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Dr. Willielm Reick 



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rqasmus 



PJeue Arbeiten zur arztlickea Psycto analyse 
HeraiugegeW von Prof. D*. j£jgm. Freucl 
N* VL 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Neue Aroeiten zur &rstlidieii Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prol- Dr* iSigm. Trend 



JJie J unktion des Orgasmus 

ZfUv Psychopatkologie una zur 
Ooziologxe aes GesaileaitsleDeiw 



f on 



Dr.Willielm ReiA 

Assirtent am PsyJioanalytiiAen AmWlatojrium 
in AVicn 



a 9V 

Internationale* PsyAoanalytiscker Vcrlag 

Leipzig / Wien / Zuridi 



8 



f'W^/3 



Alle Rechte, 
msbesondere die der tlberseliung, vorbehalten 

* 

Copyright 1927 

by plnternationaler Psychoanalytic cher Verlag, 

Ges.m,b,HAWien 



Drudtr Quristoph Reiser's Stfhne Wien V 



JJ&einem Lehrer 

Professor j&igmund Freud 

in tiefer J^renrung 



Inkalt 

Stite 

Vorwort 7 

/. Der ncurotiscte Konflikt 11 

//. Die orgastisclie Potent 18 

III. Die psyckiscncn Dtorungen aea Orgasmus * , , . . sg 

a) Die Herabsetzung der orgastisehen Fotenz (onanistischer Koitus, 

Onanie) . 51 

bj Die Zersplitterung des Orgasmus (akute Neurasthenia) ... 54 

c) Die absolute orgastische Impotenz (Hypasthesie, Anasthesie) . 41 

d) Die Sexualerregung hex der Nymphomanie 50 

IV. Somatische Libiclost&uiuig und Angstailekt 58 

a) AUgemeines iiber Sinn, Tendenz und Quelle des neurotuchen 
Symptoms 38 

b) Angst und vasovegetatives System , , 63 

c) Sexualerregung und autonomes Nervensystem . 68 

d) Die psychic che Atiologie der Aitualneurose 73 

e) Aus der Analyse einer Hysterie mit hypochondrischer Angst 81 

f) Befiirchtung und Angstaffekt 87 

V . Psycho neurotisclie Scnicksale der Genitallibiclo oS 

I J Konversionssymptom und hysterische Impotenz 100 

%) Die zwangsneurotische Impotenz 106 

}) Die genitale Asthenie der chronischen hypochondrischen Neur- 
asthenie , 1 ]* 

a) Aus der Analyse einer chronischen Neurasthenie 113 

b) Die genitale Asthenie (Zwei Formen der ejaculatio praecox) 125 



6 Die Funlttion des Orgasmu 



Stite 
VL 2*ir psychoanalvtischen Genital tlieorie , T , 133 

VII Die Abhangigkeit &e& Destrultionstrienes von der Libido-* 

itauuftg 152 

VIII liter Jie soziale Bedeutung der genitalen Strctungen ... 161 
tt) Die Spaltung der genitalen Tendenzen in der Gesellscliaft , 161 

b) Die Folgen der Spaltung der Geschlechtlichkeit fur die Ehe 171 

c) Zur Frage der Abstumpfung der Genitalit&t in der mono- 
gamen Ehe , * * . , . 176 

d) Der erotische und der soziale Wirklichkeitssinn .166 

Register , «**.,. 200 



Vorwort 

w Wir aber sag-en uns, wer die Eniehung 
iut Wahrheit g-eg-en sich selbst mit Erfolg 
durchgemacht hat T der ist gegen die Gefahr 
der Unsittlichkeit dauemd geschiitzt, mag 
sem MaBstaL der Sittlichkeit auch von dent 
in der Geftellschaft iiblichen irgendwie ab- 
weichen." Freud 

Die tkeoretischen Probleme, die hier behandelt zverden t ergaben sich aus 
praktischen Fragestellungen bei der psychoanalytischen Behaitdhmg seelisch 
Kr anker* Es war en mir gewisse Zusammenhdnge zwischen den positiven so- 
jvohl wie den negativen therapeutischen Reaktionen dieser Kranken und ihrer 
Genitalitat aufgefallen^ die ich in der „Internationrilen Zeitschrift fur Psycho- 
analyse" bereit$ teilweise bekandelteJ 1 

Bei der weiteren Verfclgung der tkeoretischen Fragen liefien sick gesetz- 
mafiige ursachliche Beziehungen zwischen den neurotischen Prozessen und den 
Storimgen der Genitalfanktion feststellen^ die jene iherapeutischen Keaktionen 
erklareji} ans verstehen lassen t ivarum die Impotenz, beziehungsweise die 
Frigidiidt regelmafiige Begleiterscheinungen der Neurose sind, und auch ver- 
standlich macken, warum die Form der Neurose die der genitalen Funktions- 
stbrung bestimmt und umgekehrt. 1m Hinblick auf die Funktion des Orgasmvs, 
der altmahlich zum Kernprablem zvurde 7 erscheinen auch das Angstproblem, 
gewisse eheliche und soziale Ph'dnomene wie auch die Frage der Neurosen- 
therapie in hlarerem hichte, Wenn sick auch diese Arbeit vollig auf der 
Freudschen SexuaUheorie und Neurosenlehre aufbaut, harm ich mir dock 
nicht anmaJ3en t die Hier vertretene Auffassung der Dynamik der psycho- 
analytischen Therapie und ihrer Aufgaben als von der Freudschen Schule 

i) tiber Spezifitat der Onanieformen, Int. Ztschr, £ PsA., Bd. VIII (19**). — 
Ober Genital it at vom Standpunkt der psycho an alytischen Prognose und Therapie, 
Bd, X ''1924). — Weiteie Beucierkungcn iiher die therapeutische Bedeutung der 
GenitaUibido, Bd. XI (1925). — t)ber die QueUen der neurotischen Angst (Beitrag 
tut Theorie der paychoanalytUchen Therapie), Bd. XII (1936), 



8 Die Funttion its Orgasmus 

bereits angenommen hinzustellen; sie entspricht meinen eigenen hlinUchen Er- 
fahrungen. Dessenungeachtet glaube ich f dafi rneine Auffassung von der iJe- 
deutung der Genitalitat, insbesondere des genitalen Orgasmus jur die Theorie 
und Therapie der Neurosen und der neurotiscken Charaktere die grundlegen- 
den psychoanalytischen Tkeorien in gerader Linie fortfuhrt imd eine hm- 
sequentere Anwendung der NeurosenJehre auf die Therapie ermoglicht. 

Mit dem Problem des Orgasmus hdngen ouch viele Fragen der Charakter* 
lehre und der Psychologie des Ichs ttufs innigste zusammen* Ich ivar bestrebt, 
diese so iveit mbglich aus der Diskussion auszusckatten, weil sonst die Ein- 
heittichkeit des Themas zu sehr gesifirt -warden ware; aber ouch die eigen- 
artige Problematic der psychoanalytischen Charakterlehre forderle ihren Aus- 
schlufi. Denn erstens ist ihre Minische Grundlage noch nicht vollstandig genug, 
zweitens erweist e$ sich ah notwendig, zur psychoanalytischen Charakterlehre, 
der en systematische Grundlagen uns Freud in seinem Buche f ,Das Ich und 
das Es ££ er off net hat, von der Sezualiheorie aus im Detail vorzudringen. 
Das muftte vorgebracht iverden, um dem Vbrwurf zu begegnen, dafi die 
Psychologie des Ichs vernachldssigt iuurde r 

Durch die Abtrennung des gr often Themas > das ich in einem Kurse des 
Wiener Psychoanalytischen Lehrinstituts unter dem Titel ^Triebpsychologie 
und Charakterlehre" abzugrenzen versuchte und einer eigenen Abhandlung 
vorhekalte t entstanden aber empfindliche Lucken in dieser Arbeit , die den 
Arilqfl zu manchem Mifiverstandnis geben honnten* Sexualtheoretisch wurde 
in der BarsteUung, soweit meine Erfahrungen es erlaubten, VoUstdndigheit 
angestrebt; es ist nwr bewuftt t diese bei weitem nicht erreicht zu haben. So 
wurden die Storungen der Genitalfunktion bei der Satyriasis^ der Epilepsie 
und den Psy chosen trotz vereinzeUer Befunde nicht besprochen* Sofern diese 
Mifiverstandnisse sachlicher Natur sein u>erden^ hoffe ich sie spdter zu be- 
seitigen* Tck mufl aber in Anbetracht der Eigenartigkeit des behandelten 
Themas ouch auf affektiv begrimdete Einwdnde gefaftt sein. Vie Publication 
erfolgt im Bewufftsem, einen sehr ^explosihlen Staff* behandelt zu haben* 
Die Frage des Orgasmus und die Rolle t die er im individueUen und sozialen 
Lehen spielt, honnen nicht leicht unpersonUch und affektlos diskutiert werden. 
Dieses Thzma hat allzuviel mit dem Erleben jedes Einzelnen zu tun. 

Dor aus entsteht leicht die G-efahr einer subjektiverL 7 laeltanschaulichen 
Farbung oder Verztrrung sachlicher Urteile. Die Frage ist aber nicht, ob 
uberhaupt eine Weltanschauung vorliegt, sondern ivelcher Art sie ist, ob 
etwa — tvie speziell bei unserem Thema — eine ethisch ivertende Ein- 
stellung zum Sexualproblem von der Wahrheit wegfuhrt oder ob eine tinders 
geartete moralische SteUungnahme zur Erforschung der Wahrheit zwingt. 



Vorwort 9 

Es ist femer ein wesentlicher Vnterschied y oh man die Tatsachen des sexueUen 
Lebens an dem willkurlichen Mafistabe des unbeweisbaren ^Gut" oder „Bose K 
mifitj oder oh mart mit Bezug auf ein anethUches Ziel ivertet> etwa fest- 
stelll, daJ3 dieses oder jenes Tun des Xndividuums seiner seelischen Gesund- 
hek, d. h. seiner Liebes- und Arbeitsfdhigkeit nutzt oder schadet. Ich glaube, 
iiber diese Art der Wertung von Sexualfragen nicht hinausgegangen zu 
sein t u?o ich Fragen des ehelichen Geschlechtslebens und der herrschenden 
Sexualmoral behandle. 

Da meines Wissens tine derartige Untersuchung noch nicht vorgenommen 
umrde, ja da es den Anschein hat, als ware die Funktion des Orgasmus ein 
Stiefkind der Psychologic und der Physu>logie y mogen die Ergebnisse selbst 
das Untemehmen rechtfertigen > und uber die Wichtigkeit des Themas ent- 
scheide sachliche Kritik. Vor der Gefahr der XTberschatzung schiitzen in erster 
Linie die Tatsachen; eine rohe Statistik uber die Haufigkeit der Impotent 
and Frigiditat hei den Neurosen und einige ausjuhrliche Krankengeschickten 
kbnnen nur ungefahr den Eindruck rviedergeben, den man in der Praxis 
bekommtt ivenn man sich ihm nicht um jeden Preis verschliejH* Vberdies 
ist eine Untersch'dtzung der Sexualfunktion derzeit noch immer viel zuahr- 
scheinlicher und nachteiliger als unter Umstdnden eine Uberschatzung* 

Dent ist es auch zuzuschreiben, dafi sick das Problem der somatischen 
Grundlage der Neurosen y sofern es uberhaupt angegangen umrde } als 
unzuganglich envies; nur scheinlar allerdings t denn der Weg dazu fuhrt 
Uber die Frage nach dem Sexualleben des ^nermsen" Menschen, die aufier- 
halb der Psychoanalyse nach ivie vor dngsilich vermieden ivird. Es ist ge- 
svkiL'htlich interessantj doj3 y ivahrend die Physiologen gegen die Tkeorie einer 
Psychogenic der Neurosen auflraten und vergebens nach der somatischen Grund- 
lage forschten, der medizinische Psychologe Freud „den somatischen Kern 
der Neurose* mit Hilfe einer psychologischen Meikode entdeckte* Zwischen 
dem Zeitpunkt dieser Entdeckung und heute liegen dreifiig Jahre psycho* 
analytischer Erfahrungen. Unsere Untersuchung der Funktion des Orgasmus } 
der ein psycho-physisches Phdnomen ist y mufi daher ureit zuruckgreifen und 
von den seelischen Aufierungen der somatischen Storungen des Sexuallebens 
ausgehen, die Freud als „Aktualneurasen c zusammenfafite und den ^Psycho- 
neurosen" gegeniiberstellte. Infolge der raschen ForUchritte y die die Psycho- 
analyse in der Erforschung der seelischen Ursachen der Neurosen machte, 
verbLitflte das Interesse an der „Libidostauung t£ , die ursprunglich ihr&m 
Wesen nach somatisch gedacht war, $U hedeutete im Sinne der Freudschen 
Definition Anhaufung physio- chemischer Sexualstojfe, die korperliche Span- 
nungen erzeugen und sich als triebhafter Drang zur Sexualbefriedigung 



Die Funktion des Or^asmus 



aufiem ( n Drei Abhandlungen zur $exualiheorie a 1 Ges. Schrijien, Bd. V), Und 
die Neurosen y „die sick auf Storungen des Sexuallebens zuruchfuhren lassen^ 

zeigen die grofite Minische Ahnliclikeit mil den PhaTiomenen der Intoxication 
und Abstinenz, welcke sich durch habituelle Einfuhrung Lust erzeugender 
Gifistoffe ergeben* (Freud). Der Begriff der Libido beltam dann immer 
mehr die Bedeutung einer psyckhchen und hiologischen Energie; darunter 
litt jedoch ungerechtfertigterweise das Inleresse am n aktualneurotischen (d. h. 
somatischen) Kern der Neurose 4 *. In den letzten zehn Jahren ivar haum mehr 
davon die Rede t Freud selbst halt nach toie vor an seiner Tkeon'e der 
Ahtualneurosen fest („Die Medizin der Gegenwart in Selbstdarslellungen", 
1 J? 24} j obgleick sich seine Lekre seither nicht mehr mit dUser Seite des 
Neurosenprohlems befafit hat* 

Mehrjakriges kontinuierliches Studium der Vrsachen y Aufierungsformen 
und Wirkungen der somatischen Libidostauung hat mich zur {jberzeugung 
gebracht, dqfi die Freudscke Theorie der Aktualneurosen, die ouch vielen 
Eimoanden von anatytiscker Seite standhielt, nicht nur heuristisch wertvoll 
ist y sondern ouch als Lekre von der physiologiscJten Grundlage der Neurosen 
ein unerlafiliches Stuck der Psjrch&pathologie und der Theorie der ana* 
lytischen Therapie ist. So verfolgt diese Arbeit auch den Zweck, in Erinne- 
rung zu rufen, daft Freud uns einen Weg zum Problem der organischen 
Grundlage der Neurosen gezeigt hat t und nachzuweisen> dafi wir seine lange 
vernachlassigte Entdeckung theoretisch und prdhtisch erfolgreich auswerten 
Jzonnen* 

Wien, im Oktoter 19*6 D*« A^Uielm Reick 



I 

Der neurotiscne Konllikt 

Freuds psychologische Entdeckung, die die gesamte Psychopathologie 
auf eine neue Grundlage stellte und ihr durch fruchtbare JFragestellungen 
neueWege wies, war: erstens, da3 jedesscheinbar noch so sinnlose neuroti- 
sche und psychotische Symptom einen sinnvollen Inhalt hat, der sich in das 
Gesamterleben des Kxanken bei genauer Kermtms desselben restlos einfiigen 
lafit; zweitens, daB die neurotischen Symptome durch einen Konflikt 
z.wischen primitiven Triebanspriichen und moralischen Forderungen ent- 
steiien, die die Triebbefriedigung verbieten. Die „frmeTe Versagung" der 
Triebbefriedigung, die wir bei Kianken immer antrefFen, leitet sich aus 
der auBeren Einschraiikung der Triebhaftigkeit ab, die der Kranke seiner- 
Keit als Kind diurch die Eltern und ihre Stellvertreter erfuhr. Der 
Konflikt zwischen Trieb-Ich und moralisc^em Ich war also urspriing- 
lich ein solcher zwischen TrieVIch und A-uflenwelt und hat diesen 
Charakter bei manchen Psychosen (Freud) und triebhaften Psychopathen 1 
dauerad beibehalten. Bei der Neurose hingegen hat ein wichtiger Teil 
der Personlichkeit die Realitatsanpassung 2ustande gebracht, wahrend ein 
andereT Teil eine Entwicklungshemmung auf einer friihen Stufe der 
seelischen Entwicklung erfuhr, so daB ein Konflikt zwischen kontraren 
Strebungen entstehen mufite. Es ist nun fur die neurotische Personlichkeit 
bezeichnendj daB das moralische Ich weder den Mut hat, die Trieb- 
befriedigung in toleranter Weise zuzulassen, noch auch die Kraft aufbringt, 
die Triebanspriiche zu verurteilen oder in irgendeiner geeigneten Form 
zu erledigen, weil die erste Voraussetzung dazu, die BewuBtheit der Trieb- 

i) VgL Aichhorn; Verwahrloste Jug-end (Internationale Psycho analytischa 
Bibliothek Nr, XIX, 1935)* und Reich: Der triehhafte Charakter (Neue Arbeiten 
zur arztlichen Psychoanalyse Nr. IV, 1925)* 



Die Funktion des Orgasmus 



/ 



regungen, fehlt oder unvollstandig ist Das Ich erschrickt bei der leise- 
sten Andeutung einer ^unmoralischen" Begung und entledigt sich ihrer 
durch den Akt der ^Verdrangung", der vemhiedeue Formen habenkann: 
vom einfachen Nichtwahrhabenwollen oder Vorbeisehen liber die kompen- 
sative Betonung des Gegenteils der verponten Triebregung bis zur totalen 
Aussperrung der Vorstellung aus dem Bewufitsein (hysterische Amnesie) 
und Unterbindung jeder motorischen Eriedigung des entsprechenden 
Affektbetrages. Der verdrangte Triebanspruch bufit aber keineswegs an 
Stoflkraft ein, sondern wird im Gegenteil durch die „$tauung tt der nicht 
eriedigten Triebenergie verstarkt* die Gefahr besteht nun darin, daB er der 
Kontrolle der bewufiten Oberlegung nicht mehr ausgesetzt ist. Er durch- 
bricht bei Anlassen, die entspiechende Situationen Meten, die n Gegen- 
besetzung , beziehungsweise den ft Widerstand tt des Ichs; dieser „Durch- 
bruch der Verdrangung", der den zweiten Akt des neurotischen Prozesses 
darstellt, kann aber nur komprorniflhaft erfolgen, weil auch das Ich 
sich in seiner Abwehr auf machtige seelische Instanzen stiitzt, die man 
mit dem Begrifle n Moral* im popularen Sinne umfassen kann. Das 
Kesultat ist eine verst elite Triebbefriedigung, die als solche vom 
Bewufitsein nicht erkannt odeT> sofern sie weniger verhuUt erscheint, 
als nicht zum Ich gehorig, als Zwarig empfunden und abgelehnt wird. 

Soweit ware gegen die psychoanalytischen Ergebnisse Freud s nichts 
einzuwenden gewesen. Der heftigste Widerspruch erhob sich erst gegen 
die Lehre Freud s, daB die Sexualwiinsche ein regelmafliger Bestandteil 
der verdrangten Triebregungen sind, Es nutzte nichts, daB Freud denen, 
die gegen die Psychoanalyse den Vorwurf des „Pansexualismus tt erhoben, 
entgegnete, dafi erstens auch die sexual ablehnende Moral des Menschen 
an der Bildung der Neurose beteiligt ist, ja t diese ohne den Widerspruch 
des Ichs gegen seine Triebe gar nicht zustande kommen kann, und 2 weitens, 
dafi neben den sexuellen Wiinschen aucb egoistische, grausame und 
andere, nur nicht derart regelmaBig und nicht mit ebensolcher dran- 
genden Kraft an der Herstellung der Neurose beteiligt sind. Ein Teil 
der wissenschaftlichen Welt unterliefi es, kritisch nachzupriifen, was sie 
mit dem Schlagwort „Pansexualismus tf abtun zu konnen glaubte. 

Andere verfolgen vorsichtig und langsam die psychoanalytischen Er- 
gebnisse, die an fangs als Hirngespinste hingestellt wurden, und akzeptieren 
sie teils als eigene (Neu-) Entdeckung, teils in abgeschwachter oder ver- 



Der neurotisAe Kanflikt 



zerrter Form; die wenigsten bedienen sich des von Freud angegebenen 
Verfabrens der psychoanalytischen Technik, urn sich von dex Richtig- 
keit seiner Lehre zu uberzeugen. 

Wir haben die Stellun guanine der Gegner der Psychoanalyse nicht 
ohne Absicht aufs neue vorgebracht. Da wir namlich daiangehen, die 
uberragende Rolle nachzuweisen, die die Impotenz des Marines und die 
Frigiditat der Frau in der Neurose spielen, kommen wir auf den Versuch 
Freuds zuriick, die affektive Ablehnung seiner Neurosenlehre dadurch 
zu mildern, dafl er wiederholt eindringlichst betonte, sein Begriff der 
Sexualitat sei weiter als der sonst iibliche; dafl „ genital" mid „ sexual" 
nicht dasselbe bedeuten, sonst konnten Perversion en wie die Koprophagie 
and deT Fetischisraus nicht Sexual erkrankungen genannt werden. 1 Er wies 
nach, dafi neben der genitalen Sexualitat Tendenzen bestehen, die mit 
der Genitalzone nichts zu tun haben (pragenitale Partialtriebe), deren 
Ziel ist t durch Reizung gewisser „erogener Zonen" (Mund, After, Haut usw.) 
befriedigt zu werden* und die als sexuell schon deshalb zu bezeichnen 
sind, well sie in den „Vorlustakten beim normal en Geschlechtsverkehr 
eine wichtige Rolle spielen und, sofern sie sich dem genitalen Prim at 
nicht unterordnen, als Perversion en Anspruch auf ausschlieBliche Sexual- 
befriedigung erheben. Die Betonung des Unterschiedes der BegrifEe „genita!* 
und ^sexual klingt in den Freudschen Schriften manchmal wie eine 
Beruhigung iiber die Folgen seiner Entdeckung; sie blieb ohne Erfolg, 
denn seine Lehre von der Sauglingssexualitat und der Analerotik begegnete 
nicht geringeren und nicht weniger atTektiven Widerstanden, 

Auf Grund dieser Erweiterung des Begriffes der Sexualitat kam Freud 
zum Schlusse, dafl fceine Neurose ohne den Sexualkonflikt* entstehen 
konne, d* h. dafl nicht iromer nur genitale Antriebe sondern auch die 
pragenitalen Partialtriebe als Symptome zum Vorschein kommen konnen. 

i) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie {Ges* Schriften, Bd. V)* 
%) Kronfeld, der am wenigsten hurter den Fortschritten der Psychoanalyse zu* 
ruckgeblieben ist und ihr groBes VeTStandnis entgeg erg ebr adit hat Y nimmt in seiner 

M Sextialpathologie tf den Standpunkt ein, daB nicht jede Neurose auf dem Sexual- 
konflikt aufg-ebaut sei, der nach Freud emeu unerlaE lichen Bestandteil des neu- 
rotischen Mechanismus ausmacht, und bespricht eine Ton ihm so benannte Gruppe 
dor „5exualn euros en" ? womit impHzite gesagt ist, dafi es Nemroscn gibt, die nicht 
sexuell bedingt sind. Den Nachweis soldier Neurosen ist er una schuldig geblieben. 
Bagegen fin det man unter aeinen „Sejniali] euro sen" alle bekannten und in der 
Freudschen Neurosenlehre einbezogenen Neurosenformen. 



i 4 Die FunJttion des Orgasmus 

Damit war nur gemeint, daB die einzelnen neurotischen Symptome 
unmittelbar durch Verdrangung irgendeines Partialtriebes entstehen 
und seiner larvierten Befriedigung dienen; so wirkt zum Beispiel ver- 
drangte Analitat unmittelbar bei der nervbsen Obstipation, die Oralerotik 
beim hysterischen Erbrechen, die Genitalitat beim arc de cercle^ der 
Sadismus bei manchen Zwangshandlungen -and zwangsneurotischen Ver- 
meidungsmafiregeln; ein aktueller Konflikt karm bei entsprechender Dis- 
position atif jedem beliebigen Gebiete eine Neurose auslosen. Wir wollen 
nun nachweisen, daB sexuelle Konflikte im engeren Sinne, Hemmungen, 
Verdrangungen und Zersplitterungen der genital en Tendenzen zwar 
nicht immer unmittelbar das neurotische Symptom und den neurotischen 
Konilikt verursachen, aber doch regelmaBig eine wichtige dyna- 
mische Kolle bei der Herstellung der neurotischen Reaktions- 
basis spiel en, auf der sich der neurotische Konflikt aufbaut; ferner, 
daB ibre Beseitigung zufolge ihrer Beziehungen zum kontinuierlichen 
neurotischen Prozefl bei der psycho analytischen Therapie der Neurosen, 
worunter wir in erster Lime Beeinflussung der neurotischen Reaktions- 
basis verstehen, eine entscheidende Rolle spielt, 

Als ersten Beweis fur die Richtigkeit dieser An&icht bringen wir die 
Tatsache vor, daJ3 es keine Neurose ohne Storungen der Genital- 
funk t ion gibt. Die zwei folgenden Statistiken zeigen, da 13 diese Storungen 
in den allermeisten Fallen nicht etwa subtil er Natur sind t wie sie auch 
beim relativ gesundesten Menschen vorkomraen, sondern element are 
Funktionen der Kohabitation und die psychogenitale Einstellung im all- 
gemeinen ^etreffen. Am haufigsten findet man Sexualscheu und neu- 
rotische Abstinenz, ferner alle in der sexuologischen Literatur bekannten 
Formen der erektiven Impotenz (vollkommene* partielle und fakultative 
Erektionsunfahigkeit), der Storungen der Ejakulation (ejaculatio praecox 
oder ante portas und impotentia ejaculandi) und der Frigiditat (totale 
Sexualkalte, vaginale An- und Hypasthesie, Vaginismus usw.), Dabei 
zeigt es sich, daB die Schwere der Potenzstorung der Schwere der NeuTOse 
analog ist und daB auch monosymptornatische Neurosen mit schweren 
Storungen der Genitalfunktion einhergehen, Das gleiche F gilt fur sym- 
ptomlose Charakterneurosen. Es ist bezeichnend, daB man unter Kranken, 
die unter den Erscheinungen des Klimakteriums schwer zu leiden haben, 
keinen findet, der iiber ein geordnetes Sexualleben aus der Zeit vor dem 



Der netirotisie Konflikt 



Klimakterium zu berichten wiifite. Am Schlusse dieser tfbersicht seien 
noch die Falle von Suchtigkeit und alien anderen Arten von Triebhaftig- 
keit genannt, deren Genhalitat stets grob gestort ist. 

Die erste Statistik umfaBt 338 Falle, die das Wiener Psychoanalytische 
AnibuJatorium im Verlaufe eines Jahres (November 1923 bis November 
1924) aufgesucht batten. 1 

JJurch einfache Anamnese erhobene Befunde 

Fim 166 mannlichen PatienUn sind; Von pi urtiblichtn Patienten sind; 

angehlich potent *7 olme vagWe An^Hvp-jAstKesie . . o 

aagebltch *rar impotent 18 ungeblich nur frigid 6 

neurotisch und abstinent Sg neurotisch und abstinent 37 

neurotisch und erektiv impotent • . 27 neurotisch und frigid 37 

neurotisch rait ejaculatio praecox . ♦ 14 neurotisch wegen aktueller Ehe- 

pervers und erektiv impotent , , . . 9 konflikte nnd frigid 12 

kliraakterisch 5 klimaXterisch O 

aktualneurotisch erhrankt bei coitus 
interruptus ...♦.♦... 7 

Bei den rest lichen 36 Mannern und 45 Frauen liegt kein anamnesti- 
scher Befund iiber die Genitalfunktion vor. Zum groflen Teil handelt 
es sich urn Falle, die man wegen ihrer Scheu in der ersten Aussprache 
nicht danach fragen konnte. Nur unter den mannlichen Patienten sind 1 7, 
die angaben, potent zu sein. Die meisten solcher Kranken erweisen 
sich, wenn sie in die Analyse kommen, als mehr oder minder erektiv 
impotent; die tatsachlich erektiv Potenten rekxutieren sich gewohnlich 
aus Erythrophoben, Zwangscharahteren und anderen narzifitisch-sadisti- 
schen Charakteren. 

Die zweite Statistik umfaflt die von mir analytisch behandelten Falle. 

Von 41 mannlichen Patienten sind; 

hysterisch und abstinent mit erefctiver Potenz 4 

zwangsneurotiscli und ah a t in en t infolge askctischer Ideologie ,6 

hysterisch mit stark herabgesetztei erektiv er Pot en 2 . . . ♦ - . . 1 

zwangsneurotisch mit erektiver Impotenz . . . . 1 

1) Berrn Dr. E. Hitschm&nn, dem Leiter des Ambulatoriums, bin ich fur 
das Material, das er mir in liebenswurdiger Weise zur Verrugmig gestellt hat, 

ru groDem Dank verpflichtet. 






io Die Funktion des Orgasmus 

hysterisch mit ejaculatio pr&ecox 2 

ltypockondrisch-iieurastkeixisch mit genitaler Asthenic (ejaculatio praecox 
ante portas ohne Erektion) ...,...,,.««...,. ♦ . • « < ♦ ... 4 

erythrophob und wegen Impotenzangst abstinent 5 

moral insane (Hochstapelei und Suchtigkeit) mit ejaculatio praecox ... 2 

kleptoman mit erektiver Impotent 1 

neurastbenisch mit ejaculativer Lmpotenz .♦..,,..,.,.,,.,.*, 1 
nor impotent bei n euro ti sen em Charakter .,..,..,,.«, ..,.,.. 4 

postencephalitiscb nnd erektiv impotent seit der Grippe . * , x 

homosexuell imd pervers mit erektiver Impotent beim Weibe ♦ ,«..*. 3 

triebhafter Cbarakter mit erektiver Impotent 1 

gesund ohne Potent atoning .,..,«,«..«. .♦...! 

erektiv potent und narziBtiscb bomosexuell, beim Akte unbefriedigt , 1 

„ „ Zwangscharakter, beim Akte unbefriedigt 4 

„ n mit Satyriasis, beim Akte nnbefriedigt 1 

Van J I weiblichen Patienten sind: 

hysterisch und wegen Sexualangst abstinent • ♦ 7 

zwangsneurotisch, sexual-ablehnend und abstinent , . 4 

hysterisch mit vaginaler Anasthesie , . . . . 9 

zwang sneurotisch und frigid . . , . * * . » ♦ 5 

cydothym mit chronischer hypo ebon drischer Neurasthenic, sexualscheu . 1 
triethafte Charaktere, frigid, beziehungsweise vag-inal anasthetisch . , . . 5 
Nymphomanie mit masochistischer Perversion nnd vaginaler Anasthesie 
beim Akt ..,..♦.♦....♦.«,,♦.*,«.«,«...,...... 1 

Spatepilepsie, frigid , 1 

Hysteroepilepsie mit vaginaler Anesthesia 1 

Paranoia, frigid 1 

ohne Storungen der Genitalfunktion . « . . ♦ .,«..*♦.« ♦ ♦,,,.♦. o 

Diese Befunde sprechen fiir sich, 

Stekels Angabe t da6 er unter seinen Patientinnen funfzig Prozent 
Frigiditat fand, kann sich rjpr auf die vollige Sexualkalte beziehen. In 
dkonomischer Hinsicht — und welche andere Betrachtung der Impotenz 
hatte praktischen Wert? — ist es gleichgultig, ob eine Frau mehr oder 
weniger sexTiell empfindet oder ein Mann erektiv potent ist oder nicht; 
vjichtig ist nux, ob der Orgasmus gestort ist. 

Die Fieudsche Lehre ron der Phantasietatigkeit des neurotischen 
Menschen l&Bt das regelmafiige Zusammentreffen von Nenrose und Im~ 
potenz als selbstverstandlich erscheinen. Das Interesse an der Phantasie- 
welt t die der neurotische Mensch sich geschaffen bat, beeintrachtigt seine 






Reaiitaisfunktion, die erotische und die soziale Leistungsialiigkeit Die 
Phantasiewelt wurde aufgebaut und mit anhaltendem Interesse besetzt, 
weil die reale Welt den Anspriichen des Lustprinzips nicht geniigen 
kemnte und gewisse erotische und egaistische Anspriiche auf die uniiber- 
windlichen Schranken sozialer und kultureller Normen stiefien, die weder 
iiberwunden noch akzeptiert werden konnten. In der Phantasie hingegen 
konnen alle Wiinsche als erfiillt dargesteUt werden. Regressiv werden 
nun typischerweisc die Wiinsche aiis der Zeit bevorzugt, in der das Kind 
seine ersten starken erotischen Lateressen den Person en seiner nachsten 
Umgebung, den Eltern, alteren Geschwistern, Ammen, Dienstmadchen usw. 
zuwendete. Die sexuelle Phantasie und der Drang zur motorischen Ab- 
fuhr der von ihr erzeugten Spannung fuhren regelmatiig zur onanistischen 
Betatigung. So wild die Masturbation der Kristallisationspunkt aller Sexual- 
bestrebungen. Dafl jeder Neurotiker einen groflen, und zwar den wich- 
tigsten Teil seiner libidinosen Inter essen real en Objekten entzieht und 
seinen Phantasiegestalten zuwendet, das allein bedingt bereits eine im 
Verbaltnis zum Realitatstuchtigen geringere Potenz im engeren und 
weiteren Sinne* Geringere Potenz oder geringeres Interesse an den Be- 
friedigungsmbglichkeiten, die in der Realitat den sexuellen Tendenzen 
offenstehen, bedeutet aber noch nicht Xmpotenz, Kann eine Neurose auf 
sexuellen Triebkraften aufgebaut werden, die auflerhalb der Genitalsphare 
Uegen. ohne dafl die Genitalfnnktion beeintrachtigt wurde? Der Kranke 
ware dann genitallibidinos befriedigt und hatte daneben unbefriedigte 
pragenitale Wtrasche, die neurotbche Ersatzbefriedigungen suchen. Die 
Frfahrung lehrt aber, dafl die unbefriedigten und unsnblimierten libi- 
dinosen Anspriiche, da sie sich in das Gesamtstreben nicht einftigen lassen, 
mit der Zeit immer mehr Interesse an sich ziehen und dadurch die Ein- 
heitlichkeit des sexuellen Erlebens storen; auch sonst kann nichts mehr voll 
erlebt werden* Das mag die sozialen Leistungen zunachst wenig beein- 
trachtigen, weil die meisten von ihnen dem personlichen Erleben fern- 
stehen. Im Bereiche des sexuellen Erlebens, dessen Hohepunkt psychisch 
und physisch der Orgasmus ist, bedarf] es hingegen der Fahigkeit zur - 
Vereinheitlichung der sexuellen und der kulturellen Strebungen* Davon 
hangt die okonomische Zweckdienlichkeit des Orgasmus ab« 



Reich: Die Punktiou des Orgasmus 



II 

Die orgastisdie Potenz 

Unter der orgastischen Potenz werden wir die Fahigkeit ernes Menschen 
verstehen, zu einer Befriedigung zu gelangen, die der jeweiligen 
Libidostauung adaquat ist; fenier die Fahigkeit* weit haufiger zu 
dieser Befriedigung gelangen zu konnen, als den Storungen der 
Genitalitat unterworfen zu sein, die auch beim ielativ Gesiindesten 
den Orgasmus gelegentlich storen. Die orgastische Potenz kommt unter 
gewissen Bedingungen zustande, die man nur "beim genuB- und leistungs- 
fahigen Menschen antrifft; beim neurotischen Menschen fehlen sie oder 
sind nui mangel haft gegeben. 

Lafit sich ein Typus der orgastischen Potenz beschreiben, trotz der 
Verschiedenheiten der individuellen SexualbediirfirisEe? Es konnte der 
Einwand erhoben werden, daj3 wir einen Idealtypus beschreiben, der in 
Wirklichkeit auch nicht annahernd vertreten sei. Wir bestieiten das; wir 
meinen vielmehr einen durchaiis realen Tatbestand. Ich danke einigen 
Kollegen warmstens dafur, daB sie mir eine phanomenologische Beschrei- 
bung ihres Sexualerlebens gaben, die es mir ermoglichte, einige Kriterien 
der orgastischen Potenz aufzustellen i fehlen sie, so kann man die orgastische 
Impotem unabhkngig von den meist irrefuhrenden Angaben der Kranken 
mit geniigender Sicherheit nach Grad und Qua]itat,diagnostizieren. 

Von klinischer Seite wird die Aufstellung eines Typus der orgasti- 
schexi Potenz daduxch gestiitzt, dafl sich nach der Beseitigung der Potenz- 
storung die Kurve des orgastischen Lusterlebens automatisch der von uns 
bescbriebenen Kurve der orgastischen Potenz mehr oder weniger an- 
gleicht/ 

1) Zur Icichterert Ubersicht wollen wir die Storungen d*e Orgasmus durch 
Kwven darstellen. 



Die orgastic me Potenr 



Wir beginnen mit der Darstellung der Fortschritte, die ein Patient, 
der unter anderem an ejaculatio praecox und exzessiver Masturbation 
litt. wahrend der Analyse machte. 

Er onanierte seit dem achten Lebensjahre taglich ein- bis dreimal ohne 

Schuldgefuhl oder bewuBte Angst, sich dadurch zu minieren, Er pflegte 

eewdhnlich schon beim Nachtmahl oder wenn er zu Bette ging, ohne im 

geringsten erregt zu sein, daran zu denken, daB er onanieren musse. Wenn 

er im Bette zu lesen begann, nahm er sich vor, in einer halben Stunde 

zu onanieren. Das Glied war im Beghme der Onanie schlaff und wurde 

durch manuelle Reizung erigiert. Dabei dachte er nach, wem er die Onanie 

heute „widmen" sollte; es ware wie eine M Messe gewesen, die er far jemand 

lesen muBte". Die Erregung stellte sich dann dnrch irgendeine Phantasie 

ein und steigerte sich stetig, Seine Gedanken schweiften auf Nebensachlich.es 

ah, er dachte an sein Ge- 

schaft. an scheinbar banale Figur 1 : 

Begebenheiten des Tages usw. Ablauf <Ur Errtgung bei der OrnmU 

Die Erregung verging, wenn 

er abschweifte, und stellte sich 

wieder ein, sobald er neuer- 

lich zu phantasieren begann. 

Das wiederholte sich einige 

Male und dauerte im ganzen 

durchschnittlieh bis zu einer 

halben Stunde. Schliefllich 

erreichte er die Akme, die 

somatischeErschutberung war 

stark und die Befriedigung 

brachte ihn in den Zustand 

der Unerregtheit zuruck, in dem er sich knapp vor der Onanie befunden 

hatte. Auf mein Ersuchen, mir den Verlauf der Erregung graphifich dar- 

zustellen, zeichnete er die oben wiedergegebene Kurve (Figur 1). 

Bereits vor seiner Erkrankung an der Neurose (Erythrophobie) litt er 
an ejaculatio praecox, die sich s either bedeutend verschlimmert hatte, und 
war nur bei einer verheirateten Frau relativ potent, die bestimmte Liebes- 
bedingungen erfiillte. Der Koitus pflegte ungefahr eine halbe Minute zu dauern; 
die Vorlustakte wurden sehr verlangert; der Koitus endete mit starkerer Be- 
rriediguiig als die Onanie, besonders dann, wenn die Frau mit ihm zugleich 
zum Orgasmus gel angle, Nachher blieb im Gegensatz zur Onanie ein Gefuhl 
seelischen Begliicktseins zuriick; nach dem Verkehr mit anderen Frauen, bei 
dem die Ejakulation immer kurz nach der Xnumssio erfolgte, empfand er nur 
Ekel und Abscheu. Die Kurve 2 stellt den Ablauf des Orgasmus bei der ge 
Hebten Frau, die Kurve 5 die Erregung bei der ejaculatio praecox dar* 




a Unerregtheit; U unwiUkurliche Unterbrechung 

der Phantn s i c ar b e i t ; E willkurli ches Wi d er eins e ti en 

der Phantasie und dt\r Erregung; A Akme ; S Sink en 

der Erregung 




Die Funktion des Orgasmus 




Figur 2 : Zur Zeit, als er in die 

Gcschleehtsakt nrft fohdtativer PoUnx Analyse kam, verk&hlte 

er rait wenig zensurierten 
homosexuellen Fhantasien 
und guter erektiver Potenz 
inter femora oder ad nates. 
Dieses Verhaiten begrun- 
dete er damit, daB er 
die Frau nioht schwangern 
wolle. In Tranmen war 
aber die Angst vor dem 
Eindringen in die Scheide 
so ausgesprockeiij dafi ich 
ihm klarmachen konnte, 
seine Begrundung sei nichts 
als eine leere Rationali- 
sierung* Er wollte mir be- 
weisenj daB ich unrecht 
hatte, und beim nachsten 
Koitus versuch „explodierte 
es% noch ehe er die Koitus- 
lage eingenommen hatte. 
Die Analyse von Tranmen , 
die diesem Fiasko folgten, 
ergab, dafl er sich vor 
einem gefahrHchen tt Ding w 
fiirchtete, das er in der 
Scheide vermutete. Spater 
dentete er seine ejaodatio 
praecox selbst als Ausdruck der Angst, zu lange in „der Hohle des Lowen 
zu verweilen". 

Als die Angst und einige wichtige, bi&her unbewudt gewesene Inhalte 
bewuflt wurden, fuhrte er einen Koitus aus, Wie er sagte, hatte er solche 
Befriedigung noch nie erlebt, Er widmete den Vorlustakten bedentend 
weniger Zeit als friiher, weil die Koitusangst geringer Avar. Der Koitus 
selbst dauerte nach seiner Angabe ungefahr dreimal so lang (airka einein- 
halb bis zwei Minuten) als der mit der geliebten Frau vor seiner Erkrankung* 
Die Erregung war zuerst langsam, dann immer rascher angestiegen j er hatte 
znm erst en Male wahrend des Aktes nicht phantasiert und war nachher 
im ganzen Korper angenehtn miide gewesen, ohne jene schwere Miidigkeit 
„im Kopf allein verspiirt zu haben wie nach der Onanie oder nach einem 
Akte mit ejaculatio praecox. Dem Verlauf der Erregung entspricht die 
Kurve in Figur 4, 



a Unerregtheit; Fprotrahierte Vorluat; Jlmmissio ; 

A Akme; p.E. Rest psychischer Erregtuig; Dauer 

von der Immissio an gerecknet ca, Vi Minute 



Figur 3: 
Kurve der ejaculatio praecox 



€B 



v- 




.... Vergleichslinie ; OE tJhererregtliBrt ; V pro- 

trahierte Vorlust; J Immissio und flache Akme; 

U nacktragliche heftige Unluat 



Die orgastisdie Potenx 



Einige M on ate nach Abschlufl der Analyse teilte er mir unter an- 
derem mit, daJ3 er sich vollig potent und befriedigt fiihle; der Akt 
dauere etwa funf Minuten, er phantasiere dabei nicht und fiihle sich 
nachher nicht „6de . 

Beim Vergleich der Kurven sehen wir, daB die zweite Kurve im 
aufsteigenden Schenkel kiirzer ist ah die vierte. Das grofle Vertrauen i 
das der Patient zur geliebten Frau hatte, und bestimmte Liebesbediii- 
gun gen ermoglichten zwaT die erektive Potenz und eine relativ grofle 
Befriedigung, doch be- 



Fignr 4: 
Kurve des Errtgungsablaufes ntuch der Analyse der Angst 

A 




FVorlustakte (kuner); JImmissio; I langsameres 

Ansteigen der Erregung; II ateiler Anstieg iur 

Akme (A)\ III steiler AMall der Erregxuig mit 

sanftem Verebben; Dauer oa< 2 Minuten 



dingte die Koitusangst die 
Verlangerung der Vorlust- 
akte und eine betrachtliche 
Verkiirzung der Fiiktions- 
zeit, Sie verlangerte sich 
vim das Dreifache, sen on 
als die Koitusangt bewufit 
wurde. Bei der ejaculatio 
praecox feblte die Friktions- 
zeit fast vbllig, der Orgas- 
mus war niedrig und lang- 
gestreckt ; die geringen Lust- 
empfindungen wurden von 
intend ven Unlustgefuhlen 
begleitet, was beim relativ angstfreien Geschlechtsakt nicht der Fall war* 

Die Intensitat der Endlust im Orgasmus ist also (beim angst-> 
unlust- und pbantasiefreieu Geschlechtsakt) direkt proportional der 
Grofle der anf das Genitale konzentrierten Sexualspannung, 
d, h. sie ist um so intensiver, je grofler und steiler das „Gefalle der 
Erregung ist. 

Die folgende phanomenologische Beschreibung des befriedigenden 
Gescblechtsaktes betrifft nur den Ablauf einiger typischer Phaseu und 
Verhaitungsweisen. Eine Beschreibung der Physiologie des Geschlechts- 
aktes criibrigt sich mit Riicksicht auf die zahlreichen und guten Dar- 
stellungen, die man in der Literatur findet. Wir beriicksichtigen auch 
die Vorlustakte nicht, die von den verscbiedenen individuellen Bediirf- 
nissen bestial mt werden und keine Gesetzmafiigkeit aufweisen. Die Er- 




Die Funktion des Orgasmus 



regungsvorgange am vasovegetativen System werden, soweit sie phano- 
menologisch zu erfassen sind, im IV* Kapitel behandelt werden, 

I) Phase der wiUkiirlichen Beherrschung der Reizsteigerung, 

1) Die Erektion ist nicht schmerzhaft, sondern an rich lustvoll, 

ohne daB das Genitale iibereixegt ware* Das Genitale der Frau wird 

hyperamisch und durch reichliche Sekretion der genitalen 

Drusen schlupfrig. Bei der Immusio kann die Klitoris die leitende 

Zone sein, aber bei der 

Fl £ ur 5: orgastisch potenten Frau 

DU tfpisctun JPW*n to Gmhltchttekm mt ergasuschtr ^bermittelt sie unmittelbar 

Potenz hei beiden GeSchlechtern . .. _ 

darnach lhre Erregung 
der Schleimhaut der 
Vagina, ohne nut ihr zu 
konkurrieren. Ein wichti- 
ges Kennzeichen der orga- 
stischen Potenx des Mamies 
istderpsychomotorische 
Drang zumEindringen. 
Es konnen namlich Erek- 
tionen auch auf blofi sensible 
Reize zustande kommen, 
ohne diesen Dtang zu er- 
zeugen; das ist z. B. bei 
manchen erektiv potenten 
narzifitischen Charaktereu 
der Fall. 

a) Der Mann ist zartlich aggressiv, AJs pathologische Abweichungen 
von diesem Verhalten sind anzusehen: iibertriebene Aggtessivltat, die 
sadistischen Impulsen entstammt, wie bei manchen Zwangsneurotikem 
mit exektiver Potenz; die Inaktivitat des passiv-femininen Charakters; 
beim ^onanistischen Koitus* mit einem ungeliebten Objekt fehlt die 
Zartlichkeit* Die Frau ist passiver ais der Mann, ohne jedoch vollig 
inaktiv zu sein. (Extreme Inaktivitat z, B, infolge masochistischer Ver- 
gewaltigungsphantasien t) 

3) Die Lust, die sich wahrend der Vorlustakte auf ungefahr gleichem 
Niveau gehalten hat, steigert sich bei Mann und Frau in gleicher Weise 




rVorlustj JImmissio; I Ehase der willkitrlichen 

Beherrschung der Heiis teller ung mid der noch 
luiflchadlichen Protrahiemng; }} (6 a — d) Phase 
der unwiUkiirlichen Muskelk on trakti on en mid der 
antomatischen Reizsteigeriuig; III (7) plotslicher 
und atelier Anstieg zur Akme \A)\ IF (8) Orgasmns; 
F{$ — 3lo) steilesSinken derErregung;EErmattimg; 
Dauer ca* 5—20 Minuten 



Die orgastisJie Poteixz 









albtzlich bei rter immissio. Das Gefuhl des Mannes, „hineingezogen* zu 
werden, entspricht dem der Fran, dafi sie das Giied „einsauge^ 

4.) Der Drang des Mannes, recht tief einzudringen, steigert sich t ohne 

iedoch die Form sadistischen „Durchbohrenwollens" anzunehmen wie 
bei zwangsneurotischen Charakteren. Die Erregung konzentriert sich 
durch die beiderseitige, spontane und nicht angestrengte Frik- 
tion auf die Penisoberflache und Glans, beziehungsweise die hin- 
teren Teile der Scheidenschleimhaut* Die charakteristische Emp- 
findang, die das Vordringen des Samens ankiindigt und dann begleitet, 
fehlt uoch vollkommen (im Gegensatz zur ejaculatio praecox). Der 
Korper ist noch weniger erregt als das Genitale, Das Bewufltsein ist 
vollig auf die Perception der Lustempfindungen eingestellt ; das Ich 
ist dabei insofern aktiv beteiligt* als es versucht, alle Lustmoglichkeiten 
auszuschbpfen und eine recht hohe Spannung zu erzielen, ehe der Or- 
gasmus einsetzt. Das geschieht selbstverstandlich nicht mittels vollbewufiter 
(Jberlegungen, son der n automatisch auf Grand der vorangegangenen Er- 
fahrungen indiriduell verschieden, durch Abanderung der Lage f der Art 
der Friktion, ihres Rhythmus usw. Nach ubereinstimmenden Mitteilungen 
potenter Manner und Frauen sind die Lustempfmdungen urn so starker, 
je langsamer und Under die Friktionen und je besser sie anfeinander 
abgestimmt sind, Das setzt auch ein hohes Ma0 an Fahigkeit voraus, 
sich mit dem Partner zu identifizieren, Als pathologische Gegenstiicke 
dazu fin den sich der Drang zu heftigen Friktionen mit teilweiser Penis- 
anasthesie bei sadistischen zwangsneurotischen Charakteren, die an impo- 
tenda ejaculandi leiden, und die nervose Hast der an ejaculatio praecox 
Lei den den. Erkundigungen ergaben, daB orgastisch potente Menschen 
wabrend des Geschlechtsaktes niemals lachen und — zartliche Worte 
ausgenommen — nicht sprechen. Bei des, Sprechen und Lachen, deutet 
auf schwere Storungen des Vermogens zur Hingabe hin, die ungeteilte 
Zu wen dung zur Lustemphndung voraussetzt. 

5) In dieser Phase ist die Unterbrechung der Friktion teils an sich 
lustvoll wegen der besonderen Lustempfindungen, die sich in der Ruhe 
einstellen, und ohne seelischen Auf wand durchzufuhren, teils wird da- 
durch der Koitus verlfingert, indent in der Ruhe die Erregung wieder 
ein wenig sinkt, ohne jedoch, wie in pathologischen Fallen, ganz zu 
vergehen, Auch das Unterbrechen des Geschlechtsaktes durch Retraktion 



s 4 Die Function des Orgasmus 

des Membrum ist Jetzt noch gar nicht unlustbetont, sofora es nach einer 
Buhepause geschieht. Bei fortgesetzter Friktion steigert sich die Erregung 
stetig iiber das Niveau vor der Unterbrechung hinaus wid erfaflt all- 
mahlich immer mehr und mehr den ganzen Korper, wahrend das 
Genitale selbst mehr oder weuiger gleichmaflig erxegt bleibt, SchlieSlich 
setzt infolge neuerlicher, gewohnlich plotzlicher Steigerung der genitalen 
Erregung die 

II) Phase der unwillkurlichen Muskelkontraktionen ein. 

6) In dieser 1st die willkiirliche Beherrschung des Ablaufs der Er- 
regung nicht mehr moglich. Sie zeigt folgende Eigentumlichkeiten: 

a) Die Steigerung der Erregung kann nicht mehr reguliert werden; 
sie beherrscht vielmehr die gesamte Personlichkeit und bedingt Puls- 
beschleunigung und frequentes Atmen. 

b) Die kbrpexliche Erregung konzentriert sich wieder mehr auf das 
Genitale, ohne daB die des Korpers dadurch geringer wurdej es setzt 
eirj Empfinden ein, das man am besten als Ab Strom en der Erregung 
auf das Genitale beschreiben kann. 

c) Diese Erregung bedingt 2unachst reflektorische Kontraktionen 
der gesamten Genital- und Beckenbodenmuskulatur, Sie laufen wellen- 
fdrmig ab: die Wellenberge fallen mit dem volligen Eindringen des 
Gliedes, die Wellentaler mit der Retraktion zusammen. Sob aid aber 
die Retraktion eine gewisse Grenze iiberschreitet, setzen sofort 
krampfartige Kontraktionen ein, die den SamenerguB be- 
schleunigen, Beim Weibe kontrahiert sich in diesem Falle iiberdies 
die glatte Muskulatar der Scheide (Saugende Tatigkeit der Scheide nach 
H. Deutsch). 

d) In diesem Stadium ist die Unterbrechung des Aktes fur Mann und 
Weib absolut unlustvoll: Die Muskelkontraktionen, die den Orgasmus 
sowie die Ejakulation beim Marine vermitteln, laufen anstatt rhythmisch 
krampfhaft ab; das bereitet heftigste Unlust und gelegentiich auch 
Schmerzempfindurigen am Beckenboden und im Kreuz ; iiberdies erfolgt 
die Ejakulation infolge des Krampfes friiher als bei ungestorter Rhythmik. 

Die willkiirliche Verlangerung der ersten Phase des Geschlechtsaktes 
(eins bis fiuif) bis zu einem gewissen Grade ist unschadlich und wirkt 
eher luststeigernd; dagegen ist das Unterhrechen oder willkiirliche Ab- 
andern des Ablaufs der Erregung in der zweiten Phase schadlich, weil 



Die orgastisdie Potenz 



rsie bereits reflektorisch erfolgt und weil das Nervensystem selbst irritiert 
wird, Dariiber wird im klinischen Teile (Neurasthenie, Schadigung durch 
coitus interruptus) noch zu sprechen sein. 
7) Durch weitere Verstarkung der unwillkiirlichen Muskelkontraktionen 
und durch die Erhohung ihrer Frequenz steigt die Erregung rasch 
und steil 2UT Akme an (Ell bis A in der Kurve); diese fallt normaler- 
weise mit der ersten samenfordernden Muskelkontraktion zusammen; 
jetzt setzt 
8) eine mehr oder weniger staxke Trubung des BewuBtseins ein; 
die Friktionen verstarken sich spontan, nachdem sie im Augenblick der 

i^spitzen* Akme kurz ausgesetzt hatten und der Drang j,ganz* einzu- 
dringen 1 wird mit jeder samenfordernden Muskelkontraktion intensiver. 
Bei der Frau laufen die Muskelkontraktionen in der gleichen Weise ab 
wie beim Manne; nur besteht psytihisch der Unterschied, dafl die gesunde 
Frau wahrend und knapp nach der Akme „ganz aufnehmen" will. (Uber 
die gegenseitigen Identifizierungen und weitere Unterschiede im Ver- 
halten beider Geschlechter soil an anderer Stelle noch gespxochen v^erden.) 
Im Augenblicke der Akme wuxde der A tern angehalten; jetzt wird er 
von heftigem Atmen abgelost, das sich bei der Frau gewohnlich in 
Scbveien auflost* 

9) Die orgastische Erregung teilt sich. dem ganzen Korper mit und bedingt 
lebhafte Motorik der gesamten Korpermuskulalur, Selbstbeobachtungen 
von gesunden Personen beiderlei Geschlechts wie auch die Analyse 
gevvisser Storungen des Orgasmus zeigen, dafi das, was wir die Ltisung 
der Spannung nennen und als motorische Entladung empfinden (ab- 
steigender Schenkel des Orgasmus), vorwiegend ein Erfolg des Riick- 
stromens der Erregung auf den Korper ist. Dieses Ruckstromen 
wird iiberdies als plotzliches Sinken der Spannung empfunden. 

Die Akme stellt somit den Wendepunkt vom „genitopetalen" zum 
^genitofugalen" (Ferenczi) Ablauf der Erregung dar. Nur der 
genitofugale macht die Befriedigung aus, die zweierlei bedeutet: 
Umsetzung der Erregung und Entlastung des Genitales, 

1) Dieser Antrieb, den man phono m En ologisch feststellen kami, diirfte ein 
Ausdruck der von Ferenezi angenommenen Mutterleibsregression scin, die sich 
im Koitus nach seiner Ansicht, wenigstens fur den Mann, durch das Eindringen 
des Samens psychisch real volliieht 



Die Funfetion des Otg&smus 



10) Ehe der Nullpunkt erreicht 1st, klingt die Erregung in sanfter 
Kurve aus und wird unmittelbar von angenehmer korperlicher und 
seelischer Schlaffheit abgeldst; zumeist stellt sich, auch ein stark es 
Schlafbediirfnis ein. Die sinnlichen Beziehungen sind erloschen, doch 
besteht eine „gesattigte" zaitliche Beziehung zum Partner fort, 
der sich gelegentlich das Gefuhl der Dankbarkeit hinzugeselh. 

Im Gegensatze dazu empfindet der orgastisch Impotente bleieme 
Miidigkeit, Ekel, Abscheu, Oberdrufi und gelegentlich HaB gegen die 
Frau. Bei Satyriasis und Nymphomanie ist die sexuelle Erregtheit 
nichr geschwunden. Frauen reagieren haufiger mit Schlaflosigkeit, die 
ein wesentliches Kennzeichen des Unbefriedigtseins ist. Hingegen darf 
man nicht ohne weiteres auf Befriedigtheit schliefien, wenn deT Kranke 
beriohtet, dafi er nachher sofort emschlaft, 

Cberblicken wir noch einmal die zwei Phasen des Geschlechtsaktes, 
so zeigt es sich, daB die erste uberwiegend durch das sensorische, die 
zweite durch das mo to rise he Erlebnis gekennzeiebnet ist. 



Die Ansicht ist weit verbreitet, dafi die Verspatung des Orgasmus 
beim Weibe physiologisch sei; es wurde sogar versucht, diese Tatsache 
biologisch zu erklaren* Es sollte z. B. das spatere Einsetzen des weib- 
lichen Orgasmus den biologischen Sinn haben t eine zweite Ejaculation 
beim Manne zu erzielen, damit die Befruchtung um so sicherer erfolge 
(Urbach), Nun kommt es zwar iiberaus haufig vor, dafi die Frau schwerer 
zum Orgasmus gelangt als der Mann. Man muB jedoch von den Fallen 
absehen, in denen eine (relative) Verspatung des weiblichen Orgasmus 
dadurch zustande kommt, dafi der Mann die Akme zu friih erreicht. 
Fiirbrin^er ist in Anlehnung an Lowenfelds Standard von zehn 
Minuten der Ansicht, daB der normale Akt zwischen ffinf und funfzehn 
Minuten dauert. Das entspricht auch unserer Schatzung* Man kann es 
noch nicht pathologisch heifienj wenn ein Mann durchschnittlich schon 
nach ein bis drei Minuten ejakuliert, wir werden ihn aber auch nicht 
als entsprecbend potent bezeichnen, weil wir die Erfahrung machen* daB 
solche „zum Naturell gewisser ganz gesunder Manner gehbrende verfriihte 
Ejakulation" (Furbringer) ebenfalls auf psychischen Hemmungen be- 
raht; wir erinnern an unseren Patienten, der ror der Analyse nach einer 



Die orgastisdie Potent 27 



halben Minute zu einem relativ befriedigenden Orgasmus gelangte und 
n ach dem Bewuflttverden seiner Koitusangst die Friktianszeit um mehr 
als das Doppehe vexlangerte, ttber weitere Griinde der noch nicht patho- 
loffisch zu nennenden verfruhten Ejaculation wird im Kapitel iiber , t die 
soziale Bedeutung der genital en Strebungen* 1 einiges vorgebracht werden. 

Sieht man davon ab, so bleiben genug Motive iibrig* die die Ver- 
spatung des Orgasmus bei sonst gesunden Frauen bedingen und nur der 
Frau zukommen: die doppehe Gesc hi echts moral, die dem Weibe weit 
mehr Verpflichtiing zur Serualablehnung auferlegt als dem Manne, und 
der Wunsch ein Mann m sein, der das Zustandekommen der Befriedi 
gung zwar nicht vollstandig zu verhindern braucht, wohl aber den glatten 
Ablauf der Erregung storend beeinflussen kann. Fallen auch diese 
Hemmungen weg, so unterscheidet sich der Ablauf der weiblichen 
Erregung nicht von dem der mannlichen. 1 

Der Orgasmus fallt bei beiden Geschlechtera intensiver aus t wenn 
die Hohepunkte der genitalen Erregung zusammen fallen. Das kommt 
bei Menschen, die die zartliche und sinnliche Strebung auf ein Objekt 
konzentrieren kbnnen und entsprechenden Widerhall hnden, sehr haufig 
vor und ist die Regel, wenn die liebesbeziehung we der innerlich noch 
aufierlich gestort ist. In solchen Fallen ist zujnindest die bewuflte 
Phantasietatigkeit restlos ausgeschaltet; das Ich erfaSt bloB die Lust- 
empfindungen, auf die es ungeteilt eingestellt ist. Die Fahigkeit, sich 
trotz mancher Widerspriiche mit der gesamten affektiven Person- 
lichkeit zeitweise auf das genitale Erleben einzustellen, ware 
die phanomenologische Definition der orgastischen Potenz. 

Ob auch die unbewuflte Phantasietatigkeit ruht t laUt sich nicht ohne 
weiteres entscheiden. Gewisse Anzeichen sprechen daiur, Phamasien, die 
nicht bewuflt werden diirfen, konnen nur stolen . Unter den Phantasien, 
die den Geschlechtsakt begleiten konnen, muB man diejenigen unter- 
scheiden, die im Einklang stehen mit dem realen Sexualobjekt und dem 
Sexual erleben, und die, die ihnen widersprechen. War das reale Sexual- 
objekt imstande, alle Hbidinosen Interessen wenigstens momentan an 

1] Die Frage, ob es neben der sicher vorhandenen rein somatischeji Erreghax- 
keit der Sbheide eine urspriingliche psycbiache Tendem beim Kinde gibt, die 
der spateren vaginalen Einstelhmg ztim Mume entspricht, gebort ids Kapitel iiber 
die Genitaltheorie, 



1 



it 8 Die Function des Otgasmus 

sich zu Ziehen, so eriibrigt sich auch die unbewuBte Phantasie; diese 
stent wesensgemSB im Gegensatz zum realen Erleben, weil man nur 
das phantasiert, was man teal nicht haben kann, Es gibt eine echte 
Ubertragung vom Urobjekt auf das Ersatzobjekt-. Das reale Objekt 
konnte das Objekt der Phantasie ersetzen, weil es sich in den Grund- 
ziigen mit ihm deckt, Ej-folgt hingegen die Obertragung der sexuellen 
Interessen, obgleich sich das reale Objekt mit dem phantasierten in 
den Grundeigenschaften nicht deckt, blofl auf Gxund neurotischen 
Suchens nach dem Urobjekt ohne die innere Fahigkeit zur echten tJber- 
tragung, so vermag keine Illusion das leise Geftihl der Unechtheit in 
der Beziehung zu iibertonen. Dort fehlt die Enttauschung nach dem 
Akte, hier ist sie unausweichlich ; hier hat, so diirfen wir annehmen, 
die Phantasietatigkeit wahrend des Aktes nicht geruht, sondern vielmehr 
der Erhaltung der Illusion gedient, dort verlor das Urobjekt an Interesse 
und damit auch die phantasieerzeugende Kraft; erstand es doch neu im 
realen Objekt. Bei der echten t)berrragung bleibt die tJberschatzung des 
realen Objektes weg; die Eigenschaften* die dem Urobjekt widerspiechen* 
werden richtig eingeschatzt und toleriert; bei der unechten ist die 
Idealisierung ubermaBig gro8 und die Dlusionen herrschen vor; die 
negativen Eigenschaften werden nicht wahrgenommen (verdrangt) und 
die Phantasietatigkeit darf nicht aussetzen* sonst ginge die Illusion ver- 
loren, 

Je angestrengter die Phantasie, die das reale Objekt dem Urobjekt 
angleicht, arbeiten muB T desto mehr biiflt der Sexualgenufl an Intensitat 
und sexualokonomischem Wert ein, Es kommt ganz auf die Art der 
Unstimmigkeiten an, die jedes langer dauernde Verhaltnis zwischen 
Menschen zu beglehen pflegen, oh und in welchem Ausmafie sie die 
Intensitat des Sexualerlebens herabsetzen. Die Herabsetzung wird urn so 
eher zu einer pathogenen Storung, je starker die Fixierung an das Ur- 
ohjekt und die Unfahigkeit zur echten tJbertragung ist, je grofier ferner 
dei Energieaufwand ist, dessen es bedarf, urn die Ablehnung des realen 
Obiektes zu iiberwinden. Damit kommen wir zu den neurotischen Sto- 
rungen der orgastischen Potenz. 






in 

Die psycniscnen otorungen des Orgasmus 

Im Gegensatze xu den Storungen der erektiven und ejakulativen Potenz 
sind die Storungen der w Endlust w (Freud) oder „Detumeszenz" (Moll) 
beim Manne wenig beachtet warden* Beim Weibe werden die weniger leicht 
unterscheidbaren Storungen der Geschlechtsfunktion unter dem Begriffe der 
w I>yspareunie tf zusammengefaBt. Dazu gehort auch die vaginale An- und Hyp- 
asthesie. Nun findet man auch bei Brauen isolierte Storungen der Funktion 
des Orgasmus bei ungestorter Funktion der vorbereitenden physiologischen 
Ablaufe. Wertvolle Beitrage vom gynakologischen Standpunkt zum Ver- 
standnis der Storungen des Orgasmus beim Weibe und ihrer Bedeutung fur 
die Entstehung organischer Krankheiten am weiblichen Sexualapparat findet 
man bei Kehrer* 1 Stekels Untersuchungen iiber „die Geschlechtskalte 
der Fran" und „die Impotenz des Mannes* 2 bringen eine Fulle wertvollen, 
aber nicht entsprechend ausgewerteten Materials; ohne die Beriicksichti- 
gung und gebiihrende Einschatzung der kindlichen Sexualitat, die nur 
mit der Freudschen Technik erschlossen werden kann, laflt sich eben 
kein grundlegendes Verstandnis erzielen. Das gilt auch fur die im ubrigen 
sehr wertvollen Beitrage in der sexuologischen Literature In der engeren 

i) Ursacfcen und Behandlung der Unfruehtbarkeit. Leipzig 1922. 

2) Berlin und Wien 1920 und 1921, 

3) Um eventuellen Vorwurfen, dafl die nicktpsychoanalytische Literatur iiber 
den Orgasmus ubergangen wurde, von vornherein xu begegnen, sei zur Kl&r- 
steUung vorgebraclit, dafl meines Wissens eine zusammenfassende klinische Ah~ 
handlung iiber diesen Gegenstand nicht beateht. In Marcuses wertvoLlem und 
Sonst iiberaus gcnau bearbeitetem „Handbucb der Sexualwissenschaft" hahen die 
bei den Worte „Akrtie <( und „ Orgasmus" keine eigene nesprechiuig und auch die 
verstreuten Bemerkungen in den Abscbnitten iiber dew Ge&chlechtsakt und die 
Irapotenz zeigen, wie gerijig das wissenschaftliche Inter esse fur die Punktion des 



3o 



Die Funktion des Orgaamu* 



psychoanalytischen Literatur fin den sich keine fieitrage zu unserem Problem. 
Eine gewisse Scheu, iiber den Hohepunkt des menschlichen Sexual- 
erlebens zu sprechen und bei der Befragung oder Analyse von Kranken 
in die Details — und nur diese geben uns die wichtjgen Aufschliisse — 
einzudringen, mag dafur verantwortlich sein* Die Kranken kommen von 
»elbst nie darauf zu sprechen* Als icb der Impotenz und Frigiditat als 
regelmafligen Begleiterscheinungen der Neurose bereits groBe Aufmerk- 
^amkeit zuwendete, entgingen mix aus diesem Grande die so mannig- 
faltigen Storungen des Orgasmus. tJberdies wissen die wenigsten Kranken 
daruber A uskunft zu geben^ ja, sie verstehen nicht, wonach man sie fragt, 

1m Verlaufe der Untersuchungen ergab sich die Notwendlgkeit, dem 
Begriff der Potenz auch eine okonomische Bedeutung zu geben, was 
durch die Aufstellung des Begrifies; „orgastische Potenz**, geschah/ Ich 
darf sagen, daB sich die Aufstellung und analytische Klarung des Problems 
in vollig unerwarteter Weise fmchtbar fur das .okonomische Problem 
der Neurose erwiesen hat. Dabei konnte ich mich auf die von Freud 
zum ersten Male ausgesprochene und bewiesene Ansicht stutzen, dafl 
der Neurotiker an seiner mangelhaften Befriedigung erkranke und dafl 
die somatische und psychlsche Libidostauung den Kern der Neurose aus- 
mathe, Ich habe den Nachweis zu erbringen, daft die Sexualverdrangung 
uberall dort, jwo sie nicht schon bei der Suche nach dem Sexualobjekt 
(Abstinent) oder bei den Vorlustmechanismen hemmend eingreift (erektive 
Impotenz, Anasthesie)*. die Endlust stort und dadurch den Ausgleich der 
libidinosen Erregungen rerhindert* 

Die psychischen Storungen der Endlust lassen sich deskriptiv samtlich 
als Abiveichungen vom beschriebenen Durcbschiiittstypus der orgastischen 
Potenz begreifen, Unter „orgastischer Impotenz** verstehen wir die 



Orgasmus 1st In. der alter en sexuologischen Literatur, in den Biichern Blocks, 
Havelock- Ellis', Molls, Krafft-Ebings, For els u, a, konnte ich' nichts 
nnden, das fiir wiser Thema von grundlegender Bedeutung ware* Die Arbeiten 
Urbachs (Zeitschrift fur Sexualwissenschaft, 1931, Bd. VIU) und Vaertings 

(Zeitschrift for Sexualwissenschaft, 1915, Bd- IT) behandeln das Problem des 
Orgasmus nur vom eugenischen Stajidpunkt, wie iiberhaupt die psychologische 
Betrachtung des Sexuallebens zugunsten der eugenischen und physiologischen 
vernacblasiigt wird, 

1) Reich: Die therap cutis chc Bedeutung der Genital] ibi do. Internationale 
Zeitschrift fiir Psychoanalyse XI 1925)* 



Die psyAisAen Storungen dcs Orgasmus 



■ nere Unfahigkeit, auch unter den besten aufieren Bedin- 
gen un d dauernd zu einer der jeweiligen Libidostauung 

I und den sexuellen Anspriichen adaquaten Befriedigung zuge- 
langen; da ©rgastisch impotente Menschen zumeist auch uber relativ 
er i n g er e Sublimierungsfahigkeit veriugen, kommt es zu danemden patho- 
ioeischen Libidos tauungen. Sie sind in dieser Hinsicht sogar schlechter 
daran als abstinent Lebende oder solche, die iiber keine genitale Erreg- 
harkeit verfugen, weil sie sich infolge der unmittelbaren genitalen Reize 
standig im Zustande relativ bedeutend hoherer Spaimung befinden, ohne 
den nm so noUvendigeren Ausgleich er2i el en zu kbnnen. 

Man kann, die Intaktheit der vorbereitenden Funktionen vorausgesetzt, 
unter den Stftrungen der orgastischen Potenz vier Grundformen uriter- 
scheiden : 

a) Die Herabsetzung der orgastischen Potenz: Der Orgasmus 
entspricht aus inneren Griinden nicht den libidinosen Anspriichen, so 
da0 somatische und psychische Libidostauungen verbleiben (Onanie, 
onanistischer Koitus). 

b) Die Zersplitterung des Orgasm us: Der Ablauf der Erregung 
wird wahrend des Sexualaktes unmittelbar gestort (akute Neurasthenic). 

c) Die absolute Unfahigkeit, zum Orgasmus zu gelangen 
(vaginale Anasthesie, Hypasthesie, genitale A&thenie)* 

d) Die nymphomane Sexual err egung (Nymphomanie, Satyriasis)* 

a) Die Herabsetzung der orgastischen Potenz 

Dauernd inadequate Endbefriedigung trifft man in erster Linie bei 
Menschen an, die aus inneren Griinden das richtige Sexualobjekt nicht 
fin den konnen: bei alten Onanisten, Sexualzynikern, larvierten Homo- 
sexuellen, alten Junggesellen, schizoid-introvertierten Menschen mat mangel - 
haften Objektbeziehungen ; ferner bei Mannern, die elne dauernde Spal- 
tung der genitalen Strebung in ihre zartliche und sinnliche Komponente 
aufweiscn, und solchen, die dauernd mit Prostituierten verkehren, sofern 
die Prostituierte nicht spezifisch dem Urobjekt entspricht. Nur die Herab- 
setzung der orgastischen Potenz, die sich bei Onanisten mit der Zeit ein- 
stellt, ist von klinischem Interesse* 

Bei der Onanie setzen die Anstrengungen, die Phantasie festzuhalten, 



Die Ftinlttion. des Orgasmtts 



sie zu variieren t die Lustempfindungen, die beim Koitus erlebt werden, 
zu reproduzieren, die Befriedigung dermaflen herab, daft sie die vor- 
handene Spannung nur hbchst unvollkommen zu Iftsen vermag. In dleser 
Himicht gleicht der ^onanistische Koitus* (Ferenczi) mit ungeliebten 
Objekten vollig der Onanie* Die psychischen Strebungen bleiben immer 
unbefriedigL Zur psychischen Labidostauung (ungestillten Liebessehnsucht) 
kommt eine mehr oder weniger starke sorrtatische Stauung hinzu, denn 
die Anstrengung bei der Phantasiebildung und das Unbefriedigtbleiben 
der seelischen Strebungen setzen auch die korperliche Eefriedigung herab. 
Man kann Stekel nicht beistimmen, daE die Onanie die adaauate Be* 
friedigungsart mancher Menschen sei. Die analytische Erfahrung laBt 
keinen Zweifel dariiber, dafl derjenige, der iiber das physiologische Stadium 
der Pubertatsonanie nicht hinwegkommt, an Objekte aus der Kindheit 
fixiert ist und Angst vor dem Koitus hat. Nachdem sich der Hang zur 
Onanie auf diese Weise festgesetzt hat, bedingt er sekundar immer starkere 
und umfangreichere Regressionen zu infantilen Wunschen und Objekten; 
das erfordert wieder intensivere AhwehrmaBregeln. So kommt es, da6 so 
viele Neurosen knapp nach der Pubertat ausbrechen und sich an den 
Kampfen gegen die Onanie entfalten ; wird die Onanie vollig unterdrdckt, 
so dafl auch die somatische Stauung pathogen wird, so treten in der 
Psychoneurose die aktualneurotischen Merkmale starker hervor. Abundante 
Tagtraumerei, Reizbarkeit, Verstimmungen, Unruhe, A rbeitsstbrun gen, 
Pollutionen, Schlaflosigkeit usw. sind gewohnlich die ersten Anzeichen 
der endgiiltigen Erkrankung, Suggestive Beseitigung des Schuldgefuhls 
und der Angst, sich geschadigt zu haben, vermag in manchcn Fallen 
diejenigen Symptome zu mildern, die sich aus dem Onanieschuldgefuhl 
und aus der verstarkten somatischen Libidostauung unmittelbar ergeben. 
Die psychische Libidostauung ist suggestiv nicht angreifbar und hedingt 
nach Aufhoren des suggestiven Rapports neuerliche Steigerungen des 
Schuldgefiihls, Neigung zur volligen Abstinenz und dadurch auch neuer- 
liches Anwachsen der somatischen Stauung. 

