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Full text of "Über das Aussterben der Naturvölker"



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VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER 






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VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER. 



1868. 



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University Library, 



permanent deposit from 
Botany School 



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SEINER EXCELLENZ 



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HERRN GEHEIMEN RATH 






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H. C. 



von der GABELENTZ 



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Vorwort 



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dem 
und 



delt , welche die Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann . 
Am genauesten ist Waltz auf sie eingeganzen in seiner Anthro- 
pologic der NaturvolkerBd. 1, 158-186; aber da auch er sie 
nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang seines 
Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben 
konnte und wollte ; da er ferner manches nur andeutet oder ganz 
Ubergeht, was von grosser Wichtigk 



so erscheint es 



Grande 



Hinschwinden selbstandig und moglichst genau von neuem zu 
erortern. Namentlich die psyehologische Seite des Gegenstan- 
des hat man bisher liber die Geblihr vernachlassigt ; sie wird 
deshalb in den folgenden Blattern besonders betont werden 



mussen. 



Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns be- 




schaftigen soil, findet sich zerstreut in einer gross 
Reisebeschreibungen •, ethnographischen und anthropologischen 

Werken. Da es mir aber darauf ankam, einmal — denn nur 

strengste Empirie kann uns bei unserer Frage fordern 



Quellenangabe 



meine 
und anderer- 



seits , dass die angefuhrten Citate nicht allzuschwer zuganglich 
seien, urn nachgeschlagen werden zu konnen, so habe ich mich, 
wo es moglich war , auf Werke gesttttzt , die weiter verbreitet 
sind, und den Quellennachweis nur da weggelassen, wo das 
Gesagte in alien Reisewerken sich gleichmassig findet. Dass 






















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ich das schon erwahnte ausgezeichnete Werk meines nur allzu- 
frtth verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologic der Natur- 
volker , sehr reichlich benutzt habe 9 wird man nicht tadeln ; 



man findet dort die oft sehr g 
kritischer Auswahl beisammen 
grundleeenden Werke geschriel 



rer zuganglichen Quellen in 

und wozu werden solche 

. wenn man nicht auf ihnen 

weiterbaut ? 

Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens 
wegen die Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt 
habe , ohne die mit anzuftihren , welche nicht ofters citirt sind . 
Einige, welche ich gern gehabt hStte, sind mir unzuganglich 
geblieben . 

Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847. 
Australia felix. Berlin 1849. 

Azara, Reise nach Sitdamerika in den Jahren 1781 — 1801 (Maga- 

zin der merkw. neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810). 

Bartram, Reisen durch Karolina , Georgien und Florida 1773. (eb. 

10. Band). Berlin 1793. 
Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825 — 28). London 

1 CO 1 

Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866. 
Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833—36. London 

1840. 
v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. RMing. 

* 



Hamburg 1823. 



Welt 



69. Leipzig 1772. 



Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Siidsee. Berlin 1842. 



Wales. W 



land. London 1833. 



Browne, N.Zealand and its aborigines. London 1845. 

Carus, Ueber ungleiche Befahigung der verschiedenen Menschheits- 

Stamme. Leipzig 1849. 
v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungs- 



reise (1815—18). Weimai 



Cheyne, 



Wester 



Ocean etc. 



London 1852. 



Cook, 3te Entdeckungsreise in die Siidsee und nach dem Nordpol. 

2.Bd. Berl. 1789. — id. b, lste Entdeckungsreise bei Schiller. 
Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, ubersetzt von Dieffenbach. 

Braunschw. 1844. 

Dieffenbach, Travels in N.Zealand. London 1843. 

Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839. 



















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VII 






Dumont d'Urville, a, Voyage de 1' Astrolabe. Paris 1830. 

id. b, Voy. au Pole Sud. Paris 1841. 

Ellis, Polynesian Researches. London 1831. 

Erskine, Journal of a cruise among the islands of the Western Pa- 
cific. London 1853. 

Finsch, N.Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865. 

Freycinet, Voyage autour du monde (1817 — 20). Paris 1827. 

P. Mathias G***, Lettres sur les lies Marquises. Pasis 1843. 

Gill Gems from the Coral islands. London 1855. 



le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701. 



W 



39). 



London 1841. 



Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862. 

Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition). 

Philadelphia 1846. 
Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769—1772). 

Magaz. v. Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797. 

v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863. 
Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. 

id. a, Abenteuer in Austr alien . Berlin 1856. 
A. v. Humboldt, a) Versuch tiber den politischen Zustand des Konig- 

reichs Neuspanien. Tubingen 1809. 

b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Con- 

tinentes, deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861. 

c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augs- 

burg 1859. 
Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843. 
v. Kittlitz, Denkwiirdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika, 

Mikronesien u . Kamtschatka ( 1 8 2 6 etc . ) . Gotha 1 8 5 8 . 
v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Siidsee und nach der Behrings- 



strasse (1815—18). Weimar 

Welt 



6). Berlin 1811. 



v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803 — 7). 

Frankfurt 1812. 
LaPerouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. 

Band 16. 17- Berlin 179,9 f. 

v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reise- 
beschr. 4. Berlin 1791. 

Lichtenstein, Reise in Stidafrika (1803—6). Berlin 1812. 

Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843. 

Mariner, Tonga Islands. London 1818. 

Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837. 

b) Die Siidseevolker u. das Christenthum . Prenzlau 1844. 

c) Australien in Wappaus Handbuch der Geographie und 

Statistik. 7. Aufl. 2.Bd. 2.Nachtr. Leipzig 1866. 

































































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Melville, Vier Monate auf den Marquesas-In^eln. Leipzig 1847. 

Id. b, the present state of Australia. London 1851. 

Moerenhout, Voyage aux iles du grand Ocean. Paris 1837. 

Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een 

Nederl. Ind. Commiss. Amst. 1862. 

Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857. 

Novara, Reise der osterr. Fregatte (1857 — 59). Wien 1861. 

Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841. 

Petermann, Mittheilungen u. s. w. a. d. Gesammtgebiet d. Geographie. 

Poppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840. 

Remy, Hist, de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leip- 
zig 1862. 

Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part, della miss, bene- 

dettina. Roma 1851. 
Schomburgk, Reisen in Br itisch-Guiana 1840 — 44. Leipzig 1848. 

Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772 — 76. 

Berlin 1784. 

Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823 — 25). 

London 1828. 
Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 

1855. 
Thomson, The story of N. Zealand. London 1859. 
Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772—79 im Mag. d. Reis. 

7.Bd. Berlin 1792. 
v. Tsehudi, Reisen durch Siidamerika. Leipzig 1866. 
Turnbull, Reise urn die Welt 1800— 1804, Magaz. v. Reisebeschr. 

Bd. 27. Berlin 1806. 

Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861. 

Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. Lon- 
don' 1831. 

Vankouver, Reisen nach d. nordl. Theile der Siidsee (1790 — 95 

Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f. 
Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831 — 33), iibers. v. 

Etzel. Berlin 1856. - 

Waitz, Anthropologic der Naturvolker. Leipzig 1859 f. 

id. b, Die Indian er Nordamerikas. Leipzig 1865. 

Williams , a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Is- 
lands. London 1837. 

Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. byRowe. Lond. 1858. 

Wilson, Missionsreise ins sudl. stille Meer 1796—98, Magaz. von 

Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800. 

Zeitschrift fur allgemeine Erdkunde, neue Folge. 













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I nhalt 



Seite 

Vorwort. Quellen v 

1. Einleitung. Umfang des Aussterbens * 

8 2 Empfanglichkeit der Naturvolker fur Miasmen. Krankheiten 

welche spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und 

Kulturvolker entstehen 8 

§ 3 . Direkt eingeschleppte Krankheiten 1 5 

§ 4. Behandlung der Kranken bei den NaturvOlkern 20 

5. Geringe Sorgfalt der Naturvolker fur ihr leibliches Wohl . . . 24 

6. C arakter der Naturvolker 36 

§ 7. Ausschweifungen der Naturvolker 39 

8. Unfruchtbarkeit. Kiinstlicher Abortus. Kindermord .... 48 

9. Krieg und Kannibalisraus 61 

§10. Menschenopfer " 

§11. Verfassung und Recht 79 

§ 12. Natureinflusse 82 

§ 13. Aeussere Einflusse der hoheren Kultur auf die Naturvolker . 84 

§14. Psychische Einwirkungen der Kultur 89 

§15. Schwierigkeit fiir die Naturvolker , die moderne Kultur sich 

anzueignen 95 

§ 16. Behandlung der Naturvolker durch die Weissen. Afrika. 

Amerika ^ 

§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean . . 108 

§ 18 Geographische Vertheilung der einzelnen Grande fur das Aus- 

sterben der Naturvolker. Vergleiehung dieser Grunde m 

Bezug auf ihr Gewicht ^ 5 

§19. Vergleiehung der Natur- und Kulturvolker in Bezug auf ihre 

Lebenskraft 122 

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§20. 
§21. 
§22. 



§23. 
§24. 



X 

Seite 

Aussterbende und ausdauernde Naturvolker 125 

Die afrikanischen Neger 132 

Folgerungen aus der Art, wie die Naturvolker von den Kultur- 
volkern behandelt sind 134 

Zukunft der Naturvolker ; Mittel sie zu heben 138 

Werth der Naturvolker fur die Menschheit und ihre Entwicke- 
lung. Schluss 142 












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§ 1 . Einleitung. TJmfang des Aussterbens 



Die Erscheinung, dass eine Reihe von Volkern vor unseren Au- 
gen clurch langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Unter- 
«*ang entgegengeht , ist eine tiberaus wichtige. Dass sie fur die Ge- 
schichtsforschung grosse Bedeutung hat , leuchtet ohne weiteres ein ; 
dass sie fur die Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologic 
entsclieidend ist , ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestatigt, 
dass, wie man behauptet hat, diese Volker aus einer Lebensunfahig- 
keit , welche ihrer Natur anhaftet , dem Auf horen entgegengehen ; 
so ist, da die nothwendige Folgerung jener Behauptung dahin fithrt, 
dass man verschiedene Arten, hohere und niedere im Geschlecht 
Mensch annimmt, die Beantwortung dieser Frage auch fur die Philo- 
sophie massgebend. Praktisch hat man sie von jeher in den Staaten 
betont , wo Weisse mit Farbigen zusammenleben ; wie man eben die 
Theorie der geringeren Lebensfahigkeit nicht weisser RaQen zuerst in 
diesen Staaten aufgestellt hat. 

Und allerdings ist es auffallend , dass nur farbige Ragen dies 
Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der 
weissen in Beruhrung gekommen sind ; dass die Weissen, obwohl sie 
doch ihre Heimat, das gewohnte Klima u. s. w. aufgegeben haben 
und in unmittelbarer Beruhrung mit denen leben , welche in ihrem 
Vaterlande, scheinbar unter den alten Lebensbedingungen , verkom- 

* 

men, ganzlich da von verschorit zu sein scheinen. . * 

Wahrend wir nun dies Hinschwinden hauptsachlich bei den kul- 
turlosen Ra9en, bei den Naturvolkern, d. h. bei den Volkern finden, 
welche dem Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhaltniss- 
massig nahe stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, urn mit Steinthal 
zu reden, noch keine bedeutende Entwickelung der logischen Fahig- 
keiten stattgefimden hat : so sehen wir es doch ebenfalls auch da, 
wo farbige Ragen sich zur Kultur und sogar zu einer gewissen Hohe 
der Kultur emporgeschwungen haben, in Polynesien, in Mexiko, in 
Peru, und man hat daher geschlossen, einmal dass diese Kultur doch 
nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen sei, denn ware sie 
wahr und ganz gewesen, so wtirde sie grossere Kraft verliehen haben : 



Gerland, Naturvolker. 



