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Full text of "Gesammelte Schriften IV Zur Psychopathologie des Alltagslebens / Das Interesse an der Psychoanalyse / Über Psychoanalyse / Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung"

i 



I 



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^•M (Sn-^jir^^ ■ 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



S I G M. K R E U D 

GESAMMELTE 

SCHRIFTEN 

IV 



GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



VIERTER BAND 

ZUR PSYCHOPATHOLOGIE DES ALLTAGS- 
LEBENS / DAS INTERESSE AN DER PSYCHO- 
ANALYSE / ÜBER PSYCHOANALYSE / ZUR 
GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN 
BEWEGUNG 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



Die llrruusf^ube dieiei Bundes bi'sori^t f n 

unter Mit Wirkung dv» Vi-rraascrt 

Anna Freud. Ütio Kank und A. J. Storfer 



Alle Koclito, ui>b()>Oiidcre die der Ubonctiung rorbehaltrn 

Copyri^bt I<)I4 by „liiternntioiinlcr PiycboBnalytiiGher 
Vpriiig. {;«». in. b. iL", Wien 



ücwllichalt für uraphUch« Induttrl« Wlan, 111^ HUdangHM* 



^ 



ZUR PSYCHOPATHOLOGIE 
DES ALLTAGSLEBENS 

(ÜBER VERGESSEN, VERSPRECHEN, VERGREIFEN, 
ABERGLAUBE UND IRRTUM) 



n7.ur Psychopathola^itf des AUtagflfhi-ns' itrscliirn 1904 (3. .luß. t^OJ, 

J, Auß. 1910, 4. Auß. 1912, S- ^"ß- '9'7> ^' ^"ß- '9'9> 7. ^"fl- 
1920, S. Auß. 1922, 9. Auß. 192), 10. Auß. flS.~ai. Taus,-ruiJ I924). 
— Bis einschlirßlkh $• -^"ß- *'"» f'frlaffr S. Karffrr, Hnliti, i»n drr 6. Auß. 
an im Intmuitionalfn IhychoanalytUchrn l rrlag, l^ipzig-lfirn-YAirich. 

Aulorisifrte Ühersetzungen frsc/tirnrn in nuisischrr (von Dr. Mrdem, l9to), 
poinischrr (Dr. JehtU und II. Ivanka. 1912), eitßlischrr (Dr. A. Hrill, I914>* 
hollandischer (Dr. J. Stiirckt, 1916}, s/ianixchrr (Luis I .ofu-:- HaHratcroi y dr 
Torres, 1922}, französisc/wr (Dr. Jankt'lt'virc/t, 1922) und unfinnsc/trr 
Spracfie (Dr. Maria Takdcs, 192}). 



\ 



' 



Nun ist (He Luft von sokliem Spuk so voll. 
Daß niemand weiü, wie er iliM meiden soll. 

Fatist, n. Tgil, K^kt. 



I 

VERGESSKN VON KIGENNAMKN 

Im Jahrpan^ 1898 der „Monatischrifi für Psychiatrie und 
Neurolopif" habe ich unter dem Titel „Zum psychischen Mecha- 
nismus der VergeßHchkeit" einen khMiien Aufsatz veröffenUicht, 
dessen Inhalt ich hier wiederholen und zum Ausgang für weitere 
Krörlerungen nehmen werde. Ich habe dort den häufigen Fall 
des zeitweiligen Vergessens von Eigennamen an einem prägnanten 
Üeiäpiel aus meiner Selbstbeobachtung der psychologischen Analyse 
unterzogen und bin zu dem Ergebnis gelaugt, daß dieser gewöhn- 
liche und praktisch nicht sehr bedeutsame Einzelvorfall von Ver- 
sagen einer psychischen Funktion — des Erinnerns — eine 
Aufklärung zuläßt, welche weit über die gebräuchliche Ver- 
wertung des Phänomens hinausführt. 

Wenn ich nicht sehr irre, würde ein Psycholog, von dem 
man die Erklärung forderte, wie es zugehe, daß einem so oft 
ein Name nicht einfällt, den man doch zu kennen glaubt, sich 
begnügen zu antw,-orten, daß Kigeiniamen dem Vergessen leichter 
unterhegen als andersartiger Gedächtnisinhall. Er würde die 
plausiblen Gründe für solche Bevorzugung der Eigeimamen 
anführen, eine anderweitige liedingiheit des Vorganges aber nicht 
vermuten. 

Für mich wurde zum Anlaß einer eingehenden Beschäftigung 
mit dem Phänomen des zeitweiligen Namenvergessens die Beoh- 



Zur Psychopathologie des AÜtagsl^tens 



achtung gewisser Kiiizelhcilori, (Üp sirli zwiu- nitlil in all*'ii 
Fällen, aber in ein/.phu*n doullich gcmip erkeiiiii'H liissen. In 
solchfMi Fällen wird niimlicli niclil mir vergcsfien, sondern 
auch falsch erinnert. Dem sich um den entfallenden Namen 
Bemühenden kcunnien iuidere — Rrsatznamen — zum 
Bewußtsein, ilip zwar sofort als unriclitig erkannt weitlen, sich 
aber doch mil {^roBer /iiliifikeit immer wieder uufdrJingen. Der 
Vorganp, der zur Keproduklion des fjesufliteti Niunens ffllireii 
soll, hat sich gleichsam verschoben und so zu einein 
unrichtigen Krsatz geführt. Meine Vorauöiel/.uiig isl nun, doü 
diese Verschiebung nidil psychiscbt-r Willkür überlassen ist, 
sondern gesetzniiiiiigc und berei Iienliare Hahnen einhiih. Mil 
anderen Worten, idi vermute, daH der oder die KrMUznanien in 
einem aufspürbaren /usaintnerdiang mil dem gesuchten Namen 
stehen, und hoffe, wenn es mir gehngt, diesen /uMumnenhang 
naclrzuweisen, daini audi Kichl über tien Hergang des Namen- 
vergessens zu verbreiten. 

In dem i8()8 von mir zur Analyst- gewähUen Reispicl war es 
der Name des Meisters, welcher im Diun von Orvieto die 
gTuliartigeii Fresken von den „letzten Dingen" ges( halfen, den 
zu erinnern ich mich vergebens bemülile. Anstalt \\\'s grMichten 
Namens — Signorelli — driingteti sich mir zwei andere 
Namen von Malern auf — Botticelli und Holtraffio — * 
die mein [Jrteil sofort und entschietlen als unrichtig abwies. Als 
rnir der richtige Name v{)ri Ireimler Si-iii- mitgeteilt wuitJe, 
erkannte ich ihn sogleich und ohne Schwanken, Die Unter- 
suchung, durch welche Finflüsse und auf welchen Assozialiun«- 
wegen sich die Ki-prochiklinn in solihrr Weise — von Signo- 
relli auf Botticelli und Holt raff in - verschoben hatte, 
führte '/u folgenden Ergebnissen : 

a) Der GrutuI für das' l'.nifallen iles Namens Signorelli ist 
weder in einer Besonderheit dies<>K Namens sellMil, noch in einem 
psychologischen (Ihnraklcr des /nsjtininenhanges zu fuchen, in 



/. ygrgessen von Eigennamen 



welchem derselbe eingefügt war. Der vergessene Name war mir 
ebenso vertraut wie der eine der Ersatznamen — Botticelli — 
lind ungleich vertrauter als der andere der Ersalznamen — 
Bollraßio — , von dessen Träger ich kaum etwas anderes anzu- 
geben wüßte, als seine Zugehörigkeit zur mailändischeii Schule. 
Oer Zusammenhang aber, in dem sich das Namenvergessen 
ereignete, erscheint mir harmlos imd führt zu keiner weiteren 
Auftlärung : ich machte mit einem Fremden eine W'agenfahrt 
von Ragusa in üalmatien nach einer Station der Herzegowina^ 
wir kamen auf das Reisen in Italien zu sprechen, und ich fragte 
meinen Reisegefährten, ob er schon in Orvieto gewesen und dort 
die berühmten Fresken des *** besichtigt habe. 

b) Das Namen vergessen erklärt sich erst, wenn ich mich an 
das in jener Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema 
erinnere, und gibt sich als eine Störung des neu auf- 
tauchenden Themas durch das vorhergehende zu 
erkennen. Kurz ehe ich an meinen Reisegefährten die Frage 
stellte, ob er schon in Orvieto gewesen, halten wir uns über die 
Sitten der in Bosnien und in der Herzegowina 
lebenden Türken unterhalten. Ich hatte erzählt, was ich von 
einem unter diesen Leuten praktizierenden Kollegen gehört hatte, 
daü sie sich voll Vertrauen in den Arzt und voll Ergebung in 
das Schicksal zu zeigen pflegen. Wenn man ihnen ankündigen 
muÜ, daß es für den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten 
sie: „Herr, was ist da zu sagen? Ich weiß, wenn er zu retten 
wäre, haltest du ihn gerettet!" — Erst in diesen Sätzen linden 
sich die Worte und Namen: Bosnien, Herzegowina, Herr 
vor, welche sich in eine Assoziationsreihe zwischen Signorelli 
— Botticelli und Boltraffio einschalten lassen. 

c) Ich nehme an, daü der Gedankenreihe von den Sitten der 
Türken in Bosnien usw. die Fähigkeit, einen nächsten Gedanken 
zu Klören, dämm zukam, weil ich ihr meine Aufmerksamkeit 
entzogen hatte, ehe sie noch zu Ende gebracht war. Ich erinnere 



8 ZurPsychopathologu! des AtUügsUbens 



mich nämlich, daß ich eine zwoite Am-kiiuli- .■iviilih-Ti wollte, dii' 
nahe bei der erstt-n in meinem Ccdürhliiis ruhte. Dies«' Türken 
schätzen den Sexualgenuü über hIIos und verfallen Ihm M'xuelleti 
Störungen in eine Verzweiriinig, welche seilsam gegen Ihre 
Resignation bei Todesgefahr absticht. Kiner der Patienten meines 
Kollegen hatte ihm einmal gesagt: „Hn weißt ja, Herr, wenn 
das nicht mehr geht, dann hat das Leh.ii keinen Wert" Ich 
unterdrückte die Mitteilung di<'ses charakieristisclien Zuges, weil 
ich das Thema nicht in einem Oespiach mit einem Fremden 
berühren wolhe. Ich tat aln-r noch mehr; ich lenkte meine Auf- 
merksamkeit auch von der Fortsetzung der (Jedanki-n uh, die 
sich bei mir an das Thema „Tod und Sexualiiai" hätten knüpfen 
können. Ich stand damals unter der Naclmirkung einer Nucli- 
richt, die ich wenige Wochen vorher wahrend eines kurzen 
Aufenthaltes in Trafo i erhalten hatte. Kin Patient, mit dem 
ich mir viele Mühe gegeben, halte wegen einer unheilliaren 
sexuellen Stiirung seinem Leben ein Knde gemacht. Icli weiß 
bestimmt, daß mir auf jener Reise in die Herz-egowina dioM« 
traurige Kreignis und alles, was damit zusininnenhiingl, nicht zur 
bewußten Krinneruiig kam. Aber die tllien-insiinuniiiig Trafoi — 
Boltraffio nötigt mich anznuehinen, daß damals di(«e 
Reminiszenz trotz der absichtlichen Ableukvmg meiner Aufmerk- 
samkeit in mir zur Wirksamkeit gebracht wiinieii ist. 

d) Ich kann das Vergessen des Niunr-ns Signorelh nicht mehr 
als ein zufälliges Kreignis aufTa.ssen. h h muß den KinflnÜ eines 
Motivs bei diesem Vorgang anerkennen. K,s waren Motive, die 
mich veranlaBten, mich in der Mitteihnig meiner (ie<lanken 
(über die Sitten der Türken usw.) zu unterbrechen, un<l die mich 
femer bi-einflutiien, die daran sich knüpfenden (J.-danken, die bi« 
zur Nachricht in Trafoi geführt hiilti-n, in mir vom RewuOt- 
werden auszusthlicBen. kh wollte also etwas verg<'8sen, ich hatte 
etwas verdrängt. Ich wollte allerdings etwan andere« vergessen 
als den Namen des Meisters von Orvioto; aber die.srs andere 



/. f^ergessen von Eigennamen 



brachte ps zustande, sich mit dessen Namen in assoziative Ver- 
liindutig zu seUen, so daß mein Willensakt das Ziel verfehlte 
und ich das eine wider Willen vergaß, wahrend ich das 
andere mit Absicht vergessen wollte. Die Abneigung, zu 
erinnern, richtete sich gegen den einen Inhalt; die Unfähigkeit, 
zu erinnern, trat an einem anderen hervor. Es wäre offenbar ein 
einfacherer Fall, wenn Abneigung und Unfähigkeit, zu erinnern 
denselben Inhalt beträfen. — Die Ersatznamen erscheinen mir 
auch nicht mehr so völlig unberechtigt wie vor der Aufklärung^ 
sife malmen mich (nach Art eines Kompromisses) ebensosehr an 
das, was ich vergessen, wie an das, was ich erinnern wollte, und 
zeigen mir, daß meine Absicht, etwas zu vergessen, weder ganz 
gelungen, noch ganz mißglückt ist. 

e) Sehr aufTällig ist die Art der Verknüpfung, die sich 
zwischen dem gesuchten Namen und dem verdrängten Thema 
(von Tod und Sexualität usw., in dem die Namen Bosnien, 
Herzegowina, Trafoi vorkommen) hergestellt hat. Das hier ein- 
geschaltete, aus der Abliandlung des Jahres 1898 wiederholte 
Schema sucht diese Verknüpfung anschaulicli darzustellen. 



I 



i£noArl!i 



(ßoJllLCcIli 



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t 



Hcfjzegouina u/ßo^^smcn 



If<'/\ uas ist da zu- sagen etc. 

I I 

^— ^ Tod und Sexualität 



ItraJJio 





(f^erdrän^te (Jedanketi) 



10 Zur Psychopattmlogie des AUtag»id)ent 

Der Name vSigiiorelli ist dubci in zwf*i Siilckc zcih-pi Mnrden. 
Das eine Silbfn])iinr ist in ciiRTn der Knüitznamcn unvcriindcrt 
wiedergekehrt (elli), das lindere Iiul durch die Übersetzung 
Signor — Herr mehrfatlie inid versrliiecienartigr Be/ieliungen 
zu den im venli'ängten Thrnia enlliHlteiien Namen gewoinien, ist 
aber dadurih lür die Keprodiiküon verloren g<'giiiigen. Sein 
Ersatz hat so staMgi-lundiMi, als nli eine \ erM"hic*l>ung lang«, der 
Namenverhindiiiig „Heiy.egowina und liosiiien" vorgenommen 
worden wäre, ohne Rücksicht uuf den Sinn mid auf die akuhtiiKlie 
Abgrenzung der Silben zu iielnnen. Die Natneti sind als« bei 
diesem Vorgang ähnlich behandelt worden wit- die Sthri(tt)ildiT 
eines Salzes, der in ein llildermtsel (Kebus) umgewandelt viei-deii 
soll. Von dem ganzen Hergang, der unsiaii des NanieiiH Signnrelli 
auf solchen Wegen die Krwitznameii geschalTen Iml, iNl ilein 
Bewußtsein keine Kunde gegeben wonlen. I'äiie [le/.iehung zw isilien 
dem Tliema, in dein der Name Signorelli vorkam, und dem 
zeillicli ihm vorangehemien verdriiiigten 'l'henui, welche über 
diese Wiederkehr gleicher Silben («der vielmehr lUicliKUdien folgen) 
hinausginge, scheint zunächst nicht iinnindbar zu Wfin. 

Es ist vielleiciit nicht Überflüssig zu bemerken, did) die voll 
den Psychologen angenomment'n IJediiigungen der Reproduktion 
und des Vergessens, die in gewissen H ein li< tuen und l)i.s]M)vilionen 
gesuclit werden, diuTh die vorstehende AufkUirurig eim-n \^ ider- 
spruch nicht erfahren. Wir liaben nur für gewiss«- l-alle zu all 
den langst anerkannlen Monn-nten, die das \'i-rgessen eines 
Namens bewirken köimen, noch ein Motiv hin/ugrfiigl und j 

überdies den Mechunisnuis des FehliTinneriis klargeb-gi. Jene 
Dispositionen sind auch für luiseren Kall unenlbelnlit h, um die 
Möglichkeit zu schaffen, daU das verdrängte Klemenl »>irl) 
assoziativ des gesuchten NHm<'nK bemächtige und i-s mit sji h in 
die Verdrängung nehme, »ei einem anderen Nanit-n mit \ 

günstigeren Keproduktionslit-dingUMgen wäre dies vielleiciit nicht 
geschehen. Es ist ja wahrscheinlich, <luU ein unterdrücktes l'Uemenl 



I 



# 



/, l'crgessrn jv/i Eif^i-nnantcn 



1 1 



allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zur Geltung; zu bringen, 
diesen Erfolg aber nur dort erreiclii, wo ihm geeignete Bedin- 
gungen entgegenkommen. Andere Male gelingt die Unterdrückung 
ohne Kunklionsslörung, oder, wie wir mit Recht sagen können, 
ohne Symptome. 

Die Zusajnmenfassung der Bedingungen iür das Vergessen eines 
Namens mit Fehlerinnern ergibt also: i.) eine gewisse Uisposition 
zum Vergessen desselben, 2.) einen kurz vorher abgelaufenen 
IJnterdrttckungsvurgang, 5.) die Mtiglichkeit, eine äußerliche 
Assoziation zwisclien dem belrcflcnden Namen und dem vorher 
unterdrückten Riement herzustellen. Letztere Bedingung wird man 
wahrstheinlich nicht sehr hoch veranschlagen müssen, da bei Am\ 
geringen Ansprüchen an die Assoziation eine solche in den aller- 
meisten Fällen durchzusetzen sein dürfte. Eine andere und tieler 
reichende Frage ist es, ob eine solche äußerliche Assoziation 
wirklich die genügende Ileillngung dafür sein kaim, tlaß das 
verdrängte Riement die Reproduktion des gesuchten Namens 
Störe, ob nicht doch notwendig ein intimerer Zusammenhang der 
beiden Themata erfoiderlich wird. Bei oberflächiiclier Betrachtung 
würde man letztere Forderung abweisen wollen und das zeilliche 
Aneinanderstoßen bei völlig disparatem Inhah für genügend halten. 
Bei eingehender Untersuchung findet man aber immer häufiger, 
daß die beiden durch eine äußerliche Assoziation verknüpften 
Elemente (das verdrängte und das neue) außerdem einen 
inhaltlichen Zusammenhang besitzen, und auch in dem Beispiel 
Signorelli läßt sich ein solcher erweisen. 

Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels 
Signorelli gewonnen haben, hängt natürlich davon ab, ob wir 
diespn Fall für ein typisches oder für ein vereinzeltes Vorkommnis 
erklären wollen. Ich muß nun behaupten, daß das Namen vergf^ssen 
mit Fehlertnnem ungemein häufig so zugeht, wie wir es im 
Falle Signorelli aufgelöst haben. Fast allemal, da ich dies 
Phänomen bei mir selbst beobachten konnte, war ich auch 



12 



Zur Psychopathologir des AUtaf^slrhens 



imstande, es mir in der vorerwähnten Woisc als durch Ver- 
drängung motiviert zu erklären. Idi niuü nuch notll cini-n 
anderen Gesichtspunkt /.uf-unsten dor typisc-lien Natur unsenT 
Analyse geltend machen. Ich glaube, daß man nicht l..-irrhtigl 
ist, die Fälle von Namen vergessen mit iM'hlerinnern prinxipiell 
von solchen zu trennen, In denen sich unrichtige Krsatznaini-n 
nicht eingestellt haben. Diese Rrsatziiamen kommen in einer 
Anzahl von Fallen spontan; in anderen Füllen, wo sie niclii 
spontan aufgetaucht sind, kann man .sie durch Anstrengung der 
Aufmerksamkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen dann 
die nämlichen Beziehungen zum verdrängten Fleini-nt un<l /.um 
gesuchten Namen, wie wenn sie spontan gekommen wären. Für 
das ßevvußtwerden des Frsatynüniens scheinen zwei Momente 
maßgebend zu sein, erstens die Jiemülunig der Aufmcrksiunkeii, 
zweitens eine innere Bedingung, die am iisyc-lnsthen Material 
haftet. Ich könnte letztere in der grüUeren oder geringeren 
Leichtigkeit sudien, mit welcher sich die beiiöiigie äußerliche 
Assoziation zwischen den beiden Klementcn herstellt. Kin gulwr 
Teil der Fälle von Namen vergi-.wen ohne Fehlerinnern schließt 
sich so den Fällen mit lüsatzuamenbildung an, filr weh he der 
Mechanismus des Beispiels „Sigtiorelli" gilt. It h werde aber 
mich gewiß nicht der lieliauiituiig <"iknhuen, daß alle Fälle von 
Namenvergessen in die nämliche Gruppe einzureihen seien. lis 
gibt ohne Zweifel Fälle von Namen vergessen, di«' weit einfacher 
zugehen. Wir werden den Sachverhalt wehl vorsichtig genug 
dargestellt haben, wenn wir aussprwhon ; Neben dem ei n- 
fachen Verge.^sen von Kigennameu kommt auch 
ein Vergessen vor, welches durch Verdrängung 
motiviert ist. 



II 

VERGESSKN VON FREMDSPRACHIGEN WORTEN 

Der gebräucli liehe Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheini, 
innerhalb der Breite normaler Funktion gegen das Vergessen 
geschützt. Anders steht es bekanntlich mit den Vokabeln einer 
fremden Sprache. Die Disposition zum Vergessen derselben ist für 
alle Redeteile vorhanden, und ein erster Grad von Funktions- 
störung zeigt sicli in der Ungleichmiißigkeit unserer Verfügung 
über den fremden Sprachschatz, je nach unserem Allgemein- 
befinden und dem Grade unserer Ermüdung. Dieses Vergessen 
geht in einer Reihe von Fällen nach demselben Mechanismus 
vor sich, den uns das Beispiel „Signorelli" enthüllt hat. Ich 
werde zum Beweise hiefür eine einzige, aber durch wertvolle 
Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den 
Fall des Vergessens eines nicht substantivischen Wortes aus einem 
lateinischen Zitat betrifft. Man gestatte mir, den kleinen Vorfall 
breit und anschaulich vorzutragen. 

Im letzten Sommer erneuerte ich — wiederum auf der 
Ferienreise — die Bekanntschaft eines jungen Mannes von aka- 
demischer Bildung, der, wie ich bald merkte, mit einigen meiner 
jisychologischen Publikationen vertraut war. Wir waren im 
fJespräch — ich weiß nicht mehr wie — auf die soziale Lage 
des Volksstammes gekommen, dem wir beide angehören, und er, 
der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern darüber, daß seine 



l± Zur Psychopathohgie des AUtüßsIelfens 

Generation, wie er sich äuHerte, zur Verkümmerung hestimuit 
sei, ihre Talente niciit entwickeln und ihre Bedürhiisse nicht 
befriedigen könne. Er schloß seine leieicnschnfilich bewo^rti* Rede 
mit dem bekannten Vertuschen Vei-s, in dem die unglückliche 
Dido ihre Rache an Aeiieas der Nachweh illiertriigt: Exurinn- . . ., 
vielmehr er wollte so schlieHen, (ienu er InachLe das Zitat nicht 
zustande und suchte eine otierikmidige Lüt k<? der Krinrmrung 
durch UmstelUiiig von Worten zu verdecken: Rxonar(e) ex 
nostris ossibus ultor! KndÜch sagte er geärgert: „lÜiie, nuiclien 
Sie nicht ein so spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner 
Verlegenheit weiden würden, und IieUen Sie mir lir-her. An dem 
Vers fehlt et%vas. Wie heiüt er eigentlich vollständig?" 

Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet: 

Exoriar(e) aliquis nostris ex ossibus ullor! 

„Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. tJhrigeiis von 
Ihnen hört man ja, daH man ni( hts i>hiie (Jiuiid vergilll. Uh 
wäre doch zu neugiei-ig /.u erfahren, wie ich zum Vergessen 
dieses unbestimmten Pronomen aliquis kommi»." 

ich nalnn diese Herauslorderinig bereitwilligst an, da ich eitu-ii 
Beitrag zu meiner Samnilung erholite. Uli sagte also: Das kömien 
wir gleich haben. Ich rmiB Sie nur bitten, nur' aufrichtig und 
kritiklos alles mitzuteilen, was Ihnen einlallt, wenn Sie ohne 
bestimmte Absiclit Hn'e Aufmerksamkeit auf das vergessene Wort 
richten'. 

„Gut, da komme ich also auf den lücherlicheri F.infnll, mir 
das Wort in folgender Art zu zei-teileii: a und tü/uis.^' 

Was soll das? ^ „WeiÜ ich nicht." ■ Was milt Ihnen 
weiter dazu ein? — „Uas setzt sich so fort; Relitiulon — 
Liquidation — Flüssigkeit — [''luid. Wissen Sie jetzt 
schon etwas?" 

Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort. 

i) Die* itt der &llgeincinc Weg, um VontpIliiiigM^lcmnilP, die «ich verborgen 
«lern Bewußtsein luiufiihrcu. Vergl, tneini] „Traumdviituiig" (7. Aufl., 5. 71). 



//. / 'ergessen fon Jreindsprachigen Pforten 1 5 

„Ich denke", fuhr er höhnisch lachend fort, „an Simon von 
Trient, dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche 
in Trienl gesehen habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung, 
die gerade jetzt wieder gegen die Juden erhoben wird, und an 
die Schrift von K I e i n p a u I, der in all diesen angeblichen 
Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen des Heilands sieht." 

Der Einfall ist nicht ganz ohne Zu.sammenhang mit dem 
Thema, über das wir uns unterhielten, ehe Ihnen das latei- 
nische Won entfiel. 

„Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem 
italienischen Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube, er 
war überschrieben: Was der hl. Augustinus über die Frauen 
sagt, \^'i^.'^ machen Sie damit?" 

Ich warte. 

„Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiß außer Zusammen- 
hang mit unserem Thema steht." 

Enthalten Sie sich gefalligst jeder Kritik und — 

„Ich weiß schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten 
Herrn, den ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein 
wahres Original. Er sieht aus wie ein großer Raubvogel. Er 
heißt, wenn Sie es wissen wollen, Benedikt." 

Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und 
Kirchenväteni: Der heilige Simon, St. Augustinus, St. Bene- 
diktus. Ein Kirchenvater hieß, glaube ich, Origines. Drei 
dieser Namen sind übrigens auch Vornamen wie Paul im 
Namen Kleinpaul. 

„Jetzt fallt mir der heilige Januarius ein und sein Blut- 
wunder — ich finde, das geht mechanisch so weiter." 

Lassen Sie das; der hellige Januarius und der heilige 
Augustinus haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen 
Sie mich nicht an das Blutwunder erinnern? 

„Das werden Sie doch kennen! In einer Kirche zu Neapel 
wird in einer Phiole das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt. 



j6 Zw Psychopathologie des Alltagslebens 



welches durch ein Wunder an pinern bestimmten Fostlap wieder 
flüssig wird. Das Volk bäh viel auf dieses Wunder und wird 
sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert, wie es einmal zur 'A-it 
einer französischen Okkupation geschah. Un nalim der kom- 
mandierende General — oder irre ich mich? war es Garibaldi? 
— den geistlichen Herrn beiseite und bedeutete ihm mit einer 
sehr verständhchen Gebärde auf die draußen aufgeslelllen Siddaten, 
er hoffe, das Wunder werde sich sehr baUl vollziehen. Und es 
vollzog sich wirklich . . . 

Nun und weiter? Warum stocken Sie? 

„Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen . . . das ist aber zu 
intim für die Mitteilung . . . Ich sehe übrigens keinen Zusammen- 
hang und keine Nötigung, es zu eraihlen." 

Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Icli kann Sie ja 
nicht zwingen zu erzählen, was Ihnen unangi-neinn ist; dann 
verlangen Sie aber auch nichi von mir /.u wissen, auf welchem 
Wege Sie jenes Wort al'Hjuis vergessen haben. 

..Wirklich? (Jlauben Sie? Also icli habe pUlt/.lich an eine Dame 
gedacht, von der ich leicht eine Nachricht bi-kommen kflnni«-, 
die uns beiden recht unangenehm wäre. 
Daß ihr die Periode ausgeblieben ist? 
„Wie können Sie das erraten?" 

Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf 
vorbereitet. Denken Sie an die K ale n d er hell i fje n. an das 
Flüssigwerden des Blutes zu einem bestimmten | 

Tage, den Aufruhr, wenn das Ereignis nicht eintritt, 
die deutliche Drohung, daß das Wunder vor sich 
gehen muß, sonst. . . Sie haben ja das Wunder des heiligen 
Januarius zu einer prächtigen Anspielung auf die Periode der 

Frau verarbeitet. 

„Ohne daß ich es gewußt hätte. Und Si<' meinen wirklich, 
wegen dieser ängstlichen Frwartung hatte ich das Wiirtihen 
aliquis nicht reproduzieren köiuien?' 



//, Vergessen von fremdsprachigen WurWt 1 7 

Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie .suli doch an Ihre 
Zerlegung in a — liquis und an die Assoziationen: Heliquien, 
Liquidation, Flüssigkeit- Soll ich noch den als Kind 
h i ngeopf erten heiligen Simon, auf den Sie von den Keliquien 
her kamen, in den Zusammenhang einflechten? 

„Tun Sie das lieber nicht. Ich holTe, Sie uehinen diese 
Gedanken, wenn ich sie wirklich gehabt habe, iiiclit für Krnst. 
Ich will Ihnen dafQr gestehen, daß die Dame Italienerin ist, in 
deren Gesellschaft ich auch Neapel besucht liidu'. Kann das aber 
nicht alles Zufall sein?" 

Ich muß es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie sich 
alle diese Zusammenhänge durch die Annahme eines Zufalls 
aufklären können. Ich sage Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den 
Sie analysieren wollen, wird Sie auf ebenso merkwürdige „Zufälle" 
führen '. 

Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren 
Überlassung ich meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, 
zu schätzen. Erstens, weil mir in diesem Falle gestattet war, aus 
einer Quelle zu schöpfen, die mir sonst versagt ist. Ich bin 
zumeist genötigt, die Beispiele von psychischer Funktionsstörung 
im täglichen Leben, die ich hier zusammenstelle, meiner Selbst- 
beobachtung zu entnehmen. Das weit reichere Material, das mir 
meine neurotischen Patienten liefern, suche ich zu vermeiden, 
weil ich den F-inwand fürchten muß, die bi-ireffendm Phüiionu-ne 
seien eben Erfolge und Äußerungen der Neurose. Es hat also 
besonderen Wert für meine Zwecke, wenn sicli eine nen'en- 
gesunde fremde Person 7.um Objekt einer solchen Untersuchung 

1 ) Dirse kleine Analvi« hal viel Aiirmvrktamlicit in der Literatur grfundpn und 
lebhafte Diskus»ionfn her\orgerufen, R. Bleuler hnl gcrude an ihr die Glaub- 
würdigkeit piychoanalv lisch er Deutungen mathematiich lu erfaiien veriucht und itt 
xiim Schluß gelanj^l. daß »ie mehr VVahncheitilichkeitiwert hat alt Tnuieiide von 
unnngefochlcneii medi*ini«chen „Erkcnntniiieu" und daß iic ihre Sniidrrttriliuig nur 
dadurch bekommt, daß man noch nicht gowohnl isl, in der Wiiientchnfl mit p«jcho- 
logiichen Wahncheinlichkeiten lu rechnen. ^Uai >utiitiK-h-undittiplinierl« Uvnkan in 
der Mcdiiin und »eioe Überwindung. Berlin, 1919). 

Fraud, IV. ■ 



jg Zur Psychopaüiologie des /tUtagsIebera 



erbietet. In anderer Hinsicht wird mir dieso Analyse bedrutinigs- 
voU, indem sie einen Fall von Wortvergessen ohne Ersaiwrinnern 
beleuchtet und meinen vorhinein iiul gestellten Satz bcsUiiiß^t, 
daß das Auftauchen oder Ausbleiben von uin-icbligi-n KrsaU- 
erinnerungen eine wesentliche Untersclieidung nicht hegiinidcn 
kann.' 

Der Hauptwert des Beispiels alü/uix ist aber in .'inem 
anderen seiner Unterschiede von dem l'all.' „Sifiiiorelli" gelegen. f 

Im letzteren Beispiel wird die Reproduktion des Namens gestört 
durch die Nachwirkung eines Gediuikcngnuprs, der kurz, vorher '. 

begonnen und abgebrochen wurde, dessi-n Inhalt alier in keinem 

Feinere Beobachtung »chrHnVt don Gcgctisali iwiichen der Atiiily«« „Signorelli" 
und der von aliquis betreff» der ErantierimienuigPti um pinigei ein. Auch hier .cheint 
nämlich das Vergessen von einer Ersiilil.lldiuig Ij.-Rl.-iU't in ..-In. AI. ich nu mrinen 
Partner nachträglich die [Vage «teilte, <.l. ilun hei «<-in.-n Iteiiiühuiigcu. dn. frhlendc 
Wort lu eriimem, nicht irgend etwa« mm Er»oti eingefulli-u »oi, berichtete er. daß 
er lunächit die Versuchung verspürt habe, ein ab in <!.■» Verl lu bringen: naiirii 
ab ossihui (vielleicht da» unverkniipflo Sliick von a-tif,uU} und dann. dnO ilch ihm 
iastxoriart besonder» deutlich und hurtnii.Iuf; juifcedriiugt h/.be. AI. Skeptiker | 

»ettte er hiniu: offenbar weil «» da« erste \V..r( d.^ Verir. wiir. AI. uh ihn bat. J 

doch auf die Assoxintionen von txoriart aiil lu hMiti, giih rr mir Eioniimui »n. 
Ich kann mir nUo .ehr wohl denken, daß du- VerKltirkung von «ori/irr in dor 
Reproduktion eigentlich den Wert einer »olchen Ersiilibildung hiitle. Die.elhe wlire 
über die AMoiiation: Exorxi»mui vgn den Namen der H ei li geu her erfolgt. 
Inde» lind dies Fi-inheilen, uuf dit- man keinen Wert tu legen hrnuclit. [V. Wilson; 
The impcrceplible Obvioiis, Hcvislii de Psiipiinlrin, l.imn. Juiuiar igia. betont 
dagegen, daß der Verstärkung von exuriare ein hoher nnfkliirender Werl »ukomme. 
da Exonismu» der beste .ynibnlische Ersatz für den verdningten (icdnnkiui lui die 
Beseitigung de» gefürchlcten Kindes durch Abortu» wHre. Ich kann diese lleriehligung. 
welche die Verbindlichkeit der Aualyio nicht «chüdigt, dimkeml nnnehnien.) — Es 
erscheint nun aber wohl mligUch, diiü du» Auftreten irgend euier Art von Er<ati- 
erinneriing ein konstantes, vielleicht auch nur ein chnrakteriitiiehe» und verrntB- ■ 

ri«che» Zeichen de» tendenTiüsen, durch Verdrängung motivierten Vergri.cn» i»t. 
Diese Ersatibildnng bestände otich dort, wo das Auflaiicheu unrichtiger Krsnitnamcn ,; 

ausbleibt, in der Verstärkung eine» I'.lenu-nli-s. wilchp» dem vergessenen heinchbarl 
ist. Im Falle „Signorelli" war i. B., solange mir der Name de» Mnler. umu^-riuglich 
blieb, die visuelle Flrinnening an den Zyklui von Eroiken und an »ein in der Ecke 
eine» Bilde» angebrachte» Selbstporlnit ii b e r d e u 1 1 i <- h, jedenfnll» weit intensiver, 
all viiuelle Erinnerung» »puren sonst bei nur uuflreten. In einem nuderr.i lalle, dor 
gleichfalls in der Abhandlung von iS<)K mit{{el.-Ul ist, hotte ieh von der Adresse 
eine» mir unbequemen Besuche» in einer fruniden Stadt den StraÜrnnauie» 
hoffnungslos vergessen, die Hansnummer aber wie lutn Spott — überdeutlich 
gemerkt, während mir »onst da» Erinnern von Zahlen die grüüte Seluvierigkeil 
bereitet. 



//. Vergessen von fremdsprachigen TForten ig 

deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand, in dem 
der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten 
und dem Thema des vergessenen Namens bestand bloß die 
Beziehung der zeitlichen Kontiguität; dieselbe reichte hin, damit 
sich die beiden durch eine äußerliche Assoziation in Verbindung 
setzen konnten'. Im Beispiel aliquis hingegen ist von einem 
solchen unabhängigen verdrängten Thema, welches unmittelbar 
voiher das bewußte Denken beschäftigt hätte und nun als 
Störung nachklänge, nichts zu merken. Die Störung der Repro- 
(Uiklion erfolgt hier aus dem Innern des angeschlagenen Themas 
heraus, indem sich unbewußt ein Widerspruch gegen die im 
Zitat dargestellte Wunschidee erhebt. Man muß sich den Hergang 
in folgender Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, daß die 
gegenwärtige Generalion seines Volkes in ihren Rechten verkürzt 
wird; eine neue Generation, weissagt er wie Dido, wird die 
Rache an den Bedrängern übernehmen. Er hat also den Wunsch 
nach Nachkommenschaft ausgesprochen. In diesem Moment fährt 
ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen. „Wünschest du 
dir Nachkommenscliaft wirklich so lebhaft? Das ist nicht wahr. 
In welclie Verlegenheit kämest du, wenn du jetzt die Nachricht 
erhieltest, daß du von der einen Seite, die du kennst. Nach- 
kommen zu erwarten hast? Nein, keine Nachkommenschaft, — 
wiewohl wir sie für die Rache brauchen." Dieser Widerspruch 
bringt sich nun zur Geltung, indem er genau wie im Beispiel 
Signorelli eine äußerliche Assoziation zwischen einem seiner 
Vorstellungselemente und einem Element des beanstandeten 
Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst gewalt- 
same Weise durch einen gekünstelt erscheinenden Assoziations- 
utnweg. Eine zweite wesentliche Übereinstimmung mit dem 

i) Ich mochte für da* Fehlen eines inneren Zusammenhanges iwischen den 
beiden Ocdankenkrcisen im Falle Signorelli nicht mit voller Überiengung einstehen. 
Bei sorgfältiger Verfolpmg der verdrängten Gedanken über das Thema von Tod 
und Scxiinllcbcn stößt man doch auf eine Idee, die sich mit dem Thema der Fresken 
von Orrieto nahe berührt. 



so 



Zur Psychopathologie lUs AUtagsM/rns 



Beispiel Sif^norelli ergibt sich danrns, daß der Widerspruch aus 
verdrängten Quellen stammt und von Gedmikeii nusgeht, welche 
eine Abwendung der Aufmerk.siunkeit hervorrufen würden. — 
Soviel über die Verse hie<Ienlieit und über die innere Verwnndt- 
schaft der beiden Paradigmata des Namen verg<'s.sens. Wir haben 
einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die 
Störung eines (Jedankens durch einen ans dem Verdrängten 
kommenden inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, 
der uns als der leichter verständliche erscheint, im Laufe dieser 
Erörterungen noch wiederholt begegnen. 



m 

VERGESSEN VON NAMEN UND WORTFOLGEN 

Erfahrungen, wie die eten erwähnte, über den Hergang des 
Vergessene eines Stückes aus einer fremdsprachigen VVortfolge 
können die VVißbegierde rege machen, ob denn das Vergessen 
von Wortfolgen in der Muttersprache eine wesentHch andere 
Aufklärung erfordere. Man pflegt zwar nicht verwundert zu 
sein, wenn man eine auswendig gelernte Formel oder ein 
Gedicht nach einiger Zeit nur ungetreu, mit Abänderungen und 
I-ücken reproduzieren kann. Da aber dieses Vergessen das im 
Zusammenhang Erlernte nicht gleichmäßig betrifft, sondern 
wiederum einzelne Stücke daraus loszubröckeln scheint, könnte 
es sich der Mühe verlohnen, einzelne Beispiele von solcher 
fehlerhaft gewordenen Reproduktion analytisch zu untersuchen. 

Ein jüngerer Kollege, der im Gespräche mit mir die Ver- 
mutung äußerte, das Vergessen von Gedichten in der Mutler- 
sprache könnte wohl ähnlich motiviert sein wie das Vergessen 
einzelner Elemente in einer fremdsprachigen Wortfolge, erbot 
sich zugleich zum Untersuchungsobjekt. Ich fragte ilm, an 
welchem Gedichte er die Probe machen wolle, und er wählte 
„Die Braut von Korinth", welches Gedicht er sehr liebe und 
wenigstens Strophen weise auswendig zu kennen glaube. Zu 
Beginn der Reproduktion traf sich ihm eine eigentlich auffällige 
Unsicherheil. „Heißt es: ,Von Korinthus nach Athen gezogen'," 



23 



Zur Psychopathologie des AUiagsU-ifeits 



I 



fragte er, „oder »Nach Korinllms von Athen go/open*." Auch 
ich war einen Moment hinge schwjmkencl, bis ich lachend 
bemerkte, daß der Titel des Gedichtos „Die Braut von Korinth" 
ja keinen Zweifel darüber lasse, welchen W.^g der Jüngling 
ziehe. Die Reproduktion der ersten Strophe ging dann ghitl 
oder wenigstens ohne nninillige Vermisflnnig vor sich. Nncli 
der ersten Zeile der zweiten Strophe firhien der Kollege eine 
Welle zu suchen; er setzte bald fort und rezitierte also: 

Aber wird er auch willkonmu-n scliciiu-n. 

Jetzt, wo jeder Tag was Ncucb liriiif;!? 

Denn er ist noch liculc mit den Si-iiicn 

Und sie sind Christen und - - gelauft. 

Ich hatte schon vorher wie befremdet aufgehorcht; nach dem 
Schlüsse der letzten Zeile waren wir beide einig, daü hier eine PLnt- 
stellung stattgefunden habe. Da es uns aber nicht g-lang, dieselbe 
zu korrigieren, eilten wir zur llibliniliek, um (ioethes (iedichle zur 
Hand zu nehmen, und faiiden zu unserer Oberrasdunig. daß die 
zweite Zeile dieser Strophe .-inen viillig an.leren Worllanl hübe, 
der vom Gedächtnis des Kollegen gleichsam herausgeworfen und 
durch etwas anscheinend fremdes ersetzt wordm war. Ks hieU 
richtig: 

Aber wird er auch willkoinint-n sclicincn, 
Wenn er teuer n i cli l die Gun>t erkiiuft. 
Auf erkauft" ri-imte „getauft luid es schien mir sonderbar, 
daß die Konstellation: Heide, Christen und getauft, ilm bei der 
"Wiederherstellung des Textes so wenig gefüidert halte. 

Können Sie sich erklären, fragte iih den Kollrg.-n, daß Sie ni 
dem Ihnen angeblich so wohl vertrauten Cedit hu- di(^ '/-i-ile so 
vollständig gestrichen haben, und haben Sie t^ne Abmnig, aus 
welchem Zusammenhang Sie den Krsalz holen konnten? 

Er war imstande, Aufkliirnng zu geben, obwohl er es offenbar nicht 
sehr gern tat. „Die Zeile: Jetzt, wo jtnlerTag was Neues bringt, konnni 
mir bekannt vor; ich muß diese Worte vor kurzem mit Bezug avii 



///. f'ergessen von Namen und fVortfolgen 23 

meine Praxis gebraucht haben, mit deren Aufschwung ich, wie Sie 
wissen, gegenwärtig sehr zufrieden bin. Wie dieser Salz aber daliinein 
gehört? Ich wüßte einen Zusammen! lang. Die Zeile ,wenn er teuer 
nicht die Gunst erkauft* war mir offenbar nicht angenehm. Es hängt 
das mit einer Bewerbung zusammen, die ein erstes Mal abge.schlagen 
worden ist, und die ich jetzt mit Rücksicht auf meine sehr gebesserte 
materielle Lage zu wiederholen gedenke. Ich kann Ihnen nicht mehr 
sagen, aber es kann mir doch gewiß nicht lieb sein, wenn ich 
jetzt angenommen werde, mich daran /.u erinnern, daß eine Art 
von Berechnung damals wie nun den Ausschlag gegeben hat." 
Das erschien mir einleuchtend, auch ohne daß ich die näheren 
Umstände zu wissen brauchte. Aber ich fragte weiter: Wie 
kommen Sie überhaupt dazu, sich und Ihre privaten Verhältnisse 
in den Text der „Braut von Korinth" zu mengen? Bestehen 
vielleicht in Ihrem Falle solche Unterschiede der Rehgions- 
bekenntnisse, wie sie im Gedichte zur Bedeutung kommen? 

(Keimt ein Glaube neu, 

wird oft Lieb' und Treu 

wie ein böses Unkraut ausgerauft.) 
Ich hatte nicht richtig geraten, aber es war merkwürdig zu 
erfahren, wie die eine wohlgezielte Frage den Mann plötzlich 
hellsehend machte, so daß er mir als Antwort bringen konnte, 
was ihm sicherlich bis dahin selbst unbekannt geblieben war. 
F-r sah mich mit einem gequälten und auch unwilligen Blick 
an, murmelte eine spätere Stelle des Gedichtes vor sich hin: 

Sieh sie an genau ' ! 
Morgen ist sie grau. 



1) Der Kollege hat übrigens die schone Stelle des Gedichtes sowold in llirem 
Wortlaut wie nach ihrer Anwendung etwas abgeändert. Da» gespenstische Mädchen 
sagt seinem Bräutigam: 

Meine Kette hab' ich dir gegeben; 

Deine Locke nehm' ich mit mir fort. 

Sieh sie an genau! 

Morgen bist du grau. 

Und nur bruun erscheinst du wieder dort. 



=+ 



Zur Psychopathologie des Alllagslebais 



und fügte kurz hinzu: Sie ist etwas älter als ich. Um ihm nicht 
noch mehr Poin zu bereiten, brach ich die Krkundipuup; «b. Oie 
Aufklärung erschien mir zureichend. Aber es war gcwiU über- 
raschend, daß die Bemühung, eine harmlose Felilleisluiig des 
Gedächtnisses auf ihren Grund zurüikzulühren, an so fem 
hegende, intime und mit peinlichem Affekt besetzte Angele-gen- 
heiten des Untersuchten rühren muüic. 

Ein anderes Beispiel vom Vergessen in der Wortfolge eines 
bekannten Gedichtes will ich nach C. G. Jung' und mit den 
Worten des Autors anführen. 

„Ein Herr will das bekannte (Jedirht rezitieren: ,Kin Fichten- 
baum steht einsam usw.' In der 'A-ile; ,lhii schläfert' bleibt er 
rettungslos stecken, er hat ,mit w<*iUer Decke' total vergessen. 
Dieses Vergessen in einem so bekainiteii Vei-s schien mir- auf- 
fallend, und ich ließ ihn nun reproduzieren, was ihm zu jnil 
weißer Decke' einfiel. Ks entsUnid folgende Reihe: ,M»n denkt 
bei weißer Decke an ein Totenluch — ■ ein Leinluih, mit dem 
man einen Toten zudeckt ~- (Pause) — jetzt fallt mir ein naher 
Freund ein — sein Brutler ist jüngst gmiz plötzlich gestorben — 
er soll an einem Henwchlag gestorben sein — er war eben auch 
sehr korpulent — mein Freund ist aucli korpulent und ich 
habe schon gedacht, es könnte ihm auch so gehen — er gibt 
sich wahrscheinlich zu wenig Bewegung ~- als ich von dem 
Todesfall hörte, ist mir plötzlich angst geworden, es könnte mir 
auch so gehen, da wir in unserer Familie sowieso Neigimg zur 
FeiLsucIiI haben, und auch mein (Jroßvater an einem lier/-schlag 
gestorben ist; ich finde mich auch 7U korpulent und hiibe deshalb 
in diesen Tagen mit einer Kutfeitungskur begonnen.'" 

„Der Herr hat sich also unbewußt sofort mit dem Fichtenbainn 
identifiziert," bemerkt Jung, „der vom weißen Leichentuch 
umhüllt ist." 



i) C. G. Jun^. tThir die Ptychologia d«r Dt-mentin prucox, 1907, S«tn 64. 



///. Vergessen von Namen und ff'ortfolgeii 35 

Das nachstehende Beispiel von Vergessen einer Wortfolge, das 
ich meinem Freunde S. Ferenczi in Budapest verdanke, bezieht 
sich, anders als die vorigen, auf eine selbstgeprägle Rede, nicht 
auf einen vom Dichter übernommenen Satz. Es mag uns auch 
den nicht ganz gewöhnlichen Fall vorführen, daß sich das Ver- 
gessen in den Dienst unserer Besonnenheit stellt, wenn ihr die 
Gefahr droht, einem augenblicklichen Gelüste zu erliegen. Die 
Fehlleistung gelangt so zu einer nützlichen Funktion. Wenn wir 
wieder ernüchtert sind, geben wir dann jener inneren Strömung 
recht, welche sich vorhin nur durch ein Versagen — ein Ver- 
gessen, eine psychische Impotenz — äußern konnte. 

„In einer Gesellschaft fällt das Wort ,Tout comprendre c'est 
tollt pardonner*. Ich bemerke dazu, daß der erste Teil des Satzes 
genügt; das ,Pardonnieren* sei eine Überhebung, man überlasse 
das Gott und Av-n GeislHrhen. Ein Anwesender findet diese 
Bemerkung sehr gut; das macht mich verwegen und - — wahr- 
scheinlich um die gute Meinung des wohlwollenden Kritikers zu 
sichern — sage ich, daß mir unlängst etwas Besseres eingefallen 
sei. Wie ich es aber erzählen will — fallt es mir nicht ein. — 
Ich ziehe mich sofort zurück und schreibe die Deckeinfälle auf. 
— Zuerst kommt der Name des Freundes und der Straße in 
Budapest, die die Zeugen der Geburt jenes (gesuchten) 'PUnfalles 
waren; dann der Name eines anderen Freundes, Max, den wir 
gewohnlich Maxi nennen. Das fülirt mich zum Worte Maxime 
und zur Erinnerung, daß es sich damals (wie im eingangs 
erwähnten Falle) um die Abänderung einer bekannten Maxime 
handelte. Seltsamerweise fällt mir dazu nicht eine Maxime, 
sondern folgendes ein: Gott schuf den Menschen nach 
seinem Bilde, und dessen veränderte Fassung: der Mensch 
schuf Gott nach dem seinigen. Daraufhin taucht 
sofort die Erinnerung an das Gesuchte auf: Mein Freund sagte 
damals zu mir in der Andrässystraße: Nichts Menschliches 
ist mir f r e m d, worauf ich — auf die psychoanalytischen 



a6 Zur Psychopathologii! des Alltagslebens » 

Erfahrungen anspielend — sagte: Du solltest weiter- 
gehen und bekennen, daß dir nichts Tierisches 
fremd ist." 

„Nachdem ich aber endlich die l^rinnerung an das (Jesuchle 
hatte, konnte ich es in der Gesellschalt, in der ich mich gerade 
befand, erst recht nicht erzählen. Die junge Gattin des Freundes, 
den ich an die Animalität iX^^ Unbewulltcn ciiunert halle, war 
auch unter den Anwesenden, uTid ich mußte wissen, daß sie zur 
Kenntnisnahme solcher nnerfrouliclier Kinsicliten gar iiicliL vor- 
bereitet war. Durch das Vergessen ist mir eine Reihe unan- 
genehmer Fragen ihrerseits und eine aussichtslose Diskussion 
erspart worden, und gerade das muß das Motiv der .teniporiiren 
Amnesie' gewesen sein." 

„Es ist interessant, daß sicli als Deckeinfall ein Satz eitihleUle, 
in dem die Gottheit zu einer menschlichen K.rfindung degradiert 
wird, während im gesuchten Satze auf das Tierische im Meiisilien 
hingewiesen wurde. Also die capitis tlirninulio ist das Gemein- 
same. Das Ganze ist nlTenljin- iiui" die lH)rlw'tzung des durch 
das Gespräch angeregten Gedankenganges über das Verstehen und 
Veraeihen." 

„Daß sich in diesem Falle das (Jesuchte so rasch einstellte, 
verdanke' ich vielleicht auch dein Umstand, daß ich midi aus 
der Gesellschaft, in der es zensuiiert war, sofoit in ein menschen- 
leeres Zimmer zurückzog." 

Ich habe seither zahlreiche midere Analysen in Fällen von 
Vergessen oder fehlerhafter Reproikiktion einer Wortfolge angi'- 
stellt und bin durch das übereinstimmende Ergebnis ilieser Unter- 
suchungen der Annahme geneigt worden, (laß der in den 
Beispielen „aliquis" und „Braut von Kurinlli" iiacligewiosene 
Mechanismus des Vergessens fast allgemeine Gültigkeit hat. Es 
ist meist nicht sehr bequem, solche Analysen mitzuteilen, ila sie 
wie die vorstehend erwähnten steis zu intimen und für den 
Analysierten peinlichen Dingen hinleitenj ich werde die Zahl 



///. Vergessen von Namen und ff'ortfolgen 



37 



solcher Beispiele darum auch nicht weiter vermehren. Gemeinsam 
bleibt all diesen Fällen ohne Unterschied des Materials, daß das 
Vergessene oder EuLstellte auf irgend einem assoziativen Wege 
mit einem unbewußten Gedankeninhalt in Verbindung gebracht 
wird, von welchem die als Vergessen sichtbar gewordene Wirkung 

ausgeht. 

Ich wende mich nun wiederum zu dem Vergessen von Namen, 
wovon wir bisher weder die Kasuistik noch die Motive erschöpfend 
betrachtet haben. Da ich gerade diese Art von Fehlleistung bei 
mir zuzeiten reichlich beobachten kann, bin ich um Beispiele 
hiefiir nicht verlegen. Die leisen Migränen, an denen ich noch 
immer leide, pflegen sich Stunden vorher durch Namenvergessen 
anzukündigen, und auf der Höhe des Zustandes, während dessen 
ich die Arbeit aufzugeben nicht genötigt bin, bleiben mir häufig 
alle Eigennamen aus. Nun könnten gerade Fälle wie der meinige 
zu einer prinzipiellen Einwendung gegen unsere analytischen 
Bemühungen Anlaß geben. Soll man aus solchen Beobachtungen 
nicht folgern müssen, daß die Verursachung der Vergeßlichkeit 
und speziell des Namenvergessens in Zirkulations- und allgemeinen 
Funktionsstörungen des Großhirns gelegen ist, und sicli darum 
psychologische Erklärungsversuche für diese Phänomene ersparen? 
Ich meine keineswegs; das hieße den in allen Fällen gleichartigen 
Mechanismus eines Vorgangs mit dessen variabeln und nicht 
notwendig erforderlichen Begünstigungen verwechseln. An Stelle 
einer Auseinandersetzung will ich aber ein Gleichnis zur Erledigung 
des Einwandes bringen. 

Nehmen wir an, ich sei so unvorsichtig gewesen, zur Nacht- 
zeit in einer menschenleeren Gegend der Großstadt spazieren zu 
gehen, werde überfallen und meiner Uhr und Börse beraubt. An 
der nächsten Polizeiwaclistelle erstatte ich dann die Meldung mit 
den Worten: Ich bin in dieser und jener Straße gewesen, dort 
haben Einsamkeit und Dunkelheit mir Uhr und Börse 
weggenommen. Obwohl ich in diesen Worten nichts gesagt hätte. 



28 Zur Psychopathologie, dfs ^Itt/iffxh-iM'ns 

was nicht richtig; wäre, liefe ich doch Gefahr, noch dorn Wort- 
laut meiner Meldung für nicht ganz richtig im Kopfe gehalten 
zu werden. Der Sachverhalt kann In korrekter Weise nur so 
beschrieben werden, daß, von der Einsamkeit des Ortes hegünstigt, 
unter dem Schutze der Dunkellieii nn he kannte Täter 
mich meiner Kostbarkeiten beraubt haben. Nun detui, der Sach- 
verhalt beim Namen vergessen braucht kein anderer zu sein; durch 
Ermüdung, Zirkulation.sstörung und Intoxikation begünstigt, raubt 
mir eine unbekannte psychische Macht die Verfügung über tue 
meinem Gedächtnis zustehenden l'^igennamen, dieselbe Macht, 
welche in anderen Fällen dasselbe Versagen des (ir'diichtins.ses 
bei voller Gesundheit und Leistungsfähigkeit zustundt- bringen 
kann. 

Wenn ich die an mir selbst beobachteten l-alU» von Namen- 
vergessen analysiere, so finde ich fast regeln lüLtig, (iaÜ der vor- 
enthaltene Name eine Beziehung zu einem Thema hal, welches 
meine Person nahe angeht, und starke, oft peinliche AfTekle in mir 
hervorzurufen vermag. Nach der bequemen und empfeldenswerten 
Übung der Züricher Schule (Bleuler, Jung, K i k I i n) kam) 
ich dasselbe auch in der Korni ansdriUken : Der ent/ogi-ne Name 
habe einen „[jersünlichen Komplex" in mir gestreift. Die Beziehung 
des Namens zu meiner Person ist eine unerwartete, meist durch 
oberflächliche Assoziation (Wortzweideutigkeit, (jleidikbing) ver- 
mittelte; sie kann allgemein als eine Seiten beziehung gekenn- 
zeichnet werden. Einige einfache Beispiele werd(>n die Natur 
derselben am besten erläutern: 

i) Ein Patient bittet mich, ihm einen Kurort an der Riviera 
zu empfelilen. Icli weiÜ einen solchen Ort ganz nahe bei Gctma, 
erinnere auch den Namen den deutschen Kollegen, der dort 
praktiziert, aber den Ort selbst kann ich nicht munien, so gut 
ich ihn auch zu kennen glaube. Es bleibt mir nichts anderes 
übrig, als den Patienten warten zu heiUen und mich rasch an 
die Frauen meiner Familie zu wenden. „Wie heiüt doch der Ort 



neben Genua, wo Dr. N, seine kleine Anstalt hat, in der die und 
jene Frau so lange in Behandlung war?" „NatürHch, gerade du 
mußtest diesen Namen vergessen. Nervi heißt er." Mit Nerven 
habe ich allerdings genug zu tun. 

2) Ein anderer spricht von einer nahen Sommerfrisclie und 
behauptet, es gebe dort auiSer den zwei bekannten ein drittes 
Wirtshaus, an welches sich für ihn eine gewisse Erinnerung 
knüpfe; den Namen werde er mir sogleich sagen. Ich bestreite 
die Existenz dieses dritten Wirtshauses und berufe mich darauf, 
daß ich sieben Sommer Iiindurch in jenem Orte gewohnt habe, 
ihi* also besser kennen muß als er. Durch den Widerspruch 
gereizt, hat er sich aber schon des Namens bemächtigt. Das Gast- 
haus heißt: der Hochwartner. Da muß ich freilich nachgeben, 
ja ich muß bekennen, daß ich sieben Sommer lang in der 
nächsten Nähe dieses von mir verleugneten Wirtshauses gewohnt 
habe. Warum sollte ich hier Namen und Sache vergessen haben ? 
Ich meine, weil der Name gar zu deutlich an den eines Wiener 
Fachkollegen anklingt, wiederum den „professionellen" Komplex 
in mir anrührt. 

5) Ein andermal, im Begriffe auf dem Bahnhof von Reichen- 
hall eine Fahrkarte zu lösen, will mir der sonst sehr vertraute 
Name der nächsten großen Bahnstation, die ich schon so oft 
passiert habe, nicht einfallen. Ich muß ihn allen Ernstes auf dem 
Fahrplan .suchen. Er lautet: Rosenheim. Dann weiß ich aber 
sofort, (lurch welche Assoziation er mir abhanden gekommen ist. 
Eine Stunde vorher hatte ich meine Schwester in ihrem Wohn- 
orte ganz nahe bei Reichenhall besucht^ meine Schwester heißt 
Rosa, also auch ein Rosenheim. Diesen Namen hat mir der 
„Familienkomplex "■ weggenommen. 

4) Das geradezu räuberische Wirken des „Familienkomplexes" 
kann ich dann in einer ganzen Anzahl von Beispielen verfolgen. 

Eines Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, jüngerer 
Bruder einer Patientin, den ich ungezählte Male gesehen hatte, 



Zur PsYchapathohgü" des AütagsUtbens 



und dessen Pereon ich mit dem VoninuKüi zu (»v.eidmon gt-wolnii 
war. Als ich dann von seinem licsuch uiv-ahh-n woUtf, hatte ich 
seinen, wie ich wußte, keineswejrs nnpcwühiiliclH-n Vornamen 
vergessen und konnte ihn durch keim- Hül.- /.urürkrufen. Ich ging 
dann auf die Straße, um Firmenscliilder zu Irsen, und erkannte 
den Namen, sowie er mir das erst.-mal i-nif;<'f;'-"tral. Die Analyse 
beiehrte mich darüber, daß ich zwischen dem Besucher und meinem 
eigenen Bruder eine Parallele gezogen hatte, .he in der verdrängten 
Frage gipfeln wollte: Hatte sich mein Bruder im gleichen I<alle 
ähnlich oder viehnehr rnIgegeMgesel/.t benommen? Die äußerliche 
Verbindung /.wischen den Gedanken über die fr.-mde und über 
die eigene FamiUe war durch den /ufall ermilgluhi worden, daß 
die Mütter hier und dort den gleichen Vornami-n: Amalia tragon. 
Ich verstand dann aucli nachtraglich die Krsat/namen : Daniel und 
Franz^ die sich mir aufgedrängt hatl.'ii, «'hm- mich aufzuklaren, 
F^ sind dies, wie auch Amalia, Nam.-ii aus den Hiiubern vcm 
Schiller, an welche sich ein ScIier;: des Wiener Spaziergängers 

Daniel Spitzer knüpft. 

5) Ein andermal kann Ich den Nami-n eine« Patienlen nicht 
finden, der zu meinen Jugendh.'zu'Iiung.-n geliört. Die Analyse 
führt über einen langen Umwrg, eho sie mir di-ii gesucblen Namen 
liefert. Der Patient hatte die Angst geäuUerl, das Augenlicht zu 
verlieren; dies rief die Krinnerung an einen jungen Mann wach, 
der durch einen Schuß blind geworden war; daran knüpfte sich 
wieder das Bild eines anderen Jünglings, der sich angeschossen 
hatte, und dieser letztere tiug denselben Namen wie der (trsle 
Patient, obwohl er nicht mit ihm verwandt war. Den Namen 
fand icii abereret, naclidem mir die Üb.Tlnigung einer ängstlichen 
Erwartung von diesen beiden juvenilen ,l*allen auf eine Pei-son 
meiner eigenen Familie bewußt geworden war. 

Ein beständiger Strom von „Kigetd)eziehung" griit so ilurch 
mein Denken, von dem ich für gewöhnlich kein<- Kunde .Thahe, 
der sich mir aber durch solches Nanienvergfjssen verrät. IIj ist, aU 




in. Vergessen von Namen und fVort folgen 51 

wäre ich genötigt, alles, was ich über fremde Personen höre, mit 
der eigenen Person zu vergleichen, als ob meine persönlichen 
Komplexe bei jeder Kenntnisnahme von anderen rege würden. Dies 
kann unmöglich eine individuelle Eigenheil meiner Person sein; 
es muß vielmehr einen Hinweis auf die Art, wie wir überhaupt 
„Anderes" verstehen, enthalten. Ich habe Gründe anzunehmen, 
daß es bei anderen Individuen ganz ähnlich zugein wie hei mir. 

Das Schönste dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein Herr 
Lederer berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig 
mit einem ihm obei-flächlich bekannten Herrn zusammen, den er 
seiner jungen Frau vorstellen mußte. Da er aber den Namen des 
Fremden vergessen hatte, half er sich das erstemal mit einem 
unverständlichen Gemurmel. Als er dann dem Herrn, wie in 
Venedig unausweichlich, ein zweitesmal begegnete, nahm er ihn 
beiseite und bat ihn, ihm doch aus der Verlegenheit zu helfen, 
indem er ihm seinen Namen sage, den er leider vergessen habe. 
Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener Menschen- 
kenntnis: Ich glaube es gern, daß Sie sich meinen Namen nicht 
gemerkt haben. Ich heiße wie Sie: Lederer! — Man kann sich 
einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn 
man seinen eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich 
verspürte sie unlängst recht deutlich, als sich mir in der är/.llichen 
Sprechstunde ein Herr S. Freud vorstellte. (Übrigens nehme ich 
Notiz von der Versicherung eines meiner Kritiker, daß er sich in 
diesem Punkte entgegengesetzt wie ich verhalle). 

6) Die Wirksamkeit der Eigenbeziehung erkennt man auch in 
folgendem von Jung' mitgeUulten Beispiel: 

„Ein Herr Y. verlieble sich erfolglos in eine Dame, welche 
bald darauf einen Herrn X. heiratete. Trotzdem nun Herr Y. den 
Herrn X. schon seit geraumer Zeit kennt und sogar in geschäft- 
lichen Verbindungen mit ihm steht, vergißt er immer und immer 

1} Doinenlift praecox, S. 51. 



3" 



Zur Psychopalhologü- des Alltagslebens 



wieder dessen Namen, so daß er sich iiu-hrereniul bei anderen 
Leuten danach erkundigen mußte, als er mit Herrn X. korre- 
spondieren wollte." 

Indes ist die Motivierung des Vergessens in diesem Falle durch- 
sichtiger als in den vorigen, welche unter der Kmisfllaiion der 
Eigenbeziehung stehen. Das Vergessen scheint hier direkte [■'olge 
der Abneigung des Herrn Y. gegen seinen gllUKlirluTen Rivalen: 
er will nichts von ihm wissen; „nicht gedacht soll seiner 

werden". 

7) Das Motiv /.um Vergessen eines Namens kaini aucii ein 
feineres sein, in einem sozusagen „sublimierten" (iroU gegen 
dessen Träger bestehen. So schreibt ein Kräulehi 1. v. K. aus 

Budapest : 

„Ich habe mir eine kleine Theorie zureclitg.-Iegt. !cli habe 
nämlich beobachtet, daß Mens.hen, die Talent zur Mali-nM, für 
Musik keinen Sinn haben, vnid umgekehrt. Vor einiger /e.t 
sprach ich hierüber mit jemandem, indem ich sagte: ,Meme 
Beobachtung hat bi.lier immer /.ugetroflen, einen Fall ausge- 
nommen.' Als ich mich an den Name.i dieser Person erinnern 
woUte, hatte ich ihn -hoffinmgslos vergessen, irot/.lem ich wußte, 
daß sein Träger einer mein<'r intinisieii liekannlen ist. Als ich 
nach einigen Tagen den Nomen /.uflillig nemi.-n hüite, wußte 
ich natürlich sofort, daß vom Zerstörer meiner Theorie die 
Rede war. Der Groll, den ich unbewußt gegen ihn hegte, 
äußerte sich durch das Vergessen seines mir sonM so gelauiigen 

Namens." 

8) Auf etwas anderem Wege fUhrle die Kigenbeziehnng /um 
Vergessen eines Namens in dem folgenden von l'Vrenc/.i mit- 
geteilten Falle, dessen Analyse besonders durch <lie AufklHrut4; 
der ?:rsat7.einfälle (wie Botticelh- -Bollralfio zu Signoreüi) lehr- 
reich wird. 

„Einer Dame, die etwas von Psychoanalyse gehün hat, wül 

der Name des Psychiaters Jung nicht einfallen.' 



i 
i 



///. Fergessen von Namen und Wortfolgen 33 



„Dafür stellen sich folgende Einfälle ein: Kl. (ein Name) — 
Wilde — Nietzsche — Hauplm a tin.'* 

„Ich sage ihr den Namen nicht und fordere sie auf, an jeden 
einzelnen Einfall frei zu assoziieren." 

„Bei Kl. denkt sie sofort an Frau KL, und daß sie eine 
gezierte, affektierte Person sei, die aber für ihr Alter sehr gut 
aussehe. ,Sie wird nicht alt.* Als gemeinsamen Oberbegriff von 
Wilde und Nietzsche nennt sie ,G e i s l e s k r a n k h e i t*. 
Dann sagt sie spöttisch: ,Sie Freudianer werden so lange die 
Ursachen der Geisteskrankheiten suchen, bis sie selbst geistes- 
krank werden.' Dann : ,lch kann Wilde und Nietzsche 
nicht ausstehen. Ich verstehe sie nicht. Ich höre, sie waren beide 
homosexuell; Wilde hat sich mit jungen Leuten abgegeben.' 
{Trotzdem sie in diesem Satze den richtigen Namen — allcidings 
ungarisch — schon au.>^gesprochen hat, kann sie sich seiner immer 
noch nicht erinnern.)" 

„Zu Hauptmann fällt ihr Halbe, dann Jugend ein, und 
jetzt erst, nachdem ich ihre Aufmerk-samkeit auf das Wort Jugond 
lenke, weiß sie, daß sie den Namen Jung gesucht hat." 

„Allerdings hat diese Dame, die im Aller von 59 Jahren den 
Galten verlor und keine Aussicht fiat, sich wieder zu verheiraten, 
Grund genug, der Erinnerung an alles, was an Jugend oder 
Alter gemahnt, auszuweichen. AulTallend ist die rein inhaltliche 
Assoziierung der Deckeinfälle zu dem ge.suchien Namen imd das 
Fehlen von Klangassoziationen." 

g) Nodi anders und sehr fein motiviert ist ein Beispiel 
von Namenvergessen, welches sich der Betreffende selbst auf- 
geklärt hat: 

„Als ich Prüfung aus Philosophie als Nebengegen.stand machte, 
wurde ich vom F.xaminator nach der Lehre Epikurs gefragt, 
und dann weiter, ob ich wisse, wer dessen L(?hre in späteren 
Jahrhunderten wieder aufgenommen habe. Ich antwortete mit 
dem Namen Pierre Gassend i, den ich gerade zwei Tage 

9 



FTtud. IV, 



54 



Z(w Psychopathologü: des Alltagslebens 



vorher im CaU als Schüler Rpikurs halte nennen hören. Auf 
die erstaunte Frage, woher ich das wisse, gab ich kühn dio Ant- 
wort, daß ich mich seit langem für Gassendi interessiert habe. 
Daraus ergab sich ein magna cum laude fürs Zeugnis, aber leider 
auch für später eine hartniickig»- Neigung, den Namen Gassendi 
zu vergessen. Ich glaube, mein schlechtes Gewissen ist schuld 
daran, wenn ich diesen Namen allen Uetnülniiig<'n zum Trotz 
jetzt nicht behalten kann. Ich hätte ihn ja auch damals nicht 
wissen sollen." 

Will man die Intensität der Atmeigung geg<Mi die Erinnerung an 
diese Priifungsepisode bei unserem GewähT-smaim riclitig würdigen, 
so muß man erfahren hal)eii, wie hoch er seinen Doklortitel 
anschlägt, und für wieviel anderes ihm dieser I'Tsatz bieten muß. 
ig) Ich .schalle hier noch ein Reispiel von Vergessen eines 
Städtenamens ein, welcfios vielleicht nichi so einfach ist wie die 
vorher angeführten, aber jedem mii .solchen Untersuchungen 
Vertrauteren glaubwürdig und wertvoll erscheinen wird. Der 
Name einer italienischen Sladl i'iit/ieht hieb der Krinneruug 
infolge seiner weitgehentien KlinigälniHchkeil mit einem weiblichen 
Vornamen, an den sich vielerlei iilfekl voll<-, in der Mitleilung 
wohl nicht erMhüpferul ausgeführte Krinnerungen knüpfen. 
S. Ferenc'zi (Rudapest), der diesen Fall von Vergessen an .sich 
selbst beobacliiete, hat ihn behandeli, wii' man einen Traum oder 
eine neurotiscbe Ideo analysieri, tnui dies gewiß niil Recht. 
1 , Ich war heute bei einer befreundeten Familiei es kamen ober- 

t italienische Städte zur Spracbe. Da erwähnt jemand, daß diese 

den österreichischen Kinfluß noch erkennen lassen. Man zitiert 
einige dieser Städte; auch ich will eine nennen, ihr Name fallt 
mir aber nicht ein, ob/.war ich weiß, daß ich dort zwei sehr 
angenehme Tage verlebte, was nicht gut zu Freuds Theorie 
des Vergessens stimmt. Stall des gesuchten Slädtenameus 

drängen sich mir folgende Kinflille auf: Capua — Brescia — 
Der Löwe von Brescia." 



///. f^ergessen ixin Namen und fVortfolgea 



35 



„Diesen ,Löwen* sehe ich in Gestalt einer Marmorstatue 
wie gegenständlich vor mir stehen, merke aber sofort, daß er 
weniger dem Löwen auf dem Freiheitsdenkmal zu Brescia (das 
ich nur im Bilde gesehen habe), als jenem anderen marmornen 
Löwen ähnelt, den ich am Grabdenkmal der in den 
Tuilerien gefallenen Schweizer Gardisten in Luzern 
gesehen habe, und dessen Reproduktion en rniniature auf meinem 
Bücherschrank steht. Endlich fällt mir der gesuchte Name doch 
ein: es ist Verona." 

„Ich weiß auch sofort, wer an dieser Amnesie schuld war. 
Niemand anderer als eine frühere Bedienstete der Familie, bei der 
ich gerade zu Gaste war. Sie hieß Veronika, auf ungarisch 
Verona, und war mir wegen ihrer abstoßenden Physiognomie 
wie auch wegen ihrer heiseren, kreischenden Stimme 
und unleidlichen Konfidenz (wozu sie sich durch die lange Dienst- 
zeit berechtigt glaubte) selir antipathisch. Auch die tyrannische Art, 
wie sie seinerzeit die Kinder des Hauses behandelte, war mir unaus- 
stehlich. Nun wußte ich auch, was die Ersatzeinfiille bedeuteten." 

„An Capua assoziiere ich sofort caput mortuum. Ich 
Terglich Veronikas Kopf sehr oft mit einem Totenschädel. — 
Das ungarische Wort kapzsi (geldgierig) gab sicher auch eine 
Determinienmg für die Verschiebung her. Natürlich finde ich auch 
jene viel direkteren Assoziationswege, die Capua und Verona 
als geographische Begriffe und als italienische Worte mit gleichem 
Rhythmus miteinander verbinden." 

„Das gleiche gilt von Brescia; aber auch hier finden sich 
verschlungene Seitenwege der ldeenverknü]>fung." 

„Meine Antipathie war seinerzeit so heftig, daß ich Veronika 
förmlich ekelhaft fand und mehreremal mein Erstaunen darüber 
äußerte, daß sie doch ein Liebesleben haben und geliebt werden 
konnte; ,sie zu küssen* — sagte ich — ,muß ja einen Brech- 
reiz hervorrufen.' Und doch war sie sicher längst in Beziehung 
zu bringen zur Idee der gefallenen Schweizer Gardisten." 

5* 



56 



'Lur Psychopalliolof^ie des AUiaf^sli^hfiL-; 



„Brescia wird, wenigstens hier in Ungarn, nicht mit dem 
Löwen, sondern einem anderen wilden Tier zusammen sehr 
oft genannt. Der bestgeliaßte Name in diesem Liindc wie auch 
in Oberitalien ist der des (Jenerals H a y n u u, di-r kur/.weg die 
Hyäne von Brescia genannt wird. Vom gehaHten Tyrannen 
Haynau führt also der eine Gedankenfaden übei- ürescia zur Stüdi 
Verona, der andere üher die Idee des To 1 engrii ber tieres 
mit der heiseren Stimme (der das Aufianclien eines Grab- 
denk mal s mitbestimmt) /.um Tolenscliiiiicl und zum unange- 
nehmen Organ der durch mein Unliewiiülcs so arg beschimijlten 
Veronika, die seinerzeit in diesem Hause bttinahe so tyramiiscli 
gehaust hat, wie der österroithische General nach den ungarischen 
und italienischen Frcilioilskäinpfcit." 

„An Luzern knüpft sich der (icdiinkc iui ilcn Sommer, den 
Veronika mit ihrer Dienstherrschaft am \ icrwaldsliitter See in 
der Nähe von Luzern verhriidiie; an die ,Sch w e i zer 
Garde' wiederum tiio Krinneruiig, daü sie nicht nur die Kinder, 
sondern auch die erwachsenen Mitgh(?der di-r KamiHc /u 
tyrannisieren verstand und sich in der Rolle der (Jnrde-Dame 
gefiel." 

„Ich bemerke ausdriickUch, tliiB diese meine Aulipalhic gegen 
V. — bewußt — zu den längst überwninlcncn Dingen gi'horl. 
Sie hat sich inzwischen äußerlich wie in ihren Manieren vehr 
zu ihrem Vorteil verämlei-i, und ich kann ihr (wozu ich aller- 
dings selten Gelegenheit habe) mit oufrichtiger Freundlichkeit 
begegnen. Mein Unbewußtes hiilt, wie gi'wflhidicli, zühci" au tXvu 
Eindrücken fest, es ist ,nacliiniglich' und nachiragcnd." 

„Die T u i 1 e r i e n sind eiiK* Anspielung auf eine zweite 
Persünlichkeit, e-ine ältere hanzüsisclu» Dame, di'- die Krauen 
des Hauses bei vielen Anlassen tat.süchlich ,pardiert' hat, und 
die von groß und klein geachtet wohl ein wenig auch 

gefürchtet wird. Uh war eint? Zeitlang ihr t'lhw in fran- 
zösischer Konversation. Zum VVorle i'ihw liillt mir noch ein. 



* 



///. P'ergessen von Namen und Wortfolgen 57 

daß ich, als ich beim Schwager meines heutigen Gastgebers 
in Nordbühineii auf Besuch war, viel darüber lachen mußte, 
daß die dortige Landbevölkerung die Eleven der dortigen Forst- 
akademie jLöwen' nannte. Auch diese lustige Erinnerung mag 
an der Verschiebung von der Hyäne zum Löwen beteiligt 
gewesen sein." 

1 1) Audi das nachstehende Beispiel' kann zeigen, wie ein 
zur/eit die Pei-son beherrschender Eigenkomplex ein Namen- 
vergessen an weil abliegender Stelle hervorruft: 

„Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, die vor sechs 
Monaten gemeinsam in Sizilien gereist sind, tauschen Erinne- 
rungen an jene schönen und inhaltreichen Tage aus. ,Wie hat 
nur der Ort geheißen,' fragt der Jüngere, ,an dem wir über- 
nachtet haben, um die Partie nach Selinunt zu machen? 
Calatafimi, nicht wahr?' - Der Ältere weist dies zurück: 
,Gewiß nicht, aber ich habe den Namen ebenfalls vergessen, 
obwohl ich mich an alle Einzelheiten des Aufenthaltes dort sehr 
gut erinnere. Es reicht bei mir hin, daß ich merke, ein andei'er 
habe einen Namen vergessen^ sogleich wird auch bei mir das 
Vergessen induziert. Wollen wir den Namen nicht suchen? Mir 
fällt aber kein anderer ein als Ca 1 ta n i setta, der doch gewiß 
nicht der richtige ist.' — ,Nein,' sagt der Jüngere, ,der Name 
fängt mit w an oder es kommt ein w darin vor.' -- ,Ein w 
gibt es docl) im Italienischen nicht/ mahnt der Ältere. — ,Ich 
meinte ja auch nur ein v und habe nur w gesagt, weil ich's 
von meiner Muiterspraciie her so gewohnt bin.' — Der Ältere 
sträubt sich gegen das v. Et meint: ,Ich glaube, ich habe über- 
haupt schon viele sizilianische Namen vergessen; es wäre an der 
Zeit, Versuche zu machen. Wie heißt z. B. der hochgelegene 
Ort, der im Altertum Enna geheißen hat? — Ah, ich weiß 
schon : Castrogiovanni.' — Im nächsten Moment hat der 



1) ZentralbUtt für Psychoanalyse, I. 9, 1911. 



58 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Jüngere auch den verlorenoii Namen wiwlcrfrffundeti. Kr ruft: 
Castelvetrano und freut suli, <lfis behauptete i; narli weisen 
zu können. Der Ältere vermißt noch eine Weile das liekannt- 
heitsgefühl; nachdem er aber den Namen «kzcplifrl hat, soll er 
Auskunft darüber gehen, weshalb er ihm eiitfallrii war. Er 
meint: ^Offenbar weil die zweite Hiilfic v e i ran o an — 
Ve t e r a n anklingt. Uh weiß sclion, daß it h n ic li i gern ans 
Altern denke und in sonderbarer Weise rciigiere, wemi ich 
daran gemahnt werde. So /,. B. habe ich unlängst einem Iioch- 
geschätzten Freund in ih-r merkwürdigsten Kiiikleidung vorge- 
halten, daß er ,Iängst üher die Jahre der Jugend hinaus sei', 
weil dieser früher einmal mitten unter den schmeichelhaftesten 
Äußerungen über mich nucli bfliiiiiptcte: ,Ich sei kein junger 
Mann mehr.' Daß sich der Widerstand bei mir gegen die /weite 
Hälfte des Namens Castelvetr.i im gericliiei Iml, geht ja auch 
daraus hervor, daß der Anlaut desselln-ti in (U'm Krsalzniinien 
Caltanisetta wiedergekehrt war.* - ,1 Ind der Name 
Caltanisetta selbst?* fragt der Jüngi-re. — ,l)er ist mir 
immer wie ein Kosenamen für ein junges Weib i-rschienen/ 
gesteht der Ältere ein." 

„Einige Zeit später setzt er hinzu: ^Der Name für Knnn 
war ja auch ein Krsatztiaine. Und nun llilll mir auf, daß dieser 
mit Hilfe einer Ratioruilisierung vordringende Natni-n (Castro- 
giovanni genau so an g io van e— jung anklingt, wie der 
verlorene Name Castelvetrano an Veteran alt.'" 

„Der Ältere glaubt so für sein NnmeuvrrgesM-n Reclienschaft 
gegeben zu haben. Aus welchem Motiv der Jüngere zum gleichen 
Ausfallsphänomen gekommen war, wurde nichl untersucht." 

Neben den Motiven des Numenverge.ssens verdient auch der 
Mechanismus dessidben unser Interesse. In einer großen Reihe 
von Fällen wird ein Name verg<'ssen, nicht weil er selbst solche 
Motive wachruft, sondern weil er durch (Ueichklang und I^ul- 
ähnlichkeit an einen anderen streift, gegen den sich diese Motive 



///. Vergessen von Namen u/ul fPorc/olgen 59 



richten. Man versteht, daß durch solche Lockerung der Bedin- 
giingen eine außerordentliche Erleichterung für das Zustande- 
kommen des Phänomens geschaffen wird. So in den folgenden 

Beispielen : 

12) Dr. Ed. Hitschmann: „Herr N. will die Buchhandlungsfirma 
Gilhofer & Ranschburg jemandem angeben. Es fällt 
ihm aber trotz allen Nachdenkens nur der Name Ranschburg ein, 
trotzdem ihm die Firma sonst sehr geläufig ist. Mit einer 
leichten Unbefriedigung darüber nach Hause kommend, ist ihm 
die Sache wichtig genug, um den anscheinend bereits schlafenden 
Bruder nach der ersten Hälfte des Firmanamens zu fragen. Der- 
selbe nennt ihn anstandslos. Darauf fällt Herrn N. sofort zu 
,GiIhofer' das Wort ,Gallhof' ein. Zum ,GallhDf' hatte er einige 
Monate vorher in Gesellschaft eines anziehenden Mädchens 
einen erinnerungsreichen Spaziergang gemacht. Das Mädchen 
hatte ihm als Andenken einen Gegenstand geschenkt, auf dem 
geschrieben steht: ,Zur Erinnerung an die schönen Gallhofer 
Stunden.' In den letzten Tagen vor dem Namenvergessen wurde 
dieser Gegenstand, scheinbar zufällig, beim raschen Zuschieben 
der Lade durch N. stark beschädigt, was er — mit dem Sinne 
von Symptom handlungen vertraut — nicht ohne Schuldgefühl 
konstatierte. Er war in diesen Tagen in etwas ambivalenter 
Stimmung zu der Dame, die er zwar liebte, deren Ehewunsch 
er aber zaudernd gegenüberstand." (Internat. Zeitschr. f. Psycho- 
analyse I, 1915-) 

15) Dr. Hanns Sachs: „In einem Gespräche über Genua und 
seine nächste Umgebung will ein junger Mann auch den Ort 
Pegli nennen, kann den Namen aber erst mit Mühe, durch 
angestrengtes Nachdenken, erinnern. Im Nachhausegehen denkt 
er an das peinliche Entgleiten dieses ihm sonst vertrauten 
Namens und wird dabei auf das ganz ähnlich klingende Wort 
Peli geführt. Er weiß, daß eine Südsee-Insel so heißt, deren 
Bewohner ein paar merkwürdige Gebräuche bewahrt haben. Er 



40 



Zur Psychopathologie des AlUagsiebens 



hat darüber vor kurzem in einem etiinoliifrisrlipii Werk gelesen 
und sich damals vorgenommen, diese Mitteilungen Tili- eine 
eigene Hypothese zu verwerten. Dann fallt ihm ein, daß Poli 
auch der Schauplatz eines Romanes ist, den er mit Interesse 
und Vergnügen gelesen hat, nümlich von ,Vaii /aniens glück- 
lichste Zeit' von Laurids Brunn. Die Gedanken, die ihn 
an diesem Tage fast unnuf hOrlit h beschäftigt haltiMi, knüiiften 
sich an einen Brief, den er am selben Morgen von einer ihm 
sehr teuren Dame erhalten halle; dieser Brief liiÜt itui befürclUen. 
daß er auf ein verabredetes Zusammentreffen werde ver/iditeTi 
müssen. Nachdem er den ganzen Tag in übelster Laune zuge- 
bracht hatte, war er am Abend mit detn Vorsnii'. ausg('gang<'n, 
sich nicht länger mit dem ärgerlichen Gedanken ab/.u])liigen, 
sondern die ihm in Aussicht stehende und von ihm jiuHerst hoch 
geschätzte Geselligkeit m«gliclisl ungetrübt zu getiicLlen. Ks ist 
klar, daß durch das Wort Fegli sein Vorsüt/ arg gcliihrdel 
werden konnte, da dieses mit Peli lautlich sü eng zusammen- 
hängt; Peli aber, da es durch das ethnologische Interesse die 
Ich-Beziehung gewonnen halle, verk(irperl nicht nur Van Zjnilens, 
sondern auch seine eigene .glücklichste Zeil' und deshalb auch 
die Befürchtungen und Sorgen, die er tagsüber genährt hatte. 
Es ist charakteristisch, daü diese einfache Oeulnng eist g<'lang, 
nachdem ein zweiter Brief die Zweifel in eine fröhliche (iewiß- 
heit baldigen Wiedersehens umgewandelt halle." 

Erinnert man sich bei diesem Beispiel an <las ihm 
sozusagen benachbarte, in welchem der Ortsnamen Nervi nicht 
erinnert werden kann" (Beispiel i), so sieht man, wie sich der 
Doppelsinn eines Worios durch die Klangiihnliciikeil zweier 
Worte ersetzen läßt. 

14) Als 191g d<,r Krieg mit Italien ausbrach, kennte ich an 
mir die Beobachtung machen, «laß meiiu'm (Jedächtnis j)Uitzlich 
eme ganze Anzahl von Namen italienischer Örllichkeiton entzogen 
war, über die ich sonst leicht verfügt hatte. Wie so viele andere 



///. Vergessen von Namen und Wortfolgen 41 



Deutsche hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, einen Teil 
der Ferien auf itaUenischeni Boden zuzubringen, und konnte 
nicht daran zweifeln, daß dies massenhafte Namen vergessen der 
Ausdruck der begreiflichen Verfeindung mit Itahen war, die nun 
an die Stelle der früheren Vorliebe trat. Neben diesem direkt 
motivierten Namen vergessen machte sich aber auch ein indirektes 
bemerkbar, welches auf denselben Einfluß zurückzuführen war. 
Ich neigte auch dazu, nichtitalienische Oi-tsnamen zu vergessen, 
und fand bei der Untersuchung dieser Vorfalle, daß diese Namen 
irgendwie durch entfernten Anklang mit den verpönten feind- 
lichen zusammenhingen. So quälte ich mich eines Tages mit 
dem Erinnern des mährischen Städtenamens Bisenz. Als er mir 
endlich einfiel, wußte ich sofort, daß dieses Vergessen auf 
Rechimng des Palazzo Bisen zi in Orvieto zu setzen sei. In 
diesem Palazzo beündet sich das Hotel Belle Arti, wo ich bei 
jedem meiner Aufenthalte in Orvieto gewohnt hatte. Die liebsten 
Erinnerungen waren natürlich durch die veränderte Gefühls- 
einstellung am stärksten geschädigt worden. 

Es ist auch zweckmäßig, daß wir uns durch einige Beispiele 
daran mahnen lassen, in den Dienst wie verschiedener Absichten 
sich die Fehlleistung des Namen vergessens stellen kann. 

15) A. J. Storfer {„Namenvergessen zur Sicherung eines 
Vorsatzvergessens"): „Eine Basler Dame wird eines Morgens 
verständigt, daß ihre Jugendfreundin Selma X. aus Berhn, die 
eben auf ihrer Hochzeitsreise begriffen ist, auf der Durchreise in 
Basel angekommen ist; die Berliner Freundin soll nur einen Tag 
in Basel bleiben, und die Baslerin eilt daher sofort ins Hotel. Als 
die Freundinnen auseinandergellen, verabreden sie, nachmittags 
wieder zusammenzukommen und bis zur Abreise der Berlinerin 
beisammen zu bleiben. — Nachmittags vergißt die Baslerin 
das Rendezvous. Die Determination dieses Vergessens ist mir nicht 
bekannt, doch sind ja gerade in dieser Situation (Zusammentreffen 
mit einer eben verheirateten Jugend fr e u n d i n) mehrerlei 



i 



jjd Zur Psychopathologie des AUtagslehcns 

typische Konstellationen möglich, die eine Hemmung gf^en die 
Wiederholung der Zusammenkunft bedingen ktinnen. Uas Inter- 
essante an diesem Falle ist eine fernere Fehlleistung, die eine 
unbewußte Sicherung der ersten darstellt. Zur Zeit, da sie wieder 
mit der Freundin aus Berlin zusammenkommen sollte, befand sich 
die Baslerin an einem anderen Orte in (jesellscliaft. l'j; kam auf 
die vor kurzem erfolgte Heirat der Wiener üpenisiingorin Kurz 
die Rede. Die Basler Dame iiuBerte sich in kritischer Weise (!) 
über diese Ehe, als sie aber den Namen der Sängerin aussprechen 
wollte, fiel ihr zu ihrer größten Verlegenheit der Vorname 
nicht ein. (Bekanntlich neigt man gerade bei einsilbigen Familien- 
namen besonders dazu, den Vornamen mitzunennen.) Oie Basier 
Dame ärgerte sich um so mehr über die Gediit htnisscliwäche, als 
sie die Sängerin Kurz oft singen gehürl hntic und der (ganze) 
Name ihr sonst geläufig war. Ohne daß vorher jemand aiuierer 
den entfallenen Vornamen genannt hatte, nahin das (Jespräch 
eine andere Wendung. - — Am Abend dos.selben Tages befindet 
sich unsere Basler Dame in einer mit der niuhniiitägigeii zum 
Teil identischen Gesell-ithaft. Vja kommt zurällig wieder auf die 
Ehe der Wiener Sängerin die Rede und die Damt^ nennt ohne 
)ede Schwierigkeit den Namen ,Selina Kur/.*. Dem folgt auch 
gleich ihr Ausruf: ,Ach, jetzt fällt mir ein: ich lialic ganz vergessen, 
daß ich heute nachmittag eine Verabredung mit meiner Freinidin 
Selma hatte.* Ein Blick auf die Uhr zeigte, daß die Freundin 
schon abgereist sein mußte." (Internal, /eitschr. f. I'.syrhonnalyse, 

II, 1914.) 

Wir sind vielleicht noch nicht vorbereitet, dieses schöne Beis-piel 
nach all seinen Beziehungen zu würdigen. Finfadier ist das nach- 
folgende, in dem zwar nicht ein Nanu-, aber ein iremdsprachliches 
Wort aus einem in der Situation lieg<-ndcn Motiv verges.sen wird. 
(Wir bemerken schon, daß wir dieselben Vorgänge behandeln, ob 
sie sich nun auf Eigennamen, Vornamen, fremdsprachliche Worte 
oder Wortfolgen bezielu-n.) Hier vergißt ein junger Mann das 



///. Vergessen von Namen und Wortfolgen 45 



englische Wort für Gold, das mit dem deutschen identisch ist, 
um Anlaß zu einer ihm erwünschten Handlung zu finden, 

16) Dr. Hanns Sachs; „Ein junger Mann lernt in einer 
gemeinsamen Pension eine Engländerin kennen, die ihm gefällt. 
Als er sich am ersten Abend ihrer Bekanntschaft in ihrer 
Muttersprache, die er so ziemlich beherrscht, mit ihr unter- 
hält und dabei das englische Wort für ,Gold' verwenden will, 
fällt ihm trotz angestrengten Suchens das Vokabel nicht ein. 
Dagegen drängen sich ihm als Ersatzworte das französische or, 
das lateinische aurum und das griechische chrysos hartnäckig 
auf, so daß er nur mit Mühe imstande ist, sie abzuweisen, 
obgleich er bestimmt weiß, daß sie mit dem gesuchten Worte 
keine Verwandtschaft haben. Er findet schließlich keinen anderen 
Weg, sich verständlich zu machen, als den, einen goldenen 
Ring, den die Dame an der Hand trägt, zu berühienj sehr 
beschämt erfahrt er nun von ilir, daß das langgesuchte Wort 
für Gold genau so laute wie das deutsche, nämlich: gold. 
Der hohe Wert einer solchen, durch das Vergessen herbeige- 
führten Berührung Hegt nicht bloß in der unanstößigen Befriedi- 
gung des Ergreifungs- oder Berührungstriebes, die ja auch 
bei anderen, von Verliebten eifrig ausgenutzten Anlässen möglich 
ist, sondern noch viel mehr darin, daß sie eine Aufklärung 
über die Aussichten der Bewerbung ermöglicht. Das Unbewußte 
der Dame wird, besonders wenn es dem Gesprächspartner gegen- 
über sympathisch eingestellt ist, den hinter der harmlosen Maske 
verborgenen erotischen Zweck des Vergessens erraten; die Art 
und Weise, wie sie die Berührung aufnimmt und die Moti- 
vierung gehen läßt, kann so ein beiden Teilen unbewußtes, 
aber sehr bedeutungsvolles Mittel der Verständigung über die 
Chancen des eben begonnenen Flirts werden." 

1 7) Ich teile noch nach J. Stärcke eine interessante Beobachtung 
von Verges.sen und Wiederauffinden eines Eigennamens mit, die 
sich dadurch auszeichnet, daß mit dem Namenvergessen die 






44 ^"'' Psychopathologie des Alltagslehens 

Fälschung der Wortfolge eines Gedichles wie im Beispiel der 
„Braut von Korinth" verbunden ist. 

„Ein alter Jurist und Spiiu ligcicinicr, '/., eivälilt in (Jesel!- 
schaft, daß er in seiner Siudciitrn/.oil. in OeuLscIdund einen 
Studenten gekannt hat, der auße^o^d(^rllH( li dumm war, und über 
dessen Dummheit er mantlie Ant'kdol«' zu iT/ülilen weiß. Kr kann 
sich aber an den Namen dieses Student<'n iiiiht. erinnern^ glaubt, 
daß dieser Name mit H' iinfiingt, nimmt di*!s »lier spater wieder 
mrück. Fj- eriimert sich, tIaÜ dieser duinnie Student später 
Weinhändler geworden ist. Dann «T/aldt er wiixier eine 
Anekdote von der Diinuiihcil <lt'SM'lbeii Stuilciileu, verwundert 
sich noch eimnal darüber, daß sein Name üim nicht einfalll, 
und sagt dann: ,Rr war ein solcher Ksel, ilal! ich noch nicht 
begreife, daß ich ihm mit Wiederholen Liileiniscli habe 
eintrichtern können.' Kinen Augenblick spater erinnert er 
sich, daß der gesuchte Name ausgehl auf , . . man. Jri/.i fragen 
wir ihn, ob ihm ein andertT Name, der auf m a n ausgeht, 
einfällt, und er .sagt: Krdmanii. - - ,Wer ist denn das?' — 
,Das war auch ein Student aus dieser 7,eit.' - Seine Tochter 
bemerkt aber, daß es auch einen Professor iMilniiinn gib'. Hei 
genauerer Erörterung zeigt sicli, daß dicsei- Professor lüilmann 
vor kurzem eine von /. eingesainUc Arbeil nur in verküiv.ler 
Form in eine von ihm redigii'i'te Zeitschrift hat aufnehmen 
lassen und zum 'IViJ damit nicht einvei-standen war, usw., und 
daß Z. das als ziemlich unangcrrudim empfunden bat. (Überdies 
vernahm ich später, daß Z. in früheren Jahren wolil eimnal die 
Aussicht gehabt hat, Professor in demsell)eii l'ache zu werden, 
worin jetzt Profes.sor E. doziert, und daß dieser Name also nucli 
in dieser Hinsicht vielleicht eine ompHndhche SaiK- berührt.) 

Jeut fällt ihm jilöizlich der Name des dunuuen Studenten 
ein: Lindenian! Weil er sich schon frOlier erinnert hatte, 
daß der Name auf ... man ausgeht, war also Linde noch 
länger verdrängt geblieben. Aul die Krage, was ihm !>ei Linde 



///. Vergessen von Namen und Wortfolgen 45 

einfällt, sagt er zuerst: , Dabei fallt mir gar nichts ein.' Auf mein 
Drängen, daß ihm bei diesem Worte doch wohl etwas einfallen 
wird, sagt er, indem er aufwärts blickt und mit der Hand eine 
Gebärde in der Luft macht: ,Nun ja, eine Linde, das ist ein 
schöner Baum.' Weiter will ihm dabei nichts einfallen. Alle 
schweigen und jedermann verfolgt seine Lektüre und andere 
Beschäftigung, bis Z. einige Augenblicke später in träumerischem 
Tone folgendes zitiert: 

Steht er mit festen 

Gefügigen Knochen 

Auf der Erde, 

So reicht er nicht auf, 

Nur mit der Linde 

Oder der Rebe 

Sich zu vergleichen. 

Ich stieß einen Triumphschrei aus: ,Da haben wir den Erd- 
mann,' sagte ich. ,Jener Mann, der ,auf der Erde steht', das ist 
also der Erde-Mann oder E r d m a n n, kann nicht aufreichen, 
sich mit der Linde (Lindeman) oder der Rebe (Wein- 
händler) zu vergleichen. Mit anderen Worten: jener Lindeman, 
der dumme Student, der später Weinhändler geworden ist, war 
schon ein Esel, aber der Erdmann ist ein noch viel größerer 
Esel, kann sich mit diesem Lindeman noch nicht vergleichen.' 
— Eine solche im Unbewußten gehaltene Hohn- oder Schmäh- 
rede ist etwas sehr Gewöhnliches, darum kam es mir vor, daß 
die Hauptvn-sache des Namen vergessen s jetzt wohl gefunden war. 

Ich fragte jetzt, aus welchem Gedichte die zitierten Zeilen 
stammten. Z. sagte, daß es ein Gedicht von Goethe sei, er 
glaubte, daß es anfiingt: 

Edel sei der Mensch 
Hilfreich und gut ! 

und daß weiter auch darin vorkommt: 

Und hebt er sich aufwärts. 

So spielen mit ihm die Winde. 



+6 



Zur Psychopathologie des Alhaffslebenr 



Am nächsten Tag suchte ich dieses Gedicht von (iocthe auf, 
und es zeigte sich, daß der Fall noch liübscher (aber auch 
komplizierter) war, als er erst zu sein seinen, 

a) Die ersten zitierten Zeilen lauten (vgl. oben): 

Stellt er mit feiten 
Markigen Knorhen. 
Gefügige Knochen wäre eine ziemlich fremdartige Kom- 
bination. Darauf vvill ich aber niclit näher eingehen. 

b) Die folgenden Zeilen dieser Strophe bniten (vgl. oben): 

Auf der wohlhcgründeten 

Dauernden Erde. 

Reicht er nicht auf, 

Nur mit der iC i c h e 

Oder der Rebe 

Sich XU vergleichen. 

Es kommt also im ganzen Gedidit keine IJnde vor! Der 
Wechsel von Linde statt Kiche hat (in seinem Unbewußten) 
nur stattgefimden, um das WorUipiel ,Elrde — Linde — Rebe' zu 
ermöglichen. 

c) Dieses Gedicht heißt; ,(iren/.en der Menschheil' und enthält 
eine Vergleichung zwischen der Allmadit der Gotter und der 
geringen Macht des Menschen. Das Gedicht, dessen Anfang lautet: 

Edel sei der Mensch, 

I ! II (reich und guti 
ist aber ein anderes Gedicht, das einige Seiten weiter steht. Es 
heißt: ,Das Göttliche', und cnlhält ebenso Gedanken über Gütter 
und Menschen. Weil hierauf nicht näher eingegangen worden 
ist, kann ich höchstens vermuten, daß aucli Gedanken über Leben 
und Tod, über das Zeitliche und das Ewige und über das eigene 
schwache Leben und den künfligi-n Tod beim Rnlstehen dieses 
Falles eine Rolle gespielt haben'." 

i) Aus der liollöndiichcn Auigalie dioiei Buchoi «ntcr dem Titel; De invloed 
van om onbeivuste in oii» dagelijkiche luven, Amiterdnin igi6, doiilicli nligodnickt 
in Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. IV. 1916. 



///. {Vergessen von Namen und Wortfolgen 47 

In manchen dieser Beispiele werden alle Feinheiten der psycho- 
analytischen Technik in Anspruch genommen, um ein Namen- 
vergessen aufzuklären. Wer mehr von solcher Arbeit kennen 
lernen will, den verweise ich auf eine Mitteilung von E. Jones 
(London), die aus dem Englischen übersetzt ist". 

18) Ferenczi hat bemerkt, daß das Namenvergessen auch 
als hysterisches Symptom auftreten kann. Es zeigt dann einen 
Mechanismus, der sich von dem der Fehlleistung weit entfernt. 
Wie diese Unterscheidung gemeint ist, soll aus seiner Mitteilung 
ersichtlich werden: 

„Ich habe jetzt eine Patientin, ein alterndes Fräulein, in 
Behandlung, der auch die gebräuchlichsten und ihr bestbekannten 
Eigennamen nicht einfallen wollen, obwohl sie sonst ein gutes 
Gedächtnis hat. Bei der Analyse stellte sich heraus, daß sie durch 
dieses Symptom, ihre Unwissenheit dokumentieren will. Diese 
demonstrative Hen'orkehrung ihrer Ignoranz ist aber eigentlich 
ein Vorwurf gegen ihre Eltern, die ihr keine höhere Schulbildung 
zuteil werden ließen. Auch ihr quälender Zwang zum Reine- 
machen (jHausfrauenpsychose') entspringt zum Teil aus derselben 
Quelle. Sie will damit ungefähr sagen: Ihr habt einen Dienst- 
boten aus mir gemacht." 

Ich könnte die Beispiele von Namenvergessen vermehren und 
die Diskussion derselben sehr viel weiter führen, wenn ich nicht 
vermeiden wollte, fast alle Gesichtspunkte, die für spätere Themata 
in Betracht kommen, schon hier beim ersten zu erörtern. Doch 
darf ich mir gestatten, die Ergebnisse der hier mitgeteilten Analysen 
in einigen Sätzen zusammenzufassen: 

Der Mechanismus des Namenvergessens (richtiger: des Entfallen», 
zeitweiligen Vergessens) besteht in der Störung der intendierten 
Reproduktion des Namens durch eine fremde und derzeit nicht 
bewußte Gedankenfolge. Zwischen dem gestörten Namen und dem 

1) Analyse eines Falles von Namen vergessen. Zentralblatt für Psychoanalyse, 

II, igii- 



^g 'Lur Psychopathologie des AütagsUbens 



4/ 



störenden Komplex besteht entweder ein Zusainmonliaiifr von 
vornherein, oder ein solcher hat sicli, oft auf p;ekünslek erschei- 
nenden Wegen, durch oberilächlithe (aulierliche) Assoxialiunen 
hergestellt- 

Unter den störenden Komplexen erweisen sich die der Kigen- 
beziehung (die persünhchen, iuniiHaren, bt-ruflichen) als die 

wirksamsten. 

Ein Name, der infolge von Mehrdi'iiligkeil inelireren Cedaiiken- 
kreisen (Komplexen) angeliört, wird hüulig im '/.usannne.iliaiige 
der einen Gedaiikenfolge durch seine Zugehöiigkeit /.um aruicreii, 
stärkeren Komplex gestört. 

Unter den Motiven dieser Störungen leuchtet die Absicht 
hervor, die Erweckung von Dnlusl durch Krinneni /ii vermeiden. 
Man kann im allgemeinen zwei Haiipliallf des Nnmen- 
vergessens unterscheiden, wenn der Name selbst an Unangenehmes 
röhrt, oder wenn er mit anderem in Veriiineking gebracht ist, 
dem solche Wirkung ziddime, so daß Namen um ihrer selbst 
willen oder wegen ihrer nütieren uiLt erillernteren Assü/.ial ions- 
beziehungen in der Reproduktion gestörl werden können. 

Ein Überblick dieser allgeTueineii Sätze laÜt uns verstehen, daß 
das zeitweilige Namen vergessen als die Iiiiuligste unserer l'eld- 
leistungen zur Beobachtung kommt. 

ig) Wir sind indes weit davon entlenit. alle Rigentihiilich- 
keiten dieses Phänomens verzeichuel /u liabeii. Ich will noch 
darauf hinweisen, daÜ das Namenverges.seii in ludiem Grade 
ansteckend ist. In «'inem Gespräche zweier Personen reicht es 
oft hin, daß die eine äußere, sie lialie diesen oder jenen Namen 
vergessen, um ihn au. h b.-i .ler zweiten Person entfallen zu 
lassen. Doch stellt sich dt.rt, wo das Vergessen induziert ist, der 
vergessene Name leichter wieder ein. Diesr-s „kollektive" Verges.sen, 
streng genommen ein Phänomen der Massenpsychologie, ist noch 
nicht Gegenstand der analytischen Untersuchung geworden. In 
einem einzigen, aber hesonders schönen Kall hat I h. R ei k 



% 



■ 



///. Vergessen von Namen und Wortfolgen 



49 



eine gute Erklärung dieses merkwürdigen Vorkommens geben 
könnend 

„In einer kleinen Gesellschaft von Akademikern, in der sich 
auch zwei Studentinnen der Philosophie befanden, sprach man 
von den zahlreichen Fragen, welche der Ursprung des Christen- 
tums der Kulturgeschichte und Religionswissenschaft aufgibt. Die 
eine der jungen Damen, welche sich am Gespräch beteiligte, 
erinnerte sich, in einem englischen Roman, den sie kürzlich 
gelesen hatte, ein anziehendes Bild der vielen religiösen Strö- 
mungen, welche jene Zeit bewegten, gefunden zu haben. Sie 
fügte hinzu, in dem Roman werde das ganze Leben Christi von 
der Geburt bis zu seinem Tode geschildert, doch wollte ihr der 
Name der Dichtung nicht einfallen (die visuelle Erinnerung an 
den Umschlag des Buches und an das typographische Bild des 
Titels war überdeutlich). Auch drei von den anwesenden 
Herren beliaupteten, den Roman zu kennen, und bemerkten, 
daß auch ihnen sonderbarerweise der Name nicht zur Verfügung 
stehe ..." 

Nur die junge Dame unterzog sich der Analyse zur Aufklärung 
dieses Namen vergesse ns. Der Titel des Buches lautete; Ben Hur 
(von Lewis Wallace). Ihre Ersatzeinfalle waren: Ecce homo — 
homo sum — quo vadis? gewesen. Das Mädchen verstand selbst, 
daß sie den Namen vergessen, „weil er einen Ausdruck enthält, 
den ich und jedes andere junge Mädchen — noch dazu in 
Gesellschaft junger Leute — nicht gern gebrauchen wird". Diese 
Erklärung fand durch die sehr interessante Analyse eine weitere 
Vertiefung. In dem einmal berührten Zusammenhang hat ja auch 
die Übersetzung von Ao/7zo, M e n s c h, eine anrüchige Bedeutung. 
Reik schließt nun: Die junge Dame behandelt das Wort so, 
als ob sie sich mit dem Aussprechen jenes verdächtigen Titels 
vor jungen Männern zu den Wünschen bekannt hätte, die sie 

i) Übor kollektives Vergessen, Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, VI, 1920, 
(Auch in Reik, Der eigene und der fremde Gott, 1323.) 

Freud, IV. 4 



5° 



Zur Psydtopaxholo^ des AlUagskbena 



als ihrer Persönlichkeit nicht gemäß und nls p(?inlirh abgewiesen 
hat. Kürzer gesagt: unbewußt setzt sie das Aussprocbrn von „Ben 
Hur" einem sexuellen Angebot gleich und ihr Vergossen entspricht 
demnach der Abwehr einer unbewußten Versuchung dieser Art. 
Wir haben Grund zur Annahnic, daß iilinlich unbewußte Vor- 
gänge das Vergessen der jungnn Männer bedingt haln-n. Ihr 
Unbewußtes hat das Vergessen des Miiddions in seiner wirkliclien 
Bedeutung erfaßt und es . - . gleichsam getleuiet . . . Das Vergessen 
der Männer stellt eine Rücksicht auf solch abweisendes Verhalten 
dar ... Es ist so, als liütte iluu^n ihre Gesprächspartnerin durch 
ihre plötzliche Gwiächtnisschwächo einen deutlichen Wink gegeben, 
den die Männer unbewußt wohl vorstanden hüllen. 

Es kommt auch ein fortgesetztes Namenvergessen vor, bei 
dem ganze Retten von Namen dem CJedäclitnis entzogen worden. 
Hascht man, um einen entfallcmen Namen wieiler/.ufinden, nach 
anderen, mit denen jener in fester Verbindung stellt, su entfliehen 
nicht selten auch diese neuen als Anhalt iuilgesiuhlen Namen. 
Das Vergessen springt so von einem zum amiereu über, wie um 
die Existenz eines nicht leicht zu beseitigenden Hindernisses zu 
beweisen. 



IV 

ÜBER KINDHEITS- UND DECKERINNERUNGEN 

In einer zweiten Abhandlung (iSgg in der Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie veröffentlicht) habe ich die tendenziöse 
Natur unseres Erinnems an unvermuteter Stelle nachweisen 
können. Ich bm von der auffälligen Tatsache ausgegangen, daß 
die frühesten Kindheitserinnerungen einer Person häufig bewahrt 
zu haben scheinen, was gleichgültig und nebensächlich ist, 
während von wichtigen, eindrucksvollen und affektreichen Ein- 
drücken dieser Zeit (häufig, gewiß nicht allgemein!) sich im 
Gedächtnis der Erwachsenen keine Spur vorfindet. Da es bekannt 
ist, daß das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen Eindrücken 
eine Auswahl trifft, stände man hier vor der Annahme, daß diese 
Auswahl im Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich 
geht als zur Zeit der intellektuellen Reife. Eingehende Unter- 
suchung weist aber nach, daß diese Annahme überflüssig ist. Die 
mdifferenten Kindheitserinnerungen verdanken ihre Existenz einem 
Verschiebungsvorgang; sie sind der Ersatz in der Reproduktion 
für andere wirklich bedeutsame Eindrücke, deren Erinnerung sich 
durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln läßt, deren direkte 
Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da sie 
ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen 
Beziehung ihres Inhalts zu einem anderen, verdrängten, verdanken 
haben sie auf den Namen „Deckerinnerungen", mit welchen ich 
sie ausgezeichnet habe, begründeten Anspruch. 



5» 



Zur Psychopathologie des jilltü(;sh}>ens 



Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen 
der Deckerinnerungen habe ich in dem erwälinlcii Aiifsat/. nur 
gestreift, keineswegs erschöpft. An dem dort ausführlich analysierten 
Beispiel habe ich eine Besonderheit der zeitlichen Relation 
zwischen der Deckerinnerung und dem durch sie gi-deckten Inhalt 
besonders hervorgehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung gehörte 
dort nämlich einem der ersten Kindcrjahro nn, wührend die durch 
ae im Gedächtnis vertretenen Godankenerlebnisse, die fast unbo- 
■mißt geblieben waren, in spätf> Jaliie des BetrelTcnden fielen. Ich 
nannte diese Art der Verschiebung eine r c k grei fen d e oder 
rückläufige. Vielleicht noch häufiger Ix-gegnct man dem 
entgegengesetzten Vei-haltiiis, daß ein iniliiren-nter Kindruck der 
jüngsten Zeit sich als Dcckeriniu-rung im (ic<liu)ilnis festsetzt, 
der diese Auszeichnung nur der Verknüpfung mit einem früheren 
Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Bepiuduktion sich Wider- 
stände ergeben. Dies wären vorgreifende oder vorgesrliobene 
Deckerinnerungen. Das Wese.illith<s was das Gedaclilnis be- 
kümmert, liegt hier der Zeit nach hinter der Deckerinnerung. 
Endlich wird der dritte noch mögliche Fall niclii vermißt, tlaö 
die Deckerinnerung nicht nur durch ihren Inliah, sondern auch 
durch Koniinguitäi in der Zeit mit dem von ihr gedeckten Ein- 
druck verknüpft ist, also die gleichzeitige »d.r anstoßende 

Deckerinnerung. 

Ein wie großer Teil luis.-res Ccdäclilnisschatzes in die 
Kate«'orie der Üeckerinnerungen gehört und wi'lchc Rolle bei 
verschiedenen neurotischen Derikvorgäng.-n dit^sen /.uliilli, das 
sind Probleme, in deren Wüniigung idi weder dort eingegangen 
bin, noch hier eintreten werde. K-s konniit mir nur darauf 
an, die Gleicliarligkeit zwisclK'U dem V.-rgessen von Eigen- 
namen mit Fehleriniiern und der IVdduiig d.-r Deckeiimierungon 

her\'orzuheben. 

Auf den ersten Anblick sind die Verschied eidi eilen der beiden 
Phänomene weit auffälliger als ihre etwaigi-ii Analogien. Dort 



IF. Über Kindheits- und Deckerinnerungen 55 

handeil es sich um Eigennamen, hier um komplette Eindrücke, 
um entweder in der Realität oder in Gedanken Erlebtes; dort 
um ein manifestes Versagen der Erinnerungsfunktion, hier um 
eine Erinnerungsleistung, die uns befremdend erscheint; dort um 
eine momentane Störung — denn der eben vergessene Name 
kann vorher hundertmal richtig reproduziert worden sein und es 
von morgen an wieder werden — , hier um dauernden Besitz 
ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen scheinen 
uns durch ein langes Stück unseres Lebens begleiten zu können. 
Das Rätsel scheint in diesen beiden Fällen ganz anders orientiert 
zu sein. Dort ist es das Vergessen, hier das Erhaltensein, was 
unsere wissenschaftliche Neugierde rege macht. Nach einiger 
Vertiefung merkt man, daß trotz der Verschiedenheit im psychischen 
Material und in der Zeitdauer der beiden Phänomene die Über- 
einstimmungen weit überwiegen. Es handelt sich hier wie dort 
um das Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom Gedächtnis 
reproduziert, was korrekterweise reproduziert werden sollte, sondern 
etwas anderes zum Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt 
nicht die Gedächlnisleistung in der Form der Ersatznamen. Der 
Fall der Deckerinnerungsbildung beruht auf dem Vergessen von 
anderen, wichtigeren Eindmcken. In beiden Fällen gibt uns eine 
intellektuelle Empfindung Kunde von der Einmengung einer 
Störung, nur jedesmal in anderer Form. Beim Namenvergessen 
wissen wir, daß die Ersatznamen falsch sind; bei den Deck- 
erinnerungen verwundern wir uns, daß wir sie überhaupt 
besitzen. Wenn dann die psychologische Analyse nachweist, daß 
die Ersatzbildung in beiden Fällen auf die nämliche Weise durch 
Verschiebung längs einer oberflächlichen Assoziation zustande 
gekommen ist, so tragen gerade die Verschiedenheiten im Material, 
in der Zeitdauer und in der Zentrierung der beiden Phänomene 
dazu bei, unsere Erwartung zu steigern, daß wir etwas Wichtiges 
und Allgemeingültiges aufgefunden haben. Dieses Allgemeine 
würde lauten, daß das Versagen und Irregehen der reproduzierenden 



. 



54 



Zur Psychopathologie des ^lltaßxlrhrns 



Funktion weil häufiger, als wir vermuten, auf die Kinmengung 
eines parteiischen Faktors, einer Tendenz hinweist, welche die 
eine Erinnerung hegünstigt, während sie einer Hiuleren entgegen- 
zuarbeiten bemüht ist. 

Das Thema der Kindheitserinnerimgrn itsc hciiii mir so 
bedeutsam utui interessant, daü ich iliin noch einige Bemer- 
kungen widmen möchte, die über di<' bisherigen Gesichtspunkte 
hinausgehen. 

Wie weit zurück in die Kindheit reichi-n die l'>innennigen ? 
Es sind mir einige Untersuchungen über lüesc Frage bekannt, so 
von V. et C Henri' und Polwin'; dieselben ergeben, daß 
große individuelle Versclnederdieiien bei den Untersuchten bestehen, 
indem einzelne ihr*? erste Eriimerung in den sechsten I^'bens- 
monat verlegen, andere von ihrem Leben bis zum vollendeten 
sechsten, ja achten Lebensjnhr nichts wissen. Aber womit hangen 
diese Verschiedenheiten im Verlmlten der Kindheilserinnerungen 
zusammen, und welche Bedeutung kommt ihrir-n zu? Rs ist 
offenbar nicht ausreichend, das Material (ür iücm- l-nigi-n durch 
Sammelerkundigung herbeizuscimneii; es hedarl (iiuni noch einer 
Bearbeitung desselben, an der die auskuni'tgehende Person beteiligt 

sein muß. 

Ich meine, wir nelunen die Talsiithr' di'r infantilen Amnesie, 
des Ausfalls der Erinnerungen für die ersUMi Jahi»? unseres I^^iens 
viel zu gleichmütig hin und versäumen es, ein seltsinnes Biitsel 
in ihr zu finden. Wir verges.sen, welch hoher intellektueller 
Leistungen und wie komplizierter (Jefühlsregutigen ein Kind von 
etwa vier Jahren fähig ist, und sollten uns genidezvi verwundern, 
daß das Gedächtnis späterer Jahre von diesen seelischen Vor- 
gangen in der Hegel so wenig bewahrt hat, zumal du wir allen 
Grund zur Annahme haben, daß diese selhc;n vergessenen Kindlieits- 



i) Enquete tax Im promicrs »oiivcnim (tn l'cnfuio«. L'uin&e paychologique, 
in, 1897. 

a) Study of early momoriot. Piychotog, Hoviuw, 1901. 



/F. Über KindJieits- und Deckerinnerungen 5g 

leistungen nicht etwa spurlos an der Entwicklung der Person 
abgeglitten sind, sondern einen für alle späteren Zeiten bestim- 
menden Einfluß ausgeübt haben. Und trotz dieser unvergleich- 
lichen Wirksamkeit sind sie vergessen worden! Es weist dies auf 
ganz speziell geartete Bedingungen des Erinnerns (im Sinne der 
bewußten Reproduktion) hin, die sich unserer Erkenntnis bisher 
entzogen haben. Es ist sehr wohl möglich, daß das Kindheits- 
vergessen uns den Schlüssel zum Verständnis jener Amnesien 
liefern kann, die nach unseren neueren Erkenntnissen der Bildung 
aller neurotischen Symptome zugrunde liegen. 

Von den erhaltenen Kindheitserinnerungen erscheinen uns 
einige gut begreiflich, andere befremdend oder unverständlich. Es 
ist nicht schwer, einige Irrtümer in betrefft beider Arten zu 
berichtigen. Unterzieht man die erhaltenen Erinnerungen eines 
Menschen einer analjTiischen Prüfung, so kann man leicht fest- 
stellen, daß eine Gewähr für die Richtigkeit derselben nicht 
besteht. Einige der Erinnerungsbilder sind sicherlich gefälscht, 
unvollständig oder zeitlich und räumlich verschoben. Die Angaben 
der untersuchten Personen wie, ihre erste Erinnerung rühre etwa 
aus dem zweiten Lebensjahr her, sind offenbar unverläßlich. Es 
gelingt bald auch Motive zu finden, welche die Entstellung und 
Verschiebung des Erlebten versländlich machen, aber auch 
beweisen, daß nicht einfache Gedächlnisuntreue die Ursache dieser 
Erinnerungsfehler sein kann. Starke Mächte aus der späteren 
Lebenszeit haben die Erinnerungsfähigkeit der Kindheitserlebnisse 
gemodelt, dieselben Mächte wahrscheinlich, an denen es liegt, daß 
wir uns allgemein dem Verständnis unserer Kindheitsjahre so weit 
entfremdet haben. 

Das Erinnern der Erwachsenen geht bekanntlich an verschiedenem 
psychischen Material vor sich. Die einen erinnern in Gesichts- 
bildem, ihre Erinnerungen haben visuellen Charakter; andere 
Individuen können kaum die dürftigsten Umrisse des Erlebten in 
der Erinnerung reproduzieren; man nenntJ.sol che] Personen Auditifs 

■*l>!.-"" 



gö Zur Psychopathologie des AUtagslrltens 



und Moleurs im Gegensatz zu th-ii P^such nach Churcots 
Vorschlag. Im Träumen verscliwnuleii iliosc Untcrschicdo, wir 
träumen alle in vorwiegenden Gesichlsbildern. Al)er eheriso hildel 
sich diese Entwicklung für die Kindheiuerinneruiigen zurück; 
diese sind plastisch visuell auch bei jenen Personen, deren späteres 
Erinnern des visuellen Elements entbeliren muli. Das visuelle 
Erinnern bewahrt somit den Typus des infantilen ICriimenis. Bei 
mir sind die frühesten KiiidheiLserinnerungen die einzigen von 
visuellem Charakter; es sind geradezu plastisch herausgearbeitete 
Szenen, nur den Darstellungen auf der Huhne vergleichbar. In 
diesen Szenen aus der Kimlheit, ob sie sidi mm uls wahr oder 
als verfälscht erweisen, siebt man regehnäLtig auch die eigene 
I kindliche Person in ihren Umrissen und niil ibn-r Kh-idung. 
Dieser Umstand muH H4'beni<l('n erregen; erwachsem- Visuelle 
sehen nicht mehr ihre Pei-son in ihren KriuTierungen an s])ülere 
Erlebnisse'. Es widerspricht auch allen unseren Erfahrungen 
anzunelimen, daü die Aufmerksamkeit des Kindes bei seinen 
Erlebnissen auf sich selbst anstatt ausschließlich auf die äuOeren 
Eindrücke gerichtet wäre. M.in vvird so von verscbiedenen Seiten 
her zur Vermutung gedriiiigi, daß wir in den sogenannten 
frühesten Kindbeitserinneruiigi'ti nidit die wirkliche Erinnernngs- 
spur, sondern eine spätere Bearbeitung derselben liesitzen, eine 
Bearbeitung, welche die Einflüsse mannigfacher späterer psychischer 
Mächte erfahren haben mag. Die „Kindlieits<'riTnM>rungen" der 
Individuen rücken so ganz allgemein zur Bedeutung von „Deck- 
erinnerungen" vor und gewinnen dabei eine bemerkenswerte 
Analogie mit den in Sagen \xm\ Mylben niedergelegten KindheiU- 
erinnerungen der Vfilker. 

Wer eine Anz^ahl von Personen mit der Methode tler Psycho- 
analyse seelisch unlersudii bat, hat bei dieser Arbeil reichlich 
Beispiele von Deckerinnerungen jeder Art gesunnnell. Die Mil- 

i) Ich behaupte diot nach einigen von mir cinKohiilteii Hrkundigiiiigflu- 



If^. über Kindheits- xtnä. Deckerinnerungen 57 

teilung dieser Beispiele wird aber gerade durch die vorhin erörterte 
Natur der Beziehungen der Kindheitserinnerungen zum späteren 
Leben außerordenthch erschwert; um eine Kindheilserinnerung als 
Deckerinnerung würdigen zu lassen, müßte man oft die ganze 
Lebensgeschichte der betreffenden Person zur Darstellung bringen. 
E^ ist nur selten, wie im nachstehenden hübschen Beispiel, möglich, 
eine einzelne Kindheitserinnerung aus ihrem Zusammenhang für 
die Mitteilung herauszuheben. 

Ein vierundzwanzigiähriger Mann hat folgendes Bild aus seinem 

I 

fünften Lebensjahr bew^ahrt. Er sitzt im Garten eines Sommer- 
hauses auf einem Stühlchen neben der Tante, die bemüht ist, 
ihm die Kenntnis der Buchstaben beizubringen. Die Unter- 
scheidung von m und n bereitet ihm Schwierigkeiten und er ; 
bittet die Tante, ihm doch zu sagen, woran man erkennt, was : 
das eine und was das andere ist. Die Tante macht ihn aufmerksam, \ 
daß das m doch um ein ganzes Stück, um den dritten Strich, ; 
mehr habe als das n. — Es fand sich kein Anlaß, die Zuver- \ 
lässigkeit dieser Kindheitserinnerung zu bestreiten; ihre Bedeutung | 
hatte sie aber erst später erworben, als sie sich geeignet zeigte, ! 
die symbolische Vertretung für eine andere Wißbegierde des ; 
Knaben zu übernehmen. Denn, so wie er damals den Unterschied : 
zwischen m und n wissen wollte, so bemühte er sich später, den j 
Unterschied zwischen Knaben und Mädchen zu erfahren, und ^ 
wäre gewiß einverstanden gewesen, daß gerade diese Tante seine \ 
Lehrmeisterin werde. Er fand dann auch heraus, daß der Unter- \ 
schied ein älmlicher sei, daß der Bub wiederum ein ganzes ; 
Stück mehr habe als das Mädchen, und zur Zeit dieser Erkenntnis ' 
weckte er die Erinnerung an die entsprechende kindliche Wiß- 
begierde. 

Ein anderes Beispiel aus späteren Kindheitsjahren: Ein in seinem 
Liebesleben arg gehemmter Mann, jetzt über vierzig Jahre alt, 
ist das älteste von neun Kindern. Bei der Geburt des jüngsten 
Geschwisterchens war er fünfzehn Jahre, er behauptet aber steif 



56 



Zur Psychopathohßie des AUtaßslcbens 



und fest, daß er niemals eine (»nividitüt lirr Mutter bnmprkt 
hatte. Unter dem Drucke meines Ungliiuhms sicllto sich bei ihm 
die Erinnerung ein, er ]ial)(' einmal im Alter von elf oder /w<ilf 
Jahren gesehen, daÜ die Mutler sich vor dem Spiegel hastig den 
Rock aufband. Dazu ergänzte er jetzt zwanglos, sie sei von 
der Straße gekommen und von unerwarlelr-n Wehen befallen 
worden. Das Aufbinden des Rockes ist aber eine Deckerinnerung 
für die Rntbindung. Der Verwendung .solcher „Worlbriicken" 
werden wir in noch anderen Fällen hegegneji. 

An einem einzigen Meispiel möchte ich n«» h zeigen, welchen 
Sinn eine Kindheit.serinnerung durch analytische llearbeilung 
gewinnen kann, die vorher keinen Sinn zu enthalten schien. Als 
ich in meinem dreiundvierzigslen Jahr begann, mein Interesse 
den Resten der Erinnerung an die eigene Kindheit zuzuwenden, 
fiel mir eine Szetie auf, die mir seit langem — wie ich meinte, 
seit jeher — von Zeit zu Zeit zum liewiditsein gekommen war, 
und die nach guten Merkzeichen vor das vollendete drille Lebens- 
jahr verlegt werden durfte. Uli sah mich fordernd uiul heulend 
vor einem Kasten stehen, dessen Tiir mein um zwanzig Jahre 
älterer Halbbruder geölTnet hielt, utkI dann trat pliilzlich meine 
Mutter, schön und schlank, wie von der Straße zurückkelireiid, 
ins Zimmer. In diese Worte hatte ich die plastisch gesehene 
Szene gefaßt, mit der ich soTist niclils an/ufangeu wußte. Ob 
mein Bruder den Kasten — in dei- ersten tJbersetzmig des Hildes 
hieß es „Schrank" — öffnen oder schließen wollte, warum ich 
dabei weinte, und was die Ankunft der Mutter damit zu tun 
habe, das alles war mir dunkel; ich war versiu:ht, mir die 
Erklärung zu geben, daß i's si('Ii um ilie Krinnenmg an eine 
Hänselei des älteren Bruders handle, die durch die Mutter unter- 
brochen wurde. Solche Mißverständnisse einer im Ciedächtnis 
bewahrten Kindlieitsszene sind nichts Seltenes; man erinnert sich 
einer Situation, aber diesellie ist nicht zentriert, man weiß nichi^ 
auf welches Element derselben der psychische Akzent zu setzen 



Jf. über Kindheits- und Deckei-innerungen gg 

ist. Analytische Bemühung führte mich zu einer ganz unerwarteten 
Auffassung des Bildes. Ich hatte die Mutter vermißt, war auf 
den Verdacht gekommen, daß sie in diesem Schrank oder Kasten 
eingesperrt sei, und forderte darum den Bruder auf, den Kasten 
aufzusperren. Als er mir willfahrte und ich mich überzeugte, die 
Mutter sei nicht im Kasten, fing ich zu schreien an; dies ist der 
von der Erinnerung festgehaltene Moment, auf den alsbald das 
meine Sorge oder Sehnsucht beschwichtigende Erscheinen der 
Mutter folgte. Wie kam aber das Kind zu der Idee, die abwesende 
Mutter im Kasten zu suchen? Gleichzeitige Träume wiesen dunkel 
auf eine Kinderfrau hin, von welcher noch andere Reminiszenzen 
erhalten waren, wie z. B. daß sie mich gewissenhaft anzuhalten 
pflegte, ihr die kleinen Münzen abzuliefern, die ich als Geschenke 
erhalten hatte, ein Detail, das selbst wieder auf den Wert einer 
Deckerinnerung für Späteres Anspruch machen kann. So beschloß 
ich denn, mir diesmal die Deuiungsaufgabe zu erleichtern, und 
meine jetzt alte Mutter nach jener Kinderfrau zu befragen. Ich 
erfuhr allerlei, darunter, daß die kluge, aber unredliche Person 
während des Wochenbettes der Mutter große Hausdiebstähle verübt 
hatte und auf Betreiben meines Halbbruders dem Gerichte über- 
geben worden war. Diese Auskunft gab mir das Verständnis der 
Kinderszene wie durch eine Art von Erleuchtung. Das plötzliche 
Verschwinden der Kinderfrau war mir nicht gleichgültig gewesen; 
ich hatte mich gerade an diesen Bruder mit der Frage gewendet, 
wo sie sei, wahrscheinlich, weil ich gemerkt hatte, daß ihm eine 
Rolle bei ihrem Verschwinden zukomme, und er hatte aus- 
weichend und wortspielerisch, wie seine Art immer war, 
geantwortet: sie ist „eingekastelt". Diese Antwort verstand ich 
nun nach kindlicher Weise, ließ aber zu fragen ab, weil nichts 
mehr zu erfahren war. Als mir nun kurze Zeit darauf die Mutter 
abging, argwöhnte ich, der schlimme Bruder habe mit ihr dasselbe 
angestellt wie mit der Kinderfrau, und nötigte ihn, mir den 
Kasten zu Öffnen. Ich verstehe nun auch, wamm in der Über- 



6o 



7.ur Psychopathologie den AillaßsMjens 



Setzung der visuellen Kindorszene die vSi hlinikhclt (Ut Mutter 
betont ist, die mir als neu wiedcrlicrgcstellt auC^efallen sein muß. 
Ich bin zweieinhalb Jahre älter als die damals p;i'b()renc Schwester, 
und als ich drei Jahre alt wurde, fand das /.usnmmen leben mit 
dem Halbbruder ein Luide'. 



1 



i) Wer «ich für da» SpcIoiiIpIipti dicinr Kinderjnlir*« inlorciiiert, wird leicht die 
tiefere Bedingtheit der nn dm gnitU-n Bnidrr f{i'»U-llli-i] AnrorilfniiipcrmU'ii. Dnt nocli 
nicht dreijährifF« Kind lial vcr«t4nden, daß dn» li'Ulhiii niiRfikiniMiiriip Sc'hw<*«tcrch«n 
im Leib der Mutter ({Dwachsen iit. l'.t i»t giir nicht »-invcirilnndcii mit dir»pm 
Zmvttchi und mißtrauisch hcsnrffl. diiH der Miillcrieib noch «citcro Kinder hiTRon 
könnte. Der Sthrnnk oder Kasten ist ihm riri Synihnl det MnttcrlpibM. f",i v<TliinKt 
also in dictcn Kasten in «chaucu und wondcl »ith liit-für nu dm j(roUrn lirudcr, der, 
wie «u> anderem Material hcrvorffehl, an Stelle dei Vaten min Hivnlen dr« Kleinen 
geworden iit. Gegen die»en Rnidcr richtet t\v\\ iiuDit dem hi'((riindetpn Verdacht, 
daß er die v^rmiDte Kinderfrau „cinkii»teln" lietl, iiurh iiruh der nndrre, duD er 
irgendwie das kürzlich gpbnrpne Kmd iti Afn Mutlrrlnli hiiiciii|irnkliY.ii'rt hat. Der 
Affekt der Enttäuichung, wie der Kuntcn leer fjcrnudcn wird, gehl nun von der 
oberflächlichen Molivierung dei kindlichen Verlnngrn» nun. I'iir die tiriVrr .Sirebung 
steht er an faltcher Stelle. Dagegen i«t die hohe iterrinligung über die Schlniikhoit 
der rückkelirenden Mutter erst aus dieser lieferen Schicht vull vorsländlich. 



DAS VERSPRECHEN 

Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Mutter- 
sprache gegen das Vergessen gescliützt erscheint, so unterliegt 
dessen Anwendung um so häufiger einer anderen Störung, die 
als „Versprechen" bekannt ist. Das beim normalen Menschen 
beobachtete Versprechen macht den Eindruck der Vorstufe für 
die unter pathologischen Bedingungen auftretenden sogenannten 
„Paraphasien". 

Ich befinde mich hier ausnahmsweise in der Lage, eine 
Vorarbeit würdigen zu können. Im Jahre iSgg haben Meringer 
und C. Mayer eine Studie über „Versprechen und Verlesen" 
publiziert, deren Gesichtspunkte fernab von den meinigen liegen. 
Der eine der Autoren, der im Texte das Wort führt, ist 
nämlich Sprachforscher und ist von linguistischen Interessen zur 
Untersuchung veranlaßt worden, den Regeln nachzugehen, nach 
denen man sich verspricht. Er hoffte, aus diesen Regeln auf das 
Vorhandensein „eines gewissen geistigen Mechanismus' schließen 
EU können, „in welchem die Laute eines Wortes, eines Satzes, 
und auch die AVorle untereinander in ganz eigentümlicher Weise 
verbunden und verknüpft sind" (S. lo). 

Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele 
des „Versprechens" zunächst nach rein deskriptiven Gesichts- 
punkten als Vertauschungen (z. B. die Milo von Venus 



62 Zur Psychopathologir des AUtagsfehrns 

anstatt Venus von Milo), Vorkläiigi? oder A ii tiz i pal i onen 
(z, B. es war mir auf der Schwost . . . nuf lit^r Brust so schwer), 
NachkUng:e, Postposi lion o n (z. IJ. „Ich fonli-rn Sie auf^ 
auf das Wohl unseres Vht-h aui'zusIoUen" für niizusloüen), 
Kontaminationen (7. It. „Kr setzt suh finf den Hinti-rkopf*' 
aus: „Er setzt sich einen Kopf auf" und; „Kr stellt sich auf die 
Hinterbeine"), Substitutionen (z. B. „Ich gebe die Präparute 
in den Briefkasten" statt Brutkasten), 7.» welchen Hauplkiilegorien 
noch einige minder wichtige (oder für utisere /wecke minder 
bedeutsame) hinzugefügt werden. Eä macht bei dieser CJnippii'rung 
keinen Unterschied, ob die tlmstflliiiig, Kiit.sicllung, Ver- 
schmelzung usw. einzelne Laute des Wortes, SüIhmi otier ganze 
Worte des intendierten Satzes belrit'it. 

Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens stellt 
Meringer eine verschiedene psychische Wertigkeit d(»r Sprach- 
laute auf. Wenn wir den ersten Ijiut eines Wortes, das erste 
Wort eines Satzes itniervieren, wendet sich der Krregungs Vorgang 
bereits den späteren I^auten, den folgenilen Worten, zu, und soweit 
diese Inner\'ationen miteinander gleit h/.eji ig sind, kJinncn sie 
einander abändernd beeinflu.sseii. Die Km-gung de.s jisychisch 
intensiveren Lautes klingt vor oder lifdlt imch und slJirt so den 
minderwertigen Innervationsvorgnng. i'ji Iiandelt sich mm darum 
zu bestimmen, welche die hüchstwertigen Laute eines Wnrtes 
sind. Meringer meint: „Wenn man wissen will, weUIu'in I^iuto 
eines Wortes die hiichste Intensität zukommt, so beobachte mau 
sich beim Suchen nach einem vergessenen Wort, z. B. einen 
Namen. Was zuerst wieder ins BewuMtsi'in kommt, hatte jeden- 
falls die grüßte Intensität vor dem Vergessen (S. itio). Die hoch- 
wertigen Laute sind also der Anlaut dei Wurzelsilbe und der 
Wortanlaut und der oder die betonleri Vokiile" (S. 163). 

Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. 
Ob der Anlaut des Namens zu den höchstwertigen Elementen 
des Wortes gehöre oder nicht, es ist gewiß nicht richtig, daß 



f^ Das Versprechen 



63 



er im Falle des Wortvergessens zuerst wieder ins Bewußtsein 
tritt; die obige Regel ist also unbrauchbar. Wenn man sich 
bei der Suche nach einem vergessenen Namen beobachtet so 
wird man verhähnismäßig häufig die Überzeugung äußern 
müssen, er fange mit einem bestimmten Buchstaben an. Diese 
Überzeugung erweist sich nun ebenso oft als unbegründet wie 
als begründet. Ja, ich möchte behaupten, man proklamiert 
in der Mehrzahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in 
unserem Beispiel „ Signorelli " ist bei dem Ersatznamen der 
Anlaut und sind die wesentlichen Silben verloren gegangen j 
gerade das minderwertige Silbenpaar e 11 i ist im Ersatznanien 
Botticelli der Erinnerung wiedergekehrt. Wie wenig die Er- 
satznamen den Anlaut des entfallenen Namens respektieren, 
mag z. B. folgender Fall lehren: 

Eines Tages ist es mir unmöglich, den Namen des kleinen 
Landes zu erinnern, dessen Hauptort Monte Carlo ist. Die 
Ersatznamen für ihn lauten : 

Piemont, Albanien, Montevideo, Colico. 

Für Albanien tritt bald Montenegro ein, und dann fällt 
mir auf, daß die Silbe Mont (Mon ausgesprochen) doch allen 
Ersatznamen bis auf den letzten zukommt. Es wird mir so 
erleichtert, vom Namen des Fürsten Albert aus das vergessene 
Monaco aufzufinden. Colico ahmt die Silbenfolge und Rhythmik 
des vergessenen Namens ungefähr nach. 

Wenn man der Vermutung Raum ^bt, daß ein ähnlicher 
Mechanismus wie der fürs Namenvergessen nachgewiesene auch 
an den Ersclieinuugen des Versprechens Anteil haben könne, so 
wird man zu einer tiefer begründeten Beurteilung der Fälle 
von Versprechen geführt. Die Störung in der Rede, welche sich 
als Versprechen kundgibt, kann erstens verursacht sein durch 
den Einfluß eines anderen Bestandteils derselben Rede, also 
durch das Verklingen oder Nachhallen, oder durch eine zweite 
Fassung innerhalb des Satzes oder des Zusammenhanges, den 



64 



T.ur Psychopathologie des Alltagslebens 



auszusprechen man inlemücrt — hiolior gehüren allo oben 
Meringer und Mayer enllchnlcii Bcispk'lc • -: /wciicns aber 
könnte die Störung analog dein Vorgang im Kallc Signorelli 
zustande kommen durch Kinflilsso außerhalb dieses Wortes, 
Satzes oder Zusammen! langes, von RlenuMitcn her, die auszu- 
sprechen man nicht intendiert und von deren l-lrregung man 
erst durch eben die Störung Kennliii'J erliiilt. In der Gleich- 
zeitigkeit der Krrcgiing lüge das (icmeinsame, in der Stellung 
innerhalb oder auÜerhall) desselljeii Salzes oder /usannnenhanges 
das Unterscheidende für die beiden Kntstehungsarlen des Versprecliens. 
Der Unterschieil erscheint zuniichst ni(-lit so groU, als er für 
gewisse Folgerungen aus der Symiilomalologie des Versprechens 
in Betracht kommt. Es ist aber klar, daü man nur im ersteren 
Falle Aussicht hat, aus den l'.rselieinungen des Versprwhens 
Schlüsse auf einen Mechanismus xu y.iolien, der I^ute und Worte 
zur gegenseitigen Beeinflussung ihrer Ariikulation miteinander 
verknüpft, also Schlüsse, wie sie der Sprai liToi-scher aus dem 
Studium des Versprechens zu gewiimen hofile. Im Falle der 
Störung durch Einflüsse nuBerhalb des niiinlichen Satzes oder 
Redezusammenhanges würde es sich vor alb'ni darum handeln, 
die störenden Kiemente kernien zu lernen, untl dann entstünde 
die Frage, ob auch der Mechanismus dieser St»nmg die zu 
vermutenden Gesetze der Spraclibiblung verraten kann. 

Man darf nicht behaupten, daß Meringer und Mayer die 
Möglichkeit der Sprechstörung durch „koiniilizierte [isychische 
Einflü.sse", durch Kiemente nuÜerhalb desselben Wortes, Satzes 
oder derselben Redefolge übersehen haben. Sie mußten jn bemerken, 
daß die Theorie der psychischen Hiigleicli Wertigkeit der I-aute 
streng genommen nur für ilie Aufkliiiung der Uiutstörungen, 
sowie der Vor- und Nachklänge aiisreicbl. Wo sich die Wort- 
störungen nicht auf Lawisliiiiingen reduzieren lassen, z. B. bei 
den Substitutionen und KontJnninalioneii von Worten, haben 
auch sie unbedenklich die Ursache des Versprechens außerhalb 



V. Das Versprechen 65 



des intendierten Zusammenhanges gesucht und diesen Sachverhalt 
durch schöne Beispiele erwiesen. Ich zitiere folgende Stellen: 

(S. 62.) „Ru. ejv^hlt von Vorgängen, die er in seinem Innern 
für .Schweinereien' erklärt. Er sucht aher nach einer milden Form 
und beginnt; ,Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein 
gekommen . . .' Mayer und ich waren anwesend und Ru. 
bestätigte, daß er ,Sch weinereien' gedacht hatte. Daß sich dieses 
gedachte Wort bei ^Vorschein* verriet und plötzlich wirksam 
wurde, findet in der Ähnlichkeit der Wörter seine genügende 
Erklärung. " 

(S- 73.) „Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den 
Kontaminationen und in wahrscheinlich viel höherem Grade die 
»schwebenden* oder ,vagierenden' Sprachbilder eine große Rolle. 
Sie sind, wenn auch unter der Scliwelle des Bewußtseins, so doch 
noch in wirksamer Nähe, können leicht durch eine Ähnlichkeit 
des zu sprechenden Komplexes herangezogen werden und führen 
dann eine Entgleisung herbei oder kreuzen den Zug der Wörter. 
Die jschwebenden' oder ,vagierenden* Spraclibilder sind, wie 
gesagt, oft die Nachzügler von kürzlich abgelaufenen Sprach- 
prozessen (Nachklänge)." 

(S. 97.) „Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich, 
wenn ein anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewußtseins- 
schwelle liegt, ohne daß es gesprochen zu werden 
bestimmt wäre. Das ist der Fall bei den Substitutionen. — 
So hoffe ich, daß man beim Nachprüfen meine Regeln wird 
bestätigen müssen. Aber dazu ist notwendig, daß man (wenn ein 
anderer spricht) sich Klarheit darüber verschafft, an 
was alles der Sprecher gedacht hat'. Hier ein lehr- 
reicher Fall. Klassendirektor Li. sagte in unserer Gesellschaft: Die 
Frau würde mir Furcht ein/agen'. Ich wurde stutzig, denn das 
/ schien mir unerklärlich. Ich erlaube mir, den Sprecher auf 
seinen Fehler ,ein/agen' für ,ein;agen' a ufmerksam zu machen, 

1) Von mir hen-orgehoben. 

Freud. IV - 



66 



Zu/- Psychopathologie des AlUagsleftens 



worauf er sofort antwortete: ,Jn, «las kumini daher, weil ich 
dachte: ich wiiro nicht in der Ijigf^' usw. 

„Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem 
kranken Pferd gehe. Kr antwortete: ,Jo, das draut . . . dauert 
vielleicht no<:h einen Moniil.' Das ,draul' mit einem r war mir 
unverstandlich, denn das r von ,dauert' konnte unmöglich so 
gewirkt haben. Ich maclite also R. v. S. ounnerksam, worauf er 
erklärte, er habe ge<lacht, ,das ist eine traurige Geschichte*. 
Der Sprecher hatte also zwei Antwortt-n im Sinne und diese 

vermengten sich." 

Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksiclilnahme auf 
die „vagierenden" Sprachbildcr, die iiiiler der Schwelle des 
Bewußtseins stehen und nicht zum GesprocluMiwerdon bestimmt 
sind, und die Forderung, sich zu erkiiiidi^cn, on was der Sprecher 
alles gedacht habe, an die Verhältnisse bei unseren „Analysen" 
herankommen. Auch wir suchen uiibewuUies Material, und zwar 
auf dem nämlichen Wege, nur diiLi wir von den Kinnillen des 
Befragten bis zur Auffindimg des störenden l''.leinenls einen längeren 
Weg durch eine komplexe Assozialionsreihe -/urilckzulogen haben. 

Ich weile noch bei einem anderen interessiinten Verhalten, für 
das die Beispiele Meringers Zeugnis ablegen. Noch der F'.iusicht 
des Autors selbst ist es irgend eine Ähiilirlikeit eines Wortes im 
intendierten Satze mit einem anderen nidil intendierten, welche 
dem letzteren gestattet, sich durch die Verursatluiiig einer 
Entstellung, Mischbildung, KompromiOltildung (Kontaminnlion) im 
Bewußtsein zur (Jeltung zu bringen: 

lagen, dauert, Vorschein. 

jagen, traurig, ...seh wein. 
Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung"' 
dargetan, weh heii Anleil die V e r d i c h t u n g s arbeit nn der 
Entstehung des sogenannten inanifesten Trauminhalts aus den 

i) Die Traumdeutiinf, Leitixi^ und Wien 190«, 7. Aufl. igi». 



V. Das Versprechen 6^ 



latenten Traumgedanken hat. Irgend eine Ähnlichkeit der Dinge 
oder der Wortvorstellungen zwischen zwei Elementen des 
unbewußten Materials wird da zum Anlaß genommen um ein 
Drittes, eine Misch- oder Kompromiß Vorstellung zu schaffen 
welche im Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt und 
die infolge dieses Ursprungs so häufig mit widersprechenden 
Einzelbestimmungen ausgestattet ist. Die Bildung von Substitutionen 
und Kontaminationen beim Versprechen ist somit ein Beginn 
jener Verdichtungsarbeit, die wir in eifrigster Tätigkeit am Aufbau 
des Traumes beteiligt finden. 

In einem kleinen, für weitere Kreise bestimmten Aufsatz („Neue 
Freie Presse" vom 23. August igoo: „Wie man sich versprechen 
kann") hat Meringer eine besondere praktische Bedeutung für 
gewisse Fälle von Wortvertauschungen in Anspruch genommen, 
für solche nämlich, in denen man ein Wort durch sein Gegenteil 
dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert sich wohl noch der Art, 
wie vor einiger Zeit der Präsident des österreichischen Abgeordneten- 
hauses die Sitzung eröffnete: , Hohes Haus! Ich konstatiere die 
Anwesenheit von soundsoviel Herren und erkläre somit die Sitzung 
für geschlossen!* Die allgemeine Heiterkeit machte ihn erst 
aufmerksam und er verbesserte den Fehler. Im vorliegenden Falle 
wird die Erklärung wohl diese sein, daß der Präsident sich 
wünschte, er wäre schon in der Lage, die Sitzung, von der 
wenig Gutes zu erwarten stand, zu schließen, aber — eine 
häufige Erscheinung — der Nebengedanke setzte sich wenigstens 
teilweise durch und das Resultat war ,geschlossen' für ,eröffnet', 
also das Gegenteil dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber 
vielfältige Beobachtung hat mich belehrt, daß man gegensätzliche 
Worte überJiaupt sehr häufig miteinander vertauscht^ sie sind 
eben schon in unserem Sprachbewußtsein assoziiert. Hegen hart 
nebeneinander und werden leicht irrtümlicli aufgerufen." 

Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so 
leicht, wie hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu 



68 



Zur Psychopathologie d^s Alltagslebens 



machen, daß das Versprechen infolge eines Widerspruchs g-eschieht, 
der sich im Innern des Redners g;('gen den geäußerten Satz 
erhebt. Wir liaben den analogen Mechanismus in der Analyse 
des Beispiels aliquis gefunden; dort äußerte sich der innere Wider- 
spruch im Vergessen eines Wortes anstatt in seiner Ersetzung 
durch das Gegenteil. Wir wollen aber zui' Aiisf>;leithung des 
Unterschiedes bemerken, daß das Wörlchen aliquis eines ähnlichen 
Gegensatzes, wie ihn „scliließen" und „eröffnen" ergeben, eigentlich 
nicht iahig ist, und daß „erolTnen" als gebräuchlicher ßestnndleil 
des Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann. 

Zeigen uns die letzten Beispiele von M erin ger und May er, 
daß die Sprechstörung ebensowohl durch einen l'-influß vor- und 
nachklingender Laute und W^orte desselben Satzes entstehen kann, 
die zum Ausgesprochen werden bestimmt sind, wie durch die 
Einwirkung von Worten außerlialb des intendierten Satzes, deren 
Erregung sich sonst nicht verraten hätte, so werden 
wir zunächst erfahren wollen, ob niiin die beiden Klassen von 
Versprechen scharf sondern und wie man ein IJoispiel der einen 
von einem Falle der anderen Klasse unterscheiden kann. An dieser 
Stelle der Erörterung muß man aber iler Äußi^rungon Wundts 
gedenken, der in seiner umfassenden Bearbeitung der Entwicklungs- 
gesetze der Sprache (Völkerpsychologie, i . Iland, i . Teil, S. 37 \ u. ff., 
1900) auch die Ersclieinungen des Versprechens behandelt. Was 
bei diesen Erscheinungen uTid anderen, ihnen verwandten niemals 
fehlt, das sind nach Wundt gewisse psychische I'^inflüsse. „Dahin 
gehört zunächst als positive Bedingung der ungehemmte Fluß 
der von den gesprochenen Lauten angeregien La ut- und Wort- 
assoziationen. Ihm tjitt der Weglall oder der Nachlaß der 
diesen Lauf hemmenden Wirkungen des Willens und der auch 
hier als Willensfunktion sich betätigenden Aufmerksamkeit als 
negatives Moment zur Seite. Ob jenes Spiel der Asso/.iation darin 
sich äußert, daß ein kommender Laut antizipiert oder die voraus- 
gegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmäßig eingeübter 



^. Das Versprechen 6g 



zwischen andere eingeschaltet wird, oder endhch darin, daß ganz 
andere Worte, die mit den gesprochenen Lauten in assoziativer 
Beziehung stehen, auf diese herüberwirken — alles dies bezeichnet 
nur Unterschiede in der Richtung und allenfalls in dem Spiel- 
raum der stattfindenden Assoziationen, nicht in der allgemeinen 
Natur derselben. Auch kann es in manchen Fällen zweifelhaft 
sein, welcher Form man eine bestimmte Störung zuzurechnen, 
oder ob man sie nicht mit größerem Rechte nach dem 
Prinzip der Komplikation der Ursachen' auf ein 
Zusammentreffen mehrerer Motive zurückzuführen habe." (S. 580 
und 581.) 

Ich halte diese Bemerkungen Wundts für vollberechtigt und 
sehr instruktiv. Vielleicht könnte man mit größerer Entschieden- 
heit als Wundt betonen, daß das positiv begünstigende Moment 
der Sprechfehler — der ungehemmte Fluß der Assoziationen — 
und das negative — der Nachlaß der hemmenden Aufmerksam- 
keit — regelmäßig miteinander zur Wirkung gelangen, so daß 
beide Momente nur zu verschiedenen Bestimmungen des nämlichen 
Vorganges werden. Mit dem Nachlaß der hemmenden Aufmerk- 
samkeit tritt eben der ungehemmte Fluß der Assoziationen in 
Tätigkeit; noch unzweifelhafter ausgedrückt: durch diesen 
Nachlaß. 

Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt, 
finde ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und 
allein auf das, was Wundt „Kontakt Wirkung der Laute" nennt, 
zurückführen müßte. Fast regelmäßig entdecke ich überdies einen 
störenden Einfluß von etwas außerhalb der intendierten Rede, 
und das Störende ist entweder ein einzelner, unbewußt gebliebener 
Gedanke, der sich durch das Versprechen kundgibt und oft er.st 
durch eingehende Analyse zum Bewußtsein gefördert werden 
kann, oder es ist ein allgemeineres psychisches Motiv, welches 
sich gegen die ganze Rede richtet. 



i) Von mir hervorgehoben. 



7° 



Zur Psychopathologie des AUtagsiebens 



i) Ich will gegen meine Tochter, die beim KinboiÜen in einen 
Apfel ein garstiges Gesicht geschnitten hat, zitieren: 

Der Affe gar possierlich i»t, 
Zumal wenn er vom Apfel frißt. 

Ich beginne aber: Der A p f e . . . Dies scheint eine Konianiinaiion 
von „Affe" und „Apfel" (KomjnonnBhihhnig) oder kann auch 
als Antizipation des vorbereiteten „Apfel" aufgcfiiüt werden. Der 
genauere Sachverhalt ist abrr drr: Ich hatte dos Zitat Bchon 
einmal begonnen und mich das erstemal diilni iiidit verepruchen. 
Ich verspracli micli erst bei der Wioderhiiliiiig, die sich als 
notwendig ergab, weil die Angesprdchi-ne, von anderer Seite mit 
Beschlag belegt, nicht zuhörte. Diese Wiederhohing, die mit ihr 
verbundene Ungeduld, des Satzes ledig zu wenlcn, inuQ ich in 
die Motivierung des SprechfcldiTs, dt^r sich als eine VenHchtuiigs- 
leistung darstellt, mit einrechnen. 

3) Meine Tochter sogt: Ich schreibe der Krau Sc hresinger. .. 
Die Frau heißt Schlesinger. Dieser Sprcrlifchler hängt wohl 
mit einer Tendenz zur Erleichterung der Artikulation ziisninmon, 
denn das l ist nach wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich 
muß aber hinzufügen, daß sich dieses Versprechen hei meiner 
Tochter ereignete, nachdem ich Jlir wenige Minuten zuvor 
„Apfe" anstatt „Affe" vorgesagt halte. Nun ist das Versprechen 
/ in hohem Maße ansteckend, ähnlich wie das Nnmcnvergessen,bei 
dem Meringer und Mayer diese Eigentthnlichkeit bemerkt 
haben. Einen Grund für diese psychisclic KonlagiositHt wi^iß ich 
nicht anzugeben. 

5) „ Ich klappe zusammen wie ein T n s s e n in o s c h c r — 
Taschen messer",sngt eine Patientin zu Beginn der Behandhmgs- 
stunde, die Laute vertauscbend, wobei ihr wieder die Arlikulations- 
schwierigkeit („Wiener Weiber Wäscherinnen waschen weiße 
Wäsche" — „Fischflosse" und ähnliche l'iüfwnrte) zur Entschuldi- 
gung dienen kann. Auf den Spreclilehler aufineikwiin gemacht, 
erwidert sie prompt: „Ja, das ist nur, weil Sie heute ,Ernscht' 



V. Das Versprechen 71 



gesagt haben." Ich hatte sie wirkHch mit der Rede empfangen: 
„Heute wird es also Ernst" (weil es die letzte Stunde vor dem 
Urlaub werden sollte) und hatte das „Ernst" scherzhaft zu 
„Ernscht" verbreitert. Im Laufe der Stunde verspricht sie sich 
immer wieder von neuem, und ich merke endlich, daß sie mich 
nicht bloß imitiert, sondern daß sie einen besonderen Grund hat, 
im Unbewußten bei dem Worte Ernst als Namen zu verweilen*. 

4) „Icli bin so verschnupft, ich kann nicht durch die Ase 
natmen — Nase atmen" — passiert derselben Patientin ein 
andermal. Sie weiß sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt. 
„Ich steige jeden Tag in der H a s e n a u e r s t r a ß e in die 
Tramway, und heute früh ist mir während des Wartens auf den 
Wagen eingefallen, wenn ich eine Französin wäre, würde ich 
Asenauer aussprechen, denn die Franzosen lassen das H im 
Anlaut immer weg." Sie bringt dann eine Reihe von Reminis- 
zenzen an Franzosen, die sie kennen gelernt hat, und langt nach 
weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, daß sie als vier- 
zehnjähriges Mädchen in dem kleinen Stück „Kurmärker und 
Picarde" die Picarde gespielt und damals gebrochen Deutsch 
gesprochen hat. Die Zufälligkeit, daß in ihrem Logierhaus ein 
Gast aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinne- 
rungen wachgerufen. Die Laut vertausch ung ist also Folge der 
Störung durch einen unbewußten Gedanken aus einem ganz 
fremden Zusammenhang. 

g) Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer 
anderen Patientin, die mitten in der Reproduktion einer längst 
verschollenen Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen 
wird. An welche Körperstelle die vorwitzige und lüsterne Hand 

\) Sie stand nämlich, wie sich zeigte, unter dem Einfluß von »mbewußten 
Gedanken über Schwangerschaft und Kinderverhiitung. Mit den Worten: „lusammen- 
ffeklappt wie ein Taschenmesser", welche sie beivuDl als Klage vorbrachte, wollte sie 
die Haltung des Kindes im Mutterleibe beschreiben. Das Wort „Ernst" in meiner 
Anrede hatte sie an den Namen (S. Ernst) einer bekannten Wiener Firma in der 
KÖnitnerstraße gemahnt, welche sich als Verkaufs statte von Schutzmitteln gegen die 
Konzeption zu annoncieren pflegt. 



7a ^"f* Psychopathologie des Alltagslehens 

des anderen gegi-iffen hat, will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen. 
Sie macht unmittelbar darauf einen Besuch bei einer Freundin 
und unterhält sich mit ihr über Sommerwohnungen. Gefragt, wo 
denn ihr Häuschen in M. gelegen sei, antwortet sie: an der 
Berglende anstatt Berglehne. 

6) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde 
frage, wie es ihrem Onkel geht, antwoilet: „Ich weiß nicht, ich 
sehe ihn jetzt nur in flagranti}'' Am nächsten Tage beginnt 
sie: „Ich habe mich recht gescliämt, Ihnen eine so dumme 
Antwort gegeben zu haben. Sie müssen mich natürlicli für eine 
ganz ungebildete Person halten, die beständig Fremdwörter 
verwechselt. Ich wollte sagen: en passant. Wir wußten 
damals noch nicht, woher sie die unrichtig angewendeten Fremd- 
wörter genommen hatte. In derselben Sitzung aber brachte sie 
als Fortsetzung des vortägigen Themas eine Reminiszenz, in welcher 
das Ertapptwerden in flagranti die Hauptrolle spielte. Der 
Sprechfehler am Tage vorher hatte also die damals noch nicht 
bewußt gewordene Erinnerung antizipiert. 

7) Gegen eine andere muß ich an einer gewissen Stelle der 
Analyse die Vermutung aussprechen, daß sie sich zu der Zeit, 
von welcher wir eben handeln, ihrer Familie geschämt und ihrem 
Vater einen uns noch unbekannten Vorwurf gemacht habe. Sie 
erinnert sich nicht daran, erklärt es übrigens für unwahrschein- 
lich. Sie setzt aber das Gespräch mit Bemerkungen über ihre 
Familie fort; „Man muß ihnen das eine lassen; Es sind doch 
besondere Menschen, sie haben alle Geiz — ich wollte sagen 
Geist." Das war auch denn wirklich der Vorwurf, den sie aus 
ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Daß sich in dem Versprechen 
gerade jene Idee durchdrängt, die man zurückhalten will, ist ein 
häufiges Vorkommnis (vgl. den Fall von M e r i n g e r : zum 
Vorschweia gekommen). Der Unterschied liegt nur darin, daß die 
Person bei Meringer etwas zurückhalten will, was ihr bewußt 
ist, während meine Patientin das Zurückgehaltene nicht weiß, 



\ 



V, Das Versprechen 75 



oder wie man auch sagen kann, nicht weiß, daß sie etwas, und 
was sie zurückhält. 

8) Auf absichthche Zurückhaltung geht auch das nachstehende 
Beispiel von Versprechen zurück. Icli treffe einmal in den Dolo- 
miten mit zwei Damen zusammen, die als Touristinnen verkleidet 
sind. Ich begleite sie ein Stück weit, und wir besprechen die 
Genüsse, aber auch die Beschwerden der touristischen Lebens- 
weise. Die eine der Damen gibt zu, daß diese Art, den Tag zu 
verbringen, manches Unbequeme hat. „Es ist wahr," sagt sie, 
„daß es gar nicht angenehm ist, wenn man so in der Sonne den 
ganzen Tag marschiert hat und Bluse und Hemd ganz durch- 
geschwitzt sind." In diesem Satze hat sie einmal eine kleine 
Stockung zu überwinden. Dann setzt sie fort: „Wenn man aber 
dann nach Hose kommt und sich umkleiden kann ..." Ich 
meine, es bedurfte keines Examens, um dieses Versprechen 
aufzuklären. Die Dame hatte offenbar die Absicht gehabt, die 
Aufzählung vollständiger zu halten und zu sagen; Bluse, Hemd 
und Hose. Dies dritte Wäschestück zu nennen, unterdrückte sie 
dann aus Gründen der Wohlanständigkeit. Aber im nächsten, 
inhaltlich unabhängigen Satz setzte sich das unterdrückte Wort 
als Verunstaltung des ähnlichen Wortes „nach Hause" wider 
ihren Willen durch. 

9) „Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu 
Kaufmann in der Matthäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort 
auch empfehlen," sagt mir eine Dame. Ich wiederhole: „Also 
bei Matthäus . . .bei Kaufmann will ich sagen." Es sieht 
aus wie Folge von Zerstreutheit, wenn ich den einen Namen an 
Stelle des anderen wiederhole. Die Rede der Dame hat mich 
auch wirklich zerstreut gemacht, denn sie hat meine Aufmerk- 
samkeit auf anderes gelenkt, was mir weit wichtiger ist als 
Teppiche. In der Matthäusgasse steht nämlich das Haus, in dem 
meine Frau als Braut gewohnt hatte. Der Eingang des Hauses 
war in einer anderen Gasse, und nun merke ich, daß ich deren 



74 



Zur Psychopathologie des j4UtagslebeTU 



Namen vergessen habe und ihn mir erst auf einem Umweg 
bewußt machen muß. Der Name Miitihüus, bei dem ich verweile, 
ist mir also ein Ersatznome für den vergessenen Namen der 
Straße. Er eignet sich besser dazu als der Name Kaufmann, denn 
Matthäus ist ausschließlich ein PcrsiiMcnniniH', was K.uifmann 
nicht ist, und die vergessene Straße lieißt auch naili einem 
Personennamen: Radetzky, 

lo) Folgenden Fall könnte icli ebensof^nl hei den sjiiitor zu 
besprechenden „Irrtümern" unterbringen, li'ihn- ihn ober hier an, 
weil die Lautbeziehungen, auf Grunii deren die Wortorselzung 
erfolgt, ganz besonders deutlicli sind. Kine PatiotUin erzählt mir 
ihren Traum : Kin Kind hat beschlossen, sich durch einen Schlangen- 
biß zu löten. Es führt den Beschluß aus. Sie sieht zu, wie es 
sich in Krämpfen windet usw. Sie soll nun die Tagesanknilpfnng 
für diesen Traum finden. Sie erinnert sofort, <laß sie gesLera 
abends eine populäre Vorlesung über erste Hilfe bei Schlinigen- 
bissen mitangehört hat. Wenn ein Krwachsener und ein Kind 
gleichzeitig gebi.ssen worden sind, so soll man zuerst die Wunde 
des Kindes behandeln. Sie eriuTiert auch, welche Vürsthriften für 
die Behandlung der Vortragende gegeben hat. F^ käme sehr viel 
darauf an, hatte er auch geäußert, von welcher Art man gebi.'aen 
worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage: Hat er denn 
nicht gesagt, daß wir nur sehr wenige giftige Arten in unserer 
Gegend haben, und welche die gefürchtoten sind? „Ja, er hat die 
Klapperschlange hervorgehoben." Mein Uulii'u macht sie dann 
aufmerksam, <!aß sie etwas Unrichtiges gesagt hat. Sie korrigiert 
jetzt aber nicht etwa den Namen, sondern sie nimmt ihre Aussage 
zurück. „Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor, er hat von der 
Viper gesprochen. Wie gerate ich nur auf die Klapperschlange?" 
Ich vermutete, durch die luimiengung <lnr Gedanken, die sich 
hinter ihrem Traum verborgen liallen. Der Seihst inord durch 
Schlangenbiß kann kaum etwas andiMcs sein, als eine Anspielung 
auf die schöne Kltmpaird. Die weilgehende Lautahiilichkeit der 



1 



V, Das Versprechen vk 



beiden Worte, die Übereinstimmung in den Buchstaben Kl . .p . .r 
in der nämlichen Reihenfolge und in dem betonten a sind nicht 
zu verkennen. Die gute Beziehung zwischen den Namen Klapper- 
schlange und Kleopatra erzeugt bei ihr eine momentane 
Einschränkung des Urteils, derzufolge sie in der Behauptung, der 
Vortragende habe sein Publikum in Wien in der Behandlung 
von Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoß nimmt. 
Sie weiß sonst so gut wie ich, daß diese Schlange nicht zur 
Fauna unserer Heimat gehört. Wir wollen es ihr nicht verübeln, 
daß sie an die Versetzung der Klapperschlange nach Ägypten 
ebensowenig Bedenken knüpfte, denn wir sind gewohnt, alles 
Außereuropäische, Exotische zusammenzuwerfen, und ich selbst 
mußte mich einen Moment besinnen, ehe ich die Behaup- 
tung aufstellte, daß die Klapperschlange nur der neuen Welt 
angehört. 

Weitere Bestätigungen ergeben sich bei FortsetEung der 
Analyse. Die Träumerin hat gestern zum erstenmal die in der 
Nähe ihrer Wohnung aufgestellte Antonius gruppe von S tr a ß e r 
besichtigt. Dies war also der zweite Traumanlaß (der erste der 
Vortrag über Schlangenbisse). In der Fortsetzung ihres Traumes 
wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu welcher Szene ihr das 
Gretchen einfällt. Weitere Einfälle bringen Reminiszenzen an 
„Arria und Messalina". Das Auftauchen so vieler Namen 
von Theaterstücken in den Traumgedauken läßt bereits vermuten, 
daß bei der Träumerin in früheren Jahren eine geheimgehaltene 
Schwärmerei für den Beruf der Schauspielerin bestand. Der Anfang 
des Traumes: „Ein Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen 
Schlangenbiß zu enden", bedeutet wirklich nichts anderes als: 
Sie hat sich als Kind vorgenommen, einmal eine berühmte 
Schauspielerin zu werden. Von dem Namen Messalina zweigt 
endlich der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen Inhalt 
dieses Traumes führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit haben in 
ihr die Besorgnis erweckt, daß ihr einziger Bruder eine nicht 



76 



Zur Psychopathologie drs AUtaßslrhrns 



standesgemäße Ehe mit einer Niclit-A r i e r i n, eine Mesalliance 
eingehen könnte. 

ii) Ein völlig liarinl()ses oder vicllcirlit uns nicht genügend 
in seinen Motiven aufgeklärtes Beispiel will itli hier wicdcrgohen, 
weil es einen durchsichtigen Mechanismus erkennen laut: 

Ein in Italien reisender Deutscher hodarf eines Rieinons, um 
seinen schadhaft gewordenen Koffer zu umschnüren. Das Wörter- 
buch liefert ihm für Riemen das iudieriische Wort cmeggia. 
Dieses Wort werde ich mir leicht merken, meint er, indem ich 
an den Maler (Correggio) denke. Kr geht dann in einen 
Laden und vprlangl: una rihera. 

Es war ihm anscheinend ni(hi gelungen, dns deutsche Wort 
in seinem Gedächtnis tlui-cli das italienische zu ersetzen, alwr 
seine Bemühung war doch nicht gänzlich ohne Kifolg geblieben. 
Er wußte, daß er sich an den Namen eines Malers halten müsse, 
und so geriet er nicht auf jenen Malornnmen, der an das 
italienische Wort anklingt, sondern an einen anderen, der sich 
dem deutschen Worte Kiemen annähert. Ich hatte dieses Beisjiiel 
natürlich ebensowohl beim Namen vergessen win liier heim 
Versprechen unterbringen köinion. 

Als Ich Elrfahrungen von Versprechen für die erste Auflage 
dieser Schrift sammelte, ging ich so vor, daß ich alle Fälle, die 
ich beobacliten konnte, darunter also auch die niinder eindrucks- 
vollen, der Analyse unterzog. Seither haben manche andere sich 
der amüsanten Mühe, Versprechen zu samniehi und zu analysieren, 
unterzogpii und mich so in den Stand gesetzt, Auswahl aus einem 
reicheren Material zu schöpfen. 

la) Ein junger Mann sagt zu seiner Schwester: Mit den D. 
bin ich jetzt ganz zerfallen, ich grüße sie nicht mehr. Sie antwortet: 
Überhaupt eine saubere I^ippschafl. Sie wollte sagen: Sipp- 
schaft, aber sie drängte nocli zweierlri in dein Spreciürrtum 
zusammen, daß ilir Bruder einst selbst mit der Tochter dieser 
Familie einen I-lirt begonnen hatte, und daß es von dieser hieß, 



V. Das Versprechen 



77 



sie habe sich in letzter Zeit in eine ernsthafte unerlaubte Lieb- 
schaft eingelassen. 

1 5) Ein junger Mann spricht eine Dame auf der Straße mit 
den Worten an: „Wenn Sie gestatten, mein Fräulein, möchte ich 
Sie begleit-digen." Er dachte offenbar, er möchte sie gern 
begleiten, fürchtete aber, sie mit dem Antrag zu beleidigen. 
Daß diese beiden einander widerstreitenden Gefühlsregungen in 
einem Worte — eben dem Versprechen — Ausdruck fanden, 
■weist darauf hin, daß die eigentlichen Absichten des jungen Mannes 
jedenfalls nicht die lautersten waren und ihm dieser Dame 
gegenüber selbst beleidigend erscheinen mußten. Während er aber 
gerade dies vor ihr zu verbergen sucht, spielt ihm das Unbewußte 
den Streich, seine eigentliche Absicht zu verraten, wodurch 
er aber andererseits der Dame gleichsam die konventionelle 
Antwort: „Ja, was glauben Sie denn von mir, wie können 
Sie mich denn so beleidigen" vorwegnimmt. (Mitgeteilt von 
O. Rank.) - 

Eine Anzahl von Beispielen entnehme ich einem Aufsatz von 
W. Stekel aus dem „Berhner Tageblatt" vom 4. Jänner 1904, 
betitelt „Unbewußte Geständnisse". 

14) „Ein unangenehmes Stück meiner unbewußten Gedanken 
enthüllt das folgende Beispiel. Ich schicke voraus, daß ich in 
meiner Eigenschaft als Arzt niemals auf meinen Erwerb bedacht 
bin und immer nur das Interesse des Kranken im Auge habe, 
was ia eine selbstverständliche Sache ist. Ich befinde mich bei 
einer Kranken, der ich nach scliwerer Krankheit in einem 
Rekonvaleszentenstadium meinen ärztlichen Beistand leiste. Wir 
haben schwere Tage und Nächte mitgemacht. Ich bin glücklich, 
sie besser zu finden, male ihr die Wonnen eines Aufenthaltes in 
Abbazia aus und gebrauche dabei den Nachsatz: ,wenn Sie, was 
ich hoffe, das Bett bald nicht verlassen werden — '. Offenbar 
entsprang das einem egoistischen Motiv des Unbewußten, diese 
wohlhabende Kranke nocli länger behandeln zu dürfen, einem 



78 



Zur Psychopalhohgie drs AVtagsJeb4'ns 






Wunsclie, der meinem wachen BowuIJiscin votlktmimon fremd ist 
und den ich mit Entrüstung; zurückweisen würde." 

ig) Ein anderes Beispiel (W, St ekel). „Meine Krau nimmt 
eine Französin für die Nnthiniltage auf und will, naclulem man 
sich über die Bedin^m^en geeinigt hatte, ihre Zeugnisse zurück- 
behalten. Die Französin bittet, sie beliiüteii zu dürfen, mit der 
Moti%'jerung: Je cherche encorc pour les apr^s-rtiidi's, pardon, pour 
les avant-midis. Offenbar hatte sie die Absicht, sich noch nndor- 
weitig umzusehen und vielleicht bessere Bedingungen zu erhalten 
— eine Absicht, die sie auch ausgeführt hat." 

16) (Dr. Stekel:) „Ich soll einer Frau die Leviten lesen, und 
ihr Mann, auf dessen Bitte das geschieht, steht lauschend hinter 
der Tür. Am Ende meiner Predigt, die einen sichlliclien K,indruck 
gemacht hatte, sagte ich: ,Küss' die Hand, gniidigcr Herr!' Dem 
Kundigen hatte ich damit verraten, daß die Worte an die 
Adresse des Herrn gerichtet waren, daO ich sie um seinetwillen 
gesprochen hatte." 

17) Dr. Stekel berichtet von sich selbst, daß er zu einer 
Zeit zwei Patienten aus Tnest in Behandlung gi-liaht liiil)e, die 
er immer verkehrt zu begrüßen pflegte. „Guten Morgen, Herr IVloni," 
sagte ich zu Askoli, — „Guten Morgen, Herr Askoü," zu Peloni. Er war 
anfangs geneigt, dieser Verwetlislung keine tiefere Motivierung zu- 
zuschreiben, sondern sie durch die mehrfachen Gemeinsamkeiten der 
beiden Herren zu erklären. Kr ließ sich aber leicht übeiv-eugen, daß die 
Namen vertauschung hier einer Art Prahlerei entsprach, iTidcm er 
durch sie jeden seiner italienischen Patienten wissen lassen konnte, 
er sei nicht der einzige Triestiner, der nach Wien gekommen 
sei, um seinen är/.tlichen Rat zu suchen. 

18) Dr. Stekel selbst in einer stürmischen (jeneralversammhmg: 
Wir streiten (.schreiten) nun zu Punkt .\. cli-i- Ttigt^sonlnung. 

19) Ein Professor in seiner Antrittsvorlosung; „Ich bin nicht 
geneigt (geeignet), die Verdienste meines sehr geschätzten 
Vorgängers zu schildern." 



V. Das Versprechen 70 

ao) Dr. Stekel zu einer Dame, bei welcher er Basedowsche 
Krankheit vermutet: „Sie sind um einen Kropf (Kopf) größer 
als Ihre Schwester." 

21) Dr. Stekel berichtet: Jemand will das Verhältnis zweier 
Freunde schildern, von denen einer als Jude charakterisiert werden 
soll. Er sagt: Sie lebten zusammen wie Kastor und Pollak. 
Das war durchaus kein Witz, der Redner hatte das Versprechen 
selbst nicht bemerkt und wurde erst von mir darauf aufmerksam 
gemacht. 

23) Gelegentlich ersetzt ein Versprechen eine ausführliche 
Charakteristik. Eine junge Dame, die das Regiment im Hause 
führt, erzählt mir von ihrem leidenden Manne, er sei beim Arzt 
gewesen, um ihn nach der ihm zuträglichen Diät zu befragen. 
Der Ai-zt habe aber gesagt, darauf käme es nicht an. „Er kann 
essen und trinken was ich will." 

Die folgenden zwei Beispiele von Th. R e i k (Intern. Zeitschr. f. 
Psychoanalyse, III, 1915) stammen aus Situationen, in denen sich 
Versprechen besonders leicht ereignen, weil in ihnen mehr zurück- 
gehalten werden muß, als gesagt werden kann. 

25) Ein Herr spricht einer jungen Dame, deren Gatte kürzlich 
gestorben ist, sein Beileid aus und seUt hinzu: „Sie werden Trost 
finden, indem Sie sich völlig ihren Kindern wid wen." Der unter- 
drückte Gedanke wies auf andersartigen Trost hin: eine junge 
schöne Witwe wird bald neue Sexualfreuden genießen. 

24) Derselbe Herr unterhält sich mit derselben Dame in einer 
Abendgesellschaft über die großen Vorbereitungen, welche in Berlin 
zum Osterfeste getroffen werden, und fragt; „Haben Sie heute die 
Auslage bei Wertheim gesehen? Sie ist ganz dekolletiert." Er 
hatte seiner Bewunderung über die Dekolletage der schönen Frau 
nicht laut Ausdruck geben dürfen, und nun setzte sich der verpönte 
Gedanke durch, indem er die Dekoration einer Warenauslage in 
eine Dekolletage verwandelte, wobei das Wort Auslage unbewußt 
doppelsinnig verwendet wurde. 



8o 



Zur Psychopathologie des Alltagsleberu 



Dieselbe Bedingung trifft auch für eine Beobaclitutig zu, über 
welche Dr. Hanns Sachs ausfüliiHche Kcclifiischait zu geben 
versucht: 

sg) „Eine Dame er/aliU mir von einem gemeinsamen lickannten, 
er sei, als sie ihn das letztemal sah, so elegant angezogen gewesen 
wie immer, besonders habe er liervorragoiid st luiiu', luaunc Halb- 
schuhe getragen. Auf meine Frage, wo sie ihn denn golroffen 
habe, berichtete sie: ,Er hat an niciiuT Haustür geläutet und ich 
hab' ihn durch die heruntergelassenen Rouleaux gc'S<?hen. Ich liabe 
aber weder geöffnet noch sonst ein Lebenszeichen gegeben, denn 
ich wollte nicht, daß er es erfliliri, daß ich schon in der Stadt 
bin.* Ich denke mir beim Zuhören, daß sie mir (liil>L'i etwas ver- 
schweigt, am walirscheinlichsLen wohl, daß sie deswegen nicht 
geöffnet habe, weil sie nicht allein und nicht in der Toilette waj-, 
um Besuche zu empfangen, und huge ein wenig ironisch: ,Also 
durch die geschlossenen Jalousien liindurili haben Sie seine Haus- 
schuhe — seine Hulbscliulie bewundern können?' In ,Hausschuhe* 
kommt der von der Äußerung abgehaltene GedunKe an ihr Haus- 
kleid zum Ausdruck. Das Wort ,Halb' wurde anderseits wieder 
deswegen zu beseitigen versucht, weil g<'rjido in diesem Worte 
der Kern der verpönten Antwort: ,Sie sagen mir nur (Ii<- lialbe 
Wahrheit und verschweigen, daß Sie halb nngiv.ogen waren* ent- 
halten ist. Befördert wurde das Versprechen auch dadurch, daß 
wir unmittelbar vorher von dem Kheleben des betreffenden Herrn, 
von seinem ,häuslichen Glück' gesproclien hatten, was wohl die 
Verschiebung auf seine Person miLdelerminieile. Schließlich muß 
ich gestehen, daß vielleicht mein Neid mitgewirkt hol, wenn ich 
diesen eleganten Herrn in Hausschuhen auf der Straße stehen ließ; 
ich selbst habe mir erst vor kurzem braune Halbsclmlie gekauft, 
die keineswegs mehr »hervorragend schön' sind.' 

Krie^szeiten wie die gegenwärtigen bririgr^n eine Reihe von 
Versprechen hervor, deren Verständnis wenig Schwierigkoitea 
macht. 



V. Das f^ersprechen g. 



26) „Bei welcher Waffe befindet sich Ihr Herr vSolm?" wird 
eine Dame gefragt. Sie antwortet: „Bei den 42er Mördern." 

27) Leutnant Henrik Ha im an schreibt aus dem Felde: Ich 
werde aus der Lektüre eines fesselnden Buches herausgerissen, um 
für einen Moment den Aufklärungstelephonisten zu vertreten. Auf 
die Leitungsprobe der Geschützstalion reagiere ich mit: Konirolle 
richtig, Ruhe. Reglementmäßig sollte es lauten: Kontrolle richtig, 
Schluß. Meine Abweichung erklärt sich durch den Ärger über die 
Störung im Lesen." (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916/17.) 

28) Ein Feldwebel instruiert die Mannschaft, ihre Adressen 
genau nach Hause anzugeben, damit die Gespeckslücke nicht 
verloren gelien, 

2g) Das nachstehende, hervorragend schöne und durch seinen 
tieftraurigen Hintergrund bedeutsame Beispiel verdanke ich der 
Mitteilung von Dr. L. Czeszer, der während seines Aufenthaltes 
in der neutralen Schweiz zu Kriegszeiten diese Beobachtung gemacht 
und sie erschöpfend analysiert hat. Ich gebe seine Zuschrift mit 
unwesentlichen Auslassungen im folgenden wieder: 

„Ich gestalte mir, einen Fall von ,Versprechen' mitzuteilen, der 
Herrn Professor M. N. in O. bei einem seiner im eben verflossenen 
Sommersemester abgehaltenen Vorträge über die Psychologie der 
Empfindungen unteriief. Ich muß voraussenden, daß diese Vor- 
lesungen in der Aula der Universität unter gi-oßem Zudrang der 
französischen internierten Kriegsgefangenen und im übrigen der meist 
aus entschieden ententefi-eundlich gesinnten Französisch-Schweizern 
bestehenden Studentenschaft gehalten wurden. In O. wird, wie in 
Frankreich selbst, das Wort boche jetzt allgemein und ausschließlich 
zur Bezeichnung der Deutschen gebraucht. Bei öffentlichen Kund- 
gebungen aber, sowie bei Vorlesungen u. dgl. bestreben sich höhere 
Beamte, Professoren und sonst verantwortliche Personen aus Neu- 
tra litätsgrün den das ominöse Wort zu vermeiden. 

Professor N. nun war gerade im Zuge, die praktische Bedeutung 
der Affekte zu besprechen, und beabsichtigte, ein Beispiel zu zitieren 

Freuß, IV. , 



Sa Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

für die zielbewußte Ausbeutung eines Affekts, um i-ine an sich 
uninteressante Muskelarbeit mit Lustf>i'nUilen zu laden und so inten- 
siver zu gestalten. Er erzählte also, natüilicli in fran/üsischer Sprache, 
die gerade damals von hiesigen Illiitlem aus einem alldeutschen 
Blatte abgedruckte Geschichte von einem deutschen Schulmeister, 
der seine Schüler im Clarten arbeiten ließ und, um sie zu inten- 
siverer Arbeit anzufeuern, sie auffonJerie, sich voraustellen, daß 
sie statt jeder KrdschoUe einen frnny-ösischen Schädel einschlügen. 
Beim Vortrag seiner Geschichte sagte N. natürlich jedesmal, wo 
von Deutschen die Rede war, ganz korrekt .'fllemand und nicht 
bocke. Doch als es zur Pointe der Geschichte kam, trug er die 
Worte des Schulmeisters folgenderweise vor: Itnaginrz vousy qu'en 
chaque moche vous ^crasez Ic cräne d'un Fran^:ais, Also stall motte 

— moche! 

Sieht man da nicht förmlich, wie der korrekte Gelehrte vom 
Anfang der Er/ühhmg sich zusammennimmt, um ja nicht der 
Gewohnheit und vielleicht auch der Versuchung nachzugeljon und 
das sogar durch einen Bundeserlaß ausdrücklich verpönte Wort 
von dem Katheder der Universitätsaula fallen zu lassen! Und gerade 
im Augenblick, wo er glücklich das letztemal ganz korrekt ,in*h- 
titeur alleimanti gesagt hat und innerlich auraimciul zum unver- 
fänglichen Schlüsse eilt, klammert sicli (he mühsam zuiückgedrangte 
Vokabel an den Gleichklang des Wortes motte und — das Thdieil 
ist geschehen. Die Angst vor der politischen Taktlüsigkeit, vielleicht 
eine zurückgedrängte Lust, das gewohnte und von ollen erwartete 
Wort doch zu gebrauchen, sowie der Unwillen des geborenen 
Republikaners und Demokraten gegen jeden Zwang in der freien 
Meinungsäußerung interferieren mit der auf die korrekte Wieder- 
gabe des Beispiels gerichteten llauplal)si(ht. Die inteiferierende 
Tendenz ist dem Redner bekannt und er hat, wii^ nicht anders 
anzunehmen ist, unmittelbar vor dem Versprechen an sie gedacht. 

Sein Versprechen hat Professor N. nicht bemerkt, wenigstens hat 
er es nicht verbessert, was man doch meist geradezu automatisch 



I 



■I 



V. Das Versprechen 



83 



tut. Dagegen wurde der Lapsus von der meist französischen Zuhörer- 
schaft mit wahrer Genugtuung aufgenommen und wirkte voll- 
kommen wie ein beabsichtigter Wortwitz. Ich aber folgte diesem 
anscheinend harmlosen Vorgang mit wahrer innerer Erregung. Denn 
wenn ich mir auch aus naheliegenden Gründen versagen mußte 
dem Professor die sich nach psychoanalytischer Methode aufdrän- 
genden Fragen zu stellen, so war doch dieses Versprechen für 
mich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit Ihrer Lehre von 
der Determinierung der Fehlhandlungen und den tiefen Analogien 
und Zusammenhängen zwischen dem Versprechen und dem Witz." 

30) Unter den betrübenden Eindrücken der Kriegszeit entstand 
auch das Versprechen, welches ein heimgekelirter österreichischer 
Offizier, Oberleutnant T., berichtet: 

„Während mehrerer Monate meiner italienischen Kriegsgefangen- 
schaft waren wir, eine Zahl von 200 Offizieren, in einer engen 
Villa untergebracht. In dieser Zeit starb einer unserer Kameraden 
an der Grippe. Der Eindruck, der durch diesen Vorfall hervor- 
gerufen wurde, war naturgemäß ein tiefgehender; denn die 
Verhältnisse, in denen wir uns befanden, das Fehlen ärztlichen 
Beistands, die Hilflosigkeit unserer damaligen Existenz ließen ein 
Umsichgreifen der Seuche mehr denn wahrscheinlich werden — 
Wir hatten den Toten in einem Kellerraume aufgebahrt. Arn 
Abend, als ich mit einem Freunde einen Rundgang um unser 
Haus angetreten hatte, äußerten wir beide den Wunsch, die Leiche 
zu sehen. Mir als dem Voranschreitenden bot sich beim Eintritt 
in den Keller ein Anblick, der mich heftig erschrecken ließ^ denn 
ich war nicht vorbereitet gewesen, die Bahre 50 nahe beim Ein- 
gang aufgestellt zu finden und aus solcher Nähe in das durch 
spielende Kerzenlichter in Unruhe versetzte Antlitz schauen zu 
müssen. Noch unter diesem nachwirkenden Bilde setzten wir dann 
den Rundgang fort. An einer Stelle, von wo sicli dem Auge die 
Ansicht des im vollen Mondenscheine schwimmenden Parkes einer 
hellbestrahlten Wiese und dahintergelegter, leichter Nebelschleier 



84 Zur Psychopatholoßie des Alltagsiebem 



zeigte, gab ich der damit vcrknüpflon Voj-slclliing Ausdriuk, einen 
Reigen Elfen unter dem Sainne der nnscIiüclJcnden Kiefern tanzen 
zu sehen. 

Am folgenden Niulnnitlng hegrnlien wir diu loicii (ir(iihrlen. 
Der Weg von unserem Kerker bis /um ['"riedliof des kleinen, 
benachbarten Ortes war f'i'ir luis gleicherweise bilter und ent- 
würdigend; denn halliwCn li.sige, johlende Hursciien, eine spötlisclie, 
höhnende Bevölkerung, deibo, sclH'cieiid<* I,iirrnr-r- hallen «liesen 
Anlaß benützt, um unverluildi 11 ihren von Neugii-i'de und Haß 
gemischten Gefühli'u Au.sdruck zu veili-ihcn. Die l-jupfiiuhuig, 
selbst in <hesem wehrlosen '/iisiaud niclii ungckiütiKi bleiben zu 
können, der Alischeu vor der bekundeien UoJu'ii tjeheri'schten 
mich bis zum Abend mit i'",rl)ilterung. /ur gleichen Stunde wie 
tagszuvor, iti der nämlichen licglellun^ begingen wir auch dies- 
mal den Kiesweg nnid um das VA'olnihausi urni nti di-m Krller- 
gilter voriUierkcnnmeiul, hintci- ilcni dir L(>iche gelegen hatte, 
überfiel mich die Erinnerung des Kindrucks, dr^n ihr Anblick in 
mir hinterlassen hatte. An dci' Stelle, von der sich mir dtinn 
wiederum der erhellle Paik darliol, imiii' dnn gleiclien Vollmond- 
lichte, hielt ich an uiul äuflerle /u meinem üegleiii'r: ,Wii- könnten 
uns hier ins Grab — ■ — Gras setzen und eiiu" Serenade 
sinken!* — Erst beim zweiten Verspreclicii wurde ich auf- 
merksam; das erstemal hatte ich verbessert, ohne des Sinnes im 
Fehler bewuDt geworden zu sein. Nun ülierN'gte ich und rcilite 
aneinander: ,ins (irab — sinken!' ülitzariig Inlgteii diese Ililder: 
im Mondschein tanzende, schwebende IClfen; der iinCgeliahrte 
Kamerad, der erweckte Eindruck; eiic/.elne Szenen vom Megdibnis, 
die Empfindung des geliabten h'kels und iler gestörten Trauer; 
Erinnerung an einzelne (lespriiche (Iber die aufgetretene Seuche, 
FurchtäuÜeruiigen mehrerer Offiziere. Später entsann ich mich 
des Umstandes, dalj <'s der Todestag meines Vaters sei, was für 
mich meines sonst sehr bchlechteii Uulengedüchlnisses wegen auf- 
fallend wurde. 



f^. Das Versprechen gc 



imen- 



Beim nachherigen Überdenken wurde mir klar; das Zusami 
treffen äußerer Bedingungen zwischen beiden Abenden, die gleiche 
Stunde, Beleuchtung, der nämliche Ort und Begleiter. Ich erinnerte 
mich des Unbehagens, das ich empfunden hatte, als die Besorgnis 
einer Ausbreitung der Grippe erörtert wurde; aber zugleich auch 
des inneren Verbotes, mich Furcht anwandeln zu lassen. Auch die 
Woi-tstellung: ,wir könnten ins Grab sinken' wurde mir darauf 
in ihrer Bedeutung bewußt, wie ich auch die Überzeugung gewann, 
nur die zuerst stattgehabte Korrektur von ,Grab' in ,Gras*, die 
noch olme Deutlichkeit geschehen war, habe auch das zweite 
Versprechen: ,singen' in ,sinken' zur Folge gehabt, um dem unter- 
drückten Komple.v endgültige Wirkung zu sichern. 

Ich füge bei, daß ich zu jener Zeit an beängstigenden Träumen 
litt, in denen ich eine mir sehr nahe.stehende Angehörige wieder- 
holt krank, einmal selbst tot sah. Ich hatte noch knapp vor meiner 
Gefangennahme die Nachricht erhalten, daß die Grippe gerade in 
der Heimat dieser Angehörigen mit besonderer Heftigkeit wüte, 
hatte ihr auch meine lebhaften Befürchtungen geäußert. Seilher 
war ich ohne Verbindung geblieben. Monate später empfing ich 
die Kunde, daß sie zwei Wochen vor dem geschilderten Ereignis 
ein Opfer der Epidemie geworden sei!" 

^i) Das nachstehende Beispiel von Versprechen beleuchtet blitz- 
ähnlich einen der schmerzlichen Konflikte, die das Los des Arztes 
.sind. F,in wahrscheinlich dem Tode verfallener Mann, dessen 
Diagnose aber noch nicht fest.<;teht, ist nach Wien gekommen, 
um hier die Lösung seines Knotens abzuwarten, und hat einen 
Jugendfreund, der ein bekannter Arzt geworden ist, gebeten, seine 
Behandlung zu übernehmen, worauf dieser nicht ohne Wider- 
streben schließlich einging. Der Kranke soll in einer Heilanstalt 
Aufenthalt nehmen und der Arzt schlägt das Sanatorium „Hera" 
vor. Das ist doch eine Anstalt nur für bestimmte Zwecke (eine 
Entbindungsanstalt), wendet der Kranke ein. O nein, ereifert sich 
der Arzt: In der „Hera" kann man jeden Patienten umbringen 



86 Zur Psychopathologie des AUtagslehrns 

— unterbrinfren, moinp ich. Kr sträubt sich dann hrftip gog^n 
die Deutung seines Versprochpns. „Du wirst ilocfi tiiclit glauben, 
daß ich feindselige Impulse gegen dirli h.die?" Kirie Vierrdstunde 
später sagte er zu der ihn hinmislinglcitendcn I )inii(', die die Pflege 
des Kranken übernommen hat ; „Ich kann nichts finden und glaube 
ja noch immer nicht daran. Aber wenn es so nein sollte, bin ich 
für eine tüchtige Dosis Morphium, und dann ist Huhe." Ks kommt 
heraus, daß der Freund ihm die Bedingung gestellt hat, düß er 
seine Leiden durch ein Medikament abkürze, sobald es feststeht, 
daß ihm nicht mehr zu hr-lfen ist. Der Arzt hatte also wirklich 
die Aufgabe übernommen, den Treund umzubringen. 

53) Auf ein ganz be.sonders lehrreiches Beispiel von Vers])rechen 
möchte ich nicht verzichten, obwohl es sich nach Angabe meines 
Gewährsmannes vor etwa ao Jahren zugetragen hat. „Eine Dame 
äußerte einmal in einer Gesellschaft — man hört es den Worten 
an, daß sie im Eifer und unter dem Drucke allerlei geheimer 
Regungen zustande gekommen sind: ^a, eine Frau muU schön 
sein, wenn sie den Männern gefallen soll. Da hat es ein Mann 
viel besser; wenn er nur seine f ü n f f^cnuii-n Gliciler hat, mehr 
braucht er nicht!' Dieses Ueispiel gestattet uns einen guten Ein- 
blick in den intimen Mechanismus eines Versprechens durch 
Verdichtung oder einer Kontamination (vgl. S. Gs). B^ 
liegt nahe, anzunehmen, daß hier zwei situiühiiliche Kedcweisen 
verschmolzen sind: 

wenn er seine vier geraden (ilieder hat 
wenn er seine fünf Sinne beisammen hat. 

Oder aber das Element gerade ist das (Jemeinwune zweier Rede- 
Intentionen gewesen, die gelautet haben: 

wenn er nur seine geraden fJlicder hat 
alle fünf geradr- sein lassen. 

Es hindert uns auch nichts anzunehmen, daü beide Ui-densarten, 
die von den fünf Sinnen und die von den geraden fünf mit- 



Vt Das Versprechen 87 



gewirkt haben, um in den Satz von den geraden Gliedern zunächst 
eine Zahl und dann die geheimsinnige fünf anstatt der simpeln 
vier einzuführen. Diese Verschmelzung wäre aber gewiß nicht 
erfolgt, wenn sie nicht in der als Versprechen resultierenden Form 
einen eigenen guten Sinn hätte, den einer zynischen Wahrheit, 
wie sie von einer Frau allerdings nicht ohne Bemäntelung bekannt 
werden darf. — Endlicli wollen wir nicht versäumen, aufmerksam 
zu machen, daß die Rede der Dame ihrem Wortlaut nach ebenso- 
wohl einen vortreffUchen Witz wie ein lustiges Versprechen bedeuten 
kann. F^ hängt nur davon ab, ob sie diese Worte mit bewußter 
Absicht oder — mit unbewußter Absicht gesprochen hat. Das 
Benehmen der Rednerin in unserem Falle widerlegte allerdings 
die bewußte Absicht und schloß den Witz aus." 

Die Annäherung eines Versprechens an einen Witz kann so 
weit gehen wie in dem von O. Rank mitgeteilten Falle, in dem 
die Urheberin des Versprechens es schließlich selbst als Witx belacht : 

55) „Ein jung verheirateter Ehemann, dem seine um ihr 
mädchenhaftes Aussehen besorgte Frau den häufigen Geschlechts- 
verkehr nur ungern gestattet, erzählte mir folgende, nachträglich 
auch ihn und seine Frau höchst belustigende Geschichte: Nach 
einer Nacht, in welcher er das Abstinenzgebot seiner Frau wieder 
einmal übertreten hat, rasiert er sich morgens in ihrem gemein- 
samen Schlafzimmer und benützt dabei — wie schon öfter aus 
Bequemlichkeit — die auf dem Nachtkästchen liegende Puder- 
quaste seiner noch ruhenden Gattin. Die um ihren Teint äußerst 
besorgte Dame hatte ihm auch dies schon mehrmals verwiesen 
und ruft ihm darum geärgert zu: ,Du puderst mich ja schon 
wieder mit deiner Quaste!' Durch des Mannes Gelächter auf ihr 
Versprechen aufmerksam gemacht (sie wollte sagen: du puderst 
dich schon wieder mit meiner Quaste), lacht sie schließlich 
belustigt mit (,pudern' ist ein jedem Wiener geläufiger Ausdruck 
für koitieren, die Quaste als phallisches Symbol kaum zweifelhaft).' 
(Internat. Zeitschr. f, Psychoanalyse, I, 1913.) 



88 



Zur Psychopathologie des Amaf^ahhrns 



34) An die Absicht eines Wit/,-s kimnu- «nm. auch in lülfirnd.^m 
Falle denken (A. J. Storfer); 

Frau B, die an einem r.eidci,, „m-nl.ar psyrh<.f...uen Ursprungs 
laboriert, wird wiederholt nalH>H<'A'. «1*'" »»svrhomi.iyliker X. ^u 
konsultieren. Sie lehnt es stet-s mit der [t.-nu.rlaM.f. .b, so eine 
Behandlung sei doch nie etwas Rtvliies, der Am wünl-- doch 
alles fälschlicherweise auf sexuelle Dinse /.urückmhnMi. Sililießlich 
ist sie einmal doch bereit, dem H.ir F,,!^;.« /„ I,.isi,.n und sie 
fragt: „Nun gut, vviHin ordinärl nlso dieser Dr. X.?" 

Die Verwandtschaft zwischen Wii/, „„,! Versprechen bekundet 
sich auch darin, daß das Versprechen ,dt nichts an.loros ist als 
eine Verkürzung: 

35) Ein junges Mädchen hai riat h dem Verlas.sen der Schule 
den herrschenden ZeiLstnimuugen Rechnung getragen, indem sie 
sich zum Studium der Medi/in inskribiei-te. Nach wenigen Seme- 
stern hatte sie die Medizin niil der Chemie verlauschl. Von dieser 
Schwenkung er^hh sie einige .hdire später in (olg..|idc'r Rede: 
Ich hab' mich ja im allgemeinen beim Sezieren ni( bl gegraust, 
aber wie ich einmal an einer Leiche die Nügr-I v„n den l-'ingpm 
abziehen sollte, da habe ich ihe Lusi lui der ganzen Chemie 

verloren. 

36) Ich reihe hier einen andr-ren I'a!l M,n Verspn'chen an, 
dessen Deutung wenig Kunsl erlbr.Iert. „D.t Pn.lessor bemüht 
sich in der Anatomie mn die Frkliirung der Nasenbiible, eines 
bekaimtlich sehr schwierigen Abschnilles der l'.ingeweideh'hre. 
Auf seine Frage, ob ,li,. Hörer seine Ausführungen erfalil haben, 
wird ein allgemeines ,U verneinnlich. Darauf bemerkt der 
bekannt selbstbewußte IVolessor: Ich glaube kaum, <lenn die 
Leute, welche die Nasenhölii,' verstehen, k.nn man selbst in einer 
Mdhonenstadi wie Wien an einem Kinger, pardon. an den 
Fmgem einer Hand wolli,- i, j. sagen, abzählen." 

3?) Derselbe AnaKnn ein andermal: „ßeini weiblichen Genitale 
hat man trotz vieler Versuchungen - pardon, Versuche...« 



V, Das Versprechen 89 



58) Herrn Dr. Alf. Robitsek in Wien verdanke ich den 
Hinweis auf zwei von einem altfranzösisclien Autor bemerkte 
Fälle von Verspi-echen, die ich iniübersetzt wiedergeben werde. 
Branlume {1527 — 1614) Vies des Dames galantes, Discours 
second: „Si ay-je cogneu tinc tres helle et honncste dame de par 
le monde, qui, dcvisant avec i/ti honneste. gentilhomme de la cour 
des affaires de la guerre diirant ces civiles, eile lu^ dit: ,Tay 
üuy dirc quc le roy a Jaiel rompre tous les c... de ce pays la. 
Elle vouloil dire /« ponts. Pensez que, venant de coucher d'avec 
son mary^ ou songeant ä son aniant^ eile avoit encor ce nom frais 
en la bouche; et le gentilhomme s'en escHauffer en amours d'elle 
pour er mot"' 

„ Uiie autre dame que fai cugneuc, entretenant unc autre 
grand dame plus qu'elle, et luy louant et exaltant ses beautez, 
eile luy dit apres; ,Non, madame, ce quc je vous en dis: ce n'est 
point pour 7?ous adulterer^ voulant dire adulater, comme 
eile le rhabilla ainsi: pensez qu'elle songeoit a adulterer. 

59) Es gibt natürlich aucli modernere Beispiele für die Ent- 
stellung sexueller Zweideutigkeiten durch Versprechen: Frau F. 
erzählt über ihre erste Stunde in einem Sprachkurs; „Es ist ganz 
interessant, der Lehrer ist ein netter junger Engländer. Er hat 
mir gleich in der ersten Stunde durch die Bluse (korrigiert sich; 
durch die Blume) zu verstehen gegeben, daß er mir lieber 
Einzelunterricht erteilen möchte." (Stör f er.) 

Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur 
Auflösung und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist 
sehr liäufig die Aufgabe gestellt, aus den wie zufällig vorge- 
bracliten Reden und Einfällen des Patienten einen Gedankeninhalt 
aufzuspüren, der zwar sich zu verbergen bemüht ist, aber doch 
nicht umhin kann, sich in mannigfaltigster Weise unabsichtlich 
zu verraten. Dabei leistet oft das Versprechen die wertvollsten 
Dienste, wie ich an den überzeugendsten und anderseits sonder- 
barsten Beispielen dartun könnte. Die Patienten sprechen z. B. 



9° 



Zwr I'sychopalhohf^ie des AUtagslfhcns 



von ihrer Tante und nennen sie konsequent, ohne das Versprechen 
zu bemerken, „meine Mutler", oder hc/.ciclinon ihren Mann als 
ihren „Bruder". Sie machen mich auf diese Weise aufmerksam, 
daß sie diese Personen miteinander „identifiziert", in eine Reihe 
gebracht haben, welclie für ilir Ciefiililsh-bon die Wiederkehr 
desselben Typus bedeutet. Oder: <Mn junper Mann von ao Jahren 
stellt sich mir in der Spredistunde riiii ilcii Worten vor: Ich bin 
der Vater des N. N., den Sie behandelt Iiaben. — Pardon, ich 
will sagen, der Bruder; er ist jn um vier Jalue iiher als ich. Ich 
verstelle, daß er durch dieses VeiNprecben ausdrilcken will, daß 
er wie der Bruder durch die Schuld des Vnlers erkrankt sei, wie 
der Bruder Heilung verlange, da[3 nber dr-r ViUer derjenige ist, 
dem die Heilung am dringlichsten wäre. Anden; Male reicht eine 
ungewöhnlich klingende Wnrifügung, eine gezwungen erscheinende 
Ausdrucks weise hin, um den Anteil eines venb-iingteii Gfnlankens 
an der anders motivierten Rede des Patienten auf/u decken. 

In groben wie in solchen feineren Redestürungen, die sich 
eben noch dem „Versprechen" subsumieren lassen, firule ich also 
nicht den Einfluß van Kontaktwirkurigen der Laute, sondern i{*^n 
von Gedanken außerhalti der Redeinleiuioii niaßgi'bend für die 
Entstehung de.'^ Versprechens und hinreichend ziu' Aufhellung des 
zustande gekommenen SprfH;hrcIiIers. Die (iesetze, nach denen die 
Laute verändernd aufeinander einwirken, inüclite ich nicht 
anzweifeln; sie scheinen mir aber ni<ht wirksam g<Miug, um für 
sich allein die korrekte Ausführung der Hede zu stilren. In den 
Fällen, die ich genauer stu<hert und (hirchschaut habe, .stellen sie 
bloß den vorgebildeten Mechanismus dar, dessen sich ein ferner 
gelegenes psychisches Motiv lie(|uemerw)Mse bedient, ohne sich 
aber an den Machtbereich dieser Iiezi4'bungen zu binden. In 
einer großen Reihe von Substitutionen wird beim 
Versprechen von solchen Lautgesetzen völlig abge- 
sehen. Ich befinde mich hiehei in voller Übereinstimmung mit 
Wundt, der gleichfalls die Bedingungen des Versprechens als 



K, Das Versprechen. 91 



zusammengesetzte und weit über die Kontaktwirkungen der Laute 
hinausgehende vermutet. 

Wenn ich diese „entfernteren psychischen Einflüsse" nach 
Wundts Ausdmck für gesichert halte, so weiß icli anderseits 
von keiner Abhaltung um auch zuzugeben, daß bei beschleunigter 
Rede und einigermaßen abgelenkter Aufmerksamkeit die Bedin- 
gungen fürs Versprechen sich leicht auf das von Meringer und 
Mayer bestimmte Maß einschränken können. Bei einem Teile 
der von diesen Autoren gesammelten Beispiele ist wohl eine kom- 
phziertere Auflösung wahrscheinlicher. Ich greife etwa den vorhin 
angeführten Fall heraus: 

Es war mir auf der S c h w e s t . . . 

Brust so schwer. 

Geht es hier wohl so einfach zu, daß das s c h w e das gleich- 
wertige Bru als Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuweisen, 
daß die Laute schwe außerdem durch eine besondere Relation 
zu dieser Vordringlichkeit befähigt werden. Diese könnte dann 
keine andere sein als die Assoziation : Schwester — Bruder, 
etwa noch: Brust der Schwester, die zu anderen Gedanken- 
kreisen hinüberleitet. Dieser hinter der Szene unsichtbare Helfer 
verleiht dem sonst harmlosen schwe die Macht, deren Erfolg 
sich als Sprechfehler äußert. 

Für anderes Versprechen läßt sich annehmen, daß der Anklang 
an obszöne Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist. 
Die absichtliche Entstellung und Verzerrung der Worte und 
Redensarten, die bei unartigen Menschen so beliebt ist, bezweckt 
nichts anderes, als beim harmlosen Anlaß an das Verpönte zu 
mahnen, und diese Spielerei ist so häufig, daß es nicht wunder- 
bar wäre, wenn sie sich auch unabsichtlich und wider Willen 
durchsetzen sollte. Beispiele wie: Eischeißweibchen für Eiweiß- 
scheibchen, Apopos Fritz für Apropos, Lokuskapitäl für 
Lotuskapitäl usw., vielleicht noch die AlabiVsterbachse (Alabaster- 



93 



Zur Psyc/topal/iohffif dfs Alltaßxlrhrm 



büchse) der hl. Magdalena gohöroji wohl in (hose Kategorie'. — 
„Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unscMvs Chefs aufzustoßen," 
ist kaum etwas andoies als ciiK" unahsichllic-hn Piirodio nls Nach- 
klang einer heahsiijitigtfii. Wenn ith der Clicf wäre, zu dessen 
Feierlichkeit der Festredner diesen Lapsus heigcinigeii li;in<>, würde 
ich wohl daran denken, wie klug die Kiimei geJiaiideli iiahen, als 
Sie den Soldaten des iriiunphicrendcn hnperntois gestatteten, den 
inneren Kinspruih gegen den tlefeierlen in SpimÜedeni laut 
zu äußern. -- Meringer erzähll vtm sicli seihst. i!aH er zu 
einer Person, die als die älteste dei- (JeM'lls<Iiaft tnii dem ver- 
traulichen Khrenniimen „Seiiexl" oder „altes Senexl" angesflioehen 
wurde, einmal gesagt habe: „ProsI, Senc'x ultesl!" Kr erschrak 
selbst über diesen Fehler (S. 50). Wir können uns vielleicht seinen 
Affekt deuten, weini wir dariin mahnen, wie nahe „Altesl" an 
den Schimpf „alter Ksel" koinnil. Auf die Vi'rletzung der Ehr- 
furcht vor dem Alter (d. i., auf die Kindheil reduziert: vor dem 
Vater) sind große innere Strafen gi*sei7.i. 



Bpi einer moitier Piilii-ntiniictL k<-IiN- sicli diis Vcrs|in-ilH'i] iih SviH|iIr.in so 
lange fort, bis *■% nuf den Kiiidcralrcidi. ilus VVorl ruinieren (üircli uri- 
nieren tu ersetieii, iiiriickpo führt war. — An dio VerMirliiiii(t, durch den Kiinst- 
pift" des Veriprothcns ziuii freii'n Relirniuh i.niuutiiiidigiT imcl uncrl.niljtcr Worte 
«u kommen, knüpfi-n sich Ahrahnms HoohathUiiigcii Übi-r IVlilh-ishmjjen „mit 
überkoinpcnsierender Tendriii" (l"ti'rn. Znilachr. f, Piychonnolyio VIII, 
1912). Eine Patientin niil h-iclilor NriffunR, die AnrnnpHsillie von ['.igi-iinanieti durch 
Stottern lu verdoppeln, holte den N.um-n I' r o t u g n r.i s in l'rnlmpon.s vcr.iudert. 
Knn vorher hiiUe sie anstall A I c\ a n d r o » - yj -n U- mm. d ro « grwf^X. Die Erkun- 
digung ergah. dafl sie als Kind hesondirs gerne die IJniirl gt-pfh-gl Iialte die nn- 
lautewden Silben n und p ,• zu wirderliolen. eine Spielerei, die nicht »eilen das 
Stottern der Kinder einleilel. Heim Nanien IV.)t,.{{nraa verspürte sie ni.n die Cefahr, 
das r der ersten Silbe auszulnssen und l'o potagnni» ni sagen, /,nrn .Sdiuii diigegeii 
hielt sie aber dies r krinnpflian fesl und lehob nocli «-in weiter«» r in die zweite 
Silbe ein. InSlinhclier \Vei(e enlslellle sie andere Mah- die Worte p 11 r t e r r e nnd 
KondoleiiT in parlrerre und K o dnlenz, um den in ihrer Aisoiialion imheliegen- 
den Wortt-n p a i e r (Vater' und K n n d u m imsniweicli.-n. V.w anderer Patient 
Abrahams hekunnlc sich zur Neigung anslnlt A n g i n a jcdesmnl A n g o r n lu 
wgen, «ehr wolyscheinlich. weil er die Versnthnng liirchlete. Angin« durch 
"«f' 1?" j" *"'''^*'" ^*'''*'' ^ ■''■•''l"'''*"''""«''" l<'>'n'"eii alM. datlurcli auslände. duD 
an btelle der entstellenden eine ahwebrende Tcn.le.u dii- Oberhand beliHIl, nnd 
Abraham macht mil IVedU auf die Anulogi« dieiei Vorgange» mit di>r Sympiom- 
bildung bei Zwangsneurggen aulmerksttm. 



V. Das Versprechen gg 



Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deu- 
tungen, die sich durch nichts heweisen lassen, und der Beispiele, 
die ich selbst gesammelt und durch Analysen erläutert habe nicht 
vernachlässigen. Wenn ich aber Im stillen immer noch an der 
Erwartung festhalte, auch die scheinbar einfachen Fälle von Ver- 
sprechen würden sich auf Störung durch eine halb unterdrückte 
Idee außerhalb des intendierten Zusammenhanges zurückführen 
lassen, so verlockt mich dazu eine sehr beachtenswerte Bemerkung 
von M e r i n g e r. Dieser Autor sagt, es ist merkwürdig, daß 
niemand sich versprochen haben will. Es gibt sehr gescheite und 
ehrliche Menschen, welche beleidigt sind, wenn man ihnen sagt, 
sie hätten sicli versprochen. Ich getraue mich nicht, diese Behaup- 
tung so allgemein zu nehmen, wie sie durch das ,.niemand" von 
Merlnger hingestellt wird. Die Spur ,\rfekt aber, die am Nach- 
weis des Versprechens hängt und offenbar von der Natur des 
Schämens ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist gleichzusetzen dem 
Ärger, wenn wir einen vergessenen Namen nicht erinnern, und 
der Verwunderung über die Haltbarkeit einer scheinbar belang- 
losen Erinnerung und weist allemal auf die Beteiligung eines 
Motivs am Zustandekommen der Störung hin. 

Das Verdrehen von Kamen entspricht einer Schmähung, wenn 
es absichtüch geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von 
Fällen, wo es als unabsichthches Versprechen auftritt, dieselbe 
Bedeutung haben. Jene Person, die nach May ers Bericht einmal 
„Freude r" sagte anstatt Freud, weil sie kura darauf den 
Namen „Breuer" vorbrachte (S. 58), ein andermal von einer 
Freuer-Breudschen Methode (S. 28) sprach, war wohl ein 
Fachgenosse und von dieser Methode nicht sonderlich entzückt. 
Einen gewiß nicht anders aufzuklärenden Fall von Namenent- 
stellung werde ich weiter unten beim Verschreiben mitteilen'. 



1) Man kann auch bemerken, daß gerade Aristokraten besonders häufig die Namen 
von Äritcn, die sie konsultiert haben, entstellen, und darf daraus schließen daß sie 
dieselben innerlich geringschätzen, trotz der Höflichkeit, mit welcher sie ihnen zu 



94 Zur PsychofMihologit des AlUagslebcrut 



In diesen Fällen mengt sich als KKSrcndcs Moment eine Kritik 
ein, welche beiseite gelassen werden soll, weil si«? gerade in dem 
Zeitpunkt der Intention des Redners nicht enli;pricht. 

Umgekehrt muß die Namenerset zu ng, die Aneipmng des fremden 
Namens, die Identifizierung mittels des Namenverspreclieris, eine 
Anerkennung bedeuten, die im Augenblick aus irgendwelchen '''' 

Gründen im Hintergründe verbleiben soll. Kin Erlebnis dieser Art t 

erzählt S. Ferenczi aus seinen Schuljahren: jf 

„In der ersten Gymnasi.ilklasse bal>i' icli (zum erstenmal in 
meinem I^ben) ÖfrentUch (d. h. vor der gan/.en Klasse) ein Gedicht 
rezitieren müssen. Ich war gut vorbereitet und war bestür/,t, gleich 

hcgegnen pflcgoti- — Ich liticrc hier ririigc trcfTi-niie Bemerkunppii iilier da» Naraen- 
vcrgesscn aus der rnglitclicii ü<rurbcM[iing iiuscroi Themno tinrch Dr. K. Jone«. 
dam&U in Toronto (.The Payehopolliologic of Kvcryday Lifo. Anivricmi Journal of 
Psychology, Oct. igii): 

„Wenige Leute können sich rint-r Aiiwniidhiiig von Arger erwehren, wenn sie 
finden, daß man ihren Nniiien vcrgessc-n hat, boionderi dann, wenn li« von der 
beireffenden Person gehofft odor «.Tworlet hnltrn, tin würde den Nuinen hchalten 
hab«n. Sie sagen »ich sofort ohne OTicrli-gimg, (intJ dii? Fcraoii ili-ii Niiini-n nirht vor- '? 

gessen hält», wenn mnn einen slürkercn Mindnirk hei ilir liiTilcrhiHiien hiitlc; donn ,1 

der Name iit ein wesvnllicher Bcslnndti'il der Pcriiuihchkvit. Anderscit» gibi es wenig 
Dinge, die ichmeichelhnfter empfunden werden, nU wenn miiu von «-inor hohen Per- * 

sönlichkeit. wo man es niclit erwrirtel liiitlc, inil «einem IMnmen imgi-redcl wird. 
Napoleon, ein Meisler in der Kiinsi, Menschen in hehiuidelii, gab wahrend des 
unglücklichen I'eldziigc* von 1814 eine ersliinnliche Prnbe teines GedürhtniiSCS nftch \( 

dieser Richtung. Als er »ich in einer Sladt bei Griionne hernnil, erinnerte er sich, 
daß er deren Bürgermeister De Jlussy etw» 30 Jiihrr viuIut in cinrin bestimmten 
Regiment kennen gelernt hutle; die falf,"" wur, dilti der »■niiiiirkii- De llnssy sich 
seinem Dienst mit schrankenloser HingL>bnng widmete. l>emenU|ire<-hend gibt es auch 
kein verläßlicheres Mittel, einen Menschen zu hi-leidigeii, nls indem niiin 110 tut, als 
habe man seinen Namen vergessen; man driicki diitnil nus. die Person »ei einem 10 
gleichgültig, duü man sich nicht die Mühe tu nt-hmeti briiucho, sich ihren Nmnen 
tu merken. Dieser Kunstgriff spielt »uch jn der Literatur eine gewisse Holle. So 
heißt CS in Turgenjews , Rauch' einmal: ,Sip finden Hndtm nnth iuiiner amüsant, 
Herr — Litvinov?' Ralmirov pllegle Litviiiova Nimien immer li'^irnd aiiiiiiisprechoii, 
als oh er »ich erst auf ihn hesinni-n niiillle. Dadurch, wie durch die hnchiniitigD Art, 
wie er seinen Hut heim <JruÜ lüflele, wollte er Lilvinov in «einem Stoli« krHnkcn.** 
An einer anderen Stelle in .Väter und Söhne' schreibt der Dichter; .Der Gouver- 
neur lud Kirsnnov und Boiarov lum Iliilh- ein und iviciiiThulIc diene ['inliidun^ einige 
Minuten später, wobei er sin als liriider 7.u bi'triichlfn »cliii-n und Kisiirov ansprach," 
Hier ergibt das Vergessen der früheren Einladung, die Irrung in den Namen und dio 
Unfähigkeit, die beiden jimgen Männer auseinmider iii hiillen. gerndemi eine Häufung 
TOD krankenden Momenten. Namenenlstcllung hat dieselbe Uedeulung wio Namen- 
vergeuen, es ist ein erster Schritt gegen das Vergctsen hin." 



• 






V, Das yersprechen 95 



beim Beginne durcli eine Lachsalve gestört zu werden. Der Pro- 
fessor erklärte mir dann diesen sonderbaren Empfang: ich sagte 
nämlich den Titel des Gedichtes ,Aus der Feme' ganz richtig, 
nannte aber als Autor nicht den wirklichen Dichter, sondern — 
mich selber. Der Name des Dichters ist Alexander (Sändor) 
P e t ö f i. Die Gleichheit des Vornamens mit meinem eigenen 
begünstigte die Verwechslung; die eigentliche Ursache derselben 
aber war sicherhch die, daß ich mich damals in meinen geheimen 
Wünschen mit dem gefeierten Dichterhelden identifizierte. Ich 
hegte für ihn auch bewußt eine au Anbetung grenzende Liebe 
und Hochachtung. Natürlicli steckt auch der ganze leidige Ambi- 
tionskomplex hinter dieser Fehlleistung.' 

Eine ähnliche Identifizierung mittels des vertauschten Namens 
wurde mir von einem jungen Arzt berichtet, der sich zaghaft und 
verehrungsvoll dem berühmten Virchow mit den Worten vor- 
stellte; Dr. Virchow. Der Professor wendete sich erstaunt zu 
ihm und fragte: Ah, heiBen Sie auch Virchow? Ich weiß nicht, 
wie der junge Ehrgeizige das Versprechen rechtfertigte, ob er die 
anmutende Ausrede fand, er sei sich so klein neben dem großen 
Namen vorgekoininen, daß ihm sein eigener entschwinden mußte, 
oder ob er den Mut hatte zu gestehen, er hoffe auch noch einmal 
ein so großer Mann wie Virchow zu werden, der Herr Geheim- 
rat möge ihn darum nicht so geringschätzig behandeln. Einer 
dieser beiden Gedanken — oder vielleicht gleichzeitig beide — 
mag den jungen Mann bei seiner Vorstellung in Verwirrung 
gebracht haben. 

Aus höchst persönlichen Motiven muß ich es in der Schwebe 
lassen, ob eine ähnliche Deutung auch auf den nun anzufülirenden 
Fall anwendbar ist. Auf dem internationalen Kongreß in Amsterdam 
1 907 war die von mir vertretene Hysterielehre Gegenstand einer 
lebhaften Diskussion. Einer meiner energischesten Gegner soll sich 
in seiner lirandrede gegen mich wiederholt in der Weise ver- 
sprochen haben, daß er sich an meine Stelle setzte und in meinem 



9^ Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Kamen sprach. Er sag^e z. li.: Ilroiicr und it li hiihcii iickannllich 
nachgewiesmi, wührend er nur iH'alisiihlifjcn konnio zu wigen; 
Breuer und Freud. Dor Name diosps Cit^gncrs 7.v\fr[ niiht die 
leiseste Klangähnlichkoii mit. dem iin'!iii;;cii. Wir werden durch 
dieses Beispiel wie dur(}i viele andere Fiill<> von Namen vertnuschung 
beim Vcrsprf^hen daiari ^enialinl, duü das Versprechen jener 
Erleichterung, dif ihm der (»leitliklaiifi' gewahrt, viillifr entbeln-en 
und sich nur auf verdeckte inlialtllclic ne/,ii'hun^eii"gesliil/.l durch- 
setzen kann. 

In anderen und weit bedeutsameren luilleii ist es Si-Ihslkritik, 
innerer Widerspruch ge^en die eigene ÄulicTuiig. was zum Ver- 
sprechen, ja zum I'',rsatz des Intendierten dun li seinen (legensalz 
niitigt. Man merkt dann mit l''.rstaunen, wie di-i- Wortlaut einer 
Beteuerung die Absteht derselben aullu-bt, luid ule <ler Sprech- 
fehler die innere Unaufricliligkcii liluligclcgi hat'. Das Ver.spr(H:hen 
wird hier zu einem mimischen Ausdnuksmiltcl, freilich oftmals 
für den Ausdruck dessen, was man nicbl sagen wollte, zu einem 
Mittel des Selbstvenals. So /. B, wemi ein Mann, der in seinen 
Beziehungen zum Weibe den sogenniuileu nonnalni \'(>rkehr niilit 
bevorzugt, in ein Gespräch i'iher ein (in- knkcll cikliines Mädchen 
mit den Worten einfaHi: Im Umgang mit mir wflrde .sie sich 
das Koöttieren schon abgewöhnen. Kein /weifcl. daB es nur 
das andere Wort koitiert-ii sein kann, dcs,s('n Einwirkung auf 
das intendierte kokci lir'icn solche Abiindcrung zuzuschreiben 
ist. Oder im folgenden Falb-: „Wir balieii einen Onkel, der schon 
seil Monaten sehr beleidigt ist, weil wii- ihn nie besuchen. Den 
Umzug in eine neue Widmung nehmen wir zum AnlaB, um nach 
langer /eil einmal bei ihtii zu erscheinen. Er hent sich an.'.cheinend 
sehr mit uns und sagt beim Abschied so recht gefühlvoll: ,Von 
nun an hoffe ich euch noch seltener zu .sehen als bisher'." 






i) Durch solche» Vpr«i)rprhrii Ijrfintlriuirkt 1. H. A ii n' ii ({ r ii li i- r im „G'wi«eni- 
wurm" den heuchlerisclie» Erbsclilt-ichcr. 



V. Das Versprechen 07 



Die zufällige Gunst des Sprachmaterials läßt oft Beispiele von 
Versprechen entstehen, denen die geradezu niederschmetternde 
Wirkung einer Enthüllung oder der volle komische Effekt eines 
Witzes zukommt. 

So in nachstehendem von Dr. Reitler beobachteten und mit- 
geteilten Falle: 

„,Diesen neuen, reizenden Hut haben Sie wohl sich selbst auf- 
gepfftzt?' sagte eine Dame in bewunderndem Tone zu einer 
anderen. — Die Fortsetzung des beabsichtigten Lobes mußte 
nunmehr unterbleiben; denn die im stillen geübte Kritik, der 
Hutaufputz sei eine ,Patzerei', hatte sich denn doch viel zu 
deutlich in dem unliebsamen Versprechen geäußert, als daß irgend- 
welche Phrasen konventioneller Bewunderung noch glaubwürdig 
erschienen wären." 

Milder, aber doch auch unzweideutig ist die Kritik in folgendem 
Beispiel: 

„Eine Dame machte bei einer Bekannten einen Besuch und 
wurde durch die wortreichen, weitschweifigen Erörterungen der 
Betreffenden sehr ungeduldig und müde. Endlich gelang es ihr, 
aufzubrechen, sich zu verabschieden, als sie, von der sie ins Vor- 
zimmer begleitenden Bekannten mit einem neuerlichen Wortschwall 
aufgehalten wurde und nun, schon im Weggehen begriffen, vor 
der Tür stehen und neuerdings zuhören mußte. Endlich unterbrach 
sie sie mit der Frage: ,Sind Sie im Vorzimmer zu Hause?' 
Erst an der erstaunten Miene bemerkte sie ihr Versprechen. Sie 
wollte, durch das lange Stehen im Vorzimmer ermüdet, das 
Gespräch mit der Frage: ,Sind Sie Vormittag zu Hause?' ab- 
brechen und verriet so ihre Ungeduld über den neuerlichen Auf- 
enthalt." 

Einer Mahnung zur Selbstbesinnung entspricht das nächste von 
Dr. Max Graf erlebte Beispiel: 

„In der Generalversammlung des Journalistenvereines ,Concordia* 
hält ein junges, stets geldbedürftiges Mitglied eine heftige Opposi- 

Frcud. IV. . 



gS Zur Psychopathologie des Alltagsicbrns 



lionsrede und sagt in seiner Kiregung: ,Die Herren Vorschuß- 
mitglieder' (anstatt Vorstands- oder Ausschußmitglieder). Die- 
selben haben das Recht, Oiirh'Iien zu hewilligoii, und auch der 
junge Redner liat ein Darlehensgesuch eingebracht." | 

An dem Beispiel „Vorschwein" halten wir gesohen, daß ein 
Versprechen leicht zustande kommt, wenn man sich bomülit hat, 
Schimjifworte zu unterdrücken. Man macht sich dann eben auf 
diesem Wege Luft: 

Ein Photograph, der sich vorgenommen hat, im Verkehr mit 
seinen ungeschickten Angestellten der Zoologii- auszuweichen, sagt 
zu einem Lehrling, der eine große, ganz volle Schale aus^eßen 
will und dabei natürlich die Hälfte auf den Boden schüttet: „Aber 
Mensch, sc hopsen Sie doch zuerst etwas davon ab!" Und bald 
darauf zu einer Geliilfin, die durch ihre Unvorsichtigkeit ein 
Dutzend wertvoller Platten gefährdet hat, im Fluß einer längeren 
Brandrede: „Aber sind Sie denn so h or n verbran n t . . ." 

Das nachstehende Beispiel zeigt einen ernsthaften Fall von Selbst- 
verrat durch Verspreclien. Kiiiige Nebetinin.^lünile berechtigen seine 
vollständige Wiedergabe aus der Mitteilung von A. A. liriU im 
„Zentralbl. f. Psychoanalyse", II. Jahrg.', 

„Eines Abends gingen Dr. Frink und ich spazieren und 
besprachen einige Angelegenlieiten der New YorkiT Psychoanaly- 
tischen Gesellschaft. Wir begegneten einem Kollegen, Herrn Dr. R., 
den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, und von dessen Privat- 
leben ich nichts wußte. — Wir freuten uns sehr, uns wieder zu 
treffen, und gingen auf meine Auffonlerung in ein Kaffeehaus, 
wo wir uns zwei Stunden lang angeregt nnierhielien. Kr schien 
von mir Näheres zu wissen, denn nach der gewölnilit^lien Begrüßung 
erkundigte er sich nach meinem kleinen Kinde und erklärte mir, 
daß er von Zeit zu Zeit übei- mich von einem gemeinsamen 
Freunde höre und sich für meine Tätigkeit interessiere, nachdem 



i) im „Zentralbl. f. Psychoannlyic" itrtiimlirlirrwfiie E. J n n p i lugochricben. 



F. Das Versprechen 



99 



er darüber in den medizinischen Zeitschriften gelesen hatte. 

Auf meine Frage, ob er verheiratet sei, gab er eine verneinende 
Auskunft und fügte hinzu; ,Wozu soll ein Mensch wie ich 
heiraten ?' " 

„Beim Verlassen des Kaffeehauses wandte er sich plötzlich an 
mich: ,Ich möchte wissen, was Sie in folgendem Falle tun würden- 
Ich kenne eine Krankenpflegerin, die als Mitschuldige in einen 
Ehescheidungsprozeß verwickelt war. Die Ehefrau klagte ihren 
Mann auf Scheidung und bezeichnete die Pflegerin als Mitschul- 
dige und er bekam die Scheidung\' — Ich unterbrach ihn, ,Sie 
wollen sagen, sie bekam die Scheidung.' — Er verbesserte sofort: 
»Natürlich, sie bekam die Scheidung,* und erzählte weiter, daß die 
Pflegerin sich derart über den Prozeß und Skandal aufgeregt habe, 
daß sie zu trinken begann, schwer nervös wurde usw., und fragte 
mich um meinen Rat, wie er sie behandeln solle." 

„Sobald ich den Fehler korrigiert hatte, bat ich ihn, ihn zu 
erklären, aber ich bekam die gewöhnlichen erstaunten Antworten; 
ob es nicht eines jeden Menschen gutes Recht sei, sich zu ver- 
sprechen, daß das nur ein Zufall sei, nichts dahinter zu suchen 
sei usw. Ich erwiderte, daß jedes Fehlsprechen begründet sein 
müsse, und daß ich versucht wäre zu glauben, daß er selbst der 
Held der Geschichte sei, wenn er mir nicht früher mitgeteilt 
hätte, daß er unvermähH sei, denn dann wäre das Versprechen 
durch den Wunsch erklärt, seine Frau und nicht er hätte den 
Prozeß verlieren sollen, damit er nicht (nach unserem Eherecht) 
Alimente zu zahlen brauche und in der Stadt New York wieder 
heiraten könne. Er lehnte meine Vermutung hartnäckig ab, 
bestärkte sie aber gleichzeitig durch eine übertriebene Affekt- 
reaktion, deutliche Zeichen von Erregung und danach Gelächter. 
Auf meinen Appell, die Wahrheit im Interesse der wissenschaft- 

i) „Nach unseren (amerikanischen) Gesetzen wird die Ehescheidune nur aus- 
gesprochen, wenn bewiesen wird, daß der eine Teil die Ehe gebrochen hat, und 
iwar wird die Scheidung nur dem betrogenen Teile bewilligt." 



loo Zur Psychopalhohgie des AUtagaMifns 

liehen Klarstellung m sagen, bekam ich die Antwort: ,Wenn Sie 
nicht eine Lüge hören wollen, müssen Sie an mein Junggesellen- 
lum glauben, und daher ist Ihre psychoanalytischt? Krklüiung durch- 
aus falsch.' — Er fügte noch hinzu, daß solch ein Mensch, der 
jede Kleinigkeit beachte, direkt gefahrlich sei. Plötzlich fiel ihm 
ein anderes Rendezvous ein, und er vernbschiodoto sich.' 

„Wir beide, Dr. Frink und ich, waren dennoch von meiner 
Auflösung seines Versprechens überzeugt, und ich beschloß, durch 
Elrkundigung den Beweis oder Gegc'nl)eweis zu i'rhnlten. — Einige 
Tage später besuchte ich einen Nachbar, einen allen Freund des 
Dr. R., der mir vollinhaltlich meine Erklärung bestätigen konnte. 
Der Prozeß hatte vor wenigen Wochen staltgefunden und die 
Pflegerin war als Mitschuldige vorgeladen worden. — Dr. R. ist 
jetzt von der Richtigkeit der F r o u d sehen Mechanismen fest 
überzeugt. " 

Der Selbstverrat ist ebenso unzweifelhaft in folgendem von 
O. Rank mitgeteilten Falle: 

„Ein Vater, der keinerlei patriotisches Gefühl besitzt und seine 
Kinder auch von diesem ihm überflüssig erscheinenden Empfinden 
frei erziehen will, tadelt seine Sühne wegen ihrer 'reilnahme an 
einer patriotischen Kundgebung und weist ihre Berufung auf das 
gleiche Verhalten des Onkels mit den Worten zurück: ,Gerade 
dem sollt ihr nicht nacheifern; der ist ja ein Idiot.* Das über 
diesen ungewohnten Ton des Vaters erstaunte Gesicht di^r Kinder 
macht ihn aufmerksam, daß er sich versprochen habe, und ent- 
schuldigend bemerkt er: Ich wollte natürlich sagen; Patriot. 

Als Selbstverrat wird auch von der Partnerin des Gesprächs ein 
Versprechen gedeutet, das J. Stärcko (I. c.) berichtet, und zu dem 
er eine treffende, wenn muli die Aufgabe di-r Deutung über- 
schreitende Bemerkung liin/.ufügt. 

„Eine Zabnürztin iialte mit ihrer Schwester verabredet, daß sie 
bei ihr einmal nachsehen würde, ob sie zwischen zwei Backen- 
zähnen wohl Kontakt hätlo (d. li. ol' die Backenzähne mit 



F. Das Versprechen loi 



ihren Seitenflächen einander berühren, so daß keine Nahrungs- 
reste dazwischen bleiben können). Ihre Schwester beklagte sich 
jetzt darüber, daß sie auf diese Untersuchung so lange warten 
mußte, und sagte im Scherze: ,Jetzt behandelt sie wohl eine 
Kollegin, aber ihre Schwester muß noch immer warten.* — Die 
Zahnärztin untersucht sie jetzt, findet wirklich ein kleines Loch 
in dem einen Backenzahn und sagt: ,Ich dachte nicht, daß es so 
schlimm war; ich dachte, daß du nur kein Kontant 
hättest... kein Kontakt hättest.* — ,Siehst du wohl,' 
rief ihre Schwester lachend, ,daß es nur wegen deiner Habsucht 
ist, daß du mich soviel länger warten läßt als deine zahlenden 
Patienten?!'" — 

(„Ich darf selbstverständlich meine eigenen Einfälle nicht den 
ihrigen hinzufügen oder daraus Schlüsse ziehen, aber beim 
Vernehmen dieser Versprechung ging mein Gedankengang sofort 
dahin, daß diese zwei Heben und geistreichen jungen Frauen 
unverheiratet sind und auch sehr wenig mit jungen Männern 
umgehen, und ich fragte mich selbst, ob sie mehr Kontakt mit 
jungen Leuten haben würden, wenn sie mehr Kontant hatten. ) 

Den Wert eines Selbstverrates hat auch nachstehendes, von 
Th. Reik (I. c.) mitgeteiltes Versprechen: 

„Ein junges Mädchen sollte einem ihr unsympathischen jungen 
Manne verlobt werden. Um die beiden jungen Leute einander 
näherzubringen, verabredeten deren Eltern eine Zu.sammenkunft, 
der auch Braut und Bräutigam in spe beiwohnten. Das junge 
Mädchen besaß Selbstüberwindung genug, ihren Freier, der sich 
sehr galant gegen sie benahm, ihre Abneigung nicht merken zu 
lassen. Doch auf die Frage ihrer Mutter, wie ihr der junge Mann 
gefiele, antwortete sie höflich: ,Gut. Er ist sehr liebenswidrig!'" 

Nicht minder aber ein anderes, das O. Rank als „witziges 
Versprechen" beschreibt. 

„Einer verheirateten Frau, die gern Anekdoten hört und von 
der man behauptet, daß sie auch außerehelichen Werbungen 






► 



loa Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

nicht abhold sei, wenn sie durch entsprechende Geschenke unter- 
stützt werden, erzählt ein junger Mann, der sich auch um ihre 
Gunst bewirbt, nicht ohne Absicht die folgende altbpkannte 
Geschichte. Von zwei Geschäftsfreunden hcTuüht sich der eine 
um die Gunsl der etwas spröden Frau seines Kompagnons; 
schlieÖUch will sie ihm diese gegen ein Gesclienk von lausend 
Gulden gewähren. Als nun ihr Mann verreisen will, borgt sich 
sein Kompagnon von ihm tausend Gulden aus und verspricht sie 
noch am nächsten Tage seiner Frau zurückzustellen. Natürlich 
gibt er dann diesen Betrag als vernieiiulicheu Liebeslohn der 
Frau, die sich schließlich noch entdeckt glaubt, als ihr zurück- 
gekehrter Mann die tausend Gulden verlangt und zum Schaden 
noch den Schimpf hat. — Als der junge Mann in der Erzählung 
dieser Geschichte bei der Stelle angelangt war, wo der Verführer 
zum Kompagnon sagt: ,Ich werde das Geld morgen deiner Frau 
zurückgeben*, unterbrach ihn seine Zuliürerin mit den viel- 
sagenden Worten: ,Sagen Sie, haben Sie mir dos nicht schon — 
zurückgegeben? Ab, pardon, ich wollte sagen — erzählt?' 
■ — Sie könnte ihre Bereitwilligkeit, sich unter denselben Bedingungen 
hinzugeben, kaum deutlicher kundgeben, ohne sie direkt 
auszusprechen." (Internat. Z*Mtschr. f. Psychoanalyse, I, 11)14.) 

Einen schönen Fall von solchem Selbstverrat mit harmlosem 
Ausgang berichtet V. Tausk unter dem Titel „Der Glauben der 
Väter": „Da meine Braut Christin wor", erzählte Herr A., „und 
nicht zum Judentum übLMtreten wollte, mußte ich selbst vom 
Judentum zum Chri.stenlum übertreten, um heiraten zu können. 
Ich wech.selte die Konfession nicht ohne inneren Wideretand, aber 
das Ziel schien mir den Konfessiotiswechsel zu rechtfertigen, und 
dies um so eher, als ich nur eine äußere Zugehörigkeit zum 
Judentum, keine religiöse Über/eugung, da ich eine solche nicht 
besaß, abzulegen hatte. Ich hahc mich trotzdem später immer 
zum Judentum bekannt und wenigt? nunner Bekannten wissen, 
daß ich getauft bin. Aus dieser lihe entstammen zwei Söhne, die 



V. Das Versprechen 105 



christlich getauft wurden. Als die Knaben entsprechend heran- 
gewachsen waren, erfuhren sie von ilirer jüdischen Abstammung, 
damit sie sich nicht, durch antisemitische Einflüsse der Schule 
bestimmt, aus diesem überflüssigen Grunde gegen den Vater 
kehrten. — Vor einigen Jahren wohnte ich mit den Kindern, 
die damals die Volksschule besuchten, zur Sommerfrische in D. 
bei einer Lehrerfamilie. Als w^ir eines Tages mit unseren, übrigens 
freundlichen Wirtsleuten bei der Jause saßen, machte die Frau 
des Hauses, da sie von der jüdischen Herkunft ihrer Sommer- 
partei nichts ahnte, einige recht scharfe Ausfälle gegen die Juden. 
Ich hätte nun tapfer die Situation deklarieren sollen, um meinen 
Söhnen das Beispiel vom ,Mut der Überzeugung* zu geben, 
fürchtete aber die unerquicklichen Auseinandersetzungen, die einem 
solchen Bekenntnis zu folgen pflegen. Außerdem bangte mir 
davor, die gute Unterkunft, die wir gefunden hatten, eventuell 
verlassen zu müssen und mir und meinen Kindern so die ohne- 
hin kurz bemessene Erholungszeit zu verderben, falls unsere 
Wirtsleute ihr Benehmen gegen uns, weil wir Juden waren, in 
unfreundlicher Weise verändern sollten. Da ich jedoch erwarten 
durfte, daß meine Knaben in fi-eimütiger Weise und unbefangen 
die folgenschwere Wahrheit verraten würden, wenn sie noch 
länger dem Gespräche beiwohnten, wollte ich sie aus der Gesell- 
schaft entfernen, indem ich sie in den Garten schickte. ,Geht in 
den Garten, Juden — ,* sagte ich und korrigierte schnell: 
Jungen'. Womit ich also durch eine Fehlleistung meinem , Mut 
der Überzeugung' zum Ausdruck verhalf. Die anderen hatten 
zwar aus diesem Versprechen keine Konsequenzen gezogen, weil 
sie ihm keine Bedeutung zumaßen, ich aber mußte die Lehre 
ziehen, daß der ,Glauben der Väter' sich nicht ungestraft verleugnen 
läßt, wenn man ein Sohn ist und Söhne hat." (Internat. Zeilschr. 
f. Psychoanalyse, IV. 1916. 

Keineswegs harmlos wirkt folgender Fall von Versprechen, den 
ich nicht mitteilen würde, wenn ihn nicht der Gerichtsbeamte 



i04 Zur Psychopathologie des AUtagsJebeiis 

selbst während des Verhörs für diese Sammlung aufgezeichnet 
hätte: 

Ein des Einbruchs beschulili{>;t(T Volkswchrmaiin sagt aus: „Ich 
■wurde seitlier aus dieser militärischen DiebsstoIIunf; noch nicht 
entlassen, gehöre also dorz-eil noch der \'(i]kswehr an." 

Erheiternd wirkt das Versprechen, wenn es als Mitlei benüty.i 
wird, um während eines Widerspruches zu bestiilipeu, was dem 
Arzte in der psychoaiialylischen Arbeit sehr willkommen sein 
mag. Bei einem meiner Patienlen hütle ich einst einen Traum 
zu deuten, in welchem der Name Jau ner vorkam. Der Träumer 
kannte eine Person dieses Namens, es Heß sich aber nicht finden, 
weshalb diese Person in di'ii /usarninciiliang des Traumes 
aufgenommen war, und darum wagte ich die Vermutung, es 
könne bloß wegen des Namens, d(^r an den Schimpf Gauner 
anklinge, geschehen sein. Der Patient widersjjrach rasch und 
energisch, verspracli sich aber dabei und bestätigte meine 
Vermutung, indem er sich der Ersetzung ein zweitesmal bediente. 
Seine Antwort lautete: „Das erscheint mir lioch zu jewagt." 
Als ich ihn auf das Vensprechen aufinerk.sam machte, gab er 
meiner Deutung nach. 

Wenn im ernsthaften Wortstreit ein solches Versprechen, 
welches die Redeabsicht in iln- Gegenteil verkehil, sich dem 
einen der beiden Streiter ereignet, so setzt es ihn sofort in Nach- 
teil gegen den anderen, der es selten versäumt, sich seiner 
verbesserten Posiiinn zu bedienen. 

Es wird dabei klar, daß die Menschen ganz allgemein dem 
Versprechen wie anderen KeliUeisiuiigeii diescflbe Deutung gehen, 
wie ich sie in <lie.sem Buche vertrete, auch wenn sie sich in der 
Theorie nicht fiir diese Auffassung einsetzen, und wenn sie für 
ihre eigene Person nicht geneigt sind, auf die mit der Duldung 
der Fehlleistungen verbundene IJe(iuemlichkeit zu ver/.ichten. Die 
Heilerkeit und tler Hohn, die solclies Fehlgr-hen der Rede im 
entscheidenden Moment mit Gewiüheit hervoirufen, zeugen gegen 



J^. Das F^ersprechen 



105 



die angeblich allgemein zugelassene Konvention, ein Versprechen 
sei ein Lapsus linguae und psychologisch bedeutungslos. Es war 
kein geringerer als der deutsche Reichskanzler Fürst B ü 1 o w, 
der durch solclien Einspruch die Situation zu retten versuchte, 
als ihm der Wortlaut seiner Verteidigungsrede für seinen 
Kaiser (November j 907) durch ein Versprechen ins Gegenteil 
umschlug. ■ ■ . , 

„Was nun die Gegenwart, die neue Zeit Kaiser Wilhelms IL, 
angeht, so kann ich nur wiederholen, was ich vor einem Jahre 
gesagt habe, daß es unbillig und ungerecht wäre, von 
einem Ring verantwortlicher Ratgeberum unseren 
Kaiser zu sprechen . . . (Lebhafte Zurufe: Unverantwortlicher), 
unverantwortlicher Ratgeber zu sprechen. Verzeihen Sie 
den Lapsus linguae." (Heiterkeit.) 

Indes, der Satz des Fürsten Bülow war durch die Häufung 
der Negationen einigermaßen undurchsichtig ausgefallen; die 
Sympathie für den Redner und die Rücksicht auf seine schwierige 
Stellung wirkten dahin, daß dies Versprechen nicht weiter gegen 
ihn ausgenützt wurde. Schlimmer erging es ein Jahr später an 
demselben Orte einem anderen, der zu einer rückhaltlosen 
Kundgebung an den Kaiser auffordern wallte und dabei durch 
ein böses Versprechen an andere in seiner loyalen Brust wohnende 
Gefühle gemahnt wurde: 

„Lattmann (Deutschnational): Wir stellen uns bei der 
Frage der Adresse auf den Boden der Geschäftsordnung 
des Reichstages. Danach hat der Reichstag das Recht, eine solche 
Adresse an den Kaiser einzureichen. Wir glauben, daß der einheit- 
liche Gedanke und der Wunsch des deutschen Volkes dahin geht, 
eine einheitliche Kundgebung auch in dieser Angelegen- 
heit zu erreichen, und wenn wir das in einer Form tun können, 
die den monarchischen Gefühlen durchaus Rechnung trägt, so 
sollen wir das auch rückgratlos tun. (Stürmische Heiterkeit, 
die minutenlang anhält.) Meine Herren, es hieß nicht rückgrat- 



lo6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

los, sondern rückhaltlos (Heiterkeit), und solche rückhaltlose 
Äußerung des Volkes, das wollen wir hoffen, nimmt auch unser 
Kaiser in dieser schweren Zeit entgegen." 

Der „Vorwärts" vom lü. November 1908 versäumte es nicht, 
die psycholofrische Uedeutung dieses Versprechens aufzuzeigen: „Nie 
ist wohl je in einem Parlament von einem Abgeordneten in unfrei- 
williger Selbstbezichliguiig seine und der Parlamentsmehrheit 
Hakung gegenüber dem Monarchen so Ireffi-nd gekennzeichnet 
worden, wie das dem Antisemiten La tt manu gelang, als er am 
zweiten Tage der Interpellation mit feierlichem Piillios in das 
Bekenntnis entgleiste, er und seine Freunde wollten dem Kaiser 
rückgratlos ihre Meinung sagen. — Stürmische Heiterkeit auf 
allen Seiten erstickte die weiteren Worte des Unglücklichen, der 
es noch für notwendig hielt, ausdrücklich enlsclmldigend zu 
stammeln, er meine eigentlich ,rück h a 1 1 1 s*." 

Ich füge noch ein lleispiel an, in dem das Versprechen den 
gerade unheimlichen Charakter (uner Prophezeiung bekam: Im 
Frühjahr 1925 erregte es in der internationalen Finanzwelt großes 
Aufsehen, daß der ganz junge liankier X., von den „neuen 
Reichen" in W. wohl einer der Neuesten, jedenfalls der Reichste 
und der an Jahren Jüngste, nnch kurzem Majoritiitskampfe in den 
Besitz der Aktienmajorität der ***IJank gelangte, was auch zur 
Folge hatte, daß in einer bemerkenswerten (Jeneral Versammlung 
die alten Leiter dieses Instituts, Finanzleute alten Schlages, nicht 
wiedergewählt wurden und der junge X. Präsident der Bank 
wurde. In der Abücliiedsrede, die dann das Verwallungsratmitglied 
Dr. Y. für den nicht wiedergewälilten allen Präsidenten hielt, fiel 
manchem Zuliörer ein wicderholles peinliches Versprechen des 
Redners auf. Es sprach immeifort vom dahinscheidenden 
(statt: dem ausst-liei(len(ieu) Präsidenten. -- Ms ei'eignete sich dann, 
daß der nicht wiedergewählte alte Präsident einige Tage nach 
dieser Versammlung starb. Kr halte aber das Alter von 80 Jahren 
überschritten ! (S t o r f e r.) 



f^. Das Versprechen 107 



Ein schönes Beispiel von Versprechen, welches nicht so sehr 
den Verrat des Redners als die Orientierung des außer der Szene 
stehenden Hörers bezweckt, findet sich im Wallenstein (Piccolo- 
mini, I. Aufzug, 5. Auftritt) und zeigt uns, daß der Dichter, 
der sich hier dieses Mittels bedient, Mechanismus und Sinn des 
Versprechens wohl gekannt hat. Max Piccolomini hat in der vor- 
hergehenden Szene aufs leidenschaftlichste für den Herzog Partei 
genommen und dabei von den Segnungen des Friedens geschwärmt, 
die sich ihm auf seiner Reise enthüllt, während er die Tochter 
Wallensteins ins Lager begleitete. Er läßt seinen Vater und den 
Abgesandten des Hofes, Questenberg, in voller Bestürzung zurück. 
Und nun geht der fünfte Auftritt weiter; 

QUESTENBERG: O weh unsl Steht es so? 

Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn 

Dahingehen, rufen ihn nicht gleich 

Zurück, daß wir die Augen auf der Stelle 

Ihm öffnen? 
OCTAVIO (aus einem tiefen Nachdenken zu sich kommend)'. 
Mir hat er sie jetzt geöffnet. 

Und mehr erblick' ich, als mich freut. 
QUESTENBERG: Was ist, Freund? 

OCTAVIO: Fluch über diese Reise I 

QUESTENBERG: Wieso? Was ist es? 
OCTAVIO: Kommen Sie! Ich muß 

Sogleich die unglückselige Spur verfolgen, 

Mit meinen Augen sehen — kommen Sie — 

(will ihn fortfahren). 
QUESTENBERG: Was denn? Wohin? 
OCTAVIO (pressiert): ' Zu ihrl 

QUESTENBERG: Zu — 
OCTAVIO (korrigiert sich): Zum Herzog I Gehen wirl usw. 

Dies kleine Versprechen „zu ihr" anstatt „zu ihm" soll uns 
verraten, daß der Vater das Motiv der Parteinahme seines Sohnes 
durchschaut hat, während der Höfling klagt: „daß er in lauter 
Rätseln zu ihm rede". 



r 



108 Zur Psyckopatlioto^ie des Alltagslebens 

Ein anderes Beispiel von poetischer Verwertun;; des Versprechens 
hat Otto Rank bei Shakespeare entdeckl. Ich zitiere Ranks 
Mitteilung nach dem Zetitnilhlutt für Psychoanalyse, I, 5: 

„Kin dichterisch überaus fein motiviertes und technisch gläazend 
verwertetes Voi-sprechen, welches wie das von Freud im 
„Wallenstein" aiifge/eif^te verrät, dal3 die Dicliter Mechanismus 
und Sinn dieser Kehlleistung wohl kennen und deren Verständnis 
auch beim Zuliörer voraussetzen, findet sidi in Sliakespeares 
„Kaufmann von Venedig" (III. Aufzufj, j. S/.eiie). Die durch 
den Willen ihres Vaters an die Wahl eines Gatten durch das Los 
gefesselte Porzia ist hislier allen ihren unliebsamen Freiern durch das 
Glück des Zufalls entronnen. Da sie endlich in Miis.sanio den Bewerber 
gefunden Iiat, dem sie wirklich zugetan ist, nudi sie fürchten, daß 
auch er das falsche Los zielien werde. Sie möchte ihm nini am liebsten 
sagen, daü ei' auch in diesem Fall ihrer Liebe sicher sein könne, ist 
aber durch ihr (ielüiide daran gehindert. In diesem inneren Zwiespalt 
läßt sie der Dichter zu dem willkommenen Freier sagen: 

Ich bitt' F.ucli, wartet; ein, /-wci Tapc nocli. 

Bevor Ihr wagtt denn wühli Ilir falsch, so büßL* 

Ich Kuern Umgang ein; darum vpr/.ii.'lil. 

Ein Etwas sagt mir (doch e» ist nicht Liebe), 

Ich möcht' Euch nicht verlieren ; — — — 

— — — Ich könnt' Euch leiten 

Zur rerhtPti Wahl, d-uin hrlicli' icii meinen F.id ; 

Das will ich nicht; so könnt liir mich verfehlen. 

Doch wenn Ilir's tut, maclil Ihr mich siindlicli wünschen. 

Ich häti' ihn nur gebrochen. O, der Augen, 

Die mich so ühersehn und mich gcleih ! 

Halb bin ich Euer, die andre Hälfte Euer — 

Mein wollt ich s a p c n ; doch wenn mein, dann Euer. 

Und 90 ganx Euer. 

(Nach der UbprUDliiiiij; van S c h 1 e f^ r I und Tieck.) 

Gerade das, was sie ihm als<i blol.! leise andeuten möchte, weil 
sie es eigentlich ihm überhaupt verschweigen sollte, daß sie nämlich 
schon vor der Wahl ganz die Seine sei und ihn liebe, das läßt 



f; 



V, Das Versprechen 



log 



der Dichter mit bewundernswertem psychologischen Feingefühl in 
dem Versprechen sich offen durchdrängen und weiß durcli diesen 
Kunstgriff die unerträgliche Ungewißheit des Liebenden sowie die 
gleichgestimmte Spannung des Zuhörers über den Ausgang der 
Wahl zu beruhigen." 

Bei dem Interesse, welche solche Parteinahme der großen Dichter 
für unsere Auffassung des Versprechens verdient, halte ich es für 
gerechtfertigt, ein drittes solches Beispiel anzuführen, welches 
von E. Jones mitgeteilt worden ist': 

„Otto Rank macht in einem unlängst publizierten Aufsatz 
auf ein schönes Beispiel aufmerksam, in welchem Shakespeare eine 
seiner Gestalten, die Porzia, ein ,Versprechen' begehen läßt, durch 
welches ihre geheimen Gedanken einem aufmerksamen Hörer 
offenbar werden. Ich habe die Absicht, ein ähnliches Beispiel aus 
,The Egoist', dem Meisterwerke des größten englischen Roman- 
schriftstellers, George M e r e d i t h, zu erzählen. Die Handlung des 
Romans ist kurz folgende: Sir Willoughby Patterne, ein von seinem 
Kreise sehr bewunderter Aristokrat, verlobt sich mit einer Miß 
Konstantia Durham. Sie entdeckt in ihm einen intensiven Egoismus, 
den er jedoch vor der Welt geschickt verbirgt, und geht, um der 
Heirat zu entrinnen, mit einem Kapitän namens Oxford durch. 
Einige Jahre später verlobt er sich mit einer Miß Klara Middleton. 
Der größte Teil des Buches ist nun mit der ausführlichen 
Beschreibung des Konfliktes erfüllt, der in Klara Middletons Seele 
entsteht, als sie in ihrem Verlobten denselben hervorstechenden 
Charakterzug entdeckt. Äußere Umstände und ihr Ehrbegriff fesseln 
sie an ihr gegebenes Wort, während ihr Bräutigam ihr immer 
verächtlicher erscheint. Teilweise macht sie Vernon Whitford, 
dessen Vetter und Sekretär (den sie zuletzt auch heiratet), zum 
Vertrauten. Er jedoch hält sich aus Loyalität Patterne gegenüber 
und aus anderen Motiven zurück. 

i) Ein Beispiel von literarischer Verwertung des Versprechens. ZenlTalbl, f. Psycho- 
analyse, I, 10. 



HO Zur Psychopatholof^ie des Alltagslebens 

In einem Monolog üher ihren Kummer spricht Klara folgender- 
maßen: ,Wenn doch ein edler Mann mich sehen kiinnte, wie ich 
bin, und es nicht zu gering erachtete, mir zu helfen! Oh! befreit 
zu werden aus diesem Kerker von Dornen und Gestrüpp. Ich 
kann mir allein meinen AVeg nicht bahnen. Ich bin ein Keigling. 
Ein Fingerzeig' — ich glaube, er würde mich verändern. Zu einem 
Kameraden könnt' ich niehii, blutig zerrissen und umbraust von 
Verachtung und Geschrei . , . Koiislantia begegnete einem Soldaten. 
Vielleicht betete sie, und ihr Gebet ward erhürt. Sie tat nicht 
recht. Aber, oh, wie lieb' ich sie darum. Sein Name war Harry 
Oxford . . , Sie schwankte nicht, sie riß die Kelten, sie ging offen 
zu dem andern über. Tapferes Mädchen wie denkst du über mich? 
Ich aber habe keinen Harry Whilford, ich bin allein.' — — 

Die plötzliche Erkeinitnis, daß sie einen anderen Namen für 
Oxford gebrauclit habe, traf sie wie ein Faustschlag und über- 
goß sie mit flammender Rute. 

Die Tatsache, daß die Nnmeti heider Männer mit ,ford* endigen, 
erleichtert das Verwechseln der beiden offensichtlich und würde von 
vielen als ein hinreichender Grund dafür angesehen werden. Der 
wahre tieferliegende (iruiid jedoch ist von dem Dichter klar aus- 
geführt. 

An einer anderen Stelle komint dasselbe Versprechen wieder vor. 
Es folgt ihm jene spontane llnschlüssigkeii und jener plötzliche 
Wechsel des Themas, mit denen uns die Psychoanalyse und Jungs 
Werk über die Assoziationen vertraut machen, und die nur ein- 
treten, wenn ein halbbewußter Komplex berührt wird. Patterne 
sagt in patronisierondem Tone von Whitford; ,Falsclier Alarm! 
Der gute alte Vernon ist gar nicht imstande, etwas Ungewöhn- 
liches zu tun.' Kliirn antwortet: ,Wcnn aber nun Oxford — 
Whitford... da — Ihre Schwäne kommen gerade den See 

i) Anmerkimg des tJberieUor» : Ich wollte uripriin glich d«i Orginal beckoning of 
f ßiger mit „leiier Wink" übcrtctzcn, bii mir klar wurde, ddÜ icli durch Untor- 
achlagung des Wortei „Fiiigcr" den Sntx einer piychologisclien l-'einlieit beraube. 



V. Das Versprechen \\\ 



durchsegelnd; wie schön sie aussehen, wenn sie indigniert sind! 
Was ich Sie eben fragen wollte. Männer, die Zeugen einer offen- 
sichtlichen Bewunderung für jemand anderen sind, werden wohl 
natürlicherweise entmutigt?' Sir Willoughby traf eine plötzliche 
Erleuchtung, er richtete sich steif auf. 

Noch an einer anderen Stelle verrät Klara durch ein anderes 
Versprechen ihren geheimen Wunsch nach einer innigeren Ver- 
bindung mit Vernon Whitford. Zu einem Burschen sprechend, sagt 
sie; ,Sage abends dem Mr. Vernon — sage abends dem Mr. Whit- 
ford. . . usw'.'" 

Die hier vertretene Auffassung des Versprechens hält übrigens 
der Probe an dem Kleinsten stand. Ich habe wiederholt zeigen 
können, daß die geringfügigsten und naheliegendsten Fälle von 
Redeirrung ihren guten Sinn haben und die nämliche Lösung zu- 
lassen wie die auffalligeren Beispiele. Eine Patientin, die ganz gegen 
meinen Willen, aber mit starkem eigenen Vorsatz einen kurzen 
Ausflug nach Budapest unternimmt, rechtfertigt sich vor mir, sie 
gehe ja nur für drei Tage dahin, verspricht sich aber und sagt: 
nur für drei Wochen. Sie verrät, daß sie mir zum Trotze lieber 
drei Wochen als drei Tage in jener Gesellschaft bleiben will, die 
ich als unpassend für sie erachte. — Ich soll mich eines Abends 
entschuldigen, daß ich meine Frau nicht vom Theater abgeholt, 
und sage: Ich war zehn Minuten nach lo Uhr beim Theater. 
Man korrigiert mich: Du willst sagen: vor lo Uhr. Natürlich 
wollte ich vor lo Uhr sagen. Nach lo Uhr wäre ja keine Ent- 
schuldigung. Man hatte mir gesagt, auf dem Theaterzettel stehe: 
Ende vor lo Uhr. Als ich beim Theater anlangte, fand ich das 
Vestibül verdunkelt und das Theater entleert. Die Vorstellung war 
eben früher zu Ende gewesen, und meine Frau hatte nicht auf 



i) Andere Beispiele von Versprechen, die nach des Dichters Absicht als sinnvoll, 
meist als SelLstverrat, aufgefaßt werden sollen, finden sich bei Shakespeare in 
Richard IL fll, 2\ bei Schiller im Don Carlos (11,8, Versprechen der Eboli). Es 
wäre gewiß ein leichtes, diese Liste zu venollständigen. 



j i a Zur Psychopathologie des AUtagslebens 

mich gewartet. Als ich auf die Uhr snh, fehlten noch fünf Minuten 
zu 1 o Uhr. Ich nahm mir aber vor, meinen Kall zu Hause günstiger 
darzustellen und zu sagen, es Imtteii noch zelm Minuten zur zehnten 
Stunde gefehlt. Leider verdarb mir das Versprechen die Absicht 
und stellte meine Unaufrichiigkeit bloB, indem es mich selbst mehr 
bekennen ließ, als icli /.u l)C'konneii hatte. 

Man gelangt von hier aus zu jenen Hedestürungen, die nicht 
mehr als Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das ein- 
zelne Wort, sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede 
beeinträchiigon, wie z. B. das Stamrnchi und Stottern der Verlegen- 
heit. Aber hier wie dort ist es der innere Konflikt, der uns durch 
die Störung der Rede verraten winl. Ich glaube wirklich nicht, 
daß jemand sich versprechen würde in der Audienz bei Seiner 
Majestät, in einer ernstgemeinten Liebesw erbung, in einer Ver- 
teidigungsrede um Ehre und Namen vor den Geschworenen, kurz 
in all den Fällen, in denen man ganz dabei ist, wie wir so 
bezeichnend ^agen. Selbst bis in die Schülzung des Stils, den ein 
Aulor sdireil)!, ilürlcti wir und sind wir gewohnt, das Krklärungs- 
prinzip zu tragen, welches wir bei der Ableitung des einzelnen 
Sprechfelilers niclit entbehren können. Kine klare und unzweideutige 
Schreibweise belehrt uns, daÜ der Autor hier mit sich einig ist, 
und wo wir gezwungenen und gewundenen Ausdruck finden, der, 
wie so richtig gesagt wird, nach mehr als einem Scheine schielt, 
da können wir den Anteil eines nicht genugsam erledigten, kom- 
plizierenden Gedankens erkennen oder die erstickte Stimme der 
Selbstkritik des Autors heraushören'. 

Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches liaben fremdsprachige 
Freunde und Kollegen begonnen, dem VersprecluMi, das sie in den 
Ländern ihrer /.irnge beobachten konnten, ihre Aufmerksamkeit 



tV qii'on riini^iit hitn 

S'arviOiKt clairemtiit 

Et Itt mtils paur le dirt 

Arrivmi miim,-nt, B o i 1 r « u. An pu6tique. 



1 



^. Das Versprechen 113 



zuzuwenden. Sie haben, wie zu erwarten stand, gefunden, daß die 
Gesetze der Fehlleistung vom Sprachmaterial unabhängig sind, und 
haben dieselben Deutungen vorgenommen, die hier an Beispielen 
von Deutsch redenden Personen erläutert wurden. Ich führe nur 
ein Beispiel anstatt ungezählt vieler an: 

Dr. A. A. Brill (New York) berichtet von sich: A friend descri- 
bed to me a nervous patient and wished to know whether 1 could 
benejit him. I remarked, I believe that in time I could remove all his 
Symptoms by psycho-analysis because it is a durable case wishing 
to say „curable"! (A contribution to the Psychopath ology of 
Everyday Life. Psychotherapy, Vol. III, Nr. 1, 1909.) 

Schließlich will ich für diejenigen Leser, die eine gewisse 
Anstrengung nicht scheuen und denen die Psychoanalyse nicht 
fremd ist, ein Beispiel anfügen, aus dem zu ersehen ist, in 
welche seelischen Tiefen auch die Verfolgung eines Versprechens 
führen kann. 

Dr. L. Jekels berichtet: „Am 11. Dezember werde ich von 
einer mir befreundeten Dame in polnischer Sprache etwas heraus- 
fordernd und übermütig mit den Worten apostrophiert: ,Waruni 
habe ich heute gesagt, daß ich zwölf Finger habe?* 
— Sie reproduziert nun über meine Aufforderung die Szene, in 
der die Bemerkung gefallen ist. Sie habe sich angeschickt, mit 
der Tochter auszugehen, um einen Besuch zu machen, habe ihre 
Tochter, eine in Remission befindliche Dementia praecox, auf- 
gefordert, die Bluse zu wechseln, was diese im anstoßenden 
Zimmer auch getan hat. Als die Tochter wieder eintrat, fand sie 
die Mutter mit dem Reinigen der Nägel beschäftigt^ und da 
entwickelte sich folgendes Gespräch: 

Tochter: ,Nun siehst du, ich bin schon fertig und du noch 
nicht!' 

Mutter: ,Du hast ja aber auch nur eine Bluse und ich 
zwölf Nägel.* 

Tochter: ,Was?* 

Frtud. IV. 8 



J14 



Zur Psychopathologie des AlUaffsJehens 



Mutter (ungeduldig): ,Nun natürlich, ich habe ja doch 
zwölf Finger.* 

Die Frage eines die Erziililung milanhöreiKieii Kollegen, was 
ihr zu zwölf einfalle, wird ebenso jirompt wie beslimint 
beantwortet : ,Zwülf ist für mich kein Datum (von 
Bed eutu ng).' 

Zu Finger wird unter einem leichten Zögern die Assoziation 
geliefert: ,In der Familie meines Mannes kamen sechs Finger an 
den Füßen (im Pulnisclien gibt es keinen eigenen Ausdruck 
für Zehe) vor. Als unsere Kinder zur Welt kamen, wurden 
sie sofort darauf untersucht, ob .sie nicht sechs Finger haben.* 
Aus äußeren Ursachen wurde an die.som Abend die Analyse 
nicht fortgesetzt. 

Am nächsten Morgen, dem 1 3. Dezember, besucht mich die 
Dame und erzählt mir siclitliih erregt: ,Denken Sie, was mir 
passiert ist^ seit etwa 20 Jahren gratuHere ich dem iihen Onkel 
meines Mannes zu seinem Geburlstag, der heute fallig ist, schreibe 
ihm immer am 11. einen Ilriefi und diesmal habe ich es ver- 
gessen und mußte soeben telograjib leren.' ' 

Ich erinnere mich und die Dame, mit welcher Bestimmtheit sie 
am gestrigen Abend die Frage des Kollegen noch der Zahl Zwölf, 
die doch eigentlich sehr geeignet war, ihr den Geburtstag in 
Erinnerung zu bringen, abgetan hat mit der Bemerkung, der 
Zwölfte sei für sie kein Datum von Bedeutung. 

Nun gesteht sie, dieser Onkel ihres Mannes sei ein Erbonkel, 
auf dessen Erbschaft sie eigentlich immer gerechnet habe, ganz 
besonders in ihrer jetzigen bedrängten finanziellen I^ige. 

So sei er, respektive sein Tod, ihr sofort in den Sinn gekommen, als 
ihr vor einigen Tagen eine Bekannte aus Karten prophezeit habe, 
sie werde viel (ield bekommen. Es schoß ihr sofort durch den 
Kopf, der Onkel sei der einzige, von dem sie, respektive ihre 
Kinder, Geld erhalten könnten; auch erinnerte sie sich bei dieser 
Szene augenblicklich, daß schon die Frau dieses Onkels versprochen 



V. Das Versprechen 115 



habe, die Kinder der Erzählerin testamentarisch zu bedenken; nun 
ist sie aber ohne Testament gestorben 5 vielleicht hat sie ilirem 
Manne den bezüglichen Auftrag gegeben. 

Der Todeswunsch gegen den Onkel muß offenbar sehr intensiv 
aufgetreten sein, wenn sie der ihr prophezeienden Dame gesagt 
hat: ,Sie verleiten die Leute dazu, andere umzubringen.' 

In diesen vier oder fünf Tagen, die zwischen der Prophezeiung 
und dem Geburtstage des Onkels lagen, suchte sie stets in den 
im Wohnorte des Onkels erscheinenden Blättern die auf seinen 
Tod bezügliche Parte. 

Kein Wunder somit, daß bei so intensivem Wunsche nach 
seinem Tode, die Tatsache und das Datum seines demnächst zu 
feiernden Geburtstages so stark unterdrückt wurden, daß es nicht 
bloß zum Vergessen eines sonst seit Jahren ausgeführten Vorsatzes 
gekommen ist, sondern auch, daß sie nicht einmal durch die Frage 
des Kollegen ins Bewußtsein gebracht wurden. 

In dem Lapsus ,zwölf Finger* hat sich nun die unterdrückte 
Zwölf durchgesetzt und hat die Fehlleistung mitbestimmt. 

Ich meine: mitbestimmt, denn die auffällige Assoziation zu 
jFinger* läßt uns noch weitere Motivierungen ahnen; sie erklärt 
uns auch, warum der Zwölfer gerade diese so harmlose Redensart 
von den zehn Fingern verfälscht hat. 

Der Einfall lautete: ,In der Familie meines Mannes kamen 
sechs Finger an den Füßen vor.' 

Sechs Zehen sind Merkmale einer gewissen Abnormität, somit 
sechs Finger e i n abnormes Kind und 

zwölf Finger zwei abnorme Kinder. 

Und tatsächlich traf dies in diesem Falle zu. 

Die in sehr jungem Alter verheiratete Frau hatte als einzige 
Erbschaft nach ihrem Manne, der stets als exzentrischer, abnormer 
Mensch galt und sich nach kurzer Ehe das Leben nahm, zwei 
Kinder, die wiederholt von Ärzten als väterlicherseits schwer 
hereditär belastet und abnorm bezeichnet wurden. 



L 



ii6 



Z«r Psychopathologie des AlltagsUihens 



Die ältere Tochter ist nach einem schweren katatonen Anfall 
vor kurzem nach Hause zurück^ckclirt; bald nachlier erkrankte 
auch die jüngere, in der Pubertät befindliche Tochter an einer 
schwerea Neurose. 

Daß die Ahnormitüt der Rinder hier zusammengestellt wird 
mit dem Sterbewunscho gegen den Onkel und sich mit diesem 
ungleich stärker unterdrückton und psychisch valenteren Element 
verdichtet, läDt uns als zweite Deierminierung dieses Versprechens 
den Todeswunsch 8*"^*^" die abnormen Kinder 
annehninn. 

Die prävalierende Bedeutung des Zwfilfprs als Sterbewunsch 
erhellt aber schon daraus, daß in der Vorstellung der Krzälilenden 
der Geburlstag des Onkels sehr ituiig assoziiert war mit dem 
Todesbegri FTe. I)<'imi ihr Mann hat sich am 13. das Leben 
genommen, also einen 'Jag nach dem Geburtstag ebendesselben 
Onkels, dessen Frau zu der jungen Witwe gesagt hatte: ,Gestem 
gratulierte er noch so herzlich und liel), — und heute!* 

Ferner will ich nodi bin/Aifügeri, daÜ die Dame auch genug 
reale Gründe hatte, den Kindern den Tod zu wünschen, von 
denen sie gar keine Freude erfuhr, sondern nur Kummer 
und arge Kinschriiiikungen ihrer Selbstbestini niuiig zu leiden 
hatte, und denen zuliebe sie auf jogliclies Liebesglück verzichtet 
hatte. 

Auch diesmal war sie außerordentlich bemüht, jeglichen Anlaß 
zur Verstimmung der Tochter, mit der sie zu Besuch ging, zu 
vermeiden^ und man kann sich vorstellen, welchen Aufwand an 
Geduld und Selbstverleugnung einer Dementia praecox gegenüber 
dies verlangt, und wie viele Wutregungen dabei unterdrückt 
werden müssen. 

Demzufolge würde der Sinn der Fehlleistung lauten: 

Der Onkel soll sterben, diese abnormen Kinder sollen sterben 
(sozusagen diese ganze abnorme Familie), und ich soll das Geld 
von ihnen haben. 



V, Das Versprechen 117 



. Diese Fehlleistung besitzt nach meiner Ansicht mehrere Merk- 
male einer ungewöhnlichen Struktur, und zwar: 

a) Das Vorhandensein von zwei Determinanten, die in einem 
Element verdichtet sind. 

b) Das Vorhandensein der zwei Determinanten spiegelt sich in 
der Doppelung des Versprechens (zwölf Nägel, zwölf Finger). 

c) Auffällig ist, daß die eine Bedeutung des Zwölfers, nämlich 
die die Abnormität der Kinder ausdrückenden zwölf Finger, eine 
indirekte Darstellung repräsentiert 5 die psychische Abnormität 
wird hier durch die physische, das Oberste durch das Unterste 
dargestellt"'. . ' ■■ . 



il Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, I, 1915. 



VI 

VERLESEN UNO VERSCHKKIÜEN 

Daß für die Fehler im Lesen und Schreiben die namhchen 
Gesichtspunkte und Bemerkungen Goltunp haheii wie für die 
Sprechfehler, ist bei der inneren Verwand tschwfi dieser Funktionen 
nicht zu verwundern. Ich werde mich hier darauf beschränken, 
einige sorcfiihiff analysierte Reispiolo mitzuteilen, und keinen 
Versuch unternehmen, das Ganze der Erscheinungen zu umfassen. 