Diese Tatbestande, die sich seit den Untersuchungen Freuds und 
seiner Schule jedem vorurteilslosen Beobachter in Fiille darbieten, be- 
diirfen heute keiner detaillierten klinischen Belege mehr. Dagegen w alien 
wir einige Beispiele dafur anfuhren, wie sich die relative orgastische 
Impotenz bei erektiv potenten Neurotikern aufiert. 



Die psydusilieii otoru ngen des Orgasmus 55 

Eii> zweiunddreifligjahriger Mann suchte die Analyse wegen Befangenheits- 
stknden und Errotungsangst auf. Das Leiden be stand seit seiner zweiten 
Verheiratung. Er hing noch immer an der verstorbenen Gattln und hatte 
sum zweiten Male nur aus wirtschaftlichen Griinden geheiratet. Seine erektive 
Potenz lieB nichts zu wunschen iibrig. Bei der ersten Besprechung gab er 
an sexuell befriedigt zu sein. Schon in den ersten Analysenstunden zeigte 
es sich aber, dafl er den Akt mit der nngeliebten Gattin nur ungefahr ein- 
jnal in sechs Wochen „aus PfHcht K ausubte, dabei an seine erste Gattin 
dachte* mit der er jene verglich, und nacb dem Akte, der auch rein korperlich 
wenig befriedigte, froh war, dafl es „bereits voruber war**. 

Dieser Fall kann als Prototyp einer gToflen Gruppe von Erythro- 
phoben angesehen werden, die unbewuflt mit homosexuellen Phaxitasien 
zu kampfen haben, beim heterosexuellen Akt ihre Impotenz gut kompen- 
siei en und im ubrigen unbefriedigt bleiben. Solche Kranke haben keine 

geringere Libidostauung als diejenigen, die sich zur Abstinenz zwingen. 

Daraus ergibt sich, dafl die Kontraktionen der Genitalmusku- 
laiur bei der Ejakulation die Befriedigung nur dann vermitteln* 
wenn der psychische Reizapparat die Lustsensationen wider- 
spruchslos zu verarbeiten imstande ist. Die psychische Hemmung 
verhindert ferner sowohl die restlose Konzentration als auch den Aus- 
gleicb der am Genitale konzentrierten Erregung. 

Die gleiche Form dei orgastischen Impotent findet man bei erektiv 
potent en m an n lichen Zwangsneurosen mit anderem psychischen Hinter- 
grund. 

Ein fimfunddreifiigjahriger Mann 3 der den typischen zwangsneurotischen 
Character aufwies und an erektiver Impotenz litt, bekam nach seiner Ver- 
heiratung durch geschicktes Verhalten der Frau die Fahigkeit der Erektion, 

doch bheb die Impotenzangst bestehen und er muflte sich immer wieder 
beweisen, daB er noch potent sei: er fiihrte z. B. einige Friktionen n zur 
Ubung - aus und brach dann den Geschiechtsakt ab, Er war weder korperiich 
noch psychisch besonders erregt und wenn sich die Ejakulation einstellte, 
steigerte sich die Erregung gar nicht iiber das fruhere Niveau. 

Ein neunzehnjahriger Mann kam in die Analyse wegen Zwangsgrubelns* 
Er hatte viele Verhaltnisse und ubte coitus interruptus aus. Er pflegte selten 
mehr als einmal mit einem Madchen zu verkehren, weil er sie nachher 
noch mehr verachtete als vorher; der Akt war fur ihn namlich eine ft Ent- 
leenmg** wie die Defakation und iiberdies lag ihm besonders viel daran, 
recht viele Madchen hesessen zu haben. Auf die Befriedigung kam es ihm 
wenig an, dagegen freute er sich, wenn sich das Madchen krankte, dafl er sie 

Reich: Die Funktion dcs Orgasmus, 5 



34 



Die Funlttion des Orgasmus 



„stehen lieB ff , Wir werden uns mit dem Ersatz der genitalen Strebungen 
durch anale, sadistische und narzifttische Tendenzen* wie sie in diesetn Falle 
SO deutlich zum Ausdruck kamen, noch eingehend beschaftigen. 

Ein einundzwanzigjahriger Patient, dessen zwangsneurotischer Charakter 
sich besonders in einem qualenden Zahlzrwang auDerte, rerkehrte sehr oft 
mit guter, erektiver Potenz, doch muBte er wahrend des Aktes standig zahlen; 
der SamenerguB erfolgte rmr mit Miihe und sehr spat, ohne besonders er- 
hohtes Lustgefiihl. Nach dem Akte war er deprimiert, empfand Ekel und 
Abscheu vor der Frau und konnte nicht einschlafen. 

Diejenige Form der relativen orgastischen Impotenz, die nur geringe 
Beziehungen zut Neurose hat und vorwiegend im Charakter znm Ausdruck 
kommt, wird im Kapitel uber „die soziale Bedeutung der genitalen Stre- 
bungen" besprochen werden. 

Am Schlusse erwahnen wir noch die Storung des Orgasmus beim 
zu kurz, beziehungsweise zu lange dauernden Geschlechtsakte. Dauert 
der Akt nicht lang genug, so wird zu wenig Sexualerregung vom Korper 
auf das Genitale konzentriert, die Ejakulation erfolgt bexeits auf geringe 
Beizung hin wie beim onanist! sch en Koitus oder bei der ejaculatio praecox. 
Das heiBt, es wurde nicht die gauze irerfiigbare Libido orgastisch befriedigt, 
Wird hingegen die Vorlust verlangert und der Orgasmus aufgehalten, so 
sammelt sich die Erregung nicht am Genitale, urn auf einmal orgastisch 
abgefuhrt zu werden t sondein die Losungen verteilen sich sozusagen flachen- 
haft und die Ejakulation erfolgt mit geringer Lust. 

b) Die Zersplitterung des Oxga&mus 



Figur 6: 

Kurvt &$ wtderspruchsvQUen ^onanistischfn. Koitus** 




Vergleichslinie; H Hemmung; U Unlust 



kommt dadurch zustande, 
dafl Hemmungen, die 
wabrend des Geschlechts- 
aktes einsetzen, nicht nur 
die Erregung erniedrigen 
und die Befriedigung ver- 
flachen lassen, sondern 
den physiologischen Reiz- 
a b 1 a u f selbst storen , 
Figur 6 stellt das Inter* 
mittieren der Er- 



Die psythis^en Storimgen tJes Orgasmus 35 






refiu ngssteigerung dar und veranschaulicht das Stolpern der End- 
lust, 

Der Zersplitterung des Orgasmus begegnet man vorwiegend bei Kranken, 
die iiber akut aufgetretene neurasthenische Beschwerden klagen : Reizl>ar- 
fceit, Arbeitsunlust, Ermiidungsziistande, diffuse korperliche Beschwerden, 
wie Riickenschmerzen, Ziehen in den Beinen usw. Das erlaubt 
u ns einigen Fragen naherzutreten, die seinerzeit aufgeworfen wurden t 
als Freud die Neurasthenic atiologisch erklarte: B Die Neurasthenie 
la 01 sich jedesmal auf einen Zustand des Nervensystems zuruckfuhren, 
wie er durch exzessive Masturbation oder gehaufte Pollutionen spontan 
entsteht/ 1 Stekel bestritt namlich, dafl sich die Neurasthenie von 
den ^Psychoneurosen " Freuds durch ihre umnittelbare somatUche Atio- 
logie unterscheide, und behauptete, dafi sich bei den Aktualneurosen 
Komplexwirkungen nachweisen Hefien. Demgegeniiber verttat Freud, 
den Standpunkt, daB „die genannten Formen von Neurosen gelegentlich 
rein vorkommen; haufiger vermengen sie sich allerdings miteinander 
oder mit einer psychoneurotischen Affektion. ♦ . u Es handle sich bei den 
Normalen und Neurotitern nicht um die Existenz dieser Komplexe und 
Konilikte, sondern um die Frage, w ob dieselben pathogen geworden sind, 
und wenn T welche Mechanism en sie dabei in Anspruch genommen haben". 3 

Stekel ahnte damals richtige Zusammenhange, verfiel jedoch in der 
Frage der Aktualneurosen demselben Fehler wie neuer dings bei seiner 
Untersuchung der Epilepsie; er leitete aus dem blofien Vorhandemein 
der diversen Triebregungen einen Erklarungsgrund ab t ohne sich zu fragen T 
wie sie die verschiedenen Krankheitsbilder spezifiscb begriinden, 

ZurFbrderung des Neurasthenieproblems ist es zunachst angezeigt, zwei 
grofle Gxiippen der Neurasthenie zu unterscheiden ; 

i) die akute Neurastheniej sie tritt akut auf, laBt sich durch Ab- 
stellen bestimmter Schadigungen des Sexuallebens, ganz im Sinne der 
Freudschen Annahmen, in manchen Fallen heheben oder ztmiindest 
mildern nnd entbehrt einiger Symptome, die 

2) die chronische (hypochondrische) Neurasthenie 3 dadurch 

1) a, a. O. 

2) Die Gnanie, Wiesbaden agiz, 

5) VgL Reich: Tiber die chronische hypochondrische Neurasthenie* Internatio- 
nale Zeitschrift fiir Psychoanalyse XII (1926), 

5* 



36 



Die FuiiKtioii des Orgasmus 



charakterisieren, daB sie als Syndrom die Symptomatologie der akuten 
Form vermehreri; das sind; chronische, zumeist seat friiher Kindheit 
bestehende Obstipation, Meteorismns, Cbelkeiten, Appetitlosigkeit, dauern- 
der Kopfdruck. erektionslose ejaculatio praecox s. ante portas und Harn- 
traufeln oder Spermatorrhoea Diese Symptom e komm&n bei der akuten 
Form entweder nur vereinzelt oder wenig ausgesprochen vor, oder sie 
treten hinzu, wenn die SchsLdigungen chromsch geworden sind. Bei der 
FTage nach der Psychogenic der Neurasthenie mufl man unterscheiden, 
ob seelische Begehrungsvorstellungen in den Symptomen unmittelbar 
zu verstellter Darstellung gelangen wie bei der Hysterie oder Zwangs- 
neurose, oder ob seelische Hemmungen, die Re suit ate einer konfliktreichen 
Triebkonstellation sind, sich an der Herstellung der Krankheit mitt el bar 
beteiligen* Wir nehmen vorweg, dafl die erstgenannte Moglichkeit der 
chronisch en Form der Neurasthenie, die znletzt genannte der akuten 
Form zukommt. In diesem Abschnitt besprechen wir nur die akute Form 
der Neurasthenie. 

Bei der Sichtung der durch einfache Anamnese erhobenen Angaben 
begegnet man vielen Bestatigungen fur und Widerspmchen gegen die 
Freudsche Auffassung der Neurasthenie. Die Frage nach Masturbation, 
beziehungsweise Pollutionen, wird bejaht, in anderen Fallen sind die 
Beschwerden erst nach der Unterdrtickung der Onanie aufgetreten. Oft 
erfahrt man, dafi die Onanie von gehauften Nacht-j beziehungsweise 
Tagespollutionen abgelost wurde. Manche Patienten onanieren exzessiv, 
d, h* taglich mehrere Male, zwanghaft und mit geringer Befriedigung. 
Gegen die Freudsche Annahme sprechen scheinbar zwei Feststellungen : 
Erstens zeigen manche Patienten das neurasthenische Symptom enbild 
bei seltener Masturbation oder seltenen Pollutionen; zweitem muB man 
an die Falle von exzessiver Onanie denken, die nie an den Erscheinungen 
der Neurasthenie zu leiden hatten, 

Ednige Beispiele verschiedener Reaktionsiveise auf die Onanie, be- 
ziehungsweise auf den Geschlechtsverkehr, sollen uns zur genaueren 
Orientierung verhelfen. 

FaU I (Akute Neurasthenie hei exzessiver Onanie): Ein svmundzwanzig- 
jahiiger Student onanierte seit mehreren Jahren unter lebhaften aktiven 
Vergewaltigungsphantasien, die von Schuldgefuhl und Reue hegleitet waren r 
zwei- bis dreimal taglich- Seit einigen Monaten bestanden groBe Unruhe, 



Die psydiisdicn jStorungeii Jes Orgasmus Zf 



Depression, Arbeits- und Denkunfahigkeit, sowie Ruckenschmer- 

zen un d allgemeine Miidigkeit; keine Erregbarkeit, keine Obstipation, 
kein Kopfschmurz, keine Spermatorrhoe. Der Koitus wurde wegen Ekels 
vqr der Frau nicht vorgenommen. Die Oiianie erfblgte durch rhythmische 
manuelie Friktion am Penis (rhythmischer SamenerguB), In der achten 
Sitiung erkannte der Patient an Hand eines bestimmten Details in der 
phantasierten Frau seine Mutter, Auf die Erklarung hin, dafl sein Ekel vor 
Frauen mit dem Inzestwunsch wahrscheinlich zusammenhknge, suchte 
der Patient eine Prostituierte auf, verkehrte dreimal mit voller Befriedigung \ 
die Symptom e schwanden vollkommen, er blieb zunachst auch weiter potent 
und brach nach einigen Sitzungen die Analyse ab* Nach einigen Monaten kehrte 
er wegen ibrtdauernder Depression und Arbeitsunlust wieder, doch war er 
arbeitsfahig und onanierte sehr selten; den Verkehr mit Dimen hatte er 
wieder aufgegeben. Die anderen Symptome waren nicht wiedergekehrt. Einer 
FortseUung der Analyse standen aufiere Schwierigkeiten im Wege. 

Hier ha ben wir wohl den klassischen Fall der Freudschen Neur- 
asthenic vor uns; sie weist einen psychoneurotischen Unterbau (die in- 
zesmbse Fixierung) auf, Das dauernde Ausbleiben der neurasthenischen 

Symptome nach dem Aufgeben, beziehungsweise nach der Einscbrankung 
far Onanie und nach Aufnahme des befriedigenden Geschlechtsverkehrs 
belegt die postulierte Atiologie. Es handelt sich um eine akute Neur- 
asthenie ohne die cbarakteristischen Symptome der chromschen Form: 

Obstipation, Kopfschmerz, Spermatorrhoe und ejaculatio praecox. Die 
Onanie ist genital, d. h. sie wird von Koitusphantasien angeregt. 

Full 2 (Leichte akute Neurasthenie ohne Onanie): Ein junger Arzt be- 

Idagt sich iiber seine grofle Reizbarkeit, Ungeduld, Unruhe und leichte 
Depression, die sich in den letzten zwei Jahren bemerkbar machten. Er ist 
potent, verkehrt durchschnittlich jede dritte Woche ein- bis dreimal, jeweils 
mit einer anderen Frau, Er wird aber vom Verkehr nicht befriedigt und 
verlangert die Vorlustakte. Die Ejakulation erfolgt gewohnlich nach vier bis 
acht Stolen. Die Kurve der Akme ist flach und entbehrt des jahen, steilen 
Abfalls. Wahrend des Aktes wird er vom Gedanken gestbrt ? dafl sein Glied 
zu klein sei umd er deshalb die Frau nicht befriedigen konne. Das ist bei ver- 
heirateten Frauen viel ausgesprochener als bei Madchen, Er miisse immer 
denken, da!3 die Frauen grofle starke Manner hatten, mit denen er sich nicht 
vergleichen kdnne, t)berdies iibt er coitus intermptus aus. Eine suggestive 
Anssprache beseitigte den storenden Gedanken und die Beschwerden wichen. 

Ans diesem Falle geht hervor, dafl nicht die erektive und ejakulative 
sondern allein die orgastische Potenz durch henunende Vorstellungen 
gestort war. 



38 



Die FunJttiOTi des Orgasmus 



Der nachste Fall zeigt, daB neuraethenische Symptome auch infolge 
psychoneurotischer Abstinenz auftreten konnen, was uns vollends ver- 
wirrt, da wit in diesem Falle eitie Angstneurose und nicht mne Neur- 
asthenic ei wart e ten* 

Fall ) (Akute Neurasthenic bei Abstinent): Eine sechsunddreifligjahrige 
Patientin, die wegen Asthma bronchiale in Behandlung stand, erkrankte 
drei Jahre vor Beginn der Analyse auf einen aktuellen Anlafl hin (Abortus). 
Seither lebte sie fast vollkommen abstinent; sie war ihrem Freunde bose 
und verweigerte sich ihm, Sie war immer vaginal anasthetisch und nut 
durch Cunnilingus an der Klitoris zu befriedigen gewesen. Seit zirka 
zwei Jahren bestanden folgende Symptome : Miidigkeit, grofte Reizbarkeit, 
Depression und organische Sensationen, wie n bleierne Schwere* in den 
Beimm und Ruckenschmerzen In der Analyse ldste sich der aktuelle Kon- 
flikt so weit> daB die Patientin wieder zur gewohnten Befriedigung gelangte. 
Die Symptome schwanden prompt* Einige Male wiederholte es sich, dafl 
sie nach langerer Abstinenz infolge verscharfter Konflikte wiederkehrten 
und nach einem befriedigenden Cunnilingusakte wieder verschwanden. Diese 
Symptome waren im Gegensatze zum Asthma keiner analytischen Deutung 
zuganglieh. Charakteristischerweise besserte sich auch das Asthma nach der 
Befriedigung und verschlimmerte sich in der Abstinenz* 

Fall 4 CEizessive Onanie ohne Neurasthenic) ; Ein zweiunddreiBigjahriger 
Mann, der homosexuell und beim Weibe impotent war, onanierte seit dem 
sechsten Lebensjahre, seit der Pubertat fast tagHch ein- bis dreimal, gelegent- 
lich noch haufiger. AuBer der erektiven Impotenz beim Weibe (keine ejacu- 
latio praecox) und der Homosexualitat bestanden keinerlei Symptome. Der 
Patient hatte keine nennenswerten Depressionen, war im Gegenteil leicht 
hypomanisch, selbstbewuBt, ein Prototyp des narzifltischen Homos exuellen. 
Die Onamephantasien waren bisexuell und befriedigten ihn. Er onanierte 
mit Lust, ohne Hemmung und ohne bewufltes Schuldgefiihl. Die Analyse 
fuhrte nach einem Jahre zu einem vollen und dauernden Erfolg (sechs Jahre 
Katamnese): Der Patient hat keine homosexuellen Wiinsche mehr, 1st 
voll potent und liebesfahig und onaniert nicht mehr- 

Fall f {Exzessiw Onanie ohne Neurasikenie) ; Ein zwanzigjahiiger Mann 
suchte die Analyse wegen ejaculatio praecox, Erroten und Befangenhelte- 
zustanden auf. Er war eine Zeitlang homosexuell tatig, neigte zur Hoch- 
stapelei und onanierte seit dem achten Lebensjahre fast taglich, sehr haufig 
auch dreimal hintereinander, Keine neurasthenischen Symptome. Die Onanie 
erfolgte mit genital-heterosexueller, gelegentlich auch aktiv-homosexueller Phan- 
tasie; sie war voll befriedigend uud nicht von Schuldgefiihl begleitet- Der 
Verzicht auf die onanistische Befriedigung erfolgte in der Analyse nur mit 



Die psydiischen SfcSrtmgen ties Orgasmus 3$ 

ofler Miihe- Das Schuldgefuhl hing nicht an der Onanie, sondern war 
vorwiegend in charakterologischen Eigenheiten verankert Die Analyse fiihrte 
nach zehn Monaten in einem vollen Erfolg (ein Jahr Katamnese). 

Die beiden letzten Falle beweisen, da6 nur von Schuldgefuhl unmittel- 
bar gestorte Onanie eine Neurasthenie erzeugt. Fed em hat als erster 
die entsprechenden Tatbestande gesehen und sie auch am richtigsten 
formuliert (a* a. O. S, 76); „Wir wissen, dafi die Onanie urn so eher 
neurasthenische Beschwerden hervorruft, je weniger befriedigend sie ver- 
lauft ■ * * LaSt die Onanie . , • aus . • . psychischen und physischen Griinden 
unbefriedigt, so verliert der Apparat dadurch den Vorteil der wirklichen 
Untatigkeit mit der entsprechenden Erholung mid ungestorten Vor- 
bereitung fur die nachste Welle. Die Veranderung der rhythmischen 
Ablaufkurve» welche normal einen steilen Abfall zur Abszisse zeigt, stort die 
Funktion des Sexual appax ate s dahin, daB er sich in einem partieL gereizten 
Zustand gleichzeitig erneuern mufl ■ die dadurch veranderten Organ gefiihle 
und sekretorischen Vorgange wirken irritierend auf den Gesamtorganis- 
mus , . .** Federn nimmt aber an, dafl „die schadliche Wirkung der 
Onanie * . . nicht sowohl in den Vorgangen beim Akte als in der Reak- 
tion nach dem Akte beruhe**. Das stimmt fiir die psychischen Wirkungen 
(Angsthysterie, Impotenz usw*), nicht aber fiir die somatisch-neurastheni- 
schen, die unmittelbav im gestorten Ablauf des Aktes wurzeln, welcher 
Herkunft diese Storung immer sei. In der FuBnote (S, 78) heiBt es: 
„Der Zusammenhang scheint mir der zu sein, daB die Vorgange in den 
Sexualorganen, besonders in der Prostata , von der psychischen Hemmung 
beeinfluflt werden und dann anders verlaufen, indem die Sexualapparate 
schwerer arbeiten." Es steht also der Tendenz nach Sexualbetriedigung 
das Schuldgefuhl hemmend gegeniiber; das gibt sich unmittelbar in der 
Abanderung und Erschwerung des Reizablaufs kund. Die Befriedigung 
wird zersplittert und die Spannung kann infolgedessen nicht herab- 
gesetzt werden. Es ist von entscheidender Bedeutung, ob die Reue total 
verschoben wird und erst nach der Onanie einsetzt oder schon wahrend 
des Lusterlebnisses zersetzend wirkt, Wir wissen aus Berichten von 
Onanisten, daB manche sich der Hemmung mit einer m omen tan en 
Skrupellosigkeit befreien, bei der Onanie, soweit es im autoerotischen 
Akt moglich ist, Befriedigung erlangen und nachher von der Reue 
befallen werden. Hier konnte das Schuldgefuhl den Ablauf des Lust- 



io Die Function des Orgasmu* 

erlebnisses und die Losung der Spannung nicht beeintrachtigen, weil 
es momentan ausgeschaltet war. Anders ist es T wenn die Skmpeln und 
die Hemmuagen schon wfthrend des Aktes einsetzen. Hier wird psychi- 
scherseits ein physiologischer Reizablauf gestbrt. es ist ein Stolpern der 
Lust, kein jahes Sinken im Orgasmus, Es mussen mebr oder weniger 
groBe Reste von nicht erledigten Erregungen verbleiben, die sich, da 
sie somatischer Natur sind, anch somatisch auswirken. So ware auch 
die Tatsache erklarlich, daB gelegentlich infolge Abstinenz oder nach 
Aufgeben der Onanie nicht eine Angstneurose sondern eine Neurasthenie 
entsteht, unter deren Symptomen die hypochondnschen Sensationen 
hervortreten. 

Man mu6 die Entscheidung, inwieweit in manchen Fallen an den 
neurasthenischen Symptomen neben dem psychogen gestorten Reizablauf 
auch der abnndante Samenverlust schuld ist, weiteren Ennittlungen 
uberlassen. 

Oberlegen wir genauer, was der gestorte Reizablauf eigentlich zu be- 
deuten bat; zweifellos eine Irritation des Nervensystems durch 
Aufhahen eines nervosen reflektorischen Vorganges. Dem Rest unerledigter 
somatischer Erregung schreiben wir neben der Phantasietatigfceit die 
Hauptrolle als Motor der exzessiven Onanie zu, Patienten, die ohne Schuld- 
gefiihl onanieren, verlieren wenigstens ihre somatischen Spannungen, 
fiihlen sich nach dem Akte wohl und denken eine Zeit lang nicht ans 
Onanieren, Je widerspruchsvoller das Lusterleben w ah rend der Onanie 
ist, desto starker werden sich auch die somatischen Storungen neben den 
psychischen bemerkbar machen. Als Stutze dieses neuen Gesichtspunktes 
Ziehen wir beilaufige Bemerkungen einiger Teihaehmer an der Diskussion 
iiber die Onanie heran. Ferenczijiieinte (a, a. 0* S> 9): „Es ist mbglich, 
daB die WoHustwelle normalerweise restlos abklingt, bei der Masturbation 
aber ein Teil der Erregung sich nicht ordentlich ausgleichen kann; diese 
restliche Erregung 5 sum me gabe die Erklarung der Eintagsneurasthenie 
— vielleicht der Neurasthenie uberhaupt/ AUer dings ist dieses Resultat 
auf das wi der spruchs voile Onanieren allein zu beschrknken, sotist 
miiBte jeder Onanist neurasthenisch erkranken. Sehr oft wird die Onanie 
eine Zeitlang schadlos geiibt, bis durch Oberwuchern der Phantasien 
oder durch Lekture von Schundliteratur Schuldgefuhle und Angstlichkeit 
st or end eingreifen und zur Neurasthenie fuhTen* 



Die psydiisdien otdrungen Jc* Orgasmus 



4* 



Auch der ^onanistische Koitus* fuhrt nur deshalb gelegentlich zur 
Keurasthenie, weil der Widerstreit der Einstellungen den Reizablauf stb'rt* 

Hier trifft die Ansicht Tausks (a. a. O, S. 16) zu, der das Schuldgefuhl 
nur dort fand, „wo die Onanie keine voile Befriedigung gewa'hrt hat, wo 
Angst entwickelt wurde. Hinge gen konnte ich sehen, daB sich mit der 
Onanie kein Schuldgefuhl verband, wo sie voile Lust gab a . Nur ist die 
Auslegung dieser richtigen Beobachtung unzutreffend j es ist umgekehrt: 
die Onanie gibt voile Lust, wenn das Schuldgefiihl nicht wahrend des 
Aktes stort. 

Die akute Neurasthenie hat somit eine direkte somatische 
und eine indirekte psychische Atiologie; diese ist die urspriing- 
liche und fehlt wohl in keinem Falle. 



Was uber die Herabsetzung der orgastischen Potenz und die Zer- 

splitterung des Orgasmus beim Manne gesagt wurde, gilt in gleicher 
Weise fur Frauen, die an der Klitoris onanieren und vaginal anasthetisch 

sind: die weibliche Sexualrolle wurde abgelehnt und verdrangt, die 
physische Weiblichkeit (Penismangel, Menstruation) widerspricht aber den 
bewuflten Oder unbewuflten Maiinlichkeitswiinschen ; um so weniger kann 
die psychische Libido befriedigt werden, trotz gelegentlich relativ hoher 
orgastischer Losung der somatischen Spannungen* Nach 1 anger dauemder 
Onanieperiode pflegen dann die Onanieschuldgefuhle nicht auszubleiben, 
so daB sich die beschriebenen Folgen der Storung des Reizablauf es ein- 
stellen, 

c) Die absolute orga&tiscne Impotenz 

findet man bei Mannern nur zusammen mit der impotentia ejaculandi 
und bei der genitalen Asthenie ; bei neurotischen Frauen ist sie dagegen 
immer anzutreffen. 

Im siebenten Schema versuchen wir zwei typische Grundformen der 
vaginalen Hypasthesie mit orgastischer Impotenz (Kurve b undc) 
und die Unlustreaktion der frigiden Frau (Kurve a) graphisch darzu- 
stellen* 

Die Kurve b veranschaulicht die vaginale Hypasthesie, bei der die 
vaginale Erregung von Anbeginn gering ist und wahrend des Aktes kaum 
nennenswert ansteigt Die Kurve c stellt eine andere Form der Hyp- 






4* 



Die Function Jes Org&smits 



asthesie dan Die vaginale Erregbarkeit ist intakt, die Erregung steigert 
sich ohne Stfirung bis zu dem Augenblick, in dem die Phase der un- 

willkiirlichen Muskelkontraktionen einsetzen soil; hier vergeht entweder 
die Erregung ganz plbtzlich oder sie versandet ohne Orgasmus. DLese 

Form der orgastischen Im- 



Figur 7; 
Typische Fermm der Frigidiiot 




a Unlust bei totaler Frigiditat; b Vaginale Hyp- 
a*theaie; c Normal e vaginale Empnndlicbkeit imd 
isolierte orgastische Impotent; H Hemmung vor 
Beg-inn der Phase der unwiUkiirlicKeii Muskel- 
kontraktionen 



pot en i lost ge wohnlich die 
vaginale An-, beziehungs- 
weise Hyp asthesie passa- 
g&Te ab, sobald die wich- 
tigsten Koitushemmungen 
analytisch beseitigt wur- 
den ; sie gibt der Analyse 
die interessantesten Pro- 
bleme beziiglich der weib- 
lichen Genitalitat und 
ihre Beseitigung, die ja 
das eigentliche Ziel der 
Theiapie der Frigiditat ist, 
stellt die Analyse vor weit 
schwierigere Aufgaben als 
die Beseitigung der Anasthesie, Da wir in der Herstellung der vaginalen 
orgastischen Potenz bei nicht abstinent lebenden Frauen eines der wich- 
tigsten Kriterien der gelungenen Behandlung erblicken, wollen wir diesem 
Gegenstande grbfiere Aufmerksamkeit zuwenden. 

Die weibliche orgastische Potenz hangt unter an der em von der erektiven 
Potenz des Marines ab. Nun kommt es vor, dafl Frauen, die vaginal 
empfinden und auch die orgastische Potenz besitzen, nicht mehr zur 
Endbefriedigung kommen konnen, wenn der Mann bereits ejakuliert hat* 
Es stellt sick namlich die storende Vorstellvmg ein, dafi das Glied jetet 
erschlaffen werde und sie nicht zur Befriedigung gelangen kdnnten* 
Manchmal setzt diese Vorstellung schon zu Beginn des Aktes ein und 
die Frau wird von der Idee beherrscht, sie miiBte sich beeilen, sonst 
kame sie zu spat. Sie strengt sich an, und gerade weil sie sich nicht 
ruhig dem Empfinden uberlaflt, steigert sich die Erregung nicht; auch 
dann nicht ? wenn die Erektion des Mannes nach der Ejakulation eine 
Zeitlang anhalt. Typischerweise pflegt die Erregung solcher Frauen in 



Die psydiischcn otorungen des Orgasmus 



45 



dem Augenblicke zu vergehen, in dem der Orgasmus des Marines ein- 
setzt; bei genauer Analyse erfahrt man, daB sich ihrer in diesem Augen- 
blick eine sonderbare Neugierde bemachtigt und sie den Mann be- 

abachten. 

Eine triebhafte, total frigide Psychopathin bill ihren Gatten bei einem 
Koitus inversus wahrend seines Orgasmus in die Kehle, so daB er in Ohn- 

niacht fieL In der Analyse teilte sie mit, sie hatte oft phantasiert, cUI3 die 
FrBM die bbchste Befriedigung erleben konnte, wenn sie den Mann wahrend 
seines Orgasmus kastrierte. 

Was hier ganz bewufit war, liegt bei Frauen, die an der beschriebenen 
Storung des Orgasmus leiden, unbewufit vor. Wahrend des Koitus identi* 
fiztert sich die Frau mit dem Manne und phantasiert, daB das Glied 
jetzt ihr gehore. Das Erschlaffen des Gliedes faBt sie als Kastration in 
doppelter Hinsicht auf; erstens als Kastriertwerden, zweitens als aktive 
Kastration des Mannes, Sie ist solange erregt, als ihrer Phantasie, ein 
Mann zu sein, nichts entgegensteht. Sie verliert ihre Erregung, genauer. 
sie lehnt die vaginale Erregung ab t wenn sie das Glied, das sie sozusagen 
entliehen hat, verlieren soil* Die storende Vorstellung, die Befrie- 
digung nicht erlangen zu konnen, entspringt somit unbewuflt 
der Angst, das Glied nicht behalten zu konnen. 

Die allerhaufigste Ursache der orgastischen Impotenz der Frau 1st Angst 
vor dem Orgasmus, Nur selten ist die Hemmung so oberflachlich wie 
im folgenden Falle. Eine Patientin konnte nicht zum Orgasmus ge- 
langen, weil ihr Gatte einmal wahrend der Akme — sie hatte zum 
ersten Male orgastisch empfunden — gelacht und sie nachher gefragt 
hatte: jjWarst du im siebenten Himmel?** Die Erinnerung an dieses 
gewiB sehr ungeschickte und unzarte Benehmen hemmte sie seither immer 
und sie konnte nur mehr wider willig und ohne Lust geschlechtlich ver- 
kehren. Sie regredierte in der Phantasie zu infantilen Befriedigungen 
und erkrankte, nachdem sie sich diese verboten hatte t an einer Angst- 
hysterie. 

In manchen Fallen hemmt die Angst, wahrend des Orgasmus 
zu defazieren oder zu urinieren, sein Zustandekommen, Bei Frauen 
mit stark betonter Analitat oder Urethralerotik ist die Vorstellung des 
Koitus mit der von der Defalcation schon seit der Kindheit assoziiert 
(„Anale Auffossung** des Koitus). Der so sonderbare Zusammenhang 



44 T)*ie Funltion Acs Orgasmus 

zwUchen Angstaffekt und Seraalbefriedigung, der durch die Forschungen 
Frauds aufgedeckt und als gesetzmafiig erkannt wurde* kommt am 

klarsten darin zum Ausdruck, daB die namiliche Reaktion der Kinder 
sowohl auf ein angsterfiilhes Erleben wie audi auf sexuelle Erregung 
Ham- und Stuhldrang ist. 

Ein gutes Beispiel dafiir hat eine P&lientin, die im Augenblicke, wo der 

Orgasmua einsetzen sollte, von Angstvorstellungen iih erf alien vmrde. Ham 
verlor u^d Winde nicht verhalten konnte; aus Scham und Angst verging 
die genital e Erregung und sie erkrankte an ScbJaflosigkeit* 

tJber die Genese einer solchen Hemmung des Orgasmus gab die 
Analyse einer cyclothymen Patientin Auskunft, die an chronischer hypo- 
chondrischer Neurasthenie litt. 

Sie onanierte miter anderem mit der masochistischen Phantasie, daB 
sie gefesselt und vollig entkleidet in einen Kafig gesperrt werde 
und daB man sie dort hunger n lasse- Hier setite die Hemmung des 
Orgasmus ein: Sie muBte namlich plotzlich liber eine Apparatur grubeln, 
die den Rot und Urin des gefesselt en Madchensj „das sich nicht riihren 
darf u (statt „kann u J!), automatisch wegschaffen sollte. Ein Traum, der in 
dieser Periode getraumt wurde, lautete: 

^Erster Teilj Ich hin bus einem freundlichen und liebenswurdigen Geschopf ein bos- 
haftes, wHtendeSj verstocfaes und abscfuuliches We&en geworden. Nnchher wurde es wietkr 
tinders und ich sagte dem Grofipupti^ er ware schuld gewesen wegen dtr Finger (oder so 
ahnlich). Er sagt darauf: jlch habe. nicht gEwuj3t 7 daft ein abgeschnittmes Glied (er meinte 
^Finger") in den* Charakter gehen harm (otUr in den Dorm cder After)** (Zweiter Teil) 
In der N&h* von K* (Sommerfrische mit drei dis vier Jahren). Ich liege auf einem Last* 
auto, fast wie im Bett; ich bin zwischen swei Autos^ die zusammenkommen 
wollen* Ich furchte^ sie werden mein Auto xerquetschen und ich werde drunter* 
kommen und fame Luft kriegtn* Es weicht links aus und ich furchte^ dafi sie in das 
Hinterteil anstofien^ dafi hinten etwas passiert/ 1 

Die Analyse hatte in ebij&hnger Arbeit das Verstandnis ihres Masochismus 
ermogHcht. Wenn sie in der Pubertal z* B. phantasierte^ daB sie von ihrem 
Geliebten gezwungen werde, sich in einem Bordell vielen Mannern hinzu- 

geben und sich von ihnen schlagen zu lassen, so entschuldigte sie sich auf 
diese Weise vor ihrem Gewissen wegen ihres eigenen Koituswunsches : sie 
war ja unschuldig, denn sie wurde gezwungen. SchlieBlich verhot sie sich 
auch diese verstellte Phantasie, weil sie den Geschlechtsakt unverhuilt ent- 
hieltj und onanierte nur mehr mit pragenitalen masochistischen Phantasien: 
sie werde mit eisemen Besen geschlagen 3 dafl Wunden entstehen. die dann 
mit Salz und Pfeffer eingeriehen werden; oder: es werden Nagel in ihr 



Die psyditsdien otoruitgen dcs Orgasm us 



45 



Fleisch getrieben; oder: sie musse nackt mit gefesselten Handen (Onanie- 
verbot!) aus einer Kiippe ess en imd sei tiber und uber mit Kot beschmiert. 
In der Analyse traten unverhiillte masochistische Koitusphantasien wieder 
HU f und sie erkannte in der Kastrationsangst das Motiv ihrer Zuilucht zur 

praeenitalen Befriedigung* Der Traum brachte die Situation, in der sie die 
fta strati on sangst im Zusamnienhange mit der Defakationsangst erlebt hatte: 
Zum ^sumpfigen Wald" fiel der Patientin die Geschicute des kleinen 
Eyolf «n, der im Teiche ertrinkt, wahrend die Eltern miteinander ver- 
kehren. Die „zwei Ant as, die zueinander woUen% sind ihre Eltern; sie liegt 
da&wischen „fast wie im Bett"* Bei der Niederschrift des teilweise ana- 
lyse ert en Traumes fugte die Patientin unaufgefordert hinzu: R Durch Onanie 
wachsen die kleinen Labi en, hieB es in einer Vorlesung* Damals hatte ich 
Angst, es konnte mir passieren und man merkt dann alles, ,Zwei Finger 
abgefahren, heiOt beide Labien lang gewachsen, durch ,t)ber£ahren aus- 
gequetscht. Ibsen macht im „kleinen Eyolf " nicht nur Vorwiirfe, daO man die 
Kinder im Schlafzimmer schlafen lafit, sondern (wie zumindest ich im 
Traume) auch diesen: wenn das Kind da ist, durft Ihr nicht mehr mit- 
einander verkehren und das Kind als Neb ens ache behandeln, denn es kann 
mir doch etwas ,passieren'< Zuletzt ist nur die Gefahr, daB ,inickwarts' 
etwas passiert (Und immer die Leibschmerzen und Darmgeschichten ! Hatte 
iibrigens gerade den Abend v or her Blahungen und dachte, ob das wohl 
auch damit zusammenhangt, daB wir jetzt die Angst vor dem Geschlechts- 
verkebr analysieren?) Beide Eltern sollen sich um mich kummern und nicht 
um einander, deshalb bin ich in der Mitte* GroBpapa lacht wohlj weil er 
nackt 1st und stolz uriniert (im Traume nicht gesehen!)* Er steht so da wie 
der Knabe im Votivpark, den ich tags vorher sah, u Zum Verstandnis des 
Zusamrnenhanges zwischen der Phantasiej nackt 3 gefesselt und hungernd in 
einem Kafig zu liegen, und dem Traume bringen wir einen anderen Traum, 
der zwei Tage vorher getraumt wurde: 

pick sitze in der Kuche am Sthemel vor einem Kafig 7 in dem sich zwei 
¥'6$el b&finden t die ich scharf an$ehe t als mufite ich ttwas sehen, bev&r ich 
an ihnen eine Operation durchfilhre* Dabei denhe ich, dafi man das nicht 
'offentlich macht. DunkUs Licht." Dazu fiel ihr ein Angsttraum aus fruher 
Kindheit ein.: n Der Mutter geschieht etwas 7 sie wird operierU* 

Einige Tage vorher hatte sie in einem Buche von Fliefi das Wort „v6geln" 
(d. h* koitieren) gelesen. Der Kafig stellt ihr Gitterbett dar, „So etwas macht 
man nicht offentlich" bezieht sich auf Flatus und Defakation* Die Patientin 
mied seit vielen Jahren jede Gesellschaft, weil ihr einige Male in Gegen- 
wart von Mannern, die ihr gefallen hatten, ein „ Malheur ruck warts" passiert 
war: sie hatte Diarrhoe bekommen. Auch in der Analyse pfLegte sie, wenn 
die tJbertragung sich zu sexueller Erregtheit steigerte, Ham- und Stuhldrang 
zu bekommen, den sie nicht beherrschen konnte > Als ihr bewuOt wurde, 



^6 Die Fujiktion des Orgasmus 

da0 die masochistischen Phantasien den mit Angst besetzten Koitus vertraten, 
stellten sich im Zusammenhacge mit der t)bertragung normale Koitus- 
phantasien ehne Angst ein; knapp, bevor der Orgasmus einsetzen sollte, 
drangten sich jedoch die masochistischen Phantasien wieder vor. 
Die Angst vor dem Koitus war beseitigt und hatte sich auf die 
isolierte Angst vor dem Orgasmus einschranken lassen> 

Auf Grund der genannten Tatsachen ergab sich folgende Rekonstruktion 
der Ursaene; Wahrend sie zwischen den Eltem lag und den Koitus he- 
lauschte, wurde sie von der Angst beherocht (^gefesselt"), sie konnten he* 
merken, daB sie beobachtete; sie durfte sich infolgedessen nicht riihren. 
Die sexuelle Erregung, die mit Angst gemxscht war, wollte sich anal und 
urethral aufiern, sie bekam Ham- und Stuhldrang und sehnte eine Apparatur 
herbei, die die Fakalien unbemerkt wegschaffen sollte. Die seelischen und 
kdrperHchen Qualen, die das Kind dabei zu ertragen hatte, blieben seither 
in standiger assoziativer Verkniipfung mit der Sexuallust und frxierten die 
masochistischen Onaniephantasien. Die sadistische Auf fas sung des Koitus und 
die Kastrationsangst hatten dazu das meiste beigetragen, insbesondere die 
letzte war das Motiv der Flucht vor den Gefahren der genitalen 
Betatigung in den analen Masochismus* 

Eine andere Patientin, die an hypochondrischer Angst litt, war vor der 
Analyse auch vaginal anasthetisch. Die Analyse erledigte zunachst den Teil 
der Kastrationsangst, der sich als Vaginismus geauBert hatte, und brachte 

es zustande, daB sich die Patientin in ihrer weiblichen Rolle zurechtfand; 
bewixBte Wiinsche nach Sexualbefriedigung und die vaginale Emphndlichkeit 
stellten sich zwar ein, doch konnte sie nicht zum Orgasmus gelangen. Knapp 
bevor er einsetzen sollte, „riB es ab". Die Analyse der orgastischen Impotenz 
fiihrte zum Thema der Onanie zuriiek, bei der sie sich die Endbefriedigung 
als schadlich verboten hatte, und sie brachte in diesem Zusammenhange 
folgenden Traum: 

„Mir traumte von cittern Turm aus rohen Dachziegeln^ der an der Mauer einen hteinen 
Vor sprung hntte y so dqfi man sich gerade an den Zehen daran festhahen konnte, Ich siieg 
da aujien rundherum hinauf; als ich nur mehr ein hltines Stuck haiie t loste 
ftch der Ziegtl y an dem ich mich mit der linken Hand anhtek, hs und eine groj&e 
Angst Uberkam mich: wie schrecklich^ so hoch cbtn zu sein; wenn ich den Halt 
verlitre) bin ich tot. Da gehe ich Ueber den wdteren Weg zuriltk und mir zjt, als wenn 
Sie mir zusehen mochten* ich mil Iknen zeigen, daJJ ich mich getrnu^ aber ich bin Jrohy 
dap auf einmal mein Mann da i Jt, der vor mir geht. Wenn mein Mann nicht herunter- 
fliegty so (will) nur ick schnell daruber und Sie sehen+ wie herzhaft ich bin. 
Mein Mannspringt hinunter^ ich trauc mich aber nicht y auch hinunterzuspringtn," 

Wir heben nur die zum Thema gehdrenden Elemente hervor. Der kleine 
Yorsprung an der Mauer ist die Klitoris. Sie steigt „rundherum", d. h. an 






Die psydiiatJien Storungen des Orgasmus ^7 

der Klitoris vorbei H hinauf i *; sie versucht vaginal zu onaniereni Gewisse 

Verhaltungsweisen der Patientin hatten namlich trotz gegenteiliger Beteue- 
rungen bewiesen, dafl die Angst zu onanieren, heziehungsweise die Kastratiohs- 
angstj noch nicht vollig uberwunden war, Sie konnte zwar schon ruhig liber 
die Onanie sprechen, die sie in der Kindheit und seit der Pubertat bis xur 
Erkrankung geiibt und dem Analytiker lange verschwiegen hatte, doch 
schrak sie vor dem Gedanken zuriick, dafl sie es noch einmal tun konnte, 
Das wies nicht auf Erlcdigung sondern auf Verdrangung des rezenten 
Onaniewunsches bin. Da sich in dieser Hinsieht lange Zeit nichts entschei- 
den wollte, obgleich reichlich Beweise da waren, dafl die Patientin gegen 
aktuelle Onanie wiinsche ankampfte. sagte ich ihr eines Tages, ich konnte 
ihrcr Behauptung, daI3 sie von der Ungefahrlichkeit der Onanie iiberzeugt 
sei und nichts mehr fiirchte, keinen Glauben schenken, denn sie wiirde sich 
sicher die Onanie nicht erlauben, wenn ein soldier Wunsch sich bewuflt 
regte. Sie bestand darauf, weder solche Wiinsche noch Angst mehr zu haben, 
und brachte in der nachsten Stunde den Traum, Der Ziegel lost sich los, 
wahrend sie hoch oben stelit, d* h> vor Eintritt des Orgasmus („Als ich nur 
mehr ein kleines Stiick hatte"), sie fiirchtet zu fallen und sich zu toten. 
Die Patientin kam in die Analyse wegen der Angst, an Tuberkulose zu 
sterben, und hatte in der Pubertat die Idee gehabt, dafl man durch die 
Onanie, insbesondere durch den Orgasmus, an der Lunge erkranke. Sie 
mochte mir zeigen, dafl sie sich zu. onanieren getraut, ist aber erfreut dar- 
iiber, dafl ihr Mann kommt, mit dem sie zusammen hinaufsteigt, d* h, ver- 
kehrt. Die Erregung wahrend des Aktes pflegte zu dieser Zeit immer : ,ab- 
zureiflen", wenn ihr Mann zum Orgasmus gelangte. („Wenn mein Mann 
nicht hinunterfliegt" usw.) Sie gelangte aber auch nicht zur Befriedigung, 
wenn der Mann nicht zu friih abbrach. Sie hatte Angst vor dem Orgasmus 
selbst, den sie durch „Hinunterfallen tt darstellte, Als sie einmal bei der 
Onanie eine orgasmus ahnliche Sensation erlebte, glaubte sie „ sterben zu 
miissen 14 . Eine an der e Patientin, die durch die Analyse ihre Frigiditat ganz 
verloren hatte und nur seiten orgastisch impotent war, berichtete mir spater, 
es komme ihr in dies em Falle vor, als stiege sie immerfort und als wagte 
sie es nicht „hinunterzuspringen H . Das gleiche berichtete mir eine schizoide 
Psychopathin, 

Die orgastische Losung der Spannung wird als ein Fallen 

empfunden, wenn die Angst den Orgasmus stort. Das mag einer 
der Griinde sein, warum Falltraume so haufig Impotenztraume sind. 
Hier ist die Kastrationsangst ganz an die Stelle des Orgasmus getreten, 
Viele Menschen haben angstvolle und gleichzeitig lusthetonte Sensationen 
im Gen hale, wenn sie in ein en Abgrirad hinabsehen oder sich blofl 
vomellen, dafl sie in die Tiefe st UrzeD. Das Stiegensteigen als Symbol 



4& Die Funktion des Orgasmus 

des Geschiechtsaktes stellt somit nicht nur die Anstrengung sondem 
auch das Ansteigen der Intensitat der Lnstemphndungen wahrend des 
Aktes d&r, Auch beim Schaufcehi, im rasch abwarts fahrenden Lift, im 
tal warts rasenden Auto, bei steiler Schufifahrt auf Skiern verspiirt man 
am Herzen und am Genitale Empfindtmgen, die angst- und lust- 
betont zugleich sind. Diese Empfindungen haben speziftschen Cha- 
rakter: „Das Herz smkt tf (im Volksmund: fl Das Herz fallt in die Rosen"). 
„man verticil etwas ; manche haben das Gefiihl, als ob fl am Genitale 
gezogen* wiirde. Die genitale Angst sensation wird an der Peniswurzel 
verspiirt* Die physio] ogische Grundlage der symbol ischen Gleichung; 
Herz — Genitale (Angst — Lust) wird uns im nachsten Abschnitt em- 
gehend beschaftigen* 

Eine PatLentin mit Suicidideen phantasierte, daO sie sich aus einem Fenster 
in die Tiefe sturze 1 und unten vom giitigen Gottvater aufgefangen werde> 

Die Analyse entlarvte diese Idee als Inzestphantasie, Diese Fatientui 
gab auf meine Frage, warum sie denn bei der Onanie nicht zur Befriedi- 
gung gelangen konne, an, dafi sie die angstvolle Empfindung habe, als miifite 
sie aus grofierHohe von einem Fenster hinabsturzen ; also die gleiche Yor- 
stellung wie bei der Selbstmordphantasie. 

Ein Patient mit hysterischem Charakter und hypochondrischer Kata- 
strophenangst hatte in der Analyse Angst und Sexualscheu uberwunden. Bei 
der Analyse der infantilen Onanie, an die der letzte Rest seiner Kastrations- 
angst gebunden war, traumte er folgenden Angsttraum, in dem der Orgas- 
mus unverkeunbar symbolisch als Sturz (Verlust, Kastration) dargestellt ist: 

■^Ein junger, hubscher Mann im Hochgebirge* Es ist sturmiseh, er scheint den Weg ver* 
loren xu haben. Eine Knochenhand, der Tod, hat ihn am Arm gtfqj3t und sehetnt ihn zu 
fuhren; offenbar etn Symbol, daft er ins Verderbm gekt. — Ein Mann und ein hleiner 
Knabe sturzen einen Abhang hinunter^ ein Rucksack entUert gleichzeitig 
seinen Inhalt, der Knabe ist von einem weij&lichen Brei umgeben*" 

Der erste Teil des Traumes beinhaltet die Angst vox den Folgen der 
Onanie; die Katastroph en angst (Sterbenmiissen, Verriicktwerden) war nach 

einem Besuch in der Hygieneausstellung auf get re ten, in der er syphilitische 
Geschwiire gesehen hatte. — Im zweiten Teile stellt der p kleine Knabe* 1 

1) Je nach der Lib i deposition uberwiegt in den Stuntraumen bald die Geburts-. 
bald die Orgasmusbedeutungj der Kranke pendelt un&usgesetzt iwischen dem 
Streben nach genitaler Befriedignng, die ihm Angst einftoBt, und der Mutter- 
leibsgituation, die ihn vor den Gefahren der Libidobefriedigung schiitien soil. 



D!e psyiuscheji Stortmgen des Orgasmus ^9 

xhn selbst und iiberdies sein Genital© dar* Beim Sturz entleert sich (Ejaku- 
lation) sein Rucksack (Hoden), der Knabe (Glied) ist von weiOHchem Brei 
(Sperma, Hinweis auf syphilitisches Geschwiir) umgeben* 

Wir erblicken in der assoziativen Verbindung der BegrifFe des Todes 
(der Geburt), der Kastration und des Orgasmus und in ihrer symbolischen 
Darstellung durch die Vorstellung des Sturzes eine Bestatigung der Hypo- 
these Ferenczis, 1 dafl das Ausstoflen des Samens biologisch (phylo- 
genetisch) einer Kastration gleichkomme und dafi dem Vorgang der 
Erektion eine biologische Tendenz zur Autotomie zugrunde liege. Wie 
befremdend diese Hypo these auch klingt, mit dem Orgasmus 1st tatsach- 
licb das Gefiihl verbunden, ^etwas** oder „sich zu verlieren*. 2 Man mu8 
annehmen, daB der plotzliche Verlust der libidinb'sen Spannung, der mit 
der AusstoBung des Samens beim Manne, mit pxofuser Schleimproduktion 
beim Weibe verbunden ist, dieser Emptindung unmittelbar zugrunde liegt. 
Doch diirfte speziell das Gefiihl, etwas zu verlieren, der uralten Kastra- 
tionsangst entstammen. Dafiir sprechen jene Falle, die den Orgasmus 
als eine macht voile Sensation furchten, die einen uberkommt, beherrscht, 
zerruttet und das BewuBtsein trubt, Man hat sie zum ersten Male bei 
der Onanie erlebt, vielleicht mit Schreck erlebt, und hat spater die Idee 
gebildet, dafi der Saixienverlust und die Erschutterung des Kbrpers die 
Nerven zexrutte. So kommt zur infantilen Kastrationsangst, die durch 
die Schundliteratur noch gesteigert wird, die korperliche Sensation des 
Orgasmus hinzu, die zu machtig ist, um nicht zunachst mit Angst er- 
lebt zu werden. Man wird daher bei den Fallen, die nicht die manuelle 
Friktion des Genitales son dem blofi den Orgasmus, beziehungsweise die 
Ejakulation vermeiden, annehmen mussen, daB die Kastrationsangst sich 
in erster linie des erschuttemden Erlebnisses des ersten Orgasmus* be- 

t) Versucb einer Genitaltheorie (Internationale Psycho analytische Bibliothek, 
Nr. XV, Interna tionaler Psychoanalytischer Verlag, 1924)* 

2} Wir konnen Ferenczi allerdings nicht zustimmen, wean er meint* daB der 
Geschlechtsakt als eine partielle und voriibergehende Regression in den Mutterleib 
auf'iufassen seL Denn dann mnBte das Gefiihl des „Sichverlierens tf den gamen Akt 
und nicht nnr den Orgasmus beherrschen; ferner durfte die Frau nicht dieselben 
Sensation en mid Empfindungen haben wie der Mann, denn fur sie gilt der Akt 
nicht als Mutterleibsregression* und wie unsere Beispiele zeigten, neigt ger&de 
die Frau iur Angst yor dem Orgasmus, die sich als Angst zu fallen oder sich 
m verlieren ftufiert. 

Heich; Die Function des Orgasmus, 4 



5o 



Die Ftmktion Jes Orgasmois 



machtigt hat. Die Therapie solcher Falle mu6 trachten, die Angst zu 
beseitigen, die die Onanie betrifft: sie miissen ohne Angst onanieren 
konnen. 

a) Die Sexualerregung oei der N^mpnomanie 

Das achte Schema stellt den Verlauf dex Erregung bei Frauen dar, 
die sehr darunter leiden, dafi sie wahrend eines Geschlechtsaktes mehrere 
Male der Akme ahnliche Sensationen erleben, ohne jedoch die Span- 
nung zu verlieren, so 
Figur 8: 

Die Tyrmphomtmt Scxualerregung 







V 



Wiederholte Spannimgssteigerung imd AusHeiben 

der LtSsimg 



daB sie sich in standiger 
sexueller Erregung befrn- 
den (^Nymphomania*). 
Unaufhbrliches Verlangen 
nach dem Koilus und 
Mannersucht sind haufig 
unmittelbare Folgen dieser 
Form der orgastischen Im- 
potent 

Die Erregung ist vom 
Anbeginn bedeutend hoher 
als bei orgastisch potenten 
Menschen und steigt wahrend des Aktes auch viel rascher an; sie ver- 
geht teilweise auf der Hohe der Spannung, ohne daB sich das charakte- 
ristische Riickstromen der Erregung auf den Kbrper einstellte. Die Hem- 
mung setzt also erst nach der Konzentration der Erregung am Genitale ein* 

Eine achtimdzwanzigjahrige Frau klagte iiber Schlaflosigkeit, standige 
sexuelle Erregung und dariiber, dafi sie mit vielen Mannern verkehren 
miisse. Behn Verkehr hat sie sehr intensive vaginale Sensationen und ge- 
Langt angeblich sogar mehrere Male M zur Befriedigung". Nach dem Akte 
ist sie noch starker erregt als vorher und kann nicht einschlafen. Genaue 
Befragung ergibt, daB sie das orgastische Sinken der Spannung nur aufierst 
selten erlebt, in diesem Falle aher nur einmal zur Akme gelangt. — Bei 
ihrem Manne, der an leichter ejaculatio praecox litt, war sie vaginal hyp- 
asthetisch. Bei einem Geschlechtsakt mit einem andcrerij sehr potenten 
Manne erreichte sie zum ersten Male die Erregung in jenem ho hen Grade, 
wie er beschriehen wurde. Die Ehe war zerstort, aber das Schnldgefiihl 
wegen des ersten Ehebruchs; das ihr nicht bewuBt war, storte sie unaus- 



Die psydusAen iSrorungen des Orgasmus 



ireset^t. Da die Fran nicht analysiert wurde> konnte nicht ermittelt werden, 
warum die Storting gerade vor der Losung der Spannung einsetzte und welcher 
Art die HeirimungsvorsteBuiig war. 

Daruber konnte in der zweijahrigen Analyse einer Nymphomanie* 
deren Hauptsymptom exzessive vaginale Onanie mit bewufiten Selbst- 
schadigungstendenzen war, einiges in Erfahrung gebracht werden. Ich 
entnehuae die Krankengeschichte dieser Patientin meinem Buche iiber 
den triebhaften Charakter, in dem sie mir binsichtlich ihrer Charakter- 
defekte besprochen wurde. 

Eine sechsundzwanzigjahrige, ledige Patientin suchte das psycho analytische 
Ambulatorium wegen fortwahrender sexueller Erregung auf. Sie mochte be- 
friedigt werden, empftnde aber beim Geschlechtsverkehr nichts, spiire nicht 
einmal das Eindringen des Gliedes. Sie liege jjgespaiint 11 da und Hhore'*, 
ob die n Befriedigung kommt . Bei der geringsten Korperhewegung ver- 
schwinde aber jedes aufgetretene Lusigefiihl sofort Sie leidet iiberdies an 
Schlaflosigkeit, Angstzustanden und an abundanter Onanie* Sie onanxert mit 
dem Stael eines Messers bis zu zehnnial im Tag, gerat dabei in heftige Er- 
regung, die sie durch Aussetzen der Friktion nicht zum AbschluB kommen 
la fit; so unterbricht sie die Friktion mehxere Male, bis sie, vollig erschopft, 
entweder gar nicht zum Orgasmns kommt oder absichtlich Blutung aus dem 
Genitale erzielt und dann mit hegleitenden masochistischen Phantasien zur 
Befriedigung gelangt. Die Rlutung aus der Scheide ist eine Bedingung der 
Befriedigung, Sie phantasiert, tief in den Uterus einzudringen; B ich kann 
nur in der Gefrarmutter befriedigt werden 4 *. Bei der Onanie phan- 
tasiert sie, ihr Genitale, das sieLotte nennt, sei ein kleines Mad- 
ehen. Sie spricht unausgesetzt mit ihr, in dem sie beide Roll en spielt* „Jetzt, 
mein Kind, wirst du befriedigt werden, schau (wahrend der Analyse), der 
Doktor ist bei dir. Der hat ein schones, langes Gliedj aber es muJ3 dir 
wehtuiK* Die Lotte: M Nein, ich will nicht, dafi es mir wehtutl* (weint). 
„Du muBt leiden, das ist die Strafe fur deine Geilheit, du hist ein Luder. 
Das muB noch mehr wehtun, das Messer mufi zum Riicken herauskommen. " 
Und so ahnlich geht es fort. Die Onanie bedeutet fur die Patientin eine 
schwere Sunde, fur die keine Strafe hoch genug ist. Dabei phantasiert sie 
bewuOt alle bekannten Manner } aber auch die M Mami w ? eine Analytikerin, 
bei der sie drei Jahre friiher acht Monate lang in Behandlung war* (Nach 
zweijahriger Remission war die Patientin rezidiviert) 

Der Vater der Patientin sowie eine altere Schwester und ein j lingerer 
Bruder sind angeblich gesund und lebenstuchtig. Der Vater war in der un- 
gliicklichen Ehe mit einer herrschsnehtigen Prau offenbar unterlegen* Sie 
hat immer das Regiment im Hause gefuhrt. Ein alterer Bruder verbuBte 
£ur Zeit der Analyse eine Zuchthausstrafe wegen w Schandnng H . 



Die Funktiotx <Jes Orgasm ua 



Von ihrer Mutter fuhlte sich die Patientin schlecht behandelt und ver- 
stoDen. Die Rolle des verstoBenen und ungeliebten Kitides versuchte sle 
auch in der Obertragung herzustellen, die sehr vehement war (die Analyse 
stand fast vdllig im Zeichen der Aktion). Nachdem die Bindnng an die erste 
behandelnde Arztin aufgelost war, trat die Ambivalenz zur Mutter voll 
zutage* Sie sehnte sich nach der ^Mami 41 , erkannte in ihr anfangs Due 
eigene Mutter gar nicht, mit der Begriindung, sie konnte do ch nicht eine 
Mutter lieben, die sie immer verstoflen, geschlagen, schlecht behandelt hatte 
und sich nicht um sie kiimmerte (dies entspricht den Tatsachen). Sie 
phantasierte, an jeweiis neu gewahlten n Mamis tf zu saugen, Mutterleibs- 
wiinsche standen im Vordergrunde. Ihre Klage, sie miiflte fiir andere leiden, 
die Strafen fiir die Vergehen anderer auf sich nehmen, klarte sich auf ? als 
wir erfuhren, dafl sie als achtjahriges Rind ehre Phantasie folgenden Inhaits 
produzierte: Die Mutter war in einem Wirtshaus, die Patientin in einem 
anderen angestellt. Die Mutter, die mit dem Vater in schiechtester Ehe 
lehte, emphng haufig Besuche eines groBen Herm, den sie per nGraf" 
tituherte, Einmal wurde die Patientin diesem Herrn vorgestellt. Und nun 
glaubte das Kind, sie werde von der Mutter verstofien, weil sie das Kind 
dieses Graf en sei und die Mutter gestort hatte, Sie phantasie rte (es konnte 
nicht entschieden werden, ob es sich um Reales oder Phantasiertes handelte), 
der Graf vergewaltige sie mit Beihilfe der Mutter (siehe ihre Onanie- 
phantasie). Sie spiire ein groDes Glied in ihre Scheide eindringen, das ihr 
grofle Schmerzen vcrursache. Es ist ein dunkles Zimmer, jemand stcht dabei 
und schreit sie an, sie durfe nicht weinen, sondern musse sich ruhig ver- 
halten* Spater deckte die Analyse eine ahnliche Phantasie (oder dunkle 
Reminiszenz?) aus ihrem vierten Lebensjahre auf: sie wird von zwei Mannern, 
den Bettgehern ihrer Eltem, in das vennietete Zimmer getragen, der eine 
halt sie, der andere zwangt sein ubergrofles Glied in ihre Scheide* Sie -will 
schreien, kann aber nicht, Voll erinnert wurden sexuelle Spiele mit gleich- 
altrigen Jungen in einem Keller auch au$ fruherer Zeit. Mit einem alteren 
Bruder koitierte sie im zehnten Lehensjahre* Sechs Jahre alt, spielte sie 
mit dem zwei Jahre alten Bruder, sah sein Glied, ver&uchte eine S trick- 
nadel in das&elbe einzufuhren, der Penis blutete, die Patientin zerrte daran; 
das Kind schrie, sie wurde von der Mutter dafur geschlagen und an den 
Haaren gezerrt, 

Mit zwolf Jahren kam sie als Kindermadchen in Stellung, zwei Jahre 
lang reizte sie der Dienstgeber fast allnachtlich, ohne zu verkehren. Mit 
fiinfzehn Jahren glauhte sie schwanger zu sein, die Menstruation blieb drei 
Jahre aus und trat nach Abbruch der ersten Analyse wieder auf* Sie kam 
nun auf die Idee, sich ein Stuck Holz an die Scheide zu binden. Spater 
kam sie oft in die Analyse mit dem Messer in der Scheide, was offenbar 
nur durch ein en vaginistischen Krampf moglich war. Ohne das Messer in 
der Vagina stecken zu haben 3 konnte sie nicht einschlafen. 



Die psydiisdxcn Otorun^cn de* Orgaamus 53 

Die Orame, in der Form wie sie heute besteht, setzte im funfzehnten 
kebensjahre nach emer Nacht ein, die sie zusammen mit ihrem Vater in 
ein em Zimmer verbrachte. Sie hatte schwer getraumt. den Angsttraum ver- 
gessen und war friih am Boden liegend aufgewacht- Die Bettlade war 
durchgebrochen. Der Vater fragte sie, was sie denn in der Nacht getan 
hatte, ohne ihr nahere Auskunft zu geben* Dieses Detail hat die Analyse 
his dato nicht ldsen kdnnen. Es spricht aber alles dafiir, daB die Nahe des 
Vater s erregend gewirkt und zum Angsttraum gefuhrt hatte. Es lag nahe 
anzunehmen, daB die Patientin damals onaniert hatte. 

Die Rezidive war ausgebrochen, nachdem sie mit einem Sadisten Bekannt- 
schaft gemacht hatte, der sie mit GeiBeln schlug, an den Haaren zerrte, 
schimpfte und iiberdies zu kriminellen Handlungen zwang. So muftte sie 
ihm zweimal kleine Madchen bringen, fur ihn stehlen usw, Dabei nannte 
sie ihn „ihren besten Freund"j konnte ohne ihn nicht leben, brachte es 
zuwege, ihm stundenlang in den StraOen nachzurennen In der Analyse 
gelang es nur mit schwerer Miihe, unter Androhung des Abbruches der 
Kur, sie von ihm zu ldsen. Sie ubertmg sofort die masochistische Ein- 
steilung auf den Arzt, brachte eine Geiflel in die Analysenstunde mit nnd 
begann sich zu entkleiden, urn geschlagen zu werden. Nur das scbarfste 
Eingreifen brachte sie davon ah. Sie rannte mir in den Stral3en nach, suchte 
mich urn zehn Uhr nachts in meiner Privatwobnung auf , sie hielte es nicht 
auSj ich miiflte sie koitieren oder schlagen, sie muBte von mir em Kind 
habeiij nur ich konnte sie befriedigen. So ging es ungefahr aeht Monate, 
kerne Aufklarungj kein Zureden machte einen Eindruck auf sie. So oft sie 
etwas hegangen hatte, onanierte sie urn so starker mid haufiger, „zur Strafe", 
„ich mufl krepieren". Im achten Monat der Analyse unternahm sie einen 
Giftmordversuch an ihrer alteren Schwester und deren Gatten* Dariiber 
besteht wegen hier nicht naher anzufuhrender Umstande kein Zweifel* Die 
Patientin hatte das Ganze vergessen, verriet aber die Tat in Traumen und 
durch besonders grausames Onanieren. Einige Tage vorher hatte sie Battengift 
in die Analyse gebracht, sie liebte es so sehr, sie muQte es sammeln, Nur 
rait strengsten Verboten, unter Androhung des Abbruches war die Patientin 
in der Analyse zu halten. 

Im vierzehnten Monat der Analyse erinnerte die Patientin in einer ruhigen 
Phase vollkommen vergessene Szenen aus dem Schlaf zimmer der Eltem 
Die sadistische Theorie iiber den Geschlechts- und Geburtsakt fand hier 
ihre Aufklarung, ein Stiick Angst wurde aufgelost, die Patientin trat einen 
Post en an und hielt sich mmmehr ganz gut* Gharakteristischerweise bekam 
sie jetzt einen EBzwang, nahm stark an Gewicht zu, was einer oralen 
Schwangerschaftsphantasie entsprach. Ihrer Neigung, die Analyse ins Unend- 
Hche hinanszuziehen, muflte, da das ansch einen d wichtigste Stiick durch- 
gebrochen war 3 durch Setzen eines langfristigen Termines (weitere sechs 
Monate) entgegengearbeitet werden. Die Onanie flammte samt dem Schuld- 



5<4 Die Fuitktton des Orgasmus 

gefuhl bei der Erdrterung der Schlafzimmerszenen virieder auf und muBte 
verboten werden. Das Verbot war notwendig, well sich bereits Lokale 

Schadigungen zeigten (eine Gebarmuttersenkung und -knickung). 

Die Hebung des reinen InzestwunscheS; der bisher voHkommen verdrangt 
war, brachte aber keine Yerurteilung. Im Gegenteil, die Patientin phanta- 
sierte mmmehr bewuBt, vom Vater koitiert zu werden und ein Kind zu 
bekommen. Die Phantasien steigerten sich manchmal zu lebhaften Halluzina- 
tionen. Sie sah em en Teufel, der sie verhohnte, sie wurde es ja doch nicht 
ohne die Onanie aushalten, sie strengte sich umsonst an* Er batte das eine 
Mai die Ziige des ^Grafen^ ein anderes Mai die der Mutter. Der Teufel 
represent! erte ihre grausamen und inzestuosen Wiinschej deren sie sich zu 
erwehren hatte, ihre Mutter und als verpontes Objekt insbesondere den 
Vater, 

Seit der Niederschrift dieser Krankengeschichte hatte sich im Zustand 
der Patientin manches mm Besseren gewendeL Nach einer Unterbrechung 
von vier Monaten wurde die Behandlung durch weitere sieben Monate 
fortgesetzt, Jetzt -wurde ich eines Irrtums gewahr, dessen Korrektur die 
Besserung des Zustandes der Patientin erzielte. Es stellte sich namlich bei 
genauer Befragung iiber den Ablauf der Erregung heraus, dafl die Patientin 
auch bei der Onanie mit dem Messer nie zur Befriedigung gekommen war: 
In ihren Berichten hatte sie nur den Unterschied zwischen der vaginalen 
Erregung bei der Onanie und der Unempfindlichkelt beim Koitus im Auge 
und glaubte daher durch die Onanie pbefriedigt* zu sein, wahrend sie bloS 
stark erregt war, Sie gab an, daB bei der Onanie die vaginale Erregung 
sofort stark einsetate und dafi sie „die Richtung des Messers 4 abanderte, 
sobald sie spiirte, dafl „es ihr kommt"; darauf verging die Erregung, um 
gleich darauf um so stftrker anzuschwellen, sobald sie die Friktion fortsetzte. 

Auf mein Ersuchen zeichnete 
Figur 9 : s ie den Ablauf der Erregung 

wie nebenstehend und fugte 
hinzu: „Je starker ich auf- 
geregt werde, desto mehr 
fiirchte ich zu zersprin- 
gen; ich bekomme schreck- 
liche Angst j werde gan^miide 
undfcerschlagen." DieMiidig- 
keit nach der Onanie hatte 
ich lange irrtumlicherweise 
fur ein Zeichen der Befrie- 
digung angeselien> bis ich 
lernte, die Art der Miidigkeit und korper lichen SchlafFheit zu beachten. 
Sie erlahmte schlieBlich, nachdem sie eine Stunde lang protrahiert hatte, 
nicht weil die Spannung sich loste, sondern infolge muskuloser und ner- 




Die psydusaien otorungen des Orgasnvus 



$5 



vdser Ermattung. Die korperBche und psychische Erregung blieb nach wie 
Yor bestehen; so erklarte sich ihre exzessive Masturbation, Wir werden auch 
bei der cbronischen hypochondrischen Neurasthenie der orgastischen Impotent 
aJs Motiv der exzessiven Masturbation begegneu. 

Welche Vorstellung hemmte die Befriedigung? Wenn man sie fragte* 
was sie store, wuBte sie nur anzugeben, da6 sie unausgesetzt „hdren 
musse, ob die Befriedigung schon komme*. Der Sinn der Rede- 
wendung: ^die Befriedigung horen", wurde erst klar, als die Patientin 
eines Tages hinzufiigte, es sei, als horte sie Remand" ins Zimmer 
tret en; im Laufe vieler Monate nahm die Gestalt bestimmtere Formen 
an nnd schlieBlich war es immer wieder die Mutter, die, gelegentlich 
mit halluzinatorischer Scharfe, vorgestellt wurde* Es konnte nicht ermittelt 
werden, ob der Hemmung des Orgasmus auBer den groben Versagungen, 
die wir friiher beschrieben haben, auch noch andere Traumata zu- 
grunde lagen. Die Idee zu „zerspringen" war der Ausdruck der Angst, 
am Genitale verletzt zu werden, und als solche durch reale Erlebnisse 
determiniert und mit der Vorstellung : „drohende und strafende Mutter**, 
assoziiert. Sie fiirchtete aber nicht nur von der Mutter kastriert su werden, 
sondern wiinschte auch, von ihr befriedigt zu werden; indem sie 
mit dem Messer onanierte, bestrafte sich selbst; sie fiihrte die Kastration 
an sich aus; in den Selbstgesprachen, die sie bei der Onanie fiihrte, 
spielte sie die strafende nnd liebende Mutter sowohl wie das Kind, welches 
erregt ist und die Befriedigung wunscht. Das Messer, das allein sie in 
hohe Erregung zu bringen vermochte, hatte sie einer Arztin entwendet, 
die ihr nahezu vollwertige Mutterimago gewesen war; es hatte die 
Bedeutung des miitterlichen Penis. Die Patientin hatte die Vor- 
stellung, daB das Glied beim Akte in der Scheide stecken bleibe und 
daB die Mutter auf diese Weise in den Eesitz eines Penis gelangt ware, 
„Ich will von der Mutter befriedigt werden", bedeutete in tieferer Schichte; 
„Ich will, daB mich die Mutter mit dem Penis befriedigej den sie dem 
Vater abgezwickt hat." Die Verkniipfung dieser Idee mit der Angst, am 
Genitale verletzt zu werden, beruhte auf einer tieferen, regressiv akti- 
vierten Vorstellung : Als sie im Laufe der Analyse die vaginal e Anasthesie 
beim Koitus teil weise verlor, beschaftigte sie sich unausgesetzt mit der 
Idee, ob dem Kind* im Mutterleibe etwas geschahe, wenn die Mutter 
geschlechtlich verkehrt. Sie glaubte namlich schw anger zu sein und 



56 Die Fimlttion des Orgastniis 

furchtete aus diesem Grunde zu verkehren. Die Vorstellung, im Mutter- 
leibe voin Vater koitiert zu werden, war zeitweise vollig bewuSt. Da die 
Mutter im Hause immer die herrschende Persbnlichkeit war, der Vater 
dagegen im ehelichen Kampfe vollig unterlag, eignete sich die Mutter 
selir dazu, in der Phautasie der Patientin die Rolle des Mamies zu 
spielen* Jetzt begreifen wir, warum die Patientin ursprunglich nur bei 
der Onanie mit dem Messer vaginal erregbar war, beim Koitus dagegen 
nichts empfand; dort erfuhr sie die Befriedigung gleichzeitig mit der 
Strafe von der Mutter, hier hatte sie es mit einem realen Manne zu 
tun, den sie ja entsprechend ihrer aktuellen Libidostruktur ablehnte, 
der ihr nichts geben konnte* weil die Bedingung der Erregung, die 
Bestrafung durch den Schmerz, fehlte. Erst als die Analyse die Phautasie 
auf ihren ursprunglicben Sinn reduzierte, die weibhche Einstellung zum 
Vater in der Obertragung reaktiviert wurde und die infantile reaktive 
Fixierung an die Mutter sich teilweise loste, stellte sich die vaginale 
Empfindlichkeit auch beim Koitus ein. Die Unfahigkeit zur Befriedigung 
zu gelangen war jetzt der Ausdruck eines tiefen Schuldgefuhls der Mutter 
gegeniiber und reiner Kastrationsangst: Befriedigtwerden bedeutete, 
von der Mutter zur Strafe kastriert werden Gjich furchte zu 2er- 
springen"), und da der Orgasmus einmal die Vertretung der Strafe uber- 
nommen hatte, wurde er aus Angst vor Strafe gehemmt. 