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bensfahigkeit . 



oder aber, (lass bestiminte Raeen, auch wenn sie sich wirklich iiber 
das Niveau der gewolmlichen »WiIien« erhoben hatten, dennoch 
einem frithen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der Natur 
zum Aussterben bestimmt seien , weil es ihnen eben, in Folge ihrer 
Rayeneigenthumlichkeit, an Lebensfahigkeit fehle, welehe keine Kul- 
tur ersetzen konne : vielmelir decke jede Art von Kultur diesen 
Mangel nur urn so mitleidsloser auf . Allerdings gibt es audi farbige 
Ra§en und Naturvolker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu den- 
ken ist; und andererseits sind auch Theile von Kultur vOlkern, 
indogermanische , sernitische Stamme versehwunden und ausgestor- 
ben. Allein bei letzeren redet man nicht von einer geringeren Le- 

einmal wegen der Verwandtschaft dieser Stamme mit 
den anerkannt lebensfahigsten Volkern der Welt ; andererseits auch 
wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der Grund. warum sie 
aufgehort haben zu existiren , liegt klar auf der Hand ; theiis sind 
sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Volker, welehe mit dem alten 
Rom kampften 9 theiis sind sie mit anderen Kulturvolkern , die sie 
rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theiis 

trat beides zugleich ein : die hohere Kulturstufe, welehe sie besiegte, 
nahm die besiegten Reste in sich auf , wie die alten Preussen , die 
Wenden und so viele slavische Volkerschaften durch und in Deutsch- 
land, die Iberer, die Kelten durch und in das romische Wesen ver- 
schwanden. So war auch zweifelsohne das Loos der Volker, welclie 
vor der Einwanderung der Indogermauen Europa innc hatten. An- 
ders aber ist das Hiuschwinden der Naturvolker : wo sie mit hoherer 
Kultur zusaminenkommen , auch da, wo diese letztere sich friedlich 
gegen sie verhalt, sehen wir sie von Krankheiten ergriffen werden, 



ihr physisches und psychisches Vermogen versiechen, und ihre Zahl, oft 
ausserordenthchrasch, sichvermindern. Allerdings sind auch einzelne 
Naturvolker aufgerieben oder doch stark vermindert durch ganz aus- 
serliche und leicht begreifliche Griinde : so namentlich viele malaiische 
Stamme , welehe durch nachruckende verwandte Volker ins Gebirge 
zuruckgedrangt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert worden 
sind , als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa, wah- 
rend sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl 
halten; so die Bewohner der Warekauri- (Chatam-) Inseln beiNeu- 
Seeland, die Moreore, welehe 1832 — 35 noch 1500 etwa betrugen, 
durch die Neu-Seelander aber, die in jenen Jahren einen Zug nach 
den AVarekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so 
dass ihre Zahl jetzt nur noch 200 betragt: und auch diese nehmen, 
durch Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers 



bei Peterm. 1866, 62 



Auch miissen wir hier die schwarze Ur- 



bev5lkerung Vorderindiens , die dekhanischen und Vindhyavolker 

erwahnen, weil auch sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390 

allmahlich abnehmen. Friiher waren sie weiter ausgebreitet und 






























3 



einzelne Reste von ihnen scheinen sich (Lassen a. a. 387 ff.) 
in Himalaya , in Belutschistan, Tubet und sonst erhalten zu haben. 
Sie wurden durch die nachrttckenden arischen Inder und gewiss nicht 
friedlich in die Gebirge zuriickgedrangt (Lassen 366) , wo sie nun 
theils im barbarischen Zustande weiter lebten, theils aber, und so 

* 

namentlich die stidliclieren Dekhanvolker , in die indische Kultur 
Iibergingen (Lassen 364. 371). Ein ahnliches Schicksal hatten ver- 
schiedene amerikanische Stamme ; die von anderen machtigeren In- 
dianervolkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden ; auch 
wird von einzelnen Hottentottenvolkern eine ahnliche Vermischung 
mit Kafferstamrnen erwahnt (Waitz 2, 318). ^ 

Doch scheinen auch manche Volker . vermindert oder gar ver- Y L 
schwunden, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Ein soldier Schein ^ 















ist hervorgerufen , wie Waitz 1, 159 — 160 zeigt ; theils durch Urn- 
anderung von Namen, wo man nun falschlich annanm, weil der Name 
nicht mehr existire, so sei auch das Volk erloschen, oder durch Irr- U 
thlimer der Reisenden, indem sie manche Namen zu welt ausdehnen, 

andere aber auf volligem Miss ver standniss beruhen, oder durch falsche 
Sehatzung der Volkszahl , wie man sie oft sehr iibertrieben, nament- 
lich bei alteren Reisenden, z. B. fur Polynesien bei Cook, findet 

u. dergl. 

Ehe wir nun aber die Grllnde fur jenes weniger leicht zu erkla- 
vende Hinschwinden der Natur volker aufsuchen, miissen wir den Um- 
fang desselben betrachten , wobei wir ausser Europa alle Welttheile 
zu beritcksichtigen haben. X 

In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamt- 
schadalen und so rasch ging ihre Verminderung vor sich ; das Langs- 
dorff (1803 — 4 ? Krusensterns Begleiter) Ortschaften ,. welche die 



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Cooksche Expedition und La Perouse noch wohl bevolkert sahen 7 
vollig menschenleer fand. Wenn La Perouse 1787 auf der Halb- 
insel im ganzen noch 4000 Bewohner fand (2,166), so sind die rus- 
sischen Einwanderer in dieser Zahl , bei der trotzdem auf mehrere 

* 

Quadratmeilen kaum ein Mensclfkommt, schon einbegrifien. Denn 

Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den Mittheilungen eines 

dort ansassigen Offiziers in Kamtschatka nur noch 3000 Einwohner, 

wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind ; sie erzahlen selbst, wie 

sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden Russen , ^ 

verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. p& ^ 

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dass nur noch ein Viertel dei 



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La Perouses Reisegefahrte Lessep (41) behauptet, / 



eigentlichen Kamtschadalen lib 



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rig sei ; 
und er war noch nicht ein voiles Jahrhundert nach der ersten Unter- 








Dasselbe 



nehmung der Russen (1696) gegen Kamtschatka dort. 

Schicksal haben ausser den Jakuten und Jukagiren in Sibirien 









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1164) auch die Aleuten auf den Fuchsinseln und die ihnen 



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verwandten Stamme auf den nachsten Kiisten von Amerika, die wir 









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hier gleich erwahnen, 












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weil audi sie wie die Kamtschadalen imter 
demselben Drucke Russlands stehen. LangsdorfF fand auf den 
Fuchsinseln nur gegen 300 Manner, wahrend er fftr 1796 1 300 mid 
fur 1783 — 87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, 
welches wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden , ist keineswegs 
trostlich. Denn wenn Chamisso (17 7. zweite Note) nach akten- 






1817 ist gewiss eben so arg als wie wir es bei 



LangsdorfF geschildert finden. 



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massigen Mittheilimgen fur 1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 

1334 Manner und 570 Frauen, 1817 dagegen auf 462 Manner und 

584 Frauen angibt, so versieht er erstlich diese allerdings auffallen- 

Zahlen selbst mit einem Fragezeichen ; und zweitens, wenn sie audi 

richtig sind, LangsdorfF sich geirrt und die Volkszahl sich nicht 

durch russische Einwanderer vermehrt hat : das Sinken der Bevol- 

kerung von 1806 

Der offizielle Bericht von I860 

bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: 
allein hier sind jedenfalls die Russen , welche jetzt auf den Inseln 
ansassig sind, mitgezahlt , obwohl die Misehlinge, 1896 Seelen, noch 
besonders angegeben werden und diese Vermehrung, welche sich auf 

Kamtschatka gleichmassig findet, ist nur eine scheinbare. 

Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren 

[ auf 

16 Millionen, jetzt kauni noch 2 xMillionen schatzt (Waitz b, 16). 
1864 betrug die Zahl der Indianer in den Yereinigten Staaten etwa 
275,000; 1860 zahlte man noch 294,431 ; 1841 aber, auf kleine- 
rem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich also hier in 23 Jahren 
ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen herausstellt (eb. 18 



Zahl man in Nordamerika fur die Zeit der Entdeckung etwa 



/Kri ~* ^f Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an, namlich 268,000 






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unabhangige. Indianer fiir die Vereinigten Staaten, 155,000 fur 
lb* + britisch Nordamerika. Und wahrend d'Orbiguy (1838) fur den 

von ihm bereisten grosseren Theil von Sitdamerika 1, 685, 127 In- 
dianer zahlte (Waitz 6, 16). so stellt Behm audi hier geringere Zah- 
len auf: Brasilien hat nach ihm (a. a. O.) 500,000 unabhangige 
Indianer, die drei Guy anas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 
126,000, Ekuador 200,000, Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 
10,000, die Staaten der argentinischen Repubiik 40,000, Patagonien 
und Feuerland 30,000, also zusammen 1,613,170 und zwar fiir 
ganz Slldamerika. So viel aber betrug allein die Bevolkerung von 
Chile zur Zeit der Entdeckung (Poppig 385 Anmerkung) nach einer 
der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte urn 1800 zwei und 
eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese Zahl war im 
Wachsen (Humboldt a ■ 1, 107) ; aber zur Zeit der Entdeckung be- 
trug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko 
und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Anga- 
ben fast eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grosgen 
und volkreichen Stadten. Behm nimmt als jetzige unabhangige 















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welche gegen 



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Urbevolkerung nur 6000 an (a. a. 0.), eine Zahl , 
Humboldts Angaben ausserordentlich gering ist : allein Behm schatzt 
hier nur die Indianer ab, » welche sich den Behorden vollstandig ent- 
ziehen«, wahrend Humboldt auch die Eingeborenen mitbegreift, welche 

ich am europaischen Leben so gut wie die spanischen Mexikaner 
betheiligen. Behm (114) schatzt diese auf 4,800,000. Naturlich 
geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofur v. Tschudi 2, 216 
ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer Stamm, 1787 noch 
iiber 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit durch Kriege auf 

6 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang ansassig sind 
und ungefahrdet gelebt haben , ist ihre Zahl doch nicht hoher als 
auf einige iiber dreissig gestiegen. 

In Afrika sind es die Hottentotten zunachst, welche in den 
Kreis unserer Betrachtung hineingehoren. Wahrend sie frtther sich 
weit hin in das Innere von Stidafrika ausdehnten und in eine zahl- 
reiche Menge von einzelnen Stammen zerfielen, finden wir sie jetzt 
auf sehr viel kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stamme, 

die Korana, Namaqua und Griqua (Waitz 2, 317 ff.) , der en Zahl 
fortwahrend im Fallen ist. Auch die Kaffern miissen hier erwahnt 
werden, denn im brittisch Kafraria hat sich 1857 die Bevolkerung 




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urn mehr als die Halfte vermindert : sie betrug am Anfang des Jah 
term. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John Maclean 






res 104,721 Seelen und am Ende desselben nur noch 52,186 









Chief Commissioner) : nach Behm jedoch (100) 1861 74,648 Ein- 



geborene. 



Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten 
librig , wo an vielen Orten die Bevolkerung rasch hinschwindet, so 
namentlich in Neuholland. Doch ist es gerade ftir dies Land schwer, 
ja ganz unmoglich , Zahlen aufzustellen , weil die Stamme fortwah- 
rend hin- und herziehen und daher alle Zahlangaben sehr wenig zu- 
verlassig sind (Grey 2, 246). Die, welche Meinicke a 177 aufstellt, ^ 
beweisen dies zur Gentige, und selbst die bei Behm (72) sind nicht 
sicherer. Nur von Siidaustr alien, Queensland und Viktoria hat er- 
bestimmte Zahlungsergebnisse und so ist seine Gesammtziffer 55,000 










nur 



eine sehr ungefahre 



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dass die Bevolkerung wenigstens der Kusten reissend abnimmt ; dass 
Stamme, welche fruher nach Hunderten zahlten, jetzt vielfach bis 
auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die Bevolkerung 
Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16 (Nixon 
18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben. 

Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die 
Melanesier an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes : so nach Reina 
(Zeitschr. 4, 360), die Volker der kleinen Inseln in der Nahe von 

so nach D'Urville 5, .213 die Bewohner von Vanikoro, 






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eugumea : 
nach Turner 494 die Eingeborenen der neuen Hebriden , wie 



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die Bevolkerung von Anneitum 1860, welche Turner auf 3513 Seelen 
schatzt, 1100 Mensehen durch eine Masernepidemie verlor (Muray 
bei Behm 77) und die von Erromango 1842 durch eine gefahrliche 
Dysentene um em Drittel vermindert wurde (Turner a. a. 0.) : und 
so nnden sich noch verschiedene Angaben zerstreut. 

In Mikronesien ist die Bevolkerung der Marianen, welche bei 
Ankunit der Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt 
haben, lur die aber audi 100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen 
ist (Gulick 170) ganzlich ausgestorben. Schon um 1720 hatten die 
Inseln (und zwar nur noch die beiden siidlichsten) nicht mehr als 
^.etwa 2000 Einwohner, und von diesen waren sehr viele von den 
Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi (Puynipet, Ostende der 
Karolinen) hatte nach Hale (82) 15,000 Bewohner, welche An- 
nahme yielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist *) ; jetzt hat sie 



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noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12 — 1 300, 
1862 nur noch 700 Mensehen (Gulick 245, 

In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevolkerung zu Cooks Zei- 
ten (1770) etwa 15 — 16,000 Seelen (G. Forster nach einer spani- 



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Bratrins: 104 



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nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand Wilson noch im Jahre 1797 
Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre 1803, Waldegrave bei 
Memicke b, 113 6000 fur 1830 und Ellis 1, 102 fur 1820 etwa 

10,000, welche Zahl Virgin auch fiir 1852 angibt (2, 41). _ 

auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Anga- 
ben negativ iibertrieben sein : so viel ist sehr klar, dass seit der Ent- 
deckung durch die Europaer die Entvclkerung dieser Insel , welche 
mdess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon 
fruher begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist ; bis unter die Halfte 
der friiheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den iibrigen Socie- 
tatsinseln war das Verhaltniss (Meinicke a. a. O.) ein ahnliches 
Auch jetzt scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen ': 
der offizielle franzosische Bericht fiir 1862 gibt fiir Tahiti 9086 Be- 
wohner an (Behm 8T 

Auf Laivavai, einer der Australinseln , betrug die Bevolkerung 



1822 mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum 



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noch 100 Seelen (Morenhout 1 



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Gunstiger ist Meinickes' 



Schatzung, welcher auf der ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 
Seelen, fur 1840 nur noch 2000 annimmt (a. a. O. 114). Rapa 






/jVz> £**/*<* schatzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Morenhout (1, 139) 



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1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch 









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r>tm *) Hale sagt ausdrucklich , dass sie ihm nicht zu hoch schiene • er 

■■<■■ 'hatte die Angabe von Punchard, einem Engender, der mehrere Jahre auf 
der Insel gelebt hatte. 



