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^•M (Sn-^jir^^ ■
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
S I G M. K R E U D
GESAMMELTE
SCHRIFTEN
IV
GESAMMELTE
SCHRIFTEN
VON
SIGM. FREUD
VIERTER BAND
ZUR PSYCHOPATHOLOGIE DES ALLTAGS-
LEBENS / DAS INTERESSE AN DER PSYCHO-
ANALYSE / ÜBER PSYCHOANALYSE / ZUR
GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN
BEWEGUNG
INTERNATIONALER
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH
Die llrruusf^ube dieiei Bundes bi'sori^t f n
unter Mit Wirkung dv» Vi-rraascrt
Anna Freud. Ütio Kank und A. J. Storfer
Alle Koclito, ui>b()>Oiidcre die der Ubonctiung rorbehaltrn
Copyri^bt I<)I4 by „liiternntioiinlcr PiycboBnalytiiGher
Vpriiig. {;«». in. b. iL", Wien
ücwllichalt für uraphUch« Induttrl« Wlan, 111^ HUdangHM*
^
ZUR PSYCHOPATHOLOGIE
DES ALLTAGSLEBENS
(ÜBER VERGESSEN, VERSPRECHEN, VERGREIFEN,
ABERGLAUBE UND IRRTUM)
n7.ur Psychopathola^itf des AUtagflfhi-ns' itrscliirn 1904 (3. .luß. t^OJ,
J, Auß. 1910, 4. Auß. 1912, S- ^"ß- '9'7> ^' ^"ß- '9'9> 7. ^"fl-
1920, S. Auß. 1922, 9. Auß. 192), 10. Auß. flS.~ai. Taus,-ruiJ I924).
— Bis einschlirßlkh $• -^"ß- *'"» f'frlaffr S. Karffrr, Hnliti, i»n drr 6. Auß.
an im Intmuitionalfn IhychoanalytUchrn l rrlag, l^ipzig-lfirn-YAirich.
Aulorisifrte Ühersetzungen frsc/tirnrn in nuisischrr (von Dr. Mrdem, l9to),
poinischrr (Dr. JehtU und II. Ivanka. 1912), eitßlischrr (Dr. A. Hrill, I914>*
hollandischer (Dr. J. Stiirckt, 1916}, s/ianixchrr (Luis I .ofu-:- HaHratcroi y dr
Torres, 1922}, französisc/wr (Dr. Jankt'lt'virc/t, 1922) und unfinnsc/trr
Spracfie (Dr. Maria Takdcs, 192}).
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'
Nun ist (He Luft von sokliem Spuk so voll.
Daß niemand weiü, wie er iliM meiden soll.
Fatist, n. Tgil, K^kt.
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VERGESSKN VON KIGENNAMKN
Im Jahrpan^ 1898 der „Monatischrifi für Psychiatrie und
Neurolopif" habe ich unter dem Titel „Zum psychischen Mecha-
nismus der VergeßHchkeit" einen khMiien Aufsatz veröffenUicht,
dessen Inhalt ich hier wiederholen und zum Ausgang für weitere
Krörlerungen nehmen werde. Ich habe dort den häufigen Fall
des zeitweiligen Vergessens von Eigennamen an einem prägnanten
Üeiäpiel aus meiner Selbstbeobachtung der psychologischen Analyse
unterzogen und bin zu dem Ergebnis gelaugt, daß dieser gewöhn-
liche und praktisch nicht sehr bedeutsame Einzelvorfall von Ver-
sagen einer psychischen Funktion — des Erinnerns — eine
Aufklärung zuläßt, welche weit über die gebräuchliche Ver-
wertung des Phänomens hinausführt.
Wenn ich nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem
man die Erklärung forderte, wie es zugehe, daß einem so oft
ein Name nicht einfällt, den man doch zu kennen glaubt, sich
begnügen zu antw,-orten, daß Kigeiniamen dem Vergessen leichter
unterhegen als andersartiger Gedächtnisinhall. Er würde die
plausiblen Gründe für solche Bevorzugung der Eigeimamen
anführen, eine anderweitige liedingiheit des Vorganges aber nicht
vermuten.
Für mich wurde zum Anlaß einer eingehenden Beschäftigung
mit dem Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die Beoh-
Zur Psychopathologie des AÜtagsl^tens
achtung gewisser Kiiizelhcilori, (Üp sirli zwiu- nitlil in all*'ii
Fällen, aber in ein/.phu*n doullich gcmip erkeiiiii'H liissen. In
solchfMi Fällen wird niimlicli niclil mir vergcsfien, sondern
auch falsch erinnert. Dem sich um den entfallenden Namen
Bemühenden kcunnien iuidere — Rrsatznamen — zum
Bewußtsein, ilip zwar sofort als unriclitig erkannt weitlen, sich
aber doch mil {^roBer /iiliifikeit immer wieder uufdrJingen. Der
Vorganp, der zur Keproduklion des fjesufliteti Niunens ffllireii
soll, hat sich gleichsam verschoben und so zu einein
unrichtigen Krsatz geführt. Meine Vorauöiel/.uiig isl nun, doü
diese Verschiebung nidil psychiscbt-r Willkür überlassen ist,
sondern gesetzniiiiiigc und berei Iienliare Hahnen einhiih. Mil
anderen Worten, idi vermute, daH der oder die KrMUznanien in
einem aufspürbaren /usaintnerdiang mil dem gesuchten Namen
stehen, und hoffe, wenn es mir gehngt, diesen /uMumnenhang
naclrzuweisen, daini audi Kichl über tien Hergang des Namen-
vergessens zu verbreiten.
In dem i8()8 von mir zur Analyst- gewähUen Reispicl war es
der Name des Meisters, welcher im Diun von Orvieto die
gTuliartigeii Fresken von den „letzten Dingen" ges( halfen, den
zu erinnern ich mich vergebens bemülile. Anstalt \\\'s grMichten
Namens — Signorelli — driingteti sich mir zwei andere
Namen von Malern auf — Botticelli und Holtraffio — *
die mein [Jrteil sofort und entschietlen als unrichtig abwies. Als
rnir der richtige Name v{)ri Ireimler Si-iii- mitgeteilt wuitJe,
erkannte ich ihn sogleich und ohne Schwanken, Die Unter-
suchung, durch welche Finflüsse und auf welchen Assozialiun«-
wegen sich die Ki-prochiklinn in solihrr Weise — von Signo-
relli auf Botticelli und Holt raff in - verschoben hatte,
führte '/u folgenden Ergebnissen :
a) Der GrutuI für das' l'.nifallen iles Namens Signorelli ist
weder in einer Besonderheit dies<>K Namens sellMil, noch in einem
psychologischen (Ihnraklcr des /nsjtininenhanges zu fuchen, in
/. ygrgessen von Eigennamen
welchem derselbe eingefügt war. Der vergessene Name war mir
ebenso vertraut wie der eine der Ersatznamen — Botticelli —
lind ungleich vertrauter als der andere der Ersalznamen —
Bollraßio — , von dessen Träger ich kaum etwas anderes anzu-
geben wüßte, als seine Zugehörigkeit zur mailändischeii Schule.
Oer Zusammenhang aber, in dem sich das Namenvergessen
ereignete, erscheint mir harmlos imd führt zu keiner weiteren
Auftlärung : ich machte mit einem Fremden eine W'agenfahrt
von Ragusa in üalmatien nach einer Station der Herzegowina^
wir kamen auf das Reisen in Italien zu sprechen, und ich fragte
meinen Reisegefährten, ob er schon in Orvieto gewesen und dort
die berühmten Fresken des *** besichtigt habe.
b) Das Namen vergessen erklärt sich erst, wenn ich mich an
das in jener Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema
erinnere, und gibt sich als eine Störung des neu auf-
tauchenden Themas durch das vorhergehende zu
erkennen. Kurz ehe ich an meinen Reisegefährten die Frage
stellte, ob er schon in Orvieto gewesen, halten wir uns über die
Sitten der in Bosnien und in der Herzegowina
lebenden Türken unterhalten. Ich hatte erzählt, was ich von
einem unter diesen Leuten praktizierenden Kollegen gehört hatte,
daü sie sich voll Vertrauen in den Arzt und voll Ergebung in
das Schicksal zu zeigen pflegen. Wenn man ihnen ankündigen
muÜ, daß es für den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten
sie: „Herr, was ist da zu sagen? Ich weiß, wenn er zu retten
wäre, haltest du ihn gerettet!" — Erst in diesen Sätzen linden
sich die Worte und Namen: Bosnien, Herzegowina, Herr
vor, welche sich in eine Assoziationsreihe zwischen Signorelli
— Botticelli und Boltraffio einschalten lassen.
c) Ich nehme an, daü der Gedankenreihe von den Sitten der
Türken in Bosnien usw. die Fähigkeit, einen nächsten Gedanken
zu Klören, dämm zukam, weil ich ihr meine Aufmerksamkeit
entzogen hatte, ehe sie noch zu Ende gebracht war. Ich erinnere
8 ZurPsychopathologu! des AtUügsUbens
mich nämlich, daß ich eine zwoite Am-kiiuli- .■iviilih-Ti wollte, dii'
nahe bei der erstt-n in meinem Ccdürhliiis ruhte. Dies«' Türken
schätzen den Sexualgenuü über hIIos und verfallen Ihm M'xuelleti
Störungen in eine Verzweiriinig, welche seilsam gegen Ihre
Resignation bei Todesgefahr absticht. Kiner der Patienten meines
Kollegen hatte ihm einmal gesagt: „Hn weißt ja, Herr, wenn
das nicht mehr geht, dann hat das Leh.ii keinen Wert" Ich
unterdrückte die Mitteilung di<'ses charakieristisclien Zuges, weil
ich das Thema nicht in einem Oespiach mit einem Fremden
berühren wolhe. Ich tat aln-r noch mehr; ich lenkte meine Auf-
merksamkeit auch von der Fortsetzung der (Jedanki-n uh, die
sich bei mir an das Thema „Tod und Sexualiiai" hätten knüpfen
können. Ich stand damals unter der Naclmirkung einer Nucli-
richt, die ich wenige Wochen vorher wahrend eines kurzen
Aufenthaltes in Trafo i erhalten hatte. Kin Patient, mit dem
ich mir viele Mühe gegeben, halte wegen einer unheilliaren
sexuellen Stiirung seinem Leben ein Knde gemacht. Icli weiß
bestimmt, daß mir auf jener Reise in die Herz-egowina dioM«
traurige Kreignis und alles, was damit zusininnenhiingl, nicht zur
bewußten Krinneruiig kam. Aber die tllien-insiinuniiiig Trafoi —
Boltraffio nötigt mich anznuehinen, daß damals di(«e
Reminiszenz trotz der absichtlichen Ableukvmg meiner Aufmerk-
samkeit in mir zur Wirksamkeit gebracht wiinieii ist.
d) Ich kann das Vergessen des Niunr-ns Signorelh nicht mehr
als ein zufälliges Kreignis aufTa.ssen. h h muß den KinflnÜ eines
Motivs bei diesem Vorgang anerkennen. K,s waren Motive, die
mich veranlaBten, mich in der Mitteihnig meiner (ie<lanken
(über die Sitten der Türken usw.) zu unterbrechen, un<l die mich
femer bi-einflutiien, die daran sich knüpfenden (J.-danken, die bi«
zur Nachricht in Trafoi geführt hiilti-n, in mir vom RewuOt-
werden auszusthlicBen. kh wollte also etwas verg<'8sen, ich hatte
etwas verdrängt. Ich wollte allerdings etwan andere« vergessen
als den Namen des Meisters von Orvioto; aber die.srs andere
/. f^ergessen von Eigennamen
brachte ps zustande, sich mit dessen Namen in assoziative Ver-
liindutig zu seUen, so daß mein Willensakt das Ziel verfehlte
und ich das eine wider Willen vergaß, wahrend ich das
andere mit Absicht vergessen wollte. Die Abneigung, zu
erinnern, richtete sich gegen den einen Inhalt; die Unfähigkeit,
zu erinnern, trat an einem anderen hervor. Es wäre offenbar ein
einfacherer Fall, wenn Abneigung und Unfähigkeit, zu erinnern
denselben Inhalt beträfen. — Die Ersatznamen erscheinen mir
auch nicht mehr so völlig unberechtigt wie vor der Aufklärung^
sife malmen mich (nach Art eines Kompromisses) ebensosehr an
das, was ich vergessen, wie an das, was ich erinnern wollte, und
zeigen mir, daß meine Absicht, etwas zu vergessen, weder ganz
gelungen, noch ganz mißglückt ist.
e) Sehr aufTällig ist die Art der Verknüpfung, die sich
zwischen dem gesuchten Namen und dem verdrängten Thema
(von Tod und Sexualität usw., in dem die Namen Bosnien,
Herzegowina, Trafoi vorkommen) hergestellt hat. Das hier ein-
geschaltete, aus der Abliandlung des Jahres 1898 wiederholte
Schema sucht diese Verknüpfung anschaulicli darzustellen.
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i£noArl!i
(ßoJllLCcIli
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Hcfjzegouina u/ßo^^smcn
If<'/\ uas ist da zu- sagen etc.
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^— ^ Tod und Sexualität
ItraJJio
(f^erdrän^te (Jedanketi)
10 Zur Psychopattmlogie des AUtag»id)ent
Der Name vSigiiorelli ist dubci in zwf*i Siilckc zcih-pi Mnrden.
Das eine Silbfn])iinr ist in ciiRTn der Knüitznamcn unvcriindcrt
wiedergekehrt (elli), das lindere Iiul durch die Übersetzung
Signor — Herr mehrfatlie inid versrliiecienartigr Be/ieliungen
zu den im venli'ängten Thrnia enlliHlteiien Namen gewoinien, ist
aber dadurih lür die Keprodiiküon verloren g<'giiiigen. Sein
Ersatz hat so staMgi-lundiMi, als nli eine \ erM"hic*l>ung lang«, der
Namenverhindiiiig „Heiy.egowina und liosiiien" vorgenommen
worden wäre, ohne Rücksicht uuf den Sinn mid auf die akuhtiiKlie
Abgrenzung der Silben zu iielnnen. Die Natneti sind als« bei
diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wit- die Sthri(tt)ildiT
eines Salzes, der in ein llildermtsel (Kebus) umgewandelt viei-deii
soll. Von dem ganzen Hergang, der unsiaii des NanieiiH Signnrelli
auf solchen Wegen die Krwitznameii geschalTen Iml, iNl ilein
Bewußtsein keine Kunde gegeben wonlen. I'äiie [le/.iehung zw isilien
dem Tliema, in dein der Name Signorelli vorkam, und dem
zeillicli ihm vorangehemien verdriiiigten 'l'henui, welche über
diese Wiederkehr gleicher Silben («der vielmehr lUicliKUdien folgen)
hinausginge, scheint zunächst nicht iinnindbar zu Wfin.
Es ist vielleiciit nicht Überflüssig zu bemerken, did) die voll
den Psychologen angenomment'n IJediiigungen der Reproduktion
und des Vergessens, die in gewissen H ein li< tuen und l)i.s]M)vilionen
gesuclit werden, diuTh die vorstehende AufkUirurig eim-n \^ ider-
spruch nicht erfahren. Wir liaben nur für gewiss«- l-alle zu all
den langst anerkannlen Monn-nten, die das \'i-rgessen eines
Namens bewirken köimen, noch ein Motiv hin/ugrfiigl und j
überdies den Mechunisnuis des FehliTinneriis klargeb-gi. Jene
Dispositionen sind auch für luiseren Kall unenlbelnlit h, um die
Möglichkeit zu schaffen, daU das verdrängte Klemenl »>irl)
assoziativ des gesuchten NHm<'nK bemächtige und i-s mit sji h in
die Verdrängung nehme, »ei einem anderen Nanit-n mit \
günstigeren Keproduktionslit-dingUMgen wäre dies vielleiciit nicht
geschehen. Es ist ja wahrscheinlich, <luU ein unterdrücktes l'Uemenl
I
#
/, l'crgessrn jv/i Eif^i-nnantcn
1 1
allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zur Geltung; zu bringen,
diesen Erfolg aber nur dort erreiclii, wo ihm geeignete Bedin-
gungen entgegenkommen. Andere Male gelingt die Unterdrückung
ohne Kunklionsslörung, oder, wie wir mit Recht sagen können,
ohne Symptome.
Die Zusajnmenfassung der Bedingungen iür das Vergessen eines
Namens mit Fehlerinnern ergibt also: i.) eine gewisse Uisposition
zum Vergessen desselben, 2.) einen kurz vorher abgelaufenen
IJnterdrttckungsvurgang, 5.) die Mtiglichkeit, eine äußerliche
Assoziation zwisclien dem belrcflcnden Namen und dem vorher
unterdrückten Riement herzustellen. Letztere Bedingung wird man
wahrstheinlich nicht sehr hoch veranschlagen müssen, da bei Am\
geringen Ansprüchen an die Assoziation eine solche in den aller-
meisten Fällen durchzusetzen sein dürfte. Eine andere und tieler
reichende Frage ist es, ob eine solche äußerliche Assoziation
wirklich die genügende Ileillngung dafür sein kaim, tlaß das
verdrängte Riement die Reproduktion des gesuchten Namens
Störe, ob nicht doch notwendig ein intimerer Zusammenhang der
beiden Themata erfoiderlich wird. Bei oberflächiiclier Betrachtung
würde man letztere Forderung abweisen wollen und das zeilliche
Aneinanderstoßen bei völlig disparatem Inhah für genügend halten.
Bei eingehender Untersuchung findet man aber immer häufiger,
daß die beiden durch eine äußerliche Assoziation verknüpften
Elemente (das verdrängte und das neue) außerdem einen
inhaltlichen Zusammenhang besitzen, und auch in dem Beispiel
Signorelli läßt sich ein solcher erweisen.
Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels
Signorelli gewonnen haben, hängt natürlich davon ab, ob wir
diespn Fall für ein typisches oder für ein vereinzeltes Vorkommnis
erklären wollen. Ich muß nun behaupten, daß das Namen vergf^ssen
mit Fehlertnnem ungemein häufig so zugeht, wie wir es im
Falle Signorelli aufgelöst haben. Fast allemal, da ich dies
Phänomen bei mir selbst beobachten konnte, war ich auch
12
Zur Psychopathologir des AUtaf^slrhens
imstande, es mir in der vorerwähnten Woisc als durch Ver-
drängung motiviert zu erklären. Idi niuü nuch notll cini-n
anderen Gesichtspunkt /.uf-unsten dor typisc-lien Natur unsenT
Analyse geltend machen. Ich glaube, daß man nicht l..-irrhtigl
ist, die Fälle von Namen vergessen mit iM'hlerinnern prinxipiell
von solchen zu trennen, In denen sich unrichtige Krsatznaini-n
nicht eingestellt haben. Diese Rrsatziiamen kommen in einer
Anzahl von Fallen spontan; in anderen Füllen, wo sie niclii
spontan aufgetaucht sind, kann man .sie durch Anstrengung der
Aufmerksamkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen dann
die nämlichen Beziehungen zum verdrängten Fleini-nt un<l /.um
gesuchten Namen, wie wenn sie spontan gekommen wären. Für
das ßevvußtwerden des Frsatynüniens scheinen zwei Momente
maßgebend zu sein, erstens die Jiemülunig der Aufmcrksiunkeii,
zweitens eine innere Bedingung, die am iisyc-lnsthen Material
haftet. Ich könnte letztere in der grüUeren oder geringeren
Leichtigkeit sudien, mit welcher sich die beiiöiigie äußerliche
Assoziation zwischen den beiden Klementcn herstellt. Kin gulwr
Teil der Fälle von Namen vergi-.wen ohne Fehlerinnern schließt
sich so den Fällen mit lüsatzuamenbildung an, filr weh he der
Mechanismus des Beispiels „Sigtiorelli" gilt. It h werde aber
mich gewiß nicht der lieliauiituiig <"iknhuen, daß alle Fälle von
Namenvergessen in die nämliche Gruppe einzureihen seien. lis
gibt ohne Zweifel Fälle von Namen vergessen, di«' weit einfacher
zugehen. Wir werden den Sachverhalt wehl vorsichtig genug
dargestellt haben, wenn wir aussprwhon ; Neben dem ei n-
fachen Verge.^sen von Kigennameu kommt auch
ein Vergessen vor, welches durch Verdrängung
motiviert ist.
II
VERGESSKN VON FREMDSPRACHIGEN WORTEN
Der gebräucli liehe Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheini,
innerhalb der Breite normaler Funktion gegen das Vergessen
geschützt. Anders steht es bekanntlich mit den Vokabeln einer
fremden Sprache. Die Disposition zum Vergessen derselben ist für
alle Redeteile vorhanden, und ein erster Grad von Funktions-
störung zeigt sicli in der Ungleichmiißigkeit unserer Verfügung
über den fremden Sprachschatz, je nach unserem Allgemein-
befinden und dem Grade unserer Ermüdung. Dieses Vergessen
geht in einer Reihe von Fällen nach demselben Mechanismus
vor sich, den uns das Beispiel „Signorelli" enthüllt hat. Ich
werde zum Beweise hiefür eine einzige, aber durch wertvolle
Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den
Fall des Vergessens eines nicht substantivischen Wortes aus einem
lateinischen Zitat betrifft. Man gestatte mir, den kleinen Vorfall
breit und anschaulich vorzutragen.
Im letzten Sommer erneuerte ich — wiederum auf der
Ferienreise — die Bekanntschaft eines jungen Mannes von aka-
demischer Bildung, der, wie ich bald merkte, mit einigen meiner
jisychologischen Publikationen vertraut war. Wir waren im
fJespräch — ich weiß nicht mehr wie — auf die soziale Lage
des Volksstammes gekommen, dem wir beide angehören, und er,
der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern darüber, daß seine
l± Zur Psychopathohgie des AUtüßsIelfens
Generation, wie er sich äuHerte, zur Verkümmerung hestimuit
sei, ihre Talente niciit entwickeln und ihre Bedürhiisse nicht
befriedigen könne. Er schloß seine leieicnschnfilich bewo^rti* Rede
mit dem bekannten Vertuschen Vei-s, in dem die unglückliche
Dido ihre Rache an Aeiieas der Nachweh illiertriigt: Exurinn- . . .,
vielmehr er wollte so schlieHen, (ienu er InachLe das Zitat nicht
zustande und suchte eine otierikmidige Lüt k<? der Krinrmrung
durch UmstelUiiig von Worten zu verdecken: Rxonar(e) ex
nostris ossibus ultor! KndÜch sagte er geärgert: „lÜiie, nuiclien
Sie nicht ein so spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner
Verlegenheit weiden würden, und IieUen Sie mir lir-her. An dem
Vers fehlt et%vas. Wie heiüt er eigentlich vollständig?"
Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet:
Exoriar(e) aliquis nostris ex ossibus ullor!
„Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. tJhrigeiis von
Ihnen hört man ja, daH man ni( hts i>hiie (Jiuiid vergilll. Uh
wäre doch zu neugiei-ig /.u erfahren, wie ich zum Vergessen
dieses unbestimmten Pronomen aliquis kommi»."
ich nalnn diese Herauslorderinig bereitwilligst an, da ich eitu-ii
Beitrag zu meiner Samnilung erholite. Uli sagte also: Das kömien
wir gleich haben. Ich rmiB Sie nur bitten, nur' aufrichtig und
kritiklos alles mitzuteilen, was Ihnen einlallt, wenn Sie ohne
bestimmte Absiclit Hn'e Aufmerksamkeit auf das vergessene Wort
richten'.
„Gut, da komme ich also auf den lücherlicheri F.infnll, mir
das Wort in folgender Art zu zei-teileii: a und tü/uis.^'
Was soll das? ^ „WeiÜ ich nicht." ■ Was milt Ihnen
weiter dazu ein? — „Uas setzt sich so fort; Relitiulon —
Liquidation — Flüssigkeit — [''luid. Wissen Sie jetzt
schon etwas?"
Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort.
i) Die* itt der &llgeincinc Weg, um VontpIliiiigM^lcmnilP, die «ich verborgen
«lern Bewußtsein luiufiihrcu. Vergl, tneini] „Traumdviituiig" (7. Aufl., 5. 71).
//. / 'ergessen fon Jreindsprachigen Pforten 1 5
„Ich denke", fuhr er höhnisch lachend fort, „an Simon von
Trient, dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche
in Trienl gesehen habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung,
die gerade jetzt wieder gegen die Juden erhoben wird, und an
die Schrift von K I e i n p a u I, der in all diesen angeblichen
Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen des Heilands sieht."
Der Einfall ist nicht ganz ohne Zu.sammenhang mit dem
Thema, über das wir uns unterhielten, ehe Ihnen das latei-
nische Won entfiel.
„Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem
italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube, er
war überschrieben: Was der hl. Augustinus über die Frauen
sagt, \^'i^.'^ machen Sie damit?"
Ich warte.
„Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiß außer Zusammen-
hang mit unserem Thema steht."
Enthalten Sie sich gefalligst jeder Kritik und —
„Ich weiß schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten
Herrn, den ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein
wahres Original. Er sieht aus wie ein großer Raubvogel. Er
heißt, wenn Sie es wissen wollen, Benedikt."
Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und
Kirchenväteni: Der heilige Simon, St. Augustinus, St. Bene-
diktus. Ein Kirchenvater hieß, glaube ich, Origines. Drei
dieser Namen sind übrigens auch Vornamen wie Paul im
Namen Kleinpaul.
„Jetzt fallt mir der heilige Januarius ein und sein Blut-
wunder — ich finde, das geht mechanisch so weiter."
Lassen Sie das; der hellige Januarius und der heilige
Augustinus haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen
Sie mich nicht an das Blutwunder erinnern?
„Das werden Sie doch kennen! In einer Kirche zu Neapel
wird in einer Phiole das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt.
j6 Zw Psychopathologie des Alltagslebens
welches durch ein Wunder an pinern bestimmten Fostlap wieder
flüssig wird. Das Volk bäh viel auf dieses Wunder und wird
sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert, wie es einmal zur 'A-it
einer französischen Okkupation geschah. Un nalim der kom-
mandierende General — oder irre ich mich? war es Garibaldi?
— den geistlichen Herrn beiseite und bedeutete ihm mit einer
sehr verständhchen Gebärde auf die draußen aufgeslelllen Siddaten,
er hoffe, das Wunder werde sich sehr baUl vollziehen. Und es
vollzog sich wirklich . . .
Nun und weiter? Warum stocken Sie?
„Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen . . . das ist aber zu
intim für die Mitteilung . . . Ich sehe übrigens keinen Zusammen-
hang und keine Nötigung, es zu eraihlen."
Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Icli kann Sie ja
nicht zwingen zu erzählen, was Ihnen unangi-neinn ist; dann
verlangen Sie aber auch nichi von mir /.u wissen, auf welchem
Wege Sie jenes Wort al'Hjuis vergessen haben.
..Wirklich? (Jlauben Sie? Also icli habe pUlt/.lich an eine Dame
gedacht, von der ich leicht eine Nachricht bi-kommen kflnni«-,
die uns beiden recht unangenehm wäre.
Daß ihr die Periode ausgeblieben ist?
„Wie können Sie das erraten?"
Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf
vorbereitet. Denken Sie an die K ale n d er hell i fje n. an das
Flüssigwerden des Blutes zu einem bestimmten |
Tage, den Aufruhr, wenn das Ereignis nicht eintritt,
die deutliche Drohung, daß das Wunder vor sich
gehen muß, sonst. . . Sie haben ja das Wunder des heiligen
Januarius zu einer prächtigen Anspielung auf die Periode der
Frau verarbeitet.
„Ohne daß ich es gewußt hätte. Und Si<' meinen wirklich,
wegen dieser ängstlichen Frwartung hatte ich das Wiirtihen
aliquis nicht reproduzieren köiuien?'
//, Vergessen von fremdsprachigen WurWt 1 7
Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie .suli doch an Ihre
Zerlegung in a — liquis und an die Assoziationen: Heliquien,
Liquidation, Flüssigkeit- Soll ich noch den als Kind
h i ngeopf erten heiligen Simon, auf den Sie von den Keliquien
her kamen, in den Zusammenhang einflechten?
„Tun Sie das lieber nicht. Ich holTe, Sie uehinen diese
Gedanken, wenn ich sie wirklich gehabt habe, iiiclit für Krnst.
Ich will Ihnen dafQr gestehen, daß die Dame Italienerin ist, in
deren Gesellschaft ich auch Neapel besucht liidu'. Kann das aber
nicht alles Zufall sein?"
Ich muß es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie sich
alle diese Zusammenhänge durch die Annahme eines Zufalls
aufklären können. Ich sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den
Sie analysieren wollen, wird Sie auf ebenso merkwürdige „Zufälle"
führen '.
Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren
Überlassung ich meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde,
zu schätzen. Erstens, weil mir in diesem Falle gestattet war, aus
einer Quelle zu schöpfen, die mir sonst versagt ist. Ich bin
zumeist genötigt, die Beispiele von psychischer Funktionsstörung
im täglichen Leben, die ich hier zusammenstelle, meiner Selbst-
beobachtung zu entnehmen. Das weit reichere Material, das mir
meine neurotischen Patienten liefern, suche ich zu vermeiden,
weil ich den F-inwand fürchten muß, die bi-ireffendm Phüiionu-ne
seien eben Erfolge und Äußerungen der Neurose. Es hat also
besonderen Wert für meine Zwecke, wenn sicli eine nen'en-
gesunde fremde Person 7.um Objekt einer solchen Untersuchung
1 ) Dirse kleine Analvi« hal viel Aiirmvrktamlicit in der Literatur grfundpn und
lebhafte Diskus»ionfn her\orgerufen, R. Bleuler hnl gcrude an ihr die Glaub-
würdigkeit piychoanalv lisch er Deutungen mathematiich lu erfaiien veriucht und itt
xiim Schluß gelanj^l. daß »ie mehr VVahncheitilichkeitiwert hat alt Tnuieiide von
unnngefochlcneii medi*ini«chen „Erkcnntniiieu" und daß iic ihre Sniidrrttriliuig nur
dadurch bekommt, daß man noch nicht gowohnl isl, in der Wiiientchnfl mit p«jcho-
logiichen Wahncheinlichkeiten lu rechnen. ^Uai >utiitiK-h-undittiplinierl« Uvnkan in
der Mcdiiin und »eioe Überwindung. Berlin, 1919).
Fraud, IV. ■
jg Zur Psychopaüiologie des /tUtagsIebera
erbietet. In anderer Hinsicht wird mir dieso Analyse bedrutinigs-
voU, indem sie einen Fall von Wortvergessen ohne Ersaiwrinnern
beleuchtet und meinen vorhinein iiul gestellten Satz bcsUiiiß^t,
daß das Auftauchen oder Ausbleiben von uin-icbligi-n KrsaU-
erinnerungen eine wesentliche Untersclieidung nicht hegiinidcn
kann.'
Der Hauptwert des Beispiels alü/uix ist aber in .'inem
anderen seiner Unterschiede von dem l'all.' „Sifiiiorelli" gelegen. f
Im letzteren Beispiel wird die Reproduktion des Namens gestört
durch die Nachwirkung eines Gediuikcngnuprs, der kurz, vorher '.
begonnen und abgebrochen wurde, dessi-n Inhalt alier in keinem
Feinere Beobachtung »chrHnVt don Gcgctisali iwiichen der Atiiily«« „Signorelli"
und der von aliquis betreff» der ErantierimienuigPti um pinigei ein. Auch hier .cheint
nämlich das Vergessen von einer Ersiilil.lldiuig Ij.-Rl.-iU't in ..-In. AI. ich nu mrinen
Partner nachträglich die [Vage «teilte, <.l. ilun hei «<-in.-n Iteiiiühuiigcu. dn. frhlendc
Wort lu eriimem, nicht irgend etwa« mm Er»oti eingefulli-u »oi, berichtete er. daß
er lunächit die Versuchung verspürt habe, ein ab in <!.■» Verl lu bringen: naiirii
ab ossihui (vielleicht da» unverkniipflo Sliick von a-tif,uU} und dann. dnO ilch ihm
iastxoriart besonder» deutlich und hurtnii.Iuf; juifcedriiugt h/.be. AI. Skeptiker |
»ettte er hiniu: offenbar weil «» da« erste \V..r( d.^ Verir. wiir. AI. uh ihn bat. J
doch auf die Assoxintionen von txoriart aiil lu hMiti, giih rr mir Eioniimui »n.
Ich kann mir nUo .ehr wohl denken, daß du- VerKltirkung von «ori/irr in dor
Reproduktion eigentlich den Wert einer »olchen Ersiilibildung hiitle. Die.elhe wlire
über die AMoiiation: Exorxi»mui vgn den Namen der H ei li geu her erfolgt.
Inde» lind dies Fi-inheilen, uuf dit- man keinen Wert tu legen hrnuclit. [V. Wilson;
The impcrceplible Obvioiis, Hcvislii de Psiipiinlrin, l.imn. Juiuiar igia. betont
dagegen, daß der Verstärkung von exuriare ein hoher nnfkliirender Werl »ukomme.
da Exonismu» der beste .ynibnlische Ersatz für den verdningten (icdnnkiui lui die
Beseitigung de» gefürchlcten Kindes durch Abortu» wHre. Ich kann diese lleriehligung.
welche die Verbindlichkeit der Aualyio nicht «chüdigt, dimkeml nnnehnien.) — Es
erscheint nun aber wohl mligUch, diiü du» Auftreten irgend euier Art von Er<ati-
erinneriing ein konstantes, vielleicht auch nur ein chnrakteriitiiehe» und verrntB- ■
ri«che» Zeichen de» tendenTiüsen, durch Verdrängung motivierten Vergri.cn» i»t.
Diese Ersatibildnng bestände otich dort, wo das Auflaiicheu unrichtiger Krsnitnamcn ,;
ausbleibt, in der Verstärkung eine» I'.lenu-nli-s. wilchp» dem vergessenen heinchbarl
ist. Im Falle „Signorelli" war i. B., solange mir der Name de» Mnler. umu^-riuglich
blieb, die visuelle Flrinnening an den Zyklui von Eroiken und an »ein in der Ecke
eine» Bilde» angebrachte» Selbstporlnit ii b e r d e u 1 1 i <- h, jedenfnll» weit intensiver,
all viiuelle Erinnerung» »puren sonst bei nur uuflreten. In einem nuderr.i lalle, dor
gleichfalls in der Abhandlung von iS<)K mit{{el.-Ul ist, hotte ieh von der Adresse
eine» mir unbequemen Besuche» in einer fruniden Stadt den StraÜrnnauie»
hoffnungslos vergessen, die Hansnummer aber wie lutn Spott — überdeutlich
gemerkt, während mir »onst da» Erinnern von Zahlen die grüüte Seluvierigkeil
bereitet.
//. Vergessen von fremdsprachigen TForten ig
deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand, in dem
der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten
und dem Thema des vergessenen Namens bestand bloß die
Beziehung der zeitlichen Kontiguität; dieselbe reichte hin, damit
sich die beiden durch eine äußerliche Assoziation in Verbindung
setzen konnten'. Im Beispiel aliquis hingegen ist von einem
solchen unabhängigen verdrängten Thema, welches unmittelbar
voiher das bewußte Denken beschäftigt hätte und nun als
Störung nachklänge, nichts zu merken. Die Störung der Repro-
(Uiklion erfolgt hier aus dem Innern des angeschlagenen Themas
heraus, indem sich unbewußt ein Widerspruch gegen die im
Zitat dargestellte Wunschidee erhebt. Man muß sich den Hergang
in folgender Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, daß die
gegenwärtige Generalion seines Volkes in ihren Rechten verkürzt
wird; eine neue Generation, weissagt er wie Dido, wird die
Rache an den Bedrängern übernehmen. Er hat also den Wunsch
nach Nachkommenschaft ausgesprochen. In diesem Moment fährt
ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen. „Wünschest du
dir Nachkommenscliaft wirklich so lebhaft? Das ist nicht wahr.
In welclie Verlegenheit kämest du, wenn du jetzt die Nachricht
erhieltest, daß du von der einen Seite, die du kennst. Nach-
kommen zu erwarten hast? Nein, keine Nachkommenschaft, —
wiewohl wir sie für die Rache brauchen." Dieser Widerspruch
bringt sich nun zur Geltung, indem er genau wie im Beispiel
Signorelli eine äußerliche Assoziation zwischen einem seiner
Vorstellungselemente und einem Element des beanstandeten
Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst gewalt-
same Weise durch einen gekünstelt erscheinenden Assoziations-
utnweg. Eine zweite wesentliche Übereinstimmung mit dem
i) Ich mochte für da* Fehlen eines inneren Zusammenhanges iwischen den
beiden Ocdankenkrcisen im Falle Signorelli nicht mit voller Überiengung einstehen.
Bei sorgfältiger Verfolpmg der verdrängten Gedanken über das Thema von Tod
und Scxiinllcbcn stößt man doch auf eine Idee, die sich mit dem Thema der Fresken
von Orrieto nahe berührt.
so
Zur Psychopathologie lUs AUtagsM/rns
Beispiel Sif^norelli ergibt sich danrns, daß der Widerspruch aus
verdrängten Quellen stammt und von Gedmikeii nusgeht, welche
eine Abwendung der Aufmerk.siunkeit hervorrufen würden. —
Soviel über die Verse hie<Ienlieit und über die innere Verwnndt-
schaft der beiden Paradigmata des Namen verg<'s.sens. Wir haben
einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die
Störung eines (Jedankens durch einen ans dem Verdrängten
kommenden inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang,
der uns als der leichter verständliche erscheint, im Laufe dieser
Erörterungen noch wiederholt begegnen.
m
VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN
Erfahrungen, wie die eten erwähnte, über den Hergang des
Vergessene eines Stückes aus einer fremdsprachigen VVortfolge
können die VVißbegierde rege machen, ob denn das Vergessen
von Wortfolgen in der Muttersprache eine wesentHch andere
Aufklärung erfordere. Man pflegt zwar nicht verwundert zu
sein, wenn man eine auswendig gelernte Formel oder ein
Gedicht nach einiger Zeit nur ungetreu, mit Abänderungen und
I-ücken reproduzieren kann. Da aber dieses Vergessen das im
Zusammenhang Erlernte nicht gleichmäßig betrifft, sondern
wiederum einzelne Stücke daraus loszubröckeln scheint, könnte
es sich der Mühe verlohnen, einzelne Beispiele von solcher
fehlerhaft gewordenen Reproduktion analytisch zu untersuchen.
Ein jüngerer Kollege, der im Gespräche mit mir die Ver-
mutung äußerte, das Vergessen von Gedichten in der Mutler-
sprache könnte wohl ähnlich motiviert sein wie das Vergessen
einzelner Elemente in einer fremdsprachigen Wortfolge, erbot
sich zugleich zum Untersuchungsobjekt. Ich fragte ilm, an
welchem Gedichte er die Probe machen wolle, und er wählte
„Die Braut von Korinth", welches Gedicht er sehr liebe und
wenigstens Strophen weise auswendig zu kennen glaube. Zu
Beginn der Reproduktion traf sich ihm eine eigentlich auffällige
Unsicherheil. „Heißt es: ,Von Korinthus nach Athen gezogen',"
23
Zur Psychopathologie des AUiagsU-ifeits
I
fragte er, „oder »Nach Korinllms von Athen go/open*." Auch
ich war einen Moment hinge schwjmkencl, bis ich lachend
bemerkte, daß der Titel des Gedichtos „Die Braut von Korinth"
ja keinen Zweifel darüber lasse, welchen W.^g der Jüngling
ziehe. Die Reproduktion der ersten Strophe ging dann ghitl
oder wenigstens ohne nninillige Vermisflnnig vor sich. Nncli
der ersten Zeile der zweiten Strophe firhien der Kollege eine
Welle zu suchen; er setzte bald fort und rezitierte also:
Aber wird er auch willkonmu-n scliciiu-n.
Jetzt, wo jeder Tag was Ncucb liriiif;!?
Denn er ist noch liculc mit den Si-iiicn
Und sie sind Christen und - - gelauft.
Ich hatte schon vorher wie befremdet aufgehorcht; nach dem
Schlüsse der letzten Zeile waren wir beide einig, daü hier eine PLnt-
stellung stattgefunden habe. Da es uns aber nicht g-lang, dieselbe
zu korrigieren, eilten wir zur llibliniliek, um (ioethes (iedichle zur
Hand zu nehmen, und faiiden zu unserer Oberrasdunig. daß die
zweite Zeile dieser Strophe .-inen viillig an.leren Worllanl hübe,
der vom Gedächtnis des Kollegen gleichsam herausgeworfen und
durch etwas anscheinend fremdes ersetzt wordm war. Ks hieU
richtig:
Aber wird er auch willkoinint-n sclicincn,
Wenn er teuer n i cli l die Gun>t erkiiuft.
Auf erkauft" ri-imte „getauft luid es schien mir sonderbar,
daß die Konstellation: Heide, Christen und getauft, ilm bei der
"Wiederherstellung des Textes so wenig gefüidert halte.
Können Sie sich erklären, fragte iih den Kollrg.-n, daß Sie ni
dem Ihnen angeblich so wohl vertrauten Cedit hu- di(^ '/-i-ile so
vollständig gestrichen haben, und haben Sie t^ne Abmnig, aus
welchem Zusammenhang Sie den Krsalz holen konnten?
Er war imstande, Aufkliirnng zu geben, obwohl er es offenbar nicht
sehr gern tat. „Die Zeile: Jetzt, wo jtnlerTag was Neues bringt, konnni
mir bekannt vor; ich muß diese Worte vor kurzem mit Bezug avii
///. f'ergessen von Namen und fVortfolgen 23
meine Praxis gebraucht haben, mit deren Aufschwung ich, wie Sie
wissen, gegenwärtig sehr zufrieden bin. Wie dieser Salz aber daliinein
gehört? Ich wüßte einen Zusammen! lang. Die Zeile ,wenn er teuer
nicht die Gunst erkauft* war mir offenbar nicht angenehm. Es hängt
das mit einer Bewerbung zusammen, die ein erstes Mal abge.schlagen
worden ist, und die ich jetzt mit Rücksicht auf meine sehr gebesserte
materielle Lage zu wiederholen gedenke. Ich kann Ihnen nicht mehr
sagen, aber es kann mir doch gewiß nicht lieb sein, wenn ich
jetzt angenommen werde, mich daran /.u erinnern, daß eine Art
von Berechnung damals wie nun den Ausschlag gegeben hat."
Das erschien mir einleuchtend, auch ohne daß ich die näheren
Umstände zu wissen brauchte. Aber ich fragte weiter: Wie
kommen Sie überhaupt dazu, sich und Ihre privaten Verhältnisse
in den Text der „Braut von Korinth" zu mengen? Bestehen
vielleicht in Ihrem Falle solche Unterschiede der Rehgions-
bekenntnisse, wie sie im Gedichte zur Bedeutung kommen?
(Keimt ein Glaube neu,
wird oft Lieb' und Treu
wie ein böses Unkraut ausgerauft.)
Ich hatte nicht richtig geraten, aber es war merkwürdig zu
erfahren, wie die eine wohlgezielte Frage den Mann plötzlich
hellsehend machte, so daß er mir als Antwort bringen konnte,
was ihm sicherlich bis dahin selbst unbekannt geblieben war.
F-r sah mich mit einem gequälten und auch unwilligen Blick
an, murmelte eine spätere Stelle des Gedichtes vor sich hin:
Sieh sie an genau ' !
Morgen ist sie grau.
1) Der Kollege hat übrigens die schone Stelle des Gedichtes sowold in llirem
Wortlaut wie nach ihrer Anwendung etwas abgeändert. Da» gespenstische Mädchen
sagt seinem Bräutigam:
Meine Kette hab' ich dir gegeben;
Deine Locke nehm' ich mit mir fort.
Sieh sie an genau!
Morgen bist du grau.
Und nur bruun erscheinst du wieder dort.
=+
Zur Psychopathologie des Alllagslebais
und fügte kurz hinzu: Sie ist etwas älter als ich. Um ihm nicht
noch mehr Poin zu bereiten, brach ich die Krkundipuup; «b. Oie
Aufklärung erschien mir zureichend. Aber es war gcwiU über-
raschend, daß die Bemühung, eine harmlose Felilleisluiig des
Gedächtnisses auf ihren Grund zurüikzulühren, an so fem
hegende, intime und mit peinlichem Affekt besetzte Angele-gen-
heiten des Untersuchten rühren muüic.
Ein anderes Beispiel vom Vergessen in der Wortfolge eines
bekannten Gedichtes will ich nach C. G. Jung' und mit den
Worten des Autors anführen.
„Ein Herr will das bekannte (Jedirht rezitieren: ,Kin Fichten-
baum steht einsam usw.' In der 'A-ile; ,lhii schläfert' bleibt er
rettungslos stecken, er hat ,mit w<*iUer Decke' total vergessen.
Dieses Vergessen in einem so bekainiteii Vei-s schien mir- auf-
fallend, und ich ließ ihn nun reproduzieren, was ihm zu jnil
weißer Decke' einfiel. Ks entsUnid folgende Reihe: ,M»n denkt
bei weißer Decke an ein Totenluch — ■ ein Leinluih, mit dem
man einen Toten zudeckt ~- (Pause) — jetzt fallt mir ein naher
Freund ein — sein Brutler ist jüngst gmiz plötzlich gestorben —
er soll an einem Henwchlag gestorben sein — er war eben auch
sehr korpulent — mein Freund ist aucli korpulent und ich
habe schon gedacht, es könnte ihm auch so gehen — er gibt
sich wahrscheinlich zu wenig Bewegung ~- als ich von dem
Todesfall hörte, ist mir plötzlich angst geworden, es könnte mir
auch so gehen, da wir in unserer Familie sowieso Neigimg zur
FeiLsucIiI haben, und auch mein (Jroßvater an einem lier/-schlag
gestorben ist; ich finde mich auch 7U korpulent und hiibe deshalb
in diesen Tagen mit einer Kutfeitungskur begonnen.'"
„Der Herr hat sich also unbewußt sofort mit dem Fichtenbainn
identifiziert," bemerkt Jung, „der vom weißen Leichentuch
umhüllt ist."
i) C. G. Jun^. tThir die Ptychologia d«r Dt-mentin prucox, 1907, S«tn 64.
///. Vergessen von Namen und ff'ortfolgeii 35
Das nachstehende Beispiel von Vergessen einer Wortfolge, das
ich meinem Freunde S. Ferenczi in Budapest verdanke, bezieht
sich, anders als die vorigen, auf eine selbstgeprägle Rede, nicht
auf einen vom Dichter übernommenen Satz. Es mag uns auch
den nicht ganz gewöhnlichen Fall vorführen, daß sich das Ver-
gessen in den Dienst unserer Besonnenheit stellt, wenn ihr die
Gefahr droht, einem augenblicklichen Gelüste zu erliegen. Die
Fehlleistung gelangt so zu einer nützlichen Funktion. Wenn wir
wieder ernüchtert sind, geben wir dann jener inneren Strömung
recht, welche sich vorhin nur durch ein Versagen — ein Ver-
gessen, eine psychische Impotenz — äußern konnte.
„In einer Gesellschaft fällt das Wort ,Tout comprendre c'est
tollt pardonner*. Ich bemerke dazu, daß der erste Teil des Satzes
genügt; das ,Pardonnieren* sei eine Überhebung, man überlasse
das Gott und Av-n GeislHrhen. Ein Anwesender findet diese
Bemerkung sehr gut; das macht mich verwegen und - — wahr-
scheinlich um die gute Meinung des wohlwollenden Kritikers zu
sichern — sage ich, daß mir unlängst etwas Besseres eingefallen
sei. Wie ich es aber erzählen will — fallt es mir nicht ein. —
Ich ziehe mich sofort zurück und schreibe die Deckeinfälle auf.
— Zuerst kommt der Name des Freundes und der Straße in
Budapest, die die Zeugen der Geburt jenes (gesuchten) 'PUnfalles
waren; dann der Name eines anderen Freundes, Max, den wir
gewohnlich Maxi nennen. Das fülirt mich zum Worte Maxime
und zur Erinnerung, daß es sich damals (wie im eingangs
erwähnten Falle) um die Abänderung einer bekannten Maxime
handelte. Seltsamerweise fällt mir dazu nicht eine Maxime,
sondern folgendes ein: Gott schuf den Menschen nach
seinem Bilde, und dessen veränderte Fassung: der Mensch
schuf Gott nach dem seinigen. Daraufhin taucht
sofort die Erinnerung an das Gesuchte auf: Mein Freund sagte
damals zu mir in der Andrässystraße: Nichts Menschliches
ist mir f r e m d, worauf ich — auf die psychoanalytischen
a6 Zur Psychopathologii! des Alltagslebens »
Erfahrungen anspielend — sagte: Du solltest weiter-
gehen und bekennen, daß dir nichts Tierisches
fremd ist."
„Nachdem ich aber endlich die l^rinnerung an das (Jesuchle
hatte, konnte ich es in der Gesellschalt, in der ich mich gerade
befand, erst recht nicht erzählen. Die junge Gattin des Freundes,
den ich an die Animalität iX^^ Unbewulltcn ciiunert halle, war
auch unter den Anwesenden, uTid ich mußte wissen, daß sie zur
Kenntnisnahme solcher nnerfrouliclier Kinsicliten gar iiicliL vor-
bereitet war. Durch das Vergessen ist mir eine Reihe unan-
genehmer Fragen ihrerseits und eine aussichtslose Diskussion
erspart worden, und gerade das muß das Motiv der .teniporiiren
Amnesie' gewesen sein."
„Es ist interessant, daß sicli als Deckeinfall ein Satz eitihleUle,
in dem die Gottheit zu einer menschlichen K.rfindung degradiert
wird, während im gesuchten Satze auf das Tierische im Meiisilien
hingewiesen wurde. Also die capitis tlirninulio ist das Gemein-
same. Das Ganze ist nlTenljin- iiui" die lH)rlw'tzung des durch
das Gespräch angeregten Gedankenganges über das Verstehen und
Veraeihen."
„Daß sich in diesem Falle das (Jesuchte so rasch einstellte,
verdanke' ich vielleicht auch dein Umstand, daß ich midi aus
der Gesellschaft, in der es zensuiiert war, sofoit in ein menschen-
leeres Zimmer zurückzog."
Ich habe seither zahlreiche midere Analysen in Fällen von
Vergessen oder fehlerhafter Reproikiktion einer Wortfolge angi'-
stellt und bin durch das übereinstimmende Ergebnis ilieser Unter-
suchungen der Annahme geneigt worden, (laß der in den
Beispielen „aliquis" und „Braut von Kurinlli" iiacligewiosene
Mechanismus des Vergessens fast allgemeine Gültigkeit hat. Es
ist meist nicht sehr bequem, solche Analysen mitzuteilen, ila sie
wie die vorstehend erwähnten steis zu intimen und für den
Analysierten peinlichen Dingen hinleitenj ich werde die Zahl
///. Vergessen von Namen und ff'ortfolgen
37
solcher Beispiele darum auch nicht weiter vermehren. Gemeinsam
bleibt all diesen Fällen ohne Unterschied des Materials, daß das
Vergessene oder EuLstellte auf irgend einem assoziativen Wege
mit einem unbewußten Gedankeninhalt in Verbindung gebracht
wird, von welchem die als Vergessen sichtbar gewordene Wirkung
ausgeht.
Ich wende mich nun wiederum zu dem Vergessen von Namen,
wovon wir bisher weder die Kasuistik noch die Motive erschöpfend
betrachtet haben. Da ich gerade diese Art von Fehlleistung bei
mir zuzeiten reichlich beobachten kann, bin ich um Beispiele
hiefiir nicht verlegen. Die leisen Migränen, an denen ich noch
immer leide, pflegen sich Stunden vorher durch Namenvergessen
anzukündigen, und auf der Höhe des Zustandes, während dessen
ich die Arbeit aufzugeben nicht genötigt bin, bleiben mir häufig
alle Eigennamen aus. Nun könnten gerade Fälle wie der meinige
zu einer prinzipiellen Einwendung gegen unsere analytischen
Bemühungen Anlaß geben. Soll man aus solchen Beobachtungen
nicht folgern müssen, daß die Verursachung der Vergeßlichkeit
und speziell des Namenvergessens in Zirkulations- und allgemeinen
Funktionsstörungen des Großhirns gelegen ist, und sicli darum
psychologische Erklärungsversuche für diese Phänomene ersparen?
Ich meine keineswegs; das hieße den in allen Fällen gleichartigen
Mechanismus eines Vorgangs mit dessen variabeln und nicht
notwendig erforderlichen Begünstigungen verwechseln. An Stelle
einer Auseinandersetzung will ich aber ein Gleichnis zur Erledigung
des Einwandes bringen.
Nehmen wir an, ich sei so unvorsichtig gewesen, zur Nacht-
zeit in einer menschenleeren Gegend der Großstadt spazieren zu
gehen, werde überfallen und meiner Uhr und Börse beraubt. An
der nächsten Polizeiwaclistelle erstatte ich dann die Meldung mit
den Worten: Ich bin in dieser und jener Straße gewesen, dort
haben Einsamkeit und Dunkelheit mir Uhr und Börse
weggenommen. Obwohl ich in diesen Worten nichts gesagt hätte.
28 Zur Psychopathologie, dfs ^Itt/iffxh-iM'ns
was nicht richtig; wäre, liefe ich doch Gefahr, noch dorn Wort-
laut meiner Meldung für nicht ganz richtig im Kopfe gehalten
zu werden. Der Sachverhalt kann In korrekter Weise nur so
beschrieben werden, daß, von der Einsamkeit des Ortes hegünstigt,
unter dem Schutze der Dunkellieii nn he kannte Täter
mich meiner Kostbarkeiten beraubt haben. Nun detui, der Sach-
verhalt beim Namen vergessen braucht kein anderer zu sein; durch
Ermüdung, Zirkulation.sstörung und Intoxikation begünstigt, raubt
mir eine unbekannte psychische Macht die Verfügung über tue
meinem Gedächtnis zustehenden l'^igennamen, dieselbe Macht,
welche in anderen Fällen dasselbe Versagen des (ir'diichtins.ses
bei voller Gesundheit und Leistungsfähigkeit zustundt- bringen
kann.
Wenn ich die an mir selbst beobachteten l-alU» von Namen-
vergessen analysiere, so finde ich fast regeln lüLtig, (iaÜ der vor-
enthaltene Name eine Beziehung zu einem Thema hal, welches
meine Person nahe angeht, und starke, oft peinliche AfTekle in mir
hervorzurufen vermag. Nach der bequemen und empfeldenswerten
Übung der Züricher Schule (Bleuler, Jung, K i k I i n) kam)
ich dasselbe auch in der Korni ansdriUken : Der ent/ogi-ne Name
habe einen „[jersünlichen Komplex" in mir gestreift. Die Beziehung
des Namens zu meiner Person ist eine unerwartete, meist durch
oberflächliche Assoziation (Wortzweideutigkeit, (jleidikbing) ver-
mittelte; sie kann allgemein als eine Seiten beziehung gekenn-
zeichnet werden. Einige einfache Beispiele werd(>n die Natur
derselben am besten erläutern:
i) Ein Patient bittet mich, ihm einen Kurort an der Riviera
zu empfelilen. Icli weiÜ einen solchen Ort ganz nahe bei Gctma,
erinnere auch den Namen den deutschen Kollegen, der dort
praktiziert, aber den Ort selbst kann ich nicht munien, so gut
ich ihn auch zu kennen glaube. Es bleibt mir nichts anderes
übrig, als den Patienten warten zu heiUen und mich rasch an
die Frauen meiner Familie zu wenden. „Wie heiüt doch der Ort
neben Genua, wo Dr. N, seine kleine Anstalt hat, in der die und
jene Frau so lange in Behandlung war?" „NatürHch, gerade du
mußtest diesen Namen vergessen. Nervi heißt er." Mit Nerven
habe ich allerdings genug zu tun.
2) Ein anderer spricht von einer nahen Sommerfrisclie und
behauptet, es gebe dort auiSer den zwei bekannten ein drittes
Wirtshaus, an welches sich für ihn eine gewisse Erinnerung
knüpfe; den Namen werde er mir sogleich sagen. Ich bestreite
die Existenz dieses dritten Wirtshauses und berufe mich darauf,
daß ich sieben Sommer Iiindurch in jenem Orte gewohnt habe,
ihi* also besser kennen muß als er. Durch den Widerspruch
gereizt, hat er sich aber schon des Namens bemächtigt. Das Gast-
haus heißt: der Hochwartner. Da muß ich freilich nachgeben,
ja ich muß bekennen, daß ich sieben Sommer lang in der
nächsten Nähe dieses von mir verleugneten Wirtshauses gewohnt
habe. Warum sollte ich hier Namen und Sache vergessen haben ?
Ich meine, weil der Name gar zu deutlich an den eines Wiener
Fachkollegen anklingt, wiederum den „professionellen" Komplex
in mir anrührt.
5) Ein andermal, im Begriffe auf dem Bahnhof von Reichen-
hall eine Fahrkarte zu lösen, will mir der sonst sehr vertraute
Name der nächsten großen Bahnstation, die ich schon so oft
passiert habe, nicht einfallen. Ich muß ihn allen Ernstes auf dem
Fahrplan .suchen. Er lautet: Rosenheim. Dann weiß ich aber
sofort, (lurch welche Assoziation er mir abhanden gekommen ist.
Eine Stunde vorher hatte ich meine Schwester in ihrem Wohn-
orte ganz nahe bei Reichenhall besucht^ meine Schwester heißt
Rosa, also auch ein Rosenheim. Diesen Namen hat mir der
„Familienkomplex "■ weggenommen.
4) Das geradezu räuberische Wirken des „Familienkomplexes"
kann ich dann in einer ganzen Anzahl von Beispielen verfolgen.
Eines Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, jüngerer
Bruder einer Patientin, den ich ungezählte Male gesehen hatte,
Zur PsYchapathohgü" des AütagsUtbens
und dessen Pereon ich mit dem VoninuKüi zu (»v.eidmon gt-wolnii
war. Als ich dann von seinem licsuch uiv-ahh-n woUtf, hatte ich
seinen, wie ich wußte, keineswejrs nnpcwühiiliclH-n Vornamen
vergessen und konnte ihn durch keim- Hül.- /.urürkrufen. Ich ging
dann auf die Straße, um Firmenscliilder zu Irsen, und erkannte
den Namen, sowie er mir das erst.-mal i-nif;<'f;'-"tral. Die Analyse
beiehrte mich darüber, daß ich zwischen dem Besucher und meinem
eigenen Bruder eine Parallele gezogen hatte, .he in der verdrängten
Frage gipfeln wollte: Hatte sich mein Bruder im gleichen I<alle
ähnlich oder viehnehr rnIgegeMgesel/.t benommen? Die äußerliche
Verbindung /.wischen den Gedanken über die fr.-mde und über
die eigene FamiUe war durch den /ufall ermilgluhi worden, daß
die Mütter hier und dort den gleichen Vornami-n: Amalia tragon.
Ich verstand dann aucli nachtraglich die Krsat/namen : Daniel und
Franz^ die sich mir aufgedrängt hatl.'ii, «'hm- mich aufzuklaren,
F^ sind dies, wie auch Amalia, Nam.-ii aus den Hiiubern vcm
Schiller, an welche sich ein ScIier;: des Wiener Spaziergängers
Daniel Spitzer knüpft.
5) Ein andermal kann Ich den Nami-n eine« Patienlen nicht
finden, der zu meinen Jugendh.'zu'Iiung.-n geliört. Die Analyse
führt über einen langen Umwrg, eho sie mir di-ii gesucblen Namen
liefert. Der Patient hatte die Angst geäuUerl, das Augenlicht zu
verlieren; dies rief die Krinnerung an einen jungen Mann wach,
der durch einen Schuß blind geworden war; daran knüpfte sich
wieder das Bild eines anderen Jünglings, der sich angeschossen
hatte, und dieser letztere tiug denselben Namen wie der (trsle
Patient, obwohl er nicht mit ihm verwandt war. Den Namen
fand icii abereret, naclidem mir die Üb.Tlnigung einer ängstlichen
Erwartung von diesen beiden juvenilen ,l*allen auf eine Pei-son
meiner eigenen Familie bewußt geworden war.
Ein beständiger Strom von „Kigetd)eziehung" griit so ilurch
mein Denken, von dem ich für gewöhnlich kein<- Kunde .Thahe,
der sich mir aber durch solches Nanienvergfjssen verrät. IIj ist, aU
in. Vergessen von Namen und fVort folgen 51
wäre ich genötigt, alles, was ich über fremde Personen höre, mit
der eigenen Person zu vergleichen, als ob meine persönlichen
Komplexe bei jeder Kenntnisnahme von anderen rege würden. Dies
kann unmöglich eine individuelle Eigenheil meiner Person sein;
es muß vielmehr einen Hinweis auf die Art, wie wir überhaupt
„Anderes" verstehen, enthalten. Ich habe Gründe anzunehmen,
daß es bei anderen Individuen ganz ähnlich zugein wie hei mir.
Das Schönste dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein Herr
Lederer berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig
mit einem ihm obei-flächlich bekannten Herrn zusammen, den er
seiner jungen Frau vorstellen mußte. Da er aber den Namen des
Fremden vergessen hatte, half er sich das erstemal mit einem
unverständlichen Gemurmel. Als er dann dem Herrn, wie in
Venedig unausweichlich, ein zweitesmal begegnete, nahm er ihn
beiseite und bat ihn, ihm doch aus der Verlegenheit zu helfen,
indem er ihm seinen Namen sage, den er leider vergessen habe.
Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener Menschen-
kenntnis: Ich glaube es gern, daß Sie sich meinen Namen nicht
gemerkt haben. Ich heiße wie Sie: Lederer! — Man kann sich
einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn
man seinen eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich
verspürte sie unlängst recht deutlich, als sich mir in der är/.llichen
Sprechstunde ein Herr S. Freud vorstellte. (Übrigens nehme ich
Notiz von der Versicherung eines meiner Kritiker, daß er sich in
diesem Punkte entgegengesetzt wie ich verhalle).
6) Die Wirksamkeit der Eigenbeziehung erkennt man auch in
folgendem von Jung' mitgeUulten Beispiel:
„Ein Herr Y. verlieble sich erfolglos in eine Dame, welche
bald darauf einen Herrn X. heiratete. Trotzdem nun Herr Y. den
Herrn X. schon seit geraumer Zeit kennt und sogar in geschäft-
lichen Verbindungen mit ihm steht, vergißt er immer und immer
1} Doinenlift praecox, S. 51.
3"
Zur Psychopalhologü- des Alltagslebens
wieder dessen Namen, so daß er sich iiu-hrereniul bei anderen
Leuten danach erkundigen mußte, als er mit Herrn X. korre-
spondieren wollte."
Indes ist die Motivierung des Vergessens in diesem Falle durch-
sichtiger als in den vorigen, welche unter der Kmisfllaiion der
Eigenbeziehung stehen. Das Vergessen scheint hier direkte [■'olge
der Abneigung des Herrn Y. gegen seinen gllUKlirluTen Rivalen:
er will nichts von ihm wissen; „nicht gedacht soll seiner
werden".
7) Das Motiv /.um Vergessen eines Namens kaini aucii ein
feineres sein, in einem sozusagen „sublimierten" (iroU gegen
dessen Träger bestehen. So schreibt ein Kräulehi 1. v. K. aus
Budapest :
„Ich habe mir eine kleine Theorie zureclitg.-Iegt. !cli habe
nämlich beobachtet, daß Mens.hen, die Talent zur Mali-nM, für
Musik keinen Sinn haben, vnid umgekehrt. Vor einiger /e.t
sprach ich hierüber mit jemandem, indem ich sagte: ,Meme
Beobachtung hat bi.lier immer /.ugetroflen, einen Fall ausge-
nommen.' Als ich mich an den Name.i dieser Person erinnern
woUte, hatte ich ihn -hoffinmgslos vergessen, irot/.lem ich wußte,
daß sein Träger einer mein<'r intinisieii liekannlen ist. Als ich
nach einigen Tagen den Nomen /.uflillig nemi.-n hüite, wußte
ich natürlich sofort, daß vom Zerstörer meiner Theorie die
Rede war. Der Groll, den ich unbewußt gegen ihn hegte,
äußerte sich durch das Vergessen seines mir sonM so gelauiigen
Namens."
8) Auf etwas anderem Wege fUhrle die Kigenbeziehnng /um
Vergessen eines Namens in dem folgenden von l'Vrenc/.i mit-
geteilten Falle, dessen Analyse besonders durch <lie AufklHrut4;
der ?:rsat7.einfälle (wie Botticelh- -Bollralfio zu Signoreüi) lehr-
reich wird.
„Einer Dame, die etwas von Psychoanalyse gehün hat, wül
der Name des Psychiaters Jung nicht einfallen.'
i
i
///. Fergessen von Namen und Wortfolgen 33
„Dafür stellen sich folgende Einfälle ein: Kl. (ein Name) —
Wilde — Nietzsche — Hauplm a tin.'*
„Ich sage ihr den Namen nicht und fordere sie auf, an jeden
einzelnen Einfall frei zu assoziieren."
„Bei Kl. denkt sie sofort an Frau KL, und daß sie eine
gezierte, affektierte Person sei, die aber für ihr Alter sehr gut
aussehe. ,Sie wird nicht alt.* Als gemeinsamen Oberbegriff von
Wilde und Nietzsche nennt sie ,G e i s l e s k r a n k h e i t*.
Dann sagt sie spöttisch: ,Sie Freudianer werden so lange die
Ursachen der Geisteskrankheiten suchen, bis sie selbst geistes-
krank werden.' Dann : ,lch kann Wilde und Nietzsche
nicht ausstehen. Ich verstehe sie nicht. Ich höre, sie waren beide
homosexuell; Wilde hat sich mit jungen Leuten abgegeben.'
{Trotzdem sie in diesem Satze den richtigen Namen — allcidings
ungarisch — schon au.>^gesprochen hat, kann sie sich seiner immer
noch nicht erinnern.)"
„Zu Hauptmann fällt ihr Halbe, dann Jugend ein, und
jetzt erst, nachdem ich ihre Aufmerk-samkeit auf das Wort Jugond
lenke, weiß sie, daß sie den Namen Jung gesucht hat."
„Allerdings hat diese Dame, die im Aller von 59 Jahren den
Galten verlor und keine Aussicht fiat, sich wieder zu verheiraten,
Grund genug, der Erinnerung an alles, was an Jugend oder
Alter gemahnt, auszuweichen. AulTallend ist die rein inhaltliche
Assoziierung der Deckeinfälle zu dem ge.suchien Namen imd das
Fehlen von Klangassoziationen."
g) Nodi anders und sehr fein motiviert ist ein Beispiel
von Namenvergessen, welches sich der Betreffende selbst auf-
geklärt hat:
„Als ich Prüfung aus Philosophie als Nebengegen.stand machte,
wurde ich vom F.xaminator nach der Lehre Epikurs gefragt,
und dann weiter, ob ich wisse, wer dessen L(?hre in späteren
Jahrhunderten wieder aufgenommen habe. Ich antwortete mit
dem Namen Pierre Gassend i, den ich gerade zwei Tage
9
FTtud. IV,
54
Z(w Psychopathologü: des Alltagslebens
vorher im CaU als Schüler Rpikurs halte nennen hören. Auf
die erstaunte Frage, woher ich das wisse, gab ich kühn dio Ant-
wort, daß ich mich seit langem für Gassendi interessiert habe.
Daraus ergab sich ein magna cum laude fürs Zeugnis, aber leider
auch für später eine hartniickig»- Neigung, den Namen Gassendi
zu vergessen. Ich glaube, mein schlechtes Gewissen ist schuld
daran, wenn ich diesen Namen allen Uetnülniiig<'n zum Trotz
jetzt nicht behalten kann. Ich hätte ihn ja auch damals nicht
wissen sollen."
Will man die Intensität der Atmeigung geg<Mi die Erinnerung an
diese Priifungsepisode bei unserem GewähT-smaim riclitig würdigen,
so muß man erfahren hal)eii, wie hoch er seinen Doklortitel
anschlägt, und für wieviel anderes ihm dieser I'Tsatz bieten muß.
ig) Ich .schalle hier noch ein Reispiel von Vergessen eines
Städtenamens ein, welcfios vielleicht nichi so einfach ist wie die
vorher angeführten, aber jedem mii .solchen Untersuchungen
Vertrauteren glaubwürdig und wertvoll erscheinen wird. Der
Name einer italienischen Sladl i'iit/ieht hieb der Krinneruug
infolge seiner weitgehentien KlinigälniHchkeil mit einem weiblichen
Vornamen, an den sich vielerlei iilfekl voll<-, in der Mitleilung
wohl nicht erMhüpferul ausgeführte Krinnerungen knüpfen.
S. Ferenc'zi (Rudapest), der diesen Fall von Vergessen an .sich
selbst beobacliiete, hat ihn behandeli, wii' man einen Traum oder
eine neurotiscbe Ideo analysieri, tnui dies gewiß niil Recht.
1 , Ich war heute bei einer befreundeten Familiei es kamen ober-
t italienische Städte zur Spracbe. Da erwähnt jemand, daß diese
den österreichischen Kinfluß noch erkennen lassen. Man zitiert
einige dieser Städte; auch ich will eine nennen, ihr Name fallt
mir aber nicht ein, ob/.war ich weiß, daß ich dort zwei sehr
angenehme Tage verlebte, was nicht gut zu Freuds Theorie
des Vergessens stimmt. Stall des gesuchten Slädtenameus
drängen sich mir folgende Kinflille auf: Capua — Brescia —
Der Löwe von Brescia."
///. f^ergessen ixin Namen und fVortfolgea
35
„Diesen ,Löwen* sehe ich in Gestalt einer Marmorstatue
wie gegenständlich vor mir stehen, merke aber sofort, daß er
weniger dem r Knnn
war ja auch ein Krsatztiaine. Und nun llilll mir auf, daß dieser
mit Hilfe einer Ratioruilisierung vordringende Natni-n (Castro-
giovanni genau so an g io van e— jung anklingt, wie der
verlorene Name Castelvetrano an Veteran alt.'"
„Der Ältere glaubt so für sein NnmeuvrrgesM-n Reclienschaft
gegeben zu haben. Aus welchem Motiv der Jüngere zum gleichen
Ausfallsphänomen gekommen war, wurde nichl untersucht."
Neben den Motiven des Numenverge.ssens verdient auch der
Mechanismus dessidben unser Interesse. In einer großen Reihe
von Fällen wird ein Name verg<'ssen, nicht weil er selbst solche
Motive wachruft, sondern weil er durch (Ueichklang und I^ul-
ähnlichkeit an einen anderen streift, gegen den sich diese Motive
///. Vergessen von Namen u/ul fPorc/olgen 59
richten. Man versteht, daß durch solche Lockerung der Bedin-
giingen eine außerordentliche Erleichterung für das Zustande-
kommen des Phänomens geschaffen wird. So in den folgenden
Beispielen :
12) Dr. Ed. Hitschmann: „Herr N. will die Buchhandlungsfirma
Gilhofer & Ranschburg jemandem angeben. Es fällt
ihm aber trotz allen Nachdenkens nur der Name Ranschburg ein,
trotzdem ihm die Firma sonst sehr geläufig ist. Mit einer
leichten Unbefriedigung darüber nach Hause kommend, ist ihm
die Sache wichtig genug, um den anscheinend bereits schlafenden
Bruder nach der ersten Hälfte des Firmanamens zu fragen. Der-
selbe nennt ihn anstandslos. Darauf fällt Herrn N. sofort zu
,GiIhofer' das Wort ,Gallhof' ein. Zum ,GallhDf' hatte er einige
Monate vorher in Gesellschaft eines anziehenden Mädchens
einen erinnerungsreichen Spaziergang gemacht. Das Mädchen
hatte ihm als Andenken einen Gegenstand geschenkt, auf dem
geschrieben steht: ,Zur Erinnerung an die schönen Gallhofer
Stunden.' In den letzten Tagen vor dem Namenvergessen wurde
dieser Gegenstand, scheinbar zufällig, beim raschen Zuschieben
der Lade durch N. stark beschädigt, was er — mit dem Sinne
von Symptom handlungen vertraut — nicht ohne Schuldgefühl
konstatierte. Er war in diesen Tagen in etwas ambivalenter
Stimmung zu der Dame, die er zwar liebte, deren Ehewunsch
er aber zaudernd gegenüberstand." (Internat. Zeitschr. f. Psycho-
analyse I, 1915-)
15) Dr. Hanns Sachs: „In einem Gespräche über Genua und
seine nächste Umgebung will ein junger Mann auch den Ort
Pegli nennen, kann den Namen aber erst mit Mühe, durch
angestrengtes Nachdenken, erinnern. Im Nachhausegehen denkt
er an das peinliche Entgleiten dieses ihm sonst vertrauten
Namens und wird dabei auf das ganz ähnlich klingende Wort
Peli geführt. Er weiß, daß eine Südsee-Insel so heißt, deren
Bewohner ein paar merkwürdige Gebräuche bewahrt haben. Er
40
Zur Psychopathologie des AlUagsiebens
hat darüber vor kurzem in einem etiinoliifrisrlipii Werk gelesen
und sich damals vorgenommen, diese Mitteilungen Tili- eine
eigene Hypothese zu verwerten. Dann fallt ihm ein, daß Poli
auch der Schauplatz eines Romanes ist, den er mit Interesse
und Vergnügen gelesen hat, nümlich von ,Vaii /aniens glück-
lichste Zeit' von Laurids Brunn. Die Gedanken, die ihn
an diesem Tage fast unnuf hOrlit h beschäftigt haltiMi, knüiiften
sich an einen Brief, den er am selben Morgen von einer ihm
sehr teuren Dame erhalten halle; dieser Brief liiÜt itui befürclUen.
daß er auf ein verabredetes Zusammentreffen werde ver/iditeTi
müssen. Nachdem er den ganzen Tag in übelster Laune zuge-
bracht hatte, war er am Abend mit detn Vorsnii'. ausg('gang<'n,
sich nicht länger mit dem ärgerlichen Gedanken ab/.u])liigen,
sondern die ihm in Aussicht stehende und von ihm jiuHerst hoch
geschätzte Geselligkeit m«gliclisl ungetrübt zu getiicLlen. Ks ist
klar, daß durch das Wort Fegli sein Vorsüt/ arg gcliihrdel
werden konnte, da dieses mit Peli lautlich sü eng zusammen-
hängt; Peli aber, da es durch das ethnologische Interesse die
Ich-Beziehung gewonnen halle, verk(irperl nicht nur Van Zjnilens,
sondern auch seine eigene .glücklichste Zeil' und deshalb auch
die Befürchtungen und Sorgen, die er tagsüber genährt hatte.
Es ist charakteristisch, daü diese einfache Oeulnng eist g<'lang,
nachdem ein zweiter Brief die Zweifel in eine fröhliche (iewiß-
heit baldigen Wiedersehens umgewandelt halle."
Erinnert man sich bei diesem Beispiel an <las ihm
sozusagen benachbarte, in welchem der Ortsnamen Nervi nicht
erinnert werden kann" (Beispiel i), so sieht man, wie sich der
Doppelsinn eines Worios durch die Klangiihnliciikeil zweier
Worte ersetzen läßt.
14) Als 191g d<,r Krieg mit Italien ausbrach, kennte ich an
mir die Beobachtung machen, «laß meiiu'm (Jedächtnis j)Uitzlich
eme ganze Anzahl von Namen italienischer Örllichkeiton entzogen
war, über die ich sonst leicht verfügt hatte. Wie so viele andere
///. Vergessen von Namen und Wortfolgen 41
Deutsche hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, einen Teil
der Ferien auf itaUenischeni Boden zuzubringen, und konnte
nicht daran zweifeln, daß dies massenhafte Namen vergessen der
Ausdruck der begreiflichen Verfeindung mit Itahen war, die nun
an die Stelle der früheren Vorliebe trat. Neben diesem direkt
motivierten Namen vergessen machte sich aber auch ein indirektes
bemerkbar, welches auf denselben Einfluß zurückzuführen war.
Ich neigte auch dazu, nichtitalienische Oi-tsnamen zu vergessen,
und fand bei der Untersuchung dieser Vorfalle, daß diese Namen
irgendwie durch entfernten Anklang mit den verpönten feind-
lichen zusammenhingen. So quälte ich mich eines Tages mit
dem Erinnern des mährischen Städtenamens Bisenz. Als er mir
endlich einfiel, wußte ich sofort, daß dieses Vergessen auf
Rechimng des Palazzo Bisen zi in Orvieto zu setzen sei. In
diesem Palazzo beündet sich das Hotel Belle Arti, wo ich bei
jedem meiner Aufenthalte in Orvieto gewohnt hatte. Die liebsten
Erinnerungen waren natürlich durch die veränderte Gefühls-
einstellung am stärksten geschädigt worden.
Es ist auch zweckmäßig, daß wir uns durch einige Beispiele
daran mahnen lassen, in den Dienst wie verschiedener Absichten
sich die Fehlleistung des Namen vergessens stellen kann.
15) A. J. Storfer {„Namenvergessen zur Sicherung eines
Vorsatzvergessens"): „Eine Basler Dame wird eines Morgens
verständigt, daß ihre Jugendfreundin Selma X. aus Berhn, die
eben auf ihrer Hochzeitsreise begriffen ist, auf der Durchreise in
Basel angekommen ist; die Berliner Freundin soll nur einen Tag
in Basel bleiben, und die Baslerin eilt daher sofort ins Hotel. Als
die Freundinnen auseinandergellen, verabreden sie, nachmittags
wieder zusammenzukommen und bis zur Abreise der Berlinerin
beisammen zu bleiben. — Nachmittags vergißt die Baslerin
das Rendezvous. Die Determination dieses Vergessens ist mir nicht
bekannt, doch sind ja gerade in dieser Situation (Zusammentreffen
mit einer eben verheirateten Jugend fr e u n d i n) mehrerlei
i
jjd Zur Psychopathologie des AUtagslehcns
typische Konstellationen möglich, die eine Hemmung gf^en die
Wiederholung der Zusammenkunft bedingen ktinnen. Uas Inter-
essante an diesem Falle ist eine fernere Fehlleistung, die eine
unbewußte Sicherung der ersten darstellt. Zur Zeit, da sie wieder
mit der Freundin aus Berlin zusammenkommen sollte, befand sich
die Baslerin an einem anderen Orte in (jesellscliaft. l'j; kam auf
die vor kurzem erfolgte Heirat der Wiener üpenisiingorin Kurz
die Rede. Die Basler Dame iiuBerte sich in kritischer Weise (!)
über diese Ehe, als sie aber den Namen der Sängerin aussprechen
wollte, fiel ihr zu ihrer größten Verlegenheit der Vorname
nicht ein. (Bekanntlich neigt man gerade bei einsilbigen Familien-
namen besonders dazu, den Vornamen mitzunennen.) Oie Basier
Dame ärgerte sich um so mehr über die Gediit htnisscliwäche, als
sie die Sängerin Kurz oft singen gehürl hntic und der (ganze)
Name ihr sonst geläufig war. Ohne daß vorher jemand aiuierer
den entfallenen Vornamen genannt hatte, nahin das (Jespräch
eine andere Wendung. - — Am Abend dos.selben Tages befindet
sich unsere Basler Dame in einer mit der niuhniiitägigeii zum
Teil identischen Gesell-ithaft. Vja kommt zurällig wieder auf die
Ehe der Wiener Sängerin die Rede und die Damt^ nennt ohne
)ede Schwierigkeit den Namen ,Selina Kur/.*. Dem folgt auch
gleich ihr Ausruf: ,Ach, jetzt fällt mir ein: ich lialic ganz vergessen,
daß ich heute nachmittag eine Verabredung mit meiner Freinidin
Selma hatte.* Ein Blick auf die Uhr zeigte, daß die Freundin
schon abgereist sein mußte." (Internal, /eitschr. f. I'.syrhonnalyse,
II, 1914.)
Wir sind vielleicht noch nicht vorbereitet, dieses schöne Beis-piel
nach all seinen Beziehungen zu würdigen. Finfadier ist das nach-
folgende, in dem zwar nicht ein Nanu-, aber ein iremdsprachliches
Wort aus einem in der Situation lieg<-ndcn Motiv verges.sen wird.
(Wir bemerken schon, daß wir dieselben Vorgänge behandeln, ob
sie sich nun auf Eigennamen, Vornamen, fremdsprachliche Worte
oder Wortfolgen bezielu-n.) Hier vergißt ein junger Mann das
///. Vergessen von Namen und Wortfolgen 45
englische Wort für Gold, das mit dem deutschen identisch ist,
um Anlaß zu einer ihm erwünschten Handlung zu finden,
16) Dr. Hanns Sachs; „Ein junger Mann lernt in einer
gemeinsamen Pension eine Engländerin kennen, die ihm gefällt.
Als er sich am ersten Abend ihrer Bekanntschaft in ihrer
Muttersprache, die er so ziemlich beherrscht, mit ihr unter-
hält und dabei das englische Wort für ,Gold' verwenden will,
fällt ihm trotz angestrengten Suchens das Vokabel nicht ein.
Dagegen drängen sich ihm als Ersatzworte das französische or,
das lateinische aurum und das griechische chrysos hartnäckig
auf, so daß er nur mit Mühe imstande ist, sie abzuweisen,
obgleich er bestimmt weiß, daß sie mit dem gesuchten Worte
keine Verwandtschaft haben. Er findet schließlich keinen anderen
Weg, sich verständlich zu machen, als den, einen goldenen
Ring, den die Dame an der Hand trägt, zu berühienj sehr
beschämt erfahrt er nun von ilir, daß das langgesuchte Wort
für Gold genau so laute wie das deutsche, nämlich: gold.
Der hohe Wert einer solchen, durch das Vergessen herbeige-
führten Berührung Hegt nicht bloß in der unanstößigen Befriedi-
gung des Ergreifungs- oder Berührungstriebes, die ja auch
bei anderen, von Verliebten eifrig ausgenutzten Anlässen möglich
ist, sondern noch viel mehr darin, daß sie eine Aufklärung
über die Aussichten der Bewerbung ermöglicht. Das Unbewußte
der Dame wird, besonders wenn es dem Gesprächspartner gegen-
über sympathisch eingestellt ist, den hinter der harmlosen Maske
verborgenen erotischen Zweck des Vergessens erraten; die Art
und Weise, wie sie die Berührung aufnimmt und die Moti-
vierung gehen läßt, kann so ein beiden Teilen unbewußtes,
aber sehr bedeutungsvolles Mittel der Verständigung über die
Chancen des eben begonnenen Flirts werden."
1 7) Ich teile noch nach J. Stärcke eine interessante Beobachtung
von Verges.sen und Wiederauffinden eines Eigennamens mit, die
sich dadurch auszeichnet, daß mit dem Namenvergessen die
44 ^"'' Psychopathologie des Alltagslehens
Fälschung der Wortfolge eines Gedichles wie im Beispiel der
„Braut von Korinth" verbunden ist.
„Ein alter Jurist und Spiiu ligcicinicr, '/., eivälilt in (Jesel!-
schaft, daß er in seiner Siudciitrn/.oil. in OeuLscIdund einen
Studenten gekannt hat, der auße^o^d(^rllH( li dumm war, und über
dessen Dummheit er mantlie Ant'kdol«' zu iT/ülilen weiß. Kr kann
sich aber an den Namen dieses Student<'n iiiiht. erinnern^ glaubt,
daß dieser Name mit H' iinfiingt, nimmt di*!s »lier spater wieder
mrück. Fj- eriimert sich, tIaÜ dieser duinnie Student später
Weinhändler geworden ist. Dann «T/aldt er wiixier eine
Anekdote von der Diinuiihcil <lt'SM'lbeii Stuilciileu, verwundert
sich noch eimnal darüber, daß sein Name üim nicht einfalll,
und sagt dann: ,Rr war ein solcher Ksel, ilal! ich noch nicht
begreife, daß ich ihm mit Wiederholen Liileiniscli habe
eintrichtern können.' Kinen Augenblick spater erinnert er
sich, daß der gesuchte Name ausgehl auf , . . man. Jri/.i fragen
wir ihn, ob ihm ein andertT Name, der auf m a n ausgeht,
einfällt, und er .sagt: Krdmanii. - - ,Wer ist denn das?' —
,Das war auch ein Student aus dieser 7,eit.' - Seine Tochter
bemerkt aber, daß es auch einen Professor iMilniiinn gib'. Hei
genauerer Erörterung zeigt sicli, daß dicsei- Professor lüilmann
vor kurzem eine von /. eingesainUc Arbeil nur in verküiv.ler
Form in eine von ihm redigii'i'te Zeitschrift hat aufnehmen
lassen und zum 'IViJ damit nicht einvei-standen war, usw., und
daß Z. das als ziemlich unangcrrudim empfunden bat. (Überdies
vernahm ich später, daß Z. in früheren Jahren wolil eimnal die
Aussicht gehabt hat, Professor in demsell)eii l'ache zu werden,
worin jetzt Profes.sor E. doziert, und daß dieser Name also nucli
in dieser Hinsicht vielleicht eine ompHndhche SaiK- berührt.)
Jeut fällt ihm jilöizlich der Name des dunuuen Studenten
ein: Lindenian! Weil er sich schon frOlier erinnert hatte,
daß der Name auf ... man ausgeht, war also Linde noch
länger verdrängt geblieben. Aul die Krage, was ihm !>ei Linde
///. Vergessen von Namen und Wortfolgen 45
einfällt, sagt er zuerst: , Dabei fallt mir gar nichts ein.' Auf mein
Drängen, daß ihm bei diesem Worte doch wohl etwas einfallen
wird, sagt er, indem er aufwärts blickt und mit der Hand eine
Gebärde in der Luft macht: ,Nun ja, eine Linde, das ist ein
schöner Baum.' Weiter will ihm dabei nichts einfallen. Alle
schweigen und jedermann verfolgt seine Lektüre und andere
Beschäftigung, bis Z. einige Augenblicke später in träumerischem
Tone folgendes zitiert:
Steht er mit festen
Gefügigen Knochen
Auf der Erde,
So reicht er nicht auf,
Nur mit der Linde
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.
Ich stieß einen Triumphschrei aus: ,Da haben wir den Erd-
mann,' sagte ich. ,Jener Mann, der ,auf der Erde steht', das ist
also der Erde-Mann oder E r d m a n n, kann nicht aufreichen,
sich mit der Linde (Lindeman) oder der Rebe (Wein-
händler) zu vergleichen. Mit anderen Worten: jener Lindeman,
der dumme Student, der später Weinhändler geworden ist, war
schon ein Esel, aber der Erdmann ist ein noch viel größerer
Esel, kann sich mit diesem Lindeman noch nicht vergleichen.'
— Eine solche im Unbewußten gehaltene Hohn- oder Schmäh-
rede ist etwas sehr Gewöhnliches, darum kam es mir vor, daß
die Hauptvn-sache des Namen vergessen s jetzt wohl gefunden war.
Ich fragte jetzt, aus welchem Gedichte die zitierten Zeilen
stammten. Z. sagte, daß es ein Gedicht von Goethe sei, er
glaubte, daß es anfiingt:
Edel sei der Mensch
Hilfreich und gut !
und daß weiter auch darin vorkommt:
Und hebt er sich aufwärts.
So spielen mit ihm die Winde.
+6
Zur Psychopathologie des Alhaffslebenr
Am nächsten Tag suchte ich dieses Gedicht von (iocthe auf,
und es zeigte sich, daß der Fall noch liübscher (aber auch
komplizierter) war, als er erst zu sein seinen,
a) Die ersten zitierten Zeilen lauten (vgl. oben):
Stellt er mit feiten
Markigen Knorhen.
Gefügige Knochen wäre eine ziemlich fremdartige Kom-
bination. Darauf vvill ich aber niclit näher eingehen.
b) Die folgenden Zeilen dieser Strophe bniten (vgl. oben):
Auf der wohlhcgründeten
Dauernden Erde.
Reicht er nicht auf,
Nur mit der iC i c h e
Oder der Rebe
Sich XU vergleichen.
Es kommt also im ganzen Gedidit keine IJnde vor! Der
Wechsel von Linde statt Kiche hat (in seinem Unbewußten)
nur stattgefimden, um das WorUipiel ,Elrde — Linde — Rebe' zu
ermöglichen.
c) Dieses Gedicht heißt; ,(iren/.en der Menschheil' und enthält
eine Vergleichung zwischen der Allmadit der Gotter und der
geringen Macht des Menschen. Das Gedicht, dessen Anfang lautet:
Edel sei der Mensch,
I ! II (reich und guti
ist aber ein anderes Gedicht, das einige Seiten weiter steht. Es
heißt: ,Das Göttliche', und cnlhält ebenso Gedanken über Gütter
und Menschen. Weil hierauf nicht näher eingegangen worden
ist, kann ich höchstens vermuten, daß aucli Gedanken über Leben
und Tod, über das Zeitliche und das Ewige und über das eigene
schwache Leben und den künfligi-n Tod beim Rnlstehen dieses
Falles eine Rolle gespielt haben'."
i) Aus der liollöndiichcn Auigalie dioiei Buchoi «ntcr dem Titel; De invloed
van om onbeivuste in oii» dagelijkiche luven, Amiterdnin igi6, doiilicli nligodnickt
in Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. IV. 1916.
///. {Vergessen von Namen und Wortfolgen 47
In manchen dieser Beispiele werden alle Feinheiten der psycho-
analytischen Technik in Anspruch genommen, um ein Namen-
vergessen aufzuklären. Wer mehr von solcher Arbeit kennen
lernen will, den verweise ich auf eine Mitteilung von E. Jones
(London), die aus dem Englischen übersetzt ist".
18) Ferenczi hat bemerkt, daß das Namenvergessen auch
als hysterisches Symptom auftreten kann. Es zeigt dann einen
Mechanismus, der sich von dem der Fehlleistung weit entfernt.
Wie diese Unterscheidung gemeint ist, soll aus seiner Mitteilung
ersichtlich werden:
„Ich habe jetzt eine Patientin, ein alterndes Fräulein, in
Behandlung, der auch die gebräuchlichsten und ihr bestbekannten
Eigennamen nicht einfallen wollen, obwohl sie sonst ein gutes
Gedächtnis hat. Bei der Analyse stellte sich heraus, daß sie durch
dieses Symptom, ihre Unwissenheit dokumentieren will. Diese
demonstrative Hen'orkehrung ihrer Ignoranz ist aber eigentlich
ein Vorwurf gegen ihre Eltern, die ihr keine höhere Schulbildung
zuteil werden ließen. Auch ihr quälender Zwang zum Reine-
machen (jHausfrauenpsychose') entspringt zum Teil aus derselben
Quelle. Sie will damit ungefähr sagen: Ihr habt einen Dienst-
boten aus mir gemacht."
Ich könnte die Beispiele von Namenvergessen vermehren und
die Diskussion derselben sehr viel weiter führen, wenn ich nicht
vermeiden wollte, fast alle Gesichtspunkte, die für spätere Themata
in Betracht kommen, schon hier beim ersten zu erörtern. Doch
darf ich mir gestatten, die Ergebnisse der hier mitgeteilten Analysen
in einigen Sätzen zusammenzufassen:
Der Mechanismus des Namenvergessens (richtiger: des Entfallen»,
zeitweiligen Vergessens) besteht in der Störung der intendierten
Reproduktion des Namens durch eine fremde und derzeit nicht
bewußte Gedankenfolge. Zwischen dem gestörten Namen und dem
1) Analyse eines Falles von Namen vergessen. Zentralblatt für Psychoanalyse,
II, igii-
^g 'Lur Psychopathologie des AütagsUbens
4/
störenden Komplex besteht entweder ein Zusainmonliaiifr von
vornherein, oder ein solcher hat sicli, oft auf p;ekünslek erschei-
nenden Wegen, durch oberilächlithe (aulierliche) Assoxialiunen
hergestellt-
Unter den störenden Komplexen erweisen sich die der Kigen-
beziehung (die persünhchen, iuniiHaren, bt-ruflichen) als die
wirksamsten.
Ein Name, der infolge von Mehrdi'iiligkeil inelireren Cedaiiken-
kreisen (Komplexen) angeliört, wird hüulig im '/.usannne.iliaiige
der einen Gedaiikenfolge durch seine Zugehöiigkeit /.um aruicreii,
stärkeren Komplex gestört.
Unter den Motiven dieser Störungen leuchtet die Absicht
hervor, die Erweckung von Dnlusl durch Krinneni /ii vermeiden.
Man kann im allgemeinen zwei Haiipliallf des Nnmen-
vergessens unterscheiden, wenn der Name selbst an Unangenehmes
röhrt, oder wenn er mit anderem in Veriiineking gebracht ist,
dem solche Wirkung ziddime, so daß Namen um ihrer selbst
willen oder wegen ihrer nütieren uiLt erillernteren Assü/.ial ions-
beziehungen in der Reproduktion gestörl werden können.
Ein Überblick dieser allgeTueineii Sätze laÜt uns verstehen, daß
das zeitweilige Namen vergessen als die Iiiiuligste unserer l'eld-
leistungen zur Beobachtung kommt.
ig) Wir sind indes weit davon entlenit. alle Rigentihiilich-
keiten dieses Phänomens verzeichuel /u liabeii. Ich will noch
darauf hinweisen, daÜ das Namenverges.seii in ludiem Grade
ansteckend ist. In «'inem Gespräche zweier Personen reicht es
oft hin, daß die eine äußere, sie lialie diesen oder jenen Namen
vergessen, um ihn au. h b.-i .ler zweiten Person entfallen zu
lassen. Doch stellt sich dt.rt, wo das Vergessen induziert ist, der
vergessene Name leichter wieder ein. Diesr-s „kollektive" Verges.sen,
streng genommen ein Phänomen der Massenpsychologie, ist noch
nicht Gegenstand der analytischen Untersuchung geworden. In
einem einzigen, aber hesonders schönen Kall hat I h. R ei k
%
■
///. Vergessen von Namen und Wortfolgen
49
eine gute Erklärung dieses merkwürdigen Vorkommens geben
könnend
„In einer kleinen Gesellschaft von Akademikern, in der sich
auch zwei Studentinnen der Philosophie befanden, sprach man
von den zahlreichen Fragen, welche der Ursprung des Christen-
tums der Kulturgeschichte und Religionswissenschaft aufgibt. Die
eine der jungen Damen, welche sich am Gespräch beteiligte,
erinnerte sich, in einem englischen Roman, den sie kürzlich
gelesen hatte, ein anziehendes Bild der vielen religiösen Strö-
mungen, welche jene Zeit bewegten, gefunden zu haben. Sie
fügte hinzu, in dem Roman werde das ganze Leben Christi von
der Geburt bis zu seinem Tode geschildert, doch wollte ihr der
Name der Dichtung nicht einfallen (die visuelle Erinnerung an
den Umschlag des Buches und an das typographische Bild des
Titels war überdeutlich). Auch drei von den anwesenden
Herren beliaupteten, den Roman zu kennen, und bemerkten,
daß auch ihnen sonderbarerweise der Name nicht zur Verfügung
stehe ..."
Nur die junge Dame unterzog sich der Analyse zur Aufklärung
dieses Namen vergesse ns. Der Titel des Buches lautete; Ben Hur
(von Lewis Wallace). Ihre Ersatzeinfalle waren: Ecce homo —
homo sum — quo vadis? gewesen. Das Mädchen verstand selbst,
daß sie den Namen vergessen, „weil er einen Ausdruck enthält,
den ich und jedes andere junge Mädchen — noch dazu in
Gesellschaft junger Leute — nicht gern gebrauchen wird". Diese
Erklärung fand durch die sehr interessante Analyse eine weitere
Vertiefung. In dem einmal berührten Zusammenhang hat ja auch
die Übersetzung von Ao/7zo, M e n s c h, eine anrüchige Bedeutung.
Reik schließt nun: Die junge Dame behandelt das Wort so,
als ob sie sich mit dem Aussprechen jenes verdächtigen Titels
vor jungen Männern zu den Wünschen bekannt hätte, die sie
i) Übor kollektives Vergessen, Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, VI, 1920,
(Auch in Reik, Der eigene und der fremde Gott, 1323.)
Freud, IV. 4
5°
Zur Psydtopaxholo^ des AlUagskbena
als ihrer Persönlichkeit nicht gemäß und nls p(?inlirh abgewiesen
hat. Kürzer gesagt: unbewußt setzt sie das Aussprocbrn von „Ben
Hur" einem sexuellen Angebot gleich und ihr Vergossen entspricht
demnach der Abwehr einer unbewußten Versuchung dieser Art.
Wir haben Grund zur Annahnic, daß iilinlich unbewußte Vor-
gänge das Vergessen der jungnn Männer bedingt haln-n. Ihr
Unbewußtes hat das Vergessen des Miiddions in seiner wirkliclien
Bedeutung erfaßt und es . - . gleichsam getleuiet . . . Das Vergessen
der Männer stellt eine Rücksicht auf solch abweisendes Verhalten
dar ... Es ist so, als liütte iluu^n ihre Gesprächspartnerin durch
ihre plötzliche Gwiächtnisschwächo einen deutlichen Wink gegeben,
den die Männer unbewußt wohl vorstanden hüllen.
Es kommt auch ein fortgesetztes Namenvergessen vor, bei
dem ganze Retten von Namen dem CJedäclitnis entzogen worden.
Hascht man, um einen entfallcmen Namen wieiler/.ufinden, nach
anderen, mit denen jener in fester Verbindung stellt, su entfliehen
nicht selten auch diese neuen als Anhalt iuilgesiuhlen Namen.
Das Vergessen springt so von einem zum amiereu über, wie um
die Existenz eines nicht leicht zu beseitigenden Hindernisses zu
beweisen.
IV
ÜBER KINDHEITS- UND DECKERINNERUNGEN
In einer zweiten Abhandlung (iSgg in der Monatsschrift für
Psychiatrie und Neurologie veröffentlicht) habe ich die tendenziöse
Natur unseres Erinnems an unvermuteter Stelle nachweisen
können. Ich bm von der auffälligen Tatsache ausgegangen, daß
die frühesten Kindheitserinnerungen einer Person häufig bewahrt
zu haben scheinen, was gleichgültig und nebensächlich ist,
während von wichtigen, eindrucksvollen und affektreichen Ein-
drücken dieser Zeit (häufig, gewiß nicht allgemein!) sich im
Gedächtnis der Erwachsenen keine Spur vorfindet. Da es bekannt
ist, daß das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen Eindrücken
eine Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, daß diese
Auswahl im Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich
geht als zur Zeit der intellektuellen Reife. Eingehende Unter-
suchung weist aber nach, daß diese Annahme überflüssig ist. Die
mdifferenten Kindheitserinnerungen verdanken ihre Existenz einem
Verschiebungsvorgang; sie sind der Ersatz in der Reproduktion
für andere wirklich bedeutsame Eindrücke, deren Erinnerung sich
durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln läßt, deren direkte
Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da sie
ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen
Beziehung ihres Inhalts zu einem anderen, verdrängten, verdanken
haben sie auf den Namen „Deckerinnerungen", mit welchen ich
sie ausgezeichnet habe, begründeten Anspruch.
5»
Zur Psychopathologie des jilltü(;sh}>ens
Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen
der Deckerinnerungen habe ich in dem erwälinlcii Aiifsat/. nur
gestreift, keineswegs erschöpft. An dem dort ausführlich analysierten
Beispiel habe ich eine Besonderheit der zeitlichen Relation
zwischen der Deckerinnerung und dem durch sie gi-deckten Inhalt
besonders hervorgehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung gehörte
dort nämlich einem der ersten Kindcrjahro nn, wührend die durch
ae im Gedächtnis vertretenen Godankenerlebnisse, die fast unbo-
■mißt geblieben waren, in spätf> Jaliie des BetrelTcnden fielen. Ich
nannte diese Art der Verschiebung eine r c k grei fen d e oder
rückläufige. Vielleicht noch häufiger Ix-gegnct man dem
entgegengesetzten Vei-haltiiis, daß ein iniliiren-nter Kindruck der
jüngsten Zeit sich als Dcckeriniu-rung im (ic<liu)ilnis festsetzt,
der diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit einem früheren
Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Bepiuduktion sich Wider-
stände ergeben. Dies wären vorgreifende oder vorgesrliobene
Deckerinnerungen. Das Wese.illith<s was das Gedaclilnis be-
kümmert, liegt hier der Zeit nach hinter der Deckerinnerung.
Endlich wird der dritte noch mögliche Fall niclii vermißt, tlaö
die Deckerinnerung nicht nur durch ihren Inliah, sondern auch
durch Koniinguitäi in der Zeit mit dem von ihr gedeckten Ein-
druck verknüpft ist, also die gleichzeitige »d.r anstoßende
Deckerinnerung.
Ein wie großer Teil luis.-res Ccdäclilnisschatzes in die
Kate«'orie der Üeckerinnerungen gehört und wi'lchc Rolle bei
verschiedenen neurotischen Derikvorgäng.-n dit^sen /.uliilli, das
sind Probleme, in deren Wüniigung idi weder dort eingegangen
bin, noch hier eintreten werde. K-s konniit mir nur darauf
an, die Gleicliarligkeit zwisclK'U dem V.-rgessen von Eigen-
namen mit Fehleriniiern und der IVdduiig d.-r Deckeiimierungon
her\'orzuheben.
Auf den ersten Anblick sind die Verschied eidi eilen der beiden
Phänomene weit auffälliger als ihre etwaigi-ii Analogien. Dort
IF. Über Kindheits- und Deckerinnerungen 55
handeil es sich um Eigennamen, hier um komplette Eindrücke,
um entweder in der Realität oder in Gedanken Erlebtes; dort
um ein manifestes Versagen der Erinnerungsfunktion, hier um
eine Erinnerungsleistung, die uns befremdend erscheint; dort um
eine momentane Störung — denn der eben vergessene Name
kann vorher hundertmal richtig reproduziert worden sein und es
von morgen an wieder werden — , hier um dauernden Besitz
ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen scheinen
uns durch ein langes Stück unseres Lebens begleiten zu können.
Das Rätsel scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert
zu sein. Dort ist es das Vergessen, hier das Erhaltensein, was
unsere wissenschaftliche Neugierde rege macht. Nach einiger
Vertiefung merkt man, daß trotz der Verschiedenheit im psychischen
Material und in der Zeitdauer der beiden Phänomene die Über-
einstimmungen weit überwiegen. Es handelt sich hier wie dort
um das Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom Gedächtnis
reproduziert, was korrekterweise reproduziert werden sollte, sondern
etwas anderes zum Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt
nicht die Gedächlnisleistung in der Form der Ersatznamen. Der
Fall der Deckerinnerungsbildung beruht auf dem Vergessen von
anderen, wichtigeren Eindmcken. In beiden Fällen gibt uns eine
intellektuelle Empfindung Kunde von der Einmengung einer
Störung, nur jedesmal in anderer Form. Beim Namenvergessen
wissen wir, daß die Ersatznamen falsch sind; bei den Deck-
erinnerungen verwundern wir uns, daß wir sie überhaupt
besitzen. Wenn dann die psychologische Analyse nachweist, daß
die Ersatzbildung in beiden Fällen auf die nämliche Weise durch
Verschiebung längs einer oberflächlichen Assoziation zustande
gekommen ist, so tragen gerade die Verschiedenheiten im Material,
in der Zeitdauer und in der Zentrierung der beiden Phänomene
dazu bei, unsere Erwartung zu steigern, daß wir etwas Wichtiges
und Allgemeingültiges aufgefunden haben. Dieses Allgemeine
würde lauten, daß das Versagen und Irregehen der reproduzierenden
.
54
Zur Psychopathologie des ^lltaßxlrhrns
Funktion weil häufiger, als wir vermuten, auf die Kinmengung
eines parteiischen Faktors, einer Tendenz hinweist, welche die
eine Erinnerung hegünstigt, während sie einer Hiuleren entgegen-
zuarbeiten bemüht ist.
Das Thema der Kindheitserinnerimgrn itsc hciiii mir so
bedeutsam utui interessant, daü ich iliin noch einige Bemer-
kungen widmen möchte, die über di<' bisherigen Gesichtspunkte
hinausgehen.
Wie weit zurück in die Kindheit reichi-n die l'>innennigen ?
Es sind mir einige Untersuchungen über lüesc Frage bekannt, so
von V. et C Henri' und Polwin'; dieselben ergeben, daß
große individuelle Versclnederdieiien bei den Untersuchten bestehen,
indem einzelne ihr*? erste Eriimerung in den sechsten I^'bens-
monat verlegen, andere von ihrem Leben bis zum vollendeten
sechsten, ja achten Lebensjnhr nichts wissen. Aber womit hangen
diese Verschiedenheiten im Verlmlten der Kindheilserinnerungen
zusammen, und welche Bedeutung kommt ihrir-n zu? Rs ist
offenbar nicht ausreichend, das Material (ür iücm- l-nigi-n durch
Sammelerkundigung herbeizuscimneii; es hedarl (iiuni noch einer
Bearbeitung desselben, an der die auskuni'tgehende Person beteiligt
sein muß.
Ich meine, wir nelunen die Talsiithr' di'r infantilen Amnesie,
des Ausfalls der Erinnerungen für die ersUMi Jahi»? unseres I^^iens
viel zu gleichmütig hin und versäumen es, ein seltsinnes Biitsel
in ihr zu finden. Wir verges.sen, welch hoher intellektueller
Leistungen und wie komplizierter (Jefühlsregutigen ein Kind von
etwa vier Jahren fähig ist, und sollten uns genidezvi verwundern,
daß das Gedächtnis späterer Jahre von diesen seelischen Vor-
gangen in der Hegel so wenig bewahrt hat, zumal du wir allen
Grund zur Annahme haben, daß diese selhc;n vergessenen Kindlieits-
i) Enquete tax Im promicrs »oiivcnim (tn l'cnfuio«. L'uin&e paychologique,
in, 1897.
a) Study of early momoriot. Piychotog, Hoviuw, 1901.
/F. Über KindJieits- und Deckerinnerungen 5g
leistungen nicht etwa spurlos an der Entwicklung der Person
abgeglitten sind, sondern einen für alle späteren Zeiten bestim-
menden Einfluß ausgeübt haben. Und trotz dieser unvergleich-
lichen Wirksamkeit sind sie vergessen worden! Es weist dies auf
ganz speziell geartete Bedingungen des Erinnerns (im Sinne der
bewußten Reproduktion) hin, die sich unserer Erkenntnis bisher
entzogen haben. Es ist sehr wohl möglich, daß das Kindheits-
vergessen uns den Schlüssel zum Verständnis jener Amnesien
liefern kann, die nach unseren neueren Erkenntnissen der Bildung
aller neurotischen Symptome zugrunde liegen.
Von den erhaltenen Kindheitserinnerungen erscheinen uns
einige gut begreiflich, andere befremdend oder unverständlich. Es
ist nicht schwer, einige Irrtümer in betrefft beider Arten zu
berichtigen. Unterzieht man die erhaltenen Erinnerungen eines
Menschen einer analjTiischen Prüfung, so kann man leicht fest-
stellen, daß eine Gewähr für die Richtigkeit derselben nicht
besteht. Einige der Erinnerungsbilder sind sicherlich gefälscht,
unvollständig oder zeitlich und räumlich verschoben. Die Angaben
der untersuchten Personen wie, ihre erste Erinnerung rühre etwa
aus dem zweiten Lebensjahr her, sind offenbar unverläßlich. Es
gelingt bald auch Motive zu finden, welche die Entstellung und
Verschiebung des Erlebten versländlich machen, aber auch
beweisen, daß nicht einfache Gedächlnisuntreue die Ursache dieser
Erinnerungsfehler sein kann. Starke Mächte aus der späteren
Lebenszeit haben die Erinnerungsfähigkeit der Kindheitserlebnisse
gemodelt, dieselben Mächte wahrscheinlich, an denen es liegt, daß
wir uns allgemein dem Verständnis unserer Kindheitsjahre so weit
entfremdet haben.
Das Erinnern der Erwachsenen geht bekanntlich an verschiedenem
psychischen Material vor sich. Die einen erinnern in Gesichts-
bildem, ihre Erinnerungen haben visuellen Charakter; andere
Individuen können kaum die dürftigsten Umrisse des Erlebten in
der Erinnerung reproduzieren; man nenntJ.sol che] Personen Auditifs
■*l>!.-""
gö Zur Psychopathologie des AUtagslrltens
und Moleurs im Gegensatz zu th-ii P^such nach Churcots
Vorschlag. Im Träumen verscliwnuleii iliosc Untcrschicdo, wir
träumen alle in vorwiegenden Gesichlsbildern. Al)er eheriso hildel
sich diese Entwicklung für die Kindheiuerinneruiigen zurück;
diese sind plastisch visuell auch bei jenen Personen, deren späteres
Erinnern des visuellen Elements entbeliren muli. Das visuelle
Erinnern bewahrt somit den Typus des infantilen ICriimenis. Bei
mir sind die frühesten KiiidheiLserinnerungen die einzigen von
visuellem Charakter; es sind geradezu plastisch herausgearbeitete
Szenen, nur den Darstellungen auf der Huhne vergleichbar. In
diesen Szenen aus der Kimlheit, ob sie sidi mm uls wahr oder
als verfälscht erweisen, siebt man regehnäLtig auch die eigene
I kindliche Person in ihren Umrissen und niil ibn-r Kh-idung.
Dieser Umstand muH H4'beni<l('n erregen; erwachsem- Visuelle
sehen nicht mehr ihre Pei-son in ihren KriuTierungen an s])ülere
Erlebnisse'. Es widerspricht auch allen unseren Erfahrungen
anzunelimen, daü die Aufmerksamkeit des Kindes bei seinen
Erlebnissen auf sich selbst anstatt ausschließlich auf die äuOeren
Eindrücke gerichtet wäre. M.in vvird so von verscbiedenen Seiten
her zur Vermutung gedriiiigi, daß wir in den sogenannten
frühesten Kindbeitserinneruiigi'ti nidit die wirkliche Erinnernngs-
spur, sondern eine spätere Bearbeitung derselben liesitzen, eine
Bearbeitung, welche die Einflüsse mannigfacher späterer psychischer
Mächte erfahren haben mag. Die „Kindlieits<'riTnM>rungen" der
Individuen rücken so ganz allgemein zur Bedeutung von „Deck-
erinnerungen" vor und gewinnen dabei eine bemerkenswerte
Analogie mit den in Sagen \xm\ Mylben niedergelegten KindheiU-
erinnerungen der Vfilker.
Wer eine Anz^ahl von Personen mit der Methode tler Psycho-
analyse seelisch unlersudii bat, hat bei dieser Arbeil reichlich
Beispiele von Deckerinnerungen jeder Art gesunnnell. Die Mil-
i) Ich behaupte diot nach einigen von mir cinKohiilteii Hrkundigiiiigflu-
If^. über Kindheits- xtnä. Deckerinnerungen 57
teilung dieser Beispiele wird aber gerade durch die vorhin erörterte
Natur der Beziehungen der Kindheitserinnerungen zum späteren
Leben außerordenthch erschwert; um eine Kindheilserinnerung als
Deckerinnerung würdigen zu lassen, müßte man oft die ganze
Lebensgeschichte der betreffenden Person zur Darstellung bringen.
E^ ist nur selten, wie im nachstehenden hübschen Beispiel, möglich,
eine einzelne Kindheitserinnerung aus ihrem Zusammenhang für
die Mitteilung herauszuheben.
Ein vierundzwanzigiähriger Mann hat folgendes Bild aus seinem
I
fünften Lebensjahr bew^ahrt. Er sitzt im Garten eines Sommer-
hauses auf einem Stühlchen neben der Tante, die bemüht ist,
ihm die Kenntnis der Buchstaben beizubringen. Die Unter-
scheidung von m und n bereitet ihm Schwierigkeiten und er ;
bittet die Tante, ihm doch zu sagen, woran man erkennt, was :
das eine und was das andere ist. Die Tante macht ihn aufmerksam, \
daß das m doch um ein ganzes Stück, um den dritten Strich, ;
mehr habe als das n. — Es fand sich kein Anlaß, die Zuver- \
lässigkeit dieser Kindheitserinnerung zu bestreiten; ihre Bedeutung |
hatte sie aber erst später erworben, als sie sich geeignet zeigte, !
die symbolische Vertretung für eine andere Wißbegierde des ;
Knaben zu übernehmen. Denn, so wie er damals den Unterschied :
zwischen m und n wissen wollte, so bemühte er sich später, den j
Unterschied zwischen Knaben und Mädchen zu erfahren, und ^
wäre gewiß einverstanden gewesen, daß gerade diese Tante seine \
Lehrmeisterin werde. Er fand dann auch heraus, daß der Unter- \
schied ein älmlicher sei, daß der Bub wiederum ein ganzes ;
Stück mehr habe als das Mädchen, und zur Zeit dieser Erkenntnis '
weckte er die Erinnerung an die entsprechende kindliche Wiß-
begierde.
Ein anderes Beispiel aus späteren Kindheitsjahren: Ein in seinem
Liebesleben arg gehemmter Mann, jetzt über vierzig Jahre alt,
ist das älteste von neun Kindern. Bei der Geburt des jüngsten
Geschwisterchens war er fünfzehn Jahre, er behauptet aber steif
56
Zur Psychopathohßie des AUtaßslcbens
und fest, daß er niemals eine (»nividitüt lirr Mutter bnmprkt
hatte. Unter dem Drucke meines Ungliiuhms sicllto sich bei ihm
die Erinnerung ein, er ]ial)(' einmal im Alter von elf oder /w<ilf
Jahren gesehen, daÜ die Mutler sich vor dem Spiegel hastig den
Rock aufband. Dazu ergänzte er jetzt zwanglos, sie sei von
der Straße gekommen und von unerwarlelr-n Wehen befallen
worden. Das Aufbinden des Rockes ist aber eine Deckerinnerung
für die Rntbindung. Der Verwendung .solcher „Worlbriicken"
werden wir in noch anderen Fällen hegegneji.
An einem einzigen Meispiel möchte ich n«» h zeigen, welchen
Sinn eine Kindheit.serinnerung durch analytische llearbeilung
gewinnen kann, die vorher keinen Sinn zu enthalten schien. Als
ich in meinem dreiundvierzigslen Jahr begann, mein Interesse
den Resten der Erinnerung an die eigene Kindheit zuzuwenden,
fiel mir eine Szetie auf, die mir seit langem — wie ich meinte,
seit jeher — von Zeit zu Zeit zum liewiditsein gekommen war,
und die nach guten Merkzeichen vor das vollendete drille Lebens-
jahr verlegt werden durfte. Uli sah mich fordernd uiul heulend
vor einem Kasten stehen, dessen Tiir mein um zwanzig Jahre
älterer Halbbruder geölTnet hielt, utkI dann trat pliilzlich meine
Mutter, schön und schlank, wie von der Straße zurückkelireiid,
ins Zimmer. In diese Worte hatte ich die plastisch gesehene
Szene gefaßt, mit der ich soTist niclils an/ufangeu wußte. Ob
mein Bruder den Kasten — in dei- ersten tJbersetzmig des Hildes
hieß es „Schrank" — öffnen oder schließen wollte, warum ich
dabei weinte, und was die Ankunft der Mutter damit zu tun
habe, das alles war mir dunkel; ich war versiu:ht, mir die
Erklärung zu geben, daß i's si('Ii um ilie Krinnenmg an eine
Hänselei des älteren Bruders handle, die durch die Mutter unter-
brochen wurde. Solche Mißverständnisse einer im Ciedächtnis
bewahrten Kindlieitsszene sind nichts Seltenes; man erinnert sich
einer Situation, aber diesellie ist nicht zentriert, man weiß nichi^
auf welches Element derselben der psychische Akzent zu setzen
Jf. über Kindheits- und Deckei-innerungen gg
ist. Analytische Bemühung führte mich zu einer ganz unerwarteten
Auffassung des Bildes. Ich hatte die Mutter vermißt, war auf
den Verdacht gekommen, daß sie in diesem Schrank oder Kasten
eingesperrt sei, und forderte darum den Bruder auf, den Kasten
aufzusperren. Als er mir willfahrte und ich mich überzeugte, die
Mutter sei nicht im Kasten, fing ich zu schreien an; dies ist der
von der Erinnerung festgehaltene Moment, auf den alsbald das
meine Sorge oder Sehnsucht beschwichtigende Erscheinen der
Mutter folgte. Wie kam aber das Kind zu der Idee, die abwesende
Mutter im Kasten zu suchen? Gleichzeitige Träume wiesen dunkel
auf eine Kinderfrau hin, von welcher noch andere Reminiszenzen
erhalten waren, wie z. B. daß sie mich gewissenhaft anzuhalten
pflegte, ihr die kleinen Münzen abzuliefern, die ich als Geschenke
erhalten hatte, ein Detail, das selbst wieder auf den Wert einer
Deckerinnerung für Späteres Anspruch machen kann. So beschloß
ich denn, mir diesmal die Deuiungsaufgabe zu erleichtern, und
meine jetzt alte Mutter nach jener Kinderfrau zu befragen. Ich
erfuhr allerlei, darunter, daß die kluge, aber unredliche Person
während des Wochenbettes der Mutter große Hausdiebstähle verübt
hatte und auf Betreiben meines Halbbruders dem Gerichte über-
geben worden war. Diese Auskunft gab mir das Verständnis der
Kinderszene wie durch eine Art von Erleuchtung. Das plötzliche
Verschwinden der Kinderfrau war mir nicht gleichgültig gewesen;
ich hatte mich gerade an diesen Bruder mit der Frage gewendet,
wo sie sei, wahrscheinlich, weil ich gemerkt hatte, daß ihm eine
Rolle bei ihrem Verschwinden zukomme, und er hatte aus-
weichend und wortspielerisch, wie seine Art immer war,
geantwortet: sie ist „eingekastelt". Diese Antwort verstand ich
nun nach kindlicher Weise, ließ aber zu fragen ab, weil nichts
mehr zu erfahren war. Als mir nun kurze Zeit darauf die Mutter
abging, argwöhnte ich, der schlimme Bruder habe mit ihr dasselbe
angestellt wie mit der Kinderfrau, und nötigte ihn, mir den
Kasten zu Öffnen. Ich verstehe nun auch, wamm in der Über-
6o
7.ur Psychopathologie den AillaßsMjens
Setzung der visuellen Kindorszene die vSi hlinikhclt (Ut Mutter
betont ist, die mir als neu wiedcrlicrgcstellt auC^efallen sein muß.
Ich bin zweieinhalb Jahre älter als die damals p;i'b()renc Schwester,
und als ich drei Jahre alt wurde, fand das /.usnmmen leben mit
dem Halbbruder ein Luide'.
1
i) Wer «ich für da» SpcIoiiIpIipti dicinr Kinderjnlir*« inlorciiiert, wird leicht die
tiefere Bedingtheit der nn dm gnitU-n Bnidrr f{i'»U-llli-i] AnrorilfniiipcrmU'ii. Dnt nocli
nicht dreijährifF« Kind lial vcr«t4nden, daß dn» li'Ulhiii niiRfikiniMiiriip Sc'hw<*«tcrch«n
im Leib der Mutter ({Dwachsen iit. l'.t i»t giir nicht »-invcirilnndcii mit dir»pm
Zmvttchi und mißtrauisch hcsnrffl. diiH der Miillcrieib noch «citcro Kinder hiTRon
könnte. Der Sthrnnk oder Kasten ist ihm riri Synihnl det MnttcrlpibM. f",i v<TliinKt
also in dictcn Kasten in «chaucu und wondcl »ith liit-für nu dm j(roUrn lirudcr, der,
wie «u> anderem Material hcrvorffehl, an Stelle dei Vaten min Hivnlen dr« Kleinen
geworden iit. Gegen die»en Rnidcr richtet t\v\\ iiuDit dem hi'((riindetpn Verdacht,
daß er die v^rmiDte Kinderfrau „cinkii»teln" lietl, iiurh iiruh der nndrre, duD er
irgendwie das kürzlich gpbnrpne Kmd iti Afn Mutlrrlnli hiiiciii|irnkliY.ii'rt hat. Der
Affekt der Enttäuichung, wie der Kuntcn leer fjcrnudcn wird, gehl nun von der
oberflächlichen Molivierung dei kindlichen Verlnngrn» nun. I'iir die tiriVrr .Sirebung
steht er an faltcher Stelle. Dagegen i«t die hohe iterrinligung über die Schlniikhoit
der rückkelirenden Mutter erst aus dieser lieferen Schicht vull vorsländlich.
DAS VERSPRECHEN
Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Mutter-
sprache gegen das Vergessen gescliützt erscheint, so unterliegt
dessen Anwendung um so häufiger einer anderen Störung, die
als „Versprechen" bekannt ist. Das beim normalen Menschen
beobachtete Versprechen macht den Eindruck der Vorstufe für
die unter pathologischen Bedingungen auftretenden sogenannten
„Paraphasien".
Ich befinde mich hier ausnahmsweise in der Lage, eine
Vorarbeit würdigen zu können. Im Jahre iSgg haben Meringer
und C. Mayer eine Studie über „Versprechen und Verlesen"
publiziert, deren Gesichtspunkte fernab von den meinigen liegen.
Der eine der Autoren, der im Texte das Wort führt, ist
nämlich Sprachforscher und ist von linguistischen Interessen zur
Untersuchung veranlaßt worden, den Regeln nachzugehen, nach
denen man sich verspricht. Er hoffte, aus diesen Regeln auf das
Vorhandensein „eines gewissen geistigen Mechanismus' schließen
EU können, „in welchem die Laute eines Wortes, eines Satzes,
und auch die AVorle untereinander in ganz eigentümlicher Weise
verbunden und verknüpft sind" (S. lo).
Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele
des „Versprechens" zunächst nach rein deskriptiven Gesichts-
punkten als Vertauschungen (z. B. die Milo von Venus
62 Zur Psychopathologir des AUtagsfehrns
anstatt Venus von Milo), Vorkläiigi? oder A ii tiz i pal i onen
(z, B. es war mir auf der Schwost . . . nuf lit^r Brust so schwer),
NachkUng:e, Postposi lion o n (z. IJ. „Ich fonli-rn Sie auf^
auf das Wohl unseres Vht-h aui'zusIoUen" für niizusloüen),
Kontaminationen (7. It. „Kr setzt suh finf den Hinti-rkopf*'
aus: „Er setzt sich einen Kopf auf" und; „Kr stellt sich auf die
Hinterbeine"), Substitutionen (z. B. „Ich gebe die Präparute
in den Briefkasten" statt Brutkasten), 7.» welchen Hauplkiilegorien
noch einige minder wichtige (oder für utisere /wecke minder
bedeutsame) hinzugefügt werden. Eä macht bei dieser CJnippii'rung
keinen Unterschied, ob die tlmstflliiiig, Kiit.sicllung, Ver-
schmelzung usw. einzelne Laute des Wortes, SüIhmi otier ganze
Worte des intendierten Satzes belrit'it.
Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens stellt
Meringer eine verschiedene psychische Wertigkeit d(»r Sprach-
laute auf. Wenn wir den ersten Ijiut eines Wortes, das erste
Wort eines Satzes itniervieren, wendet sich der Krregungs Vorgang
bereits den späteren I^auten, den folgenilen Worten, zu, und soweit
diese Inner\'ationen miteinander gleit h/.eji ig sind, kJinncn sie
einander abändernd beeinflu.sseii. Die Km-gung de.s jisychisch
intensiveren Lautes klingt vor oder lifdlt imch und slJirt so den
minderwertigen Innervationsvorgnng. i'ji Iiandelt sich mm darum
zu bestimmen, welche die hüchstwertigen Laute eines Wnrtes
sind. Meringer meint: „Wenn man wissen will, weUIu'in I^iuto
eines Wortes die hiichste Intensität zukommt, so beobachte mau
sich beim Suchen nach einem vergessenen Wort, z. B. einen
Namen. Was zuerst wieder ins BewuMtsi'in kommt, hatte jeden-
falls die grüßte Intensität vor dem Vergessen (S. itio). Die hoch-
wertigen Laute sind also der Anlaut dei Wurzelsilbe und der
Wortanlaut und der oder die betonleri Vokiile" (S. 163).
Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben.
Ob der Anlaut des Namens zu den höchstwertigen Elementen
des Wortes gehöre oder nicht, es ist gewiß nicht richtig, daß
f^ Das Versprechen
63
er im Falle des Wortvergessens zuerst wieder ins Bewußtsein
tritt; die obige Regel ist also unbrauchbar. Wenn man sich
bei der Suche nach einem vergessenen Namen beobachtet so
wird man verhähnismäßig häufig die Überzeugung äußern
müssen, er fange mit einem bestimmten Buchstaben an. Diese
Überzeugung erweist sich nun ebenso oft als unbegründet wie
als begründet. Ja, ich möchte behaupten, man proklamiert
in der Mehrzahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in
unserem Beispiel „ Signorelli " ist bei dem Ersatznamen der
Anlaut und sind die wesentlichen Silben verloren gegangen j
gerade das minderwertige Silbenpaar e 11 i ist im Ersatznanien
Botticelli der Erinnerung wiedergekehrt. Wie wenig die Er-
satznamen den Anlaut des entfallenen Namens respektieren,
mag z. B. folgender Fall lehren:
Eines Tages ist es mir unmöglich, den Namen des kleinen
Landes zu erinnern, dessen Hauptort Monte Carlo ist. Die
Ersatznamen für ihn lauten :
Piemont, Albanien, Montevideo, Colico.
Für Albanien tritt bald Montenegro ein, und dann fällt
mir auf, daß die Silbe Mont (Mon ausgesprochen) doch allen
Ersatznamen bis auf den letzten zukommt. Es wird mir so
erleichtert, vom Namen des Fürsten Albert aus das vergessene
Monaco aufzufinden. Colico ahmt die Silbenfolge und Rhythmik
des vergessenen Namens ungefähr nach.
Wenn man der Vermutung Raum ^bt, daß ein ähnlicher
Mechanismus wie der fürs Namenvergessen nachgewiesene auch
an den Ersclieinuugen des Versprechens Anteil haben könne, so
wird man zu einer tiefer begründeten Beurteilung der Fälle
von Versprechen geführt. Die Störung in der Rede, welche sich
als Versprechen kundgibt, kann erstens verursacht sein durch
den Einfluß eines anderen Bestandteils derselben Rede, also
durch das Verklingen oder Nachhallen, oder durch eine zweite
Fassung innerhalb des Satzes oder des Zusammenhanges, den
64
T.ur Psychopathologie des Alltagslebens
auszusprechen man inlemücrt — hiolior gehüren allo oben
Meringer und Mayer enllchnlcii Bcispk'lc • -: /wciicns aber
könnte die Störung analog dein Vorgang im Kallc Signorelli
zustande kommen durch Kinflilsso außerhalb dieses Wortes,
Satzes oder Zusammen! langes, von RlenuMitcn her, die auszu-
sprechen man nicht intendiert und von deren l-lrregung man
erst durch eben die Störung Kennliii'J erliiilt. In der Gleich-
zeitigkeit der Krrcgiing lüge das (icmeinsame, in der Stellung
innerhalb oder auÜerhall) desselljeii Salzes oder /usannnenhanges
das Unterscheidende für die beiden Kntstehungsarlen des Versprecliens.
Der Unterschieil erscheint zuniichst ni(-lit so groU, als er für
gewisse Folgerungen aus der Symiilomalologie des Versprechens
in Betracht kommt. Es ist aber klar, daü man nur im ersteren
Falle Aussicht hat, aus den l'.rselieinungen des Versprwhens
Schlüsse auf einen Mechanismus xu y.iolien, der I^ute und Worte
zur gegenseitigen Beeinflussung ihrer Ariikulation miteinander
verknüpft, also Schlüsse, wie sie der Sprai liToi-scher aus dem
Studium des Versprechens zu gewiimen hofile. Im Falle der
Störung durch Einflüsse nuBerhalb des niiinlichen Satzes oder
Redezusammenhanges würde es sich vor alb'ni darum handeln,
die störenden Kiemente kernien zu lernen, untl dann entstünde
die Frage, ob auch der Mechanismus dieser St»nmg die zu
vermutenden Gesetze der Spraclibiblung verraten kann.