Wollte man diesen Vorgang dahin deuten, daJ3 die Patientin sich die 
Befriedigung aus Selbstbestrafungsabsichten nicht gonntej — eine Deutung, 
die manche analytische Forscher hier vorziehen wiirden, — so bliebe 
eine Reihe von Tatsachen ungeklart* So z. B. daB sie Angst bekam, 
wenn sie die Akme erreichte. Die Befriedigung war fur sie eiu schwer 
strafbarer Akt. Wenn Selbstbestrafung immer ein ^Freibrief fur weitere 
Taten" ware (Alexander), hatte ja die Patientin, nachdem sie sich so 
empfindlich gestraft hat, die Lust restlos und ohne Schuldgefiihl aus- 
schopfen kbnnen* Dem war aber nicht so; im Gegenteil, sie vermied 
die Befriedigung aus Schuldgefiihl und wegen der Kastrationsangst. 
Selbst dieser so schwer masocMstische Fall zeigt noch das tJberwiegen 
der Strafangst iiber das Strafbedurfhis und wir sind berechtigt, daraus 
zwei wesentliche Schlusse zu ziehen: 

l) Eine Selbstbestrafung kann den Zweck haben, eine reale Strafe 
von aufien zu vermeiden, 



Die psyoiisdieii ototTHigeii ties Orgasnms 



5 7 



2) Schuldgefuhl kann mit Strafbedurfhis nicht identisch sein: ein 
Mensch, der sich schuldig fiihlt, kann ebenso eine Strafe herbeiwiinschen 
wie sie furchten. Das letzte ist z* B. die erste und eigentliche Reaktion 
auf den VaterhaB im Odipus-Komplex. Es miissen wohl spezielle Bedin- 
guiigen hinzutreten, um die Kastrationsangst in grofierem oder geringe- 
rem AusmaBe in den Wunsch, kastriert zu werden, zu verwandeln* 
Die Klinik unseres Falles lafit jedenfalls nur die eine Erklarung der 
orgastischen Impotenz zu: Kastrationsangst vor der Mutter, 

Yersuchen wir die mannigfaltigen Tendenzen, die hier die orgastische 
Impotenz bedingten, und ihre Schichtung uhersichtlich darzustellen : 

1) Belauschung des elterlichen Koitus — genital e Erregung, die sich 
in masturbatorischen Akten auslebt — Identifizierung mit der Mutter — 
Wunsch t vom Vater koitiert zu werden. 

2) Schuldgefiih] gegeniiber der Mutter ivegen Todeswiinschen — 
Trauma anlSfllich der sexuellen Spiele: die Mutter wirft ein Messer 
und ruft ihr „geile Hure zu: Regression zur oral en Fixierungsstelle 
und Aktivierung der Mutterleibsphantasie; der Inzestwunsch verdichtet 
sich mit beiden zur Phantasie, im Mutterleib vom Vater koitiert zu 
werden („Ich kann nur in der Gebar mutter befriedigt werden"); das 
Messer, das die Mutter geworfen hat, verschmilzt mit der Vorstellung 
des vaterlichen Gliedes, das als sehr lang und zum Durchbohren ge- 
eignet phantasiert wird T und ubernimmt spater alle libidinbsen Werte 
der ObjektLiebe, wahrend die Mutter, der sich die Patientin masochistisch 
hingibt, weil sie gleichzeitig die strafende Gewalt ist, als Liebesobjekt 
an die Stelle des Vater s tritt* „Ich hore die Befriedigung bmmen K , be- 
deutet somit 1) s Ich hore die Mutter kommen, die allein mich be- 
Medigen kann**, und 2) n Ich hore die Mutter kommen, die mich fur 
meine Untat bestrafen wild" ; so erfolgt die genitale Reizung zum Zwecke 
der Befriedigung und als Strafe zugleich, der Hohepunkt der Be- 
friedigung, der Orgasmus, wird aber so^ auch zum Hohepunkt 
der Strafe, zur Kastration, der die Patientin ausweicht. 



IV 

iSomatische Labia ostauu rig una Angstallekt* 

a) Allgemeines Bber Sinn? Tenaenz una Quelle 
ties neurotischen Symptoms 

Im Jahre 1895 trennte Freud 2 von der ^Neurasthenie" der Autoren 
einen Symptomenkomplex als „Angstneuro$e ff mit der Begruudurig ab, 
dafl dies© Rrkranhung sich von der Neurasthenie durch eine spezifisch 
verschiedene Xtiologie unterscheide. Sie kame nicht, wie die Neurasthenie, 
durch sexuellen Abuses, sondem im Gegenteil durch sexuelle Abstinenz* 
frustrane ETregung oder coitus interruptus zustande. Das zentrale Sym- 
ptom dieser „Aktualneurose" ware w freiflottierende a Angst, die sich 
Freud^ als unmittelbaren psychischen Ausdruck mad Folge der Staaung 
der somatischen Sexualercegimg vorstellte. Das Problem blieb offen, 
wie sich libido in Angst „verwandeln* konne, an der kausalen Bezie- 
hung zwischen mangelhafter oder fehlender Abfuhr der Sexualerregung 



i) Anm&rkung nach Abschlufl des Manushripts: Das vor kuMem erschienene Buch 
Freuds: ^Hemmung, Symptom mid Angst" (Internationaler Psych oanalytischer 
Verlag 1926) enthalt tvesentb'che Korrekturen an der bishcrigen Auffassung der 
neurotischen Angst* ohne dafi die Lehre von der Aktualangst fallen gelas sen wiirde, 
die jenen dem Anscheine nach turn Teil wider jpricht. Unsere Ausfuhrungen uber 
die neurotische Angst decken sich insoweit mit denen Frauds, als die Kastrations- 
angst nicht als Folge sondem aU eine der wesentlichsten Ursachen der VerdrSn- 
gung aufgefaGt wird. Anf die neuen Prohleme, die in der Arbeit Frends auf- 
geworfen werden, und auf etwajge Widerspriiche eimugehen, verbietet die Riirze 
der Zeit, die ziir Verarbeitung 1 des Neuen xur Verfiigung stand, Unsere Unter- 
suchung erfafit ja auch eine andere Seite des Angsiproblems, die in der Freud schen 
Untersuchung nicht einbezog'en ist, namlich din Aktualangat. 

4) „0ber die Berechti^ung, von der Neurasthenic einen Symptomenkomplex 
als ,Angstneurose' abzutrennen." (Ges. Schriften, Bd* 10 



Soraatisdie Libidostauung und Angstalfckt 



5 9 



und freiflottierender Angst konnte jedoch nicht gezweifelt werden^Stekel 
vertrat in der Frage der Angstneurose den gleichen Standpunkt wie bei 
der Neurasthenie (s. o. S. 35): Es gabe t meinte er, keine Akmalneurosen, 
denn es Hefien sich auch bei diesen Formen psych ischer Erkrankung 
die typischen psychischen Konflikte (Komplexe) nachweisen* Freud selbst 
hat nie gemeint t daB die Aktualneurosen nicht auch eine psychische 
Atiologie haben konnten, uad hat ausdrucklich die Hofifnung ausgespro- 
chen, dafi weitere Untersuchungen des Problems eine solche Atiologie 
aufweisen wiirden; es kame nur darauf an zu zeigen, daB die gefunde- 
nen Komplexe auch pathogen geworden sind, Mit anderen Worten* die 
Atiologie muti spezifisch sein. 

Spater kamen Jones 1 und Seif s auf das Problem der Beziehungen 
zwischen Angstneurose und Angsthysterie zuriick. Jones kam zum 
Schlnsse, dafl fl die wesentliche Ursache aller Arten von Angstzustanden 
in einem Mangel an psychischer Befriedigung der Libido (besteht); die 
Angst stammt aus dem angeborenen Furchtinstinkt und die Obertreibung 
ihrer Au fie run gen ist die abwehrende Ant wort auf verdrangte sexuelle 
Wunsche* In alien Fallen spieleri die psychischen Faktoren eine wichtige 
Rolle, in manchen sogar die einzige* Die physischen Faktoren wirken 
oft mit, aber sie allein geniigen nie, einen Angstzustand hervorzuxufen ; 
iibrigens enthalten diese Faktoren eine wichtige psychische Seite, Die 
physischen Faktoren treten aller dings viel mehr hervor in der Angst- 
neurose als in der Angsthysterie. Die Angstneurose darf als einzelnes 
Symptom der Angsthysterie betrachtet werden, die der weitere Begriff 
ist"* Auch Seif^faBte seine Ansicht dabin zusammen, daB die Angst 
von gestauter Libido herriihrt, aber ebenso eine „Schutzmaflregel geger^ 
die verdrangte Sexuallibido wie eine Surrogatsbefriedigung darstellt" und 
daB die Fahigkeit zur Angst und ihr Mechanismus mit Sexualitat nichts 
zu tun hat. 

Fassen wir diese Ansichten zusammen, so las sen sich zwei Ansch^u- 
ungsweisen feststellen: Angst kauri Ausdruck verdrangter Libido 
(Aktualneurose) oder Zeichen ihrer Abwehr (Phobie) oder bei- 
des zngleich sein. Das Problem ist nicht einfach und wir werden 

1) Die Beziehungen zwischen Ang-stneurose und Angsthysterie. Internationale 
Zeitschrift fiir Psychoanalyse, T (1913). 

2) Zur Psycho path ologie der Angst, ebenda. 



Die Funlttion <Je$ Orgasm us 



viele Tatsachen neu sichten und ordnen miissen* um ihm nahertreten 
zu konnen* Eine kurze methodische Betrachtung vermag uns in medias 
res zu fiihren. 

Die Methode der Psychoanalyse, aus den Zusammenhangen zwischen 
Symptom und Personlichkeitserleben auf den latenten Sinn und den 
geheimen Zweck des bei oberflachlicher Betrachtung sinnlos erscheinen- 
den Symptoms zu schliefien, erlaubt es noch. nicht, daraus Schiiisse auf 
die Quelle zu Ziehen, aus der das Symptom seine Energie bezieht* Ein 
Symptom kann, mufl aber nicht schwinden, wenn sein geheimer Sinn 
und Zweck bewufit wurde; es kann erst dann endgiiltig aufgehoben 
werden, wenn ihm die Energie quelle entzogen wurde. Nur das kann 
kausale Therapie genannt werden. An jedem neurotischen Symptom sind 
demnach zu unterscheiden : 

a) Sein psychischer Sinn: Darunter verstehen wir — auf die ein- 
fachste Formel gebracht — diejenigen verdrangten Vorstellungen, Er- 
lebnisse, Wiinsche, Befriedigungen, selbstbestrafenden Handluugen usw., 
die in ihm zu verstellter DarsteUung gelangen. Diese psychischen Inhalte 
waren aber nicht imstande, das Symptom herzustellen, wenn sie nicht 
„affektbesetzt* waren, d. h* mit gestauten Triebenergien in Verbindtmg 
stunden, Unter den verdrangten Vorstellungen, die man bei der Analyse 
eines Symptoms als sinnvolle Bestandteile vorfindet, sind die meisten 
sekundar hinzugekommen, nachdem das Symptom bereits hergestellt 
war* Das zeigt sich nur beim Vergleich des Querschnittes mit der Ent* 
wicklung des Symptoms- Da Stekel und seine Anhanger weder die 
Libidotheorie akzeptieren, noch sich um die infantile Wurzel des 
Symptoms kummera, ist es begreiflich, dafl sie in ihren Arbeiten staridig 
Sinn und Atiologle (Quelle) des Symptoms verwechseln und daher auch 
keine spezifischen Mechanismen aufzuzeigen vermogen, bei alien seeli- 
schen Erkrankungen immer wieder nur die bereits bekannten ^Komplexe^ 
fin den und daraus die Erkrankung w erklaxen K , ohne sich um den Ein- 
wand zu kummera, dafl es auf die Art der Konfliktlbsung und auf die 
spezifisch verschiedenen Wechselwirknngen zwischen Trieben und Er- 
lebnissen antomme. 

b) Sein Zweck: Darunter ist, abgesehen von den okonomischen Zwecken, 
denen das Symptom dient (Libidoabfuhr, Entlastung vomSchuldgefuhl usw .)» 
vornehmlich der sogenannte „sekundare Krankheitsgewinn* zu verstehen , 



oomatudie L/iLidostauung una Angstaffekt 



der in jeder Neurose mehr oder weniger ausgesprochen das Bild beherrscht, 
Nachdem die Neurose als ein Resultat pathologischer Konfliktlosung ent- 
standen ist, bediem sich der Kranke ihrer zur Erreichung bestimmter 
Ziele, die ausnahmslos innige Beziehungen zu den Ursachen der 
Neurose haben. Diese Tendenz des Symptoms 1st Folge, niemals primare 
Ursache der Neurose ; sie kompliziert und verscharft allerdings sekundar 
den neurotischen Konflikt und pflegt in vielen Fallen die primaren 
Ursachen des KonfLiktes vollig zu verdecken. Die ausschlieftlich final 
orientierte w Individualpsychologie a Adlers erblickt in diesen Tendenzen 
des neurotischen Willens und in den „£iktiven Zielen", denen er zustrebt, 
das Wesentliche der Neurose und kiimmert sich nicht urn die Ursachen, 
die neben den aus ihnen ja hervorgegangenen Zielen das eigentliche 
Gebiet der klinischen Psychoanalyse Freuds darstellen. 

c) Fragen wir uns nach der Natur der eigentlichen Ursachen einer 
Neurose, so sind wir genotigt, iiber das nur durch die Aifektbetontheit 
wichtig gewordene Erlebnis und uber die sekundar hinzugekommenen 
Ziele der Neurose bis an den Rand des psychologisch noch faBbaren 
Triebgeschehens zu gehen, das biologischen Gesetzen unterliegt und vor 
allem an physiologischen Vorgangen verankert ist, die sich im inner- 
sekretorischen Apparat und in dem an ilin gekoppelten Nervensystem 
abspielen, Diese Beziehungen sind bisher fur den Sexual trieb sichergestellt, 
so dafl die Freudsche Definition des Triebes, er sei ein M Grenzbegriff 
zwischen Seelischem und Somatischen", vor allem fiir den Sexualtrieb 
voile Berechtigung hat, wahrend iiber die Beziehungen der zweiten 
Triehgruppe* der Destruktionstriebe, zum SomatUchen so gut wie nichts 
Sicheres vorliegt. Als Triebpsychologie hat die Psychoanalyse schon auf 
Grund jener Definition engste Beziehungen zur Biologie und auf Grund 
ihrer Neurosenlehre solche zur Physiologie der Neurosen. 

Als Quelle eines Symptoms kommen also biologische Triebener- 
gien in Betracht, die sich an somatischen, wahrscheinlich biochemischen 
Vorgangen (innere Sekretion) immer aufs neue entfachen, psychisch als 
Triebdrang oder Affekt zum Vorschein kommen und sich als solche 
an Vorstellungen und Erlebnisse kniipfen. Von den vier Merkmalen des 
Triebes, die Freud unterschied, entsprechen Quelle und Drang des 
Triebes der blologisch-physiologischen, das Triebziel und das Trieb- 
objekt der psychologisch en Seite des Begriffes. Das stimmt fur den Drang 



Die FunktiOJi des Orgasmus 



und das Triebziel nur im grobsten, denn der Drang eines Triebes wird 
psychisch als Unlust wahrgenommen, wenn die Befriedigung nicht erfolgt; 
das auDert sich aber zunachsl in korperlicher Spannung. Die Befreiung 
von der unhistvollen Spannung macht dann die Befriedigung aus, die 
im Bereiche der Sexualtriebe als spezifisches Lustempfinden erlebt wird. 
Diese Richtung des (Sexual-) Triebes von der Unlust hin zur Lust macht 
das regulative Lust-Unlust-Prinzip aus, das, wie Freud_ fand, die 
neurotische sowohl wie die infantile Psyche und die des Primitiven 
hauptsachlich regiert. Die supponierte biologische Funktion des Keim- 
plasmas, die Erhaltung der Art, ist durch die „Lustpramie* gesichert 
(Freud), die hauptsachlich an den Genitalappaiat gebunden ist. Macht 
man sich klar, daO das Lustprinzip em biologisches, das ^Realitatsprinzip* 
(Freud) ein soziales Triebregulativ ist und daB dieses den neurotischen 
Konflikt hervorruft, so lafit sich die Neurose auf die einfachste Formel 
bringen als Konflikt zwischen Keimplasma (Sexualtrieb, Lustprinzip, Lust- 
Ich) und einschrankender AuBenwelt (Morale Realitatsprinzip, tJber-Ich als 
Vertreter der AuBenwelt im Ich). Und nichts vermag die Richtigkeit 
dieser Formel besser zu beweisen als die Tatsache, daB die Potenzstorung 
ein typisches Symptom jeder Neurose ist* Welche Beziehting besteht nun 
zwischen der Storung der Genitalfunktion und dem neurotischen ProzeJ3 ? 
Das ist fiir die Psychoneurose nicht schwer zu heantworten. Auf welcher 
Stufe der seelischen Entwickliing immer der neurotische Konflikt ein- 
setzen mag, die Verdrangung erf a fit, gleichgiiltig ob primar oder sekundar, 
immer auch die genitalen Strebungen, sperrt sie von der Motorik mehr 
oder minder ab, oder sie begnugt sich mit deren Spaltung in Zartlichkeit 
und Sinnlichkeit, oder sie bedient sich jener verschiedenartigen funktions- 
hemmenden Mechanismen, die wir bei den einzelnen Neurosenfbrmen 
finden. Die Hemmung deT genitalen Funktion bringt wieder eine soma- 
tische Libidostauung mit sich, die sich zur psychischen hinzufiigt und 
so den neurotischen Konflikt sekundar hetrachtlich verscharft, festigt und 
kompliziert. Man iiberzeugt sich, daB der seelische Konflikt, der ur 
spriinglich nichts Pathologisches an sich zu haben braucht, zu 
ein em neurotischen mit alien seinen Konsequenzen erst dann 
wird, wenn die somatische Libidostauung hinzukommt, d. h. 
sobald die Energiequelle fur die Symptombildung geschaffen wird. 
Die Verdrangung einer Triebregung macht noch keine Symptome; diese 



oomatisdie LiDKlostauuiig und Angst affeltt 



65 



entstehen, nachdem es der Triebregung gelungen ist, die Verdrangung 
von Seiten des abwehrenden Ichs zu durchbrechen, was man in erster 
Linie der gestauten Energie des Triehes zuschreiben mu8. Die fcorper- 
lichen Spannungen und Sensationen aus dem Bereiche der Neurasthenie, 
Angstneurose oder Hypochondrie fehlen niemals im Beginne einer neu- 
rotischen Erkranku ng und sind unmittelbarer Ausdruck der somatischen 
Libidostauung. Dazu stimmt ferner, dafi sich zwischen die Verdrangung 
und die Symptombildung stets ein je nach der Stoning der Genital- 
fur.ktion mehr oder weniger langes Zeitintervall einschiebt. Das sieht 
man z, B. besonders deutlich bei der Erythrophobie: Der Kranke kampft 
monate- oder jahrelang gegen die Onanie an, schlieBlich gelingt es ihm, 
sie vollig zu unterdriicken. Die Gesellschaftsscheu, die schon vorher 
be&tand, verririgert sich zunachst und verstarkt sich erst wieder bedeu- 
tend, nachdem sich Wochen oder Monate spater bei gewohnlich banalen 
Anlassen das Erroten zum ersten Male mit alien aktualneurotischen Begleit- 
erscheinungen gezeigt hat* 

Ehe wir auf die feineren ursachlichen Beziehungen zwischen der 
Psychoneurose und dem nie fehlenden aktualneurotischen Kern eingehen, 
wenden wir uns dem Problem der Aktualangst zu. 



h) Angst una vasovegetattves System 

Die Symptomatologie der Angstneurose Freuds deckt sich im wesent- 
lichen mit der der vasomotorischen Neurose, Die typischen Symptome 
bei der Erkrankungen sind: Herzbeschwerden (Asystolie, Tachykardie, 
Arrhythmien, Extrasystolen usw\), Schweifiausbriiche, Hitze- und 
Ka*lteempfindungen t Zittern, Schwindel, Diarrhben, gelegentlich 
vermehrter SpeichelfluB. Es verdient besondere Beach tung, da!3 diese Sym- 
ptome in der Analyse in dem ein en Falle ein en verborgenen psychischen 
Sinn und Zweck aufweisen, in einem anderen, wenn man nicht urn 
jeden Preis und gewaltsam psychische Inhalte unterschiebt, einen solchen 
vollig vermissen lassen und bloB Ausdruck einer allgememen, psycho- 
logisch nicht faSbaren korperlichen nnd seelischen Ubererregtheit sind. 
Wo sie auch einen psychischen Sinn haben, folgen die Symptome vollig 
den GesetzmaBigkeiten, denen die Konversionshysterie unterworfen ist* 
So hat das Errtiten bei der Erythrophobie den Sinn der sozialen Scham 



64 Die Futiktion des Orgasmus 

und unbewuBt den der Exhibition des erigierten Penis, dessen Vertreter 
der Kopf geworden ist. 

Halten wir uns an unsere Einteilung: Sinn, Z^eck und Quelle des 
Symptoms, so ergeben sich sovrohl Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten 
zwischen der vasomotorischen Neurose mit hjsterischen Mechanismen 
und derjenigen ohne solche. Gemeinsam sind beiden die Organe, an 
denen die pathologischen Erscheinungen auftreten. Es hat vorlaufig nichts 
zu sagen* dafi diese Organe dem symr^thisch-parasympathischen Nerven- 
system unterworfen sindi denn es kbnnte bei minimaler somatischer Dis- 
position ein hef tiger psychischer Konflikt durch Yerdrangtmg affektbe- 
tonter Vorstellungen und durch Absperrung der normalen Energieabfuhr 
die Energiebetrage dies em System zufuhren, dadurch seine pathogene 
Kraft erhohen und so dieselben Symptome in Erscheinung setzen, die 
ein anderes Mai an demselben System anf Grund anderer atiologischer 
Vorgange auftreten- Die Wahl dieses somatischeti Systems lieBe sich aus 
einer (zu supponierenden) Disposition (^somatisches Entgegenkomraen*, 
Freud) mit einiger Nachsicht wissenschaftlicher Korrektheit, da wir iiber 
die Natur einer solchen Disposition nichts wissen, erklaren. Wir wollen 
bloO f est halten, daB bei der hysterischen Yasoneurose genital e Energien 
dem vaso-vegetativen Nervensystem zugefuhrt werden. Das Errbten kann 
einen genitalen Exhibhionsakt, das Zittern des Kopfes die Onanie oder 
die Kastration darstellen; Hitzegefiihle entpuppen sich in der Analyse 
iiberaus haufig als Ausdruck eineT somatischen genitalen Erregtheit, die 
nicht bewufit werden darf; die Diarrhoe kann Ausdruck von Angst 
oder sexueller Erregung sein. Bei manchen Im potent en t die beim Koitus- 
versuch keine Erektion bekommen, tritt abundante SchweiBabsonderung 
auf und die Analyse der Phantasien und Traume weist Mutterleibs- 
wunsche, beziehungsweise eine Identifizierung des Korpers mit dem Penis 
nach ; die Vasodilatator en funktionierten statt am Gliede an der ubrigen 
Haut, wrodurch der Schweiflausbmch zustande lam, 

Hat nun z t B. die psychische Identifizierung den Schweifiausbruch 
verursacht? Hat etwa der unbewufite Wunsch, ganz in den Mutterleib 
zuriickzukehren, die Erektion der Haut — sit venia verbo — bewirkt? 
Das kann gewiB nicht der Fall sein. Es ist nur denkbar, dafi die soma- 
tische Erregung, die den Koituswunsch begleitete, die Vasodilatatoren 
der Haut erfaBte, da sie zum Genitale infolge seelischer Hemmung oder 




jSom&tisdie Libidostauung unci AngstafFekt 



6S 



Angst nicht zugelassen wurde, Die infolge einer Hemmung aufgehaltene Er- 
regung wurde dann durch den Vorstellungsinhalt, den wir bei der Analyse 
des Symptoms finden, auf erogen und psychisch geeignete Organ e gelenkt. 
Das gleiche gilt fiir die Hitzeempfm dun gen ; diese werden zunachst durch 
die Serualerregung hervorgerufen und mit sexuellen Vorstellungen erfullt, 
mag die Sexualerregung als solche wahrgenommen werden oder nicht. 
Da Hitzeempfindungen auch die normale Sexualerregung begleiten* kann 
der physiologische Vorgang nicht als Konversionssymptom gewertet werden. 
Pathologisch ist bloB das Nichtwahrnehmen der genitalen Sensation, 
Manche hysterische Patienten produzieren an Stelle von Sexualerregung 
oder Angst Kaltezittern, 

Eine Patientm, die in den Sitzungen haufig genital erregt war, wurde 
von Kaltezittem befallen, so oft sie vom Arzt eine Versagung erfuhr. Der 
psychische Sinn des Kaltezittems war der vorbewufite Wunsch, vom Arzt 
wie von einer Mutter gewiirmt zu werden, doch kormte er sich in dieser 

Fcrm erst auflern, nachdem die Patientin an Stelle ihrer libidinosen Er- 
regung Angst produzierte T die ebenfalls das vegetative System der Haut im 
Sin no des Angstaffektes erregte. 

Die Symptome der vasomotorischen Neuxose komien als Ausdruck 
einer Irritation des vegetativen Nervensystems aus verschiedenen Griinden 
zustandekommen. Beim Basedow wird dieses System durch eine Dys- 
funktion der Thyrioidea irritiert. Im Augenblicke einer realen Gefahr 
treten die gleichen Symptome als Ausdruck und Begleiterscheinungen 
des Schrecks auf; oh sie mittelbare oder unmittelbare Folgen der Angst 
sind, welcher Energien und Mittel sich die Angst dabei bedient, ist ein 
kompliziertes Problem, zu dessen Klarung die Analyse der Phobien 
manches beizutragen vermag. Doch wir schlagen vor, zunachst ein ein- 
facheres Phanomen, z. B. die Erscheinungen der Nikotinintoxikation, zum 
Ausgangspunkte unserer Untersuchung zu machen. 

Die Selbstbeobachtung ergibt hierbei, daS sich als erstes Anzeichen 
der Nikotmvergiftung eine Tackykardie einstellt; eine kurze A.systolie 
bildet den Ubergang zur Tachykardie. Im Augenblicke, in dem der 
Herzschlag aussetzt, tritt Angst auf; spater kommen Schwindel, tJbelkeit 
und SchweiBausbruch hinzu. Die Angst, die ursprunglich keinen tahalt 
batte r tritt allmahlich mit der Furcht, sterben zu mii^en, in Verbindung; 
dieser liegt der rationale Gedanke zugrunde, dafl Nikotinabusus Coronar- 

Reich; Die Funktion des Orgasmus. 5 



66 Die FunktJon ties Orgasmus 

arteriensklexose und dadurch friihzeitigen Tod bedingen kann. Bei langer 
dauernder und starker werdender Tachykardie vexstarkt sich auch die 
Stexbensangst, sie wird dadurcli aktuell und intensiviert ihrerseita seXundar 
die vasomotorischen Erscheinungen am Herzen. Die Reihenfolge im Auf- 
treten dex Symptome entspricht vollig der einen Richtung der ursach- 
lichen Beziehungen : Die Nikotimntoxikation erfaflt das vegetative Nerven- 
system, diese Irritation bedingt vor allem die Tachykardie, spater auch 
Allgemeinerscheinungen ; die Tachykardie ist von Angst ohne Inhalt be- 
gleitet, die rich sekundar mit der Todesfurcht verbindet. Fur unser Pro- 
blem der aktualneurotischen Angst ist vorlaufig nur die Koppelung der 
Herzarrhythmie und der Tachykardie mit freiflottiereiidex Angst von Inter- 
esse* Es bedarf einer kleinen JCoxrektur an der bisherigen Auffassung 
der Genese der Afctualangst, Die Auffassung, dafl die vasomotor ischen 
Symptome der Angstneurose Freuds nur Angst Equivalent e seien, karui 
zugunsten der anderen aufgegeben werden, dafl die freiflottierende Angst 
eine Begleiterscheinung einer bestimmten Form vegetativer Irritation der 
Herztatigkeit ist* Den ken wir uns ferner an die Stelle des Nikotins 
somatische Sexualstoffe, die nicht in physiologisch korrekter Weise ab- 
gebaut wurden, so sehen wix die Atiologie der AJttualangst klar vor uns : 
Die Libidostauung bedingt eine Irritation des vaso-vegetativen Systems 
in Form der Herzneurose, die immer im Zentrum der angstneurotischen 
Symptomatologie steht; die Angst geht wie bei der Nikotinvergiftung, 
beim Basedow, bei der Angina pectoris unmittelbar aus der Irritation 
der Herztatigkeit hervor und das Problem der Verwandlung von Libido 
in Angst falh weg. Wie das Nikotin bei der Nikotinvexgiftung, so ware 
bei der Angstneurose die Libidostauung als mittelbare Ursache der 
Angst anzusehen, 

Wir halten vorlaufig fest, dafl die Angst das eine Mai Folge, das andere 
Mai Ursache vasomotorischer Erscheintoigen sein kann, wie z. B. beim 
Schreckj und haben nun die Aufgabe, einexseits die Beziehungen zwischen 
vegetativ bedingter Herzirritation und Angst* anderseits die zw ischen 
Libido und vegetatrvem Nervensyslem soweit moglich zu klaren, be- 
ziehungs weise als Pr obi erne zu formulieren. 1 

1) Wir veraachlassjgen dabei die Angst* welche gelegentlich statt am Herien 
*m Magen empftmden wird* 






Somatisdie Libidostattiuig und Angst affelu 6? 

Die Autoren der Angina pectoris sind riemlich einig in der Auf- 
fassung> da6 Irritationen der Reizleitung, die Extrasystolen* Tachykardie, 
Asystolie usw, hervorrufen, von einem mekr oder minder ausgesprochenen 
Gefuhl der Angst begleitet sind. Brissaud 1 meint, daB „ alien Empfin- 
dungen seitens des Herzens em eigentiimliches Gefiihl der Lebensgefahr 
innewohnt". Rothberger schreibt; „Das Gefuhl des bevarstehenden 
Todes (bei der Angina pectoris) darf nicht einfach als Folge des Schmerzes 
aufgefafit werden, sondem ist eine vom Zustand des Herzens bedingte 
spezifische Empfindung, sonst miiflte es sich auch finden, wenn aus 
anderen Grunden starke Schmerzen in peripheren Gebieten auftreten* 
Wenn die Kranken die Schmerzen bei Angina pectoris auch nicht richtig 
lokalisieren, so empfinden sie doch die Art des Schmerzes ganz anders 
als Schmerzen in derHaut oder in den Muskeln." Lutembacher fand, 
dafl Angst schon bei leichter Distension des Herzens auftritt* Braun 
charakterisiert die Beziehungen zwischen der Angst und den Herz- 
erscheinungen wie folgt: w Am Herzen zeigt sich ein spezifisehes Emp- 
findungsvermogen (phylogenetisch) als Ang&tempfindung sowohl beim 
kranken wie am gesunden Herzen; ja, man kann sagen, daB man an 
sein Herz izberhaupt nicht den ken kann, ohne im Herzen schon etwas 
zu empfinden, was sich als Angst defmieren laflt Bei alien Graden von 
Angst besteht ein bestimmtes, mit dem Grade der Angst wachsendcs, 
tiefes, bangendes, beengendes, beklemmendes, dumpfes Gefuhl am Herzen, 
ein Wehgefuh], das sich bei hochsten Graden dex Angst mit dem Gefiihl 
des Tergehens verbindet", es sei ein Gefuhl des Versagens tind der „Hilf- 
Iosigkelt des biologischen Ich tf . 

Was die Ursachen der Herzaffektionen anbelangt, die nicht bakteriell 
oder mechanisch bedingt sind, gehen die Ansichten der Physiologen im 
Detail zwar auseinander, treffen sich aber in der Auffassung, dafl sie 
in Storungen der Fanktionen des vegetativen Nervensystems zu suchen 
sind, die ihrerseits durch Storungen der inneren Sekretion verursacht 
werden* 1 Diese Auffassung hat wichtige Beziehungen zur psychoanalytischen 
Libidotheorie, die ja ebenfalls mit den Storungen der inneren Sekretion 
als somatischer Gmndlage der Neurose Tech net, 

i) Samtliche Zitate nach. Dimitrenko : Das Problem der Angina pectoris 
(S&minelreferat), Deutsche Medizinische Wochenschrift, 3/1926, 



68 Die Function Jes Orgasmus 

Mit der Einfiihrung der somatischen Llbidostauung als einer 
der Ursachen einer Storung der vasovegetativen Funktion 
wird eine Liicke in der Physiologie ausgefiillt, die bisher von physio- 
logischer Seite nicht einmal als Problem erfaflt wurde, trotz der vielen 
Anregungen, die Freud mit seiner Lehre von der Aktualneurose gegeben 
hat. So wird z. B. in L* Brauns Arbeit uber „Psychogene Storungen 
der Herztatigkeit^ l der Name Freuds beilaufig in einer FuBnote ange- 
fiihrt und seine so be deutungs voile Entdeckung der somatischen Folgen 
der Sexualstorung nicht erwahnt Und doch fiihrt jeder Schritt vorwarts 
auf diesem Gebiete unausweichlich zum Problem der Sexualitat. 

Was vermag nun die Psychoanalyse zum Problem der Beziehungen 
der Sexualitat zum vegetativen Nervensystem beizutragen? Wir gehen 
aus von den Erscheinungen bei der Sexualerregung, beim Koitus und 
beim Orgasmus. 

c) Sexualerregung und autosomes Nervensystem 

Genitale Erregung und sexuelle Erwartungslust zeitigen am Herzen 
und am iibrigen vasomotorischen System dieselben Erscheinungen wie 
der Angstaffekt. Das kann fur das Verstandnis des Zusammenhanges 
zwischen Libido nnd Angst gewiS nicht gleichgultig sein. 

Betrachten wir die vasomotorischen Erscheinungen im Zustande sexu- 
eller Erregtheit, so fallen vor allem das Herzklopfen und das Hitzegefuhl 
im Korper auf, wobei das Gefiihl der Erwartungslust und das der 
Erwartungsangst miteinander verwoben sind, Der Herzschlag wird 
beschlennigt ebenso bei der Vorstellung einer kommenden Gefahr wie 
bei der einer zu erwartenden SexuallusL Beiden liegt die gleiche spezi* 
fische Empfindung am Herzen zugrunde. Es ist, als ob die iebhafte 
Vorstellung einer Situation, bei der dem vegetativen Nervensystem eine 
wichtige Rolle zufallt, den Vagus und Sympathicus zu einer Probe- 
funktitm anregte. Die genaue Beobachtung dieses Vorganges, der beliebig 
oft auf dem Wege der Vorstellung ausgelost werden kann, zeigt, daB 
der Pulsbeschleunigung eine ganz kurz dauernde Herzdilatation voran* 
geht. Die speziell am Herzen lokalisierten kinasthetischen Empfindungen, 
die die Sexualitat begleiten, liegen auch manchen Redewendungen zu- 



l) „Psychogenese und Psycho therapie kdrperlicher Symptome"* Wiea 192ft 




oomatisdie Lihadostauung una Angstaffekt 



6 9 



grunde, wie z. B, da6 „die Liebe im Herzen wohne" T daiJ man „sein 
Herz verliere", daft eine Frau ein „weites Herz" besitze, d* h, leicht 
zugang]ich sei usw, Dazu kommt die Tatsache, daJJ das Hera in 
Symptomen und Traumen sebr haufig die Bedeutung des Genitales hat. 
Bei einer Patientin war das rhythmische Klopfen der erregten Klitoris 
direkt mit dem Herzklopfen assoziiert: Wahrend sie sexuell phantasierte, 
driickte sie beide Hande in der gleichen Weise ans Herz, wie sie sie 
vor der Verdrangung des Onaniewunsches an die Klitoris gedriickt hatte. 

Wir sehen ferner, dafl die wichtigsten automatischen Funktionen bei 
den vorbereitenden Sexual ak ten vom vasovegetativen System bestritten 
werden, so die Vasodilatation be! der Erektion, die Sekretion der Bar* 
tolinischen Driisen beim Weibe und die allgemeine Durchblutung der 
Genitalien. Man kann nun. sagen, dafl die Sexualerregung bei der 
Erwartungslust (analog wie bei der Erwartungsangst) zunachst das 
kardiale System auf dem Wege vegetativer Innervation erfaJ3t T 
sich aber im weiteren Verlaufe, sofern keine Hemmungen vorliegen, 
anf das genitale Organsystem verschiebt und dadurch das 
kardiale entlastet. 1 

Welches ist nun das weitere Schicksal der Sexualerregung, die sich 
zuerst hauptsachlich im Bereiche des vaso-vegetativen Systems auswirkt? 

Im Beginne des Sexualaktes konzentriert sich die Erregung immer 
mehr auf den Genital appar at, wird von hier aus auf sensiblen Bahnen 
als Lustempfhidung wahrgenommen und steigert sich zur Akme. Wir 
konnen also sagen, dafi sich wahrend des Sexualaktes die Erregung immer 
mehr vom vegetativen auf das sensible Nervensy stem ubertragt und schlieB- 
lich vom Augenhlick der Akme an auch das motorische Nervensystem 
und die Muskulatur erfaBt. Diese Uberleitung bedeutetEntlastung 
des vegetativen Nervensystems und Erledigung der Sexual- 
erregung im sensomotorischen System. Die Uberleitung vom 
sensiblen auf das motorische System und das Verebben der 
Erregung im ganzen Korper wird als Befriedigung erlebt. 



i Die Fulsbeschleuniguiig wahrend des Sexualaktes ist nur zum Teil Ausdruck 
der Erregung des vegetal Wen Systems* zum grdfiexen Teil ist sie durch die 
motorische AJuion Isedingt, — DaB es eine Angstpoilutioa gibt, zeigt deutlich* 
wie hmig der Zusammenhang zwischen der vegetativ bedmgten Erregung des 
GefaBsy stems und der des Genitalapparates ist* 



yo Die Funktion He* Otgasmua 

Diese Darstellung stiitzt sich auf die phanomenologisch wahraehm- 
baren Erscheinungen am vaso vegetativen und sensomotorischen System 
vor T vrahrend und nach dem Akte. Sie stimmt in den Grundzugen mit 
der Darstellung der Fhysiologie des Orgasmus iiberein, die Miiller 
gibt, 1 Nach Miiller springt die Erregung von der glatten Muskulatur 
des Genitalapparates (des Samenstrangs und der Prostata) auch auf die 
quergestreifte (Mm. bulbo- und ischiocavernosi^ iibrige £eckenboden- 
muskulatur) fiber und erfaBt auch die iibrige quergestreifte Muskulatur, 
besonders die Strecker der Beine, (Nachgewiesen durch Experimente an 
einem Hunde.) 

Dieser Autor nimmt ferner an* da8 r mit dem Auftreten dea Orgasmus 
die Erregung (von der glatten Muskulatur des Genitalapparates) auch auf 
das iibrige vegetative NeTvensystem" uberspringt, Auch das bestatigt 
unsere Auffassung, da8 der Orgasmus einer Yerandemng in der 
Konzentration der Erregung am vegetativen System entspricht. Nur 
muB man hinzufugen, dafi die Erregung sich auf dem Wege uber das 
sensomotorische System umsetzt- Wir hatten soroit folgende Phasen zu 
unterscheiden : 

i) Spannungslose Speicherung der Sexualenergie im vegetativen 
System. 

2) Spontane oder willkurliche Konzentration der Libido auf den 
Genitalapparat (sexuelle Spannung und vasomotorischeErscheinungen). 

)) Fortschreitende tiberleitung ins sensorische System (Vorlust ; L und 
II. in unserem Schema, Figur 5, S. 22). 

4) tfberleitung ins motorische System (Aufstieg zur Akme — 
Endlust; IIL und IV, in Figur 5). 

j) Riickstromen ins vegetative System, Zustand wie bei 1 (V. im 
Schema): Das Genitale und der iibrige sensorische Apparat sind ent- 
lastet, die Muskulatur ist entspannt- 

Unter ^Orgasmus" verstehen wir die unter 4 und 5 beschriebenen 
Vorgange, Die Befriedigung ist dementsprechend um so vollkommener, 

1) je mehr Libido auf das Genitale konzentriert wurde; 

%) je vollstandiger, d* h, je ungestorter die Erregung im vegetativen 
Apparat wieder verebbt 

1) Miiller: Das vegetative INTervensystem (Springer, 1920)* 



SottiAttsdie lAhidostvu-ung un d Angstaffeltt 71 

Jetzt verstehen wir besser, worauf die Angstneurose Freuds^beruht; 
Wird der Sexualerregung durch irgendeine Hemmung die Oberleitung 
zum sensomotorischen Xerven system und zum Genital e verwehrt, so 
verbleibt die Eire gun g gespannt im vasovegetativen System and pro- 
duziert alle Erscheinungen, die die vasomotorische NeuTOse kennzeichnen . 
Das ist am ausgesprochensten der Fall bei totaler Abstinenz infblge 
seelischer Hemmungen, wenn nicht einmal die genitale Sensibilitat 
funktioniert t ferner bei frustraner Erregung* wenn nur die t)berleitung 
auf da* sensible, nicht aber die wichtigere auf das motorische System 
erfolgt, 

Bei Fallen mit coitus interruptus trifft man meiner Erfahrung nach 
weit haufiger akute neurasthenische als angstneurotische Symptome an* 
Das erklart sich daraus, dafl beim coitus interruptus die Erledigung im 
Motorischen zwar erfolgt, aber der Reizablauf durch die (Jnterbrechung 
des Aktes grob gestort wird, so daB einerseits unerledigte genitale - Er- 
regung sensibler Natur die typischen neuTastheniscben Erscheinungen 
erzeugt, anderseits ein mehr Oder minder grofler Betrag an sexueller 
Erregung im vegetativen Nerven system verbleibt mid sich teils am kar- 
dialen System > teils in den Storungeti anderer autonom inner vierter 
Organe (z. B. des Darmes) auswirkt* Von der Atiologie der Angstneurose 
zu der der Neurasthenic gibt es sorait Ubergange, die eine scharfe 
Trennung nicht zulassen. Es kann nur allgemein gesagt werden, daB 
die akute Neurasthenie um so mehr hervortritt, je weiter auf dem Wege 
zur motorischen Entladung der Erregungsablauf gestort wird; je entfemter 
davon die Erregung im Ablauf behindert wird, d. h. je weniger das 
vasovegetative Nervensystem entLastet wird, desto intensiver werden die 
Symptome der vasomotorischen Neurose und die Aktualangst, Mit einer 
grofieren oder geringeren Belastung des vegetativen Systems („Nervositat") 
ist bei alien Neurosen zu reehnen. 

In seiner ersten Publikation uber die Angstneurose stiitzte sich Freud 
auf den Tatbestand, „daB in ganzen Reihen von Fallen die Angstneurose 
mit der deutlichsten Vermin der ung der sexuellen Libido, der psychi- 
schen Lust, einhergeht", und folgerte daraus T daB „der Mechanis- 
nius der Angstneurose ... in der Ablenkung der somatischen 
Sexualerregung vom Psychischen und einer dadurch ver* 
ursachten abnormen Verwendung dieser Erregung zu suchen** 



^ 



73 Die Funktion des Orgasmus 

sei. Diese „Ab)enkung vom Psychischen" kann nur durch eine Ver- 
drangung der Wahraehmung der genitalen Sensationen zustande kommen ; 
sie bedeutet somatisch nichts anderes, als Aufhalten der Uberleitung 
vom vegetativen ins sensomotorische System ; dabei fallt dem Bewufltsein 
(dem System Bw Freuds) offenbar eine wichtige Rolle zu. Das Bewuflt- 
sein beherrscht nach Freud den Zugang zur Motilitat* Das Bewuflt- 
werden der Sexual err egung, d. h, des psychischen Anteiles der libido, 
der als Sexual wunsch zum Ausdruck kommt t ist eine notwendige Vor- 
bedingung des Empfindlicbwerdens der Sexualorgane \ dieses entspricht 
bereits einer partiellen Oberleitung der Erregung ins Sensorische (Lust- 
empfindung), und wir sehen in der Tat in den A nary sen, daS die Angst 
ansteigt, sobald auch die Wahrnehmung der genitalen Erregung ver* 
drangt wird, und daB sie nachlafit* wenn diese geduldet wird. Kommt 
es nicht zur orgastisch-motorischen Befriedigung, wird die Sexualerregung 
auch nicht in psychoneurotischen Symptomen gebunden, so erfclgt 
gewohnlich eine neuerliche Absperrung der genitalen Sensibilitat und 
die Angst stellt sich samt den vasomotorischen Erscheinungen wieder 
ein. Freilich ist diese Angst nicht mehr reine Stauungsangst, sondern 
sie bekommt auch den Sinn der ^ Angst" des Ichs von seinen sexuellen 
Bedurfhissen. Doch nimmt mit dem Grade der Xichtwahrnehmung 
(Verdrangung) der Sexualerregung die Sensibilitat des Genitales ab und 
die Kuckstauung der Erregung ins autonome Nervensystem zu; diese 
somatischen Vorgange sind meist durch psychische Hemmungen, z« B. 
durch Angst vox dem Koitus, bedingt. 

Die Sexualbefriedigung im Orgasmus bedeutet nicht blofl eine Um- 
setzung nervoser Erregung, son dem was fur den Gesamtorganismus 
wesentlicher ist, auch eine physiochemische Aufrrischung der iibrigen 
vegetativen Funktionen. Hier harrt der physiologischen Chemie eine 
FuUe hoffnungsvoller Arbeit. Ich erwahne blofl das korperliche Erbliihen 
der sexuell befriedigten Fran und dessen Gegensatz, das fruhzeitige 
korperliche Welken der viel verspotteten „ alien Jungfrau", die nicht 
alter zu sein braucht als ihre gliicklichere Geschlechtsgenossin, Das gleiche 
gilt fur den Mann* Die sogenannte „Bleichsucht" des Madchens nach 
der Pubertal diirfte ebenfalls hierher gehoren. Es ist ferner auf f alien d, daB 
die Anajnnese bei alien Frauen, die an schweren klimakterischen Be- 
schTverden leiden, ungluckliche Ehe und dauernde Frigiditat, jahrelange 



Somatische Libidost&uimg utiJ AngstaUekt p$ 

Abslinenz infolge Witwentums oder totale genitale Abstinenz wegen 
Unverheiratetseins ergibt, wahrend Frauen, die in gliicklichen Ehen 
leben und an Libidostauungen rricht zu leiden hatten, das Klimakterium 
im allgemeinen ohne besondere Beschwerden iiberstehen. 

DaB es sich dabei nicht zuletzt urn bidtagische Khythmen handelt und 
dafl die Neurosen Stoningen dieser Rhythmen sind, zeigt die Wirkung 
des Fruhlings auf die sexuelle Bereitschaft, beziehungsweise sein EinfluB 
auf die Suicidstatistik und das Anschwellen der Neurosen. 

a) JjU psyailsche A.tiologie der Aktuatneurose 

Aus der Analyse einer vasomotorischen Neurose 

Eine sechsuiidzwanzigjahrige Frau suchte die Analyse wegen allabendlich 

auftretender Ang5t£flstande 3 Herzklopfen, Zittern, Hitzegefuhlen und Tranen 
der Augen auf. Ihre Frigiditat empfand sie nicht als krankhaft, im Gegen- 
teil t sie haftte den Geschlechtsakt, er war ihr ein Greuel, weil er tierisch 
und schmutzig sei und ihr lib er dies Schmerzen verursachte. Die ah krank- 
haft eingesehenen Symptome war en vier Jahre vorher au%etreten; am 
starksten wurden sie urn die neunte Abendstunde. Be senders heftig pflegte 
die Angst zu werden, wenn sie aus dem Benehmen des Gatten schlieflen 
muBte, daft er geschlechtlich verkehren wollte, Sie gab in der erst en Aus- 
sprache selbst zu, dafl sie die Symptome auch ausmitzte, indem sie, auch 
ivenn es den Tatsachen nicht entsprach, sich schwer leidend stellte, um nur 
der „ehelichen Pflicht** auszuweichen* 

Die Diagnose einer rebien Angstneurose war scbon mit Riicksicht darauf 
nicht zu steUen ? daB die Angstzustande, ohgleich ohne hestimmten Inhalt 
{„freiflottierend**), sich in stets gleicher Weise gegen neun Uhr abends ein- 
stelHen und der Gharakter der Fatientin (mannKches Gehaben, forciert tiefe 
Stimmej trockene Unbefangenheit usw.) auf eine zwangsneurotische Basis 
schlieflen liefl. Einige Monate nach dem Beginn der Analyse stellte es sich 
auch heraus T dafl die Angst auch den Gharakter unbestimmter Erwartungs- 
angst hatte („als muBte sich etwas Boses ereignen"). 

Die Analyse ergab sehr bald den Anlafi, der die Neurose ausgelost 
hatte. Sie wurde von ihrem Gatten, der in schlechten materiellen Verhalt- 
nissen lebte, gezwujigen> die Schwangerschaft zu unterbrechen ; das konnte 
sie ihm nicht veraeihen und haflte ihn von da ah, vrahrend sie ihn vorher 
nur gering geschatzt hatte. Der Abortus hatte zweifach als Schock gewirkt; 
er bedeutete den Verlust des Kindes und, was vmt wesentJicher war, einen 
blutigen Eingriff am Genitale. Die Enttauschung, die ihr die Versagung des 
Kindes hereitet hatte, stand im Widerspruch zu ihrem mannlichen Wesen 



74 Die Funktion des Orgaamua 

und zu ihrem Verhalten wahrend der zweiten Schwangerschaft zur Zeit 
der Analyse. Entsprechend ihrem mannlichen Wesen hatte sie sich emeu 
femminen Mann zmn Gat ten gRwahlt, den sie beherrschen tmd ihrem 
Zwangscharakter zufolge qualen konnte. DaB er es sich gefallen lieB, emporte 
sie besonders und stachelte sie zu verscharfter Qualerei an. Dieses wider- 
spruchsvolle Verhalten erklarte sich daraus, daB sie in ihren Phantasien als 
liebendes Weib auftrat, das von einem starken und besonders rohen Mann 
geliebt wurde. Die Analyse dieser Phantasie ermoglichte ein ungewohnlich 
rasches Vordringen zu den Erlebnissen der fruhen Kindheit, die Stuck um 
Stuck erinuert wurden. 

Im dritten Monat der Analyse, nachdem die aktuellen Konflikte mit 
dem Gatten in den Grundziigen besprochen war en, ohne dafl die Symptome 
nachgelassen batten (jeder Obertragungserfolg wurde sofort als solcher ent- 
larvt und zerstdrt), erumerte sie viele Details einer Angsthysterie aus der 
Zeit zwischen dem dritten und dem siebenten Lebensjahre, Sie batte Angst 
vor dunklen Raumen und vor Einbrechern gehabt. Die Ehe der Eltern 
war sehr schlecht gewesen; der Vater war Trinker und ein Rohling, der 
Fran und Kinder tyrarmisierte und prugelte* 

Sie hatte als Kind zuerst nicht verstehen konnen, warum der Vater, 
der abends betrunken heimkehrte und roh zur Mutter war, am Morgen 
freundlich war* Der Vater pflegte immer erst sehr spat nach Hause zu 
kommen und das Kind fiirchtete sich schon im voraus vor den Szenen, 
die, wie sie wuflte ? sich abendlich wiederholten. Im weiteren Verlaufe der 
Analyse erinnerte sie unter heftigen Angstgefuhlen und vasomotorischen 
Erscheimingen die Koitusszenen, die sie mehrere Jahre hindurch belauscht 
hatte. Bei der Belauschung hatte sie Angst, Herzklopfen, Hitzegefuhle, wie 
seit vier Jahren, und Harndrang gehabt t Die von der Patientin mit grofiem 
Verstandnis durchgefuhrte Analyse erlaubte, zwei Stadien der Koitus- 
belauschung zu unterscheiden. Zuerst hatte sie nur Angst verspurt und die 
Vorstellung gehabt, daJ3 der Mutter etwas GraBliches geschahe; Traume 
lieBen darauf schliefien, da6 sie das erste Mai mit Schreck erwacht war 
und s either jeden Abend in angstlicher Erwartung des Kommenden nicht 
einschlafen kormte. AHmahlich hatte sie sich an die nacht Lichen Szenen 
gewohnt und war zur Einsicht gelangt, dafi es doch nicht so arg sein 
konnte, sonst wiirde die Mutter nicht von selbst ins Bett des Vaters gehen 
und dieser konnte am Morgen nicht so freundlich zu ihr sein* Sie entdeckte 
das Lustvolle der Situation und onanierte von da ah wahrend des Geschlechts- 
aktes der Eltern. Die gleichen korper lichen Erscheinungen, die fruher 
zusammen mit der Angst aufgetreten waren, begleiteten nun die sexuelle 
Erregung* Doch blieb die Onanie nach der Verdrangung des Eindrucksj 
den die nachtlichen Szenen gemacht hatten, standig mit der Angst assoziiert. 
SchlieDlich erlag audi die Onanie der Verdrangung und es verblieb als 
unkenntlicher Rest Angst vor Einbrechern und Angst im Dunkeln. Daneben 



(So mans tie LitiJostauvng und Angstaffctt 



7 5 



bildete sich eine Phantasie, die in der Analyse ebenfalls auf die Schlaf- 
zimmerszenen zuruckgefuhrt werden konnte : Ihre Tagtraume liatten zumeist 
den Inhalt, dafl sie „sehr t sehr reich" sei. Es fiel auf, dafl diese Tagtraume 
die Angst um das siebente Lebensjahr Trollstandig abgelost hatten. Von da 
ab, insbesondere in der Puhertat, bekatn sie so etwas wie ein Gefiihl der 
Angst, wenn sie mit Mannern ^usdinineTikam, die ihr gefielen, Sie verstand 
es jedoch stets, sich. gefanrlichen Situationen zu entziehen, und fliichtete 
merkwiirdigerweise in die tt Geldphantasie". Gelegentlich ertappte sie sich 
beim Gedanken, dafl sie, urn viel Geld zu verdienen, auch Dime werden 
konnte. So traumte sie einmal, dafl sie nachts durch eine dunkle Gasse 
gehe und dafl an alien Ecken und in Maueraischen Manner stun den, vor 
denen sie sich fiirchtete. Als Kind hatte sie sich sehr fiir die Frauen 
inter essiert, die abends auf der Strafie herumstandeu. Sie hatte einmal eine 
Dime angesprochen und von ihr ein Geldstiick bekommen. Das wollte sie 
dem Vater bringen, „damit er gut werde , denn sie wuflte, dafl man ihn 
mit Geld milde stimmen konnte. Die Geldphantasie war somit eine ver- 
st elite Inzestpharktasie und konnte offenbar die Angst binden; denn wenn 
sie Geld besafl, konnte sie einerseits den Vater milder stimmen und ander- 
seits ihn fur sich gewinnen; war ihr doch nicht verborgen geblieben, dafl 
die Mutter das gleiche erreichte, wenn sie dem Vater Geld gab. Diese 
Phantasie ging ohue sexuelle Erregung einher, Hingegen wurde sie genital 
erregt, wenn sie sah ? dafi ein Kind oder ein Hund geschlagen wurde. In 
den Geld- und Schlagephantasien kam eben die Regression zum sadistisch- 
analen Entwicklungsstadium ebenso zum Ausdruck, wie in ihrem Charakter, 
den wir als zwangsneurotischen bezeichnet haben: Sie war total frigid 
und sexualablehnend, ordnungsliebend, gewissenhaft, manntich-hart und 
infolge ihrer sexuelle n Affektsperre im Wesen kalt. 

Nach der Erinnerung der Urszene t rat en, besonders bei der Besprechung 
der Details, auch in der Analyse vasomotorische Erscheinungen zunachst 
mit Angst auf; allmahlich wich die Angst genitaler Erregung, 
wahrend das Herzklopfen, die Hitzegefiihle und die iibrigen 
vasomotorischen Symptome blieben. Und zwar wich die Angst in 
dem MaJ3e ? als die Sensibilisierung des Genital es fortschritt. Als sie zum 
ersten Male mit Lust, allerdings ohne den Orgasmus zu erreichen, mit 
ihrem Manne verkehrte, konzipierte sie neuerdings. Vier Jahre lang hatte sie 
ohne Praventivmittel verkehrt; dafl sie jetzt konzipierte, konnte nur darauf 
zuruckgefuhrt werden, dafl sie die weibliche Sexualrolle angenommen hatte. 
Vor dem betreffenden Geschlechtsakte hatte sie einige Traume, in denen 
der Kindeswunsch sich symbolise h auflerte. Auch in ihrem Wesen driickte 
sich die Umstellung zum Weiblichen, Miitterlichen deutlich aus; sie verlor 
auch die betonte Harte in Stimme, Gang und Haltung* 

Trotz dieser Anderung des Charakters und des Abbaus der Angst wurde 
die Analyse forties etzt. Die Onanieangst, die sich als genitale Beriihrungs- 



EKc Function des Or ga sinus 



angst auflerte, war uberhaupt nicht erortert worden; ebensowenig war 
der Patientin die Furcht> beim Geschlechtsakt verletzt zu werden, bewuflt 
ge worden und der Peniswunsch, der ihrer mannhchen Haltung zugrunde 
lag > hatte kaum Erwahnung gefunden. Der erzielte Erfblg war lediglich 
der Erinnerung der Urszene und der weitgehenden Losung der inzestubsen 
Fbderung zuzuschreiben, die ein Stuck weiblkher Liehesfahigkeit freigemacbt 
hatte, 

Im zehnten Monat der Analyse wurde die Behandlung wegen der vor- 
geschrittenen Graviditat unterbrochen, ohne einen voDen ErfoJg erzieH zu 
haben. Der Mann hatte, ohne darunter zu leiden, eine leichte ejaculatio 
praecox und vermochte es daher nicht, ihre freigelegte Libido an sich zu 
fesseln, Auflerdem geriet die Patientin in einen neuen KonfHkt, den sie 
dank der Psychoanalyse nicht neurotisch zu erledigen trachtete. Sie hatte. 
getrieben -von ihrem Mannlichkeitswunsch, einen femininen Mann geheiratet 
und sehnte sich nun, entsprechend ihrer neuen weiblichen Haltung, nach 
ein em starken, fuhrenden Gatten. Viele Monate spater sah ich die Patientin 
als gliickliche Mutter und ungliickliche Gattin wieder. Die Angstzustande 
waren nicht wiedergekommen, doch litt sie an einer leichten Magenneurose, 
die vermutlich auf einer nicht gelosten Beziehung zur Mutter fuQte, Die 
Quelle dieses Symptoms konnte nur die Libidostauung sein, die ja nicht 
behoben war. Von Zeit zu Zeit traten Hitxegefuhle mit sexueller Erregung 
auf, die die Patientin vergebens bekampfte, noch ohne sie zu verdrangen. 
Sie beabsichtigte, die Analyse fortzusetzen, um den Konflikt mit dem Gatten 
zu erledigen. 

Man darf vorwegnehmen, dafi ihr nur zwei EntscheidungsmogHch- 
keiten offenstehen; Annahme des Gatten mit Hilfe yon Entsagung; dann 
bleibt sie standig der Gefahr dex Rezidive ausgesetzt, weil sich die 
sexuelle Errcgtheit nur orgastisch erledigen laBt, trotz der Befriedigung 
in der Erfiillung der JYtutterpnichten und eventueller Sublimierung. Oder 
Scheidung und neuerliche, adequate Gatten wahl. Der denkbare Ausweg 
masturbatorischer Befriedigung verspricht auf die Dauer wenig; er scheint 
im Gegenteil wegen der Phantasien nicht ungefahrlich zu sein (neuerHche 
Regression). 

Wir haben diesen Fall ausfuhrlicher besprochen, weil wir auch der 
Bedeutung der somatischen Libidostauung fur die Prognose der Neurose 
Rechnung tragen wollten. Die Rezidivef&higkeit eines symptom- 
frei gewordenen Patienten hangt unter anderem in erster 
Linie von dem AusmaBe an gestauter Libido, d. h* von den 
noch ungelbsten inneren Hemmungen und aufleren Schwierig- 
keiten ab, die der Herstellung eines geordneten Sexuallebens entgegen- 
stehen. 



Somatisdie LibiJostauung un<J Angstaffett 77 

In theoretischer Hinsicht vermag der Fall uns einige Zusatnmen- 
hange zwischen den aktualneurotischen und den rein psychoneurotic 
schen Mechanismen klarzumachen> Es sind folgende Prozesse zu unter- 
scheiden ; 

a) Der aktuelle Konflikt mit dem Gatten bediente sich der Neurose 
als Mittel zur Durch setzung neurotischer Absichten (Schuti vor dem 
Geschlechtsakt, Qualen des Gatten}. Dieser Konflikt selbst war aber der 
Erfolg einer durch infantile Erlebnisse bedingten Fehlidentifizierung, 

b) Nach der Versagung des Kindes durch den Gatten und dem blutigen 
Eingriff am Genitale regredierte die Patientin zu einer Libidoposition t 
die durch die Erlebnisse im Scblafzimmer besonders geartet war (all- 
abendliche Angstzustande), Die psychische Reaktivierung des in- 
fantilen Sexualwunsches rief die somatische sexuelle Erregt- 
heit hervor, die sich in gleicher Weise wie damals, namlich 
unter vasomotorischer Erregung kundgab, AuBer der Angst 
hatten die einzelnen Symptome keinen psychischen Sinn, Der Sinn 
der Angst war die wiederbelebte Furcht vor dem brutalen Vater, vor 
dem Gescblechtsakt als vermeintlicher Gefahr und vor dem eigenen 
lnzestverlangen. Bis zur Erkrankung konnte die sexuelle Erregtheit in- 
folge der Sexualablehnung nicht hervorgerufen werderL Die Geschlechts- 
kalte, die ein Uberbau der Kastrationsangst und ein Schutz vor sexuellen 
Reizen war, brach erst unter dem machtigen Anprall der wiedexbelebten 
kindlichen Phantasien zusammen. 

c) Die Kastrationsangst verhinderte jedoch die Sensibilisierung des 
Genitales und die ErreguDg konnte nur mehr als Stauungsangst zum 
Vorschein kommen* Die vasomotorischen Symptome T das Zittem und der 
Schwindel waxen somit Ausdmck der nicht wahrgenommenen Sexual- 
erregung. So kam zur psychischen Libidostauung, die wir als Sehnsucht 
nach dem V^ter beschreiben konnen, die somatische hinzu und verscharfte 
die psychische Erregtheit und die Angst, die ihrerseits die vasomotorische 
Neurose wie in einem Zirkel immer aufs Neue anfachte. 

Die Kastrationsangst und die charakterologische Sexualab- 
lehnung waren somit die indirekten, psychischen Ursachen 
der Aktualangst. 

Die somatische libidostauung kann auf zweierlei Art zustande kommen : 
a) Eine geringe psychische Hemmung stort die glatte Abwicklung 



78 Die Funktion des Orgasm-us 

der Befriedigung, ohne die Reizung zu verhindern- Blofie Reizung ohne 
Lbsung der Sexualspannung (frustrane Erregung) schafft zunachst all* 
gem eine Unruhe, Reizbarkeit und Verstimmung neben korperlichen 
Beschwerdeiij so dafl sie t zu einer Quelle sich stets steigernder Beschwerden 
geworden, schlieBlich abgestellt wird; die genital e Sensation erscheint 
nicht mehr als Lust- sondern als Unlustempfmdung, gelegentlich als 
Schmerz, Erst jetzt pflegen die vasomotorischen Erscheinungen und die 
Angst in den Vordergrund zu treten. Die Stbrung des libidinosen Gleich- 
gewichtes bringt dann sekundar die immer bereitliegenden psychischen 
Konflikte zur Geltung. 

b) Eine starke chaTakterologische Hemmung, wie in dem letzten Falle, 
laBt es nicht einmal zur Reizung kommen, so dafl die somatischen 
Spannungen zunachst niedrig bleiben und T soweit sie vorhanden sind, 
sich der mannigfachen Gelegenheiten, die der Alltag bietet, bedienen, 
urn abgefiihrt zu werdeu. Durch em en mehr oder minder wichtigen 
aktuellen AnlaB> der jedoch stets mit infantilen Konflikten assoziiert ist 
und eben dadurch pathogen wird, werden zunachst die infantilen Konflikte 
als scxuelle Phantasien aktiviert. Die urspriinglich geringe somatische 
Libidostauung wird erst durch diese Aktivierung alter und starker Phanta- 
sien zu pathogener Kraft angefacht. Sie verscharft sekundar den psychischen 
Konflikt und wird die eigentliche Energiequelle der Symptome, die, wie 
bereits hervorgehoben wurde, nicht schon bei der Regression, sondern 
erst nach einem Intervall auftreten, das von bewuBter oder unbewuBter, 
stauungserzeugender Phantasietatigkeit erfullt war* 

Bei vorgeschiittenen neurotischen Prozessen lassen sich die psychischen 
und somatischen Anteile der Libidostauung in ihrer ursachlichen Wechsel- 
beziehung nur schwer auseinanderhalten. Der Unterschied in der Ent- 
stehung der Aktuil- und der Psychoneurose im Beginne des Prozesses 
ist ein durchgreifender; Dort wird zuerst somatische Energie gestaut, 
die bei langerem Bestande auch psychische Stauungen (unerfiillte Sehnsucht) 
und Regressionen bedingt-, hier werden auf Gxund aktueller Anlasse, 
Enttauschun gen an Liebesobjekten oder narzifitischer Krankungen, alte 
Wiinsche und kindliche Phantasien angeregt, die sekundar die pathogene 
Stauung der somatischen Sexualenergie bedingen* Es muB jedoch betont 
werden, dati eine solche Fluent in die Kindheit, beziehungsweise in die 
Krankheit, una so eher und auf urn so geringftigigere Anlasse hin zustande 



jSomatisdic Limdostauung und Aiigataffeht 



79 



Neurose (Psydio- 
neurcse -\~ aktuai- 
neurvtischer Kern) 



J*kantasU- 

hildung 



fiat, 



kommt, je geringer die libidinbse Bindung an reale Objekte und die 
reale Sexualbefriedigung sind. 

Es kann somit keine Aktualneurose ohne psychische Hem- 
mungen oder Storungen der Genitalfunktion und keine Psycho- 
neurose ohne gestaute somatische Libido zustande kommen, 
Und jede Aktualneurose wird, je langer sie dauert, urn so mehr psycho- 
neurotisch iiberbaut* 

Der psychoneurotische Anteil der Neurose entspricht der historischen 
Atiologie (Odipus-Komplex), der aktualneurotische der aktuellen Atio- 
logie (Libidostauung). 

Das nebenstehende Figur 10: 

Schema veranschaulicht 
die typischen Zusam- 
menhange : 

i) Der Odipus-Kom- 
plex liefert das grund- 
legende Material (die In- 
halte, Phantasien), die 
Libidostauung die Ener- 
gie zur Herstellung der 
Neurose- 

2) Die Libidostauung 
macht den Odipus-Kom- 
plex aus einer Justori* 
schen Tatsache zn einer 

aktuellen; dieser wieder macht mittels der genital en Funktionshemmung 
die akute Libidostauung chronisch. 

So schliefit sich der Ring der feeiden Atiologien zum kontinuier- 
lichen Kreislauf: Phantasie — Storung der Genitalfunktion — Libido- 
stauung — Angst — Phantasie — Storung der Genitalfunktion usw, 

Ein jung verheirateter Mann klagt uber heftige Angstzustande, Herz- 
klopfen, Zittern, SchweiBausbriiche, die vor einem Jahre akut aufgetreten 
waren. Auf meine Frage nach dem Sexualleben berichtet er, dafl er vor 
einem Jahre* knapp vor dem Aushmch der Angstneurose, coitus interruptus 

auszuuhen begaun, nachdem die Gattin gegen den Willen b eider konzipiert 
hatte, Nach einiger Zeit bekam die Angst bestimmte Inhalte, so erwachte er 




ktion 



^ngstbildung 



Libidostauung 
(aktuell) 



QdipuskaTTLplex 
(historisch) 



80 Die Funktton <Jes Orgasmus 

haufig aus Traumeu, in denen er verfolgt wurde. Ahnliche Triiume hatte 
er nur in der Kindheit gehabt. 

Eine vierzigjahrige Fran litt seit zwanzig Jahren, seit ihrer Verheiratung 
an einer vasomotorischen Neurose und Angst; einige Symptome aus dem 
Bereiche der akuten Neurasthenic (Kreuzschmerzen, Kopfdruck usw.) kompli- 
zierten das Krankheitsbild. Auf die Frage, ob sie beim Geschlecntsakt emp- 
nnde, brach die Patientin in Tranen aus: „Seit zwanzig Jahren renne ich 
zu Arzten und warte auf diese Frage, Warum bat mich bisher niemand 
darnach gefragt? Ich selbst schamte mich* es zu sagen. Ich weiB, dafl mir 
nur die Befriedigung fehlt." In einigen Aussprachen (eine Analyse konnte 
wegen Platzmangels nicht durchgefuhrt werden) st elite es sich heraus, dafi 
die Patientin nach der Verheiratun^ einmal von ihrem Manne digital gereizt 
worden und wegen dieser n Tat heftig erschrocken war (Onanieangst!). Sie 
duldete es nie mehr. Seither wurde sie von sexuellen Erregungen geplagt, 
die im Laufe der Zeit fast voDig den Symptomen ihrer Neurose wichen, be- 
ziehungsweise abwechselnd mit ihnen auftraten, Der Versuch, die psycbische 
Hemmung suggest! v zu beseitigen, gelang voriibergehend. Die Patientin erlebte 
zum erstenmal einen Orgasmus durch digitale Friktion der KJ it oris. Die Sym- 
ptome war en mit einem Schlage verschwunden. Ein zweiter Versuch miB- 
lang, die Patientin war blofi gereizt und die Symptome kehrten in vollem 
Ausmafie wieder. Die psychische Hemmung, vermutlich ein intensives Onanie- 
schuldgefuhl, war momentan am Grtinden starker Obertragung ge wichen, 
hatte aher wohl nur durch eine grundliche Analyse dauernd beseitigt werden 
konnen* 

Eine direkte suggestive Wirkung ist hier auszuschlieBen. Man iiberzeugt 
sich im Verlaufe psychoanalytischer Behandlungen wiederhalt von der sym- 
ptomlosenden Wirkung des genitalen Orgasmus. Dieser Zusammenhang fiel 
zum erst en Male in der Analyse eines zwangsneurotischen Charakters mit 
Arheitsunfahigkeitj Zwangsgriibeln und Sexualscheu auf* Nach ungefahr acht- 
monatiger analytischer Arbeit war die Fbderung an die Mutter und die 
aktueUere an die Schwester soweit gelost, daB der Patient semen ersten 
Koitus unternahm, der in jeder Hinsicht befriedigend war. Die korperHchen 
Beschwerden wichen mit einem Schlage, er bekam einen „freien Kopf** und 
fiihlte sich „wie neugehoren 1 *. Im Laufe von acht Tagen kehrten die Sym- 
ptome allmahlich wieder und wichen nach einem neuerlichen Akte. Das 
wiederholte sich in gleicher T/Veise sechs Wochen hindurch. Der Patient 
muQte schlieftlich, sollte die Analyse nicht in diesem Zirkei stecken bleiben, 
wieder abstinent leben, um unter dem Drucke der Krankheitserscheinungen 
die resUiche Arbeit zu leisten* die notwendig war, um alle neurotischen 
Ruckzugsmbglichkeiten zu entwerten, Der Patient ist seit sechs Jahren voll- 
kommen arbeits- und liebesfahig. 



Somatisdie LitiJostauung und Angst&ffekt 



e) Jxus der Analyse einer Uysterte mit hypochondri&cher Angst 

Erne zweiunddreifiigjahrige verheiratete Frau suchte das psychoanalytische 
Ambulatoiium wegen der qualenden Befiirchtung auf, ihr achtjahriger Sohn 
und sie selbst konnten an Lungentuherkulose sterben, Vor drei Jahren hatte 
sie einen Arzt wegen des schlechten Aussehens ihres Kin des konsultiert, die 
Untersuchung hatte jedoch nichts Pathologisches ergeben: der Arzt hatte sie 
bloB auf die Gefahr eines Lungenspitzenkatarrhs aufmerksarn gemacht. Sie 
dachte nicht welter daran, bis der Junge vor einem Jahre an einer Angina 
erkrankte* Jetzt setzte, jedoch noch ohne den Charakter der Angst anzu- 
nehmen, die hypochondrische Zwangsbefurchtuug ein. Sie wich auch nicht, 
sondern verstarkte sich vielmehr, als der Knabe gesundete, trotz wieder- 
holter Versichemngen des Arztes, daB ihm nichts mehr fehle* Aus Angst 
und Serge m das Kind wurde die Patientin schlaflos und arbeitsunfahig, 
litt an Weinkrampfen und akut auftretenden Angstzustanden; sie muflte 
immerfort denken: n Wenn das Kind aber doch stirbt!" 

Schon in den ersten Wochen der Behandlung ergab sich ein klares Bild 
von den eigentJichen Anlassen der Erkrankung. Zunachst erinnerte sie, daB 
zur Zeit, als der Knabe krank lag, die Befiirchtung sie gequalt hatte, ihre 
dreizehnjahrige Tochter kdnnte den Buben zur Onanie verleiten. Kurz vor- 
her hatte sie heohachtetj wie die Tochter onanierte, ohne jedoch sonderlich 
hesorgt gewesen zu sein. Einige Zeit darauf erlitt sie erne schwere Ent- 
tauschung an ihrem Gatten, mit dem sie his dahin in relativ guter Ehe 
gelebt hatter Er flirt ete mit ein em jungen Madchen und kufite es in ihrer 
Gegenwart. Die Patientin war emport und eifersiichtig. (Sie selbst, meinte 
sie, ware ihrem Manue So treu, daU sie am ganzen Korper vor Angst zittere, 
wenn sie von einem fremden Manne bloB angesehen werde.) Nach dies em 
Vorfall verspiirte sie einen schier unbezwingbaren Drang zur Onanie und 
traumte in der darauf folgen den Nacht, daB sie mit ihrem Vater, der vor 
acht Jahren gestorben war, a tergo verkehre. Sie hatte nie beim Geschlechts- 
verkehr mit ihrem Gatten der art intensive Lustempfindungen erlebt wie 
in diesem Traume, Von da ab verstarkte sich die hypochondrische 
Befiirchtung und nahm den Charakter der Angst an. 

Sie selbst hatte zur Zeit der Puhertat viele Jahre exzessiv onaniert, bis 
sie einmal in einem Buche iiber die Gefahren las, die die Onanie angehlich 
mit sich bringe* So hatte sie z, B. geglaubt, daB man an Syphilis erkranken 
konne. Seit dem Beginne der Bekanntschaft mit ihrem Gatten onanierte sie 
selbst sehr selten und hflrte damit auf, als sie regelmafiigen Geschlechts- 
verkehr pflog; sie war vaginal hypasthetisch, litt haufig an Vaginismus und 
war in jeder Hinsicht gehemmL Mehxere Jahre lang bestanden die geschlecht- 
lichen Beziehungen zwischen ihr und ihrem Manne in Friktionen an der 
Vulva, die sie nur zum Teil befriedigten. 