A) VERLESEN 
l) Ich durchhlöltere im Kaffeehaus eine Nummer der „Leipziger 
Illustrierten", die ich schriig vor mir halte, und lese als Unter- 
sclirift eines sich über die Seile erstreckenden Bildes: Eine Hoch- 
zeltsfeier in der Odyssee. Aufmerksam geworden und verwundert 
rücke ich mir das Blatt zurecht und korrigiere jetxt; Eine Hoch- 
zeitsfeier an der Ostsee. Wie komme ich zu diesem unsinnigen 
Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich sofort auf ein Buch 
von Ruths „Experimentaluntersuchungen über Musikphantome 
usw."', das mich in der letzten Zeit viel bescliüfiigl hat, weil 
es nahe an die von mir iK^liandelien psychotogisclien ]*robleme 
streift. Der Autor verspricht für nächste Zeit ein Werk, welches 
„Analyse und {Jruiidgc^sc-tze der Trauniphänomene" heißen wird. 
Kein Wunder, daß ich, der ich eben (mir- „Traumdeutung" 
veröffentlicht liab(-, mit grilUter Spaiuiung diesem Buche eulgegen- 

i) Darmitadt i8gB boi H. L. Schlapp. 



■ I| 



VI. Verlesen und Verschreiben lig 



sehe. In der Schrift Ruths über Musikphantome fand ich vorn 
im Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des ausführUchen induktiven 
Nachweises, daß die althellenischen Mythen und Sagen ihre 
Hauptwurzeln in Schlummer- und Musikphantomen, in Traum- 
phänomenen und auch in Delirien haben. Ich schlug damals 
sofort im Texte nach, um herauszufinden, ob er auch um die 
Zurückführung der Szene, wie Odysseus vor Nausikaa 
erscheint, auf den gemeinen Nacktheitstraum wisse. Mich hatte 
ein Freund auf die schöne Stelle in G. Kellers „Grünem 
Heinrich" aufmerksam gemacht, welche diese Episode der Odyssee 
als Objektivierung der Träume des fern von der Heimat irrenden 
Schiffers aufklärr, und ich halte die Beziehung zum Exhibitions- 
traum der Nacktheit hinzugefügt (7. Aufl., S. 170). Bei Ruths 
entdeckte ich nichts davon. Mich beschäftigen in diesem Falle 
offenbar Prioritätsgedanken. 

2) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen: 
„Im Faß durch Europa", anstatt zu Fuß? Diese Auflösung 
bereitete mir lange Zeit Schwierigkeiten. Die nächsten Einfalle 
deuteten allerdings: Es müsse das Faß des Diogenes gemeint sein, 
und in einer Kunstgeschichte hatte ich unlängst etwas über die 
Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. E^ lag dann nahe, an die 
bekannte Rede Alexanders zu denken: Wenn ich nicht Alexander 
wäre, möchte ich Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von 
einem gewissen Hermann Zeitung vor, der in eine Kiste 
verpackt sich auf Reisen begeben hatte. Aber weiter wollte sich 
der Zusammenhang nicht herstellen, und es gelang mir nicht, 
die Seite in der Kunstgeschichte wieder aufzuschlagen, auf welcher 
mir jene Bemerkung ins Auge gefallen war. Erst Monate später 
fiel mir das beiseite geworfene Rätsel plötzlich wieder ein, und 
diesmal zugleich mit seiner Lösung. Ich erinnerte mich an die 
Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was für sonderbare Arten 
der Beförderung die Leute jetzt wählten, um nach Paris 
zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie ich 






l^ Zur Psychopathologie da Alltagskbens 



glaube, scherzhaft mitgott'ilt worden, daß irgend ein Herr die 
Absicht habe, sich von einem «ndpren Herrn in einem Faß nach 
Paris rollen zu lassen. Natürhch halten diesi? Leute kein anderes 
Moüv, als durch solche Torlieiton Aufsehen zu maclien. Hermann 
Zeitung war in der Tat der Name desjenigen Mannes, der für 
solche außergewöhnliciie Uefürdenuig das erste Beispiel gegeben 
halte. Dann fiel mir ein, daß iili einmal einen Patienten 
behandelt, dessen krankliafte Angst vor der Zeitung sich als 
Reaktion gegen den krankliaften Klirgeiz auflöste, sich gedruckt 
und als berühmt in der Zeitung erwähnt zu sehen. Der mazedonische 
Alexander war gewiß einer der ehrgeizig.sten Männer, die je gelebt. 
Er klagte ja, daß er keinen Homer finden werde, der seine 
Taten besinge. Aber wie konnte ich nur nicht daran denken, 
daß ein anderer Alexander mir näher stehe, daß Alexander 
der Name meines jüngeren Ilruders ist! Ich fand nun sofort den 
anstößigen und der Verdrängung bedürftigen Ge<lanken in betreff 
dieses Alexanders und die aktuelle Veranlassung für ihn. Mein 
Bruder ist Sachverständiger in Dingen, die Tarife und Trans- 
porte angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für seine 
Lehriiiiigkeit an einer kummerziellen Hochschule den Titel 
Professor erhalten. Für die gleiche Beförderung war ich an 
der Universität seit melneren Jaln-en vorgeschlagen, olme sie 
erreicht zu haben. Unsere Mutler äußerte damals ihr Befremden 
darüber, daß ihr kleiner Sohn eher Professor werden sollte 
als ihr großer. So stand es zur Zeil, als ich die Lösung für 
jenen Leseirrtum nicht finden konnte. Dann erhoben sich 
Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine Chancen, Professor 
zu werden, fielen nocli unter die meinigen. Da aber wurde mir 
plötzlich der Sinn jenes Verlesens oficiiljar^ <',s war, als halte die 
Minderung in den Chancen d.-.s Bruders ein Hindernis beseiügl. 
Ich hatte micli so benommen, als liise ich die Ernennung des 
Bruders in der Zeitung, und .-^agte mir dabei: Merkwürdig, daß 
man wegen .solclier Dunimheiien (wie er sie als Beruf betreibt) 



VI. Verlesen und Verschreiben 131 



in der Zeitung stehen (d. h. zum Professor ernannt werden) 
kann! Die Stelle über die hellenistische Kunst im Zeitalter 
Alexanders schlug ich dann ohne Mühe auf und überzeugte mich 
zu meinem Erstaunen, daß ich während des vorherigen Suchens 
wiederholt auf derselben Seite gelesen und jedesmal wie unter 
der Herrschaft einer negativen Halluzination den betreffenden 
Satz übergangen hatte. Dieser enthielt übrigens gar nichts, was 
mir Aufklärung brachte, was des Vergessens wert gewesen wäre. 
Ich meine, das Symptom des Nichtauffindens im Buche ist nur 
zu meiner Irreführung geschaffen worden. Ich sollte die Fort- 
setzung der Gedankenverknüpfung dort suchen, wo meiner Nach- 
forschung ein Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend 
einer Idee über den mazedonischen Alexander, und sollte so vom 
gleichnamigen Bruder sicherer abgelenkt werden. Dies gelang 
auch vollkommen; ich richtete alle meine Bemühungen darauf, 
die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte wieder aufzufinden. 

Der Doppelsinn des Wortes „Beförderung" ist in diesem 
Falle die Assoziationsbrücke zwischen den zwei Komplexen, dem. 
unwichtigen, der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem 
interessanteren, aber anstößigen, der sich hier als Störung des zu 
Lesenden geltend machen darf. Man ersieht aus diesem Beispiel, 
daß es nicht immer leicht wird, Vorkommnisse wie diesen Lese- 
fehler aufzuklären. Gelegentlich ist man auch genötigt, die 
Lösung des Rätsels auf eine günstigere Zeit zu verschieben. Je 
schwieriger sich aber die Lösungsarbeit erweist, desto sicherer darf 
man erwarten, daß der endlich aufgedeckte störende Gedanke von 
unserem bewußten Denken als fremdartig und gegensätzlich 
beurteilt werden wird. 

5) Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens, 
der mir eine erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch 
sofort meine Frau an und fordere sie zur Teilnahme daran auf, 
daß die arme Wilhelm M. so schwer erkrankt und von den 
Ärzten aufgegeben ist. An den Worten, in welche ich mein 



isa 



Zur Psychopathologie des AUtagsUbem 



Bedauern kleide, muß aber elwns falsch gekhuipen haben, denn 
meine Frau wird mißtrauisch, vorliuif^l den Hrief zu schon und 
äußert als ihre Überzeugung, so kiinne es nicht darin stehen, 
denn nioniaml nenno eine Krau nach dem Namen des Mannes, 
und überdies sei der Korrespnndeniin der Vorname der Frau sehr 
wohl bekannt. Ich verteidige meine Bcliaupluug hartnäckig und 
verweise auf die so gebriiurhlichen Visiikarten, auf denen eine 
Frau sich selbst mit dem Vornamen dt>s Mainies bt 'Zeichnet. Ich 
muß endlich den lirief /ur Hand nehmen, und wir lesen darin 
taisächhch „der arme W. M.", ja sogar, was ich ganz übersehen 
hatte: ,der arme Dr. W. M.". Mein Vorsehen bedeulct also einen 
sozusagen krampfhaften Versuch, die traurige Neuigkeit von dem 
Manne auf die Frau zu ül)erwQl7.en. Der zwischen Artikel, 
Beiwort und Name eingi-sclinbene Titel paßt schlecht zu der 
Forderung, es müßte die Frau gemeint sein. Darum wurde er 
auch beim Lesen beseitigt. Oas Motiv dieser Verrdlschung war 
aber nicht, daß tnir die Frau weniger symiwtliisch wäre als 
der Mann, sondern das Schicksal des armen Maimos liatte meine 
Besorgnisse um eine andere, mir nahe stehende Person rege 
gemacht, welche eine der mir bekannten Krankheitsbedingung:en 
mit diesem Falle gemeinsam hatte. 

4) Ärgerlich und lächerlich ist mir ein Verlesen, dem ich sehr 
häufig unterliege, weim ich in den Ferien in den Siraßen einer 
fremden Sudt siKiziere. Ich lose dann jede Ludentnfel, die dem 
irgendwie entgc^n-nkommt, als Antiquitäten. Hierin äußert 
sich die Abenlrucrlust dos Sammlers. 

5) Bleuler erzählt in seinem bedeutsamen lUuhe „Affek- 
tivitiit, Suggeslibilitiit, Paranoia" (190(1), S. 121: „Beim Losen 
hatte ich einmal das intelh-ktuelle Gefühl, zwei 'A-ilen weiter 
unten meinen Namen zu sehen. 7u meinem Krstounen finde ich 
nur das Wort ,]llutkJlrperchen'. Unter vielen Tausenden von mir 
analysierten Verlesungeji des peripheren wie des zentralen (Gesichts- 
feldes ist dieses der krasseste Fall. Wenn ich etwa meinen Namen 



yi. Verlesen und Verschreiben 123 



zu sehen glaubte, so war das Wort, das dazu Anlaß gab, meinem 
Namen meist viel ähnlicher, in den meisten Fällen mußten 
geradezu alle Buchstaben des Namens in der Nähe vorhanden 
sein, bis mir ein solcher Irrtum begegnen konnte. In diesem Falle 
ließ sich aber der Beziehungswahn und die Illusion sehr leicht 
begründen: Was ich gerade las, war das Ende einer Bemerkung 
über eine Art schlechten Stils von wissenschaftlichen Arbeiten, 
von der ich mich nicht frei fühlte." 

6) H. Sachs: „An dem, was die Leute frappiert, geht er in 
seiner Steifleinenheit vorüber." Dies Wort fiel mir aber 
auf und ich entdeckte bei näherem Hinsehen, daß es Stil- 
feinheit hieß. Die Stelle fand sich in einer überschwenglich 
lobenden Auslassung eines von mir verehrten Autors über einen 
Historiker, der mir unsympathisch ist, weil er das ,Deutsch- 
Professorenhafte* zu stark hervorkehrt." 

7) Über einen Fall von Verlesen im Betriebe der philologischen 
Wissenschaft berichtet Dr. Marcell Eibenschütz im Zentral- 
blatt für Psychoanalyse, I, g/6. „Ich beschäftige mich mit der 
Überlieferung des , Buches der Märtyrer', eines mittelhochdeutschen 
Legenden Werkes, das ich in den ,Deutschen Texten des Mittel- 
alters', herausgegeben von der Preußischen Akademie der Wissen- 
schaften, edieren soll. Über das bisher noch ungedruckte Werk war recht 
wenig bekannt; es bestand eine einzige Abhandlung darüber von J. 
Haupt ,Über das mittelhochdeutsche Buch der Märtyrer', Wiener 
Sitzungsberichte, 1867, 70. Bd., S. 101 ff. — H a u p t legte seiner 
Arbeit nicht eine alte Handschrift zugrunde, sondern eine aus neuerer 
Zeit (XIX. Jahrhundert) stammende Abschrift der Haupthandschrift 
C (Klosterneuburg), eine Abschrift, die in der Hofbibliothek auf- 
bewahrt wird. Am^ Ende dieser Abschrift steht folgende Subskription : 

Anno Domini MDCCCL in vigilia exaltacionis sancte crucis ceptus est 
iste liber et in vigHia pasce anni subsequentis ßnitus cum adiutorio 
omnipotentis per me Hartmanum de Krasna tunc temporis ecclesie niwen- 
burgensis custoderru 



I04 



Zur Ptydtopatfiohgie dei AUta^Ubera 



Haupt tt'ilt nun in seiner AbhiiiHlluiig dieso Subscnptio mit, in der 
Meinung, daU si« vom S<:lir«'il)er von C selbst licmilirc, und läßt C, 
mit konsequenter Vorlesung iln- rünii.sdi geschriebenen Jahreszahl 
i85o,iniJahre i'jgo geschrieben sein, trotzdem daU ur die Subscriptio 
vollstiintügrichliff k(i])ierthat,lrnl7.demdaBsie in der AbbnndUing am 
angeführten Orte vollsiünciig riihtig(iuhnHthMI)(X(>L)ab<n>drucktist. 

Die Mitteilung ILiupts bildete für mirh eine Quelle von 
Verlegenheiten, /unüchst stund ith nU bluijiniger Anfänger in 
der gelehrten Wissenschaft ganz unter der Autorität Haupts 
und las lange Zeit aus der vollkonnnen klar und richtig geilruckt 
vor mir liegenden Subscrijitio wie lliiupt i',5»> statt 1850J 
doch in der von mir benutzten Haiipiliandsthrift C war keine 
Spur irgend einer SubMriptio 7.u finden, es sirlhc >nh ferow 
heraus, daü im ganzen XIV. JahrInnKiert zu KUisli rneuburg kein 
Mönch namens Harhnann gelebt liiith-. l'nd als endlich der 
Schleier von meinen Augen «nik, da hatte ich auch schon den 
ganzen Sadiverhali erraten, und die weiteren Nachforschungen 
bestätigen meine Vermutung; die vielgeiiannte Sub.srriptio steht 
nämlich nur in der von Hnupt beiuilzten Abschrift und rührt 
von ihrem Schreiber her, I'. Hartman Zeibig, geb. zu Rrasna in 
Mahren, Augustinerciiorlierr zu Kloslerneuburg, der im Jahre 1850 
als Kirchenschat/.meister des Stiftes die Handschrift C abg(*schrieben 
und sich am l''.n<le seiner Abschrifl in [dlertOinlicher Weise selbst 
nennt. Die mittelalterlidie Diktion unii die alte Orthognipbie der 
Subscriptio haben wohl bei dem W u n s c li o Haupts, ülx'r das 
von ihm bebaniU-lte Werk milglichfit viel mitteilen zu köimen, 
also auch die Handschrift C zu datieren, mitgeholfen, daß 
er statt 1850 immer 1550 las. (Motiv der l'V'liIhandlung.)* 

8) In den „Witzigen und Satirischen l''.infiinen" von Lichten- 
berg findet sich eine lii'inerknng, die wohl einer Ik-obachtung 
entstammt und fast die ganze Theorie des Verleseiis enihalt: Er 
las immer Aga m em n an statt „angenommen", so sclir hatte 
er den Homer gelesen. 



FI. Verlesen und VerschreU^en , 35 



In einer übergroßen Anzahl von Fällen ist es nämlich die 
Bereitschaft des Lesers, die den Text verändert und etwas, worauf 
er eingestellt oder womit er beschäftigt ist, in ihn hineinliest. 
Der Text selbst braucht dem Verlesen nur dadurch entgegen- 
zukommen, daß er irgend eine Ähnlichkeit im Wortbild bietet 
die der Leser in seinem Sinne verändern kann. Flüchtiges Hin- 
schauen, besonders mit unkorrigi erlern Auge, erleichtert ohne 
Zweifel die Möglichkeit einer solchen Illusion, ist aber keineswegs 
eine notwendige Bedingung jFür sie. 

9) Ich glaube, die Kriegszeit, die bei uns allen gewisse feste 
und langanhaltende Präokkupationen schuf, hat keine andere 
Fehlleistung so sehr begünstigt wie gerade das Verlesen. Ich 
konnte eine große Anzahl von solchen Beobachtungen machen, 
von denen ich leider nur einige wenige bewahrt habe. Eines 
Tages greife ich nach einem der Mittags- oder Abendblätter und 
finde darin groß gedruckt: Der Friede von Görz. Aber nein, 
es heißt ja nur: Die Feinde vor Görz. Wer gerade zwei 
Söhne als Kämpfer auf diesem Kriegsschauplatze hat, mag sich 
leicht so verlesen. Ein anderer findet in einem gewissen Zusammen- 
hange eine alte Brotkarte erwähnt, die er bei besserer 
Aufmerksamkeit gegen alte Brokate eintauschen muß. Es ist 
immerhin mitteilenswert, daß er sich in einem Hause, wo er oft 
gern gesehener Gast ist, bei der Hausfrau durch die Abtretung 
von Brotkarten beliebt zu machen pflegt. Ein Ingenieur, dessen 
Ausrüstung der im Tunnel während des Baues herrschenden 
Feuchtigkeit nie lang gewachsen ist, liest zu seinem Erstaunen 
in einer Annonce Gegenstände aus „Seh und 1 eder" angepriesen. 
Aber Händler sind selten so aufrichtig; was da zum Kaufe empfohlen 
wird, ist Seehundleder. 

Der Beruf oder die gegenwärtige Situation des Lesers bestimmt 
auch das Ergebnis seines Verlesens, Ein Philologe, der wegen 
seiner letzten trefflichen Arbeiten im Streite mit seinen Fach- 
genossen liegt, liest „Sprachstrategie" anstatt Schach- 



ia6 



Zur Psychopathohf^ie drs AtUaf^slrht-ns 



Strategie. Ein Mann, der in einer fremden Stadt spazieren geht, 
gerade um die Stunde, auf welche seine durch eine Kur hergestellte 
Darmtatigkoit reguhort ist, liest auf einem groüen Schilde im 
ersten Stock eines hohen Wnrenhnuses: „K losetthnu s"i seiner 
Befriedigung darüber mengt sich doch ein Befremden Über die 
ungewöhnliche Unterbringung der wohküligi-n Ansudi Iwi. Im 
nächsten Moment ist die llclriedigiuig doch gescliwutiden, denn 
die 'I'afelaufschrift heißt richtiger: Korselt hau r. 

lo) In einer zweiten (Jruppe von [■allen ist der Anteil des 
Textes am Verlesen ein bei weitem griJüerer. Kr enthält etwas, 
was die Abwehr des Lesers rege macht, eine ihm peinliche Mit- 
teilung öder '/umuluiig. und erfalnl darum durch das Verlesen 
euie Korrektur im Sinin' der Aluveisung «drr Wunscherfülhing. 
Es ist dauii iiaiürlich unabweisbar an/.unehmen, duU der Text 
zunächst richtig aufgetionunen und bcmtcili wurdn, ehe er diese 
Korn'kiur ciTuhr, wnuigleich das licwuütsoin von dieser ersten 
I^ung nichts i-rfnhren hai. Das »rispiel 5 auf den vorsiehenden 
Seiten ist von dieser Art; ein anderes von liiichsler Aktualität 
teile ich hier nach Or. M. l'/iiingou (z. Z. im Kriegsspital in 
Igl6, Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, II, 1915) mit. 

Leutnant X., der sich mit einer kriegstraumaiischen Neurose 
in unserem Spital befindet, liest mir eines Tages den SchluÜvers 
der letzten Strophe eines (icdichtes des so früh gefallenen Dichters 
Walter Hey mann' in Mchtlicher Krgriffenheil folgendermnUen vor; 

Wo aber ilchl'» gcich rieben, frag' ich, daß von tWtsxi 
Ich übrig bli-ibcn loll. ein andrer für mich fallrn? 
Wer immer von euch riilh. (Irr itirbt gewiß für mich; 
Und ich loH übrig bleiben? warum denn nicht? 

Durth mein MeiVemden nuhnerksam gemacht, liest er dann, 
etwas betreten, richtig: 

Und ich «oll übrig blslbm? warum denn ich? 



1) W. H e y m K n n: Kripg»«cclichtir und FeldpoilbnefB, p. 1 1 : „!>•" AuiwchendMi." 



VI. Verlesen und Verschreiben 



127 



Dem Fall X. verdanke ich einigen analytischen Einblick in das 
psychische Material dieser ^Traumatischen Neurosen des Krieges', 
und da war es mir möglich, trotz der unserer Art zu arbeiten 
so wenig günstigen Verhältnisse eines Kriegslazaretts mit starkem 
Belag und wenig Ärzten, ein wenig über die als ,Ursache* hoch- 
bewerteten Granatexplosionen hinauszusehen. 

Es bestanden auch in diesem Falle die schweren Tremores 
die den ausgesprochenen Fällen dieser Neurosen eine auf den 
ersten Bück frappante Ähnlichkeit verleihen, Ängstlichkeit, Weiner- 
hchkeit, Neigung zu Wutanfällen mit konvulsiven, infantil- 
motorischen Entäußerungen und zu Erbrechen (,bei geringsten 
Aufregungen'). 

Gerade des letzteren Symptoms Psychogen eität, zunächst im 
Dienste sekundären Krankheitsgewinnes, mußte sich jedem auf- 
drängen: Das Erscheinen des Spitalskommandanten, der von Zeit 
zu Zeit die Genesenden sich ansieht, auf der Abteilung, die 
Phrase eines Bekannten auf der Straße: ,Sie schauen ja prächtig 
aus, sind gewiß schon gesund', genügen zur prompten Auslösung 
eines Brechanfalls. 

,Gesund... wieder einrücken... warum denn ich?...'" 

11) Andere Fälle von „Kriegs"-Verlesen hat Dr. Hanns Sachs 
mitgeteilt; 

„Ein naher Bekannter hatte mir wiederholt erklärt, er werde, 
wenn die Reihe an ihn komme, keinen Gebrauch von seiner, 
durch ein Diplom bestätigten Fachausbildung machen, sondern 
auf den dadurch begründeten Anspruch auf entsprechende Ver- 
wendung im Hinterlande verzichten und zum Frontdienst ein- 
rücken. Kurz bevor der Termin wirklich herankam, teilte er mir 
eines Tages in knappster Form, ohne weitere Begründung mit, 
er habe die Nachweise seiner Fachbildung an zuständiger Stelle 
vorgelegt und werde infolgedessen demnächst seine Zuteilung für 
eine industrielle Tätigkeit erhalten. Am nächsten Tage trafen wir 



i 



I 



laS Zwr Psychopathologie des Alltagslebeta 

uns in einem Amtsloltal. Ich stand gerade vor oinem Pulte und 
schrieb; er trat heran, sah mir eine Weile über ilif SchiUter und 
sagte dann: Ach, das Wort da oben heißt ,Oruckbügen* — 
ich habe es für ,D rü ckebergor' gelesen." (Internat. Zeit*chr. 
f. Psychoanalyse, IV. 1916/17.) 

13) „In der Tramway sitzend, dachte ich liarüber nach, daß . 

manche meiner Jugoiuifreunde, die immer als zart und scliwäcli- 
lich gegolten hatten, jetzt die nllerhärleslen Strnpa/.en zu ertragen 
imstande sind, denen ich ganz bestimmt erliefen würde. Mitten in 
diesem unerfreuhcheii (iedanknnz.uge las ich im Vurüberfjihren mit 
lialber Aufmerksamkeit die großen scliwor/-en lottern einer Firma- 
Ufel: ,Kisen konslitu tion'. Kinen Augenhlirk spater fiel mir 
ein, daß (heses Wort für eine (Jeschiift-'inulM hrift nicht re<lit passe; 
mich rasch umdrehend, erliaschie ich noch einen Blick auf die 
Inschrift und bwh, daß sie richtig , Eisen konstruk tion* 

lautete". (L. c.) 

15) „In den Abi-iidblüttern stand die inzwischen als unrichtig 
erkannte Rmiti-rdepesclie, daß Hughes zum Präsidenten der ■ 

Vereinigten Staaten pcMühlt sei. Anschließend daran erschien ein 
kurzer Lebenslauf des ariffcblich (Jewühlten und in diesem stieß 
ich auf die Mitteilung, daß Hughes in 11 cmi n llniversiliitsstudien 
absolviert habe. Es schien mir sonderbar, daß dieses Um^tandes in 
den wochenlaiigen Zeilungsdebatten, die di-m Wahllag voran- 
gegangen waren, keine Erwiilniung geschehen war. Nochmalige 
Überprüfung ergab denn auch, daß nur von der ,Hro\v n*-lJni- 
versitiit die Rede war. Dieser krasse Kall, bei dem für das 
Zustandekommen «Us \ rrlesens eitn* ziemlich große Gp%\altsnm- 
keit notwendig war, erkliirt sidi außer aus der Klüchtigkeit bei 
der /eitungsleklOre vor iillem daraus daß mir die Sympathie 
des neuen Präsidenten für die Mittelmikhie als Grundlage 
künftiger guter Ue/.ii'hungen nicht bloß aus jxilitischen, sondern 
auch darüber hiiuuiv iuis persönlichen (iründen wünschenswert 
schien." (L. c.) 



VI, Ferlesen und Verschreiben 129 

B) VERSCHREIBEN 

1) Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufeeichnungen 
meist von geschäftlichem Interesse enthalt, finde ich zu meiner 
Überraschung mitten unter den richtigen Daten des Monats Sep- 
tember eingeschlossen das verschriebene Datum „Donnerstag, den 
öo. Okt.". Es ist nicht schwierig, diese Antizipation aufzuklären, 
und zwar als Ausdruck eines Wunsches. Ich bin wenige Tage 
vorher frisch von der Ferienreise zurückgekehrt und fühle mich 
bereit für ausgiebige ärztliche Beschäftigung, aber die Anzahl der 
Patienten ist noch gering. Bei meiner Ankunft fand ich einen 
Brief von einer Kranken vor, die sich für den 20. Oktober 
ankündigte. Als ich die gleiche Tageszahl im September nieder- 
schrieb, kann ich wohl gedacht haben : Der X. sollte doch schon 
da seinj wie .-schade um den vollen Monat! und in diesem 
Gedanken rückte ich das Datum vor. Der störende Gedanke ist 
in diesem Falle kaum ein anstößiger zu nennen; dafür weiß ich 
auch sofort die Auflösung des Schreibfehlers, nachdem ich ihn 
erst bemerkt habe. Ein ganz analoges und ähnlich motiviertes 
Verschreiben wiederhole ich dann im Herbst des nächsten Jahres. 
— E. Jones hat älniliche Verschrei bungen im Datum studiert 
und sie in den meisten Fällen leicht als motivierte erkannt. 

2) Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum „Jahresbericht 
für Neurologie und Psychiatrie" und muß natürlich mit besonderer 
Sorgfalt die Automamen revidieren, die, weil verschiedenen Nationen 
angehörig, dem Setzer die größten Schwierigkeiten zu bereiten 
pflegen. Manchen fremd klingenden Namen finde ich wirklich 
noch zu korrigieren, aber einen einzigen Namen hat merkwürdiger- 
weise der Setzer gegen mein Manuskript verbessert, und zwar 
mit vollem Rechte. Ich hatte nämlich Buckrhard geschrieben, 
während der Setzer Burckhard erriet. Ich hatte die Abhandlung 
eines Geburtshelfers über den Einfluß der Geburt auf die Ent- 
stehung der Kinderlähmungen selbst als verdienstlich gelobt, wüßte 

Prsud. VI. g 



130 



Zur Psychopathologie des AUtagsl^tens 



auch nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den gleichen Namen 
wie er trägt auch ein SchrirtsU-IIcr in Wien, der mich durch eine 
unverständige Kritik über meine „Traumdeuiung" geiirgori hat. 
Es ist gerade so, als hätte ich mir bei der Nieiicm-Iirift des Namens 
Burckhard, der den Geburtshelfer iH'/i'ithneie, etwas Arges über 
den anderen B., den S(hrifi.si('ll,.r, gi-d-uhl, denn Namen verdrehen 
bedeutet häufig genug, wie ich Kchon beim Vt-rsprechen erwähnt 
li.ibe, Sclimähvnig'. 

5) Diese Helmuplung wird sehr schiin durxh eine Snlbslboobach- 
tung von A. J. Storfer bekrültigt, in wclihnr der Autor mit 
rühmenswerter Offeudieit die Motive kliirlcgt, die ihn den Namen 
eines venneiiuHchen Konkurrenten fnlscb erinnern und dann 
entstellt niederschreiben hidien: 

„Im Dezember IQ 10 sah ich im Schnufenster einer '/iiriclier 
nucbhandhuig das cbimals neue Ilucii von Dr. lüUiard Hitschmann 
über die Freudst:he Neurnsenb^bn-. Ich iubeileto <lamals gerade am 
Manuskript eines Vurlrngs, den ich demniichst in einem akademischen 
Verein über die (Jrundzüge (b'r l'Veudsclien Rsycliologie Imlten 
sollte. In der damals schon nieilerge.sihiiebenen Kinleilung des 
Vorinigs hatte it:b auf die bi.siori.scIiH I'lnlwicklung der Fi"eudschen 
Psychologie aus Korschungen auf einem angewandten Gebiete, auf 
gewisse, daiaus folgende Schwierigkeiten einer zusammen fassenden 
Darstellung der Grundzüge hingewiesen, und darauf, daU noch 
keine allgemeine Darstellung bestehe. Als ich das Ihuh (des mir 
bis dahin unbekannten Autors) im Schaufenster sah, «lachte ich 
zunächst nicht daran, es zu kavifen. Kinige Tage nachher bi'.schloß 
ich aber, es zu tun. Das Huch war nicbi mehr im Schaufenster. 
Ich nannte dem Buchhändler tias vor kurzum erschienene Buch; 



Vgl ttwi die Stcllp im „J u li 11 • C«i»r", IM, j: 
CINNA. Ehrlich, mein Name i«t Citina. 
BÜRGER. R»>iOt ihn in Stiicko I nr i»l «in Vorichworpnsr. 
CINNA. Tch bin (^innn d«r Pnrl! Ich bin nicht Cinnn dor Venchworciie. 
BuRtJF.H, Kl tut iiirhU; ivin Namn iit Ginn«, reiül ihm don Namtn am dam 
H«nen und laut ihn laufen. 



FI. Verlesen und Fersckreiien 151 



als Autor nannte ich ,Dr. Eduard Hartmann'. Der Buchhändler 
verbesserte: ,Sie meinen wohl Hitschmann', und brachte mir das 
Buch. 

Das unbewußte Motiv der Fehlleistung war naheliegend. Ich 
hatte es mir gewissermaßen zum Verdienst angerechnet, die Grund- 
züge der psychoanalytischen Lehren zusammengefaßt zu haben und 
habe offenbar das Buch Hitschmanns als Minderer meines Verdienstes 
mit Neid und Ärger angesehen. Die Abänderung des Namens sei 
ein Akt der unbewußten Feindseligkeit, sagte ich mir nach der 
,Psychopathologie des Alltagslebens'. Mit dieser Erklärung gab ich 
mich damals zufrieden. 

Einige Wochen später notierte ich mir jene Fehlleistung. Bei 
dieser Gelegenheit warf ich auch die Frage auf, warum ich 
Eduard Hitschmann gerade in Eduard Hartmann umgeändert 
halte. Sollte mich bloß die Namensähnlichkeit auf den Namen des 
bekannten Philosophen geführt haben? Meine erste Assoziation 
war die Erinnerung an einen Ausspruch, den ich einmal von 
Professor Hugo v. Meltzl, einem begeisterten Schopenhauerverehrer, 
gehört hatte und der ungefähr so lautete: ,Eduard v. Hartmann 
ist der verhunzte, der auf seine linke Seite umgestülpte Schopen- 
hauer*. Die affektive Tendenz, durch die das Ersatzgebilde für den 
vergessenen Namen determiniert war, war also: ,Ach, an diesem 
Hitschmann und seiner zusammenfassenden Darstellung wird wohl 
nicht viel daran sein; er verhält sich wohl zu Freud wie Hart- 
mann zu Schopenhauer'. 

Ich hatte also diesen Fall eines determinierten Vergessens mit 
Ersatzeinfall niedergeschrieben. 

Nach einem halben Jahre kam mir das Blatt, auf dem ich die 
Aufzeichnung gemacht hatte, in die Hand. Da bemerkte ich, daß 
ich statt Hitschmann durchwegs Hintschmann geschrieben hatte." 
(Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, II, 1914). 

4.) Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich 
vielleicht mit ebensoviel Recht dem „Vergreifen" einordnen könnte: 



»so 



Zur Psychopathologie des AUtagsltbens 



Ich habf dio Ali.si(lu, mir aus der l»oslspjirknsse din Sumiup von 
500 Kronen koinnimi zu lassen, dif ich oincm zum Kurf^brauch 
iibwcspiidon Verwnndipn schicken will. Ich bemerke dal»», daß 
mein Konto auf 4580 K lautet und nelunc mir vor, es jetzt auf 
die runde Summe von 4000 K Iierunler/usetzen, <lie in der nächsten 
Zeit nicht an^eprifii-n wenlf-n soll. Nachdem ich den Scheck 
ordnunpsmüßig ausgeschrieben limi die der Zahl entsprechenden 
Ziffern aiisp'scbnilten bnlio, merke ich iilölxlicli, daH ich nicht 
580 K, wie icli woUle, sondern p*ni(le 4^8 bestellt habe, und 
erschrecke über die IJn/.uverliissißkeit meines Tuns. Den Schreck 
erkenne ich bald als unheret Iitigt; ich bin ja jetzt nicht iirmer 
geworden, als ich vorher wav. Aber ich nniLl eine ganze Weile 
darüber nachsinnen, welcher l'jiilluÜ hier meine erste Intention 
gestürt hat, ohne sich meinem MewuUtsein anzuküniligr'n. Ich 
gerate zuerst auf falsche Wege, will die Ix'idm 'Aililen, ',80 und 
458, voneinander abziehen, wriH aii<'r dann nicht, was ich mit 
der Differenz anfangen soll, i'ltidlich zeigt mir ein plötzlicher 
Kinfall tlen wiihrcn /u.sainnicnhang. \.-^H ent-iipricht ja zehn 
Prozent lies ganzen Kontfis von ,|,*,Ho K! 1 o*/o Rabatt hat man 
aber beim Buchhändler. Ich besinne mich, daß ich vor wenigen 
Tagen eine An/abI medizinischer Werke, die ihr Interesse fDr 
mich verloren liahen, ausgesuibl, um sie dem Iluchiiändler gerade 
für 300 k anzubieten. V.v fand die Iwinlennig zu hoch und 
versprach, in den nächsten Tagfu cndgüllige Antwort zu sagen. 
Wenn er mein Angi-hot nnninunt, so hat er mir g<'rade die Summe 
enetzt, welche ich für den Kranken verau.sgaben .soll. I-iU ist nicht 
zu verkennen, <laü es mir um diese Ausg.ibc leid tut. Der Affekt 
bei der Wahrnehmung meines Irrtums liiUi si< h bes.ser verstehen 
als Furcht, dunli solche Ausgaben arm zu werden. Aber beide«, 
das fk^lauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknüpfte 
Verarmungsangst, sind meinern liewußt.sein vjillig fremd; ich habe 
das Eiedauern nicht verspürt, hI.s ich jetn- Siunme zusagte, und 
fände die Molivienmg dessen)en Ilicherlich. 1< h würde mir eine 



VI. Verlesen und Ferschreiben 135' 



solche Regung wahrscheinlich gar nicht zutrauen, wenn ich nicht 
durch die Übung in Psychoanalysen bei Patienten mit dem Ver- 
drängten im Seelenleben ziemlich vertraut wäre, und wenn ich 
nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt hätte, welcher die 
nämliche Lösung erforderte'. 

g) Nach W. Stekel zitiere ich folgenden Fall, für dessen 
Authentizitäl ich gleichfalls einstehen kann: „Ein geradezu un- 
glaubliches Beispiel im Verschreiben und Verlesen ist in der Redaktion 
eines verbreiteten Wochenblattes vorgekommen. Die betreffende 
Leitung wurde üffenüich als ,käufUch' bezeichnet; es galt, einen 
Artikel der Abwehr und Verteidigimg zu schreiben. Das geschah 
auch — mit großer Wärme und gi-oßera Pathos. Der Chefredakteur 
des Blattes las den Artikel, der Verfasser selbstverständlich mehrmals 
im Manuskript, dann noch im Bürstenabzug, alle waren sehr 
befriedigt. Plöt/.licli meldet sich der Korrektor und macht auf 
einen kleineu Fehler aufmerksam, der der Aufmerksamkeit aller 
entgangen war. Dort stand es ja deutlich: ,Unsere Leser werden 
uns das Zeugnis ausstellen, daß wir immer in eigennützigster 
Weise für das Wohl der Allgemeinheit eingetreten sind. Selbst- 
verständlich sollte es uneigennützigster Weise heißen. Aber die 
wahren Gedanken brachen mit elementarer Gewalt durch die 
pathetische Rede." 

6) Einer Leserin des „Pester Lloyd", Frau Kala Levy in 
Budapest, ist kürzlich eine ähnlich unbeabsichtigte Aufrichtigkeit 
in einer Äußerung aufgefallen, die sich das Blatt am 11. Oktober 1918 
aus Wien hatte telegraphieren lassen: 

„Als zweifellos darf auf Grund des absoluten Vertrauens- 
verhältnisses, das während des ganzen Krieges zwischen uns und 
dem deutschen Verbündeten geherrscht hat, vorausgesetzt werden, 
daß die beiden Mächte in jedem Falle zu einer einmütigen Ent- 

1) Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung: „Über den 
Traum", (Nr. VIII der „Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens", hg. von 
Löwcnfeld und Kurella, igoi. — Enthalten in Bd. III dieser Gesamt aus galie) 
lum Paradigma genommen habe. 



'54 Zar Psychopathohgüt des Alltagslebens 



Schließung p;olangori würden. Ks ist übnrflüssi^, noch ausdrücklich 
zu erwähnen, duÜ nuch in der gogonwiirlin;c-n l'liasp ein reg^s und 
lückonhaftos ZuKunmoniirhi-il.-ii der vcrbiiti<U-ton Diplomatien 
stattfindet." 

Nur wenige Wochen Äi>üter konnte injin sich librr dieses „Ver- 
irauensverhältnis" frcimiitlfjor iinUcrn, hnmrhtc man nicht mehr 
zum Verschreiben (oder Verdni(k<'n) zu flüchten. 

7) Kin in Kuropu wi'Üeiuler Anierikiiner, der seine Krau in 
schlechtem Kinvernehineii verlassen hat, f;laiibt, daü er sich nun 
mit ihr vers/ihnen künne, und fordert sie auf, iJim zu einem 
bestimmten Termin übeT den Ozean Tincli/ukommeti : „Rs wäre 
schön," Nchreibt er, „wenn Du wie ich mit der ,Maurelania* 
fahren könntest." Das Mlati, auf dem dieser Salz steht, getraut 
er sich dann aber nicht ub/uscliicken. Kr zii-ht es vor, es neu zu 
schreiben. [)enn er will nicht, dnli sie <lie Korn'klur bemerke, 
die an dem Namen des Schiffes notw<'iidlp geworden war. Er 
hatte nämlich anianglich „laisitnnia" geschrieben. 

Dies Verschreibi-n bedarf keiner l'.rläulerung. es ist ohne weiteres i 

deutbar. Doch läßt die (iunst des Zufalles noch einiges hinzufügen: 
Seine Frau war vor dem Kriege zum erstenmal nac!i Europa 
gefahren, nach dem Tode ihrer («inzigen Schwester, Wenn ich 
nicht im', ist die „Maurelania" das überlebende Schwesterschiff 
der während des Krieges versenkten „l.usitania". 

8) Kin Arzt hat ein Kind untersucht und .scbn-ibi nun ein 
Rezept für dasselbe nieder, in welcliem Alcoliol vorkommt. 
Die Mutter belustigt ihn während <lies<*r Tätigkeit mit törichten 
und überflüssigen l''ragen. Kr nimmt sich innerlich fest 
vor, sieb jetzt darüber nicht zu iirgern, führt diesen Vorsatz 
auch durch, hat sich aber wiihrend der Störung verschrieben. J 

Auf dem Rezept steht anstatt Alcohol zu lesen Achol'. 

g) Dt!r stofllichen VerwandLschaft wegtun reihe ich hier einen ^ 

Fall an, den E . Jones v<in A. A. Hrill berichtet. U^tzierer j 

Etwa: Keio« 0«1U. j 

1 



VI^ Verlesen und Verschreiben 



155 



hatte sich, obwohl sonst völlig abstinent, von einem Freunde 
verleiten lassen, etwas Wein zu trinken. Am nächsten Morgen 
gab ihm ein heftiger Kopfschmerz Anlaß, diese Nachgiebigkeit zu 
bedauern. Er hatte den Namen einer Patientin niederzuschreiben, 
die E t h e 1 hieß, und schrieb anstatt dessen E t h y 1". Es kam 
dabei wohl auch in Betracht, daß die betreffende Dame selbst 
mehr zu trinken pflegte, als ihr gut tat. 

Da ein Verschreiben des Arztes beim Rezeptieren eine Bedeutung 
beansprucht, die weit über den sonstigen praktischen Wert der 
Fehlleistungen hinausgeht, bediene ich mich des Anlasses, um die 
einzige bis jetzt publizierte Analyse von solchem ärztlichen 
Verschreiben ausführlich mitzuteilen: 

10) Dr. Ed. Hitschmann (Ein wiederholter Fall von 
Verschreiben bei der Rezeptierung) : „Ein Kollege erzählte mir, 
es sei ihm im Laufe der Jahre mehrmals passiert, daß er 
■eich beim Verschreiben eines bestimmten Medikaments für weib- 
liche Patienten vorgeschrittenen Alters irrte. Zweimal verschrieb 
er die zehnfache Dosis und mußte nachher, da ihm dies plötzlich 
einfiel, unter größter Angst, der Patientin geschadet zu haben 
imd selbst in größte Unannehmlichkeit zu kommen,- eiligst die 
Zurückziehung des Rezepts anstreben. Diese sonderbare Symptom- 
handlung verdient durch genauere Darstellung der einzelnen Fälle 
und durch Analyse klargelegt zu werden. 

Erster Fall: Der Arzt verschreibt einer an der Schwelle des 
Greisenalters stehenden armen Frau gegen spastische Obstipation 
zehnfach zu starke Belladonna-Zäpfchen. Er verläßt das Ambulatorium 
und etwa eine Stunde später fallt ihm zu Hause, während er 
Zeitung liest und frühstückt, plötzlich sein Irrtum ein^ es über- 
fällt ihn Angst, er eilt zunächst ins Ambulatorium zurück, um 
die Adresse der Patientin zu requirieren, und von dort in ihre 
weit entlegene Wohnung. Er findet das alte Weiblein noch mit 
unausgeführtem Rezept, worüber er höchst erfreut und beruhigt 



O Äthylalkohol. 



r 



»56 



Zur P^chopaüiologu; da AUtagsUbens 



heimkehir Rr entsrhuldip, »ich vor sich selK^t nicht ohne 
Berechtigung ,|,„nil, daü ihm der Rrspriichigr Chof der Ambulanz 
wähmnd <!.,- H,v,P,)ii,r ühor die Schulter geschaut und ihn 
gestört hatta 

Zweiter Fall; Der Ai-zi inuR sich aus seiner Ordination von 
einer koketten und pikani schönen Pulieniin losn-iüen, um ein 
alten'K Kräulein iir/tlich aufzusuchen. Kr h<>iiützt ein Autiimobil, 
da er nicht viel /i-it für dii-seii liesucli ill.rif; hat; denn er soll 
um eine htwtimrnle Siuiide, nahe von ihrer Wohnung, ein 
gehebtps junges M.idchen lieimhrh IrelTen. Audi hier ergibt sich 
die Indikation für IJ<-lIa(lonna wegm juialoger Besrlnverden wie 
im ersten Falle, l-j. wird wierler der Ki-hler begangen, das 
Medikament zehnfach zu slark zu rezejuieren. Die Fatientin brin^rt 
einiges nicht zum fiegeiistand gehörige lnleres.sanle vor, der Am 
aber verrät Ung-Kliild, weini er .sie auch mit Worten verleugnet, 
und verlaßt die Patientin, so da« er reichlich zurecht zum 
Rendezvou.s erscheint. Ktwa zwiilf Stunden nachher, gegen sieben 
IJhr murgons, erwacht der Arzt; der l'änfall .seines Verschreiljens 
und Angst treten fast gleichzeitig iu sein MewuIJl.sein, und er 
sendet rasch zu der Kranken, in der Hoffnung, dnH das Medi- 
kament noch nicht aus der Apotheke geholt sei, und bittet um 
lUuksiellung des Uezepts, um es zu revi<lien'n. Kr erhält jedoch 
das bereits ausgefillirie Kezept zurück und begilii sich mit einer 
gewissen stoisclien Resignatinu und dem Opliinismus des Krfahrenen 
in die Apotheke, wo ihn der Mrovi.sor damit beruhigt, daß er 
solbstverständiich {oder vielleicht aucli durch ein \'ersehen?J das 
Medikament in einer geringeren Dosis verabreicht habe. 

Dritter l-'all: Der Arzt will seiner greisen Tnnle, Schwester 
«einer Mutter, die Mischung von Tinci. b.lj.i.ionnae und Tinci. 
op" in liarmlnsrT Dosis verschreiben. Diis Ke/epi wird sofort 
durch das Mädchen in die Apotheke getragen. (Jair/. kurze Zeit 
später fallt ,!,.„, Ar/t ein, daß er «nstati linctura ,extractum' 
geschrieben habe, und gleich darauf ulephonicrt der Apotheker, 



FT. Perlesen und l^erschreiben 137 

über diesen Irrtum interpellierend. Der Arzt entschuldigt sich 
mit der erlogenen Ausrede, er hätte das Rezept noch nicht 
vollendet gehabt, es sei ihm durch die unerwartet rasche Weg- 
nehmung des Rezepts vom Tische die Schuld abgenommen. 

Die auffällig gemeinsamen Punkte dieser drei Irrtümer in der 
Verschreibung sind darin gelegen, daß es dem Arzte nur bei 
diesem einen Medikament bisher passiert ist, daß es sich jedesmal 
um eine weibliche Patientin im vorgeschrittenen Alter handelte 
und daß die Dosis immer zu stark war. Bei der kurzen Analyse 
stellte es sich heraus, daß das Verhältnis des Arztes zur Mutter 
von entscheidender Bedeutung sein mußte. Es fiel ihm nämlich 
ein, daß er einmal — und zwar höchstwahrscheinlich vor diesen 
Symptomhandlungen — seiner gleichfalls greisen Mutter dasselbe 
Rezept verschrieben hatte, und zwar in der Dosis von 0,05, 
obwohl die gewöhnliche 0.02 ihm geläufiger war, um ihr radikal 
zu helfen, wie er sich dachte. Die Reaktion der zarten Mutter 
auf dieses Medikament war Kopfkongestion und unangenehme 
Trockenheit im Rachen. Sie beklagte sich darüber m,it einer halb 
scherzhaften Anspielung auf die gefährlichen Ordinationen, die 
von einem Sohne ausgehen können. Auch sonst hat die Mutter, 
übrigens Arztenstochter, gegen gelegentlich vom ärztlichen Sohne 
empfohlene Medikamente ähnlich ablehnende, halb scherzhafte 
Einwendungen erhoben und vom Vergiften gesprochen. 

Soweit Referent die Beziehungen dieses Sohnes zu seiner Mutter 
durchschaut, ist er zwar ein instinktiv liebevolles Kind, aber in 
der geistigen Schätzung der Mutter und im persönHchen Respekt 
keineswegs übertrieben. Mit dem um ein Jahr jüngeren Bruder 
und der Mutter in gemeinsamem Haushalt lebend, empfindet er 
dieses Zusammensein seit Jalaren für seine erotische Fi-eiheit als 
Hemmung, wobei wir allerdings aus psychoanalytischer Erfahrung 
wissen, daß solche Begründungen zum Vorwand für inneres 
Gebundensein gern mißbraucht werden. Der Arzt akzeptierte die 
Analyse unter ziemlicher Befriedigung über die Aufklärung und 



138 



Zur Psychopathologie drs AtUagslt-bens 



meinte lächelnd, das Wort Belladonna = schöne Frau könnte 
auch eine erotische Beziehung bedeuten. Kr hat das Mediknmenl 
früher gelegentlich auch seihst verwendet." (Interniit. /(Mtschr. f. 
Psychoanalyse, I, 1915.) 

Ich möchte urteilen, daß solche ernsthafto Felilleistunpeii auf 
keinem anderen Wege Zustandekommen als die harmloseiij die 
wir sonst untersuchen. 

11) Für ganz besonders harmlos wird man das iiacliNleliende, 
von S. Ferenczi berichtete Versclireil)en halten. Man kann es 
als Verdichtungsleislung infolge vcin Ihigedulil deuten (vergl. das 
Versprechen; Der Ap f e, S. 70) und wird (hese Auffassung 
verteidigen dürfen, bis nicht etwa eine eingehend«' Analyse des 
Vorfalls ein stärkeres störendes Moment naclige wiesen hätte: 

„Hiezu paßt die Anektode" — schreibe ich ehimnl in mein 
Notizbuch. Natürlich meinte ich Anekdote, und zwar von 
einem zu Tode verurteilten Zigeuner, der sich die Gnade erbat, 
selber den Baum zu wählen, auf den er gchiingl werden soll. 
(Er fand trotz eifrigen Suchens keinen passenden Baum.) 

12) Andere Male kann im Gegensatz hiozu der unscheinbarste 
Schreibfehler gefährlichen geheimen Siini zum Ausdruck bringen. 
Ein Anonymus berichtet: 

„Ich schließe einen Brief mit den Worten: ,Herzüchste (Jrüße 
an Ihre Frau Gemahlin und ihren Sohn.' Knapp bevor ich das 
Blatt ins Kuvert stecke, bemerke ich den Irrtum im Anfangs- 
buchstaben bei jihren Sohn' und verbessere ilni. Auf dem Heimweg 
von dem letzten Besuche bei diesem IChopaar halte meine 
Begleiterin bemerkt, der Sohn sehe einem Ihinsfnnnid frappant 
ähnlich und sei auch sicher sein Kind." 

13) Eine Dame richtet an ihre S( hwesler einige beglück- 
wünschende Zeilen zum Einzug in deren neue und geräumige 
Wohnung. Eine dabei anwesen<le Fn-undiii bemerkt, daß die 
Schreiberin eine falsche Adresse auf d<'n Brief gesetzt hat, und 
zwar nicht die der eben verlassenen Wohnung, sondern die der 



"n 



VL Ferlesen und Ferschreiben 



139 



ersten, längst aufgegebenen, welche die Schwester als eben 
verheiratete Frau bezogen hatte. Sie macht die Schreiberin darauf 
aufmerksam. Sie haben reclit, muß diese zugeben aber wie 
komme ich darauf? Warum habe ich das getan? Die Freundin 
meint: Wahrscheinlich gönnen Sie ihr die schöne große Wohnung 
nicht, die sie jetzt bekommen soll, während Sie sich selbst im 
Raum beengt fülilen, und versetzen sie darum in die erste 
Wohnung zurück, in der sie es auch nicht besser hatte. — Gewiß 
gönne irli ihr die neue Wolmung nicht, gesteht die andere 
ehrlich zu. Sie setzt dann fort: Wie schade, daß man bei diesen 
Dingen immer so gemein ist! 

14) E. Jones teilt folgendes, ihm von A. A. Brill über- 
lassene Beispiel von Verschreiben mit: Fin Patient richtete an 
Dr. Brill ein Schreiben, in welchem er sich bemühte, seine 
Nervosität auf die Sorge und Erregung über den Geschäftsgang 
während einer ßaumwollkrise zurückzuführen. In diesem Schreiben 
h'io.Q es: my trouble is all due ta that damned frigid wavef 
therc is'nt cven atiy seed. Er meinte mit „wave" natürlich eine 
Welle, Strömung auf dem Geldmarkt; in Wirklichkeit schrieb er 
aber nicht wave, sondern wi/e. Auf dem Grunde seines Herzens 
ruhten Vorwürfe gegen seine Frau wegen ihrer ehelichen Kälte 
und ilirer Kinderlosigkeit, und er war nicht weit entfernt von 
der Erkenntnis, daß die ihm aufgezwungene Entbehrung einen 
großen Anteil an der Verursachung seines Leidens habe. 

15) Dr. R. Wagner erzählt von sich im Zentralblatt für 
Psychoanalyse, I, 12: 

„Beim Durchlesen eines ahen Kollegienheftes fand ich, daß 
mir in der Geschwindigkeit des Mitschreibens ein kleiner Lapsus 
unterlaufen war. Statt ,E/3ithel' hatte ich nämlich jErfithel* 
geschrieben. Mit Betonung der ersten Silbe gibt das das 
Diminutivum eines Mädchennamens. Die retrospektive Analyse 
ist einfach genug. Zur Zeit des Verschreibens war die Bekannt- 
schaft zwischen mir und der Trägerin dieses Namens nur eine 



140 



Zw Psychopathologie des Alltagslebens 



ganz oberfläcliliche, und erst viel spater wurde dariius ein intimer 
Verkelir. Das Verschreiben ist also ein hiib.sL-hei- Beweis für den 
Durchbruch der unbewuHten Neigung zu einer Zeil, wo ich 
selbst eigentlich davon noch keine Ahnung halte, und die gewählte 
Form des Diminutivums chiHiikterisicri glei(h/eitig die begleiteuden 
Gefühle." 

16) Frau Dr, \. H ug - Hei 1 mu i h: „Kin Ar/t verordnet 
einer Patientin Levitico- statt L e v i c o wnsser. Dieser Irrtvun, 
der einem Apotheker willkoninienen AnhiU /,u al)(idligcM lieiner- 
kungen gegeben hatte, kann leicht einer milderen Aulfassung 
begegnen, %venn man nach den möglichen Ik-i^cggrünilcn aus 
dem Unbev\-ußten forscht und ihnen, sind sie auch nui subjektive 
Annahme eines diesem Ancte hernsLehenden, eini- gewisse Walir- 
scheinlichkeil nicht von vornherein nhspriclil: Dieser Ar/.t erfi-eute 
sich, trotzdem er seinen Patienten ihre wenig rationelle Krniilnung 
in ziemlich derben Worten vorhielt, ihnen sozusagen die 
Leviten las, starken 7uspruchs, so daü sein V\ jirleziminer vor 
und in der Ordinationsstunde dicht besetzt war, wus den V\' misch 
des Arztes rechtfertigte, das Ankleiden der absolvierten l*iilienten 
möge sich möglichst rasch, uite, vitc voll/.ielien. Wie ich mich 
richtig zu erinnern glaubte, war seine (Gattin aus I-Vankreich 
gebürtig, was die etwas kühn scheinende Aimalnni', daÜ er sich 
bei seinem Wunsche nach größerer Geschwindigkeit scriner 
Patienten gerade der französischen Sprache bediente, einigerniaUen 
rechtfertigt. Obrigens ist es eine bei vielen Personen an/utretTende 
Gewohnheit, solchen Wünschen in fremder Sprache Worte zu 
verleihen, wie mein eigener Vater uns Rindei- hei Spaziergängen 
gern durch den Zuruf ^Avanti gioventu'^ oder ,Marchfz au pas' 
zur Eile drängte, dagegen wieder ein schon retlit bejahrter Arzt, 
bei dem ich als junges Mädchen wegen viiws Halsübebi in 
Behandlung stand, meine ihm allzu lasrhen IJewegungen durch 
em beschwichtigendes ,l'iaiiii, piarn*' zu hemmen suchte. So 
erscheint es mir recht gut denkbar, diili auch jener Arzt dieser 



f/, Verleien und Versdireiben xx\ 



Gewohnheit huldigte; und so »verschreibt' er Levitico- sutl 

Levicowasser.*' {Zentralblatt für Psychoanalyse, II, g.) 

Andere Beispiele aus der Jug;enderinnerung der Verfasserin 

ebendaselbst (f r a z o sisch statt französisch — Verschreiben des 

Namens Karl). 

17) Rin Verschreiben, das sich inhaltlich mit einem bekannten 
schlmhlen Wiiz deckt, bei dem aber die Witzabsicht sicherlich 
ausgeschlossen war. danke ich der Mitteilung eines Herrn J. G., 
von dem ein ariderer Beitrag bereits Erwidinung gefunden hat: 
„Als Patient eines l,Lungen-)Sanatoriums erfahre ich zu 
meinem Bedauern, daB bei einem nahen Verwandten dieselbe 
Kninklieit konstatiert wurde, die mich zur Aufsuchung einer 
Heilanstalt genötigt hat. In einem Briefe lege ich nun meinem 
Verwandten nahe, zu einem Spezialisten zu gehen, einem bekannten 
Professor, bei dem icli selbst in Behandlung stehe, und von dessen 
medizinischer Autorität ich überzeugt bin, während ich anderseits 
allen Grund habe, seine Unhöflichkeit zu beklagen; denn der 
bctrelfende Professor hat mir — erst kurze Zeil vorher ~ die 
Ausstellung eines Zeugnisses verweigert, das für mich von großer 
Wichtigkeit war. In der Antwort auf meinen Brief werde ich 
von meinem Verwandten auf einen Schreibfehler aufmerksam 
gemacht, der mich, da ich seine Ursache augenblicklich erkannte, 
außerordentlich erheiterte. Ich hatte in meinem Schreiben fol- 
genden Passus verwendet : , . . . übrigens rate ich üir, ohne 
Veraögerung Prof. X. zu insultieren.* Natürlich halte ich 
konsultieren schreiben wollen. — Es bedarf vielleicht des Hin- 
weises darauf. daB meine Latein- und Französischkenntnisse die 
Erklärung ausschalten, daß es sich um einen aus Unwissenheit 
resultierenden Fehler handelte." 

1 8) Auslassungen im Schreiben haben natürlich Ansnrucli auf 
dieselbe Beurteilung wie Versclireibungen. Im Zenlralblatt für 
Psychoanalyse, I, 12, hat Dr. jur. B. Dattner ein merkwürdiges 
Beispiel einer „historischen Fehlleistung'* mitgeteilt. In einem de?- 



14^ Zur Psychopathologie des Alltaßsifbrns 

Gesetzesarlikel über finanzielle VerpflichUmgen der beiden Staaten, 
welche in dem Ausgleich zwischen Östernnch und IJngani im 
Jahre 1867 veroinbart wurden, ist das Wort (fffekliv in der 
ungarischen Übei-setzung weppphliclion, imd Dnttner macht es 
wahrscheinlich, daß die mibt'vvuüto Sirömung der ungarischen 
Gesetzesredaktoren, Üsterreidi möglichst wenig Vorteile zuzugestehen, 
an dieser Auslassung beteiligt gewesen .sei. 

Wir haben auch allen (irund anzunehiniMi, dal) die so hiiufigen 
Wiederhohuigen derselben Worte beim Schreiben und Abschreiben 
— Perseverationen — gleichfalls niclii Id'di'iiüuigslds sind. Setzt 
der Schreiber dasselbe Wort, das er bereits geschrieben Iiat, noch 
ein zweites Mal hin, so zeigt ei- dainii wühl, daU er von diesem 
Worte nicht so leicht losgekommen ist, daß er an ilieser Stelle 
mehr hätte äußern können, was er aber unterlassen hai, oder 
ähnliches. Die Perseveration beim Abschreiben scheint die Äußerung 
eines „auch, auch ich" zu ersetzen. Ich habe lange gerichts- 
ärztliche Gutachten in der Hand geliai»!, welche Perseverationen 
von seilen des Abschreibers an besonder-s au.sgezeichnf^en Stellen 
aufwiesen, und hätte sie gern so gedeutel, als ob der .seiner 
unpersönliclien Rolle Überdrüssige die (ihisse einfügi-ji würde: Ganz 
mein Fall, oder ganz so wie bei uns. 

19) Es steht femer nichts im Wege, die nnnkfehler als „Ver- 
schreibungen" des Setzers zu behandeUi und sie als größtenteils 
motiviert aufzufassen. Kine systematische Sanunlung solcher Fehl- 
leistungen, die recht amüsant und lehrreit h aiislidlen könnte, habe 
ich nicht angelegt. Jones hat in si.-iner hier mehrfach erwähnten 
Arbeit den „Misprints" einen besonderen Absatz gewi(hnet. Auch 
die Entstellungen in Telegranmien lassen sich gelegentlich als 
Verschreibungon des Telegraph isten versieben. In den Sonimer- 
ferien trifft mich ein Telegramm meines Verlags, de.ssen Text 
mir unbegreiflich ist. Es lautet: 

„Vorrdfe erhalten, Ein/arfung X. <lringerul." Die Lösung 
des Rätsels geht von dem darin erwähnten Namen X. aus, X. ist 



f^I. Verlesen und Verschreiben ,^- 



doch der Autor, zu dessen Buch ich eine Einleitung schreiben 
soll. Aus dieser Einleitung ist die Einladung geworden. Dann darf 
ich mich aber erinnern, daß ich vor einigen Tagen eine Vorrede 
zu einem anderen Buch an den Verlag abgeschickt habe deren 
Eintreffen mir also so bestätigt wird. Der richtige Text hat sehr 
wahrscheinlich so geheißen: 

„Vorrede erhalten, Einleitung X, dringend." Wir dürfen 
annehmen, daß er einer Bearbeitung durch den Hunger- 
komplex des Telegraph isten zum Opfer gefallen ist, wobei übrigens 
die beiden Hälften des Satzes in innigeren Zusammenhang gebracht 
wurden, als vom Absender beabsichtigt war. Nebstbei ein schönes 
Beispiel von „sekundärer Bearbeitung", wie sie in den meisten 
Träumen nachweisbar ist". 

H. Silberer erörtert in der Internat. Zeitschrift für Psycho- 
analyse, VIH, 1922, die Möglichkeit „tendenziöser Druckfehler." 

Gelegentlich sind von Anderen Druckfehler aufgezeigt worden, 
denen man eine Tendenz nicht leicht streitig machen kann, so von 
Storfer im Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 1914: „Der politische 
Druckfehlei-teufel" und ibid. lU, iQig, die kleine Notiz, die ich 
hier abdrucke: 

30) „Ein politischer Druckfehler findet sich in der Nummer 
des ,März' vom 25. April d. J. In einem Briefe aus Argyrokastron 
wurden Äußerungen von Zographos, dem Führer der auf- 
ständischen Epiroten in Albanien (oder wenn man wUl: dem 
Präsidenten der unabhängigen Regierung des Epirus) wiedergegeben. 
Unter anderem heißt es: ,Glauben Sie mir; ein autonomer Epirus 
läge im ureigensten Interesse des Fürsten Wied. Auf ihn könnte 
er sich stürzen. . .' Daß die Annahme der Stütze, die ihm die 
EpiroLen anbieten, seinen Sturz bedeuten würde, weiß wohl der 
Fürst von Albanien auch ohne jenen fatalen Diuckfehler." 

21) Ich las selbst vor kurzem in einer unserer Wiener Tage,s- 
zeitungen einen Aufsatz „die Bukowina unter rumänischer 

Vg!. Traumdeutung, siebonle Aunage, igaa, Abschnitt über die Trauraarbeit. 



J44 2«r Psychopathologie des Alltagü^ns 



Herrschaft", dessen Übcrschrirt man /.um mindesten als verfrüht 
erklären dui-fte, denn damals Imllcn sich die Rumänen noch nicht 
zu ihrer Feindseligkeit bekannt. lus hülle nach dem Inhalt inizweifel- 
haft russisch anstatt rumänisch heißen müssen, abiM- iiuih dem 
Zensor scheint die Zusammi-iistelluiig so wi'ni^ befremdend gewesen 
zu sein, daß er selbst diesen Druckfehler übersah. 

Es ist schwer, nicht an einen „iiolitischeii" Druckfehler zu denki-n, 
wenn man in dem gedruckten '/irkular di'i riilnuHch bekamilen 
(ehemaligen k. k. Hof-)Buchdru(ki'rpi Karl Prochaska in Teschen 
folgende ortliographische Verschreibung liest: 

„P. T. Durch den Maclitspruch der lüitente wurde durch die Bestim- 
mung des Olsaflusses als Grenze nicht imr Schlesien, sondern auch 
Teschen in zwei Teile geteilt, von welchen einer Polen, der andere 
der Tschecho-SIovakei zufiel." 

In amüsanter Weise mußte sich Tli. Fontane einmal gegen 
einen allzu sinnreichen Druckfehler zui- Wdin- setzen. Er schrieb 
am 29. März 1860 an den Verleger Julius Springer: 

Sehi- geehrter Herr! 

Es scheint mir nicht beschieden, meine kleinen Wünsche in 
Erfüllung gehen zu sehen. Kin Einblick in den Korrekturbogen', 
den ich beischließe, wird Ihnen sagen, was ich meine, Auch hat 
man mir nur einen Bogen geschi( kt, wiewohl ich zwei, aus 
angegebenen Grilnden, liraiiche. Aiit h die Wifdereinseiidung des 
ersten Bogens zu nochnialiger Diinhsicht — nammtlich der 
englischen Wörter und Sätze lialbi-r - ist nicht erfolgt. 
Mir liegt sehr daran. Seile a~ heißt es z. B. im heutigen Korrektur- 
bogen in einer Szene zwisclien Johti Kimx und der Königin: 
„worauf Maria aasrief." Soldien fuhninaiUen Sachen gegenüber 



i) El handelt «ich um den nrmW ili-d i8(iii l)i'i Julius SjirJnRrr cnchienpUMi 
Buches ^JentciU d«t Tw«ed, Oildcr und Uricfc nu« Schnlllanü." 



r 



VL l' erlesen und Verschreiben 145 

will man gern die Beruhigung haben, daß der Fehler auch wirklich 
heseili^ ist. Eis ist dies unglückliche „aas" statt „aus" um so 
schlimmer, als kein Zweifel ist, daß sie (die Könlein) ihn im 
stillen wirklich so genannt haben wird. Mit bekannter Hochachtung 

Ihr ergebenster Th. Fontane. 

Wundt gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht 
zu bestätigende Tatsache, daß wir uns leichter verschreiben als 
verspreclien (1. c. S. 574.)- „Im Verlaufe der normalen Rede ist 
fortwährend die Hemmungsfunktion des Willens dahin gerichtet, 
Vorslellungsverlauf und Artikulationsbewegung miteinander in 
Einklang zu bringen. Wird die den Vorstellungen folgende Aus- 
drucksbewegung durch mechanische Ursachen verlangsamt wie 
beim Schreiben . . . , so treten daher solche Antizipationen besonders 
leicht ein." 

Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen 
auftritt-, gibt Anlaß zu einem Zweifel, den ich nicht unerwähnt 
lassen möchte, weil er nach meiner Scliätzung der Ausgangspunkt 
einer fruchtbaren Untersuchung werden kann. Es ist jedermann 
bekannt, wie häufig beim Vorlesen die Aufmerksamkeit des 
Lesenden den Text verläßt und sich eigenen Gedanken zuwendet. 
Die Folge dieses Abschweifens der Aufmerksamkeit ist nicht 
selten, daß er überhaupt nicht anzugeben weiß, was er gelesen 
hat, wenn man ihn im Vorlesen unierbricht und befragt. Er 
hat dann wie automatisch gelesen, aber er hat fast immer richtig 
vorgelesen. Ich glaube nicht, daß die Lesefehler sich unter solchen 
Bedingungen merklich vermehren. Von einer ganzen Reihe von 
Funktionen sind wir auch gewohnt anzunehmen, daß sie 
automatisch, also von kaum bewußter Aufmerksamkeit begleitet, 
am exaktesten vollzogen werden. Daraus scheint zu folgen, daß die 
Aufmerksamkeitsbedingung der Sprech-, Lese- und Schreibfehler 
anders zu bestimmen ist, als sie bei Wundt lautet (Wegfall 
oder Nachlaß der Aufmerksamkeit). Die Beispiele, die wir der 
Analyse unterzogen haben, gaben uns eigentlich nicht das Recht, 

Freud, IV 10 



h6 '^"f PsychoparhoJogU des ylillagsleUns 



eine quantitative Verminderung der Aufmerksamkeit nnzunehmeni 
wir fanden, was vielleirlit nicht ganz dasselbe ist, eine Störung 
der Aufmerksamkeit durch einen fremden, Anspruch erhellenden 
Gedanken. 

* 

Zwischen „Verschreiben" und „Vff^"«en" darf man den Fall 
einschahen, daD jemand eine Unterschrift. an/ul>ringeri vergißt. 
F,in nicht unterschriebener Scheck ist soviel wie ein ver- 
gessener. Für die Bedeutung eines solchen Verge&sens will ich 
eine Stelle aus einem Roman nnführon, di»' Dr. IL Sachs 
aufgefallen ist: 

„Ein sehr lehrreiches und dun li.sicliiigcs IJeispiel, mit welcher 
Sicherheit die Dichter den Merhaiiismus lU-r Fehl- und 
Sj-mptom Handlungen im Sinne der P.syrhoatiaIyse zu verwenden 
wissen, enthält der Rnman von John fialsworlhy: ,The 
Island Pharisees.* Im Mittelpunkte stein das Schwanken eines 
jungen Mannes, der dem reichen Milleisland angehart, /wischen 
tiefem sozialen Mitgefühl und den gpsellschaflliciu'n Kon- 
ventionen seiner Klasse. Im XXVI. Kapitel wird geschildert, wie 
er auf einen Brief eines jungcMi Vogiibundeii reagiert, tlen er, 
durch seine originelle Lebensauffassung ange/ngeii, einigemal 
unterstüut hatte. .Der Brief enllmlt keine direkte Bitte um Geld, 
aber die Schilderung einer gruUen Notlage, die keine andere 
Deutung zulaßt Der Fmpfanger weist zunächst den (Jediinken 
von sich, das Geld an einen Unverbesserlichen wi>g/,u werfen, 
statt damit wohltätige Anstalten zu unterstützen. ,K\nv licUeiKlo 
Hand, ein Stück von sich seih*,!, ein knmeradscliniiliclies Nicken 
einem Mitgeschöpf zu geben, ohne Bii(,k,si( ht auf einen Anspruch, 
nur weil es ihm eben schlecht ging, welch ein sontimenlaler 
Unsinn! Irgendwo muü der Schcideslrich gezogen werden!' Aber 
während er diese SchluUirilgerung vor sich liiiimurmelte, fühlte 
er, wie seine Aufrichtigkeit Kiiisi)ruch erhob: ,Schwinfiier! Du 
willst dein Geld behalten, das ist alles!* 



1 



( 



r/. y^rhrsen und Verschreiben 



147 



Er schreibt daraufhin einen freundlichen Brief der mit den 
Worten endigt: ,Ich schließe einen Scheck bei. Aufrichtig Ihr 
Richard Slielton.* 

,Bevor er noch den Scheck geschrieben hatte, lenkte eine 
Motte, die um die Kerze scliwirrte, seine Aufmerksamkeit ab- 
er ging daran, sie zu fangen und im Freien loszulassen, darüber 
vergaß er aber, daß der Scheck nicht in den Brief eingeschlossen 
war.* Der Brief wird auch wirklich, so wie er ist, befördert. 

Das Vergessen ist aber noch feiner motiviert als durch die 
Durchsetzung der scheinbar übervvundenen selbstsüchtigen Tendenz, 
sich die Ausgabe zu ersparen. 

Shelton fühlt sich auf dem Landsitz seiner künftigen 
Schwiegereltern mitten zwischen seiner Braut, ihrer Familie und 
deren Gasten vereinsamt; durch seine Fehlhandlung wird 
angedeutet, daß er sich nach seinem Schützling sehnt, der durch 
seine Vergangenheit und Lebensauffassung den vollsten Gegen- 
satz zu der iliti umgebenden tadellosen, nacli ein und derselben 
Konvention gleichförmig abgestempelten Umgebung bildet. Tat- 
sächlich kommt dieser, der ohne die Unterstützung sich auf 
seinem Posten nicht mehr halten kann, einige Tage nachher an, 
um sich Aufklärung über die Gründe der Abwesenheit des 
angekündi^en Schecks zu verschaffen." 



te- 



w* 



i 



VII 
VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UNü VORSÄTZEN 

Wenn jemand geneigt sein sollte, den SUiiu! unsnrer gegen- 
wärtigen Kenntnis vom Seelenleben zu überschiil/.en, so bniuchte 
man ihn nur an die Gedächinisfunktioii zu nialiiion, inn ihn zur 
Bescheidenheit zu zwingen. Keine psytliohifrisclie Theorio hat es 
noch vermocht, von dem fundamenliileii Phünotneri des Erinnerns 
und Vergessens im Zusammenhange Rechenschaft zu geben ; ja, 
die vollständige Zergliederung dessen, was man tfltsüchlich beob- 
achten kann, ist noch kaum in AngrifT genommen. Vielleicht ist 
uns heute das Vergessen rätselhafter geworden als das Erinnern, 
seitdem uns das Studium des Tramnes und pnlliologischer 
Ereignisse gelehrt hat, daß auch das pliitzlich wieder im 
Bewußtsein auftauchen katm, was wir filr längst vergessen 
geschätzt haben. 

Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, 
für welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen 
an, daß das Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem man 
einen gewissen zeitlichen Ablauf zuschreiben kann. Wir heben 
hervor, daß beim Vergessen eine gewisse Auswahl unter den 
dargebotenen Kindrücken stattfindet und ebenso unter den 
Einzelheilen eines jeden Eindrucks oder ICrIebnisses. Wir kennen 
emige der Bedingungen für die Haltbarkeit im CJediichtnis und 
für die Erweckbarkeit dessen, was sonst vergessen würde. 



^//. J^ergessen von Eindrü cken und rorsätzc-n 14,9 

Bei unzähligen Anlässen im täglichen Lehen können wir aber 
bemerken, wie unvollständig und unbefriedigend unsere Er- 
kenntnis ist. Man höre zu, wie zwei Personen, die gemeinsam 
äußere Eindrücke empfangen, z. B. eine Reise miteinander 
gemacht haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen aus- 
tauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das 
hat der andere oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre 
und zwar ohne daß man ein Recht zur Behauptung hätte, 
der Eindruck sei für den einen psychisch bedeutsamer gewesen 
als für den anderen. Eine ganze Anzahl der die Auswahl fürs 
Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich offenbar noch 
unserer Kenntnis. 

In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens 
einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen 
mir das Vergessen selbst widerfährt, einer psychologischen Analyse 
zu unterziehen. Ich beschäftige mich in der Regel nur mit einer 
gewissen Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in denen das 
Vergessen mich in Erstaunen setzt, weil ich nach meiner 
Erwartung das Betreffende wissen sollte. Ich will noch bemerken, 
daß ich zur Vergeßlichkeit im aligemeinen (für Erlebtes, nicht 
für Gelerntes!) nicht neige, und daß ich durch eine kurze Periode 
meiner Jugend auch außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen nicht 
unfähig war. In meiner Schulknabenzeit war es mir selbstver- 
ständlich, die Seite des Buches, die ich gelesen hatte, auswendig 
hersagen zu können, und kurz vor der Universität war ich 
imstande, populäre Vorträge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar 
nachher fast wortgetreu niederzuschreiben. In der Spannung vor 
dem letzten medizinischen Rigorosum muß ich noch Gebrauch 
von dem Reste dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich 
gab in einigen Gegenständen den Prüfern wie automatisch 
Antworten, die sich getreu mit dem Texte des Lehrbuches 
deckten, welchen ich doch nur einmal in der grüßten Hast 
durchflogen hatte. 



150 "^^ Psychopathologie des AUtagsUbena 



Die Verfügung Über den Gedikhtnisschotz ist seiilior bi-i mir immer 

schlechter geworden, dotli hab« icli mich bis in die letzte Zeit 

hinein überzeugt, daß ich mit Hilfe eines Kunstgriiles weit mehr 

erinnern kann, als ich mir sonst zutraue. Wenn z. IJ. ein Patient 

in der Sprechstunde sich darauf beruft-, daß ich ihn schon einmal 

gesehen habe, und ich mich wedi^r an die Talstiche noch an den 

Zehpunkt erinnern kann, so helfe ich mir, indriii icli rate, das 

heißt mir rasch eine Zahl von Jahren, von di-r (icgcnvvart an 

gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen oder din sichere 

Angabe des Patienten eine Kontrolle meines Einfalls erniöglichen, 

da zeigt es sich, daß ich selten um inrhr iiK <'in Halbjahr bei 

über zehn Jahren geirrt habe'. Ähnlich, wenn ich einen ctitfertileren 

Bekannten treffe, den ich aus Höflichkeit niuh seinen kleinen 

Kindern frage. Erzählt er von den Kortschritleti derselben, so 

suche ich mir einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt ist, 

kontrolliere durch die Auskunft des Vaters um! gehe hiSchstens 

um einen Monat, bei älteren Kindern um ein Vierteljahr fehl, 

obwohl ich nicht angeben kann, welche Anhallsputikle ich für 

diese Schätzung hatte. Ich bin zuletzt so kühn geworcUm, daß ich 

meine Schätzung immer spontan vorbringe, und laufe dabei nicht 

Gefahr, den Vater durch die IJIoBstellung meiner Unwissenheit 

über seinen Sprößling zu kriinken. Ich erweiien- so mein bewußtes 

Erinnern durch Anrufen meines jedenfalls weil reichhiiUigeren 

unbewußten Gedächtnisses. 

Ich werde also über a u f fä 11 i ge Beispiele von Vergessen, 
die ich zumeist an mir selbst beobachtet, berichten. Ich unter- 
scheide Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen, also von 
Wissen, und Vergessen von Vorsätzen, also Unterlassungen. Dos 
einförmige Ergebnis der ganzen Reihe von Beobaclitungen kann 
ich voranstellen: In allen Fällen erwies sich das Ver- 
gessen als begründet durch ein Unlustmotiv. 

1 .1 Gewöhnlich pflcgori ilanii im Laiifn der ni-ipreotiiinf; dio Eimolhrilni doi 
damaligen eriten Bciuchei bi-wuüt aurxiitniiclieii, 



I 






^-fJ. Fergessen t-on Eindrück en und Vorsätzen 151 

A) VERGESSEN VON EINDRÜCKEN UND KENNTNISSEN 

1) In einem Sommer gab mir meine Frau einen an sich 
harmlosen Anlaß zu heftigem Ärger. Wir saßen an der Table 
d'hüte einem Herrn aus Wien gegenüber, den ich kannte und 
der sich wohl auch an mich zu erinnern wußte. Ich hatte aber 
meine Gründe, die Bekanntschaft nicht zu erneuern. Meine Frau 
die nur den ansehnlichen Namen ihres Gegenüber gehört hatte 
verriet zu sehr, daß sie seinem Gespräch mit den Nachbarn 
zuhörte, denn sie wandte sich von Zeit zu Zeit an mich mit 
Fragen, die den dort gesponnenen Faden aufnahmen. Ich wurde 
ungeduldig und endlich gereizt. Wenige Wochen später führte 
ich bei einer Verwandten Klage über dieses Verhalten meiner 
Frau. Ich war aber nicht imstande, auch nur ein Wort von der 
Unterhaltung jenes Herrn zu erinnern. Da ich sonst eher nach- 
tragend bin und keine Einzelheit eines Vorfalles, der mich 
geärgert hat, vergessen kann, ist meine Amnesie in diesem Falle 
Wühl durch Rücksichten auf die Person der Ehefrau motiviert. 
Ahnlich erging es mir erst vor kurzem wieder. Ich wollte mich 
gegen einen intim Bekannten über eine Äußerung meiner Frau 
lustig machen, die erst vor wenigen Stunden gefallen war, fand 
mich aber in diesem Vorsatz durch den bemerkenswerten 
Umstand gehindert, daß ich die betreffende Äußerung spurlos 
vergessen hatte. Ich mußte erst meine Frau bitten, mich an 
dieselbe zu erinnern. Es ist leicht zu verstehen, daß dies mein 
Vergessen analog zu fassen ist der typischen Urteilsstörung, 
welcher wir unterliegen, wenn es sich um unsere nächsten 
Angehörigen handelt. ^^; 

s) Ich hatte es übernommen, einer fremd in Wien ange- 
kommenen Dame eine kleine eiserne Handkassette zur Auf- 
bewahrung ihrer Dokumente und Gelder zu besorgen. Als ich 
mich dazu erbot, schwebte mir mit ungewöhnlicher visueller 
Lebhaftigkeit das Bild einer Auslage in der Inneren Stadt vor, in 



15* Zur Psychoparholoffie da AUtaffslrhrns 



welcher ich solche Kassen gesehen haben miiDte. Ich konnte mich 
zwar an den Namen der Straße nicht erinnern, fiUilte mich ober 
sicher, daß ich den Laden auf einem Spaziergang durch die 
Stadt auffinden werde, denn meine Erinnerung sagte mir, daß 
ich unzähligemal an ihm vor übergegangen sei. Zu meinem Ärger 
gelang es mir aber nicht, diese Auslage mit den Kassetten auf- 
zufinden, obwohl ich die Innere Stadt nach allen Riciuungen 
durchstreifte. Es blieb mir nichts anderes übrig, meinte ich, als 
mir aus einem Adressenkalender die Kassenfabrikimten herauszu- 
suchen, um dann auf einem zweiten Rundgnngn die gesuchte 
Auslage zu identifizieren. E^ bedurfte aber nicht so vielj unter 
den im Kalender angezeigten Adressen befand sich eine, die sich 
mir sofort als die vergessene enthüllte. Es war riclitig, daß ich 
ungezählte Male an dem Auslagefensler vorübergegangen war, 
jedesmal nämlich, wenn ich die Familie M. besuclit hotte, die 
seit langen Jahren in dem nämlichen Hause wohnt. Seitdem 
dieser intime Verkehr einer völligen Enlfiemduiig gewichen war, 
pflegte ich, ohne mir von den (Jründen Rechenschaft zu geben, 
auch die Gegend und das Haus zu meiden. Auf jenem Spazier- 
gang durch die Stadt hatte ich, als ich die Kassetten in der 
Auslage suchte, jede Straße in der Umgebung begangen, dieser 
einen aber war ich, als ob ein Verbot dnrnuf läge, ausgewichen. 
Das Unlustmotiv, welches in diesem Falle meine Unoricnliertheit 
verschuldete, ist greifbar. Der Meclianismus .!,s Vorgessens ist 
aber nicht mehr so einfach wie im vorigen ßoispiol. Meine 
Abneigung gilt natürlich nicht dem Kassenfabrikanten, sondern 
einem anderen, von dem ich nichts wissen will, und überträgt 
sich von diesem anderen auf die Gelegenheit, wo sie das Vergessen 
zustande bringt Ganz ähnlich hatte im Falle ßurckhard der 
Groll gegen den einen den Schreibfelilor im Namen hei-vor- 
gebracht, wo es sich um den anderen handelte. Was hier die 
Namensgleichheit leistete, die V(>rkiiü|)fuiig zwischen zwei im 
Wesen verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das konnte 



i 



VII, Vergessen von. Eindrücken und Vorsätzen 



'55 



im Beispiel von dem Auslagefenster die Konliguität im Räume, 
die untrennbare Nachbarschaft, ersetzen. Übrigens war dieser 
letztere Fall fester gefügt; es fand sich noch eine zweite inhaltliche 
Verknüpfung vor, denn unter den Gründen der Entfremdung 
mit der im Hause wohnenden Familie hatte das Geld eine 
Rolle gespielt. 

3) Ich werde von dem Bureau B. & R. bestellt, einen ihrer 
Beamten ärztlicli zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Wohnung 
beschäftigt mich die Idee, ich müßte schon wiederholt in dem 
Hause gewesen sein, in welchem sich die Firma befindet. Es ist 
mir, als ob mir die Tafel derselben in einem niedrigen Stock- 
werk aufgefallen wäre, während ich in einem höheren einen 
ärztlichen Besuch zu machen hatte. Ich kann mich aber weder 
daran erinnern, welches dieses Haus ist, noch wen ich dort 
besuclit habe. Obwohl die ganze Angelegenheit gleichgültig und 
bedeutungslos ist, beschäftige ich mich doch mit ihr und erfahre 
endlich auf dem gewöhnlichen Umweg, indem ich meine Ein- 
falle dazu sammle, daß sich einen Stock über den Lokalitäten 
der Firma B. & R. die Pension Fischer befindet, in welcher 
ich häufig Patienten besucht habe. Ich kenne jetzt auch das 
Haus, welches die Bureaus und die Pension beherbergt. Rätselhaft 
ist mir noch, welches Motiv bei diesem Vergessen im Spiele 
war. Ich finde niclits für die Erinnerung Anstößiges an der 
Firma selbst oder an Pension Fischer oder an den Patienten, die 
dort wohnten. Ich vermute auch, daß es sich um nichts sehr 
Peinliches handeln kann; sonst wäre es mir kaum gelungen, mich 
des Vergessenen auf einem Umweg wieder zu bemächtigen, ohne, 
wie im vorigen Beispiel, äußere Hilfsmittel heranzuziehen. Es 
fällt mir endlich ein, daß mich eben vorhin, als ich den Weg 
zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Straße gegrüßt 
hat, den ich Mühe halle zu erkennen. Ich halte diesen Mann 
vor Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen 
und die Diagnose der progressiven Paralyse über ihn verhängt, 



»54 Zur Psychopathohßie des Aütagslebem 



dann aber gehört, daß er herß;estollt sei, so daÜ iiu-iii Urteil 
unriciuig gewesen wiire. Wenn riiclit etwa hier eine der Remis- 
sionen vorUegt, die sich auch bei Dementia poralytica finden, so 
daß meine Diagnose doch noch gerechtfertigt wäre! Von dieser 
Begegnung ging der KinnuÜ aus, der mich an die Nachbarschaft 
der Bureaus von B. & R. vergessen ließ, und mein Interesse, die 
Lösung des Vergessenen zu finden, war von diesem Fall stritlig*T 
Diagnostik her übertragen. Die assoziative Verknüpfung aber wurde 
bei geringem inneren Zusammenhang — der wider Erwarten 
Genesene war auch Beamter eines groÜen Bureaus, welches mir 
Kranke zuzuweisen pflegte — durch eine Nainensgleichheit 
besorgt. Der Arzt, mit welchem gemeinsam ich den fraglichen 
Paralytiker gesehen hatte, hieß auch Fischer, wie die in dem 
Hause befindliche, vom Vergessen beiroiTene I*ension. 

4) Ein Ding verlegen heißt ja iiithts üiulrres als vergessen, 
wohin man es gelegt hat, und wie die meisten mit iSchriften 
und Büchern hantierenden Personen bin ich auf meinem Schreib- 
lisch wohl orientiert und weiß das Gesuchte mit einem Griffe 
hervorzuholen. Was anderen als Unordnung erscheint, ist für 
mich historisch gewordene Ordnung. Warum habe ich aber 
unlängst einen Bücherkatalog, der mir zugeschickt wurile, so 
verlegt, daß er unauffindbar geblieben ist? Ich hatte doch die 
Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, „Über die Sprache", 
zu bestellen, weil es von einem Autor herrührt, dessen gei.streich 
belebten Stil ich liebe, dessen Einsicht in der Psychologie und 
dessen Kenntnisse in der Kulturhistorie ich zu schützen weiß. Ich 
meine, gerade darum habe ich den Katalog verlegt. Ich pflege 
nämlich Bücher di<'ses Autors zur Aufklärung unter meinen 
Bekannten zu verb'ihen, und vor wenigen Tagen hat mir jemand 
bei der Rückstellung gesagt: „Ut'r Stil erinnert mich ganz an 
den Ihrigen, und auch die Art zu denken ist dieselbe." Der 
Redner wußte nicht, an was er mit dieser Bemerkung rührte. 
Vor Jahren, als ich noch jünger und anschlußbedürfliger war, 



^//. Vergessen von Eindrücken und Forsätzen 155 

hat mir ungefähr das NämUche ein älterer Kollege gesagt, dem 
ich die Schriften eines bekannten medizinischen Autors ange- 
priesen hatte. „Ganz Ihr Stil und Ihre Art." So beeinflußt hatte 
ich diesem Autor einen um näheren Verkehr werbenden Brief 
geschrieben, wurde aber durch eine kühle Antwort in meine 
Schranken zurückgewiesen. Vielleicht verbergen sich außerdem 
noch frühere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten 
denn ich habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und 
bin durch dieses Vorzeichen wirkHch abgehalten worden, das 
angezeigte Buch zu bestellen, obwohl ein wirkliches Hindernis 
<lurch das Verschwinden des Katalogs nicht geschaffen worden 
ist. Ich habe ja die Namen des Buches und des Autors im 
Gedächtnis behalten'. 

5) Ein anderer Fall von Verlegen verdient wegen der 
Bedingungen, unter denen das Verlegte wiedergefunden wurde, 
unser Interesse. Ein jüngerer Mann erzählt mir: „Es gab vor 
einigen Jahren Mißverständnisse in meiner Ehe, ich fand meine 
Frau zu kühl, und obwohl ich ihre vortrefflichen Eigenschaften 
gern anerkannte, lebten wir ohne Zärtlichkeit nebeneinander. 
Eines 'J ages brachte sie mir von einem Spaziergang ein Buch 
mit, das sie gekauft hatte, weil es mich interessieren dürfte. Ich 
dankte für dieses Zeiclien von , Aufmerksamkeit*, versprach das 
Buch zu lesen, legte es mir zurecht und fand es nicht wieder. 
Monate vergingen so, in denen ich mich gelegentlich an dies 
verschollene Buch erinnerte und es auch vergebhch aufzufinden 
versuchte. Etwa ein halbes Jahr später erkrankte meine, getrennt 
von uns wohnende, geliebte Mutter. Meine Frau verließ das 
Haus, um ihre Schwiegermutter zu pflegen. Der Zustand der 
Kranken wurde ernst und gab meiner Frau Gelegenheit, sich von 
ihren besten Seiten zu zeigen. Eines Abends komme ich begeistert 
von der Leistung meiner Frau und dankerfüllt gegen sie nach 



i) Für vielerlei Zufälligkeiten, die man seit Th. V i s c h e r der Tücke des 
Objekts" ziischreibt, möchte ich ahnliche Erklärungen vorschlagen. 



} 



156 



Zur Psychopathologie des AUtagihhens 



Hause. Ich trete zu meinem Schreibliscli, Öffne ohne bestimmt© 
Absicht, aber wie mit somnambuler Sicherheit, eine bestimmte Lade 
desselben und zu oberst in ihr finde ich das so lange vermißte, 
das verlegte Buch." 

Einen Kall von Verlegen, der in dem letzten (Jlmnikler mit 
diesem zusammentrifft, in der merkwürdifri-n Sicherlieit des 
Wiederfindens, wenn das Motiv des Verlegens erloschen ist, 
erzählt J. Stärcke (1. c.)- 

6) „Ein junges Mädchen hatte einen Flappen, aus welchem sie 
einen Kragen anfertigten wollte, im Zuschneiden verdorben. Nun 
mußte die Näherin kommen und versuchen, es nocli zurechtzu- 
bringen. Als die Näherin gekommen wnr und das MiiiUhen den 
zerschnittenen Kragen aus der Sciiublade, in die sie ihn gelegt 
zu haben glaubte, zum Vorschein holcti wollie, kotmle sie ihn 
nicht finden. Sie warf das Unterste zu oberst, aber sio fand ihn 
nicht. Als sie nun im Zorne sich setzte und sicli abfragte, warum 
er plötzlich verschwunden war und ob sie ilin vielleicht nicht 
finden wollte, überlegte sie, daO sie sich nniihlich vor der 
Näherin schämte, weil sie etwas so lunfaches wie einen 
Kragen doch noch verdorben halle. Als sie das beihu^bt hatte, 
stand sie auf, ging auf einen anderen Schrank zu und brachte 
daraus beim ersten Griff den zerschnittenen Kragen zum 
Vorschein." 

7) Das nachstehende Beispiel von „Verlegen" entspricht einem 
Typus, der jedem Psychontialjliker bekannt geworden ist. Ich 
darf angeben, der Patient, der dieses Verlegen produzierte, liat 
den Schlüssel dazu selbst gefunden: 

„Ein in psychoanalytischer Behandlung stellender Patient, bei 
dem die sommerliche Unterbrechung di-r Kur in eine Periode 
des Widerstandes und schlechten Befindens fuIU, legt abends heim 
Entkleiden seinen Schlüsselbund, wie er int-int, auf den gewohiUen 
Plaiz. Dann erinnert er sich, daü er für die Abreise nm nächsten 
Tag, dem letzten der Kur, an dem auch das Honorar fällig 



VIT. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 



»57 



wird, noch einige Gegenstände aus dem Schreiblisch nehmen 
will, wo er auch das Geld verwahrt hat. Aber die Schlüssel 
sind — verschwunden. Er beginnt seine kleine Wohnung syste- 
matisch, aber in steigender Erregung abzusuchen ohne 

Erfolg. Da er das ^Verlegen' der Schlüssel als Symptomhandlung, 
also als beabsichtigt, erkennt, weckt er seinen Diener, um mit 
Hilfe einer ,unbefangenen' Person weiterzusuchen. Nach einer 
weiteren Stunde gibt er das Suchen auf und fürchtet, daB er 
die Schlüssel verloren habe. Am nächsten Morgen bestellt er 
beim Fabrikanten der Schreibtischkasse neue Schlüssel, die in 
aller Eile angefertigt werden. Zwei Bekannte, die ihn im Wagen 
nacli Hause begleitet haben, wollen sich erinnern, etwas auf den 
Boden klirren gehört zu haben, als er aus dem Wagen stieg. Er 
ist überzeugt, daß ihm die Schlüssel aus der Tasche gefallen 
sind. Abends präsentierte ihm der Diener triumphierend die 
Schlüssel. Sie lagen zwischen einem dicken Buche und einer 
dünnen Broschüre (einer Arbeit eines meiner Schüler), die er 
zur Lektüre für die Ferien mitnehmen wollte, so geschickt hin- 
gelegt, daß niemand sie dort vermutet hätte. Es war ihm dann 
unmöglich, die Lage der Schlüssel so unsichtbar nachzuahmen. 
Die unbewußte Geschicklichkeit, mit der ein Gegenstand infolge 
von geheimen, aber starken Motiven verlegt wird, erinnert ganz 
an die .somnambule Sicherheit'. Das Motiv war natürlich 
Unmut über die Unterbrechung der Kur und die geheime 
"Wut, bei so schlechtem Befinden ein hohes Honorar zahlen zu 
müssen." 

8) Ein Mann, erzählt A. A. Brill, wurde von seiner Frau 
gedrängt, an einer gesellschaftlichen Veranstaltung teilzunehmen, 
die ihm im Grunde sehr gleichgültig war. Er gab ihren Bitten 
endlich nach und begann seinen Festanzug aus dem Kolfer zu 
nehmen, unterbrach sich aber darin und beschloß, sich zuerst zu 
rasieien. Als er damit fertig geworden war, kehrte er zum 
Koffer zurück, fand ihn aber zugeklappt, und der Schlüssel war 



158 Zur Psychopatholof:ip des AlltaffsMtrtts 

nicht aufzufinden. Ein Schlosser vvnr nicht aulV.uLreibcii, da es 
Sonntag abend war, und so niußicn die hcidcii sich in der 
Gesellschaft entschuldigen lassen. Als der Koller am nächsten 
Morgen geöffnet wurde, fand sich der Sthiüssel drinufn. Der 
Mann hatte ihn in der Zerstreutheit in den KolTcr Ldlcii hissen 
und diesen ins Schloß geworfen. Kr g«b mir zwar die Ver- 
sicherung, daß er ganz ohne Wissen lunl Al).si(lil so getan 
habe, aXter wir wissen, daß er nicht in die (lesellschaft gehen 
wollte. Das Verlegen des Schlüssels erniangoltü also nicht eines 
Motivs, 

E. Jones beobachtete an sich selbst, daß er jedesmal die 
Pfeife zu verlegen pflegte, nachdem er zuviel gi'raucht lialte und 
sich darum unwohl fühlte. Die Pfeife fand sich daiui iui allen 
möglichen Stellen, wo sie nicht iiingihörle und wo sie für 
ge%vöhnlich nicht aufbewaint wurde. 

9) Einen harmlosen l'all mit eingcsiiitulener Motivierung 
berichtet Dora Müller; 

Fräulein Erna A. erzählt zwei Tage vor VVeihnathlen: 
„Denken Sie, gestern abend nahni ich luis meinem PletTor- 
kuchenpnket und aß; ich denke dabei, dnU ich l'Väulein S. (der 
Gesellschafterin ihrer Mutter), wenn sie mir (iutenaclu sagen 
komme, davon anbieten tniisse; ich hatte keine rechte Lust dazu, 
nahm mir aber trotzdem vor, es zu tun. Wie sie nachher kam 
und ich nach meinem Tischclien liiii die Hand ausslreckte, um 
das Paket zu nehmen, fand ich es dort nicht. Ich suthte danach 
und fand es eingeschlossen in meinem Schranke. Da hatte ich 
das Paket, ohne es zu wissen, hineitigeslellt." I'".ine Analyse war 
übei-flüssig, die Erzählerin war sich selbst über den Zusammenhang 
klar. Die eben verdrängte Regung, das (»ehiick für sich allein 
behalten zu wollen, war gleichwohl in iiiitoinalischer Handlung 
durchgedrungen, um freilich in diesem Eallo durch die nach- 
folgende bewußte Handlung wieder rüt^kgüngig gemacht zu werden. 
(Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 111, 1915.) 



^^^' ^ergeaen von Eindrücken und f^orsär 



zen 



'59 



lo) H. Sachs schildert, wie er sich einmal durch ein solches 
Verlegen der Verpflichtung zu arbeilen entzogen hat: „Vergangenen 
Sonntag naclimittag schwankte ich eine Weile, oh ich arbeiten 
oder einen Spaziergang mit daranschließendem Besudle maclien 
solle, entschloß mich aber nach einigem Kampfe für das erstere 
Nach etwa einer Stunde bemerkte ich, daß ich mit meinem 
Papiervorrat zu Ende sei. Ich wußte, daß ich irgendwo in einer 
Lade schon seit Jahren ein Bündel Papier aufbewahrt habe 
suchte aber danach vergeblich in meinem Schreibtisch und an 
anderen Stellen, wo ich es zu finden vermutete, obgleich ich mir 
große iVIühe gab und in allen möglichen alten Büchern, 
Broschüren, Briefschaften u. dgl herumwühlte. So sah ich mich 
doch genötigt, die Arbeit einzustellen und fortzugehen. Als ich 
abends nach Hause kam, setzte ich mich auf das Sofa und sah 
in Gedanken, halb abwesend auf den gegenüberstehenden Bücher- 
schrank. Da fiel mir eine Lade in die Augen und ich erinnerte, 
daß ich ihren Inhalt schon lange nicht durchgemustert habe. Ich 
ging also hin und öffnete sie. Zu oberst lag eine Ledermappe 
und in dieser unbeschriebenes Papier. Aber erst als ich es heraus- 
genommen hatte und im Begriffe stand, es in der Schreibtisch- 
lade zu verwahren, fiel mir ein, daß dies ja dasselbe Papier sei, 
das ich nachmittags vergeblich gesucht hatte. Ich muß hiezu noch 
bemerken, daß ich, obgleich sonst nicht sparsam, mit Papier sehr 
vorsichtig umgehe und jedes verwendbare Restchen aufhebe. Diese 
von einem Triebe gespeiste Gewohnheit war es offenbar, die mich 
zur sofortigen Korrektur des Vergessens veranlaßte, sobald das 
aktuelle Moiiv dafür verschwunden war." 

Wenn man die Fälle von Verlegen übersieln, wird es wirklich 
schwer auszunehmen, daß ein Verlegen jemals anders als infolge 
einer unbewußten Absicht erfolgt. 

ii) Im Sommer des Jahres 1901 erklärte ich einmal einem 
Freunde, mil dem ich damals in regem Gedankenaustausch über 
wissenschaftliche Fragen stand: Diese neurotischen Probleme sind 



i6o Zur Psychopalholoßif des Allra^sleberu 



nur dann zu lösen, wenn wir uns ganz und voll auf den Boden 
der Annahme einer ursprünglichen llif-exualiiiit des Individuums 
stellen. Ich erhielt zur Antwort: „Das habe ich dir srhoii vor 
zweieinhalb Jahren in Br. gesagt, als wir jenen Abendspn ziergang 
machten. Du wolltest damals niclils davon hören." Es ist nun 
schmerzlich, so zum Aufgeben seiner Originnlitüi aufgefordert zu 
werden. Ich konnte mich an ein solches Cü-sinüch und an diese 
Eröffnung meines Freundes nicht erinnern. Einer von uns beiden 
mußte sich da täuschen; nach dem Wump dvr Vm^i.^ cui prodest? 
mußte ich das sein. Ich habe im Laufe der iiBchsien Woche in 
der Tat alles so erinnert, wie mein Freund es in mir erwecken 
wollte; ich weiQ selbst, was ich damals zur Antwort gab: Dabei 
halte ich noch nicht, ich will mich darauf nicht eiidassen. Aber 
ich bin seither um ein Stück toleranter geworden, wenn ich 
irgendwo in der medizinischen Literatur auf eine der wenigen 
Ideen stoße, mit denen man meinen Namen verknüpfen kann, und 
wenn ich dabei die Erwiihnung meines Namens vermisse. 

Ausstellungen an seiner lüiefrau — Freundschaft, die ins 
Gegenteil umgeschlagen hat — Irrtum in ür/llichcr Diagnostik 

Zurückweisung durch Gleichslrebende — Entlelniung von 

Ideen: es ist wohl kaum zufällig, daO eine Anzahl von liei.'ipielen 
des Vergessens, die ohne Auswahl gesammelt worden sind, zu 
ihrer Auflösung des Eingehens auf so peinliche Themata bedürfen. 
Ich vermute vielmehr, daß jeder andere, der sein eigenes Ver- 
gessen einer Prüfung nach den Motiven unterziehen will, eine 
ähnliche Musterkarte von Widerwärtigkeiten aufzeichnen kiinnen 
wird. Die Neigung zum Vergessen des Unangeni-hmen sclieint 
mir ganz allgemein zu sein; die Fähigkeit dum ist wohl bei den 
verschiedenen Personen verschieden gut ausgebildet. Manches 
Ableugnen, das uns in der ärztliclien Tätigkeit begegnet, ist 
wahrscheinlich auf Vergessen zurückzuführen'. Unsere Auf- 

Wtim man »ich b*i *incm Mrnschc» iirkim(li|tl, <ib er vor ipIiu otJpr ninfrebn 
Jahren eine lueUtche Infcktian durdigeniAchL hat, vcrgiüt man lu leicht aaraii, daO 



Ki/. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 



i6t 



fassung eines solchen Vergessens beschränkt den Unterschied 
zwischen dem und jenem Benehmen allerdings auf rein psycho- 
logische Verhältnisse und gestattet uns, in beiden Reaktions weisen 
den Ausdruck desselben Motivs zu sehen. Von all den zahlreichen 
Beispielen der Verleugnung unangenehmer Erinnerungen die 
ich bei Angehörigen von Kranken gesehen habe, ist mir eines 
als besonders seltsam im Gedächtnis geblieben. Eine Mutter 
informierte mich über die Kinderjahre ihres nervösen, in der 
Pubertät befindlichen Sohnes und erzählte dabei, daß er wie seine 
Geschwister bis in späte Jahre an Bettnässen gelitten habe, was ja 
für eine neurotische Krankengeschichte nicht bedt-utungslos ist. 
Einige Wochen später, als sie sich Auskunft über den Stand der 
Behandlung holen wollte, hatte ich Anlaß, sie auf die Zeichen 



der Eerragtc diesen Kronkheilszufall psjcliisch gani anders behandelt hat als etwa 
einen nkiiten Kheiimalismus. — In den Anamnesen, welche Eltern über ihre neurotisch 
erkrankten Tochter geben, ist der Anteil des Vergessens von dem des Verbergens 
kaum je mit Sicherheit tu sondern, weil alles, was Axt späteren Verheiratung des 
Mädchens im Wege sieht, von den Eltern systematisch beseitigt, d. h. verdrängt 
wird. — Ein Mann, der vor kiinem seine geliebte IVau an einer Lungen afEektion 
verloren, teilt mir nachstehenden Fall von Irreführung der äritlichen Erkundigung 
mit, der niu- auf solches Vergessen lurückführbar ist: „Als die Pleuritis meiner armen 
Frau nach vielen Wochen noch nicht weichen wollte, wurde Dr. P, als Konsiliarius 
berufen. Bei der Aufnahme der Anamnese stellte er die üblichen Fragen, u. a. auch, 
ob in der Familie meiner Prau etwa Lungenkrnnkheiten vorgekommen seien. Meine 
Frau verneinte und auch ich erinnerte mich nicht. Bei der Verabschiedung des Dr. P. 
kommt das Gespräch wie lufällig auf Ausflüge, und meine Frau sagt: Ja, auch bis 
Langcrsdorf. wo mein armer Bruder begraben liegt, ist eine weite Reise. 
Dieser Bruder war vor etwa fünfiehn Jahren nach mehrjährigem tuberkulösem Leiden 
gestorben. Meine Frau halte ihn sehr geliebt und mir oft von ihm gesprochen. Ja, es 
fiel mir ein, daß sie seinerzeit, als die Pleuritis festgestellt wurde, sehr besorgt war 
und trübsinnig meinte: Auch mein Bruder ist an der Lunge gestorben. 
Nun aber war die Erinnerung daran sosehr verdrängt, daD sie auch nach dem vorhin 
angeführten Ausspruch über den Ausflug nach L. keine Veranlassung fand, ihre Aus- 
kunft über Erkrankungen in ihrer Familie lu korrigieren. Mir selbst fiel das Ver- 
gessen in demselben Moment wieder ein, wo sie von Langersdorf sprach." — Ein 
völlig analoges Erlebnis erzählt E. Jones in der hier bereits mehrmals erwähnten 
Arbeit. Ein Arit, dessen Frau an einer diagnostisch unklaren Unlerleibserkrankung 
litt, bemerkte zu ihr wie tröstend: „Es ist doch gut, daß in deiner Familie kein 
Fall von Tuberkulose vorgekommen ist." Die Frau antwortete aufs äußerste über- 
rascht; „Hast du denn vergessen, daß meine Mutter an Tuberkulose gestorben ist 
imd duB meine Schwester von ihrer Tuberkulose nicht eher hergestellt wurde als 
kis die Ärzte sie aufgegeben hatten?" 

Freud. IV. 



l69 



Zur Psychopathologie da Alltagslehem 



konstitutioneller KrarikliPiisveranlagung l)ei licm jungen Manne 
aufmerksam zu machen, urul berief mich hiebei auf das nna- 
mnestisch erhobene Bettnässen. Zu meinern Erstaunen bestritt sie 
die Tatsache sowolil für dies als auch für dio anderen Kinder, 
fragte mich, woher ich das wissen küinie, und hürle endlich von 
mir, daß sie selbst es mir vor kurzer Zeit orzählt habe, was also 
von ihr vergessen worden war'. 

Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotischen 
Menschen reichlich Anzeichen dafür, daü sich der Erinnerung 
an peinliche Eindrücke, der Vorstellung peinlicher GedanUeii, ein 
Widerstand eutgegensel/t*. Die volle Bedeutung dieser Talsache 



% 



i) In d#n Tagen, während irh tnil dir Nirdnr«chrift dieier Si<il«>n beichüfli^t 
WUT, iit mir folgender, fait tinglaiibüchcr Fall von V«rg«»on widerfahren: Ich 
revidiere «m i. Jonni"r mein iirtlliehei Iliich, um meine IInnor<irrrrhiiiinf;i-Ti aiii- 
■enden tu können, itoße dabei im Juni niif ilrn Nnmen M . . . I imd knnn iiiich nn 
eine lu ihm gehörige Penon nicht erinnern. Mein Iii?fremili*n ivtulut, indem ich 
beim Weiterb lüttem bemerke, daU ich den Füll in einrni .Siinatorilim behnndclt, und 
daO ich ihn durch Wochen täglich beiucht habe. Einen Kranken, mit dem man licK 
unter lolchcn Bedingimgen beschnfligl, vcrgiUl iniin iil* Arit nichl nach knnni »cclu 
Monaten. Sollte es ein Mann, ein Pnriilj'tiker. ein l''nll ohne Interomo gewesen nein, 
frage ich mich? Endlich b#i dem Vermerk über dm piiiplnngeno Honorar kommt 
mir all die Kenntnis wieder, die Ki'ch der Krinnening onliiclicn iviilltp, M . . . 1 war 
ein vienehnjährigei Madchen gcwoton, der merkwilrdigule l'iill meiner letiten Jnhre, 
welcher mir eine Lehre hinlerlaiiieii, die ich kniini jr vcrgeMen werde, und di-Men 
Autgang mir die peinlichitcn Stunden horcilcl hnl. IM» Kind erkrankte on iiniwei* 
deiitiger Hyitcrie, die iich auch unter meinen Ilünttun rnich und gründlich bcisert«. 
Nach dieser Besjenmg wurde mir du« Kind von den lUlorti enliogeii; r» klagte 
noch über abdominale Schnieriun, denen die [[auplrullo im Symptiunbild der Hyiteri« 
lugefallen war. Zwei Monate ipHler war ei an Sarkom der Uiilerleibidrüien 
gestorben. Die Hysterie, xu der dm Kind nebithci priidiiponiert war, hotte die 
Tumorbildung lur provoiierenden Uriwidie grimmnien und ich lintto, von den 
lärmenden, aber harmlosen Eriche iiiimgni der Iljiterie gefesselt, vielleicht dio erslon 
Anietchen der schleichenden und uiiliuilvollcn I^rkrnnkiing übersehen. 

a) A. Pick hat kürsüch (Zur Psychologie dos Vcrgossens bei Geistes- und 
Nen-enkranken, Archiv fiir Kriminat-Anihropologin und Kriminnlinlik von 11. Groß) 
eine Keihe von Autoren »iisammengeilclll, die den KiiiHuß affektiver l'nktoren anf 
dos Gedachtnil würdigen und — mehr oder minder deutlich — den Beitrag aner- 
kennen, den das Abwehrbesireben gegen Unlust lum Vergeiieii leistet. Keiner von 
uns allen hat aber diu Pbäiiomen und seine psyrliolngiiihe De^rinidiiiig lo 
erschöpfend und luglcich so rindnicktvoU darilellen können wie Nielische in 
einem seiner Aphorismen (Jenseits von Gut und Bn»n, II. Ilauptitück, 68): „Da« 
habe ich getan, sagt mein, Gedüchtnis*. Das kann ich nicht getan 
haben, sagt mein SloU und bleibt unerbittlich. Kndlioh — gibt 
da* Gedächtnis nach." 

t 



VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 165 

läßt sich aber erst ermessen, wenn man in die Psychologie 
neurotischer Personen eingeht. Man ist genötigt, ein solches 
elementares Abwehrbestreben gegen Vorstellungen 
welche Unlustempfindungen erwecken können, ein Bestreben das 
sich nur dem Fluchlreflex bei Schmerzreizen an die Seite stellen 
lüßt, zu einem der Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen 
welcher die hysterischen Symptome trägt. Man möge gegen die 
Annahme einer solchen Abwehrtendenz nicht einwenden, daß wir 
es im Gegenteil häufig genug unmöglich finden, peinliche 
Erinnerungen, die uns verfolgen, los zu werden und peinliche 
Affektregungen wie Reue, Gewissensvorwürfe zu verscheuchen. 
Es wird ja nicht behauptet, daß diese Abwehrtendenz sich überall 
durchzusetzen vermag, daß sie niclit im Spiele der psychischen 
Kräfte auf Faktoren stoßen kann, welche zu anderen Zwecken 
das Entgegengesetzte anstreben und ihr zum Trotze zustande 
bringen. Als das architektonische Prinzip des 
seelischen Apparates läßt sich die Schichtung, der 
Aufbau aus einander überlagernden Instanzen 
erraten, und es ist sehr wohl möglich, daß dies Abwehr- 
bestreben einer niedrigen psychischen Instanz angehört, von 
höheren Instanzen aber gehemmt wird. Es spricht jedenfalls für 
die Existenz und Mächtigkeit dieser Tendenz zur Abwehr, wenn 
wir Vorgänge wie die in unseren Beispielen von Vergessen auf 
sie zurückführen können. Wir sehen, daß manches um seiner 
selbst willen vergessen wird^ wo dies nicht möglich ist, 
verschiebt die Abwehrtendenz ihr Ziel und bringt wenigstens 
etwas anderes, minder Bedeutsames, zum Vergessen, was 
in assoziative Verknüpfung mit dem eigentlich Anstößigen 
geraten ist. 

Der hier entwickelte Gesichtspunkt, daß peinliche Erinnerungen 
mit besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen verfallen 
verdiente auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in denen er 
heute noch keine oder eine zu geringe Beachtung gefunden hat. 



164 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

So erscheint er mir noch immer nicht genügend scharf betont 
bei der Würdigung von /pugcnaussagen vor (Jcricht', wobei 
man offenbar der Booidiing des '/Anip;oii einen aU/.u großen 
purifi zierenden PLinfluß auf dessen psychisches Ktäflcspiel zutraut. 
Daß man bei der Entstehung der Triidil innen und der Sagen- 
geschichte eines Volkes einem solchen Motiv, das dem Nalinnal- 
gefühl Peinliche aus der Krinnerung uus/.uiner/.en, Reclmurig 
tragen muß, wird allgemein zugestanden, Viclli-irbl winde sich 
bei genauerer V'erfolgung eine vollsliiniligi' Annlogii' herausstellen 
zwischen der Art, wie Vülkertraditionen und wie ilic Kiridheits- 
erinnerungen des einzelnen Indiviihunns geliildet werden. Der 
große Darwin hat aus seiner Kinsicht In dies Unlust inotiv 
des Vergessens eine „goldene Regel" für den wissenschaftlichen 
Arbeiter gezogen". 

Ganz ähnlich wie beim NatnenvergeesflO katui auch beim Ver- 
gessen von Eindrücken Kehlerinnern eintreten, das dort, wo es 
Glauben findet, als Krinneruiigsläuschung lie/.eichn(?t wird. Die 
Erinnerungsläuscliutig hi pallicdugischen Kiillen — in der Paranoia 
spielt sie geradezu die Rolle eines konstituierenden Moments bei 
der Wahnbildung — hat eine ausgeilehnte Literatur wachgerufen, 
in welcher ich durchgängig den Hinweis auf eine MoliviiTung 
derselben vermisse. Da auch dieses Tliernn der Neurosenpsychuliigie 



1) \g]. Hans iiraB, Kriminalpiychnlo^ip, )8i]R. 

t) Emeft Jone* verwoi«l auf fiilfftrnili. SIbIIp in ilcr AiiInbiiv^rnpHii? Darwin«, 
welche »eine v/ittentchafiliche Ehrliclvkeit und K^iiit^ii [iiyrhi>l()j(i>clii'ii Schnrfiinn 
übvneugenil widrrtpipgclt: 

^ had, Auring numjf y*"'"', Jollaiutd 11 finldfri mit, namtly, ihat whfrietier a puhUthed 
faa, a ntw ofiirn^ation or ihoughl cainf nrron nie, whieli was oppoifil in ttrf fmtral rtiutit, 
10 ntakt a mimoranJuin oj it uihithoul fttil and ut onct ; fut I liad JouiiA hy rsptrimc« 
that sutk foets and thoughtt wtre Jar iiiorr npt lo rsca/ie fnmi llu iiiritii"y ihnn fni>ourah\t 
on«." — Viele Jnhrc hindurch brfolglc ich rinr ^oklrnc l\i>([rl. I'iiiid irh iiüitilich 
eine veröffentlichte Tnliiirhv, rin« nniic n<>i]biii-litiiii)t inl<'r i-iiii-ii C>i>(liiiiki'ii, wclchrr 
einem meiner allf;rmpinrn F.rffebnime widpnjirncli, m unticrli» iih (iriim-tlirn Kiifort 
moglichit wortgflrcii. Denn die llrfohrun^ haUp iriiih gelehrt, diiU »okhe Tnt- 
sachen und Erfahrungen dem Gedüchtniifo leichter enlx'hwiiidpii iili die uns 
genehmen." 



VIT. l'ergessen iw« Eindrücken und /- 



or Sätzen 



165 



angehört, entzieht es sich in unserem Zusammenhange der 
Behandlung. Ich werde dafür ein sonderbares Beispiel einer 
eigenen Krinnerungstäuschung mitteilen, bei dem die Moti- 
vierung durch unbewußtes verdrängtes Material und die Art 
und Weise der Verknüpfung mit demselben deutlich genug 
kenntlich werden. 

Als ich die späteren Abschnitte meines Buches über Traum- 
deutung schrieb, befand ich mich in einer Sommerfrische ohne 
Zugang zu Bibliotheken und Nachschlagebüchern und war genötigt, 
mit Vorbehalt sjiäterer Korrektur, allerlei Beziehungen und Zitate 
aus dem Gedächtnis in das Manuskript einzutragen. Beim Abschnitt 
über das Tagträumen fiel mir die ausgezeichnete Figur des armen 
Buchhalters im „Nabnb" von Alph. Daudet ein, mit welcher 
der Dichter wahrsclieinlich seine eigene Träumerei geschildert 
hat. Ich glaubte mich an eine der Phantasien, die dieser Mann 
— Mr. Jocelyn nannte ich ihn — auf seinen Spaziergängen 
durch die Straßen von Paris ausbrütet, deutlich zu erinnern und 
begann sie aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. Wie also Herr 
Jücelyn auf der Straße sich kühn einem durchgehenden Pferde 
entgegen wirft, es zum Stehen bringt, der Wagenschlag sich 
öffnet, eine hohe Persönlichkeit dem Coup^ entsteigt, Herrn 
Jocelyn die Hand drückt und ihm sagt: „Sie sind mein 
Retter, Ihnen verdanke ich mein Leben. Was kann ich für 
Sie tun?" 

Etwaige Ungenauigkeiten in der Wiedergabe dieser Phantasie, 
tröstete ich mich, würden sich leicht zu Hause verbessern lassen, 
wenn ich das Buch zur Hand nähme. Als ich dann aber den 
„Nabab" durchblätterte, um die druckbereite Stelle meines 
Manuskripts zu vergleichen, fand ich zu meiner größten Beschämung 
und Bestürzung nichts von einer solchen Träumerei des Herrn 
Jocelyn darin, ja der arme Buchhalter trug gar nicht diesen 
Namen, sondern hieß Mr. Joyeuse. Dieser zweite Irrtum gab 
dann bald den Schlüssel zur Klärung des ersten, der Erinnerungs- 



i66 Zur Psychopaüiohgie des /llltagslebens 

täuschung. Joyeux (wovon der Name die iinninirio Form »lar- 
stellt): so und nicht anders niüÜto ich infim'ii eigenen Namen: 
Freud ins Franziisische übersetzen. Woher kontile also die 
fälschlich erinnerte Phantasie sein» die ich Daudet /.umgeschrieben 
hatte? Sie konnte nur ein eigenes I'rodukl sein, ein 'l'nptraum, 
den ich selbst gemacht und der mir nicht bewußt geworden, 
oder der mir einst bewußt gewesen, und <len idi seither 
gründlich vergessen habe. Vielleicht daß ich ilni Nelbst in l'aris 
gemacht, wo ich oft genug einsam und voll Sehnsuchl durch 
die Straßen spaziert bin, eines Helfers und Protektors sehr 
bedürftig, bis Meister Charcot mich dann in seinen Verkelir 
zog. Den Dichter des „Nabab" hiibe ich dann wiederholt im 
Hause Charcots gesehen*. 

Ein anderer Fall von F.rinnerungstäuschung, der sich 
befriedigend aufklaren ließ, mahnt an die spüier zu besprechende 
fausse r^connaissance : Ich luilte einem meiner Patienten, einem 
ehrgeizigen und benihigten Manne, erzählt, daß ein junger Student 
sich kürzlich durch eine inleressnnte Arbeit „Der Künstler, Ver- 

i) Vor «inigpr Zeit wurde mir bui dem Krciae meiner Leier ein Bündchen der 
Jugrndbibliothek »on Fr. Ho ff mann tiif^richickt, in dem eine lolche Rettimg»- 
fiene, wie ich »ie in Pari» plinninsirrl, Bin füll rt ich rrzlihll wird. Die (lhi>rcin»limniuiig 
(ir*trcckt »ich bii auf einxelnc, iiitht ßii"» grwilliiilioli»" AukJ nickte, dir hirr wie dort 
vorkommen. Uie Vermutung. dnO ich in friilini Knnhcrijnhren dieir JiigcndBchrift 
wirklich geleien habe, läßt »ich nicht f{ul nhwriipn, \)\f ächiilerbibtii)thck iinicre» 
Gymnafium* enthielt die HofTmiiiiniche Saninihing und wnr immer bereit, iie den 
Schülern an Stelle jeder ondercn gciitijjeti Nahrung niiiuhielrn. Die l'hiiiitniie, die 
ich mit 4,5 Jahren alt die ("roUnktion emei anderen »u erinnern glnvihte ii'id dann 
all eigene Leiitung aui dem 99. Lebenijahr erkennen mußte, mng aiio leicht die 
getreue Reproduktion eine» im Alter iwi»clien 11 uiul 1^ nufgcnoiiimenen Kindruck» 
geweien »ein. Die Reltungiplintitaiiie, dii» ich iliMn »Inllniloiirn Hiiclihnlter im „Niihnb" 
angedichtet, loll ja nur der I'hnnloiie der eigrnrn hetliing den Weg linlmru, die 
Sehntucht nach einen Gönner und Beichütier dem Stoli erlriiglich nmchcn. K« wird 
dann keinem Seelenkenner befremdlich Irin lu hiiren, ctaU ich lelbit in meinem 
bewuUten Leben ili-r Vorilrlluiig, vim der tiunit eine» Proirktor» nhhiiiigig xu «ein, 
da» größte Wideritrcben entgegengehnifht und die wenigen rcnlcii Siliintioncn, m 
denen lich etwa» ähnliche» ereignete, ichlecht vertragen habe. Die liefere Hedeulung 
der PhanU«ien mit lolchem Inhalt und eine nnhetu erichit|ifende Krkliiruiig ihrer 
Eigentümlichkeilen hnt A ii r n !i n m in einer Arbeit, „Vnterrrtlung und Vntermord 
in den ncurotiichen t'linnlAiiegebilden", igaa ^Internulionala '/.eiltclirift für l'»ycho- 
analyie, VIII) xuiagc gefordert. 



I 



VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 



167 



such einer Sexualpsychologie" in den Kreis meiner Schüler ein- 
geführt habe. Als diese Schrift eineinviertel Jahr später gedruckt 
vorlag, behauptete mein Patient, sich mit Sicherheit daran erinnern 
zu können, daß er die Ankündigung derselben bereits vor meiner 
ersten Mitteilung (einen Monat oder ein halbes Jahr vorher) 
irgendwo, etwa in einer Buchhändleranzeige, gelesen habe. Es sei 
ihm diese Notiz auch damals gleich in den Sinn gekommen und 
er konstatierte überdies, daß der Autor den Titel verändert habe 
da es nicht mehr „Versuch", sondern „Ansätze zu einer Sexual- 
psychologie" heiße. Sorgfältige Erkundigung beim Autor und 
Vergleichung aller Zeitangaben zeigten indes, daß mein Patient 
etwas Unmögliches erinnern wollte. Von jener Schrift war 
nirgends eine Anzeige vor dem Drucke erschienen, am wenigsten 
aber eineinviertel Jahr vor ihrer Drucklegung. Als Ich eine 
Deutung dieser Erinnerungstäuschung unterließ, brachte derselbe 
Mann eine gleichwertige Erneuerung derselben zustande. Er meinte, 
vor kurzem eine Schrift über „Agoraphobie" in dem Auslage- 
fenster einer Buclihandlung bemerkt zu haben, und suchte derselben 
nun durch Nachforschung in allen Verlagskatalogen habhaft zu 
werden. Ich konnte ihn dann aufklären, warum diese Bemühung 
erfolglos bleiben mußte. Die Schrift über Agoraphobie bestand 
erst in seiner Phantasie als unbewußter Vorsatz und sollte von 
ihm selbst abgefaßt werden. Sein Ehrgeiz, es jenem jungen Manne 
gleichzutun und durch eine solche wissenschaftliche Arbeit zum 
Schüler zu werden, hatte ihn zu jener ersten wie zur wieder- 
holten Erjnnerungstäuschung geführt. Er besann sich dann auch, 
daß die Buchhändleranzeige, welche ihm zu diesem falschen 
Erkennen gedient hatte, sich auf ein Werk, betitelt: „Genesis, 
das Gesetz der Zeugung", bezog. Die von ihm erwähnte 
Abänderung des Titels kam aber auf meine Rechnung, denn 
ich wußte mich selbst zu erinnern, daß ich diese Ungenauigkeit 
in der Wiedergabe des Titels, „Versuch" anstatt „Ansätze" 
begangen hatte. 



p 



168 Zur Psyehopafhologie des AlUagtlebens 

B) DAS VERGESSEN VON VORSÄTZEN 

Keine andere Gruppe von Phiiiiomniu'n eignet sich besser zum 
Beweis der These, daß die Geriiigfügif^kcit der Aufinerksainkeil 
für sich allein niclit hinreiclie, die Fehlleistung zu erkliiren, als 
die des Vergessens von Vorsätzen, l'.m Vorsalz ist ein lni])uls zur 
Handlung, der bereits Billi^unf; {Toiutidcii hat, dessen Ausführung 
aber auf einen gofignetori /nitpunkt vorsrh(»ln'n wurde. Nun kiuin 
in dem so geschalfeuen Intervall allerdings eine dcrnrlige Ver- 
änderung in den Motiven eintreten, daü der Vorsatz iiidit zur 
Ausführung gelangt, aber dann wird er nicht vergessen, sondern 
revidiert und aufgehoben. Das Vergessen von Vorsätzen, dem wir 
alltäglich und in allen müglicheii Situationen unterliegen, pflegen 
wir uns nicht durch eine Neuerung in der Moliveuf^leichung zu 
erklären, sondern lassen es gemeinhin unerklärt, oder wir suchen 
eine psychologische Erklärung in der Annnhine, gegen die Zeil 
der Ausführung hin habe sich die orfürderilche AiihnerksaniVeJt 
für die Handlung nicht mehr bereit gefunden» die doch für das 
Zustandekommen des Vorsalzes unerläßliche Bedingung war, damals 
also für die nämliche Handlung zur Vnrfiigung stand. Die 
Beobachtung unseres normalen Verhallens gegen V<irsiitze läßt 
uns diesen Krklärungsversuch als wiilkürlidi abw«'iscn. Wenn ich 
des Morgens einen Vorsalz fasse, der aliends avisgefUhrt werden 
soll, so kann ich im Laufe des Tages innigeinal an ihn gemahnt 
werden. Er braucht aber tagsübc-r Überhaupt nicht mehr liewußt 
zu werden. Wenn sich die Zeit der Ausführung nähert, lallt er 
mir plötzlich ein und veranlaßt mich, die zur vorgesetzten 
Handlung nötigen Vorbereitungen zu treffen. Wenn ich auf einen 
Spaziergang einen Brief mitnehme, welcher noch b(^förderl werden 
soll, so brauche ich ihn als normales und nicht nervöses Individuum 
keineswegs die ganze Strecke über in der Hand zu tragen und 
unterdessen nach einem Briefkasten auszuspähen, in den ich ihn 
werfe, sondern ich pflege ihn in die Tasche zu sLocken, meiner 



^ 



^"^-f^. Vergessen von Eindrücke n und Vorsätzen 169 

Wege zu gehen, meine Gedanken frei schweifen zu lassen und 
ich rechne darauf, daß einer der nächsten Briefkasten meine 
Aufmerksamkeit eiregen und mich veranlassen wird in die 
Tasche zu greifen und den Brief hervorzuziehen. Das normale 
Verhalten beim gefaßten Vorsatz deckt sich vollkommen mit dem 
experimentell zu erzeugenden Benehmen von Personen, denen 
man eine sogenannte „posthypnolische Suggestion auf lange Sicht" 
in der Hypnose eingegeben hat'. Man ist gewöhnt, das Phänomen 
in folgender Art zu beschreiben; Der suggerierte Vorsatz schlummert 
in den betreffenden Personen, bis die Zeit seiner Ausführung 
herannaht. Dann wacht er auf und treibt zur Handlung. 

In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Rechenschaft 
davon, daß das Vergessen in bezug auf Vorsätze keineswegs den 
Anspruch erheben darf, als ein nicht weiter zurückführbares 
Elementarphänomen zu gelten, sondern zum Schluß auf unein- 
gestandene Motive berechtigt. Ich meine; im Liebesverhältnis und 
in der Militärabhängigkeit. Ein Liebhaber, der das Rendezvous 
versäumt hat, wird sich vergeblich bei seiner Dame entschuldigenj 
er habe leider ganz vergessen. Sie wird nicht versäumen, ihm 
zu antworten: „Vor einem Jahre hättest du es nicht vergessen. 
Es liegt dir eben nichts mehr an mir." Selbst wenn er nach 
der oben erwähnten psychologischen Erklärung griffe und sein 
Vergessen durch gehäufte Geschäfte entsclmldigen woUte, würde 
L er nur erreichen, daß die Dame — so scharfsichtig geworden 

wie der Arzt in der Psychoanalyse — zur Antwort gäbe: „Wie 
merkwürdig, daß sich solche geschäftliche Störungen früher nicht 
ereignet haben." Gewiß will auch die Dame die Möglichkeit des 
Vergessens nicht in Abrede stellen; sie meint nur, und nicht mit 
Unrecht, aus dem unabsichtlichen Vergessen sei ungefähr der 
nämliche Schluß auf ein gewisses Nichtwollen zu ziehen wie 
aus der bewußten Ausflucht. 



1) Vgl. Bornheira. Neue Studien über Hypuotisnms, Suggestion und Psvcho- 
therapie, 1892, 



170 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Ähnlich wird im militärischen IJicnstverhällnis der Unterschied 
zwischen der Unterlassung durch Vergessen und der infolge von 
Absicht prinzipiell, und zwar mit Uorht, vernnchlüssigt. Der 
Soldat darf nichts vergessen, was der militiirische Dienst von 
ihm fordert. Wenn er es doch vergißt, obwohl ihm die Forderung 
bekannt ist, so geht dies so zu, daß sich den Motiven, die auf 
Erfüllung der militärischen Forderung dringen, ondere Gegen- 
moiive entgegenstellen. Der Einjährige etwa, der sich beim 
Rapport entschuldigen wollte, er habe vergessen, seine Knüpfe 
blank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber diese Strafe ist 
geringfügig zu nennen im Vergleicli zu jener, der er sich aus- 
setzte, wenn er das Motiv seiner Unterlassung sich und seinen 
Vorgesetzten eingestehen würde: „Der elende Gamaschendienst 
ist mir ganz zuwider." Wegen dieser Strafersparnis, aus likonoinischen 
Gründen gleichsam, bedient er sich des Vergessens als Ausrede, 
oder es kommt als KompromiO zustande. 

Frauendienst wie Militärdienst erheben den Anspruch, daö 
alles zu ihnen gehörige dem Vergessen entrückt sein müsse, und 
erwecken so die Meinung, Vergessen sei zulässig bei unwichtigen 
Dingen, während es bei wichtigen Dingen ein Any.eichen davon 
sei, daß man sie wie unwichtige behandehi wolle, ilnien also die 
Wichtigkeit abspreche'. Der Gesichtspunkt der psychischen Wert- 
schätzung ist hier in der Tat nicht abzuweisen. Kein Mensch 
vergißt Handlungen auszuführen, die ihm selbst wichtig erscheinen, 
ohne sich dem Verdachte geistiger Störung auszusetzen. Unsere 
Untersuchung kann sich also nur auf das Vergessen von mehr 
oder minder nebensächlichen Vorsätzen erstrecken; für ganz und 



i) In dem Sc)i«)iip)«l „CÜMf wnA Klcopalrn" von R. Shaw tjniilt lieh der von 
■*?>?'*" iclieidende Cüinr riric WpÜp mit lii-r Idee, er hnhc noch clwn» vorgehabt, 
wa» er jem vergetitn. Endlich «teilt licli hcrnu«. wa» CKtar vergeiirn hat!«: von 
Klcopatra Ab*chicd tu nehmen! Durch dieicn kleinen Zii(( »oll vrrantchaulicht 
werden — übrigen* im vollen Gegentnlz lur lnilori«chon Wahrheit — wie wenig 
•ich CiihT aus der kleinen agyptiichen Prinieiiiu gemacht hatte. (Nach Fi. Jonea, 
L C. S. 488.i 



VIL Vergessert von Eindrücken und Vorsätzen 171 



gar gleichgültig werden wir keinen Vorsatz erachten, denn in 
diesem Falle wäre er wohl gewiß nicht gefaßt worden. 

Ich habe nun wie bei den früheren Funktionsstörungen die 
bei mir selbst beobachteten Fälle von Unterlassung durch Ver- 
gessen gesammelt und aufzuklären gesucht und hiebei ganz 
allgemein gefunden, daß sie auf Einmengung unbekannter und 
un eingestandener Motive — oder, wie man sagen kann, auf einen 
Gegenwillen — zurückzuführen waren. In einer Reihe 
dieser Fälle befand ich mich in einer dem Dienstverhältnisse 
ähnlichen Lage, unter einem Zwange, gegen welchen ich es 
nicht ganz aufgegeben hatte, mich zu sträuben, so daß ich durch 
Vergessen gegen ihn demonstrierte. Dazu gehört, daß ich besonders 
leicht vergesse, zu Geburtstagen, Jubiläen, Hochzeitsfeiern und 
Standeserhöhungen zu gratulieren. Ich nehme es mir immer 
wieder vor und übei-zeuge mich immer mehr, daß es mir nicht 
gelingen will. Ich bin jetzt im Begriffe, darauf zu verzichten, und 
den Motiven, die sich sträuben, mit Bewußtsein recht zu geben. 
In einem Übergangsstadium habe ich einen Freund, der mich 
bat, auch für ihn ein Glückwunschtelegramm zum bestimmten 
Termin zu besorgen, vorher gesagt, ich würde an beide vergessen, 
und es war nicht zu verwundern, daß die Prophezeiung wahr 
wurde. Es hängt nämlich mit schmerzlichen Lebenserfahrungen 
zusammen, daß ich nicht imstande bin, Anteilnahme zu äußern, 
wo diese Äußerung notwendigerweise übertrieben ausfallen muß, 
da für den geringen Betrag meiner Ergriffenheit der entsprechende 
Ausdruck nicht zulässig ist. Seitdem ich erkannt, daß ich oft 
vorgebliche Sympathie bei anderen für echte genommen habe, 
befinde ich mich in einer Auflehnung gegen diese Konventionen 
der Mitgefühlsbezeigung, deren soxiale Nützlichkeit ich andererseits 
einsehe. Kondolenzen bei Todesfällen sind von dieser zwie- 
spältigen Behandlung ausgenommen; wenn ich mich zu ihnen 
entschlossen habe, versäume ich sie auch nicht. Wo meine 
Gefühlsbelätigung mit gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu 



*7g Zur Psychopathologie da Alltagslebens 



tun hat, da findet sie ihren Ausdruck aucli niomuls durch Ver- 
gessen gehemmt 

Von einem solchen Vergessen, in (l<Mn ilor /.uiiiichst uiilor- 
drückte Vorsatz als „Gegenwilli'" durchbracli und ciin* unerquickliche 
Situation zur Folge hatte, berichtet Obtirlcutnanl V. aus der Kriegs- 
gefangenschaft: „ Der Rangälteste eines Ui^ers kriegsgefangener 
Offiziere wird von einem seiner KameraiU'ii beleidigt. Kr will, um 
VVeiterungen zu entgehen, von dem einzigen Ümi zur Verfügung 
stehenden Gewaltmittel Gebrauch machen und leizieren entfernen 
und in ein anderes Lager versetzen lassen. Krst über Ainaten 
mehrerer Freunde entschließt er sich, ^'e{»en seinen geheimen 
Wunscli, hievon Abstand zu nehmen und den l'",hrcnweg, der 
aber vielerlei Unannehmlichkeiten im Gefolge haben mußte, gleich 
zu beschreiten. — Am nämlichen Vorniilia^r hat dieser Kommandant 
die Liste der Offiziere unter Kontrolle eines Wachorganes vorzu- 
lesen. Fehler waren ihm, der seine Gofährien schon durch längere 
Zeit kannte, darin bisher nicht unterlaufen. Heute al)erlie.st er 
den Namen seines lieleidigers, so daß dieser, als alle Kameraden 
bereit* abgetreten waren, allein am l'lnize zurückbleibc-n muß, 
bis sich der Irrtum geklärt hat. Der Überseliene Name stand in 
voller Deutlichkeit in der Mitte eines IJIaltes. — Dieser Vorfall 
wurde von der einen Seile als beabsichtigte Kränkung ausgelegt; 
von der anderen als peinlicher und /.ur i-\.hldeulunf. geeigneter 
Zufall angesehen. Docli gewa.in <ler IJrheb.-r späterhin, nach 
Kenntnisnahme von Fre.uls ,l\y. hoi.atliologie' v\u ricl.lif;es Urteil 
des Stattgefundenen." 