Man darf nicht behaupten, daß Meringer und Mayer die
Möglichkeit der Sprechstörung durch „koiniilizierte [isychische
Einflü.sse", durch Kiemente nuÜerhalb desselben Wortes, Satzes
oder derselben Redefolge übersehen haben. Sie mußten jn bemerken,
daß die Theorie der psychischen Hiigleicli Wertigkeit der I-aute
streng genommen nur für ilie Aufkliiiung der Uiutstörungen,
sowie der Vor- und Nachklänge aiisreicbl. Wo sich die Wort-
störungen nicht auf Lawisliiiiingen reduzieren lassen, z. B. bei
den Substitutionen und KontJnninalioneii von Worten, haben
auch sie unbedenklich die Ursache des Versprechens außerhalb
V. Das Versprechen 65
des intendierten Zusammenhanges gesucht und diesen Sachverhalt
durch schöne Beispiele erwiesen. Ich zitiere folgende Stellen:
(S. 62.) „Ru. ejv^hlt von Vorgängen, die er in seinem Innern
für .Schweinereien' erklärt. Er sucht aher nach einer milden Form
und beginnt; ,Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein
gekommen . . .' Mayer und ich waren anwesend und Ru.
bestätigte, daß er ,Sch weinereien' gedacht hatte. Daß sich dieses
gedachte Wort bei ^Vorschein* verriet und plötzlich wirksam
wurde, findet in der Ähnlichkeit der Wörter seine genügende
Erklärung. "
(S- 73.) „Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den
Kontaminationen und in wahrscheinlich viel höherem Grade die
»schwebenden* oder ,vagierenden' Sprachbilder eine große Rolle.
Sie sind, wenn auch unter der Scliwelle des Bewußtseins, so doch
noch in wirksamer Nähe, können leicht durch eine Ähnlichkeit
des zu sprechenden Komplexes herangezogen werden und führen
dann eine Entgleisung herbei oder kreuzen den Zug der Wörter.
Die jschwebenden' oder ,vagierenden* Spraclibilder sind, wie
gesagt, oft die Nachzügler von kürzlich abgelaufenen Sprach-
prozessen (Nachklänge)."
(S. 97.) „Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich,
wenn ein anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewußtseins-
schwelle liegt, ohne daß es gesprochen zu werden
bestimmt wäre. Das ist der Fall bei den Substitutionen. —
So hoffe ich, daß man beim Nachprüfen meine Regeln wird
bestätigen müssen. Aber dazu ist notwendig, daß man (wenn ein
anderer spricht) sich Klarheit darüber verschafft, an
was alles der Sprecher gedacht hat'. Hier ein lehr-
reicher Fall. Klassendirektor Li. sagte in unserer Gesellschaft: Die
Frau würde mir Furcht ein/agen'. Ich wurde stutzig, denn das
/ schien mir unerklärlich. Ich erlaube mir, den Sprecher auf
seinen Fehler ,ein/agen' für ,ein;agen' a ufmerksam zu machen,
1) Von mir hen-orgehoben.
Freud. IV -
66
Zu/- Psychopathologie des AlUagsleftens
worauf er sofort antwortete: ,Jn, «las kumini daher, weil ich
dachte: ich wiiro nicht in der Ijigf^' usw.
„Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem
kranken Pferd gehe. Kr antwortete: ,Jo, das draut . . . dauert
vielleicht no<:h einen Moniil.' Das ,draul' mit einem r war mir
unverstandlich, denn das r von ,dauert' konnte unmöglich so
gewirkt haben. Ich maclite also R. v. S. ounnerksam, worauf er
erklärte, er habe ge<lacht, ,das ist eine traurige Geschichte*.
Der Sprecher hatte also zwei Antwortt-n im Sinne und diese
vermengten sich."
Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksiclilnahme auf
die „vagierenden" Sprachbildcr, die iiiiler der Schwelle des
Bewußtseins stehen und nicht zum GesprocluMiwerdon bestimmt
sind, und die Forderung, sich zu erkiiiidi^cn, on was der Sprecher
alles gedacht habe, an die Verhältnisse bei unseren „Analysen"
herankommen. Auch wir suchen uiibewuUies Material, und zwar
auf dem nämlichen Wege, nur diiLi wir von den Kinnillen des
Befragten bis zur Auffindimg des störenden l''.leinenls einen längeren
Weg durch eine komplexe Assozialionsreihe -/urilckzulogen haben.
Ich weile noch bei einem anderen interessiinten Verhalten, für
das die Beispiele Meringers Zeugnis ablegen. Noch der F'.iusicht
des Autors selbst ist es irgend eine Ähiilirlikeit eines Wortes im
intendierten Satze mit einem anderen nidil intendierten, welche
dem letzteren gestattet, sich durch die Verursatluiiig einer
Entstellung, Mischbildung, KompromiOltildung (Kontaminnlion) im
Bewußtsein zur (Jeltung zu bringen:
lagen, dauert, Vorschein.
jagen, traurig, ...seh wein.
Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung"'
dargetan, weh heii Anleil die V e r d i c h t u n g s arbeit nn der
Entstehung des sogenannten inanifesten Trauminhalts aus den
i) Die Traumdeutiinf, Leitixi^ und Wien 190«, 7. Aufl. igi».
V. Das Versprechen 6^
latenten Traumgedanken hat. Irgend eine Ähnlichkeit der Dinge
oder der Wortvorstellungen zwischen zwei Elementen des
unbewußten Materials wird da zum Anlaß genommen um ein
Drittes, eine Misch- oder Kompromiß Vorstellung zu schaffen
welche im Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt und
die infolge dieses Ursprungs so häufig mit widersprechenden
Einzelbestimmungen ausgestattet ist. Die Bildung von Substitutionen
und Kontaminationen beim Versprechen ist somit ein Beginn
jener Verdichtungsarbeit, die wir in eifrigster Tätigkeit am Aufbau
des Traumes beteiligt finden.
In einem kleinen, für weitere Kreise bestimmten Aufsatz („Neue
Freie Presse" vom 23. August igoo: „Wie man sich versprechen
kann") hat Meringer eine besondere praktische Bedeutung für
gewisse Fälle von Wortvertauschungen in Anspruch genommen,
für solche nämlich, in denen man ein Wort durch sein Gegenteil
dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert sich wohl noch der Art,
wie vor einiger Zeit der Präsident des österreichischen Abgeordneten-
hauses die Sitzung eröffnete: , Hohes Haus! Ich konstatiere die
Anwesenheit von soundsoviel Herren und erkläre somit die Sitzung
für geschlossen!* Die allgemeine Heiterkeit machte ihn erst
aufmerksam und er verbesserte den Fehler. Im vorliegenden Falle
wird die Erklärung wohl diese sein, daß der Präsident sich
wünschte, er wäre schon in der Lage, die Sitzung, von der
wenig Gutes zu erwarten stand, zu schließen, aber — eine
häufige Erscheinung — der Nebengedanke setzte sich wenigstens
teilweise durch und das Resultat war ,geschlossen' für ,eröffnet',
also das Gegenteil dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber
vielfältige Beobachtung hat mich belehrt, daß man gegensätzliche
Worte überJiaupt sehr häufig miteinander vertauscht^ sie sind
eben schon in unserem Sprachbewußtsein assoziiert. Hegen hart
nebeneinander und werden leicht irrtümlicli aufgerufen."
Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so
leicht, wie hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu
68
Zur Psychopathologie d^s Alltagslebens
machen, daß das Versprechen infolge eines Widerspruchs g-eschieht,
der sich im Innern des Redners g;('gen den geäußerten Satz
erhebt. Wir liaben den analogen Mechanismus in der Analyse
des Beispiels aliquis gefunden; dort äußerte sich der innere Wider-
spruch im Vergessen eines Wortes anstatt in seiner Ersetzung
durch das Gegenteil. Wir wollen aber zui' Aiisf>;leithung des
Unterschiedes bemerken, daß das Wörlchen aliquis eines ähnlichen
Gegensatzes, wie ihn „scliließen" und „eröffnen" ergeben, eigentlich
nicht iahig ist, und daß „erolTnen" als gebräuchlicher ßestnndleil
des Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann.
Zeigen uns die letzten Beispiele von M erin ger und May er,
daß die Sprechstörung ebensowohl durch einen l'-influß vor- und
nachklingender Laute und W^orte desselben Satzes entstehen kann,
die zum Ausgesprochen werden bestimmt sind, wie durch die
Einwirkung von Worten außerlialb des intendierten Satzes, deren
Erregung sich sonst nicht verraten hätte, so werden
wir zunächst erfahren wollen, ob niiin die beiden Klassen von
Versprechen scharf sondern und wie man ein IJoispiel der einen
von einem Falle der anderen Klasse unterscheiden kann. An dieser
Stelle der Erörterung muß man aber iler Äußi^rungon Wundts
gedenken, der in seiner umfassenden Bearbeitung der Entwicklungs-
gesetze der Sprache (Völkerpsychologie, i . Iland, i . Teil, S. 37 \ u. ff.,
1900) auch die Ersclieinungen des Versprechens behandelt. Was
bei diesen Erscheinungen uTid anderen, ihnen verwandten niemals
fehlt, das sind nach Wundt gewisse psychische I'^inflüsse. „Dahin
gehört zunächst als positive Bedingung der ungehemmte Fluß
der von den gesprochenen Lauten angeregien La ut- und Wort-
assoziationen. Ihm tjitt der Weglall oder der Nachlaß der
diesen Lauf hemmenden Wirkungen des Willens und der auch
hier als Willensfunktion sich betätigenden Aufmerksamkeit als
negatives Moment zur Seite. Ob jenes Spiel der Asso/.iation darin
sich äußert, daß ein kommender Laut antizipiert oder die voraus-
gegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmäßig eingeübter
^. Das Versprechen 6g
zwischen andere eingeschaltet wird, oder endhch darin, daß ganz
andere Worte, die mit den gesprochenen Lauten in assoziativer
Beziehung stehen, auf diese herüberwirken — alles dies bezeichnet
nur Unterschiede in der Richtung und allenfalls in dem Spiel-
raum der stattfindenden Assoziationen, nicht in der allgemeinen
Natur derselben. Auch kann es in manchen Fällen zweifelhaft
sein, welcher Form man eine bestimmte Störung zuzurechnen,
oder ob man sie nicht mit größerem Rechte nach dem
Prinzip der Komplikation der Ursachen' auf ein
Zusammentreffen mehrerer Motive zurückzuführen habe." (S. 580
und 581.)
Ich halte diese Bemerkungen Wundts für vollberechtigt und
sehr instruktiv. Vielleicht könnte man mit größerer Entschieden-
heit als Wundt betonen, daß das positiv begünstigende Moment
der Sprechfehler — der ungehemmte Fluß der Assoziationen —
und das negative — der Nachlaß der hemmenden Aufmerksam-
keit — regelmäßig miteinander zur Wirkung gelangen, so daß
beide Momente nur zu verschiedenen Bestimmungen des nämlichen
Vorganges werden. Mit dem Nachlaß der hemmenden Aufmerk-
samkeit tritt eben der ungehemmte Fluß der Assoziationen in
Tätigkeit; noch unzweifelhafter ausgedrückt: durch diesen
Nachlaß.
Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt,
finde ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und
allein auf das, was Wundt „Kontakt Wirkung der Laute" nennt,
zurückführen müßte. Fast regelmäßig entdecke ich überdies einen
störenden Einfluß von etwas außerhalb der intendierten Rede,
und das Störende ist entweder ein einzelner, unbewußt gebliebener
Gedanke, der sich durch das Versprechen kundgibt und oft er.st
durch eingehende Analyse zum Bewußtsein gefördert werden
kann, oder es ist ein allgemeineres psychisches Motiv, welches
sich gegen die ganze Rede richtet.
i) Von mir hervorgehoben.
7°
Zur Psychopathologie des AUtagsiebens
i) Ich will gegen meine Tochter, die beim KinboiÜen in einen
Apfel ein garstiges Gesicht geschnitten hat, zitieren:
Der Affe gar possierlich i»t,
Zumal wenn er vom Apfel frißt.
Ich beginne aber: Der A p f e . . . Dies scheint eine Konianiinaiion
von „Affe" und „Apfel" (KomjnonnBhihhnig) oder kann auch
als Antizipation des vorbereiteten „Apfel" aufgcfiiüt werden. Der
genauere Sachverhalt ist abrr drr: Ich hatte dos Zitat Bchon
einmal begonnen und mich das erstemal diilni iiidit verepruchen.
Ich verspracli micli erst bei der Wioderhiiliiiig, die sich als
notwendig ergab, weil die Angesprdchi-ne, von anderer Seite mit
Beschlag belegt, nicht zuhörte. Diese Wiederhohing, die mit ihr
verbundene Ungeduld, des Satzes ledig zu wenlcn, inuQ ich in
die Motivierung des SprechfcldiTs, dt^r sich als eine VenHchtuiigs-
leistung darstellt, mit einrechnen.
3) Meine Tochter sogt: Ich schreibe der Krau Sc hresinger. ..
Die Frau heißt Schlesinger. Dieser Sprcrlifchler hängt wohl
mit einer Tendenz zur Erleichterung der Artikulation ziisninmon,
denn das l ist nach wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich
muß aber hinzufügen, daß sich dieses Versprechen hei meiner
Tochter ereignete, nachdem ich Jlir wenige Minuten zuvor
„Apfe" anstatt „Affe" vorgesagt halte. Nun ist das Versprechen
/ in hohem Maße ansteckend, ähnlich wie das Nnmcnvergessen,bei
dem Meringer und Mayer diese Eigentthnlichkeit bemerkt
haben. Einen Grund für diese psychisclic KonlagiositHt wi^iß ich
nicht anzugeben.
5) „ Ich klappe zusammen wie ein T n s s e n in o s c h c r —
Taschen messer",sngt eine Patientin zu Beginn der Behandhmgs-
stunde, die Laute vertauscbend, wobei ihr wieder die Arlikulations-
schwierigkeit („Wiener Weiber Wäscherinnen waschen weiße
Wäsche" — „Fischflosse" und ähnliche l'iüfwnrte) zur Entschuldi-
gung dienen kann. Auf den Spreclilehler aufineikwiin gemacht,
erwidert sie prompt: „Ja, das ist nur, weil Sie heute ,Ernscht'
V. Das Versprechen 71
gesagt haben." Ich hatte sie wirkHch mit der Rede empfangen:
„Heute wird es also Ernst" (weil es die letzte Stunde vor dem
Urlaub werden sollte) und hatte das „Ernst" scherzhaft zu
„Ernscht" verbreitert. Im Laufe der Stunde verspricht sie sich
immer wieder von neuem, und ich merke endlich, daß sie mich
nicht bloß imitiert, sondern daß sie einen besonderen Grund hat,
im Unbewußten bei dem Worte Ernst als Namen zu verweilen*.
4) „Icli bin so verschnupft, ich kann nicht durch die Ase
natmen — Nase atmen" — passiert derselben Patientin ein
andermal. Sie weiß sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt.
„Ich steige jeden Tag in der H a s e n a u e r s t r a ß e in die
Tramway, und heute früh ist mir während des Wartens auf den
Wagen eingefallen, wenn ich eine Französin wäre, würde ich
Asenauer aussprechen, denn die Franzosen lassen das H im
Anlaut immer weg." Sie bringt dann eine Reihe von Reminis-
zenzen an Franzosen, die sie kennen gelernt hat, und langt nach
weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, daß sie als vier-
zehnjähriges Mädchen in dem kleinen Stück „Kurmärker und
Picarde" die Picarde gespielt und damals gebrochen Deutsch
gesprochen hat. Die Zufälligkeit, daß in ihrem Logierhaus ein
Gast aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinne-
rungen wachgerufen. Die Laut vertausch ung ist also Folge der
Störung durch einen unbewußten Gedanken aus einem ganz
fremden Zusammenhang.
g) Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer
anderen Patientin, die mitten in der Reproduktion einer längst
verschollenen Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen
wird. An welche Körperstelle die vorwitzige und lüsterne Hand
\) Sie stand nämlich, wie sich zeigte, unter dem Einfluß von »mbewußten
Gedanken über Schwangerschaft und Kinderverhiitung. Mit den Worten: „lusammen-
ffeklappt wie ein Taschenmesser", welche sie beivuDl als Klage vorbrachte, wollte sie
die Haltung des Kindes im Mutterleibe beschreiben. Das Wort „Ernst" in meiner
Anrede hatte sie an den Namen (S. Ernst) einer bekannten Wiener Firma in der
KÖnitnerstraße gemahnt, welche sich als Verkaufs statte von Schutzmitteln gegen die
Konzeption zu annoncieren pflegt.
7a ^"f* Psychopathologie des Alltagslehens
des anderen gegi-iffen hat, will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen.
Sie macht unmittelbar darauf einen Besuch bei einer Freundin
und unterhält sich mit ihr über Sommerwohnungen. Gefragt, wo
denn ihr Häuschen in M. gelegen sei, antwortet sie: an der
Berglende anstatt Berglehne.
6) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde
frage, wie es ihrem Onkel geht, antwoilet: „Ich weiß nicht, ich
sehe ihn jetzt nur in flagranti}'' Am nächsten Tage beginnt
sie: „Ich habe mich recht gescliämt, Ihnen eine so dumme
Antwort gegeben zu haben. Sie müssen mich natürlicli für eine
ganz ungebildete Person halten, die beständig Fremdwörter
verwechselt. Ich wollte sagen: en passant. Wir wußten
damals noch nicht, woher sie die unrichtig angewendeten Fremd-
wörter genommen hatte. In derselben Sitzung aber brachte sie
als Fortsetzung des vortägigen Themas eine Reminiszenz, in welcher
das Ertapptwerden in flagranti die Hauptrolle spielte. Der
Sprechfehler am Tage vorher hatte also die damals noch nicht
bewußt gewordene Erinnerung antizipiert.
7) Gegen eine andere muß ich an einer gewissen Stelle der
Analyse die Vermutung aussprechen, daß sie sich zu der Zeit,
von welcher wir eben handeln, ihrer Familie geschämt und ihrem
Vater einen uns noch unbekannten Vorwurf gemacht habe. Sie
erinnert sich nicht daran, erklärt es übrigens für unwahrschein-
lich. Sie setzt aber das Gespräch mit Bemerkungen über ihre
Familie fort; „Man muß ihnen das eine lassen; Es sind doch
besondere Menschen, sie haben alle Geiz — ich wollte sagen
Geist." Das war auch denn wirklich der Vorwurf, den sie aus
ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Daß sich in dem Versprechen
gerade jene Idee durchdrängt, die man zurückhalten will, ist ein
häufiges Vorkommnis (vgl. den Fall von M e r i n g e r : zum
Vorschweia gekommen). Der Unterschied liegt nur darin, daß die
Person bei Meringer etwas zurückhalten will, was ihr bewußt
ist, während meine Patientin das Zurückgehaltene nicht weiß,
\
V, Das Versprechen 75
oder wie man auch sagen kann, nicht weiß, daß sie etwas, und
was sie zurückhält.
8) Auf absichthche Zurückhaltung geht auch das nachstehende
Beispiel von Versprechen zurück. Icli treffe einmal in den Dolo-
miten mit zwei Damen zusammen, die als Touristinnen verkleidet
sind. Ich begleite sie ein Stück weit, und wir besprechen die
Genüsse, aber auch die Beschwerden der touristischen Lebens-
weise. Die eine der Damen gibt zu, daß diese Art, den Tag zu
verbringen, manches Unbequeme hat. „Es ist wahr," sagt sie,
„daß es gar nicht angenehm ist, wenn man so in der Sonne den
ganzen Tag marschiert hat und Bluse und Hemd ganz durch-
geschwitzt sind." In diesem Satze hat sie einmal eine kleine
Stockung zu überwinden. Dann setzt sie fort: „Wenn man aber
dann nach Hose kommt und sich umkleiden kann ..." Ich
meine, es bedurfte keines Examens, um dieses Versprechen
aufzuklären. Die Dame hatte offenbar die Absicht gehabt, die
Aufzählung vollständiger zu halten und zu sagen; Bluse, Hemd
und Hose. Dies dritte Wäschestück zu nennen, unterdrückte sie
dann aus Gründen der Wohlanständigkeit. Aber im nächsten,
inhaltlich unabhängigen Satz setzte sich das unterdrückte Wort
als Verunstaltung des ähnlichen Wortes „nach Hause" wider
ihren Willen durch.
9) „Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu
Kaufmann in der Matthäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort
auch empfehlen," sagt mir eine Dame. Ich wiederhole: „Also
bei Matthäus . . .bei Kaufmann will ich sagen." Es sieht
aus wie Folge von Zerstreutheit, wenn ich den einen Namen an
Stelle des anderen wiederhole. Die Rede der Dame hat mich
auch wirklich zerstreut gemacht, denn sie hat meine Aufmerk-
samkeit auf anderes gelenkt, was mir weit wichtiger ist als
Teppiche. In der Matthäusgasse steht nämlich das Haus, in dem
meine Frau als Braut gewohnt hatte. Der Eingang des Hauses
war in einer anderen Gasse, und nun merke ich, daß ich deren
74
Zur Psychopathologie des j4UtagslebeTU
Namen vergessen habe und ihn mir erst auf einem Umweg
bewußt machen muß. Der Name Miitihüus, bei dem ich verweile,
ist mir also ein Ersatznome für den vergessenen Namen der
Straße. Er eignet sich besser dazu als der Name Kaufmann, denn
Matthäus ist ausschließlich ein PcrsiiMcnniniH', was K.uifmann
nicht ist, und die vergessene Straße lieißt auch naili einem
Personennamen: Radetzky,
lo) Folgenden Fall könnte icli ebensof^nl hei den sjiiitor zu
besprechenden „Irrtümern" unterbringen, li'ihn- ihn ober hier an,
weil die Lautbeziehungen, auf Grunii deren die Wortorselzung
erfolgt, ganz besonders deutlicli sind. Kine PatiotUin erzählt mir
ihren Traum : Kin Kind hat beschlossen, sich durch einen Schlangen-
biß zu löten. Es führt den Beschluß aus. Sie sieht zu, wie es
sich in Krämpfen windet usw. Sie soll nun die Tagesanknilpfnng
für diesen Traum finden. Sie erinnert sofort, <laß sie gesLera
abends eine populäre Vorlesung über erste Hilfe bei Schlinigen-
bissen mitangehört hat. Wenn ein Krwachsener und ein Kind
gleichzeitig gebi.ssen worden sind, so soll man zuerst die Wunde
des Kindes behandeln. Sie eriuTiert auch, welche Vürsthriften für
die Behandlung der Vortragende gegeben hat. F^ käme sehr viel
darauf an, hatte er auch geäußert, von welcher Art man gebi.'aen
worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage: Hat er denn
nicht gesagt, daß wir nur sehr wenige giftige Arten in unserer
Gegend haben, und welche die gefürchtoten sind? „Ja, er hat die
Klapperschlange hervorgehoben." Mein Uulii'u macht sie dann
aufmerksam, <!aß sie etwas Unrichtiges gesagt hat. Sie korrigiert
jetzt aber nicht etwa den Namen, sondern sie nimmt ihre Aussage
zurück. „Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor, er hat von der
Viper gesprochen. Wie gerate ich nur auf die Klapperschlange?"
Ich vermutete, durch die luimiengung <lnr Gedanken, die sich
hinter ihrem Traum verborgen liallen. Der Seihst inord durch
Schlangenbiß kann kaum etwas andiMcs sein, als eine Anspielung
auf die schöne Kltmpaird. Die weilgehende Lautahiilichkeit der
1
V, Das Versprechen vk
beiden Worte, die Übereinstimmung in den Buchstaben Kl . .p . .r
in der nämlichen Reihenfolge und in dem betonten a sind nicht
zu verkennen. Die gute Beziehung zwischen den Namen Klapper-
schlange und Kleopatra erzeugt bei ihr eine momentane
Einschränkung des Urteils, derzufolge sie in der Behauptung, der
Vortragende habe sein Publikum in Wien in der Behandlung
von Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoß nimmt.
Sie weiß sonst so gut wie ich, daß diese Schlange nicht zur
Fauna unserer Heimat gehört. Wir wollen es ihr nicht verübeln,
daß sie an die Versetzung der Klapperschlange nach Ägypten
ebensowenig Bedenken knüpfte, denn wir sind gewohnt, alles
Außereuropäische, Exotische zusammenzuwerfen, und ich selbst
mußte mich einen Moment besinnen, ehe ich die Behaup-
tung aufstellte, daß die Klapperschlange nur der neuen Welt
angehört.
Weitere Bestätigungen ergeben sich bei FortsetEung der
Analyse. Die Träumerin hat gestern zum erstenmal die in der
Nähe ihrer Wohnung aufgestellte Antonius gruppe von S tr a ß e r
besichtigt. Dies war also der zweite Traumanlaß (der erste der
Vortrag über Schlangenbisse). In der Fortsetzung ihres Traumes
wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu welcher Szene ihr das
Gretchen einfällt. Weitere Einfälle bringen Reminiszenzen an
„Arria und Messalina". Das Auftauchen so vieler Namen
von Theaterstücken in den Traumgedauken läßt bereits vermuten,
daß bei der Träumerin in früheren Jahren eine geheimgehaltene
Schwärmerei für den Beruf der Schauspielerin bestand. Der Anfang
des Traumes: „Ein Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen
Schlangenbiß zu enden", bedeutet wirklich nichts anderes als:
Sie hat sich als Kind vorgenommen, einmal eine berühmte
Schauspielerin zu werden. Von dem Namen Messalina zweigt
endlich der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen Inhalt
dieses Traumes führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit haben in
ihr die Besorgnis erweckt, daß ihr einziger Bruder eine nicht
76
Zur Psychopathologie drs AUtaßslrhrns
standesgemäße Ehe mit einer Niclit-A r i e r i n, eine Mesalliance
eingehen könnte.
ii) Ein völlig liarinl()ses oder vicllcirlit uns nicht genügend
in seinen Motiven aufgeklärtes Beispiel will itli hier wicdcrgohen,
weil es einen durchsichtigen Mechanismus erkennen laut:
Ein in Italien reisender Deutscher hodarf eines Rieinons, um
seinen schadhaft gewordenen Koffer zu umschnüren. Das Wörter-
buch liefert ihm für Riemen das iudieriische Wort cmeggia.
Dieses Wort werde ich mir leicht merken, meint er, indem ich
an den Maler (Correggio) denke. Kr geht dann in einen
Laden und vprlangl: una rihera.
Es war ihm anscheinend ni(hi gelungen, dns deutsche Wort
in seinem Gedächtnis tlui-cli das italienische zu ersetzen, alwr
seine Bemühung war doch nicht gänzlich ohne Kifolg geblieben.
Er wußte, daß er sich an den Namen eines Malers halten müsse,
und so geriet er nicht auf jenen Malornnmen, der an das
italienische Wort anklingt, sondern an einen anderen, der sich
dem deutschen Worte Kiemen annähert. Ich hatte dieses Beisjiiel
natürlich ebensowohl beim Namen vergessen win liier heim
Versprechen unterbringen köinion.
Als Ich Elrfahrungen von Versprechen für die erste Auflage
dieser Schrift sammelte, ging ich so vor, daß ich alle Fälle, die
ich beobacliten konnte, darunter also auch die niinder eindrucks-
vollen, der Analyse unterzog. Seither haben manche andere sich
der amüsanten Mühe, Versprechen zu samniehi und zu analysieren,
unterzogpii und mich so in den Stand gesetzt, Auswahl aus einem
reicheren Material zu schöpfen.
la) Ein junger Mann sagt zu seiner Schwester: Mit den D.
bin ich jetzt ganz zerfallen, ich grüße sie nicht mehr. Sie antwortet:
Überhaupt eine saubere I^ippschafl. Sie wollte sagen: Sipp-
schaft, aber sie drängte nocli zweierlri in dein Spreciürrtum
zusammen, daß ilir Bruder einst selbst mit der Tochter dieser
Familie einen I-lirt begonnen hatte, und daß es von dieser hieß,
V. Das Versprechen
77
sie habe sich in letzter Zeit in eine ernsthafte unerlaubte Lieb-
schaft eingelassen.
1 5) Ein junger Mann spricht eine Dame auf der Straße mit
den Worten an: „Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, möchte ich
Sie begleit-digen." Er dachte offenbar, er möchte sie gern
begleiten, fürchtete aber, sie mit dem Antrag zu beleidigen.
Daß diese beiden einander widerstreitenden Gefühlsregungen in
einem Worte — eben dem Versprechen — Ausdruck fanden,
■weist darauf hin, daß die eigentlichen Absichten des jungen Mannes
jedenfalls nicht die lautersten waren und ihm dieser Dame
gegenüber selbst beleidigend erscheinen mußten. Während er aber
gerade dies vor ihr zu verbergen sucht, spielt ihm das Unbewußte
den Streich, seine eigentliche Absicht zu verraten, wodurch
er aber andererseits der Dame gleichsam die konventionelle
Antwort: „Ja, was glauben Sie denn von mir, wie können
Sie mich denn so beleidigen" vorwegnimmt. (Mitgeteilt von
O. Rank.) -
Eine Anzahl von Beispielen entnehme ich einem Aufsatz von
W. Stekel aus dem „Berhner Tageblatt" vom 4. Jänner 1904,
betitelt „Unbewußte Geständnisse".
14) „Ein unangenehmes Stück meiner unbewußten Gedanken
enthüllt das folgende Beispiel. Ich schicke voraus, daß ich in
meiner Eigenschaft als Arzt niemals auf meinen Erwerb bedacht
bin und immer nur das Interesse des Kranken im Auge habe,
was ia eine selbstverständliche Sache ist. Ich befinde mich bei
einer Kranken, der ich nach scliwerer Krankheit in einem
Rekonvaleszentenstadium meinen ärztlichen Beistand leiste. Wir
haben schwere Tage und Nächte mitgemacht. Ich bin glücklich,
sie besser zu finden, male ihr die Wonnen eines Aufenthaltes in
Abbazia aus und gebrauche dabei den Nachsatz: ,wenn Sie, was
ich hoffe, das Bett bald nicht verlassen werden — '. Offenbar
entsprang das einem egoistischen Motiv des Unbewußten, diese
wohlhabende Kranke nocli länger behandeln zu dürfen, einem
78
Zur Psychopalhohgie drs AVtagsJeb4'ns
Wunsclie, der meinem wachen BowuIJiscin votlktmimon fremd ist
und den ich mit Entrüstung; zurückweisen würde."
ig) Ein anderes Beispiel (W, St ekel). „Meine Krau nimmt
eine Französin für die Nnthiniltage auf und will, naclulem man
sich über die Bedin^m^en geeinigt hatte, ihre Zeugnisse zurück-
behalten. Die Französin bittet, sie beliiüteii zu dürfen, mit der
Moti%'jerung: Je cherche encorc pour les apr^s-rtiidi's, pardon, pour
les avant-midis. Offenbar hatte sie die Absicht, sich noch nndor-
weitig umzusehen und vielleicht bessere Bedingungen zu erhalten
— eine Absicht, die sie auch ausgeführt hat."
16) (Dr. Stekel:) „Ich soll einer Frau die Leviten lesen, und
ihr Mann, auf dessen Bitte das geschieht, steht lauschend hinter
der Tür. Am Ende meiner Predigt, die einen sichlliclien K,indruck
gemacht hatte, sagte ich: ,Küss' die Hand, gniidigcr Herr!' Dem
Kundigen hatte ich damit verraten, daß die Worte an die
Adresse des Herrn gerichtet waren, daO ich sie um seinetwillen
gesprochen hatte."
17) Dr. Stekel berichtet von sich selbst, daß er zu einer
Zeit zwei Patienten aus Tnest in Behandlung gi-liaht liiil)e, die
er immer verkehrt zu begrüßen pflegte. „Guten Morgen, Herr IVloni,"
sagte ich zu Askoli, — „Guten Morgen, Herr Askoü," zu Peloni. Er war
anfangs geneigt, dieser Verwetlislung keine tiefere Motivierung zu-
zuschreiben, sondern sie durch die mehrfachen Gemeinsamkeiten der
beiden Herren zu erklären. Kr ließ sich aber leicht übeiv-eugen, daß die
Namen vertauschung hier einer Art Prahlerei entsprach, iTidcm er
durch sie jeden seiner italienischen Patienten wissen lassen konnte,
er sei nicht der einzige Triestiner, der nach Wien gekommen
sei, um seinen är/.tlichen Rat zu suchen.
18) Dr. Stekel selbst in einer stürmischen (jeneralversammhmg:
Wir streiten (.schreiten) nun zu Punkt .\. cli-i- Ttigt^sonlnung.
19) Ein Professor in seiner Antrittsvorlosung; „Ich bin nicht
geneigt (geeignet), die Verdienste meines sehr geschätzten
Vorgängers zu schildern."
V. Das Versprechen 70
ao) Dr. Stekel zu einer Dame, bei welcher er Basedowsche
Krankheit vermutet: „Sie sind um einen Kropf (Kopf) größer
als Ihre Schwester."
21) Dr. Stekel berichtet: Jemand will das Verhältnis zweier
Freunde schildern, von denen einer als Jude charakterisiert werden
soll. Er sagt: Sie lebten zusammen wie Kastor und Pollak.
Das war durchaus kein Witz, der Redner hatte das Versprechen
selbst nicht bemerkt und wurde erst von mir darauf aufmerksam
gemacht.
23) Gelegentlich ersetzt ein Versprechen eine ausführliche
Charakteristik. Eine junge Dame, die das Regiment im Hause
führt, erzählt mir von ihrem leidenden Manne, er sei beim Arzt
gewesen, um ihn nach der ihm zuträglichen Diät zu befragen.
Der Ai-zt habe aber gesagt, darauf käme es nicht an. „Er kann
essen und trinken was ich will."
Die folgenden zwei Beispiele von Th. R e i k (Intern. Zeitschr. f.
Psychoanalyse, III, 1915) stammen aus Situationen, in denen sich
Versprechen besonders leicht ereignen, weil in ihnen mehr zurück-
gehalten werden muß, als gesagt werden kann.
25) Ein Herr spricht einer jungen Dame, deren Gatte kürzlich
gestorben ist, sein Beileid aus und seUt hinzu: „Sie werden Trost
finden, indem Sie sich völlig ihren Kindern wid wen." Der unter-
drückte Gedanke wies auf andersartigen Trost hin: eine junge
schöne Witwe wird bald neue Sexualfreuden genießen.
24) Derselbe Herr unterhält sich mit derselben Dame in einer
Abendgesellschaft über die großen Vorbereitungen, welche in Berlin
zum Osterfeste getroffen werden, und fragt; „Haben Sie heute die
Auslage bei Wertheim gesehen? Sie ist ganz dekolletiert." Er
hatte seiner Bewunderung über die Dekolletage der schönen Frau
nicht laut Ausdruck geben dürfen, und nun setzte sich der verpönte
Gedanke durch, indem er die Dekoration einer Warenauslage in
eine Dekolletage verwandelte, wobei das Wort Auslage unbewußt
doppelsinnig verwendet wurde.
8o
Zur Psychopathologie des Alltagsleberu
Dieselbe Bedingung trifft auch für eine Beobaclitutig zu, über
welche Dr. Hanns Sachs ausfüliiHche Kcclifiischait zu geben
versucht:
sg) „Eine Dame er/aliU mir von einem gemeinsamen lickannten,
er sei, als sie ihn das letztemal sah, so elegant angezogen gewesen
wie immer, besonders habe er liervorragoiid st luiiu', luaunc Halb-
schuhe getragen. Auf meine Frage, wo sie ihn denn golroffen
habe, berichtete sie: ,Er hat an niciiuT Haustür geläutet und ich
hab' ihn durch die heruntergelassenen Rouleaux gc'S<?hen. Ich liabe
aber weder geöffnet noch sonst ein Lebenszeichen gegeben, denn
ich wollte nicht, daß er es erfliliri, daß ich schon in der Stadt
bin.* Ich denke mir beim Zuhören, daß sie mir (liil>L'i etwas ver-
schweigt, am walirscheinlichsLen wohl, daß sie deswegen nicht
geöffnet habe, weil sie nicht allein und nicht in der Toilette waj-,
um Besuche zu empfangen, und huge ein wenig ironisch: ,Also
durch die geschlossenen Jalousien liindurili haben Sie seine Haus-
schuhe — seine Hulbscliulie bewundern können?' In ,Hausschuhe*
kommt der von der Äußerung abgehaltene GedunKe an ihr Haus-
kleid zum Ausdruck. Das Wort ,Halb' wurde anderseits wieder
deswegen zu beseitigen versucht, weil g<'rjido in diesem Worte
der Kern der verpönten Antwort: ,Sie sagen mir nur (Ii<- lialbe
Wahrheit und verschweigen, daß Sie halb nngiv.ogen waren* ent-
halten ist. Befördert wurde das Versprechen auch dadurch, daß
wir unmittelbar vorher von dem Kheleben des betreffenden Herrn,
von seinem ,häuslichen Glück' gesproclien hatten, was wohl die
Verschiebung auf seine Person miLdelerminieile. Schließlich muß
ich gestehen, daß vielleicht mein Neid mitgewirkt hol, wenn ich
diesen eleganten Herrn in Hausschuhen auf der Straße stehen ließ;
ich selbst habe mir erst vor kurzem braune Halbsclmlie gekauft,
die keineswegs mehr »hervorragend schön' sind.'
Krie^szeiten wie die gegenwärtigen bririgr^n eine Reihe von
Versprechen hervor, deren Verständnis wenig Schwierigkoitea
macht.
V. Das f^ersprechen g.
26) „Bei welcher Waffe befindet sich Ihr Herr vSolm?" wird
eine Dame gefragt. Sie antwortet: „Bei den 42er Mördern."
27) Leutnant Henrik Ha im an schreibt aus dem Felde: Ich
werde aus der Lektüre eines fesselnden Buches herausgerissen, um
für einen Moment den Aufklärungstelephonisten zu vertreten. Auf
die Leitungsprobe der Geschützstalion reagiere ich mit: Konirolle
richtig, Ruhe. Reglementmäßig sollte es lauten: Kontrolle richtig,
Schluß. Meine Abweichung erklärt sich durch den Ärger über die
Störung im Lesen." (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916/17.)
28) Ein Feldwebel instruiert die Mannschaft, ihre Adressen
genau nach Hause anzugeben, damit die Gespeckslücke nicht
verloren gelien,
2g) Das nachstehende, hervorragend schöne und durch seinen
tieftraurigen Hintergrund bedeutsame Beispiel verdanke ich der
Mitteilung von Dr. L. Czeszer, der während seines Aufenthaltes
in der neutralen Schweiz zu Kriegszeiten diese Beobachtung gemacht
und sie erschöpfend analysiert hat. Ich gebe seine Zuschrift mit
unwesentlichen Auslassungen im folgenden wieder:
„Ich gestalte mir, einen Fall von ,Versprechen' mitzuteilen, der
Herrn Professor M. N. in O. bei einem seiner im eben verflossenen
Sommersemester abgehaltenen Vorträge über die Psychologie der
Empfindungen unteriief. Ich muß voraussenden, daß diese Vor-
lesungen in der Aula der Universität unter gi-oßem Zudrang der
französischen internierten Kriegsgefangenen und im übrigen der meist
aus entschieden ententefi-eundlich gesinnten Französisch-Schweizern
bestehenden Studentenschaft gehalten wurden. In O. wird, wie in
Frankreich selbst, das Wort boche jetzt allgemein und ausschließlich
zur Bezeichnung der Deutschen gebraucht. Bei öffentlichen Kund-
gebungen aber, sowie bei Vorlesungen u. dgl. bestreben sich höhere
Beamte, Professoren und sonst verantwortliche Personen aus Neu-
tra litätsgrün den das ominöse Wort zu vermeiden.
Professor N. nun war gerade im Zuge, die praktische Bedeutung
der Affekte zu besprechen, und beabsichtigte, ein Beispiel zu zitieren
Freuß, IV. ,
Sa Zur Psychopathologie des Alltagslebens
für die zielbewußte Ausbeutung eines Affekts, um i-ine an sich
uninteressante Muskelarbeit mit Lustf>i'nUilen zu laden und so inten-
siver zu gestalten. Er erzählte also, natüilicli in fran/üsischer Sprache,
die gerade damals von hiesigen Illiitlem aus einem alldeutschen
Blatte abgedruckte Geschichte von einem deutschen Schulmeister,
der seine Schüler im Clarten arbeiten ließ und, um sie zu inten-
siverer Arbeit anzufeuern, sie auffonJerie, sich voraustellen, daß
sie statt jeder KrdschoUe einen frnny-ösischen Schädel einschlügen.
Beim Vortrag seiner Geschichte sagte N. natürlich jedesmal, wo
von Deutschen die Rede war, ganz korrekt .'fllemand und nicht
bocke. Doch als es zur Pointe der Geschichte kam, trug er die
Worte des Schulmeisters folgenderweise vor: Itnaginrz vousy qu'en
chaque moche vous ^crasez Ic cräne d'un Fran^:ais, Also stall motte
— moche!
Sieht man da nicht förmlich, wie der korrekte Gelehrte vom
Anfang der Er/ühhmg sich zusammennimmt, um ja nicht der
Gewohnheit und vielleicht auch der Versuchung nachzugeljon und
das sogar durch einen Bundeserlaß ausdrücklich verpönte Wort
von dem Katheder der Universitätsaula fallen zu lassen! Und gerade
im Augenblick, wo er glücklich das letztemal ganz korrekt ,in*h-
titeur alleimanti gesagt hat und innerlich auraimciul zum unver-
fänglichen Schlüsse eilt, klammert sicli (he mühsam zuiückgedrangte
Vokabel an den Gleichklang des Wortes motte und — das Thdieil
ist geschehen. Die Angst vor der politischen Taktlüsigkeit, vielleicht
eine zurückgedrängte Lust, das gewohnte und von ollen erwartete
Wort doch zu gebrauchen, sowie der Unwillen des geborenen
Republikaners und Demokraten gegen jeden Zwang in der freien
Meinungsäußerung interferieren mit der auf die korrekte Wieder-
gabe des Beispiels gerichteten llauplal)si(ht. Die inteiferierende
Tendenz ist dem Redner bekannt und er hat, wii^ nicht anders
anzunehmen ist, unmittelbar vor dem Versprechen an sie gedacht.
Sein Versprechen hat Professor N. nicht bemerkt, wenigstens hat
er es nicht verbessert, was man doch meist geradezu automatisch
I
■I
V. Das Versprechen
83
tut. Dagegen wurde der Lapsus von der meist französischen Zuhörer-
schaft mit wahrer Genugtuung aufgenommen und wirkte voll-
kommen wie ein beabsichtigter Wortwitz. Ich aber folgte diesem
anscheinend harmlosen Vorgang mit wahrer innerer Erregung. Denn
wenn ich mir auch aus naheliegenden Gründen versagen mußte
dem Professor die sich nach psychoanalytischer Methode aufdrän-
genden Fragen zu stellen, so war doch dieses Versprechen für
mich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit Ihrer Lehre von
der Determinierung der Fehlhandlungen und den tiefen Analogien
und Zusammenhängen zwischen dem Versprechen und dem Witz."
30) Unter den betrübenden Eindrücken der Kriegszeit entstand
auch das Versprechen, welches ein heimgekelirter österreichischer
Offizier, Oberleutnant T., berichtet:
„Während mehrerer Monate meiner italienischen Kriegsgefangen-
schaft waren wir, eine Zahl von 200 Offizieren, in einer engen
Villa untergebracht. In dieser Zeit starb einer unserer Kameraden
an der Grippe. Der Eindruck, der durch diesen Vorfall hervor-
gerufen wurde, war naturgemäß ein tiefgehender; denn die
Verhältnisse, in denen wir uns befanden, das Fehlen ärztlichen
Beistands, die Hilflosigkeit unserer damaligen Existenz ließen ein
Umsichgreifen der Seuche mehr denn wahrscheinlich werden —
Wir hatten den Toten in einem Kellerraume aufgebahrt. Arn
Abend, als ich mit einem Freunde einen Rundgang um unser
Haus angetreten hatte, äußerten wir beide den Wunsch, die Leiche
zu sehen. Mir als dem Voranschreitenden bot sich beim Eintritt
in den Keller ein Anblick, der mich heftig erschrecken ließ^ denn
ich war nicht vorbereitet gewesen, die Bahre 50 nahe beim Ein-
gang aufgestellt zu finden und aus solcher Nähe in das durch
spielende Kerzenlichter in Unruhe versetzte Antlitz schauen zu
müssen. Noch unter diesem nachwirkenden Bilde setzten wir dann
den Rundgang fort. An einer Stelle, von wo sicli dem Auge die
Ansicht des im vollen Mondenscheine schwimmenden Parkes einer
hellbestrahlten Wiese und dahintergelegter, leichter Nebelschleier
84 Zur Psychopatholoßie des Alltagsiebem
zeigte, gab ich der damit vcrknüpflon Voj-slclliing Ausdriuk, einen
Reigen Elfen unter dem Sainne der nnscIiüclJcnden Kiefern tanzen
zu sehen.
Am folgenden Niulnnitlng hegrnlien wir diu loicii (ir(iihrlen.
Der Weg von unserem Kerker bis /um ['"riedliof des kleinen,
benachbarten Ortes war f'i'ir luis gleicherweise bilter und ent-
würdigend; denn halliwCn li.sige, johlende Hursciien, eine spötlisclie,
höhnende Bevölkerung, deibo, sclH'cieiid<* I,iirrnr-r- hallen «liesen
Anlaß benützt, um unverluildi 11 ihren von Neugii-i'de und Haß
gemischten Gefühli'u Au.sdruck zu veili-ihcn. Die l-jupfiiuhuig,
selbst in <hesem wehrlosen '/iisiaud niclii ungckiütiKi bleiben zu
können, der Alischeu vor der bekundeien UoJu'ii tjeheri'schten
mich bis zum Abend mit i'",rl)ilterung. /ur gleichen Stunde wie
tagszuvor, iti der nämlichen licglellun^ begingen wir auch dies-
mal den Kiesweg nnid um das VA'olnihausi urni nti di-m Krller-
gilter voriUierkcnnmeiul, hintci- ilcni dir L(>iche gelegen hatte,
überfiel mich die Erinnerung des Kindrucks, dr^n ihr Anblick in
mir hinterlassen hatte. An dci' Stelle, von der sich mir dtinn
wiederum der erhellle Paik darliol, imiii' dnn gleiclien Vollmond-
lichte, hielt ich an uiul äuflerle /u meinem üegleiii'r: ,Wii- könnten
uns hier ins Grab — ■ — Gras setzen und eiiu" Serenade
sinken!* — Erst beim zweiten Verspreclicii wurde ich auf-
merksam; das erstemal hatte ich verbessert, ohne des Sinnes im
Fehler bewuDt geworden zu sein. Nun ülierN'gte ich und rcilite
aneinander: ,ins (irab — sinken!' ülitzariig Inlgteii diese Ililder:
im Mondschein tanzende, schwebende IClfen; der iinCgeliahrte
Kamerad, der erweckte Eindruck; eiic/.elne Szenen vom Megdibnis,
die Empfindung des geliabten h'kels und iler gestörten Trauer;
Erinnerung an einzelne (lespriiche (Iber die aufgetretene Seuche,
FurchtäuÜeruiigen mehrerer Offiziere. Später entsann ich mich
des Umstandes, dalj <'s der Todestag meines Vaters sei, was für
mich meines sonst sehr bchlechteii Uulengedüchlnisses wegen auf-
fallend wurde.
f^. Das Versprechen gc
imen-
Beim nachherigen Überdenken wurde mir klar; das Zusami
treffen äußerer Bedingungen zwischen beiden Abenden, die gleiche
Stunde, Beleuchtung, der nämliche Ort und Begleiter. Ich erinnerte
mich des Unbehagens, das ich empfunden hatte, als die Besorgnis
einer Ausbreitung der Grippe erörtert wurde; aber zugleich auch
des inneren Verbotes, mich Furcht anwandeln zu lassen. Auch die
Woi-tstellung: ,wir könnten ins Grab sinken' wurde mir darauf
in ihrer Bedeutung bewußt, wie ich auch die Überzeugung gewann,
nur die zuerst stattgehabte Korrektur von ,Grab' in ,Gras*, die
noch olme Deutlichkeit geschehen war, habe auch das zweite
Versprechen: ,singen' in ,sinken' zur Folge gehabt, um dem unter-
drückten Komple.v endgültige Wirkung zu sichern.
Ich füge bei, daß ich zu jener Zeit an beängstigenden Träumen
litt, in denen ich eine mir sehr nahe.stehende Angehörige wieder-
holt krank, einmal selbst tot sah. Ich hatte noch knapp vor meiner
Gefangennahme die Nachricht erhalten, daß die Grippe gerade in
der Heimat dieser Angehörigen mit besonderer Heftigkeit wüte,
hatte ihr auch meine lebhaften Befürchtungen geäußert. Seilher
war ich ohne Verbindung geblieben. Monate später empfing ich
die Kunde, daß sie zwei Wochen vor dem geschilderten Ereignis
ein Opfer der Epidemie geworden sei!"
^i) Das nachstehende Beispiel von Versprechen beleuchtet blitz-
ähnlich einen der schmerzlichen Konflikte, die das Los des Arztes
.sind. F,in wahrscheinlich dem Tode verfallener Mann, dessen
Diagnose aber noch nicht fest.<;teht, ist nach Wien gekommen,
um hier die Lösung seines Knotens abzuwarten, und hat einen
Jugendfreund, der ein bekannter Arzt geworden ist, gebeten, seine
Behandlung zu übernehmen, worauf dieser nicht ohne Wider-
streben schließlich einging. Der Kranke soll in einer Heilanstalt
Aufenthalt nehmen und der Arzt schlägt das Sanatorium „Hera"
vor. Das ist doch eine Anstalt nur für bestimmte Zwecke (eine
Entbindungsanstalt), wendet der Kranke ein. O nein, ereifert sich
der Arzt: In der „Hera" kann man jeden Patienten umbringen
86 Zur Psychopathologie des AUtagslehrns
— unterbrinfren, moinp ich. Kr sträubt sich dann hrftip gog^n
die Deutung seines Versprochpns. „Du wirst ilocfi tiiclit glauben,
daß ich feindselige Impulse gegen dirli h.die?" Kirie Vierrdstunde
später sagte er zu der ihn hinmislinglcitendcn I )inii(', die die Pflege
des Kranken übernommen hat ; „Ich kann nichts finden und glaube
ja noch immer nicht daran. Aber wenn es so nein sollte, bin ich
für eine tüchtige Dosis Morphium, und dann ist Huhe." Ks kommt
heraus, daß der Freund ihm die Bedingung gestellt hat, düß er
seine Leiden durch ein Medikament abkürze, sobald es feststeht,
daß ihm nicht mehr zu hr-lfen ist. Der Arzt hatte also wirklich
die Aufgabe übernommen, den Treund umzubringen.
53) Auf ein ganz be.sonders lehrreiches Beispiel von Vers])rechen
möchte ich nicht verzichten, obwohl es sich nach Angabe meines
Gewährsmannes vor etwa ao Jahren zugetragen hat. „Eine Dame
äußerte einmal in einer Gesellschaft — man hört es den Worten
an, daß sie im Eifer und unter dem Drucke allerlei geheimer
Regungen zustande gekommen sind: ^a, eine Frau muU schön
sein, wenn sie den Männern gefallen soll. Da hat es ein Mann
viel besser; wenn er nur seine f ü n f f^cnuii-n Gliciler hat, mehr
braucht er nicht!' Dieses Ueispiel gestattet uns einen guten Ein-
blick in den intimen Mechanismus eines Versprechens durch
Verdichtung oder einer Kontamination (vgl. S. Gs). B^
liegt nahe, anzunehmen, daß hier zwei situiühiiliche Kedcweisen
verschmolzen sind:
wenn er seine vier geraden (ilieder hat
wenn er seine fünf Sinne beisammen hat.
Oder aber das Element gerade ist das (Jemeinwune zweier Rede-
Intentionen gewesen, die gelautet haben:
wenn er nur seine geraden fJlicder hat
alle fünf geradr- sein lassen.
Es hindert uns auch nichts anzunehmen, daü beide Ui-densarten,
die von den fünf Sinnen und die von den geraden fünf mit-
Vt Das Versprechen 87
gewirkt haben, um in den Satz von den geraden Gliedern zunächst
eine Zahl und dann die geheimsinnige fünf anstatt der simpeln
vier einzuführen. Diese Verschmelzung wäre aber gewiß nicht
erfolgt, wenn sie nicht in der als Versprechen resultierenden Form
einen eigenen guten Sinn hätte, den einer zynischen Wahrheit,
wie sie von einer Frau allerdings nicht ohne Bemäntelung bekannt
werden darf. — Endlicli wollen wir nicht versäumen, aufmerksam
zu machen, daß die Rede der Dame ihrem Wortlaut nach ebenso-
wohl einen vortreffUchen Witz wie ein lustiges Versprechen bedeuten
kann. F^ hängt nur davon ab, ob sie diese Worte mit bewußter
Absicht oder — mit unbewußter Absicht gesprochen hat. Das
Benehmen der Rednerin in unserem Falle widerlegte allerdings
die bewußte Absicht und schloß den Witz aus."
Die Annäherung eines Versprechens an einen Witz kann so
weit gehen wie in dem von O. Rank mitgeteilten Falle, in dem
die Urheberin des Versprechens es schließlich selbst als Witx belacht :
55) „Ein jung verheirateter Ehemann, dem seine um ihr
mädchenhaftes Aussehen besorgte Frau den häufigen Geschlechts-
verkehr nur ungern gestattet, erzählte mir folgende, nachträglich
auch ihn und seine Frau höchst belustigende Geschichte: Nach
einer Nacht, in welcher er das Abstinenzgebot seiner Frau wieder
einmal übertreten hat, rasiert er sich morgens in ihrem gemein-
samen Schlafzimmer und benützt dabei — wie schon öfter aus
Bequemlichkeit — die auf dem Nachtkästchen liegende Puder-
quaste seiner noch ruhenden Gattin. Die um ihren Teint äußerst
besorgte Dame hatte ihm auch dies schon mehrmals verwiesen
und ruft ihm darum geärgert zu: ,Du puderst mich ja schon
wieder mit deiner Quaste!' Durch des Mannes Gelächter auf ihr
Versprechen aufmerksam gemacht (sie wollte sagen: du puderst
dich schon wieder mit meiner Quaste), lacht sie schließlich
belustigt mit (,pudern' ist ein jedem Wiener geläufiger Ausdruck
für koitieren, die Quaste als phallisches Symbol kaum zweifelhaft).'
(Internat. Zeitschr. f, Psychoanalyse, I, 1913.)
88
Zur Psychopathologie des Amaf^ahhrns
34) An die Absicht eines Wit/,-s kimnu- «nm. auch in lülfirnd.^m
Falle denken (A. J. Storfer);
Frau B, die an einem r.eidci,, „m-nl.ar psyrh<.f...uen Ursprungs
laboriert, wird wiederholt nalH>H<'A'. «1*'" »»svrhomi.iyliker X. ^u
konsultieren. Sie lehnt es stet-s mit der [t.-nu.rlaM.f. .b, so eine
Behandlung sei doch nie etwas Rtvliies, der Am wünl-- doch
alles fälschlicherweise auf sexuelle Dinse /.urückmhnMi. Sililießlich
ist sie einmal doch bereit, dem H.ir F,,!^;.« /„ I,.isi,.n und sie
fragt: „Nun gut, vviHin ordinärl nlso dieser Dr. X.?"
Die Verwandtschaft zwischen Wii/, „„,! Versprechen bekundet
sich auch darin, daß das Versprechen ,dt nichts an.loros ist als
eine Verkürzung:
35) Ein junges Mädchen hai riat h dem Verlas.sen der Schule
den herrschenden ZeiLstnimuugen Rechnung getragen, indem sie
sich zum Studium der Medi/in inskribiei-te. Nach wenigen Seme-
stern hatte sie die Medizin niil der Chemie verlauschl. Von dieser
Schwenkung er^hh sie einige .hdire später in (olg..|idc'r Rede:
Ich hab' mich ja im allgemeinen beim Sezieren ni( bl gegraust,
aber wie ich einmal an einer Leiche die Nügr-I v„n den l-'ingpm
abziehen sollte, da habe ich ihe Lusi lui der ganzen Chemie
verloren.
36) Ich reihe hier einen andr-ren I'a!l M,n Verspn'chen an,
dessen Deutung wenig Kunsl erlbr.Iert. „D.t Pn.lessor bemüht
sich in der Anatomie mn die Frkliirung der Nasenbiible, eines
bekaimtlich sehr schwierigen Abschnilles der l'.ingeweideh'hre.
Auf seine Frage, ob ,li,. Hörer seine Ausführungen erfalil haben,
wird ein allgemeines ,U verneinnlich. Darauf bemerkt der
bekannt selbstbewußte IVolessor: Ich glaube kaum, <lenn die
Leute, welche die Nasenhölii,' verstehen, k.nn man selbst in einer
Mdhonenstadi wie Wien an einem Kinger, pardon. an den
Fmgem einer Hand wolli,- i, j. sagen, abzählen."
3?) Derselbe AnaKnn ein andermal: „ßeini weiblichen Genitale
hat man trotz vieler Versuchungen - pardon, Versuche...«
V, Das Versprechen 89
58) Herrn Dr. Alf. Robitsek in Wien verdanke ich den
Hinweis auf zwei von einem altfranzösisclien Autor bemerkte
Fälle von Verspi-echen, die ich iniübersetzt wiedergeben werde.
Branlume {1527 — 1614) Vies des Dames galantes, Discours
second: „Si ay-je cogneu tinc tres helle et honncste dame de par
le monde, qui, dcvisant avec i/ti honneste. gentilhomme de la cour
des affaires de la guerre diirant ces civiles, eile lu^ dit: ,Tay
üuy dirc quc le roy a Jaiel rompre tous les c... de ce pays la.
Elle vouloil dire /« ponts. Pensez que, venant de coucher d'avec
son mary^ ou songeant ä son aniant^ eile avoit encor ce nom frais
en la bouche; et le gentilhomme s'en escHauffer en amours d'elle
pour er mot"'
„ Uiie autre dame que fai cugneuc, entretenant unc autre
grand dame plus qu'elle, et luy louant et exaltant ses beautez,
eile luy dit apres; ,Non, madame, ce quc je vous en dis: ce n'est
point pour 7?ous adulterer^ voulant dire adulater, comme
eile le rhabilla ainsi: pensez qu'elle songeoit a adulterer.
59) Es gibt natürlich aucli modernere Beispiele für die Ent-
stellung sexueller Zweideutigkeiten durch Versprechen: Frau F.
erzählt über ihre erste Stunde in einem Sprachkurs; „Es ist ganz
interessant, der Lehrer ist ein netter junger Engländer. Er hat
mir gleich in der ersten Stunde durch die Bluse (korrigiert sich;
durch die Blume) zu verstehen gegeben, daß er mir lieber
Einzelunterricht erteilen möchte." (Stör f er.)
Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur
Auflösung und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist
sehr liäufig die Aufgabe gestellt, aus den wie zufällig vorge-
bracliten Reden und Einfällen des Patienten einen Gedankeninhalt
aufzuspüren, der zwar sich zu verbergen bemüht ist, aber doch
nicht umhin kann, sich in mannigfaltigster Weise unabsichtlich
zu verraten. Dabei leistet oft das Versprechen die wertvollsten
Dienste, wie ich an den überzeugendsten und anderseits sonder-
barsten Beispielen dartun könnte. Die Patienten sprechen z. B.
9°
Zwr I'sychopalhohf^ie des AUtagslfhcns
von ihrer Tante und nennen sie konsequent, ohne das Versprechen
zu bemerken, „meine Mutler", oder hc/.ciclinon ihren Mann als
ihren „Bruder". Sie machen mich auf diese Weise aufmerksam,
daß sie diese Personen miteinander „identifiziert", in eine Reihe
gebracht haben, welclie für ilir Ciefiililsh-bon die Wiederkehr
desselben Typus bedeutet. Oder: <Mn junper Mann von ao Jahren
stellt sich mir in der Spredistunde riiii ilcii Worten vor: Ich bin
der Vater des N. N., den Sie behandelt Iiaben. — Pardon, ich
will sagen, der Bruder; er ist jn um vier Jalue iiher als ich. Ich
verstelle, daß er durch dieses VeiNprecben ausdrilcken will, daß
er wie der Bruder durch die Schuld des Vnlers erkrankt sei, wie
der Bruder Heilung verlange, da[3 nber dr-r ViUer derjenige ist,
dem die Heilung am dringlichsten wäre. Anden; Male reicht eine
ungewöhnlich klingende Wnrifügung, eine gezwungen erscheinende
Ausdrucks weise hin, um den Anteil eines venb-iingteii Gfnlankens
an der anders motivierten Rede des Patienten auf/u decken.
In groben wie in solchen feineren Redestürungen, die sich
eben noch dem „Versprechen" subsumieren lassen, firule ich also
nicht den Einfluß van Kontaktwirkurigen der Laute, sondern i{*^n
von Gedanken außerhalti der Redeinleiuioii niaßgi'bend für die
Entstehung de.'^ Versprechens und hinreichend ziu' Aufhellung des
zustande gekommenen SprfH;hrcIiIers. Die (iesetze, nach denen die
Laute verändernd aufeinander einwirken, inüclite ich nicht
anzweifeln; sie scheinen mir aber ni<ht wirksam g<Miug, um für
sich allein die korrekte Ausführung der Hede zu stilren. In den
Fällen, die ich genauer stu<hert und (hirchschaut habe, .stellen sie
bloß den vorgebildeten Mechanismus dar, dessen sich ein ferner
gelegenes psychisches Motiv lie(|uemerw)Mse bedient, ohne sich
aber an den Machtbereich dieser Iiezi4'bungen zu binden. In
einer großen Reihe von Substitutionen wird beim
Versprechen von solchen Lautgesetzen völlig abge-
sehen. Ich befinde mich hiehei in voller Übereinstimmung mit
Wundt, der gleichfalls die Bedingungen des Versprechens als
K, Das Versprechen. 91
zusammengesetzte und weit über die Kontaktwirkungen der Laute
hinausgehende vermutet.
Wenn ich diese „entfernteren psychischen Einflüsse" nach
Wundts Ausdmck für gesichert halte, so weiß icli anderseits
von keiner Abhaltung um auch zuzugeben, daß bei beschleunigter
Rede und einigermaßen abgelenkter Aufmerksamkeit die Bedin-
gungen fürs Versprechen sich leicht auf das von Meringer und
Mayer bestimmte Maß einschränken können. Bei einem Teile
der von diesen Autoren gesammelten Beispiele ist wohl eine kom-
phziertere Auflösung wahrscheinlicher. Ich greife etwa den vorhin
angeführten Fall heraus:
Es war mir auf der S c h w e s t . . .
Brust so schwer.
Geht es hier wohl so einfach zu, daß das s c h w e das gleich-
wertige Bru als Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuweisen,
daß die Laute schwe außerdem durch eine besondere Relation
zu dieser Vordringlichkeit befähigt werden. Diese könnte dann
keine andere sein als die Assoziation : Schwester — Bruder,
etwa noch: Brust der Schwester, die zu anderen Gedanken-
kreisen hinüberleitet. Dieser hinter der Szene unsichtbare Helfer
verleiht dem sonst harmlosen schwe die Macht, deren Erfolg
sich als Sprechfehler äußert.
Für anderes Versprechen läßt sich annehmen, daß der Anklang
an obszöne Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist.
Die absichtliche Entstellung und Verzerrung der Worte und
Redensarten, die bei unartigen Menschen so beliebt ist, bezweckt
nichts anderes, als beim harmlosen Anlaß an das Verpönte zu
mahnen, und diese Spielerei ist so häufig, daß es nicht wunder-
bar wäre, wenn sie sich auch unabsichtlich und wider Willen
durchsetzen sollte. Beispiele wie: Eischeißweibchen für Eiweiß-
scheibchen, Apopos Fritz für Apropos, Lokuskapitäl für
Lotuskapitäl usw., vielleicht noch die AlabiVsterbachse (Alabaster-
93
Zur Psyc/topal/iohffif dfs Alltaßxlrhrm
büchse) der hl. Magdalena gohöroji wohl in (hose Kategorie'. —
„Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unscMvs Chefs aufzustoßen,"
ist kaum etwas andoies als ciiK" unahsichllic-hn Piirodio nls Nach-
klang einer heahsiijitigtfii. Wenn ith der Clicf wäre, zu dessen
Feierlichkeit der Festredner diesen Lapsus heigcinigeii li;in<>, würde
ich wohl daran denken, wie klug die Kiimei geJiaiideli iiahen, als
Sie den Soldaten des iriiunphicrendcn hnperntois gestatteten, den
inneren Kinspruih gegen den tlefeierlen in SpimÜedeni laut
zu äußern. -- Meringer erzähll vtm sicli seihst. i!aH er zu
einer Person, die als die älteste dei- (JeM'lls<Iiaft tnii dem ver-
traulichen Khrenniimen „Seiiexl" oder „altes Senexl" angesflioehen
wurde, einmal gesagt habe: „ProsI, Senc'x ultesl!" Kr erschrak
selbst über diesen Fehler (S. 50). Wir können uns vielleicht seinen
Affekt deuten, weini wir dariin mahnen, wie nahe „Altesl" an
den Schimpf „alter Ksel" koinnil. Auf die Vi'rletzung der Ehr-
furcht vor dem Alter (d. i., auf die Kindheil reduziert: vor dem
Vater) sind große innere Strafen gi*sei7.i.
Bpi einer moitier Piilii-ntiniictL k<-IiN- sicli diis Vcrs|in-ilH'i] iih SviH|iIr.in so
lange fort, bis *■% nuf den Kiiidcralrcidi. ilus VVorl ruinieren (üircli uri-
nieren tu ersetieii, iiiriickpo führt war. — An dio VerMirliiiii(t, durch den Kiinst-
pift" des Veriprothcns ziuii freii'n Relirniuh i.niuutiiiidigiT imcl uncrl.niljtcr Worte
«u kommen, knüpfi-n sich Ahrahnms HoohathUiiigcii Übi-r IVlilh-ishmjjen „mit
überkoinpcnsierender Tendriii" (l"ti'rn. Znilachr. f, Piychonnolyio VIII,
1912). Eine Patientin niil h-iclilor NriffunR, die AnrnnpHsillie von ['.igi-iinanieti durch
Stottern lu verdoppeln, holte den N.um-n I' r o t u g n r.i s in l'rnlmpon.s vcr.iudert.
Knn vorher hiiUe sie anstall A I c\ a n d r o » - yj -n U- mm. d ro « grwf^X. Die Erkun-
digung ergah. dafl sie als Kind hesondirs gerne die IJniirl gt-pfh-gl Iialte die nn-
lautewden Silben n und p ,• zu wirderliolen. eine Spielerei, die nicht »eilen das
Stottern der Kinder einleilel. Heim Nanien IV.)t,.{{nraa verspürte sie ni.n die Cefahr,
das r der ersten Silbe auszulnssen und l'o potagnni» ni sagen, /,nrn .Sdiuii diigegeii
hielt sie aber dies r krinnpflian fesl und lehob nocli «-in weiter«» r in die zweite
Silbe ein. InSlinhclier \Vei(e enlslellle sie andere Mah- die Worte p 11 r t e r r e nnd
KondoleiiT in parlrerre und K o dnlenz, um den in ihrer Aisoiialion imheliegen-
den Wortt-n p a i e r (Vater' und K n n d u m imsniweicli.-n. V.w anderer Patient
Abrahams hekunnlc sich zur Neigung anslnlt A n g i n a jcdesmnl A n g o r n lu
wgen, «ehr wolyscheinlich. weil er die Versnthnng liirchlete. Angin« durch
"«f' 1?" j" *"'''^*'" ^*'''*'' ^ ■''■•''l"'''*"''""«''" l<'>'n'"eii alM. datlurcli auslände. duD
an btelle der entstellenden eine ahwebrende Tcn.le.u dii- Oberhand beliHIl, nnd
Abraham macht mil IVedU auf die Anulogi« dieiei Vorgange» mit di>r Sympiom-
bildung bei Zwangsneurggen aulmerksttm.
V. Das Versprechen gg
Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deu-
tungen, die sich durch nichts heweisen lassen, und der Beispiele,
die ich selbst gesammelt und durch Analysen erläutert habe nicht
vernachlässigen. Wenn ich aber Im stillen immer noch an der
Erwartung festhalte, auch die scheinbar einfachen Fälle von Ver-
sprechen würden sich auf Störung durch eine halb unterdrückte
Idee außerhalb des intendierten Zusammenhanges zurückführen
lassen, so verlockt mich dazu eine sehr beachtenswerte Bemerkung
von M e r i n g e r. Dieser Autor sagt, es ist merkwürdig, daß
niemand sich versprochen haben will. Es gibt sehr gescheite und
ehrliche Menschen, welche beleidigt sind, wenn man ihnen sagt,
sie hätten sicli versprochen. Ich getraue mich nicht, diese Behaup-
tung so allgemein zu nehmen, wie sie durch das ,.niemand" von
Merlnger hingestellt wird. Die Spur ,\rfekt aber, die am Nach-
weis des Versprechens hängt und offenbar von der Natur des
Schämens ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist gleichzusetzen dem
Ärger, wenn wir einen vergessenen Namen nicht erinnern, und
der Verwunderung über die Haltbarkeit einer scheinbar belang-
losen Erinnerung und weist allemal auf die Beteiligung eines
Motivs am Zustandekommen der Störung hin.
Das Verdrehen von Kamen entspricht einer Schmähung, wenn
es absichtüch geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von
Fällen, wo es als unabsichthches Versprechen auftritt, dieselbe
Bedeutung haben. Jene Person, die nach May ers Bericht einmal
„Freude r" sagte anstatt Freud, weil sie kura darauf den
Namen „Breuer" vorbrachte (S. 58), ein andermal von einer
Freuer-Breudschen Methode (S. 28) sprach, war wohl ein
Fachgenosse und von dieser Methode nicht sonderlich entzückt.
Einen gewiß nicht anders aufzuklärenden Fall von Namenent-
stellung werde ich weiter unten beim Verschreiben mitteilen'.
1) Man kann auch bemerken, daß gerade Aristokraten besonders häufig die Namen
von Äritcn, die sie konsultiert haben, entstellen, und darf daraus schließen daß sie
dieselben innerlich geringschätzen, trotz der Höflichkeit, mit welcher sie ihnen zu
94 Zur PsychofMihologit des AlUagslebcrut
In diesen Fällen mengt sich als KKSrcndcs Moment eine Kritik
ein, welche beiseite gelassen werden soll, weil si«? gerade in dem
Zeitpunkt der Intention des Redners nicht enli;pricht.
Umgekehrt muß die Namenerset zu ng, die Aneipmng des fremden
Namens, die Identifizierung mittels des Namenverspreclieris, eine
Anerkennung bedeuten, die im Augenblick aus irgendwelchen ''''
Gründen im Hintergründe verbleiben soll. Kin Erlebnis dieser Art t
erzählt S. Ferenczi aus seinen Schuljahren: jf
„In der ersten Gymnasi.ilklasse bal>i' icli (zum erstenmal in
meinem I^ben) ÖfrentUch (d. h. vor der gan/.en Klasse) ein Gedicht
rezitieren müssen. Ich war gut vorbereitet und war bestür/,t, gleich
hcgegnen pflcgoti- — Ich liticrc hier ririigc trcfTi-niie Bemerkunppii iilier da» Naraen-
vcrgesscn aus der rnglitclicii ü<rurbcM[iing iiuscroi Themno tinrch Dr. K. Jone«.
dam&U in Toronto (.The Payehopolliologic of Kvcryday Lifo. Anivricmi Journal of
Psychology, Oct. igii):
„Wenige Leute können sich rint-r Aiiwniidhiiig von Arger erwehren, wenn sie
finden, daß man ihren Nniiien vcrgessc-n hat, boionderi dann, wenn li« von der
beireffenden Person gehofft odor «.Tworlet hnltrn, tin würde den Nuinen hchalten
hab«n. Sie sagen »ich sofort ohne OTicrli-gimg, (intJ dii? Fcraoii ili-ii Niiini-n nirht vor- '?
gessen hält», wenn mnn einen slürkercn Mindnirk hei ilir liiTilcrhiHiien hiitlc; donn ,1
der Name iit ein wesvnllicher Bcslnndti'il der Pcriiuihchkvit. Anderscit» gibi es wenig
Dinge, die ichmeichelhnfter empfunden werden, nU wenn miiu von «-inor hohen Per- *
sönlichkeit. wo man es niclit erwrirtel liiitlc, inil «einem IMnmen imgi-redcl wird.
Napoleon, ein Meisler in der Kiinsi, Menschen in hehiuidelii, gab wahrend des
unglücklichen I'eldziigc* von 1814 eine ersliinnliche Prnbe teines GedürhtniiSCS nftch \(
dieser Richtung. Als er »ich in einer Sladt bei Griionne hernnil, erinnerte er sich,
daß er deren Bürgermeister De Jlussy etw» 30 Jiihrr viuIut in cinrin bestimmten
Regiment kennen gelernt hutle; die falf,"" wur, dilti der »■niiiiirkii- De llnssy sich
seinem Dienst mit schrankenloser HingL>bnng widmete. l>emenU|ire<-hend gibt es auch
kein verläßlicheres Mittel, einen Menschen zu hi-leidigeii, nls indem niiin 110 tut, als
habe man seinen Namen vergessen; man driicki diitnil nus. die Person »ei einem 10
gleichgültig, duü man sich nicht die Mühe tu nt-hmeti briiucho, sich ihren Nmnen
tu merken. Dieser Kunstgriff spielt »uch jn der Literatur eine gewisse Holle. So
heißt CS in Turgenjews , Rauch' einmal: ,Sip finden Hndtm nnth iuiiner amüsant,
Herr — Litvinov?' Ralmirov pllegle Litviiiova Nimien immer li'^irnd aiiiiiiisprechoii,
als oh er »ich erst auf ihn hesinni-n niiillle. Dadurch, wie durch die hnchiniitigD Art,
wie er seinen Hut heim <JruÜ lüflele, wollte er Lilvinov in «einem Stoli« krHnkcn.**
An einer anderen Stelle in .Väter und Söhne' schreibt der Dichter; .Der Gouver-
neur lud Kirsnnov und Boiarov lum Iliilh- ein und iviciiiThulIc diene ['inliidun^ einige
Minuten später, wobei er sin als liriider 7.u bi'triichlfn »cliii-n und Kisiirov ansprach,"
Hier ergibt das Vergessen der früheren Einladung, die Irrung in den Namen und dio
Unfähigkeit, die beiden jimgen Männer auseinmider iii hiillen. gerndemi eine Häufung
TOD krankenden Momenten. Namenenlstcllung hat dieselbe Uedeulung wio Namen-
vergeuen, es ist ein erster Schritt gegen das Vergctsen hin."
•
V, Das yersprechen 95
beim Beginne durcli eine Lachsalve gestört zu werden. Der Pro-
fessor erklärte mir dann diesen sonderbaren Empfang: ich sagte
nämlich den Titel des Gedichtes ,Aus der Feme' ganz richtig,
nannte aber als Autor nicht den wirklichen Dichter, sondern —
mich selber. Der Name des Dichters ist Alexander (Sändor)
P e t ö f i. Die Gleichheit des Vornamens mit meinem eigenen
begünstigte die Verwechslung; die eigentliche Ursache derselben
aber war sicherhch die, daß ich mich damals in meinen geheimen
Wünschen mit dem gefeierten Dichterhelden identifizierte. Ich
hegte für ihn auch bewußt eine au Anbetung grenzende Liebe
und Hochachtung. Natürlicli steckt auch der ganze leidige Ambi-
tionskomplex hinter dieser Fehlleistung.'
Eine ähnliche Identifizierung mittels des vertauschten Namens
wurde mir von einem jungen Arzt berichtet, der sich zaghaft und
verehrungsvoll dem berühmten Virchow mit den Worten vor-
stellte; Dr. Virchow. Der Professor wendete sich erstaunt zu
ihm und fragte: Ah, heiBen Sie auch Virchow? Ich weiß nicht,
wie der junge Ehrgeizige das Versprechen rechtfertigte, ob er die
anmutende Ausrede fand, er sei sich so klein neben dem großen
Namen vorgekoininen, daß ihm sein eigener entschwinden mußte,
oder ob er den Mut hatte zu gestehen, er hoffe auch noch einmal
ein so großer Mann wie Virchow zu werden, der Herr Geheim-
rat möge ihn darum nicht so geringschätzig behandeln. Einer
dieser beiden Gedanken — oder vielleicht gleichzeitig beide —
mag den jungen Mann bei seiner Vorstellung in Verwirrung
gebracht haben.
Aus höchst persönlichen Motiven muß ich es in der Schwebe
lassen, ob eine ähnliche Deutung auch auf den nun anzufülirenden
Fall anwendbar ist. Auf dem internationalen Kongreß in Amsterdam
1 907 war die von mir vertretene Hysterielehre Gegenstand einer
lebhaften Diskussion. Einer meiner energischesten Gegner soll sich
in seiner lirandrede gegen mich wiederholt in der Weise ver-
sprochen haben, daß er sich an meine Stelle setzte und in meinem
9^ Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Kamen sprach. Er sag^e z. li.: Ilroiicr und it li hiihcii iickannllich
nachgewiesmi, wührend er nur iH'alisiihlifjcn konnio zu wigen;
Breuer und Freud. Dor Name diosps Cit^gncrs 7.v\fr[ niiht die
leiseste Klangähnlichkoii mit. dem iin'!iii;;cii. Wir werden durch
dieses Beispiel wie dur(}i viele andere Fiill<> von Namen vertnuschung
beim Vcrsprf^hen daiari ^enialinl, duü das Versprechen jener
Erleichterung, dif ihm der (»leitliklaiifi' gewahrt, viillifr entbeln-en
und sich nur auf verdeckte inlialtllclic ne/,ii'hun^eii"gesliil/.l durch-
setzen kann.
In anderen und weit bedeutsameren luilleii ist es Si-Ihslkritik,
innerer Widerspruch ge^en die eigene ÄulicTuiig. was zum Ver-
sprechen, ja zum I'',rsatz des Intendierten dun li seinen (legensalz
niitigt. Man merkt dann mit l''.rstaunen, wie di-i- Wortlaut einer
Beteuerung die Absteht derselben aullu-bt, luid ule <ler Sprech-
fehler die innere Unaufricliligkcii liluligclcgi hat'. Das Ver.spr(H:hen
wird hier zu einem mimischen Ausdnuksmiltcl, freilich oftmals
für den Ausdruck dessen, was man nicbl sagen wollte, zu einem
Mittel des Selbstvenals. So /. B, wemi ein Mann, der in seinen
Beziehungen zum Weibe den sogenniuileu nonnalni \'(>rkehr niilit
bevorzugt, in ein Gespräch i'iher ein (in- knkcll cikliines Mädchen
mit den Worten einfaHi: Im Umgang mit mir wflrde .sie sich
das Koöttieren schon abgewöhnen. Kein /weifcl. daB es nur
das andere Wort koitiert-ii sein kann, dcs,s('n Einwirkung auf
das intendierte kokci lir'icn solche Abiindcrung zuzuschreiben
ist. Oder im folgenden Falb-: „Wir balieii einen Onkel, der schon
seil Monaten sehr beleidigt ist, weil wii- ihn nie besuchen. Den
Umzug in eine neue Widmung nehmen wir zum AnlaB, um nach
langer /eil einmal bei ihtii zu erscheinen. Er hent sich an.'.cheinend
sehr mit uns und sagt beim Abschied so recht gefühlvoll: ,Von
nun an hoffe ich euch noch seltener zu .sehen als bisher'."
i) Durch solche» Vpr«i)rprhrii Ijrfintlriuirkt 1. H. A ii n' ii ({ r ii li i- r im „G'wi«eni-
wurm" den heuchlerisclie» Erbsclilt-ichcr.
V. Das Versprechen 07
Die zufällige Gunst des Sprachmaterials läßt oft Beispiele von
Versprechen entstehen, denen die geradezu niederschmetternde
Wirkung einer Enthüllung oder der volle komische Effekt eines
Witzes zukommt.
So in nachstehendem von Dr. Reitler beobachteten und mit-
geteilten Falle:
„,Diesen neuen, reizenden Hut haben Sie wohl sich selbst auf-
gepfftzt?' sagte eine Dame in bewunderndem Tone zu einer
anderen. — Die Fortsetzung des beabsichtigten Lobes mußte
nunmehr unterbleiben; denn die im stillen geübte Kritik, der
Hutaufputz sei eine ,Patzerei', hatte sich denn doch viel zu
deutlich in dem unliebsamen Versprechen geäußert, als daß irgend-
welche Phrasen konventioneller Bewunderung noch glaubwürdig
erschienen wären."
Milder, aber doch auch unzweideutig ist die Kritik in folgendem
Beispiel:
„Eine Dame machte bei einer Bekannten einen Besuch und
wurde durch die wortreichen, weitschweifigen Erörterungen der
Betreffenden sehr ungeduldig und müde. Endlich gelang es ihr,
aufzubrechen, sich zu verabschieden, als sie, von der sie ins Vor-
zimmer begleitenden Bekannten mit einem neuerlichen Wortschwall
aufgehalten wurde und nun, schon im Weggehen begriffen, vor
der Tür stehen und neuerdings zuhören mußte. Endlich unterbrach
sie sie mit der Frage: ,Sind Sie im Vorzimmer zu Hause?'
Erst an der erstaunten Miene bemerkte sie ihr Versprechen. Sie
wollte, durch das lange Stehen im Vorzimmer ermüdet, das
Gespräch mit der Frage: ,Sind Sie Vormittag zu Hause?' ab-
brechen und verriet so ihre Ungeduld über den neuerlichen Auf-
enthalt."
Einer Mahnung zur Selbstbesinnung entspricht das nächste von
Dr. Max Graf erlebte Beispiel:
„In der Generalversammlung des Journalistenvereines ,Concordia*
hält ein junges, stets geldbedürftiges Mitglied eine heftige Opposi-
Frcud. IV. .
gS Zur Psychopathologie des Alltagsicbrns
lionsrede und sagt in seiner Kiregung: ,Die Herren Vorschuß-
mitglieder' (anstatt Vorstands- oder Ausschußmitglieder). Die-
selben haben das Recht, Oiirh'Iien zu hewilligoii, und auch der
junge Redner liat ein Darlehensgesuch eingebracht." |
An dem Beispiel „Vorschwein" halten wir gesohen, daß ein
Versprechen leicht zustande kommt, wenn man sich bomülit hat,
Schimjifworte zu unterdrücken. Man macht sich dann eben auf
diesem Wege Luft:
Ein Photograph, der sich vorgenommen hat, im Verkehr mit
seinen ungeschickten Angestellten der Zoologii- auszuweichen, sagt
zu einem Lehrling, der eine große, ganz volle Schale aus^eßen
will und dabei natürlich die Hälfte auf den Boden schüttet: „Aber
Mensch, sc hopsen Sie doch zuerst etwas davon ab!" Und bald
darauf zu einer Geliilfin, die durch ihre Unvorsichtigkeit ein
Dutzend wertvoller Platten gefährdet hat, im Fluß einer längeren
Brandrede: „Aber sind Sie denn so h or n verbran n t . . ."
Das nachstehende Beispiel zeigt einen ernsthaften Fall von Selbst-
verrat durch Verspreclien. Kiiiige Nebetinin.^lünile berechtigen seine
vollständige Wiedergabe aus der Mitteilung von A. A. liriU im
„Zentralbl. f. Psychoanalyse", II. Jahrg.',
„Eines Abends gingen Dr. Frink und ich spazieren und
besprachen einige Angelegenlieiten der New YorkiT Psychoanaly-
tischen Gesellschaft. Wir begegneten einem Kollegen, Herrn Dr. R.,
den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, und von dessen Privat-
leben ich nichts wußte. — Wir freuten uns sehr, uns wieder zu
treffen, und gingen auf meine Auffonlerung in ein Kaffeehaus,
wo wir uns zwei Stunden lang angeregt nnierhielien. Kr schien
von mir Näheres zu wissen, denn nach der gewölnilit^lien Begrüßung
erkundigte er sich nach meinem kleinen Kinde und erklärte mir,
daß er von Zeit zu Zeit übei- mich von einem gemeinsamen
Freunde höre und sich für meine Tätigkeit interessiere, nachdem
i) im „Zentralbl. f. Psychoannlyic" itrtiimlirlirrwfiie E. J n n p i lugochricben.
F. Das Versprechen
99
er darüber in den medizinischen Zeitschriften gelesen hatte.
Auf meine Frage, ob er verheiratet sei, gab er eine verneinende
Auskunft und fügte hinzu; ,Wozu soll ein Mensch wie ich
heiraten ?' "
„Beim Verlassen des Kaffeehauses wandte er sich plötzlich an
mich: ,Ich möchte wissen, was Sie in folgendem Falle tun würden-
Ich kenne eine Krankenpflegerin, die als Mitschuldige in einen
Ehescheidungsprozeß verwickelt war. Die Ehefrau klagte ihren
Mann auf Scheidung und bezeichnete die Pflegerin als Mitschul-
dige und er bekam die Scheidung\' — Ich unterbrach ihn, ,Sie
wollen sagen, sie bekam die Scheidung.' — Er verbesserte sofort:
»Natürlich, sie bekam die Scheidung,* und erzählte weiter, daß die
Pflegerin sich derart über den Prozeß und Skandal aufgeregt habe,
daß sie zu trinken begann, schwer nervös wurde usw., und fragte
mich um meinen Rat, wie er sie behandeln solle."
„Sobald ich den Fehler korrigiert hatte, bat ich ihn, ihn zu
erklären, aber ich bekam die gewöhnlichen erstaunten Antworten;
ob es nicht eines jeden Menschen gutes Recht sei, sich zu ver-
sprechen, daß das nur ein Zufall sei, nichts dahinter zu suchen
sei usw. Ich erwiderte, daß jedes Fehlsprechen begründet sein
müsse, und daß ich versucht wäre zu glauben, daß er selbst der
Held der Geschichte sei, wenn er mir nicht früher mitgeteilt
hätte, daß er unvermähH sei, denn dann wäre das Versprechen
durch den Wunsch erklärt, seine Frau und nicht er hätte den
Prozeß verlieren sollen, damit er nicht (nach unserem Eherecht)
Alimente zu zahlen brauche und in der Stadt New York wieder
heiraten könne. Er lehnte meine Vermutung hartnäckig ab,
bestärkte sie aber gleichzeitig durch eine übertriebene Affekt-
reaktion, deutliche Zeichen von Erregung und danach Gelächter.
Auf meinen Appell, die Wahrheit im Interesse der wissenschaft-
i) „Nach unseren (amerikanischen) Gesetzen wird die Ehescheidune nur aus-
gesprochen, wenn bewiesen wird, daß der eine Teil die Ehe gebrochen hat, und
iwar wird die Scheidung nur dem betrogenen Teile bewilligt."
loo Zur Psychopalhohgie des AUtagaMifns
liehen Klarstellung m sagen, bekam ich die Antwort: ,Wenn Sie
nicht eine Lüge hören wollen, müssen Sie an mein Junggesellen-
lum glauben, und daher ist Ihre psychoanalytischt? Krklüiung durch-
aus falsch.' — Er fügte noch hinzu, daß solch ein Mensch, der
jede Kleinigkeit beachte, direkt gefahrlich sei. Plötzlich fiel ihm
ein anderes Rendezvous ein, und er vernbschiodoto sich.'
„Wir beide, Dr. Frink und ich, waren dennoch von meiner
Auflösung seines Versprechens überzeugt, und ich beschloß, durch
Elrkundigung den Beweis oder Gegc'nl)eweis zu i'rhnlten. — Einige
Tage später besuchte ich einen Nachbar, einen allen Freund des
Dr. R., der mir vollinhaltlich meine Erklärung bestätigen konnte.
Der Prozeß hatte vor wenigen Wochen staltgefunden und die
Pflegerin war als Mitschuldige vorgeladen worden. — Dr. R. ist
jetzt von der Richtigkeit der F r o u d sehen Mechanismen fest
überzeugt. "
Der Selbstverrat ist ebenso unzweifelhaft in folgendem von
O. Rank mitgeteilten Falle:
„Ein Vater, der keinerlei patriotisches Gefühl besitzt und seine
Kinder auch von diesem ihm überflüssig erscheinenden Empfinden
frei erziehen will, tadelt seine Sühne wegen ihrer 'reilnahme an
einer patriotischen Kundgebung und weist ihre Berufung auf das
gleiche Verhalten des Onkels mit den Worten zurück: ,Gerade
dem sollt ihr nicht nacheifern; der ist ja ein Idiot.* Das über
diesen ungewohnten Ton des Vaters erstaunte Gesicht di^r Kinder
macht ihn aufmerksam, daß er sich versprochen habe, und ent-
schuldigend bemerkt er: Ich wollte natürlich sagen; Patriot.
Als Selbstverrat wird auch von der Partnerin des Gesprächs ein
Versprechen gedeutet, das J. Stärcko (I. c.) berichtet, und zu dem
er eine treffende, wenn muli die Aufgabe di-r Deutung über-
schreitende Bemerkung liin/.ufügt.
„Eine Zabnürztin iialte mit ihrer Schwester verabredet, daß sie
bei ihr einmal nachsehen würde, ob sie zwischen zwei Backen-
zähnen wohl Kontakt hätlo (d. li. ol' die Backenzähne mit
F. Das Versprechen loi
ihren Seitenflächen einander berühren, so daß keine Nahrungs-
reste dazwischen bleiben können). Ihre Schwester beklagte sich
jetzt darüber, daß sie auf diese Untersuchung so lange warten
mußte, und sagte im Scherze: ,Jetzt behandelt sie wohl eine
Kollegin, aber ihre Schwester muß noch immer warten.* — Die
Zahnärztin untersucht sie jetzt, findet wirklich ein kleines Loch
in dem einen Backenzahn und sagt: ,Ich dachte nicht, daß es so
schlimm war; ich dachte, daß du nur kein Kontant
hättest... kein Kontakt hättest.* — ,Siehst du wohl,'
rief ihre Schwester lachend, ,daß es nur wegen deiner Habsucht
ist, daß du mich soviel länger warten läßt als deine zahlenden
Patienten?!'" —
(„Ich darf selbstverständlich meine eigenen Einfälle nicht den
ihrigen hinzufügen oder daraus Schlüsse ziehen, aber beim
Vernehmen dieser Versprechung ging mein Gedankengang sofort
dahin, daß diese zwei Heben und geistreichen jungen Frauen
unverheiratet sind und auch sehr wenig mit jungen Männern
umgehen, und ich fragte mich selbst, ob sie mehr Kontakt mit
jungen Leuten haben würden, wenn sie mehr Kontant hatten. )
Den Wert eines Selbstverrates hat auch nachstehendes, von
Th. Reik (I. c.) mitgeteiltes Versprechen:
„Ein junges Mädchen sollte einem ihr unsympathischen jungen
Manne verlobt werden. Um die beiden jungen Leute einander
näherzubringen, verabredeten deren Eltern eine Zu.sammenkunft,
der auch Braut und Bräutigam in spe beiwohnten. Das junge
Mädchen besaß Selbstüberwindung genug, ihren Freier, der sich
sehr galant gegen sie benahm, ihre Abneigung nicht merken zu
lassen. Doch auf die Frage ihrer Mutter, wie ihr der junge Mann
gefiele, antwortete sie höflich: ,Gut. Er ist sehr liebenswidrig!'"
Nicht minder aber ein anderes, das O. Rank als „witziges
Versprechen" beschreibt.
„Einer verheirateten Frau, die gern Anekdoten hört und von
der man behauptet, daß sie auch außerehelichen Werbungen
►
loa Zur Psychopathologie des Alltagslebens
nicht abhold sei, wenn sie durch entsprechende Geschenke unter-
stützt werden, erzählt ein junger Mann, der sich auch um ihre
Gunst bewirbt, nicht ohne Absicht die folgende altbpkannte
Geschichte. Von zwei Geschäftsfreunden hcTuüht sich der eine
um die Gunsl der etwas spröden Frau seines Kompagnons;
schlieÖUch will sie ihm diese gegen ein Gesclienk von lausend
Gulden gewähren. Als nun ihr Mann verreisen will, borgt sich
sein Kompagnon von ihm tausend Gulden aus und verspricht sie
noch am nächsten Tage seiner Frau zurückzustellen. Natürlich
gibt er dann diesen Betrag als vernieiiulicheu Liebeslohn der
Frau, die sich schließlich noch entdeckt glaubt, als ihr zurück-
gekehrter Mann die tausend Gulden verlangt und zum Schaden
noch den Schimpf hat. — Als der junge Mann in der Erzählung
dieser Geschichte bei der Stelle angelangt war, wo der Verführer
zum Kompagnon sagt: ,Ich werde das Geld morgen deiner Frau
zurückgeben*, unterbrach ihn seine Zuliürerin mit den viel-
sagenden Worten: ,Sagen Sie, haben Sie mir dos nicht schon —
zurückgegeben? Ab, pardon, ich wollte sagen — erzählt?'
■ — Sie könnte ihre Bereitwilligkeit, sich unter denselben Bedingungen
hinzugeben, kaum deutlicher kundgeben, ohne sie direkt
auszusprechen." (Internat. Z*Mtschr. f. Psychoanalyse, I, 11)14.)
Einen schönen Fall von solchem Selbstverrat mit harmlosem
Ausgang berichtet V. Tausk unter dem Titel „Der Glauben der
Väter": „Da meine Braut Christin wor", erzählte Herr A., „und
nicht zum Judentum übLMtreten wollte, mußte ich selbst vom
Judentum zum Chri.stenlum übertreten, um heiraten zu können.
Ich wech.selte die Konfession nicht ohne inneren Wideretand, aber
das Ziel schien mir den Konfessiotiswechsel zu rechtfertigen, und
dies um so eher, als ich nur eine äußere Zugehörigkeit zum
Judentum, keine religiöse Über/eugung, da ich eine solche nicht
besaß, abzulegen hatte. Ich hahc mich trotzdem später immer
zum Judentum bekannt und wenigt? nunner Bekannten wissen,
daß ich getauft bin. Aus dieser lihe entstammen zwei Söhne, die
V. Das Versprechen 105
christlich getauft wurden. Als die Knaben entsprechend heran-
gewachsen waren, erfuhren sie von ilirer jüdischen Abstammung,
damit sie sich nicht, durch antisemitische Einflüsse der Schule
bestimmt, aus diesem überflüssigen Grunde gegen den Vater
kehrten. — Vor einigen Jahren wohnte ich mit den Kindern,
die damals die Volksschule besuchten, zur Sommerfrische in D.
bei einer Lehrerfamilie. Als w^ir eines Tages mit unseren, übrigens
freundlichen Wirtsleuten bei der Jause saßen, machte die Frau
des Hauses, da sie von der jüdischen Herkunft ihrer Sommer-
partei nichts ahnte, einige recht scharfe Ausfälle gegen die Juden.
Ich hätte nun tapfer die Situation deklarieren sollen, um meinen
Söhnen das Beispiel vom ,Mut der Überzeugung* zu geben,
fürchtete aber die unerquicklichen Auseinandersetzungen, die einem
solchen Bekenntnis zu folgen pflegen. Außerdem bangte mir
davor, die gute Unterkunft, die wir gefunden hatten, eventuell
verlassen zu müssen und mir und meinen Kindern so die ohne-
hin kurz bemessene Erholungszeit zu verderben, falls unsere
Wirtsleute ihr Benehmen gegen uns, weil wir Juden waren, in
unfreundlicher Weise verändern sollten. Da ich jedoch erwarten
durfte, daß meine Knaben in fi-eimütiger Weise und unbefangen
die folgenschwere Wahrheit verraten würden, wenn sie noch
länger dem Gespräche beiwohnten, wollte ich sie aus der Gesell-
schaft entfernen, indem ich sie in den Garten schickte. ,Geht in
den Garten, Juden — ,* sagte ich und korrigierte schnell:
Jungen'. Womit ich also durch eine Fehlleistung meinem , Mut
der Überzeugung' zum Ausdruck verhalf. Die anderen hatten
zwar aus diesem Versprechen keine Konsequenzen gezogen, weil
sie ihm keine Bedeutung zumaßen, ich aber mußte die Lehre
ziehen, daß der ,Glauben der Väter' sich nicht ungestraft verleugnen
läßt, wenn man ein Sohn ist und Söhne hat." (Internat. Zeilschr.
f. Psychoanalyse, IV. 1916.
Keineswegs harmlos wirkt folgender Fall von Versprechen, den
ich nicht mitteilen würde, wenn ihn nicht der Gerichtsbeamte
i04 Zur Psychopathologie des AUtagsJebeiis
selbst während des Verhörs für diese Sammlung aufgezeichnet
hätte:
Ein des Einbruchs beschulili{>;t(T Volkswchrmaiin sagt aus: „Ich
■wurde seitlier aus dieser militärischen DiebsstoIIunf; noch nicht
entlassen, gehöre also dorz-eil noch der \'(i]kswehr an."
Erheiternd wirkt das Versprechen, wenn es als Mitlei benüty.i
wird, um während eines Widerspruches zu bestiilipeu, was dem
Arzte in der psychoaiialylischen Arbeit sehr willkommen sein
mag. Bei einem meiner Patienlen hütle ich einst einen Traum
zu deuten, in welchem der Name Jau ner vorkam. Der Träumer
kannte eine Person dieses Namens, es Heß sich aber nicht finden,
weshalb diese Person in di'ii /usarninciiliang des Traumes
aufgenommen war, und darum wagte ich die Vermutung, es
könne bloß wegen des Namens, d(^r an den Schimpf Gauner
anklinge, geschehen sein. Der Patient widersjjrach rasch und
energisch, verspracli sich aber dabei und bestätigte meine
Vermutung, indem er sich der Ersetzung ein zweitesmal bediente.
Seine Antwort lautete: „Das erscheint mir lioch zu jewagt."
Als ich ihn auf das Vensprechen aufinerk.sam machte, gab er
meiner Deutung nach.
Wenn im ernsthaften Wortstreit ein solches Versprechen,
welches die Redeabsicht in iln- Gegenteil verkehil, sich dem
einen der beiden Streiter ereignet, so setzt es ihn sofort in Nach-
teil gegen den anderen, der es selten versäumt, sich seiner
verbesserten Posiiinn zu bedienen.
Es wird dabei klar, daß die Menschen ganz allgemein dem
Versprechen wie anderen KeliUeisiuiigeii diescflbe Deutung gehen,
wie ich sie in <lie.sem Buche vertrete, auch wenn sie sich in der
Theorie nicht fiir diese Auffassung einsetzen, und wenn sie für
ihre eigene Person nicht geneigt sind, auf die mit der Duldung
der Fehlleistungen verbundene IJe(iuemlichkeit zu ver/.ichten. Die
Heilerkeit und tler Hohn, die solclies Fehlgr-hen der Rede im
entscheidenden Moment her ihren Kummer spricht Klara folgender-
maßen: ,Wenn doch ein edler Mann mich sehen kiinnte, wie ich
bin, und es nicht zu gering erachtete, mir zu helfen! Oh! befreit
zu werden aus diesem Kerker von Dornen und Gestrüpp. Ich
kann mir allein meinen AVeg nicht bahnen. Ich bin ein Keigling.
Ein Fingerzeig' — ich glaube, er würde mich verändern. Zu einem
Kameraden könnt' ich niehii, blutig zerrissen und umbraust von
Verachtung und Geschrei . , . Koiislantia begegnete einem Soldaten.
Vielleicht betete sie, und ihr Gebet ward erhürt. Sie tat nicht
recht. Aber, oh, wie lieb' ich sie darum. Sein Name war Harry
Oxford . . , Sie schwankte nicht, sie riß die Kelten, sie ging offen
zu dem andern über. Tapferes Mädchen wie denkst du über mich?
Ich aber habe keinen Harry Whilford, ich bin allein.' — —
Die plötzliche Erkeinitnis, daß sie einen anderen Namen für
Oxford gebrauclit habe, traf sie wie ein Faustschlag und über-
goß sie mit flammender Rute.
Die Tatsache, daß die Nnmeti heider Männer mit ,ford* endigen,
erleichtert das Verwechseln der beiden offensichtlich und würde von
vielen als ein hinreichender Grund dafür angesehen werden. Der
wahre tieferliegende (iruiid jedoch ist von dem Dichter klar aus-
geführt.
An einer anderen Stelle komint dasselbe Versprechen wieder vor.
Es folgt ihm jene spontane llnschlüssigkeii und jener plötzliche
Wechsel des Themas, mit denen uns die Psychoanalyse und Jungs
Werk über die Assoziationen vertraut machen, und die nur ein-
treten, wenn ein halbbewußter Komplex berührt wird. Patterne
sagt in patronisierondem Tone von Whitford; ,Falsclier Alarm!
Der gute alte Vernon ist gar nicht imstande, etwas Ungewöhn-
liches zu tun.' Kliirn antwortet: ,Wcnn aber nun Oxford —
Whitford... da — Ihre Schwäne kommen gerade den See
i) Anmerkimg des tJberieUor» : Ich wollte uripriin glich d«i Orginal beckoning of
f ßiger mit „leiier Wink" übcrtctzcn, bii mir klar wurde, ddÜ icli durch Untor-
achlagung des Wortei „Fiiigcr" den Sntx einer piychologisclien l-'einlieit beraube.
V. Das Versprechen \\\
durchsegelnd; wie schön sie aussehen, wenn sie indigniert sind!
Was ich Sie eben fragen wollte. Männer, die Zeugen einer offen-
sichtlichen Bewunderung für jemand anderen sind, werden wohl
natürlicherweise entmutigt?' Sir Willoughby traf eine plötzliche
Erleuchtung, er richtete sich steif auf.
Noch an einer anderen Stelle verrät Klara durch ein anderes
Versprechen ihren geheimen Wunsch nach einer innigeren Ver-
bindung mit Vernon Whitford. Zu einem Burschen sprechend, sagt
sie; ,Sage abends dem Mr. Vernon — sage abends dem Mr. Whit-
ford. . . usw'.'"
Die hier vertretene Auffassung des Versprechens hält übrigens
der Probe an dem Kleinsten stand. Ich habe wiederholt zeigen
können, daß die geringfügigsten und naheliegendsten Fälle von
Redeirrung ihren guten Sinn haben und die nämliche Lösung zu-
lassen wie die auffalligeren Beispiele. Eine Patientin, die ganz gegen
meinen Willen, aber mit starkem eigenen Vorsatz einen kurzen
Ausflug nach Budapest unternimmt, rechtfertigt sich vor mir, sie
gehe ja nur für drei Tage dahin, verspricht sich aber und sagt:
nur für drei Wochen. Sie verrät, daß sie mir zum Trotze lieber
drei Wochen als drei Tage in jener Gesellschaft bleiben will, die
ich als unpassend für sie erachte. — Ich soll mich eines Abends
entschuldigen, daß ich meine Frau nicht vom Theater abgeholt,
und sage: Ich war zehn Minuten nach lo Uhr beim Theater.
Man korrigiert mich: Du willst sagen: vor lo Uhr. Natürlich
wollte ich vor lo Uhr sagen. Nach lo Uhr wäre ja keine Ent-
schuldigung. Man hatte mir gesagt, auf dem Theaterzettel stehe:
Ende vor lo Uhr. Als ich beim Theater anlangte, fand ich das
Vestibül verdunkelt und das Theater entleert. Die Vorstellung war
eben früher zu Ende gewesen, und meine Frau hatte nicht auf
i) Andere Beispiele von Versprechen, die nach des Dichters Absicht als sinnvoll,
meist als SelLstverrat, aufgefaßt werden sollen, finden sich bei Shakespeare in
Richard IL fll, 2\ bei Schiller im Don Carlos (11,8, Versprechen der Eboli). Es
wäre gewiß ein leichtes, diese Liste zu venollständigen.
j i a Zur Psychopathologie des AUtagslebens
mich gewartet. Als ich auf die Uhr snh, fehlten noch fünf Minuten
zu 1 o Uhr. Ich nahm mir aber vor, meinen Kall zu Hause günstiger
darzustellen und zu sagen, es Imtteii noch zelm Minuten zur zehnten
Stunde gefehlt. Leider verdarb mir das Versprechen die Absicht
und stellte meine Unaufrichiigkeit bloB, indem es mich selbst mehr
bekennen ließ, als icli /.u l)C'konneii hatte.
Man gelangt von hier aus zu jenen Hedestürungen, die nicht
mehr als Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das ein-
zelne Wort, sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede
beeinträchiigon, wie z. B. das Stamrnchi und Stottern der Verlegen-
heit. Aber hier wie dort ist es der innere Konflikt, der uns durch
die Störung der Rede verraten winl. Ich glaube wirklich nicht,
daß jemand sich versprechen würde in der Audienz bei Seiner
Majestät, in einer ernstgemeinten Liebesw erbung, in einer Ver-
teidigungsrede um Ehre und Namen vor den Geschworenen, kurz
in all den Fällen, in denen man ganz dabei ist, wie wir so
bezeichnend ^agen. Selbst bis in die Schülzung des Stils, den ein
Aulor sdireil)!, ilürlcti wir und sind wir gewohnt, das Krklärungs-
prinzip zu tragen, welches wir bei der Ableitung des einzelnen
Sprechfelilers niclit entbehren können. Kine klare und unzweideutige
Schreibweise belehrt uns, daÜ der Autor hier mit sich einig ist,
und wo wir gezwungenen und gewundenen Ausdruck finden, der,
wie so richtig gesagt wird, nach mehr als einem Scheine schielt,
da können wir den Anteil eines nicht genugsam erledigten, kom-
plizierenden Gedankens erkennen oder die erstickte Stimme der
Selbstkritik des Autors heraushören'.
Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches liaben fremdsprachige
Freunde und Kollegen begonnen, dem VersprecluMi, das sie in den
Ländern ihrer /.irnge beobachten konnten, ihre Aufmerksamkeit
tV qii'on riini^iit hitn
S'arviOiKt clairemtiit
Et Itt mtils paur le dirt
Arrivmi miim,-nt, B o i 1 r « u. An pu6tique.
1
^. Das Versprechen 113
zuzuwenden. Sie haben, wie zu erwarten stand, gefunden, daß die
Gesetze der Fehlleistung vom Sprachmaterial unabhängig sind, und
haben dieselben Deutungen vorgenommen, die hier an Beispielen
von Deutsch redenden Personen erläutert wurden. Ich führe nur
ein Beispiel anstatt ungezählt vieler an:
Dr. A. A. Brill (New York) berichtet von sich: A friend descri-
bed to me a nervous patient and wished to know whether 1 could
benejit him. I remarked, I believe that in time I could remove all his
Symptoms by psycho-analysis because it is a durable case wishing
to say „curable"! (A contribution to the Psychopath ology of
Everyday Life. Psychotherapy, Vol. III, Nr. 1, 1909.)
Schließlich will ich für diejenigen Leser, die eine gewisse
Anstrengung nicht scheuen und denen die Psychoanalyse nicht
fremd ist, ein Beispiel anfügen, aus dem zu ersehen ist, in
welche seelischen Tiefen auch die Verfolgung eines Versprechens
führen kann.
Dr. L. Jekels berichtet: „Am 11. Dezember werde ich von
einer mir befreundeten Dame in polnischer Sprache etwas heraus-
fordernd und übermütig mit den Worten apostrophiert: ,Waruni
habe ich heute gesagt, daß ich zwölf Finger habe?*
— Sie reproduziert nun über meine Aufforderung die Szene, in
der die Bemerkung gefallen ist. Sie habe sich angeschickt, mit
der Tochter auszugehen, um einen Besuch zu machen, habe ihre
Tochter, eine in Remission befindliche Dementia praecox, auf-
gefordert, die Bluse zu wechseln, was diese im anstoßenden
Zimmer auch getan hat. Als die Tochter wieder eintrat, fand sie
die Mutter mit dem Reinigen der Nägel beschäftigt^ und da
entwickelte sich folgendes Gespräch:
Tochter: ,Nun siehst du, ich bin schon fertig und du noch
nicht!'
Mutter: ,Du hast ja aber auch nur eine Bluse und ich
zwölf Nägel.*
Tochter: ,Was?*
Frtud. IV. 8
J14
Zur Psychopathologie des AlUaffsJehens
Mutter (ungeduldig): ,Nun natürlich, ich habe ja doch
zwölf Finger.*
Die Frage eines die Erziililung milanhöreiKieii Kollegen, was
ihr zu zwölf einfalle, wird ebenso jirompt wie beslimint
beantwortet : ,Zwülf ist für mich kein Datum (von
Bed eutu ng).'
Zu Finger wird unter einem leichten Zögern die Assoziation
geliefert: ,In der Familie meines Mannes kamen sechs Finger an
den Füßen (im Pulnisclien gibt es keinen eigenen Ausdruck
für Zehe) vor. Als unsere Kinder zur Welt kamen, wurden
sie sofort darauf untersucht, ob .sie nicht sechs Finger haben.*
Aus äußeren Ursachen wurde an die.som Abend die Analyse
nicht fortgesetzt.
Am nächsten Morgen, dem 1 3. Dezember, besucht mich die
Dame und erzählt mir siclitliih erregt: ,Denken Sie, was mir
passiert ist^ seit etwa 20 Jahren gratuHere ich dem iihen Onkel
meines Mannes zu seinem Geburlstag, der heute fallig ist, schreibe
ihm immer am 11. einen Ilriefi und diesmal habe ich es ver-
gessen und mußte soeben telograjib leren.' '
Ich erinnere mich und die Dame, mit welcher Bestimmtheit sie
am gestrigen Abend die Frage des Kollegen noch der Zahl Zwölf,
die doch eigentlich sehr geeignet war, ihr den Geburtstag in
Erinnerung zu bringen, abgetan hat mit der Bemerkung, der
Zwölfte sei für sie kein Datum von Bedeutung.
Nun gesteht sie, dieser Onkel ihres Mannes sei ein Erbonkel,
auf dessen Erbschaft sie eigentlich immer gerechnet habe, ganz
besonders in ihrer jetzigen bedrängten finanziellen I^ige.
So sei er, respektive sein Tod, ihr sofort in den Sinn gekommen, als
ihr vor einigen Tagen eine Bekannte aus Karten prophezeit habe,
sie werde viel (ield bekommen. Es schoß ihr sofort durch den
Kopf, der Onkel sei der einzige, von dem sie, respektive ihre
Kinder, Geld erhalten könnten; auch erinnerte sie sich bei dieser
Szene augenblicklich, daß schon die Frau dieses Onkels versprochen
V. Das Versprechen 115
habe, die Kinder der Erzählerin testamentarisch zu bedenken; nun
ist sie aber ohne Testament gestorben 5 vielleicht hat sie ilirem
Manne den bezüglichen Auftrag gegeben.
Der Todeswunsch gegen den Onkel muß offenbar sehr intensiv
aufgetreten sein, wenn sie der ihr prophezeienden Dame gesagt
hat: ,Sie verleiten die Leute dazu, andere umzubringen.'
In diesen vier oder fünf Tagen, die zwischen der Prophezeiung
und dem Geburtstage des Onkels lagen, suchte sie stets in den
im Wohnorte des Onkels erscheinenden Blättern die auf seinen
Tod bezügliche Parte.
Kein Wunder somit, daß bei so intensivem Wunsche nach
seinem Tode, die Tatsache und das Datum seines demnächst zu
feiernden Geburtstages so stark unterdrückt wurden, daß es nicht
bloß zum Vergessen eines sonst seit Jahren ausgeführten Vorsatzes
gekommen ist, sondern auch, daß sie nicht einmal durch die Frage
des Kollegen ins Bewußtsein gebracht wurden.
In dem Lapsus ,zwölf Finger* hat sich nun die unterdrückte
Zwölf durchgesetzt und hat die Fehlleistung mitbestimmt.
Ich meine: mitbestimmt, denn die auffällige Assoziation zu
jFinger* läßt uns noch weitere Motivierungen ahnen; sie erklärt
uns auch, warum der Zwölfer gerade diese so harmlose Redensart
von den zehn Fingern verfälscht hat.
Der Einfall lautete: ,In der Familie meines Mannes kamen
sechs Finger an den Füßen vor.'
Sechs Zehen sind Merkmale einer gewissen Abnormität, somit
sechs Finger e i n abnormes Kind und
zwölf Finger zwei abnorme Kinder.
Und tatsächlich traf dies in diesem Falle zu.
Die in sehr jungem Alter verheiratete Frau hatte als einzige
Erbschaft nach ihrem Manne, der stets als exzentrischer, abnormer
Mensch galt und sich nach kurzer Ehe das Leben nahm, zwei
Kinder, die wiederholt von Ärzten als väterlicherseits schwer
hereditär belastet und abnorm bezeichnet wurden.
L
ii6
Z«r Psychopathologie des AlltagsUihens
Die ältere Tochter ist nach einem schweren katatonen Anfall
vor kurzem nach Hause zurück^ckclirt; bald nachlier erkrankte
auch die jüngere, in der Pubertät befindliche Tochter an einer
schwerea Neurose.
Daß die Ahnormitüt der Rinder hier zusammengestellt wird
mit dem Sterbewunscho gegen den Onkel und sich mit diesem
ungleich stärker unterdrückton und psychisch valenteren Element
verdichtet, läDt uns als zweite Deierminierung dieses Versprechens
den Todeswunsch 8*"^*^" die abnormen Kinder
annehninn.
Die prävalierende Bedeutung des Zwfilfprs als Sterbewunsch
erhellt aber schon daraus, daß in der Vorstellung der Krzälilenden
der Geburlstag des Onkels sehr ituiig assoziiert war mit dem
Todesbegri FTe. I)<'imi ihr Mann hat sich am 13. das Leben
genommen, also einen 'Jag nach dem Geburtstag ebendesselben
Onkels, dessen Frau zu der jungen Witwe gesagt hatte: ,Gestem
gratulierte er noch so herzlich und liel), — und heute!*
Ferner will ich nodi bin/Aifügeri, daÜ die Dame auch genug
reale Gründe hatte, den Kindern den Tod zu wünschen, von
denen sie gar keine Freude erfuhr, sondern nur Kummer
und arge Kinschriiiikungen ihrer Selbstbestini niuiig zu leiden
hatte, und denen zuliebe sie auf jogliclies Liebesglück verzichtet
hatte.
Auch diesmal war sie außerordentlich bemüht, jeglichen Anlaß
zur Verstimmung der Tochter, mit der sie zu Besuch ging, zu
vermeiden^ und man kann sich vorstellen, welchen Aufwand an
Geduld und Selbstverleugnung einer Dementia praecox gegenüber
dies verlangt, und wie viele Wutregungen dabei unterdrückt
werden müssen.
Demzufolge würde der Sinn der Fehlleistung lauten:
Der Onkel soll sterben, diese abnormen Kinder sollen sterben
(sozusagen diese ganze abnorme Familie), und ich soll das Geld
von ihnen haben.
V, Das Versprechen 117
. Diese Fehlleistung besitzt nach meiner Ansicht mehrere Merk-
male einer ungewöhnlichen Struktur, und zwar:
a) Das Vorhandensein von zwei Determinanten, die in einem
Element verdichtet sind.
b) Das Vorhandensein der zwei Determinanten spiegelt sich in
der Doppelung des Versprechens (zwölf Nägel, zwölf Finger).
c) Auffällig ist, daß die eine Bedeutung des Zwölfers, nämlich
die die Abnormität der Kinder ausdrückenden zwölf Finger, eine
indirekte Darstellung repräsentiert 5 die psychische Abnormität
wird hier durch die physische, das Oberste durch das Unterste
dargestellt"'. . ' ■■ .
il Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, I, 1915.
VI
VERLESEN UNO VERSCHKKIÜEN
Daß für die Fehler im Lesen und Schreiben die namhchen
Gesichtspunkte und Bemerkungen Goltunp haheii wie für die
Sprechfehler, ist bei der inneren Verwand tschwfi dieser Funktionen
nicht zu verwundern. Ich werde mich hier darauf beschränken,
einige sorcfiihiff analysierte Reispiolo mitzuteilen, und keinen
Versuch unternehmen, das Ganze der Erscheinungen zu umfassen.
A) VERLESEN
l) Ich durchhlöltere im Kaffeehaus eine Nummer der „Leipziger
Illustrierten", die ich schriig vor mir halte, und lese als Unter-
sclirift eines sich über die Seile erstreckenden Bildes: Eine Hoch-
zeltsfeier in der Odyssee. Aufmerksam geworden und verwundert
rücke ich mir das Blatt zurecht und korrigiere jetxt; Eine Hoch-
zeitsfeier an der Ostsee. Wie komme ich zu diesem unsinnigen
Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich sofort auf ein Buch
von Ruths „Experimentaluntersuchungen über Musikphantome
usw."', das mich in der letzten Zeit viel bescliüfiigl hat, weil
es nahe an die von mir iK^liandelien psychotogisclien ]*robleme
streift. Der Autor verspricht für nächste Zeit ein Werk, welches
„Analyse und {Jruiidgc^sc-tze der Trauniphänomene" heißen wird.
Kein Wunder, daß ich, der ich eben (mir- „Traumdeutung"
veröffentlicht liab(-, mit grilUter Spaiuiung diesem Buche eulgegen-
i) Darmitadt i8gB boi H. L. Schlapp.
■ I|
VI. Verlesen und Verschreiben lig
sehe. In der Schrift Ruths über Musikphantome fand ich vorn
im Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des ausführUchen induktiven
Nachweises, daß die althellenischen Mythen und Sagen ihre
Hauptwurzeln in Schlummer- und Musikphantomen, in Traum-
phänomenen und auch in Delirien haben. Ich schlug damals
sofort im Texte nach, um herauszufinden, ob er auch um die
Zurückführung der Szene, wie Odysseus vor Nausikaa
erscheint, auf den gemeinen Nacktheitstraum wisse. Mich hatte
ein Freund auf die schöne Stelle in G. Kellers „Grünem
Heinrich" aufmerksam gemacht, welche diese Episode der Odyssee
als Objektivierung der Träume des fern von der Heimat irrenden
Schiffers aufklärr, und ich halte die Beziehung zum Exhibitions-
traum der Nacktheit hinzugefügt (7. Aufl., S. 170). Bei Ruths
entdeckte ich nichts davon. Mich beschäftigen in diesem Falle
offenbar Prioritätsgedanken.
2) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen:
„Im Faß durch Europa", anstatt zu Fuß? Diese Auflösung
bereitete mir lange Zeit Schwierigkeiten. Die nächsten Einfalle
deuteten allerdings: Es müsse das Faß des Diogenes gemeint sein,
und in einer Kunstgeschichte hatte ich unlängst etwas über die
Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. E^ lag dann nahe, an die
bekannte Rede Alexanders zu denken: Wenn ich nicht Alexander
wäre, möchte ich Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von
einem gewissen Hermann Zeitung vor, der in eine Kiste
verpackt sich auf Reisen begeben hatte. Aber weiter wollte sich
der Zusammenhang nicht herstellen, und es gelang mir nicht,
die Seite in der Kunstgeschichte wieder aufzuschlagen, auf welcher
mir jene Bemerkung ins Auge gefallen war. Erst Monate später
fiel mir das beiseite geworfene Rätsel plötzlich wieder ein, und
diesmal zugleich mit seiner Lösung. Ich erinnerte mich an die
Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was für sonderbare Arten
der Beförderung die Leute jetzt wählten, um nach Paris
zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie ich
l^ Zur Psychopathologie da Alltagskbens
glaube, scherzhaft mitgott'ilt worden, daß irgend ein Herr die
Absicht habe, sich von einem «ndpren Herrn in einem Faß nach
Paris rollen zu lassen. Natürhch halten diesi? Leute kein anderes
Moüv, als durch solche Torlieiton Aufsehen zu maclien. Hermann
Zeitung war in der Tat der Name desjenigen Mannes, der für
solche außergewöhnliciie Uefürdenuig das erste Beispiel gegeben
halte. Dann fiel mir ein, daß iili einmal einen Patienten
behandelt, dessen krankliafte Angst vor der Zeitung sich als
Reaktion gegen den krankliaften Klirgeiz auflöste, sich gedruckt
und als berühmt in der Zeitung erwähnt zu sehen. Der mazedonische
Alexander war gewiß einer der ehrgeizig.sten Männer, die je gelebt.
Er klagte ja, daß er keinen Homer finden werde, der seine
Taten besinge. Aber wie konnte ich nur nicht daran denken,
daß ein anderer Alexander mir näher stehe, daß Alexander
der Name meines jüngeren Ilruders ist! Ich fand nun sofort den
anstößigen und der Verdrängung bedürftigen Ge<lanken in betreff
dieses Alexanders und die aktuelle Veranlassung für ihn. Mein
Bruder ist Sachverständiger in Dingen, die Tarife und Trans-
porte angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für seine
Lehriiiiigkeit an einer kummerziellen Hochschule den Titel
Professor erhalten. Für die gleiche Beförderung war ich an
der Universität seit melneren Jaln-en vorgeschlagen, olme sie
erreicht zu haben. Unsere Mutler äußerte damals ihr Befremden
darüber, daß ihr kleiner Sohn eher Professor werden sollte
als ihr großer. So stand es zur Zeil, als ich die Lösung für
jenen Leseirrtum nicht finden konnte. Dann erhoben sich
Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine Chancen, Professor
zu werden, fielen nocli unter die meinigen. Da aber wurde mir
plötzlich der Sinn jenes Verlesens oficiiljar^ <',s war, als halte die
Minderung in den Chancen d.-.s Bruders ein Hindernis beseiügl.
Ich hatte micli so benommen, als liise ich die Ernennung des
Bruders in der Zeitung, und .-^agte mir dabei: Merkwürdig, daß
man wegen .solclier Dunimheiien (wie er sie als Beruf betreibt)
VI. Verlesen und Verschreiben 131
in der Zeitung stehen (d. h. zum Professor ernannt werden)
kann! Die Stelle über die hellenistische Kunst im Zeitalter
Alexanders schlug ich dann ohne Mühe auf und überzeugte mich
zu meinem Erstaunen, daß ich während des vorherigen Suchens
wiederholt auf derselben Seite gelesen und jedesmal wie unter
der Herrschaft einer negativen Halluzination den betreffenden
Satz übergangen hatte. Dieser enthielt übrigens gar nichts, was
mir Aufklärung brachte, was des Vergessens wert gewesen wäre.
Ich meine, das Symptom des Nichtauffindens im Buche ist nur
zu meiner Irreführung geschaffen worden. Ich sollte die Fort-
setzung der Gedankenverknüpfung dort suchen, wo meiner Nach-
forschung ein Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend
einer Idee über den mazedonischen Alexander, und sollte so vom
gleichnamigen Bruder sicherer abgelenkt werden. Dies gelang
auch vollkommen; ich richtete alle meine Bemühungen darauf,
die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte wieder aufzufinden.
Der Doppelsinn des Wortes „Beförderung" ist in diesem
Falle die Assoziationsbrücke zwischen den zwei Komplexen, dem.
unwichtigen, der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem
interessanteren, aber anstößigen, der sich hier als Störung des zu
Lesenden geltend machen darf. Man ersieht aus diesem Beispiel,
daß es nicht immer leicht wird, Vorkommnisse wie diesen Lese-
fehler aufzuklären. Gelegentlich ist man auch genötigt, die
Lösung des Rätsels auf eine günstigere Zeit zu verschieben. Je
schwieriger sich aber die Lösungsarbeit erweist, desto sicherer darf
man erwarten, daß der endlich aufgedeckte störende Gedanke von
unserem bewußten Denken als fremdartig und gegensätzlich
beurteilt werden wird.
5) Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens,
der mir eine erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch
sofort meine Frau an und fordere sie zur Teilnahme daran auf,
daß die arme Wilhelm M. so schwer erkrankt und von den
Ärzten aufgegeben ist. An den Worten, in welche ich mein
isa
Zur Psychopathologie des AUtagsUbem
Bedauern kleide, muß aber elwns falsch gekhuipen haben, denn
meine Frau wird mißtrauisch, vorliuif^l den Hrief zu schon und
äußert als ihre Überzeugung, so kiinne es nicht darin stehen,
denn nioniaml nenno eine Krau nach dem Namen des Mannes,
und überdies sei der Korrespnndeniin der Vorname der Frau sehr
wohl bekannt. Ich verteidige meine Bcliaupluug hartnäckig und
verweise auf die so gebriiurhlichen Visiikarten, auf denen eine
Frau sich selbst mit dem Vornamen dt>s Mainies bt 'Zeichnet. Ich
muß endlich den lirief /ur Hand nehmen, und wir lesen darin
taisächhch „der arme W. M.", ja sogar, was ich ganz übersehen
hatte: ,der arme Dr. W. M.". Mein Vorsehen bedeulct also einen
sozusagen krampfhaften Versuch, die traurige Neuigkeit von dem
Manne auf die Frau zu ül)erwQl7.en. Der zwischen Artikel,
Beiwort und Name eingi-sclinbene Titel paßt schlecht zu der
Forderung, es müßte die Frau gemeint sein. Darum wurde er
auch beim Lesen beseitigt. Oas Motiv dieser Verrdlschung war
aber nicht, daß tnir die Frau weniger symiwtliisch wäre als
der Mann, sondern das Schicksal des armen Maimos liatte meine
Besorgnisse um eine andere, mir nahe stehende Person rege
gemacht, welche eine der mir bekannten Krankheitsbedingung:en
mit diesem Falle gemeinsam hatte.
4) Ärgerlich und lächerlich ist mir ein Verlesen, dem ich sehr
häufig unterliege, weim ich in den Ferien in den Siraßen einer
fremden Sudt siKiziere. Ich lose dann jede Ludentnfel, die dem
irgendwie entgc^n-nkommt, als Antiquitäten. Hierin äußert
sich die Abenlrucrlust dos Sammlers.
5) Bleuler erzählt in seinem bedeutsamen lUuhe „Affek-
tivitiit, Suggeslibilitiit, Paranoia" (190(1), S. 121: „Beim Losen
hatte ich einmal das intelh-ktuelle Gefühl, zwei 'A-ilen weiter
unten meinen Namen zu sehen. 7u meinem Krstounen finde ich
nur das Wort ,]llutkJlrperchen'. Unter vielen Tausenden von mir
analysierten Verlesungeji des peripheren wie des zentralen (Gesichts-
feldes ist dieses der krasseste Fall. Wenn ich etwa meinen Namen
yi. Verlesen und Verschreiben 123
zu sehen glaubte, so war das Wort, das dazu Anlaß gab, meinem
Namen meist viel ähnlicher, in den meisten Fällen mußten
geradezu alle Buchstaben des Namens in der Nähe vorhanden
sein, bis mir ein solcher Irrtum begegnen konnte. In diesem Falle
ließ sich aber der Beziehungswahn und die Illusion sehr leicht
begründen: Was ich gerade las, war das Ende einer Bemerkung
über eine Art schlechten Stils von wissenschaftlichen Arbeiten,
von der ich mich nicht frei fühlte."
6) H. Sachs: „An dem, was die Leute frappiert, geht er in
seiner Steifleinenheit vorüber." Dies Wort fiel mir aber
auf und ich entdeckte bei näherem Hinsehen, daß es Stil-
feinheit hieß. Die Stelle fand sich in einer überschwenglich
lobenden Auslassung eines von mir verehrten Autors über einen
Historiker, der mir unsympathisch ist, weil er das ,Deutsch-
Professorenhafte* zu stark hervorkehrt."
7) Über einen Fall von Verlesen im Betriebe der philologischen
Wissenschaft berichtet Dr. Marcell Eibenschütz im Zentral-
blatt für Psychoanalyse, I, g/6. „Ich beschäftige mich mit der
Überlieferung des , Buches der Märtyrer', eines mittelhochdeutschen
Legenden Werkes, das ich in den ,Deutschen Texten des Mittel-
alters', herausgegeben von der Preußischen Akademie der Wissen-
schaften, edieren soll. Über das bisher noch ungedruckte Werk war recht
wenig bekannt; es bestand eine einzige Abhandlung darüber von J.
Haupt ,Über das mittelhochdeutsche Buch der Märtyrer', Wiener
Sitzungsberichte, 1867, 70. Bd., S. 101 ff. — H a u p t legte seiner
Arbeit nicht eine alte Handschrift zugrunde, sondern eine aus neuerer
Zeit (XIX. Jahrhundert) stammende Abschrift der Haupthandschrift
C (Klosterneuburg), eine Abschrift, die in der Hofbibliothek auf-
bewahrt wird. Am^ Ende dieser Abschrift steht folgende Subskription :
Anno Domini MDCCCL in vigilia exaltacionis sancte crucis ceptus est
iste liber et in vigHia pasce anni subsequentis ßnitus cum adiutorio
omnipotentis per me Hartmanum de Krasna tunc temporis ecclesie niwen-
burgensis custoderru
I04
Zur Ptydtopatfiohgie dei AUta^Ubera
Haupt tt'ilt nun in seiner AbhiiiHlluiig dieso Subscnptio mit, in der
Meinung, daU si« vom S<:lir«'il)er von C selbst licmilirc, und läßt C,
mit konsequenter Vorlesung iln- rünii.sdi geschriebenen Jahreszahl
i85o,iniJahre i'jgo geschrieben sein, trotzdem daU ur die Subscriptio
vollstiintügrichliff k(i])ierthat,lrnl7.demdaBsie in der AbbnndUing am
angeführten Orte vollsiünciig riihtig(iuhnHthMI)(X(>L)ab<n>drucktist.