B.«lch: Die Funktiim des Orgasmus* 6 



8s Die Funktioji des Orgasmus 

Ordnen wir die Anlasse der Erkrankung, so sehen wir, da£ die Angst 
als letztes und schwerstes Symptom sich nach jenem Koitustraume ein- 
stellte, in dem sie auf Grand der Inzestphantasie lustvolle genitale Sen- 
sationen erlebte* Schon lange vorher war ihr seelisches Gleichgewicht 
labil, sie hatte mit Onaniewunschen zu kampfen und war vaginal hoch- 
gradig hypasthetisch sowie orgastisch impotent. Nach der Enttauschung 
am Gatten fliichtete sie in die Phantasie und die Onaniewunsche wurden 
wieder machtig, Schon anlafilich der Erkrankung des Knaben wurde 
die Yerdrangung erschuttert. Der Arzt hatte von Tuberkulose gesprochen, 
der Vater war an Tuberkulose gestorben. Das gab den Inhalt ab 
fur die Befiirchtung ; ihre Energie stammte aus der Onanieangst; diese 
war durch die Onanie ihrer Tochter wiedererwacht, ohne jedoch so- 
fort als Angstaffekt zum Vorschein gekommen zu sein. Die 
Abwehr der Onanie nahm erst dann den Charatter der Angst 
an, als sie jene vehemente Sexualerregung im Traume hatte. 
Das Sterben- und Zugmndegehenmiissen war ihrer alten Auffassung nach 
die notwendige Folge der Onanie. Der Onaniewunsch sowohl wie die 
Strafangst wurden auf den Knaben projiziert. 

Das hatte seine besonderen Griinde ? die durch folgenden Traum klar 

wurden : 

tf Es war auf einer grunen Wiese, auf einmal sah ich, wie mtin Bub auf einer so* 
genannten Feldbahn sq/3 t das Lenkrad wie tin Chauffeur in der Hand hielt und 
einmal nach vorn t dann wieder zvruckfuhr* WU ivh ihn anrief und nach vom 
elite, um ihn auf%uhalten y fuhr er zuruck, eilte ich zuruck y so fuhr er nach 
vorn, Auf einmal erbltckte ich meine verstorbene Schwester und wollte sit an- 
statt des Bub en strafen, aber sie war so kltin, dafi sie sich kaum zu bticken 
brauchte, um unttr einer Wagtnstangt durchzukommen, Ich erwischte sie geradt nach an 
der Hand und Schlug ihr mit meiner Hnken Hand e.in paar Ohrfeigen heruntet\ nur hatte 
ich tin tigentumliches Gefuhl t so wie ivenn sick meine Hand so rtcht an ihre Wangc 
schmiegen mttfite und es Jtostete mich jedes Mai groJJe Muhe t meine Hand von der Whnge 
zu Ibsen und noch einmal hinzuschlagen** 

Die Patientin verstand sofbrt die Bedeutung des Lenkrades und des H Hin 
und Her" im Traume. Da sie in ihrer Rindheit und wahrend der Pubertal 
jahrelang mit anderen Kindern fl Doktor K gespielt hatte, muflte sie sich ein- 
gestehen, dafl sie selbst den Wunsch hatte, den Buben zu verfuhren; he- 
wufit wurde nur die Abwehr dieses Wunsches in der Befiirchtung, dafi 
ihre Tochter es versuchen konnte. 






jSomatisclie Lilndostauung untl AngstaffeLt 83 

Es hatte nun gewifi dabei bleiben kbnnen. Warum verschob sich aber 
auch die Angst vox den Folgen der eigenen Onanie auf den Knaben? 
Ferner, warum war die Angst nicht schon damals ausgebrochen, als sie 
die Tochter rmanieren gesehen hatte? 

Unter ihren Zwangsbefiirchtungen kehrte die Idee immer wieder, ihr 
Knabe Tviirde das achtzehnte Lebensjahr nicht erreichen. Sie konnte sich 
mit der Vorstelkmg nicht befreunden, dafl ihre alte Mutter mit dem zur 
Zeit achtzehnjahrigen Bruder allein in den Ehebetten schHef, Sie selbst 
schlief mit ihrem Knaben bis zur Analyse zusammen. Die Lage, die sie da- 
bei einnahm* war eindeutig genug: der Knabe muBte zumeist mit dem 
Riicken zu ihr gewendet liegen und sie Melt ihre Hand an seinem Genitale. 
Sie wusch und badete ihn immer selbst, vermied aber dabei, sein Genitale 
zu beruhren. Das entwickelte sich mit fortschr extender Verdrangung zu einer 
ausgesprochenen Beriihrungsangst. Soviel uber ihre sexuellen Beziehungen 
zum Knaben, anf die wir noch einmal zuriickkommen werden. 

Der Knabe hatte ferner in ihrem unbewuBten Vorstellungs- 
Ieben die Bedeutung eines Gliedes angenommen, korretter aus- 
gedruckt, sie iibertrug auf ihn alle Libido, die sie von ihrem eigenen 
kummerlichen Penis, von der Klitoris, hatte abziehen miissen. So erklarte 
sich ihr Wunsch, den sie bei der Geburt des Knaben hatte t er mdchte 
doch immer so klein, d, h h dem Phallus ahnlich bleiben* Den Knaben 
verlieren, bedeutete somit in tiefster Schichte das Glied verlieren. 

Am deutlichsten auBerte sich der Penis wunsch der Patientin darin, daJ3 
sie mit Vorliebe iiber dem Klosett stehend urinierte. Sie hatte me ver- 
gessen, wie sehr sie die Knaben urn die Fahigkeit, den Urinstrahl zu lenken, 
beneidet hatte. In der Analyse zeigte es sich, dafl sie unhewufit die Hofrnung 
hegte, die Analyse werde ihr zu einem Gliede verhelfen; nichts anderes be- 
deutete ihre Hoffnung zu gesunden. Schon nach zwei Motiaten verlor sie 
- - aus t)bertragung — ihre Symptome, die Behantilung wurde trotzdem 
fortgesetztj weil sie von der Idee nicht loskommen konnte, dafi sie noch 
nicht gesund seL AU anlaBlich der Analyse der positiven Ubertragung die 
Befiirchtung, wieder zu erkranken, sehr stark wurde, fiel ihr ein, sie hatte 
ihrem Manne einmal gesagt, er konne ruhig ins Wirtshaus gehen, sie wurde 
ihn nicht zurfickhalten, wenn er ihr nur sein Glied daliefie* Ein Traum 
aus dieser Phase der Behandlung ist dafiir sehr charakteristisch ; zu seinem 
Verstandnis bedarf es nur der Erklarungj daB fur sie n klein e oder ver- 
storbene Schwester" tt kastriertes Genitale bedeutete (analog: Bub — Penis): 

yjlck mufi dnm Berg hinauf, auf dem tin Salettl steht. Auf emmat ist mtine klfint 
Schutester (mcin Genitale) bti rrar und bei dem Lusthaus liegt aufien Laub angehauft, 



8jJ Die Funktion des Of^asmus 

uber dem Ganzen liegen wagrecht zwei Starke Bawnstamme. Meim Schwester hat Eile und 
schafft dert htrum (ananiert on der Klitcris — Penis — Baumstamme)^ auf einmal fangt alles 
zu riuschen an (Orgasmus ; vgL ihren Traum im Ktjpitd uber die Storungen des Orgasmus) 
und ich sehc meine Schwester hetTn Berg unt^n liegen, die Stamm£ zur Hatftz uber ihrcrti 
Kdrper* (Da spietten Vergewaltigungsphantasien miu) Da elite ich zu Ihnen und bitte Sie t 
nwiner Schwester (mdntm Genitale) zu helfen und sie su untersuchen (Doktorspiden — arumiV- 
ren) t Sit. sagen abtr immer uritder nein (Vcrsagung in der Analyse), da denke ich mir, ach, 5r> 
woUen iiichtj das i$t alles nur wegen der Analyse, uteil ich dann nicht sprechen k'annt* 
(Schiceigen war immer ein Zeichen dafur, daJ3 sie sexuelle Wimsche und Erregung verbarg), 
wenn ich wdfi y dqfi Sie mdne Schwester untersucht haben und bin veil Zorn auf Sie, a 

Nun hatte zwar die Penisphantasie ihre eigene pathogene Kraft, sie wurde 
jedoch verstarkt durch die Beziehung zur Onanie und zur Kastrationsangst* 
Dazu kam eine partielle Identin'zierung mit dem Vater nach der unausbleih- 
lichen Liebesenttiuischung. Als der Mann ins Wirtshaus woUte, verlangte sie 
seinen Penis; als ihr die Beendigung der Analyse angekundigt wurde, traten 
jener Traum und heftiger Harndrang wahrend der Stunde auf; nach einer 
Unterbrechung der Analyse muBte sie andere zwangsweise analysieren ; schlieB- 
lich hatte sie den Vater an Tuberkulose verloren und furchtete dann, selbst 
an dieser Krankheit zu sterben. 

In der Fuhertat wurde sie einmal yon ihrem Vater bei der Onanie er- 
tappt; ohne gescholten worden zu sein, wuflte sie, dafl er hose war. Von 
da ab verstarkte sich ihre Neigung zu mannlichen Leistungen und 2ur 
Konkurrenz mit Knaben, Trotz dieser partiellen Vateridentinzierung blieb 
sie dem Grundzuge ihres Wesens nach weiblich. Es zeigte sich im Verlaufe 
der langen Analyse, daB sich ihr Feniswunsch und die hypochondrische Be- 
furchtung, die wir als Kastrationsangst entlarvten, immer dann verstarkten, 
weim sie eine Zuruckweisung oder Enttauschung auf heterosexuellem Gebiete 
erfuhr oder wenn sich polygame Wiinsche regten und sie infolgedessen Angst 
vor fremden Mannern bekam. Das auQerte sich in der Analyse zuerst als 
allgemeine Angst vor dem Analytiker, spater als Angst vor Vergewaltigung. 

In dieser Phase klarte sich auch ihre infantile Beziehung zum Vater auf, 
Unter anderem hatte die Tatsache, dafl sie ihre Tochter zu der gleichen 
Zeit wie ihre Mutter ihr jiingstes Madchen gebar, eine groBe Rolle gespielt. 
Beide Kinder bekamen den gleichen Nam en, die Patientin betreute sie und 
phantasierte nun, zwei Kinder zu besltzen, und zwar beide vom Vater emp- 
fangen zu hah en. Ein Traum, den sie urn diese Zeit traumtej lautete: 

n Mein rater lag im BttU meines Mannes^ genau so wie mein Mann ai liegen pjfeg*' 
Ich weine schrecklich und erzahle iknty wie unschfin sich mehte Schwester (= Genttale) 
benoTnmen hat (SchuJdgefilhl wegen der Onanie und Inzestphantasie) y und wahrend ich 
erzahle und schlvchxe, gehe ich in die Kiiche und verschlieJ3e das Fenster mit einem Vorhang 
und daruber gebe ich noch dunkles Papier (das pfiegu sie vor dtm Geschlechtsakt mit dem 
Gotten zu tun)* a 



Somatisdie Liuidostauung und Angstaffeltt 85 

Eine weiter e, sehr wesentliche Wurzel ihrer Angst urn den Buben war 
ein stark verdrangter Todeswunsch, der ebenfaLU der Liebe zum Vater 
entstammte, Als der Knabe geboren wurde, lag der Vater sterbenskrank 
darnieder und sie fragte sich in ihrer YerzweifLung, ob der Vater wohl am 
Leben bhebe* wenn der Knabe an seiner Stall e sturbe. In einem Traume, 
in dem sie mit ihrem Buben im Walde Pilze sammelte, erschien plotzlich 
der Vater und der Knabe wurde immer jjschattenhafter". In einem anderen 
hiefi es; 

nTch habe rrmmm Buben bade Fi$e abgeschnitten vnd gegessen* Ich sotlte noch cm 
Stuck von ihm heruntersckneideny aber er Ubte nock und ich sagtc zu meinem Mann: Erst 
nthme ich den Kopf weg^ wahrend man Mann mir zur<dete 7 mit dem Kleinen ins Spital 
zu gehen* Da folk mir ein, daft ich Schon So viel um den Buben geweint habe.^ daft ich 
mir gar nickt vorsttllen hann+ urie er zwanzig Jahre ah iverden toll, und nun habe ich ihn 
Stlbst sum Kruppel gemacht* Da kommt so eine Sehnsucht uber mich t einmal noch alUs gut 
machen zu kannen^ und der Wunsch iiberfaUt michj wenn ich es doch heilen kownte. Nur 
nicht zu einem Dohtor^ der erkennt, dafi ich das dem Buben gemacht habeS* 

Fassen wir die determinierenden Bedeutungen der hypochondrischen 
Befilrchtung zusammen; sie lauteten unbewuftt, in Formeln gefaBt: 

I J j, Ich bin von meinem Gatten enttauscht worden und gehe zu meinem 
Vater zuriick, der wirdimchbefriedigen/tlnzesttraum — Onaniewunsch,) 

2) „Ich furchte meinen Bnben (den Ersatz des Vaters) ebenfalls an 
Tuberkulose zu verlieren/ 

}) jjlch wunschej daB mein Kind sterbe, damit mein Vater wieder- 
komme. 

4) „Ich will meinen Buben zur Onanie verfuhren, furchte aber, dafi er 
daran zugrunde geht. (Sterbensangst — Kastrationsangst.) 

?J Ich will meinen Buben zerstiickeln, mir sein Glied aneignen." 

6) n Mein Bub ist mein Glied; ich will an meinem Buben (1= Gliede) 
onanieren, furchte aber, ihn (es) dafur (zur Strafe) zu verlieren/ 

Wahrend die Patientin ihre sinnHchen genitalen Strebungen unterdruckte 
und die Kas tr aliens angst zum. Kern ihrer hypochondrischen Befiirchtung 
wurde, schuf sich die somatische Erregung, die iricht am Genitale abgefubrt 
werden durfte, ein Ventil in einem hartnackigen KonYemonssymptom. Als 
die ttbertragung in der Analyse aktuell wurde > traten am link en Arm und 
an der linken Wange grotie Urtik aria qua ddeln auf, die von ihr „Blasen" 
genannt warden, Es fiel der Patientin auf, dafi die „ Bias en" nur links 
auf traten; ich saB links hinter ihr. An einem der nachsten Tage — sie 
besprach gerade ihre Scheu, sich vor Mannern im Badekostum zu zeigen — 
traten heftig juckende ^Blasen" an den Beinen obexhalb der Strumpf bander 
auf. Die Analyse der Wahl des Konversionsortes forderte die Erbmerung 
zutage, dafi ihr eiu Bnrsche einmal, etwa in ihrem zehnten Lebensjahre, 
unter die Rocke gegriffen hatte. Der Gedanke, daB ein Mann sie sexuell 



86 Die Function des Orgasinus 

ansehen oder angreifen konnte, hatte eine ZeitUng prompt das Auftreten 
von Blase n zur Folge gehabt. Sie konnte — meinte sie spontan — durch 
nichts in der Welt dazu gebracht werden, sich vor mir zu entblofien. Beim 
Baden hatte sie sich Hirer nackten Arm© und Beine, hesonders aber ihrer 
Briiste, die ihr zu klein erschieneiij geschamt. Die Urtikaria konnte somit 
als ein ubertriebenes Errdten der Haut aufgefaBt werden ? zumiudest trat 
sie in all den Situationen auf, in denen Frauen zu erroten pflegen. Das 
war der psychische Sinn des Symptoms. 

Als in der Pubertat Quaddeln auftraten, gab sie dafiir ihrer damals 
exzessiv betriebenen Onanie die Schuld. Viele Jahre spater, als sie bereits 
verheiratet war, traten die juckenden „Blasen w auf, wenn sie unter ihrer 
Unfahigkeit, befriedigt zu werden, sehr schwer litt DaJ3 es sich dabei um 
eine genitale Erregung handelte, die, vom Genitale abgesperrt, 
an der Haut zum Vorschein kam, wurde duxch folgende Tatsachen 
bewiesen. Die Patient in straubte sich in der Analyse lange gegen die 
Erkl strung, daB sie die Onanie nicht, wie sie glaubte, endgultig auf- 
gegeben, sondern blofl den Wunsch danach verdrangt hatte. Einige 
Monate spater (sie hatte sich mit diesem Gedanken mittlerweile bereits 
vertraut gemacht), gestand sie, daB zur Zeit ihres heftigsten Straubens 
gegen diese Erklarung urtikarielle Quaddeln an den groBen Labien auf- 
getreten waren, an denen sie immerfort kratzen muflte, ohne zu ahnen, 
daft die Beseitigung des Juckreizes vollwertige Onanie war* So wie sie 
vor der Erkrankung vor der genitalen Erregung erschrocken 
war, furchtete sie nachher die „Blasen*\ die sie als grofles 
Qngliict und Zeichen ihrer Krankheit auffaBte, 

Die Urtikaria trat auch auf, wenn die Patientin in der Analyse Harn- 
drang bekam und sich mitzuteilen schamte, daB sie aufs Klosett musse. 
Ihre Urethralerotik war sehr stark hetonk So traten die Blasen auch auf, 
wenn sich die Patientin mit Wasser bespritzte oder ins Bad stieg* In der 
Kindheit machte sie eine Enuresis durch. Sie hatte einen sett vielen Jahren 
immer wiederkehrenden Traum, in dem sie Wasche wusch und dabei von 
jemand uberrascht wurde. Dieser Traum blieb soknge unverstandlichj bis 
ihr einfiel, daB sie in der Pubertat beim Waschewaschen das Genitale, die 
rhythmische Bewegmig ausniitzend, an der Kante des Trogs gerieben hatte, 
Als sie gegen die Onanie uberhaupt anzukampfen begann, traten beim 
Waschewaschen heftig juckende UrtiJcariaquaddeln am ganzen Korper auf* 
Spater erinnerte sie ? daG die erst en n Blasen in ihr em achten Lebensjahre 
in der Glutealgegend und an der Hinterseite der Oberschenkel aufgetreten 



iSomatisJie Lioidostauung und Angstaffekt 87 

waren, als sie mit ihrem Vater, der Gartner war, zusammen im Garten 
arbeitete. Die Patientin hatte eine heftige, mit Angst gemischte Ahneigung 
gegen den Koitus a tergo 4 Im Traume verkehrte sie jcdoch gerade in dieser 
Stellung mit ihrem Vater. Als kleines Kind hatte sie Tiere heim Geschlechls- 
verkehr eifrig beobachtet und war zur Auffassung gelangt, ddB auch die 
Eltera es so machten. In der Ehe stellte sich oft starkes Verlangen nach 
dem Koitus & tergo ein> worauf sie mit Angstzustanden reagierte. D ie 
jeweilige Lokalisation entsprach so mit dem jeweils erregten 
und mit psychischem Inter esse besetzten Organ (Labien — Onanie, 
Glutealgegend — Koitus a tergo, Oberschenkel — Phantasie, daft ihr unter 
den Rock gegriffen werde usw.)- 

Der Sinn des Symptoms war uberdeterminiert. Die „Blasen" bedeu- 
teten : Exhibition und Scham als Reaktion, Onanie und Kastrationsangst* 
ferner Urinieren. (Die Blasen traten auch auf t wenn die Patientin sich 
mit Wasser bespritzte oder wenn sie in der Analyse Harndrang bekam,) 
Die Energie, mittels welcher diese VorsteLtungsinhalte das Symptom 
bewerkstelligen konnten, war die korperliche genitale Erregung (Quelle 
des Symptoms) t dieselbe, die ein anderes Mai die Irritation des kardialen 
Systems und die Angst bedingte, Es war auffallend, mit welcher 
RegelmaBigkeit die Angst sich verringerte, sobald die Urtikaria 
auftrat, und sich wieder steigerte, sobald auch eine „Verdran- 
gung" des Symptoms einsetzte, vor dem die Patientin eine wohl- 
begrundete Scheu hatte. Man hatte den Eindruck, als ahnte die Patientin 
intuiti v, dafi die Urtikaria ebenso zu verponen ware wie die Onanie, 
Nun war aber zur Zeit der geringeren Angstentfaltung die Kastrations~ 
angst gewifi nicht aufier Funktion. Sie war doch in erster Linie dafur 
verantwortlich, daB die genitale Erregung vom Genitale ferngehalten 
und der Haut zugefuhrt wurde* Das stellt uns vor eine neue Aufgabe: 

Wie verhalt sich die Kastrationsangst, die die Verdrangung 
der Genitalitat bedingt, zur Aktualangst, die eine Folge dieser 
Verdrangung ist? 

j J iSejurcntung una Angstaffeht 

Unsere Untersuchung deT Angstneurose hat ergeben, daB die Aktual- 
angst nicht, wie urspriinglich angenommen wurde t unmittelbar aus der 
gestauten Libido durch Umwandlung hervorgeht, sondern sich als eines 
der vielen Symptome einer Irritation des vasovegetativen Systems ent- 



88 Die Fimlttlon des Orgasmus 

wickelt. Sie unterscheidet sich qualitativ nicht von der Angst, die bei 
vasovegetativen Storungen anderen Ursprungs, wie z. B- bei der Angina 
pectoris oder bei der Nikotinvergiftung, entstcht. Dessenungeachtet ist 
die gestaute Libido die eigentliche Quelle der Aktualangst und der Aus- 
druck „libidinose Angst" besteht mit Rucksicht auf diese Quelle weiter 
zurecht. Die Besprechung des Falles mit den vasomotorischen Symptomen 
hat gezeigt, daB die charakterologische Sexualablehnung infolge Kastra- 
tionsangst die Libidostauung und dadurch die Aktualangst bedingt hat. 
Die Kastrationsangst ist das Vorbild der neurotischen Angst; das ging 
auch aus der Analyse der Patient in mit der hypochondrischen Angst 
her vor. Hier konnten wir selien, daS der verdrarigte Onaniewunsch eine 
standige inn ere Gefahr bildete, vor der sich das Ich fiirchtete, Freud 
hat seinerzeit den Unterschied zwischen der neurotischen Angst und der 
Realangst dahin formuliert, daft diese die Reaktion auf eine aufJere, 
jene eine solche auf eine innere (Trieb-) Gefahr sei. Aus der Analyse 
beider Falle ging hervor, dafi die Angst vor den Gefahren, die mit 
einer Triebbefriedigung (der infantilen Ansicht oder Erfahrung nach: 
Kastrationsdrohung wegen Onaniel) verbunden sind, der Motor der 
Verdrangung ist + Die neurotische Angst ist also vollig analog der 
Realangst, und wir stehen nun vor der komplizierenden Tatsache, daJ3 
Angst das eine Mai Folge, das andere Mai Ursache der Verdrangung 
eines sesuellen Trleb a nsp ruches ist. Es ist also entweder etwas an unserer 
Auffassung der Angst nicht richtig oder man bezeichnet mit dem Aus- 
druck „ Angst" zwei von ei nan der zu unterscheidende Tatbestande. 

Versuchen wir es zunacbst, unsere Erklarung der Aktualangst zu 
revidieren* Es ist der Em wand moglich, dafi auch die Angst, die die 
Her zn euro se begleitet, nur Realangst sei. Man schatze die Bedeutung 
des Herzens fur die Erhaltung des Lebens richtig ein und brauche nicht 
einmal schwerer Hypochonder zu sein, urn fur sein Leben zu furchten* 
Dafiir sprache auch das vielfach festgestellte Vernichtungsgefuhl und das 
Gefiihl der Hilflosigkeit, das den Charakter der schweren Herzangst 
bestimmt. Es konnte also die Angst bei der vegetativen Herzneurose die 
psychische Reaktion auf eine Bedrohung des Lebens sein. Gegen diese 
Auffassung sprechen einige wichtige Tatsachen: 

X) Wenn dem so ware, mtifiten auch die infektiose Endokarditis und 
die Atemnot beim Fettherz und bei schwerer korperlicher Anstrengung, 



Somatisdie XibiJostauimg tind Angstaifekt 89 

sowie jede schwerere organische Krankheit, wie der Krebs oder die Lungen- 
tuberkulose, Angst erzeugen. Wir wis sen aber, daB dies nicht der Fall 
1st, und kommen infolgedessen nicht um die Annahrne herum, daB die 
Herzangst sich nux bei einer qualitativ bestimmten Form der Herz- 
affektion, eben bei der vegetativ bedingten einstellt. 

2) Wie von physiologischer Seite festgestellt wird, tritt die typische 
Herzangst gelegentlich schon auf, noch bevor die Arrhythmic die Bewuflt- 
seinsschwelle erreicht. Hier kann also von einer bewuBten Reaktion auf 
die drohende Lebensgefahr nicht gesprochen werden, 

)) Meine eigenen Beobachtungen bei der Nikotinvergiftung, die ich 
wiederholt niachen konnte, lassen keinen Zweifel daruber, daB sich im 
Augenblicke der Asystolie vor der Tachykardie eine Angstempfindung 
einstellt, die erst sekundar und nur bei 1 anger em Bestande der intensiver 
werdenden Arrhythmie mid Tachykardie mit dem Vorstellnngsinhalt 
„Sterben — Tod" erfiillt wird. 

Es kann also kein Zweifel sein: Die Angst bei der Herzneurose 
ist Begleiterscheinnng einer spezifischen Irritation der Herz- 
tatigkeit tind tritt erst sekundar mit den Inhalten der Realangst in 
Verbindung, 

Die Behauptung, daB die bei der Geburt angeblich erlebte Angst die 
Quelle und der Ur sprung aller spat er en Angst und daB die neurotischen 
Angstanfalle Reproduktionen des Geburtsvorganges seien, laBt sich weder 
durch klinische Tatsachen noch durch logische Ableitung stiitzen. Ist 
doch die Geburt nicht mehr als der erste AnlaB, bei dem es zu einer 
schockarti gen Irritation des vasovegetativen Systems kommt* Wir er- 
schlieBen bloB die Angst aus den vasomotorischen Erscheinungen am 
Neugeborenen, wissen aber nicht, ob es auch einen Angstaffekt erlebt. 
Die Angstanfalle bei Kranken haben mit der supponierten Geburts- 
angst nicht mehr gemeinsam als die korperlichen Erscheinungen des 
Angstaffekts* Die h auf ig vorkommenden Geburts- und Mutterleibsphanta- 
sien sind fiir den Angstaffekt nicht mehr spezifisch als etwa die Kastrations- 
befurchtung, die Einbrecherangst oder die Todesfurcht, Die Geburtsangst 
konnte nur ein Spezialfall einer Mobilisierung orgaimarziBtischer Libido 
im vasovegetativen System sein und ware dann ebenfalls Aktualangst, 
Es spricht jedoch alles dagegen, sie, wie Rank es tut, als Realangst 
aufzufassen. 



(jo Die Ftinlvtion des Orgasmus 

Wie veihalt sich nun die Aktualangst zur Angst vor einer 
realen (aufieren oder inneren) Gefahr? Wahrend die Aktualangst Folge 
einer Irritation des vegetativen Systems ist, bedingt die Realangst selbst 
eine solche Irritation ; man erbleicht, das j,Herz stent still' 4 , man bekommt 
Herzklopfen, zittert, es Tauft eine Gansehaut iiber den Riicken, Angst* 
schweifl bricht aus, man ist „vor Schreck gelahmt". Das ist, wie Freud 
ofters hervorhob, eine hochst unzweckmaSige Reaktion, Zweckvoller ware 
die Abwehr der Gefahr durch eine motorische Aktion, Flucht oder 
Kampf. Machen wir uns klar, was den Unterschied 2wischen der 
zweckmiBigen Reaktion durch Innervation des motorischen Systems und 
der unzweckmaBigen durch Innervation des vegetativen energetisch aus- 
macht, Der plotzliche Einbruch der schreckvollen Situation hat ofFen- 
bar die Cberleitung der Energie — sagen wir — des Selbsterhaltungs- 
triebes aus dem vegetativen in das motor is che System (willkurlich inner- 
vierte Muskulatnr) verhindert* Halten wir die vegetative und die 
motorische Form der Reaktion auf eine Gefahr auseinander, so steht 
der Annahme nichts im Wege, daB die vegetative Reaktion einer phylo- 
genetisch alteren Funktion des Selbsterhaltungstriebes entspricht; wir 
erinnern bloB an die vegetative Reaktion des Tintenfisches in der Gefahr 
und an das Phanomen der Mimikry als vegetativer YorbeugungsmaflregeL 
Die willkurHche nervose Funktion ist hingegen eine phylogenetisch 
) linger e Akquisition des sich entwickelnden tierischen Organismus. Die 
Fahigkeit zur vegetativen Abwehr, beziehungsweise zut autoplastisch 
vegetativen VorbeugUBgsmaflregel ist dem Memchen wohl verloren ge- 
gangen; sie wurde jedoch in ansreichendezn MaBe durch seine intellek- 
tuelle Fahigkeit ersetzt, Gefahren vorauszusehen und zu vermeiden. 
Bricht dennoch eine Gefahr unvorhergesehen herein, so kann der 
Bedrohte nur mehr den primitivsten Abwehrmechanismus aktivieren, 
wenn es nicht mehr moglich ist, eine noch so kurze intellektuelle tfber- 
legung beziiglich der Art der motorischen Abwehr zu treffen: Er regrediert 
momentan von der intellektuellen, beziehungsweise motorischen, zur 
vegetativen Reaktion sweise, d, bu auf die Stufe des UrnarziBimis. 

Wenn unsere Auffassung richtig ist, dafi wir bei der vegetativen 
Reaktion in der Schrecksituation mit einem Ver sagen der hoherent- 
wickelten und einer momentanen Regression zu primitiveren biologischen 
Abwehr for men zu tun haben, so muB sie sich auch zwanglos in die 



iSomatiscbe Liludostauung utid Angstaffekt 91 

Libidotheorie einfugen lassen. Die psychoanalytischen Untersuchungen 
der traumatischen Neurosen haben ergeben, dafi diese auf dem Trauma 
bemhen, das die narzifltische Libido betroffen hat; nicht den sekun- 
daren Narziflmus, derbereits eine hohereStufe der Libido darstellt, sondern 
den (biologischen) UrnarnBmus, der die biologische Quelle aller Arten 
libidinosen Strebens ist und hauptsachlich im vegetativen Organsystem 
verankert ist. Nun wird in jeder Gef a hr situation narziBtische Libido 
im Dienste der Selbsterhaltung mobilisiert Es kommt nur auf die Art 
der Gefahr an, wie diese Mobilisierung erfolgt* d. h« welches Systems 
sich der Lebenstrieb bedient. 
Es werden hesetzt: 

Bei realer aufierer Gefahr: 

a) Das intellektuelle System; Vorbeugende SchutzmaBnahmen, wenn 
die Gefahr nicht unmittelbar bevorsteht (Polizei, Gesetze, person- 

liche Sicherungen), 

b) Das motorische System : Flucht oder Abwehr bei rechtzeitiger Wahr- 
nehmung der Gefahr. 

c) Das vegetative System: UmweckmaJ3ige Innervation, wenn die 
Gefahr plotzlich hereinbricht (Regression zum UmarziBmus). 

Bei realer inneier Gefahr infolge des Drangens verponter 
Triebanspruche: 

a) Das intellektuelle System : Zwangsneurotische Vermel dungsmafl- 
regeln (Zermonielle, Verbote, Gebote usw.)« 

b) Das sensomotorische System : Alle Arten hysterischer Ablenkung der 
Sexual erregung vom Genitale auf andere Organe (jjKonversion*). 

Die Analogic der Abwehr formen bei der aufieren und der inneren 
Gefahr innerhalb des intellektuellen und des motorischen Systems leuchtet 
ein. Sind nun die vasovegetativen Erscheinungen infolge abgesperrter 
Sexualerregung und die Stauungsangst gleicherweise Analoga der bio- 
logischen Schreckreattion ? Ist die Aktualangst etwa eine biologische 
Reaktion auf die Bedrohung der Erhaltiing deT Art? Diese naheliegende 
Auskunft kann nicht befriedigen, denn nach all em, was wir dariiber 
wissen, ist dem Individuum eine solche Sorge um die Unsterblichkeit 
des Keimplasmas nicht zuzumuten; ein individueller Trieb zur Fort- 
pflanzung kann nicht festgestellt werden. 



9$ Die Funktion des Orgasinus 

Priifen wir einmal die Berechtigung der Frage nach dem psychischen 
Sinn der durch vegetative Irritation be ding ten freiflottierenden Angst, 
Wir kennen die Angst als Reaktion auf erne Gefahr, wie wir die Licht- 
emp fin dung als Reaktion auf einfallende Lichtstrahlen, die Gehorsempfin- 
dung als Reaktion auf Schallwellen begreifen, Blelben wir bei diesem 
Yergleich, Man hat auch lichtempfhidungen, wenn der Sehnerv durch 
elektrische oder thermische Reize irritiert wird. Es kann aber ebensowohl 
der vegetative Apparat mit Angstzeichen reagieren, wenn kerne Gefahr 
sondem ein anderer Reiz ihn trifft, z. B, der Reiz gespeichexter Sexual- 
energie* die keinen anderen Ausweg findet, 

Wird in der Schrecksituation narzifltische Organlibido im vegetativen 
System mobilisiert, so steht der Auffassung nichts im Wege, daB sie in 
gleicher Weise infolge anderer (im Falle der Sexual abstinenz innerer) 
Reize in Funktion tritt Die Stauungsangst ware dann ebenso ^sinn^-los 
wie die Lichtempfindung infolge elektrischer Rekung des Sehnervs. Die 
Frage nach einem biologischen „Sinn** gehort nicht hierher* Damit 
kommen wir zur Fxage nach der Herkunft des Angstaffektes. 

Bei unserer hvpochondrischen Patientin bestand lange vor der eigent- 
lichen Erkrankung an der Angsthysterie eine hypochondrische Befiirchtung; 
sie nahm den Charakter der Angst erst am Tage nach dem erregenden 
Inzesttraume an. Der Inhalt dtx Befiirchtung (bewufit: sterben miissen, 
unbewufftj am Genitale verletzt werden) war vor- und nachher der gleiche; 
das einzige unterscheidende Merkmal war, daB die Sexualerregung akut 
erlebt und dann vom Genitale abgesperrt word en war. Der Kin wand, 
dafl durch das Akutwerden der Sexualerregung auch die Kastrationsgefahr 
akut wurde und so der Angstaffekt zustandekam, ist leicht zu widerlegen; 
denn die gleiche Gelegenheit fiir das Akutwerden der Kastrationsangst be- 
stand ja auch bei der Beobachtung der Onanie ihrer Tochter, mit der sie 
sich identifizierte ; trotzdem wurde damals kein Angstaffekt entwickelt. 

Dafi die Sexualerregung hier als solche ausschlaggebend war, wird auch 
durch anderweitige vergleichend-klinische Beobachtung des Verhaltnisses 
zwischen Angstaffekt und libidinbser Stauung gestiitzt, Sobaut sichz.B. eine 
bestimmte Form der aktiven Homosexualitat iiber der Kastrations-„Angst M 
auf ; von einem Angstaffekt ist dabei jedoch nichts zu sehen, Woher kommt 
es, daft solche Xranke ihre Erektion wahrend des Koitus, wie die Analyse 
der Traume unzweifelhaft ergibt, aus Angst, daU ihxem Gliede etwas ge- 



jSomatischc Lttidostauunj und Angstaffekt <)3 

schahe, verlieren, ohne Angst zu verspilren? In diesem Falle ist doch die 
Gefahr psychisch real, trots dem fehlt der Affekt, Geben solche Kranke 
den Geschlechtsverkehr auf und verfallen sie nicht der Onanie, dauert 
ferner die Abstinenz langere Zeit, so kommt die Kastrationsangst als 
Angstaffekt zum Vorschein* — Bei Kranken mit ejaculatio praecox ist die 
Kastrationsangst besonders stark ausgepragt, doch auch hier fehlt der 
Angstaffekt, solange die motorische Abfuhr der Erregung erfolgt, mag 
sie nock so inadaquat sein. DaJ3 die Angst affekt e verschwinden, sobald 
die Patient en in der Analyse genitale Sensationen bekommen, da8 dies 
moglich ist, lange bevor die Kastrationsangst iiberhaupt zur Aussprache 
kam, geschweige denn erledigt wurde, zwingt den SchluB auf, dafl die 
Kastrationsbefurchtung die affektive Farbung der Angst erst 
durch die somatische Libidostauung erlangt, 

Durch die Einfuhrang des Affektes der Angst in die Diskussion 
raumen wir eine Schwierigkeit aus dem Wege, die sich mit dem sprach- 
lichen Ausdruck der „Angst" einschlich. Wir meinen offenbar nicht den- 
selben affektiven Tatbestand, wenn wir sagen: „Ich habe Angst, eine 
gefahrliche Bergtour zu untexnehmeii", oder wenn wir von der Angst 
sprechen, die man im Augenblicke des Sturzes in eine Gletscherspalte 
erlebt Die Angst vor einer kommenden (realen oder imaginaren) 
Gefahr ist eine andere als die, die im Augenblicke einer 
aktuellen Gefahr erlebt wird. Dazwischen gibt es "Obergange; man 
kann eine kommende Gefahr sich vorstellen und erlebt sie dabei mit 
quautitativ geringerem, aber qualitativ gleichem Angstaffekt. Man kann 
sich die gleiche Gefahrsituation auch ohne den geringsten Angstaffekt 
vorsteUen, wird aber feststellen, daB man in diesem Falle die Gefahr bloB 
gedacht, nicht anschaulich erlebt hat. Die weitere Selbstbeobachtung 
ergibt ferner, daB sich die blofle Befiirchtung urn so mehr in Angst 
verwandelt, mit anderen Worten, daB das Denken einer Gefahr urn so 
affektbetonter wird, je weniger begiifflich es ist und je mehr Raum die 
anschauliche Vorstellung einnimmt, Aber auch das anschaulichste Vor- 
stellen wird nicht imstande sein, den Angstaffekt des realen schreck- 
haften Erlebnisses her v or zur uf en. 

Anschauliches Denken einer Gefahr lost auch vasovegetative Erschei- 
nungen aus : Man kann Herzklopfen und Aagstschauer, ja Schwindel und 
Zittern hervorrufen und gewinnt die tJberzeugung, daB die Irritation des 



34 



Die Funktioii des Otg&smus 



vasovegetativen Systems sich rait der Angst steigert. Man kann auch unv 
gekehrt sagen^ daB der Affekt, der die Befiirchtung zur echten 
Angst macht^ eine Folge der somatischen Irritation 1st; sind wir doch 
gewohnt, die Affekte iiberhaupt von somatisch-biologischen Vorgangen 
abhangig zu denken. 1st man psychologischen Vorurteilen zuganglich, so 
wird man eine solche Abhangigkeit nicht zugeben und den psychischen 
Affekt nur Ursache somatischer Phanomene sein lassen* Das ist ja gewifi 
der Fall, schliefit aber nicht aus, daB der Affekt selbst somatischen Ur- 
sprungs ist. Wir erinnem an die Grundannahme Freud^ daB der Affekt 
eine Triebmanifestation ist nnd dafi das UnbewuBte im Kern und seiner 
speiifischen Eigenschaft nach aus Trieben besteht, Wir wiiflten keinen 
tragfahigen Einwand gegen diese Auffassung* 

Wir kommen dem Verstandnis des Angstaffektes noch naher, wenn 
wir uns an die besser faBbaren Phanomene des Sexualaffektes und 
des Zornaffektes halten, die wir ja als AuBerungen des Sexualtriebes, 
beziehungsweise des Destruktionstriebes, auffassen miissen. 

Bei der bloflen Vorstellnng einer sexuellen Handling treten im Zu- 
stande des Unbefriedigtseins mehr oder weniger starke vasomotorische Er- 
scheinungen, genitale Lustempimdungen und sexuelles Verlangen auf, 
Im Zustande des Befriedigtseins hingegen, z. B, nach einem ungestorten 
Geschlechtsakte, vermag die gleiche Vorstellnng weder Lustempfindungen 
noch vasomotorische Krscheinungen auszulbsen. Affektives Sexual verlangen 
kommt gar nicht xustande. Es bedarf einer mehr oder wenigcr langen 
Ruhepause, damit sich mit den sexuellen Vorstellungen auch ein affek- 
tives Verlangen verbinde. Der SexualaiTekt kommt auch nicht zustande, 
wenn man sich die Handlung sehr anschaulich vorstellt, die Phantasie 
ist matt nnd entbehrt der affektiven Tommg, ja selbst das Vorstellungs- 
vermogen ist gering. Nun hat sich ja im psychischen Bereiche selbst 
nichts geandert, die Vorstellungen blieben unangetastet, bloB die soma- 
tische Quelle der Affekte ist erloschen, richtiger ausgedruckt, die 
somatische Spannung und mit ihr die seelische sind durch den Orgas- 
mus auf eine sehr niedrige Potentialflache gesunken* Vielleicht ist die 
VerteUung der Energie eine andere als im Zustand der genitalen Erregt- 
heit. Erst neuerliche Konzentration der somatischen Sexualenergie auf 
das Genitale gibt den sexuellen Vorstellungen affektiven Wert, Ist er 
einmal zustande gekommen, so vermag er allerdings mit Hilfe von Vor- 



Somatisdie Libidostauung tino Angstailebt <j5 



stellungen auch die somatische Sensation 2U steigern. Die kbrperliche 
Empfindung, die von der Empfm dungs wahrnehrnung 211 unterscheiden 
ist, kann ohne einen korpeTlichen Vorgang nicht entstehen. Auch eine 
halluzinierte Sensation ist nur eine umgedeutete korperliche Empfindung; 
das zeigten die Untersuchungen der Hypochondrie durch Freud, Ferenczi j 
und Schilder. Die sexuelle Empfindung (Organsensation) ist 
also djffs primare, der Sexualaffekt das von ihr abhangige 
sekundare Erleben. I 

Das gleiche gilt fiir den Zomaffekt, der um so starker ausfallt, je 
mehr die motorische Aktion unterdriickt wird, ^Ohnmachtige Wut" ist 
am intensivsten« Laflt man seiner Wut freien Lauf, so verliert sich der 
Affekt sehr bald* Unterdriickt man sie* so bleibt die Erregung bestehen, 
bis sie in aquivalenten Handlungen oder durch phantasierte Tat abge- 
baut wird. Auf die Dauer pflegen sich aber auch ZornafTekte zu stauen 
und sich eruptiv, gelegentlich auch bei inadaquaten Anlassen, die moto- 
rische Abfuhr zu erzwingen, Auf die Bedeutung der somatischen Libido- 
stauung fur das Zustandekommen des Zornes und der Aggressivitat iiber- 
haupt werden wir spater zuriickkarnmen. Ilier ist nur wichtig, dafl auch 
der Zoinaffekt von vasomotorischen Erscheinungen, wie Her2klopfen t 
Vasodilatation, Storuugen der Atmung usw., begleitet ist, solange er sich 
nicht motorisch entladen kann. 

Sowohl bei der Seamalerregung als auch bei der Wut bedirigt die 
motorische Hemmung und die Stauung der Erregung im vasovegetativen 
System den Affekt, wahrend die motorische Aktion ihn durch Entlastung 
des autonomen Nervensystems aufhebt, Wir kommen somit nun Schlusse, 
dafl der Affekt die psychische Manifestation einer Erregung 
des vasovegetativen Systems ist und dafl die psychische Yor*- 
stellung allein ohne die somatische Erregung keinen Affekt 
erzeugen kann. 

Es ist auch schwer vorstellbar, dafl eine Vorstellung eine somatische 
Erregung ohne Zuhilfenahme des Unbewuflten auszulosen imstande sein 
sollte, Jede Vorstellung, die im Bereiche lebenswichtiger Funktionen 
auftaucht, setzt libidinose oder destruktive Triebenergien in Bereitschaft 
zur motorisch en Entladung, Diese Triebe konnen offenbar nicht als 
Affekte bewufit werden, wenri der Korper nicht mitschwingt. Das vaso- 
vegetative System spielt dabei den Vermittler. Das gilt in gleicher Weise 






9& Die Funttion Acs Or^asmus 



fur die drei wichtigsten Affekte: die sexuelle Erregtheit, die Wut 
und die Angst. 

Welche Stellung nimmt nun die Angst in dieser Beihe ah AfFekt 
ein? Welchen Vorteil brachte uns die Erorterung des Liebes- und HaB- 
affefctes fiir die Klarung des Angstprohlems? 

Bei der anschautlich gedachten sexuellen Tat benimmt sich der Korper 
so, als ware die Tat real, d. h, es sammelt sich die vasovegetative 
Erregung, die als Sexualaffekt erscheint, zur motorischen Entladung* 
Das gleiche ist bei der Wut (beim akut gewordenen Hafl) der Fall, 

Unsere Patientin mit der abendlich auftxetenden Erwartungsangst be- 
nahm sich so, als ware die erwartete Situation bereits eingetreten, 
d. h. als tate der Vater der Mutter, mit der sie sich identifizierte, 
mo men tan etwas an* Diese Befiirchtung war aber, ganz analog wie 
in dem Falle mit der hypochondrischen Angst, da dutch aktuell geworden, 
daB die seirierzeit erlebte Sexualerregung wieder auftrat, ohne als solche 
wahrgenommen werden zu durfen. Von der ganzen Situation war einzig 
und allein die Sexualerregung wirklich real, Die Annahme, daB die 
Kastrationsangst allein genugt, um einen Angstaffekt zu erzeugen, ist 
unvollstandig. Die Befiirchtung, durch den Sexualakt verletzt zu werden, 
hatte ja sonst bei jedem Geschlechtsakt mit ihrem Gatten hervortreten 
miissen; dafl das nicht geschah, kann nur darauf zuruckzufuhren sein, 
daB die kfirperliche Erregung fehlte, Als weiteren Beweis dafiir fuhren 
wir an, daB im Falle einer masochistischen Selbstbeschadigung* also in 
einer Situation, in der gewiB die Integritat des Korpers oder Lebens 
gefahrdet ist, der Angstaffekt fehlt. Unsere nymphomane Patientin hatte 
keine Spur von Angst, wenn sie sich mit dem Messer schwere Verletzungen 
beibrachte, glaubte aber vor Angst verruckt werden zu miissen, wenn 
sie nicht zur Befriedigung gelangte. Es ergibt sich somit der Schlufi, 
daB der vegetativ bedingte psycMsche Affekt an sich unspe- 
zifisch ist und immer nur dann als Angstaffekt erscheint, wenn 
weder die libidinose noch die destruktive Motorik frei ist 

In Anbetracht dieser Tatbestande erscheint die seelische Angst als 
eine komplexe Bildung, deren zwei Grundelemente die Erwartung einer 
Gefahr (Erwartungsangst — Furcht) und eine korperliche Sensation 
(Angstaffekt) sind. Die Furcht vor einer Gefahr setzt narziBtische 
Besetzung des Ichs, der Angstaffekt gesperrte libidinose und 



' 



5omati&3ie Litidostautm«j und Angstaffekt 97 

destruktive Motorik voraus. Man muBte nichts furchten, wenn man 
sicher ware, dafi man seinen Destructions trieb am gefahrbringenden f 
Gbjekt wiiten lassen konnie ; man hatte keinen Angstaffekt, wenn nicht 
die Energie des Lebenstriebes den primitiven Lebensapparat, das vaso- ( 
vegetative System, in Aktion setrte wie vor Urzeiten, Die Angst als 
biologisches Phanomen steht zufolge dieser Beziehungen zu den Grand- r 
trieben, ebenso wie die Sexuallust, jenseits der Moglichkeit begriffen j 
zu werden* 



Reich: Die Funktion des Orgaimus. 



/ 



Psydioneurotiscke Oaiiatsale der Genitallibido 

Bei der Angstneurose und der Angsthysterie hat die genitale Erregung 
kein anderes Schicksal als das der Abwehr und der Sperrung der genitalen 
Motorik erfahren. Die genitale Energie selbst blieb als solche bestehen, 
Weder die AlUualangst noch die Ka strati on sbeftirchtung, mogen sie 
nun als Katastrophenangst, hypochondrische oder gegenstandliche Angst 
zum Vorschein kommen, sind nenxotische Symptome im dynamischen 
Sinne. Fr^ujd ^Definition des neurotischen Symptoms hebt den Tatbestand 
hervor, dafi es eine Neubildung darstellt, die als Kompromifi aus dem 
Konflikte zwischen verdrangtem Trieb und verdrangender moralischer In- 
stanz, also als eine pathologische Konfliktldsung hervorgegangen 1st. 
Das trifTt weder fiir die Aktualangst zu T die blofl an Stelle des Sexuakffektes 
auftritt, noch fur die Kastrationsbefiirchtung des Ichs. Solan ge im Bilde 
erner Neurose die Angst iiberwiegt, ist keinerlei Konfliktlosung gefunden 
worden. Das ist erst dann der Fall, wenn nmschriebene konversionshysterische 
oder zwangsneurotische Symptome auftreten, die die Angst ablosen oder 
zurnindest verringern. Dieser Tatbestand bedeutet, wie Freud es nannte, 
eine ^Bindung der neurotischen Angst", Davon iiberzeugt man sich fast 
in jedem Falle, dessen Symptome in der Analyse aufgelost werden; ge- 
larigt namlich die entsprechende Triebkraft nicht unmittelbar darauf zur 
Befriedigung oder Sublimierung, so tritt zunachst Angst auf. So bekommen 
Zwangsneurotiker Angst, wenn sie ihre Zwangshandlungen unterdriicken. 
Verschwindet z t B. das hysterische Erbrechen aus Gr linden der Uber- 
tragung* so treten an dessen Stelle Angstzustande und Angsttraume auf, 
die zumeist Vergewaltigungsideen zum Inbalte haben, Ebenso tritt Angst 
auf, wenn triebhafte Cbaraktere ihre sadistischen Impulse unterdriicken 
oder wenn Homosexuelle zu mastuxbieren aufhdren. Die freiwerdende- 



Psychoneurotic die iSdiidtsale der Gcmtalliliitlo 99 

Angst hat immer sowohl den Character der Triebabwehr als auch den 
des aktualneurotischen Angstaffekts. 

Die Angst tritt also an Stelle der gehemmten Sexualerregung auf 
und kann ihrerseits durch andere Symptome ersetzt werden; in jedem 
Falle kommt ein Plus an seeliscber Funktion zustande t dem ein Minus 
an anderer Stelle entspricht. Unter den Symptomen einer Neurose im 
deskriptiven Shine mufi man daher unterscheiden : 

a) Die Plusfunfctionen: das sind die neurotischen Symptome im 
dynamise hen Si nn e Freud s uud die Angst; sie storen das seelische 
Gleichgewicht durch Absorption psychischer Energie, sindsubjektivqualend 
und sozial wie biologisch unnotig. 

h) Die Funktionshemmungen oder Minusfunktionen; das sind 
diejerxigen Symptome einer Neurose* die nicht KompromiBbildungen 
sondern bloB Defekte der normal en Funktionen darstellen und durch 
den Energieverbrauch in den unzweckmafiigen Plusfunfctionen zustande- 
tommen. Hier zeigt sich erst der heuristische Wert der von Freud an- 
genommenen „Konstanz der psychischen Energie"* Der Zwangsgrubler 
klagt gleichzeitig iiber Denkunfahlgkeit im Beruf ; die Energie, die von 
einer Platzangst verbraucht wird, fehlt gewiB an irgendeiner wichtigen 
Stelle der sozialen Beziehungen zu Menschen und in der Liebesf unktion \ 
wer sich minderwertig fiihlt und tatsachlich, eben wegen seines Minder- 
Tvertigfceitsgefiihls, wenig leistet, verbraucht die Energie, die ihm das 
Gefiihl der Minderwrertigkeit ohneweiters nehmen ktinnte, wenn sie frei 
ware t in seinen ehrgeizigen und sexuellen Tagtraumen. Die Storungen 
der Genitalf unktion stellen samtlich Funktionshemmungen 
dar; sie sind (mit Ausnahme des Vaginismus) nicht Symptome im 
dynamischeu Sinne, d* h. sie entsprechen nicht der verstellten Be- 
friedigung einer libidinosen Triebregung. 

Wir hat en somit in diesem Abschnitt die Aufgabe aufzuzeigen, welchen 
anderen Ausweg die gestaute Libido hat, wenn sie nicht als Angstaffekt 
zum Vorschein kommt, Wir beschranken uns auf knappe Darstellung 
der hysterischen und der zwangsneurotischen Impotenz und werden bloB 
die genitale Asthenie der chronischen Neurasthenie ausfuhrHch zu be- 
sprechen haben. 



Die Funltiou des Orgasm us 



1/ Konversionssymptom una JtysteriscJte Impotenz 

Unter „Kon version" versteht man nach fWud_ den Vorgang, dafl 
ft psychische AfFektbetrage zur abnormen Innervation von Organen ab- 
gelenkt werden". In der hysterischen n Grgamprache" driicken sich ferner 
seelische Wunschvorstellungen airs. Unsere Untersuchungsergebnisse zwin- 
gen aber auch den SchluJ3 auf, daJ3 ein „ Sprung vom Seelischen ins 
Korperliche" gar nicht angenommen werden mufl. Bedenkt man, dafi 
die somatische Libido durch psychisches Sexualinteresse jeweils oder 
dauernd auf die eine oder die andere erogene Zone konzentriert werden 
kann nnd dati die Hysterie reichlich iiber gestaute libido verfugt, so 
mufi angenommen werden, daB die Konversionssymptome so entstehen, 
dafl psychisches Interesse vom Genitale auf das betreffende 
Organ abgelenkt und dadurch, wie man das fur die Hypo- 
chondrie annimmt, auch somatische Libido am Orte der Kon- 
version angehauft wird. Der Gesunde kann keine Konversionssym- 
ptome erzeugen> weil sein libidinoses Interesse genital gerichtet ist und 
er iiber keine gestaute Libido verfugt, 

Es gibt in Wirklichkeit keine Konversionshysterie ohne eine mehr oder 
minder starke angsthysterische Beimischung. Gelingt es doch gerade den 
genital so stark betonten Hysterikein nicht > den ganzen Betrag an geni- 
taler Libido symptomatisch zu erledigen, Der ungebundene Restbetrag 
exscheint als Angst im Sinne der Abwehr- und der Stauungsangst. Im 
Konvers ions symptom hinge gen iiberwiegt der Befriedigungscharakter gegen- 
iiber der Abwehr wie z. B* bei der Urtikaria unserer zuletzt geschjl- 
derten Patientin oder beim arc de cercle. In den meisten Konver- 
sionssymptomen liegt freilich nur ein Befriedigungsersatz, eine in- 
adequate motorische Abfuhr vorj von einer Befriedigung im Sinne der 
Sexual emp fin dung kann nicht gesprochen werden, well ja das Zustande- 
kommen der Lustempfindung an die Bereitschaft des bewuBten Ichs 
sie wahrzunehmen gebunden ist. Die genitals Energie* die sonst die 
Erregung des Genitales bedingt, wird zu krankhafter Innervation anderer 
Organe verwendet. Die entsprechende Wunschvorstellung, die ebensowenig 
bewuBt werden darf wie die genitale Empfindung, bestimmt die Wahl 
des Organs, Es sind in erster Linie genitale Begehrungsvorstellungen, 
die in der hysterischen w Organ spr ache ausgedruckt werden. 



PsyAoneurotiwlie £du<ksale der Genital libido 



Der KonversionsprozeB kann sich an alien Organen abspielen, pflegt 
jedoch mit Vorliebe diejenigen zu erfassen, die sich durch eine besondere 
Erogenitat oder durch ihren genitalsymbolischen Wert (Korperoffnungen 
und -vorspriinge) sowie durch assoziative Beziehung zur genitalen Funk- 
tion (z. B. Bauch — Schwangerschaft) zur Darstellung genitaler Wunsche 
besonders gut eignen. 

Es ist fur die allgemeine Tendenz der Neurose zur Ausschaltung des 
Genitalapparates aus dem bewuBten Vorstellungsbereich bezeichnend, 
dafi sich die wenigsten Konvetsionsprozesse am Genitale selbst abspielen. 
Hier erscheinen zunachst alle diejenigen Formen der hysterischen Im- 
pot en z, die bloJJ Funttionshemmungen und nicht Symptome im dyna- 
mischen Sinne sind. Das wichtigste Konversionssymptom am Genitale 
selbst ist der Vaginismus, femer die psychogene Dysmenorrhoe. 
Die psychogene Amenorrhoe und Sterilitat 1 sind bloB Funktions- 
hemmungen, sofern sie unmittelbarer Ausdruck der Kastrationsangst oder 
des Mannlichkeitswunsches sind. Doch kann die Amenorrhoe gelegent- 
lich auch einer Schwangerschaftsphantasie entsprechen. In Analysen 
mancher hysterischen Frauen, die Onaniewiinsche stark verdrangten, 
tritt vor deren BevruBtwerden ein juckendes Ekzem am Genitale auf. 
Es ist schwer zu entscheiden, ob hier ein KonversionsprozeB vorliegt 
oder ob das Ekzem blofl durch Onanie im Schlafe hervorgerufen wurde, 
Viele Einzelheiten im Auftreten und Verschwinden sprechen fur die 
erstgenannte Moglichkeit Das Jucken gibt einen Vorwand ab, das Geni- 
tale zu kiatzen, ohne daB sich die Kranke des eigentlichen Sinnes 
ihrer Handling bewuBt zu werden braucht. 

So bekam eine Patientin ein Ekzem -am Genitale, ohne zu onanieren, 
auch am Tage, so oft sie ilrre bewuBten Onaniewunsche nicht zur Tat 
-werden liefl. Es hatte den Anschein, als wollte sich der TMeb die Befriedi- 
gung auf diese Weifce erzwingem 

Als Beispiel einer psychogenen Amenorrhoe mit dem Inhalt einer 
phantasierten Schwangerschaft nenne ich eine neunzehnjahrige Patientin, deren 

Metises durch neunMonate ausblieben, als die Mutter starb. Sie unternahm 
gleich nach deren Tod mit ihrem Vater eine Reise und vergaB dabei ihre 
Monatsblnden einzupacken; ein deutlicher Berweis ihrer unbewuflten Absicht, 
kerne Menstruation, d* h* ein Kind zu bekommen, 

1) VgL Eisler; Hysterische ErschemungeTi am Uterus, und Feldmann: Gravi- 
ditat&neurosen. In tarnation ale Zeitschrift tux Psychoanalyse DC (1925). 



Die Function des Orgasmus 



Im Gegensatze zur genitalen Region sind die orale und die anale 
Zone sowie die Haut Domanen des Konversionsprozesses* Zur oral en 
Zone gehoren auch Organe, die nicht anatomisch sondern assoziativ zu- 
sammenhangen : Mundhbhle, Larynx, Pharynx, Magen, Bronchien, Nase, 
ferner Gesichtshaut v Schadel und Bruste, Die entsprechenden IConversions- 
symptome sind: Das hysterische Erbrechen (abgeschwacht Ekel vor dem 
Essen iiberhaupt oder nur vor bestimmten Speisen), der globus hystericus, 
der sogenannte funktionelle Pylorospasmus, das Asthma bronchiale ner~ 
vosum t der Mutismus und die hysterische Aphonie, das Errdten der 
Erythrophobie, manche Form en der Kephalie. 

Im Bereiche der anal en Zone sind die typischsten Symptome die 
hysterische Obstipation (zumeist infolge einer Schwangerschaftsphantasie) 
und (seltener) die Diarrhoe als Ausdruck der Genitalangst. Den Unter- 
schied ihrer psychischen Gehalte gegeniiber denen der Daxmsymptome 
bei der chronischen Keurasthenie habe ich in m einer Arbeit iiber „Die 
chronische hypochondrische Neurasthenie* (Internationale Zeitsclmft fiir 
Psychoanalyse, 1926) eingehend besprochen. 

An der Haut und ihren Anhangsorganen sind vor allem die psycho- 
gene Urtikaria und das krankhafte Erroten als Konversionssymptome zu 
nennen. Wir erinnern an die psychischen Mechanismen, die die Urtikaria 
bei der Patientin mit den hypochondrischen Befiirchtungen bedingten, 
und fiigen ein weiteres Beispiel an: 

Ein sechsundzwanzigjahriger Mann stand wegen hochgradigen Err&tens 
und Angst in analytischer Behandlung. Wie bei jeder Erythrophohie -wirkte 
auch hier aufs Gesicht verschobene Genitalitat und Kastrationsangst zentraL 
Eines Tages — die Analyse hatte am Vortage das Thema der Angst urn das 
Glied gestreift — blieb der Patient ans. Am nachsten Tage erzahlte er Fol- 
gendes: Er hatte am Vortage gerade die Wohnung verlassea waller^ umin 
die Analyse zu gehen, als ihm auf der OherHppe eine riesigu juckende 
Urtikaria quad del („Blase") auflief; bald darauf erschienen urtikarielle, scharf 
abgegrenzte und rot umrandete Bias en auch auf dem Handriicken und der 
Penis schwoU an; er wurde w riesig grofi und ganz schwammig und weich". 
Er hatte sich vor der Sitzung, in der, wie er vermutete, seine Onanie und 
die Glisdangst besprochen werden wiirde, gefurchtet und hatte sich nicht 
entschlieBen konnen hinzugehen. Das UnhewuBte kam ihm entgegen, nicht 
ohne sich dabei zu verraten* Das Schwammigwerden des Penis driickte den 
gefiirchteten Ruin der Potenz {er hatte auch Impotenzangst), das Riesig- 
grofi -Werden seine exhibitionistischen Tendenzen aus. 



Psydioiieurotisdhe iScmisalc der GenitalUbido i<>3 

Andere Erscheinungen an der Haut, vor allem die Symptome, die 
auch bei der Angstneurose aufrreten, wie Schwitzen, Erhleichen, Er- 
roten usw, konnen, mussen aber nicht konversionshysterischer Natur 
sein, d. h. sie sind nicht immer von unbewufiteii Vorstellungen erfiillL 

Em Bereiche der Muskulatur sind bekannte Konversiomsymptome der 
psychogene Tic, der ein Onauieaquivalent ist (Stekel, Ferenczi, Reich, 
Dents ch, Kovacs), die Astasia und Abasie t iiber die noch wenig bekaunt 
ist, und der arc de cercle, der den Koitus selbst darstellt. 

Bei der Analyse derjenigen Konversions symptome, die sich an der 
analen oder oralen Zone abspielen, zeigt es sich, daJJ Mund, Rachen, 
Luftrfthre, Darm, Kotsaule usw. im Unbewuflten die Redeutung des 
Genitales, beziehungsweise einzelne seiner Funktionen ubemommen haben 
(Freud, Ferenczi, Abraham), Die Wahl der Organe war jedoch be- 
dingt durch ihre eigene Erogenitat, die die vom Genitals abgedrangte 
Erregung an sich zog, so daB es schliefilich zu einer Mischung kam. 
Man kann in solchen Fallen von eiuer oral -genitale n, beziehungs- 
weise anal-genitalen Triebmischung sprechen. In der analytischen 
Therapie der Potenzstorungen kommt es wesentlich auf die Entmischung, 
beziehungsweise auf das Herauskristallisieren der genitalen Antriebe an. 
Mit dieser Triebmischung ist eine partielle Regression zu pragenitalen 
Stufen der Libido einhergegangen, doch wnrde die genitale Stellung, 
der genitale Wunscli, nie aufgegeben* 

* 

Die Hernmungen der genitalen Funktion bei der Angst- und Kon- 
versionshysterie kommen durch die beschriebene Form der Abdrimgung 
des libidinosen Interesses vom Genitale zustande und ihre dynamischen 
Beziehungen zu den hysterischen Symptomen bringen es mit sich, dafl 
die verschiedenen hysterischen Hemmungen der Genitalitat eine bestiznmte 
Form bewahren; sie stehen im Zeichen deutlich erkennbarer und (im 
Gegensatz zur Zwangsneurose) unmittelbar wirkender Kastrations- 
angst Als typisch hysterische Formen der Impotenz 1 sind zu nennen: 

l) Bei beiden Gesehlechtern neurotische Abstinenz infolge bewuflter 
oder gut kenntlicker unbewuflter Sexualangst oder -scheu* 

i) Der Einfacbheit balber bezeichnea wir die mannliche raid die weibliche 
Sejtu&Utbrung als Impotenz. 



i<>4 Hi^ Funktion ties Otgasmus 

Die neurotische Abstinenz ist als eine besondere Form der Impotenz zu 
betrachten* weil erfahrungsgemafl die Storting der Genitalitat fruher oder 
spater hervortritt, wenn sich llysteriker, die lange sexuell abstinent lebten, 
zum Koitus entschlieflen, Es kommt iiberaus haufig vor, da8 der Kranke 
seine Neiirose erst wahrnimmt oder diese sich erst datm ganz entfaltet, 
wenn er die Abstinen2 aufgibt und der erste Vexsuch mifllingt, oder 
wenn er beim ersten Sexualerlebnis eine schwere Enttauschung erleidet, 
Jenes kommt haufiger bei Mannern, dieses haufiger bei Frauen vor. 
Bei Madchen werden gewohnlich alio Versuche, zum Sexualobjekt vor- 
zudringen, von kulturellen Hemmungen unterbunden, die sich zn den 
inneren, durch die infantilen Versagungen bedingten Hemmungen 
hinzuaddieren ; sie erkxanken dann wahrend oder bald nach der Puber- 
tal; oder sie ertragen zunachst die Versagungen und erkranken, sobald 
sie heiraten und die Abstinenz aufgeben sollen, an der inneren Ver- 
sagung. 

Manner geben zumeist spontan Impotenz angst als Motiv der 
Abstinenz an. Madchen, die aus einem Milieu stammen, das unter 
dem Drucke starker Sexual verdrangungen steht (z. B. aus konservativen 
Beamten- und Klemburgerfamilien), sind sich nur selten ihrer Sexual- 
scheu und fast nie des Zusammenhanges mit der Neurose bewufit, 
GelegentUch erfahrt man auf die Frage nach dem Sexualleben, dai3 sie 
an einer unglucklichen Liebe leiden oder dafi der Freund so „tierisch ff 
sei und ^UngebiihrlLches" fordere, da0 das w aber" mit ihrem Leiden 
nichts zu tun hatte. Wir werden spater zeigen, wie wesensverwandt die 
Impotenzangst des Mannes und die Sexualscheu der Frau sind* 

Die Abstinenz ist nicht immer leicht als neurotisch zu erkennen. 
Es werden die glaubwurdigsten ebenso wie die unwahrscheinlichsten 
Rationalisierungen fiir die Abstinenz vorgebracht. So geben Manner an* 
keine Gelegenheit oder kein Geld zu besitzen, urn zum Koitus zu ge- 
langen, oder von Beruf und Sorgen so in Anspruch genommen zu sein, 
daB sie gar nicht dazu kamen, an ,,derartiges" zu denken; oder es 
werden ethische und religiose Motive vorgeschiitzt Angst vor venerischer 
Infektion ist eine der haufigsten neurotischen Rationalisierungen der 
Abstinenz. Manche Patienten geben als Grund ihrer Abstinenz an* daB 
sie sich aus materiellen Gr linden keine Kinder leisten diirften; daB es 
sich nur urn eine Rationalisierung handelt, geht allein daraus hervor, 



Psymonctirotisdic SAiAsale der Genitallibido io5 

dafi im allgemeinen Menschen, die von den Praventivmitteln keine Kenntnis 
haben, den coitus interrupts, s ausuben. 

Die dauernde Abstinenz junger Witwen ist zumeist neurotisch; sie 
konnen ein neues Sexualobjekt nicht finden, weil sie entweder dem Ver- 
storbenen gegeniiber ein grofies Schuldgefuhl haben oder 211 sehr an ihn 
fixiert sind. Ein Kennzeichen psychischer Gesundheit ist, daB die Traner, 
die nach Fr eud und Abraham die Aufgabe hat, die tlberwindung des 
erlittenen Verlustes herbeizufiihren, sich fruher oder spater verliert 

Wir sprachen bisher nur von der Abstinenz, die den Geschlechts- 
verkehr betrifTt, Tot ale Abstinenz, die jede Art nnmittelbarer Sexual- 
befriedigung ausschlieBt, ist nnr selten anzutreffen. Man mufl auf Grund 
der Erfahrungen, die man bei der Analyse von Patienten macht, die 
angaben, total abstinent zu leben, sehr mititrauisch gegen solche ana- 
mnestische Angaben sein. Die Patienten pflegen autoerotische Befriedi- 
gungen entweder zu verschweigen oder sich ihrer gar nicht bewufit zu 
sein, wenn sie in mehr oder minder verstellter Form erzielt v^erden. 
Hieher gehoren alle Formen der ^larvierten" genitalen und extrageni- 
talen Onanie und die „Onanieaquivalente** (Fejreja.czi). 
2) Bei Mannern: 

a) Fakultative oder partielle erektive Impotenz; Schwinden 
oder Nichtzustandekommen der Erektion vor dem Akte. Die spontane 
Erektionsfahigkeit bei der Onanie oder anlaBlich onanistischer 
Phantasien ist gewohnlich nicht gestort, 

b) Die leichte Form der ejaculatio praecox (ej* pr. der genital en 
St life) : Die Ejakulation erfolgt bei guter oder unvollstandiger 
Erektion aus Angst knapp vor oder sehr bald nach der Immissio* 

c) Stark herabgesetzte orgastische Potenz in alien Fallen. 

}) Bei Frauen: 

a) Die vagmale Anasthesie oder Hypasthesie* 

b) Totale orgastische Impotenz in jedem Falle. 

Hysterische Fraueti sind im Gegensatze zu zwangsneurotischen niemals 
frigid, d. h. vollig unerregbar, sondern im Gegenteil infolge der Genitali- 
sierung des Korpers mit Ausnahme des Genitales sexuell iiberempfindlich. 
Die hysterischen Stigmata (Ovarie, Empfindlichkeit der Mammae usw.) 
zeigen in der Analyse keinen psychischen Sinn, sondern sind unmittel- 



ao6 Die Funttion des Orgasmus 

barer Ausdruck der verschobenen genitalen Sensibilitat (Ferenczi^ Bei 
manchen weiblichen Hysterien ist die Klitoris uberaus leicht erregbar, 
so daB die leiseste Beriihrung orgasm us ahnlic he Empfindungen hervor- 
ruft; das pflegt den Arzt und die Patientin leicht iiber die orgastische 
Impotenz hinwegzutauschen; es liegt auf der Hand, daB diese knrzschlufl- 
artige Erregung ebensowenig den okonomischen Wert eines normalen 
Orgasmus hat wie die Erregung bei der ejaculatio praecox. Beim Ge- 
schlechtsverkehr sind solche Frauen gewohnlich angstlich und vaginal 
unempfmdlich. 

2) Die zwangsneurotlsaie Impotenz 

Es wiirde den Bahmen dieser Untersuchung sprengen, wollten wir bier 
zeigen, welchen Einflufl die somatische Libidostauiuig und die Stauungs- 
angst auf die Gestaltung des zwangsneurotischen Charakters hat, Hier 
geniige der Hinweis auf die Untersuchungen Freud s iiber die Charakter- 
eigenheiten des Zwangskranken; sie erweisen sich fast durchwegs als 
SchutzmaBnahmen, mid 2 war nicbt nur, wie die hysterischen, als solche 
gegen die Befriedigung sondern auch gegen die Angst selbst, die aus 
der gestauten Sexualenergie ihre Kraft bezieht, Durch die Zwangssym- 
ptome wixd neuiotische Angst „gebunden" (Freud) und die Stauungs- 
angst tritt sofort auf* wenn die wichtigsten ZwangsmaBnahmen bewufit 
unterdriickt werden. Die Zwangssymptome sind also Plusfunktionen wie 
die hysterischen, nur spielen sie sich vorwiegend auf intellektuellem 
(gedanklichem) Gebiete ab. Ihre Energie beziehen sie wie die hysterischen 
aus der gestauten Libido. Es gilt hier nur nachzuweisen, dafi die Zwangs- 
kranken tatsachlich uber gestaute Libido verfugen, und zu untersuchen, 
wodurch sich die zwangsneurotische Impotenz von der hysterischen 
unterscheidet. 

Der Zwangscharakter hat nicht, wie der hysterische T den genitalen 
Konflikt beibehalten, sondern er wich ihm durch Regression auf die 
analsadistische Entwicklungsstufe der Libido aus (Freud^ Er hat an die 
Stelle der genitalen Ersatzbefriedigungen anale gesetzt und sich sogar 
vor diesen durch. energische anale Reaktionsbildungen geschiitzt (Ober- 
triebener Ordnungs- und Beinlichkeitssinn, anale Zeremonielle usw.). Der 
Sadismus hingegen wurde unter anderem zu einem Mattel, die „genitale 
Gefahr" abzuwehren. 



Psydioneuroriscue jSducksale der Genitalia) ido 107 

Zur Illustration des Gesagten diene ein Ausschuitt aus der Analyse 
eines Falles zwangsneurotischen Charakters mit chronischer Depression , 

Eine zweiunddreiBigjatirige Fran, Virgo ? mit strengen, mannlichen Gesichts- 
ziigcn und herbem, das WeibEche verneinendem Auftreten und Gehaben, 
suchte die Analyse auf, urn von ihren Angstzustanden befreit zu werden, 
die vor hurzem aufgetreten waren. Fiir das Pathologische ihres Charakters, 
daB sie namlich keiner Freude zuganglich war, bestand keine Krankheits- 
einsicht, obgleich sie schwer dar miter litt; sie trug es als Schicksal. — Vor 
knrzem hatte sie ebien jungen Mann kennen gelernt, den sie plotzlich sehr 
zu hassen begann, zuerst ohne zu wissen wantm; spater rationalisierte sie 
den Hafi mit allerlei herbeigezogenen Motiven, Dir war von selhst aufge- 
f alien, daB sie ihn dann am meisten haBte, wenn er !ieb und freundlich 
zu ihr war, AUmahlich trat heftige Angst auf, sobald sie ihn erblickte; dar- 
auf reagierte sie mit einer enormen Verstarkung der HaBregnngen und 
sadistischen Phantasien. Es zeigte sich sehr bald, daB sie sich in den Mann 
verliebt hatte, ohne es wahrhaben zu wollen, und die Verliehtheit durch 
forcierten Hafl zu entkraften versuchte, Wie in einem Zirkel verstarkten 
einander der Hafl und die Angst, die sie von da ab eine Zeit lang ab- 
wechselnd beherrschten, bis sich schliefllich eine schwere Depression einstellte. 
In den Depressionszustanden mufite sie sehr viel essen. In einem 
solchen Phase wahrend der Analyse traumte sie einxnal, daB sie gierig 
Wiirstel Terschlinge. Bewufit phantasierte sie, dafi sie den Mann zu Brei 
zertrete und mit dem Schuhabsatz sein Glied zerquetsche. Als sie in der 
Analyse das Wesen ihrer Angst erkannte, verlor sich die Angst samt den 
sadistiscben Phantasien; sie iibertrug jedoch ihre Verliehtheit auf den Ana- 
lytiker und wehrte sie in der gleichen Weise ab, in dem sie ihn zu hassen 
und viel zu ess en anfing, Angst trat nicht auf. SchlieBIich brach sie die 
Analyse mit der Begriindung an, sie hatte das Gewiinschte erreicht, sie sei 
in den Mann nicht mehr verliebt, habe da her auch nichts mehr zu fiirchten 
und brauche die Analyse nicht. Meine Erklarung, daB sie die Flucht er- 
greife, hatte keinen Erfolg. 