Ahnlich erklären sich durch den Widerstreit einer konven- 
tionellen Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren S( hätzung 
die Falle, „» denen m.m Ihmdlungen au.s/uführen vergißt, die 
man einem anderen zu seinen Gunsten auszuführen versprochen 
•^a ■ Hier trifft es dann regelmäßig zu, daß rn.r <ler Gclnner an die 
enuchuldigonde Kraft des Verge.sens glaub,, währen.) der Bitt- 
steller sich ohne Zweifel die richtige Antwort gibt: Kr hat kein 



FIl. Vergessen von Eindrücken und Forsätzen I75 

Interesse daran, sonst hätte er es nicht vergessen. Es gibt Menschen, 
die man als allgemein vergeßlich bezeichnet und darum in 
ähnlicher Weise als entschuldigt gelten läßt wie etwa den Kurz- 
sichtigen, wenn er auf der Straße nicht grüßt'. Diese Personen 
vergessen alle kleinen Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle 
Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich 
also in kleinen Dingen als unverläßlicli und erheben dabei die 
Forderung, daß man ihnen diese kleineren Verstöße nicht übel- 
nehmen, d. h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf 
organische Eigentümlichkeit zurückführen sollet Ich gehöre selbst 
nicht zu diesen Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die 
Handlungen einer solchen Person zu analysieren, um durch die 
Auswahl des Vergessens die Motivierung desselben aufzudecken. 
Ich kann mich aber der Vermutung per analogiam nicht erwehren, 
daß hier ein ungewöhnlich großes Maß von nicht eingestandener 
Geringsrhiilzung des anderen das Motiv ist, welches das kon- 
stitutionelle Moment für seine Zwecke ausbeutet'. 



1) Frauen sind mit ihrem feineren Verständnis für imJiewiißte seelische Vorgänge 
in der Rcfjcl eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn man sie auf der 
Straßp nicht erkennt, also nicht grüßt, als an die nächstliegenden Erklärungen lu 
denken, daß der Säumige kurzsichtig sei oder in Gedanken verswnken sie nicht 
bemerkt hahe. Sie sclilieOen, man hatte sie schon bemerkt, wenn man sich „etwas 
aus ihnen machen würde". 

2) S. Ferencii berichtet von sich, daß er selbst ein „Zerslreuter" gewesen ist 
und seinen Bekannten durch die Häufigkeit und Sonderbarkeit seiner Pehlhandliingen 
anffiillig war. Die Zeichen dieser „Zerstreutheit" sind aber fast völlig geschwunden, 
seitdem er die psychoanalytische Behandlung von Kranken zu üben begann tuid sich 
geniiligt sah. auch der Analyse seines eigenen Ichs Aufmerksamkeit ziimwenden. Man 
venichlet, ineint er, auf die F chlh an dlun gen, wenn man seine eigene Verantwort- 
lichkeit um so vieles ousiudehnen lernt. Er hält daher mit Recht die Zerstreutheit 
fiir einen Zustand, der von unbewußten Komplexen abhängig und durch die Psycho- 
analyse heilbar ist, F.ines Tages aber stand er unter dem Selbstvorwurfe, bei einem 
Patienten einen Kunstfehler in der Psychoanalyse begangen au haben. An diesem^ 
Tage slclllen sich alle seine früheren „Zerstreutheiten" wieder ein. Er stolperte 
melirmalfi im Gehen auf der Straße (Darstellung jenes faux pas in der Behandlune) 
vergaß seine Brieftasche zu Hause, wollte auf der Trambahn einen Kreuzer wenicer 
lahlen, hatte seine Kleidungsstücke nicht ordentlich zugeknöpft u, dgl. 

5) E. Jones bemerkt hieiu: Oßen ihe resisianct is of a gencral order. Thus a busy 
man forgcts to post leiten rntnisled to liim — to his slight armityance — by his wife just 
aS he may ^forget" to carry oui her ihopping Orders. 



174 Zwr Psychopathologie des Alltaffxlfbens 



Bei anderen Fällen sind die Motive drs Vergessens weniger 
leicht aurzufinden und erregen, wenn gefunden, ein größeres 
Befremden. So merkte ich in früheren Jahren, dal3 ich bei einer 
größeren Anzahl von Krankenbesuchen nie einen anderen Be- 
such vergesse als den bei einem Gratispatienton oder bei einem 
Kollegen. Aus Beschämung hiorüIwT hatte ich mir ungewöhnt, 
die Besuche des Tages schon am Morgen als Vorsatz zu notieren. 
Ich weiß nicht, ob andere Ärzte auf dem nämliclien Woge zu 
der gleichen Übung gekommen sind. Al)er man gewinnt so eine 
Ahnung davon, was den sogenannten Neurasllieniker veranlaßt, 
die Mitteilungen, die er <lem Ar/.i machen will, auf dem 
berüchtigten „Zettel" zu notieren. Aii^ehlirh fehlt es ihm an 
Zutrauen zur Reprodukiionsleistuiig seines (Jedächinisses. Das ist 
gewiß richtig, aber die Szene gehl zumeist so vor sich: Der 
Kranke hat seine verschiedenen Beschwerden und Anfragen höchst 
langatmig vorgebracht. Nachdem er fertig geworden ist, macht 
er einen Moment Pause, darauf zieht er den Zettel hervor und 
sagt entschuldigend: Ich habe mir etwas aufgeschrieben, wiiil ich 
mir so gar nichts merke. In der Kegel iimlet er auf dem Zeltel 
nichts Neues. Er wiederholt jeden Punkt und beanivvorlot ihn 
selbst: Ja, danocli habe ich schon gefi-agt. Kr deinmistriert mit 
dem Zettel wahrscheinlich nur eines .seiner Symptome, die 
Häufigkeit, mit der seine Vorsätze durch I''inniengung dunkler 
Motive gestört werden. 

Ich rühre ferner an leiden, nn wekhen auch der größere Teil 
der mir bekannten CJesundon knniki, wenn ich zugestehe, daß 
ich besonders in früheren Jahren sehr leicht und für lange 
Zeit vergessen habe, entlehnte Bücher zurückzugeben, oder daß 
es mir besonders leiclit begegnet ist, /^hluTigen durch Vergessen 
aufzuschieben. Unlängst verließ ich eines Morgen.«! die Tabak- 
trafik, in welcher ich meinen tÜgUchen Zigarreueinkauf gemacht 
hatte, ohne ihn zu bezahlen. iCs war eine höchst harmlose Unter- 
lassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher erwarten, 



VTI. Fergessen von Eindrücken und P^orseirzen 



^75 



am nächsten Tag an die Schuld gemahnt zu werden. Aber die 
kleine Versäumnis, der Versuch, Schulden zu machen, steht gewiß 
nicht außer Zusammenhang mit den Budgeterwäguncen die mich 
den Vortag über bescliäftigt hatten. In Bezug auf das Thema von 
Geld und Besitz lassen sich die Spuren eines zwiespältigen Ver- 
hallens auch bei den meisten sogenannt anständigen Menschen 
leicht nachweisen. Die primitive Gier des Säuglings, der sich 
aller Objekte zu bemächtigen sucht (um sie zum Munde zu 
führen), zeigt sich vielleicht allgemein als nur unvollständig durch 
Kultur und Erziehung überwunden'. 

Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach 
banal geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn 
ich auf Dinge stoße, die jedermann bekannt sind, und die jeder 
in der nämlichen Weise versteht, da ich bloß vorhabe, das 
Alltägliche zu sammeln und wissenschaftlich zu verwerten. Ich 
sehe nicht ein, weshalb der Weisheit, die Niederschlag der 
gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter die Erwerbungen 

i) Dor Einheit des Themas lulicbe darf ich hier die gewählte Einteilung durch- 
brechnn und drni oben Gesagten anschlieDen. daß in hentg auf Geldsachen das 
Gedächtnis der Menschen eine besondere Parteilichkeit zeigt. Erinnerungstäuschungcn, 
etwas bereits beiahlt zu haben, sind, wie ich von mir selbst weiß, oft sein- hart- 
näckig. Wo der gewinnsüchtigen Absicht abseits von den großen Interessen der 
Lebensführung und daher eigentlich zum Sehe« freier Lauf gelassen wird wie beim 
Karlenspiel, neigen die ehrlichsten Männer in Irrtümern, Erinnernngs- und Rechen- 
fehlern und finden sich selbst, ohne recht zu wissen wie. in kleine Betrügereien 
verwickelt. Auf solchen Freiheiten beruht xum Teil der psychisch erfrischende 
Charakter des Spieles. Das Sprichwort, daß man beim Spiel den Charakter des 
Menschen erkennt, ist zuzugeben, wenn man dabei nicht den manifesten Charakter 
im Auge hat. — Wenn es unabsichtliche Rechenfehler bei Zählkellnern noch gibt. 
BO unlcriiegen sie offenbar derselben Beurteilung. — Im Kaufmannslande kann man 
häufig eine gewisse Zögerung in der Verausgabung von Geldsummen, bei der 
Bezahlung von Reclmungen u. dgl. beohacliten, die dem Eigner keinen Gewinn 
bringt, sondern nur psychologisch zu verstehen ist als eine Aiißenmg des Gegen- 
willens, Geld von sich zu tun, — B r i 1 1 bemerkt hierüber mit epigrammatischer 
Schärfe: W« i^re nmre tipt to mislaj' letitrs containing bäh than chccks. — Mit den 
intimsten xmA am wenigsten klar gewordenen Regungen hüngt es zusammen, wenn 
gerade Frauen eine besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren. Sie haben 
gewohnlicli ihr Portemonnaie vergessen, können darum in der Ordination nicht 
zahlen, vergessen dann regelmäßig, das Honorar vom Hause aus zu schicken und 
setzen es so durch, daß man sie umsonst — „um ihrer schonen Augen willen« — 
behandelt hat. Sie lahlcn gleichsam mit ihrem Anblick, 



176 Zur Psychopathologie des Alltagsl^fena 

der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die Verschiedenheit 
der Objekte, sondern die strengere Methode bei der FesLsli'llung 
und das Streben nach weitreicliendem Zusammeulmiig machen 
den wesenthchen Charakter der wissenschaftliclien Arbeit aus. 

Für die Vorsätze von einif^cin BcUuig haben wir allgemein 
gefunden, daß sie dann vergossen werden, wenn sich dunkle 
Motive gegen sie erheben. Hei noch weniger wiclitigen Vorsätzen 
erkennt man als zweiten Mechanismus des Vergessens, daß ein 
Gegenwille sich von wo anders her auf den Vursat/. überträgt, 
nachdem zwischen jenem anderen und dem Inhalt des Vorsatzes 
eine äußerliche Assozialioti hergestr'lii worden i.st. liiezu gehört 
folgendes Beispiel: Ich lege Wert auf schojies Löschpapier und 
nehme mir vor, auf meinem heutigen Naclnniltagsweg in die 
Innere Stadt neues einzukaufen. Alter an vier aufeinander- 
folgenden Tagen vergesse ich es, bis ich mith befrage, welchen 
Grund diese Unterlassung hat. Icli finde ihn dann leicht, nachdem 
ich mich besonnen habe, daß ich zwar „Löschpapier" zu 
schreiben, aber „Fließpapier" zu sagen gewohnt bin. „Fließ" ist 
der Name eines Freundes in Berlin, der mir in den iiiimliclien 
Tagen Anlaß zu einem quälenden, besorgten Gedanken gegeben 
hatte. Diesen Gedanken kann ich nicht los werden, aber die 
Abwehmeiguiig (vgl. oben S. 1G3) äußert sich, indi-m sie sich 
mittels der Wortgloichheit auf den indifferenten und darum 
wenig resistenten Vorsatz Überträgt. 

Direkter Gegen wille und entfernlere Motivierung treffen in 
folgendem Falle von Aufschub zusammen: In der Sammlung 
„Grenzfragen des Nerven- und SeelenU'beiis" halte ich eine 
kurze Abhandlung über den Traum geschrieben, welche den 
Inhalt meiner „Traumdeutung" resümiert. Bergmann in 
Wiesbaden sendet eine Korrektur und bittet um umgehende 
Elrledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben 
will. Ich mache die Korrektur noch in der Nacht und lege sie 
auf meinen Schreibtisch, um sie am nächsten Morgen mitzuneiimen» 



VTl. Fergessen von Eindrücken und yorsätzen 



177 



Am Morgen vergesse ich daran, erinnere mich eret nachmittags 
beim Anbhck des Kreuzbandes auf meinem Schreibtisch. Ebenso 
vergesse ich die Korrektur am Nachmittag, am Abend und am 
nächsten Morgen, bis ich mich aufraffe und am Nachmittag des zweiten 
Tages die Korrektur zu einem Briefkasten trage, verwundert was 
der Grund dieser Verzögerung sein mag. Ich will sie offenbar nicht 
absenden, aber ich finde nicht, warum. Auf demselben Spazier- 
gang t]-ete ich aber bei meinem Wiener Verleger, der auch das 
Traumbuch publiziert hat, ein, mache eine Bestellung und sage 
dann, wie von einem plötzlichen Einfall getrieben ; „Sie wissen 
doch, daß ich den ,Traum' ein zweites Mal geschrieben habe?" 
- — »Ah, da würde ich doch bitten." — „Beruhigen Sie sich, 
nur ein kurzer Aufsatz für die Lö wenfeld-KureUasche 
Sammlung." Es war ihm aber doch nicht recht; er besorgte, der 
Vortrag würde dem Absatz des Buches schaden. Ich widersprach 
und fragte endlich: „Wenn ich mich früher an Sie gewendet 
hätte, würden Sie mir die Publikation untersagt haben ?" — 
„Nein, das keineswegs." Ich glaube selbst, daß ich in meinem 
vollen Recht gehandelt und nichts anderes getan habe, als was 
allgemein üblich ist; doch scheint es mir gewiß, daß ein ähnliches 
Bedenken, wie es der Verleger äußerte, das Motiv meiner 
Zogerung war, die Korrektur abzusenden. Dies Bedenken geht 
auf eine frühere Gelegenheit zurück, bei welcher ein anderer 
Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, wie unvermeidlich, einige 
Blätter Text aus einer früheren, in anderem Verlage erschienenen 
Arbeil über zerebrale Kinderlähmung unverändert in die 
Bearbeitung desselben Themas im Handbuch von Nothnagel 
hinübernahm. Dort findet aber der Vorwurf abermals keine 
Anerkennung ; ich hatte auch damals meinen ersten Verleger 
(identisch mit dem der „Traumdeutung") loyal von meiner 
Absicht verständigt. Wenn aber diese Erinnerungsreihe noch 
weiter zurückgelit, so rückt sie mir einen noch früheren Anlaß 
vor, den einer Übersetzung aus dem Französischen, bei welchem 

Freud, IV, 



178 Zur Psychopatholofrie des AUtagslebeTts 

ich wirklich die bei einer Publikation in lielrachl kommenden 
Eigentumsrechte verletzt habe. Ich haltn dem übersetzten Text 
Anmerkungen beigefügt, ohne für diese? Anmerkungen die 
Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haljon, und habe einige 
Jahre später Grund zur Annalinm Ijekemnien, daß der Autor mit 
dieser Eigenmächtigkeit unzufrieden war. 

Es gibt ein Sprichwort, welclies die populäre Kenntnis verrät, daß 
das Vergessen von Vorsätzen nichts Zufälliges ist. „Was man ein- 
mal zu tun vergessen hat, das vergißt man dann noch öfter.' 

Ja, man kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, 
daß alles, was man über das Vergessen und die iM'hlliinidlungen 
überhaupt sagen kann, den Menschen ohnedies wie etwas Selbst- 
verständliches bekannt ist. Wunderbar genug, daß es doch 
notwendig ist, ihnen dies so Wohlbekannte vors Bewußtsein zu 
rücken! Wie oft habe ich sagen gehiirt: Gib mir diesen Auftrag 
nicht, ich werde gewiß an ihn vergessen. Das EintrelTen dieser 
Vorhersagung hatte dann sicherlich nichts Mystisches an sich. 
Der so sprach, verspürte in sich den Vorsatz, den Auftrag nicht 
auszuführen, und weigerte sich nur, sich zu ihm zu bekennen. 

Das Vergessen von Vorsätzen erfähit iil)rigens eine gute 
Beleuchtung durch etwas, was man als „Fassen von falschen 
Vorsätzen" bezeichnen könnte. Ich halte einmal einem jungen 
Autor versprochen, ein Referat Über sein kleines Opus zu 
schreiben, schob es aber wegen innerer, mir nicht unliekannter 
Widerstände auf, bis ich mich eines Tages durch sein Drängen 
bewegen ließ zu versprechen, daß es noch am sell>cn Abend 
geschehen werde. Ich hatte auch die ernste Absicht, so zu tun, 
aber ich hatte vergessen, daß die Aiifassung eines unaufschieb- 
baren Gutachtens für den nämlichen Abend angesetzt war. 
Nachdem ich so meinen Vorsatz als falsch erkamit hatte, 
gab ich den Kampf gegen meine Widerstände auf und sagte 
dem Autor ab. 



VIII 



DAS VERGREIFEN 



Der oben erwähnten Arbeit von M e r i n g e r und Mayer 

entnehme ich noch die Stelle (S. 98); 

„Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen 

den Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten der Menschen sich 

oft einstellen und ziemlich töricht , Vergeßlichkeiten' genannt 

werden." 

Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht 

hinter den kleinen Funktionsstörungen des täghchen Lebens 

Gesunder vermutet\ 

Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische 
Leistung ist, eine solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es 
nahe, auf die Fehler unserer sonstigen motorischen Verrichtungen 
die nämliche Erwartung zu übertragen. Ich habe hier zwei 
Gruppen von Fällen gebildet^ alle die Fälle, in denen der 
Fehleffekt das Wesentliche scheint, also die Abirrung von der 
Intention, bezeichne ich als „Vergreifen", die anderen, in 
denen eher die ganze Handlung unzweckmäßig erscheint, benenne 
ich „Symptom- und Zufallshandlungen". Die Scheidung 
ist aber wiederum nicht reinlich durchzuführen; wir kommen ia 
wohl zur Einsicht, daß alle in dieser Abhandlung gebrauchten 

1) Eine zweite Putlikation Meringers hat mir spkter gezeigt wie sehr 
icli diesem Autor unrecht tat, als ich ihm solches Verständnis zumutete. 



i8o 



"Zur Psychopathologie des /llltagalebens 



Einteilungen nur deskriptiv bedeutsame sind und der inneren 
EÜnheil des Erscheinungsgebietes widersprechen. 

Das psychologische Verständnis des „Vergreifens" erfährt 
offenbar keine besondere Förderung, wenn wir es der Ataxie 
und speziell der „kortikalen Ataxie" subsumieren. Versuchen wir 
lieber, die einzelnen Beispiele auf ihre jeweiligen Bedingungen 
zurückzuführen. Ich werde wiederum Selbstbeobachtungen hiezu 
verwenden, zu denen sich die Anlässe bei mir nicht besonders 
häufig finden. 

a) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch 
häufiger machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, daß ich, 
vor der Tür, an die ich anklopfen oder anläuten sollte, angekommen, 
die Schlüssel meiner eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um 
— sie dann fa.st beschämt wie<Ier einzustecken. Wenn ich mir 
zusammenstelle, bei welchen Patienten dies der Fall war, so 
muß ich annehmen, die Fehlhandlung — Schlüssel herausziehen 
anstatt läuten — bedeutete eine Huldigung für dos Haus, wo 
ich in diesen Mißgriff verfiel. Sie war äquivalent dem Gedanken: 
„Hier bin ich wie zu Hause," denn sie trug sich nur zu, wo 
ich den Kranken liebgewonnen hatte. (An meiner eigenen 
Wohnungstür läute ich natürlich niemals.) 

Die Fehlhandlung war also eine symbolische Darstellung eines 
doch eigentlich nicht für ernsthafte, bcwuUte Annahme bestimmten 
Gedankens, denn in der Rt-alität wt^iß i\vA- Nervenarzt genau, 
daß der Kranke ihm nur so lange anhänglich bleibt, als er noch 
Vorteil von ihm erwartet, und daß er selbst nur zum Zwecke 
der psychischen Hilfeleistung ein übermäßig warmes Interesse für 
seine Patienten bei sich gewähren läßt. 

Daß das sinnvoll fehlerhafte Hantieren mit dem Schlüssel 
keineswegs eine Besonderheit meiner Person ist, gehl aus zahl- 
reichen Selbstbeobachtungen anderer hervor. 

Eine fast identische Wic^derholung meiner F.rfahrungen beschreibt 
A. Maeder (Contrib. ä la Psychopathologie de la vie quolidienne. 



lÄi 



f///. Das Vergreifen igi 



Arch. de Psycho!., VI, 1906): TZ est arrive ä cliacun de sortir 
son trousseau, an arrivant ä la porte d'un arni particulikrement 
eher, de se surprendre pour ainsi dire, en train d'ouvrir avec sa 
cle comme chez soi. Cest un retard, puisgu'il faut sonner malgri 
touty mais c'est une preuve qu'on se sent — ou qu'on voudrait 
se sentir — comme chez soi, auprks de cet ami. 

E. Jones (1. c, p. 50g); The use of keys is a fertile source 
of occurrences of this kind of which two examples may be given. 
If I am disturbed in the midst of somc engrossing work at home 
hy having to go to the hospital to carry out sorne routine work, 
I am very apt to ßnd myself trying to open the door oj my 
laboratory there with the key of my desk at home, although the 
two keys are quite uiilike each other. The mistake unconsciously 
dcmonstrates where I would rather be at the moment. 

Some years ago I was acting in a subordinate position at a 
certain Institution, the front door of which was kept locked, so 
that it was necessary to ring for admission. On several occas- 
sions I found myself making serious attempts to open the door 
with my house key. Each one of the permanent visiting staff, 
of which I aspired to be a member, was provided with a key 
to avoid the trouble of having to wait at the door. My mistakes 
thiis expressed my desire to be on a similar footing, and to be 
quite „at home" there. 

Ähnlich berichtet Dr. Hanns Sachs: Ich trage stets zwei 
Schlüssel bei mir, von denen der eine die Tür zur Kanzlei, der 
andere die zu meiner Wohnung öffnet. Leicht verwechselbar 
sind sie durchaus nicht, da der Kanzleischlüssel mindestens 
dreimal so groß ist wie der Wohnungsschlüssel. Überdies trage 
ich den ersteren in der Hosentasche, den anderen in der Weste. 
Trotzdem geschah es öfters, daß ich vor der Tür stehend bemerkte 
daß ich auf der Treppe den falschen Schlüssel vorbereitet hatte. 
Ich beschloß, einen statistischen Versuch zu machen; da ich ja 
täglich ungefähr in derselben Gemütsverfassung vor den beiden 



l82 



Tait Psychopathologie des Alltagslebens 



Türen stehe, mußte auch die Verwechslung der beiden Schlüssel, 
wenn anders sie psychisch determiniert sein sollte, eine regel- 
mäßige Tendenz zeigen. Die Beobachtung bei späteren Fallen 
ergab dann, daß ich regelmäßig den Wohnungsschlüssel vor der 
Kanzleitür herausnahm, nur ein einziges Mal war das Umgekehrte 
der Fall: ich kam ermüdet nach Hause, wo, wie ich wußte, ein 
Gast meiner wartete. Vor der Tür maclite ich einen Versuch, 
sie mit dem natürlich viel zu großen Kan/.Ieischlüssel aufzu- 
sperren. 

bj In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren 
zweimal täglich zu festgesetzten Zeiten vor einer Tür im zweiten 
Stock auf Einlaß warte, ist es mir während dieses langen Zeit- 
raumes zweimal (mit einem kurzen Intervall) geschehen, daß ich 
um einen Stock höher gegangen bin, also mich „verstiegen" 
habe. Das eine Mal befand ich mich in einem ehrgeizigen Tag- 
traum, der mich „höher und immer hiilier steigfüi" ließ. Ich 
überhörte damals sogar, daß sich die fragliche Tür geöffnet hatte, 
als ich den Fuß auf die ersten Stufen des dritten Stockwerks 
setzte. Das andere Mal ging ich wiederum „in Gedanken versunken" 
zu weit; als ich es bemerkte, umkehrte und die miLb beherrschende 
Phantasie zu erhaschen suchte, fand ich, daß ich mich über 
eine (phantasierte) Kritik meiner Schriften ärgerte, in welcher 
mir der Vorwurf gemacht wurde, daß ich immer „zu weit 
ginge", und in die ich nun den wonig respektvollen Ausdruck 
„verstiegen" einzusetzen hatte. 

cj Auf meinem Schreibtisch hegen seit vielen Jahren neben- 
einander ein Reflexhammer und eine Stimmgßl)el. Mines Tages 
eile ich nach Schluß der Sprechstunde fori, weil ich einen 
bestimmten Stadtbahnzug erreichen will, stecke bei vollem Tages- 
licht anstatt des Hammers die Stimmgabel in die Rocktasche und 
werde durch die Schwere des die Tasclie herabziehenden Gegen- 
standes auf meinen Mißgriff aufmerksam gemacht. Wer sich 
über so kleine Vorkommnisse Gedanken zu maclien nicht gewohnt 



VTTT. Das Vergreifen 183 



ist, wird ohne Zweifel den Fehlgriff durch die Eile des Moments 
erklären und entschuldigen. Ich habe es trotzdem vorgezogen, 
mir die Frage zu stellen, warum ich eigentlich die Stimmgabel 
anstatt des Hammers genommen. Die Eilfertigkeit hätte eben- 
sowohl ein Motiv sein können, den Griff richtig auszuführen, 
um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen. 

Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die 
Frage, die sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen 
ein idiotisches Kind, bei dem ich die Aufmerksamkeit auf 
Sinneseindrücke prüfte, und das durch die Stimmgabel so gefesselt 
wurde, daß ich sie ihm nur schwer entreißen konnte. Soll das 
also heißen, ich sei ein Idiot? Allerdings scheint es so, denn der 
nächste Einfall, der sich an Hammer assoziiert, lautet „Cham er" 
{hebräisch: E^el). 

Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muß hier die Situation 
befragen. Ich eile zu einer Konsultation in einem Orte an der 
Westbahnstrecke, zu einer Kranken, die nach der brieflich mitge- 
teilten Anamnese vor Monaten vom Balkon herabgestürzt ist 
und seither nicht gehen kann. Der Arzt, der mich einlädt, 
schreibt, er wisse trotzdem nicht, ob es sich um Rückenmarks- 
verletzung oder um traumatische Neurose — Hysterie — handle. 
Da soll ich nun enucheiden. Da wäre also eine Mahnung am 
Platze, in der heiklen Differentialdiagnose besonders vorsichtig 
zu sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagnostiziere viel 
zu leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere Dinge handle. 
Aber die Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! Ja, es 
kommt hinzu, daß die kleine Bahnstation der nämliche Ort ist, 
an dem ich vor Jahren einen jungen Mann gesehen, der seit 
einer Gemütsbe^vegung nicht ordentlich gehen konnte. Ich 
diagnostizierte damals Hysterie und nahm den Kranken später in 
psychische Behandlung, und dann stellte es sich heraus, daß ich 
freilich nicht unrichtig diagnostiziert hatte, aber auch nicht 
richtig. Eine ganze Anzahl der Symptome des Kranken war 



;^4 Zur Psychopathologie des ^Alltagslebens 



hysterisch gewesen, und diese schwanden aucli prompt im Laufe 
der Behandlung. Aber hinter diesen wurde nun ein für die 
Therapie unantastbarer Rest sichtbar, der sich nur auf eine 
muUipIe Sklerose beziehen heß. Die den Kranken nach mir 
sahen, hatten es leicht, die organische Affektion zu erkennen; ich 
hatte kaum anders vorgehen und anders urteilen können, aber 
der Eindruck war doch der eines schweren Irrtums; das Ver- 
sprechen der Heilung, das ich ihm gegeben halte, war natürlich 
Dicht zu halten. Der Mißgriff nacli der Stimmgabel anstatt nach 
dem Hammer ließ sich also so in Worte übersetzen; Hu Trottel, 
du Esel, nimm dich diesmal zusammen, daß du nicht wieder 
eine Hysterie diagnostizierst, wo eine unheilbare Krankheit 
vorHegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort vor 
Jahren! Und zum Glück für diese kleine Analyse, wenn auch 
zum Unglück für meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit 
schwerer spastischer Lähmung wenige Tage vorher und einen 
Tag nach dem idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen. 
Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die 
sich durch das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Ver- 
wendung als Selbstvorwurf ist der Kohlgriff ganz besonders geeignet. 
Der Mißgriff hier will den Mißgriff, den man anderswo begangen 
hat, darstellen. 

d) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen 
Reihe anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: 
Es kommt sehr selten vor, daß ich etwas zerschlage. Ich bin nicht S 

besonders geschickt, aber inlblge der anatomischen Integrität 
meiner Nervmuskelapparate sind Gründe für so ung(?schickte 
Bewegungen mit unerwünschtem Erfolge bei mir offenbar nicht 
gegeben. Ich weiß also kein Objekt in meinem Hause zu erinnern, 
dessengleichen ich je zerschlagen hätte. Ich war durch die Enge 
in memem Studierzimmer oft genötigt, in den unbequemsten 
Stellungen mit einer Anzahl von antiken Ton- und Steiiisachen, 
von denen ich eine^kleine Sammlung Iiube, zu hantieren, so daß 



VIII. Das Vergreifen 185 



Zuschauer die Besorgnis ausdrückten, ich würde etwas herunter- 
schleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals geschehen. Warum 
habe ich also einmal den marmornen Deckel meines einfachen 
Tintengefdßes zu Boden geworfen, so daß er zerbrach? 

Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte Ton Untersberger 
Marmor, die für die Aufnahme des gläsernen Tintenfaßchens 
ausgehöhlt ist; das Tintenfaß trägt einen Deckel mit Knopf aus 
demselben Stein. Ein Kranz von Bronzestatuetten und Terrakotta- 
figürchen ist hinter diesem Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich 
an den Tisch, um zu schreiben, mache mit der Hand, welche 
den Federstiel hält, eine merkwürdig ungeschickte, ausfahrende 
Bewegung und werfe so den Deckel des Tintenfasses, der bereits 
auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklärung ist nicht schwer 
zu finden. Einige Stunden vorher war meine Schwester im 
Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen anzusehen. 
Sie fand sie sehr schön und äußerte dann : „Jetzt sieht dein 
Schreibtisch wirklich hübsch aus, nur das Tintenzeug paßt nicht 
dazu. Du mußt ein schöneres haben." Ich begleitete die Schwester 
hinaus und kam erst nach Stunden zurück. Dann aber habe ich, 
wie es scheint, an dem verurteilten Tintenzeug die Exekution 
vollzogen. Schloß ich etwa aus den Worten der Schwester, daß 
sie sich vorgenommen habe, mich zur nächsten festlichen 
Gelegenheit mit einem schöneren Tintenzeug zu beschenken, 
und zerschlug das unschöne alte, um sie zur Verwirklichung 
ihrer angedeuteten Absicht zu nötigen? Wenn dem so ist, so war 
meine schleudernde Bewegung nur scheinbar ungeschickt; in 
Wirklichkeit war sie höchst geschickt und zielbewußt und ver- 
stand es, allen wertvolleren, in der Nähe befindlichen Objekten 
schonend auszuweichen. 

Ich glaube wirklich, daß man diese Beurteilung für eine ganze 
Reihe von anscheinend zufällig ungeschickten Beweonngen 
annehmen muß. Es ist richtig, daß diese etwas Gewaltsames 
Schleuderndes, wie Spastisch- Ataktisches zur Schau tragen aber 



i86 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



sie erweisen sich als von einer Intention belioirscht und treffen 
ihr Ziel mit einer Sicherheit, die man den bewußt willkürlichen 
Bewegungen nicht allgemein nachriihmon kann. Beid«? Charaktere, 
die Gewaltsamkeit wie die Treffsicherheit, haben sie übrigens mit 
den motorischen ÄuÜerungen der liyslerisclicii N(Mirose und zum 
Teile auch mit den motorischen Leistungen des Somnambulismus 
gemeinsam, was wohl hier wie dort auf die nämliche unbekannte 
Modifikation des Innervalionsvorgangcs hinwpisl. 

Auch eine von Frau Lou Andreas-Salom^ mitgeteilte 
Selbstbeobachtung kann überzeugend darlun, wio eine liartuäckig 
festgehaltene „Ungeschicklichkeit" in sidir geschickter Weise 
un eingestandenen Absiebten dient. 

„Genau von der Zeit an, wo (hi' Milch seltene und kostbare 
Ware geworden war, geschah es mir, vx\ meinem Kländigen 
Schrecken und Ärgernis, sie beständig überkochen zu lassen. 
Umsonst mühte ich mich, dessen Herr zu wenlon, obwtihl ich 
durchaus nicht sagen kann, daß ich mich bei sonstigen Gelegen- 
heiten zerstreut oder uuachtsniu bewiesen liäiie. Vhor hätte das 
Ursache gehabt nach dem Tode meines lieben weißen Terriers 
(der so berechtigterweise wie nur je ein Mensch ,Freund* 
[russisch Drujok] hieß). Aber — siehe da! - - niemals seitdem 
ist die Milch auch nur um ein Tröpfchen übergekocht. Mein 
nächster Gedanke darüber lautete: ,Wie gut ist das, da das auf 
Herdplatte oder Fußboden sich Ergießende nun nicht einmal 
Verwändung fände!' — Und gleichzeitig sah ich meinen ,Freund' 
vor mir, wie er gespannt dasaß, die Kochprozedur zu beobachten; 
den Kopf etwas schiefgeneigl und mit dem Schwanzende schon 
erwartungsvoll wedelnd, - — mit geirosti'r Sicln^rhoit des sich voll- 
ziehenden prächtigen Unglücks gewärtig. Damit war freilich alles 
Mar, und auch dies: daß er mir noch mehr lieb gewesen war, 
als ich selbst wußte." 

Es ist mir in den letzten Jahren, seitdem ich solche Beob- 
achtungen sammle, noch einigemal geschehen, daß ich Gegen- 



VIII. Das Fergreifen 187 

stände von gewissem Werte zerschlagen oder zerbrochen habe, 
aber die Untersuchung dieser Fälle hat mich überzeugt daß es 
niemals ein Erfolg des Zufalls oder meiner absichtslosen Unge- 
schicklichkeit war. So habe ich eines Morgens, als ich im Bade- 
kostüm, die Füße mit Strohpantoffeln bekleidet, durch ein Zimmer 
ging, einem plötzlichen Impuls folgend, einen der Pantoffel vom 
Fuß weg gegen die Wand geschleudert, so daß er eine hübsche 
kleine Venus von Marmor von ihrer Ronsole herunterholte. 
Während sie in Stücke ging, zitierte ich ganz ungerührt die 
Verse von Busch: 

Ach t die Venus ist perdü — 
Klickeradoms I — von Medici ! 

Dieses tolle Treiben und meine Ruhe bei dem Schaden finden 
ihre Aufklärung in der damaligen Situation. Wir hatten eine 
Schwerkranke in der Familie, an deren Genesung ich im stillen 
bereits verzweifelt hatte. An jenem Morgen hatte ich von einer 
großen Besserung erfahren; ich weiß, daß ich mir gesagt hatte: 
also bleibt sie doch am Leben. Dann diente mein Anfall von 
Zerstörungswut zum Ausdruck einer dankbaren Stimmung gegen 
das Schicksal und gestattete mir, eine „Opferhandlung" zu 
vollziehen, gleichsam als hätte ich gelobt, wenn sie gesund wird, 
bringe ich dies oder jenes zum Opfer! Daß ich für dieses Opfer 
die Venus von Medici ausgesucht, sollte gewiß nichts anderes als 
eine galante Huldigung für die Genesende sein; unbegreiflich 
bleibt mir aber auch diesmal, daß ich so rasch entschlossen, so 
geschickt gezielt und kein anderes der in so großer Nähe 
befindlichen Objekte getroffen habe. 

Ein anderes Zerbrechen, für das ich mich wiederum des der 
Hand entfahrenden Federstieles bedient habe, hatte gleichfalls die 
Bedeutung eines Opfers, aber diesmal eines Bittopfers zur 
Abwendung. Ich hatte mir einmal darin gefallen, einem treuen 
und verdienten Freunde einen Vorwurf zu machen, der sich auf 
die Deutung gewisser Zeichen aus seinem Unbewußten, auf nichts 



i88 



7.ur Psychopathologie des Alltagslebens 



anderes, stützte. Er iia}im es übel auf und scln-iob mir einen 
Brief, in dem er mich bat, meine Freunde nicht psychoanjily tisch 
zu behandeln. Ich mußte ihm recht geben und beschwichtigte 
ihn durch meine Antwort. Während ich diesen Brief schrieb, 
hatte ich meine neueste Erwerbung, ein priirhiig glasiertes 
ägyptisches Figürchen, vor mir stehen. Ich zerschlug es auf die 
beschriebene Weise und wußte dann sofort, daß ich dies Unheil 
angerichtet, um ein größeres abzuwenden. Zum (ilück ließ sich 
beides — die Freundschaft wie die Figur — so kitten, daß man 
den Sprung nicht merken würde. 

Ein drittes Zerbrechen stand in weniger ernsthaftem Zusammen- 
hang; es war nur eine maskierte „Exekution", um <len Ausdruck 
von Th. V i s c h e r („ Auch einer") zu gebrauchen, an einem 
Objekt, das sich meines Gefallens nicliL mehr erfreute. Ich hatte 
eine Zeitlang einen Stock mit Silborgriff getragen; als die dünne 
Silberplatte einmal ohne mein Verschulden beschädigt worden 
war, wurde sie schlecht repariert. Bald nachdem der Stock zurück- 
gekommen war, benützte ich den Grifi', um im Übermut nach 
dem Beine eines meiner Kleinen zu angeln. Dabei brach er 
natürlich entzwei und ich war von ihm befreit. 

Der Gleichmut, mit dem man in all diesen Füllen den ent- 
standenen Schaden aufnimmt, darf wolil als Beweis für das 
Bestehen einer unbewußten Absicht bei der Ausführung in 
Anspruch genommen werden. 

Gelegentlich stößt man, wenn man den Begründungen einer so 
geringfügigen Fehlleistung nachforscht, wie es das Zerbrechen 
eines Gegenstandes ist, auf Zusammenhänge, die tief in die Vor- 
geschichte eines Menschen hineinführen und überdies an der 
gegenwartigen Situation desselben haften. Nachstehende Analyse 
von L. Jekels soll hiefür ein Beispiel geben. 

„Ein Arzt befindet sich im Besitze eijior, wenn auch nicht 
kostbaren, so doch sehr hübschen irdenen Blumenvase. Dieselbe 
wurde ihm seinerzeit nebst vielen anderen, darunter auch kost- 



VII J. Das Vergreifen 189 

baren Gegenständen von einer (verheirateten) Patientin geschenkt. 
Als bei derselben die Psychose manifest wurde, hat er all die 
Geschenke den Angehörigen der Patientin zurückerstattet — bis 
auf eine weit weniger kostspielige Vase, von der er sich nicht 
trennen konnte, angeblich wegen ihrer Schönheit. Doch kostete 
diese Unterschlagung den sonst so skrupulösen Menschen einen 
gewissen inneren Kampf, war er sich doch der Ungehörigkeit 
dieser Handlung vollkommen bewußt und half sich bloß über 
seine Gewissensbisse mit dem Vorhalt hinweg, die Vase habe 
eigentlich keinen Materialwert, sei schwerer einzupacken usw. — 
Als er nun einige Monate spater im Begriffe war, den ihm streitig 
gemachten Restbetrag für die Behandlung dieser Patientin durch 
einen Rechtsanwalt reklamieren und eintreiben zu lassen, meldeten 
sich die Selbst vor würfe wieder^ flüchtig befiel ihn auch die 
Angst, die vermeintliche Unterschlagung könnte von den Ange- 
hörigen entdeckt und ihm im Strafverfahren entgegengehalten 
werden. Besonders jedoch das erste Moment war eine Weile 
hindurch so stark, AaQ er schon daran dachte, auf eine etwa 
hundertmal höhere Forderung zu verzichten — quasi als 
Entschädigung für den unterschlagenen Gegenstand — er über- 
wand jedoch alsbald diesen Gedanken, indem er ihn als absurd 
beiseite schob. 

Während dieser Stimmung passiert es ihm nun, daß er, der 
sonst außerordentlich selten etwas zerbricht und seinen Muskel- 
apparat gut beherrscln, beim Erneuern des Wassers in der Vase 
dieselbe durch eine organisch mit dieser Handlung gar nicht 
zusammenhängende, sonderbar ,ungeschickte' Bewegung vom 
Tische wirft, so daß sie etwa in fünf oder sechs größere Stücke 
zerbricht. Und dies, nachdem er am Abend zuvor, nur nach 
vorherigem starken Zögern, sich entschlossen hatte, gerade diese 
Vase blumengefüllt vor die geladenen Gäste auf den Tisch des 
Speisezimmers zu stellen, und nachdem er knapp vor demi Zer- 
brechen an sie gedacht, sie in seinem Wohnzimmer angstvoll 



igo 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



vermißt und eigenhätidig aus dem anderen Zimmer geholt hat! 
Als er nun nach der anfänglichen Bestürzung die Stücke auf- 
sammelt, und gerade als er durch Zusammenpassen derselben 
konstatiert, es werde noch möglich sein, die Vase fast lückenlos 
zu rekonstruieren, da — gleiten ihm die zwei oder drei 
größeren Bruchstücke aus den Händf^i; sie zerstieben in 
tausend Splitter und mit ilineii auch ji;gliclie Hoffnung auf 
diese Vase, 

Fraglos hatte diese Fehlleistun};; die nkluellc TiMidenz, dem 
Arzte das Verfolgen seines Reclites zu ermöglichen, indezn 
dieselbe das beseitigte, was er zurückbi^iaUen hatte und was ihn 
einigermaßen behinderte, das zu verlangen, was man ihm zurück- 
behalten hatte. 

Doch außer dieser direkten, besitzt für jeden Psychoanalytiker 
diese Fehlleistung noch eine weitere, ungleich tiefere und wichtigere, 
symbolische Determinierung; ist doch Vase ein unzweifelhaftes 
Symbol der Frau. 

Der Held dieser kleinen Geschichte hatte seine schöne, junge 
und heißgeliebte Frau auf tragisclie Weise verloren; er verfiel in 
eine Neurose, deren Griuidnoie war, er sei an dem Unglück schuld 
(,er habe eine schöne Vase zerbrochen'). Auch fand er kein Ver- 
hältnis mehr zu den Frauen und halte Aljneigimg vor der Ehe und 
vor dauernden Liebesbeziehungen, die im Unbewußten als Untreue 
gegen seine verstorbene Frau gewertet, im Bewußten aber damit 
rationalisiert wurden, er bringe den Fraui^n Unglück, es könnte 
sich eine seinetwegen tüten usw. (13a durfte or natürlich die 
Vase nicht dauernd beliallen!) 

Bei seiner starken Libido ist es nun nicht verwunderlich, daß 
ihm als die adäquatesten die ilirer Natur nach doch passageren 
Beziehungen zu verheirateten Frauen vorschwebten (daher Zurück- 
halten der Vase eines anderen). 

Eine schöne Bestätigung für diese Symbolik findet sich in 
nachstehenden zwei Momenten: Infolge der Neurose unterzog er 



f^III. Das f^er greifen iqi 

sich der psychoanalytischen Behandlung. Im Verlaufe der Sitzung 
in der er von dem Zerbrechen der ,irdenen' Vase erzählte kam 
er viel später wieder einmal auf sein Verhältnis zu den Frauen 
zu sprechen und meinte, er sei bis zur Unsinnigkeit anspruchs- 
voll; so verlange er z. B. von den Frauen ,unirdische Schönheit*. 
Doch eine sehr deutliche Betonung, daß er noch an seiner (ver- 
storbenen i. e. unirdischen) Frau hänge und von ,irdischer 
Schönheit* nichts wissen wolle; daher das Zerbrechen der ,irdeaen' 
(irdischen) Vase. 

Und genau zur Zeit, als er in der Übertragung die Phantasie 
bildete, die Tochter seines Arztes zu heiraten, — da verehrte er 
demselben eine — Vase, quasi als Andeutung, nach welcher 
Richtung ihm die Revanche erwünscht wäre. 

VoraussichtUch läßt sich die sj-mbolische Bedeutung der Fehl- 
leistung noch mannigfaltig variieren, z. B. die Vase nicht füllen 
wollen usw. Interessanter erscheint mir jedoch die Erwägung, 
daß das Vorhandensein von mehreren, mindestens zweien, wahr- 
scheinlich auch getrennt aus dem Vor- und Unbewußten wirksamen 
Motiven, sich in der Doppelung der Fehlleistung — - Umstoßen 
und Entgleiten der Vase — widerspiegelt'." 

e) Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen der- 
selben scheint sehr häufig zum Ausdruck unbewußter Gedanken- 
gänge verwendet zu werden, wie man gelegentHch durch Analyse 
beweisen kann, häufiger aber aus den abergläubisch oder scherzhaft 
daran geknüpften Deutungen im Volksmunde erraten möchte. Es 
ist bekannt, welche Deutungen sich an das Ausschütten von Salz, 
Umwerfen eines Weinglases, Steckenbleiben eines zu Boden gefallenen 
Messers u. dgl. knüpfen. Welches Anrecht auf Beachtung solche 
abergläubische Deutungen haben, werde ich erst an späterer Stelle 
erörtern; hieher gehört nur die Bemerkung, daß die einzelne 
ungeschickte Verrichtung keineswegs einen konstanten Sinn hat 

i) Intenial. Zeitschrift für Psychoanalyse, f, 1915. 



iga Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



''^im 



sondern je nach Umständen sich dieser oder jener Absicht als 
Darstellungsmittel bietet. 

Vor kurzem gab es in meinem Hause eine Zeit, in der 
ungewöhnlich viel Glas und Por/x'Ilangeschirr zerbrochen wurdej 
ich selbst trug mehreres zum Schaden bei. Allein die kleine 
psychische Endemie war leicht aufzuklaren; es waren die Tage 
vor der Vermählung meiner ältesten Tochter. Bei solchen Feiern 
pflegte man sonst mit Absicht ein Gerät zu zerbrechen und 
ein glückbringendes Wort dazu zu sagen. Diese Sitte mag die 
Bedeutung eines Opfers und noch anderen symbolischen Sinn 
haben. 

Wenn dienende Personen zerbrecliüclie Gegenstände durch 
Fallenlassen vernichten, so wird man an eine psychologische 
Erklärung hiefür zwar nicht in erster Linie denken, doch ist 
auch dabei ein Beitrag dunkler Motive nicht unvvaiirscheinlich. 
Nichts liegt dem Ungebildeten ferner als die Schätzung der 
Kunst und der Kunstwerke. Eine diunpfe Feindseligkeit gegen 
deren Erzeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zumal wenn 
die Gegenstände, deren Wert sie nicht einsehen, eine Quelle 
von Arbeitsanforderung für sie worden. Leute von derselben 
Bildungsstufe und Herkunft zeichnen sich dagegen in wissen- 
schaftlichen Instituten oft durcli große Geschicklichkeit und 
Verläßlichkeit in der Handiiabung heikler Objekte aus, wenn 
sie erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn zu identifizieren 
und sich zum wesentlichen Personal des Instituts zu rechnen. 

Ich schalte hier die Mitteilung eines jungen Technikers ein, 
welche Einblick in den Mechanismus einer Sachbescliädigung 
gestattet. 

„Vor einiger Zeit arbeitete ich mit mehreren Kollegen im 
Laboratorium der Hochschide an einer Reilit^ komplizierter 
Elastizitätsversuche, eine Arbeit, die wir freiwillig übernommen 
hatten, die aber begann, mehr Zeit zu beanspruchen, als wir 
erwartet hatten. Als ich eines Tages wieder mit meinem 



FIII. Das Vergreifen 



193 



Kollegen F. ins Laboratorium ging, äußerte dieser, wie unangenehm 
es ihm gerade heute sei, so viel Zeit zu verlieren er hätte zu 
Hause so viel anderes zu tun; ich konnte ihm nur beistimmen 
und äußerte noch halb scherzhaft, auf einen Vorfall der verffanpenen 
Woche anspielend: ,Hoffentlich wird wieder die Maschine versagen 
so daß wir die Arbeit abbrechen und früher weggehen können!' 

— Bei der Arbeitsteilung trifft es sich, daß Kollege F. das Ventil 
der Presse zu steuern bekommt, d. b. er bat die Druckflüssigkeit 
aus dem Akkumulator durch vorsichtiges Offnen des Ventils 
langsam in den Zylinder der hydraulischen Presse einzulassen- 
der Leiter des Versuches steht beim Manometer und ruft, wenn 
der richtige Druck erreicht ist, ein lautes ,Halt'. Auf dieses 
Kommando faßt F. das Ventil und dreht es mit aller Kraft — 
nach links (alle Ventile werden ausnahmslos nach rechts 
geschlossen!). Dadurch wird plötzlich der volle Druck des 
Akkumulators in der Pj-esse wirksam, worauf die Rohrleitung 
nicht eingerichtet ist, so daß sofort eine Rohrverbindung platzt 

— ein ganz harmloser Maschinendefekt, der uns jedoch zwingt, 
für heute die Arbeit einzustellen und nach Hause zu gehen. — 
Charakteristisch ist übrigens, daß einige Zeit nachher, als 
wir diesen Vorfall besprachen, Freund F. sich an meine von 
mir mit Sicherlieit erinnerte Äußerung absolut nicht erinnern 
wollte." 

Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, 
braucht gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen 
motorischer Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppel- 
sinn dieser Ausdrücke weist bereits auf die Art von verhaltenen 
Phantasien hin, die sich durch solches Aufgeben des Körper- 
gleichgewichles darstellen können. Ich erinnere mich an eine 
Anzahl von leichteren nervösen Erkrankungen bei Frauen und 
Mädchen, die nach einem Falle ohne Verletzung aufgetreten 
waren und als traumatische Hysterie zufolge des Schrecks beim 
Falle aufgefaßt wurden. Ich bekam schon damals den Eindruck 



Freud, IV 



13 



194 '^'tir Psychopathologie des Alltagslebens 



als ob die Dinge anders zusammenliiiigen, als wäre das Fallen 
bereits eine Veranstaluing der Neurose und ein Ausdruck derselben 
unbewußten Phantasien sexucllcu Inlialts gewesen, die man 
als die bewegenden Kräfte liiuter den Sympldiiicii vermuten 
darf. Sollte dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen, 
welches lautet: „Wenn eine Jungfrau fiilll, lallt sie auf den 
Rücken?" 

Zum Vergreifen karni man auch den Fall rechnen, daß 
jemand einem Bettler anstatt einer Kupfer- oder kleinen Silber- 
münze ein Goldstück gibt. Die Auflösung solcher FohlgrifTe ist 
leicht; es sind üpferhandlungt^ii, besiiniint, das Schicksal zu 
erweichen, Unheil abzuwehren u. dgl. 1 lat man die zärtliche 
Mutter oder Taute unmittelliar vor dem Sjjaziergaug, auf dem 
sie sich so widerwillig groÜmütig erzeigt, eine Besorgnis über 
die Gesundheit eines Kindes äußern gehört, so kann man an 
dem Sinne des angeblicli unliebsamen Zufalls nicht melir zweifeln. 
Auf solche Art ermöglichen unsere Fehlleislungen die Ausübung 
aUer jener frommen und abergläubischen (Jebräuche, die wegen 
des Sträubens unserer ungläubig gewonienen Vernunft das Licht 
des Bewußtseins scheuen müssen. 

f) Daß zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird 
auf keinem anderen Gebiete eher (ilauben finden als auf dem 
der sexuellen Betätigung, wo die (Jrenze zwischou beiderlei 
Arten sich wirklich zu verwischen scheint. Daß eine scheinbar 
ungeschickte Bewegung höchst railiniert zu sexuellen Zwecken 
ausgenützt werden kann, davon habe ich vor einigen Jahren an 
mir selbst ein schönes Beispiel erlebl. Ich traf in einem 
befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges Mädchen, 
welches ein längst für erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei mir 
erregte und mich darum heiter, gespräcliig und zuvorkommend 
stimmte. Ich habe damals aucli nach geforscht, auf welchen Halmen 
dies zuging; ein Jahr vorher hatte dasselbe Mädthen mich kühl 
gelassen. Als nun der Ünkel des Mädchens, ein sehr alter Herr» 



"T 



FIII. Das Vergreifen ,gg 



ins Zimmer trat, sprangen wir beide auf, um ihm einen in der 
Ecke stehenden Stuhl zu bringen. Sie war behender als ich 
wohl auch dem Objekt näher; so hatte sie sich zuerst des Sessels 
bemächtigt und trug ihn mit der Lehne nach rückwärts beide 
Hände auf die Sesselränder gelegt, vor sich hin. Indem ich später 
hinzutrat und den Anspruch, den Sessel zu tragen, doch nicht 
aufgab, stand icli plötzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme 
von rückwärts um sie geschlungen, und meine Hände trafen 
sich einen Moment lang vor ihrem Schoß. Ich löste natürlich 
die Situation ebenso rasch, als sie entstanden war. Es schien auch 
keinem aufzufallen, wie gescliickt ich diese ungeschickte Bewegung 
ausgebeutet liatte. 

Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, daß das 
ärgerliche, luigeschickte Ausweichen auf der Straße, wobei man 
durch einige Sekunden hin und her, aber doch stets nach der 
nämlichen Seite wie der oder die andere, Schritte macht, bis 
endlich beide voreinander stehen bleiben, daß auch dieses „den 
Weg Vertreten" ein unartig provozierendes Benehmen früherer 
Jahre wiederholt und sexuelle Absichten unter der Maske der 
Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen Psychoanalj'sen Neurotischer 
weiß ich, daß die sogenannte Naivität junger Leute und Kinder 
häufig nur solch eine Maske ist, um das Unanständige unbeirrt 
durch Genieren aussprechen oder tun zu können. 

Ganz ähnhche Beobachtungen hat W. S t e k e 1 von seiner 
eigenen Person mhgeteilt: „Ich trete in ein Haus ein und reiche 
der Dame des Hauses meine Rechte. Merkwürdigerweise löse 
ich dabei die Schleife, die ihr loses Morgenkleid zusammenhält. 
Ich bin mir keiner unehrbaren Absicht bewußt, und doch habe 
ich diese ungeschickte Bewegung mit der Geschickhchkeit eines 
Eskamoteurs vollbracht." 

Ich habe schon wiederholt Proben dafür geben können daß 
die Dichter Fehlleistungen ebenso als sinnvoll und motiviert 
auffassen, wie wir es hier vertreten. Es wird uns darum nicht 

>5- 



196 Zur Psychopathologie des Alltagsfehens 

verwundern, an einem neuen Beispiel zu ersehen, wie ein Dichter 
auch eine ungeschickte Bewegung bedeutungsvoll macht und zum 
Vorzeichen späterer Begebenheiten werden läßt. 

In Theodor Fontanes Roman: „L'Aduliera" heißt es (Bd. II, 
S. 64 der Gesammelten Werke, Verlag S. Fischer); „. . . und 
Melanie sprang auf und warf ihrem Gatten, wie zur Begrüßung, 
einen der großen Bälle zu. Aber sie hatte nicht richtig gezielt, 
der Ball ging seitwärts und Ruliclni liiig ihn auf." Bei der 
Heimkehr von dem Ausfluge, der diese kleine Kpisode gebracht 
hat, findet ein Gespräch zwischen Melanie und Kubelm slatt, das 
die erste Andeutung einer keimenden Neigung verrät. Diese 
Neigung wächst zur Leidenschan, so daU Melanie sclilieülich 
ihren Gatten verläßt, um dorn geliebten Manne ganz anzugehören. 
(Mitgeteilt von H. Sachs.) 

ff) Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen 
Zustandekommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade 
darum wird sich ein besonderes Interesse an die Frage knüpfen, 
ob Fehlgriffe von prliebliclier Tnigweite, die von bedeutsamen 
Folgen begleitet sein können, wie zum Beispiel die des Arztes 
oder Apothekers, nach irgendeiner Richtung unter unsere Gesichts- 
punkte fallen. 

Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliclie Ringriffe 
vorzunehmen, habe ich nur über ein Beispiel von ur/.Üichem 
Vergreifen aus eigener Krfahrung zu berichten. Bei einer sehr 
alten Dame, die ich seit Jahren zweimal täglich besuche, 
beschränkt sich meine ärztliche Tätigkeit beim Morgenbesuch 
auf zwei Akte: ich träufle ihr ein paar Tropfen Augen wasser ins 
Auge und gebe ihr eine Morphiuminjeklion. Zwei Fläschchen, 
ein blaues für das Kollyrium und ein weißes für die Morphin- 
lösung, sind regelmäßig vorbereitet. Während der beiden Ver- 
richtungen beschäftigen sich meine Gedanken wohl meist mit 
etwas anderem; das hat sich eben schon so oft wiederholt, daß 
<lie Aufmerksamkeit sich wie frei benimmt. Eines Morgens 



i. 



FlII. Das Vergreifen 



197 



bemerkte ich, daß der Automat falsch gearbeitet halte das 
Tropfröhrchen hatte ins weiße anstatt ins blaue Fläschchen 
eingetaucht und nicht Kollyrium, sondern Morphin ins Auge 
geträufelt. Ich erschrak heftig und beruhigte mich dann durch die 
Überlegung, daß einige Tropfen einer zweiprozentigen Morphin- 
lösung auch im Bindehautsack kein Unheil anzurichten vermögen. 
Die Schreckempfindung war offenbar anderswoher abzuleiten. 

Bei dem Versuche, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel 
mir zunächst die Phrase ein: „sich an der Alten vergreifen", 
die den kurzen Weg zur Lösung weisen konnte. Ich stand unter 
dem Eindruck eines Traumes, den mir am Abend vorher ein 
junger Mann erzählt hatte, dessen Inhalt sich nur auf den 
sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter deuten ließ'. Die 
Sonderbarkeit, daß die Sage keinen Anstoß an dem Aller der 
Königin Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu 
stimmen, daß es sich bei der Verliebtheit in die eigene Mutter 
niemals um deren gegenwärtige Person handelt, sondern um ihr 
jugendliches Erinnerungsbild aus den Kinderjahren. Solche In- 
kongruenzen stellen sich immer heraus, wo eine zwischen zwei 
Zeilen schwankende Phantasie bewußt gemacht und dadurch an 
eine bestimmte Zeit gebunden wird. In Gedanken solcher Art 
versunken, kam ich zu meiner über neunzigjährigen Patientin, 
und ich muß wohl auf dem Wege gewesen sein, den allgemein 
menschlichen Charakter der Ödipusfabel als das Korrelat des 
Verhängnisses, das sich in den Orakeln äußert, zu erfassen, denn 
ich vergriff mich dann „bei oder an der Allen". Indes dies 
Vergreifen war wiederum harmlos 5 ich hatte von den beiden 
mögUchen Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu verwenden 
oder das Augenwasser zur Injektion zu nehmen, den bei weitem 
harmloseren gewählt. Es bleibt immer noch die Frage, ob man 

1) Di's Ödipustraumes, wie ich ihn lu nennen pflege, tveil er den 

Schlüssel zum Verständnis der Sage von König Ödipus enthält. Im Text des 

Sophokles ist die Beiiehung auf einen solchen Traum der Jokasle in den Mund 
gelegt. (Vgl. „Traumdeutimg", S. 182, VII. Aufl., S. 185.) 



»90 Zur Psychopathologie des AUtagslebrns 



bei Fehlgriffen, die schweren Schaden stiften können, in ahnlicher 
Weise wie bei den hier behandelten eine unbewußte Absicht in 
Erwägung zielien darf. 

Hier läßt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im 
Stiche, und ich bleibe auf Vermutungen und SchUisse angewiesen. 
Es ist bekannt, daß bei den schwereren Füllen von Psyclioneurose 
Selbstbeschädigungen gelegentlich als Krankheitssymptome auf- 
treten, und daß der Ausgang des psychischen Konflikts in Selbst- 
mord bei ihnen niemals auszuschheßen ist. Ich habe nun erfahren 
und kann es durch gut aufgeklärte Beispiele belegen, daß viole scheinbar 
zufallige Schädigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich Solbst- 
beschädigungen sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur 
Selbstbestrafung, die sich sonst als Srlbstvorwurf äußert, oder ihren 
Beitrag zur Symptombildung stellt, eine zunillig gebotene äußere 
Situation geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur b'rreichung des 
gewünschten schädigenden Effekts nachhilft. Solche Vorkommnisse 
sind auch bei mittelschweren Fällen keineswegs selten, und sie 
verraten den Anteil der unbewußten Absicht durch eine Reihe 
von besonderen Zügen, zum Beispiel durch die nufrälhge Fassung, 
welche die Krankon bei dorn angeblichen Unglücksfalle bewahren*. 

Aus meiner ärztlichen Krfahrutig will ich anstatt vieler nur 
ein einziges Beispiel ausfühilich berichten: Eine junge Frau bricht 
sich bei einem VVagenunfall die Knochen des einen IJnter.'^chenkels, 
so daß sie für Wochen bettlägerig wird, fällt dabei durch den 
Mangel an Schmeiy.ensäußorungen und die Ruhe auf, mit der 
sie ihr Ungemach erträgt. Dieser Unfall leitet eine lange und 
schwere neurotische Erkrankung ein, von der sie endlich durch 
Psychoanalyse hergestellt wird. In der Behandlung erfahre ich 



j) Die SelBsÜicsclmdigiuifr, die nicht auf volle SrlbslvcriiichliDig hiniiclt, hnt in 
unserem gegenwärtigen Kiiltiiriiistunil ülierlmupt keine nndtre Wulil, uls sich hinter 
der Zurälligkcit m verbergen, oder sich durt h Simulntinii eiMer»pontnMeii Isrkrankung 
durchzuselien. Früher einmal wnr lic ein gcliränrhlidieB Zeichen der Trimcr ; zu 
anderen Zeiten konnte lie Tendenzen der Frcimmigkeit und Wcllcntsngung Ausdruck 
geben. 



VIIL Das Vergreifen 



199 



die Nebenumstände des Unfalls sowie gewisse Ereignisse, die ihm 
vorausgegangen waren. Die junge Frau befand sich mit ihrem 
sehr eifersüchtigen Manne auf dem Gute einer verheirateten 
Schwester in Gesellschaft ihrer zahlreichen übrigen Geschwister 
und deren Männer und Frauen. Eines Abends gab sie in diesem 
intimen Kreise eine Vorstellung in einer ihrer Künste, sie tanzte 
kunstgerecht Cancan unter großem Beifall der Verwandten, aber 
zur geringen Befriedigung ihres Mannes, der ihr nachher 
zuzischelte: Du hast dich wieder benommen wie eine Dirne. Das 
Wort traf; wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob gerade 
wegen der Tanzproduktion. Sie schlief die Nacht unruhig, am 
nächsten Vormittag begehrte sie eine Ausfahrt zu machen. Aber 
sie wählte die Pferde selbst, refüsierte das eine Paar und verlangte 
ein anderes. Die jüngste Schwester wollte ihren Säugling mit 
seiner Amme im Wagen mitfahren lassen; dem widersetzte sie 
sich energisch. Auf der Fahrt zeigte sie sich nervös, mahnte den 
Kutscher, daß die Pferde scheu würden, und als die unruhigen 
Tiere wirklich einen Augenblick Schwierigkelten machten, sprang 
sie im Schrecken aus dem Wagen und brach sich den Fuß, 
während die im Wagen Verbliebenen heil davonkamen. Kann 
man nach der Aufdeckung dieser Einzelheiten kaum mehr 
bezweifeln, daß dieser Unfall eigentlich eine Veranstaltung war, 
so wollen wir doch nicht versäumen, die Geschicklichkeit zu 
bewundern, welche den Zufall nötigte, die Strafe so passend für 
die Schuld auszuteilen. Denn nun war ihr das Cancantanzen für 
längere Zeit unmöglich gemacht. 

Von eigenen Selbstbeschädigungen weiß ich in ruhigen Zeiten 
wenig zu berichten, aber ich finde mich solcher unter außer- 
ordentlichen Bedingungen nicht unfähig. Wenn eines der Mitglieder 
meiner Familie sich beklagt, jetzt habe es sich auf die Zunge 
gebissen, die Finger gequetscht usw., so erfolgt anstatt der 
erhofften Teilnahme von meiner Seite die Frage: Wozu hast du 
das getan? Aber ich habe mir selbst aufs schmerzhafteste den 



Boo Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Daumen eingeklemmt, naclidem ein jugeiidlichcr Patient in der 
Behandlungsstunde die (natürlich nicht ernsthaft zu nehmende) 
Absicht bekannt hatte, meine älteste Tochter zu heiraten, während 
ich wußte, daß sie sich gerade im Sanatorium in äußerster 
Lebensgefahr befand. 

Einer meiner Knaben, dessen loliliafies Teinpeniment der 
Krankenpflege Schwierigkeiten zu bereiten jiflegio, hatte eines 
Morgens einen Zornanfall gehabl, weil man ihm zugomutet 
hatte, den Vormittag im Bette zuzubringen, luid gedroht sich 
umzubringen, wie es ihm aus der '/fitung bekannt geworden 
war. Abends zeigte er mir eine Heule, dii^ er sicli durch 
Anstoßen an die Türklinke an der Seite des Urustkorbes zugezogen 
hatte. Auf meine ironische Frage, wozu er das getan und was 
er damit gewollt habe, antwortete das elf jährigt' Kind wie 
erleuchtet: Das war mein Selbslmnrdversuch, mit dem ich in der 
Früh gedroht habe. Ich glaube übrigens nicht, dali meine 
Anschauungen über die Selbstbeschädiginig meinen Kindern damals 
zugänglich waren. 

Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung 

— wenn der ungeschickte Ausdruck gestattet ist — glaubt, der 
wird dadurch vorbereitet, anzunehmen, daß es außer dem bewußt 
absichtliclien Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung 

— mit unbewußter Absicht — g'bt, die eine Lebensbedrohung 
geschickt auszunützen und sie als zufällige Verunglückung zu 
maskieren weiß. Eine solche braucht ktMueswegs selten zu sein. 
Denn die Tendenz zur Selbstvornichtung ist bei sehr viel mehr 
Menschen in einer gewissen Stärke vorhanden, als bei denen sie 
äch durchsetzt; die Sclbstbeschädigungen sind in der Regel ein 
Kompromiß zwischen diesem Trieb und den ihm noch entgegen- 
wirkenden Kräften, und auch wo es wirklich zum Selb.stmord 
kommt, da ist die Neigung dazu eine lange Zeit vorher in 
genngerer Stärke oder als unbewußte und unterdrückte Tendenz 
vorhanden gewesen. 



1 






VJILDas Fergreifen 



201 



Auch die bewußte Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel 
und Gelegenlieit; es ist ganz im Einklang damit, w'enn die 
unbewußte einen Anlaß abwartet, der einen Teil der Verursachung 
auf sich nehmen und sie durch Inanspruchnahme der Abwehr- 
kräfte der Person von ihrer Bedrückung frei machen kann' Fs 
sind keineswegs müßige Erwägungen, die ich da vorbringe; mir 
ist mehr als ein Fall von anscheinend zufalligem Verunglücken 
(zu Pferde oder aus dem Wagen) bekannt geworden, dessen 
nähere Umstände den Verdacht auf unbewußt zugelassenen Selbst- 
mord rechtfertigen. Da stürzt z. B. während eines Offiziers Wett- 
rennens ein Offizier vom Pferde und verletzt sich so schwer, daß 
er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, nachdem er zu 
sich gekommen, ist in manchen Stücken auffällig. Noch bemerkens- 
werter ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief verstimmt 
durch den Tod seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen 
in der Gesellschaft seiner Kameraden befallen, er äußert Lebens- 
überdruß gegen seine vertrauten Freunde, will den Dienst 
quittieren, um an einem Kriege in Afrika Anteil zu nehmen, 
der ihn sonst nicht berührt^; früher ein schneidiger Reiter, weicht 
er jetzt dem Reiten aus, wo es nur möghch ist. Vor dem Wett- 

i) Der Fall ist dann schlicDlich kein anderer als der des sexuellen Attentats auf 
eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch die volle Muskelkraft des 
Weibes ahgewehrt werden kann, weil ihm ein Teil der unbemißton Regungen der 
Angegriffenen fordernd entgegenkommt. Man sagt ja wohl, eine solche Situation 
lähme die Kräfte der Frau; man braucht dann nur noch die Gründe für diese 
Lälimung hinzmufdgen. Insofern ist der geistreiche Richterspruch des Sancho 
Pansa, den er als Gouverneur auf seiner Insel fällt, psychologisch ungerecht (Don 
Quijote, II. Teil. Kap. XLV). Eine Frau zerrt einen Ma.m vor den Richter, der sie 
angeblich gewaltsam ihrer Ehrp beraubt hat. Sancho entschädigt sie durch die volle 
Geldbörse, die er dem Angeklagten abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange 
der Frau die Erlaubnis, ihr nachiueilen imd ihr die Börse wieder lu entreißen. Sie 
kommen beide rmgend wieder, und die Frau rülimt sich, daß der Bösewicht nicht 
imstande gewesen sei, sich der Börse ^^x bemächtigen. Darauf Sancho: „Hättest du 
deine Ehre halb so ernsthaft verteidigt wie diese Börse, so hätte sie dir" der Mann 
nicht rauben können." 

a) Daß die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie der bewußten 
Seibstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten Weg scheut, ist einleuthtend 
Vgl. im „Wallenstein-' die Worte des schwedischen Hauptmannes über den Tod des 
Max Piceolomini; „Man sagt, er wollte sterben," 



soa 



Zur Psychopathologie des AlltagslAais 



rennen endlich, dem er sich nicht entziehen kann, äußert er eine 
trübe Ahnung; wir werden uns bei unserer Auffassung nicht 
mehr verwundern, daß diese Ahnung recht behielt. Man wird 
mir entgegenhalten, es sei ja ohne weiteres versLiindHch, daß ein 
Mensch in solch nervöser Depression das Tier nicht zu meistern 
versteht wie in gesunden Tagen. Icli bin ganz einverstanden; nur 
möchte ich den Meclianismus dieser motorischen Hemmung durch 
die „Nervosität^' in der hier betonten Selbstvernichtungsabsicht 
suchen. 

S. Ferenczi in Budapest hat mir die Analyse eines Falles 
von angeblich zufälliger Schufiverletzung, den er für einen 
unbewußten Selbstmordversuch erklärt, zur Veröffentlichung über- 
lassen. Ich kann mich mit seiner Auffassung nur einverstanden 
erklären : 

„J. Ad., sajähriger Tischlergeselle, suchte micli am 18. Jänner 
1908 auf. Er wollte von mir erfahren, ob die Kugel, die ihm 
am 120. März 1907 in die linke Schlafe eindrang, operativ entfernt 
werden könne oder müsse. Von zeitweise nuflretenden, nicht allzu 
heftigen Kopfschmerzen abgesehen, fühlt er sich ganz gesund, 
auch die objektive Untersuchung ergibt außer der charakteristischen, 
pulvergesch%värzten Schußnarbe an der linken Schläfe gar nichts, 
so daß ich die Operation widerrate. Über die Umstände das, Falles 
befragt, erklärt er, sich zufällig verletzt zu liaben. Kr spielte mit 
dem Revolver des Bruders, glaul)te, daß er nicht geladen 
ist, drückte ihn mit der linken 1 bind an die linke Schläfe (er 
ist nicht Linkshänder), legte den Finger an den Ihilni, und der 
Schuß ging los. Drei Patronen waren in der sechs 
läufigen Schußwaffe. Ich frage ihn: wie er auf die Idee 
kam, den Revolver zu sich zu nehmen. Fr erwidert, daß es zur 
Zeit seiner Assentierung war; den Abend zuvor nahm er die 
Waffe ins Wirtshaus mit, weil er Schlägereien befürchtete. Bei 
der Musterung wurde er wegen Krampfadern für untauglich 
erklärt, worüber er sich sehr schämte. Kr ging nach Hause, 



iL 



rill. Das Vergreifen 



203 



spielte mit dem Revolver, hatte aber nicht die Absicht sich 
wehe zu tun; da kam es zum Unfall. Auf die weitere Frage 
wie er sonst mit seinem Schicksal zufrieden gewesen sei, antwortete 
er mit einem Seufzer und erzählte seine Liebesgeschichie mit 
einem Mädchen, das ihn auch liebte und ihn trotzdem verheß • sie 
wanderte rein aus Geldgier nach Amerika aus. Er wollte ihr 
nach, docli die Eltern hinderten ihn daran. Seine Geliebte reiste 
am 20. Jänner 1907, also zwei Monate vor dem Unglücksfalle, 
ab. Trotz all dieser Verdachtsmomente beharrte der Patient dabei, 
daß der Schuß ein ,Unfall' war. Ich aber bin fest überzeugt, daß 
die Nachlässigkeit, sich von der Ladung der Waffe vor dem 
Spielen nicht überzeugt zu haben, wie auch die Selbstbeschädigung 
psychisch bestimmt war. Er war noch ganz unter dem depri- 
mierenden Eindruck der unglücklichen Liebschaft und wollte 
offenbar beim Militär ,vergessen'. Als ihm auch diese Hoffnung 
genommen wurde, kam es zum Spiele mit der Schußwaffe, das 
heißt zum unbewußten Selbstmordversuch. Daß er den Revolver 
nicht in der rechten, sondern in der linken Hand hielt, spricht 
entschieden dafür, daß er wirklich nur ,spielte', d. h. bewußt 
keinen Selbstmord begehen wollte." 

Eine andere, mir vom Beobachter überlassene Analyse einer 
anscheinend zufälligen Selbstbeschädigung bringt das Sprichwort: 
j^Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" in Erinnerung. 

„Frau X., aus gutem bürgerlichen Milieu, ist verheiratet und 
hat drei Kinder. Sie ist zwar nervös, brauchte aber nie eine 
energische Behandlung, da sie dem Leben doch genügend gewachsen 
ist. Eines Tages zog sie sich in folgender Weise eine momentan 
ziemhch imponierende, aber vorübergehende Entstellung ihres 
Gesichtes zu. In einer Straße, welche zurecht gemacht wurde, 
stolperte sie über einen Steinhaufen und kam mit dem Gesichte 
in Berührung mit einer Hausmauer. Das ganze Gesicht war 
geschrammt, die Augenlider wurden blau und ödematös, und da 
sie Angst bekam, es möchte mit ihren Augen etwas passieren, 



204- Zur Psychopathologie des Alltagslehens 

ließ sie den Arzt rufen. Nachdem sie deswegen beruhigt war, 
fragte icli: ,Aber warum sind Sie eigenthch so gefallen?' Sie 
erwiderte, daß sie gerade zuvor ihren Mann, der seit einigen 
Monaten eine Gelen ksafTektion liatte, wodurch er schlecht zu 
Fuß war, gewarnt halte, in dieser Straße gut aufzupassen, und 
sie hatte ja schon öfters die Krfalirurig gemacht, daß in derartigen 
Fällen merkwürdigerweise ihr seibor dasjenige passierte, wovor 
sie eine andere Person gewarnt halte. 

Ich war mit dieser Determinierung ihres Unfalles nicht zufrieden 
und fragte, ob sie nicht vicUoirht etwas mehr zu erzählen wüßte. 
Ja, gerade vor dem Unfall hatte sie in elni'in Laden von der 
entgegengesetzten Seite der Straße ein hübsches Bild gesehen, 
das sie sich ganz plötzlich als Schmuck für die Kinderstube 
wünschte und darum sofort kaufen wollte: da ging sie geradeaus 
auf den Laden zu, ohne auf die Straße zu achten, stolperte über 
den Steinhaufen und fiel mit ihrem Gesichte gegen die Haus- 
mauer, ohne auch nur den leisesten Vprsuch zu machen, sich 
mit den Händen zu schützen. Der Vorsatz, das Bihl zu kaufen, 
war gleich vergessen, und sie ging eiligst nach Hause. — ,Aber 
warum liaben Sie nicht besser zugeschaut?' fragio ich. — ,Ja,' 
antwortete sie, ,es war viuUeiclit doch eine Strafe! Wegen der 
Geschichte, welche ich Ihnen schon nu Vertrauen erzählt habe.' 
— ,Hat diese Geschichte Sie dann noch immer so getiuült?' — 
^a — nachher habe ich es sehr bedauert, mich selbst boshaft, 
verbrecherisch und unmoralisch gefunden, aber iih war damals 
fast verrückt vor Nervosität.' 

Es hatte sich um einen Abortus gehandelt, welchen sie mit 
Einverständnis ihres Mannes, da sie beide wegen ihrer pekuniären 
Verhältnisse von mehr Kindersegen verschont bleiben wollten, von 
einer Kurpfuscherin hatte einleiten und von einem Spezialarzt 
zu Ende bringen lassen. 

»Öfters mache ich mir den Vorwurf: aber du hast doch dein 
Kind töten lassen, und ich hatte Angst, daß so etwas doch nicht 



; 



VIII, Das Vergreifen 203 



ohne Strafe bleiben könnte. Jetzt, da Sie mir versichert haben 
daß mit den Augen nichts Schhmnies vorliegt, bin ich eanz 
beruhigt: ich bin nun sowieso schon genügend gestraft.' 

Dieser Unfall war also eine Selbstbestrafung einerseits um für 
ihre Untat zu büßen, andererseits aber, um einer vielleicht viel 
größeren unbekannten Strafe, vor welcher sie monatelang fort- 
während Angst hatte, zu entgehen. In dem Augenblick, als sie 
auf den Laden losstürzte, um sich das Bild zu kaufen, war die 
Erinnerung an die ganze Geschichte mit all ihren Befürchtungen, 
welche sich schon während der Warnung ihres Mannes in ihrem 
Unbewußten ziemlich stark regte, überwältigend geworden und 
hätte vielleicht in einem etwa derartigen Wortlaut Ausdruck 
finden können: Aber wofür brauchst du einen Schmuck für die 
Kinderstube, du hast dein Kind umbringen lassen! Du bist eine 
Mörderin! Die große Strafe naht ganz gewiß! 

Dieser Gedanke wurde nicht bewußt, aber statt dessen benützte 
sie in diesem, ich möchte sagen, psychologischen Moment die 
Situation, um den Steinhaufen, der ihr dafür geeignet schien, in 
unauffälliger Weise für die Selbstbestrafung zu verwenden; des- 
wegen streckte sie beim Fallen auch nicht einmal die Hände 
aus und darum kam es auch nicht zu einem heftigen Erschrecken. 
Die zweite, wahrscheinlich geringere Determinierung ihres Unfalles 
ist wohl die Selbstbestrafung wegen des unbewußten 
Beseitigungs Wunsches gegen ihren, allerdings in dieser Affäre mit- 
schuldigen Mann. Dieser Wunsch hatte sich durch die vollkommen 
überflüssige Warnung verraten, in der Straße mit dem Steinhaufen 
ja gut aufzupassen, da der Mann, eben weil er schlecht zu Fuß 
war, sehr vorsichtig ging'." 

1) Van Emden. Selbstbestrafiuig wegen Abortus. (ZcntraDjI. f. Psychoanalyse, 
11/12.) — Ein Korrespondent schreibt zum Thema der „Selbstbestrafung durch Fehl- 
leistungen": Wenn man darauf achtet, wie sich die Leute auf der Straße benehmen 
hat man Gelegenheit lu konstatieren, wie oft den Männern, die — wie schon üblich 
— den vorübergehenden Frauen nachschauen, ein kleiner Unfall passiert. Bald ver- 
staucht einer — auf ebener Erde — den FuO, bald rennt er eine Laterne an oder 
verletzt sich auf andere Art. 



2o6 Zur Psychopathologie des Atltagslehens 



Wenn man die nälieren Unislände des Falles erwägt, wird 
man auch geneigt sein, J. Stärcke (I.e.) recht zugeben, wenn 
er eine anscheinend zufällige Selbstbeschädigung durch Verbrennung 
als „Opferhandlung" auffaßt: 

„Eine Dame, deren Schwiegersohn nach Deutschland abreisen 
mußte, um dort in MiHtärdienst zu gehen, verbrühte sich den 
Fuß unter folgenden Umständen. Ihre Tocliter erwartete bald die 
Niederkunft, und die Gedanken au die Kriegsgefahren stimmten 
selbstverständlich die ganze Familie nicht sehr munter. Am Tage 
vor der Abreise hatte sie ihren Schwiegersohn und ihre Tochter 
zum Essen eingeladen. Sie bereitete selber in der Küche das 
Essen, nachdem sie zuerst, sonderbar genug, ihre hohen Schnür- 
stiefel mit Plattfußsohlen, auf denen sie bequem gehen kann und 
die sie auch zu Hause gewohnhch trügt, mit einem Paar zu 
großer, oben offener Pantoffeln ihres Mannes vertauscht hatte. 
Als sie eine große Pfanne kochender Suppe vom Feuer nahm, 
Heß sie diese fallen und verbrühte sich dadurch ziemlicli ernst 
einen Fuß, zumal den Fußrücken, der vom offenen Pantoffel 
nicht geschützt wurde. — Selbstverständlich wurde dieser Unfall 
von jedermann auf Rechnung ihrer begreiflichen , Nervosität' 
gesclirieben. Die ersten Tage nach diesem [iniiiddjjfor war sie mit 
heißen Gegenstanden sehr vorsichtig, wodurch sie aber nicht 
gehindert wurde, sich wenige Tage später den einen Puls mit 
heißer Brtihe zu verbrühen'. 

i] In eit)«r lehr großen Anialil solcher Fälle von UnfallsbescMdignng oder Tötung 
bleibt die Auffassung zweifelhaft. Der l''i'rnerstel»pnile wird keine» AnluD finden, im 
Unfall etwas anderes als einen Ziifolt zu sehen, während eine dem Verimgliieklcn 
nahestehende und mit intimen Einiclhcilcn bekannte l'orson Gründe hat, die unbe- 
wußte Absicht hinler dem Zunill i.u vernmlen. Welcher Art diese Kenntnis sein soll 
und auf was für Nebcmimülündc es diihi'i «nkonimt, duvun ^ihl der nachstehende 
Bericht eines jungen Mannes, dessen Braut auf der Straße Überfuhren worden, ein 
gute» Beispiel: 

„Iva September vorigen Jahres lernte ich ein Priiul«in Z. kennen, Alter 5+ Jahre. 
Sie lebto in wohlhabenden Verhältnissen, wnr vor di'iii Krieg-e verlobt gewesen, der 
Bräutigam jedoch nln aktiver Offizier iijiG gefallen. Wir lernten einander kennen 
und h'ebcn, itmöchst ohne den Ciedunkcn einer Heirat, da die Umsläiide, nanienllieh 
der Altersunterschied — ich selbst wnr 27 Jahre — es beiderseitig nicht luxiilnsscn 



i. 



VIII. Das Fergreifen 



207 



Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das 
eigene Leben hinter ansclieinend zufalliger Ungeschicklichkeit und 
molorischer Unzulänglichkeit verborgen sein kann so braucht 
man keinen großen Schritt mehr zu tun, um die Übertraffune; 
der nämlichen Auffassung auf Fehlgriffe möglich zu finden welche 
Leben und Gesundheit anderer ernstlich in Gefahr bringen. Was 
ich an Belegen für die Triftigkeit dieser Auffassung vorbringen 
kann, ist der Erfahrung an Neurotikern entnommen, deckt sich 
also nicht völlig mit dem Erfordernis. Ich werde über einen Fall 
berichten, in dem mich nicht eigentlich ein Fehlgriff, sondern, 
was man elier eine Symptom- oder Zufallshandlung nennen 
kann, auf die Spur brachte, welche dann die Lösung des Konflikts 
bei dem Patienten ermöglichte. Ich übernahm es einmal, die Ehe 
eines sehr intelligenten Mannes zu bessern, dessen Mißhelligkeiten 
mit seiner ihn zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiß auf 
reale Begründungen berufen konnten, aber, wie er selbst zugab, 
durch diese nicht voll erklärt wurden. Er beschäftigte sich unab- 

sdiiesen. Da wir in der gleichen Straße uns gegenüber wolinten und wir täglich 
zusammen waren, nahm der Verkehr im Laufe der Zeit intime Formen an. Damit 
rückte der Gedanke einer ehelichen Verbindung iiälier, und ich stimmte ihm 
schließlich selbst iu. Zu Ostern d. J. war die Verlobung geplant; Fräulein Z. beab- 
sichtigte jedoch vorher eine Reise lu ihren Verwandten in M. iw unternehmen, die 
durch einen infolge des Kapp-Putsches hervorgerufenen Eisenbahnerstreik plötzlich 
verhindert wurde. Die trüben Aussichten, die sich für die weitere Zukunft durch den 
Sieg der Arbeiterschaft imd dessen Folgen zu eröffnen schienen, machten sich kurze 
Zeit auch in unserer Stimmung, besonders aber bei Fräulein Z., die auch sonst recht 
wechselnden Stimmungen unterworfen war, geltend, da sie neue Hindernisse für 
unsere Zukimft zu sehen glauite. Am Samstag, dem lo. MtLrz, jedoch befand sie sich 
in ausnehmend froher Gemütsverfassung, ein Umstand, der mich geradezu über- 
raschte und mitriß, so daß wir alles in den rosigsten Farben zu sehen glaubten. Wir 
hatten einige Tage vorher davon gesprochen, gelegentlich gemeinsam zur Kirche zu 
gehen, ohne jedoch eine bestimmte Zeit festzusetzen. Am folgenden Morgen, Sonntag 
den 21. Mäiz, um 9 Uhr 15 Minuten, rief sie mich telephonisch an, ich möchte sie 
gleich zum Kirchgang abholen, was ich ihr indes abschlug, da ich nicht rechtzeitig' 
hätte fertig werden können und Überdies Arbeiten erledigen wollte. Fräulein Z. war 
merklich enttäuscht, machte sich dann allein auf den Weg, traf auf der Treppe ihres 
Hauses einen Bekannten, mit dem zusammen sie den kurzen Weg durch die Tuuen- 
lienstraße bis zur Kankestraße ging, in bester Stimmung, oluie daß sie irgendetwas 
über unser Gespräch äußerte. Der Herr verabschiedete sich mit einem Scherzvvort 
— Fräulein Z. hatte nur den an dieser Stelle verbreiterten und klar übersehbaren 
Damm ^\^ überschreiten — da wurde sie dicht am Biirgersteig von einer Pferde- 



208 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



lassig mit dem Gedanken der Schei(!ung, dfin er dann wieder 

verwarf, weil er seine beiden kleinen Kinder zärtlich liebte. 

Trotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz zurück und 

versuchte dabei kein Mittel, um sich die Situation erträglich zu 

gestalten. Solches Nichtfertig werden mit einem Konniki gilt mir, 

als Beweis dafür, daß sich unbewußte und verdrängte Motive zur 

Verstärkung der miteinander streitenden bewußten bereit gefunden 

haben, und ich unternehme es in solchen Fallen, den Konflikt 

durch psychische Analyse zu beenden. Der Mann erzählte mir 

eines Tages von einem kleinen Vorfall, der ihn aufs äußerste 

erschreckt hatte. Er „het/.lc" mit seinem älteren Kinde, dem 

weitaus geliebteren, hob es hoch und ließ es nieder und einmal 

an solcher Stelle und so hotb, daß das Kind mit dem Scheitel 

fest an den schwer herabhängenden Gasluster angestoßen wäre. 

Fast, aber doch eigentlich nicht oder gerade eben noch! Dem 

Kinde war nichts geschehen, aber es wurde vor Schreck schwindlig. 

Der Vater blieb entsetzt mit dem Kinde im Arme stehen, die 

droschke überfahren (Lcbcrquctscluiiip, die einige .''lundm später den Tod herbei- 
führte). — Uie Stelle hnbcn wir früher Iliinilerlo von Milien begangen; l'rdulcin Z. 
war überaus vorsichtif;, hat mich seibat sehr oft vor Unvnrsicliligkeiten lurück- 
gehalten, an diesem Morgen fuhren fiist ühcrlunipt keine l'iihrwerke, die Straßen- 
bahnen, Omnibusse usw, streikten -- gerade um diese 7,eit herrschte fiist absolute 
Ruhe, die Droschke muDte sie, wenn nicht sehen, unbedingt hören! — Alle Welt 
glaubt an einen , Zufall' — mein erster (leilnnke war; Das Ist imniügücli — von 
einer Absicht kann allerdings aiicli keine Hede sein, leb versuchte eine psychologische 
Erklärung. Nach längerer Zeit glniibtc ieh sie in Ihrer ,I'8ycliopat)iologie des Alltags- 
lebens* gefimden xu haben. Zumal Friiulein Z. bisweilen eine gewisse Neigung ziun 
Selbstmord äußerte, ja, auch mich daiu lu veranlassen suchte, Gedanken, die ich 
ihr oft genug Busgerfdct hiihc; i. R. liegiinn sie iinch iwci Tnpe vorjier uncli der 
Rückkehr von einem Spaiicrgang äußerlich ganz uinnoliviert von ilu-em Tode imd 
Erbschaftsregulierungen lu sprechen ; Ictitcro hat sie übrigens nicht vorgenommen! 
Ein Zeichen, da0 diese Äußerungen bestimmt auf keine Abtichl luriickiu führen sind. 
Wenn ich mein unmaflgebli<'hcs Urteil liiirüher aussprechen dfU"f, io wäre es das, 
daß ich in diesem Unglück nicht einen Zurall, nuch keine Wirkung eiuLT Bewußt- 
■einstrubung, sondern eine in unbewußter Abüieht ausgeführte absichtliclie Sclbst- 
Tcmichtung sehe, die als zufällige Vernngliickiuig maskiert war. Bestärkt werde ich 
in dieser Auffassung durch AiiüiTUnpi-n von I''riiiileiu Z, gegenüliir ihren Verwandten, 
sowohl früher, als sie mich noch nicht kannte, als auch später, wie auch mir gegen- 
über bis in die letzten Tage hinein — alles aufinfassen als eine Wirkung des Ver- 
luites ihres früheren Bräutigairis. den uiclits in ihren AugfU in ersel^eii imstande 
«rar." 






VJIL Das Fergreifen 



209 



Mutter bekam einen hysterischen Anfall. Die besondere Geschick- 
lichkeit dieser unvorsichtigen Bewegung, die Heftigkeit der Reaktion 
bei den Eltern legten es mir nahe, in dieser Zufälligkeit eine 
Symptomhandlung zu suchen, welche eine böse Absicht gegen 
das gelieble Kind zum Ausdruck bringen sollte. Den Widerspruch 
gegen die aktuelle Zärtlichkeit dieses Vaters zu seinem Kinde 
konnte ich aufheben, wenn ich den Impuls zur Schädigung in 
die Zeit zu rück verlegte, da dieses Kind das einzige und so klein 
gewesen war, daß sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe 
zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht anzunehmen, 
daß der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den 
Gedanken gehabt oder den Vorsatz gefaßt: Wenn dieses kleine 
Wesen, an dem mir gar nichts liegt, stirbt, dann bin ich frei 
und kann mich von der Frau scheiden lassen. Ein Wunsch nach 
dem Tode dieses jetzt so geliebten Wesens mußte also unbewußt 
weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur unbewußten 
Fixierung dieses Wunsches leicht zu finden. Eine mächtige Deter- 
minierung ergab sich wirklich aus der Kindheitserinnerung des 
Patienten, daß der Tod eines kleines Bruders, den die Mutter 
der Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Aus- 
einandersetzungen zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung 
geführt hatte. Der weitere Verlauf der Ehe meines Patienten 
bestätigte meine Kombination auch durch den therapeutischen 
Erfolg. 

J. Stärcke (1. c.) hat ein Beispiel dafür gegeben, daß Dichter 
kein Bedenken tragen, ein Vergreifen an die Stelle einer absicht- 
lichen Handlung zu setzen und es somit zur Quelle der schwersten 
Konsequenzen zu machen: 

„In einer der Skizzen von Heyermans' kommt ein Beispiel 
von Vergreifen oder, genauer gesagt. Fehlgreifen vor, das vom 
Autor als dramatisches Motiv angewandt wird. 



1) Hermann Heyermans, Schetsen van Samuel Falkland, 18. Bündel Amster- 
dam, H. J. W. Becht, 191+. ' 

Freud, IV 

14 



sio Zur Psychopathologie des Alltagsiebens 

Es ist die Skizze ,T()ni und Teddie'. — Von einem Taucher- 
paar — das in einem Spezialitätenllienter auftritt, längere Zeit 
unterm Wasser bleibt und dort Kunststücke ausführt in einem, 
eisernen Bassin mit gläsernen Wänden ~ hält die Frau es seit 
kurzem mit einem anderen Mann, einem Dresseur. Der Maim- 
Taucher hat sie gerade vor der Vorstellung zusammen im 
Ankleidezimmer ertappt. Stille Szene, (hobonde Blicke und 
der Taucher sagt: ,Nachlier!' — Die Vorstellung fängt an. — 
Der Taucher wird das schwierigste Kunststück machen, 
er bleibt ,zwei und eine hnlhc Minute in einer hermetisch 
geschlossenen Kiste unterm Wasser'. — Sie hatten dieses 
Kunststück schon Öfters gemacht, die Kiste wurde geschlossen, 
und ,Teddie zeigt dem Publikum, das auf seinen Uhren die Zeit 
kontrollierte, den Schlüssel*. Sie ließ aucii absichllich den 
Schlüssel ein paarmal ins Bassin fallen und tauchte dann ejlig 
danach, um nicht zu spät zu sein, wenn der Koffer geöITnet 
werden niuGte. 

An diesem Abend des 5 1 . Jänner wunle Tom wie gewöhnlich 
von den kleinen Kingern des munter- frischen Weibchens einge- 
sperrt. Er lächelte hinter dem Guckloch — sie spielte mit dem 
Schlüssel und wartete auf sein warnendes Zeiclien. Zwischen den 
Kulissen stand der Dresseur mit seinem tadellosen Frack, seiner 
weißen Krawatte, seiner Reitpeitsche. Um ihre Aufmerksamkeit 
auf sich zu ziehen, pfiff er ganz kurz, der Dritte. Sie schaute 
hin, lachte und mit der uiigescliickten (iebärde von jemand, dessen 
Aufmerksamkeit abgelenkt wird, warf sie den Schlüssel so wild 
in die Höhe, daß er genau zwei Minuten zwanzig Sekunden, 
gut gezählt, neben das Bassin, zwischen dem das Fußgestell 
verdeckenden Flaggentuch liel. Keiner hatte es gesehen. Keiner 
konnte es sehen. Vom Saal aus gesehen, war die optische 
Täuschung so, daß jedermann den Schlüssel ins Wasser gleiten 
sah — und keiner der Theaierhelfer merkte es, weil das Flaggen- 
tuch den Laut milderte. 



.. 



VIII. Das Vergreifen 2 1 J 



Lachend, ohne zu zaudern, kletterte Teddie über den Rand des 
Bassins. Lachend — er hielt es wohl aus — kam sie die Leiter 
herunter. Lachend verschwand sie unter dem Fußgestell um 
dort zu suchen, und als sie den Schlüssel nicht sofort fand 
bückte sie sich mit einer Mimik zum Stehlen, mit einem Aus- 
druck auf ihrem Gesichte, als ob sie sagte : ,0 jemine, wie das 
doch lästig ist!' an der Vorderseite des Flaggentuches. 

Unterdessen machte Tom seine drolligen Grimassen hinter 
dem Guckluch, wie wenn auch er unruhig würde. Man sah das 
Weiß seines falschen Gebisses, das Kauen seiner Lippen unter 
dem Flachsschnurrbart, die komischen Atemblasen, die man auch 
beim Apfelessen gesehen hatte. Man sah das Grabsen und 
Wühlen seiner bleichen Knöchelfinger und man lachte, so wie 
man diesen Abend schon öfter gelacht hatte. 

Zwei Minuten und achtundfünfzig Sekunden . . . 

Drei Minuten sieben Sekunden . . . zwölf Sekunden . . . 

Bravo! Bravo! Bravo' . . . 

Da entstand eine Bestürzung im Saale und ein Scharren mit 
den Füßen, weil auch die Knechte und der Dresseur zu suchen 
anfingen und der Vorhang fiel, bevor der Deckel aufgehoben war. 

Sechs englische Tänzerinnen traten auf — dann der Mann 
niit den Ponys, Hunden und Affen. Und so weiter. 

Erst am nächsten Morgen vernahm das Publikum, daß ein 
Unglück geschehen war, daß Teddie als Witwe auf der Welt 
zurückblieb. . ." 

Aus dem Zitierten geht hervor, wie vorzüglich dieser Künstler 
selber das Wesen der Symptomhandlung verstanden haben muß, 
um uns so treffend die tiefere Ursache der tödlichen Unge- 
schicklichkeit vorzuführen." 



M- 



IX 
SYMPTOM- UND ZUFALLSHANDLUNGEN 

Die bisher beschriebenen Handluiifren, in il(>non wir die Aus- 
führung einer unbewußten Absicht erkannten, traten als Störungen 
anderer beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem 
Vorwand der UngeschickHclikeii. Die Zufiiüshandkuigeii, von denen 
jetzt die Rede sein soll, unterscheiden sich von denen des Ver- 
greifens nur dadurcli, daß sie die Anlehnung an eine bewußte 
Intention versclimÜhen mul also des Vorwandes nicht bedürfen. ; 

Sie treten für sich auf und werden zugelassen, woil man Zweck ^ 

und Absicht bei ihnen nicht vermutet. Man führt sie aus, „ohne 
sich etwas bei ihnen zu denken", nur „rein /.unillig", „wie um ' 

die Hände zu beschäftigen", und man reclinet darauf, daß solche [ 

Auskunft der Nachforschung nach der Bedeutung der Handlung 
ein Ende bereiten wird. Um sich dieser Ausnahmsstellung l 

erfreuen zu können, müssen diese Handlungen, die nicht mehr 
die Entschuldigung der Ungeschicklichkeit in Anspruch nehmen, 
bestimmte Bedingungen erfüllen; sie müssen unauffällig und 
ihre Effekte müssen geringfügig sein. 

Ich habe eine große Anzahl solcher Zufullshandlungen bei mir 
und anderen gesammelt, und meine nach gründlicher Unter- 
suchung der einzelnen Beispiele, daß sie eher den Namen von 
Symptomhandlungen verdienen. Sie bringen etwas zum 
Ausdruck, was der Täter selbst nicht in ihnen vermutet und was 
er in der Regel nicht mitzuteilen, sondern für sich zu behalten 



IX. Symptom- und ZufaUshandlungen 215 

beabsichtigt. Sie spielen also ganz so wie alle anderen bisher 
betrachteten Phänomene die Rolle von Symptomen. 

Die reichste Ausbeute an solchen Zufalls- oder Symptom- 
handlungen erhält man allerdings bei der psychoanalytischen 
Behandlung der Neurotiker. Ich kann es mir nicht versagen an 
zwei Beispielen dieser Herkunft zu zeigen, wie weit und wie fein 
die Determinierung dieser unscheinbaren Vorkommnisse durch 
unbewußte Gedanken getrieben ist. Die Grenze der Symptom- 
handlungen gegen das Vergreifen ist so wenig scharf, daß ich 
diese Beispiele auch im vorigen Abschnitt hätte unterbringen 
können. 

1) Eine junge Frau erzählt als Einfall während der Sitzung, 
daß sie sich gestern beim Nägelschneiden „ins Fleisch geschnitten, 
während sie das feine Häutchen im Nagelbett abzutragen bemüht 
war". Das ist so wenig interessant, daß man sich verwundert 
fragt, wozu es überhaupt erinnert und erwähnt wird, und auf 
die Vermutung gerät, man habe es mit einer Symptomhandlung 
zu tun. Es war auch wirklich der Ringfinger, an dem das kleine 
Ungeschick vorfiel, der Finger, an dem man den Ehering trägt. 
Es war überdies ihr Hochzeitstag, was der Verletzung des feinen 
Häutchens einen ganz bestimmten, leicht zu erratenden Sinn 
verleiht. Sie erzählt auch gleichzeitig einen Traum, der auf die 
Ungeschicldichkeit ihres Mannes und auf ihre Anästhesie als Frau 
anspielt. Warum war es aber der Ringfinger der linken Hand, 
an dem sie sich verletzte, da man doch den Ehering an der 
rechten Hand trägt? Ihr Mann ist Jurist, „Doktor der Rechte", 
und ihre geheime Neigung hatte als Mädchen einem Arzt, 
(scherzhaft: „Doktor der Linke") gehört. Eine Ehe zur linken 
Hand hat auch ihre bestimmte Bedeutung. 

2) Eine unverheiratete junge Dame erzählt: „Ich habe gestern 
ganz unabsichtlich eine Hundertguldennote in zwei Stücke 
gerissen und die Hälfte davon einer mich besuchenden Dame 
gegeben. Soll das auch eine Symptomhandlung sein?" Die ge- 



ai4 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

nauere Erforschung deckt folgende Einzelheilen auf. Die Hundert- 
guldennote: Sie widmet einen Teil ihrer Zeit und ihres Ver- 
mögens wohltätigen Werken. Gemeinsnm mii einer anderen 
Dame sorgt sie für die Erziehung eines verwaisten Kindes. Die 
hundert Gulden sind der ihr zugeschickte Beilrag jener Dame, den 
sie in ein Kuvert einschloß und vorläufig auf ihren Schreihtisch 
niederlegte. 

Die Besucherin war eine angesehene Dame, der sie bei einer 
anderen VVohltatigkeitsaklion beisteht. Diese Dame wollte eine 
Reihe Namen von Personen notieren, an die man sich um Unter- 
stützung wenden könnte. Es fehlte an Pa]>ier, da griff meine 
Patientin nach dem Kuvert auf ihrem Schreihtisch und riß es, 
ohne sich an seinen Inhalt zu besinnen, in zwei Stücke, von 
denen sie eines selbst behielt, um ein Duplikat der Namenliste 
zu haben, das andere ihrer Besucliorin übergab. Man iK'merke die 
Harmlosigkeit dieses unzweckmäßigen Vorgehens. Eine Hundert- 
guldennote erleidet bekanntlich keine Einbuße an ihrem Werte, 
wenn sie zerrissen wird, falls sie sich aus den Rißstücken voll- 
ständig zusammensetzen läßt. Daß die Dame das Stück Papier 
nicht wegwerfen würde, war durcli die Wichtigkeit der darauf 
stehenden Namen verbürgt, und ebenso litt es keinen Zweifel, 
daß sie den wertvollen Inhalt zurückstellen würde, sobald sie ihn 
bemerkt hatte. 

Welchem unbewußten Gedanken sollte aber diese Zufalls- 
handlung, die sich durch ein Vergessen ermöglichte, Ausdruck 
geben ? Die besuchende Dame halle eine ganz bestimmte Be- 
ziehung zu unserer Kur. I^ls war dieselbe, die mich seinerzeit dem 
leidenden Mädchen als Arzt empfohlen, und wenn ich nicht irre, 
hält sich meine Patientin /.um Danke für diesen Rot verpflichtet. 
Soll die halbierte Hundertguldennoto etwa ein Honorar für diese 
Vermittlung darstellen? Das bliebe noch recht befremdlich. 

Es kommt aber anderes Material hinzu. Eines Tages vorher 
liatte eine Vermittlerin ganz anderer Art bei einer Verwandten 



i. 



IX. Symptom- und Zufallshandtungen 215 



angefragt, ob das gnädige Fräulein wohl die Bekanntschaft eines 
gewissen Herrn maclien wolle, und am Morgen, einige Stunden 
vor dem Besuche der Dame, war der Werbebrief des Freiers 
eingetroffen, der viel Anlaß zur Heiterkeit gegeben hatte. Als 
nun die Dame das Gespräch mit einer Erkundigung nach dem 
Befinden meiner Patientin eröffnete, konnte diese wobl gedacht 
haben: „Den richtigen Anct hast du mir zwar empfohlen, wenn 
du mir aber zum richtigen Manne (und dahinter: zu einem 
Kinde) verhelfen könntest, wäre ich dir doch dankbarer." Von 
diesem verdrängt gehaltenen Gedanken aus flössen ihr die beiden 
Vermittlerinnen in eins zusammen, und sie überreichte der 
Besucherin das Honorar, das ihre Phantasie der anderen zu geben 
bereit war. Völlig verbindlich wird diese Lösung, wenn ich hinzu- 
füge, daß ich ihr erst am Abend vorher von solchen Zufalls- 
oder Symptomhandlungen erzählt hatte. Sie bediente sich dann 
der nächsten Gelegenheit, um et%vas Analoges zu produzieren. 

Eine Gruppierung der so überaus häufigen Zufalls- und 
Symptomhandiungen könnte man vornehmen, je nachdem sie 
gewohnheitsmäßig, regelmäßig unter gewissen Umständen oder 
vereinzelt erfolgen. Die ersteren (wie das Spielen mit der Uhr- 
kette, das Zwirbeln am Barte usw.), die fast zur Charakteristik 
der betreffenden Personen dienen können, streifen an die mannig- 
faltigen Tickbewegungen und verdienen wohl im Zusammenhange 
mit letzteren behandelt zu werden. Zur zweiten Gruppe rechne 
ich das Spielen, wenn man einen Stock, das Kritzeln, wenn man 
einen Bleistift in der Hand hält, das Klimpern mit Münzen in 
der Tasche, das Kneten von Teig und anderen plastischen Stoffen, 
allerlei Hantierungen an seiner Gewandung ,u. dgl. mehr. Unter 
diesen spielenden Beschäftigungen verbergen sich während der 
psychischen Behandlung regelmäßig Sinn und Bedeutung, denen 
ein anderer Ausdruck versagt ist. Gewöhnlich weiß die betreffende 
Person nichts davon, daß sie dergleichen tut, oder daß sie gewisse 
Modifikationen an ihrem gewöhnlichen Tändeln vorgenommen 



I 



="^ 2w Psyc hopathologie des Alltagslebens 

hat, und sie übersieht und überhört auch die Effekte dieser Hand- 
lungen. Sie liört z. B. das Geräusch nicht, das sie beim Klimpern 
mit Geldstücken hervoriiringt, und benimmt sich wie erstaunt 
und ungläubig, wenn man sie darauf aufmerksam macht. Ebenso 
ist alles, was man, oft ohne es zu merken, mit seinen Kleidern 
vornimmt, bedeutungsvoll und der licarhtung des Arztes wert. 
Jede Veränderung des gewohnten Aufzugs, jede kleine Nach- 
lässigkeit, wie etwa ein nicht schließc-nder Knopf, jede Spur von 
Entblößung will etwas besagen, was der Eigentümer der Kleidung 
nicht direkt sagen will, meist gar nicht zu sagen weiß. Die 
Deutungen dieser kleinen Zufallsliandlungcii sowie die Beweise 
für diese Deutungen ergeben sich jedesmal mit zureicliender 
Sicherheit aus den Begleitumständen wiilirend der Sitzung, aus 
dem eben behandelten Thema und aus den Einfällen, die sich 
einstellen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die anscheinende . 

Zufälligkeit lenkt. Wegen dieses /usaninienhanges unterlasse ich ' 

es, meine Behauptungen durch Mitteilung von Beispielen mit 
Analyse zu unterstützen; ich erwähne diese Dinge aber, weil ich 
glaube, daß sie bei normalen Menschen dieselbe Bedeutung haben ^i 

wie bei meinen Patienten. 

Ich kann es mir nicht versagen, an wenigstens einem Beispiel I 

zu zeigen, wie innig eine gewohnheitsmäßig ausgeführte Symbol- 
handluitg mit dem Intimsien und Wichtigsten im Leben eines 
Gesunden verknüpft sein kann': 

„Wie Professor Freud uns gc-U-hrt hat, spielt die Symbolik 
im kindlichen Leben des Normalen eine größere Rolle, als man 
nach früheren psychoanalytischen Erfahiuugen erwartete: im Hin- 
blick darauf mag die folgende kurze Analyse von einigem Interesse 
sein, insbesondere wegen ihrer medizinischen Ausblicke. 

Ein An:t stieß bei der Wiedereinriclitung seiner Möbel in einem 

neuen Heim auf ein »einfaches' hölzernes Stetlioskop. Nachdem 

er emen Augenblick iiachgi-diK-hi hatt e, wo er es deiui eigentlich 

lU o n e I, Beitrag tur Symbolik im AilUg. (Zoiitrtlbktt fUr Piychowjaly »e. Y, 5, 1 9 > . 



IX. Symptom- und ZufaUshandlungen 



217 



■ unterbringen solle, fühlte er sich gedrängt, es seitlich auf seinen 
Schreibtisch zu stellen, und zwar so, daß es genau zwischen 
seinem Stuhl und dem, worin seine Patienten zu sitzen pflegten 
zu stehen kam. Die Handlung als solche war aus zwei Gründen 
ein wenig seltsam. Erstens braucht er überhaupt nicht oft ein 
Stethoskop (er ist nämlich Neurologe), und sobald er eines nötis; 
hat, benützt er ein doppeltes für beide Ohren. Zweitens waren 
alle, seine medizinischen Apparate und Instrumente in Schubkästen 
untergebracht, mit alleiniger Ausnahme dieses einen. Gleichwohl 
dachte er nicht mehr an die Sache, bis ihn eines Tages eine 
Patientin, die noch nie ein ,einfaches' Stethoskop gesehen hatte, 
fragte, was das sei. Er sagte es ihr, und sie fragte, warum er 
es gerade hieher gestellt habe, worauf er schlagfertig erwiderte, 
daß dieser Platz ebensogut wäre wie jeder andere. Dies machte 
ihn jedoch stutzig und er begann nachzudenken, ob dieser Handlung 
nicht irgendeine unbewußte Motivierung zugrunde liege und, ver- 
traut mit der psychoanalytischen Methode, beschloß er, die Sache zu 
erforschen. 

Als erste Erinnerung fiel ihm die Tatsache ein, daß als Student 
der Medizin die Gewohnheit seines Spitalarztes auf ihn Eindruck 
gemacht hatte, der immerwährend ein einfaches Stethoskop bei 
seinen Besuclien in den Krankensälen in der Hand gehalten hatte, 
obgleich er es niemals benützte. Er hatte diesen Arzt sehr 
bewundert und war ihm außerordentlich zugetan. Später, als er 
selbst die Spitalpraxis ausübte, nahm er die gleiche Gewohnheit 
an und hätte sich unbehaglich gefühlt, wenn er durch ein Ver- 
sehen sein Zimmer verlassen hätte, ohne das Instrument in der 
Hand zu schwingen. Die Nutzlosigkeit dieser Gewohnheit zeigte 
sich jedoch nicht nur in der Tatsache, daß das einzige Stethoskop, 
welches er in Wirklichkeit benutzte, eines für beide Ohren war, 
das er in der Tasche trug, sondern auch darin, daß sie fort- 
gesetzt wurde, als er auf der chirurgischen Abteilung war und 
überhaupt kein Stethoskop mehr brauchte. Die Bedeutung dieser 



2l8 



Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Beobachtungen wird sogleich klar, wenn wir auf die phallische 
Natur dieser symbolischen Handlung hinweisen. 

Als nächstes erinnerte er die Tatsache, daß ihn als kleinen 
Jungen die Gewohnheit seines Ihiusarztes frnijpiort hatte, ein 
einfaches Stethoskop im Innern seines Hutos zu tnigen; er fand 
es interessant, daß der Doktor sein HauptinsIrumenL immer zur 
Hand habe, worin er Patienten besuchen gtn^, und daß er nur 
den Hut (d. i. einen Teil seiner Kleidung) ab/uuehmen und ,es 
herauszuziehen* hatte. Er war als kleines Kind diesem Arzte 
überaus anhänglich gewesen und konnte kür/.lidi durch Selbst- 
analyse aufdecken, daß er im Alter von dreieiidiall) Jahren eine 
doppelte Phantasie in betreff der Geburt einer jüngeren Schwester 
gehabt halte: nämlich, daß sie das Kind war erstens von ihm 
selbst und seiner Mutter, zweitens vom Doktor und ihm selbst. 
In dieser Phantasie spielte er also sowohl die männliche wie die 
weibliche Rolle. Kr erinnerte ferner, im Alter von sechs Jahren 
von demselben Ar/.t untersucht worden zu sein, und entsinnt 
sich deutlich der wollüstigen l'^mpliiHlung, als er den Kopf des 
Doktors der ihm das Stethoskop an die Brust drückte, in seiner 
Nähe fühlte, sowie der rhythmi.sch hin- und hergehenden Atmungs- 
bewegung. Im Alter von drei Jahren hatte er ein chronisches 
Brustübel gehabt und mußte wiederlioll untersucht worden sein, 
wenn er das auch tatsächlich nicht mehr erinnern konnte. 

Im Alter von acht Jahren machte die Mitteilung eines älteren 
Knaben Kindruck auf ihn, der ihm sagte, es sei Sitte des Arztes, 
mit seinen Patientinnen zu Bette zu gehen. Vs gab sicherlich in 
Wahrheit einen Grund zu diesem Gerütlite und auf alle Fälle 
waren die Frauen der Nachbarschaft, einschließlich seiner eigenen 
Mutter, dem Jungen und netten ArzLe sehr zugetan. Der Ana- 
lysierte selbst hatte bei verschiedenen Gelegenheiten sexuelle Ver- 
suchungen in bezug auf seine Palienliinien erfahren, hatte sich 
zweimal in solche verliebt und schließlich eine geheiratet. Es ist 
kaum zweifelhaft, daß seine unbewußte Identifizierung mit dem 



IX. Symptom- und Zufallskandlungen 219 

Doktor der hauptsächlichste Grund war, der ihn bewo^ den Beruf 
des Mediziners zu ergreifen. Aus andeien Analysen läßt sich 
vermuten, daß dies sicherlich das häufigste Motiv ist (obgleich es 
schwer ist zu bestimmen, wie häufig). Im vorhegenden Falle war es 
zweifach bedingt : erstens durch die bei mehreren Gelegenheiten 
erwiesene Überlegenheit des Arztes dem Vater gegenüber, auf den 
der Sohn sehr eifersüchtig war, und zweitens durch des Doktors 
Kenntnis verbotener Dinge und Gelegenheiten zu sexueller Be- 
friedigung. 

Dann kam ein bereits anderwärts veröffentlichter Traum' von 
deutlich homosexuell-masochistischer Natur, in welchem ein Mann, 
der eine Ersatzfigur des Arztes ist, den Träumer mit einem 
„Schwert" angriff. Das Schwert erinnerte ihn an eine Geschichte 
in der Völsung- Nibelungen-Sage, wo Sigurd ein bloßes Schwert 
zwischen sich und die schlafende Brünhilde legt. Die gleiche 
Geschichte kommt in der Arthus-Sage vor, die unser Mann eben- 
falls genau kennt. 

Der Sinn der Sypmtomhandlung wird nun klar. Der Arzt hatte 
das einfache Stethoskop zwischen sich und seine Patientinnen 
gestellt, genau so wie Sigurd sein Schwert zwischen sich und die 
Frau legte, die er nicht berühren durfte. Die Handlung war eine 
Kompromißbildung; sie diente zweierlei Regungen: in seiner Ein- 
bildung dem unterdrückten Wunsche nachzugeben, mit irgend- 
einer reizenden Patientin in sexuelle Beziehungen zu treten, ihn 
aber zugleich zu erinnern, daß dieser Wunsch nicht verwirklicht 
werden konnte. Es war sozusagen ein Zauber gegen die An- 
fechtungen der Versuchung. 

Ich möchte hinzufügen, daß auf den Knaben die Stelle aus 

Lord Lyttons ,Richelieu' großen Eindruck machte: 

,Be7ieatk the rule of men entirely great 
The pen is migbtier than the sworet'^. 






1) „Freuds TheoryofDreams", American Jo um. of Psychol., April 1910,5. 301, Nr.7. 

2) Vgl. OltUianis „/ wear nrjr pen as others da their sword". 



220 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

daß er ein fruchtbart'r ScliriftstelliT gowordcii ist und eine außer- 
gewöhnlich große Füllfeder benützt. Als ich ihn fragte, wozu er 
dies nötig habe, erwiderte er charakteristischerweise: ,Ich habe 
soviel auszudrücken.* 

Diese Analyse mahnt uns wieder einmal clar;in, welch weit- 
reichende Einblicke In das Scoleiilt'bon uns die »harmlosen' und 
jSlnnlosen* Haiidlungon gowiihreii, und wie frühzeitig im Leben 
die Tendenz zur Symbolisierung entwickelt ist." 

Ich kann noch etwa aus meiner psychotherapeutischen 
Erfahrung einen Fall erzählen, in dem die mit einem Klumpen 
Brotkrume spielend«? Hand eine beredte Aussage ablegte. Mein Patient 
war ein noch nicht 15 jähriger, seit fast zwei Jahren schwer hysteri- 
scher Knabe, den ich endlich in psychoanalytische Behandlung 
nahm, nachdem ein längerer Aufctitlialt in einer Wasserheilanstalt 
sich erfolglos erwiesen liatte. Kr niulite nach meiner Voraus- 
setzung sexuelle Erfahrungen gemacht haben und seiner Alters- 
stufe entsprechend von sexuellen Fragen gequält sein; ich hütete 
mich aber, ihm mit Aufklärungen zu Hilfe m kommen, weil 
ich wieder einmal eine Probe auf meine Vorau.ssetzungen anstellen 
wollte. Ich durfte also neugierig sein, auf welchem Wege sich 
das Gesuchte bei ihm andeuten würde. Da fiel es mir auf, daß 
er eines Tages irgend etwas zwischen ilcii l'ingcrn der rechten 
Hand rollte, damit in die Tasche fiilir, dort weiter spielte, es 
wieder hervorzog usw. Ich fragte nicht, was er in der Hand habe; er 
zeigte es mir aber, indem er pliitzljch die Hand öPfnele. Ms war 
Brotkrume, die zu einem Klumpen zusammengoknt-lot war. In 
der nächsten Sitzung brachte or wirder einen solchen Klumpen 
mit, formte aber aus ihm, wöhrond wir das (besprach fiUirten, 
mit unglaublicher Haschheit inid bei geschlossenen Augen iMguren, 
die mein Interesse erregten. Es waren unzweifelhaft Männchen 
mit Kopf, zwei Armen, zwei Beinen, wie die rohesten prähisto- 
rischen Idole, und einen Fortsatz zwischen lieiden Beinen, den er 
in eine lange Spitze auszog. Kaum daß dieser fertig war, knetete 



4 



i 



TX. Symptom- und Zufallshandlungen 



221 



er das Männchen wieder zusammen ^ später ließ er es bestehen 
zog aber einen ebensolchen Fortsatz an der Rückenfläche und an 
anderen Stellen aus, um die Bedeutung des ersten zu verhüllen. 
Ich wollte ihm zeigen, wie ich ihn verstanden hatte ihm aber 
dabei die Ausflucht benehmen, daß er sich bei dieser menschen- 
formenden Tätigkeit nichts gedacht habe. In dieser Absicht fragte 
ich ihn plötzlich, ob er sich an die Geschichte jenes römischen 
Königs erinnere, der dem Abgesandten seines Sohnes eine panto- 
mimische Antwort im Garten gegeben. Der Knabe wollte sich 
nicht an das erinnern, was er doch vor so viel kürzerer Zeit als 
ich gelernt haben mußte. Er fragte, ob das die Geschichte von 
dem Sklaven sei, auf dessen glattrasierten Schädel man die Ant- 
wort geschrieben habe. Nein, das gehört in die griechische 
Geschichte, sagte ich und erzählte: Der König Tarquinius Superbus 
hatte seinen Sohn Sextus veranlaßt, sich in eine feindliche 
latinische Stadt einzuschleichen. Der Sohn, der sich unterdes 
Anhang in dieser Stadt verschafft hatte, schickte einen Boten an den 
König mit der Frage, was nun weiter geschehen solle. Der König 
gab keine Antwort, sondern ging in seinen Garten, ließ sich dort 
die Frage wiederholen und schlug schweigend die größten und 
schönsten Mohnköpfe ab. Dem Boten blieb nichts übrig, als dieses 
dem Sextus zu berichten, der den Vater verstand und es sich 
angelegen sein ließ, die angesehensten Bürger der Stadt durch 
Mord zu beseitigen. 

Während ich redete, hielt der Knabe in seinem Kneten inne, 
und als ich mich anschickte zu erzählen, was der König in seinem 
Garten tat, schon bei den Worten „schlug schweigend", hatte er 
mit einer blitzschnellen Bewegung seinem Männchen den Kopf 
abgerissen. Er hatte mich also verstanden und gemerkt, daß 
er von mir verstanden worden war. Ich konnte ihn nun 
direkt befragen, gab ihm die Auskünfte, um die es ihm zu 
tun war, und wir hatten binnen kurzem der Neurose ein 
Ende gemacht. 



222 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Die Symptomhandlungen, die man in fast unerschöpflicher 
Reichhaltigkeit bei Gesunden wie bei Kranken beobachten kann, 
verdienen unser Interesse aus mehr als einem Grunde. Dem Arzt 
dienen sie oft als wertvolle Winke zur Orientierung in neuen 
oder ihm wenig bekannten Verhältnissen, dem Mensch enbeobachter 
verraten sie oft alles, und mitunter selbst mehr, als er zu wissen 
wünscht. Wer mit ihrer Würdigung vertraut ist, darf sich 
gelegentlich wie der König Salomo vorkommen, der nach der 
orientalischen Sage die Sprache der Tiere verstand. Eines Tages 
sollte ich einen mir fremden jungen Mann im Hause seiner 
Mutter ärztlich untersuchen. Als er mir entgegentrat, fiel mir ein 
großer Eiweißfleck, kenntlich an seinen eigentümlich starren 
Rändern, auf seiner Hose auf. Der junge Mann entschuldigte sich 
nach kurzer Verlegenheit, er habe sich heiser gefühlt und darum 
ein rohes Ei getrunken, von dem wahrscheinlich etwas schlüpf- 
riges Eiweiß auf seine Kleidung herabgeronnen sei, und konnte 
zur Bestätigung auf die Eierschale hinweisen, die noch auf einem 
Tellerchen im Zimmer zu sehen war. Somit war der suspekle 
Fleck in harmloser Weise aufgeklärt; als aber die Mutter uns 
allein gelassen hatte, dankte ich ihm, daß er mir die Diagnose 
so sehr erleichtert habe, und nahm ohne weiteres sein Geständnis, 
daß er unter den Beschwerden der Masturbation leide, zur Grund- 
lage unserer Unterhaltung. Ein anderes Mal machte ich einen 
Besuch bei einer ebenso reichen wie geizigen und närrischen 
Dame, die dem Arzte die Aufgabe zu stellen pflegte, sich durch 
ein Heer von Klagen durchzuarbeiten, ehe man zur simplen 
Begründung ihrer Zustände gelangte. Als ich eintrat, saß sie bei 
einem Tischchen damit beschäftigt, Silbergulden in Häufchen zu 
schichten, und während sie sich erhob, warf sie einige der Geld- 
stücke zu Boden. Ich half ihr beim Aufklauben derselben, unter- 
brach sie bald in der Schilderung ihres Elends und fragte: Hat 
sie also der vornehme Schwiegersohn um so viel Geld gebracht? 
Sie antwortete mit erbitterter Verneinung, um die kürzeste Zeit 



IX. Symptom- und Zufalhhandlungen 325 

nachher die klägHche Geschichte von der Aufregung über die Ver- 
schwendung des Schwiegersohnes zu erzählen, hat mich aber 
allerdings seither nicht wieder gerufen. Ich kann nicht behaupten 
daß man sich immer Freunde unter denen wirbt, denen man die 
Bedeutung ihrer Symptomhandlungen mitteilt. 

Ein anderes „Eingeständnis durch Fehlhandlung" berichtet 
Dr. J. E. G. van Emden (Haag): „Beim Zahlen in einem 
kleinen Restaurant in Berlin behauptete der Kellner, daß der 
Preis einer bestimmten Speise — des Krieges wegen — um 
10 Pfennig erhöht worden war; meine Bemerkung, warum das 
auf der Preisliste nicht angezeigt worden war, beantwortete er 
mit der Erwiderung, daß dies offenbar eine Unterlassung sein 
müßte, daß es aber gewiß so war! Beim Einstecken des Betrages 
war er ungeschickt und ließ ein Zehnpfennigstück gerade für 
mich auf den Tisch niederfallen ! ! 

,Jetzt weiß ich aber sicher, daß Sie mir zuviel gerechnet haben, 
wollen Sie, daß ich mich an der Kasse erkundige? 

,Bitte, gestatten Sie ... einen Moment . . .' und fort war 
er schon. 

Selbstverständlich gönnte ich ihm den Rückzug und, nachdem 
er zwei Minuten später sich entschuldigte, unbegreiflich erweise 
mit einer anderen Speise im Irrtum gewesen zu sein, die zehn 
Pfennige als Belohnung für seinen Beitrag zur Psychopathologie 
des Alltagslebens." 

Wer seine Nebenmenschen während des Essens beobachten 
will, wird die schönsten und lehrreichsten Symptomhandlungen 
an ihnen feststellen können. 
So erzählt Dr. Hanns Sachs: 

„Ich war zufällig zugegen, als ein älteres Ehepaar meiner 
Verwandtschaft das Abendessen einnahm. Die Dame war magen- 
leidend und mußte sehr strenge Diät halten. Dem Manne war 
eben ein Braten vorgesetzt worden, und er bat seine Frau, 
die sich an dieser Speise nicht beteiligen durfte, um den Senf. 



234 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Die Frau Öffnete den Schrank, griff hinein und stellte vor ihren 
Mann das Fläschchen mit ihren Magentropfen auf den Tisch. 
Zwischen dem faßförmigen Senfglase und dem kleinen Tropf- 
fläschchen bestand natürhcli keine Ähnlichkeit, aus der der Miß- 
griff erklärt werden konnte; trotzdem bemerkte die Frau ihre 
Verwechslung erst, als der Gatte sie lachend darauf aufmerksam 
machte. Der Sinn der Symplomhandlung bedarf keiner Erklärung." 

Ein köstliches Beispiel dieser Art, das vom Beobachter sehr 
geschickt ausgebeutet wurde, verdanke ich Dr. ßernh, Dattner 
(Wien) : 

„Ich sitze mit meinem Kollegen von der Philosophie, Dr. H., 
im Restaurant beim Mittagessen. Er erzählt von den Unbilden 
der Probekandidatur, erwähnt nebenbei, daß er vor der Beendigung 
seiner Studien beim Gesandten, resp. bevollmächtigen außerordent- 
lichen Minister von Chile als Sekretär untergekommen war. 
,Dann wurde aber der Minister versetzt und dem neu antretenden 
habe ich mich nicht vorgestellt.* Und während er diesen letzten 
Satz ausspricht, führt er ein Stück Torte zum Munde, läßt es 
aber, wie aus Ungeschicklichkeit, vom Messer herabfallen. Ich 
erfasse sofort den gelieimen Sinn dieser Symptomhandlung und 
werfe dem mit der Psychoanalyse nicht vertrauten Kollegen wie 
von ungefähr ein: ,Da haben Sie aber einen fetten Bissen fallen 
lassen." Er aber merkt nicht, daß sich meine Worte ebensogut 
auf seine Symptomhandlung beziehen können, und wiederhole 
mit einer sonderbar anmutenden, überraschenden Lebliaftjgkeit, 
so als hätte ich ihm förmlich das Wort aus dem Munde genommen, 
gerade dieselben W^orte, die ich ausgesprochen : ,Ja, das war 
wirklich ein fetter Bissen, den ich fallen gelassen habe' und 
erleichtert sich dann durch eine erschöpfende Darstellung seiner 
Ungeschicküchkeit, die ihn um diese gut bezahlte Stellung 
gebracht hat. 

Der Sinn der symbolischen Symptomhandlung erleuchtet sich 
wenn man ins Auge faßt, daß der Kollege Skrupel empfand, mir, 



(! 



J 



' 



/X Symptom- und Zuf alhhandlungen 225 

der ihm ziemlich ferne steht, von seiner prekären materiellen 
Situation zu erzählen, daß sich dann der vordrängende Gedanke 
in eine Symptomhandlung kleidete, die symbolisch ausdrückt, was 
hätte verborgen werden sollen, und somit dem Sprecher aus dem 
Unbewußten Erleichterung schuf." 

Wie sinnreich sich ein scheinbar nicht beabsichtigtes Weg- 
nehmen oder Mitnehmen herausstellen kann, mögen folgende 
Beispiele zeigen. 

Dr. B. Dattner: „Ein Kollege stattet seiner verehrten Jugend- 
freundin das erstemal nach ihrer Eheschließung einen Besuch ab. 
Er erzählt mir von dieser Visite und drückt mir sein Erstaunen 
darüber aus, daß es ihm nicht gelungen sei, nur ganz kurze 
Zeit, wie er es vor hatte, bei ihr zu verweilen. Dann aber 
berichtet er von einer sonderbaren Fehlleistung, die ihm dort 
zugestoßen sei. Der Mann seiner Freundin, der am Gespräche 
teilgenommen habe, hätte eine Zündhölzchcnschachtel gesucht, die 
ganz bestimmt bei seiner Ankunft auf der Tischplatte gelegen sei. 
Auch der Kollege habe seine Taschen durchsucht, ob er ,sie' 
nicht zufällig ,eingesteckt' habe, doch vergebens. Geraume Zeit 
danach habe er ,sie' tatsächlich in seiner Tasche entdeckt, wobei 
ihm aufgefallen sei, daß nur ein einziges Zündhölzchen in der 
Schachtel gelegen war. — Ein paar Tage später bestätigt ein. 
Traum, der die Schachtelsymbolik aufdringlich zeigt und sich mit 
der Jugendfreundin beschäftigt, meine Erklärung, daß der Kollege 
mit seiner Symptomhandlung Prioritätsrechte reklamieren und die 
Ausschließlichkeit seines Besitzes (nur ein Zündhölzchen drinnen) 
darstellen wollte.' 

Dr. Hanns Sachs: „Unser Mädchen ißt eine bestimmte Torte 
besonders gern. An dieser Tatsache ist kein Zweifel möglich, denn 
es ist die einzige Speise, die sie ausnahmslos gut zubereitet. Eines 
Sonntags brachte sie uns eben diese Torte, stellte sie auf der 
Kredenz ab, nahm die beim vorigen Gang benützten Teller und 
Bestecke und häufle sie auf die Tasse, auf der sie die Torte 



saS Zur Psychopathologie des j4lltagdebens 

hereingetragen hatte; auf die Spitze dieses Haufens placierte sie 
dann wieder die Torte, anstatt sie uns vorzusetzen, und verschwand 
damit in die Küche. Wir meinten zuerst, sie habe an der Torte 
irgend etwas zu verbessern gefunden, da sie aber nicht wieder 
erschien, läutete meine Frau und fragte: , Betty, was ist denn mit 
der Torte los?' Darauf das Mädchen ohne Verständnis: ,Wieso?' 
Wir mußten sie erst darüber aufklären, daß sie die Torte wieder 
mitgenommen habe; sie hatte sie aufgeladen, hinausgetragen und 
wieder abgestellt, ,ohne es zu bemei-ken'. — Am nächsten Tage, 
als wir uns daran machten, den Rest dieser Torte zu verzehren, 
bemerkte meine Frau, daß nicht weniger vorlianden war, als wir 
am Vortag übrig gelassen hatten, daß also das Mädchen das ihr 
gebührende Stück der Lieblingsspeise verschmäht hatte. Auf die 
Frage, warum sie nichts von der Torte gegessen habe, antwortete 
sie leicht verlegen, sie habe keine Lust gehabt. — Die infantile 
Einstellung ist beide Male sehr deutlich; erst die kindliche Maß- 
losigkeit, die das Ziel der Wünsche mit niemandem teilen will, 
dann die ebenso kindliche Reaktion mit Trotz: wenn ihr es mir 
nicht gönnt, ^^o behaltet es für euch, ich will jetzt gar nichts 
haben." 

Die Zufalls- oder Symptomhandlungen, die sich in Ehesachen 
ereignen, haben oft die ernsteste Bedeutung und könnten den, 
der sich um die Psychologie des Unbewußten nicht bekümmern 
will, zum Glauben an Vorzeichen nötigen. Es ist kein guter 
Anfang, wenn eine junge Frau auf der Hochzeitsreise ihren Ehe- 
ring verhert, doch war er meist nur verlegt und wird bald 
wiedergefunden- — Ich kenne eine jetzt von ihrem Manne 
geschiedene Dame, die bei der Verwaltung ihres Vermögens 
Dokumente häufig mit ihrem Mädchennamen unterzeichnet hat, 
viele Jahre vorher, ehe sie diesen wirklich wieder annahm. — 
Blinst war ich als Gast bei einem jung verheirateten Paare und 
hörte die junge Frau lachend ihr letztes Erlebnis erzählen, wie 
sie am Tage nach der Rückkehr von der Reise wieder ihre ledige 



IX, Symptom- und Zufalhhandlunfftm 227 

Schwester aufgesucht hätte, um mit ihr, wie in früheren Zeiten 
Einkäufe zu machen, während der Ehemann seinen Geschäften 
nachging. Plötzlicli sei ihr ein Herr auf der anderen Seite der 
Straße aufgefallen, und sie hahe ihre Schwester anstoßend gerufen: 
Schau, dort geht ja der Herr L. Sie hatte vergessen, daß dieser 
Herr seit einigen Wochen ihr Ehegemahl war. Mich überlief es 
kalt bei dieser Erzählung, aber ich getraute mich der Folgerung 
nicht Die kleine Geschichte fiel mir erst Jahre später wieder ein, 
nachdem diese Ehe den unglückUchsten Ausgang genommen hatte. 

Den beachtenswerten, in französischer Sprache veröffentlichten 
Arbeiten von A. Maeder' in Zürich entnehme ich folgende 
Beobachtung, die ebensowohl einen Platz beim „Vergessen" 
verdient hätte: 

„Unc datnc nous racontait recemment qu'eüe avait oublie 
d'essayer sa rohe, de noce et s'en souvint la veille du mariage a 
huit heures du soir, la couturiere desesperait de voir sa diente. 
Ce detail suffit ä montrer que la fiancee ne se sentait pas tres 
heureusE de porter une rohe d'epouse^ eile cherchait ä oublier 
cette repre&entation penible. Elle est aujourd^hui . . . divorcee. 

Von der großen Schauspielerin Eleonore Düse erzählte mir 
ein Freund, der auf Zeichen achten gelernt hat, sie bringe in 
einer ihrer Rollen eine Symptomhandlung an, die so recht zeige, 
aus welcher Tiefe sie ihr Spiel heraufhole. Es ist ein Ehe- 
bruchsdrama; sie hat eben eine Auseinandersetzung mit ihrem 
Manne gehabt und steht nun in Gedanken abseits, ehe sich 
ihr der Versucher nähert. In diesem kurzen Intervall spielt sie 
mit dem Ehering an ihrem Finger, zieht ihn ab, um ihn wieder 
anzustecken, und zieht ihn wieder ab. Sie ist nun reif für den 

anderen. 

Hier schließt an, was Th. R e i k von anderen Symptomhand- 
lungen mit Ringen erzählt. 

1) Alph. Mae der, Contributioiis ä la Psychopathologie de la vie qnotidieime, 
Archives des Psvchologie. T. VI, 1906. 

15' 



22S Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



„Wir kennen die Symptomliaudlungen, welche Eheleute aus- 
führen, indem sie den Trauring abziehen und wieder atistecken." 
Eine Reihe ähnlicher Symptom ha n dl un gen produzierte mein 
Kollege M. Er hatte von einem von ihm geliebten Mädchen 
einen Ring zum Geschenk erhalten, mit dem Bemerken, er dürfe 
ihn nicht verlieren, sonst wisse sie, daß er sie nicht mehr lieb 
habe. Er entfaltete in der Folgezeit eine erhöhte Besorgnis, er 
könnte den Ring verlieren. Hatte er ihn zeitweilig, z. B. beim 
Waschen abgelegt, so war er regelmäßig verlegt, so daß es oft 
langen Suchens bedurfte, um ihn wieder zu erlangen. Wenn er 
einen Brief in den Postkasten warf, konnte er die leise Angst 
nicht unterdrücken, der King könnte von den Rändern des 
Briefkastens abgezogen werden. Einmal hantierte er wirklich so 
ungeschickt, daß der Ring in den Kasten fiel. Der Brief, den er 
bei dieser Gelegenheit absandte, war ein Abschiedsschreiben an 
eine frühere Geliebte von ihm gewesen, und er fühlte sich ihr 
gegenüber schuldig. Gleichzeitig erwachte in ihm Sehnsucht nach 
dieser Frau, welche mit seiner Neigung zu seinem jetzigen Liebes- 
objekt in Konflikt kam." (Internat. Zeitschrift f. Psychoanalyse, 
ni, 1915.) 