Die Mitteilung ILiupts bildete für mirh eine Quelle von
Verlegenheiten, /unüchst stund ith nU bluijiniger Anfänger in
der gelehrten Wissenschaft ganz unter der Autorität Haupts
und las lange Zeit aus der vollkonnnen klar und richtig geilruckt
vor mir liegenden Subscrijitio wie lliiupt i',5»> statt 1850J
doch in der von mir benutzten Haiipiliandsthrift C war keine
Spur irgend einer SubMriptio 7.u finden, es sirlhc >nh ferow
heraus, daü im ganzen XIV. JahrInnKiert zu KUisli rneuburg kein
Mönch namens Harhnann gelebt liiith-. l'nd als endlich der
Schleier von meinen Augen «nik, da hatte ich auch schon den
ganzen Sadiverhali erraten, und die weiteren Nachforschungen
bestätigen meine Vermutung; die vielgeiiannte Sub.srriptio steht
nämlich nur in der von Hnupt beiuilzten Abschrift und rührt
von ihrem Schreiber her, I'. Hartman Zeibig, geb. zu Rrasna in
Mahren, Augustinerciiorlierr zu Kloslerneuburg, der im Jahre 1850
als Kirchenschat/.meister des Stiftes die Handschrift C abg(*schrieben
und sich am l''.n<le seiner Abschrifl in [dlertOinlicher Weise selbst
nennt. Die mittelalterlidie Diktion unii die alte Orthognipbie der
Subscriptio haben wohl bei dem W u n s c li o Haupts, ülx'r das
von ihm bebaniU-lte Werk milglichfit viel mitteilen zu köimen,
also auch die Handschrift C zu datieren, mitgeholfen, daß
er statt 1850 immer 1550 las. (Motiv der l'V'liIhandlung.)*
8) In den „Witzigen und Satirischen l''.infiinen" von Lichten-
berg findet sich eine lii'inerknng, die wohl einer Ik-obachtung
entstammt und fast die ganze Theorie des Verleseiis enihalt: Er
las immer Aga m em n an statt „angenommen", so sclir hatte
er den Homer gelesen.
FI. Verlesen und VerschreU^en , 35
In einer übergroßen Anzahl von Fällen ist es nämlich die
Bereitschaft des Lesers, die den Text verändert und etwas, worauf
er eingestellt oder womit er beschäftigt ist, in ihn hineinliest.
Der Text selbst braucht dem Verlesen nur dadurch entgegen-
zukommen, daß er irgend eine Ähnlichkeit im Wortbild bietet
die der Leser in seinem Sinne verändern kann. Flüchtiges Hin-
schauen, besonders mit unkorrigi erlern Auge, erleichtert ohne
Zweifel die Möglichkeit einer solchen Illusion, ist aber keineswegs
eine notwendige Bedingung jFür sie.
9) Ich glaube, die Kriegszeit, die bei uns allen gewisse feste
und langanhaltende Präokkupationen schuf, hat keine andere
Fehlleistung so sehr begünstigt wie gerade das Verlesen. Ich
konnte eine große Anzahl von solchen Beobachtungen machen,
von denen ich leider nur einige wenige bewahrt habe. Eines
Tages greife ich nach einem der Mittags- oder Abendblätter und
finde darin groß gedruckt: Der Friede von Görz. Aber nein,
es heißt ja nur: Die Feinde vor Görz. Wer gerade zwei
Söhne als Kämpfer auf diesem Kriegsschauplatze hat, mag sich
leicht so verlesen. Ein anderer findet in einem gewissen Zusammen-
hange eine alte Brotkarte erwähnt, die er bei besserer
Aufmerksamkeit gegen alte Brokate eintauschen muß. Es ist
immerhin mitteilenswert, daß er sich in einem Hause, wo er oft
gern gesehener Gast ist, bei der Hausfrau durch die Abtretung
von Brotkarten beliebt zu machen pflegt. Ein Ingenieur, dessen
Ausrüstung der im Tunnel während des Baues herrschenden
Feuchtigkeit nie lang gewachsen ist, liest zu seinem Erstaunen
in einer Annonce Gegenstände aus „Seh und 1 eder" angepriesen.
Aber Händler sind selten so aufrichtig; was da zum Kaufe empfohlen
wird, ist Seehundleder.
Der Beruf oder die gegenwärtige Situation des Lesers bestimmt
auch das Ergebnis seines Verlesens, Ein Philologe, der wegen
seiner letzten trefflichen Arbeiten im Streite mit seinen Fach-
genossen liegt, liest „Sprachstrategie" anstatt Schach-
ia6
Zur Psychopathohf^ie drs AtUaf^slrht-ns
Strategie. Ein Mann, der in einer fremden Stadt spazieren geht,
gerade um die Stunde, auf welche seine durch eine Kur hergestellte
Darmtatigkoit reguhort ist, liest auf einem groüen Schilde im
ersten Stock eines hohen Wnrenhnuses: „K losetthnu s"i seiner
Befriedigung darüber mengt sich doch ein Befremden Über die
ungewöhnliche Unterbringung der wohküligi-n Ansudi Iwi. Im
nächsten Moment ist die llclriedigiuig doch gescliwutiden, denn
die 'I'afelaufschrift heißt richtiger: Korselt hau r.
lo) In einer zweiten (Jruppe von [■allen ist der Anteil des
Textes am Verlesen ein bei weitem griJüerer. Kr enthält etwas,
was die Abwehr des Lesers rege macht, eine ihm peinliche Mit-
teilung öder '/umuluiig. und erfalnl darum durch das Verlesen
euie Korrektur im Sinin' der Aluveisung «drr Wunscherfülhing.
Es ist dauii iiaiürlich unabweisbar an/.unehmen, duU der Text
zunächst richtig aufgetionunen und bcmtcili wurdn, ehe er diese
Korn'kiur ciTuhr, wnuigleich das licwuütsoin von dieser ersten
I^ung nichts i-rfnhren hai. Das »rispiel 5 auf den vorsiehenden
Seiten ist von dieser Art; ein anderes von liiichsler Aktualität
teile ich hier nach Or. M. l'/iiingou (z. Z. im Kriegsspital in
Igl6, Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, II, 1915) mit.
Leutnant X., der sich mit einer kriegstraumaiischen Neurose
in unserem Spital befindet, liest mir eines Tages den SchluÜvers
der letzten Strophe eines (icdichtes des so früh gefallenen Dichters
Walter Hey mann' in Mchtlicher Krgriffenheil folgendermnUen vor;
Wo aber ilchl'» gcich rieben, frag' ich, daß von tWtsxi
Ich übrig bli-ibcn loll. ein andrer für mich fallrn?
Wer immer von euch riilh. (Irr itirbt gewiß für mich;
Und ich loH übrig bleiben? warum denn nicht?
Durth mein MeiVemden nuhnerksam gemacht, liest er dann,
etwas betreten, richtig:
Und ich «oll übrig blslbm? warum denn ich?
1) W. H e y m K n n: Kripg»«cclichtir und FeldpoilbnefB, p. 1 1 : „!>•" AuiwchendMi."
VI. Verlesen und Verschreiben
127
Dem Fall X. verdanke ich einigen analytischen Einblick in das
psychische Material dieser ^Traumatischen Neurosen des Krieges',
und da war es mir möglich, trotz der unserer Art zu arbeiten
so wenig günstigen Verhältnisse eines Kriegslazaretts mit starkem
Belag und wenig Ärzten, ein wenig über die als ,Ursache* hoch-
bewerteten Granatexplosionen hinauszusehen.
Es bestanden auch in diesem Falle die schweren Tremores
die den ausgesprochenen Fällen dieser Neurosen eine auf den
ersten Bück frappante Ähnlichkeit verleihen, Ängstlichkeit, Weiner-
hchkeit, Neigung zu Wutanfällen mit konvulsiven, infantil-
motorischen Entäußerungen und zu Erbrechen (,bei geringsten
Aufregungen').
Gerade des letzteren Symptoms Psychogen eität, zunächst im
Dienste sekundären Krankheitsgewinnes, mußte sich jedem auf-
drängen: Das Erscheinen des Spitalskommandanten, der von Zeit
zu Zeit die Genesenden sich ansieht, auf der Abteilung, die
Phrase eines Bekannten auf der Straße: ,Sie schauen ja prächtig
aus, sind gewiß schon gesund', genügen zur prompten Auslösung
eines Brechanfalls.
,Gesund... wieder einrücken... warum denn ich?...'"
11) Andere Fälle von „Kriegs"-Verlesen hat Dr. Hanns Sachs
mitgeteilt;
„Ein naher Bekannter hatte mir wiederholt erklärt, er werde,
wenn die Reihe an ihn komme, keinen Gebrauch von seiner,
durch ein Diplom bestätigten Fachausbildung machen, sondern
auf den dadurch begründeten Anspruch auf entsprechende Ver-
wendung im Hinterlande verzichten und zum Frontdienst ein-
rücken. Kurz bevor der Termin wirklich herankam, teilte er mir
eines Tages in knappster Form, ohne weitere Begründung mit,
er habe die Nachweise seiner Fachbildung an zuständiger Stelle
vorgelegt und werde infolgedessen demnächst seine Zuteilung für
eine industrielle Tätigkeit erhalten. Am nächsten Tage trafen wir
i
I
laS Zwr Psychopathologie des Alltagslebeta
uns in einem Amtsloltal. Ich stand gerade vor oinem Pulte und
schrieb; er trat heran, sah mir eine Weile über ilif SchiUter und
sagte dann: Ach, das Wort da oben heißt ,Oruckbügen* —
ich habe es für ,D rü ckebergor' gelesen." (Internat. Zeit*chr.
f. Psychoanalyse, IV. 1916/17.)
13) „In der Tramway sitzend, dachte ich liarüber nach, daß .
manche meiner Jugoiuifreunde, die immer als zart und scliwäcli-
lich gegolten hatten, jetzt die nllerhärleslen Strnpa/.en zu ertragen
imstande sind, denen ich ganz bestimmt erliefen würde. Mitten in
diesem unerfreuhcheii (iedanknnz.uge las ich im Vurüberfjihren mit
lialber Aufmerksamkeit die großen scliwor/-en lottern einer Firma-
Ufel: ,Kisen konslitu tion'. Kinen Augenhlirk spater fiel mir
ein, daß (heses Wort für eine (Jeschiift-'inulM hrift nicht re<lit passe;
mich rasch umdrehend, erliaschie ich noch einen Blick auf die
Inschrift und bwh, daß sie richtig , Eisen konstruk tion*
lautete". (L. c.)
15) „In den Abi-iidblüttern stand die inzwischen als unrichtig
erkannte Rmiti-rdepesclie, daß Hughes zum Präsidenten der ■
Vereinigten Staaten pcMühlt sei. Anschließend daran erschien ein
kurzer Lebenslauf des ariffcblich (Jewühlten und in diesem stieß
ich auf die Mitteilung, daß Hughes in 11 cmi n llniversiliitsstudien
absolviert habe. Es schien mir sonderbar, daß dieses Um^tandes in
den wochenlaiigen Zeilungsdebatten, die di-m Wahllag voran-
gegangen waren, keine Erwiilniung geschehen war. Nochmalige
Überprüfung ergab denn auch, daß nur von der ,Hro\v n*-lJni-
versitiit die Rede war. Dieser krasse Kall, bei dem für das
Zustandekommen «Us \ rrlesens eitn* ziemlich große Gp%\altsnm-
keit notwendig war, erkliirt sidi außer aus der Klüchtigkeit bei
der /eitungsleklOre vor iillem daraus daß mir die Sympathie
des neuen Präsidenten für die Mittelmikhie als Grundlage
künftiger guter Ue/.ii'hungen nicht bloß aus jxilitischen, sondern
auch darüber hiiuuiv iuis persönlichen (iründen wünschenswert
schien." (L. c.)
VI, Ferlesen und Verschreiben 129
B) VERSCHREIBEN
1) Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufeeichnungen
meist von geschäftlichem Interesse enthalt, finde ich zu meiner
Überraschung mitten unter den richtigen Daten des Monats Sep-
tember eingeschlossen das verschriebene Datum „Donnerstag, den
öo. Okt.". Es ist nicht schwierig, diese Antizipation aufzuklären,
und zwar als Ausdruck eines Wunsches. Ich bin wenige Tage
vorher frisch von der Ferienreise zurückgekehrt und fühle mich
bereit für ausgiebige ärztliche Beschäftigung, aber die Anzahl der
Patienten ist noch gering. Bei meiner Ankunft fand ich einen
Brief von einer Kranken vor, die sich für den 20. Oktober
ankündigte. Als ich die gleiche Tageszahl im September nieder-
schrieb, kann ich wohl gedacht haben : Der X. sollte doch schon
da seinj wie .-schade um den vollen Monat! und in diesem
Gedanken rückte ich das Datum vor. Der störende Gedanke ist
in diesem Falle kaum ein anstößiger zu nennen; dafür weiß ich
auch sofort die Auflösung des Schreibfehlers, nachdem ich ihn
erst bemerkt habe. Ein ganz analoges und ähnlich motiviertes
Verschreiben wiederhole ich dann im Herbst des nächsten Jahres.
— E. Jones hat älniliche Verschrei bungen im Datum studiert
und sie in den meisten Fällen leicht als motivierte erkannt.
2) Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum „Jahresbericht
für Neurologie und Psychiatrie" und muß natürlich mit besonderer
Sorgfalt die Automamen revidieren, die, weil verschiedenen Nationen
angehörig, dem Setzer die größten Schwierigkeiten zu bereiten
pflegen. Manchen fremd klingenden Namen finde ich wirklich
noch zu korrigieren, aber einen einzigen Namen hat merkwürdiger-
weise der Setzer gegen mein Manuskript verbessert, und zwar
mit vollem Rechte. Ich hatte nämlich Buckrhard geschrieben,
während der Setzer Burckhard erriet. Ich hatte die Abhandlung
eines Geburtshelfers über den Einfluß der Geburt auf die Ent-
stehung der Kinderlähmungen selbst als verdienstlich gelobt, wüßte
Prsud. VI. g
130
Zur Psychopathologie des AUtagsl^tens
auch nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den gleichen Namen
wie er trägt auch ein SchrirtsU-IIcr in Wien, der mich durch eine
unverständige Kritik über meine „Traumdeuiung" geiirgori hat.
Es ist gerade so, als hätte ich mir bei der Nieiicm-Iirift des Namens
Burckhard, der den Geburtshelfer iH'/i'ithneie, etwas Arges über
den anderen B., den S(hrifi.si('ll,.r, gi-d-uhl, denn Namen verdrehen
bedeutet häufig genug, wie ich Kchon beim Vt-rsprechen erwähnt
li.ibe, Sclimähvnig'.
5) Diese Helmuplung wird sehr schiin durxh eine Snlbslboobach-
tung von A. J. Storfer bekrültigt, in wclihnr der Autor mit
rühmenswerter Offeudieit die Motive kliirlcgt, die ihn den Namen
eines venneiiuHchen Konkurrenten fnlscb erinnern und dann
entstellt niederschreiben hidien:
„Im Dezember IQ 10 sah ich im Schnufenster einer '/iiriclier
nucbhandhuig das cbimals neue Ilucii von Dr. lüUiard Hitschmann
über die Freudst:he Neurnsenb^bn-. Ich iubeileto <lamals gerade am
Manuskript eines Vurlrngs, den ich demniichst in einem akademischen
Verein über die (Jrundzüge (b'r l'Veudsclien Rsycliologie Imlten
sollte. In der damals schon nieilerge.sihiiebenen Kinleilung des
Vorinigs hatte it:b auf die bi.siori.scIiH I'lnlwicklung der Fi"eudschen
Psychologie aus Korschungen auf einem angewandten Gebiete, auf
gewisse, daiaus folgende Schwierigkeiten einer zusammen fassenden
Darstellung der Grundzüge hingewiesen, und darauf, daU noch
keine allgemeine Darstellung bestehe. Als ich das Ihuh (des mir
bis dahin unbekannten Autors) im Schaufenster sah, «lachte ich
zunächst nicht daran, es zu kavifen. Kinige Tage nachher bi'.schloß
ich aber, es zu tun. Das Huch war nicbi mehr im Schaufenster.
Ich nannte dem Buchhändler tias vor kurzum erschienene Buch;
Vgl ttwi die Stcllp im „J u li 11 • C«i»r", IM, j:
CINNA. Ehrlich, mein Name i«t Citina.
BÜRGER. R»>iOt ihn in Stiicko I nr i»l «in Vorichworpnsr.
CINNA. Tch bin (^innn d«r Pnrl! Ich bin nicht Cinnn dor Venchworciie.
BuRtJF.H, Kl tut iiirhU; ivin Namn iit Ginn«, reiül ihm don Namtn am dam
H«nen und laut ihn laufen.
FI. Verlesen und Fersckreiien 151
als Autor nannte ich ,Dr. Eduard Hartmann'. Der Buchhändler
verbesserte: ,Sie meinen wohl Hitschmann', und brachte mir das
Buch.
Das unbewußte Motiv der Fehlleistung war naheliegend. Ich
hatte es mir gewissermaßen zum Verdienst angerechnet, die Grund-
züge der psychoanalytischen Lehren zusammengefaßt zu haben und
habe offenbar das Buch Hitschmanns als Minderer meines Verdienstes
mit Neid und Ärger angesehen. Die Abänderung des Namens sei
ein Akt der unbewußten Feindseligkeit, sagte ich mir nach der
,Psychopathologie des Alltagslebens'. Mit dieser Erklärung gab ich
mich damals zufrieden.
Einige Wochen später notierte ich mir jene Fehlleistung. Bei
dieser Gelegenheit warf ich auch die Frage auf, warum ich
Eduard Hitschmann gerade in Eduard Hartmann umgeändert
halte. Sollte mich bloß die Namensähnlichkeit auf den Namen des
bekannten Philosophen geführt haben? Meine erste Assoziation
war die Erinnerung an einen Ausspruch, den ich einmal von
Professor Hugo v. Meltzl, einem begeisterten Schopenhauerverehrer,
gehört hatte und der ungefähr so lautete: ,Eduard v. Hartmann
ist der verhunzte, der auf seine linke Seite umgestülpte Schopen-
hauer*. Die affektive Tendenz, durch die das Ersatzgebilde für den
vergessenen Namen determiniert war, war also: ,Ach, an diesem
Hitschmann und seiner zusammenfassenden Darstellung wird wohl
nicht viel daran sein; er verhält sich wohl zu Freud wie Hart-
mann zu Schopenhauer'.
Ich hatte also diesen Fall eines determinierten Vergessens mit
Ersatzeinfall niedergeschrieben.
Nach einem halben Jahre kam mir das Blatt, auf dem ich die
Aufzeichnung gemacht hatte, in die Hand. Da bemerkte ich, daß
ich statt Hitschmann durchwegs Hintschmann geschrieben hatte."
(Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, II, 1914).
4.) Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich
vielleicht mit ebensoviel Recht dem „Vergreifen" einordnen könnte:
»so
Zur Psychopathologie des AUtagsltbens
Ich habf dio Ali.si(lu, mir aus der l»oslspjirknsse din Sumiup von
500 Kronen koinnimi zu lassen, dif ich oincm zum Kurf^brauch
iibwcspiidon Verwnndipn schicken will. Ich bemerke dal»», daß
mein Konto auf 4580 K lautet und nelunc mir vor, es jetzt auf
die runde Summe von 4000 K Iierunler/usetzen, <lie in der nächsten
Zeit nicht an^eprifii-n wenlf-n soll. Nachdem ich den Scheck
ordnunpsmüßig ausgeschrieben limi die der Zahl entsprechenden
Ziffern aiisp'scbnilten bnlio, merke ich iilölxlicli, daH ich nicht
580 K, wie icli woUle, sondern p*ni(le 4^8 bestellt habe, und
erschrecke über die IJn/.uverliissißkeit meines Tuns. Den Schreck
erkenne ich bald als unheret Iitigt; ich bin ja jetzt nicht iirmer
geworden, als ich vorher wav. Aber ich nniLl eine ganze Weile
darüber nachsinnen, welcher l'jiilluÜ hier meine erste Intention
gestürt hat, ohne sich meinem MewuUtsein anzuküniligr'n. Ich
gerate zuerst auf falsche Wege, will die Ix'idm 'Aililen, ',80 und
458, voneinander abziehen, wriH aii<'r dann nicht, was ich mit
der Differenz anfangen soll, i'ltidlich zeigt mir ein plötzlicher
Kinfall tlen wiihrcn /u.sainnicnhang. \.-^H ent-iipricht ja zehn
Prozent lies ganzen Kontfis von ,|,*,Ho K! 1 o*/o Rabatt hat man
aber beim Buchhändler. Ich besinne mich, daß ich vor wenigen
Tagen eine An/abI medizinischer Werke, die ihr Interesse fDr
mich verloren liahen, ausgesuibl, um sie dem Iluchiiändler gerade
für 300 k anzubieten. V.v fand die Iwinlennig zu hoch und
versprach, in den nächsten Tagfu cndgüllige Antwort zu sagen.
Wenn er mein Angi-hot nnninunt, so hat er mir g<'rade die Summe
enetzt, welche ich für den Kranken verau.sgaben .soll. I-iU ist nicht
zu verkennen, <laü es mir um diese Ausg.ibc leid tut. Der Affekt
bei der Wahrnehmung meines Irrtums liiUi si< h bes.ser verstehen
als Furcht, dunli solche Ausgaben arm zu werden. Aber beide«,
das fk^lauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpfte
Verarmungsangst, sind meinern liewußt.sein vjillig fremd; ich habe
das Eiedauern nicht verspürt, hI.s ich jetn- Siunme zusagte, und
fände die Molivienmg dessen)en Ilicherlich. 1< h würde mir eine
VI. Verlesen und Ferschreiben 135'
solche Regung wahrscheinlich gar nicht zutrauen, wenn ich nicht
durch die Übung in Psychoanalysen bei Patienten mit dem Ver-
drängten im Seelenleben ziemlich vertraut wäre, und wenn ich
nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt hätte, welcher die
nämliche Lösung erforderte'.
g) Nach W. Stekel zitiere ich folgenden Fall, für dessen
Authentizitäl ich gleichfalls einstehen kann: „Ein geradezu un-
glaubliches Beispiel im Verschreiben und Verlesen ist in der Redaktion
eines verbreiteten Wochenblattes vorgekommen. Die betreffende
Leitung wurde üffenüich als ,käufUch' bezeichnet; es galt, einen
Artikel der Abwehr und Verteidigimg zu schreiben. Das geschah
auch — mit großer Wärme und gi-oßera Pathos. Der Chefredakteur
des Blattes las den Artikel, der Verfasser selbstverständlich mehrmals
im Manuskript, dann noch im Bürstenabzug, alle waren sehr
befriedigt. Plöt/.licli meldet sich der Korrektor und macht auf
einen kleineu Fehler aufmerksam, der der Aufmerksamkeit aller
entgangen war. Dort stand es ja deutlich: ,Unsere Leser werden
uns das Zeugnis ausstellen, daß wir immer in eigennützigster
Weise für das Wohl der Allgemeinheit eingetreten sind. Selbst-
verständlich sollte es uneigennützigster Weise heißen. Aber die
wahren Gedanken brachen mit elementarer Gewalt durch die
pathetische Rede."
6) Einer Leserin des „Pester Lloyd", Frau Kala Levy in
Budapest, ist kürzlich eine ähnlich unbeabsichtigte Aufrichtigkeit
in einer Äußerung aufgefallen, die sich das Blatt am 11. Oktober 1918
aus Wien hatte telegraphieren lassen:
„Als zweifellos darf auf Grund des absoluten Vertrauens-
verhältnisses, das während des ganzen Krieges zwischen uns und
dem deutschen Verbündeten geherrscht hat, vorausgesetzt werden,
daß die beiden Mächte in jedem Falle zu einer einmütigen Ent-
1) Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung: „Über den
Traum", (Nr. VIII der „Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens", hg. von
Löwcnfeld und Kurella, igoi. — Enthalten in Bd. III dieser Gesamt aus galie)
lum Paradigma genommen habe.
'54 Zar Psychopathohgüt des Alltagslebens
Schließung p;olangori würden. Ks ist übnrflüssi^, noch ausdrücklich
zu erwähnen, duÜ nuch in der gogonwiirlin;c-n l'liasp ein reg^s und
lückonhaftos ZuKunmoniirhi-il.-ii der vcrbiiti<U-ton Diplomatien
stattfindet."
Nur wenige Wochen Äi>üter konnte injin sich librr dieses „Ver-
irauensverhältnis" frcimiitlfjor iinUcrn, hnmrhtc man nicht mehr
zum Verschreiben (oder Verdni(k<'n) zu flüchten.
7) Kin in Kuropu wi'Üeiuler Anierikiiner, der seine Krau in
schlechtem Kinvernehineii verlassen hat, f;laiibt, daü er sich nun
mit ihr vers/ihnen künne, und fordert sie auf, iJim zu einem
bestimmten Termin übeT den Ozean Tincli/ukommeti : „Rs wäre
schön," Nchreibt er, „wenn Du wie ich mit der ,Maurelania*
fahren könntest." Das Mlati, auf dem dieser Salz steht, getraut
er sich dann aber nicht ub/uscliicken. Kr zii-ht es vor, es neu zu
schreiben. [)enn er will nicht, dnli sie <lie Korn'klur bemerke,
die an dem Namen des Schiffes notw<'iidlp geworden war. Er
hatte nämlich anianglich „laisitnnia" geschrieben.
Dies Verschreibi-n bedarf keiner l'.rläulerung. es ist ohne weiteres i
deutbar. Doch läßt die (iunst des Zufalles noch einiges hinzufügen:
Seine Frau war vor dem Kriege zum erstenmal nac!i Europa
gefahren, nach dem Tode ihrer («inzigen Schwester, Wenn ich
nicht im', ist die „Maurelania" das überlebende Schwesterschiff
der während des Krieges versenkten „l.usitania".
8) Kin Arzt hat ein Kind untersucht und .scbn-ibi nun ein
Rezept für dasselbe nieder, in welcliem Alcoliol vorkommt.
Die Mutter belustigt ihn während <lies<*r Tätigkeit mit törichten
und überflüssigen l''ragen. Kr nimmt sich innerlich fest
vor, sieb jetzt darüber nicht zu iirgern, führt diesen Vorsatz
auch durch, hat sich aber wiihrend der Störung verschrieben. J
Auf dem Rezept steht anstatt Alcohol zu lesen Achol'.
g) Dt!r stofllichen VerwandLschaft wegtun reihe ich hier einen ^
Fall an, den E . Jones v<in A. A. Hrill berichtet. U^tzierer j
Etwa: Keio« 0«1U. j
1
VI^ Verlesen und Verschreiben
155
hatte sich, obwohl sonst völlig abstinent, von einem Freunde
verleiten lassen, etwas Wein zu trinken. Am nächsten Morgen
gab ihm ein heftiger Kopfschmerz Anlaß, diese Nachgiebigkeit zu
bedauern. Er hatte den Namen einer Patientin niederzuschreiben,
die E t h e 1 hieß, und schrieb anstatt dessen E t h y 1". Es kam
dabei wohl auch in Betracht, daß die betreffende Dame selbst
mehr zu trinken pflegte, als ihr gut tat.
Da ein Verschreiben des Arztes beim Rezeptieren eine Bedeutung
beansprucht, die weit über den sonstigen praktischen Wert der
Fehlleistungen hinausgeht, bediene ich mich des Anlasses, um die
einzige bis jetzt publizierte Analyse von solchem ärztlichen
Verschreiben ausführlich mitzuteilen:
10) Dr. Ed. Hitschmann (Ein wiederholter Fall von
Verschreiben bei der Rezeptierung) : „Ein Kollege erzählte mir,
es sei ihm im Laufe der Jahre mehrmals passiert, daß er
■eich beim Verschreiben eines bestimmten Medikaments für weib-
liche Patienten vorgeschrittenen Alters irrte. Zweimal verschrieb
er die zehnfache Dosis und mußte nachher, da ihm dies plötzlich
einfiel, unter größter Angst, der Patientin geschadet zu haben
imd selbst in größte Unannehmlichkeit zu kommen,- eiligst die
Zurückziehung des Rezepts anstreben. Diese sonderbare Symptom-
handlung verdient durch genauere Darstellung der einzelnen Fälle
und durch Analyse klargelegt zu werden.
Erster Fall: Der Arzt verschreibt einer an der Schwelle des
Greisenalters stehenden armen Frau gegen spastische Obstipation
zehnfach zu starke Belladonna-Zäpfchen. Er verläßt das Ambulatorium
und etwa eine Stunde später fallt ihm zu Hause, während er
Zeitung liest und frühstückt, plötzlich sein Irrtum ein^ es über-
fällt ihn Angst, er eilt zunächst ins Ambulatorium zurück, um
die Adresse der Patientin zu requirieren, und von dort in ihre
weit entlegene Wohnung. Er findet das alte Weiblein noch mit
unausgeführtem Rezept, worüber er höchst erfreut und beruhigt
O Äthylalkohol.
r
»56
Zur P^chopaüiologu; da AUtagsUbens
heimkehir Rr entsrhuldip, »ich vor sich selK^t nicht ohne
Berechtigung ,|,„nil, daü ihm der Rrspriichigr Chof der Ambulanz
wähmnd <!.,- H,v,P,)ii,r ühor die Schulter geschaut und ihn
gestört hatta
Zweiter Fall; Der Ai-zi inuR sich aus seiner Ordination von
einer koketten und pikani schönen Pulieniin losn-iüen, um ein
alten'K Kräulein iir/tlich aufzusuchen. Kr h<>iiützt ein Autiimobil,
da er nicht viel /i-it für dii-seii liesucli ill.rif; hat; denn er soll
um eine htwtimrnle Siuiide, nahe von ihrer Wohnung, ein
gehebtps junges M.idchen lieimhrh IrelTen. Audi hier ergibt sich
die Indikation für IJ<-lIa(lonna wegm juialoger Besrlnverden wie
im ersten Falle, l-j. wird wierler der Ki-hler begangen, das
Medikament zehnfach zu slark zu rezejuieren. Die Fatientin brin^rt
einiges nicht zum fiegeiistand gehörige lnleres.sanle vor, der Am
aber verrät Ung-Kliild, weini er .sie auch mit Worten verleugnet,
und verlaßt die Patientin, so da« er reichlich zurecht zum
Rendezvou.s erscheint. Ktwa zwiilf Stunden nachher, gegen sieben
IJhr murgons, erwacht der Arzt; der l'änfall .seines Verschreiljens
und Angst treten fast gleichzeitig iu sein MewuIJl.sein, und er
sendet rasch zu der Kranken, in der Hoffnung, dnH das Medi-
kament noch nicht aus der Apotheke geholt sei, und bittet um
lUuksiellung des Uezepts, um es zu revi<lien'n. Kr erhält jedoch
das bereits ausgefillirie Kezept zurück und begilii sich mit einer
gewissen stoisclien Resignatinu und dem Opliinismus des Krfahrenen
in die Apotheke, wo ihn der Mrovi.sor damit beruhigt, daß er
solbstverständiich {oder vielleicht aucli durch ein \'ersehen?J das
Medikament in einer geringeren Dosis verabreicht habe.
Dritter l-'all: Der Arzt will seiner greisen Tnnle, Schwester
«einer Mutter, die Mischung von Tinci. b.lj.i.ionnae und Tinci.
op" in liarmlnsrT Dosis verschreiben. Diis Ke/epi wird sofort
durch das Mädchen in die Apotheke getragen. (Jair/. kurze Zeit
später fallt ,!,.„, Ar/t ein, daß er «nstati linctura ,extractum'
geschrieben habe, und gleich darauf ulephonicrt der Apotheker,
FT. Perlesen und l^erschreiben 137
über diesen Irrtum interpellierend. Der Arzt entschuldigt sich
mit der erlogenen Ausrede, er hätte das Rezept noch nicht
vollendet gehabt, es sei ihm durch die unerwartet rasche Weg-
nehmung des Rezepts vom Tische die Schuld abgenommen.
Die auffällig gemeinsamen Punkte dieser drei Irrtümer in der
Verschreibung sind darin gelegen, daß es dem Arzte nur bei
diesem einen Medikament bisher passiert ist, daß es sich jedesmal
um eine weibliche Patientin im vorgeschrittenen Alter handelte
und daß die Dosis immer zu stark war. Bei der kurzen Analyse
stellte es sich heraus, daß das Verhältnis des Arztes zur Mutter
von entscheidender Bedeutung sein mußte. Es fiel ihm nämlich
ein, daß er einmal — und zwar höchstwahrscheinlich vor diesen
Symptomhandlungen — seiner gleichfalls greisen Mutter dasselbe
Rezept verschrieben hatte, und zwar in der Dosis von 0,05,
obwohl die gewöhnliche 0.02 ihm geläufiger war, um ihr radikal
zu helfen, wie er sich dachte. Die Reaktion der zarten Mutter
auf dieses Medikament war Kopfkongestion und unangenehme
Trockenheit im Rachen. Sie beklagte sich darüber m,it einer halb
scherzhaften Anspielung auf die gefährlichen Ordinationen, die
von einem Sohne ausgehen können. Auch sonst hat die Mutter,
übrigens Arztenstochter, gegen gelegentlich vom ärztlichen Sohne
empfohlene Medikamente ähnlich ablehnende, halb scherzhafte
Einwendungen erhoben und vom Vergiften gesprochen.
Soweit Referent die Beziehungen dieses Sohnes zu seiner Mutter
durchschaut, ist er zwar ein instinktiv liebevolles Kind, aber in
der geistigen Schätzung der Mutter und im persönHchen Respekt
keineswegs übertrieben. Mit dem um ein Jahr jüngeren Bruder
und der Mutter in gemeinsamem Haushalt lebend, empfindet er
dieses Zusammensein seit Jalaren für seine erotische Fi-eiheit als
Hemmung, wobei wir allerdings aus psychoanalytischer Erfahrung
wissen, daß solche Begründungen zum Vorwand für inneres
Gebundensein gern mißbraucht werden. Der Arzt akzeptierte die
Analyse unter ziemlicher Befriedigung über die Aufklärung und
138
Zur Psychopathologie drs AtUagslt-bens
meinte lächelnd, das Wort Belladonna = schöne Frau könnte
auch eine erotische Beziehung bedeuten. Kr hat das Mediknmenl
früher gelegentlich auch seihst verwendet." (Interniit. /(Mtschr. f.
Psychoanalyse, I, 1915.)
Ich möchte urteilen, daß solche ernsthafto Felilleistunpeii auf
keinem anderen Wege Zustandekommen als die harmloseiij die
wir sonst untersuchen.
11) Für ganz besonders harmlos wird man das iiacliNleliende,
von S. Ferenczi berichtete Versclireil)en halten. Man kann es
als Verdichtungsleislung infolge vcin Ihigedulil deuten (vergl. das
Versprechen; Der Ap f e, S. 70) und wird (hese Auffassung
verteidigen dürfen, bis nicht etwa eine eingehend«' Analyse des
Vorfalls ein stärkeres störendes Moment naclige wiesen hätte:
„Hiezu paßt die Anektode" — schreibe ich ehimnl in mein
Notizbuch. Natürlich meinte ich Anekdote, und zwar von
einem zu Tode verurteilten Zigeuner, der sich die Gnade erbat,
selber den Baum zu wählen, auf den er gchiingl werden soll.
(Er fand trotz eifrigen Suchens keinen passenden Baum.)
12) Andere Male kann im Gegensatz hiozu der unscheinbarste
Schreibfehler gefährlichen geheimen Siini zum Ausdruck bringen.
Ein Anonymus berichtet:
„Ich schließe einen Brief mit den Worten: ,Herzüchste (Jrüße
an Ihre Frau Gemahlin und ihren Sohn.' Knapp bevor ich das
Blatt ins Kuvert stecke, bemerke ich den Irrtum im Anfangs-
buchstaben bei jihren Sohn' und verbessere ilni. Auf dem Heimweg
von dem letzten Besuche bei diesem IChopaar halte meine
Begleiterin bemerkt, der Sohn sehe einem Ihinsfnnnid frappant
ähnlich und sei auch sicher sein Kind."
13) Eine Dame richtet an ihre S( hwesler einige beglück-
wünschende Zeilen zum Einzug in deren neue und geräumige
Wohnung. Eine dabei anwesen<le Fn-undiii bemerkt, daß die
Schreiberin eine falsche Adresse auf d<'n Brief gesetzt hat, und
zwar nicht die der eben verlassenen Wohnung, sondern die der
"n
VL Ferlesen und Ferschreiben
139
ersten, längst aufgegebenen, welche die Schwester als eben
verheiratete Frau bezogen hatte. Sie macht die Schreiberin darauf
aufmerksam. Sie haben reclit, muß diese zugeben aber wie
komme ich darauf? Warum habe ich das getan? Die Freundin
meint: Wahrscheinlich gönnen Sie ihr die schöne große Wohnung
nicht, die sie jetzt bekommen soll, während Sie sich selbst im
Raum beengt fülilen, und versetzen sie darum in die erste
Wohnung zurück, in der sie es auch nicht besser hatte. — Gewiß
gönne irli ihr die neue Wolmung nicht, gesteht die andere
ehrlich zu. Sie setzt dann fort: Wie schade, daß man bei diesen
Dingen immer so gemein ist!
14) E. Jones teilt folgendes, ihm von A. A. Brill über-
lassene Beispiel von Verschreiben mit: Fin Patient richtete an
Dr. Brill ein Schreiben, in welchem er sich bemühte, seine
Nervosität auf die Sorge und Erregung über den Geschäftsgang
während einer ßaumwollkrise zurückzuführen. In diesem Schreiben
h'io.Q es: my trouble is all due ta that damned frigid wavef
therc is'nt cven atiy seed. Er meinte mit „wave" natürlich eine
Welle, Strömung auf dem Geldmarkt; in Wirklichkeit schrieb er
aber nicht wave, sondern wi/e. Auf dem Grunde seines Herzens
ruhten Vorwürfe gegen seine Frau wegen ihrer ehelichen Kälte
und ilirer Kinderlosigkeit, und er war nicht weit entfernt von
der Erkenntnis, daß die ihm aufgezwungene Entbehrung einen
großen Anteil an der Verursachung seines Leidens habe.
15) Dr. R. Wagner erzählt von sich im Zentralblatt für
Psychoanalyse, I, 12:
„Beim Durchlesen eines ahen Kollegienheftes fand ich, daß
mir in der Geschwindigkeit des Mitschreibens ein kleiner Lapsus
unterlaufen war. Statt ,E/3ithel' hatte ich nämlich jErfithel*
geschrieben. Mit Betonung der ersten Silbe gibt das das
Diminutivum eines Mädchennamens. Die retrospektive Analyse
ist einfach genug. Zur Zeit des Verschreibens war die Bekannt-
schaft zwischen mir und der Trägerin dieses Namens nur eine
140
Zw Psychopathologie des Alltagslebens
ganz oberfläcliliche, und erst viel spater wurde dariius ein intimer
Verkelir. Das Verschreiben ist also ein hiib.sL-hei- Beweis für den
Durchbruch der unbewuHten Neigung zu einer Zeil, wo ich
selbst eigentlich davon noch keine Ahnung halte, und die gewählte
Form des Diminutivums chiHiikterisicri glei(h/eitig die begleiteuden
Gefühle."
16) Frau Dr, \. H ug - Hei 1 mu i h: „Kin Ar/t verordnet
einer Patientin Levitico- statt L e v i c o wnsser. Dieser Irrtvun,
der einem Apotheker willkoninienen AnhiU /,u al)(idligcM lieiner-
kungen gegeben hatte, kann leicht einer milderen Aulfassung
begegnen, %venn man nach den möglichen Ik-i^cggrünilcn aus
dem Unbev\-ußten forscht und ihnen, sind sie auch nui subjektive
Annahme eines diesem Ancte hernsLehenden, eini- gewisse Walir-
scheinlichkeil nicht von vornherein nhspriclil: Dieser Ar/.t erfi-eute
sich, trotzdem er seinen Patienten ihre wenig rationelle Krniilnung
in ziemlich derben Worten vorhielt, ihnen sozusagen die
Leviten las, starken 7uspruchs, so daü sein V\ jirleziminer vor
und in der Ordinationsstunde dicht besetzt war, wus den V\' misch
des Arztes rechtfertigte, das Ankleiden der absolvierten l*iilienten
möge sich möglichst rasch, uite, vitc voll/.ielien. Wie ich mich
richtig zu erinnern glaubte, war seine (Gattin aus I-Vankreich
gebürtig, was die etwas kühn scheinende Aimalnni', daÜ er sich
bei seinem Wunsche nach größerer Geschwindigkeit scriner
Patienten gerade der französischen Sprache bediente, einigerniaUen
rechtfertigt. Obrigens ist es eine bei vielen Personen an/utretTende
Gewohnheit, solchen Wünschen in fremder Sprache Worte zu
verleihen, wie mein eigener Vater uns Rindei- hei Spaziergängen
gern durch den Zuruf ^Avanti gioventu'^ oder ,Marchfz au pas'
zur Eile drängte, dagegen wieder ein schon retlit bejahrter Arzt,
bei dem ich als junges Mädchen wegen viiws Halsübebi in
Behandlung stand, meine ihm allzu lasrhen IJewegungen durch
em beschwichtigendes ,l'iaiiii, piarn*' zu hemmen suchte. So
erscheint es mir recht gut denkbar, diili auch jener Arzt dieser
f/, Verleien und Versdireiben xx\
Gewohnheit huldigte; und so »verschreibt' er Levitico- sutl
Levicowasser.*' {Zentralblatt für Psychoanalyse, II, g.)
Andere Beispiele aus der Jug;enderinnerung der Verfasserin
ebendaselbst (f r a z o sisch statt französisch — Verschreiben des
Namens Karl).
17) Rin Verschreiben, das sich inhaltlich mit einem bekannten
schlmhlen Wiiz deckt, bei dem aber die Witzabsicht sicherlich
ausgeschlossen war. danke ich der Mitteilung eines Herrn J. G.,
von dem ein ariderer Beitrag bereits Erwidinung gefunden hat:
„Als Patient eines l,Lungen-)Sanatoriums erfahre ich zu
meinem Bedauern, daB bei einem nahen Verwandten dieselbe
Kninklieit konstatiert wurde, die mich zur Aufsuchung einer
Heilanstalt genötigt hat. In einem Briefe lege ich nun meinem
Verwandten nahe, zu einem Spezialisten zu gehen, einem bekannten
Professor, bei dem icli selbst in Behandlung stehe, und von dessen
medizinischer Autorität ich überzeugt bin, während ich anderseits
allen Grund habe, seine Unhöflichkeit zu beklagen; denn der
bctrelfende Professor hat mir — erst kurze Zeil vorher ~ die
Ausstellung eines Zeugnisses verweigert, das für mich von großer
Wichtigkeit war. In der Antwort auf meinen Brief werde ich
von meinem Verwandten auf einen Schreibfehler aufmerksam
gemacht, der mich, da ich seine Ursache augenblicklich erkannte,
außerordentlich erheiterte. Ich hatte in meinem Schreiben fol-
genden Passus verwendet : , . . . übrigens rate ich üir, ohne
Veraögerung Prof. X. zu insultieren.* Natürlich halte ich
konsultieren schreiben wollen. — Es bedarf vielleicht des Hin-
weises darauf. daB meine Latein- und Französischkenntnisse die
Erklärung ausschalten, daß es sich um einen aus Unwissenheit
resultierenden Fehler handelte."
1 8) Auslassungen im Schreiben haben natürlich Ansnrucli auf
dieselbe Beurteilung wie Versclireibungen. Im Zenlralblatt für
Psychoanalyse, I, 12, hat Dr. jur. B. Dattner ein merkwürdiges
Beispiel einer „historischen Fehlleistung'* mitgeteilt. In einem de?-
14^ Zur Psychopathologie des Alltaßsifbrns
Gesetzesarlikel über finanzielle VerpflichUmgen der beiden Staaten,
welche in dem Ausgleich zwischen Östernnch und IJngani im
Jahre 1867 veroinbart wurden, ist das Wort (fffekliv in der
ungarischen Übei-setzung weppphliclion, imd Dnttner macht es
wahrscheinlich, daß die mibt'vvuüto Sirömung der ungarischen
Gesetzesredaktoren, Üsterreidi möglichst wenig Vorteile zuzugestehen,
an dieser Auslassung beteiligt gewesen .sei.
Wir haben auch allen (irund anzunehiniMi, dal) die so hiiufigen
Wiederhohuigen derselben Worte beim Schreiben und Abschreiben
— Perseverationen — gleichfalls niclii Id'di'iiüuigslds sind. Setzt
der Schreiber dasselbe Wort, das er bereits geschrieben Iiat, noch
ein zweites Mal hin, so zeigt ei- dainii wühl, daU er von diesem
Worte nicht so leicht losgekommen ist, daß er an ilieser Stelle
mehr hätte äußern können, was er aber unterlassen hai, oder
ähnliches. Die Perseveration beim Abschreiben scheint die Äußerung
eines „auch, auch ich" zu ersetzen. Ich habe lange gerichts-
ärztliche Gutachten in der Hand geliai»!, welche Perseverationen
von seilen des Abschreibers an besonder-s au.sgezeichnf^en Stellen
aufwiesen, und hätte sie gern so gedeutel, als ob der .seiner
unpersönliclien Rolle Überdrüssige die (ihisse einfügi-ji würde: Ganz
mein Fall, oder ganz so wie bei uns.
19) Es steht femer nichts im Wege, die nnnkfehler als „Ver-
schreibungen" des Setzers zu behandeUi und sie als größtenteils
motiviert aufzufassen. Kine systematische Sanunlung solcher Fehl-
leistungen, die recht amüsant und lehrreit h aiislidlen könnte, habe
ich nicht angelegt. Jones hat in si.-iner hier mehrfach erwähnten
Arbeit den „Misprints" einen besonderen Absatz gewi(hnet. Auch
die Entstellungen in Telegranmien lassen sich gelegentlich als
Verschreibungon des Telegraph isten versieben. In den Sonimer-
ferien trifft mich ein Telegramm meines Verlags, de.ssen Text
mir unbegreiflich ist. Es lautet:
„Vorrdfe erhalten, Ein/arfung X. <lringerul." Die Lösung
des Rätsels geht von dem darin erwähnten Namen X. aus, X. ist
f^I. Verlesen und Verschreiben ,^-
doch der Autor, zu dessen Buch ich eine Einleitung schreiben
soll. Aus dieser Einleitung ist die Einladung geworden. Dann darf
ich mich aber erinnern, daß ich vor einigen Tagen eine Vorrede
zu einem anderen Buch an den Verlag abgeschickt habe deren
Eintreffen mir also so bestätigt wird. Der richtige Text hat sehr
wahrscheinlich so geheißen:
„Vorrede erhalten, Einleitung X, dringend." Wir dürfen
annehmen, daß er einer Bearbeitung durch den Hunger-
komplex des Telegraph isten zum Opfer gefallen ist, wobei übrigens
die beiden Hälften des Satzes in innigeren Zusammenhang gebracht
wurden, als vom Absender beabsichtigt war. Nebstbei ein schönes
Beispiel von „sekundärer Bearbeitung", wie sie in den meisten
Träumen nachweisbar ist".
H. Silberer erörtert in der Internat. Zeitschrift für Psycho-
analyse, VIH, 1922, die Möglichkeit „tendenziöser Druckfehler."
Gelegentlich sind von Anderen Druckfehler aufgezeigt worden,
denen man eine Tendenz nicht leicht streitig machen kann, so von
Storfer im Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 1914: „Der politische
Druckfehlei-teufel" und ibid. lU, iQig, die kleine Notiz, die ich
hier abdrucke:
30) „Ein politischer Druckfehler findet sich in der Nummer
des ,März' vom 25. April d. J. In einem Briefe aus Argyrokastron
wurden Äußerungen von Zographos, dem Führer der auf-
ständischen Epiroten in Albanien (oder wenn man wUl: dem
Präsidenten der unabhängigen Regierung des Epirus) wiedergegeben.
Unter anderem heißt es: ,Glauben Sie mir; ein autonomer Epirus
läge im ureigensten Interesse des Fürsten Wied. Auf ihn könnte
er sich stürzen. . .' Daß die Annahme der Stütze, die ihm die
EpiroLen anbieten, seinen Sturz bedeuten würde, weiß wohl der
Fürst von Albanien auch ohne jenen fatalen Diuckfehler."
21) Ich las selbst vor kurzem in einer unserer Wiener Tage,s-
zeitungen einen Aufsatz „die Bukowina unter rumänischer
Vg!. Traumdeutung, siebonle Aunage, igaa, Abschnitt über die Trauraarbeit.
J44 2«r Psychopathologie des Alltagü^ns
Herrschaft", dessen Übcrschrirt man /.um mindesten als verfrüht
erklären dui-fte, denn damals Imllcn sich die Rumänen noch nicht
zu ihrer Feindseligkeit bekannt. lus hülle nach dem Inhalt inizweifel-
haft russisch anstatt rumänisch heißen müssen, abiM- iiuih dem
Zensor scheint die Zusammi-iistelluiig so wi'ni^ befremdend gewesen
zu sein, daß er selbst diesen Druckfehler übersah.
Es ist schwer, nicht an einen „iiolitischeii" Druckfehler zu denki-n,
wenn man in dem gedruckten '/irkular di'i riilnuHch bekamilen
(ehemaligen k. k. Hof-)Buchdru(ki'rpi Karl Prochaska in Teschen
folgende ortliographische Verschreibung liest:
„P. T. Durch den Maclitspruch der lüitente wurde durch die Bestim-
mung des Olsaflusses als Grenze nicht imr Schlesien, sondern auch
Teschen in zwei Teile geteilt, von welchen einer Polen, der andere
der Tschecho-SIovakei zufiel."
In amüsanter Weise mußte sich Tli. Fontane einmal gegen
einen allzu sinnreichen Druckfehler zui- Wdin- setzen. Er schrieb
am 29. März 1860 an den Verleger Julius Springer:
Sehi- geehrter Herr!
Es scheint mir nicht beschieden, meine kleinen Wünsche in
Erfüllung gehen zu sehen. Kin Einblick in den Korrekturbogen',
den ich beischließe, wird Ihnen sagen, was ich meine, Auch hat
man mir nur einen Bogen geschi( kt, wiewohl ich zwei, aus
angegebenen Grilnden, liraiiche. Aiit h die Wifdereinseiidung des
ersten Bogens zu nochnialiger Diinhsicht — nammtlich der
englischen Wörter und Sätze lialbi-r - ist nicht erfolgt.
Mir liegt sehr daran. Seile a~ heißt es z. B. im heutigen Korrektur-
bogen in einer Szene zwisclien Johti Kimx und der Königin:
„worauf Maria aasrief." Soldien fuhninaiUen Sachen gegenüber
i) El handelt «ich um den nrmW ili-d i8(iii l)i'i Julius SjirJnRrr cnchienpUMi
Buches ^JentciU d«t Tw«ed, Oildcr und Uricfc nu« Schnlllanü."
r
VL l' erlesen und Verschreiben 145
will man gern die Beruhigung haben, daß der Fehler auch wirklich
heseili^ ist. Eis ist dies unglückliche „aas" statt „aus" um so
schlimmer, als kein Zweifel ist, daß sie (die Könlein) ihn im
stillen wirklich so genannt haben wird. Mit bekannter Hochachtung
Ihr ergebenster Th. Fontane.
Wundt gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht
zu bestätigende Tatsache, daß wir uns leichter verschreiben als
verspreclien (1. c. S. 574.)- „Im Verlaufe der normalen Rede ist
fortwährend die Hemmungsfunktion des Willens dahin gerichtet,
Vorslellungsverlauf und Artikulationsbewegung miteinander in
Einklang zu bringen. Wird die den Vorstellungen folgende Aus-
drucksbewegung durch mechanische Ursachen verlangsamt wie
beim Schreiben . . . , so treten daher solche Antizipationen besonders
leicht ein."
Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen
auftritt-, gibt Anlaß zu einem Zweifel, den ich nicht unerwähnt
lassen möchte, weil er nach meiner Scliätzung der Ausgangspunkt
einer fruchtbaren Untersuchung werden kann. Es ist jedermann
bekannt, wie häufig beim Vorlesen die Aufmerksamkeit des
Lesenden den Text verläßt und sich eigenen Gedanken zuwendet.
Die Folge dieses Abschweifens der Aufmerksamkeit ist nicht
selten, daß er überhaupt nicht anzugeben weiß, was er gelesen
hat, wenn man ihn im Vorlesen unierbricht und befragt. Er
hat dann wie automatisch gelesen, aber er hat fast immer richtig
vorgelesen. Ich glaube nicht, daß die Lesefehler sich unter solchen
Bedingungen merklich vermehren. Von einer ganzen Reihe von
Funktionen sind wir auch gewohnt anzunehmen, daß sie
automatisch, also von kaum bewußter Aufmerksamkeit begleitet,
am exaktesten vollzogen werden. Daraus scheint zu folgen, daß die
Aufmerksamkeitsbedingung der Sprech-, Lese- und Schreibfehler
anders zu bestimmen ist, als sie bei Wundt lautet (Wegfall
oder Nachlaß der Aufmerksamkeit). Die Beispiele, die wir der
Analyse unterzogen haben, gaben uns eigentlich nicht das Recht,
Freud, IV 10
h6 '^"f PsychoparhoJogU des ylillagsleUns
eine quantitative Verminderung der Aufmerksamkeit nnzunehmeni
wir fanden, was vielleirlit nicht ganz dasselbe ist, eine Störung
der Aufmerksamkeit durch einen fremden, Anspruch erhellenden
Gedanken.
*
Zwischen „Verschreiben" und „Vff^"«en" darf man den Fall
einschahen, daD jemand eine Unterschrift. an/ul>ringeri vergißt.
F,in nicht unterschriebener Scheck ist soviel wie ein ver-
gessener. Für die Bedeutung eines solchen Verge&sens will ich
eine Stelle aus einem Roman nnführon, di»' Dr. IL Sachs
aufgefallen ist:
„Ein sehr lehrreiches und dun li.sicliiigcs IJeispiel, mit welcher
Sicherheit die Dichter den Merhaiiismus lU-r Fehl- und
Sj-mptom Handlungen im Sinne der P.syrhoatiaIyse zu verwenden
wissen, enthält der Rnman von John fialsworlhy: ,The
Island Pharisees.* Im Mittelpunkte stein das Schwanken eines
jungen Mannes, der dem reichen Milleisland angehart, /wischen
tiefem sozialen Mitgefühl und den gpsellschaflliciu'n Kon-
ventionen seiner Klasse. Im XXVI. Kapitel wird geschildert, wie
er auf einen Brief eines jungcMi Vogiibundeii reagiert, tlen er,
durch seine originelle Lebensauffassung ange/ngeii, einigemal
unterstüut hatte. .Der Brief enllmlt keine direkte Bitte um Geld,
aber die Schilderung einer gruUen Notlage, die keine andere
Deutung zulaßt Der Fmpfanger weist zunächst den (Jediinken
von sich, das Geld an einen Unverbesserlichen wi>g/,u werfen,
statt damit wohltätige Anstalten zu unterstützen. ,K\nv licUeiKlo
Hand, ein Stück von sich seih*,!, ein knmeradscliniiliclies Nicken
einem Mitgeschöpf zu geben, ohne Bii(,k,si( ht auf einen Anspruch,
nur weil es ihm eben schlecht ging, welch ein sontimenlaler
Unsinn! Irgendwo muü der Schcideslrich gezogen werden!' Aber
während er diese SchluUirilgerung vor sich liiiimurmelte, fühlte
er, wie seine Aufrichtigkeit Kiiisi)ruch erhob: ,Schwinfiier! Du
willst dein Geld behalten, das ist alles!*
1
(
r/. y^rhrsen und Verschreiben
147
Er schreibt daraufhin einen freundlichen Brief der mit den
Worten endigt: ,Ich schließe einen Scheck bei. Aufrichtig Ihr
Richard Slielton.*
,Bevor er noch den Scheck geschrieben hatte, lenkte eine
Motte, die um die Kerze scliwirrte, seine Aufmerksamkeit ab-
er ging daran, sie zu fangen und im Freien loszulassen, darüber
vergaß er aber, daß der Scheck nicht in den Brief eingeschlossen
war.* Der Brief wird auch wirklich, so wie er ist, befördert.
Das Vergessen ist aber noch feiner motiviert als durch die
Durchsetzung der scheinbar übervvundenen selbstsüchtigen Tendenz,
sich die Ausgabe zu ersparen.
Shelton fühlt sich auf dem Landsitz seiner künftigen
Schwiegereltern mitten zwischen seiner Braut, ihrer Familie und
deren Gasten vereinsamt; durch seine Fehlhandlung wird
angedeutet, daß er sich nach seinem Schützling sehnt, der durch
seine Vergangenheit und Lebensauffassung den vollsten Gegen-
satz zu der iliti umgebenden tadellosen, nacli ein und derselben
Konvention gleichförmig abgestempelten Umgebung bildet. Tat-
sächlich kommt dieser, der ohne die Unterstützung sich auf
seinem Posten nicht mehr halten kann, einige Tage nachher an,
um sich Aufklärung über die Gründe der Abwesenheit des
angekündi^en Schecks zu verschaffen."
te-
w*
i
VII
VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UNü VORSÄTZEN
Wenn jemand geneigt sein sollte, den SUiiu! unsnrer gegen-
wärtigen Kenntnis vom Seelenleben zu überschiil/.en, so bniuchte
man ihn nur an die Gedächinisfunktioii zu nialiiion, inn ihn zur
Bescheidenheit zu zwingen. Keine psytliohifrisclie Theorio hat es
noch vermocht, von dem fundamenliileii Phünotneri des Erinnerns
und Vergessens im Zusammenhange Rechenschaft zu geben ; ja,
die vollständige Zergliederung dessen, was man tfltsüchlich beob-
achten kann, ist noch kaum in AngrifT genommen. Vielleicht ist
uns heute das Vergessen rätselhafter geworden als das Erinnern,
seitdem uns das Studium des Tramnes und pnlliologischer
Ereignisse gelehrt hat, daß auch das pliitzlich wieder im
Bewußtsein auftauchen katm, was wir filr längst vergessen
geschätzt haben.
Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte,
für welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen
an, daß das Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem man
einen gewissen zeitlichen Ablauf zuschreiben kann. Wir heben
hervor, daß beim Vergessen eine gewisse Auswahl unter den
dargebotenen Kindrücken stattfindet und ebenso unter den
Einzelheilen eines jeden Eindrucks oder ICrIebnisses. Wir kennen
emige der Bedingungen für die Haltbarkeit im CJediichtnis und
für die Erweckbarkeit dessen, was sonst vergessen würde.
^//. J^ergessen von Eindrü cken und rorsätzc-n 14,9
Bei unzähligen Anlässen im täglichen Lehen können wir aber
bemerken, wie unvollständig und unbefriedigend unsere Er-
kenntnis ist. Man höre zu, wie zwei Personen, die gemeinsam
äußere Eindrücke empfangen, z. B. eine Reise miteinander
gemacht haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen aus-
tauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das
hat der andere oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre
und zwar ohne daß man ein Recht zur Behauptung hätte,
der Eindruck sei für den einen psychisch bedeutsamer gewesen
als für den anderen. Eine ganze Anzahl der die Auswahl fürs
Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich offenbar noch
unserer Kenntnis.
In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens
einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen
mir das Vergessen selbst widerfährt, einer psychologischen Analyse
zu unterziehen. Ich beschäftige mich in der Regel nur mit einer
gewissen Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in denen das
Vergessen mich in Erstaunen setzt, weil ich nach meiner
Erwartung das Betreffende wissen sollte. Ich will noch bemerken,
daß ich zur Vergeßlichkeit im aligemeinen (für Erlebtes, nicht
für Gelerntes!) nicht neige, und daß ich durch eine kurze Periode
meiner Jugend auch außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen nicht
unfähig war. In meiner Schulknabenzeit war es mir selbstver-
ständlich, die Seite des Buches, die ich gelesen hatte, auswendig
hersagen zu können, und kurz vor der Universität war ich
imstande, populäre Vorträge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar
nachher fast wortgetreu niederzuschreiben. In der Spannung vor
dem letzten medizinischen Rigorosum muß ich noch Gebrauch
von dem Reste dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich
gab in einigen Gegenständen den Prüfern wie automatisch
Antworten, die sich getreu mit dem Texte des Lehrbuches
deckten, welchen ich doch nur einmal in der grüßten Hast
durchflogen hatte.
150 "^^ Psychopathologie des AUtagsUbena
Die Verfügung Über den Gedikhtnisschotz ist seiilior bi-i mir immer
schlechter geworden, dotli hab« icli mich bis in die letzte Zeit
hinein überzeugt, daß ich mit Hilfe eines Kunstgriiles weit mehr
erinnern kann, als ich mir sonst zutraue. Wenn z. IJ. ein Patient
in der Sprechstunde sich darauf beruft-, daß ich ihn schon einmal
gesehen habe, und ich mich wedi^r an die Talstiche noch an den
Zehpunkt erinnern kann, so helfe ich mir, indriii icli rate, das
heißt mir rasch eine Zahl von Jahren, von di-r (icgcnvvart an
gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen oder din sichere
Angabe des Patienten eine Kontrolle meines Einfalls erniöglichen,
da zeigt es sich, daß ich selten um inrhr iiK <'in Halbjahr bei
über zehn Jahren geirrt habe'. Ähnlich, wenn ich einen ctitfertileren
Bekannten treffe, den ich aus Höflichkeit niuh seinen kleinen
Kindern frage. Erzählt er von den Kortschritleti derselben, so
suche ich mir einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt ist,
kontrolliere durch die Auskunft des Vaters um! gehe hiSchstens
um einen Monat, bei älteren Kindern um ein Vierteljahr fehl,
obwohl ich nicht angeben kann, welche Anhallsputikle ich für
diese Schätzung hatte. Ich bin zuletzt so kühn geworcUm, daß ich
meine Schätzung immer spontan vorbringe, und laufe dabei nicht
Gefahr, den Vater durch die IJIoBstellung meiner Unwissenheit
über seinen Sprößling zu kriinken. Ich erweiien- so mein bewußtes
Erinnern durch Anrufen meines jedenfalls weil reichhiiUigeren
unbewußten Gedächtnisses.
Ich werde also über a u f fä 11 i ge Beispiele von Vergessen,
die ich zumeist an mir selbst beobachtet, berichten. Ich unter-
scheide Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen, also von
Wissen, und Vergessen von Vorsätzen, also Unterlassungen. Dos
einförmige Ergebnis der ganzen Reihe von Beobaclitungen kann
ich voranstellen: In allen Fällen erwies sich das Ver-
gessen als begründet durch ein Unlustmotiv.
1 .1 Gewöhnlich pflcgori ilanii im Laiifn der ni-ipreotiiinf; dio Eimolhrilni doi
damaligen eriten Bciuchei bi-wuüt aurxiitniiclieii,
I
^-fJ. Fergessen t-on Eindrück en und Vorsätzen 151
A) VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND KENNTNISSEN
1) In einem Sommer gab mir meine Frau einen an sich
harmlosen Anlaß zu heftigem Ärger. Wir saßen an der Table
d'hüte einem Herrn aus Wien gegenüber, den ich kannte und
der sich wohl auch an mich zu erinnern wußte. Ich hatte aber
meine Gründe, die Bekanntschaft nicht zu erneuern. Meine Frau
die nur den ansehnlichen Namen ihres Gegenüber gehört hatte
verriet zu sehr, daß sie seinem Gespräch mit den Nachbarn
zuhörte, denn sie wandte sich von Zeit zu Zeit an mich mit
Fragen, die den dort gesponnenen Faden aufnahmen. Ich wurde
ungeduldig und endlich gereizt. Wenige Wochen später führte
ich bei einer Verwandten Klage über dieses Verhalten meiner
Frau. Ich war aber nicht imstande, auch nur ein Wort von der
Unterhaltung jenes Herrn zu erinnern. Da ich sonst eher nach-
tragend bin und keine Einzelheit eines Vorfalles, der mich
geärgert hat, vergessen kann, ist meine Amnesie in diesem Falle
Wühl durch Rücksichten auf die Person der Ehefrau motiviert.
Ahnlich erging es mir erst vor kurzem wieder. Ich wollte mich
gegen einen intim Bekannten über eine Äußerung meiner Frau
lustig machen, die erst vor wenigen Stunden gefallen war, fand
mich aber in diesem Vorsatz durch den bemerkenswerten
Umstand gehindert, daß ich die betreffende Äußerung spurlos
vergessen hatte. Ich mußte erst meine Frau bitten, mich an
dieselbe zu erinnern. Es ist leicht zu verstehen, daß dies mein
Vergessen analog zu fassen ist der typischen Urteilsstörung,
welcher wir unterliegen, wenn es sich um unsere nächsten
Angehörigen handelt. ^^;
s) Ich hatte es übernommen, einer fremd in Wien ange-
kommenen Dame eine kleine eiserne Handkassette zur Auf-
bewahrung ihrer Dokumente und Gelder zu besorgen. Als ich
mich dazu erbot, schwebte mir mit ungewöhnlicher visueller
Lebhaftigkeit das Bild einer Auslage in der Inneren Stadt vor, in
15* Zur Psychoparholoffie da AUtaffslrhrns
welcher ich solche Kassen gesehen haben miiDte. Ich konnte mich
zwar an den Namen der Straße nicht erinnern, fiUilte mich ober
sicher, daß ich den Laden auf einem Spaziergang durch die
Stadt auffinden werde, denn meine Erinnerung sagte mir, daß
ich unzähligemal an ihm vor übergegangen sei. Zu meinem Ärger
gelang es mir aber nicht, diese Auslage mit den Kassetten auf-
zufinden, obwohl ich die Innere Stadt nach allen Riciuungen
durchstreifte. Es blieb mir nichts anderes übrig, meinte ich, als
mir aus einem Adressenkalender die Kassenfabrikimten herauszu-
suchen, um dann auf einem zweiten Rundgnngn die gesuchte
Auslage zu identifizieren. E^ bedurfte aber nicht so vielj unter
den im Kalender angezeigten Adressen befand sich eine, die sich
mir sofort als die vergessene enthüllte. Es war riclitig, daß ich
ungezählte Male an dem Auslagefensler vorübergegangen war,
jedesmal nämlich, wenn ich die Familie M. besuclit hotte, die
seit langen Jahren in dem nämlichen Hause wohnt. Seitdem
dieser intime Verkehr einer völligen Enlfiemduiig gewichen war,
pflegte ich, ohne mir von den (Jründen Rechenschaft zu geben,
auch die Gegend und das Haus zu meiden. Auf jenem Spazier-
gang durch die Stadt hatte ich, als ich die Kassetten in der
Auslage suchte, jede Straße in der Umgebung begangen, dieser
einen aber war ich, als ob ein Verbot dnrnuf läge, ausgewichen.
Das Unlustmotiv, welches in diesem Falle meine Unoricnliertheit
verschuldete, ist greifbar. Der Meclianismus .!,s Vorgessens ist
aber nicht mehr so einfach wie im vorigen ßoispiol. Meine
Abneigung gilt natürlich nicht dem Kassenfabrikanten, sondern
einem anderen, von dem ich nichts wissen will, und überträgt
sich von diesem anderen auf die Gelegenheit, wo sie das Vergessen
zustande bringt Ganz ähnlich hatte im Falle ßurckhard der
Groll gegen den einen den Schreibfelilor im Namen hei-vor-
gebracht, wo es sich um den anderen handelte. Was hier die
Namensgleichheit leistete, die V(>rkiiü|)fuiig zwischen zwei im
Wesen verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das konnte
i
VII, Vergessen von. Eindrücken und Vorsätzen
'55
im Beispiel von dem Auslagefenster die Konliguität im Räume,
die untrennbare Nachbarschaft, ersetzen. Übrigens war dieser
letztere Fall fester gefügt; es fand sich noch eine zweite inhaltliche
Verknüpfung vor, denn unter den Gründen der Entfremdung
mit der im Hause wohnenden Familie hatte das Geld eine
Rolle gespielt.
3) Ich werde von dem Bureau B. & R. bestellt, einen ihrer
Beamten ärztlicli zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Wohnung
beschäftigt mich die Idee, ich müßte schon wiederholt in dem
Hause gewesen sein, in welchem sich die Firma befindet. Es ist
mir, als ob mir die Tafel derselben in einem niedrigen Stock-
werk aufgefallen wäre, während ich in einem höheren einen
ärztlichen Besuch zu machen hatte. Ich kann mich aber weder
daran erinnern, welches dieses Haus ist, noch wen ich dort
besuclit habe. Obwohl die ganze Angelegenheit gleichgültig und
bedeutungslos ist, beschäftige ich mich doch mit ihr und erfahre
endlich auf dem gewöhnlichen Umweg, indem ich meine Ein-
falle dazu sammle, daß sich einen Stock über den Lokalitäten
der Firma B. & R. die Pension Fischer befindet, in welcher
ich häufig Patienten besucht habe. Ich kenne jetzt auch das
Haus, welches die Bureaus und die Pension beherbergt. Rätselhaft
ist mir noch, welches Motiv bei diesem Vergessen im Spiele
war. Ich finde niclits für die Erinnerung Anstößiges an der
Firma selbst oder an Pension Fischer oder an den Patienten, die
dort wohnten. Ich vermute auch, daß es sich um nichts sehr
Peinliches handeln kann; sonst wäre es mir kaum gelungen, mich
des Vergessenen auf einem Umweg wieder zu bemächtigen, ohne,
wie im vorigen Beispiel, äußere Hilfsmittel heranzuziehen. Es
fällt mir endlich ein, daß mich eben vorhin, als ich den Weg
zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Straße gegrüßt
hat, den ich Mühe halle zu erkennen. Ich halte diesen Mann
vor Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen
und die Diagnose der progressiven Paralyse über ihn verhängt,
»54 Zur Psychopathohßie des Aütagslebem
dann aber gehört, daß er herß;estollt sei, so daÜ iiu-iii Urteil
unriciuig gewesen wiire. Wenn riiclit etwa hier eine der Remis-
sionen vorUegt, die sich auch bei Dementia poralytica finden, so
daß meine Diagnose doch noch gerechtfertigt wäre! Von dieser
Begegnung ging der KinnuÜ aus, der mich an die Nachbarschaft
der Bureaus von B. & R. vergessen ließ, und mein Interesse, die
Lösung des Vergessenen zu finden, war von diesem Fall stritlig*T
Diagnostik her übertragen. Die assoziative Verknüpfung aber wurde
bei geringem inneren Zusammenhang — der wider Erwarten
Genesene war auch Beamter eines groÜen Bureaus, welches mir
Kranke zuzuweisen pflegte — durch eine Nainensgleichheit
besorgt. Der Arzt, mit welchem gemeinsam ich den fraglichen
Paralytiker gesehen hatte, hieß auch Fischer, wie die in dem
Hause befindliche, vom Vergessen beiroiTene I*ension.
4) Ein Ding verlegen heißt ja iiithts üiulrres als vergessen,
wohin man es gelegt hat, und wie die meisten mit iSchriften
und Büchern hantierenden Personen bin ich auf meinem Schreib-
lisch wohl orientiert und weiß das Gesuchte mit einem Griffe
hervorzuholen. Was anderen als Unordnung erscheint, ist für
mich historisch gewordene Ordnung. Warum habe ich aber
unlängst einen Bücherkatalog, der mir zugeschickt wurile, so
verlegt, daß er unauffindbar geblieben ist? Ich hatte doch die
Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, „Über die Sprache",
zu bestellen, weil es von einem Autor herrührt, dessen gei.streich
belebten Stil ich liebe, dessen Einsicht in der Psychologie und
dessen Kenntnisse in der Kulturhistorie ich zu schützen weiß. Ich
meine, gerade darum habe ich den Katalog verlegt. Ich pflege
nämlich Bücher di<'ses Autors zur Aufklärung unter meinen
Bekannten zu verb'ihen, und vor wenigen Tagen hat mir jemand
bei der Rückstellung gesagt: „Ut'r Stil erinnert mich ganz an
den Ihrigen, und auch die Art zu denken ist dieselbe." Der
Redner wußte nicht, an was er mit dieser Bemerkung rührte.
Vor Jahren, als ich noch jünger und anschlußbedürfliger war,
^//. Vergessen von Eindrücken und Forsätzen 155
hat mir ungefähr das NämUche ein älterer Kollege gesagt, dem
ich die Schriften eines bekannten medizinischen Autors ange-
priesen hatte. „Ganz Ihr Stil und Ihre Art." So beeinflußt hatte
ich diesem Autor einen um näheren Verkehr werbenden Brief
geschrieben, wurde aber durch eine kühle Antwort in meine
Schranken zurückgewiesen. Vielleicht verbergen sich außerdem
noch frühere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten
denn ich habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und
bin durch dieses Vorzeichen wirkHch abgehalten worden, das
angezeigte Buch zu bestellen, obwohl ein wirkliches Hindernis
<lurch das Verschwinden des Katalogs nicht geschaffen worden
ist. Ich habe ja die Namen des Buches und des Autors im
Gedächtnis behalten'.
5) Ein anderer Fall von Verlegen verdient wegen der
Bedingungen, unter denen das Verlegte wiedergefunden wurde,
unser Interesse. Ein jüngerer Mann erzählt mir: „Es gab vor
einigen Jahren Mißverständnisse in meiner Ehe, ich fand meine
Frau zu kühl, und obwohl ich ihre vortrefflichen Eigenschaften
gern anerkannte, lebten wir ohne Zärtlichkeit nebeneinander.
Eines 'J ages brachte sie mir von einem Spaziergang ein Buch
mit, das sie gekauft hatte, weil es mich interessieren dürfte. Ich
dankte für dieses Zeiclien von , Aufmerksamkeit*, versprach das
Buch zu lesen, legte es mir zurecht und fand es nicht wieder.
Monate vergingen so, in denen ich mich gelegentlich an dies
verschollene Buch erinnerte und es auch vergebhch aufzufinden
versuchte. Etwa ein halbes Jahr später erkrankte meine, getrennt
von uns wohnende, geliebte Mutter. Meine Frau verließ das
Haus, um ihre Schwiegermutter zu pflegen. Der Zustand der
Kranken wurde ernst und gab meiner Frau Gelegenheit, sich von
ihren besten Seiten zu zeigen. Eines Abends komme ich begeistert
von der Leistung meiner Frau und dankerfüllt gegen sie nach
i) Für vielerlei Zufälligkeiten, die man seit Th. V i s c h e r der Tücke des
Objekts" ziischreibt, möchte ich ahnliche Erklärungen vorschlagen.
}
156
Zur Psychopathologie des AUtagihhens
Hause. Ich trete zu meinem Schreibliscli, Öffne ohne bestimmt©
Absicht, aber wie mit somnambuler Sicherheit, eine bestimmte Lade
desselben und zu oberst in ihr finde ich das so lange vermißte,
das verlegte Buch."
Einen Kall von Verlegen, der in dem letzten (Jlmnikler mit
diesem zusammentrifft, in der merkwürdifri-n Sicherlieit des
Wiederfindens, wenn das Motiv des Verlegens erloschen ist,
erzählt J. Stärcke (1. c.)-
6) „Ein junges Mädchen hatte einen Flappen, aus welchem sie
einen Kragen anfertigten wollte, im Zuschneiden verdorben. Nun
mußte die Näherin kommen und versuchen, es nocli zurechtzu-
bringen. Als die Näherin gekommen wnr und das MiiiUhen den
zerschnittenen Kragen aus der Sciiublade, in die sie ihn gelegt
zu haben glaubte, zum Vorschein holcti wollie, kotmle sie ihn
nicht finden. Sie warf das Unterste zu oberst, aber sio fand ihn
nicht. Als sie nun im Zorne sich setzte und sicli abfragte, warum
er plötzlich verschwunden war und ob sie ilin vielleicht nicht
finden wollte, überlegte sie, daO sie sich nniihlich vor der
Näherin schämte, weil sie etwas so lunfaches wie einen
Kragen doch noch verdorben halle. Als sie das beihu^bt hatte,
stand sie auf, ging auf einen anderen Schrank zu und brachte
daraus beim ersten Griff den zerschnittenen Kragen zum
Vorschein."
7) Das nachstehende Beispiel von „Verlegen" entspricht einem
Typus, der jedem Psychontialjliker bekannt geworden ist. Ich
darf angeben, der Patient, der dieses Verlegen produzierte, liat
den Schlüssel dazu selbst gefunden:
„Ein in psychoanalytischer Behandlung stellender Patient, bei
dem die sommerliche Unterbrechung di-r Kur in eine Periode
des Widerstandes und schlechten Befindens fuIU, legt abends heim
Entkleiden seinen Schlüsselbund, wie er int-int, auf den gewohiUen
Plaiz. Dann erinnert er sich, daü er für die Abreise nm nächsten
Tag, dem letzten der Kur, an dem auch das Honorar fällig
VIT. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen
»57
wird, noch einige Gegenstände aus dem Schreiblisch nehmen
will, wo er auch das Geld verwahrt hat. Aber die Schlüssel
sind — verschwunden. Er beginnt seine kleine Wohnung syste-
matisch, aber in steigender Erregung abzusuchen ohne
Erfolg. Da er das ^Verlegen' der Schlüssel als Symptomhandlung,
also als beabsichtigt, erkennt, weckt er seinen Diener, um mit
Hilfe einer ,unbefangenen' Person weiterzusuchen. Nach einer
weiteren Stunde gibt er das Suchen auf und fürchtet, daB er
die Schlüssel verloren habe. Am nächsten Morgen bestellt er
beim Fabrikanten der Schreibtischkasse neue Schlüssel, die in
aller Eile angefertigt werden. Zwei Bekannte, die ihn im Wagen
nacli Hause begleitet haben, wollen sich erinnern, etwas auf den
Boden klirren gehört zu haben, als er aus dem Wagen stieg. Er
ist überzeugt, daß ihm die Schlüssel aus der Tasche gefallen
sind. Abends präsentierte ihm der Diener triumphierend die
Schlüssel. Sie lagen zwischen einem dicken Buche und einer
dünnen Broschüre (einer Arbeit eines meiner Schüler), die er
zur Lektüre für die Ferien mitnehmen wollte, so geschickt hin-
gelegt, daß niemand sie dort vermutet hätte. Es war ihm dann
unmöglich, die Lage der Schlüssel so unsichtbar nachzuahmen.
Die unbewußte Geschicklichkeit, mit der ein Gegenstand infolge
von geheimen, aber starken Motiven verlegt wird, erinnert ganz
an die .somnambule Sicherheit'. Das Motiv war natürlich
Unmut über die Unterbrechung der Kur und die geheime
"Wut, bei so schlechtem Befinden ein hohes Honorar zahlen zu
müssen."
8) Ein Mann, erzählt A. A. Brill, wurde von seiner Frau
gedrängt, an einer gesellschaftlichen Veranstaltung teilzunehmen,
die ihm im Grunde sehr gleichgültig war. Er gab ihren Bitten
endlich nach und begann seinen Festanzug aus dem Kolfer zu
nehmen, unterbrach sich aber darin und beschloß, sich zuerst zu
rasieien. Als er damit fertig geworden war, kehrte er zum
Koffer zurück, fand ihn aber zugeklappt, und der Schlüssel war
158 Zur Psychopatholof:ip des AlltaffsMtrtts
nicht aufzufinden. Ein Schlosser vvnr nicht aulV.uLreibcii, da es
Sonntag abend war, und so niußicn die hcidcii sich in der
Gesellschaft entschuldigen lassen. Als der Koller am nächsten
Morgen geöffnet wurde, fand sich der Sthiüssel drinufn. Der
Mann hatte ihn in der Zerstreutheit in den KolTcr Ldlcii hissen
und diesen ins Schloß geworfen. Kr g«b mir zwar die Ver-
sicherung, daß er ganz ohne Wissen lunl Al).si(lil so getan
habe, aXter wir wissen, daß er nicht in die (lesellschaft gehen
wollte. Das Verlegen des Schlüssels erniangoltü also nicht eines
Motivs,
E. Jones beobachtete an sich selbst, daß er jedesmal die
Pfeife zu verlegen pflegte, nachdem er zuviel gi'raucht lialte und
sich darum unwohl fühlte. Die Pfeife fand sich daiui iui allen
möglichen Stellen, wo sie nicht iiingihörle und wo sie für
ge%vöhnlich nicht aufbewaint wurde.
9) Einen harmlosen l'all mit eingcsiiitulener Motivierung
berichtet Dora Müller;
Fräulein Erna A. erzählt zwei Tage vor VVeihnathlen:
„Denken Sie, gestern abend nahni ich luis meinem PletTor-
kuchenpnket und aß; ich denke dabei, dnU ich l'Väulein S. (der
Gesellschafterin ihrer Mutter), wenn sie mir (iutenaclu sagen
komme, davon anbieten tniisse; ich hatte keine rechte Lust dazu,
nahm mir aber trotzdem vor, es zu tun. Wie sie nachher kam
und ich nach meinem Tischclien liiii die Hand ausslreckte, um
das Paket zu nehmen, fand ich es dort nicht. Ich suthte danach
und fand es eingeschlossen in meinem Schranke. Da hatte ich
das Paket, ohne es zu wissen, hineitigeslellt." I'".ine Analyse war
übei-flüssig, die Erzählerin war sich selbst über den Zusammenhang
klar. Die eben verdrängte Regung, das (»ehiick für sich allein
behalten zu wollen, war gleichwohl in iiiitoinalischer Handlung
durchgedrungen, um freilich in diesem Eallo durch die nach-
folgende bewußte Handlung wieder rüt^kgüngig gemacht zu werden.
(Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 111, 1915.)
^^^' ^ergeaen von Eindrücken und f^orsär
zen
'59
lo) H. Sachs schildert, wie er sich einmal durch ein solches
Verlegen der Verpflichtung zu arbeilen entzogen hat: „Vergangenen
Sonntag naclimittag schwankte ich eine Weile, oh ich arbeiten
oder einen Spaziergang mit daranschließendem Besudle maclien
solle, entschloß mich aber nach einigem Kampfe für das erstere
Nach etwa einer Stunde bemerkte ich, daß ich mit meinem
Papiervorrat zu Ende sei. Ich wußte, daß ich irgendwo in einer
Lade schon seit Jahren ein Bündel Papier aufbewahrt habe
suchte aber danach vergeblich in meinem Schreibtisch und an
anderen Stellen, wo ich es zu finden vermutete, obgleich ich mir
große iVIühe gab und in allen möglichen alten Büchern,
Broschüren, Briefschaften u. dgl herumwühlte. So sah ich mich
doch genötigt, die Arbeit einzustellen und fortzugehen. Als ich
abends nach Hause kam, setzte ich mich auf das Sofa und sah
in Gedanken, halb abwesend auf den gegenüberstehenden Bücher-
schrank. Da fiel mir eine Lade in die Augen und ich erinnerte,
daß ich ihren Inhalt schon lange nicht durchgemustert habe. Ich
ging also hin und öffnete sie. Zu oberst lag eine Ledermappe
und in dieser unbeschriebenes Papier. Aber erst als ich es heraus-
genommen hatte und im Begriffe stand, es in der Schreibtisch-
lade zu verwahren, fiel mir ein, daß dies ja dasselbe Papier sei,
das ich nachmittags vergeblich gesucht hatte. Ich muß hiezu noch
bemerken, daß ich, obgleich sonst nicht sparsam, mit Papier sehr
vorsichtig umgehe und jedes verwendbare Restchen aufhebe. Diese
von einem Triebe gespeiste Gewohnheit war es offenbar, die mich
zur sofortigen Korrektur des Vergessens veranlaßte, sobald das
aktuelle Moiiv dafür verschwunden war."
Wenn man die Fälle von Verlegen übersieln, wird es wirklich
schwer auszunehmen, daß ein Verlegen jemals anders als infolge
einer unbewußten Absicht erfolgt.
ii) Im Sommer des Jahres 1901 erklärte ich einmal einem
Freunde, mil dem ich damals in regem Gedankenaustausch über
wissenschaftliche Fragen stand: Diese neurotischen Probleme sind
i6o Zur Psychopalholoßif des Allra^sleberu
nur dann zu lösen, wenn wir uns ganz und voll auf den Boden
der Annahme einer ursprünglichen llif-exualiiiit des Individuums
stellen. Ich erhielt zur Antwort: „Das habe ich dir srhoii vor
zweieinhalb Jahren in Br. gesagt, als wir jenen Abendspn ziergang
machten. Du wolltest damals niclils davon hören." Es ist nun
schmerzlich, so zum Aufgeben seiner Originnlitüi aufgefordert zu
werden. Ich konnte mich an ein solches Cü-sinüch und an diese
Eröffnung meines Freundes nicht erinnern. Einer von uns beiden
mußte sich da täuschen; nach dem Wump dvr Vm^i.^ cui prodest?
mußte ich das sein. Ich habe im Laufe der iiBchsien Woche in
der Tat alles so erinnert, wie mein Freund es in mir erwecken
wollte; ich weiQ selbst, was ich damals zur Antwort gab: Dabei
halte ich noch nicht, ich will mich darauf nicht eiidassen. Aber
ich bin seither um ein Stück toleranter geworden, wenn ich
irgendwo in der medizinischen Literatur auf eine der wenigen
Ideen stoße, mit denen man meinen Namen verknüpfen kann, und
wenn ich dabei die Erwiihnung meines Namens vermisse.
Ausstellungen an seiner lüiefrau — Freundschaft, die ins
Gegenteil umgeschlagen hat — Irrtum in ür/llichcr Diagnostik
Zurückweisung durch Gleichslrebende — Entlelniung von
Ideen: es ist wohl kaum zufällig, daO eine Anzahl von liei.'ipielen
des Vergessens, die ohne Auswahl gesammelt worden sind, zu
ihrer Auflösung des Eingehens auf so peinliche Themata bedürfen.
Ich vermute vielmehr, daß jeder andere, der sein eigenes Ver-
gessen einer Prüfung nach den Motiven unterziehen will, eine
ähnliche Musterkarte von Widerwärtigkeiten aufzeichnen kiinnen
wird. Die Neigung zum Vergessen des Unangeni-hmen sclieint
mir ganz allgemein zu sein; die Fähigkeit dum ist wohl bei den
verschiedenen Personen verschieden gut ausgebildet. Manches
Ableugnen, das uns in der ärztliclien Tätigkeit begegnet, ist
wahrscheinlich auf Vergessen zurückzuführen'. Unsere Auf-
Wtim man »ich b*i *incm Mrnschc» iirkim(li|tl, <ib er vor ipIiu otJpr ninfrebn
Jahren eine lueUtche Infcktian durdigeniAchL hat, vcrgiüt man lu leicht aaraii, daO
Ki/. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen
i6t
fassung eines solchen Vergessens beschränkt den Unterschied
zwischen dem und jenem Benehmen allerdings auf rein psycho-
logische Verhältnisse und gestattet uns, in beiden Reaktions weisen
den Ausdruck desselben Motivs zu sehen. Von all den zahlreichen
Beispielen der Verleugnung unangenehmer Erinnerungen die
ich bei Angehörigen von Kranken gesehen habe, ist mir eines
als besonders seltsam im Gedächtnis geblieben. Eine Mutter
informierte mich über die Kinderjahre ihres nervösen, in der
Pubertät befindlichen Sohnes und erzählte dabei, daß er wie seine
Geschwister bis in späte Jahre an Bettnässen gelitten habe, was ja
für eine neurotische Krankengeschichte nicht bedt-utungslos ist.
Einige Wochen später, als sie sich Auskunft über den Stand der
Behandlung holen wollte, hatte ich Anlaß, sie auf die Zeichen
der Eerragtc diesen Kronkheilszufall psjcliisch gani anders behandelt hat als etwa
einen nkiiten Kheiimalismus. — In den Anamnesen, welche Eltern über ihre neurotisch
erkrankten Tochter geben, ist der Anteil des Vergessens von dem des Verbergens
kaum je mit Sicherheit tu sondern, weil alles, was Axt späteren Verheiratung des
Mädchens im Wege sieht, von den Eltern systematisch beseitigt, d. h. verdrängt
wird. — Ein Mann, der vor kiinem seine geliebte IVau an einer Lungen afEektion
verloren, teilt mir nachstehenden Fall von Irreführung der äritlichen Erkundigung
mit, der niu- auf solches Vergessen lurückführbar ist: „Als die Pleuritis meiner armen
Frau nach vielen Wochen noch nicht weichen wollte, wurde Dr. P, als Konsiliarius
berufen. Bei der Aufnahme der Anamnese stellte er die üblichen Fragen, u. a. auch,
ob in der Familie meiner Prau etwa Lungenkrnnkheiten vorgekommen seien. Meine
Frau verneinte und auch ich erinnerte mich nicht. Bei der Verabschiedung des Dr. P.
kommt das Gespräch wie lufällig auf Ausflüge, und meine Frau sagt: Ja, auch bis
Langcrsdorf. wo mein armer Bruder begraben liegt, ist eine weite Reise.
Dieser Bruder war vor etwa fünfiehn Jahren nach mehrjährigem tuberkulösem Leiden
gestorben. Meine Frau halte ihn sehr geliebt und mir oft von ihm gesprochen. Ja, es
fiel mir ein, daß sie seinerzeit, als die Pleuritis festgestellt wurde, sehr besorgt war
und trübsinnig meinte: Auch mein Bruder ist an der Lunge gestorben.
Nun aber war die Erinnerung daran sosehr verdrängt, daD sie auch nach dem vorhin
angeführten Ausspruch über den Ausflug nach L. keine Veranlassung fand, ihre Aus-
kunft über Erkrankungen in ihrer Familie lu korrigieren. Mir selbst fiel das Ver-
gessen in demselben Moment wieder ein, wo sie von Langersdorf sprach." — Ein
völlig analoges Erlebnis erzählt E. Jones in der hier bereits mehrmals erwähnten
Arbeit. Ein Arit, dessen Frau an einer diagnostisch unklaren Unlerleibserkrankung
litt, bemerkte zu ihr wie tröstend: „Es ist doch gut, daß in deiner Familie kein
Fall von Tuberkulose vorgekommen ist." Die Frau antwortete aufs äußerste über-
rascht; „Hast du denn vergessen, daß meine Mutter an Tuberkulose gestorben ist
imd duB meine Schwester von ihrer Tuberkulose nicht eher hergestellt wurde als
kis die Ärzte sie aufgegeben hatten?"
Freud. IV.
l69
Zur Psychopathologie da Alltagslehem
konstitutioneller KrarikliPiisveranlagung l)ei licm jungen Manne
aufmerksam zu machen, urul berief mich hiebei auf das nna-
mnestisch erhobene Bettnässen. Zu meinern Erstaunen bestritt sie
die Tatsache sowolil für dies als auch für dio anderen Kinder,
fragte mich, woher ich das wissen küinie, und hürle endlich von
mir, daß sie selbst es mir vor kurzer Zeit orzählt habe, was also
von ihr vergessen worden war'.
Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotischen
Menschen reichlich Anzeichen dafür, daü sich der Erinnerung
an peinliche Eindrücke, der Vorstellung peinlicher GedanUeii, ein
Widerstand eutgegensel/t*. Die volle Bedeutung dieser Talsache
%
i) In d#n Tagen, während irh tnil dir Nirdnr«chrift dieier Si<il«>n beichüfli^t
WUT, iit mir folgender, fait tinglaiibüchcr Fall von V«rg«»on widerfahren: Ich
revidiere «m i. Jonni"r mein iirtlliehei Iliich, um meine IInnor<irrrrhiiiinf;i-Ti aiii-
■enden tu können, itoße dabei im Juni niif ilrn Nnmen M . . . I imd knnn iiiich nn
eine lu ihm gehörige Penon nicht erinnern. Mein Iii?fremili*n ivtulut, indem ich
beim Weiterb lüttem bemerke, daU ich den Füll in einrni .Siinatorilim behnndclt, und
daO ich ihn durch Wochen täglich beiucht habe. Einen Kranken, mit dem man licK
unter lolchcn Bedingimgen beschnfligl, vcrgiUl iniin iil* Arit nichl nach knnni »cclu
Monaten. Sollte es ein Mann, ein Pnriilj'tiker. ein l''nll ohne Interomo gewesen nein,
frage ich mich? Endlich b#i dem Vermerk über dm piiiplnngeno Honorar kommt
mir all die Kenntnis wieder, die Ki'ch der Krinnening onliiclicn iviilltp, M . . . 1 war
ein vienehnjährigei Madchen gcwoton, der merkwilrdigule l'iill meiner letiten Jnhre,
welcher mir eine Lehre hinlerlaiiieii, die ich kniini jr vcrgeMen werde, und di-Men
Autgang mir die peinlichitcn Stunden horcilcl hnl. IM» Kind erkrankte on iiniwei*
deiitiger Hyitcrie, die iich auch unter meinen Ilünttun rnich und gründlich bcisert«.
Nach dieser Besjenmg wurde mir du« Kind von den lUlorti enliogeii; r» klagte
noch über abdominale Schnieriun, denen die [[auplrullo im Symptiunbild der Hyiteri«
lugefallen war. Zwei Monate ipHler war ei an Sarkom der Uiilerleibidrüien
gestorben. Die Hysterie, xu der dm Kind nebithci priidiiponiert war, hotte die
Tumorbildung lur provoiierenden Uriwidie grimmnien und ich lintto, von den
lärmenden, aber harmlosen Eriche iiiimgni der Iljiterie gefesselt, vielleicht dio erslon
Anietchen der schleichenden und uiiliuilvollcn I^rkrnnkiing übersehen.
a) A. Pick hat kürsüch (Zur Psychologie dos Vcrgossens bei Geistes- und
Nen-enkranken, Archiv fiir Kriminat-Anihropologin und Kriminnlinlik von 11. Groß)
eine Keihe von Autoren »iisammengeilclll, die den KiiiHuß affektiver l'nktoren anf
dos Gedachtnil würdigen und — mehr oder minder deutlich — den Beitrag aner-
kennen, den das Abwehrbesireben gegen Unlust lum Vergeiieii leistet. Keiner von
uns allen hat aber diu Pbäiiomen und seine psyrliolngiiihe De^rinidiiiig lo
erschöpfend und luglcich so rindnicktvoU darilellen können wie Nielische in
einem seiner Aphorismen (Jenseits von Gut und Bn»n, II. Ilauptitück, 68): „Da«
habe ich getan, sagt mein, Gedüchtnis*. Das kann ich nicht getan
haben, sagt mein SloU und bleibt unerbittlich. Kndlioh — gibt
da* Gedächtnis nach."
t
VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 165
läßt sich aber erst ermessen, wenn man in die Psychologie
neurotischer Personen eingeht. Man ist genötigt, ein solches
elementares Abwehrbestreben gegen Vorstellungen
welche Unlustempfindungen erwecken können, ein Bestreben das
sich nur dem Fluchlreflex bei Schmerzreizen an die Seite stellen
lüßt, zu einem der Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen
welcher die hysterischen Symptome trägt. Man möge gegen die
Annahme einer solchen Abwehrtendenz nicht einwenden, daß wir
es im Gegenteil häufig genug unmöglich finden, peinliche
Erinnerungen, die uns verfolgen, los zu werden und peinliche
Affektregungen wie Reue, Gewissensvorwürfe zu verscheuchen.
Es wird ja nicht behauptet, daß diese Abwehrtendenz sich überall
durchzusetzen vermag, daß sie niclit im Spiele der psychischen
Kräfte auf Faktoren stoßen kann, welche zu anderen Zwecken
das Entgegengesetzte anstreben und ihr zum Trotze zustande
bringen. Als das architektonische Prinzip des
seelischen Apparates läßt sich die Schichtung, der
Aufbau aus einander überlagernden Instanzen
erraten, und es ist sehr wohl möglich, daß dies Abwehr-
bestreben einer niedrigen psychischen Instanz angehört, von
höheren Instanzen aber gehemmt wird. Es spricht jedenfalls für
die Existenz und Mächtigkeit dieser Tendenz zur Abwehr, wenn
wir Vorgänge wie die in unseren Beispielen von Vergessen auf
sie zurückführen können. Wir sehen, daß manches um seiner
selbst willen vergessen wird^ wo dies nicht möglich ist,
verschiebt die Abwehrtendenz ihr Ziel und bringt wenigstens
etwas anderes, minder Bedeutsames, zum Vergessen, was
in assoziative Verknüpfung mit dem eigentlich Anstößigen
geraten ist.
Der hier entwickelte Gesichtspunkt, daß peinliche Erinnerungen
mit besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen verfallen
verdiente auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in denen er
heute noch keine oder eine zu geringe Beachtung gefunden hat.
164 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
So erscheint er mir noch immer nicht genügend scharf betont
bei der Würdigung von /pugcnaussagen vor (Jcricht', wobei
man offenbar der Booidiing des '/Anip;oii einen aU/.u großen
purifi zierenden PLinfluß auf dessen psychisches Ktäflcspiel zutraut.
Daß man bei der Entstehung der Triidil innen und der Sagen-
geschichte eines Volkes einem solchen Motiv, das dem Nalinnal-
gefühl Peinliche aus der Krinnerung uus/.uiner/.en, Reclmurig
tragen muß, wird allgemein zugestanden, Viclli-irbl winde sich
bei genauerer V'erfolgung eine vollsliiniligi' Annlogii' herausstellen
zwischen der Art, wie Vülkertraditionen und wie ilic Kiridheits-
erinnerungen des einzelnen Indiviihunns geliildet werden. Der
große Darwin hat aus seiner Kinsicht In dies Unlust inotiv
des Vergessens eine „goldene Regel" für den wissenschaftlichen
Arbeiter gezogen".
Ganz ähnlich wie beim NatnenvergeesflO katui auch beim Ver-
gessen von Eindrücken Kehlerinnern eintreten, das dort, wo es
Glauben findet, als Krinneruiigsläuschung lie/.eichn(?t wird. Die
Erinnerungsläuscliutig hi pallicdugischen Kiillen — in der Paranoia
spielt sie geradezu die Rolle eines konstituierenden Moments bei
der Wahnbildung — hat eine ausgeilehnte Literatur wachgerufen,
in welcher ich durchgängig den Hinweis auf eine MoliviiTung
derselben vermisse. Da auch dieses Tliernn der Neurosenpsychuliigie
1) \g]. Hans iiraB, Kriminalpiychnlo^ip, )8i]R.
t) Emeft Jone* verwoi«l auf fiilfftrnili. SIbIIp in ilcr AiiInbiiv^rnpHii? Darwin«,
welche »eine v/ittentchafiliche Ehrliclvkeit und K^iiit^ii [iiyrhi>l()j(i>clii'ii Schnrfiinn
übvneugenil widrrtpipgclt:
^ had, Auring numjf y*"'"', Jollaiutd 11 finldfri mit, namtly, ihat whfrietier a puhUthed
faa, a ntw ofiirn^ation or ihoughl cainf nrron nie, whieli was oppoifil in ttrf fmtral rtiutit,
10 ntakt a mimoranJuin oj it uihithoul fttil and ut onct ; fut I liad JouiiA hy rsptrimc«
that sutk foets and thoughtt wtre Jar iiiorr npt lo rsca/ie fnmi llu iiiritii"y ihnn fni>ourah\t
on«." — Viele Jnhrc hindurch brfolglc ich rinr ^oklrnc l\i>([rl. I'iiiid irh iiüitilich
eine veröffentlichte Tnliiirhv, rin« nniic n<>i]biii-litiiii)t inl<'r i-iiii-ii C>i>(liiiiki'ii, wclchrr
einem meiner allf;rmpinrn F.rffebnime widpnjirncli, m unticrli» iih (iriim-tlirn Kiifort
moglichit wortgflrcii. Denn die llrfohrun^ haUp iriiih gelehrt, diiU »okhe Tnt-
sachen und Erfahrungen dem Gedüchtniifo leichter enlx'hwiiidpii iili die uns
genehmen."
VIT. l'ergessen iw« Eindrücken und /-
or Sätzen
165
angehört, entzieht es sich in unserem Zusammenhange der
Behandlung. Ich werde dafür ein sonderbares Beispiel einer
eigenen Krinnerungstäuschung mitteilen, bei dem die Moti-
vierung durch unbewußtes verdrängtes Material und die Art
und Weise der Verknüpfung mit demselben deutlich genug
kenntlich werden.
Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Traum-
deutung schrieb, befand ich mich in einer Sommerfrische ohne
Zugang zu Bibliotheken und Nachschlagebüchern und war genötigt,
mit Vorbehalt sjiäterer Korrektur, allerlei Beziehungen und Zitate
aus dem Gedächtnis in das Manuskript einzutragen. Beim Abschnitt
über das Tagträumen fiel mir die ausgezeichnete Figur des armen
Buchhalters im „Nabnb" von Alph. Daudet ein, mit welcher
der Dichter wahrsclieinlich seine eigene Träumerei geschildert
hat. Ich glaubte mich an eine der Phantasien, die dieser Mann
— Mr. Jocelyn nannte ich ihn — auf seinen Spaziergängen
durch die Straßen von Paris ausbrütet, deutlich zu erinnern und
begann sie aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. Wie also Herr
Jücelyn auf der Straße sich kühn einem durchgehenden Pferde
entgegen wirft, es zum Stehen bringt, der Wagenschlag sich
öffnet, eine hohe Persönlichkeit dem Coup^ entsteigt, Herrn
Jocelyn die Hand drückt und ihm sagt: „Sie sind mein
Retter, Ihnen verdanke ich mein Leben. Was kann ich für
Sie tun?"
Etwaige Ungenauigkeiten in der Wiedergabe dieser Phantasie,
tröstete ich mich, würden sich leicht zu Hause verbessern lassen,
wenn ich das Buch zur Hand nähme. Als ich dann aber den
„Nabab" durchblätterte, um die druckbereite Stelle meines
Manuskripts zu vergleichen, fand ich zu meiner größten Beschämung
und Bestürzung nichts von einer solchen Träumerei des Herrn
Jocelyn darin, ja der arme Buchhalter trug gar nicht diesen
Namen, sondern hieß Mr. Joyeuse. Dieser zweite Irrtum gab
dann bald den Schlüssel zur Klärung des ersten, der Erinnerungs-
i66 Zur Psychopaüiohgie des /llltagslebens
täuschung. Joyeux (wovon der Name die iinninirio Form »lar-
stellt): so und nicht anders niüÜto ich infim'ii eigenen Namen:
Freud ins Franziisische übersetzen. Woher kontile also die
fälschlich erinnerte Phantasie sein» die ich Daudet /.umgeschrieben
hatte? Sie konnte nur ein eigenes I'rodukl sein, ein 'l'nptraum,
den ich selbst gemacht und der mir nicht bewußt geworden,
oder der mir einst bewußt gewesen, und <len idi seither
gründlich vergessen habe. Vielleicht daß ich ilni Nelbst in l'aris
gemacht, wo ich oft genug einsam und voll Sehnsuchl durch
die Straßen spaziert bin, eines Helfers und Protektors sehr
bedürftig, bis Meister Charcot mich dann in seinen Verkelir
zog. Den Dichter des „Nabab" hiibe ich dann wiederholt im
Hause Charcots gesehen*.
Ein anderer Fall von F.rinnerungstäuschung, der sich
befriedigend aufklaren ließ, mahnt an die spüier zu besprechende
fausse r^connaissance : Ich luilte einem meiner Patienten, einem
ehrgeizigen und benihigten Manne, erzählt, daß ein junger Student
sich kürzlich durch eine inleressnnte Arbeit „Der Künstler, Ver-
i) Vor «inigpr Zeit wurde mir bui dem Krciae meiner Leier ein Bündchen der
Jugrndbibliothek »on Fr. Ho ff mann tiif^richickt, in dem eine lolche Rettimg»-
fiene, wie ich »ie in Pari» plinninsirrl, Bin füll rt ich rrzlihll wird. Die (lhi>rcin»limniuiig
(ir*trcckt »ich bii auf einxelnc, iiitht ßii"» grwilliiilioli»" AukJ nickte, dir hirr wie dort
vorkommen. Uie Vermutung. dnO ich in friilini Knnhcrijnhren dieir JiigcndBchrift
wirklich geleien habe, läßt »ich nicht f{ul nhwriipn, \)\f ächiilerbibtii)thck iinicre»
Gymnafium* enthielt die HofTmiiiiniche Saninihing und wnr immer bereit, iie den
Schülern an Stelle jeder ondercn gciitijjeti Nahrung niiiuhielrn. Die l'hiiiitniie, die
ich mit 4,5 Jahren alt die ("roUnktion emei anderen »u erinnern glnvihte ii'id dann
all eigene Leiitung aui dem 99. Lebenijahr erkennen mußte, mng aiio leicht die
getreue Reproduktion eine» im Alter iwi»clien 11 uiul 1^ nufgcnoiiimenen Kindruck»
geweien »ein. Die Reltungiplintitaiiie, dii» ich iliMn »Inllniloiirn Hiiclihnlter im „Niihnb"
angedichtet, loll ja nur der I'hnnloiie der eigrnrn hetliing den Weg linlmru, die
Sehntucht nach einen Gönner und Beichütier dem Stoli erlriiglich nmchcn. K« wird
dann keinem Seelenkenner befremdlich Irin lu hiiren, ctaU ich lelbit in meinem
bewuUten Leben ili-r Vorilrlluiig, vim der tiunit eine» Proirktor» nhhiiiigig xu «ein,
da» größte Wideritrcben entgegengehnifht und die wenigen rcnlcii Siliintioncn, m
denen lich etwa» ähnliche» ereignete, ichlecht vertragen habe. Die liefere Hedeulung
der PhanU«ien mit lolchem Inhalt und eine nnhetu erichit|ifende Krkliiruiig ihrer
Eigentümlichkeilen hnt A ii r n !i n m in einer Arbeit, „Vnterrrtlung und Vntermord
in den ncurotiichen t'linnlAiiegebilden", igaa ^Internulionala '/.eiltclirift für l'»ycho-
analyie, VIII) xuiagc gefordert.
I
VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen
167
such einer Sexualpsychologie" in den Kreis meiner Schüler ein-
geführt habe. Als diese Schrift eineinviertel Jahr später gedruckt
vorlag, behauptete mein Patient, sich mit Sicherheit daran erinnern
zu können, daß er die Ankündigung derselben bereits vor meiner
ersten Mitteilung (einen Monat oder ein halbes Jahr vorher)
irgendwo, etwa in einer Buchhändleranzeige, gelesen habe. Es sei
ihm diese Notiz auch damals gleich in den Sinn gekommen und
er konstatierte überdies, daß der Autor den Titel verändert habe
da es nicht mehr „Versuch", sondern „Ansätze zu einer Sexual-
psychologie" heiße. Sorgfältige Erkundigung beim Autor und
Vergleichung aller Zeitangaben zeigten indes, daß mein Patient
etwas Unmögliches erinnern wollte. Von jener Schrift war
nirgends eine Anzeige vor dem Drucke erschienen, am wenigsten
aber eineinviertel Jahr vor ihrer Drucklegung. Als Ich eine
Deutung dieser Erinnerungstäuschung unterließ, brachte derselbe
Mann eine gleichwertige Erneuerung derselben zustande. Er meinte,
vor kurzem eine Schrift über „Agoraphobie" in dem Auslage-
fenster einer Buclihandlung bemerkt zu haben, und suchte derselben
nun durch Nachforschung in allen Verlagskatalogen habhaft zu
werden. Ich konnte ihn dann aufklären, warum diese Bemühung
erfolglos bleiben mußte. Die Schrift über Agoraphobie bestand
erst in seiner Phantasie als unbewußter Vorsatz und sollte von
ihm selbst abgefaßt werden. Sein Ehrgeiz, es jenem jungen Manne
gleichzutun und durch eine solche wissenschaftliche Arbeit zum
Schüler zu werden, hatte ihn zu jener ersten wie zur wieder-
holten Erjnnerungstäuschung geführt. Er besann sich dann auch,
daß die Buchhändleranzeige, welche ihm zu diesem falschen
Erkennen gedient hatte, sich auf ein Werk, betitelt: „Genesis,
das Gesetz der Zeugung", bezog. Die von ihm erwähnte
Abänderung des Titels kam aber auf meine Rechnung, denn
ich wußte mich selbst zu erinnern, daß ich diese Ungenauigkeit
in der Wiedergabe des Titels, „Versuch" anstatt „Ansätze"
begangen hatte.
p
168 Zur Psyehopafhologie des AlUagtlebens
B) DAS VERGESSEN VON VORSÄTZEN
Keine andere Gruppe von Phiiiiomniu'n eignet sich besser zum
Beweis der These, daß die Geriiigfügif^kcit der Aufinerksainkeil
für sich allein niclit hinreiclie, die Fehlleistung zu erkliiren, als
die des Vergessens von Vorsätzen, l'.m Vorsalz ist ein lni])uls zur
Handlung, der bereits Billi^unf; {Toiutidcii hat, dessen Ausführung
aber auf einen gofignetori /nitpunkt vorsrh(»ln'n wurde. Nun kiuin
in dem so geschalfeuen Intervall allerdings eine dcrnrlige Ver-
änderung in den Motiven eintreten, daü der Vorsatz iiidit zur
Ausführung gelangt, aber dann wird er nicht vergessen, sondern
revidiert und aufgehoben. Das Vergessen von Vorsätzen, dem wir
alltäglich und in allen müglicheii Situationen unterliegen, pflegen
wir uns nicht durch eine Neuerung in der Moliveuf^leichung zu
erklären, sondern lassen es gemeinhin unerklärt, oder wir suchen
eine psychologische Erklärung in der Annnhine, gegen die Zeil
der Ausführung hin habe sich die orfürderilche AiihnerksaniVeJt
für die Handlung nicht mehr bereit gefunden» die doch für das
Zustandekommen des Vorsalzes unerläßliche Bedingung war, damals
also für die nämliche Handlung zur Vnrfiigung stand. Die
Beobachtung unseres normalen Verhallens gegen V<irsiitze läßt
uns diesen Krklärungsversuch als wiilkürlidi abw«'iscn. Wenn ich
des Morgens einen Vorsalz fasse, der aliends avisgefUhrt werden
soll, so kann ich im Laufe des Tages innigeinal an ihn gemahnt
werden. Er braucht aber tagsübc-r Überhaupt nicht mehr liewußt
zu werden. Wenn sich die Zeit der Ausführung nähert, lallt er
mir plötzlich ein und veranlaßt mich, die zur vorgesetzten
Handlung nötigen Vorbereitungen zu treffen. Wenn ich auf einen
Spaziergang einen Brief mitnehme, welcher noch b(^förderl werden
soll, so brauche ich ihn als normales und nicht nervöses Individuum
keineswegs die ganze Strecke über in der Hand zu tragen und
unterdessen nach einem Briefkasten auszuspähen, in den ich ihn
werfe, sondern ich pflege ihn in die Tasche zu sLocken, meiner
^
^"^-f^. Vergessen von Eindrücke n und Vorsätzen 169
Wege zu gehen, meine Gedanken frei schweifen zu lassen und
ich rechne darauf, daß einer der nächsten Briefkasten meine
Aufmerksamkeit eiregen und mich veranlassen wird in die
Tasche zu greifen und den Brief hervorzuziehen. Das normale
Verhalten beim gefaßten Vorsatz deckt sich vollkommen mit dem
experimentell zu erzeugenden Benehmen von Personen, denen
man eine sogenannte „posthypnolische Suggestion auf lange Sicht"
in der Hypnose eingegeben hat'. Man ist gewöhnt, das Phänomen
in folgender Art zu beschreiben; Der suggerierte Vorsatz schlummert
in den betreffenden Personen, bis die Zeit seiner Ausführung
herannaht. Dann wacht er auf und treibt zur Handlung.
In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Rechenschaft
davon, daß das Vergessen in bezug auf Vorsätze keineswegs den
Anspruch erheben darf, als ein nicht weiter zurückführbares
Elementarphänomen zu gelten, sondern zum Schluß auf unein-
gestandene Motive berechtigt. Ich meine; im Liebesverhältnis und
in der Militärabhängigkeit. Ein Liebhaber, der das Rendezvous
versäumt hat, wird sich vergeblich bei seiner Dame entschuldigenj
er habe leider ganz vergessen. Sie wird nicht versäumen, ihm
zu antworten: „Vor einem Jahre hättest du es nicht vergessen.
Es liegt dir eben nichts mehr an mir." Selbst wenn er nach
der oben erwähnten psychologischen Erklärung griffe und sein
Vergessen durch gehäufte Geschäfte entsclmldigen woUte, würde
L er nur erreichen, daß die Dame — so scharfsichtig geworden
wie der Arzt in der Psychoanalyse — zur Antwort gäbe: „Wie
merkwürdig, daß sich solche geschäftliche Störungen früher nicht
ereignet haben." Gewiß will auch die Dame die Möglichkeit des
Vergessens nicht in Abrede stellen; sie meint nur, und nicht mit
Unrecht, aus dem unabsichtlichen Vergessen sei ungefähr der
nämliche Schluß auf ein gewisses Nichtwollen zu ziehen wie
aus der bewußten Ausflucht.
1) Vgl. Bornheira. Neue Studien über Hypuotisnms, Suggestion und Psvcho-
therapie, 1892,
170
Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Ähnlich wird im militärischen IJicnstverhällnis der Unterschied
zwischen der Unterlassung durch Vergessen und der infolge von
Absicht prinzipiell, und zwar mit Uorht, vernnchlüssigt. Der
Soldat darf nichts vergessen, was der militiirische Dienst von
ihm fordert. Wenn er es doch vergißt, obwohl ihm die Forderung
bekannt ist, so geht dies so zu, daß sich den Motiven, die auf
Erfüllung der militärischen Forderung dringen, ondere Gegen-
moiive entgegenstellen. Der Einjährige etwa, der sich beim
Rapport entschuldigen wollte, er habe vergessen, seine Knüpfe
blank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber diese Strafe ist
geringfügig zu nennen im Vergleicli zu jener, der er sich aus-
setzte, wenn er das Motiv seiner Unterlassung sich und seinen
Vorgesetzten eingestehen würde: „Der elende Gamaschendienst
ist mir ganz zuwider." Wegen dieser Strafersparnis, aus likonoinischen
Gründen gleichsam, bedient er sich des Vergessens als Ausrede,
oder es kommt als KompromiO zustande.
Frauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, daö
alles zu ihnen gehörige dem Vergessen entrückt sein müsse, und
erwecken so die Meinung, Vergessen sei zulässig bei unwichtigen
Dingen, während es bei wichtigen Dingen ein Any.eichen davon
sei, daß man sie wie unwichtige behandehi wolle, ilnien also die
Wichtigkeit abspreche'. Der Gesichtspunkt der psychischen Wert-
schätzung ist hier in der Tat nicht abzuweisen. Kein Mensch
vergißt Handlungen auszuführen, die ihm selbst wichtig erscheinen,
ohne sich dem Verdachte geistiger Störung auszusetzen. Unsere
Untersuchung kann sich also nur auf das Vergessen von mehr
oder minder nebensächlichen Vorsätzen erstrecken; für ganz und
i) In dem Sc)i«)iip)«l „CÜMf wnA Klcopalrn" von R. Shaw tjniilt lieh der von
■*?>?'*" iclieidende Cüinr riric WpÜp mit lii-r Idee, er hnhc noch clwn» vorgehabt,
wa» er jem vergetitn. Endlich «teilt licli hcrnu«. wa» CKtar vergeiirn hat!«: von
Klcopatra Ab*chicd tu nehmen! Durch dieicn kleinen Zii(( »oll vrrantchaulicht
werden — übrigen* im vollen Gegentnlz lur lnilori«chon Wahrheit — wie wenig
•ich CiihT aus der kleinen agyptiichen Prinieiiiu gemacht hatte. (Nach Fi. Jonea,
L C. S. 488.i
VIL Vergessert von Eindrücken und Vorsätzen 171
gar gleichgültig werden wir keinen Vorsatz erachten, denn in
diesem Falle wäre er wohl gewiß nicht gefaßt worden.
Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörungen die
bei mir selbst beobachteten Fälle von Unterlassung durch Ver-
gessen gesammelt und aufzuklären gesucht und hiebei ganz
allgemein gefunden, daß sie auf Einmengung unbekannter und
un eingestandener Motive — oder, wie man sagen kann, auf einen
Gegenwillen — zurückzuführen waren. In einer Reihe
dieser Fälle befand ich mich in einer dem Dienstverhältnisse
ähnlichen Lage, unter einem Zwange, gegen welchen ich es
nicht ganz aufgegeben hatte, mich zu sträuben, so daß ich durch
Vergessen gegen ihn demonstrierte. Dazu gehört, daß ich besonders
leicht vergesse, zu Geburtstagen, Jubiläen, Hochzeitsfeiern und
Standeserhöhungen zu gratulieren. Ich nehme es mir immer
wieder vor und übei-zeuge mich immer mehr, daß es mir nicht
gelingen will. Ich bin jetzt im Begriffe, darauf zu verzichten, und
den Motiven, die sich sträuben, mit Bewußtsein recht zu geben.
In einem Übergangsstadium habe ich einen Freund, der mich
bat, auch für ihn ein Glückwunschtelegramm zum bestimmten
Termin zu besorgen, vorher gesagt, ich würde an beide vergessen,
und es war nicht zu verwundern, daß die Prophezeiung wahr
wurde. Es hängt nämlich mit schmerzlichen Lebenserfahrungen
zusammen, daß ich nicht imstande bin, Anteilnahme zu äußern,
wo diese Äußerung notwendigerweise übertrieben ausfallen muß,
da für den geringen Betrag meiner Ergriffenheit der entsprechende
Ausdruck nicht zulässig ist. Seitdem ich erkannt, daß ich oft
vorgebliche Sympathie bei anderen für echte genommen habe,
befinde ich mich in einer Auflehnung gegen diese Konventionen
der Mitgefühlsbezeigung, deren soxiale Nützlichkeit ich andererseits
einsehe. Kondolenzen bei Todesfällen sind von dieser zwie-
spältigen Behandlung ausgenommen; wenn ich mich zu ihnen
entschlossen habe, versäume ich sie auch nicht. Wo meine
Gefühlsbelätigung mit gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu
*7g Zur Psychopathologie da Alltagslebens
tun hat, da findet sie ihren Ausdruck aucli niomuls durch Ver-
gessen gehemmt
Von einem solchen Vergessen, in (l<Mn ilor /.uiiiichst uiilor-
drückte Vorsatz als „Gegenwilli'" durchbracli und ciin* unerquickliche
Situation zur Folge hatte, berichtet Obtirlcutnanl V. aus der Kriegs-
gefangenschaft: „ Der Rangälteste eines Ui^ers kriegsgefangener
Offiziere wird von einem seiner KameraiU'ii beleidigt. Kr will, um
VVeiterungen zu entgehen, von dem einzigen Ümi zur Verfügung
stehenden Gewaltmittel Gebrauch machen und leizieren entfernen
und in ein anderes Lager versetzen lassen. Krst über Ainaten
mehrerer Freunde entschließt er sich, ^'e{»en seinen geheimen
Wunscli, hievon Abstand zu nehmen und den l'",hrcnweg, der
aber vielerlei Unannehmlichkeiten im Gefolge haben mußte, gleich
zu beschreiten. — Am nämlichen Vorniilia^r hat dieser Kommandant
die Liste der Offiziere unter Kontrolle eines Wachorganes vorzu-
lesen. Fehler waren ihm, der seine Gofährien schon durch längere
Zeit kannte, darin bisher nicht unterlaufen. Heute al)erlie.st er
den Namen seines lieleidigers, so daß dieser, als alle Kameraden
bereit* abgetreten waren, allein am l'lnize zurückbleibc-n muß,
bis sich der Irrtum geklärt hat. Der Überseliene Name stand in
voller Deutlichkeit in der Mitte eines IJIaltes. — Dieser Vorfall
wurde von der einen Seile als beabsichtigte Kränkung ausgelegt;
von der anderen als peinlicher und /.ur i-\.hldeulunf. geeigneter
Zufall angesehen. Docli gewa.in <ler IJrheb.-r späterhin, nach
Kenntnisnahme von Fre.uls ,l\y. hoi.atliologie' v\u ricl.lif;es Urteil
des Stattgefundenen."
Ahnlich erklären sich durch den Widerstreit einer konven-
tionellen Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren S( hätzung
die Falle, „» denen m.m Ihmdlungen au.s/uführen vergißt, die
man einem anderen zu seinen Gunsten auszuführen versprochen
•^a ■ Hier trifft es dann regelmäßig zu, daß rn.r <ler Gclnner an die
enuchuldigonde Kraft des Verge.sens glaub,, währen.) der Bitt-
steller sich ohne Zweifel die richtige Antwort gibt: Kr hat kein
FIl. Vergessen von Eindrücken und Forsätzen I75
Interesse daran, sonst hätte er es nicht vergessen. Es gibt Menschen,
die man als allgemein vergeßlich bezeichnet und darum in
ähnlicher Weise als entschuldigt gelten läßt wie etwa den Kurz-
sichtigen, wenn er auf der Straße nicht grüßt'. Diese Personen
vergessen alle kleinen Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle
Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich
also in kleinen Dingen als unverläßlicli und erheben dabei die
Forderung, daß man ihnen diese kleineren Verstöße nicht übel-
nehmen, d. h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf
organische Eigentümlichkeit zurückführen sollet Ich gehöre selbst
nicht zu diesen Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die
Handlungen einer solchen Person zu analysieren, um durch die
Auswahl des Vergessens die Motivierung desselben aufzudecken.
Ich kann mich aber der Vermutung per analogiam nicht erwehren,
daß hier ein ungewöhnlich großes Maß von nicht eingestandener
Geringsrhiilzung des anderen das Motiv ist, welches das kon-
stitutionelle Moment für seine Zwecke ausbeutet'.
1) Frauen sind mit ihrem feineren Verständnis für imJiewiißte seelische Vorgänge
in der Rcfjcl eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn man sie auf der
Straßp nicht erkennt, also nicht grüßt, als an die nächstliegenden Erklärungen lu
denken, daß der Säumige kurzsichtig sei oder in Gedanken verswnken sie nicht
bemerkt hahe. Sie sclilieOen, man hatte sie schon bemerkt, wenn man sich „etwas
aus ihnen machen würde".
2) S. Ferencii berichtet von sich, daß er selbst ein „Zerslreuter" gewesen ist
und seinen Bekannten durch die Häufigkeit und Sonderbarkeit seiner Pehlhandliingen
anffiillig war. Die Zeichen dieser „Zerstreutheit" sind aber fast völlig geschwunden,
seitdem er die psychoanalytische Behandlung von Kranken zu üben begann tuid sich
geniiligt sah. auch der Analyse seines eigenen Ichs Aufmerksamkeit ziimwenden. Man
venichlet, ineint er, auf die F chlh an dlun gen, wenn man seine eigene Verantwort-
lichkeit um so vieles ousiudehnen lernt. Er hält daher mit Recht die Zerstreutheit
fiir einen Zustand, der von unbewußten Komplexen abhängig und durch die Psycho-
analyse heilbar ist, F.ines Tages aber stand er unter dem Selbstvorwurfe, bei einem
Patienten einen Kunstfehler in der Psychoanalyse begangen au haben. An diesem^
Tage slclllen sich alle seine früheren „Zerstreutheiten" wieder ein. Er stolperte
melirmalfi im Gehen auf der Straße (Darstellung jenes faux pas in der Behandlune)
vergaß seine Brieftasche zu Hause, wollte auf der Trambahn einen Kreuzer wenicer
lahlen, hatte seine Kleidungsstücke nicht ordentlich zugeknöpft u, dgl.
5) E. Jones bemerkt hieiu: Oßen ihe resisianct is of a gencral order. Thus a busy
man forgcts to post leiten rntnisled to liim — to his slight armityance — by his wife just
aS he may ^forget" to carry oui her ihopping Orders.
174 Zwr Psychopathologie des Alltaffxlfbens
Bei anderen Fällen sind die Motive drs Vergessens weniger
leicht aurzufinden und erregen, wenn gefunden, ein größeres
Befremden. So merkte ich in früheren Jahren, dal3 ich bei einer
größeren Anzahl von Krankenbesuchen nie einen anderen Be-
such vergesse als den bei einem Gratispatienton oder bei einem
Kollegen. Aus Beschämung hiorüIwT hatte ich mir ungewöhnt,
die Besuche des Tages schon am Morgen als Vorsatz zu notieren.
Ich weiß nicht, ob andere Ärzte auf dem nämliclien Woge zu
der gleichen Übung gekommen sind. Al)er man gewinnt so eine
Ahnung davon, was den sogenannten Neurasllieniker veranlaßt,
die Mitteilungen, die er <lem Ar/.i machen will, auf dem
berüchtigten „Zettel" zu notieren. Aii^ehlirh fehlt es ihm an
Zutrauen zur Reprodukiionsleistuiig seines (Jedächinisses. Das ist
gewiß richtig, aber die Szene gehl zumeist so vor sich: Der
Kranke hat seine verschiedenen Beschwerden und Anfragen höchst
langatmig vorgebracht. Nachdem er fertig geworden ist, macht
er einen Moment Pause, darauf zieht er den Zettel hervor und
sagt entschuldigend: Ich habe mir etwas aufgeschrieben, wiiil ich
mir so gar nichts merke. In der Kegel iimlet er auf dem Zeltel
nichts Neues. Er wiederholt jeden Punkt und beanivvorlot ihn
selbst: Ja, danocli habe ich schon gefi-agt. Kr deinmistriert mit
dem Zettel wahrscheinlich nur eines .seiner Symptome, die
Häufigkeit, mit der seine Vorsätze durch I''inniengung dunkler
Motive gestört werden.
Ich rühre ferner an leiden, nn wekhen auch der größere Teil
der mir bekannten CJesundon knniki, wenn ich zugestehe, daß
ich besonders in früheren Jahren sehr leicht und für lange
Zeit vergessen habe, entlehnte Bücher zurückzugeben, oder daß
es mir besonders leiclit begegnet ist, /^hluTigen durch Vergessen
aufzuschieben. Unlängst verließ ich eines Morgen.«! die Tabak-
trafik, in welcher ich meinen tÜgUchen Zigarreueinkauf gemacht
hatte, ohne ihn zu bezahlen. iCs war eine höchst harmlose Unter-
lassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher erwarten,
VTI. Fergessen von Eindrücken und P^orseirzen
^75
am nächsten Tag an die Schuld gemahnt zu werden. Aber die
kleine Versäumnis, der Versuch, Schulden zu machen, steht gewiß
nicht außer Zusammenhang mit den Budgeterwäguncen die mich
den Vortag über bescliäftigt hatten. In Bezug auf das Thema von
Geld und Besitz lassen sich die Spuren eines zwiespältigen Ver-
hallens auch bei den meisten sogenannt anständigen Menschen
leicht nachweisen. Die primitive Gier des Säuglings, der sich
aller Objekte zu bemächtigen sucht (um sie zum Munde zu
führen), zeigt sich vielleicht allgemein als nur unvollständig durch
Kultur und Erziehung überwunden'.
Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach
banal geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn
ich auf Dinge stoße, die jedermann bekannt sind, und die jeder
in der nämlichen Weise versteht, da ich bloß vorhabe, das
Alltägliche zu sammeln und wissenschaftlich zu verwerten. Ich
sehe nicht ein, weshalb der Weisheit, die Niederschlag der
gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter die Erwerbungen
i) Dor Einheit des Themas lulicbe darf ich hier die gewählte Einteilung durch-
brechnn und drni oben Gesagten anschlieDen. daß in hentg auf Geldsachen das
Gedächtnis der Menschen eine besondere Parteilichkeit zeigt. Erinnerungstäuschungcn,
etwas bereits beiahlt zu haben, sind, wie ich von mir selbst weiß, oft sein- hart-
näckig. Wo der gewinnsüchtigen Absicht abseits von den großen Interessen der
Lebensführung und daher eigentlich zum Sehe« freier Lauf gelassen wird wie beim
Karlenspiel, neigen die ehrlichsten Männer in Irrtümern, Erinnernngs- und Rechen-
fehlern und finden sich selbst, ohne recht zu wissen wie. in kleine Betrügereien
verwickelt. Auf solchen Freiheiten beruht xum Teil der psychisch erfrischende
Charakter des Spieles. Das Sprichwort, daß man beim Spiel den Charakter des
Menschen erkennt, ist zuzugeben, wenn man dabei nicht den manifesten Charakter
im Auge hat. — Wenn es unabsichtliche Rechenfehler bei Zählkellnern noch gibt.