Die akute Verliehtheit dieser Patientin entsprach einem hysteriformen 
Vorstofl der Libido zu genitalen Triebzielen und zum heterosexuellen 
Objekt. Sie lehnte den Triebanspruch hysteriform ab; sie produzierte 
zunachst Angst (Stauungs- plus Abwehrangst). Der forcierte HaB und 
die sadistischen Phintasien, die mit der Angst alternierten, entsprachen 
akuter Flucht in die sadistische Position der Zwangsneurose mit aggres- 
siver Abwehr (nicht des Triebes sondern) des gefahrbringenden 
Objektes, Diese aggressive Abwehr der genitalen Gefahr setzte sich auf 
der oralen Stufe in Form des oralen Vernichtens des gefahrbrmgenden 



108 Die Funktion des Orgasmus 

Penis fort. Diesem unbewufiten Vorgang entsprachen die Depressions- 
zustande. Die Flucht vor den genitalen Anspruchen mit aggres- 
siver Abwehr des Objektes, das die genital en Wiinsche weckt, 
ist eine der spezifisch zwangsneurotischen Reaktionen auf die 
„genitale Gefahr". Diese Reaktionsweise feblt in keirtem Falle zwangs- 
neurotischer Erkrankung, nur fbidet man sie das eine Mai als Charakter- 
eigenheiten, das andere Mai in Symptomen wirkend vor, 

Wahrend normalerweise die Aggressivitat sich beinx Manne in den 
Dienst seiner pballischen Libido stellt, hat sich dieses Verhaltnia beim 
Zwangskranken nmgekekrt: Die Geni tali tat ist in den Dienst der 
Destruktionstriebe getreten^ der Phallus bat aufgehort, Vermittler 
der genitalen Liebe und Lust zu sein und wurde (bn Extrem) zur Mord- 
waffe. Die Kohabitation bedeutet fiir den aggressiven mann- 
lichen Zwangscharakter in erster Linie Durchbohren oder Er- 
stechen der Fran, Die Resultate dieser pathologischen Einstellung 
sind verschieden je nach der sonstigen Charaktergestaltung des Be- 
treffenden : 

a) Abstinenz auf Grund asketischer Ideologie: Die Rationali- 
sierungen lauten typischerweise, der Geschlechtsakt sei schmutzig (anal) 
und tierisch (sadistisch). Der phallische Sadismus kommt als Hyper- 
moral, die Analitat als Hyperasthetizismus znm Vorschein. In der Ana- 
lyse bricht freilich diese Ideologie zusammen, sobald sich die Kastrations- 
angst wieder zeigt. Der Geschlechtsakt wurde blo8 nach dem Prinzip 
der sauren Trauben abgelehnt* 

b) Erektive Impotenz: Sie kommt bei Zwangsneurotikern nicht 
allzuhaufig vor, hat jedoch hier einen spezifisch anderen Sinn als bei 
der Hysteric Bei dieser versa gt die Erektion nur aus Kastrationsangst, 
dort handelt es sich um ein ^Tabu der Erektion", van das Vermeiden 
eines unbewufit phantasierten Mordes mittels der Mordwaffe j,Phallus\ 
Das zeigt sich sowohl in einzelnen Symptomen wie auch in Traumen 
und Phantasien. Solche Kranke wahlen mit Vorliebe SchuB- undStich- 
waiFen als Symbole fur das Genitale, in den sexuellen Tagtraumen 
fehlt nie die Idee der aktiven Vergewaltigung des sich straubenden 
Weibes, Die sadistischen Impulse gelten entweder dem Weibe (der Mutter) 
selbst oder sie sind blofl vom Manne (Vater) herubergetragen. Geht mit 
der zwangsneurotischen Regression eine starkere Wen dung vom Weibe 



Psydioneurotischc iSciiiiisale der GenitallibiJo 



zum Marine einher, so hat der phallisch-sadistische Iinpuls auch den 
Sinn einer homosexuellen Aggression, 1 

Die Etappen der Entwicklung dieser zwei Formen der zwangsneuroti- 
schen Impotenz sind die: (auf der hysterischen Stufe) Inzestwunsch und 
VaterhaB, deshalb Kastrationsangst vor dem Vater — Flucht auf die 
analsadistische Stufe — bier Abwehr der Kastrationsgefahr durch (anal-) 
sadistische Aggression gegen den Vater, was immer im Kern (phallische) 
K as t ration des Vaters bedeutet — Angst wegen dieses Attentats bestraft 
(kastriert) zu werden — neuerliche sadistische Abwehr der Gefahr — 
schlieBlich machtige Verdrangung und Reaktionsbildung gegen die phalli- 
sche Aggression durch Introjektion des verbietenden und strafenden 
Vaters — Verwandlung der Angst vor dem Vater in Schuldgefiihl 
(Angst des Ichs vor dem Uber-Ich). Bei der Zwangsneurose gelangt man 
analytisch zur Kastrationsangst gewohnlich erst nach der Aufdeckuug des 
ana] en und des phallischen Sadismus und nach der Beseitigung der Ratio- 
nalisierungen fur die Verachtung der Sexualitat; bei der Hysterie liegt 
die Kastrationsangst oberflachlich. 

c) Die diitte, neben der Askese haufigste Form zwangsneurotiscber 
Impotenz ist die auflerordentlich stark berabgesetzte orgastische 
Potenz bei guter erektiver und ejakulativer Potenz* Die Potenz- 
storung dieser Kranken pflegt wegen der gut funktionierenden Erektion 
leicht iibersehen zu werden. Solche Falle wurden mir als Ein wand gegen 
meine Aussage entgegengehalten, dafl es keine Neurose ohne Storungen 
der Genitalfunktion gibt, Man braucht aber blofl genau nach den Sexual- 
emprlndungen beim Akte zu fragen oder die Einstellung zum Sexualakte 
iiberhaupt zu analysieren und wird sich uberzeugen, dafl schwere Storungen 
vorliegen, die die Libidostauung erzeugen. 

Der Akt ist z. B. fiir manchen gewissenhaften Zwangsneurotiker 
eine Pflicht seiner Gattin gegcniiber, wobei er muhsam sein Impotenz- 
gefuhl niederringt. Ein solcher Kranker mufite den ganzen Tag, an dem 
selnem System nach ein Koitus fallig war, denken: „Heute muB ich 
verkehren, ich darf es nicht vergessen," Ein anderer verkehrte haufig 
blofi, urn sich im Koitus „zu uben". Nach einigen lustlosen Friktionen 

1) So litt a, B, ein angeMicli aus religioseji und ethisehen Motiven abstinent 
lebender Zwangsneurotiker unter dem Tmpuls, s ein em Freunde, mit dem er in 
einem Zimmer schlief, das „Measer in den Kiicken zu atechen". 



Die Function de$ Orgasmus 



horte er auf; hatte er sich doch iiberzeugt, daB er M potent sei Auf 
diese Weise iibte er den Geschlechtsakt bereits seit zwei Jahrzehnten 
und hatte neben seiner Pseudopotenz und der Zwangsneurose die typi- 
schen Symptome der akuten Neurasthenic 

Allen solchen Fallen ist der psychische Libidomangel gemeinsam 
(psychische An- oder Hypasthesie)> die gewohnlich mit einer mehr 
oder wemger deutlich ausgesprochenen Penis anasthesie einhergeht* Die 
sogenannte „kalte Erektion* kommt bei ZAvangsneurotikern sehr hauftg 
vorj sie zeichnet sich durch den Mangel des spezifischen Gefiihls der 
Spannungslust aus. Solche Kranke bekommen die Ejakulation gar nicht 
oder nur sehr schwer. Neben der Penisanasthesie spielt bei der ejacu- 
latio retardata auch die anale Tendenz, den Samen zuruckzuhalten t eine 
entscheidende Rolle (Ferenczi). 

Die orgastische Impotenz der erektiv potenten Zwangmeurotiker ist 
leicht zu erkennen, Der Zwangsgrubler denkt wahrend des Aktes an 
seine Probleme; der mit einem Zahlzwang Behaftete zahlt die Friktionen; 
der unter Zeremoniellen Leidende ist angstlich bestrebt, auch beim 
Geschlechtsverkehr eine bestimmte Qrdnung einzuhalten, oder er fiirchtet 
ein Detail seines Schlafzeremoniells vernachlassigt zu haben* Die Lust- 
empfindungen t die von vornherein gering sind, nehmen wahrend der 
Ejakulation kaum an Intensitat zu oder die Ejakulation bleibt aus* 
Nach dem Akte stellen sich schwere Martigkeit, Schuldgefuhle, Ober- 
drufl und Ekelempfindungen ein. 

In manchen Fallen ist die Penishypasthesie mit einer ejaculatio 
praecox verbunden. tJberaus haufig stellt sich beim zwangsneurotischen 
Charakter Krankheitseinsicht erst dann ein, wenn die Zwangssysteme 
trotz aller Erweiterung nicht geniigen, der Libidostauung Herr zu werden t 
und infolgedessen Stauungsangst frei wird oder neurasthenische Ermii- 
dungszustande, Kopfschmerz, Arbeitsstorungen, Schlaflosigkeit usw. sich 
einstellen. 

Nicht selten setzt die zwangsneurotische Abstinenz nach einem Fiasko 
in Form erektiver oder ejakulativer Impotenz ein t Dann ist der Zweck 
der Abstinenz, namlich das Hinwegtau schen iiber die Impotenzgefuhle, 
nicht zu verkennen* Im Gegensatze zur Hysterie und chronischen Neur- 
asthenie pflegen Zwangsneurotiker ihre Impotenz nicht zu beachten, 
gering einzusch'atzen oder trotz deutlicher Beweise nicht wahrhaben zu 




Psych oneurotisdie Sdiidtsale der Genital libido 



wollen. Allerdings kommt das verdrangte Impotenzgefuhl sebr bald als 
allgemeines Minderwertigkeitsgefuhl zum Vorschein. Das Nichtwahr- 
nehmen und das Kompcnaieren der Impotenz haben lnauche Zwangs- 
ueurotiker mit genitalnarzifitischen Charakteren gemeinsam* 



Wahrend der mannliche zwangsneurotische Charakter (im Gegensatze 
zum mamilichen Hysteriker) mannlich aktiv geblieben ist und der weib- 
liche hysterische Charakter die feminine Haltung bewahrt hat, ist der 
weibliche Z wan gs charakter in der Hauptsache mannlich -aggressiv. 1 
Die Erklarung dafiir liefert die Analyse der zwangsneurotischen 
Form der Frigiditat, die urn so vollstandiger ist, je ausgesprochener 
der Zwangscharakter 1st, Der Wunsch einen Penis zu besitzen autiert 
sich nicht bloB in sexuellen Besonderheiten nn d in der Phantasie wie 
beim hysterischen Charakter, sondern er hat auch den Charakter im Sinne 
der Yermannlichung des Ichs beeinflufit : Die Kranke hat nicht nur den 
Wunsch ein Mann zu sein, sondern es gelang ihr auch, sich ohne An- 
strengung mannlich zu henehmen und mannliche Ideale zu erfullen. 
Die Vateridentifizierung machte nicht beim Ichideal halt, sondern griff 
auf das Ich libeT, was eine Verkummerung der Mutteridentifi2ierung im 
Ich 2ur Folge haben muB. Das Korrelat der Ablehnung des Mannes 
ist eine starke Betonung der homosexuellen Strebung als Mann, wahrend 
die Enttauschungen am Mamie, die die Hysterie erfahrt, bei dieser 
eine eher kindlich-passive Hingabe an Frauen bedingen. 

Die Hysterika bejaht, ja ubertreibt charakterologisch die Weiblichkeit 
und hat bloB Koitus- (Kastmions-) Angst. Die zwangsneurotische Frau 
verleugnet das Weibsein uberhaupt und ist daher gezwungen, die Mann- 
lichkeit kompensativ zu ubertreiben. Charakterologisch selbst zum Manne 
ge warden, wiirde sie durch die Akzeptierung des Mannes als Liebes- 
objekts an ihr anatomisch bedingtes Schicksal erinnert, und so lehnt sie 
ihn nicht bloB ab, sondern kampft vielmehr standig urn die Behauptung 
ibier Mannlichkeit; das Mittel, das ihr darin hilft, ist der Sadismus 



1) Ich verweise bftziiglich der vielen ^Auflerungsfornieii des weiblichen Kastra- 
tiofislcontplexes** auf Abrahams grundlegend* Arbeit, (Internationale Zeitschrift 
fur Psychoanalyse, Bd, VIII, 1922O 






Die FtmktiOn des Orgasmus 



der anal en Stufe: Thre {zumeist unbewuflt bleibende) Absicht ist> den 
Mann seines Gliedes zu berauben, teils um es selbst zu besitzen, tells 
um das Organ beiseite zu schaffen, das ihre wenn auch verdrangte, so 
doch nicht ertotete feminine S trebling hervorzulocken imstande ist. 
(Wir erinnern an den zuletzt geschilderten Fall mit der chronischen 
Depression). So sieht man denn auch, daB bei vielen weiblichen Zwangs- 
neurosen eine Lockerung der Yerdxangung der genitalen Libido, eine 
akute Verliebtheit, der Verlust eines unbewuBt geliebten, bewuBt abge- 
lehnten Mannes durch Tod oder Heirat u. a. m. die symptomatische 
Erkrankung dadurch auslost, daB sich die Reaktionsbildungen der sadistisch- 
anaJen Stufe verstarken tuid die sadistische Abwehr der genitalen Ge- 
fahr sich srmptornatisch aufiert. 

Wahrend der Sadismus der mannlichen Zwangsneurose iiberaus haufig 
seinen phallischen Charakter beibehalt, ist der der Frau in der Mehr- 
zahl der Falle ausgesprochen analer Natur: Zerquetschen^ Zertxeten, 
pzu Brei zermalrnen^ Schlagen auf die Nates usw. sind seine Kenn- 
zeichen, 

Es ist klar, daB dieses charakterologische System der zwangsneuroti- 
schen Frau bloB einen Teaktiven Oberbau iiber ihrer Weiblichkeit dar> 
stellt, Davon iiberzeugt man sich bei der Beobachtung der Charakter- 
veranderung solcher Falle in der Analyse ; Die weibliche passive Libido- 
iibextragung stellt sich hier ebenso automatisch, wenn auch nicht so 
leicht, ein wie bei der Hysterie* Nur erwehrt sich die Kranke dieser 
Strebung nicht wie die Hysterika mit Angst sondern mit HaB solange, 
bis an irgendeiner Stelle die weibliche Haltung unverkennbar und un- 
ableugbar zum Vorschein koramt. Gewohnlich wird diese neue Phase 
mit hysteriformer Angst eingeleitet, was nichts anderes bedeutet, als daB 
die Zwangsneurose sich in eine Hysterie zu vexwandeln beginntj d* h. 
der alte Regxessionsprozefi wird riickgangig gemacht und dadurch wird 
die infantile Angsthysterie der genitalen Stufe wieder aktiviert, Dynamisch 
ausgedruckt; die Angst hat sich aus den Sympt omen, in denen sie gebun- 
den war,, gelost* Weitere Kennzeichen dieser Verwandlung sind spontan 
auftretende genitale Sensationen, vor denen die Kranke erschrickt; das be- 
deutet, daB die Gemtalangst, von der bisher sehr wenig zu sehen war, 
ebenfalls in Erscheinung tritt, An die Stelle der Vemichtnngs absicht 
gegen das den genitalen Antrieb weckende, daher gefehrbxingende Objekt 

4 , 



PsydioneutoUsAc iSdiicLsale tier Genitallibido 



1st die Abwehr des Triebes selbst getreten und das Objekt darf be- 
stehen bleiben; es wird akzeptiert, Mit der analytischen Erledigung der 
aus den Zwangssymptomen gelosten Genitalangst endet die therapeutische 
Aufgabe, 

3) Die genitale JLsthenU der chronxschen hy^ocnonariscJien 
Neurasthenie 

In einer kleinen Arbeit uber die chronische hypochondrische Neur- 
asthenic' habe ich versucht, von. der Zwangsneurose eine Krankheits- 
gruppe abzutrennen, die zwaT die gleiche pragenitale Ffarierung aufzeigt 
wie jene, sich jedoch dutch Charakter, Symptome und Form der Potenz- 
storung von ihr grundlegend unterscheidet. Wahrend ich dort in erster 
Linie die morphologischen und psychogenetischen Unterschiede gegen- 
uber der ZwangsneuTose und Hysterie behandelte, soil hier die spezifische 
Art der Potenzstorung, die ich als „ genitale Asthenic" bezeichnet habe, 
ausfiihrlich besprochen werden. Sie ist bei der Hysterie und ZwangsneuTOse 
nie anzutreifen und ist ein charakteristisches Symptom der chronischen 
hypochondrischen Neurasthenie* Die Krankengeschichte, die ich voran- 
stelle, soil gleichzeitig die dort erorterten theoretischen Gegebenheiten 
beleuchten* 

a) Aus der Analyse einer chronischen Neurasthenia 

Ein neunundzwanzigjahriger Student suchte die Analyse wegen Impotent 

auf. Nach einer Masturbationsperiode von mehreren Jahren, die erst im 
zweiundzwanzigsten Lebensjahre eingesetzt hatte, folgte eine Periode gehaufter 
nachtlicher Pollutionen. Die Onanie war nie exzessiv gewesen (ein- bis zweimal 
w bchentlich) , vyur de aber bold eiri gesch r ankt 3 worauf sich Spermatorrhoe 
und Harntraufeln einstellten. Erst im funfundzwanzigsten Lebensjahre 
wagte sich der Patient an Frauen heran, doch erfolgte die Ejakulation immer 
fiieflend und bei vollig schlaffem Glied schon bei Beriihrung des Weibes* 
Zu einem richtigen Koitusversuch ist es nie gekommen, der Patient hat auch 
nie Erektionen gehabt* Ein Erlebnis erschien ihm ebenso so sonderbar wie 
beschamend. Er hatte sich vor zwei Jahren yon einem. sehr aggressiven 
Madchen so weit bringen lassen, mit ihr zu Bett zu gehen, doch hatte er 
es nicht gewagt, die Unterhosen auszuziehen; er war vollkommen unerregt, 

1) Internationale Zeitschrift fur Psychoanalyse, XII, 1926. 

Reich: Die Funktion des Orgasmus. 8 






aiif Die Furtlttion ties Orgasmus 

kehrte sich ink dem Riicken zu ihr zur Wand um und schlief eim Seither 
liefl er es me mehr soweit kommen und be^niigte sich mit einer werjg 
lustvollen Ejakulation in den Kleidern. 

Ferner bestand seit der — wenig stiirmischen — Pubertat zeitweise ein 
Kopfschmerz, gelegentUch auch ein Beklemmungsgefiihl in der Bru&t 
und Ubelkeit Der Patient war dauernd verstimmt, zwar arheitsfahigj aber 
korp er lie h er Ermii dung sehr unterworfen und oft unfahig, kontinuierlich 
zu rechnen oder zu lesen, Seit mehreren Jahren haben auch rheumatischej 
aber von der Witterung unabhangige Schmerzen in den Gliedern und im 
Riicken best and en , denen noch keine Kur abhelfen konnte* Es handelte sich 
um diffuse und inkonstante hypochondrische Sensation en* Ferner be- 
stand seit der friihesten Kindheit; soweit seine Erinnerung reichte, Obstipa- 
tion, der nur mit bestimmten Abfuhrmitteln oder dadurch beizukommen war, 
dafi der Patient sich auf einen mit heiflem Wasser gefullten Topf setzte. Die 
organische Untersuchung ergab bis auf eine linksseitige Varicocele negativen 
Befund* 

Samtliche Mitglieder der engeren Fauiilie (Eltern, drei altere Geschwister) 
lit ten an habit ueller Obstipation. Bis auf den Vater, der ein zwangsneurotisch- 
ambivalenter Charakter war, waren alle realitatstiichtige Menschen. Der 
Patient selbst war scheu und gedriickt, dahei gleichzeitig von einer uber- 
groften Liebenswiirdigkeit und verriet schon durch sein Auftreten den 
femininen Charakter* 

Die Analyse des Unbewuflten setite schon in der zweiten Sitzung mit 
einem Traume ein, dessen unverhiillter Inhalt den Patienten tief erschreckte : 
er Iriiftt die um Junf Jahre altere Sckwe&ter aufs Genitale. Er war weniger 
uber die Handlung als daruber entsetzt, dafi sie an der Sch wester voll- 
fcogen wurde, Er wuBte nur zu berichten, dafi er gerade an dieser Schwester 
seit der Kindheit mit aller Liebe hing und auch Gegenliebe fand. Sie hat 
Tor mehreren Jahren ins Ausland geheiratet, lebte resigniert in einer ruhigen 
Ehe und wurde vom Patienten oft hesuchL Es herrschte auch eine sesuelle 
Intimitat insofern, als sie ihm ihre Ehegeheimnisse mitteilte und sich uber 
ihre Frigiditat beklagte. In der Puhertatszeit hatten sie einander geschworenj 
spater zusammenzuziehen und nicht voneinander zu lassem Sie war stets 
seine miitterHche Berate rin und kam seiner Haltung als jiingerem Bruder 
sehr entgegen. 

An einem der nachsten Abende tauchte eine Erinnerung an eine vollig 
vergessene Phobic aus der Zeit zwisdien dem yierten und siebenten Lcbens- 
jahre auf; die Beschreibung des Gegenstandes der Angst war durchmis 
liickenhaft. So oft er ins halbdunkle Vorzimmer kam, hatte er eine Vision; 
ein j,Gespenst (so hatte er sie damals benannt) stieg #von irgendiva nben 
hervnter" t oder es war auch so, „als ob es aus irgend jemand heraasfakren 
oder wie ein Hemd uber den Kopf gezogen unirde"* Bestimmtes war zu- 
nachst nicht zu erfahrem 



PsydiGacuronscke jScuicLsale tier GcnitalliticJo 



Wir werden die Analyse des Traumes zuerst darstellen. 

Der Patient erzahlte im Anschlufl an den Traum unter groflen Hemmungen, 
er hatte zwischen seinem vierten nnd sechsten Lebensjahr mit einer um 
fiinf Jahre alteren Cousine sexuell gespielt, -was bis auf einige wiuhtige 
Details nie verdrarigt worden war. Diese Erinnerung habe immer sehr auf 
ihm gelastet, er halte diese Spiele fur die boseste Tat seines Lebens nnd 
fiihre die Krankheit darauf allein zuriick. Die Spiele be&tanden hauptsachlich 
darln, dafl sie Arzt und Patient spielten, einander untersuchten und dabei 
After und Genitalien beschauten und betasteten. Er erinnerte sich ganz 
genau, dafl er ihre Genitalien betastet hatte, wuflte aber nicht, ob auch 
sie an den seinigen manipuliert hatte. Als Heilmittel wurden Kiisse auf 
die verschiedensten Kdrperstellen verschrieberi^ Mit alien Zeichen des Ekels 
und der Abwehr erinnerte er viel spater, dafl auch Kiisse in der Anal Fake 
gegenseitig verabfolgt wurden. Die Cousine spielte dahei gewohnlich den 
«ktiven TeO und benahm sich auch sonst ganz wie era Knabe; das Arge 
an den Spielen sei gewesen, meinte der Patient, dafl sie auch noch seine 
spater en Onaniephantasien bestimint hatten. Die Vorstellung vom Koitus 
kam darin gar nicht ror, hat auch sonst nie eine Rolle gespielt Die 
beliebtesten Phantasien waren: gebunden werden, die weiblichen Geschlechts- 
teile mit der Zunge beriihren, an der Brust saugen. Spater traumte und 
pbantasierte er, dafl an seinem Glied gesogen wurde, dafl er Kot aus der 
Analfalte mit der Zunge entfernte u. a. m. Dem Bewufitwerden der letzten 
Phantasie ging eine lange Period e verstarlcten morgendlichen ttbelseins voran, 
lm Verlaufe der detaillierten Analyse erinnerte er auch die merkwurdige 
Vorliebe, die er als Kind hatte, sich der Mutter zu Fiiflen zu seteen, 
zwischen ihre Beine zu kriecben nnd den Kopf moglichst nahe an die 
Geschlechtsteile heranzubringen. Doch war die auf die Mutter gerichtete 
und mit analen Elementen stark durchsetzte Cunnilingusphantasie in starkster 
Verdrangung. Sie befl sich bloB aus den oben genannten Elementen rekon- 
strnieren, schien nie bewuflt gewesen zu sein und nur in den Spielen mit 
der Cousine reale Befriedigung erfahren zu haben Sehr spat hrach eine 
Erinnerung durch, die unsere Vermutung, dafl die Mutter das eigentlicbe 
Ziel seiner analoralen Wiinsche war, betrachtlich stiitzte; er sab sich ganz 
klein im Schlafzimmer > wie er die Mutter heim Waschen der Bruste und 
der Geschlechtsteile beobachtete* 

Die Frage, wie er sein eigenes Genitale betatigt hatte, blieb bis knapp 
vor Schlufl der Analyse ungelost* In der Phantasie kam die VorsteEung 
passiver Fellatio vor, doch erinnerte er nicbts dergleichen, im Gegen- 
satze zu den klaren Erinnerungen in Bezug auf andere Betaiigungen. Wir 
schieben die Frage nach seiner Genitalbetatigung auf, bis wir Klarheit 
iiber den Gegen stand und die Motive seiner infantilen Angst gewonnen 
haben. 

Die Elemente des Gespenstes, die zuerst klargestellt wurden, waren; 



Die Fuuktion des Orgasm us 



ij es steigt von irgendwo Jterunter^ 

2) es ist t als oh es aits jemand herausfahren wiirde t 

J J es ivird wie ein Hemd ilber den Kopf gezogen* 

Bald fiel dem Fatienten ein, bei welcher Gelegenheit er sich der ver- 
gessenen Vision eiinnert hatte: Sein kleiner Cousin hatte die sogenannte 
„Seele" des FuDballes herausgezogen and da war die Erinnerung blitzartig 
aufgetaucht. Dieses banale Erlebnis bat aus zwei Griinden ekphorierend 
gewirkt, von denen der cine sofort klargestellt wurde. Das Gespenst war 
von rotlicher Farbe, nackt, ohne Kopfhaare. Die Zeichnung, die der 
Patient auf mein Ersuchen verfertigte, stellte einen jungen Menschen dar 
und er erkannte in ihm sofort seinen um ungefahr zehn Jahre alteren 
Bruder. Die weiteren Assoziationen fiihrten zur Erinnerung, dafl der Bruder 
ihn einmal heftig erscbreckt hatte. Wann das gewesen war, konnte er nicbt 
sagen. Damit war aber zur Klaruiig der obigen drei Elemente nichts gcleistet. 
Erst als dem Patienten einfiel, daO die Seele des FuG balls aus rotem Gummi 
set, vers t and er spontan aucb das erste Element { n es steigt von irgendwo 
herunter"); Es handelte sich um einen Irrigator mit rotem Gummi- 
schlauch* Dazu fiel ihm weiter ein, es habe ihm manchmal geschienen, 
als ob das Gespenst aus einem Muff, der im Vorzimmer am Schrank lag, 
herausfiibre. Damit stand die neu aufgetauchte Erinnerung im Wider sprucb, 
daB der Irrigator auf einem hohen Pult im Klosett zu steben pflegte. 
Die Idee von dem Muff im Zusammenhang mit dem dritten Element („wie 
ein Hemd iiber den Kopf gezogen") konnte mit Beriicksichtigung der Er- 
innerung an die beobachteten Waschprozeduren der Mutter nur eines 
bedeuten: Er muBte die Mutter bei vaginalen Irrigationen (Muff als Symbol 
der Scheide) beobachtet haben, wobei sie das Hemd ausgezogen haben mag* 

Aber w e l c h e Rolle spielte der Bruder dabei und warum erschien der 
Irrigator als Gespenst, das soviel Angst ausloste? 

Zur Losung dieser Frage diente folgendes Material, das im Verlaufe von 
vielen Monaten stiickweise vom Patienten zusammengetragen wurde* 

Ein Traum irn Beginne dieser Periode lautete: n Ick kniee bet end in 
einer Kirche mit einigen under en und halte den Kopf zu Boden geneigt. 
Wie ich hinausgehsj steht vor der KircHentiire eine grojSe geisterhafte Gestaltj 
ich erschrecke zu Tvde." Der erste Einfall lautet, er bete wie ein Mohamme- 
daner ganz zu Bo den geneigt, (Kirche?) Dazu der spontane Einfall; 
er pflegte als Kind statt j,Kbstier K — „ Kris tier" zu sagen* Er litt jchon 
sehr fruh an Obstipation und empfing die Irrigation en immer von der 
Mutter (Kirche als Symbol der Mutter und „Kristier* [Christ] im Traum). 
Die Betstellung im Traum gleicht der Haltung bei der Irrigation. Aucb 
sonst gab es reichlich Belege fiir die Betontheit seiner analen Position* 
Er erinnerte t wie der Hausarzt ihn einmal — er mochte damals drei Jahre 
gezahlt haben — spafihaft fragte: „Sitzt du denn immer am Thron?" Eine 

4 



PsyAoneurotisclie iStJild^sale <Ier GenitaUitido n^ 

sehr lange Periode der fruhen Kindheit war mit Baukasten«pielen ausgefiillt, 
die zumeist am Topf sitzend gespielt wurden, Wie andere Kinder laufend 
Eisenbahn spielen, tat es der Patient, indem er mit dem Topf im Zimmer 
herumrutschte. Spater, auch noch zur Xeit der Analyse, wurde er der Ob- 
stipation nor Herr, wenn er sich auf einen Topf setzte, der mit heiBem 
Wasser gefullt war, Stuhlzapfchen und Irrigation en wurden ihm von der 
Mutter noch bis zum achten Lebensjahre verabreicht. Spater liefl er Irri- 
gationen nur melir bei sehr hartnackiger Obstipation zu, besprach aber sehr 
haufig die Angelegenheiten der Defalcation mit der Mutter, die dafur groBes 
Interesse zeigte, 

Wie bei so vielen anderen Obstipierten> stellte es sich auch beim Patienten 
heraus, dafl er die Defakation unter den verschiedensten Rationalisierungeu 
hinausschob. Bekam er einmal spontan Stuhldraug, so hatte er inimer 
Wichtigeres zu erledigen. So setzte er die infantile Defakationsart am Topf 
durch. Dabei wirkte eine Abneigung gegen das Klosett mit, die begrundet 
war in seiner uralten Angst vor der Klosettmuschel und dem Irrigator, 
Wenn er als Knabe das Klosett aufsuchte, muflte die Tiire off en bleiben 
und sein Riicken muflte die Wand beriihreru Trotz dieser Maflnahmen 
bestand eine enorme Angst vor einem tt Ding" (Gegenstand, Geist, Gespenst), 
das aus der Muschel aufsteigen und — da wurden die Angaben ungenau — 
ihm etwas antun konnte. 

Das Gespenst war aber mannlichen Geschlechtes und trug spater die 
Zuge des Bruders, Wie war es nun gekommen, daB die so histbetonte anale 
Beziehung zur Mutter mit der Angst vor dem Bruder verschmolzen war? 
Seinen Bruder verehrte und schatzte der Patient, wie er behauptete, be- 
sonders erst seit der Pubertal in einem AusmaBe, das an vdllige Selbstver- 
leugnung grenzte. Man kann seine Beziehung zum Bruder nur mit der 
eines verliebten Backfisches vergleichen, Er war gliickselig, wenn der Bruder 
mit ihm spazieren ging ? und war unendlich traurig und weinte sogar, wenn 
er sahj daB der um so vieles Alter e andere Gesellschaft vorzog. Im stillen 
machte er ihm Vorwiirfe, dafl er ihn zu wenig liebte. Rat und Meimmg 
des Bruders waren unantastbar fur ihn. Der gesunde, reaHtatstiichtige Bruder 
hatte sich schon sehr fruh vom Hause losgelost, in dem stets eine ungemiit- 
liche Atinosphare herrschte. Als der Patient merkte, dafl der Bruder ihm 
trotz aller Bemiihungen entglitt, zog er sich tief gekrankt zuriick und schlofl 
sich Mannern an ? die dem Bruder weitgehend glichem Auffallend gern und 
wider spruchslos fiigte er sich in die Rolle des GeFiihrten und zu seinem Fiihrer 
Aufschauenden. Im Verlaufe der Analyse zeigte es sich aher immer deut- 
Ucher, wie reaktiv diese Anhanglichkeit und Liebe waren. Schon wenige 
Tage nach Beginn der Analyse hatte der Patient einen zunachst unbeachtet 
gebliebenen Gedanken: traumverloren im Kaffeehaus sitzend, sah er plotzlich 
das Bild eines Partezettels, Dann meldeten sich, zuerst nur in Andeutungen, 
spater immer deutlicher Vorwiirfe gegen die Mutter, daB sie den Bruder 






ii 8 Die Funktion des Orgasmus 

ihm vorzoge. Der Bruder war tatsachlich das Lieblingskind der Mutter ge- 
wesen und der Patient hatte diese erfolgreiche KDiikurrenz schwer ertragem 
*Nie horte man von der Mutter etwas and ere s als H,» IL und wieder H." 
(Name des Bruders,) Er muflte dessert abgelegte Kleider tragim, in die 
Lobeshymnen uber dessen Intelligenz, FleiB und Wohlerzogenheit emstirnmen. 
Er hatte aber den Kampf mit dem Rivalen nicht aufgenommen, sondern 
knapp vor der Pubertal {etwa im elf ten Lebensjahre) den EntschluO gefaBt, 
die Liebe der Mutter, die ihren alteren Sohn vergStterte, dadurch zu er- 
ringen, dafl er in die Verhimmelung mit einstiimnte. Er hatte nainlich oft 
die Erfahrung gemacht, da0 die Mutter die Menschen liebte, die den altesten 
Sohn lobten, und die hafite, welche gegen ihn waren* So schloJ3 er sich 
den ersten an. Dafl er aber aJumahlich in die mafllose Vergotterung des 
Bruders hineinglitt, war der Erfolg der Verdrangung aller bosen Regungen, 
die dem Bruder galten, vor allem des Wunsches, er mochte sterben. Die 
Hebe zum Bruder war also nicht nur eine Ubertragung von der Mutter 
her, sondern auch eine vom Schuldgefiihl diktierte Reaktlon auf seinen Ha6 + 
So konnte das Gespenst den Bruder in der Verdichtung mit dem Irrigator, 
wir diirfeu sagen: dem Lnstorgan der Mutter, und diese selbst darstellen. 
Das war die positive Seite der Ambivalenz. Das zweite Element des Gespenstes 
lautetj n es ist> als ob es aus irgend jemand herausfiihre" , Auslosend auf die 
Erinnerung hatte das Herausziehen der Seele aus dem Fuflball gewirkt. 
Als Kind pflegte sich der Patient den Tod so YorzusteHen, daB die Seele, 
die dieselbe Form wis der Korper habe, diesen verlasse. Das Gespenst 
oder der Geist, der den Patienten verfolgte, war also die Seele des 
verstorbenen, d* h* des tot gewiinschten Bruders. 

Auf die Aufdeckung des autoerotischen Lustgewinns, den der Patient aus 
seiner Obstipation bezog, und seiner Beziehung zur Mutter besserte sich das 
Verhalten des Darmes betrachtlich. Zur endgiiltigen Losung der Obstipation 
kam es aber erst nach der Aufdeckung weiter er Beziehungen. 

So litt der Patient auch an heftigen Krampfen und Koliken, die mit 
Ubelkeit und Meteorismus einhergingen* 

Die Analyse des Windverhaltens fuhrte zur Aufdeckung seiner staxken 
analen Riechlust und seiner Reaktionsbildungen gegen gewisse Verhaltungs- 
weisen seines Vaters. Der Patient hatte em en sehr feinen Geruchsinn. Im 
Laufe der Analyse halluzinierte er mehrere Male Uringerueh, was in enger 
fieziehung zu seiner Urethralerotik stand, Sein Meteorismus war die Reaktion 
darauf, daB der Vater sich auch in Gegenwart der FarnOie nie einen Zwang 
im Windverhalten auferlegt hatte. Da der Patient schon sehr friih die Yer- 
urteilung der Verhaltungsweisen des Vaters durch die Mutter zur Kenntnis 
geoommen hatte, begann er sich der Mutter zuliebe ganz im Gegensatze 
zum Vater zu entwickeln, so wie er ihr zuliebe den Bruder verehrte, Der 
Vater -war geizig, indiskret, off net e jeden ins Haus gelangenden Brief, war 
streitsuchtig; der Patient hingcgen achtete das Geld nicht und befleifiigte 



' 



Psymoiieurotistt c Sen iocs ale der Gemtaliibido n<j 

sich besonderer Diskretion und Fugsamkeit. Der Yater war in analen An- 
gelegenheiten skrupellos, der Patient verbot sich sogar die physiologische 
Flatulenz, Dieser Veraicht der Mutter zuliebe war aber nicht leicht gef alien, 
hatte betracntlichen Yerdrangungsaufwand erfordert und zu qualenden orga- 
nischen Symptomen gefiihrt. Schon auf die bloBe Aufdeckung dieser Bezie- 
hungen wich der Meteorismus und das AUgemeinbeiinden besserte sich. 

Merkwiirdigerweise persistierten die qualenden kolikartigen Schmerzen, 
welch e eine Zeit lang a]lnachtlich in den Morgenstunden auJgetreten waren. 
Ihre Analyse gelang weit weniger gut; trotzdem schwanden sie, als Schwanger- 
schaftsphantasien bewuBt wurden; Die Spezifitat der Schmerzen lieB sich 
nicbt erklaren, doch war ihr Zusammenhang mit der Idee, ein Kotkind 
im Bauche zu haben, abgeseben vom zeitlichen Zusammenhang, offenkundig. 
Der Patient defazierte namlich in Form M winzig klemer Kotstiickchen*, die 
er „Bobky nannte. Dazu kam die Erinnerung an das groBe Inter esse, das 
er als Kind in der Sommerfrische fiir den Ziegenkot gezeigt hatte. Er ver- 
glich ihn mit Oliven, und die trbelkeiten, die die Analyse dieses Details 
begleiteten, spracben eindeutig fiir starke koprophage Tendenzen, die seinen 
Phantasien und den Erlebnissen des analen Cunnilingus zugrunde lagen. Ein 
Traum, der diese Phase einleitete t lautete; n Ich spiele ah Kind in einem grofien 
Zirnmeri es liegen GoldstUcke im Ttimmer herum^ ich defaziere Kotstiickchsrij 
die verschwinden, und an ihrer SteUe erscheinen ztrinzig kleine Kinder* 
Aus der Analyse dieses Traumes liefl sich nicbt eindeutig entscheiden, welcher 
unbewuBten Idee die groBere Bedeutung zukam: selbst der Kot = das 
Kind im groBen Zimmer (d. h, in der Mutter) zu sein, a der selbst Kinder 
zu gebaren, Der Patient sprach sehr oft von seiner Defamation als von der 
„schweren Geburt". Weder die Durchforschung der Kindheit noch die 
Aufienanamnese ergab Anhaltspunkte, dafl er Schwangerschafteu beobachtet 
hatte. Um so merkwurdiger war es, dafl er erinnertej eine Periode inten- 
siven Griihelns iiber das Fortptlanzungsproblem durcbgemacht zu haben. 
Beobachtungen an Tieren und ihren Jungen, die er am Lande gemacht 
hatte, spielten eine groBe Rolle. Eine Zeit lang — etwa um das vierte 
Lebensjahr — hatte Fragedrang bestanden. Deutlich erinnerte er seine Ent- 
taujchung uber die Antwort auf seine Frage, was das "Wort „Hebamme w 
bedeute. Man sagte inm^ das ware eine Gemu5ehandlerin> doch er wuflte 
es besser: Der Baueh, in dem sich das Kind beh'nde, offne sich, die uAmme 11 
reiche dem Kinde die Brnst, an die es sich festsauge, und „hebe w es so 
aus dem Banch (Heh-Amme), Die or ale Tendenz war also an seiner Ge- 
burtstheorie beteiligt^ spielte aber auch bei der Empfangnistheorie eine groBe 
Rolle. 

Eur Zeit, als die nachtlichen Koliken am starksten waxen, hatte der 
Patient Traiune* den en die Tendenz zugrunde lag, vom Arzt durch den Mund 
befruchtet zu werden. Am Tage traten heftige Kopfschmerzen und Ubelkeiten 
auf. Ein solcher Traum lautete: ^Unser InsUdhtteur repariert unsere Rohr- 



Die Fvnlttion des Orgasm us 



leitungen, ich bin dabei 7 yrtotzlich setzt er einen Spiilapparat in Gang, die 
Flussigkeit verspruht ivie feiner Nebel fich werde nafij und sckmeckt salzig" 
Die Einfalle zum ersten Tell ergaben sofort, daB der Installateur den Ana- 
lytiker darstellt, der die Rohrleitungen, d. h. das Glied des Patienten repa- 
rieren soil, Der zweite Teil enthalt einen affektiven Widerstand gegen die 
Heilung der Impotenz und die Erfullung eiries bevorzugten Wunsches: der 
Analytiker befruchtet (Einfall) mit Urin durch den Mund (salziger 
Geschmack). Hier fanden auch die Geruchshalluzinationen Aufklarung: der 
Patient erinnerte, daJ3 er bei den Spielen nut der Cousine am Uringeruch 
ihrer Geschlechtsteile Gefallen gefunden hatte* Es blieb unentschieden, ob 
auch taUachlich uriniert worden war. Die Gerucbshallnzinationen wahrend 
der Sitzungen war en somit nicht nur Erinnerungen an die Spiele sondern 
auch DarsteHungen von Wiinschen, die sich auf den Harnapparat des Ana- 
lytic ers richteten. Die Rohrleitungen im Traume enthielten ebenfalls eine 
Determinante aus der Kindheit: er hatte sich fur die Rohrleitungen im Bade- 
zimmer und besonders fur das Klosettrohr interessiertj ehe die Angst vor 
Irrigator und Klosettmuschel einsetzte. Der Sinn dieses Interesses wurde erst 
durch die Analyse cines Traume s klar, in dem es hiefl: „&in Adler entfukrt 
eine Trau in die Lufte und VdJ3t sie dann auf mich fallen." Der Adler ist 
der Vater > die Fran die Mutter, die Enrfuhrung in die Lufte stellt den 
Koitus der Eltern dar. Bei den Koitusversuchen, die er zur Zeit der Ana- 
lyse unternahm, muflte er besonders gegen den Wunsch ankampfen, sich 
unter die Frau zu legen und seinen Mund an ihr Genitale heranzuhringen. 
Die Idee, dafi die Mutter nach dem Koitus mit dem Yater auf ihn falle, 
pafite vollig zur analen Beziehung zur Mutter mit dem Irrigator; in einem 
Traume, wenige Tage vor dem letztgenannten, hiefi es, er verkehre unten 
liegend mit einer Dime, die ein Glied habe: die Mutter koitiert ihn mit 
dem Penis des Vaters, Hinter der passiv-analen Beziehung zur Mutter wirkte 
die zum Vater. Wir begreifen jetzt, dafl die kindliche Phobic ein Ausdruck 
der miflgliickten Verdrangung passiver anal-homo sexueHer Tendenzen war* 
Der altere Bruder war also nicht nur Vertreter der Mutter mit dem Irri- 
gator sondern auch des Vater s gewesen. All das durchaus anal verarbeitet. 
Und wir wissen jetzt, wem die Todeswiinschej die in der Phobic zum Aus- 
druck kamen, zutiefst galten. Bei der Analyse dieser Zusammenhange ent- 
fuhr es dem Patienten; „Ich werde erst potent sein, wenn mein Vater 
gestorben sein wxd, 1 * 

Koch aus einem anderen Grunde wurde der Bruder in entscheidender 
Weise Vertreter des Vaters* Wenn wir bisher erfahren habere daB so gut wie 
alle sexuellen Strebungen mit Anlehnung an Mund- und Harnerotik passiv- 
analer Art waren und daB diese Strebungen seit der fruhesten Kindheit 
den Patienten beherrschten, so miissen wir uns fragen, was denn mit den 
genitalen Strebungen ge worden ist. In der Analyse horten wir eineinhalb 
Jahre nichts davon. Erst gegen Ende der Analyse fuhrte eine Associations- 



Psych on eurotisdic adiidtsale der Genrt&llibido 



kette zu einer erlebten Kastrationsdrohung. Li einem Traume, der die 
Rekonstruktion einer wichtigen Szene ermbglichte, hiefi e$: „Ich spiele in 
einern dunMen Zimmer Klavier t im Nebenzimmer halt Dr. S* (em oster- 
reichischer Staatsmami), irgendwU erkoht, eine Rede und sieht mich durch 
seine BriUe hose an* u Dr. S, erinnert im Profil an den Bruder, der ebenfalls 
Brillen tragi. Zu „erhdht" im Tratime paJ3te auch die Erinnerung, dafl sein 
Bruder am Lande auf Stelzen zn gehen pflegtej ferner tauchte eine dunkle 
Reminiszenz an einen finsteren Hausflur und an dort erlehte Angst auf. Am 
Vortage des Traumes erkundigte sich der Bruder bei mir nach dem Stand 
der Analyse und der Patient hatte einen Augenblick lang daran gedacht, 
ob icb wohl dem Bruder aus dem Inbalte der Analyse etwas mitteilen wiirde. 
Dazu die Tatsache, dafl der Patient mich gleich zu Begirm der Analyse 
darum gebeten hatte, dem Bruder nichts von der Onanie zu erzahlen. Nehmen 
wir noch das Klavierspielen im Traunij das als Onaniesymbol typisch ist, und 
die Bede (Strafrede) sowie den bosen Blick hinzu, so scheint die Rekonstruk- 
tion einwandfrei, daB der Bruder unseren Palienten einmal in einem dunklen 
Flur (Vorzinrmer — Gespenst?) bei genitalen Manipulatiouen ertappt und ibm 
eine Strafpredigt gehalten bat. Das mufite in sehr friiher Zeit, etwa im 
dritten Lebensjahr, vorgef alien sein, denn die Erinnerung an das Gespenst 
reichte tief ins vierte Lebensjahr binein und die Szene muO der Phobie 
vorangegangen sein. Die spater entwickelte Angst vor dem Gespenst, das die 
Zuge des Bruders trug^ fuBte so letzten Endes auf jener Ur szene, in der der 
Bruder die Kastrationsangst entfacht hatte. 

In diesem Zusammenhange tauchte auch die Erinnerung dunkel auf, dafl 
die Cousine den Patienten bei den Spielen an den Hoden geserrt hatte. Der 
cbarakteristiscbe Scbmerz persistierte in der Hodengegend sozusagen als 
Mahnung. Dazu paflten ferner die stereo typen Hlagen des Patienten, nlcht 
der Penis, sondern die Hoden seien zu klein, und die Scheu, sich bei der 
Prau v6llig zu entkleiden* 

Die Analyse, der es gelungen war, die sexuellen Betatigungen und 
Phantasien der friihen Kindheit bis in kleinste Details aufzudecken, 
ergab bis auf diese eine Reminiszenz nicht den geringsten Anhaltspunkt 
dafur, daB die phallische Erotik jemals eine besondere Rolle gespielt 
Oder Objektbesetzungen gedient hatte. Die Harnerotik stand hinter der 
analen zuriick, trat aber in der ejaculatio praecox und in den Urin- 
geruchshalluzinationen deutlich her vor, Wir fugen noch hinzu, daB der 
Patient sich als Kind gern im Badezimmer aufgehalten und mit dem 
Wasser gespielt hatte. Aber auch dieser Ansatz zur Genitalposition war 
anal und oral verarbeitet worden* Das Interesse fiir die Rohrleirungen 
diente ebenso analen wie urethral en Tendenzen, 



Die Function des Orgasmus 



Es ist deutlich geworden, wie der Patient sich selbst als Object 
urethral er Beziehungen phantasierte (die Harnbespritzung = Befruchtung 
durch den Analytiker, die Tendenz, den Mund an das Genitale der Frau 
heranzubringen) und sie mat Saugephantasien durchsetzte. Unter den 
Erinnerungen, die im Laufe der Analyse auftauchten, spielte der Ein- 
druck, den das Melken der Kuhe auf ihn gemacht hatte, eine gioBe 
Rolle, Die Gleichsetzung des Euters mil dem Penis fuhrte erstens zu 
seinen Phantasien, am Genitale und an der Brust der Frau zu saugen; 
zweitens zur Gleichsetzung des eigenen Penis mit der Brust (beziehungs- 
weise dem Euter) und des Samens und Urins mit der Milch* Bei Be- 
ruhrungen mit einem weiblichen Kdrper flofl der Samen ab. Entsprechend 
dem femminen ChaTakter war der Penis als Brust in den Dienst der 
Weiblichkeit getreten. Die Onanie bestand nicht in Friktionen sondern 
im Andriicken des schlaffen Gliedes an einen Gegenstand: nach meinen 
auch an anderen Fallen gemachten Erfahrungen ein typisches Zeichen, 
dafi der Penis die (gewiinschte) Brust darstellt; es ist, als ob dem Objekt 
gezeigt wurde, was man selbst wunscht, 

Versuchen wir es nun, den Werdegang der Neurose unseres Patienten 
zu rekonstruieren. Die starke anale Veranlagung der Familie wirkte 
sich ch&rakterologisch bei samtlichen Angehorigen aus. Die anale Ver- 
anlagung der Mutter verstarkte die Neigung zur Obstipation beim 
Patienten, Die notwendige Versagrmg der Analltat war ausgeblieben, so 
dafi einerseits diese als anale Autoerotik persistierte und anderseits 
eine spezifisch anale Bindung an die Mutter entstand; diese wurde 
verdrangt und das Symptom der chronischen Obstipation entsprach ihrer 
neurotischen Darstellung und Befriedigung. Der primar hxierten Analltat 
gesellten sich die orale und die urethrale Erotik bei. Jene hielt die 
Fixierung an die Mutterbrust aufrecht; als sie verdrangt wurde, schuf 
sie zusammen mit analen und urethralen Tendenzen die tJbelkeiten 
und aufierte sich in spezifisch oralen onanistischen Phantasien 
(an der Brust zu saugen, das Genitale zu kiissen, Kot zu essen). Die 
Urethralerotik persistierte als ejaculatio praecox, Harn- und Samen- 
traufeln, Charakterologiach bedingten diese kindlichen Triebkrafte, indem 
sie der mannlich-phallischen Bichtung widersprachen, den Infantilismus 
und Feminismus. 2u dieser primaren Fixierung trat dann als weitere 
Entwicklungshemmung hinzu, daO die genitale Erotik, ehe sie sich 



PsyAonenrotisthe Sdiicksale der Genitallikido is5 

voll entfalten konnte, durch die Strafpredigt des Bruders und die Schmerzen 
am Hoden unterdriickt wurde. So war der Weg zu einex wirfcsamen 
phallischen Vateridentifizierung abgeschnitten und die kindliche Bin- 
dung an die Mutter und die Identifizierung mit ihr konnten sich un- 
gestort entfalten, Der Patient bediente sich seines Gliedes als Brust und 
hielt erne passiv-feminin-anale Beziehung zu iiberlegenen Mannern 
(durchwegs Vater- und Bruderimagines) fest 

Zu dieser Mutteridentifizierung im Ich trat jedoch eine Vateridenti- 
fizierung hinzu, der zwei Tendenzen entstammten* Einerseits waren die 
verbietenden Forderungen des strengen Vaters (und Bruders : Onanieverbot) 
ins Ich aufgenommen worden und batten die hauptsacbliche Verdrangungs- 
arbeit geleistet Anderseits entwickelte sich sein Charakter im Gegen- 
satz zu dem des Vaters, was wir an anderer Stelle als reaktive t)ber- 
Ich-Bildung bezeichneten. Das geschah, wie festgestellt wurde, der 
Mutter zuliebe, deren Partei der Patient immer ergriffen hatte: „Nicht 
so sein wie der Vater sondern das gerade Gegenteil." Diese Tendenzen 
konnten leicht realisiert werden, entsprachen sie docli vollkommen seinem 
Jnfantilismus und Feminismus. Anders war es mit den positiven Vater- 
identifizierungen. Et verehrte nicht nur seinen Bruder und seine 
iiberlegenen Freunde, sondern er wollte auch werden wie sie. Die Wunsche, 
die sein Ichideal, soweit es positiv strebend gerichtet war, aus dieser Quelle 
holte, waren dazu verurteilt, unrealisiert zu bleiben, und gaben den 
AnlaB zu Minderwertigkeitsgefuhlen. Denn zur Realisierung seiner positiv 
gerichtet en, mannlichen Ichideale bedurfte es einer stark en Genitallibido, 
die, wie wir sahen, bei ihm unentwickelt war. Die positiven Vateridenti- 
iizierungen erfblgten daher nur im tJber-Ich/ 

Wir kdnnen nicht entscheiden, warum bei unserem Patienten die 
Pubertatskurve so flach verlief und ob nicht die besondere Struktur seiner 
Libido hemmend auf den Genitalapparat gewirkt hatte. Tatsache ist, dafl 
die Pubertatserscheinun gen, die sonst urn das zwolfte bis vierzehnte 
Lebensjahr aufzutreten pflegen, sich bei ihm erst im zweiundzwanzigsten 
einstellten. Er begann urn diese Zeit zu onanieren, aber mit pragenitalen 
Phantasien, starken Schuldgefiihlen und Befurchtungen, die zur Ein- 



l) Vgl. hiezu meine Ausfiihrungen fiber die n Fehlidentifizierttngen* i in „Der 
triebhafte CharaTakter". (Neue Arbeiten zur arztlichen Psychoanalyse Nr, IV, 19*5.) 






as^ Die Funktion Jes Orgasmus 

schrankung fiihrten. Die Spermatorrhoe und das Hamtraufeln fassen 
wir als die Folgen der somatischen Reizung auf, die unerledigt blieb; 
sie sind Ausdruck der Tatsache, daB der Penis in den Phantasien der 
Mutteridenrifizierung (Penis als Ernst) und den pragenitalen MechanUmen 
diente, so dafi es zu orgasm us losen Erledigungen der Erregungen kam. 

Als er infolge der somatischen sexuellen Erregung und der mannUcben 
Ichidealforderungen das Weib aufsuchte, stellte sich dem sofort die pra- 
genitale Fixierung entgegen: er driickte sein Genital e an f lieB den Samen 
abfliefien und wendete der Frau den Rucken zu ? aus dem unbewufiten 
Motiv, eine Irrigation zu empfangen. Es ist, als ob der Genitalitat der Zu- 
tritt zu dem an pragenitale Erregungen gewohnten Sexualapparat verwehrt 
gewesen ware. 

Die Analyse Idste nun zunachst die Obstipation* Sie wich in dem MaBe, 
sis ihre Determinanten bewufit verarbeitet wurden. Der Kopfdruck schwand 
gleichzeitig mit der Obstipation, ohne dafl die Analyse seiner Determinie- 
rungen gelang. Der Dmck auf der Brust erwiea sich als ein larviertes Angst- 
symptom (Angst vor dem Gespenst) und verlor sich im Laufe der Ana- 
lyse ohne den Nachweis spezifischer Determinierung. Ebenso verschwand 
das Samen- und Harntraufeln, die Pollutionen bei der Beriihrung einer Frau 
horten auf. Im vieizehnten Monat der Analyse, nach Aufdeckung der Kastra- 
tionsszenen, gliickte dem Patienten der Koitus zweimal. Doch blieb die psy- 
chische Genitalstrebung schwach j er hatte kein Verlangen nach dem Koitus, 
Die Analyse hatte in der K Destitution ihre Grenze gefunden. Was in der 
Kindheit nicht entwickelt worden war, konnte in der Analyse nicht neu 
geschaffen werden. Sie hat eben immer mit gegebenen Triebkraften zu 
rechnen, die sie nur neu ordnen, denen sie aber nichts hinzuftigen kann* 
Eine objektivere Haltung zur Mutter, eine gewisse Gleichgultigkeit Vater 
und Bruder gegeniiber bewiesen, daB die analytischen Losungen. gelungen 
waren, soweit es eben moglich war. Auch nn ubrigen Wesen ist der Patient 
freier geworden. Freilich konnten die Erfolge kanm den genitalen Defekt 
aufwiegen, wenn sie ihn auch leichter zu ertragen half en. Dafi eine welter e 
Analyse mehr erreicht hatte, ist nicht auszuschlieflen, jedoch in Anbetracht 
der Struktur seiner Libido nicht sehr wahrscheinBch* 

Die psycho-genitale Asthenie, die uxiser Patient zeigte, war die Ursache 
der Asthenic des Genital apparates ; sie auderten sich in seiner schweren 
ejaculatio praecox. Die Libidostruktur dieser Potenzstorung ist chaxak- 
teristisch fiir die schweren Formen der chronischen Neurasthenic. 



Psy-iiiojieufotische jSchidtsaie der GeniralUbulo 



h) Die ^emtale Asthenic 
Zwei Formen der ejaculatio praecox 

Es ist Abrahams Verdi enst, das Wesen der ejaculatio praecox geklart 
zu haben. * Der Name bezeichnet zunachst nur die Tatsache, daB bei 
gewissen Formen der Impotenz der Samen zu friih abflieBt* Abrahajn 
wies nun nach, daB die ejaculatio praecox hinsichtlich des Modus der 
AusstoBung des Samens eine Miktion ist. Diese Kranken sind der Lust 
am passiven FHeBenlassen hingegeben* Die Ejakulation ist eigentlich 
ein Urinieren. Des weiteren hebt Abraham folgende Punkte als charakte- 
ristisch hervori 

i) Die Libido dieser Kranken er mangel t der durchgreifenden mann- 
lichen Aktivitat. 

2) Die Genitalzone ist nicht zur Leitzone geworden. 

)) Die Oberflache der Glans penis ist man gel haft erregbar* 

4) Das Genitale ist manchmal iibererregbar, was ein Zeichen seiner 
Ohnmacht sei. Die eigentlichen mannlichen Genitalfunktionen — Erektion, 
Immissio, Priktion — kommen in WegfalL 

J J Es besteht eine besondere Erogenitat des Dammes und der ruck- 
wartigen Teile des Skrotums, 

6) Die Lustempfindungen sind im hinteren Teile der Urethra lokalisiert. 
In chaxakterologischer Hinsicht sind solche Kranke entweder schlaff, 
energielos, passiv, unmaniilich, oder eretisch, bestandig hast end; gelegeut- 
lich besteht zufolge eines Widerstandes gegen die spedfisch mannlichen 
Leistungen der direkte Wunsch, die weibliche Sexualrolle zu iibemehmen. 
Bei manchen Patienten sind das Verlangen nach dem Koitus und die 
Erektionsfahigkeit zwar vorhanden, die Erektion schwindet aber gleich 
nach der Immissio oder knapp vorher. 

Beziiglich der Genese fiihrt Abraham aus, daB diese Kranken die 
normale Einstellung des Mannes zum Weibe nicht erreicht hatten, viel- 
mehr im Stadium des NarziBmus stehen geblieben waren, Dazu komme 
eine konstitutionell verstarkte Urethralerotik, die die tTberwertung des 
Penis als Harnweg bewirke, ^Tritt spate r an das Organ die Anforderung 
der eigentlichen Geschlechtsfunktion her an, so weigert es sich nun dieser," 

1) ^Uber ejaculatio praecox." (Klinische Beitrage aur Psychoanalyse, Internatio- 
nale Fsychoanalytische Bibliothek Nr. X, X92 1.) 



i»(> Die Function des Orga*mus 

Prognostisch, meint Abraham, seien „diejenigen Falle am wenigsten 
gunstig zu beurteilen, in denen die ejaculatio praecox sich sogleich im 
Alter der Geschlechtsreife bemerkbar gemacht hat und neither durch 
cine Reihe von Jahren viele Male hervorgetreten 1st* Es handelt sick hier 
urn Falle von auflergewohnlich startem Vorwiegen der urethralen gegen- 
uber der genitalen Erotik." 

Unser Versuch erganzt nun die Befunde Abrahams insofern, als er 
auf die Heraushebung zweier GTundformen der ejaculatio praecox zielt, 
die sich genetisch und prognostisch voneinander unterscheiden* 

Zur Aufstellung der beiden Formen haben folgende klinische CJnter- 
schiede gefiihrt: 

l) Die ejaculatio praecox bestand seit jeher oder sie trat erst nach 
einer Periode relativer Potenz auf, 

sO Der SamenerguB erfolgt vor oder nach dem Eindringen des Gliedes, 

)) Der verfruhte SamenerguB erfolgt flieflend oder in StbBen* 

4) Das Glied fcann dabei steif oder schlaff seiii. 

f) Das Glied weist auBen an der Glans oder in der Urethra die 
grbfiere Empfindlichkeit auf. 

6) In den sexuellen Phantasien dominiert, gleicbgiiltig ob bewufit 
oder unbewuBt, die Vorstellung vom Eindringen des Gliedes in die 
Scheide, diesmal wieder gleichgultig t ob lust- oder unlustbetont, oder 
sie ist durch pragenitale Phantasien (sich an die Frau zu sehmiegen, 
ihre Briiste zu kiissen, Gebundenwerden usw.) ersetzt. 

Die genannten Eigenschaften pflegen sich mehr oder weniger rein 
in zwei Gruppen zusammenzutun. Ejaculatio ante portas pflegt sich mit 
urethralem Samen£lieBen> mehr oder weniger schlaffem Gliede und mit 
pragenitalen Phantasien, der SamenerguB bald nach dem Eindringen 
mit Erektion, gelegentlich anch mit rhythmischem SamenabfLufi und 
immer mit aktiven Koitusphantasien zu verbinden, Abweichungen kommen 
vor, so insbesondere ejaculatio ante portas mit steifem Gliede. Es wird 
durch die Erfahrung regelmaBig bestatigt, daB die erste Form die weitaus 
schwerere und gewohnlich die chronische ist, wahrend die zweite nach 
einer Periode relativ guter Potenz aufzutreten pflegt und auf Psycho- 
analyse sehr gut reagiert. 

Der Unterschied liegt in der grand verschiedenen Libidostruktur. Die 
scbwere Form ist namlich eine Erkrankung durch Fiaierung auf der 



Psyckoneurotiscke SdiiAsale de* Getiitalliliicfo 127 

analen (-urethral en), die leichte erne solche auf der (urethral-) genitalen 
Stufe* Bei beiden Form en bedeutet das Symptom unter an der em Urinieren, 
doch ist die Urethral erotik dort an erne pragenitale, hier an die genital e 
Libido gehunden. Das Vorhandensein reiner Genital libido driickt sich aus: 

1) m der Fahigkeit zur Erektion, 

2) darin, daB die Glans in hbherem Mafie erregbar ist als die Urethra 
und die Penis wurzel, 

}) in den Koitusphantasien, 

4) im Chaxakter: Die Patienten der leichteren Form sind mannlich 
aktiv und aggressiv, manchmal auch manifest aktiv-homosexuelL Die Er- 
krankung ist nach einer Zeit relativer Potenz ausgebrochen. 

Das Fehlen der genitalen Komponente in der ejaculatio praecox, be- 
ziehungswreise die Vorherrschaft der analen Position haben folgende 
Kennzeichen : 

1) Die Kranken sind nie potent gewesen* 

2) Es fehlen heterosexuelle Koitusphantasien ganzlich oder sie treten 
hinter den pragenitalen zuriick. (Man darf sich naturlich vom geauBerten 
Wunsche des Patienten, er komme zur Behandlung, um das Koitus- 
vermogen zu erlangen, riicht beirren lassen* Es kommt auf seine un- 
bewuBten Phantasien an*) 

j) Die Glans ist sehr wenig oder gar nicht erregbar (Hyp-, beziehungs- 
weise Anasthesie des Penis), Der Sitz der Lustsensationen ist die Urethra; 
sie erstrecken sich fast immer bis in die Dammgegend. 

4) Die Erektion ist kaum nennenswert, kommt gar nicht zustande 
oder das Glied schrumpft xusammen. 

j) Die Patienten sind im Charakter passiv-feminin, die Analyse deckt 
einen betrachtlichen moral isch en mid erogenen Masochismus bei ver- 
drangtem Sadismus auf. Fast immer bestehen uberdies neurasthenische 
Symptome, wie chronische Obstipation^ Kopfdruck, Ermiidbarkeit, Sper- 
matorrhoe und hypochondrische Beschwerden. 

In der Entstehung unterscheiden sich die beiden Form en dadurch, daB 
die schwerere zumeist durch prim are Fixierung im Pragenitalen, 
die leichtere durch Regression zum genitalen Inzestwunsch zustande 
gekommen ist* Bei der ejaculatio praecox der genitalen Stufe 
ivurde die normal e genitale Bin dung an die Mutter von der Angst 
vor Kastration betrorfen, Eine starke phallische Position hielt aber die 



1*8 Die Funktion des Orgasmus 

Identifizierung mit dem VateT aufrecht und verhinderte tiefere Regression 
zu friiheren Stufen. In manchen Fallen besteht Kastrationsangst vor der 
Mutter als Furcht vor einem gefahrlichen „Ding* (Penis des Vaters) 
in der Scheide, oder die hemmende Idee* da6 die Scheide mit Zahnen 
bewaffnet sei, mit den en das GUed abgebissen werden konnte. Die 
Freude am Urioieren hat genitalen und exhibitionistischen Tendenzen 
gedient, ist aber auch der Grund fur das SamenflieBen* Hier ist also 
die ejaculatio praecox Ausdruck der Angst, sich in B die Hohle des Ldwen 
zu trauen**, wie ein Patient sich ausdruckte, und bildet einen Schutz 
dagegen, in ihr lange zu verweilen, Manche Patienten haben diese Angst 
gam bewuBt* Das urethrale Samenfliefien oder auch die veifriihte rhyth- 
mische Ejakulation sind vor allem Ausdruck dieser Angst, wie ja uber- 
haupt viele Kinder auf Angst und Schreck mit Diarrhoe oder unwill- 
kiirlichem Harnverlust zu reagieren pflegen. Hinter der Vateridentifizi fi- 
ning, die dem Charakter den Stempel des Mannlich-Aktiven aufdriickt, 
wirkt gelegentlich auch eine Mutteridentifizierung, aber eine solche der 
genitalen Stufe ; diese iiberwuchert charakterologisch die Vateridentifizie- 
rung nicht Der Unterschied gegen die erektive Impotenz ohne ejaculatio 
praecox besteht darin, daB die Urethralerotik bei diesem Zustande keine 
besondere Rolle spielt. 

Ganz anders ist die Libidostruktur der ejaculatio praecox, s* ante 
portasj der analen Stufe. Meiner ETfahrung nach handelt es sich in 
den meisten Fallen urn eine Entwicklungshemmung und primare Fixie- 
rung auf der anal-urethralen Stufe mit oder ohne parti el] e Aktivierung 
der phallischen Phase. Ich kenne nur emen Fall, in dem die Analyse 
die komplette Regression von der genitalen auf die anale Stufe nach- 
weisen konnte. Mit der Regression wurde die genitale Vateridentifizierung 
zugunsten einer analen Mutteridentifizierung aufgegeben, Mit der Fixie- 
rung, beziehungsweise der totalen Regression, fallt auch der genitale 
Wunsch weg und macht gewohnlich einer urethralen Beziehung zur 
Mutter und einer passiv-analen zum Vater Platz. Die analen und urethralen 
Befriedigungen sind gewohnlich manifest, ohne da6 sich der Patient 
dessen bewufit zu sein braucht. Dominiert bei der genitalen ejaculatio 
praecox die Kastrationsangst, so bei der analen die autoerotische Befriedi- 
gung, beziehungsweise die Lust, die Frau mit Urin oder Kot zu be- 
sclimutzen. 



Psyaioncutotlsdie Sciiiisale d&t Genitallikido 139 

Der Ham wird verhalten, das Urinieren bei stark gefullter Blase ist 
ausgesprochen lustvolL Die Harnfunktion wird mit analen Qualitaten 

besetzt (Ferenczi). 1 Ebenso ist die Defakation sehr lustvoll, Ein solcher 
Patient verbrachte am Klosett lange Zeit damit, den Kot langsam und 
stiickweise herauszulassen* Et vermied den Stuhlgang oft bis zu acht 
Tagen, urn dann mit dem Finger den harten Kot herauszuholen. Zwei 
andere Patienten, bei den en es gelungen war, wenn auch geringe geni- 
tale Libido und den Wunsch zu koitieren freizulegen, gin gen auf dem 
Wege zur Frau in gespannter Erwartung des Kommenden - — aufs Klosett, 
Nach der Entleerung der Exkremente war alle „Lust zum Koitus* ge- 
schwunden* 

Ist bei der genitalen Form der ejaculatio praecox therapeutisch die 
Hauptarbeit geleistet, wenn der In zest wunsch und die Kastrationsangst 
beseitigt wurden, so stellt sich bei der analen Form der Erfolg erst ein, 
wenn der Patient imstande ist t den analen und urethralen Lustgewinn 
aufzugeben. Nur wenn eine starke Genitalitat, die verdrangt war (was 
blo6 fiir die durch K egression zustande gekommenen Falle gilt), freigelegt 
wird, kann der Kampf 2wischen der pragenitalen und der geni- 
talen Libido giinstig ausgehen* Ich verweise diesbeziiglich auf meine 
beiden Arbeiten iiber die therapeutische Bedeutung der Genitalitat* 

Ferner muB hervorgehoben werden T dafl der Ge sun dung die fuhrende 
Mutteridentifizierung entgegensteht, Sie ist das starkste charakterologische 
Hindernis, weil sie auch mit dem Strafbedurfhisse dem Vater gegeniiber 
in Zusammenhang stent, Viele Haltungen solcher Kranker lassen sich 
auf die Fornael bringen: ^Ich bin meinem Vater gegeniiber schuldig, 
darf nicht sein und tun wie er t sondern muB meine Schuld durch meine 
Hingabe an ihn abtragen,* Das Schuldgefuhl dem Vater gegeniiber 
besteht auch bei der genitalen Form- Hier fallt aber das wichtige Moment 
des pra genital en Lustgewinn es weg, der sich sonst haufig mit masochi- 
stischen Pb&ntasien verbindet und das Schuldgefuhl mit analer Libido 
besetzt, was therapeutisch besonders nachteilig ist. 

Die Identifizierung mit der Mutter enthSlt haufig eine weitere Deter- 
minante der ejaculatio praecox: Der Penis ist in der Phantasie 

1) Ferencii: Versuch einer Genitaltheorie. (Internationale Psychoanalytische 
Bibliothek Nr. XV, 19*4.) 

Reich: Die Function des Orfaamus, 9 



i3o Die FunLtion Jes Orgasmus 

zur Brust geworden, der Samen zur Milch. Das Glied wird der 
Frau gereicht, wie seinerzeit dem Kinde die Brust gereicht wurde. In 
den Phantasien und wahrend der Vorlustakte tritt typischerweise der 
Wunsch auf, sich an die Frau anzupressen oder anzuschmiegen. In den 
schwersten Fallen flieflt dabei der Samen ab, Der Kranke spielt ein 
Doppelspieh nachdem er seine mannliche Bolle aufgegeben, beziehungs- 
weise nie bezogen hat, gibt er sich der Frau (Mutter) als Kind und 
begehrt ihre Brust; die Phantasie, an der Brust zu saugen, ist fur solche 
Falle typisch* (Bei einem meinerFalle flofl der Samen wahrend desSaugens 
an der Brust der Freundin ab,) Anderseits spielt er die Mutter t die 
dem Kinde die Brust reichtj es ist, als zeigte er der Frau, was er von 
ihr wiinscht (^magische Geste*, Liebermann); das Saugen an der Brust 
und das Abftiefien des Samen s erganzen so einander zur Darstellung des 
Wunsches gesaugt zu werden. Dies scheint der tiefere Sinn der Tat- 
sache zu sein, daB, wie Abraham feststellte, der Patient die Frau an- 
uriniert. Ein Patient hatte das Gefuhl, dafl der Samen im Gliede sei, 
und er glaubte, den Samen einfach auspressen zu konnen. Das mit der 
schweren Form der ejaculatio praecox so haufig vergesellschaftete 
Ham- oder Samentraufeln ist mit der unbewuflten Idee assoziiert, dafl 
der eigene Penis die begehrte Brust sei, aus der Milch fliefit. Ein 
solcher Kranker hatte als Knabe mit Vorliebe sein Glied Kameraden 
zum Saugen angeboten, Ein anderer brachte es noch zur Zeit der 
Analyse zustande, am eigenen Gliede zu saugen. Ex spielte Kind und 
Mutter zugleicb. 

t)ber dieser psychischen Determinierung ist aber der standige Reiz- 
zustand im Organ, speziell in der Urethra und am Damm nicht zu iiber- 
sehen. Es hat wenig Sinn zu sagen, dafi das Organ minderwertig ist, 
Ist diese Minderwertigkeit von Anbeginn da? Nach der Ansicht der 
Urologen werden die tJberreiztheit des Genitalapparates und die ejaculatio 
praecox bedingt durch die dauernde Hyperamie der Genitalien und die 
Hypertrophic der Prostata- Es ware jedoch zu erwagen, ob nicht die 
besondere Art der Sexualbefriedigung dieser Kranken die Ursache der 
Hyperamie sein konnte. Dafur spricht folgende liberie gung: Unter nor- 
malen Bedingungen werden die Genitalien wahrend der Vorlustakte 
hyperamisch und diese akute Hyperamie weicht sofort nach dem Orgas- 
mus, Die genitalen Astheniker sind jedoch infolge ihrer Befriedigungs- 




PsydioneurotiscJie ochiilsale de* GenitalliLiJo 



art orgastisch impotent, was einen andauernden Drang zur sexuellen 
Beizung und infolgedessen dauernde Hyperamie bedingt. Die zuerst 
psychogen zustande gekommene Hyperamie kann, chronisch geworden, 
gewifi auch dauernde somatische Veranderungen erzeugen* 

TTVahrend bei der genitalen ejaculatio praecox doch die genitale Be- 
friedigung das eigentliche Ziel geblieben ist, hat der Yertreter deT schwe- 
reren Form auf den Koitus verzichtet, die Vorlustakte bilden das Hauptziel* 
Indem der Penis aufgehort hat, Ausdruck und Werkzeug der Mannlich- 
keit zu sein, ist er als Brust ideell in den Dienst der unbewuBt ge- 
wollten Weiblichkeit getreten, Wir dtirfen somit von einer oral en 
Erotisierung des Penis sprechen (als Gegenstiick zur hysterischen 
Genitalisierung der Mundzone). 

Die genitale Asthenie ist das Resultat der Uberflutung des Genitales 
mit pragenitaler Libido. Sie ist von den uhrigen Impotenzformen, bei 
denen am Genitale zentrierte, aber gehemmte genitale Impulse bestehen, 
abzulrennen. Die unbewuBte Grundformel der Impotenten mit genitaler 
Asthenie lautet: #Ich will nicht geschlechtlich verkehren, son- 
dern mein Genitale so und so beniitzen", die des einfach Impo- 
tenten: „Ich will verkehren, aber ich tue es nicht, weil ich 
eine Gefahr fiirchte/ 

Die pxagenitale Betatigung des Genitales hat zur Folge, dafl jene 
Erregungsmengen, die nur im genital en Orgasmus abgefiihrt werden 
kfrmen, sich im iibrigen Kftrper auswirken; dazu kommt die standige 
sexuelle Reizung: so entstehen die hypochondrischen Beschwerden. 
Sie sind nicht ^Euibilduiigen", wie die blofl somatisch orientierten 
Mediziner meinen, sonde™, wie Freud, Ferenczi tuid Schilder nach- 
gewiesen haben, wohlbegriindete kbrperliche Stbrungen, Die korper- 
lichen Erregungs- und Ermiidungszustande, die Lei stun gsunfahigkeit der 
Neurastheniker, ihr standiges Drangen und Sichgedrangtfuhlen sind 
samtlich Folgen der genitalen Asthenie, 

In der Tatsache, daB der Neurastheniker auf Grand seiner genitalen 
Asthenie und orgastischen Impotenz einen spezifisch geformten Charakter 
entwickelt, erblicken wir die gTO0e theoretische Bedeutung, die das 
Studium der Aktualneurosen auch fur die Charakterlehre hat, Bei der 
Analyse solcher Kranken sehen wir, wie keine seelische Erregung ohne 
korperliche Kesonanz und kein koxperlicher Yorgang voriibergeht, ohne 

9* 



Die Futilttion. ties Orgasmus 



daB eine seelbche Reaktion erfalgte* Gerade die Aktualneurosen scheinen 
uns den Weg zu weisen, den man gehen mufi, wenn man zur gemein- 
samen biologischen Basis der kdrperlichen und seelischen Reaktionen 
vordringen will. Doch diesem Weg zu folgen ist nicht mehr unsere 

Aufgabe. 



