit angezogen hätte, ver- 
bot das Erlebnis mit Manasses, Muß sie ja glauben, ihre 
,, Schönheit sei die der Tollkirsche, deren Genuß Wahnsinn 
und Tod bringe". Und dennoch fühlt sie in den innersten 
Falten ihrer Seele : „Ein Weib ist ein nichts ; nur durch den 
Mann kann sStie etwas werden. Das Kind, das sie gebiert, 
ist der einzige Dank, den sie der Natur für ihr Dasein dar- 
bringen kana. Unselig sind die Unfruchtbaren, doppelt un- 
sehg bin ich, die ich nicht Jungfrau bin und auch nicht 
Weib." Und wenn sie dann verzweifelt in dem Widerstreit 
von brünstigem Verlangen und Angst vor Wiederholung des 
schon einmal mit Manasses Erlebten, dann flüchtet sie zurück 
zu ihrem frühesten Liebesobjekt, dem eigenen Vater. Oder 
richtiger zu der ersten, regelmäßigen Verkleidung desselben: 
dem Himmelsvater. „Mein Gebet ist dann ein Untertauchen 
in Gott, es ist nur eine andere Art von Selbstmord, jich 
springe in den Ewigen hinein, wie Verzweifelnde in ein tiefes 
Wasser.** 

Doch alle Frömmigkeit stillt nicht die Glut. Trotzdem: 
sie scheinbar vor allen Männern schaudert, träumt sie doch 
atets von dem großen Geliebten, der sich von keiner feind- 
lichen Mutter abhalten läßt, sie zu umarmen. Am deutlich- 
sten verrät dies jener Traum, den sie gleich beim ersten 
Auftreten erzählt imd welchen der Dichter von Elise direkt 
übernommen hatte: „Ich ging und ging und mir war's ganz 
öilig und doch wußte ich nicht, wohin mich's trieb. Zu- 
weilen stand ich still und sann nach, dann war's mir, als 
ob ich eine groß<3 Sünde beginge; fort, fortl sagt' ich zu 
lair selbst und ging schneller wie zuvor. Plötzlich stand 
ich auf einem hohen Berg, mir schwindelte, dann ward ich 
stolz, die Sonne war mir so nali', ich nickte ihr zu und sah 
inimer hinauf. Mit einmal bemerkt' ich einen Abgrund zu 
lüeinen Füßen, wenige Schritte vor mir, dunkel, unabsehlich, 
voll Rauch und Qualm. Und ich vermogte nicht zurückzu- 



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830 SADOER, HEBBEL. 



geb^n, noch stillzustehen, ich taumelte vorwärts ; Grott ! Gott ! 
rief leb in meiner Angst, — hie bin ichl tönte es aus dem, 
Abgrund herauf, freundlich, s-üß, ich sprang, weiche Arme 
fingen mich auf, ich glaubte, einem an der Brust zu ruhen, 
den ich nicht sah, und mir ward unsäglich wohl, aber ich 
war zu schwer, er konnte mich nicht halten, ich sank, siank, 
ich hört' ihn weinen und wie glühende Tränen träufelte ee 
auf meine Wangen." Und Judith fügt hinzu: „Solche Traumie 
soll man nicht gering achten 1 Sieh, ich denke mir das so. 
Wenn der Mensch im Schlaf liegt, aufgelös't, nioht mehr 
zusammengehalten durch das Bewußtsein seiner selbst, dann 
verdrängt ein Gefühl der Zukunft alle Gedanken und Bilder 
der G^enwart und die Dinge, die kommen sollen, gMten 
als Schatten durch die Seele, vorbereitend, warnend, tröstend. 
Daher kommt's, daß uns so selten oder nie etwas wahrhaft 
überrascht, daß wir auf das Gute schon lange vorher so zu- 
versichtlich hoffen und vor jedem Übel unwillkürlich zittern.** 
Ziehen wir die Traumsymbolik heran und außerdem noch 
die neurologische Erfalirung, so dünkt mich jener Traum der 
Judith-Elise nicht schwer zu deuten. Das, was ein Weib 
unruhig umhertreibt mit der Empfindung, eine große Sünde 
zu begehen, ist wohl nichts anderes als das Verlapgen seiner 
Sinne, welches, ungestillt bleibend, Angst erzeugt. Gut stimmt 
dazu, daß sie, sich vor einem Abgrund sehend, weder stillzu- 
stehen vermag noch rückwäjts zu gehen, sondern trotz der 
erkannten großen Gefahr immer vorwärts taumelt. Der Gre- 
liebte, den sie sucht, ist bald ihre Sonne, zu der sie empor- 
blickt, bald ruft sie ihn Gott und seine Stimme ertönt aus 
dem Abgrund ihr süß und freundlich. Wenn die Träumerin 
weiche Arme auffangen und sie vermeint, einem Manne aa 
der Brust zu ruhen, ein Gefühl, das ihr unsäglich wohl tut, 
so bedarf dies wohl keiner weiteren Erklärung. Ebensowenig, 
daß sie den Geliebten nicht kennt oder kennen will („i^h. 
sah ihn nicht", bei Elise wird es sich wohl um ein Nicht- 
wissenwollen handeln.) und sie immer tiefer und tiefer sinkt. 
Daß Judith endlich weinen hört und glühende Tränen auf 
ihre Wangen träufeln, kann von ihr auf den Geliebten ver- 



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JUDITH, 331 



schoben sein oder auch, direkt eine ebensolohe Kindheits- 
erinnerung Judiths wie Elisens. Der unbekannte Geliebte des 
Traumes hat endlich den Mut, sie zu umarmen, unähnlich 
dem Manasßes, und ist auch darum als WunscherfüU'ung 
durchsichtig. Kein Wunder also, daß Judith fühlt, der Traum 
verrate ihre G-edanken, und sie die Dinge, die da kommen 
sollen, als Schatten durch ihre Seele gleiten spürt, vorbe- 
reitend, warnend, doch aber auch tröstend. 

Eine Reihe von Traumstücken zeigt aber regelmäßig 
Überdeterminierung. Hier will ich besonders zwei Stellen 
auf Uhren: Die Träumerin ist dem Manne, der sie auffangen 
will, doch zu schwer, sie hört ihn weinen, seine glühenden 
Tränen beträufeln ihre Wangen. Das' wird wohl auch heißen : 
ein gewöhnlicher Mann, der sie auffangen möchte, kann ihr 
nicht genügen. Ebenso weist der hohe Berg, auf welchem 
sie steht;, ihr Stolz nach kurzem anfänglichen Schwindel, die 
Nähe der Sonne, der sie vertraulich-selbstbewußt zujiickt 
— Sonne ist übrigens ein typisches Symbol für Gott wie den 
Vater — , noch darauf hin, daß sie nach dem Höchsten, ja 
fast Unerreichbaren giert imd sich hiezu auch berechtigt 
wähnt 1). 

In die nun dreijährige Witwenöde mit ihrem ungestillten 
Verlangen und der stets unterdrückten Sinnlichkeit fällt 
jetzt plötzlich ein Lichtstrahl. Holofemes naht, der Feind 
ihres Volkes, doch zweifellos ein Mann. Und „jedes Weib 
hat ein Recht, von jedem Manne zu verlangen, daß er ein 
Held sei". Sogar Ephraim kann, von Holofemes redend, nicht 
anders als seine Größe preisen. Anfänglich spottet Judith 
auch über den also Grerühmten. Seit dem Erlebnis mit Ma- 
nasses glaubt sie an keinen wirklichen Mann mehr. Dann 
überkommt es sie aber doch: „Ich möchte ihn sehen, den 
großen Mann." Und alÄ ihr Freier unvorsichtig fortfäJirt: 
„Er tötet die Weiber durch Küsöe und Umarmungen. Hätte 
er dich in den Mauern der Stadt gewußt : deinetwegen allein 



1) Natürlich ist der Traum hiemit noch lange nicht aufgelöst. Ich 
führe die Deutung nur insoweit, als sie für unsere Zwecke von Belang ist. 



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382 SADGER, HEBBEL. 



wäre er gekommen I" meint Judith lächelnd: „Mögt' es so 
sein!" Erst spater gibt sie der raschen Eede den heuchle- 
rischen Sinn: ,,Dann braucht' ich ja nur zu ihm hinaus zu 
gehen und Stadt und Land wäre gerettet!'' Doch Ephraims 
Wort schlug tief in ihre Seele. Wenn Holiofemes schon um 
ihretwillen gekommen wäre, dann hatte sie ja den ersehnten 
Helden. Damals schon nahm das Begehren ihres Herzens^ 
die Formel an, ihre Vaterstadt zu retten, indem sie zu dem 
Gewaltigen ginge. Noch aber schreckt sie davor zurück, den 
Feind ihres Volkes lieben zu sollen. Den drängenden Freier 
will sie erhören, so er den Holöfemes tötet inmitten der 
Seinen. Wie das zu vollbringen, weiß sie selber nicht, nur 
daß es nötig. Erscheint ihr doch der assyrische Feldherr 
jetzt so riesengroß, so ganz Ideal, wie zu seiner Zeit deml 
Kinde der Vater. Ihre Einbildungskraft zeigt ihr den Hel- 
den „mit dem Antlitz, das ganz Auge ist, gebietendes Auge, 
und mit dem Fuß, vor dem die Erde, die er tritt, zurückzu- 
beben scheint." Will Ephraim ihre Liebe erringen, muß sie 
ihn über sich selber erhöhen können. In jener Bedingung^ 
vor welcher der Kleingesinnte zurückbebt^ erkennt sie nun- 
mehr die eigene Aufgabe. Eine Aufgabe, die ihr außerdeml 
verstattet, ihre mächtige Sinnlichkeit auszuleben und nicht 
allein dafür ungestraft zu bleiben, sondern sich noch oben- 
drein mit Ruhm zu bedecken. Wenn der Freier ihr vorhält,, 
sie fordere sich selber heraus, um ihre Furcht zti vergessen, 
so wäre statt dessen richtiger zu sagen : um ihr seruellesi 
Verlangen zu stiUlen. 

Drei Tage sitzt Judith wie eine Lebendig-Tote, ißt nicht 
und trinkt nicht tmd spricht kein Wort. Von dem Ewigem 
heischt sie, ihr den Weg zu zeigen, der zum Herzen des Hole- 
fernes führt. Doch, wie sie auch in ihr Inneres hineinhorcht, 
immer wieder quillt der Gedanke ihr entgegen: der Weg zu 
deiner Tat geht durch die Sünde! Es dünkt mich überaoÄ 
charakteristisch, daß sie sich stets wieder an Gott selbst 
wendet, d. h. an den Vater: „Vor dir wird das! Unreine rein!" 
Auch andere Worte gehen sichtlich auf den letzteren zurück: 
„Gott! Gott! Warum neigst du dich nicht auf mich herab? 



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JUDITH. 333 



Ich Ißn ja zu sfehwacli, um zu dir emporzuklimmfeii T^ Mit 
der ganzen Eabulistik «entfesselter Sinnlichkeit kalkuliert sie : 
„Wenn du zwischen mich und meine Tat eine Sünde stellst: 
wer bin ich, daß ich mit dir darüber hadere, daß ich mich 
dir entziehen sollte! Ist nicht meine Tat so viel' wert, als 
^ie mich kostet? Darf ich meine Ehre, meinen unbefleckten 
Leib mehr lieben wie dich? 0, e» los't sich in mir wie ein 
Knoten. Du machtest mich schön; jetzt weiß ich, wozu. 
Du versagtest mir ein Kind; jetzt fühl* ich, warum, und freu' 
mich, daß ich mein eigen Selbst nicht doppelt zu liebea 
hab'. Was ich sonst für Fluch hielt, erscheint mir nun wie 
Segen!" So ist sie glücklich dahin gelangt, aus der Befriedi- 
gung ihrer Sinnlichkeit ein gottgefälliges Opfer zu machen. 
Wenn «ie aber fortfahrt: „Holofernes, all' meine Schönheit 
ist dein. Nimrn^ aber zitt're, wenn du es hast; ich werde 
in einer Stunde, wo du's nicht denkst, aus mir herausfahren, 
wie ein Schwert aus der Scheide, und mich mit deinem Le- 
ben bezahlt machen! Muß ich dich küssen, so will' ich mir 
einbilden, es geschieht mit vergifteten Lippen; wenn ich dich 
umarme, will ich denken, daß ich dich erwürge" — dann 
guckt ihr wieder Hebbeln Mutter über die Achseln, die 
sich nach dem Willen ihres Sohnes an dem Gatten dafür 
rächen sollte, daß er ihre ganze Schönheit genommen. 

Hatte noch irgend etwas gefehlt, um Judith zu raschem 
Handeln zu spornen, so war es die immer wachsende Not 
•der Ihrigen, welche sie stachehi mußte. Ist es doch schon 
so weit gekommen, daß Mütter das Fleisch ihrer Kinder 
essen, um nicht zu verhungern. Damit aber war das Wort 
de^ Propheten Jeremias erfüllt, welches Hebbel bereits in 
zartester Kindheit mit Grausen von der Nachbarin Meta ge- 
hört hatte. Deii Ausischlag jedoch gibt nicht diese Not, son- 
dern de» Holofernes Mißachtung der Frauen. Als Achior von 
seiner Größe erzahlt, plagt Judith nur die Neugier: „Liebt 
er die Weiber?" Erst als sie da zur Antwort erhalt: „Nicht 
anders als wie Essen xuid Trinken 1'* und Achior weiter von 
einer Moabiterin erzahlt, die ob ihrer von jenem verschmähten 
Neigung Selbstmord verübte, bäumt sich da« verhöhnte Weil? 



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334 SAD6ER, HEBBEL. 



in Judith und sie findet im Namen der geschändeten Jung- 
frauen endlich den Mut, sich an dem geliebten Feinde zu 
rächen. 

Wie ffieht nun der Mann aus, den sie mit allen Sinnen 
begehrt und dennoch töten soll nach Gottes Grebot? Wemi 
wir oben vernahmen, daß im Tod des Holofemes jenes Schick- 
sal verwirklicht ist, das Hebbel seinem eigenen Vater ge- 
wünscht hatte, so zeigt der Feldherr Nebukadnezars noch 
weit mehr Züge des Dichters selber. Hier will ich nur eines 
allgemein vorausschicken: die Erstlingsdramen fast aller 
Poeten weisen den Charakter der Pubertät in ganz beson- 
derem Maße auf, auch wenn sie jene zur Zeit der AbfeÄSung 
schon hinter sich haben. Ausnahmslos herrscht ein Über- 
schuß an Kraft, die nicht weiß, wo hinaus mit all ihrer Fülle, 
großartige Reden, um nicht zu sagen großmäulige Worte, ipid 
nicht zuletzt eine Lust am Töten, die den stark sadistischen 
Einschlag verrät, der den Jahren der Entwicklung so gern 
anhaftet. Nicht umsonst behandeln Erstlingsdramen mit 
besonderer Vorliebe Eauber und Mörder, Eeldherren tuid 
männertötende Schlachten, Themen, die reichlich Gelegen- 
heit geben zum Niederhauen und Niederstechen, oft ohne 
genügende Motivierung. 