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die Herveygruppe, welcher Ellis 1 , 102 10— 1 1,000 Bewohner gibt, 
ist jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Karotonga, 
welches durch eine furchtbare Seuche im hochsten Grade gelitten 

hat (Williams 281). ^ST 7 

Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, 
die Bevolkerung in den Jahren 1832— 36 von 130,000 auf 102,000 
Seelen, also in 4 Jahren urn 28,000 Seelen gesunken ist! Mag 
Ohmstedt nun auch Rechthaben, dass die Bevolkerungsziffer fur 1836 
zu gering ist, weil eine Menge Geburten nicht angezeigt worden sind : 
so ist das Hinschwinden trotzdem ganz ausserordentlich , zumal die 
Insel zu Cooks Zeiten, der 400,000 Einwohner angibt, wohl an 
300 000 nach Jarves Berechnung (373) hatte. Die Zahlen bei 
Meinicke (5, 115 — 16 nach der Sandwich Isl. gazette) sind zwar 
nicht genau dieselben , das Verhaltniss der Abnahme aber bleibt, 
auch wenn wir ilmen folgen, unverandert. Nach Virgin 1, 267 hatte 
die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 
1836 108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 
8 Jahren hat sich die Bevolkerung urn ein Drittel gemindert und die 







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Zahl der Geburten verhielt sicli zu den Todesfallen wie 1 : 3 ! Auch 
jetzt noch schreitet die Verminderung fort : die Zahl der Eingebore- 
nen betrug nach dem Census von 1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85 

Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevdlkerung nach Mei- 
nicke {b, 115) 22,000 Menschen betragt, ist ein Hinschwinden be- 
merkt: so verlor Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 
2 . 638) von 1806 — 12 zwei Drittel seiner Bevolkerung durch Hun- 
^ersnoth. Auf Neu-Seeland betragt die Abnahme der Bevolkerung 
hi den letzten 14 Jahren etwa 19—20 Procent; 1770 betrug sie 
etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach Fen- 
ton). Nach offiziellen Berichten im Athenaum (Zeitschr. 9, 325 
welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl 
der Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 
Manner und 56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte 
von 1861 (Meinicke o 557) mit Hochstetter iiberein : denn sie geben , 
55,336 Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach 
Fenton (Reise der No vara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 
die Sterbefalle und Geburten zur Gesammtbevolkerung wie 1 : 33,04 

und 1 : 67,12. 

Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevdlkerung, 37,000 

Seelen, gleichfalls ab, und zwar soil die Abnahme nach den Berich- 
ten der Missionare in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 
3700 oder 3600 vorgeschritten sein (eb. 60). 

Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern ahnlicher ma- 
laiischer Stamm auf einer kleinen Insel siidlich von Sumatra sterben 
aus nach Wallands Urtheil, der auf der Insel eine ausserst geringe 
Kinderzahl vorfand — nur fttnf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420). 







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2. Empfanglichkeit der Naturvolker fur Miasmen. 
Krankheiten , ivelche spontan bei der Zusammenkunft der 

Natur- mid Kidturvolker entstehen. 

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Indem wir uns nun anschicken, die Gritnde filr dies Hinschwin- 
den aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich tiber 
die Lebensunfahig^eit dieser Stamme geaussert hat. Poppig (386) 
sagt von Amerika : »Es ist eine unbezweifelte Thatsache , dass der 
kupferfarbene Mensch die Verbreitung europaischer Civilisation nieht 
m seiner Nahe vertragt , sondern in ihrer Atmosphare olme durch 
Trunk, epidemische Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden. 
dennoch wie von einem giftigen Hauche beriihrt ausstirbt. Die zahl- 
reichen Versuche der Regierungen haben Sitte und Biirgerthum unter 
jener Race nie einheimiseh machen konnen, denn ihr fehlt die nothige 
Perfektibilitat. Dieser Mangel macht die durchdachten und men- 
schenfreundlichen Plane der Erziehung zu nichte und rechtferti^t den 
Vergleich jener Menschheit mit jener eine eigenthiimliche Physiogno- 
mie tragenden, aber niederen Vegetation, die das dem Meere entstie- 
gene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie holier aus- 
gebildete und kraftigere Pflanzen sich entwickeln . sich vermindert 
und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche Ge- 
fuhl sich gegen eine solche Annahme straubt, so glauben wir doch 
m den Amerikanern einen von der Natur selbst dem Un- 
ter gang geweihten Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In 
den leer gewordenen Raum tritt eine geistig vorziiglichere. 
be weglichere , aus dem Osten stammende grosse Familie. Wie diese 
ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung gehorsam sich aus- 
dehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft, so legt die Ur- 
bevolkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet selbst 
aus dem Gedachtnisse des neuen Volkes . In weniger als einem Jahr- 
hundert wird vielleicht die Forschung tiber die ersten Bewohner eines 

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Welttheils 





miissen , und dann erst wird das Tragische und Rathselhafte ihres 



A*f*^ Schicksals begriffen (?) und tief empfunden werden. 



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So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter , der lange Reisen in 
merika gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Ta°-- 



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seine 









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Nacht- und Dammerungsvolkern (17 ff. ) gehoren hierhe. . 
westlichen Dammerungsvolker , »sie, die wirklich dem Untergange 
zugewendet sind und ihrem Verloschen mehr und mehr entgegen- 
gehen«, sind die Amerikaner ; seine Nachtvolker, welche sich »uber 
Afrika ausdehnen und hinab gegen Siiden tiber Australien 
Diemensland und einen Their von Neuseeland (als Papus 
strecken« , stehen noch tiefer in ihrer geistigen Entwickelung und 



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Fahigkeit. Ganz ahnlicher Ansicht fiber die Neuhollander, wie Pop-- 
pig tiber die Amerikaner , scheint Meinicke zu sein , nur dass er sich 
verhtillter ausdriickt ; doch nennt er sie einen »dem Untergang ge- 
weihten« Volksstamm (c 522) imd spricht hier u. a 2, 215 von 












ihrer 



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anzlichen Unbildsamkeit 



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Viel direkter hat man von der 






Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen 
Lebensfahigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Ra- 
gen in Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neu- 
holland und Polynesien gesproehen ; da man denn sich auch weiter 
kein Gewissen machte , den Untergang , welchem diese Ragen nun 














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doch einmal geweiht seien , damit auf ihren Trtimmern sich das bes- 
sere Leben hoherstehender Racen entwickeln konne, mit alien Mitteln #iX>f 
beschleunigen zu helfen. % 

Aber aueh vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem HinsehAvin- 
den etwas Rathselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung .o^ t 



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auf Australien und Polynesien , da hier eine Hauptursache der Ent- . / 



volkerung, welche in Amerika so wirksam war, der Druck durch die 
Weissen, in Polynesien ganz wegfalle, in Australien wenigstens nicht 



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)>Begreiflicher Weise, fahrt er jedoch 



weitgreifend gewirkt habe. 

fort, ist das Aussterben eines Volkes, das frtiher kraftig und gesundc/ 

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gewesen ist, nicht damit erklart, dass man ihm die Lebenskraft ab- 
spricht oder einen ursprttnglichen Mangel der Organisation zuschreibt, 



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und es hat an sich schon etwas sehr Unbefriedigendes fttr eine so sel- / l*s* ti 











tene und abnorme Erscheinung einen geheimnissvollen Zusammenhang 
anzunehmen, dem sie ihre Entstehung verdanke ; man wird vielmehr . 
hier wie tlberall nach dem naturlichen Zusammenhange der Sache zu 
suchen haben , wenn man sich audi schliesslich zu dem Gestandnisse jC'f 
genothigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht gelingen will, densel- 
ben. vollstandig aufzuklaren.<( 








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Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Gestandniss genothigt 



; 






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Audi Darwin (2, 21 3 ) sieht bei diesem Aussterben, fur welches 
er viele natiirliche Grunde anfiihrt, auch »noch irgend eine mehr 
rathselhafte Wirksamkeit« thatig. »Die Menschenracen, sagter, schei- 
nen auf dieselbe Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thier- 
arten, von denen die starker e die schwachere vertilgt.« Er macht 
darauf aufmerksam, dass fast bei jeder Beruhrung der N aturvolkei 









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und der Weissen . oft auch von Stammen ein- und desselben Volkes, \j4jl C) ^ 



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welche in verschiedener Gegend wohnen, seuchenartige Krankheiten 
entstehen , oft bei volliger Gesundheit der Schiffsmannschaft und der L^C 
von ihr besuchten Volkerschaft, »von denen alsdann vorzugsweise die 
niedere von beiden Ragen oder die der Eingeborenen, welche in ihrem U^ y ^> 
Lande vonFremden aufgesucht werden, zu leiden hat« (Waitz 1, 162). 
Und hierzu lassen sich die Beispiele aller dings haufen. So sagt Hum- 
boldt (a 4, 392) , dass in Panama und Calao der Anfang grosser 



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Die »grausame Epidemie« von 1794, wo Verakruz ungewohn- a 









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Epidemien des gelben Fiebers »am haufigsten durch die Ankunft eini- 
ger -SchifFe aus Chile bezeichnet werde« , obwohl doch Chile selbst 
eines der gestindesten Lander der Welt sei und das gelbe Fieber gar 
nicht kenne ; aber die sehadlichen Folgen der ausserordentlich er- 
hitzten und durch ein Gemisch von faulen Dttnsten verdorbenen Luft, 
an welche die Organe der Eingeborenen gewohnt seien, wirkten 
machtig auf Individuen aus einer kalteren Region. Aehnlich verhalt 
es sieh mit dem Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nord- 
amerika, das eingeschleppt zu haben so haufig die eine der genann- 
ten Gegenden Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a. a. 0. 
384T 

lich heftig vom gelben Fieber heimgesucht war , fing an mit der An- ' 
kunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423). Ebenso schreiben die Einwoh- 
ner Egyptens das Ausbrechen der Pest der Ankunft griechischer 
SchifFe zu und umgekehrt die Bewohner Grichenlands und Konstan- 
tinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an eine Ein- 
schleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten todt-_ 
liche Krankheiten nach dem Besuch von englischen SchifFen auf, 
welche die Halfte der Eingeborenen dahinrafFten (Morenh. 1, 139) ; 
auf Tubuai (Australinseln) ward die Bevolkerung durch Krankheiten, 
welche mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 her- 
untergebracht (eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 
Einwohner hatte, besass 1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal 
(eb. 1, 143). Williams (283—84) spricht es als seine eigene Er- 
fahrung aus , dass die meisten der Seuchen , die er in der Siidsee 
erlebte , durch Schiffe , deren Mannschaft ganz gesund sei und nur 
C**w auf ganz erlaubtem, gewohnlichem Wege mit den Eingeborenen ver- 



kehrte, veranlasst wurden. Das 



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ZusammentrefFen zwischen 
Europaern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem Fieber, 
/ u * m ^ Dysenterie u. dergi. bezeichnet ; so starb auf Rapa die Halfte der 

< Eingeborenen aus ; so entstand die furchtbare Seuche auf Rarotonga 
ji ^yf^ (Herveyinseln) , die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt Virgin 

1, 268: 






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«Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den 
Inselgruppen der Siidsee Krankheiten von mehr oder minder ver- 
derblicher Natur verursacht, die sich sogar erst langere Zeit nachher 
gezeigt haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet 
die Besatzung der SchifFe vollkommen gesund war und die Krank- 
heiten sind nicht stets solche gewesen, welche moglicherweise durch 
eigentliche Ansteckung mitgetheilt werden konnten oder welche in 
Europa zu denen gehoren , deren BeschafFenheit in der Regel mehr 
oder weniger todtlich ist.« Von Tahiti erzahlt Br at ring 145, dass 
1 775 bei der Anwesenheit der Spanier unter Boenechea ein anstecken- 
des Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch litt die Insel 

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unter Dysenterie (Morenh. 2, 425) und die Tahitier selbst schrieben 



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schon urn 1800 alle Krankheiten den Bertthrungen mit fremden 







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Schiffeh zu (Turnbull 266). Beeche/ 1, 94—95 berichtet Aehn- 
liches von den Inseln Pitkairn. Bei xt 






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legentliclien Besuchen von SchifFen, sagt er, leiden die Eingeborenen 
eine Misehbevolkerung von Tahitiern und Englandern ) starker an 
Blutandrang (plethora) und Schwaren als sonst; sie glauben ganz 
fest , dass diese Krankheiten dureh den Verkehr mit ihren Gasten, 
mogen diese selbst auch ganz gesund sein, herruhren. Das eine 
SchifF sollte ihnen Kopfschmerzen, ein anderes Scharbock, das dritte 
Gesehwtire u. s. w. gebracht haben, wie sie denn auch von Beecheys 
Schiff , dessen Mannschaft ganz gesund war, ahnliches erwarteten : 
*****^ ja sie fuhlten schon Kopfweh und Schwindel. Beechey erklart diese 
*j Zufalle durch die Veranderung ihrer Lebensweise w&hrend solcher 
Besuche , da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel Fleisch 
essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna) 
erzahlt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle 
Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. »fremde 
Dinge« nennen, ganz Gleiches. , Auch in Celebes (Waitz 1, 163 
herrschte diese Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, 
welche nach jedem fremden (europaischen) Schiff von einer Seuche 
heimgesucht zu werden behaupteten ; so brachte 1688 ein SchifF von 
Mexiko , welches mit Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, 