VI 

^ur psycnoanalytisclieii Crenitaltneorie 

Die vorpsychoanalytische Psychologie konnte das Problem der Ent- 
wicklung der genitalen Tendenzen nicht aufstellen, weil sie in dem 
Vorurteil bef an gen war, dafl der ^Geschlechtstrieb" erst in der Pubertal 
als Folge somatischer Entwicklungsvorgange „erwache", also psychisch 
sozusagen mit einem Male da sei, und zwar nicht nur als innerer An* 
trieb, sondern auch als ein auf ein gegengeschlechtliches Objekt in der 
AuBenwelt gerichteter Wille. Als nun Freud zum ersten Male Triebziel 
und Triebobjekt unterschied, ferner feststellte, da8 es pragenitale 
Stufen der Sexualitat gibt, die von der Libido in den ersten Lebens- 
jahren durchlaufen vrerden, ehe es zur Zusammenfassung der pra- 
genitalen Tendenzen unter den Primat der Genitalien kommt, stand 
man vor der Frage, ob die pragenitalen Formen der sexuellen Bedurfc 
nisse von der genitalen einfach abgelost werden oder ob sie an der 
Herstellung des genitalen Primats selbst irgendwie beteiligt seien. Dabei 
kommt es nicht allein auf die Entfaltung der physiologischen Irritabilitat 
der genitalen erogenen Zone an, sondern das Problem urafaBt auch die 
Frage, wie sich die seelischen Einstellungen und Erlebnisse des Kindes 
daran beteiligen und welche Motive der heterosexuellen Objektwahl 
zugrunde liegen, so dafl an diesem Problem mehrere Detailfragen 211 
unterscheiden sind: die erste betrifft das Hervortreten der genitalen 
Erregung (Triebziel), die zweite die Entwicklung der psychogenitalen 
Objektliebe (Triebobjekt), die dritte den genetischen Zusammenhang 
beider (Wechselbeziehung zwischen Trieb und Erlebnis)* 

Die ursprungliche Auffasstmg Freuds ging dahin, dafl es vor der 
Pubertat kein genitales Primat gabe und dafl die pragenitalen Partial- 
triebe erst in der Pubertat unter dem Primat der Genitalien zusammen- 



/ 



*34 Die Funktion des Orgasmus 

gefaflt wurdeu. 1 Spater wurde diese Ansicht liorrigiert:* Der genitale 
Primat bmme schon in der Kindheit, in der sogenannten phallischen 
Phase der Libidoentwicklung, zustande, Diese kommt beidea Geschlech- 
tern in gleicher Weise zu; in ihr bildet sich beim Manne der Penis- 
stolz ah machtigste Grundlage des mannlichen Selbstbewufitseins, beim 
Weibe der PenUneid als solche des weibliclien Mmderwertigkeitsgefuhls 
mid seiner Kompensationen. 3 Hier „gibt es zwar ein mannlich, aber 
kein weiblich; der Gegensatfc lautet hier: mannlicJies Genitale oder 
kastriert. 4 ETst mit der Vollendung der Entwickhmg zur Zeit der 
Pubertat fallt die sexuelle Polaritat mit mannlich und weiblich zu- 
sammen" (Freud, a. a. O.). Der Knabe behalt die Tendenzen dieser 
Stufe bei, wahrend das Madchen die Aufgabe hat, nach der Feststelhmg 
der relativen Minder wertigkeit der Klitoris andere erogene Qualitaten 
zur Herstellung des vaginal en Primais zu mobilisieren und die Klitoris- 
erotik auf die Vagina zu verschieben, ein ProzeB, der nur unter gunstigen 
Bedingungen der Entwicklung und erst nach der Pubertat endgiiltig 
abgeschlossen \rird. Nach den iibereinstimmenden Ansichten mehrerer 
Autoren spielt die Vagina als erogene Zone in der Kindheit keine Rolle j 
man findet namlich in den Analysen von Frauen keine Hin weise auf 
vaginale Onanie in der Kindheit, mit Ausnahme der Falle, die sehr 
friih zu koitusabulichen Manipulationen verffthrt wurden und auf diese 
Weise die Scheide als Lustorgan entdecfcten. 

Das Problem, von dem Freudjn seiner neuesten Untersuchung iiber 
„Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes^ 5 
ausging. war, woher es denn bmme, daJ3 das Madchen, das ebenso wie 
der Knabe aus friiherer Zeit eine Bindung an die Mutter in die genitale 



1) Drei Abhandlungen zur Sexual theorie. Ges* Schriften, Bd. V. 

2) Die infantile Genital organisation. Ebeudort. 

5) VgL H, D eutsch, Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen, i$z$* (Neue 
Arbeiten zur arztlichen Psychoanalyse, Nr. V + ) 

4) Eine Patientin, deren Krankengeschichte ich publiziert habe {Eine hysterische 
Psy chose in statu nascmdi^ Internationale Zeitschrift fur Psych oanalyse, XI, 1925% 
erinnerte in der Analyse, in ihrem dxitten Lebensjahre die Theorie gebildet zu 
haben, daJ3 es xwei Sorten von Buhcn gtibe: die bra v en und die bo 9 en Bub en; 
dieaen, ien Madchen, wire das Glicd zur Strafe fiir die Beruhrung des Ge- 
gchlechtsteiles weggeschnitten word en, 

5) Internationale Zeitschrift fiir Psychoanalyse, XIL 192& 






Zur psydioanalytischen Genitaltheorie i35 

Phase mitbringt, sich nun dem Vater zuwendet, Beim Knaben liegt das 
Problem insofem einfacher, als er sein ursprungliches Objekt nicht zu 
wcchscln braucht, sondern blofl aus der relativ passiven Haltung der 
pragenitalen Phase in die aktive der phallischen treten muB. Das Madchen 
hingegen wild nicht nuT ebenso aktiv wie der Knabe, sondern wechseh 
auch das Objekt. Als Ursachen der Locker ung des Verhaltnisses zur 
Mutter und der Zuwendung zum Vater fiihrt Freud an: i) Die Losung 
von der Mutter wird haufig durch Eifersucht auf ein von ihr bevor- 
zugtes Kind eingeleitet. 2) Die Mutter wird fur den Penismangel ver- 
antwortlich gemacht; sie hat „das Kind mit so ungenugender Ausriistung 
in die Welt geschickt". 1 3) Da Frauen nach Freud die Onanie im all- 
gemeinen schlechter vertragen als Manner,, liegt es nahe anzunehmen, 
dafl diese lustbringende Betatigung durch die namfitische Krankung 
der Penislosigkeit verleidet wird, durch „die Mahnung, dafl man es 
in diesem Punkte doch nicht mit dem Knaben aufnehmen kann und 
darum die Konkurrenz mit ihm am besten unterlaBt", Das Madchen 
gibt den Wunsch nach dem Penis auf, urn den Wunsch nach einem 
Kinde an dessen Stelle zu setzen, und „nimmt den Vater in dieser 
Absicht zum Liebesobjekt". Der Kastrationskomplex leitet also beim 
Madchen den Odipus-Komplex ein, vrahrend dieser beim Knaben an der 
Kastrationsangst zugrunde geht,* Freud.. laBt die Frage offen, ob diese 
Motive der weiblicben heterosexuellen Objektwahl, die er in einigen 
Fallen fand, allgemein giiltig sind, Obgleich nun die geschilderten Er- 
lebnisse des kleinen Madchens typisch sind und daher zu den normalen 
Bedingungen der weiblichen Sexualentwicklung gezablt werden konnen, 
scheinen sie uns doch die spatere Einstellung des Weibes zum Matme 
nicht geniigend zu erklaren. 

Ehe wir einige analytische Ergebnisse dazu vorbringen, wollen wir 
die Anschauungen Hanks besprechen, der in seiner neuesten Arbeit 

1) Eine merrier Patientinnen traumte, daB sie si ch in einem Zimmer befaud, 
dessen Decke sich plotxlich zu senken begann; sie wuflte, daB sie jetzt hinaus* 
miisse. Wie sie drautien war, dachte sie* sie hatte irgendeinen lajiglichen Gegen- 
stand drinnen vergessen, wo]lte luruckeilen, um ibn m holen, es war jedoch iu 
spat. Der Sinn des Traumas wax, daB sie bei ihrer Geburt den Penis im Mutterleibe 
vergessen hatte und ihn nun wie der holen wollta, 

z) Vgl, Freud: Der Untergang des Odipus-Komplexes, 1924. Gesammelte 
Schriften, Bd. V t 



*36 Die Funktion des Orgasmus 

»Zur Genese der Genitalitat" 1 von demselben Problem ausgiag wie 
Freud, jedoch die Schwierigkeit der Frage nicht in der Objektwahl des 
Madchens sondern in der des Knaben sieht. 

Beide Geschlechter sind urspriinglich mit oraler Libido an die Mutter 
(Brust) fuciert. Die normals Endsituation ist nun die, dafi das Madchen 
vaginal den Penis des Marines, der Knabe phallisch die Vagina des 
Weibes begehrt, Beim Madchen liegt nachRank der relativ einfachere 
Tatbestand vor, daB das Spielen mit der Brustwarze in der Sauglings- 
ouanie auf die Klitoris iibergreift und die Brust durch den Lutschfinger ? 
spater durch den Penis des Marines ersetzt wird, Es findet also eine um- 
fassende Verschiebung oraler Libido auf das Genitale statt: Der Penis 
ubernimmt schlieBlich die Rolle der Brust, die Vagina die des Mundes, 
so daB die Endsituation der urspriinglichen vollig analog ist. 

Anders beim Knaben ; hier w wird der die Brustwarze ersetzende Lutsch- 
finger beim Spielen am Penis bald durch die Hohlhand abgelost, welche 
zunachst die Mundhohiung ersetzt , . , In der Reifezeit tritt dann noch 
der Samen als Milch ersatz hinzu, so dafi man die s pater e Masturbation 
als vollwertigen Ersatz des Saugaktes auf der narziBtischen Stufe der 
Genitalitat beschreiben kann/ Rank nimmt nun an, daB diese Ver- 
schiedenheit im Mechanismus der Masturbation: „beim Knahen voller 
Ersatz des Saugaktes: Penis — Brust, Hohlhand— M tin d, Samenergufi — 
Milchstrom; beim Madchen dagegen nur Spielen an der Brustwarze — 
Klitoris mit einem anderen Brustersatz, dem Lutschfinger t der erst spater 
vom Penis ersetzt wird", dazu verhilft, das endgultige Ziel der normalen 
Entwicklung zu erreichen; beim Knaben genitale Bemachtigung der 
Mutter, beim Madchen „Identitizierung mit derselben durch narzifitische 
Besetzung der eigenen Brust mit narzifltischer Libido". Es ist nicht klar, 
was Rank mit diesem letzten Satze meint: der Vorgang, den er als 
normalen beschreibt, fiihrt doch gerade zu dem Endergebnis, das man 
bei manchen Neurotikern antrifft und das Rank mit Recht als Gegen- 
satz der normalen Einstellung hervorhebt; meine eigenen Untersuchungen 
der Libidorerschiebung bei der chronischen Neurasthenie haben ergeben, 
daB gerade dann die schwersten Defekte der mannlichen Potenz zustande 



i ) In tern ati onale Z eitschr ift fur Psych oanaly se 1 ill 1 ig26{ abg e druckt in „Sexualit£t 
und Sthuldgefuhl**, Internationale Psychoanalytische Bibliolhek, Bd, XX). 



Zut psyxli oa naly t isA\ enG enitaltheori e 1 3 7 

kommeji, wenn der Penis voller Ersatz der begehrten Matterbrust > der 
Samen ein solcher der Milch geworden ist, Und Madchen, die die Brust 
mit narzifitischer Libido besetzt haben, neigen zur Ablehnung des Mannes, 
da sie ihre Brust unbewufit als Penis phantasieren. Die ungenaue Unter- 
scheidung zwischen den Bedingungen der normalen und der pathologi- 
schen Sexualentwicklung bei Rank geht ferner aus folgendem Satze in 
der zitierten Arbeit hervor: „Uns interessiert ♦ * . hier nicht so sehr, 
wieviel von der ursprunglich oral-sadistischen Bewaltigung der Mutter 
durch den Saugling ins normale oder perverse Sexualleben mitgenommen 
wird, sondern wie der Best — man ware auf Grund der zahlreichen 
Perversionen und Neurosen fast versucht, zu sagen, der schabige 
Rest 1 — auf die genitale Stufe verschoben wird/ Wir vermuten hier 
eine terminologische Ungenauigkeit : denu die Sexualentwicklung mancher 
Neurosen und der Perversionen unterscheidet sich gerade dadurch von 
der normalen, daB zuviel orale, sadistische und andere Libido „auf die 
genitale Stufe mitgenommen", d, h* mit anderen Worten t dafl eine 
Fixierung der Libido an der oralen t be^iehungsweise sadistischen Position 
vorliegt* Fur die normale Sexualentwickkmg muI3 die Frage lauten, 
wieviel liMdinoses Interesse den pragenitalen Zonen entzogen 
und der genitalen Zone zugewendet wurde; ferner unter welchen 
Bedingungen sich die genitale Libido relatlv rein von Beimischungen 
pragenitaler Tendenzen entfalten kann. Wir sehen bereits den Unter- 
schied in der Problemstellung selbst; Rankfragt, wie die Genitalitat 
aus den pragenitalen Zonen entsteht, wir fragen, wie sich die Genital- 
libido ungestort von den EinfLiissen der pragenitalen Libido entfalten 
kann, 

Im Rahrnen psychologischer Analyse, die iiber das Individuelle nur 
notgedrungen hinausgehen duTfte, bedarf es einer strengen Unterschei- 
dtmg zwischen „Triebentwicklung tf und „Entwicklung der Beziehungen 
zur AuBen welt"; diese beruhen zwar auf triebhaften Einstellungen, aber 
sie stellen doch auch eine hohere Stufe der Triebentwicklung dar und 
iiber dies hangen sie in erster Linie von den Erlebnissen selbst ab. ?3 Genese 
der Genitalitat" kann m ein en : a) die Entstehung der genitalen Antriebe, 
b) die Entstehung der genitalen Objektliebe und die ObjektwahL 

1} Von mir gespent. 



%5S Die Fuitttion des Orgasmiw 

Es 1st nun method isch einwandfrei, die Genese der Objektliebe psycho- 
logisch zu mrtersuchen, nicht aber die der phallischen Erotik, die von 
Korperreizen herstammt und daher psychologisch unzuganglich ist. 

Da8 Rank die Auffassung hat, die phallische Erotik sei reduzibel 
und nicht etwas psychologisch Letztes, geht aus folgendem Satze (L c* S* 418) 
hervor; „Die Aggression kann sich zeitweise auf der genitalen (und 
ursprunglich oralen) Stufe ausleben, und diese Fahigkeit ist es, die wir 
(beim Mamie) als Potenz charakterisieren. Ihr sichtbares Zeichen, die 
Erektion* ware sozusagen ein passageres Konversionssymptom sadistisch- 
oraler Libido (sexueller Appetit)." Es ist nicht k]ar ersichtlich, warum 
die genitale Erotik einer psych ogenetischen Erklarung eher bedarf als 
z t B. die orale oder anal e Erotik, fur die ein solches Problem auch noch 
nie aufgestellt wurde. Fragt man hingegen, was die phallische Erotik 
in Ersdieiimng treten laBtj so genugt zunachst die Auskunft Freud s, 
dafl dafiir die Versagungen der analen Befriedigungen t die mit den 
Reinlichkeitsprozeduren verbundenen aufleren mid die inneren Reize ver- 
antwortlich zu machen sind. Zu diesen methodischen Bedenken kommen 
die zahlreichen klinischen Erfahrungen hinzu, dafi die Erektion gerade 
dann versagt oder die Befriedigung wie bei der Zwangsneurose gering 
ist, wenn der Phallus in den Dienst oraler oder sadistischer Tendenzen 
getreten ist. 

Ganz dieselben Einwande miissen den Versuchen mancher Analytiker, 
den Sexualakt zu deuten, entgegengehalten werden. So meint Rank, 
„der normale Sexualakt selbst ware nicht nur Ersatz, sondern zugleich 
sadistische Rache fur die versagte Oralbefriedigung an der Miztterbrust, 
und je nachdem die eine oder and ere Tendenz zu stark uberwiegt, resul- 
tieren die uns bekannten Storungen des Liebeslebens, die sich fur beide 
Geschlechter auf die Form el reduzieren lassen: zu weitgehender Ersat2 
fur die orale Befriedigung an der Mutter (Brust) oder zu weitgehende 
Rache fur die Entziehung dieser Befriedigung" . Sollte der normale 
Sexualakt wirklich nur ein Ersatz und eine Rachetat sein ? Es geht auch 
nicht an, den Sexualgenufi des Weibes im Sexualakt als Hohepunkt maso- 
chistischen Erlebens hinzustellen, wie es von anderer Seite geschah. Und 
wenn ferner behauptet wurde, dafl der Hohepunkt des weiblichen Sexual- 
genusses im Geburtsakt erlebt werde> so liegt entweder eine storende Un- 
genauigkeit der Ausdrucksweise oder eine durch keinerlei klinische Tat- 



Zur psydioaiiaLytisdieii Gemlaitlieoirie i3^ 

sache zu rechtfertigende Ann ah me vor, denn die vaginal-masochistischen 
Patientinnen sind ausnahmslos in hohem Grade sexualscheu und anasthe- 
tisch, wenn es zum Ait kommt, und wir meinen doch, daB der Hohe- 
punkt des Sexual genusses auch fiir das Weib im Sexualakt {im vagi- 
nal en Orgasmus) liegt. 

Solchen Deutungen von Tatbestanden liegen neben den methodischen 
Ungenauigkeiten 2\veierlei Fehler zugrunde. Erstens werden allzuleicht 
Zusammenhange, die man bei schwer Kranken antraf, zur Deutung von 
normalen Funktionen herangezogen, ohne daB auf AusmaB, Intensitat 
und Form des Trieblebens geachtet wiirde. Zweitens wixd haufig von 
einer bloBen Analogie auf Identitat geschlossen ; so wird in der Psycho- 
analyse haufig das Wort „ist w oder tt bedeutet tt ungenau gebraucht, und 
wenn es in dem einen Zusammenhange nicht viel ausmacht und bloB 
als Ungenauigkeit zu werten ist, so kann es in einem anderen erne 
Quelle falscher Behauptungen und unentwirrbareT Verwicklungen werden. 
Der norm ale Koitus z, B, soil eine Regression in den Mutterleib ^sein^ 
oder „bedeuten w * DaB er es tatsachlich ist, kann nicht moglich sein* 
DaB er es bloB bedeutet, kann heiflen, daB der Betreffende bewuBt zwar 
den Koitus wiinscht, aber unbewuBt die Riickkehr in den Mutterleib 
meint, Hebt man bei solcher Deutung nicht hervor, dafl man das ar- 
chaische UnbewuBte meint, so liegt offenbar eine Ubertragung voin 
Gebiete des Pathol ogischen in das des Normalen vor. Der Impotente 
meint vielleicht auch die Riickkehr in den Mutterleib, wenn er vom 
Koitus trauma aber er meint sicher den Koitus T wenn er im Traume 
z. B, in eine Hohle hineinkriecht, oder er flieht vor der vermeintlichen 
Kastration beim Aite in den Mutterleib. Was dabei ubersehen wird, ist 
die wichtige Tatsache, daB er eben deshalb impotent ist, weil fur ihn 
der Koitus nicht blofi oder iiberhaupt nicht die Befriedigung der auto- 
chthonen Genitalitat in der Vorlust und EndJust ist, son dem eben nur 
oder hauptsachlich die Befriedigung seiner Mutterleibssehnsucht, seiner 
oralen Libido, seines Sadismus usw. Es ist nun eine gesicherte Annahme, 
daB die genitalen Wiinsche regressiv durch pragenitale Wiinsche 
and Mutterleibssehnsucht ersetzt werden, wenn infolge der 
Kastrationsangst die genitale Befriedigung abgelehnt wird. 

Ferenczi setzte in seiner „Genitaltheorie" die ^bioanalytische** Deu- 
tung des Koitus an die Stelle der individuell-psychologischen. Das ist 



l^o Die Funkrum des Qrgasmus 

methodise h einwandfrei. Einen Teil seiner spekulativ gewonnenen Au£- 
fassung, da8 namlich die Ejaculation der biologischen Autotomie eines 
Schmerz oder Spannung verursachenden Organs entspreche, konnten 
wir klinisch bestatigen. Dadurch wurde das heuristisch Wertvollc mancher 
r Spekulation tf erwiesen. Allerdings bedeutet die Ejakulation fur das 
gesunde Individuum keine Kastration; der Orgasmus bedeutet blofl fur 
manche neurotische Menschen eine Gefahr (Kastration) und wird eben 
dadurch gestort. Das normale Gefiihl des „Sich-Verlierens" im Orgasmus 
kann nur zustande fcommen, wenn man von Kastration sangst frei ist* 

Ein anderer Teil der Annahmen Ferenczis A der die Zusammensetzung 
der Genital it at betrifft, bedarf eingehenderer Besprechung. Ferenczi 
versuchte den Vorgang der Friktion und Ejakulation als Resultat einer 
Amphimixis analer und urethraler Triebkrafte verstandlich zu machen. 
Die Ejakulation ware ein urethraler, das Verlangern der Friktionszeit 
dnrch Zuriickhaltung des Sam ens ein analer Vorgang; Im Eampfe zwischen 
Hergeben- und Behalten-Wollen siege normalerweise schliefilich die Ure- 
thraler otik* Bei der ejaculatio praecox iiberwiege von Anbeginn die ure- 
thrale, bei der impotentia ejaculandi die an ale Strebung und es sei ein 
Ansgleich dieser beiden Tendenzen notwendig, damit die normal e ejaku- 
lative Potenz zustande komme. Dem mnB entgegengehalten werden, da!3 
die Ejakulation sich restlos aus dem lefLektorischen Vorgang am spinalen 
Zentrum erklart, der durch die Friktion als sensiblen Reiz in Gang ge- 
setzt wird. Und die Friktion selbst kann psychologisch wohl ebensowenig 
erklart werden, wie das Kratzen einer juckenden Hautstelle* wenn man 
nicht Physiologisches psychologisch deuten will. Fur Ferenczi _war diese 
Deutung aller dings bloB der Ausgangspunkt seiner vielversprechenden 
j,bioanalytischen ff Hypothese. Im allgemeinen lehrt die Erf ah rung, da 6 
die Genital funkt ion durch nicht geni tale Tendenzen nur gestort werden 
kann, Es muJ3 also, wenn die Annahme Ferenczis richtig ist t etwas 
zur Verschiebung analer und urethraler Qualitaten auf das Genitale hin- 
zukommen* damit die norm ale Genitalfunktion zustande komme, Sollte 
nicht beim Manne die phallische Libido selbst, die ihren eigenen ero- 
genen Ur sprung hat, eine solche Veranderung bedingen? 

Untersucht man analytisch die norma] e Genitalfunktion bei Mannern, 
die im Sinne unserer Definition orgastisch potent sind, so trifft man 
neben der phallischen Objekt]iebe t die sich eindeutig aufiert, zahlreiche, 



Ztit psyaioanaiytiscLen Genitaltlieotie 1^1 

mehr oder weniger intensive Tendenzen an, die uns aus den Analysen 
von Impotenten so gut als pragenitale sowie sadistische Wiinsche und 
als Mutterleibssehnsucht bekannt sind, Kami man aus solchem Vorhanden- 
sein allein schon einen Schlufl auf die Genese des Vorgangs oder den 
p Sinn u einer Funktion Ziehen ? GewiB .nicht, denn es konnten ja manche 
Tendenzen sekundar hinzugekommen sein, nachdem sich die Funktion T 
spezifisch determiniert, bereits gebildet hatte. Wenn sich in Analysen 
Gesunder z. B. die sadistische oder or ale Tendenz verstarkt, so leidet die 
genitale Funktion, und zwar unanzweifelbar aus diesem Grundej dagegen 
andert sich nichts, wenn die genitale Lust oder die Eriebnisse im Or- 
gasmus analysieri werden, sofem dabei nicht alte Inzestwunsche rege 
werden, Normalerweise unterliegt die genitale Erotik keinerlei Einschran- 
kung durch das fJber-Ich, von dessen Standpunkt aus die Genitalitat 
entweder nur geduldet oder sogar gebilligt, aber keineswegs abgelehnt 
wird* Es laflt sich durch Vergleich leicht feststellen, daB sogar der feine 
Unterschied zwischen der blofien Duldung und der Billigung der geni- 
talen Befriedigung durch das Uber-Ich sich in der Intensitat der End- 
befriedigung und in der Gesamthaltung zum Sexualobjekt sowie zu Fragen 
der Geschlechtlichkeit uberhaupt ausdriickt. Die pragenitale Erotik hat 
sich individueH verschieden stark sekundax hinzugesellt und wird in der 
Vorlust und Endlust mitbefriedigt; das macht die DifFerenziertheit 
der normalen Genitalitat aus. Werden solche pragenitale Anspriiche duTch 
Verdrangung oder auch bloBe Abwehr von der Teilnahme an der Genital- 
befriedigung ausgeschlossen, so leidet darunter auch diese mehr oder 
weniger, je nach der Intensitat der betreffenden Begung und der Ab- 
wehr, die sie erfahrt. Was ist das Motiv dieser Ablehnung? 

Es ist unwahrscheinlich, daO die pragenitalen und die anderen nicht 
zur Genitalitat gehorenden Anspriiche unver andert, d> h* unbeeinfluGt 
durch die genitale Tendenz an der allgemeinen Sexualbefriedigung teil- 
haben diirfen* Das wird sofort klar, wenn man an ihre eigentlichen 
Triebziele denkt, die beim normalen Sexualakt irgendwie abgeandert 
werden mussen, sollen sie nicht storend auf das Ich wirken. Der den 
Sexualakt einleitende KuB befriedigt gewifl orale Libido; ihr ursprung- 
liches Triebziel w r ar das Saugen; als Kiissen wird es auf die genitale 
Stufe der Befriedigung gehoben. Die Abandoning vom Saugen zum 
Kiissen kann ohne Bedenken dem EinfluG der genitalen auf die orale 






1^2 Die Function des Orgasm ua 

Erotik zugeschrieben wexdenj das zeigt sich am besten beim Zungenkufl. 
Eine gegenteilige Beein flu s sang ist gewiB auch anzunehmen, wenn der 
Mutid bei den Vorlustakten mit den Genit&lien des Partners in Beriihxung 
tritt. Von hier zur Fellatio oder zum Cunnilingus als Perversion mit 
ausschliefi lichen Absichten gibt es alle Obergange; dabei nimmt die 
Impotenz mit dem Cberwiegen der pragenitalen Anspriiche zu. 

Die Analitat wird als Tendenz zum Koitus a tergo oder als Geruchs- 
erotik auf die genitale Stufe gehoben. Ebenso der Sadismus des Mannes 
und der Masochismus der Frau, jener als spezifischc mannliche Aktivitat, 
dieser als weibliche Passivitat* Die Urethra] exotik scheint ganz im Sinne 
Ferenczis wegen der genetischen Beziehungen zur Genitalitat in der 
Ejakulation restlos mitbefriedigt werden zu konnen. Das pathologische 
Extrem ist die ejaculatio ante portas bei schlaffem Gliede, bei der die 
Urethralerotik das Genitale ausschlieBlich besetzte. 

Die jjUnterordnung der pragenitalen Anspriiche unter den genitalen 
Primat* in der phallischen Phase der Libidoentwicklung bedingt also 
auch eine qualitative Abanderung der Faxtialtxiebe, die dem phalli- 
schen Character dex Libido und den Einfliissen des sich nun men r fox- 
mierenden Ober-Ichs zuzuschreiben ist. Es kann der Fall eintreten, daJJ 
die eine oder die andere pra genitale Regung auf Grand einer partiellen 
Fbderung and isolierten Verdxangung von der Genitalisiexung ausge- 
schlossen bleibt oder im Laufe der Entwicklung der Sexualbetatigan gen 
zur Zeit der Pubertal oder spater wieder erniedrigt und zur Teilnahme 
an dex genitalen Befriedigung nicht zugelassen wird, Eine solche Iso- 
lierung, beziehungsweise partielle Vexdxangung, birgt zweiexlei Gefahren 
in sich. Erstens wird dadurch ein mehr oder weniger groBer libido- 
betrag von der Befriedigung ausgeschlossen und gestaut und die not- 
wendige Gegenbesetzung schwaeht die Harmonie des Sexualerlebens* 
Zweitens wirkt die verdrangte Regung standig anziehend auf andere 
Tendenzen und wird dadurch ein Schlupf winkel fur verponte Wunsche ; 
so bildet sich derKeim, aus dem sich bei entsprechenden Anlassen eine 
Neuxose entwickelt* So sieht man z. B, bei erektiv potenten zwangs- 
neurotischen Charakteren ein strenges Tabu jeder anderen als der j,nor- 
malen" Koituslage, Wix haben an Beispielen gezeigt, wie sehr nicht 
gexjitalisierte Anal exotik den Orgasmus der Frau stbren kann* Der ver- 
drangte Triebanspruch k on rite wohl alleia keine Neurose erzeugen, wenn 



Zut psychoanalytic A en Getutaltheorie ±^S 

nicht die allgemeine Schwachung der genitalen Befriedigung und als 
deren Folge die Libidostauung hinzukamen. In dieser Hinsicht ist das- 
jenige Tabu besonders gefahrlich, das Manipulationen betrilft, die irgend- 
einmal mit der onanistischen Betatigung des Betreffenden zusammen- 
hingen, Als besonders typisch sei das Tabu der gegenseitigen Beruhrung 
der Genitalien hervorgehoben. In solchen Fallen ist ein wichtiges Stuck 
der Genitalitat selbst von der Befriedigung ausgeschlossen worden; das 
beeintrachtigt aber nicht bloB die Befriedigung, sondern ruft bei Frauen 
iiberaus leicht vaginal e Anasthesie hervor und bedingt bei Mannern 
weitgehende Lustlosigkeit beim Akte, wenn nicht Schwachung der 
erektiven Potenz, 

Nach diesem Versuch, die Entwicklung deT Triebziele und deren 
Wechselbeziehuiigen zu klaren* kehren wir zur Frage der Objektwahl 

zuriick. 

* 

Die heterosexuelle Objektwahl des Knaben steht in keinerlei Wider- 
spruch zu den Triebzielen der verschiedenen Entwicklungsstufen der 
Libido 5 die Ziele der oralen sowohl wie die der sadistischen* uxethralen 
und phallischen Libido sind dem Objekt> das dem Knaben von der 
Geburt an am nachsten steht, der Mutter, angepaBt im Sinne einer 
individuell und biologisch zweckdienlichen Sexual ein stellung im spateren 
Leben. DaS der Wechsel der erogenen Beziehungen zu diesem Objekt 
kein Problem mehr ist, haben wir fruher durch Zusammenfassung der 
bereits bekannten Entwicklungsbedingungen der Libido und durch die 
Klarung der die „Genese der Genitalitat 4 * betreffenden Pr obi ems tellung 
nachgewiesen. Wen den wir uns nun der Frage der Objektwahl des 
Madchens zu. 

In der psychoanalytischen . Liter atur stehen zwei zum Teil gegen- 
satzliche Ansichten einander gegeniiber. Die eine wird von Freud und 
H* Deutsch verrreten und geht dahin, dafi die Weiblichkeit in der 
Pubertal und deren Vorstufe, die Liebeseinstellung des kleinen Madchens 
zum Vater, reaktiv zustande kommen, daB sich also das Madchen zu- 
nachst auf der Linie der Aktivitat und Mannlichkeit entwickle und erst 
sekundar zur weiblichen hinuberschwenke. Karen Horney 1 vertrat als 

1) Zur Genese des weiblichen KastrationskomplexeJ* Internationale Zeitschrift 

fur Psycho analyse, X T ig24> 



±44 Die Funlttion <Jcs Orgasmus 

eTste auf Grund ihrer Analysen den Standpunkt, dafi der Versagung des 
Kindeswunsches in der Genese des weiblichen Kastrationskomplexes, 
Penisneides und Mannlichkeitswunsches eine hervorragende Bedeutung 
zukomme und die mannlichen Haltungen des Weibes als Beaktions- 
bildungen und Result ate falscher Identifizierungen aufzufassen seien. 
Ich muBte mich dieser Ansicht in meiner Untersuchung der Fehl- 
identihzierungen beim triebgehemmten Charakier anschlieBem 1 In seiner 
letzten Arbeit stellt es Freud (a* a- (X) selbst nicht als gesi chert hin, 
daB seine Erklarung der weiblichen Objektwahl allgemein zutreffe. Hin- 
gegen ge win tit man beim Studium der Arbeit von H. Deutsch den 
Emdmck, als meinte sie, daB der Penisneid der urspriingliche Motor 
aller wesentlichen Haltungen des Weibes sei (das Kind als Ersatz des Penis, 
die weibliche Sexuallust beim Koitus als Resultat der Identifizierung mit 
dem Manne). Es ist nun gewifl nicht + moglich, in der Frage, ob der 
Kxndeswunsch und die weibliche Passivitat odeT der Penis wunsch und 
die mannliche Aktivitat zuerst zur Entwicklung kommen, eine allgemein - 
gultige Entscheidung zu treffen. Wenn man jedoch auch in der Frage 
der weiblichen Sexualentwicklung Triebziel und Triebobjekt auseinander- 
halt, so kann man einige scheinbare Widerspruche beseitigen, die der 
weiteren Klarung des Problems entgegenstehen. 

Fiir die Annahme von Freud und H. Deutsche spricht die Tat- 
sache, dafl es eine vaginale Organisation, wie sie spater die Grundlage 
bejahter Weiblichkeit wird, in der Kindheit nicht gibt; die Klitoris- 
onanie im Odipus-AJter und in der Pubertal gehort zu den typischen 
Befunden und der Peniswunsch ist immer anzutreffen, wenn er auch 
nicht in alien Fallen eine prima' r pathogene Rolle spielt* So fmdet man 
ibn z. B. bei den charakterologisch weiblichsten und miitterlichsten 
Frauen, was auch von Horn ex Q. c.) hervorgehoben wurde* „Penis- 
vrunsch* und „Mannlichkeitswunsch* sind also nicht identisch; es gibt 
zwar diesen niemals ohne jenen, aber nicht umgekehrt. Der Mann- 
lichkeitskomplex der Frau ist die charakterologische Aufierung 
des Peniswunsches und kann nur zustande kommen, wenn eine 
Identifizierung mit dem Manne (Vater) im Ich stattgefunden hat* Das 



1) Kapitel fiber die Fehlidentifizierungen in «Der triebhafte Charakter**, ig«5- . 
{Neue Art) ei ten zur arztUchen Psychoanalyse, Nr. IV,) 



Zu.t psyJioanalytisdieii Gemtalthcorie 1^(5 

1st zumeist bei T/veiblichen Zwangsneurosen der Fall- Bei Hysterien hin- 
gegen blieb der Peniswunsch gewohnlich ohne wesentHchen Einflufl 
auf die weibliche und miitterliche Haltung und auBert sich isoliert in 
einzelnen Symptomen, 

Die Analyse der Entwicklung der heterosexuellen Objektliebe bei ver- 
schiedenen Typen frigider Frauen ergibt, daB sie weniger von der Klitoris- 
erotik und vom Peniswunsch abhangt als von den auBeren Bedingun- 
gen, denen die Identifizierungen unterworfen sind* 

Bei manchen Frauen, die den Mann und die Heterosexualitat ab- 
lehnen, sowie ein betont mannliches Gehaben zur Schau tragen, hat 
das Verhalten des Vaters zu einer friihzeitigen und vollstandigen Henti- 
fizierung mit ihm gefuhrt: 1 Sie haben zu wenig Iiebe und Entgegen- 
kommen vom meist strengen, abweisenden, kalten oder auch gelegentlich 
brutalen Vater erfahren. In ihren sadistischen Phantasien erscheinen sie 
selbst als Trager dieser Eigenschaften, was in seltsamem Widerspruch 
stent zu der Verachtung t die sie fur die j,biutalen Manner* allein iibrig 
haben. 1st bei solchen Frauen die positive tJbertragung in der Analyse 
stark geworden, so tauchen aus tieferen ScMchten des Unbewuflten, die 
einem friiheren Stadium der Libidoentwickiung entsprechen> Kindes- 
wiinsche und die Tendenz zur weiblichen Hingabe an den Aizt (Vater) 
auf. Solche Falle, der en Analyse bis an die Grenze des noch erinne- 
rungsfahigen Alters getuhrt wurde, batten die Urszene in voller Mutter- 
identihzierung erlebt und es liefi sich auch das Alter nachweisen t in 
dem die Vateridentifizierung entstand, die die Mutteridentifizierung iiber- 
lagerte und von der Gestaltung des Charakters ausschlofi. Bei der Her- 
stellung der Yateridentifizierung spielte die Urszene insofern eine wichtige 
Rolle^ als das brutale Verhalten des Yaters am Tage vollig zur n Rauf- 
szene" paBte, die das Madchen in der Nacht belauschte, so dafi sie zur 
Auffassung kommen muSte, daJ3 die Mutter geschlagen, verletzt, kas trier t 
werde. Mit der Abwendung vom Vater, die das Aufgeben der 
Mutteridentifizierung und die Introjektion des aufgegebenen 
Vaters zur Folge hatte, schloB die Odipus-Einstellung ab. Da 
sich das Madchen mit der Mutter in der Urszene identifizierte, kann 



1) VgL den Bericht fiber die Patieatin mit der vasomotor] schen Neurose im 
in. Abschnitt* 

Reich: Die Funktion Asi Orgumus, 10 



%4& Die JFu-nktion des Orgasmus 

nur die Kastrationsangst das Motiv derAbwendung vom Vater gewesen 
sein* Das zeigte sich auch bei der positiven therapeutischen Keaktion 
solcher Fatientinnen. Wenn sich namlich ihre mutterliche Identifizierung, 
veranlaSt durch die positive fiber tragung, zu regen begann, tauchten 
in Nacht- und Tagtraumen masochistisch gefarbte Koitusphantasien auf, 
die zunachst mit einer akuten Verstarkung der Mannlichkeit und des 
Mannerhasses abgewehrt wurden. Das tiefste Motiv dieser Abwenr ist 
deutliche Genitalangst, So vertragen solche Frauen, wenn sie bisher den 
ehelichen AJct bloS erduldeten, den Koitus nicht mehT und furchten 
mit oder ohne Angstaffekt, dafi ihnen dabei etwas geschehen konnte, Das 
Verstandnis der Angst vor dem Verlust des Penis begegnet hier keinen 
Schwierigkeiten, denn nach der Herstellung der Vateridentifizierung 
verwandelte sich der Wunsch, einen Penis zu besitzen, in eine unbe- 
wufite Phantasie, einen solchen wirklich zu besitzen, (Eine Patientin 
mit solcher Phantasie urinierte immer nur stehend iiber der Klosett- 
oflhung*) Was man aber zu besitzen glaubt, mufi man auch zu verlieren 
furchten. Schwieriger ist das Verstandnis der Kastrationsangst vor der 
Herstellung der Vateridentifizierung. Damals bestand doch nur ein Penis- 
wunsch. Das schlieflt wohl die Kastrationsangst im engeren Shine aus, 
nicht aber die Angst, an dem bereits beschadigten Genitale noch weiter 
beschadigt zu werden; denn ein Rest verhlieb; die Klitoris, von der 
manche Madchen glauben, dafl sie noch nachwachsen werde, und die 
doch auch Lust verschafft. Trotzdem entsprache den psychologischen 
Tatbestanden beim Weibe eher der Ansdruck „Genitalangst tf als „Kastra- 
tionsangst". 

Die Vateridentifizierung im Ich, die charakterologisch den MSnnlich- 
keitskomplex herstellt, war also Folge der Liehesversagung, die das Madchen 
vom Vater erfuhr, und nicht (wenigstens nicht tmmittelbar) die des 
Peniswunsches. Dieser bestand zunachst fur sich allein und unabhangig 
von der Mutteridentifizierung tind geriet mit ihr erst in Konflikt, als 
sie auf die Schranke der auOeren Versagung stiefl. Erst durch die Vater- 
identifizierung, welche die Folge von rein auBerlich bedingten Erlebnissen 
war, erlangte er die Macht, die wir spater in Charakter und Symptomen 
wirken sehen. 

Dafi der Penis wunsch nicht immer zur Mannlichkeit fuhrt, geht aus 
dem Vergleich solcher Patientinnen mit den anderen hervor, die nie 



Zur psych canaly-tia then Gemtaltheone lj ^7 

einen mannlichen Charakter entwickelt haben, sondern von jeher weib- 
liche, ja trotz der Hysterie gelegentlich auch miitterliche Eigenschaften 
zeigten, die auf einer Mutteridentifizierung im Ich beruhen. Der von 
H» Deutsch (1. c.) beschriebene ^Aktivitatsschub" in der Pubertat war 
eine varubergehende Erscheinung * und vermochte nicht t den femininen 
Grundzug der Personlichkeit in bemerkenswerter Weise zu verandern* 

Die Analyse der Entwicklung der Objektbeziehungen zeigt auch hier 
die grofle Bedeutung, die das reale Yerhalten und der Charakter des 
Vaters fiir die Entwicklung und Erhaltung der Weiblichkeit hat- Ohne 
selbst weiblich und der Mutter unterlegen zu sein, brachte der Vater 
dem Madchen viel zielgehemmte Liebe entgegen, so daft zur inneren 
Versagung keine so groben aufieren hinzukamen wie beim fruher be- 
schriebenen Typ und daher auch der AnlaB zu einer totalen Vateriden- 
tifizierung wegfiel. Die Mutteridentifizierung konnte auch noch aus dem 
Grunde bestehen bleiben, daj3 die Objektliebe wenigstens in zartlicber 
Hinsicht befriedigt war, Was ihr zur restlosen Festigung fehlte, war die 
vaginalerotische Grundlage, die wegen neurotischer Konflikte nicht zu- 
stande kommen konnte. Unter dies en spielt im Gegensatz zum zuerst 
beschriebenen Typ, dessen heterosexuelle Sinnlichkeit an der Genhal- 
angst scheitert, die Inzestscheu und das Schuldgefuhl der Matter gegen- 
uber die wichtigste Rolle* Bei schwereren Hysterien kommt freilich 
auch eine heftige Koitusangst (Genitalangst) hinzu. 

Klitorisonanie und Penis wunsch gehoren jedoch auch in diesen Fallen 
zu den typischen Befunden, Was macht also den Unterschied dieser zwei 
Typen aus? Es laflt sich nun durch Vergleich feststellen, dafi beim 
zwangsneurotisch-mannlichen Typ die Klitorisonanie mit 
sadistischen und aktiv-homosexuellen Phantasien, beim 
hysterisch-femininen mit heterosexuellen, sehr haufig auch 
masochistischen Koitusvorstellungen einhergeht. 



l) Dock kann der Aktivitatschttb als Vorlkufer der femininen Fassivitat nicht 
als typisch hingestellt warden* Ickbehandelte eine Patientin mit chronischer Depres- 
sion und mmifliichem Charakter, bei der der entgegengesetite Vorgang fe&tznstellen 
war* Zur Zeit der ersten Menstruation waren zuerst Kingebende weibliche Fhanta- 
sien, die dem Vater galten, aufgetaucht Sie erschrak heftjg, als sie merkte, daJ3 
sie die Kiisse des Vaters anders empfand als bisher, zog sich zuriick und war von 
da ab betc-nt mannlich. 

io* 



ijf8 Die Funktion des Orgasmus 

A us diesen Tatbestanden erklart sich die scheinbare Differenz der 
Ansichten von Freud und H, Deutsch einerseits, Horney und mir 
anderseits* Jene Autoren meinen die phallisch-mannliche Libido, die sich 
zuerst entfaltet, wir meinen diejenige psychische Einstellung des kletnen 
Madchens zum Vater, die die Vorstufe der spateren weib lichen Haltung 
ist und sich unserer Auffassung nach zuerst entwickelt* Die weibliche 
Sexualentwicklung wird dadurch konipliziert, dafl das kleine Madchen 
den Vater zunachst mit einem mannlichen Organ begehrt 
(Koitusphantasie mit Klitorisorgasmus). Es steht derzeit der Auffassung 
nichts im Wege, da8 die Organlibido des Weibes im Beginne mannlich, 
ihre psychische Haltung (mit eirter Ausnahme 1 } normalerweise stets 
weiblich oder der spateren Welblichkeit ahnlich ist. 

Es mag ganz auf den Zufall ankommen, ob das Madchen zuerst den 
Penis an Spielkameraden oder Geschwistern entdeckt oder z. B, an- 
lafllich der Geburt eines Kindes zuerst den Kindeswunsch akquirierL 
Es steht auch noch sehr in Frage, ob der Verglelch der Genitalien vor 
der genitalen Phase iiberhaupt im Sinne des Kastrationskomplexes wirk- 
sam wird; denn dazu gehort doch zweifellos, dafi das Genitale als Lust- 
quelle bereits entdeckt und narzifltisch besetzt wurde, Wichtiger ist t dafl 
der Penis wunsch und der Kindeswunsch, beide als Wurieln extremer 
Einstellungen, sich so lange gut vertragen und ohne gegenseitige Beein- 
flussung neheneinander hestehen, bis individuell sehr verschiedene Schick* 
sale in der stiirmischen Odipus-Periode die Gleichung: Penis — Kind 
in dieser oder jener Richtung herstellen und das Madchen aus dem 
Odipus-Konflikt mit dem Mannlichkeitskomplex oder mit der Mutter- 
identifizierung hervoxgeht; dabei spielt die stets bereits aktivierte 
Klitoriserotik keine spezifische Rolle* 

WuTde die Odipus-Phase des Madchens charakterologisch mit einer 
Mutteridentiiizierung abgeschlossen, so vertragt sich diese mit der Klitoris- 
erotik nur bis zur Puhertat; hier geht sie t nachdem die alten Konflikte 



1} Wenii namlich das Madchen durch einen brutalen Vater an der Entfaltung 
ihrer Mutteridentifizierung von vornherem verhindcrt wird, so bleibt sie entweder 
dauemd oral an die Mutter fiziert mid wird spater eine vb'Uig infantile Person- 
Uchkeit, oder sie identiikiert sich mit dem Vater, noch ehe sie ihn liehen lernen 
konnte. Diesen Tatbestand fand ich bei triebhaften masochistischen Psychopathen 
mit Gchwerem Infantilis mus. 



Zur payAoanalytisdien Genitaltneorie i ^cj 

wieder akut wurden, zugunsten des Mannlichkeitskomplexes endgiillig 
unter, wenn sie nicht auf die Basis des vaginalen Primats gestellt wird. 

Die Frage, wie der v agin ale Prim at zustande kommt, ist ein in wich- 
tigen Punkten noch ungeklartes Problem, In den H drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" meinte Freud, die Klitoriserotik werde normalerweise 
in der Pubertal auf die Vagina verschoben, ohne sich naher iiber die 
Art und die Bedingungen solcher Verschiebung zu auBern. Vergleichende 
Untersuchungen haben nun ergeben, dafl die wichtigste Bedingung der 
Verschiebung die charakterologische Mutteridentifizierung im Ich ist. Es 
ist jedoch trotz dieser seelischen Haltung zu fragen, wie sich die phailische 
Klitoriserotik in die rezeptive Erotik der Scheide zu „verwandeln" vermagj 
denn eine blofie Verschiebung ohne solche Umwandlung ware schwer 
vorzusteUen, 

Nun hat meines Wissens Jek els^ als erster dte Analiiat mit der 
vaginalen Erotik auf Gruiid der rezeptiven Qualitat (Hohle), die sie ge- 
meinsam haben, in kausale Beziehungen gebracht. Die gleiche Ansicht 
vertraten spater auch Ferenczi 3 und Lou Andre as- Salome*. Neuer- 
dings fand H, Deuts ch (L £■)» dafl die Vagina neben analen auch orale, 
also wieder rezeptive Qualitaten, uberniramt. Die saugende Tatigkeit der 
Vagina ist auch phanomenologisch feststellbar. Ich kam in meiner Unter- 
suchung der Entwicklung des weiblichen Ober-Ichs (L c.) zum Ergebnis, 
daU sich die „ Mutteridentifizierung im Ich a iiber analen und oral en 
Qualitaten aufbaut und da8 „zur normalen Entwicklung der Frau ein 
partielles Zuriickgreifen auf fruhere Stufen der libidinosen Entwicklung 
nach der phallischen Versagung" gehort. Beim Studium der Storungen 
des weiblichen Orgasmus ergaben sich nicht mix weitere Bestatigungen 
fur die zitierten Ansichten, sondern es wax auch der Schlufi unabweis- 
bar, daB erst die Verschiebung analex und oraler Libido auf die Vagina 
die unerlafiliche „ Verschiebung" der Klitoriserotik, als SchluB stein im 
Aufbau des vaginalen Primats, ermoglicht* Bei diesen Verschiebungen 
handelt es sich nur urn Umstellungen psychisch-libidinosen Interesses, 
nicht etwa um physiologische Vorgange. Die Scheide hat ihre eigene 

1) Einige Bemerkungen tur Trieblehre, (Internationale Zeitschrift fiir Psycho- 
analyse I, 1915,) 

2) Vorsuch einer Genitaltheorie. (Internationale Psyohoanalytische Bibliothek, 
Bd. XV.) 



i5o Die Funttion des Orgasxnus 

physiologische Erogenitat, die nur nicht in Erscheinung treten kann, 
solange ihr die Klitoris mit ihrer starken psychischen Besetzung und 
physiologischen Erogenitat vorgelagert 1st* Hat aber OTal-rezaptives und 
anal- passives libidinoses Interesse den Vaginaltrakt beset zt, was eben auf 
Grund der Mutteridentifizierung moglich ist, so biifit auch die Klitoris 
mehr oder weniger an psych ischem Interesse ein. Dabei geht aber ihre 
physiologische Erregbarkeit nicht unter, sie hat vielmehr in den Vor- 
lustakten und beim Koitus eine wichtige Rolle zu spielen ; es verringert 
sich bloB das Interesse fiir die Hervorrufung der Erregung an diesem 
Organ, sob aid die neue Lustquelle der Scheide entdeckt wird, die alien 
An spr iichen der Libido genii gen kann, der biologischen Sexualrolle ent* 
spricht und im Gegensatze zur Klitoriserotik keinerlei seelische Kon- 
flikte schafft. 

Zusammenfassend miissen wir am Begriffe der Genitalitat drei Grund- 
elemente unterscheiden : 

1) Die lokale Erogenitat der Genital zone (genitale Reiz- 
barkeit). 

2) Die am Genitale zentrierte somatische Libido (genitaler 
Drang), 

)) Die psychogenitale Libido (genitale Sehnsucht). 

Sie stehen in engster Wechselbeziehung, obgleich sie verschiedene 
Gxundlagen haben, Die genitale Erogenitat beruht auf der spezifischen 
Irritabilitat der genitalen Wollustkbrperchen, Die psychogenitale libido 
als Spezialfall der psychischen Sexualenergie fuBt anf der genitalen Ero- 
genitat und ist ihrem Wesen nach Ausdrnck einer Zuwendung des all- 
gemeinen psychischen Sexualinter esses zur genitalen Zone, Die 
somatische libido, die allgemeine korperliche Sexualerregung, hat ihren 
Sitz im vegetativen Nervensystem, ihre Quelle in innersekretorischen 
Vorgangen (im hypothetischen Sexualchemismus), Der Orgasmus (und 
mit ihm die Regelung des libidinosen Haushaltes) ist nur dann ge~ 
wahrleistet, wenn eine wohlausgebildete psychogenitale Stre- 
bung die somatische Sexualerregungungestort an der genitalen 
Zone konzentrieren kann, Es muB am physiologischen Aufbau der 
verse hie denen erogenen Zonen lie gen, dafl nur der Genitalapparat orgastische 
Befriedigung zu vermitteln vermag* 



Zui piyiioaiialy-tiiJieii Genital theorle 



Jede Stoning an irgendeinem der drei Elemente der Genitalit&t bedingt 
orgastische Impotenz und somatische Libidostauung; so etwa wenn die 
Wahrnehmung der genitalen Reize verdrangt wird oder wenn die psychi- 
sche Genitallibido auf eine andere erogene Zone verschoben wird oder 
wenn infolge mangelhaft entwickelter Psych ogenitalitat pragenitale Libido 
das Genitale besetzt usw. In alien diesen Fallen leidet der Ablauf der 
somatischen Sexualerregung. 

Unter den vxelen Moglichkeiten, die der gestauten Libido ofTenstehen 
(Bildung von Stauungsangst, Konversionssymptomen, Zwarjgssymptomen), 
hat die der Verstarkung des JDestruktionstriebes eine bisber wenig ge- 
wiirdigte Bedeutung. Ihrer Besprechung wenden wir uns nunmehr zu. 



VII 

Die Aonangigkeit des DestruktionstrieDes von tier 

J^ioiaostauung 

In Paul Bourgrets Novelle „Le disciple" 1 beschlieftt ein Liebespaar, 
das aus neurotischen Griinden den Geschlechtsakt ablehnte, gemeinsam 
Selbstmord zu begehen. Sie beschlieflen jedoch auch, einander vor dem 
Tode noch korperlich zu besitzen. Er ist befriedigt: „La plenitude de 
la vie volontaire et reflSchie affbuait en moi maintenant^ comme Veau, 
d'une riviere dont on a lev4 I'eeluse" Der Entschlufi, den Doppel selbst- 
mord zu vereiteln, stebt mit einem Male fest bei ibm; die Geliebte 
aber, die kalt blieb, hat sich unterdessen das Lebeu genommen. 

Liegt hier nur eine dichterische Phantasie vor oder wurden bedeut- 
same Zusammenhange gesehen? Im Zustande des sexuellen Unbefriedigt* 
seins wird ein Selbstmord beschlossen, dei Befriedigte gibt den EntschluB 
auf, der Un befriedigte fuhrt ihn aus* Theoretisch ; Wird der Sexual trieb 
nicht befriedigt, so kommt der Destruktianstrieb zur Geltung* im gegen- 
teiligen Falle biiflt dieser an Energie ein. 

Freud hat in s ein em Buche uber „Das Ich und das Es** die zwei 
Grundtriebe: den Eros und den Todestrieb (Sexualtrieb — Destruk- 
tionstrieb, Liebe — Hafl) als polar e, den Organismus sowohl wie seine 
psychischen Reaktionen beherrschende Tendenzen aufgestellt. Auch in 
der Ambivalenz der meisten seelischen Haltungen kommt dieser Trieb- 
gegensatz klar zum Ausdruck. Die Frage ist, in welchem Verhaltnis 
diese beiden Triebe zu ein an der stehen, ob und wie sie einander beein- 
flussen. Es ist nun leicht zu zeigen, dafl die Intensitat des Destruk- 

1) Auf diese wrude ich in einer Diskussion in der Ungarlandiscnen Psycho- 

analytischen Vereiuigiing aufmerksam gemacht. 



Abli&Tigigteit des Destruktionstriebes von der Libidostauung i53 

tionstriebes (d. h* seiner Erscheinungsformen* des Hasses und der 
Aggressivitat, der Brutalitat und des Sadismus) vom jeweiligen Zu- 
stand der sexuellen Befriedigtheit, beziehungsweise von der 
Starke der somatischen Libidostauung abhangt. 

Unsere Beweisfuhrung stiitzt sich auf gut bekannte klinische Erschei- 
nun gen, so daB wir auf aiisfiihrliche Krankengeschichten verzichten 
konnen. Die genannte Ahhangigkeit zeigt sich dem Eeobachter so wo hi 
auf korperlichem Gebiet als auch im Bereiche der seelischen Haltungen* 
In Wirklichkeit sind die seelischen Haltungen und die korperlichen Er- 
regungen natiirlich nicht zu trennen. 

Schon bei der akuten Neurasthenie, die durch inadequate Befriedigung 
entsteht und auf somatischer Libidostauung beruht, sehen wir ein An- 
schwellen der Erscheinungen des Destruktionstriebes ; Reizbarkeit und 
Ausbriiche des Argers iiber nichtige Vorkommnisse, sowie eine starke 
motorische Unruhe. Nun wis sen wir aus den libidotheoretischen Unter- 
suchungen Freuds, die durch Abrahams, Sadgers, Federns und 
anderer Ergebnisse gestutzt wurden, daB ebenso, wie der Genitalapparat 
und die erogenen Zonen Funktionsgebiete des Sexualtriebes sind, der De- 
struktionstrieb sich der M uskulatur bedient. Motorische Unruhe kommt, 
wie die Analyse einschlagiger Falle zeigt, bei Neurosen so zustande, dafi 
unbefriedigte sexuelle Erregung den Muskelapparat erfaBt; sie erscheint 
aber hier nicht mehr als Sexualphanomen, sondern als Zerstorungsantrieb. J 

Wir nriissen also annehmen, daB die unterdruckte Sexualerregung / 
sich dem Destruktionstrieb mitteilt, wenn sie nicht sympto- 
matisch gebunden wird oder als Stauungsangst erscheint, 

Wir sehen z, B, bei sadistisch-triebhaften Charakteren, daB die moto- 
rische Dnruhe, die Antriebe, zu zerstoren oder zumindest den Muskel- 
apparat zu betatigen, sowie die all g erne in e Aggressivitat urn so starker 
werden, je langer sie abstinent leben, und daB diese Impulse schwacher 
werden, wenn die Abstinent auch nur fur kurze Zeit aufgegeben wird. 

Auch die motorische Unruhe, die sich als Wandertrieb oder im 
Fuguezustand auBert, beruht, wie die Analyse eines einschlagigen 
Falles zeigte, auf einer auf den Muskelapparat ubertragenen sexuellen 
Erregtheit; das Wandernmiissen, das Durchgehen, eutsprach hier ein em 
unbewufiten Suchen nach einem Sexualobjekt und nach der Sexual- 
befriedigung. 



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a, 54 Die Funktion des Ofgasmus 

Beweisend ist ferner, daB der Saugling zu beifien anfangt (oral- 
sadistisch wird) t wenn er entwohnt wird. Das Uberspringen der Erregung 
vom erotisch-sensiblen auf das motorisch-destruktive Gebiet kbnnen wir 
auch noch bei Kindern beobachten, die im BegrifTe sind, den Odipus- 
Komplex zu verdrangen. Es kann kein Zufall sein, daB die motor ische 
Agilitat, die Bewegungslust und die Gxausamfceit durchschnittlich im 
fun ft en Lebensjahre so sehr anschwellen. 

Im Beginne der Pubertal, der kbrpexlichen und seelischen Sexualevolution, 
ist der Charakter normalerweise an der s geartet als beim Abschlufi dleser 
Phase, Im Beginne herrscben vor: Vertraumtheit, Sentimental! tat, Neigung 
zu weltumfassender Menschenliebe; spater t wenn die neuerliche Verdran- 
gung des Odipus-Komplexes und der Kampf gegen die Onanie einsetzen, 
entwickelt sich der Charakter der pFlegeljahre" : Boshaftigkeit t Trotz, 
die Neigung, Eltern und Erziehern Schnippchen zu schlagen t Rauflust 
oder auch Neigung zu muskuloser Betatigung im Sport. Man erinnert 
sich noch aus seiner Gymnasialzeit t daB die fiiufte und sechste Klasse 
(seltener die vierte) den Schrecken der Lehrer bildeten, 

Auch auf anderen Gebieten sehen wir, daB unbefriedigte sexuelle 
Erregung leicht in Aggressivitat, ja Brutalitat umschlagt, so wie ent- 
tauschte Liebe sich leicht in Hafl verwaudelt, 

Neurotische Frauen sind zur Zeit der Menstruation, am starksten 
knapp vor ihrem Beginn, in hohem Grade gereizt und aggressive oder 
deprimiert. Bei meinen triebhaften Psychopathinnen, die samtlich frigid 
waren, konnte ich auf Grund des Anschwellens ihrer Aggressivitat den 
Eintritt der Menstruation erraten. Die Psychiatrie erblickt in der men- 
struellen Verstimmung eine direkte Folge des somatischen Menstruations- 
processes und versucht dementsprechend, sie organ o-therapeutisch zu 
beeinflussen. Die Analyse zeigt dagegen, daB die Gereiztheit und die 
Aggressivitat psychische Reaktionen auf die genitale Blutung sind, und 
daJ3 die Depression teils der narziBtischen Krankung (die meisten Frauen 
fiihlen sich durch die Menstruation gegeniiber den Mannern benach- 
teiligt), teils der Verdrangung der destruktiven Tendenzen entspxicht 
(Schuldgefiihl), DaB aber diese Reaktion nicht rein psychisch ist, vrird 
dadurcb erwiesen, daB in vielen Fallen die Aggressivitat und die sadisti- 
schen Phantasien sich verstarken, noch ehe die Frau weiB t daB die 
Menstruation eintreten wird, wie das bei der UnregelmaBigkeit der 



AUt&ngigkeit des DestraktionstrieLcs von der LiLidostauung a 55 

Menses neurotischer Prauen meist der Fall ist. Erlangen solche Frauen 
dutch die Analyse die genitale Sensibilitat oder gar die orgastische Potenz, 
so machen die Verstimmungen einer lokalen und allgemeinen sexuellen 
Erregtheit Plate; ist doch auch normal erweise die weibliche Libido knapp 
vor und wahrend der Menstruation gesteigert* Die von ihrer Frigiditat 
befreite Frau leidet eben nicht an Libidos tauung T die die Aggressivitat 
steigert, wenn sie nicht Stauungsangst erzeugt. Sie hat das penislose 
Genitale akzeptiert und die Erwartung der Sexualbefriedigung erzeugt 
nicht HaB oder Angt wie bei dei neurotischen Fran, die }a auch die 
Erwartungslust verdxangt, sondern sie steigert die Liebesbereitschaft. 

Die Analyse von Ehegatten, die einander qualen oder roh behandeln, 
ergibt als wesentlichste Ursache sexuelles Unbefriedigtsein. Dariiber wird 
im letzten Abschnitt noch eingehend gesprochen werden, 

Kastrierte Txere (Kapaune, Ochsen, Hunde usw*) sind gar nicht ag- 
gressiv, Dagegen sind Hengste und Stiere urn so aggressiver, je seltener 
sie zum Weibchen gelangen* Nach der Eohabitation ftaut nicht nur die 
Libido sondern auch die Aggressivitat ab* Will man Wach hunde recht 
scharf erhalten, so legt man sie an die Kette und halt sie von laufigen 
Hiindinnen fern- Das phlegmatische Wesen des vor der Pubertal kastrierten 
Eunuchen zeigt nicht nur f dafi die Libidostauung eine wichtige Energie- 
quelle der Aggressivitat ist* sondern auch daB der Destruktionstrieb nach 
aufien machtlos ist, wenn die Quelle des libidinbsen Zuschusses fehlt. 

Eine Ausnahme davon bllden die Vorgange im Klimakterium und 
Senium. Im Begixine der klimakterischen Involution emport sich der 
Klimakterische zunachst durch erhohte sexuelle Aklivitat, sparer wird er 
miOmutig^ zankisch, gelegentlieh gxausam, und das um so mehr, je weniger 
befriedigt er in seinem Leben war. Nicht selten werden auch im Klimak- 
terium sadistische Triebe, d* h* sexuell-grausame Antriebe, wach. Das 
alles ist eine Vorstufe zur senilen Involution, bei der sich nach der 
Hypothese Freuds der Todestrieb, mit anderen Worten, der biologische 
Destruktionstrieb, nach inn en voll entfaltet* Es mag kein Zufall sein, 
dafl mit dem Versiegen der individuellen Quelle des Eros (des Lebens- 
triebes) die Involution einsetzt t die zum Sterben fiihrt. 

Die Abhangigkeit des Destruktionstriebes vom Zustand der Libido 
zeigt sich ferner darin, dafl qualerische und aggressive Neigungen nach 
einem befriedigenden Akte spontan schwinden* Durch den genitalen 



±56 Die Function des Orgasm us 

Orgasmus werden dem Muskelsystem also offenbar Energien entzogen, 
DaB enragierte Sportsleute, urn Hochstleistungen zu erzielen, abstinent 
leben, beruht auf richtiger Beobachtung dieser Zusammenhange* 



Wie verhalt sich nun der Sadismus zur Libidostautmg und xum 
Destruktionstrieb einerseits T zur Angst andrerseits? 

Samtliche den biologischen Gesetzen unterliegenden Triebe sind in 
der Anlage gegeben und nnr der Zeitpunkt, die Art und Intensitat 
ihres Erscheinens hangen von den Erlebnissen ab. So sehen wir die ero- 
genen Partialtriebe in bestimmter Reihenfolge und in enger Abhangigkeit 
von den Erfordernissen der Pflege und Erziehung in Erscheinung treten. 
Gewahrung und Versa gun g der Libidobefriedigung stehen in jeder Phase 
der Libidoentwicklung eine Zeit lang neb en ein an der, bis schlieClich die 
Versagung iiberwiegt. Das hat zweierlei zur Folge: Erstens tritt ein 
anderer Partialtrieb, den die Versagung bis her nicht betraf, starker in 
den Vordergrund (z. B\ die Analitat nach der Entziehung der Mutter- 
brust, die genitale Masturbation, nachdem die Erziehung zur Reinlichkeit 
gelungen ist); zweitens ruft jede Versagung HaB und Ambivalenz 
gegen das Obj ekt hervor, das dieTriebbefriedigungeinschrankt, 
Je starker die Versagung ausfaUt, desto breiteren Raum nimmt die Hafl- 
einstellung ein ; je rascher und brutaler die Erziehung zum Triebverzicht 
erfolgt, desto intensiver wird der HaB, Eine dritte Folge der Versagung 
und der daraus hervorgegangenen Ambivalenz ist die mehr oder minder 
vollstandige Identifizierung rait dem versagenden Objekt. Es klingt 
paradox, aber es ist nichts daran zu andern: Man gleicht sich dem- 
jenigen charakterologisch an, den man hassen mu6 > weil man 
ihn nicht lieben darf* Die Triebkraft, deren sich die Identi- 
fizierung bedient, ist die Liebe, der Anlafi zur Identifizierung 
ist der HaB wegen der eriittenen Versagung; so wird das Obj ekt, 
das man zu lieben nicht aufhoren konnte und hassen nmJ3te, weil es 
die Befriedigung nicht gewahrte, zum Vorbild bei der Charaktergestal- 
tung des Ichs und der Ichideale. 

Bei triebhaften Charakteren ist dieser Zusammenhang am au gen fall igs ten. 
Menschen, die im spatercn Leben ungehemmte aggressive und im beson- 
deren sadistische Neigungen entwickeln, gelangten typischerweise schon 



Athangigicit tJes Destructions triebes von Jet Xfibidostauung \5p 

in sehr friiher Kindheit im Gegensatze zu triebgehemmten Charakteren 
zu ungehemmter Befriedigung der libido; die Aggressivitat erwachte 
vollends erst dann, als die brut ale Unterdriickung der Sexualbefriedigung 
durch die Eltern oder deren Stellvertreter einsetzte. Die brutale Ver- 
sagung der Inzestliebe wurde urn so harter empfunden* als sie durch 
die reale Sexualbefriedigung machtig gesteigert war, Dabei zeigte es sich, 
dafi die gesetzmaBige Aufeinanderfolge in der Entwicklung der Partial- 
triebe fehlte und die infantile Sexualitat im vollsten Sinne des Wortes 
„ polymorph pervers* wax; die Genitalitat wurde ganz entfaltet und, 
soweit die physiologischen Umstande es erlaubten, auch befriedigt. Die 
friihzeitige Introjektion der brutalen Liebesobjekte schafft ein nach innen 
und a u 13 en sadistisches Ichideal* Solche Kinder werden liebesunfahig 
und dessenungeachtet in hohem MaBe liebesdurstig; der HaB hatjede 
Liebesregung iiberwuchert* Sie hassen spater dort am starksten, 
wo sie am meisten Liebe for dem, namlich im Ehernhaus, Da sie iiberdies 
die Liebestendenzen verdrangt haben, verstehen sie ausgezeichnet, sich 
Enttauschungen auszusetzen; sie begehren immer nur unerreichbare 
Objekte und benehmen sich so, daB sie auf jeden Fall eine strenge 
Zuriickweisung erfahren miissen. Sowohl ihr sinnliches Begehren als 
auch ihre Reaktion auf die unausweichliche Enttauschung ist unge- 
hemmt* triebhaft. Die Reaktionen sind iiberdies ausgesprochen sadistisch, 
d. h, aggressiv-destruttiv im sexuellen Sinne, und die Analyse der Ent- 
stehung dieser Reaktionen zeigt, daB in der Art der Aggression und in 
dem Gegenstand, dem sie gilt t die versagte sexuelle Regung wieder zum 
Vorschein kommt. Die Versagung der Sexualbefriedigung hat 
also die Aggressivitat hervorgetrieben; durch die Mischung 
des Racheimpulses mit dem versagten sexuellen Triebanspruch 
entstand die sexuelle Destruktionstendenz, der Sadxsmus. 

Fur diese Auffassung der individuellen Entstehung des Sadismus gibt 
es auch im Bereiche der triebgehemmten Zwangsneurose und Hysterie 
reichlich Belege. Wir erinnern an unsere Beschreibung der Reaktions- 
weise der zwangmeurotischen Frau auf ihre in der Ubertragungssituation 
hervorbrechende liebestendenz : Sie hafit den Analytiker, weil sie von 
ihrer Liebe nichts wissen darf und ihn wie jedes liebesobjekt fiirchtet; 
dabei uberwuchem ihre sadistischen Phantasien, deren sexueller Charakter 
unveikennbar ist, Was bier unbewuBt vor sich geht, rollt beim Trieb- 



i58 Die Futiktion des Orgasmm 

menschen offen ab i er fordert riicksichtslos Liebesbezeugungen und droht 
etwa, den Arzt zu vergiften T wenn er zuriickgewiesen wird; als Motiv 
seiner Mordabsicht gibt er aber memals t die Zuriickweisung an; das 
verbieten ihm sein so leicht verletzbarer Stolz und sein Schuldgefubl ; 
sondern er findet bald eine nichtige Rational is ierung oder er erklart 
einfach, das Toten, Kastrieren oder Brandlegen wiirde ilm sicherlich 
heilen, nur darin konnte er restlose Befriediguug finden, er muflte sich 
nur einmal tiichtig austohen. 

Die Beziehungen des Destruktionstriebes zur neurotischen 
Angst sind nicht so einfach wie die zur Libidostauung* 

Adler leugnete seinerzeit die libidinose Quelle der neurotischen Angst 
und vertrat den Standpunkt, daft die Angst eine Reahtion auf aggressive 
Impulse sei. Bei oherflachlicher Betrachtung stimmt diese Auff&ssung* 
Wenn namlich triebhafte Charaktere ihre sadistischen Impulse bremsen, 
tritt Angst auf Sie schwindet aber nicht, wenn die Impulse durchgefiihrt 
werden, wie die Stauungsangst nach der Sexualbefriedigung vergeht, 
sondern sie tritt irn Gegenteil verstarkt auf, Es konnte nun der soziale 
Sinn der „ A ggr essionsangst" den qualitativen Unterschied gegeniiber der 
libidinosen Angst ausmachen. I>as kann aber nicht stimmen, denn unsere 
Untersuchung hat die Abhangigkeit der Intensitat der Aggressivitat von 
der Libidostauung klinisch nachgewiesen. Und wir haben dazu bloB 
nachzutragen, dafl aggressive Psychopathinnen zur Zeit der Menstruation, 
ob sie nun tatsachlich aggressiv werden oder nicht, die Gewissens-, 
beziehungsweise Aggressions an gst am starksten entwickeln. 

Welches ist nun der genetische Unterschied zwischen der Sexual- und 
der Aggression sangst (Gewissensangst)? 

Freud hat uns verstehen gelehrt, daiJ das Ich im Beginne deT Ent- 
wicklung nur die Ten den z hat, den Anspruchen des Es zu gehorchen t 
sich aber bald auf die Seite des ihm aufgedrfingten moralischen Uber- 
Ichs schlagen muB, wenn es nicht riskieren will, inmitten der sozialen 
Gemeinschaft, in der es zu leben gezwungen ist, unterzugehen. Auf die 
Triebeinschrankungen der AuBenwelt, bei deren Nichtbefolgung Strafen 
zu befiirchten waren (z, B. Kastration als Strafe fur Onanie), reagierte 
das Ich mit Angst vor dem Objekt, und da es seinen Triebanspruch 
nicht bewaltigen konnte, mufite es ihn verdrangen. Diese Strafangst 
geht aber nicht unter, sondern besteht als Schuldgefiihl fort, da ja das 



AbliiingigLert des Destruktionstriebes vonx de* Lib Most strung i5y 

gefurchtete Objekt als Ober-Ich introjiziext, d, h. als innere Hemmung, 
als ein inneres „du darfst nicht* ins Ich aufgenommen wurde. Das 
Schuldgefiihl ist seinem We sen nach Gewissensangst (Freud); das Wort 
„ Gewissensangst" tragt der Herkunffc des Schuldgefiihl s aus der Strafangst 
vollauf Rechnung : Das Schuldgefiihl ist bloB ein ttberbau der Kastrations- 
angst, die ja das Vorbild jeder Strafangst ist (Freud). Man glaubt zu- 
tiefst moralisch zu sein und hat im Grunde doch nur Angst; das zeigt 
sich in der Analyse jeder Zwangsneurose, 

Untersucht man aber das Wesen des Schuldgefiihls, der Gewissens- 
angst, genauer und vergleicht man sie mit der infantilen. Strafangst, so 
zeigt sich ein wesentlicher Unterschied: Die Kastrationsangst ist die un- %/ J 
mittelbare Reafction des Ichs auf die Wahmehmung eines verbotenen 
sexuellen Triebanspruchs, Die Gewissensangst hingegen ist in erster < 
Linie die Reaktion auf die VYahrnehmung einer verdrangten destruk- 
tiven — sadist isch en Tendenz und muB daher — rein destriptiv — 
Aggressionsangst genannt werden. Ihr Sinn ist die Befurcktung des 
Individuums, selbst zerstort zu werden, wenn es sich egoist isch, grausam 
oder antisozial benimmt. Der Sinn der Kastrationsangst ist hingegen 
die neurotische Befiirchtung, am Genitale beschadigt zu werden, wenn 
es einer libidinosen Triebregung nachgibt 

Es muB also zut Kastrationsangst etwas hinzukommen, da mit sie sich 
in Schuldgefiihl verwandle. Das, was hinzukommt, ist die aggressiv- 
destruktive Reaktion auf die Kastrationsgefahr (beziehungsweise 
auf die Versagung einer libidinosen Befriedigung), Der Vorgang, 
den man bei Zwangsneurosen am besten studieren kann t ist der; Das Kind 
erlitt eine Versagung einer libidinosen Regung* es reagierte darauf teils 
mit Kastrationsangst, teils mit aggressiren Impulsen gegen denjenigen, 
der die Versagung zufiigte. Ist doch der Ha6 die naturliche Reaktion 
auf eine Versagung oder Einschrankung des Luststrebens, Mit diesem 
Hafi gehen Todeswiinsche und in extremen Fallen Mordimpulse einher; 
da aber das gehafite Objekt auch geliebt wird, entwickelt sich eine Angst 
vor der Durchfuhrung des Mordimpulses am geliebten Objekt; diese 
Aggressionsangst yerkniipft sich nun mit der Kastrationsangst, mufl man 
doch furchten t selbst kastriert zu werden, wenn man den Vater seines 
Gliedes berauben will. So ist die Gewissensangst (Aggressionsangst) zwax 
unmittelbar Ausdruck eines gehemmten Racheimpulses T aber sie konnte 



Die Ftuxttion des Orgasm us 






nicht aus der Tatsache: Hafl — Hache, allein entstehen; HaB allein fuhrt 
zur Tat ohne SchuldgefiihL Erst die Hebe, sowohl die zum Objekt als 
auch die zum eigenen Ich, schafft die Gewissensangst. 