Ein Musterbeispiel der bezeichneten Gattung ist auch die. 
„Judith**. Zumal Holofemes, ein getreues Abbild des narziß- 
tischen Dichters, wie er damals wohl war und natürlich noch 
greller ein paar Jahre zuvor, ist d^s Muster eines Tiraden- 
feldherm, der sich an seiner eigenen Großwortigkeit berauscht 
und an der Fülle unendlicher Kraft, die seine Adern zum 
Bersten schwellt. Das ist neben maßloser Solbstvergötte- 
rung, ich möchte sagen, der Grundzug seines Wesens, alles 
andere, ob auch Hebbel selber nachgebildet, steht hinter 
dem erst im zweiten Gliede. Natürlich verwirklicht Holo- 
femes auch den Mythos von Greburt und Sterben dos Helden 
— wie vermutlich der Dichter in seinen Phantasien. Er ist 
von keinem Weibe geboren, oder kennt doch mindestens seine 
Mutter nicht. „Oft kommt's mir vor, als hätt' ich einmal 
zu mir selbst gesagt: Nun will ich leben! Da ward ich los- 



C^ nrin L-^ Orrginaf frcrnn 

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JUDITH. 385 



goLasseu wie aus zärtlichster UmscMingung, es ward hell 

am mich, mich fröstelte, eiu Ruck und ich war da! AUe 

Weiber der Welt seh' ich gern, ausgenommen eines, und das 
hab' ich nie gestehen und werd' es' nie sehen: meine Mutter! 
Ich hätt' sie so wenig sehen mögen, als ich mein Grab sehen 
mag. Das freut' mich am meisten, daß ich nicht weiß, wo- 
her ich kam! Jäger haben mich als' einen derben Buben 
in der Löwenhöhle aufgelesen, eine Löwin hat mich gesäugt; 
darum ist's kein Wunder, daß ich den Löwen selbst einst 
in diesfen meinen Armen zusammendrückte. Was ist denn 
auch eine Mutter für ihren Sohn? Der Spiegel seiner Ohn- 
macht von gestern oder von morgen. Er kann sie nicht 
anstehen, ohne der Zeit zu gedenken, wo er ein erbärmlicher 
Wurm war, der die paar Tropfen Milch, die er schluckte, 
mit Schmätzen bezahlte. Und wenn er dies vergißt, so sieht 
er ein Grespenst in ihr, das ihm Alter und Tod vorgaukelt und 
ihm die eigene Gestalt; sein Fleisch und BMt zuwider 
macht ^)." Wie- er angeblich durch eigenen Willen und aus 
freien Stücken ina Leben trat, will er auch einst aus diesem 
scheiden. „So mögt' ich auch einmal zu mir selbst sagen: 
Nun will ich sterben! Und wenn ich nicht, so wie ich das 
Wort ausspreche, aufgelös't in alle Winde verfliege und ein- 
gesogen werde von all den durstigen Lippen der Schöpfung, 
so will ich mich schämen und mir eingestehen, daß ich Wür- 
zein auö Fesseln gemacht habe. Möglich ist's; es wird sich 
noch einer töten durch den bloßen Gedanken!" 

Was ihn am Gedanken, von einer Mutter geboren zu sein, 
am meisten abstößt, ist, Haß ihm' diese der Spiegel seiner Ohn- 
macht wäre von gestern und morgen. Nichts stellt er höher, 
nichts macht ihn vor sich selber mehr zum Gott, als sein 
ungeheuerliches Kraftbewußtsein. ,, Kraft 1 Kraft! Das ist's. 



1) Vgl. zu diesen Ausführungen Otto Ranks „Der Mythos von der 
Geburt des Helden", Schriften zur angewandten Seelenkunde, heraus- 
gegeben von Professor Freud, 5. Heft, Leipzig und Wien 1909, Franz 
Deuticke. Die wenig liebevollen Äußerui^en des Dichters über seine 
Mutter rühren offenbar von der Verdrängung seiner Neigung zu ihr in 
den Pubertätjahren, wovon im 3. und 1. Kapitel die Rede war. 



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836 SADGER, HEBBEL. 



Er komme, der sich mir entgegenstellt, der mich damieder- 
wirft. Ich sehne mich nach ihml Es ist öde, nichts ehren 
können als sich selbst." Das ist der richtige Pubertäts- 
ton und mit eine Wurzel sadistischer Regungen, Was iü 
den Jahren der Entwicklung die Adern so schwellt und zu 
oft törichten Taten treibt, ist der gewaltige Kraftüberschuß, 
der irgendwo sich entladen muß. Setzt doch ausgiebige Betä- 
tigung desselben die höchsten, wonnigsten Lustgefühle; 
Darum sucht man förmlich nach Grelegenheiten, ihn zu be- 
kunden, man rauft und ringt, schafft sich künstlich erhöhte 
Hindernisse und begeht eine Reihe ganz überflüssiger Husaren- 
Stückchen, nur um zum Gefühle seiner Kraft zu kommen. 
Ganz Ähnliches erzählt der Hauptmann Achior von Holo- 
femes: „Einmal ritt ich mit ihm im wildesten Gebirge. Wir 
kommen an eine Kluft, breit, schwindlich tief. Er spomt 
sein Pferd, ich greif ihm in die Zügel, deute auf die Tiefe 
und sage: sie ist unergründlich! ,Ich will' ja auch nicht 
hinein, ich will hinüber I* ruft er und wagt den grausigen 
Sprung. Ehe ich noch folgen kann, hat er Kehrt gemacht 
und ist nun wieder bei mir. ,Ich meinte dort eine Quelle zu 
sehen — sagt er — und wollte trinken, aber es ist nichte. 
Verschlafen wir den Durst.* Und wirft mir die Zügel zu 
Xmd springt herab vom Pferd und schläft ein." Ein andermal 
deklamiert Holofemes: „Wer* den Bausch nicht kennt, weiß 
auch nichts davon, wie schaal die Nüchternheit ist I Und 
doch iöt der Eausch der Reichtum unserer Armut, und ich 
mag's so gern, wenn's wie ein Meer aus mir hervorbricht und 
alles, was Damm xmd Grenze heißt, überflutet." Ganz puber 
und zum Sadismus führend ist endlich die Tirade des Peld- 
lierm: „Wohl fühlt' ich's langst: die Menschheit hat nur 
den einen großen Zweck, einen Gott aus» sich zu gebaren; und 
tier Gott, den sie gebiert, wie will er zeigen, daß er^s ist, 
;als dadurch, daß er sich ihr zum ewigen Kampf gegenüber- 
stellt, daß er alF die törichten Regungen des Mitleids, des 
Sohaudems vor sich selbst, des Zurückschwindeins vor 
(seiner ungeheuren Aufgabe unterdrückt, daß er sie zu Staub 
zermalmt und ihr noch in der Todesstunde den Jubelruf ab- 



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JUDITH. 387 



zwingt V"" Diese Großwortigk^it liat niemand besser persifliert 
als» Johaaan Nestroy, der kaum minder infemialische Satire 
besaß, als ein tiofbohrendes psychologisches Wissen. Er 
läßt Holofemes den Gesandten an den Kopf werfen: „Ich 
bin ein großartiger Kerl!*' — ein andermal wieder perorieren: 
„Ich haV die Spiegeln abgeschafft, weil sie die Frechheit 
haben, mein Gesicht, was einzig in seiner Art is, zu ver- 
doppeln/' und endlich die Selbstberäucherung auf die Spitze 
treiben: „Ich bin der Glanzpunkt der Natur, noch hab' ich 
keine Schlacht verloren, ich bin die Jungfrau unter den 
Feldherren. Ich möcht' mioli einmal mit mir selbst zu- 
sammenhet^n, um zu sehen, wer der Stärkere ist, ich oder 
ich!" Hier durchschaute Nestroy seherisch den Narziß- 
mus Hebbels, der in Holofemes seine eigene Selbstver- 
liebtheit und den eigenen Sadismus bis fast zur Karikatur 
übertrieb. 

Anderen Ortes wies ich die konstitutionelle Verstärkung 
der Haut- und Muskelerotik als eine der Wurzeln des Sadis- 
mus nach. Dies z<iigt sich auch deutlich bei Hebbels 
Zeichnung des Holofemes und damit seiner selbst: „Hätf 
ich doch nur einen Feind, nur einen, der mir gegenüberzu- 
treten wagte! Ich wollt* ihn küssen, ich wollte, wenn ich 
ihn nach heißem Kampf in den Staub geworfen hätte, mich 
auf ihn stürzen und mit ihm sterben!" Das auf 
ihn Stürzen bedeutet natürlich die WoIMst des Eaufenßi), 
während das gemeinsame Sterben, wie wir von den Analysen 
her wissen, auf das Zusammenliegen im Bette geht. Im 
Grunde sucht Holofemes stets nur Gegner zum Kaufen und 
Zerschmettern, um so seine Kraft erproben zu können — 



^) Die nämliche Wollust am llaufen uud Ringen atmen auch fol- 
gende Züge des Peldherm: „Als ich jünger war, glaubt' ich mein Leben 
zu stehlen, wenn ich's mir nicht täglich neu erkämpfte; was mir ge- 
schenkt wurde, meinte ich gar nicht zu besitzen.*' Ferner:. „In meineax 
Jugendtagen hab' ich wohl, wenn ich einen Feind begegnete^ statt mein 
eigenes Schwert zu ziehen, ihm das seinige aus der Hand gewunden und 
ihn damit niedergehauen." Dies letztere Tun ist wie das Niederhaiaen 
im allgraaeinen nichts anderes als symbolische Kastration. 

Sadger, Hebbel. 22 



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»88 SAD6ER, HEBBEL. 



ganz ähnlich wie der jugendliche Hebbel selber. Wenn 
jener aber meint: „Ich achte ein Volk, das mir Widerstand 
leisten will. Schade, daß ich alles, was ich achte, ver- 
nichten muß," so fordert dies glatt zur Travestie heraus, 
die abermals Nesti ^oy mit Grlück besorgte. Als bei diesem 
Holofemes vorgehalten wird, er sei ein Judenfresser, erwidert 
er gemütlich: „Es ist nicht so arg, ich hab* nur die Ge- 
wohnheit, alles' zu vernichten 1" Bei tieferem Nachdenken 
entdeckt mß^n auch in den Worten des Feldherm Beziehun- 
gen dee sadistischen Komplexes. Vemichtenmüssen, was man 
achtet, heißt wohl nichts anderes als das Vernichten be- 
sonders geheiligter Personen, z. B. der Eltern, was gleich- 
falls auf frühe Todesphantasien des Dichters wider Vater 
und Mutter zurückgehen dürfte. 

Ein weiterer Ausfluß des Sadismus ist auch des Holo- 
femes Lust am Strafen und Morden. Er führt seine Leute 
gern in Versuchung, um sie dann hinterdrein packen zu 
können. Nichts verhängt er lieber als die Todesstrafe, ja, 
manchmal ist's, als lauere er darauf, nur möglichst viele 
niedermetzeln zu können. Da genügt oft eine Kleinigkeit, 
fseinen Zorn zu entflammen. So haut er z. B. ein Weib 
zusammen, das zu ungelegener Stunde vor ihn tritt, bloß 
weil er es nicht schön genug findet. Auch das hat N e ^t r o y 
trefflich karrikiert, indem er den Feldherrn einen seiner 
Hauptleute nach den anderen aus den nichtigsten Vorwäa- 
den niederstechen, dann aber gemütlich sich! umdrehen läßt: 
„Schafft's m'r die Leichen weg! Nur ka Schlamperei not!*' 

Selbst eine Philosophie der Grausamkeit, ob auch eine 
etwasi jünglinghafte, hat Holofemes sich zurechtgelegt. So 
rühmt er sich Judith gegenüber kurz vor dem Ende : „Siehe, 
Weib, diese meine Arme sind bis an die Ellenbogen in Blut 
getaucht, jeder meiner Gredanken gebiert Gräuel und Ver- 
wüstung, mein Wort ist Tod; die Welt kommt mir jämmer- 
lich vor, mich deucht, ich bin geboren, sie zu zerstören, 
damit was Besseres kommen kann. Die Menschen verfluchen 
mich, aber ihr Eluch haftet nicht an meiner Seele, sie rührt 



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JUDITH. 339 



ihre Schwingen und schüttelt ihn ab, wie ein nichts; ich 
muß also wohl im Rechte sein." 

Auch in dem Verhältnis zwischen Mann und Weib ist 
der sadistische Einschlag mächtig in Hebbels Leben wie 
in seiner Dichtung. „Weib ist Weib," philosophiert Holo- 
femesi, „und doch bildet man sich ein, es sei ein Unterschied. 
Freilich fühlt ein Mann nirgends' so sehr, wieviel! er wert 
ist, als an Weibesbrust. Ha, wenn sie seiner Umarmung 
entgegenzittem, im Kampfe zwischen Wollust und Scham- 
gefühl; wenn sie Miene machen, als ob sie fliehen wollten, 
und dann mit einmal, von ihrer Natur übermannt, an sieinen 
Hals fliegen, wenn ihr Itetztes bißchen Selbständigkeit und 
Bewußtsein sich aufrafft und sie», da sie nicht mehr trotzen 
können, zum freiwilligen Entgegenkommen antreibt; wenn 
dann, durch verräterische Küsse, in jedem Blutstropfen ge- 
weckt, ihre Begierde mit der Begierde desl Manneg' in die 
Wette läuft und sie ihn auffordern^ wo sie Widerstand leisten 
sollten — ja^ das ist Leben, da erfährt nuan's, warum die 
Götter sich die Mühe gaben, Menschen zu machen, da hat 
man ein Genügen, ein überfließendos' Maß! Und vollends, 
wenn ihre kleine Seele noch den Moment zuvor von Haß 
und feigem Groll erfüllt war, wenn dasi Auge, das jetzt in 
Wonne bricht, sich finster schloß, als' der Uberwinder her- 
eintrat, wenn die Hand, die jetzt schmeichelnd drückt, ihm 
gern Gift in den Wein gemischt hätte ! Das ist ein Triumph, 
wie keiner mehr, und den hab''ich schon oft gefeiert/' Es 
ist für ihn der einzige Eeiz, ein Weib zu erobern, das; iihn 
verabscheut. Als höchste gilt ihm jene Wollust, die an den 
Flammen des Hasses gekocht ist. Einen Euß sogar heischt 
er von Judith erst dann, nachdem er vernommen, daß sie 
ihm anfangs; fluchte. 

Es ist schwer zu entscheiden, wo überall der Dichter für 
die obigen Sätze Erfahrungen slammelte. Das eine aber ist 
auch biographisch voll zu erweisen, daß er im Verkehre mit 
dem Weibe allzeit der Überwinder blieb, bei Beppi ebenso 
wie bei Elise und Christine. Von Hebbel dürfte gelten, 
waö er über Holofemes sagen läßt: „Er ist ein Tyrann, aber 

22* 



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840 SAD6ER, HEBBEL. 



er wurde geboren, es zu sein. Maai hält sich und die Welt 
für nichts^ wenn maji bei ihm ist." Überwinder jedoch wurde 
er im letzten psychischen Grunde, weil er aas dem Herzen 
seiner Erstgeliebten, der eigenen Mutter, den Vater zu ver- 
drängen hatte. So sagt auch Holofernes: „Diese Judith — 
zwar ist ihr Blick freundlich und ihre Wangen lächeln wie 
Sonnenschein; aber in ihrem Herzen wohnt niemand als ihr 
Gott, und den will ich jetzt vertreiben!*' Nur bedient er 
sich dazu einer Waffe, die dem Kinde höchstens in kolossal 
vergrößernden Wunschphantasien zu Gebote stand: „Sie soll 
vor mir vergehen durch ihr eigenes; Gofühl, durch die Treu- 
losigkeit ihrer Sinne." Daß dies für ein Kind doch eigent- 
lich ungeeignete Mittel hier zur Anwendung kommt, erklärt 
sich daraus, daß im Holofernes zwei Wesen zu einer ver- 
schmolzen sind^ der Knabe Friedrich und dessen gefährlich- 
ster Nebenbuhler, der eigene Vater. 