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Rheuma, Fieber, Blutungen 



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sahen alle Krankheiten als durfch die Spanier eingeschleppt an (ebd. 
140). Die Einwohner von St. Kilda (westl. v. d. Hebriden bei 
Schottl.) sind der festen Ansieht, fur die sie eine lange Erfahrung QX<t 
haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen Schnupfen bringe (Mac- 
culloch bei Darwin 2, 214 







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ben die Eingeborenen dei 



ien Then der No vara Reise (1, 225) glau- /£ ^ 
Nikobaren , dass die Kokasntisse von den 






Baumen fielen, sobald ein Missionar die Insel betrate. So mag denn u^u^c** ^M 



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auch diese weitverbreitete Ansieht der Grund sein, weshalb in Ponapi, 

sobald ein SchifF in Sicht koinmt , das Volk flieht und der Priester &■ 

aufs Feierlichste die Gotter urn Htilfe anruft (Gulick 175), wenn wk 

es hier nicht mit etwas Religiosem zit thun haben. Jedenfalls ist 

wohl zu beachten , dass die Naturvolker vor der Bekanntschaft mit 

den Europaern fast nichts von Krankheit wussten ; weder die Ma- ^f 

rianer (le Gobien 140) noch die ubrigen Mikronesier (Chamisso) noch 

die Polynesier, von denen freilich die Neu-Seelander , ob wohl der / ^ u *^ 

Gesundheitszustand auch ihrer Insel im Allgemeinen trefFlich war, p 

von schweren Seuchen , die sie schon vor Cook heimgesucht hatten, y 1 ^ * 

erzahlten (Dieffenbach 2, 12 — 14), noch die Neu-Hollander, Hot- 

tentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140 — 41). 

^^^^^^ ^^ ert sich die Wirkung solcher Epi- 

demien noch durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeich- 

netsten Kenner der amerikanischen Volker, 2, 216 sagt: »Es ist 









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eine hochst eigenthtimliche Erscheinung , dass Indianerstamme, die 
durch Krieg oder Epidemien plotzlich sehr stark reducirt wurden. 






sich 



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in der Kegel nie wieder erholen und nur nock als wenig zalil- 
reiche Familien gewohnlich Jahrzehnte lang hinsiechen, bis sie end- 
lich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht mehr die Vermehrungs- 
progression ein, wie sie vor dem vernichtenden Schlage stattgefunden 
hatte, und bei anderen unter den namlichen physischen Bedingungen 
lebenden Volkern beobaclitet wird. Meines Wissens ist dieses Ver- 
haltniss noch nirgends erortert worden. Ich habe es bei einem ge- 
nauen Studium der Geschichte der nord- und sudainerikanischen In- 
dianer als Kegel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit dea 
Weib.es ist die Hauptursache ; auf welchen physiologischen Einwir- 
kungen sie aber beruht, ist wohl schwer zu er mitteln . « Waitz frei- 









. 






lich (1, 163 



bringt Beispiele vom Gegentheil 



die Creeks (nach 





Simpson)', die Winibegs (nach Schoolcraft), die Apachen (Kendall) 
u. s. w. haben sich nach schwer en Epidemien wieder erholt. Wir 
kommen hierauf zurtick. . 

Man hat nun diese auffallende Erscheinung , dass Krankheiten 



durch Beriihrung 



gesunder 



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, aber aus verschiedener Gegend oder 
Ra§e stammender Menschen entstehen, zu erklaren versucht. Darwin, 
der in Shropshire gehort , dass gesunde Schafe , die aber auf Schif- 
fen eingeflihrt wurden, in einem Pferch zu anderen gebracht, diese 
krank machen, Darwin meint, dass das Effluvium von Menschen — 
und wohl auch, nach dem letzten Beispiel, von Thieren — die lange 



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mndererseits wird nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Er- 
scheinung erklart. Dazu kommt, dass z. B. der Bericht Humboldts 
ttber das gelbe Fieber in Panama und Callao sich ja auf gleiche 
JJRaQen bezieht und eben so doch auch die Angabe Darwin s von. den 



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chafen. Und wenn man ferner die Geschichte der kultivirten Vol- 

r betrachtet , so findet man eine ahnliche Erscheinung : eine neu 

[ auftretende Krankheitsform wftthet viel allgemeiner und verheeren- 

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der. als eine fortwahrend herrschende ; so die Pest, der schwarze 
Tod, die Pocken, die Cholera u. s. w., die dann oft nach und nach 
verloschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschadlich gemacht, 
dass man eine verwandte , aber unschadlichere Krankheitsform ein- 
impft. Es scheint also, als ob der menschliche Korper um so em 

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und wohl auch, nach dem letzten Beispiel, von Thieren — die lange Jj 
Zeit eingeschlossen gewesen seien , giftig auf andere wirke , nament- x 



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lich dann, wenn sie von verschiedenen Ragen waren (2, 214) ; eine 

Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch durch die 
Erfahrung bestatigt wird. 

Will man sich aber mit Waitz dabei begntigen zu sagen , dass 
beim Zusammentreffen verschiedener Ra^en, selbst bei volliger Ge- 
sundheit beider , sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann 
meist die niedere Race ergreifen, so kommt einmal durch das Wort < 
niedere Race leicht etwas Missverstandliches in den Ausdruck, und 



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pfanglicher fur ein Miasma ocler einen Krankhei&stoft'lgt, je ferner ,• 
und freier von demselben er friiher war. 1st er aber , wie bei der 
Pockenimpfung geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und 
dadurch anders disponirt worden , so dass er sich nun allmahlich an 
jenen feindlichen Stoff gewohnt, ill n der eignen Natur und die eigene 
Natur ihm einigermassen assimilirt hat : so hat er dadurch Fahigkeit 
<*-&,.. zum Widerstand gegen die Krankheit gewonnen. da sie ja nun seiner 









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nicht mehr absolut feindlich ist; daher denn solche Seuehen 




nach und nach erloschen , denn die Ueberlebenden werden nach und 
nach durch das Einathmen der miasmatischen Luft korperlich selbst 
immer fester. Keineswegs hilft aber eine solche Gewohnung flir alle 
Zeit, wie ja auch die Pocken nach bestimmten Zeitraumen von neuem 
eingeimpft werden miissen. Merkwilrdig, aber fur uns wichtig ge- 
nng, ist, was Humboldt a 1,92 iiber diese Krankheit in Mexiko sagt : 
»die Pocken scheinen ihre Verwltstun 
ten. In den Aequinoktial-Gegenden 




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ob das aber nicht in alien \ I 






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Gegenden oder wenigstens bei alien menschlichen Individuen auf 
gleiche Weise gilt? — »haben sie, wie das schwarze Erbrechen und 
mehrere andere Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich 
regelmassig wieder einfinden ; und man inochte glauben , dass sich 
in diesen Landern die Anlage der Eingeborenen fur gewisse Miasmen 

vmf in cpIiv wp.it vnn Ainsmrtar p.ntfp.rntp.n Perioden erneuert : indem 



die Pocken, deren Samen sehr oft von europaischen Schiffen gebracht 









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wird, nur in sehr ansehnliehen Zwischenraumen epidemisch, aber 

u auch dem Erwachsenen nur desto gefahrlicher werden. 






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Alles dies 












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_2 scheint sehr fur unsere obige Annahme zu sprechen. Der Europaer, 
** der Civilisirte kommt nun fortwahrend mit unendlich mehr Krank- 
heitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fallen ohne es selbst zu 
merken, in Beruhrung, als der im Naturzustande und der freien Na- * 
tur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewohnung von 
Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von 



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Eltern und Grosseltern her hat er 
'fahigkeit gegen solche schadliche 




Widerstands 
als sie jemals frtiher 






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Isolirte und namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst 
mit diesen Einfliissen in Bertihrung kommen, sich erwerben konnen. 
Hiergegen spricht nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvolker 

gesund etwa in Enropa langere Zeit gelebt haben. Denn in den 

' '' meisten Fallen ist da eine Gewohnung von Jugend auf eingetreten 

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verthen , wenn man die Geschichte des Besuchers, seine Natur, 
Natur seines Volkes u. s. w. bis ins Einzelne verfolgen kann. 
Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass solche Besuche nngliick- 
lich abliefen : Liholiho, der Sohn Tamehameha I. und seine Gemah- 
lin starben bei ihrem Aufenthalt in England , wo alle Sorgfalt ihnen 
zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der Krankheit ; 



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hunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte 
und dort sehr sorgfaltig pflegte, an einer ahnliehen Krankheit, kurz 
nach seiner Ankimft (Keate die Pelewinseln , Schluss) . Jetzt be- 
weisen solelie Besuche urn so weniger , als jetzt die meisten Volker 
Bekanntschaft mit der weissen Kace haben . 

Nach alledem wilrde es kein Wunder, nichts Rathselhaftes sein. 









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pfanglicher und empfindlicher sind, je weniger sie Sehntz durch 
lrgend welche Gewohnung haben ; daher denn solche Krankheiten, 
welche scheinbar unerklarlich entstehen, mit einer Heftigkeit wtithen, 
wie vor Zeiten die Pest. So erzahlt Williams (280 ff.), class bei 
jener Seuche auf Rarotonga von mehreren tausend Einwohnern kaum 
ein einziger ganz davon befreit blieb. — Die Krankheiten, welche 
am meisten so ganz spontan dem Schein nach entstehen, sind Dysen- 



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terie, Influenza, Fieber, Blutungen, Geschwiire, Husten und Haut- 

(Einige Belegstellen : Turner 9 1 ; Dieffenbach 2 , 

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krankheiten . 



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12—14; le Gobien 376; Beechey 1, 94—95.) 

Dass auch Geschwiire genannt werden, konnte auffallen. Die 
ausbrechenden Krankheiten richten sic'h jedenfalls theils nach den i 
Miasmen, durch welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz 
besonders nach der Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden 
Epidemien oder in der Nahe gefiillter Krankenhauser jede Krankheit, 
jede oft unbedeutendste Verwundung durch den giftigen Einfluss der 
Miasmen schlimmer werden , ja bis zum Tode ftthren kann, auch 
ohne in die herrschende Krankheitsform tiberzugehen : ebenso natiir- 
lich ist es , dass sich solche eingefuhrten Miasmen gerade auf den 
Theil des inficirten Organismus werfen , welch er schon zuvor, in den 
meisten Fallen 

gerade bei der Einfuhrung des Miasma irgendwie erregt oder afficirt 

Auch erklart es sich hieraus , wie bei gleichen Miasmen — 
vorausgesetzt , dass sie gleich sind; denn erne Schiftsrnannschaft 
kann leicht verschiedene zugleich bringen 

duen, wie sich das gar nicht selten zeigt (z. B. bei Turner in Mela- 
nesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei Beechey auf Pitkairn) 
verschiedene Krankheiten bekommen konnen. 







^ewiss gleichfalls unbewusst , der schwachste oder 



war. 



verschiedene Indivi- 







So erklart sich das rathselhafte Faktum (welche 



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durch die sichersten und verschiedenartigsten *Zeugnisse feststeht, , 
dass eine gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankhei- 
ten bringen kann *) . Dabei diirfen wir nicht unerwahnt lassen , was 



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Auch die Beispiele, welche Darwin a. a. 0. zur Erhartung seiner 
Hypothese von dem schadlichen Effluvium lang eingeschlossener Men- / 
schen inittheilt, lassen sich aus Obigem , wie es scheint, erklaren , ebenso ^ 



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Humboldt an sich und semen Begleitern in Oentralamerika beobach- 
tete: »Es kommt hftufig vor, sagt er 6 6, 142, dass sich bei Reisen- 
den die Folgen der Miasmen erst dann aussern, wenn sie wieder in 
reinerer Luft sind und sich zu erholen anfangen. Eine gewisse gei- 




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stige Anspannung kann eine Zeitlang die Wirkung 1m 

Ursachen liinausscliieben.« Denn aus diesem Satze 

manche Erscheinungen bei jenen spontanea Krankheiten der Natur- 

volker — so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, 



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die Krankheiten nennen , welche nach der blossen Beriihrung mit 






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den Kulturvolkern , ohne direkte Einschleppung entstehen — Er- 
scheinungen, welche sonst auffallen mlissten. So, dass diese Uebel 










wahrend der Anwesenheit der Europaer noch nicht versptirt werden, 
denn jene Schwindel- und Kopfwehanfalle der Pitkairner noch wall- t- 



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gen, 

freundlicher Besuch. 



rend Beecheys Besuch beruhten sicher, nach acht polynesischer Art, 
auf anticipirender unditbertreibender Einbildung ; dann, dass sie un- 
sleich seltener bei feindlichem Zusammenstoss zweier Racen sich zei- 

welcher freilich meist audi von kiirzerer Dauer ist, als ein 

Audi scheint es, als ob das Durchmachen 
einer Epidemic gegen Miasmen verschiedener Art abharte ; wiewohl 
es gar nicht selten ist , dass ein und derselbe Volksstamm von man- 
cherlei Seuchen nach einander (oder audi von derselben wieder) 
heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste Anfall der 

verheerendste. 

Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache fur das Aus- 
.sterbeti der Naturvolker : ihre leichte Empfanglichkeit fur Miasmen, 
welche die KulturvOlker ohne Wissen und Willen und bei eigener 
Gesundheit, zu ihnen bringen ; und die geringe Widerstandsfahigkeit 



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3. Direkt eingescfileppte Krankheiten. 



Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere Qj^ 



hinzu deren Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht , den 



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als direkt eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, 



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wir im vorigen Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie K t- 

fur den Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher ge- 
horen aber gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvol- 
ker betroffen haben : und kann man sich denken, wie verheerend 

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das Erkranken der Shropsliirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, 
als eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, wel- 
cher bie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat. 







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sie auf die empfanglichen Naturen jener Volker wirkten. Nicht 
bloss Weisse haben sie eingeschleppt : auch einzelne Zweige dessel- 
ben Stammes haben andere mit solchen Gaben bedacht. So ward 
ein boser Ans&atz von Polynesien aus Rapa nach Pitkairn ver- 
schleppt und den Bewohnern dieser Insel gefahrlich; und andere 

gleiche Beispiele finden sich. Sclilimmer aber ist, was die Weissen 
brachten, vor alien Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist zwar 
tiberall bekannt genug ? wo die Europaer hinkommen, und so also 



f^\ »**eh von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt 






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wurde (in Calif ornien nach Rollin , La Perouses Scliiffsarzfc bei La 
Perouse 2, 289 ; in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Getahrlicher 
aber ist sie vor alien fur die Polynesier geworden, denn hier begiin- 
stigte ihre Mittheilung und Verbreitun 
lichkeit dieser Volker gar sefai 



g die ausserordentliche Liider- 
und da die Polynesier durch ihre 



Liiste vielfach entnervt waren, so warden hierdurch auch die Formen 
dieser Krankheiten iminer grauenvoller. Und so finden wir sie hier 
vom aussersten Osten bis zum fernsten Westen . Auf Waihu ( Osterius) ist 
sie jetzt haufig eingeschleppt vonEuropaern (MOrenliout 1 ? 26). Auf 

Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den Kiisten, wo die Ein- 
geborenen mit den Europaern am meisten verkehren, und so sehlimm, 
dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen (Dief- 
fenbaeh 2, 17 — 25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie 
Cook selbst erzahlt dritte Eeise 2, 390 eingeschleppt; doch kann 
sie hier nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270 
gibt an , dass durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe 
finde und dass ein Fall, welcher auf franzosischer Ansteckung be- 
ruhte, so rasch todtlich verlief , dass er weiter keine Folgen hatte. 

Allein ob nicht die Art von Gonorrhoe mit ardor urinae, die er 268 
als in Tonga heimisch erwahnt, doch noch vielleicht von Cooks 
Mannschaft herstammte? Auch auf dem Gilbertarchipel und den 
Ratakinseln — denselben Inseln, wo Chamisso Anfang dieses Jahr- 
hunderts so paradiesische Tage verlebte — ist die Syphilis und an- 
dere Seuchen durch europaische Seeleute eingeschleppt (Meinicke 
Zeitschr. 398) , wie denn llberhaupt Mikronesien auch sonst sehr 
durch solche bosen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245 

Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii 
gewtithet. In Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von 
ihr bertihrt ist (Morenhout 1, 228 — 29 
zwei Ftinftel der Insel venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese ent- 
setzliche Krankheit theils gar nicht , theils schlecht geheilt und be- 
handelt wurde ? so ward sie ein Hauptmittel fur die Dezimirung der 
Eingeborenen (eb. 2 ? 405). Vankouver (1790) spricht von den Ver- 
heerungen , die sie unter den tahitischen Weibern angerichtet hatte 



und schon urn 1790 war en 



1, 111 



sie musste also schon lange verbreitet sein und ist zweifels- 



ohne gleich 



on den ersten Besuchern eingeschleppt , gleichviel ob 






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von Wallis (Anfang 1767) oder von Bougainville (1767, 15. Apr. 



genug 



Cook fand sie vor. Meinicke zwar (5, US 



versucht zu 



beweisen, dass dies Uebel in der Siidsee sclion heimisch war, vor der 



Beriihrung 



mit den Europaern : allein sein Beweis ist ihm nicht ge- 



lungen und seiner Hypo these stehen die gewiclitigsten Autoritaten 
entgegen, so Cook selbst fiir Tahiti (dritte Reise 2, 331) und fiir 

King: ebendas. 4, 379), Turnbull (291) fur Tahiti und so 



Hawaii 

noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, 



Eingeborenen fur so ganz nichtig zu halten 



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das Zeugniss der 
urn so weniger, als die 
Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das be- 
zeichneten , welches die verhangnissvolle Gabe brachte , sich also 
keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook 
a. a. 0. 390 — 91 tiber die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhliten, 
die Gesundheit der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leich- 
tigkeit, mit der sich die Kraukheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig 
auseinandersetzt , spricht gegen Meinicke. Allerdings stiitzt dieser 
sich fiir die Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook 
zuerst nur auf Atuai und Onihiau landete, er gleichwohl sclion neun 
Monate spater die Seuche auf Maui verbreitet fand — was auch La 
Perouse mit mehreren anderen Grunden medizinischer Art , die aber 
nicht ganz stichhaltig erscheinen (1, 246, 276), alsGrund gegen die 
Einschleppung durch Cook anfuhrt. Er schreibt die ersteVerbreitung 
dieser Seuche den Spaniern zu,^welche im 1 6 . Jahrhundert ofters die 
Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch auf die rasche 
Verbreitung der Krankheit , wie sie bei der Luderlichkeit und dem 
fortwahrenden Verkehr der Eingeborenen nur zu moglich war, hin- 
weisen konnte, so ist uns das fiir unsere Zwecke gleichgilltig ; genug 
die Seuche ist jetzt iiberall verbreitet in Polynesien und Meinicke 
gibt ja selbst zu , dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren 
Forinen des Unheils den Europaern verdanken. Jedenfalls sind die 
Verheerungen , welche gerade diese Krankheit in Polynesien ange- 
richtet hat, auch wenn es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetz- 
lich 

(Vergl. tiber Hawaii noch Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 
2, 271; tiber Tahiti Turnbull 291; Cook dritte Pteise 2, 331 
Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt (1852) der Gesundheits- 
zustand wieder gehoben habe 



genu 



wie altere und neuere Schriftsteller einstimmig bezeu^en. 



Virgin 2, 41 



Auch werden von 



frtiher (Cook a. a. 0. 2, 331) schon Beispiele erwahnt, wo Infizirte, 
freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga scheint, 
bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens nach 
Mariners Bericht, nicht urn sich gegriffen oder doch leichtere Formen 
nach und nach angenommen zu haben. 

Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland 
verbreitet und auch hier will Meinicke {a 2, 179) die Annahme , sie 
sei ihnen von den Europaern gebracht, als oausserst unwahrschein- 



Gerland, Naturvolker. 



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licha dadurch beweisen, dass bei der Griindung der Colonic von Syd- 
ney mid auch neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Con- 
tinentes gefunden sei. Als ob das bei dem Wandeiieben dieser 
Stamme auffallen konnte ! als ob .sie niclit schon vor der Griindung 
der Colonie rait Europaern und wahrlich niclit mit den reinsten in 
mannigfacher Beriihrung gewesen waren! Den Aleuten, bei denen 
es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265) , und den Kamtschada- 
len ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhandlern, mitgetheilt . 
Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen , sei 
es im' Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier 
seine Folgen niclit olme Gewicht fttr miser e Betrachtung. 

Bei weitem schlimmer aber und allgemeiner haben die Blattern 
gewiithet, die schlimmste Geissel aller Naturvolker. Am bekannte- 
sten ist dies von Amerika, in dessen nordlicher Halfte sie zuerst urn 



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Neun Zehntel von den Nordindianern 






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rafften sie hin ; die Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Sch warz- 
ftisse schmolzen durch sie von 30 — 4 0, 000 auf 1000 zusammen ; 
ahnlich erging es anderen nordamerikanischen Stammen, den Kra- 
henindianerii, Minetarris, Cumanchen, Rikkaris; von den Omahas 
und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen ihnen zwei Drittel, 
von den Californiern die Halfte (Waitz 1 , 161). Aelmlich wutheten 
sie unter den Volkern von Siidamerika, den Indianern von Paraguay 
und Gran Chako, den Puelchen, den Oaribea, den Araukanern, in 



l^^^rvJcu Peru, am Mar anon , in Guyana, wo ganze Volkerstamme durch sie 






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^ aufeerieben sind. Nie aber sind sie. ..wie Humboldt b 4, 224 be- 

zeugt , am oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Volkern 

ihU^ Jh Brasiliens wieder ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, 

die 17 30 — 36 von ihnen dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), 
bei den Chiquitas (Waitz 3, 533), welclie schwer von ihnen zu leiden 
hatten. Niclit minder heftig aber traten sie bei den kultivirten Stam- 

men Amerikas auf. 

In Mexiko bracken, nacli Torribio , die Pocken eingeschleppt 

■}/**• (/%*rht ***** durch einen Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich da- 



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mals die Halfte der Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97) ; nach Her- 



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rera traten sie schon 1518 auf (Poppig 37 3) und schon 1517 mit 
denselben Verheerungen , olme jedoch einen Europaer hinzuraffen, 



auf den Antilles*, zu deren Entvolkerung sie wesentlich beigetragen 

Amerika, waren die Verwiistungen so 



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haben. Ueberall, in 

arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben , weil es an Han- 












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den hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn die 



Pocken ausbrachen, die Indianer im aussersten Entsetzen vielfach 
ihre Htttten verbrannten. ihre Kinder todteten und in die Einsamkeit 
flohen (Humboldt 5 4, 224) ; oder dass z. B. die Chilesen die Htttte 
mit sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1 , 161). 



Waitz ist der 




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sprechen dafur , dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, 
als Krieg mid Branntwein zusammengenommen ; dass ihr gewiss 
die Halfte bis zwei Drittel der Urbevolkerung Amerikas erlegen sind. 

Allein nicht bloss auf Amerika beschranken sich die Verhee- 
rungen der Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen 
russischen Soldaten, in Kamtschatka aus mid wiitheten wie die Pest : 

nicht weniger 

sollen ihnen erlegen sein. 















als 20,000 Kamtschadalen, Kuriler und Koriaken 



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Ganze Dorfer starben aus und Cooks /j^l^f 



Reisebegleiter fanden selbst noch eine Menge ganz leer stehendei 
Dorfer vor. Ein anderes, vor der Epideinie mit 360 Menschen be- 
vSlkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4 ? 174 — 75 
Aelinliche, wenn audi minder starke Epideinien traten 1800 und 
1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei 
dem schon lange immer mehr urn sich greifenden Schwinden der Be- 

kleinen 

Dorfern des Inneren), welche vorher meist 30—40 Einwohner hat- 









volkerung 



so verheerend wirkten , dass in den Ostrogen 






ten, nachher meistens nur 8 — 10, in einigen wenigen 15 — 20 Be- 
wohnertibrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52. 2.Theil, 2.Abtheil. 

Cap. 8 / 

Auf Neuholiand brachen die Blattern zuerst 1789 aus und ver- 
witsteten ganz Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordkuste 
hin das Innere von Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese u - ^ 




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Seuche entstand nach Meinicke a, a. O. ohne Einschleppung spontan ?3te^£* i 




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unter den Eingeborenen. Von einer furchtbaren Pockenepidemie 
auf Ponapi (Puinipet, Banabe, Carolinen) erzahlt die Novarareise 



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2 395 : die Krankheit war durch einen englischen Matrosen ein- &<u<* U^U*^^ 








geschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000 blieben tibrig. Auf 
der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5—6000 Menschen 

(Waitz 1, 176). ' 

Auch die Hottentotten , wenigstens in der Nahe der Capstadt, 

sind wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346). 

Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rdtheln 
schlimm unter den Naturvolkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, 
im Mosquitolande (Waitz 1, 162), in Neuholiand (Darwin 2, 213) ; 
und noch gefahrlicher verschiedeue Fieber, welche z.B. die Oregon- 
indianer schwer heimsuchten , die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 

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auf 500 zusammenschmolzen und zwar so schnell, dass die Zahl der 
Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten zu begraben (Wilkes und 

Hale bei Waitz 1, 162, 

Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekom- 

men, denen die Naturvolker vor dem Auftreten der Europaer unter- 

worfen waren. Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, 

doch finden sie sich auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der 

Ostkuste von Neu-Seeland wiithete , und zwar so heftig und rasch, 

dass auch hier nicht alle Todten begraben werden konnten (Dieffen- 



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bach 2, 12—14) ; so die Fieber, welclie, wie es scheint, dureh das 
Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind (Humboldt 6 4,215), 
so und vor alien jene berilchtigte mexikanische Krankheit, Matla- 
zahuatl von den Eingeborenen genannt , ein furchtbares, dem gelben 
Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen , das schon lange 
vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert 
unter denTolteken, die dainals noch inNordamerika waren, herrschte 
Humboldt a 4, 379), wie sich denn ttberhaupt die Krankheit mit 
Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige 
Kage in beiden amerikanischen Halften seit undenklichen Zeiten un- 
ter worfen ista (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wtt- 
thete, geht aus den Zahien hervor, welche Torquemada fur die beiden 
Epidemien 1545 und 1576 angibt : 1545 sollen 800,000, 1576 zwei 



Millionen Indianer gestorben sein 



Humboldt a 1 , 97 



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Humboldt, obgleich er sich verwahrt, Torquemadas Glaubwurdigkeit 



anzuzweifeln , Kecht haben 



und er hat es gewiss 



dass diese 



Zahien nur auf ungefahrer und ungenauer, vielleicht iibertriebener 
Schatzung beruhen : 



audi wenn wir die Ziftern halbiren , welch 
furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch ! Humboldt 



meint (a. a. 
einmal zeige 



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dass audi diese Krankheit sich alle hundert Jahre 



da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761 
und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wiithete, aufstellt, so ist, 
wenn anders die Periodicitat dieser Krankheit richtig ist , ihr Er- 
scheinen in den einzelnen Jahren dann auf Stamrne und Landschaften 
eingeschrankt, welche sie f ruber merit batten. 

Einen Hauptgrund fur die furchtbare Wirksamkeit soldier ein- 
geschleppter Krankheiten , auf den wir spater zuruckkommen, fiihrt 
^ Humboldt an, wenn er a 4, 410— 11 sagt : »Die Niedergeschlagen- 

heit des Geistes und die Furcht vermehren natiirlich die Pradispo- 

uin die Miasmen aufzunehmen ; daher es kein 



gane , 



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Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich dann besonders hel 

tig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern eingeschleppt warden. 



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§ 4. Behandlmig der Kraiikeu b 




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Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvolkern dureh 
die eigene Natur derselben getahrlich genug wares , wurden es noch 
mehr dureh die ganz verkehrte Art, mit der jene V r olker Krankhei- 
ten behandelten. Die Syphilis ward dadureh so getahrlich in Poly- 
nesien, dass man sich theils gar nicht uin sie kiimmerte, theils aber, 
wenn man es that, das Uebel nur vermehrte. So glaubte man in 
dem berauschenden Kavatrank , der aus den Wurzeln des 






















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methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie gefunden zu haben, 
und es konnte doch nichts Gefahrlicheres angewendet werden, als bei 
dieser Krankheit dieses Mittel ; das derm auch nicht verfehlte, die 
Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen (Morenhout 
2 405). * In Amerika wendete man gegen die Blattern vornehmlich 



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Dampfbader mit unmittelbar folgenden kalten Abwasclmngen an und / ' 



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richtere Mittel ; naturlich wurde scnon durcn cuese ivuren aie J^ranK- ^ 
lieit fast immer todtlich. Dass sich aber diese Volker bei neuen 
unerhorten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht 
Wunder nehmen , wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenuber 
fur gewohnlich zu benehmen pflegen. 

Die Neuhollander haben fur ihre Kranken nur eine Ceremopie 
der Priester, welche den bosen Geist, der im Kranken sitzt, oder 
den Zauber, der ihn.krank maeht, beschwort, indem er unter allerlei 
Faxen einen Stein, meist ein glanzendes Stuck Quarz, aus dem Kran- 
ken zieht und darait ihn vom Zauber, der in jenen Stein eingeschlos- 
sen ist, befreit (Grey 2, 337). Da nun jede Krankheit auf Bezau- 
berung beruht und zwar haufig auf Entziehung der Seele, welche im 
Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in einigen Gegen- 
den der Kranke mit dem Nierenfett dessen , den man fiir den ver- 
steckten Morder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet g 
(An2:as 1 123), bestrichen ; oder man versucht die Krankheit aus 



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dem betreffenden Glied auszusaugen , durch Aderlass zu entfernen, 
den bosen Geist, indem man den Kranken knetet, schlagt, tritt und 
sonst misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die 
Neuhollander im Behandeln ausserer Verletzungen ; auch haben sie 
manche rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm 

Thierleben 5, 262 

^ So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Na- 

turvolker zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer 
Kranke schon als todt betrachtet , aufgeputzt und ausgestellt (Wil- 
liams und Calvert 183) ; Rucksicht nimmt man v auf sie durchaus nicht, 
hat vielmehr, da man sie ftir boswillig halt und glaubt, dass sie die 
Gesunden nur absichtlich qualten , nicht das mindeste Mitleid mit 

Sehr gewohnlich 



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ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in Melanesien. 

werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder ausgesetzt 

auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue Hebriden) 

man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht Andere an- 

stecken konnen (Turner 444) ; man ^ & w w . — / 

rer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der ^ 

eine Negritobevolkerung der Gebirge Luzons mit 
de la Gironiere A ventures dun gentilhomme Bre- 

In andern Gegenden Melanesiens 



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man begrabt sie und andere schwe- 



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Philippinen , 

Schwerkranken 

ton aux iles Philippines 325). 

(auf den kleinen Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken 







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ans Meeresufer und essen , was sie konnen, da nicht uiehr essende 
Kranke sofort getodtet werden. Kranke Glieder schniiren sie ein. 
urn den Damon, der die Krankheit verursacht, zu fangen (Reina in 

lit alle Krankheit ftir Behexung 



Zeitschr. 4, 360). Denn audi hier 



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(Turner 18—19). obwohl auch die Melanesier Aderlass itnd derar 
tige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien todtete man ent- 
weder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff ins Meer 
stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei an 
so auch auf den Marianen fie Gobien 47 

Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft 
ermordet, oder doch ganz gleichgiiltig behandelt, wo denn jeder 
Kranke fur sich sorgte, so gut es ging, d. h. in den Walcl oder die 
Einsamkeit ging und entweder gesund oder gar nicht wieder zurtick- 
kehrte. In Nukuhiva Melt man Schwerkranken Mund und Nase zu. 










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/hu,i^A^^ llm den Geist festzuh alten (Mathias G***, 115); ebenso in Stidame- 







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rika bei den Moxos (Waitz 3, 538 ; 5 151). In Tonga bestand die 
Behandlang der Kranken fast nur darin , dass man sie von einem 
Tempel zum andern schleppte , um die Priester und Gotter ftir sie 



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,JfT anzuflehen; je kranker Jemand fat, je weiter schleppt man ihiitar- 

und fuhrt seinen Tod naturlicherweise gerade dadurch herbei (Ma- 
. riner 1 , 110; 362 ff. u. sonst) . Oder man opferte wie in Tahiti und 
% sonst in Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vor- 




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aehmeren zu erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht 
ungeschickt und sie wagten sich an gefahrliche Operationen. Auch 
war Skarifikation und der Gebrauch gewisser PflanzensafteJn An- 

wendung (Mariner 2, 267—270). So wie bei ihnen, so gilt auch 
sonst in Polynesien Krankheit als Bezauberung, oder als Rache und 
Strafe der Gotter; in Neu-Seeland (Dieffenb. 2, 59 ff.) ; in Tahiti 
(Bratring 181—82, Morenh. 1, 543); in Nukuhiva (Math. G. 228, 

und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1 , 129). Daher waren auch hier 
die haufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf Neu-Seeland scheint 
man etwas zweckmassiger verfahren zu haben. Wenigstens kannten 
die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen und wendeten 
sie ftir kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den Kranken 
leichtere Kost, gebrauchte Dampfe von Pflanzenaufgiissen (Pflanzen- 
aufgiisse kannten auch die Marianer nach le Gobien) , Einreibungen 

Dampfbader 
und darauf unmitte,lbar folgende kalte Abwaschungen waren gleich- 




























/ ' tiJ falls gebrauchlich (Morenhout 2, 164) und Kneten der Glieder tiberall 
/t^ > ft /^ verbreitet : in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti hielt 

man jede Krankheit ftir Wirkung gottlichen Zornes und es gait daher 

u }. ftir siindlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260) , gegen die sie 

\aueh einen uniiberwindlichen Abscheu haben 




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292). Wird ein Ein- 
geborener dieser Insel krank , so wird er sofort von alien Angehori- 
gen und Landsleuten gemieden ; er ist ganz hilflos und auf sich allein 



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angewiesen , ein Verfahren , welches sich bitter genug racht : denn 






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die bei ihnen gewohnlichsten Uebel sind solche , 



ger Pflege leicht heilen , bei Vernachlassigung aber todtlich werden 
(Turnbull 260 u. 292). Als Chirurgen waren auch sie wie alle Po- 
lynesier geschickt (Morenhout 1 , 161 

In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe: Denn auch die 
Mexikaner, obwohl tiichtige Chirurgen und mit mancherlei medizini- 
schen Mitteln bekannt , setzten ihre festeste Hoffmmg auf aberglau- 



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1 74). Die Californier versuchten durch 










Anblasen und Aussaugen des kranken Gliedes oder dadurch, dass 
sie andere opferten oder verstiimmelten , die Krankheit zu heben 
(Waitz 4, 250). Aussaugen, Anblasen, Keiben gait auch auf Haiti / 
als Hauptmittel , so wie denn , merkwiirdig genug, hier die Aerzte 
dieselbe Ceremonie anwandten , welche die I 

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haben : sie zogen dem Kranken einen Stein und mit ihm den Anlass 
aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden, wie in 



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Mikronesien , 



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327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Kor- 
per des Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter 
den Payaguas (Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, 
obwohl man einige Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader 
liess, fast durchaus auf Zauberei hfierfindflt. LWaitz A 463). In 





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Nordamerika nun waren bei fast alien den minder kultivirten Volkern 
die Aerzte ganz und gar Zauberer, die Krankheit nur Besessenheit, 
der bose Geist Avard daher , zur Kur, ausgesaugt und ausgespieen, 
oder durch Blasen , Kneten, Schlagen und ahnliche Mittel entfernt 

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(Waitz 3, 213 



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Auch in Siidamerika ist Zauberei, Aussaugen 



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Anblasen u. s. w. Hauptmittel und fast tiberall der Arzt zugleich 
Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur natiirliche Mittel, 
Pteiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne Erfolg, inner- 
liche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286 — 87 
nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den 
Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberef 
auch manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) 




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1 ? 170), den Cariben (2. 427 



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den Araukariern ., welche indess neben den Zauberarzten auch noch 
andere und tuchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519) den Feuer- 



landern (Bouqainville 130) u. s. w. 



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Danipfbader sind sehr allgemein verbreitet und bei fast alien 
Krankheiten angewendet ; so bei den Mexikanern und bei den alten 



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ebenso in Nordamerika (3, 217), in'Sud- 






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amerika bei den Makusi (Schomburgk % 333) und sonst. 

Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das 
Heilverfahren der Aleuten. ,; 

Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wir- 



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kungen von Zauberei und bosen Geistern, und behandeln sie darnach: 
durch Beschworung u. dergl. , doch wendet der Zauberer oder die 
Zauberin dabei audi andere., innerliche und ausserliche Heilmittel 
an. Wunderbarer Weise findet sich denn audi hier, wie auf den 
Antillen , jener sonderbare neuhollandische Gebrauch wieder, einen 
Stein — hier einen Knochen — 















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- — unter mancherlei Ceremonien aus dem 

Leibe (Mund, Ohr, Riicken a, s. w.) des Kranken, der ihm einge- 
hext und der Sitz der Krankheit sei, hervorzuziehen , damit jener 
genese (Sparmann 197 — 98). Ihre Giftarzte sollen freilich sehr 
ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben, und die Colonisten 
^/ haben, was sie von Heilpflanzen der siidafrikanischen Flora kennen, 
-fu&f erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Aliein Schwer- 

kranke, Alte und Hillflose setzen die Hottentotten haufig aus (Spar- 
mann 320) ; Sterbende schiittelt und stosst man, gewiss urn den 






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Damon der Krankheit zu verscheuchen, liberhauft ihn mit Vorwiir- 
fen, dass er die Verwandten durch seinen Tod betriibe, bittet ihn zu 
bleiben u. s. w. (Sparmann 273 

Die Zauberer aber gerathen sehr haufig , wenn ihre Kur nicht 
anschlagt, in Gefahr, von den erbitterten Angehorigen arg gemiss- 
handelt oder getodtet zu werden. Fur Amerika bringt Waitz und 



die angefiihrten Autoren eine Menge Beispiele bei : fur Afrika gentlge 






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ems, welches bei Sparmann 198 erwahnt wird : ein Pttrst, der an 
schlimmen Augen litt und von den Zauberern nicht geheilt werden 
konnte , liess diese alle umbringen , weil er glaubte , dass einer von 
ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine Heilung verhiite. Denn 
jeder ungltickliche Ausgang einer Krankheit gilt ais bewirkt durch 
starkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien. . 