So sehen wir auf beiden Seiten des Geschehens das Gleiche: Der HaB 
hangt von der Starke der Liebesversagung, der Destructions- 
trieb von der Intensitat der Libidostauung ab. Auch der Gesunde 
hat Aggressionsangst; sie erscheint aber hier nur als affektlose moralische 
Hemmung; hier fehlt auch die Libidostauung, So ist erst zu verstehen, 
warum die Gewissensangst beim Kranken mit alien Zeichen des Angst- 
affektes auftauchen kann; Am Grunde all dieser komplizierten seeli- 
schen Reaktianen wirkt die aktuelle Quelle aller neurotischen Phanomene, 



die Libidostauung. 



\ 



VIII 

Tiber die sosiale Beoeutung der genitalen Otreoungen 

Wir konnten im letzten Abschnitt feststellen, daB die Neigung zu 
aggressiver Haltung gegen die Aufienwelt sich steigert, wenn die geni- 
talen Strebungen auf auBere oder inn ere Hindernisse stoBen. Bei der 
Zwangsneurose wird das Glied in der Phantasie zum Instrument des 
Hasses, die genitale Erotik hat sich in den Dienst des Destruktionstriebes 
gestellt. Wir fanden, was wir durch Beispiele aus dem Tierreiche erharten 
konnten, daB die genitale Befriedigung die Aggressivitat bindet, daB 
Fehlen der Befriedigung oder ihre Mangelhaftigkeit sie hervortreibt und 
deT Wegfall der Quelle der sexuellen Antriebe ihre dauernde Inaktivitat 
bedingt. 

Wenn nun die Verdrangung der Genitalitat, im besonderen der Mangel 
genitaler Befriedigung, die sadistischen Antriebe steigert, so muB man 
annehmen, daB die allgemeine kulturelle Ablehnung der Sexualitat und 
die Ten den z, sie zu unterdrucken und zu spalten, bei der Entstehung 
des menschlichen Sadism us eine entscheidende Rolle spielte. 

a) Die Opatlung der genitalen Tenaenzen in der Gesellsataft 

Beim Tiere kommt der Destruktionstrieb nur als oraler Vemichtungs- 
trieb im Dienste der Selbsterhaltung zum Vorschein oder er dient der 
Verteidigung des Lebens, Das fleischfressende Raubtier vernichtet geeignete 
Objekte, wenn der Hunger es fordert. In der Menagerie lebende Raub- 
tiere sind ungefahrlich, wenn sie vollig satt sind. Ihre Aggressivitat 
Fiemden gegeniiber entspricht einer instinktiv geahnten Gefahr; das 
beweist ihr gegenteiliges Verhalten gegen den Dompteur. Etwas dem 
phallischen und analen Sadismus des Menschen (Erstechen, Erschiefien, 

Reich: Die Ponktioii des Orgasaraa. 11 



Die Funktion de* Orgawntis 



Durchbohren; Schlagen, Zerquetschen, Zertreten) Ahnliches kommt 
nicht vor. 1 

Der Destruktionstrieb des Menschen zeichnet sich vor allem dadurch 
aus, dafi seine Ziele nicht hiologisch notwendig sind, und er gleicht 
in diesei Hinsicht ganz der Wildheit mancher Tiere, die nicht zur Sexual- 
befriedigung gelangen kbnnen, Insofern ist er das Gegen stuck (trad die 
Folge) der menschlichen Zivilisation und Kultur, die sich ihrerseits auf 
der Unterdruckung und Sublimierung der Sexualitat aufbauen. Seine 
weitereri S chicks ale werden yon der sozialen Umgebung und von der 
Anpassuugsfahigkeit des Individuums entscheidend bestimmt. Faflt man 
die Extreme ins Auge, so wird er entweder als dissozialer, grausamer 
Chaiakter (Lustmbrder !) oder als zwangsneurotische Hypermoral zum 
Vorschein kommen, die in ihrer Unduldsamkeit und Harte ihre Her- 
kunft selbst deutlich verrat* Man denke etwa an die Harte des katho- 
lischen Dogmas, insbesondere an die Grausamkeit der Inquisitionszeit, 
die die religiose Hyper moral begleitete und sie zu verteidigen vorgab. 
Die religiose Forderung und Durchfiihrung der Askese selbst war der 
Erfolg eines tiefen Schuldgetohls ; die Erbsiinde im Mythos von Adam 
und Eva war ein genitaler Akt, deT Ton Gott-Vater verb ot en war* Die 
auflere Versagung wurde zu einer inneren, genau so wie bei der Zwangs- 
neurose; Freud und Reik a haben ferner nachgewiesen, dafi die religiosen 
Zeremonien ganz den gleichen Gesetzen folgenwie die zwangsneurotischen. 
Es ist aber meines Wissens der Gesichtspunkt noch nicht gewiirdigt 
worden, da/3 es die Unterdruckung der genitalen Triebkrafte war, die 
die Brutalitat hervortrieb, Es entstand ein Sadismus, der in religiosen 
Masochismus verkehrt wurde. Die masochistischen Orgien des Mittel- 
alters und die ma 13 lose Brutalitat der Inquisition waren so im Grunde 
Abfuhrerscheinungen libidinoser Energien. De Coster, der geist voile 
Schilderer der Inquisitionszeit, hat diese Tatbestande in den Gestalten 
Philipps IL und Till Ullenspiegels erfaBt; Till Ullenspiegel, der Prote- 
stant, der das Prinzip der Askese negiert und verhohnt, dabei oder gerade 
deshalb als Vorbild des grundgutigen Menschen (im Gegensatz zum neu- 

l) Die g-enitale Aggression zut Bewiiltigung des Weibchens kaim nicht Sadis* 
mtis gen aunt werden, 

a) Bcitrage znr Religionspsychologie, *9«. (Internationale Psych oanalylische 
Bibliothek, Nr. V.) 



Ubcr die sosiale BeJeutung der genitalcn Strelmn.gen i_G3 

rotischen und grausamen Philipp) erscheint, ist ein SLnnbild des wohl- 
tuenden Einflusses, den die Aufhehung des Prinzips der Askese auf den 
Protestantismus getibt hat: er unterschied sich zumindest im Begin ne 
vom JCatholmsmus durch seine Giite und Toleranz* 

Gehen wir nun iiber zur Betrachtung der Sexualmoral von heute, 1 
die vom traditionellen und vom kapitalistischen Biirgertum vertreten wird* 
Dabei fallen Elemente auf, die vollig analog sind der zwangsneurotischen 
Ideologie: 

j) Der auBereheliche Geschlechtsverkehr wird ganz allgemein als 
tierisch (sadistisch) und schmutzig (anal) hingestellt* 2) Ohne Ruck- 
sicht auf physiologische und biologische Tatsachen wird, nicht am 
wenigsten von Aizten, die vor- und auflereheliche Askese propagiert. 
)) Die Onanie wird, obgleich an der Tatsache nicht zu riitteln ist, dafi 
sie ein bestimmtes Entwicklungsstadium normalerweise beherrscht* 
als das Obel aller tlbel angesehen, auch von Arzten. 4) Die Liebes- 
strebungen sind gespalten; Dem jungen, unyerheirateten Manne wird der 
Geschlechtsverkehr zugestanden und da man das Madchen derselben 
Klasse schiitzen will, duldet man die Prostitution, die als rt schmutziges", 
aber notwendiges tlbel gilt. Die Auffassung des Geschlechtsaktes als einer 
iierischen und schmutzigen Angelegenheit bringt es mit sich, daB er 
nicht als ein biologisch, physiologisch und seelisch notwendiger Vargang, 
sondern als'ein Entleerungsvorgang gleich der Defakation bewertet wird. 
Die sinnliche Komponente der Genitalltat wird von der zartlichen ab- 
gespalten; der junge Mann befriedigt seine Sinnlichkeit in einem „Ver- 
haltnis* mit einem Madchen, die er als Gattin nie akzeptieren wiirde, 
eben weil sie sich ihm ohne Trauschein hingegeben hat, oder bei Prosti- 
tuierten, und ff verehrt" daneben ein Madchen seiner Klasse; je groBer 
die Verehrung ist, desto entriisteter wird er den Gedanken an ein intimes 
Verhaltnis mit ihr zuruckweisen t oder er wiirde die zartliche Strebung 
verlieren, wenn sie seinen sinnlichen Anspriichen nachgabe. 

Die Aufteilung der Liebesstrebung und die Abspaltung der Sinnlich- 
keit begriinden ihre anale Auffassung. Beide sind phylogenetisch aus 

1) Die folgetiden iwei Abschjiitte haben zwei Arheiten Freuds ( w Beitrag-e anr 
Psychologic des LiehesleLens" und „Die kultwelle Sexualmoral und die moderne 
Nervosital", Ges, Schriften, Bd* V) tux Grundlage, ohne sich mit ihnen im Gegen* 
stand der Betrachtung %vl decken. 



/ 



3^4 -^ ie Funlttion ties Otgasmus 

der Summation indivi dueller Verdrangungsleistungen hervorgegangen ; 
diese konnen wir in der Analyse neurotischer Menschen genau studieren. 
Die hehre Frau reprasentiert die Mutter, der vom Ktnde keine Sexualitat 
zugemutet werden kauri; war sie es doch, die die lustvollen autoeroti- 
schen Betatigungen als schmutzig verbot, Viele Neurotiker zeigen daneben 
eine tiefe Verachtung fur die Frau; eines der Motive ist eine bitiere 
Enitauschung, die das Kind erf ahren mufite: Es konnte sich iiberzeugen, 
daI3 die Eltern t speziell die Mutter, ahnliches tun wie das, was ihm ver- 
boten wurde. Das Ganze wird verdrangt und es bleiben nur Zweifel an 
der Gerechtigkeit Gottes und der Menschen im allgemeinen t extreme 
0ber- oder Unterschatzung der Frau, zwangsneurotische Religiositat oder 
forcierter Atheismus und last not least die Unfahigkeit, die zartliche und 
die sirmliche Strebung zu vereinigen t iibrig. An den Sexualerlebnissen 
kann nur mehr die Halfte der Personlichkeit teilhaben ; das bringt stete 
eine Schwachung der psychogenitalen Befriedigung mit sich samt alien 
ihren Folgen* Die sozial bedeutsamste ist unstreitig das Anschwellen der 
sadistisch-aggressiven Strebungen. 

AuBer den irrationalen Motiven, die die doppelte Geschlechtsmoral 
begriinden, spielen bei der verschiedenen Auffassung des weiblichen und 
des mannlichen aufierehelichen Geschlechtsverkehrs (einschlieBlich des 
„Ehebruches tf ) auch rationale Motive eine wichtige Rolle: Es sind Ge- 
fiihle, die auf der tatsachlichen Unkultur und Widernaturlichkeit in den 
sexuellen Beziehungen der Geschlechter beruhen. Die herrschende Ge- 
schlechtsmoral erniedrigt zuerst das sexuelle Eznpfiridungsleben, im speziel- 
len den Geschlechtsakt, und beruft sich dann auf die Niedrigkeit der von 
ihr erniedrigten Seatualgefuhle, wenn man ihre Forderungen fur un- 
natiirlich und gesundheitsschadlich erklart/ 

So wird etwa die aufiereheliche Hingabe des Weibes gefiihlsgemaB 
auch von Vorurteilsfreieren anders gewertet als die des Marines. Schon im 
Sprachgebrauch driickt sich der Unterschied aus: Die Frau hat sich „weg- 



1) Diese Geschlechts moral wuizelt iwm in den Anschammgen imd Imeressen 
der ftkonomisch Gutgestellten und der Feudalen t reidit aber weit fiber diese Kreise 
hinaus und bluht besonders in den Krcisen der kleimen Beam ten, Angestellten und 
Kleinburger* Aber auch das stadtische Proletariat ist davon nicht frei und man 
kann beohachten,, dafl sich die Proletaries in demMafie die btiTg-erliche Geschlechts- 
moral aneignen, als Due Lebenshaltung sich der des Kleinbiirg-ers augleicht. 



/ 



Uber die soziale BeJeutung cler genitalcti otrenungen id5 

geivorfen*, der Mann hat „die Frau besessen*. Niemals „besitzt" die Fran 
den Mann, Niemals w wirft w ein Mann „sich weg*. Das kommt daher, 
dafl fiir das Gros der Manner der ^Besitz* einer Frau eine Eroberung 
und der Besilz einer Verheirateten iiberdies einen Triumph iiber den 
^betrogenen** Gatten bedeutet, Es handelt sich also in erster Linie nicht tim 
ein Sexualerlebnis, sondern urn j,Besitz", „Verlust", „Betrug w , „ Triumph** 
„Rache". Dem biirgeTlich Fiihlenden ist es daher unvorstellbar, daG etwa f fi $$}*§ 
der Gatte, der sich vorubergehend anderweitig gebunden fuhlt t es dem ' */ v $ v 
andern vertrauensvoll mitteilt, J* Lflfi* 

Es ist klar, dafi unter solchen Bedingungen das orgastische Erleben 
zuriicktreten muB hinter der Freude am Erobern, Betriigen, Heimlichtun 
und „Stehenlassen**. Sowie die burgerliche Moral die orgastische Potenz 
schwacht t so iuhrt dies wieder zur Verbildung der genitalen Objektliebe 
und festigt die doppelte Geschlechtsmoral. — Dem orgastisch potenten >. 
Menschen ist der Akt weder ein Potenzbeweis, noch ein Akt der Et- \ 
oberung, noch ein Racheakt gegen einen Dritten, sondern ein tendenz- ! 
loses und notwendiges lustvolles Erleben. Hier ^nimmt" das Weib ebenso ; 
wie es „gibt tt t in gleicher Weise wie der Mann, und die nicht frigide 
Frau hat aufgehort, lediglich Sexualwerkzeug zu sein, Es ist ohneweiters j 
War, dafl eine Bejahung der Genitalitat die Erniedrigung des Sexual- j 
lebens aufhebt. 

Was den biirgerlich Fiihlenden in seinen Auffassungen der Sexualitat, 
deren rationale Grundlagen — das wollen wir nicht aus den Augen 
lassen — er selbst geschaffen hat t mit Recht bestarkt, ist die sexuelle 
Liisternheit des btirgerlichen Durchschnittsmannes und der in unehrlichen 
Prinzipien erzogenen, sexualgehemmten biirgerlichen Frau. Diese Lustem- 
heit ist ja selbst eine Folge der biirgerlichen Sexualmoral, weil diese in 
die naturlichen Geschlechtsbeziehungen jenen verderblichen Hauch von 
Niedrigkeit hineintragt durch die Erklarung, der Geschlechtsakt sei etwas 
Schmutziges und Tierisches, was, gemischt mit dem starken, naturlichen 
Sexual verlan gen, eben Liisternheit ergibt. 

Diese sozialpsychologischen Tatbestande werden durch eine merkwiirdige 
Tatsache kompliziert, die uns in der biologischen Unterschiedlichkeit der 
Geschlechter begriindet erscheint: Das Weib ivird dem Manne, der sie 
zum Orgasmus gebracht hat, horig, sie mag vorher noch so mannlich 
und emanzipiert gewesen sein; nach dem befriedigenden Sexualerlebnis 



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166 Die Function ties Orgasmus 

wunscht sie den starken, fiihrenden Mann; ja> bei weniger intelligenten 
Frauen taucht ein eigenartiger Wille zur Unselbstandigkeit und Sub- 
ordination auf. Beim gesun den Manne ist es anders; der phallisch-aggressive 
Character seiner Geschlechtlichkeit bewahrt ihn vor Htirigkeit. (Nut der 
unbefriedigte oder der feminine Mann kann einer Frau horig werden 
und wird von ihr dafux im geheimen verachtet.) 

Ans diesem biologischen Wechselspiel hat die herrschende Moral sexuelle 
Herrschsucht beim Manne, als Reaktion darauf Vermannlichung der Frau 
und orgastische Impotenz bei beiden Geschlechtern gemacht* Es steht 
auBer Frage, daB die natiirliche Reaktion des Weibes auf ihre Penis- 
losigkeit ganz bedeutend* vielleicht sogar ausschlaggebend verstarkt wird 
durch die in der doppelten Geschlechtsmoral begriindete Geringschatzung 
der Frau. Das kleine Madchen bekommt fortwahrend zu horen, daB sie 
nicht so viel konne und diirfe wie der Bub, So entsteht ein Zirkel von 
Wirkungen: Der unsublimierte Penisstolz des biirgerlicben Durchschnitts- 
mannes fiihrt zur Geringschatzung der Frau; diese wieder macht die 
Frau mannlich, sexualscheu und frigid ; durch ihre Frigiditat verliert sie 
als Sexualobjekt an Wert, deim gerade die gefuhllose Frau erweckt im 
Manne wahrend des Aktes das Empfinden, blofi ein Werkzeug der Be- 
friedigung vor sich zu hah en; dieses Empfinden starkt seine mannliche 
trberhebung und die Geringschatzung der Frau, 

Die Anschauung, daB die Frau den Akt ^erleide^, daB er fiir sie etwas 
Erniedrigendes habe, laBt sich mit der „sadistischen Auffassung vom 
Koitus" allein nicht erklaren, denn erstens geht diese auch dahin, daB 
die Frau dem Manne beim Akte etwas antut, zweitens findet man jene 
Anschaiiung auch bei solchen* die keine sadistische Auffassung des Ge- 
schlechtsaktes haben. Sie durfte vielmehr in der allgemeinen Emiedrigung 
des Liebeslebens und in der sadistisch*herabsetzenden Art des Mannes 
der Frau gegenuber begriindet sein. 



Man mufl auch fragen, in welchem Zusammenhange die Gebrauche 
der akademischen Burschenschaft mit dem Geschlechtsleben des ein- 
zelnen Mitgliedes stehen* Und da ragen zwei Tatbestande hervor: eine 
zielgehemmte Homo sexual it at, die sich schon im mannexbundlerischen 
Prinzip der Burschenschaft kundgibt, und ein weniger verhiillter Sadis- 



TILer die soziale Bedeutung der genitalcn iStrebungen 167 

111 us. Es ist ein groBes Verdienst Bliihers, 1 die durchgreifeEde Bedeu- 
tung der Homosexualitat fur die Konstituierung des Mannerstaates und 
der Mannerbiinde nachgewiesen zu haben, mag man auch manche seiner 
wissenschaftlichen und weltanschaulichen Ansichten nicht teilen, Im 
besonderen hat Boehin 2 nachgewiesen, da8 der Verkehr mit Prostituierten 
der Befriedigung verdrangter Homosexualitat dienen kann. Man verkehrt 
durch die Prostftuierte auch mit alien anderen Mannern* In der Tat 
pflegen Offiziere, Matrosen und Burschenschafter unter dern Drucke 
unerledigter Homosexualitat mit Vorliebe in Gesellschaft das Bordell zu 
besuchen. DaB zwei oder mehrere Manner nacheinander mit einer Frau 
verkehren, ist in diesen Kreisen ebensoweit verbreitet wie die manifeste 
Homosexualitat* Hieher gehort auch die meist zielgehemmte innige Freund- 
schaft, die den w Bursch w mit seinem ^Leibfuchs" verbindet, 

Man sieht es in der Analyse von Neurotikem immer wieder, dafl 
durch die Spaltung der genitalen Strebungen gleicherweise bei Mann 
und Frau die Homosexualitat vexstarkt und der Sadismus hervorgetrieben 
wird. Beim Burschenschafter werden beide in der Mensur und im Duell 
befriedigt. Die Freude an ^Keilereien" sowie die uberscharfe Trennung 
von Freund und Feind sind ihre charakteristischen Erscheinungsweisen. 
Bei manchen Patienten, die unaufhorlich gegen ihre Homosexualitat 
anzukampfen haben, z. B. bei Erythrophoben, bricht diese Triebregung 
in Traumen unter dem Bilde eines Kampfes mit Messern, Sabeln, Re- 
volvern durch. Diese Darstellung tragt ebenso der Abwehr der Trieb- 
regung wie der Befriedigung Rechnung, Man muB\ nimmt man die 
Gesamthaltung des Burschenschafters hinzu, die Mensur unter Freunden 
als den sadistischen Ersatz einer mutuellen Masturbation auffassen; sie 
schlieBt gleichzeitig die Bestrafung der Tat in sich. Das Bestreben t recht 
vieleMensurnarben aufzuweisen, und die Tatsache, dafi junge „Fuchse" und 
hervorragende Schlager sich schamen, wenn sie keine Duellnarben haben, 
laflt nur die eine Deutung zu: dafl es sich una Selbstbestrafungstendenzen * 
handelt, die im Duell befriedigt werden. Ein zweiies Motiv ist die Kom- 
pensation von MindeTwertigkeitsgefuhlen, ein demonstratives Zur-Schau- 
Tragen der Tapferkeit, 



1) Die Rolle der Erotik in der m&nnKchen Gesellschaft, Jena 1515. 

2) B eitr age xur Psychologic der Homosexualitat (Int. Ztschr. f. FsA. VIII, 1922)* 



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l68 Die Funktion des Orgasmus 

Wir miissen annehmen, dafl ebenso wie beim Individuum auch in 
der Masse die Verbildung der Liebesfahigkeit bei der Entfaltung der 
Grausamkeit hervorragend beteiligt ist. Die Brutalitat des Weltkrieges 
(uud vielleicht er selbst) ware unmbgKch gewesen, hatte nicht das Macht- 
bedurfhis erniger weniger Fiibier den Anschlufi an die latente Grausam- 
keit des Einzelnen gefunden. In einem Aufsatze: n Zeitgemafies iiber 
Krieg und Tod**, 1 der leider gerade in Kreisen, die er am meisten inter- 
essieren sollte, wenig Beachtung gefunden hat, vermochte Freud die 
Kriegsbegei sterung zu erklaren : Der Krieg bedeutete eine kollektive Auf- 
bebung der Verdrangungen, insbesondere der grausamen Antriebe, mit 
Erlaubnis einer idealisierten Vaterimago, des Kaisers, Man durfte endlich 
ohne Schuldgefiihl morden. Man konnte nun wahrend des Krieges die 
j Beobachtung machen, dafi diejenigen, welche starke heterosexuelle Bin- 
/ dun gen oder vollwertige Sublirmerungen aufwiesen, den Krieg ablehnten ; 
dagegen waren diejenigen die brutalsten Drauf ganger, die das Weib als 
Klosett betrachteten und latent oder manifest homosexuell waren, Auch 
der sadistlsche Psychopath und der dissoziale Charakter bewahrten sich 
gut im Sinne der Kriegsideologie. Jeder, der den Krieg mitgemacht bat, 
weifi, welche Rolle die bei den Attribute verbildeter GenitaHtat, die anale 
Zote und das anale Schimpfwort, im Kasino, in der Kaverae, auf dem 
Exerzierplatz und in der Offiziersmesse spielten. Gesprache iiber Huren 
und Koitus bildeten fast ausschlieClich das Therna der Unterhaltungen. 
Wer die militarischen Kraftausdrticke fur die genital en Funktionen kennt, 
wird uns gewifl nicht die Berechtigung absprechen, eine kollektire Re- 
gression zum Analen und Sadistischen anzunehmen; sie griff im Kriege 
weiter um sich, aber der Kasernenton der Vorkriegszeit bezeugte eindentig 
die Krankhaftigkeit der genitalen Konstellation der Massen und ihrer 
Fiihrer, 

Es gilt allgemein der Satz, daB, wo Macht und Gewalt herachen, 
die Liebe keinen Platz finde* Das ist gewifl richtig, doch nicht alles. 
Denn es erhebt die Tatsache in der Neurosenlehre wie in der Soziologie 
' Anspruch, beachtet zu werden: wenn die genitale Objektliebe nicht 
einheitlich zur Wirkung kommen konnte, entfalten sich Macht- 
bediirfnis und Brutalitat iiber das biologisch und soziologisch not- 

i) Ges. Schriften, Bit X. 



TJter die so^ialc Bedeutung Jet gerutalen iStrebungexi 169 

wendigeMaB hinaus* 1 Ja, wir diirfen auf Grund der klinischen Erfahrungen 
iiber die Einflusse, die von gehemmter Liebe auf die Bereitschaft zu 
hassen ausgeiibt werden, behaupten, daB auch bei den wenigen Fuhrera, 
die die Entscheidung liber Krieg und Frieden hatten t nicht das Macht- 
bediirfhis allein und nicht in erster Lime wirkte. Wohl war es der un- 
mittelbare Motor und addierte sich zur sozial-okonomischen Machtfrage 
hinzu* Aber soil ten denn die sexuelle Gebundenheit und die Einschrankung 
der freien Objektwahl ganz ohne EinfluB auf die Mentalitat des Ein- 
zelnen geblieben sein? Sie waren nirgends so krafi und streng wie 
in den Kreisen der Dynastie, des Geburts- und des Geldadels* Klassen- 
vorurteile, StandesbewuBtsein, angeblich auch Staatsinteressen forderten 
die Hintanstellung der individueUen Sexualbediirfhisse hinter die Inter- 
essen der eigenen Klasse. Gattenwahl und Ehe waren durchwegs, und 
je naher dem regierenden Oberhaupt desto betonter, Angelegenheit der 
Politik, Diese Versagungen, welche Wirkungen sozialer Einflusse waren, 
konnten nicht ohne Folgen bleiben, Mochte es auch das StandesbewuBt- 
sein des Einzelnen gebieten, den Zwang in der Gattenwahl und das 
Verbot der Mesalliance ohne offenen Protest hinzunehmen ; das UnbewuBt- 
Infantile muBte revohieren* Und wenn der Panzer der hofischen Gesittung 
revolutionise Ausbriiche im eigenen Heime nicht zulieB, in den sexuellen 
^Skandalaffaren* und im Kriegssadismus konnten sie sich Luft schaffen, 
WirtschaftHche Interessen brachten es also mit sich, daB zu den indi- 
viduell bed in gt en Genital hemmun gen a u Gere Einschrankungen hinzu- 
Xamen. Von solchen wirtschaftlichen Einschrankungen der Genitalitat 
ist das Proletariat nicht beschwert, und da auch der Druck der kulturellen 
An sprue he ein niedrigerer ist als in den besitzenden Klassen, treten die 
Neurosen, im Verhaltnis zur Zahl der Individuen, weniger hervor und 
die Genitalitat ist urn so ungebundener, je schlechter die materiellen 
Lebensbedingungen sind. Man wird des groflen Unterschiedes erst ge- 
wahr, wenn man Kranke aus den armsten Schichten des Proletariats 
analysiert, Der weit geringere Verdrangungsdruck in der Kindheit, Ver- 
wahrlosnng, sexuelle Friihreife im wahrsten Sinne des Wortes, b ratal e 
Versagungen und ahnliches mehr sind die Attribute prole tarischer Not. 

1) Ohne auf diese PTage einzugehen, bemerkte Rathenauin w Voii kommenden 
Din^en", „daB seltsame Zusammenhiiiige zwisehen Machtgier und schwacher Maim- 
lichkeit zu finden sind," ^Gesamtaiisgabe, Bd* III, S. !%}♦ 



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%yo Die lurxktion ties Orgasmus 

Nun kommt die Brutal i tat in den armen Schichten des Proletariats 
in Form von Totschlag, Messerstecherei, Alkoholexzessen usw. gewiB 
reichlich zum Vorschein, Wie verhalt sich diese Tatsache zu der seiner 
relativ ungebundenen Genitalitat? Dazu ist vor allem zu bemerken t da8 
die Erscheinungen der Brutalitat in der Masse in keinem nennenswerten 
Verhaltnis zur Zahl der Individuen stehen. Zieht man den groBeren 
oder geringeren Mangel wirksamer kultureller Hemmungen, die prole- 
tarische Not und den Zwang zur schweren Arbeit in Betracht, so mufl 
man sich vielmehr fragen t warum denn die Brutalitat der Massen so 
/ wenig zum Vorschein kommt ♦ Die Soziologie konnte das Problem, dafl 
sich Massen von Einzelnen nicderzwingen lass en, nicht losen. Unter den 
Lebensbedingungen, denen die Massen bis vor wenigen Jahren unter- 
worfen waren (und vielfach noch heute sind), hatte es zu chaotischen 
Revolten kommen miissen, wenn die Individuen der Masse denselben 
sexuellen Einschrankungen unterworfen gewesen waren wie die der 
herrschenden Klasse* Die relative psychische Zahmheit der Masse, die 
auch dem einsichtigen Kapitalisten unbegreiflich erscheinen muB, ist 
unter anderem auch aufs Konto der relativ ungebundenen Genitalitat 
zu setzen, weil deren Befriedigung den sadistischen Antrieben Energien 
entzieht. Allerdings, wenn die Brutalitat im einzelnen aus der Masse 
erwacht, so ist sie viel ursprimglicher, unbedachter, als die der besitzenden 
Klassen, weil die Fassade der verschleiernden Kultiviertheit fehlt. Sie 
ist infantil im Gegensatz zur gut maskierten, dafur auch unbarmherzigeren 
und relativ weiter verbreiteten Brutalitat der okonomisch besser Gestellten. 
GewiB; diese Brutalitat ist leicht zu begreifen als Mittel zum Schutze 
des Besitzes ; doch ware es sehr wichtig, der Frage nachzugehen, ob die 
okonomische tJbermacht dieser Minderzahl erst moglich wurde durch ihre 
Brutalitat, die durch Separation und Einschrankung der sexuellen Freiheit 
innerhalb und auflerhalb des Kreises gefordert wurde, Oder verhalt es sich 
umgekehrt? War die okonomische Machtstellung Einzelner auf Grand 
rein auBerer Bedingungen, wie die marxistische Lehre behauptet, zuerst 
da? Hat sie erst sekundar, um den Besitz zu schiitzen, unter anderem 
durch Einschrankung der genital en Freiheit zur Separation dex Besit2enden 
und dadurch zur Entwicklung der besitzerhaltenden Brutalitat gefuhrt? 

Wir meinen, daB die Soziologie mit Hilfe der Theorie vom Unbe- 
wuBten und an Hand der analytischen Sexualpsychologie wichtige Fragen 



TJber die soziale BeJeutung der genitalen OtreLungen 1^1 

Ibsen kimnen wird, die ihr ohne diese Hilfsmittel verschlossen bleiben 
nrussen. Unser gewiB sehr liickenhafter Versuch sollte nichts Endgultiges 
ermitteln; er bedeutet blo6 eine Anregung auf Grund einiger Analogieri 
in der seelischen Dynamik des neurotischen Menschen und der der 

Masse, die sich ja aus Individuen zusammensetzt, 

h) Die Folgen der Sjyattung der Gescklecktllckkeit fur die Eke 

Ein wichtiger Umstand im voreheliehen Geschlechtsleben des Mannes 
spielt in der Ehe eine verhangnisvolle Rolle, Es ist bekannt, dafl Pro- 
stituierte entweder total frigid oder nur bei ihren Geliebten, den soge- 
nannten Zuhaltern, orgastisch potent sind, Jiingere Prostituierte pflegen 
gelegentlich den Orgasmus vorzutauschen ; auf den erfahreneren Mann 
macht das aber Laid keinen Eindruck mehr, ja es kann sogar ekelerregend 
wirken. Er versinkt sehr bald in Apathie gegen die Frau und der 
Geschlechtsakt sinkt zu einem autoerotischen, onanistischen Akt herab, 
der nicht mehr durch das Weib, sondern nur mehr dutch Phantasien 
angexegt wird. Die Einstellung zur Frau im allgemeinen, die sich daraus 
-ergibt, ist am besten durch Ausspriiche zu kennzeichnen, die in Offizicrs- 
und Studentenkreisen oft zu horen sind: „Loch ist Loch*, ^In der 
Nacht sind alle Riihe schwarz* u* a. m, Manche Manner versuchen fur 
die Lust, die aus der Mitlust der Partnerin erflieflen sollte, Ersatz in 
diver sen, unter solchen Bedingungen wenig befriedigenden Koitusvaria- 
tionen zu linden. 

Sebr bezeichnend ist die Tatsache, daB viele Manner und Frauen gar 
nicht wissen, dafi es einen Orgasmus bei der Frau gibt, ja, viele halten 
ihn fiir schimpflich. Die Geringschatzmig der Frau und die Apathie, 
die am j,analen* und onanistischen Verkehr mit bezahlten Frauen er- 
worben wurden, bringen es mit sich, dafi solche Manner nach dem Akte, 
sehr oft auch schon wahrend derEjakulation, Ekel empfinden* Diese Reaktion 
wird dann in der Ehe nur schwer iiberwunden. Die genitale Sinnlichkeit 
ist derart anal belastet, dafi sie den Anschlufi an die zartliche Strebung 
nicht finden kann. Der Verkehr mit der zartlich geliebten Frau, voraus- 
gesetzt t daB die zartliche Iiebe noch aufgebracht werden kann, wird 
bewufit oder unbewuflt als ein Beschmutzen der Frau aufgefaBt, Erlischt 
die zartliche Strebung, so wird der Akt zu einer lastigen Pflicht und 



±?!b Die Funktion des Orgasmus 

bleibt nur mehr ein Entleerungsvorgang. Erlischt sie nicht, so besteht 
fiir den Mann die Gefahr, an fakultativer oder total er Impotenz zu er- 
kranken. Darunter leidet natiirlich die Genital hat der Frau, die sie bis 
zur Verheiratung unterdrucken mufite, und es bedarf gerade in der ersten 
Zeit der geschlechtlichen Beziehungen grofien Taktes und Verstandnisses 
von seiten des Mannes, damit ihre Sexualscheu weiche. Solche Intcr- 
essen an der Befriedigung der Frau hat er aber nicht erworben, oder 
er wiirde an die Vorspiegelung sexueller Erregung durch die Prostituierte 
erinnert, wenn seine Gattin ihrer Err e gun g freien Lauf liefie. So muB 
die soziale Spaltung der Geschlechtlichkeit, die sich im Kontrast: Ehe — 
Prostitution, ausdruckt, als eine der wesentlichsten Ursachen der bleibenden 
Frigid i tat von Frauen angesehen werden, die nicht besonders neurotisch 
disponiert smd. Das mangelnde Interesse an der Befriedigung der Frau 
hat fruhzeitige Ejakulation und Erschlaffung des Gliedes zur Folge ■ Der 
Mann strebt der Endbefriedigung zu, ohne sich der Frau anzupassen, die 
besonders im Beginne der Ehe nuT schwer oder gar nicht zum Orgasmus 
kommt f Das gibt dann fiir die Frau den Anlati ah, regressiv alte Phan- 
tasien neu zu beleben, und legt so den Grund zur psychoneurotischen 
Erkrankung, Bel der Heilung frigider Frauen begegnet man dieser sozial 
hedingten Form der fruhzeitigen Ejaculation des Mannes als letztem, 
aber uniiberwindlichem Hindernis. Die Genitalitat der Frau wurde durch 
die Analyse irei, kann sich aber nicht en t fait en, weil der Gatte nicht 
genugend potent ist t d. h. die Spaltung seiner Sexualstrebung nicht iiber- 
wunden hat; er verhalt sich weiter egoistisch wie friiher bei der Pro- 
stituierten oder beim bezahlten Verhaltnis. 

In anderen Fallen fehlt dem Manne in der Ehe die Moglicbkeit, die 
friiher geubten Variationen des Aktes auszufiihren Oder extra gen itale 
Befriedigungen zu erzielen, weil er seiner Gattin ^derartigen Dirnen- 
brauch" nicht zumutet und sie viel zu gehemmt ist, um selbst aktiv 
zu sein; jede extragenital Geschlechtlichkeit ist mit der Idee „ver- 
kommene Dime" assoziiert. Nun zeigt aber die Analyse verheirateter 
frauen, — und die Kennlnis der Sexualerj twicklung uberhaupt laBt eine 
andere Annahme nicht zu, — dafi die pragenitalen Triebkrafte, soweit 
sie nicht sublimiert wurden, individuell verschieden ausgepragt Befrie- 
digung in den Vorlustakten beanspruchen. Die Zuriickweisung jeder 
nichtgenitalen Befriedigung beruht somit anf Verdrangung, Auch dem 



Uber die sosialc Bedeutung der gemtalen. Otrebufigen i^3 

Marine, der seine unsublimierten pragenitalen Bediirfnisse unterdruckt, 
droht neurotische Erkrankung; immeT aber iuhren solche Einschran- 
kungen zu einer Gereiztheit in der Ehe, der en eigentliche Motive ge- 
nbhnlich unbewuBt bleiben oder verdrangt werden. Befriedigt der Mann, 
indem er seine Sexualitat wieder spaltet, seine Genitalitat in dem von 
der Gesellschaft gebilligten ehelichen Akt und seine pragenitalen Be- 
diirmisse auflerhalb der Ehe, so konnen die Folgen fur die Ehe nicht 
minder nachteilig sein. 

Die Hemmungen oder Aufteilungen der Bediirfnisse bedingen eine 
zunehmende A b stump fun g der geschlechtlichen Anziehung, die orgastische 
Entladung biiBt immer mehr an Intensitat ein ; Phantasien, die den 
unerledigten Antrieben entstammen, drangen sich w&hrend des Aktes 
st or end vot und schliefilich schwillt die Aggressivitat an, die sich vor 
allem gegen den vermeintlich schuldigen Ehegatten richtet Die polygamen 
Wunsche, die sich demzufolge ebenfalls einzustellen pflegen, bedingen 
iiber dies bei moralisch gehemmten Garten ein Schuldgefuhl, das den 
Ha6 nur noch verstarkt. Wenn sich dem Mamie in seinem Berufe keine 
Moglichkeit bietet, das Unterdriickte zu sublimieren, oder ist seine SuV 
limierungsfahigkeit eine geringe, so holt er seine Homosexualitat hervor 
und wird Spieler oder Trinker. 

Der Frau steht nur der Weg zur Neurose offen, wenn sie libidostark 
und triebgehemmt ist. Die Enttauschung, die sie am Mamie erfahren 
hat, braucht nicht immer bewuBt zu werden; je starker die Ver- 
drangung ist, des to sicherer wird die Befriedigung in Phantasien ge- 
sucht werden; es muB zu Regress ionen und zur Libidostauung kommen. 
Oder die Sehnsucht nach der Befriedigung kommt als Verbitterung 
und Streitsucht zum Vorschein. Dariiber wird die Starke der morali- 
schen Hemmung entscheiden* Manche schlechte Ehe beruht darauf, daB 
sich die Gatten genital (im engeren und weiteren Sinne) nicht finden 
konnten, und der eheliche Kampf ist dann nichts anderes als eine ver- 
kappte Neurose* 

Der frigiden Frau ist der Akt immer las tig und erscheint ihr brutal* 
Er wird fur sie und den Gatten, der ihren Abscheu — mit Recht — 
auf sich besieht, zu einer lastigen Pflicht, In solchem Falle kann auch 
keine Sublimierung helfen, weil die Zerxissenheit des Geschlechtslebens 
auch die schon bestehenden Sublimierungen zersetzend angreift. Manche 



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174 T)it Funlttioii tics Orgasmus 

Arbeitsunfahigkeit ist so rust an de gekommen. Es bleibt dann nur mehr 
die Wahl zwischen Neurose und ehelicher Untreue. 

Unter bestiramten Bedingungen kbnnen Kinderreichtum und grofie 
materielle Not einen Ausweg aus der Schwierigkeit bieten, indem sie 
psychische Energien absorbieren, die sonst zur Bildung einer Neurose 
herangezogen worden wiiren, Speziell die Frau vermag bis zu einem 
gewissen Grade in den Kindem einen Ersatz fiir die ausgebliebene Sexual* 
befriedigung zu fin den. Es ware gewifl fruchtlos, etwa im Dienste einer 
religiosen oder weltanschaulichen Idee die Sexual befriedigung dutch Arbeit 
oder Kinderreichtum restlos ersetzen zu wollen; unter bestimmten 
Bedingungen, die zur Neurosenbildung gehoren, wild trotz der Not, des 
auBeren Zwanges zur Arbeit und des Kinderreichtums eine Neurose 
entstehen* 

Ohne das wirtschaftliche Moment zu unter schatzen, mochten wir 
hervorheben, daB die inneren Konflikte auch die Kraft schwachen, die 
notig ist> urn sich in der rauhen Kealitat durchzusetzen. Die innere 
Zerriittung summiert sich zu den aufieren Schwierigkeiten hinzu und 
beide verstarken einander wechselseitig. Sozial- und Bevolkerungspolitiker 
pflegen den subjektiven Anteil an der sozialen Not zu ubersehen oder 
ihn nur insoweit in Betracht zu ziehen, als er sich aus den aufieren 
Schwierigkeiten ableiten laSt. Durch Analyse Einzelner kann man sich 
dagegen iiberzeugen, daB neurotische Menschen die gegebenen Hinder- 
nisse ins Mafilose zu steigern imstande sind, Wer diese innere Bereit- 
schaft, die wirtschaftliche Not als einen Ausweg aus den inneren Konflikten 
zu akzeptieren und zu steigern, kenuen gelernt hat, kann an eine 
durchgreifende Losung der sozialen Probleme mit den iiblichen Mitteln 
allein nicht glauben. In sozial-okonomischer Hinsicht stehen diese ver- 
kappten Neurosen, was den S chad en fiir die Volksgesundheit anbelangt, 
etwa der Tuberkulose in keiuer Weise nach. Da von iiberzeugt man sich 
im Getriebe eines psychoanalytischen Ambulator iums fur Mittellose sehr 
bald. Das hatten auch die maJBgebenden Personlichkeiten in der sozialen 
Fiirsorge langst entdeckt, war en sie nicht einseitig in dem Irr glauben 
befangen, daB die Neurosen — wie angeblich alles Ideelle — nur ein 
„t)berbau tf bkonomischer Verhaltnisse seien. 



Utcr die scmalc Bedeutuxig tier genitalen Strebungcn i^5 

Die Ehe ist einer der vielen Punkte, an dem sich die sozialen Probleme 
schneiden; und gerade sie wird offiiiell nicht als das angeseben* was 
sie wirklich ist; als eine sexuelle Gemeinschaft, deren Grandlage in 
erster Linie die genitale ObjekSiebe sein muB; man denkt gem daran 
vorbei und faBt sie nur als wirtschaftliche Einheit oder als Fortpflanzungs- 
institution aul Nun werden aber die wenigsten Ehen aus wirtschaftlichen / 
Motiven oder zum Zwecke der Fortpflanzung geschlossen; Ehe bedeutet 
unter den heutigen Bedingungen nur Einschrankung und bringt die 
Gefahr der wirtschaftlichen Not mit sich, Es ist unpsychologisch an- 
zunehmen, daB jene objektiven Ziele der Ehe jemals ein subjektives 
Motiv der Eheschliefiung oder -erhaltung sein oder werden konnten. 
Wenn trotz wirtschaftlicher und personlicher Einschrankung, ja trotz 
der Gefahr der Not Ehen geschlossen werden, so geschieht es, weil 
machtige individuelle Bediirfnisse, in erster Linie sexuelle, es f order a ♦ 
^reudhit einmal die sexuelle Lust als Pramie aufgefatit, die die Natur 
dem Einzelnen fiir die Erhaltung der Art auszahlt. Die Kultur mit ihrem 
Zwange zur Verdrangung und ihr Attribut, die wirtschaftliche Not, haben 
zuwege gebrachtj daB ein ganz betrachtlicher Teil der Menschheit, ins- 
besondere der weiblichen, urn die Lustpramie betrogen wird. Zumeist 
ist es nur mehr die Hoffnung t die Lustpramie zu erhalten, oder bei 
der Frau die geringe Aussicht, allein wirtschaftlich zu bestehen, die die 
Fortpflanzung sich em. 

GewiS ist die biologische Fortpflanzungstendenz als Kindes wunsch, 
beim Weibe aus individuellen Grunden bedeutend ausgesprochener als 
beim Manne, auch psychisch reprasentiert. Doch geht der Sexual wunsch 
in der individuellen Entwicklung dem Kindeswunsch immer voraus, 
Man denke blofl an die Pubertat. Die Versagung der Sexualbefxiedigung 
hemmt auch den Kindes wunsch. Nur bei Frauen iiberdeckt gelegentlich 
der Kindes wunsch den Sexual wunsch. Die Analyse weist in solchen Fallen 
nach, daB eine neurotische Hermrmng der genitalen Antriebe besteht; 
solche Frauen fiirchten unbewuBt den Geschlechtsakt oder sie haben 
schwere Entrauschungen am Manne erlebt und wunschen nun ein Kind 
auf parthenogenetischem Wege (H. Deutsch)* Die kinderreiche frigid e 
Frau hat, auch wenn sie die beste Mutter ist, die Kinder urspriinglich 
gar nicht oder nicht in erster Linie gewollt. Erst als sie da waren, er- 
setzten sie die Sexualbefriedigung durch Absorption libidinoser Energien* 



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*7^ Die Funktion des Orgasmus 

d. h, durch die Arbeit, zu der sie verpflichteten. In der Analyse kommt 
die Auflehnung gegen die miitterlichen Pflichten und g egen den Verzicht, 
der zu leisten war, sehr bald zum Vorschein. 1 

In relativ guten Ehen pflegt sich der Wunsch nach einem Kinde 
I erst einzustellen, wenn eine gewisse Sattigung der genital en Anspxiiche 
platzgegriffen hat, 

Es hesteht die Ansicht, daB die Ehe erst durch das Kind gefestigt 
werde. Das trifft nui unter bestimmten Voraussetzungen zu. Eine der 
bedeutsamsten 1st die psychogenitale Harmonie der Eltern^ Wenn sie nicht 
zustande kommt, werden die Kinder im Gegenteile zu einer neuen Quelle 
ehelichen Verdrusses und zu einem driickenden Band, dessen Lbsung nui 
wirtschaftlich sehr gut Gestellten moglich 1st. Sind mehrere Kinder da, 
so ergieBt sich auf sie die ganze in der Ehe ungesattigte Liebe; von den 
Eltern wird je nach Geschlecht Partei genommen und jeder Gatte spielt 
seine Lieblinge gegen die des anderen aus. Das mufi die nachteiligsten 
Folgen fur die seelische Entwickhmg der Kinder haben, die teils unter- 
einander, teils mit den Eltern in schwere Konflikte geraten, Man ehe 
^multiple Personlichkeit", die Freud auf kontrare, miteinander unver- 
einbare Identifizierungen zuruckfiihrt, entstammt solcher Ehe. 



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c) Zur Frage der J^bstumpfuiig der Genitclitdt in der monogamen Ehe 

Die herrschendeSexualmoral for der t die monogameGeschlechtsbeziehung 
in der Ehe. Es ist nicht unsere Aufgabe zu entscheiden, ob sie darin 
Recht hat oder nicht* Ethische Forderungen las sen sich nicht beweisen; 
sie sind, da sie auf Wertungen beruhen, der Wissenschaft, die nur be- 
schreibt und erklart, nicht zuganglich. Diese kann blofl entweder die 
Forderung selbst, beziehungsweise die Motive des Fordernden, zum Gegen- 
stand der Untersuchung machen oder die Besultate prufen, die sich bei 
BefoTgung oder Nichtbefolgung des moralischen Gesetzes einstellen. Die 
Moral sah zu verschiedenen Zeiten verschieden aus und pflegt auch unter 
Zeitgenossen kontrare Forderungen zu stellen, die von den Gegnern mit 
| gleicher Leidenschaft und tJberzeugung verteidigt werden. Die Wissen- 

1) Balzac hat in (J Zwei Prauen** diesen Konilikt der Mutter mit uituhertreff- 
licher Klarheit geschildert. 



XJber die soziale Bedeutang der genitalen jSttehungen. xjy 

schaft pHegt trotz; der oft betonten Amoralitat an der Grenze der Sexualitat, 
sicher nicht znm Yorteil der ObjektivitSt ihrer Untersuchungsergebmsse, // 
moralisch zu werden. ', 

Man ehe Selbstverstandlichkeiten miissen wiederholt be tout werden, 
solange emste und einfluBreiche Sexuologen, wie etwa Fiirbringer, in 
wissenschaftlichen Abhandlungen moralisch entriistet schreiben : n Wenn mit 
bemerkenswerter Haufigkeit ohne zwingende Gninde (Ferteucht, Schwanger- 
schaft, Unterlelbsleiden) abnorme Stellungen — Ruckenlage des Mamies, 
Seitenlage, Koitns cum uxore inversa, Stehen, Sitzen, Kniecllenbogeiilage ■ — 
gewahlt werden, so soil sich der Arzt vor der Geneigtheit huten t sie durch- / 
wegs als harmlose, voriibergehende Unarten (!) aufzufassen. Oft genug 
veTbergen sich hinter ihnen Ausgeburten raffinierten Shmenkitzels und 
zynischer (l ?) Phantasie." 1 Von hier zur gesetzlichen Vorschreibung der/ 
^normalen" Koituslage ist nur ein Schritt. 

Sehen wir von dem, was die Moral sagt, ab und betrachten wir die 
Tatsachen. 

Jahrelange Monogamie bringt eine Abstumpfung der genitalen An* 
ziehung mit sich, die nur selten in stille Resignation auslauft; viel 
haufiger fiihrt sie zu schweren Konflikten in der Ehe. Diese Kernfrage 
der ehelichen Geschlechtlichkeit wax von jeher ebensowohl Gegenstand 
des Witzes und der Zote, wie sie Geister von der Bedeutung eines Balzac 
Oder Stiindberg dauernd beschaftigt hat. Nur die Wissenschaft versteht 
es, sich die sen Fragen zu entziehen. , ' 

Die Gatten entdecken Fehler aneinander, die sie fruher nicht sahen 
oder nicht beachteten, sie „verstehen ein an der nicht mehx, gleichgultig 
ob die Persbnlichkeit sich verandert hat oder nicht. Sie kennen in den 
seltensten Fallen die eigentlichen Griinde oder sie erblicken in der 

1) In Marcuses Handwbrt&rbuch der Sexual wissenschaft, S, 578. — Worauf 
man gefafit sein mufi, wenn man in die sen Ding-en die Wahrheit sieht und aus- 
spricbt, zeigte sich in Form einer Anmerkung', die die Schriftleitung der MimcHner 
Mediziniscnen Wocheuschrift (November 1926) dem lob end en Referat iiber das 
ttmtige Buch von Van der Velde: Die vollkommene Ehe (Konegen-Vexlag 
1926, Ref. Nassauch) anfugte; „Ea ware unseres Erachtens Lesser g ewes en, das 
Buch auf Arxtekreise m beschr&nken; in der Hand von Lai en kann es schadlich 
wirken. Gewisse fYariationen', die hier beschriehen und empfohlen werden, 
brauchen in die deutsche Ehe keinen Eingang zu finden {l). a — Auf 
dieses Buch kounte hier leider nicht mehr Riicksicht genommen werden, weil es 
nach Abschluti des ManuskripU ersehien, 

Reich: Die Funktion des Orgaimus. 12 



7 

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1^8 Die Funktion des Orgasm us 

sexuellen Abstumpfimg eine Folge der Disharmonie. Das Gegenteil 
trifft zu ,- Die Herabsetzung der geschlechtlichen Anziehung steigert Eigen- 
schaften, die zur Zeit der genitalen Haimonie zuriicktraten, 

Nehmen wir den giinstigsten Fail vor: Die Ehegatten sind kdrperlich 
und seelisch armahernd gesund, die Anfordemngen der wirtschaftlichen 
Schwierigkeiten sind nicht an sie herangetreten, der Gatte war imstande, 
die wirtschaftlich und sozial bedingte Spaltung der Liebe riickgangig zu 
machen. Fiir die unberiihrte Frau bedeutet nun die Defloration immer 
einen Schocfc (neuerliche Kastration)/ den sie mix unter gimstigen Be- 
dingungen iiberwinden kann* Verliert sie ihre Frigiditat nicht sehr bald* 
so entwickelt sich HaJ3 gegen den Gatten. Eine begreifliche, aber vonr 
arztlichen Standpunkt nicht zu rechtfertigende Scheu, sowie die Furcht, 
in den Ruf eines Pornographen zu kommeD* haben es verhindert, daB 
an die Psychologie der Hochzeitsnacht herangetreten wurde. Ernste SchrifV 
steller habeh behauptet und die Psychoanalyse Verheirateter beweist t daB 
sich das spat ere eheliche Gluck oder das Eheungluck letzten Endes auf 
die Erlehmsse beim ersten geschlechtlichen Beisammensein zuriickfuhren 
lassen. DaB es die Bezeichnung B Flitterwochen* fiir die ersten Wochen 
der Ehe gibt, sagt bereits, dafl die, die ihn geschaffen haben oder gem 
verwenden, die Abstumpfung erfahren haben und das Scheinhafte an den 
ersten Eheerlebnissen hervorheben wollen t die nur vom Standpunkt der 
spateren Stump fheit schon era ch einen. In Wirklichkeit wir ken sie schock- 
artig und werden entvreder bewuBt mit Enttauschung erlebt oder verdrangt 
und durch iibertriebene, kurzlebige Illusionen dem Bewufltsein fern- 
gehalten. Die Frau steht einem neuen Erlebnis, das seit der Kindheit 
tabu war, angstvoll gegeniiber. Wo Angst herrscht> gibt es kein lust- 
voiles Erleben. Auch der Mann steht vor einer neuen Tatsache, wenn 
er vorher seine Liebesstrebungen hatte spalten mussen, und mufi viel 
Takt und Feingefuhl aufbringen, urn seine Sinnlichkeit der Situation, an- 
zupassen und keine Unvorsichtigkeit zu begehen, Ein lustvoll-harmonisches 
Erleben kann also nicht zustande kommen* Was vielen Mannern die Er- 
lebnisse der ersten Zeit schon ersch einen lafit, ist die Neuheit des Erleb- 
nisses, der Umstand, zum ersten Male eine Frau der eigenen Klasse zu 
„besitzen a , die bisher verboten war. 

1) Vgl. biezu Freud: „Tabu der Virginitat.** Ges* Scbriften, Bd* V. 



TJher die soziale Bedeutung der gemtalen Otrchungen 17a 

Die Frau, die wirtschaftlich und sozial schlechter gestellten Kreisen 
entstammt, mufi ebenso angstvoll reagieren, wenn sie unberiihrt in die 
Ehe tritt, Der Mann ihrer Klasse hat vielleicht nicht die Spaltung der 
liebesstrebungen, rerfugt aber durchschnittlich nicht iiber das Mafi an 
feinerer Sinnlichkeit, das notig ist, damit die Defloration nicht sehock- 
artig wirke. 

Die Aufklarung der Ehegatten iiber die Schwierigkeiten* sich korper- 
lich und seelisch anzupassen, miifite in den Eheberatungsstellen an erste 
Stelle geriickt werden. Die Untersuchung des korperlichen Gesundheits- 
zustandes macht nut einen Teil der Aufgahe an*. Die Aufklarung allein, 
dafl die genitale Harmonie sich erst einstellen kann, wenn die sexnellen 
Rhythmen beider sich aufeinander abgestimmt haben, kann schw-ere Ent- 
t&uschungen ersparen. Der Mann miiflte wissen, dafl die Frau im Anfang 
gevtrohnlich frigid ist und ihre Frigiditat sich von selbst verliert, wenn 
sie im Kern gesund und er nicht ungeschickt ist; bei neurotischen Frauen 
wird wohl nur eine Psychoanalyse die Schvviexigkeiten beseitigen konnen. 
Seitdem es psychoanalytische Ambulatorien fur Mittellose gibt t konnen 
auch Armste spezialarztliche analytische Beratung und Behandlung ge- 
meften. Man darf die sexuellen Anspriiche der proletarischen Menschen 
nicht untexschatzen. In der Analyse neurotischer Arbeiter frauen hort man 
hauhg, sie hatten Vorwurfe 2u horen bekommen, dafi sie kalt waren. 
Von diesen elementaren Schwierigkeiten auch der proletarischen Ehe 
erfahrt weder der in somatischen Vorurteilen befangene Armenarzt, noch 
der in psychologischen Fragen unkundige oder befangene Eheberater 
etwas. 1 

1) Hier nur ein Beispielr In der D, M, W. Nr* 47, 1936, berichlet Schwalbe 
iiber die Eheberatungs stelle in Berlin vom Bezirksamt Pensiau Berg (in M Geaund- 
heitliche Beratung vcr der EheschlieBung"), Im authentischen Bericht heifit es, 
dafl nach cinem Formula* untersucht werden: Grb'fie, Gewicht, Bruatumfang, 
Habitus, Udn, Menstruation, Fettpolster, Muskulatur, Schleim haute, Kn a client au, 
Sinnes organ e, Augen, Ohren, Lunge, Hen, Elutdruck* GefaB tonus, Hb-Gehalt, 
Geschlechts organ e; besonders hervorzuhebende Befunde; Leistenbroch, Leisten- 
hoden> MiBbilduug, — und es wird hinzugefiigt; w Nur in geeigneten Fallen wird 
der vollstandige Befnnd erhoben-" Wer will glaubhaft machen, dafi sich die An- 
schauungen geandert haben, oder annehmen, daB die Frage nach der Psycho- 
sexual it at (Fotenz, Liebesfahigkeit, aktuellen Liebeskonflikten) als so selustverstand- 
lich erachtet wird, daB sie nicht ausdriicklich hervargehoben wird? Der leae einige 
Zeilen weiter den Bericht iiber die w Ehe- und Sexualberatungs stelle** des Bundes 

12* 



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180 Die Funktiou des Orgasmus 

Kehren wir zum Hauptthema zuxiick. Hat sich nach tiberwindung 
aller Schwierigkeiten die genitale Harmonie eingestellt, so drohen neue 
Gefahren, Die Leichtigkeit, mit der die Befriedigung zu erlangen ist, 
der Fortfall der Notwendigkeit, das Objekt zu erohern, beide fuhren zu 
allzu haufigem Gesdilechtsverkehr, der in doppelter Hinsicht nachteilig ist. 
Es kommt nie zu grbiieren Spannungen der Libido j schon die geringsten 
Stauungen werden abgefuhrt, Ferenczi 1 hat die Gefahren dieser ehe- 
lichen ^Serualgewohnheit* meines Wissens als erster im Rahmen einer 
wissenschaftlichen Arbeit behandelt. Der Koitus wird daun wie zwangsartig 
ausgefuhrt und es stellen sich Ekelempn'ndungen ein. Im Geschlechtsakt 
wird auch ein Stuck aggressiver Exoberungslust erledigt. Bei nianchen 
Mannern T der en Hauptziel vor der Ehe das Erobern vieler Frauen war, 
schuvindet das Verlangen nach der Gattin, wenn das Erobernmussen ganz 
wegfallt. Was hier kraB zum Ausdruck kommt* trifft wohl in den meisten 
Ehen mehr oder weniger zu. Das hat seine tiefen Grunde in der Eigen- 
art der kindlichen Sexualen twiddling. Das Sexuelle war immer ver oaten 
und behalt im UnbewuBten diese Assoziation bei, Das Verbotene, d. i. im 
Kern das Sexuelle, wurde besonders hegehrt. So bekommt das Verbotene 
auch auf nichtsexuellem Gebiet einen verborgenen sexuellen Sinn, z, B, das 
Stehlen bei der Kleptomania* Bei nianchen Menschen festigt sich nun der 
Sexualwert des Verbotenen pathologischerweise derart, da8 sie das Nicht- 
verbotene nicht begehren kdnnen* Je mehr der Mann im vorehelichen 
Sexualleben „erobern" und ^besitzen" wollte Y desto rascher wird er hi 
der Ehe abstumpfen* Der narzifitische und der sadistische Anteii 
der Genitalitat bleiben in der monogamen Ehe unbefriedigt, 

fiir Matters chutz und SexualrefoTm* „dafi in diesen S tell en die Eheberatung nicht 
als einzi^e Aufgabe ang-esehen, sondem dariiber hinans auch in alien sexu- 
al en Frag en (Ton mir hervorgehoben) Rat erteilt wird, leider nicht nnr zur 
KonzeptionsYcrhutung, sondern anscheinend auch ziir FiTichtabtreibung". Also es 
stimmt, was wir uber die gewohnliche Auffassung der Ehe, sie sei keine sexuelle 
Gemeinschaft, sagen, sonst wiire das „ dariiber hinans" sinnlos* Gam in dies em 
Sinne handelt die Ehcberatungsstelie in Frankfurt (Prof. Raeke): ^Tst einmal die 
Ehe volhogen, wird keine Beratung mehr zuteil. Damit scheidet das Problem der 
| Geburtenbeschrankung vdllig aus" — firr den Eheh crater 1 Difl die Beratung erst 
nach der Eheschliefhnig- ihren eigentlichen Sinn gevrinnt, scheidet ebenfalls aus» 
Es eriibrigt sich selbstverstajidlich auch jegliche Kxitik, 

1) Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten, Internationaler Psychoanalytic cher 
Verlag, 1925, 



Utcr die soziale Bcdeutung der genitalen Stretungcn 181 

Dazu kommt ein Moment aus der friihinfantilen Sexualbeziehung des 
Sohnes zur Mutter. Behalt das Verlangen nach der unerreichbaren Mutter 
seine ursprunglichc Intcnsitat, so kommt es nach Rank entweder zu einenv 
standigen Nichtverharrenkonnen (Don Juan) oder es entsteht die Liebes- 
bedingung, dafl die Frau einem Dritten angehore und verbotenerweise 
erobert werde (Freud). Die Ehefrau hat dadurch, dafi ihr Besitz legitim 
wurde, fur solche Manner aufgehort, die begehrte Mutter zu sein. Dem 
kann nur eine analytische Lb sung der inzestuosen Fbrierung abhelfen. 

Es ist vie! daruber diskutiert worden, ob dem Menschen die Polygamic 
oder die Monogamle wesenseigen sei. Je nach dem individuellen welt- 
anschaulichen Tnteresse entschied man sich fiir diese oder fiir jene. Ein- 
sichtsvollere lieBen die Frage offen, da fiir beide gleich viel ethische 
Argumente Wrgebracht 'werden fconnten. Die Psychoanalyse der infantilen 
SexualentwicHung zeigt, dali die polygamen und die mono gam en Ten- 
den zen gleichwertig nebeneinander stehen und entwicklungsgeniaS gleich 
tief verankert sind* Die monogame Tendez leitet sich aus der Tatsache ' 
ab, daB man nur die Mutter, Leziehungsweise nur den Vat er begehrte. 
Das Inzestverbot, welches ebenso allgemein ist, begrundet die polygame 
Tendenz. Wer keine echte tTbertragung zustande bringen kann, sucht 
entweder das verbotene Objekt, ohne es je zu hnden, oder er befindet ' 
sich auf standiger Flucht vor ihm. 

Wie weit der Mann seine polygamen Tendenzen in der Ehe beherr- 
schen kann, hangt auch davon ab, in welchem AusmaBe er sich von 
den Liebesbedingungen der Odipus-Einstellnng fireimachen konnte und 
in wie weit es ihm gelang, in seiner Gattin die Mutter wiederzufinden. 
Dasselbe gilt mutatis mutandis fuT die Frau. Es gilt auch fur beide Ge- 
schlechter, dafl die polygamen Wunsche um so weniger hervortreten, je 
besser es die Gatten verstehen, ihre sinnlichen Anspruche gegenseitig zu 
erkennen und zu befriedigen und je verstandnisvoller sie den polygamen 
Neigungen beim anderen begegnen* 

Polygame Tendenzen werden immer geweckt, wenn wichtige libi- f 
dinose Anspriiche nicht befriedigt werden* Es zeigt sich aber ein be- I 
deutsamer Unterschied zwischen den Motiven der weiblichen und denen 
der mannlichen Polygamic, wenn wir von der Abstumpfung der monogam 
befriedigten Genitalitat absehen. Es gibt vide Frauen, die polygame 
Wunsche haben, weil sie aus dem weiblichen Minder wertigkeitsgefiihl 



aBBfl ^- JI wrm 



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i8» Die Funttxon ties Orgasm us 



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heraus sich von recht vielen Mannern bewundern und erobern lassen 
wollen. Dieser narzifitische Hintergrund laBt sich allerdings auch durch 
die Zuruckweisung begriinden, die das kleine Madchen vom Vater erfuhr. 
Der Objekttypus der Folygamie (Suchen des unerreichbaren Liebes- 
objekts) kann durch scharfere Reaktionsbildung zum narzi&tischen Typus 
werden. DaB mehr Frauen als Manner diesem Typ angehoren, ist auf 
die anatomische Basis des weiblichen Minderwertigkeitsgeftihls, die Penis- 
losigkeit, zuruckzufuhren, Hier spielen gewohnlich, im Gegensatze zum 
Objekttypus, auch Rachetendenzen als Motive der Polygamic eine be- 
trachtliche Rolle: Es kommt das Beherrschenwollen der Sexualobjekte 
hinzu. Die genita} befriedigte Fran pflegt im allgemeinen nur sehr 
wenig polygam zu sein, wahrend die vaginal-anasthetischen Frauen mit 
starker Klitoriserotik gewohnlich unstet sind, 

Jede unsublimierbare Tendenz, die im ehelichen Geschlechtsverkehr 
unbefriedigt bleibt, hat genital e Abstumpfung und teilweise Abkehr vom 
Gatten zur Folge t so vor allem auch die Homosexualitat Es ist hier 
nicht die neurotische Form der Homosexualitat gemeint, sondern die 
physiologische homosexuelle Komponente in der Bisexualitat, Wenn die 
polygamen Tendenzen in der Ehe zwanghaft werden, kann man auf 
Grund der analytischen Erfahrungen voraussetzen, dafi die homos cxuellen 
Strebungen in der Ehe nicht untergebracht werden konnten. Davon kann 
man sich leicht iiberzeugen; Sol ehe Manner pflegen nicht eine andere 
monogame, sondern polygame oder homosexuelle Frauen zu begehren; 
sie stellen dem Dirnentyp Weiningers nach. Bei Frauen tritt das ge- 
legentlich noch deutlicher her vor in Form einer Zuwendung zu homo- 
sexuellen Frauen. 

Wird an der „normalen* Art der Kohabitation dauernd festgehalten, 
ist jede Abwechslung tabu oder finden die Partialtriebe in den Vorlust- 
akten keine Befriedigung, so stumpft die genitale Strebung sehr bald abj 
korrekter ausgedriickt: sie gerat in Konkurrenz mit den unbefriedigten 
Anspriichen. In solchen Fallen liegen immer neurotische Hemmungen 
und Verdi an gun gen der pragenitalen Triebanspruche und der Homo- 
sexualitat vor. Bei einer gewissen, individnell verschieden weitgehenden 
Freiheit des Kohabitationsmodus wird diese verh an gnis voile Rivalitat ver- 
mieden und viele Quellen der Abstumpfung werden unschadlich gemacht. 

In der Analyse frigider Frauen erfahrt man, dafl ihre Phantasie oder 






Uter die soziale Bedeutttng Jer genit&len 5tretimgeii i83 

Vorliebe, beim Akte oben zu liegen, dem Wunsche Mann zu sein ent- 
spricht, Ebenso phantasieren Manner, die einen starkeren femininen Ein- 
schlag haben, unter der Frau zn liegen, wehren aber, wenn sie neurotisch 
sind, solche Wunsche als unpassend und weiblich ab. Das fiihrt unter 
bestimmten Bedingungen zu pathologischen Ergebnissen, ist aber normaler- 
weise beim mannlichsten Mann und bei der weiblichsten Fran gegeben. 
Die Vertauschungen der Lage (Coitus inversus) sind also sehr gut imstande, 
solche Wunsche wenigstens zum Teil zu befriedigen und dadurch un- 
schadlich zu machen* Die aktive Homoseimalitat des Mannes wird am 
ehesten durch den Koitus a tergo befriedigt. Bei der Frau dient er eher 
der Befriedigung uralter Wiinsche, die entweder der analen Auffassung 
des Aktes entsprechen oder fruhinfantilen Beobachtungen an Tieren ent- 
stammen. 

Fur viele Menschen, die in der Eindheit an sexuellen Spielen an den 
Genitalien Gefallen fanden, ist die Betastung des Genitales vor dem 
Akte ein Bedurfhis, Manche Frauen mit protrahiertem Orgasmus konnen 
nur zur Befriedigung gelangen, wenn sie vorher manuell gereizt wurden. 1 

Man darf, will man den Tatsachen Rechnung tragen, nicht auJ3er 
acht lassen, dafl samtliche pragenitalen Organisationen, individuell ver- 
schieden stark, das genitale Primat standig begleiten (Freud), Sie greifen 
storend ein und drangen zur ausschliefllichen Befriedigung im Sinne 
der Perversion, wenn sie nicht befriedigt werden. Ein starker betcnter 
oraler Antrieb wird daher in Form einer Fellatio oder eines Cunnilingus 
befriedigt werden miissen. 

Der Geschlechtsakt selbst ist geeignet, den verschiedenen psycho- 
sexuellen Anspruchen zu genii gen, wenn die drangende infantile Sexua- 
litat von Verdrangungen wenig beeinfluBt ist und sich, soweit sie nicht 
charakterologisch oder in Sublimiemngen verarbeitet wurde, in den 
Strom des aktuellen Sexualerlebens ergieBen darf. Das Verhalten des 
Mannes und der Frau vor und nach dem befriedigenden Akte legt 
Zeugnis ab fiir die erfolgte Erfiillurtg samtlicher Wunsche. Der Mann 
verhalt sich vor dem Akte gleichzeitig zartlich nnd phallisch aggressiv, 
die Frau erwartet gewohnlich passiv die genitale Aggression. Wahrend 

1) Die Andcht Kehrers, da0 manuelle Friktion schadlich sei, konnen wir nicht 
teilen. Die Betreffende erkrankt nur infolge Hirer Onanieangst; das geschahe aber 

audi ohnedies. 