Wie der Vater in der Seele jedwedes Kindes zur Urgestalt 
seines Gottes wird, so wurzelt der Holofernes Hebbels 
auch noch in dessen mächtigen Gottkomplex. Schon dies 
ist bezeichnend, daß der Dichter just das hebräische Weib 
zur Heldin seines ersten Dramas w^ählte. Ist sie doch „der 
schwindelnde Gipfelpunkt des Judentums, jenes Volkes, 
welches mit der Gottheit selbst in persönlicher Beziehung 
zu stehen glaubte" — wir dürfen hinzusetzen, wie Hebbel 
selber in seiner Kindheit. Und „Holofernes faßt" nach den 
Worten des Dichters „in seiner Kraftfülle die fetzten Ideen 
der Geschichte, die Idee der aus dem Schoß der Mensch- 
heit zu gebärenden Gottheit, aber er legt seinen Gedanken 
eine diemiurgische Macht bei, er glaubt zu sein, was er' denkt". 
Doch damit erfüllt er einen Phantasiewunsch söines geistigen 
Vaters. Der wollte ja offenbar auch ein Gott sein aus eigener 
Kraft „durch die Allmacht der G^anken"^ Bald nach der 
Abfassung seines großen Dramas schrieb er verräterisch ins 
Tagebuch : „Es wäre doch seltsam, wenn nicht Gott die Welt, 
sondern wenn die Welt Gott geboren hätte." Halten wir dies 
mit den Krafttiraden des Feldherrn zusammen und damit, 
daß er aus Judiths Herzen ihren Gott verdrängen will, daim 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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JUDITH. 341 



verstehen wir den allerpersönlichstou Sinn jenes Jngend- 
dramaB, Die Rivalität des Knaben Hebbel mit seinem 
übermächtigen Vater, der schließlich doch anssichtslbse 
Kampf um den Besitz der Mutter fand in dem biblischen» 
Stoffe Verklärung. Aus seinem ungeheuren Kraftgefühl her- 
aus fühlte sich der Knabe seliger als Gott und jeder äußersten 
Leistung gewachsen. Trotzdem aber siegte die rohe Gewalt 
deg stärkeren Erzeugers, was nur darum nicht ganz imerträglich 
wurde, weil den Sohn sein gleichgeschlechtliches Empfinden 
den Vater auch aufö innigste lieben Heß neben dem Hasse 
wegen der Mutter. Im Drama kommen nun beide Empfin- 
dungen auf ihre Rechnung. Indem der Dichter Vater und 
.Sohn in einem spielt, kann er sich allte geheimen Wünsche, 
Liebe und Haß, Genießen und Eache vollauf erfüllen. 

Doch kehren wir zur Fabel des Dramas zurück. Judith 
ist, aufs schönste geschmückt, ins Lager gekommen, um ihr 
Volk von dem Wüterich zu befreien, in Wahrheit jedoch, 
weil sie ihre aufgepeitschten Sinne zu dem einzigen Mann 
ihres Zeitalters drängten. Immer hatte sie ausgeschaut nach 
einem Helden, doch als' unter ihren Stammesgenossen kein 
einziger aufstand, der Holofernes entgegenzutreten sich unter- 
fing, verhüllt sie ihr Antlitz und will fortab keinen Maim 
mehr sohen Aber ob sie auch im Gebet zu Gott flüchtot, 
empören sich doch ihre eigenen Gedanken und ringeln sich 
wie Schlaugen 1) um das Bild des Ewigen. Nichts an- 
deres vermag sie mehr zu schauen, als den einzigen Heklcn 
ihrea Jahrhunderts. Hassen muß sie ihn und verfluchen, so 
sie nicht wahnsinnig werden soll. An seinen Mord- und 
Freveltaten sucht sie ihren Grimm emporzuranken, der schon 
in Liebe zu schmelzen droht. So kommt sie nun zu Holo- 
fernes, den sie im Anfang bei seiner Großmut zu packen 
trachtet. Dann wieder hofft sie ihr Volk zu retten, indem 
sie ihn auffordert, es zu vernichten, weil er doch nie tut, 
was ein anderer ihm eingibt. Als beides fehlschlägt und 
er sich Ephraim gegenüber neuerdings so groß erweist, da 



*) Durchsichtige Phallussymbolik. 



3y Google 



* Orfgmaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



342 8ADGER, HEBBEL. 



lieht sie inbrüastig: „Gott meiner Väter, schütze mich vor 
mir selbst, daß ich nicht verehren mnß, wo ich verabscheue 1 
Er ist ein Mannl Ich muß ihn morden, wenn iqji nicht vor 
ihm knien soUT' 

Dann legt Holofernes mit seiner großen Tirade los, in 
der er sich selber, den Gipfel dos Narzißmus erklimmend^ 
zimi Gott proklamiert : „Ich weiß, daß ich das Maß der Mensch- 
heit bin, und eine Ewigkoit hindurch stehe ich vor ihrem 
schwindelnden Auge als unerreichbare, Schrecken umgürtete 
Gottheit I O, der letzte Moment, der letzte I wäre er doch 
schon dal , Kommt her, alle, denen ich wehe tat — ruf ich 
aus — ihr, die ich verstümmelte i), ihr, denen ich die Weiber 
aus den Armen und die Töchter von der Seite riß, kommt, 
und ersinnt Qualen für michl Zapft mir mein Blut ab uad 
laßt mich's trinken, schneidet mir Fleisch aus den Lenden 
und gebt mir's zu essen I' Und wenn sie das Ärgste mir getan 
zu haben glauben und ich ihnen doch noch etwas Ärgeres 
nenne und sie freundlich bitte, es mir nicht zu versagen-), 
wenn sie mit grausendem Entsetzen umherstehen und ich 
sie, trotz all meiner Pein, in Tod und Wahnsinn hinein- 
lächle: dann donn're ich ihnen zu: Kniet nieder, denn ich 
bin exiev Gott imd schließe Lippen und Augen und sterbe 
still und geheim." Also eine Gottwerdung auf Grund des 
sado-masochistischen Komplexes. Zitternd wagt Judith 
einzuwerfen: „Und wenn der Himmel seinen Blitz nach 
dir wirft, um dich zu zerschmettern?" Doch jener peroriert 
noch weiter: „Dann reck* ich die Hand aus, als ob ich selbst 
es ihm geböte, und der Todesstrahl umkleidet mich mit 
düst'rer Majestät." — „Ungeheuer! Grauenvoll!" entringt es 
sich Judith. „Mensch, ientsetzlicher, du drängst dich zwi- 
schen mich und ^meinen Gottl Ich muß beten in diesemi 
Augenblick und kann's nicht." Da spielt Holofemes seinen 
letzten Trumpf aus: „Stürz hin und bete mich an!" So 
war es gelungen, was er sich vorgesetzt : den Gott zu ver- 



1) Hier spricht sich der Kastrationssinn direkt aus. 

2) Man beachte die Lust am Leiderdulden und Lcidzufiigen. 



C^ nr^ti li^ Orrginaf frcrnn 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



JUDITH, S43: 



treiben aus ihrem Herzen, wie der Dichter es einst vomi 
Vater ersehnt hatte bei seiner Mutter. 

Zwei Seelen wohnen in Judiths Brust, wie vielleicht in 
der eines jeden Weibes: die brünstige, nach dem Mana ver- 
langende, und die selbstbewundemde, die narzißtische. Sie 
sucht Holofemes nicht darum bloß auf, weil er ihr der ein- 
zige Mann erscheint, sondern denkt auch gleichzeitig immer 
daran, wenn sie ihn töte, werde ihr Euhm in Bethulien er- 
klingen. Das Sehnen ihrer Sinne kann sie jetzt stiUien, doch 
nur um den Preis ihrer ganzen Selbstliebe. Nun keimt sie 
nur noch ein einziges Ziel: den Mann zur Achtung ihrest 
Ichs 2u zwingen. Da dieser sie aber als Sache nimmt» wie 
ein Genußmittel, um sich nach einem Alkoholrausch nocli 
obendrein einen der Sinne zu schaffen, als er der Drohenden 
einfach vorhält: „Um mich vor dir zu schützen, brauche 
ich bloß dir ein. Kind zu machen" — da fühlt sie in seiner 
feurigen Umarmung die Vernichtung und Entehrung ihrer. 
Menschheit. Eh sie zum entscheidenden Schwertstreich aus^ 
holt, stachelt sie sich förmlich an ihrer Entwürdigung erst 
empor. Immer von neuem muß sie sich vorhalten, daß jener 
sie zur Dirne gemacht, an ihrem Heiligsten einen Mord be- 
gangen, sie auf das Schwerste mißachtet habe. Er hätte 
sie gelehrt, ihr ganzes bisheriges Denken und Empfinden für 
eine hochmütige Träumerei zu halten und ihre Schande für 
ihr wahres Sein. Stets wieder malt sie das Schmachten der 
letzten Stunden sich aus und, als sie vollends Holofemes 
ruhig schlafen sieht, ja im Schlafe noch lächeln, nicht pls 
ob er ihre Würde zertreten hätte, sondern gleichsam den 
Genuß der letzten Stunden nochmals wiederkäuend, da erst 
^vird dem schwachen Weibe die Kraft, das Schwert wider 
den Begehrten zu zücken. Als sie dem Manne den Kopf 
abgeschlagen ist ihr erstes Wort: „Ha, Holofemes, achtest 
du mich jetzt?" Ein Mord demnach aus verletzter Eitelkeit 
eines Weibes. 

Judith verträgt nicht, daß ihre Dienerin sich schaudernd 
abwendet und ihre Tat für unmenschlich hält. Eh sie das 
grause Werk vollbrachte, hat sie sich schon heimlich aus- 



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844 SADOER, HEBBEL. 



gemalt, wie die Ihrigen sie preisen und rähnien würden. 
Darum sucht sie vorgeblich, jetzt nach der Tat sich einzu- 
reden, sie habe sie nur für ihr Volk getan. Mirzas Entgeg- 
nung: „Warum kamst du im Glanz deiner Schönheit in dies 
Heidenlager? Hättest du es nie betreten, du hättest nichts 
zu rächen gehabt I" macht mit einem Schlage ihr alles klar, 
„Ich kann nichts denken als mich selbst. War' das doch 
anders! Ich fühl' mich wie ein Auge, das nach innen ge- 
richtet ist. Und wie ich mich so scharf betrachte^ werd' ich 
kleiner, immer kleiner, noch kleiner, ich muß aufhören, sonst 
verschwind' ich ganz ins Xichts." Und plötzlich, in der Ver- 
wirrung ihrer Sinne wird sie zum Kind, das» in Grott einen. 
höheren Vater erblickt: ;,Ich hab' die Welt ins Herz ge- 
stochen, (lachend) und ich traf sie gut! Sie soll' wohl stehen 
bleiben 1 Was Gott nur dazu sagt, wenn er morgen früh 
herunterschaut und sieht, daß die Sonne nipht mehr gehen 
kann tmd daß die Sterne lahm geworden sind. Ob er mich 
strafen wird?" Es ist ein Trost für siet, als Mirza ihr zu- 
redet: „Du bist ein Kind!" — „Jawohl, Gott Lob. Denk 
dir nur, das. wüßt' ich nicht mehr, ich hatte mich ordent^ 
lieh in die Vernunft hineingesipielt, wie in einen Kerker, 
und es war hinter mir zugefallen, schrecklich, fest, wie eine 
eherne Türl (lachend). Nicht wahr, ich bin morgen noch 
nicht alt und übermorgen auch noch nicht! Komm, wir 
wollen wieder s|pielten, aber was' besseres. Eben war ich ein 
böses Weib, das einen umgebracht hatte! Hu! Sag' mir, 
wai^ ich nun sein soll! Schnell I Schnell I Sonst werd' ich 
wieder, was ich war." Mirzas Entsetzen, sie würde wahn- 
sinnig, weckt nur ihr Kopf schütteln : „Ich bettle ja bloß 
um den Wahnsinn, aber es dämmert nur hin und wieder ein 
wenig in mir, finster wird's nicht." Man sieht, wie richtig 
der Dichter die Entstehung des Wahnsinns durchschaut, daß 
man vor der grausen Wirklichkeit sich ins Unbewußte flüchtet 
und das Infantile. 

Trotz ihrer Verwirrung laßt sie den Kopf des Geliebten 
nicht. Zu den Ihren zurückgekehrt, wirft sie ihnen denselben 
hin: „Ich habe den ersten und letzten Mann der Erde ge- 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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JUDITH. 345 



tötet!" Allein, sie duMet nicht, daß da» Haupt des Helden 
vorangetragen werde im Kampfe gen die Feinde. Ihr ge- 
höre es zu, ihr ganz aUeün. Afe Lohn jedoch für ihre Tat 
begehrt sie von den Ältesten, sie sollten sie töten, wenn 
ihr Sohoß sich als fruchtbar erweisen . würde. „Ich will dem 
Holofernes keinen Sohn gebäxen! Bete zu Gott, daß mein 
Schoß unfruchtbar sei. Vielleicht ist er mir gnädig 1" So 
ähnlich hätte die Mutter dereinst sprechen sollen, eh' sie 
einen zweiten Sohn gebar. War der Vater doch auch ein 
Holofernes, sein Weib ihm bloß eiö. Grefäß der Lust, das er 
nur immer als Sache nahm, nicht als Geliebte. 