BO unlcriiegen sie offenbar derselben Beurteilung. — Im Kaufmannslande kann man
häufig eine gewisse Zögerung in der Verausgabung von Geldsummen, bei der
Bezahlung von Reclmungen u. dgl. beohacliten, die dem Eigner keinen Gewinn
bringt, sondern nur psychologisch zu verstehen ist als eine Aiißenmg des Gegen-
willens, Geld von sich zu tun, — B r i 1 1 bemerkt hierüber mit epigrammatischer
Schärfe: W« i^re nmre tipt to mislaj' letitrs containing bäh than chccks. — Mit den
intimsten xmA am wenigsten klar gewordenen Regungen hüngt es zusammen, wenn
gerade Frauen eine besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren. Sie haben
gewohnlicli ihr Portemonnaie vergessen, können darum in der Ordination nicht
zahlen, vergessen dann regelmäßig, das Honorar vom Hause aus zu schicken und
setzen es so durch, daß man sie umsonst — „um ihrer schonen Augen willen« —
behandelt hat. Sie lahlcn gleichsam mit ihrem Anblick,
176 Zur Psychopathologie des Alltagsl^fena
der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die Verschiedenheit
der Objekte, sondern die strengere Methode bei der FesLsli'llung
und das Streben nach weitreicliendem Zusammeulmiig machen
den wesenthchen Charakter der wissenschaftliclien Arbeit aus.
Für die Vorsätze von einif^cin BcUuig haben wir allgemein
gefunden, daß sie dann vergossen werden, wenn sich dunkle
Motive gegen sie erheben. Hei noch weniger wiclitigen Vorsätzen
erkennt man als zweiten Mechanismus des Vergessens, daß ein
Gegenwille sich von wo anders her auf den Vursat/. überträgt,
nachdem zwischen jenem anderen und dem Inhalt des Vorsatzes
eine äußerliche Assozialioti hergestr'lii worden i.st. liiezu gehört
folgendes Beispiel: Ich lege Wert auf schojies Löschpapier und
nehme mir vor, auf meinem heutigen Naclnniltagsweg in die
Innere Stadt neues einzukaufen. Alter an vier aufeinander-
folgenden Tagen vergesse ich es, bis ich mith befrage, welchen
Grund diese Unterlassung hat. Icli finde ihn dann leicht, nachdem
ich mich besonnen habe, daß ich zwar „Löschpapier" zu
schreiben, aber „Fließpapier" zu sagen gewohnt bin. „Fließ" ist
der Name eines Freundes in Berlin, der mir in den iiiimliclien
Tagen Anlaß zu einem quälenden, besorgten Gedanken gegeben
hatte. Diesen Gedanken kann ich nicht los werden, aber die
Abwehmeiguiig (vgl. oben S. 1G3) äußert sich, indi-m sie sich
mittels der Wortgloichheit auf den indifferenten und darum
wenig resistenten Vorsatz Überträgt.
Direkter Gegen wille und entfernlere Motivierung treffen in
folgendem Falle von Aufschub zusammen: In der Sammlung
„Grenzfragen des Nerven- und SeelenU'beiis" halte ich eine
kurze Abhandlung über den Traum geschrieben, welche den
Inhalt meiner „Traumdeutung" resümiert. Bergmann in
Wiesbaden sendet eine Korrektur und bittet um umgehende
Elrledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben
will. Ich mache die Korrektur noch in der Nacht und lege sie
auf meinen Schreibtisch, um sie am nächsten Morgen mitzuneiimen»
VTl. Fergessen von Eindrücken und yorsätzen
177
Am Morgen vergesse ich daran, erinnere mich eret nachmittags
beim Anbhck des Kreuzbandes auf meinem Schreibtisch. Ebenso
vergesse ich die Korrektur am Nachmittag, am Abend und am
nächsten Morgen, bis ich mich aufraffe und am Nachmittag des zweiten
Tages die Korrektur zu einem Briefkasten trage, verwundert was
der Grund dieser Verzögerung sein mag. Ich will sie offenbar nicht
absenden, aber ich finde nicht, warum. Auf demselben Spazier-
gang t]-ete ich aber bei meinem Wiener Verleger, der auch das
Traumbuch publiziert hat, ein, mache eine Bestellung und sage
dann, wie von einem plötzlichen Einfall getrieben ; „Sie wissen
doch, daß ich den ,Traum' ein zweites Mal geschrieben habe?"
- — »Ah, da würde ich doch bitten." — „Beruhigen Sie sich,
nur ein kurzer Aufsatz für die Lö wenfeld-KureUasche
Sammlung." Es war ihm aber doch nicht recht; er besorgte, der
Vortrag würde dem Absatz des Buches schaden. Ich widersprach
und fragte endlich: „Wenn ich mich früher an Sie gewendet
hätte, würden Sie mir die Publikation untersagt haben ?" —
„Nein, das keineswegs." Ich glaube selbst, daß ich in meinem
vollen Recht gehandelt und nichts anderes getan habe, als was
allgemein üblich ist; doch scheint es mir gewiß, daß ein ähnliches
Bedenken, wie es der Verleger äußerte, das Motiv meiner
Zogerung war, die Korrektur abzusenden. Dies Bedenken geht
auf eine frühere Gelegenheit zurück, bei welcher ein anderer
Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, wie unvermeidlich, einige
Blätter Text aus einer früheren, in anderem Verlage erschienenen
Arbeil über zerebrale Kinderlähmung unverändert in die
Bearbeitung desselben Themas im Handbuch von Nothnagel
hinübernahm. Dort findet aber der Vorwurf abermals keine
Anerkennung ; ich hatte auch damals meinen ersten Verleger
(identisch mit dem der „Traumdeutung") loyal von meiner
Absicht verständigt. Wenn aber diese Erinnerungsreihe noch
weiter zurückgelit, so rückt sie mir einen noch früheren Anlaß
vor, den einer Übersetzung aus dem Französischen, bei welchem
Freud, IV,
178 Zur Psychopatholofrie des AUtagslebeTts
ich wirklich die bei einer Publikation in lielrachl kommenden
Eigentumsrechte verletzt habe. Ich haltn dem übersetzten Text
Anmerkungen beigefügt, ohne für diese? Anmerkungen die
Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haljon, und habe einige
Jahre später Grund zur Annalinm Ijekemnien, daß der Autor mit
dieser Eigenmächtigkeit unzufrieden war.
Es gibt ein Sprichwort, welclies die populäre Kenntnis verrät, daß
das Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. „Was man ein-
mal zu tun vergessen hat, das vergißt man dann noch öfter.'
Ja, man kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren,
daß alles, was man über das Vergessen und die iM'hlliinidlungen
überhaupt sagen kann, den Menschen ohnedies wie etwas Selbst-
verständliches bekannt ist. Wunderbar genug, daß es doch
notwendig ist, ihnen dies so Wohlbekannte vors Bewußtsein zu
rücken! Wie oft habe ich sagen gehiirt: Gib mir diesen Auftrag
nicht, ich werde gewiß an ihn vergessen. Das EintrelTen dieser
Vorhersagung hatte dann sicherlich nichts Mystisches an sich.
Der so sprach, verspürte in sich den Vorsatz, den Auftrag nicht
auszuführen, und weigerte sich nur, sich zu ihm zu bekennen.
Das Vergessen von Vorsätzen erfähit iil)rigens eine gute
Beleuchtung durch etwas, was man als „Fassen von falschen
Vorsätzen" bezeichnen könnte. Ich halte einmal einem jungen
Autor versprochen, ein Referat Über sein kleines Opus zu
schreiben, schob es aber wegen innerer, mir nicht unliekannter
Widerstände auf, bis ich mich eines Tages durch sein Drängen
bewegen ließ zu versprechen, daß es noch am sell>cn Abend
geschehen werde. Ich hatte auch die ernste Absicht, so zu tun,
aber ich hatte vergessen, daß die Aiifassung eines unaufschieb-
baren Gutachtens für den nämlichen Abend angesetzt war.
Nachdem ich so meinen Vorsatz als falsch erkamit hatte,
gab ich den Kampf gegen meine Widerstände auf und sagte
dem Autor ab.
VIII
DAS VERGREIFEN
Der oben erwähnten Arbeit von M e r i n g e r und Mayer
entnehme ich noch die Stelle (S. 98);
„Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen
den Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten der Menschen sich
oft einstellen und ziemlich töricht , Vergeßlichkeiten' genannt
werden."
Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht
hinter den kleinen Funktionsstörungen des täghchen Lebens
Gesunder vermutet\
Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische
Leistung ist, eine solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es
nahe, auf die Fehler unserer sonstigen motorischen Verrichtungen
die nämliche Erwartung zu übertragen. Ich habe hier zwei
Gruppen von Fällen gebildet^ alle die Fälle, in denen der
Fehleffekt das Wesentliche scheint, also die Abirrung von der
Intention, bezeichne ich als „Vergreifen", die anderen, in
denen eher die ganze Handlung unzweckmäßig erscheint, benenne
ich „Symptom- und Zufallshandlungen". Die Scheidung
ist aber wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir kommen ia
wohl zur Einsicht, daß alle in dieser Abhandlung gebrauchten
1) Eine zweite Putlikation Meringers hat mir spkter gezeigt wie sehr
icli diesem Autor unrecht tat, als ich ihm solches Verständnis zumutete.
i8o
"Zur Psychopathologie des /llltagalebens
Einteilungen nur deskriptiv bedeutsame sind und der inneren
EÜnheil des Erscheinungsgebietes widersprechen.
Das psychologische Verständnis des „Vergreifens" erfährt
offenbar keine besondere Förderung, wenn wir es der Ataxie
und speziell der „kortikalen Ataxie" subsumieren. Versuchen wir
lieber, die einzelnen Beispiele auf ihre jeweiligen Bedingungen
zurückzuführen. Ich werde wiederum Selbstbeobachtungen hiezu
verwenden, zu denen sich die Anlässe bei mir nicht besonders
häufig finden.
a) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch
häufiger machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, daß ich,
vor der Tür, an die ich anklopfen oder anläuten sollte, angekommen,
die Schlüssel meiner eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um
— sie dann fa.st beschämt wie<Ier einzustecken. Wenn ich mir
zusammenstelle, bei welchen Patienten dies der Fall war, so
muß ich annehmen, die Fehlhandlung — Schlüssel herausziehen
anstatt läuten — bedeutete eine Huldigung für dos Haus, wo
ich in diesen Mißgriff verfiel. Sie war äquivalent dem Gedanken:
„Hier bin ich wie zu Hause," denn sie trug sich nur zu, wo
ich den Kranken liebgewonnen hatte. (An meiner eigenen
Wohnungstür läute ich natürlich niemals.)
Die Fehlhandlung war also eine symbolische Darstellung eines
doch eigentlich nicht für ernsthafte, bcwuUte Annahme bestimmten
Gedankens, denn in der Rt-alität wt^iß i\vA- Nervenarzt genau,
daß der Kranke ihm nur so lange anhänglich bleibt, als er noch
Vorteil von ihm erwartet, und daß er selbst nur zum Zwecke
der psychischen Hilfeleistung ein übermäßig warmes Interesse für
seine Patienten bei sich gewähren läßt.
Daß das sinnvoll fehlerhafte Hantieren mit dem Schlüssel
keineswegs eine Besonderheit meiner Person ist, gehl aus zahl-
reichen Selbstbeobachtungen anderer hervor.
Eine fast identische Wic^derholung meiner F.rfahrungen beschreibt
A. Maeder (Contrib. ä la Psychopathologie de la vie quolidienne.
lÄi
f///. Das Vergreifen igi
Arch. de Psycho!., VI, 1906): TZ est arrive ä cliacun de sortir
son trousseau, an arrivant ä la porte d'un arni particulikrement
eher, de se surprendre pour ainsi dire, en train d'ouvrir avec sa
cle comme chez soi. Cest un retard, puisgu'il faut sonner malgri
touty mais c'est une preuve qu'on se sent — ou qu'on voudrait
se sentir — comme chez soi, auprks de cet ami.
E. Jones (1. c, p. 50g); The use of keys is a fertile source
of occurrences of this kind of which two examples may be given.
If I am disturbed in the midst of somc engrossing work at home
hy having to go to the hospital to carry out sorne routine work,
I am very apt to ßnd myself trying to open the door oj my
laboratory there with the key of my desk at home, although the
two keys are quite uiilike each other. The mistake unconsciously
dcmonstrates where I would rather be at the moment.
Some years ago I was acting in a subordinate position at a
certain Institution, the front door of which was kept locked, so
that it was necessary to ring for admission. On several occas-
sions I found myself making serious attempts to open the door
with my house key. Each one of the permanent visiting staff,
of which I aspired to be a member, was provided with a key
to avoid the trouble of having to wait at the door. My mistakes
thiis expressed my desire to be on a similar footing, and to be
quite „at home" there.
Ähnlich berichtet Dr. Hanns Sachs: Ich trage stets zwei
Schlüssel bei mir, von denen der eine die Tür zur Kanzlei, der
andere die zu meiner Wohnung öffnet. Leicht verwechselbar
sind sie durchaus nicht, da der Kanzleischlüssel mindestens
dreimal so groß ist wie der Wohnungsschlüssel. Überdies trage
ich den ersteren in der Hosentasche, den anderen in der Weste.
Trotzdem geschah es öfters, daß ich vor der Tür stehend bemerkte
daß ich auf der Treppe den falschen Schlüssel vorbereitet hatte.
Ich beschloß, einen statistischen Versuch zu machen; da ich ja
täglich ungefähr in derselben Gemütsverfassung vor den beiden
l82
Tait Psychopathologie des Alltagslebens
Türen stehe, mußte auch die Verwechslung der beiden Schlüssel,
wenn anders sie psychisch determiniert sein sollte, eine regel-
mäßige Tendenz zeigen. Die Beobachtung bei späteren Fallen
ergab dann, daß ich regelmäßig den Wohnungsschlüssel vor der
Kanzleitür herausnahm, nur ein einziges Mal war das Umgekehrte
der Fall: ich kam ermüdet nach Hause, wo, wie ich wußte, ein
Gast meiner wartete. Vor der Tür maclite ich einen Versuch,
sie mit dem natürlich viel zu großen Kan/.Ieischlüssel aufzu-
sperren.
bj In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren
zweimal täglich zu festgesetzten Zeiten vor einer Tür im zweiten
Stock auf Einlaß warte, ist es mir während dieses langen Zeit-
raumes zweimal (mit einem kurzen Intervall) geschehen, daß ich
um einen Stock höher gegangen bin, also mich „verstiegen"
habe. Das eine Mal befand ich mich in einem ehrgeizigen Tag-
traum, der mich „höher und immer hiilier steigfüi" ließ. Ich
überhörte damals sogar, daß sich die fragliche Tür geöffnet hatte,
als ich den Fuß auf die ersten Stufen des dritten Stockwerks
setzte. Das andere Mal ging ich wiederum „in Gedanken versunken"
zu weit; als ich es bemerkte, umkehrte und die miLb beherrschende
Phantasie zu erhaschen suchte, fand ich, daß ich mich über
eine (phantasierte) Kritik meiner Schriften ärgerte, in welcher
mir der Vorwurf gemacht wurde, daß ich immer „zu weit
ginge", und in die ich nun den wonig respektvollen Ausdruck
„verstiegen" einzusetzen hatte.
cj Auf meinem Schreibtisch hegen seit vielen Jahren neben-
einander ein Reflexhammer und eine Stimmgßl)el. Mines Tages
eile ich nach Schluß der Sprechstunde fori, weil ich einen
bestimmten Stadtbahnzug erreichen will, stecke bei vollem Tages-
licht anstatt des Hammers die Stimmgabel in die Rocktasche und
werde durch die Schwere des die Tasclie herabziehenden Gegen-
standes auf meinen Mißgriff aufmerksam gemacht. Wer sich
über so kleine Vorkommnisse Gedanken zu maclien nicht gewohnt
VTTT. Das Vergreifen 183
ist, wird ohne Zweifel den Fehlgriff durch die Eile des Moments
erklären und entschuldigen. Ich habe es trotzdem vorgezogen,
mir die Frage zu stellen, warum ich eigentlich die Stimmgabel
anstatt des Hammers genommen. Die Eilfertigkeit hätte eben-
sowohl ein Motiv sein können, den Griff richtig auszuführen,
um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen.
Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die
Frage, die sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen
ein idiotisches Kind, bei dem ich die Aufmerksamkeit auf
Sinneseindrücke prüfte, und das durch die Stimmgabel so gefesselt
wurde, daß ich sie ihm nur schwer entreißen konnte. Soll das
also heißen, ich sei ein Idiot? Allerdings scheint es so, denn der
nächste Einfall, der sich an Hammer assoziiert, lautet „Cham er"
{hebräisch: E^el).
Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muß hier die Situation
befragen. Ich eile zu einer Konsultation in einem Orte an der
Westbahnstrecke, zu einer Kranken, die nach der brieflich mitge-
teilten Anamnese vor Monaten vom Balkon herabgestürzt ist
und seither nicht gehen kann. Der Arzt, der mich einlädt,
schreibt, er wisse trotzdem nicht, ob es sich um Rückenmarks-
verletzung oder um traumatische Neurose — Hysterie — handle.
Da soll ich nun enucheiden. Da wäre also eine Mahnung am
Platze, in der heiklen Differentialdiagnose besonders vorsichtig
zu sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagnostiziere viel
zu leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere Dinge handle.
Aber die Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! Ja, es
kommt hinzu, daß die kleine Bahnstation der nämliche Ort ist,
an dem ich vor Jahren einen jungen Mann gesehen, der seit
einer Gemütsbe^vegung nicht ordentlich gehen konnte. Ich
diagnostizierte damals Hysterie und nahm den Kranken später in
psychische Behandlung, und dann stellte es sich heraus, daß ich
freilich nicht unrichtig diagnostiziert hatte, aber auch nicht
richtig. Eine ganze Anzahl der Symptome des Kranken war
;^4 Zur Psychopathologie des ^Alltagslebens
hysterisch gewesen, und diese schwanden aucli prompt im Laufe
der Behandlung. Aber hinter diesen wurde nun ein für die
Therapie unantastbarer Rest sichtbar, der sich nur auf eine
muUipIe Sklerose beziehen heß. Die den Kranken nach mir
sahen, hatten es leicht, die organische Affektion zu erkennen; ich
hatte kaum anders vorgehen und anders urteilen können, aber
der Eindruck war doch der eines schweren Irrtums; das Ver-
sprechen der Heilung, das ich ihm gegeben halte, war natürlich
Dicht zu halten. Der Mißgriff nacli der Stimmgabel anstatt nach
dem Hammer ließ sich also so in Worte übersetzen; Hu Trottel,
du Esel, nimm dich diesmal zusammen, daß du nicht wieder
eine Hysterie diagnostizierst, wo eine unheilbare Krankheit
vorHegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort vor
Jahren! Und zum Glück für diese kleine Analyse, wenn auch
zum Unglück für meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit
schwerer spastischer Lähmung wenige Tage vorher und einen
Tag nach dem idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen.
Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die
sich durch das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Ver-
wendung als Selbstvorwurf ist der Kohlgriff ganz besonders geeignet.
Der Mißgriff hier will den Mißgriff, den man anderswo begangen
hat, darstellen.
d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen
Reihe anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel:
Es kommt sehr selten vor, daß ich etwas zerschlage. Ich bin nicht S
besonders geschickt, aber inlblge der anatomischen Integrität
meiner Nervmuskelapparate sind Gründe für so ung(?schickte
Bewegungen mit unerwünschtem Erfolge bei mir offenbar nicht
gegeben. Ich weiß also kein Objekt in meinem Hause zu erinnern,
dessengleichen ich je zerschlagen hätte. Ich war durch die Enge
in memem Studierzimmer oft genötigt, in den unbequemsten
Stellungen mit einer Anzahl von antiken Ton- und Steiiisachen,
von denen ich eine^kleine Sammlung Iiube, zu hantieren, so daß
VIII. Das Vergreifen 185
Zuschauer die Besorgnis ausdrückten, ich würde etwas herunter-
schleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals geschehen. Warum
habe ich also einmal den marmornen Deckel meines einfachen
Tintengefdßes zu Boden geworfen, so daß er zerbrach?
Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte Ton Untersberger
Marmor, die für die Aufnahme des gläsernen Tintenfaßchens
ausgehöhlt ist; das Tintenfaß trägt einen Deckel mit Knopf aus
demselben Stein. Ein Kranz von Bronzestatuetten und Terrakotta-
figürchen ist hinter diesem Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich
an den Tisch, um zu schreiben, mache mit der Hand, welche
den Federstiel hält, eine merkwürdig ungeschickte, ausfahrende
Bewegung und werfe so den Deckel des Tintenfasses, der bereits
auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklärung ist nicht schwer
zu finden. Einige Stunden vorher war meine Schwester im
Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen anzusehen.
Sie fand sie sehr schön und äußerte dann : „Jetzt sieht dein
Schreibtisch wirklich hübsch aus, nur das Tintenzeug paßt nicht
dazu. Du mußt ein schöneres haben." Ich begleitete die Schwester
hinaus und kam erst nach Stunden zurück. Dann aber habe ich,
wie es scheint, an dem verurteilten Tintenzeug die Exekution
vollzogen. Schloß ich etwa aus den Worten der Schwester, daß
sie sich vorgenommen habe, mich zur nächsten festlichen
Gelegenheit mit einem schöneren Tintenzeug zu beschenken,
und zerschlug das unschöne alte, um sie zur Verwirklichung
ihrer angedeuteten Absicht zu nötigen? Wenn dem so ist, so war
meine schleudernde Bewegung nur scheinbar ungeschickt; in
Wirklichkeit war sie höchst geschickt und zielbewußt und ver-
stand es, allen wertvolleren, in der Nähe befindlichen Objekten
schonend auszuweichen.
Ich glaube wirklich, daß man diese Beurteilung für eine ganze
Reihe von anscheinend zufällig ungeschickten Beweonngen
annehmen muß. Es ist richtig, daß diese etwas Gewaltsames
Schleuderndes, wie Spastisch- Ataktisches zur Schau tragen aber
i86
Zur Psychopathologie des Alltagslebens
sie erweisen sich als von einer Intention belioirscht und treffen
ihr Ziel mit einer Sicherheit, die man den bewußt willkürlichen
Bewegungen nicht allgemein nachriihmon kann. Beid«? Charaktere,
die Gewaltsamkeit wie die Treffsicherheit, haben sie übrigens mit
den motorischen ÄuÜerungen der liyslerisclicii N(Mirose und zum
Teile auch mit den motorischen Leistungen des Somnambulismus
gemeinsam, was wohl hier wie dort auf die nämliche unbekannte
Modifikation des Innervalionsvorgangcs hinwpisl.
Auch eine von Frau Lou Andreas-Salom^ mitgeteilte
Selbstbeobachtung kann überzeugend darlun, wio eine liartuäckig
festgehaltene „Ungeschicklichkeit" in sidir geschickter Weise
un eingestandenen Absiebten dient.
„Genau von der Zeit an, wo (hi' Milch seltene und kostbare
Ware geworden war, geschah es mir, vx\ meinem Kländigen
Schrecken und Ärgernis, sie beständig überkochen zu lassen.
Umsonst mühte ich mich, dessen Herr zu wenlon, obwtihl ich
durchaus nicht sagen kann, daß ich mich bei sonstigen Gelegen-
heiten zerstreut oder uuachtsniu bewiesen liäiie. Vhor hätte das
Ursache gehabt nach dem Tode meines lieben weißen Terriers
(der so berechtigterweise wie nur je ein Mensch ,Freund*
[russisch Drujok] hieß). Aber — siehe da! - - niemals seitdem
ist die Milch auch nur um ein Tröpfchen übergekocht. Mein
nächster Gedanke darüber lautete: ,Wie gut ist das, da das auf
Herdplatte oder Fußboden sich Ergießende nun nicht einmal
Verwändung fände!' — Und gleichzeitig sah ich meinen ,Freund'
vor mir, wie er gespannt dasaß, die Kochprozedur zu beobachten;
den Kopf etwas schiefgeneigl und mit dem Schwanzende schon
erwartungsvoll wedelnd, - — mit geirosti'r Sicln^rhoit des sich voll-
ziehenden prächtigen Unglücks gewärtig. Damit war freilich alles
Mar, und auch dies: daß er mir noch mehr lieb gewesen war,
als ich selbst wußte."
Es ist mir in den letzten Jahren, seitdem ich solche Beob-
achtungen sammle, noch einigemal geschehen, daß ich Gegen-
VIII. Das Fergreifen 187
stände von gewissem Werte zerschlagen oder zerbrochen habe,
aber die Untersuchung dieser Fälle hat mich überzeugt daß es
niemals ein Erfolg des Zufalls oder meiner absichtslosen Unge-
schicklichkeit war. So habe ich eines Morgens, als ich im Bade-
kostüm, die Füße mit Strohpantoffeln bekleidet, durch ein Zimmer
ging, einem plötzlichen Impuls folgend, einen der Pantoffel vom
Fuß weg gegen die Wand geschleudert, so daß er eine hübsche
kleine Venus von Marmor von ihrer Ronsole herunterholte.
Während sie in Stücke ging, zitierte ich ganz ungerührt die
Verse von Busch:
Ach t die Venus ist perdü —
Klickeradoms I — von Medici !
Dieses tolle Treiben und meine Ruhe bei dem Schaden finden
ihre Aufklärung in der damaligen Situation. Wir hatten eine
Schwerkranke in der Familie, an deren Genesung ich im stillen
bereits verzweifelt hatte. An jenem Morgen hatte ich von einer
großen Besserung erfahren; ich weiß, daß ich mir gesagt hatte:
also bleibt sie doch am Leben. Dann diente mein Anfall von
Zerstörungswut zum Ausdruck einer dankbaren Stimmung gegen
das Schicksal und gestattete mir, eine „Opferhandlung" zu
vollziehen, gleichsam als hätte ich gelobt, wenn sie gesund wird,
bringe ich dies oder jenes zum Opfer! Daß ich für dieses Opfer
die Venus von Medici ausgesucht, sollte gewiß nichts anderes als
eine galante Huldigung für die Genesende sein; unbegreiflich
bleibt mir aber auch diesmal, daß ich so rasch entschlossen, so
geschickt gezielt und kein anderes der in so großer Nähe
befindlichen Objekte getroffen habe.
Ein anderes Zerbrechen, für das ich mich wiederum des der
Hand entfahrenden Federstieles bedient habe, hatte gleichfalls die
Bedeutung eines Opfers, aber diesmal eines Bittopfers zur
Abwendung. Ich hatte mir einmal darin gefallen, einem treuen
und verdienten Freunde einen Vorwurf zu machen, der sich auf
die Deutung gewisser Zeichen aus seinem Unbewußten, auf nichts
i88
7.ur Psychopathologie des Alltagslebens
anderes, stützte. Er iia}im es übel auf und scln-iob mir einen
Brief, in dem er mich bat, meine Freunde nicht psychoanjily tisch
zu behandeln. Ich mußte ihm recht geben und beschwichtigte
ihn durch meine Antwort. Während ich diesen Brief schrieb,
hatte ich meine neueste Erwerbung, ein priirhiig glasiertes
ägyptisches Figürchen, vor mir stehen. Ich zerschlug es auf die
beschriebene Weise und wußte dann sofort, daß ich dies Unheil
angerichtet, um ein größeres abzuwenden. Zum (ilück ließ sich
beides — die Freundschaft wie die Figur — so kitten, daß man
den Sprung nicht merken würde.
Ein drittes Zerbrechen stand in weniger ernsthaftem Zusammen-
hang; es war nur eine maskierte „Exekution", um <len Ausdruck
von Th. V i s c h e r („ Auch einer") zu gebrauchen, an einem
Objekt, das sich meines Gefallens nicliL mehr erfreute. Ich hatte
eine Zeitlang einen Stock mit Silborgriff getragen; als die dünne
Silberplatte einmal ohne mein Verschulden beschädigt worden
war, wurde sie schlecht repariert. Bald nachdem der Stock zurück-
gekommen war, benützte ich den Grifi', um im Übermut nach
dem Beine eines meiner Kleinen zu angeln. Dabei brach er
natürlich entzwei und ich war von ihm befreit.
Der Gleichmut, mit dem man in all diesen Füllen den ent-
standenen Schaden aufnimmt, darf wolil als Beweis für das
Bestehen einer unbewußten Absicht bei der Ausführung in
Anspruch genommen werden.
Gelegentlich stößt man, wenn man den Begründungen einer so
geringfügigen Fehlleistung nachforscht, wie es das Zerbrechen
eines Gegenstandes ist, auf Zusammenhänge, die tief in die Vor-
geschichte eines Menschen hineinführen und überdies an der
gegenwartigen Situation desselben haften. Nachstehende Analyse
von L. Jekels soll hiefür ein Beispiel geben.
„Ein Arzt befindet sich im Besitze eijior, wenn auch nicht
kostbaren, so doch sehr hübschen irdenen Blumenvase. Dieselbe
wurde ihm seinerzeit nebst vielen anderen, darunter auch kost-
VII J. Das Vergreifen 189
baren Gegenständen von einer (verheirateten) Patientin geschenkt.
Als bei derselben die Psychose manifest wurde, hat er all die
Geschenke den Angehörigen der Patientin zurückerstattet — bis
auf eine weit weniger kostspielige Vase, von der er sich nicht
trennen konnte, angeblich wegen ihrer Schönheit. Doch kostete
diese Unterschlagung den sonst so skrupulösen Menschen einen
gewissen inneren Kampf, war er sich doch der Ungehörigkeit
dieser Handlung vollkommen bewußt und half sich bloß über
seine Gewissensbisse mit dem Vorhalt hinweg, die Vase habe
eigentlich keinen Materialwert, sei schwerer einzupacken usw. —
Als er nun einige Monate spater im Begriffe war, den ihm streitig
gemachten Restbetrag für die Behandlung dieser Patientin durch
einen Rechtsanwalt reklamieren und eintreiben zu lassen, meldeten
sich die Selbst vor würfe wieder^ flüchtig befiel ihn auch die
Angst, die vermeintliche Unterschlagung könnte von den Ange-
hörigen entdeckt und ihm im Strafverfahren entgegengehalten
werden. Besonders jedoch das erste Moment war eine Weile
hindurch so stark, AaQ er schon daran dachte, auf eine etwa
hundertmal höhere Forderung zu verzichten — quasi als
Entschädigung für den unterschlagenen Gegenstand — er über-
wand jedoch alsbald diesen Gedanken, indem er ihn als absurd
beiseite schob.
Während dieser Stimmung passiert es ihm nun, daß er, der
sonst außerordentlich selten etwas zerbricht und seinen Muskel-
apparat gut beherrscln, beim Erneuern des Wassers in der Vase
dieselbe durch eine organisch mit dieser Handlung gar nicht
zusammenhängende, sonderbar ,ungeschickte' Bewegung vom
Tische wirft, so daß sie etwa in fünf oder sechs größere Stücke
zerbricht. Und dies, nachdem er am Abend zuvor, nur nach
vorherigem starken Zögern, sich entschlossen hatte, gerade diese
Vase blumengefüllt vor die geladenen Gäste auf den Tisch des
Speisezimmers zu stellen, und nachdem er knapp vor demi Zer-
brechen an sie gedacht, sie in seinem Wohnzimmer angstvoll
igo
Zur Psychopathologie des Alltagslebens
vermißt und eigenhätidig aus dem anderen Zimmer geholt hat!
Als er nun nach der anfänglichen Bestürzung die Stücke auf-
sammelt, und gerade als er durch Zusammenpassen derselben
konstatiert, es werde noch möglich sein, die Vase fast lückenlos
zu rekonstruieren, da — gleiten ihm die zwei oder drei
größeren Bruchstücke aus den Händf^i; sie zerstieben in
tausend Splitter und mit ilineii auch ji;gliclie Hoffnung auf
diese Vase,
Fraglos hatte diese Fehlleistun};; die nkluellc TiMidenz, dem
Arzte das Verfolgen seines Reclites zu ermöglichen, indezn
dieselbe das beseitigte, was er zurückbi^iaUen hatte und was ihn
einigermaßen behinderte, das zu verlangen, was man ihm zurück-
behalten hatte.
Doch außer dieser direkten, besitzt für jeden Psychoanalytiker
diese Fehlleistung noch eine weitere, ungleich tiefere und wichtigere,
symbolische Determinierung; ist doch Vase ein unzweifelhaftes
Symbol der Frau.
Der Held dieser kleinen Geschichte hatte seine schöne, junge
und heißgeliebte Frau auf tragisclie Weise verloren; er verfiel in
eine Neurose, deren Griuidnoie war, er sei an dem Unglück schuld
(,er habe eine schöne Vase zerbrochen'). Auch fand er kein Ver-
hältnis mehr zu den Frauen und halte Aljneigimg vor der Ehe und
vor dauernden Liebesbeziehungen, die im Unbewußten als Untreue
gegen seine verstorbene Frau gewertet, im Bewußten aber damit
rationalisiert wurden, er bringe den Fraui^n Unglück, es könnte
sich eine seinetwegen tüten usw. (13a durfte or natürlich die
Vase nicht dauernd beliallen!)
Bei seiner starken Libido ist es nun nicht verwunderlich, daß
ihm als die adäquatesten die ilirer Natur nach doch passageren
Beziehungen zu verheirateten Frauen vorschwebten (daher Zurück-
halten der Vase eines anderen).
Eine schöne Bestätigung für diese Symbolik findet sich in
nachstehenden zwei Momenten: Infolge der Neurose unterzog er
f^III. Das f^er greifen iqi
sich der psychoanalytischen Behandlung. Im Verlaufe der Sitzung
in der er von dem Zerbrechen der ,irdenen' Vase erzählte kam
er viel später wieder einmal auf sein Verhältnis zu den Frauen
zu sprechen und meinte, er sei bis zur Unsinnigkeit anspruchs-
voll; so verlange er z. B. von den Frauen ,unirdische Schönheit*.
Doch eine sehr deutliche Betonung, daß er noch an seiner (ver-
storbenen i. e. unirdischen) Frau hänge und von ,irdischer
Schönheit* nichts wissen wolle; daher das Zerbrechen der ,irdeaen'
(irdischen) Vase.
Und genau zur Zeit, als er in der Übertragung die Phantasie
bildete, die Tochter seines Arztes zu heiraten, — da verehrte er
demselben eine — Vase, quasi als Andeutung, nach welcher
Richtung ihm die Revanche erwünscht wäre.
VoraussichtUch läßt sich die sj-mbolische Bedeutung der Fehl-
leistung noch mannigfaltig variieren, z. B. die Vase nicht füllen
wollen usw. Interessanter erscheint mir jedoch die Erwägung,
daß das Vorhandensein von mehreren, mindestens zweien, wahr-
scheinlich auch getrennt aus dem Vor- und Unbewußten wirksamen
Motiven, sich in der Doppelung der Fehlleistung — - Umstoßen
und Entgleiten der Vase — widerspiegelt'."
e) Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen der-
selben scheint sehr häufig zum Ausdruck unbewußter Gedanken-
gänge verwendet zu werden, wie man gelegentHch durch Analyse
beweisen kann, häufiger aber aus den abergläubisch oder scherzhaft
daran geknüpften Deutungen im Volksmunde erraten möchte. Es
ist bekannt, welche Deutungen sich an das Ausschütten von Salz,
Umwerfen eines Weinglases, Steckenbleiben eines zu Boden gefallenen
Messers u. dgl. knüpfen. Welches Anrecht auf Beachtung solche
abergläubische Deutungen haben, werde ich erst an späterer Stelle
erörtern; hieher gehört nur die Bemerkung, daß die einzelne
ungeschickte Verrichtung keineswegs einen konstanten Sinn hat
i) Intenial. Zeitschrift für Psychoanalyse, f, 1915.
iga Zur Psychopathologie des Alltagslebens
''^im
sondern je nach Umständen sich dieser oder jener Absicht als
Darstellungsmittel bietet.
Vor kurzem gab es in meinem Hause eine Zeit, in der
ungewöhnlich viel Glas und Por/x'Ilangeschirr zerbrochen wurdej
ich selbst trug mehreres zum Schaden bei. Allein die kleine
psychische Endemie war leicht aufzuklaren; es waren die Tage
vor der Vermählung meiner ältesten Tochter. Bei solchen Feiern
pflegte man sonst mit Absicht ein Gerät zu zerbrechen und
ein glückbringendes Wort dazu zu sagen. Diese Sitte mag die
Bedeutung eines Opfers und noch anderen symbolischen Sinn
haben.
Wenn dienende Personen zerbrecliüclie Gegenstände durch
Fallenlassen vernichten, so wird man an eine psychologische
Erklärung hiefür zwar nicht in erster Linie denken, doch ist
auch dabei ein Beitrag dunkler Motive nicht unvvaiirscheinlich.
Nichts liegt dem Ungebildeten ferner als die Schätzung der
Kunst und der Kunstwerke. Eine diunpfe Feindseligkeit gegen
deren Erzeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zumal wenn
die Gegenstände, deren Wert sie nicht einsehen, eine Quelle
von Arbeitsanforderung für sie worden. Leute von derselben
Bildungsstufe und Herkunft zeichnen sich dagegen in wissen-
schaftlichen Instituten oft durcli große Geschicklichkeit und
Verläßlichkeit in der Handiiabung heikler Objekte aus, wenn
sie erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn zu identifizieren
und sich zum wesentlichen Personal des Instituts zu rechnen.
Ich schalte hier die Mitteilung eines jungen Technikers ein,
welche Einblick in den Mechanismus einer Sachbescliädigung
gestattet.
„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehreren Kollegen im
Laboratorium der Hochschide an einer Reilit^ komplizierter
Elastizitätsversuche, eine Arbeit, die wir freiwillig übernommen
hatten, die aber begann, mehr Zeit zu beanspruchen, als wir
erwartet hatten. Als ich eines Tages wieder mit meinem
FIII. Das Vergreifen
193
Kollegen F. ins Laboratorium ging, äußerte dieser, wie unangenehm
es ihm gerade heute sei, so viel Zeit zu verlieren er hätte zu
Hause so viel anderes zu tun; ich konnte ihm nur beistimmen
und äußerte noch halb scherzhaft, auf einen Vorfall der verffanpenen
Woche anspielend: ,Hoffentlich wird wieder die Maschine versagen
so daß wir die Arbeit abbrechen und früher weggehen können!'
— Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das Ventil
der Presse zu steuern bekommt, d. b. er bat die Druckflüssigkeit
aus dem Akkumulator durch vorsichtiges Offnen des Ventils
langsam in den Zylinder der hydraulischen Presse einzulassen-
der Leiter des Versuches steht beim Manometer und ruft, wenn
der richtige Druck erreicht ist, ein lautes ,Halt'. Auf dieses
Kommando faßt F. das Ventil und dreht es mit aller Kraft —
nach links (alle Ventile werden ausnahmslos nach rechts
geschlossen!). Dadurch wird plötzlich der volle Druck des
Akkumulators in der Pj-esse wirksam, worauf die Rohrleitung
nicht eingerichtet ist, so daß sofort eine Rohrverbindung platzt
— ein ganz harmloser Maschinendefekt, der uns jedoch zwingt,
für heute die Arbeit einzustellen und nach Hause zu gehen. —
Charakteristisch ist übrigens, daß einige Zeit nachher, als
wir diesen Vorfall besprachen, Freund F. sich an meine von
mir mit Sicherlieit erinnerte Äußerung absolut nicht erinnern
wollte."
Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten,
braucht gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen
motorischer Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppel-
sinn dieser Ausdrücke weist bereits auf die Art von verhaltenen
Phantasien hin, die sich durch solches Aufgeben des Körper-
gleichgewichles darstellen können. Ich erinnere mich an eine
Anzahl von leichteren nervösen Erkrankungen bei Frauen und
Mädchen, die nach einem Falle ohne Verletzung aufgetreten
waren und als traumatische Hysterie zufolge des Schrecks beim
Falle aufgefaßt wurden. Ich bekam schon damals den Eindruck
Freud, IV
13
194 '^'tir Psychopathologie des Alltagslebens
als ob die Dinge anders zusammenliiiigen, als wäre das Fallen
bereits eine Veranstaluing der Neurose und ein Ausdruck derselben
unbewußten Phantasien sexucllcu Inlialts gewesen, die man
als die bewegenden Kräfte liiuter den Sympldiiicii vermuten
darf. Sollte dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen,
welches lautet: „Wenn eine Jungfrau fiilll, lallt sie auf den
Rücken?"
Zum Vergreifen karni man auch den Fall rechnen, daß
jemand einem Bettler anstatt einer Kupfer- oder kleinen Silber-
münze ein Goldstück gibt. Die Auflösung solcher FohlgrifTe ist
leicht; es sind üpferhandlungt^ii, besiiniint, das Schicksal zu
erweichen, Unheil abzuwehren u. dgl. 1 lat man die zärtliche
Mutter oder Taute unmittelliar vor dem Sjjaziergaug, auf dem
sie sich so widerwillig groÜmütig erzeigt, eine Besorgnis über
die Gesundheit eines Kindes äußern gehört, so kann man an
dem Sinne des angeblicli unliebsamen Zufalls nicht melir zweifeln.
Auf solche Art ermöglichen unsere Fehlleislungen die Ausübung
aUer jener frommen und abergläubischen (Jebräuche, die wegen
des Sträubens unserer ungläubig gewonienen Vernunft das Licht
des Bewußtseins scheuen müssen.
f) Daß zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird
auf keinem anderen Gebiete eher (ilauben finden als auf dem
der sexuellen Betätigung, wo die (Jrenze zwischou beiderlei
Arten sich wirklich zu verwischen scheint. Daß eine scheinbar
ungeschickte Bewegung höchst railiniert zu sexuellen Zwecken
ausgenützt werden kann, davon habe ich vor einigen Jahren an
mir selbst ein schönes Beispiel erlebl. Ich traf in einem
befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges Mädchen,
welches ein längst für erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei mir
erregte und mich darum heiter, gespräcliig und zuvorkommend
stimmte. Ich habe damals aucli nach geforscht, auf welchen Halmen
dies zuging; ein Jahr vorher hatte dasselbe Mädthen mich kühl
gelassen. Als nun der Ünkel des Mädchens, ein sehr alter Herr»
"T
FIII. Das Vergreifen ,gg
ins Zimmer trat, sprangen wir beide auf, um ihm einen in der
Ecke stehenden Stuhl zu bringen. Sie war behender als ich
wohl auch dem Objekt näher; so hatte sie sich zuerst des Sessels
bemächtigt und trug ihn mit der Lehne nach rückwärts beide
Hände auf die Sesselränder gelegt, vor sich hin. Indem ich später
hinzutrat und den Anspruch, den Sessel zu tragen, doch nicht
aufgab, stand icli plötzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme
von rückwärts um sie geschlungen, und meine Hände trafen
sich einen Moment lang vor ihrem Schoß. Ich löste natürlich
die Situation ebenso rasch, als sie entstanden war. Es schien auch
keinem aufzufallen, wie gescliickt ich diese ungeschickte Bewegung
ausgebeutet liatte.
Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, daß das
ärgerliche, luigeschickte Ausweichen auf der Straße, wobei man
durch einige Sekunden hin und her, aber doch stets nach der
nämlichen Seite wie der oder die andere, Schritte macht, bis
endlich beide voreinander stehen bleiben, daß auch dieses „den
Weg Vertreten" ein unartig provozierendes Benehmen früherer
Jahre wiederholt und sexuelle Absichten unter der Maske der
Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen Psychoanalj'sen Neurotischer
weiß ich, daß die sogenannte Naivität junger Leute und Kinder
häufig nur solch eine Maske ist, um das Unanständige unbeirrt
durch Genieren aussprechen oder tun zu können.
Ganz ähnhche Beobachtungen hat W. S t e k e 1 von seiner
eigenen Person mhgeteilt: „Ich trete in ein Haus ein und reiche
der Dame des Hauses meine Rechte. Merkwürdigerweise löse
ich dabei die Schleife, die ihr loses Morgenkleid zusammenhält.
Ich bin mir keiner unehrbaren Absicht bewußt, und doch habe
ich diese ungeschickte Bewegung mit der Geschickhchkeit eines
Eskamoteurs vollbracht."
Ich habe schon wiederholt Proben dafür geben können daß
die Dichter Fehlleistungen ebenso als sinnvoll und motiviert
auffassen, wie wir es hier vertreten. Es wird uns darum nicht
>5-
196 Zur Psychopathologie des Alltagsfehens
verwundern, an einem neuen Beispiel zu ersehen, wie ein Dichter
auch eine ungeschickte Bewegung bedeutungsvoll macht und zum
Vorzeichen späterer Begebenheiten werden läßt.
In Theodor Fontanes Roman: „L'Aduliera" heißt es (Bd. II,
S. 64 der Gesammelten Werke, Verlag S. Fischer); „. . . und
Melanie sprang auf und warf ihrem Gatten, wie zur Begrüßung,
einen der großen Bälle zu. Aber sie hatte nicht richtig gezielt,
der Ball ging seitwärts und Ruliclni liiig ihn auf." Bei der
Heimkehr von dem Ausfluge, der diese kleine Kpisode gebracht
hat, findet ein Gespräch zwischen Melanie und Kubelm slatt, das
die erste Andeutung einer keimenden Neigung verrät. Diese
Neigung wächst zur Leidenschan, so daU Melanie sclilieülich
ihren Gatten verläßt, um dorn geliebten Manne ganz anzugehören.
(Mitgeteilt von H. Sachs.)
ff) Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen
Zustandekommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade
darum wird sich ein besonderes Interesse an die Frage knüpfen,
ob Fehlgriffe von prliebliclier Tnigweite, die von bedeutsamen
Folgen begleitet sein können, wie zum Beispiel die des Arztes
oder Apothekers, nach irgendeiner Richtung unter unsere Gesichts-
punkte fallen.
Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliclie Ringriffe
vorzunehmen, habe ich nur über ein Beispiel von ur/.Üichem
Vergreifen aus eigener Krfahrung zu berichten. Bei einer sehr
alten Dame, die ich seit Jahren zweimal täglich besuche,
beschränkt sich meine ärztliche Tätigkeit beim Morgenbesuch
auf zwei Akte: ich träufle ihr ein paar Tropfen Augen wasser ins
Auge und gebe ihr eine Morphiuminjeklion. Zwei Fläschchen,
ein blaues für das Kollyrium und ein weißes für die Morphin-
lösung, sind regelmäßig vorbereitet. Während der beiden Ver-
richtungen beschäftigen sich meine Gedanken wohl meist mit
etwas anderem; das hat sich eben schon so oft wiederholt, daß
<lie Aufmerksamkeit sich wie frei benimmt. Eines Morgens
i.
FlII. Das Vergreifen
197
bemerkte ich, daß der Automat falsch gearbeitet halte das
Tropfröhrchen hatte ins weiße anstatt ins blaue Fläschchen
eingetaucht und nicht Kollyrium, sondern Morphin ins Auge
geträufelt. Ich erschrak heftig und beruhigte mich dann durch die
Überlegung, daß einige Tropfen einer zweiprozentigen Morphin-
lösung auch im Bindehautsack kein Unheil anzurichten vermögen.
Die Schreckempfindung war offenbar anderswoher abzuleiten.
Bei dem Versuche, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel
mir zunächst die Phrase ein: „sich an der Alten vergreifen",
die den kurzen Weg zur Lösung weisen konnte. Ich stand unter
dem Eindruck eines Traumes, den mir am Abend vorher ein
junger Mann erzählt hatte, dessen Inhalt sich nur auf den
sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter deuten ließ'. Die
Sonderbarkeit, daß die Sage keinen Anstoß an dem Aller der
Königin Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu
stimmen, daß es sich bei der Verliebtheit in die eigene Mutter
niemals um deren gegenwärtige Person handelt, sondern um ihr
jugendliches Erinnerungsbild aus den Kinderjahren. Solche In-
kongruenzen stellen sich immer heraus, wo eine zwischen zwei
Zeilen schwankende Phantasie bewußt gemacht und dadurch an
eine bestimmte Zeit gebunden wird. In Gedanken solcher Art
versunken, kam ich zu meiner über neunzigjährigen Patientin,
und ich muß wohl auf dem Wege gewesen sein, den allgemein
menschlichen Charakter der Ödipusfabel als das Korrelat des
Verhängnisses, das sich in den Orakeln äußert, zu erfassen, denn
ich vergriff mich dann „bei oder an der Allen". Indes dies
Vergreifen war wiederum harmlos 5 ich hatte von den beiden
mögUchen Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu verwenden
oder das Augenwasser zur Injektion zu nehmen, den bei weitem
harmloseren gewählt. Es bleibt immer noch die Frage, ob man
1) Di's Ödipustraumes, wie ich ihn lu nennen pflege, tveil er den
Schlüssel zum Verständnis der Sage von König Ödipus enthält. Im Text des
Sophokles ist die Beiiehung auf einen solchen Traum der Jokasle in den Mund
gelegt. (Vgl. „Traumdeutimg", S. 182, VII. Aufl., S. 185.)
»90 Zur Psychopathologie des AUtagslebrns
bei Fehlgriffen, die schweren Schaden stiften können, in ahnlicher
Weise wie bei den hier behandelten eine unbewußte Absicht in
Erwägung zielien darf.
Hier läßt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im
Stiche, und ich bleibe auf Vermutungen und SchUisse angewiesen.
Es ist bekannt, daß bei den schwereren Füllen von Psyclioneurose
Selbstbeschädigungen gelegentlich als Krankheitssymptome auf-
treten, und daß der Ausgang des psychischen Konflikts in Selbst-
mord bei ihnen niemals auszuschheßen ist. Ich habe nun erfahren
und kann es durch gut aufgeklärte Beispiele belegen, daß viole scheinbar
zufallige Schädigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich Solbst-
beschädigungen sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur
Selbstbestrafung, die sich sonst als Srlbstvorwurf äußert, oder ihren
Beitrag zur Symptombildung stellt, eine zunillig gebotene äußere
Situation geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur b'rreichung des
gewünschten schädigenden Effekts nachhilft. Solche Vorkommnisse
sind auch bei mittelschweren Fällen keineswegs selten, und sie
verraten den Anteil der unbewußten Absicht durch eine Reihe
von besonderen Zügen, zum Beispiel durch die nufrälhge Fassung,
welche die Krankon bei dorn angeblichen Unglücksfalle bewahren*.
Aus meiner ärztlichen Krfahrutig will ich anstatt vieler nur
ein einziges Beispiel ausfühilich berichten: Eine junge Frau bricht
sich bei einem VVagenunfall die Knochen des einen IJnter.'^chenkels,
so daß sie für Wochen bettlägerig wird, fällt dabei durch den
Mangel an Schmeiy.ensäußorungen und die Ruhe auf, mit der
sie ihr Ungemach erträgt. Dieser Unfall leitet eine lange und
schwere neurotische Erkrankung ein, von der sie endlich durch
Psychoanalyse hergestellt wird. In der Behandlung erfahre ich
j) Die SelBsÜicsclmdigiuifr, die nicht auf volle SrlbslvcriiichliDig hiniiclt, hnt in
unserem gegenwärtigen Kiiltiiriiistunil ülierlmupt keine nndtre Wulil, uls sich hinter
der Zurälligkcit m verbergen, oder sich durt h Simulntinii eiMer»pontnMeii Isrkrankung
durchzuselien. Früher einmal wnr lic ein gcliränrhlidieB Zeichen der Trimcr ; zu
anderen Zeiten konnte lie Tendenzen der Frcimmigkeit und Wcllcntsngung Ausdruck
geben.
VIIL Das Vergreifen
199
die Nebenumstände des Unfalls sowie gewisse Ereignisse, die ihm
vorausgegangen waren. Die junge Frau befand sich mit ihrem
sehr eifersüchtigen Manne auf dem Gute einer verheirateten
Schwester in Gesellschaft ihrer zahlreichen übrigen Geschwister
und deren Männer und Frauen. Eines Abends gab sie in diesem
intimen Kreise eine Vorstellung in einer ihrer Künste, sie tanzte
kunstgerecht Cancan unter großem Beifall der Verwandten, aber
zur geringen Befriedigung ihres Mannes, der ihr nachher
zuzischelte: Du hast dich wieder benommen wie eine Dirne. Das
Wort traf; wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob gerade
wegen der Tanzproduktion. Sie schlief die Nacht unruhig, am
nächsten Vormittag begehrte sie eine Ausfahrt zu machen. Aber
sie wählte die Pferde selbst, refüsierte das eine Paar und verlangte
ein anderes. Die jüngste Schwester wollte ihren Säugling mit
seiner Amme im Wagen mitfahren lassen; dem widersetzte sie
sich energisch. Auf der Fahrt zeigte sie sich nervös, mahnte den
Kutscher, daß die Pferde scheu würden, und als die unruhigen
Tiere wirklich einen Augenblick Schwierigkelten machten, sprang
sie im Schrecken aus dem Wagen und brach sich den Fuß,
während die im Wagen Verbliebenen heil davonkamen. Kann
man nach der Aufdeckung dieser Einzelheiten kaum mehr
bezweifeln, daß dieser Unfall eigentlich eine Veranstaltung war,
so wollen wir doch nicht versäumen, die Geschicklichkeit zu
bewundern, welche den Zufall nötigte, die Strafe so passend für
die Schuld auszuteilen. Denn nun war ihr das Cancantanzen für
längere Zeit unmöglich gemacht.
Von eigenen Selbstbeschädigungen weiß ich in ruhigen Zeiten
wenig zu berichten, aber ich finde mich solcher unter außer-
ordentlichen Bedingungen nicht unfähig. Wenn eines der Mitglieder
meiner Familie sich beklagt, jetzt habe es sich auf die Zunge
gebissen, die Finger gequetscht usw., so erfolgt anstatt der
erhofften Teilnahme von meiner Seite die Frage: Wozu hast du
das getan? Aber ich habe mir selbst aufs schmerzhafteste den
Boo Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Daumen eingeklemmt, naclidem ein jugeiidlichcr Patient in der
Behandlungsstunde die (natürlich nicht ernsthaft zu nehmende)
Absicht bekannt hatte, meine älteste Tochter zu heiraten, während
ich wußte, daß sie sich gerade im Sanatorium in äußerster
Lebensgefahr befand.
Einer meiner Knaben, dessen loliliafies Teinpeniment der
Krankenpflege Schwierigkeiten zu bereiten jiflegio, hatte eines
Morgens einen Zornanfall gehabl, weil man ihm zugomutet
hatte, den Vormittag im Bette zuzubringen, luid gedroht sich
umzubringen, wie es ihm aus der '/fitung bekannt geworden
war. Abends zeigte er mir eine Heule, dii^ er sicli durch
Anstoßen an die Türklinke an der Seite des Urustkorbes zugezogen
hatte. Auf meine ironische Frage, wozu er das getan und was
er damit gewollt habe, antwortete das elf jährigt' Kind wie
erleuchtet: Das war mein Selbslmnrdversuch, mit dem ich in der
Früh gedroht habe. Ich glaube übrigens nicht, dali meine
Anschauungen über die Selbstbeschädiginig meinen Kindern damals
zugänglich waren.
Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung
— wenn der ungeschickte Ausdruck gestattet ist — glaubt, der
wird dadurch vorbereitet, anzunehmen, daß es außer dem bewußt
absichtliclien Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung
— mit unbewußter Absicht — g'bt, die eine Lebensbedrohung
geschickt auszunützen und sie als zufällige Verunglückung zu
maskieren weiß. Eine solche braucht ktMueswegs selten zu sein.
Denn die Tendenz zur Selbstvornichtung ist bei sehr viel mehr
Menschen in einer gewissen Stärke vorhanden, als bei denen sie
äch durchsetzt; die Sclbstbeschädigungen sind in der Regel ein
Kompromiß zwischen diesem Trieb und den ihm noch entgegen-
wirkenden Kräften, und auch wo es wirklich zum Selb.stmord
kommt, da ist die Neigung dazu eine lange Zeit vorher in
genngerer Stärke oder als unbewußte und unterdrückte Tendenz
vorhanden gewesen.
1
VJILDas Fergreifen
201
Auch die bewußte Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel
und Gelegenlieit; es ist ganz im Einklang damit, w'enn die
unbewußte einen Anlaß abwartet, der einen Teil der Verursachung
auf sich nehmen und sie durch Inanspruchnahme der Abwehr-
kräfte der Person von ihrer Bedrückung frei machen kann' Fs
sind keineswegs müßige Erwägungen, die ich da vorbringe; mir
ist mehr als ein Fall von anscheinend zufalligem Verunglücken
(zu Pferde oder aus dem Wagen) bekannt geworden, dessen
nähere Umstände den Verdacht auf unbewußt zugelassenen Selbst-
mord rechtfertigen. Da stürzt z. B. während eines Offiziers Wett-
rennens ein Offizier vom Pferde und verletzt sich so schwer, daß
er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, nachdem er zu
sich gekommen, ist in manchen Stücken auffällig. Noch bemerkens-
werter ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief verstimmt
durch den Tod seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen
in der Gesellschaft seiner Kameraden befallen, er äußert Lebens-
überdruß gegen seine vertrauten Freunde, will den Dienst
quittieren, um an einem Kriege in Afrika Anteil zu nehmen,
der ihn sonst nicht berührt^; früher ein schneidiger Reiter, weicht
er jetzt dem Reiten aus, wo es nur möghch ist. Vor dem Wett-
i) Der Fall ist dann schlicDlich kein anderer als der des sexuellen Attentats auf
eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch die volle Muskelkraft des
Weibes ahgewehrt werden kann, weil ihm ein Teil der unbemißton Regungen der
Angegriffenen fordernd entgegenkommt. Man sagt ja wohl, eine solche Situation
lähme die Kräfte der Frau; man braucht dann nur noch die Gründe für diese
Lälimung hinzmufdgen. Insofern ist der geistreiche Richterspruch des Sancho
Pansa, den er als Gouverneur auf seiner Insel fällt, psychologisch ungerecht (Don
Quijote, II. Teil. Kap. XLV). Eine Frau zerrt einen Ma.m vor den Richter, der sie
angeblich gewaltsam ihrer Ehrp beraubt hat. Sancho entschädigt sie durch die volle
Geldbörse, die er dem Angeklagten abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange
der Frau die Erlaubnis, ihr nachiueilen imd ihr die Börse wieder lu entreißen. Sie
kommen beide rmgend wieder, und die Frau rülimt sich, daß der Bösewicht nicht
imstande gewesen sei, sich der Börse ^^x bemächtigen. Darauf Sancho: „Hättest du
deine Ehre halb so ernsthaft verteidigt wie diese Börse, so hätte sie dir" der Mann
nicht rauben können."
a) Daß die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie der bewußten
Seibstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten Weg scheut, ist einleuthtend
Vgl. im „Wallenstein-' die Worte des schwedischen Hauptmannes über den Tod des
Max Piceolomini; „Man sagt, er wollte sterben,"
soa
Zur Psychopathologie des AlltagslAais
rennen endlich, dem er sich nicht entziehen kann, äußert er eine
trübe Ahnung; wir werden uns bei unserer Auffassung nicht
mehr verwundern, daß diese Ahnung recht behielt. Man wird
mir entgegenhalten, es sei ja ohne weiteres versLiindHch, daß ein
Mensch in solch nervöser Depression das Tier nicht zu meistern
versteht wie in gesunden Tagen. Icli bin ganz einverstanden; nur
möchte ich den Meclianismus dieser motorischen Hemmung durch
die „Nervosität^' in der hier betonten Selbstvernichtungsabsicht
suchen.
S. Ferenczi in Budapest hat mir die Analyse eines Falles
von angeblich zufälliger Schufiverletzung, den er für einen
unbewußten Selbstmordversuch erklärt, zur Veröffentlichung über-
lassen. Ich kann mich mit seiner Auffassung nur einverstanden
erklären :
„J. Ad., sajähriger Tischlergeselle, suchte micli am 18. Jänner
1908 auf. Er wollte von mir erfahren, ob die Kugel, die ihm
am 120. März 1907 in die linke Schlafe eindrang, operativ entfernt
werden könne oder müsse. Von zeitweise nuflretenden, nicht allzu
heftigen Kopfschmerzen abgesehen, fühlt er sich ganz gesund,
auch die objektive Untersuchung ergibt außer der charakteristischen,
pulvergesch%värzten Schußnarbe an der linken Schläfe gar nichts,
so daß ich die Operation widerrate. Über die Umstände das, Falles
befragt, erklärt er, sich zufällig verletzt zu liaben. Kr spielte mit
dem Revolver des Bruders, glaul)te, daß er nicht geladen
ist, drückte ihn mit der linken 1 bind an die linke Schläfe (er
ist nicht Linkshänder), legte den Finger an den Ihilni, und der
Schuß ging los. Drei Patronen waren in der sechs
läufigen Schußwaffe. Ich frage ihn: wie er auf die Idee
kam, den Revolver zu sich zu nehmen. Fr erwidert, daß es zur
Zeit seiner Assentierung war; den Abend zuvor nahm er die
Waffe ins Wirtshaus mit, weil er Schlägereien befürchtete. Bei
der Musterung wurde er wegen Krampfadern für untauglich
erklärt, worüber er sich sehr schämte. Kr ging nach Hause,
iL
rill. Das Vergreifen
203
spielte mit dem Revolver, hatte aber nicht die Absicht sich
wehe zu tun; da kam es zum Unfall. Auf die weitere Frage
wie er sonst mit seinem Schicksal zufrieden gewesen sei, antwortete
er mit einem Seufzer und erzählte seine Liebesgeschichie mit
einem Mädchen, das ihn auch liebte und ihn trotzdem verheß • sie
wanderte rein aus Geldgier nach Amerika aus. Er wollte ihr
nach, docli die Eltern hinderten ihn daran. Seine Geliebte reiste
am 20. Jänner 1907, also zwei Monate vor dem Unglücksfalle,
ab. Trotz all dieser Verdachtsmomente beharrte der Patient dabei,
daß der Schuß ein ,Unfall' war. Ich aber bin fest überzeugt, daß
die Nachlässigkeit, sich von der Ladung der Waffe vor dem
Spielen nicht überzeugt zu haben, wie auch die Selbstbeschädigung
psychisch bestimmt war. Er war noch ganz unter dem depri-
mierenden Eindruck der unglücklichen Liebschaft und wollte
offenbar beim Militär ,vergessen'. Als ihm auch diese Hoffnung
genommen wurde, kam es zum Spiele mit der Schußwaffe, das
heißt zum unbewußten Selbstmordversuch. Daß er den Revolver
nicht in der rechten, sondern in der linken Hand hielt, spricht
entschieden dafür, daß er wirklich nur ,spielte', d. h. bewußt
keinen Selbstmord begehen wollte."
Eine andere, mir vom Beobachter überlassene Analyse einer
anscheinend zufälligen Selbstbeschädigung bringt das Sprichwort:
j^Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" in Erinnerung.
„Frau X., aus gutem bürgerlichen Milieu, ist verheiratet und
hat drei Kinder. Sie ist zwar nervös, brauchte aber nie eine
energische Behandlung, da sie dem Leben doch genügend gewachsen
ist. Eines Tages zog sie sich in folgender Weise eine momentan
ziemhch imponierende, aber vorübergehende Entstellung ihres
Gesichtes zu. In einer Straße, welche zurecht gemacht wurde,
stolperte sie über einen Steinhaufen und kam mit dem Gesichte
in Berührung mit einer Hausmauer. Das ganze Gesicht war
geschrammt, die Augenlider wurden blau und ödematös, und da
sie Angst bekam, es möchte mit ihren Augen etwas passieren,
204- Zur Psychopathologie des Alltagslehens
ließ sie den Arzt rufen. Nachdem sie deswegen beruhigt war,
fragte icli: ,Aber warum sind Sie eigenthch so gefallen?' Sie
erwiderte, daß sie gerade zuvor ihren Mann, der seit einigen
Monaten eine Gelen ksafTektion liatte, wodurch er schlecht zu
Fuß war, gewarnt halte, in dieser Straße gut aufzupassen, und
sie hatte ja schon öfters die Krfalirurig gemacht, daß in derartigen
Fällen merkwürdigerweise ihr seibor dasjenige passierte, wovor
sie eine andere Person gewarnt halte.
Ich war mit dieser Determinierung ihres Unfalles nicht zufrieden
und fragte, ob sie nicht vicUoirht etwas mehr zu erzählen wüßte.
Ja, gerade vor dem Unfall hatte sie in elni'in Laden von der
entgegengesetzten Seite der Straße ein hübsches Bild gesehen,
das sie sich ganz plötzlich als Schmuck für die Kinderstube
wünschte und darum sofort kaufen wollte: da ging sie geradeaus
auf den Laden zu, ohne auf die Straße zu achten, stolperte über
den Steinhaufen und fiel mit ihrem Gesichte gegen die Haus-
mauer, ohne auch nur den leisesten Vprsuch zu machen, sich
mit den Händen zu schützen. Der Vorsatz, das Bihl zu kaufen,
war gleich vergessen, und sie ging eiligst nach Hause. — ,Aber
warum liaben Sie nicht besser zugeschaut?' fragio ich. — ,Ja,'
antwortete sie, ,es war viuUeiclit doch eine Strafe! Wegen der
Geschichte, welche ich Ihnen schon nu Vertrauen erzählt habe.'
— ,Hat diese Geschichte Sie dann noch immer so getiuült?' —
^a — nachher habe ich es sehr bedauert, mich selbst boshaft,
verbrecherisch und unmoralisch gefunden, aber iih war damals
fast verrückt vor Nervosität.'
Es hatte sich um einen Abortus gehandelt, welchen sie mit
Einverständnis ihres Mannes, da sie beide wegen ihrer pekuniären
Verhältnisse von mehr Kindersegen verschont bleiben wollten, von
einer Kurpfuscherin hatte einleiten und von einem Spezialarzt
zu Ende bringen lassen.
»Öfters mache ich mir den Vorwurf: aber du hast doch dein
Kind töten lassen, und ich hatte Angst, daß so etwas doch nicht
;
VIII, Das Vergreifen 203
ohne Strafe bleiben könnte. Jetzt, da Sie mir versichert haben
daß mit den Augen nichts Schhmnies vorliegt, bin ich eanz
beruhigt: ich bin nun sowieso schon genügend gestraft.'
Dieser Unfall war also eine Selbstbestrafung einerseits um für
ihre Untat zu büßen, andererseits aber, um einer vielleicht viel
größeren unbekannten Strafe, vor welcher sie monatelang fort-
während Angst hatte, zu entgehen. In dem Augenblick, als sie
auf den Laden losstürzte, um sich das Bild zu kaufen, war die
Erinnerung an die ganze Geschichte mit all ihren Befürchtungen,
welche sich schon während der Warnung ihres Mannes in ihrem
Unbewußten ziemlich stark regte, überwältigend geworden und
hätte vielleicht in einem etwa derartigen Wortlaut Ausdruck
finden können: Aber wofür brauchst du einen Schmuck für die
Kinderstube, du hast dein Kind umbringen lassen! Du bist eine
Mörderin! Die große Strafe naht ganz gewiß!
Dieser Gedanke wurde nicht bewußt, aber statt dessen benützte
sie in diesem, ich möchte sagen, psychologischen Moment die
Situation, um den Steinhaufen, der ihr dafür geeignet schien, in
unauffälliger Weise für die Selbstbestrafung zu verwenden; des-
wegen streckte sie beim Fallen auch nicht einmal die Hände
aus und darum kam es auch nicht zu einem heftigen Erschrecken.
Die zweite, wahrscheinlich geringere Determinierung ihres Unfalles
ist wohl die Selbstbestrafung wegen des unbewußten
Beseitigungs Wunsches gegen ihren, allerdings in dieser Affäre mit-
schuldigen Mann. Dieser Wunsch hatte sich durch die vollkommen
überflüssige Warnung verraten, in der Straße mit dem Steinhaufen
ja gut aufzupassen, da der Mann, eben weil er schlecht zu Fuß
war, sehr vorsichtig ging'."
1) Van Emden. Selbstbestrafiuig wegen Abortus. (ZcntraDjI. f. Psychoanalyse,
11/12.) — Ein Korrespondent schreibt zum Thema der „Selbstbestrafung durch Fehl-
leistungen": Wenn man darauf achtet, wie sich die Leute auf der Straße benehmen
hat man Gelegenheit lu konstatieren, wie oft den Männern, die — wie schon üblich
— den vorübergehenden Frauen nachschauen, ein kleiner Unfall passiert. Bald ver-
staucht einer — auf ebener Erde — den FuO, bald rennt er eine Laterne an oder
verletzt sich auf andere Art.
2o6 Zur Psychopathologie des Atltagslehens
Wenn man die nälieren Unislände des Falles erwägt, wird
man auch geneigt sein, J. Stärcke (I.e.) recht zugeben, wenn
er eine anscheinend zufällige Selbstbeschädigung durch Verbrennung
als „Opferhandlung" auffaßt:
„Eine Dame, deren Schwiegersohn nach Deutschland abreisen
mußte, um dort in MiHtärdienst zu gehen, verbrühte sich den
Fuß unter folgenden Umständen. Ihre Tocliter erwartete bald die
Niederkunft, und die Gedanken au die Kriegsgefahren stimmten
selbstverständlich die ganze Familie nicht sehr munter. Am Tage
vor der Abreise hatte sie ihren Schwiegersohn und ihre Tochter
zum Essen eingeladen. Sie bereitete selber in der Küche das
Essen, nachdem sie zuerst, sonderbar genug, ihre hohen Schnür-
stiefel mit Plattfußsohlen, auf denen sie bequem gehen kann und
die sie auch zu Hause gewohnhch trügt, mit einem Paar zu
großer, oben offener Pantoffeln ihres Mannes vertauscht hatte.
Als sie eine große Pfanne kochender Suppe vom Feuer nahm,
Heß sie diese fallen und verbrühte sich dadurch ziemlicli ernst
einen Fuß, zumal den Fußrücken, der vom offenen Pantoffel
nicht geschützt wurde. — Selbstverständlich wurde dieser Unfall
von jedermann auf Rechnung ihrer begreiflichen , Nervosität'
gesclirieben. Die ersten Tage nach diesem [iniiiddjjfor war sie mit
heißen Gegenstanden sehr vorsichtig, wodurch sie aber nicht
gehindert wurde, sich wenige Tage später den einen Puls mit
heißer Brtihe zu verbrühen'.
i] In eit)«r lehr großen Anialil solcher Fälle von UnfallsbescMdignng oder Tötung
bleibt die Auffassung zweifelhaft. Der l''i'rnerstel»pnile wird keine» AnluD finden, im
Unfall etwas anderes als einen Ziifolt zu sehen, während eine dem Verimgliieklcn
nahestehende und mit intimen Einiclhcilcn bekannte l'orson Gründe hat, die unbe-
wußte Absicht hinler dem Zunill i.u vernmlen. Welcher Art diese Kenntnis sein soll
und auf was für Nebcmimülündc es diihi'i «nkonimt, duvun ^ihl der nachstehende
Bericht eines jungen Mannes, dessen Braut auf der Straße Überfuhren worden, ein
gute» Beispiel:
„Iva September vorigen Jahres lernte ich ein Priiul«in Z. kennen, Alter 5+ Jahre.
Sie lebto in wohlhabenden Verhältnissen, wnr vor di'iii Krieg-e verlobt gewesen, der
Bräutigam jedoch nln aktiver Offizier iijiG gefallen. Wir lernten einander kennen
und h'ebcn, itmöchst ohne den Ciedunkcn einer Heirat, da die Umsläiide, nanienllieh
der Altersunterschied — ich selbst wnr 27 Jahre — es beiderseitig nicht luxiilnsscn
i.
VIII. Das Fergreifen
207
Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das
eigene Leben hinter ansclieinend zufalliger Ungeschicklichkeit und
molorischer Unzulänglichkeit verborgen sein kann so braucht
man keinen großen Schritt mehr zu tun, um die Übertraffune;
der nämlichen Auffassung auf Fehlgriffe möglich zu finden welche
Leben und Gesundheit anderer ernstlich in Gefahr bringen. Was
ich an Belegen für die Triftigkeit dieser Auffassung vorbringen
kann, ist der Erfahrung an Neurotikern entnommen, deckt sich
also nicht völlig mit dem Erfordernis. Ich werde über einen Fall
berichten, in dem mich nicht eigentlich ein Fehlgriff, sondern,
was man elier eine Symptom- oder Zufallshandlung nennen
kann, auf die Spur brachte, welche dann die Lösung des Konflikts
bei dem Patienten ermöglichte. Ich übernahm es einmal, die Ehe
eines sehr intelligenten Mannes zu bessern, dessen Mißhelligkeiten
mit seiner ihn zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiß auf
reale Begründungen berufen konnten, aber, wie er selbst zugab,
durch diese nicht voll erklärt wurden. Er beschäftigte sich unab-
sdiiesen. Da wir in der gleichen Straße uns gegenüber wolinten und wir täglich
zusammen waren, nahm der Verkehr im Laufe der Zeit intime Formen an. Damit
rückte der Gedanke einer ehelichen Verbindung iiälier, und ich stimmte ihm
schließlich selbst iu. Zu Ostern d. J. war die Verlobung geplant; Fräulein Z. beab-
sichtigte jedoch vorher eine Reise lu ihren Verwandten in M. iw unternehmen, die
durch einen infolge des Kapp-Putsches hervorgerufenen Eisenbahnerstreik plötzlich
verhindert wurde. Die trüben Aussichten, die sich für die weitere Zukunft durch den
Sieg der Arbeiterschaft imd dessen Folgen zu eröffnen schienen, machten sich kurze
Zeit auch in unserer Stimmung, besonders aber bei Fräulein Z., die auch sonst recht
wechselnden Stimmungen unterworfen war, geltend, da sie neue Hindernisse für
unsere Zukimft zu sehen glauite. Am Samstag, dem lo. MtLrz, jedoch befand sie sich
in ausnehmend froher Gemütsverfassung, ein Umstand, der mich geradezu über-
raschte und mitriß, so daß wir alles in den rosigsten Farben zu sehen glaubten. Wir
hatten einige Tage vorher davon gesprochen, gelegentlich gemeinsam zur Kirche zu
gehen, ohne jedoch eine bestimmte Zeit festzusetzen. Am folgenden Morgen, Sonntag
den 21. Mäiz, um 9 Uhr 15 Minuten, rief sie mich telephonisch an, ich möchte sie
gleich zum Kirchgang abholen, was ich ihr indes abschlug, da ich nicht rechtzeitig'
hätte fertig werden können und Überdies Arbeiten erledigen wollte. Fräulein Z. war
merklich enttäuscht, machte sich dann allein auf den Weg, traf auf der Treppe ihres
Hauses einen Bekannten, mit dem zusammen sie den kurzen Weg durch die Tuuen-
lienstraße bis zur Kankestraße ging, in bester Stimmung, oluie daß sie irgendetwas
über unser Gespräch äußerte. Der Herr verabschiedete sich mit einem Scherzvvort
— Fräulein Z. hatte nur den an dieser Stelle verbreiterten und klar übersehbaren
Damm ^\^ überschreiten — da wurde sie dicht am Biirgersteig von einer Pferde-
208
Zur Psychopathologie des Alltagslebens
lassig mit dem Gedanken der Schei(!ung, dfin er dann wieder
verwarf, weil er seine beiden kleinen Kinder zärtlich liebte.
Trotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz zurück und
versuchte dabei kein Mittel, um sich die Situation erträglich zu
gestalten. Solches Nichtfertig werden mit einem Konniki gilt mir,
als Beweis dafür, daß sich unbewußte und verdrängte Motive zur
Verstärkung der miteinander streitenden bewußten bereit gefunden
haben, und ich unternehme es in solchen Fallen, den Konflikt
durch psychische Analyse zu beenden. Der Mann erzählte mir
eines Tages von einem kleinen Vorfall, der ihn aufs äußerste
erschreckt hatte. Er „het/.lc" mit seinem älteren Kinde, dem
weitaus geliebteren, hob es hoch und ließ es nieder und einmal
an solcher Stelle und so hotb, daß das Kind mit dem Scheitel
fest an den schwer herabhängenden Gasluster angestoßen wäre.
Fast, aber doch eigentlich nicht oder gerade eben noch! Dem
Kinde war nichts geschehen, aber es wurde vor Schreck schwindlig.
Der Vater blieb entsetzt mit dem Kinde im Arme stehen, die
droschke überfahren (Lcbcrquctscluiiip, die einige .''lundm später den Tod herbei-
führte). — Uie Stelle hnbcn wir früher Iliinilerlo von Milien begangen; l'rdulcin Z.
war überaus vorsichtif;, hat mich seibat sehr oft vor Unvnrsicliligkeiten lurück-
gehalten, an diesem Morgen fuhren fiist ühcrlunipt keine l'iihrwerke, die Straßen-
bahnen, Omnibusse usw, streikten -- gerade um diese 7,eit herrschte fiist absolute
Ruhe, die Droschke muDte sie, wenn nicht sehen, unbedingt hören! — Alle Welt
glaubt an einen , Zufall' — mein erster (leilnnke war; Das Ist imniügücli — von
einer Absicht kann allerdings aiicli keine Hede sein, leb versuchte eine psychologische
Erklärung. Nach längerer Zeit glniibtc ieh sie in Ihrer ,I'8ycliopat)iologie des Alltags-
lebens* gefimden xu haben. Zumal Friiulein Z. bisweilen eine gewisse Neigung ziun
Selbstmord äußerte, ja, auch mich daiu lu veranlassen suchte, Gedanken, die ich
ihr oft genug Busgerfdct hiihc; i. R. liegiinn sie iinch iwci Tnpe vorjier uncli der
Rückkehr von einem Spaiicrgang äußerlich ganz uinnoliviert von ilu-em Tode imd
Erbschaftsregulierungen lu sprechen ; Ictitcro hat sie übrigens nicht vorgenommen!
Ein Zeichen, da0 diese Äußerungen bestimmt auf keine Abtichl luriickiu führen sind.
Wenn ich mein unmaflgebli<'hcs Urteil liiirüher aussprechen dfU"f, io wäre es das,
daß ich in diesem Unglück nicht einen Zurall, nuch keine Wirkung eiuLT Bewußt-
■einstrubung, sondern eine in unbewußter Abüieht ausgeführte absichtliclie Sclbst-
Tcmichtung sehe, die als zufällige Vernngliickiuig maskiert war. Bestärkt werde ich
in dieser Auffassung durch AiiüiTUnpi-n von I''riiiileiu Z, gegenüliir ihren Verwandten,
sowohl früher, als sie mich noch nicht kannte, als auch später, wie auch mir gegen-
über bis in die letzten Tage hinein — alles aufinfassen als eine Wirkung des Ver-
luites ihres früheren Bräutigairis. den uiclits in ihren AugfU in ersel^eii imstande
«rar."
VJIL Das Fergreifen
209
Mutter bekam einen hysterischen Anfall. Die besondere Geschick-
lichkeit dieser unvorsichtigen Bewegung, die Heftigkeit der Reaktion
bei den Eltern legten es mir nahe, in dieser Zufälligkeit eine
Symptomhandlung zu suchen, welche eine böse Absicht gegen
das gelieble Kind zum Ausdruck bringen sollte. Den Widerspruch
gegen die aktuelle Zärtlichkeit dieses Vaters zu seinem Kinde
konnte ich aufheben, wenn ich den Impuls zur Schädigung in
die Zeit zu rück verlegte, da dieses Kind das einzige und so klein
gewesen war, daß sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe
zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht anzunehmen,
daß der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den
Gedanken gehabt oder den Vorsatz gefaßt: Wenn dieses kleine
Wesen, an dem mir gar nichts liegt, stirbt, dann bin ich frei
und kann mich von der Frau scheiden lassen. Ein Wunsch nach
dem Tode dieses jetzt so geliebten Wesens mußte also unbewußt
weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur unbewußten
Fixierung dieses Wunsches leicht zu finden. Eine mächtige Deter-
minierung ergab sich wirklich aus der Kindheitserinnerung des
Patienten, daß der Tod eines kleines Bruders, den die Mutter
der Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Aus-
einandersetzungen zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung
geführt hatte. Der weitere Verlauf der Ehe meines Patienten
bestätigte meine Kombination auch durch den therapeutischen
Erfolg.
J. Stärcke (1. c.) hat ein Beispiel dafür gegeben, daß Dichter
kein Bedenken tragen, ein Vergreifen an die Stelle einer absicht-
lichen Handlung zu setzen und es somit zur Quelle der schwersten
Konsequenzen zu machen:
„In einer der Skizzen von Heyermans' kommt ein Beispiel
von Vergreifen oder, genauer gesagt. Fehlgreifen vor, das vom
Autor als dramatisches Motiv angewandt wird.
1) Hermann Heyermans, Schetsen van Samuel Falkland, 18. Bündel Amster-
dam, H. J. W. Becht, 191+. '
Freud, IV
14
sio Zur Psychopathologie des Alltagsiebens
Es ist die Skizze ,T()ni und Teddie'. — Von einem Taucher-
paar — das in einem Spezialitätenllienter auftritt, längere Zeit
unterm Wasser bleibt und dort Kunststücke ausführt in einem,
eisernen Bassin mit gläsernen Wänden ~ hält die Frau es seit
kurzem mit einem anderen Mann, einem Dresseur. Der Maim-
Taucher hat sie gerade vor der Vorstellung zusammen im
Ankleidezimmer ertappt. Stille Szene, (hobonde Blicke und
der Taucher sagt: ,Nachlier!' — Die Vorstellung fängt an. —
Der Taucher wird das schwierigste Kunststück machen,
er bleibt ,zwei und eine hnlhc Minute in einer hermetisch
geschlossenen Kiste unterm Wasser'. — Sie hatten dieses
Kunststück schon Öfters gemacht, die Kiste wurde geschlossen,
und ,Teddie zeigt dem Publikum, das auf seinen Uhren die Zeit
kontrollierte, den Schlüssel*. Sie ließ aucii absichllich den
Schlüssel ein paarmal ins Bassin fallen und tauchte dann ejlig
danach, um nicht zu spät zu sein, wenn der Koffer geöITnet
werden niuGte.
An diesem Abend des 5 1 . Jänner wunle Tom wie gewöhnlich
von den kleinen Kingern des munter- frischen Weibchens einge-
sperrt. Er lächelte hinter dem Guckloch — sie spielte mit dem
Schlüssel und wartete auf sein warnendes Zeiclien. Zwischen den
Kulissen stand der Dresseur mit seinem tadellosen Frack, seiner
weißen Krawatte, seiner Reitpeitsche. Um ihre Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen, pfiff er ganz kurz, der Dritte. Sie schaute
hin, lachte und mit der uiigescliickten (iebärde von jemand, dessen
Aufmerksamkeit abgelenkt wird, warf sie den Schlüssel so wild
in die Höhe, daß er genau zwei Minuten zwanzig Sekunden,
gut gezählt, neben das Bassin, zwischen dem das Fußgestell
verdeckenden Flaggentuch liel. Keiner hatte es gesehen. Keiner
konnte es sehen. Vom Saal aus gesehen, war die optische
Täuschung so, daß jedermann den Schlüssel ins Wasser gleiten
sah — und keiner der Theaierhelfer merkte es, weil das Flaggen-
tuch den Laut milderte.
..
VIII. Das Vergreifen 2 1 J
Lachend, ohne zu zaudern, kletterte Teddie über den Rand des
Bassins. Lachend — er hielt es wohl aus — kam sie die Leiter
herunter. Lachend verschwand sie unter dem Fußgestell um
dort zu suchen, und als sie den Schlüssel nicht sofort fand
bückte sie sich mit einer Mimik zum Stehlen, mit einem Aus-
druck auf ihrem Gesichte, als ob sie sagte : ,0 jemine, wie das
doch lästig ist!' an der Vorderseite des Flaggentuches.
Unterdessen machte Tom seine drolligen Grimassen hinter
dem Guckluch, wie wenn auch er unruhig würde. Man sah das
Weiß seines falschen Gebisses, das Kauen seiner Lippen unter
dem Flachsschnurrbart, die komischen Atemblasen, die man auch
beim Apfelessen gesehen hatte. Man sah das Grabsen und
Wühlen seiner bleichen Knöchelfinger und man lachte, so wie
man diesen Abend schon öfter gelacht hatte.
Zwei Minuten und achtundfünfzig Sekunden . . .
Drei Minuten sieben Sekunden . . . zwölf Sekunden . . .
Bravo! Bravo! Bravo' . . .
Da entstand eine Bestürzung im Saale und ein Scharren mit
den Füßen, weil auch die Knechte und der Dresseur zu suchen
anfingen und der Vorhang fiel, bevor der Deckel aufgehoben war.
Sechs englische Tänzerinnen traten auf — dann der Mann
niit den Ponys, Hunden und Affen. Und so weiter.
Erst am nächsten Morgen vernahm das Publikum, daß ein
Unglück geschehen war, daß Teddie als Witwe auf der Welt
zurückblieb. . ."
Aus dem Zitierten geht hervor, wie vorzüglich dieser Künstler
selber das Wesen der Symptomhandlung verstanden haben muß,
um uns so treffend die tiefere Ursache der tödlichen Unge-
schicklichkeit vorzuführen."
M-
IX
SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNGEN
Die bisher beschriebenen Handluiifren, in il(>non wir die Aus-
führung einer unbewußten Absicht erkannten, traten als Störungen
anderer beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem
Vorwand der UngeschickHclikeii. Die Zufiiüshandkuigeii, von denen
jetzt die Rede sein soll, unterscheiden sich von denen des Ver-
greifens nur dadurcli, daß sie die Anlehnung an eine bewußte
Intention versclimÜhen mul also des Vorwandes nicht bedürfen. ;
Sie treten für sich auf und werden zugelassen, woil man Zweck ^
und Absicht bei ihnen nicht vermutet. Man führt sie aus, „ohne
sich etwas bei ihnen zu denken", nur „rein /.unillig", „wie um '
die Hände zu beschäftigen", und man reclinet darauf, daß solche [
Auskunft der Nachforschung nach der Bedeutung der Handlung
ein Ende bereiten wird. Um sich dieser Ausnahmsstellung l
erfreuen zu können, müssen diese Handlungen, die nicht mehr
die Entschuldigung der Ungeschicklichkeit in Anspruch nehmen,
bestimmte Bedingungen erfüllen; sie müssen unauffäthoskop (er ist nämlich Neurologe), und sobald er eines nötis;
hat, benützt er ein doppeltes für beide Ohren. Zweitens waren
alle, seine medizinischen Apparate und Instrumente in Schubkästen
untergebracht, mit alleiniger Ausnahme dieses einen. Gleichwohl
dachte er nicht mehr an die Sache, bis ihn eines Tages eine
Patientin, die noch nie ein ,einfaches' Stethoskop gesehen hatte,
fragte, was das sei. Er sagte es ihr, und sie fragte, warum er
es gerade hieher gestellt habe, worauf er schlagfertig erwiderte,
daß dieser Platz ebensogut wäre wie jeder andere. Dies machte
ihn jedoch stutzig und er begann nachzudenken, ob dieser Handlung
nicht irgendeine unbewußte Motivierung zugrunde liege und, ver-
traut mit der psychoanalytischen Methode, beschloß er, die Sache zu
erforschen.
Als erste Erinnerung fiel ihm die Tatsache ein, daß als Student
der Medizin die Gewohnheit seines Spitalarztes auf ihn Eindruck
gemacht hatte, der immerwährend ein einfaches Stethoskop bei
seinen Besuclien in den Krankensälen in der Hand gehalten hatte,
obgleich er es niemals benützte. Er hatte diesen Arzt sehr
bewundert und war ihm außerordentlich zugetan. Später, als er
selbst die Spitalpraxis ausübte, nahm er die gleiche Gewohnheit
an und hätte sich unbehaglich gefühlt, wenn er durch ein Ver-
sehen sein Zimmer verlassen hätte, ohne das Instrument in der
Hand zu schwingen. Die Nutzlosigkeit dieser Gewohnheit zeigte
sich jedoch nicht nur in der Tatsache, daß das einzige Stethoskop,
welches er in Wirklichkeit benutzte, eines für beide Ohren war,
das er in der Tasche trug, sondern auch darin, daß sie fort-
gesetzt wurde, als er auf der chirurgischen Abteilung war und
überhaupt kein Stethoskop mehr brauchte. Die Bedeutung dieser
2l8
Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Beobachtungen wird sogleich klar, wenn wir auf die phallische
Natur dieser symbolischen Handlung hinweisen.
Als nächstes erinnerte er die Tatsache, daß ihn als kleinen
Jungen die Gewohnheit seines Ihiusarztes frnijpiort hatte, ein
einfaches Stethoskop im Innern seines Hutos zu tnigen; er fand
es interessant, daß der Doktor sein HauptinsIrumenL immer zur
Hand habe, worin er Patienten besuchen gtn^, und daß er nur
den Hut (d. i. einen Teil seiner Kleidung) ab/uuehmen und ,es
herauszuziehen* hatte. Er war als kleines Kind diesem Arzte
überaus anhänglich gewesen und konnte kür/.lidi durch Selbst-
analyse aufdecken, daß er im Alter von dreieiidiall) Jahren eine
doppelte Phantasie in betreff der Geburt einer jüngeren Schwester
gehabt halte: nämlich, daß sie das Kind war erstens von ihm
selbst und seiner Mutter, zweitens vom Doktor und ihm selbst.
In dieser Phantasie spielte er also sowohl die männliche wie die
weibliche Rolle. Kr erinnerte ferner, im Alter von sechs Jahren
von demselben Ar/.t untersucht worden zu sein, und entsinnt
sich deutlich der wollüstigen l'^mpliiHlung, als er den Kopf des
Doktors der ihm das Stethoskop an die Brust drückte, in seiner
Nähe fühlte, sowie der rhythmi.sch hin- und hergehenden Atmungs-
bewegung. Im Alter von drei Jahren hatte er ein chronisches
Brustübel gehabt und mußte wiederlioll untersucht worden sein,
wenn er das auch tatsächlich nicht mehr erinnern konnte.
Im Alter von acht Jahren machte die Mitteilung eines älteren
Knaben Kindruck auf ihn, der ihm sagte, es sei Sitte des Arztes,
mit seinen Patientinnen zu Bette zu gehen. Vs gab sicherlich in
Wahrheit einen Grund zu diesem Gerütlite und auf alle Fälle
waren die Frauen der Nachbarschaft, einschließlich seiner eigenen
Mutter, dem Jungen und netten ArzLe sehr zugetan. Der Ana-
lysierte selbst hatte bei verschiedenen Gelegenheiten sexuelle Ver-
suchungen in bezug auf seine Palienliinien erfahren, hatte sich
zweimal in solche verliebt und schließlich eine geheiratet. Es ist
kaum zweifelhaft, daß seine unbewußte Identifizierung mit dem
IX. Symptom- und Zufallskandlungen 219
Doktor der hauptsächlichste Grund war, der ihn bewo^ den Beruf
des Mediziners zu ergreifen. Aus andeien Analysen läßt sich
vermuten, daß dies sicherlich das häufigste Motiv ist (obgleich es
schwer ist zu bestimmen, wie häufig). Im vorhegenden Falle war es
zweifach bedingt : erstens durch die bei mehreren Gelegenheiten
erwiesene Überlegenheit des Arztes dem Vater gegenüber, auf den
der Sohn sehr eifersüchtig war, und zweitens durch des Doktors
Kenntnis verbotener Dinge und Gelegenheiten zu sexueller Be-
friedigung.
Dann kam ein bereits anderwärts veröffentlichter Traum' von
deutlich homosexuell-masochistischer Natur, in welchem ein Mann,
der eine Ersatzfigur des Arztes ist, den Träumer mit einem
„Schwert" angriff. Das Schwert erinnerte ihn an eine Geschichte
in der Völsung- Nibelungen-Sage, wo Sigurd ein bloßes Schwert
zwischen sich und die schlafende Brünhilde legt. Die gleiche
Geschichte kommt in der Arthus-Sage vor, die unser Mann eben-
falls genau kennt.
Der Sinn der Sypmtomhandlung wird nun klar. Der Arzt hatte
das einfache Stethoskop zwischen sich und seine Patientinnen
gestellt, genau so wie Sigurd sein Schwert zwischen sich und die
Frau legte, die er nicht berühren durfte. Die Handlung war eine
Kompromißbildung; sie diente zweierlei Regungen: in seiner Ein-
bildung dem unterdrückten Wunsche nachzugeben, mit irgend-
einer reizenden Patientin in sexuelle Beziehungen zu treten, ihn
aber zugleich zu erinnern, daß dieser Wunsch nicht verwirklicht
werden konnte. Es war sozusagen ein Zauber gegen die An-
fechtungen der Versuchung.
Ich möchte hinzufügen, daß auf den Knaben die Stelle aus
Lord Lyttons ,Richelieu' großen Eindruck machte:
,Be7ieatk the rule of men entirely great
The pen is migbtier than the sworet'^.
1) „Freuds TheoryofDreams", American Jo um. of Psychol., April 1910,5. 301, Nr.7.
2) Vgl. OltUianis „/ wear nrjr pen as others da their sword".
220 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
daß er ein fruchtbart'r ScliriftstelliT gowordcii ist und eine außer-
gewöhnlich große Füllfeder benützt. Als ich ihn fragte, wozu er
dies nötig habe, erwiderte er charakteristischerweise: ,Ich habe
soviel auszudrücken.*
Diese Analyse mahnt uns wieder einmal clar;in, welch weit-
reichende Einblicke In das Scoleiilt'bon uns die »harmlosen' und
jSlnnlosen* Haiidlungon gowiihreii, und wie frühzeitig im Leben
die Tendenz zur Symbolisierung entwickelt ist."
Ich kann noch etwa aus meiner psychotherapeutischen
Erfahrung einen Fall erzählen, in dem die mit einem Klumpen
Brotkrume spielend«? Hand eine beredte Aussage ablegte. Mein Patient
war ein noch nicht 15 jähriger, seit fast zwei Jahren schwer hysteri-
scher Knabe, den ich endlich in psychoanalytische Behandlung
nahm, nachdem ein längerer Aufctitlialt in einer Wasserheilanstalt
sich erfolglos erwiesen liatte. Kr niulite nach meiner Voraus-
setzung sexuelle Erfahrungen gemacht haben und seiner Alters-
stufe entsprechend von sexuellen Fragen gequält sein; ich hütete
mich aber, ihm mit Aufklärungen zu Hilfe m kommen, weil
ich wieder einmal eine Probe auf meine Vorau.ssetzungen anstellen
wollte. Ich durfte also neugierig sein, auf welchem Wege sich
das Gesuchte bei ihm andeuten würde. Da fiel es mir auf, daß
er eines Tages irgend etwas zwischen ilcii l'ingcrn der rechten
Hand rollte, damit in die Tasche fiilir, dort weiter spielte, es
wieder hervorzog usw. Ich fragte nicht, was er in der Hand habe; er
zeigte es mir aber, indem er pliitzljch die Hand öPfnele. Ms war
Brotkrume, die zu einem Klumpen zusammengoknt-lot war. In
der nächsten Sitzung brachte or wirder einen solchen Klumpen
mit, formte aber aus ihm, wöhrond wir das (besprach fiUirten,
mit unglaublicher Haschheit inid bei geschlossenen Augen iMguren,
die mein Interesse erregten. Es waren unzweifelhaft Männchen
mit Kopf, zwei Armen, zwei Beinen, wie die rohesten prähisto-
rischen Idole, und einen Fortsatz zwischen lieiden Beinen, den er
in eine lange Spitze auszog. Kaum daß dieser fertig war, knetete
4
i
TX. Symptom- und Zufallshandlungen
221
er das Männchen wieder zusammen ^ später ließ er es bestehen
zog aber einen ebensolchen Fortsatz an der Rückenfläche und an
anderen Stellen aus, um die Bedeutung des ersten zu verhüllen.
Ich wollte ihm zeigen, wie ich ihn verstanden hatte ihm aber
dabei die Ausflucht benehmen, daß er sich bei dieser menschen-
formenden Tätigkeit nichts gedacht habe. In dieser Absicht fragte
ich ihn plötzlich, ob er sich an die Geschichte jenes römischen
Königs erinnere, der dem Abgesandten seines Sohnes eine panto-
mimische Antwort im Garten gegeben. Der Knabe wollte sich
nicht an das erinnern, was er doch vor so viel kürzerer Zeit als
ich gelernt haben mußte. Er fragte, ob das die Geschichte von
dem Sklaven sei, auf dessen glattrasierten Schädel man die Ant-
wort geschrieben habe. Nein, das gehört in die griechische
Geschichte, sagte ich und erzählte: Der König Tarquinius Superbus
hatte seinen Sohn Sextus veranlaßt, sich in eine feindliche
latinische Stadt einzuschleichen. Der Sohn, der sich unterdes
Anhang in dieser Stadt verschafft hatte, schickte einen Boten an den
König mit der Frage, was nun weiter geschehen solle. Der König
gab keine Antwort, sondern ging in seinen Garten, ließ sich dort
die Frage wiederholen und schlug schweigend die größten und
schönsten Mohnköpfe ab. Dem Boten blieb nichts übrig, als dieses
dem Sextus zu berichten, der den Vater verstand und es sich
angelegen sein ließ, die angesehensten Bürger der Stadt durch
Mord zu beseitigen.
Während ich redete, hielt der Knabe in seinem Kneten inne,
und als ich mich anschickte zu erzählen, was der König in seinem
Garten tat, schon bei den Worten „schlug schweigend", hatte er
mit einer blitzschnellen Bewegung seinem Männchen den Kopf
abgerissen. Er hatte mich also verstanden und gemerkt, daß
er von mir verstanden worden war. Ich konnte ihn nun
direkt befragen, gab ihm die Auskünfte, um die es ihm zu
tun war, und wir hatten binnen kurzem der Neurose ein
Ende gemacht.
222 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Die Symptomhandlungen, die man in fast unerschöpflicher
Reichhaltigkeit bei Gesunden wie bei Kranken beobachten kann,
verdienen unser Interesse aus mehr als einem Grunde. Dem Arzt
dienen sie oft als wertvolle Winke zur Orientierung in neuen
oder ihm wenig bekannten Verhältnissen, dem Mensch enbeobachter
verraten sie oft alles, und mitunter selbst mehr, als er zu wissen
wünscht. Wer mit ihrer Würdigung vertraut ist, darf sich
gelegentlich wie der König Salomo vorkommen, der nach der
orientalischen Sage die Sprache der Tiere verstand. Eines Tages
sollte ich einen mir fremden jungen Mann im Hause seiner
Mutter ärztlich untersuchen. Als er mir entgegentrat, fiel mir ein
großer Eiweißfleck, kenntlich an seinen eigentümlich starren
Rändern, auf seiner Hose auf. Der junge Mann entschuldigte sich
nach kurzer Verlegenheit, er habe sich heiser gefühlt und darum
ein rohes Ei getrunken, von dem wahrscheinlich etwas schlüpf-
riges Eiweiß auf seine Kleidung herabgeronnen sei, und konnte
zur Bestätigung auf die Eierschale hinweisen, die noch auf einem
Tellerchen im Zimmer zu sehen war. Somit war der suspekle
Fleck in harmloser Weise aufgeklärt; als aber die Mutter uns
allein gelassen hatte, dankte ich ihm, daß er mir die Diagnose
so sehr erleichtert habe, und nahm ohne weiteres sein Geständnis,
daß er unter den Beschwerden der Masturbation leide, zur Grund-
lage unserer Unterhaltung. Ein anderes Mal machte ich einen
Besuch bei einer ebenso reichen wie geizigen und närrischen
Dame, die dem Arzte die Aufgabe zu stellen pflegte, sich durch
ein Heer von Klagen durchzuarbeiten, ehe man zur simplen
Begründung ihrer Zustände gelangte. Als ich eintrat, saß sie bei
einem Tischchen damit beschäftigt, Silbergulden in Häufchen zu
schichten, und während sie sich erhob, warf sie einige der Geld-
stücke zu Boden. Ich half ihr beim Aufklauben derselben, unter-
brach sie bald in der Schilderung ihres Elends und fragte: Hat
sie also der vornehme Schwiegersohn um so viel Geld gebracht?
Sie antwortete mit erbitterter Verneinung, um die kürzeste Zeit
IX. Symptom- und Zufalhhandlungen 325
nachher die klägHche Geschichte von der Aufregung über die Ver-
schwendung des Schwiegersohnes zu erzählen, hat mich aber
allerdings seither nicht wieder gerufen. Ich kann nicht behaupten
daß man sich immer Freunde unter denen wirbt, denen man die
Bedeutung ihrer Symptomhandlungen mitteilt.
Ein anderes „Eingeständnis durch Fehlhandlung" berichtet
Dr. J. E. G. van Emden (Haag): „Beim Zahlen in einem
kleinen Restaurant in Berlin behauptete der Kellner, daß der
Preis einer bestimmten Speise — des Krieges wegen — um
10 Pfennig erhöht worden war; meine Bemerkung, warum das
auf der Preisliste nicht angezeigt worden war, beantwortete er
mit der Erwiderung, daß dies offenbar eine Unterlassung sein
müßte, daß es aber gewiß so war! Beim Einstecken des Betrages
war er ungeschickt und ließ ein Zehnpfennigstück gerade für
mich auf den Tisch niederfallen ! !
,Jetzt weiß ich aber sicher, daß Sie mir zuviel gerechnet haben,
wollen Sie, daß ich mich an der Kasse erkundige?
,Bitte, gestatten Sie ... einen Moment . . .' und fort war
er schon.
Selbstverständlich gönnte ich ihm den Rückzug und, nachdem
er zwei Minuten später sich entschuldigte, unbegreiflich erweise
mit einer anderen Speise im Irrtum gewesen zu sein, die zehn
Pfennige als Belohnung für seinen Beitrag zur Psychopathologie
des Alltagslebens."
Wer seine Nebenmenschen während des Essens beobachten
will, wird die schönsten und lehrreichsten Symptomhandlungen
an ihnen feststellen können.
So erzählt Dr. Hanns Sachs:
„Ich war zufällig zugegen, als ein älteres Ehepaar meiner
Verwandtschaft das Abendessen einnahm. Die Dame war magen-
leidend und mußte sehr strenge Diät halten. Dem Manne war
eben ein Braten vorgesetzt worden, und er bat seine Frau,
die sich an dieser Speise nicht beteiligen durfte, um den Senf.
234 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Die Frau Öffnete den Schrank, griff hinein und stellte vor ihren
Mann das Fläschchen mit ihren Magentropfen auf den Tisch.
Zwischen dem faßförmigen Senfglase und dem kleinen Tropf-
fläschchen bestand natürhcli keine Ähnlichkeit, aus der der Miß-
griff erklärt werden konnte; trotzdem bemerkte die Frau ihre
Verwechslung erst, als der Gatte sie lachend darauf aufmerksam
machte. Der Sinn der Symplomhandlung bedarf keiner Erklärung."
Ein köstliches Beispiel dieser Art, das vom Beobachter sehr
geschickt ausgebeutet wurde, verdanke ich Dr. ßernh, Dattner
(Wien) :
„Ich sitze mit meinem Kollegen von der Philosophie, Dr. H.,
im Restaurant beim Mittagessen. Er erzählt von den Unbilden
der Probekandidatur, erwähnt nebenbei, daß er vor der Beendigung
seiner Studien beim Gesandten, resp. bevollmächtigen außerordent-
lichen Minister von Chile als Sekretär untergekommen war.
,Dann wurde aber der Minister versetzt und dem neu antretenden
habe ich mich nicht vorgestellt.* Und während er diesen letzten
Satz ausspricht, führt er ein Stück Torte zum Munde, läßt es
aber, wie aus Ungeschicklichkeit, vom Messer herabfallen. Ich
erfasse sofort den gelieimen Sinn dieser Symptomhandlung und
werfe dem mit der Psychoanalyse nicht vertrauten Kollegen wie
von ungefähr ein: ,Da haben Sie aber einen fetten Bissen fallen
lassen." Er aber merkt nicht, daß sich meine Worte ebensogut
auf seine Symptomhandlung beziehen können, und wiederhole
mit einer sonderbar anmutenden, überraschenden Lebliaftjgkeit,
so als hätte ich ihm förmlich das Wort aus dem Munde genommen,
gerade dieselben W^orte, die ich ausgesprochen : ,Ja, das war
wirklich ein fetter Bissen, den ich fallen gelassen habe' und
erleichtert sich dann durch eine erschöpfende Darstellung seiner
Ungeschicküchkeit, die ihn um diese gut bezahlte Stellung
gebracht hat.
Der Sinn der symbolischen Symptomhandlung erleuchtet sich
wenn man ins Auge faßt, daß der Kollege Skrupel empfand, mir,
(!
J
'
/X Symptom- und Zuf alhhandlungen 225
der ihm ziemlich ferne steht, von seiner prekären materiellen
Situation zu erzählen, daß sich dann der vordrängende Gedanke
in eine Symptomhandlung kleidete, die symbolisch ausdrückt, was
hätte verborgen werden sollen, und somit dem Sprecher aus dem
Unbewußten Erleichterung schuf."
Wie sinnreich sich ein scheinbar nicht beabsichtigtes Weg-
nehmen oder Mitnehmen herausstellen kann, mögen folgende
Beispiele zeigen.
Dr. B. Dattner: „Ein Kollege stattet seiner verehrten Jugend-
freundin das erstemal nach ihrer Eheschließung einen Besuch ab.
Er erzählt mir von dieser Visite und drückt mir sein Erstaunen
darüber aus, daß es ihm nicht gelungen sei, nur ganz kurze
Zeit, wie er es vor hatte, bei ihr zu verweilen. Dann aber
berichtet er von einer sonderbaren Fehlleistung, die ihm dort
zugestoßen sei. Der Mann seiner Freundin, der am Gespräche
teilgenommen habe, hätte eine Zündhölzchcnschachtel gesucht, die
ganz bestimmt bei seiner Ankunft auf der Tischplatte gelegen sei.
Auch der Kollege habe seine Taschen durchsucht, ob er ,sie'
nicht zufällig ,eingesteckt' habe, doch vergebens. Geraume Zeit
danach habe er ,sie' tatsächlich in seiner Tasche entdeckt, wobei
ihm aufgefallen sei, daß nur ein einziges Zündhölzchen in der
Schachtel gelegen war. — Ein paar Tage später bestätigt ein.
Traum, der die Schachtelsymbolik aufdringlich zeigt und sich mit
der Jugendfreundin beschäftigt, meine Erklärung, daß der Kollege
mit seiner Symptomhandlung Prioritätsrechte reklamieren und die
Ausschließlichkeit seines Besitzes (nur ein Zündhölzchen drinnen)
darstellen wollte.'
Dr. Hanns Sachs: „Unser Mädchen ißt eine bestimmte Torte
besonders gern. An dieser Tatsache ist kein Zweifel möglich, denn
es ist die einzige Speise, die sie ausnahmslos gut zubereitet. Eines
Sonntags brachte sie uns eben diese Torte, stellte sie auf der
Kredenz ab, nahm die beim vorigen Gang benützten Teller und
Bestecke und häufle sie auf die Tasse, auf der sie die Torte
saS Zur Psychopathologie des j4lltagdebens
hereingetragen hatte; auf die Spitze dieses Haufens placierte sie
dann wieder die Torte, anstatt sie uns vorzusetzen, und verschwand
damit in die Küche. Wir meinten zuerst, sie habe an der Torte
irgend etwas zu verbessern gefunden, da sie aber nicht wieder
erschien, läutete meine Frau und fragte: , Betty, was ist denn mit
der Torte los?' Darauf das Mädchen ohne Verständnis: ,Wieso?'
Wir mußten sie erst darüber aufklären, daß sie die Torte wieder
mitgenommen habe; sie hatte sie aufgeladen, hinausgetragen und
wieder abgestellt, ,ohne es zu bemei-ken'. — Am nächsten Tage,
als wir uns daran machten, den Rest dieser Torte zu verzehren,
bemerkte meine Frau, daß nicht weniger vorlianden war, als wir
am Vortag übrig gelassen hatten, daß also das Mädchen das ihr
gebührende Stück der Lieblingsspeise verschmäht hatte. Auf die
Frage, warum sie nichts von der Torte gegessen habe, antwortete
sie leicht verlegen, sie habe keine Lust gehabt. — Die infantile
Einstellung ist beide Male sehr deutlich; erst die kindliche Maß-
losigkeit, die das Ziel der Wünsche mit niemandem teilen will,
dann die ebenso kindliche Reaktion mit Trotz: wenn ihr es mir
nicht gönnt, ^^o behaltet es für euch, ich will jetzt gar nichts
haben."
Die Zufalls- oder Symptomhandlungen, die sich in Ehesachen
ereignen, haben oft die ernsteste Bedeutung und könnten den,
der sich um die Psychologie des Unbewußten nicht bekümmern
will, zum Glauben an Vorzeichen nötigen. Es ist kein guter
Anfang, wenn eine junge Frau auf der Hochzeitsreise ihren Ehe-
ring verhert, doch war er meist nur verlegt und wird bald
wiedergefunden- — Ich kenne eine jetzt von ihrem Manne
geschiedene Dame, die bei der Verwaltung ihres Vermögens
Dokumente häufig mit ihrem Mädchennamen unterzeichnet hat,
viele Jahre vorher, ehe sie diesen wirklich wieder annahm. —
Blinst war ich als Gast bei einem jung verheirateten Paare und
hörte die junge Frau lachend ihr letztes Erlebnis erzählen, wie
sie am Tage nach der Rückkehr von der Reise wieder ihre ledige
IX, Symptom- und Zufalhhandlunfftm 227
Schwester aufgesucht hätte, um mit ihr, wie in früheren Zeiten
Einkäufe zu machen, während der Ehemann seinen Geschäften
nachging. Plötzlicli sei ihr ein Herr auf der anderen Seite der
Straße aufgefallen, und sie hahe ihre Schwester anstoßend gerufen:
Schau, dort geht ja der Herr L. Sie hatte vergessen, daß dieser
Herr seit einigen Wochen ihr Ehegemahl war. Mich überlief es
kalt bei dieser Erzählung, aber ich getraute mich der Folgerung
nicht Die kleine Geschichte fiel mir erst Jahre später wieder ein,
nachdem diese Ehe den unglückUchsten Ausgang genommen hatte.
Den beachtenswerten, in französischer Sprache veröffentlichten
Arbeiten von A. Maeder' in Zürich entnehme ich folgende
Beobachtung, die ebensowohl einen Platz beim „Vergessen"
verdient hätte:
„Unc datnc nous racontait recemment qu'eüe avait oublie
d'essayer sa rohe, de noce et s'en souvint la veille du mariage a
huit heures du soir, la couturiere desesperait de voir sa diente.
Ce detail suffit ä montrer que la fiancee ne se sentait pas tres
heureusE de porter une rohe d'epouse^ eile cherchait ä oublier
cette repre&entation penible. Elle est aujourd^hui . . . divorcee.
Von der großen Schauspielerin Eleonore Düse erzählte mir
ein Freund, der auf Zeichen achten gelernt hat, sie bringe in
einer ihrer Rollen eine Symptomhandlung an, die so recht zeige,
aus welcher Tiefe sie ihr Spiel heraufhole. Es ist ein Ehe-
bruchsdrama; sie hat eben eine Auseinandersetzung mit ihrem
Manne gehabt und steht nun in Gedanken abseits, ehe sich
ihr der Versucher nähert. In diesem kurzen Intervall spielt sie
mit dem Ehering an ihrem Finger, zieht ihn ab, um ihn wieder
anzustecken, und zieht ihn wieder ab. Sie ist nun reif für den
anderen.
Hier schließt an, was Th. R e i k von anderen Symptomhand-
lungen mit Ringen erzählt.
1) Alph. Mae der, Contributioiis ä la Psychopathologie de la vie qnotidieime,
Archives des Psvchologie. T. VI, 1906.
15'
22S Zur Psychopathologie des Alltagslebens
„Wir kennen die Symptomliaudlungen, welche Eheleute aus-
führen, indem sie den Trauring abziehen und wieder atistecken."
Eine Reihe ähnlicher Symptom ha n dl un gen produzierte mein
Kollege M. Er hatte von einem von ihm geliebten Mädchen
einen Ring zum Geschenk erhalten, mit dem Bemerken, er dürfe
ihn nicht verlieren, sonst wisse sie, daß er sie nicht mehr lieb
habe. Er entfaltete in der Folgezeit eine erhöhte Besorgnis, er
könnte den Ring verlieren. Hatte er ihn zeitweilig, z. B. beim
Waschen abgelegt, so war er regelmäßig verlegt, so daß es oft
langen Suchens bedurfte, um ihn wieder zu erlangen. Wenn er
einen Brief in den Postkasten warf, konnte er die leise Angst
nicht unterdrücken, der King könnte von den Rändern des
Briefkastens abgezogen werden. Einmal hantierte er wirklich so
ungeschickt, daß der Ring in den Kasten fiel. Der Brief, den er
bei dieser Gelegenheit absandte, war ein Abschiedsschreiben an
eine frühere Geliebte von ihm gewesen, und er fühlte sich ihr
gegenüber schuldig. Gleichzeitig erwachte in ihm Sehnsucht nach
dieser Frau, welche mit seiner Neigung zu seinem jetzigen Liebes-
objekt in Konflikt kam." (Internat. Zeitschrift f. Psychoanalyse,
ni, 1915.)
An dem Thema des „Ringes" kann man sich wieder einmal
den Eindruck holen, wie schwer es für den Psychoanalytiker ist,
etwas Neues zu finden, was nicht ein Dichter vor ihm gewußt
hätte. In Fontanes Roman „Vor dem Sturm" sagt Justizrat
Turgany während eines Pfänderspieles: „Wollen Sie es glauben,
meine Damen, daß sich die tiefsten Geheimnisse der Natur in
der Abgabe der Pfänder offenbaren." Unter den Beispielen, mit
denen er seine Behauptung erhärtet, verdient eines unser
besonderes Interesse: „Ich entsinne mich einer im Embonpointalter
stehenden Professoren frau, die mal auf mal ihren Trauring als
Pfand vom Finger zog. Erlassen Sie mir, Ihnen das eheliche
Glück des Hauses zu schildern." Er setzt dann fort: „In derselben
Gesellschaft befand sich em Herr, der nicht müde wurde, sein
/X Symptom- und Zufallsh andlungen 229
englisches Taschenmesser, zehn Klingen mit Korkzieher und
Feuerstahl, in den Schoß der Dame zu deponieren bis das
Klingenmonstrum, nach Zerreißung mehrerer Seidenkleider endlich
vor dem allgemeinen Entrüstungsschrei verschwand."
Es wird uns nicht wundernehmen, daß ein Objekt von so
reicher symbolischer Bedeutung wie ein Ring auch dann zu
sinnreichen Fehlhandlungen verwendet wird, wenn es nicht als
Ehe- oder Verlobungsring die erotische Bindung bezeichnet.
Dr. M. Kardos hat mir nachstehendes Beispiel eines derartigen
Vorkommnisses zur Verfügung gestellt:
„Vor mehreren Jahren hat sich mir ein um vieles jüngerer
Mann angeschlossen, der meine geistigen Bestrebungen teilt und zu
mir etwa im Verhältnis eines Schülers zu seinem Lehrer steht.
Ich habe ihm zu einer bestimmten Gelegenheit einen Ring
geschenkt, und dieser hat ihm schon mehreremal Gelegenheil zu
Symptom-, resp. Fehlhandlungen gegeben, sobald in unseren
Beziehungen irgend etwas seine Mißbilligung gefunden halte. Vor
kurzem wußte er mir folgenden, besonders hübschen und durch-
sichtigen Fall zu berichten; Er war von einer einmal wöchentlich
staltfindenden Zusammenkunft, bei der er mich regelmäßig zu sehen
und zu sprechen pflegte, unter irgendeinem Vorwand ausgeblieben,
da ihm eine Verabredung mit einer jungen Dame wünschens-
werter erschienen war. Am darauffolgenden Vormittag bemerkte
er, aber erst, als er schon längst das Haus verlassen hatte, daß
er den Ring nicht am Finger trage. Er beunruhigte sich darüber
nicht weiter, da er annahm, er habe ihn daheim auf dem Nacht-
kästchen, wo er ihn jeden Abend hinlegte, vergessen und werde
ihn beim Nachhausekommen dort finden. Er sah auch gleich
nach der Heimkehr nach ihm, aber vergeblich, und begann nun,
ebenso erfolglos, das Zimmer zu durchsuchen. Endlich fiel ihm
ein, daß der Ring — wie übrigens schon seit mehr als einem
Jahre — auf dem Nachlkästchen neben einem kleinen Messerclien
gelegen sei, das er in der Westentasche zu tragen gewohnt war-
250 Zar Psychopathologie, des Alltagslebens
so verfiel er auf die Vermutung, er könnte ,aus Zerstreutheit'
den Ring mit dem Messer eingesteckt haben. Kr griff also in
die Tasche und fand dort wirklich den gesuchten Ring. — ,Der
Ehering in der Westentasche' ist die sprichwörtliche Aufbewahrungs-
art für den Ring, wenn der Mann die Frau, von der er ihn
empfangen hat, zu betrügen beabsichtigt. Sein Schuldgefühl hat
ihn also zunächst zur Selbstbestrafung {,Du verdienst es nicht
mehr, diesen Ring zu tragen'), in zweiter Linie zu dem Ein-
geständnis seiner Untreue veranlaßt, allerdings bloß in der Form
einer Fehlhandlung, die keinen Zeugen hatte. Erst auf dem
Umweg über dtm Bericht davon — der allerdings voraussehbar
war — kam es zum Eingeständnis der begangenen kleinen
»Untreue'."
Ich weiß auch von einem älteren Herrn, der ein sehr junges
Mädchen zur Frau nahm und die Hochzeitsnacht anstatt abzureisen
in einem Hotel der Großstadt zuzubringen gedachte. Kaum iml
Hotel angelangt, merkte er mit Schrecken, daß er seine Brief-
tasche, in der sich die ganze für die Hochzeitsreise bestimmte
Geldsumme befand, vermisse, also verlegt oder verloren habe. Es
gelang noch, den Diener telephonisch zu erreichen, der das
Vermißte in dem abgelegten Rock des Hochzeiters auffand und
dem Harrenden, der .so ohne Vermögen in die Ehe gegangen
war, ins Hotel brachte. Er konnte also am nächsten Morgen die
Reise mit seiner jungen Frau antreten ; in der Nacht selbst war
er, wie seine Befürchtung vorausgesehen hatte, „unvermögend"
geblieben.
Es ist tröstlich zu denken, daß das „V erliere n" der Menschen
in ungeahnter Ausdehnung Symptomhandlung und somit wenigstens
einer geheimen Absicht des Verlustträgers willkommen ist. Es
ist oft nur ein Ausdruck der geringen Schätzung des verlorenen
Gegenstandes oder einer geheimen Abneigung gegen denselben
oder gegen die Person, von der er herstammt, oder die Verlust-
neigung hat sich auf diesen Gegenstand durch symbolische Gedanken-
IX, Symptom- und Zufallshandlungen 231
Verbindung von anderen und bedeutsameren Objekten her über-
tragen. Das Verlieren wertvoller Dinge dient mannigfachen
Regungen zum Ausdruck, es soll entweder einen verdrängten
Gedanken symbolisch darstellen, also eine Mahnung wiederholen
die man gern überhören möchte, oder es soll — und dies vor
allem anderen — den dunklen Schicksalsmächten — Opfer bringen,
deren Dienst auch unter uns noch nicht erloschen ist.
Zur Erläuterung dieser Sätze über das Verlieren nur einige
Beispiele ;
Dr. B. Dattner: „Ein Kollege berichtet mir, daß er seinen
Penkalastift, den er bereits über zwei Jahre besessen habe und
der ihm seiner Vorzüge wegen sehr wertvoll geworden sei,
unvermutet verloren habe. Die Analyse ergab folgenden Tatbestand :
Am Tage vorher hatte der Kollege von seinem Schwager einen
empfindlich unangenehmen Brief erhalten, dessen Schlußsatz
folgendermaßen lautete: ,Ich habe vorläufig weder Lust noch Zeit,
Deinen Leichtsinn und Deine Faulheit zu unterstützen.' Der Affekt,
der sich an diesen Brief knüpfte, war so mächtig, daß der Kollege
prompt am nächsten Tage den Penkala, ein Geschenk dieses
Schwagers, opferte, um durch dessen Gnade nicht allzusehr
beschwert zu sein." ,
Eine mir bekannte Dame hat sich, wie begreiflich, wahrend
der Trauer um ihre alte Mutter des Theaterbesuches enthalten.
Es fehlen jetzt nur noch wenige Tage bis zum Ablauf des Trauer-
jahres, und sie läßt sich durch das Zureden ihrer Bekannten be-
wegen, eine Theaterkarte für eine besonders interessante Vorstellung
zu nehmen. Vor dem Theater angelangt, macht sie die Entdeckung,
daß sie die Karte verloren hat. Sie meint später, daß sie die-
selbe mit der Tramwaykarte weggeworfen hatte, als sie aus dem
Wagen ausstieg. Dieselbe Dame rühmt sich, nie etwas aus
Unachtsamkeit zu verlieren.
Man darf also annehmen, daß auch ein anderer Fall von Ver-
lieren, den sie erlebte, nicht ohne gute Motivierung war.
r ^
I
252 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
In einem Kurorte angekommen, entschließt sie sich, eine Pension
zu besuchen, in der sie ein früheres Mal gewohnt hatte. Sie wird
dort als alte Bekannte aufgenommen, bewirtet und erfährt, als sie
bezahlen will, daß sie sich als Gast zu betrachten habe, was ihr
nicht ganz recht ist. Es wird ihr zugestanden, daß sie etwas für
das servierende Mädchen zurücklassen darf, und sie öffnet ihre
Börse, um einen Markschein auf den Tisch zu legen. Am Abend
bringt ihr der Diener der Pension einen Fünfmarkschein, der sich
unter dem Tisch gefunden und nach der Meinung der Pensions-
inhaberin dem Fräulein gehören dürfte. Den halte sie also aus
der Börse fallen lassen, als sie ihr das Trinkgeld für das Mädchen
entnahm. Wahrscheinlich wollte sie doch ihre Zeche bezahlen.
Otto Rank hat in einer längeren Mitteilung^ die diesem
Akte zugrunde liegende Opfeistimmung und dessen tiefer
reichende Motivierungen mit Hilfe von Traumanalysen durchsichtig
gemacht.^ Interessant ist es dann, wenn er hinzufügt, daß manch-
mal nicht nur das Verlieren, sondern auch das Finden von
Gegenständen determiniert erscheint. In welchem Sinne dies zu
verstehen ist, mag aus seiner Beobachtung, die ich hieher setze,
hervorgehen. Es ist klar, daß beim Verlieren das Objekt bereits
gegeben ist, das beim Finden erst gesucht werden muß.
„Ein materiell von seinen Ellern abhängiges junges Mädchen
will sich ein billiges Schmuckstück kaufen. Sie fragt im Laden
nach dem Preise des ihr zusagenden Objekts, erfährt aber zu
ihrem Betrüben, daß es mehr kostet, als ihre Ersparnisse betragen.
Und doch sind es nur zwei Kronen, deren Fehlen ihr diese kleine
Freude verwehrt. In gedrückter Stimmung schlendert sie durch
die abendlich belebten Straßen der Stadt nach Hause. Auf
einem der stärkst frequentierten Plätze wird sie plötzlich — obwohl
sie ihrer Angabe nach tief in Gedanken versunken war ■— auf
1) Das Verlieren als Syniptomhandliing, Zenlralbl. für Psychoanalyse I, 10/11,
2) Andere Mitteihmgen desselben Inhalts im Zentralblatt für Psychoanalyse, II,
und Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1915.
J
IX. Symptom- UTid Zufallshandlungen 255
ein am Boden liegendes kleines Blättchen aufmerksam, das sie
eben achtlos passiert hatte. Sie wendet sich um, hebt es auf und
bemerkt zu ihrem Erstaunen, daß es ein zusammengefalteter
Zweikronenschein ist. Sie denkt sich: das hat mir das Schicksal
zugeschickt, damit ich mir den Schmuck kaufen kann, und macht
erfreut Kehrt, um diesem Winke zu folgen. Im selben Moment
aber sagt sie sich, sie dürfe das doch nicht tun, well das
gefundene Geld ein Glücksgeld ist, das man nicht ausgeben darf.
Das Stückchen Analyse, das zum Verständnis dieser ,Zufalls-
handlung' gehört, darf man wohl auch ohne persönliche Auskunft
der Betroffenen aus der gegebenen Situation erschließen. Unter
den Gedanken, die das Mädchen beim Nachhau segehen beschäftigten,
wird sich wohl der ihrer Armut und materiellen Einschränkung
im Vordergrunde befunden haben, und zwar, wie wir vermuten
dürfen, im Sinne der wunscherfüllenden Aufhebung ihrer
drückenden Verhältnisse. Die Idee, wie man auf leichteste Weise
zu diesem fehlenden Geldbetrag kommen könnte, wird ihrem auf
Befriedigung ihres bescheidenen Wunsches gerichteten Interesse
kaum ferngeblieben sein und ihr die einfachste Lösung des
Findens nahegebracht haben. Solcherart war ihr Unbewußtes
(oder Vorbewußtes) auf ,Finden' eingestellt, selbst wenn der
Gedanke daran ihr — wegen anderweitiger Inanspruchnahme ihrer
Aufmerksamkeit (,in Gedanken versunken') - nicht voll bewußt
■geworden sein sollte. Ja wir dürfen auf Grund ähnlicher analy-
sierter Fälle geradezu behaupten, daß die unbewußte ,Such-
Bereit^chaft' viel eher zum Erfolg zu führen vermag als die
bewußt gelenkte Aufmerksamkeit. Sonst wäre es auch kaum
erklärlich, wieso gerade diese eine Person von den vielen Hunderten
Vorübergehenden, noch dazu unter den erschwerenden Umständen
der ungünstigen Abendbeleuchtung und der dichtgedrängten Menge,
den für sie selbst überraschenden Fund machen konnte. In welch
starkem Ausmaß diese un- oder vorbewußte Bereitschaft tatsächlich
bestand, zeigt die sonderbare Tatsache, daß das Mädchen noch
254 2lur Psychopathohgü: des Alltagslebens
nach diesem Funde, also nachdem die Einstellung bereits über-
flüssig geworden und gewiß schon der bewußten Aufmerksamkeit
entzogen war, auf ihrem weiteren Heimweg an einer dunklen
und einsamen Stelle einer Vorstadtstraße ein Taschentuch fand.'"
Man muß sagen, daß gerade solche Symptomhandlungen oft
den besten Zugang zur Erkenntnis des intimen Seelenlebens der
Menschen gestatten.
Von den vereinzelten Zufallshandlungen will ich ein Beispiel
mitteilen, welches auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zuließ,
das die Bedingungen trefflich erläutert, unter denen solche Symptome
vollkommen unauffällig produziert werden können, und an das
sich eine praktisch bedeutsame Bemerkung anknüpfen läßt. Auf
einer Sommerreise traf es sich, das ich einige Tage an einem
gewissen Orte auf die Ankunft meines Reisegefährten zu warten
hatte. Ich machte unterdes die Bekanntschaft eines jungen Mannes,
der sich gleichfalls einsam zu fühlen schien und sich bereitwillig
mir anschloß. Da wir in demselben Hotel wohnten, fügte es sich
leicht, daß wir alle Mahlzeiten gemeinsam einnahmen und Spazier-
gänge miteinander machten. Am Nachmittag des dritten Tages
teilte er mir plötzlicfi mit, daß er heute abend seine mit dem
Eilzuge einlangende Frau erwarte. Mein psychologisches Interesse
wurde nun rege, denn es war mir an meinem Gesellschafter
bereits am Vormittag aufgefallen, daß er meinen Vorschlag zu
einer größeren Partie zurückgewiesen und auf unserem kleinen
Spaziergang einen gewissen Weg als zu steil und gefiihrlich nicht
hatte begehen wollen. Auf dem Nachmillagsspaziergang behauptete
er plötzlich, ich müßte doch hungrig sein, ich sollte doch ja
nicht seinetwegen die Abendmahlzeit aufschieben, er werde erst
nach der Ankunft seiner Frau mit ihr zu Abend essen. Ich
verstand den Wink und setzte mich an den Tisch, während er
auf den Bahnhof ging. Am nächsten Morgen trafen wir uns in
der Vorh alle des Hotels. Er stellte mich seiner Frau vor und
i) Internat. Zeilschrifl l'ür Psyclioaiialyse, III, igi/.
n
IX. Symptom- und 2,ufalhhandlungen agS
fügte hinzu: Sie werden doch mit uns das frühstück nehmen?