184 Die Funlttlon de$ Otgasmus 

des Aktes andert rich ihr Verhalten, sie wird ebenfalls aktiv, bis ihr 
Orgasmus mit dem des Marines zusammentrifft. Der Mann kommt nicht 
zur vollen Befriedigung t wenn die Frau frigid oder anasthetisch ist* 
Selbst diejenigen, die mit Prostituierten verkehren, for dem, daB die 
Partnerin wenigstens zum Scheme w mitkomme K . Es handelt sich zweifellos 
um ein intensive s Miterleben des Orgasmus des Partners, urn eine voile 
Identiiikation, die sich zum eigenen Erleben hinzuaddiert. Diese Identi- 
fication ist geeignet, die weiblichen Tendenzen im Manne und die 
mannlichen in der Frau zur Befriedigung zu bringen* 

Nach dem befriedigenden Akte kehrt sich das VeThalten gewohnlich 
um : Die Frau kehrt ihre ganze zartliche Miitterlichkeit hervor und der 
Mann wird zum Kinde. Das Bewufltsein der Moglichkeit, gerade ein 
Kind konzipiert zu haben, bewirkt, dafi die Frau im Manne das Kind 
vorwegnimmt und so seiner infantilen Haltung entgegenkoramt, Verhalt 
sie sich vorher kindlich-passiv t nachher mutterlich-aktiv* so er umge- 
kehrt: vorher vaterlich-aggressiv, nachher kindlich-passiv, 

Die genannten Schwierigkeiten und Motive der Abstumpfung in der 
monogamen Geschlechtsbeziehung sind zwar derzeit nicht zu beseitigen, 
konnen aber prinzipiell vermieden werden, soferri es die Beteiligten 
vorziehen, die Durch fiihrung ihxer moralischen Frinzipien nicht mit 
einer Neurose oder ihr em Aquivalent, der ungliicklichen Ehe zu erkaufen. 
Ein weiterer Grand der Abstumpfung diirfte sich jedoch nicht beseitigen 
lassen. Die libido ist ebenso labil wie klebrig (Freud)- In der Befrie- 
digung selbst ist, von allem anderen abgesehen, die Abstumpfung ge- 
geben. Sie kann durch Variation des Befriedigungsmodus nur hinaus- 
geschoben, nicht aber aufgehoben werden, Aber diese physiologisch 
gegehene Abstumpfung unterscheidet sich von der durch neurotische 
Hemmungen bedingten vor allem dadurch, dafi sie weniger qualvoll 
empfunden wird, weil sie nicht auf Unterdriickung von Triebanspruchen 
sondern auf Absattigung beruht. Und je spater sie auftritt, desto mehr 
steht sie auch mit der Abnahme der Leistungsfahigkeit des somatischen 
Sexualapparats in Zusammenhang; die gefahrlichen somatischen Libido- 
stauungen fallen vreg. Es gehort voile Bewufltheit der Gefahren, die mit 
allzu haufigem Geschlechtsverkehr verkniipft sind, dazu, um auch in 
der Ehe zeitweise freiwillig Ahstinenz zu iiben. Darauf hat Ferenczi 
(L c.) mit Nachdruck hinge wie sen. Die intime korperliche Nahe, die die 



i 



XJfccjr <Ue soziale Becfeutimg Jer genitalen 5ttetungcn 18 5 

eheliche Gemeinschaft mit sich bringt (gemeinsames Schlafzimmer u. a\), 
erschwert die DurchfuhTung der so notwendigen Abstinent Wird sie 
nicht beachtet* so stehen die Ehegatten, selbst wenn weitgehende sexuelle 
Harmonie bestand, eiiies Tages erschreckt vor der Tatsache der Libido- 
abnahme. Sie fiihlen sich schuldig und versuchen es, sie zu verschleiern 
oder durch ein ubertriebenes Mad an Zartlichkeit zu kompensieren. In 
weiterer Folge treten polygame Neigungen auf, denen sie mit Fassungs- 
losigkeit begegnen; sie wird um so starker ausfallen, je intensiver die 
Bin dung an den Gatten war, und kann dann zu zwangbaften polygamen , 
Phantasien oder Akten treiben, Zufolge der Tradition, daB die Untreue 
in der Ehe unmoralisch, siindhaft und verbrecherisch sei, entstehen ', 
schwere Schuldgefuhle* Bleibt die Tendenz zum Ehebruch als „ver- 
brecherisches** Geheimnis unausgesprochen, wird sie verdrangt oder wird // 
dem Gatten das Gegenteil vorgespiegelt, so droht gerade dem Gewissen- / 
haften die neurotische Erkrankung* Weniger Skrupulose begehen den< 
Ehebruch und halten ihn geheim* Nur Wenige haben den Mut, sich ( 
dem Gatten zu eroffhen, was an sich befreiend wirkt, wenn es auch' 
nicht immer die Schwierigkeit selbst beseitigt. Eine voriibergehende | 
^Untreue" kann fur eine gute Ehe gelegentlich sogar von Nutzen seim 1 
Das gehort aber zu den giinstigen Ausnahmsfallen und setzt voile Be- 
wuBtheit der Gefahren voraus, die in solchem Falle den Bestand der 
Ehe bedrohen. Ob aber eine Treue, die nicht auf Befriedigtsem, sondern 
auf Zwang oder Hemmung beruht, der Ehe forderlich ist, mu0 sehr / 
bezweifelt werden. DaB sie der seelischen Gesundheit unzutraglich 1st, 
steht auBer Frage* 

Man staunt angesichts dieser Schwierigkeiten nicht mehr uber die 
Fiille von Eheungluck, mag es sich nun als Gattenmord, als Verbitte- 
Tung und stille Resignation oder als Neurose auf} em. Auch die weit- 
gehendste bkonomische Regelung der sozialen Verhaltnisse wird allein nur 
den auoerlich bedingten Anteil der Not mildern, Individuelle Bediirfhisse 
lassen sich nur bis zu einem gewissen Grade abandern, aber gewifi durch 
kein Ehebruchsgesetz und auch nicht durch soziale Achtung aus der 
Welt schaffen. Am allerwenigsten wird die arztliche Hilfe von Erfolg; 
sein t wenn man die Beurteilung der Tatsachen mit subjektiv begriindeten, 
oder ubemommenen moralischen Wertungen verm en gen wird, mbgen r 
sie anarchisch oder konservativ sein. Als Arzt tragt man dem Kampfe- 



i86 Die Function des Otg&smvs 

zwischen Triebansprttchen und sozialen Forderungen am besten Rechnung, 
wenn man sich im Sinne der Freudschen Therapie absolut tolerant 
verhalt und dem Patienten die Entscheidung uberlafit, nachdem man 
ihm die Kenntnis seiner Wiinsche und die Fahigkeit, sich zu entscheiden, 
verschafft hat. Man wird dann aber folgerichtig einen in der Ehe 
Unbefriedigten ebensowenig vom Ehebruch oder von der Scheidung 
ab halt en, wie man ihm dazu rat en wird, 

Hier 2weigt eine der sozial bedentsamsten Fragen ab : die Psychologie 
des „Kampfes der Geschlechter". Die oft genug brutale Geringschatzung 
der Frau dnrch den Mann, die von Grete Meisel-Hefi zutreffend 
kritisierte Bestrebung der Frauenbewegung, die Frauen zn Mannem zu 
machen, start ihre eigenen, geschlechtsspezifischen Anlagen sublimierend 
zu entwickeln, die zunehmende Verweiblichung der Manner, der von 
Strindberg unubertrefTlich geschilderte eheliche Kampf, der auch im 
Iiebesverbaltnis Unverheirateter selten fehlt, und alle ubrigen der Liebe 
disparaten and doch derzeit mit ihr einhergehenden Haltungen, MiB- 
gunst, Neid, Brutalitat, Geringschatzung, Obexwaltigungssucht und Riick- 
sichtslosigkeit, gehorten in dxesen Abschmtt t weil sie nicht sowohl Ur- 
sachen als Folgen der orgastischen Impotenz des heutigen Menschen, 
des Kulturmenschen, sind. Das Them a. verdient jedoch iufolge seiner 
umfassenden sozialen Bedeutung eine eigene Untersuchung. 

a) Der erotiscJie una aer soziaU iVtrhlickkeitssinn 

Die Funktion des Orgasmus beeinfluBt in entscheidender Weise auch 

die differenzierten Funktionen der sozialen und kulturellen Leistungen 

des Einzelnen* „Auch wo nicht Krankheitserfolg, sondern Charakter- 

( gestaltung in Betracht kommt, erkennt man Jeicht, dafl sexuelle Kin- 

schrankung mit einer gewissen Angstlichkeit und Bedenklichkeit Hand 

j in Hand geht, wahrend Unerschrockenheit und keeker Wagemut ein 

( freies Gewahrenlassen der sexuellen Bediirfhisse mit sich hringen* 

(Freud^ 1 Beim Vergleich der sozialen und sexuellen Leistuugen von 

Kranken mit denen Gesunder zeigen sich einige typische Beziehungen 

zwischen den primitiven und den holier entwickelten Funktionen, die 

1) Vorlesimgen xur Einfuhrung in die Psychoanalyse. Ges. Schriften, Bd. VII. 



Ufce* die sozmle BeJeutung A&t genitalen Strelmngen 187 

bei der Beurteilung der therapeutischen Anfgabe nicht iibersehen werden 

diirfen. 

Die pragenitalen Triebe sind ihrem Wesen nach autoerotisch, d. h, 
asozial, der Destruktionstrieb und sein erotischer Abkommling, der Sadismus, 
sind antisoziaL In die soziale Gemeinschaft hineingezwangt, mufi das 
Individuum die eigentlichen Triebziele aufgeben und die entsprechenden 
Energien dem geliebten Objekt zuliebe oder dem Zwange der Erziehung 
folgend auf sozial und kulturell wichtige Ziele ablenken, Diesen ProzeB 
hat Freud „Sublimierung" genannt. Eine der wichtigsten Vorbedin- * 
gungen der Sublimierung ist* daB die zu verwendenden Triebkrafte nicht 
der Verdrangung erliegen, die ja nicht bloB die Triebbefriedigung son dem ' 
auch jede and ere Ver wen dung der Triebe verhindert. In diesem Shine 
sind die moralischen Forderungen, van denen die Verdrangungen aus- 
gehen, und die sozialen und kulturellen Anpassungsleistungen, durch die 
sie vermieden werden, Gegensatze. Die Verdrangung bedingt gelegent- 
lich den Sublimierungen ahnliche soziale Leistungen. Diese sind jedoch von 
den echten Sublimierungen durch ihren reaktiv-iibertriebenen Charakter 
und durch den Eindrnck der Krampfhaftigkeit, den sie erwecken, leicht zu 
unterscheiden. Edn weiterer wichtiger Unterschied ist der, daB der echte 
soziale Wirklichkeitssinn sich mit dem erotischen gut vertragt, 
ja, wie wir zu beweisen haben werden, diesen zur Voraussetzung hat, 
wahrend der unechte, zwangsartig-reaktive Wirklichkeitssinn den eroti- 
schen nicht neben sich duldet, 

Unter samtlichen Trieben kann den psychcdogischen, physiologischen, - 
sozialen und biologischen Leb en sbe din gungen zufolge nur die Genitalitat 
die Funktion des erotischen Wirklichkeitssinnes erfiillen. Den Ausdruck . 
^erotischer Wirklichkeitssinn" verdanken wir Ferenczi. Seine Berechti- 
gun g ist leicht nachzuweisen ; psychologisch: der Impotente fuhlt sich 
minderwertig und ist auch auf nichtsexuellen Gebieten mehr oder weniger 
leistungsunfahig ; physiologisch: die genitale Befriedigung gewahrleistet 
die orgastische Losung der somatischen Libido span 11 ung und ist daduxch 
eine der Bedingungen fiir die Erhaltung des seelischen Gleichgewichts ; 
sozial: die Genitalitat (im Sinne unserer Definition) fordert den Sexual- 
partner und begrundet somit zumindest die Gemeinschaft zu zweit; sie 
ist ferner die einzige von der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade 
gebilligte und zur Befriedigung zugelassene Tendenz t was nicht viel zu J 



fee 



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i88 Die Ftmktion des Orgasmus 

besagen hatte, wenn sich der ^Perverse* nicht geachtet fuhlte; bio- 
logisch: unter alien Trieben dient allein die Genitalitat auch der Er~ 
haltung der Art 

Der Gesunde, d. h. der arbeits- und liebesfahige Mensch, 
hat seine Genitalitat hauptsachlich sexuellen, seinen Destruk- 
tionstrieb und die pr a genital en Anspriiche sozialen und kulttt- 
rellen Zielen zugewendet Beim Kranken verhalt es sich urn- 
gekehrt: Seine sozialen Leistungen sind sexualisiert und der 
Destruktionstrieb und die pragenitalen Triebe beherrschen 
sein Liebesleben, 

Die Analyse zeigt, daB ArbeitsstSrungen unter zwei Bedingungen 

zustande kommen. Die eine besteht darin, dafl der Kranke nieht fahig 

ist, sein Interesse auf die Arbeit zu konzentrieren, weil er von sexuellen 

Phantasien in Anspruch genommen ist; oder sadistische Zwangsphantasien 

storen das vorhandene anderweitige Interesse. In einer anderen Gruppe 

von. Arbeitsstdrungen, wie z. B. beim Schieib- oder Violinspielerkrampf, 

kann die Betatigung nicht ausgefiihrt werden, weil sie den Wert einer 

verponten sexuellen Handlung angenommen hat (lokl). Der „libidinose 

ZuschuB* (lung) zur sozialen Leistung ist nicht mehr frei verfugbar. 

Vexgleichen wir dam it die Verhaltungsweise des sexuell befriedigten 

Menschen, so sehen wir, dafl nach dem befriedigenden Sexualakte er- 

! hohte soziale Leistungsfahigkeit und Arbeitsfreudigkeit platzgreifen und 

2 das sinnliche sexuelle Interesse eine Zeit lang gar nicht vorhanden oder 

nur gering ist, Dieser Sachverhalt erklart sich aus der Umsetzung der 

* Energien im Orgasmus: Die Libido hat sich nach der Akme auf den 

ganzen Korper verteilt, was korperliche Prische und erhohtes Ichgefuhl 

bedingt j 1 ihr Gegensatz sind die Miidigkeit und die Leistungsunfahigkeit 

des Neurasthemkers. 

. Man kann also sagen, daB die Sublimierungen jeweils durch 

' libidinose Energien, die durch den Orgasmus abgeandert 

1 wurden t neu angefacht werden, Ihre eigentliche Quelle haben sie 

■ in den dauernd desexualisierten Tendenzen und in den von den ur- 

i) In einer Diskussion fiber diesen Gegenstand memte Ferencii, dafi nach 
der Sattigung der sinnlichen Objektliebe die vom Genital e auf den KSrper nick- 

■ fliitende Erregung sich in narziOtische Libido verwandle und dadnrch mittelbar 
1 den psvehischen Naraiflmtis starke. 






XT Ler die soziale Bed cutting der gemtalen, otrebungen 



189 



spriinglichen Zielen abgelenkten Destruction strieben. Die Verdrangung 
des tTberscrmsses an libidinoser Energie hat sowohl eine neuerliche 
Sexualisierung der urspriinglich libidinosen Tendenzen als auch eine 
Zuwendung der Aggressivitat zu ihren urspriinglichen Zielen zur Fo'lge. 
In schematischer "Ubersicht waxen somit an jeder Sublimierung dreierlei 
triebhafte Elemente zu unterscheiden : 

1) Von der Objektzerstorung dauernd abgelenkte destruktive 
Aggressivitat (Gemeinschaftsgeiuhl, allgezneines Interesse an sozial 
wichtigen Leistungen, soziales Gewissen, soziale Aktivitat)* 

2) Von den autaerotischen Zielen dauernd abgelenkte prageni- 
tale Antriebe (bestimmte Arten sozialer Tatigkeit, kulturelle Interessen, 
Wissenschaft, Kunst, Geldinteresse, Ehrgeiz usw.), 

j) Unsublimiertes genital es Interesse, das dauernd zartliche 
Objektbeziehungen unterhalt, periodisch abwechselnd zur orgastischen 
Entladung dxangt und nach der Umsetzung im Orgasmus sich den sub- 
limierten Tendenzen beigesellt. 

Die Bedeutung des libidinosen Zuschusses fur die Haltbaxkeit einer 
Sublimierung lernt man richtig einschatzen, wenn man serienweise be- 
obachtet hat, daG die soziale LeistungsJEahigkeit urn so mehr eingeschrankt 
wird, je langer die Abstinenz dauert und je vollstandiger sie ist. Fehlt 
der libidinose ZuschuB, so wird die Sublimierung iiberdies dadurch ge- 
schwacht, daB infolge der Stauung nnd Regression der Libido auch 
sublimierte Triebe, gleichsam verlockt durch das bose Beispiel, die im 
Grunde aufgezvrungene soziale Leistung verweigern. Sublimierung und 
Sexual befriedigung sind keine Gegensatze, wohl aber Subli- 
mieiung und unbefriedigende Sexualbetatigung. 

Kann die Sublimierung durch die Befriedigung der Genitalitat ge- 
fahrdet werden? 1st der befriedigende SexualgenuB etwa imstande, alle 
Interessen dauernd zu absorbiercn? Diese Pragen sind schon auf Grund 
der Tatsache, daj3 die genital befriedigten Menschen die dauernd leistungs- 
fahigsten sind, zu verneinen. Die Fahigkeit der genitalen Libido, voruber- 
gehend gesattigt zu werden — pragenitale Reizungen konnen nur die 
Spannung erhohen, niemals Losen — und sich im Zustande des Gesaitigt- 
leini den Sublimierungen beizugesellen, schlieBt die Gefahrdung der 
Snblimierungen durch die genitale Sexualbetriedigung aus. Wo man solche 
Storungen der sozialen Leistungs Fahigkeit infolge allzustarken sexuellen 



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190 Die Funktion des Orga*mu* 

Interests beobachtet, wie bei der Nymphomanie, Satyriasis, Neurasthenie, 
Pubertatsonanie usw t , liegt eine Stfirung der Funktion des Orgasmus vor, 
die keine Buhepause im sexuellen Veriangen eintreten laBt. 

Bei den Menschen. die in den gxofien Kulturzentren die allgemeine 
Geschlechts moral bestimmen, ist die Idee dieser Gegensatzlichkeit zwischen 
kbrperlicher Sinnlichkeit und geistiger Kultur von indiskutabler Selbst- 
verstandlichkeit, Der wissenschaftliche Beobachter hat nur zu priifen, ob 
eine solche Gegensatzlichkeit wirklich besteht oder ob die Idee irrational 
begrundet ist. Und da kann man leicht feststellen, daB nur wenigen 
besonders Begabten die Flucht vor der bloJ3 geduldeten Korperlichkeit 
in die — in solchem FaUe vorwiegend kompensierende — Geistigkeit 
gelingt Die Vielen, die dem Gleichen zustreben, ohne geistig vermogend 
genug zu sein, werden zu dem, was man als „neurastheni$chen Grofl- 
stadtmenschen^ bezeichnet* Ihre mitFurcht gefuhlte, daher bloB geduldete, 
zersplitterte und daher unbefriedigte Sinnlichkeit racht sich, indem sie, 
Abwehxkrafte bindend, auch auf geistigem Gebiete zur Resignation zwingt ; 
ihre intellektuelle und geistige Kxaft ist infolgedessen nicht frei, sondern 
verkrampft, nicht kernig* sondern von standigex Hut vor der Triebhaftig- 
keit getragen, von Sexualangst erfullt. Auch bei den wenigen Begabten 
j erhebt sich die Frage, ob sie nicht iiber den tatsachlich erreichten End- 
1 punkt ihrer geistigen Entwicklung und sozialen Leistung weit hinaus- 
wiichsen, vermochten sie ihre Sinnlichkeit nicht blofl zu dulden, sondern 
auch zu bejahen. „Soziale Leisturigsf&higkeit* ist ein relativer BegrifT; 
das zeigt sich bei leistungsfahigen Individuen, die nach einer gelungenen 
Analyse ihrer Sexualstorungen in weit hoherem Grade sublimieren als 
vorher, eben weil sie dann keine ideologische Schranke zwischen Sinn- 
lichkeit und kultureller Strebung mehr aufrichten. Gerade bei genialen 
Naturen vom Format ernes Goethe verrat sich die Kraft des nicht kom- 
pensierenden sondern sublimierenden Geistes, der, innerlich stark, nicht 
fiirchten raufi, sich auch dem primitiven Rhythmus des sinnlichen Er- 
f lebens pissiv hinzugeben; denn gerade diese Furchtlosigkeit befahigt ihn, 
J sich aus der momentanen Besinnungslosigkeit des orgastischen Erlebnisses 
wieder in die beherrschte und beherrschende Aktivitat des intellektuellen 
und geistigen Tuns aufzuschwingen, Es lage daher nur im Interesse aller 
derjenigen, die aus kultureller oder religioser Ideologie Askese predigen 
und dadurch das Gegenteil des Beabsichtigten erzielen, an der Kulti- 



Tiber die sosiale Bedeutimg der gemtalen iStretturgen 191 

vierung der sinnlich-kbrperlichen Sexualitat niitzuarbeiten, d. h. 

allgemelner, die „Erniedrigung des Liebeslebens* (Freud) und die Devise: 
^Sinnlichkeit oder Kultur", durch „Kultur in der Sinnlichkeit" zu 
ersetzen, Wenn dieKultur eine Sublfinierung und fceine kollektive schwere 
Neurose ist, diirfte sich alles Ubrige von selbst ergeben. 

Das Problem besteht fort, was das Schicksal der Genitallibido jener 
abstinent Lebenden ist, die psychisch anscheinend gesund sind. Das 
Ausmafi der libidinosen Bereitschaft und die Rhythmik des Bediirfnisses, 
die libidinosen Spannungen zu entladen, sind gewifi individoell sehr ver- 
schieden. Aber da der somatische Sexual apparat seine Funktion nicht auf- 
gegeben hat, — sonst wiirden die Erscheinungen der Eunuchoidie nicht 
ausbleiben, — miissen auch libidinbse Spannungen vorhanden sein; und 
es ware sehr wichtig zu erfahren t welchen anderen Ausweg die organisch 
gespeiste Libido hndet, wenn sie nicht orgastisch befriedigt wird und 
auch keine neurotischen Symptome erzeugt. Daruber konnte man nur 
auf Grund von Analysen gesund bleibender Menschen* die vollig ab- 
stinent leben, ohne darunter zu leiden, Bindendes aussagen. Es ware zwar 
nicht absolut falsch zu behaupten, dafl, wer dauernd abstinent lebt, ohne 
durch korperliche Gebrechen beeintrachtigt zu sein, nicht seinem be- 
wuJ3ten Willen folgt, sondern Hemmungen oder Plxierungen unterliegt; 
ist doch kaum wahrscheinlich, daB eine so wichtige biologische Funktion 
wie die scxuelle anders als durch Verdrangungen gehemmt werden kann v 
Es wiirde nur ein Wortspiel bedeuten* wollte man sich auf eine ft Hypo- 
funktion" des somatischen Sexualapparats ausreden; pflegen doch post- 
puberal kastrierte Eunuchen ihre psychische Libido zu behalten* ebenso 
wie die Libido nach dem Klimaktexium eine Zeit lang persist! eren kann. 
Zugegeben, dafi intensive Arbeit nnd alle echte Sublimiernng Staimngen be- 
seitigen kann: daB dies auf die Dauer und iiber eine gewisse Grenze 
hinaus moglich sein sollte, ist nach all dem, was wir von der Trieb- 
energetik wissen, nicht ohneweiters anzunehmen, Wir lassen aber diese 
nur theoretisch wichtige Frage lieber ofYen, 



Man mag der Individualist im Seelischen noch so breiten Spielraum 
lassen: wie es eine Physiologie des normalen Korpers gibt, obwohl nicht 
zwei Menschen korperlich gleich gebaut sind, wie sich in der Anzahl 



193 Die Funitioji <les Oigasmus 

der Knochen, in ihrer Lage zu einander, in Form und Lage des Nerven- 
systems, in der Schichtung der Haut usw. eine zweckentsprechende 

f Gxundstruktur ungeachtet aller individuellen Verschiedenheiten fest- 
stellen IaSt T so gibt es auch im Seelischen eine zweckentsprechende 

• Grundstruktur, die sich in einer bestimmten Triebkonstellation ausdriickt, 
Sie schlieflt die seeUsche Differ enzierung kehieswegs aus. Die Grundstruktur 

' verhalt sich zu den individuellen Verschiedenheiten etwa so, wie die 

' Struktur, die wir „Baum" („Eiche tt T w Buche rt usw.) nennen, zu den 
Unterschieden in der Gxbfle tmd Stellung der Aste z weier Baome (Eichen, 
Buchen usw\). Dam it erledigt sich der Einwand, daB man im Seelischen 
nicht j,schematisieren tf T d, h. das Gemeinsame suchen diirfe. Patholo- 
gisch nennen wir nicht die Abweichurig bei vorhandener normaler 
Grundstruktur sondern nur die Verzerrung der Grundstruktur selbst* 
Die Psychoanalyse erstrebt eine Neuordnung der Triebe im 
Sinne der normalen Grund struktur, Dabei stellt sie sich im Ein- 
verstandnis mit dem bewuBten Willen des Eranken auf den Boden des 
Realitatsprinzips und beurteilt seine Haltungen nicht danach, ob sie gut 
oder bose sind, sondern sie hat nur die Frage zu beantworten, welche 
seiner Haltungen seiner Reantatsfahigkeit entsprechen und welche 
sie st or en, Durch die analytische Aufklarung und durch das Wieder- 
erleben uralter Konflikte oxdnen sich die Triebe neu, automatisch, ohne 
unser Dazutun, und lassen dabei die latente realitatsgerechte Grund- 
stniktur , die ja blofl verschiittet war, in Erscheiuung treten. Die Ana- 
lyse ist also t wie Freud seinerzeit nachgewiesen hat, s gleichzeitig eine 
Synthese, nur dafl sie sich dem Wesen des Patienten gemafter volliieht 
als die Erziehung („Psychagogik w ) ohne Analyse, weil jede tJberredung 
oder Idealsetzung wegfallt, 

Es gibt also zweifellos ein Ziel in der analytischen Therapie, 
das ohne erzieherische Mittel erreicht werden karm: H erst el lung der 
Arbeits- und der Liebesfahigkeit; urn es noch deutlicher zu sagen: 
der Fahigkeit zur sexuellen Befriedigung. 

Wenn man nach vieljahriger Ausiibung der psychoanalytischen Praxis 
sagen kann, daB sich in keinem Falle, bei noch so weitgehender Be- 
hebung der Verdrangurigen, Hemmungslosigkeit gezeigt, noch bestehende 

1) Wegre der psychoanalytischen Therapie. (Ges. Schri£ten > Bd t VI.) 



Uter die sosiale Bedeutimg cler genital en iStrebungen i<j3 

Triebhaftigkeit dauernd verscharft hat> so bedeutet das, daB die Freud- 
sche Methode die „explosibleii Stoffe", mit denen sie operiert, zu be- 
herrschen vermag, sofern sie von Kundigen ausgeiibt wird, und dafi der 
Eros jedes Menschen die soziale Anpassung gcwahrleistct. Der psycho- 
analytisch Geheilte erlangt mit der BewuBtheit auch die Herrschaft iiber 
die Triebe, Die Beherrschnng ist freilkh kerne nenrotisch-lahmende mehr, 
sondern erne bewuBt-zielvolle* 

Es ist leicht zu zeigen, daB die Zielsetzung: Herstellung der orgasti- 
schen Potenz, keine Oberschreitung der arztlichen Befugnisse bedeutet, 
Wir ewarten namlich einen derartigen Einwand und koramen ihm gerne 
zuvor. Das Ziel: Herstellung der Arbeitsfahigkeit, gilt als selbstver- 
standlich. Ich habe mich tiberzeugen konnen, daB die Herstellung 
der vollen Liebesfahigkeit fur mauche Analytiker als weniger selbst- 
verstandliches Ziel gilt, Der Grund dieser Parteinahme ist eiae gewiB 
begreifliche Scheu, mit der herrschenden Sexualmoral in Konflikt zu 
geraten. 

Die Frage des Eingriffes in die personliche Selbstbestimmimg, die zu 
wahren die Psychoanalyse im Gegensatze zu samtlichen anderen psycho- 
therapeutischen Methoden fur notwendig halt, erledigt sich von vorn- 
herein fur die iibenviegende Mehrzahl der Kranken, die den Arzt em> 
weder ausdriicklich wegen der gestorten Genitalfunktion aufsuchen oder 
sehr bald zur Einsicht ihrer Impotenz gelangen und selbst davon befreit 
werden wollen. In der Minderzahl befinden sich diejenigen, die entweder 
die Impotenz kompensieren oder zufolge tieferer, charakterologischer Eigen- 
heit sexualablehnend sind. Nun gibt es keine Ausnahme von der Regel, 
daB auch der sexualablehuende Patient fruher oder spater in der Analyse 
auf seine genitalen Anspriiche stoSt. Wurde die Analyse lege ttrtis durch- 
gefuhrt, so bekennt er sich zu seinen Wiinschen und erkennt selbst, 
welche Bedeutung dieser Funktionshemmung in seiner Neurose zukommt. 
Allexdings mussen die onamstischen Manipulationen und Phantasien, 
sowie die Verhaltimgsweisen wahrend des Aktes mit der gleichen Griind- 
lichkeit besprochen werden wie etwa die Details eines Zwangszeremoniells. 
Scheut man davor zuriick, halt man r es fur iiberflussig oder fur einen 
CfbergrifT, den Kranken — im richtigen Zeitpunkte — iiber die Vorgange 
beim Geschlechtsakte aufzuklaren, so ist das ein Zeichen eigener Hera- 
mungen, und man lauft dabei Gefahr, gerade das fur die Losung des 

Reiclt: lite Funktion des Orgasmus. 15 



19-4 Die Fwnktioii ties Or/gasmtis 

neurotischen Konfliktes und die Behebung dex libidostauung wichtigste 
Material zu vemachlassigen. 

Es kann nicht 1 anger verhehll werden, daB der Sviblimierung als 
Ausweg aus der Neurose bei der Mehrzahl unserer Patient en nicht die 
Bedeutung 2ukommt, die ihr im allgemeinen zugeschrieben ward. Das 
Abreagieren 1st nnr eine momentane und keine umfassende Konflikt- 
losung; es tommt ferner nur bei der geringen Anzahl traumatischer 
Hysterien als Heilungsfaktor in Betracht. Auch das Bewufltwerden der 
unbewuBten Konflikte ist nur eine Vorbedingung der Konfliktlosung und 
die intellektuelle Entscheidung, mag sie noch so vollstandig sein, reicht 
nicht aus, um die endgiiltige Umordnung der Triebe zu erzielen, d. h, 
die charakterologische Reaktionsbasis, auf der sich die Neurose 
aufbaut, zubeseitigen* Ein, vielleicht das wesentlichste (weil aktuellste), 
Stiick dieser Reaktionsbasis ist die Aktualneurose. 

Dazu kommt die durch systematische Erhebung von Katamnesen ge- 
sicherte Er fanning, daB diejenigen Falle, die schon w ah rend oder bald 
nach der Behandlung zu ein em geordneten Sexualleben kamen, eine weit 
grdBere Stabilitat ihres durch die Analyse gebesserteri Zustandes aufweisen, 
als diet die wegen noch ungelbster genhaler Konflikte oder wegen auBerer 
Sclrwierigkeiten (Milieu, Alter, korperliche Defekte usw,) ihre Libido- 
stauung nicht vollig verloren haben. 1 Die Falle von Symptom- und 
Charakterneurosen t die riickfallig wurden, rekrutieren sich aus solchen, 
deren Impotenz nicht behoben vrurde oder die, zumeist aus ungelosten 
neurotischen Motiven, fortfuhren, abstinent zu leben. 

Obgleich das Problem der neurotischen Reaktionsbasis in der Haupt- 
sache noch nngelost ist t kann bereits als sicher angenommen werden, 
daB die somatische Libidostauung und die Angstbereitschaft dabei die 
wichtigsten Stiicke sind. Fr agios ist die Befreiung von der Angst vor 
der Triebbefriedigung eines der unerlaBlichen Mittel zur Erreichung des 
therapeutischen Zieles. Und da die Angst vor den vermeintlichen Gefahren 
der Triebbefriedigung die Libidostauung und diese die Stauungsangst und 
die Symptom e schuf, ist, ungeachtet aller individuellen Variationen des 
neurotischen Prozesses, der Verlauf des Heilungsprozesses bei der kausalen 

1) VgL meinen Aufsatz „Uher Genftalkat vom S t an dpunkt der psycho an alytischen 
Prognose und Therapie", (Internationale Zeitschrift fiir Psychoanalyse, X, 1924.} 



Uber die soziale Becleutuiig der genitalen Stretrongen 196 

Therapie vorgezeiclmet : Die Beseitigung der Angst vor der Trieb- 
befriedigung befreit die Triebe aus der Verdr&ngung, die tells 
sublimiert werden, teils zur Befriedigung drangen. Mit der Behebung 
der Verdrangungen und den schon wahrend der Behandkmg zustande- 
gekommenen Sublimiemngen, ist der erste Teil der Aufgabe, die Befreiung 
von den Beschwerden* erfullt, 

Gehaufte Beobachtungen lehren, daB keine Analyse als gelungen be- 
trachtet werden kann, in der nicht die in den Symptomen gebundene 
Angst frei wurde* was sich durch Auftreten voriibergehender Angstzustande 
kundgibt. Audi das Schuldgefiihl muB sich -wieder in Angst zuruckver- 
wandeln. Erst jetzt lassen sich die Quell en der Angst analytisch 
bearbeiten* Als solche kommen der Narzifimus des Ichs, von dem die 
Kastrationsangst ausgeht, und die gestaute Libido* die die Stauungsangst 
bedingt, in erster Linie in Betracht. Da die Aggressivitat und die Muttex- 
leibssehnsucht, beziehungsweise Geburtsangst, wie wir gezeigt haben, von 
der Intensitat der Libidostauung und der Kastrationsangst abhangen, 
spielen sie als Angstquellen eine sekundare Rolle. Das zeigt sich auch 
bei der therapeutiscben Reaktion; sie ist namlich bei der Erledigung 
der verschiedenen Angstquellen vers chie den* 

Bei gelungener analytischer Losnng der Neurose werden die Mutter- 
leibssehnsucht und die Aggressivitat aufgegeben, beziehungsweise anderen 
Tendenzen u merge or dnet oder n sublimiert" ; die Genitalitat hingegen gibt 
nur ihr inzestuoses Objekt auf, behalt aber ihr Sexualziel bei* Warum 
hat hier die Befreiung von der Angst automata sch ein verstarktes Hin- 
streben zum Gegenstand der Strebung, dort eine Abkehr zur Folge? 
Man pflegt dieses Resultat als Erfolg der Therapie im stillen vorauszu- 
setzen, ohne sich Rechenschait daruber zu geben, wie derselbe therapeu- 
tische ProzeJ3, die Befreiung von der Angst, so Gegensatzliches leisten 
kann. Das ist gewiB nicht seltstverstandlich. Die Erfahrung lehrt aber 
vreiter: i) Die Mutterleibssehnsucht und die Aggressivitat werden trotz 
aller analytischen Einsicht nicht aufgegeben, wenn die Kastrationsangst 
nicbt analysiert wurde (Refraktarbleiben), oder es stromt die zum 
Teil befreite Libido nach einem schwachen VorstoJ3 zur Genitalposition 
zu den fruheren Fixierungsstellen zuruck (Rezidive), 2) Es gibt Falle, 
die, ohne vollstandig analysiert wor den zu s ein, auch dauernd symptom - 
frei bleiben. Das sind diejenigen, bei denen die Analyse zuerst an den 

*5* 



196 Die Funktion des Orgasmus 

genitalen Fixierungen angriff und sie vollstandig zu losen vermochte, 
ehe tiefere Fixierungen die t)bertragungssituation komplizieren konnten. 
Die von der Kastrationsangst befreite Genitallibido konnte automatisch 
andere Wunsche auBer Kraft setzen, 1 indem die orgastische Lb sung der 
Libidostauung die Bereitschaft zu regredieren praktisch beseitigte. )) Wenn 
der genitale Primat in der Kindheit unvollstandig zur Ausbildung kam, 
so iiberwiegt trotz der Analyse samtlicher Angstquellen j,der Zug zum 
Mutterleib", beziehungsweise die Xeigung zur pragenitalen Befriedigung. 

Die befriedigte genitale Objektliebe ist somit der machtigste Gegner 
des Destruktionstriebes, des pragenitalen M as ochi sinus, der Mutterleibs- 
sehmucht und des strafenden tJber-Ichs, Ihre Befriedigung beseitigt die 
Libidoitauung und bindet dadurch den Destruktionstrieb, Diese t)ber- 
iegenheit des ^lebenerhaltenden" Eros iiber den Destruktionstrieb ist 
die objektive Rechtfertigung unserer therapeutischen Bemiihungen. 

In dieser Hinsicht begegnet die analytische Therapie manchen un- 
uberwindbaren auSeren Schwierigkeiten, die im giinstigsten Falle an 
die Stelle der Neurone reales Ungliick setzen, im ungunstigen eine Kezidive 
bewirken, der man machtlos gegenubersteht, weil sich die auBeren Be- 
dingungen nicht andern lassen. Hat z. B, eine Frau t getrieben von ihren 
Mannlichkeitstendenzen, einen femininen, womoglich mit einer leichten 
ejaculatio praecox behafteten Mann zum Gatten gewahlt, den sie be- 
herrschen und qnalen konnte, hat dann die Analyse Erfolg gehabt, 
indem sie die UmstelTung von der Mannlichkeit zur Weiblichkeit be- 
wirkte und die vaginale Bereitschaft die Klitoriserotik ablo&te, so imdet 
sich die analytisch Geheilte mit dem jetzt inadaquaten Gatten nicht mehr 
zurecht, denn sie begehrt entsprechend ihrer neuen Einstellung einen 
starken, fiihrenden, in jeder Hinsicht iiber ihr stehenden Mann. Oder 
die Fahigkeit zum Orgasmus zu gelangen ist freigelegt worden und harrt 
der Aktivierung durch den Gatten; der bringt aber entvreder nicht das 
nfttige erotische Verstandnis auf oder er ist nur wenig potent. Es kann 
vorkommen, daB eine Ehe unter den ungiinstigsten Bedingungen, aus 
neuTOtischen Griinden geschlossen wurde und durch materielle Umstande 

1) Die Dauerheihingen durch palliative Psychotherapie, iiber die gelegentlich 
berichtet wird, durften auf einer ermbglicktcn Uber win dung- der genitalen Hem- 
muageii beruhen, Die Spontahheilungen von Hysterica, z* B. nach einer Heirat, 
lassen sicb so erMaren. 



tTter die so^tale Bedcutung der genitaien otrebimgen 197 

unlosbax geworden ist, Aus diesem Grande haben Unverheiratete oder 
kinderlose Ehegatten ehie bessere Prognose. 

Die Auswege aus die sen auBeren Schwierigkeiten sind unsicher genug. 
Einzelne Patienten, die speziell begabt sind, retten sich in ixgendeine 
Arbeit, ihr Zustand bleibt jedoch labil und sie sind den Anforderungen 
der Aufienwelt nie voll gewachsen. Sexuelle Resignation birgt stets die 
Gefahr der Rezidive in sich, denn vollige Abstinenz ist auch einem von 
Anbeginn Gesunden nicht zuzumuten, geschweige denn einem Menschen, 
der neurotisch war und gerade an seiner starken Libido erkrankte. 
Onanistiscbe Befriedigung kann Rezidiven aufhalten, birgt aber, auf die 
Dauer als einziger Befriedigungsmodus betrieben, wegen der Phantasien 
und der unvollstandigen seelischen Befriedigung auch bei volligem Mangel 
von Angst und Schuldgetuhl die Gefahr der Rezidive in sich. Es bleibt 
noch die eheliche Untreuej hier hort der EinfluB der Analyse auf, die 
Entscheidung hat das Ichideal des Patienten, das ja durch die Analyse 
auch triebbejahende Elemente aufgenommen hat und infolgedessen im 
stande ist t zwischen der von der herrschenden Moral diktierten Pflicht 
zur Treue und dem nicht unmoralischen Recht zur Sexualbefriedigung 
zu wahlen* 

Riickblickend miissen wir eingestehen, daJ3 die praktisch wichtigen 
Ergebnisse relativ geringfiigig sind in Anbetracht des sexuellen und sozial- 
dkonomischen El ends unserer Zeit, Da die Sexualbefriedigung und die 
Sublimierung, die zwei allein vollwertigen Auswcge aus der Neurose und 
ihren Xquivalenten, auch vom sozial-okonomischen Milieu abhangen, 1st 
das Gebiet der therapeutischen Arbeit von vomherein betrachtlich ein- 
geschrankt. Die Fahigkeit, bei Konflikten ohne Rezidive auszuhalten, deren 
Herstellung der zweite Teil der analytischen Aufgabe und das ideale Ziel 
der kausalen psycho analytischen Therapie ist, wird durch die analytische 
Beseitigung der genital en Hemmungen und durch die Befrehmg der zu 
sublimierenden Triebe hlofl angebahntj eine bessere Widerstandsfahigkeit 
gegen die Enttauschungen des Lebens ist bei sachkundiger analytischer 
Behandlung in den allermeisten Fallen zu erzielen. Den Rest der 
Immunisierungsarbeit haben die reale Sexualbefriedigung und das Milieu 
zu leisten, das der von seinen infantilen Wiinschen und masochistischen 
Regungen befreite Mensch allerdings auch zielbewufiter zu gestalten 
vermag. . 



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198 Die FunLtion des Orgasmus 

Wahrend wir die Funktion des Orgasmus und seine Beziehungen zum 
neurotischen Prozefl behandelten, stand abseits* aber nicht unbeachtet, 
die groBe Frage: „Ja, wenn der Kern der Neurose em somatisches Ge- 
schehen, die Energiequelle des Symptoms und des neurotischen Charakters 
ein pathologischer korperlicher Erregungsvorgang (die Libidostauung) 
ist und wenn die psychoanalytische Heilung der Neurosen letzten Endes 
auf Abanderung, beziehungsweise Beseitigung dieser somatischen Grund- 
lage der Neurose beruht, soil man da nicht lieber gleich auf organischem 
Wege zu heilen erstreben, was im Kern organisch fnndiert ist, statt den 
umstandlichen und langwierigen (weil griincUichen) Prozefi der Psycho- 
analyse einzuleiten? Haben also nicht doch diejenigen Recht, welche der 
Psychoanalyse Einseitigkeit vorwerfen und nur an die somatische Beein- 
flussung etwa durch Organotherapie glauben?* 

Dieser Frage s tell en wir die ubersichtiichere entgegen: ^Hat der Haus- 
axzt, der der Mutter eines hysterischen Madchens dringend dessen Ver- 
heiratung empfiehltj Recht oder nicht? Urteilt der Nervenarzt, der einem 
abstinenten und neurotischen Menschen den Geschlechtsverkehr anrat, 
richtig?" Prinzipiell ja; denn da die Libidostauung die Energiequelle des 
Krankheitsprozesses ist, kann nur ihre Beseitigung radikal heilend wiiken* 
De facto haben beide einen schlechten Rat erteilt, denn das be- 
treffende Madchen wird hochstwahrscheinlich eine hysterische, sexual- 
scheue Gattin bleiben und auch uoch Mann and Kinder in die Neurose 
jagen, der junge Mann wird sich sicher als impotent erweisen, andern- 
falls ware er selbst langst auf die gleiche Idee gekommen. Sie konnten 
durch die empfohlenen Mafinahmen gesunden, wenn sie seelisch intakt 
und fahig waren> dem normalen Ablauf der Sexualerregung freien Lauf 
zu lassen. Dadurch, dafl die Psychoanalyse gewisse Sexualtriebe zur 
Sublimiemug bringt, durch Wandlung der Aggressivitat die soziale An- 
passung ermoglicht und unnotige Sexualhemmungeu beseitigt, ermbg- 
licht sie auch eine spontan und organisch von innen her ouantitativ 
und qualitativ wirkende n Organotherapie": die Sexualbefriedigung, die 
die Stauung der Libido aufhebt. Die Stbrung der Genitalfunktion halt 
zwar die Neurose aufrechi, indem die gestaute Libido den neurotischen 
ProzeB kontinuierlich speist (aktuelle Ursache), aber sie selbst ist 
doch erst auf rein seelischem Wege zustandegekommen (historiache 
Ursache). 



Uber die sosiale Bcdeutung <Jer genitaUn Strekungeii 199 

Gesetzt, es gabe wirtlich libidosteigernde Praparate: Wiirde man sie 
einem neurotischen Menschen, der kerne bewuflten Sexualwiinsche hat, 
verabreichen t seine seelische Hemmung, die die Erregomg vom Genitale 
fernhalt, wiirde daduTch nicht im mindesten geringer; inx Gegenteil, 
er wiirde sicher eine Verstarkung seiner neurotischen Angst zeigen odeT 
er bekame neue Symptome. Oder ein libidoschwachendes Mhtel, das 
gleichzeitig natiiilich herabsetzend auf die Angst wirken wiirde, GewiB, 
das wiirde seine neurotische Reaktionsbasis verringern, aber nie beseitigen, 
and auch der ganze seelische t)berbau des Impotenzgefiihls wiirde hochstens 
seine Fassade andern; die Sublimiexungsfahigkeit bliebe so gering wie 
zuvor, weil ja keine qualitative Abanderung vor sich ginge wie nach 
einer Analyse t sondern blofi eine quantitative Herabsetzung der seelischen 
Energie, Ein zur Erhaltung Arbeitsunfahiger verpflichteter Staat wiirde 
gegen eine derartige Therapie gewifl protestieren, Wir sehen also, dafl 
auch eine noch so vollkommene rg an o therapie die Psychoanalyse nicht 
wird entbehren konnen, weil jene nur etwas hinzufugen oder wegnehmen 
kann, diese hingegen die Energieverteilung im seelischen Apparat be- 
einfluBt und ihn durch die Abanderung des Ichs erst fahig macht, 
solche qualitativ wirksame Energieverteilungen zuzulassen und quanti- 
tative Anderungen zu ertragen, 

Aber das Alles ist derzeit noch utopisch. Lei der stecken heute die 
Versuche auf dem Gebiete des Sexual chemismus teils im Reiche der 
Phantasie, teils in der Sackgasse affektiv begriin deter Voruxteile: Der Weg, 
den die Psychoanalyse deT Physiologie der Neurosen weist, unterliegt / 
einem Tabu. Es bleibt noch die Hoffnung auf griindliche Beseitigjung 
der gesellschaftlichen Vorurteile, die die SexuaJrtat betreffen. In beiden, ' 
in der Organ otberapie und in der Durchdringung des Volkes mit einer 
nicht ethisch sondern wis sen schaf tlich begrundeten SexualaufkLarung, die 
auch auf die Erziehung und Wissenschaft riickwlrken wiirde, konnten j 
der individuellen Psychoanalyse machtige Hilfsmittel erwachsen* Es ist t 
aber nicht anzunehmen, daB wir uns in absehbarer Zeit dieser Erleichte- 
rungen unserer schwierigen Arbeit erfreuen werden* 







R 



agister 



Ahasie 105 

Abraham, K. 103, 105, no, i*5f, 129, 155 

Abstinent, n euro tis ehe 103 ff; askatische 
Ideologic 108; u. Ehe 184; u. Geni- 
iallibido 191; u. Impotemangst 104; 
Ratiomlisierungen 1041^ totale u, 
Onanie 105 

Adler, A. 61, 158 

Affekt; u. Triehe 95 f; u r vasovegetatives 
System 95 

Aggressivitat; u, Angst 358; destructive 
u, Sublimierung 189; u, kastrierte 
Tiere 155; im Klimakteriom u. Se- 
nium 155; u, Libidostauung 1551 xl 
Menstruation 154, 158; u t Spahuug 
der Sexualitat in der Ehe 171 ff; u, 
psa« Therapie 195 ; u t Versagung 157 

Aggressionsangst ; u r G ewissensangst 159 ; 
u. Sexualangst 158 

Aichhorn, Aug. 11 

Aktivit&t, soziale 189 

„Aktivitatsschub u 147 

Akme 70; Bewutitsein bei 25; genito- 
fugaler u« genitopetaler Erregungs- 
ablauf 25; Id entifiaierung bei 25 

Aktualangst; Atiologie 66; u, Kastra- 
tioinsangst 77; u. Libidostauung 38; 
u. Realangst 90 

Aktualneurosen 9, 35; u. Neurasthenic 
g8 j psychische Atiologie 73 ff; tl 
Psyclioneurose 78 f; u« Storung der 
Genitalfnnktion 79 

Alexander, F* 56 

Ambivalent 15a ; u. Versagung u* HaB 156 

Amenorrhoe 101 

Amnesic, hysterische 12 

Amphimixis 140 

Anasthesie, vaginal e 51 

An all tat 110; u. Urethralerotlk 142 

Andreas -Salome, Lon 149 

Angina pectoris u. Angst 67 f 



Angst n. Aggressivitat 158; u* Angina 
pectoris 67 ; als biologisches Pha- 
nomen 97; u. Destruktionstrieb 1585 
u, Herzneurose 88f; u, Herzirritation 
66; u. Kastrationsangst 88; u. Ltbido 
581* ; u. Libidoabwehr §gf ; u. Onanie 
50; u, OnanieaWehr 8a; vor Orgas- 
mus 45 f, 46 f; u. Reaktion auf Ge- 
fahr 9ft; u. Schuldgefuhl 195; u, Se- 
xualerregung 72; vor Strafe n + Or- 
gasmns 56; bei triebhaf tern Charakter 
98; u. Verdrangung 88; bei Zwangs- 
neurose 98 

Angstaffekt; xl Befurchtung 87 B% 93 f; 
xl. gesperrte Motorik 96 f; Herttinft 
gaff; u. Kastrationsangst 95, 96; n. 
somatische Irritation 94 

Angsthysterie39; mit hypochondrischen 
Befurchtungen gzf 

Angstneurose 79; Ablenkuug vom Psy- 
chischen 71 f; Libidostauung 6g; u. 
Neurasthenic 58; u* vasomotorische 
Neurose 63 f; vasomotorische Sym- 
ptom e bei 66 

Angstpollution 69 

Anurinieren 150 

Aphonic 102 

Arbeitsstdrung; u. Qrgasmus 188 

Arc de cercle 100 

Arrhythmic 63 

Astasie 103 

Asthenie, genitale 31, 41, 125$; der 
chronischen hypochondrischein Neur- 
asthenie lisff 

Asthma bronchi ale 38, zo2 

Asystolie 65 

Autoerotik, anale 112 

Anton omes Nerven system u. Sexual- 
erregung 68 If 

Autotomie; u, Ejakulation 144; u, Erek- 
tion 49 



Register 



-Balzac iy6f 
Bartolinische Drusfm 6q 
Basedow 65 

Befrh-chtung u. AngEtaffekt 87 s 
Berilhrujigsajjgst 8g 
BewuI3Uem u* Sexualerregung ?2 
Bleichsucht 72 
Bloch, L 50 
Blulier, H. 167 
Boehm, F. 167 
Braun 67 f 
Brissaud 67 
Bonrget, Paul 15* 
Biutalitat u. Masse 170 
B ur schens chaft, aka dem i sche ; Homo- 
sexualitat u* Sadi surra* bei 166 f 

Coitus inversus 183 
Cinmilingus 143, 183 
Cyclothymic 44 f 

JJe Coster 162 

Defloration u. Kastration 178 

Depression 154 

DEstrtLktionstriehj u* Angst 158; u* akute 
Neurasthenia 155; u. Eros 196; u. 
Genitalitat 108, 196 ; u. Libido&taming 
152 £ 160 j beim Menschen u. Kultur 
162; u. Muskulatur 153^ u. soziale 
GemeinsL-haft 187; u, Stauungsangst 
155; beim Tier 161 f; u* tmterdruckte 
Sexualerregung 157 j u* Odipuskom- 
plex 154; und Versagung 160 

Deutsch,rL 24, 105, 154, 143^ 147 ff, 175 

Diarrhoe 65 f, 102 

Dimitrenko 67 

Dirnentyp 1S2 

Don Juan lfh 

Duell u* Selhstbestrafungstendenz 167 

Dysmenorrhoe 101 

-fchej u, Abstineni 184; Abstumpfung 
in der 184; u. extragenital Ge- 
scblechtlichkeit 17a; u* genitale Har- 
monie 180; genitale Objektliebe 175; 
xu Kinderreichtum 174 ; Kindes wunsch 
u, Sexualwunsch ijst; u* Libido- 
abnahme 185; LustpramiH in der 175 ; 
monogame u. Homos exualitat 182: 
u. Prostitution 172; u. Eealitatsfahig- 
keit 174; Spaltung der Sexualitat 
171 ffj Snblimierung u, Frigiditat in 



der i75f; nngldcklicJie u. arztliche 
Hilfe iSsf; u. Untreue 185; u, ver- 

kappte Neurose 173 

Eisler 101 

Ejaculatio ante poxtas 136, iz8fj u* Ure- 
thralerotik 142 

Ejaculatio praecox 1 9 ff, 23, 34, 1 aa, % 25 ff ; 
der analen Stufe ia8ff; u. Angst laSfj 
u. Anurinieren 150; der genitalen 
Stufe io5> 127^ u* Genitallibido 127; 
u. Hypochondria 151; u* Kastrations- 
angst gg ; Mutteridentiimeruug is^f; 
u* Penishypasthesie no; n* Phant&sie 
126 j n* SamenerguS 126, 130; u, Uri- 
nieren 155, 128; u* Urethrakrotik 140, 
142; Vorlustakte 131 

Ejaculatio retardata u, Analitat 110 

Ejakulation ; u* Autotomie 140 j n.Friktion 
140; xl. Kastration 49 

Ejakulationsstomngen 14 ft 

Ekzem am Genitale 101 

Ellis, Havelock 30 

Endlust, Stolpern 35, 40 

Epilepsie 35 

Erbrechen, hysterisches 10 & 

Erektion 22; n, Autotomie 491 kalte 110 

Eros ; n, Destmktionstrieb 196; u, Todes- 
trieb 15a 

Erregung, Kiickstromen der 115 

Erwartungsangst 68, 75, g6 

Erwartuiigslust 68 

ErytHrophobie 15, 19, 33; Err5ten bei 
63f, 102; Exhibition 645 u. Homo- 
sexualitat 167; u. Onanie 65 

Eunucban 155^ 191 

Exhibition 64 

X edern, P, 39, 153 

Febl id entifiz i erungen 1 23 

Faldmann 101 

Fellatio 142* 183 

Feminismus 122 

Ferenczi 25, 5a, 40, 49, 95, 103, 105ft 
no> 129, 139, 180, 184, i^jf 

Flcgeljahre, Charakter der 154 

Flitterwochen 178 

Forel t Ang* 50 

Frauenbewegung 186 

Freud 7 ff, iofT t 13, i6\ 29 f, 32, %$ft, 
44, 5 8f, 61 ff, 64, 66, 68, 7 if, 90, 94 K, 
g8 t loo, io3, 105^ 131, 155, 156, 138, 
145 f, i^Sf, 153*?, 158* i^af, i68 t 
175 £, 178, 181, 183 f, i86fc 19a 



SOS 



Register 



Frigiditat il Phantasie 182; u, Suhli- 
mierung in der £he 173^ Therapie 
42 ; bei weiblichem Zmrangscharahter 
mf 

Friktiou 2^; u. Ejakulation 14a 

Fmstranc Erregung 78 

Fih-brirtger 26, 177 

Fuguezustand 153 

Funkti onshemmnng u. Genitalfunktion 99 

Furcht u. narzi&tische Ich-Besetzung 96 

(jeburtsangst 89 

Geburtsphantasie 89 

Gefahr; motorische u, vegetative Re- 
aktionen 90; Reaktionen auf — u. 
Angst 92; reale Besetzungen bei 91 

Gegenbesetzung 12 

Genital u. sexual 13 f 

Genitalangst 146 

Genital e Stufe; u* Uretnralerotik 143; 
u* Analitat 142 

Genitalftinktionsstorungen ; u. Neurose 
14ft; tu Funktionshemmung 99 

Genitalit&t; Abstumpfutig; der il Mono* 
gamie i?&f; u. Destruktionstrieb 158; 
u. erotischer Wirklichkeitssinn 187; 
dor Frau u. Potenz des Gatten 172; 
Genese der (Rank) 137 f; Grund- 
elemente 1501"; u. Kastrationsangst 
159; normale 141; u. Orgasmus i5of; 
des Proletariat* 169^ u, Ober-Icn 14 

Genitallibido; u» Abstinenz 191; il De- 
struktionstrieb 196; u. Kastrations- 
angst 196; xl orale Libido (Rank) 136 

G en italth eerie, analytische i55ff 

Genitahone u, Leitzone 125 

Gewissensangst 158 f 

Globus hystericus 102 

Goethe 190 

GroBstadtmensch, neurasthenischer 190 

XXarntraufeln 56, 113 

Hemmung 78 f 

Herz t Symbolik 69 

Herzaffektion bei Angst u t vegetatives 

Nerransystem. 67 
Herzangst u» Realangst 89 
Herzirritation u. Angst 6§ 
Herzneurose; u. Angst 88 f; n, Libido- 

staining 66 
Hitschmann, Ed* 15 
Hitzegefuhlo 64 f 
Hocnzeitsnacht, Psychologic der 178 



Horney, Karen 145^ 1+8 
Homosexualitat 51; u. Bursehenscbaft 
166 f; u. genitale Spaltungen 167, 175 y 
in der monogamen Ehe 182 
Hjpasthesie 140; vagmaleji, 41 f, 105, 1 10 
Hyperasthetizismus 108 
Hypermoral 108; religiose 162 
Hypochondria 95; Libidostanung 65 
Hysteric; mit hypochondrischer Angst 
81 fT; Kastrationsangst bei 109; u* 
Penis wunsch 145; Sadismns bei 157 f 

J-ch-Besetzung, narzifitische u. Furcht 96 

Ich-Ideal, sadistisches 157 

Jdentifizierung 156; u. Akme 25 

Immissio 25; u. Klitoris 22 

Xmpotentia ej&culandi 40 f ; u* Analitat 140 

Impotenz 1.4* 39; hyaterische lojff; ot- 
gastische 25 f, 30 f, 41 f, 105; partielle 
erektiTe 105, 108; u. Phantasie i6fj 
zwanganeurotische aoGff 

Impotenz an gst 104 

fndividnalpsychologie 61 

Infantilism-iis 122 

Innensekretion u. Libidotheorie 67 

Irrigation 115 ff 

Jekels, L> 149 
Jokl t R, H. 1 8 
Jones, E* 59 
Jnng t C. G. 188 

JValtczittern 65 

Kampf der Geschlcchter x86 

Kastration; u. Defloration 176- u. Eja- 
kulation 49; u* Orgasmus 45, 140 

Kastrationsangst 159; u. Aktualangst 77; 
u. Angstaffekt 95, 96; u. Genitalangst 
146; tl Genitallibido 196; u. Lihido- 
stauung 88; u. neurotische Angst 88; 
u» Peniswunsch 83, 146; u t Schuld- 
geflihl i59;u.Vateridentifizierungi4<> 

Kastrationskomplex; de^ Madchens u. 
Kindeswrmsch 144 f; u* Odipuskom- 
plex beim Madchen 135, 144 

Katamnesen nach Analysen 194 

Kehrer 183 

Keimplasma ul Aufienwelt 62 

Kephalie 102 

Kinderreicatum u- Ehe 174 

Kindeswunsch u. Sexual wunsch 1751 

Kleptonvanie 180 



Klimakterium 14; u. Aggressivitat 155; 

11. Libido 71, 191 

Klitoris u» Immissio 22 

Klitorigerotik; u. Mutteridentifizierung 
148 f; u, Objekttyp der Polygamie 
182; U, Pubertat 148 f; u. vaginalis 
Prim at 149 ; Verschiebung der 149 f 

Klitorisonanie ; u. Peniswunsch 144; 11. 
weibliche Zwangsneurose 147 

Koitus; anale Auf fas sung 45; Angst vor 
52 J ; bioanalytische Deutung 139*; 
Dauer 54; interruptus 25, 58, 71 ; 
Muskelkontraktionen, wnwillkurliche 
24; normaler u. Abstumpfung 182; 
onanistischer 22* 5 1 f, 41 ; Phanomeno- 
logie des 21 ff; Reizsteigerung 25^ 
Retraktion 25 f; SchlafbedurMs nach 
26; sensorisches u* motorisches Er^ 
lebnis 26; SprecHen wahrend 23; 
a tergo 183; Unterbrechen 24 f; Ver- 
balten wahrend i8sjf 

Konftikt, neurotischer 1 1 ff ; u> somatische 
Libidostauung 62 

Konversion 91 T 100; tu Genitalsymbolik 
101; orale tu anale Zone bei 102; 
11. Muskulatur 105 

Konversion shysterie u* Angsthysterie 100 

Kovacs, V, 105 

Krafft-Ebmg - 30 

Kronfeld 15 

Kultojn,DestruktionstriebdesMenscheii 
162J u, Sinnlichkeit X91 

Libido; u, Angst 581*; Absiittigung 184$ 
u t Destruktionstrieb 155**; Klebrig- 
keit der 184J u* Klimakterium 191; 
Labilitat der 184; narzifltische 91 j 
psycho genital e 150; somatische 150 

Libidostauung o,f; xu Aggressivitat 155; 
u* Aktua!angst 88; bei Angstneurose 
65; 11. Befriedigung 1 8 ; u, charaktero- 
logische Hemmung 78! ; u, Destruk- 
tionstrieb 152 f; Entstehung 776* j u. 
Herzneurose 66 ; bei Hypochondrie 6g ; 
u. Kastrationsangst SB; u. Klimak- 
terium 75; bei Neurasthenic 63; u. 
0dipuskomplex79; vu Psych 011 euros a 
79; u, Kezidivefahigkeit 765 somati- 
sche 62 f; u* Zwengsneurose 106 

Libidotheorie vu Innensekretion 67 

Liebermami 150 

Liebesleben; Erniedrigung des 166; der 
Gesunden u, Kranken 188 



Lowenfeld 26 
Lust-Unlustpiinzip 62 
Lustpramle 62, 175 
Lutambacher 67 

JW-adchen ; Mutteridentifi zierung u, Kli- 
toris erotik 148 f; Objektwahl 145 f; 
Penis wunsch u. Kindeswunsch 148 ; 
u* vaginales Primat 149 

Mannlicnkeitskomplex 1441"; 11* Penis- 
wunsch 144 f, 146 f; u t Vateridenti- 
fizierung 145; u. Mutteridentinzie- 
rung 145 f 

Mannerstaat 167 

Maglsche Geste 150 

Masochismus, religidser 162 

Masse u. Brut si it at 170 

Meiael-Hefl, Grete 186 

Menstruation; u* Aggressivitat 154, 158: 
u. Depression 154; u. Libidosteige- 

^"g 155 ' 
Meteorismus 36 
Minderwertigkeitsgefuhl u* Polygamie 

182 
Moll go 
Monogamie; u. Abstumpfimg der Geni- 

talitat 176 ft; Folgen der 177 f ; u. 

NarziBmns n. SadUmus 180; u, Poly- 

gamie 181 
Muller 70 

Multiple Personlichkeit 176 
Muskulatur u* Destruktionstrieb 155 
Mutismus 102 
Mutteridentifi^ierung; Vu Vateridentifi- 

zierung 146; im Ich 149 
M u Uerl l 1 !! j r pti an t a =5 i c 89 
Mutterleibsregression 25, 49 
Mntterleibssehnsncht 195 

-NflTzi^mus; u. Polygamic 182; u. Ure- 

tbralerotik 125 f 
Nassauch 177 
Neurasthenie; bei Abstinenz 38; akute 

35ff; u, Angstneurose 58; chronische 

35 f; u, Destruktionstrieb 153; u. 

Libidostauung 63; u» Onanie 36 
Neurose; u, Genitalfunktionsstoruiigeu 

14 ff; u. Potenzstorung 14^; u. Sub- 

limierung 194 
Nikotinintoxikation 65 f ; u, Angst 65^ 88 ; 

Tachykaxdie 65 f 
Nymphomanie 51* 50 ff 






ao^ 



Registei 



Objektliebe, genit&le; u. Brutalitat 168 f ; 
n* Ehe 175 

Objektwahl* heterosexuelle; des Knahen 
143; des Mfidchens 145 f, 1471 n. Po- 
litik 169 

Obstipation 36, 102, 114, 122 

d ipmkomple x j u. Des trukt ions tri eb 1 54 ; 
u, Kastrationskomplex beim Madchen 
155; u* Libidos taming 79 

Onanie 51, 65; u, Angst 50; Erregungs- 
ablauf 19; exzessive 38 f; u. Hypo- 
chondrie 40 j Irritation das Nerven- 
systems 40; an der Klitoris 41; lar- 
vierte 105; u* Neurasthenie 36; u. 
Phantasie 17; u, Schuldgefuhl 59 f; 
u. totale Abstinenz 105 

Onanieabwahr u. Angst 82 

Onanieaquivalante 105 

Organlibido, narzifitische u* Schreck- 
situation 92 

Organotherapie u* Psychoanalyse 198 f 

Organ sprache 100 

Orgasmus; u t Aktualneurose 9; u. Angst 
vor Strafe 56" j Angst vor 45 f, 46 f; 
u> Arbeitsstoxung 188; der Fray 165, 
171 f; u. Hemmung 55; Hinmiterfallen 
bairn 47; u. Gem tali t£t 150 f; u. Ka- 
stration 45, 140 j Miterleben des Part- 
ners 148; als physiochemisclie Auf- 
frischung 72; u. Prostituierte 171 ; 
protrahjertar 185; u* Sexualspanmmg 
21; u- Stiblimiexung i8Sf: vaginal er 
u, Sexualgenufl 159; Veranderung der 
Erregungskonzentration 70; Verspa- 
tung beim Weibe 26 f; Zersplitterung 
3 1 * 34 

-Tansexualismus 12 

Partialtriebe; n. geni tales Primat 142 f; 

u. Libidoentwickhmg 156; 11, Ver- 

drangung 142 f 
Penis = Bmst 122, i2gf 
Penishypasthesie 110 
Penisneid 144 
Peniswunsch 83; bei Hysterie 145; u. 

Kastrationsangst 85, 140; u. Kindes- 

wunsch 148; u* Klitoris onanie 144; 

u, Mannlichkaitskomplex 144, 146 f j 

bei Zwangsnenrose 145 
Phalli sche Phase 153 
Phantasie; u. ejaculatio praecox 126; u* 

Frigidhat 182 f; u* Imp o ten z 16 f; 

u* Onanie 17, 44 f ; u. orgast, Potenz 27 f 



Phobie 59 f 

Politik il Objektwahl 169 

Polygamie; in der Ehe 181 f, 186; u, In- 
zestverbot 181; u. Klitoriserotik 182; 
u, Minderweitigkeitsgefuhl 182; u, 
Monogamie 1S1.; u, Narziflmus 182 

Potenz, fakuhative; n. Geschlechtsabt 
20; orgastische i8ff> 27 f; Herab- 
setzung 51, 109; u. erektive Impo- 
tent 32 f; u. Phantasie 27 f; vagi- 
nale 43 ff 

Polenzst.orung 1 u< Ncurose 14 ff 

Primat genitales u. Partialtriebc 142 f 

Pragenitala Antrieba u« Sublimierung 
189 

Proletariat; Brutalitat 170; Genitalitat 
1695; sexuelle Anspriiche 170 

Prostituierte ; n + Orgasmus 17 1 ; u> burger- 
liche Sezualmoral 165 

Psych agog ik 192 

Psychoanalyse; u* Organotherapia 198 f; 
als Syn these 192 

Psychoneurose; und Aktualnenrose 78 f; 
n, Libidostanung 79 

PnbertaVt 175; Charakter 154; u. Klitoris- 
erotik j 48 

Pubertatsonanie 32 

Pulsbeschleunigmig; u, Herzdilatation 
68; beim SexuaJakt 69 

Pyl or o spasmus 102 

iiaekc 180 

Bank 89, 155 ff, 158^ 181 

Rathenati 169 

Realangst; u, Aktualangst 90; u. Herz- 

ar;gst 89 
Realitiitsfahigkeit u, Eha 174 
Reatitatsprinxip 62 

Keich,W. 7, 11, 50, 35, 102 f, 125, 154 
Reik, Th, 162 

Heli^ion u. Zwan^snaurose 1S2 
Resignation j sexuelle u. Rezidive ig7 
Red dive u, sexuelle Resignation 197 
Rezidivef&higkeit u» Libido stauung ?$ 
Rothberger 0*7 

jSadger 155 

Sadismus; Entstehen 157; u. Homo* 

sexuaHtat 166 f \ u. Zwangsneurose n. 

Hysterie iffff 
Satyriasis 31 
San gen rt. Kvissen 141 f 
Sdilafbediir&iis nach Koitus 26 



Register 



Scbilder, P. 95, 151 

Schrecksituation u. narzifitiscbe Organ* 
libido 92 

Scftuldgefiihl; u* Angst 195; u, Kastra- 
tionsangst 159; u, Onanie ggf ;u, Straf- 
angst I5&f u. Strafhediirmis 57; u. 
Zwangsneurose 109 

Schwalbe 179 

Seif 59 

Sekimdarer Krankheitsgewinn 60 f 

Selbstbestrafung 56 

Senium u. Aggressivitfct 155 

Sexualaffekt 941^ u. Organs en sation 95 

Sexualakt, Deutung (Rank) 138 

Sexualbefiriedigung; u.Sublimierung 189; 
u* analytische Therapie 197 f 

Sexualchemismus 197 

Sexualerregung; u+ Angst 7a; u h auto- 
nomes Nervensystem 68; u. Destruk- 
tionstrieb 157; u* genitalis Organ- 
system €9; u. kardiales System 6g; 
Phasen der 70 j u t System Bw 72; 
u. vasomotorische Erscheinungen&Sf 

j,5exualgewohnheit" 180 

Sexuality Spahung derinderEhe 171ft; 
u. A ggre 9 sivit at 175 

Scxualmoral; burgerlicliD u, Askese 163; 
u. Prostitution 163; u. Ehebruch 164^; 
u. Orgasmus 165; u* Monogamie 176 ; 
u, Vermannlichung der Frau 166 

Sexualn euro sen (Kronfeld) 15 

Sexualpsychologie u* Soziologie^of 

Sexualwunsch u. Kindeswunsch 175 f 

Sinnlichkeit u, Kultur 191 

Somatisch.es Entgegenkommen 64 

Soziologie u. Sexualpsychologie 170 f 

Spaltungen, genitale u. Homos exualitat 
167 

Sperm atorrhoe 56, 115 

Stekel^W* 16, 52, 55, 59, 105 

Sterilitat 101 

Stiegensteigen, SymbolLk 48 

Stigmata, hysterische io5f 

Straf angst n. Schuidgefiihl i58f 

Strafbedurfms u. Schuldgefuhl 56 

Strindberg 177, 186 

Sturztraume 48 

Sublimierung; n. analytische Therapie 
i97f;n.destruktive Aggressivitat 189; 
n. Frigiditat in der Ehe 173^ u* Neu- 
rose 194; 11. pragenitale Antrieb* 1&9; 
u. Sexual hefriedigung 189 J triebhafte 
Elementeder i89;u,Verdrangungi87 



Symptom; infantile Wurzel 6c; Konflikt 
98; Minus- u, Plusfunktionen 99; 
psychischer Sinn 60 j Quelle 61 ; 
Zweck 60 f 

Tabu; der Beruhrung 143; derErektion 
108 

Tachykardie 63* 65 

Therapie v analytische; u. Aggressivitat 
195; Beseitigung d. Angst u, d. Scbuld- 
gefiihls 195; u, Libidos taming 195; 
Neuordnung d* Triebe 192; u, orga- 
stische Potenz 193; u* auflere Scbwie- 
rigkeiten ig6f; u. Selbstbestimmung 
i93f; u, Sexualbefriedigung 197^ u. 
Sublimierung 197^ u* sexuelle Resi- 
gnation 197; Ziel 192 f 

Tic, psychogener 105 

Tiere, kastrierte 155 

Todestrieb; u. Eros 152; u* senile Invo- 
lution 155 

Trieb; u. Affekt 95 f; u. Erlebnis 155 

triebhafter Charakter; Angst Lei 98 f; in- 
fantile Sexualitat 157; Versagung, 
Ha0 u* Ambivalenz 156 f 

Triebmischnngt oral-genitale 103; anal- 
genitale 105 

Triebobjekt Gif, 153 

Triebpsycliologie 61 

Triebziel 6if, 133 

Uber-Ich u. Genitalia 14 

Unruhe, motoxische 153 

Untreue u. Ehe 185 

Urbach 26, 30 

Urethral erotik; u. Analit&t 142; u. eja- 

culatio praecox 140, 142; u* ejaculatio 

ante portal 143; u. Nanifimus 145 
Urinieren u. Analitat 129; u. ejaculatio 

praecox ia5f 
Urtikaria B$£ % 100, 102; u, Angst 87; u, 

genitale Erregung 86 
UrnarziBmus, Regression zum 90 

V aerting 50 

Vaginismus 101 

Vasomotorische Neturose 75ft; u. Angst- 
11 euro se 65^ 71; u t hysterische Me- 
chanism en S4 

Vateridentifizierung; u. Kaatrationsangst 
146; n. Mutteridentinzierung 146^ 
positive 123 



2rQG 



Register 



Vegetatives Nervensystem ; xt. Affekt 95; 
u. Herzaffektion bei Angst 67 j u. 
coitus interruptus 71 

Velde, van der 177 

Verdxangung ia; a, Angst 88; u* Partial- 
triebe 14a f; u. Sublimierung 187 

Verge waltigungsphantasien a 2 

VermannLiclwmg der Fran u* Sexual- 
moral 166 

Versagung; u, Aggxessivitat 157; u* De- 
stroktionstrleb 160; u. HaG U, Amni- 
valenz 156 j u. Identiiiziemng 156 

Verweibliehimg des Mamies 180 

Vorlust 34, 

VoHustakte 35, 21 f; u, Munderotik 14a 

\V andertrieb 153 

Weininger, Otto 182 

Weltkr^eg; Brutalitat des u, verbildete 

Genitalitat 168 
Wirklichkeitssinn; erotischer 186 ff; so- 

zialer 186 ff; u. Genitalitat 187 



Wtndverhalten u. anale Riechlust 118 

Wiinsche; g-enitale u. priigenitale 159: 
u. Mutterleihssehn&ucht 159 

-^ahlzwang 110 

Zittem 65 

Zwangschaiakter, weiblicher; Angst bei 
112; tu Frigiditat mf; u, Hysterie 
ii£ 

Zwangsgrubeln 33 £ 8o» 1 10 

Zwangs necrose gg; u. aggressive Abwehr. 
108; u, Angst g8 T 109; u* Depression 
107; \l* ejaculatio retardata 110; tt, 
genitals Gefahx 108; u« erektive Im 
potenz 108 f ; 11. Kampf gegen Impo 
tenz 109 f; u. Lihidostauimg 106 j u. 
orgastische Impo tenz no; u. Penis- 
wunsch 145; ReaktionsbUdungen 106 
Religion 162; Sadisnms 1571*; Scliuld 
gefiinl 109, 159; weiblicbe u. Xli 
tons g name 147 

Zwangs symptom e u . Plusfunktionen 106 



JSJeue Arbeiten zut arztlichen Psychoanalyse 

Heraiugegeoen v<m Prof. Dr. iSigm. Freud 
Frfiter ciscnieacn: 

IJ 5. FEREKCZI und OTTO RANK, Ent«rictlun S **icl e der 

Psychoanalyse, Zut ^WecTwelBexiefcung von Tkeorie tind Ptaxia. 
Geheftet M 2' Bo 

Aus dem Bilde, das beide Autoren in gemelnsamer Arbeit entw<urf«n» wird sich nicht nur dem ausiibenden 

Anelytikcr, son dem in hohem MaGE auch dem ■wissEiischaftlica und allgemein an dEr Psycho analyse Inter- 
essierten cine Fiillc von Hinwnisen ergeben . . . Die eingetiEnde kritischE Darstellung dssscn, was untEr ciner 
Analyse ventanden worde und wird* kann von groDem Interesse sein> (Zeit$chrift fur Senmkmst&uchaft) 

II) KARL ABRAHAM, Ver suck einer Entwicklungagesckickte Jer 
Libido auf Gruntl der Psyckoanalyse seeliscker 5t6rimgcn* Geheftet M j'JO 

Jeder Sati der in pragnantem Sti.1 geschriebenen Abhandlimg tragt die Zelchen langjahrlger und miihaamer 
praktischer Arbeit an sich;, die EingKStreuten Bruchstiicke aus XrankengEschichtEn iibcrzEUgcn mcht nur vbllig 
yon der empiriseh-kUnischcn Natur aller Behauptungen, aondcrn sjti& in ihrer Kurze und Pragnanz auch 
Meisterstiicke psychoanalytischer Darstellungskunst (International* Zettschrift fur Psychoanalyst) 

III) OTTO RANK, Eine Neurosenanalyse in Tratimen. Geheftet Mf — 

Diese ^Heilungsgeschichte" einer Zwangsneurose 1st wohl die detaillierterte Psychoanalyse, die publizlert 
worden 1st, mod als seiche ein wichtigEs Dokument (-Prof. Blatter in der Mitnchner Med. IVaehenschrift) 

Einen so auigezeiclmeten Tiaumforscher and SymbcJikkenner wie Rank sieht man hier in virtu oser Weisr 
der Kranken in 150 Stun den ihxe Traume nur hinalcliUich ihrer Symbolik und der ^psycho analytic chen 
Situation" deuten. * (ffitsthmann in der Ihtemationalen Zettschrift fur Psychoanalyse) 

IV) HELENE DEUTSCH, Psyckoanalyae der veiklicken Sexual- 
function en. Geheftet M yjO t Gandmwn My — 

In halt; I, Einleitung. — II. Infantile Sexualitat des Weibe*. — UL Dor Mfiimlichkeitakomplex des Weibe*. — 

IV, IMfferenzierung von Mann und Weib in der Fortpflanzunga peri ode. — V, Psychologic der Pubertate Die 
erste Menstruation. Typische Menstru&tionsbeschwerden. Schwierigkeiten der Pubertal, Typische PubertiU- 
phantasicn. TYiebschicksal in der Pubertate — VI. Der Deflorationsakt, — VII. Psychologic dss SeruaJaktes. — 
VIII. Frigidit&t und Stertlitat. — JX. Schwangerschaft und Geburtsakt. — X. Psychologie des WochenbEttes. — 
XL LaktatioiL — XII. Des Kliraakterium* 

V) WILHELM REICH, Der trietkafte Ckaraiter. Erne psycko- 

analytiscke Studic zut Patliologic Je* IcK. GekeftetM^JOy GanzleirienM 6' — 

An Hand eines recht seltenen Materials von triebhaften Psychopathen gelang es Reich, in die Entwdc-klung 
ihres Jchj, speziEll in die genetfschen Beziehungen vom Ich undt)bEr-Ich, intcressante Einblicke zu gEwinnpn . . . 
Difi Beschrejbun^ dieser Heobnchtungen und der GEdankEngan^, dEr aus ihncn thcoreLische ScliluGfolgerunfien 
zieht, -wird durch zahlrcichE erlauterndE und intEressanta E^kurse auf NebenthEtnen untprbrocben, die wie 
etwa die BEachreibunfi; der geschlechtlichen rtFehlidentlfiziEruiigen^ an Bedeutung hinter dem Haaptinhalt 
des Buches nicht 7.uruckstEhen. (Internationale Zeitschrift fur Psychoanalyst) 



[ntexnationaler Psychoanalytiscker verlag 

WSen VII