Wie immer man auch die „Judith" betrachtet, stets! 
drängt de^ Dichters gewaltiger Grimm wider seinen Vater, 
doch auch zum Teil gen die Mutter durch, welcher min.- 
decrtyens der Jüngling, vielleicht jedoch sogar schon der 
Knabe zum Vorwurf machte, sie habe lediglich au» Sinn- 
lichkeit mit dem Gatten gelebt. Ein 'Verbrechen, das« um 
so scl^werer wog, als sie in ihrem Erstgeborenen ein hehres 
Ideal der Männlichkeit, um nicht zu sagen des Übermenschen, 
heranwachsen sah. Natürlich läßt sich noch manches andere 
au» dem Drama herauslesen, wie zum Teile ja Hebbel 
selber tat: „In der Judith zeichne ich die Tat eines- Wei- 
be 81, also den Äußersten Kontrast, dies Wolfen und Nicht- 
können, dies Tun, was doch kein Handeln ist," oder aber 
mit Kuh „ein Duell der G^schlechtsgeister i)" oder etwa 
auch noch den Kampf zwischen dem Ewigen, dem unsicht- 
baren Gotte, und dem maßlosien Egoismus eines Übermenschen. 
All dies steckt in jener Tragödie drin und noch vieles andere. 
Doch trifft es nicht den Kern des Dramas, nicht das, waÄ 
diestem das Leben erst gab. Entscheidend für die Genesis 



^) „Wir sehen die Überkraffc des Holofernes hin und wieder smr 
Scheinkraft aufgebläht und die gesammelten Instinkte der Judith, welche 
trotzdem unter der Last ihres Vorhabens schmerzlich zuckt, sich an- 
einander messen. Es ist ein Duell der Geschleohtsgeister, das wir mit- 
erleben, wobei die Männlichkeit alle Phasen grotesker Verzerrung durch- 
läuft und die Weiblichkeit nach und nach über die inneren Grenzen ihrer 
Schambaftigkeit hinübergedraaigt wird." 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



346 SADGER, HEBBEL. 



der „Judith" war Hebbels Bedürfnis nach Selbstdarstel- 
lung, nach Schilderung seiner Seltetverl^el;>tj;ie ^t , seiner jüng- 
linghaften Überkraft und dessen, was er seit vielen Jahren 
im Busen wälzte gen Vater und 'Mutter. Sehr richtig sagt 
Kuh: „Wo das Mißbehagen an den i)oetischen Gebrechen 
eich einstellen will, dort nimmt uns, wenigstens die mit 
dem Dichter Vertrauten und ihm darum mehr Geneigten, 
der biographische Anteil liebreich und versöhnlich auf," 
Darum nennt auch der Dichter die „Judith" „ein Werk, das 
mir ganz aus Geist und Herz floß". Und mehr noch wie beim 
G^enstück, der „Genoveva", gilt für unser Drama, was Heb- 
bel einmal an Dingelstedt schrieb: „Mein Gott, wie 
recht hatte Goethe mit seinem Ausspruch, daß die Ju- 
gend ihre beste Kraft in unnötigem Aufwand verpulvert 1 Diese 
,Grenoveva' ist mm auch solch ein Stück, wo das Pulver 
bloß deswegen verschossen wird, weil es vorhanden ist" 
Wenn dem Dichter selber aus Herz und Geist floß: „Es ist 
so einzig schön, durchs Rieben selbst zu sterben! Den Strom 
so anschwellen zu lassen, daß die Ader, die ihn aufnehmen 
soll, zerspringt! Die höchste Wollust und die Schauder der 
Vernichtung ineinander zu mischen!" so begreift man sein 
Wort 15 Jahre später, „daß er über manche Hyperbolie seines 
Holofernes von ganzem Herzen lache", aber auch das Urteil 
über seine Jugenddramen: „Das Abgeschmackteste und 
dasi Sublimste grenzen nahe aneinander." Und er hat es 
fast als zutreffend empfunden, daß ^jestroy die Groß- 
wortigkeit des assyrischen Feldherm in d^^lBefehle karri- 
kiert: „Sattelt mir das buckligste meiner Kameelel" 

Und doch trotz all der gehäuften Mangel, an welchen 
der jüngste Kritiker schon sich seine Sporen verdienen kaon, 
bleibt Hebbels „Judith" ein Ewigkeitswerk. Es ist alles 
wahr, was von verschiedenen Biographen und Kunstrichtem 
eingewendet worden, daß die Leidenschaften der gesöhilderten 
Menschen zu wenig instinktiv sind, daß diese immer ein Kol- 
legium über sich selber lesen, dem Holofernes ein Übermaß 
von spekulativen lEeden zubewegen wurde und ähnliches mehr. 
Doch gleichwohl teilt auch die „Juditli" das Schicksal aller 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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JUDITH. 347 



wirklich bedeutenden Erfitlingsdramen, der „Räuber" wie des 
..Götz" und der ^AJ binfrau" , die uns trotz ihres maßlosen Über- 
schwanges so liebwert bleiben, ja innerlich fast teurer als die 
Ijesten Schöpfungen ihrer Meister. Es ist die schäumende Kraft 
der Jugend, die so „reich ist an eingehüllten Möglichkeiten" 
und unsere Herzen weit starker wärmt, als die allferkorrekteste 
Mittelmäßigkeit. Es ist der Atem des Genies, das noch ganz 
rein, und unverfälscht wirkt, nicht einmal noch gebrochen 
durch später Erlerntes. Das aber ist's, was die Schauspiel- 
häuser bei jenen Stücken zum Brechen füllt, nicht bloß mit 
Werdenden, bei denen dsLS Mitleben ja selbstverständlich, 
sondern auch mit Eeiferen, nicht leicht Auf zurüttehiden. Wer 
diesen gärenden Most verkostet, der fühlt sich zurückver- 
setzt in seine schönste Lebensepoche, da er noch selbst ein 
Genie gewesen, dieweil er ein sich Entwickelnder war, mit 
aller Lust jener seligen Jahre. Es ist unsere eigene, schäu- 
mende Jugend, die daÄ Au^e hier aufschlagt, und wir danken 
dem Dichter, der durch seine Kunst uns wiederum jung 
macht. 



. •* 



C^ no n 1 ^ Ori"g I n a f f no m 

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10. Kapitel. 
„MARIA MAGDALENE'^ UND SCHLUSSBETRACHTUNG. 

In keinem zweiten Drama Hebbels treten seine alier- 
persönlichsten Erlebniss e und Kindheit seri n nemngen so 
leuchtend zu Tage und bis ins einzelnste nachweisbar, als. in 
der ,, Maria Magdalena". Einige von ihnen hat d er Dichte r 
selber namhaft gemacht, während andere E mil Kuh durch- 
schaute, wohl auf Grund von Hebbels vertrauten Mittei- 
lungen. Eür die ersteren führe ich z, B. den Brief an Eng- ^ 
JjLn^eir ^x\ vo m 23. Februar 1863 : „Der , Maria Magdalena' 
liegt ein Vorfall zu Grunde, den ich in Münc hen selbst er- 
lebte, als ich bei einem Tischlermeister, der mit Vornameni 
sogar Anton hieß, wohnte. Ich sah, wie das ganze ehrbare 
Bürgerhaus sich verfinsterte, als die Gensdarmen den leicht- 
sinnigen Sohn abführten, es erschütterte mich tief, als ich 
die Tochter, die mich bediente, ordentlich wieder aufatmen 
sah, wie ich mit ihr im alten Ton scherzte und Possen trieb." 
Von dieser, mit der er die landesübliche Studentenliebschaft 
hatte, verzeichnet das Tagebuch, daß sie ihm am 25. De- 
zember 1837 Geständnisse machte, deren Inhalt ihn nur ihre 
große Aufrichtigkeit vergessen machen konnte. Zwei Wo- 
chen spater heißt es ebendaselbst: „Jawohl, du armes Kind, 
bist du zum Unglück geboren! Erst mußt du an den ge- 
raten und nun An jenem Sonntagabend, da du mir die 

Geständnisse machtest, war es wohl menschlicher Kraft un- 
möglich, jedes bittere Gefühl auf einmal zu unterdrücken 
und deine aus dem tiefsten Herzen kommende Bitte: ,ach 
Gott, verzeih's mir* zu gewähren. Da in der größten Auf- 
regung geht sie zu Hause und trinkt, glühend in jeder Ader, 
den kalten Tod herunter; ,mit uns, glaubt' ich — ist's ja 
doch vorbei, mir ist kein Glück bestimmt, so will ich denn 
auch nicht länger loben!* Heute sagt sie mir, sie speie Blut." 



ff 

UNIVERSITYOF MICHIGAN 



r \^ OrFofnaffrom 

:)yV-T^ It 



„MARIA MAGDALENE" UND SCHLÜSSBETRACHTÜNG. 349 

Ximmt man zu diesen beiden Motiven, Verhaftung des Solines 
~ wegen Diebstahls, wie ich hinzufügen darf — und Ver- 
führung der Tochter mit spaterem, wenn auch nur versuch- 
tem Selbstmord, weil sie die Verzeihung des Greliebten nicht 
erlangen konnte, noch die Tagebuchstellte aus; dem Jahre 1832: 
„Es gibt keinen äxgeren Tyrannen, als den gemeinen Manji 
im häuslichen Kreise," so hat man ziemlich das Wertvollste 
erschöpft, wa^ Hebbel selber zur Aufklarung beitrug. 

Fügen wir jetzt bei, was Kuh berichtet: „In einem, Ji{4^u£\ — /JU 
solchen Winkel deutscher Erde, wie das Städtchen ist, wo "^^ / 
die ,Maria Magdalene' spielt, hat Friedrich Hebbel seine t/WW%* ^ 

Kindheit und Jünglingsizeit verlebt; so ungefähr wie in dem 
Hanete des Tischlermeisters hat es in dem Hnua^ s^^inAAi y^^ 
ters auggesehen. Einen Skl aven der Ehe nannte ihn der '^ 
Dichter, von eise rnen Fesseln sprach er, die den Vater an 
die bare Not geschm iedet hätten, von H aß gege n <\\^. Fn^nr^p^ ^2. ^ 
die ebensowenig Zugang zu seinem Herzen gefunden, als: er 
sie auf den Grosichtem seiner Kinder hätte dulden wollen. 
Hang zum Spiel habe für ihn auf Leichtsinn, Scheu vor 
grober Arbeit auf angeborene Verderbnis- gedeutet; d ie Ar-^ / 
mut h abe in dem Herzen des! guten, wohlmeinenden Mannes ' 
die Stelle seiner Seele eingenommen, Dajs war ^un freilich 
dasi Modell eines aus dem Groben gearbeiten Ehrenmiannes, 
Nun aber kam der Meißel des Künstlers, um auszuscheiden 
und zu steigern» wie es der sinnbildlichen Gestaltung frommte, 
daö Widerwärtige der Not verschwan d aus dem Charakter 
desf Meister Anton und das ungebändigte Ehrgefühl trat da- 
für in die entstandene Lücke. Der verdüsterte, rechtschaf- 
fene Handwerker, welcher seine Straße dahinkeucht, machte 
dem hartnäckigen geringen Manne Platz, welcher seinem 
inneren Trotz gegen den Anprall der Welt Ausdruck und 
Form zu geben weißi). Alles, was wehrhaft und zusammen- 



1) Man sieht> wie richtig hier Kuh den Meohanismtis der „Ver- 
schiebung" durchschaut, von der dem Dichter besonders anstößigen Ar- 
mut auf des Meisters ungezahmtes, doch im Grunde löbliches Ehrgefühl, 
von seiner Unfähigkeit im Berufe auf den aussichtslosen^ doch immerhin 
mannhaften Kampf gen die Welt. 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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350 SAD6ER, HEBBEL. 



I 



genommon im Meister Anton heißen kann, was an Selbst- 
pemigung und krankha fter Ztirechnm ig in ihm wühlt, war 
ihm aiiie de s T>iAhterfi ^^iprAnfl^ ftftTnfitfla.rt g ggewachse n. Den 
Zerwürfiiissen Karls mit dem Alten, dem leidenschaftlichen 
Bestreben des Sohnes, den knappen Verhältnissen zu ent- 
kommen, ist unschwer die Ähnlichkeit mit den häuslichen 
Zwistigkeiten unseres Freundes zu entnehmen, als er unter 
der Häxte des Vaters litt und späterhin, als er die Enge 
Wesöelburens verwünschte; während wiederum Einzelheiten, 
die aus 'der Kindheit de» Meister Anton berichtet werden. 
Striche zu dem Knabenbilde des Dichters darbieten. Wie 
der junge Anton, dem Meister Gebhard, dem nachnaaligen 
Apotheker, folgend, zu ihm in die Lehre trat, mit Kost und 
Kleidung von ihm versehen ward, damit die arme Mutter 
eine Bürde weniger trüge, so ist auch einst unser Freund in 
die Kirchs^pielvogtei eingetreten, angetan mit den abgetra- 
genen Kleidern seines Brotherrn .... Der gemütliche Buh- 
mann, der Stiefva t^^ Mohrs , schwebte dem Dichter beim 
Apotheker vor. Daß der Frau _d es Meister Anton die ^utter^ 
H ebbel ^ über die Achsel blickt, ist wohl keinem der Leser 
entgangen. Das tapfer Aus harr ende, H eftige und Reizbare 
J des! Originals aber hat sich in dem Nachbild zu völlig lei- 
dender Güte verflüchtigt. Auch das ( lokale Zubehör^ in dem 
Drama versetzt uns an die Jugendstätte des Dichters. Aus 
den Fenstern der Tischlerwohnung fällt der Blick auf den 
angrenzenden Gr ottesa cker ; an Hebbels Vaterhause wur- 
den die Leichen vorübergetragen auf den nicht entfernten 
Kirchhof. Der Brunnen mit dem immer noch nicht vor- 
genagelten Brette, in den Klara springt, gemjahnt an den 
tiefen Brunnen, von Bäumen beschattet, die hölzerne Be- 
dachung gebrechlich und dunkelgrün bemoost, welchen das 
Kind nie ohne Schauer . betrachten konnte. Sogar der große 
B irnbau m in dem Gärtchen der Heb be Ischen Eheleute, der 
für den Knaben Friedrich keine geringe Bedeutung hatte 
(der Meister Anton erwähnt seiner einmal), ist in dem bür- 
gerlichen Trauerspiel nicht vergessen Die frische, ver- 
trauensvolle, leicht entzündliche und in ihrer Anhänglichkeit 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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/ 



^MARIA MAGDALENE" UND SCHLÜSSBETRACHTUNG. 851 

leuchtende Natur seines Fr eundes Emil Bo us3.e_au scheint 
mir zweifellos das U rbild des Sekretä rs zu sein. Den Le- 
bens- tmd Charakterfaden Klaras endlich haben zwei Mäd- 
chen gesponnen: die herzensgute, schlichte Münchnerin 
TBe ppi"^ ly id die innige, edle Elise.^ Der einen verdankt Klara 
den etwas derben, sinnlichen Untergrund ihres Wesens, das 
Volkstümliche, Unzerbrechliche ihres Seins und die katho- 
lischen Anwandlungen; der anderen den lang aushaltenden 
Atem der Seele, die Unersöhöpflichkeit des Gemüts und die 
Herz imd Phantasie gleichmaßig durchdringende Frömmig- 
keit. Nach und nach mochten in Hebbel Einzelzüge der 
beiden ineinander verschmolzen sein, wobei die erschütternde 
Weiblichkeit EKsens obenauf blieb. /( Nicht oft haben sich 
so viele entscheidende Eindrücke und innere Erfahrungen 
eines Poeten in einem einzigen Drama gesammelt, sind so ; 
viele voneinander entfernt gewesiene Quellen an einem imd 
demselben Brunnenmunde zusammengeströmt wie in der 
, Maria Magdalene*." # 

Um diesen verlauf ig tief bohrendsten Bemerkungen Kuhs 
noch etwas Erhebliches ansetzen zu können, muß ich weiter 
ausholen und auf die Genese jenes Drajnas eingehen. Hiebei 
ist mir zum Teil eine Studie P aul Zinkes (,.Die Entstehungs- 
geschichte von F r^^flrinh Hebbels .Maria MagdaIene^'^ Prä- 
ger deutsche Studien. 16. Heft, 1910^ n ützlich gewesen. NaJiezu 
sieben. Jahre, also langer als mit irgend einem Dramenstoffe, 
„Die Nibelungen" ausgenommen, hat Eriedrich Hebbel mit 
dem Thema der „Maria Magdalene" genügen, bis ihm der 
endgültige Guß gelang. In diesien sieben Jahren machte auch 
die darzustellende Eabel eine bemerkenswerte Wandlung 
durch, indem urs prüngli ch K lara d ie Heldin des Trauerspi els 
darstellte, während in der Itetzten Fassung — Hebbel war 
unterdes selbst Vater worden — d er Meister Anton in den 
Vordergrund trat. Außer der obzitierten Tagebucfinotiz aus 
dem Jahre 1832j(^,E& gibt keinen ärgeren Tyrannen als den 
gemeinen Mann im häuslichen Kreise") ist der erste nach- 
weisbare Keim des künftigen Dramas d£us Gedicht „Versöh-^ 
nung**, geschrieben im Ok tober 183ß , zu einer Zeit demnach. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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858 SADGER, HEBBEL. 



da Hebbel bereits auch zu Beppi Schwarz in Beziehtmgen 
getreten. Der Inhalt des Gedichtes ist etwa folgender: Eine 
unehelich Geschwängerte, die bei Vater und Mutter keine 
Hilfe findet, flüchtet in ihrer Not zur Mutter Gottes-, welche 
ihre Beinheit kennt. Und diese apostrophiert der Dichter: 

„Milde Mutter, Gnademnutter, 

Neige dich und sprich sie los; 

Ihr Versöhner und ihr Mittler 

Ist das Kind in ihrem Schoß." 