Ich halte noch eine kleine Besorgung in der nächsten Straße vor
und versicherte, ich würde bald nachkommen. Als ich dann in
den Frühstückssaal trat, sah ich, daß das Paar an einem kleinen
Fenstertisch Platz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie
beide saßen. Auf der Gegenseite befand sich nur ein Sessel, aber
über dessen Lehne hing der große und schwere Lodenmantel des
Mannes herab, den Platz verdeckend. Ich verstand sehr wohl den
Sinn dieser gewiß nicht absichtlichen, aber darum um so ausdrucks-
volleren Lagerung. Es hieß: Für dich ist hier kein Platz, du bist
jetzt überflüssig. Der Mann bemerkte es nicht, daß ich vor dem
Tische stehen bheb, ohne mich zu setzen, wohl aber die Dame,
die ihren Mann sofort anstieß und ihm zuflüsterte: Du hast ja
dem Herrn den Platz verlegt.
Bei diesem wie bei anderen ähnlichen Ergebnissen habe ich
mir gesagt, daß die unabsichtlich ausgeführten Handlungen unver-
meidhch zur Quelle von Mißverständnissen im menschlichen
Verkehr werden müssen. Der Täter, der von einer mit ihnen
verknüpften Absicht nichts weiß, rechnet sich dieselben nicht an
und hält sich nicht verantwortlich für sie. Der andere hingegen
erkennt, indem er regelmäßig auch solche Handlungen seines
Partners zu Schlüssen über dessen Absichten und Gesinnungen
verwertet, mehr von den psychischen Vorgängen des Fremden, als
dieser selbst zuzugeben bereit ist und mitgeteilt zu haben glaubt.
Letzterer aber entrüstet sich, wenn ihm diese aus seinen Symptom-
handlungen gezogenen Schlüsse vorgehalten werden, erklärt sie
für grundlos, da ihm das Bewußtsein für die Absicht bei der
Ausführung fehlt, und klagt über Mißverständnis von Seiten des
anderen. Genau besehen beruht ein solches Mißverständnis auf
einem Zufein- und Zuvielverstehen. Je „nervöser" zwei Menschen
sind desto eher werden sie einander Anlaß zu Entzweiungen
bieten deren Begründung jeder für seine eigene Person ebenso
bestimmt leugnet, wie er sie für die Person des anderen als
23^ Zw Psychopathologie des Alltagslebens
\
gesichert annimmt. Und dies ist wohl die Strafe für die innere
Unaufrichtigkeit, daß die Menschen unter den Vorwänden des
Vergessens, Vergreifens und der Unabsichtlichkeit Regungen den Aus-
druck gestatten, die sie besser sich und anderen eingestehen würden,
wenn sie sie schon nicht beherrschen können. Man kann in der Tat
ganz allgemein behaupten, daß jedermann fortwährend psychische
Analyse an seinen Nebenmenschen betreibt und diese infolgedessen
besser kennen lernt als jeder einzelne sich selbst. Der Weg zur
Befolgung der Mahnung yväö-^ tjeauriv führt durch das Studium
seiner eigenen, scheinbar zufalligen Handlungen und Unterlassungen.
"Von all den Dichtern, die sich gelegentlich über die kleinen
Symptomhandlungen und Fehlleistungen geäußert oder sich ihrer
bedient haben, hat keiner deren geheime Natur mit solcher
Klarheit erkannt und dem Sachverhalt eine so unheimliche
Belebung gegeben wie Strindberg, dessen Genie bei solcher
Erkenntnis allerdings durch tiefgehende psychische Abnormität
unterstützt wurde. Dr. Karl Weiß (Wien) hat auf folgende Stelle
aus einem seiner Werke aufmerksam gemacht (Internat. Zeitschrift
für Psychoanalyse, I, 1913, S. 268):
„Nach einer Weile kam der Graf wirklich und er trat ruhig
an Esther heran, als habe er sie zu einem Stelldichein bestellt.
— Hast du lange gewartet? fragte er mit seiner gedämpften
Stimme.
— Sechs Monate, wie du weißt, antwortete Estherj aber du
hast mich heute gesehen?
— Ja, eben im Straßenbahnwagen; und ich sah dir in die
Augen, daß ich mit dir zu sprechen glaubte.
— Es ist viel ,geschehen* seit dem letztenmal.
— Ja, und ich glaubte, es sei zwischen uns aus.
— Wieso?
— Alle Kleinigkeiten, die ich von dir bekommen habe, gingen
entzwei, und zwar auf eine okkulte Weise. Aber das ist eine alte
Wahrnehmung.
IX. Symptom- und Zufalhhandlimgen 057
— Was du sagst! Jetzt erinnere ich mich an eine ganze
Menge Fälle, die ich für Zufälle hielt. Ich bekam einmal ein
Pincenez von meiner Großmutter, während wir gute Freunde
waren. Es war aus geschliffenem Bergkristall und ausgezeichnet
hei den Obduktionen, ein wahres Wunderwerk, das ich sorgfältiff
hütete. Eines Tages brach ich mit der Allen und sie wurde
auf mich böse.
Da geschah es bei der nächsten Obduktion, daß die Gläser
ohne Ursache herausfielen. Ich glaubte, es sei ganz einfach
entzwei; schickte es zur Reparatur. Nein, es fuhr fort, seinen
Dienst zu verweigern; wurde in eine Schublade gelegt und ist
fortgekommen.
— Was du sagst! Wie eigentümlich, daß das, was die Augen
betrifft, am empfindlichsten ist. Ich hatte ein Doppelglas von
einem Freunde bekommen; das paßte für meine Augen so gut,
daß der Gebrauch ein Genuß für mich war. Der Freund und
ich wurden Unfreunde. Du weißt, dazu kommt es, ohne sichtbare
Ursache; es scheint einem, als dürfe man nicht einig sein. Als
ich das Opernglas das nächste Mal benutzen wollte, konnte ich
nicht klar sehen. Der Schenkel war zu kurz und ich sah zwei
Bilder. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß sich weder der
Schenkel verkürzt noch der Abstand der Augen vergrößert hatte!
Es war ein Wunder, das alle Tage geschieht und das schlechte
Beobachter nicht merken. Die Erklärung? Die psychische
Kraft des Hasses ist wohl größer, als wir glauben.
— Übrigens der Ring, den ich von dir bekommen habe, hat
den Stein verloren — und läßt sich nicht reparieren, läßt sich
nicht. Willst du dich jetzt von mir trennen? . . . (,Die gotischen
Zimmer', S. 358 f)"
Auch auf dem Gebiete der Symptomhandlungen muß die
psychoanalytische Beobachtung den Dichtern die Priorität abtreten.
Sie kann nur wiederholen, was diese längst gesagt haben. Herr
Wilh. S t r o ß macht mich auf nachstehende Stelle in dem bekannten
2^8 Zur Psychopatholoßie des Alhaßsleberis
humoristischen Roman Tristram Shandy von Lawrence
Sterne aufmerksam (VI. Teil, V. Kapitel):
„und es wundert mich keineswegs, daß Gregorius von Nazianzum,
als er am JuHan die schnellen und unsteten Gebärden wahrnahm,
voraussagte, daß er eines Tages abtrünnig werden würde ; - —
oder daß St. Anibrosius seinen Amanuensem, wegen einer unan-
ständigen Bewegung mit dem Kopfe, der ihm wie ein Dresch-
flegel hin und her ging, wegjagte. — Oder daß Democritus gleich
merkte, daß Protagoras ein Gelehrter wäre, weil er ihn ein Bündel
Reisholz binden und die dünnsten Reiser in die Mitte legen sah.
— Es gibt tausend unbemerkte Öffnungen, fuhr mein Vater fort,
durch welche ein scharfes Auge auf einmal die Seele entdecken
kann; und ich behaupte, fügte er hinzu, daß ein vernünftiger
Mann nicht seinen Hut niederlegen kann, wenn er in ein Zimmer
kommt — oder aufnehmen, wenn er hinaus geht, oder es entwischt
ihm etwas, das ihn verrät."
Hier noch eine kleine Sammlung mannigfaltiger Symptom-
handlungen bei Gesunden und Neurotikern:
Ein älterer Kollege, der niclit gern im Kartenspiel verliert, hat
eines Abends eine größere Verlustsumme klaglos, aber in eigen-
tümlich verhaltener Stimmung ausgezahlt. Nach seinem Weggehen
wird entdeckt, daß er so ziemlich alles, was er bei sich trägt,
auf seinem Platz zurückgelassen hat: Brille, Zigarrentasche und
Sacktuch. Das fordert wohl die Übersetzung: Ihr Räuber, ihr
habt mich da schön ausgeplündert.
Ein Mann, der an gelegentlich auftretender sexueller Impotenz
leidet, welche in der Innigkeit seiner Kinderbeziehungen zur
Mutter begründet ist, berichtet, daß er gewohnt ist, Schriften
und Aufzeichnungen mit einem S, dem Anfangsbuchstaben des
Namens seiner Mutter, zu verzieren. Er verträgt es nicht, daß
Briefe vom Hause auf seinem Schreibtisch in Berührung mit
anderen unheiligen Briefschaften geraten, und ist darum genötigt,
erstere gesondert aufzubewahren.
IX. Symptom- und Zufallskandlungen 259
Eine junge Dame reißt plötzlich die Tür des Behandlungs-
zimmers auf, in dem sich noch ihre Vorgängerin befindet. Sie
entschuldigt sich mit „Gedankexilosigkeit"j es ergibt sich bald,
daß sie die Neugierde demonstriert hat, welche sie seinerzeit ins
Schlafzimmer der Eltern dringen ließ.
Mädchen, die auf ihre schönen Haare stolz sind, wissen so
geschickt mit Kamm und Haarnadeln umzugehen, daß sich ihnen
mitten imi Gespräch die Haare lösen.
Manche Männer zerstreuen während der Behandlung (in
liegender Stellung) Kleingeld aus der Hosentasche und
honorieren so die Arbeit der Behandlungsstunde je nach ihrer
Schätzung.
Wer bei einem Arzt einen mitgebrachten Gegenstand, wie
Zwicker, Handschuhe, Täschchen vergißt, deutet damit an, daß
er sich nicht losreißen kann und gei-n bald wiederkommen
möchte. E. Jones sagt: One can almost measure the success with
which a physician is practising psychotherapy, for instance hy
the size of the collection of umbrellas, handkerchiefsp purses^ and
so on, that he. could make in a montk.
Die kleinsten gewohnheitsmäßigen und mit minimaler Auf-
merksamkeit ausgeführten Verrichtungen, wie das Aufziehen der
Uhr vor dem Schlafengehen, das Auslöschen des Lichtes vor dem
Verlassen des Zimmers u. a., sind gelegentlich Störungen unter-
worfen, welche den Einfluß der unbewußten Komplexe auf die
angeblich stärksten „Gewohnheiten" unverkennbar demonstrieren.
M a e d 6 r erzählt in der Zeitschrift „Coenobium" von einem
Spitalarzte, der sich eines Abends einer wichtigen Angelegenheit
wegen entschloß, in die Stadt zu gehen, obwohl er Dienst hatte
und das Spital nicht hätte verlassen sollen. Als er zurückkam,
bemerkte er zu seinem Erstaunen Licht in seinem Zimmer. Er
hatte, was ihm früher nie geschehen war, vergessen, bei seinem
Weggehen dunkel zu machen. Er besann sich aber bald auf das
Motiv dieses Vergessens. Der im Hause wohnende Spitaldirektor
340 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
mußte ja aus dem Lichte im Zimmer seines Internen den Schluß
ziehen, daß dieser im Hause sei.
Ein mit Sorgen überbürdeter und gelegentUch Verstimmungen
unterworfener Mann versicherte mir, daß er regelmäßig arai
Morgen seine Uhr abgelaufen finde, wenn ihm am Abend vorher
das Leben gar zu hart und unfreundlich erschienen sei. Er drückt
also durch die Unterlassung, die Uhr aufzuziehen, symbolisch
aus, daß ihm nichts daran gelegen sei, den nächsten Tag zu
erleben.
Ein anderer, mir persönlich unbekannt, schreibt: „Von einem
harten Schicksalsschlage betroffen, erschien mir das Leben so hart
und unfreundhch, daß ich mir einbildete, keine genügende Kraft
zu finden, um den nächsten Tag durchzuleben, und da bemerkte
ich, daß ich fast täglich meine Uhr aufzuziehen vergaß, was ich
früher niemals unterließ und es vor dem Niederlegen regelmäßig
fast mechanisch unbewußt tat. Nur selten erinnerte ich mich
daran wenn ich am folgenden Tage etwas Wichtiges oder
mein hiteresse besonders Fesselndes vor hatte. Sollte auch dies
eine Symptomhandlung sein ? Ich konnte mir dies gar nicht
erklären."
Wer sich, wie Jung (Über die Psychologie der Dementia
praecox, 1 907, S. 62) oder M a e d er (Une voie nouvelle en
Psychologie — Freud et son ^cole, „Coenobium", Lugano 1909)
die Mühe nehmen will, auf die Melodien zu achten, welche
man ohne es zu beabsichtigen, oft ohne es zu merken, vor sich
hin trällert, wird die Beziehung des Textes zu einem die Person
beschäftigenden Thema wohl regelmäßig aufdecken können.
Auch die feinere Determinier ung des Gedankenausdruckes in
Rede oder Schrift verdiente eine sorgfältige Beachtung. Man glaubt
doch im allgemeinen die Wahl zu haben, in welche Worte man
seine Gedanken einkleiden oder durch welches Bild man sie
verkleiden soll. Nähere Beobachtung zeigt, daß andere Rücksichten
über diese Wahl entscheiden, und daß in der Form des Gedankens
IX, Symptom- und Zufalhhandlungen
241
ein tieferer, oft nicht beabsichtigter Sinn durchschimmert. Die
Bilder und Redensarten, deren sich eine Person vorzugsweise
bedient, sind für ihre Beurteilung meist nicht gleichgültig, und
andere erweisen sich oft als Anspielung auf ein Thema welches
derzeit im Hintergrunde gehalten wird, aber den Sprecher mächtig
ergriffen hat. Ich hörte jemand zu einer gewissen Zeit wiederholt
in theoretischen Gesprächen die Redensart gebrauchen ; „Wenn
einem plötzlich etwas durch den Kopf schießt", aber ich wußte
daß er vor kurzem die Nachricht erhalten hatte, seinem Sohn
sei die Feldkappe, die er auf dem Kopfe trug, von vorn nach
hinten durch ein russisches Projektil durchschossen worden.
. r
- - '
Freud, IV.
16
IRRTÜMER
Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehl-
erinnern nur durch den einen Zug unterschieden, daß der Irrtum
(das Fehlerinnern) nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben
findet. Der Gebrauch des Ausdrucks „Irrtum" scheint aber noch
an einer anderen Bedingung zu hängen. Wir sprechen von „Irren"
anstatt von „falsch Erinnein", wo in dem zu reproduzierenden
psychischen Material der Charakter der objektiven Realität hervor-
gehoben werden soll, wo also etwas anderes erinnert werden soll
als eine Tatsache unseres eigenen psychischen Lebens, vielmehr
etwas, was der Bestätigung oder Widerlegung durch die Erinnerung
anderer zugänglich ist. Den Gegensatz zum Gedächtnisirrtum in
diesem Sinne bildet die Unwissenheit.
In meinem Buche „Die Traumdeutung" (1900)' habe ich mich
einer Reihe von Verlalschungen an geschichtlichem und überhaupt
tatsächlichem Material schuldig gemacht, auf die ich nach dem Er-
scheinen des Buches mit Verwunderung aufmerksam geworden bin.
Ich habe bei näherer Prüfung derselben gefunden, daß sie nicht
meiner Unwissenheit entsprungen sind, sondern sich auf Irrtümer des
Gedächtnisses zurückleiten, welche sich durch Analyse aufklären
lassen.
1) Auf S. q66 (der ersten Auflage) bezeichne ich als den Geburts-
ort Schillers die Stadt Marburg, deren Name in der Steier-
i) 7. Auflage, igaa.
X. Irrtümer g^^
mark wiederkehrt. Der Irrtum findet sich in der Analyse eines
Traumes während einer Nachtreise, aus dem ich durch den vom
Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen Marburg geweckt
wurde. Im Trauminhalt wird nach einem Buche von Schiller
gefragt. Nun ist Schiller nicht in der Universitätsstadt Marburg
sondern in dem schwäbischen Marbach geboren. Ich behaupte
auch, daß ich dies immer gewußt habe.
2) Auf S. 155 wird Hannibals Vater Hasdrubal genannt.
Dieser Irrtum war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der
Auffassung solcher Irrtümer am meisten bestärkt. In der Geschichte
der Barkiden dürften wenige der Leser des Buches besser Bescheid
wissen als der Verfasser, der diesen Fehler niederschrieb und ihn
bei drei Korrekturen übersah. Der Vater Hannibals hieß Hamilkar
Barkas — Hasdrubal war der Name von Hannibals
Bruder, übrigens auch der seines Schwagers und Vorgängers im
Kommando.
g) Auf S. 177 und S. 370 behaupte ich, daß Zeus seinen
Vater Kronos entmannt und ihn vom Throne stürzt Diesen Greuel
habe ich aber irrtümlich um eine Generation vorgeschobenj die
griechische Mythologie läßt ihn von Kronos an seinem Vater
Uranos verüben.'
Wie ist es nun zu erklären, daß mein Gedächtnis in diesen
Punkten Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich
Leser des Buches überzeugen können, das entlegenste und unge-
bräuchlichste Material zur Verfügung stellte ? Und ferner, daß
ich bei drei sorgfältig durchgeführten Korrekturen wie mit
Blindheit geschlagen an diesen Irrtümern vorbeiging?
Goethe hat von Lichtenberg gesagt: Wo er einen Spaß
macht, liegt ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die
hier angeführten Stellen meines Buches behaupten: Wo ein Irrtum
1) Kein voller rrrtum! Die orphische Version des Mythus ließ die Entmannung
an Kronos von seinem Sohne Zeus wiederholt werden. (R o a c h e r, Lexikon der
Mythologie.)
xP
244' Zur Psychopathologie des Alltagslebens
vorliegt, da steckt eine Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt:
eine Unaufrichtigkeit, eine Entstellung, die schließlich auf Ver-
drängtem fußt. Ich bin bei der Analyse der dort mitgeteilten
\\ ! ' Träume durch die bloße Natur der Themata, auf welche sich
die Traumgedanken beziehen, genötigt gewesen, einerseits die
Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung abzubrechen, anderseits
einer indiskreten Einzelheit durch leise Entstellung die Schärfe zu
benehmen. Ich konnte nicht anders und hatte auch keine andere
Wahl, wenn ich überhaupt Beispiele und Belege vorbringen
wollte; meine Zwangslage leitete sich mit Notwendigkeit aus
der Eigenschaft der Träume ab. Verdrängtem, d. h. Bewußtseins-
unfähigem Ausdruck zu geben. Es dürfte trotzdem genug übrig
geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoß genommen
haben. Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch
bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos
durchführen lassen. Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals
wider meinen Willen den Zugang in das von mir Aufgenommene
erkämpft und ist darin als von mir unbemerkter Irrtum zum
Vorschein gekommen. In allen drei hervorgehobenen Beispielen
liegt übrigens das nämliche Thema zugrunde; die Irrtümer sind
Abkömmlinge verdrängter Gedanken, die sich mit meinem ver-
storbenen Vater beschäftigen. i
ad i) Wer den auf S. 366 analysierten Traum durchliest, wird
teils unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten können,
daß ich bei Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche
Kritik am Vater enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses
Zuges von Gedanken und Erinnerungen liegt nun eine ärgerliche
Geschichte, in welcher Bücher eine Rolle spielen, und ein
Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen Marburg führt,
denselben Namen, durch dessen Ausruf in der gleichnamigen Süd-
bahnstation ich aus dem Schlafe geweckt wurde. Diesen Herrn
Marburg wollte ich bei der Analyse mir und den Lesern unter-
schlagen; er rächte sich dadurch, daß er sich dort einmengte, wo
X. Irrtümer
245
er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes Schillers
aus Marbach in Marburg veränderte.
ad 2) Der Irrtum Hasdrubal anstatt Hamilkar der Name
des Bruders an Stelle des Namens des Vaters, ereignete sich
gerade in einem Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien
meiner Gymnasiasten] ah re und von meiner Unzufriedenheit mit
dem Benehmen des Vaters gegen die „Feinde unseres Volkes"
handelt. Ich hätte fortsetzen und erzählen können, wie mein
Verhältnis zum Vater durch einen Besuch in England verändert
wurde, der mich die Bekanntschaft meines dort lebenden Halb-
bruders aus früherer Ehe des Vaters machen ließ. Mein Bruder
hat einen ältesten Sohn, der mir gleichaltrig ist^ die Phantasien,
wie anders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn des
Vaters, sondern des Bruders zur Welt gekommen wäre, fanden
also kein Hindernis an den Altersrelationen. Diese unterdrückten
Phantasien fälschten nun an der Stelle, wo ich in der Analyse
abbrach, den Text meines Buches, indem sie mich nötigten, den
Namen des Bruders für den des Vaters zu setzen.
ad 5) Dem Einfluß der Erinnerung an diesen selben Bruder
schreibe ich es zu, daß ich die mythologischen Greuel der
griechischen Götterwell um eine Generation vorgeschoben habe.
Von den Mahnungen des Bruders ist mir lange Zeit eine im
Gedächtnis geblieben: „Vergiß nicht in Bezug auf Lebensführung
eines," hatte er mir gesagt, „daß du nicht der zweiten, sondern
eigentlich der dritten Generation vom Vater aus angehörst."
Unser Vater hatte sich in späteren Jahren wieder verheiratet und
war so um vieles älter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich begehe
den besprochenen Irrtum im Buche gerade dort, wo ich von der
Pietät zwischen Eltern und Kindern handle.
E!s ist auch einigemal vorgekommen, daß Freunde und Patienten,
deren Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traum-
analysen anspielte, mich aufmerksam machten, die Umstände der
gemeinsam erlebten Begebenheiten seien von mi r ungenau erzählt
246 2iir Psychopathologie des Alltagslebens
worden. Das wären nun wiederum historische Irrtümer. Ich habe
die einzelnen Fälle nach der Richtigstellung nachgeprüft und mich
gleichfalls überzeugt, daß meine Erinnerung des Sachlichen nur
dort ungetreu war, wo ich in der Analyse etwas mit Absicht
entstellt oder verhehlt halte. Auch hier wieder ein unbe-
merkter Irrtum als Ersatz für eine absichtliche
Verschweigung oder Verdrängung.
Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben
sich scharf andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen.
So war es z. B. Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in
die Wachau den Aufenthalt des Revolutionärs Fischhof
berührt zu haben glaubte. Die beiden Orte haben nur den Namen
gemein^ das Emmersdorf Fischhofs liegt in Kärnten. Ich
wußte es aber nicht anders.
4) Noch ein beschämender und lehrreicher Irrtum, ein Beispiel
von temporärer Ignoranz, wenn man so sagen darf. Ein Patient
mahnte mich eines Tages, ihm die zwei versprochenen Bücher
über Venedig mitzugeben, aus denen er sich für seine Osterreise
vorbereiten wollte. Ich habe sie bereit gelegt, erwiderte ich, und
ging in das Bibliothekszimmer, um sie zu holen. In Wahrheit
hatte ich aber vergessen, sie herauszusuchen, denn ich war mit
der Reise meines Patienten, in der ich eine unnötige Störung
der Behandlung und eine materielle Schädigung des Arztes erblickte,
nicht recht einverstanden. Ich halte also in der Bibliothek rasche
Umschau nach den beiden Büchern, die ich ins Auge gefaßt halte.
„Venedig als Kunststätle" ist das eine; außerdem aber muß ich
noch ein historisches Werk in einer ähnhchen Sammlung besitzen.
Richtig, da ist es: „Die Mediceer", ich nehme es und bringe es
dem Wartenden, um dann beschämt den Irrtum einzugestehen.
Ich weiß doch wirklich, daß die Medici nichts mit Venedig zu
tun haben, aber es erschien mir für eine kurze Weile gar nicht
unrichtig. Nun muß ich Gerechtigkeit üben; da ich dem Patienten
so häufig seine eigenen " Symptomhandlungen vorgehalten habe,
X, Irr! um er
247
tann ich meine Autorilät vor ihm nur retten, wenn ich ehrlich
■werde und ihm die geheim gehahenen Motive meiner Abneigung
gegen seine Reise kundgebe.
Man darf ganz allgemein erstaunt sein, daß der Wahrheitsdrang
der Menschen soviel stärker ist, als man ihn für gewöhnlich
einschätzt. Vielleicht ist es übrigens eine Folge meiner Beschäftigung
mit der Psychoanalyse, daß ich kaum mehr lügen kann. So oft
ich eine Entstellung versuche, unterliege ich einer Irrung oder
anderen Fehlleistung, durch die sich meine Unaufrichtigkeit wie
in diesem und den vorstehenden Beispielen verrät.
Der Mechanismus des Irrtums scheint der lockerste unter allen
Fehlleistungen, das heißt das Vorkommen des Irrtums zeigt ganz
allgemein an, daß die betreffende seelische Tätigkeit mit irgend
einem störenden Einfluß zu kämpfen hatte, ohne daß die Art des
Irrtums durch die Qualität der im Dunkeln gebliebenen störenden
Idee determiniert wäre. Wir tragen indes an dieser Stelle nach,
daß bei vielen einfachen Fällen von Versprechen und Verschreiben
derselbe Tatbestand anzunehmen ist. Jedesmal, wenn wir uns
versprechen oder verschreiben, dürfen wir eine Störung durch
seelische Vorgänge außerhalb der Intention erschließen, aber es
ist zuzugeben, daß das Versprechen und Verschreiben oftmals den
Gesetzen der Ähnlichkeit, der Bequemlichkeit oder der Neigung
zur Beschleunigung folgt, ohne daß es dem Störenden gelungen
wäre, ein Stück seines eigenen Charakters in dem beim
Versprechen oder Verschreiben resultierenden Fehler durch-
zusetzen. Das Entgegenkommen des sprachlichen Materials ermöglicht
erst die Determinierung des Fehlers und setzt derselben auch die
Grenze.
Um nicht ausschließlich eigene Irrtümer anzuführen, will ich
noch einige Beispiele mitteilen, die allerdings ebensowohl beim
Versprechen und Vergreifen hätten eingereiht werden können,
was aber bei der Gleichwertigkeit all dieser Weisen von Fehl-
leistung bedeutungslos zu nennen ist.
%
H8 Ziö- Psychopathologie des Alltagslebens
5) Ich habe einem Patienten untersagt, die Gehebte, mit der
er selbst brechen möchte, telephonisch anzurufen, da jedes Gespräch
den Abgewöhnungskampf von neuem entfacht. Er soll ihr seine
letzte Meinung schreiben, wiewohl es Schwierigkeiten hat, ihr
Briefe zuzustellen. Er besucht mich nun um 1 Uhr, um mir zu
sagen, daß er einen Weg gefunden hat, der diese Schwierigkeiten
umgeht, fragt auch unter anderem, ob er sich auf meine ärztliche
Autorität berufen darf. Um 2 Uhr ist er mit der Abfassung des
Absagebriefes beschäftigt, unterbricht sich plötzlich, sagt der dabei
anwesenden Mutter: Jetzt habe ich vergessen, den Professor zu
fragen, ob ich in dem Briefe seinen Namen nennen darf, eilt zum
Telephon, läßt sich verbinden und ruft die Frage ins Rohr: Bitte,
ist der Herr Professor schon nach dem Speisen zu sprechen? Als
Antwort tönt ihm ein erstauntes „Adolf, bist du verrückt
geworden?" entgegen, und zwar von der nämlichen Stimme, die
er nach meinem Gebote nicht mehr hätte hören sollen. Er hatte
sich bloß „geirrt." und anstatt der Nummer des Arztes die der
Geliebten angegeben.
6) Eine junge Dame soll einen Besuch bei einer kürzlich
verheirateten Freundin in der Habsburgergasse machen. Sie
spricht davon während des Familientisches, sagt aber irrtümlicher-
weise, sie müsse in die Babenbergergasse gehen. Andere bei
Tische Anwesende machen sie lachend auf den von ihr nicht
bemerkten Irrtum — oder Versprechen, wenn man so lieber will
— aufmerksam. Zwei Tage vorher ist nämlich in Wien die
Republik ausgerufen worden, das Schwarzgelb ist verschwunden 't
und hat den Farben der alten Ostmark: rot-weiß-rot Platz 1
gemacht, die Habsburger sind abgetan; die Sprecherin hat diese
Ersetzung in die Adresse der Freundin eingetragen. Es gibt übrigens
in Wien eine sehr bekannte Babenberger s t r a ß e, aber kein Wiener
würde von ihr als „Gasse" reden.
7) In einer Sommerfrische hat der Schullehrer, ein ganz armer,
aber stattlicher junger Mann, der Tochter eines Villenbesitzers
A". Irrtümer g.g
aus der Großstadt so lange den Hof gemacht, bis das Mädchen
sich leidenschaftlich in ihn verliebt und auch ihre Familie
bewogen hat, die Heirat trotz der bestehenden Standes- und Rassen-
unterschiede gutzuheißen. Da schreibt der Lehrer eines Tages
seinem Bruder einen Brief, in dem es heißt: „Schön ist das Dirndl
ja gar nicht, aber recht lieb und soweit war's gut. Ob ich mich
aber ward' entschließen können, eine Jüdin zu heiraten, das kann
ich dir noch nicht sagen". Dieser Brief gerät in die Hände der
Braut und macht dem Verlöbnis ein Ende, während der Bruder
sich gleichzeitig über die an ihn gerichteten Liebesbeteuerungen
zu verwundem hat. Mein Gewährsmann versicherte mir, daß hier
Irrtum und nicht eine schlaue Veranstaltung vorlag. Mir ist auch
ein anderer Fall bekannt geworden, in dem eine Dame, die, mit
ihrem alten Arzt unzufrieden, ihm doch nicht offen absagen
wollte, diesen Zweck mittels einer Briefverwechslung erreichte, und
wenigstens hier kann ich dafür einstehen, daß der Irrtum und nicht
die bewußte List sich des bekannten Lustspielmotivs bedient hat.
8) Brill erzählt von einer Dame, die sich bei ihm nach
dem Befinden einer gemeinsamen Bekannten erkundigte, wobei
sie dieselbe irrtümlich bei ihrem Mädchennamen nannte. Auf-
merksam gemacht, mußte sie zugestehen, daß sie den Mann
dieser Dame nicht möge und mit der Heirat derselben sehr
unzufrieden gewesen sei.
9) Ein Fall von Irrtum, der auch als „Versprechen" beschrieben
werden kann: Ein junger Vater begibt sich zum Standesbeamten,
um seine zweitgeborene Tochter anzumelden. Befragt, wie das
Kind heißen soll, antwortete er: Hanna, muß sich aber von dem
Beamten sagen lassen : Sie haben ja schon ein Kind dieses Namens.
Wir werden den Schluß ziehen, daß diese zweite Tochter nicht
so ganz willkommen war wie seinerzeit die erste.
10) Ich füge hier einige andere Beobachtungen von Namen-
verwechslungen an, die natürlich mit ebensoviel Recht in anderen
Abschnitten dieses Buches untergebracht worden wären.
350 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Eine Dame ist Mutler von drei Töchtern, von denen zwei
längst verheiratet sind, während die jüngste noch ihr Schicksal
erwartet. Eine befreundete Dame hat bei den beiden Hochzeiten
das nämhche Geschenk gemacht, eine kostbare silberne Teegarnitur.
So oft nun von diesem Gerät die Sprache ist, nennt die Mutter
irrtümhcher weise die dritte Tochter als Besitzerin. Es ist offenbar,
daß dieser Irrtum den Wunsch der Mutter ausspricht, auch die
letzte Tochter verheiratet zu wissen. Sie setzt dabei voraus, daß
ilf sie dasselbe Hochzeitsgeschenk erhalten würde. ' ■
Ebenso leicht deutbar sind die häufigen Fälle, in denen eine
Mutter die Namen ihrer Töchter, Söhne oder Schwiegersöhne
verwechselt.
1 1) Ein hübsches Beispiel von hartnäckiger Namensvertausch ung,
das sich leicht erklärt, entnehme ich der Selbstbeobachtung eines
Herrn J. G. während seines Aufenthaltes in einer Heilanstalt:
An der Table d'hote (des Sanatoriums) gebrauche ich im
Laufe eines mich wenig interessierenden und in ganz konven-
tionellem. Ton geführten Gespräches mit meiner Tischnachbarin
eine Phrase von besonderer Liebenswürdigkeit. Das etwas ältliche
Mädchen konnte nicht umhin zu bemerken, daß es sonst nicht
meine Art sei, ihr gegenüber so liebenswürdig und galant zu
sein — eine Entgegnung, die einerseits ein gewisses Bedauern
und mehr noch eine deutliche Spitze gegen ein uns beiden
bekanntes Fräulein enthielt, dem ich größere Aufmerksamkeit zu
schenken pflegte. Ich verstehe natürlich augenblicklich. Im Laufe
unseres weiteren Gespräches muß ich mich nun, was mir ungemein
peinlich ist, von meiner Nachbarin wiederholt darauf aufmerksam
machen lassen, daß ich sie mit dem Namen jenes Fräuleins
angesprochen habe, das sie nicht mit Unrecht als ihre glücklichere
Nebenbuhlerin ansah."
12) Als „Irrtum" will ich auch eine Begebenheit mit ernst-
haftem Hintergrund erzählen, die mir von einem nahe beteiligten
Zeugen berichtet wurde. Eine Dame hat den Abend mit ihrem
IK. Irrtümer 251
Manne und in Gesellschaft von zwei Fremden im Freien zugebracht.
Einer dieser beiden Fremden ist ihr intimer Freund, wovon aber
die anderen nichts wissen und nichts wissen dürfen. Die Freunde
begleiten das Ehepaar bis vor die Haustür. Während man auf
das Öffnen der Tür wartet, wird Abschied genommen. Die Dame
verneigt sich gegen den Fremden, reicht ihm die Hand und
spricht einige verbindliche Worte. Dann greift sie nach dem Arm
ihres heimlich Geliebten, wendet sich zu ihrem Manne und will
ihn in gleicher Weise verabschieden. Der Mann geht auf die
Situation ein, zieht den Hut und sagt überhöflich: Küss' die Hand,
gnädige Frau. Die erschrockene Frau läßt den Arm des Geliebten
fahren und hat noch Zeit, ehe der Hausmeister erscheint, zu
seufzen : Nein, so etwas soll einem passieren ! Der Mann gehörte
zu jenen Eheherren, die eine Untreue ihrer Frau außerhalb jeder
Möglichkeit verlegen wollen. Er hatte wiederholt geschworen, in
einem solchen Falle würde mehr als ein Leben in Gefahr sein.
Er hatte also die stärksten inneren Abhaltungen, um die Heraus-
forderung, die in dieser Irrung lag, zu bemerken.
15) Eine Irrung eines meiner Patienten, die durch eine Wieder-
holung zum Gegensinn besonders lehrreich wird: Der überbedenkliche
junge Mann hat sich nach langwierigen inneren Kämpfen dazu
gebracht, dem Mädchen, das ihn seit langem liebt wie er sie,
die Zusage der Ehe zu geben. Er begleitet die ihm Verlobte
nach Hause, verabschiedet sich von ihr, steigt überglücklich in
einen Tram way wagen und verlangt von der Schaffnerin — zwei
Fahrkarten. Etwa ein halbes Jahr später ist er bereits verheiratet,
kann sich aber noch nicht recht in sein Eheglück finden. Er
zweifelt, ob er recht getan hat zu heiraten, vermißt frühere
freundschaftliche Beziehungen, hat an den Schwiegereltern allerlei
auszusetzen. Eines Abends holt er seine junge Frau vom Hause
ihrer Eltern ab, steigt mit ihr in den Wagen der Straßenbahn
und begnügt sich damit, der Schaffnerin eine einzige Karte
abzuverlangen.
35^ ^"r Psychopathologie des Alltagslebens
14) Wie man einen ungern unterdrückten Wunsch vermittels
eines „Irrtums" befriedigen kann, davon erzählt Maeder ein hübsches
Beispiel. Ein Kollege möchte einen dienstfreien Tag so recht ungestört
genießen; er soll aber einen Besuch in Luzern machen, auf den
er sich nicht freuen kann, und beschließt nach längerer Über-
legung, doch hinzufahren. Um sich zu zerstreuen, liest er auf
der Fahrt Zürich — Arth-Goldau die Tageszeitungen, wechselt in
letzterer Station den Zug und setzt seine Lektüre fort. In der
Fortsetzung der Fahrt entdeckt ihm dann der kontrollierende
Schaffner, daß er in einen falschen Zug eingestiegen ist, nämlich
in den, der von Goldau nach Zürich zurückfahrt, während er ein
Billett nach Luzern genommen hatte. (Nouvelles contributions etc.,
Arch. de Psych., VI, 1908).
15) Einen analogen, wenngleich nicht voll geglückten Versuch,
einem unterdrückten Wunsch durch den nämlichen Mechanismus
der Irrung zum Ausdruck zu verhelfen, berichtet Dr. V. Tausk
unter der Überschrift „Falsche Fahrtrichtung":
„Ich war aus dem Felde auf Urlaub nach Wien gekommen.
Ein alter Patient hatte von meiner Anwesenheit Kenntnis
bekommen und ließ mich bitten, daß ich ihn besuche, da er krank
zu Bette lag. Ich leistete der Bitte Folge und verbrachte zwei
Stunden bei ihm. Beim Abschied fragte der Kranke, was er schuldig
sei. ,Ich bin auf Urlaub hier und ordiniere jetzt nicht,' antwortete
ich. ^Nehmen Sie meinen Besuch als einen Freundschaftsdienst.'
Der Kranke stutzte, da er wohl das Empfinden hatte, er habe
kein Recht, eine berufliche Leistung als unentgeltlichen Freund-
schaftsdienst in Anspruch zu nehmen. Aber er ließ sich meine
Antwort schließlich gefallen, in der von der Lust an der Geld-
ersparung diktierten respektvollen Meinung, daß ich als Psycho-
analytiker sicher richtig handeln werde. - — ■ Mir selbst stiegen schon
wenige Augenblicke später Bedenken über die Aufrichtigkeit meiner
Noblesse auf, und, von Zweifeln — die kaum eine zweideutige
Lösung zuließen — erfüllt, bestieg ich die elektrische Straßenbahn-
X. Irrtümer jjgj
linie X. Nach einer kurzen Fahrt hatte ich auf die Linie Y um-
zusteigen. Während ich an der Umsteigestelle wartete, vergaß ich
die Honorarangelegenheit und beschäftigte mich mit den Krankheits-
symptomen meines Patienten. Indem kam der von mir erwartete
Wagen und ich stieg ein. Aber bei der nächsten Haltestelle mußte
ich wieder aussteigen. Ich war nämlich statt in einem Y- Wagen
versehentlich und ohne es zu merken in einen X-Wagen einge-
stiegen und fuhr in der Richtung, aus der ich eben gekommen
war, wieder zurück, in der Richtung zum Patienten, von dem
ich kein Honorar annehmen wollte. Mein Unbewußtes aber
wollte sich das Honorar holen." (Internat. Zeitschrift f.
Psychoanalyse IV, 1916/17.)
16) Ein sehr ähnliches Kunststück wie im Beispiel 14 ist mir
selbst einmal gelungen. Ich hatte meinem gestrengen ältesten
Bruder zugesagt, ihm in diesem Sommer den längst fälligen Besuch
in einem englischen Seebad abzustatten, und dabei die Verpflichtung
übernommen, da die Zeit drängte, auf dem kürzesten Wege ohne
Aufenthalt zu reisen. Ich bat um einen Tag Aufschub für Holland,
aber er meinte, das könnte ich für die Rückreise aufsparen. Ich
fuhr also von München über Köln nach Rotterdam — Hook of
Holland, von wo das Schiff um Mitternacht nach Harwich über-
setzt. In Köln hatte ich Wagenwechsel^ ich verließ meinen Zug,
um in den Eilzug nach Rotterdam umzusteigen, aber der war
nicht zu entdecken. Ich fragte verschiedene Bahnbedienstete, wurde
von einem Bahnsteig auf den anderen geschickt, geriet in eine
übertriebene Verzweiflung und konnte mir bald berechnen, daß
ich während dieses erfolglosen Suchens den Anschluß versäumt
haben dürfte. Nachdem mir dieses bestätigt worden war, über-
legte ich, ob ich in Köln übernachten sollte, wofür unter anderem
auch die Pietät sprach, da nach einer alten Familientradition
naeine Ahnen einst bei einer Judenverfolgung aus dieser Stadt
geflüchtet waren. Ich entschloß mich aber anders, fuhr mit einem
späteren Zug nach Rotterdam, wo ich in tiefer Nachtzeit ankam,
254 2"^ Psychopathologie des JlUagslebens
und war nun genötigt, einen Tag in Holland zuzubringen- Dieser
Tag brachte mir die Erfüllung eines längst gehegten Wunsches^
ich konnte die herrlichen Rembrandtbilder im Haag und im
Reichsmuseum zu Amsterdam sehen. Erst am nächsten Vormittag,
als ich während der Eisen bahn fahrt in England meine Eindrücke
I ' sammeln konnte, tauchte mir die unzweifelhafte Erinnerung auf,
daß ich auf dem Bahnhofe in Köln wenige Schritte von der Stelle,
wo ich ausgestiegen war, auf dem nämlichen Bahnsteig eine große
Tafel Rotterdam^ Hook of Holland gesehen hatte. Dort wartete
der Zug, in dem ich die Reise hätte fortsetzen sollen. Man müßte
es als unbegreifliche „Verblendung" bezeichnen, daß ich trotz
dieser guten Anleitung weggeeilt und den Zug anderswo gesucht
hatte, wenn man nicht annehmen wollte, daß es eben mein
Vorsatz war, gegen die Vorschrift meines Bruders die Rembrandt-
bilder schon auf der Hinreise zu bewundern. Alles übrige, meine
gut gespielte Ratlosigkeit, das Auftauchen der pietätvollen Absicht,
in Köln zu übernachten, war nur Veranstaltung, um mir meinen
Vorsatz zu verbergen, bis er sich vollkommen durchgesetzt hatte.
17) Eine ebensolche, durch „Vergeßlichkeit" hergestellte Veran-
staltung, um einen Wunsch zu erfüllen, auf den man angeblich
verzichtet hat, berichtet J. Stärcke von seiner eigenen Person. (L.c.)
„Ich mußte einmal in einem Dorfe einen Vortrag mit Licht-
bildern halten. Dieser Vortrag war aber um eine Woche verschoben.
Ich hatte den Brief hinsichtlich dieses Aufschubes beantwortet und
das geänderte Datum in meinem Notizbuch notiert. Ich wäre gern
schon nachmittags nach diesem Dorfe gegangen, damit ich die
Zeit hätte, um einem mir bekannten Schriftsteller, der dort wohnt,
einen Besuch abzustatten. Zu meinem Bedauern konnte ich aber
zurzeit keinen Nachmittag dafür frei machen. Nur ungern gab ich
diesen Besuch auf.
Als nun der Abend des Vortrages da war, machte ich mich,
mit einer Tasche voll Lalernenbilder, in größter Eile zum Bahn-
hof auf. Ich mußte einen Taxi nehmen, um den Zug noch zu
X. Irrtümer
255
erreichen (es passiert mir öfters, daß ich so lange zögere, daß ich
einen Taxi nehmen muß, um den Zug noch zu erreichen!). An
Ort und Stelle gekommen, war ich einigermaßen erstaunt, daß
keiner am Bahnhof war, um mich abzuholen (wie es bei Vorträgen
in kleineren Orten Gewohnheit ist). Plötzlich fiel mir ein, daß
der Vortrag um eine Woche verschoben war, und daß ich jetzt
am ursprünglich festgestellten Datum eine vergebliche Reise
gemacht hatte. Nachdem ich meine Vergeßlichkeit herzinnig
verwünscht hatte, überlegte ich, ob ich mit dem nächstfolgenden
Zug -wieder nach Hause zurückkehren soUte. Bei näherer Über-
legung dachte ich aber daran, daß ich jetzt eine schöne Gelegen-
heit hatte, um den gewünschten Besuch zu machen, was ich denn
auch tat. Erst unterwegs fiel mir ein, daß mein unerfüllter Wunsch,
für diesen Besuch gehörig Zeit zu haben, das Komplott hübsch
vorbereitet hatte. Das Schleppen mit der schweren Tasche voll
Laternenbilder und das Eilen, um den Zug zu erreichen, konnten
ausgezeichnet dazu dienen, die unbewußte Absicht desto besser zu
verbergen."
Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtümern,
für die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder
besonders bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken,
ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf
die Beurteilung der ungleich wichtigeren Urteilsirrtümer
der Menschen im Leben und in der Wissenschaft auszudehnen.
Nur den auserlesensten und ausgegUchensten Geistern scheint es
möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen äußeren Realität
vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim Durchgang
durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erlährt.
XI
KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN
Zwei der letzterwähnten Beispiele, mein Irrtum, der die
Mediceer nach Venedig bringt, und der des jungen Mannes, der
ein telephonisches Gespräch mit seiner Geliebten dem Verbote
abzutrotzen weiß, haben eigentlich eine ungenaue Beschreibung
gefunden und stellen sich bei sorgfältiger Betrachtung als
Vereinigung eines Vergessens mit einem Irrtum dar. Dieselbe
Vereinigung kann ich noch deuthcher an einigen anderen Beispielen
aufzeigen.
i) Ein Freund teilt mir folgendes Erlebnis mit: „Ich habe
vor einigen Jahren die Wahl in den Ausschuß einer bestimmten
literarischen Vereinigung angenommen, weil ich vermutete, die
Gesellschaft könnte mir einmal behilflich sein, eine Aufführung
meines Dramas durchzusetzen, und nahm regelmäßig, wenn auch
ohne viel Interesse, an den jeden Freitag stattfindenden Sitzungen
teil. Vor einigen Monaten erhielt ich nun die Zusicherung einer
Aufführung am Theater in F., und seither passierte es mir regel-
mäßig, daß ich die Sitzungen jenes Vereines vergaß. Als
ich Ihre Schrift über diese Dinge las, schämte ich mich meines
Vergessens, machte mir Vorwürfe, es sei doch eine Gemeinheit,
daß ich jetzt ausbleibe, nachdem ich die Leute nicht mehr
brauche, und beschloß, nächsten Freitag gewiß nicht zu vergessen.
Ich erinnerte mich an diesen Vorsatz immer wieder, bis ich ihn
ausführte und vor der Tür des Sitzungssaales stand. Zu
XL Kombiniirte FehUeistungen. agrt
meinem Erstaunen war sie geschlossen, die Sitzung war schon
vorüber^ ich hatte mich nämhch im Tage geirrt- es war schon
Samstag!"
a) Das nächste Beispiel ist eine Kombination einer Symptom-
handlung mit einem Verlegen; es ist auf entfernteren Umwegen
aber aus guter Quelle zu mir gelangt.
Kne Dame reist mit ihrem Schwager, einem berühmten
Künstler, nach Rom. Der Besucher wird von den in Rom lebenden
Deutschen sehr gefeiert und erhält unter anderem eine goldene
Medaille antiker Herkunft zum Geschenke. Die Dame kränkt
sich darüber, daß ihr Schwager das schöne Stück nicht genug zu
schätzen weiß. Nachdemi sie, von ihrer Schwester abgelöst, wieder
zu Hause angelangt ist, entdeckt sie beim Auspacken, daß sie die
Medaille — sie weiß nicht wie — mitgenommen hat. Sie teilt
es sofort dem Schwager brieflich mit und kündigt ihm an, daß
sie das Entführte am nächsten Tage nach Rom zurückschicken
wird. Am nächsten Tage aber ist die Medaille so geschickt verlegt,
daß sie unauffindbar und unabsendbar ist, und dann dämmert der
Dame, was ihre „Zerstreutheit" bedeute, nämlich, daß sie das
Stück für sich selbst behalten wolle.
5) Einige Falle, in denen sich die Fehlhandlung hartnäckig
wiederholt und dabei auch ihre Mittel wechselt:
Jones (1. c, S. 485): Aus ihm unbekannten Motiven hatte
er einst einen Brief mehrere Tage auf seinem Schreibtisch liegen
lassen, ohne ihn aufzugeben. Endlich entschloß er sich dazu, aber
er erhielt ihn vom „Dead letter office" zurück, denn er hatte
vergessen, die Adresse zu schreiben. Nachdem er ihn adressiert
hatte, brachte er ihn wieder zur Post, aber diesmal ohne Briefe
marke. Die Abneigung dagegen, den Brief überhaupt abzusenden,
konnte er dann nicht mehr übersehen.
4) Sehr eindrucksvoll schildert die vergeblichen Bemühungen,
eine Handlung gegen einen inneren Widerstand durchzusetzen
eine kleine Mitteilung von Dr. Karl Weiß (Wien):
Freud, IV.
258 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
„Wie konsequent sich das Unbewußte durchzusetzen weiß,
wenn es ein Motiv hat, einen Vorsatz nicht zur Ausführung
gelangen zu lassen, und wie schwer es ist, sich gegen diese
Tendenz zu sichern, dafür bietet der folgende Vorfall einen Beleg.
Ein Bekannter ersucht mich, ihm ein Buch zu leihen und es ihm
am nächsten Tage mitzubringen. Ich sage sogleich zu, empfinde
aber ein lebhaftes Unlustgefühl, das ich mir zunächst nicht
erklären kann. Später wird es mir klar: der Betreffende schuldet
mir seit Jahren eine Summe Geldes, an deren Bezahlung er
anscheinend nicht denkt. Ich denke nicht weiter an die Sache,
erinnere mich aber ihrer am nächsten Vormittag mit dem gleichen
Unlustgefühl und sage mir sofort; ,Dein Unbewußtes wird darauf
hinarbeiten, daß du das Buch vergißt. Du willst aber nicht
ungefällig sein und wirst deshalb alles tun, um nicht zu vergessen.'
Ich komme nach Hause, packe das Buch in Papier und lege es
neben mich auf den Schreibtisch, an dem ich Briefe schreibe. Nach
einiger Zeit gehe ich fortj nach wenigen Schritten erinnere ich mich,
daß ich die Briefe, die ich zur Post mitnehmen wollte, auf dem
Schreibtisch liegen gelassen habe. (Beiläufig bemerkt war einer
darunter, in dem ich einer Person, die mich in einer bestimm^ten
Angelegenheit fördern sollte, etwas Unangenehmes schreiben mußte.)
Ich kehre um, hole die Briefe und gehe wieder weg. In der Elek-
trischen fällt mir ein, daß ich meiner Frau versprochen habe, ihr
einen Einkauf zu besorgen, und ich bin recht befriedigt bei dem
Gedanken, daß es nur ein kleines Päckchen sein wird. Hier stellt
sich plötzlich die Assoziation Päckchen — Buch her und jetzt merke
ich, daß ich das Buch nicht bei mir habe. Ich hatte es also nicht
nur das erstemal, ak ich fortging, vergessen, sondern auch konse-
quent übersehen, als ich die Briefe holte, neben denen es lag."
5) Das Nämliche in einer eingehend analysierten Beobachtung
von Otto Rank:
„Ein peinlich ordentlicher und pedantisch genauer Mann
berichtet das folgende, für ihn ganz außergewöhnliche Erlebnis.
XI. Kombinierte Fehlleistungen 2gq
Eines NachmlUags, als er auf der Straße nach der Zeit sehen
will, bemerkt er, daß er seine Uhr zu Hause vergessen hat was
seiner Erinnerung nach noch nie vorgekommen war. Da er für
den Abend eine pünktliche Verabredung hat und nicht mehr Zeit
findet, vorher seine Uhr zu holen, benützte er den Besuch bei
einer befreundeten Dame, um sich ihre Uhr für den Abend aus-
zaileihen; dies war um so eher angängig, als er die Dame infolge
einer früheren Verabredung am nächsten Vormittag zu besuchen
hatte und bei dieser Gelegenheit die Uhr zurückzustellen ver-
sprach. Zu seinem Erstaunen merkt er aber, als er tags darauf
der Besitzerin die entlehnte Uhr überreichen will, daß er nun
diese zu Hause vergaß; seine eigene Uhr hatte er diesmal zu sich
gesteckt. Er nahm sich nun fest vor, die Damenuhr noch am
Nachmittag zurückzustellen, und führte den Vorsatz auch aus.
Als er aber beim Weggelien nach der Zeit sehen will, hat er zu
seinem maßlosen Ärger und Erstaunen wieder die eigene Uhr
vergessen. Diese Wiederholung der Fehlleistung kam dem sonst
so ordnungsliebenden Manne derart pathologisch vor, daß er gern
ihre psychologische Molivierung gekannt hätte, die sich auch
prompt auf die psychoanalytische Fragestellung ergab, ob er an
dem kritischen Tage des ersten Vergessens irgend etwas Unan-
genehmes erlebt habe, und in welchem Zusammenhange dies
geschehen sei. Er ei-zählt darauf sogleich, daß er nach dem
Mittagessen, kurz bevor er wegging und die Uhr vergaß, ein
Gespräch mit seiner Mutter gehabt hatte, die ihm erzählte, ein
leichtsinniger Verwandter, der ihm schon viel Kummer und Geld-
opfer verursacht hatte, hätte seine Uhr versetzt; da sie aber zu
Hause gebraucht werde, ließe er ihn bitten, ihm das Geld zur
Auslösung zu geben. Diese fast erzwungene Art des Geldleihens
hatte unseren Mann sehr peinlich berührt und ihm all die
Unannehmlichkeiten wieder in Erinnerung gebracht, die ihm
dieser Verwandte seit vielen Jahren bereitet hatte. Seine Symptom-
handiung erweist sich demnach als mehrfach determiniert: erstens
*6o Zur Psychopathologie des jiUtagslebens
gibt sie einem Gedankengange Ausdruck, der etwa besagt, ich
lasse mir das Geld nicht auf diese Weise abpressen, und wenn
eine Uhr gebraucht wird, so lasse ich eben meine eigene zu
Hause^ da er sie jedoch abends zur Einhaltung eines Rendezvous
braucht, kann sich diese Absicht nur auf unbewußtem Wege, in
Form einer Symptomhandlung, durchsetzen; zweitens besagt das
Vergessen soviel als: die ewigen Geldopfer für diesen Taugenichts
werden mich noch gänzlich zugrunde richten, so daß ich alles
werde hergeben müssen. Obwohl nun der Ärger über diese Mit-
teilung nach Angabe des Mannes nur ein momentaner gewesen
war, zeigt doch die Wiederholung der gleichen Symptomhandlung,
daß er im Unbewußten intensiv weiterwirkt, etwa wie wenn das
Bewußtsein sagen würde : Diese Geschichte geht mir nicht aus dem
Kopfe.' Daß dann das gleiche Schicksal einmal auch die entlehnte
Damenuhr betrifft, wird uns nach dieser Einstellung des Unbe-
wußten nicht wundernehmen. Doch begünstigen vielleicht noch
spezielle Motive diese Übertragung auf die ,unschuldige' Damen-
uhr. Das nächstliegende Motiv ist wohl, daß er sie vermutlich
gern als Ersatz seiner eigenen, aufgeopferten Uhr behalten hätte
und sie darum am nächsten Tage zurückzugeben vergißt; auch
hätte er die Uhr vielleicht gern als Andenken an die Dame
besessen. Ferner bietet ihm das Vergessen der Damenuhr
Gelegenheit, die verehrte Dame ein zweites Mal zu besuchen; er
hatte sie ja des Morgens einer anderen Sache wegen aufsuchen
müssen und scheint mit dem Vergessen der Uhr gleichsam anzu-
deuten, daß ihm dieser schon längere Zeit vorher bestimmte
Besuch zu schade sei, um ihn noch nebenbei zur Rückgabe der
Uhr zu benützen. Auch spricht das zweimalige Vergessen der
eigenen und die dadurch ermöglichte Rückstellung der fremden
Uhr dafür, daß unser Mann es unbewiißterweise zu vermeiden
1) Dieses Weiterwirken im Unbewußten äuflert sich einmal in Form eines
Traumes, welcher der FehUiandlung folgt, ein andermal in der Wiederholung der-
selben oder in der Unterlassung einer Korrektur.
X/. Kombinierte Fehlleistungen 261
sucht, beide Uhren gleichzeitig zu tragen. Er trachtet offenbar,
diesen Anschein des Überflusses zu vermeiden, der in zu auf-
fälhgem Gegensatz zu dem Mangel des Verwandten stünde;
andererseits aber weiß er damit seiner anscheinlichen Heirats-
absicht der Dame gegenüber mit der Selbstmahnung zu begegnen,
daß er seiner Familie (Mutter) gegenüber unlösbare Verpflichtungen
habe. Ein weiterer Grund für das Vergessen einer Damenuhr mag
endlich darin zu suchen sein, daß er sich am Abend zuvor als
Junggeselle vor seinen Bekannten geniert hatte, auf die Damenuhr
zu sehen, was er nur verstohlen tat, und daß er, um die Wieder-
holung dieser peinhchen Situation zu vermeiden, die Uhr nicht
mehr zu sich stecken mochte. Da er sie aber andererseits zurück-
zustellen hatte, so resultiert auch hier die unbewußt vollzogene
Symptomhandlung, die sich als Kompromißbildung zwischen
widerstreitenden Gefühlsregungen und als teuer erkaufter Sieg
der unbewußten Instanz erweist." (Zentralblatt f. Psychoanalyse,
n, 5-) -
Drei Beobachtungen von J. Stärcke (1- c):
6) Verlegen-Zerbrechen-Vergessen — als. Aus-
druck eines zurückgedrängten Gegenwillens: „Von
einer Sammlung Illustrationen für eine wissenschaftliche Arbeit
sollte ich eines Tages meinem Bruder einige leihen, welche er
als Lichtbilder bei einem Vortrag benutzen wollte. Obgleich ich
einen Augenblick den Gedanken verspürte, daß ich die Repro-
duktionen, die ich mit vieler Mühe gesammelt hatte, lieber in
keiner Weise vorgefülirt oder publiziert sähe, bevor ich das selbst
machen könnte, versprach ich ihm, die Negative der gewünschten
Bilder aufzusuchen und Laternenbilder davon anzufertigen. —
Diese Negative konnte ich aber nicht finden. Den ganzen Stapel
Schachteln voll Negative, die sich auf diesen Gegenstand bezogen,
sah Ich durch, gut zweihundert Negative nahm ich eines nach
dem anderen in die Hand, aber die Negative, die ich suchte,
waren nicht dabei. Ich vermutete wohl, daß ich meinem. Bruder.
a6a Tut Psychopathologie des Alltagslebens
diese Bilder eigentlich nicht zu gönnen schien. Nachdem ich mir
diesen abgünstigen Gedanken bewußt gemacht und bestritten
hatte, bemerkte ich, daß ich die oberste Schachtel des Stapels zur
Seite gesetzt und diese nicht durchsucht hatte, und diese Schachtel
enthielt die gesuchten Negative. Auf dem Deckel dieser Schachtel
stand eine kurze Aufzeichnung betreffs des Inhalts, und wahr-
scheinlich hatte ich das mit einem flüchtigen Blick gesehen, bevor
ich diese Schachtel zur Seite setzte. Der abgünstige Gedanke
schien indessen noch nicht ganz besiegt, denn es geschah noch
allerlei, bevor die Lichtbilder verschickt waren. Eine von den
Latemenplatten drückte ich kaputt, während ich diese in der
Hand hatte und die Glasseite rein putzte (so zerbreche ich sonst
nie eine Latemenplatte). Als ich von dieser Platte ein neues
Exemplar angefertigt hatte, fiel es mir aus der Hand und nur
dadurch, daß ich den Fuß vorstreckte und es darauf auffing,
zerbrach es nicht. Als ich die Laternenplatten montierte, fiel der
ganze Haufen noch einmal auf den Boden, glücklicherweise ohne
daß dabei etwas zerbrach. Und schließlich dauerte es noch
mehrere Tage, bevor ich sie wirklich emballierte und versandte,
da ich mir dieses jeden Tag von neuem vornahm und dieses
Vornehmen jedesmal wieder vergaß."
7) Wiederholtes Vergessen — Vergreifen bei der
endlichen Ausführung: „Eines Tages mußte ich einem
Bekannten eine Postkarte senden, verschob es aber während
mehrerer Tage immer wieder, wobei ich ein starkes Vermuten
hatte, daß folgendes die Ursache davon war: In einem Briefe
hatte er mir mitgeteilt, daß im Laufe jener Woche mich jemand
besuchen wollte, auf dessen Besuch ich nicht sehr erpicht war.
Als diese Woche vorüber war und die Aussicht des ungewünschten
Besuches sehr gering geworden war, schrieb ich endlich die
Postkarte, worin ich mitteilte, wann ich zu sprechen sein würde.
Als ich diese Postkarte schrieb, wollte ich anfangs hinzufügen,
daß ich wegen druk werk (=^ emsige, angestrengte oder über-
XL Kombinierte Fehlleistungen 365
häufte Arbeit) am Schreiben behindert gewesen war, aber ich
schrieb das am Ende nicht, weil diese gewöhnliche Ausrede doch
von keinem vernünftigen Menschen mehr geglaubt wird. Ob diese
kleine Unwahrheit sich doch äußern mußte, weiß ich nicht, aber
als ich die Postkarte in den Briefkasten warf, warf ich sie irrtüm-
licherweise in die untere Öffnung des Kastens: JDrukwerk^
(= Drucksachen)."
8) Vergessen und Irrtum: „Ein Mädchen geht eines
Morgens, da das Wetter sehr schön ist, nach dem ,Ryfcsmuseum*,
um dort Gipsabgüsse zu zeichnen. Obgleich sie bei diesem schönen
Wetter lieber spazieren gehen möchte, entschloß sie sich, doch
mal emsig zu sein und zu zeichnen. Sie muß zuerst Zeichenpapier
kaufen. Sie geht zum Laden (ungefähr zehn Minuten vom
Museum), kauft Bleistifte und andere Zeichengeräte, aber vergißt
eben das Zeichenpapier zu kaufen, geht dann zum Museum, und
als sie auf ihrem Stühlchen sitzt, fertig, um anzufangen, da hat
sie noch kein Papier, so daß sie von neuem zu dem Laden gehen
muß. Nachdem sie Papier geholt hat, fängt sie wirklich an zu
zeichnen, geht mit der Arbeit gut vorwärts und hört nach einiger
Zeit vom Turme des Museums eine große Zahl Glockenschläge.
Sie denkt: ,Das wird schon zwölf Uhr sein', arbeitet noch fort,
bis die Turmglocke Viertelstunde spielt (,das ist Viertel nach
zwölf, denkt sie), packt jetzt ihre Zeichengeräte ein und entschließt
sich, durch den ,Vondelpark' zum Hause ihrer Schwester zu
spazieren, um dort Kaffee zu trinken (=- holl. zweite Mahlzeit).
Beim Suasso-Museum sieht sie zu ihrem Staunen, daß es statt
halb eins erst zwölf Uhr ist! — Das lockende schöne Wetter
hatte ihren Fleiß hinters Licht geführt und dadurch hatte sie, als
die Turmglocke um halb zwölf zwölf schlug, nicht daran gedacht,
daß eine Turmglocke auch mit der halben Stunde schlägt."
9) Wie schon einige der vorstehenden Beobachtungen zeigen,
kann die unbewußt störende Tendenz ihre Absicht auch erreichen,
indem sie dieselbe Art der Fehlleistung hartnäckig wiederholt.
^£4 lur Psychopathologie des Alhagslebens
I
Ich entnehme ein amüsantes Beispiel hiefür einem Büchlein
„Frank Wedekind und das Theater", das im Münchener Drei
Masken-Verlag erschienen ist, muß aber die Verantwortung für
das m Mark Twainscher Manier erzählte Geschichtchen dem Autor
des Buches überlassen.
„In Wedekinds Einakter ,Die Zensur' fällt an der ernstesten
Stelle des Stückes der Ausspruch: ,Die Furcht vor dem
Tode ist ein Denkfehler.' Der Autor, dem die Stelle am
Herzen lag, bat auf der Probe den Darsteller, vor dem Worte
, Denkfehler' eine kleine Pause zu machen. Am Abend der
Darsteller ging ganz in seiner Rolle auf, beobachtete auch die
Pause genau, sagte aber unwillkürlich in feierlichstem Tone : Die
Furcht vor dem Tode ist ein Druckfehler.' Der Autor ver-
sicherte dem Künstler nach Schluß der Vorstellung auf seine
Frage, daß er nicht das geringste auszusetzen habe, nur heiße es
an der betreffenden Stelle nicht: die Furcht vor dem Tode sei
ein Druckfehler, sondern ein Denkfehler. — Als ,Die Zensur* am
folgenden Abend wiederholt wurde, sagte der Darsteller an der
bewußten Stelle, und zwar wieder in feierlichstem Tone: ,Die
Furcht vor dem Tode ist ein — Denkzettel.' Wedekind
spendete dem Schauspieler wieder uneingeschränktes Lob, aber
bemerkte nur nebenbei, daß es nicht heiße, die Furcht vor dem
Tode sei ein Denkzettel, sondern ein Denkfehler. — Am nächsten
Abend wurde wieder ,Die Zensur' gespielt und der Darsteller, mit
dem sich der Autor inzwischen befreundet und Kunstanschauungen
ausgetauscht hatte, sagte, als die Stelle kam, mit der feierlichsten
Miene von der Welt; ,Die Furcht vor dem Tode ist ein
Druck Zettel.' — Der Künstler erhieh des Autors rückhaltlose
Anerkennung, der Einakter wurde auch noch oft wiederholt, aber '
den Begriff ,Denkfehler' hielt der Autor nun ein für allemal für
endgültig erledigt."
Rank hat auch den sehr interessanten Beziehungen von „Fehl-
leistung und Traum" (Zenlralbl. f. Psychoanalyse II. S. 36Ö u. Internat.
r
XI. Kombinierte Fehlleistungen 365
Zeitschr. f. Psychoanalyse III, S. 158) Aufmerksamkeit geschenkt,
denen man aber nicht ohne eingehende Analyse des Traumes
folgen kann, welcher sich an die Fehlhandlung anschließt. Ich
träumte einmal in einem längeren Zusammenhange, daß ich
mein Portemonnaie verloren. Am Morgen vermißte ich es wirklich
beim Ankleiden; ich hatte vergessen, es beim Auskleiden vor der
Traumnacht aus der Hosentasche zu nehmen und an seinen
gewohnten Platz zu legen. Dieses Vergessen war mir also nicht
unbekannt, es sollte wahrscheinlich einenr unbewußten Gedanken
Ausdruck geben, der für das Auftreten im Trauminhalt vor-
bereitet war.*
Ich will nicht behaupten, daß solche Fälle von kombinierten
Fehlleistungen etwas Neues lehren können, was nicht schon aus
den Einzelfällen zu ersehen wäre, aber dieser Formenwechsel der
Fehlleistung bei Erhaltung desselben Erfolges gibt doch den
plastischen Eindruck eines Willens, der nach einem bestimmten
Ziele strebt, und widerspricht in ungleich energischerer Weise
der Auffassung, daß die Fehlleistung etwas Zufälliges und der
Deutung nicht Bedürftiges sei. Es darf uns auch auffallen, daß es
in diesen Beispielen einem bewußten Vorsatz so gründlich mißlingt,
den Erfolg der Fehlleistung hintanzuhalten. Mein Freund setzt
es doch nicht durch, die Vereinssitzung zu besuchen, und die
Danie findet sich außerstande, sich von der Medaille zu trennen.
Jenes Unbekannte, das sich gegen diese Vorsätze sträubt, findet
1) Daß eine Fehlleistung wie das Verlieren oder Verlegen durch einen Traum
rückgängig gemacht wird, indem man im Traume erfährt, wo der vermißte Gegen-
Etand lu finden ist, kommt nicht so selten vor, hat aber auch nichts von der Natur
des Okkulten, so lange Träumer und Verlustträger dieselbe Person sind. Eine junge
Dame schreibt: „Vor ungefähr vier Monaten verlor ich — in der Bank — einen
sehr, schönen Ring. Ich durchsuchte jeden Winkel in meinem Zimmer, fand ihn aber
nicht. Vor einer Woche träumte mir, er liege neben dem Kasten in der Heizung.
Der Traum ließ mir natürlich keine Ruhe und nächsten Morgen fand ich ihn wirklich
an der Stelle." Sie wundert sich über diesen Vorfall, behauptet, es geschehe ihr oft,
daß ihre Gedanken und Wünsche so in Erfüllung gehen, imterläßt es aber sich zu
fragen, welche Veränderung sich in ihrem Leben twischen dem Verlieren und
dem Wiederlinden des Ringes zugetragen hat.
s66
Zur Psychopathologie des AlltagsUbens
einen anderen Ausweg, nachdem ihm der erste Weg versperrt
wird. Zur Überwindung des unbekannten Motivs ist nämhch noch
etwas anderes als der bewußte Gegenvorsatz erforderlich^ es
brauchte eine psychische Arbeit, welche das Unbekannte dem
Bewußtsein bekannt macht.
XII
DETERMINISMUS
ZUFALLS- UND ABERGLAUBEN
GESICHTSPUNKTE
Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen
kann man folgende Einsicht hinstellen: Gewisse Unzuläng-
lichkeiten unserer psychischen Leistungen — deren
gemeinsamer Charakter sogleich näher bestimmt werden soll —
und gewisse absichtslos erscheinende Verrichtungen
erweisen sich, wenn man das Verfahren der psycho-
analytischen Untersuchung auf sie anwendet, als
wohlmotiviert und durch dem Bewußtsein unbe-
kannte Motive determiniert.
Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht
zu werden, muß eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen
genügen.
a) Sie darf nicht über ein gewisses Maß hinausgehen, welches
von unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck
„innerhalb der Breite des Normalen" bezeichnet wird.
bj Sie muß den Charakter der momentanen und zeitweiligen
Störung an sich tragen. Wir müssen die nämliche Leistung vorher
korrekter ausgeführt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter
auszuführen. Wenn wir von anderer Seite korrigiert werden,
müssen wir die Richtigkeit der Korrektur und die Unrichtigkeit
unseres eigenen psychischen Vorganges sofort erkennen.
368 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
c) Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen
wir von einer Motivierung derselben nichts in uns verspüren,
sondern müssen versucht sein, sie durch „Unaufmerksamkeit" zu
erklären oder als „Zufälligkeit" hinzustellen.
Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen
und die Irrtümer bei besserem Wissen, das Versprechen,
Verlesen, Verschreiben, Vergreifen und die sogenannten Zufalls-
handlungen.
Die gleiche Zusammensetzung mit der Vorsilbe „ver-" deutet für
die meisten dieser Phänomene die innere Gleichartigkeit sprachlich
an. An die Aufklärung dieser so bestimmten psychischen Vorgänge
knüpft aber eine Reihe von Bemerkungen an, die zum Teile ein
weitergehendes Interesse erwecken dürfen.
j4) Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als
unaufklärbar durch Ziel Vorstellungen preisgeben, verkennen wir
den Umfang der Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht
hier und noch auf anderen Gebieten weiter, als wir es vermuten.
Ich habe im Jahre 1900 in einem Aufsatz des Literaturhistorikers
R. M. Meyer in der „ Zeit" ausgeführt und an Beispielen
erläutert gefunden, daß es unmöglich ist, absichtlich und will-
kürlich einen Unsinn zu komponieren. Seit längerer Zeit weiß
ich, daß man es nicht zustande bringt, sich eine Zahl nach freiem
Belieben einfallen zu lassen, ebenso wenig wie etwa einen Namen.
Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehr-
stellige, wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so
erweist sich deren strenge Determinierung, die man wirkHch
nicht für möglich gehalten hätte. Ich will nun zunächst ein
Beispiel eines willkürlich gewählten Vornamens kurz erörtern und
dann ein analoges Beispiel einer „gedankenlos hingeworfenen"
Zahl ausführlicher analysieren.
1) Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen
für die Publikation herzurichten, erwäge ich, welchen Vornamen
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 269
ich ihr in der Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint sehr groß;
gewiß schheßen sich einige Namen von vornherein aus, in erster
Linie der echte Nan:ie, sodann die Namen meiner eigenen Familien-
angehörigen, an denen ich Anstoß nehmen würde, etwa noch
andere Frauennamen von besonders seltsamem Klang; im übrigen
aber brauchte ich um einen solchen Namen nicht verlegen zu
sein. Man sollte erwarten und ich erwarte selbst, daß sich mir
eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfügung stellen wird.
Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ihm,
der Name Dora. Ich frage nach seiner Determinierung. Wer
heißt denn nur sonst Dora? Ungläubig möchte ich den nächsten
Einfall zurückweisen, der lautet, daß das Kindermädchen meiner
Schwester so heißt. Aber ich besitze so viel Selbstzucht oder Übung
im Analysieren, daß ich den Einfall festhalte und weiterspinne.
Da fällt mir auch sofort eine kleine Begebenheit des vorigen
Abends ein, welche die gesuchte Deterrainierung bringt. Ich sah
auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen Brief
liegen mit der Aufschrift: „An Fräulein Rosa W." Erstaunt frage
ich, wer so heißt, und werde belehrt, daß die vermeintliche Dora
eigentlich Rosa heißt und diesen ihren Namen beim Eintritt ins
Haus ablegen mußte, weil meine Schwester den Ruf „Rosa' auch
auf ihre eigene Person beziehen kann. Ich sagte bedauernd: Die
armen Leute, nicht einmal ihren Namen können sie beibehalten!
Wie ich mich jetzt besinne, wurde ich dann für einen Moment
still und begann an allerlei ernsthafte Dinge zu denken, die ins
Unklare verliefen, die ich mir jetzt aber leicht bewußt machen
könnte. Als ich dann am nächsten Tag nach einem Namen für
eine Person suchte, die ihren eigenen nicht beibehalten
durfte, fiel mir kein anderer als „Dora" ein. Die Ausschließ-
lichkeit beruht hier auf fester inhaltlicher Verknüpfung, denn
in der Geschichte meiner Patientin rührte ein auch für den
Verlauf der Kur entscheidender Einfluß von der im fremden
Haus dienenden Person, von einer Gouvernante, her.
^70 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Diese kleine Begebenheit fand Jahre später eine unerwartete
Fortsetzung, Als ich einmal die längst veröffentlichte Kranken-
geschichte des nun Dora genannten Mädchens in meiner Vor-
lesung besprach, fiel mir ein, daß ja eine meiner beiden Hörerinnen
den gleichen Namen Dora, den ich in den verschiedensten Ver-
knüpfungen so oft auszusprechen hatte, trage, und ich wandte
mich an die junge Kollegin, die mir auch persönlich bekannt
war, mit der Entschuldigung, ich hätte wirklich nicht daran
gedacht, daß sie auch so heiße, sei aber gern bereit, den Namen
in der Vorlesung durch einen anderen zu ersetzen. Ich hatte nun
die Aufgabe, rasch einen anderen zu wählen, und überlegte
dabei, jetzt dürfe ich nur nicht auf den Vornamen der anderen
Hörerin kommen und so den psychoanalytisch bereits geschulten
Kollegen ein schlechtes Beispiel geben. Ich war also sehr zufrieden,
als mir zum Ersätze für Dora der Name Erna einfiel, dessen
ich mich nun im Vortrag bediente. Nach der Vorlesung fragte
ich mich, woher wohl der Name Erna stammen möge, und
mußte lachen, als ich merkte, daß die gefürchtete Möglichkeit
sich bei der Wahl des Ersatznamens dennoch, wenigstens teilweise,
durchgesetzt hatte. Die andere Dame hieß mit ihrem FamiUen-
namen Lucerna, wovon Erna ein Stück ist.
ß) In einem Briefe an einen Freund kündige ich ihm an, daß
ich jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe
und nichts mehr an dem Werke ändern wdl, „möge es auch
246y Fehler enthalten". Ich versuche sofort, mir diese Zahl auf-
zuklären und füge die kleine Analyse noch als Nachschrift
dem Briefe an. Am besten zitiere ich jetzt, wie ich damals
geschrieben, als ich mich auf frischer Tat ertappte:
„Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltags-
lebens. Du findest im Briefe die Zahl 2467 als übermutige
Willkürschätzung der Fehler, die sich im Traumbuch finden
werden. Es soll heißen: irgend eine große Zalil, und da stellt
sich diese ein. Nun gibt es aber nichts WillkürUches, Undeter-
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 271
miniertes im Psychischen. Du wirst also auch mit Recht erwarten,
daß das Unbewußte sich beeilt hat, die Zahl zu determinieren,
die von dem Bewußten freigelassen wurde. Nun hatte ich gerade
vorher in der Zeitung gelesen, daß ein General E. M. als Feld-
zeugmeister in den Ruhestand getreten ist. Du mußt wissen, der
Mann interessiert mich. Während ich als militärärztlicher Eleve
diente, kam er einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und
sagte zum Arzte: ,Sie müssen mich aber in acht Tagen gesund
machen, denn ich habe etwas zu arbeiten, worauf der Kaiser wartet.'
Damals nahm ich mir vor, die Laufbahn des Mannes zu ver-
folgen, und siehe da, heute (1899) ist er am Ende derselben,
Feldzeugmeisler und schon im Ruhestande. Ich wollte ausrechnen,
in welcher Zeit er diesen Weg zurückgelegt, und nahm an, daß
ich ihn 1882 im Spital gesehen. Das wären also 17 Jahre. Ich
erzähle meiner Frau davon und sie bemerkt: ,Da müßtest du also auch
schon im Ruhestand sein?' Und ich .protestiere: Davor bewahre
mich Gott. Nach diesem Gespräche setzte ich mich an den Tisch,
um Dir zu schreiben. Der frühere Gedankengang setzt sich aber
fort und mit gutem Recht. Es war falsch gerechnet; ich habe
einen festen Punkt dafür in meiner Erinnerung. Meine Groß-
jährigkeit, meinen 24. Geburtstag also, habe ich im Militärarrest
gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert hatte). Das war
also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die Zahl 24
in S467! Nimm nun meine Alterszahl 43 und gib 34 Jahre
hinzu, so bekommst Du 6y ! Das heißt auf die Frage, ob ich
auch in den Ruhestand treten will, habe ich mir im Wunsche
noch 24 Jahre Arbeit zugelegt. Offenbar bin ich gekrankt darüber,
daß ich es in dem Intervall, durch das ich den Obersten M. ver-
folgt, selbst nicht weit gebracht habe, und doch wie in einer
Art von Triumph darüber, daß er jetzt schon fertig ist, während
ich noch alles vor mir habe. Da darf man mit Recht sagen, daß
nicht einmal die absichtslos hingeworfene Zahl 2467 ihrer Deter-
minierung aus dem Unbewußten entbehrt."
I
S7® Zur Psychopathologie des Alltagalebens
5) Seit diesem ersten Beispiel von Aufklärung einer scheinbar
•willkürlich gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch viel-
mals mit dem nämlichen Erfolge wiederholt; aber die meisten
Fälle sind so sehr intimen Inhalts, daß sie sich der Mitteilung
entziehen.
Gerade darum aber will ich es nicht versäumen, eine sehr
interessante Analyse eines „Zahleneinfalls" hier anzufügen, welche
Dr. Alfred Adler (Wien) von einem ihm bekannten „durchaus
gesunden" Gewährsn:iann erhielt.^ „Gestern abends" - — so berichtet
dieser Gewährsmann — „habe ich mich über die ,Psychopatho-
logie des Alltags' hergemacht und ich hätte das Buch gleich
ausgelesen, wenn mich nicht ein merkwürdiger Zwischenfall
gehindert hätte. Als ich nämlich las, daß jede Zahl, die wir
scheinbar ganz willkürlich ins Bewußtsein rufen, einen bestimmten
Sinn hat, beschloß ich, einen Versuch zu machen. Es fiel mir
die Zahl 1754 ein. Nun überstürzten sich folgen de
Einfälle: 1754:17^102; 102:17^6. Dann zerreiße ich die
Zahl in 17 und 54. Ich bin 54 Jahre alt. Ich betrachte, wie
ich Ihnen, glaube ich, einmal gesagt habe, das 34. Jahr als das
letzte Jugendjahr, und ich habe mich darum an meinem letzten
Geburtstag sehr miserabel gefühlt. Am Ende meines 17. Jahres
begann für mich eine sehr schöne und interessante Periode
meiner Entwicklung. Ich teile mein Leben in Abschnitte von
17 Jahren. Was haben nun die Divisionen zu bedeuten? Es fällt
mir zu der Zahl 102 ein, daß die Nummer 103 der Reclamschen
Universalbibliothek das Kotzebu e sehe Stück ,Menschenb aß und
Reue' enthält. '
„Mein gegenwärtiger psychischer Zustand ist Menschenhaß
und Reue. Nr. 6 der U.-B. {ich weiß eine ganze Menge Nummern
auswendig) ist Müllners ,Schuld'. Mich quält in einem fort
der Gedanke, daß ich durch meine Schuld nicht geworden bin,
1) PsycK.-Neur. Wochensclir., Nr. 28, 190g.
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, G esichtspunkte 275
was ich nach meinen Fähigkeiten hätte werden können. Weiter
fällt mir ein, daß Nr. 34 der U.-B. eine Erzählung desselben
Müllner, betitelt ,Der Kaliber', enthält. Ich zerreiße das Wort
in ,K.a-liber'; weiters fällt mir ein, daß es die Worte Ali' und
,Kali' enthält. Das erinnert mich daran, daß ich einmal mit
meinem (sechsjährigen) Sohne Ali Reime machte. Ich forderte
ihn auf, einen Reim auf Ali zu suchen. Es fiel ihm keiner ein
und ich sagte ihm, als er einen von mir wollte: ,Ali reinigt den
Mund mit hypermangansaurem Kali.' Wir lachten viel und Ali
war sehr lieb. In den letzten Tagen mußte ich mit Verdruß
konstatieren, daß er ,ka (kein) lieber Ali sei'."
„Ich fragte mich nun: Was ist Nr. 17 der U.-ß.?, konnte es
aber nicht herausbringen. Ich habe es aber früher ganz bestimmt
gewußt, nehme also an, daß ich diese Zahl vergessen wollte.
Alles Nachsinnen blieb umsonst. Ich wollte weiter lesen, las aber
nur mechanisch, ohne ein Wort zu verstehen, da mich die 17
quälte. Ich löschte das Licht aus und suchte weiter. Schließlich
fiel mir ein, daß Nr. 17 ein Stück von Shakespeare sein muß.
Welches aber? Es fällt mir ein: ,Hero und Leander'. Offenbar ein
blödsinniger Versuch meines Willens mich abzulenken. Ich stehe
endlich auf und suche den Katalog der U.-B. Nr. 1 7 ist ,Macbeth'.
Zu meiner Verblüffung muß ich konstatieren, daß ich von dem
Stücke fast gar nichts weiß, trotzdem es mich nicht weniger
beschäftigt hat als andere Dramen Shakespeares. Es fällt mir
nur ein: Mörder, Lady Macbeth, Hexen, ,Schön ist häßlich', und
daß ich seinerzeit Schillers Macbeth-Bearbeitung sehr schön
gefunden habe. Zweifellos habe ich also das Stück vergessen
wollen. Noch fäUt mir ein, daß 17 und 54 durch \j dividiert
1 und Q ergibt. Nr. 1 und 2 der U.-B. ist Goethes ,Faust*. Ich
habe früher sehr viel Faustisches in mir gefunden."
Wir müssen bedauern, daß die Diskretion des Arztes uns keinen
Einbhck in die Bedeutung dieser Reihe von Einfällen gegönnt
hat. Adler bemerkt, daß dem Manne die Synthese seiner Aus- t
Freud, IV. ^g
',. I
I
374 ^"'' Psychopathologie des Alltagslebens
einandersetzung nicht gelungen ist. Dieselben würden uns
auch kaum mitteilenswert erschienen sein, wenn in deren
Fortsetzung nicht etwas aufträte, was uns den Schlüssel zum
Verständnis der Zahl 1734 und der ganzen Einfallsreihe in die
Hand spielte.
„Heute früh hatte ich freilich ein Erlebnis, das sehr für die
Richtigkeit der Freudschen Auffassung spricht. Meine Frau, die
ich beim Aufstehen des Nachts aufgeweckt hatte, fragte mich,
was ich denn mit dem Katalog der U.-B. gewollt hätte. Ich
erzählte ihr die Geschichte. Sie fand, daß alles Rabulistik sei, nur
— sehr interessant — den Macbeth, gegen den ich mich so sehr
gewehrt hatte, ließ sie gelten. Sie sagte, ihr falle gar nichts ein,
wenn sie sich eine Zahl denke. Ich antwortete: ,Machen wir eine
Probe'. Sie nannte die Zahl 117. Ich erwiderte darauf sofort:
,17 ist eine Beziehung auf das, was ich dir erzählt habe, ferner
habe ich dir gestern gesagt: wenn eine Frau im 83. Jahre steht
und ein Mann im 55., so ist das ein arges Mißverhältnis.' Ich
frozzle seit ein paar Tagen meine Frau mit der Behauptung, daß
sie ein altes Mütterchen von 83 Jahren sei. 82-|-35~ ^^7-"
Der Mann, der seine eigene Zahl nicht zu determinieren wußte,
fand also sofort die Auflösung, als seine Frau ihm eine angeblich
willkürlich gewählte Zahl nannte. In Wirklichkeit hatte die Frau
sehr wohl aufgefaßt, aus welchem Komplex die Zahl ihres Mannes
stammte, und wählte die eigene Zahl aus dem nämlichen
Komplex, der gewiß beiden Personen gemeinsam war, da es
sich in ihm um das Altersverhälinis der beiden handelte. Wir
haben es nun leicht, den Zahleneinfall des Mannes zu über-
setzen. Er spricht, wie Adler andeutet, einen unterdrückten
Wunsch des Mannes aus, der voll entwickelt lauten würde:
„Zu einem Manne von 54 Jahren, wie ich einer bin, paßt nur
eine Frau von 17 Jahren."
Damit man nicht allzu geringschätzig Ton solchen „Spielereien'
denken möge, will ich hinzufügen, was ich kürzlich von Dr. Adler
Xn. Determinismus, Zufalls- und Aherglauben, Gesichtspunkte 275
erfahren habe, daß ein Jahr nach Veröffentlichung dieser Analyse
der Mann von seiner Frau geschieden war. '
4) Ähnhche Aufklärungen gibt Adler für die Entstehung
obsedierender Zahlen. Auch die Wahl sogenannter Lieblinffs-
zahlen" ist nicht ohne Beziehung auf das Leben der betreffenden
Person und entbehrt nicht eines gewissen psychologischen
hiteresses. Ein Mann, der sich zu der besonderen Vorliebe für
die Zahlen 1 j und 1 9 bekannte, wußte nach kurzem Besinnen
anzugeben, daß er mit 1 j Jahren in die langersehnte akade-
mische Freiheit, auf die Universität, gekommen, und daß er
mit ig Jahren seine erste große Reise und bald darauf seinen
ersten wissenschaftlichen Fund gemacht. Die Fixierung dieser
Vorliebe erfolgte aber zwei Lustren später, als die gleichen Zahlen
zur Bedeutung für sein Liebesleben gelangten. — Ja, selbst
Zahlen, die man anscheinend willkürlich in gewissem Zusammen-
hange besonders häufig gebraucht, lassen sich durch die Analyse
auf unerwarteten Sinn zurückführen. So fiel es einem meiner
Patienten eines Tages auf, daß er im Unmut besonders gern zu
sagen pflegte: Das habe ich dir schon 17- bis 56mal gesagt,
und er fragte sich, ob es auch dafür eine Motivierung gebe. Es
fiel ihm alsbald ein, daß er an einem 37. Monatstag geboren sei,
sein jüngerer Bruder aber an einem a6., und daß er Grund habe,
darüber zu klagen, daß das Schicksal ihm soviel von den Gütern des
Lebens geraubt, um sie diesem jüngeren Bruder zuzuwenden. Diese
Parteilichkeit des Schicksals stellte er also dar, indem er von seinem
Geburtsdatum zehn abzog und diese zum Datum des Bruders hinzu-
fugte. „Ich bin der Ältere und dennoch so verkürzt worden."
5) Ich will bei den Analysen von Zahleinfällen länger verweilen,
denn ich kenne keine anderen Einzelbeobachtungen, die
6^
so
1) Zur Aufklärung des „Macbeth" in Nr. 17 der U.-E. teilt mir Adler mit, daß
der Betreffende in seinem 17. Lebensjahr einer anarchistischen Gesellschaft beigetreten
war, die sich den Königsmord zum Ziel gesetzt hatle. Darum verfiel wohl der Inhalt
des „Macbeth" dem Verg:essen. Zu jener Zeit erfand die nämliche Person eine Geheim-
schrift, in der die Buchstaben durch Zahlen ersetut waren.
i8'
276 ^^^^ Psychopathologie des AlUagsIebetis
schlagend die Existenz von hoch zusammengesetzten Denkvor-
gängen erweisen würden, von denen das Bewußtsein doch keine
Kunde hat, und anderseits kein besseres Beispiel von Analysen,
bei denen die häufig angeschuldigte Mitarbeit des Arztes (die
Suggestion) so siclier außer Betracht kommt. Ich werde daher
die Analyse eines Zahlen ei nfall es eines meiner Patienten (mit
seiner Zustimmung) hier mitteilen, von dem ich nur anzugeben
brauche, daß er das jüngste Kind einer langen Kinderreihe ist,
und daß er den bewunderten Vater in jungen Jahren verloren
hat. In besonders heiterer Stimmung läßt er sich die Zahl 426yi8
einfallen und stellt sich die Frage: „Also was fallt mir dazu ein?
Zunächst ein Witz, den ich gehört habe: ,Wenn man einen
Schnupfen ärztlich behandelt, dauert er 43 Tage, wenn man ihn
aber unbehandelt läßt — 6 Wochen.'" Das entspricht den ersten
Ziffern der Zahl 42 ^ 6^. y. In der Stockung, die sich bei ihm
nach dieser ersten Lösung einstellt, mache ich ihn aufmerksam,
daß die von ihm gewählte sechsstellige Zahl alle ersten Ziffern
enthalte bis auf 5 und g. Nun findet er sofort die Fortsetzung
der Deutung. „Wir sind 7 Geschwister, ich der jüngste. 5 ent-
spricht in der Kinderreihe der Schwester A., 5 dem Bruder L.,
das waren meine beiden Feinde. Ich pflegte als Kind jeden
Abend zu Gott zu beten, daß er diese meine beiden Quälgeister
aus dem Leben abberufen solle. Es scheint mir nun, daß ich mir
hier diesen Wunsch selbst erfüllte; 5 und 5, der böse Bruder und die
gehaßte Schwester sind übergangen." - — Wenn die Zahl ihre
Geschwisterreihe bedeutet, was soll das 18 am Ende? Sie wären
doch nur 7. — jjich habe oft gedacht, wenn der Vater noch
länger gelebt hätte, so wäre ich nicht das jüngste Kind geblieben.
Wenn noch 1 gekommen wäre, so wären wir 8 gewesen, und
ich hätte ein kleineres Kind hinter mir gehabt, gegen das ich
den Älteren gespielt hätte."
Somit war die Zahl aufgeklärt, aber es lag uns noch ob, den
Zusammenhang zwischen dem ersten Stück der Deutung und den
AT/. Dererminisrnjis, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 277
folgenden herzustellen. Das ergab sich sehr leicht aus der für
die letzten Zahlen benötigten Bedingung: Wenn der Vater noch
länger gelebt hätte. 43 = 6X7 bedeutete den Hohn gegen die
Ärzte, die dem Vater nicht hatten helfen können, drückte also
in dieser Form den Wunsch nach dem Fortleben des Vaters aus
Die ganze Zahl entsprach eigentlich der Erfüllung seiner beiden
infantilen Wünsche in betreff seines Familienkreises, die beiden
bösen Geschwister sollten sterben, und ein kleines Geschwisterchen
hinter ihnen nachkommen, oder auf den Icürzesten Ausdruck
gebracht: Wenn docli lieber die beiden gestorben waren anstatt
des geliebten Vaters!'
6) Ein kleines Beispiel aus meiner Korrespondenz. Ein Tele-
graphendirektor in L. schreibt, sein iS'/aiähriger Sohn, der
Medizin studieren wolle, beschäftige sich schon jetzt mit der
Psychopathologie des Alltags und suche seine Eltern von der
Richtigkeit meiner Aufstellungen zu überzeugen. Ich gebe einen
der von ihm angestellten Versuche wieder, ohne mich über die
daran geknüpfte Diskussion zu äußern.
„Mein Sohn unterhält sich mit meiner Frau über den soge-
nannten Zufall und erläutert ihr, daß sie kein Lied, keine Zahl
nennen könne, die ihr wirklich nur ,zufällig' einfielen. Es ent-
spinnt sich folgende Unterhaltung: Sohn: Nenne mir irgend-
eine Zahl. — Mutter: 79. — Sohn: Was fällt dir dabei ein? —
Mutter: Ich denke an den schönen Hut, den ich gestern besich-
tigte. — Sohn: Was kostete er? — Mutter: 158 M. — Sohn;
Da haben wir es: 158 : 2 = 7g. Dir war der Hut zu teuer und
du hast gewiß gedacht: ,Wenn er halb soviel kostete, würde ich
ihn kaufen.'
Gegen diese Ausführungen meines Sohnes erhob ich zunächst
den Einwand, daß Damen im allgemeinen nicht besonders rech-
neten imd daß sich auch Mutter gewiß nicht klar gemacht habe
1) Zur Vereinfachung habe ich einige nicht minder gut passende Zwischeneinfalle
des Patienten weggelassen.
278 Zur Psychopathologie des Alltagslehens
79 sei die Hälfte von 158. Also setze seine Theorie die immer-
hin unwahrscheinliche Tatsache voraus, daß das Unterbewußtsein
besser rechne als das normale Bewußtsein. ,Durchaus nicht,*
erhielt ich zur Antwort; ,zugegehen, daß Mutter die Rechnung
158:2 = 79 nicht gemacht hat, sie kann aber recht gut diese
Gleichung gelegentlich gesehen haben; ja sie kann im Traume
sich mit dem Hute beschäftigt und dabei sich klar gemacht
haben, wie teuer er wäre, wenn er nur die Hälfte kostete.* "
7) Eine andere Zahlenanalyse entnehme ich Jones (1. c. p. 478).
Ein Herr seiner Bekanntschaft ließ sich die Zahl 986 einfallen
und forderte ihn dann heraus, sie mit irgend etwas, was er sich
denke, in Zusammenhang zu bringen. „Die nächste Assoziation
der Versuchsperson war die Erinnerung an einen langst vergessenen
Scherz. Am heißesten Tage des Jahres vor sechs Jahren hatte
eine Zeitung die Notiz gebracht, das Thermometer zeige 986
Fahrenheit, offenbar eine groteske Übertreibung von 986, dem
wirkhchen Thermometerstand! Wir saßen während dieser Unter-
haltung vor einem starken Feuer im Ramin, von dem er sich
wegrückte, und er bemerkte wahrscheinlich mit Recht, daß die
große Hitze ihn auf diese Erinnerung gebracht habe. Ich gab
mich aber nicht so leicht zufrieden und verlangte zu wissen,
wieso gerade diese Erinnerung bei ihm so fest gehaftet habe. Er
erzählte er habe über diesen Scherz so fürchterlich gelacht und
sich jedesmal von neuem über ihn amüsiert, so oft er ihm wieder
eingefallen sei. Da ich aber den Scherz nicht besonders gut
finden konnte, wurde meine Erwartung eines geheimen Sinnes
dahinter nur noch verstärkt. Sein nächster Gedanke war, daß die
Vorstellung der Wärme ihm immer soviel bedeutet habe. Wärme
sei das Wichtigste in der Welt, die Quelle alles Lebens usw.
Eine solche Schwärmerei eines sonst recht nüchternen jungen
Mannes mußte nachdenklich stimmen; ich bat ihn, mit seinen
Assoziationen fortzufahren. Sein nächster Einfall ging auf den
Rauchfang einer Fabrik, den er von seinem Schlafzimmer aus
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 279
sehen konnte. Er pflegte oft des Abends auf den Rauch und das
Feuer zu starren, der aus ilim hervorging, und dabei über die
beklagenswerte Vergeudung von Energie nachzudenken. Wärme
Feuer, die Quelle alles Lebens, die Vergeudung von Energie
aus einer hohen hohlen Rölire — es war nicht schwer,
aus
diesen Assoziationen zu erraten, daß die Vorstellung Wärme und
Feuer bei ihm mit der Vorstellung von Liebe verknüpft waren,
wie es im symbolischen Denken gewöhnlich ist, und daß ein
starker Masturbationskomplex seinen Zahleneinfall motiviert habe.
Es blieb ihm nichts übrig, als meine Vermutung zu bestätigen."
Wer sich von der Art, wie das Material der Zahlen im un-
bewußten Denken verarbeitet wird, einen guten Eindruck holen
will, den verweise ich auf CG. Jungs Aufsatz „Ein Beitrag
zur Kenntnis Aes Zahlentraumes" (Zentralbl. für Psychoanalyse,
I, 1912} und auf einen anderen von E. Jones („Unconscious
manipulations of numbers", ibid. II, g, 1912).
In eigenen Analysen dieser Art ist mir zweierlei besonders
auffällig: Erstens die geradezu somnambule Sicherheit, mit der
ich auf das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in einen rech-
nenden Gedankengang versenke, der dann plötzlich bei der
gesuchten Zahl angelangt ist, und die Raschheit, mit der sich
die ganze Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, daß
die Zahlen meinem unbewußten Denken so bereitwillig zur
Verfügung stehen, während ich ein schlechter Rechner bin und
die größten Schwierigkeiten habe, mit- Jahreszahlen, Hausnummern
und dergleichen bewußt zu merken. Ich finde übrigens in diesen
unbewußten Gedanken Operationen mit Zahlen eine Neigung zum
Aberglauben, deren Herkunft mir lange Zeit fremd geblieben ist.^
1) Herr Rudolf Schneider in München hat eine interessante Einwendung
gegen die Beweiskraft solcher Zahlenanalysen erhoben. (Zu Freuds analytischer
Untersuchtmg des Zahleneinfalles. Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse, 1920, Heft 1.)
Er griff gegebene Zahlen auf, z. E. eine solche, die ihm in einem aufgeschlagenen
Geachichtswerke zuerst in die Augen lie], oder er legte einer anderen Person eine
von ihm ausgewählte 'Zahl vor und sah nun zu, ob sich auch au dieser aufgedrängten
Zahl anscheinend determinierende Einfälle einstellten. Das war mui wirklich der
28o Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Es wird uns nicht überraschen zu finden, daß nicht nur Zahlen,
sondern auch Worteinfälle anderer Art sich der analytischen
Untersuchung regelmäßig als gut determiniert erweisen.
8) Ein hübsches Beispiel von Herleitung eines obsedierenden,
d.h. verfolgenden Wortes findet sich bei Jung (Diagnost. Asso-
ziationsstudien, IV, S. 2 ig). „Eine Dame erzählte mu-, daß ihr seit
einigen Tagen beständig das Wort ,T a g a n r o g' im Munde liege,
Fall; in dem einen iim selbst betreffenden Beispiel, das er mitteilt, ergaben die
Einfalle eine ebenso reichliche lind sinnvolle Deterininienuig wie in unseren Ana-
lysen von spontan aufgetauchten Zahlen, ivährend doch die Zahl im Versuche
Schneiders als von außen gegeben einer Determiniernng nicht bedürfte. In einem
zweiten Versuch mit einer fremden Person machte er sich die Aufgabe offenbar zu
leicht, denn er gab ihr die Zahl 2 auf, deren Determinienmg dtu-ch irgendwelches
Material bei jedermann gelingen muß. — R. Schneider schließt nun aus seinen
Erfahrungen iweierlei, erstens „das Psychische besitze zu Zahlen dieselben Assoiia-
tionsmijglichteiten wie zu Begriffen", zweitens das Auftauchen determinierender
Einfalle zu spontanen Zahleneinfällen beweise nichts für die Herkunft dieser Zahlen
aus den in ihrer „Analyse" gefundenen Gedanken. Die erstere Folgerung ist nun
unzweifelhaft richtig. Man kann zu einer gegebenen Zahl ebenso leicht etwas
Passendes assoziieren wie zu einem zugerufenen Wort, ja vielleicht noch leichter,
da die Verknüpfbarkeit der wenigen Zahlzeichen eine besonders große ist. Man
befindet sich dann einfach in der Situation des sogenannten Assoziationsexperiments,
das von der Bleul e r - J « n g sehen Schule nach den mannigfaltigsten Richtungen
studiert worden ist. In dieser Situation wird der Einfall (Reaktion) durch das
gegebene Wort (Reizwort) determiniert. Diese Reaktion könnte aber noch von sehr
verschiedener Art sein und die Jungschen Versuche haben gezeigt, daß auch die
weitere Unterscheidung nicht dem „Zufall" überlassen ist, sondern daß unbewußte
„Komplexe" sich an der Determinierung beteiligen, wenn sie durch das Reizw^ort
angerührt worden sind. — Die zweite Folgerung Schneiders gebt zu weit. Aus
der Tatsache, daß zu gegebenen Zaiilen (oder Worten) passende Einfälle auftauchen,
ergibt sich nichts für die Ableitung spontan auftauchender Zahlen (oder Worte),
was nicht schon vor Kenntnis dieser Tatsache in Betracht zu ziehen war. Diese
Einfälle (Worte oder Zahlen) könnten un de terminiert sein oder durch die Gedanken
determiniert, die sich in der Analyse ergeben, oder durch andere Gedanken, die sich
in der Analyse nicht verraten haben, in welchem Falle ims die Analyse irregefülirt
hätte. Man muß sich nur von dem Eindruck frei machen, daß dies Problem für
Zahlen anders liege als für Worteinfälle. Eine kritische Untersuchung des Problems
und somit eine Rechtfertigung der psychoanalytischen Einfallstechnik Hegt nicht in
der Absicht dieses Buches. In der analytischen Praxis geht man von der Voraus-
setzung aus, daß die zweite der erwähnten Möglichkeiten zutreffend und in der
Mehrzahl der Fälle verwertbar ist. Die Untersuchungen eines Experimentalpsycho-
logen haben gelehrt, daß sie die bei weitem wahrscheinlichste ist (Poppelreuter).
(Vgl. übrigens hiezu die beachtenswerten Ausfülirungen Bleulers in seinem Buch:
Das autistisch-un disziplinierte Denken usw., 1919, Abschnitt 9: Von den Wahrschein-
lichkeiten der psychologischen Erkenntnis.)
XII. Deternünismm, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte aßi
ohne daß sie eine Idee habe, woher das komme. Ich fragte die
Dame nach den affektbetonten Ereignissen und verdrängten
Wünschen der Jüngstvergangenheit. Nach einigem Zögern erzählte
sie m,ir, daß sie sehr gern einen ,Morgenrock' hätte ihr
Mann aber nicht das gewünschte Interesse dafür habe. Moroen-
rock : Tag-an-rock*, man sieht die partielle Sinn- und Klangver-
wandtscliaft. Die Detei-mination der russischen Form kommt daher
daß ungefähr zu gleicher Zeit die Dame eine Persönlichkeit aus
Taganrog kennen gelernt hatte."
g) Dr. E. Hitschmann verdanke ich die Auflösung eines
anderen Falles, in dem sich ein Vers wiederholt in einer bestimmten
Örtlichkeit als Einfall aufdrängte, ohne daß dessen Herkunft und
Beziehungen ersichtlich gewesen wären.
„Erzählung des Dr. jur. E. : Ich fuhr vor sechs Jahren von
Biarritz nach San Sebastian. Die Eisenbahnstrecke führt über den
Bidassoafluß, der hier die Grenze zwischen Frankieich und Spanien
bildet. Auf der Brücke hat man einen schönen Blick, auf der
einen Seite über ein weites Tal und die Pyrenäen, auf der anderen
Seite weithin über das Meer. Es war ein schöner, heller Sommer-
tag, alles war erfüllt von Sonne und Licht, ich war auf einer
Ferienreise, freute mich nach Spanien zu kommen — da fielen mir
die Verse ein: ,Aber frei ist schon die Seele, schwebet in dem Meer
von Licht.*
Ich erinnere mich, daß ich damals darüber nachdachte, woher
diese Verse seien, und mich dessen nicht entsinnen konnte ^ nach
dem Rhythmus mußten die Worte aus einem Gedicht stammen,
welches aber meiner Erinnerung vollständig entfallen war. Ich
glaube später, da mir die Verse wiederholt in den Sinn kamen,
noch mehrere Leute danach gefragt zu haben, ohne etwas
erfahren zu können.
Im Vorjahre fuhr ich, von einer spanischen Reise zurückkehrend,
auf derselben Bahnstrecke. Es war stockfinstere Nacht und es
regnete. Ich sah zum Fenster hinaus, um zu sehen, ob wir schon
382 ■ 7.ur Psychopathologie des AlUagsleiens
in der Grenzstation ankämen, und bemerkte, daß wir auf der
Bidassoabrücke waren. Sofort kamen mir die oben angeführten
Verse wieder ins Gedächtnis, und wieder konnte ich mich ihrer
Herkunft nicht erinnern.
Mehrere Monate nachher kamen mir zu Hause die Uhland-
schen Gedichte in die Hand. Ich öffnete den Band und mein
Blick fiel auf die Verse: ,Aber frei ist schon die Seele, schwebet
in dem Meer von Licht', die den Schluß eines Gedichtes: ,Der
Waller' bilden. Ich las das Gedicht und erinnerte mich nun ganz
dunkel, es einmal vor vielen Jahren gekannt zu haben. Der Schau-
platz der Handlung ist in Spanien, und dies schien mir die einzige
Beziehung der zitierten Vei-se zu der von mir beschriebenen Stelle
der Eisenbahnstrecke zu bilden. Ich war von meiner Entdeckung
nur halb befriedigt und blätterte mechanisch in dem Buche weiter.
Die Verse, ,Aber frei ist schon usw.' standen als die letzten auf
einer Seite. Beim Umblättern fand ich auf der nächsten Seite ein
Gedicht mit der Überschrift ,Die Bidassoabrücke'.
Ich bemerke noch, daß mir der Inhalt dieses letzten Gedichtes
fast noch fremder schien, als der des ersten, und daß seine ersten
Verse lauten: ,Auf der Bidassoabrücke steht ein Heiliger altersgi-au,
segnet rechts die span'schen Berge, segnet links den fränk'schen
Gau/"
B) Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkürlich
gewählter Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines
anderen Problems beitragen. Gegen die Annahme eines durch-
gehenden psychischen Determinismus berufen sich bekanntlich
viele Personen auf ein besonderes Überzeugungsgefühl für die
Existenz eines freien Willens. Dieses Überzeugirngsgefühl besteht
und weicht auch dem Glauben an den Determinismus nicht. Es
muß wie alle normalen Gefühle durch irgend etwas berechtigt
sein. Es äußert sich aber, soviel ich beobachten kann, nicht bei
den großen und wichtigen Willensentscheidungen 5 bei diesen
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 285
Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen
Zwanges und beruft sich gern auf sie („Hier stehe ich, ich kann
nicht anders"). Hingegen möchte man gerade bei den belanglosen,
indifferenten Entschließungen versichern, daß man ebensowohl
anders hätte handeln können, daß man aus freiem, nicht
motiviertem Willen gehandelt hat. Nach unseren Analysen braucht
man nun das Recht des Überzeugungsgefühls vom freien Willen
nicht EU bestreiten. Führt man die Unterscheidung der Motivierung"
aus dem Bewußten von der Motivierung aus dem Unbewußten
ein, so berichtet uns das Überzeugungsgefühl, daß die bewußte
Motivierung sich nicht auf alle unsere motorischen Entscheidungen
erstreckt. Minima non curat praetor. Was aber so von der einrai
Seite freigelassen wird, das empfängt seine Motivierung von
anderer Seite, aus dem Unbewußten, und so ist die Determinlerun^
im Psychischen doch lückenlos durchgeführt.'
C) Wenngleich dem bewußten Denken die Kenntnis von der
Motivierung der besprochenen Fehlleistungen nach der ganzen
Sachlage abgehen muß, so wäre es doch erwünscht, einen psycho-
logischen Beweis für deren Existenz aufzufinden; ja es ist aus
Gründen, die sich bei näherer Kenntnis des Unbewußten ergeben,
wahrscheinlich, daß solche Beweise irgendwo auffindbar sind. Es
lassen sich wirklich auf zwei Gebieten Phänomene nachweisen,
welche einer unbewußten und darum verschobenen Kenntnis von
dieser Motivierung zu entsprechen scheinen :
1) Diese AJischauungen üLer die strenge Determmierung anscheinend willkürlicher
psychischer Aktionen haten berelis reiche Früchte für die Psychologie — vielleicht
auch für die Rechtspflege — getragen, Bleuler und Jung hahen in diesem Sinne
die Reaktionen beim sogenannten Assoziationsexperiment verständlich gemacht, bei
dem die imtersuohte Person auf ein ilir zugerufenes Wort mit einem ihr daau ein-
fallenden antwortet (Reizwort- Reaktion), und die dabei verlaufene Zeit gemessen wird
(Reabtionsieit). Jung hat in seinen „Diagnostischen Assoziationsstudien" (1906) gezeigt,
welch feines Reagens für psychische Zustände wir in dem so gedeuteten Assoziations-
experiment besitzen. Zwei Schüler des Strafrechts] ehrers H. G r o ß in Prag, We r t h e im e r
und Klein, hahen aus diesen Experimenten eine Teclmik zur „Tatbestands-Diagnostik"
in strafrechtlichen Fällen entwickelt, deren Prüfung Psychologen und Juristen
beschäftigt.
1.
284 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
a) Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im
Verhalten der Paranoiker, daß sie den kleinen, sonst von uns
vernachlässigten Details im Benehmen der anderen die größte
Bedeutung beilegen, dieselben ausdeuten und zur Grundlage
weitgehender Schlüsse machen. Der letzte Paranoiker z. B., den
ich gesehen habe, schloß auf ein allgemeines Einverständnis in
seiner Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf dem
Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der einen Hand gemacht
hatten. Ein anderer hat die Art notiert, wie die Leute auf der
Straße gehen, mit den Spazierstöcken fuchteln u. dgl."
Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen,
welche der Normale für einen Teil seiner eigenen psychischen
Leistungen und Fehlleistungen gelten läßt, verwirft der Paranoiker
also in der Anwendung auf die psychischen Äußerungen der
anderen. Alles, was er an den anderen bemerkt, ist bedeutungs-
voll, alles ist deutbar. Wie kommt er nur dazu? Er projiziert
wahrscheinlich in das Seelenleben der anderen, was im eigenen
unbewußt vorhanden ist, hier wie in so vielen ähnlichen Fällen.
Tn der Paranoia drängt sich ebenso vielerlei zum Bewußtsein
durch, was wir bei Normalen und Neurotikern erst durch die
Psychoanalyse als im Unbewußten vorhanden nachweisen.'' Der
Paranoiker hat also hierin in gewissem Sinne recht, er erkennt
etwas, was dem Normalen entgeht, er sieht schärfer als das normale
Denkvermögen, aber die Verschiebung des so erkannten Sachver-
halts auf andere macht seine Ei'kenntnis wertlos. Die Recht-
fertigung der einzelnen paranoischen Deutungen wird man dann
hoffentlich von mir nicht erwarten. Das Stück Berechtigung aber,
welches wir der Paranoia bei dieser Auffassung der Zufallshand-
1} Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Beiu-leüung imwesent-
licher und lufälliger Äußerungen bei anderen lum „Beziehungswahn" gerechnet.
»1 Die durch Analyse bewußt zu. machenden Phantasien der Hysteriker von
sexuellen und grausamen Mißhandlungen decken sich 7. B. gelegentlich bis ins Einielne
mit den Klagen verfolgter Paranoiker. Es ist bernorkenswerl, aher nicht unverständlich,
wenn der identische Inhalt uns auch als Realität in den Veranstaltungen Perverser
zur Befriedigung ihrer Gelüste entgegentritt.
1
i
XII. Detertmnismus, Zufalls- und Abergla uben, Gesichtspunkte 285
lungen zugestehen, wird uns das psychologische Verständnis
der Überzeugung erleichtern, welche sich beim Paranoiker
an alle diese Deutungen geknüpft hat. Es ist eben etwas
Wahres daran; auch unsere nicht als krankhaft zu bezeich-
nenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen zugehörige Über-
zeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies Gefühl ist für ein
gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die
Quelle, aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns
auf den übrigen Zusammenhang ausgedehnt.
b) Ein anderer Hinweis auf die unbewußte und verschobene
Kenntnis der Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet
sich in den Phänomen des Aberglaubens. Ich will meine Meinung
durch die Diskussion des kleinen Erlebnisses klarlegen, welches für
mich der Ausgangspunkt dieser Überlegungen war.
Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken
alsbald auf die Kranken, die mich in dem neu beginnenden
Arbeitsjahre beschäftigen sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr
alten Dame, bei der ich (s. oben S. 182) seit Jahren die nämlichen
ärztlichen Manipulationen zweimal täglich vornehme. Wegen
dieser Gleichförmigkeit haben sich unbewußte Gedanken sehr
häufig auf dem Wege zu der Kranken und während der
Beschäftigung mit ihr Ausdruck verschafft. Sie ist über neunzig
Jahre alt; es liegt also nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres
zu fragen, wie lange sie wohl noch zu leben hat. An dem Tage,
von dem ich erzähle, habe ich Eile, nehme also einen Wagen, der
mich vor ihr Haus führen soll. Jeder der Kutscher auf dem
Wagenstandplatz vor meinem Hause kennt die Adresse der alten
Frau, denn jeder hat mich schon oftmals dahin geführt. Heute
ereignete es sich nun, daß der Kutscher nicht vor ihrem Hause,
sondern vor dem gleichbezifferten in einer nahegelegenen und
wirklich ähnlich aussehenden Parallelstraße Halt macht. Ich merke
den Irrtum und werfe ihn dem Kutscher vor, der sich entschuldigt.
Hat das nun etwas zu bedeuten, daß ich vor ein Haus geführt
286 Zw Psychopathologie des Alltagslebens
werde, in dem ich die alte Dame nicht vorfinde? Für mich
gewiß nicht, aber wenn ich abergläubisch wäre, würde ich
in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen Fingerzeig
des Schicksals, daß dieses Jahr das letzte für die alte Frau sein
wird. Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte aufbewahrt
hat, sind in keiner besseren Symbolik begründet gewesen. Ich
erkläre allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne weiteren
Sinn.
Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuß gemacht
und dann in „Gedanken", in der „Zerstreutheit" vor das Haus
der Parallelstraße anstatt vors richtige gekommen wäre. Das
würde ich für keinen Zufall erklären, sondern für eine der
Deutung bedürftige Handlung mit unbewußter Absicht. Diesem
Vergehen" müßte ich wahrscheinlich die Deutung geben, daß
ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen erwarte.
Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in
folgendem:
Ich glaube nicht, daß ein Ereignis, an dessen Zustandekommen
mein Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes über die
zukünftige Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube aber,
daß eine unbeabsichtigte Äußerung meiner eigenen Seelentätigkeit
mir allerdings etwas Verborgenes enthüllt, was wiederum nur
meinem Seelenleben angehört; ich glaube zwar an äußeren
(realen) Zufall, aber nicht an innere (psychische) Zufälligkeit. Der
Abergläubische umgekehrt: er weiß nichts von der Motivierung
seiner zufälligen Handlungen und Fehlleistungen, er glaubt, daß
es psychische Zufälligkeiten gibt; dafür ist er geneigt, dem äußeren
Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die sich im realen Geschehen
äußern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel für etwas draußen
ihm Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir und
dem Abergläubischen sind zwei: erstens projiziert er eine Moti-
vierung nach außen, die ich innen suche; zweitens deutet er den
Zufall durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurück-
XIZ. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 387
führe. Aber das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewußten
bei mir, und der Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu
lassen, sondern ihn zu deuten, ist uns beiden gemeinsam.'
Ich nehme nun an, daß diese bewußte Unkenntnis und
unbewußte Kenntnis von der Motivierung der psychischen Zufällig-
keiten eine der psychischen Wurzeln des Aberglaubens ist. Weil
der Abergläubische von der Motivierung der eigenen zufälligen
Handlungen nichts weiß, und weil die Tatsache dieser Moti-
vierung nach einem Platze in seiner Anerkennung drängt, ist er
genötigt, sie durch Verschiebung in der Außenwelt unterzubringen.
Besteht ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf diesen
einzelnen Fall beschränkt sein. Ich glaube in der Tat, daß ein
großes Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in
die modernsten Religionen hinein reicht, nichts anderes ist als
in die Außenwelt projizierte Psychologie. Die dunkle
Erkenntnis (sozusagen endopsychische Wahrnehmung) psychischer
Faktoren und Verhältnisse^ des Unbewußten spiegelt sich — es
ist schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia
1) Ich knüpfe hier ein schönes Beispiel an, an dem N. Ossipow die
Verschiedenheit von abergläubischer, psyclioanalytischer und mystischer AufFassung
erörtert (Psychoanalyse und Aberglauben, rnternationale Zeitschrift für Psychoanalyse,
VIII, 1522!. Er hatte in einer kleinen russischen Provinzstadt geheiratet und iuhr
unmittelbar nachher mit seiner jiuigen Frau nach Moskau. Auf einer Station, zwei
Stunden vordem Ziel, kam ihm der Wunsch, zum Ausgang des Bahnhofes z" gehen
und einen Blick auf die Stadt zu werfen. Der Zug sollte nach seiner Erwartung
genügend lange verweilen, aber als er nach wenigen Minuten zurückkam, war der
Zug mit seiner jungen Frau bereits abgefalireu. Als seine alte Njanja zu Hause von
diesem Zufall erfuhr, äußerte sie kopfschüttelnd: „Aus dieser Ehe wird »ic its
Ordentliches." Ossipow lachte damals über diese Prophezeiung. Da er aier unf
Monate später von seiner Frau geschieden war, kann er nicht umhin, sein Ver assen
des Zuges nachträglich als einen „unbewußten Protest" gegen seine EheschlieUung
lu verstehen. Die Stadt, in welcher sich ihm diese Fehlleistung ereignete, gewann
Jahre nachher eine große Bedeutung für ihn, denn in ihr lebte eine Person, nut
welcher ihn später das Schicksal eng verknüpfte. Diese Person, ja die Tiitsache
ihrer Existenz war ihm damals völlig unbekannt. Aber die mystische Erk arung
seines Verhaltens würde lauten, er habe in jener Stadt den Zug nach Moskau und.
seine Frau verlassen, weil sich die Ziikimft andeuten wollte, die ihm 1" °er
Beziehung zu dieser Person vorhereitet war.
2) Die natürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat.
288 7Mr Psychopathologie, des Alltagslebens
muß hier zu Hilfe genommen werden — in der Konstruktion
einer übersinnlichen Realität, welche von der Wissen-
schaft in Psychologie des Unbewußten zurückverwandelt
werden soll. Man könnte sich getrauen, die Mythen vom Paradies
und Sündenfall, von Gott, vom Guten und Bösen, von der
Unsterblichkeit u. dgl. in solcher Weise aufzulösen, die Meta-
physik in Metapsychologie umzusetzen. Die Kluft zwischen
der Verschiebung des Paranoikers und der des Abergläubischen
ist minder groß, als sie auf den ersten Blick erscheint. Als die
Menschen zu denken begannen, waren sie bekanntlich genötigt,
die Außenwelt anthropomorphisch in eine Vielheit von Persönlich-
keiten nach ihrem Gleichnis aufzulösen; die Zufälligkeiten, die
sie abergläubisch deuteten, waren also Handlungen, Äußerungen
von Personen, und sie haben sich demnach genau so benommen
wie die Paranoiker, welche aus den unscheinbaren Anzeichen, die
ihnen die anderen geben, Schlüsse ziehen, und wie die Gesunden
alle welche mit Recht die zufälligen und unbeabsichtigten Hand-
lungen ihrer Nebenmenschen zur Grundlage der Schätzung ihres
Charakters machen. Der Aberglaube erscheint nur so sehr
deplaciert in unserer modernen, naturwissenschaftlichen, aber noch
keineswegs abgerundeten Weltanschauung; in der Weltanschauung
vorwissenschaftlicher Zeiten und Völker war er berechtigt und
konsequent.
Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn
ihm ein widriger Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht;
er handelte konsequent nach seinen Voraussetzungen. Wenn er
aber von der Unternehmung abstand, weil er an der Schwelle
seiner Tür gestolpert war {„un Romain retournerait"), so war er
uns Ungläubigen auch absolut überlegen, ein besserer Seelen-
kundiger, als wir uns zu sein bemühen. Denn dieses Stolpern
mußte ihm die Existenz eines Zweifels, einer Gegenströmung in
seinem Innern beweisen, deren Kraft sich im Moment der
Ausführung von der Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des
J
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Ge sichtspunkte 289
vollen Erfolges ist man nämlich nur dann sicher, wenn alle
Seelenkräfte einig dem gewünschten Ziel entgegenstreben. Wie
antwortet Schillers Teil, der so lange gezaudert, den Apfel
vom Haupte seines Knaben zu schießen, auf die Frage des Voets
wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt?
Mit diesem Pfeil durchbohrt' ich — Euch,
Wenn ich mein Hebes Kind getroffen hätte.
Und Euer — wahrlich — hätt' .ich nicht gefehlt.
D) Wer die Gelegenheit gehabt hat, die verborgenen Seelen-
regungen der Menschen mit dem Mittel der Psychoanalyse zu
studieren, der kann auch über die Qualität der unbewußten
Motive, die sich im Aberglauben ausdrücken, einiges Neue sagen.
Am deutlichsten erkennt man bei den oft sehr intelligenten, mit
Zwangsdenken und Zwangszuständen behafteten Nervösen, daß
der Aberglaube aus unterdrückten feindseligen und grausamen
Regungen hervorgeht. Aberglaube ist zum großen Teile Unheils-
erwartung, und wer anderen häufig Böses gewünscht, aber infolge
der Erziehung zur Güte solche Wünsche ins Unbewußte verdrängt
hat, dem wird es besonders nahe liegen, die Strafe für solches
unbewußte Böse als ein ihm drohendes Unheil von außen zu
erwarten.
Wenn wir zugeben, daß wir die Psychologie des Aberglaubens
mit diesen Bemerkungen keineswegs erschöpft haben, so werden
wir auf der anderen Seite die Frage wenigstens streifen müssen,
ob denn reale Wurzeln des Aberglaubens durchaus zu bestreiten
seien, ob es gewiß keine Ahnungen, prophetische Träume, tele-
pathische Erfahrungen, Äußerungen übersinnlicher Kräfte und
dergleichen gebe. Ich bin nun weit davon entfernt, diese Phäno-
mene überall so kurzerhand aburteilen zu wollen, über welche
so viele eingehende Beobachtungen selbst intellektuell hervor-
ragender Männer vorHegen, und die am besten die Objekte
weiterer Untersuchungen bilden sollen. Es ist dann sogar zu
Prend, IV.
ago Zur Psychopathologie des Alltagslebens
hoffen, daß ein Teil dieser Beobachtungen durch unsere beginnende
Erkenntnis der unbewußten seelischen Vorgänge zur Aufklärung
gelangen wird, ohne uns zu grundstürzenden Abänderungen
unserer heutigen Anschauungen zu nötigen.' Wenn noch andere,
wie z. B. die von den Spiritisten behaupteten Phänomene,
erweisbar werden sollten, so werden wir eben die von der neuen
Erfahrung geforderten Modifikationen unserer „Gesetze" vornehmen,
ohne an dem Zusammenhang der Dinge in der Welt irre zu
werden.
Im Rahmen dieser Auseinandersetzungen kann ich die nun
aufgeworfenen Fragen nicht anders als subjektiv, d. i. nach meiner
persönhchen Erfahrung, beantworten. Ich muß leider bekennen,
daß ich zu jenen unwürdigen Individuen gehöre, vor denen die
Geister ihre Tätigkeit einstellen und das Übersinnliche entweicht»
so daß ich niemals in die Lage gekommen bin, selbst etwas zum
Wunderglauben Anregendes zu erleben. Ich habe wie alle Menschen
Ahnungen gehabt und Unheil erfahren, aber die beiden wichen
einander aus, so daß auf die Ahnungen nichts folgte und das
Unheil unangekündigt über mich kam. Zur Zeit, als ich, em
junger Mann, allein in einer fremden Stadt lebte, habe ich oft
genug meinen Namen plötzlich von einer unverkennbaren, teuren
Stimme rufen hören und mir dann den Zeitmoment der Halluzi-
nation notiert, um mich besorgt bei den Daheimgebliebenen zu
erkundigen, was um jene Zeit vorgefallen. Es war nichts. Zum
Ersatz dafür habe ich später ungerührt und ahnungslos mit
meinen Kranken gearbeitet, während mein Kind einer Verblutung
zu erliegen drohte. Es hat auch keine der Ahnungen, von denen
mir Patienten berichtet haben, meine Anerkennung als reales
Phänomen erwerben können. Doch muß ich gestehen, daß ich
in den letzten Jahren einige merkwürdige Erfahrungen gemacht
i) E. H i t s c h m a 11 11, Zur Kritik des Hellseheiis, Wiener Klinische Rundschau, 1910,
Nr. 6, und Ein Dichter und sein Vater, Beitrag lur Psychologie religiöser Bekehrune
und telepathischer Phänomene, Imago, IV, 1915/16.
^1
XII. Deterministnus, Zufalls- und Aberglauben , Gesichtspunkte 291
habe, die durch die Annahme telepat}iischer Gedankenübertragung
leichte Aufklärung gefunden hätten.
Der Glaube an prophetische Träume zählt viele Anhänger
weil er sich darauf stützen kann, daß manches sich wirldich in
der Zukunft so gestaltet, wie es der Wunsch im Traume vorher
konstruiert hat.^ Allein daran ist wenig zu verwundern und
zwischen dem Traum und der Erfüllung lassen sich in der Reo-el
noch weitgehende Abweichungen nachweisen, welche die Gläubig-
keit der Träumer zu vernachlässigen liebt. Ein schönes Beispiel
eines mit Recht prophetisch zu nennenden Traumes bot mir
einmal eine intelligente und wahrheitshebende Patientin zur
genauen Analyse. Sie erzählte, daß sie einmal geträumt, sie treffe
ihren früheren Freund und Hausarzt vor einem bestimmten
Laden einer gewissen Straße, und als sie am nächsten Morgen
in die innere Stadt ging, traf sie ihn wirklich an der im Traume
genannten Stelle. Ich bemerke, daß dieses wunderbare Zusammen-
treffen seine Bedeutung durch kein nachfolgendes Erlebnis erwies,
also nicht aus dem Zukünftigen zu rechtfertigen war.
Das sorgfältige Examen stellte fest, daß kein Beweis dafür
vorliege, die Dame habe den Traum bereits am Morgen nach
der Traumnacht, also vor dem Spaziergang und der Begegnung,
erinnert. Sie konnte nichts gegen eine Darstellung des Sach-
verhaltes einwenden, die der Begebenheit alles Wunderbare nimmt
und nur ein interessantes psycliologisches Problem übrig läßt. Sie
ist eines Vormittags durch die gewisse Straße gegangen, hat vor
dem einen Laden ihren alten Hausarzt begegnet und nun bei
seinem Anblick die Überzeugung bekommen, daß sie die letzte
Nacht von diesem Zusammentreffen an der nämlichen Stelle
geträumt habe. Die Analyse konnte dann mit großer Wahrschein-
lichkeit andeuten, wie sie zu dieser Überzeug-ung gekommen war,
welcher man ja nach allgemeinen Regeln ein gewisses Am-echt
1) Vgl. Freud, Traum und Telepathie (Iinago, VIII, 1922, Enthalten in Bd. III
dieser Gesamtausgabe).