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§ 5. Geriilge Sorgfalt der ffatiirvdlker filr ihr leibliches 









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Indess , da ja Krankheiten die Naturvolker in ihr em gewohn- 
lichen Zustand nur wenigplagen, so mochte alles dies Verkehrte, 
und wenn es manchem Kranken den Tod brachte, doch nicht allzu- 
viel fur ihr Hinschwinden bewirkt haben ; viel gefahrlicher ist die 
geringe Sorge , welche fast alle Naturvolker auf ihre leibliche Pflege 
verwenden und verwenden konnen. Freilich sind sie abgehartet 
gegen Vieles durch eigene Gewohnung und, wodurch diese erst in so 
hohem Grade ermoglicht wird, durch Vererbung ; und so ftthlen sich 
auch noch die Feuerlander, nach Darwin die elendesten und nieder- 
sten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes Obdach, 
auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kummerliche Nahrung 



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und diese nur mit Miihe findend , nach ihrer Art wohl und begehren 

nichts Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schnee- 

* ^wnsten, die Neuhollander an ihre unfriiclitbaren Steppen, die ihre 

wandernde Lebensart bedingen , die neuhollandischen Weiber an ein 
Leben voll Last und Miihe, an die schrecklichste Behandlung ge- 
wohnt, so weit menschliche Natur sieh gewGhnen kann. Trotz aller 
Gewohnung aber hangt es mit der Lebensart derNaturvolker zusam- 
men, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit den Europaern, 
bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur erlangt 
hatten, verhaltnissmassig so geringe Bevolkerungsziffern aufweisen ; 



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wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz be- 



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merlich gedeiht — 
i sonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter 
'T* Ausspruch, die Naturvolker seien deshalb korperlich so kraftig, weil 
^ alle schwachlichen Kinder ohne weiteres erlagen; so z. B. Hum- 

boldt b 2, 189. 

Nicht bloss schwachliche Kinder erliegen indess : und diese Sterb- 
lichkeit der Kinder ist das erste , was wir hier zu betrachten haben. 
Die Feuerlander , deren Wohnung nieht den geringsten Schutz bietet 
(Darwin I, 228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas 












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aus (eb. 229 



Fast alle Indianer in Nord- und Sudamerika fiihren 
Wanderleben : und iiberall hin werden die Kinder 



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von den Miittem mitgeschleppt , auf den rauhesten und weitesten 
Marschen und oft noch , wahrend sie durch aufgelegte Bretter und 
andere gewaltsame Mittel (um ihrem Kopf eine eigenthiimliche Ge- 
stalt zu geben) in der naturlichen Entwickelung gestort sind. Schon 
bei der Geburt werden viele Kinder sterben. Denn iiberall ist es 
Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt sich in den Wald begiebt 
dort allein gebiert, sich selbst die Nabelschnur abschneidet und unter- ^ *^l 
bindet, dann sich und das Kind sogleich in kaltem Wasser badet und 
nun zuriickkekrt, nicht etwa zur Pflege, sondern zur erneuten 






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166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und in Nord- 
amerika sehr vielfach (Waitz &, 98). Die Nahrung aber, welche ein 
Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an 
und fur sich schadlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrseht 
noch unter den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter 
Diat (Waiz 4, 196). Die Nahrung wird ihnen auch noch beschrankt 
durch die eigenthumliche Sitte , neben den Kindern Thiere, Affen, 
Beutelratten u. s. w. zu saugen, was die Makusi, die Waraus, die 
Cariben und verschiedene andere Volker thun (Schomburgk 2, 315. 



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1, 167). 



Von der schlechten Wartung der Kinder 



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wenn sie krank 



sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz , in welchem sie 
aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana Abschreckendes 
erzahlt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch lieben 



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die Amerikaner in Nord - und Stldamerika ihre Kinder aufs 
innigste. 

In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt so- 

fort Dampfbader mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neu- 

seeland gleichf alls , wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben 

und eher schwimmen als laufen konnen (DiefFenbach 2, 24 — 25, 

'Ellis 1, 261 und Morenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Mel- 

' ville 2, 191). Hautkrankheiten, und zwar sehr btfsartige der Kinder 

(jaws, framboesia) werden ofters erwahnt, z. B. in Tonga, wo die 

Kinder gut gepflegt und sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und 

in Ponapi (Cheyne 122). Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den 

Kindern wegen Mangel an Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1 , 

268) und ebenso in Tahiti (Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die 

tahitisehen Kinder; obwohl dem Aussehen nach dick und gesund, doch 

bis zu einem Alter etwa von 12 Monaten sehr zart und hinfallig 

^ ; waren (1, 260). Formation des Schadels durch Piatt- und Hoch- 

driicken war in Tahiti sehr haufig 1, 261. . Auch auf Mikronesien 



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ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (LordiNorth, ausserstes 
Siid-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach der Ge- 
burt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of the 
Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und 
ebenso auf Katak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter 
vorkaut ; schadlicher aber als diese N aiming ist ihnen die Unregel- 
massigkeit, mit der sie tiberhaupt etwas bekommen (Gulick 180 — 181 
daher denn auch hier die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in 
Polynesien saugen die Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, 
wie z. B. die Hawaierinnen nach Remy XLII Hunde und Schweine. 

In Melanesien ist es nicht besser : die Kinder werden nicht ge- 
pflegt und mttssen von der Geburt an das Leben der Alten mit- 
machen. In einigen Gegenden Neu- Guineas (Finsch 103) wird der 

Gebarenden fortwahrend kaltes Wasser iiber den Kopf gegossen , ist 
aber das Kind geboren , Mutter und Kind sofort kalt gebadet und 
dann einer moglichst starken Hitze neben einem lodernden Feuer 
ausgesetzt, und so abwechseind weiter. Je heisser und langer Mutter 
und Kind diese Hollenkur vertragen, ftir desto gesunder gelten beide. 
In einer anderen Gegend hatte eine Fran ein unlangst erst geborenes 



U >.^U^ Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nahe ; als 










Fremde kamen, 



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ub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den 



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Sand und arbeitete fort (eb. 63 

Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland : 
von vieren wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), 



























was sich aus der Behandlung , die ihnen zu Theil wird , und die nur 
ausserordentlich starke Kinder iiberstehen , erklart. Kaum geboren 
wird das Kind in ein Opossumfell gewickelt, lib er all mit hinge- 
schleppt und meist im hochsten Grade nachlassig behandelt, dem 



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Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey -2, 250—251). Dies Wan^ 
derm ftihrt audi Darwin (2, 213) als Grand der Sterblichkeit unter 
den Kindern an , und es ist beachtenswerth , was er zusetzt : »Wie 
die Schwierigkeit , sagt er ? sicli Nahrung zu verschaffen, wachst, so 
wachst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die Bevolkerung 
ohne eigentlielien Hungerstod auf eine so ausnehmend gewaltsame 
Weise zurtiekgehalten , im Vergleieh mit civilisirten Landern, wo 
der Vater seine Arbeit mehren kann , ohne den Sprossling zu ver- 
nichtencc Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkurzt, 
dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere , Hunde i saugen 
Grey 2, 279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt 
urn so mehr, als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein 
grosser Schatz fitr den jagenden Eingeborenen und die Nahrung!fur 
die jungen Thiere ist gewiss oft genug selten. 

Kurz aber mit allem Nachdruck miissen wir hier erwalmen, n 
dass auch das Tattuiren , was in ganz Polynesien haufig betrieben v 
wird, haufig den Tod nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man 
















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nur eben heranwachsende dieser Operation unterwirft, so wird -^ 




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der Jugend auch durch sie ein nicht zu unterschatzender Abbruch 

gethan. 

Wichtiger freilich 9 weil eine Sache von grosstem Einfluss auf 

das leibliche Gedeihen der Naturvolker , ist die oft iiber alle Begriffe 

schlechte Behandlung der Weiber. So vor alien Dingen in Neu- 

holland. Die armen Weiber miissen, schwanger oder nicht, mit ' 

allem Gepack und oft noch mit 1 — 2 Kindern beladen, dem Mamie, 

der nur das Jagdgerath tragt, folgen ; sie miissen, kaum angekommen, 

alle Arbeit fur den Haushalt besorgen, die Hiitte aufschlagen, Feuer *- - ; _ 

machen, Wurzeln, Muscheln erst suchen, dannkochen, fur den Mann, \ 

die Kinder alles Nothige bereiten, und dann, wenn sie bei alle dem. -_ \ 

oft aufs brutalste behandelt sind , dem Manne Nachts geschlechtlich / - 






zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie finden, ist fur den Mann 
und ihre Sohne ; sie durfen erst essen, was diese iibrig lassen und wenn 
sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag fttr Tag : denn von dem , was 
sie noch ausser diesem gewohnlichen Elend besonderes Schlimmes 






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z. B. die Art, wie sie von den Mannern zur Ehe geraubt wer- 
den) , brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger Umstand ist 
ferner , dass ihre Pubertat schon mit 1 1 oder 12 Jahren beginnt und 
sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man zu alle „/ 



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dem nun noch hinzu , dass sie ihre Kinder sehr lange saugen, oft bis 
3 Jahre (Grey 2, 248—250) ja langer (4 — 6 Jahre nach Salvado 3 1 1 
so wird man sich nicht wundern , dass die Lebensdauer dieser Un- 
gltlcklichen, die nichts desto weniger oft ganz frohlich sind und ihren 







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Weiber als Manner gibt , im Verhaltniss wie 1 : 3 nach Grey , nach TV 
anderen wie 2:3 — ein Umstand indess, der wahrscheinlich mit be- 






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dingt ist durch die Sitte , neugeborene Madchen umzubringen , von 
der wir spater reden mtissen. 

Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, 
sagt Humboldt b 2 3 1 92, sind bei den Chaymas, wie bei alien halb- 
barbarischen VSlkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas 
Abends aus ihren Garten heimkommen sahen , trug der Mann nichts 



Weg 



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Das Weib ging gebiickt unter einer gewaltigen Last Bananen und 
trug einKind auf demArm und zwei andere sassen nicht selten oben 
auf demBundek. Aucli die Botokudinnen mtissen , wie ihre Leidens- 
genossinnen in Neuholland, aile Arbeit thun, alles Gepack schleppen 
und sich dann noeh von ihren Mannern aufs roheste misshandeln 
lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzahlt Schomburgk von den Be- 
wohnern Guyanas (2, 313; 1, 122ff.) und mit einem sehauderhaften 
Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch 
harter ist das Loos der Weiber in Nordamerika i wo sie auch die 
Feldarbeit thun mtissen (Humboldt b. 2, 293) und noch roher miss- 



(Waitz 



Mrs. Eastmann, welche langere Zeit 



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selbst mit den Dakotas gelebt hat und daher diese Volker genau kennt, 



Waitz 



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Die Ar- 



beit des Weibes wird nie fertig. Sie maeht das Sommer- und Winter- 
haus. Fttr jenes schalt sie im Fruhling die Rinde von den Baumen, 
fur dieses naht sie die Rehfelle zusammen. Sie gerbt die Haute , aus 
denen Kocke, Schuhe und Gamaschen fttr ihre Familie gemacht wer- 
den und muss sie abschaben und zubereiten , wahrend noch andere 
Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich 
nicht ruhen und pflegen. Sie muss fur ihren Mann das Rudern des 
Kahnes ubernehmen, Schmerz und Schwache wollen dabei vergessen 
sein. Immer ist sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zeit, sie gibt dir 
gern 3 was du brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut 
bereitwillig ? was sie kann 7 urn es dir bequem zu machen. In ihrem 
Blick ist wenig Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn 



gerunzelt und ihre Wange ^efurcht 



hat. 



b ^*cnv, U i, lint. Mangel, Leidenschaft. 
Sorgen und Thranen haben es gethan. Ihre gebtickte Gestalt war 
einst anmuthig, Mangel und Entbehrung erhalten die Schonheit 
Z* schlechtcc So kommt es vor, dass Madchen von ihren Eltern getodtet 

werden , urn sie dem elenden Loos , das ihrer wartet , zu entziehen : 
und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Biirde ihres 






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3, 181). Die Speisen des Mannes dnrften die Weiber 
nicht theilen ; ja oft nicht einmal mit den Mannern zusammen essen 
(Schomburgk 2, 428), eine Sitte, die auch iiberall in Ozeanien 
herrscht und ihren letzten Grund in religiosen Anschauungen hat. 