Wird es doch gekreuzigt werden 
Von der Wiege bis ans Grab 
Und so zahlt es überreichlich 
Alle ihre Schulden ab." 

Wie Zinke richtig ausführt, ist in jenem Gedicht „so- 
gar die besondere Anhänglichkeit an den Vater schon fest- 
gehalten" (vielleicht das Verhältnis Beppis zum Tischler- 
meister). „Im Mittelpunkt steht die uneheliche Schwanger- 
sohaft, die also noch vor den Geständnisisen Beppis als Stoffe 
lieber Keim existierte." Vierzehn Tage nach dem Gedicht 
„Versöhnung" entsteht ein anderes, „ Der junge Schif fer^', wel- 
ches Hebbel spater unverändert in den drittf^n 4 kt seines 
Traufii^EifiJs aufnahm. Am 25. Dezember 1836 erfolgt Beppis 
schon erwähntes Geständnis, auf das sich Hebbel ungefähr 
benahm, wie spater im Drama der Sekretär g^enüber Klara: 
,, Darüber kann kein Mann hinweg I'' Beppi nuacht dann ihren 
Selbstmordversuch. Den unmittelbaren Anstoß zur Konzep- 
tion des Dramas soll endlich die Verhaftung des Tischler- 
sohnes geboten haben, die übrigens erst etwa zwei Jahre 
spater erfolgt sein kann, da der Dichter vom April 1838 bis 
Februar 1839 bei Familie Schwarz in Quartier gestanden. 
Einen unzweifelhaften Beleg dafür, daß sich Hebbel min- 
destens gen Ende dieser 2ieit mit seinem Drama beschäftigt 
haben muß, gibt eine Tagebuchstelle vom Februar 1839: 
„Durch Dulden Tun: Idee des Weibes: Klara dramatisch." 

In diese Münchener Zeit aber fallen noch zwei bedeut- 
same Ereignisse, die Spuren in der Tragödie zurückließen. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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„MARIA MAGDALENE» UND SCHLUSSBETRACHTÜNG. 358 

- 

Am 16. September 1838_kam Hebbel die N achricht vom 
Tode seiner Mutter zu , bald darauf eine zweite vom Sterben 
sei nes Jugendfreundes Emil Rousseau , Dsus Tagebuch be- 
weist, daß er sich liebevoll das Gedächtnis' der verblichenen 
Mutter zurückrief, auch ein Schuldbekenntnis nicht unter- 
drückte und sich weiters Grodanken über seinen Vater und 
die engen hauslichen Verhältnisse anspannen. Und dann er- 
klart er: „ Sie ^ die Mutter) so U nicht umsonst einen Dichter 
geb oren haben. Ich will ihr Andenken bekleiden mit. dem 
höc hsten Schmuck der Poesie, soweit er mir zu Grebote st eht ; 
der Scheiterhaufen, der tfie verzehrt hat^ soll sie nun a uch 
verklären," Selbst Zinke kann nicht umhin zu sagen: „Die 
Vermutung liegt sehr nahe, daß Hebbel die Gestalt der 
Mutter in eine dichterische Ausgestaltung des alten (Klara-) 
Konflikte® aufnehmen wollte.*' Die tiefere Beziehung hat er 
freilich nicht erraten, nur wa© auf der Hand liegt, daß der 
Poet seine eigene Bevorzugung durch die Mutter und daß 
sie ihm Schutz angedeihen ließ gegenüber dem Vater, ins 
Stück übertrug 1). 

Ich will zimächst noch ein paar weitere Punkte anführen. 
Am 15, September 1838, also juöt einen Tag, bevor er den 
Tod seiner Mutter erfuhr, an den er auch nicht im entfern- 
testen dachte, schrieb Hebbel das Gredicht ,y Aitf eine Ver- 
laÄsene" nieder: 

„Und wenn dich einer schmähen will, 
So zeig' ihm stumm dein schönes Kind, 
Das macht die Seele weit und still, 
Das schmeichelt allen Sinnen lind. 

Wenn er in ihrer sanften Glut 
Dies frische Paar der Wangen schaut. 
So ahiit er, daß die reinste Flut 
Des holden Lebens sie betaut. 



1) Da die Verhaftung des Tisohlersohnes so maohti^ wirkte, daß 
sie sogar zxur Ausarbeifcang der Haadlxuig führte, könnte ^ri denken, 
Hebbel sei durch jene Arretierung seine eigene Stellung im Elfcernhause 
mehr bewußt geworden. 

Sadger, Hebbel. 23 



C^ no n 1 ^ Ori"g I n a f f no m 

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3Ö4. SADGER, HEBBEL, 



Und wenn er in dies Auge blickt, 
So neigt er sich im heiligen Graus 
Und wähnt, im Innersten durchzückt, 
Gott selber schaue stumm heraus. 

Und küßt er diese Lippen dann. 
Von allem Höchsten still durchbebt, 
So frag' du leise bei ihm an, 
Ob er vergebe, daß es lebt." 

Auch hier also wieder das nämliche Motiv: der unehe.- 
liehen Mutter wird vergeben werden um ihrea Kindes willen, 
aus dessen Auge Gott selber schaut^). Endlich sei noch kurz 
erwähnt, daß in den Februar 1839 Hebbels Lektüre dreier 
Dramen fällt, die spmtlich das Thema des verführten und 
leidenden Weibes behandeln. 

Im Frühiah r 1839_kehrt der Dichter nach Hamburg zu- 
rück, zu E liste Lens ing, Im Sonnner^ entwirft er den PHaa 
zu einer historischen T rafrödie ,,Dithmarschen ''. in der er be- 
zeichnend die geschichtlichen Ereignisse mit einem Liebes^- 
konflikt verbindet. Die Heldin ist nämlich wieder eine Ver- 
führte, die sich Mutter fühlt und nach altem richterlichen 
Brauch unter dem Eise ersäuft werden soll „Sie wird ent- 
führt; als sie die Heldentat ihrer Schwester (der Jungfrau 
von Hohenwerder) vernimmt, kehrt sie freiwillig zurück und 
stellt sich zum Tode/* Also neuerdings das nämliche Thema: 
Verführung, Mutterschaft, Untreue des Geliebten und frei- 
wiUiges Sichopfern. Die Szenen dieses Dramas entwirft der 
Dichter in den Eieberdelirien einer Lungenentzündung, wäh- 
rend welcher Elisfe ihn aufs Hingehendste pfltegt. 

Am 2, Oktober 1839 ^ gann er seine ,, Judith*' zu schrei- 
ben, die in wenigen Wochen vollendet wurde. Sie hat, wie 
wir im vorigen Kapitel vernahmen, den he imlichen Kinde r- 
wunsoja zum Inhalt, di e Mutter möpe sich am Vate r für 
ihre Entehrung rächen, indem sie diesem den Kopf abschlagt. 



1) Man sieht hier deutlich, daß Heb bels .Gotts uohen in der Kind- 
heit nicht bloß das Suchen eines Obervaters war, sondern, vielleicht ttuoh 
na rzißtische jy ^^'^^ lp jya tte. Vgl. hiezu auch deai Schluß des 8. Kapitels« 



C^ nri n I r^ Orrgin a f f ro m 

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„MARIA MAGDALENE"" UND SCHLUSSBETR ACHTUNG. 355 

Die? Freude über den Erfolg der Tragödie ward Hebbel 
stark dadurch getrübt, daß Elise zu Anfang 1840 sich Mutter 
zu fühlen begajin, obendrein in einem Zeitpunkt, da ihre Er- 
sparnisse schon aufgezehrt waren. Doch hielt dieser Um- 
stand den Dichter nicht ab, im Sommer des nämlichen Jah- 
res sich in Ejoama Schröder zu verlieben, ja Elise mit 
geinen Bekenntnissen zu quälen, trotzdem sie damals mit 
seinem Kinde hochschwanger ging« Es klingt oft geradezu, 
als^ wollte er sie für ihre Konzeption bestrafen. Die inneren 
Schuldgefühle jedoch reagierte er ab durch Schaffung seiner 
.. Oenoveva^ deren wahrer Held Golo kein anderer ajtei er ^ 
ff Iber ist. Der Dichter kann sich nicht genug tun, im Drama 
gegen sein Abbild zu wüten, bis zur Selbstbfendung ^) — da- 
mit er sich dafür im Leben auBtändig zu handeln erspare. 
Als H e b b e 1 in der Tragödie die Strafe vollzogen hatte, hielt 
er sich Elise gegenüber für völlig entsühnt. Das Trauerspiel 
wurde am 30. September 1840, fünf Wochen vor Elisens Nie- 
derkunft begonnen, am 1. März 1841 vollendet. „Es, entstand 
in fieberisöher Hitze und Eile, der Dichter aß zuweilen nicht 
zu Mittag, um nicht die wichtigsten Szenen mit der Suppe 
zu ertränken und mit dem Fleisch zu ersticken." Bei der 
Gestaltung Genoveyas saß ihm eingestandenermaßen Elise^ 
ModeU, 

Am 11> Septe3 7il>ftr IMI formt sich noch in Hamburg ein 
wichtig Gedicht „ Virgo et mater ''. Eä behandelt neuerdings 
ein uns längst bekanntes Motiv, die unehelich Geschwängerte 
vor der Mutter Gottes, und schließt mit den Versen: 

„Die Jungfrau kami ihr nicht verzeihn, 
Die Mutter wird sie benedein. 
Stellt sie der Heiligen übers Jahr 
Mit ihrem Kind sich dax. 



^) Daß diese zdchts anderes als eine Selbstkastfation aus innerem 
Schuldbewufitsein vorstellt, hat die psychoanalytische Forschung dargetan. 
Vgl. hiezu, Otto Bank, „Bas Inzestmotiv in Dichtung und Sage^^ der 
reichliche Belege erbringt. 

23* 



VI 



C^ c\r\irA{? Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



356 8ADGER, HEBBEL, 



Sie fühlt's und spricht: 

Du reine Magd, 

Dir gleich ich nicht, 

Doch unverzagt 1 

Dir, Mutter, die der Sohn erkannt, 

Die unterm Krouz noch bei ihm stand, 

Dir will ich gifeichen für und für 

Und dann vergibst du mirT 

Am 29, Mäarz 1842 m acht er sich daraoi, seine Jug gaderimie- 
rungen aufzuzeichnen. Trotzdem er sich vorgenommen hatte, 
nur die Lichtseiten festzuhalten, war doch unvermeidlich, 
daß ihm auch die Not im Eltemhause ins Gedächtnis kan^ 
und all ihre böspn, peinlichen Folgen für das Familienleben. 
Auch die Liebe der Muttg^ und der Haß des^Ja^er^mußten 
da neuerdings lebendig werden und haben sicEerlich be- 
fruchtend gewirkt auf die Fabel der „Maria Magdalene". 
Bald darauf wurde Hebbel der Boden in Hamburg doch zu 
heiß und er beschloß, n ach Ko jvftTihqgftTi zu gehen^ obwohl 
er über Zweck und Absicht dieser Eeise sich gar keine Re- 
chenschaft geben konnte. Er lief einfach vor Elise und ihrem 
Kinde davon. 

Wie merkwürdig war doch sfein Verhältnis zu beiden! 
Am 5. November 1840 w ird das e rste Kiiy i unseres Dichters 
geboren, doch währt eö dann beinahe zwei Jahre, bis' kurz 
vor dessen Abreise nach Dänemark, daß Max auf Hebbels 
Namen getauft ward. Vier Monate sind seit der Fahrt nach 
Kopenhagen verflossen, da beginnt der Dichter mitten unter 
den Schmerzen einer akuten Grelenksentzüadung sein bür- 
gerliches Trauerspiel, das ihm selber über Erwarten gelingt. 
„Es* ist ausgemacht/' schreibt er, „die dunklen Blutstropfen, 
die ich auf dem Wege zum Grabe ausisohwitzte, werden nach 
meinem, Tode ein leuchtender Rubinenkranz und Max wird 
mit den Schmerzöl seines Vaters ein gutes Geschäft machen. 
Das gibt mir Trost, wenn ich an des Kindes Existenz denke 
für seine Zukunft." Im April 1843 kehrt Hebbel ein letztes 
Mal für kurze Zeit ru Elise zurück. Jetzt wird auch der 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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„MARIA MAGDALENE« UND SCHLÜSSBETRACHTUNG. 357 



z weite Sohn gezeugt. Nicht lange darauf rüstet sich der 
Dichter zu dauerndem Fortgehen, nachdem er ins Tagebuch 
angemerkt hatte, die Ehe streife allen Duft von allem Schö^ 
nen und Menschlichen ab^ schon dadurch, daß sie es zwingen 
wolle, l^änger zu dauern, als es in den meisten Fä llftTi Ir^ yin^ 
Am 8. September reist Hebbel n ach Paris , wo das Trauer- 
spiel fast bis zum Abschluß gedeiht, als ihn am 2. Oktober 11843 

die Naohricht vom Tode sein es Sohnes ereilt. Sein Schmerz 

_ . — -■ 

überstieg, wie wir im fünften Kapitel hörten, dann jegliches 
Maß. Der Dichter bot nicht allein EMse die Ehe an, welche 
er der Greschwängerten und ledigen Mutter geweigert hatte, 
sondern trug sich eine Zeitlang mit dem Gredanken, die „Maria 
Magdalene" „als Totenopfer für sein Kind" unvollendet zu 
lassen. Wie schuldig muß er in heimlichster Seele sich da- 
mals gefühlt haben, wenn ein Dichter von seinem Selbst- 
bewußtsein, ob auch nur eine Weile, daran denken konnte, 
sein allergewaltigstes Jugenddrama als Torso zu belassen! 
In,dcs er kam von beiden Vorsätzen in Bälde ab, zog sich 
von der Mutter seines verstorbenen Kindes immer mehr zu- 
rück und stetzte am 4. Dezember 1843 d en Schlußpunkt an 
sein bürgerliches Trauerspiel. 