19'
aga Zur Psychopathologie des Alltagslehens
auf Glaubwürdigkeit nicht versagen darf. Ein Zusammentreffen
am bestimmten Orte nach vorheriger Erwartung, das ist ja der
Tatbestand eines Rendezvous. Der alte Hausarzt rief die Erinnerung
an alte Zeiten in ihr wach, in denen Zusammenkünfte mit einer
dritten, auch dem Arzt befreundeten Pei-son für sie bedeutungs-
voll gewesen waren. Mit diesem Herrn war sie seitdem in Verkehr
geblieben und hat am Tage vor dem angeblichen Traum vergeb-
lich auf ihn gewartet. Könnte ich die hier vorliegenden Bezie-
hungen ausführlicher mitteilen, so wäre es mir leicht zu zeigen,
daß die Illusion des prophetischen Traumes beim Anblick des
Freundes aus früherer Zeit äquivalent ist etwa folgender Rede:
„Ach, Herr Doktor, Sie erinnern mich jetzt an vergangene Zeiten,
in denen ich niemals vergeblich auf N. zu warten brauchte, wenn
wir eine Zusammenkunft bestellt hatten." , :
Von jenem bekannten „merkwürdigen Zusammentreffen", daß
man einer Person begegnet, mit welcher man sich gerade in
Gedanken beschäftigt hat, habe ich bei mir selbst ein einfaches
und leicht zu deutendes Beispiel beohachtetj welches wahrschein-
lich ein gutes Vorbild für ähnliche Vorfälle ist. Wenige Tage,
nachdem mir der Titel eines Professors verliehen worden war,
der in monarchisch eingerichteten Staaten selbst viel Autorität
verleiht lenkten während eines Spazierganges durch die innere
Stadt meine Gedanken plötzlich in eine kindische Rachephantasie
ein die sich gegen ein gewisses Elternpaar richtete. Diese hatten
mich einige Monate vorher zu ihrem Töchterchen gerufen, bei
dem sich eine interessante Zwangserscheinung im Anschluß an
einen Traum eingestellt hatte. Ich brachte dem Falle, dessen
Genese ich zu durchschauen glaubte, ein großes Interesse entgegen;
meine Behandlung wurde aber von den Eltern abgelehnt und mir
zu verstehen gegeben, daß man sich an eine ausländische Autorität,
die mittels Hj-pnotismus heile, zu wenden gedenke. Ich phanta-
sierte nun, daß die Eltern nach dem völligen Mißglücken dieses
Versuches mich bäten, mit meiner Behandlung einzusetzen, sie
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesicht spunkte 293
hätten jetzt volles Vertrauen zu mir usw. Ich aber antwortete:
Ja, jetzt, nachdem ich auch Professor geworden bin, haben Sie
Vertrauen. Der Titel hat an meinen Fähigkeiten weiter nichts
geändert; wenn Sie mich als Dozenten nicht brauchen konnten
können Sie mich auch als Professor entbehren. — An dieser
Stelle wurde meine Phantasie durch den lauten Gruß Habe
die Ehre, Herr Professor" unterbrochen, und als ich aufschaute
ging das nämhche Elternpaar an mir vorüber, an dem ich soeben
durch die Abweisung ihres Anerbietens Rache genommen hatte.
Die nächste Überlegung zerstörte den Anschein des Wunderbaren,
Ich ging auf einer geraden und breiten, fast menschenleeren
Straße jenem Paar entgegen, hatte bei einem flüchtigen Auf-
schauen, vielleicht zwanzig Schritte von ihnen entfernt, ihre
stattlichen Persönlichkeiten erblickt und erkannt, diese Wahr-
nehmung aber — nach dem Muster einer negativen Halluzination
— aus jenen Gefühlsmotiven beseitigt, die sich dann in der
anscheinend spontan auftauchenden Phantasie zur Gehung
brachten.
Eine andere „Auflösung einer scheinbaren Vorahnung" berichte
ich nach Otto Rank: ■
„Vor einiger Zeit erlebte ich selbst eine seltsame Variation
jenes ,merkwürdigen Zusammentreffens', wobei man einer Person
begegnet, mit welcher man sich gerade in Gedanken beschäftigt
hat. Ich gehe unmittelbar vor Weihnachten in die Österreichisch-
Ungarische Bank, um mir zehn neue Silberkronen zu Geschenk-
zwecken einzuwechseln. In ehrgeizige Phantasien versunken,
die an den Gegensatz meiner geringen Barschaft zu den im
Bankgebäude aufgestapelten Geldmassen anknüpfen, biege ich
in die schmale Bankgasse ein, wo die Bank gelegen ist. Vor
dem Tor sehe ich ein Automobil stehen und viele Leute aus
und ein gehen. Ich denke mir, die Beamten werden gerade
für meine paar Kronen Zeit haben; ich werde es jedenfalls
rasch abmachen, die zu wechselnde Geldnote hinlegen und
E94. * Z«^ Psychopathologie des Alltagslebens
sagen: Bitte, geben Sie mir Gold! — Sogleich bemerke ich
meinen Irrtum — ich sollte ja Silber verlangen — und
erwache aus meinen Phantasien. Ich befinde mich nur noch
wenige Schritte vom Eingang entfernt und sehe einen jungen
Mann mir entgegenkommen, der mir bekannt vorkommt, den ich
jedoch wegen meiner Kurzsichtigkeit noch nicht mit Sicherheit
zu erkennen vermag. Wie er näher kommt, erkenne ich in ihm
einen Schulkollegen meines Bruders, namens Gold, von dessen
Bruder, einem bekannten Schriftsteller, ich zu Beginn meiner
literarischen Laufbahn weitgehende Förderung erwartet hatte.
Sie blieb jedoch aus und mit ihr auch der erhoffte materielle
Erfolg, mit dem sich meine Phantasie auf dem Wege zur Bank
beschäftigt hatte. Ich muß also, in meine Phantasien versunken,
das Herannahen des Herrn Gold unbewußt apperzipiert haben,
was sich meinem von materiellen Erfolgen träumenden Bewußt-
sein in der Form darstellte, daß ich beschloß, am Rassenschalter
Gold — statt des minderwertigen Silbers — zu verlangen. Ander-
seits scheint aber auch die paradoxe Tatsache, daß mein Unbe-
wußtes ein Objekt wahrzunehmen imstande ist, welches meinem
Auge erst später erkennbar wird, zum Teil aus der Komplex-
bereitschaft (Bleuler) erklärlich, die ja aufs Materielle eingestellt
war und meine Schritte gegen mein besseres Wissen von Anfang an
nach jenem Gebäude gelenkt hatte, wo nur die Gold- und Papier-
geldverwechslung stattfindet" {Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 5)-
In die Kategorie des Wunderbaren und Unheimhchen gehört
auch jene eigentümliche Empfindung, die man in manchen
Momenten und Situationen verspürt, als ob man genau das
nämliche schon einmal erlebt hätte, sich in derselben Lage schon
emmal befunden hätte, ohne daß es je dem Bemühen gelingt,
das Frühere, das sich so anzeigt, deutlich zu erinnern. Ich weiß,
daß ich bloß dem lockeren Sprachgebrauch folge, wenn ich das,
was sich in solchen Momenten in einem regt, eine Empfindung
heiße; es handelt sich wohl um ein Urteil, und zwar ein
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 295
Erkennungsurteil, aber diese Falle haben doch einen eanz eieen-
tümlichen Charakter, und daß man sich niemals an. das Gesuchte
erinnert, darf nicht beiseite gelassen werden. Ich weiß nicht, ob
dies Phänomen des „dejä vu ' im Ernst zum Erweis einer
früheren psychischen Existenz des Einzelwesens herangezogen
worden ist; wohl aber haben die Psychologen ihm ihr Interesse
zugewendet und die Lösung des Rätsels auf den mannigfaltigsten
spekulativen Wegen angestrebt. Keiner der beigebrachten Erklärungs-
versuche scheint mir richtig zu sein, weil in keinem etwas anderes
als die Begleiterscheinungen und begünstigenden Bedingungen des
Phänomens in Betracht gezogen wird. Jene psychischen Vorgänge,
welche nach meinen Beobachtungen allein für die Erklärung
des „deja zjm" verantwortlich sind, die unbewußten Phantasien
nämlich, werden ja heute noch von den Psychologen allgemein
vernachlässigt.
Ich meine, man tut unrecht, die Empfindung des schon einmal
Erlebthabens als eine Illusion zu bezeichnen. Es wird vielmehr
in solchen Momenten wirklich an etwas gerührt, was man bereits
einmal erlebt hat, nur kann dies letztere nicht bewußt erinnert
werden, weil es niemals bewußt war. Die Empfindung des „dejä
i-w" entspricht, kurz gesagt, der Erinnerung an eine unbewußte
Phantasie. Es gibt unbewußte Phantasien (oder Ta^räume), wie
es b ewußte solche Schö pfungen gibt^ die ein jeder aus seiner
eigenen Erfahrung kennt.
Ich weiß, daß der Gegenstand der eingehendsten Behandlung
würdig wäre, will aber hier nur die Analyse eines einzigen
Falles von „dejä vu" anführen, in dem sich die Empfindung
durch besondere Intensität und Ausdauer auszeichnete. Eine jetzt
57iährige Dame behauptet, daß sie sich aufs schärfste erinnere,
im Alter von zwölfeinhalb Jahren habe sie einen ersten Besuch
bei Schulfreundinnen auf dem Lande gemacht, und als sie in den
Garten eintrat, sofort die Empfindung gehabt, hier sei sie schon
einmal gewesen; diese Empfindung habe sich, als sie die Wohn-
\
2g6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
räume betrat, wiederholt, so daß sie vorher zu wissen glaubte,
welcher Raum der nächste sein würde, welche Aussicht man
von ihm aus haben werde usw. Es ist aber ganz ausgeschlossen
und durch ihre Erkundigung bei den Eltern widerlegt, daß dieses
ßekanntheitsgefühl in einem früheren Besuch des Hauses und
Gartens, etwa in ihrer ersten Kindheit, seine Quelle haben könnte.
Die Dame, die das berichtete, suchte nach keiner psychologischen
Erklärung, sondern sah in dem Auftreten dieser Empfindung
einen prophetischen Hinweis auf die Bedeutung, welche eben
diese Freundinnen später für ihr Gefühlsleben gewannen. Die
Erwägung der Umstände, unter denen das Phänomen bei ihr
auftrat, zeigt uns aber den Weg zu einer anderen Auffassung.
Als sie den Besuch unternahm, wußte sie, daß diese Mädchen
einen einzigen, schwerkranken Bruder hatten. Sie bekam ihn bei
dem Besuch auch zu Gesichte, fand ihn sehr schlecht aussehend
und dachte sich, daß er bald sterben werde. Nun war ihr eigener
einziger Bruder einige Monate vorher an Diphtherie gefährlich
erkrankt gewesen; während seiner Krankheit hatte sie vom
Eltemhause entfernt wochenlang bei einer Verwandten gewohnt.
Sie glaubt, daß der Bruder diesen Landbesuch mitmachte, meint
sogar, es sei sein erster größerer Ausflug nach der Krankheit
gewesen; doch ist ihre Erinnerung in diesen Punkten merk-
würdig unbestimmt, während alle anderen Details, und besonders
das Kleid, das sie an jenem Tag trug, ihr überdeutlich vor Augen
stehen. Dem Kundigen wird es nicht schwer fallen, aus diesen
Anzeichen zu schließen, daß die Erwartung, ihr Bruder werde
sterben, hei dem Mädchen damals eine große Rolle gespielt hatte
und entweder nie bewußt geworden oder nach dem glücklichen
Ausgang der Krankheit energischer Verdrängung verfallen war.
Im anderen Falle hätte sie ein anderes Kleid, nämlich Trauer-
kleidung tragen müssen. Bei den Freundinnen fand sie nun die
analoge Situation vor, den einzigen Bruder in Gefahr bald zu
sterben, wie es auch kurz darauf wirklich eintraf. Sie hätte bewußt
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 397
erinnern sollen, daß sie diese Situation vor wenigen Monaten
selbst durchlebt hatte; anstatt dies zu erinnern, was durch die
Verdrängung verhindert war, übertrug sie das Erinnerungsgefühl
auf die Lokalitäten, Garten und Haus, und verfiel der ,yfausse
reconnaissance'^ f daß sie das alles genau ebenso schon einmal
^gesehen habe. Aus der Tatsache der Verdrängung dürfen wir
schließen, daß die seinerzeitige Erwartung, ihr Bruder werde
sterben, nicht weit entfernt vom Charakter einer Wunschphantasie
gewesen war. Sie wäre dann das einzige Kind geblieben. In ihrer
späteren Neurose litt sie in intensivster Weise unter der Angst,
ihre Eltern zu verlieren, hinter welcher die Analyse wie gewöhnlich
den unbewußten Wunsch des gleichen Inhalts aufdecken konnte.
Meine eigenen flüchtigen Eilebnisse von „dejh vu" habe ich
mir in ähnlicher Weise aus der Gefühlskonstellation des Moments
ableiten können. „Das wäre wieder ein Anlaß, jene (unbewußte
und unbekannte) Phantasie zu wecken, die sich damals und damals
als Wunsch zur Verbesserung der Situation in mir gebildet hat."
Diese Erklärung des „deja vu" ist bisher nur von einem einzigen
Beobachter gewürdigt worden. Dr. Ferenczi, dem die dritte
Auflage dieses Buches so viel wertvolle Beiträge verdankt, schreibt
mir hierüber: „Ich habe mich sowohl bei mir als auch bei anderen
davon überzeugt, daß das unerklärliche Bekanntheitsgefühl auf
unbewußte Phantasien zurückzuführen ist, an die man in einer
aktuellen Situation unbewußt erinnert wird. Bei einem meiner
Patienten ging es anscheinend anders, in Wirklichkeit aber ganz
analog zu. Dieses Gefühl kehrte bei ihm sehr oft wieder, erwies sich
aber regelmäßig als von einem vergessenen (verdrängten)
Traumstück der vergangenen Nacht herrührend. Eis scheint
also, daß das »dejä vu''* nicht nur von Tagträumen, sondern
auch von nächtlichen Träumen abstammen kann."
Ich habe später erfahren, daß Grasset 1904 eine Erklärung
des Phänomens gegeben hat, welche der meinigen sehr nahe
kommt.
2g8 "Zalt Psychopathologie des AUtagslehens
Im Jahre 1915 habe ich in einer kleinen Abhandlung^ ein
anderes Phänomen beschrieben, welches dem „dejä f«"
recht nahe steht. Es ist das „deja raconte^\ die Illusion,
etwas bereits mitgeteilt zu haben, die besonders interessant ist,
wenn sie während der psychoanalytischen Behandlung auftritt.
Der Patient behauptet dann mit allen Anzeichen sub)ektiver
Sicherheit, daß er eine bestimmte Erinnerung schon längst
erzählt hat. Der Arzt ist über des Gegenteils sicher und kann
den Patienten in der Regel seines Irrtums überführen. Die
Erklärung dieser interessanten Fehlleistung ist wohl die, daß der
Patient den Impuls und Vorsatz gehabt hat, jene Mitteilung zu
machen, aber versäumt hat, ihn auszuführen und daß er jetzt
die Erinnerung an die ersteren als Ersatz für das letztere, die
Ausführung des Vorsatzes, setzt.
Einen ähnlichen Tatbestand, wahrscheinlich auch den gleichen
Mechanismus, zeigen die von Ferenczi so benannten „ver-
meintlichen Fehlhandlungen"." Man glaubt, etwas — einen
Gegenstand — vergessen, verlegt, verloren zu haben und kann
sich überzeugen, daß man nichts dergleichen getan hat, daß alles
in Ordnung ist. Eine Patientin kommt z. ß. ins Zimmer des
Arztes zurück mit der Motivierung, sie wolle den Regenschirm
holen, den sie dort stehen gelassen habe, aber der Arzt bemerkt,
daß sie ja diesen Schirm - — in der Hand hält. Es bestand also
der Impuls zu einer solchen Fehlleistung und dieser genügte,
um deren Ausführung zu ersetzen. Bis auf diesen Unterschied
ist die vermeintliche Fehlleistung der wirklichen gleichzustellen.
Sie ist aber sozusagen wohlfeiler.
E) Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch
gebildeten Kollegen einige Beispiele von Namenvergessen mit
1) Über famse reconnaissance („d^jä raconti'^) während der psychoanalytischen
Arbeit. (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913. Enthalten in Band VI
dieser Gesamtausgabe. 1
2) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, III, 1915.
i
XJJ, Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 399
Analyse vorzutragen, beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr
schön, aber bei mir geht das Namenvergessen anders zu. So leicht
darf man es sich offenbar nicht machen; ich glaube nicht, daß
mein Kollege je vorher an eine Analyse bei Namenvergessen
gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, wie anders es bei ihm
zugehe. Aber seine Bemerkung berührt doch ein Problem, welches
viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein werden. Trifft
die hier gegebene Auflösung der Fehl- und Zufallshandlungen
allgemein zu oder nur vereinzelt, und wenn letzteres, welches
sind die BedingLmgen, unter denen sie zur Erklärung der auch
anderswie ermöglichten Phänomene herangezogen werden darf?
Bei der Beantwortung dieser Frage lassen mich meine Erfahrungen
im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, den aufgezeigten
Zusammenhang für selten zu hahen, denn so oft ich bei mir
selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, hat er sich
wie in den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen lassen, oder
haben sich wenigstens gute Gründe, ihn zu vermuten, ergeben.
Es ist nicht zu verwundern, wenn es nicht alle Male gelingt,
den verborgenen Sinn der Symptomhandlung zu finden, da die
Große der inneren Widerstände, die sich der Lösung widersetzen,
als entscheidender Faktor in Betracht kommt. Man ist auch nicht
imstande, bei sich selbst oder bei den Patienten jeden einzelnen
Traum zu deuten; es genügt, um die Allgemeingüliigkeit der
Theorie zu bestätigen, wenn man nur ein Stück weit in den
verdeckten Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum,
der sich beim Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär
zeigt, läßt sich oft eine Woche oder einen Monat später sein
Geheimnis entreißen, wenn eine unterdes erfolgte reale Verän-
derung die miteinander streitenden psychischen Wertigkeiten
herabgesetzt hat. Das nämliche gilt für die Lösung der Fehl-
und Symptomhandlungen; das Beispiel von Verlesen „Im Faß
durch Europa" (auf Seite 119) hat mir die Gelegenheit gegeben
zu zeigen, wie ein anfänglich unlösbares Symptom der Analyse
300 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
zugänglich wird, wenn das reale Interesse an den ver-
drängten Gedanken nachgelassen hat.' Solange die Möglichkeit
bestand, daß mein Bruder den beneideten Titel vor mir erhalte,
widerstand das genannte Verlesen allen wiederholten Bemühungen
der Analyse; nachdem es sich herausgestellt hatte, daß diese
Bevorzugung unwahrscheinlich sei, klärte sich mir plötzlich der
Weg, der zur Auflösung desselben führte. Es wäre also unrichtig,
von all den Fällen, welche der Analyse widerstehen, zu behaupten,
sie seien durch einen anderen als den hier aufgedeckten psychi-
schen Mechanismus entstanden^ es brauchte für diese Annahme
noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden wahr-
scheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere
Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist
jeder Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äuße-
rung derselben seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt
haben und die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen,
gegen dessen Aufhellung aber sträuben.
Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, daß die
verdrängten Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in
Symptom- und Fehlhandlungen ja nicht selbständig schaffen.
Die technische Möglichkeit für solches Ausgleiten der Inner-
vationen muß unabhängig von ihnen gegeben sein; diese wird
dann von der Absicht des Verdrängten, zur bewußten Geltung
zu kommen, gern ausgenützt. Welche Struktur- und Funktions-
relationen es sind, die sich solcher Absicht zur Verfügung stellen,
das haben für den Fall der sprachlichen Fehlleistung eingehende
i) Hier knüpfen sehr interessante Probleme ö kono itii s che r Natur an, Fragen,
welche auf die Tatsache Rücksicht nehmen, daß die psychischen AUäufe auf Lust-
gewinn und Unlustaufhcbung zielen. Es ist bereits ein ökonomisches Problem, wie
es möglich wird, einen durch ein Unluslmotiv vergessenen Namen auf dem Wege
ersetaender Assoziationen wiederni gewinnen. Eine schöne Arbeit von Tausk („Ent-
wertung des Verdrängungsmotivs durch Rckompense". Internationale Zeitschrift für
Psychoanalyse, 1, 1915"} zeigt an guten Beispielen, wie der vergessene Name wieder
zugänglich wird, wenn es gelimgen ist, ihn in eine lustbetonle Assoziation einiu-
beziehen, die der bei der Reproduktion zu erwartenden Unlust die Wage halten kann.
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauhen, Gesichtspunkte 501
Untersuchungen der Philosophen und Philologen festzustellen
sich bemüht. Unterscheiden wir so an den Bedingungen der
Fehl- und Symptomhandlung das unbewußte Motiv von den ihm
entgegenkommenden physiologischen und psychophysischen Rela-
tionen, so bleibt die Frage offen, ob es innerhalb der Breite der
Gesundheit noch andere Momente gibt, welche wie das unbe-
wußte Motiv und an Stelle desselben, auf dem Wege dieser
Relationen die Fehl- und Symptomhandlungen zu erzeugen ver-
mögen. Es ist nicht meine Aufgabe, diese Frage zu beantworten.
Es liegt übrigens auch nicht in meiner Absicht, die Verschieden-
heiten zwischen der psychoanalytischen und der landläufigen
Auffassung der Fehlleistungen, die ja groß genug sind, noch zu
übertreiben. Ich möchte vielmehr auf Fälle hinweisen, in denen
diese Unterschiede viel von ihrer Schärfe einbüßen. Zu den ein-
fachsten und unaufFäUigsten Beispielen des Versprechens und
Verschreibens, bei denen etwa nur Worte zusammengezogen
oder Worte und Buchstaben ausgelassen werden, entfallen die
komplizierteren Deutungen. Vom Standpunkt der Psychoanalyse
muß man behaupten, daß in diesen Fällen sich irgendeine
Störung der Intention angezeigt hat, kann aber nicht angeben,
woher die Störung stammte und was sie beabsichtigte. Sie
brachte eben nichts anderes zustande, als ihr Vorhandensein zu
bekunden. In denselben Fällen sieht man dann auch die von
uns nie bestrittenen Begünstigungen der Fehlleistung durch laut
liehe Wertverhältnisse und naheliegende psychologische Assozia
tionen in Wirksamkeit treten. Es ist aber eine billige wissen-
schaftliche Forderung, daß man solche rudimentäre Fälle von
Versprechen oder Verschreiben nach den besser ausgeprägten
beurteile, deren Untersuchung so unzweideutige Aufschlüsse über
die Verursachung der Fehlleistungen ergibt.
F) Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir uns
begnügt zu beweisen, daß die Fehlleistungen eine verborgene
e^
503 Zur Psychopathologie des Alltagslehens
Motivierung haben, und uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse
den Weg zur Kenntnis dieser Motivierung gebahnt. Die allgemeine
Natur und die Besonderheiten der in den Fehlleistungen zum
Ausdruck gebrachten psychischen Faktoren haben wir bisher fast
ohne Berücksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht versucht,
dieselben näher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmäßigkeit zu
prüfen. Wir werden auch jetzt keine gründliche Erledigung des
Gegenstandes versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald
belehrt haben, daß man in dieses Gebiet besser von anderer Seite
einzudringen vermag.' Man kann sich hier mehrere Fragen vorlegen,
die ich wenigstens anführen und in ihrem Umfang umschreiben
will. 1.) Welches Inhalts und welcher Herkunft sind die Gedanken
und Regungen, die sich durch die Fehl- und Zufallshandlungen
andeuten? 2.) Welches sind die Bedingungen dafür, daß ein Gedanke
oder eine Regung genötigt und in den Stand gesetzt werde, sich
dieser Vorfälle als Ausdrucks mittel zu bedienen? 5.) Lassen sich
konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der
Fehlleistungen und den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck
Gebrachten nachweisen?
Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der letzten
Frage zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele von
Versprechen haben wir es für nötig gefunden, über den Inhalt
der intendierten Rede hinauszugehen, und haben die Ursache
der Redestörung außerhalb der Intention suchen müssen. Dieselbe
lag dann in einer Reihe von Fällen nahe und war dem Bewußtsein
des Sprechenden bekannt. In den scheinbar einfachsten und durch-
sichtigsten Beispielen war es eine gleichberechtigt klingende, andere
Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck störte, ohne
daß man hätte angeben können, warum die eine unterlegen, die
andere durchgedrungen war (Kontaminationen von Meringer
1) Diese Schrift ist durchaus populär gehalten, will nur durch eine Häufung von Bei-
spielen den Weg für die notwendige Annahme unbewußter und doch wirk-
samer seelischer Vorgänge ehnen und vermeidet alle theoretischen Erwägungen
über die Natur dieses Unbewußten.
i
XII. Determinismus, Zufalb- und Aberglauben, Gesichtspunkte 305
und Mayer). In einer zweiten Gruppe von Fällen war das
Unterliegen der einen Fassung motiviert durch eine Rücksicht,
die sich aber nicht stark genug zur völligen Zurückhaltung erwies
(„zum Vorschwein gekommen")- Auch die zurückgehaltene Fassung
war klar bewußt. Von der dritten Gruppe erst kann man ohne
Einschränkung behaupten, daß hier der störende Gedanke von
dem intendierten verschieden war, und kann hier eine, wie es
scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der störende Gedanke
ist entw^eder mit dem gestörten durch Gedankenassoziationen
verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm
wesensfremd, und durch eine befremdende äußerliche Assoziation
ist gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, der
oft unbewußt ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus
meinen Psychoanalysen gebracht habe, steht die ganze Rede unter
dem Einfluß gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbewußter
Gedanken, die ich entweder durch die Störung selbst verraten
(Klapperschlange — Kleopatra) oder einen indirekten Einfluß
äußern, indem sie ermöglichen, daß die einzelnen Teile der bewußt
intendierten Rede einander stören (As enalmen: woHausenauer-
straße, Reminiszenzen an eine Französin dahinterstehen). Die
zurückgehaltenen oder unbewußten Gedanken, von denen die
Sprechstörung ausgeht, sind von der mannigfaltigsten Herkunft.
Eine Allgemeinheit enthüllt uns diese Überschau also nach keiner
Richtung.
Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Vorlesen und
Verschreiben führt zu den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle
scheinen wie beim Versprechen einer weiter nicht motivierten
Verdichtungsarbeit ihr Entstehen zu danken (z. B. : der Apfe).
Man möchte aber gern erfahren, ob nicht doch besondere
Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine solche Verdichtung,
die in der Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen Denken
fehlerhaft ist, Platz greife, und bekommt hierüber aus den
Beispielen selbst keinen Aufschluß. Ich würde es aber ablehnen,
304 ^f"" Psychopathologie des Alltagslehens
hieraus den Schluß zu ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen
als etwa den Nachlaß der bewußten Aufmerksamkeit, da ich von
anderswoher weiß, daß sich gerade automatische Verrichtungen
durch Korrektheit und Verläßlichkeit auszeichnen. Ich möchte
eher betonen, daß hier, wie so häufig in der Biologie, die normalen
oder dem Normalen angenäherten Verhältnisse ungünstigere Objekte
der Forschung sind als die pathologischen. Was bei der Erklärung
dieser leichtesten Störungen dunkel bleibt, wird nach meiner
Erwartung durch die Aufklärung schwerer Störungen Licht
empfangen.
Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen,
welche eine entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen
lassen. „Im Faß durch Europa" ist eine Lesestorung, die sich
durch den Einfluß eines entlegenen, wesensfremden Gedankens
aufklärt, welcher einer verdrängten Regung von Eifersucht und
Ehrgeiz entspringt, und den „V\^echsel" des Wortes„Beförderung"
zur Verknüpfung mit dem gleichgültigen und harmlosen Thema,
das gelesen wurde, benützt. Im Falle Burckhard ist der Name
selbst ein solcher „Wechsel".
Es ist unverkennbar, daß die Störungen der Sprechfunktionen
leichter Zustandekommen und weniger Anforderungen an die
störenden Kräfte stellen als die anderer psychischer Leistungen.
Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Vergessens
im eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen
Erlebnissen (das Vergessen von Eigennamen und Fremd werten,
wie in den Abschnitten I und II, könnte man als „Entfallen",
das von Vorsätzen als „Unterlassen" von diesem Vergessen sensu
strictiori absondern). Die Grundbedingungen des normalen Vorgangs
beim Vergessen sind unbekannt.' Man wird auch daran gemahnt,
1) über den Mechanismus des eigentüclien Vergessens kann ich etwa folgende
Andeutungen geben: Das Erinnerimgsniaterial unterliegt im allgemeinen zwei Ein-
flüssen, der Verdichtung und der Entstellung. Die Entstellung ist das Werk der im
Seelenleben herrschenden Tendenien und wendet sich vor allem gegen die affekt-
wirksam gebliebenen Erinnerungsspuren, die sich gegen die Verdichtung resistenter
XII. Determinismus, Zitfalh- und Aberglauben, Gesichtspunkte 505
daß nicht alles vergessen ist, was man dafür hält. Unsere Erklärung
hat es hier nur mit jenen Fällen zu tun, in denen das Vergessen
bei uns ein Befremden erweckt, insofern es die Regel verletzt,
daß Unwichtiges vergessen. Wichtiges aber vom Gedächtnis bewahrt
wird. Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach
einer besonderen Aufklärung zu verlangen scheinen, ergibt als
Motiv des Vergessens jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern,
was peinliche Empfindungen erwecken kann. Wir gelangen zur
Vermutung, daß dieses Motiv im psychischen Leben sich ganz
allgemein zu äußern strebt, aber durch andere gegenwirkende
Kräfte verhindert wird, sich irgendwie regelmäßig durchzusetzen.
Umfang und Bedeutung dieser Erinnerungsunlust gegen peinliche
Eindrücke scheinen der sorgfältigsten psychologischen Prüfung wert
zu sein; auch die Frage, welche besonderen Bedingungen das
allgemein angestrebte Vergessen in einzelnen Fällen ermöglichen,
ist aus diesem weiteren Zusammenhange nicht zu lösen.
Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in den
Vordergrund; der heim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden
nur vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man erkennt bei
der Analyse der Beispiele regelmäßig einen Gegenwillen, der sich
dem Vorsatz widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei früher
verhalten. Die indifferent gewordenen Spuren verfallen dem Verdi chtungsvorgang
ohne Gegenwehr, doch kann man beobachten, daß Überdies Entstellungstendenzen
sich an dem indifferenten Material sättigen, welche dort, wo sie sich äußern wollten,
unbefriedigt geblieben sind. Da diese Prozesse der Verdichtung und Entstellung sich
Über lange Zeiten hiniiohen, während welcher alle frischen Erlebnisse auf die
Umgestaltung des Gedächlnisinhaltes einwirken, meinen wir, es sei die Zeit, welche
die Erinnerungen unsicher und undeutlich macht. Sehr wahrscheinlich ist beim
Vergessen von einer direkten Funktion der Zeit überhaupt nicht die Rede. — An den
verdrängten Erinnerungsspuren kann man konstatieren, daß sie durch die längste
Zeitdauer keine Veränderungen erfahren haben. Das UnLewußte ist überhaupt zeitlos.
Der wichtigste und auch befremdendste Charakter der psychischen Fixierung ist der,
daß alle Eindrücke einerseits in der nämlichen Art erhalten sind, wie sie aufgenommen
wurden und überdies noch in all den Formen, die sie bei den weiteren Entwick-
lungen angenommen haben, ein Verhältnis, welches sich durch keinen Vergleich aus
einer anderen Sphäre erläutern läßt. Der Theorie zufolge ließe sich also jeder
frühere Zustand des Gedächtnis Inhaltes wieder für die Erinnerung herstellen, auch
wenn dessen Elemente alle ursprünglichen Beziehungen längst gegen neuere ein-
getauscht haben.
Freud, IV. ao
I
3o6 Zur Psychopathologie des Alltagshbem
besprochenen Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen
des psychischen Vorganges; der Gegenwille kehrt sich entweder
direkt gegen den Vorsatz (bei Absichten von einigem Belang)
oder er ist dem Vorsatz selbst wesensfremd und stellt seine
Verbindung mit ihm durch eine äußerliche Assoziation her
(bei fast indifferenten Vorsätzen).
Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens.
Der Impuls, der sich in der Störung der Handlung äußert, ist
häufig ein Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder,
der nur die Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der
Handlung durch eine Störung derselben zum Ausdruck zu bringen.
Die Fälle, in denen die Störung durch einen inneren Wider-
spruch erfolgt, sind die bedeutsameren und betreffen auch die
wichtigeren Verrichtungen.
Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptom-
handlungen immer mehr zurück. Diese vom Bewußtsein gering
geschätzten oder ganz übersehenen motorischen Äußerungen
dienen so mannigfachen unbewußten oder zurückgehaltenen
Regungen zum Ausdruck; sie stellen meist Phantasien oder
Wünsche symbolisch dar.
Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen
seien, die sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck bringen, läßt
sich sagen, daß in einer Reihe von Fällen die Herkunft der
störenden Gedanken von unterdrückten Regungen des Seelenlehens
leicht nachzuweisen ist. Egoistische, eifersüchtige, feindselige
Gefühle und Impulse, auf denen der Druck der moralischen
Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden nicht selten des
Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene, aber
von höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie
zu äußern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen
entspricht zum guten Teile einer bequemen Duldung des
Unmoralischen. Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die
mannigfachen sexuellen Strömungen keine geringfügige Rolle. Es
XII. DeterminisTmis, Zufalh- und Aberglauben, Gesichtspunkte 307
ist ein Zufall des Materials, wenn gerade sie so selten unter
den durch die Analyse aufgedeckten Gedanken in meinen
Beispielen erscheinen. Da ich vorwiegend Beispiele aus meinem
eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war die
Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluß des
Sexuellen gerichtet. Andere Male scheinen es höchst harmlose
Einwendungen und Rücksichten zu sein, aus denen die störenden
Gedanken entspringen.
Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage,
welche psychologischen Bedingungen dafür gelten, daß ein Gedanke
seinen Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam
parasitärer, als Modifikation und Störung eines anderen suchen
müsse. Es liegt nach den auffälligsten Beispielen von Fehlhandlung
nahe, diese Bedingungen in einer Beziehung zur Bewußtseins-
fähigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder entschieden
ausgeprägten Charakter des „Verdrängten". Aber die Verfolgung
durch die Reihe der Beispiele löst diesen Charakter in immer
mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas
als zeitraubend hinwegzukommen, — die Erwägung, daß der
betreffende Gedanke nicht eigentlich zur intendierten Sache gehört,
— scheinen als Motive für die Zurückdrängung eines Gedankens,
der dann auf den Ausdruck durch Störung eines anderen
angewiesen ist, dieselbe Rolle zu spielen wie die moralische
Verurteilung einer unbotmäßigen Gefühlsregung oder die Abkunft
von völlig unbewußten Gedankenzügen. Eine Einsicht in die
allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- und Zufallsleistungen
läßt sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeut-
samen Tatsache wird man bei diesen Untersuchungen habhaft; je
harmloser die Motivierung der Fehlleistung ist, je weniger anstößig
und darum weniger bewußtseinsunfahig der Gedanke ist, der sich
in ihr zum Ausdruck bringt, desto leichter wird auch die Auf-
lösung des Phänomens, wenn man ihm seine Aufmerksamkeit
zugewendet hat; die leichtesten Fälle des Versprechens werden
3o8 Z«r Psychopathologie des Alltagslebens
sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo es sich um Motivierung
durch wirklich verdrängte Regungen handelt, da bedarf es zur
Lösung einer sorgfältigen Analyse, die selbst zeitweise auf
Schwierigkeiten stoßen oder mißlingen kann.
Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Unter-
suchung als einen Hinweis darauf zu nehmen, daß die befriedigende
Aufklärung für die psychologischen Bedingungen der Fehl- und
Zufallshandlungen auf einem anderen Wege und von anderer
Seite her zu gewinnen ist. Der nachsichtige Leser möge daher in
diesen Auseinandersetzungen den Nachweis der Bruchflächen sehen,
an denen dieses Thema ziemlich künstlich aus einem größeren
Zusammenhange herausgelöst wurde.
G) Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach
diesem weiteren Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus
der Fehl- und Zufallshandlungen, wie wir ihn durch die Anwendung
der Analyse kennen gelernt haben, zeigt in den wesentlichsten
Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus der
Traumbildung, den ich in dem Abschnitt „Traumarbeit" meines
Buches über die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die
Verdichtungen und Kompromißbildungen (Kontaminationen) findet
man hier wie dort^ die Situation ist die nämliche, daß unbewußte
Gedanken sich auf ungewölinlichen Wegen, über äußere Assozia-
tionen, als Modifikation von anderen Gedanken zum Ausdruck
bringen. Die Ungereimtheiten, Absurditäten und Irrtümer des
Trauminhaltes, denen zufolge der Trauni kaum als Produkt
psychischer Leistung anerkannt wird, entstehen auf dieselbe Weise,
freilich mit freierer Benutzung der vorhandenen Mittel, wie die
gemeinen Fehler unseres Alltagslebens; hier wie dort löst sich
der Anschein inkorrekter Funktion durch die
eigentümliche Interferenz zweier oder mehrerer
korrekter Leistungen. Aus diesem Zusammentreffen ist ein
wichtiger Schluß zu ziehen: Die eigentümliche Arbeitsweise,
XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 309
deren auffälligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf
nicht auf den Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden,
wenn wir in den Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für
ihre Wirksamkeit während des wachen Lebens besitzen. Derselbe
Zusammenhang verbietet uns auch, tiefgreifenden Zerfall der
Seelentätigkeit, krankhafte Zustände der Funktion als die Bedingung
dieser uns abnorm und fremdartig erscheinenden psychischen
Vorgänge anzusehen.^
Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit,
welche die Fehlleistung wie die Traumbilder entstehen läßt,
wird uns erst ermöglicht, wenn wir erfahren haben, daß die
psychoneurotischen Symptome, speziell die psychischen Bildungen
der Hysterie und der Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus
alle wesentlichen Züge dieser Arbeitsweise wiederholen. An dieser
Stelle schlösse sich also die Fortsetzung unserer Untersuchungen
an. Für uns hat es aber noch ein besonderes Interesse, die Fehl-,
Zufalls- und Symptomhandlungen in dem Lichte dieser letzten
Analogie zu betrachten. Wenn wir sie den Leistungen der
Psychoneurosen, den neurotischen Symptomen, gleichstellen,
gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, daß die Grenze
zwischen nervöser Norm und Abnormität eine Gießende, und daß
wir alle ein wenig nervös seien, Sinn und Unterlage. Man kann
sich vor aller ärztlichen Erfahrung verschiedene Typen von
solcher bloß angedeuteter Nervosität — von formes frustes der
Neurosen — konstruieren; Fälle, in denen nur wenige Symptome,
oder diese selten oder nicht heftig auftreten, die Abschwächung
also in die Zahl, in die Intensität, in die zeitliche Ausbreitung
der krankhaften Erscheinungen verlegen; vielleicht würde man
aber gerade den Typus nicht erraten, welcher als der häufigste
den Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit zu vermitteln
scheint. Der uns vorliegende Tj-pus, dessen Rrankheitsäußerungen
die Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet sich nämlich
1) Vgl. hieiu „Traumdeutung", S. 5S2. (7. Aufl., S. 449.)
31 o Zur Psychopathologie des Alltagslehens
dadurch aus, daß die Symptome in die mindest wichtigen
psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was höheren
psycliischen Wert beanspruchen kann, frei von Störung vor sich
geht. Die gegenteihge Unterbringung der Symptome, ihr Hervor-
treten an den wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen,
so daß sie Nahrungsaufnahme und Sexual verkehr, Berufsarbeit
und Geselligkeit zu stören vermögen, kommt den schweren
Fällen von Neurose zu und charakterisiert diese besser als etwa
die Mannigfaltigkeit oder die Lebhaftigkeit der Krankheits-
äußerungen. . ■
Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwer-
sten Fälle, an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil
haben, liegt in der Rückführbarkeit der Phänomene
auf un vollkom.nien unterdrücktes psychisches
Material, das, vom Bewußtsein abgedrängt, doch
nicht jeder Fähigkeit, sich zu äußern, beraubt
Wordenist.
■
F
DAS INTERESSE AN DER
PSYCHOANALYSE
•p^
„Das Interesse an der Psychoanalyse" erschien im 7. Jg. der mehrspra-
chigen Zeitschrift „Scientia" (Bologna I^I)) in deutscher und französischer
Sprache (französische Übersetzung von M. FF. Hörn, Nifßlwim-Großharthau).
ERSTER TEIL
DAS PSYCHOLOGISCHE INTERESSE
Die Psychoanalyse ist ein ärztliches Verfahren, welches die
Heilung gewisser Formen von Nervosität (Neurosen) mittels einer
psychologischen Technik anstrebt. In einer kleinen, 1910 ver-
öffentlichten Schrift habe ich die Entwicklung der Psychoanalyse
aus dem kathartischen Verfahren von J. Breuer und ihre
Beziehung zu den Lehren von Charcot und P- Jan et dar-
gestellt.'
Als Beispiele der Krankheitsformen, welche der psychoanalytischen
Therapie zugänglich sind, kann man die hysterischen Krämpfe
und Hemmungserscheinungen sowie die mannigfaltigen Symptome
der Zwangsneurose (Zwangsvorstellungen, Zwangshandlungen)
nennen. Es sind durchwegs Zustände, welche gelegentlich eine
spontane Heilung zeigen und in launenhafter, bisher nicht ver-
standener Weise dem persönlichen Einfluß des Arztes unterliegen.
Bei den schwereren Formen der eigentlichen Geistesstörungen
leistet die Psychoanalyse therapeutisch nichts. Aber sowohl bei
Psychosen wie bei den Neurosen gestattet sie — zum erstenmal
in der Geschichte der Medizin — einen Einblick in die Herkunft
und in den Mechanismus dieser Erkrankungen zu gewinnen.
Diese ärztliche Bedeutung der Psychoanalyse würde indes den
Versuch nicht rechtfertigen, sie einem Kreise von Gelehrten vor-
1) über Psychoanalyse, 6. Aufl. 1922. [Enthalten in diesem Bande der Gesamt-
ausgahe.]
3^4 'CJßj Interesse an der Psychoanalyse
zustellen, die sich für die Synthese der 'Wissenschaften interessieren.
Zumal da dies Unternehmen verfrüht erscheinen müßte, solange
noch ein großer Teil der Psychiater und Neurologen sich ablehnend
gegen das neue Heilverfahren benimmt und die Voraussetzungen
wie die Ergebnisse desselben verwirft. Wenn ich diesen Versuch
dennoch als legitim erachte, so berufe ich mich darauf, daß die
Psychoanalyse auch bei anderen als Psychiatern Interesse bean-
sprucht, indem sie verschiedene andere Wissensgebiete streift und
unerwartete Beziehungen zwischen diesen und der Pathologie des
Seelenlebens herstellt.
Ich werde also jetzt das ärztliche Interesse an der Psychoanalyse
beiseite lassen, und was ich von dieser jungen Wissenschaft
behauptet habe, an einer Reihe von Beispielen erläutern.
Es gibt eine große Anzahl von mimischen und sprachlichen
Äußerungen sowie von Gedankenbildungen, — bei normalen wie
bei kranken Menschen, — welche bisher nicht Gegenstand der
Psychologie gewesen sind, weil man in ihnen nichts anderes
erblickte als Erfolge von organischer Störung oder abnormemi
Ausfall an Funktion des seelischen Apparates. Ich meine die Fehl-
leistungen (Versprechen, Verschreiben, Vergessen usw.), die Zufalls-
handlungen und die Träume bei normalen, die Krampfanfälle,
Delirien, Visionen, Zwangsideen und Zwangshandlungen bei
neurotischen Menschen. Man wies diese Phänomene — soweit
sie nicht wie die Fehlleistungen überhaupt unbeachtet blieben —
der Pathologie zu und bestrebte sich physiologische Erklä-
rungen für sie zu geben, die nun in keinem Falle befriedigend
geworden sind. Dagegen gelang es der Psychoanalyse zu erweisen,
daß all diese Dinge durch Annahmen rein psychologischer Natur
verständlich gemacht und in den Zusammenhang des uns bekannten
psychischen Geschehens eingereiht werden können. So hat die
Psychoanalyse einerseits die physiologische Denkweise eingeschränkt
Das psychologische Interesse 115
und andererseits ein großes Stück der Pathologie für die Psycho-
logie erobert. Die stärkere Beweiskraft kommt hier den normalen
Phänomenen zu. Man kann der Psychoanalyse nicht vorwerfen,
daß sie am pathologischen Material gewonnene Einsichten auf das
normale überträgt. Sie führt die Beweise hier und dort unabhängig
voneinander und zeigt so, daß normale, wie sogenannte patho-
logische Vorgänge denselben Regeln folgen.
Von den normalen Phänomenen, die hier in Betracht kommen,
das heißt von den am normalen Menschen zu beobachtenden,
werde ich zweierlei ausführlicher behandeln, die Fehlleistungen
und die Träume.
Die Fehlleistungen, also das Vergessen von sonst vertrauten
Worten und Namen, von Vorsätzen, das Versprechen, Verlesen,
Verschreiben, das Verlegen von Dingen, so daß sie unauffindbar
werden, das Verlieren, gewisse Irrtümer gegen besseres Wissen,
manche gewohnheitsmäßige Gesten und Bewegungen — all dies,
was ich als Fehlleistungen des gesunden und normalen Menschen
zusammenfasse — ist von der Psychologie im ganzen wenig
gewürdigt worden, wurde als „Zerstreutheit" klassifiziert, und von
Ermüdung, Ablenkung der Aufmerksamkeit, von der Nebenwirkung
gewisser leichter Krankheitszustände abgeleitet. Die analytische
Untersuchung zeigt aber mit einer allen Ansprüchen genügenden
Sicherheit, daß diese letztgenannten Momente bloß den Wert von
Begünstigungen haben, die auch wegfallen können. Die Fehl-
leistungen sind vollgültige psychische Phänomene und haben
jedesmal Sinn und Tendenz. Sie dienen bestimmten Absichten,
die sich infolge der jeweiligen psychologischen Situation nicht
anders zum Ausdruck bringen können. Diese Situationen sind in
der Regel die eines psychischen Konflikts, durch welchen die
unterliegende Tendenz vom direkten Ausdruck abgedrängt und
auf indirekte Wege gewiesen wird. Das Individuum, welches die
Fehlleistung begeht, kann sie bemerken oder übersehen; die ihr
zugrunde liegende unterdrückte Tendenz kann ihm wohl bekannt
I
31 6 Das Interesse an der Psychoanalyse
sein, aber es weiß für gewöhnlich nicht ohne Analyse, daß die
betreEfende Fehlhandlung das Werk dieser Tendenz ist. Die
Analysen der Fehlhandlungen sind oft sehr leicht und rasch
anzustellen. Wenn man auf den Mißgriff aufmerksam geworden
ist, bringt der nächste Einfall dessen Erklärung.
Fehlleistungen sind das bequemste Material für jeden, der sich
von der Glaubwürdigkeit der analytischen Auffassungen überzeugen
lassen will. In einem kleinen, zuerst 1904 veröffentlichten Buche
habe ich eine große Anzahl solcher Beispiele nebst ihrer Deutung-
mitgeteilt und habe diese Sammlung seither durch zahlreiche
Beiträge anderer Beobachter bereichern können.'
Als das häufigste Motiv zur Unterdrückung einer Absicht,
welche dann genötigt ist, sich mit der Darstellung durch eine
Fehlleistung zu begnügen, stellt sich die Vermeidung von Unlust
heraus. So vergißt man hartnäckig Eigennamen, wenn man gegen
die Träger derselben einen geheimen Groll hegt, man vergißt
Vorsätze auszuführen, wenn man sie im Grunde genommen nur
ungern ausgeführt hätte, z. B. nur um einer konventionellen
Nötigung zu folgen. Man verliert Gegenstände, wenn man sich
mit demjenigen verfeindet hat, an welchen dieser Gegenstand
mahnt, von dem, er z. B. geschenkt worden ist. Man irrt sich
beim Einsteigen in einen Eisenbahnzug, wenn man diese Fahrt
ungerne macht und lieber anderswo geblieben wäre. Am. deut-
lichsten zeigt sich das Motiv der Vermeidung von Unlust beim
Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen, wie es bereits von
mehreren Autoren vor der Zeit der Psychoanalyse bemerkt worden
ist. Das Gedächtnis ist parteiisch und gerne bereit, alle jene Ein-
drücke von der Reproduktion auszuschließen, an denen ein peinlicher
Affekt haftet, wenngleich diese Tendenz nicht in allen Fällen zur
Verwirklichung gelangen kann.
1) Zur Psychopathologie des Alltagslebens, [lo. Aufl., 1924. Enthalten in dieiem
Band der Gesamtausgahe.] Daiu Arbeiten von M a e d er, A. A. B r i 1 1, £. J o n e s,
O. Kank u. a.
Das psychologische Interesse «ly
Andere Male ist die Analyse einer Fehlleistung minder einfach,
und führt zu weniger durchsichtigen Auflösungen infolge der
Einmengung eines Vorganges, den wir als Verschiebung
bezeichnen. Man vergißt z. B. auch den Namen einer Person
gegen die man nichts einzuwenden hat; aber die Analyse weist
nach, daß dieser Name assoziativ die Erinnerung an eine andere
Person mit gleichem oder ähnlich klingendem Namen geweckt
hat, welche auf unsere Abneigung berechtigten Anspruch macht.
Infolge dieses Zusammenhanges ist der Name der harmlosen
Person vergessen worden; die Absicht zu vergessen hat sich gleichsam
längs einer gewissen Assoziationsbahn verschoben.
Auch ist die Absicht, Unlust zu vermeiden, nicht die einzige,
die sich durch Fehlleistungen verwirklicht. Die Analyse deckt in
vielen Fällen andere Tendenzen auf, die in der betreffenden
Situation unterdrückt worden sind und sich gleichsam aus dem
Hintergrunde als Störungen äußern müssen. So dient das Ver-
sprechen häufig dem Verrat von Meinungen, die vor dem Partner
geheim gehalten werden sollen. Die großen Dichter haben Ver-
sprechungen in diesem Sinne verstanden und in ihren Werken
gebraucht. Das Verlieren wertvoller Gegenstände erweist sich oft
als Opferhandlung, um ein erwartetes Unheil abzuwenden, und
manch anderer Aberglaube setzt sich bei den Gebildeten noch als
Fehlleistung durch. Das Verlegen von Gegenständen ist gewöhnlich
nichts anderes als eine Beseitigung derselben; Sachbeschädigungen
werden anscheinend unabsichtlich vorgenommen, um zum Ersatz
durch Besseres zu nötigen usw.
Die psychoanalytische Aufklärung der Fehlleistungen bringt
immerhin einige leise Abänderungen des Weltbildes mit sich, so
geringfügig die betrachteten Erscheinungen auch sein mögen.
Wir finden auch den normalen Menschen weit häufiger von
gegensätzlichen Tendenzen bewegt, als wir erwarten konnten. Die
Anzahl der Ereignisse, die wir „zufällige" geheißen haben, erfahrt
eine erhebliche Einschränkung. Es ist fast ein Trost, daß das
3i8 Das Interesse an der Psychoanalyse
Verlieren von Gegenständen zumeist aus den Zufälligkeiten des
Lebens ausscheidet 5 unsere Ungeschicklichkeit wird oft genug zum
Deckmantel unserer geheimen Absichten. Bedeutungsvoller ist aber,
daß viele schwere Unglücksfälle, die wir sonst ganz dem Zufall
zugeschrieben hatten, in der Analyse den Anteil des eigenen, wenn
auch nicht klar eingestandenen Willens enthüllen. Die in der
Praxis oft so schwierige Unterscheidung der zufälligen Verunglückung
vom absichtlich gesuchten Tod wird durch die analytische
Betrachtung noch mehr zweifelhaft.
Verdankt die Aufklärung der Fehlleistungen ihren theoretischen
Wert der Leichtigkeit der Lösung und der Häufigkeit des Vor-
kommens dieser Phänomene beim normalen Menschen, so steht
dieser Erfolg der Psychoanalyse doch an Bedeutung weit hinter
einem nächsten zurück, welcher an einem anderen Phänomen des
Seelenlebens Gesunder gewonnen wurde. Ich meine die Deutung
der Träume, mit welcher erst das Schicksal der Psychoanalyse,
sich in einen Gegensatz zur offiziellen Wissenschaft zu stellen,
seinen Anfang nimmt. Die medizinische Forschung erklärt den
Traum für ein rein somatisches Phänomen ohne Sinn und
Bedeutung, sieht in ihm die Äußerung des in den Schlafzustand
versunkenen Seelenorgans auf körperhche Reize, die ein partielles
Erwachen erzwingen. Die Psychoanalyse erhebt den Traum zu
einem psychischen Akt, der Sinn, Absicht und eine Stelle im
Seelenleben des Individuums hat, und setzt sich dabei über die
Fremdartigkeit, die Inkohärenz und die Absurdität des Traumes
hinaus. Die körperlichen Reize spielen dabei nur die Rolle von
Materialien, welche bei der Traumbildung verarbeitet werden.
Zwischen diesen beiden Auffassungen des Traumes gibt es keine
Vermittlung. Gegen die physiologische Auffassung spricht ihre
Unfruchtbarkeit, für die psychoanalytische kann man geltend
machen, daß sie mehrere Tausende von Träumen sinnvoll über-
setzt und für die Kenntnis des intimen menschlichen Seelenlebens
verwertet hat.
■'■^
Das psychologische Interesse «iq
Ich habe das bedeutsame Thema der „Traumdeutung" in einem
1900 veröffentlichten Werke behandelt und die Befriedigunff
gehabt, daß fast alle Mitarbeiter an der Psychoanalyse die darin
vertretenen Lehren durch ihre Beiträge bestätigt und gefördert
haben." In allgemeiner Übereinstimmung wird behauptet daß die
Traumdeutung der Grundstein der psychoanalytischen Arbeit ist
und daß ihre Ergebnisse den wichtigsten Beitrag der Psycho-
analyse zur Ps}'chologie darstellen.
Ich kann hier weder die Technik, durch welche man die
Deutung des Traumes gewinnt, darlegen, noch die Resultate
begründen, zu welchen die psychoanalytische Bearbeitung
des Traumes geführt hat. Ich muß mich auf die Aufstellung
einiger neuer Begriffe, die Mitteilung der Ergebnisse und
die Hervorhebung ihrer Bedeutung für die Normalpsychologie
beschränken.
Die Psychoanalyse lehrt also : Jeder Traum ist sinnvoll, seine
Fremdartigkeit rührt von Entstellungen her, die an dem Ausdruck
seines Sinnes vorgenommen worden sind, seine Absurdität ist
absichtlich und drückt Hohn, Spott und Widerspruch aus, seine
Inkohärenz ist für die Deutung gleichgültig. Der Traum, wie wir
ihn nach dem Erwachen erinnern, soll manifester Trauminhalt
genannt werden. Durch die Deutungsarbeit an diesem wird man
zu den latenten Traumgedanken geführt, welche sich hinter dem
manifesten Inhalt verbergen und durch ihn vertreten lassen.
Diese latenten Traumgedanken sind nicht mehr fremdartig,
inkohärent oder absurd, es sind vollwertige Bestandteile unseres
Wachdenkens. Den Prozeß, welcher die latenten Traumgedanken
in den manifesten Trauminhalt verwandelt hat, heißen wir die
1) Die Traumdeutung [7. Aufl. 1922; enthalten im Band II und III dieser
GesamtausgaLej. Dazu die kleinere Schrift: Über den Traum [5. Aufl. 1921; ent-
halten im Band III dieser Gesamtausgabe]. Andere Piiblikationen von 0. Rank
W. Stekel, E. Jones, H. Sil her er, A. A. E r i 11, A. Mae der, K. Abraham.
S. P e r e n c z i II. a. a^
320 Das Interesse an der Psychoanalyse
Traumarbeit; er bringt die Entstellung zustande, in deren
Folge -wir die Traumgedanken im Trauminhalt nicht mehr
erkennen.
Die Traumarbeit ist ein psychologischer Prozeß, dessen gleichen
in der Psychologie bisher nicht bekannt war. Sie nimmt unser
Interesse nach zwei Hauptrichtungen in Anspruch. Erstens, indem
sie neuartige Vorgänge wie die V e r d i c h t u n g (von Vorstellungen)
oder die Verschiebung (des psychischen Akzents von einer
Vorstellung zur anderen) aufweist, die wir im Wachdenken
überhaupt nicht oder nur als Grundlage sogenannter Denkfehler
aufgefunden haben. Zweitens, indem sie uns gestattet, ein Kräfte-
spiel im Seelenleben zu erraten, dessen Wirksamkeit unserer
bewußten Wahrnehmung verborgen war. Wir erfahren, daß es
eine Zensur, eine prüfende Instanz in uns gibt, welche darüber
entscheidet, ob eine auftauchende Vorstellung zum Bewußtsein
gelangen darf, und unerbittlich ausschließt, soweit ihre Macht
reicht, was Unlust erzeugen oder wiedererwecken könnte. Wir
erinnern uns hier, daß wir sowohl von dieser Tendenz, Unlust
bei der Erinnerung zu vermeiden, als auch von den Konflikten
zwischen den Tendenzen des Seelenlebens Andeutungen bei der
Analyse der Fehlleistungen gewonnen haben.
Das Studium der Traumarbeit drängt uns als unabweisbar eine
Auffassung des Seelenlebens auf, welche die bestrittensten Fragen
der Psychologie zu entscheiden scheint. Die Traumarbeit zwingt
uns, eine unbewußte psychische Tätigkeit anzunehmen, welche
umfassender und bedeutsamer ist als die uns bekannte mit
Bewußtsein verbundene. (Darüber einige Worte mehr bei der
Erörterung des philosophischen Interesses an der Psychoanalyse.)
Sie gestattet uns, eine Ghederung des psychischen Apparates in
verschiedene Instanzen oder Systeme vorzunehmen, und zeigt,
daß in dem System der unbewußten Seelentätigkeit Prozesse von
ganz anderer Art ablaufen als im Bewußtsein wahrgenommen
werden.
F
Das psychologische Interesse äsi
Die Funktion der Traumarbeit ist immer nur die, den Schlaf
zu erhalten. „Der Traum ist der Hüter des Schlafes." Die Traum-
gedanken selbst mögen im Dienste der verschiedensten seelischen
Funktionen stehen. Die Traum^arbeit erfüllt ihre Aufgabe, indem
sie einen aus den Traumgedanken siclf erhebenden Wunsch
auf halluzinatorischem Wege als erfüllt darstellt.
Man darf es wohl aussprechen, daß das psychoanalyti.sche
Studium der Träume den ersten Einblick in eine bisher nicht
geahnte Tiefenpsychologie eröffnet hat.' Es werden grund-
stürzende Abänderungen der Normal psych ologie erforderlich sein,
um sie in Einklang mit diesen neuen Einsichten zu bringen.
Es ist ganz unmöglich, im Rahmen dieser Darstellung das
psychologische Interesse an der Traumdeutung zu erschöpfen. Ver-
gessen wir nicht, daß wir nur hervorzuheben beabsichtigten, der
Traum sei sinnvoll und sei ein Objekt der Psychologie,
und setzen wir mit den Neuerwerbungen für die Psychologie auf
pathologischem Gebiete fort. ■■
Die aus Traum und Fehlleistungen erschlossenen psychologischen
Neuheiten müssen noch zur Aufkärung anderer Phänomene brauch-
har werden, wenn wir an ihren Wert, ja auch nur an ihre
Existenz glauben sollen. Und nun hat die Psychoanalyse wirklich
gezeigt, daß die Annahmen der unbewußten Seelentätigkeit, der
Zensur und der Verdrängung, der Entstellung und Ersatzbildung,
welche wir durch die Analyse jener normalen Phänomene
gewonnen haben, uns auch das erste Verständnis einer Reihe
von pathologischen Phänomenen ermöglichen, uns sozusagen die
Schlüssel zu allen Rätseln der Neurosen psych ologie in die Hände
spielen. Der Traum wird so zum Normalvorbild aller psycho-
pathologischen Bildungen. Wer den Traum versteht, kann
auch den psychischen Mechanismus der Neurosen und Psychosen
durchschauen.
i) Eine Beiieliung dieser psychischen Topik auf anatomische Lagerung oder
histologische Schichtung wird von der Psychoanalyse derzeit zurückgewiesen,
Freud, IV. 21
jaa Das Interesse an der Psychoanalyse
Die Psychoanalyse ist durch ihre vom Traum ausgehende
Untersuchungen in den Stand gesetzt worden, eine Neurosen-
psychologie aufzubauen, zu welcher in stetig forlgesetzter Arbeit
Stück um Stück hinzugefügt wird. Doch erfordert das psycho-
logische Interesse, welch&m wir hier folgen, nicht mehr, als daß
wir zwei Bestandteile dieses großen Zusammenhanges ausführlicher
behandeln: den. Nachweis, daß viele Phänomene der Pathologie,
die man glaubte physiologisch erklären zu müssen, psychische
Akte sind, und daß die Prozesse, welche die abnormen Ergeb-
nisse liefern, auf psychische Triebkräfte zurückgeführt werden
können.
Ich will die erste Behauptung durch einige Beispiele erläutern:
Die hysterischen Anfälle sind längst als Zeichen gesteigerter
emotiver Erregung erkannt und den Affektausbrüchen gleich-
gestellt worden. Charcot versuchte die Mannigfaltigkeit ihrer
Erscheinungsformen in deskriptive Formeln zu bannen^ F. Janet
erkannte die unbewußte Vorstellung, die hinter diesen Anfällen
wirkte die Psychoanalyse hat dargetan, daß sie mimische Dar-
stellungen von erlebten und gedichteten Szenen sind, welche die
Phantasie der Kranken beschäftigen, ohne ihnen bewußt zu
werden. Durch Verdichtungen und Entstellungen der dargestellten
Aktionen werden diese Pantomimen für den Zuschauer undurch-
sichtig gemacht. Unter dieselben Gesichtspunkte fallen aber auch
alle anderen sogenannten Dauersymptome der hysterischen Kranken.
Es sind durchwegs mimische oder halluzinatorische Darstellungen
von Phantasien, welche deren Gefühlsleben unbewußt beherrschen
und eine Erfüllung ihrer geheimen verdrängten Wünsche
bedeuten. Der qualvolle Charakter dieser Symptome rührt von
dem inneren Konflikt her, in welchen das Seelenleben dieser
Kranken durch die Notwendigkeit der Bekämpfung solcher unbe-
wußter Wunschregungen versetzt wird.
Bei einer anderen neurotischen Affektion, der Zwangsneurose,
verfallen die Kranken einem peinlich gehandhabten, anscheinend
Das psychologische Interesse «3«
sinnlosen Zeremoniell, das sich in der Wiederholung und Rhvth-
mierung der gleichgültigsten Handlungen, wie Waschen, Ankleiden,
oder in der Ausführung unsinniger Vorschriften, in der Ein-
haltung rätselhafter Verbote äußert. Es war geradezu ein Triumph
der psychoanalytischen Arbeit, als es ihr gelang nachzuweisen
wie sinnvoll all diese Zwangshandlungen sind, selbst die unschein-
barsten und geringfügigsten unter ihnen, wie sie die Konflikte
des Lebens, den Kampf zwischen Versuchungen und moralischen
Hemmungen, den verfemten Wunsch selbst und die Strafen
und Bußen dafür am indifferenten Material widerspiegeln. Bei
einer anderen Form derselben Krankheit leiden die Betroffenen
an peinigenden Vorstellungen, Zwangsideen, deren Inhalt sich
ihnen gebieterisch aufdrängt, von Affekten begleitet, die in
Art und Intensität durch den Wortlaut der Zwangsideen selbst
oft nur sehr wenig erklärt werden. Die analytische Untersuchung
hat hier gezeigt, daß die Affekte voll berechtigt sind, indem sie
Vorwürfen entsprechen, denen wenigstens eine psychische
Realität zugrunde liegt. Die an diese Affekte gehängten
Vorstellungen sind aber nicht mehr die ursprünglichen, sondern
durch Verschiebung (Ersetzung, Substitution) von etwas Ver-
drängtem in diese Verknüpfung geraten. Die Reduktion (das
Rückgängigmachen) dieser Verschiebungen bahnt den Weg zur
Erkenntnis der verdrängten Ideen und läßt die Verknüpfung von
Affekt und Vorstellung als durchaus angemessen erscheinen.
Bei einer anderen neurotischen Affektion, der eigentlich unheil-
baren Dementia praecox (Paraphrenie, Schizophrenie), welche
in ihren schlimmsten Ausgängen die Kranken völlig teilnahmslos
erscheinen läßt, erübrigen oft als einzige Aktionen gewisse gleich-
förmig wiederholte Bewegungen und Gesten, die als Stereotypien
bezeichnet worden sind. Die analytische Untersuchung solcher
Reste (durch C. G. Jung) hat sie als Überbleibsel von sinnvollen
mimischen Akten erkennen lassen, in denen sich einst die das
Individuum beherrschenden Wunschregungen Ausdruck verschafften.
21*
gB4 Das Interesse an der Psychoanalyse
Die tollsten Reden und sonderbarsten Stellungen und Haltungen
dieser Kranken haben ein Verständnis und die Einreihung in den
Zusammenhang des Seelenlebens gestattet, seitdem man mit
psychoanalytischen Voraussetzungen an sie herangetreten ist.
Ganz ähnliches gilt für die Delirien und Halluzinationen und
für die Wahnsysteme verschiedener Geisteskranker. Überall, wo
bisher nur die bizarrste Laune zu walten schien, hat die psycho-
analytische Arbeit Gesetz, Ordnung und Zusammenhang aufge-
zeigt oder wenigstens ahnen lassen, insoferne diese Arbeit noch
unvollendet ist. Die verschiedenartigen psychischen Erkrankungs-
formen erkennt man aber als Ausgänge von Prozessen, welche
im Grunde identisch sind, und die sich mit psychologischen
Begriffen erfassen und beschreiben lassen. Überall sind der schon
bei der Traumbildung aufgedeckte psychische Konflikt im
Spiele, die Verdrängung gewisser Triebregungen, die von
anderen Seelenkräften ins Unbewußte zurückgewiesen werden,
die Reaktionsbildungen der verdrängenden Kräfte und die
Ersatzbildungen der verdrängten, aber ihrer Energie nicht
völlig beraubten Triebe. Überall äußern sich bei diesen Vorgängen
die vom Traum her bekannten Prozesse der Verdichtung und
Verschiebung. Die Mannigfaltigkeit der in der psychiatrischen
Klinik beobachteten Krankheitsformen hängt von zwei anderen
Mannigfaltigkeiten ab: von der Vielheit der psychischen Mecha-
nismen, welche der Verdrängungsarbeit zu Gebote stehen, und
von der Vielheit der entwicklungsgeschichtlichen Dispositionen,
welche den verdrängten Regungen den Durchbruch zu Ersatz-
bildungen ermöglichen.
Die gute Hälfte der psychiatrischen Aufgabe wird von der
Psychoanalyse zur Erledigung an die Psychologie gewiesen. Doch
wäre es ein arger Irrtum, wollte man annehmen, daß die Analyse
eine rein psychologische Auffassung der Seelenstörungen anstrebt
oder befürwortet. Sie kann nicht verkennen, daß die andere
Hälfte der psychiatrischen Arbeit den Einfluß organischer Faktoren
Das psychologische Interesse «ag
(mechanischer, toxischer, infektiöser) auf den seelischen Apparat
zum Inhalt hat. In der Ätiologie der Seelenstörungen nimmt sie
nicht einmal für die mildesten derselben, für die Neurosen,
einen rein psychogenen Ursprung in Anspruch, sondern, sucht
deren Verursachung in der Beeinflussung des Seelenlebens durch
ein später zu erwähnendes, unzweifelhaft organisches Moment.
Die detaillierten Ergebnisse der Psychoanalyse, welche für die
allgemeine Psychologie bedeutsam werden müssen, sind allzu
zahlreich, als daß ich sie hier anführen könnte. Ich will nur
noch zwei Punkte mit einer Erwähnung streifen: Die unzwei-
deutige Art, wie die Psychoanalyse das Primat im Seelenleben
für die Affektvorgänge in Anspruch nimmt, und den Nachweis
eines ungeahnten Ausmaßes von affektiver Störung und Ver-
blendung des Intellekts bei den normalen nicht anders als bei
den kranken Menschen.
ZWEITER TEIL
DAS INTERESSE DER PSYCHOANALYSE FÜR DIE
NICHT PSYCHOLOGISCHEN WISSENSCHAFTEN
A) Das sprachwissenschaftliche Interesse
Ich überschreite gewiß die gebrauchliche Wortbedeutung, wenn
ich das Interesse des Sprachforschers für die Psychoanalyse
postuliere. Unter Sprache muß hier nicht bloß der Ausdruck von
Gedanken in Worten, sondern auch die Gebärdensprache und
jede andere Art von Ausdruck seelischer Tätigkeit, wie die
Schrift, verstanden werden. Dann aber darf man geltend machen,
daß die Deutungen der Psychoanalyse zunächst Übersetzungen
aus einer uns fremden Ausdrucksweise in die unserem Denken
vertraute sind. Wenn wir einen Traum deuten, so übersetzen
wir bloß einen gewissen Gedankeninhalt (die latenten Traum-
gedanken) aus der „Sprache des Traumes" in die unseres Wach-
lebens. Man lernt dabei die Eigentümlichkeiten dieser Traum-
sprache kennen und gewinnt den Eindruck, daß sie einem in
hohem Grade archaischen Ausdruckssystem angehört. So z. B.
wird die Negation in der Sprache des Traumes niemals besonders
bezeichnet. Gegensätze vertreten einander im Trauminhalt und
werden durch dasselbe Element dargestellt. Oder, wie man auch
sagen kann: in der Traumsprache sind die Begriffe noch
ambivalent, vereinigen in sich entgegengesetzte Bedeutungen, wie
es nach den Annahmen der Sprachforscher bei den ältesten
Das sprachivissenschaftliche Interesse 527
Wurzeln der historischen Sprachen der Fall gewesen ist.^ Ein anderer
auffälliger Charakter unserer Traumsprache ist die überaus häufige
Verwendung der Symbole, die in gewissem Maße eine Über-
setzung des Trauminhaltes unabhängig von den individuellen
Assoziationen gestatten. Das Wesen dieser Symbole ist von der
Forschung noch nicht klar genug erfaßt; es sind Ersetzungen
und Vergleichungen auf Grund von Ähnlichkeiten, die zum Teil
klar zutage liegen; bei einem anderen Teile dieser Symbole ist
aber das zu vermutende Tertium comparationis unserer bewußten
Kenntnis abhanden gekommen. Gerade diese Symbole dürften
aus den ältesten Phasen der Sprach entwicklung und Begriffs-
bildung stammen. Im Traume sind es vorwiegend die Sexual-
organe und die sexuellen Verrichtungen, welche eine symbolische
Darstellung, anstatt einer direkten, erfahren. Ein Sprachforscher,
Hans Sperber (Upsala), hat erst kürzlich den Nachweis versucht,
daß Worte, die ursprünglich sexuelle Tätigkeiten bedeuteten, auf
Grund solcher Vergleichung zu einem außerordentlich reichen
Bedeutungswandel gelangt sind.^
Wenn wir daran denken, daß die Darstellungsraiitel des
Traumes hauptsächlich visuelle Bilder, nicht Worte, sind, so wird
uns der Vergleich des Traumes mit einem Schriftsystem noch
passender erscheinen als der mit einer Sprache. In der Tat ist
die Deutung eines Traumes durchaus analog der Entzifferung
einer alten Bilderschrift, wie der ägyptischen Hieroglyphen. Es
gibt hier wie dort Elemente, die nicht zur Deutung, respektive
Lesung, bestimmt sind, sondern nur als Determinativa das Ver-
ständnis anderer Elemente sichern sollen. Die Vieldeutigkeit
verschiedener Traumelemente findet ihr Gegenstück in diesen
alten Schriftsystemen ebenso wie die Auslassung verschiedener
1) Vgl, Abel, Über den Gegensinn der Urworte. Referat im „Jahrbuch für
psychoanalytiscLe und psych opathologische Forschungen", II. Bd., igio. (Enthalten
im Bd. X dieser Gesamtausgabe).
2) „Über den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der u
Sprache" (Imago T, igia)- i'
3b8 Das Interesse an der Psychoanalyse
Relationen, die hier wie dort aus dem Zusammenhange ergänzt
werden müssen. Wenn eine solche Auffassung der Traumdarstellung
noch keine weitere Ausführung gefunden hat, so geht dies auf
den leicht begreiflichen Umstand zurück, daß dem Psychoanalytiker
durchwegs jene Gesichtspunkte und Kenntnisse abgehen, mit denen
der Sprachforscher an ein Thema wie das des Traumes heran-
treten würde.
Die Traumsprache, kann man sagen, ist die Ausdrucks weise
der unbewußten Seelentätigkeit. Aber das Unbewußte spricht
mehr als nur einen Dialekt. Unter den veränderten psycho-
logischen Bedingungen, welche die einzelnen Formen von Neurose
charakterisieren und voneinander scheiden, ergeben sich auch
konstante Abänderungen des Ausdruckes für unbewußte seelische
Regungen. Während die Gebärdensprache der Hysterie im ganzen
mit der Bildersprache des Traumes, der Visionen usw. zusammen-
trifft, ergeben sich besondere idiomatische Ausbildungen für die
Gedankensprache der Zwangsneurose und der Paraphrenien
(Dementia praecox und Paranoia), die wir in einer Reihe
von Fällen bereits verstehen und aufeinander beziehen können.
Was z. B. eine Hysterika durch Erbrechen darstellt, das wird
sich beim Zwangskranken durch peinliche Schutzmaßregeln gegen
Infektion äußern und den Paraphreniker zur Klage oder zum
Verdacht, daß er vergiftet werde, veranlassen. Was hier so
verschiedenen Ausdruck findet, ist der ins Unbewußte verdrängte
Wunsch nach Schwängerung, respektive die Abwehr der
erkrankten Person gegen denselben.
Bj Das philosophische Interesse
Insofern die Philosophie auf Psychologie aufgebaut ist, wird
sie nicht umhin können, den psychoanalytischen Beiträgen zur
Psychologie in ausgiebigster Weise Rechnung zu tragen und auf
diese neue Bereicherung unseras W issens in ähnlicher Art zu
^
M
Das philosophische Interesse 520
reagieren, wie sie es bei allen bedeutenderen Fortschritten der
Spezial Wissenschaften gezeigt hat. Insbesondere die Aufstellung
der unbewußten Seelentätigkeiten muß die Philosophie nötieen
Partei zu nehmen und im Falle der Zustimmung ihre Hypothesen
über das Verhältnis des Seelischen zum Leiblichen zu modifizieren
bis sie der neuen Kenntnis entsprechen. Die Philosophie hat
sich allerdings wiederholt mit dem Problem des Unbewußten
beschäftigt, aber ihre Vertreter haben dabei — mit wenigen
Ausnahmen - - eine von den zwei Positionen eingenommen, die
nun anzuführen sind. Entweder ihr Unbewußtes war etwas
Mystisches, nicht Greifbares und nicht Aufzeigbares, dessen
Beziehung zum Seelischen im Dunkeln blieb, oder sie haben das
Seelische mit dem Bewußten identifiziert und dann aus dieser
Definition abgeleitet, daß etwas Unbewußtes nichts Seelisches und
kein Gegenstand der Psychologie sein könne. Die Äußerungen
rühren daher, daß die Philosophen das Unbewußte beurteilt
haben, ohne die Phänomene der unbewußten Seelentätigkeit zu
kennen, also ohne zu ahnen, inwieweit sie den bewußten
Phänomenen nahe kommen und worin sie sich von ihnen unter-
scheiden. Will jemand trotz dieser Kenntnisnahme an der
Konvention festhalten, welche Bewußtes und Psychisches gleich-
stellt, und darum dem Unbewußten den psychischen Charakter
absprechen, so ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, außer
daß eine solche Scheidung sich als höchst unpraktisch herausstellt.
Denn das Unbewußte ist von seilen seiner Beziehung zum Bewußten,
mit dem es so vieles gemeinsam hat, leicht zu beschreiben und
in seinen Entwicklungen zu verfolgen; von der Seite des
physischen Prozesses ihm näher zu kommen, erscheint hingegen
jetzt noch völlig ausgeschlossen. Es muß also Objekt der Psycho-
logie bleiben.
Noch in anderer Art kann die Philosophie aus der Psycho-
analyse Anregung gewinnen, nämlich indem sie selbst zum
Objekt derselben wird, Die philosophischen Lehren und Systeme
350 Das Interesse an der Psychoanalyse
sind das Werk einer geringen Anzahl von Personen von hervor-
ragender individueller Ausprägung; in keiner anderen Wissenschaft
fällt auch der Persönlichkeit des wissenschaftlichen Arbeiters eine
annähernd so große Rolle zu wie gerade bei der Philosophie.
Nun setzt uns erst die Psychoanalyse in den Stand, eine Psycho-
graphie der Persönlichkeit zu geben. (Vgl. unten: Das soziologische
Interesse.) Sie lehrt uns die affektiven Einheiten — die von
Trieben abhängigen Komplexe — kennen, welche in iedem
Individuum vorauszusetzen sind, und leitet uns in das Studium
der Umwandlungen und Endergebnisse, welche aus diesen Trieb-
kräften hervorgehen. Sie deckt die Beziehungen auf, welche
zwischen konstitutionellen Anlagen und Lebensschicksalen einer
Person und den dank einer besonderen Begabung bei ihr möglichen
Leistungen bestehen. Die intime Persönlichkeit des Künstlers, die
sich hinter seinem Werk verbirgt, vermag sie aus diesem Werk
mit größerer oder geringerer Treffsicherheit zu erraten. So kann
die Psychoanalyse auch die subjektive und individuelle Motivierung
von philosophischen Lehren aufzeigen, welche vorgeblich un-
parteiischer logischer Arbeit entsprungen sind, und der Kritik
selbst die schwachen Punkte des Systems anzeigen. Diese Kritik
selbst zu besorgen, ist nicht Sache der Psychoanalyse, denn, wie_
begreiflich, schließt die psychologische Determinierung einer Lehre
ihre wissenschaftliche Korrektheit keineswegs aus.
C) Das biologische Interesse
Die Psychoanalyse hat nicht wie andere junge Wissenschaften
das Schicksal gehabt, von erwartungsvoller Teilnahme der am
Fortschritt der Erkenntnis Interessierten begrüßt zu werden. Sie
wurde lange Zeit nicht angehört, und als endlich Vernachlässigung
nicht mehr möglich war, wurde sie aus affektiven Gründen
Gegenstand heftigster Anfeindung von selten solcher, die sich nicht
die Mühe gegeben hatten, sie kennen zu lernen. Diese unfreund-
V>as biologische Interesse isj
liehe Aufnahme verdankt sie dem einen Umstand, daß sie an
ihren Forschungsobjekten frühzeitig die Entdeckung machen
mußte, die nervösen Erkrankungen seien der Ausdruck von
Störung der Sexualfunktion, und darum Gründe hatte, sich
der Erforschung der allzu lange vernachlässigten Sexualfunktion
zu widmen. Wer aber an der Forderung festhält, daß wissen-
schaftliches Urteil nicht durch affektive Einstellungen beeinflußt
werden darf, wird der Psychoanalyse wegen dieser ihrer Forschungs-
richtung hohes biologisches Interesse zugestehen und die Wider-
stände gegen sie gerade als Beweise für ihre Behauptungen
verwerten.
Die Psychoanalyse ist der menschlichen Sexualfunktion gerecht
geworden, indem sie die von vielen Dichtem und manchen
Philosophen betonte, von der Wissenschaft niemals anerkannte
Bedeutung derselben für das seelische und praktische Leben bis
ins Einzelne verfolgte. Für diese Absicht mußte zunächst der
ungebührlich eingeengte Begriff der Sexualität eine Erweiterung
erfahren, welche sich durch die Berufung auf die Überschrei-
tungen der Sexualität (die sogenannten Perversionen) und auf das
Benehmen des Kindes rechtfertigen ließ. Es zeigte sich als
unhaltbar, noch länger zu behaupten, daß die Kindheit asexueU
sei und erst zur Zeit der Pubertät von dem plötzlichen Einbruch
der sexuellen Regungen überfallen werde. Vielmehr konnte die
Beobachtung, wenn sie sich nur erst der Blendung durch Interesse
und Vorurteil entzogen hatte, mit Leichtigkeit nachweisen, daß
sexuelle Interessen und Betätigungen beim menschlichen Kinde
fast zu jeder Lebenszeit und von allem Anfang an bestehen.
Diese infantile Sexualität wird in ihrer Bedeutsamkeit nicht
dadurch beeinträchtigt, daß ihre Grenzen gegen das asexuelle Tun
des Kindes nicht an allen Stellen mit voller Sicherheit abzustecken
sind. Sie ist aber etwas anderes als die „normal" genannte
Sexualität des Erwachsenen. Ihr Umfang schließt die Keime zu
all jenen sexuellen Betätigungen ein, die später als Perversionen
^
332 Das Ijiteresse an der Psychoanalyse
dem normalen Sexualleben schroff gegenübergestellt werden, dann
aber auch unbegreiflich und lasterhaft erscheinen müssen. Aus
der infantilen Sexualität geht die normale des Erwachsenen
hervor durch eine Reihe von Entwicklungsvorgängen, Zusammen-
setzungen, Abspaltungen und Unterdrückungen, welche fast
niemals in idealer Vollkommenheit erfolgen und darum die
Dispositionen zur Rückbildung der Funktion in Krankheitszustanden
hinterlassen.
Die infantile Sexualität läßt zwei weitere Eigenschaften erkennen,
welche für die biologische Auffassung bedeutungsvoll sind. Sie
erweist ihre Zusammensetzung aus einer Reihe von Partialtrieben,
welche an gewisse Körperregionen — - erogene Zonen — geknüpft
erscheinen, und von denen einzelne von Anfang an in Gegen-
satzpaaren — als Trieb mit aktivem und passivem Ziel — auf-
treten. Wie späterhin in Zuständen des sexuellen Begehrens nicht
bloß die Geschlechtsorgane der geliebten Person, sondern deren
ganzer Körper zum Sexualobjekt wird, so sind von allem Anfang
an nicht bloß die Genitalien, sondern auch verschiedene andere
Körperstellen die Ursprungsstätten sexueller Erregung und ergeben
bei geeigneter Reizung sexuelle Lust. Damit in engem Zusammen-
hange steht der zweite Charakter der infantilen Sexualität, ihre
anfängliche Anlehnung an die der Selbsterhaltung dienenden
Funktionen der Nahrungsaufnahme und der Ausscheidung,
wahrscheinlich auch der Muskelerregung und der Sinnestätigkeit.
Wenn wir die Sexualität mit Hilfe der Psychoanalyse beim
gereiften Individuum studieren und das Leben des Kindes im
Lichte der so gewonnenen Einsichten betrachten, erscheint uns
die Sexualität nicht als eine bloß der Fortpflanzung dienende,
der Verdauung, Atmung usw. gleichzustellende Funktion, sondern
als etwas weit Selbständigeres, was sich vielmehr allen anderen
Tätigkeiten des Individuums gegenüberstellt und erst durch eine
komplizierte, an Einschränkungen reiche Entwicklung in den
Verband der individuellen Ökonomie gezwungen wird. Der
Das biologische Interesse %ii
theoretisch sehr wohl denkbare Fall, daß die Interessen dieser
sexuellen Strebungen nicht mit denen der individuellen Selbst-
erhaltung zusammenfallen, scheint in der Krankheitsgruppe der
Neurosen verwirklicht zu sein, denn die letzte Formel welche
die Psychoanalyse über das Wesen der Neurosen ergibt, lautet:
Der Urkonflikt, aus welchem die Neurosen hervorgehen, ist der
zwischen den das Ich erhaltenden und den sexuellen Trieben.
Die Neurosen entsprechen einer mehr oder weniger partiellen
Überwältigung des Ich durch die Sexualität, nachdem dem Ich
der Versuch zur Unterdrückung der Sexualität mißlungen ist.
Wir haben es notwendig gefunden, biologische Gesichtspunkte
während der psychoanalytischen Arbeit ferne zu halten, und
solche auch nicht zu heuristischen Zwecken zu verwenden, damit
wir in der unparteiischen Beurteilung der uns vorliegenden
psychoanalytischen Tatbestände nicht beirrt werden. Nach voll-
zogener psychoanalytischer Arbeit müssen wir aber den Anschluß
an die Biologie finden und dürfen zufrieden sein, wenn er schon
jetzt in dem einen oder anderen wesentlichen Punkte gesichert
scheint. Der Gegensatz zwischen Ichtrieben und Sexualtrieb, auf
den wir die Entstehung den Neurosen zurückführen mußten,
setzt sich als Gegensatz zwischen Trieben, welche der Erhaltung
des Individuums, und solchen, die der Fortsetzung der Art dienen,
aufs biologische Gebiet fort. In der Biologie tritt uns die
umfassendere Vorstellung des unsterblichen Keimplasmas entgegen,
an welchem wie sukzessiv entwickelte Organe die einzelnen ver-
gänglichen Individuen hängen; erst aus dieser können wir die
Rolle der sexuellen Triebkräfte in der Physiologie und Psychologie
des Einzelwesens richtig verstehen.
Trotz aller Bemühung, biologische Termini und Gesichtspunkte
nicht zur Herrschaft in der psychoanalytischen Arbeit gelangen
zu lassen können wir es nicht vermeiden, sie schon in der
Beschreibung der von uns studierten Phänomene zu gebrauchen.
Wir können dem „Trieb" nicht ausweichen als einem Grenz-
i
354 ■^'^ Interesse an der Psychoanalyse
begriff zwischen psychologischer und biologischer Auffassung, und
wir sprechen von „männlichen" und „weiblichen" seelischen
Eigenschaften und Strebungen, obwohl die Geschlechtsverschieden-
heiten streng genommen keine besondere psychische Charakteristik
beanspruchen können. Was wir im Leben männlich oder weibhch
heißen, reduziert sich für die psychologische Betrachtung auf die
Charaktere der Aktivität und der Passivität, das heißt auf Eigen-
schaften, welche nicht von den Trieben selbst, sondern von deren
Zielen anzugeben sind. In der regelmäßigen Gemeinschaft solcher
„aktiver" und „passiver" Triebe im Seelenleben spiegelt sich die
Bisexualität der Individuen, welche zu den klinischen Voraus-
setzungen der Psychoanalyse gehört.
Ich werde befriedigt sein, wenn diese wenigen Bemerkungen
darauf aufmerksam gemacht haben, welch ausgiebige Vermittlung
zwischen der Biologie und der Psychologie durch die Psycho-
analyse hergestellt wird.
D) Das entiuicklungsgeschichtliche Interesse
Nicht jede Analyse psychologischer Phänomene wird den
Namen einer Psychoanalyse verdienen. Die letztere bedeutet mehr
1 als die Zerlegung zusammengesetzter Erscheinungen in einfachere}
sie besteht in einer Zurückführung einer psychischen Bildung auf
andere, welche ihr zeitlich vorhergegangen sind, aus denen sie
sich entwickelt hat. Das ärztliche psychoanalytische Verfahren
konnte kein Leidenssymptom beseitigen, wenn es nicht seiner
Entstehung und Entwicklung nachspürte: so ist die Psychoanalyse
von allem Anfang an au f die Verfolgung von Entwicklungs-
vorgängen gewiesen worden. Sie hat zuerst die Genese neurotischer
Symptome aufgedeckt; im weiteren Fortschritt mußte sie andere
psychische Bildungen in Angriff nehmen und die Arbeit einer
genetischen Psychologie an ihnen leisten.
Das entwicklungsgesckichtliche Interesse 555
Die Psychoanalyse ist genötigt worden, das Seelenleben des
Erwachsenen aus dem des Kindes abzuleiten, Ernst zu machen
mit dem Satze: das Kind ist der Vater des Mannes, Sie hat die
Kontinuität der infantilen Psyche mit der des Erwachsenen vei-
folgt, aber auch die Umwandlungen und Umordnungen gemerkt,
welche auf diesem Wege vor sich gehen. Die meisten von uns
haben eine Gedächtnislücke für ihre ersten Kinderjahre, aus welcher
sich nur einzelne Brocken Erinnerung herausheben. Man darf
behaupten, daß die Psychoanalyse diese Lücke ausgefüllt, diese
Kindheitsamnesie der Menschen beseitigt hat. (Vgl.: Das pädagogische
Interesse.)
Während der Vertiefung in das infantile Seelenleben haben
sich einige bemerkenswerte Funde ergeben. So ließ sich bestätigen,
was man oftmals vorher geahnt hatte, von welch außerordentlicher
Bedeutung für die ganze spätere Richtung eines Menschen die
Eindrücke seiner Kindheit, ganz besonders aber seiner ersten
Kindheitsjahre, sind. Man ist dabei auf ein psychologisches
Paradoxon gestoßen, welches nur für die psychoanalytische Auf-
fassung keines ist, daß gerade diese allerbedeutsamsten Eindrücke
im Gedächtnis der späteren Jahre nicht enthalten sind. Die
Psychoanalyse hat diese Vorbildlichkeit und Unverlöschbarkeit
frühester Erlebnisse gerade für das Sexualleben am deutlichsten
feststellen können. „On revient toujours a ses premiers amours"
ist eine nüchterne Wahrheit. Die vielen Rätsel des Liebeslebens
Erwachsener lösen sich erst durch die Hervorhebung der infantilen
Momente in der Liebe. Für die Theorie dieser Wirkungen kommt
in Betracht, daß die ersten Kindererlebnisse dem Individuum
nicht nur als Zufälligkeiten widerfahren, sondern auch den ersten
Betäiigungen der von ihm konstitutionell mitgebrachten Trieb-
anlagen entsprechen.
Eine andere, weit überraschendere Aufdeckung hat zum Inhalt,
daß von den infantilen seelischen Formationen trotz aller späteren
Entwicklung beim Erwachsenen nichts untergeht. Alle Wünsche,
536 Das Interesse an der Psychoanalyse
Triebregungen, Reaktion s weisen, Einstellungen des Kindes sind
beim gereiften Menschen nachweisbar noch vorhanden und können
unter geeigneten Konstellationen wieder zum Vorschein kommen.
Sie sind nicht zerstört, sondern bloß überlagert, wie die psycho-
analytische Psychologie in ihrer räumlichen Darstellungs weise
sagen muß. Es wird so zum Charakter der seelischen Vergangen-
heit, daß sie nicht, wie die historische, von ihren Abkömmlingen
aufgezehrt wird; sie besteht weiter neben dem, was aus ihr
geworden ist, entweder bloß virtuell oder in realer Gleichzeitig-
keit. Beweis dieser Behauptung ist es, daß der Traum des normalen
Menschen allnächtlich dessen Kindercharakler wiederbelebt und
sein ganzes Seelenleben auf eine infantile Stufe zurückführt.
Dieselbe Rückkehr zum psychischen Infantilismus (Regression)
stellt sich bei den Neurosen und Psychosen heraus, deren Eigen-
tümlichkeiten zum großen Teil als psychische Archaismen zu
beschreiben sind. In der Stärke, welche den infantilen Resten im.
Seelenleben verblieben ist, sehen wir das Maß der Krankheits-
disposition, so daß uns diese zum Ausdruck einer Entwicklungs-
hemmung wird. Das infantil Gebliebene, als unbrauchbar Ver-
drängte im psychischen Material eines Menschen bildet nun den
Kern seines Unbewußten, und wir glauben in den Lebens-
geschichten unserer Kranken verfolgen zu können, wie dieses
von den verdrängenden Kräften zurückgehaltene Unbewußte auf
Betätigung lauert und die Gelegenheilen ausnützt, wenn es den
späteren und höheren psychischen Bildungen nicht gelingt, der
Schwierigkeiten der realen Welt Herr zu werden.
In den allerletzten Jahren hat sich die psychoanalytische Arbeit
darauf besonnen, daß der Satz „die Onlogenie sei eine Wieder-
holung der Phylogenie" auch auf das Seelenleben anwendbar
sein müsse,' und daraus ist eine neue Erweiterung des psycho-
analytischen Interesses hervorgegangen.
1) Abraham, Spielreiii, Jung.
Das kulturhistorische Interesse 357
E) Das kulturhistorische Interesse
Die Vergleichung der Kindheit des einzelnen Menschen mit
der Frühgeschichte der Völker hat sich bereits nach mehreren
Richtungen als fruchtbar erwiesen, trotzdem diese Arbeit kaum
mehr als begonnen werden konnte. Die psychoan alkäische Denk-
weise benimmt sich dabei wie ein neues Instrument der Forschung.
Die Anwendung ihrer Voraussetzungen auf die Völkerpsjxhologie
gestattet ebenso neue Probleme aufzuwerfen wie die bereits
bearbeiteten in neuem Lichte zu sehen und zu deren Lösung
beizutragen.
Zunächst erscheint es durchaus möglich, die am Traum gewonnene
psychoanalytische Auffassung auf Produkte der Völkerphantasie
wie Mythus und Märchen zu übertragen.' Die Aufgabe emer
Deutung dieser Gebilde liegt seit langem vor; man ahnt einen
„geheimen Sinn" derselben, man ist auf Abänderungen und auf
Umwandlungen vorbereitet, welche diesen Sinn verdecken. Die
Psychoanalyse bringt von ihren Arbeiten an Traum und Neurose
die Schulung mit, welche die technischen Wege dieser Ent-
stellungen erraten kann. Sie kann aber auch in einer Reihe von
Fällen die verborgenen Motive aufdecken, welche diese Wand-
lungen des Mythus von seinem ursprünglichen Sinn verursacht
haben. Den ersten Anstoß zur Mythenbildung kann sie nicht in
einem theoretischen Bedürfnis nach Erklärung der Naturerschei-
nungen und nach Rechenschaft für unverständlich gewordene
Kultvorschriften und Gebräuche erblicken, sondern sucht ihn in
den nämhchen psychischen „Komplexen", in denselben affektiven
Strebungen, welche sie zu Grunde der Träume und der Symptom-
bildungen nachgewiesen hat.
Durch die gleiche Übertragung ihrer Gesichtspunkte, Voraus-
setzungen und Erkenntnisse wird die Psychoanalyse befähigt,
Licht auf die Ursprünge unserer großen kulturellen Institutionen,
1) Abraham. Rank, Jung.
Freud, IV. Ol
1
s
338 Das Interesse an der Psychoanalyse
der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts, der Philosophie zu
werfen.' Indem sie den primitiven psychologischen Situationen
nachspürt, aus denen sich die Antriebe zu solchen Schöpfungen
ergeben konnten, kommt sie in die Lage, manchen Erklärungs-
versuch zurückzuweisen, der auf eine psychologische Vorläuiigkeit
gegründet war, und ihn durch tiefer reichende Einsichten zu
ersetzen.
Die Psychoanalyse stellt eine innige Beziehung her zwischen
all diesen psychischen Leistungen der einzelnen und der Gemein-
schaften, indem sie dieselbe dynamische Quelle für beide postu-
liert. Sie knüpft an die (irundvorstellung au, daß es die Haupl-
funktion des seelischen Mechanismus ist, das Geschöpf von den
Spannungen zu entlasten, die durch Bedürfnisse in ihm erzeugt
werden. Ein Teil dieser Aufgabe wird lösbar durch Befriedigung,
welche man von der Außenwelt erzwingt; zu diesem Zwecke
wird die Beherrschung der realen Welt Erfordernis. Einem
anderen Teil dieser Bedürfnisse, darunter wesentlich gewissen
affektiven Strebungen, versagt die Realität regelmäßig die Befrie-
digung. Daraus gelit ein zweites Stück der Aufgabe hervor, den
unbefriedigten Strebungen eine andersartige Erledigung zu ver-
schaffen. Alle Kulturgeschichte zeigt nur, welche Wege die
Menschen zur Bindung ihrer unbefriedigten Wünsche einschlagen
unter den wechselnden und durch teclmischen Fortschritt ver-
änderten Bedingungen der Gewährung und Versagung von
Seiten der Realität.
Die Untersuchung der primitiven Völker zeigt die Menschen
zunächst im kindlichen Allmachtsglauben befangen" und läßt
1) Aniätxe hiczu bei Jung, Wall diu 11 gen und SyraboJe der Libido, 1912, und
Freud, Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neuroliker.
Imago, I u. JI. [Totem uiid Tabu. Enthalten in Bd. X dieser Gesamtausgabe.]
2) Ferencxi, EntwickhmgEStufcn des Wirhlicliknilssinnes. Intern. Zeitschr. f.
äntl. Psychoanalyse I, 1915. — ' P r c it d, Aniiiiiünius, Mngic und Allmacht der
Gedanken. Imagn, 11, 1915. [Totem und Tabu. Enthnllen in Bd. X dieser Gesamt-
ausgabe.]
Das kulturhistorische Interesse laq
eine Menge von seelischen Bildungen als Bemühungen verstehen,
die Störungen dieser Allmacht abzuleugnen und so die Realität
von ihrer Wirkung aufs AfFektleben fern zu halten, solange man
dieselbe nicht besser beherrschen und zur Befriedigung ausnützen
kann. Das Prinzip der Unlustvermeidung beherrscht das mensch-
liche Tun so lange, bis es durch das bessere der Anpassung an
die Außenwelt abgelöst wird. Parallel zur fortschreitenden Welt-
beherrschung des Menschen geht eine Entwicklung seiner Welt-
anschauung, welche sich immer mehr von dem ursprünglichen
Allmachtsglauben abwendet, und von der animisüschen Phase
durch die rehgiöse zur wissenschaftlichen ansteigt. In diesen
Zusammenhang fügen sich Mythus, Rehgion und Sittlichkeit als
Versuche, sich für die mangelnde Wunschbefriedigung Ent-
schädigung zu schaffen.
Die Kenntnis der neurotischen Erkrankungen einzelner Menschen
hat für das Verständnis der großen sozialen Listitutionen gute
Dienste geleistet, denn die Neurosen selbst enthüllten sich als
Versuche, die Probleme der Wunschkompensation individuell zu
lösen, welche durch die Institutionen sozial gelöst werden sollen. Das
Zurücktreten des sozialen Faktors und das Überwiegen des
sexuellen macht diese neurotischen Lösungen der psychologischen
Aufgabe zu Zerrbildern, unbrauchbar für anderes als für unseria
Aufklärung über diese bedeutsamen Probleme.
F) Das kunstwissenschaftliche Interesse
Über einige der Probleme, welche sich an Kunst und Künstler
knüpfen, gibt die psychoanalytische Betrachtung befriedigenden
Aufschluß^ andere entgehen ihr völlig. Sie erkennt auch in der
Übung der Kunst eine Tätigkeit, welche die Beschwichtigung
unerledigter Wünsche beabsichtigt, und zwar zunächst beim schaffen-
den Künstler selbst, in weiterer Folge beim Zuhörer oder Zuschauer.
Die Triebkräfte der Kunst sind dieselben Konflikte, welche andere
22*
340 Das Interesse an der Psychoanalyse
Individuen in die Neurose drängen, die Gesellschaft zum. Auf-
bau ihrer Institutionen bewogen haben. Woher dem Künstler die
Fähigkeit zum Schaffen kommt, ist keine Frage der Psychologie.
Der Künstler sucht zunächst Selbstbefreiung und führt dieselbe
durch Mitteilung seines Werkes den anderen zu, die an den
gleichen verhaltenen Wünschen leiden.' Er stellt zwar seine persön-
lichsten Wunschphantasien als erfüllt dar, aber diese werden zum
Kunstwerk erst durch eine Umformung, welche das Anstößige
dieser Wünsche mildert, den persönlichen Ursprung derselben
verhüllt, und durch die Einhahung von Schönheitsregeln den
anderen bestechende Lustprämien bietet. Es fälh der Psycho-
analyse nicht schwer, neben dem manifesten Anteil des künstle-
rischen Genusses einen latenten, wiewohl weit wirksameren, aus
den versteckten Quellen der Tri ebbe freiung nachzuweisen. Der
Zusammenhang zwischen den Kindheitseindrücken und Lebens-
schicksalen des Künstlers und seinen Werken als Reaktionen auf
diese Anregungen gehört zu den anziehendsten Objekten der
analytischen Betrachtung.''
Im übrigen harren noch die meisten Fragen des Kunstschaffens
und Kunstgenießens einer Bearbeitung, welche das Licht analy-
tischer Erkenntnis auf sie fallen läßt und ihnen ihre Stelle in
dem komplizierten Aufbau der menschlichen Wunschkompen-
sationen anweist. Als konventionell zugestandene Realität, in
welcher dank der künstlerischen Illusion Symbole und Ersatz-
bildungen wirkliche Affekte hervorrufen dürfen, bildet die Kunst
ein Zwischenreich zwischen der wunschversagenden Realität und der
wunscherfüllenden Phantasiewelt, ein Gebiet, auf dem die All-
machtbestrebungen der primitiven Menschheit gleichsam in Kraft
verblieben sind.
i) Vgl. O. llaiik, Der Künstler, Wien 1907.
i) Sithe O. Rank. Das liiieslmoliv in Dichtung und Sage. Wien 1912. — Auch
für die Anwendung auf ästhetische Probleme : Freud, Der Witi und seine Beziehung
lum Unbewußten, 1905. [Enllialten in Bd. X dieser Gesamtausguhe.]
Das soziologische Interesse 541
G) Das soziologische Interesse
Die Psychoanalyse hat zwar die individuelle Psyche zum Objekt
genommen, aber bei der Erforschung derselben konnten ihr die
affektiven Grundlagen für das Verhältnis des einzelnen zur Gesell-
schaft nicht entgehen. Sie hat gefunden, daß die sozialen Gefühle
regelmäßig einen Beitrag von seiten der Erotik führen, dessen
Überbetonung und nachfolgende Verdrängung zur Charakteristik
einer bestimmten Gruppe von Seelenstörungen wird. Sie hat den
asozialen Charakter der Neurosen überhaupt erkannt, welche ganz
allgemein dahin streben, das Individuum aus der Gesellschaft zu
drängen und ihm das Klosterasyl früherer Zeiten durch die
Krankheitsisolierung zu ersetzen. Das intensive Verschuldungs-
1 gefühl, welches so viele Neurosen beherrscht, erwies sich ihr als
I die soziale Modifikation der neurotischen Angst.
Andererseits deckt die Psychoanalyse den Anteil, welchen soziale
Verhältnisse und Anforderungen an der Verursachung der Neurose
haben, im weitesten Ausmaße auf. Die Kräfte, welche die Trieb-
einschränkung und Triebverdrängung von Seiten des Ich herbei-
führen, entspringen wesentlich der Gefügigkeit gegen die sozialen
Jj Kulturforderungen. Dieselbe Konstitution und dieselben Kindheits-
erlebnisse, welche sonst zur Neurose führen müßten, werden diese
Wirkung nicht hervorrufen, wenn solche Gefügigkeit nicht vor-
handen ist, oder solche Anforderungen von dem sozialen Kreis,
I für welchen das Individuum lebt, nicht gestellt werden. Die alte
Behauptung, daß die fortschreitende Nervosität ein Produkt der
Kultur sei, deckt wenigstens die Hälfte des wahren Sachverhalts.
Erziehung und Beispiel bringen die Kulturforderung an das jugend-
liche Individuum heran; wo sich bei diesem die Triebverdrängung
unabhängig von den beiden einstellt, liegt die Annahme nahe, daß
urvorzeitliche Anforderung endlich zum organisierten erblichen
Besitz der Menschen geworden ist. Das Kind, welches spontan
Trieb Verdrängungen produziert, würde auch damit nur ein Stück
342 Das Interesse an der Psychoanalyse
der Kulturgeschichte wiederholen. Was heute eine innere Abhaltung
ist, war einmal nur eine äußere, vielleicht durch die Not der Zeiten
gebotene, und so kann auch einmal zur internen Verdrängungs-
anlage werden, was heute noch als äußere Kulturforderung an
jedes heranwachsende Individuum herantritt.
H) Das pädagogische Interesse
Das gewichtige Interesse der Erziehungslehre an der Psycho-
analyse stützt sich auf einen zur Evidenz gebrachten Satz. Ein
Erzieher kann nur sein, wer sich in das kindliche Seelenleben
einfühlen kann, und wir Erwachsenen verstehen die Kinder nicht,
weil wir unsere eigene Kindheit nicht mehr verstehen. Unsere
Kindheitsamnesie ist ein Beweis dafür, wie sehr wir ihr entfremdet
sind. Die Psychoanalyse hat die Wünsche, Gedankenbildungen,
Entwicklungsvorgänge der Kindheit aufgedeckt; alle früheren Be-
mühungen waren in ärgster Weise unvollständig und irreleitend,
weil sie den unschätzbar wichtigen Faktor der Sexualität in ihren
körperlichen und seelischen Äußerungen ganz beiseite gelassen
hatten. Das ungläubige Erstaunen, mit welchem die gesichertsten
Ermittlungen der Psychoanalyse über die Kindheit aufgenommen
werden — über den Ödipuskomplex, die Selbst Verliebtheit (Nar-
zißmus), die perversen Anlagen, die Analerotik, die sexuelle Wiß-
begierde — mißt die Distanz, welche unser Seelenleben, unsere
Wertungen, ja unsere Gedankenprozesse von denen auch des
normalen Kindes trennt.
Wenn sich die Erzieher mit den Resultaten der Psychoanalyse
vertraut gemacht haben, werden sie es leichter finden, sich mit
gewissen Phasen der kindlichen Entwicklung zu versöhnen, und
werden unter anderem nicht in Gefahr sein, beim Kind auf-
tretende sozial unbrauchbare oder perverse Triebregungen zu
überschätzen. Sie werden sich eher von dem Versuch einer
gewaltsamen Unterdrückung dieser Regungen zurückhalten, wenn
Das pädagogische Interesse 5^,5
sie erfahren, daß solche Beeinflussungen oft nicht minder uner-
wünschte Erfolge liefern, als das von der Erziehung gefürchtete
Gewährenlassen kindlicher Schlechtigkeit. Gewalttätige Unter-
drückung starker Triebe von auGen bringt bei Kindern niemals
das Erlöschen oder die Beherrschung derselben zustande, sondern
erzielt eine Verdrängung, welche die Neigung zu späterer neu-
rotischer Erkrankung setzt. Die Psychoanalyse hat oft Gelegen-
heit zu erfahren, welchen Anteil die unzweckmäßige einsichtslose
Strenge der Erziehung an der Erzeugung von nervöser Krankheit
liat, oder mit welchen Verlusten an Leistungsfähigkeit und Genuß-
fähigkeit die geforderte Normalität erkauft wird. Sie kann aber
auch lehren, welch wertvolle Beiträge zur Charakterbildung diese
asozialen und perversen Triebe des Kindes ergeben, wenn sie
nicht der Verdrängung unterliegen, sondern durch den Prozeß der
sogenannten Sublimierung von ihren ursprünglichen Zielen
weg zu wertvolleren gelenkt werden. Unsere besten Tugenden
sind als Reaktionsbildungen und Sublimierungen auf dem Boden
der bösesten Anlagen erwachsen. Die Erziehung sollte sich vor-
sorglich hüten, diese kostbaren Kraftquellen zu verschütten und
sich darauf beschränken, die Prozesse zu befördern, durch welche
diese Energien auf gute Wege geleitet werden. In der Hand einer
psychoanalytisch aufgeklärten Erziehung ruht, was wir von einer
individuellen Prophylaxe der Neurosen erwarten können. (Vergl.
die Arbeiten des Züricher Pastors Dr. Oskar Pfister.)
Ich konnte mir in diesem Aufsatze nicht die Aufgabe stellen,
Umfang und Inhalt der Psychoanalyse, die Voraussetzungen,
Probleme und Ergebnisse derselben einem wissenschaftlich
interessierten Publikum vorzuführen. Meine Absicht ist erfüllt,
wenn deutlich geworden ist, für wie viele Wissensgebiete sie
interessant ist, und wie reiche Verknüpfungen sie zwischen den-
selben herzustellen beginnt.
\
r
ÜBER PSYCHOANALYSE
FÜNF VORLESUNGEN, GEHALTEN ZUR ZWANZIGJÄHRIGEN
GRÜNDUNGSFEIER DER CLARK UNIVERSITY
IN WORCESTER MASS., SEPTEMRER 1909
I
„XJher Psychoanalyse" erschien IpIO im Verlage Franz Deuticke, Leipzig
und friert (zweite Auß. 1912, dritte I^lCy vierte i^i^, fünfte 1^20,
sechste 1^22). Die Aufnahme in diese Gesamtausgabe erfolgt mit Geneh-
migung des genannten Ferlages.
Übersetzungen der Schrift „ Über Psychoanalyse" erschienen in folgenden
Sprachen :
Englisch im „American Journal of Psychohgy" , I^IO.
Ungarisch von S. Ferenczi, Budapest J^l2 (2. Auß. I^If, }• Auß. 1919).
Polnisch von L.Jekels, Lwow 191 1.
Russisch von N. Ossipow, Moskau I^ll.
Holländisch von J. van. Emden, Leiden 1^12.
Italienisch von L. Bianchini, NapoÜ l^lj.
Dänisch van O. Gehted (Det Ubevidste), Kopen/iagen ip20.
Französisch von J. Le Lay, Genhve Ip2l.
Spanisch von Lopez- Ballesteros (T. II der Ohras Completas), Madrid 192},
Herrn G. Stanley Hall, Ph.D,L.L,D.
Präsidenten der Clark University
Professor der Psychologie und Pädagogik
in Dankbarkeit zugeeignet
I
Meine Damen und Herren! Es ist mir ein neuartiges und
verwirrendes Gefühl, als Vortragender vor Wißbegierigen der
Neuen Welt zu stehen. Ich nehme an, daß ich diese Ehre nur
der Verknüpfung meines Namens mit dem Thema der Psycho-
analyse verdanke, und beabsichtige daher, Ihnen von Psychoanalyse
zu sprechen. Ich will es versuchen, Ihnen in gedrängtester Kürze
einen Überblick über die Geschichte der Entstehung und weiteren
Fortbildung dieser neuen Untersuchungs- und Heilmethode zu geben.
Wenn es ein Verdienst ist, die Psychoanalyse ins Leben gerufen
zu haben, so ist es nicht mein Verdienst.' Ich bin an den ersten
Anfängen derselben nicht beteiligt gewesen. Ich war Student und
mit der Ablegung meiner letzten Prüfungen beschäftigt, als ein
anderer Wiener Arzt, Dr. Josef B r e u e r,^ dieses Verfahren zuerst
an einem hysterisch erkrankten Mädchen anwendete (1880 bis
1882). Mit dieser Kranken- und Behandlungsgeschichte wollen
wir uns nun zunächst beschäftigen. Sie finden dieselbe ausführHch
dargestellt in den später von Breuer und mir veröffentlichten
„Studien über Hysterie".^
1) [Zusatz is»2j.-] Vgl. ater hieiu die Äußerung in „Zur Geschichte der psycho-
analytischen Bewegung" 11914; enthalten im vorliegenden Bande der Gesamtausgabe!,
mit welcher ich mich uneingeschränkt zur Verantwortung für die Psychoanalyse
bekenne.
2) Dr. Josef B reuer, geh. 1842; korrespondierendes Mitglied der k. Akademie
der Wissenschaften, bekannt durch Arbeiten über die Atmung und zur Physiologie
des Gleichgewichtssinnes.
3) Studien Über Hysterie, Wien, 1895. 4,. Aufl., 192a. [Enthalten in Bd. I. dieser
Gesamtausgabe.] Stücke meines Anteils an diesem Buche sind von Dr. A. A, Brill
p
I
350 über Psychoanalyse
Vorher nur noch eine Bemerkung. Ich habe nicht ohne
Befriedigung erfahren, daß die Mehrzahl meiner Zuhörer nicht
dem ärzthchen Stande angehört. Besorgen Sie nun nicht, daß es
besonderer ärztUcher Vorbildung bedarf, um meinen Mitteilungen
zu folgen. Wir werden allerdings ein Stück weit mit den Ärzten
gehen, aber bald werden wir uns absondern und Dr. Breuer
auf einen ganz eigenartigen Weg begleiten.
Dr. Breuers Patientin, ein einundzwanzigjähriges, geistig hoch-
begabtes Mädchen, entwickelte im Verlaufe ihrer über zwei Jahre
ausgedehnten Krankheit eine Reihe von körperlichen und seeHschen
Störungen, die es wohl verdienten, ernst genommen zu werden.
Sie hatte eine steife Lähmung der beiden rechtsseitigen Extremitäten
mit Unempfindlichkeit derselben, zeitweise dieselbe Affektion an
den Ghedern der linken Körperseite, Störungen der Augen-
bewegungen und mannigfache Beeinträchtigungen des Seh-
vermögens, Schwierigkeiten der Kopfhaltung, eine intensive Tussis
nervosa Ekel vor Nahrungsaufnahme und einmal durch mehrere
Wochen eine Unfähigkeit zu trinken trotz quälenden Durstes,
eine Herabsetzung des Sprech Vermögens, die bis zum Verlust der
Fähigkeit fortschritt, ihre Muttersprache zu sprechen oder zu
verstehen, endlich Zustände von Abwesenheit, Verworrenheit,
Delirien, Alteration ihrer ganzen Persönlichkeit, denen wir unsere
Aufmerksamkeit später werden zuwenden müssen.
Wenn Sie von einem solchen Krankheitsbilde hören, so werden
Sie, auch ohne Ärzte zu sein, der Annahme zuneigen, daß es
sich um ein schweres Leiden, wahrscheinlich des Gehirns, handle,
welches wenig Aussicht auf Herstellung biete und zur haldigen
Auflösung der Kranken führen dürfte. Lassen Sie sich indes von
den Ärzten belehren, daß für eine Reihe von Fällen mit so
schweren Erscheinungen eine andere und weitaus günstigere
in New York ins Englische iibertragen worden (Selected papers on Hysteria a»d
othcr Psjchoneiiroses by S. Freud, Nr. 4 der „Nt-rvous and Mcnlal Disease Mono-
graph Series", New Vork, Third enlargcd edition igaoi.
Erste Vorlesung _^j
Auffassung berechtigt ist. Wenn ein solches Krankheitsbild bei
einem jugendlichen weiblichen Individuum auftritt, dessen lebens-
wichtige innere Organe (Herz, Niere) sich der objektiven
Untersuchung normal erweisen, das aber heftige gemütliche
Erschütterungen erfahren hat, und wenn die einzelnen Syniptome
in gewissen feineren Charakteren von der Erwartung abweichen
dann nehmen die Ärzte einen solchen Fall nicht zu schwer. Sie
behaupten, daß dann nicht ein organisches Leiden des Gehirns
vorliegt, sondern jener rätselhafte, seit den Zeiten der griechischen
Medizin Hysterie benannte Zustand, der eine ganze Anzahl von
Bildern ernster Erkrankung vorzutäuschen vermöge. Sie halten
dann das Leben für nicht bedroht und eine selbst vollkommene
Herstellung der Gesundheit für wahrscheinlich. Die Unter
Scheidung einer solchen Hysterie von einem schweren organischen
Leiden ist nicht immer sehr leicht. Wir brauchen aber nicht zu
wissen, wie eine Differentialdiagnose dieser Art gemacht wird;
uns mag die Versicherung genügen, daß gerade der Fall von
Breuers Patientin ein solcher ist, bei dem kein kundiger Arzt
die Diagnose der Hysterie verfehlen wird. Wir können auch an
dieser Stelle aus dem Krankheitsbericht nachtragen, daß ihre
Erkrankung auftrat, während sie ihren zärtlich geliebten Vater
in seiner schweren, zum Tode führenden Krankheit pflegte, und
daß sie infolge ihrer eigenen Erkrankung von der Pflege zurück-
treten mußte.
Soweit hat es uns Vorteil gebracht, mit den Ärzten zu gehen,
und nun werden wir uns bald von ihnen trennen. Sie dürfen
nämlich nicht erwarten, daß die Aussicht eines Kranken auf
ärztliche Hilfeleistung dadurch wesentlich gesteigert wird, daß
die Diagnose der Hysterie an die Stelle des Urteils auf ernste
organische Hirnaffektion tritt. Gegen die schweren Erkrankungen
des Gehirns ist die ärztliche Kunst in den meisten Fällen
ohnmächtig, aber auch gegen die hysterische Affektion weiß der
Arzt nichts zu tun. Er muß es der gütigen Natur überlassen,
5^2 Über Psychoanalyse
wann und wie sie seine hoffnungsvolle Prognose verwirklichen
will."
Mit der Erkennung der Hysterie wird also für den Kranken
wenig geändert; desto mehr ändert sich für den Arzt. Wir
können beobachten, daß er sich gegen den hysterischen ganz
anders einstellt als gegen den organisch Kranken. Er will dem
ersteren nicht dieselbe Teilnahme entgegenbringen wie dem
letzteren, da sein Leiden weit weniger ernsthaft ist und doch den
Anspruch zu erheben scheint, für ebenso ernsthaft zu gelten.
Aber es wirkt noch anderes mit. Der Arzt, der durch sein
Studium so vieles kennen gelernt hat, was dem Laien verschlossen
ist hat sich von den Krankheitsursachen und Krankheits-
veränderungen, z. B. im Gehirn eines an Apoplexie oder Neu-
bildung Leidenden, Vorstellungen bilden können, die bis zu einem
gewissen Grade zutreffend sein müssen, da sie ihm das Verständnis
der Einzelheiten des Krankheitsbildes gestatten. Vor den Details
der hysterischen Phänomene läßt ihn aber all sein Wissen, seine
anatomisch-physiologische und pathologische Vorbildung im Stiche.
Er kann die Hysterie nicht verstehen, er steht ihr selbst wie
ein Laie gegenüber. Und das ist nun niemandem recht, der
sonst auf sein Wissen so große Stücke hält. Die Hysterischen
gehen also seiner Sympathie verluslig; er betrachet sie wie
Personen, welche die Gesetze seiner Wissenschaft übertreten, wie
die Rechtgläubigen die Ketzer ansehen ^ er traut ihnen alles
mögliche Böse zu, beschuldigt sie der Übertreibung und der
absichtlichen Täuschung, Simulation 4 und er bestraft sie durch
die Entziehung seines Interesses.
Diesen Vorwurf hat nun Dr. Breuer bei seiner Patientin
nicht verdient^ er schenkte ihr Sympathie und Interesse, obwohl er
ihr anfangs nicht zu helfen verstand. Wahrscheinlich erleichterte
i) Ich weiß, dafl diese Behauptung heule nicht mehr zutrifft, aber im Vortrage
versetze ich mich und meine Hörer ziurUck in die Zeit vor 1880. Wenn es seither
anders geworden ist, so haben gerade die Bemühungen, deren Geschichte ich
skizziere, daran einen großen Anteil.
Erste Vorlesung 555
, sie es ihm auch durch die vorzüglichen Geistes- und Charakter-
' eigenschaften, für die er in der von ihm abgefaßten Ki-anken-
geschichte Zeugnis ablegt. Seine liebevolle Beobachtung fand auch
bald den Weg, der die erste Hilfeleistung ermöglichte.
Es war bemerkt norden, daß die Kranke in ihren Zuständen
von Absenz, psychischer Alteration mit Verworrenheit, einige
Worte vor sich hin zu murmeln pflegte, welche den Eindruck
machten, als stammten sie aus einem Zusammenhange, der ihr
Denken beschäftigte. Der Arzt, der sich diese Worte berichten
Heß, versetzte sie nun in eine Art von Hypnose und sagte ihr
jedesmal diese Worte wieder vor, um sie zu veranlassen, daß
sie an dieselben anknüpfe. Die Kranke ging darauf ein und
reproduzierte so vor dem Arzt die psycliischen Schöpfungen, die
sie während der Absenzen beherrscht und sich in jenen verein-
zelt geäußerten Worten verraten hatten. Es waren tieftraurige,
oft poetisch schöne Phantasien, — Tagträume würden wir
sagen, — die gewöhnlich die Situation eines Mädchens am
Krankenbett seines Vaters zum Ausgangspunkt nahmen. Hatte
sie eine Anzahl solcher Phantasien erzählt, so war sie wie befreit
und ins normale seelische Leben zurückgeführt. Das Wohlbefinden
das durch mehrere Stunden anhielt, wich dann am nächsten Tage
einer neuerlichen Absenz, welche auf dieselbe Weise durch Aus-
sprechen der neu gebildeten Phantasien"'aufgehoben wurde. Man
konnte sich dem Eindrucke nicht entziehen, daß die psychische
Veränderung, die sich in den Absenzen äußerte, eine Folge des
Keizes sei, der von diesen höchst aifektvoUen Phantasiebildungen
ausging. Die Patientin selbst, die um diese Zeit ihres Krankseins
merkwürdigerweise nur englisch sprach und verstand, gab dieser
neuartigen Behandlung den Namen „talking eure" oder bezeichnete
sie scherzhaft als „chimney sweeping".
Es ergab sich bald wie zufällig, daß man durch solches Rein-
fegen der Seele noch mehr erreichen könne als vorübergehende
Beseitigung der . immer wiederkehrenden seelischen Trübungen.
Freud, IV 25
554 tjber Psychoanalyse
]
Es ließen sich auch Leidenssymptome zum Verschwinden bringen,
wenn in der Hypnose unter Ai'fektäußerung erinnert wurde, bei
welchem Anlaß und kraft welches Zusammenhanges diese Sj'm-
ptome zuerst aufgetreten waren. „Es war im Sommer eine Zeit
intensiver Hitze gewesen und Patientin hatte sehr arg durch Durst
gelitten; denn, ohne einen Grund angeben zu Itöniieii, war es ihr
plötzlich unmöglicli geworden, zu trinken. Sie nahm das ersehnte
Glas Wasser in die Hand, aber sowie es die Lippen berührte,
f stieß sie es weg wie ein Hydrophobischer. Haliei war sie offen-
bar für diese paar Sekunden in einer Absenz. Sie lebte nur von
Obst, Melonen u. dgl., um den qualvollen Durst zu mildern. Als
das etwa sechs Wochen gedaueil hatte, räsonierte sie einmal in
der Hypnose über ihre englische Gesellschafterin, die sie nicht
liebte, und ei7,ählte dann mit allen Zeichen des Absehens, wie
sie auf deren Zimmer gekommen sei, und da deren kleiner Hund,
das ekelhafte Tier, aus einem Glas getrunken habe. Sie habe
nichts gesagt, denn sie wollte höflich sein. Nachdem sie ihrem
steckengebliebenen Ärger noch energisch Ausdruck gegeben, ver-
langte sie zu trinken, trank ohne Hemmung eine große IVIenge
Wasser und erwachte aus der Hypnose mit dem Glas an den
Lippen. Die Störung war damit für immer verschwunden.'"
Gestatten Sie, daß ich Sie bei dieser Erfahrung einen Moment
auflialle! Niemand hatte noch ein hysterisches Symptom durch
solche Mittel beseitigt und war dabei so tief in das Verständnis
seiner Verursachung eingedrungen. Es mußte eine folgenschwere
Entdeckung werden, wenn sich die Erwartung bestätigen ließ,
daß noch andere, daß vielleicht die Mehrzahl der Symptome bei
der Kranken auf solche Weise entstanden und auf solche Weise
aufzuheben war. Breuer scheute die Mühe nicht, sich davon
zu überzeugen, und forschte nun planmäßig der Pathogenese
der anderen und ernsteren Leidenssymptome nach. Es war wirk-
lich so; fast alle Symptome waren so entstanden als Reste, als
ij Studien über Hjsleric, 4,. Aufl., p. 26.
Erste Vorlesung 555
Niederschläge, wenn Sie wollen, von affektvollen Erlebnissen, die
wir darum später „psychische Traumen" genannt haben, und
ihre Besonderheit klärte sich durch die Beziehung zu der sie
verursachenden traumatischen Szene auf. Sie waren, wie das Kunst-
wort lautet, durch die Szenen, deren Gedächtnisreste sie darstellten,
determiniert, brauchten nicht mehr als willkürliche oder
rätselhafte Leistungen der Neurose beschrieben zu werden.
Nur einer Abweichung von der Erwartung sei gedacht. Es war
nicht immer ein einziges Erlebnis, welches das Symptom zurück-
ließ, sondern meist waren zahlreiche, oft sehr viele ähnliche,
wiederholte Traumen zu dieser Wirkung zusammengetreten. Diese
ganze Kette von pathogenen Erinnerungen mußte dann in
chronologischer Reihenfolge reproduziert werden, und zwar umge-
kehrt, die letzte zuerst und die erste zuletzt, und es war ganz
unmöglich, zum ersten und oft wirksamsten Trauma mit Über-
springung der später erfolgten vorzudringen.
Sie werden gewiß noch andere Beispiele von Verursachung
hysterischer Symptome als das der Wasserscheu durch den Ekel
vor dem aus dem Glas trinkenden Hund von mir hören wollen.
Ich muß mich aber, wenn ich mein Programm einhalten will,
auf sehr wenige Proben beschränken. So erzählt Breuer, dai3
ihre Sehstörungen sich auf Anlässe zurückführten „in der Art,
daß Patientin mit Tränen im Auge, am Krankenbett sitzend,
plötzhch vom Vater gefragt wurde, wieviel Uhr es sei, undeutlich
sah, sich anstrengte, die Uhr nahe ans Auge brachte, und nun
das Zifferblatt sehr groß erschien (Makropsie und Strabismus conv.)}
oder Anstrengungen machte, die Tränen zu unterdrücken, damit
sie der Kranke nicht sehe".' Alle pathogenen Eindrücke stammten
übrigens aus der Zeit, da sie sich an der Pflege des erkrankten
Vaters beteiligte. „Einmal wachte sie nachts in großer Angst um
den hochfiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien
ein Chirurg zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich
]) Studien über Hysterie, 4,. Aufl., p. 31.
55^ Über Psychoanalyse
für einige Zeit entfernt, und Anna saß am Krankenbetlo, den
rechten Ann über die Stuhllehne gelegt. Sie geriet in einen
Zustand von Wachtriiumen und sah, wie von der Wand her eine
schwarze Schlange sich dem Kranken näherte, um ihn zu beißen.
(Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf der Wiese hinter dem Hause
wirklich einige Schlangen vorkamen, über die das Mädchen schon
früher erschrocken war, und die nun das Material der Hallu-
zination abgaben.) Sie wollte das Tier abwehren, war aber wie
gelähmt; der rechte Arm über die Stuhllehne hängend, war
,eingeschlafen', anästhetisch und paretisch geworden, und als sie
ihn betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen
mit Totenköpfen (Nägel). Wahrscheinlich machte sie Versuche,
die Schlange mit der gelähmten rechten Hand zu verjagen, und
dadurch trat die Anästhesie und Lälimung derselben in Assoziation
mit der Schlangenhalluzination. Als diese verschwunden war,
wollte sie in ihrer Angst beten, aber jede Sprache versagte, sie
konnte in keiner sprechen, bis sie endlich einen englischen
Kindervers fand und nun auch in dieser Sprache fortdenken und
beten konnte."' Mit der Erinnerung dieser Szene in der Hypnose
war auch die seit Beginn der Krankheit bestehende steife Lähmung
des rechten Armes beseitigt und die Beliandlung beendigt.
Als ich eine Anzahl von Jahren später die Breuersche Unter-
suchungs- und Behandlungsmethode an meinen eigenen Kranken
zu üben begann, machte ich Erfahrungen, die sich mit den
seinigen vollkommen deckten. Bei einer etwa vierzigjährigen Dame
bestand ein Tic, ein eigentümlich schnalzendes Geräusch, das sie
bei jeder Aufregung und auch ohne ersichtlichen Anlaß hervor-
brachte. Es hatte seinen Ursprung in zwei Erlebnissen, denen
gemeinsam war, daß sie sich vornahm, jetzt ja keinen Lärm zu
machen, und bei denen wie durch eine Art von Gegenwillen
gerade dieses Geräusch die Stille durchbrach; das eine Mal, als
sie ihr krankes Kind endlich mühselig eingeschläfert hatte und
l) 1. c, p. 30.
i
Erste Vorlesung 557
sich sagte, sie müsse jetzt ganz still sein, um es nicht zu wecken,
und das andere Mal, als während einer Wagenfahrt mit ihren
beiden Kindern im Gewitter die Pferde scheu wurden, und sie
sorgfältig jeden Lärm vermeiden wollte, um die Tiere nicht noch
mehr zu schrecken.' Ich gehe dieses Beispiel anstatt vieler anderer,
die in den „Studien über Hysterie" niedergelegt sind.^
Meine Damen und Herren, wenn Sie mir die Verallgemeinerung
gestatten, die ja bei so abgekürzter Darstellung unvermeidhch
ist, so können wir unsere bisherige Erkenntnis in die Formel
fassen: Unsere hysterisch Kranken leiden an Reminis-
zenzen. Ihre Symptome sind Reste und Erinnerungssymbole für
gewisse (traumatische) Erlebnisse. Ein Vergleich mit anderen
Erinnerungssymbolen auf anderen Gebieten wird uns vielleicht
tiefer in das Verständnis dieser Symbolik führen. Auch die Denk-
mäler und Monumente, mit denen wir unsere großen Städte
zieren, sind solche Erinnerungssymbole. Wenn Sie einen Spazier-
gang durch London machen, so finden Sie vor einem der
größten Bahnhöfe der Stadt eine reich verzierte gotische Säule,
das Charlng Gross. Einer der alten Plantagenetkönige im
XIII. Jahrhundert, der den Leichnam seiner gehebten Königin
Eleanor nach Westminster überführen ließ, errichtete gotische
Kreuze an jeder der Stationen, wo der Sarg niedergestellt wurde
und Charing Gross ist das letzte der Denkmäler, welche die
Erinnerung an diesen Trauerzug erhalten sollten.' An einer
anderen Stelle der Stadt, nicht weit von London Bridge, erblicken
Sie eine modernere, hochragende Säule, die kurzweg The Monument
genannt wird. Sie soll zur Erinnerung an das große Feuer
mahnen, welches im Jahre j666 dort in der Nähe ausbrach und
1) 1. c, 4. Aufl., p. 45 u. 46.