An dem Thema des „Ringes" kann man sich wieder einmal 
den Eindruck holen, wie schwer es für den Psychoanalytiker ist, 
etwas Neues zu finden, was nicht ein Dichter vor ihm gewußt 
hätte. In Fontanes Roman „Vor dem Sturm" sagt Justizrat 
Turgany während eines Pfänderspieles: „Wollen Sie es glauben, 
meine Damen, daß sich die tiefsten Geheimnisse der Natur in 
der Abgabe der Pfänder offenbaren." Unter den Beispielen, mit 
denen er seine Behauptung erhärtet, verdient eines unser 
besonderes Interesse: „Ich entsinne mich einer im Embonpointalter 
stehenden Professoren frau, die mal auf mal ihren Trauring als 
Pfand vom Finger zog. Erlassen Sie mir, Ihnen das eheliche 
Glück des Hauses zu schildern." Er setzt dann fort: „In derselben 
Gesellschaft befand sich em Herr, der nicht müde wurde, sein 



/X Symptom- und Zufallsh andlungen 229 

englisches Taschenmesser, zehn Klingen mit Korkzieher und 
Feuerstahl, in den Schoß der Dame zu deponieren bis das 
Klingenmonstrum, nach Zerreißung mehrerer Seidenkleider endlich 
vor dem allgemeinen Entrüstungsschrei verschwand." 

Es wird uns nicht wundernehmen, daß ein Objekt von so 
reicher symbolischer Bedeutung wie ein Ring auch dann zu 
sinnreichen Fehlhandlungen verwendet wird, wenn es nicht als 
Ehe- oder Verlobungsring die erotische Bindung bezeichnet. 
Dr. M. Kardos hat mir nachstehendes Beispiel eines derartigen 
Vorkommnisses zur Verfügung gestellt: 

„Vor mehreren Jahren hat sich mir ein um vieles jüngerer 
Mann angeschlossen, der meine geistigen Bestrebungen teilt und zu 
mir etwa im Verhältnis eines Schülers zu seinem Lehrer steht. 
Ich habe ihm zu einer bestimmten Gelegenheit einen Ring 
geschenkt, und dieser hat ihm schon mehreremal Gelegenheil zu 
Symptom-, resp. Fehlhandlungen gegeben, sobald in unseren 
Beziehungen irgend etwas seine Mißbilligung gefunden halte. Vor 
kurzem wußte er mir folgenden, besonders hübschen und durch- 
sichtigen Fall zu berichten; Er war von einer einmal wöchentlich 
staltfindenden Zusammenkunft, bei der er mich regelmäßig zu sehen 
und zu sprechen pflegte, unter irgendeinem Vorwand ausgeblieben, 
da ihm eine Verabredung mit einer jungen Dame wünschens- 
werter erschienen war. Am darauffolgenden Vormittag bemerkte 
er, aber erst, als er schon längst das Haus verlassen hatte, daß 
er den Ring nicht am Finger trage. Er beunruhigte sich darüber 
nicht weiter, da er annahm, er habe ihn daheim auf dem Nacht- 
kästchen, wo er ihn jeden Abend hinlegte, vergessen und werde 
ihn beim Nachhausekommen dort finden. Er sah auch gleich 
nach der Heimkehr nach ihm, aber vergeblich, und begann nun, 
ebenso erfolglos, das Zimmer zu durchsuchen. Endlich fiel ihm 
ein, daß der Ring — wie übrigens schon seit mehr als einem 
Jahre — auf dem Nachlkästchen neben einem kleinen Messerclien 
gelegen sei, das er in der Westentasche zu tragen gewohnt war- 



250 Zar Psychopathologie, des Alltagslebens 

so verfiel er auf die Vermutung, er könnte ,aus Zerstreutheit' 
den Ring mit dem Messer eingesteckt haben. Kr griff also in 
die Tasche und fand dort wirklich den gesuchten Ring. — ,Der 
Ehering in der Westentasche' ist die sprichwörtliche Aufbewahrungs- 
art für den Ring, wenn der Mann die Frau, von der er ihn 
empfangen hat, zu betrügen beabsichtigt. Sein Schuldgefühl hat 
ihn also zunächst zur Selbstbestrafung {,Du verdienst es nicht 
mehr, diesen Ring zu tragen'), in zweiter Linie zu dem Ein- 
geständnis seiner Untreue veranlaßt, allerdings bloß in der Form 
einer Fehlhandlung, die keinen Zeugen hatte. Erst auf dem 
Umweg über dtm Bericht davon — der allerdings voraussehbar 
war — kam es zum Eingeständnis der begangenen kleinen 
»Untreue'." 

Ich weiß auch von einem älteren Herrn, der ein sehr junges 
Mädchen zur Frau nahm und die Hochzeitsnacht anstatt abzureisen 
in einem Hotel der Großstadt zuzubringen gedachte. Kaum iml 
Hotel angelangt, merkte er mit Schrecken, daß er seine Brief- 
tasche, in der sich die ganze für die Hochzeitsreise bestimmte 
Geldsumme befand, vermisse, also verlegt oder verloren habe. Es 
gelang noch, den Diener telephonisch zu erreichen, der das 
Vermißte in dem abgelegten Rock des Hochzeiters auffand und 
dem Harrenden, der .so ohne Vermögen in die Ehe gegangen 
war, ins Hotel brachte. Er konnte also am nächsten Morgen die 
Reise mit seiner jungen Frau antreten ; in der Nacht selbst war 
er, wie seine Befürchtung vorausgesehen hatte, „unvermögend" 
geblieben. 

Es ist tröstlich zu denken, daß das „V erliere n" der Menschen 
in ungeahnter Ausdehnung Symptomhandlung und somit wenigstens 
einer geheimen Absicht des Verlustträgers willkommen ist. Es 
ist oft nur ein Ausdruck der geringen Schätzung des verlorenen 
Gegenstandes oder einer geheimen Abneigung gegen denselben 
oder gegen die Person, von der er herstammt, oder die Verlust- 
neigung hat sich auf diesen Gegenstand durch symbolische Gedanken- 



IX, Symptom- und Zufallshandlungen 231 

Verbindung von anderen und bedeutsameren Objekten her über- 
tragen. Das Verlieren wertvoller Dinge dient mannigfachen 
Regungen zum Ausdruck, es soll entweder einen verdrängten 
Gedanken symbolisch darstellen, also eine Mahnung wiederholen 
die man gern überhören möchte, oder es soll — und dies vor 
allem anderen — den dunklen Schicksalsmächten — Opfer bringen, 
deren Dienst auch unter uns noch nicht erloschen ist. 

Zur Erläuterung dieser Sätze über das Verlieren nur einige 
Beispiele ; 

Dr. B. Dattner: „Ein Kollege berichtet mir, daß er seinen 
Penkalastift, den er bereits über zwei Jahre besessen habe und 
der ihm seiner Vorzüge wegen sehr wertvoll geworden sei, 
unvermutet verloren habe. Die Analyse ergab folgenden Tatbestand : 
Am Tage vorher hatte der Kollege von seinem Schwager einen 
empfindlich unangenehmen Brief erhalten, dessen Schlußsatz 
folgendermaßen lautete: ,Ich habe vorläufig weder Lust noch Zeit, 
Deinen Leichtsinn und Deine Faulheit zu unterstützen.' Der Affekt, 
der sich an diesen Brief knüpfte, war so mächtig, daß der Kollege 
prompt am nächsten Tage den Penkala, ein Geschenk dieses 
Schwagers, opferte, um durch dessen Gnade nicht allzusehr 
beschwert zu sein." , 

Eine mir bekannte Dame hat sich, wie begreiflich, wahrend 
der Trauer um ihre alte Mutter des Theaterbesuches enthalten. 
Es fehlen jetzt nur noch wenige Tage bis zum Ablauf des Trauer- 
jahres, und sie läßt sich durch das Zureden ihrer Bekannten be- 
wegen, eine Theaterkarte für eine besonders interessante Vorstellung 
zu nehmen. Vor dem Theater angelangt, macht sie die Entdeckung, 
daß sie die Karte verloren hat. Sie meint später, daß sie die- 
selbe mit der Tramwaykarte weggeworfen hatte, als sie aus dem 
Wagen ausstieg. Dieselbe Dame rühmt sich, nie etwas aus 
Unachtsamkeit zu verlieren. 

Man darf also annehmen, daß auch ein anderer Fall von Ver- 
lieren, den sie erlebte, nicht ohne gute Motivierung war. 



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252 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



In einem Kurorte angekommen, entschließt sie sich, eine Pension 
zu besuchen, in der sie ein früheres Mal gewohnt hatte. Sie wird 
dort als alte Bekannte aufgenommen, bewirtet und erfährt, als sie 
bezahlen will, daß sie sich als Gast zu betrachten habe, was ihr 
nicht ganz recht ist. Es wird ihr zugestanden, daß sie etwas für 
das servierende Mädchen zurücklassen darf, und sie öffnet ihre 
Börse, um einen Markschein auf den Tisch zu legen. Am Abend 
bringt ihr der Diener der Pension einen Fünfmarkschein, der sich 
unter dem Tisch gefunden und nach der Meinung der Pensions- 
inhaberin dem Fräulein gehören dürfte. Den halte sie also aus 
der Börse fallen lassen, als sie ihr das Trinkgeld für das Mädchen 
entnahm. Wahrscheinlich wollte sie doch ihre Zeche bezahlen. 
Otto Rank hat in einer längeren Mitteilung^ die diesem 
Akte zugrunde liegende Opfeistimmung und dessen tiefer 
reichende Motivierungen mit Hilfe von Traumanalysen durchsichtig 
gemacht.^ Interessant ist es dann, wenn er hinzufügt, daß manch- 
mal nicht nur das Verlieren, sondern auch das Finden von 
Gegenständen determiniert erscheint. In welchem Sinne dies zu 
verstehen ist, mag aus seiner Beobachtung, die ich hieher setze, 
hervorgehen. Es ist klar, daß beim Verlieren das Objekt bereits 
gegeben ist, das beim Finden erst gesucht werden muß. 

„Ein materiell von seinen Ellern abhängiges junges Mädchen 
will sich ein billiges Schmuckstück kaufen. Sie fragt im Laden 
nach dem Preise des ihr zusagenden Objekts, erfährt aber zu 
ihrem Betrüben, daß es mehr kostet, als ihre Ersparnisse betragen. 
Und doch sind es nur zwei Kronen, deren Fehlen ihr diese kleine 
Freude verwehrt. In gedrückter Stimmung schlendert sie durch 
die abendlich belebten Straßen der Stadt nach Hause. Auf 
einem der stärkst frequentierten Plätze wird sie plötzlich — obwohl 
sie ihrer Angabe nach tief in Gedanken versunken war ■— auf 

1) Das Verlieren als Syniptomhandliing, Zenlralbl. für Psychoanalyse I, 10/11, 

2) Andere Mitteihmgen desselben Inhalts im Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 
und Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1915. 



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IX. Symptom- UTid Zufallshandlungen 255 



ein am Boden liegendes kleines Blättchen aufmerksam, das sie 
eben achtlos passiert hatte. Sie wendet sich um, hebt es auf und 
bemerkt zu ihrem Erstaunen, daß es ein zusammengefalteter 
Zweikronenschein ist. Sie denkt sich: das hat mir das Schicksal 
zugeschickt, damit ich mir den Schmuck kaufen kann, und macht 
erfreut Kehrt, um diesem Winke zu folgen. Im selben Moment 
aber sagt sie sich, sie dürfe das doch nicht tun, well das 
gefundene Geld ein Glücksgeld ist, das man nicht ausgeben darf. 
Das Stückchen Analyse, das zum Verständnis dieser ,Zufalls- 
handlung' gehört, darf man wohl auch ohne persönliche Auskunft 
der Betroffenen aus der gegebenen Situation erschließen. Unter 
den Gedanken, die das Mädchen beim Nachhau segehen beschäftigten, 
wird sich wohl der ihrer Armut und materiellen Einschränkung 
im Vordergrunde befunden haben, und zwar, wie wir vermuten 
dürfen, im Sinne der wunscherfüllenden Aufhebung ihrer 
drückenden Verhältnisse. Die Idee, wie man auf leichteste Weise 
zu diesem fehlenden Geldbetrag kommen könnte, wird ihrem auf 
Befriedigung ihres bescheidenen Wunsches gerichteten Interesse 
kaum ferngeblieben sein und ihr die einfachste Lösung des 
Findens nahegebracht haben. Solcherart war ihr Unbewußtes 
(oder Vorbewußtes) auf ,Finden' eingestellt, selbst wenn der 
Gedanke daran ihr — wegen anderweitiger Inanspruchnahme ihrer 
Aufmerksamkeit (,in Gedanken versunken') - nicht voll bewußt 
■geworden sein sollte. Ja wir dürfen auf Grund ähnlicher analy- 
sierter Fälle geradezu behaupten, daß die unbewußte ,Such- 
Bereit^chaft' viel eher zum Erfolg zu führen vermag als die 
bewußt gelenkte Aufmerksamkeit. Sonst wäre es auch kaum 
erklärlich, wieso gerade diese eine Person von den vielen Hunderten 
Vorübergehenden, noch dazu unter den erschwerenden Umständen 
der ungünstigen Abendbeleuchtung und der dichtgedrängten Menge, 
den für sie selbst überraschenden Fund machen konnte. In welch 
starkem Ausmaß diese un- oder vorbewußte Bereitschaft tatsächlich 
bestand, zeigt die sonderbare Tatsache, daß das Mädchen noch 



254 2lur Psychopathohgü: des Alltagslebens 



nach diesem Funde, also nachdem die Einstellung bereits über- 
flüssig geworden und gewiß schon der bewußten Aufmerksamkeit 
entzogen war, auf ihrem weiteren Heimweg an einer dunklen 
und einsamen Stelle einer Vorstadtstraße ein Taschentuch fand.'" 
Man muß sagen, daß gerade solche Symptomhandlungen oft 
den besten Zugang zur Erkenntnis des intimen Seelenlebens der 
Menschen gestatten. 

Von den vereinzelten Zufallshandlungen will ich ein Beispiel 
mitteilen, welches auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zuließ, 
das die Bedingungen trefflich erläutert, unter denen solche Symptome 
vollkommen unauffällig produziert werden können, und an das 
sich eine praktisch bedeutsame Bemerkung anknüpfen läßt. Auf 
einer Sommerreise traf es sich, das ich einige Tage an einem 
gewissen Orte auf die Ankunft meines Reisegefährten zu warten 
hatte. Ich machte unterdes die Bekanntschaft eines jungen Mannes, 
der sich gleichfalls einsam zu fühlen schien und sich bereitwillig 
mir anschloß. Da wir in demselben Hotel wohnten, fügte es sich 
leicht, daß wir alle Mahlzeiten gemeinsam einnahmen und Spazier- 
gänge miteinander machten. Am Nachmittag des dritten Tages 
teilte er mir plötzlicfi mit, daß er heute abend seine mit dem 
Eilzuge einlangende Frau erwarte. Mein psychologisches Interesse 
wurde nun rege, denn es war mir an meinem Gesellschafter 
bereits am Vormittag aufgefallen, daß er meinen Vorschlag zu 
einer größeren Partie zurückgewiesen und auf unserem kleinen 
Spaziergang einen gewissen Weg als zu steil und gefiihrlich nicht 
hatte begehen wollen. Auf dem Nachmillagsspaziergang behauptete 
er plötzlich, ich müßte doch hungrig sein, ich sollte doch ja 
nicht seinetwegen die Abendmahlzeit aufschieben, er werde erst 
nach der Ankunft seiner Frau mit ihr zu Abend essen. Ich 
verstand den Wink und setzte mich an den Tisch, während er 
auf den Bahnhof ging. Am nächsten Morgen trafen wir uns in 
der Vorh alle des Hotels. Er stellte mich seiner Frau vor und 

i) Internat. Zeilschrifl l'ür Psyclioaiialyse, III, igi/. 



n 



IX. Symptom- und 2,ufalhhandlungen agS 

fügte hinzu: Sie werden doch mit uns das frühstück nehmen? 
Ich halte noch eine kleine Besorgung in der nächsten Straße vor 
und versicherte, ich würde bald nachkommen. Als ich dann in 
den Frühstückssaal trat, sah ich, daß das Paar an einem kleinen 
Fenstertisch Platz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie 
beide saßen. Auf der Gegenseite befand sich nur ein Sessel, aber 
über dessen Lehne hing der große und schwere Lodenmantel des 
Mannes herab, den Platz verdeckend. Ich verstand sehr wohl den 
Sinn dieser gewiß nicht absichtlichen, aber darum um so ausdrucks- 
volleren Lagerung. Es hieß: Für dich ist hier kein Platz, du bist 
jetzt überflüssig. Der Mann bemerkte es nicht, daß ich vor dem 
Tische stehen bheb, ohne mich zu setzen, wohl aber die Dame, 
die ihren Mann sofort anstieß und ihm zuflüsterte: Du hast ja 
dem Herrn den Platz verlegt. 

Bei diesem wie bei anderen ähnlichen Ergebnissen habe ich 
mir gesagt, daß die unabsichtlich ausgeführten Handlungen unver- 
meidhch zur Quelle von Mißverständnissen im menschlichen 
Verkehr werden müssen. Der Täter, der von einer mit ihnen 
verknüpften Absicht nichts weiß, rechnet sich dieselben nicht an 
und hält sich nicht verantwortlich für sie. Der andere hingegen 
erkennt, indem er regelmäßig auch solche Handlungen seines 
Partners zu Schlüssen über dessen Absichten und Gesinnungen 
verwertet, mehr von den psychischen Vorgängen des Fremden, als 
dieser selbst zuzugeben bereit ist und mitgeteilt zu haben glaubt. 
Letzterer aber entrüstet sich, wenn ihm diese aus seinen Symptom- 
handlungen gezogenen Schlüsse vorgehalten werden, erklärt sie 
für grundlos, da ihm das Bewußtsein für die Absicht bei der 
Ausführung fehlt, und klagt über Mißverständnis von Seiten des 
anderen. Genau besehen beruht ein solches Mißverständnis auf 
einem Zufein- und Zuvielverstehen. Je „nervöser" zwei Menschen 
sind desto eher werden sie einander Anlaß zu Entzweiungen 
bieten deren Begründung jeder für seine eigene Person ebenso 
bestimmt leugnet, wie er sie für die Person des anderen als 



23^ Zw Psychopathologie des Alltagslebens 



\ 



gesichert annimmt. Und dies ist wohl die Strafe für die innere 
Unaufrichtigkeit, daß die Menschen unter den Vorwänden des 
Vergessens, Vergreifens und der Unabsichtlichkeit Regungen den Aus- 
druck gestatten, die sie besser sich und anderen eingestehen würden, 
wenn sie sie schon nicht beherrschen können. Man kann in der Tat 
ganz allgemein behaupten, daß jedermann fortwährend psychische 
Analyse an seinen Nebenmenschen betreibt und diese infolgedessen 
besser kennen lernt als jeder einzelne sich selbst. Der Weg zur 
Befolgung der Mahnung yväö-^ tjeauriv führt durch das Studium 
seiner eigenen, scheinbar zufalligen Handlungen und Unterlassungen. 
"Von all den Dichtern, die sich gelegentlich über die kleinen 
Symptomhandlungen und Fehlleistungen geäußert oder sich ihrer 
bedient haben, hat keiner deren geheime Natur mit solcher 
Klarheit erkannt und dem Sachverhalt eine so unheimliche 
Belebung gegeben wie Strindberg, dessen Genie bei solcher 
Erkenntnis allerdings durch tiefgehende psychische Abnormität 
unterstützt wurde. Dr. Karl Weiß (Wien) hat auf folgende Stelle 
aus einem seiner Werke aufmerksam gemacht (Internat. Zeitschrift 
für Psychoanalyse, I, 1913, S. 268): 

„Nach einer Weile kam der Graf wirklich und er trat ruhig 
an Esther heran, als habe er sie zu einem Stelldichein bestellt. 

— Hast du lange gewartet? fragte er mit seiner gedämpften 
Stimme. 

— Sechs Monate, wie du weißt, antwortete Estherj aber du 
hast mich heute gesehen? 

— Ja, eben im Straßenbahnwagen; und ich sah dir in die 
Augen, daß ich mit dir zu sprechen glaubte. 

— Es ist viel ,geschehen* seit dem letztenmal. 

— Ja, und ich glaubte, es sei zwischen uns aus. 

— Wieso? 

— Alle Kleinigkeiten, die ich von dir bekommen habe, gingen 
entzwei, und zwar auf eine okkulte Weise. Aber das ist eine alte 
Wahrnehmung. 



IX. Symptom- und Zufalhhandlimgen 057 

— Was du sagst! Jetzt erinnere ich mich an eine ganze 
Menge Fälle, die ich für Zufälle hielt. Ich bekam einmal ein 
Pincenez von meiner Großmutter, während wir gute Freunde 
waren. Es war aus geschliffenem Bergkristall und ausgezeichnet 
hei den Obduktionen, ein wahres Wunderwerk, das ich sorgfältiff 
hütete. Eines Tages brach ich mit der Allen und sie wurde 
auf mich böse. 

Da geschah es bei der nächsten Obduktion, daß die Gläser 
ohne Ursache herausfielen. Ich glaubte, es sei ganz einfach 
entzwei; schickte es zur Reparatur. Nein, es fuhr fort, seinen 
Dienst zu verweigern; wurde in eine Schublade gelegt und ist 
fortgekommen. 

— Was du sagst! Wie eigentümlich, daß das, was die Augen 
betrifft, am empfindlichsten ist. Ich hatte ein Doppelglas von 
einem Freunde bekommen; das paßte für meine Augen so gut, 
daß der Gebrauch ein Genuß für mich war. Der Freund und 
ich wurden Unfreunde. Du weißt, dazu kommt es, ohne sichtbare 
Ursache; es scheint einem, als dürfe man nicht einig sein. Als 
ich das Opernglas das nächste Mal benutzen wollte, konnte ich 
nicht klar sehen. Der Schenkel war zu kurz und ich sah zwei 
Bilder. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß sich weder der 
Schenkel verkürzt noch der Abstand der Augen vergrößert hatte! 
Es war ein Wunder, das alle Tage geschieht und das schlechte 
Beobachter nicht merken. Die Erklärung? Die psychische 
Kraft des Hasses ist wohl größer, als wir glauben. 
— Übrigens der Ring, den ich von dir bekommen habe, hat 
den Stein verloren — und läßt sich nicht reparieren, läßt sich 
nicht. Willst du dich jetzt von mir trennen? . . . (,Die gotischen 
Zimmer', S. 358 f)" 

Auch auf dem Gebiete der Symptomhandlungen muß die 
psychoanalytische Beobachtung den Dichtern die Priorität abtreten. 
Sie kann nur wiederholen, was diese längst gesagt haben. Herr 
Wilh. S t r o ß macht mich auf nachstehende Stelle in dem bekannten 



2^8 Zur Psychopatholoßie des Alhaßsleberis 

humoristischen Roman Tristram Shandy von Lawrence 
Sterne aufmerksam (VI. Teil, V. Kapitel): 

„und es wundert mich keineswegs, daß Gregorius von Nazianzum, 
als er am JuHan die schnellen und unsteten Gebärden wahrnahm, 
voraussagte, daß er eines Tages abtrünnig werden würde ; - — 
oder daß St. Anibrosius seinen Amanuensem, wegen einer unan- 
ständigen Bewegung mit dem Kopfe, der ihm wie ein Dresch- 
flegel hin und her ging, wegjagte. — Oder daß Democritus gleich 
merkte, daß Protagoras ein Gelehrter wäre, weil er ihn ein Bündel 
Reisholz binden und die dünnsten Reiser in die Mitte legen sah. 
— Es gibt tausend unbemerkte Öffnungen, fuhr mein Vater fort, 
durch welche ein scharfes Auge auf einmal die Seele entdecken 
kann; und ich behaupte, fügte er hinzu, daß ein vernünftiger 
Mann nicht seinen Hut niederlegen kann, wenn er in ein Zimmer 
kommt — oder aufnehmen, wenn er hinaus geht, oder es entwischt 
ihm etwas, das ihn verrät." 

Hier noch eine kleine Sammlung mannigfaltiger Symptom- 
handlungen bei Gesunden und Neurotikern: 

Ein älterer Kollege, der niclit gern im Kartenspiel verliert, hat 
eines Abends eine größere Verlustsumme klaglos, aber in eigen- 
tümlich verhaltener Stimmung ausgezahlt. Nach seinem Weggehen 
wird entdeckt, daß er so ziemlich alles, was er bei sich trägt, 
auf seinem Platz zurückgelassen hat: Brille, Zigarrentasche und 
Sacktuch. Das fordert wohl die Übersetzung: Ihr Räuber, ihr 
habt mich da schön ausgeplündert. 

Ein Mann, der an gelegentlich auftretender sexueller Impotenz 
leidet, welche in der Innigkeit seiner Kinderbeziehungen zur 
Mutter begründet ist, berichtet, daß er gewohnt ist, Schriften 
und Aufzeichnungen mit einem S, dem Anfangsbuchstaben des 
Namens seiner Mutter, zu verzieren. Er verträgt es nicht, daß 
Briefe vom Hause auf seinem Schreibtisch in Berührung mit 
anderen unheiligen Briefschaften geraten, und ist darum genötigt, 
erstere gesondert aufzubewahren. 



IX. Symptom- und Zufallskandlungen 259 



Eine junge Dame reißt plötzlich die Tür des Behandlungs- 
zimmers auf, in dem sich noch ihre Vorgängerin befindet. Sie 
entschuldigt sich mit „Gedankexilosigkeit"j es ergibt sich bald, 
daß sie die Neugierde demonstriert hat, welche sie seinerzeit ins 
Schlafzimmer der Eltern dringen ließ. 

Mädchen, die auf ihre schönen Haare stolz sind, wissen so 
geschickt mit Kamm und Haarnadeln umzugehen, daß sich ihnen 
mitten imi Gespräch die Haare lösen. 

Manche Männer zerstreuen während der Behandlung (in 
liegender Stellung) Kleingeld aus der Hosentasche und 
honorieren so die Arbeit der Behandlungsstunde je nach ihrer 
Schätzung. 

Wer bei einem Arzt einen mitgebrachten Gegenstand, wie 
Zwicker, Handschuhe, Täschchen vergißt, deutet damit an, daß 
er sich nicht losreißen kann und gei-n bald wiederkommen 
möchte. E. Jones sagt: One can almost measure the success with 
which a physician is practising psychotherapy, for instance hy 
the size of the collection of umbrellas, handkerchiefsp purses^ and 
so on, that he. could make in a montk. 

Die kleinsten gewohnheitsmäßigen und mit minimaler Auf- 
merksamkeit ausgeführten Verrichtungen, wie das Aufziehen der 
Uhr vor dem Schlafengehen, das Auslöschen des Lichtes vor dem 
Verlassen des Zimmers u. a., sind gelegentlich Störungen unter- 
worfen, welche den Einfluß der unbewußten Komplexe auf die 
angeblich stärksten „Gewohnheiten" unverkennbar demonstrieren. 
M a e d 6 r erzählt in der Zeitschrift „Coenobium" von einem 
Spitalarzte, der sich eines Abends einer wichtigen Angelegenheit 
wegen entschloß, in die Stadt zu gehen, obwohl er Dienst hatte 
und das Spital nicht hätte verlassen sollen. Als er zurückkam, 
bemerkte er zu seinem Erstaunen Licht in seinem Zimmer. Er 
hatte, was ihm früher nie geschehen war, vergessen, bei seinem 
Weggehen dunkel zu machen. Er besann sich aber bald auf das 
Motiv dieses Vergessens. Der im Hause wohnende Spitaldirektor 



340 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

mußte ja aus dem Lichte im Zimmer seines Internen den Schluß 
ziehen, daß dieser im Hause sei. 

Ein mit Sorgen überbürdeter und gelegentUch Verstimmungen 
unterworfener Mann versicherte mir, daß er regelmäßig arai 
Morgen seine Uhr abgelaufen finde, wenn ihm am Abend vorher 
das Leben gar zu hart und unfreundlich erschienen sei. Er drückt 
also durch die Unterlassung, die Uhr aufzuziehen, symbolisch 
aus, daß ihm nichts daran gelegen sei, den nächsten Tag zu 
erleben. 

Ein anderer, mir persönlich unbekannt, schreibt: „Von einem 
harten Schicksalsschlage betroffen, erschien mir das Leben so hart 
und unfreundhch, daß ich mir einbildete, keine genügende Kraft 
zu finden, um den nächsten Tag durchzuleben, und da bemerkte 
ich, daß ich fast täglich meine Uhr aufzuziehen vergaß, was ich 
früher niemals unterließ und es vor dem Niederlegen regelmäßig 
fast mechanisch unbewußt tat. Nur selten erinnerte ich mich 
daran wenn ich am folgenden Tage etwas Wichtiges oder 
mein hiteresse besonders Fesselndes vor hatte. Sollte auch dies 
eine Symptomhandlung sein ? Ich konnte mir dies gar nicht 

erklären." 

Wer sich, wie Jung (Über die Psychologie der Dementia 
praecox, 1 907, S. 62) oder M a e d er (Une voie nouvelle en 
Psychologie — Freud et son ^cole, „Coenobium", Lugano 1909) 
die Mühe nehmen will, auf die Melodien zu achten, welche 
man ohne es zu beabsichtigen, oft ohne es zu merken, vor sich 
hin trällert, wird die Beziehung des Textes zu einem die Person 
beschäftigenden Thema wohl regelmäßig aufdecken können. 

Auch die feinere Determinier ung des Gedankenausdruckes in 
Rede oder Schrift verdiente eine sorgfältige Beachtung. Man glaubt 
doch im allgemeinen die Wahl zu haben, in welche Worte man 
seine Gedanken einkleiden oder durch welches Bild man sie 
verkleiden soll. Nähere Beobachtung zeigt, daß andere Rücksichten 
über diese Wahl entscheiden, und daß in der Form des Gedankens 



IX, Symptom- und Zufalhhandlungen 



241 



ein tieferer, oft nicht beabsichtigter Sinn durchschimmert. Die 
Bilder und Redensarten, deren sich eine Person vorzugsweise 
bedient, sind für ihre Beurteilung meist nicht gleichgültig, und 
andere erweisen sich oft als Anspielung auf ein Thema welches 
derzeit im Hintergrunde gehalten wird, aber den Sprecher mächtig 
ergriffen hat. Ich hörte jemand zu einer gewissen Zeit wiederholt 
in theoretischen Gesprächen die Redensart gebrauchen ; „Wenn 
einem plötzlich etwas durch den Kopf schießt", aber ich wußte 
daß er vor kurzem die Nachricht erhalten hatte, seinem Sohn 
sei die Feldkappe, die er auf dem Kopfe trug, von vorn nach 
hinten durch ein russisches Projektil durchschossen worden. 



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Freud, IV. 



16 



IRRTÜMER 

Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehl- 
erinnern nur durch den einen Zug unterschieden, daß der Irrtum 
(das Fehlerinnern) nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben 
findet. Der Gebrauch des Ausdrucks „Irrtum" scheint aber noch 
an einer anderen Bedingung zu hängen. Wir sprechen von „Irren" 
anstatt von „falsch Erinnein", wo in dem zu reproduzierenden 
psychischen Material der Charakter der objektiven Realität hervor- 
gehoben werden soll, wo also etwas anderes erinnert werden soll 
als eine Tatsache unseres eigenen psychischen Lebens, vielmehr 
etwas, was der Bestätigung oder Widerlegung durch die Erinnerung 
anderer zugänglich ist. Den Gegensatz zum Gedächtnisirrtum in 
diesem Sinne bildet die Unwissenheit. 

In meinem Buche „Die Traumdeutung" (1900)' habe ich mich 
einer Reihe von Verlalschungen an geschichtlichem und überhaupt 
tatsächlichem Material schuldig gemacht, auf die ich nach dem Er- 
scheinen des Buches mit Verwunderung aufmerksam geworden bin. 
Ich habe bei näherer Prüfung derselben gefunden, daß sie nicht 
meiner Unwissenheit entsprungen sind, sondern sich auf Irrtümer des 
Gedächtnisses zurückleiten, welche sich durch Analyse aufklären 
lassen. 

1) Auf S. q66 (der ersten Auflage) bezeichne ich als den Geburts- 
ort Schillers die Stadt Marburg, deren Name in der Steier- 

i) 7. Auflage, igaa. 



X. Irrtümer g^^ 



mark wiederkehrt. Der Irrtum findet sich in der Analyse eines 
Traumes während einer Nachtreise, aus dem ich durch den vom 
Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen Marburg geweckt 
wurde. Im Trauminhalt wird nach einem Buche von Schiller 
gefragt. Nun ist Schiller nicht in der Universitätsstadt Marburg 
sondern in dem schwäbischen Marbach geboren. Ich behaupte 
auch, daß ich dies immer gewußt habe. 

2) Auf S. 155 wird Hannibals Vater Hasdrubal genannt. 
Dieser Irrtum war mir besonders ärgerlich, hat mich aber in der 
Auffassung solcher Irrtümer am meisten bestärkt. In der Geschichte 
der Barkiden dürften wenige der Leser des Buches besser Bescheid 
wissen als der Verfasser, der diesen Fehler niederschrieb und ihn 
bei drei Korrekturen übersah. Der Vater Hannibals hieß Hamilkar 
Barkas — Hasdrubal war der Name von Hannibals 
Bruder, übrigens auch der seines Schwagers und Vorgängers im 
Kommando. 

g) Auf S. 177 und S. 370 behaupte ich, daß Zeus seinen 
Vater Kronos entmannt und ihn vom Throne stürzt Diesen Greuel 
habe ich aber irrtümlich um eine Generation vorgeschobenj die 
griechische Mythologie läßt ihn von Kronos an seinem Vater 
Uranos verüben.' 

Wie ist es nun zu erklären, daß mein Gedächtnis in diesen 
Punkten Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich 
Leser des Buches überzeugen können, das entlegenste und unge- 
bräuchlichste Material zur Verfügung stellte ? Und ferner, daß 
ich bei drei sorgfältig durchgeführten Korrekturen wie mit 
Blindheit geschlagen an diesen Irrtümern vorbeiging? 

Goethe hat von Lichtenberg gesagt: Wo er einen Spaß 
macht, liegt ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die 
hier angeführten Stellen meines Buches behaupten: Wo ein Irrtum 



1) Kein voller rrrtum! Die orphische Version des Mythus ließ die Entmannung 
an Kronos von seinem Sohne Zeus wiederholt werden. (R o a c h e r, Lexikon der 
Mythologie.) 



xP 



244' Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

vorliegt, da steckt eine Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: 
eine Unaufrichtigkeit, eine Entstellung, die schließlich auf Ver- 
drängtem fußt. Ich bin bei der Analyse der dort mitgeteilten 
\\ ! ' Träume durch die bloße Natur der Themata, auf welche sich 

die Traumgedanken beziehen, genötigt gewesen, einerseits die 
Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung abzubrechen, anderseits 
einer indiskreten Einzelheit durch leise Entstellung die Schärfe zu 
benehmen. Ich konnte nicht anders und hatte auch keine andere 
Wahl, wenn ich überhaupt Beispiele und Belege vorbringen 
wollte; meine Zwangslage leitete sich mit Notwendigkeit aus 
der Eigenschaft der Träume ab. Verdrängtem, d. h. Bewußtseins- 
unfähigem Ausdruck zu geben. Es dürfte trotzdem genug übrig 
geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoß genommen 
haben. Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch 
bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos 
durchführen lassen. Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals 
wider meinen Willen den Zugang in das von mir Aufgenommene 
erkämpft und ist darin als von mir unbemerkter Irrtum zum 
Vorschein gekommen. In allen drei hervorgehobenen Beispielen 
liegt übrigens das nämliche Thema zugrunde; die Irrtümer sind 
Abkömmlinge verdrängter Gedanken, die sich mit meinem ver- 
storbenen Vater beschäftigen. i 

ad i) Wer den auf S. 366 analysierten Traum durchliest, wird 
teils unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten können, 
daß ich bei Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche 
Kritik am Vater enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses 
Zuges von Gedanken und Erinnerungen liegt nun eine ärgerliche 
Geschichte, in welcher Bücher eine Rolle spielen, und ein 
Geschäftsfreund des Vaters, der den Namen Marburg führt, 
denselben Namen, durch dessen Ausruf in der gleichnamigen Süd- 
bahnstation ich aus dem Schlafe geweckt wurde. Diesen Herrn 
Marburg wollte ich bei der Analyse mir und den Lesern unter- 
schlagen; er rächte sich dadurch, daß er sich dort einmengte, wo 



X. Irrtümer 



245 



er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes Schillers 
aus Marbach in Marburg veränderte. 

ad 2) Der Irrtum Hasdrubal anstatt Hamilkar der Name 
des Bruders an Stelle des Namens des Vaters, ereignete sich 
gerade in einem Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien 
meiner Gymnasiasten] ah re und von meiner Unzufriedenheit mit 
dem Benehmen des Vaters gegen die „Feinde unseres Volkes" 
handelt. Ich hätte fortsetzen und erzählen können, wie mein 
Verhältnis zum Vater durch einen Besuch in England verändert 
wurde, der mich die Bekanntschaft meines dort lebenden Halb- 
bruders aus früherer Ehe des Vaters machen ließ. Mein Bruder 
hat einen ältesten Sohn, der mir gleichaltrig ist^ die Phantasien, 
wie anders es geworden wäre, wenn ich nicht als Sohn des 
Vaters, sondern des Bruders zur Welt gekommen wäre, fanden 
also kein Hindernis an den Altersrelationen. Diese unterdrückten 
Phantasien fälschten nun an der Stelle, wo ich in der Analyse 
abbrach, den Text meines Buches, indem sie mich nötigten, den 
Namen des Bruders für den des Vaters zu setzen. 

ad 5) Dem Einfluß der Erinnerung an diesen selben Bruder 
schreibe ich es zu, daß ich die mythologischen Greuel der 
griechischen Götterwell um eine Generation vorgeschoben habe. 
Von den Mahnungen des Bruders ist mir lange Zeit eine im 
Gedächtnis geblieben: „Vergiß nicht in Bezug auf Lebensführung 
eines," hatte er mir gesagt, „daß du nicht der zweiten, sondern 
eigentlich der dritten Generation vom Vater aus angehörst." 
Unser Vater hatte sich in späteren Jahren wieder verheiratet und 
war so um vieles älter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich begehe 
den besprochenen Irrtum im Buche gerade dort, wo ich von der 
Pietät zwischen Eltern und Kindern handle. 

E!s ist auch einigemal vorgekommen, daß Freunde und Patienten, 
deren Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traum- 
analysen anspielte, mich aufmerksam machten, die Umstände der 
gemeinsam erlebten Begebenheiten seien von mi r ungenau erzählt 



246 2iir Psychopathologie des Alltagslebens 

worden. Das wären nun wiederum historische Irrtümer. Ich habe 
die einzelnen Fälle nach der Richtigstellung nachgeprüft und mich 
gleichfalls überzeugt, daß meine Erinnerung des Sachlichen nur 
dort ungetreu war, wo ich in der Analyse etwas mit Absicht 
entstellt oder verhehlt halte. Auch hier wieder ein unbe- 
merkter Irrtum als Ersatz für eine absichtliche 
Verschweigung oder Verdrängung. 

Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben 
sich scharf andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. 
So war es z. B. Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in 
die Wachau den Aufenthalt des Revolutionärs Fischhof 
berührt zu haben glaubte. Die beiden Orte haben nur den Namen 
gemein^ das Emmersdorf Fischhofs liegt in Kärnten. Ich 
wußte es aber nicht anders. 

4) Noch ein beschämender und lehrreicher Irrtum, ein Beispiel 
von temporärer Ignoranz, wenn man so sagen darf. Ein Patient 
mahnte mich eines Tages, ihm die zwei versprochenen Bücher 
über Venedig mitzugeben, aus denen er sich für seine Osterreise 
vorbereiten wollte. Ich habe sie bereit gelegt, erwiderte ich, und 
ging in das Bibliothekszimmer, um sie zu holen. In Wahrheit 
hatte ich aber vergessen, sie herauszusuchen, denn ich war mit 
der Reise meines Patienten, in der ich eine unnötige Störung 
der Behandlung und eine materielle Schädigung des Arztes erblickte, 
nicht recht einverstanden. Ich halte also in der Bibliothek rasche 
Umschau nach den beiden Büchern, die ich ins Auge gefaßt halte. 
„Venedig als Kunststätle" ist das eine; außerdem aber muß ich 
noch ein historisches Werk in einer ähnhchen Sammlung besitzen. 
Richtig, da ist es: „Die Mediceer", ich nehme es und bringe es 
dem Wartenden, um dann beschämt den Irrtum einzugestehen. 
Ich weiß doch wirklich, daß die Medici nichts mit Venedig zu 
tun haben, aber es erschien mir für eine kurze Weile gar nicht 
unrichtig. Nun muß ich Gerechtigkeit üben; da ich dem Patienten 
so häufig seine eigenen " Symptomhandlungen vorgehalten habe, 



X, Irr! um er 



247 



tann ich meine Autorilät vor ihm nur retten, wenn ich ehrlich 
■werde und ihm die geheim gehahenen Motive meiner Abneigung 
gegen seine Reise kundgebe. 

Man darf ganz allgemein erstaunt sein, daß der Wahrheitsdrang 
der Menschen soviel stärker ist, als man ihn für gewöhnlich 
einschätzt. Vielleicht ist es übrigens eine Folge meiner Beschäftigung 
mit der Psychoanalyse, daß ich kaum mehr lügen kann. So oft 
ich eine Entstellung versuche, unterliege ich einer Irrung oder 
anderen Fehlleistung, durch die sich meine Unaufrichtigkeit wie 
in diesem und den vorstehenden Beispielen verrät. 

Der Mechanismus des Irrtums scheint der lockerste unter allen 
Fehlleistungen, das heißt das Vorkommen des Irrtums zeigt ganz 
allgemein an, daß die betreffende seelische Tätigkeit mit irgend 
einem störenden Einfluß zu kämpfen hatte, ohne daß die Art des 
Irrtums durch die Qualität der im Dunkeln gebliebenen störenden 
Idee determiniert wäre. Wir tragen indes an dieser Stelle nach, 
daß bei vielen einfachen Fällen von Versprechen und Verschreiben 
derselbe Tatbestand anzunehmen ist. Jedesmal, wenn wir uns 
versprechen oder verschreiben, dürfen wir eine Störung durch 
seelische Vorgänge außerhalb der Intention erschließen, aber es 
ist zuzugeben, daß das Versprechen und Verschreiben oftmals den 
Gesetzen der Ähnlichkeit, der Bequemlichkeit oder der Neigung 
zur Beschleunigung folgt, ohne daß es dem Störenden gelungen 
wäre, ein Stück seines eigenen Charakters in dem beim 
Versprechen oder Verschreiben resultierenden Fehler durch- 
zusetzen. Das Entgegenkommen des sprachlichen Materials ermöglicht 
erst die Determinierung des Fehlers und setzt derselben auch die 
Grenze. 

Um nicht ausschließlich eigene Irrtümer anzuführen, will ich 
noch einige Beispiele mitteilen, die allerdings ebensowohl beim 
Versprechen und Vergreifen hätten eingereiht werden können, 
was aber bei der Gleichwertigkeit all dieser Weisen von Fehl- 
leistung bedeutungslos zu nennen ist. 



% 



H8 Ziö- Psychopathologie des Alltagslebens 



5) Ich habe einem Patienten untersagt, die Gehebte, mit der 

er selbst brechen möchte, telephonisch anzurufen, da jedes Gespräch 

den Abgewöhnungskampf von neuem entfacht. Er soll ihr seine 

letzte Meinung schreiben, wiewohl es Schwierigkeiten hat, ihr 

Briefe zuzustellen. Er besucht mich nun um 1 Uhr, um mir zu 

sagen, daß er einen Weg gefunden hat, der diese Schwierigkeiten 

umgeht, fragt auch unter anderem, ob er sich auf meine ärztliche 

Autorität berufen darf. Um 2 Uhr ist er mit der Abfassung des 

Absagebriefes beschäftigt, unterbricht sich plötzlich, sagt der dabei 

anwesenden Mutter: Jetzt habe ich vergessen, den Professor zu 

fragen, ob ich in dem Briefe seinen Namen nennen darf, eilt zum 

Telephon, läßt sich verbinden und ruft die Frage ins Rohr: Bitte, 

ist der Herr Professor schon nach dem Speisen zu sprechen? Als 

Antwort tönt ihm ein erstauntes „Adolf, bist du verrückt 

geworden?" entgegen, und zwar von der nämlichen Stimme, die 

er nach meinem Gebote nicht mehr hätte hören sollen. Er hatte 

sich bloß „geirrt." und anstatt der Nummer des Arztes die der 

Geliebten angegeben. 

6) Eine junge Dame soll einen Besuch bei einer kürzlich 
verheirateten Freundin in der Habsburgergasse machen. Sie 
spricht davon während des Familientisches, sagt aber irrtümlicher- 
weise, sie müsse in die Babenbergergasse gehen. Andere bei 
Tische Anwesende machen sie lachend auf den von ihr nicht 
bemerkten Irrtum — oder Versprechen, wenn man so lieber will 
— aufmerksam. Zwei Tage vorher ist nämlich in Wien die 
Republik ausgerufen worden, das Schwarzgelb ist verschwunden 't 
und hat den Farben der alten Ostmark: rot-weiß-rot Platz 1 
gemacht, die Habsburger sind abgetan; die Sprecherin hat diese 
Ersetzung in die Adresse der Freundin eingetragen. Es gibt übrigens 

in Wien eine sehr bekannte Babenberger s t r a ß e, aber kein Wiener 
würde von ihr als „Gasse" reden. 

7) In einer Sommerfrische hat der Schullehrer, ein ganz armer, 
aber stattlicher junger Mann, der Tochter eines Villenbesitzers 



A". Irrtümer g.g 



aus der Großstadt so lange den Hof gemacht, bis das Mädchen 
sich leidenschaftlich in ihn verliebt und auch ihre Familie 
bewogen hat, die Heirat trotz der bestehenden Standes- und Rassen- 
unterschiede gutzuheißen. Da schreibt der Lehrer eines Tages 
seinem Bruder einen Brief, in dem es heißt: „Schön ist das Dirndl 
ja gar nicht, aber recht lieb und soweit war's gut. Ob ich mich 
aber ward' entschließen können, eine Jüdin zu heiraten, das kann 
ich dir noch nicht sagen". Dieser Brief gerät in die Hände der 
Braut und macht dem Verlöbnis ein Ende, während der Bruder 
sich gleichzeitig über die an ihn gerichteten Liebesbeteuerungen 
zu verwundem hat. Mein Gewährsmann versicherte mir, daß hier 
Irrtum und nicht eine schlaue Veranstaltung vorlag. Mir ist auch 
ein anderer Fall bekannt geworden, in dem eine Dame, die, mit 
ihrem alten Arzt unzufrieden, ihm doch nicht offen absagen 
wollte, diesen Zweck mittels einer Briefverwechslung erreichte, und 
wenigstens hier kann ich dafür einstehen, daß der Irrtum und nicht 
die bewußte List sich des bekannten Lustspielmotivs bedient hat. 

8) Brill erzählt von einer Dame, die sich bei ihm nach 
dem Befinden einer gemeinsamen Bekannten erkundigte, wobei 
sie dieselbe irrtümlich bei ihrem Mädchennamen nannte. Auf- 
merksam gemacht, mußte sie zugestehen, daß sie den Mann 
dieser Dame nicht möge und mit der Heirat derselben sehr 
unzufrieden gewesen sei. 

9) Ein Fall von Irrtum, der auch als „Versprechen" beschrieben 
werden kann: Ein junger Vater begibt sich zum Standesbeamten, 
um seine zweitgeborene Tochter anzumelden. Befragt, wie das 
Kind heißen soll, antwortete er: Hanna, muß sich aber von dem 
Beamten sagen lassen : Sie haben ja schon ein Kind dieses Namens. 
Wir werden den Schluß ziehen, daß diese zweite Tochter nicht 
so ganz willkommen war wie seinerzeit die erste. 

10) Ich füge hier einige andere Beobachtungen von Namen- 
verwechslungen an, die natürlich mit ebensoviel Recht in anderen 
Abschnitten dieses Buches untergebracht worden wären. 



350 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Eine Dame ist Mutler von drei Töchtern, von denen zwei 
längst verheiratet sind, während die jüngste noch ihr Schicksal 
erwartet. Eine befreundete Dame hat bei den beiden Hochzeiten 
das nämhche Geschenk gemacht, eine kostbare silberne Teegarnitur. 
So oft nun von diesem Gerät die Sprache ist, nennt die Mutter 
irrtümhcher weise die dritte Tochter als Besitzerin. Es ist offenbar, 
daß dieser Irrtum den Wunsch der Mutter ausspricht, auch die 
letzte Tochter verheiratet zu wissen. Sie setzt dabei voraus, daß 
ilf sie dasselbe Hochzeitsgeschenk erhalten würde. ' ■ 

Ebenso leicht deutbar sind die häufigen Fälle, in denen eine 
Mutter die Namen ihrer Töchter, Söhne oder Schwiegersöhne 
verwechselt. 

1 1) Ein hübsches Beispiel von hartnäckiger Namensvertausch ung, 
das sich leicht erklärt, entnehme ich der Selbstbeobachtung eines 
Herrn J. G. während seines Aufenthaltes in einer Heilanstalt: 

An der Table d'hote (des Sanatoriums) gebrauche ich im 
Laufe eines mich wenig interessierenden und in ganz konven- 
tionellem. Ton geführten Gespräches mit meiner Tischnachbarin 
eine Phrase von besonderer Liebenswürdigkeit. Das etwas ältliche 
Mädchen konnte nicht umhin zu bemerken, daß es sonst nicht 
meine Art sei, ihr gegenüber so liebenswürdig und galant zu 
sein — eine Entgegnung, die einerseits ein gewisses Bedauern 
und mehr noch eine deutliche Spitze gegen ein uns beiden 
bekanntes Fräulein enthielt, dem ich größere Aufmerksamkeit zu 
schenken pflegte. Ich verstehe natürlich augenblicklich. Im Laufe 
unseres weiteren Gespräches muß ich mich nun, was mir ungemein 
peinlich ist, von meiner Nachbarin wiederholt darauf aufmerksam 
machen lassen, daß ich sie mit dem Namen jenes Fräuleins 
angesprochen habe, das sie nicht mit Unrecht als ihre glücklichere 
Nebenbuhlerin ansah." 

12) Als „Irrtum" will ich auch eine Begebenheit mit ernst- 
haftem Hintergrund erzählen, die mir von einem nahe beteiligten 
Zeugen berichtet wurde. Eine Dame hat den Abend mit ihrem 



IK. Irrtümer 251 



Manne und in Gesellschaft von zwei Fremden im Freien zugebracht. 
Einer dieser beiden Fremden ist ihr intimer Freund, wovon aber 
die anderen nichts wissen und nichts wissen dürfen. Die Freunde 
begleiten das Ehepaar bis vor die Haustür. Während man auf 
das Öffnen der Tür wartet, wird Abschied genommen. Die Dame 
verneigt sich gegen den Fremden, reicht ihm die Hand und 
spricht einige verbindliche Worte. Dann greift sie nach dem Arm 
ihres heimlich Geliebten, wendet sich zu ihrem Manne und will 
ihn in gleicher Weise verabschieden. Der Mann geht auf die 
Situation ein, zieht den Hut und sagt überhöflich: Küss' die Hand, 
gnädige Frau. Die erschrockene Frau läßt den Arm des Geliebten 
fahren und hat noch Zeit, ehe der Hausmeister erscheint, zu 
seufzen : Nein, so etwas soll einem passieren ! Der Mann gehörte 
zu jenen Eheherren, die eine Untreue ihrer Frau außerhalb jeder 
Möglichkeit verlegen wollen. Er hatte wiederholt geschworen, in 
einem solchen Falle würde mehr als ein Leben in Gefahr sein. 
Er hatte also die stärksten inneren Abhaltungen, um die Heraus- 
forderung, die in dieser Irrung lag, zu bemerken. 

15) Eine Irrung eines meiner Patienten, die durch eine Wieder- 
holung zum Gegensinn besonders lehrreich wird: Der überbedenkliche 
junge Mann hat sich nach langwierigen inneren Kämpfen dazu 
gebracht, dem Mädchen, das ihn seit langem liebt wie er sie, 
die Zusage der Ehe zu geben. Er begleitet die ihm Verlobte 
nach Hause, verabschiedet sich von ihr, steigt überglücklich in 
einen Tram way wagen und verlangt von der Schaffnerin — zwei 
Fahrkarten. Etwa ein halbes Jahr später ist er bereits verheiratet, 
kann sich aber noch nicht recht in sein Eheglück finden. Er 
zweifelt, ob er recht getan hat zu heiraten, vermißt frühere 
freundschaftliche Beziehungen, hat an den Schwiegereltern allerlei 
auszusetzen. Eines Abends holt er seine junge Frau vom Hause 
ihrer Eltern ab, steigt mit ihr in den Wagen der Straßenbahn 
und begnügt sich damit, der Schaffnerin eine einzige Karte 
abzuverlangen. 



35^ ^"r Psychopathologie des Alltagslebens 



14) Wie man einen ungern unterdrückten Wunsch vermittels 
eines „Irrtums" befriedigen kann, davon erzählt Maeder ein hübsches 
Beispiel. Ein Kollege möchte einen dienstfreien Tag so recht ungestört 
genießen; er soll aber einen Besuch in Luzern machen, auf den 
er sich nicht freuen kann, und beschließt nach längerer Über- 
legung, doch hinzufahren. Um sich zu zerstreuen, liest er auf 
der Fahrt Zürich — Arth-Goldau die Tageszeitungen, wechselt in 
letzterer Station den Zug und setzt seine Lektüre fort. In der 
Fortsetzung der Fahrt entdeckt ihm dann der kontrollierende 
Schaffner, daß er in einen falschen Zug eingestiegen ist, nämlich 
in den, der von Goldau nach Zürich zurückfahrt, während er ein 
Billett nach Luzern genommen hatte. (Nouvelles contributions etc., 
Arch. de Psych., VI, 1908). 

15) Einen analogen, wenngleich nicht voll geglückten Versuch, 
einem unterdrückten Wunsch durch den nämlichen Mechanismus 
der Irrung zum Ausdruck zu verhelfen, berichtet Dr. V. Tausk 
unter der Überschrift „Falsche Fahrtrichtung": 

„Ich war aus dem Felde auf Urlaub nach Wien gekommen. 
Ein alter Patient hatte von meiner Anwesenheit Kenntnis 
bekommen und ließ mich bitten, daß ich ihn besuche, da er krank 
zu Bette lag. Ich leistete der Bitte Folge und verbrachte zwei 
Stunden bei ihm. Beim Abschied fragte der Kranke, was er schuldig 
sei. ,Ich bin auf Urlaub hier und ordiniere jetzt nicht,' antwortete 
ich. ^Nehmen Sie meinen Besuch als einen Freundschaftsdienst.' 
Der Kranke stutzte, da er wohl das Empfinden hatte, er habe 
kein Recht, eine berufliche Leistung als unentgeltlichen Freund- 
schaftsdienst in Anspruch zu nehmen. Aber er ließ sich meine 
Antwort schließlich gefallen, in der von der Lust an der Geld- 
ersparung diktierten respektvollen Meinung, daß ich als Psycho- 
analytiker sicher richtig handeln werde. - — ■ Mir selbst stiegen schon 
wenige Augenblicke später Bedenken über die Aufrichtigkeit meiner 
Noblesse auf, und, von Zweifeln — die kaum eine zweideutige 
Lösung zuließen — erfüllt, bestieg ich die elektrische Straßenbahn- 



X. Irrtümer jjgj 



linie X. Nach einer kurzen Fahrt hatte ich auf die Linie Y um- 
zusteigen. Während ich an der Umsteigestelle wartete, vergaß ich 
die Honorarangelegenheit und beschäftigte mich mit den Krankheits- 
symptomen meines Patienten. Indem kam der von mir erwartete 
Wagen und ich stieg ein. Aber bei der nächsten Haltestelle mußte 
ich wieder aussteigen. Ich war nämlich statt in einem Y- Wagen 
versehentlich und ohne es zu merken in einen X-Wagen einge- 
stiegen und fuhr in der Richtung, aus der ich eben gekommen 
war, wieder zurück, in der Richtung zum Patienten, von dem 
ich kein Honorar annehmen wollte. Mein Unbewußtes aber 
wollte sich das Honorar holen." (Internat. Zeitschrift f. 
Psychoanalyse IV, 1916/17.) 

16) Ein sehr ähnliches Kunststück wie im Beispiel 14 ist mir 
selbst einmal gelungen. Ich hatte meinem gestrengen ältesten 
Bruder zugesagt, ihm in diesem Sommer den längst fälligen Besuch 
in einem englischen Seebad abzustatten, und dabei die Verpflichtung 
übernommen, da die Zeit drängte, auf dem kürzesten Wege ohne 
Aufenthalt zu reisen. Ich bat um einen Tag Aufschub für Holland, 
aber er meinte, das könnte ich für die Rückreise aufsparen. Ich 
fuhr also von München über Köln nach Rotterdam — Hook of 
Holland, von wo das Schiff um Mitternacht nach Harwich über- 
setzt. In Köln hatte ich Wagenwechsel^ ich verließ meinen Zug, 
um in den Eilzug nach Rotterdam umzusteigen, aber der war 
nicht zu entdecken. Ich fragte verschiedene Bahnbedienstete, wurde 
von einem Bahnsteig auf den anderen geschickt, geriet in eine 
übertriebene Verzweiflung und konnte mir bald berechnen, daß 
ich während dieses erfolglosen Suchens den Anschluß versäumt 
haben dürfte. Nachdem mir dieses bestätigt worden war, über- 
legte ich, ob ich in Köln übernachten sollte, wofür unter anderem 
auch die Pietät sprach, da nach einer alten Familientradition 
naeine Ahnen einst bei einer Judenverfolgung aus dieser Stadt 
geflüchtet waren. Ich entschloß mich aber anders, fuhr mit einem 
späteren Zug nach Rotterdam, wo ich in tiefer Nachtzeit ankam, 



254 2"^ Psychopathologie des JlUagslebens 

und war nun genötigt, einen Tag in Holland zuzubringen- Dieser 
Tag brachte mir die Erfüllung eines längst gehegten Wunsches^ 
ich konnte die herrlichen Rembrandtbilder im Haag und im 
Reichsmuseum zu Amsterdam sehen. Erst am nächsten Vormittag, 
als ich während der Eisen bahn fahrt in England meine Eindrücke 
I ' sammeln konnte, tauchte mir die unzweifelhafte Erinnerung auf, 

daß ich auf dem Bahnhofe in Köln wenige Schritte von der Stelle, 
wo ich ausgestiegen war, auf dem nämlichen Bahnsteig eine große 
Tafel Rotterdam^ Hook of Holland gesehen hatte. Dort wartete 
der Zug, in dem ich die Reise hätte fortsetzen sollen. Man müßte 
es als unbegreifliche „Verblendung" bezeichnen, daß ich trotz 
dieser guten Anleitung weggeeilt und den Zug anderswo gesucht 
hatte, wenn man nicht annehmen wollte, daß es eben mein 
Vorsatz war, gegen die Vorschrift meines Bruders die Rembrandt- 
bilder schon auf der Hinreise zu bewundern. Alles übrige, meine 
gut gespielte Ratlosigkeit, das Auftauchen der pietätvollen Absicht, 
in Köln zu übernachten, war nur Veranstaltung, um mir meinen 
Vorsatz zu verbergen, bis er sich vollkommen durchgesetzt hatte. 

17) Eine ebensolche, durch „Vergeßlichkeit" hergestellte Veran- 
staltung, um einen Wunsch zu erfüllen, auf den man angeblich 
verzichtet hat, berichtet J. Stärcke von seiner eigenen Person. (L.c.) 

„Ich mußte einmal in einem Dorfe einen Vortrag mit Licht- 
bildern halten. Dieser Vortrag war aber um eine Woche verschoben. 
Ich hatte den Brief hinsichtlich dieses Aufschubes beantwortet und 
das geänderte Datum in meinem Notizbuch notiert. Ich wäre gern 
schon nachmittags nach diesem Dorfe gegangen, damit ich die 
Zeit hätte, um einem mir bekannten Schriftsteller, der dort wohnt, 
einen Besuch abzustatten. Zu meinem Bedauern konnte ich aber 
zurzeit keinen Nachmittag dafür frei machen. Nur ungern gab ich 
diesen Besuch auf. 

Als nun der Abend des Vortrages da war, machte ich mich, 
mit einer Tasche voll Lalernenbilder, in größter Eile zum Bahn- 
hof auf. Ich mußte einen Taxi nehmen, um den Zug noch zu 



X. Irrtümer 



255 



erreichen (es passiert mir öfters, daß ich so lange zögere, daß ich 
einen Taxi nehmen muß, um den Zug noch zu erreichen!). An 
Ort und Stelle gekommen, war ich einigermaßen erstaunt, daß 
keiner am Bahnhof war, um mich abzuholen (wie es bei Vorträgen 
in kleineren Orten Gewohnheit ist). Plötzlich fiel mir ein, daß 
der Vortrag um eine Woche verschoben war, und daß ich jetzt 
am ursprünglich festgestellten Datum eine vergebliche Reise 
gemacht hatte. Nachdem ich meine Vergeßlichkeit herzinnig 
verwünscht hatte, überlegte ich, ob ich mit dem nächstfolgenden 
Zug -wieder nach Hause zurückkehren soUte. Bei näherer Über- 
legung dachte ich aber daran, daß ich jetzt eine schöne Gelegen- 
heit hatte, um den gewünschten Besuch zu machen, was ich denn 
auch tat. Erst unterwegs fiel mir ein, daß mein unerfüllter Wunsch, 
für diesen Besuch gehörig Zeit zu haben, das Komplott hübsch 
vorbereitet hatte. Das Schleppen mit der schweren Tasche voll 
Laternenbilder und das Eilen, um den Zug zu erreichen, konnten 
ausgezeichnet dazu dienen, die unbewußte Absicht desto besser zu 

verbergen." 

Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtümern, 
für die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder 
besonders bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, 
ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf 
die Beurteilung der ungleich wichtigeren Urteilsirrtümer 
der Menschen im Leben und in der Wissenschaft auszudehnen. 
Nur den auserlesensten und ausgegUchensten Geistern scheint es 
möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen äußeren Realität 
vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim Durchgang 
durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erlährt. 



XI 

KOMBINIERTE FEHLLEISTUNGEN 

Zwei der letzterwähnten Beispiele, mein Irrtum, der die 
Mediceer nach Venedig bringt, und der des jungen Mannes, der 
ein telephonisches Gespräch mit seiner Geliebten dem Verbote 
abzutrotzen weiß, haben eigentlich eine ungenaue Beschreibung 
gefunden und stellen sich bei sorgfältiger Betrachtung als 
Vereinigung eines Vergessens mit einem Irrtum dar. Dieselbe 
Vereinigung kann ich noch deuthcher an einigen anderen Beispielen 
aufzeigen. 

i) Ein Freund teilt mir folgendes Erlebnis mit: „Ich habe 
vor einigen Jahren die Wahl in den Ausschuß einer bestimmten 
literarischen Vereinigung angenommen, weil ich vermutete, die 
Gesellschaft könnte mir einmal behilflich sein, eine Aufführung 
meines Dramas durchzusetzen, und nahm regelmäßig, wenn auch 
ohne viel Interesse, an den jeden Freitag stattfindenden Sitzungen 
teil. Vor einigen Monaten erhielt ich nun die Zusicherung einer 
Aufführung am Theater in F., und seither passierte es mir regel- 
mäßig, daß ich die Sitzungen jenes Vereines vergaß. Als 
ich Ihre Schrift über diese Dinge las, schämte ich mich meines 
Vergessens, machte mir Vorwürfe, es sei doch eine Gemeinheit, 
daß ich jetzt ausbleibe, nachdem ich die Leute nicht mehr 
brauche, und beschloß, nächsten Freitag gewiß nicht zu vergessen. 
Ich erinnerte mich an diesen Vorsatz immer wieder, bis ich ihn 
ausführte und vor der Tür des Sitzungssaales stand. Zu 



XL Kombiniirte FehUeistungen. agrt 

meinem Erstaunen war sie geschlossen, die Sitzung war schon 
vorüber^ ich hatte mich nämhch im Tage geirrt- es war schon 
Samstag!" 

a) Das nächste Beispiel ist eine Kombination einer Symptom- 
handlung mit einem Verlegen; es ist auf entfernteren Umwegen 
aber aus guter Quelle zu mir gelangt. 

Kne Dame reist mit ihrem Schwager, einem berühmten 
Künstler, nach Rom. Der Besucher wird von den in Rom lebenden 
Deutschen sehr gefeiert und erhält unter anderem eine goldene 
Medaille antiker Herkunft zum Geschenke. Die Dame kränkt 
sich darüber, daß ihr Schwager das schöne Stück nicht genug zu 
schätzen weiß. Nachdemi sie, von ihrer Schwester abgelöst, wieder 
zu Hause angelangt ist, entdeckt sie beim Auspacken, daß sie die 
Medaille — sie weiß nicht wie — mitgenommen hat. Sie teilt 
es sofort dem Schwager brieflich mit und kündigt ihm an, daß 
sie das Entführte am nächsten Tage nach Rom zurückschicken 
wird. Am nächsten Tage aber ist die Medaille so geschickt verlegt, 
daß sie unauffindbar und unabsendbar ist, und dann dämmert der 
Dame, was ihre „Zerstreutheit" bedeute, nämlich, daß sie das 
Stück für sich selbst behalten wolle. 

5) Einige Falle, in denen sich die Fehlhandlung hartnäckig 
wiederholt und dabei auch ihre Mittel wechselt: 

Jones (1. c, S. 485): Aus ihm unbekannten Motiven hatte 
er einst einen Brief mehrere Tage auf seinem Schreibtisch liegen 
lassen, ohne ihn aufzugeben. Endlich entschloß er sich dazu, aber 
er erhielt ihn vom „Dead letter office" zurück, denn er hatte 
vergessen, die Adresse zu schreiben. Nachdem er ihn adressiert 
hatte, brachte er ihn wieder zur Post, aber diesmal ohne Briefe 
marke. Die Abneigung dagegen, den Brief überhaupt abzusenden, 
konnte er dann nicht mehr übersehen. 

4) Sehr eindrucksvoll schildert die vergeblichen Bemühungen, 
eine Handlung gegen einen inneren Widerstand durchzusetzen 
eine kleine Mitteilung von Dr. Karl Weiß (Wien): 

Freud, IV. 



258 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

„Wie konsequent sich das Unbewußte durchzusetzen weiß, 
wenn es ein Motiv hat, einen Vorsatz nicht zur Ausführung 
gelangen zu lassen, und wie schwer es ist, sich gegen diese 
Tendenz zu sichern, dafür bietet der folgende Vorfall einen Beleg. 
Ein Bekannter ersucht mich, ihm ein Buch zu leihen und es ihm 
am nächsten Tage mitzubringen. Ich sage sogleich zu, empfinde 
aber ein lebhaftes Unlustgefühl, das ich mir zunächst nicht 
erklären kann. Später wird es mir klar: der Betreffende schuldet 
mir seit Jahren eine Summe Geldes, an deren Bezahlung er 
anscheinend nicht denkt. Ich denke nicht weiter an die Sache, 
erinnere mich aber ihrer am nächsten Vormittag mit dem gleichen 
Unlustgefühl und sage mir sofort; ,Dein Unbewußtes wird darauf 
hinarbeiten, daß du das Buch vergißt. Du willst aber nicht 
ungefällig sein und wirst deshalb alles tun, um nicht zu vergessen.' 
Ich komme nach Hause, packe das Buch in Papier und lege es 
neben mich auf den Schreibtisch, an dem ich Briefe schreibe. Nach 
einiger Zeit gehe ich fortj nach wenigen Schritten erinnere ich mich, 
daß ich die Briefe, die ich zur Post mitnehmen wollte, auf dem 
Schreibtisch liegen gelassen habe. (Beiläufig bemerkt war einer 
darunter, in dem ich einer Person, die mich in einer bestimm^ten 
Angelegenheit fördern sollte, etwas Unangenehmes schreiben mußte.) 
Ich kehre um, hole die Briefe und gehe wieder weg. In der Elek- 
trischen fällt mir ein, daß ich meiner Frau versprochen habe, ihr 
einen Einkauf zu besorgen, und ich bin recht befriedigt bei dem 
Gedanken, daß es nur ein kleines Päckchen sein wird. Hier stellt 
sich plötzlich die Assoziation Päckchen — Buch her und jetzt merke 
ich, daß ich das Buch nicht bei mir habe. Ich hatte es also nicht 
nur das erstemal, ak ich fortging, vergessen, sondern auch konse- 
quent übersehen, als ich die Briefe holte, neben denen es lag." 

5) Das Nämliche in einer eingehend analysierten Beobachtung 
von Otto Rank: 

„Ein peinlich ordentlicher und pedantisch genauer Mann 
berichtet das folgende, für ihn ganz außergewöhnliche Erlebnis. 



XI. Kombinierte Fehlleistungen 2gq 

Eines NachmlUags, als er auf der Straße nach der Zeit sehen 
will, bemerkt er, daß er seine Uhr zu Hause vergessen hat was 
seiner Erinnerung nach noch nie vorgekommen war. Da er für 
den Abend eine pünktliche Verabredung hat und nicht mehr Zeit 
findet, vorher seine Uhr zu holen, benützte er den Besuch bei 
einer befreundeten Dame, um sich ihre Uhr für den Abend aus- 
zaileihen; dies war um so eher angängig, als er die Dame infolge 
einer früheren Verabredung am nächsten Vormittag zu besuchen 
hatte und bei dieser Gelegenheit die Uhr zurückzustellen ver- 
sprach. Zu seinem Erstaunen merkt er aber, als er tags darauf 
der Besitzerin die entlehnte Uhr überreichen will, daß er nun 
diese zu Hause vergaß; seine eigene Uhr hatte er diesmal zu sich 
gesteckt. Er nahm sich nun fest vor, die Damenuhr noch am 
Nachmittag zurückzustellen, und führte den Vorsatz auch aus. 
Als er aber beim Weggelien nach der Zeit sehen will, hat er zu 
seinem maßlosen Ärger und Erstaunen wieder die eigene Uhr 
vergessen. Diese Wiederholung der Fehlleistung kam dem sonst 
so ordnungsliebenden Manne derart pathologisch vor, daß er gern 
ihre psychologische Molivierung gekannt hätte, die sich auch 
prompt auf die psychoanalytische Fragestellung ergab, ob er an 
dem kritischen Tage des ersten Vergessens irgend etwas Unan- 
genehmes erlebt habe, und in welchem Zusammenhange dies 
geschehen sei. Er ei-zählt darauf sogleich, daß er nach dem 
Mittagessen, kurz bevor er wegging und die Uhr vergaß, ein 
Gespräch mit seiner Mutter gehabt hatte, die ihm erzählte, ein 
leichtsinniger Verwandter, der ihm schon viel Kummer und Geld- 
opfer verursacht hatte, hätte seine Uhr versetzt; da sie aber zu 
Hause gebraucht werde, ließe er ihn bitten, ihm das Geld zur 
Auslösung zu geben. Diese fast erzwungene Art des Geldleihens 
hatte unseren Mann sehr peinlich berührt und ihm all die 
Unannehmlichkeiten wieder in Erinnerung gebracht, die ihm 
dieser Verwandte seit vielen Jahren bereitet hatte. Seine Symptom- 
handiung erweist sich demnach als mehrfach determiniert: erstens 



*6o Zur Psychopathologie des jiUtagslebens 

gibt sie einem Gedankengange Ausdruck, der etwa besagt, ich 
lasse mir das Geld nicht auf diese Weise abpressen, und wenn 
eine Uhr gebraucht wird, so lasse ich eben meine eigene zu 
Hause^ da er sie jedoch abends zur Einhaltung eines Rendezvous 
braucht, kann sich diese Absicht nur auf unbewußtem Wege, in 
Form einer Symptomhandlung, durchsetzen; zweitens besagt das 
Vergessen soviel als: die ewigen Geldopfer für diesen Taugenichts 
werden mich noch gänzlich zugrunde richten, so daß ich alles 
werde hergeben müssen. Obwohl nun der Ärger über diese Mit- 
teilung nach Angabe des Mannes nur ein momentaner gewesen 
war, zeigt doch die Wiederholung der gleichen Symptomhandlung, 
daß er im Unbewußten intensiv weiterwirkt, etwa wie wenn das 
Bewußtsein sagen würde : Diese Geschichte geht mir nicht aus dem 
Kopfe.' Daß dann das gleiche Schicksal einmal auch die entlehnte 
Damenuhr betrifft, wird uns nach dieser Einstellung des Unbe- 
wußten nicht wundernehmen. Doch begünstigen vielleicht noch 
spezielle Motive diese Übertragung auf die ,unschuldige' Damen- 
uhr. Das nächstliegende Motiv ist wohl, daß er sie vermutlich 
gern als Ersatz seiner eigenen, aufgeopferten Uhr behalten hätte 
und sie darum am nächsten Tage zurückzugeben vergißt; auch 
hätte er die Uhr vielleicht gern als Andenken an die Dame 
besessen. Ferner bietet ihm das Vergessen der Damenuhr 
Gelegenheit, die verehrte Dame ein zweites Mal zu besuchen; er 
hatte sie ja des Morgens einer anderen Sache wegen aufsuchen 
müssen und scheint mit dem Vergessen der Uhr gleichsam anzu- 
deuten, daß ihm dieser schon längere Zeit vorher bestimmte 
Besuch zu schade sei, um ihn noch nebenbei zur Rückgabe der 
Uhr zu benützen. Auch spricht das zweimalige Vergessen der 
eigenen und die dadurch ermöglichte Rückstellung der fremden 
Uhr dafür, daß unser Mann es unbewiißterweise zu vermeiden 

1) Dieses Weiterwirken im Unbewußten äuflert sich einmal in Form eines 
Traumes, welcher der FehUiandlung folgt, ein andermal in der Wiederholung der- 
selben oder in der Unterlassung einer Korrektur. 



X/. Kombinierte Fehlleistungen 261 

sucht, beide Uhren gleichzeitig zu tragen. Er trachtet offenbar, 
diesen Anschein des Überflusses zu vermeiden, der in zu auf- 
fälhgem Gegensatz zu dem Mangel des Verwandten stünde; 
andererseits aber weiß er damit seiner anscheinlichen Heirats- 
absicht der Dame gegenüber mit der Selbstmahnung zu begegnen, 
daß er seiner Familie (Mutter) gegenüber unlösbare Verpflichtungen 
habe. Ein weiterer Grund für das Vergessen einer Damenuhr mag 
endlich darin zu suchen sein, daß er sich am Abend zuvor als 
Junggeselle vor seinen Bekannten geniert hatte, auf die Damenuhr 
zu sehen, was er nur verstohlen tat, und daß er, um die Wieder- 
holung dieser peinhchen Situation zu vermeiden, die Uhr nicht 
mehr zu sich stecken mochte. Da er sie aber andererseits zurück- 
zustellen hatte, so resultiert auch hier die unbewußt vollzogene 
Symptomhandlung, die sich als Kompromißbildung zwischen 
widerstreitenden Gefühlsregungen und als teuer erkaufter Sieg 
der unbewußten Instanz erweist." (Zentralblatt f. Psychoanalyse, 

n, 5-) - 

Drei Beobachtungen von J. Stärcke (1- c): 

6) Verlegen-Zerbrechen-Vergessen — als. Aus- 
druck eines zurückgedrängten Gegenwillens: „Von 
einer Sammlung Illustrationen für eine wissenschaftliche Arbeit 
sollte ich eines Tages meinem Bruder einige leihen, welche er 
als Lichtbilder bei einem Vortrag benutzen wollte. Obgleich ich 
einen Augenblick den Gedanken verspürte, daß ich die Repro- 
duktionen, die ich mit vieler Mühe gesammelt hatte, lieber in 
keiner Weise vorgefülirt oder publiziert sähe, bevor ich das selbst 
machen könnte, versprach ich ihm, die Negative der gewünschten 
Bilder aufzusuchen und Laternenbilder davon anzufertigen. — 
Diese Negative konnte ich aber nicht finden. Den ganzen Stapel 
Schachteln voll Negative, die sich auf diesen Gegenstand bezogen, 
sah Ich durch, gut zweihundert Negative nahm ich eines nach 
dem anderen in die Hand, aber die Negative, die ich suchte, 
waren nicht dabei. Ich vermutete wohl, daß ich meinem. Bruder. 



a6a Tut Psychopathologie des Alltagslebens 




diese Bilder eigentlich nicht zu gönnen schien. Nachdem ich mir 
diesen abgünstigen Gedanken bewußt gemacht und bestritten 
hatte, bemerkte ich, daß ich die oberste Schachtel des Stapels zur 
Seite gesetzt und diese nicht durchsucht hatte, und diese Schachtel 
enthielt die gesuchten Negative. Auf dem Deckel dieser Schachtel 
stand eine kurze Aufzeichnung betreffs des Inhalts, und wahr- 
scheinlich hatte ich das mit einem flüchtigen Blick gesehen, bevor 
ich diese Schachtel zur Seite setzte. Der abgünstige Gedanke 
schien indessen noch nicht ganz besiegt, denn es geschah noch 
allerlei, bevor die Lichtbilder verschickt waren. Eine von den 
Latemenplatten drückte ich kaputt, während ich diese in der 
Hand hatte und die Glasseite rein putzte (so zerbreche ich sonst 
nie eine Latemenplatte). Als ich von dieser Platte ein neues 
Exemplar angefertigt hatte, fiel es mir aus der Hand und nur 
dadurch, daß ich den Fuß vorstreckte und es darauf auffing, 
zerbrach es nicht. Als ich die Laternenplatten montierte, fiel der 
ganze Haufen noch einmal auf den Boden, glücklicherweise ohne 
daß dabei etwas zerbrach. Und schließlich dauerte es noch 
mehrere Tage, bevor ich sie wirklich emballierte und versandte, 
da ich mir dieses jeden Tag von neuem vornahm und dieses 
Vornehmen jedesmal wieder vergaß." 

7) Wiederholtes Vergessen — Vergreifen bei der 
endlichen Ausführung: „Eines Tages mußte ich einem 
Bekannten eine Postkarte senden, verschob es aber während 
mehrerer Tage immer wieder, wobei ich ein starkes Vermuten 
hatte, daß folgendes die Ursache davon war: In einem Briefe 
hatte er mir mitgeteilt, daß im Laufe jener Woche mich jemand 
besuchen wollte, auf dessen Besuch ich nicht sehr erpicht war. 
Als diese Woche vorüber war und die Aussicht des ungewünschten 
Besuches sehr gering geworden war, schrieb ich endlich die 
Postkarte, worin ich mitteilte, wann ich zu sprechen sein würde. 
Als ich diese Postkarte schrieb, wollte ich anfangs hinzufügen, 
daß ich wegen druk werk (=^ emsige, angestrengte oder über- 



XL Kombinierte Fehlleistungen 365 

häufte Arbeit) am Schreiben behindert gewesen war, aber ich 
schrieb das am Ende nicht, weil diese gewöhnliche Ausrede doch 
von keinem vernünftigen Menschen mehr geglaubt wird. Ob diese 
kleine Unwahrheit sich doch äußern mußte, weiß ich nicht, aber 
als ich die Postkarte in den Briefkasten warf, warf ich sie irrtüm- 
licherweise in die untere Öffnung des Kastens: JDrukwerk^ 
(= Drucksachen)." 

8) Vergessen und Irrtum: „Ein Mädchen geht eines 
Morgens, da das Wetter sehr schön ist, nach dem ,Ryfcsmuseum*, 
um dort Gipsabgüsse zu zeichnen. Obgleich sie bei diesem schönen 
Wetter lieber spazieren gehen möchte, entschloß sie sich, doch 
mal emsig zu sein und zu zeichnen. Sie muß zuerst Zeichenpapier 
kaufen. Sie geht zum Laden (ungefähr zehn Minuten vom 
Museum), kauft Bleistifte und andere Zeichengeräte, aber vergißt 
eben das Zeichenpapier zu kaufen, geht dann zum Museum, und 
als sie auf ihrem Stühlchen sitzt, fertig, um anzufangen, da hat 
sie noch kein Papier, so daß sie von neuem zu dem Laden gehen 
muß. Nachdem sie Papier geholt hat, fängt sie wirklich an zu 
zeichnen, geht mit der Arbeit gut vorwärts und hört nach einiger 
Zeit vom Turme des Museums eine große Zahl Glockenschläge. 
Sie denkt: ,Das wird schon zwölf Uhr sein', arbeitet noch fort, 
bis die Turmglocke Viertelstunde spielt (,das ist Viertel nach 
zwölf, denkt sie), packt jetzt ihre Zeichengeräte ein und entschließt 
sich, durch den ,Vondelpark' zum Hause ihrer Schwester zu 
spazieren, um dort Kaffee zu trinken (=- holl. zweite Mahlzeit). 
Beim Suasso-Museum sieht sie zu ihrem Staunen, daß es statt 
halb eins erst zwölf Uhr ist! — Das lockende schöne Wetter 
hatte ihren Fleiß hinters Licht geführt und dadurch hatte sie, als 
die Turmglocke um halb zwölf zwölf schlug, nicht daran gedacht, 
daß eine Turmglocke auch mit der halben Stunde schlägt." 

9) Wie schon einige der vorstehenden Beobachtungen zeigen, 
kann die unbewußt störende Tendenz ihre Absicht auch erreichen, 
indem sie dieselbe Art der Fehlleistung hartnäckig wiederholt. 



^£4 lur Psychopathologie des Alhagslebens 



I 



Ich entnehme ein amüsantes Beispiel hiefür einem Büchlein 
„Frank Wedekind und das Theater", das im Münchener Drei 
Masken-Verlag erschienen ist, muß aber die Verantwortung für 
das m Mark Twainscher Manier erzählte Geschichtchen dem Autor 
des Buches überlassen. 

„In Wedekinds Einakter ,Die Zensur' fällt an der ernstesten 
Stelle des Stückes der Ausspruch: ,Die Furcht vor dem 
Tode ist ein Denkfehler.' Der Autor, dem die Stelle am 
Herzen lag, bat auf der Probe den Darsteller, vor dem Worte 

, Denkfehler' eine kleine Pause zu machen. Am Abend der 

Darsteller ging ganz in seiner Rolle auf, beobachtete auch die 
Pause genau, sagte aber unwillkürlich in feierlichstem Tone : Die 
Furcht vor dem Tode ist ein Druckfehler.' Der Autor ver- 
sicherte dem Künstler nach Schluß der Vorstellung auf seine 
Frage, daß er nicht das geringste auszusetzen habe, nur heiße es 
an der betreffenden Stelle nicht: die Furcht vor dem Tode sei 
ein Druckfehler, sondern ein Denkfehler. — Als ,Die Zensur* am 
folgenden Abend wiederholt wurde, sagte der Darsteller an der 
bewußten Stelle, und zwar wieder in feierlichstem Tone: ,Die 
Furcht vor dem Tode ist ein — Denkzettel.' Wedekind 
spendete dem Schauspieler wieder uneingeschränktes Lob, aber 
bemerkte nur nebenbei, daß es nicht heiße, die Furcht vor dem 
Tode sei ein Denkzettel, sondern ein Denkfehler. — Am nächsten 
Abend wurde wieder ,Die Zensur' gespielt und der Darsteller, mit 
dem sich der Autor inzwischen befreundet und Kunstanschauungen 
ausgetauscht hatte, sagte, als die Stelle kam, mit der feierlichsten 

Miene von der Welt; ,Die Furcht vor dem Tode ist ein 

Druck Zettel.' — Der Künstler erhieh des Autors rückhaltlose 
Anerkennung, der Einakter wurde auch noch oft wiederholt, aber ' 
den Begriff ,Denkfehler' hielt der Autor nun ein für allemal für 
endgültig erledigt." 

Rank hat auch den sehr interessanten Beziehungen von „Fehl- 
leistung und Traum" (Zenlralbl. f. Psychoanalyse II. S. 36Ö u. Internat. 



r 



XI. Kombinierte Fehlleistungen 365 



Zeitschr. f. Psychoanalyse III, S. 158) Aufmerksamkeit geschenkt, 
denen man aber nicht ohne eingehende Analyse des Traumes 
folgen kann, welcher sich an die Fehlhandlung anschließt. Ich 
träumte einmal in einem längeren Zusammenhange, daß ich 
mein Portemonnaie verloren. Am Morgen vermißte ich es wirklich 
beim Ankleiden; ich hatte vergessen, es beim Auskleiden vor der 
Traumnacht aus der Hosentasche zu nehmen und an seinen 
gewohnten Platz zu legen. Dieses Vergessen war mir also nicht 
unbekannt, es sollte wahrscheinlich einenr unbewußten Gedanken 
Ausdruck geben, der für das Auftreten im Trauminhalt vor- 
bereitet war.* 

Ich will nicht behaupten, daß solche Fälle von kombinierten 
Fehlleistungen etwas Neues lehren können, was nicht schon aus 
den Einzelfällen zu ersehen wäre, aber dieser Formenwechsel der 
Fehlleistung bei Erhaltung desselben Erfolges gibt doch den 
plastischen Eindruck eines Willens, der nach einem bestimmten 
Ziele strebt, und widerspricht in ungleich energischerer Weise 
der Auffassung, daß die Fehlleistung etwas Zufälliges und der 
Deutung nicht Bedürftiges sei. Es darf uns auch auffallen, daß es 
in diesen Beispielen einem bewußten Vorsatz so gründlich mißlingt, 
den Erfolg der Fehlleistung hintanzuhalten. Mein Freund setzt 
es doch nicht durch, die Vereinssitzung zu besuchen, und die 
Danie findet sich außerstande, sich von der Medaille zu trennen. 
Jenes Unbekannte, das sich gegen diese Vorsätze sträubt, findet 

1) Daß eine Fehlleistung wie das Verlieren oder Verlegen durch einen Traum 
rückgängig gemacht wird, indem man im Traume erfährt, wo der vermißte Gegen- 
Etand lu finden ist, kommt nicht so selten vor, hat aber auch nichts von der Natur 
des Okkulten, so lange Träumer und Verlustträger dieselbe Person sind. Eine junge 
Dame schreibt: „Vor ungefähr vier Monaten verlor ich — in der Bank — einen 
sehr, schönen Ring. Ich durchsuchte jeden Winkel in meinem Zimmer, fand ihn aber 
nicht. Vor einer Woche träumte mir, er liege neben dem Kasten in der Heizung. 
Der Traum ließ mir natürlich keine Ruhe und nächsten Morgen fand ich ihn wirklich 
an der Stelle." Sie wundert sich über diesen Vorfall, behauptet, es geschehe ihr oft, 
daß ihre Gedanken und Wünsche so in Erfüllung gehen, imterläßt es aber sich zu 
fragen, welche Veränderung sich in ihrem Leben twischen dem Verlieren und 
dem Wiederlinden des Ringes zugetragen hat. 



s66 



Zur Psychopathologie des AlltagsUbens 



einen anderen Ausweg, nachdem ihm der erste Weg versperrt 
wird. Zur Überwindung des unbekannten Motivs ist nämhch noch 
etwas anderes als der bewußte Gegenvorsatz erforderlich^ es 
brauchte eine psychische Arbeit, welche das Unbekannte dem 
Bewußtsein bekannt macht. 



XII 

DETERMINISMUS 

ZUFALLS- UND ABERGLAUBEN 
GESICHTSPUNKTE 

Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen 
kann man folgende Einsicht hinstellen: Gewisse Unzuläng- 
lichkeiten unserer psychischen Leistungen — deren 
gemeinsamer Charakter sogleich näher bestimmt werden soll — 
und gewisse absichtslos erscheinende Verrichtungen 
erweisen sich, wenn man das Verfahren der psycho- 
analytischen Untersuchung auf sie anwendet, als 
wohlmotiviert und durch dem Bewußtsein unbe- 
kannte Motive determiniert. 

Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht 
zu werden, muß eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen 
genügen. 

a) Sie darf nicht über ein gewisses Maß hinausgehen, welches 
von unserer Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck 
„innerhalb der Breite des Normalen" bezeichnet wird. 

bj Sie muß den Charakter der momentanen und zeitweiligen 
Störung an sich tragen. Wir müssen die nämliche Leistung vorher 
korrekter ausgeführt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter 
auszuführen. Wenn wir von anderer Seite korrigiert werden, 
müssen wir die Richtigkeit der Korrektur und die Unrichtigkeit 
unseres eigenen psychischen Vorganges sofort erkennen. 



368 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 




c) Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen 
wir von einer Motivierung derselben nichts in uns verspüren, 
sondern müssen versucht sein, sie durch „Unaufmerksamkeit" zu 
erklären oder als „Zufälligkeit" hinzustellen. 

Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen 
und die Irrtümer bei besserem Wissen, das Versprechen, 
Verlesen, Verschreiben, Vergreifen und die sogenannten Zufalls- 
handlungen. 

Die gleiche Zusammensetzung mit der Vorsilbe „ver-" deutet für 
die meisten dieser Phänomene die innere Gleichartigkeit sprachlich 
an. An die Aufklärung dieser so bestimmten psychischen Vorgänge 
knüpft aber eine Reihe von Bemerkungen an, die zum Teile ein 
weitergehendes Interesse erwecken dürfen. 

j4) Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als 
unaufklärbar durch Ziel Vorstellungen preisgeben, verkennen wir 
den Umfang der Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht 
hier und noch auf anderen Gebieten weiter, als wir es vermuten. 
Ich habe im Jahre 1900 in einem Aufsatz des Literaturhistorikers 
R. M. Meyer in der „ Zeit" ausgeführt und an Beispielen 
erläutert gefunden, daß es unmöglich ist, absichtlich und will- 
kürlich einen Unsinn zu komponieren. Seit längerer Zeit weiß 
ich, daß man es nicht zustande bringt, sich eine Zahl nach freiem 
Belieben einfallen zu lassen, ebenso wenig wie etwa einen Namen. 
Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehr- 
stellige, wie im Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so 
erweist sich deren strenge Determinierung, die man wirkHch 
nicht für möglich gehalten hätte. Ich will nun zunächst ein 
Beispiel eines willkürlich gewählten Vornamens kurz erörtern und 
dann ein analoges Beispiel einer „gedankenlos hingeworfenen" 
Zahl ausführlicher analysieren. 

1) Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen 
für die Publikation herzurichten, erwäge ich, welchen Vornamen 




XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 269 



ich ihr in der Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint sehr groß; 
gewiß schheßen sich einige Namen von vornherein aus, in erster 
Linie der echte Nan:ie, sodann die Namen meiner eigenen Familien- 
angehörigen, an denen ich Anstoß nehmen würde, etwa noch 
andere Frauennamen von besonders seltsamem Klang; im übrigen 
aber brauchte ich um einen solchen Namen nicht verlegen zu 
sein. Man sollte erwarten und ich erwarte selbst, daß sich mir 
eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfügung stellen wird. 
Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ihm, 
der Name Dora. Ich frage nach seiner Determinierung. Wer 
heißt denn nur sonst Dora? Ungläubig möchte ich den nächsten 
Einfall zurückweisen, der lautet, daß das Kindermädchen meiner 
Schwester so heißt. Aber ich besitze so viel Selbstzucht oder Übung 
im Analysieren, daß ich den Einfall festhalte und weiterspinne. 
Da fällt mir auch sofort eine kleine Begebenheit des vorigen 
Abends ein, welche die gesuchte Deterrainierung bringt. Ich sah 
auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen Brief 
liegen mit der Aufschrift: „An Fräulein Rosa W." Erstaunt frage 
ich, wer so heißt, und werde belehrt, daß die vermeintliche Dora 
eigentlich Rosa heißt und diesen ihren Namen beim Eintritt ins 
Haus ablegen mußte, weil meine Schwester den Ruf „Rosa' auch 
auf ihre eigene Person beziehen kann. Ich sagte bedauernd: Die 
armen Leute, nicht einmal ihren Namen können sie beibehalten! 
Wie ich mich jetzt besinne, wurde ich dann für einen Moment 
still und begann an allerlei ernsthafte Dinge zu denken, die ins 
Unklare verliefen, die ich mir jetzt aber leicht bewußt machen 
könnte. Als ich dann am nächsten Tag nach einem Namen für 
eine Person suchte, die ihren eigenen nicht beibehalten 
durfte, fiel mir kein anderer als „Dora" ein. Die Ausschließ- 
lichkeit beruht hier auf fester inhaltlicher Verknüpfung, denn 
in der Geschichte meiner Patientin rührte ein auch für den 
Verlauf der Kur entscheidender Einfluß von der im fremden 
Haus dienenden Person, von einer Gouvernante, her. 



^70 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Diese kleine Begebenheit fand Jahre später eine unerwartete 
Fortsetzung, Als ich einmal die längst veröffentlichte Kranken- 
geschichte des nun Dora genannten Mädchens in meiner Vor- 
lesung besprach, fiel mir ein, daß ja eine meiner beiden Hörerinnen 
den gleichen Namen Dora, den ich in den verschiedensten Ver- 
knüpfungen so oft auszusprechen hatte, trage, und ich wandte 
mich an die junge Kollegin, die mir auch persönlich bekannt 
war, mit der Entschuldigung, ich hätte wirklich nicht daran 
gedacht, daß sie auch so heiße, sei aber gern bereit, den Namen 
in der Vorlesung durch einen anderen zu ersetzen. Ich hatte nun 
die Aufgabe, rasch einen anderen zu wählen, und überlegte 
dabei, jetzt dürfe ich nur nicht auf den Vornamen der anderen 
Hörerin kommen und so den psychoanalytisch bereits geschulten 
Kollegen ein schlechtes Beispiel geben. Ich war also sehr zufrieden, 
als mir zum Ersätze für Dora der Name Erna einfiel, dessen 
ich mich nun im Vortrag bediente. Nach der Vorlesung fragte 
ich mich, woher wohl der Name Erna stammen möge, und 
mußte lachen, als ich merkte, daß die gefürchtete Möglichkeit 
sich bei der Wahl des Ersatznamens dennoch, wenigstens teilweise, 
durchgesetzt hatte. Die andere Dame hieß mit ihrem FamiUen- 
namen Lucerna, wovon Erna ein Stück ist. 

ß) In einem Briefe an einen Freund kündige ich ihm an, daß 
ich jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe 
und nichts mehr an dem Werke ändern wdl, „möge es auch 
246y Fehler enthalten". Ich versuche sofort, mir diese Zahl auf- 
zuklären und füge die kleine Analyse noch als Nachschrift 
dem Briefe an. Am besten zitiere ich jetzt, wie ich damals 
geschrieben, als ich mich auf frischer Tat ertappte: 

„Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltags- 
lebens. Du findest im Briefe die Zahl 2467 als übermutige 
Willkürschätzung der Fehler, die sich im Traumbuch finden 
werden. Es soll heißen: irgend eine große Zalil, und da stellt 
sich diese ein. Nun gibt es aber nichts WillkürUches, Undeter- 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 271 

miniertes im Psychischen. Du wirst also auch mit Recht erwarten, 
daß das Unbewußte sich beeilt hat, die Zahl zu determinieren, 
die von dem Bewußten freigelassen wurde. Nun hatte ich gerade 
vorher in der Zeitung gelesen, daß ein General E. M. als Feld- 
zeugmeister in den Ruhestand getreten ist. Du mußt wissen, der 
Mann interessiert mich. Während ich als militärärztlicher Eleve 
diente, kam er einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und 
sagte zum Arzte: ,Sie müssen mich aber in acht Tagen gesund 
machen, denn ich habe etwas zu arbeiten, worauf der Kaiser wartet.' 
Damals nahm ich mir vor, die Laufbahn des Mannes zu ver- 
folgen, und siehe da, heute (1899) ist er am Ende derselben, 
Feldzeugmeisler und schon im Ruhestande. Ich wollte ausrechnen, 
in welcher Zeit er diesen Weg zurückgelegt, und nahm an, daß 
ich ihn 1882 im Spital gesehen. Das wären also 17 Jahre. Ich 
erzähle meiner Frau davon und sie bemerkt: ,Da müßtest du also auch 
schon im Ruhestand sein?' Und ich .protestiere: Davor bewahre 
mich Gott. Nach diesem Gespräche setzte ich mich an den Tisch, 
um Dir zu schreiben. Der frühere Gedankengang setzt sich aber 
fort und mit gutem Recht. Es war falsch gerechnet; ich habe 
einen festen Punkt dafür in meiner Erinnerung. Meine Groß- 
jährigkeit, meinen 24. Geburtstag also, habe ich im Militärarrest 
gefeiert (weil ich mich eigenmächtig absentiert hatte). Das war 
also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die Zahl 24 
in S467! Nimm nun meine Alterszahl 43 und gib 34 Jahre 
hinzu, so bekommst Du 6y ! Das heißt auf die Frage, ob ich 
auch in den Ruhestand treten will, habe ich mir im Wunsche 
noch 24 Jahre Arbeit zugelegt. Offenbar bin ich gekrankt darüber, 
daß ich es in dem Intervall, durch das ich den Obersten M. ver- 
folgt, selbst nicht weit gebracht habe, und doch wie in einer 
Art von Triumph darüber, daß er jetzt schon fertig ist, während 
ich noch alles vor mir habe. Da darf man mit Recht sagen, daß 
nicht einmal die absichtslos hingeworfene Zahl 2467 ihrer Deter- 
minierung aus dem Unbewußten entbehrt." 



I 




S7® Zur Psychopathologie des Alltagalebens 

5) Seit diesem ersten Beispiel von Aufklärung einer scheinbar 
•willkürlich gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch viel- 
mals mit dem nämlichen Erfolge wiederholt; aber die meisten 
Fälle sind so sehr intimen Inhalts, daß sie sich der Mitteilung 
entziehen. 

Gerade darum aber will ich es nicht versäumen, eine sehr 
interessante Analyse eines „Zahleneinfalls" hier anzufügen, welche 
Dr. Alfred Adler (Wien) von einem ihm bekannten „durchaus 
gesunden" Gewährsn:iann erhielt.^ „Gestern abends" - — so berichtet 
dieser Gewährsmann — „habe ich mich über die ,Psychopatho- 
logie des Alltags' hergemacht und ich hätte das Buch gleich 
ausgelesen, wenn mich nicht ein merkwürdiger Zwischenfall 
gehindert hätte. Als ich nämlich las, daß jede Zahl, die wir 
scheinbar ganz willkürlich ins Bewußtsein rufen, einen bestimmten 
Sinn hat, beschloß ich, einen Versuch zu machen. Es fiel mir 
die Zahl 1754 ein. Nun überstürzten sich folgen de 
Einfälle: 1754:17^102; 102:17^6. Dann zerreiße ich die 
Zahl in 17 und 54. Ich bin 54 Jahre alt. Ich betrachte, wie 
ich Ihnen, glaube ich, einmal gesagt habe, das 34. Jahr als das 
letzte Jugendjahr, und ich habe mich darum an meinem letzten 
Geburtstag sehr miserabel gefühlt. Am Ende meines 17. Jahres 
begann für mich eine sehr schöne und interessante Periode 
meiner Entwicklung. Ich teile mein Leben in Abschnitte von 
17 Jahren. Was haben nun die Divisionen zu bedeuten? Es fällt 
mir zu der Zahl 102 ein, daß die Nummer 103 der Reclamschen 
Universalbibliothek das Kotzebu e sehe Stück ,Menschenb aß und 
Reue' enthält. ' 

„Mein gegenwärtiger psychischer Zustand ist Menschenhaß 
und Reue. Nr. 6 der U.-B. {ich weiß eine ganze Menge Nummern 
auswendig) ist Müllners ,Schuld'. Mich quält in einem fort 
der Gedanke, daß ich durch meine Schuld nicht geworden bin, 



1) PsycK.-Neur. Wochensclir., Nr. 28, 190g. 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, G esichtspunkte 275 

was ich nach meinen Fähigkeiten hätte werden können. Weiter 
fällt mir ein, daß Nr. 34 der U.-B. eine Erzählung desselben 
Müllner, betitelt ,Der Kaliber', enthält. Ich zerreiße das Wort 
in ,K.a-liber'; weiters fällt mir ein, daß es die Worte Ali' und 
,Kali' enthält. Das erinnert mich daran, daß ich einmal mit 
meinem (sechsjährigen) Sohne Ali Reime machte. Ich forderte 
ihn auf, einen Reim auf Ali zu suchen. Es fiel ihm keiner ein 
und ich sagte ihm, als er einen von mir wollte: ,Ali reinigt den 
Mund mit hypermangansaurem Kali.' Wir lachten viel und Ali 
war sehr lieb. In den letzten Tagen mußte ich mit Verdruß 
konstatieren, daß er ,ka (kein) lieber Ali sei'." 

„Ich fragte mich nun: Was ist Nr. 17 der U.-ß.?, konnte es 
aber nicht herausbringen. Ich habe es aber früher ganz bestimmt 
gewußt, nehme also an, daß ich diese Zahl vergessen wollte. 
Alles Nachsinnen blieb umsonst. Ich wollte weiter lesen, las aber 
nur mechanisch, ohne ein Wort zu verstehen, da mich die 17 
quälte. Ich löschte das Licht aus und suchte weiter. Schließlich 
fiel mir ein, daß Nr. 17 ein Stück von Shakespeare sein muß. 
Welches aber? Es fällt mir ein: ,Hero und Leander'. Offenbar ein 
blödsinniger Versuch meines Willens mich abzulenken. Ich stehe 
endlich auf und suche den Katalog der U.-B. Nr. 1 7 ist ,Macbeth'. 
Zu meiner Verblüffung muß ich konstatieren, daß ich von dem 
Stücke fast gar nichts weiß, trotzdem es mich nicht weniger 
beschäftigt hat als andere Dramen Shakespeares. Es fällt mir 
nur ein: Mörder, Lady Macbeth, Hexen, ,Schön ist häßlich', und 
daß ich seinerzeit Schillers Macbeth-Bearbeitung sehr schön 
gefunden habe. Zweifellos habe ich also das Stück vergessen 
wollen. Noch fäUt mir ein, daß 17 und 54 durch \j dividiert 
1 und Q ergibt. Nr. 1 und 2 der U.-B. ist Goethes ,Faust*. Ich 
habe früher sehr viel Faustisches in mir gefunden." 

Wir müssen bedauern, daß die Diskretion des Arztes uns keinen 
Einbhck in die Bedeutung dieser Reihe von Einfällen gegönnt 
hat. Adler bemerkt, daß dem Manne die Synthese seiner Aus- t 

Freud, IV. ^g 



',. I 



I 



374 ^"'' Psychopathologie des Alltagslebens 

einandersetzung nicht gelungen ist. Dieselben würden uns 
auch kaum mitteilenswert erschienen sein, wenn in deren 
Fortsetzung nicht etwas aufträte, was uns den Schlüssel zum 
Verständnis der Zahl 1734 und der ganzen Einfallsreihe in die 
Hand spielte. 

„Heute früh hatte ich freilich ein Erlebnis, das sehr für die 
Richtigkeit der Freudschen Auffassung spricht. Meine Frau, die 
ich beim Aufstehen des Nachts aufgeweckt hatte, fragte mich, 
was ich denn mit dem Katalog der U.-B. gewollt hätte. Ich 
erzählte ihr die Geschichte. Sie fand, daß alles Rabulistik sei, nur 
— sehr interessant — den Macbeth, gegen den ich mich so sehr 
gewehrt hatte, ließ sie gelten. Sie sagte, ihr falle gar nichts ein, 
wenn sie sich eine Zahl denke. Ich antwortete: ,Machen wir eine 
Probe'. Sie nannte die Zahl 117. Ich erwiderte darauf sofort: 
,17 ist eine Beziehung auf das, was ich dir erzählt habe, ferner 
habe ich dir gestern gesagt: wenn eine Frau im 83. Jahre steht 
und ein Mann im 55., so ist das ein arges Mißverhältnis.' Ich 
frozzle seit ein paar Tagen meine Frau mit der Behauptung, daß 
sie ein altes Mütterchen von 83 Jahren sei. 82-|-35~ ^^7-" 

Der Mann, der seine eigene Zahl nicht zu determinieren wußte, 
fand also sofort die Auflösung, als seine Frau ihm eine angeblich 
willkürlich gewählte Zahl nannte. In Wirklichkeit hatte die Frau 
sehr wohl aufgefaßt, aus welchem Komplex die Zahl ihres Mannes 
stammte, und wählte die eigene Zahl aus dem nämlichen 
Komplex, der gewiß beiden Personen gemeinsam war, da es 
sich in ihm um das Altersverhälinis der beiden handelte. Wir 
haben es nun leicht, den Zahleneinfall des Mannes zu über- 
setzen. Er spricht, wie Adler andeutet, einen unterdrückten 
Wunsch des Mannes aus, der voll entwickelt lauten würde: 
„Zu einem Manne von 54 Jahren, wie ich einer bin, paßt nur 
eine Frau von 17 Jahren." 

Damit man nicht allzu geringschätzig Ton solchen „Spielereien' 
denken möge, will ich hinzufügen, was ich kürzlich von Dr. Adler 



Xn. Determinismus, Zufalls- und Aherglauben, Gesichtspunkte 275 

erfahren habe, daß ein Jahr nach Veröffentlichung dieser Analyse 
der Mann von seiner Frau geschieden war. ' 

4) Ähnhche Aufklärungen gibt Adler für die Entstehung 
obsedierender Zahlen. Auch die Wahl sogenannter Lieblinffs- 
zahlen" ist nicht ohne Beziehung auf das Leben der betreffenden 
Person und entbehrt nicht eines gewissen psychologischen 
hiteresses. Ein Mann, der sich zu der besonderen Vorliebe für 
die Zahlen 1 j und 1 9 bekannte, wußte nach kurzem Besinnen 
anzugeben, daß er mit 1 j Jahren in die langersehnte akade- 
mische Freiheit, auf die Universität, gekommen, und daß er 
mit ig Jahren seine erste große Reise und bald darauf seinen 
ersten wissenschaftlichen Fund gemacht. Die Fixierung dieser 
Vorliebe erfolgte aber zwei Lustren später, als die gleichen Zahlen 
zur Bedeutung für sein Liebesleben gelangten. — Ja, selbst 
Zahlen, die man anscheinend willkürlich in gewissem Zusammen- 
hange besonders häufig gebraucht, lassen sich durch die Analyse 
auf unerwarteten Sinn zurückführen. So fiel es einem meiner 
Patienten eines Tages auf, daß er im Unmut besonders gern zu 
sagen pflegte: Das habe ich dir schon 17- bis 56mal gesagt, 
und er fragte sich, ob es auch dafür eine Motivierung gebe. Es 
fiel ihm alsbald ein, daß er an einem 37. Monatstag geboren sei, 
sein jüngerer Bruder aber an einem a6., und daß er Grund habe, 
darüber zu klagen, daß das Schicksal ihm soviel von den Gütern des 
Lebens geraubt, um sie diesem jüngeren Bruder zuzuwenden. Diese 
Parteilichkeit des Schicksals stellte er also dar, indem er von seinem 
Geburtsdatum zehn abzog und diese zum Datum des Bruders hinzu- 
fugte. „Ich bin der Ältere und dennoch so verkürzt worden." 

5) Ich will bei den Analysen von Zahleinfällen länger verweilen, 
denn ich kenne keine anderen Einzelbeobachtungen, die 



6^ 



so 



1) Zur Aufklärung des „Macbeth" in Nr. 17 der U.-E. teilt mir Adler mit, daß 
der Betreffende in seinem 17. Lebensjahr einer anarchistischen Gesellschaft beigetreten 
war, die sich den Königsmord zum Ziel gesetzt hatle. Darum verfiel wohl der Inhalt 
des „Macbeth" dem Verg:essen. Zu jener Zeit erfand die nämliche Person eine Geheim- 
schrift, in der die Buchstaben durch Zahlen ersetut waren. 



i8' 



276 ^^^^ Psychopathologie des AlUagsIebetis 

schlagend die Existenz von hoch zusammengesetzten Denkvor- 
gängen erweisen würden, von denen das Bewußtsein doch keine 
Kunde hat, und anderseits kein besseres Beispiel von Analysen, 
bei denen die häufig angeschuldigte Mitarbeit des Arztes (die 
Suggestion) so siclier außer Betracht kommt. Ich werde daher 
die Analyse eines Zahlen ei nfall es eines meiner Patienten (mit 
seiner Zustimmung) hier mitteilen, von dem ich nur anzugeben 
brauche, daß er das jüngste Kind einer langen Kinderreihe ist, 
und daß er den bewunderten Vater in jungen Jahren verloren 
hat. In besonders heiterer Stimmung läßt er sich die Zahl 426yi8 
einfallen und stellt sich die Frage: „Also was fallt mir dazu ein? 
Zunächst ein Witz, den ich gehört habe: ,Wenn man einen 
Schnupfen ärztlich behandelt, dauert er 43 Tage, wenn man ihn 
aber unbehandelt läßt — 6 Wochen.'" Das entspricht den ersten 
Ziffern der Zahl 42 ^ 6^. y. In der Stockung, die sich bei ihm 
nach dieser ersten Lösung einstellt, mache ich ihn aufmerksam, 
daß die von ihm gewählte sechsstellige Zahl alle ersten Ziffern 
enthalte bis auf 5 und g. Nun findet er sofort die Fortsetzung 
der Deutung. „Wir sind 7 Geschwister, ich der jüngste. 5 ent- 
spricht in der Kinderreihe der Schwester A., 5 dem Bruder L., 
das waren meine beiden Feinde. Ich pflegte als Kind jeden 
Abend zu Gott zu beten, daß er diese meine beiden Quälgeister 
aus dem Leben abberufen solle. Es scheint mir nun, daß ich mir 
hier diesen Wunsch selbst erfüllte; 5 und 5, der böse Bruder und die 
gehaßte Schwester sind übergangen." - — Wenn die Zahl ihre 
Geschwisterreihe bedeutet, was soll das 18 am Ende? Sie wären 
doch nur 7. — jjich habe oft gedacht, wenn der Vater noch 
länger gelebt hätte, so wäre ich nicht das jüngste Kind geblieben. 
Wenn noch 1 gekommen wäre, so wären wir 8 gewesen, und 
ich hätte ein kleineres Kind hinter mir gehabt, gegen das ich 
den Älteren gespielt hätte." 

Somit war die Zahl aufgeklärt, aber es lag uns noch ob, den 
Zusammenhang zwischen dem ersten Stück der Deutung und den 










AT/. Dererminisrnjis, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 277 

folgenden herzustellen. Das ergab sich sehr leicht aus der für 
die letzten Zahlen benötigten Bedingung: Wenn der Vater noch 
länger gelebt hätte. 43 = 6X7 bedeutete den Hohn gegen die 
Ärzte, die dem Vater nicht hatten helfen können, drückte also 
in dieser Form den Wunsch nach dem Fortleben des Vaters aus 
Die ganze Zahl entsprach eigentlich der Erfüllung seiner beiden 
infantilen Wünsche in betreff seines Familienkreises, die beiden 
bösen Geschwister sollten sterben, und ein kleines Geschwisterchen 
hinter ihnen nachkommen, oder auf den Icürzesten Ausdruck 
gebracht: Wenn docli lieber die beiden gestorben waren anstatt 
des geliebten Vaters!' 

6) Ein kleines Beispiel aus meiner Korrespondenz. Ein Tele- 
graphendirektor in L. schreibt, sein iS'/aiähriger Sohn, der 
Medizin studieren wolle, beschäftige sich schon jetzt mit der 
Psychopathologie des Alltags und suche seine Eltern von der 
Richtigkeit meiner Aufstellungen zu überzeugen. Ich gebe einen 
der von ihm angestellten Versuche wieder, ohne mich über die 
daran geknüpfte Diskussion zu äußern. 

„Mein Sohn unterhält sich mit meiner Frau über den soge- 
nannten Zufall und erläutert ihr, daß sie kein Lied, keine Zahl 
nennen könne, die ihr wirklich nur ,zufällig' einfielen. Es ent- 
spinnt sich folgende Unterhaltung: Sohn: Nenne mir irgend- 
eine Zahl. — Mutter: 79. — Sohn: Was fällt dir dabei ein? — 
Mutter: Ich denke an den schönen Hut, den ich gestern besich- 
tigte. — Sohn: Was kostete er? — Mutter: 158 M. — Sohn; 
Da haben wir es: 158 : 2 = 7g. Dir war der Hut zu teuer und 
du hast gewiß gedacht: ,Wenn er halb soviel kostete, würde ich 
ihn kaufen.' 

Gegen diese Ausführungen meines Sohnes erhob ich zunächst 
den Einwand, daß Damen im allgemeinen nicht besonders rech- 
neten imd daß sich auch Mutter gewiß nicht klar gemacht habe 

1) Zur Vereinfachung habe ich einige nicht minder gut passende Zwischeneinfalle 
des Patienten weggelassen. 



278 Zur Psychopathologie des Alltagslehens 

79 sei die Hälfte von 158. Also setze seine Theorie die immer- 
hin unwahrscheinliche Tatsache voraus, daß das Unterbewußtsein 
besser rechne als das normale Bewußtsein. ,Durchaus nicht,* 
erhielt ich zur Antwort; ,zugegehen, daß Mutter die Rechnung 
158:2 = 79 nicht gemacht hat, sie kann aber recht gut diese 
Gleichung gelegentlich gesehen haben; ja sie kann im Traume 
sich mit dem Hute beschäftigt und dabei sich klar gemacht 
haben, wie teuer er wäre, wenn er nur die Hälfte kostete.* " 

7) Eine andere Zahlenanalyse entnehme ich Jones (1. c. p. 478). 
Ein Herr seiner Bekanntschaft ließ sich die Zahl 986 einfallen 
und forderte ihn dann heraus, sie mit irgend etwas, was er sich 
denke, in Zusammenhang zu bringen. „Die nächste Assoziation 
der Versuchsperson war die Erinnerung an einen langst vergessenen 
Scherz. Am heißesten Tage des Jahres vor sechs Jahren hatte 
eine Zeitung die Notiz gebracht, das Thermometer zeige 986 
Fahrenheit, offenbar eine groteske Übertreibung von 986, dem 
wirkhchen Thermometerstand! Wir saßen während dieser Unter- 
haltung vor einem starken Feuer im Ramin, von dem er sich 
wegrückte, und er bemerkte wahrscheinlich mit Recht, daß die 
große Hitze ihn auf diese Erinnerung gebracht habe. Ich gab 
mich aber nicht so leicht zufrieden und verlangte zu wissen, 
wieso gerade diese Erinnerung bei ihm so fest gehaftet habe. Er 
erzählte er habe über diesen Scherz so fürchterlich gelacht und 
sich jedesmal von neuem über ihn amüsiert, so oft er ihm wieder 
eingefallen sei. Da ich aber den Scherz nicht besonders gut 
finden konnte, wurde meine Erwartung eines geheimen Sinnes 
dahinter nur noch verstärkt. Sein nächster Gedanke war, daß die 
Vorstellung der Wärme ihm immer soviel bedeutet habe. Wärme 
sei das Wichtigste in der Welt, die Quelle alles Lebens usw. 
Eine solche Schwärmerei eines sonst recht nüchternen jungen 
Mannes mußte nachdenklich stimmen; ich bat ihn, mit seinen 
Assoziationen fortzufahren. Sein nächster Einfall ging auf den 
Rauchfang einer Fabrik, den er von seinem Schlafzimmer aus 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 279 

sehen konnte. Er pflegte oft des Abends auf den Rauch und das 
Feuer zu starren, der aus ilim hervorging, und dabei über die 
beklagenswerte Vergeudung von Energie nachzudenken. Wärme 
Feuer, die Quelle alles Lebens, die Vergeudung von Energie 
aus einer hohen hohlen Rölire — es war nicht schwer, 



aus 



diesen Assoziationen zu erraten, daß die Vorstellung Wärme und 
Feuer bei ihm mit der Vorstellung von Liebe verknüpft waren, 
wie es im symbolischen Denken gewöhnlich ist, und daß ein 
starker Masturbationskomplex seinen Zahleneinfall motiviert habe. 
Es blieb ihm nichts übrig, als meine Vermutung zu bestätigen." 

Wer sich von der Art, wie das Material der Zahlen im un- 
bewußten Denken verarbeitet wird, einen guten Eindruck holen 
will, den verweise ich auf CG. Jungs Aufsatz „Ein Beitrag 
zur Kenntnis Aes Zahlentraumes" (Zentralbl. für Psychoanalyse, 
I, 1912} und auf einen anderen von E. Jones („Unconscious 
manipulations of numbers", ibid. II, g, 1912). 

In eigenen Analysen dieser Art ist mir zweierlei besonders 
auffällig: Erstens die geradezu somnambule Sicherheit, mit der 
ich auf das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in einen rech- 
nenden Gedankengang versenke, der dann plötzlich bei der 
gesuchten Zahl angelangt ist, und die Raschheit, mit der sich 
die ganze Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, daß 
die Zahlen meinem unbewußten Denken so bereitwillig zur 
Verfügung stehen, während ich ein schlechter Rechner bin und 
die größten Schwierigkeiten habe, mit- Jahreszahlen, Hausnummern 
und dergleichen bewußt zu merken. Ich finde übrigens in diesen 
unbewußten Gedanken Operationen mit Zahlen eine Neigung zum 
Aberglauben, deren Herkunft mir lange Zeit fremd geblieben ist.^ 

1) Herr Rudolf Schneider in München hat eine interessante Einwendung 
gegen die Beweiskraft solcher Zahlenanalysen erhoben. (Zu Freuds analytischer 
Untersuchtmg des Zahleneinfalles. Internat. Zeitschr. für Psychoanalyse, 1920, Heft 1.) 
Er griff gegebene Zahlen auf, z. E. eine solche, die ihm in einem aufgeschlagenen 
Geachichtswerke zuerst in die Augen lie], oder er legte einer anderen Person eine 
von ihm ausgewählte 'Zahl vor und sah nun zu, ob sich auch au dieser aufgedrängten 
Zahl anscheinend determinierende Einfälle einstellten. Das war mui wirklich der 



28o Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



Es wird uns nicht überraschen zu finden, daß nicht nur Zahlen, 
sondern auch Worteinfälle anderer Art sich der analytischen 
Untersuchung regelmäßig als gut determiniert erweisen. 

8) Ein hübsches Beispiel von Herleitung eines obsedierenden, 
d.h. verfolgenden Wortes findet sich bei Jung (Diagnost. Asso- 
ziationsstudien, IV, S. 2 ig). „Eine Dame erzählte mu-, daß ihr seit 
einigen Tagen beständig das Wort ,T a g a n r o g' im Munde liege, 



Fall; in dem einen iim selbst betreffenden Beispiel, das er mitteilt, ergaben die 
Einfalle eine ebenso reichliche lind sinnvolle Deterininienuig wie in unseren Ana- 
lysen von spontan aufgetauchten Zahlen, ivährend doch die Zahl im Versuche 
Schneiders als von außen gegeben einer Determiniernng nicht bedürfte. In einem 
zweiten Versuch mit einer fremden Person machte er sich die Aufgabe offenbar zu 
leicht, denn er gab ihr die Zahl 2 auf, deren Determinienmg dtu-ch irgendwelches 
Material bei jedermann gelingen muß. — R. Schneider schließt nun aus seinen 
Erfahrungen iweierlei, erstens „das Psychische besitze zu Zahlen dieselben Assoiia- 
tionsmijglichteiten wie zu Begriffen", zweitens das Auftauchen determinierender 
Einfalle zu spontanen Zahleneinfällen beweise nichts für die Herkunft dieser Zahlen 
aus den in ihrer „Analyse" gefundenen Gedanken. Die erstere Folgerung ist nun 
unzweifelhaft richtig. Man kann zu einer gegebenen Zahl ebenso leicht etwas 
Passendes assoziieren wie zu einem zugerufenen Wort, ja vielleicht noch leichter, 
da die Verknüpfbarkeit der wenigen Zahlzeichen eine besonders große ist. Man 
befindet sich dann einfach in der Situation des sogenannten Assoziationsexperiments, 
das von der Bleul e r - J « n g sehen Schule nach den mannigfaltigsten Richtungen 
studiert worden ist. In dieser Situation wird der Einfall (Reaktion) durch das 
gegebene Wort (Reizwort) determiniert. Diese Reaktion könnte aber noch von sehr 
verschiedener Art sein und die Jungschen Versuche haben gezeigt, daß auch die 
weitere Unterscheidung nicht dem „Zufall" überlassen ist, sondern daß unbewußte 
„Komplexe" sich an der Determinierung beteiligen, wenn sie durch das Reizw^ort 
angerührt worden sind. — Die zweite Folgerung Schneiders gebt zu weit. Aus 
der Tatsache, daß zu gegebenen Zaiilen (oder Worten) passende Einfälle auftauchen, 
ergibt sich nichts für die Ableitung spontan auftauchender Zahlen (oder Worte), 
was nicht schon vor Kenntnis dieser Tatsache in Betracht zu ziehen war. Diese 
Einfälle (Worte oder Zahlen) könnten un de terminiert sein oder durch die Gedanken 
determiniert, die sich in der Analyse ergeben, oder durch andere Gedanken, die sich 
in der Analyse nicht verraten haben, in welchem Falle ims die Analyse irregefülirt 
hätte. Man muß sich nur von dem Eindruck frei machen, daß dies Problem für 
Zahlen anders liege als für Worteinfälle. Eine kritische Untersuchung des Problems 
und somit eine Rechtfertigung der psychoanalytischen Einfallstechnik Hegt nicht in 
der Absicht dieses Buches. In der analytischen Praxis geht man von der Voraus- 
setzung aus, daß die zweite der erwähnten Möglichkeiten zutreffend und in der 
Mehrzahl der Fälle verwertbar ist. Die Untersuchungen eines Experimentalpsycho- 
logen haben gelehrt, daß sie die bei weitem wahrscheinlichste ist (Poppelreuter). 
(Vgl. übrigens hiezu die beachtenswerten Ausfülirungen Bleulers in seinem Buch: 
Das autistisch-un disziplinierte Denken usw., 1919, Abschnitt 9: Von den Wahrschein- 
lichkeiten der psychologischen Erkenntnis.) 



XII. Deternünismm, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte aßi 

ohne daß sie eine Idee habe, woher das komme. Ich fragte die 
Dame nach den affektbetonten Ereignissen und verdrängten 
Wünschen der Jüngstvergangenheit. Nach einigem Zögern erzählte 
sie m,ir, daß sie sehr gern einen ,Morgenrock' hätte ihr 
Mann aber nicht das gewünschte Interesse dafür habe. Moroen- 
rock : Tag-an-rock*, man sieht die partielle Sinn- und Klangver- 
wandtscliaft. Die Detei-mination der russischen Form kommt daher 
daß ungefähr zu gleicher Zeit die Dame eine Persönlichkeit aus 
Taganrog kennen gelernt hatte." 

g) Dr. E. Hitschmann verdanke ich die Auflösung eines 
anderen Falles, in dem sich ein Vers wiederholt in einer bestimmten 
Örtlichkeit als Einfall aufdrängte, ohne daß dessen Herkunft und 
Beziehungen ersichtlich gewesen wären. 

„Erzählung des Dr. jur. E. : Ich fuhr vor sechs Jahren von 
Biarritz nach San Sebastian. Die Eisenbahnstrecke führt über den 
Bidassoafluß, der hier die Grenze zwischen Frankieich und Spanien 
bildet. Auf der Brücke hat man einen schönen Blick, auf der 
einen Seite über ein weites Tal und die Pyrenäen, auf der anderen 
Seite weithin über das Meer. Es war ein schöner, heller Sommer- 
tag, alles war erfüllt von Sonne und Licht, ich war auf einer 
Ferienreise, freute mich nach Spanien zu kommen — da fielen mir 
die Verse ein: ,Aber frei ist schon die Seele, schwebet in dem Meer 
von Licht.* 

Ich erinnere mich, daß ich damals darüber nachdachte, woher 
diese Verse seien, und mich dessen nicht entsinnen konnte ^ nach 
dem Rhythmus mußten die Worte aus einem Gedicht stammen, 
welches aber meiner Erinnerung vollständig entfallen war. Ich 
glaube später, da mir die Verse wiederholt in den Sinn kamen, 
noch mehrere Leute danach gefragt zu haben, ohne etwas 
erfahren zu können. 

Im Vorjahre fuhr ich, von einer spanischen Reise zurückkehrend, 
auf derselben Bahnstrecke. Es war stockfinstere Nacht und es 
regnete. Ich sah zum Fenster hinaus, um zu sehen, ob wir schon 



382 ■ 7.ur Psychopathologie des AlUagsleiens 

in der Grenzstation ankämen, und bemerkte, daß wir auf der 
Bidassoabrücke waren. Sofort kamen mir die oben angeführten 
Verse wieder ins Gedächtnis, und wieder konnte ich mich ihrer 
Herkunft nicht erinnern. 

Mehrere Monate nachher kamen mir zu Hause die Uhland- 
schen Gedichte in die Hand. Ich öffnete den Band und mein 
Blick fiel auf die Verse: ,Aber frei ist schon die Seele, schwebet 
in dem Meer von Licht', die den Schluß eines Gedichtes: ,Der 
Waller' bilden. Ich las das Gedicht und erinnerte mich nun ganz 
dunkel, es einmal vor vielen Jahren gekannt zu haben. Der Schau- 
platz der Handlung ist in Spanien, und dies schien mir die einzige 
Beziehung der zitierten Vei-se zu der von mir beschriebenen Stelle 
der Eisenbahnstrecke zu bilden. Ich war von meiner Entdeckung 
nur halb befriedigt und blätterte mechanisch in dem Buche weiter. 
Die Verse, ,Aber frei ist schon usw.' standen als die letzten auf 
einer Seite. Beim Umblättern fand ich auf der nächsten Seite ein 
Gedicht mit der Überschrift ,Die Bidassoabrücke'. 

Ich bemerke noch, daß mir der Inhalt dieses letzten Gedichtes 
fast noch fremder schien, als der des ersten, und daß seine ersten 
Verse lauten: ,Auf der Bidassoabrücke steht ein Heiliger altersgi-au, 
segnet rechts die span'schen Berge, segnet links den fränk'schen 
Gau/" 

B) Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkürlich 
gewählter Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines 
anderen Problems beitragen. Gegen die Annahme eines durch- 
gehenden psychischen Determinismus berufen sich bekanntlich 
viele Personen auf ein besonderes Überzeugungsgefühl für die 
Existenz eines freien Willens. Dieses Überzeugirngsgefühl besteht 
und weicht auch dem Glauben an den Determinismus nicht. Es 
muß wie alle normalen Gefühle durch irgend etwas berechtigt 
sein. Es äußert sich aber, soviel ich beobachten kann, nicht bei 
den großen und wichtigen Willensentscheidungen 5 bei diesen 




XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 285 



Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen 
Zwanges und beruft sich gern auf sie („Hier stehe ich, ich kann 
nicht anders"). Hingegen möchte man gerade bei den belanglosen, 
indifferenten Entschließungen versichern, daß man ebensowohl 
anders hätte handeln können, daß man aus freiem, nicht 
motiviertem Willen gehandelt hat. Nach unseren Analysen braucht 
man nun das Recht des Überzeugungsgefühls vom freien Willen 
nicht EU bestreiten. Führt man die Unterscheidung der Motivierung" 
aus dem Bewußten von der Motivierung aus dem Unbewußten 
ein, so berichtet uns das Überzeugungsgefühl, daß die bewußte 
Motivierung sich nicht auf alle unsere motorischen Entscheidungen 
erstreckt. Minima non curat praetor. Was aber so von der einrai 
Seite freigelassen wird, das empfängt seine Motivierung von 
anderer Seite, aus dem Unbewußten, und so ist die Determinlerun^ 
im Psychischen doch lückenlos durchgeführt.' 

C) Wenngleich dem bewußten Denken die Kenntnis von der 
Motivierung der besprochenen Fehlleistungen nach der ganzen 
Sachlage abgehen muß, so wäre es doch erwünscht, einen psycho- 
logischen Beweis für deren Existenz aufzufinden; ja es ist aus 
Gründen, die sich bei näherer Kenntnis des Unbewußten ergeben, 
wahrscheinlich, daß solche Beweise irgendwo auffindbar sind. Es 
lassen sich wirklich auf zwei Gebieten Phänomene nachweisen, 
welche einer unbewußten und darum verschobenen Kenntnis von 
dieser Motivierung zu entsprechen scheinen : 

1) Diese AJischauungen üLer die strenge Determmierung anscheinend willkürlicher 
psychischer Aktionen haten berelis reiche Früchte für die Psychologie — vielleicht 
auch für die Rechtspflege — getragen, Bleuler und Jung hahen in diesem Sinne 
die Reaktionen beim sogenannten Assoziationsexperiment verständlich gemacht, bei 
dem die imtersuohte Person auf ein ilir zugerufenes Wort mit einem ihr daau ein- 
fallenden antwortet (Reizwort- Reaktion), und die dabei verlaufene Zeit gemessen wird 
(Reabtionsieit). Jung hat in seinen „Diagnostischen Assoziationsstudien" (1906) gezeigt, 
welch feines Reagens für psychische Zustände wir in dem so gedeuteten Assoziations- 
experiment besitzen. Zwei Schüler des Strafrechts] ehrers H. G r o ß in Prag, We r t h e im e r 
und Klein, hahen aus diesen Experimenten eine Teclmik zur „Tatbestands-Diagnostik" 
in strafrechtlichen Fällen entwickelt, deren Prüfung Psychologen und Juristen 
beschäftigt. 



1. 



284 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

a) Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im 
Verhalten der Paranoiker, daß sie den kleinen, sonst von uns 
vernachlässigten Details im Benehmen der anderen die größte 
Bedeutung beilegen, dieselben ausdeuten und zur Grundlage 
weitgehender Schlüsse machen. Der letzte Paranoiker z. B., den 
ich gesehen habe, schloß auf ein allgemeines Einverständnis in 
seiner Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf dem 
Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der einen Hand gemacht 
hatten. Ein anderer hat die Art notiert, wie die Leute auf der 
Straße gehen, mit den Spazierstöcken fuchteln u. dgl." 

Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen, 
welche der Normale für einen Teil seiner eigenen psychischen 
Leistungen und Fehlleistungen gelten läßt, verwirft der Paranoiker 
also in der Anwendung auf die psychischen Äußerungen der 
anderen. Alles, was er an den anderen bemerkt, ist bedeutungs- 
voll, alles ist deutbar. Wie kommt er nur dazu? Er projiziert 
wahrscheinlich in das Seelenleben der anderen, was im eigenen 
unbewußt vorhanden ist, hier wie in so vielen ähnlichen Fällen. 
Tn der Paranoia drängt sich ebenso vielerlei zum Bewußtsein 
durch, was wir bei Normalen und Neurotikern erst durch die 
Psychoanalyse als im Unbewußten vorhanden nachweisen.'' Der 
Paranoiker hat also hierin in gewissem Sinne recht, er erkennt 
etwas, was dem Normalen entgeht, er sieht schärfer als das normale 
Denkvermögen, aber die Verschiebung des so erkannten Sachver- 
halts auf andere macht seine Ei'kenntnis wertlos. Die Recht- 
fertigung der einzelnen paranoischen Deutungen wird man dann 
hoffentlich von mir nicht erwarten. Das Stück Berechtigung aber, 
welches wir der Paranoia bei dieser Auffassung der Zufallshand- 

1} Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Beiu-leüung imwesent- 
licher und lufälliger Äußerungen bei anderen lum „Beziehungswahn" gerechnet. 

»1 Die durch Analyse bewußt zu. machenden Phantasien der Hysteriker von 
sexuellen und grausamen Mißhandlungen decken sich 7. B. gelegentlich bis ins Einielne 
mit den Klagen verfolgter Paranoiker. Es ist bernorkenswerl, aher nicht unverständlich, 
wenn der identische Inhalt uns auch als Realität in den Veranstaltungen Perverser 
zur Befriedigung ihrer Gelüste entgegentritt. 



1 



i 



XII. Detertmnismus, Zufalls- und Abergla uben, Gesichtspunkte 285 

lungen zugestehen, wird uns das psychologische Verständnis 
der Überzeugung erleichtern, welche sich beim Paranoiker 
an alle diese Deutungen geknüpft hat. Es ist eben etwas 
Wahres daran; auch unsere nicht als krankhaft zu bezeich- 
nenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen zugehörige Über- 
zeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies Gefühl ist für ein 
gewisses Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die 
Quelle, aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns 
auf den übrigen Zusammenhang ausgedehnt. 

b) Ein anderer Hinweis auf die unbewußte und verschobene 
Kenntnis der Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet 
sich in den Phänomen des Aberglaubens. Ich will meine Meinung 
durch die Diskussion des kleinen Erlebnisses klarlegen, welches für 
mich der Ausgangspunkt dieser Überlegungen war. 

Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken 
alsbald auf die Kranken, die mich in dem neu beginnenden 
Arbeitsjahre beschäftigen sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr 
alten Dame, bei der ich (s. oben S. 182) seit Jahren die nämlichen 
ärztlichen Manipulationen zweimal täglich vornehme. Wegen 
dieser Gleichförmigkeit haben sich unbewußte Gedanken sehr 
häufig auf dem Wege zu der Kranken und während der 
Beschäftigung mit ihr Ausdruck verschafft. Sie ist über neunzig 
Jahre alt; es liegt also nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres 
zu fragen, wie lange sie wohl noch zu leben hat. An dem Tage, 
von dem ich erzähle, habe ich Eile, nehme also einen Wagen, der 
mich vor ihr Haus führen soll. Jeder der Kutscher auf dem 
Wagenstandplatz vor meinem Hause kennt die Adresse der alten 
Frau, denn jeder hat mich schon oftmals dahin geführt. Heute 
ereignete es sich nun, daß der Kutscher nicht vor ihrem Hause, 
sondern vor dem gleichbezifferten in einer nahegelegenen und 
wirklich ähnlich aussehenden Parallelstraße Halt macht. Ich merke 
den Irrtum und werfe ihn dem Kutscher vor, der sich entschuldigt. 
Hat das nun etwas zu bedeuten, daß ich vor ein Haus geführt 



286 Zw Psychopathologie des Alltagslebens 

werde, in dem ich die alte Dame nicht vorfinde? Für mich 
gewiß nicht, aber wenn ich abergläubisch wäre, würde ich 
in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen Fingerzeig 
des Schicksals, daß dieses Jahr das letzte für die alte Frau sein 
wird. Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte aufbewahrt 
hat, sind in keiner besseren Symbolik begründet gewesen. Ich 
erkläre allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne weiteren 

Sinn. 

Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuß gemacht 
und dann in „Gedanken", in der „Zerstreutheit" vor das Haus 
der Parallelstraße anstatt vors richtige gekommen wäre. Das 
würde ich für keinen Zufall erklären, sondern für eine der 
Deutung bedürftige Handlung mit unbewußter Absicht. Diesem 
Vergehen" müßte ich wahrscheinlich die Deutung geben, daß 
ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen erwarte. 

Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in 

folgendem: 

Ich glaube nicht, daß ein Ereignis, an dessen Zustandekommen 
mein Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes über die 
zukünftige Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube aber, 
daß eine unbeabsichtigte Äußerung meiner eigenen Seelentätigkeit 
mir allerdings etwas Verborgenes enthüllt, was wiederum nur 
meinem Seelenleben angehört; ich glaube zwar an äußeren 
(realen) Zufall, aber nicht an innere (psychische) Zufälligkeit. Der 
Abergläubische umgekehrt: er weiß nichts von der Motivierung 
seiner zufälligen Handlungen und Fehlleistungen, er glaubt, daß 
es psychische Zufälligkeiten gibt; dafür ist er geneigt, dem äußeren 
Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die sich im realen Geschehen 
äußern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel für etwas draußen 
ihm Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir und 
dem Abergläubischen sind zwei: erstens projiziert er eine Moti- 
vierung nach außen, die ich innen suche; zweitens deutet er den 
Zufall durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurück- 



XIZ. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 387 



führe. Aber das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewußten 
bei mir, und der Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu 
lassen, sondern ihn zu deuten, ist uns beiden gemeinsam.' 

Ich nehme nun an, daß diese bewußte Unkenntnis und 
unbewußte Kenntnis von der Motivierung der psychischen Zufällig- 
keiten eine der psychischen Wurzeln des Aberglaubens ist. Weil 
der Abergläubische von der Motivierung der eigenen zufälligen 
Handlungen nichts weiß, und weil die Tatsache dieser Moti- 
vierung nach einem Platze in seiner Anerkennung drängt, ist er 
genötigt, sie durch Verschiebung in der Außenwelt unterzubringen. 
Besteht ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf diesen 
einzelnen Fall beschränkt sein. Ich glaube in der Tat, daß ein 
großes Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in 
die modernsten Religionen hinein reicht, nichts anderes ist als 
in die Außenwelt projizierte Psychologie. Die dunkle 
Erkenntnis (sozusagen endopsychische Wahrnehmung) psychischer 
Faktoren und Verhältnisse^ des Unbewußten spiegelt sich — es 
ist schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia 



1) Ich knüpfe hier ein schönes Beispiel an, an dem N. Ossipow die 
Verschiedenheit von abergläubischer, psyclioanalytischer und mystischer AufFassung 
erörtert (Psychoanalyse und Aberglauben, rnternationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 
VIII, 1522!. Er hatte in einer kleinen russischen Provinzstadt geheiratet und iuhr 
unmittelbar nachher mit seiner jiuigen Frau nach Moskau. Auf einer Station, zwei 
Stunden vordem Ziel, kam ihm der Wunsch, zum Ausgang des Bahnhofes z" gehen 
und einen Blick auf die Stadt zu werfen. Der Zug sollte nach seiner Erwartung 
genügend lange verweilen, aber als er nach wenigen Minuten zurückkam, war der 
Zug mit seiner jungen Frau bereits abgefalireu. Als seine alte Njanja zu Hause von 
diesem Zufall erfuhr, äußerte sie kopfschüttelnd: „Aus dieser Ehe wird »ic its 
Ordentliches." Ossipow lachte damals über diese Prophezeiung. Da er aier unf 
Monate später von seiner Frau geschieden war, kann er nicht umhin, sein Ver assen 
des Zuges nachträglich als einen „unbewußten Protest" gegen seine EheschlieUung 
lu verstehen. Die Stadt, in welcher sich ihm diese Fehlleistung ereignete, gewann 
Jahre nachher eine große Bedeutung für ihn, denn in ihr lebte eine Person, nut 
welcher ihn später das Schicksal eng verknüpfte. Diese Person, ja die Tiitsache 
ihrer Existenz war ihm damals völlig unbekannt. Aber die mystische Erk arung 
seines Verhaltens würde lauten, er habe in jener Stadt den Zug nach Moskau und. 
seine Frau verlassen, weil sich die Ziikimft andeuten wollte, die ihm 1" °er 
Beziehung zu dieser Person vorhereitet war. 