Zweierlei dünkt mich bemerkenswert. Da^ Drama ge- 
winnt erst Leben und Gestaltung, als der Dichter im Be- 
griffe steht, sich von Elisen dauernd zu scheiden, und dann 
als; weiterer auffälliger Zug das Hervortreten von Hebbels 
Vaterkomplex in der endgültigen FasStmg. Im ersten Plan, 
mit dem er sich in München, ja sogar noch in Hamburg ge- 
tragen hatte, war nicht der Vater im Mittelpunkt gestanden, 
sondern Klara, die illegitim Geschwängerte. Da er damals 
bereite zu Elise und Beppi in intime Beziehungen getreten) 
war, so könnte man wähnen, jener erste Plan sei der Furcht 
vor einer Konzeption entsj)rangen, wie sie bei Elise, aller- 
dings viel später, zur Wahrheit wurde. Der Selbstmord- 
verstaoh der Tischlerstochter, der dann in „Dithmarschen" 
Wiederholung fand, sei ein Fingerzeig ^wesen, wie er, wenn 
wirklich Folgen einträten, von aller Sorge befreit werden 
könne. Doch dieser nalieliegenden Vermutung widerspricht 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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358 SADOBR, HEBBEL. 



der Umstand, daß in den drei obzitierten Gedichten die Eni- 
ßühhiing der Mutter durch ihr Kind erfolgt, eine Lösung, 
welche sich durchaus nicht deckt mit Hebbels Verhalten, 
als ihm später wirklich ein Sohn geschenkt wird. Die Sühne 
durch das Kind muß also ganz anderswo und tiefer wurzeln, 
dort aber so machtig, daß sie stets wieder ins JBewoßtseiu 
drängt. Wer ist nun dies Kind, aus dessen Augen die Gott- 
heit blickt und das die Macht besitzen soH seine schuldige 
Mutter zu entsühnen? Ich glaube, die Lösung ist nicht allsu 
schwer, wenn wir uns erinnern, daß Hebbel just damals 
seine Kindheitseindrücke wieder auffrischte und die Mutter 
poetisch verklaren wollte. Dieses Gottkind ist der Dichter 
selber, der die Mutt^^r heiligt für da^ große Verbrechen, ihrem 
Sohne dereinst mit dem Vater untreu gewesen zu sein. Die 
imcheliohe Schwängerung hat eine Quelte im „Familien- 
ix)man", der durchaus eine edlere Abkunft verlangt, ©ine 
andere in dem für den Sohn ganz unerträglichen G^danbMi, 
die Mutter sollte vor ihm einem anderen angehört haben. 
Darüber „kann wirklich kein Mimn hinweg I". Und jene Ver- 
bindung mit dem Vater kann nie legitim, nie eine recht- 
mäßige gewesen sein, nur eine sündhafte, arg verpönte, von 
der nur das Gottkind erlösen kann. Es steckt also hinter 
der Klara des Dramas nicht bloß genetisch, mit Rücksicht 
auf die Entstehungsgeschichte, sondern auch nach der Ab- 
sicht des Dichters die eigene Mutter. Und die Strafe an 
dieser vollzieht er mit der ihm eigenen Grausamkeit, indem 
er sie in einer späteren Fassung, nachdem er bereits da» 
Motiv der Entsühnung aufgegeben hatte, „aus dem Leben 
hinausdrängt". 

Man könnte die Analogie noch weiter führen. Auch die 
Mutter sei von einem Schufte geschwängert worden, wie die 
Klara des Dramas. Beide sind zwischen zwei Männer gestellt, von 
denen der eine sie erst verführt und dann im Stich läßt, wäh- 
rend der andere, als er von ihrer Schuld erfährt, zwar anfangs 
auch fortgeht, dann aber der Verlastsenen sich amiehmen will. 
Der Kontrast zwischen den Liebhabern wird mit aller Schäxfe 
durchgeführt. Der eine macht sie zum Opfer seiner Lust, 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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^MABIA MAGDALENE*' UND SCHLUSSBETRACHTÜNG. 369 

um das ihn gar nicht liebende Weib in dauernde Abhangig- 
keit von sich zu bringen, ist selbstsüchtig und berechnend, 
Eigenschaften, welche der Sohn dem Vater häufig andichtet, 
während er selber, der hinter dem zweiten Liebhaber steckt, 
sich ritterlich edel und aufopfernd benimmt. 

Zwischen der ursprünglichen und der letzten Fassung der 
,5 Maria Ma.gdalene** steht unseres Dichters innerliche Ab- 
lösung von Elise, sowie die Geburt des kfeinen Max. Diesfer 
letztere Umstand, daß unser Dichter selbst Vater geworden, 
ist besonders wichtig. Jetzt hatte also Hebbel just jene 
Schuld auf sich geladen, die er seinem Erzeuger einst zum, 
Vorwurf machte. Darum rückte der Vater, der Tischler- 
meister und Vertreter des Poeten, immer mehr an die Spitze, 
er wurde zum Protagonisten des Dramas, während Klara, die 
frühere, ursprüngliche Heldin in den Hintergrund trat. Daß 
freilich während der Vollendung des Stückes sein Mäxchen 
starb, war nicht vorausgesehen, wohl aber sollte die Fessel, 
die ihn, je länger, je drückender an Elise band, seinen in- 
nersten Wünschen nach durch deren Tod endgültig gelöst 
werden. Ohne es sich bewußt zu machen, arbeiteten doch 
beide, Meister Anton wie Friedrich Hebbel, darauf hin, 
ein in ethischem Sinne unschuldiges Mädchen aus dem Leben 
zu drängen, und fürwahr, es lag nicht an unserem Dichter, 
wenn Elise nicht das nämliche traurige Ende nahm, wie 
seine Klara. Doch nicht um schnöden Mammons willens 
sollte die Mutter seines Kindes aus dem Leben gehen, sowenig 
als; das Mädchen des bürgerlichen Trauerspiels, Wie diese 
stirbt, weil das Ehrgefühl des Tischlers weit mächtiger ist, 
als seine Menschlichkeit und Vaterliebe, so mußte Elise deml 
Dichterberufe des Greliebten fallen. Denn daß die Scheu vor 
Not und Entbehrung eine Haupttriebfeder seines Handelns 
war, hat Hebbel im Leben stets tunlichst verhüllt. In 
den „Erinnerungen aus meinem Leben" schildert er geflis- 
sentlich nur die Sonnenseite, gedenkt er der Armut im Eltern- 
hause bloß dort, wo sie nicht zu umgehen war, und in Ham- 
burg hielt er alle die längste Zeit in dem Wahn, daß seine 
Geliebte Vermögen besitze. Im bürgerlichen Trauerspiel aber 



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360 SADOER, HEBBEL. 



beherrschen finaozielle Erwägungen nur den Schurken Leon- 
hardt, welcher obendrein noch im Tagebuch sjpäter Entschul- 
digung findet, der Vater jedoch und mit ihm der Dichter 
bleiben von allen niedrigen Motiven völlig frei. Den einen 
treibe bloß ein falscher Ehrbegriff, wie den andern die Liebe 
zu seiner Kunst. Mit Recht hatten beide darum Menschen- 
opfer fordern dürfen, da ihr Empfinden stets rein und hehr. 
Nie wieder hat Hebbel einen Charakter so liebevoll heraus- 
gearbeitet, so echt und förmlich zum Greifen hingestellt, 
wie Meister Anton. Je liebenswürdiger dieser „Held im 
KamisbF sich erwies, desto eher war auch sein Schöpfer 
gerechtfertigt, den ja ebenso ideale Motive trieben, das Ver- 
hältnis zur Mutter seines Kindes zu lösen. Als unser Poet 
sich am Meister Anton alles Unrecht von der Seele geschrie- 
ben wider die Geliebte, da war er vor seinem Gewissen ent- 
sühnt. Die Klagen jener so grausam Verlasisenen konnten ihm 
fortab noch peinlich werden, doch niemals mehr seine Seele 
bedrücken. Und wa^ nicht zu vergessen, auch die liebende 
Bewunderung jegliches Knaben für seinen Erzeuger, die treff- 
lich neben dem Hasjse besteht, fand in jenem mächtigen 
Absichlußdrama seinen großen, lapidairen Ausdruck. 

Was mir am Charakter Meister Antons am schreiend- 
sten entgegenzutreten scheint, ist nicht seine bürgerliche 
Ehrsiamkeit und die stete Kücksicht auf den äußeren Schein, 
was! die Leute denken und sagen werden, vielmehr seine un- 
verkennbare Lust an der Grausiamkeit, aktiv geübter, zum 
Teil aber auch pawsiv erduldeter, ein siado-masochistischer 
Zug, welchen er mit Hebbel und zweifellos! auch dessen 
Vater teilt, von dem ihm so viele Porträtzüge eignen. Ent- 
wicklungsgeschichtlich erzählt Meister Anton im Namen 
söiner beiden Urbilder : „Mir ging's in jungen Jahren schlecht. 
Ich bin so wenig wie er, als ein borstiger Igel zur Welt 
gekommen, aber ich bin nach imd nach einer geworden. Erst 
waren all die Stacheln bei nGdJ mach innen gerichtet, da 
kniffen und .drückten sie alle zu ihrem Spaß auf meiner 
nachgiebigen, glatten Haut herum und freuten sich, wenn 
ich zusammenfuhr, weil die Spitzen mir in Herz und Ein- 



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„MARIA MAGDALENE** UND SCHLUSSBETRACHTUNG. 361 

geweide drangen. Aber das Ding gefiel mir nicht, ich kehrte 
meine Haut um, nun fuhren ihnen die Borsten in die Finger 
und ich hatte Frieden^)." Und da.nn entschuldigt er die 
grausam-lustvoUe Peinigung von Sohn und Tochter gleich 
nach dem ersten Streich, der ihn trifft: „O, ich hab' ßo 
groß Unrecht erlitten, daß ich Unrecht tun muß, um nicht 
zii erliegen, wenn's mich so recht anfaßt." Deutlich maso- 
chistische Lust zeigt femer sein Wort an Leonhardt: „Ich 
trage einen MühlS:tein wohl zuweilfen als Halskrause, statt 
damit ins Wasser zu geh^o," was sich populär ausdriickeai 
ließe : er legt sich in durchsichtiger Freude am Leiden Selbst- 
buße auf, um noch gerechter dazustehen. Und endlich wird 
ein gut Teil der Katastrophe auch durch seinen Sadismus 
herbeigeführt. 

Um Meister Antons Charakterentw;icklung ganz zu be- 
greifen, scheint es notwendig, einen psychischen Mechanis- 
mus! heranzuziehen: die Eeaktion auf erer^fe^ Mangel \lnd 
Gebrechen. Wir erinnern uns aus der Lebensgeschichte Fried- 
rich Hebbels, daß er physisch unfähig zu jeder gröberen 
Arbeit war und dem Handwerk seines Vaters schon körper- 
lich nicht genügen konnte. Auch der Vater des' Dichters 
war trotz seines besten Willens und FMßesi zeitlebens nicht 
im Stande, sich zur Selbständigkeit hindurchzuringen, ein- 
fach auß mangelnder Begabung heraus. Das kehrt nun bei 
Meister Anton wieder: „Meine größte Pein war, daß ich so 
ungeschickt blieb, ich könnte darüber mit mir selbst hadern; 
alö ob's meine eigene Schuld wäre, als ob ich mich im Mutter- 
leibe nur mit Freßzähnen versehen und alle nützlichen Eigen- 
schaften und Fertigkeiten, wie absichtlich darin zurückge- 
lassen hätte, ich konnte rot werden, wenn mich die Sonne 
beschien." Was tut nun ein Mensch, der über solche an- 
geborene Mängel nimmer hinweg kann? Er muß sie wett- 
machen, ja überersetzen durch psychische Vorgänge. Darum 

1) Es ist bemerkenswert, daß der Dichter hier seine Bilder für die 
Entstehung des Sadismus und seiner friiheiren Lust an SelbstquaJereiem 
von der Haut hernimmt, deren Erotik, wie ich schon früher ausführte, 
eine der Haupfcgnindlagen abgibt für die Lust an der Grausamkeit. 



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362 SADGER, HEBBEL. 



wird der Tischler, welcher es im Gegensatz zu Hebbeiß 
Vater doch im Haadwerk bis zum Meister gebracht hatte, 
dami — wie soll ich sagen — zum Übermeister, wenn auch 
nicht im Berufe, wozu ihm von Haus aus die Geschicklich- 
keit fehlte, so doch in Charakter und Anständigkeit. Durch 
ein Leben voll harter, redlichster Arbeit und. tadellose Le- 
bensführung hat er sich den Ruhmestitel verschafft, „der 
ehrlichste Mann in der Stadt zu sein", wie selbst seine 
Gegner zugeben müssen. Fast wäre man versucht, imter- 
drückte Gegentriebe anzunehmen, wenn er inmier wieder seine 
Ehrlichkeit so scharf betont, dabei aber doch auf der Stellte 
bereit ist, von seinem eigenen Fleisch und Blut das Ärgste 
zu glauben. Man denke etwa an Franz Grillparzer und 
seinen Vater, dessen „fabelhafte Rechtschaffenheit" dieser 
Dichter so rühmt und die er auch erbte. Trotzdem bekennt 
Grillparzer in seinem Tagebuch, daß er in seiner Jugend 
gestohlen und gelogen habe, und auch von seinem Bruder 
wissen wir ja^ daß er noch als Mann sich einen Eingriff 
in die Staatskassa erlaubte. Die fabelhafte Rechtschaffen- 
heit war also direkt Überkompensation unterdrückter ent- 
gegengesetzter Gelüste seiner Kindheit. Wie sonderbar ist 
das Verhalten des Meisters in unserem Drama! Kaum wird 
sein Sohn auf bloßen Verdacht hin weggeführt, so zweifelt 
er nicht nur keinen Moment, daß jener ein Dieb sei, er geht 
vielmehr sofort auch weiter und vermutet in der Tochter 
eine Dirne, welche ihn mit Gift vergeben werde. Wer ao weit 
geht in seiner unantastbaren „Ehrlichkeit", von dem ist billig 
vorauszusetzen, daß ihm die so schnell vermuteten Verbrechen 
mindest in seiner Phantasie nicht ganz fremd geblieben. 