2) Eine Auswahl aus diesem Buche, vermehrt diirch einige spätere ALhandhingen
über Hysterie, liegt gegenwärtig in einer englisclieii, von Dr. A. A. Brill in New
York besorgten Übersetzung vor.
3) Vielmehr die spätere Nachbildung eiaes solchen Denkmals. Der Name Charing
seihst soll, wie mir Dr. E.Jones mitteilte, aus den Worten CJiire reine hervor-
gegangen sein.
35^ Über Psychoanalyse
einen großen Teil der Stadt zerstörte. Diese Monumente sind
also Erinnerungssymbole wie die hysterischen Symptome ; soweit
scheint die Vergleichung berechtigt. Aber was würden Sie zu
einem Londoner sagen, der heute noch vor dem Denkmal des
Leichenzuges der Königin Eleanor in Wehmut stehen bliebe, anstatt
mit der von den modernen Arbeitsverhältnissen geforderten Eile
seinen Geschäften nachzugeben oder sich der eigenen jugend-
frischen Königin seines Herzens zu erfreuen ? Oder zu einem
anderen, der vor dem „Monument" die Einäscherung seiner
gehebten Vaterstadt beweinte, die doch seither längst soviel
glänzender wiedererstanden ist? So wie diese beiden unpraktischen
Londoner benehmen sicli aber die Hysterischen und Neurotiker
alle^ nicht nur, daß sie die längst vergangenen schmerzlichen
Erlebnisse erinnern, sie hängen nocli affektvoll an ilinen, sie
kommen von der Vergangenheit niclit los und vernachlässigen
für sie die Wirklichkeit und die Gegenwart. Diese Fixierung
des Seelenlebens an die pathogcnen Traumen ist einer der wich-
tigsten und praktisch bedeutsamsten Ctiaraklere der Neurose.
Ich gebe Ihnen gern den Einwand zu, den Sie jetzt wahr-
scheinlich bilden, indem Sie an die Krankengeschichte der
B reu ersehen Patientin denken. Alle ihre Traumen entstammten
ja der Zeit, da sie den kranken Vater pflegte, und ihre Symptome
können nur als Erinnerungszeichen für seine Krankheit und seinen
Tod aufgefaßt werden. Sie entsprechen also einer Trauer, und
eine Fixierung an das Andenken des Verstorbenen ist so kurze
Zeit nach dem Ableben desselben gewiß nichts Pathologisches,
entspricht vielmelir einem normalen Gefühlsvorgang. Ich gestehe
Ihnen dieses zu; die Fixierung an die Traumen ist bei der
Patientin Breuers nichts Auffälliges. Aber in anderen Fällen,
wie in dem von mir behandelten 'i'ic, dessen Veranlassungen um
mehr als fünfzehn und zehn Jahre zurücklagen, ist der Charakter
des abnormen Haftens am Vergangenen sehr deutlich und die
Patientin Breuers hätte ihn wahrscheinlich gleichfalls entwickelt.
Erste Forlesung 359
wenn sie nicht so kurze Zeit nach dem Erleben der Traumen
und der Entstehung der Symptome zur kathartischen
Behandlung gekommen wäre.
Wir haben bisher nur die Beziehung der hysterischen Symptome
zur Lebensgeschichte der Kranken erörtert 5 aus zwei weiteren
Momenten der B reu ersehen Beobachtung können wir aber auch
einen Hinweis darauf gewinnen, wie wir den Vorgang der
Erkrankung und der Wiederherstellung aufzufassen haben. Fürs
erste ist hervorzuheben, daß die Kranke Breuers fast in allen
pathogenen Situationen eine starke Erregung zu unterdrücken
hatte, anstatt ihr durch die entsprechenden Affektzeichen, Worte
und Handlungen, Ablauf zu ermoghchen. In dem kleinen Erlebnis
mit dem Hund ibrer Gesellschafterin unterdrückte sie aus Rück-
sicht auf diese jede Äußerung ihres sehr intensiven Ekels ^ während
sie am Bette des Vaters wachte, trug sie beständig Sorge, dem
Kranken nichts von ihrer Angst und ihrer schmerzlichen Ver-
stimmung merken zu lassen. Als sie später diese selben Szenen
vor ihrem Arzt reproduzierte, trat der damals gehemmte Affekt
mit besonderer Heftigkeit, als ob er sich solange aufgespart hätte,
auf. Ja, das Symptom, welches von dieser Szene erübrigt war,
gewann seine höchste Intensität, während man sich seiner Ver-
ursachung näherte, um nach der völhgen Erledigung derselben
zu verschwinden. Andererseits konnte man die Erfahrung machen,
daß das Erinnern der Szene heim Arzte wirkungslos blieb, wenn
es aus irgendeinem Grunde einmal ohne Affektentwicklung
ablief. Die Schicksale dieser Affekte, die man sich als verschiebbare
Größen vorstellen konnte, waren also das Maßgebende für die
Erkrankung wie für die Wiederherstellung. Man sah sich zur
Annahme gedrängt, daß die Erkrankung darum zustande kam,
weil den in den pathogenen Situationen entwickelten Affekten
ein normaler Ausweg versperrt war, und daß das Wesen der
Erkrankung darin bestand, daß nun diese „eingeklemmten" Affekte
einer abnormen Verwendung unterlagen. Zum Teil bUehen sie als
t6o
Über Psychoanalyse
dauernde Belastungen des Seelenlebens und Quellen beständiger
Erregung für dasselbe bestehen; zum Teil erfuhren sie eine
Umsetzung in ungewöhnliche körperliche Innervationen und
Hemmungen, die sich als die körperlichen Symptome des
Falles darstellten. Wir haben für diesen letzteren Vorgang den
Namen der „hysterischen Konversion" geprägt. Ein
gewisser Anteil unserer seelischen Erregung wird ohnedies
normalerweise auf die Wege der körperlichen Innervation geleitet
und ergibt das, was wir als „Ausdruck der GemüLsbewegungen"
kennen. Die hysterische Konversion übertreibt nun diesen Anteil
des Ablaufes eines mit Affekt besetzten seelischen Vorganges^ sie
entspricht einem weit intensiveren, auf neue Bahnen geleiteten
Ausdruck der Gemütsbewegung. Wenn ein Strombett in zwei
Kanälen fließt, so wird eine Überfüllung des einen stattfinden,
sobald die Strömung in dem anderen auf ein Hindernis stößt.
Sie seilen, wir sind im Begriffe, zu einer reiji psychologischen
Theorie der Hysterie zu gelangen, in welcher wir den Affekt-
vorgängen den ersten Rang anweisen. Eine zweite Beobachtung
Breuers nötigt uns nun, in der Charakteristik des krankhaften
Geschehens den Bewußtseinszuständen eine große Bedeutung
einzuräumen. Die Kranke Breuers zeigte mannigfaltige seelische
Verfassungen, Zustände von Abwesenheit, Verworrenheit und
Charakterveränderung neben ihrem Normalzustand. Im Normal- ■
zustand wußte sie nun nichts von jenen pathogenen Szenen und
von deren Zusammenhang mit ihren Symptomen^ sie hatte diese
Szenen vergessen oder jedenfalls den pathogenen Zusammenhang
zerrissen. Wenn man sie in die Hypnose versetzte, gelang es nach
Aufwendung beträchtlicher Arbeit, ihr diese Szenen ins Gedächtnis
zurückzurufen, und durch diese Arbeit des Wiedererinnerns wurden
die Symptome aufgehoben. Man wäre in großer Verlegenheit, wie
man diese Tatsache deuten sollte, wenn nicht die Erfahrungen
und Experimente des Hypnotismus den Weg dazu gewiesen
hätten. Durch das Studium der hypnotischen Phänomene hat man
Erste Vorlesung -gi
sich an die anfangs befremdliche Auffassung gewöhnt, daß in einem
und demselben Individuum mehrere seelische Gruppierungen
möglich sind, die ziemlich unabhängig voneinander bleiben können
voneinander j,nichts_wissen", und die das Bewußtsein alternierend
an sich reißen. Fälle solcher Art, die man als double conscience
bezeichnet, kommen gelegentlich auch spontan zur Beobachtung.
Wenn bei solcher Spaltung der Persönlichkeit das Bewußtsein
konstant an den einen der beiden Zustände gebunden bleibt, so
heißt man diesen den bewußten Seelenzustand, den von ihm
abgetrennten den unbewußten. In den bekannten Phänomenen
der sogenannten posthj-pnotischen Suggestion, wobei ein in der
Hypnose gegebener Auftrag sich später im Normalzustand
gebieterisch durchsetzt, hat man ein vorzügUches Vorbild für die
Beeinflussungen, die der bewußte Zustand durch den für ihn
unbewußten erfahren kann, und nach diesem Muster gelingt es
allerdings, sich die Erfahrungen bei der Hysterie zurechtzulegen.
Breuer entschloß sich zur Annahme, daß die hysterischen Sym-
ptome in solchen besonderen seelischen Zuständen, die er hypnoide
nannte, entstanden seien. Erregungen, die in solche hypnoide
Zustande hineingeraten, werden leicht pathogen, weil diese Zustände
nicht die Bedingungen für einen normalen Ablauf der Erregungs-
vorgänge bieten. Eis entsteht also aus dem Erregungsvorgang ein
ungewöhnliches Produkt, eben das Symptom, und dieses ragt wie
ein Fremdkörper in den Normalzustand hinein, dem dafür die
Kenntnis der hypnoiden pathogenen Situation abgeht. Wo ein
Symptom besteht, da findet sich auch eine Amnesie, eine Erinnerungs-
lücke, und die Ausfüllung dieser Lücke schließt die Aufliebung der
EntstehungsbedingTjngen des Symptoms in sich ein.
Ich fürchte, daß Ihnen dieses Stück meiner Darstellung nicht
sehr durchsichtig erschienen ist. Aber haben Sie Nachsicht, es
handelt sich um neue und schwierige Anschauungen, die vielleicht
nicht viel klarer gemacht werden können^ ein Beweis dafür, daß
wir mit unserer Erkenntnis noch nicht sehr weit vorgedrungen
362
über Psychoanalyse
sind. Die Breuersche Aufstellung der hypnoiden Zustände
hat sich übrigens als hemmend und überflüssig erwiesen und ist
von der heutigen Psychoanalyse fallen gelassen worden. Sie werden
später wenigstens andeutungsweise hören, welche Einflüsse und
Vorgänge hinter der von Breuer aufgestellten Schranke der
hypnoiden Zustände zu entdecken waren. Sie werden auch mit
Recht den Eindruck empfangen haben, daß die Breuersche
Forschung Ihnen nur eine sehr unvollständige Theorie und unbe-
friedigende Aufklärung der beobachteten Erscheinungen geben
konnte, aber vollkommene Theorien fallen nicht vom Himmel,
und Sie werden mit noch größerem Recht mißtrauisch sein, wenn
Ihnen jemand eine lückenlose und abgerundete Theorie bereits zu
Anfang seiner Beobaclitungcn anbietet. Eine solche wird gewiß
nur das Kind seiner Spekulation sein können und nicht die Frucht
voraussetzungsloser Erforschung des Tatsächlichen.
II
Meine Damen und Herren! Etwa gleichzeitig, während Breuer
mit seiner Patientin die „talking eure" übte, hatte Meister
Charcot in Paris jene Untersuchungen über die Hysterischen
der Salpetritre begonnen, von denen ein neues Verständnis der
Krankheit ausgehen sollte. Diese Resultate konnten damals in
Wien noch nicht bekannt sein. Als aber etwa ein Dezermium
später Breuer und ich die vorläufige Mitteilung über den
psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene veröffentlichten,
welche an die kathartische Behandlung bei Breuers erster
Patientin anknüpfte, da befanden wir uns ganz im Banne der
Charcot sehen Forschungen. Wir stellten die pathogenen Erleb-
nisse unserer Kranken als psychische Traumen jenen körperlichen
Traumen gleich, deren Einfluß auf hysterische Lähmungen
Charcot festgestellt hatte, und Breuers Aufstellung der
hypnoiden Zustände ist selbst nichts anderes als ein Reflex der
Tatsache, daß Charcot jene traumatischen Lähmungen in der
Hypnose künstlich reproduziert hatte.
Der große französische Beobachter, dessen Schüler ich 1885/86
wurde, war selbst psychologischen AufTassungen nicht geneigt; erst
sein Schüler P. Jan et versuchte ein tieferes Eindringen in die
besonderen psychischen Vorgänge bei der Hysterie, und wir folgten
seinem Beispiele, als wir die seelische Spaltung und den Zerfall
der Persönlichkeit in das Zentrum unserer Auffassung rückten.
Sie finden bei Jan et eine Theorie der Hysterie, welche den in
564 über Psychoanalyse
Frankreich herrschenden Lehren über die Rolle der Erblichkeit
und der Degeneration Rechnung trägt. Die Hysterie ist nach ihm
eine Form der degenerativen Veränderung des Nervensystems^
welche sich durch eine angeborene Schwäche der psychischen
Synthese kundgibt. Die hysterisch Kranken seien von Anfang an
unfähig, die Mannigfaltigkeit der seelischen Vorgänge zu einer
Einheit zusammenzuhalten, und daher komme die Neigung zur
seelischen Dissoziation. Wenn Sie mir ein banales, aber deutliches
Gleichnis gestatten, Janets Hysterische erinnert an eine schwache
Frau, die ausgegangen ist, um Einkäufe zu machen, und nun mit
einer Menge von Schachteln und Paketen beladen zurückkommt.
Sie kann den ganzen Haufen mit ihren zwei Armen und zehn
Fingern nicht bewältigen, und so entfällt ihr zuerst ein Stück.
Bückt sie sich, um dieses aufzuheben, so macht sicli dafür ein
anderes los usw. Es stimmt nicht gut zu dieser angenommenen
seelischen Schwäche der Hysterischen, daß man bei ihnen außer
den Erscheinungen verminderter Leistung auch Beispiele von
teilweiser Steigerung der Leistungsfähigkeit, wie zur Entschädigung,
beobachten kann. Zur Zeit, als Breuers Patientin ihre Mutter-
sprache und alle anderen Sprachen bis auf Englisch vergessen
hatte, erreichte ihre Beherrschung des Englischen eine solche Höhe,
daß sie imstande war, wenn man ihr ein deutsches Buch vorlegte,
eine tadellose und fließende englische Übersetzung desselben vom
Blatt herunterzu lesen.
Als ich es später unternahm, die von Breuer begonnenen
Untersuchungen auf eigene Faust fortzusetzen, gelangte ich bald
zu einer anderen Ansicht über die Entstehung der hysterischen
Dissoziation (Bewußtseinsspaltung). Eine solche, für alles weitere
entscheidende Divergenz mußte sich notwendigerweise ergeben, da
ich nicht wie Jan et von Laboratoriumsversuchen, sondern von
therapeutischen Bemühungen ausging.
Mich trieb vor allem das praktische Bedürfnis. Die kathailische
Behandlung, wie sie Breuer geübt hatte, setzte voraus, daß man
Zweite Vorlesung
565
den Kranken in tiefe Hypnose bringe, denn nur im hypnotischen
Zustand fand er die Kenntnis jener pathogenen Zusammenhänge,
die ihm in seinem Normalzustand abging. Nun war mir die
Hypnose als ein launenhaftes und sozusagen mystisches Hilfsmittel
bald unliebsam geworden^ als ich aber die Erfahrung machte daß
es mir trotz aller Bemühungen nicht gelingen wollte, mehr als
einen Bruchteil meiner Kranken in den hypnotischen Zustand zu
versetzen, beschloß ich, die H;>-pnose aufzugeben und die kathartische
Behandlung von ihr unabhängig zu machen. Weil ich den
psychischen Zustand meiner meisten Patienten nicht nach meinem
Belieben verändern konnte, richtete ich mich darauf ein, mit ihrem
Normalzustand zu arbeiten. Das schien allerdings vorerst ein sinn-
und aussichtsloses Unternehmen zu sein. Es war die Aufgabe
gestellt, etwas vom Kranken zu erfahren, was man nicht wußte
und was er selbst nicht wußte; wie konnte man hoffen, dies doch
in Erfahrung zu bringen? Da kam mir die Erinnerung an einen
sehr merkwürdigen und lehrreichen Versuch zu Hilfe, den ich bei
Bernheim in Nancy mitangesehen hatte. Bernheim zeigte
uns damals, daß die Personen, welche er in hypnotischen
Somnambulismus versetzt und in diesem Zustand allerlei hatte
erleben lassen, die Erinnerung an das somnambul Erlebte doch
nur zum Schein verloren hatten, und daß es möglich war, bei
ihnen diese Erinnerungen auch im Normalzustand zu erwecken.
Wenn er sie nach den somnambulen Erlebnissen befragte, so
behaupteten sie anfangs zwar, nichts zu wissen, aber wenn er nicht
nachgab, drängte, ihnen versicherte, sie wüßten es doch, so kamen
die vergessenen Erinnerungen jedesmal wieder.
So machte ich es also auch mit meinen Patienten. Wenn ich
mit ihnen bis zu einem Punkte gekommen war, an dem sie
behaupteten, nichts weiter zu wissen, so versicherte ich ihnen
sie wüßten es doch, sie sollten es nur sagen, und ich getraute
mich der Behauptung, daß die Erinnerung die richtige sein
würde, die ihnen in dem Moment käme, da ich meine Hand auf
166 Über Psychoanalyse
ihre Stirne legte. Auf diese Weise gelang es mir, ohne Anwendung
der Hypnose, von den Kranken alles zu erfahren, was zur
Herstellung des Zusammenhanges zwischen den vergessenen
pathogenen Szenen und den von ihnen erübrigten Symptomen
erforderlich war. Aber es war ein mühseliges, ein auf die Dauer
erschöpfendes Verfahren, das sich für eine endgültige Technik
nicht eignen konnte.
Ich gab es jedoch nicht auf, ohne aus den dabei gemachten
Wahrnehmungen die entscheidenden Schlüsse zu ziehen. Ich hatte
es also bestätigt gefunden, daß die vergessenen Erinnerungen
nicht verloren waren. Sie waren im Besitze des Kranken und
bereit, in Assoziation an das von ihm noch Gewußte aufzutauchen,
aber irgendeine Kraft hinderte sie daran, bewußt zu werden,
und nötigte sie, unbewußt zu bleiben. Die Existenz dieser Kraft
konnte man mit Sicherheit annehmen, denn man verspürte eine ihr
entsprechende Anstrengung, wenn man sich bemühte, im Gegensatz
zu ihr die unbewußten Erinnerungen ins Bewußtsein des Kranken
einzuführen. Man bekam die Kraft, welche den krankhaften Zustand
aufrecht erhielt, als Widerstand des Kranken zu spüren.
Auf diese Idee des Widerstandes habe ich nun meine Auffassung
der psychischen Vorgänge bei der Hysierie gegründet. Es hatte
sich als notwendig zur Herstellung erwiesen, diese Widerstände
aufzuheben; vom Mechanismus der Heilung aus konnte man
sich jetzt ganz bestimmte Vorstellungen über den Hergang bei
der Erkrankung bilden. Dieselben Kräfte, die sich heute als
Widerstand dem Bewußtmachen des Vergessenen widersetzten,
mußten seinerzeit dieses Vergessen bewirkt und die betreffenden
pathogenen Erlebnisse aus dem Bewußtsein gedrängt haben. Ich
nannte diesen von mir supponierlen Vorgang Verdrängung
und betrachtete ihn als erwiesen durch die unleugbare Existenz
des Widerstandes.
Man konnte sich aber auch die Frage vorlegen, welches diese
Kräfte und welche die Bedingungen der Verdrängung seien, in
Zweite Vorlesung jpg-
der wir nun den pathogenen Mechanismus der Hysterie erkennen.
Eine vergleichende Untersuchung der pathogenen Situationen, die
man durch die kathartische Behandlung kennen gelernt hatte
gestattete hierauf Antwort zu gehen. Bei all diesen Erlebnissen
hatte es sich darum gehandelt, daß eine Wunschregung aufgetaucht
war, welche in scharfem Gegensatze zu den sonstigen Wünschen
des Individuums stand, sich als unverträglich mit den ethischen
und ästhetischen Ansprüchen der Persönlichkeit erwies. Es hatte
einen kurzen Konflikt gegeben, und das Ende dieses inneren
Kampfes war, daß die Vorstellung, welche als der Ti'äger jenes un-
vereinbaren Wunsches vor dem Bewußtsein auftrat, der Verdrängung
anheimfiel und mit den zu ihr gehörigen Erinnerungen aus dem
Bewußtsein gedrängt und vergessen wurde. Die Unverträglichkeit
der betreffenden Vorstellung mit dem Ich des Kranken war also
das Motiv der Verdrängung^ die ethischen und anderen Anforde-
rungen des Individuums waren die verdrängenden Kräfte. Die
Annahme der unverträglichen Wunschregung oder die Fortdauer
des Konflikts hätten hohe Grade von Unlust hervorgerufen; diese
Unlust wurde durch die Verdrängung erspart, die sich in
solcher Art als eine der Schutzvorrichtungen der seelischen
Persönlichkeit erwies.
Ich will Ihnen anstatt vieler einen einzigen meiner Fälle
erzählen, in welchem Bedingungen und Nutzen der Verdrängung
deutlich genug zu erkennen sind. Freilich muß ich für meinen
Zweck auch diese Krankengeschichte verkürzen und wichtige
Voraussetzungen derselben beiseite lassen. Ein junges Mädchen,
welches kurz vorher den geliebten Vater verloren hatte, an dessen
Pflege sie beteiligt gewesen war, — eine Situation analog der
bei der Patientin Breuers, ~ brachte, als ihre ältere Schwester
sich verheiratete, dem neuen Schwager eine besondere Sympathie
entgegen, die sich leicht als verwandtschaftliche Zärtlichkeit
maskieren konnte. Diese Schwester erkrankte bald und starb,
während die Patientin mit ihrer Mutter abwesend war. Die
»68 Über Psychoanalyse
Abwesenden wurden eiligst zurückgerufen, ohne in sichere Kenntnis
des schmerzlichen Ereignisses gesetzt zu werden. Als das Mädchen
an das Bett der toten Schwester trat, tauchte für einen kurzen
Moment eine Idee in ihr auf, die sich etwa in den Worten
ausdrücken Ueße: Jetzt ist er frei und kann mich
heiraten. Wir dürfen als sicher annehmen, daß diese Idee,
welche die ihr selbst nicht bewußte intensive Liebe zum Schwager
ihrem Bewußtsein verriet, durch den Aufruhr ihrer Gefühle im
nächsten Moment der Verdrängung überliefert wurde. Das
Mädchen erkrankte an schweren hysterischen Symptomen, und
als ich sie in Behandlung genommen hatte, stellte es sich heraus,
daß sie jene Szene am Bette der Schwester und die in ihr
auftretende häßlich-egoistische Regung gründlich vergessen hatte.
Sie erinnerte sich daran in der Behandlung, reproduzierte den
pathogenen Moment unter den Anzeichen heftigster Gemüts-
bewegung und wurde durch diese Behandlung gesund.
Vielleicht darf ich Ihnen den Vorgang der Verdrängung und
deren notwendige Beziehung zum Widerstand durch ein grobes
Gleichnis veranschaulichen, das ich gerade aus unserer gegen-
wärtigen Situation herausgreifen will. Nehmen Sie an, hier in
diesem Saale und in diesem Auditorium, dessen musterhafte Ruhe
und Aufmerksamkeit ich nicht genug zu preisen weiß, befände
sich doch ein Individuum, welches sich störend benimmt und
durch sein ungezogenes Lachen, Schwätzen, Scharren mit den
Füßen meine Aufmerksamkeit von meiner Aufgabe abzieht. Ich
erkläre, daß ich so nicht weiter vortragen kann, und daraufhm
erheben sich einige kräftige Männer unter Ihnen und setzen den
Störenfried nach kurzem Kampfe vor die Tür. Er ist also jetzt
„verdrängt" und ich kann meinen Vortrag fortsetzen. Damit aber
die Störung sich nicht wiederhole, wenn der Herausgeworfene
versucht, wieder in den Saal einzudringen, rücken die Herren,
welche meinen Willen zur Ausführung gebracht haben, ihre
Stühle an die Türe an und etablieren sich so als „Widerstand"
lA.
Zweite Vorlesung -gq
nach vollzogener Verdrängung. Wenn Sie nun noch die beiden
Lokalitäten hier als das „Bewußte" und das „Unbewußte" aufs
Ps3xhische übertragen, so haben Sie eine ziemlich gute Nach-
bildung des Vorganges der Verdrängung vor sich.
Sie sehen nun, worin der Unterschied unserer Auffassung von
der Ja net sehen gelegen ist. Wir leiten die psychische Spaltung
nicht von einer angeborenen Unzulänglichkeit des seelischen
Apparates zur Synthese ab, sondern erklären sie dynamisch durch
den Konflikt widerstreitender Seelenkräfte, erkennen in ihr das
Ergebnis eines aktiven Sträubens der beiden psychischen Gruppie-
rungen gegeneinander. Aus unserer Auffassung erheben sich nun
neue Fragestellungen in großer Anzahl. Die Situation des
psychischen Konflikts ist ja eine überaus häufige, ein Bestreben
des Ichs, sich peinlicher Erinnerungen zu erwehren, wird ganz
regelmäßig beobachtet, ohne daß es zum Ergebnis einer seelischen
Spaltung führte. Man kann den Gedanken nicht abweisen, daß
es noch anderer Bedingungen bedarf, wenn der Konflikt die
Dissoziation zur Folge haben soll. Ich gehe Ihnen auch gern zu,
daß wir mit der Annahme der Verdrängung nicht am Ende,
sondern erst am Anfang einer psychologischen Theorie stehen,
aber wir können nicht anders als schrittweise vorrücken und
müssen die Vollendung der Erkenntnis weiterer und tiefer ein-
dringender Arbeit überlassen.
Unterlassen Sie auch den Versuch, den Fall der Patientin
Breuers unter die Gesichtspunkte der Verdrängung zu bringen.
Diese Krankengesciiichte eignet sich hiezu nicht, weil sie mit
Hilfe der hypnotischen Beeinflussung gewonnen worden ist. Erst,
wenn Sie die Hypnose ausschalten, können Sie die Widerstände und
Verdrängungen bemerken und sich von dem wirklichen pathogenen
Vorgang eine zutreffende Vorstellung bilden. Die Hypnose verdeckt
den Widerstand und macht ein gewisses seelisches Gebiet frei zu-
gänglich, dafür häuft sie den Widerstand an den Grenzen dieses
Gebietes zu einem Walle auf, der alles Weitere unzugänglich macht.
Preud, IV r^
jyo ^ber Psychoanalyse
Das Wertvollste, was wir aus der Breuer sehen Beobachtung
gelernt haben, waren die Aufschlüsse über den Zusammenhang
der Symptome mit den pathogenen Erlebnissen oder psychischen
Traumen, und nun dürfen wir nicht versäumen, diese Einsichten
vom Standpunkte der Verdrängungslehre yxx würdigen. Man sieht
zunächst wirklich nicht ein, wie man von der Verdrängung aus
zur Symptombildung gelangen kann. Anstatt eine komplizierte
theoretische Ableitung zu geben, will ich an dieser Stelle auf
unser früher gebrauchtes Bild für die Verdrängung zurückgreifen.
Denken Sie daran, mit der Entfernung des störenden Gesellen
und der Niederlassung der Wächter vor der Türe braucht die
Angelegenheit nicht beendigt zu sein. Es kann sehr wohl geschehen,
daß der Herausgeworfene, der jetzt erbittert und ganz rücksichtslos
geworden ist, uns weiter zu schaffen gibt. Er ist zwar nicht
mehr unter uns, wir sind seine Gegenwart, sein höhnisches
Lachen, seine halblauten Bemerkungen los geworden, aber in
gewisser Hinsicht ist die Verdrängung doch erfolglos gewesen,
denn er führt nun draußen einen uneilräglichen Spektakel auf,
und sein Schreien und mit den Fäusten an die Türe Pochen
hemmt meinen Vortrag mehr als früher sein unartiges Benehmen.
Unter diesen Verhältnissen würden wir es mit Freuden begrüßen
müssen, wenn etwa unser verehrter Präsident Dr. Stanley-
Hall die Rolle des Vermittlers und Friedensstifters übernehmen
wollte. Er würde mit dem ungebärdigen Gesellen draußen sprechen
und dann sich an uns mit der Aufforderung wenden, ihn doch
wieder einzulassen, er übernehme die Garantie, daß jener sich jetzt
besser betragen werde. Auf Dr. Halls Autorität hin entschließen
wir uns dazu, die Verdrängung wieder aufzuheben, und nun tritt
wieder Ruhe und Frieden ein. Es ist dies wirklich kerne
umpassende Darstellung der Aufgabe, die dem Arzt bei der psycho-
analytischen Therapie der Neurosen zufällt.
Um es jetzt direkter zu sagen: Wir kommen durch die Unter-
suchung der hysterisch Kranken und anderer Neurotiker zur
Xweite Porlesung gyi
Überzeugung, daß ihnen die Verdrängung der Idee, an welcher
der unerträgliche Wunsch hängt, mißlungen ist. Sie haben
sie zwar aus dem Bewußtsein und aus der Erinnerung getrieben
und sich anscheinend eine große Summe Unlust erspart, aber
im Unbewußten besteht die verdrängte Wunsch-
regung weiter, lauert auf eine Gelegenheit, aktiviert zu
werden, und versteht es dann, eine entstellte und unkenntlich
gemachte Ersatzbildung für das Verdrängte ins Bewußtsein
zu schicken, an welche sich bald dieselben Unlustempfmdungen
knüpfen, die man durch die Verdrängung erspart glaubte. Diese
Ersatzbildung für die verdrängte Idee — das Symptom — ist
gegen weitere Angriffe von selten des abwehrenden Ichs gefeit,
und an Stelle des kurzen Konflikts tritt Jetzt ein in der Zeit
nicht endendes Leiden. An dem Symptom ist neben den Anzeichen
der Entstellung ein Rest von irgendwie vermittelter Ähnlichkeit
mit der ursprünglich verdrängten Idee zu konstatieren^ die
Wege, auf denen sich die Ersatzbildung vollzog, lassen sich
während der psychoanalytischen Behandlung des Kranken auf-
decken, und zu seiner Heilung ist es notwendig, daß das Symptom
auf diesen nämhchen Wegen wieder in die verdrängte Idee
übergeführt werde. Ist das Verdrängte wieder der bewußten
Seelentätigkeit zugeführt, was die Überwindung beträchtlicher
Widerstände voraussetzt, so kann der so entstandene psychische
Konflikt, den der Kranke vermeiden wollte, unter der Leitung
des Arztes einen besseren Ausgang finden, als ihn die Verdrängung
bot. Es gibt mehrere solcher zweckmäßiger Erledigungen, welche
Konflikt und Neurose zum glücklichen Ende führen, und die im
einzelnen Falle auch miteinander kombiniert erzielt werden
können. Entweder wird die Persönlichkeit des Kranken überzeugt,
daß sie den pathogenen Wunsch mit Unrecht abgewiesen hat
und veranlaßt, ihn ganz oder teilweise zu akzeptieren, oder dieser
Wunsch wird selbst auf ein höheres und darum einwandfreies
Ziel geleitet {was man seine Su_bli mie rung heißt), oder man
2*'
572 Über Psychoanalyse
erkennt seine Verwerfung als zu Recht bestehend an, ersetzt aber
den automatischen und darum unzureichenden Mechanismus der
Verdrängung durch eine Verurteilung mit Hilfe der höchsten
geistigen Leistungen des Menschen; man erreicht seine bewußte
Beherrschung.
Verzeihen Sie mir, wenn es mir nicht gelungen ist, Ihnen
diese Hauptgesiciilspunkte der nun Psychoanalyse genannten
Behandlungsmethode klarer faßlich darzustellen. Die Schwierig-
keiten liegen nicht nur in der Neuheit des Gegenstandes. Welcher
Art die unverträglichen Wünsche sind, die sich trotz der
Verdrängung aus dem Unbewußten vernehmbar zu machen
verstehen, und welche subjektiven oder konstitutionellen Bedin-
gungen bei einer Person zutreffen müssen, damit sich ein solches
Mißlingen der Verdrängung und eine Ersatz- oder Symptom-
bildung vollziehe, darüber werden noch einige spätere Bemerkungen
Aufschluß geben.
m
Meine Damen und Herren! Es ist nicht immer leicht die
Wahrheit zu sagen, besonders wenn man kurz sein muß, und so
bin ich heute genötigt, eine Unrichtigkeit zu korrigieren, die ich
in meinem letzten Vortrag vorgebracht habe. Ich sagte Ihnen,
wenn ich unter Verzicht auf die Hypnose in meine Kranken
drang, mir doch mitzuteilen, was ihnen zu dem eben behandelten
Problem einfiele — sie wüßten ja doch alles angeblich Vergessene,
und der auftauchende Einfall werde gewiß das Gesuchte enthalten
— so machte ich tatsächlich die Erfahrung, daß der nächste
Einfall meines Kranken das richtige brachte und sich als die
vergessene Fortsetzung der Erinnerung erwies. Nun, das ist nicht
allgemein richtig; ich habe es nur der Abkürzung halber so
einfach dargestelh. In WirkHchkeit traf es nur die ersten Male
zu, daß sich das richtige Vergessene durch einfaches Drängen
von meiner Seite einstellte. Setzte man das Verfahren fort, so
kamen jedesmal Einfälle, die nicht die richtigen sein konnten,
weil sie nicht passend waren, und die die Kranken selbst als
unrichtig verwarfen. Das Drängen brachte hier keine weitere Hilfe,
und man konnte wieder bedauern, die Hypnose aufgegeben zu haben.
In diesem Stadium der Ratlosigkeit klammerte ich mich an
ein Vorurteil, dessen wissenschaftliche Berechtigung Jahre später
durch C. G. Jung in Zürich und seine Schüler erwiesen wurde.
Ich muß behaupten, es ist manchmal recht nützlich, Vor-
urteile zu haben. Ich brachte eine hohe Meinung von der Strenge
574. Über Psychoanalyse
der Determinierung seelischer Vorgänge mit und konnte nicht
daran glauben, daß ein Einfall des Kranken, den er bei gespannter
Aufmerksamkeit produzierte, ganz willkürlich und außer Beziehung
zu der von uns gesuchten vergessenen Vorstellung sei; daß er mit
dieser nicht identisch war, ließ sich aus der vorausgesetzten
psychologischen Situation befriedigend erklären. In dem behandelten
Kranken wirkten zwei Kräfte gegeneinander, einerseits sein
bewußtes Bestreben, das in seinem Unbewußten vorhandene Ver-
gessene ins Bewußtsein zu ziehen, andererseits der uns bekannte
Widerstand, der sich gegen solches Bewußtwerden des Verdrängten
oder seiner Abkömmlinge sträubte. War dieser Widerstand gleich
Null oder sehr gering, so wurde das Vergessene ohne Entstellung
bewußt; es lag also nahe, anzunehmen, daß die Entstellung des
Gesuchten um so größer ausfallen werde, je größer der Wider-
stand gegen das Bewußtwerden des Gesuchten sei. Der Einfall
des Kranken, der anstatt des Gesuchten kam, war also selbst
entstanden wie ein Symptom; er war eine neue, künstliche und
ephemere Ersatzbiltlung für das Verdrängte, und demselben um so
unähnlicher, eine je größere Entstellung er unter dem Einfluß
des Widerstandes erfahren hatte. Er mußte aber doch eine gewisse
Ähnlichkeit mit dem Gesuchten aufweisen, kraft seiner Natur
als Symptom, und bei nicht zu intensivem Widerstand mußte
es möglich sein, aus dem Einfall das verborgene Gesuchte zu
erraten. Der Einfall mußte sich zum verdrängten Element ver-
halten wie eine Anspielung, wie eine Darstellung desselben m
indirekter Rede.
Wir kennen auf dem Gebiete des normalen Seelenlebens Fälle,
in denen analoge Situationen wie die von uns angenommene
auch ähnliche Ergebnisse liefern. Ein solcher Fall ist der des
Witzes. Durch die Probleme der psychoanalytischen Technik
bin ich denn auch genötigt worden, mich mit der Technik der
Witzbildung zu beschäftigen. Ich will Ihnen ein einziges solches
Beispiel erläutern, übrigens einen Witz in englischer Sprache.
Dritte Vorlesung 575
Die Anekdote erzählt:^ Zwei wenig skrupulösen Geschäftsleuten
war es gelungen, sich durch eine Reihe recht gewagter Unter-
nehmungen ein großes Vermögen zu erwerben, und nun ging
ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft aufzudrängen.
Unter anderem erschien es ihnen als ein zweckmäßiges Mittel, sich
von dem vornehmsten und teuersten Maler der Stadt, dessen
Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen zu lassen. Auf
einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder zuerst gezeigt,
und die beiden Hausherren führten selbst den einflußreichsten
Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons, an welcher die
beiden Porträts nebeneinander aufgehängt waren, um ihm sein
bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die Bilder lange Zeit
an, schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas vermissen würde,
und fragte bloß, auf den freien Raum zwischen den beiden
Bildern deutend: „And where is the Saviour?" Ich sehe, Sie
lachen alle über diesen guten Witz, in dessen Verständnis wir
nun eindringen wollen. Wir verstehen, daß der Kunstkenner
sagen will: Ihr seid ein Paar Spitzbuben, wie die, zwischen denen
man den Heiland ans Kreuz hängte. Aber er sagt es nicht;
anstatt dessen äußert er etwas, was zunächst sonderbar unpassend
und nicht dazugehörig scheint, was wir aber im nächsten Moment
als eine Anspielung auf die von ihm beabsichtigte Beschimpfung
und als einen vollgültigen Ersatz für dieselbe erkennen. Wir
können nicht erwarten, daß sich beim Witz alle die Verhältnisse
wiederfinden lassen, die wir bei der Entstehung des Einfalles
bei unseren Patienten vermuten, aber auf die Identität in der
Motivierung von Witz und Einfall wollen wir Gewicht legen.
Warum sagt unser Kritiker den beiden Spitzbuben nicht direkt,
was er ihnen sagen möchte? Weil neben seinem Gelüste, es ihnen
unverhüllt ins Gesicht zu sagen, sehr gute Gegenmotive in ihm
wirksam sind. Es ist nicht ungefährlich, Leute zu beleidigen, bei
1) Der Witz und seine Beziehung mm Unhe wußten. Wien 1905, 5. Aufl., igai,
p. 60. (Enthalten in Bd. IX dieser Gesamtausgabe.)
576 über Psychoanatyse
%
denen man zu Gaste ist, und die über die kräftigen Fäuste einer
zahlreichen Dienerschaft verfügen. Man kann leicht jenem Schicksal
verfallen, das ich im vorigen Vortrag in eine Analogie mit der
„Verdrängung" brachte. Aus diesem Grunde bringt der Kritiker
die beabsichtigte Beschimpfung nicht direkt, sondern in entstellter
Form als eine „Anspielung mit Auslassung" zum Ausdruck, und
j dieselbe Konstellation versclmldet es nach unserer Meinung, daß
^ unser Patient, anstatt des gesuchten Vergessenen, einen mehr
, oder minder entstellten Krsatzei nfall produziert.
[ Meine Damen und Herren! Es ist recht zweckmäßig, eine
I, Gruppe von zusammengehörigen, mit Affekt besetzten Vorstellungs-
elementen nach dem Vorgange der Züricher Schule (Bleuler,
Jung u. a.) als einen „Komplex" zu bezeichnen. Wir sehen
also, wenn wir bei einem Kranken von dem letzten, was er noch
erinnert, ausgehen, um einen verdrängten Komplex zu suchen, so
haben wir alle Aussicht, diesen zu erraten, wenn uns der Kranke
eine genügende Anzahl seiner freien Einfälle zur Verfügung stellt.
Wir lassen also den Kranken reden, was er will, und halten an
der Voraussetzung fest, daß ihm nichts anderes einfallen kann, als
was in indirekter Weise von dem gesuchten Komplex abhängt.
Erscheint Ihnen dieser Weg, das Verdrängte aufzufinden, allzu
umständlich, so kann ich Ihnen wenigstens die Versicherung
geben, daß er der einzig gangbare ist.
Wenn wir diese Technik ausüben, so werden wir noch durch
die Tatsache gestört, daß der Kranke häufig innehält, in Stockungen
gerät und behauptet, er wisse nichts zu sagen, es falle ihm
überhaupt nichts ein. Träfe dies zu und Iiätle der Kranke recht,
so wäre unser Verfahren wiederum als unzulänglich erwiesen.
Allein eine feinere Beobachtung zeigt, daß ein solches Versagen
der Einfälle eigentlich nie eintritt. Dieser Anschein kommt nur
dadurch zustande, daß der Kranke den wahrgenommenen Einfall '
unter dem Einfluß der Widei-stände, die sich in verschiedene
kritische Urteile über den Wert des Einfalls kleiden, zurückhält
Dritte T^orlesung 57^
oder wieder beseitigt. Man scliützt sich dagegen, indem man ihm
dieses Verhalten vorhersagt und von ihm fordert, daß er sich um
diese Kritik nicht kümmere. Er soll unter völligem Verzicht auf
solche kritische Auswahl alles sagen, was ihm in &^n Sinn kommt,
auch wenn er es für unrichtig, für nicht dazugehörig, für unsinnig
hält, vor allem aucli dann, wenn es ihm unangenehm ist, sein
Denken mit dem Einfall zu beschäftigen. Durch die Befolgung
dieser Vorschrift sichern wir uns das Material, welches uns auf
die Spur der verdrängten Komplexe führt.
Dieses Material von Einfällen, welche der Kranke geringschätzend
von sich weist, wenn er unter dem Einflüsse des Widerstandes
anstatt unter dem des Arztes steht, stellt für den Psychoanalytiker
gleichsam das Erz dar, dem er mit Hilfe von einfachen Deutungs-
künsien seinen Gehalt an wertvollem Metall entzieht. Wollen Sie
I sich bei einem Kranken eine rasche und vorläufige Kenntnis der
I verdrängten Komplexe schaffen, ohne noch auf deren Anordnung
und Verknüpfung einzugehen, so bedienen Sie sich dazu der
j Prüfung mit dem Assoziationsexperiment, wie sie Jung'
? und seine Schüler ausgebildet haben. Dies Verfahren leistet dem
\ Psychoanalytiker so viel wie die qualitative Analyse dem Chemiker;
I es ist in der Therapie der neurotisch Kranken entbehrlich, unent-
behrlich aber zur objektiven Demonstration der Komplexe und bei
der Untersuchung der Psychosen, die von der Züricher Schule so
erfolgreich in AngrifF genommen worden ist.
Die Bearbeitung der Einfälle, welche sich dem Patienten ergeben,
't.' wenn er sich der psychoanalytischen Hauptregel unterwirft, ist
\ nicht das einzige unserer technischen Mittel zur Erschließung des
^ Unbewußten. Dem gleichen Zwecke dienen zwei andere Verfahren,
die Deutung seiner Träume und die Verwertung seiner Fehl- und
V Zufallshandlungen.
Ich gestehe Ihnen, meine geehrten Zuhörer, daß ich lange
geschwankt habe, ob ich Ihnen anstatt dieser gedrängten Über-
il C. G. Jung, Diagnostische Assoiiationsstudien, I, Bd., 1306.
378 über Psychoanalyse
sieht über das ganze Gebiet der Psychoanalyse nicht Heber eine
ausführliche Darstellung der Traumdeutung bieten soll.* Ein
rein subjektives und anscheinend sekundäres M otiv hat mich
davon zurückgehalten. Es erschien mir fast anstößig, in diesem
praktischen Zielen zugewendeten Lande als „Traumdeuter" auf-
zutreten, ehe Sie noch wissen konnten, auf welche Bedeutung
diese veraUete und verspottete Kunst Anspruch erheben kann.
Die Traumdeutung ist in Wirklichkeit die Via Regia zur Kenntnis
des Unbewußten, die sicherste Grundlage der Psychoanalyse und
jenes Gebiet, auf welchem jeder Arbeiter seine Überzeugung zu
gewinnen und seine Ausbildung anzustreben hat. Wenn ich gefragt
werde, wie man Psychoanalytiker werden kann, so antworte ich^
durch das Studium seiner eigenen Träume. Mit richtigem Takt
sind alle Gegner der Psychoanalyse bisher einer Würdigung der
„Traumdeutung" ausgewichen oder haben mit den seichtesten
Einwendungen über sie hinwegzukommen getrachtet. Wenn Sie
im Gegenteile die Lösungen der Probleme des Traumlebens
anzunehmen vermögen, werden Ihnen die Neuheiten, welche die
Psychoanalyse Ihrem Denken zumutet, keine Schwierigkeiten
mehr bieten.
Vergessen Sie nicht, daß unsere nächtlichen Traumproduktionen
einerseits die größte äußere Ähnlichkeit und innere Verwandt-
schaft mit den Schöpfungen der Geisteskrankheit zeigen, anderer-
seits aber mit der vollen Gesundheit des Wachlebens verträglich
sind. Es ist keine paradoxe Behauptung, daß, wer jenen „normalen*
Sinnestäuschungen, Wahnideen und Charakteränderungen Verwun-
derung anstatt Verständnis entgegenbringt., auch nicht die leiseste
Aussicht hat, die abnormen Bildungen krankhafter Seelenzustände
anders als im laienhaften Sinne zu begreifen. Zu diesen Laien dürfen
Sie heute getrost fast alle Psychiater zählen. Folgen Sie mir nun
auf einen flüchtigen Streifzug durch das Gebiet der Traumprobleme.
1) Die Traumdeutung, igoo (7. Aufl. 1922; enthalten in Bd. II u. III dieser
G e s am tauB gaL e) .
Dritte Vorlesung 57g
Wir pflegen, wenn wir erwacht sind, die Träume so verächtlich
zu behandeln, wie der Patient die Einfälle, die der Psychoanalytiker
von ihm fordert. Wir weisen sie aber auch von uns ab, indem
wir sie in der Regel rasch und vollständig vergessen. Unsere
Geringschätzung gründet sich auf den fremdartigen Charakter
selbst jener Träume, die nicht verworren und unsinnig sind, und
auf die evidente Absurdität und Sinnlosigkeit anderer Träumej
unsere Abweisung beruft sich auf die ungehemmt schamlosen
und unmoralischen Strebungen, die in manchen Träumen offen
zutage treten. Das Altertum hat diese Geringschätzung der Träume
bekanntlich nicht geteih. Die niederen Schichten unseres Volkes
lassen sich in der AVertschätzung der Träume auch heute nicht
irre machen; sie erwarten von ihnen wie die Alten die Enthüllung
der Zukunft.
Ich bekenne, daß ich kein Bedürfnis nach mystischen Annahmen
zur Ausfüllung der Lücken unserer gegenwärtigen Erkenntnis
habe, und darum habe ich auch nie etwas finden können, was
eine prophetische Natur der Träume bestätigte. Es läßt sich
viel andersartiges, was auch wunderbar genug ist, über die Träume
sagen.
Zunächst, nicht alle Träume sind dem Träumer wesensfremd,
unverständlich und verworren. Wenn Sie die Träume jüngster
Kinder, von eineinhalb Jahren an, Ihrer Betrachtung unterziehen
wollen, so finden sie dieselben ganz simpel und leicht aufzuklären.
Das kleine Kind träumt immer die Erfüllung von Wünschen,
die der Tag vorher in ihm erweckt und nicht befriedigt hat. Sie
bedürfen keiner Deutungskunst, um diese einfache Lösung zu
finden, sondern nur der Erkundigung nach den Erlebnissen des
Kindes am Vortag (Traurotag). Es wäre nun gewiß die befriedigendste
Lösung des Traumrätsels, wenn auch die Träume der Erwachsenen
nichts anderes wären als die der Kinder, Erfüllungen von Wunsch-
regungen, die ihnen der Traumtag gebracht hat. So ist es auch
in Wirklichkeit; die Schwierigkeiten, welche dieser Lösung im
3^** über Psychoanalyse
Wege stehen, lassen sich durch eine eingehendere Analyse der
Träume schrittweise beseitigen.
Da ist vor allem die erste und gewichtigste Einwendung, daß
die Träume Krwaclisener gewühnlicii einen unverständlichen
Inhalt haben, der am wenigsten etwas von Wunscherfüllung
erkennen läßt. Die Antwort lautet hier; Diese Träume haben
eine Entstellung erfahren ; der psychische Vorgang, der ihnen
zugrunde liegt, hätte ursprünglich ganz anderen Ausdruck in
Worten finden soUeu. Sie müssen den manifesten Traum-
in halt, wie Sie ihn am Morgen verschwommen erinnern und
mühselig, anscheinend willkürlich, in Worte kleiden, unterscheiden
von den latenten T ra u mged a n k en, die Sie im Unbewußten
als vorhanden anzunehmen haben. Diese Traumentstellung ist
derselbe Vorgang, den Sie bei der Untersuchung der Bildung
hysterischer Symptome kennen gelernt haben; sie weist auch
darauf hin, daß das gleiche Gegenspiel der seelischen Kräfte bei
der Traumhildung wie bei der Symptombilduiig beteiligt ist. Der
manifeste Trauminhalt ist der entstellte Ersatz für die unbewußten
Traumgedanken, und diese Entstellung ist das Werk von
abwehrenden Kräften des Ichs, Widerständen, welche den ver-
drängten Wünschen des Unbewußten den Zugang zum Bewußt-
sein im Wachleben überhaupt verwehren, in der Herabsetzung
des Schlafzustandes aber wenigstens noch so stark sind, daß sie
ihnen eine verhüllende Vermummung aufnötigen. Der Träumer
erkennt dann den Sinn seiner Träume ebensowenig, wie der
Hysterische die Bezielumg mu! Bedeutung seiner Symptome.
Daß es latente 'J'raumgedanken gibt, und daß zwischen ihnen
und dem manifesten Trauminhalt wirklich die eben beschriebene
Relation besteht, davon überzeugen Sie sich bei der Analyse der
Träume, deren Technik mit der psychoanalytischen zu.sammenfällt.
Sie sehen von dem scheinbaren Zusamraenliang der Elemente im
manifesten Traum ganz ab und suchen sich die Einfälle zusammen,
die sich bei freier Assoziation nach der psychoanalytischen Arbeits-
Dritte Vorlesung ^81
regel zu jedem einzelnen Traumelement ergeben. Aus diesem
Material erraten Sie die latenten Traumgedanken ganz so, wie
Sie aus den Einfällen der Kranken zu seinen Symptomen und
Erinnerungen seine versteckten Komplexe erraten haben. An den
so gefundenen latenten Traumgedanken ersehen Sie ohne weiteres,
wie ToUberechligt die Rückführung der Träume Erwachsener auf
die Kinderträume ist. Was sich jetzt als der eigentliche Sinn des
Traumes dem manifesten Trauminhalt substituiert, das ist immer
Idar verständlich, knüpft an die Lebenseindrücke des Vortages an,
erweist sich als eine Erfüllung unbefriedigter Wünsche. Den
manifesten Traum, den Sie aus der Erinnerung beim Erwachen
kennen, können Sie dann nur beschreiben als eine verkappte
Erfüllung verdrängter Wünsche.
Sie können durch eine Art von synthetischer Arbeit jetzt auch
Einsicht nehmen in den Prozeß, der die Entstellung der unbe-
wußten Traumgedanken zum manifesten Trauminhalt herbei-
geführt hat. Wir heißen diesen Prozeß die „Traumarbeit". Derselbe
verdient unser vollstes theoretisches Interesse, weil wir an ihm
wie sonst nirgends studieren können, welche ungeahnten psychischen
Vorgänge im Unbewußten, oder genau ausgedrückt, zwischen
zwei gesonderten psychischen Systemen wie dem Bewußten und
dem Unbewußten, möglich sind. Unter diesen neu erkannten
psychischen Vorgängen heben sich die der Verdichtung und
der Verschiebung auffällig heraus. Die Trauraarbeit ist ein
Spezialfall der Einwirkungen verschiedener seelischer Gruppierungen
aufeinander, also der Erfolge der seelischen Spaltung, und sie scheint
in allem Wesentlichen identisch mit jener Eutstellungsarbeit, welche
die verdrängten Komplexe bei mißglückender Verdrängung in
Symptome verwandelt.
Sie werden ferner bei der Analyse der Träume, am über-
zeugendsten Ihrer eigenen, mit Verwunderung die ungeahnt große
Rolle entdecken, welche Eindrücke und Erlebnisse früher Jahre
der Kindheit auf die Entwicklung des Menschen nehmen. Im
582 über Psychoanalyse
Traumleben setzt das Kind im Menschen gleichsam seine Existenz
mit ErhaUung all seiner Eigentümlichkeiten und Wunschregungen,
auch der im späteren Leben unbrauchbar gewordenen, fort. Mit
unab weislicher Macht drängt sich Ihnen auf, durch welche
Entwicklungen, Verdrängungen, Sublimierungen und Reaktions-
bildungen aus dem ganz anders beanlagten Kinde der sogenannt
normale Mensch, der Träger und zum Teil das Opfer der naühsam
errungenen Kultur, hervorgeht.
Auch darauf will ich Sie aufmerksam machen, daß wir bei
der Analyse der Träume gefunden haben, das Unbewußte bediene
sich, insbesondere für die Darstellung sexueller Komplexe, einer
gewissen Symbolik, die zum Teil individuell variabel, zum anderen
Teil aber typisch festgelegt ist, und die sich mit der Symbolik
zu decken scheint, die wir hinter unseren Mythen und Märchen
vermuten. Es wäre nicht unmöglich, daß die letzteren Schöp-
fungen der Völker ihre Aufklärung vom Traume her empfangen
könnten.
Endlich muß ich Sie mahnen, daß Sie sich nicht durch den
Einwand irre machen lassen, das Vorkommen von Angstträumen
widerspreche unserer Auffassung des Traumes als Wunscherfüllung.
Abgesehen davon, daß auch diese Angstträume der Deutung
bedürfen, ehe man über sie urteilen kann, muß man ganz allgemein
sagen, daß die Angst nicht so einfach am Trauminhalt hängt,
wie man's sich ohne weitere Kenntnis mit Rücksicht auf die
Bedingungen der neurotischen Angst vorstellt. Die Angst ist eine
der Ablehnungsreaktionen des Ichs gegen stark gewordene verdrängte
Wünsche, und daher auch im Traume sehr gut erklärlich, wenn
die Traumbildung sich zu sehr in den Dienst der Erfüllung dieser
verdrängten Wünsche gestellt hat.
Sie sehen, die Traum erforsch ung wäre an sich durch die Auf-
schlüsse gerechtfertigt, die sie über sonst schwer wißbare Dinge
liefert. Wir sind aber im Zusammenhange mit der psycho-
analytischen Behandlung der Neurotiker zu ihr gelangt. Nach
Dritte Vorlesung ggs
dem bisher Gesagten können Sie leicht verstehen, wie die
Traumdeutung, wenn sie nicht durch die Widerstände des Kranken
allzusehr erschwert wird, zur Kenntnis der versteckten und
verdrängten Wünsche des Kranken und der von ihnen genährten
Komplexe führt, und ich kann zur dritten Gruppe von seelischen
Phänomenen übergehen, deren Studium zum technischen Mittel
für die Psychoanalyse geworden ist.
Es sind dies die kleinen Fehlleistungen normaler wie nervöser
Menschen, denen man sonst keine Bedeutung beizulegen pflegt,
das Vergessen von Dingen, die sie wissen könnten und andere
Male auch wirklich wissen (z. B. das zeitweilige Entfallen von
Eigennamen), das Versprechen in der Rede, das sich uns selbst
so häufig ereignet, das analoge Verschreiben und Verlesen, das
Vergreifen bei Verrichtungen und das Verlieren oder Zerbrechen
von Gegenständen u. dgl., lauter Dinge, für die man eine
psychische Determinierung sonst nicht sucht, und die man als
zufällige Ergebnisse, als Erfolge der Zerstreutheit, Unaufmerk-
samkeil und ähnlicher Bedingungen unbeanstandet passieren läßt.
Dazu kommen noch die Handlungen und Gesten, welche die
Menschen ausführen, ohne sie überhaupt zu bemerken, geschweige
denn, daß sie ihnen seelisches Gewicht beilegten, wie das Spielen,
Tändeln mit Gegenständen, das Summen von Melodien, das
Hantieren am eigenen Körper und an dessen Bekleidung und
ähnliches." Diese kleinen Dinge, die Fehlleistungen wie die
Symptom- und Zu f al 1 s h a n dlun ge n sind nicht so bedeu-
tungslos, wie man durch eine Art von stillschweigendem Über-
einkommen anzunehmen bereit ist. Sie sind durchaus sinnvoll,
aus der Situation, in der sie vorfallen, meist leicht und sicher
zu deuten, und es stellt sich heraus, daß sie wiederum Impulsen
und Absichten Ausdruck geben, die zurückgestellt, dem eigenen
Bewußtsein verborgen werden sollen, oder daß sie geradezu den
i) Zur Psychopathologie des Alltags leb ens, 1905; 10. Aufl. 1934.
584 über Psychoanalyse
nämlichen verdrängten Wunschregungen und Komplexen ent-
stammen, die wir bereits als die Schöpfer der Symptome und
die Bildner der Träume kennen gelernt haben. Sie verdienen also
die Würdigung von Symptomen, und ihre Beachtung kann wie
die der Träume zur Aufdeckung des Verborgenen im Seelenleben
fuhren. Mit ihrer Hilfe verrät der Mensch in der Regel die
intimsten seiner Geheimnisse. Wenn sie besonders leicht und '
häufig Zustandekommen, selbst beim Gesunden, dem die Verdrängung
seiner unbewußten Regungen im ganzen gut gelungen ist, so
haben sie es ihrer Geringfügigkeit und Unscheinbarkeit zu danken.
Aber sie dürfen hohen theoretischen Wert beanspruchen, da sie
uns die Existenz der Verdrängung und Ersatzbildung auch unter
den Bedingungen der Gesundlieit erweisen.
Sie merken es bereits, daß sich der Psychoanalytiker durch
einen besonders strengen Glauben an die Determinierung des
Seelenlebens auszeichnet. Für ihn gibt es in den psychischen
Äußerungen nichts Kleines, nichts Willkürliches und Zufälliges^
er erwartet überall dort eine ausreichende Molivierung, wo man
gewöhnlich eine solche Forderung nicht erhebt; ja er ist auf
eine mehrfache Motivierung desselben seelischen Effekts
vorbereitet, während unser angeblich eingeborenes Kausalbedürfnis
sich mit einer einzigen psychischen Ursache für befriedigt
erklärt.
Halten Sie nun zusammen, was wir an Mitteln zur Aufdeckung
des Verborgenen, Vergessenen, Verdrängten im Seelenleben be-
sitzen, das Studium der hervorgerufenen Einfälle der Patienten
bei freier Assoziation, ihre Träume und ihrer Fehl- und Symptom-
handlungen; fügen Sie noch hinzu die Verwertung anderer
Phänomene, die sich während der psychoanalytischen Behandlung
ergeben, über die ich später unter dem Schlagwort der „Über-
tragung" einige Bemerkungen machen werde, so werden Sie mit
mir zu dem Schlüsse kommen, daß unsere Technik bereits
wirksam genug ist, um Ihre Aufgabe lösen zu können, um das
Dritte Vorlesung 185
pathogene psychische Material dem Bewußtsein zuzuführen und
so die durch die Bildung von Ersatzsymptomen hervorgerufenen
Leiden zu beseitigen. Daß wir während der therapeutischen
Bemühungen unsere Kenntnis vom Seelenleben der normalen
und der kranken Menschen bereichern und vertiefen, kann gewiß
nur als ein besonderer Reiz und Vorzug dieser Arbeit eingeschätzt
werden.
Ich weiß nicht, ob Sie den Eindruck gewonnen haben, daß
die Technik, durch deren Arsenal ich Sie eben geführt habe,
eine besonders schwierige ist. Ich meine, sie ist dem Gegenstande,
den sie bewältigen soll, durchaus angemessen. Aber so viel ist
sicher, daß sie nicht selbstverständlich ist, daß sie erlernt werden
muß wie die histologische oder die chirurgische. Es wird Sie
vielleicht verwundern zu erfahren, daß wir in Europa eine Menge
von Urteilen über die Psychoanalyse von Personen gehört haben,
die von dieser Technik nichts wissen und sie nicht anwenden,
und dann von uns wie im Hohne verlangen, wir sollten ihnen
die Richtigkeit unserer Resultate beweisen. Es sind unter diesen
Widersachern gewiß auch Personen, denen wissenschaftliche Denk-
weise sonst nicht fremd ist, die 2. B. ein Ergebnis mikroskopischer
Untersuchung nicht darum verwerfen würden, weil es am
anatomischen Präparat nicht mit freiem Auge zu bestätigen ist,
und nicht eher, als bis sie den Sachverhalt selbst mit Hilfe des
Mikroskops beurteilt haben. Aber in Sachen der Psychoanalyse
liegen die Verhältnisse wirklich ungünstiger für die Anerkennung.
Die Psychoanalyse will das im Seelenleben Verdrängte zur
bewußten Anerkennung bringen, und jeder, der sie beurteilt, ist
selbst ein Mensch, der solche Verdrängungen besitzt, vielleicht
sie nur mühsam aufrecht erhält. Sie muß also bei ihm denselben
Widerstand hervorrufen, den sie bei den Kranken weckt, und
dieser Widerstand hat es leicht, sich in intellektuelle Ablehnung
zu verkleiden und Argumente herbeizuziehen, ähnlich wie die,
welche wir bei unseren Kranken mit der psychoanalytischen
Freud. IV. ''S
I
J.
386 über Psychoanalyse
Grundregel abwehren. Wie bei unseren Kranken, so können wir
auch bei unseren Gegnern häufig eine sehr auffällige affektive
Beeinflussung des Urteilsvermögens im Sinne einer Herab-
setzung konstatieren. Der Dünkel des Bewußtseins, der zum
Beispiel den Traum so geringschätzig verwirft, gehört zu den
stärksten Schutzeinrichtungen, die in uns ganz allgemein gegen
das Durchdringen der unbewußten Komplexe vorgesehen sind,
und darum ist es so schwierig, die Menschen zur Überzeugung
von der Realität des Unbewußten zu bringen und sie Neues
kennen zu lehren, was ihrer bewußten Kenntnis widerspricht.
IV
Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen verlangen,
was wir mit Hilfe der beschriebenen technischen Mittel über
die pathogenen Komplexe und verdrängten Wunschregungen der
Neurotiker in Erfahrung gebracht haben.
Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung führt
mit wirkhch überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome
der Kranken auf Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück, zeigt
uns, daß die pathogenen Wunschregungen von der Natur
erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt uns anzunehmen,
daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung unter den zur
Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen w^erden muß, und
dies zwar bei beiden Geschlechtem.
Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gern geglaubt.
Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen Arbeiten bereit-
willig folgen, sind geneigt zu meinen, daß ich den ätiologischen
Anteil der sexuellen Momente überschätze, und wenden sich an
mich mit der Frage, warum denn nicht auch andere seelische
Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen der Verdrängung
und Ersatzbildung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten:
Ich weiß nicht, warum sie es nicht sollten, habe auch nichts
dagegen, aber die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung
nicht haben, daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen Momente
unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen können. Dieser Sach-
verhalt wurde von mir nicht etwa theoretisch postuliert; noch in
25'
588 über Psychoanalyse
den 1895 mit Dr. J. Breuer publizierten Studien über Hysterie
stand ich nicht auf diesem Standpunkte; ich mußte mich zu ihm
bekehren, als meine Erfahrungen zahlreicher wurden und tiefer
in den Gegenstand eindrangen. Meine Herren! Es befinden sich
hier unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde und Anhänger,
die die Reise nach Worcester mit mir gemacht haben. Fragen
Sie bei ihnen an und Sie werden liören, daß sie alle der
Behauptung von der maßgebenden Bedeutung der sexuellen
Ätiologie zuerst vollen Unglauben eni gegenbrachten, bis sie durch
ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt wurden, sie zu
der ihrigen zu machen.
Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede stehenden
Satzes wird durch das Benehmen der Patienten nicht gerade
erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte über ihr Sexualleben bereit-
willig entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mitteln zu
verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig in
sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualilät nicht frei, sondern
tragen eine dicke Oberkleidung aus — Lügengewebe zu ihrer
Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in der Weh der
Sexualhät. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind sind
in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht
günstig; eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den
anderen enthüllen. Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt haben,
daß sie sich's in Ihrer Behandlung behaglich machen dürfen,
dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann erst sind Sie m
der Lage, sich ein Urteil über unsere Streitfrage zu bilden. Leider
sind auch die Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis zu den
Fragen des Sexuallebens vor anderen Menschenkindern nicht
bevorzugt, und viele von ihnen stehen unter dem Banne jener
Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, welche das Verhalten
der meisten „Kulturmenschen" in Sachen der Sexualität beherrscht.
Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergebnisse
fortfahren. In einer anderen Reihe von Fällen führt die psycho-
Vierte Vorlesung 589
analj-tische Erforschung die Symptome allerdings nicht auf
sexuelle, sondern auf banale traumatische Erlebnisse zurück. Aber
diese Unterscheidung wird durch einen anderen Umstand
bedeutungslos. Die zur gründlichen Aufklärung und endgültigen
Herstellung eines Krankheitsfalles erforderliche Analysenarbeit
macht nämlich in keinem Falle bei den Erlebnissen der Erkrankungs-
zeit halt, sondern sie geht in allen Fällen bis in die Pubertät
und in die frühe Kindheit des Erkrankten zurück, um erst dort
auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden Eindrücke und
Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die
Erklärung für die Empfindlichkeit gegen spätere Traumen, und
nur durch die Aufdeckung und Bewußtmachung dieser fast
regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren erwerben wir die
Macht zur Beseitigung der Symptome. Wir gelangen hier zu dem
gleichen Ergebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es
die unvergänglichen, verdrängten, Wunschregungen der Kindheit
sind, die ihre Macht zur Symptombildung geliehen haben, ohne
welche die Reaktion auf spätere Traumen normal verlaufen wäre.
Diese mächtigen Wunschregungen der Kindheit dürfen wir aber
ganz allgemein als sexuelle bezeichnen.
Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher. Gibt
es denn eine infantile Sexualität? werden Sie fragen. Ist das
Kindesalter nicht vielmehr die Lebensperiode, die durch das
Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist? Nein, meine Herren,
J es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pubertätszeit in
die Kinder fährt wie im Evangelium der Teufel in die Säue.
Das Kind hat seine sexuellen Triebe und Betätigungen von Anfang
,, gji es bringt sie mit auf die Welt, und aus ihnen geht durch
j eine bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung die
» sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist
nicht einmal schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexual-
betätigung zu beobachten; es gehört vielmehr eine gewisse Kunst
dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten.
!■■
jgo über Psyclioanalyse
Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt,
einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer Mitte selbst
anzurufen. Ich zeiffe Ihnen hier die Arbeit eines Dr. Sanford
Bell, die 1902 im „American Journal of Psychology" abgedruckt
worden ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark University,
desselben Instituts, in dessen Räumen wir jetzt stehen. In dieser
Arbeit, betitelt: ^ preliminary study of the emotion of love
between the sexes, die diei Jahre vor meinen „Drei Abhandlungen
zur Sexualtheorie" erschienen ist, sagt der Autor ganz so, wie
ich Ihnen eben sagte: The emotion of sex-love . . . does not make
its appearance for the first time at the period of adolescencey as
has been thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden, im
amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger als 2500 positive
Beobachtungen im Laufe von 1 5 Jahren gesammelt, darunter
800 eigene. Von den Zeichen, durch die sich diese Verliebtheiten
kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind in observing these
manifestations in hundreds of couples of children cannot escape
ref erring them to sex origin. The most exacting mind is satisfied
when to these observations are added the confessions of those who
have as children, experienced the emotion to a marked degree of
intensityy and whose memories of childhood are relatively distinct.
Am meisten aber werden diejenigen von Ihnen, die an die
infantile Sexualität nicht glauben wollten, überrascht sein zu
hören, daß unter diesen früh verliebten Kindern nicht wenige
sich im zarten Alter von drei, vier und fünf Jahren befinden.
Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beobachtungen
eines engsten Landsmannes eher Glauben schenken würden als
den meinigen. Mir selbst ist es vor kurzem geglückt, aus der
Analyse eines fünfjährigen, an Angst leidenden Knaben, die dessen
eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen,' ein ziemlich
ij Analyse der Pliobie eines füiirjülirigen Knaben (Jahrbuch für psychoanalytische
und psychopathologische Forschungen. Bd. 1, i. Hälfte, 1909. EnUialten in Bd. VIII
dieser Gesamtausgabe).
Vierte Vorlesung ggi
vollständiges Bild der somatischen Triebäußerungen und der
seelischen Produktionen auf einer frühen Stufe des kindlichen
Liebeslebens zu ge\vinnen. Und ich darf Sie daran erinnern, daß
mein Freund Dr. C. G. Jung Ihnen in diesem Saale vor wenigen
Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren Mädchens vorlas,
welches aus dem gleichen Anlaß wie mein Patient — bei der
Geburt eines Geschwisterchens — fast die nämlichen sinnlichen
Regungen, Wunsch- und Komplexbildungen, mit Sicherheit
erraten ließ. Ich verzweifle also nicht daran, daß Sie sich mit
der anfänglich befremdhchen Idee der infantilen Sexualität
befreunden werden, und möchte Ihnen noch das rühmhche
Beispiel des Züricher Psychiaters E. Bleuler vorhalten, der noch
vor wenigen Jahren öffentlich äußerte, „er stehe meinen
sexuellen Theorien ohne Verständnis gegenüber", und seither die
infantile Sexualität in ihrem vollen Umfang durch eigene Beob-
achtungen bestätigt hat.'
Wenn die meisten Menschen, ärzthche Beobachter oder andere,
vom Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen, so ist dies nur
zu leicht erklärlich. Sie haben ihre eigene infantile Sexual-
betätigung unter dem Drucke der Erziehung zur Kultur vergessen
und wollen nun an das Verdrängte nicht erinnert werden. Sie
würden zu anderen Überzeugungen gelangen, wenn sie die
Untersuchung mit einer Selbstanalyse, einer Revision und Deutung
ihrer Kindheitserinnerungen beginnen würden.
Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir an eine
Würdigung der infantilen Sexualität von den frühesten Jahren
an/ Der Sexualtrieb des Kindes erweist sich als Koch zusammen-
gesetzt, er läßt eine Zerlegung in viele Komponenten zu, die aus
verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor allem noch unabhängig
von der Funktion der Fortpflanzung, in deren Dienst er sich
i) Bleuler, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jalirbueh der Schweiierischen
Gesellschaft für Schulgesundheitspnege, IX, 1908.
2) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Wien 1905; 5. Auflage 1922. Enthalten
in Band V dieser Gesamtausgabe).
392 Über Psychoanalyse
später stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener Arten
von Lustempfindung, die wir nach Analogien und Zusammen-
hängen als Sexuallust zusammenfassen. Die Hauptquelle der infan-
tilen Sexuallust ist die geeignete Erregung bestimmter, besonders L ,
reizbarer Körperstellen, außer den Genitalien der Mund-, After-
und Harnröhren Öffnung, aber auch der Haut und anderer Sinnes- ^
Oberflächen. Da in dieser ersten Phase des kindlichen Sexual-
lebens die Befriedigung am eigenen Körper gefunden und von
einem fremden Objekt abgesehen wird, heißen wir die Phase
nach einem von Havelock Ellis geprägten Wort die des Auto-
erotismus. Jene für die Gewinnung von sexueller Lust bedeut-
samen Stellen nennen wir erogene Zonen. Das Ludein oder
Wonnesaugen der kleinsten Kinder ist ein gutes Beispiel einer
solchen autoerotischen Befriedigung von einer erogenen Zone aus;
der erste wissenschaftliche Beobachter dieses Phänomens, ein * !
Kinderarzt namens Lindner in Budapest, hat es bereits richtig
als Sexualbefriedigung gedeutet und dessen Übergang in andere
und höhere Formen der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.'
Eine andere Sexual be friedigung dieser Lebenszeit ist die mastur- j
batorische Erregung der Genitalien, die eine so große Bedeutung |
für das spätere Leben behält und von vielen Individuen über-
haupt nie völlig überwunden wird. Neben diesen und anderen
autoerotischen Betätigungen äußern sich sehr frühzeitig beim
Kinde jene Triebkomponenten der Sexuallust oder, wie wir gern
sagen, der Libido, die eine fremde Person als Obiekt zur Vor-
aussetzung nehmen. Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf,
als aktive und passive^ ich nenne Ihnen als die wichtigsten Ver-
treter dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus),
mit ihrem passiven Gegenspiel (Masochismus), und die aktive
und passive Schaulust, von welch ersterer später die Wißbegierde
abzweigt, wie von letzterer der Drang zur künstlerischen und
schauspielerischen Schaustellung. Andere Sexualbetätigungen des
i) Jahrbuch für Kinderheilkunde, 187g.
Vierte Vorlesung gg5
Kindes fallen bereits unter den Gesichtspunkt der Objektwahl,
bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache wird, die ihre
Bedeutung ursprünglich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes
verdankt. Der Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen
Periode noch keine ausschlaggebende Rolle; Sie können so jedem
Kinde, ohne ihm unrecht zu tun, ein Stück horoosexueller
Begabung zusprechen.
Dieses zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexualleben des
Kindes, in welchem der einzelne Trieb unabhängig von jedem an-
deren dem Lusterwerbe nachgeht, erfährt nun eine Zusammenfassung
und Organisation nach zwei Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß
der Pubertätszeit der definitive Sexualcharakter des Individuums
meist fertig ausgebildet ist. Einerseits unterordnen sich die
einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone, wodurch
das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflanzung tritt und
die Befriedigung ersterer nur noch als Vorbereitung und Begün-
stigung des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung bleibt. Ander-
seits drängt die Objektwahl den Autoerotismus zurück, so daß
nun im Liebesleben alle Komponenten des Sexualtriebes an der
geliebten Person befriedigt werden wollen. Aber nicht alle
ursprünglichen Triebkomponenten werden zu einem Anteil an
dieser endgültigen Feststellung des Sexuallebens zugelassen. Noch
vor der Pubertätszeit sind unter dem Einfluß der Erziehung
äußerst energische Verdrängungen gewisser Triebe durchgesetzt
und seelische Mächte, wie Scham, Ekel, Moral, hergestellt worden,
welche diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten. Kommt
dann im PubertätsaUer die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit,
so findet sie an den genannten seelischen Reaktions- oder Wider-
standsbildungen Dämme, welche ihr den Ablauf in die sogenannten
normalen Wege vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die
der Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es smd
besonders die koprophilen, das heißt die mit den Exkrementen
zusammenhängenden Lustregungen der Kindheit, welche von der
594 Über Psychoanalyse
Verdrängung am gründlichsten betroffen werden, und ferner die
Fixierung an die Personen der primitiven Objektwahl.
Meine Herren ! Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus,
daß jeder Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen
Disposition mit sich bringt, insofern er gehemmt, verzögert werden
oder unvollkommen ablaufen kann. Dasselbe gilt für die so
komplizierte Entwicklung der Sexualfunktion. Sie wird nicht bei
allen Individuen glatt durchgemaclit und hinterläßt dann entweder
Abnormitäten oder Dispositionen zu späterer Erkrankung auf dem
Wege der Rückbildung (Regression). Es kann geschehen, dai3
nicht alle Partialtriebe sich der Herrschaft der Genitalzone unter-
werfen} ein solcher unabhängig gebliebener Trieb stellt dann das
her, was wir eine Perversion nennen, und was das normale
Sexualziel durch sein eigenes ersetzen kann. Es kommt, wie
bereits erwähnt, sehr häufig vor, daß der Autoerotismus nicht
völlig überwunden wird, wovon die mannigfaltigsten Störungen
in der Folge Zeugnis ablegen. Die ursprüngliche Gleichwertigkeit
beider Geschlechter als Sexualobjekte kann sich erhalten, und
daraus wird sich eine Neigung zur homosexuellen Betätigung Im
reifen Leben ergeben, die sich unter Umständen zur ausschließ-
lichen Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von Störungen
entspricht den direkten Entwicklungshemmungen der Sexual-
funktion 5 sie umfaßt die Perversionen und den gar nicht
seltenen allgemeinen Infantilismus des Sexuallebens.
Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise von
einer Schädigung der Sexualentwicklung abzuleiten. Die Neurosen
verhalten sich zu den Perversionen wie das Negativ zum Positiv;
in ihnen sind dieselben Triebkomponenten als Träger der Komplexe
und Symptombildner nachweisbar wie bei den Perversionen, aber
sie wirken hier vom Unbewußten her^ sie haben also eine Ver-
drängung erfahren, konnten sich aber derselben zum Trotze im
Unbewußten behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen,
daß überstarke Äußerung dieser Triebe in sehr frühen Zeiten zu
Vierte Vorlesung agg
einer Art von partieller Fixierung führt, die nun einen
, schwachen Punkt im Gefüge der Sexualfunktion darstellt. Stößt
die Ausübung der normalen Sexual funktion im reifen Leben auf
Hindernisse, so wird die Verdrängung der Entwicklungszeit gerade
an jenen Stellen durchbrochenj wo die infantilen Fixierungen
stattgefunden haben.
Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber das ist
ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort in einem viel
weiteren Sinne, als Sie gewohnt sind, es zu verstehen. Das gebe
ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob nicht vielmehr Sie das
Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf das
Gebiet der Fortpflanzung einschränken. Sie opfern dabei das Ver-
ständnis der Perversionen, den Zusammenhang zwischen Perversion,
Neurose und normalem Sexualleben, und setzen sich außerstande,
die leicht zu beobachtenden Anfänge des somatischen und seelischen
Liebeslebens der Kinder nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen.
Wie immer Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden wollen,
halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität in
jenem vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung
der infantilen Sexualität geleitet wird.
Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des Kmdes 1
zurück. Wir haben hier manches nachzuholen, weil wir unsere
Aufmerksamkeit mehr den somatischen als den seelischen Äuße-
rungen des Sexuallebens geschenkt haben. Die primitive Objekt-
wahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürftigkeit ableitet,
fordert unser weiteres Interesse heraus. Sie wendet sich zunächst
allen Pflegepersonen zu, die aber bald hinter den Eltern zurück-
treten. Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern ist, wie direkte
Beobachtung des Kindes und spätere analytische Erforschung des
Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs frei von
Elementen sexueller Miterregung. Das Kind nimmt beide Ellern-
teile und einen Teil besonders zum Objekt seiner erotischen
Wünsche. Gewöhnlich folgt es dabei selbst einer Anregung der
I
596
Über Psychoanalyse
Eltern, deren Zärtlichkeit die deutlichsten Charaktere einer, wenn
auch in ihren Zielen gehemmten, Sexualbetätigiing hat. Der
Vater bevorzugt in der Regel die Tochter, die Mutter den Sohn ;
das Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an die Stelle
des Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht. Die
Gefühle, die in diesen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern
und in den daran angelehnten zwischen den Geschwistern unter-
einander geweckt werden, sind nicht nur positiver, zärtlicher,
sondern auch negativer, feindseliger Art. Der so gebildete Komplex
ist zur baldigen Verdrängung bestimmt, aber er übt noch vom
Unbewußten her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus.
\ Wir dürfen die Vermutung aussprechen, daß er mit seinen Aus
läufem den Kernkomplex einer jeden Neurose darstellt, und
wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des Seelenlebens
nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus vom König
Ödipus, der seinen Vater tütet und seine Mutter zum Weib
1 gewinnt, ist eine noch wenig abgeänderte Offenbarung des infan-
jtilen Wunsches, dem sich späterhin die Inzest schranke abweisend
ientgegenstellt. Die Hamlet- Dichtung Shakespeares ruht
auf demselben Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes.
Um die Zeit, da das Kind von dein noch unverdrängten Kern-
komplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungsvolles Stück seiner
intellektuellen Betätigung im Dienste der Sexualinteressen ein. Es
beginnt zu forschen, woher die Kinder kommen, und errät in
Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr von den wirk-
lichen Verhältnissen, als die Erwachsenen ahnen können. Gewöhnlich
hat die materielle Bedrohung durch ein neu angekommenes Kind,
in dem es zunächst nur den Konkurrenten erblickt, sein Forscher-
interesse geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm selbst tätigen
Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl von „infantilen
Sexualtheorien", ivie daß es beiden Geschlechtern das
gleiche männliche Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch
Essen empfangen und durch das Ende des Darmes geboren werden
Vierte Vorlesung 397
läßt und daß es den Verkehr der Geschlechter als einen feind-
seligen Akt, eine Art von Überwältigung erfaßt. Aber gerade die
Unfertiekeit seiner sexuellen Konstitution und die Lücke in seinen
Kenntnissen, die durch die Latenz des weiblichen Geschlechts-
tanals gegeben ist, nötigt den infantilen Forscher, seine Arbeit
als erfolglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung
selbst, sowie die einzelnen durch sie zutage geförderten infantilen
Sexualtheorien bleiben von bestimmender Bedeutung für die
Charakterbildung des Kindes und den Inhalt seiner späteren
neurotischen Erkrankung.
Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das Kind die
Eltern zu Objekten seiner ersten Liebeswahl mache. Aber seine
Libido soll nicht an diese ersten Objekte fixiert bleiben, sondern
sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von ihnen zur Zeit
der definitiven Objektwahl auf fremde Personen hinübergleiten.
Die Ablösung des Kindes von den Eltern wird so zu einer
unentrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale Tüchtigkeit des jungen
Individuums nicht gefährdet werden soll. Während der Zeit, da
die Verdrängung die Auslese unter den Partialtrieben der
Sexualität trifft, und später, wenn der Einfluß der Eltern gelockert
werden soll, der den Aufwand für diese Verdrängungen im
wesentlichen bestritten hat, fallen der Erziehungsarbeit große
Aufgaben zu, die gegenwärtig gewiß nicht immer in verständnis-
voller und einwandfreier Weise erledigt werden.
Meine Damen und Herren! Urteilen Sie nicht etwa, daß wir
uns mit diesen Erörterungen über das Sexualleben und die psycho-
sexuelle Entwicklung des Kindes allzuweit von der Psychoanalyse
und von der Aufgabe der Beseitigung nervöser Störungen entfernt
haben. Wenn Sie wollen, können Sie die psychoanalytische
Behandlung nur als eine fortgesetzte Erziehung zur Überwindung
von Kindheitsresten beschreiben.
Meine Damen und Herren! Mit der Aufdeckunp; der infantilen
Sexualität und der Zurückführung der neurotischen Symptome
auf erotische Triebkomponenten sind wir zu einigen unerwarteten
Formeln über das Wesen und die Tendenzen der neurotischen
Erkjankungen gelangt. Wir sehen, daß die Menschen erkranken,
wenn ihnen infolge äußerer Hindernisse oder inneren Mangels
an Anpassung die Befriedigung ihrer erotischen Bedürfnisse in
der Realität versagt ist. Wir sehen, daß sie sich dann in die
Krankheit flüchten, um mit ihrer Hilfe eine Ersatzbefrie-
digung für das Versagte zu finden. Wir erkennen, daß die krank-
haften Symptome ein Stück der Sexualbetätigung der Person oder
deren ganzes Sexualleben enthalten, und finden in der Fem-
haltung von der Realität die Haupttendenz, aber auch den Haupt-
schaden des Krankseins. Wir ahnen, daß der Widerstand unserer
Kranken gegen die Herstellung kein einfacher, sondern aus mehreren
Motiven zusammengesetzt ist. Es sträubt sich nicht nur das Ich
des Kranken dagegen, die Verdrängungen aufzugeben, tlurch welche
es sich aus den ursprünglichen Anlagen herausgehoben hat, sondern
auch die Sexualtriebe mögen nicht auf ihre Ersatzbefriedigung
verzichten, solange es unsicher ist, ob ihnen die Realität etwas
Besseres bieten wird.
Die Flucht aus der unbefriedigenden Wirklichkeit in das, was
wir wegen seiner biologischen Schädlichkeit Krankheit nennen,
was aber niemals ohne einen unmittelbaren Lustgewinn für den
Fünfte Vorlesung 5gg
'I'
Kranken ist, vollzieht sich auf dem Wege der Rückbildung
(Regression), der Rückkehr zu früheren Phasen des Sexual-
lebens, denen seinerzeit die Befriedigung nicht abgegangen ist.
Diese Regression ist anscheinend eine zweifache, eine zeitliche,
insofern die Libido, das erotische Bedürfnis, auf zeitlich frühere
Entwicklungsstufen zurückgreift, und eine formale, indem zur
Äußerung dieses Bedürfnisses die ursprünglichen und primitiven
psychischen Ausdrucksmittel verwendet werden. Beide Arten der
Regression zielen aber auf die Kindheit und treffen zusammen in
der Herstellung eines infantilen Zustandes des Sexuallebens.
Je tiefer Sie in die Pathogenese der nervösen Erkrankung ein-
dringen, desto mehr wird sich Ihnen der Zusammenhang der
Neurosen mit anderen Produktionen des menschlichen Seelen-
lebens, auch mit den wertvollsten derselben, enthüllen. Sie werden
daran gemahnt, daß wir Menschen mit den hohen Ansprüchen
unserer Kultur und unter dem Drucke unserer inneren Ver-
drängungen die Wirklichkeit ganz allgemein unbefriedigend finden
und darum ein Phantasieleben unterhalten, in welchem wir durch
Produktionen von Wunscherfüllungen die Mängel der Realität
auszugleichen lieben. In diesen Phantasien ist sehr vieles von dem
eigentlichen konstitutionellen Wesen der Persönlichkeit und auch
von ihren für die Wirklichkeit verdrängten Regungen enthalten.
Der energische und erfolgreiche Mensch ist der, dem es gelingt,
durch Arbeit seine Wunschphantasien in Realität umzusetzen. Wo
dies nicht gelingt infolge der Widerslände der Außenwelt und
der Schwäche des Individuums, da tritt die Abwendung von der
Realität ein, das Individuum zieht sich in seine befriedigendere
Phantasiewelt zurück, deren Inhalt es im Falle der Erkrankung
in Symptome umsetzt. Unter gewissen günstigen Bedingungen
bleibt es ihm noch möglich, von diesen Phantasien aus einen
anderen Weg in die Realität zu finden, anstatt sich ihr durch
Regression ins Infantile dauernd zu entfremden. Wenn die mit
der Realität verfeindete Person im Besitze der uns psychologisch
400 Über Psychoanalyse
i noch rätselhaften künstlerischen Begabung ist, kann sie
I ihre Phantasien anstatt In Symptome in künstlerische Schöpfungen
umsetzen, so dem Schicksal der Neurose entgehen und die
: Beziehung zur Realität auf diesem Umwege wiedergewinnen/ Wo
bei bestehender Auflehnung gegen die reale Welt diese kostbare
Begabung fehlt oder unzulänglich ist, da wird es wohl unver-
meidlich, daß die Libido, der Herkunft der Phantasien folgend,
auf dem Wege der Regression zur Wiederbelebung der infantilen
Wünsche und somit zur Neurose gelangt. Die Neurose vertritt
in unserer Zeit das Kloster, in welches sich alle die Personen
zurückziehen pflegten, die das Leben enttäuscht liatte, oder die
sich für das Leben zu schwach fühlten.
Lassen Sie mich an dieser Stelle das Hauptergebnis einfügen,
zu welchem wir durch die psychoanalytische Untersuchung der
Nervösen gelangt sind, daß die Neurosen keinen ihnen eigen-
tümlichen psychischen Inhalt haben, der nicht auch beim Gesunden
zu finden wäre, oder wie C. G. Jung es ausgedrückt hat, daß
sie an denselben Komplexen erkranken, mit denen auch wir
Gesunde kämpfen. Es hängt von quantitativen Verhältnissen, von
den Relationen der miteinander ringenden Kräfte ab, ob der
Kampf zur Gesundheit, zur Neurose oder zur kompensierenden
Überleistung führt.
Meine Damen und Herren ! Ich habe Ilinen die wichtigste
Erfahrung noch vorenthalten, welche unsere Annahme von den
sexuellen Triebkräften der Neurose bestätigt. Jedesmal wenn wir
einen Nervösen psychoanalytisch behandeln, tritt bei ihm das
befremdende Phänomen der sogenainiten Übertragung auf,
das heißt er wendet dem Arzte ein Ausmaß von zärtlichen, oft
genug mit Feindseligkeit vermengten Regungen zu, welches in
keiner realen Beziehung begründet ist und nach allen Einzel-
heiten seines Auftretens von den alten und unbewußt gewordenen
Phantasiewünschen des Kranken abgeleitet werden muß. Jenes
i) Vgl. O. Rank, Der Künstler, Wien 1907. 2- Aufl. 1918.
Fünfte Vorlesung ^oi
Stück seines Gefühlslebens, das er sich nicht mehr in die
Erinnerung zurückrufen kann, erlebt der Kranke also in seinem
Verhältnisse zum Arzt wieder, und erst durch solches Wieder-
erleben in der „Übertragung" wird er von der Existenz wie
von der Macht dieser unbewußten sexuellen Regungen überzeugt.
Die Symptome, welche, um ein Gleichnis aus der Chemie zu
gebrauchen, die Niederschläge von früheren Liebeserlebnissen (im
weitesten Sinne) sind, können auch nur in der erhöhten Temperatur
des Übertragungserlebnisses gelöst und in andere psychische
Produkte übergeführt werden. Der Arzt spielt bei dieser Reaktion
nach einem vortrefflichen Worte von S. Ferenczi' die Rolle
eines katalytischen Ferments, das die bei dem Prozesse
frei werdenden Affekte zeitweilig an sich reißt. Das Studium der
Übertragung kann Ihnen auch den Schlüssel zum Verständnis der
hypnotischen Suggestion geben, deren wir uns anfänglich als
technisches Mittel zur Erforschung des Unbewußten bei unseren
Kranken bedient hatten. Die Hypnose erwies sich damals als eine
therapeutische Hilfe, aber als ein Hindernis der wissenschaftlichen
Erkenntnis des Sachverhaltes, indem sie die psychischen Wider-
stände aus einem, gewissen Gebiete wegräumte, um sie an den
Grenzen desselben zu einem un übersteigbaren Wall aufzutürmen.
Glauben Sie übrigens nicht, daß das Phänomen der Übertragung,
über das ich Ihnen leider hier nur zu wenig sagen kann, durch
die psychoanalytische Beeinflussung geschaffen wird. Die Über-
tragung stellt sich in allen menschlichen Beziehungen ebenso wie
im Verhältnis des Kranken zum Arzte spontan her, sie ist überall
der eigentliche Träger der therapeutischen Beeinflussung, und sie
wirkt um so stärker, je weniger man ihr Vorhandensein ahnt.
Die Psychoanalyse schafft sie also nicht, sie deckt sie bloß dem
Bewußtsein auf, und bemächtigt sich ihrer, um die psychischen
Vorgänge nach dem erwünschten Ziele zu lenken. Ich kann'
i) S. Ferenczi, Introjektion und Übertragung. Jahrbuch für psychoanalytische
und psychopathologische Forschungen, I.Band, 2. Hälfte, 1909.
Freud. IV. a6
■;
402 über Psychoanalyse
aber das Thema der Übertragung nicht verlassen ohne hervor-
zuheben, daß dieses Phänomen nicht nur für die Überzeugung
des Kranken, sondern auch für die des Arxles entscheidend in
Betracht kommt. Ich weiß, daß alle meine Anhänger erst durch
ihre Erfahrungen mit der Übertiagung von der Richtigkeit meiner
Behauptungen über die Pathogenese der Neurosen überzeugt
worden sind, und kann sehi- wohl begreifen, daß man eine solche
Sicherheit des Urteils nicht gewinnt, solange man selbst keine
Psychoanalysen gemaclit, also nicht selbst die Wirkungen der
Übertragung beobachtet hat.
Meine Damen und Herren! Ich meine, es sind von der Seite
des Intellekts besonders zwei Hindernisse gegen die Anerkennung
der psych oanal}'tischen Gedankengänge zu würdigen: erstens die
Ungewohntheit, mit der strengen und ausnahmslos geltenden
Determinierung des seelischen Lebens zu rechnen, und zweitens
die Unkenntnis der Eigentümlichkeiten, durch welche sich unbe-
wußte seelische Vorgänge von den uns vertrauten bewußten
unterscheiden. Einer der verbreitetsten Widerstände gegen die
psychoanalytische Arbeit — bei Kranken wie bei Gesunden —
führt sich auf das letztere der beiden Momente zurück. Man
fürchtet, durch die Psyclioanalyse zu schaden, man hat Angst
davor, die verdrängten sexuellen Triebe ins Bewußtsein des
Kranken zu rufen, als ob damit die (Jefahr verbunden wäre, daß
sie dann die höheren ethischen Strebungen bei ihm überwältigen
könnten. Man merkt, daß der Kranke wunde Stellen in seinem
Seelenleben hat, aber man scheut sich dieselben zu berühren,
damit sein Leiden nicht noch gesteigert werde. Wir können diese
Analogie annehmen. Es ist freilich schonender, kranke Stellen
nicht zu berühren, wenn man dadurch nichts anderes als Schmerz
zu bereiten weiß. Aber der (Chirurg läßt sich bekanntlich von
der Untersuchung imd Hantierung am Krankheitsherd nicht
abhalten, wenn er einen KingritT beabsichtigt, welcher dauernde
Heilung bringen soll. Niemand denkt mehr daran, ihm die un-
Fünfte Vorlesung 403
verm eidlichen Beschwerden der Untersuchung oder die Reaktions-
erscheinungen der Operation zur Last zu legen, wenn diese nur
ihre Absicht erreicht, und der Kranke durch die zeitweilige Ver-
schlimmerung seines Zustandes eine endgühige Hebung desselben
erwirbt. Ähnlich liegen die Verhältnisse für die Psychoanalyse;
sie darf dieselben Ansprüche erheben wie die Chirurgie; der
Zuwachs an Beschwerden, den sie dem Kranken während der
Behandlung zumutet, ist bei guter Technik ungleich geringer,
als was der Chirurg ihm auferlegt, und überhaupt gegen die
Schwere des Grundleidens zu vernachlässigen. Der gefürchtete
Endausgang aber einer Zerstörung des kulturellen Charakters
durch die von der Verdrängung befreiten Triebe ist ganz un-
möghch, denn diese Ängstlichkeit zieht nicht in Betracht, was
uns unsere Erfahrungen mit Sicherheit gelehrt haben, daß die
seelische und somatische Macht einer Wunschregung, wenn deren
Verdrängung einmal mißlungen ist, ungleich stärker ausfällt, wenn
sie unbewußt, als wenn sie bewußt ist, so daß sie durch das
Bewußtmachen nur geschwächt werden kann. Der unbewußte
Wunsch ist nicht zu beeinflussen, von allen Gegenstrebungen
unabhängig, während der bewußte durch alles gleichfalls Bewußte
und ihm Widerstrebende gehemmt wird. Die psychoanalytische
Arbeit stellt sich also als ein besserer Ersatz für die erfolglose
Verdrängung geradezu in den Dienst der höchsten und wert-
vollsten kulturellen Strebungen.
Welche sind überhaupt die Schicksale der durch die Psycho-
analyse freigelegten unbewußten Wünsche, auf welchen Wegen
verstehen wir es, sie für das Leben des Individuums unschädlich
zu machen ? Dieser Wege sind mehrere. Am häufigsten ist der
Erfolg, daß dieselben schon während der Arbeit durch die
korrekte seelische Tätigkeit der ihnen entgegenstehenden besseren
Regungen aufgezehrt werden. Die Verdrängung wird durch
eine mit den besten Mitteln durchgeführte Verurteilung
ersetzt. Dies ist möglich, weil wir zum großen Teil nur Folgen
i
^04 Über Psychoanalyse
aus früheren Entwicklungsstadien des Ichs zu beseitigen haben.
Das Individuum brachte seinerzeit nur .eine Verdrängung des
unbrauchbaren Triebes zustande, weil es damals selbst noch
unvollkommen organisiert und schwächlich war; in seiner
^heutigen Reife und Stärke kann es vielleicht das ihm Feindliche
tadellos beherrschen. Ein zweiter Ausgang der psychoanalytischen
Arbeit ist der, daß die aufgedeckten unbewußten Triebe nun
jener zweckmäßigen Verwendung zugeführt werden können, die
sie bei ungestörter Entwicklung schon früher hätten finden
sollen. Die Ausrottung der infantilen Wunschregungen ist nämlich
keineswegs das ideale Ziel der Entwicklung. Der Neurotiker hat
durch seine Verdrängungen viele Quellen seelischer Energie ein-
gebüßt, deren Zuflüsse für seine Charakterbildung und Betätigung
im Leben sehr wertvoll gewesen waren. Wir kennen einen weit
zweckmäßigeren Vorgang der Entwicklung, die sogenannte
Sublimierung, durch welchen die Energie infantiler Wunsch-
regunn-en nicht abgesperrt wird, sondern verwertbar bleibt, indem
den einzelnen Regungen statt des unbrauchbaren ein höheres,
eventuell nicht mehr sexuelles Ziel gesetzt wird. Gerade die
Komponenten des Sexualtriebes sind durch solche Fähigkeit zur
Sublimierung, zur Vertauschung ihres Sexualzieles mit einem
entlegeneren und sozial wertvolleren, besonders ausgezeichnet. Den
auf solche Weise gewonnenen Energiebeiträgen zu unseren seelischen
Leistungen verdanken wir wahrscheinlich die höchsten kulturellen
Erfolge. Eine frühzeitig vorgefallene Verdrängung schließt die
Sublimierung des verdrängten Triebes aus; nach Aufhebung der
Verdrängung ist der Weg zur Sublimierung wieder frei.
Wir dürfen es nicht versäumen, auch den dritten der mög-
lichen Ausgänge der psychoanalytischen Arbeit ins Auge zu fassen.
Ein gewisser Anteil der verdrängten libidinösen Regungen hat
ein Anrecht auf direkte Befriedigung und soll sie im Leben
finden. Unsere Kulturansprüche machen für die meisten der
menschlichen Organisationen das Leben zu schwer, fördern dadurch
Fünfte Vorlesung 40g
J
die Abwendung von der Realität und die Entstehung der Neu-
rosen, ohne einen Überschuß von kulturellem Gewinn durch
dies Übermaß von Sexual Verdrängung zu erzielen. Wir sollten
uns nicht so weit überheben, daß wir das ursprünglich Anima-
lische unserer Natur völhg vernachlässigen, dürfen auch nicht
daran vergessen, daß die Glücksbefriedigung des einzelnen nicht
aus den Zielen unserer Kultur gestrichen werden kann. Die
Plastizität der Sexualkomponenten, die sich in ihrer Fähigkeit zur
Subhmierung kundgibt, mag ja eine große Versuchung herstellen,
durch deren immer weiter gehende Subhmierung größere Kultur- \
effekte zu erzielen. Aber so wenig wir darauf rechnen, bei unseren \
Maschinen mehr als einen gewissen Bruchteil der aufgewendeten
Wärme in nutzbare mechanische Arbeit zu verwandeln, so wenig |
sollten wir es anstreben, den Sexualtrieb in seinem ganzen [
Energieausmaß seinen eigentlichen Zwecken zu entfremden. Es j
kann nicht gelingen, und wenn die Einschränkung der Sexuahtät \
zu weit getrieben werden soll, muß es alle Schädigungen eines j
Raubbaues mit sich bringen.
Ich weiß nicht, oh Sie nicht Ihrerseits die Mahnung, mit
welcher ich schließe, als eine Überhebung auffassen werden. Ich
getraue mich nur der indirekten Darstellung meiner Überzeugung,
indem ich Ihnen einen alten Schwank erzähle, von dem Sie die
Nutzanwendung machen sollen. Die deutsche Literatur kennt ein
Städtchen Schiida, dessen Einwohnern alle möglichen klugen
Streiche nachgesagt werden. Die Schildbürger, so wird erzählt,
besaßen auch ein Pferd, mit dessen Kraftleistungen sie sehr
zufrieden waren, an dem sie nur eines auszusetzen hatten, daß
es soviel teuern Hafer verzehrte. Sie beschlossen, ihm diese Unart
schonend abzugewöhnen, indem sie seine Ration täglich um
mehrere Halme verringerten, bis sie es an die völlige Enthalt-
samkeit gewöhnt hätten. Es ging eine Weile vortrefflich, das
Pferd war bis auf einen Halm im Tag entwöhnt, am nächsten
Tage sollte es endlich haferfrei arbeiten. Am Morgen dieses Tages
4o6 Über Psychoanalyse
wurde das lückische Tier tot aufgefunden; die Bürger von Schiida
konnten sich nicht erklären, woran es gestorben war.
Wir werden geneigt sein zu glauben, das Pferd sei verhungert,
und ohne eine gewisse Ration Hafer sei von einem Tier über-
haupt keine Arbeitsleistung zu erwarten.
Ich danke Ihnen für die Berufung und für die Aufmerk-
samkeit, die Sie mir geschenkt haben.
ZUR GESCHICHTE DER PSYCHO
ANALYTISCHEN BEWEGUNG
r
„Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung'*, im Februar 1^14
geschrieben, erschien im „Jalirhuch der Psychoanalyse", Bd. f^I, ipi^; dann
in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Fon Prof. Dr
Sigm. Freud". Fierte Folge (Verlag Hugo Heller d^ Cie., Leipzig und
fVien ipiS; — 2. Auß. im Internationalen Psychoanalytischen Ferlag,
Leipzig, Wien und 7Mrich Ip22j,
Eine englische Übersetzung hat A. A. Brill unter dem Titel „The
History of the Psychoanalytical Movement" als Nr. 2; der „Nervous and
Mental Disease Monograph Series", New York igif,, veröffentlicht.
Fluctuat nee mergitur
/m Wappen der Stadt Paris
■rl'
Wenn ich im Nachstehenden Beiträge zur Geschichte der
psychoanalj-tischen Bewegung bringe, so wird sich über deren
subjektiven Charakter und über die Rolle, die meiner Person
darin zufällt, niemand verwundern dürfen. Denn die Psychoanalyse
ist meine Schöpfung, ich war durch zehn Jahre der eiÄzigCj^d.^
sich mit ihi ^eschä ftigte, und alles Mißvergnügen, welches die
neue Erscheinung bei den Zeitgenossen hervorrief, hat sich als
Kritik auf mein Haupt entladen. Ich finde mich berechtigt, den
Standpunkt zu vertreten, daß auch heute noch, wo ich längst
nicht mehr der einzige Psychoanalytiker bin, keiner besser als
ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich
von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet,
und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders
zu benennen ist. Indem ich so zurückweise, was mir als eine
kühne Usurpation erscheint, gebe ich unseren Lesern indirekten
Aufschluß über die Vorgänge, die zum, Wechsel in der Redaktion
und Erscheinungsform dieses Jahrbuches geführt haben.
Als ich im Jahre 190g auf dem Katheder einer amerikanischen
Universität zuerst öffentlich von der Psychoanalyse reden durfte,
habe ich, von der Bedeutung des Moments für meine Bestrebungen
ergriffen, erklärt, ich sei es nicht gewesen, der die Psychoanalyse
ins Leben gerufen. Dies Verdienst habe ein anderer, Josef
Breuer, erworben zu einer Zeit, da ich Student und mit der
Ablegung meiner Prüfungen beschäftigt gewesen sei (1880 bis
^.13 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
1882).' Aber wohlmeinende Freunde haben mir seilher die
Erwägung nahegelegt, ob ich meiner Dankbarkeit damals nicht
einen unangemessenen Ausdruck gegeben. Ich hätte, wie bei
früheren Veranlassungen, das „katha r tische Verfahren"
von Breuer als ein Vorstadium der Psychoanalyse würdigen
und diese selbst erst mit meiner Verwerfung der hypnotischen
Technik und Einführung der freien Assoziationen beginnen
lassen sollen. Nun ist es ziemlich gleichgültig, ob man die
Geschichte der Psychoanalyse vom kathartischen Verfahren an
oder erst von meiner Modifikation desselben rechnen will. Ich
gehe auf dieses uninteressante Problem nur ein, weil manche
Gegner der Psychoanalyse sich gelegentlich darauf zu besinnen
pflegen, daß ja diese Kunst gar nicht von mir, sondern von
Breuer herrührt. Dies ereignet sich natürlich nur in dem Falle,
daß ihnen ihre Stellung gestattet, einiges an der Psychoanalyse
beachtenswert zu finden; wenn sie sich in der Ablehnung keine
solche Schranke auferlegen, dann ist die l'sychoanalyse immer
unbestritten mein Werk. Ich habe noch nie erfahren, daß
Breuers großer Anteil an der Psychoanalyse ihm das ent-
sprechende Maß von Schimpf und Tadel eingetragen hätte. Da
ich nun längst erkannt habe, daß es das unvermeidliche Schicksal
der Psychoanalyse ist, die Menschen zum Widerspruch zu
reizen und zu erbittern, so habe ich für mich den Schluß
gezogen, ich müßte doch von allem, was sie auszeichnet, der
richtige Urlieber sein. Mit llefriedigung füge ich hinzu, daß
keine der Bemühungen, meinen Anteil an der vielgeschraäbten
Analyse zu schmälern, je von Breuer selbst au.sgegangen ist
oder sich seiner Unterstützung rühmen konnte.
Der Inhalt der Breuerschen Entdeckung ist so häufig dar-
gestellt worden, daß deren ausführliche Diskussion hier entfallen
ij über Psych oanaly sc. Fünf Vorlesungen, gi.-hnlU'ii LWr aojährigen GrüniäiHig-s-
feier der Clark Unlversity in VVorcesler, Mass., gewidmet Stimlcy Hall. 5. AuOoge,
1916. Glelchieitig englisch erschienen im Amcr. Journ. of Paychology, March 1910:
übersetzt ins Holländische, Ungnrische, Polnische, Russische, Spanische und Italienische.
Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung
4^5
darf. Die Grundtatsache, daß die Symptome der Hysterischen von
eindrucksvollen, aber vergessenen Szenen ihres Lebens (Traumen)
abhängen, die darauf gegründete Therapie, sie diese Erlebnisse in
der Hypnose erinnern und reproduzieren zu lassen (Katharsis),
und das daraus folgende Stückchen Theorie, daß diese Symptome
einer abnormen Verwendung von nicht erledigten Erregungs-
größen entsprechen (Konversion). Breuer hat jedesmal, wo er in
seinem theoretischen Beitrag zu den „Studien über Hysterie"
der Konversion gedenken muß, meinen Namen in Klammern
liinzu gesetzt, als ob dieser erste Versuch einer theoretischen
Rechenschaft mein geistiges Eigentum wäre. Ich glaube,
daß sich diese Zuteilung nur auf die Namengebung bezieht,
während sich die Auffassung uns gleichzeitig und gemeinsam
ergeben hat.
Es ist auch bekannt, daß Breuer die kathartische Behandlung
nach seiner ersten Erfahrung durch eine Reihe von Jahren ruhen
ließ und sie erst wieder aufnahm, nachdem ich, von Charcot
zurückgekehrt, ihn dazu veranlaßt hatte. Er war Internist und
durch eine ausgedehnte ärztliche Praxis in Anspruch genommen^
ich war nur ungern Arzt geworden, hatte aber damals ein starkes
Motiv bekommen, den nervösen Kranken helfen oder wenigstens
etwas von ihren Zuständen verstehen zu wollen. Ich hatte mich
der physikalischen Therapie anvertraut und fand mich ratlos ange-
sichts der Enttäuschungen, welche mich die an Ratschlägen und
Indikationen so reiche „Elektrotherapie" von W. Erb erleben
ließ. Wenn ich mich damals nicht selbständig zu dem später von
Moebius durchgesetzten Urteil durcharbeitete, daß die Erfolge
der elektrischen Behandlung bei nervösen Störungen Suggestions-
erfolge seien, so trug gewiß nichts anderes als das Ausbleiben
dieser versprochenen Erfolge die Schuld daran. Einen ausreichenden
Ersatz für die verlorene elektrische Therapie schien damals die
Behandlung mit Suggestionen in tiefer Hypnose zu bieten, die
ich durch die äußerst eindrucksvollen Demonstrationen von
414 2wr Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
Li^bault und Bernheim kennen lernte. Aber die Erforschung
in der Hypnose, von der ich durch Breuer Kenntnis hatte,
mußte durch ihre automatische Wirkungsweise und die gleichzeitige
Befriedigung der Wißbegierde ungleich anziehender wirken, als
das monotone, gewalttätige, von jeder Forschung ablenkende
suggestive Verbot.
Wir haben küi-zlich als eine der jüngsten Rrwerbungen der
Psychoanalyse die Mahnung vernommen, den aktuellen Konflikt
und die Krankheitsveranlassung in den Vordergrund der Analyse
zu rücken. Nun das ist genau das, was Breuei- und ich zu
Beginn unserer Arbeiten mit der kathartischen Methode getan
haben. Wir lenkten die Aufmerksamkeit des Kranken direkt auf
die traumatische Szene, in welcher das Symptom entstanden war,
suchten in dieser den psychischen Konflikt zu erraten und den
unterdrückten Affekt frei zu machen. Dabei entdeckten wir den
für die psychischen Prozesse bei den Neurosen charakteristischen
Vorgang, den ich später Regression genannt habe. Die Asso-
ziation des Kranken ging von der Szene, die man aufklären
wollte, auf frühere Erlebnisse zurück und nötigte die Analyse,
welche die Gegenwart korrigieren sollte, sich mit der Vergangenheit
2U beschäftigen- Diese Regression fülirle immer weiter nach
rückwärts, zuerst schien es, regelmäßig bis in die Zeit der Pubertät,
dann lockten Mißerfolge wie Lücken des Verständnisses die
analytische Arbeit in die dahin terliegenden Jahre der Kindheit,
die bisher für jede Art von Erforschung unzugänglich gewesen
waren. Diese regrediente Richtung wurde zu einem wichtigen
Charakter der Analyse. Es zeigte sich, daß die Psychoanalyse nichts
Aktuelles aufklären könne außer durch Zurückführung auf etwas
Vergangenes, ja daß jedes pathogene Erlebnis ein früheres vor-
aussetzt, welches, selbst nicht pathogen, doch dem späteren
Ereignis seine pathogene Eigenschaft verleiht. Die Versuchung,
bei dem bekannten aktuellen Anlaß zu verbleiben, war aber so
^oß, daß ich ihr noch bei späten Analysen nachgegeben habe.
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 415
In der 1899 durchgeführten Behandlung der „Dora" genannten
Patientin war mir die Szene bekannt, welche den Ausbruch der
aktuellen Erkrankung veranlaßt hatte. Ich bemühte mich unge-
zählte Male, dieses Erlebnis zur Analyse zu bringen, ohne auf
meine direkte Aufforderung jemals etwas anderes zu erhalten, als
die nämliche kärgliche und lückenhafte Beschreibung. Erst nach
einem langen Umweg, der über die früheste Kindheit der
Patientin führte, stellte sich ein Traum ein, zu dessen Analyse
die bis dahin vergessenen Einzelheiten der Szene erinnert wurden,
womit das Verständnis und die Lösung des aktuellen Konfliktes
ermöglicht waren.
Man kann aus diesem einen Beispiel ersehen, wie irre-
führend die vorhin erwähnte Mahnung ist, und welcher Betrag
wissenschaftlicher Regression in der so angeratenen Vernach-
lässigung der Regression in der analytischen Technik zum Aus-
druck kommt.
Die erste Differenz zivischen Breuer und mir trat in einer
Frage des intimeren psychischen Mechanismus der Hysterie
zutage. Er bevorzugte eine sozusagen noch physiologische Theorie,
wollte die seelische Spaltung der Hysterischen durch das Nicht-
kommunizieren verschiedener seelischer Zustände (oder wie wir
damals sagten: BewußtseinszustMnde) erklären und schuf so die
Theorie der „hypnoiden Zustände", deren Ergebnisse wie
unassimilierte Fremdkörper in das „Wachbewußtsein" hineinragen
sollten. Ich hatte mir die Sache weniger wissenschaftlich zurecht-
gelegt, witterte überall Tendenzen und Neigungen analog denen
des täglichen Lebens und faßte die psychische Spaltung selbst als
Ergebnis eines Abstoßungsvorganges, den ich damals „Abwehr",
später „Verdrängung" benannte. Ich machte einen kurzlebigen
Versuch, die beiden Mechanismen nebeneinander bestehen zu
lassen, aber da mir die Erfahrung stets das nämliche und nur
eines zeigte, stand bald seiner Hypnoidtheorie meine Abwehrlehre
gegenüber.
4i6 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
_ _^ ^— " ■ — — — ^ *
Ich bin indes ganz sicher, daß dieser Gegensatz nichts mit |
unserer bald darauf eintretenden Trennung zu tun hatte. Dieselbe j
war tiefer motiviert, abei" sie kam so, daß ich sie anfangs nicht '
verstand und erst später nach allerlei guten Lidizien deuten
lernte. Man erinnert sich, daß Breuer von seiner berühmten
ersten Patientin ausgesagt hatte, das sexuale Element sei bei ihr ;
erstaunlich unentwickelt gewesen und habe niemals einen Beitrag f
zu ihrem reichen Krankheitsbilde geliefert. Ich habe mich immer
verwundert, daß die Kritiker diese Versicherung Breuers meiner j
Behauptung von der sexuellen Ätiologie der Neurosen nicht öfter
entgegengestellt haben, und weiß noch heute nicht, ob ich in -^
dieser Unterlassung einen Beweis für ihre Diskretion oder für j
ihre Unachtsamkeit sehen soll. Wer die Breu ersehe Kranken-
geschichte im Lichte der in den letzten zwanzig Jahren gewonnenen |
Erfahrung von neuem durchliest, wird die Symbolik der Schlangen, '
des Starrwerdens, der Armlähmung nicht mißverstehen und durch
Einrechnung der Situation am Krankenbette des Vaters die wirk-
liche Deutung jener Symptombildung leicht erraten. Sein Urteil
über die Rolle der Sexuahtät im Seelenleben jenes Mädchens
wird sich dann von dem ihres Arztes weit entfernen. Breuer i
stand zur Herstellung der Kranken der intensivste suggestive *
Rapport zu Gebote, der uns gerade als Vorbild dessen, was wir '
„Übertragung" heißen, dienen kann. Ich habe nun starke Gründe
zu vermuten, daß Breuer nach der Beseitigung aller Symptome
die sexuelle Motivierung dieser Übertragung an neuen Anzeichen ,
entdecken mußte, daß ihm aber die allgemeine Natur dieses
unerwarteten Phänomens entging, so daß er hier, wie von einem
„untoward event"' betroffen, die Forschung abbrach. Er hat mir (
hievon keine direkte Mitteilung gemacht, aber zu verschiedenen ■
Zeiten Anhaltspunkte genug gegeben, um diese Kombination zu t-
rechtfertigen. Als ich dann immer entschiedener für die Bedeutung
der Sexualität in der Verursachung der Neurose eintrat, war er
der erste, der mir jene Reaktionen der unwilligen Ablehnung
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 4x7
zeigte, die mir später so vertraut werden sollten, die ich damals
aber noch nicht als mein unabwendbares Schicksal erkannt hatte.
Die Tatsache der grob sexuell betonten, zärtlichen oder feind-
seligen Übertragung, die sich bei jeder Neurosenbehandlung ein-
stellt, obwohl sie von keinem Teil gewünscht oder herbeigeführt
wird, ist mir immer als der unerschütterlichste Beweis für die Her-
kunft der Triebkräfte der Neurose aus dem Sexualleben erschienen.
Dies Argument ist noch lange nicht ernsthaft genug gewürdigt
worden, denn geschähe dies, so bliebe der Forschung eigentlich
keine Wahl. Für meine Überzeugung ist es entscheidend geblieben,
neben und über den speziellen Ergebnissen der Analysenarbeit.
Ein Trost für die schlechte Aufnahme, welche meine Auf-
stellung der sexuellen Ätiologie der Neurosen auch im engeren
Freundeskreis fand — es bildete sich bald ein negativer Raum
um meine Person — lag doch in der Überlegung, daß ich für
eine neue und originelle Idee den Kampf aufgenommen hatte.
Allein eines Tages setzten sich bei mir einige Erinnerungen
zusammen, welche diese Befriedigung störten und mir dafür einen
schönen Einblick in den Hergang unseres Schaffens und die
Natur unseres Wissens gestatteten. Die Idee, für die ich verant-
wortlich gemacht wurde, war keineswegs in mir entstanden. Sie
war mir von drei Personen zugetragen worden, deren Meinung
auf meinen tiefsten Respekt rechnen durfte, von Breuer selbst,
von C h a r c o t und von dem Gynäkologen unserer Universität
Chrobak, dem vielleicht hervorragendsten unserer Wiener Arzte.
Alle drei Männer hatten mir eine Einsicht überliefert, die sie,
streng genommen, selbst nicht besaßen. Zwei von ihnen verleugneten
ihre Mitteilung, als ich sie später daran mahnte, der dritte (Meister
Charcot) hätte es wahrscheinlich ebenso getan, wenn es mir
' vergönnt gewesen wäre, ihn wiederzusehen. In mir aber hatten
diese ohne Verständnis aufgenommenen identischen Mitteilungen
n durch Jahre geschlummert, bis sie eines Tages als eine scheinbar
originelle Erkenntnis erwachten.
Freud, IV. ^
4l8 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
I
Als ich eines Tages als junger Spilalsarzt Breuer auf einem
Spaziergange durcli die Stadt begleitete, trat ein Mann an ihn
heran, der ihn dringend sprechen wollte. Ich blieb zurück, und
als Breuer frei geworden war, teilte er mir in seiner freundlich
belehrenden Weise mit, es sei der Mann einer Patientin gewesen,
der eine Nachricht über sie gebracht hätte. Die Frau, fügte er
hinzu, benehme sich in Gesellschaften in so auffälliger Art, daß
man sie ihm als Nervöse zur Beliandlung übergeben habe. Das
sind immer Geheimnisse des Alkovens, schloß er dann.
Ich fragte erstaunt, was er meine, und er erklärte mir das Wort
(„des Ehebettes"), weil er nicht verstand, daß mir die Sache so
unerhört erschienen war.
I
Einige Jahre später befand ich mich an einem der Empfangs- I
abende Charcots in der Nähe des verehrten Lehrers, der gerade '
Brouardel eine, wie es schien, sehr interessante Geschichte aus
der Praxis des Tages erzählte. Ich hörte den Anfang ungenau, \
allmählich fesselte die Erzählung meine Aufmerksamkeit. Ein
junires Ehepaar von weit her aus dem Orii^nt, die Frau schwer j
leidend, der Mann impotent oder recht ungeschickt. Tächez I
donCf hörte ich (Hiarcot wiederholen, fe vous assure, vous
y arriuerez, Brouardel, der weniger laut sprach, muß dann
seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, daß unter solchen
Umständen Symptome wie die der Frau zustande kämen. Denn ;
Charcot brach plötzlich mit großer Lebhaftigkeit in die Worte
aus: Mais, dans des cas parv.ils c'est toujours la chose genitale, \_
toujours . . . toujours . . . toujours. Und dabei kreuzte er die f
Hände vor dem Schoß und hüpfte mit der ihm eigenen Leb- }
haftigkeit mehrmals auf und nieder. Ich weiß, daß ich für
einen Augenblick in ein fast lähmendes Erstaunen verfiel und
mir sagte ; Ja, wenn er das weiß, warum sagt er das nie? Aber
der Eindruck war bald vergessen; die Gehirnanatomie und die
experimentelle Erzeugung hysterischer Lähmungen hatten alles
Interesse absorbiert.
h\
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 41g
Ein Jahr später hatte ich als Privatdozent für Nervenkrankheiten
meine ärztliche Tätigkeit in Wien "begonnen und war in allem,
was Ätiologie der Neurosen betraf, so unschuldig und so unwissend
geblieben, wie man es nur von einem hoffnungsvollen Akademiker
fordern darf. Da traf mich eines Tages ein freundlicher Ruf
Chrobaks, eine Patientin von ihm zu übernehmen, weicherer
in seiner neuen Stellung als Universitätslehrer nicht genug Zeit
widmen könne. Ich kam früher als er zur Kranken und erfuhr,
daß sie an sinnlosen Angstanfällen leide, die nur durch die sorgfältigste
Information, wo sich zu jeder Zeit des Tages ihr Arzt befinde,
beschwichtigt werden könnten. Als Chrobak erschien, nahm er
mich beiseite und eröffnete mir, die Angst der Patientin rühre
daher, daß sie trotz achtzehnjähriger Ehe Virgo intacta sei. Der
Mann sei absolut impotent. Dem Arzt bleibe in solchen Fällen
nichts übrig, als das häusliche Mißgeschick mit seiner Reputation
zu decken und es sich gefallen zu lassen, wenn man achsel-
zuckend über ihn sage: Der kann auch nichts, wenn er sie in
soviel Jahren nicht hergestellt hat. Das einzige Rezept für solche
Leiden, fügte er hinzu, ist uns wohl bekannt, aber wir können
es nicht verordnen. Es lautet:
Rp. Penis normalis
dosim
Bepetaturt
Ich hatte von solchem Rezept nichts gehört und hätte gern
den Kopf geschüttelt über den Zynismus meines Gönners.
Ich habe die erlauchte Abkunft der verruchten Idee gewiß
nicht darum aufgedeckt, weil ich die Verantwortung für sie auf
andere abwälzen möchte. Ich weiß schon, daß es etwas anderes
ist, eine Idee ein oder mehrere Male in Form eines flüchtigen
Apergus auszusprechen — als: ernst mit ihr zu machen, sie wörtlich
zu nehmen, durch alle widerstrebenden Details hindurchzuführen
und ihr ihre Stellung unter den anerkannten Wahrheiten zu
erobern. Es ist der Unterschied zwischen einem leichten Flirt und
i^
420 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
einer rechtschaffenen Ehe mit all ihren Pflichten und Schwierig-
keiten. Epouser les ide'cs de... ist eine wenigstens im Französischen
gebräuchliche Redewendung.
Von den anderen Momenten, die durch meine Arbeit zum
kalhartischen Verfahren hinzukamen und es zur Psychoanalyse
umgestalteten, hebe ich hervor: Die Lehre von der Verdrängung
und vom Widerstand, die Einsetzung der infantilen Sexualität
und die Deutung und Verwertung der Träume zur Erkenntnis
des Unbewußten.
In der Lehre von der Verdrängung war ich sicherlich selbständig,
ich weiß von keiner Beeinflussung, die mich in ihre Nähe
gebracht hätte, und ich hielt diese Idee auch lange Zeit für eine
originelle, bis uns O. Rank die Stelle in Schopenhauers
,Welt als Wille und Vorstellung" zeigte, in welcher sich der
Philosoph um eine Erklärung des Wahnsinnes bemüht.' Was dort
über das Sträuben gegen die Annahme eines peinlichen Stückes
der Wirklichkeit gesagt ist, deckt sich so vollkommen mit dem
Inhalt meines Verdrängungsbegriffes, daß ich wieder einmal
meiner Unbelesenheit für die Ermöglichung einer Entdeckung
verpflichtet sein durfte. Indes haben andere diese Stelle gelesen
und über sie hinweggelesen, ohne diese Entdeckung zu machen,
und vielleicht wäre es mir ähnlich ergangen, wenn ich in
früheren Jahren mehr Geschmack an der Lektüre philosophischer
Autoren gefunden hätte. Den hohen Genuß der Werke
Nietzsches habe ich mir dann in späterer Zeit mit der
bewußten Motivierung versagt, daß ich in der Verarbeitung der
psychoanalytischen Eindrücke durch keinerlei Er wartungs Vorstellung
behindert sein wolle. Dafür mußte ich bereit sein — und ich
bin es gerne — , auf alle Prioritätsansprüche in jenen häufigen
Fällen zu verzichten, in denen die mühselige psychoanalytische
Forschung die intuitiv gewonnenen Einsichten des Philosophen
nur bestätigen kann.
i) Zentralblau für Psychoanalyse, 1911, Bd. I, S. 69,
Xur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
421
Die Verdrängungslehre ist nun der Grundpfeiler, auf dem das
Gebäude der Psychoanalyse ruht, so recht das wesentlichste Stück
derselben und selbst nichts anderes als der theoretische Ausdruck
einer Erfahrung, die sich beliebig oft wiederholen läßt, wenn
man ohne Zuhilfenahme der Hypnose an die Analyse eines
Neurotikers geht. Man bekommt dann einen Widerstand zu
spüren, welcher sich der analytischen Arbeit widersetzt und einen
Erinnerungsausfall vorschiebt, um sie zu vereiteln. Diesen Wider-
stand muß die Anwendung der Hypnose verdecken; darum setzt
die Geschichte der eigentlichen Psychoanalyse erst mit der
technischen Neuerung des Verzichts auf die Hypnose ein. Die
theoretische W^ürdigung des Umstandes, daß dieser Widerstand mit
einer Amnesie zusammentrifft, führt dann unvermeidlich zu jener
Auffassung der unbewußten Seelentätigkeit, welche der Psycho-
analyse eigentümlich ist und sich von den philosophischen
Spekulationen über das Unbewußte immerhin merklich unter-
scheidet. Man darf daher sagen, die psychoanalytische Theorie
ist ein Versuch, zwei Erfahrungen verständlich zu machen, die
sich in auffälliger und unerwarteter Weise bei dem Versuche
ergeben, die Leidenssymptome eines Neurotikers auf ihre Quellen
in seiner Lebensgeschichte zurückzuführen: die Tatsache der
Übertragung und die des Widerstandes. Jede^ Forschungsrichtung,
welche diese beiden Tatsachen anerkennt und sie zum Ausgangs-
punkt ihrer Arbeit nimmt, darf sich Psychoanalyse heißen, auch
wenn sie zu anderen Ergebnissen als den meinigen gelangt. Wer
aber andere Seiten des Problems in Angriff nimmt und von
diesen beiden Voraussetzungen abweicht, der wird dem Vorwurf
der Besilzstörung durch versuchte Mimikry kaum entgehen, wenn
er darauf beharrt, sich einen Psychoanalytiker zu nennen.
Ich würde mich sehr energisch dagegen sträuben, wenn jemand
die Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand zu den Vor-
aussetzungen anstatt zu den Ergebnissen der Psychoanalyse rechnen
wollte. Es gibt solche Voraussetzungen allgemein psychologischer und
422 7,ur Geschichte der psychoanalytischen Beiregimg
biologischer Natur und es wäre zweckmäßig, an anderer Stelle von
ihnen zu handeln, aber die Lehre von der Verdrängung ist ein
Erwerb der psychoanalytischen Arbeit, auf legitime Weise als
theoretischer Extrakt aus unbestimmt vielen Erfahrungen gewonnen.
Ein ebensolcher Erwerb, nur aus viel späterer Zeit, ist die Auf-
stellung der infantilen Sexualität, von welcher in den ersten
Jahren tastender Forschung durch die Analyse noch nicht die
Rede war. Man merkte zuerst nur, daß man die Wirkung
aktueller Eindrücke auf Vergangenes zurückführen müßte. Allein,
„der Sucher fand oft mehr, als er zu finden wünschte". Man
wurde immer weiter zurück in diese Vergangenheit gelockt und
endlich hoffte man in der Pubertätszeit verweilen zu dürfen, in
der Epoche des traditionellen Erwachens der Sexualregungen.