2) Die natürlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat. 



288 7Mr Psychopathologie, des Alltagslebens 

muß hier zu Hilfe genommen werden — in der Konstruktion 
einer übersinnlichen Realität, welche von der Wissen- 
schaft in Psychologie des Unbewußten zurückverwandelt 
werden soll. Man könnte sich getrauen, die Mythen vom Paradies 
und Sündenfall, von Gott, vom Guten und Bösen, von der 
Unsterblichkeit u. dgl. in solcher Weise aufzulösen, die Meta- 
physik in Metapsychologie umzusetzen. Die Kluft zwischen 
der Verschiebung des Paranoikers und der des Abergläubischen 
ist minder groß, als sie auf den ersten Blick erscheint. Als die 
Menschen zu denken begannen, waren sie bekanntlich genötigt, 
die Außenwelt anthropomorphisch in eine Vielheit von Persönlich- 
keiten nach ihrem Gleichnis aufzulösen; die Zufälligkeiten, die 
sie abergläubisch deuteten, waren also Handlungen, Äußerungen 
von Personen, und sie haben sich demnach genau so benommen 
wie die Paranoiker, welche aus den unscheinbaren Anzeichen, die 
ihnen die anderen geben, Schlüsse ziehen, und wie die Gesunden 
alle welche mit Recht die zufälligen und unbeabsichtigten Hand- 
lungen ihrer Nebenmenschen zur Grundlage der Schätzung ihres 
Charakters machen. Der Aberglaube erscheint nur so sehr 
deplaciert in unserer modernen, naturwissenschaftlichen, aber noch 
keineswegs abgerundeten Weltanschauung; in der Weltanschauung 
vorwissenschaftlicher Zeiten und Völker war er berechtigt und 

konsequent. 

Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn 
ihm ein widriger Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht; 
er handelte konsequent nach seinen Voraussetzungen. Wenn er 
aber von der Unternehmung abstand, weil er an der Schwelle 
seiner Tür gestolpert war {„un Romain retournerait"), so war er 
uns Ungläubigen auch absolut überlegen, ein besserer Seelen- 
kundiger, als wir uns zu sein bemühen. Denn dieses Stolpern 
mußte ihm die Existenz eines Zweifels, einer Gegenströmung in 
seinem Innern beweisen, deren Kraft sich im Moment der 
Ausführung von der Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des 



J 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Ge sichtspunkte 289 

vollen Erfolges ist man nämlich nur dann sicher, wenn alle 
Seelenkräfte einig dem gewünschten Ziel entgegenstreben. Wie 
antwortet Schillers Teil, der so lange gezaudert, den Apfel 
vom Haupte seines Knaben zu schießen, auf die Frage des Voets 
wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt? 

Mit diesem Pfeil durchbohrt' ich — Euch, 

Wenn ich mein Hebes Kind getroffen hätte. 

Und Euer — wahrlich — hätt' .ich nicht gefehlt. 

D) Wer die Gelegenheit gehabt hat, die verborgenen Seelen- 
regungen der Menschen mit dem Mittel der Psychoanalyse zu 
studieren, der kann auch über die Qualität der unbewußten 
Motive, die sich im Aberglauben ausdrücken, einiges Neue sagen. 
Am deutlichsten erkennt man bei den oft sehr intelligenten, mit 
Zwangsdenken und Zwangszuständen behafteten Nervösen, daß 
der Aberglaube aus unterdrückten feindseligen und grausamen 
Regungen hervorgeht. Aberglaube ist zum großen Teile Unheils- 
erwartung, und wer anderen häufig Böses gewünscht, aber infolge 
der Erziehung zur Güte solche Wünsche ins Unbewußte verdrängt 
hat, dem wird es besonders nahe liegen, die Strafe für solches 
unbewußte Böse als ein ihm drohendes Unheil von außen zu 
erwarten. 

Wenn wir zugeben, daß wir die Psychologie des Aberglaubens 
mit diesen Bemerkungen keineswegs erschöpft haben, so werden 
wir auf der anderen Seite die Frage wenigstens streifen müssen, 
ob denn reale Wurzeln des Aberglaubens durchaus zu bestreiten 
seien, ob es gewiß keine Ahnungen, prophetische Träume, tele- 
pathische Erfahrungen, Äußerungen übersinnlicher Kräfte und 
dergleichen gebe. Ich bin nun weit davon entfernt, diese Phäno- 
mene überall so kurzerhand aburteilen zu wollen, über welche 
so viele eingehende Beobachtungen selbst intellektuell hervor- 
ragender Männer vorHegen, und die am besten die Objekte 
weiterer Untersuchungen bilden sollen. Es ist dann sogar zu 

Prend, IV. 



ago Zur Psychopathologie des Alltagslebens 




hoffen, daß ein Teil dieser Beobachtungen durch unsere beginnende 
Erkenntnis der unbewußten seelischen Vorgänge zur Aufklärung 
gelangen wird, ohne uns zu grundstürzenden Abänderungen 
unserer heutigen Anschauungen zu nötigen.' Wenn noch andere, 
wie z. B. die von den Spiritisten behaupteten Phänomene, 
erweisbar werden sollten, so werden wir eben die von der neuen 
Erfahrung geforderten Modifikationen unserer „Gesetze" vornehmen, 
ohne an dem Zusammenhang der Dinge in der Welt irre zu 

werden. 

Im Rahmen dieser Auseinandersetzungen kann ich die nun 
aufgeworfenen Fragen nicht anders als subjektiv, d. i. nach meiner 
persönhchen Erfahrung, beantworten. Ich muß leider bekennen, 
daß ich zu jenen unwürdigen Individuen gehöre, vor denen die 
Geister ihre Tätigkeit einstellen und das Übersinnliche entweicht» 
so daß ich niemals in die Lage gekommen bin, selbst etwas zum 
Wunderglauben Anregendes zu erleben. Ich habe wie alle Menschen 
Ahnungen gehabt und Unheil erfahren, aber die beiden wichen 
einander aus, so daß auf die Ahnungen nichts folgte und das 
Unheil unangekündigt über mich kam. Zur Zeit, als ich, em 
junger Mann, allein in einer fremden Stadt lebte, habe ich oft 
genug meinen Namen plötzlich von einer unverkennbaren, teuren 
Stimme rufen hören und mir dann den Zeitmoment der Halluzi- 
nation notiert, um mich besorgt bei den Daheimgebliebenen zu 
erkundigen, was um jene Zeit vorgefallen. Es war nichts. Zum 
Ersatz dafür habe ich später ungerührt und ahnungslos mit 
meinen Kranken gearbeitet, während mein Kind einer Verblutung 
zu erliegen drohte. Es hat auch keine der Ahnungen, von denen 
mir Patienten berichtet haben, meine Anerkennung als reales 
Phänomen erwerben können. Doch muß ich gestehen, daß ich 
in den letzten Jahren einige merkwürdige Erfahrungen gemacht 

i) E. H i t s c h m a 11 11, Zur Kritik des Hellseheiis, Wiener Klinische Rundschau, 1910, 
Nr. 6, und Ein Dichter und sein Vater, Beitrag lur Psychologie religiöser Bekehrune 
und telepathischer Phänomene, Imago, IV, 1915/16. 



^1 






XII. Deterministnus, Zufalls- und Aberglauben , Gesichtspunkte 291 

habe, die durch die Annahme telepat}iischer Gedankenübertragung 
leichte Aufklärung gefunden hätten. 

Der Glaube an prophetische Träume zählt viele Anhänger 
weil er sich darauf stützen kann, daß manches sich wirldich in 
der Zukunft so gestaltet, wie es der Wunsch im Traume vorher 
konstruiert hat.^ Allein daran ist wenig zu verwundern und 
zwischen dem Traum und der Erfüllung lassen sich in der Reo-el 
noch weitgehende Abweichungen nachweisen, welche die Gläubig- 
keit der Träumer zu vernachlässigen liebt. Ein schönes Beispiel 
eines mit Recht prophetisch zu nennenden Traumes bot mir 
einmal eine intelligente und wahrheitshebende Patientin zur 
genauen Analyse. Sie erzählte, daß sie einmal geträumt, sie treffe 
ihren früheren Freund und Hausarzt vor einem bestimmten 
Laden einer gewissen Straße, und als sie am nächsten Morgen 
in die innere Stadt ging, traf sie ihn wirklich an der im Traume 
genannten Stelle. Ich bemerke, daß dieses wunderbare Zusammen- 
treffen seine Bedeutung durch kein nachfolgendes Erlebnis erwies, 
also nicht aus dem Zukünftigen zu rechtfertigen war. 

Das sorgfältige Examen stellte fest, daß kein Beweis dafür 
vorliege, die Dame habe den Traum bereits am Morgen nach 
der Traumnacht, also vor dem Spaziergang und der Begegnung, 
erinnert. Sie konnte nichts gegen eine Darstellung des Sach- 
verhaltes einwenden, die der Begebenheit alles Wunderbare nimmt 
und nur ein interessantes psycliologisches Problem übrig läßt. Sie 
ist eines Vormittags durch die gewisse Straße gegangen, hat vor 
dem einen Laden ihren alten Hausarzt begegnet und nun bei 
seinem Anblick die Überzeugung bekommen, daß sie die letzte 
Nacht von diesem Zusammentreffen an der nämlichen Stelle 
geträumt habe. Die Analyse konnte dann mit großer Wahrschein- 
lichkeit andeuten, wie sie zu dieser Überzeug-ung gekommen war, 
welcher man ja nach allgemeinen Regeln ein gewisses Am-echt 

1) Vgl. Freud, Traum und Telepathie (Iinago, VIII, 1922, Enthalten in Bd. III 
dieser Gesamtausgabe). 

19' 



aga Zur Psychopathologie des Alltagslehens 

auf Glaubwürdigkeit nicht versagen darf. Ein Zusammentreffen 
am bestimmten Orte nach vorheriger Erwartung, das ist ja der 
Tatbestand eines Rendezvous. Der alte Hausarzt rief die Erinnerung 
an alte Zeiten in ihr wach, in denen Zusammenkünfte mit einer 
dritten, auch dem Arzt befreundeten Pei-son für sie bedeutungs- 
voll gewesen waren. Mit diesem Herrn war sie seitdem in Verkehr 
geblieben und hat am Tage vor dem angeblichen Traum vergeb- 
lich auf ihn gewartet. Könnte ich die hier vorliegenden Bezie- 
hungen ausführlicher mitteilen, so wäre es mir leicht zu zeigen, 
daß die Illusion des prophetischen Traumes beim Anblick des 
Freundes aus früherer Zeit äquivalent ist etwa folgender Rede: 
„Ach, Herr Doktor, Sie erinnern mich jetzt an vergangene Zeiten, 
in denen ich niemals vergeblich auf N. zu warten brauchte, wenn 
wir eine Zusammenkunft bestellt hatten." , : 

Von jenem bekannten „merkwürdigen Zusammentreffen", daß 
man einer Person begegnet, mit welcher man sich gerade in 
Gedanken beschäftigt hat, habe ich bei mir selbst ein einfaches 
und leicht zu deutendes Beispiel beohachtetj welches wahrschein- 
lich ein gutes Vorbild für ähnliche Vorfälle ist. Wenige Tage, 
nachdem mir der Titel eines Professors verliehen worden war, 
der in monarchisch eingerichteten Staaten selbst viel Autorität 
verleiht lenkten während eines Spazierganges durch die innere 
Stadt meine Gedanken plötzlich in eine kindische Rachephantasie 
ein die sich gegen ein gewisses Elternpaar richtete. Diese hatten 
mich einige Monate vorher zu ihrem Töchterchen gerufen, bei 
dem sich eine interessante Zwangserscheinung im Anschluß an 
einen Traum eingestellt hatte. Ich brachte dem Falle, dessen 
Genese ich zu durchschauen glaubte, ein großes Interesse entgegen; 
meine Behandlung wurde aber von den Eltern abgelehnt und mir 
zu verstehen gegeben, daß man sich an eine ausländische Autorität, 
die mittels Hj-pnotismus heile, zu wenden gedenke. Ich phanta- 
sierte nun, daß die Eltern nach dem völligen Mißglücken dieses 
Versuches mich bäten, mit meiner Behandlung einzusetzen, sie 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesicht spunkte 293 

hätten jetzt volles Vertrauen zu mir usw. Ich aber antwortete: 
Ja, jetzt, nachdem ich auch Professor geworden bin, haben Sie 
Vertrauen. Der Titel hat an meinen Fähigkeiten weiter nichts 
geändert; wenn Sie mich als Dozenten nicht brauchen konnten 
können Sie mich auch als Professor entbehren. — An dieser 
Stelle wurde meine Phantasie durch den lauten Gruß Habe 
die Ehre, Herr Professor" unterbrochen, und als ich aufschaute 
ging das nämhche Elternpaar an mir vorüber, an dem ich soeben 
durch die Abweisung ihres Anerbietens Rache genommen hatte. 
Die nächste Überlegung zerstörte den Anschein des Wunderbaren, 
Ich ging auf einer geraden und breiten, fast menschenleeren 
Straße jenem Paar entgegen, hatte bei einem flüchtigen Auf- 
schauen, vielleicht zwanzig Schritte von ihnen entfernt, ihre 
stattlichen Persönlichkeiten erblickt und erkannt, diese Wahr- 
nehmung aber — nach dem Muster einer negativen Halluzination 
— aus jenen Gefühlsmotiven beseitigt, die sich dann in der 
anscheinend spontan auftauchenden Phantasie zur Gehung 
brachten. 

Eine andere „Auflösung einer scheinbaren Vorahnung" berichte 
ich nach Otto Rank: ■ 

„Vor einiger Zeit erlebte ich selbst eine seltsame Variation 
jenes ,merkwürdigen Zusammentreffens', wobei man einer Person 
begegnet, mit welcher man sich gerade in Gedanken beschäftigt 
hat. Ich gehe unmittelbar vor Weihnachten in die Österreichisch- 
Ungarische Bank, um mir zehn neue Silberkronen zu Geschenk- 
zwecken einzuwechseln. In ehrgeizige Phantasien versunken, 
die an den Gegensatz meiner geringen Barschaft zu den im 
Bankgebäude aufgestapelten Geldmassen anknüpfen, biege ich 
in die schmale Bankgasse ein, wo die Bank gelegen ist. Vor 
dem Tor sehe ich ein Automobil stehen und viele Leute aus 
und ein gehen. Ich denke mir, die Beamten werden gerade 
für meine paar Kronen Zeit haben; ich werde es jedenfalls 
rasch abmachen, die zu wechselnde Geldnote hinlegen und 



E94. * Z«^ Psychopathologie des Alltagslebens 



sagen: Bitte, geben Sie mir Gold! — Sogleich bemerke ich 
meinen Irrtum — ich sollte ja Silber verlangen — und 
erwache aus meinen Phantasien. Ich befinde mich nur noch 
wenige Schritte vom Eingang entfernt und sehe einen jungen 
Mann mir entgegenkommen, der mir bekannt vorkommt, den ich 
jedoch wegen meiner Kurzsichtigkeit noch nicht mit Sicherheit 
zu erkennen vermag. Wie er näher kommt, erkenne ich in ihm 
einen Schulkollegen meines Bruders, namens Gold, von dessen 
Bruder, einem bekannten Schriftsteller, ich zu Beginn meiner 
literarischen Laufbahn weitgehende Förderung erwartet hatte. 
Sie blieb jedoch aus und mit ihr auch der erhoffte materielle 
Erfolg, mit dem sich meine Phantasie auf dem Wege zur Bank 
beschäftigt hatte. Ich muß also, in meine Phantasien versunken, 
das Herannahen des Herrn Gold unbewußt apperzipiert haben, 
was sich meinem von materiellen Erfolgen träumenden Bewußt- 
sein in der Form darstellte, daß ich beschloß, am Rassenschalter 
Gold — statt des minderwertigen Silbers — zu verlangen. Ander- 
seits scheint aber auch die paradoxe Tatsache, daß mein Unbe- 
wußtes ein Objekt wahrzunehmen imstande ist, welches meinem 
Auge erst später erkennbar wird, zum Teil aus der Komplex- 
bereitschaft (Bleuler) erklärlich, die ja aufs Materielle eingestellt 
war und meine Schritte gegen mein besseres Wissen von Anfang an 
nach jenem Gebäude gelenkt hatte, wo nur die Gold- und Papier- 
geldverwechslung stattfindet" {Zentralblatt für Psychoanalyse, II, 5)- 
In die Kategorie des Wunderbaren und Unheimhchen gehört 
auch jene eigentümliche Empfindung, die man in manchen 
Momenten und Situationen verspürt, als ob man genau das 
nämliche schon einmal erlebt hätte, sich in derselben Lage schon 
emmal befunden hätte, ohne daß es je dem Bemühen gelingt, 
das Frühere, das sich so anzeigt, deutlich zu erinnern. Ich weiß, 
daß ich bloß dem lockeren Sprachgebrauch folge, wenn ich das, 
was sich in solchen Momenten in einem regt, eine Empfindung 
heiße; es handelt sich wohl um ein Urteil, und zwar ein 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 295 

Erkennungsurteil, aber diese Falle haben doch einen eanz eieen- 
tümlichen Charakter, und daß man sich niemals an. das Gesuchte 
erinnert, darf nicht beiseite gelassen werden. Ich weiß nicht, ob 
dies Phänomen des „dejä vu ' im Ernst zum Erweis einer 
früheren psychischen Existenz des Einzelwesens herangezogen 
worden ist; wohl aber haben die Psychologen ihm ihr Interesse 
zugewendet und die Lösung des Rätsels auf den mannigfaltigsten 
spekulativen Wegen angestrebt. Keiner der beigebrachten Erklärungs- 
versuche scheint mir richtig zu sein, weil in keinem etwas anderes 
als die Begleiterscheinungen und begünstigenden Bedingungen des 
Phänomens in Betracht gezogen wird. Jene psychischen Vorgänge, 
welche nach meinen Beobachtungen allein für die Erklärung 
des „deja zjm" verantwortlich sind, die unbewußten Phantasien 
nämlich, werden ja heute noch von den Psychologen allgemein 
vernachlässigt. 

Ich meine, man tut unrecht, die Empfindung des schon einmal 
Erlebthabens als eine Illusion zu bezeichnen. Es wird vielmehr 
in solchen Momenten wirklich an etwas gerührt, was man bereits 
einmal erlebt hat, nur kann dies letztere nicht bewußt erinnert 
werden, weil es niemals bewußt war. Die Empfindung des „dejä 
i-w" entspricht, kurz gesagt, der Erinnerung an eine unbewußte 
Phantasie. Es gibt unbewußte Phantasien (oder Ta^räume), wie 
es b ewußte solche Schö pfungen gibt^ die ein jeder aus seiner 
eigenen Erfahrung kennt. 

Ich weiß, daß der Gegenstand der eingehendsten Behandlung 
würdig wäre, will aber hier nur die Analyse eines einzigen 
Falles von „dejä vu" anführen, in dem sich die Empfindung 
durch besondere Intensität und Ausdauer auszeichnete. Eine jetzt 
57iährige Dame behauptet, daß sie sich aufs schärfste erinnere, 
im Alter von zwölfeinhalb Jahren habe sie einen ersten Besuch 
bei Schulfreundinnen auf dem Lande gemacht, und als sie in den 
Garten eintrat, sofort die Empfindung gehabt, hier sei sie schon 
einmal gewesen; diese Empfindung habe sich, als sie die Wohn- 



\ 



2g6 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



räume betrat, wiederholt, so daß sie vorher zu wissen glaubte, 
welcher Raum der nächste sein würde, welche Aussicht man 
von ihm aus haben werde usw. Es ist aber ganz ausgeschlossen 
und durch ihre Erkundigung bei den Eltern widerlegt, daß dieses 
ßekanntheitsgefühl in einem früheren Besuch des Hauses und 
Gartens, etwa in ihrer ersten Kindheit, seine Quelle haben könnte. 
Die Dame, die das berichtete, suchte nach keiner psychologischen 
Erklärung, sondern sah in dem Auftreten dieser Empfindung 
einen prophetischen Hinweis auf die Bedeutung, welche eben 
diese Freundinnen später für ihr Gefühlsleben gewannen. Die 
Erwägung der Umstände, unter denen das Phänomen bei ihr 
auftrat, zeigt uns aber den Weg zu einer anderen Auffassung. 
Als sie den Besuch unternahm, wußte sie, daß diese Mädchen 
einen einzigen, schwerkranken Bruder hatten. Sie bekam ihn bei 
dem Besuch auch zu Gesichte, fand ihn sehr schlecht aussehend 
und dachte sich, daß er bald sterben werde. Nun war ihr eigener 
einziger Bruder einige Monate vorher an Diphtherie gefährlich 
erkrankt gewesen; während seiner Krankheit hatte sie vom 
Eltemhause entfernt wochenlang bei einer Verwandten gewohnt. 
Sie glaubt, daß der Bruder diesen Landbesuch mitmachte, meint 
sogar, es sei sein erster größerer Ausflug nach der Krankheit 
gewesen; doch ist ihre Erinnerung in diesen Punkten merk- 
würdig unbestimmt, während alle anderen Details, und besonders 
das Kleid, das sie an jenem Tag trug, ihr überdeutlich vor Augen 
stehen. Dem Kundigen wird es nicht schwer fallen, aus diesen 
Anzeichen zu schließen, daß die Erwartung, ihr Bruder werde 
sterben, hei dem Mädchen damals eine große Rolle gespielt hatte 
und entweder nie bewußt geworden oder nach dem glücklichen 
Ausgang der Krankheit energischer Verdrängung verfallen war. 
Im anderen Falle hätte sie ein anderes Kleid, nämlich Trauer- 
kleidung tragen müssen. Bei den Freundinnen fand sie nun die 
analoge Situation vor, den einzigen Bruder in Gefahr bald zu 
sterben, wie es auch kurz darauf wirklich eintraf. Sie hätte bewußt 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 397 

erinnern sollen, daß sie diese Situation vor wenigen Monaten 
selbst durchlebt hatte; anstatt dies zu erinnern, was durch die 
Verdrängung verhindert war, übertrug sie das Erinnerungsgefühl 
auf die Lokalitäten, Garten und Haus, und verfiel der ,yfausse 
reconnaissance'^ f daß sie das alles genau ebenso schon einmal 
^gesehen habe. Aus der Tatsache der Verdrängung dürfen wir 
schließen, daß die seinerzeitige Erwartung, ihr Bruder werde 
sterben, nicht weit entfernt vom Charakter einer Wunschphantasie 
gewesen war. Sie wäre dann das einzige Kind geblieben. In ihrer 
späteren Neurose litt sie in intensivster Weise unter der Angst, 
ihre Eltern zu verlieren, hinter welcher die Analyse wie gewöhnlich 
den unbewußten Wunsch des gleichen Inhalts aufdecken konnte. 

Meine eigenen flüchtigen Eilebnisse von „dejh vu" habe ich 
mir in ähnlicher Weise aus der Gefühlskonstellation des Moments 
ableiten können. „Das wäre wieder ein Anlaß, jene (unbewußte 
und unbekannte) Phantasie zu wecken, die sich damals und damals 
als Wunsch zur Verbesserung der Situation in mir gebildet hat." 
Diese Erklärung des „deja vu" ist bisher nur von einem einzigen 
Beobachter gewürdigt worden. Dr. Ferenczi, dem die dritte 
Auflage dieses Buches so viel wertvolle Beiträge verdankt, schreibt 
mir hierüber: „Ich habe mich sowohl bei mir als auch bei anderen 
davon überzeugt, daß das unerklärliche Bekanntheitsgefühl auf 
unbewußte Phantasien zurückzuführen ist, an die man in einer 
aktuellen Situation unbewußt erinnert wird. Bei einem meiner 
Patienten ging es anscheinend anders, in Wirklichkeit aber ganz 
analog zu. Dieses Gefühl kehrte bei ihm sehr oft wieder, erwies sich 
aber regelmäßig als von einem vergessenen (verdrängten) 
Traumstück der vergangenen Nacht herrührend. Eis scheint 
also, daß das »dejä vu''* nicht nur von Tagträumen, sondern 
auch von nächtlichen Träumen abstammen kann." 

Ich habe später erfahren, daß Grasset 1904 eine Erklärung 
des Phänomens gegeben hat, welche der meinigen sehr nahe 
kommt. 



2g8 "Zalt Psychopathologie des AUtagslehens 

Im Jahre 1915 habe ich in einer kleinen Abhandlung^ ein 
anderes Phänomen beschrieben, welches dem „dejä f«" 
recht nahe steht. Es ist das „deja raconte^\ die Illusion, 
etwas bereits mitgeteilt zu haben, die besonders interessant ist, 
wenn sie während der psychoanalytischen Behandlung auftritt. 
Der Patient behauptet dann mit allen Anzeichen sub)ektiver 
Sicherheit, daß er eine bestimmte Erinnerung schon längst 
erzählt hat. Der Arzt ist über des Gegenteils sicher und kann 
den Patienten in der Regel seines Irrtums überführen. Die 
Erklärung dieser interessanten Fehlleistung ist wohl die, daß der 
Patient den Impuls und Vorsatz gehabt hat, jene Mitteilung zu 
machen, aber versäumt hat, ihn auszuführen und daß er jetzt 
die Erinnerung an die ersteren als Ersatz für das letztere, die 
Ausführung des Vorsatzes, setzt. 

Einen ähnlichen Tatbestand, wahrscheinlich auch den gleichen 
Mechanismus, zeigen die von Ferenczi so benannten „ver- 
meintlichen Fehlhandlungen"." Man glaubt, etwas — einen 
Gegenstand — vergessen, verlegt, verloren zu haben und kann 
sich überzeugen, daß man nichts dergleichen getan hat, daß alles 
in Ordnung ist. Eine Patientin kommt z. ß. ins Zimmer des 
Arztes zurück mit der Motivierung, sie wolle den Regenschirm 
holen, den sie dort stehen gelassen habe, aber der Arzt bemerkt, 
daß sie ja diesen Schirm - — in der Hand hält. Es bestand also 
der Impuls zu einer solchen Fehlleistung und dieser genügte, 
um deren Ausführung zu ersetzen. Bis auf diesen Unterschied 
ist die vermeintliche Fehlleistung der wirklichen gleichzustellen. 
Sie ist aber sozusagen wohlfeiler. 

E) Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch 
gebildeten Kollegen einige Beispiele von Namenvergessen mit 

1) Über famse reconnaissance („d^jä raconti'^) während der psychoanalytischen 
Arbeit. (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913. Enthalten in Band VI 
dieser Gesamtausgabe. 1 

2) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, III, 1915. 



i 



XJJ, Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 399 



Analyse vorzutragen, beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr 
schön, aber bei mir geht das Namenvergessen anders zu. So leicht 
darf man es sich offenbar nicht machen; ich glaube nicht, daß 
mein Kollege je vorher an eine Analyse bei Namenvergessen 
gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, wie anders es bei ihm 
zugehe. Aber seine Bemerkung berührt doch ein Problem, welches 
viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein werden. Trifft 
die hier gegebene Auflösung der Fehl- und Zufallshandlungen 
allgemein zu oder nur vereinzelt, und wenn letzteres, welches 
sind die BedingLmgen, unter denen sie zur Erklärung der auch 
anderswie ermöglichten Phänomene herangezogen werden darf? 
Bei der Beantwortung dieser Frage lassen mich meine Erfahrungen 
im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, den aufgezeigten 
Zusammenhang für selten zu hahen, denn so oft ich bei mir 
selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, hat er sich 
wie in den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen lassen, oder 
haben sich wenigstens gute Gründe, ihn zu vermuten, ergeben. 
Es ist nicht zu verwundern, wenn es nicht alle Male gelingt, 
den verborgenen Sinn der Symptomhandlung zu finden, da die 
Große der inneren Widerstände, die sich der Lösung widersetzen, 
als entscheidender Faktor in Betracht kommt. Man ist auch nicht 
imstande, bei sich selbst oder bei den Patienten jeden einzelnen 
Traum zu deuten; es genügt, um die Allgemeingüliigkeit der 
Theorie zu bestätigen, wenn man nur ein Stück weit in den 
verdeckten Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, 
der sich beim Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär 
zeigt, läßt sich oft eine Woche oder einen Monat später sein 
Geheimnis entreißen, wenn eine unterdes erfolgte reale Verän- 
derung die miteinander streitenden psychischen Wertigkeiten 
herabgesetzt hat. Das nämliche gilt für die Lösung der Fehl- 
und Symptomhandlungen; das Beispiel von Verlesen „Im Faß 
durch Europa" (auf Seite 119) hat mir die Gelegenheit gegeben 
zu zeigen, wie ein anfänglich unlösbares Symptom der Analyse 






300 Zur Psychopathologie des Alltagslebens 



zugänglich wird, wenn das reale Interesse an den ver- 
drängten Gedanken nachgelassen hat.' Solange die Möglichkeit 
bestand, daß mein Bruder den beneideten Titel vor mir erhalte, 
widerstand das genannte Verlesen allen wiederholten Bemühungen 
der Analyse; nachdem es sich herausgestellt hatte, daß diese 
Bevorzugung unwahrscheinlich sei, klärte sich mir plötzlich der 
Weg, der zur Auflösung desselben führte. Es wäre also unrichtig, 
von all den Fällen, welche der Analyse widerstehen, zu behaupten, 
sie seien durch einen anderen als den hier aufgedeckten psychi- 
schen Mechanismus entstanden^ es brauchte für diese Annahme 
noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden wahr- 
scheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere 
Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist 
jeder Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äuße- 
rung derselben seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt 
haben und die sich darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, 
gegen dessen Aufhellung aber sträuben. 

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, daß die 
verdrängten Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in 
Symptom- und Fehlhandlungen ja nicht selbständig schaffen. 
Die technische Möglichkeit für solches Ausgleiten der Inner- 
vationen muß unabhängig von ihnen gegeben sein; diese wird 
dann von der Absicht des Verdrängten, zur bewußten Geltung 
zu kommen, gern ausgenützt. Welche Struktur- und Funktions- 
relationen es sind, die sich solcher Absicht zur Verfügung stellen, 
das haben für den Fall der sprachlichen Fehlleistung eingehende 

i) Hier knüpfen sehr interessante Probleme ö kono itii s che r Natur an, Fragen, 
welche auf die Tatsache Rücksicht nehmen, daß die psychischen AUäufe auf Lust- 
gewinn und Unlustaufhcbung zielen. Es ist bereits ein ökonomisches Problem, wie 
es möglich wird, einen durch ein Unluslmotiv vergessenen Namen auf dem Wege 
ersetaender Assoziationen wiederni gewinnen. Eine schöne Arbeit von Tausk („Ent- 
wertung des Verdrängungsmotivs durch Rckompense". Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, 1, 1915"} zeigt an guten Beispielen, wie der vergessene Name wieder 
zugänglich wird, wenn es gelimgen ist, ihn in eine lustbetonle Assoziation einiu- 
beziehen, die der bei der Reproduktion zu erwartenden Unlust die Wage halten kann. 




XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauhen, Gesichtspunkte 501 

Untersuchungen der Philosophen und Philologen festzustellen 
sich bemüht. Unterscheiden wir so an den Bedingungen der 
Fehl- und Symptomhandlung das unbewußte Motiv von den ihm 
entgegenkommenden physiologischen und psychophysischen Rela- 
tionen, so bleibt die Frage offen, ob es innerhalb der Breite der 
Gesundheit noch andere Momente gibt, welche wie das unbe- 
wußte Motiv und an Stelle desselben, auf dem Wege dieser 
Relationen die Fehl- und Symptomhandlungen zu erzeugen ver- 
mögen. Es ist nicht meine Aufgabe, diese Frage zu beantworten. 
Es liegt übrigens auch nicht in meiner Absicht, die Verschieden- 
heiten zwischen der psychoanalytischen und der landläufigen 
Auffassung der Fehlleistungen, die ja groß genug sind, noch zu 
übertreiben. Ich möchte vielmehr auf Fälle hinweisen, in denen 
diese Unterschiede viel von ihrer Schärfe einbüßen. Zu den ein- 
fachsten und unaufFäUigsten Beispielen des Versprechens und 
Verschreibens, bei denen etwa nur Worte zusammengezogen 
oder Worte und Buchstaben ausgelassen werden, entfallen die 
komplizierteren Deutungen. Vom Standpunkt der Psychoanalyse 
muß man behaupten, daß in diesen Fällen sich irgendeine 
Störung der Intention angezeigt hat, kann aber nicht angeben, 
woher die Störung stammte und was sie beabsichtigte. Sie 
brachte eben nichts anderes zustande, als ihr Vorhandensein zu 
bekunden. In denselben Fällen sieht man dann auch die von 
uns nie bestrittenen Begünstigungen der Fehlleistung durch laut 
liehe Wertverhältnisse und naheliegende psychologische Assozia 
tionen in Wirksamkeit treten. Es ist aber eine billige wissen- 
schaftliche Forderung, daß man solche rudimentäre Fälle von 
Versprechen oder Verschreiben nach den besser ausgeprägten 
beurteile, deren Untersuchung so unzweideutige Aufschlüsse über 
die Verursachung der Fehlleistungen ergibt. 

F) Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir uns 
begnügt zu beweisen, daß die Fehlleistungen eine verborgene 






e^ 



503 Zur Psychopathologie des Alltagslehens 

Motivierung haben, und uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse 
den Weg zur Kenntnis dieser Motivierung gebahnt. Die allgemeine 
Natur und die Besonderheiten der in den Fehlleistungen zum 
Ausdruck gebrachten psychischen Faktoren haben wir bisher fast 
ohne Berücksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht versucht, 
dieselben näher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmäßigkeit zu 
prüfen. Wir werden auch jetzt keine gründliche Erledigung des 
Gegenstandes versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald 
belehrt haben, daß man in dieses Gebiet besser von anderer Seite 
einzudringen vermag.' Man kann sich hier mehrere Fragen vorlegen, 
die ich wenigstens anführen und in ihrem Umfang umschreiben 
will. 1.) Welches Inhalts und welcher Herkunft sind die Gedanken 
und Regungen, die sich durch die Fehl- und Zufallshandlungen 
andeuten? 2.) Welches sind die Bedingungen dafür, daß ein Gedanke 
oder eine Regung genötigt und in den Stand gesetzt werde, sich 
dieser Vorfälle als Ausdrucks mittel zu bedienen? 5.) Lassen sich 
konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der 
Fehlleistungen und den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck 
Gebrachten nachweisen? 

Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der letzten 
Frage zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele von 
Versprechen haben wir es für nötig gefunden, über den Inhalt 
der intendierten Rede hinauszugehen, und haben die Ursache 
der Redestörung außerhalb der Intention suchen müssen. Dieselbe 
lag dann in einer Reihe von Fällen nahe und war dem Bewußtsein 
des Sprechenden bekannt. In den scheinbar einfachsten und durch- 
sichtigsten Beispielen war es eine gleichberechtigt klingende, andere 
Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck störte, ohne 
daß man hätte angeben können, warum die eine unterlegen, die 
andere durchgedrungen war (Kontaminationen von Meringer 

1) Diese Schrift ist durchaus populär gehalten, will nur durch eine Häufung von Bei- 
spielen den Weg für die notwendige Annahme unbewußter und doch wirk- 
samer seelischer Vorgänge ehnen und vermeidet alle theoretischen Erwägungen 
über die Natur dieses Unbewußten. 



i 



XII. Determinismus, Zufalb- und Aberglauben, Gesichtspunkte 305 

und Mayer). In einer zweiten Gruppe von Fällen war das 
Unterliegen der einen Fassung motiviert durch eine Rücksicht, 
die sich aber nicht stark genug zur völligen Zurückhaltung erwies 
(„zum Vorschwein gekommen")- Auch die zurückgehaltene Fassung 
war klar bewußt. Von der dritten Gruppe erst kann man ohne 
Einschränkung behaupten, daß hier der störende Gedanke von 
dem intendierten verschieden war, und kann hier eine, wie es 
scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der störende Gedanke 
ist entw^eder mit dem gestörten durch Gedankenassoziationen 
verbunden (Störung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm 
wesensfremd, und durch eine befremdende äußerliche Assoziation 
ist gerade das gestörte Wort mit dem störenden Gedanken, der 
oft unbewußt ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich aus 
meinen Psychoanalysen gebracht habe, steht die ganze Rede unter 
dem Einfluß gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbewußter 
Gedanken, die ich entweder durch die Störung selbst verraten 
(Klapperschlange — Kleopatra) oder einen indirekten Einfluß 
äußern, indem sie ermöglichen, daß die einzelnen Teile der bewußt 
intendierten Rede einander stören (As enalmen: woHausenauer- 
straße, Reminiszenzen an eine Französin dahinterstehen). Die 
zurückgehaltenen oder unbewußten Gedanken, von denen die 
Sprechstörung ausgeht, sind von der mannigfaltigsten Herkunft. 
Eine Allgemeinheit enthüllt uns diese Überschau also nach keiner 

Richtung. 

Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Vorlesen und 
Verschreiben führt zu den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle 
scheinen wie beim Versprechen einer weiter nicht motivierten 
Verdichtungsarbeit ihr Entstehen zu danken (z. B. : der Apfe). 
Man möchte aber gern erfahren, ob nicht doch besondere 
Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine solche Verdichtung, 
die in der Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen Denken 
fehlerhaft ist, Platz greife, und bekommt hierüber aus den 
Beispielen selbst keinen Aufschluß. Ich würde es aber ablehnen, 



304 ^f"" Psychopathologie des Alltagslehens 

hieraus den Schluß zu ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen 
als etwa den Nachlaß der bewußten Aufmerksamkeit, da ich von 
anderswoher weiß, daß sich gerade automatische Verrichtungen 
durch Korrektheit und Verläßlichkeit auszeichnen. Ich möchte 
eher betonen, daß hier, wie so häufig in der Biologie, die normalen 
oder dem Normalen angenäherten Verhältnisse ungünstigere Objekte 
der Forschung sind als die pathologischen. Was bei der Erklärung 
dieser leichtesten Störungen dunkel bleibt, wird nach meiner 
Erwartung durch die Aufklärung schwerer Störungen Licht 
empfangen. 

Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen, 
welche eine entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen 
lassen. „Im Faß durch Europa" ist eine Lesestorung, die sich 
durch den Einfluß eines entlegenen, wesensfremden Gedankens 
aufklärt, welcher einer verdrängten Regung von Eifersucht und 
Ehrgeiz entspringt, und den „V\^echsel" des Wortes„Beförderung" 
zur Verknüpfung mit dem gleichgültigen und harmlosen Thema, 
das gelesen wurde, benützt. Im Falle Burckhard ist der Name 
selbst ein solcher „Wechsel". 

Es ist unverkennbar, daß die Störungen der Sprechfunktionen 
leichter Zustandekommen und weniger Anforderungen an die 
störenden Kräfte stellen als die anderer psychischer Leistungen. 

Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Vergessens 
im eigentlichen Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen 
Erlebnissen (das Vergessen von Eigennamen und Fremd werten, 
wie in den Abschnitten I und II, könnte man als „Entfallen", 
das von Vorsätzen als „Unterlassen" von diesem Vergessen sensu 
strictiori absondern). Die Grundbedingungen des normalen Vorgangs 
beim Vergessen sind unbekannt.' Man wird auch daran gemahnt, 

1) über den Mechanismus des eigentüclien Vergessens kann ich etwa folgende 
Andeutungen geben: Das Erinnerimgsniaterial unterliegt im allgemeinen zwei Ein- 
flüssen, der Verdichtung und der Entstellung. Die Entstellung ist das Werk der im 
Seelenleben herrschenden Tendenien und wendet sich vor allem gegen die affekt- 
wirksam gebliebenen Erinnerungsspuren, die sich gegen die Verdichtung resistenter 



XII. Determinismus, Zitfalh- und Aberglauben, Gesichtspunkte 505 

daß nicht alles vergessen ist, was man dafür hält. Unsere Erklärung 
hat es hier nur mit jenen Fällen zu tun, in denen das Vergessen 
bei uns ein Befremden erweckt, insofern es die Regel verletzt, 
daß Unwichtiges vergessen. Wichtiges aber vom Gedächtnis bewahrt 
wird. Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach 
einer besonderen Aufklärung zu verlangen scheinen, ergibt als 
Motiv des Vergessens jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, 
was peinliche Empfindungen erwecken kann. Wir gelangen zur 
Vermutung, daß dieses Motiv im psychischen Leben sich ganz 
allgemein zu äußern strebt, aber durch andere gegenwirkende 
Kräfte verhindert wird, sich irgendwie regelmäßig durchzusetzen. 
Umfang und Bedeutung dieser Erinnerungsunlust gegen peinliche 
Eindrücke scheinen der sorgfältigsten psychologischen Prüfung wert 
zu sein; auch die Frage, welche besonderen Bedingungen das 
allgemein angestrebte Vergessen in einzelnen Fällen ermöglichen, 
ist aus diesem weiteren Zusammenhange nicht zu lösen. 

Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in den 
Vordergrund; der heim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden 
nur vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man erkennt bei 
der Analyse der Beispiele regelmäßig einen Gegenwillen, der sich 
dem Vorsatz widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei früher 

verhalten. Die indifferent gewordenen Spuren verfallen dem Verdi chtungsvorgang 
ohne Gegenwehr, doch kann man beobachten, daß Überdies Entstellungstendenzen 
sich an dem indifferenten Material sättigen, welche dort, wo sie sich äußern wollten, 
unbefriedigt geblieben sind. Da diese Prozesse der Verdichtung und Entstellung sich 
Über lange Zeiten hiniiohen, während welcher alle frischen Erlebnisse auf die 
Umgestaltung des Gedächlnisinhaltes einwirken, meinen wir, es sei die Zeit, welche 
die Erinnerungen unsicher und undeutlich macht. Sehr wahrscheinlich ist beim 
Vergessen von einer direkten Funktion der Zeit überhaupt nicht die Rede. — An den 
verdrängten Erinnerungsspuren kann man konstatieren, daß sie durch die längste 
Zeitdauer keine Veränderungen erfahren haben. Das UnLewußte ist überhaupt zeitlos. 
Der wichtigste und auch befremdendste Charakter der psychischen Fixierung ist der, 
daß alle Eindrücke einerseits in der nämlichen Art erhalten sind, wie sie aufgenommen 
wurden und überdies noch in all den Formen, die sie bei den weiteren Entwick- 
lungen angenommen haben, ein Verhältnis, welches sich durch keinen Vergleich aus 
einer anderen Sphäre erläutern läßt. Der Theorie zufolge ließe sich also jeder 
frühere Zustand des Gedächtnis Inhaltes wieder für die Erinnerung herstellen, auch 
wenn dessen Elemente alle ursprünglichen Beziehungen längst gegen neuere ein- 
getauscht haben. 

Freud, IV. ao 



I 



3o6 Zur Psychopathologie des Alltagshbem 



besprochenen Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen 
des psychischen Vorganges; der Gegenwille kehrt sich entweder 
direkt gegen den Vorsatz (bei Absichten von einigem Belang) 
oder er ist dem Vorsatz selbst wesensfremd und stellt seine 
Verbindung mit ihm durch eine äußerliche Assoziation her 
(bei fast indifferenten Vorsätzen). 

Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. 
Der Impuls, der sich in der Störung der Handlung äußert, ist 
häufig ein Gegenimpuls, doch noch öfter ein überhaupt fremder, 
der nur die Gelegenheit benützt, sich bei der Ausführung der 
Handlung durch eine Störung derselben zum Ausdruck zu bringen. 
Die Fälle, in denen die Störung durch einen inneren Wider- 
spruch erfolgt, sind die bedeutsameren und betreffen auch die 
wichtigeren Verrichtungen. 

Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptom- 
handlungen immer mehr zurück. Diese vom Bewußtsein gering 
geschätzten oder ganz übersehenen motorischen Äußerungen 
dienen so mannigfachen unbewußten oder zurückgehaltenen 
Regungen zum Ausdruck; sie stellen meist Phantasien oder 
Wünsche symbolisch dar. 

Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen 
seien, die sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck bringen, läßt 
sich sagen, daß in einer Reihe von Fällen die Herkunft der 
störenden Gedanken von unterdrückten Regungen des Seelenlehens 
leicht nachzuweisen ist. Egoistische, eifersüchtige, feindselige 
Gefühle und Impulse, auf denen der Druck der moralischen 
Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden nicht selten des 
Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene, aber 
von höheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie 
zu äußern. Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen 
entspricht zum guten Teile einer bequemen Duldung des 
Unmoralischen. Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die 
mannigfachen sexuellen Strömungen keine geringfügige Rolle. Es 



XII. DeterminisTmis, Zufalh- und Aberglauben, Gesichtspunkte 307 

ist ein Zufall des Materials, wenn gerade sie so selten unter 
den durch die Analyse aufgedeckten Gedanken in meinen 
Beispielen erscheinen. Da ich vorwiegend Beispiele aus meinem 
eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war die 
Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluß des 
Sexuellen gerichtet. Andere Male scheinen es höchst harmlose 
Einwendungen und Rücksichten zu sein, aus denen die störenden 
Gedanken entspringen. 

Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, 
welche psychologischen Bedingungen dafür gelten, daß ein Gedanke 
seinen Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam 
parasitärer, als Modifikation und Störung eines anderen suchen 
müsse. Es liegt nach den auffälligsten Beispielen von Fehlhandlung 
nahe, diese Bedingungen in einer Beziehung zur Bewußtseins- 
fähigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder entschieden 
ausgeprägten Charakter des „Verdrängten". Aber die Verfolgung 
durch die Reihe der Beispiele löst diesen Charakter in immer 
mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas 
als zeitraubend hinwegzukommen, — die Erwägung, daß der 
betreffende Gedanke nicht eigentlich zur intendierten Sache gehört, 
— scheinen als Motive für die Zurückdrängung eines Gedankens, 
der dann auf den Ausdruck durch Störung eines anderen 
angewiesen ist, dieselbe Rolle zu spielen wie die moralische 
Verurteilung einer unbotmäßigen Gefühlsregung oder die Abkunft 
von völlig unbewußten Gedankenzügen. Eine Einsicht in die 
allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- und Zufallsleistungen 
läßt sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeut- 
samen Tatsache wird man bei diesen Untersuchungen habhaft; je 
harmloser die Motivierung der Fehlleistung ist, je weniger anstößig 
und darum weniger bewußtseinsunfahig der Gedanke ist, der sich 
in ihr zum Ausdruck bringt, desto leichter wird auch die Auf- 
lösung des Phänomens, wenn man ihm seine Aufmerksamkeit 
zugewendet hat; die leichtesten Fälle des Versprechens werden 



3o8 Z«r Psychopathologie des Alltagslebens 

sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo es sich um Motivierung 
durch wirklich verdrängte Regungen handelt, da bedarf es zur 
Lösung einer sorgfältigen Analyse, die selbst zeitweise auf 
Schwierigkeiten stoßen oder mißlingen kann. 

Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Unter- 
suchung als einen Hinweis darauf zu nehmen, daß die befriedigende 
Aufklärung für die psychologischen Bedingungen der Fehl- und 
Zufallshandlungen auf einem anderen Wege und von anderer 
Seite her zu gewinnen ist. Der nachsichtige Leser möge daher in 
diesen Auseinandersetzungen den Nachweis der Bruchflächen sehen, 
an denen dieses Thema ziemlich künstlich aus einem größeren 
Zusammenhange herausgelöst wurde. 

G) Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach 
diesem weiteren Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus 
der Fehl- und Zufallshandlungen, wie wir ihn durch die Anwendung 
der Analyse kennen gelernt haben, zeigt in den wesentlichsten 
Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus der 
Traumbildung, den ich in dem Abschnitt „Traumarbeit" meines 
Buches über die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die 
Verdichtungen und Kompromißbildungen (Kontaminationen) findet 
man hier wie dort^ die Situation ist die nämliche, daß unbewußte 
Gedanken sich auf ungewölinlichen Wegen, über äußere Assozia- 
tionen, als Modifikation von anderen Gedanken zum Ausdruck 
bringen. Die Ungereimtheiten, Absurditäten und Irrtümer des 
Trauminhaltes, denen zufolge der Trauni kaum als Produkt 
psychischer Leistung anerkannt wird, entstehen auf dieselbe Weise, 
freilich mit freierer Benutzung der vorhandenen Mittel, wie die 
gemeinen Fehler unseres Alltagslebens; hier wie dort löst sich 
der Anschein inkorrekter Funktion durch die 
eigentümliche Interferenz zweier oder mehrerer 
korrekter Leistungen. Aus diesem Zusammentreffen ist ein 
wichtiger Schluß zu ziehen: Die eigentümliche Arbeitsweise, 



XII. Determinismus, Zufalls- und Aberglauben, Gesichtspunkte 309 

deren auffälligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf 
nicht auf den Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, 
wenn wir in den Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für 
ihre Wirksamkeit während des wachen Lebens besitzen. Derselbe 
Zusammenhang verbietet uns auch, tiefgreifenden Zerfall der 
Seelentätigkeit, krankhafte Zustände der Funktion als die Bedingung 
dieser uns abnorm und fremdartig erscheinenden psychischen 
Vorgänge anzusehen.^ 

Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, 
welche die Fehlleistung wie die Traumbilder entstehen läßt, 
wird uns erst ermöglicht, wenn wir erfahren haben, daß die 
psychoneurotischen Symptome, speziell die psychischen Bildungen 
der Hysterie und der Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus 
alle wesentlichen Züge dieser Arbeitsweise wiederholen. An dieser 
Stelle schlösse sich also die Fortsetzung unserer Untersuchungen 
an. Für uns hat es aber noch ein besonderes Interesse, die Fehl-, 
Zufalls- und Symptomhandlungen in dem Lichte dieser letzten 
Analogie zu betrachten. Wenn wir sie den Leistungen der 
Psychoneurosen, den neurotischen Symptomen, gleichstellen, 
gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, daß die Grenze 
zwischen nervöser Norm und Abnormität eine Gießende, und daß 
wir alle ein wenig nervös seien, Sinn und Unterlage. Man kann 
sich vor aller ärztlichen Erfahrung verschiedene Typen von 
solcher bloß angedeuteter Nervosität — von formes frustes der 
Neurosen — konstruieren; Fälle, in denen nur wenige Symptome, 
oder diese selten oder nicht heftig auftreten, die Abschwächung 
also in die Zahl, in die Intensität, in die zeitliche Ausbreitung 
der krankhaften Erscheinungen verlegen; vielleicht würde man 
aber gerade den Typus nicht erraten, welcher als der häufigste 
den Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit zu vermitteln 
scheint. Der uns vorliegende Tj-pus, dessen Rrankheitsäußerungen 
die Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet sich nämlich 

1) Vgl. hieiu „Traumdeutung", S. 5S2. (7. Aufl., S. 449.) 



31 o Zur Psychopathologie des Alltagslehens 



dadurch aus, daß die Symptome in die mindest wichtigen 
psychischen Leistungen verlegt sind, während alles, was höheren 
psycliischen Wert beanspruchen kann, frei von Störung vor sich 
geht. Die gegenteihge Unterbringung der Symptome, ihr Hervor- 
treten an den wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen, 
so daß sie Nahrungsaufnahme und Sexual verkehr, Berufsarbeit 
und Geselligkeit zu stören vermögen, kommt den schweren 
Fällen von Neurose zu und charakterisiert diese besser als etwa 
die Mannigfaltigkeit oder die Lebhaftigkeit der Krankheits- 
äußerungen. . ■ 

Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwer- 
sten Fälle, an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil 
haben, liegt in der Rückführbarkeit der Phänomene 
auf un vollkom.nien unterdrücktes psychisches 
Material, das, vom Bewußtsein abgedrängt, doch 
nicht jeder Fähigkeit, sich zu äußern, beraubt 
Wordenist. 



■ 



F 



DAS INTERESSE AN DER 
PSYCHOANALYSE 



•p^ 



„Das Interesse an der Psychoanalyse" erschien im 7. Jg. der mehrspra- 
chigen Zeitschrift „Scientia" (Bologna I^I)) in deutscher und französischer 
Sprache (französische Übersetzung von M. FF. Hörn, Nifßlwim-Großharthau). 



ERSTER TEIL 

DAS PSYCHOLOGISCHE INTERESSE 

Die Psychoanalyse ist ein ärztliches Verfahren, welches die 
Heilung gewisser Formen von Nervosität (Neurosen) mittels einer 
psychologischen Technik anstrebt. In einer kleinen, 1910 ver- 
öffentlichten Schrift habe ich die Entwicklung der Psychoanalyse 
aus dem kathartischen Verfahren von J. Breuer und ihre 
Beziehung zu den Lehren von Charcot und P- Jan et dar- 
gestellt.' 

Als Beispiele der Krankheitsformen, welche der psychoanalytischen 
Therapie zugänglich sind, kann man die hysterischen Krämpfe 
und Hemmungserscheinungen sowie die mannigfaltigen Symptome 
der Zwangsneurose (Zwangsvorstellungen, Zwangshandlungen) 
nennen. Es sind durchwegs Zustände, welche gelegentlich eine 
spontane Heilung zeigen und in launenhafter, bisher nicht ver- 
standener Weise dem persönlichen Einfluß des Arztes unterliegen. 
Bei den schwereren Formen der eigentlichen Geistesstörungen 
leistet die Psychoanalyse therapeutisch nichts. Aber sowohl bei 
Psychosen wie bei den Neurosen gestattet sie — zum erstenmal 
in der Geschichte der Medizin — einen Einblick in die Herkunft 
und in den Mechanismus dieser Erkrankungen zu gewinnen. 

Diese ärztliche Bedeutung der Psychoanalyse würde indes den 
Versuch nicht rechtfertigen, sie einem Kreise von Gelehrten vor- 

1) über Psychoanalyse, 6. Aufl. 1922. [Enthalten in diesem Bande der Gesamt- 
ausgahe.] 



3^4 'CJßj Interesse an der Psychoanalyse 



zustellen, die sich für die Synthese der 'Wissenschaften interessieren. 
Zumal da dies Unternehmen verfrüht erscheinen müßte, solange 
noch ein großer Teil der Psychiater und Neurologen sich ablehnend 
gegen das neue Heilverfahren benimmt und die Voraussetzungen 
wie die Ergebnisse desselben verwirft. Wenn ich diesen Versuch 
dennoch als legitim erachte, so berufe ich mich darauf, daß die 
Psychoanalyse auch bei anderen als Psychiatern Interesse bean- 
sprucht, indem sie verschiedene andere Wissensgebiete streift und 
unerwartete Beziehungen zwischen diesen und der Pathologie des 
Seelenlebens herstellt. 

Ich werde also jetzt das ärztliche Interesse an der Psychoanalyse 
beiseite lassen, und was ich von dieser jungen Wissenschaft 
behauptet habe, an einer Reihe von Beispielen erläutern. 



Es gibt eine große Anzahl von mimischen und sprachlichen 
Äußerungen sowie von Gedankenbildungen, — bei normalen wie 
bei kranken Menschen, — welche bisher nicht Gegenstand der 
Psychologie gewesen sind, weil man in ihnen nichts anderes 
erblickte als Erfolge von organischer Störung oder abnormemi 
Ausfall an Funktion des seelischen Apparates. Ich meine die Fehl- 
leistungen (Versprechen, Verschreiben, Vergessen usw.), die Zufalls- 
handlungen und die Träume bei normalen, die Krampfanfälle, 
Delirien, Visionen, Zwangsideen und Zwangshandlungen bei 
neurotischen Menschen. Man wies diese Phänomene — soweit 
sie nicht wie die Fehlleistungen überhaupt unbeachtet blieben — 
der Pathologie zu und bestrebte sich physiologische Erklä- 
rungen für sie zu geben, die nun in keinem Falle befriedigend 
geworden sind. Dagegen gelang es der Psychoanalyse zu erweisen, 
daß all diese Dinge durch Annahmen rein psychologischer Natur 
verständlich gemacht und in den Zusammenhang des uns bekannten 
psychischen Geschehens eingereiht werden können. So hat die 
Psychoanalyse einerseits die physiologische Denkweise eingeschränkt 



Das psychologische Interesse 115 



und andererseits ein großes Stück der Pathologie für die Psycho- 
logie erobert. Die stärkere Beweiskraft kommt hier den normalen 
Phänomenen zu. Man kann der Psychoanalyse nicht vorwerfen, 
daß sie am pathologischen Material gewonnene Einsichten auf das 
normale überträgt. Sie führt die Beweise hier und dort unabhängig 
voneinander und zeigt so, daß normale, wie sogenannte patho- 
logische Vorgänge denselben Regeln folgen. 

Von den normalen Phänomenen, die hier in Betracht kommen, 
das heißt von den am normalen Menschen zu beobachtenden, 
werde ich zweierlei ausführlicher behandeln, die Fehlleistungen 
und die Träume. 

Die Fehlleistungen, also das Vergessen von sonst vertrauten 
Worten und Namen, von Vorsätzen, das Versprechen, Verlesen, 
Verschreiben, das Verlegen von Dingen, so daß sie unauffindbar 
werden, das Verlieren, gewisse Irrtümer gegen besseres Wissen, 
manche gewohnheitsmäßige Gesten und Bewegungen — all dies, 
was ich als Fehlleistungen des gesunden und normalen Menschen 
zusammenfasse — ist von der Psychologie im ganzen wenig 
gewürdigt worden, wurde als „Zerstreutheit" klassifiziert, und von 
Ermüdung, Ablenkung der Aufmerksamkeit, von der Nebenwirkung 
gewisser leichter Krankheitszustände abgeleitet. Die analytische 
Untersuchung zeigt aber mit einer allen Ansprüchen genügenden 
Sicherheit, daß diese letztgenannten Momente bloß den Wert von 
Begünstigungen haben, die auch wegfallen können. Die Fehl- 
leistungen sind vollgültige psychische Phänomene und haben 
jedesmal Sinn und Tendenz. Sie dienen bestimmten Absichten, 
die sich infolge der jeweiligen psychologischen Situation nicht 
anders zum Ausdruck bringen können. Diese Situationen sind in 
der Regel die eines psychischen Konflikts, durch welchen die 
unterliegende Tendenz vom direkten Ausdruck abgedrängt und 
auf indirekte Wege gewiesen wird. Das Individuum, welches die 
Fehlleistung begeht, kann sie bemerken oder übersehen; die ihr 
zugrunde liegende unterdrückte Tendenz kann ihm wohl bekannt 



I 



31 6 Das Interesse an der Psychoanalyse 

sein, aber es weiß für gewöhnlich nicht ohne Analyse, daß die 
betreEfende Fehlhandlung das Werk dieser Tendenz ist. Die 
Analysen der Fehlhandlungen sind oft sehr leicht und rasch 
anzustellen. Wenn man auf den Mißgriff aufmerksam geworden 
ist, bringt der nächste Einfall dessen Erklärung. 

Fehlleistungen sind das bequemste Material für jeden, der sich 
von der Glaubwürdigkeit der analytischen Auffassungen überzeugen 
lassen will. In einem kleinen, zuerst 1904 veröffentlichten Buche 
habe ich eine große Anzahl solcher Beispiele nebst ihrer Deutung- 
mitgeteilt und habe diese Sammlung seither durch zahlreiche 
Beiträge anderer Beobachter bereichern können.' 

Als das häufigste Motiv zur Unterdrückung einer Absicht, 
welche dann genötigt ist, sich mit der Darstellung durch eine 
Fehlleistung zu begnügen, stellt sich die Vermeidung von Unlust 
heraus. So vergißt man hartnäckig Eigennamen, wenn man gegen 
die Träger derselben einen geheimen Groll hegt, man vergißt 
Vorsätze auszuführen, wenn man sie im Grunde genommen nur 
ungern ausgeführt hätte, z. B. nur um einer konventionellen 
Nötigung zu folgen. Man verliert Gegenstände, wenn man sich 
mit demjenigen verfeindet hat, an welchen dieser Gegenstand 
mahnt, von dem, er z. B. geschenkt worden ist. Man irrt sich 
beim Einsteigen in einen Eisenbahnzug, wenn man diese Fahrt 
ungerne macht und lieber anderswo geblieben wäre. Am. deut- 
lichsten zeigt sich das Motiv der Vermeidung von Unlust beim 
Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen, wie es bereits von 
mehreren Autoren vor der Zeit der Psychoanalyse bemerkt worden 
ist. Das Gedächtnis ist parteiisch und gerne bereit, alle jene Ein- 
drücke von der Reproduktion auszuschließen, an denen ein peinlicher 
Affekt haftet, wenngleich diese Tendenz nicht in allen Fällen zur 
Verwirklichung gelangen kann. 

1) Zur Psychopathologie des Alltagslebens, [lo. Aufl., 1924. Enthalten in dieiem 
Band der Gesamtausgahe.] Daiu Arbeiten von M a e d er, A. A. B r i 1 1, £. J o n e s, 
O. Kank u. a. 



Das psychologische Interesse «ly 



Andere Male ist die Analyse einer Fehlleistung minder einfach, 
und führt zu weniger durchsichtigen Auflösungen infolge der 
Einmengung eines Vorganges, den wir als Verschiebung 
bezeichnen. Man vergißt z. B. auch den Namen einer Person 
gegen die man nichts einzuwenden hat; aber die Analyse weist 
nach, daß dieser Name assoziativ die Erinnerung an eine andere 
Person mit gleichem oder ähnlich klingendem Namen geweckt 
hat, welche auf unsere Abneigung berechtigten Anspruch macht. 
Infolge dieses Zusammenhanges ist der Name der harmlosen 
Person vergessen worden; die Absicht zu vergessen hat sich gleichsam 
längs einer gewissen Assoziationsbahn verschoben. 

Auch ist die Absicht, Unlust zu vermeiden, nicht die einzige, 
die sich durch Fehlleistungen verwirklicht. Die Analyse deckt in 
vielen Fällen andere Tendenzen auf, die in der betreffenden 
Situation unterdrückt worden sind und sich gleichsam aus dem 
Hintergrunde als Störungen äußern müssen. So dient das Ver- 
sprechen häufig dem Verrat von Meinungen, die vor dem Partner 
geheim gehalten werden sollen. Die großen Dichter haben Ver- 
sprechungen in diesem Sinne verstanden und in ihren Werken 
gebraucht. Das Verlieren wertvoller Gegenstände erweist sich oft 
als Opferhandlung, um ein erwartetes Unheil abzuwenden, und 
manch anderer Aberglaube setzt sich bei den Gebildeten noch als 
Fehlleistung durch. Das Verlegen von Gegenständen ist gewöhnlich 
nichts anderes als eine Beseitigung derselben; Sachbeschädigungen 
werden anscheinend unabsichtlich vorgenommen, um zum Ersatz 
durch Besseres zu nötigen usw. 

Die psychoanalytische Aufklärung der Fehlleistungen bringt 
immerhin einige leise Abänderungen des Weltbildes mit sich, so 
geringfügig die betrachteten Erscheinungen auch sein mögen. 
Wir finden auch den normalen Menschen weit häufiger von 
gegensätzlichen Tendenzen bewegt, als wir erwarten konnten. Die 
Anzahl der Ereignisse, die wir „zufällige" geheißen haben, erfahrt 
eine erhebliche Einschränkung. Es ist fast ein Trost, daß das 



3i8 Das Interesse an der Psychoanalyse 

Verlieren von Gegenständen zumeist aus den Zufälligkeiten des 
Lebens ausscheidet 5 unsere Ungeschicklichkeit wird oft genug zum 
Deckmantel unserer geheimen Absichten. Bedeutungsvoller ist aber, 
daß viele schwere Unglücksfälle, die wir sonst ganz dem Zufall 
zugeschrieben hatten, in der Analyse den Anteil des eigenen, wenn 
auch nicht klar eingestandenen Willens enthüllen. Die in der 
Praxis oft so schwierige Unterscheidung der zufälligen Verunglückung 
vom absichtlich gesuchten Tod wird durch die analytische 
Betrachtung noch mehr zweifelhaft. 

Verdankt die Aufklärung der Fehlleistungen ihren theoretischen 
Wert der Leichtigkeit der Lösung und der Häufigkeit des Vor- 
kommens dieser Phänomene beim normalen Menschen, so steht 
dieser Erfolg der Psychoanalyse doch an Bedeutung weit hinter 
einem nächsten zurück, welcher an einem anderen Phänomen des 
Seelenlebens Gesunder gewonnen wurde. Ich meine die Deutung 
der Träume, mit welcher erst das Schicksal der Psychoanalyse, 
sich in einen Gegensatz zur offiziellen Wissenschaft zu stellen, 
seinen Anfang nimmt. Die medizinische Forschung erklärt den 
Traum für ein rein somatisches Phänomen ohne Sinn und 
Bedeutung, sieht in ihm die Äußerung des in den Schlafzustand 
versunkenen Seelenorgans auf körperhche Reize, die ein partielles 
Erwachen erzwingen. Die Psychoanalyse erhebt den Traum zu 
einem psychischen Akt, der Sinn, Absicht und eine Stelle im 
Seelenleben des Individuums hat, und setzt sich dabei über die 
Fremdartigkeit, die Inkohärenz und die Absurdität des Traumes 
hinaus. Die körperlichen Reize spielen dabei nur die Rolle von 
Materialien, welche bei der Traumbildung verarbeitet werden. 
Zwischen diesen beiden Auffassungen des Traumes gibt es keine 
Vermittlung. Gegen die physiologische Auffassung spricht ihre 
Unfruchtbarkeit, für die psychoanalytische kann man geltend 
machen, daß sie mehrere Tausende von Träumen sinnvoll über- 
setzt und für die Kenntnis des intimen menschlichen Seelenlebens 
verwertet hat. 



■'■^ 



Das psychologische Interesse «iq 



Ich habe das bedeutsame Thema der „Traumdeutung" in einem 
1900 veröffentlichten Werke behandelt und die Befriedigunff 
gehabt, daß fast alle Mitarbeiter an der Psychoanalyse die darin 
vertretenen Lehren durch ihre Beiträge bestätigt und gefördert 
haben." In allgemeiner Übereinstimmung wird behauptet daß die 
Traumdeutung der Grundstein der psychoanalytischen Arbeit ist 
und daß ihre Ergebnisse den wichtigsten Beitrag der Psycho- 
analyse zur Ps}'chologie darstellen. 

Ich kann hier weder die Technik, durch welche man die 
Deutung des Traumes gewinnt, darlegen, noch die Resultate 
begründen, zu welchen die psychoanalytische Bearbeitung 
des Traumes geführt hat. Ich muß mich auf die Aufstellung 
einiger neuer Begriffe, die Mitteilung der Ergebnisse und 
die Hervorhebung ihrer Bedeutung für die Normalpsychologie 
beschränken. 

Die Psychoanalyse lehrt also : Jeder Traum ist sinnvoll, seine 
Fremdartigkeit rührt von Entstellungen her, die an dem Ausdruck 
seines Sinnes vorgenommen worden sind, seine Absurdität ist 
absichtlich und drückt Hohn, Spott und Widerspruch aus, seine 
Inkohärenz ist für die Deutung gleichgültig. Der Traum, wie wir 
ihn nach dem Erwachen erinnern, soll manifester Trauminhalt 
genannt werden. Durch die Deutungsarbeit an diesem wird man 
zu den latenten Traumgedanken geführt, welche sich hinter dem 
manifesten Inhalt verbergen und durch ihn vertreten lassen. 
Diese latenten Traumgedanken sind nicht mehr fremdartig, 
inkohärent oder absurd, es sind vollwertige Bestandteile unseres 
Wachdenkens. Den Prozeß, welcher die latenten Traumgedanken 
in den manifesten Trauminhalt verwandelt hat, heißen wir die 



1) Die Traumdeutung [7. Aufl. 1922; enthalten im Band II und III dieser 
GesamtausgaLej. Dazu die kleinere Schrift: Über den Traum [5. Aufl. 1921; ent- 
halten im Band III dieser Gesamtausgabe]. Andere Piiblikationen von 0. Rank 
W. Stekel, E. Jones, H. Sil her er, A. A. E r i 11, A. Mae der, K. Abraham. 
S. P e r e n c z i II. a. a^ 



320 Das Interesse an der Psychoanalyse 

Traumarbeit; er bringt die Entstellung zustande, in deren 
Folge -wir die Traumgedanken im Trauminhalt nicht mehr 
erkennen. 

Die Traumarbeit ist ein psychologischer Prozeß, dessen gleichen 
in der Psychologie bisher nicht bekannt war. Sie nimmt unser 
Interesse nach zwei Hauptrichtungen in Anspruch. Erstens, indem 
sie neuartige Vorgänge wie die V e r d i c h t u n g (von Vorstellungen) 
oder die Verschiebung (des psychischen Akzents von einer 
Vorstellung zur anderen) aufweist, die wir im Wachdenken 
überhaupt nicht oder nur als Grundlage sogenannter Denkfehler 
aufgefunden haben. Zweitens, indem sie uns gestattet, ein Kräfte- 
spiel im Seelenleben zu erraten, dessen Wirksamkeit unserer 
bewußten Wahrnehmung verborgen war. Wir erfahren, daß es 
eine Zensur, eine prüfende Instanz in uns gibt, welche darüber 
entscheidet, ob eine auftauchende Vorstellung zum Bewußtsein 
gelangen darf, und unerbittlich ausschließt, soweit ihre Macht 
reicht, was Unlust erzeugen oder wiedererwecken könnte. Wir 
erinnern uns hier, daß wir sowohl von dieser Tendenz, Unlust 
bei der Erinnerung zu vermeiden, als auch von den Konflikten 
zwischen den Tendenzen des Seelenlebens Andeutungen bei der 
Analyse der Fehlleistungen gewonnen haben. 

Das Studium der Traumarbeit drängt uns als unabweisbar eine 
Auffassung des Seelenlebens auf, welche die bestrittensten Fragen 
der Psychologie zu entscheiden scheint. Die Traumarbeit zwingt 
uns, eine unbewußte psychische Tätigkeit anzunehmen, welche 
umfassender und bedeutsamer ist als die uns bekannte mit 
Bewußtsein verbundene. (Darüber einige Worte mehr bei der 
Erörterung des philosophischen Interesses an der Psychoanalyse.) 
Sie gestattet uns, eine Ghederung des psychischen Apparates in 
verschiedene Instanzen oder Systeme vorzunehmen, und zeigt, 
daß in dem System der unbewußten Seelentätigkeit Prozesse von 
ganz anderer Art ablaufen als im Bewußtsein wahrgenommen 
werden. 



F 



Das psychologische Interesse äsi 

Die Funktion der Traumarbeit ist immer nur die, den Schlaf 
zu erhalten. „Der Traum ist der Hüter des Schlafes." Die Traum- 
gedanken selbst mögen im Dienste der verschiedensten seelischen 
Funktionen stehen. Die Traum^arbeit erfüllt ihre Aufgabe, indem 
sie einen aus den Traumgedanken siclf erhebenden Wunsch 
auf halluzinatorischem Wege als erfüllt darstellt. 

Man darf es wohl aussprechen, daß das psychoanalyti.sche 
Studium der Träume den ersten Einblick in eine bisher nicht 
geahnte Tiefenpsychologie eröffnet hat.' Es werden grund- 
stürzende Abänderungen der Normal psych ologie erforderlich sein, 
um sie in Einklang mit diesen neuen Einsichten zu bringen. 

Es ist ganz unmöglich, im Rahmen dieser Darstellung das 
psychologische Interesse an der Traumdeutung zu erschöpfen. Ver- 
gessen wir nicht, daß wir nur hervorzuheben beabsichtigten, der 
Traum sei sinnvoll und sei ein Objekt der Psychologie, 
und setzen wir mit den Neuerwerbungen für die Psychologie auf 
pathologischem Gebiete fort. ■■ 

Die aus Traum und Fehlleistungen erschlossenen psychologischen 
Neuheiten müssen noch zur Aufkärung anderer Phänomene brauch- 
har werden, wenn wir an ihren Wert, ja auch nur an ihre 
Existenz glauben sollen. Und nun hat die Psychoanalyse wirklich 
gezeigt, daß die Annahmen der unbewußten Seelentätigkeit, der 
Zensur und der Verdrängung, der Entstellung und Ersatzbildung, 
welche wir durch die Analyse jener normalen Phänomene 
gewonnen haben, uns auch das erste Verständnis einer Reihe 
von pathologischen Phänomenen ermöglichen, uns sozusagen die 
Schlüssel zu allen Rätseln der Neurosen psych ologie in die Hände 
spielen. Der Traum wird so zum Normalvorbild aller psycho- 
pathologischen Bildungen. Wer den Traum versteht, kann 
auch den psychischen Mechanismus der Neurosen und Psychosen 
durchschauen. 

i) Eine Beiieliung dieser psychischen Topik auf anatomische Lagerung oder 
histologische Schichtung wird von der Psychoanalyse derzeit zurückgewiesen, 

Freud, IV. 21 



jaa Das Interesse an der Psychoanalyse 

Die Psychoanalyse ist durch ihre vom Traum ausgehende 
Untersuchungen in den Stand gesetzt worden, eine Neurosen- 
psychologie aufzubauen, zu welcher in stetig forlgesetzter Arbeit 
Stück um Stück hinzugefügt wird. Doch erfordert das psycho- 
logische Interesse, welch&m wir hier folgen, nicht mehr, als daß 
wir zwei Bestandteile dieses großen Zusammenhanges ausführlicher 
behandeln: den. Nachweis, daß viele Phänomene der Pathologie, 
die man glaubte physiologisch erklären zu müssen, psychische 
Akte sind, und daß die Prozesse, welche die abnormen Ergeb- 
nisse liefern, auf psychische Triebkräfte zurückgeführt werden 

können. 

Ich will die erste Behauptung durch einige Beispiele erläutern: 
Die hysterischen Anfälle sind längst als Zeichen gesteigerter 
emotiver Erregung erkannt und den Affektausbrüchen gleich- 
gestellt worden. Charcot versuchte die Mannigfaltigkeit ihrer 
Erscheinungsformen in deskriptive Formeln zu bannen^ F. Janet 
erkannte die unbewußte Vorstellung, die hinter diesen Anfällen 
wirkte die Psychoanalyse hat dargetan, daß sie mimische Dar- 
stellungen von erlebten und gedichteten Szenen sind, welche die 
Phantasie der Kranken beschäftigen, ohne ihnen bewußt zu 
werden. Durch Verdichtungen und Entstellungen der dargestellten 
Aktionen werden diese Pantomimen für den Zuschauer undurch- 
sichtig gemacht. Unter dieselben Gesichtspunkte fallen aber auch 
alle anderen sogenannten Dauersymptome der hysterischen Kranken. 
Es sind durchwegs mimische oder halluzinatorische Darstellungen 
von Phantasien, welche deren Gefühlsleben unbewußt beherrschen 
und eine Erfüllung ihrer geheimen verdrängten Wünsche 
bedeuten. Der qualvolle Charakter dieser Symptome rührt von 
dem inneren Konflikt her, in welchen das Seelenleben dieser 
Kranken durch die Notwendigkeit der Bekämpfung solcher unbe- 
wußter Wunschregungen versetzt wird. 

Bei einer anderen neurotischen Affektion, der Zwangsneurose, 
verfallen die Kranken einem peinlich gehandhabten, anscheinend 



Das psychologische Interesse «3« 

sinnlosen Zeremoniell, das sich in der Wiederholung und Rhvth- 
mierung der gleichgültigsten Handlungen, wie Waschen, Ankleiden, 
oder in der Ausführung unsinniger Vorschriften, in der Ein- 
haltung rätselhafter Verbote äußert. Es war geradezu ein Triumph 
der psychoanalytischen Arbeit, als es ihr gelang nachzuweisen 
wie sinnvoll all diese Zwangshandlungen sind, selbst die unschein- 
barsten und geringfügigsten unter ihnen, wie sie die Konflikte 
des Lebens, den Kampf zwischen Versuchungen und moralischen 
Hemmungen, den verfemten Wunsch selbst und die Strafen 
und Bußen dafür am indifferenten Material widerspiegeln. Bei 
einer anderen Form derselben Krankheit leiden die Betroffenen 
an peinigenden Vorstellungen, Zwangsideen, deren Inhalt sich 
ihnen gebieterisch aufdrängt, von Affekten begleitet, die in 
Art und Intensität durch den Wortlaut der Zwangsideen selbst 
oft nur sehr wenig erklärt werden. Die analytische Untersuchung 
hat hier gezeigt, daß die Affekte voll berechtigt sind, indem sie 
Vorwürfen entsprechen, denen wenigstens eine psychische 
Realität zugrunde liegt. Die an diese Affekte gehängten 
Vorstellungen sind aber nicht mehr die ursprünglichen, sondern 
durch Verschiebung (Ersetzung, Substitution) von etwas Ver- 
drängtem in diese Verknüpfung geraten. Die Reduktion (das 
Rückgängigmachen) dieser Verschiebungen bahnt den Weg zur 
Erkenntnis der verdrängten Ideen und läßt die Verknüpfung von 
Affekt und Vorstellung als durchaus angemessen erscheinen. 

Bei einer anderen neurotischen Affektion, der eigentlich unheil- 
baren Dementia praecox (Paraphrenie, Schizophrenie), welche 
in ihren schlimmsten Ausgängen die Kranken völlig teilnahmslos 
erscheinen läßt, erübrigen oft als einzige Aktionen gewisse gleich- 
förmig wiederholte Bewegungen und Gesten, die als Stereotypien 
bezeichnet worden sind. Die analytische Untersuchung solcher 
Reste (durch C. G. Jung) hat sie als Überbleibsel von sinnvollen 
mimischen Akten erkennen lassen, in denen sich einst die das 
Individuum beherrschenden Wunschregungen Ausdruck verschafften. 

21* 



gB4 Das Interesse an der Psychoanalyse 

Die tollsten Reden und sonderbarsten Stellungen und Haltungen 
dieser Kranken haben ein Verständnis und die Einreihung in den 
Zusammenhang des Seelenlebens gestattet, seitdem man mit 
psychoanalytischen Voraussetzungen an sie herangetreten ist. 

Ganz ähnliches gilt für die Delirien und Halluzinationen und 
für die Wahnsysteme verschiedener Geisteskranker. Überall, wo 
bisher nur die bizarrste Laune zu walten schien, hat die psycho- 
analytische Arbeit Gesetz, Ordnung und Zusammenhang aufge- 
zeigt oder wenigstens ahnen lassen, insoferne diese Arbeit noch 
unvollendet ist. Die verschiedenartigen psychischen Erkrankungs- 
formen erkennt man aber als Ausgänge von Prozessen, welche 
im Grunde identisch sind, und die sich mit psychologischen 
Begriffen erfassen und beschreiben lassen. Überall sind der schon 
bei der Traumbildung aufgedeckte psychische Konflikt im 
Spiele, die Verdrängung gewisser Triebregungen, die von 
anderen Seelenkräften ins Unbewußte zurückgewiesen werden, 
die Reaktionsbildungen der verdrängenden Kräfte und die 
Ersatzbildungen der verdrängten, aber ihrer Energie nicht 
völlig beraubten Triebe. Überall äußern sich bei diesen Vorgängen 
die vom Traum her bekannten Prozesse der Verdichtung und 
Verschiebung. Die Mannigfaltigkeit der in der psychiatrischen 
Klinik beobachteten Krankheitsformen hängt von zwei anderen 
Mannigfaltigkeiten ab: von der Vielheit der psychischen Mecha- 
nismen, welche der Verdrängungsarbeit zu Gebote stehen, und 
von der Vielheit der entwicklungsgeschichtlichen Dispositionen, 
welche den verdrängten Regungen den Durchbruch zu Ersatz- 
bildungen ermöglichen. 

Die gute Hälfte der psychiatrischen Aufgabe wird von der 
Psychoanalyse zur Erledigung an die Psychologie gewiesen. Doch 
wäre es ein arger Irrtum, wollte man annehmen, daß die Analyse 
eine rein psychologische Auffassung der Seelenstörungen anstrebt 
oder befürwortet. Sie kann nicht verkennen, daß die andere 
Hälfte der psychiatrischen Arbeit den Einfluß organischer Faktoren 



Das psychologische Interesse «ag 

(mechanischer, toxischer, infektiöser) auf den seelischen Apparat 
zum Inhalt hat. In der Ätiologie der Seelenstörungen nimmt sie 
nicht einmal für die mildesten derselben, für die Neurosen, 
einen rein psychogenen Ursprung in Anspruch, sondern, sucht 
deren Verursachung in der Beeinflussung des Seelenlebens durch 
ein später zu erwähnendes, unzweifelhaft organisches Moment. 
Die detaillierten Ergebnisse der Psychoanalyse, welche für die 
allgemeine Psychologie bedeutsam werden müssen, sind allzu 
zahlreich, als daß ich sie hier anführen könnte. Ich will nur 
noch zwei Punkte mit einer Erwähnung streifen: Die unzwei- 
deutige Art, wie die Psychoanalyse das Primat im Seelenleben 
für die Affektvorgänge in Anspruch nimmt, und den Nachweis 
eines ungeahnten Ausmaßes von affektiver Störung und Ver- 
blendung des Intellekts bei den normalen nicht anders als bei 
den kranken Menschen. 




ZWEITER TEIL 

DAS INTERESSE DER PSYCHOANALYSE FÜR DIE 
NICHT PSYCHOLOGISCHEN WISSENSCHAFTEN 

A) Das sprachwissenschaftliche Interesse 

Ich überschreite gewiß die gebrauchliche Wortbedeutung, wenn 
ich das Interesse des Sprachforschers für die Psychoanalyse 
postuliere. Unter Sprache muß hier nicht bloß der Ausdruck von 
Gedanken in Worten, sondern auch die Gebärdensprache und 
jede andere Art von Ausdruck seelischer Tätigkeit, wie die 
Schrift, verstanden werden. Dann aber darf man geltend machen, 
daß die Deutungen der Psychoanalyse zunächst Übersetzungen 
aus einer uns fremden Ausdrucksweise in die unserem Denken 
vertraute sind. Wenn wir einen Traum deuten, so übersetzen 
wir bloß einen gewissen Gedankeninhalt (die latenten Traum- 
gedanken) aus der „Sprache des Traumes" in die unseres Wach- 
lebens. Man lernt dabei die Eigentümlichkeiten dieser Traum- 
sprache kennen und gewinnt den Eindruck, daß sie einem in 
hohem Grade archaischen Ausdruckssystem angehört. So z. B. 
wird die Negation in der Sprache des Traumes niemals besonders 
bezeichnet. Gegensätze vertreten einander im Trauminhalt und 
werden durch dasselbe Element dargestellt. Oder, wie man auch 
sagen kann: in der Traumsprache sind die Begriffe noch 
ambivalent, vereinigen in sich entgegengesetzte Bedeutungen, wie 
es nach den Annahmen der Sprachforscher bei den ältesten 



Das sprachivissenschaftliche Interesse 527 



Wurzeln der historischen Sprachen der Fall gewesen ist.^ Ein anderer 
auffälliger Charakter unserer Traumsprache ist die überaus häufige 
Verwendung der Symbole, die in gewissem Maße eine Über- 
setzung des Trauminhaltes unabhängig von den individuellen 
Assoziationen gestatten. Das Wesen dieser Symbole ist von der 
Forschung noch nicht klar genug erfaßt; es sind Ersetzungen 
und Vergleichungen auf Grund von Ähnlichkeiten, die zum Teil 
klar zutage liegen; bei einem anderen Teile dieser Symbole ist 
aber das zu vermutende Tertium comparationis unserer bewußten 
Kenntnis abhanden gekommen. Gerade diese Symbole dürften 
aus den ältesten Phasen der Sprach entwicklung und Begriffs- 
bildung stammen. Im Traume sind es vorwiegend die Sexual- 
organe und die sexuellen Verrichtungen, welche eine symbolische 
Darstellung, anstatt einer direkten, erfahren. Ein Sprachforscher, 
Hans Sperber (Upsala), hat erst kürzlich den Nachweis versucht, 
daß Worte, die ursprünglich sexuelle Tätigkeiten bedeuteten, auf 
Grund solcher Vergleichung zu einem außerordentlich reichen 
Bedeutungswandel gelangt sind.^ 

Wenn wir daran denken, daß die Darstellungsraiitel des 
Traumes hauptsächlich visuelle Bilder, nicht Worte, sind, so wird 
uns der Vergleich des Traumes mit einem Schriftsystem noch 
passender erscheinen als der mit einer Sprache. In der Tat ist 
die Deutung eines Traumes durchaus analog der Entzifferung 
einer alten Bilderschrift, wie der ägyptischen Hieroglyphen. Es 
gibt hier wie dort Elemente, die nicht zur Deutung, respektive 
Lesung, bestimmt sind, sondern nur als Determinativa das Ver- 
ständnis anderer Elemente sichern sollen. Die Vieldeutigkeit 
verschiedener Traumelemente findet ihr Gegenstück in diesen 
alten Schriftsystemen ebenso wie die Auslassung verschiedener 

1) Vgl, Abel, Über den Gegensinn der Urworte. Referat im „Jahrbuch für 
psychoanalytiscLe und psych opathologische Forschungen", II. Bd., igio. (Enthalten 
im Bd. X dieser Gesamtausgabe). 

2) „Über den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der u 
Sprache" (Imago T, igia)- i' 



3b8 Das Interesse an der Psychoanalyse 

Relationen, die hier wie dort aus dem Zusammenhange ergänzt 
werden müssen. Wenn eine solche Auffassung der Traumdarstellung 
noch keine weitere Ausführung gefunden hat, so geht dies auf 
den leicht begreiflichen Umstand zurück, daß dem Psychoanalytiker 
durchwegs jene Gesichtspunkte und Kenntnisse abgehen, mit denen 
der Sprachforscher an ein Thema wie das des Traumes heran- 
treten würde. 

Die Traumsprache, kann man sagen, ist die Ausdrucks weise 
der unbewußten Seelentätigkeit. Aber das Unbewußte spricht 
mehr als nur einen Dialekt. Unter den veränderten psycho- 
logischen Bedingungen, welche die einzelnen Formen von Neurose 
charakterisieren und voneinander scheiden, ergeben sich auch 
konstante Abänderungen des Ausdruckes für unbewußte seelische 
Regungen. Während die Gebärdensprache der Hysterie im ganzen 
mit der Bildersprache des Traumes, der Visionen usw. zusammen- 
trifft, ergeben sich besondere idiomatische Ausbildungen für die 
Gedankensprache der Zwangsneurose und der Paraphrenien 
(Dementia praecox und Paranoia), die wir in einer Reihe 
von Fällen bereits verstehen und aufeinander beziehen können. 
Was z. B. eine Hysterika durch Erbrechen darstellt, das wird 
sich beim Zwangskranken durch peinliche Schutzmaßregeln gegen 
Infektion äußern und den Paraphreniker zur Klage oder zum 
Verdacht, daß er vergiftet werde, veranlassen. Was hier so 
verschiedenen Ausdruck findet, ist der ins Unbewußte verdrängte 
Wunsch nach Schwängerung, respektive die Abwehr der 
erkrankten Person gegen denselben. 

Bj Das philosophische Interesse 

Insofern die Philosophie auf Psychologie aufgebaut ist, wird 
sie nicht umhin können, den psychoanalytischen Beiträgen zur 
Psychologie in ausgiebigster Weise Rechnung zu tragen und auf 
diese neue Bereicherung unseras W issens in ähnlicher Art zu 



^ 
M 



Das philosophische Interesse 520 



reagieren, wie sie es bei allen bedeutenderen Fortschritten der 
Spezial Wissenschaften gezeigt hat. Insbesondere die Aufstellung 
der unbewußten Seelentätigkeiten muß die Philosophie nötieen 
Partei zu nehmen und im Falle der Zustimmung ihre Hypothesen 
über das Verhältnis des Seelischen zum Leiblichen zu modifizieren 
bis sie der neuen Kenntnis entsprechen. Die Philosophie hat 
sich allerdings wiederholt mit dem Problem des Unbewußten 
beschäftigt, aber ihre Vertreter haben dabei — mit wenigen 
Ausnahmen - - eine von den zwei Positionen eingenommen, die 
nun anzuführen sind. Entweder ihr Unbewußtes war etwas 
Mystisches, nicht Greifbares und nicht Aufzeigbares, dessen 
Beziehung zum Seelischen im Dunkeln blieb, oder sie haben das 
Seelische mit dem Bewußten identifiziert und dann aus dieser 
Definition abgeleitet, daß etwas Unbewußtes nichts Seelisches und 
kein Gegenstand der Psychologie sein könne. Die Äußerungen 
rühren daher, daß die Philosophen das Unbewußte beurteilt 
haben, ohne die Phänomene der unbewußten Seelentätigkeit zu 
kennen, also ohne zu ahnen, inwieweit sie den bewußten 
Phänomenen nahe kommen und worin sie sich von ihnen unter- 
scheiden. Will jemand trotz dieser Kenntnisnahme an der 
Konvention festhalten, welche Bewußtes und Psychisches gleich- 
stellt, und darum dem Unbewußten den psychischen Charakter 
absprechen, so ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, außer 
daß eine solche Scheidung sich als höchst unpraktisch herausstellt. 
Denn das Unbewußte ist von seilen seiner Beziehung zum Bewußten, 
mit dem es so vieles gemeinsam hat, leicht zu beschreiben und 
in seinen Entwicklungen zu verfolgen; von der Seite des 
physischen Prozesses ihm näher zu kommen, erscheint hingegen 
jetzt noch völlig ausgeschlossen. Es muß also Objekt der Psycho- 
logie bleiben. 

Noch in anderer Art kann die Philosophie aus der Psycho- 
analyse Anregung gewinnen, nämlich indem sie selbst zum 
Objekt derselben wird, Die philosophischen Lehren und Systeme 



350 Das Interesse an der Psychoanalyse 

sind das Werk einer geringen Anzahl von Personen von hervor- 
ragender individueller Ausprägung; in keiner anderen Wissenschaft 
fällt auch der Persönlichkeit des wissenschaftlichen Arbeiters eine 
annähernd so große Rolle zu wie gerade bei der Philosophie. 
Nun setzt uns erst die Psychoanalyse in den Stand, eine Psycho- 
graphie der Persönlichkeit zu geben. (Vgl. unten: Das soziologische 
Interesse.) Sie lehrt uns die affektiven Einheiten — die von 
Trieben abhängigen Komplexe — kennen, welche in iedem 
Individuum vorauszusetzen sind, und leitet uns in das Studium 
der Umwandlungen und Endergebnisse, welche aus diesen Trieb- 
kräften hervorgehen. Sie deckt die Beziehungen auf, welche 
zwischen konstitutionellen Anlagen und Lebensschicksalen einer 
Person und den dank einer besonderen Begabung bei ihr möglichen 
Leistungen bestehen. Die intime Persönlichkeit des Künstlers, die 
sich hinter seinem Werk verbirgt, vermag sie aus diesem Werk 
mit größerer oder geringerer Treffsicherheit zu erraten. So kann 
die Psychoanalyse auch die subjektive und individuelle Motivierung 
von philosophischen Lehren aufzeigen, welche vorgeblich un- 
parteiischer logischer Arbeit entsprungen sind, und der Kritik 
selbst die schwachen Punkte des Systems anzeigen. Diese Kritik 
selbst zu besorgen, ist nicht Sache der Psychoanalyse, denn, wie_ 
begreiflich, schließt die psychologische Determinierung einer Lehre 
ihre wissenschaftliche Korrektheit keineswegs aus. 

C) Das biologische Interesse 

Die Psychoanalyse hat nicht wie andere junge Wissenschaften 
das Schicksal gehabt, von erwartungsvoller Teilnahme der am 
Fortschritt der Erkenntnis Interessierten begrüßt zu werden. Sie 
wurde lange Zeit nicht angehört, und als endlich Vernachlässigung 
nicht mehr möglich war, wurde sie aus affektiven Gründen 
Gegenstand heftigster Anfeindung von selten solcher, die sich nicht 
die Mühe gegeben hatten, sie kennen zu lernen. Diese unfreund- 



V>as biologische Interesse isj 



liehe Aufnahme verdankt sie dem einen Umstand, daß sie an 
ihren Forschungsobjekten frühzeitig die Entdeckung machen 
mußte, die nervösen Erkrankungen seien der Ausdruck von 
Störung der Sexualfunktion, und darum Gründe hatte, sich 
der Erforschung der allzu lange vernachlässigten Sexualfunktion 
zu widmen. Wer aber an der Forderung festhält, daß wissen- 
schaftliches Urteil nicht durch affektive Einstellungen beeinflußt 
werden darf, wird der Psychoanalyse wegen dieser ihrer Forschungs- 
richtung hohes biologisches Interesse zugestehen und die Wider- 
stände gegen sie gerade als Beweise für ihre Behauptungen 
verwerten. 

Die Psychoanalyse ist der menschlichen Sexualfunktion gerecht 
geworden, indem sie die von vielen Dichtem und manchen 
Philosophen betonte, von der Wissenschaft niemals anerkannte 
Bedeutung derselben für das seelische und praktische Leben bis 
ins Einzelne verfolgte. Für diese Absicht mußte zunächst der 
ungebührlich eingeengte Begriff der Sexualität eine Erweiterung 
erfahren, welche sich durch die Berufung auf die Überschrei- 
tungen der Sexualität (die sogenannten Perversionen) und auf das 
Benehmen des Kindes rechtfertigen ließ. Es zeigte sich als 
unhaltbar, noch länger zu behaupten, daß die Kindheit asexueU 
sei und erst zur Zeit der Pubertät von dem plötzlichen Einbruch 
der sexuellen Regungen überfallen werde. Vielmehr konnte die 
Beobachtung, wenn sie sich nur erst der Blendung durch Interesse 
und Vorurteil entzogen hatte, mit Leichtigkeit nachweisen, daß 
sexuelle Interessen und Betätigungen beim menschlichen Kinde 
fast zu jeder Lebenszeit und von allem Anfang an bestehen. 
Diese infantile Sexualität wird in ihrer Bedeutsamkeit nicht 
dadurch beeinträchtigt, daß ihre Grenzen gegen das asexuelle Tun 
des Kindes nicht an allen Stellen mit voller Sicherheit abzustecken 
sind. Sie ist aber etwas anderes als die „normal" genannte 
Sexualität des Erwachsenen. Ihr Umfang schließt die Keime zu 
all jenen sexuellen Betätigungen ein, die später als Perversionen 



^ 



332 Das Ijiteresse an der Psychoanalyse 

dem normalen Sexualleben schroff gegenübergestellt werden, dann 
aber auch unbegreiflich und lasterhaft erscheinen müssen. Aus 
der infantilen Sexualität geht die normale des Erwachsenen 
hervor durch eine Reihe von Entwicklungsvorgängen, Zusammen- 
setzungen, Abspaltungen und Unterdrückungen, welche fast 
niemals in idealer Vollkommenheit erfolgen und darum die 
Dispositionen zur Rückbildung der Funktion in Krankheitszustanden 
hinterlassen. 

Die infantile Sexualität läßt zwei weitere Eigenschaften erkennen, 
welche für die biologische Auffassung bedeutungsvoll sind. Sie 
erweist ihre Zusammensetzung aus einer Reihe von Partialtrieben, 
welche an gewisse Körperregionen — - erogene Zonen — geknüpft 
erscheinen, und von denen einzelne von Anfang an in Gegen- 
satzpaaren — als Trieb mit aktivem und passivem Ziel — auf- 
treten. Wie späterhin in Zuständen des sexuellen Begehrens nicht 
bloß die Geschlechtsorgane der geliebten Person, sondern deren 
ganzer Körper zum Sexualobjekt wird, so sind von allem Anfang 
an nicht bloß die Genitalien, sondern auch verschiedene andere 
Körperstellen die Ursprungsstätten sexueller Erregung und ergeben 
bei geeigneter Reizung sexuelle Lust. Damit in engem Zusammen- 
hange steht der zweite Charakter der infantilen Sexualität, ihre 
anfängliche Anlehnung an die der Selbsterhaltung dienenden 
Funktionen der Nahrungsaufnahme und der Ausscheidung, 
wahrscheinlich auch der Muskelerregung und der Sinnestätigkeit. 

Wenn wir die Sexualität mit Hilfe der Psychoanalyse beim 
gereiften Individuum studieren und das Leben des Kindes im 
Lichte der so gewonnenen Einsichten betrachten, erscheint uns 
die Sexualität nicht als eine bloß der Fortpflanzung dienende, 
der Verdauung, Atmung usw. gleichzustellende Funktion, sondern 
als etwas weit Selbständigeres, was sich vielmehr allen anderen 
Tätigkeiten des Individuums gegenüberstellt und erst durch eine 
komplizierte, an Einschränkungen reiche Entwicklung in den 
Verband der individuellen Ökonomie gezwungen wird. Der 



Das biologische Interesse %ii 

theoretisch sehr wohl denkbare Fall, daß die Interessen dieser 
sexuellen Strebungen nicht mit denen der individuellen Selbst- 
erhaltung zusammenfallen, scheint in der Krankheitsgruppe der 
Neurosen verwirklicht zu sein, denn die letzte Formel welche 
die Psychoanalyse über das Wesen der Neurosen ergibt, lautet: 
Der Urkonflikt, aus welchem die Neurosen hervorgehen, ist der 
zwischen den das Ich erhaltenden und den sexuellen Trieben. 
Die Neurosen entsprechen einer mehr oder weniger partiellen 
Überwältigung des Ich durch die Sexualität, nachdem dem Ich 
der Versuch zur Unterdrückung der Sexualität mißlungen ist. 

Wir haben es notwendig gefunden, biologische Gesichtspunkte 
während der psychoanalytischen Arbeit ferne zu halten, und 
solche auch nicht zu heuristischen Zwecken zu verwenden, damit 
wir in der unparteiischen Beurteilung der uns vorliegenden 
psychoanalytischen Tatbestände nicht beirrt werden. Nach voll- 
zogener psychoanalytischer Arbeit müssen wir aber den Anschluß 
an die Biologie finden und dürfen zufrieden sein, wenn er schon 
jetzt in dem einen oder anderen wesentlichen Punkte gesichert 
scheint. Der Gegensatz zwischen Ichtrieben und Sexualtrieb, auf 
den wir die Entstehung den Neurosen zurückführen mußten, 
setzt sich als Gegensatz zwischen Trieben, welche der Erhaltung 
des Individuums, und solchen, die der Fortsetzung der Art dienen, 
aufs biologische Gebiet fort. In der Biologie tritt uns die 
umfassendere Vorstellung des unsterblichen Keimplasmas entgegen, 
an welchem wie sukzessiv entwickelte Organe die einzelnen ver- 
gänglichen Individuen hängen; erst aus dieser können wir die 
Rolle der sexuellen Triebkräfte in der Physiologie und Psychologie 
des Einzelwesens richtig verstehen. 

Trotz aller Bemühung, biologische Termini und Gesichtspunkte 
nicht zur Herrschaft in der psychoanalytischen Arbeit gelangen 
zu lassen können wir es nicht vermeiden, sie schon in der 
Beschreibung der von uns studierten Phänomene zu gebrauchen. 
Wir können dem „Trieb" nicht ausweichen als einem Grenz- 



i 



354 ■^'^ Interesse an der Psychoanalyse 

begriff zwischen psychologischer und biologischer Auffassung, und 
wir sprechen von „männlichen" und „weiblichen" seelischen 
Eigenschaften und Strebungen, obwohl die Geschlechtsverschieden- 
heiten streng genommen keine besondere psychische Charakteristik 
beanspruchen können. Was wir im Leben männlich oder weibhch 
heißen, reduziert sich für die psychologische Betrachtung auf die 
Charaktere der Aktivität und der Passivität, das heißt auf Eigen- 
schaften, welche nicht von den Trieben selbst, sondern von deren 
Zielen anzugeben sind. In der regelmäßigen Gemeinschaft solcher 
„aktiver" und „passiver" Triebe im Seelenleben spiegelt sich die 
Bisexualität der Individuen, welche zu den klinischen Voraus- 
setzungen der Psychoanalyse gehört. 

Ich werde befriedigt sein, wenn diese wenigen Bemerkungen 
darauf aufmerksam gemacht haben, welch ausgiebige Vermittlung 
zwischen der Biologie und der Psychologie durch die Psycho- 
analyse hergestellt wird. 



D) Das entiuicklungsgeschichtliche Interesse 

Nicht jede Analyse psychologischer Phänomene wird den 
Namen einer Psychoanalyse verdienen. Die letztere bedeutet mehr 
1 als die Zerlegung zusammengesetzter Erscheinungen in einfachere} 

sie besteht in einer Zurückführung einer psychischen Bildung auf 
andere, welche ihr zeitlich vorhergegangen sind, aus denen sie 
sich entwickelt hat. Das ärztliche psychoanalytische Verfahren 
konnte kein Leidenssymptom beseitigen, wenn es nicht seiner 
Entstehung und Entwicklung nachspürte: so ist die Psychoanalyse 
von allem Anfang an au f die Verfolgung von Entwicklungs- 
vorgängen gewiesen worden. Sie hat zuerst die Genese neurotischer 
Symptome aufgedeckt; im weiteren Fortschritt mußte sie andere 
psychische Bildungen in Angriff nehmen und die Arbeit einer 
genetischen Psychologie an ihnen leisten. 



Das entwicklungsgesckichtliche Interesse 555 



Die Psychoanalyse ist genötigt worden, das Seelenleben des 
Erwachsenen aus dem des Kindes abzuleiten, Ernst zu machen 
mit dem Satze: das Kind ist der Vater des Mannes, Sie hat die 
Kontinuität der infantilen Psyche mit der des Erwachsenen vei- 
folgt, aber auch die Umwandlungen und Umordnungen gemerkt, 
welche auf diesem Wege vor sich gehen. Die meisten von uns 
haben eine Gedächtnislücke für ihre ersten Kinderjahre, aus welcher 
sich nur einzelne Brocken Erinnerung herausheben. Man darf 
behaupten, daß die Psychoanalyse diese Lücke ausgefüllt, diese 
Kindheitsamnesie der Menschen beseitigt hat. (Vgl.: Das pädagogische 
Interesse.) 

Während der Vertiefung in das infantile Seelenleben haben 
sich einige bemerkenswerte Funde ergeben. So ließ sich bestätigen, 
was man oftmals vorher geahnt hatte, von welch außerordentlicher 
Bedeutung für die ganze spätere Richtung eines Menschen die 
Eindrücke seiner Kindheit, ganz besonders aber seiner ersten 
Kindheitsjahre, sind. Man ist dabei auf ein psychologisches 
Paradoxon gestoßen, welches nur für die psychoanalytische Auf- 
fassung keines ist, daß gerade diese allerbedeutsamsten Eindrücke 
im Gedächtnis der späteren Jahre nicht enthalten sind. Die 
Psychoanalyse hat diese Vorbildlichkeit und Unverlöschbarkeit 
frühester Erlebnisse gerade für das Sexualleben am deutlichsten 
feststellen können. „On revient toujours a ses premiers amours" 
ist eine nüchterne Wahrheit. Die vielen Rätsel des Liebeslebens 
Erwachsener lösen sich erst durch die Hervorhebung der infantilen 
Momente in der Liebe. Für die Theorie dieser Wirkungen kommt 
in Betracht, daß die ersten Kindererlebnisse dem Individuum 
nicht nur als Zufälligkeiten widerfahren, sondern auch den ersten 
Betäiigungen der von ihm konstitutionell mitgebrachten Trieb- 
anlagen entsprechen. 

Eine andere, weit überraschendere Aufdeckung hat zum Inhalt, 
daß von den infantilen seelischen Formationen trotz aller späteren 
Entwicklung beim Erwachsenen nichts untergeht. Alle Wünsche, 



536 Das Interesse an der Psychoanalyse 



Triebregungen, Reaktion s weisen, Einstellungen des Kindes sind 
beim gereiften Menschen nachweisbar noch vorhanden und können 
unter geeigneten Konstellationen wieder zum Vorschein kommen. 
Sie sind nicht zerstört, sondern bloß überlagert, wie die psycho- 
analytische Psychologie in ihrer räumlichen Darstellungs weise 
sagen muß. Es wird so zum Charakter der seelischen Vergangen- 
heit, daß sie nicht, wie die historische, von ihren Abkömmlingen 
aufgezehrt wird; sie besteht weiter neben dem, was aus ihr 
geworden ist, entweder bloß virtuell oder in realer Gleichzeitig- 
keit. Beweis dieser Behauptung ist es, daß der Traum des normalen 
Menschen allnächtlich dessen Kindercharakler wiederbelebt und 
sein ganzes Seelenleben auf eine infantile Stufe zurückführt. 
Dieselbe Rückkehr zum psychischen Infantilismus (Regression) 
stellt sich bei den Neurosen und Psychosen heraus, deren Eigen- 
tümlichkeiten zum großen Teil als psychische Archaismen zu 
beschreiben sind. In der Stärke, welche den infantilen Resten im. 
Seelenleben verblieben ist, sehen wir das Maß der Krankheits- 
disposition, so daß uns diese zum Ausdruck einer Entwicklungs- 
hemmung wird. Das infantil Gebliebene, als unbrauchbar Ver- 
drängte im psychischen Material eines Menschen bildet nun den 
Kern seines Unbewußten, und wir glauben in den Lebens- 
geschichten unserer Kranken verfolgen zu können, wie dieses 
von den verdrängenden Kräften zurückgehaltene Unbewußte auf 
Betätigung lauert und die Gelegenheilen ausnützt, wenn es den 
späteren und höheren psychischen Bildungen nicht gelingt, der 
Schwierigkeiten der realen Welt Herr zu werden. 

In den allerletzten Jahren hat sich die psychoanalytische Arbeit 
darauf besonnen, daß der Satz „die Onlogenie sei eine Wieder- 
holung der Phylogenie" auch auf das Seelenleben anwendbar 
sein müsse,' und daraus ist eine neue Erweiterung des psycho- 
analytischen Interesses hervorgegangen. 



1) Abraham, Spielreiii, Jung. 



Das kulturhistorische Interesse 357 



E) Das kulturhistorische Interesse 

Die Vergleichung der Kindheit des einzelnen Menschen mit 
der Frühgeschichte der Völker hat sich bereits nach mehreren 
Richtungen als fruchtbar erwiesen, trotzdem diese Arbeit kaum 
mehr als begonnen werden konnte. Die psychoan alkäische Denk- 
weise benimmt sich dabei wie ein neues Instrument der Forschung. 
Die Anwendung ihrer Voraussetzungen auf die Völkerpsjxhologie 
gestattet ebenso neue Probleme aufzuwerfen wie die bereits 
bearbeiteten in neuem Lichte zu sehen und zu deren Lösung 
beizutragen. 

Zunächst erscheint es durchaus möglich, die am Traum gewonnene 
psychoanalytische Auffassung auf Produkte der Völkerphantasie 
wie Mythus und Märchen zu übertragen.' Die Aufgabe emer 
Deutung dieser Gebilde liegt seit langem vor; man ahnt einen 
„geheimen Sinn" derselben, man ist auf Abänderungen und auf 
Umwandlungen vorbereitet, welche diesen Sinn verdecken. Die 
Psychoanalyse bringt von ihren Arbeiten an Traum und Neurose 
die Schulung mit, welche die technischen Wege dieser Ent- 
stellungen erraten kann. Sie kann aber auch in einer Reihe von 
Fällen die verborgenen Motive aufdecken, welche diese Wand- 
lungen des Mythus von seinem ursprünglichen Sinn verursacht 
haben. Den ersten Anstoß zur Mythenbildung kann sie nicht in 
einem theoretischen Bedürfnis nach Erklärung der Naturerschei- 
nungen und nach Rechenschaft für unverständlich gewordene 
Kultvorschriften und Gebräuche erblicken, sondern sucht ihn in 
den nämhchen psychischen „Komplexen", in denselben affektiven 
Strebungen, welche sie zu Grunde der Träume und der Symptom- 
bildungen nachgewiesen hat. 

Durch die gleiche Übertragung ihrer Gesichtspunkte, Voraus- 
setzungen und Erkenntnisse wird die Psychoanalyse befähigt, 
Licht auf die Ursprünge unserer großen kulturellen Institutionen, 

1) Abraham. Rank, Jung. 

Freud, IV. Ol 



1 



s 



338 Das Interesse an der Psychoanalyse 

der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts, der Philosophie zu 
werfen.' Indem sie den primitiven psychologischen Situationen 
nachspürt, aus denen sich die Antriebe zu solchen Schöpfungen 
ergeben konnten, kommt sie in die Lage, manchen Erklärungs- 
versuch zurückzuweisen, der auf eine psychologische Vorläuiigkeit 
gegründet war, und ihn durch tiefer reichende Einsichten zu 
ersetzen. 

Die Psychoanalyse stellt eine innige Beziehung her zwischen 
all diesen psychischen Leistungen der einzelnen und der Gemein- 
schaften, indem sie dieselbe dynamische Quelle für beide postu- 
liert. Sie knüpft an die (irundvorstellung au, daß es die Haupl- 
funktion des seelischen Mechanismus ist, das Geschöpf von den 
Spannungen zu entlasten, die durch Bedürfnisse in ihm erzeugt 
werden. Ein Teil dieser Aufgabe wird lösbar durch Befriedigung, 
welche man von der Außenwelt erzwingt; zu diesem Zwecke 
wird die Beherrschung der realen Welt Erfordernis. Einem 
anderen Teil dieser Bedürfnisse, darunter wesentlich gewissen 
affektiven Strebungen, versagt die Realität regelmäßig die Befrie- 
digung. Daraus gelit ein zweites Stück der Aufgabe hervor, den 
unbefriedigten Strebungen eine andersartige Erledigung zu ver- 
schaffen. Alle Kulturgeschichte zeigt nur, welche Wege die 
Menschen zur Bindung ihrer unbefriedigten Wünsche einschlagen 
unter den wechselnden und durch teclmischen Fortschritt ver- 
änderten Bedingungen der Gewährung und Versagung von 
Seiten der Realität. 

Die Untersuchung der primitiven Völker zeigt die Menschen 
zunächst im kindlichen Allmachtsglauben befangen" und läßt 



1) Aniätxe hiczu bei Jung, Wall diu 11 gen und SyraboJe der Libido, 1912, und 
Freud, Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neuroliker. 
Imago, I u. JI. [Totem uiid Tabu. Enthalten in Bd. X dieser Gesamtausgabe.] 

2) Ferencxi, EntwickhmgEStufcn des Wirhlicliknilssinnes. Intern. Zeitschr. f. 
äntl. Psychoanalyse I, 1915. — ' P r c it d, Aniiiiiünius, Mngic und Allmacht der 
Gedanken. Imagn, 11, 1915. [Totem und Tabu. Enthnllen in Bd. X dieser Gesamt- 
ausgabe.] 



Das kulturhistorische Interesse laq 

eine Menge von seelischen Bildungen als Bemühungen verstehen, 
die Störungen dieser Allmacht abzuleugnen und so die Realität 
von ihrer Wirkung aufs AfFektleben fern zu halten, solange man 
dieselbe nicht besser beherrschen und zur Befriedigung ausnützen 
kann. Das Prinzip der Unlustvermeidung beherrscht das mensch- 
liche Tun so lange, bis es durch das bessere der Anpassung an 
die Außenwelt abgelöst wird. Parallel zur fortschreitenden Welt- 
beherrschung des Menschen geht eine Entwicklung seiner Welt- 
anschauung, welche sich immer mehr von dem ursprünglichen 
Allmachtsglauben abwendet, und von der animisüschen Phase 
durch die rehgiöse zur wissenschaftlichen ansteigt. In diesen 
Zusammenhang fügen sich Mythus, Rehgion und Sittlichkeit als 
Versuche, sich für die mangelnde Wunschbefriedigung Ent- 
schädigung zu schaffen. 

Die Kenntnis der neurotischen Erkrankungen einzelner Menschen 
hat für das Verständnis der großen sozialen Listitutionen gute 
Dienste geleistet, denn die Neurosen selbst enthüllten sich als 
Versuche, die Probleme der Wunschkompensation individuell zu 
lösen, welche durch die Institutionen sozial gelöst werden sollen. Das 
Zurücktreten des sozialen Faktors und das Überwiegen des 
sexuellen macht diese neurotischen Lösungen der psychologischen 
Aufgabe zu Zerrbildern, unbrauchbar für anderes als für unseria 
Aufklärung über diese bedeutsamen Probleme. 

F) Das kunstwissenschaftliche Interesse 

Über einige der Probleme, welche sich an Kunst und Künstler 
knüpfen, gibt die psychoanalytische Betrachtung befriedigenden 
Aufschluß^ andere entgehen ihr völlig. Sie erkennt auch in der 
Übung der Kunst eine Tätigkeit, welche die Beschwichtigung 
unerledigter Wünsche beabsichtigt, und zwar zunächst beim schaffen- 
den Künstler selbst, in weiterer Folge beim Zuhörer oder Zuschauer. 
Die Triebkräfte der Kunst sind dieselben Konflikte, welche andere 

22* 



340 Das Interesse an der Psychoanalyse 

Individuen in die Neurose drängen, die Gesellschaft zum. Auf- 
bau ihrer Institutionen bewogen haben. Woher dem Künstler die 
Fähigkeit zum Schaffen kommt, ist keine Frage der Psychologie. 
Der Künstler sucht zunächst Selbstbefreiung und führt dieselbe 
durch Mitteilung seines Werkes den anderen zu, die an den 
gleichen verhaltenen Wünschen leiden.' Er stellt zwar seine persön- 
lichsten Wunschphantasien als erfüllt dar, aber diese werden zum 
Kunstwerk erst durch eine Umformung, welche das Anstößige 
dieser Wünsche mildert, den persönlichen Ursprung derselben 
verhüllt, und durch die Einhahung von Schönheitsregeln den 
anderen bestechende Lustprämien bietet. Es fälh der Psycho- 
analyse nicht schwer, neben dem manifesten Anteil des künstle- 
rischen Genusses einen latenten, wiewohl weit wirksameren, aus 
den versteckten Quellen der Tri ebbe freiung nachzuweisen. Der 
Zusammenhang zwischen den Kindheitseindrücken und Lebens- 
schicksalen des Künstlers und seinen Werken als Reaktionen auf 
diese Anregungen gehört zu den anziehendsten Objekten der 
analytischen Betrachtung.'' 

Im übrigen harren noch die meisten Fragen des Kunstschaffens 
und Kunstgenießens einer Bearbeitung, welche das Licht analy- 
tischer Erkenntnis auf sie fallen läßt und ihnen ihre Stelle in 
dem komplizierten Aufbau der menschlichen Wunschkompen- 
sationen anweist. Als konventionell zugestandene Realität, in 
welcher dank der künstlerischen Illusion Symbole und Ersatz- 
bildungen wirkliche Affekte hervorrufen dürfen, bildet die Kunst 
ein Zwischenreich zwischen der wunschversagenden Realität und der 
wunscherfüllenden Phantasiewelt, ein Gebiet, auf dem die All- 
machtbestrebungen der primitiven Menschheit gleichsam in Kraft 
verblieben sind. 



i) Vgl. O. llaiik, Der Künstler, Wien 1907. 

i) Sithe O. Rank. Das liiieslmoliv in Dichtung und Sage. Wien 1912. — Auch 
für die Anwendung auf ästhetische Probleme : Freud, Der Witi und seine Beziehung 
lum Unbewußten, 1905. [Enllialten in Bd. X dieser Gesamtausguhe.] 



Das soziologische Interesse 541 

G) Das soziologische Interesse 

Die Psychoanalyse hat zwar die individuelle Psyche zum Objekt 
genommen, aber bei der Erforschung derselben konnten ihr die 
affektiven Grundlagen für das Verhältnis des einzelnen zur Gesell- 
schaft nicht entgehen. Sie hat gefunden, daß die sozialen Gefühle 
regelmäßig einen Beitrag von seiten der Erotik führen, dessen 
Überbetonung und nachfolgende Verdrängung zur Charakteristik 
einer bestimmten Gruppe von Seelenstörungen wird. Sie hat den 
asozialen Charakter der Neurosen überhaupt erkannt, welche ganz 
allgemein dahin streben, das Individuum aus der Gesellschaft zu 
drängen und ihm das Klosterasyl früherer Zeiten durch die 
Krankheitsisolierung zu ersetzen. Das intensive Verschuldungs- 

1 gefühl, welches so viele Neurosen beherrscht, erwies sich ihr als 

I die soziale Modifikation der neurotischen Angst. 

Andererseits deckt die Psychoanalyse den Anteil, welchen soziale 
Verhältnisse und Anforderungen an der Verursachung der Neurose 
haben, im weitesten Ausmaße auf. Die Kräfte, welche die Trieb- 
einschränkung und Triebverdrängung von Seiten des Ich herbei- 
führen, entspringen wesentlich der Gefügigkeit gegen die sozialen 

Jj Kulturforderungen. Dieselbe Konstitution und dieselben Kindheits- 

erlebnisse, welche sonst zur Neurose führen müßten, werden diese 
Wirkung nicht hervorrufen, wenn solche Gefügigkeit nicht vor- 
handen ist, oder solche Anforderungen von dem sozialen Kreis, 

I für welchen das Individuum lebt, nicht gestellt werden. Die alte 

Behauptung, daß die fortschreitende Nervosität ein Produkt der 
Kultur sei, deckt wenigstens die Hälfte des wahren Sachverhalts. 
Erziehung und Beispiel bringen die Kulturforderung an das jugend- 
liche Individuum heran; wo sich bei diesem die Triebverdrängung 
unabhängig von den beiden einstellt, liegt die Annahme nahe, daß 
urvorzeitliche Anforderung endlich zum organisierten erblichen 
Besitz der Menschen geworden ist. Das Kind, welches spontan 
Trieb Verdrängungen produziert, würde auch damit nur ein Stück 



342 Das Interesse an der Psychoanalyse 

der Kulturgeschichte wiederholen. Was heute eine innere Abhaltung 
ist, war einmal nur eine äußere, vielleicht durch die Not der Zeiten 
gebotene, und so kann auch einmal zur internen Verdrängungs- 
anlage werden, was heute noch als äußere Kulturforderung an 
jedes heranwachsende Individuum herantritt. 

H) Das pädagogische Interesse 

Das gewichtige Interesse der Erziehungslehre an der Psycho- 
analyse stützt sich auf einen zur Evidenz gebrachten Satz. Ein 
Erzieher kann nur sein, wer sich in das kindliche Seelenleben 
einfühlen kann, und wir Erwachsenen verstehen die Kinder nicht, 
weil wir unsere eigene Kindheit nicht mehr verstehen. Unsere 
Kindheitsamnesie ist ein Beweis dafür, wie sehr wir ihr entfremdet 
sind. Die Psychoanalyse hat die Wünsche, Gedankenbildungen, 
Entwicklungsvorgänge der Kindheit aufgedeckt; alle früheren Be- 
mühungen waren in ärgster Weise unvollständig und irreleitend, 
weil sie den unschätzbar wichtigen Faktor der Sexualität in ihren 
körperlichen und seelischen Äußerungen ganz beiseite gelassen 
hatten. Das ungläubige Erstaunen, mit welchem die gesichertsten 
Ermittlungen der Psychoanalyse über die Kindheit aufgenommen 
werden — über den Ödipuskomplex, die Selbst Verliebtheit (Nar- 
zißmus), die perversen Anlagen, die Analerotik, die sexuelle Wiß- 
begierde — mißt die Distanz, welche unser Seelenleben, unsere 
Wertungen, ja unsere Gedankenprozesse von denen auch des 
normalen Kindes trennt. 

Wenn sich die Erzieher mit den Resultaten der Psychoanalyse 
vertraut gemacht haben, werden sie es leichter finden, sich mit 
gewissen Phasen der kindlichen Entwicklung zu versöhnen, und 
werden unter anderem nicht in Gefahr sein, beim Kind auf- 
tretende sozial unbrauchbare oder perverse Triebregungen zu 
überschätzen. Sie werden sich eher von dem Versuch einer 
gewaltsamen Unterdrückung dieser Regungen zurückhalten, wenn 



Das pädagogische Interesse 5^,5 

sie erfahren, daß solche Beeinflussungen oft nicht minder uner- 
wünschte Erfolge liefern, als das von der Erziehung gefürchtete 
Gewährenlassen kindlicher Schlechtigkeit. Gewalttätige Unter- 
drückung starker Triebe von auGen bringt bei Kindern niemals 
das Erlöschen oder die Beherrschung derselben zustande, sondern 
erzielt eine Verdrängung, welche die Neigung zu späterer neu- 
rotischer Erkrankung setzt. Die Psychoanalyse hat oft Gelegen- 
heit zu erfahren, welchen Anteil die unzweckmäßige einsichtslose 
Strenge der Erziehung an der Erzeugung von nervöser Krankheit 
liat, oder mit welchen Verlusten an Leistungsfähigkeit und Genuß- 
fähigkeit die geforderte Normalität erkauft wird. Sie kann aber 
auch lehren, welch wertvolle Beiträge zur Charakterbildung diese 
asozialen und perversen Triebe des Kindes ergeben, wenn sie 
nicht der Verdrängung unterliegen, sondern durch den Prozeß der 
sogenannten Sublimierung von ihren ursprünglichen Zielen 
weg zu wertvolleren gelenkt werden. Unsere besten Tugenden 
sind als Reaktionsbildungen und Sublimierungen auf dem Boden 
der bösesten Anlagen erwachsen. Die Erziehung sollte sich vor- 
sorglich hüten, diese kostbaren Kraftquellen zu verschütten und 
sich darauf beschränken, die Prozesse zu befördern, durch welche 
diese Energien auf gute Wege geleitet werden. In der Hand einer 
psychoanalytisch aufgeklärten Erziehung ruht, was wir von einer 
individuellen Prophylaxe der Neurosen erwarten können. (Vergl. 
die Arbeiten des Züricher Pastors Dr. Oskar Pfister.) 

Ich konnte mir in diesem Aufsatze nicht die Aufgabe stellen, 
Umfang und Inhalt der Psychoanalyse, die Voraussetzungen, 
Probleme und Ergebnisse derselben einem wissenschaftlich 
interessierten Publikum vorzuführen. Meine Absicht ist erfüllt, 
wenn deutlich geworden ist, für wie viele Wissensgebiete sie 
interessant ist, und wie reiche Verknüpfungen sie zwischen den- 
selben herzustellen beginnt. 



\ 



r 



ÜBER PSYCHOANALYSE 

FÜNF VORLESUNGEN, GEHALTEN ZUR ZWANZIGJÄHRIGEN 

GRÜNDUNGSFEIER DER CLARK UNIVERSITY 

IN WORCESTER MASS., SEPTEMRER 1909 



I 



„XJher Psychoanalyse" erschien IpIO im Verlage Franz Deuticke, Leipzig 
und friert (zweite Auß. 1912, dritte I^lCy vierte i^i^, fünfte 1^20, 
sechste 1^22). Die Aufnahme in diese Gesamtausgabe erfolgt mit Geneh- 
migung des genannten Ferlages. 

Übersetzungen der Schrift „ Über Psychoanalyse" erschienen in folgenden 

Sprachen : 

Englisch im „American Journal of Psychohgy" , I^IO. 

Ungarisch von S. Ferenczi, Budapest J^l2 (2. Auß. I^If, }• Auß. 1919). 

Polnisch von L.Jekels, Lwow 191 1. 

Russisch von N. Ossipow, Moskau I^ll. 

Holländisch von J. van. Emden, Leiden 1^12. 

Italienisch von L. Bianchini, NapoÜ l^lj. 

Dänisch van O. Gehted (Det Ubevidste), Kopen/iagen ip20. 

Französisch von J. Le Lay, Genhve Ip2l. 

Spanisch von Lopez- Ballesteros (T. II der Ohras Completas), Madrid 192}, 



Herrn G. Stanley Hall, Ph.D,L.L,D. 

Präsidenten der Clark University 
Professor der Psychologie und Pädagogik 

in Dankbarkeit zugeeignet 






I 

Meine Damen und Herren! Es ist mir ein neuartiges und 
verwirrendes Gefühl, als Vortragender vor Wißbegierigen der 
Neuen Welt zu stehen. Ich nehme an, daß ich diese Ehre nur 
der Verknüpfung meines Namens mit dem Thema der Psycho- 
analyse verdanke, und beabsichtige daher, Ihnen von Psychoanalyse 
zu sprechen. Ich will es versuchen, Ihnen in gedrängtester Kürze 
einen Überblick über die Geschichte der Entstehung und weiteren 
Fortbildung dieser neuen Untersuchungs- und Heilmethode zu geben. 

Wenn es ein Verdienst ist, die Psychoanalyse ins Leben gerufen 
zu haben, so ist es nicht mein Verdienst.' Ich bin an den ersten 
Anfängen derselben nicht beteiligt gewesen. Ich war Student und 
mit der Ablegung meiner letzten Prüfungen beschäftigt, als ein 
anderer Wiener Arzt, Dr. Josef B r e u e r,^ dieses Verfahren zuerst 
an einem hysterisch erkrankten Mädchen anwendete (1880 bis 
1882). Mit dieser Kranken- und Behandlungsgeschichte wollen 
wir uns nun zunächst beschäftigen. Sie finden dieselbe ausführHch 
dargestellt in den später von Breuer und mir veröffentlichten 
„Studien über Hysterie".^ 

1) [Zusatz is»2j.-] Vgl. ater hieiu die Äußerung in „Zur Geschichte der psycho- 
analytischen Bewegung" 11914; enthalten im vorliegenden Bande der Gesamtausgabe!, 
mit welcher ich mich uneingeschränkt zur Verantwortung für die Psychoanalyse 

bekenne. 

2) Dr. Josef B reuer, geh. 1842; korrespondierendes Mitglied der k. Akademie 
der Wissenschaften, bekannt durch Arbeiten über die Atmung und zur Physiologie 
des Gleichgewichtssinnes. 

3) Studien Über Hysterie, Wien, 1895. 4,. Aufl., 192a. [Enthalten in Bd. I. dieser 
Gesamtausgabe.] Stücke meines Anteils an diesem Buche sind von Dr. A. A, Brill 



p 
I 



350 über Psychoanalyse 



Vorher nur noch eine Bemerkung. Ich habe nicht ohne 
Befriedigung erfahren, daß die Mehrzahl meiner Zuhörer nicht 
dem ärzthchen Stande angehört. Besorgen Sie nun nicht, daß es 
besonderer ärztUcher Vorbildung bedarf, um meinen Mitteilungen 
zu folgen. Wir werden allerdings ein Stück weit mit den Ärzten 
gehen, aber bald werden wir uns absondern und Dr. Breuer 
auf einen ganz eigenartigen Weg begleiten. 

Dr. Breuers Patientin, ein einundzwanzigjähriges, geistig hoch- 
begabtes Mädchen, entwickelte im Verlaufe ihrer über zwei Jahre 
ausgedehnten Krankheit eine Reihe von körperlichen und seeHschen 
Störungen, die es wohl verdienten, ernst genommen zu werden. 
Sie hatte eine steife Lähmung der beiden rechtsseitigen Extremitäten 
mit Unempfindlichkeit derselben, zeitweise dieselbe Affektion an 
den Ghedern der linken Körperseite, Störungen der Augen- 
bewegungen und mannigfache Beeinträchtigungen des Seh- 
vermögens, Schwierigkeiten der Kopfhaltung, eine intensive Tussis 
nervosa Ekel vor Nahrungsaufnahme und einmal durch mehrere 
Wochen eine Unfähigkeit zu trinken trotz quälenden Durstes, 
eine Herabsetzung des Sprech Vermögens, die bis zum Verlust der 
Fähigkeit fortschritt, ihre Muttersprache zu sprechen oder zu 
verstehen, endlich Zustände von Abwesenheit, Verworrenheit, 
Delirien, Alteration ihrer ganzen Persönlichkeit, denen wir unsere 
Aufmerksamkeit später werden zuwenden müssen. 

Wenn Sie von einem solchen Krankheitsbilde hören, so werden 
Sie, auch ohne Ärzte zu sein, der Annahme zuneigen, daß es 
sich um ein schweres Leiden, wahrscheinlich des Gehirns, handle, 
welches wenig Aussicht auf Herstellung biete und zur haldigen 
Auflösung der Kranken führen dürfte. Lassen Sie sich indes von 
den Ärzten belehren, daß für eine Reihe von Fällen mit so 
schweren Erscheinungen eine andere und weitaus günstigere 

in New York ins Englische iibertragen worden (Selected papers on Hysteria a»d 
othcr Psjchoneiiroses by S. Freud, Nr. 4 der „Nt-rvous and Mcnlal Disease Mono- 
graph Series", New Vork, Third enlargcd edition igaoi. 



Erste Vorlesung _^j 



Auffassung berechtigt ist. Wenn ein solches Krankheitsbild bei 
einem jugendlichen weiblichen Individuum auftritt, dessen lebens- 
wichtige innere Organe (Herz, Niere) sich der objektiven 
Untersuchung normal erweisen, das aber heftige gemütliche 
Erschütterungen erfahren hat, und wenn die einzelnen Syniptome 
in gewissen feineren Charakteren von der Erwartung abweichen 
dann nehmen die Ärzte einen solchen Fall nicht zu schwer. Sie 
behaupten, daß dann nicht ein organisches Leiden des Gehirns 
vorliegt, sondern jener rätselhafte, seit den Zeiten der griechischen 
Medizin Hysterie benannte Zustand, der eine ganze Anzahl von 
Bildern ernster Erkrankung vorzutäuschen vermöge. Sie halten 
dann das Leben für nicht bedroht und eine selbst vollkommene 
Herstellung der Gesundheit für wahrscheinlich. Die Unter 
Scheidung einer solchen Hysterie von einem schweren organischen 
Leiden ist nicht immer sehr leicht. Wir brauchen aber nicht zu 
wissen, wie eine Differentialdiagnose dieser Art gemacht wird; 
uns mag die Versicherung genügen, daß gerade der Fall von 
Breuers Patientin ein solcher ist, bei dem kein kundiger Arzt 
die Diagnose der Hysterie verfehlen wird. Wir können auch an 
dieser Stelle aus dem Krankheitsbericht nachtragen, daß ihre 
Erkrankung auftrat, während sie ihren zärtlich geliebten Vater 
in seiner schweren, zum Tode führenden Krankheit pflegte, und 
daß sie infolge ihrer eigenen Erkrankung von der Pflege zurück- 
treten mußte. 

Soweit hat es uns Vorteil gebracht, mit den Ärzten zu gehen, 
und nun werden wir uns bald von ihnen trennen. Sie dürfen 
nämlich nicht erwarten, daß die Aussicht eines Kranken auf 
ärztliche Hilfeleistung dadurch wesentlich gesteigert wird, daß 
die Diagnose der Hysterie an die Stelle des Urteils auf ernste 
organische Hirnaffektion tritt. Gegen die schweren Erkrankungen 
des Gehirns ist die ärztliche Kunst in den meisten Fällen 
ohnmächtig, aber auch gegen die hysterische Affektion weiß der 
Arzt nichts zu tun. Er muß es der gütigen Natur überlassen, 



5^2 Über Psychoanalyse 



wann und wie sie seine hoffnungsvolle Prognose verwirklichen 

will." 

Mit der Erkennung der Hysterie wird also für den Kranken 
wenig geändert; desto mehr ändert sich für den Arzt. Wir 
können beobachten, daß er sich gegen den hysterischen ganz 
anders einstellt als gegen den organisch Kranken. Er will dem 
ersteren nicht dieselbe Teilnahme entgegenbringen wie dem 
letzteren, da sein Leiden weit weniger ernsthaft ist und doch den 
Anspruch zu erheben scheint, für ebenso ernsthaft zu gelten. 
Aber es wirkt noch anderes mit. Der Arzt, der durch sein 
Studium so vieles kennen gelernt hat, was dem Laien verschlossen 
ist hat sich von den Krankheitsursachen und Krankheits- 
veränderungen, z. B. im Gehirn eines an Apoplexie oder Neu- 
bildung Leidenden, Vorstellungen bilden können, die bis zu einem 
gewissen Grade zutreffend sein müssen, da sie ihm das Verständnis 
der Einzelheiten des Krankheitsbildes gestatten. Vor den Details 
der hysterischen Phänomene läßt ihn aber all sein Wissen, seine 
anatomisch-physiologische und pathologische Vorbildung im Stiche. 
Er kann die Hysterie nicht verstehen, er steht ihr selbst wie 
ein Laie gegenüber. Und das ist nun niemandem recht, der 
sonst auf sein Wissen so große Stücke hält. Die Hysterischen 
gehen also seiner Sympathie verluslig; er betrachet sie wie 
Personen, welche die Gesetze seiner Wissenschaft übertreten, wie 
die Rechtgläubigen die Ketzer ansehen ^ er traut ihnen alles 
mögliche Böse zu, beschuldigt sie der Übertreibung und der 
absichtlichen Täuschung, Simulation 4 und er bestraft sie durch 
die Entziehung seines Interesses. 

Diesen Vorwurf hat nun Dr. Breuer bei seiner Patientin 
nicht verdient^ er schenkte ihr Sympathie und Interesse, obwohl er 
ihr anfangs nicht zu helfen verstand. Wahrscheinlich erleichterte 

i) Ich weiß, dafl diese Behauptung heule nicht mehr zutrifft, aber im Vortrage 
versetze ich mich und meine Hörer ziurUck in die Zeit vor 1880. Wenn es seither 
anders geworden ist, so haben gerade die Bemühungen, deren Geschichte ich 
skizziere, daran einen großen Anteil. 



Erste Vorlesung 555 



, sie es ihm auch durch die vorzüglichen Geistes- und Charakter- 

' eigenschaften, für die er in der von ihm abgefaßten Ki-anken- 

geschichte Zeugnis ablegt. Seine liebevolle Beobachtung fand auch 
bald den Weg, der die erste Hilfeleistung ermöglichte. 

Es war bemerkt norden, daß die Kranke in ihren Zuständen 
von Absenz, psychischer Alteration mit Verworrenheit, einige 
Worte vor sich hin zu murmeln pflegte, welche den Eindruck 
machten, als stammten sie aus einem Zusammenhange, der ihr 
Denken beschäftigte. Der Arzt, der sich diese Worte berichten 
Heß, versetzte sie nun in eine Art von Hypnose und sagte ihr 
jedesmal diese Worte wieder vor, um sie zu veranlassen, daß 
sie an dieselben anknüpfe. Die Kranke ging darauf ein und 
reproduzierte so vor dem Arzt die psycliischen Schöpfungen, die 
sie während der Absenzen beherrscht und sich in jenen verein- 
zelt geäußerten Worten verraten hatten. Es waren tieftraurige, 
oft poetisch schöne Phantasien, — Tagträume würden wir 
sagen, — die gewöhnlich die Situation eines Mädchens am 
Krankenbett seines Vaters zum Ausgangspunkt nahmen. Hatte 
sie eine Anzahl solcher Phantasien erzählt, so war sie wie befreit 
und ins normale seelische Leben zurückgeführt. Das Wohlbefinden 
das durch mehrere Stunden anhielt, wich dann am nächsten Tage 
einer neuerlichen Absenz, welche auf dieselbe Weise durch Aus- 
sprechen der neu gebildeten Phantasien"'aufgehoben wurde. Man 
konnte sich dem Eindrucke nicht entziehen, daß die psychische 
Veränderung, die sich in den Absenzen äußerte, eine Folge des 
Keizes sei, der von diesen höchst aifektvoUen Phantasiebildungen 
ausging. Die Patientin selbst, die um diese Zeit ihres Krankseins 
merkwürdigerweise nur englisch sprach und verstand, gab dieser 
neuartigen Behandlung den Namen „talking eure" oder bezeichnete 
sie scherzhaft als „chimney sweeping". 

Es ergab sich bald wie zufällig, daß man durch solches Rein- 
fegen der Seele noch mehr erreichen könne als vorübergehende 
Beseitigung der . immer wiederkehrenden seelischen Trübungen. 