Und abermals kehrt sein masochistisches Genießen wieder. 
Denn der Selbstgerechte weidet sich förmlich an den Schick- 
ealsschlagen und protzt mit dem, was über ihn, den ehr- 
lichsten Menschen der Stadt, hereinbrach. Er macht ordent- 
lich Staat mit seinem Unglück und keinem käme fürder noch 
ein Recht zu, sich über sein Ungemach zu beklagen^ denn 
hier stehe ein Mann, über welchen Gott das ärgste herab- 
sandte. Dreißig Jahre habe er in Züchten und Ehren die 



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„MARIA MAGDALENE** UND SCHLÜSSBETRACHTUNG. 368 

J^benslast getragen und nie gemurrt, doch jetzo überhäufe 
ihn sein Sohn, von dem er ein sorgenfreies Alter erwartete, 
miit Schimpf und Schande. „Aber ee schadet nicht, man 
hat zum Glück ein steinernes Herz!" Als er dies betont 
in seiner eitlen Selbstanbetung, pflichtet Klara ihm bei : „Ja, 
Vater, so ist's!" Stets träumt er davon, daß seine Tochter 
in die Wochen gekommen, wie sein Sohn ins Zuchthaus. 
Doch €fr werde nicht sterben über sein Unglück, nein, fer 
müsse abwarten, bis sein Sohn zurückkehre, mit Schmach 
beladen. Er wisse noch gar nicht, wie er ihn alsdann lauf- 
nehmen werde: „Wundern soll mich's doch, was ich tun 
werde!" Den Triumph über den Sohn, "der ihm die Liebe 
seiner Frau geraubt, will er sich nicht entgehen lassen. Ihn 
hat das Unglück nur härter gemacht und auf sich selber 
zui'ückgeworfen. Stets denkt er nur an das eigene Ich und 
seine Ehre. „Wie ein nichtswürdiger Bankrottierer steh' ich 
vor dem Angesicht der Welt, einen braven Mann, der in die 
Stelle dieses Invaliden treten könne, war ich ihr schuldig, 
mit einem Schelm hab' ich sie betrogen." Und dann quält 
er die Tochter mit seinem Verdacht, daß sie schwanger sei, 
tind treibt sie geradezu in den Tod. „Ich kaxin's in einer 
Welt nicht aushalten, wo die Leute mitleidig sein müßten, 

wenn sie nicht vor mir ausspucken sollen Alles kami 

ich ertragen und hab's bewiesen, nur nicht die Schande! Legt 
mir auf den Nacken, was ihr wollt, nur schneidet nicht 
den Nerv durch, der mich zusammenhält!" Mit einer wahr- 
haft sadistischen Lust ist er von allen sofort bereit 
das Schlimmste zu glauben, von Sohn und Tochter, Eidam 
und dem Bürgermeister. Würde aber Karl unschuldig be- 
funden, dann sänne der Ehrenfeste einzig a.uf Rache. Er 
würde sich einen Advokaten nehmen und selbst sein letztes 
Hemd daran setzen, um zu erfahren, ob der Bürgermeister 
den Sohn eines ehrlichen Mannes mit Recht ins Gefängnis 
warf oder nicht. Und „hätte der Mann mit der goldenen 
Kette um den Hals sich übereilt, so würde sich's finden, 
ob das Gesetzbuch ein Loch hat, und ob der König, der wohl 
weiß, daß er steinen Untertanen ihre Treu' und ihren Gohorsam 



3y Google 



OrFginaffnom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



364 8ADOER, HEBBEL. 



mit Gerechtigkeit bezaJilQii muß, dies Loch ungestopft ließe.*' 
Gexechtigkeit also stellt jener am höchsten, der vor lauter 
Pochen auf sie und seine Ehre von einer Ungerechtigkeit 
zur anderen taumelt. 

a Im letzten Ende hat Meister Aiiton durch protzige Aa- 
ständiglceit und^ 4urch seinen zur ScWu gestellten Hochmut 
wider die öc^erg^ii die Verhaftung seines Sohnes und damit 
den Tod seiner Frau herbeigeführt. ^Jtfed. weiter treibt sein 
kalt egoistischer Ehrbegriff und sein WuÖen in der Schande 
die Tochter in den Tod und den Sohn aus dem Hause. Hit 
Scharfe und Klarheit und vielleicht am besiten unter allen 
Kritikern präzisiert dies Bulthaupt in seiner „Dramatur- 
gie des Schauspiels" (III. Bd., 4. AufL, S. 131 f.): „Das 
Schwärzeste sieht er voratus, will er voraussehen; er kapri- 
^ zier£^ ^sich auf das Unglück, als habe er ein Anrecht darauf, 
er schweigt in der Verzi^^eif lung un<J im voraus 
ächon in der Bache^\ die er an dem uilgeratenen Sohne 
nehmen wird. Er naalt sich mit grausamer Wol- 
lust^) den Augenblick aus, da der arme. Bursche abends 
vor Lichteranzünden mit geschorenem Kopf das Zuchthaus 
verläßt und zum erstenmal wieder in die alte Stube tritt 
und zähneknirschend ruft er aus : ,Und ob sie ihn zehn Jahre 
behalten, er wird mich finden, ich werde so lange leben, das 
weiß ich, merk* dir's, Tod, ich bin von jetzt an ein Stein 
vor deiner Hippe, sie wird eher zerspringen, als mich aus 
der Stelle rücken,' Ja, der Alte geht noch weiter — er 
öchwelgt im voraus sogar schon in der für ihn doch völlig 
problematischen, ja ganz unwahrscheinlichen Schande der 
Tochter, er lobt in fürchterlicher Ironie ihr hüböches Ge- 
sicht und gibt ihr ebenso ironisch den Hat: , Werde — du 
verstehst mich wohl, oder sag' mir, es kommt mir so vor, 
daß du's schon bist.* Hier empfinde ich ein Zuviel. Woher 
und wozu dies Wort? Wie nun, wenn Klara unschuldig wäre, 
wie er im tiefsten Herzensgrund doch glaubt und glauben 
muß? Wozu der Schwur an der Leiche der Mutter, daß sie 



1) Von mir gesperrt. D. Vf. 



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MARIA MAGDALENE« UND SCHLÜSSBETR ACHTUNG. 865 



jdas sei, was sie seia solle'? Das ist aber auch der einzige 
psychologisch iinstichhaltige Moment." 

Ich glaube, wir dürfen hier den Dichter in Schutz neh- 
men wider sieinen sonst so einsichtsvollen Kritiker. Was 
Bulthaupt als „zuviel empfindet", ist psychologisch doch 
völlig zutreffend. Nur muß man den Sinn der Selbstqualerei 
vorher erfaßt haben, unter der Meister Anton ebenso litt, wie 
sein genialer Schöpfer Hebbel. Schon Bulthaupt hat 
in den von mir gesperrten Stellen den Sadismus des Tischler- 
meisters erraten. Was er jedoch nicht wissen konnte, ist, 
daß das Selbstqulilen nichts anderes! daxstellt als einen Sa- 
distnns, der gegen das eigene Ich gekehrt wird. Es gibt 
nämlich Menstehen, die hophzufrieden sind und eine besondere 
Lust daran finden, sich selber durch allerlei Vorstellui}gen 
zu martern. Diesfe* haben einfach die Triebaktion, welche 
^onst gegen andere Opfer sich wendet, wider die eigene 
Bru€t gekehrt und werden Selbstqualer mit einem großen 
sadistischen Grenuß, den so trefflich Meister Anton illustriert 
imd hinter diestem — Hebbel selber. Auch hier wird durch- 
sichtig, daß der biedere Tischler nicht bloß vom Blute des 
Vaters' unseres Dichters trank, sondern mehr noch vom letz- 
teren persönlich empfing. 

Der Dichter jedoch gibt von seinem Ich auch andereni 
Grestalten des Dramas ab. Nur wenig verhältnismäßig an 
Karl, der aus der häuslichen Enge hinausstrebt, wie Fried- 
rich Hebbel aus Wesselburen. Bedeutsamer ist die Iden- 
tifikation mit dem Sekretär und vor allem dem Schurken 
Leonhardt. Genau ein solch charaktervoller Mann, der ein 
unschuldiges, ehrbares Bürgermädchen zur Mutter machte, 
um sie dann alsbald im Stiche zu lassen, als' eine bessere 
Heirat sich bot, war der Dichter selber. Bloß daß auch hier 
der Geldpunkt in den Hintergrund trat und Hebbel, da er 
sein Drama schrieb, das letzte noch nicht vollzogen hatte, 
Standern immerhin erst ein paar Jahre später. Bezeichnend 
ist auch, wie der Dichter sich selbst in Leonhardt entschul- 
digt. Am 5. Dezember 1843 schreibt er an Elise t „Mit den 
allereinfeichsten MitteM wird die höchste tragische Wirkung 



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36G SADÖER, HEBBEL. 



erreicht, der Alte ist eia Biese geworden und Leonhardt ist 
bloß ein Lump, kein Schuft, der Sekretär, sie alle sind 
im Recht (worauf ich mir am meisten einbilde).,. 
Über Leonhardt machte er (Bamberg) die sehr * richtige 
Bemerkung, daß er durchaus nicht widerwärtig werde, da 
er naiv sei; es war mir selbst entgangen, aber es ist richtig, 
dieser Hundsfott lebt nicht aus einem Prinzip, sondern 
aus seiner Natur heraus, man ärgert sich nicht über ihn, 
sondern über Gott, der ihn gemacht hat/* Und lange nach 
Fertigstellung des Dramas, da Hebbel schon reich gehei- 
ratet hatte und Vater eines Töchterchens geworden, schrieb 
er ins Tagebuch : „In der ,Maria Magdalene* ist der Charakter 
des Leonhardt vielleicht dadurch, daß die Schwierigkeit, eine 
Existenz in der modernen Welt zu erringen, als treibendes 
Grundmotiv mehr wie jetzt durchscheint^ noch tiefer zu be- 
gründen." Nicht umsonst ist Hebbel zu erweisen bemüht, 
daß alle in steinem Drama recht haben, sogar jener Schurke. 
Mit Wonne trinkt er Bambergs Erklärung, aus welcher 
er folgert, man müsöe sich nicht über Leonhardt argem, son- 
dern über — Gott, der ihn schuf. Wer weiß, wieviel von 
dem kalten, so ganz nichtswürdigen Spott, welchen der Ver- 
führer über Klara ausgießt, sein Vorbild besitzt in dem Bin- 
gen Elisens mit unserem Poeten um ihre bürgerliche Ehre. 
Wir kennen ja leider nur den matten Reflex aus den Briefen 
Hebbels und einzelue Stellen des Tagebuches, Doch Heb- 
^ bei müßte nicht jener grausame Schmerzlüstling sein, als 
den wir ihn bisher stets kennen lernten, wenn er Elisen blbß 
tröstend und sänftiglich beigestanden hätte. 

Was er Beppi Schwarz, der Tischlerstochter, vielleicht 
mit Eecht hatte einwenden dürfen: „Darüber kann kein 
Mann hinweg 1" ^spielt nun der Dichter in der Gestalt des 
Sekretäis gegen die Verführte seines Dramas aus. Daß solche 
Anschauungen keineswegs unüberwindlich waren, wenn nur 
ein genügendes Einkommen winkte, hat Hebbels spateres 
Leben bewiesen. Doch freilich, Elise hatte schon ihr ganzes 
Vermögen geopfert Tm.d fürderhin nichts mehr zu gewähren, 
alä höchstens unerbetene Kinder. Und wieder wird im Drama 



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„MARIA MAGDALENE** UND SCHLÜSSBETRACHTUNa 367 

ganz anders als iin Leben die Greldfrage völlig beiseite ge- 
lassen und durch die Ehrenfra^e ersetzt, so ähnlich wie der 
Vater Hebbels alle Not im Hanse noch eben ertrug, so- 
lange nur kein Außenstehender darum wußte. Wie der alte 
Elausf Priedrich zu hungt?m bereit war, so auch der Sekretär, 
die Grefallene zu freien, wenn er den Verführer erst vorher 
über den Haufen ges'chossen, "damit er nur nicht den Blick 
vor diestem zu senken brauche. Jener äußere Ehrbegriff, wel- 
cher den Schein über das Wesen setzt, wird so zum Haupt- 

der Jugendgeliebte sich dar- 
und Meister Anton die Mei- 
nung der Welt weit über alle Menschlichkeit geht, darum 
muß sich Klara in den Brunnen stürzen. Mir ist, als hätte 
auch der Dichter Elisten gegenüber die wahre Ehre hervor- 
gekehrt, welche durch den fehlenden goldenen Reif nicht 
leiden könne. War doch der Humbug mit der „Gewissens- 
ehe", welche er der drängenden, nach Wiederhers.teJU!ung 
ihrer Reputation stets neu Verlangenden, schließlich als Er- 
satz bot, nur notgedrungene Konzession an Elisens klein- 
bürgerlichen Standpunkt. Mit der ganzen „Maria Magdalene", 
wilL mich bedünken, hat Hebbel der Geliebten zeigen 
woUen, wohin es führt, wenn man den Schein über die Sache 
steUt — was fireilich nicht hinderte, daß jene mit ihrem! 
Weibinstinkt ganz richtig empfunden und vorausgeahnt hatte. 
Die wahre Ehre gebot dem Dichter, die Mutter steines Kin- 
dest im Stiche zu las'sen, um einzig seiner Kuüst zu leben; 
Elisten wie sich selbst zur Klärung und Richtschnur dünkt 
mich das bürgerliche Trauerspiel geschrieben. Man darf 
nicht den Schein für Sittlichkeit nehmen, das' erweist sich 
am Tisöhler; man darf ein Weib nicht darum mißacht^n^ 
weil es sich aus Liebe hingegeben hat, das beweist unsj 
Klara; und was vielleicht, wenn auch völlig verhüllt, am 
schwersten wog: das Weib muß bereit sein, freiwillig aus 
dem Leben zu scheiden, wenn es« die Zukunft des Geliebten 
gilt, wie Hebbel von Elise heimlich erhofft und Klara 
^tan hatte, um der Seelenruhe ihi^s Vaters willten. Doch, 
wie Meister Anton zum Schlüsse klagt: „Sie hat mir nichts 



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368 SADOER, HEBBEL. 



erspaxtr, so durfte auch Hebbel von Elise sagen, die so 
gar nicht verstand, ihm durch einen Seibetmord aus freiem 
Stücken aus der Klemme zu helfen. Man' sieht, wie plötzlich 
das Drama so völlig anders aussieht, ali3 es oberflächlicher 
Betrachtung scheint. Ist's doch so herrlich, wenn statt des 
Dichters bloß die Gestalten seiner Schöpferkraft untergehen, 
er selbst aber ruhig einem fröhlicherem Leben entgegen- 
ziehen darfl Nicht ganz mit Unrecht sagt Otto Ludwig, 
„, Maria Magdalene' leide daran, daß die . Kalte des rech- 
nenden Dichters, dem die Persönlichkeiten nur Zahlen waren, 
auf seine Personen überging. Schiller gab seinen Per- 
sonen gern von seiner Wärme, Hebbel von seiner Kälte. 
Der Dichter schließe menschlich mit dem Todesurteil^ da- 
mit ist das Eeich des Tragischen aus ; die vergeblichen Win- 
dungen und Krümmungen des gewissen Opfers sind nicht 
mehr tragisch, sind gräßlich und passen nicht auf die edelste 
Gattung der Poesie, sondern für die Leierorgel der Bänkel- 
sänger. Der Dichter ist der Kichter, nicht der Henker". 

Es erübrigt nur noch, meine autobiographische Beleuch- 
tung des Schauspiels — eine andere ist ja gar nicht er- 
strebt — bis ins AUereinzelnste zu vertiefen. Zunächst das 
Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Wie männiglich 
bekannt, stellt dies in der Eegel sich solcher Art dar, daß 
eine natürliche Anziehungskraft die verschiedenen Geschlech- 
ter zueinander hinzieht, fast von der Geburt der Sprößlinge 
ab. Der Vater halt also seiner Tochter, die Mutter ge- 
wöhnlich dem Sohne die Stange und vice versa^ während 
jene beiden auf der anderen Seite dem gleichgei^chlecht- 
lichen Kinde gegenüber meist strenge, ja unerbittliche Rich- 
ter werden^ Genährt wird dies, was minder bökannt ist, 
durch direkt eifertsüchtige Eegungen. Von solchen Gefühlen 
des Knaben wider Vater und Mutter sprach ich im früheren 
bereits weitläufig und es gilt natürlich in gleichem Maße 
von jeglichem Mädchen. Doch auch die Eltern bleiben von 
jener Eifersucht nicht frei. Sieht sich doch der Vater um 
den größten Teil der Gattenliebe durch den verzärtelten Jnn- 



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^MARIA MAGDALENE** UND SOHLUSSBETRAOHTÜNG. SBO 



gen gebracht, wie gßjiz ajmlog die Mutter durch dea Maimeß 
Neigung zu seinem Töchterchen. 