Vergeblich, die Spuren wiesen noch weiter nach rückwärts, in
die Kindheit und in frühe Jahre derselben. Auf dem Wege dahin
galt es, einen Irrtum zu überwinden, der für die junge Forschung
fast verhängnisvoll geworden wäre. Unter dem Einfluß der an
Charcot anknüpfenden traumatischen Theorie der Hysterie war
man leicht geneigt, Berichte der Kranken für real und ätiologisch
bedeutsam zu halten, welche ihre Symptome auf passive sexuelle
Erlebnisse in den ersten Kinderjahren, also grob ausgedrückt: auf
Verführung zurückleiteten. Als diese Ätiologie an ihrer eigenen
Un Wahrscheinlichkeit und an dem Widerspruche gegen sicher
festzustellende Verhältnisse zusammenbrach, war ein Stadium
völliger Ratlosigkeit das nächste Ergebnis. Die Analyse hatte auf
korrektem Wege bis zu solchen infantilen Sexualtraumen geführt
und doch waren diese unwahr. Man hatte also den Boden der
Realität verloren. Damals hätte ich gerne die ganze Arbeit im
Stiche gelassen, ähnlich wie mein verehrter Vorgänger Breuer
bei seiner unerwünschten Entdeckung. Vielleicht harrte ich nur aus,
weil ich keine Wahl mehr hatte, etwas anderes zu beginnen.
Endlich kam die Besinnung, daß man ja kein Recht zum
Verzagen habe, wenn man nur in seinen Erwartungen getäuscht
ZtiJ- Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 423
worden sei, sondern diese Erwartungen revidieren müsse. Wenn
die Hysteriker ihre Symptome auf erfundene Traumen zurück-
führen, so ist eben die neue Tatsache die, dai3 sie solche Szenen
pliantasieren, und die psychische Realität verlangt neben der
praktischen Reahtät gewürdigt zu werden. Es folgte bald die
Einsicht, daß diese Phantasien dazu bestimmt seien, die auto-
erotische Betätigung der ersten Kinderjahre zu verdecken, zu
beschönigen und auf eine höhere Stufe zu heben, und nun kam
hinter diesen Phantasien das Sexualleben des Kindes in seinem
ganzen Umfange zum Vorschein.
In dieser Sexualtätigkeit der ersten Kinderjahre konnte endlich
auch die mitgebrachte Konstitution zu ihrem Rechte kommen.
Anlage und Erleben verknüpften sich hier zu einer unlösbaren
ätiologischen Einheit, indem die Anlage Eindrücke zu anregenden
und fixierenden Traumen erhob, welche sonst, durchaus banal,
wirkungslos geblieben wären, und indem die Erlebnisse Faktoren
aus der Disposition wachriefen, welche ohne sie lange geschlummert
hätten und vielleicht unentwickelt geblieben wären. Das letzte
Wort in der Frage der traumatischen Ätiologie sprach dann
später Abraham (1907) aus, als er darauf hinwies, wie gerade
die Eigenart der sexuellen Konstitution des Kindes sexuelle
Erlebnisse von besonderer Art, also Traumen, zu provozieren
versteht.'
Meine Aufstellungen über die Sexualität des Kindes waren
anfangs fast ausschließlich auf die Ergebnisse der in die Ver-
gangenheit rückschreitenden Analyse von Erwachsenen begründet.
Zu direkten Beobachtungen am Kinde fehlte mir die Gelegenheit.
Es war also ein außerordentlicher Triumph, als es Jahre später
gelang, den größten Teil des Erschlossenen durch direkte
Beobachtung und Analyse von Kindern in sehr frühen Jahren
zu bestätigen, ein Triumph, der allmählich durch die Über-
1) Klinische Beiträge zur Psychoanalyse aus den Jahren 1907—1920. Intern.
Psychoanalyt. BülioÜiek, Band X, igai.
4*4 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
legung verringert wurde, die Entdeckung sei von solcher Art,
daß man sich eigentlich schämen müsse, sie gemocht zu haben.
Je weiter man sich in die Beobachtung des Kindes einließ, desto
selbstverständlicher wurde die Tatsache, desto sonderbarer aber
auch der Umstand, daß man sich solche Mühe gegeben hatte,
sie zu übersehen.
Eine so sichere Überzeugung von der Existenz und Bedeutung
|i der Kindersexualität kann man allerdings nur gewinnen, wenn
man den Weg der Analyse geht, von den Symptomen und
Eigentümlichkeiten der Neurotiker rückschreitet bis zu den letzten
Quellen, deren Aufdeckung erklärt, was an ihnen erklärbar ist,
und zu modifizieren gestattet, was sich etwa abändern läßt. Ich
verstehe es, daß man zu anderen Resultaten kommt, wenn man,
wie kürzlich C. G. J u n g, sich zunächst eine theoretische Vor-
stellung von der Natur des Sexualtriebes bildet und von dieser
aus das Leben des Kindes begreifen will. Eine solche Vorstellung
kann nicht anders als willkürlich oder mit Rücksicht auf abseits
liegende Erwägungen gewählt sein und läuft Gefahr, dem Gebiet
inadäquat zu werden, auf welches man sie anwenden will. Gewiß
führt auch der analytische Weg zu gewissen letzten Schwierig-
keiten und Dunkelheiten in betreff der Sexualität und ihres
Verhältnisses zum Gesamtleben des Individuums, aber diese können
nicht durch Spekulationen beseitigt werden, sondern müssen
bleiben, bis sie Lösung durch andere Beobachtungen oder Beob-
achtungen auf anderen Gebieten finden.
Über die Traumdeutung kann ich mich kurz fassen. Sie fiel
mir zu als Erstlingsfrucht der technischen Neuerung, nachdem
ich mich, einer dunklen Ahnung folgend, entschlossen hatte, die
Hypnose mit der freien Assoziation zu vertauschen. Meine Wiß-
begierde war nicht von vornherein auf das Verständnis der
Träume gerichtet gewesen. Einflüsse, die mein Interesse gelenkt
oder mir eine hilfreiche Erwartung geschenkt hätten, sind mir
nicht bekannt. Ich hatte vor dem Aufhören meines Verkehrs mit
1
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 4^5
Breuer kaum noch Zeit, ihm einmal in einem Satze mitzuteilen,
daß ich jetzt Träume zu übersetzen verstünde. Infolge dieser
Entdeckungsgeschichte war die Symbolik der Traumsprache so
ziemlich das letzte, was mir am Traum zugänglich wurde, denn
fiir die Kenntnis der Symbole leisten die Assoziationen des
Träumers nur wenig. Da ich die Gewohnheit festgehalten habe,
immer zuerst an den Dingen zu studieren, ehe ich in den
Büchern nachsah, konnte ich mir die Symbolik des Traumes
sicherstellen, ehe ich durch die Schrift von Scherner auf sie
hingewiesen wurde. Im vollen Umfange habe ich dieses
Ausdrucksmittel des Traumes erst später gewürdigt, zum Teil
unter dem Einflüsse der Arbeiten des zu Anfang so sehr verdienst-
vollen, später vjlli g ver wahrlosten JW._S^tekel._ Der enge
Anschluß der psychoanalytischen Traumdeutung an die einst so
hochgehaltene Traumdeutekunst der Antike wurde mir erst viele
Jahre nachher klar. Das eigenartigste und bedeutsamste Stück
memer Traumtheorie, die Zurückführung der Traumentstellung
auf einen inneren Konflikt, eine Art von innerer Unaufrichtigkeit,
fand ich dann bei einem Autor wieder, dem zwar die Medizin,
aber nicht die Philosophie fremd geblieben war, dem berühmten
Ingenieur J. Popper, der unter dem Namen Lynkeus 1899
die „Phantasien eines Realisten" veröffentUcht hatte.
Die Traumdeutung wurde mir zum Trost und Anhalt in
jenen schweren ersten Jahren der Analyse, als ich gleichzeitig
Technik, Klinik und Therapie der Neurosen zu bewältigen hatte,
gänzlich vereinsamt war und in dem Gewirre von Problemen
und bei der Häufung der Schwierigkeiten oft Orientierung und
Zuversicht einzubüßen fürchtete. Die Probe auf meine Voraus-
setzung, daß eine Neurose durch Analyse verständlich werden
müsse, ließ oft bei dem Kranken verwirrend lange auf sich
warten; an den Träumen, die man als Analoga der Symptome
autfassen konnte, fand diese Voraussetzung eine fast regelmäßige
Bestätigung.
4^G Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
Nur durch diese Erfolge wurde ich in den Stand gesetzt,
auszuharren. Ich habe mich darum gewöhnt, das Verständnis
eines psychologischen Arbeiters an seiner Stellung zu den Problemen
der Traumdeutung zu messen und mit Genugtuung beobachtet,
daß die meisten Gegner der Psychoanalyse es überhaupt vermieden,
diesen Boden zu betreten oder sich höchst ungeschickt benahmen,
wenn sie es doch versuchten. Meine Selbstanalyse, deren Not-
wendigkeit mir bald einleuchtete, habe ich mit Hilfe einer
Serie von eigenen Träumen durchgeführl, die mich durcli alle
Begebenheiten meiner Kinderjahre führten, und ich bin noch
heute der Meinung, daß bei einem guten Träumer und n icht
allzu abnormen Menschen diese Art der Analyse genügen kann.
Durch die Aufrollung dieser Entstehungsgeschichte glaube ich
besser als durch eine systematische Darstellung gezeigt zu haben,
was die Psychoanalyse ist. Die besondere Natur meiner Funde
erkannte ich zunächst nicht. Ich opferte unbedenklich meine
beginnende Beliebtheit als Arzt und den Zulauf der Nervösen in
meine Sprechstunde, indem ich konsequent nach der sexuellen
Verursachung ihrer Neurosen forschte, wobei ich eine Anzahl
von Erfahrungen machte, die meine Überzeugung von der
praktischen Bedeutung des sexuellen Moments endgültig fest-
legten. Ich trat ahnungslos in der Wiener Fachvereinigung, damals
unter dem Vorsitze von v. Krafft- Ebing, als Redner auf, der
erwartete, durch Interesse und Anerkennung seiner Kollegen für
seine freiwillige materielle Schädigung entschädigt zu werden.
Ich behandelte meine Entdeckungen wie indifferente Beiträge zur
Wissenschaft und hoffte dasselbe von den anderen. Erst die Stille,
die sich nach meinen Vorträgen erhob, die Leere, die sich um
meine Person bildete, die Andeutungen, die mir zugetragen
wurden, ließen mich allmählich begreifen, daß Behauptungen
über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen nicht
darauf rechnen könnten, so behandelt zu werden wie andere Mit-
teilungen. Ich verstand, daß ich von jetzt ab zu denen gehörte,
"Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
437
die „am Schlaf der Welt gerührt haben", nach Hebbels Aus-
druck, und daß ich auf Objektivität und Nachsicht nicht zählen
durfte. Da aber meine Überzeugung von der durchschnittlichen
Richtigkeit meiner Beobachtungen und Schlußfolgerungen immer
mehr wuchs und mein Zutrauen zu meinem eigenen Urteile sowie
mein moralischer Mut nicht eben gering waren, konnte der Ausgang
dieser Situation nicht zweifelhaft sein. Ich entschloß mich zu glauben,
daß mir das Glück zugefallen war, besonders bedeutungsvolle Zu-
sammenhänge aufzudecken, und fand mich bereit, das Schicksal auf
mich zu nehmen, das mitunter an solches Finden geknüpft ist.
Dies Schicksal stellte ich mir in folgender Weise vor: Es
würde mir wahrscheinlich gelingen, mich durch die therapeutischen
Erfolge des neuen Verfahrens zu erhalten, die Wissenschaft aber
würde zu meinen Lebzeiten keine Notiz von mir nehmen. Einige
Dezennien später würde ein anderer unfehlbar auf dieselben,
jetzt nicht zeitgemäßen Dinge stoßen, ihre Anerkennung durch-
setzen und mich so als notwendigerweise verunglückten Vorläufer
zu Ehren bringen. Unterdes richtete ich's mir als Robinson auf
meiner einsamen Insel möglichst behaglich ein. Wenn ich aus
den Verwirrungen und Bedrängnissen der Gegenwart auf jene
einsamen Jahre zurückblicke, will es mir scheinen, es war eine
schöne heroische Zeit ; die splendid Isolation entbehrte nicht
ihrer Vorzüge und Reize. Ich hatte keine Literatur zu lesen,
keinen schlecht unterrichteten Gegner anzuhören, ich war keinem
Einfluß unterworfen, durch nichts gedrängt. Ich erlernte es,
spekulative Neigungen zu bändigen und nach dem unvergessenen
Rat meines Meisters Charcot, dieselben Dinge so oft von
neuem anzuschauen, bis sie von selbst begannen, etwas auszu-
sagen. Meine Veröffentlichungen, für die ich mit einiger Mühe
auch Unterkunft fand, konnten immer weit hinter meinem Wissen
zurückbleiben, durften beliebig aufgeschoben werden, da keine
zweifelhafte „Priorität" zu verteidigen war. Die „Traumdeutung"
zum Beispiel war in allem Wesenthchen anfangs 1896 fertig, sie
428 Tjur Geschichte der psychoanalytischen Bewegi/ng
wurde aber erst im Sommer 1899 niedergeschrieben. Die Behand-
lung der „Dora" schloß zu Ende 1899 ab, ihre Krankengeschichte
war in den nächsten zwei Wochen fixiert, wurde aber erst 1905
veröffentlicht. Unterdes wurden meine Schriften in der Fach-
literatur nicht referiert oder, wenn dies ausnahmsweise geschah,
mit höhnischer oder mitleidiger Uberlegenheii zurückgewiesen.
Gelegentlich wandte mir auch ein Fachgenosse in einer seiner
Publikationen eine Bemerkung zu, die sehr kurz und nicht sehr
schmeichelhaft war, etwa: verbohrt, extrem, sehr sonderbar.
Finmal traf es sich, daß ein Assistent der Klinik in Wien, an
der ich meine Semestralvorlesung abhielt, sich von mir die
Erlaubnis nahm, diesen Vorlesungen anzuwohnen. Er hörte sehr
andächtig zu, sagte nichts, bot sich aber nach der letzten Vor-
lesung zu einer Begleitung an. Wiihrend dieses Spazierganges
eröffnete er mir, er habe mit Wissen seines Chefs ein Buch
gegen meine Lehre geschrieben, bedauere aber sehr, dieselbe erst
durch meine Vorlesungen besser kennen gelernt zu haben. Er
hätte sonst vieles anders geschrieben. Allerdings habe er sich
auf der Klinik erkundigt, ob er nicht vorher die „Traumdeutung"
lesen solle, aber man habe ihm abgeraten, es sei nicht der
Mühe wert. Er verglich dann selbst mein Lehrgebäude, wie er
es jetzt verstanden habe, nach der Festigkeit seines inneren
Gefüges mit der katholischen Kirche. Im Interesse seines Seelen-
heils will ich annehmen, daß in dieser Äußerung ein Stück
Anerkennung enthalten war. Er scliloß dann aber, es sei zu spät,
an seinem Buche etwas abzuändern, es sei bereits gedruckt. Der
betreffende Kollege hatte es auch nicht für nötig erachtet, der
Mitwelt späterhin etwas von der Änderung seiner Meinungen
über meine Psychoanalyse bekanntzugeben, sondern es vorgezogen,
die Entwicklung derselben als ständiger Referent einer medi-
zinischen Zeitschrift mit spaßhaften Glossen zu begleiten.
Was ich an persönlicher Empfindlichkeit besaß, wurde in
jenen Jahren zu meinem Vorteile abgestumpft. Vor der Verbitterung
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 429
wurde ich aber durch einen Umstand bewahrt, der nicht allen
vereinsamten Entdeckern zu Hilfe kommt. Ein solcher quält sich
ja sonst ab zu ergründen, woher die Teilnahmslosigkeit oder
Ablehnung seiner Zeitgenossen rührt, und empfindet sie als
einen peinigenden Widerspruch gegen die Sicherheit seiner
eigenen Überzeugung. Das brauchte ich nicht, denn die psycho-
analytische Lehre gestattete mir, dies Verhalten der Umwelt als
notwendige Folge aus den analytischen Grundannahmen zu ver-
stehen. Wenn es richtig war, daß die von mir aufgedeckten
Zusammenhänge dem Bewußtsein der Kranken durch innere
affektive Widerstände ferngehalten werden, so mußten sich diese
Widerstände auch bei den Gesunden einstellen, sobald man ihnen
das Verdrängte durch Mitteilung von außen zuführte. Daß diese
letzteren die affektiv gebotene Ablehnung durch intellektuelle Be-
gründung zu motivieren verstanden, war nicht verwunderlich. Es
ereignete sich bei den Kranken ebenso häufig, und die ins Feld ge-
führten Argumente — Argumente sind so gemein wie Brombeeren,
mit Falstaff zu reden — waren die nämlichen und nicht gerade
scharfsinnig. Der Unterschied war nur, daß man bei den Kranken
über Pressionsmiltel verfügte, um sie ihre Widerstände einsehen und
überwinden zu lassen, bei den angeblich Gesunden solcher Hilfen
aber entbehrte. Auf welche Weise man diese Gesunden zu einer
kühlen, wissenschafthch objektiven Überprüfung drängen könne,
war ein ungelöstes Problem, dessen Erledigung am besten der Zeit
vorbehalten blieb. Man hatte in der Geschichte der Wissenschaften
oft feststellen können, daß dieselbe Behauptung, die anfangs nur
Widerspruch hervorgerufen hatte, eine Weile später zur Anerken-
nung kam, ohne daß neue Beweise für sie erbracht worden wären.
Daß sich aber in diesen Jahren, als ich allein die Psychoanalyse
vertrat, ein besonderer Respekt vor dem Urleil der Welt oder
ein Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei mir entwickelt
habe wird wohl niemand erwarten dürfen.
II
Vom Jahre 1903 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte
um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu
erlernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kollege, welcher die
gute Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren
hatte, gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden
in meiner Wohnung zusammen, diskutierte nach gewissen Regeln,
suchte sich in dem befremdhch neuen Forschungsgebiete zu
orientieren und das Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines
Tages führte sich ein absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manu-
skript bei uns ein, welches außerordentliches Verständnis verriet.
Wir bewogen ihn die Gymnasialsludien nachzuholen, die Uni-
versität zu besuchen und sich den nichtärztlichen Anwendungen
der Psychoanalyse zu widmen. Der kleine Verein erwarb so einen
eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich gewann an Otto Rank'
den ireuesten Helfer und Milarboiter.
Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im Laufe der
nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. Im ganzen
durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit
der Begabungen, die er umschloß, stand er kaum hinter dem
Stab eines beliebigen klinischen Lehrers zurück. Von Anfang an
waren jene Männer darunter, die in der Geschichte der psycho-
analytischen Bewegung später so bedeutungsvolle, wenn auch nicht
1) Gegenwärtig Leiter des Intern. Psychoaniilyt. Verlages und Redakteur der
„Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse« und der „Imago" von beider Beginnen an.
Zur Geschichte der psychoanalytischen. Bewegung 431
immer erfreuliche Rollen spielen sollten. Aber diese Entwicklung
konnte man damals nocli nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein,
und ich meine, ich tat alles, um den anderen zugänglich zu
machen, was ich wußte und erfahren hatte. Von übler Vor-
bedeutung waren nur zwei Dinge, die mich endlich dem Kreise
innerlich entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter den Mit-
gliedern jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen, das
unter Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen
soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, zu
denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit reichlicher
Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Unterweisung in der
Ausübung der Psychoanalyse, die ganz besonders groß sind und
an vielen der heutigen Zerwürfnisse die Schuld tragen, machten
sich bereits in der privaten Wiener psychoanalytischen Vereinigung
geltend. Ich selbst wagte es nicht, eine noch unfertige Technik
und eine im steten Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität
vorzutragen, die den anderen wahrscheinhch manche Irrwege und
endliche Entgleisungen erspart hätte. Die Selbständigkeit der
geistigen Arbeiter, ihre frühe Unabhängigkeit vom Lehrer, ist
psychologisch immer befriedigend j ein Gewinn in wissenschaftlicher
Hinsicht ergibt sich aus ihr nur, wenn bei diesen Arbeitern
gewisse, nicht allzu häufig vorkommende persönliche Bedingungen
erfüllt sind. Gerade die Psychoanalyse hätte eine lange und strenge
Zucht und Erziehung zur Selbstzucht gefordert. Der Tapferkeit
wegen, die sich in der Hingabe an eine so verpönte und aus-
sichtslose Sache erwies, war ich geneigt, den Mitghedern der
Vereinigung mancherlei angehen zu lassen, woran ich sonst Anstoß
eenommen hätte. Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Arzte,
sondern auch andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse
etwas Bedeutsames erkannt hatten, Schrifsteller, Künstler usw.
Die „Traumdeutung", das Buch über den „Witz" u. a. hatten
von vornherein gezeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht
auf das ärztliche Gebiet beschränkt bleiben können, sondern der
J
45^ Zur Geschichte der psychoanalytiscken Bewegung
, Anwendung auf verschiedenartige andere Geisteswissenschaften
fähig sind.
Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Erwartungen
und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die Psychoanalyse
in aller Stille Interesse erweckt und Freunde gefunden habe, ja,
daß es wissenschaftliche Arbeiter gebe, welche bereit seien, sich
zu ihr zu bekennen. Eine Zuschrift von Bleuler hatte mich
schon früher wissen lassen, daß meine Arbeiten im Burghölzli
studiert und verwertet würden. Im Jänner 1907 kam der erste
' Angehörige der Züricher Klinik, Dr. Eitingon,* nach Wien, es
I folgten bald andere Besuche, die einen lebhaften Gedanken-
austausch anbahnten-; endlich kam es über Einladung von
i C. G. Jung, damals noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten
I Zusammenkunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die
Freunde der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Ort«n
■ her vereinigte. Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kon-
( gresses war die Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahr-
buch für psychoanalytische und psychopatho-
logische Forschungen", herausgegeben von Bleuler und
Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 zu erscheinen begann.
I Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen Wien und Zürich fand
I in dieser Publikation ihren Ausdruck.
f^- Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatrischen
j Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des besonderen
I die von Bleuler und Jung, wiederholt dankend anerkannt und
stehe nicht an, dies heute, unter so veränderten Verhältnissen,
von neuem zu tun. Gewiß war es nicht erst die Parteinahme
der Züricher Schule, welche damals die Aufmerksamkeit der
! wissenschaftlichen Welt auf die Psychoanalyse richtete. Die
i Latenzzeit war eben abgelaufen und an allen Orten wurde die
1 Psychoanalyse Gegenstand eines sich steigernden Interesses. Aber
[ an allen anderen Orten ergab diese Zuwendung von Interesse
1) Der spatere Gründer der „Psychoanalytischen Poliklinik" in BerHn.
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 455
zunächst nichts anderes, als eine meist leidenschaftlich akzentuierte
Ablehnung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Überein-
stimmung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen
Stelle fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von Anhängern
beisammen, konnte eine öffentliche Klinik in den Dienst der
psychoanalytischen Forschung gestellt werden, oder war ein
khnischer Lehrer zu sehen, der die psychoanalytische Lehre als
integrierenden Bestandteil in den psychiatrischen Unterricht auf-
nahm. Die Züricher wurden so die Kerntruppe der kleinen, für
die Würdigung der Analyse kämpfenden Schar. Bei ihnen allein
war Gelegenheit, die neue Kunst zu erlernen und Arbeiten in
ihr auszuführen. Die meisten meiner heutigen Anhänger und
Mitarbeiter sind über Zürich zu mir gekommen, selbst solche, die
es geographisch weit näher nach Wien hatten als nach der
Schweiz. Wien liegt exzentrisch für den Westen Europas, der die
großen Zentren unserer Kultur beherbergt; sein Ansehen wird
seit vielen Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt.
In der geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der bedeut-
samsten Nationen zusammen; ein Infektionsherd an dieser Stelle
mußte für die Ausbreitung der psychischen Epidemie, wie Hoche
in Freiburg sie genannt hatte, besonders wichtig werden.
Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung im
B u r g h ö 1 z 1 i mitgemacht, kann man feststellen, daß die Psycho-
analyse dort schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. In Jungs
1902 veröffentlichter Schrift über okkulte Phänomene findet sich
bereits ein erster Hinweis auf die Traumdeutung. Von 1905 oder
1Q04 an, berichtet mein Gewährsmann, stand die Psychoanalyse
im Vordergrunde. Nach der Anknüpfung persönlicher Beziehungen
zwischen Wien und Zürich bildete sich, Mitte des Jahres 1907,
auch im Burghölzli ein zwangloser Verein, der in regelmäßigen
Zusammenkünften die Probleme der Psychoanalyse diskutierte. Bei
der Union, die sich zwischen der Wiener und der Züricher
Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß empfangende
Freud. IV. ^
>
434 ^"'" Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
Teil. Sie hatten selbst bereits respektable wissenschaftliche Arbeit
geleistet, deren Ergebnisse der Psychoanalyse zugute kamen. Das
von der Wundtschen Schule angegebene Assoziationsexperiment
war von ihnen im Sinne der Psychoanalyse gedeutet worden und
hatte ihnen unerwartete Verwertungen gestattet. Rs war so möglich
geworden, rasche experimentelle Bestätigungen von psycho-
analytischen Talbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse
dem Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker
nur hätte erzählen können. Es war die erste Brücke geschlagen
worden, die von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse
führte.
Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psychoanalytischen
Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse des Falles, leistet
aber keinen wesentlichen Beitrag zur Technik und ist bei der
Ausführung von Analysen eigentlich entbehrlich. Bedeutsamer
noch war eine andere Leistung der Züricher Schule oder ihrer
beiden Führer Bleuler und Jung. Der erslere wies nach, daß
bei einer ganzen Anzahl von rein psychiatrischen Fällen die
Erklärung durch solche Vorgänge in Betracht käme, wie sie mit
Hilfe der Psychoanalyse für den Traum und die Neurosen erkannt
worden waren („Freudsche Mechanismen")- Jung wendete das
analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die sonderbarsten
und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an, deren
Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebensinteressen der
Kranken dann klar zutage trat. Von da an war es den Psychiatern
unmöglich gemacht, die Psychoanalyse noch länger zu ignorieren.
Das große Werk von Bleuler über die Schizophrenie (1911),
in welchem die psychoanalytische Betrachtungsweise gleichberechtigt
neben die klinisch- systematische hingestellt wurde, brachte diesen
Erfolg zur Vollendung.
Ich will es nicht unterlassen, auf einen Unterschied hinzu-
weisen, der schon damals in der Arbeitsrichtung der beiden
Schulen deutlich war. Ich hatte bereits im Jahre 1897 die Analyse
Zwr Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 455
eines Falles von Schizophrenie veröffentlicht, der aber paranoides
Gepräge trug, so daß seine Auflösung den Eindruck der Jungschen
Analysen nicht vorwegnehmen konnte. Mir war aber nicht die
Deutbarkeit der SjTnptome, sondern der psychische Mechanismus
der Erkrankung das Wichtige gewesen, vor allem die Überein-
stimmung dieses Mechanismus mit dem bereits erkannten der
Hysterie. Auf die Differenzen zwischen den beiden fiel damals
noch kein Licht. Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit auf
eine Libidotherapie der Neurosen hin, welche alle neurotischen
wie psychotischen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen der
Libido, also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Ver-
wendung, erklären soUte. Dieser Gesichtspunkt ging den
Schweizer Forschem ab. Bleuler hält meines Wissens auch
heute an einer organischen Verursachung der Formen von
Dementia praecox fest, und Jung, dessen Buch über diese
Erkrankung 1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem Salzburger
Kongresse die toxische Theorie derselben, die sich, allerdings
ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt. An
dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) gescheitert, indem
er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er sich vorher nicht
bedienen wollte.
Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der vielleicht ganz
auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann ich nicht so hoch
einschätzen, wie es von Fernerstehenden geschieht. Ich meine die
Lehre von den K om p 1 e x e n, die aus den «Di^^^ischen
Assoziaüonsstudien" (igo6 bis 1910) erwuchs. Sj^ hat weder
selbst eine psychologische Theorie ergeben noch eine zwanglose
Einfügung in den Zusammenhang der psychoanalytischen Lehren
gestattet. Hingegen hat sich das Wort „Komplex" als bequemer,
ofT unentbehrlicher Terminus zur deskriptiven Zusammenfassung
psychologischer Tatbestände Bürgerrecht in der Psychoanalyse
erworben. Kein anderer der von dem psychoanalytischen Bedürfnis
neugeschaffenen Namen und Bezeichnungen hat eine ähnlich
\Ä
4.56 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
weitgehende Popularität erreicht und so viel mißbräuchhche
Verwendung zum Schaden schärferer Begrifisbildungen gefunden.
Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker von
„Komplexrückkehr" zu reden, wo man die „XVückkehr des Ver-
drängten" meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: Ich habe
einen Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lauten konnte:
einen Widerstand.
In den Jahren von 1907 nn, die auf den Zusammenschluß der
Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psychoanalyse
jenen außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zeichen sie sich
heute noch befindet, und der ebenso sicher bezeugt ist durch die
Verbreitung der ihr dienenden Schriften und die Zunahme der
Ärzte, welche sie ausüben oder erlernen wollen, wie durch die
Häufung der Angriffe gegen sie auf Kongressen und in gelehrten
Gesellschaften. Sie wanderte in die fernsten Länder, schreckte
überall nicht nur die Psychiater auf, sondern machte auch die
gebildeten Laien und die Arbeiter auf anderen Wissensgebieten
aufhorchend. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit
Sympathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu
nennen, schrieb ig 11 in einem Bericht an den Australasiatischen
medizinischen Kongreß: „Freuds psychoanalysis is now cham-
pioned and carried out not o/ily in Auslria and in Switzerland,
but in the United States, in England^ in Ind/a, in Canada, and,
I doulit not, in Jijstralasia."^ Ein (wahrscheinlich deutscher) Arzt
aus Chile trat auf dem internationalen Kongreß in Buenos Aires
1910 für die Existenz der infantilen Sexualität ein und lobte die
Erfolge der psychoanalytischen Therapie bei Zwangssymptomen;''
ein englischer Nervenarzt in Zentralindien (Berkeley- Hill)
ließ mir durch einen distinguierten Kollegen, der nach Europa
reiste, mitteilen, daß die mohammedanischen Hindus, an denen er
1) Havelock Ellis, The doctrines of ihe Freud School.
2) G. Greve. Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos EsUdos angustiosos.
S. Zentralbl. f. Paychottnalyae, Bd. I, S. 594.
Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 437
die Analyse ausübe, keine andere Ätiologie ihre Neurosen erkennen
ließen als unsere europäischen Patienten.
Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging unter
besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst igog wurden
Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsidenten der Clark
University in Worcester (bei Boston), eingeladen, uns an der
zwanzigjährigen Gründungsfeier des Institutes durch Abhaltung
von Vorträgen in deutscher Sprache zu beteiligen. Wir fanden zu
unserer großen Überraschung, daß die vorurteilslosen Männer
jener kleinen, aber angesehenen pädagogisch-philosophischen
Universität alle psychoanalytischen Arbeiten kannten und in
den Vorträgen für ihre Schüler gewürdigt hatten. In dem
so prüden Amerika konnte man wenigstens in akademischen
Kreisen alles, was im Leben als anstößig galt, frei be-
sprechen und wissenschafthch behandeln. Die fünf Vorträge,
die ich in Worcester improvisiert habe, erschienen dann im
American Journ. of Psychology in enghscher Übersetzung, bald
darauf deutsch unter dem Titel „Über Psychoanalyse"; Jung
las über diagnostische Assoziationsstudien und über „Konflikte der
kindhchen Seele". Wir wurden dafür mit dem Ehrentitel von
LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die Psychoanalyse war
während jener Festwoche in Worcester durch fünf Personen ver-
treten, außer Jung und mir waren es Ferenczi, der sich mir
als Reisebegleiter angeschlossen hatte, Ernest Jones, damals an
der Universität in Toronto (Kanada), jetzt in London, und A. Brill,
der bereits in New York analytische Praxis ausübte.
Die bedeutsamste persönhche Beziehung, die sich in Worcester
noch ergab, war die zu James J. Putnam, dem Lehrer der
Neuropathologie an der Harvard University, der vor Jahren em
abfdUiges Urteil über die Psychoanalyse ausgesprochen hatte, sich
jetzt aber rasch mit ihr befreundete und sie in zahlreichen inhalt-
reichen wie formschönen Vorträgen seinen Landsleuten und
Fachgenossen empfahl. Der Respekt, den sein Cliaralcter ob seiner
438 Zw Geschickte der psychoanalytischen Bewegung
hohen Sittlichkeit und kühnen Wahrheitsliebe in Amerika genoß,
kam der Psychoanalyse zugute und deckte sie gegen die Denun-
ziationen, denen sie sonst wahrscheinlich zeiiig erlegen wäre.
P u t n a m hat dann später dem großen ethischen und philosophischen
Bedürfnis seiner Natur allzusehr nachgegeben und an die Psychoanalyse
die, wie ich meine, unerfüllbare Forderung gestellt, daß sie sich in
den Dienst einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung
finden solle; er ist aber die Hauptstütze der psychoanalytischen
Bewegung in seinem Heimatlande geblieben.'
Um. die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann
Brill und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren
Arbeiten in selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu beob-
achtenden Grundtatsachen des Alltagslebens, des Traumes und
der Neurose immer wieder von neuem ihren Landsleuten vor
Augen führten. Brill hat diese Einwirkung durch seine ärztliche
Tätigkeit und durch die Übersetzung meiner Schriften, Jones
durch lehrreiche Vorträge und schlagfertige Diskussionen auf den
amerikanischen Kongressen verstärkt.*
Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tradition
und die geringere Straramheit der offiziellen Autorität sind der
von Stanley Hall für Amerika gegebenen Anregung entschieden
vorteilhaft gewesen. Es war dort auch von allem Anfang an
charakteristisch, daß sich Professoren und Leiter von Irrenanstalten
in gleichem Maße wie selbständige Praktiker an der Analyse
beteiligt zeigten. Aber gerade darum ist es klar, daß der Kampf
«m die Analyse dort seine Entscheidung finden muß, wo sich
die größere Resistenz ergeben hat, auf dem Boden der alten
Kulturzentren.
1) S. J. J. Putnam, Addrcsses on Psyclio-Analysis, Intomot. Psycho-Analjtical
Library Nr. 1, 1911. — P u t n a m sinrb igiß.
2) Die Publikationen beider Autoren sind gcsumitielt erschienen: Brill, Psych-
analysis, Its thcorics and practicnl applicalions, 1912, und E. Jones, Papers on
Psychoanalysis, 1915. Vom ersten Euch ist 1914, vom anderen 1918 eine sehr Ter-
stärkte Second Edition (1923 eine dritte) erschienen.
%ur Geschichte der psychoanalytischen. Bewegung 439
Von den europäischen Ländern hat bisher Frankreich sich am
unempfangHchsten für die Psychoanalyse erwiesen, obwohl verdienst-
volle Arbeiten des Züricher A. Maeder dem französischen Leser
einen bequemen Zugang zu deren Lehren eröffnet hatten. Die
ersten Regungen von Teilnahme kamen aus der französischen
Provinz. Morichau-Beauchant (Poitiers) war der erste
Franzose, der sich öffentlich zur Psychoanalyse bekannte. R^gis
und Hesnard (Bordeaux) haben erst kürzlich (1915) in einer
ausführlichen, nicht immer verständnisvollen Darstellung, die an
( der Symbolik besonderen Anstoß nimmt, die Vorurteile ihrer
Landsleute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht. In Paris
selbst scheint noch die Überzeugung zu herrschen, der auf dem
Londoner Kongreß 1913 Janet so beredten Ausdruck gab, daß
alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit geringen Abänderungen
( die Janetschen Ansichten wiederhole, alles darüber hinaus aber
' sei von Übel. Janet mußte sich noch auf diesem Kongreß
: selbst eine Reihe von Zurechtweisungen von E. Jones gefallen
' lassen, der ihm seine geringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seme
Verdienste um die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem
nicht vergessen, auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen.
In Italien blieb nach einigen vielversprechenden Anfängen die
weitere Beteiligung aus. In Holland fand die Analyse durch
persönliche Beziehungen frühzeitig Eingangs van Emden, van
Ophuiisen, van Renterghem („Freud en zijn School")
und die beiden Stärcke sind dort theoretisch und praktisch
mit Erfolg tätig.' Das Interesse der wissenschaftlichen Kreise
Englands für die Analyse hat sich sehr langsam entwickelt, aber
alle Anzeichen sprechen dafür, daß ihr gerade dort, begünstigt von
dem Sinn der Engländer für Tatsächliches und ihrer leidenschaft-
lichen Parteinahme für Gerech tigkeit, eine hohe Blüte bevorsteht.
il Die erste offizieUe Anerkennung, welcher Traumdeutung und Psychoanalyse in
Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psychiater J e 1 g e r s m a als Eektor
deTuniver.ität Leiden in seiner Rektorsrede vom 9. Februar 19M. („Unbewußtes
Geistesleben". Beihefte der Inlern. Zeitschrift für Psychoanalyse, Nr. 1.)
\
44° Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegimg
In Schweden hat P. Bjerre, der Nachfolger in der ärztlichen
Tätigkeit Wetterstrands, die hypnotische Suggestion für die
analytische Behandlung, wenigstens zeitweilig, aufgegehen. R. Vogt
(Kristiania) hat bereits 1907 die Psychoanalyse in seinem
„Psykiatriens grundtraek" gewürdigt, so daß das erste Lehrbuch
der Psychiatrie, welches von der Psychoanalyse Kenntnis nahm,
ein in norwegischer Sprache geschriebenes war. In Rußland ist
die Psychoanalyse sehr allgemein bekannt und verbreitet worden;
fast alle meine Schriften sowie die anderer Anhänger der
Analyse sind ins Russische übersetzt. Ein tieferes Verständnis der
analytischen Lehren hat sich aber in Rußland noch nicht ergeben.
Die Beiträge russischer Ärzte sind derzeit unbeträchtlich zu
nennen. Nur Odessa besitzt in der Person von M. Wulff
einen geschulten Analytiker. Die Einführung der Psychoanalyse
in die polnische Wissenschaft und Literatur ist hauptsächlich das
Verdienst von L. Jekels. Das Österreich geographisch so nahe
verbundene, ihm wissenschaftlich so entfremdete Ungarn hat der
Psychoanalyse bisher nur einen Mitarbeiter geschenkt, S. Ferenczi,
aber einen solchen, der wohl einen Verein aufwiegt.'
OfZuiofi 7p2j.-_/ Es kann nicht meine Absicht sein, diese i<)i4 entworfene Schil-
derung up to date zu führen. Nur einzelne Bemerkniigen sollen andeuten, wie sich
m der Zwischenzeit, die den Weltkrieg einscliUetit, dus Bild geändert hat. In
Deutschland setzt sich eine langsame, nicht immer ingestündene Infiltration der
analytischen Lehren in die klinische Psychiatrie durch; die in den letzten Juhren
erschienenen franiosischen Ubersetiungen meiner Schriften hüben endlich auch in
Frankreich ein starkes Interesse an der Psychonnnlyse erweckt, das derzeit in
hterarischen Kreisen wirksamer ist als in wissenschaftlichen, In 1 1 a 1 i e n sind M. L e v i
Bianchini (Nocera sup.) und Edoardo Weiss (Trieste) als Übersetzer und
Vorkämpfer der Psychoanalyse aufgetreten („Bihlioteca Psicoanalitica Italiana"). Der
lebhaften Anteilnahme in den s p a n i s c h redenden Ländern {Prof. H. Delgado
in Lima) trägt eine in Madrid erscheinende Gesumtausgiibo meiner Werke Rechnung
(übersetzt von L o p e z - B a U e s t e r o s). Für England scheint sich die oben
ausgesprochene Vorhersago stetig zu erfüllen, in B r 1 1 isch-In di en (Kalknlta) hat
sich eine besondere Pflegestätte der Analyse gebildet. Die Vertiefung der Analyse
m Nordamerika hält noch immer nicht Schritt mit ihrer Popularität. Jn
Rußland hat die psychoanalytische Arbeit nach dem L'mstiirz an mehreren Zentren
neu begonnen. In polnischer Sprache erscheint jetzt die „Polska Bibljoteka Psycho-
analityczna". In Ungarn ist unter der Leitung von Perenczi eine glänzende ana-
lytische Schule aufgeblüht. (Vgl. „Festschrift zum r>o. Geburtslag von Dr. S. Terenczi".)
Am abweisendsten verhalten sich derzeit noch die skandinavischen Länder
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
44.1
1
Den Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man nicht
anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie stehe im
Mittelpunkte der wissenschaftlichen Diskussion und rufe bei
Ärzten wie bei Laien Äußerungen entschiedenster Ablehnung
hervor, welche aber bisher kein Ende gefunden haben, sondern
sich immer wieder von neuem erheben und zeitweise verstärken.
Keine offizielle Lehranstalt hat bisher die Psychoanalyse zugelassen,
erfolgreiche Praktiker, die sie ausüben, sind nur in geringer
Anzahl vorhanden; nur wenige Anstalten, wie die von Bins-
wanger in Kreuzlingen (auf Schweizer Boden), Marcinowsfci
in Holstein, haben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden
von Berlin behauptet sich einer der hervorragendsten Vertreter
der Analyse, K. Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler.
Man könnte sich verwundern, daß dieser Stand der Dinge sich
nun schon seit einer Reihe von Jahren unverändert erhalten hat,
wenn man nicht wüßte, daß die obige Schilderung nur den
äußeren Anschein wiedergibt. Man darf die Ablehnung der
offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der Anstaltsleiter sowie
des von ihnen abhängigen Nachwuchses in seiner Bedeutung
nicht überschätzen. Es ist begreiflich, daß die Gegner laut die
Stimme erheben, während die Anhänger eingeschüchtert Ruhe
halten. Manche der letzteren, deren erste Beiträge zur Analyse
gute Erwartungen erwecken mußten, haben sich denn auch unter
dem Drucke der Verhältnisse von der Bewegung zurückgezogen.
Aber diese selbst schreitet im stillen unaufhaltsam fort, wirbt
immer neue Anhänger unter den Psychiatern wie den Laien,
führt der psychoanalytischen Literatur eine stetig sich steigernde
Anzahl von Lesern zu und nötigt eben darum die Gegner zu
immer heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein Dutzend
Male im Laufe dieser Jahre, in Berichten über die Verhandlungen
bestimmter Kongresse, und wissenschaftlicher Vereinssitzungen
oder in Referaten nach gewissen Publikationen zu lesen bekommen :
Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig überwunden und
»
44^ Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
erledigt! Die Antwort hätte ähnlich lauten müssen wie das
Telegramm Mark Twains an die Zeitung, welche fälschlich seinen
Tod gemeldet hatte: Nachricht von meinem Ableben
stark übertrieben. Nach jeder dieser Totsagungen hat die
Psychoanalyse neue Anhänger und Mitarbeiter gewonnen oder
sich neue Organe geschaffen. Totgesagt war doch ein Fortschritt
gegen Totgeschwiegen!
Gleichzeitig mit der geschilderton räumlichen Expansion der
Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung durch
Übergreifen auf andere Wissensgebiete von der Neurosenlehre
und Psychiatrie her. Ich werde dieses Stück der Entwicklungs-
geschichte unserer Disziplin nicht eingehend behandeln, weil eine
vortreffliche Arbeit von Rank und Sachs (in den Löwen-
feldschen „Grenzfragen") vorliegt, welche gerade diese
Leistungen der Analysenarbeit ausführlich darstellt. Es ist
hier übrigens alles im ersten Beginn, wenig ausgearbeitet, meist
nur Ansätze und mitunter auch nichts anderes als Vorsätze. Wer
billig denkt, wird darin keinen Grund zum Vorwurf finden. Den
ungeheuren Mengen der Aufgaben steht eine kleine Zahl von
Arbeitern gegenüber, von denen die meisten ihre Haupt-
beschäftigung anderswo haben und die Fachprobleme der fremden
Wissenschaft mit dilettantischer Vorbereitung angreifen müssen.
Diese von der Psychoanalyse herkommenden Arbeiter machen
aus ihrem Dilettantentum kein Hehl, sie wollen nur Wegweiser
und Platzhalter für die Fachmänner sein, und ihnen die ana-
lytischen Techniken und Voraussetzungen empfohlen haben, wenn
sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn die erzielten Auf-
schlüsse doch schon jetzt nicht unbeträchtlich sind, so ist dies
Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen Methodik,
andererseits dem Umstände zu danken, daß es auch jetzt schon
einige Forscher gibt, die, ohne Ärzte zu sein, die Anwendung
der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften zu ihrer Lebens-
aufgabe gemacht haben.
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 44.5
Die meisten dieser Anwendungen gehen, wie begreiflieb, auf
eine Anregung aus meinen ersten analytischen Arbeiten zurück.
Die analytische Untersuchung der Nervösen und der neurotischen
Symptome Normaler nötigte zur Annahme psychologischer Verhält-
nisse, welche unmöglich nur für das Gebiet gelten konnten, auf
dem sie kenntlich geworden waren. So schenkte uns die Analyse
nicht nur die Aufklärung pathologischer Vorkommnisse, sondern
zeigte auch deren Zusammenhang mit dem normalen Seelenleben
auf und enthüllte ungeahnte Beziehungen zwischen der Psychiatrie
und den verschiedensten anderen Wissenschaften, deren Inhalt
eine Seelentätigkeit war. Von gewissen typischen Träumen aus
ergab sich 2. B. das Verständnis mancher Mythen und Märchen.
Riklin und Abraham folgten diesem Winke und leiteten
jene Forschungen über die Mythen ein, die dann in den allen
fachmännischen Ansprüchen gerechten Arbeiten Ranks zur
Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Verfolgung der Traum-
symbolik führte mitten in die Probleme der Mythologie, des
Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen Abstraktionen.
Auf einem der psychoanalytischen Kongresse machte es allen
Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein Schüler Jungs die
Übereinstimmung der schizophrenen Phantasiebildungen mit den
Kosmogonien primitiver Zeiten und Völker nachwies. Eme nicht
mehr einwandfreie, doch sehr interessante Verarbeitung fand
später das Material der Mythologien in den Arbeiten Jungs,
welche zwischen der Neurotik, den religiösen und den mytho-
logischen Phantasien vermitteln wollten.
Ein anderer Weg leitete von der Traum forschung zur Analyse
der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dichter und Künstler
selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich, daß von Dichtern erfundene
Träume sich oft der Analyse gegenüber wie genuine verhalten
( Gradiva")- Die Auffassung der unbewußten seelischen Tätigkeit
gestattete eine erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen
Schöpfungsarbeit; die Würdigung der Triebregungen, m der man in
444 ^f"" Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
der Neurotik genötigt war, ließ die Quellen des künstlerischen Schaffens
erkennen und stellte die Probleme auf, wie der Künstler auf diese
Anregungen reagiere und mit welchen Mitteln er seine Reaktionen
verkleide (Rank: „Der Künstler"; Dichteranalysen von Sadger,
Reik u. a., meine kleine Schrift über eine Kindheitserinnerung
des Leonardo da Vinci, Abrahams Analyse von Segantini).
Die meisten Analytiker mit allgemeinen Interessen haben in
ihren Arbeiten Beiträge zur Behandlung dieser Probleme geliefert,
der reizvollsten, die sich unter den Anwendungen der Psycho-
analyse ergeben. Natürlich blieb auch hier der Widerspruch von
Seite der nicht mit der Analyse Vertrauten nicht aus und äußerte
sich in den nämlichen Mißverständnissen und leidenschaftlichen
Ablehnungen, wie auf dem Mutterboden der Psychoanalyse. Es
stand ja von vornherein zu erwarten, daß überall, wohin die
Psychoanalyse dringe, sie den nämlichen Kampf mit den Ansässigen
zu bestehen haben werde. Nur, daß die In vasions versuche noch
nicht auf allen Gebieten die Aufmerksamkeit geweckt haben, die
ihnen in der Zukunft bevorsteht. Unter den strenge literarwissen-
schaftlichen Anwendungen der Analyse steht das gründliche Werk
von Rank über das Inzestmoiiv obenan, dessen Inhalt der größten
Unliebsamkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche und historische
Arbeiten auf Basis der Psychoanalyse sind erst wenige vorhanden.
Die erste Antastung der religions-psychologisclien Probleme habe
ich igio selbst gewagt, indem ich das religiöse Zeremoniell in
Vergleich mit dem neurotischen zog. Der Pfarrer Dr. Pfister
in Zürich hat in seiner Arbeit über die Frömmigkeit des Grafen
von Zinzendorf (sowie in anderen Beiträgen) die Zurückführung
religiöser Schwärmerei auf perverse Erotik durchgeführt j in den
letzten Arbeiten der Züricher Schule kommt eher eine Durch-
dringung der Analyse mit religiösen Vorstellungen als das beab-
sichtig;te Gegenteil zustande.
In den vier Aufsätzen über „Totem und Tabu" habe ich den
Versuch gemacht, Probleme der Völkerpsychologie mittels der
Zw Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
445
Analyse zu behandeln, welche unmittelbar zu den Ursprüngen
unserer wichtigsten Kulturinstitutionen führen, der staatlichen
Ordnungen, der Sittlichkeit, der Religion, aber auch des Inzest-
verbotes und des Gewissens. Inwieweit die Zusammenhänge, die
sich dabei ergeben haben, der Kritik standhalten werden, läßt
sich heute wohl nicht angeben.
Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästhetische
Themata hat mein Buch über den „Witz" ein erstes Beispiel
gegeben. Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter, die gerade auf
diesem Gebiete reiche Ernte erwarten dürfen. Es fehlt hier
überall an den Arbeitskräften aus den entsprechenden Fachwissen-
schaften, zu deren Anlockung Hanns Sachs 1912 die von ihm
und Rank redigierte Zeitschrift „Imogo" gegründet hat. Mit
der psychoanal)^ischen Beleuchtung von philosophischen Systemen
und Persönlichkeiten haben Hits ch mann und v. Winter-
stein daselbst einen Anfang gemacht, dem Fortführung und
Vertiefung zu wünschen bleibt.
Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psychoanalyse
über das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexuellen Regungen
in demselben (v. Hug-Hellmuth) und die Schicksale solcher
Anteile der Sexualität, welche für das Fortpflanzungsgeschäft
unbrauchbar werden, mußten frühzeitig die Aufmerksamkeit auf
die Pädagogik lenken und den Versuch anregen, auf diesem
Gebiete analytische Gesichtspunkte in den Vordergrund zu rücken.
Es ist das Verdienst des Pfarrers Pf ist er, diese Anwendung der
Analyse mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen und sie Seel-
sorgern und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psychoanalytische
Methode, 1915. Erster Band des Pädagogiums von Meumann
und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze Reihe von
Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an seinem Interesse
zu gewinnen. Andere seiner Berufsgenossen sollen augeblich seine
Überzeugungen teilen, haben es aber vorgezogen, sich vorsichtiger-
weise im Hintergrunde zu verhalten. Ein Bruchteil der Wiener
44" "Zur Gescfiiclitc der psychoanalytischen Bewegung
Analytiker scheint auf dem Rückweg von der Psychoanalyse bei
einer Art von ärztlichen Pädagogik gelandet zu sein (Adler und
FurtmüUer, Heilen und Bilden, 1915).
In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich versucht, auf
die noch nicht übersehbare Fülle von Beziehungen hinzuweisen,
welche sich zwischen der ärztlichen Psychoanalyse und anderen
Gebieten der Wissenschaft ergeben haben. Es ist da Stoff für
die Arbeit einer Generation von Forschern gegeben, und ich
zweifle nicht, daß diese Arbeit geleistet werden wird, wenn erst
die Widerstände gegen die Analyse auf ihrem Mutterboden über-
wunden sind.'
Die Geschichte dieser Widerstände zu schreiben, halte ich
gegenwärtig für unfruchtbar und unzeitgemäß. Sie ist nicht sehr
ruhmvoll für die Manner der Wissenschaft unserer Tage. Ich
will aber gleich hinzusetzen, es ist mir nie eingefallen, die Gegner
der Psychoanalyse bloß darum, weil sie Gegner waren, in Bausch
und Bogen verächtlich zu schimpfen. Von wenigen unwürdigen
Individuen abgesehen, Glücksrittern und Beutehaschern, wie sie
sich in Zeiten des Kampfes auf beiden Seiten einzufinden pflegen.
Ich wußte mir ja das Benehmen dieser Gegner zu erklären und |
hatte überdies erfahren, daß die Psychoanalyse das Schlechteste ^
eines jeden Menschen zum Vorschein bringt. Aber ich beschloß,
nicht zu antworten und, soweit mein Einfluß reichte, auch
andere von der Polemik zurückzuhalten. Der Nutzen ölTentlicher
oder literarischer Diskussion erschien mir unter den besonderen 1
Bedingungen des Streites um die Psychoanalyse sehr zweifelhaft, )
die Majorisierung auf Kongressen und in Vereinssitzungen sicher,
und mein Zutrauen auf die Billigkeit oder Vornehmheit der
Herren Gegner war immer gering. Die Beobachtung zeigt, daß
es den wenigsten Menschen möglich ist, im wissenschaftlichen
Streit manierlich, geschweige denn sachlich zu bleiben, und der
1) Vgl. noch meine beiden Aufsätze in der „Scientia" (vol. XIV, 1913): Das
Interesse an der Psychoanalyse. [Enthalten in diesem Band der Gesamtausgabe.]
Zur Geschichte der psychoanalytischen Beiaegung 44.7
Eindruck eines wissenschaftlichen Gezänkes war mir von jeher
eine Abschreckung. Vielleicht hat man dieses mein Benehmen
mißverstanden, mich für so gutmütig oder so eingeschüchtert
gehalten, daß man auf mich weiter keine Rücksicht zu nehmen
brauchte. Mit Unrecht; ich kann so gut schimpfen und wüten
wie ein anderer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen der
zugrunde liegenden Affekte literaturfähig zu machen, und darum
ziehe ich die völlige Enthaltung vor.
Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen besser gewesen,
wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um mich
freien Lauf gelassen hätte. Wir haben alle den interessanten
Erklärungsversuch der Entstehung der Psychoanalyse aus dem
Wiener Milieu vernommen; Jan et hat es noch 1913 nicht
verschmäht, sich seiner zu hedienen, obwohl er gewiß stolz
darauf ist, Pariser zu sein und Paris kaum den Anspruch erheben
kann, eine sittenstrengere Stadt zu sein als Wien. Das Apergu
lautet, die Psychoanalyse, respektive die Behauptung, die Neurosen |
führen sich auf Störungen des Sexuallebens zurück, könne nur |
in einer Stadt wie Wien entstanden sein, in einer Atmosphäre j
von Sinnlichkeit und Unsittlichkeit, wie sie anderen Städten fremd [
sei, und stelle einfach das Abbild, sozusagen die theoretische
Projektion dieser besonderen Wiener Verhältnisse dar. Nun, ich
bin wahrhaftig kein Lokalpatriot, aber diese Theorie ist mir
immer ganz besonders unsinnig erschienen, so unsinnig, daß ich
manchmal geneigt war, anzunehmen, der Vorwurf des Wienertums
sei nur eine euphemistische Vertretung für einen anderen, den
man nicht gern öffentlich vorbringen wolle. Wenn die Voraus-
setzungen die gegensätzlichen wären, dann ließe sich die Sache
hören. Angenommen, es gäbe eine Stadt, deren Bewohner sich
besondere Einschränkungen in der sexuellen Befriedigung auf-
erlegten und gleichzeitig eine besondere Neigung zu schweren
neurotischen Erkrankungen zeigten, dann wäre diese Stadt aller-
dings der Boden, auf dem ein Beobachter den Einfall bekommen
[■'
44^ 2wr Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
.
könnte, diese beiden Tatsachen miteinander zu verknüpfen und
die eine aus der anderen abzuleiten. Nun trifft keine der beiden
Voraussetzungen für Wien zu. Die Wiener sind weder abstinenter
noch nervöser als andere Großstädter. Die Geschlechtsbeziehungen
sind etwas unbefangener, die Prüderie ist geringer als in den auf
ihre Keuschheit stolzen Städten des Westens und Nordens. Diese
wienerischen Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen
Beobachter eher in die Irre führen als ihn über die Verursachung
der Neurosen aufklaren.
Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren
Anteil an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen. An
keinem anderen Orte ist die feindselige Indifferenz der gelehrten
und gebildeten Kreise dem Analytiker so deuthch verspürbar wie
gerade in Wien.
Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine, die breite
Öffentlichkeit vermeidende Politik. Wenn ich veranlaßt oder
zugegeben hätte, daß die Psychoanalyse die ärztlichen Gesell-
schaften Wiens in lärmenden Sitzungen beschäfligto, wobei sieh
alle Leidenschaften entladen hätten, alle Vorwürfe und Invektiven
laut geworden wären, die man gegeneinander auf der Zunge
oder im Sinne trägt, vielleicht wäre jieute der Bann gegen die
Psychoanalyse überwunden und diese keine Fremde mehr in ihrer
Heimatstadt. So aber — mag der Dichter recht behalten, der
seinen Wallenstein sagen läßt;
Doch das vergeben mir die Wiener nicht,
daß ich um ein Spcklakel sie betrog.
Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern der
Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und ihre Willkür-
lichkeiten vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in seiner
Schrift „Die Psychoanalyse Freuds, Verteidigung und kritische
Bemerkungen" aufgenommen und in ehrenvollster Weise gelöst.
-Eine Anpreisung dieser nach zwei Seiten hin kritischen Arbeit
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 44g
durch meine Person wäre so selbstverständlich, daß ich mich
beeilen will, zu sagen, was ich an ihr auszusetzen habe. Sie
scheint mir noch immer parteiisch zu sein, allzu nachsichtig
gegen die Fehler der Gegner, allzu scharf gegen die Verfehlungen
der Anhänger. Dieser Charakterzug mag dann auch erklären,
warum das Urteil eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von
so unzweifelhafter Kompetenz und Unabhängkeit nicht mehr
Einfluß auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affek-
tivität" (1906) darf sich nicht darüber verwundern, wenn die
Wirkung einer Arbeit sich nicht von ihrem Argumentwert,
sondern von ihrem Affektton bestimmt zeigt. Einen anderen Teil
dieser Wirkung — die auf die Anhänger der Psychoanalyse —
hat Bleuler später selbst zerstört, indem er in seiner „Kritik
der Freudschen Theorie" {1915) die Kehrseite seiner Einstellung
zur Psychoanalyse zum Vorschein brachte. Er trägt darin so viel
von dem Gebäude der psychoanalytischen Lehre ab, daß die
Gegner mit der Hilfeleistung dieses Verteidigers wohl zufrieden
sein könnten. Als Richtschnur dieser Verurteilungen Bleulers
dienen aber nicht neue Argumente oder bessere Beobachtungen,
sondern einzig die Berufung auf den Stand der eigenen Erkenntnis,
deren Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren
Arbeiten selbst bekennt. Hier schien der Psychoanalyse also ein
schwer zu verschmerzender Verlust zu drohen. Allein in seiner
letzten Äußerung (Die Kritiken der Schizophrenie 1914) rafft sich
Bleuler, angesichts der Angriffe, welche ihm die Einführung
der Psychoanalyse in sein Buch über die Schizophrenie eingetragen
haben, zu dem auf, was er selbst eine „Überhebung" heißt. „Jetzt
aber will ich die Überhebung begehen; Ich meine, daß die ver-
schiedenen bisherigen Psychologien zur Erklärung der Zusammen-
häno"e psychogenetischer Symptome und Krankheiten arg wenig
geleistet haben, daß aber die Tiefenpsychologie ein Stück der-
ienigen erst noch zu schaffenden Psychologie gibt, welcher der
Arzt bedarf, um seine Kranken zu verstehen und rationell zu
Freod, IV. ^
450 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
heilen, und ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrenie
einen ganz kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan habe. Die
ersten beiden Behauptungen sind sicher richtig, die letztere mag
ein Irrtum sein."
Da mit der „Tiefenpsychologie" nichts anderes gemeint ist als
die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekenntnis vorder-
hand zufrieden sein.
f
in
Mach es kurz!
Am Jüngsten Tag ist's nur ein Furi.
Goethe.
Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkongreß
der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt (März igio).
In der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter dem Eindruck der
Aufnahme in Amerika, der steigenden Anfeindung in den deutschen
Ländern und der ungeahnten Verstärkung durch den Zuzug der
Züricher, eine Absicht gebildet, die ich mit Beihilfe meines
Freundes S. Ferenczi auf jenem zweiten Kongreß zur Aus-
führung brachte. Ich gedachte, die psychoanalytische Bewegung
zu organisieren, ihren Mittelpunkt nach Zürich zu verlegen und
ihr ein Oberhaupt zu geben, welches ihre Zukunft in acht
nehmen sollte. Da diese meine Gründung viel Widerspruch unter
den Anhängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive
ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, auch
wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts Kluges
getan habe.
Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine Empfehlung,
sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung wäre. Ein Ort wie
Zürich, im Herzen von Europa, an welchem der akademische
Lehrer sein Institut der Psychoanalyse geöffnet hatte, erscliien
mir weit aussichtsvoller. Ich nahm ferner an, ein zweites
Hindernis sei meine Person, deren Schätzung allzusehr durch
der Parteien Gunst und Haß verwirrt wurde; man verglich mich
452 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
entweder mit Columbus, Darwin und Kepler (ider schimpfte
mich einen Paralytiker. Ich wolhe also mich ebenso in den
Hintergrund rücken wie die Stadt, von der die Psychoanalyse
ausgegangen war. Auch war ich nicht mehr jugendlich, sah einen
langen Weg %-or mir und empfand es als drückend, daß mir in
so späten Jahren die Verpflichtung, Führer zu sein, zugefallen
war. Ein Oberhaupt, meinte ich aber, müsse es geben. Ich wußte
zu genau, welche Irrtümer auf jeden lauerten, der die Beschäfti-
gung mit der Analyse unternahm, und hoffte, man könnte viele
derselben ersparen, wenn man eine Autorität aufrichtete, die zur
Unterweisung und Abmahnung bereit sei. Eine solche Autorität
war zunächst mir zugefallen infolge des uneinbringlichen Vor-
sprunges einer etwa i 5 jährigen Erfahrung. Es lag mir also daran,
diese Autorität auf einen jüngeren Mann zu übertragen, der nach
meinem Ausscheiden wie selbstverständlich mein Ersatz werden
sollte. Dies konnte nur C. G. Jung sein, denn Bleuler war
mein, Altersgenosse, für Jung sprachen aber seine hervorragende
Begabung, die Beiträge zur Analyse, die er bereits geleistet hatte,
seine unabhängige Stellung und der Eindruck von sicherer Energie,
den sein Wesen machte. Er schien überdies bereit, in freundschaft-
liche Beziehungen zu mir zu treten und mir zuliebe Rassen-
vorurteile aufzugeben, die er sich bis dahin gestattet hatte. Ich ahnte
damals nicht, daß diese Wahl trotz aller aufgezälilten Vorzüge eine
sehr unglückliche war, daß sie eine Person getroffen hatte, welche,
unfähig, die Autorität eines anderen zu ertragen, noch weniger
geeignet war, selbst eine Autorität zu bilden, und deren Energie
in der rücksiclitslosen Verfolgung der eigenen Interessen aufg ing.
Die Form einer offiziellen Vereinigung hielt ich für notwendig,
weil ich den Mißbrauch fürchtete, welcher sich der Psychoanalyse
bemächtigen w*ürde, sobald sie einmal in die Popularität geriete.
Es sollte dann eine Stelle geben, welcher die Erklärung zustände:
Mit all dem Unsinn hat die Analyse nichts zu tun, das ist nicht
die Psychoanalyse. In den Sitzungen der Ortsgruppen, aus denen
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 453
sich die internationale Vereinigung zusammensetzte, sollte gelehrt
werden, wie die Psychoanalyse zu betreiben sei, und sollten Ärzte
ihre Ausbildung finden, für deren Tätiglvcit eine Art von Garantie
geleistet werden konnte. Auch schien es mir wünschenswert, daß
sich die Anhänger der Psychoanalyse zum freundschaftlichen
Verkehr und zur gegenseitigen Unterstützung zusammenfänden,
nachdem die offizielle Wissenschaft den großen Bann über sie
ausgesprochen und den Boykott über die Ärzte und Anstalten
verhängt hatte, die sie übten.
Dies alles und nichts anderes wölke ich durch die Gründung
der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" erreichen.
Es war wahrscheinlich mehr, als zu erreichen möglich war. Wie
meine Gegner die Erfahrung machen mußten, daß es nicht
i möglich sei, die neue Bewegung aufzuhalten, so stand mir die
Erfahrung bevor, daß sie sich auch nicht auf die Wege leiten
lasse, die ich ihr anweisen wollte. Der von Ferenczi m Nürn-
berg vorgelegte Antrag wurde zwar angenommen, Jung zum
Präsidenten gewählt, der Ri kl in zu seinem Sekretär machte,
es wurde auch die Herausgabe eines Korrespondenzblattes beschlossen,
durch welches die Zentrale mit den Ortsgruppen verkehrte. Als
Zweck der Vereinigung wurde erklärt: „Pflege und Förderung
der von Freud begründeten psychoanalytischen Wissenschaft
sowohl als reiner Psychologie als auch in ihrer Anwendung in
der Medizin und den Geisteswissenschaften; gegenseitige Unter-
stützung der Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben
und Verbreiten von psychoanalytischen Kenntnissen." Allein von
selten der Wiener wai- dem Projekt lebhaft opponiert worden.
Adler sprach in leidenschaftlicher Erregung die Befürchtung
aus, daß eine „Zensur und Einschränkung der wissenschafüichen
Freiheit" beabsichtigt sei. Die Wiener fügten sich dann, nachdem
sie durchgesetzt hatten, daß nicht Zürich zum Sitz der Vereinigung
erhoben wurde, sondern der Wohnort des jeweiligen, auf zwei
Jahre gewählten Präsidenten.
V
454 T.ur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
Auf dem Kongreß selbst konstituierten sich drei Ortsgruppen,
die in Berlin unter dem Vorsitz von Abraham, die in
Zürich, die ihren Obmann an die Zentralleitung der Vereinigung
abgegeben hatte, und die Wiener Gruppe, deren Leitung ich
Adler überließ. Eine vierte Gruppe, die in Budapest, konnte
sich erst später herstellen. Bleuler war, durch Krankheit ver-
hindert, vom Kongreß ferngeblieben, er zeigte dann später
prinzipielle Bedenken gegen den Eintritt in den Verein, ließ sich
zwar durch mich nach einer persönlichen Aussprache dazu be-
stimmen, war aber kurze Zeit nachher infolge von Mißhelligkeiten
in Zürich wieder außerhalb. Die Verbindung zwischen der Züricher
Ortsgruppe und der Anstalt BurghölzH war damit aufgehoben.
Eine Folge des Nürnberger Kongresses war auch die Gründung
des „Zentralblattes für Psychoanalyse", zu welcher sich Adler
und St ekel vereinigten. Es hatte offenbar ursprünglich eine
oppositionelle Tendenz und sollte Wien die durch die Wahl
Jungs bedrohte Hegemonie zurückgewinnen. Als aber die beiden
Unternehmer des Blattes unter dem Drucke der Schwierigkeit,
einen Verleger zu finden, mich ihrer friedlichen Absichten ver-
sicherten und mir als Unterpfand ihrer Gesinnung ein Vetorecht
einräumten, nahm ich die Herausgeberschaft an und beteiligte
mich eifrig an dem neuen Organ, dessen erste Nummer im
September i g i o erschien.
Ich setze die Geschichte der psychoanal3rtischen Kongresse fort.
Der dritte Kongreß fand im September 1911 zu Weimar statt
und übertraf noch seine Vorgänger an Stimmung und wissen-
schaftlichem Interesse. J. Putnam, der dieser Versammlung bei-
gewohnt hatte, äußerte dann in Amerika sein Wohlgefallen und
seinen Respekt vor the mental attitude der Teilnehmer und zitierte
ein Wort von mir, das ich in Bezug auf diese letzteren gebraucht
haben soll: „Sie haben gelernt, ein Stück Wahrheit zu ertragen."^
1) On Freuds Psycho- Analytic Metliod and its evolution. Boston medical and
surgical Journal, 25. Jan. 1912.
'T
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 455
In der Tat mußte jedem, der wissenschaftliche Kongresse besucht
hatte ein Eindruck zugunsten der Psychoanalytischen Vereinigung
verbleiben. Ich liatte die beiden früheren Kongresse selbst geleitet,
jedem Vortragenden Zeit für seine MitteUung gelassen und die
Diskussion darüber auf den privaten Gedankenaustausch gewiesen.
Jung, der in Weimar als Präsident die Leitung übernahm, setzte
die Diskussion nach jedem Vortrage wieder ein, was sich aber
damals noch nicht störend erwies.
Ein ganz anderes Bild bot der vierte Kongreß zu München
zwei Jahre später, im September 1915, der allen Teilnehmern noch
in frischer Erinnerung ist. Er wurde von Jung in unliebens-
würdiger und inkorrekter Weise geleitet, die Vortragenden waren
in der Zeit beschränkt, die Diskussionen überwucherten die Vor-
träge. Der böse Geist Hoc he hatte infolge einer boshaften Laune
des Zufalls seinen Wohnsitz in demselben Hause aufgeschlagen, in
welchem die Analytiker ihre Sitzungen abhielten. Roche hätte
sich ohne Mühe überzeugen können, wie sie seine Charakteristik
einer fanatischen Sekte, welche ihrem Oberhaupte blind ergeben
folgt, ad absurdum führten. Die ermüdenden und unerquicklichen
Verhandlungen brachten auch die Wiederwahl Jungs zum Prä-
sidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, welche
Jung annahm, wiewohl zwei Fünftel der Anwesenden ihm ihr
Vertrauen verweigerten. Man schied voneinander oline das Bedürfnis,
sich wiederzusehen.
Der Besitzstand der InternationalenPsychoanalytischen Vereinigung
war um die Zeit dieses Kongresses der folgende: Die Ortsgruppen
Wien, Berlin, Zürich hatten sich schon auf dem Kongreß in
Nürnberg 1910 konstituiert. Im Mai 1911 kam eine Gruppe in
München unter dem Vorsitz von Dr. L. Seif hinzu. In demselben
Jahre bildete sich die erste amerikanische Ortsgruppe unter dem
Namen „The New York Psychoanalytic Society" unter dem Vor-
sitze von A. Brill. Auf dem Weimarer Kongreß wurde die
Gründung einer zweiten amerikanischen Gruppe genehmigt, die
45^ Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
im Laufe des nächsten Jahres als „American Psychoanalytic
Association" ins Leben trat, Mitglieder aus Kanada und ganz
Amerika umfaßte und Putnam zu ihrem Präsidenten, E. Jones
zum Sekretär wählte. Kurz vor dem Kongreß in München 1915
wurde die Budapester Ortsgruppe unter dem Vorsitze von
S. Ferenczi aktiviert. Bald nach demselben gründete der
nach London übersiedelte E. Jones dort die erste englische
Gruppe. Die Mitgliederzahl der nun vorhandenen acht Orts-
gruppen gibt natürlich keinen Maßstab für die Beurteilung der
Anzahl der nicht organisierten Schüler und Anhänger der Psycho-
analyse.
Auch die Entwicklung der periodischen Literatur der Psycho-
analyse verdient eine kurze Erwähnung. Die erste periodische
Publikation, welche der Analyse diente, waren die „Schriften
zur angewandten Seelenkunde", die in zwangloser Folge
seit 1907 erscheinen und gegenwärtig beim fünfzehnten Heft
angelangt sind. (Verleger zuerst H. Heller in Wien, dann
F. Deuticke.) Sie haben Arbeiten gebracht von Freud (1 und 7},
Riklin, Jung, Abraham (4 und 11), Rank (g und 15),
Sadger, Pfister, M. Graf, Jones (lo und 14), Storfer
und V. Hug-Hellmuth.' Die später zu erwähnende Gründung
der „Imago" hat den Wert dieser Publikationsform, einiger-
maßen herabgesetzt. Nach der Zusammenkunft in Salzburg 1908
wurde das „Jahrbuch für psychoanalytische und
psychopathologische Forschungen" ins Leben gerufen,
welches unter der Redaktion von Jung fünf Jahrgänge erlebt
hat und nun unter neuer Leitung und etwas verändertem Titel
als „Jahrbuch der Psychoanalyse" von neuem an die
Öffentlichkeit herantritt. Es will auch nicht mehr wie in den
letzten Jahren ein Archiv sein, welches einschlägige Arbeiten
sammelt, sondern seiner Aufgabe durch redaktionelle Tätigkeit
gerecht werden, welche alle Vorgänge und alle Erwerbungen auf
1) Später sind noch erschienen: Sadg'er (16 und 18I, K i e Ih alz (17).
T
i
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 457
dem Gebiete der Psychoanalyse zu würdigen versucht.' Das
Zentralblatt für Psychoanalys e", wie erwähnt, von
Adler und St ekel nach der Gründung des Internationalen
Vereines (Nürnberg 1910) entworfen, hat in kurzer Zeit bewegte
Schicksale durchgemacht. Schon die zehnte Nummer des ersten
Bandes bringt an ihrer Spitze die Nachricht, daß sich Dr. Alfred
Adler wegen wissenschaftlicher Differenzen mit dem Herausgeber
entschlossen hat, freiwillig aus der Redaktion auszuscheiden.
Dr. St ekel blieb von da an alleiniger Redakteur. (Sommer 1911.)
Auf dem Kongreß zu Weimar wurde das Zentralblatt zum offi-
ziellen Organ des Internationalen Vereines erhoben und allen
Mitgliedern gegen Erhöhung ihrer Jahresbeiträge zugänglich
gemacht. Von der dritten Nummer des zweiten Jahrganges an
(Winter 1912) ist St ekel für den Inhalt des Blattes allein ver-
antwortlich geworden. Sein in der Öffentlichkeit schwer darstell-
b_ares Verhalten hatte mich" genötigt, die Herausgeberschaft nieder^
zulegen und der Psychoanalyse in aller Eile ein neues Organ in
d^"^ „Internationalen Zeitschrift für ärztliche
Psychoanalyse" zu schaffen. Unter Mithilfe fast aller Mit-
arbeiter und des neuen Verlegers H. Heller konnte das erste Heft
dieser Zeitschrift im Jänner 1913 erscheinen und sich als offizielles
Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung an die
Stelle des Zentralblattes setzen.
Inzwischen war mit Anfang 1912 von Dr. Hanns Sachs und
Dr. Otto Rank eine neue Zeitschrift „Imago" (Verlag von
Heller) geschaffen worden, welche ausschheßlich für die Anwen-
dungen der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften bestimmt
wurde. „Image" befindet sich gegenwärtig in der IVlitte ihres
dritten Jahrganges und erfreut sich des steigenden Interesses auch
solcher Leser, welche der ä rzthchen Analyse fernstehen.'
1) Mit Kriegsbe^imi eingestellt.
2} Diese beiden Zeitschriften sind 1919 in den Internationalen Psycho-
analytischen Verlag übergegangen und befinden sich derzeit (1923) im
IX. Jahrgang, (Eigentlich befindet sich die „Internationale Zeitschrift" in ilirem 11.,
45^ Z«r Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
Von diesen vier periodischen Publikationen („Schriften zur
angewandten Seelenkunde", „Jahrbuch", „Internationale Zeitschrift"
und „Image") abgesehen, bringen auch andere deutsche und fremd-
sprachige Journale Arbeilen, welche in der Literatur der Psycho-
analyse eine Stelle beanspruchen können. Das von Morton
Prince herausgegebene „Journal of abnormal psychology" enthält
in der Regel so viele gute analytische Beiträge, daß es als Haupt-
vertretung der analytischen Literatur in Amerika eingeschätzt
werden muß. Im Winter 1915 haben White und Jelliffe in
New York eine neue, ausschließlich der Psychoanalyse gewidmete
Zeitschrift („The Psychoanalytic Review' ) ins Leben gerufen,
welche wohl mit der Tatsache rechnet, daß den meisten der an
der Analyse interessierten Ärzte Amerikas die deutsche Sprache
eine Erschwerung ist.^
Ich habe nun zweier Abfallsbewegungen zu gedenken, welche
sich innerhalb der Anhängerschaft der Psychoanalyse vollzogen
haben, die erste von ihnen zwischen der Vereinsgründung 1910
und dem Weimarer Kongreß Jgii, die zweite nach diesem, so
daß sie in München 1915 zutage trat. Die Enttäuschung, welche
sie mir bereiteten, wäre zu vermeiden gewesen, wenn man besser
auf die Vorgänge bei den in analytischer Behandlung Stehenden
geachtet hätte. Ich verstand es nämlich sehr wohl, daß jemand
bei der ersten Annäherung an die unliebsamen analytischen
Wahrheiten die Flucht ergreifen kann, hatte auch selbst immer
behauptet, daß eines jeden Verständnis durch seine eigenen Ver-
drängungen aufgehalten wird (respektive durch die sie erhaltenden
Widerstände), so daß er in seinem Verhältnis zur Analyse nicht
über einen bestimmten Punkt hinauskommt. Aber ich hatte es
die „Imago" im 12. Lebensjahr; zufolge der Kriegs Verhältnisse umfaßte jedoch der
IV, Bd. der „Zeitschrift" mehr als ein Jahr, d. h. die Jalire 1916 — 1918, der V. Ed.
der „Imago" die Jahre 1917 — 1918.) Im Titel der „Internationalen Zeitschrift für
Psychoanalyse" entfiel mit Beginn des VI, Bandes die Bezeichnung „ä r 1 1 1 i c h e",
1) 1920 hat E. Jones die Gründung des für England und Amerika bestimmten
^International Journal of Psycho-Analysis" unternommen.
Tjur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 459
nicht erwartet, daß jemand, der die Analyse bis zu einer gewissen
Tiefe verstanden hat, auf sein Verständnis wieder verzichten, es
verlieren könne. Und doch hatte die tägliche Erfahrung an den
Kranken gezeigt, daß die totale Reflexion der analytischen Erkennt-
nisse von jeder tieferen Schicht her erfolgen kann, an welcher
sich ein besonders starker Widerstand vorfindet; hat man bei
einem solchen Kranken durch mühevolle Arbeit erreicht, daß er
Stücke des analytischen Wissens begriffen hat und wie seinen
eigenen Besitz handhabt, so kann man an ihm doch erfahren,
daß er unter der Herrschaft des nächsten Widerstandes alles
Erlernte in den Wind schlägt und sich wehrt wie in seinen
schönsten Neulingstagen. Ich hatte zu lernen, daß es bei Psycho-
analytikern ebenso gehen kann wie bei den Kranken in der Analyse.
Es ist keine leichte oder beneidenswerte Aufgabe, die Geschichte
dieser beiden Abfallsbewegungen zu schreiben, denn einerseits
fehlen mir dazu die starken persönlichen Antriebe — ich habe
weder Dankbarkeit erwartet, noch bin ich in einem wirksamen
Ausmaße rachsüchtig — andererseits weiß ich, daß ich mich
hiebei den Invektiven von wenig rücksichtsvollen Gegnern aus-
setze und den Feinden der Analyse das heißerwünschte Schauspiel
bereite, wie „die Psychoanalytiker sich untereinander zerfleischen."
Ich habe so viel Überwmdung daran gesetzt, mich nicht mit den
Gegnern außerhalb der Analyse herumzuschlagen, und nun sehe
ich mich genötigt, den Kampf mit früheren Anhängern, oder
solchen, die es jetzt noch heißen wollen, aufzunehmen. Aber ich
habe da keine Wahl; Schweigen wäre Bequemlichkeit oder Feigheit
und würde der Sache mehr schaden als die offene Aufdeckung
der vorhandenen Schäden. Wer andere wissenschaftliche Bewe-
gungen verfolgt hat, wird wissen, daß ganz analoge Störungen
und Mißhelligkeiten auch dort vorzufallen pflegen. Vielleicht daß
man sie anderswo sorgfältiger verheimlicht; die Psychoanalyse, die
viele konventionelle Ideale verleugnet, ist auch in diesen Dingen
aufrichtiger.
4^0 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
Ein anderer, schwer fühlbarer Übelstand liiegt darin, daß ich
eine analytische Beleuchtung der beiden Gegnerscliaften nicht
gänzlich vermeiden kann. Die Analyse eignet sich aber nicht zum
polemischen Gebrauche; sie setzt durchaus die Einwilligung des
Analysierten und die Situation eines Überlegenen und eines Unter-
geordneten voraus. Wer also eine Analyse in polemischer Absicht
unternimmt, muß sich darauf gefaßt machen, daß der Analysierte
seinerseits die Analyse gf^gen ihn wendet, und daß die Diskussion
in einen Zustand gerät, in welchem die Erweckung von Über-
zeugung bei einem unparteiischen Dritten ausgeschlossen ist. Ich
werde also die Verwendung der Analyse, damit die Indiskretion
und die Aggression gegen meine Gegner, auf ein Mindestmaß
beschränken und überdies anführen, daß ich keine wissenschaft-
liche Kritik auf dieses Mittel gründe. Ich habe es nicht mit dem
etwaigen Wahrheitsgehalt der zurückzuweisenden Lehren zu tun^
versuche keine Widerlegung derselben. Das bleibe anderen
berufenen Arbeitern auf dem Gebiete der Psychoanalyse vorbe-
halten, ist auch zum Teil bereits geschehen. Ich will bloß zeigen,
daß — und in welchen Punkten — diese Lehren die Grundsätze
der Analyse verleugnen und darum nicht unter diesem Namen
behandelt werden sollen. Ich brauche also die Analyse nur dazu,
um verständlich zu machen, wie diese Abweichungen von der
Analyse bei Analytikern entstehen konnten. An den Ablösungs-
stellen muß ich allerdings auch mit rein kritischen Bemerkungen
das gute Recht der Psychoanalyse verteidigen.
Die Psychoanalyse hat die Erklärung der Neurosen als nächste
Aufgabe vorgefunden, hat die beiden Tatsachen des Widerstandes
und der Übertragung zu Ausgangspunkten genommen und für
sie mit Rücksicht auf die dritte Tatsaclie der Amnesie in den
Theorien von der Verdrängung, den sexuellen Triebki'äften der
Neurose und dem Unbewußten Rechenschaft gegeben. Sie hat
niemals beansprucht, eine vollständige Theorie des menschlichen
Seelenlebens überhaupt zu geben, sondern verlangte nur, daß ihre
Zur Geschichte der psychoanalytischen Beivegung 461
Ermittlungen zur Ergänzung und Korrektur unserer anderswie
erworbenen Erkenntnis verwendet werden sollten. Die Theorie
von Alfred Adler geht nun weit über dieses Ziel hinaus, sie
■will Benehmen und Charakter der Menschen mit demselben Griff
verständlich machen, wie die neurotischen und psychotischen
Erkrankungen derselben; sie ist in Wirklichkeit jedem anderen
Gebiete adäquater als dem der Neurose, welches sie aus den
Motiven ihrer Entstehungsgeschichte noch immer voranstellt. Ich
hatte viele Jahre hindurch Gelegenheit, Dr. Adler zu studieren,
und habe ihm das Zeugnis eines bedeutenden, insbesondere speku-
lativ veranlagten Kopfes nie versagt. Als Probe der „Verfolgungen",
die er von mir erfahren zu haben behauptet, kann ich ja gelten
lassen, daß ich ihm nach der Vereinsgründung die Leitung der
Wiener Gruppe übertrug. Erst durch dringende Aufforderung
von selten aller Vereinsmitglieder ließ ich mich bewegen, den
Vorsitz in den wissenschaftlichen Verhandlungen wieder anzu-
nehmen. Als ich seine geringe Begabung gerade für die Würdigung
des unbewußten Materials erkannt hatte, yerlegte ich meine
Erwartung dahin, er werde die Verbindungen von der Psycho-
analyse zur Psychologie und zu den biologischen Grundlagen der
Triebvorgänge aufzudecken wissen, wozu seine wertvollen Studien
über die Organminderwertigkeit auch in gewissem Sinne berech-
tigten. Er schuf denn auch wirklich etwas Ähnhches, aber sein
Werk fiel so aus, als ob es — in seinem eigenen Jargon zu
reden ^ für den Nachweis bestimmt wäre, daß die Psycho-
analyse in allem unrecht habe, und die Bedeutung der sexuellen
Triebkräfte nur infolge ihrer Leichtgläubigkeit gegen die Darstellung
der Neurotiker vertreten hätte. Über das persönliche Motiv seiner
Arbeit darf man auch vor der Öffentlichkeit sprechen, da er es
selbst in Gegenwart eines kleinen Kreises von Mitghedern der
Wiener Gruppe geoffenbart hat. „Glauben Sie denn, daß es ein
so großes Vergnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in
Ihrem Schatten zu stehen?" Ich finde nun nichts Verwerfliches
4°^ Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
darin, wenn ein jüngerer Mann sich frei zu dem Ehrgeiz bekennt,
den man als eine der Triebfedern seiner Arbeit ohnedies ver-
muten würde. Aber selbst unter der Herrschaft eines solchen
Motives müßte man es zu vermeiden wissen, daß man nicht
werde, was die Engländer mit ihrem feinen sozialen Takt unfair
heißen, wofür den Deutschen nur ein weit gröberes Wort zur
Verfügung steht. Wie wenig dies Adler gelungen ist, zeigt die
Fülle von kleinlichen Bosheiten, die seine Arbeiten entstellen, und
die Züge von unbändiger Prioritätssucht, die sich in ihnen ver-
raten. In der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bekamen
wir einmal direkt zu hören, daß er die Priorität für die Gesichts-
punkte der „Einheit der Neurosen" und der „dynamischen Auf-
fassung" derselben für sich beanspruche. Es war eine große
Überraschung für mich, da ich immer geglaubt hatte, diese beiden
Prinzipien seien von mir vertreten worden, ehe ich noch Adler
kennen gelernt hatte.
Dies Streben Adlerj^nach einem Platz an der Sonne hat
indes auch eine Folge gehabt, welclie die Psychoanalyse als
wohltätig empfinden muß. Als ich nach dem Hervortreten der
unvereinbaren wissenschaftlichen Gegensätze Adler zum Aus-
scheiden aus der Redaktion des Zentralblattes veranlaßte, verließ
er auch die Vereinigung und gründete einen neuen Verein, der
sich zuerst den geschmackvollen Namen „Verein für freie
Psychoanalyse" beilegte. Allein die Menschen draußen, die der
Analyse ferne stehen, sind offenbar so wenig geschickt, die
Differenzen in den Anschauungen zweier Psychoanalytiker zu
würdigen, wie wir Europäer, die Nuancen zu erkennen, welche
zwei Chinesengesichter voneinander unterscheiden. Die „freie"
Psychoanalyse blieb im Schatten der „offiziellen", „orthodoxen"
und wurde nur als ' Anhang an dieselbe abgehandelt. Da tat
Adler den dankenswerten Schritt, die Verbindung mit der
Psychoanalyse völlig zu lösen und seine Lehre als „Individual-
psychologie" von ihr abzusondern. Es ist soviel Platz auf Gottes
Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 465
Erde und es ist gewiß berechtigt, daß sich jeder, der es vermag,
ungehemmt auf ihr herumtummle, aber es ist nicht wünschens-
wert, daß man unter einem Dach zusammenwohnen bleibe, wenn
man sich nicht mehr versteht und nicht mehr verträgt. Die
„Individualpsychologie" Adlers ist jetzt eine der vielen psycho-
logischen Richtungen, welche der Psychoanalyse gegnerisch sind,
und deren weitere Entwicklung außerhalb ihres Interesses fällt.
Die A dl ersehe Theorie war von allem Anfang ein „System",
was die Psychoanalyse sorgfältig zu sein vermied. Sie ist auch
ein ausgezeichnetes Beispiel einer „sekundären Bearbeitung", wie
sie z. B. vom Wachdenken am Traummaterial vorgenommen
wird. Das Traummaterial wird in diesem Falle durch das neu-
gewonnene Material der psychoanalytischen Studien ersetzt, dies
wird nun durchwegs vom Standpunkte des Ichs erfaßt, unter
die dem Ich geläufigen Kategorien gebracht, übersetzt, gewendet
und genau so, wie es bei der Traumbildung geschieht, mißver-
standen. Die Adlersche Lehre ist denn auch weniger durch das
charakterisiert, was sie behauptet, als durch das, was sie verleugnet;
sie besteht demnach aus drei recht ungleichwertigen Elementen,
den guten Beiträgen zur Ichpsychologie, den — überflüssigen,
aber zulässigen — Übersetzungen der analytischen Tatsachen in
den neuen Jargon, und in den Entstellungen und Verdrehungen
der letzteren, soweit sie nicht zu den Ichvoraussetzungen passen.
Die Elemente der ersteren Art sind von der Psychoanalyse niemals
verkannt worden, wenngleich sie ihnen keine besondere Auf-
merksamkeit schuldig war. Sie hatte ein größeres Interesse daran
zu zeigen, daß sich allen Ichbestrebungen hbidinöse Komponenten
beimengen. Die Adlersche Lehre hebt das Gegenstück hiezu
hervor, den egoistischen Zusatz zu den libidinösen Triebregungen.
Dies wäre nun ein greifbarer Gewinn, wenn Adler diese Fest-
stellung nicht dazu benützen würde, um jedesmal zugunsten der
Ichtriebkomponente die hbidinöse Regung zu verleugnen. Seine
Theorie tut damit dasselbe, was alle Kranken und was unser
l
464 Zur Geschiclite. der psychoanalytischen Bewegung
Bewußtdenken überhaupt tut, nämlich die Rationalisierung, wie
Jones es genannt hat, zur Verdeckung des unbewußten Motives
gebrauchen. Adler ist hierin so konsequent, daß er die Absicht,
dem Weib den Herrn zu zeigen, oben zu sein, sogar als die
stärkste Triebfeder des Sexualaktes preist. Ich weiß nicht, ob er
diese Ungeheuerlichkeiten auch in seinen Schriften vertreten hat.
Die Psychoanalyse hatte frühzeitig erkannt, daß jedes neurotische
Symptom seine Existenzmüglichkeit einem Kompromiß verdankt.
Es muß darum auch den Anforderungen des die Verdrängung
handhabenden Ichs irgendwie gerecht werden, einen Vorteil bieten,
eine nützliche Verwendung zulassen, sonst würde es eben dem-
selben Schicksal unterliegen wie die ursprüngliche abgewehrte
Triebregung selbst. Der Terminus des „Krankheitsgewinnes" hat
diesem Sachverhalt Rechnung getragen; man wäre noch berechtigt,
den primären Gewinn für das Ich, der schon bei der Entstehung
wirksam sein muß, von einem „sekundären" Anteil zu unter-
scheiden, welcher in Anlehnung an andere Absichten des Ichs
hinzutritt, wenn sich das Symptom behaupten soll. Auch daß die
Entziehung dieses Krankheitsgewinnes oder das Aufhören des-
selben infolge einer realen Veränderung einen der Mechanismen
der Heilung vom Symptom ergibt, ist der Analyse längst bekannt
gewesen. Auf diese unschwer festzustellenden und mühelos ein-
zusehenden Beziehungen fällt in der Adlerschen Lehre der
Hauptakzent, wobei gänzlich übersehen wird, daß das Ich unge-
zählte Male bloß aus der Not eine Tugend macht, indem es
sich das unerwünschteste, ihm aufgezwungene Symptom wegen
des daran gehängten Nutzens gefallen läßt, z. B. wenn es die
Angst als Sicherungsmittel akzeptiert. Das Ich spielt dabei die
lächerliche Rolle des dummen August im Zirkus, der den
Zuschauern durch seine Gesten die Überzeugung beibringen will,
daß sich alle Veränderungen in der Manfege nur infolge seines
Kommandos vollziehen. Aber nur die Jüngsten unter den
Zuschauern schenken ihm Glauben.
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 465
Für den zweiten Bestandteil der A dl ersehen Lehre muß die
Psychoanalyse einstehen wie für eigenes Gut. Er ist auch nichts
anderes als psychoanalytische Erkenntnis, die der Autor aus den
allen zugänglichen Quellen während der zehn Jahre gemeinsamer
Arbeit geschöpft und dann durch Veränderung der Nomenklatur
zu seinem Eigentum gestempelt hat. Ich halte z. B. selbst
„Sicherung" für ein besseres Wort als das von mir gebrauchte
„Schutzmaßregel", aber ich kann einen neuen Sinn darin nicht
finden. Ebenso würden in den A dl ersehen Behauptungen eine
Menge altbekannter Züge hervortreten, wenn man anstatt
„fingiert, fiktiv und Fiktion" das ursprünglichere „phantasiert"
und „Phantasie" wieder einsetzen würde. Von selten der Psycho-
analyse würde diese Identität betont werden, auch wenn der
Autor nicht durch lange Jahre an den gemeinsamen Arbeiten
teilgenommen hätte.
Der dritte Anteil der A dl ersehen Lehre, die Umdeutungen
und Entstellungen der unbequemen analytischen Tatsachen, ent-
hält das, was die nunmehrige „Individualpsychologie" endgültig
von der Analyse trennt. Der Systemgedanke Adlers lautet
bekanntlich, es sei die Absicht der Selbstbehauptung des Indivi-
duums, sein „Wille zur Macht", der sich in der Form des
„männlichen Protests" in Lebensführung, Charakterbildung und
Neurose dominierend kundgibt. Dieser männliche Protest, der
Ad 1 ersehe Motor, ist aber nichts anderes als die von ihrem
psychologischen Mechanismus losgelöste Verdrängung, die über-
dies sexualisiert ist, was mit der gerühmten Vertreibung der
Sexualität aus ihrer Rolle im Seelenleben schlecht zusammen-
stimmt. Der männliche Protest existiert nun sicherlich, aber bei
seiner Konstituierung zum Motor des seelischen Geschehens hat
die Beobachtung nur die Rolle des Sprungbrettes gespielt, welches
man verläßt, um sich zu erheben. Nehmen wir eine der Grund-
situationen des infantilen Begehrens vor, die Beobachtung des
Geschlechtsaktes zwischen Erwachsenen durch das Rind. Dann
»reud, IV. 9>
466 Zw;- Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
weist die Analyse bei jenen Personen, deren Lebensgeschichte
später den Arzt beschäftigen wird, nach, daß sich in jenem
Moment zwei Regungen des unmündigen Zuschauers bemächtigt
haben, die eine, wenn es ein Knabe ist, sich an die Stelle des
aktiven Mannes zu setzen, und die andere, die Gegenstrebung,
sich mit dem leidenden Weibe zu identifizieren. Beide Strebungen
erschöpfen miteinander die Lustmöglichkeiten, die sich aus der
Situation ergeben. Nur die erstere läßt sich dem männlichen
Protest unterordnen, wenn dieser Begriff überhaupt einen Sinn
behalten soll. Die zweite, um deren Schicksal sich Adler nicht
kümmert oder die er nicht kennt, ist aber die, welche es zu
einer größeren Bedeutung für die spatere Neurose bringen wird.
Adler hat sich so ganz in die eifersüchtige Beschränktheit des
Ichs versetzt, daß er nur jenen Triebregungen Rechnung trägt,
welche dem Ich genehm sind und von ihm gefördert werden;
gerade der Fall der Neurose, daß sich diese Regungen dem Ich
widersetzen, liegt außerhalb seines Horizonts.
Bei dem durch die Psychoanalyse unabweisbar gewordenen
Versuch, das Grundprinzip der Lehre an das Seelenleben des
Kindes anzuknüpfen, haben sich für Adler die schwersten
Abweichungen von der Realität der Beobachtung und die tief-
gehendsten Begriffsverwirrungen ergeben. Der biologische, soziale
und psychologische Sinn von „männlich" und „weiblich" sind
dabei zu hoffnungsloser Mischbildung vermengt. Es ist unmöglich
und durch die Beobachtung zurückzuweisen, daß das — männ-
liche oder weibliche — Kind seinen Lebensplan auf eine
ursprüngliche Geringschätzung des weiblichen Geschlechts
begründen und sich zur Leitlinie den Wunsch machen könne:
ich will ein rechter Mann werden. Das Kind ahnt die Bedeu-
tung des Geschlechtsunterschiedes anfanglich nicht, geht viel-
mehr von der Voraussetzung aus, daß beiden Geschlechtern das
nämliche (männliche) Genitale zukomme, beginnt seine Sexual-
forschung nicht mit dem Problem der Geschlechtsdifferenz und
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 467
Steht der sozialen Minderschätzung des Weibes völlig ferne. Es
gibt Frauen, in deren Neurose der Wunsch, ein Mann zu sein,
keine Rolle gespielt hat. Was vom männlichen Protest zu
konstatieren ist, führt sich leicht auf die Störung des uranfäng-
lichen Narzißmus durch die Kastrationsdrohung, respektive auf
die ersten Behinderungen der Sexualbetätigung zurück. Aller
Streit um die Psychogenese der Neurosen muß schließlich auf
dem Gebiete der Kindemeurosen zum Austrage kommen. Die
sorgfältige Zergliederung einer Neurose im frühkindlichen Alter
macht allen Irrtümern in betreff der Ätiologie der Neurosen
und Zweifeln an der Rolle der Sexualtriebe ein Ende. Darum
mußte auch Adler in seiner Kritik der Jungschen Arbeit
„Konflikte der kindlichen Seele" zu der Unterstellung greifen,
das Material des Falles sei „wohl vom Vater" einheitlich
gerichtet worden.^
Ich werde nicht weiter bei der biologischen Seite der Adlerschen
Theorie verweilen und nicht untersuchen, ob die greifbare Organ-
minderwertigkeit oder das subjektive Gefühl derselben — man weiß
nicht, welches von beiden — wirklich imstande ist, als Grundlage
das Ad 1 ersehe System zu tragen. Nur der Bemerkung sei Raum
gegönnt, daß die Neurose dann ein Nebenerfolg der aUgemeinen
Verkümmerung würde, während die Beobachtung lehrt, daß
eine erdrückend große Mehrheit von Häßlichen, Mißgestalteten,
Verkrüppelten, Verelendeten es unterläßt, auf ihre Mängel mit
der Entwicklung von Neurose zu reagieren. Auch die interessante
Auskunft, die Minderwertigkeit ins Kindheitsgefühl zu verlegen,
lasse ich beiseite. Sie zeigt uns, in welcher Verkleidung das in
der Analyse so sehr betonte Moment des Infantilismus in der
Individualpsychologie wiederkehrt. Dagegen obliegt es mir, hervor-
zuheben, wie alle psychologischen Erwerbungen der Psychoanalyse
bei Adler in den Wind geschlagen worden sind. Das Unbewußte
tritt noch im „nervösen Charakter" als eine psychologische Be-
1) Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I, S. las.
468 2ur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
Sonderheit auf, aber ohne alle Beziehung zum System. Später hat
er folgerichtig erklärt, es sei ihm gleichgültig, ob eine Vorstellung
bewußt oder unbewußt sei. Für die Verdrängung fand sich bei
Adler von vornherein kein Verständnis. In dem Referat über
einen Vortrag im Wiener Verein (Februar 1911) heißt es : „ An
der Hand eines Falles wird darauf hingewiesen, daß der Patient
weder seine Libido verdrängt hatte, vor der er sich ja fortwährend
zu sichern suchte . . ." ' In einer Wiener Diskussion äußerte er bald
darauf: „Wenn Sie fragen, woher kommt die Verdrängung, so
bekommen Sie die Antwort : Von der Kultur. Wenn Sie aber
dann fragen: Woher kommt die Kultur?, so antwortet man Ihnen:
Von der Verdrängung. Sie sehen also, es handelt sich nur um
ein Spiel mit Worten." Ein kleiner Bruchteil des Scharfsinnes, mit
dem Adler die Verteidigungskünste seines „nervösen Charakters"
entlarvt hat, hätte hingereicht, ihm den Ausweg aus diesem
rabulistischen Argument zu zeigen. Es ist nichts anderes dahinter,
als daß die Kultur auf den Verdrängungsleistungen früherer
Generationen ruht, und daß jede neue Generation aufgefordert
wird, diese Kultur durch Vollziehung derselben Verdrängungen
zu erhalten. Ich habe von einem Kinde gehört, welches sich für
gefoppt hielt und zu schreien begann, weil es auf die Frage:
Woher kommen die Eier? zur Antwort erhalten hatte: Von den
Hühnern, auf die weitere Frage: Woher kommen die Hühner?
aber die Auskunft bekam : Aus den Eiern. Und doch hatte man
da nicht mit Worten gespielt, sondern dem Kinde etwas Wahres
gesagt.
Ebenso kläglich und inhaltsleer ist alles, was Adler über den
Traum, dieses Schiboleth der Psychoanalyse, geäußert hat. Der
Traum war ihm zuerst eine Wendung von der weiblichen auf
die männliche Linie, was nichts anderes besagt, als die Über-
setzung der Lehre von der Wunscherfüllung im Traume in die
Sprache des „männlichen Protestes". Später findet er das Wesen
») KorrespondentblnU Nr. 5, Zürich, April 1911.
Zur Geschichte der psychoanalytischen. Bewegung 469
des Traumes darin, daß der Mensch sich durch ihn unbewußt
ermögliche, was bewußt versagt sei. Auch die Priorität für die
Verwechslung des Traumes mit den latenten Traum gedanken,
auf der die Erkenntnis seiner „prospektiven Tendenz" ruht, ist
Adler zuzusprechen. Maeder ist ihm hierin später nachge-
kommen. Dabei übersieht man bereitwillig, daß jede Deutung
eines Traumes, der in seiner manifesten Erscheinung überhaupt
nichts Verständliches sagt, auf der Anwendung der nämhchen
Traumdeutung beruht, deren Voraussetzungen und Folgerungen
man bestreitet. Vom Widerstand weiß Adler anzugeben, daß
er der Durchsetzung des Kranken gegen den Arzt dient. Dies
ist gewiß richtig; es heißt soviel als: er dient dem Widerstände.
Woher er aber kommt, und wie es zugeht, daß seine Phänomene
der Absicht des Kranken zu Gebote stehen, das wird, als für das
Ich uninteressant, nicht weiter erörtert. Die Detailmechanismen
der Symptome und Phänomene, die Begründung der Mannig-
faltigkeit von Krankheiten und Krankheitsäußerungen finden
überhaupt keine Berücksichtigung, da doch alles in gleicher Weise
dem männhchen Protest, der Selbstbehauptung, der Erhöhung der
Persönhchkeit dienstbar ist. Das System ist fertig, es hat eine
außerordentliche Umdeutungsarbeit gekostet, dafür auch nicht
eine einzige neue Beobachtung geliefert. Ich glaube, gezeigt zu
haben, daß es mit Psychoanalyse nichts zu schaffen hat.
Das Lebensbild, welches aus dem Adlerschen System hervor-
geht, ist ganz auf den Aggressionstrieb gegründet; es läßt keinen
Raum für die Liebe. Man könnte sich ja verwundern, daß eine
SD trostlose Weltanschauung überhaupt Beachtung gefunden hat;
aber man darf nicht daran vergessen, daß die vom Joch ihrer
Sexualbedürfnisse bedrückte Menschheit bereit ist, alles anzu-
nehmen, wenn man ihr nur die „Überwindung der Sexualität"
als Köder hinhält.
Die Adler sehe Abfallsbewegung vollzog sich vor dem Kongreß
in Weimar 1 9 1 1 ; nach diesem Datum setzte die der Schweizer
i
47° Z"'' Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
ein. Ihre ersten Anzeichen waren sonderbarerweise einige Äuße-
rungen Riklins in populären Aufsätzen der schweizerischen
Literatur, aus denen die Umwelt also früher als die nächsten
Fachgenossen erfuhr, daß die Psychoanalyse einige bedauerliche,
sie diskreditierende Irrtümer überwunden habe. 1912 rühmte
sich Jung in einem Briefe aus Amerika, daß seine Modifikationen
der Psychoanalyse die Widerstände bei vielen Personen über-
wunden hätten, die bis dahin nichts von ihr hatten wissen wollen.
Ich antwortete, das sei kein Ruhmestitel, und ^e mehr er von
den mühselig erworbenen Wahrheiten der Psychoanalyse opfere,
desto mehr werde er den Widerstand schwinden sehen. Die
Modifikation, auf deren Einführung die Schweizer sich so stolz
zeigten, war wiederum keine andere als die theoretische Zurück-
drängung des sexuellen Moments. Ich gestehe, daß ich von allem
Anfang an diesen „Fortschritt" als eine zuweitgehende Anpassung
an die Anforderungen der Aktualität auffaßte.
Die beiden rückläufigen, von der Psychoanalyse wegstrebenden
Bewegungen, die ich nun zu vergleichen habe, zeigen auch die
Ähnlichkeit, daß sie durch gewisse hochragende Gesichtspunkte
wie sub specie aeternitatis um ein günstiges Vorurteil werben.
Bei Adler spielt die Relativität aller Erkenntnis und das Recht
der Persönlichkeit, den Wissensstoff individuell künstlerisch zu
gestalten, diese Rolle; bei Jung wird auf das kulturhistorische
Recht der Jugend gepocht, Fesseln abzuwerfen, in welche sie das
tyrannische, in seinen Anschauungen erstarrte Alter schlagen
möchte. Diese Argumente machen einige abweisende Worte not-
wendig. Die Relativität unserer Erkenntnis ist ein Bedenken,
welches jeder anderen Wissenschaft ebensowohl entgegengesetzt
werden kann wie der Psychoanalyse. Es entstammt bekannten
reaktionären, der Wissenschaft feindlichen Strömungen der
Gegenwart und will den Schein einer Überlegenheit in Anspruch
nehmen, die uns nicht gebührt. Keiner von uns kann ahnen,
welches das endgültige Urteil der Menschheit über unsere
ff-
Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 471
theoretischen Bemühungen sein wird. Man hat Beispiele dafür,
daß die Abweisung der nächsten drei Generationen noch von
der nächstfolgenden korrigiert und in Anerkennung verwandelt
wurde. Es bleibt dem einzelnen nichts übrig, als seine auf
Erfahrung gestützte Überzeugung mit all seinen Kräften zu
vertreten, nachdem er die eigene kritische Stimme sorgfältig und
die der Gegner mit einiger Aufmerksamkeit angehört hat. Man
begnüge sich damit, seine Sache ehrhch zu führen, und maße
sich nicht ein Richteramt an, das einer fernen Zukunft vorbehalten
ist. Die Betonung der persönlichen Willkür in wissenschaftlichen
Dingen ist arg; sie will der Psychoanalyse offenbar den Wert
einer Wissenschaft bestreiten, der allerdings durch die vorher-
gehende Bemerkung bereits herabgesetzt ist. Wer das wissen-
schaftliche Denken hochstellt, wird eher nach Mitteln und
Methoden suchen, um den Faktor der persönlichen künstlerischen
Willkür dort mögUchst einzuschränken, wo er noch eine über-
große Rolle spielt. Übrigens darf man sich rechtzeitig erinnern,
daß aller Eifer der Verteidigung unangebracht ist. Diese Argumente
Adlers sind nicht ernst gemeinte; sie sollen nur gegen den
Gegner verwertet werden, respektieren aber die eigenen Theorien.
Sie haben auch Adlers Anhänger nicht abgehalten, ihn als den
Messias zu feiern, auf dessen Erscheinen die harrende Menschheit
durch so und so viel Vorläufer vorbereitet worden ist. Der Messias
ist gewiß nichts Relatives mehr.
Das Jungsche Argument ad captandam benevolentiam ruht
auf der aUzu optimistischen Voraussetzung, als hätte sich der
Fortschritt der Menschheit, der Kultur, des Wissens, stets in
ungebrochener Linie vollzogen. Als hätte es niemals Epigonen
gegeben, Reaktionen und Restaurationen nach ieder Revolution,
Geschlechter, die durch einen Rückschritt auf den Erwerb einer
früheren Generation verzichtet hätten. Die Annäherung an den
Standpunkt der Menge, das Aufgeben einer als unliebsam
empfundenen Neuerung, machen es von vornherein unwahr-
i
47* ^"f Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
scheinlich, daß die Jungsche Korrektur der Psychoanalyse den
Anspruch auf eine befreiende Jugendtat sollte erheben können.
Endlich sind es nicht die Jahre des Täters, welche hierüber ent-
scheiden, sondern der Charakter der Tat.
Von den beiden hier behandelten Bewegungen ist die
Adlersche unzweifelhaft die bedeutsamere; radikal falsch, ist sie
doch durch Konsequenz und Kohärenz ausgezeichnet. Sie ist auch
noch immer auf eine Trieblehre gegründet. Die Jung sehe
Modifikation dagegen hat den Zusammenhang der Phänomene
mit dem Triebleben gelockert; sie ist übrigens, wie ihre Kritiker
(Abraham, Ferenczi, Jones) hervorgehoben, so unklar, undurch-
sichtig und verworren, daß es nicht leicht ist, Stellung zu ihr
zu nehmen. Wo man sie antastet, muß man darauf vorbereitet
sein, zu hören, daß man sie mißverstanden hat, und man weiß
nicht, wie man zu ihrem richtigen Verständnis kommen soll. Sie
stellt sich selbst in eigentümlich schwankender Weise vor, bald
als „ganz zahme Abweichung, die das Geschrei nicht wert sei,
das sich darum erhoben habe" (Jung), bald als neue Heilsbotschaft,
mit der eine neue Epoche für die Psychoanalyse beginne, ja, eine
neue Weltanschauung für alle übrigen.
Unter dem Eindruck der Unstimmigkeiten zwischen den einzelnen
privaten und öffentlichen Äußerungen der Jungschen Richtung
wird man sich fragen müssen, wie groß daran der Anteil der
eigenen Unklarheit und der der Unaufrichiigkeit sei. Man wird
aber zugestehen, daß sich die Vertreter der neuen Lehre in einer
schwierigen Situation befinden. Sie bekämpfen nun Dinge, welche
sie früher selbst verteidigt haben, und zwar nicht auf Grund
neuer Beobachtungen, von denen sie sich belehren lassen konnten,
sondern infolge von Umdeutungen, welche ihnen jetzt die Dinge
anders erscheinen lassen, als sie sie vorher sahen. Darum wollen
sie den Zusammenhang mit der Psychoanalyse, als deren Vertreter
sie der Welt bekannt wurden, nicht aufgeben und ziehen es ror
zu verkünden, daß die Psychoanalyse sich geändert hat. Auf dem
Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 475
Münchner Kongreß sah ich mich genötigt, dieses Halbdunkel
aufzuhellen, und tat es durch die Erklärung, daß ich die Neue-
rungen der Schweizer nicht als legitime Fortsetzung und Weiter-
entwicklung der von mir ausgehenden Psychoanalyse anerkenne.
Außenstehende Kritiker (wie Furtmüller) hatten diesen Sach-
verhalt schon vorher erkannt, und Abraham spricht mit Recht
davon, daß sich Jung auf dem vollen Rückzuge von der Psycho-
analyse befinde. Ich bin natürlich gern bereit zuzugestehen, daß
ein jeder das Recht hat, zu denken und zu schreiben, was er
will, aber er hat nicht das Recht, es für etwas anderes auszugeben,
als es wirklich ist.
Wie die Adlersche Forschung der Psychoanalyse etwas Neues
brachte, ein Stück der Ichpsychologie, und sich dieses Geschenk
allzu teuer bezahlen lassen wollte durch die Verwerfung aller
grundlegenden analytischen Lehren, so haben auch Jung und
seine Anhänger ihren Kampf gegen die Psychoanalyse an eine
Neuerwerbung für dieselbe angeknüpft. Sie haben im einzelnen
verfolgt (worin ihnen Pfister vorangegangen war), wie das
Material der sexuellen Vorstellungen aus dem Familienkomplex
und der inzestuösen Objektwahl zur Darstellung der höchsten
ethischen und religiösen Interessen der Menschen verwendet wird,
also einen bedeutsamen Fall von Siiblimierung der erotischen
Triebkräfte und Umsetzung derselben in nicht mehr erotisch zu
nennende Strebungen aufgeklärt. Dies stand im besten Einklang
mit den in der Psychoanalyse enthaltenen Erwartungen und
hätte sich vortrefflich mit der Auffassung vertragen, daß in
Traum und Neurose die regressive Auflösung dieser wie aller
anderen Sublimierungen sichtbar wird. Allein die Welt hätte
empört gerufen, man habe Ethik und Rehgion sexualisierl ! Ich
kann es nun nicht vermeiden, einmal „final" zu denken und
anzunehmen, daß sich die Entdecker diesem Entrüstungssturm
nicht gewachsen fühlten. Vielleicht begann er auch in der eigenen
Brust zu toben. Die theologische Vorgeschichte so vieler Schweizer
474 '2"'* Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
ist für ihre Stellung zur Psychoanalyse so wenig gleichgültig wie
die sozialistische Adlers für die Entwicklung seiner Psychologie.
Man wird an die berühmte Geschichte Mark Twains von den
Schicksalen s&iner Uhr erinnert und an die Verwunderung, mit
der sie schließt : And he used to wonder ivhat became of all
tke unsuccessful tinkers, and gunsmiths, and shoeniakers, and
blacksmitks; but nobody could euer teil him.
Ich will den Weg des Gleichnisses betreten und annehmen,
in einer Gesellschaft lebe ein Emporkömmling, der sich der Ab-^
stammung von uradeliger, aber oi-tsfremder Familie rühme. Nun
werde ihm nachgewiesen, daß seine Eltern irgendwo in der
Nähe leben und sehr bescheidene Leute seien. Jetzt steht ihm
noch ein Auskunftsmittel zu Gebote und zu diesem greift er auch.
Er kann die Eltern nicht mehr verleugnen, aber er behauptet,
die seien selbst hochadelig, nur herabgekommen, und verschafft
ihnen bei einem gefälligen Amt ein Abkunftsdokument. Ich meine,
so ähnlich haben sich die Schweizer benehmen müssen. Wenn
Ethik und Religion nicht sexualisiert werden durften, sondern
von Anfang an etwas „Höheres" waren, die Herleitung ihrer
Vorstellungen aus dem Familien- und Ödipuskomplex aber unab-r
weisbar erschien, so ergab sich nur eine Auskunft: diese Komplexe
selbst durften von Anfang an nicht bedeuten, was sie auszusagen
schienen, sondern jenen höheren, „anagogischen Sinn (nach
Silberers Namengebung) haben, mit dem sie sich in ihre Ver-
wendung in den abstrakten Gedankengängen der Ethik und der
religiösen Mystik einfügten.
Ich bin nun gefaßt darauf, wiederum zu hören, daß ich Inhalt
und Absicht der Neu-Züricher Lehre mißverstanden habe, aber
ich verwahre mich von vornherein dagegen, daß die Widersprüche
gegen meine Auffassung, die sich aus den Veröffentlichungen
dieser Schule ergeben, mir, anstatt ihnen selbst zur Last gelegt
sein sollen. Auf keine andere Art kann ich mir das Ensemble der
Jung sehen Neuerungen verständlich machen und im Zusammen-
I»
Zur- Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 475
hange begreifen. Von der Absicht, das Anstößige der Familien-
komplexe zu beseitigen, um dies Anstößige nicht in Religion
und Ethik wiederzufinden, strahlen alle die Abänderungen aus,
■welche Jung an der Psychoanalyse vorgenommen hat. Die
sexuelle Libido wurde durch einen abstrakten Begriff ersetzt, von
dem man behaupten darf, daß er für Weise wie für Toren gleich
geheimnisvoll und unfaßbar geblieben ist. Der Ödipuskomplex
war nur „symbolisch" gemeint, die Mutter darin bedeutete das
Unerreichbare, auf welches man im Interesse der Kultur-
entwicklung verzichten muß; der Vater, der im Ödipusmythus
getötet wird, ist der „innerliche" Vater, von dem man sich
freizumachen hat, um selbständig zu werden. Andere Stücke des
sexuellen Vorstellungsmaterials werden im Laufe der Zeit sicherlich
ähnliche Umdeutungen erfahren. An Stelle des Konfliktes zwischen
ichwidrigen erotischen Strebungen und der Ichbehauptung trat
der Konflikt zwischen der „Lebensaufgabe" und der „psychischen
Trägheit"; das neurotische Schuldbewußtsein entsprach dem
Vorwurf, seiner Lebensaufgabe nicht gerecht zu werden. Ein
neues religiös-ethisches System wurde so geschaffen, welches ganz
wie das Adlersche die tatsächlichen Ergebnisse der Analyse
umdeuten, verzerren oder beseitigen mußte. In Wirklichkeit hatte
man aus der Symphonie des Weltgeschehens ein paar kulturelle
Obertöne herausgehört und die urgewaltige Triebmelodie wieder
einmal überhört.
Um dieses System zu halten, war eine volle Abwendung von
der Beobachtung und von der Technik der Psychoanalyse not-
wendig. Gelegentlich gestattete die Begeisterung für die hehre
Sache auch eine Geringschätzung der wissenschaftlichen Logik,
wie wenn Jung den Ödipuskomplex nicht „spezifisch" genug
für die Ätiologie der Neurosen findet und diese Spezifität der
Trägheit, also der allgemeinsten Eigenschaft belebter wie unbelebter
Körper zuerkennt! Dabei ist zu bemerken, daß der „Ödipus-
komplex" nur einen Inhalt darstellt, an dem sich die Seelenkräfte
47 6 Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung
des Individuums messen, und nicht selbst eine Kraft ist, wie die
„psychische Trägheit", Die Erforschung des einzelnen Menschen
hatte ergeben und wird immer von neuem ergeben, daß die
sexuellen Komplexe in ihrem ursprünglichen Sinne in ihm lebendig
sind. Darum wurde die Individualforschung zurückgedrängt und
durch die Beurteilung nach Anhaltspunklen aus der Völker-
forschung ersetzt. In der frühen Kindheit eines jeden Menschen
war man am ehesten der Gefahr ausgesetzt, auf den ursprüng-
lichen und unverhüllten Sinn der umgedeuteten Komplexe zu
stoßen, daher ergab sich für die Therapie die Vorschrift, bei
dieser Vergangenheit so kurz als möglich zu verweilen und den
Hauptakzent auf die Rückkehr zum aktuellen Konflikt zu legen,
an dem aber beileibe nicht das Zufällige und Persönliche, sondern
das Generelle, eben das NicliterfüUen der Lebensaufgabe, das
Wesentliche ist. Wir haben aber gehört, daß der aktuelle Konflikt
des Neurotikers erst verständlich und lösbar wird, wenn man ihn
auf die Vorgeschichte des Kranken zurückführt, den Weg geht,
den seine Libido bei der Erkrankung gegangen ist.
Wie sich die Neu-Züricher Therapie unter solchen Tendenzen
gestaltet hat, kann ich nach den Angaben eines Patienten mit-
teilen, der sie an sich selbst erfahren mußte. „Diesmal keine
Spur von Rücksicht auf Vergangenheit und Übertragung. Wo
ich letztere zu greifen glaubte, wurde sie für reines Libidosymbol
ausgegeben. Die moralischen Belehrungen waren sehr schön und
ich lebte ihnen getreulich nach, aber ich kam keinen Schritt
vorwärts. Es war vaiv noch unangenehmer als ihm, aber was
konnte ich dafür? . . . Statt analytisch zu befreien, brachte jede
Stunde neue ungeheure Forderungen, an deren Erfüllung die
Überwindung der Neurose geknüpft wurde, z. B. innerliche
Konzentration durch Introversion, religiöse Vertiefung, neues
Gemeinschaftsleben mit meiner Frau in liebevoller Hingabe usw.
Es ging fast über die Kraft, lief es doch auf eine radikale
Umgestaltung des ganzen inneren Menschen hinaus. Man verließ
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 477
I
I die Analyse als armer Sünder mit den stärksten Zerknirschungs-
I' gefühlen und den besten Vorsätzen, aber gleichzeitig in tiefster
Entmutigung. Was er mir empfahl, hätte jeder Pfarrer mir auch
geraten, aber woher die Kraft?" Der Patient teilt zwar mit, er
habe gehört, daß die Vergangenheits- und Übertragungsanalyse
vorangehen müsse. Ihm wurde gesagt, daß er davon genug gehabt
habe. Da sie nicht mehr geholfen hat, scheint mir der Schluß
gerechtfertigt, daß der Patient von der ersteren Art der Analyse
nicht genug bekommen hat. Keinesfalls hat das daraufgesetzte
Stück Behandlung mehr geholfen, welches auf den Namen einer
Psychoanalyse keinen Anspruch mehr hat. Es ist zu verwundern,
daß die Züricher den langen Umweg über Wien gebraucht haben,
um endlich nach dem so nahen Bern zu kommen, in dem
Dubois Neurosen durch ethische Aufmunterung in schonungs-
vollerer Weise heilt.^
Der völlige Zerfall dieser neuen Richtung mit der Psycho-
analyse erweist sich natürlich auch in der Behandlung der
Verdrängung, welche in den Schriften Jungs kaum mehr erwähnt
wird, in der Verkennung des Traumes, den sie wie Adler
unter Verzicht auf die Traumpsychologie mit den latenten
Traumgedanken verwechselt, in dem Verlust des Verständnisses
für das Unbewußte, kurz in all den Punkten, in welche ich die
Wesenheit der Psychoanalyse verlegen konnte. Wenn man von
Jung hört, der Inzestkomplex sei nur symbolisch, er habe
doch keine reale Existenz, der Wilde verspüre doch kein
Gelüste nach der alten Vettel, sondern ziehe ein junges und
schönes Weib vor, so ist man versucht anzunehmen, daß
,symbolisch' und ,keine reale Existenz' eben das bedeuten, was
1) Ich kenne die Bedenken, welche der Verwertung einer Patienten aussage im
Wege stehen, und will darum ausdrücklich versichern, daß mein Gewährsmann eine
ebenso vertrauenswürdige wie urteilsfähige Persönlichkeit ist. Er hat mich informiert,
ohne daß ich ihn dazu aufgefordert, und ich bediene mich seiner Mitteilung, ohne
seine Zustimmung einiuholen, weil ich nicht zugeben kai^, '^''?_1"'? psychoanalytische
Technik den Schutz der Diskretion beanspruchen sollte.
47^ Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
man in der Psychoanalyse mit Rücksicht auf seine Äußerungen
und pathogenen Wirkungen als „unbewußt existent" bezeichnet,
um auf solche Weise den scheinbaren Widerspruch zu erledigen.
Wenn man sich vorhält, daß der Traum noch etwas anderes
ist als die latenten Traumgedanken, die er verarbeitet, so wird
man sich nicht wundern, daß die Kranken von den Dingen
träumen, mit denen man ihren Sinn während der Behandlung
erfüllt hat, sei es die „Lebensaufgabe" oder das „Oben- und
Untensein". Gewiß sind die Träume der Analysierten lenkbar, in
ähnlicher Art, wie man Träume durch experimentell angebrachte
Reize beeinflussen kann. Man kann einen Teil des Materials be-
stimmen, welches in den Träumen vorkommt; am Wesen und am
Mechanismus des Traumes wird hiedurch nichts geändert. Ich
glaube auch nicht daran, daß die sogenannten „biographischen"
Träume sich außerhalb der Analyse ereignen. Analysiert man
hingegen Träume, die vor der Behandlung vorgefallen sind, oder
achtet man darauf, was der Träumer zu den ihm in der Kur
gegebenen Anregungen hin*zufügt, oder kann man es vermeiden,
ihm solche Aufgaben zu stellen, so überzeugt man sich, wie
ferne es dem Traume liegt, gerade nur Lösungs versuche der
Lebensaufgabe zu liefern. Der Traum ist ja nur eine Form des
Denkens; das Verständnis dieser Form kann man nie aus dem
Inhalt seiner Gedanken gewinnen, dazu führt nur die Würdigung
■der Traumarbeit.
Die faktische Widerlegung der Jungschen Mißverständnisse
und Abweichungen von der Psychoanalyse ist nicht schwierig.
Jede regelrecht ausgeführte Analyse, ganz besonders aber jede
Analyse am Kinde, bestärkt die Überzeugungen, auf denen die
Theorie der Psychoanalyse ruht, und weist die Umdeutungen des
Adler sehen wie des Jung sehen Systems zurück. Jung selbst
hat in der Zeit vor seiner Erleuchtung eine solche Kinderanalyse
durchgeführt und publiziert; es ist abzuwarten, ob er eine neue
.Deutung derselben mit Hilfe einer anderen „einheitlichen Richtung
V
Zur Geschichte der psychoarialytischen Bewegung 479
der Tatsachen" (nach dem hierauf bezüglichen Ausdruck A d 1 e r s)
vornehmen wird.
Die Ansicht, daß die sexuelle Darstellung „höherer" Gedanken
in Traum und Neurose nichts anderes als eine archaische Aus-
drucksweise bedeute, ist natürlich mit der Tatsache unvereinbar,
daß sich diese sexuellen Komplexe in der Neurose als die Träger
jener Libido quantitäten erweisen, vi^elche dem realen Leben
entzogen worden sind. Handelte es sich nur um einen sexuellen
Jargon, so könnte dadurch an der Ökonomie der Libido nichts
geändert worden sein. Jung selbst gesteht dies noch in seiner
„Darstellung der psychoanalytischen Theorie" zu und formuliert
als therapeutische Aufgabe, daß diesen Komplexen die Libido-
besetzung entzogen werden solle. Dies gelingt aber niemals durch
Wegweisen von ihnen und Drängen zur Subhmierung, sondern
nur durch eingehendste Beschäftigung mit ihnen und durch
Bewußtmachen im vollen Umfange. Das erste Stück der Reahtät,
dem der Kranke Rechnung zu tragen hat, ist eben seine Krankheit.
Bemühungen, ihn dieser Aufgabe zu entziehen, deuten auf eine
Unfähigkeit des Arztes, ihm zur Überwindung der Widerstände
zu verhelfen, oder auf eine Scheu des Arztes vor den Ergebnissen
dieser Arbeit.
Ich möchte abschließend sagen, Jung hat mit seiner „Modi-
fikation" der Psychoanalyse ein Gegenstück zum berühmten
Lichtenbergschen Messer geliefert. Er hat das Heft verändert
und eine neue Klinge eingesetzt^ weil dieselbe Marke darauf
eingeritzt ist, sollen wir nun dies Instrument für das frühere
halten.
Ich glaube im Gegenteile gezeigt zu haben, daß die neue Lehre,
welche die Psychoanalyse substituieren möchte, ein Aufgeben der
Analyse und einen Abfall von ihr bedeutet. Man wird vielleicht
der Befürchtung zuneigen, daß dieser Abfall für ihr Schicksal
verhängnisvoller werden müsse als ein anderer, weil er von Personen
ausgeht, welche eine so große Rolle in der Bewegung gespielt
^
4^0 Zur Geschicht e der psychoanalytischen Bewegung
und sie um ein so großes Stück gefördert haben. Ich teile diese
Befürchtung nicht.
Menschen sind stark, solange sie eine starke Idee vertreten;
sie werden ohnmächtig, wenn sie sich ihr widersetzen. Die j
Psychoanalyse wird diesen Verlust ertragen und für diese Anhänger \
andere gewinnen. Ich kann nur mit dem Wunsche schließen,
daß das Schicksal allen eine bequeme Auffahrt bescheren möge,
denen der Aufenthalt in der Unterwelt der Psychoanalyse
unbehaglich geworden ist. Den anderen möge es gestattet sein,
ihre Arbeiten in der Tiefe unbelästigt zu Ende zu führen.
!l
INHALT DES VIERTEN BANDES
Zur Psychopathologie des Alltagslebens s«te
I. Vergessen von Eigennamen 5
n. Vergessen von fremdsprachigen Worten 13
III. Vergessen von Namen und V^'orlfolgen 21
IV. Über Kindheits- und Deckerinnerun gen 51
V. Das Versprechen 6)
VI. Verlesen und Verschreiben 118
A) Verlesen 'iS
E) Verschreiben »29
VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 1+8
A) Vergessen von Eindrücken imd Kenntnissen 151
B) Das Vergessen von Vorsätien 168
VIII. Das Vergreifen ^79
IX. Symptom- und Zufall shandlungen 212
X. Irrtümer 242
XI. Kombinierte Fehlleistungen 256
Xn. Determinismus. — Zufalls- luid Aberglauben. — Gesichtspunkte . . .267
Das Interesse an der Psychoanalyse
I. Das psychologische Interesse 3*5
II. Das Interesse der Psychoanalyse für die nicht psychologischen Wissenschaften 526
A'l Das sprachwissenschafiliche Interesse 5"^
B) Das philosophische Interesse 5^^
C) Das biologische Interesse 33°
D) Das entwicklungsgeschichtliche Interesse 354
E) Das kulturhistorische Interesse 357
F) Das kunstivissenschaflliche Interesse 339
G) Das soziologische Interesse 541
H) Das pädagogische Interesse 342
Über Psychoanalyse
Erste Vorlesung - > ■ 549
Zweite Vorlesung gg-
Dritte Vorlesung ^j~
Vierte Vorlesung ,§-
Fünfte Vorlesung -08
Zur Geschichte der psychoanalytischen
Bewegung ^^
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GESAMMELT
SCHRIFTEN
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PSYCHOPATH. DES
ALLTAGSLEBr""
ZUR GESCHICHT'
DER BEWEGUNi;