Freud, IV 25 



554 tjber Psychoanalyse 



] 



Es ließen sich auch Leidenssymptome zum Verschwinden bringen, 
wenn in der Hypnose unter Ai'fektäußerung erinnert wurde, bei 
welchem Anlaß und kraft welches Zusammenhanges diese Sj'm- 
ptome zuerst aufgetreten waren. „Es war im Sommer eine Zeit 
intensiver Hitze gewesen und Patientin hatte sehr arg durch Durst 
gelitten; denn, ohne einen Grund angeben zu Itöniieii, war es ihr 
plötzlich unmöglicli geworden, zu trinken. Sie nahm das ersehnte 
Glas Wasser in die Hand, aber sowie es die Lippen berührte, 
f stieß sie es weg wie ein Hydrophobischer. Haliei war sie offen- 

bar für diese paar Sekunden in einer Absenz. Sie lebte nur von 
Obst, Melonen u. dgl., um den qualvollen Durst zu mildern. Als 
das etwa sechs Wochen gedaueil hatte, räsonierte sie einmal in 
der Hypnose über ihre englische Gesellschafterin, die sie nicht 
liebte, und ei7,ählte dann mit allen Zeichen des Absehens, wie 
sie auf deren Zimmer gekommen sei, und da deren kleiner Hund, 
das ekelhafte Tier, aus einem Glas getrunken habe. Sie habe 
nichts gesagt, denn sie wollte höflich sein. Nachdem sie ihrem 
steckengebliebenen Ärger noch energisch Ausdruck gegeben, ver- 
langte sie zu trinken, trank ohne Hemmung eine große IVIenge 
Wasser und erwachte aus der Hypnose mit dem Glas an den 
Lippen. Die Störung war damit für immer verschwunden.'" 

Gestatten Sie, daß ich Sie bei dieser Erfahrung einen Moment 
auflialle! Niemand hatte noch ein hysterisches Symptom durch 
solche Mittel beseitigt und war dabei so tief in das Verständnis 
seiner Verursachung eingedrungen. Es mußte eine folgenschwere 
Entdeckung werden, wenn sich die Erwartung bestätigen ließ, 
daß noch andere, daß vielleicht die Mehrzahl der Symptome bei 
der Kranken auf solche Weise entstanden und auf solche Weise 
aufzuheben war. Breuer scheute die Mühe nicht, sich davon 
zu überzeugen, und forschte nun planmäßig der Pathogenese 
der anderen und ernsteren Leidenssymptome nach. Es war wirk- 
lich so; fast alle Symptome waren so entstanden als Reste, als 

ij Studien über Hjsleric, 4,. Aufl., p. 26. 



Erste Vorlesung 555 



Niederschläge, wenn Sie wollen, von affektvollen Erlebnissen, die 
wir darum später „psychische Traumen" genannt haben, und 
ihre Besonderheit klärte sich durch die Beziehung zu der sie 
verursachenden traumatischen Szene auf. Sie waren, wie das Kunst- 
wort lautet, durch die Szenen, deren Gedächtnisreste sie darstellten, 
determiniert, brauchten nicht mehr als willkürliche oder 
rätselhafte Leistungen der Neurose beschrieben zu werden. 
Nur einer Abweichung von der Erwartung sei gedacht. Es war 
nicht immer ein einziges Erlebnis, welches das Symptom zurück- 
ließ, sondern meist waren zahlreiche, oft sehr viele ähnliche, 
wiederholte Traumen zu dieser Wirkung zusammengetreten. Diese 
ganze Kette von pathogenen Erinnerungen mußte dann in 
chronologischer Reihenfolge reproduziert werden, und zwar umge- 
kehrt, die letzte zuerst und die erste zuletzt, und es war ganz 
unmöglich, zum ersten und oft wirksamsten Trauma mit Über- 
springung der später erfolgten vorzudringen. 

Sie werden gewiß noch andere Beispiele von Verursachung 
hysterischer Symptome als das der Wasserscheu durch den Ekel 
vor dem aus dem Glas trinkenden Hund von mir hören wollen. 
Ich muß mich aber, wenn ich mein Programm einhalten will, 
auf sehr wenige Proben beschränken. So erzählt Breuer, dai3 
ihre Sehstörungen sich auf Anlässe zurückführten „in der Art, 
daß Patientin mit Tränen im Auge, am Krankenbett sitzend, 
plötzhch vom Vater gefragt wurde, wieviel Uhr es sei, undeutlich 
sah, sich anstrengte, die Uhr nahe ans Auge brachte, und nun 
das Zifferblatt sehr groß erschien (Makropsie und Strabismus conv.)} 
oder Anstrengungen machte, die Tränen zu unterdrücken, damit 
sie der Kranke nicht sehe".' Alle pathogenen Eindrücke stammten 
übrigens aus der Zeit, da sie sich an der Pflege des erkrankten 
Vaters beteiligte. „Einmal wachte sie nachts in großer Angst um 
den hochfiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien 
ein Chirurg zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich 

]) Studien über Hysterie, 4,. Aufl., p. 31. 



55^ Über Psychoanalyse 



für einige Zeit entfernt, und Anna saß am Krankenbetlo, den 
rechten Ann über die Stuhllehne gelegt. Sie geriet in einen 
Zustand von Wachtriiumen und sah, wie von der Wand her eine 
schwarze Schlange sich dem Kranken näherte, um ihn zu beißen. 
(Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf der Wiese hinter dem Hause 
wirklich einige Schlangen vorkamen, über die das Mädchen schon 
früher erschrocken war, und die nun das Material der Hallu- 
zination abgaben.) Sie wollte das Tier abwehren, war aber wie 
gelähmt; der rechte Arm über die Stuhllehne hängend, war 
,eingeschlafen', anästhetisch und paretisch geworden, und als sie 
ihn betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen 
mit Totenköpfen (Nägel). Wahrscheinlich machte sie Versuche, 
die Schlange mit der gelähmten rechten Hand zu verjagen, und 
dadurch trat die Anästhesie und Lälimung derselben in Assoziation 
mit der Schlangenhalluzination. Als diese verschwunden war, 
wollte sie in ihrer Angst beten, aber jede Sprache versagte, sie 
konnte in keiner sprechen, bis sie endlich einen englischen 
Kindervers fand und nun auch in dieser Sprache fortdenken und 
beten konnte."' Mit der Erinnerung dieser Szene in der Hypnose 
war auch die seit Beginn der Krankheit bestehende steife Lähmung 
des rechten Armes beseitigt und die Beliandlung beendigt. 

Als ich eine Anzahl von Jahren später die Breuersche Unter- 
suchungs- und Behandlungsmethode an meinen eigenen Kranken 
zu üben begann, machte ich Erfahrungen, die sich mit den 
seinigen vollkommen deckten. Bei einer etwa vierzigjährigen Dame 
bestand ein Tic, ein eigentümlich schnalzendes Geräusch, das sie 
bei jeder Aufregung und auch ohne ersichtlichen Anlaß hervor- 
brachte. Es hatte seinen Ursprung in zwei Erlebnissen, denen 
gemeinsam war, daß sie sich vornahm, jetzt ja keinen Lärm zu 
machen, und bei denen wie durch eine Art von Gegenwillen 
gerade dieses Geräusch die Stille durchbrach; das eine Mal, als 
sie ihr krankes Kind endlich mühselig eingeschläfert hatte und 

l) 1. c, p. 30. 



i 



Erste Vorlesung 557 



sich sagte, sie müsse jetzt ganz still sein, um es nicht zu wecken, 
und das andere Mal, als während einer Wagenfahrt mit ihren 
beiden Kindern im Gewitter die Pferde scheu wurden, und sie 
sorgfältig jeden Lärm vermeiden wollte, um die Tiere nicht noch 
mehr zu schrecken.' Ich gehe dieses Beispiel anstatt vieler anderer, 
die in den „Studien über Hysterie" niedergelegt sind.^ 

Meine Damen und Herren, wenn Sie mir die Verallgemeinerung 
gestatten, die ja bei so abgekürzter Darstellung unvermeidhch 
ist, so können wir unsere bisherige Erkenntnis in die Formel 
fassen: Unsere hysterisch Kranken leiden an Reminis- 
zenzen. Ihre Symptome sind Reste und Erinnerungssymbole für 
gewisse (traumatische) Erlebnisse. Ein Vergleich mit anderen 
Erinnerungssymbolen auf anderen Gebieten wird uns vielleicht 
tiefer in das Verständnis dieser Symbolik führen. Auch die Denk- 
mäler und Monumente, mit denen wir unsere großen Städte 
zieren, sind solche Erinnerungssymbole. Wenn Sie einen Spazier- 
gang durch London machen, so finden Sie vor einem der 
größten Bahnhöfe der Stadt eine reich verzierte gotische Säule, 
das Charlng Gross. Einer der alten Plantagenetkönige im 
XIII. Jahrhundert, der den Leichnam seiner gehebten Königin 
Eleanor nach Westminster überführen ließ, errichtete gotische 
Kreuze an jeder der Stationen, wo der Sarg niedergestellt wurde 
und Charing Gross ist das letzte der Denkmäler, welche die 
Erinnerung an diesen Trauerzug erhalten sollten.' An einer 
anderen Stelle der Stadt, nicht weit von London Bridge, erblicken 
Sie eine modernere, hochragende Säule, die kurzweg The Monument 
genannt wird. Sie soll zur Erinnerung an das große Feuer 
mahnen, welches im Jahre j666 dort in der Nähe ausbrach und 

1) 1. c, 4. Aufl., p. 45 u. 46. 

2) Eine Auswahl aus diesem Buche, vermehrt diirch einige spätere ALhandhingen 
über Hysterie, liegt gegenwärtig in einer englisclieii, von Dr. A. A. Brill in New 
York besorgten Übersetzung vor. 

3) Vielmehr die spätere Nachbildung eiaes solchen Denkmals. Der Name Charing 
seihst soll, wie mir Dr. E.Jones mitteilte, aus den Worten CJiire reine hervor- 
gegangen sein. 



35^ Über Psychoanalyse 



einen großen Teil der Stadt zerstörte. Diese Monumente sind 
also Erinnerungssymbole wie die hysterischen Symptome ; soweit 
scheint die Vergleichung berechtigt. Aber was würden Sie zu 
einem Londoner sagen, der heute noch vor dem Denkmal des 
Leichenzuges der Königin Eleanor in Wehmut stehen bliebe, anstatt 
mit der von den modernen Arbeitsverhältnissen geforderten Eile 
seinen Geschäften nachzugeben oder sich der eigenen jugend- 
frischen Königin seines Herzens zu erfreuen ? Oder zu einem 
anderen, der vor dem „Monument" die Einäscherung seiner 
gehebten Vaterstadt beweinte, die doch seither längst soviel 
glänzender wiedererstanden ist? So wie diese beiden unpraktischen 
Londoner benehmen sicli aber die Hysterischen und Neurotiker 
alle^ nicht nur, daß sie die längst vergangenen schmerzlichen 
Erlebnisse erinnern, sie hängen nocli affektvoll an ilinen, sie 
kommen von der Vergangenheit niclit los und vernachlässigen 
für sie die Wirklichkeit und die Gegenwart. Diese Fixierung 
des Seelenlebens an die pathogcnen Traumen ist einer der wich- 
tigsten und praktisch bedeutsamsten Ctiaraklere der Neurose. 

Ich gebe Ihnen gern den Einwand zu, den Sie jetzt wahr- 
scheinlich bilden, indem Sie an die Krankengeschichte der 
B reu ersehen Patientin denken. Alle ihre Traumen entstammten 
ja der Zeit, da sie den kranken Vater pflegte, und ihre Symptome 
können nur als Erinnerungszeichen für seine Krankheit und seinen 
Tod aufgefaßt werden. Sie entsprechen also einer Trauer, und 
eine Fixierung an das Andenken des Verstorbenen ist so kurze 
Zeit nach dem Ableben desselben gewiß nichts Pathologisches, 
entspricht vielmelir einem normalen Gefühlsvorgang. Ich gestehe 
Ihnen dieses zu; die Fixierung an die Traumen ist bei der 
Patientin Breuers nichts Auffälliges. Aber in anderen Fällen, 
wie in dem von mir behandelten 'i'ic, dessen Veranlassungen um 
mehr als fünfzehn und zehn Jahre zurücklagen, ist der Charakter 
des abnormen Haftens am Vergangenen sehr deutlich und die 
Patientin Breuers hätte ihn wahrscheinlich gleichfalls entwickelt. 



Erste Forlesung 359 



wenn sie nicht so kurze Zeit nach dem Erleben der Traumen 
und der Entstehung der Symptome zur kathartischen 
Behandlung gekommen wäre. 

Wir haben bisher nur die Beziehung der hysterischen Symptome 
zur Lebensgeschichte der Kranken erörtert 5 aus zwei weiteren 
Momenten der B reu ersehen Beobachtung können wir aber auch 
einen Hinweis darauf gewinnen, wie wir den Vorgang der 
Erkrankung und der Wiederherstellung aufzufassen haben. Fürs 
erste ist hervorzuheben, daß die Kranke Breuers fast in allen 
pathogenen Situationen eine starke Erregung zu unterdrücken 
hatte, anstatt ihr durch die entsprechenden Affektzeichen, Worte 
und Handlungen, Ablauf zu ermoghchen. In dem kleinen Erlebnis 
mit dem Hund ibrer Gesellschafterin unterdrückte sie aus Rück- 
sicht auf diese jede Äußerung ihres sehr intensiven Ekels ^ während 
sie am Bette des Vaters wachte, trug sie beständig Sorge, dem 
Kranken nichts von ihrer Angst und ihrer schmerzlichen Ver- 
stimmung merken zu lassen. Als sie später diese selben Szenen 
vor ihrem Arzt reproduzierte, trat der damals gehemmte Affekt 
mit besonderer Heftigkeit, als ob er sich solange aufgespart hätte, 
auf. Ja, das Symptom, welches von dieser Szene erübrigt war, 
gewann seine höchste Intensität, während man sich seiner Ver- 
ursachung näherte, um nach der völhgen Erledigung derselben 
zu verschwinden. Andererseits konnte man die Erfahrung machen, 
daß das Erinnern der Szene heim Arzte wirkungslos blieb, wenn 
es aus irgendeinem Grunde einmal ohne Affektentwicklung 
ablief. Die Schicksale dieser Affekte, die man sich als verschiebbare 
Größen vorstellen konnte, waren also das Maßgebende für die 
Erkrankung wie für die Wiederherstellung. Man sah sich zur 
Annahme gedrängt, daß die Erkrankung darum zustande kam, 
weil den in den pathogenen Situationen entwickelten Affekten 
ein normaler Ausweg versperrt war, und daß das Wesen der 
Erkrankung darin bestand, daß nun diese „eingeklemmten" Affekte 
einer abnormen Verwendung unterlagen. Zum Teil bUehen sie als 



t6o 



Über Psychoanalyse 



dauernde Belastungen des Seelenlebens und Quellen beständiger 

Erregung für dasselbe bestehen; zum Teil erfuhren sie eine 

Umsetzung in ungewöhnliche körperliche Innervationen und 

Hemmungen, die sich als die körperlichen Symptome des 

Falles darstellten. Wir haben für diesen letzteren Vorgang den 

Namen der „hysterischen Konversion" geprägt. Ein 

gewisser Anteil unserer seelischen Erregung wird ohnedies 

normalerweise auf die Wege der körperlichen Innervation geleitet 

und ergibt das, was wir als „Ausdruck der GemüLsbewegungen" 

kennen. Die hysterische Konversion übertreibt nun diesen Anteil 

des Ablaufes eines mit Affekt besetzten seelischen Vorganges^ sie 

entspricht einem weit intensiveren, auf neue Bahnen geleiteten 

Ausdruck der Gemütsbewegung. Wenn ein Strombett in zwei 

Kanälen fließt, so wird eine Überfüllung des einen stattfinden, 

sobald die Strömung in dem anderen auf ein Hindernis stößt. 

Sie seilen, wir sind im Begriffe, zu einer reiji psychologischen 
Theorie der Hysterie zu gelangen, in welcher wir den Affekt- 
vorgängen den ersten Rang anweisen. Eine zweite Beobachtung 
Breuers nötigt uns nun, in der Charakteristik des krankhaften 
Geschehens den Bewußtseinszuständen eine große Bedeutung 
einzuräumen. Die Kranke Breuers zeigte mannigfaltige seelische 
Verfassungen, Zustände von Abwesenheit, Verworrenheit und 
Charakterveränderung neben ihrem Normalzustand. Im Normal- ■ 
zustand wußte sie nun nichts von jenen pathogenen Szenen und 
von deren Zusammenhang mit ihren Symptomen^ sie hatte diese 
Szenen vergessen oder jedenfalls den pathogenen Zusammenhang 
zerrissen. Wenn man sie in die Hypnose versetzte, gelang es nach 
Aufwendung beträchtlicher Arbeit, ihr diese Szenen ins Gedächtnis 
zurückzurufen, und durch diese Arbeit des Wiedererinnerns wurden 
die Symptome aufgehoben. Man wäre in großer Verlegenheit, wie 
man diese Tatsache deuten sollte, wenn nicht die Erfahrungen 
und Experimente des Hypnotismus den Weg dazu gewiesen 
hätten. Durch das Studium der hypnotischen Phänomene hat man 



Erste Vorlesung -gi 



sich an die anfangs befremdliche Auffassung gewöhnt, daß in einem 
und demselben Individuum mehrere seelische Gruppierungen 
möglich sind, die ziemlich unabhängig voneinander bleiben können 
voneinander j,nichts_wissen", und die das Bewußtsein alternierend 
an sich reißen. Fälle solcher Art, die man als double conscience 
bezeichnet, kommen gelegentlich auch spontan zur Beobachtung. 
Wenn bei solcher Spaltung der Persönlichkeit das Bewußtsein 
konstant an den einen der beiden Zustände gebunden bleibt, so 
heißt man diesen den bewußten Seelenzustand, den von ihm 
abgetrennten den unbewußten. In den bekannten Phänomenen 
der sogenannten posthj-pnotischen Suggestion, wobei ein in der 
Hypnose gegebener Auftrag sich später im Normalzustand 
gebieterisch durchsetzt, hat man ein vorzügUches Vorbild für die 
Beeinflussungen, die der bewußte Zustand durch den für ihn 
unbewußten erfahren kann, und nach diesem Muster gelingt es 
allerdings, sich die Erfahrungen bei der Hysterie zurechtzulegen. 
Breuer entschloß sich zur Annahme, daß die hysterischen Sym- 
ptome in solchen besonderen seelischen Zuständen, die er hypnoide 
nannte, entstanden seien. Erregungen, die in solche hypnoide 
Zustande hineingeraten, werden leicht pathogen, weil diese Zustände 
nicht die Bedingungen für einen normalen Ablauf der Erregungs- 
vorgänge bieten. Eis entsteht also aus dem Erregungsvorgang ein 
ungewöhnliches Produkt, eben das Symptom, und dieses ragt wie 
ein Fremdkörper in den Normalzustand hinein, dem dafür die 
Kenntnis der hypnoiden pathogenen Situation abgeht. Wo ein 
Symptom besteht, da findet sich auch eine Amnesie, eine Erinnerungs- 
lücke, und die Ausfüllung dieser Lücke schließt die Aufliebung der 
EntstehungsbedingTjngen des Symptoms in sich ein. 

Ich fürchte, daß Ihnen dieses Stück meiner Darstellung nicht 
sehr durchsichtig erschienen ist. Aber haben Sie Nachsicht, es 
handelt sich um neue und schwierige Anschauungen, die vielleicht 
nicht viel klarer gemacht werden können^ ein Beweis dafür, daß 
wir mit unserer Erkenntnis noch nicht sehr weit vorgedrungen 



362 



über Psychoanalyse 



sind. Die Breuersche Aufstellung der hypnoiden Zustände 
hat sich übrigens als hemmend und überflüssig erwiesen und ist 
von der heutigen Psychoanalyse fallen gelassen worden. Sie werden 
später wenigstens andeutungsweise hören, welche Einflüsse und 
Vorgänge hinter der von Breuer aufgestellten Schranke der 
hypnoiden Zustände zu entdecken waren. Sie werden auch mit 
Recht den Eindruck empfangen haben, daß die Breuersche 
Forschung Ihnen nur eine sehr unvollständige Theorie und unbe- 
friedigende Aufklärung der beobachteten Erscheinungen geben 
konnte, aber vollkommene Theorien fallen nicht vom Himmel, 
und Sie werden mit noch größerem Recht mißtrauisch sein, wenn 
Ihnen jemand eine lückenlose und abgerundete Theorie bereits zu 
Anfang seiner Beobaclitungcn anbietet. Eine solche wird gewiß 
nur das Kind seiner Spekulation sein können und nicht die Frucht 
voraussetzungsloser Erforschung des Tatsächlichen. 




II 

Meine Damen und Herren! Etwa gleichzeitig, während Breuer 
mit seiner Patientin die „talking eure" übte, hatte Meister 
Charcot in Paris jene Untersuchungen über die Hysterischen 
der Salpetritre begonnen, von denen ein neues Verständnis der 
Krankheit ausgehen sollte. Diese Resultate konnten damals in 
Wien noch nicht bekannt sein. Als aber etwa ein Dezermium 
später Breuer und ich die vorläufige Mitteilung über den 
psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene veröffentlichten, 
welche an die kathartische Behandlung bei Breuers erster 
Patientin anknüpfte, da befanden wir uns ganz im Banne der 
Charcot sehen Forschungen. Wir stellten die pathogenen Erleb- 
nisse unserer Kranken als psychische Traumen jenen körperlichen 
Traumen gleich, deren Einfluß auf hysterische Lähmungen 
Charcot festgestellt hatte, und Breuers Aufstellung der 
hypnoiden Zustände ist selbst nichts anderes als ein Reflex der 
Tatsache, daß Charcot jene traumatischen Lähmungen in der 
Hypnose künstlich reproduziert hatte. 

Der große französische Beobachter, dessen Schüler ich 1885/86 
wurde, war selbst psychologischen AufTassungen nicht geneigt; erst 
sein Schüler P. Jan et versuchte ein tieferes Eindringen in die 
besonderen psychischen Vorgänge bei der Hysterie, und wir folgten 
seinem Beispiele, als wir die seelische Spaltung und den Zerfall 
der Persönlichkeit in das Zentrum unserer Auffassung rückten. 
Sie finden bei Jan et eine Theorie der Hysterie, welche den in 



564 über Psychoanalyse 



Frankreich herrschenden Lehren über die Rolle der Erblichkeit 
und der Degeneration Rechnung trägt. Die Hysterie ist nach ihm 
eine Form der degenerativen Veränderung des Nervensystems^ 
welche sich durch eine angeborene Schwäche der psychischen 
Synthese kundgibt. Die hysterisch Kranken seien von Anfang an 
unfähig, die Mannigfaltigkeit der seelischen Vorgänge zu einer 
Einheit zusammenzuhalten, und daher komme die Neigung zur 
seelischen Dissoziation. Wenn Sie mir ein banales, aber deutliches 
Gleichnis gestatten, Janets Hysterische erinnert an eine schwache 
Frau, die ausgegangen ist, um Einkäufe zu machen, und nun mit 
einer Menge von Schachteln und Paketen beladen zurückkommt. 
Sie kann den ganzen Haufen mit ihren zwei Armen und zehn 
Fingern nicht bewältigen, und so entfällt ihr zuerst ein Stück. 
Bückt sie sich, um dieses aufzuheben, so macht sicli dafür ein 
anderes los usw. Es stimmt nicht gut zu dieser angenommenen 
seelischen Schwäche der Hysterischen, daß man bei ihnen außer 
den Erscheinungen verminderter Leistung auch Beispiele von 
teilweiser Steigerung der Leistungsfähigkeit, wie zur Entschädigung, 
beobachten kann. Zur Zeit, als Breuers Patientin ihre Mutter- 
sprache und alle anderen Sprachen bis auf Englisch vergessen 
hatte, erreichte ihre Beherrschung des Englischen eine solche Höhe, 
daß sie imstande war, wenn man ihr ein deutsches Buch vorlegte, 
eine tadellose und fließende englische Übersetzung desselben vom 
Blatt herunterzu lesen. 

Als ich es später unternahm, die von Breuer begonnenen 
Untersuchungen auf eigene Faust fortzusetzen, gelangte ich bald 
zu einer anderen Ansicht über die Entstehung der hysterischen 
Dissoziation (Bewußtseinsspaltung). Eine solche, für alles weitere 
entscheidende Divergenz mußte sich notwendigerweise ergeben, da 
ich nicht wie Jan et von Laboratoriumsversuchen, sondern von 
therapeutischen Bemühungen ausging. 

Mich trieb vor allem das praktische Bedürfnis. Die kathailische 
Behandlung, wie sie Breuer geübt hatte, setzte voraus, daß man 




Zweite Vorlesung 



565 



den Kranken in tiefe Hypnose bringe, denn nur im hypnotischen 
Zustand fand er die Kenntnis jener pathogenen Zusammenhänge, 
die ihm in seinem Normalzustand abging. Nun war mir die 
Hypnose als ein launenhaftes und sozusagen mystisches Hilfsmittel 
bald unliebsam geworden^ als ich aber die Erfahrung machte daß 
es mir trotz aller Bemühungen nicht gelingen wollte, mehr als 
einen Bruchteil meiner Kranken in den hypnotischen Zustand zu 
versetzen, beschloß ich, die H;>-pnose aufzugeben und die kathartische 
Behandlung von ihr unabhängig zu machen. Weil ich den 
psychischen Zustand meiner meisten Patienten nicht nach meinem 
Belieben verändern konnte, richtete ich mich darauf ein, mit ihrem 
Normalzustand zu arbeiten. Das schien allerdings vorerst ein sinn- 
und aussichtsloses Unternehmen zu sein. Es war die Aufgabe 
gestellt, etwas vom Kranken zu erfahren, was man nicht wußte 
und was er selbst nicht wußte; wie konnte man hoffen, dies doch 
in Erfahrung zu bringen? Da kam mir die Erinnerung an einen 
sehr merkwürdigen und lehrreichen Versuch zu Hilfe, den ich bei 
Bernheim in Nancy mitangesehen hatte. Bernheim zeigte 
uns damals, daß die Personen, welche er in hypnotischen 
Somnambulismus versetzt und in diesem Zustand allerlei hatte 
erleben lassen, die Erinnerung an das somnambul Erlebte doch 
nur zum Schein verloren hatten, und daß es möglich war, bei 
ihnen diese Erinnerungen auch im Normalzustand zu erwecken. 
Wenn er sie nach den somnambulen Erlebnissen befragte, so 
behaupteten sie anfangs zwar, nichts zu wissen, aber wenn er nicht 
nachgab, drängte, ihnen versicherte, sie wüßten es doch, so kamen 
die vergessenen Erinnerungen jedesmal wieder. 

So machte ich es also auch mit meinen Patienten. Wenn ich 
mit ihnen bis zu einem Punkte gekommen war, an dem sie 
behaupteten, nichts weiter zu wissen, so versicherte ich ihnen 
sie wüßten es doch, sie sollten es nur sagen, und ich getraute 
mich der Behauptung, daß die Erinnerung die richtige sein 
würde, die ihnen in dem Moment käme, da ich meine Hand auf 



166 Über Psychoanalyse 



ihre Stirne legte. Auf diese Weise gelang es mir, ohne Anwendung 
der Hypnose, von den Kranken alles zu erfahren, was zur 
Herstellung des Zusammenhanges zwischen den vergessenen 
pathogenen Szenen und den von ihnen erübrigten Symptomen 
erforderlich war. Aber es war ein mühseliges, ein auf die Dauer 
erschöpfendes Verfahren, das sich für eine endgültige Technik 
nicht eignen konnte. 

Ich gab es jedoch nicht auf, ohne aus den dabei gemachten 
Wahrnehmungen die entscheidenden Schlüsse zu ziehen. Ich hatte 
es also bestätigt gefunden, daß die vergessenen Erinnerungen 
nicht verloren waren. Sie waren im Besitze des Kranken und 
bereit, in Assoziation an das von ihm noch Gewußte aufzutauchen, 
aber irgendeine Kraft hinderte sie daran, bewußt zu werden, 
und nötigte sie, unbewußt zu bleiben. Die Existenz dieser Kraft 
konnte man mit Sicherheit annehmen, denn man verspürte eine ihr 
entsprechende Anstrengung, wenn man sich bemühte, im Gegensatz 
zu ihr die unbewußten Erinnerungen ins Bewußtsein des Kranken 
einzuführen. Man bekam die Kraft, welche den krankhaften Zustand 
aufrecht erhielt, als Widerstand des Kranken zu spüren. 

Auf diese Idee des Widerstandes habe ich nun meine Auffassung 
der psychischen Vorgänge bei der Hysierie gegründet. Es hatte 
sich als notwendig zur Herstellung erwiesen, diese Widerstände 
aufzuheben; vom Mechanismus der Heilung aus konnte man 
sich jetzt ganz bestimmte Vorstellungen über den Hergang bei 
der Erkrankung bilden. Dieselben Kräfte, die sich heute als 
Widerstand dem Bewußtmachen des Vergessenen widersetzten, 
mußten seinerzeit dieses Vergessen bewirkt und die betreffenden 
pathogenen Erlebnisse aus dem Bewußtsein gedrängt haben. Ich 
nannte diesen von mir supponierlen Vorgang Verdrängung 
und betrachtete ihn als erwiesen durch die unleugbare Existenz 
des Widerstandes. 

Man konnte sich aber auch die Frage vorlegen, welches diese 
Kräfte und welche die Bedingungen der Verdrängung seien, in 



Zweite Vorlesung jpg- 



der wir nun den pathogenen Mechanismus der Hysterie erkennen. 
Eine vergleichende Untersuchung der pathogenen Situationen, die 
man durch die kathartische Behandlung kennen gelernt hatte 
gestattete hierauf Antwort zu gehen. Bei all diesen Erlebnissen 
hatte es sich darum gehandelt, daß eine Wunschregung aufgetaucht 
war, welche in scharfem Gegensatze zu den sonstigen Wünschen 
des Individuums stand, sich als unverträglich mit den ethischen 
und ästhetischen Ansprüchen der Persönlichkeit erwies. Es hatte 
einen kurzen Konflikt gegeben, und das Ende dieses inneren 
Kampfes war, daß die Vorstellung, welche als der Ti'äger jenes un- 
vereinbaren Wunsches vor dem Bewußtsein auftrat, der Verdrängung 
anheimfiel und mit den zu ihr gehörigen Erinnerungen aus dem 
Bewußtsein gedrängt und vergessen wurde. Die Unverträglichkeit 
der betreffenden Vorstellung mit dem Ich des Kranken war also 
das Motiv der Verdrängung^ die ethischen und anderen Anforde- 
rungen des Individuums waren die verdrängenden Kräfte. Die 
Annahme der unverträglichen Wunschregung oder die Fortdauer 
des Konflikts hätten hohe Grade von Unlust hervorgerufen; diese 
Unlust wurde durch die Verdrängung erspart, die sich in 
solcher Art als eine der Schutzvorrichtungen der seelischen 
Persönlichkeit erwies. 

Ich will Ihnen anstatt vieler einen einzigen meiner Fälle 
erzählen, in welchem Bedingungen und Nutzen der Verdrängung 
deutlich genug zu erkennen sind. Freilich muß ich für meinen 
Zweck auch diese Krankengeschichte verkürzen und wichtige 
Voraussetzungen derselben beiseite lassen. Ein junges Mädchen, 
welches kurz vorher den geliebten Vater verloren hatte, an dessen 
Pflege sie beteiligt gewesen war, — eine Situation analog der 
bei der Patientin Breuers, ~ brachte, als ihre ältere Schwester 
sich verheiratete, dem neuen Schwager eine besondere Sympathie 
entgegen, die sich leicht als verwandtschaftliche Zärtlichkeit 
maskieren konnte. Diese Schwester erkrankte bald und starb, 
während die Patientin mit ihrer Mutter abwesend war. Die 



»68 Über Psychoanalyse 

Abwesenden wurden eiligst zurückgerufen, ohne in sichere Kenntnis 
des schmerzlichen Ereignisses gesetzt zu werden. Als das Mädchen 
an das Bett der toten Schwester trat, tauchte für einen kurzen 
Moment eine Idee in ihr auf, die sich etwa in den Worten 
ausdrücken Ueße: Jetzt ist er frei und kann mich 
heiraten. Wir dürfen als sicher annehmen, daß diese Idee, 
welche die ihr selbst nicht bewußte intensive Liebe zum Schwager 
ihrem Bewußtsein verriet, durch den Aufruhr ihrer Gefühle im 
nächsten Moment der Verdrängung überliefert wurde. Das 
Mädchen erkrankte an schweren hysterischen Symptomen, und 
als ich sie in Behandlung genommen hatte, stellte es sich heraus, 
daß sie jene Szene am Bette der Schwester und die in ihr 
auftretende häßlich-egoistische Regung gründlich vergessen hatte. 
Sie erinnerte sich daran in der Behandlung, reproduzierte den 
pathogenen Moment unter den Anzeichen heftigster Gemüts- 
bewegung und wurde durch diese Behandlung gesund. 

Vielleicht darf ich Ihnen den Vorgang der Verdrängung und 
deren notwendige Beziehung zum Widerstand durch ein grobes 
Gleichnis veranschaulichen, das ich gerade aus unserer gegen- 
wärtigen Situation herausgreifen will. Nehmen Sie an, hier in 
diesem Saale und in diesem Auditorium, dessen musterhafte Ruhe 
und Aufmerksamkeit ich nicht genug zu preisen weiß, befände 
sich doch ein Individuum, welches sich störend benimmt und 
durch sein ungezogenes Lachen, Schwätzen, Scharren mit den 
Füßen meine Aufmerksamkeit von meiner Aufgabe abzieht. Ich 
erkläre, daß ich so nicht weiter vortragen kann, und daraufhm 
erheben sich einige kräftige Männer unter Ihnen und setzen den 
Störenfried nach kurzem Kampfe vor die Tür. Er ist also jetzt 
„verdrängt" und ich kann meinen Vortrag fortsetzen. Damit aber 
die Störung sich nicht wiederhole, wenn der Herausgeworfene 
versucht, wieder in den Saal einzudringen, rücken die Herren, 
welche meinen Willen zur Ausführung gebracht haben, ihre 
Stühle an die Türe an und etablieren sich so als „Widerstand" 



lA. 



Zweite Vorlesung -gq 



nach vollzogener Verdrängung. Wenn Sie nun noch die beiden 
Lokalitäten hier als das „Bewußte" und das „Unbewußte" aufs 
Ps3xhische übertragen, so haben Sie eine ziemlich gute Nach- 
bildung des Vorganges der Verdrängung vor sich. 

Sie sehen nun, worin der Unterschied unserer Auffassung von 
der Ja net sehen gelegen ist. Wir leiten die psychische Spaltung 
nicht von einer angeborenen Unzulänglichkeit des seelischen 
Apparates zur Synthese ab, sondern erklären sie dynamisch durch 
den Konflikt widerstreitender Seelenkräfte, erkennen in ihr das 
Ergebnis eines aktiven Sträubens der beiden psychischen Gruppie- 
rungen gegeneinander. Aus unserer Auffassung erheben sich nun 
neue Fragestellungen in großer Anzahl. Die Situation des 
psychischen Konflikts ist ja eine überaus häufige, ein Bestreben 
des Ichs, sich peinlicher Erinnerungen zu erwehren, wird ganz 
regelmäßig beobachtet, ohne daß es zum Ergebnis einer seelischen 
Spaltung führte. Man kann den Gedanken nicht abweisen, daß 
es noch anderer Bedingungen bedarf, wenn der Konflikt die 
Dissoziation zur Folge haben soll. Ich gehe Ihnen auch gern zu, 
daß wir mit der Annahme der Verdrängung nicht am Ende, 
sondern erst am Anfang einer psychologischen Theorie stehen, 
aber wir können nicht anders als schrittweise vorrücken und 
müssen die Vollendung der Erkenntnis weiterer und tiefer ein- 
dringender Arbeit überlassen. 

Unterlassen Sie auch den Versuch, den Fall der Patientin 
Breuers unter die Gesichtspunkte der Verdrängung zu bringen. 
Diese Krankengesciiichte eignet sich hiezu nicht, weil sie mit 
Hilfe der hypnotischen Beeinflussung gewonnen worden ist. Erst, 
wenn Sie die Hypnose ausschalten, können Sie die Widerstände und 
Verdrängungen bemerken und sich von dem wirklichen pathogenen 
Vorgang eine zutreffende Vorstellung bilden. Die Hypnose verdeckt 
den Widerstand und macht ein gewisses seelisches Gebiet frei zu- 
gänglich, dafür häuft sie den Widerstand an den Grenzen dieses 
Gebietes zu einem Walle auf, der alles Weitere unzugänglich macht. 

Preud, IV r^ 



jyo ^ber Psychoanalyse 

Das Wertvollste, was wir aus der Breuer sehen Beobachtung 
gelernt haben, waren die Aufschlüsse über den Zusammenhang 
der Symptome mit den pathogenen Erlebnissen oder psychischen 
Traumen, und nun dürfen wir nicht versäumen, diese Einsichten 
vom Standpunkte der Verdrängungslehre yxx würdigen. Man sieht 
zunächst wirklich nicht ein, wie man von der Verdrängung aus 
zur Symptombildung gelangen kann. Anstatt eine komplizierte 
theoretische Ableitung zu geben, will ich an dieser Stelle auf 
unser früher gebrauchtes Bild für die Verdrängung zurückgreifen. 
Denken Sie daran, mit der Entfernung des störenden Gesellen 
und der Niederlassung der Wächter vor der Türe braucht die 
Angelegenheit nicht beendigt zu sein. Es kann sehr wohl geschehen, 
daß der Herausgeworfene, der jetzt erbittert und ganz rücksichtslos 
geworden ist, uns weiter zu schaffen gibt. Er ist zwar nicht 
mehr unter uns, wir sind seine Gegenwart, sein höhnisches 
Lachen, seine halblauten Bemerkungen los geworden, aber in 
gewisser Hinsicht ist die Verdrängung doch erfolglos gewesen, 
denn er führt nun draußen einen uneilräglichen Spektakel auf, 
und sein Schreien und mit den Fäusten an die Türe Pochen 
hemmt meinen Vortrag mehr als früher sein unartiges Benehmen. 
Unter diesen Verhältnissen würden wir es mit Freuden begrüßen 
müssen, wenn etwa unser verehrter Präsident Dr. Stanley- 
Hall die Rolle des Vermittlers und Friedensstifters übernehmen 
wollte. Er würde mit dem ungebärdigen Gesellen draußen sprechen 
und dann sich an uns mit der Aufforderung wenden, ihn doch 
wieder einzulassen, er übernehme die Garantie, daß jener sich jetzt 
besser betragen werde. Auf Dr. Halls Autorität hin entschließen 
wir uns dazu, die Verdrängung wieder aufzuheben, und nun tritt 
wieder Ruhe und Frieden ein. Es ist dies wirklich kerne 
umpassende Darstellung der Aufgabe, die dem Arzt bei der psycho- 
analytischen Therapie der Neurosen zufällt. 

Um es jetzt direkter zu sagen: Wir kommen durch die Unter- 
suchung der hysterisch Kranken und anderer Neurotiker zur 



Xweite Porlesung gyi 



Überzeugung, daß ihnen die Verdrängung der Idee, an welcher 
der unerträgliche Wunsch hängt, mißlungen ist. Sie haben 
sie zwar aus dem Bewußtsein und aus der Erinnerung getrieben 
und sich anscheinend eine große Summe Unlust erspart, aber 
im Unbewußten besteht die verdrängte Wunsch- 
regung weiter, lauert auf eine Gelegenheit, aktiviert zu 
werden, und versteht es dann, eine entstellte und unkenntlich 
gemachte Ersatzbildung für das Verdrängte ins Bewußtsein 
zu schicken, an welche sich bald dieselben Unlustempfmdungen 
knüpfen, die man durch die Verdrängung erspart glaubte. Diese 
Ersatzbildung für die verdrängte Idee — das Symptom — ist 
gegen weitere Angriffe von selten des abwehrenden Ichs gefeit, 
und an Stelle des kurzen Konflikts tritt Jetzt ein in der Zeit 
nicht endendes Leiden. An dem Symptom ist neben den Anzeichen 
der Entstellung ein Rest von irgendwie vermittelter Ähnlichkeit 
mit der ursprünglich verdrängten Idee zu konstatieren^ die 
Wege, auf denen sich die Ersatzbildung vollzog, lassen sich 
während der psychoanalytischen Behandlung des Kranken auf- 
decken, und zu seiner Heilung ist es notwendig, daß das Symptom 
auf diesen nämhchen Wegen wieder in die verdrängte Idee 
übergeführt werde. Ist das Verdrängte wieder der bewußten 
Seelentätigkeit zugeführt, was die Überwindung beträchtlicher 
Widerstände voraussetzt, so kann der so entstandene psychische 
Konflikt, den der Kranke vermeiden wollte, unter der Leitung 
des Arztes einen besseren Ausgang finden, als ihn die Verdrängung 
bot. Es gibt mehrere solcher zweckmäßiger Erledigungen, welche 
Konflikt und Neurose zum glücklichen Ende führen, und die im 
einzelnen Falle auch miteinander kombiniert erzielt werden 
können. Entweder wird die Persönlichkeit des Kranken überzeugt, 
daß sie den pathogenen Wunsch mit Unrecht abgewiesen hat 
und veranlaßt, ihn ganz oder teilweise zu akzeptieren, oder dieser 
Wunsch wird selbst auf ein höheres und darum einwandfreies 
Ziel geleitet {was man seine Su_bli mie rung heißt), oder man 

2*' 



572 Über Psychoanalyse 



erkennt seine Verwerfung als zu Recht bestehend an, ersetzt aber 
den automatischen und darum unzureichenden Mechanismus der 
Verdrängung durch eine Verurteilung mit Hilfe der höchsten 
geistigen Leistungen des Menschen; man erreicht seine bewußte 
Beherrschung. 

Verzeihen Sie mir, wenn es mir nicht gelungen ist, Ihnen 
diese Hauptgesiciilspunkte der nun Psychoanalyse genannten 
Behandlungsmethode klarer faßlich darzustellen. Die Schwierig- 
keiten liegen nicht nur in der Neuheit des Gegenstandes. Welcher 
Art die unverträglichen Wünsche sind, die sich trotz der 
Verdrängung aus dem Unbewußten vernehmbar zu machen 
verstehen, und welche subjektiven oder konstitutionellen Bedin- 
gungen bei einer Person zutreffen müssen, damit sich ein solches 
Mißlingen der Verdrängung und eine Ersatz- oder Symptom- 
bildung vollziehe, darüber werden noch einige spätere Bemerkungen 
Aufschluß geben. 



m 

Meine Damen und Herren! Es ist nicht immer leicht die 
Wahrheit zu sagen, besonders wenn man kurz sein muß, und so 
bin ich heute genötigt, eine Unrichtigkeit zu korrigieren, die ich 
in meinem letzten Vortrag vorgebracht habe. Ich sagte Ihnen, 
wenn ich unter Verzicht auf die Hypnose in meine Kranken 
drang, mir doch mitzuteilen, was ihnen zu dem eben behandelten 
Problem einfiele — sie wüßten ja doch alles angeblich Vergessene, 
und der auftauchende Einfall werde gewiß das Gesuchte enthalten 
— so machte ich tatsächlich die Erfahrung, daß der nächste 
Einfall meines Kranken das richtige brachte und sich als die 
vergessene Fortsetzung der Erinnerung erwies. Nun, das ist nicht 
allgemein richtig; ich habe es nur der Abkürzung halber so 
einfach dargestelh. In WirkHchkeit traf es nur die ersten Male 
zu, daß sich das richtige Vergessene durch einfaches Drängen 
von meiner Seite einstellte. Setzte man das Verfahren fort, so 
kamen jedesmal Einfälle, die nicht die richtigen sein konnten, 
weil sie nicht passend waren, und die die Kranken selbst als 
unrichtig verwarfen. Das Drängen brachte hier keine weitere Hilfe, 
und man konnte wieder bedauern, die Hypnose aufgegeben zu haben. 

In diesem Stadium der Ratlosigkeit klammerte ich mich an 
ein Vorurteil, dessen wissenschaftliche Berechtigung Jahre später 
durch C. G. Jung in Zürich und seine Schüler erwiesen wurde. 
Ich muß behaupten, es ist manchmal recht nützlich, Vor- 
urteile zu haben. Ich brachte eine hohe Meinung von der Strenge 



574. Über Psychoanalyse 



der Determinierung seelischer Vorgänge mit und konnte nicht 
daran glauben, daß ein Einfall des Kranken, den er bei gespannter 
Aufmerksamkeit produzierte, ganz willkürlich und außer Beziehung 
zu der von uns gesuchten vergessenen Vorstellung sei; daß er mit 
dieser nicht identisch war, ließ sich aus der vorausgesetzten 
psychologischen Situation befriedigend erklären. In dem behandelten 
Kranken wirkten zwei Kräfte gegeneinander, einerseits sein 
bewußtes Bestreben, das in seinem Unbewußten vorhandene Ver- 
gessene ins Bewußtsein zu ziehen, andererseits der uns bekannte 
Widerstand, der sich gegen solches Bewußtwerden des Verdrängten 
oder seiner Abkömmlinge sträubte. War dieser Widerstand gleich 
Null oder sehr gering, so wurde das Vergessene ohne Entstellung 
bewußt; es lag also nahe, anzunehmen, daß die Entstellung des 
Gesuchten um so größer ausfallen werde, je größer der Wider- 
stand gegen das Bewußtwerden des Gesuchten sei. Der Einfall 
des Kranken, der anstatt des Gesuchten kam, war also selbst 
entstanden wie ein Symptom; er war eine neue, künstliche und 
ephemere Ersatzbiltlung für das Verdrängte, und demselben um so 
unähnlicher, eine je größere Entstellung er unter dem Einfluß 
des Widerstandes erfahren hatte. Er mußte aber doch eine gewisse 
Ähnlichkeit mit dem Gesuchten aufweisen, kraft seiner Natur 
als Symptom, und bei nicht zu intensivem Widerstand mußte 
es möglich sein, aus dem Einfall das verborgene Gesuchte zu 
erraten. Der Einfall mußte sich zum verdrängten Element ver- 
halten wie eine Anspielung, wie eine Darstellung desselben m 
indirekter Rede. 

Wir kennen auf dem Gebiete des normalen Seelenlebens Fälle, 
in denen analoge Situationen wie die von uns angenommene 
auch ähnliche Ergebnisse liefern. Ein solcher Fall ist der des 
Witzes. Durch die Probleme der psychoanalytischen Technik 
bin ich denn auch genötigt worden, mich mit der Technik der 
Witzbildung zu beschäftigen. Ich will Ihnen ein einziges solches 
Beispiel erläutern, übrigens einen Witz in englischer Sprache. 




Dritte Vorlesung 575 



Die Anekdote erzählt:^ Zwei wenig skrupulösen Geschäftsleuten 
war es gelungen, sich durch eine Reihe recht gewagter Unter- 
nehmungen ein großes Vermögen zu erwerben, und nun ging 
ihr Bemühen dahin, sich der guten Gesellschaft aufzudrängen. 
Unter anderem erschien es ihnen als ein zweckmäßiges Mittel, sich 
von dem vornehmsten und teuersten Maler der Stadt, dessen 
Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen zu lassen. Auf 
einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder zuerst gezeigt, 
und die beiden Hausherren führten selbst den einflußreichsten 
Kunstkenner und Kritiker zur Wand des Salons, an welcher die 
beiden Porträts nebeneinander aufgehängt waren, um ihm sein 
bewunderndes Urteil zu entlocken. Der sah die Bilder lange Zeit 
an, schüttelte dann den Kopf, als ob er etwas vermissen würde, 
und fragte bloß, auf den freien Raum zwischen den beiden 
Bildern deutend: „And where is the Saviour?" Ich sehe, Sie 
lachen alle über diesen guten Witz, in dessen Verständnis wir 
nun eindringen wollen. Wir verstehen, daß der Kunstkenner 
sagen will: Ihr seid ein Paar Spitzbuben, wie die, zwischen denen 
man den Heiland ans Kreuz hängte. Aber er sagt es nicht; 
anstatt dessen äußert er etwas, was zunächst sonderbar unpassend 
und nicht dazugehörig scheint, was wir aber im nächsten Moment 
als eine Anspielung auf die von ihm beabsichtigte Beschimpfung 
und als einen vollgültigen Ersatz für dieselbe erkennen. Wir 
können nicht erwarten, daß sich beim Witz alle die Verhältnisse 
wiederfinden lassen, die wir bei der Entstehung des Einfalles 
bei unseren Patienten vermuten, aber auf die Identität in der 
Motivierung von Witz und Einfall wollen wir Gewicht legen. 
Warum sagt unser Kritiker den beiden Spitzbuben nicht direkt, 
was er ihnen sagen möchte? Weil neben seinem Gelüste, es ihnen 
unverhüllt ins Gesicht zu sagen, sehr gute Gegenmotive in ihm 
wirksam sind. Es ist nicht ungefährlich, Leute zu beleidigen, bei 

1) Der Witz und seine Beziehung mm Unhe wußten. Wien 1905, 5. Aufl., igai, 
p. 60. (Enthalten in Bd. IX dieser Gesamtausgabe.) 



576 über Psychoanatyse 



% 



denen man zu Gaste ist, und die über die kräftigen Fäuste einer 
zahlreichen Dienerschaft verfügen. Man kann leicht jenem Schicksal 
verfallen, das ich im vorigen Vortrag in eine Analogie mit der 
„Verdrängung" brachte. Aus diesem Grunde bringt der Kritiker 
die beabsichtigte Beschimpfung nicht direkt, sondern in entstellter 
Form als eine „Anspielung mit Auslassung" zum Ausdruck, und 
j dieselbe Konstellation versclmldet es nach unserer Meinung, daß 

^ unser Patient, anstatt des gesuchten Vergessenen, einen mehr 

, oder minder entstellten Krsatzei nfall produziert. 

[ Meine Damen und Herren! Es ist recht zweckmäßig, eine 

I, Gruppe von zusammengehörigen, mit Affekt besetzten Vorstellungs- 

elementen nach dem Vorgange der Züricher Schule (Bleuler, 
Jung u. a.) als einen „Komplex" zu bezeichnen. Wir sehen 
also, wenn wir bei einem Kranken von dem letzten, was er noch 
erinnert, ausgehen, um einen verdrängten Komplex zu suchen, so 
haben wir alle Aussicht, diesen zu erraten, wenn uns der Kranke 
eine genügende Anzahl seiner freien Einfälle zur Verfügung stellt. 
Wir lassen also den Kranken reden, was er will, und halten an 
der Voraussetzung fest, daß ihm nichts anderes einfallen kann, als 
was in indirekter Weise von dem gesuchten Komplex abhängt. 
Erscheint Ihnen dieser Weg, das Verdrängte aufzufinden, allzu 
umständlich, so kann ich Ihnen wenigstens die Versicherung 
geben, daß er der einzig gangbare ist. 

Wenn wir diese Technik ausüben, so werden wir noch durch 
die Tatsache gestört, daß der Kranke häufig innehält, in Stockungen 
gerät und behauptet, er wisse nichts zu sagen, es falle ihm 
überhaupt nichts ein. Träfe dies zu und Iiätle der Kranke recht, 
so wäre unser Verfahren wiederum als unzulänglich erwiesen. 
Allein eine feinere Beobachtung zeigt, daß ein solches Versagen 
der Einfälle eigentlich nie eintritt. Dieser Anschein kommt nur 
dadurch zustande, daß der Kranke den wahrgenommenen Einfall ' 

unter dem Einfluß der Widei-stände, die sich in verschiedene 
kritische Urteile über den Wert des Einfalls kleiden, zurückhält 






Dritte T^orlesung 57^ 



oder wieder beseitigt. Man scliützt sich dagegen, indem man ihm 
dieses Verhalten vorhersagt und von ihm fordert, daß er sich um 
diese Kritik nicht kümmere. Er soll unter völligem Verzicht auf 
solche kritische Auswahl alles sagen, was ihm in &^n Sinn kommt, 
auch wenn er es für unrichtig, für nicht dazugehörig, für unsinnig 
hält, vor allem aucli dann, wenn es ihm unangenehm ist, sein 
Denken mit dem Einfall zu beschäftigen. Durch die Befolgung 
dieser Vorschrift sichern wir uns das Material, welches uns auf 
die Spur der verdrängten Komplexe führt. 

Dieses Material von Einfällen, welche der Kranke geringschätzend 
von sich weist, wenn er unter dem Einflüsse des Widerstandes 
anstatt unter dem des Arztes steht, stellt für den Psychoanalytiker 
gleichsam das Erz dar, dem er mit Hilfe von einfachen Deutungs- 
künsien seinen Gehalt an wertvollem Metall entzieht. Wollen Sie 
I sich bei einem Kranken eine rasche und vorläufige Kenntnis der 

I verdrängten Komplexe schaffen, ohne noch auf deren Anordnung 

und Verknüpfung einzugehen, so bedienen Sie sich dazu der 
j Prüfung mit dem Assoziationsexperiment, wie sie Jung' 

? und seine Schüler ausgebildet haben. Dies Verfahren leistet dem 

\ Psychoanalytiker so viel wie die qualitative Analyse dem Chemiker; 

I es ist in der Therapie der neurotisch Kranken entbehrlich, unent- 

behrlich aber zur objektiven Demonstration der Komplexe und bei 
der Untersuchung der Psychosen, die von der Züricher Schule so 
erfolgreich in AngrifF genommen worden ist. 

Die Bearbeitung der Einfälle, welche sich dem Patienten ergeben, 

't.' wenn er sich der psychoanalytischen Hauptregel unterwirft, ist 

\ nicht das einzige unserer technischen Mittel zur Erschließung des 

^ Unbewußten. Dem gleichen Zwecke dienen zwei andere Verfahren, 

die Deutung seiner Träume und die Verwertung seiner Fehl- und 

V Zufallshandlungen. 

Ich gestehe Ihnen, meine geehrten Zuhörer, daß ich lange 
geschwankt habe, ob ich Ihnen anstatt dieser gedrängten Über- 



il C. G. Jung, Diagnostische Assoiiationsstudien, I, Bd., 1306. 



378 über Psychoanalyse 



sieht über das ganze Gebiet der Psychoanalyse nicht Heber eine 
ausführliche Darstellung der Traumdeutung bieten soll.* Ein 
rein subjektives und anscheinend sekundäres M otiv hat mich 
davon zurückgehalten. Es erschien mir fast anstößig, in diesem 
praktischen Zielen zugewendeten Lande als „Traumdeuter" auf- 
zutreten, ehe Sie noch wissen konnten, auf welche Bedeutung 
diese veraUete und verspottete Kunst Anspruch erheben kann. 
Die Traumdeutung ist in Wirklichkeit die Via Regia zur Kenntnis 
des Unbewußten, die sicherste Grundlage der Psychoanalyse und 
jenes Gebiet, auf welchem jeder Arbeiter seine Überzeugung zu 
gewinnen und seine Ausbildung anzustreben hat. Wenn ich gefragt 
werde, wie man Psychoanalytiker werden kann, so antworte ich^ 
durch das Studium seiner eigenen Träume. Mit richtigem Takt 
sind alle Gegner der Psychoanalyse bisher einer Würdigung der 
„Traumdeutung" ausgewichen oder haben mit den seichtesten 
Einwendungen über sie hinwegzukommen getrachtet. Wenn Sie 
im Gegenteile die Lösungen der Probleme des Traumlebens 
anzunehmen vermögen, werden Ihnen die Neuheiten, welche die 
Psychoanalyse Ihrem Denken zumutet, keine Schwierigkeiten 
mehr bieten. 

Vergessen Sie nicht, daß unsere nächtlichen Traumproduktionen 
einerseits die größte äußere Ähnlichkeit und innere Verwandt- 
schaft mit den Schöpfungen der Geisteskrankheit zeigen, anderer- 
seits aber mit der vollen Gesundheit des Wachlebens verträglich 
sind. Es ist keine paradoxe Behauptung, daß, wer jenen „normalen* 
Sinnestäuschungen, Wahnideen und Charakteränderungen Verwun- 
derung anstatt Verständnis entgegenbringt., auch nicht die leiseste 
Aussicht hat, die abnormen Bildungen krankhafter Seelenzustände 
anders als im laienhaften Sinne zu begreifen. Zu diesen Laien dürfen 
Sie heute getrost fast alle Psychiater zählen. Folgen Sie mir nun 
auf einen flüchtigen Streifzug durch das Gebiet der Traumprobleme. 

1) Die Traumdeutung, igoo (7. Aufl. 1922; enthalten in Bd. II u. III dieser 
G e s am tauB gaL e) . 



Dritte Vorlesung 57g 



Wir pflegen, wenn wir erwacht sind, die Träume so verächtlich 
zu behandeln, wie der Patient die Einfälle, die der Psychoanalytiker 
von ihm fordert. Wir weisen sie aber auch von uns ab, indem 
wir sie in der Regel rasch und vollständig vergessen. Unsere 
Geringschätzung gründet sich auf den fremdartigen Charakter 
selbst jener Träume, die nicht verworren und unsinnig sind, und 
auf die evidente Absurdität und Sinnlosigkeit anderer Träumej 
unsere Abweisung beruft sich auf die ungehemmt schamlosen 
und unmoralischen Strebungen, die in manchen Träumen offen 
zutage treten. Das Altertum hat diese Geringschätzung der Träume 
bekanntlich nicht geteih. Die niederen Schichten unseres Volkes 
lassen sich in der AVertschätzung der Träume auch heute nicht 
irre machen; sie erwarten von ihnen wie die Alten die Enthüllung 
der Zukunft. 

Ich bekenne, daß ich kein Bedürfnis nach mystischen Annahmen 
zur Ausfüllung der Lücken unserer gegenwärtigen Erkenntnis 
habe, und darum habe ich auch nie etwas finden können, was 
eine prophetische Natur der Träume bestätigte. Es läßt sich 
viel andersartiges, was auch wunderbar genug ist, über die Träume 

sagen. 

Zunächst, nicht alle Träume sind dem Träumer wesensfremd, 
unverständlich und verworren. Wenn Sie die Träume jüngster 
Kinder, von eineinhalb Jahren an, Ihrer Betrachtung unterziehen 
wollen, so finden sie dieselben ganz simpel und leicht aufzuklären. 
Das kleine Kind träumt immer die Erfüllung von Wünschen, 
die der Tag vorher in ihm erweckt und nicht befriedigt hat. Sie 
bedürfen keiner Deutungskunst, um diese einfache Lösung zu 
finden, sondern nur der Erkundigung nach den Erlebnissen des 
Kindes am Vortag (Traurotag). Es wäre nun gewiß die befriedigendste 
Lösung des Traumrätsels, wenn auch die Träume der Erwachsenen 
nichts anderes wären als die der Kinder, Erfüllungen von Wunsch- 
regungen, die ihnen der Traumtag gebracht hat. So ist es auch 
in Wirklichkeit; die Schwierigkeiten, welche dieser Lösung im 



3^** über Psychoanalyse 

Wege stehen, lassen sich durch eine eingehendere Analyse der 
Träume schrittweise beseitigen. 

Da ist vor allem die erste und gewichtigste Einwendung, daß 
die Träume Krwaclisener gewühnlicii einen unverständlichen 
Inhalt haben, der am wenigsten etwas von Wunscherfüllung 
erkennen läßt. Die Antwort lautet hier; Diese Träume haben 
eine Entstellung erfahren ; der psychische Vorgang, der ihnen 
zugrunde liegt, hätte ursprünglich ganz anderen Ausdruck in 
Worten finden soUeu. Sie müssen den manifesten Traum- 
in halt, wie Sie ihn am Morgen verschwommen erinnern und 
mühselig, anscheinend willkürlich, in Worte kleiden, unterscheiden 
von den latenten T ra u mged a n k en, die Sie im Unbewußten 
als vorhanden anzunehmen haben. Diese Traumentstellung ist 
derselbe Vorgang, den Sie bei der Untersuchung der Bildung 
hysterischer Symptome kennen gelernt haben; sie weist auch 
darauf hin, daß das gleiche Gegenspiel der seelischen Kräfte bei 
der Traumhildung wie bei der Symptombilduiig beteiligt ist. Der 
manifeste Trauminhalt ist der entstellte Ersatz für die unbewußten 
Traumgedanken, und diese Entstellung ist das Werk von 
abwehrenden Kräften des Ichs, Widerständen, welche den ver- 
drängten Wünschen des Unbewußten den Zugang zum Bewußt- 
sein im Wachleben überhaupt verwehren, in der Herabsetzung 
des Schlafzustandes aber wenigstens noch so stark sind, daß sie 
ihnen eine verhüllende Vermummung aufnötigen. Der Träumer 
erkennt dann den Sinn seiner Träume ebensowenig, wie der 
Hysterische die Bezielumg mu! Bedeutung seiner Symptome. 

Daß es latente 'J'raumgedanken gibt, und daß zwischen ihnen 
und dem manifesten Trauminhalt wirklich die eben beschriebene 
Relation besteht, davon überzeugen Sie sich bei der Analyse der 
Träume, deren Technik mit der psychoanalytischen zu.sammenfällt. 
Sie sehen von dem scheinbaren Zusamraenliang der Elemente im 
manifesten Traum ganz ab und suchen sich die Einfälle zusammen, 
die sich bei freier Assoziation nach der psychoanalytischen Arbeits- 



Dritte Vorlesung ^81 



regel zu jedem einzelnen Traumelement ergeben. Aus diesem 
Material erraten Sie die latenten Traumgedanken ganz so, wie 
Sie aus den Einfällen der Kranken zu seinen Symptomen und 
Erinnerungen seine versteckten Komplexe erraten haben. An den 
so gefundenen latenten Traumgedanken ersehen Sie ohne weiteres, 
wie ToUberechligt die Rückführung der Träume Erwachsener auf 
die Kinderträume ist. Was sich jetzt als der eigentliche Sinn des 
Traumes dem manifesten Trauminhalt substituiert, das ist immer 
Idar verständlich, knüpft an die Lebenseindrücke des Vortages an, 
erweist sich als eine Erfüllung unbefriedigter Wünsche. Den 
manifesten Traum, den Sie aus der Erinnerung beim Erwachen 
kennen, können Sie dann nur beschreiben als eine verkappte 
Erfüllung verdrängter Wünsche. 

Sie können durch eine Art von synthetischer Arbeit jetzt auch 
Einsicht nehmen in den Prozeß, der die Entstellung der unbe- 
wußten Traumgedanken zum manifesten Trauminhalt herbei- 
geführt hat. Wir heißen diesen Prozeß die „Traumarbeit". Derselbe 
verdient unser vollstes theoretisches Interesse, weil wir an ihm 
wie sonst nirgends studieren können, welche ungeahnten psychischen 
Vorgänge im Unbewußten, oder genau ausgedrückt, zwischen 
zwei gesonderten psychischen Systemen wie dem Bewußten und 
dem Unbewußten, möglich sind. Unter diesen neu erkannten 
psychischen Vorgängen heben sich die der Verdichtung und 
der Verschiebung auffällig heraus. Die Trauraarbeit ist ein 
Spezialfall der Einwirkungen verschiedener seelischer Gruppierungen 
aufeinander, also der Erfolge der seelischen Spaltung, und sie scheint 
in allem Wesentlichen identisch mit jener Eutstellungsarbeit, welche 
die verdrängten Komplexe bei mißglückender Verdrängung in 
Symptome verwandelt. 

Sie werden ferner bei der Analyse der Träume, am über- 
zeugendsten Ihrer eigenen, mit Verwunderung die ungeahnt große 
Rolle entdecken, welche Eindrücke und Erlebnisse früher Jahre 
der Kindheit auf die Entwicklung des Menschen nehmen. Im 



582 über Psychoanalyse 



Traumleben setzt das Kind im Menschen gleichsam seine Existenz 
mit ErhaUung all seiner Eigentümlichkeiten und Wunschregungen, 
auch der im späteren Leben unbrauchbar gewordenen, fort. Mit 
unab weislicher Macht drängt sich Ihnen auf, durch welche 
Entwicklungen, Verdrängungen, Sublimierungen und Reaktions- 
bildungen aus dem ganz anders beanlagten Kinde der sogenannt 
normale Mensch, der Träger und zum Teil das Opfer der naühsam 
errungenen Kultur, hervorgeht. 

Auch darauf will ich Sie aufmerksam machen, daß wir bei 
der Analyse der Träume gefunden haben, das Unbewußte bediene 
sich, insbesondere für die Darstellung sexueller Komplexe, einer 
gewissen Symbolik, die zum Teil individuell variabel, zum anderen 
Teil aber typisch festgelegt ist, und die sich mit der Symbolik 
zu decken scheint, die wir hinter unseren Mythen und Märchen 
vermuten. Es wäre nicht unmöglich, daß die letzteren Schöp- 
fungen der Völker ihre Aufklärung vom Traume her empfangen 
könnten. 

Endlich muß ich Sie mahnen, daß Sie sich nicht durch den 
Einwand irre machen lassen, das Vorkommen von Angstträumen 
widerspreche unserer Auffassung des Traumes als Wunscherfüllung. 
Abgesehen davon, daß auch diese Angstträume der Deutung 
bedürfen, ehe man über sie urteilen kann, muß man ganz allgemein 
sagen, daß die Angst nicht so einfach am Trauminhalt hängt, 
wie man's sich ohne weitere Kenntnis mit Rücksicht auf die 
Bedingungen der neurotischen Angst vorstellt. Die Angst ist eine 
der Ablehnungsreaktionen des Ichs gegen stark gewordene verdrängte 
Wünsche, und daher auch im Traume sehr gut erklärlich, wenn 
die Traumbildung sich zu sehr in den Dienst der Erfüllung dieser 
verdrängten Wünsche gestellt hat. 

Sie sehen, die Traum erforsch ung wäre an sich durch die Auf- 
schlüsse gerechtfertigt, die sie über sonst schwer wißbare Dinge 
liefert. Wir sind aber im Zusammenhange mit der psycho- 
analytischen Behandlung der Neurotiker zu ihr gelangt. Nach 



Dritte Vorlesung ggs 



dem bisher Gesagten können Sie leicht verstehen, wie die 
Traumdeutung, wenn sie nicht durch die Widerstände des Kranken 
allzusehr erschwert wird, zur Kenntnis der versteckten und 
verdrängten Wünsche des Kranken und der von ihnen genährten 
Komplexe führt, und ich kann zur dritten Gruppe von seelischen 
Phänomenen übergehen, deren Studium zum technischen Mittel 
für die Psychoanalyse geworden ist. 

Es sind dies die kleinen Fehlleistungen normaler wie nervöser 
Menschen, denen man sonst keine Bedeutung beizulegen pflegt, 
das Vergessen von Dingen, die sie wissen könnten und andere 
Male auch wirklich wissen (z. B. das zeitweilige Entfallen von 
Eigennamen), das Versprechen in der Rede, das sich uns selbst 
so häufig ereignet, das analoge Verschreiben und Verlesen, das 
Vergreifen bei Verrichtungen und das Verlieren oder Zerbrechen 
von Gegenständen u. dgl., lauter Dinge, für die man eine 
psychische Determinierung sonst nicht sucht, und die man als 
zufällige Ergebnisse, als Erfolge der Zerstreutheit, Unaufmerk- 
samkeil und ähnlicher Bedingungen unbeanstandet passieren läßt. 
Dazu kommen noch die Handlungen und Gesten, welche die 
Menschen ausführen, ohne sie überhaupt zu bemerken, geschweige 
denn, daß sie ihnen seelisches Gewicht beilegten, wie das Spielen, 
Tändeln mit Gegenständen, das Summen von Melodien, das 
Hantieren am eigenen Körper und an dessen Bekleidung und 
ähnliches." Diese kleinen Dinge, die Fehlleistungen wie die 
Symptom- und Zu f al 1 s h a n dlun ge n sind nicht so bedeu- 
tungslos, wie man durch eine Art von stillschweigendem Über- 
einkommen anzunehmen bereit ist. Sie sind durchaus sinnvoll, 
aus der Situation, in der sie vorfallen, meist leicht und sicher 
zu deuten, und es stellt sich heraus, daß sie wiederum Impulsen 
und Absichten Ausdruck geben, die zurückgestellt, dem eigenen 
Bewußtsein verborgen werden sollen, oder daß sie geradezu den 



i) Zur Psychopathologie des Alltags leb ens, 1905; 10. Aufl. 1934. 



584 über Psychoanalyse 



nämlichen verdrängten Wunschregungen und Komplexen ent- 
stammen, die wir bereits als die Schöpfer der Symptome und 
die Bildner der Träume kennen gelernt haben. Sie verdienen also 
die Würdigung von Symptomen, und ihre Beachtung kann wie 
die der Träume zur Aufdeckung des Verborgenen im Seelenleben 
fuhren. Mit ihrer Hilfe verrät der Mensch in der Regel die 
intimsten seiner Geheimnisse. Wenn sie besonders leicht und ' 
häufig Zustandekommen, selbst beim Gesunden, dem die Verdrängung 
seiner unbewußten Regungen im ganzen gut gelungen ist, so 
haben sie es ihrer Geringfügigkeit und Unscheinbarkeit zu danken. 
Aber sie dürfen hohen theoretischen Wert beanspruchen, da sie 
uns die Existenz der Verdrängung und Ersatzbildung auch unter 
den Bedingungen der Gesundlieit erweisen. 

Sie merken es bereits, daß sich der Psychoanalytiker durch 
einen besonders strengen Glauben an die Determinierung des 
Seelenlebens auszeichnet. Für ihn gibt es in den psychischen 
Äußerungen nichts Kleines, nichts Willkürliches und Zufälliges^ 
er erwartet überall dort eine ausreichende Molivierung, wo man 
gewöhnlich eine solche Forderung nicht erhebt; ja er ist auf 
eine mehrfache Motivierung desselben seelischen Effekts 
vorbereitet, während unser angeblich eingeborenes Kausalbedürfnis 
sich mit einer einzigen psychischen Ursache für befriedigt 
erklärt. 

Halten Sie nun zusammen, was wir an Mitteln zur Aufdeckung 
des Verborgenen, Vergessenen, Verdrängten im Seelenleben be- 
sitzen, das Studium der hervorgerufenen Einfälle der Patienten 
bei freier Assoziation, ihre Träume und ihrer Fehl- und Symptom- 
handlungen; fügen Sie noch hinzu die Verwertung anderer 
Phänomene, die sich während der psychoanalytischen Behandlung 
ergeben, über die ich später unter dem Schlagwort der „Über- 
tragung" einige Bemerkungen machen werde, so werden Sie mit 
mir zu dem Schlüsse kommen, daß unsere Technik bereits 
wirksam genug ist, um Ihre Aufgabe lösen zu können, um das 



Dritte Vorlesung 185 



pathogene psychische Material dem Bewußtsein zuzuführen und 
so die durch die Bildung von Ersatzsymptomen hervorgerufenen 
Leiden zu beseitigen. Daß wir während der therapeutischen 
Bemühungen unsere Kenntnis vom Seelenleben der normalen 
und der kranken Menschen bereichern und vertiefen, kann gewiß 
nur als ein besonderer Reiz und Vorzug dieser Arbeit eingeschätzt 
werden. 

Ich weiß nicht, ob Sie den Eindruck gewonnen haben, daß 
die Technik, durch deren Arsenal ich Sie eben geführt habe, 
eine besonders schwierige ist. Ich meine, sie ist dem Gegenstande, 
den sie bewältigen soll, durchaus angemessen. Aber so viel ist 
sicher, daß sie nicht selbstverständlich ist, daß sie erlernt werden 
muß wie die histologische oder die chirurgische. Es wird Sie 
vielleicht verwundern zu erfahren, daß wir in Europa eine Menge 
von Urteilen über die Psychoanalyse von Personen gehört haben, 
die von dieser Technik nichts wissen und sie nicht anwenden, 
und dann von uns wie im Hohne verlangen, wir sollten ihnen 
die Richtigkeit unserer Resultate beweisen. Es sind unter diesen 
Widersachern gewiß auch Personen, denen wissenschaftliche Denk- 
weise sonst nicht fremd ist, die 2. B. ein Ergebnis mikroskopischer 
Untersuchung nicht darum verwerfen würden, weil es am 
anatomischen Präparat nicht mit freiem Auge zu bestätigen ist, 
und nicht eher, als bis sie den Sachverhalt selbst mit Hilfe des 
Mikroskops beurteilt haben. Aber in Sachen der Psychoanalyse 
liegen die Verhältnisse wirklich ungünstiger für die Anerkennung. 
Die Psychoanalyse will das im Seelenleben Verdrängte zur 
bewußten Anerkennung bringen, und jeder, der sie beurteilt, ist 
selbst ein Mensch, der solche Verdrängungen besitzt, vielleicht 
sie nur mühsam aufrecht erhält. Sie muß also bei ihm denselben 
Widerstand hervorrufen, den sie bei den Kranken weckt, und 
dieser Widerstand hat es leicht, sich in intellektuelle Ablehnung 
zu verkleiden und Argumente herbeizuziehen, ähnlich wie die, 
welche wir bei unseren Kranken mit der psychoanalytischen 

Freud. IV. ''S 



I 

J. 



386 über Psychoanalyse 



Grundregel abwehren. Wie bei unseren Kranken, so können wir 
auch bei unseren Gegnern häufig eine sehr auffällige affektive 
Beeinflussung des Urteilsvermögens im Sinne einer Herab- 
setzung konstatieren. Der Dünkel des Bewußtseins, der zum 
Beispiel den Traum so geringschätzig verwirft, gehört zu den 
stärksten Schutzeinrichtungen, die in uns ganz allgemein gegen 
das Durchdringen der unbewußten Komplexe vorgesehen sind, 
und darum ist es so schwierig, die Menschen zur Überzeugung 
von der Realität des Unbewußten zu bringen und sie Neues 
kennen zu lehren, was ihrer bewußten Kenntnis widerspricht. 



IV 

Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen verlangen, 
was wir mit Hilfe der beschriebenen technischen Mittel über 
die pathogenen Komplexe und verdrängten Wunschregungen der 
Neurotiker in Erfahrung gebracht haben. 

Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung führt 
mit wirkhch überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome 
der Kranken auf Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück, zeigt 
uns, daß die pathogenen Wunschregungen von der Natur 
erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt uns anzunehmen, 
daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung unter den zur 
Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen w^erden muß, und 
dies zwar bei beiden Geschlechtem. 

Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gern geglaubt. 
Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen Arbeiten bereit- 
willig folgen, sind geneigt zu meinen, daß ich den ätiologischen 
Anteil der sexuellen Momente überschätze, und wenden sich an 
mich mit der Frage, warum denn nicht auch andere seelische 
Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen der Verdrängung 
und Ersatzbildung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten: 
Ich weiß nicht, warum sie es nicht sollten, habe auch nichts 
dagegen, aber die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung 
nicht haben, daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen Momente 
unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen können. Dieser Sach- 
verhalt wurde von mir nicht etwa theoretisch postuliert; noch in 

25' 



588 über Psychoanalyse 

den 1895 mit Dr. J. Breuer publizierten Studien über Hysterie 
stand ich nicht auf diesem Standpunkte; ich mußte mich zu ihm 
bekehren, als meine Erfahrungen zahlreicher wurden und tiefer 
in den Gegenstand eindrangen. Meine Herren! Es befinden sich 
hier unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde und Anhänger, 
die die Reise nach Worcester mit mir gemacht haben. Fragen 
Sie bei ihnen an und Sie werden liören, daß sie alle der 
Behauptung von der maßgebenden Bedeutung der sexuellen 
Ätiologie zuerst vollen Unglauben eni gegenbrachten, bis sie durch 
ihre eigenen analytischen Bemühungen genötigt wurden, sie zu 
der ihrigen zu machen. 

Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede stehenden 
Satzes wird durch das Benehmen der Patienten nicht gerade 
erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte über ihr Sexualleben bereit- 
willig entgegenzubringen, suchen sie dieses mit allen Mitteln zu 
verbergen. Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig in 
sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualilät nicht frei, sondern 
tragen eine dicke Oberkleidung aus — Lügengewebe zu ihrer 
Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in der Weh der 
Sexualhät. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind sind 
in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht 
günstig; eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den 
anderen enthüllen. Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt haben, 
daß sie sich's in Ihrer Behandlung behaglich machen dürfen, 
dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann erst sind Sie m 
der Lage, sich ein Urteil über unsere Streitfrage zu bilden. Leider 
sind auch die Ärzte in ihrem persönlichen Verhältnis zu den 
Fragen des Sexuallebens vor anderen Menschenkindern nicht 
bevorzugt, und viele von ihnen stehen unter dem Banne jener 
Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, welche das Verhalten 
der meisten „Kulturmenschen" in Sachen der Sexualität beherrscht. 
Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergebnisse 
fortfahren. In einer anderen Reihe von Fällen führt die psycho- 



Vierte Vorlesung 589 



analj-tische Erforschung die Symptome allerdings nicht auf 
sexuelle, sondern auf banale traumatische Erlebnisse zurück. Aber 
diese Unterscheidung wird durch einen anderen Umstand 
bedeutungslos. Die zur gründlichen Aufklärung und endgültigen 
Herstellung eines Krankheitsfalles erforderliche Analysenarbeit 
macht nämlich in keinem Falle bei den Erlebnissen der Erkrankungs- 
zeit halt, sondern sie geht in allen Fällen bis in die Pubertät 
und in die frühe Kindheit des Erkrankten zurück, um erst dort 
auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden Eindrücke und 
Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die 
Erklärung für die Empfindlichkeit gegen spätere Traumen, und 
nur durch die Aufdeckung und Bewußtmachung dieser fast 
regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren erwerben wir die 
Macht zur Beseitigung der Symptome. Wir gelangen hier zu dem 
gleichen Ergebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es 
die unvergänglichen, verdrängten, Wunschregungen der Kindheit 
sind, die ihre Macht zur Symptombildung geliehen haben, ohne 
welche die Reaktion auf spätere Traumen normal verlaufen wäre. 
Diese mächtigen Wunschregungen der Kindheit dürfen wir aber 
ganz allgemein als sexuelle bezeichnen. 

Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher. Gibt 
es denn eine infantile Sexualität? werden Sie fragen. Ist das 
Kindesalter nicht vielmehr die Lebensperiode, die durch das 
Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist? Nein, meine Herren, 
J es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pubertätszeit in 

die Kinder fährt wie im Evangelium der Teufel in die Säue. 
Das Kind hat seine sexuellen Triebe und Betätigungen von Anfang 
,, gji es bringt sie mit auf die Welt, und aus ihnen geht durch 

j eine bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung die 

» sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist 

nicht einmal schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexual- 
betätigung zu beobachten; es gehört vielmehr eine gewisse Kunst 
dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten. 



!■■ 



jgo über Psyclioanalyse 



Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt, 
einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer Mitte selbst 
anzurufen. Ich zeiffe Ihnen hier die Arbeit eines Dr. Sanford 
Bell, die 1902 im „American Journal of Psychology" abgedruckt 
worden ist. Der Autor ist ein Fellow der Clark University, 
desselben Instituts, in dessen Räumen wir jetzt stehen. In dieser 
Arbeit, betitelt: ^ preliminary study of the emotion of love 
between the sexes, die diei Jahre vor meinen „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" erschienen ist, sagt der Autor ganz so, wie 
ich Ihnen eben sagte: The emotion of sex-love . . . does not make 
its appearance for the first time at the period of adolescencey as 
has been thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden, im 
amerikanischen Stil gearbeitet, nicht weniger als 2500 positive 
Beobachtungen im Laufe von 1 5 Jahren gesammelt, darunter 
800 eigene. Von den Zeichen, durch die sich diese Verliebtheiten 
kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind in observing these 
manifestations in hundreds of couples of children cannot escape 
ref erring them to sex origin. The most exacting mind is satisfied 
when to these observations are added the confessions of those who 
have as children, experienced the emotion to a marked degree of 
intensityy and whose memories of childhood are relatively distinct. 
Am meisten aber werden diejenigen von Ihnen, die an die 
infantile Sexualität nicht glauben wollten, überrascht sein zu 
hören, daß unter diesen früh verliebten Kindern nicht wenige 
sich im zarten Alter von drei, vier und fünf Jahren befinden. 

Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beobachtungen 
eines engsten Landsmannes eher Glauben schenken würden als 
den meinigen. Mir selbst ist es vor kurzem geglückt, aus der 
Analyse eines fünfjährigen, an Angst leidenden Knaben, die dessen 
eigener Vater kunstgerecht mit ihm vorgenommen,' ein ziemlich 

ij Analyse der Pliobie eines füiirjülirigen Knaben (Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen. Bd. 1, i. Hälfte, 1909. EnUialten in Bd. VIII 
dieser Gesamtausgabe). 



Vierte Vorlesung ggi 



vollständiges Bild der somatischen Triebäußerungen und der 
seelischen Produktionen auf einer frühen Stufe des kindlichen 
Liebeslebens zu ge\vinnen. Und ich darf Sie daran erinnern, daß 
mein Freund Dr. C. G. Jung Ihnen in diesem Saale vor wenigen 
Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren Mädchens vorlas, 
welches aus dem gleichen Anlaß wie mein Patient — bei der 
Geburt eines Geschwisterchens — fast die nämlichen sinnlichen 
Regungen, Wunsch- und Komplexbildungen, mit Sicherheit 
erraten ließ. Ich verzweifle also nicht daran, daß Sie sich mit 
der anfänglich befremdhchen Idee der infantilen Sexualität 
befreunden werden, und möchte Ihnen noch das rühmhche 
Beispiel des Züricher Psychiaters E. Bleuler vorhalten, der noch 
vor wenigen Jahren öffentlich äußerte, „er stehe meinen 
sexuellen Theorien ohne Verständnis gegenüber", und seither die 
infantile Sexualität in ihrem vollen Umfang durch eigene Beob- 
achtungen bestätigt hat.' 

Wenn die meisten Menschen, ärzthche Beobachter oder andere, 
vom Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen, so ist dies nur 
zu leicht erklärlich. Sie haben ihre eigene infantile Sexual- 
betätigung unter dem Drucke der Erziehung zur Kultur vergessen 
und wollen nun an das Verdrängte nicht erinnert werden. Sie 
würden zu anderen Überzeugungen gelangen, wenn sie die 
Untersuchung mit einer Selbstanalyse, einer Revision und Deutung 
ihrer Kindheitserinnerungen beginnen würden. 

Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir an eine 
Würdigung der infantilen Sexualität von den frühesten Jahren 
an/ Der Sexualtrieb des Kindes erweist sich als Koch zusammen- 
gesetzt, er läßt eine Zerlegung in viele Komponenten zu, die aus 
verschiedenen Quellen stammen. Er ist vor allem noch unabhängig 
von der Funktion der Fortpflanzung, in deren Dienst er sich 

i) Bleuler, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jalirbueh der Schweiierischen 
Gesellschaft für Schulgesundheitspnege, IX, 1908. 

2) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Wien 1905; 5. Auflage 1922. Enthalten 
in Band V dieser Gesamtausgabe). 



392 Über Psychoanalyse 




später stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener Arten 
von Lustempfindung, die wir nach Analogien und Zusammen- 
hängen als Sexuallust zusammenfassen. Die Hauptquelle der infan- 
tilen Sexuallust ist die geeignete Erregung bestimmter, besonders L , 
reizbarer Körperstellen, außer den Genitalien der Mund-, After- 
und Harnröhren Öffnung, aber auch der Haut und anderer Sinnes- ^ 
Oberflächen. Da in dieser ersten Phase des kindlichen Sexual- 
lebens die Befriedigung am eigenen Körper gefunden und von 
einem fremden Objekt abgesehen wird, heißen wir die Phase 
nach einem von Havelock Ellis geprägten Wort die des Auto- 
erotismus. Jene für die Gewinnung von sexueller Lust bedeut- 
samen Stellen nennen wir erogene Zonen. Das Ludein oder 
Wonnesaugen der kleinsten Kinder ist ein gutes Beispiel einer 
solchen autoerotischen Befriedigung von einer erogenen Zone aus; 
der erste wissenschaftliche Beobachter dieses Phänomens, ein * ! 
Kinderarzt namens Lindner in Budapest, hat es bereits richtig 
als Sexualbefriedigung gedeutet und dessen Übergang in andere 
und höhere Formen der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.' 
Eine andere Sexual be friedigung dieser Lebenszeit ist die mastur- j 
batorische Erregung der Genitalien, die eine so große Bedeutung | 
für das spätere Leben behält und von vielen Individuen über- 
haupt nie völlig überwunden wird. Neben diesen und anderen 
autoerotischen Betätigungen äußern sich sehr frühzeitig beim 
Kinde jene Triebkomponenten der Sexuallust oder, wie wir gern 
sagen, der Libido, die eine fremde Person als Obiekt zur Vor- 
aussetzung nehmen. Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf, 
als aktive und passive^ ich nenne Ihnen als die wichtigsten Ver- 
treter dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus), 
mit ihrem passiven Gegenspiel (Masochismus), und die aktive 
und passive Schaulust, von welch ersterer später die Wißbegierde 
abzweigt, wie von letzterer der Drang zur künstlerischen und 
schauspielerischen Schaustellung. Andere Sexualbetätigungen des 

i) Jahrbuch für Kinderheilkunde, 187g. 



Vierte Vorlesung gg5 



Kindes fallen bereits unter den Gesichtspunkt der Objektwahl, 
bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache wird, die ihre 
Bedeutung ursprünglich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes 
verdankt. Der Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen 
Periode noch keine ausschlaggebende Rolle; Sie können so jedem 
Kinde, ohne ihm unrecht zu tun, ein Stück horoosexueller 

Begabung zusprechen. 

Dieses zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexualleben des 
Kindes, in welchem der einzelne Trieb unabhängig von jedem an- 
deren dem Lusterwerbe nachgeht, erfährt nun eine Zusammenfassung 
und Organisation nach zwei Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß 
der Pubertätszeit der definitive Sexualcharakter des Individuums 
meist fertig ausgebildet ist. Einerseits unterordnen sich die 
einzelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone, wodurch 
das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflanzung tritt und 
die Befriedigung ersterer nur noch als Vorbereitung und Begün- 
stigung des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung bleibt. Ander- 
seits drängt die Objektwahl den Autoerotismus zurück, so daß 
nun im Liebesleben alle Komponenten des Sexualtriebes an der 
geliebten Person befriedigt werden wollen. Aber nicht alle 
ursprünglichen Triebkomponenten werden zu einem Anteil an 
dieser endgültigen Feststellung des Sexuallebens zugelassen. Noch 
vor der Pubertätszeit sind unter dem Einfluß der Erziehung 
äußerst energische Verdrängungen gewisser Triebe durchgesetzt 
und seelische Mächte, wie Scham, Ekel, Moral, hergestellt worden, 
welche diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten. Kommt 
dann im PubertätsaUer die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit, 
so findet sie an den genannten seelischen Reaktions- oder Wider- 
standsbildungen Dämme, welche ihr den Ablauf in die sogenannten 
normalen Wege vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die 
der Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es smd 
besonders die koprophilen, das heißt die mit den Exkrementen 
zusammenhängenden Lustregungen der Kindheit, welche von der 



594 Über Psychoanalyse 



Verdrängung am gründlichsten betroffen werden, und ferner die 
Fixierung an die Personen der primitiven Objektwahl. 

Meine Herren ! Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus, 
daß jeder Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen 
Disposition mit sich bringt, insofern er gehemmt, verzögert werden 
oder unvollkommen ablaufen kann. Dasselbe gilt für die so 
komplizierte Entwicklung der Sexualfunktion. Sie wird nicht bei 
allen Individuen glatt durchgemaclit und hinterläßt dann entweder 
Abnormitäten oder Dispositionen zu späterer Erkrankung auf dem 
Wege der Rückbildung (Regression). Es kann geschehen, dai3 
nicht alle Partialtriebe sich der Herrschaft der Genitalzone unter- 
werfen} ein solcher unabhängig gebliebener Trieb stellt dann das 
her, was wir eine Perversion nennen, und was das normale 
Sexualziel durch sein eigenes ersetzen kann. Es kommt, wie 
bereits erwähnt, sehr häufig vor, daß der Autoerotismus nicht 
völlig überwunden wird, wovon die mannigfaltigsten Störungen 
in der Folge Zeugnis ablegen. Die ursprüngliche Gleichwertigkeit 
beider Geschlechter als Sexualobjekte kann sich erhalten, und 
daraus wird sich eine Neigung zur homosexuellen Betätigung Im 
reifen Leben ergeben, die sich unter Umständen zur ausschließ- 
lichen Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von Störungen 
entspricht den direkten Entwicklungshemmungen der Sexual- 
funktion 5 sie umfaßt die Perversionen und den gar nicht 
seltenen allgemeinen Infantilismus des Sexuallebens. 

Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise von 
einer Schädigung der Sexualentwicklung abzuleiten. Die Neurosen 
verhalten sich zu den Perversionen wie das Negativ zum Positiv; 
in ihnen sind dieselben Triebkomponenten als Träger der Komplexe 
und Symptombildner nachweisbar wie bei den Perversionen, aber 
sie wirken hier vom Unbewußten her^ sie haben also eine Ver- 
drängung erfahren, konnten sich aber derselben zum Trotze im 
Unbewußten behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen, 
daß überstarke Äußerung dieser Triebe in sehr frühen Zeiten zu 



Vierte Vorlesung agg 



einer Art von partieller Fixierung führt, die nun einen 
, schwachen Punkt im Gefüge der Sexualfunktion darstellt. Stößt 
die Ausübung der normalen Sexual funktion im reifen Leben auf 
Hindernisse, so wird die Verdrängung der Entwicklungszeit gerade 
an jenen Stellen durchbrochenj wo die infantilen Fixierungen 
stattgefunden haben. 

Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber das ist 
ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort in einem viel 
weiteren Sinne, als Sie gewohnt sind, es zu verstehen. Das gebe 
ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob nicht vielmehr Sie das 
Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf das 
Gebiet der Fortpflanzung einschränken. Sie opfern dabei das Ver- 
ständnis der Perversionen, den Zusammenhang zwischen Perversion, 
Neurose und normalem Sexualleben, und setzen sich außerstande, 
die leicht zu beobachtenden Anfänge des somatischen und seelischen 
Liebeslebens der Kinder nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen. 
Wie immer Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden wollen, 
halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität in 
jenem vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung 
der infantilen Sexualität geleitet wird. 

Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des Kmdes 1 
zurück. Wir haben hier manches nachzuholen, weil wir unsere 
Aufmerksamkeit mehr den somatischen als den seelischen Äuße- 
rungen des Sexuallebens geschenkt haben. Die primitive Objekt- 
wahl des Kindes, die sich von seiner Hilfsbedürftigkeit ableitet, 
fordert unser weiteres Interesse heraus. Sie wendet sich zunächst 
allen Pflegepersonen zu, die aber bald hinter den Eltern zurück- 
treten. Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern ist, wie direkte 
Beobachtung des Kindes und spätere analytische Erforschung des 
Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs frei von 
Elementen sexueller Miterregung. Das Kind nimmt beide Ellern- 
teile und einen Teil besonders zum Objekt seiner erotischen 
Wünsche. Gewöhnlich folgt es dabei selbst einer Anregung der 



I 



596 



Über Psychoanalyse 



Eltern, deren Zärtlichkeit die deutlichsten Charaktere einer, wenn 
auch in ihren Zielen gehemmten, Sexualbetätigiing hat. Der 
Vater bevorzugt in der Regel die Tochter, die Mutter den Sohn ; 
das Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an die Stelle 
des Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht. Die 
Gefühle, die in diesen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern 
und in den daran angelehnten zwischen den Geschwistern unter- 
einander geweckt werden, sind nicht nur positiver, zärtlicher, 
sondern auch negativer, feindseliger Art. Der so gebildete Komplex 
ist zur baldigen Verdrängung bestimmt, aber er übt noch vom 
Unbewußten her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus. 
\ Wir dürfen die Vermutung aussprechen, daß er mit seinen Aus 
läufem den Kernkomplex einer jeden Neurose darstellt, und 
wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des Seelenlebens 
nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus vom König 
Ödipus, der seinen Vater tütet und seine Mutter zum Weib 
1 gewinnt, ist eine noch wenig abgeänderte Offenbarung des infan- 
jtilen Wunsches, dem sich späterhin die Inzest schranke abweisend 
ientgegenstellt. Die Hamlet- Dichtung Shakespeares ruht 
auf demselben Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes. 

Um die Zeit, da das Kind von dein noch unverdrängten Kern- 
komplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungsvolles Stück seiner 
intellektuellen Betätigung im Dienste der Sexualinteressen ein. Es 
beginnt zu forschen, woher die Kinder kommen, und errät in 
Verwertung der ihm gebotenen Anzeichen mehr von den wirk- 
lichen Verhältnissen, als die Erwachsenen ahnen können. Gewöhnlich 
hat die materielle Bedrohung durch ein neu angekommenes Kind, 
in dem es zunächst nur den Konkurrenten erblickt, sein Forscher- 
interesse geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm selbst tätigen 
Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl von „infantilen 
Sexualtheorien", ivie daß es beiden Geschlechtern das 
gleiche männliche Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch 
Essen empfangen und durch das Ende des Darmes geboren werden 



Vierte Vorlesung 397 



läßt und daß es den Verkehr der Geschlechter als einen feind- 
seligen Akt, eine Art von Überwältigung erfaßt. Aber gerade die 
Unfertiekeit seiner sexuellen Konstitution und die Lücke in seinen 
Kenntnissen, die durch die Latenz des weiblichen Geschlechts- 
tanals gegeben ist, nötigt den infantilen Forscher, seine Arbeit 
als erfolglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung 
selbst, sowie die einzelnen durch sie zutage geförderten infantilen 
Sexualtheorien bleiben von bestimmender Bedeutung für die 
Charakterbildung des Kindes und den Inhalt seiner späteren 
neurotischen Erkrankung. 

Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das Kind die 
Eltern zu Objekten seiner ersten Liebeswahl mache. Aber seine 
Libido soll nicht an diese ersten Objekte fixiert bleiben, sondern 
sie späterhin bloß zum Vorbild nehmen und von ihnen zur Zeit 
der definitiven Objektwahl auf fremde Personen hinübergleiten. 
Die Ablösung des Kindes von den Eltern wird so zu einer 
unentrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale Tüchtigkeit des jungen 
Individuums nicht gefährdet werden soll. Während der Zeit, da 
die Verdrängung die Auslese unter den Partialtrieben der 
Sexualität trifft, und später, wenn der Einfluß der Eltern gelockert 
werden soll, der den Aufwand für diese Verdrängungen im 
wesentlichen bestritten hat, fallen der Erziehungsarbeit große 
Aufgaben zu, die gegenwärtig gewiß nicht immer in verständnis- 
voller und einwandfreier Weise erledigt werden. 

Meine Damen und Herren! Urteilen Sie nicht etwa, daß wir 
uns mit diesen Erörterungen über das Sexualleben und die psycho- 
sexuelle Entwicklung des Kindes allzuweit von der Psychoanalyse 
und von der Aufgabe der Beseitigung nervöser Störungen entfernt 
haben. Wenn Sie wollen, können Sie die psychoanalytische 
Behandlung nur als eine fortgesetzte Erziehung zur Überwindung 
von Kindheitsresten beschreiben. 



Meine Damen und Herren! Mit der Aufdeckunp; der infantilen 
Sexualität und der Zurückführung der neurotischen Symptome 
auf erotische Triebkomponenten sind wir zu einigen unerwarteten 
Formeln über das Wesen und die Tendenzen der neurotischen 
Erkjankungen gelangt. Wir sehen, daß die Menschen erkranken, 
wenn ihnen infolge äußerer Hindernisse oder inneren Mangels 
an Anpassung die Befriedigung ihrer erotischen Bedürfnisse in 
der Realität versagt ist. Wir sehen, daß sie sich dann in die 
Krankheit flüchten, um mit ihrer Hilfe eine Ersatzbefrie- 
digung für das Versagte zu finden. Wir erkennen, daß die krank- 
haften Symptome ein Stück der Sexualbetätigung der Person oder 
deren ganzes Sexualleben enthalten, und finden in der Fem- 
haltung von der Realität die Haupttendenz, aber auch den Haupt- 
schaden des Krankseins. Wir ahnen, daß der Widerstand unserer 
Kranken gegen die Herstellung kein einfacher, sondern aus mehreren 
Motiven zusammengesetzt ist. Es sträubt sich nicht nur das Ich 
des Kranken dagegen, die Verdrängungen aufzugeben, tlurch welche 
es sich aus den ursprünglichen Anlagen herausgehoben hat, sondern 
auch die Sexualtriebe mögen nicht auf ihre Ersatzbefriedigung 
verzichten, solange es unsicher ist, ob ihnen die Realität etwas 
Besseres bieten wird. 

Die Flucht aus der unbefriedigenden Wirklichkeit in das, was 
wir wegen seiner biologischen Schädlichkeit Krankheit nennen, 
was aber niemals ohne einen unmittelbaren Lustgewinn für den 



Fünfte Vorlesung 5gg 



'I' 



Kranken ist, vollzieht sich auf dem Wege der Rückbildung 
(Regression), der Rückkehr zu früheren Phasen des Sexual- 
lebens, denen seinerzeit die Befriedigung nicht abgegangen ist. 
Diese Regression ist anscheinend eine zweifache, eine zeitliche, 
insofern die Libido, das erotische Bedürfnis, auf zeitlich frühere 
Entwicklungsstufen zurückgreift, und eine formale, indem zur 
Äußerung dieses Bedürfnisses die ursprünglichen und primitiven 
psychischen Ausdrucksmittel verwendet werden. Beide Arten der 
Regression zielen aber auf die Kindheit und treffen zusammen in 
der Herstellung eines infantilen Zustandes des Sexuallebens. 

Je tiefer Sie in die Pathogenese der nervösen Erkrankung ein- 
dringen, desto mehr wird sich Ihnen der Zusammenhang der 
Neurosen mit anderen Produktionen des menschlichen Seelen- 
lebens, auch mit den wertvollsten derselben, enthüllen. Sie werden 
daran gemahnt, daß wir Menschen mit den hohen Ansprüchen 
unserer Kultur und unter dem Drucke unserer inneren Ver- 
drängungen die Wirklichkeit ganz allgemein unbefriedigend finden 
und darum ein Phantasieleben unterhalten, in welchem wir durch 
Produktionen von Wunscherfüllungen die Mängel der Realität 
auszugleichen lieben. In diesen Phantasien ist sehr vieles von dem 
eigentlichen konstitutionellen Wesen der Persönlichkeit und auch 
von ihren für die Wirklichkeit verdrängten Regungen enthalten. 
Der energische und erfolgreiche Mensch ist der, dem es gelingt, 
durch Arbeit seine Wunschphantasien in Realität umzusetzen. Wo 
dies nicht gelingt infolge der Widerslände der Außenwelt und 
der Schwäche des Individuums, da tritt die Abwendung von der 
Realität ein, das Individuum zieht sich in seine befriedigendere 
Phantasiewelt zurück, deren Inhalt es im Falle der Erkrankung 
in Symptome umsetzt. Unter gewissen günstigen Bedingungen 
bleibt es ihm noch möglich, von diesen Phantasien aus einen 
anderen Weg in die Realität zu finden, anstatt sich ihr durch 
Regression ins Infantile dauernd zu entfremden. Wenn die mit 
der Realität verfeindete Person im Besitze der uns psychologisch 



400 Über Psychoanalyse 



i noch rätselhaften künstlerischen Begabung ist, kann sie 
I ihre Phantasien anstatt In Symptome in künstlerische Schöpfungen 
umsetzen, so dem Schicksal der Neurose entgehen und die 
: Beziehung zur Realität auf diesem Umwege wiedergewinnen/ Wo 
bei bestehender Auflehnung gegen die reale Welt diese kostbare 
Begabung fehlt oder unzulänglich ist, da wird es wohl unver- 
meidlich, daß die Libido, der Herkunft der Phantasien folgend, 
auf dem Wege der Regression zur Wiederbelebung der infantilen 
Wünsche und somit zur Neurose gelangt. Die Neurose vertritt 
in unserer Zeit das Kloster, in welches sich alle die Personen 
zurückziehen pflegten, die das Leben enttäuscht liatte, oder die 
sich für das Leben zu schwach fühlten. 

Lassen Sie mich an dieser Stelle das Hauptergebnis einfügen, 
zu welchem wir durch die psychoanalytische Untersuchung der 
Nervösen gelangt sind, daß die Neurosen keinen ihnen eigen- 
tümlichen psychischen Inhalt haben, der nicht auch beim Gesunden 
zu finden wäre, oder wie C. G. Jung es ausgedrückt hat, daß 
sie an denselben Komplexen erkranken, mit denen auch wir 
Gesunde kämpfen. Es hängt von quantitativen Verhältnissen, von 
den Relationen der miteinander ringenden Kräfte ab, ob der 
Kampf zur Gesundheit, zur Neurose oder zur kompensierenden 
Überleistung führt. 

Meine Damen und Herren ! Ich habe Ilinen die wichtigste 
Erfahrung noch vorenthalten, welche unsere Annahme von den 
sexuellen Triebkräften der Neurose bestätigt. Jedesmal wenn wir 
einen Nervösen psychoanalytisch behandeln, tritt bei ihm das 
befremdende Phänomen der sogenainiten Übertragung auf, 
das heißt er wendet dem Arzte ein Ausmaß von zärtlichen, oft 
genug mit Feindseligkeit vermengten Regungen zu, welches in 
keiner realen Beziehung begründet ist und nach allen Einzel- 
heiten seines Auftretens von den alten und unbewußt gewordenen 
Phantasiewünschen des Kranken abgeleitet werden muß. Jenes 

i) Vgl. O. Rank, Der Künstler, Wien 1907. 2- Aufl. 1918. 



Fünfte Vorlesung ^oi 



Stück seines Gefühlslebens, das er sich nicht mehr in die 
Erinnerung zurückrufen kann, erlebt der Kranke also in seinem 
Verhältnisse zum Arzt wieder, und erst durch solches Wieder- 
erleben in der „Übertragung" wird er von der Existenz wie 
von der Macht dieser unbewußten sexuellen Regungen überzeugt. 
Die Symptome, welche, um ein Gleichnis aus der Chemie zu 
gebrauchen, die Niederschläge von früheren Liebeserlebnissen (im 
weitesten Sinne) sind, können auch nur in der erhöhten Temperatur 
des Übertragungserlebnisses gelöst und in andere psychische 
Produkte übergeführt werden. Der Arzt spielt bei dieser Reaktion 
nach einem vortrefflichen Worte von S. Ferenczi' die Rolle 
eines katalytischen Ferments, das die bei dem Prozesse 
frei werdenden Affekte zeitweilig an sich reißt. Das Studium der 
Übertragung kann Ihnen auch den Schlüssel zum Verständnis der 
hypnotischen Suggestion geben, deren wir uns anfänglich als 
technisches Mittel zur Erforschung des Unbewußten bei unseren 
Kranken bedient hatten. Die Hypnose erwies sich damals als eine 
therapeutische Hilfe, aber als ein Hindernis der wissenschaftlichen 
Erkenntnis des Sachverhaltes, indem sie die psychischen Wider- 
stände aus einem, gewissen Gebiete wegräumte, um sie an den 
Grenzen desselben zu einem un übersteigbaren Wall aufzutürmen. 
Glauben Sie übrigens nicht, daß das Phänomen der Übertragung, 
über das ich Ihnen leider hier nur zu wenig sagen kann, durch 
die psychoanalytische Beeinflussung geschaffen wird. Die Über- 
tragung stellt sich in allen menschlichen Beziehungen ebenso wie 
im Verhältnis des Kranken zum Arzte spontan her, sie ist überall 
der eigentliche Träger der therapeutischen Beeinflussung, und sie 
wirkt um so stärker, je weniger man ihr Vorhandensein ahnt. 
Die Psychoanalyse schafft sie also nicht, sie deckt sie bloß dem 
Bewußtsein auf, und bemächtigt sich ihrer, um die psychischen 
Vorgänge nach dem erwünschten Ziele zu lenken. Ich kann' 



i) S. Ferenczi, Introjektion und Übertragung. Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen, I.Band, 2. Hälfte, 1909. 

Freud. IV. a6 



■; 



402 über Psychoanalyse 



aber das Thema der Übertragung nicht verlassen ohne hervor- 
zuheben, daß dieses Phänomen nicht nur für die Überzeugung 
des Kranken, sondern auch für die des Arxles entscheidend in 
Betracht kommt. Ich weiß, daß alle meine Anhänger erst durch 
ihre Erfahrungen mit der Übertiagung von der Richtigkeit meiner 
Behauptungen über die Pathogenese der Neurosen überzeugt 
worden sind, und kann sehi- wohl begreifen, daß man eine solche 
Sicherheit des Urteils nicht gewinnt, solange man selbst keine 
Psychoanalysen gemaclit, also nicht selbst die Wirkungen der 
Übertragung beobachtet hat. 

Meine Damen und Herren! Ich meine, es sind von der Seite 
des Intellekts besonders zwei Hindernisse gegen die Anerkennung 
der psych oanal}'tischen Gedankengänge zu würdigen: erstens die 
Ungewohntheit, mit der strengen und ausnahmslos geltenden 
Determinierung des seelischen Lebens zu rechnen, und zweitens 
die Unkenntnis der Eigentümlichkeiten, durch welche sich unbe- 
wußte seelische Vorgänge von den uns vertrauten bewußten 
unterscheiden. Einer der verbreitetsten Widerstände gegen die 
psychoanalytische Arbeit — bei Kranken wie bei Gesunden — 
führt sich auf das letztere der beiden Momente zurück. Man 
fürchtet, durch die Psyclioanalyse zu schaden, man hat Angst 
davor, die verdrängten sexuellen Triebe ins Bewußtsein des 
Kranken zu rufen, als ob damit die (Jefahr verbunden wäre, daß 
sie dann die höheren ethischen Strebungen bei ihm überwältigen 
könnten. Man merkt, daß der Kranke wunde Stellen in seinem 
Seelenleben hat, aber man scheut sich dieselben zu berühren, 
damit sein Leiden nicht noch gesteigert werde. Wir können diese 
Analogie annehmen. Es ist freilich schonender, kranke Stellen 
nicht zu berühren, wenn man dadurch nichts anderes als Schmerz 
zu bereiten weiß. Aber der (Chirurg läßt sich bekanntlich von 
der Untersuchung imd Hantierung am Krankheitsherd nicht 
abhalten, wenn er einen KingritT beabsichtigt, welcher dauernde 
Heilung bringen soll. Niemand denkt mehr daran, ihm die un- 



Fünfte Vorlesung 403 



verm eidlichen Beschwerden der Untersuchung oder die Reaktions- 
erscheinungen der Operation zur Last zu legen, wenn diese nur 
ihre Absicht erreicht, und der Kranke durch die zeitweilige Ver- 
schlimmerung seines Zustandes eine endgühige Hebung desselben 
erwirbt. Ähnlich liegen die Verhältnisse für die Psychoanalyse; 
sie darf dieselben Ansprüche erheben wie die Chirurgie; der 
Zuwachs an Beschwerden, den sie dem Kranken während der 
Behandlung zumutet, ist bei guter Technik ungleich geringer, 
als was der Chirurg ihm auferlegt, und überhaupt gegen die 
Schwere des Grundleidens zu vernachlässigen. Der gefürchtete 
Endausgang aber einer Zerstörung des kulturellen Charakters 
durch die von der Verdrängung befreiten Triebe ist ganz un- 
möghch, denn diese Ängstlichkeit zieht nicht in Betracht, was 
uns unsere Erfahrungen mit Sicherheit gelehrt haben, daß die 
seelische und somatische Macht einer Wunschregung, wenn deren 
Verdrängung einmal mißlungen ist, ungleich stärker ausfällt, wenn 
sie unbewußt, als wenn sie bewußt ist, so daß sie durch das 
Bewußtmachen nur geschwächt werden kann. Der unbewußte 
Wunsch ist nicht zu beeinflussen, von allen Gegenstrebungen 
unabhängig, während der bewußte durch alles gleichfalls Bewußte 
und ihm Widerstrebende gehemmt wird. Die psychoanalytische 
Arbeit stellt sich also als ein besserer Ersatz für die erfolglose 
Verdrängung geradezu in den Dienst der höchsten und wert- 
vollsten kulturellen Strebungen. 

Welche sind überhaupt die Schicksale der durch die Psycho- 
analyse freigelegten unbewußten Wünsche, auf welchen Wegen 
verstehen wir es, sie für das Leben des Individuums unschädlich 
zu machen ? Dieser Wege sind mehrere. Am häufigsten ist der 
Erfolg, daß dieselben schon während der Arbeit durch die 
korrekte seelische Tätigkeit der ihnen entgegenstehenden besseren 
Regungen aufgezehrt werden. Die Verdrängung wird durch 
eine mit den besten Mitteln durchgeführte Verurteilung 
ersetzt. Dies ist möglich, weil wir zum großen Teil nur Folgen 



i 



^04 Über Psychoanalyse 



aus früheren Entwicklungsstadien des Ichs zu beseitigen haben. 
Das Individuum brachte seinerzeit nur .eine Verdrängung des 
unbrauchbaren Triebes zustande, weil es damals selbst noch 
unvollkommen organisiert und schwächlich war; in seiner 
^heutigen Reife und Stärke kann es vielleicht das ihm Feindliche 
tadellos beherrschen. Ein zweiter Ausgang der psychoanalytischen 
Arbeit ist der, daß die aufgedeckten unbewußten Triebe nun 
jener zweckmäßigen Verwendung zugeführt werden können, die 
sie bei ungestörter Entwicklung schon früher hätten finden 
sollen. Die Ausrottung der infantilen Wunschregungen ist nämlich 
keineswegs das ideale Ziel der Entwicklung. Der Neurotiker hat 
durch seine Verdrängungen viele Quellen seelischer Energie ein- 
gebüßt, deren Zuflüsse für seine Charakterbildung und Betätigung 
im Leben sehr wertvoll gewesen waren. Wir kennen einen weit 
zweckmäßigeren Vorgang der Entwicklung, die sogenannte 
Sublimierung, durch welchen die Energie infantiler Wunsch- 
regunn-en nicht abgesperrt wird, sondern verwertbar bleibt, indem 
den einzelnen Regungen statt des unbrauchbaren ein höheres, 
eventuell nicht mehr sexuelles Ziel gesetzt wird. Gerade die 
Komponenten des Sexualtriebes sind durch solche Fähigkeit zur 
Sublimierung, zur Vertauschung ihres Sexualzieles mit einem 
entlegeneren und sozial wertvolleren, besonders ausgezeichnet. Den 
auf solche Weise gewonnenen Energiebeiträgen zu unseren seelischen 
Leistungen verdanken wir wahrscheinlich die höchsten kulturellen 
Erfolge. Eine frühzeitig vorgefallene Verdrängung schließt die 
Sublimierung des verdrängten Triebes aus; nach Aufhebung der 
Verdrängung ist der Weg zur Sublimierung wieder frei. 

Wir dürfen es nicht versäumen, auch den dritten der mög- 
lichen Ausgänge der psychoanalytischen Arbeit ins Auge zu fassen. 
Ein gewisser Anteil der verdrängten libidinösen Regungen hat 
ein Anrecht auf direkte Befriedigung und soll sie im Leben 
finden. Unsere Kulturansprüche machen für die meisten der 
menschlichen Organisationen das Leben zu schwer, fördern dadurch 






Fünfte Vorlesung 40g 



J 



die Abwendung von der Realität und die Entstehung der Neu- 
rosen, ohne einen Überschuß von kulturellem Gewinn durch 
dies Übermaß von Sexual Verdrängung zu erzielen. Wir sollten 
uns nicht so weit überheben, daß wir das ursprünglich Anima- 
lische unserer Natur völhg vernachlässigen, dürfen auch nicht 
daran vergessen, daß die Glücksbefriedigung des einzelnen nicht 
aus den Zielen unserer Kultur gestrichen werden kann. Die 
Plastizität der Sexualkomponenten, die sich in ihrer Fähigkeit zur 
Subhmierung kundgibt, mag ja eine große Versuchung herstellen, 
durch deren immer weiter gehende Subhmierung größere Kultur- \ 
effekte zu erzielen. Aber so wenig wir darauf rechnen, bei unseren \ 
Maschinen mehr als einen gewissen Bruchteil der aufgewendeten 
Wärme in nutzbare mechanische Arbeit zu verwandeln, so wenig | 
sollten wir es anstreben, den Sexualtrieb in seinem ganzen [ 
Energieausmaß seinen eigentlichen Zwecken zu entfremden. Es j 
kann nicht gelingen, und wenn die Einschränkung der Sexuahtät \ 
zu weit getrieben werden soll, muß es alle Schädigungen eines j 
Raubbaues mit sich bringen. 

Ich weiß nicht, oh Sie nicht Ihrerseits die Mahnung, mit 
welcher ich schließe, als eine Überhebung auffassen werden. Ich 
getraue mich nur der indirekten Darstellung meiner Überzeugung, 
indem ich Ihnen einen alten Schwank erzähle, von dem Sie die 
Nutzanwendung machen sollen. Die deutsche Literatur kennt ein 
Städtchen Schiida, dessen Einwohnern alle möglichen klugen 
Streiche nachgesagt werden. Die Schildbürger, so wird erzählt, 
besaßen auch ein Pferd, mit dessen Kraftleistungen sie sehr 
zufrieden waren, an dem sie nur eines auszusetzen hatten, daß 
es soviel teuern Hafer verzehrte. Sie beschlossen, ihm diese Unart 
schonend abzugewöhnen, indem sie seine Ration täglich um 
mehrere Halme verringerten, bis sie es an die völlige Enthalt- 
samkeit gewöhnt hätten. Es ging eine Weile vortrefflich, das 
Pferd war bis auf einen Halm im Tag entwöhnt, am nächsten 
Tage sollte es endlich haferfrei arbeiten. Am Morgen dieses Tages 



4o6 Über Psychoanalyse 



wurde das lückische Tier tot aufgefunden; die Bürger von Schiida 
konnten sich nicht erklären, woran es gestorben war. 

Wir werden geneigt sein zu glauben, das Pferd sei verhungert, 
und ohne eine gewisse Ration Hafer sei von einem Tier über- 
haupt keine Arbeitsleistung zu erwarten. 

Ich danke Ihnen für die Berufung und für die Aufmerk- 



samkeit, die Sie mir geschenkt haben. 



ZUR GESCHICHTE DER PSYCHO 
ANALYTISCHEN BEWEGUNG 



r 



„Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung'*, im Februar 1^14 
geschrieben, erschien im „Jalirhuch der Psychoanalyse", Bd. f^I, ipi^; dann 
in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Fon Prof. Dr 
Sigm. Freud". Fierte Folge (Verlag Hugo Heller d^ Cie., Leipzig und 
fVien ipiS; — 2. Auß. im Internationalen Psychoanalytischen Ferlag, 
Leipzig, Wien und 7Mrich Ip22j, 

Eine englische Übersetzung hat A. A. Brill unter dem Titel „The 
History of the Psychoanalytical Movement" als Nr. 2; der „Nervous and 
Mental Disease Monograph Series", New York igif,, veröffentlicht. 



Fluctuat nee mergitur 

/m Wappen der Stadt Paris 



■rl' 



Wenn ich im Nachstehenden Beiträge zur Geschichte der 
psychoanalj-tischen Bewegung bringe, so wird sich über deren 
subjektiven Charakter und über die Rolle, die meiner Person 
darin zufällt, niemand verwundern dürfen. Denn die Psychoanalyse 
ist meine Schöpfung, ich war durch zehn Jahre der eiÄzigCj^d.^ 
sich mit ihi ^eschä ftigte, und alles Mißvergnügen, welches die 
neue Erscheinung bei den Zeitgenossen hervorrief, hat sich als 
Kritik auf mein Haupt entladen. Ich finde mich berechtigt, den 
Standpunkt zu vertreten, daß auch heute noch, wo ich längst 
nicht mehr der einzige Psychoanalytiker bin, keiner besser als 
ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich 
von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet, 
und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders 
zu benennen ist. Indem ich so zurückweise, was mir als eine 
kühne Usurpation erscheint, gebe ich unseren Lesern indirekten 
Aufschluß über die Vorgänge, die zum, Wechsel in der Redaktion 
und Erscheinungsform dieses Jahrbuches geführt haben. 

Als ich im Jahre 190g auf dem Katheder einer amerikanischen 
Universität zuerst öffentlich von der Psychoanalyse reden durfte, 
habe ich, von der Bedeutung des Moments für meine Bestrebungen 
ergriffen, erklärt, ich sei es nicht gewesen, der die Psychoanalyse 
ins Leben gerufen. Dies Verdienst habe ein anderer, Josef 
Breuer, erworben zu einer Zeit, da ich Student und mit der 
Ablegung meiner Prüfungen beschäftigt gewesen sei (1880 bis 



^.13 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

1882).' Aber wohlmeinende Freunde haben mir seilher die 
Erwägung nahegelegt, ob ich meiner Dankbarkeit damals nicht 
einen unangemessenen Ausdruck gegeben. Ich hätte, wie bei 
früheren Veranlassungen, das „katha r tische Verfahren" 
von Breuer als ein Vorstadium der Psychoanalyse würdigen 
und diese selbst erst mit meiner Verwerfung der hypnotischen 
Technik und Einführung der freien Assoziationen beginnen 
lassen sollen. Nun ist es ziemlich gleichgültig, ob man die 
Geschichte der Psychoanalyse vom kathartischen Verfahren an 
oder erst von meiner Modifikation desselben rechnen will. Ich 
gehe auf dieses uninteressante Problem nur ein, weil manche 
Gegner der Psychoanalyse sich gelegentlich darauf zu besinnen 
pflegen, daß ja diese Kunst gar nicht von mir, sondern von 
Breuer herrührt. Dies ereignet sich natürlich nur in dem Falle, 
daß ihnen ihre Stellung gestattet, einiges an der Psychoanalyse 
beachtenswert zu finden; wenn sie sich in der Ablehnung keine 
solche Schranke auferlegen, dann ist die l'sychoanalyse immer 
unbestritten mein Werk. Ich habe noch nie erfahren, daß 
Breuers großer Anteil an der Psychoanalyse ihm das ent- 
sprechende Maß von Schimpf und Tadel eingetragen hätte. Da 
ich nun längst erkannt habe, daß es das unvermeidliche Schicksal 
der Psychoanalyse ist, die Menschen zum Widerspruch zu 
reizen und zu erbittern, so habe ich für mich den Schluß 
gezogen, ich müßte doch von allem, was sie auszeichnet, der 
richtige Urlieber sein. Mit llefriedigung füge ich hinzu, daß 
keine der Bemühungen, meinen Anteil an der vielgeschraäbten 
Analyse zu schmälern, je von Breuer selbst au.sgegangen ist 
oder sich seiner Unterstützung rühmen konnte. 

Der Inhalt der Breuerschen Entdeckung ist so häufig dar- 
gestellt worden, daß deren ausführliche Diskussion hier entfallen 

ij über Psych oanaly sc. Fünf Vorlesungen, gi.-hnlU'ii LWr aojährigen GrüniäiHig-s- 
feier der Clark Unlversity in VVorcesler, Mass., gewidmet Stimlcy Hall. 5. AuOoge, 
1916. Glelchieitig englisch erschienen im Amcr. Journ. of Paychology, March 1910: 
übersetzt ins Holländische, Ungnrische, Polnische, Russische, Spanische und Italienische. 



Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 



4^5 



darf. Die Grundtatsache, daß die Symptome der Hysterischen von 
eindrucksvollen, aber vergessenen Szenen ihres Lebens (Traumen) 
abhängen, die darauf gegründete Therapie, sie diese Erlebnisse in 
der Hypnose erinnern und reproduzieren zu lassen (Katharsis), 
und das daraus folgende Stückchen Theorie, daß diese Symptome 
einer abnormen Verwendung von nicht erledigten Erregungs- 
größen entsprechen (Konversion). Breuer hat jedesmal, wo er in 
seinem theoretischen Beitrag zu den „Studien über Hysterie" 
der Konversion gedenken muß, meinen Namen in Klammern 
liinzu gesetzt, als ob dieser erste Versuch einer theoretischen 
Rechenschaft mein geistiges Eigentum wäre. Ich glaube, 
daß sich diese Zuteilung nur auf die Namengebung bezieht, 
während sich die Auffassung uns gleichzeitig und gemeinsam 
ergeben hat. 

Es ist auch bekannt, daß Breuer die kathartische Behandlung 
nach seiner ersten Erfahrung durch eine Reihe von Jahren ruhen 
ließ und sie erst wieder aufnahm, nachdem ich, von Charcot 
zurückgekehrt, ihn dazu veranlaßt hatte. Er war Internist und 
durch eine ausgedehnte ärztliche Praxis in Anspruch genommen^ 
ich war nur ungern Arzt geworden, hatte aber damals ein starkes 
Motiv bekommen, den nervösen Kranken helfen oder wenigstens 
etwas von ihren Zuständen verstehen zu wollen. Ich hatte mich 
der physikalischen Therapie anvertraut und fand mich ratlos ange- 
sichts der Enttäuschungen, welche mich die an Ratschlägen und 
Indikationen so reiche „Elektrotherapie" von W. Erb erleben 
ließ. Wenn ich mich damals nicht selbständig zu dem später von 
Moebius durchgesetzten Urteil durcharbeitete, daß die Erfolge 
der elektrischen Behandlung bei nervösen Störungen Suggestions- 
erfolge seien, so trug gewiß nichts anderes als das Ausbleiben 
dieser versprochenen Erfolge die Schuld daran. Einen ausreichenden 
Ersatz für die verlorene elektrische Therapie schien damals die 
Behandlung mit Suggestionen in tiefer Hypnose zu bieten, die 
ich durch die äußerst eindrucksvollen Demonstrationen von 



414 2wr Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

Li^bault und Bernheim kennen lernte. Aber die Erforschung 
in der Hypnose, von der ich durch Breuer Kenntnis hatte, 
mußte durch ihre automatische Wirkungsweise und die gleichzeitige 
Befriedigung der Wißbegierde ungleich anziehender wirken, als 
das monotone, gewalttätige, von jeder Forschung ablenkende 
suggestive Verbot. 

Wir haben küi-zlich als eine der jüngsten Rrwerbungen der 
Psychoanalyse die Mahnung vernommen, den aktuellen Konflikt 
und die Krankheitsveranlassung in den Vordergrund der Analyse 
zu rücken. Nun das ist genau das, was Breuei- und ich zu 
Beginn unserer Arbeiten mit der kathartischen Methode getan 
haben. Wir lenkten die Aufmerksamkeit des Kranken direkt auf 
die traumatische Szene, in welcher das Symptom entstanden war, 
suchten in dieser den psychischen Konflikt zu erraten und den 
unterdrückten Affekt frei zu machen. Dabei entdeckten wir den 
für die psychischen Prozesse bei den Neurosen charakteristischen 
Vorgang, den ich später Regression genannt habe. Die Asso- 
ziation des Kranken ging von der Szene, die man aufklären 
wollte, auf frühere Erlebnisse zurück und nötigte die Analyse, 
welche die Gegenwart korrigieren sollte, sich mit der Vergangenheit 
2U beschäftigen- Diese Regression fülirle immer weiter nach 
rückwärts, zuerst schien es, regelmäßig bis in die Zeit der Pubertät, 
dann lockten Mißerfolge wie Lücken des Verständnisses die 
analytische Arbeit in die dahin terliegenden Jahre der Kindheit, 
die bisher für jede Art von Erforschung unzugänglich gewesen 
waren. Diese regrediente Richtung wurde zu einem wichtigen 
Charakter der Analyse. Es zeigte sich, daß die Psychoanalyse nichts 
Aktuelles aufklären könne außer durch Zurückführung auf etwas 
Vergangenes, ja daß jedes pathogene Erlebnis ein früheres vor- 
aussetzt, welches, selbst nicht pathogen, doch dem späteren 
Ereignis seine pathogene Eigenschaft verleiht. Die Versuchung, 
bei dem bekannten aktuellen Anlaß zu verbleiben, war aber so 
^oß, daß ich ihr noch bei späten Analysen nachgegeben habe. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 415 



In der 1899 durchgeführten Behandlung der „Dora" genannten 
Patientin war mir die Szene bekannt, welche den Ausbruch der 
aktuellen Erkrankung veranlaßt hatte. Ich bemühte mich unge- 
zählte Male, dieses Erlebnis zur Analyse zu bringen, ohne auf 
meine direkte Aufforderung jemals etwas anderes zu erhalten, als 
die nämliche kärgliche und lückenhafte Beschreibung. Erst nach 
einem langen Umweg, der über die früheste Kindheit der 
Patientin führte, stellte sich ein Traum ein, zu dessen Analyse 
die bis dahin vergessenen Einzelheiten der Szene erinnert wurden, 
womit das Verständnis und die Lösung des aktuellen Konfliktes 
ermöglicht waren. 

Man kann aus diesem einen Beispiel ersehen, wie irre- 
führend die vorhin erwähnte Mahnung ist, und welcher Betrag 
wissenschaftlicher Regression in der so angeratenen Vernach- 
lässigung der Regression in der analytischen Technik zum Aus- 
druck kommt. 

Die erste Differenz zivischen Breuer und mir trat in einer 
Frage des intimeren psychischen Mechanismus der Hysterie 
zutage. Er bevorzugte eine sozusagen noch physiologische Theorie, 
wollte die seelische Spaltung der Hysterischen durch das Nicht- 
kommunizieren verschiedener seelischer Zustände (oder wie wir 
damals sagten: BewußtseinszustMnde) erklären und schuf so die 
Theorie der „hypnoiden Zustände", deren Ergebnisse wie 
unassimilierte Fremdkörper in das „Wachbewußtsein" hineinragen 
sollten. Ich hatte mir die Sache weniger wissenschaftlich zurecht- 
gelegt, witterte überall Tendenzen und Neigungen analog denen 
des täglichen Lebens und faßte die psychische Spaltung selbst als 
Ergebnis eines Abstoßungsvorganges, den ich damals „Abwehr", 
später „Verdrängung" benannte. Ich machte einen kurzlebigen 
Versuch, die beiden Mechanismen nebeneinander bestehen zu 
lassen, aber da mir die Erfahrung stets das nämliche und nur 
eines zeigte, stand bald seiner Hypnoidtheorie meine Abwehrlehre 
gegenüber. 



4i6 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

_ _^ ^— " ■ — — — ^ * 

Ich bin indes ganz sicher, daß dieser Gegensatz nichts mit | 

unserer bald darauf eintretenden Trennung zu tun hatte. Dieselbe j 

war tiefer motiviert, abei" sie kam so, daß ich sie anfangs nicht ' 

verstand und erst später nach allerlei guten Lidizien deuten 
lernte. Man erinnert sich, daß Breuer von seiner berühmten 
ersten Patientin ausgesagt hatte, das sexuale Element sei bei ihr ; 

erstaunlich unentwickelt gewesen und habe niemals einen Beitrag f 

zu ihrem reichen Krankheitsbilde geliefert. Ich habe mich immer 
verwundert, daß die Kritiker diese Versicherung Breuers meiner j 

Behauptung von der sexuellen Ätiologie der Neurosen nicht öfter 
entgegengestellt haben, und weiß noch heute nicht, ob ich in -^ 

dieser Unterlassung einen Beweis für ihre Diskretion oder für j 

ihre Unachtsamkeit sehen soll. Wer die Breu ersehe Kranken- 
geschichte im Lichte der in den letzten zwanzig Jahren gewonnenen | 

Erfahrung von neuem durchliest, wird die Symbolik der Schlangen, ' 

des Starrwerdens, der Armlähmung nicht mißverstehen und durch 
Einrechnung der Situation am Krankenbette des Vaters die wirk- 
liche Deutung jener Symptombildung leicht erraten. Sein Urteil 
über die Rolle der Sexuahtät im Seelenleben jenes Mädchens 
wird sich dann von dem ihres Arztes weit entfernen. Breuer i 

stand zur Herstellung der Kranken der intensivste suggestive * 

Rapport zu Gebote, der uns gerade als Vorbild dessen, was wir ' 

„Übertragung" heißen, dienen kann. Ich habe nun starke Gründe 
zu vermuten, daß Breuer nach der Beseitigung aller Symptome 
die sexuelle Motivierung dieser Übertragung an neuen Anzeichen , 

entdecken mußte, daß ihm aber die allgemeine Natur dieses 
unerwarteten Phänomens entging, so daß er hier, wie von einem 
„untoward event"' betroffen, die Forschung abbrach. Er hat mir ( 

hievon keine direkte Mitteilung gemacht, aber zu verschiedenen ■ 

Zeiten Anhaltspunkte genug gegeben, um diese Kombination zu t- 

rechtfertigen. Als ich dann immer entschiedener für die Bedeutung 
der Sexualität in der Verursachung der Neurose eintrat, war er 
der erste, der mir jene Reaktionen der unwilligen Ablehnung 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 4x7 

zeigte, die mir später so vertraut werden sollten, die ich damals 
aber noch nicht als mein unabwendbares Schicksal erkannt hatte. 
Die Tatsache der grob sexuell betonten, zärtlichen oder feind- 
seligen Übertragung, die sich bei jeder Neurosenbehandlung ein- 
stellt, obwohl sie von keinem Teil gewünscht oder herbeigeführt 
wird, ist mir immer als der unerschütterlichste Beweis für die Her- 
kunft der Triebkräfte der Neurose aus dem Sexualleben erschienen. 
Dies Argument ist noch lange nicht ernsthaft genug gewürdigt 
worden, denn geschähe dies, so bliebe der Forschung eigentlich 
keine Wahl. Für meine Überzeugung ist es entscheidend geblieben, 
neben und über den speziellen Ergebnissen der Analysenarbeit. 

Ein Trost für die schlechte Aufnahme, welche meine Auf- 
stellung der sexuellen Ätiologie der Neurosen auch im engeren 
Freundeskreis fand — es bildete sich bald ein negativer Raum 
um meine Person — lag doch in der Überlegung, daß ich für 
eine neue und originelle Idee den Kampf aufgenommen hatte. 
Allein eines Tages setzten sich bei mir einige Erinnerungen 
zusammen, welche diese Befriedigung störten und mir dafür einen 
schönen Einblick in den Hergang unseres Schaffens und die 
Natur unseres Wissens gestatteten. Die Idee, für die ich verant- 
wortlich gemacht wurde, war keineswegs in mir entstanden. Sie 
war mir von drei Personen zugetragen worden, deren Meinung 
auf meinen tiefsten Respekt rechnen durfte, von Breuer selbst, 
von C h a r c o t und von dem Gynäkologen unserer Universität 
Chrobak, dem vielleicht hervorragendsten unserer Wiener Arzte. 
Alle drei Männer hatten mir eine Einsicht überliefert, die sie, 
streng genommen, selbst nicht besaßen. Zwei von ihnen verleugneten 
ihre Mitteilung, als ich sie später daran mahnte, der dritte (Meister 
Charcot) hätte es wahrscheinlich ebenso getan, wenn es mir 

' vergönnt gewesen wäre, ihn wiederzusehen. In mir aber hatten 

diese ohne Verständnis aufgenommenen identischen Mitteilungen 

n durch Jahre geschlummert, bis sie eines Tages als eine scheinbar 

originelle Erkenntnis erwachten. 

Freud, IV. ^ 



4l8 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



I 



Als ich eines Tages als junger Spilalsarzt Breuer auf einem 
Spaziergange durcli die Stadt begleitete, trat ein Mann an ihn 
heran, der ihn dringend sprechen wollte. Ich blieb zurück, und 
als Breuer frei geworden war, teilte er mir in seiner freundlich 
belehrenden Weise mit, es sei der Mann einer Patientin gewesen, 
der eine Nachricht über sie gebracht hätte. Die Frau, fügte er 
hinzu, benehme sich in Gesellschaften in so auffälliger Art, daß 
man sie ihm als Nervöse zur Beliandlung übergeben habe. Das 
sind immer Geheimnisse des Alkovens, schloß er dann. 
Ich fragte erstaunt, was er meine, und er erklärte mir das Wort 
(„des Ehebettes"), weil er nicht verstand, daß mir die Sache so 

unerhört erschienen war. 

I 

Einige Jahre später befand ich mich an einem der Empfangs- I 

abende Charcots in der Nähe des verehrten Lehrers, der gerade ' 

Brouardel eine, wie es schien, sehr interessante Geschichte aus 
der Praxis des Tages erzählte. Ich hörte den Anfang ungenau, \ 

allmählich fesselte die Erzählung meine Aufmerksamkeit. Ein 
junires Ehepaar von weit her aus dem Orii^nt, die Frau schwer j 

leidend, der Mann impotent oder recht ungeschickt. Tächez I 

donCf hörte ich (Hiarcot wiederholen, fe vous assure, vous 
y arriuerez, Brouardel, der weniger laut sprach, muß dann 
seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, daß unter solchen 
Umständen Symptome wie die der Frau zustande kämen. Denn ; 

Charcot brach plötzlich mit großer Lebhaftigkeit in die Worte 
aus: Mais, dans des cas parv.ils c'est toujours la chose genitale, \_ 

toujours . . . toujours . . . toujours. Und dabei kreuzte er die f 

Hände vor dem Schoß und hüpfte mit der ihm eigenen Leb- } 

haftigkeit mehrmals auf und nieder. Ich weiß, daß ich für 
einen Augenblick in ein fast lähmendes Erstaunen verfiel und 
mir sagte ; Ja, wenn er das weiß, warum sagt er das nie? Aber 
der Eindruck war bald vergessen; die Gehirnanatomie und die 
experimentelle Erzeugung hysterischer Lähmungen hatten alles 
Interesse absorbiert. 



h\ 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 41g 

Ein Jahr später hatte ich als Privatdozent für Nervenkrankheiten 
meine ärztliche Tätigkeit in Wien "begonnen und war in allem, 
was Ätiologie der Neurosen betraf, so unschuldig und so unwissend 
geblieben, wie man es nur von einem hoffnungsvollen Akademiker 
fordern darf. Da traf mich eines Tages ein freundlicher Ruf 
Chrobaks, eine Patientin von ihm zu übernehmen, weicherer 
in seiner neuen Stellung als Universitätslehrer nicht genug Zeit 
widmen könne. Ich kam früher als er zur Kranken und erfuhr, 
daß sie an sinnlosen Angstanfällen leide, die nur durch die sorgfältigste 
Information, wo sich zu jeder Zeit des Tages ihr Arzt befinde, 
beschwichtigt werden könnten. Als Chrobak erschien, nahm er 
mich beiseite und eröffnete mir, die Angst der Patientin rühre 
daher, daß sie trotz achtzehnjähriger Ehe Virgo intacta sei. Der 
Mann sei absolut impotent. Dem Arzt bleibe in solchen Fällen 
nichts übrig, als das häusliche Mißgeschick mit seiner Reputation 
zu decken und es sich gefallen zu lassen, wenn man achsel- 
zuckend über ihn sage: Der kann auch nichts, wenn er sie in 
soviel Jahren nicht hergestellt hat. Das einzige Rezept für solche 
Leiden, fügte er hinzu, ist uns wohl bekannt, aber wir können 
es nicht verordnen. Es lautet: 

Rp. Penis normalis 

dosim 
Bepetaturt 

Ich hatte von solchem Rezept nichts gehört und hätte gern 
den Kopf geschüttelt über den Zynismus meines Gönners. 

Ich habe die erlauchte Abkunft der verruchten Idee gewiß 
nicht darum aufgedeckt, weil ich die Verantwortung für sie auf 
andere abwälzen möchte. Ich weiß schon, daß es etwas anderes 
ist, eine Idee ein oder mehrere Male in Form eines flüchtigen 
Apergus auszusprechen — als: ernst mit ihr zu machen, sie wörtlich 
zu nehmen, durch alle widerstrebenden Details hindurchzuführen 
und ihr ihre Stellung unter den anerkannten Wahrheiten zu 
erobern. Es ist der Unterschied zwischen einem leichten Flirt und 



i^ 



420 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

einer rechtschaffenen Ehe mit all ihren Pflichten und Schwierig- 
keiten. Epouser les ide'cs de... ist eine wenigstens im Französischen 
gebräuchliche Redewendung. 

Von den anderen Momenten, die durch meine Arbeit zum 
kalhartischen Verfahren hinzukamen und es zur Psychoanalyse 
umgestalteten, hebe ich hervor: Die Lehre von der Verdrängung 
und vom Widerstand, die Einsetzung der infantilen Sexualität 
und die Deutung und Verwertung der Träume zur Erkenntnis 
des Unbewußten. 