All dies bestätigt nun auch die „Maria Magdalene^'. Das 
Verhältnis zwischen Vater und Sohn, zwischen Mutter und 
Tochter ist ein recht gespanntes, ja, zwischen den beiden 
Erstgenannten direkt feindselig, wäJarend das anders- 
geachlechtliche Kind beiden Eltemteilen sehr rasch zum er- 
klärten Liebling aufrückt. Klara gegenüber ist die Mutter 
streng und stets nur bedacht, sie in Ehren und Züchten auf- 
zuziehen, den Sohn hingegen liebt sie' geradezu, was freilich 
nur wenig erwidert wird. ALS ihr die Tochter zur Genesung 
einen Blumenstrauß gibt, heißt das erste Wort, einem liebe- 
heischenden Herzen entsprungen: „Der konmit gewiß von 
Karll" Sehr richtig meint Klara: „WasI ihr eine rechte 
JFreude machen soll, das muiß von ihm kommen!" Und „der 
eisierne Alte" ergänzt dies Bild: „Über alles in der Welt sagt 
sie mir die Wahrheit, nur nicht über den Jungen!" Gleich- 
wohl kann sich die Mutter nicht hehlen: „Ich glaube, er 
liebt mich nicht einmal. Hast du ihn ein einzigmall weinen 
sehen während meiner Krankheit?" Wiederholt das nicht 
nackt das Betragen des Dichters gegen seine Mutter? Und 
auch das scheint mir mutatis mutandis dem eigenen Leben 
Hebbels' entnommen: „So alterliebst, wie er als kleiner 
Lockenkopf um das Stück Zucker bat, so trotzig fordert er 
jetzt den Gulden." 

Wird der Mutter Verhalten- durch Liebe diktiert, so die 
stete Feindseligkeit des Vaters durch dessen eifersüchtige 
Eegungen, die wieder treu nachgebildet sind dem Fühlen des 
alten Klaus Friedrich Hebbel gegen seinen Erstling. Wie 
der Tischler von seinem Sprößling behauptet: „Von dem 
kommt mir nun und nimmer ein Trost !" so dieser mit Eecht, 
jener glaube von ihm doch stets nur das Schlimmste. Als 
Meister Anton von dem Diebstahl im Hause Wolframs ver- 
nimmt, wo Karl vor kurzem den Sekretär polierte, glaubt 
er auf der Stelle, dieser habe sich an fremdem' Gut ver- 
griffen, der Sohn des ehrlichsten Mannes der Stadt ! Zwar 
weist sich der Tischler auf der Mutter Entgegnung gleich 

Sadger, Hebbel. 24 



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870 SADGER, HEBBEL. 



selber zurecht: „Es war ein mohtswürdiger Gedanke T aber 
schon daß ein solcher ihm aufsteigen konnte, zeigt, wes er 
sich von Karl gewärtigt. „Gegen deinen Sohn, das muß ich 
dir siagen, bist du nur ein halber Vater I" darf ihm die Mutter 
ins! Antlitz schleudern und der schuldlos Verdäx^htigte hebt 
mit Fug seiner Schwester genüber hervor: „Sag' selbst, hat 
er nur einen Augenblick an meiner Schuld gezweifelt? Und 
hat er in steinem überklugen: Das hab' ich erwartet l Das 
hab* ich immer gedacht I Das konnte nicht anders enden! 
nicht den gewöhnlichen Trost gefunden? Wärst du's ger 
wesen, sein Schoßkind, er hätte sich umgebracht! Ich mögt' 
ihn sehen, wenn, du ein Weiberschicksal hättest! Es würde 
ihm sein, als ob er selbst in die Wochen kommen sollte! 
Und mit dem Teufel dazu !" 

Im Grunde wär's dem Alten gar nicht recht, wenn Karl 
unschuldig befunden würde. Kaum ist der Sohn verhaftet 
worden, geht er in allen Wirtshäusern herum, dessen kleine 
Geldschulden auszukundschaften. Wie hat er nur gegen 
das! Kegelspiel seines Sohnes gewettert: „Ein Handwerks- 
mann kann nicht ärger freveln, als wenn er seinen sauer 
verdienten Lohn aufs' Spiel setzt. Der Mensch muß^ was er 
mit schwerer Mühe im Schweiße seines Angesichtes ercvirbt, 
ehren, es hoch und wert halten, wenn er nicht an sich selbst 
irre werden, wenn er nicht sein ganzes Tun und Treiben 
verächtlich finden solll Wie können sich alle meine Nerven 
spannen für den Taler, den ich wegwerfen will." Und selbst 
im wunsbherfüllenden Traum erscheint ihm Karl zunächst 
alsl Selbstmörder, 4^r die Pistolte gegen seine Schläfe abdrückt. 
Es ist nur Erfüllung eines zweiten Wunsches, der gut neben 
jenem ersten besteht und seinem' potenzierten Ehrgefühl recht 
gibt, daß der Sohn, nachdem sich der Pulverdampf verzogen, 
mit dem ehrlichsten und zufriedensten Gesichte dasteht und, 
reich geworden, Groldstücke von einer Hand in die andere 
zählt 1). 



1) Für kundige Traumdeuber will ich hier nur kurz auf die anal- 
erotische Bedeutung von Schießen und Goldzählen hingewiesen haben, 



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.MARIA MAGDALENE** UND SCHLUSSBETRACHTUNa 871 



Bemerkenswert ist die Reaktion der Kinder. Des Vaters 
Lieblosigkeit führt bei Karl dazu, daß dieser sich in be- 
wußtem Gegensatz zu jenem entwickelt. „Wir passen ein- 
für allemal nicht zusammen!" meint der Sohn im Namen 
Friedrich Hebbels. ^^Er kann's nicht eng genug um sich 
haben, er mögte seine Faust zumachen und hineinkriechen, 
ich mögte meine Haut abstreifen, wie den Kleinkinderrock, 
wenn's nur ginge I*^ Und Klara, welche an dieser einen Stelle 
des* Schauspiels für Johann eintritt, auf den sich alle Liebe 
des Vaters konzentrierte, steht wieder sehr kühl, ja ins- 
geheim geradezu feindlich wider ihre Mutter. Wiederholt 
hatte sie die letztere gebeten, ihr Brautkleid anzuziehen. 
Doch als diese entgegnete: „Mein Brautkleid ist's nicht 
mehr, es ist nun mein Leichenkleid," da mochte die Tochter 
es gar nicht mehr sehen, weil es sie stets an "deren heimlich 
gewünschten Tod gemahnte und an den Tag, da die alten 
Weiber es jener über den Kopf ziehen würden. „Dreimal 
träumt' ich, sie läge im Sär^el" Und als sie die 'Mutter 
nach überstandener schwerer Krankheit dahinschreiten sieht, 
achtet sie auf Zeichen, ob eines vielleicht deren Tod bedeute. 
„Ja, wenn meine Mutter gestorben wäre, nie war' ich wieder 
ruhig geworden, denn — — /* Nachdem sie Leonhardt zu 
Fall gebracht, findet Klara, zu Hause angekommen, die Miit- 
*ter „krank, todkrank, plötzlich dahingeworfen, wie von un- 
sichtbarer Hand". Da fühlt sie sich schuldig: „Meinetwegen 
liegst du so da!" Nur daß dies weniger auf ihren Fall geht, 
als* auf die heimlichen Todes wünsche, die jetzt nach Ver- 
geltung zu schreien scheinen, Ihr Schuldgefühl wird : bloß 
durch diese Krankheit hochaktuell. . Denn Klara begründet 
es lieber durch die eigene Schwäche, als daß sie sich . seilber 
die hundertfach sxgeren Wünsche gestände, ihre Mutter solle 
das Zeitliche segnen. Man sieht, wie auch: hier die Todes- 
wünsche Friedrich Hebbels stets wieder dramatische Ge- 
staltung durchsetzen. Und es i^t beinahe überflüssig, '^u 



sowie auf die homosexuelle und masturbatorische, die dem Brigchießeti 
mit der Pistole ssukqmmtt - : :;//? oli- 

«4* 



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87S SADOER, HEBBEL. 



wiederholen, daß hinter Klara und letzten Endes die eigene 
Mutter Hebbelö dxirchlugt, die sich lieber freiwillig den 
Tod geben soll, als einem Kinde des Vaters Leben i). 

Nehmen wir zum Schlüsse, daß in der (Jestalt des Se- 
kretaxe der Dichter seinen eigenen Aufstieg beleuchtet, vom 
Abc-Schützen zimi Jurisdoktor, daß ferner vermutlich im 
jahrelangen scheinbaren Vergessen der Jugendgeliebten sich 
manches persönliche Erleben wiederholt bei einer oder selbst 
bei mehreren Jugendgeliebten Hebbels«, deren ersfe Imd 
wichtigste die Mutter war, so hätten wir ziemlich alltes er- 
schöpft, was psychoanalytisch aus „Maria Magdalene" her- 
ausiKuholen ist. Mich dünkt ein gut Teil der Wirkung dieses 
Dramas, das heute noch so erschütternd an die Herznerven 
greift, darauf zu beruhen, daß es" eine große Bekenntnisschrift 
darstellt für die Liebe des Dichters zu seinem Vater. Soviel 
man am Wesen des Meister Anton aussetzen m^tg — und ich 
schrak wahrhaftig nicht davor zurück, alle Schwachen und 
Mangel hervorzuheben — so bleibt er gerade in seiner kltein- 
städtisch-moralisierenden Beschranktheit, die trefflich neben 
dem geraden, grundgütigen Herzen besteht, das schönste Zeug- 
nis einer Sohnesliebe. Nur weil Friedrich Hebbel trotz 
allem und jedem an seinem Erzeuger so innig hing, über- 
trifft sein simpler Tischlermeister bei weitem alles, was an 
Heldenvätem je geschaffen wurde. 

Überblicken wir nunmehr am Schlüsse des Buches die 
Haupttriebfedem in unsere s Dichters Lebe n und Schaffen, 
so finden wir zun ächst , was den allermeisten Menschen zu- 

^) Ich möchte hier nicht unerwähnt lassen, daB von dieser ans 
noch eine spezifische Liebesbedingung fuhrt zu Christine Eng haus. Die 
Mutter war ja yom Vater verführt worden, eh* Hebbel sie zu begehren 
vermochte. Das wiederholte sich spater bei seiner Prau« Der Dichter 
konnte nur ein Weib sich erküren, das schon von einem anderen emp« 
fangen hatte. Und sowie er der Mutter gram war, daß sie vor ihm 
einem anderen gehörte, stutzte er zu Anfang über Christinens Geständnis, 
bis schließlich in Anlehnung an das mütterliche Vorbild die Liebe siegte. 
Ja gerade jener Umstand gab einen besonders festen Eitt^ weil nur so 
die Frau der Mutter ganz gleichkam. 



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„MARIA MAGDALENE** UKD SCHLüSSBETRAGHTÜNG. 373 

kommt, d ie starke, lebenslange Nachwirkung des fajiiiliäj:€n^ 
und insbesondere des Elternkomplexes^ L iebe, Haß und Eifer- 
sucht widor Vater und Mutter^ in zweiter Linie g egen den 
Bruder^ bestimmen Hebbel gar mächtig und alk Zeit »eines 
Baseins. Auch der g roße Bespekt vor dem Erzeuge r und in 
weiterer Folge vor dessen Vertreter n, eine Ehrfurcht, welche 
mit den Jahren stets zunimmt, ist wohl den meisten Mannern 
eigen, wenn sie sich auch selten in so stetes Ringen mit dem 
Gott- tmd religiösen Problem umsetzt wie bei Friedrich Heb- 
bel. Dem Poeten kommt ferner allgemein zu, d aß er die 
v erpönten ^exuellen^ zumal' die ESzestwünsche ^) zartester 
Kindheit in dichterische Phantasien umgieße n un d den Gre- 
stalten seiner Einbildungskraft Blutwärme geben k ann aus 
eigenem Herzen. Nicht minder Gremeingut aller Dichter ist 
dann der freilich bei Hebbel besonders st arke Narzißm us. 
Mehr individu^ell sind einige andere, vornehmlich für Hebbels 
Lebenaschicksale bedeutsajne Umstände : die niedrige Ge- 
burt , di e Not im Elternhaus und die ste te Bevorzugung durch 
die Mutter mit all jenen Pol^n, die ich in früheren Kapiteln 
schildert€j. Für unseren Dichter endlich spezifisch ist die Ver- 
einigung mehrerer Züge, unter welchen etwa hervorzuheben 
wären: die Stärke der bewußten und unbewußten Kindheit s- 
e rinnerun gen, ei n ungewöhnliches Verstäadnis des Unbewu ß- 
ten und seiner Äußerunge n, da s Hervorkehren sexueller Knif- 
figkeiten in fast allen seinen Dramen, eine kr aakhafte Lust 
am seelischen Zergliedern des eigenen Ich w ie der Geschöpfe 
seiner Phantasie und vor allem anderen die üb eraus mächtige 
agialerotisch-sadis tische Not ef). 

Von diesen spezifischen Eigentümlichkeiten wirkt am 
stärksten und für Hebbel am bezeichnendsten im Leben 
wie im Dichten die ewige Grübelsticht und seinem L ust an 
d er Gra usiamkeit. Beides zusammen gibt nach dem -kpn- 

die „Kälte" dieses-- „rechijfeliden •' ..V 



1) Vgl. dazu das schöne Buch von Otto Rank, „Das Inzestmotiv 
in Dichtung und Sage*', Deuticke 1913. 

2) Der Psychoanalytiker würde etwa sagen: „Hebbels Dichtei^be 
wurzelte im Boden einer sadistisch-analen Konstitution." 




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874 SADGER, HEBBEL. 



Dichters". Mehr weniger sind alle Helden seiner Dram^i 
Sherlock Holmes' der eigenen Psyche wie der ihrer Partner. 
Ein bißchen Detektivtum, ein Stück vom Unterslichungsrichter 
haben sie sämtlich, Holofemes ebenso wie Meister Anton, 
Mariamne wie Bhodope, Volker wie der grimme Hagen. Sind 
sie doch alle Kinder des zwangsmäßig grübelnden Hebbel, 
der nicht eher ruhte, als bis er die geheimsten seelischen 
Triebfedern ausgespürt hatte. Noch mächtiger entwickelt, 
ja letzten Endes am bestimmendsten war seine Lust an der 
Grausamkeit und die aus dieser gewonnene Tatkraft. Was 
ihm trotz seiner überragenden Größe die Volkstümlichkeit 
raubte, doch anderseits auch die Fähigkeit gab, wider alle 
Ungunst der äußeren Umstände sich durchzusetzen, und sei 
es selbst über die Leiche der besten Freundin hinweg; was 
ein gut Teil seines Genies ausmachte und die gewaltigen 
„Tigersprünge" ermöglichte, mit den^n er die letzten Schwie- 
rigkeiten nahm, an welchen andere häufig scheiterten; was 
endlich sein Leben und Schaffen beherrschte, das war sein 
übermächtiger Sadismus. Ein feinsinniger Kritiker, Otto 
P recht 1er, empfing von der Lektüre der ^^Maria Magdsu- 
lerie" „einen tiefen, großen, ungewöhnlichen — aber nieder- 
drückenden Eindruck, denn es fehlt die Verklärung. Und 
das Verhältnis der Schuld zur gräßlichen Strafe ist dämo- 
nisch-grausam — nicht göttlich-erbarmend ^)". Dieses Plus 
an Grausamkeit, das am meisten Spezifische an Hebbels 
Charakter wie an seinem Können, hat vielleicht den Men- 
schen und Dichter gerettet, doch diesem den höchsten Lor- 
beer geraubt, den nur ein Poet mit voller Beherrschung seiner 
Triebe zu erringen vermag, 

1) Fr. Hirth: „Aus Friedrich Hebbels Korrespondenz", GJ«org 
Jtoller, 1913. 



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