In der Lehre von der Verdrängung war ich sicherlich selbständig, 
ich weiß von keiner Beeinflussung, die mich in ihre Nähe 
gebracht hätte, und ich hielt diese Idee auch lange Zeit für eine 
originelle, bis uns O. Rank die Stelle in Schopenhauers 
,Welt als Wille und Vorstellung" zeigte, in welcher sich der 
Philosoph um eine Erklärung des Wahnsinnes bemüht.' Was dort 
über das Sträuben gegen die Annahme eines peinlichen Stückes 
der Wirklichkeit gesagt ist, deckt sich so vollkommen mit dem 
Inhalt meines Verdrängungsbegriffes, daß ich wieder einmal 
meiner Unbelesenheit für die Ermöglichung einer Entdeckung 
verpflichtet sein durfte. Indes haben andere diese Stelle gelesen 
und über sie hinweggelesen, ohne diese Entdeckung zu machen, 
und vielleicht wäre es mir ähnlich ergangen, wenn ich in 
früheren Jahren mehr Geschmack an der Lektüre philosophischer 
Autoren gefunden hätte. Den hohen Genuß der Werke 
Nietzsches habe ich mir dann in späterer Zeit mit der 
bewußten Motivierung versagt, daß ich in der Verarbeitung der 
psychoanalytischen Eindrücke durch keinerlei Er wartungs Vorstellung 
behindert sein wolle. Dafür mußte ich bereit sein — und ich 
bin es gerne — , auf alle Prioritätsansprüche in jenen häufigen 
Fällen zu verzichten, in denen die mühselige psychoanalytische 
Forschung die intuitiv gewonnenen Einsichten des Philosophen 
nur bestätigen kann. 

i) Zentralblau für Psychoanalyse, 1911, Bd. I, S. 69, 



Xur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



421 



Die Verdrängungslehre ist nun der Grundpfeiler, auf dem das 
Gebäude der Psychoanalyse ruht, so recht das wesentlichste Stück 
derselben und selbst nichts anderes als der theoretische Ausdruck 
einer Erfahrung, die sich beliebig oft wiederholen läßt, wenn 
man ohne Zuhilfenahme der Hypnose an die Analyse eines 
Neurotikers geht. Man bekommt dann einen Widerstand zu 
spüren, welcher sich der analytischen Arbeit widersetzt und einen 
Erinnerungsausfall vorschiebt, um sie zu vereiteln. Diesen Wider- 
stand muß die Anwendung der Hypnose verdecken; darum setzt 
die Geschichte der eigentlichen Psychoanalyse erst mit der 
technischen Neuerung des Verzichts auf die Hypnose ein. Die 
theoretische W^ürdigung des Umstandes, daß dieser Widerstand mit 
einer Amnesie zusammentrifft, führt dann unvermeidlich zu jener 
Auffassung der unbewußten Seelentätigkeit, welche der Psycho- 
analyse eigentümlich ist und sich von den philosophischen 
Spekulationen über das Unbewußte immerhin merklich unter- 
scheidet. Man darf daher sagen, die psychoanalytische Theorie 
ist ein Versuch, zwei Erfahrungen verständlich zu machen, die 
sich in auffälliger und unerwarteter Weise bei dem Versuche 
ergeben, die Leidenssymptome eines Neurotikers auf ihre Quellen 
in seiner Lebensgeschichte zurückzuführen: die Tatsache der 
Übertragung und die des Widerstandes. Jede^ Forschungsrichtung, 
welche diese beiden Tatsachen anerkennt und sie zum Ausgangs- 
punkt ihrer Arbeit nimmt, darf sich Psychoanalyse heißen, auch 
wenn sie zu anderen Ergebnissen als den meinigen gelangt. Wer 
aber andere Seiten des Problems in Angriff nimmt und von 
diesen beiden Voraussetzungen abweicht, der wird dem Vorwurf 
der Besilzstörung durch versuchte Mimikry kaum entgehen, wenn 
er darauf beharrt, sich einen Psychoanalytiker zu nennen. 

Ich würde mich sehr energisch dagegen sträuben, wenn jemand 
die Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand zu den Vor- 
aussetzungen anstatt zu den Ergebnissen der Psychoanalyse rechnen 
wollte. Es gibt solche Voraussetzungen allgemein psychologischer und 



422 7,ur Geschichte der psychoanalytischen Beiregimg 

biologischer Natur und es wäre zweckmäßig, an anderer Stelle von 
ihnen zu handeln, aber die Lehre von der Verdrängung ist ein 
Erwerb der psychoanalytischen Arbeit, auf legitime Weise als 
theoretischer Extrakt aus unbestimmt vielen Erfahrungen gewonnen. 
Ein ebensolcher Erwerb, nur aus viel späterer Zeit, ist die Auf- 
stellung der infantilen Sexualität, von welcher in den ersten 
Jahren tastender Forschung durch die Analyse noch nicht die 
Rede war. Man merkte zuerst nur, daß man die Wirkung 
aktueller Eindrücke auf Vergangenes zurückführen müßte. Allein, 
„der Sucher fand oft mehr, als er zu finden wünschte". Man 
wurde immer weiter zurück in diese Vergangenheit gelockt und 
endlich hoffte man in der Pubertätszeit verweilen zu dürfen, in 
der Epoche des traditionellen Erwachens der Sexualregungen. 
Vergeblich, die Spuren wiesen noch weiter nach rückwärts, in 
die Kindheit und in frühe Jahre derselben. Auf dem Wege dahin 
galt es, einen Irrtum zu überwinden, der für die junge Forschung 
fast verhängnisvoll geworden wäre. Unter dem Einfluß der an 
Charcot anknüpfenden traumatischen Theorie der Hysterie war 
man leicht geneigt, Berichte der Kranken für real und ätiologisch 
bedeutsam zu halten, welche ihre Symptome auf passive sexuelle 
Erlebnisse in den ersten Kinderjahren, also grob ausgedrückt: auf 
Verführung zurückleiteten. Als diese Ätiologie an ihrer eigenen 
Un Wahrscheinlichkeit und an dem Widerspruche gegen sicher 
festzustellende Verhältnisse zusammenbrach, war ein Stadium 
völliger Ratlosigkeit das nächste Ergebnis. Die Analyse hatte auf 
korrektem Wege bis zu solchen infantilen Sexualtraumen geführt 
und doch waren diese unwahr. Man hatte also den Boden der 
Realität verloren. Damals hätte ich gerne die ganze Arbeit im 
Stiche gelassen, ähnlich wie mein verehrter Vorgänger Breuer 
bei seiner unerwünschten Entdeckung. Vielleicht harrte ich nur aus, 
weil ich keine Wahl mehr hatte, etwas anderes zu beginnen. 
Endlich kam die Besinnung, daß man ja kein Recht zum 
Verzagen habe, wenn man nur in seinen Erwartungen getäuscht 



ZtiJ- Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 423 



worden sei, sondern diese Erwartungen revidieren müsse. Wenn 
die Hysteriker ihre Symptome auf erfundene Traumen zurück- 
führen, so ist eben die neue Tatsache die, dai3 sie solche Szenen 
pliantasieren, und die psychische Realität verlangt neben der 
praktischen Reahtät gewürdigt zu werden. Es folgte bald die 
Einsicht, daß diese Phantasien dazu bestimmt seien, die auto- 
erotische Betätigung der ersten Kinderjahre zu verdecken, zu 
beschönigen und auf eine höhere Stufe zu heben, und nun kam 
hinter diesen Phantasien das Sexualleben des Kindes in seinem 
ganzen Umfange zum Vorschein. 

In dieser Sexualtätigkeit der ersten Kinderjahre konnte endlich 
auch die mitgebrachte Konstitution zu ihrem Rechte kommen. 
Anlage und Erleben verknüpften sich hier zu einer unlösbaren 
ätiologischen Einheit, indem die Anlage Eindrücke zu anregenden 
und fixierenden Traumen erhob, welche sonst, durchaus banal, 
wirkungslos geblieben wären, und indem die Erlebnisse Faktoren 
aus der Disposition wachriefen, welche ohne sie lange geschlummert 
hätten und vielleicht unentwickelt geblieben wären. Das letzte 
Wort in der Frage der traumatischen Ätiologie sprach dann 
später Abraham (1907) aus, als er darauf hinwies, wie gerade 
die Eigenart der sexuellen Konstitution des Kindes sexuelle 
Erlebnisse von besonderer Art, also Traumen, zu provozieren 

versteht.' 

Meine Aufstellungen über die Sexualität des Kindes waren 
anfangs fast ausschließlich auf die Ergebnisse der in die Ver- 
gangenheit rückschreitenden Analyse von Erwachsenen begründet. 
Zu direkten Beobachtungen am Kinde fehlte mir die Gelegenheit. 
Es war also ein außerordentlicher Triumph, als es Jahre später 
gelang, den größten Teil des Erschlossenen durch direkte 
Beobachtung und Analyse von Kindern in sehr frühen Jahren 
zu bestätigen, ein Triumph, der allmählich durch die Über- 

1) Klinische Beiträge zur Psychoanalyse aus den Jahren 1907—1920. Intern. 
Psychoanalyt. BülioÜiek, Band X, igai. 



4*4 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

legung verringert wurde, die Entdeckung sei von solcher Art, 
daß man sich eigentlich schämen müsse, sie gemocht zu haben. 
Je weiter man sich in die Beobachtung des Kindes einließ, desto 
selbstverständlicher wurde die Tatsache, desto sonderbarer aber 
auch der Umstand, daß man sich solche Mühe gegeben hatte, 
sie zu übersehen. 

Eine so sichere Überzeugung von der Existenz und Bedeutung 
|i der Kindersexualität kann man allerdings nur gewinnen, wenn 

man den Weg der Analyse geht, von den Symptomen und 
Eigentümlichkeiten der Neurotiker rückschreitet bis zu den letzten 
Quellen, deren Aufdeckung erklärt, was an ihnen erklärbar ist, 
und zu modifizieren gestattet, was sich etwa abändern läßt. Ich 
verstehe es, daß man zu anderen Resultaten kommt, wenn man, 
wie kürzlich C. G. J u n g, sich zunächst eine theoretische Vor- 
stellung von der Natur des Sexualtriebes bildet und von dieser 
aus das Leben des Kindes begreifen will. Eine solche Vorstellung 
kann nicht anders als willkürlich oder mit Rücksicht auf abseits 
liegende Erwägungen gewählt sein und läuft Gefahr, dem Gebiet 
inadäquat zu werden, auf welches man sie anwenden will. Gewiß 
führt auch der analytische Weg zu gewissen letzten Schwierig- 
keiten und Dunkelheiten in betreff der Sexualität und ihres 
Verhältnisses zum Gesamtleben des Individuums, aber diese können 
nicht durch Spekulationen beseitigt werden, sondern müssen 
bleiben, bis sie Lösung durch andere Beobachtungen oder Beob- 
achtungen auf anderen Gebieten finden. 

Über die Traumdeutung kann ich mich kurz fassen. Sie fiel 
mir zu als Erstlingsfrucht der technischen Neuerung, nachdem 
ich mich, einer dunklen Ahnung folgend, entschlossen hatte, die 
Hypnose mit der freien Assoziation zu vertauschen. Meine Wiß- 
begierde war nicht von vornherein auf das Verständnis der 
Träume gerichtet gewesen. Einflüsse, die mein Interesse gelenkt 
oder mir eine hilfreiche Erwartung geschenkt hätten, sind mir 
nicht bekannt. Ich hatte vor dem Aufhören meines Verkehrs mit 



1 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 4^5 

Breuer kaum noch Zeit, ihm einmal in einem Satze mitzuteilen, 
daß ich jetzt Träume zu übersetzen verstünde. Infolge dieser 
Entdeckungsgeschichte war die Symbolik der Traumsprache so 
ziemlich das letzte, was mir am Traum zugänglich wurde, denn 
fiir die Kenntnis der Symbole leisten die Assoziationen des 
Träumers nur wenig. Da ich die Gewohnheit festgehalten habe, 
immer zuerst an den Dingen zu studieren, ehe ich in den 
Büchern nachsah, konnte ich mir die Symbolik des Traumes 
sicherstellen, ehe ich durch die Schrift von Scherner auf sie 
hingewiesen wurde. Im vollen Umfange habe ich dieses 
Ausdrucksmittel des Traumes erst später gewürdigt, zum Teil 
unter dem Einflüsse der Arbeiten des zu Anfang so sehr verdienst- 
vollen, später vjlli g ver wahrlosten JW._S^tekel._ Der enge 
Anschluß der psychoanalytischen Traumdeutung an die einst so 
hochgehaltene Traumdeutekunst der Antike wurde mir erst viele 
Jahre nachher klar. Das eigenartigste und bedeutsamste Stück 
memer Traumtheorie, die Zurückführung der Traumentstellung 
auf einen inneren Konflikt, eine Art von innerer Unaufrichtigkeit, 
fand ich dann bei einem Autor wieder, dem zwar die Medizin, 
aber nicht die Philosophie fremd geblieben war, dem berühmten 
Ingenieur J. Popper, der unter dem Namen Lynkeus 1899 
die „Phantasien eines Realisten" veröffentUcht hatte. 

Die Traumdeutung wurde mir zum Trost und Anhalt in 
jenen schweren ersten Jahren der Analyse, als ich gleichzeitig 
Technik, Klinik und Therapie der Neurosen zu bewältigen hatte, 
gänzlich vereinsamt war und in dem Gewirre von Problemen 
und bei der Häufung der Schwierigkeiten oft Orientierung und 
Zuversicht einzubüßen fürchtete. Die Probe auf meine Voraus- 
setzung, daß eine Neurose durch Analyse verständlich werden 
müsse, ließ oft bei dem Kranken verwirrend lange auf sich 
warten; an den Träumen, die man als Analoga der Symptome 
autfassen konnte, fand diese Voraussetzung eine fast regelmäßige 
Bestätigung. 



4^G Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

Nur durch diese Erfolge wurde ich in den Stand gesetzt, 
auszuharren. Ich habe mich darum gewöhnt, das Verständnis 
eines psychologischen Arbeiters an seiner Stellung zu den Problemen 
der Traumdeutung zu messen und mit Genugtuung beobachtet, 
daß die meisten Gegner der Psychoanalyse es überhaupt vermieden, 
diesen Boden zu betreten oder sich höchst ungeschickt benahmen, 
wenn sie es doch versuchten. Meine Selbstanalyse, deren Not- 
wendigkeit mir bald einleuchtete, habe ich mit Hilfe einer 
Serie von eigenen Träumen durchgeführl, die mich durcli alle 
Begebenheiten meiner Kinderjahre führten, und ich bin noch 
heute der Meinung, daß bei einem guten Träumer und n icht 
allzu abnormen Menschen diese Art der Analyse genügen kann. 

Durch die Aufrollung dieser Entstehungsgeschichte glaube ich 
besser als durch eine systematische Darstellung gezeigt zu haben, 
was die Psychoanalyse ist. Die besondere Natur meiner Funde 
erkannte ich zunächst nicht. Ich opferte unbedenklich meine 
beginnende Beliebtheit als Arzt und den Zulauf der Nervösen in 
meine Sprechstunde, indem ich konsequent nach der sexuellen 
Verursachung ihrer Neurosen forschte, wobei ich eine Anzahl 
von Erfahrungen machte, die meine Überzeugung von der 
praktischen Bedeutung des sexuellen Moments endgültig fest- 
legten. Ich trat ahnungslos in der Wiener Fachvereinigung, damals 
unter dem Vorsitze von v. Krafft- Ebing, als Redner auf, der 
erwartete, durch Interesse und Anerkennung seiner Kollegen für 
seine freiwillige materielle Schädigung entschädigt zu werden. 
Ich behandelte meine Entdeckungen wie indifferente Beiträge zur 
Wissenschaft und hoffte dasselbe von den anderen. Erst die Stille, 
die sich nach meinen Vorträgen erhob, die Leere, die sich um 
meine Person bildete, die Andeutungen, die mir zugetragen 
wurden, ließen mich allmählich begreifen, daß Behauptungen 
über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen nicht 
darauf rechnen könnten, so behandelt zu werden wie andere Mit- 
teilungen. Ich verstand, daß ich von jetzt ab zu denen gehörte, 



"Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



437 



die „am Schlaf der Welt gerührt haben", nach Hebbels Aus- 
druck, und daß ich auf Objektivität und Nachsicht nicht zählen 
durfte. Da aber meine Überzeugung von der durchschnittlichen 
Richtigkeit meiner Beobachtungen und Schlußfolgerungen immer 
mehr wuchs und mein Zutrauen zu meinem eigenen Urteile sowie 
mein moralischer Mut nicht eben gering waren, konnte der Ausgang 
dieser Situation nicht zweifelhaft sein. Ich entschloß mich zu glauben, 
daß mir das Glück zugefallen war, besonders bedeutungsvolle Zu- 
sammenhänge aufzudecken, und fand mich bereit, das Schicksal auf 
mich zu nehmen, das mitunter an solches Finden geknüpft ist. 

Dies Schicksal stellte ich mir in folgender Weise vor: Es 
würde mir wahrscheinlich gelingen, mich durch die therapeutischen 
Erfolge des neuen Verfahrens zu erhalten, die Wissenschaft aber 
würde zu meinen Lebzeiten keine Notiz von mir nehmen. Einige 
Dezennien später würde ein anderer unfehlbar auf dieselben, 
jetzt nicht zeitgemäßen Dinge stoßen, ihre Anerkennung durch- 
setzen und mich so als notwendigerweise verunglückten Vorläufer 
zu Ehren bringen. Unterdes richtete ich's mir als Robinson auf 
meiner einsamen Insel möglichst behaglich ein. Wenn ich aus 
den Verwirrungen und Bedrängnissen der Gegenwart auf jene 
einsamen Jahre zurückblicke, will es mir scheinen, es war eine 
schöne heroische Zeit ; die splendid Isolation entbehrte nicht 
ihrer Vorzüge und Reize. Ich hatte keine Literatur zu lesen, 
keinen schlecht unterrichteten Gegner anzuhören, ich war keinem 
Einfluß unterworfen, durch nichts gedrängt. Ich erlernte es, 
spekulative Neigungen zu bändigen und nach dem unvergessenen 
Rat meines Meisters Charcot, dieselben Dinge so oft von 
neuem anzuschauen, bis sie von selbst begannen, etwas auszu- 
sagen. Meine Veröffentlichungen, für die ich mit einiger Mühe 
auch Unterkunft fand, konnten immer weit hinter meinem Wissen 
zurückbleiben, durften beliebig aufgeschoben werden, da keine 
zweifelhafte „Priorität" zu verteidigen war. Die „Traumdeutung" 
zum Beispiel war in allem Wesenthchen anfangs 1896 fertig, sie 



428 Tjur Geschichte der psychoanalytischen Bewegi/ng 

wurde aber erst im Sommer 1899 niedergeschrieben. Die Behand- 
lung der „Dora" schloß zu Ende 1899 ab, ihre Krankengeschichte 
war in den nächsten zwei Wochen fixiert, wurde aber erst 1905 
veröffentlicht. Unterdes wurden meine Schriften in der Fach- 
literatur nicht referiert oder, wenn dies ausnahmsweise geschah, 
mit höhnischer oder mitleidiger Uberlegenheii zurückgewiesen. 
Gelegentlich wandte mir auch ein Fachgenosse in einer seiner 
Publikationen eine Bemerkung zu, die sehr kurz und nicht sehr 
schmeichelhaft war, etwa: verbohrt, extrem, sehr sonderbar. 
Finmal traf es sich, daß ein Assistent der Klinik in Wien, an 
der ich meine Semestralvorlesung abhielt, sich von mir die 
Erlaubnis nahm, diesen Vorlesungen anzuwohnen. Er hörte sehr 
andächtig zu, sagte nichts, bot sich aber nach der letzten Vor- 
lesung zu einer Begleitung an. Wiihrend dieses Spazierganges 
eröffnete er mir, er habe mit Wissen seines Chefs ein Buch 
gegen meine Lehre geschrieben, bedauere aber sehr, dieselbe erst 
durch meine Vorlesungen besser kennen gelernt zu haben. Er 
hätte sonst vieles anders geschrieben. Allerdings habe er sich 
auf der Klinik erkundigt, ob er nicht vorher die „Traumdeutung" 
lesen solle, aber man habe ihm abgeraten, es sei nicht der 
Mühe wert. Er verglich dann selbst mein Lehrgebäude, wie er 
es jetzt verstanden habe, nach der Festigkeit seines inneren 
Gefüges mit der katholischen Kirche. Im Interesse seines Seelen- 
heils will ich annehmen, daß in dieser Äußerung ein Stück 
Anerkennung enthalten war. Er scliloß dann aber, es sei zu spät, 
an seinem Buche etwas abzuändern, es sei bereits gedruckt. Der 
betreffende Kollege hatte es auch nicht für nötig erachtet, der 
Mitwelt späterhin etwas von der Änderung seiner Meinungen 
über meine Psychoanalyse bekanntzugeben, sondern es vorgezogen, 
die Entwicklung derselben als ständiger Referent einer medi- 
zinischen Zeitschrift mit spaßhaften Glossen zu begleiten. 

Was ich an persönlicher Empfindlichkeit besaß, wurde in 
jenen Jahren zu meinem Vorteile abgestumpft. Vor der Verbitterung 






Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 429 



wurde ich aber durch einen Umstand bewahrt, der nicht allen 
vereinsamten Entdeckern zu Hilfe kommt. Ein solcher quält sich 
ja sonst ab zu ergründen, woher die Teilnahmslosigkeit oder 
Ablehnung seiner Zeitgenossen rührt, und empfindet sie als 
einen peinigenden Widerspruch gegen die Sicherheit seiner 
eigenen Überzeugung. Das brauchte ich nicht, denn die psycho- 
analytische Lehre gestattete mir, dies Verhalten der Umwelt als 
notwendige Folge aus den analytischen Grundannahmen zu ver- 
stehen. Wenn es richtig war, daß die von mir aufgedeckten 
Zusammenhänge dem Bewußtsein der Kranken durch innere 
affektive Widerstände ferngehalten werden, so mußten sich diese 
Widerstände auch bei den Gesunden einstellen, sobald man ihnen 
das Verdrängte durch Mitteilung von außen zuführte. Daß diese 
letzteren die affektiv gebotene Ablehnung durch intellektuelle Be- 
gründung zu motivieren verstanden, war nicht verwunderlich. Es 
ereignete sich bei den Kranken ebenso häufig, und die ins Feld ge- 
führten Argumente — Argumente sind so gemein wie Brombeeren, 
mit Falstaff zu reden — waren die nämlichen und nicht gerade 
scharfsinnig. Der Unterschied war nur, daß man bei den Kranken 
über Pressionsmiltel verfügte, um sie ihre Widerstände einsehen und 
überwinden zu lassen, bei den angeblich Gesunden solcher Hilfen 
aber entbehrte. Auf welche Weise man diese Gesunden zu einer 
kühlen, wissenschafthch objektiven Überprüfung drängen könne, 
war ein ungelöstes Problem, dessen Erledigung am besten der Zeit 
vorbehalten blieb. Man hatte in der Geschichte der Wissenschaften 
oft feststellen können, daß dieselbe Behauptung, die anfangs nur 
Widerspruch hervorgerufen hatte, eine Weile später zur Anerken- 
nung kam, ohne daß neue Beweise für sie erbracht worden wären. 
Daß sich aber in diesen Jahren, als ich allein die Psychoanalyse 
vertrat, ein besonderer Respekt vor dem Urleil der Welt oder 
ein Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei mir entwickelt 
habe wird wohl niemand erwarten dürfen. 



II 

Vom Jahre 1903 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte 
um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu 
erlernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kollege, welcher die 
gute Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren 
hatte, gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden 
in meiner Wohnung zusammen, diskutierte nach gewissen Regeln, 
suchte sich in dem befremdhch neuen Forschungsgebiete zu 
orientieren und das Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines 
Tages führte sich ein absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manu- 
skript bei uns ein, welches außerordentliches Verständnis verriet. 
Wir bewogen ihn die Gymnasialsludien nachzuholen, die Uni- 
versität zu besuchen und sich den nichtärztlichen Anwendungen 
der Psychoanalyse zu widmen. Der kleine Verein erwarb so einen 
eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich gewann an Otto Rank' 
den ireuesten Helfer und Milarboiter. 

Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im Laufe der 
nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. Im ganzen 
durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit 
der Begabungen, die er umschloß, stand er kaum hinter dem 
Stab eines beliebigen klinischen Lehrers zurück. Von Anfang an 
waren jene Männer darunter, die in der Geschichte der psycho- 
analytischen Bewegung später so bedeutungsvolle, wenn auch nicht 

1) Gegenwärtig Leiter des Intern. Psychoaniilyt. Verlages und Redakteur der 
„Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse« und der „Imago" von beider Beginnen an. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen. Bewegung 431 

immer erfreuliche Rollen spielen sollten. Aber diese Entwicklung 
konnte man damals nocli nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein, 
und ich meine, ich tat alles, um den anderen zugänglich zu 
machen, was ich wußte und erfahren hatte. Von übler Vor- 
bedeutung waren nur zwei Dinge, die mich endlich dem Kreise 
innerlich entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter den Mit- 
gliedern jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen, das 
unter Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen 
soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, zu 
denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit reichlicher 
Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Unterweisung in der 
Ausübung der Psychoanalyse, die ganz besonders groß sind und 
an vielen der heutigen Zerwürfnisse die Schuld tragen, machten 
sich bereits in der privaten Wiener psychoanalytischen Vereinigung 
geltend. Ich selbst wagte es nicht, eine noch unfertige Technik 
und eine im steten Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität 
vorzutragen, die den anderen wahrscheinhch manche Irrwege und 
endliche Entgleisungen erspart hätte. Die Selbständigkeit der 
geistigen Arbeiter, ihre frühe Unabhängigkeit vom Lehrer, ist 
psychologisch immer befriedigend j ein Gewinn in wissenschaftlicher 
Hinsicht ergibt sich aus ihr nur, wenn bei diesen Arbeitern 
gewisse, nicht allzu häufig vorkommende persönliche Bedingungen 
erfüllt sind. Gerade die Psychoanalyse hätte eine lange und strenge 
Zucht und Erziehung zur Selbstzucht gefordert. Der Tapferkeit 
wegen, die sich in der Hingabe an eine so verpönte und aus- 
sichtslose Sache erwies, war ich geneigt, den Mitghedern der 
Vereinigung mancherlei angehen zu lassen, woran ich sonst Anstoß 
eenommen hätte. Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Arzte, 
sondern auch andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse 
etwas Bedeutsames erkannt hatten, Schrifsteller, Künstler usw. 
Die „Traumdeutung", das Buch über den „Witz" u. a. hatten 
von vornherein gezeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht 
auf das ärztliche Gebiet beschränkt bleiben können, sondern der 



J 



45^ Zur Geschichte der psychoanalytiscken Bewegung 

, Anwendung auf verschiedenartige andere Geisteswissenschaften 

fähig sind. 

Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Erwartungen 
und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die Psychoanalyse 
in aller Stille Interesse erweckt und Freunde gefunden habe, ja, 
daß es wissenschaftliche Arbeiter gebe, welche bereit seien, sich 
zu ihr zu bekennen. Eine Zuschrift von Bleuler hatte mich 
schon früher wissen lassen, daß meine Arbeiten im Burghölzli 
studiert und verwertet würden. Im Jänner 1907 kam der erste 
' Angehörige der Züricher Klinik, Dr. Eitingon,* nach Wien, es 

I folgten bald andere Besuche, die einen lebhaften Gedanken- 

austausch anbahnten-; endlich kam es über Einladung von 
i C. G. Jung, damals noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten 

I Zusammenkunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die 

Freunde der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Ort«n 
■ her vereinigte. Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kon- 

( gresses war die Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahr- 

buch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen", herausgegeben von Bleuler und 
Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 zu erscheinen begann. 
I Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen Wien und Zürich fand 

I in dieser Publikation ihren Ausdruck. 

f^- Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatrischen 

j Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des besonderen 

I die von Bleuler und Jung, wiederholt dankend anerkannt und 

stehe nicht an, dies heute, unter so veränderten Verhältnissen, 

von neuem zu tun. Gewiß war es nicht erst die Parteinahme 

der Züricher Schule, welche damals die Aufmerksamkeit der 

! wissenschaftlichen Welt auf die Psychoanalyse richtete. Die 

i Latenzzeit war eben abgelaufen und an allen Orten wurde die 

1 Psychoanalyse Gegenstand eines sich steigernden Interesses. Aber 

[ an allen anderen Orten ergab diese Zuwendung von Interesse 

1) Der spatere Gründer der „Psychoanalytischen Poliklinik" in BerHn. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 455 

zunächst nichts anderes, als eine meist leidenschaftlich akzentuierte 
Ablehnung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Überein- 
stimmung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen 
Stelle fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von Anhängern 
beisammen, konnte eine öffentliche Klinik in den Dienst der 
psychoanalytischen Forschung gestellt werden, oder war ein 
khnischer Lehrer zu sehen, der die psychoanalytische Lehre als 
integrierenden Bestandteil in den psychiatrischen Unterricht auf- 
nahm. Die Züricher wurden so die Kerntruppe der kleinen, für 
die Würdigung der Analyse kämpfenden Schar. Bei ihnen allein 
war Gelegenheit, die neue Kunst zu erlernen und Arbeiten in 
ihr auszuführen. Die meisten meiner heutigen Anhänger und 
Mitarbeiter sind über Zürich zu mir gekommen, selbst solche, die 
es geographisch weit näher nach Wien hatten als nach der 
Schweiz. Wien liegt exzentrisch für den Westen Europas, der die 
großen Zentren unserer Kultur beherbergt; sein Ansehen wird 
seit vielen Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt. 
In der geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der bedeut- 
samsten Nationen zusammen; ein Infektionsherd an dieser Stelle 
mußte für die Ausbreitung der psychischen Epidemie, wie Hoche 
in Freiburg sie genannt hatte, besonders wichtig werden. 

Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung im 
B u r g h ö 1 z 1 i mitgemacht, kann man feststellen, daß die Psycho- 
analyse dort schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. In Jungs 
1902 veröffentlichter Schrift über okkulte Phänomene findet sich 
bereits ein erster Hinweis auf die Traumdeutung. Von 1905 oder 
1Q04 an, berichtet mein Gewährsmann, stand die Psychoanalyse 
im Vordergrunde. Nach der Anknüpfung persönlicher Beziehungen 
zwischen Wien und Zürich bildete sich, Mitte des Jahres 1907, 
auch im Burghölzli ein zwangloser Verein, der in regelmäßigen 
Zusammenkünften die Probleme der Psychoanalyse diskutierte. Bei 
der Union, die sich zwischen der Wiener und der Züricher 
Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß empfangende 

Freud. IV. ^ 



> 



434 ^"'" Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

Teil. Sie hatten selbst bereits respektable wissenschaftliche Arbeit 
geleistet, deren Ergebnisse der Psychoanalyse zugute kamen. Das 
von der Wundtschen Schule angegebene Assoziationsexperiment 
war von ihnen im Sinne der Psychoanalyse gedeutet worden und 
hatte ihnen unerwartete Verwertungen gestattet. Rs war so möglich 
geworden, rasche experimentelle Bestätigungen von psycho- 
analytischen Talbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse 
dem Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker 
nur hätte erzählen können. Es war die erste Brücke geschlagen 
worden, die von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse 
führte. 

Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psychoanalytischen 
Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse des Falles, leistet 
aber keinen wesentlichen Beitrag zur Technik und ist bei der 
Ausführung von Analysen eigentlich entbehrlich. Bedeutsamer 
noch war eine andere Leistung der Züricher Schule oder ihrer 
beiden Führer Bleuler und Jung. Der erslere wies nach, daß 
bei einer ganzen Anzahl von rein psychiatrischen Fällen die 
Erklärung durch solche Vorgänge in Betracht käme, wie sie mit 
Hilfe der Psychoanalyse für den Traum und die Neurosen erkannt 
worden waren („Freudsche Mechanismen")- Jung wendete das 
analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die sonderbarsten 
und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an, deren 
Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebensinteressen der 
Kranken dann klar zutage trat. Von da an war es den Psychiatern 
unmöglich gemacht, die Psychoanalyse noch länger zu ignorieren. 
Das große Werk von Bleuler über die Schizophrenie (1911), 
in welchem die psychoanalytische Betrachtungsweise gleichberechtigt 
neben die klinisch- systematische hingestellt wurde, brachte diesen 
Erfolg zur Vollendung. 

Ich will es nicht unterlassen, auf einen Unterschied hinzu- 
weisen, der schon damals in der Arbeitsrichtung der beiden 
Schulen deutlich war. Ich hatte bereits im Jahre 1897 die Analyse 



Zwr Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 455 



eines Falles von Schizophrenie veröffentlicht, der aber paranoides 
Gepräge trug, so daß seine Auflösung den Eindruck der Jungschen 
Analysen nicht vorwegnehmen konnte. Mir war aber nicht die 
Deutbarkeit der SjTnptome, sondern der psychische Mechanismus 
der Erkrankung das Wichtige gewesen, vor allem die Überein- 
stimmung dieses Mechanismus mit dem bereits erkannten der 
Hysterie. Auf die Differenzen zwischen den beiden fiel damals 
noch kein Licht. Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit auf 
eine Libidotherapie der Neurosen hin, welche alle neurotischen 
wie psychotischen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen der 
Libido, also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Ver- 
wendung, erklären soUte. Dieser Gesichtspunkt ging den 
Schweizer Forschem ab. Bleuler hält meines Wissens auch 
heute an einer organischen Verursachung der Formen von 
Dementia praecox fest, und Jung, dessen Buch über diese 
Erkrankung 1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem Salzburger 
Kongresse die toxische Theorie derselben, die sich, allerdings 
ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt. An 
dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) gescheitert, indem 
er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er sich vorher nicht 

bedienen wollte. 

Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der vielleicht ganz 
auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann ich nicht so hoch 
einschätzen, wie es von Fernerstehenden geschieht. Ich meine die 
Lehre von den K om p 1 e x e n, die aus den «Di^^^ischen 
Assoziaüonsstudien" (igo6 bis 1910) erwuchs. Sj^ hat weder 
selbst eine psychologische Theorie ergeben noch eine zwanglose 
Einfügung in den Zusammenhang der psychoanalytischen Lehren 
gestattet. Hingegen hat sich das Wort „Komplex" als bequemer, 
ofT unentbehrlicher Terminus zur deskriptiven Zusammenfassung 
psychologischer Tatbestände Bürgerrecht in der Psychoanalyse 
erworben. Kein anderer der von dem psychoanalytischen Bedürfnis 
neugeschaffenen Namen und Bezeichnungen hat eine ähnlich 



\Ä 



4.56 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

weitgehende Popularität erreicht und so viel mißbräuchhche 
Verwendung zum Schaden schärferer Begrifisbildungen gefunden. 
Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker von 
„Komplexrückkehr" zu reden, wo man die „XVückkehr des Ver- 
drängten" meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: Ich habe 
einen Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lauten konnte: 
einen Widerstand. 

In den Jahren von 1907 nn, die auf den Zusammenschluß der 
Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psychoanalyse 
jenen außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zeichen sie sich 
heute noch befindet, und der ebenso sicher bezeugt ist durch die 
Verbreitung der ihr dienenden Schriften und die Zunahme der 
Ärzte, welche sie ausüben oder erlernen wollen, wie durch die 
Häufung der Angriffe gegen sie auf Kongressen und in gelehrten 
Gesellschaften. Sie wanderte in die fernsten Länder, schreckte 
überall nicht nur die Psychiater auf, sondern machte auch die 
gebildeten Laien und die Arbeiter auf anderen Wissensgebieten 
aufhorchend. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit 
Sympathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu 
nennen, schrieb ig 11 in einem Bericht an den Australasiatischen 
medizinischen Kongreß: „Freuds psychoanalysis is now cham- 
pioned and carried out not o/ily in Auslria and in Switzerland, 
but in the United States, in England^ in Ind/a, in Canada, and, 
I doulit not, in Jijstralasia."^ Ein (wahrscheinlich deutscher) Arzt 
aus Chile trat auf dem internationalen Kongreß in Buenos Aires 
1910 für die Existenz der infantilen Sexualität ein und lobte die 
Erfolge der psychoanalytischen Therapie bei Zwangssymptomen;'' 
ein englischer Nervenarzt in Zentralindien (Berkeley- Hill) 
ließ mir durch einen distinguierten Kollegen, der nach Europa 
reiste, mitteilen, daß die mohammedanischen Hindus, an denen er 

1) Havelock Ellis, The doctrines of ihe Freud School. 

2) G. Greve. Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos EsUdos angustiosos. 
S. Zentralbl. f. Paychottnalyae, Bd. I, S. 594. 



Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 437 



die Analyse ausübe, keine andere Ätiologie ihre Neurosen erkennen 
ließen als unsere europäischen Patienten. 

Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging unter 
besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst igog wurden 
Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsidenten der Clark 
University in Worcester (bei Boston), eingeladen, uns an der 
zwanzigjährigen Gründungsfeier des Institutes durch Abhaltung 
von Vorträgen in deutscher Sprache zu beteiligen. Wir fanden zu 
unserer großen Überraschung, daß die vorurteilslosen Männer 
jener kleinen, aber angesehenen pädagogisch-philosophischen 
Universität alle psychoanalytischen Arbeiten kannten und in 
den Vorträgen für ihre Schüler gewürdigt hatten. In dem 
so prüden Amerika konnte man wenigstens in akademischen 
Kreisen alles, was im Leben als anstößig galt, frei be- 
sprechen und wissenschafthch behandeln. Die fünf Vorträge, 
die ich in Worcester improvisiert habe, erschienen dann im 
American Journ. of Psychology in enghscher Übersetzung, bald 
darauf deutsch unter dem Titel „Über Psychoanalyse"; Jung 
las über diagnostische Assoziationsstudien und über „Konflikte der 
kindhchen Seele". Wir wurden dafür mit dem Ehrentitel von 
LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die Psychoanalyse war 
während jener Festwoche in Worcester durch fünf Personen ver- 
treten, außer Jung und mir waren es Ferenczi, der sich mir 
als Reisebegleiter angeschlossen hatte, Ernest Jones, damals an 
der Universität in Toronto (Kanada), jetzt in London, und A. Brill, 
der bereits in New York analytische Praxis ausübte. 

Die bedeutsamste persönhche Beziehung, die sich in Worcester 
noch ergab, war die zu James J. Putnam, dem Lehrer der 
Neuropathologie an der Harvard University, der vor Jahren em 
abfdUiges Urteil über die Psychoanalyse ausgesprochen hatte, sich 
jetzt aber rasch mit ihr befreundete und sie in zahlreichen inhalt- 
reichen wie formschönen Vorträgen seinen Landsleuten und 
Fachgenossen empfahl. Der Respekt, den sein Cliaralcter ob seiner 



438 Zw Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 

hohen Sittlichkeit und kühnen Wahrheitsliebe in Amerika genoß, 
kam der Psychoanalyse zugute und deckte sie gegen die Denun- 
ziationen, denen sie sonst wahrscheinlich zeiiig erlegen wäre. 
P u t n a m hat dann später dem großen ethischen und philosophischen 
Bedürfnis seiner Natur allzusehr nachgegeben und an die Psychoanalyse 
die, wie ich meine, unerfüllbare Forderung gestellt, daß sie sich in 
den Dienst einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung 
finden solle; er ist aber die Hauptstütze der psychoanalytischen 
Bewegung in seinem Heimatlande geblieben.' 

Um. die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann 
Brill und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren 
Arbeiten in selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu beob- 
achtenden Grundtatsachen des Alltagslebens, des Traumes und 
der Neurose immer wieder von neuem ihren Landsleuten vor 
Augen führten. Brill hat diese Einwirkung durch seine ärztliche 
Tätigkeit und durch die Übersetzung meiner Schriften, Jones 
durch lehrreiche Vorträge und schlagfertige Diskussionen auf den 
amerikanischen Kongressen verstärkt.* 

Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tradition 
und die geringere Straramheit der offiziellen Autorität sind der 
von Stanley Hall für Amerika gegebenen Anregung entschieden 
vorteilhaft gewesen. Es war dort auch von allem Anfang an 
charakteristisch, daß sich Professoren und Leiter von Irrenanstalten 
in gleichem Maße wie selbständige Praktiker an der Analyse 
beteiligt zeigten. Aber gerade darum ist es klar, daß der Kampf 
«m die Analyse dort seine Entscheidung finden muß, wo sich 
die größere Resistenz ergeben hat, auf dem Boden der alten 
Kulturzentren. 



1) S. J. J. Putnam, Addrcsses on Psyclio-Analysis, Intomot. Psycho-Analjtical 
Library Nr. 1, 1911. — P u t n a m sinrb igiß. 

2) Die Publikationen beider Autoren sind gcsumitielt erschienen: Brill, Psych- 
analysis, Its thcorics and practicnl applicalions, 1912, und E. Jones, Papers on 
Psychoanalysis, 1915. Vom ersten Euch ist 1914, vom anderen 1918 eine sehr Ter- 
stärkte Second Edition (1923 eine dritte) erschienen. 



%ur Geschichte der psychoanalytischen. Bewegung 439 



Von den europäischen Ländern hat bisher Frankreich sich am 
unempfangHchsten für die Psychoanalyse erwiesen, obwohl verdienst- 
volle Arbeiten des Züricher A. Maeder dem französischen Leser 
einen bequemen Zugang zu deren Lehren eröffnet hatten. Die 
ersten Regungen von Teilnahme kamen aus der französischen 
Provinz. Morichau-Beauchant (Poitiers) war der erste 
Franzose, der sich öffentlich zur Psychoanalyse bekannte. R^gis 
und Hesnard (Bordeaux) haben erst kürzlich (1915) in einer 
ausführlichen, nicht immer verständnisvollen Darstellung, die an 
( der Symbolik besonderen Anstoß nimmt, die Vorurteile ihrer 

Landsleute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht. In Paris 
selbst scheint noch die Überzeugung zu herrschen, der auf dem 
Londoner Kongreß 1913 Janet so beredten Ausdruck gab, daß 
alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit geringen Abänderungen 
( die Janetschen Ansichten wiederhole, alles darüber hinaus aber 

' sei von Übel. Janet mußte sich noch auf diesem Kongreß 

: selbst eine Reihe von Zurechtweisungen von E. Jones gefallen 

' lassen, der ihm seine geringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seme 

Verdienste um die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem 
nicht vergessen, auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen. 
In Italien blieb nach einigen vielversprechenden Anfängen die 
weitere Beteiligung aus. In Holland fand die Analyse durch 
persönliche Beziehungen frühzeitig Eingangs van Emden, van 
Ophuiisen, van Renterghem („Freud en zijn School") 
und die beiden Stärcke sind dort theoretisch und praktisch 
mit Erfolg tätig.' Das Interesse der wissenschaftlichen Kreise 
Englands für die Analyse hat sich sehr langsam entwickelt, aber 
alle Anzeichen sprechen dafür, daß ihr gerade dort, begünstigt von 
dem Sinn der Engländer für Tatsächliches und ihrer leidenschaft- 
lichen Parteinahme für Gerech tigkeit, eine hohe Blüte bevorsteht. 

il Die erste offizieUe Anerkennung, welcher Traumdeutung und Psychoanalyse in 
Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psychiater J e 1 g e r s m a als Eektor 
deTuniver.ität Leiden in seiner Rektorsrede vom 9. Februar 19M. („Unbewußtes 
Geistesleben". Beihefte der Inlern. Zeitschrift für Psychoanalyse, Nr. 1.) 



\ 



44° Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegimg 



In Schweden hat P. Bjerre, der Nachfolger in der ärztlichen 
Tätigkeit Wetterstrands, die hypnotische Suggestion für die 
analytische Behandlung, wenigstens zeitweilig, aufgegehen. R. Vogt 
(Kristiania) hat bereits 1907 die Psychoanalyse in seinem 
„Psykiatriens grundtraek" gewürdigt, so daß das erste Lehrbuch 
der Psychiatrie, welches von der Psychoanalyse Kenntnis nahm, 
ein in norwegischer Sprache geschriebenes war. In Rußland ist 
die Psychoanalyse sehr allgemein bekannt und verbreitet worden; 
fast alle meine Schriften sowie die anderer Anhänger der 
Analyse sind ins Russische übersetzt. Ein tieferes Verständnis der 
analytischen Lehren hat sich aber in Rußland noch nicht ergeben. 
Die Beiträge russischer Ärzte sind derzeit unbeträchtlich zu 
nennen. Nur Odessa besitzt in der Person von M. Wulff 
einen geschulten Analytiker. Die Einführung der Psychoanalyse 
in die polnische Wissenschaft und Literatur ist hauptsächlich das 
Verdienst von L. Jekels. Das Österreich geographisch so nahe 
verbundene, ihm wissenschaftlich so entfremdete Ungarn hat der 
Psychoanalyse bisher nur einen Mitarbeiter geschenkt, S. Ferenczi, 
aber einen solchen, der wohl einen Verein aufwiegt.' 

OfZuiofi 7p2j.-_/ Es kann nicht meine Absicht sein, diese i<)i4 entworfene Schil- 
derung up to date zu führen. Nur einzelne Bemerkniigen sollen andeuten, wie sich 
m der Zwischenzeit, die den Weltkrieg einscliUetit, dus Bild geändert hat. In 
Deutschland setzt sich eine langsame, nicht immer ingestündene Infiltration der 
analytischen Lehren in die klinische Psychiatrie durch; die in den letzten Juhren 
erschienenen franiosischen Ubersetiungen meiner Schriften hüben endlich auch in 
Frankreich ein starkes Interesse an der Psychonnnlyse erweckt, das derzeit in 
hterarischen Kreisen wirksamer ist als in wissenschaftlichen, In 1 1 a 1 i e n sind M. L e v i 
Bianchini (Nocera sup.) und Edoardo Weiss (Trieste) als Übersetzer und 
Vorkämpfer der Psychoanalyse aufgetreten („Bihlioteca Psicoanalitica Italiana"). Der 
lebhaften Anteilnahme in den s p a n i s c h redenden Ländern {Prof. H. Delgado 
in Lima) trägt eine in Madrid erscheinende Gesumtausgiibo meiner Werke Rechnung 
(übersetzt von L o p e z - B a U e s t e r o s). Für England scheint sich die oben 
ausgesprochene Vorhersago stetig zu erfüllen, in B r 1 1 isch-In di en (Kalknlta) hat 
sich eine besondere Pflegestätte der Analyse gebildet. Die Vertiefung der Analyse 
m Nordamerika hält noch immer nicht Schritt mit ihrer Popularität. Jn 
Rußland hat die psychoanalytische Arbeit nach dem L'mstiirz an mehreren Zentren 
neu begonnen. In polnischer Sprache erscheint jetzt die „Polska Bibljoteka Psycho- 
analityczna". In Ungarn ist unter der Leitung von Perenczi eine glänzende ana- 
lytische Schule aufgeblüht. (Vgl. „Festschrift zum r>o. Geburtslag von Dr. S. Terenczi".) 
Am abweisendsten verhalten sich derzeit noch die skandinavischen Länder 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



44.1 



1 



Den Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man nicht 
anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie stehe im 
Mittelpunkte der wissenschaftlichen Diskussion und rufe bei 
Ärzten wie bei Laien Äußerungen entschiedenster Ablehnung 
hervor, welche aber bisher kein Ende gefunden haben, sondern 
sich immer wieder von neuem erheben und zeitweise verstärken. 
Keine offizielle Lehranstalt hat bisher die Psychoanalyse zugelassen, 
erfolgreiche Praktiker, die sie ausüben, sind nur in geringer 
Anzahl vorhanden; nur wenige Anstalten, wie die von Bins- 
wanger in Kreuzlingen (auf Schweizer Boden), Marcinowsfci 
in Holstein, haben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden 
von Berlin behauptet sich einer der hervorragendsten Vertreter 
der Analyse, K. Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler. 
Man könnte sich verwundern, daß dieser Stand der Dinge sich 
nun schon seit einer Reihe von Jahren unverändert erhalten hat, 
wenn man nicht wüßte, daß die obige Schilderung nur den 
äußeren Anschein wiedergibt. Man darf die Ablehnung der 
offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der Anstaltsleiter sowie 
des von ihnen abhängigen Nachwuchses in seiner Bedeutung 
nicht überschätzen. Es ist begreiflich, daß die Gegner laut die 
Stimme erheben, während die Anhänger eingeschüchtert Ruhe 
halten. Manche der letzteren, deren erste Beiträge zur Analyse 
gute Erwartungen erwecken mußten, haben sich denn auch unter 
dem Drucke der Verhältnisse von der Bewegung zurückgezogen. 
Aber diese selbst schreitet im stillen unaufhaltsam fort, wirbt 
immer neue Anhänger unter den Psychiatern wie den Laien, 
führt der psychoanalytischen Literatur eine stetig sich steigernde 
Anzahl von Lesern zu und nötigt eben darum die Gegner zu 
immer heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein Dutzend 
Male im Laufe dieser Jahre, in Berichten über die Verhandlungen 
bestimmter Kongresse, und wissenschaftlicher Vereinssitzungen 
oder in Referaten nach gewissen Publikationen zu lesen bekommen : 
Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig überwunden und 



» 



44^ Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

erledigt! Die Antwort hätte ähnlich lauten müssen wie das 
Telegramm Mark Twains an die Zeitung, welche fälschlich seinen 
Tod gemeldet hatte: Nachricht von meinem Ableben 
stark übertrieben. Nach jeder dieser Totsagungen hat die 
Psychoanalyse neue Anhänger und Mitarbeiter gewonnen oder 
sich neue Organe geschaffen. Totgesagt war doch ein Fortschritt 
gegen Totgeschwiegen! 

Gleichzeitig mit der geschilderton räumlichen Expansion der 
Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung durch 
Übergreifen auf andere Wissensgebiete von der Neurosenlehre 
und Psychiatrie her. Ich werde dieses Stück der Entwicklungs- 
geschichte unserer Disziplin nicht eingehend behandeln, weil eine 
vortreffliche Arbeit von Rank und Sachs (in den Löwen- 
feldschen „Grenzfragen") vorliegt, welche gerade diese 
Leistungen der Analysenarbeit ausführlich darstellt. Es ist 
hier übrigens alles im ersten Beginn, wenig ausgearbeitet, meist 
nur Ansätze und mitunter auch nichts anderes als Vorsätze. Wer 
billig denkt, wird darin keinen Grund zum Vorwurf finden. Den 
ungeheuren Mengen der Aufgaben steht eine kleine Zahl von 
Arbeitern gegenüber, von denen die meisten ihre Haupt- 
beschäftigung anderswo haben und die Fachprobleme der fremden 
Wissenschaft mit dilettantischer Vorbereitung angreifen müssen. 
Diese von der Psychoanalyse herkommenden Arbeiter machen 
aus ihrem Dilettantentum kein Hehl, sie wollen nur Wegweiser 
und Platzhalter für die Fachmänner sein, und ihnen die ana- 
lytischen Techniken und Voraussetzungen empfohlen haben, wenn 
sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn die erzielten Auf- 
schlüsse doch schon jetzt nicht unbeträchtlich sind, so ist dies 
Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen Methodik, 
andererseits dem Umstände zu danken, daß es auch jetzt schon 
einige Forscher gibt, die, ohne Ärzte zu sein, die Anwendung 
der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften zu ihrer Lebens- 
aufgabe gemacht haben. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 44.5 



Die meisten dieser Anwendungen gehen, wie begreiflieb, auf 
eine Anregung aus meinen ersten analytischen Arbeiten zurück. 
Die analytische Untersuchung der Nervösen und der neurotischen 
Symptome Normaler nötigte zur Annahme psychologischer Verhält- 
nisse, welche unmöglich nur für das Gebiet gelten konnten, auf 
dem sie kenntlich geworden waren. So schenkte uns die Analyse 
nicht nur die Aufklärung pathologischer Vorkommnisse, sondern 
zeigte auch deren Zusammenhang mit dem normalen Seelenleben 
auf und enthüllte ungeahnte Beziehungen zwischen der Psychiatrie 
und den verschiedensten anderen Wissenschaften, deren Inhalt 
eine Seelentätigkeit war. Von gewissen typischen Träumen aus 
ergab sich 2. B. das Verständnis mancher Mythen und Märchen. 
Riklin und Abraham folgten diesem Winke und leiteten 
jene Forschungen über die Mythen ein, die dann in den allen 
fachmännischen Ansprüchen gerechten Arbeiten Ranks zur 
Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Verfolgung der Traum- 
symbolik führte mitten in die Probleme der Mythologie, des 
Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen Abstraktionen. 
Auf einem der psychoanalytischen Kongresse machte es allen 
Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein Schüler Jungs die 
Übereinstimmung der schizophrenen Phantasiebildungen mit den 
Kosmogonien primitiver Zeiten und Völker nachwies. Eme nicht 
mehr einwandfreie, doch sehr interessante Verarbeitung fand 
später das Material der Mythologien in den Arbeiten Jungs, 
welche zwischen der Neurotik, den religiösen und den mytho- 
logischen Phantasien vermitteln wollten. 

Ein anderer Weg leitete von der Traum forschung zur Analyse 
der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dichter und Künstler 
selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich, daß von Dichtern erfundene 
Träume sich oft der Analyse gegenüber wie genuine verhalten 
( Gradiva")- Die Auffassung der unbewußten seelischen Tätigkeit 
gestattete eine erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen 
Schöpfungsarbeit; die Würdigung der Triebregungen, m der man in 



444 ^f"" Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



der Neurotik genötigt war, ließ die Quellen des künstlerischen Schaffens 
erkennen und stellte die Probleme auf, wie der Künstler auf diese 
Anregungen reagiere und mit welchen Mitteln er seine Reaktionen 
verkleide (Rank: „Der Künstler"; Dichteranalysen von Sadger, 
Reik u. a., meine kleine Schrift über eine Kindheitserinnerung 
des Leonardo da Vinci, Abrahams Analyse von Segantini). 
Die meisten Analytiker mit allgemeinen Interessen haben in 
ihren Arbeiten Beiträge zur Behandlung dieser Probleme geliefert, 
der reizvollsten, die sich unter den Anwendungen der Psycho- 
analyse ergeben. Natürlich blieb auch hier der Widerspruch von 
Seite der nicht mit der Analyse Vertrauten nicht aus und äußerte 
sich in den nämlichen Mißverständnissen und leidenschaftlichen 
Ablehnungen, wie auf dem Mutterboden der Psychoanalyse. Es 
stand ja von vornherein zu erwarten, daß überall, wohin die 
Psychoanalyse dringe, sie den nämlichen Kampf mit den Ansässigen 
zu bestehen haben werde. Nur, daß die In vasions versuche noch 
nicht auf allen Gebieten die Aufmerksamkeit geweckt haben, die 
ihnen in der Zukunft bevorsteht. Unter den strenge literarwissen- 
schaftlichen Anwendungen der Analyse steht das gründliche Werk 
von Rank über das Inzestmoiiv obenan, dessen Inhalt der größten 
Unliebsamkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche und historische 
Arbeiten auf Basis der Psychoanalyse sind erst wenige vorhanden. 
Die erste Antastung der religions-psychologisclien Probleme habe 
ich igio selbst gewagt, indem ich das religiöse Zeremoniell in 
Vergleich mit dem neurotischen zog. Der Pfarrer Dr. Pfister 
in Zürich hat in seiner Arbeit über die Frömmigkeit des Grafen 
von Zinzendorf (sowie in anderen Beiträgen) die Zurückführung 
religiöser Schwärmerei auf perverse Erotik durchgeführt j in den 
letzten Arbeiten der Züricher Schule kommt eher eine Durch- 
dringung der Analyse mit religiösen Vorstellungen als das beab- 
sichtig;te Gegenteil zustande. 

In den vier Aufsätzen über „Totem und Tabu" habe ich den 
Versuch gemacht, Probleme der Völkerpsychologie mittels der 



Zw Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



445 



Analyse zu behandeln, welche unmittelbar zu den Ursprüngen 
unserer wichtigsten Kulturinstitutionen führen, der staatlichen 
Ordnungen, der Sittlichkeit, der Religion, aber auch des Inzest- 
verbotes und des Gewissens. Inwieweit die Zusammenhänge, die 
sich dabei ergeben haben, der Kritik standhalten werden, läßt 
sich heute wohl nicht angeben. 

Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästhetische 
Themata hat mein Buch über den „Witz" ein erstes Beispiel 
gegeben. Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter, die gerade auf 
diesem Gebiete reiche Ernte erwarten dürfen. Es fehlt hier 
überall an den Arbeitskräften aus den entsprechenden Fachwissen- 
schaften, zu deren Anlockung Hanns Sachs 1912 die von ihm 
und Rank redigierte Zeitschrift „Imogo" gegründet hat. Mit 
der psychoanal)^ischen Beleuchtung von philosophischen Systemen 
und Persönlichkeiten haben Hits ch mann und v. Winter- 
stein daselbst einen Anfang gemacht, dem Fortführung und 
Vertiefung zu wünschen bleibt. 

Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psychoanalyse 
über das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexuellen Regungen 
in demselben (v. Hug-Hellmuth) und die Schicksale solcher 
Anteile der Sexualität, welche für das Fortpflanzungsgeschäft 
unbrauchbar werden, mußten frühzeitig die Aufmerksamkeit auf 
die Pädagogik lenken und den Versuch anregen, auf diesem 
Gebiete analytische Gesichtspunkte in den Vordergrund zu rücken. 
Es ist das Verdienst des Pfarrers Pf ist er, diese Anwendung der 
Analyse mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen und sie Seel- 
sorgern und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psychoanalytische 
Methode, 1915. Erster Band des Pädagogiums von Meumann 
und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze Reihe von 
Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an seinem Interesse 
zu gewinnen. Andere seiner Berufsgenossen sollen augeblich seine 
Überzeugungen teilen, haben es aber vorgezogen, sich vorsichtiger- 
weise im Hintergrunde zu verhalten. Ein Bruchteil der Wiener 



44" "Zur Gescfiiclitc der psychoanalytischen Bewegung 



Analytiker scheint auf dem Rückweg von der Psychoanalyse bei 
einer Art von ärztlichen Pädagogik gelandet zu sein (Adler und 
FurtmüUer, Heilen und Bilden, 1915). 

In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich versucht, auf 
die noch nicht übersehbare Fülle von Beziehungen hinzuweisen, 
welche sich zwischen der ärztlichen Psychoanalyse und anderen 
Gebieten der Wissenschaft ergeben haben. Es ist da Stoff für 
die Arbeit einer Generation von Forschern gegeben, und ich 
zweifle nicht, daß diese Arbeit geleistet werden wird, wenn erst 
die Widerstände gegen die Analyse auf ihrem Mutterboden über- 
wunden sind.' 

Die Geschichte dieser Widerstände zu schreiben, halte ich 
gegenwärtig für unfruchtbar und unzeitgemäß. Sie ist nicht sehr 
ruhmvoll für die Manner der Wissenschaft unserer Tage. Ich 
will aber gleich hinzusetzen, es ist mir nie eingefallen, die Gegner 
der Psychoanalyse bloß darum, weil sie Gegner waren, in Bausch 
und Bogen verächtlich zu schimpfen. Von wenigen unwürdigen 
Individuen abgesehen, Glücksrittern und Beutehaschern, wie sie 
sich in Zeiten des Kampfes auf beiden Seiten einzufinden pflegen. 
Ich wußte mir ja das Benehmen dieser Gegner zu erklären und | 
hatte überdies erfahren, daß die Psychoanalyse das Schlechteste ^ 
eines jeden Menschen zum Vorschein bringt. Aber ich beschloß, 
nicht zu antworten und, soweit mein Einfluß reichte, auch 
andere von der Polemik zurückzuhalten. Der Nutzen ölTentlicher 
oder literarischer Diskussion erschien mir unter den besonderen 1 
Bedingungen des Streites um die Psychoanalyse sehr zweifelhaft, ) 
die Majorisierung auf Kongressen und in Vereinssitzungen sicher, 
und mein Zutrauen auf die Billigkeit oder Vornehmheit der 
Herren Gegner war immer gering. Die Beobachtung zeigt, daß 
es den wenigsten Menschen möglich ist, im wissenschaftlichen 
Streit manierlich, geschweige denn sachlich zu bleiben, und der 

1) Vgl. noch meine beiden Aufsätze in der „Scientia" (vol. XIV, 1913): Das 
Interesse an der Psychoanalyse. [Enthalten in diesem Band der Gesamtausgabe.] 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Beiaegung 44.7 



Eindruck eines wissenschaftlichen Gezänkes war mir von jeher 
eine Abschreckung. Vielleicht hat man dieses mein Benehmen 
mißverstanden, mich für so gutmütig oder so eingeschüchtert 
gehalten, daß man auf mich weiter keine Rücksicht zu nehmen 
brauchte. Mit Unrecht; ich kann so gut schimpfen und wüten 
wie ein anderer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen der 
zugrunde liegenden Affekte literaturfähig zu machen, und darum 
ziehe ich die völlige Enthaltung vor. 

Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen besser gewesen, 
wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um mich 
freien Lauf gelassen hätte. Wir haben alle den interessanten 
Erklärungsversuch der Entstehung der Psychoanalyse aus dem 
Wiener Milieu vernommen; Jan et hat es noch 1913 nicht 
verschmäht, sich seiner zu hedienen, obwohl er gewiß stolz 
darauf ist, Pariser zu sein und Paris kaum den Anspruch erheben 
kann, eine sittenstrengere Stadt zu sein als Wien. Das Apergu 
lautet, die Psychoanalyse, respektive die Behauptung, die Neurosen | 
führen sich auf Störungen des Sexuallebens zurück, könne nur | 
in einer Stadt wie Wien entstanden sein, in einer Atmosphäre j 
von Sinnlichkeit und Unsittlichkeit, wie sie anderen Städten fremd [ 
sei, und stelle einfach das Abbild, sozusagen die theoretische 
Projektion dieser besonderen Wiener Verhältnisse dar. Nun, ich 
bin wahrhaftig kein Lokalpatriot, aber diese Theorie ist mir 
immer ganz besonders unsinnig erschienen, so unsinnig, daß ich 
manchmal geneigt war, anzunehmen, der Vorwurf des Wienertums 
sei nur eine euphemistische Vertretung für einen anderen, den 
man nicht gern öffentlich vorbringen wolle. Wenn die Voraus- 
setzungen die gegensätzlichen wären, dann ließe sich die Sache 
hören. Angenommen, es gäbe eine Stadt, deren Bewohner sich 
besondere Einschränkungen in der sexuellen Befriedigung auf- 
erlegten und gleichzeitig eine besondere Neigung zu schweren 
neurotischen Erkrankungen zeigten, dann wäre diese Stadt aller- 
dings der Boden, auf dem ein Beobachter den Einfall bekommen 



[■' 



44^ 2wr Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



. 



könnte, diese beiden Tatsachen miteinander zu verknüpfen und 
die eine aus der anderen abzuleiten. Nun trifft keine der beiden 
Voraussetzungen für Wien zu. Die Wiener sind weder abstinenter 
noch nervöser als andere Großstädter. Die Geschlechtsbeziehungen 
sind etwas unbefangener, die Prüderie ist geringer als in den auf 
ihre Keuschheit stolzen Städten des Westens und Nordens. Diese 
wienerischen Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen 
Beobachter eher in die Irre führen als ihn über die Verursachung 
der Neurosen aufklaren. 

Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren 
Anteil an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen. An 
keinem anderen Orte ist die feindselige Indifferenz der gelehrten 
und gebildeten Kreise dem Analytiker so deuthch verspürbar wie 
gerade in Wien. 

Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine, die breite 
Öffentlichkeit vermeidende Politik. Wenn ich veranlaßt oder 
zugegeben hätte, daß die Psychoanalyse die ärztlichen Gesell- 
schaften Wiens in lärmenden Sitzungen beschäfligto, wobei sieh 
alle Leidenschaften entladen hätten, alle Vorwürfe und Invektiven 
laut geworden wären, die man gegeneinander auf der Zunge 
oder im Sinne trägt, vielleicht wäre jieute der Bann gegen die 
Psychoanalyse überwunden und diese keine Fremde mehr in ihrer 
Heimatstadt. So aber — mag der Dichter recht behalten, der 
seinen Wallenstein sagen läßt; 

Doch das vergeben mir die Wiener nicht, 
daß ich um ein Spcklakel sie betrog. 

Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern der 
Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und ihre Willkür- 
lichkeiten vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in seiner 
Schrift „Die Psychoanalyse Freuds, Verteidigung und kritische 
Bemerkungen" aufgenommen und in ehrenvollster Weise gelöst. 
-Eine Anpreisung dieser nach zwei Seiten hin kritischen Arbeit 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 44g 



durch meine Person wäre so selbstverständlich, daß ich mich 
beeilen will, zu sagen, was ich an ihr auszusetzen habe. Sie 
scheint mir noch immer parteiisch zu sein, allzu nachsichtig 
gegen die Fehler der Gegner, allzu scharf gegen die Verfehlungen 
der Anhänger. Dieser Charakterzug mag dann auch erklären, 
warum das Urteil eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von 
so unzweifelhafter Kompetenz und Unabhängkeit nicht mehr 
Einfluß auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affek- 
tivität" (1906) darf sich nicht darüber verwundern, wenn die 
Wirkung einer Arbeit sich nicht von ihrem Argumentwert, 
sondern von ihrem Affektton bestimmt zeigt. Einen anderen Teil 
dieser Wirkung — die auf die Anhänger der Psychoanalyse — 
hat Bleuler später selbst zerstört, indem er in seiner „Kritik 
der Freudschen Theorie" {1915) die Kehrseite seiner Einstellung 
zur Psychoanalyse zum Vorschein brachte. Er trägt darin so viel 
von dem Gebäude der psychoanalytischen Lehre ab, daß die 
Gegner mit der Hilfeleistung dieses Verteidigers wohl zufrieden 
sein könnten. Als Richtschnur dieser Verurteilungen Bleulers 
dienen aber nicht neue Argumente oder bessere Beobachtungen, 
sondern einzig die Berufung auf den Stand der eigenen Erkenntnis, 
deren Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren 
Arbeiten selbst bekennt. Hier schien der Psychoanalyse also ein 
schwer zu verschmerzender Verlust zu drohen. Allein in seiner 
letzten Äußerung (Die Kritiken der Schizophrenie 1914) rafft sich 
Bleuler, angesichts der Angriffe, welche ihm die Einführung 
der Psychoanalyse in sein Buch über die Schizophrenie eingetragen 
haben, zu dem auf, was er selbst eine „Überhebung" heißt. „Jetzt 
aber will ich die Überhebung begehen; Ich meine, daß die ver- 
schiedenen bisherigen Psychologien zur Erklärung der Zusammen- 
häno"e psychogenetischer Symptome und Krankheiten arg wenig 
geleistet haben, daß aber die Tiefenpsychologie ein Stück der- 
ienigen erst noch zu schaffenden Psychologie gibt, welcher der 
Arzt bedarf, um seine Kranken zu verstehen und rationell zu 

Freod, IV. ^ 



450 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

heilen, und ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrenie 
einen ganz kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan habe. Die 
ersten beiden Behauptungen sind sicher richtig, die letztere mag 
ein Irrtum sein." 

Da mit der „Tiefenpsychologie" nichts anderes gemeint ist als 
die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekenntnis vorder- 
hand zufrieden sein. 



f 



in 

Mach es kurz! 

Am Jüngsten Tag ist's nur ein Furi. 

Goethe. 

Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkongreß 
der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt (März igio). 
In der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter dem Eindruck der 
Aufnahme in Amerika, der steigenden Anfeindung in den deutschen 
Ländern und der ungeahnten Verstärkung durch den Zuzug der 
Züricher, eine Absicht gebildet, die ich mit Beihilfe meines 
Freundes S. Ferenczi auf jenem zweiten Kongreß zur Aus- 
führung brachte. Ich gedachte, die psychoanalytische Bewegung 
zu organisieren, ihren Mittelpunkt nach Zürich zu verlegen und 
ihr ein Oberhaupt zu geben, welches ihre Zukunft in acht 
nehmen sollte. Da diese meine Gründung viel Widerspruch unter 
den Anhängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive 
ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, auch 
wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts Kluges 

getan habe. 

Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine Empfehlung, 
sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung wäre. Ein Ort wie 
Zürich, im Herzen von Europa, an welchem der akademische 
Lehrer sein Institut der Psychoanalyse geöffnet hatte, erscliien 
mir weit aussichtsvoller. Ich nahm ferner an, ein zweites 
Hindernis sei meine Person, deren Schätzung allzusehr durch 
der Parteien Gunst und Haß verwirrt wurde; man verglich mich 



452 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

entweder mit Columbus, Darwin und Kepler (ider schimpfte 
mich einen Paralytiker. Ich wolhe also mich ebenso in den 
Hintergrund rücken wie die Stadt, von der die Psychoanalyse 
ausgegangen war. Auch war ich nicht mehr jugendlich, sah einen 
langen Weg %-or mir und empfand es als drückend, daß mir in 
so späten Jahren die Verpflichtung, Führer zu sein, zugefallen 
war. Ein Oberhaupt, meinte ich aber, müsse es geben. Ich wußte 
zu genau, welche Irrtümer auf jeden lauerten, der die Beschäfti- 
gung mit der Analyse unternahm, und hoffte, man könnte viele 
derselben ersparen, wenn man eine Autorität aufrichtete, die zur 
Unterweisung und Abmahnung bereit sei. Eine solche Autorität 
war zunächst mir zugefallen infolge des uneinbringlichen Vor- 
sprunges einer etwa i 5 jährigen Erfahrung. Es lag mir also daran, 
diese Autorität auf einen jüngeren Mann zu übertragen, der nach 
meinem Ausscheiden wie selbstverständlich mein Ersatz werden 
sollte. Dies konnte nur C. G. Jung sein, denn Bleuler war 
mein, Altersgenosse, für Jung sprachen aber seine hervorragende 
Begabung, die Beiträge zur Analyse, die er bereits geleistet hatte, 
seine unabhängige Stellung und der Eindruck von sicherer Energie, 
den sein Wesen machte. Er schien überdies bereit, in freundschaft- 
liche Beziehungen zu mir zu treten und mir zuliebe Rassen- 
vorurteile aufzugeben, die er sich bis dahin gestattet hatte. Ich ahnte 
damals nicht, daß diese Wahl trotz aller aufgezälilten Vorzüge eine 
sehr unglückliche war, daß sie eine Person getroffen hatte, welche, 
unfähig, die Autorität eines anderen zu ertragen, noch weniger 
geeignet war, selbst eine Autorität zu bilden, und deren Energie 
in der rücksiclitslosen Verfolgung der eigenen Interessen aufg ing. 
Die Form einer offiziellen Vereinigung hielt ich für notwendig, 
weil ich den Mißbrauch fürchtete, welcher sich der Psychoanalyse 
bemächtigen w*ürde, sobald sie einmal in die Popularität geriete. 
Es sollte dann eine Stelle geben, welcher die Erklärung zustände: 
Mit all dem Unsinn hat die Analyse nichts zu tun, das ist nicht 
die Psychoanalyse. In den Sitzungen der Ortsgruppen, aus denen 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 453 



sich die internationale Vereinigung zusammensetzte, sollte gelehrt 
werden, wie die Psychoanalyse zu betreiben sei, und sollten Ärzte 
ihre Ausbildung finden, für deren Tätiglvcit eine Art von Garantie 
geleistet werden konnte. Auch schien es mir wünschenswert, daß 
sich die Anhänger der Psychoanalyse zum freundschaftlichen 
Verkehr und zur gegenseitigen Unterstützung zusammenfänden, 
nachdem die offizielle Wissenschaft den großen Bann über sie 
ausgesprochen und den Boykott über die Ärzte und Anstalten 
verhängt hatte, die sie übten. 

Dies alles und nichts anderes wölke ich durch die Gründung 
der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" erreichen. 
Es war wahrscheinlich mehr, als zu erreichen möglich war. Wie 
meine Gegner die Erfahrung machen mußten, daß es nicht 
i möglich sei, die neue Bewegung aufzuhalten, so stand mir die 

Erfahrung bevor, daß sie sich auch nicht auf die Wege leiten 
lasse, die ich ihr anweisen wollte. Der von Ferenczi m Nürn- 
berg vorgelegte Antrag wurde zwar angenommen, Jung zum 
Präsidenten gewählt, der Ri kl in zu seinem Sekretär machte, 
es wurde auch die Herausgabe eines Korrespondenzblattes beschlossen, 
durch welches die Zentrale mit den Ortsgruppen verkehrte. Als 
Zweck der Vereinigung wurde erklärt: „Pflege und Förderung 
der von Freud begründeten psychoanalytischen Wissenschaft 
sowohl als reiner Psychologie als auch in ihrer Anwendung in 
der Medizin und den Geisteswissenschaften; gegenseitige Unter- 
stützung der Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben 
und Verbreiten von psychoanalytischen Kenntnissen." Allein von 
selten der Wiener wai- dem Projekt lebhaft opponiert worden. 
Adler sprach in leidenschaftlicher Erregung die Befürchtung 
aus, daß eine „Zensur und Einschränkung der wissenschafüichen 
Freiheit" beabsichtigt sei. Die Wiener fügten sich dann, nachdem 
sie durchgesetzt hatten, daß nicht Zürich zum Sitz der Vereinigung 
erhoben wurde, sondern der Wohnort des jeweiligen, auf zwei 
Jahre gewählten Präsidenten. 



V 



454 T.ur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



Auf dem Kongreß selbst konstituierten sich drei Ortsgruppen, 
die in Berlin unter dem Vorsitz von Abraham, die in 
Zürich, die ihren Obmann an die Zentralleitung der Vereinigung 
abgegeben hatte, und die Wiener Gruppe, deren Leitung ich 
Adler überließ. Eine vierte Gruppe, die in Budapest, konnte 
sich erst später herstellen. Bleuler war, durch Krankheit ver- 
hindert, vom Kongreß ferngeblieben, er zeigte dann später 
prinzipielle Bedenken gegen den Eintritt in den Verein, ließ sich 
zwar durch mich nach einer persönlichen Aussprache dazu be- 
stimmen, war aber kurze Zeit nachher infolge von Mißhelligkeiten 
in Zürich wieder außerhalb. Die Verbindung zwischen der Züricher 
Ortsgruppe und der Anstalt BurghölzH war damit aufgehoben. 

Eine Folge des Nürnberger Kongresses war auch die Gründung 
des „Zentralblattes für Psychoanalyse", zu welcher sich Adler 
und St ekel vereinigten. Es hatte offenbar ursprünglich eine 
oppositionelle Tendenz und sollte Wien die durch die Wahl 
Jungs bedrohte Hegemonie zurückgewinnen. Als aber die beiden 
Unternehmer des Blattes unter dem Drucke der Schwierigkeit, 
einen Verleger zu finden, mich ihrer friedlichen Absichten ver- 
sicherten und mir als Unterpfand ihrer Gesinnung ein Vetorecht 
einräumten, nahm ich die Herausgeberschaft an und beteiligte 
mich eifrig an dem neuen Organ, dessen erste Nummer im 
September i g i o erschien. 

Ich setze die Geschichte der psychoanal3rtischen Kongresse fort. 
Der dritte Kongreß fand im September 1911 zu Weimar statt 
und übertraf noch seine Vorgänger an Stimmung und wissen- 
schaftlichem Interesse. J. Putnam, der dieser Versammlung bei- 
gewohnt hatte, äußerte dann in Amerika sein Wohlgefallen und 
seinen Respekt vor the mental attitude der Teilnehmer und zitierte 
ein Wort von mir, das ich in Bezug auf diese letzteren gebraucht 
haben soll: „Sie haben gelernt, ein Stück Wahrheit zu ertragen."^ 

1) On Freuds Psycho- Analytic Metliod and its evolution. Boston medical and 
surgical Journal, 25. Jan. 1912. 



'T 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 455 



In der Tat mußte jedem, der wissenschaftliche Kongresse besucht 
hatte ein Eindruck zugunsten der Psychoanalytischen Vereinigung 
verbleiben. Ich liatte die beiden früheren Kongresse selbst geleitet, 
jedem Vortragenden Zeit für seine MitteUung gelassen und die 
Diskussion darüber auf den privaten Gedankenaustausch gewiesen. 
Jung, der in Weimar als Präsident die Leitung übernahm, setzte 
die Diskussion nach jedem Vortrage wieder ein, was sich aber 
damals noch nicht störend erwies. 

Ein ganz anderes Bild bot der vierte Kongreß zu München 
zwei Jahre später, im September 1915, der allen Teilnehmern noch 
in frischer Erinnerung ist. Er wurde von Jung in unliebens- 
würdiger und inkorrekter Weise geleitet, die Vortragenden waren 
in der Zeit beschränkt, die Diskussionen überwucherten die Vor- 
träge. Der böse Geist Hoc he hatte infolge einer boshaften Laune 
des Zufalls seinen Wohnsitz in demselben Hause aufgeschlagen, in 
welchem die Analytiker ihre Sitzungen abhielten. Roche hätte 
sich ohne Mühe überzeugen können, wie sie seine Charakteristik 
einer fanatischen Sekte, welche ihrem Oberhaupte blind ergeben 
folgt, ad absurdum führten. Die ermüdenden und unerquicklichen 
Verhandlungen brachten auch die Wiederwahl Jungs zum Prä- 
sidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, welche 
Jung annahm, wiewohl zwei Fünftel der Anwesenden ihm ihr 
Vertrauen verweigerten. Man schied voneinander oline das Bedürfnis, 

sich wiederzusehen. 

Der Besitzstand der InternationalenPsychoanalytischen Vereinigung 

war um die Zeit dieses Kongresses der folgende: Die Ortsgruppen 
Wien, Berlin, Zürich hatten sich schon auf dem Kongreß in 
Nürnberg 1910 konstituiert. Im Mai 1911 kam eine Gruppe in 
München unter dem Vorsitz von Dr. L. Seif hinzu. In demselben 
Jahre bildete sich die erste amerikanische Ortsgruppe unter dem 
Namen „The New York Psychoanalytic Society" unter dem Vor- 
sitze von A. Brill. Auf dem Weimarer Kongreß wurde die 
Gründung einer zweiten amerikanischen Gruppe genehmigt, die 



45^ Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



im Laufe des nächsten Jahres als „American Psychoanalytic 
Association" ins Leben trat, Mitglieder aus Kanada und ganz 
Amerika umfaßte und Putnam zu ihrem Präsidenten, E. Jones 
zum Sekretär wählte. Kurz vor dem Kongreß in München 1915 
wurde die Budapester Ortsgruppe unter dem Vorsitze von 
S. Ferenczi aktiviert. Bald nach demselben gründete der 
nach London übersiedelte E. Jones dort die erste englische 
Gruppe. Die Mitgliederzahl der nun vorhandenen acht Orts- 
gruppen gibt natürlich keinen Maßstab für die Beurteilung der 
Anzahl der nicht organisierten Schüler und Anhänger der Psycho- 
analyse. 

Auch die Entwicklung der periodischen Literatur der Psycho- 
analyse verdient eine kurze Erwähnung. Die erste periodische 
Publikation, welche der Analyse diente, waren die „Schriften 
zur angewandten Seelenkunde", die in zwangloser Folge 
seit 1907 erscheinen und gegenwärtig beim fünfzehnten Heft 
angelangt sind. (Verleger zuerst H. Heller in Wien, dann 
F. Deuticke.) Sie haben Arbeiten gebracht von Freud (1 und 7}, 
Riklin, Jung, Abraham (4 und 11), Rank (g und 15), 
Sadger, Pfister, M. Graf, Jones (lo und 14), Storfer 
und V. Hug-Hellmuth.' Die später zu erwähnende Gründung 
der „Imago" hat den Wert dieser Publikationsform, einiger- 
maßen herabgesetzt. Nach der Zusammenkunft in Salzburg 1908 
wurde das „Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen" ins Leben gerufen, 
welches unter der Redaktion von Jung fünf Jahrgänge erlebt 
hat und nun unter neuer Leitung und etwas verändertem Titel 
als „Jahrbuch der Psychoanalyse" von neuem an die 
Öffentlichkeit herantritt. Es will auch nicht mehr wie in den 
letzten Jahren ein Archiv sein, welches einschlägige Arbeiten 
sammelt, sondern seiner Aufgabe durch redaktionelle Tätigkeit 
gerecht werden, welche alle Vorgänge und alle Erwerbungen auf 

1) Später sind noch erschienen: Sadg'er (16 und 18I, K i e Ih alz (17). 



T 



i 






Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 457 



dem Gebiete der Psychoanalyse zu würdigen versucht.' Das 
Zentralblatt für Psychoanalys e", wie erwähnt, von 
Adler und St ekel nach der Gründung des Internationalen 
Vereines (Nürnberg 1910) entworfen, hat in kurzer Zeit bewegte 
Schicksale durchgemacht. Schon die zehnte Nummer des ersten 
Bandes bringt an ihrer Spitze die Nachricht, daß sich Dr. Alfred 
Adler wegen wissenschaftlicher Differenzen mit dem Herausgeber 
entschlossen hat, freiwillig aus der Redaktion auszuscheiden. 
Dr. St ekel blieb von da an alleiniger Redakteur. (Sommer 1911.) 
Auf dem Kongreß zu Weimar wurde das Zentralblatt zum offi- 
ziellen Organ des Internationalen Vereines erhoben und allen 
Mitgliedern gegen Erhöhung ihrer Jahresbeiträge zugänglich 
gemacht. Von der dritten Nummer des zweiten Jahrganges an 
(Winter 1912) ist St ekel für den Inhalt des Blattes allein ver- 
antwortlich geworden. Sein in der Öffentlichkeit schwer darstell- 
b_ares Verhalten hatte mich" genötigt, die Herausgeberschaft nieder^ 
zulegen und der Psychoanalyse in aller Eile ein neues Organ in 
d^"^ „Internationalen Zeitschrift für ärztliche 
Psychoanalyse" zu schaffen. Unter Mithilfe fast aller Mit- 
arbeiter und des neuen Verlegers H. Heller konnte das erste Heft 
dieser Zeitschrift im Jänner 1913 erscheinen und sich als offizielles 
Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung an die 
Stelle des Zentralblattes setzen. 

Inzwischen war mit Anfang 1912 von Dr. Hanns Sachs und 
Dr. Otto Rank eine neue Zeitschrift „Imago" (Verlag von 
Heller) geschaffen worden, welche ausschheßlich für die Anwen- 
dungen der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften bestimmt 
wurde. „Image" befindet sich gegenwärtig in der IVlitte ihres 
dritten Jahrganges und erfreut sich des steigenden Interesses auch 
solcher Leser, welche der ä rzthchen Analyse fernstehen.' 

1) Mit Kriegsbe^imi eingestellt. 

2} Diese beiden Zeitschriften sind 1919 in den Internationalen Psycho- 
analytischen Verlag übergegangen und befinden sich derzeit (1923) im 
IX. Jahrgang, (Eigentlich befindet sich die „Internationale Zeitschrift" in ilirem 11., 



45^ Z«r Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

Von diesen vier periodischen Publikationen („Schriften zur 
angewandten Seelenkunde", „Jahrbuch", „Internationale Zeitschrift" 
und „Image") abgesehen, bringen auch andere deutsche und fremd- 
sprachige Journale Arbeilen, welche in der Literatur der Psycho- 
analyse eine Stelle beanspruchen können. Das von Morton 
Prince herausgegebene „Journal of abnormal psychology" enthält 
in der Regel so viele gute analytische Beiträge, daß es als Haupt- 
vertretung der analytischen Literatur in Amerika eingeschätzt 
werden muß. Im Winter 1915 haben White und Jelliffe in 
New York eine neue, ausschließlich der Psychoanalyse gewidmete 
Zeitschrift („The Psychoanalytic Review' ) ins Leben gerufen, 
welche wohl mit der Tatsache rechnet, daß den meisten der an 
der Analyse interessierten Ärzte Amerikas die deutsche Sprache 
eine Erschwerung ist.^ 

Ich habe nun zweier Abfallsbewegungen zu gedenken, welche 
sich innerhalb der Anhängerschaft der Psychoanalyse vollzogen 
haben, die erste von ihnen zwischen der Vereinsgründung 1910 
und dem Weimarer Kongreß Jgii, die zweite nach diesem, so 
daß sie in München 1915 zutage trat. Die Enttäuschung, welche 
sie mir bereiteten, wäre zu vermeiden gewesen, wenn man besser 
auf die Vorgänge bei den in analytischer Behandlung Stehenden 
geachtet hätte. Ich verstand es nämlich sehr wohl, daß jemand 
bei der ersten Annäherung an die unliebsamen analytischen 
Wahrheiten die Flucht ergreifen kann, hatte auch selbst immer 
behauptet, daß eines jeden Verständnis durch seine eigenen Ver- 
drängungen aufgehalten wird (respektive durch die sie erhaltenden 
Widerstände), so daß er in seinem Verhältnis zur Analyse nicht 
über einen bestimmten Punkt hinauskommt. Aber ich hatte es 

die „Imago" im 12. Lebensjahr; zufolge der Kriegs Verhältnisse umfaßte jedoch der 
IV, Bd. der „Zeitschrift" mehr als ein Jahr, d. h. die Jalire 1916 — 1918, der V. Ed. 
der „Imago" die Jahre 1917 — 1918.) Im Titel der „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse" entfiel mit Beginn des VI, Bandes die Bezeichnung „ä r 1 1 1 i c h e", 
1) 1920 hat E. Jones die Gründung des für England und Amerika bestimmten 
^International Journal of Psycho-Analysis" unternommen. 



Tjur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 459 

nicht erwartet, daß jemand, der die Analyse bis zu einer gewissen 
Tiefe verstanden hat, auf sein Verständnis wieder verzichten, es 
verlieren könne. Und doch hatte die tägliche Erfahrung an den 
Kranken gezeigt, daß die totale Reflexion der analytischen Erkennt- 
nisse von jeder tieferen Schicht her erfolgen kann, an welcher 
sich ein besonders starker Widerstand vorfindet; hat man bei 
einem solchen Kranken durch mühevolle Arbeit erreicht, daß er 
Stücke des analytischen Wissens begriffen hat und wie seinen 
eigenen Besitz handhabt, so kann man an ihm doch erfahren, 
daß er unter der Herrschaft des nächsten Widerstandes alles 
Erlernte in den Wind schlägt und sich wehrt wie in seinen 
schönsten Neulingstagen. Ich hatte zu lernen, daß es bei Psycho- 
analytikern ebenso gehen kann wie bei den Kranken in der Analyse. 
Es ist keine leichte oder beneidenswerte Aufgabe, die Geschichte 
dieser beiden Abfallsbewegungen zu schreiben, denn einerseits 
fehlen mir dazu die starken persönlichen Antriebe — ich habe 
weder Dankbarkeit erwartet, noch bin ich in einem wirksamen 
Ausmaße rachsüchtig — andererseits weiß ich, daß ich mich 
hiebei den Invektiven von wenig rücksichtsvollen Gegnern aus- 
setze und den Feinden der Analyse das heißerwünschte Schauspiel 
bereite, wie „die Psychoanalytiker sich untereinander zerfleischen." 
Ich habe so viel Überwmdung daran gesetzt, mich nicht mit den 
Gegnern außerhalb der Analyse herumzuschlagen, und nun sehe 
ich mich genötigt, den Kampf mit früheren Anhängern, oder 
solchen, die es jetzt noch heißen wollen, aufzunehmen. Aber ich 
habe da keine Wahl; Schweigen wäre Bequemlichkeit oder Feigheit 
und würde der Sache mehr schaden als die offene Aufdeckung 
der vorhandenen Schäden. Wer andere wissenschaftliche Bewe- 
gungen verfolgt hat, wird wissen, daß ganz analoge Störungen 
und Mißhelligkeiten auch dort vorzufallen pflegen. Vielleicht daß 
man sie anderswo sorgfältiger verheimlicht; die Psychoanalyse, die 
viele konventionelle Ideale verleugnet, ist auch in diesen Dingen 
aufrichtiger. 



4^0 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



Ein anderer, schwer fühlbarer Übelstand liiegt darin, daß ich 
eine analytische Beleuchtung der beiden Gegnerscliaften nicht 
gänzlich vermeiden kann. Die Analyse eignet sich aber nicht zum 
polemischen Gebrauche; sie setzt durchaus die Einwilligung des 
Analysierten und die Situation eines Überlegenen und eines Unter- 
geordneten voraus. Wer also eine Analyse in polemischer Absicht 
unternimmt, muß sich darauf gefaßt machen, daß der Analysierte 
seinerseits die Analyse gf^gen ihn wendet, und daß die Diskussion 
in einen Zustand gerät, in welchem die Erweckung von Über- 
zeugung bei einem unparteiischen Dritten ausgeschlossen ist. Ich 
werde also die Verwendung der Analyse, damit die Indiskretion 
und die Aggression gegen meine Gegner, auf ein Mindestmaß 
beschränken und überdies anführen, daß ich keine wissenschaft- 
liche Kritik auf dieses Mittel gründe. Ich habe es nicht mit dem 
etwaigen Wahrheitsgehalt der zurückzuweisenden Lehren zu tun^ 
versuche keine Widerlegung derselben. Das bleibe anderen 
berufenen Arbeitern auf dem Gebiete der Psychoanalyse vorbe- 
halten, ist auch zum Teil bereits geschehen. Ich will bloß zeigen, 
daß — und in welchen Punkten — diese Lehren die Grundsätze 
der Analyse verleugnen und darum nicht unter diesem Namen 
behandelt werden sollen. Ich brauche also die Analyse nur dazu, 
um verständlich zu machen, wie diese Abweichungen von der 
Analyse bei Analytikern entstehen konnten. An den Ablösungs- 
stellen muß ich allerdings auch mit rein kritischen Bemerkungen 
das gute Recht der Psychoanalyse verteidigen. 

Die Psychoanalyse hat die Erklärung der Neurosen als nächste 
Aufgabe vorgefunden, hat die beiden Tatsachen des Widerstandes 
und der Übertragung zu Ausgangspunkten genommen und für 
sie mit Rücksicht auf die dritte Tatsaclie der Amnesie in den 
Theorien von der Verdrängung, den sexuellen Triebki'äften der 
Neurose und dem Unbewußten Rechenschaft gegeben. Sie hat 
niemals beansprucht, eine vollständige Theorie des menschlichen 
Seelenlebens überhaupt zu geben, sondern verlangte nur, daß ihre 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Beivegung 461 



Ermittlungen zur Ergänzung und Korrektur unserer anderswie 
erworbenen Erkenntnis verwendet werden sollten. Die Theorie 
von Alfred Adler geht nun weit über dieses Ziel hinaus, sie 
■will Benehmen und Charakter der Menschen mit demselben Griff 
verständlich machen, wie die neurotischen und psychotischen 
Erkrankungen derselben; sie ist in Wirklichkeit jedem anderen 
Gebiete adäquater als dem der Neurose, welches sie aus den 
Motiven ihrer Entstehungsgeschichte noch immer voranstellt. Ich 
hatte viele Jahre hindurch Gelegenheit, Dr. Adler zu studieren, 
und habe ihm das Zeugnis eines bedeutenden, insbesondere speku- 
lativ veranlagten Kopfes nie versagt. Als Probe der „Verfolgungen", 
die er von mir erfahren zu haben behauptet, kann ich ja gelten 
lassen, daß ich ihm nach der Vereinsgründung die Leitung der 
Wiener Gruppe übertrug. Erst durch dringende Aufforderung 
von selten aller Vereinsmitglieder ließ ich mich bewegen, den 
Vorsitz in den wissenschaftlichen Verhandlungen wieder anzu- 
nehmen. Als ich seine geringe Begabung gerade für die Würdigung 
des unbewußten Materials erkannt hatte, yerlegte ich meine 
Erwartung dahin, er werde die Verbindungen von der Psycho- 
analyse zur Psychologie und zu den biologischen Grundlagen der 
Triebvorgänge aufzudecken wissen, wozu seine wertvollen Studien 
über die Organminderwertigkeit auch in gewissem Sinne berech- 
tigten. Er schuf denn auch wirklich etwas Ähnhches, aber sein 
Werk fiel so aus, als ob es — in seinem eigenen Jargon zu 
reden ^ für den Nachweis bestimmt wäre, daß die Psycho- 
analyse in allem unrecht habe, und die Bedeutung der sexuellen 
Triebkräfte nur infolge ihrer Leichtgläubigkeit gegen die Darstellung 
der Neurotiker vertreten hätte. Über das persönliche Motiv seiner 
Arbeit darf man auch vor der Öffentlichkeit sprechen, da er es 
selbst in Gegenwart eines kleinen Kreises von Mitghedern der 
Wiener Gruppe geoffenbart hat. „Glauben Sie denn, daß es ein 
so großes Vergnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in 
Ihrem Schatten zu stehen?" Ich finde nun nichts Verwerfliches 



4°^ Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



darin, wenn ein jüngerer Mann sich frei zu dem Ehrgeiz bekennt, 
den man als eine der Triebfedern seiner Arbeit ohnedies ver- 
muten würde. Aber selbst unter der Herrschaft eines solchen 
Motives müßte man es zu vermeiden wissen, daß man nicht 
werde, was die Engländer mit ihrem feinen sozialen Takt unfair 
heißen, wofür den Deutschen nur ein weit gröberes Wort zur 
Verfügung steht. Wie wenig dies Adler gelungen ist, zeigt die 
Fülle von kleinlichen Bosheiten, die seine Arbeiten entstellen, und 
die Züge von unbändiger Prioritätssucht, die sich in ihnen ver- 
raten. In der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bekamen 
wir einmal direkt zu hören, daß er die Priorität für die Gesichts- 
punkte der „Einheit der Neurosen" und der „dynamischen Auf- 
fassung" derselben für sich beanspruche. Es war eine große 
Überraschung für mich, da ich immer geglaubt hatte, diese beiden 
Prinzipien seien von mir vertreten worden, ehe ich noch Adler 
kennen gelernt hatte. 

Dies Streben Adlerj^nach einem Platz an der Sonne hat 
indes auch eine Folge gehabt, welclie die Psychoanalyse als 
wohltätig empfinden muß. Als ich nach dem Hervortreten der 
unvereinbaren wissenschaftlichen Gegensätze Adler zum Aus- 
scheiden aus der Redaktion des Zentralblattes veranlaßte, verließ 
er auch die Vereinigung und gründete einen neuen Verein, der 
sich zuerst den geschmackvollen Namen „Verein für freie 
Psychoanalyse" beilegte. Allein die Menschen draußen, die der 
Analyse ferne stehen, sind offenbar so wenig geschickt, die 
Differenzen in den Anschauungen zweier Psychoanalytiker zu 
würdigen, wie wir Europäer, die Nuancen zu erkennen, welche 
zwei Chinesengesichter voneinander unterscheiden. Die „freie" 
Psychoanalyse blieb im Schatten der „offiziellen", „orthodoxen" 
und wurde nur als ' Anhang an dieselbe abgehandelt. Da tat 
Adler den dankenswerten Schritt, die Verbindung mit der 
Psychoanalyse völlig zu lösen und seine Lehre als „Individual- 
psychologie" von ihr abzusondern. Es ist soviel Platz auf Gottes 



Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 465 

Erde und es ist gewiß berechtigt, daß sich jeder, der es vermag, 
ungehemmt auf ihr herumtummle, aber es ist nicht wünschens- 
wert, daß man unter einem Dach zusammenwohnen bleibe, wenn 
man sich nicht mehr versteht und nicht mehr verträgt. Die 
„Individualpsychologie" Adlers ist jetzt eine der vielen psycho- 
logischen Richtungen, welche der Psychoanalyse gegnerisch sind, 
und deren weitere Entwicklung außerhalb ihres Interesses fällt. 
Die A dl ersehe Theorie war von allem Anfang ein „System", 
was die Psychoanalyse sorgfältig zu sein vermied. Sie ist auch 
ein ausgezeichnetes Beispiel einer „sekundären Bearbeitung", wie 
sie z. B. vom Wachdenken am Traummaterial vorgenommen 
wird. Das Traummaterial wird in diesem Falle durch das neu- 
gewonnene Material der psychoanalytischen Studien ersetzt, dies 
wird nun durchwegs vom Standpunkte des Ichs erfaßt, unter 
die dem Ich geläufigen Kategorien gebracht, übersetzt, gewendet 
und genau so, wie es bei der Traumbildung geschieht, mißver- 
standen. Die Adlersche Lehre ist denn auch weniger durch das 
charakterisiert, was sie behauptet, als durch das, was sie verleugnet; 
sie besteht demnach aus drei recht ungleichwertigen Elementen, 
den guten Beiträgen zur Ichpsychologie, den — überflüssigen, 
aber zulässigen — Übersetzungen der analytischen Tatsachen in 
den neuen Jargon, und in den Entstellungen und Verdrehungen 
der letzteren, soweit sie nicht zu den Ichvoraussetzungen passen. 
Die Elemente der ersteren Art sind von der Psychoanalyse niemals 
verkannt worden, wenngleich sie ihnen keine besondere Auf- 
merksamkeit schuldig war. Sie hatte ein größeres Interesse daran 
zu zeigen, daß sich allen Ichbestrebungen hbidinöse Komponenten 
beimengen. Die Adlersche Lehre hebt das Gegenstück hiezu 
hervor, den egoistischen Zusatz zu den libidinösen Triebregungen. 
Dies wäre nun ein greifbarer Gewinn, wenn Adler diese Fest- 
stellung nicht dazu benützen würde, um jedesmal zugunsten der 
Ichtriebkomponente die hbidinöse Regung zu verleugnen. Seine 
Theorie tut damit dasselbe, was alle Kranken und was unser 



l 



464 Zur Geschiclite. der psychoanalytischen Bewegung 

Bewußtdenken überhaupt tut, nämlich die Rationalisierung, wie 
Jones es genannt hat, zur Verdeckung des unbewußten Motives 
gebrauchen. Adler ist hierin so konsequent, daß er die Absicht, 
dem Weib den Herrn zu zeigen, oben zu sein, sogar als die 
stärkste Triebfeder des Sexualaktes preist. Ich weiß nicht, ob er 
diese Ungeheuerlichkeiten auch in seinen Schriften vertreten hat. 
Die Psychoanalyse hatte frühzeitig erkannt, daß jedes neurotische 
Symptom seine Existenzmüglichkeit einem Kompromiß verdankt. 
Es muß darum auch den Anforderungen des die Verdrängung 
handhabenden Ichs irgendwie gerecht werden, einen Vorteil bieten, 
eine nützliche Verwendung zulassen, sonst würde es eben dem- 
selben Schicksal unterliegen wie die ursprüngliche abgewehrte 
Triebregung selbst. Der Terminus des „Krankheitsgewinnes" hat 
diesem Sachverhalt Rechnung getragen; man wäre noch berechtigt, 
den primären Gewinn für das Ich, der schon bei der Entstehung 
wirksam sein muß, von einem „sekundären" Anteil zu unter- 
scheiden, welcher in Anlehnung an andere Absichten des Ichs 
hinzutritt, wenn sich das Symptom behaupten soll. Auch daß die 
Entziehung dieses Krankheitsgewinnes oder das Aufhören des- 
selben infolge einer realen Veränderung einen der Mechanismen 
der Heilung vom Symptom ergibt, ist der Analyse längst bekannt 
gewesen. Auf diese unschwer festzustellenden und mühelos ein- 
zusehenden Beziehungen fällt in der Adlerschen Lehre der 
Hauptakzent, wobei gänzlich übersehen wird, daß das Ich unge- 
zählte Male bloß aus der Not eine Tugend macht, indem es 
sich das unerwünschteste, ihm aufgezwungene Symptom wegen 
des daran gehängten Nutzens gefallen läßt, z. B. wenn es die 
Angst als Sicherungsmittel akzeptiert. Das Ich spielt dabei die 
lächerliche Rolle des dummen August im Zirkus, der den 
Zuschauern durch seine Gesten die Überzeugung beibringen will, 
daß sich alle Veränderungen in der Manfege nur infolge seines 
Kommandos vollziehen. Aber nur die Jüngsten unter den 
Zuschauern schenken ihm Glauben. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 465 

Für den zweiten Bestandteil der A dl ersehen Lehre muß die 
Psychoanalyse einstehen wie für eigenes Gut. Er ist auch nichts 
anderes als psychoanalytische Erkenntnis, die der Autor aus den 
allen zugänglichen Quellen während der zehn Jahre gemeinsamer 
Arbeit geschöpft und dann durch Veränderung der Nomenklatur 
zu seinem Eigentum gestempelt hat. Ich halte z. B. selbst 
„Sicherung" für ein besseres Wort als das von mir gebrauchte 
„Schutzmaßregel", aber ich kann einen neuen Sinn darin nicht 
finden. Ebenso würden in den A dl ersehen Behauptungen eine 
Menge altbekannter Züge hervortreten, wenn man anstatt 
„fingiert, fiktiv und Fiktion" das ursprünglichere „phantasiert" 
und „Phantasie" wieder einsetzen würde. Von selten der Psycho- 
analyse würde diese Identität betont werden, auch wenn der 
Autor nicht durch lange Jahre an den gemeinsamen Arbeiten 
teilgenommen hätte. 

Der dritte Anteil der A dl ersehen Lehre, die Umdeutungen 
und Entstellungen der unbequemen analytischen Tatsachen, ent- 
hält das, was die nunmehrige „Individualpsychologie" endgültig 
von der Analyse trennt. Der Systemgedanke Adlers lautet 
bekanntlich, es sei die Absicht der Selbstbehauptung des Indivi- 
duums, sein „Wille zur Macht", der sich in der Form des 
„männlichen Protests" in Lebensführung, Charakterbildung und 
Neurose dominierend kundgibt. Dieser männliche Protest, der 
Ad 1 ersehe Motor, ist aber nichts anderes als die von ihrem 
psychologischen Mechanismus losgelöste Verdrängung, die über- 
dies sexualisiert ist, was mit der gerühmten Vertreibung der 
Sexualität aus ihrer Rolle im Seelenleben schlecht zusammen- 
stimmt. Der männliche Protest existiert nun sicherlich, aber bei 
seiner Konstituierung zum Motor des seelischen Geschehens hat 
die Beobachtung nur die Rolle des Sprungbrettes gespielt, welches 
man verläßt, um sich zu erheben. Nehmen wir eine der Grund- 
situationen des infantilen Begehrens vor, die Beobachtung des 
Geschlechtsaktes zwischen Erwachsenen durch das Rind. Dann 

»reud, IV. 9> 



466 Zw;- Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

weist die Analyse bei jenen Personen, deren Lebensgeschichte 
später den Arzt beschäftigen wird, nach, daß sich in jenem 
Moment zwei Regungen des unmündigen Zuschauers bemächtigt 
haben, die eine, wenn es ein Knabe ist, sich an die Stelle des 
aktiven Mannes zu setzen, und die andere, die Gegenstrebung, 
sich mit dem leidenden Weibe zu identifizieren. Beide Strebungen 
erschöpfen miteinander die Lustmöglichkeiten, die sich aus der 
Situation ergeben. Nur die erstere läßt sich dem männlichen 
Protest unterordnen, wenn dieser Begriff überhaupt einen Sinn 
behalten soll. Die zweite, um deren Schicksal sich Adler nicht 
kümmert oder die er nicht kennt, ist aber die, welche es zu 
einer größeren Bedeutung für die spatere Neurose bringen wird. 
Adler hat sich so ganz in die eifersüchtige Beschränktheit des 
Ichs versetzt, daß er nur jenen Triebregungen Rechnung trägt, 
welche dem Ich genehm sind und von ihm gefördert werden; 
gerade der Fall der Neurose, daß sich diese Regungen dem Ich 
widersetzen, liegt außerhalb seines Horizonts. 

Bei dem durch die Psychoanalyse unabweisbar gewordenen 
Versuch, das Grundprinzip der Lehre an das Seelenleben des 
Kindes anzuknüpfen, haben sich für Adler die schwersten 
Abweichungen von der Realität der Beobachtung und die tief- 
gehendsten Begriffsverwirrungen ergeben. Der biologische, soziale 
und psychologische Sinn von „männlich" und „weiblich" sind 
dabei zu hoffnungsloser Mischbildung vermengt. Es ist unmöglich 
und durch die Beobachtung zurückzuweisen, daß das — männ- 
liche oder weibliche — Kind seinen Lebensplan auf eine 
ursprüngliche Geringschätzung des weiblichen Geschlechts 
begründen und sich zur Leitlinie den Wunsch machen könne: 
ich will ein rechter Mann werden. Das Kind ahnt die Bedeu- 
tung des Geschlechtsunterschiedes anfanglich nicht, geht viel- 
mehr von der Voraussetzung aus, daß beiden Geschlechtern das 
nämliche (männliche) Genitale zukomme, beginnt seine Sexual- 
forschung nicht mit dem Problem der Geschlechtsdifferenz und 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 467 

Steht der sozialen Minderschätzung des Weibes völlig ferne. Es 
gibt Frauen, in deren Neurose der Wunsch, ein Mann zu sein, 
keine Rolle gespielt hat. Was vom männlichen Protest zu 
konstatieren ist, führt sich leicht auf die Störung des uranfäng- 
lichen Narzißmus durch die Kastrationsdrohung, respektive auf 
die ersten Behinderungen der Sexualbetätigung zurück. Aller 
Streit um die Psychogenese der Neurosen muß schließlich auf 
dem Gebiete der Kindemeurosen zum Austrage kommen. Die 
sorgfältige Zergliederung einer Neurose im frühkindlichen Alter 
macht allen Irrtümern in betreff der Ätiologie der Neurosen 
und Zweifeln an der Rolle der Sexualtriebe ein Ende. Darum 
mußte auch Adler in seiner Kritik der Jungschen Arbeit 
„Konflikte der kindlichen Seele" zu der Unterstellung greifen, 
das Material des Falles sei „wohl vom Vater" einheitlich 

gerichtet worden.^ 

Ich werde nicht weiter bei der biologischen Seite der Adlerschen 
Theorie verweilen und nicht untersuchen, ob die greifbare Organ- 
minderwertigkeit oder das subjektive Gefühl derselben — man weiß 
nicht, welches von beiden — wirklich imstande ist, als Grundlage 
das Ad 1 ersehe System zu tragen. Nur der Bemerkung sei Raum 
gegönnt, daß die Neurose dann ein Nebenerfolg der aUgemeinen 
Verkümmerung würde, während die Beobachtung lehrt, daß 
eine erdrückend große Mehrheit von Häßlichen, Mißgestalteten, 
Verkrüppelten, Verelendeten es unterläßt, auf ihre Mängel mit 
der Entwicklung von Neurose zu reagieren. Auch die interessante 
Auskunft, die Minderwertigkeit ins Kindheitsgefühl zu verlegen, 
lasse ich beiseite. Sie zeigt uns, in welcher Verkleidung das in 
der Analyse so sehr betonte Moment des Infantilismus in der 
Individualpsychologie wiederkehrt. Dagegen obliegt es mir, hervor- 
zuheben, wie alle psychologischen Erwerbungen der Psychoanalyse 
bei Adler in den Wind geschlagen worden sind. Das Unbewußte 
tritt noch im „nervösen Charakter" als eine psychologische Be- 

1) Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I, S. las. 



468 2ur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

Sonderheit auf, aber ohne alle Beziehung zum System. Später hat 
er folgerichtig erklärt, es sei ihm gleichgültig, ob eine Vorstellung 
bewußt oder unbewußt sei. Für die Verdrängung fand sich bei 
Adler von vornherein kein Verständnis. In dem Referat über 
einen Vortrag im Wiener Verein (Februar 1911) heißt es : „ An 
der Hand eines Falles wird darauf hingewiesen, daß der Patient 
weder seine Libido verdrängt hatte, vor der er sich ja fortwährend 
zu sichern suchte . . ." ' In einer Wiener Diskussion äußerte er bald 
darauf: „Wenn Sie fragen, woher kommt die Verdrängung, so 
bekommen Sie die Antwort : Von der Kultur. Wenn Sie aber 
dann fragen: Woher kommt die Kultur?, so antwortet man Ihnen: 
Von der Verdrängung. Sie sehen also, es handelt sich nur um 
ein Spiel mit Worten." Ein kleiner Bruchteil des Scharfsinnes, mit 
dem Adler die Verteidigungskünste seines „nervösen Charakters" 
entlarvt hat, hätte hingereicht, ihm den Ausweg aus diesem 
rabulistischen Argument zu zeigen. Es ist nichts anderes dahinter, 
als daß die Kultur auf den Verdrängungsleistungen früherer 
Generationen ruht, und daß jede neue Generation aufgefordert 
wird, diese Kultur durch Vollziehung derselben Verdrängungen 
zu erhalten. Ich habe von einem Kinde gehört, welches sich für 
gefoppt hielt und zu schreien begann, weil es auf die Frage: 
Woher kommen die Eier? zur Antwort erhalten hatte: Von den 
Hühnern, auf die weitere Frage: Woher kommen die Hühner? 
aber die Auskunft bekam : Aus den Eiern. Und doch hatte man 
da nicht mit Worten gespielt, sondern dem Kinde etwas Wahres 
gesagt. 

Ebenso kläglich und inhaltsleer ist alles, was Adler über den 
Traum, dieses Schiboleth der Psychoanalyse, geäußert hat. Der 
Traum war ihm zuerst eine Wendung von der weiblichen auf 
die männliche Linie, was nichts anderes besagt, als die Über- 
setzung der Lehre von der Wunscherfüllung im Traume in die 
Sprache des „männlichen Protestes". Später findet er das Wesen 

») KorrespondentblnU Nr. 5, Zürich, April 1911. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen. Bewegung 469 

des Traumes darin, daß der Mensch sich durch ihn unbewußt 
ermögliche, was bewußt versagt sei. Auch die Priorität für die 
Verwechslung des Traumes mit den latenten Traum gedanken, 
auf der die Erkenntnis seiner „prospektiven Tendenz" ruht, ist 
Adler zuzusprechen. Maeder ist ihm hierin später nachge- 
kommen. Dabei übersieht man bereitwillig, daß jede Deutung 
eines Traumes, der in seiner manifesten Erscheinung überhaupt 
nichts Verständliches sagt, auf der Anwendung der nämhchen 
Traumdeutung beruht, deren Voraussetzungen und Folgerungen 
man bestreitet. Vom Widerstand weiß Adler anzugeben, daß 
er der Durchsetzung des Kranken gegen den Arzt dient. Dies 
ist gewiß richtig; es heißt soviel als: er dient dem Widerstände. 
Woher er aber kommt, und wie es zugeht, daß seine Phänomene 
der Absicht des Kranken zu Gebote stehen, das wird, als für das 
Ich uninteressant, nicht weiter erörtert. Die Detailmechanismen 
der Symptome und Phänomene, die Begründung der Mannig- 
faltigkeit von Krankheiten und Krankheitsäußerungen finden 
überhaupt keine Berücksichtigung, da doch alles in gleicher Weise 
dem männhchen Protest, der Selbstbehauptung, der Erhöhung der 
Persönhchkeit dienstbar ist. Das System ist fertig, es hat eine 
außerordentliche Umdeutungsarbeit gekostet, dafür auch nicht 
eine einzige neue Beobachtung geliefert. Ich glaube, gezeigt zu 
haben, daß es mit Psychoanalyse nichts zu schaffen hat. 

Das Lebensbild, welches aus dem Adlerschen System hervor- 
geht, ist ganz auf den Aggressionstrieb gegründet; es läßt keinen 
Raum für die Liebe. Man könnte sich ja verwundern, daß eine 
SD trostlose Weltanschauung überhaupt Beachtung gefunden hat; 
aber man darf nicht daran vergessen, daß die vom Joch ihrer 
Sexualbedürfnisse bedrückte Menschheit bereit ist, alles anzu- 
nehmen, wenn man ihr nur die „Überwindung der Sexualität" 
als Köder hinhält. 

Die Adler sehe Abfallsbewegung vollzog sich vor dem Kongreß 
in Weimar 1 9 1 1 ; nach diesem Datum setzte die der Schweizer 



i 



47° Z"'' Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

ein. Ihre ersten Anzeichen waren sonderbarerweise einige Äuße- 
rungen Riklins in populären Aufsätzen der schweizerischen 
Literatur, aus denen die Umwelt also früher als die nächsten 
Fachgenossen erfuhr, daß die Psychoanalyse einige bedauerliche, 
sie diskreditierende Irrtümer überwunden habe. 1912 rühmte 
sich Jung in einem Briefe aus Amerika, daß seine Modifikationen 
der Psychoanalyse die Widerstände bei vielen Personen über- 
wunden hätten, die bis dahin nichts von ihr hatten wissen wollen. 
Ich antwortete, das sei kein Ruhmestitel, und ^e mehr er von 
den mühselig erworbenen Wahrheiten der Psychoanalyse opfere, 
desto mehr werde er den Widerstand schwinden sehen. Die 
Modifikation, auf deren Einführung die Schweizer sich so stolz 
zeigten, war wiederum keine andere als die theoretische Zurück- 
drängung des sexuellen Moments. Ich gestehe, daß ich von allem 
Anfang an diesen „Fortschritt" als eine zuweitgehende Anpassung 
an die Anforderungen der Aktualität auffaßte. 

Die beiden rückläufigen, von der Psychoanalyse wegstrebenden 
Bewegungen, die ich nun zu vergleichen habe, zeigen auch die 
Ähnlichkeit, daß sie durch gewisse hochragende Gesichtspunkte 
wie sub specie aeternitatis um ein günstiges Vorurteil werben. 
Bei Adler spielt die Relativität aller Erkenntnis und das Recht 
der Persönlichkeit, den Wissensstoff individuell künstlerisch zu 
gestalten, diese Rolle; bei Jung wird auf das kulturhistorische 
Recht der Jugend gepocht, Fesseln abzuwerfen, in welche sie das 
tyrannische, in seinen Anschauungen erstarrte Alter schlagen 
möchte. Diese Argumente machen einige abweisende Worte not- 
wendig. Die Relativität unserer Erkenntnis ist ein Bedenken, 
welches jeder anderen Wissenschaft ebensowohl entgegengesetzt 
werden kann wie der Psychoanalyse. Es entstammt bekannten 
reaktionären, der Wissenschaft feindlichen Strömungen der 
Gegenwart und will den Schein einer Überlegenheit in Anspruch 
nehmen, die uns nicht gebührt. Keiner von uns kann ahnen, 
welches das endgültige Urteil der Menschheit über unsere 



ff- 



Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 471 



theoretischen Bemühungen sein wird. Man hat Beispiele dafür, 
daß die Abweisung der nächsten drei Generationen noch von 
der nächstfolgenden korrigiert und in Anerkennung verwandelt 
wurde. Es bleibt dem einzelnen nichts übrig, als seine auf 
Erfahrung gestützte Überzeugung mit all seinen Kräften zu 
vertreten, nachdem er die eigene kritische Stimme sorgfältig und 
die der Gegner mit einiger Aufmerksamkeit angehört hat. Man 
begnüge sich damit, seine Sache ehrhch zu führen, und maße 
sich nicht ein Richteramt an, das einer fernen Zukunft vorbehalten 
ist. Die Betonung der persönlichen Willkür in wissenschaftlichen 
Dingen ist arg; sie will der Psychoanalyse offenbar den Wert 
einer Wissenschaft bestreiten, der allerdings durch die vorher- 
gehende Bemerkung bereits herabgesetzt ist. Wer das wissen- 
schaftliche Denken hochstellt, wird eher nach Mitteln und 
Methoden suchen, um den Faktor der persönlichen künstlerischen 
Willkür dort mögUchst einzuschränken, wo er noch eine über- 
große Rolle spielt. Übrigens darf man sich rechtzeitig erinnern, 
daß aller Eifer der Verteidigung unangebracht ist. Diese Argumente 
Adlers sind nicht ernst gemeinte; sie sollen nur gegen den 
Gegner verwertet werden, respektieren aber die eigenen Theorien. 
Sie haben auch Adlers Anhänger nicht abgehalten, ihn als den 
Messias zu feiern, auf dessen Erscheinen die harrende Menschheit 
durch so und so viel Vorläufer vorbereitet worden ist. Der Messias 
ist gewiß nichts Relatives mehr. 

Das Jungsche Argument ad captandam benevolentiam ruht 
auf der aUzu optimistischen Voraussetzung, als hätte sich der 
Fortschritt der Menschheit, der Kultur, des Wissens, stets in 
ungebrochener Linie vollzogen. Als hätte es niemals Epigonen 
gegeben, Reaktionen und Restaurationen nach ieder Revolution, 
Geschlechter, die durch einen Rückschritt auf den Erwerb einer 
früheren Generation verzichtet hätten. Die Annäherung an den 
Standpunkt der Menge, das Aufgeben einer als unliebsam 
empfundenen Neuerung, machen es von vornherein unwahr- 



i 



47* ^"f Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 



scheinlich, daß die Jungsche Korrektur der Psychoanalyse den 
Anspruch auf eine befreiende Jugendtat sollte erheben können. 
Endlich sind es nicht die Jahre des Täters, welche hierüber ent- 
scheiden, sondern der Charakter der Tat. 

Von den beiden hier behandelten Bewegungen ist die 
Adlersche unzweifelhaft die bedeutsamere; radikal falsch, ist sie 
doch durch Konsequenz und Kohärenz ausgezeichnet. Sie ist auch 
noch immer auf eine Trieblehre gegründet. Die Jung sehe 
Modifikation dagegen hat den Zusammenhang der Phänomene 
mit dem Triebleben gelockert; sie ist übrigens, wie ihre Kritiker 
(Abraham, Ferenczi, Jones) hervorgehoben, so unklar, undurch- 
sichtig und verworren, daß es nicht leicht ist, Stellung zu ihr 
zu nehmen. Wo man sie antastet, muß man darauf vorbereitet 
sein, zu hören, daß man sie mißverstanden hat, und man weiß 
nicht, wie man zu ihrem richtigen Verständnis kommen soll. Sie 
stellt sich selbst in eigentümlich schwankender Weise vor, bald 
als „ganz zahme Abweichung, die das Geschrei nicht wert sei, 
das sich darum erhoben habe" (Jung), bald als neue Heilsbotschaft, 
mit der eine neue Epoche für die Psychoanalyse beginne, ja, eine 
neue Weltanschauung für alle übrigen. 

Unter dem Eindruck der Unstimmigkeiten zwischen den einzelnen 
privaten und öffentlichen Äußerungen der Jungschen Richtung 
wird man sich fragen müssen, wie groß daran der Anteil der 
eigenen Unklarheit und der der Unaufrichiigkeit sei. Man wird 
aber zugestehen, daß sich die Vertreter der neuen Lehre in einer 
schwierigen Situation befinden. Sie bekämpfen nun Dinge, welche 
sie früher selbst verteidigt haben, und zwar nicht auf Grund 
neuer Beobachtungen, von denen sie sich belehren lassen konnten, 
sondern infolge von Umdeutungen, welche ihnen jetzt die Dinge 
anders erscheinen lassen, als sie sie vorher sahen. Darum wollen 
sie den Zusammenhang mit der Psychoanalyse, als deren Vertreter 
sie der Welt bekannt wurden, nicht aufgeben und ziehen es ror 
zu verkünden, daß die Psychoanalyse sich geändert hat. Auf dem 



Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 475 

Münchner Kongreß sah ich mich genötigt, dieses Halbdunkel 
aufzuhellen, und tat es durch die Erklärung, daß ich die Neue- 
rungen der Schweizer nicht als legitime Fortsetzung und Weiter- 
entwicklung der von mir ausgehenden Psychoanalyse anerkenne. 
Außenstehende Kritiker (wie Furtmüller) hatten diesen Sach- 
verhalt schon vorher erkannt, und Abraham spricht mit Recht 
davon, daß sich Jung auf dem vollen Rückzuge von der Psycho- 
analyse befinde. Ich bin natürlich gern bereit zuzugestehen, daß 
ein jeder das Recht hat, zu denken und zu schreiben, was er 
will, aber er hat nicht das Recht, es für etwas anderes auszugeben, 
als es wirklich ist. 

Wie die Adlersche Forschung der Psychoanalyse etwas Neues 
brachte, ein Stück der Ichpsychologie, und sich dieses Geschenk 
allzu teuer bezahlen lassen wollte durch die Verwerfung aller 
grundlegenden analytischen Lehren, so haben auch Jung und 
seine Anhänger ihren Kampf gegen die Psychoanalyse an eine 
Neuerwerbung für dieselbe angeknüpft. Sie haben im einzelnen 
verfolgt (worin ihnen Pfister vorangegangen war), wie das 
Material der sexuellen Vorstellungen aus dem Familienkomplex 
und der inzestuösen Objektwahl zur Darstellung der höchsten 
ethischen und religiösen Interessen der Menschen verwendet wird, 
also einen bedeutsamen Fall von Siiblimierung der erotischen 
Triebkräfte und Umsetzung derselben in nicht mehr erotisch zu 
nennende Strebungen aufgeklärt. Dies stand im besten Einklang 
mit den in der Psychoanalyse enthaltenen Erwartungen und 
hätte sich vortrefflich mit der Auffassung vertragen, daß in 
Traum und Neurose die regressive Auflösung dieser wie aller 
anderen Sublimierungen sichtbar wird. Allein die Welt hätte 
empört gerufen, man habe Ethik und Rehgion sexualisierl ! Ich 
kann es nun nicht vermeiden, einmal „final" zu denken und 
anzunehmen, daß sich die Entdecker diesem Entrüstungssturm 
nicht gewachsen fühlten. Vielleicht begann er auch in der eigenen 
Brust zu toben. Die theologische Vorgeschichte so vieler Schweizer 



474 '2"'* Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

ist für ihre Stellung zur Psychoanalyse so wenig gleichgültig wie 
die sozialistische Adlers für die Entwicklung seiner Psychologie. 
Man wird an die berühmte Geschichte Mark Twains von den 
Schicksalen s&iner Uhr erinnert und an die Verwunderung, mit 
der sie schließt : And he used to wonder ivhat became of all 
tke unsuccessful tinkers, and gunsmiths, and shoeniakers, and 
blacksmitks; but nobody could euer teil him. 

Ich will den Weg des Gleichnisses betreten und annehmen, 
in einer Gesellschaft lebe ein Emporkömmling, der sich der Ab-^ 
stammung von uradeliger, aber oi-tsfremder Familie rühme. Nun 
werde ihm nachgewiesen, daß seine Eltern irgendwo in der 
Nähe leben und sehr bescheidene Leute seien. Jetzt steht ihm 
noch ein Auskunftsmittel zu Gebote und zu diesem greift er auch. 
Er kann die Eltern nicht mehr verleugnen, aber er behauptet, 
die seien selbst hochadelig, nur herabgekommen, und verschafft 
ihnen bei einem gefälligen Amt ein Abkunftsdokument. Ich meine, 
so ähnlich haben sich die Schweizer benehmen müssen. Wenn 
Ethik und Religion nicht sexualisiert werden durften, sondern 
von Anfang an etwas „Höheres" waren, die Herleitung ihrer 
Vorstellungen aus dem Familien- und Ödipuskomplex aber unab-r 
weisbar erschien, so ergab sich nur eine Auskunft: diese Komplexe 
selbst durften von Anfang an nicht bedeuten, was sie auszusagen 
schienen, sondern jenen höheren, „anagogischen Sinn (nach 
Silberers Namengebung) haben, mit dem sie sich in ihre Ver- 
wendung in den abstrakten Gedankengängen der Ethik und der 
religiösen Mystik einfügten. 

Ich bin nun gefaßt darauf, wiederum zu hören, daß ich Inhalt 
und Absicht der Neu-Züricher Lehre mißverstanden habe, aber 
ich verwahre mich von vornherein dagegen, daß die Widersprüche 
gegen meine Auffassung, die sich aus den Veröffentlichungen 
dieser Schule ergeben, mir, anstatt ihnen selbst zur Last gelegt 
sein sollen. Auf keine andere Art kann ich mir das Ensemble der 
Jung sehen Neuerungen verständlich machen und im Zusammen- 



I» 






Zur- Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 475 



hange begreifen. Von der Absicht, das Anstößige der Familien- 
komplexe zu beseitigen, um dies Anstößige nicht in Religion 
und Ethik wiederzufinden, strahlen alle die Abänderungen aus, 
■welche Jung an der Psychoanalyse vorgenommen hat. Die 
sexuelle Libido wurde durch einen abstrakten Begriff ersetzt, von 
dem man behaupten darf, daß er für Weise wie für Toren gleich 
geheimnisvoll und unfaßbar geblieben ist. Der Ödipuskomplex 
war nur „symbolisch" gemeint, die Mutter darin bedeutete das 
Unerreichbare, auf welches man im Interesse der Kultur- 
entwicklung verzichten muß; der Vater, der im Ödipusmythus 
getötet wird, ist der „innerliche" Vater, von dem man sich 
freizumachen hat, um selbständig zu werden. Andere Stücke des 
sexuellen Vorstellungsmaterials werden im Laufe der Zeit sicherlich 
ähnliche Umdeutungen erfahren. An Stelle des Konfliktes zwischen 
ichwidrigen erotischen Strebungen und der Ichbehauptung trat 
der Konflikt zwischen der „Lebensaufgabe" und der „psychischen 
Trägheit"; das neurotische Schuldbewußtsein entsprach dem 
Vorwurf, seiner Lebensaufgabe nicht gerecht zu werden. Ein 
neues religiös-ethisches System wurde so geschaffen, welches ganz 
wie das Adlersche die tatsächlichen Ergebnisse der Analyse 
umdeuten, verzerren oder beseitigen mußte. In Wirklichkeit hatte 
man aus der Symphonie des Weltgeschehens ein paar kulturelle 
Obertöne herausgehört und die urgewaltige Triebmelodie wieder 

einmal überhört. 

Um dieses System zu halten, war eine volle Abwendung von 
der Beobachtung und von der Technik der Psychoanalyse not- 
wendig. Gelegentlich gestattete die Begeisterung für die hehre 
Sache auch eine Geringschätzung der wissenschaftlichen Logik, 
wie wenn Jung den Ödipuskomplex nicht „spezifisch" genug 
für die Ätiologie der Neurosen findet und diese Spezifität der 
Trägheit, also der allgemeinsten Eigenschaft belebter wie unbelebter 
Körper zuerkennt! Dabei ist zu bemerken, daß der „Ödipus- 
komplex" nur einen Inhalt darstellt, an dem sich die Seelenkräfte 



47 6 Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung 

des Individuums messen, und nicht selbst eine Kraft ist, wie die 
„psychische Trägheit", Die Erforschung des einzelnen Menschen 
hatte ergeben und wird immer von neuem ergeben, daß die 
sexuellen Komplexe in ihrem ursprünglichen Sinne in ihm lebendig 
sind. Darum wurde die Individualforschung zurückgedrängt und 
durch die Beurteilung nach Anhaltspunklen aus der Völker- 
forschung ersetzt. In der frühen Kindheit eines jeden Menschen 
war man am ehesten der Gefahr ausgesetzt, auf den ursprüng- 
lichen und unverhüllten Sinn der umgedeuteten Komplexe zu 
stoßen, daher ergab sich für die Therapie die Vorschrift, bei 
dieser Vergangenheit so kurz als möglich zu verweilen und den 
Hauptakzent auf die Rückkehr zum aktuellen Konflikt zu legen, 
an dem aber beileibe nicht das Zufällige und Persönliche, sondern 
das Generelle, eben das NicliterfüUen der Lebensaufgabe, das 
Wesentliche ist. Wir haben aber gehört, daß der aktuelle Konflikt 
des Neurotikers erst verständlich und lösbar wird, wenn man ihn 
auf die Vorgeschichte des Kranken zurückführt, den Weg geht, 
den seine Libido bei der Erkrankung gegangen ist. 

Wie sich die Neu-Züricher Therapie unter solchen Tendenzen 
gestaltet hat, kann ich nach den Angaben eines Patienten mit- 
teilen, der sie an sich selbst erfahren mußte. „Diesmal keine 
Spur von Rücksicht auf Vergangenheit und Übertragung. Wo 
ich letztere zu greifen glaubte, wurde sie für reines Libidosymbol 
ausgegeben. Die moralischen Belehrungen waren sehr schön und 
ich lebte ihnen getreulich nach, aber ich kam keinen Schritt 
vorwärts. Es war vaiv noch unangenehmer als ihm, aber was 
konnte ich dafür? . . . Statt analytisch zu befreien, brachte jede 
Stunde neue ungeheure Forderungen, an deren Erfüllung die 
Überwindung der Neurose geknüpft wurde, z. B. innerliche 
Konzentration durch Introversion, religiöse Vertiefung, neues 
Gemeinschaftsleben mit meiner Frau in liebevoller Hingabe usw. 
Es ging fast über die Kraft, lief es doch auf eine radikale 
Umgestaltung des ganzen inneren Menschen hinaus. Man verließ 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 477 



I 

I die Analyse als armer Sünder mit den stärksten Zerknirschungs- 

I' gefühlen und den besten Vorsätzen, aber gleichzeitig in tiefster 

Entmutigung. Was er mir empfahl, hätte jeder Pfarrer mir auch 
geraten, aber woher die Kraft?" Der Patient teilt zwar mit, er 
habe gehört, daß die Vergangenheits- und Übertragungsanalyse 
vorangehen müsse. Ihm wurde gesagt, daß er davon genug gehabt 
habe. Da sie nicht mehr geholfen hat, scheint mir der Schluß 
gerechtfertigt, daß der Patient von der ersteren Art der Analyse 
nicht genug bekommen hat. Keinesfalls hat das daraufgesetzte 
Stück Behandlung mehr geholfen, welches auf den Namen einer 
Psychoanalyse keinen Anspruch mehr hat. Es ist zu verwundern, 
daß die Züricher den langen Umweg über Wien gebraucht haben, 
um endlich nach dem so nahen Bern zu kommen, in dem 
Dubois Neurosen durch ethische Aufmunterung in schonungs- 
vollerer Weise heilt.^ 

Der völlige Zerfall dieser neuen Richtung mit der Psycho- 
analyse erweist sich natürlich auch in der Behandlung der 
Verdrängung, welche in den Schriften Jungs kaum mehr erwähnt 
wird, in der Verkennung des Traumes, den sie wie Adler 
unter Verzicht auf die Traumpsychologie mit den latenten 
Traumgedanken verwechselt, in dem Verlust des Verständnisses 
für das Unbewußte, kurz in all den Punkten, in welche ich die 
Wesenheit der Psychoanalyse verlegen konnte. Wenn man von 
Jung hört, der Inzestkomplex sei nur symbolisch, er habe 
doch keine reale Existenz, der Wilde verspüre doch kein 
Gelüste nach der alten Vettel, sondern ziehe ein junges und 
schönes Weib vor, so ist man versucht anzunehmen, daß 
,symbolisch' und ,keine reale Existenz' eben das bedeuten, was 

1) Ich kenne die Bedenken, welche der Verwertung einer Patienten aussage im 
Wege stehen, und will darum ausdrücklich versichern, daß mein Gewährsmann eine 
ebenso vertrauenswürdige wie urteilsfähige Persönlichkeit ist. Er hat mich informiert, 
ohne daß ich ihn dazu aufgefordert, und ich bediene mich seiner Mitteilung, ohne 
seine Zustimmung einiuholen, weil ich nicht zugeben kai^, '^''?_1"'? psychoanalytische 
Technik den Schutz der Diskretion beanspruchen sollte. 



47^ Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 

man in der Psychoanalyse mit Rücksicht auf seine Äußerungen 
und pathogenen Wirkungen als „unbewußt existent" bezeichnet, 
um auf solche Weise den scheinbaren Widerspruch zu erledigen. 

Wenn man sich vorhält, daß der Traum noch etwas anderes 
ist als die latenten Traumgedanken, die er verarbeitet, so wird 
man sich nicht wundern, daß die Kranken von den Dingen 
träumen, mit denen man ihren Sinn während der Behandlung 
erfüllt hat, sei es die „Lebensaufgabe" oder das „Oben- und 
Untensein". Gewiß sind die Träume der Analysierten lenkbar, in 
ähnlicher Art, wie man Träume durch experimentell angebrachte 
Reize beeinflussen kann. Man kann einen Teil des Materials be- 
stimmen, welches in den Träumen vorkommt; am Wesen und am 
Mechanismus des Traumes wird hiedurch nichts geändert. Ich 
glaube auch nicht daran, daß die sogenannten „biographischen" 
Träume sich außerhalb der Analyse ereignen. Analysiert man 
hingegen Träume, die vor der Behandlung vorgefallen sind, oder 
achtet man darauf, was der Träumer zu den ihm in der Kur 
gegebenen Anregungen hin*zufügt, oder kann man es vermeiden, 
ihm solche Aufgaben zu stellen, so überzeugt man sich, wie 
ferne es dem Traume liegt, gerade nur Lösungs versuche der 
Lebensaufgabe zu liefern. Der Traum ist ja nur eine Form des 
Denkens; das Verständnis dieser Form kann man nie aus dem 
Inhalt seiner Gedanken gewinnen, dazu führt nur die Würdigung 
■der Traumarbeit. 

Die faktische Widerlegung der Jungschen Mißverständnisse 
und Abweichungen von der Psychoanalyse ist nicht schwierig. 
Jede regelrecht ausgeführte Analyse, ganz besonders aber jede 
Analyse am Kinde, bestärkt die Überzeugungen, auf denen die 
Theorie der Psychoanalyse ruht, und weist die Umdeutungen des 
Adler sehen wie des Jung sehen Systems zurück. Jung selbst 
hat in der Zeit vor seiner Erleuchtung eine solche Kinderanalyse 
durchgeführt und publiziert; es ist abzuwarten, ob er eine neue 
.Deutung derselben mit Hilfe einer anderen „einheitlichen Richtung 



V 



Zur Geschichte der psychoarialytischen Bewegung 479 



der Tatsachen" (nach dem hierauf bezüglichen Ausdruck A d 1 e r s) 
vornehmen wird. 

Die Ansicht, daß die sexuelle Darstellung „höherer" Gedanken 
in Traum und Neurose nichts anderes als eine archaische Aus- 
drucksweise bedeute, ist natürlich mit der Tatsache unvereinbar, 
daß sich diese sexuellen Komplexe in der Neurose als die Träger 
jener Libido quantitäten erweisen, vi^elche dem realen Leben 
entzogen worden sind. Handelte es sich nur um einen sexuellen 
Jargon, so könnte dadurch an der Ökonomie der Libido nichts 
geändert worden sein. Jung selbst gesteht dies noch in seiner 
„Darstellung der psychoanalytischen Theorie" zu und formuliert 
als therapeutische Aufgabe, daß diesen Komplexen die Libido- 
besetzung entzogen werden solle. Dies gelingt aber niemals durch 
Wegweisen von ihnen und Drängen zur Subhmierung, sondern 
nur durch eingehendste Beschäftigung mit ihnen und durch 
Bewußtmachen im vollen Umfange. Das erste Stück der Reahtät, 
dem der Kranke Rechnung zu tragen hat, ist eben seine Krankheit. 
Bemühungen, ihn dieser Aufgabe zu entziehen, deuten auf eine 
Unfähigkeit des Arztes, ihm zur Überwindung der Widerstände 
zu verhelfen, oder auf eine Scheu des Arztes vor den Ergebnissen 
dieser Arbeit. 

Ich möchte abschließend sagen, Jung hat mit seiner „Modi- 
fikation" der Psychoanalyse ein Gegenstück zum berühmten 
Lichtenbergschen Messer geliefert. Er hat das Heft verändert 
und eine neue Klinge eingesetzt^ weil dieselbe Marke darauf 
eingeritzt ist, sollen wir nun dies Instrument für das frühere 

halten. 

Ich glaube im Gegenteile gezeigt zu haben, daß die neue Lehre, 
welche die Psychoanalyse substituieren möchte, ein Aufgeben der 
Analyse und einen Abfall von ihr bedeutet. Man wird vielleicht 
der Befürchtung zuneigen, daß dieser Abfall für ihr Schicksal 
verhängnisvoller werden müsse als ein anderer, weil er von Personen 
ausgeht, welche eine so große Rolle in der Bewegung gespielt 



^ 



4^0 Zur Geschicht e der psychoanalytischen Bewegung 

und sie um ein so großes Stück gefördert haben. Ich teile diese 
Befürchtung nicht. 

Menschen sind stark, solange sie eine starke Idee vertreten; 
sie werden ohnmächtig, wenn sie sich ihr widersetzen. Die j 

Psychoanalyse wird diesen Verlust ertragen und für diese Anhänger \ 

andere gewinnen. Ich kann nur mit dem Wunsche schließen, 
daß das Schicksal allen eine bequeme Auffahrt bescheren möge, 
denen der Aufenthalt in der Unterwelt der Psychoanalyse 
unbehaglich geworden ist. Den anderen möge es gestattet sein, 
ihre Arbeiten in der Tiefe unbelästigt zu Ende zu führen. 



!l 



INHALT DES VIERTEN BANDES 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens s«te 

I. Vergessen von Eigennamen 5 

n. Vergessen von fremdsprachigen Worten 13 

III. Vergessen von Namen und V^'orlfolgen 21 

IV. Über Kindheits- und Deckerinnerun gen 51 

V. Das Versprechen 6) 

VI. Verlesen und Verschreiben 118 

A) Verlesen 'iS 

E) Verschreiben »29 

VII. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 1+8 

A) Vergessen von Eindrücken imd Kenntnissen 151 

B) Das Vergessen von Vorsätien 168 

VIII. Das Vergreifen ^79 

IX. Symptom- und Zufall shandlungen 212 

X. Irrtümer 242 

XI. Kombinierte Fehlleistungen 256 

Xn. Determinismus. — Zufalls- luid Aberglauben. — Gesichtspunkte . . .267 

Das Interesse an der Psychoanalyse 

I. Das psychologische Interesse 3*5 

II. Das Interesse der Psychoanalyse für die nicht psychologischen Wissenschaften 526 
A'l Das sprachwissenschafiliche Interesse 5"^ 

B) Das philosophische Interesse 5^^ 

C) Das biologische Interesse 33° 

D) Das entwicklungsgeschichtliche Interesse 354 

E) Das kulturhistorische Interesse 357 

F) Das kunstivissenschaflliche Interesse 339 

G) Das soziologische Interesse 541 

H) Das pädagogische Interesse 342 

Über Psychoanalyse 

Erste Vorlesung - > ■ 549 

Zweite Vorlesung gg- 

Dritte Vorlesung ^j~ 

Vierte Vorlesung ,§- 

Fünfte Vorlesung -08 

Zur Geschichte der psychoanalytischen 

Bewegung ^^ 



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GESAMMELT 
SCHRIFTEN 



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PSYCHOPATH. DES 

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ZUR GESCHICHT' 
DER BEWEGUNi;