" irch sie den Weibern meist die wirlclir.h e>nten nnd nahv- 



























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haften Lebensmittel untersagt, was bei ihren schweren Arbeiten von 
doppeltem Gewichte war. In Poly- und Mikronesien (in Melanesien 
herrschten Sitten , die den australischen naher kommen und Fidsehi 
steht zwjsehen beiden) war die Stellimg der Weiber nicht schlecht ; 
allerdings waren sie meist von der Gesellschaft und den Geniissen 
der Manner ausgeschlossen , docli empfanden sie dies sowie die Pro- 
stitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die Sitte nun 
einmal mit sich brachte und man sie sonst als Freudenspenderinnen 




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dich schlecht scheinen sie nur in der Paumotugruppe 
behandelt zu sein , von wo und zwar von Mangareva Morenhout 2, 
71 schreckliche Beispiele ausserster Bedriickung und grausamster 
Misshandlung erzahlt. Wahrend an den meisten Orten den Weibern 
so gut wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und 
dergl. obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147 /r 
so miissen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neusee- 
land (Dieffenb. 2, 12). Fruhreife der Weiber ist in Polynesien sehr 












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gewohnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertat friiher als bei uns 
doch spater als in Siideuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 
sind sie schon mit dem 1 1 . Jahre heirathsfahig und friiher coitus ist 
auf der ganzen Insel gewohnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand 
es Cook auf Tahiti (*, 126—127). Dass sich lljahrige Madchen 
den Fremden anbieten, ist gar nicht selten : es soil audi noch jiingere 
geben , die es thun. Die Geschlechtsentwickelung auf den Fidschi- 
inseln fallt spater : fur die Madchen ins 14., fur Knaben ins 1 7. oder 
18. Jahr (Wilkes bei Waltz 1, 126). Audi in Amerika reifen die 
Weiber sehr frill 1 (Azara an vielen Stellen 




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Schomburgk 



1, 123 



sah unter denWaraus in Guyana eine Frau von kauin 10 Jahren, die 
dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188 sagt, dass 
die Chaymasweiber mit 11 — 12 Jahren sich verheiratheten , erzahlt 

von den Eskimos der Xordwestkuste von Amerika, den 















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bei denen liaufig 1 




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Koriaken und den Kamtschadalen (190 

Madchen Mutter sind. Er meint zwar, dass diese fruhzeitigen Hei- 

rathen der Bevolkerung nichts schadeten ; jedenfalls aber hangt das 









friihzeitige Verbluhtm der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; 
Schomburgk sagt in Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Friih- 
reife zusammen. Doch gibt es Stamme in Nordamerika , wo die Ge- 
schlechtsreife viel spater eintritt (Waitz I, 125) Thunberg sah bei 
den Hottentotten hinwiederum Madchen von 11—12 Jahren , welche 
schon Kinder hatten (25 — 26*) 



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*) Diese Fruhreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190 
will , Ragencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung , dass ^ 



sich mancherlei Beispiele von spater Entwickelung auch unter den , 



Amerikanerinnen findet ; und sodann , dass fast bei alien Naturvolkern 
die Mannbarkeit so friifa eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen 






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Zu dieser frtlhen Entwickelung koinmt nun ein sehr langes Sau- 

und in Polynesien 1st es 

— so saugen auch 



Wie in Neuholland die Weiber 



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ebenso, nach Dieffenbach a. a. 0. und anderen 
die Amerikanerinnen ihre Kinder ofters bis ins 12. Jahr .und dies 
Saugen wird, wenn die Mutter mittlerweile durcli ein 2. Kind bean- 
sprucht wird, von der Grossmutter fortgesetzt! Die Indianerinnen 
behaupten, im Besitz eines Mittels zu sein, welches ihnen langer und 
unerschopflicher die Milch erhalte (Schoinburgk 2, 239. 315 

eine solche Lebensart , welche auch bei den Hottentotten 




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urn nichts besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frtih- 
zeitig welken lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der 
Manner vielfach auch vollkoinnien aufreibend durcli das Uebermas? 



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von Anstrengungen , was sie mit sich bringt. Man denke auch nur, 
was es heissen will , Tag fur Tag , bei oft ganz ungenttgender oder 
durcli ihre zu reichliche Fiille schadlicher N aiming, fortwahrend um- 
herzuziehen, liber endlose Strecken dem Wild nach, in den Anstren- 
gungen der Jagd oder des Krieges und dabei alien Unbilden des 
Kliinas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in Neu- 
holland oder deuiFeuerland oder unter den Wander stamm en Amerikas 
ein so holies Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ra- 
takinseln und San % Vitores (nach le Gobien 4 7) auf den Marianen 
fand, wo lOOjahrige Greise nicht selten waren, wahrendGrey schon 
70 Jahre als holies Alter unter den Neuhollandern betrachtet (2, 
247 — 248j, aber gleich hinzusetzt, dass bei der grossen Sterblich- 
keit der Kinder, die mittlere Lebensdauer bei ihnen viel geringer als 

Azara freilich erreichen die brasilianischen 



in Europa ist. 



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Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen ilberall gleich 
bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei den 
Kamtschadalen und anderen Volkern in so hohen Breitengraden finden 
wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z. B. in der heissen Zone zeigen 
sie nicht. Waitz 1, 125 fiihrt die animalische Nahrung und die hoheTem- 
peratur in den Hiitten vieler dieser Volker als Grund an. Allein auch dies 
trifft nicht bei alien zu. Sollte nicht der Grund der friihefn Mannbarkeit 
der sein , dass einmal bei der ganzlichen Schrankenlosigkeit der Natur- 
volker die Wunsche friiher erregt und ferner die Madchen zu f rtihe begehrt 
werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen seine Wir- 
kung zeigen. Die Gewohnung vererbte sich immer mehr, setzte sich durch 
Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die Geschlechtsfunk- 
tionen wirklich friiher , als es der menschlichen Natur eigentlich normal 
ist. So wiirde sich diese Erscheinung bei alien Naturvolkern gleich gut 
erklaren : und man lernt taglich Gewohnung und Vererbung mehr in ihrer 
Bedeutung fur die Geschichte der Menschheit schatzen. Dass Klima unci 
sonstige Lebensweise mit gewirkt haben , soil damit nicht abgelaugnet 
werden ; nur sind sie bei den Naturvolkern von untergeordnetem Einfluss, 
und die Einwirkung von Gewohnung und Vererbung ist gewiss die Haupt- 
sache. Nirgends ist der Einfluss desWillens, der Wunsche und Gedanken 
so gross , als gerade im geschlechtlichen Verhaltniss. - 










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Stamme ein sehr holies Alter : er will unter den Payaguas mehrere 
Manner f gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt waren 
(270; vgi. 173). Die Polynesier, uberliaupt die Bewohner kleiner und 



meist gentigend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein soldier Wohn- olM- 



ort nach anderen Seiten sein mag , sind in dieser Beziehung besser 





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gestellt , da schon die Oertliclikeit ihrer Heimath solche tibermassige 
Anstrengung verhiitet ; die langen und duiinen Gliedmaassen , die 
vorhangenden Bauche, die verkommene Gestalt aber der Neuhollander 
ist zweifelsohne nicht Ragencharakter (an einem anderen Ort gedenke 
idideiiNacliweiszufuhren/dassdieletzteren gleichfalls ein Zweig des 






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malaiopolynesischen Stammes sind) , sondern durcli die mtihselig'e Le- ^ "**$ a ^ y 



bensart , das ewige Wandern / die Unregelmassigkeit der Nahrung 
hervorgebracht. Und natiirlich steigert sich alle diese Noth durch die 
Ausbreitung der Europaer, durch welehe die Jagdthiere der Natur- 
volker sehr rasch zusammenschmelzen ; ja sie steigert sich durch sich 










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selbst und ihre eigene lange Dauer, da die Thiere, stets verfolgt, 7h * 
dadurch imnier scheuer , die Jagd immer schwieriger wird , wie von 
Tschudi 2, 279 von Sudamerika bezeugt. Audi werde, urn nichts zu 
ubergehen, wenigstens beil&ufig an das erinnert, was Tschudi eb. 290 
sagt 3 dass niangelnde J agdbeute die Volker nothigt , ihre Jagdzuge 







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r weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen; >*£«■ 



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dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende 
Kampfe um die Existenz entwickeln . Auf beschranktem Terrain war 
Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge audi der vor- 
siehtigsten Jagd ; so in Neuseeland , wo die grossen Jagdvogel , die fd**~f 
Moas (Dinornis ; Apteryx) , nach und nach ausgerottet sind von den 
Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum 
grossten Theil , und zwar ohne Scliuld der Maoris : die Vogel ver- 
mehrten sich langsam und wurden bei ihrer Unbehlilflichkeit und dem 



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^ * /ticht sehr giinstigen Terrain leicht die Beute der Jager. So starben 

sie aus ? ohne dass man jenen ein blindes Wtlthen gegen die Jagd- 
phiere vorwerfen dlirfte. 



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Betraf dies nun ihre Lebensart ini Allgemeinen , so miissen wir ' ? f-* 7 *^ 




nun nocli von einzelnen Punkten speziell reden. Zunachst die Nail- 
in deren Auswahl und Aufbewalinmg fast alle Naturvolker 



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wenig Sorgfalt zeigen. Sie durfen audi, da die Natur von selbst, 
auch in den Tropen, nicht zu jeder Zeit und niclit allzubereitwilli 



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das Nothige bildet, nicht allzu wahlerisch sein. So essen denn z. B. ^'; v ? -/ , ^ 
die Botokuden eigentlich Alles, ausser geniessbaren Thieren audi 
Fiichse, Aasgeier, Mause, Schlangen, Eidechsen, Kroten, Fleder- 
mause , insektenlarven , Wilrmer , iingeputzte Eingeweide (Tschudi 
2 ? 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder 18 Zoll lange 
Skolopender aus der Erde und — 

gie V. 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken halt 
Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei 



fressen sie lebendig (Voigt Zoolo- 






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anderen Volkern bespricht , zwar niclit fur schadlich , niitzlich aber 
ist es audi nicht , sondern nur hungervertreibend. Auch in Austra- 
lien (Grey 2, 263 — 264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit 



einer geriebenen Wurzel gemischt. 



In Austr alien ist zwar naeh Grey 2, 259 



261 der Nahrungs- 




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mangel niclit so gross , als man gewohnlich annimmt und vieles was 
tins nur aus ausserstem Elend gewahlt scheint , ist ihnen eine will- 
kommene Leckerei; indess sagt Grey dock selbst, 261 ft\, dass jede 
Gegend des Continents 
erst kennen und aufsuehen mtisse. 



ihre besondere N aiming 










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habe, die man aber 

Und das scheint koine leichte 

Sache, wenigstens war er selbst, obwohl von einem niclit unbefahigten 

Eingeborenen begleitet, auf seinem unfreiwilligen Zug die Westkiiste 

des Kontinentes entlang in der aussersten Lebensgefahr durcli Hun- 

Ein fauler Walfisch ist den Neuhollandern, wahrend sie sonst 
fu**f K sehr ekel gegen angegangenes Fleisch sind, grosster Genuss und je 

stinkender die Speise, desto willkonmiener wird sie, wie auch die 
Thakallis, einStamm der Atliapasken in Nordamerika, faules Fleisch 
vorziiglich gern essen (Waitz b> 90). Und wie nun diese -Volker 
essen! «Die Botokuden geniessen die meisten Nahrungsmittel^ beson- 
ders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird fiber das Feuer 
gehalten , bis die aussersten Schichten etwas angebrannt sind und 
dann verzehrt. Die Gefrasskkeit dieser Indianer 
wortlieh geworden. 







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enn ein gliieklicher Jagdzug reichliche 



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Beute gewahrt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch 
in Faulniss ubergeht , inn ja nichts zu verlieren, der Magen so lange 
vollgestopft, als eine physische Moglichkeit dazu vorhanden ist. Dann 
folgt eine lange behabige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang 
ausserst sparliche Mahlzeiten. Volker und Individuen, die aus- 
schli^sslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche 
Verdanung und es ftussert sich bei ihnen Heisshunger viel lief tiger 
als bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte N aiming ge- 
wohnt sind. Sie koiinen sich aber auch mit einer sehr geringen Quan- 
titat ihrer gewohnten Fleischnahrung lange kraftig erhalten , leiden 
dabei aber stets an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit 
Snellen die Botokuden ihren steten Hunger durch tibermenschliches 
Fressen zu stillen und verschlingen mit der Gier eines Eaubthieres 
die ekelhaftesten Gegenstande ohne Walil mit gleichem Heisshungeru. 
Was Tschudi (2, 27 8 — 279) uns so von den Botokuden erzahlt, das 
kann mit denselben Worten von alien Naturvolkern Amerikas , von 
den Feuerlandern bis zu den Eskimos, das kann von den Hottentotten, 
von denen es all warts bekannt ist (von den Buschmannern bezeugt es 
z. B. Lichtenstein 2, 355), und trotz ihrer rnehr gemischten Nah- 
rung von den Neuhollandern , den meisten Melanesiern , und auch, 
obwohl bei diesen meist die vegetabilische N aiming vorwiegt, von 
vielen Polynesiern gesagt werden , von den roheren gewiss , doch zu 










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Zeiten auch von den cultivirteren , wenigstens ubersteigt die Masse 
der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel alle europaischen 
Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei grossen Vorrathen, 
wie einst die hochcivilisirten Romer, Brechmittel nahm, urn mit 







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Nordamerika) . Zwk 
mal, weil sie dem 



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menschlichen Organismus 



gewiss nicht ent- 
sprechend mid also schadlieh ist; und zweitens weil sie, da man alles 
was die Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stop ft , Vorrathe zu 
sammeln aber etwas ganz Ungewohntes ist, filr die Zukunft, fur 
welche Naturvolker nur in den seltensten Fallen und auch dann meist 
sehr unvoilkommen sorgen, die bedenklichsten Folgen hat. Hungers- 
noth entsteht in Polynesien nicht selten durch ganzliches Aufzehren 
aller Lebensmittel bei Festlichkeiten, obwohl doch die meistenVolker 
hier Vorrathe sammeln. Uebrigens thun dies auch manche Indianer- 



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Man sollte denken , gerade die NaturvSlker, 






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durch Noth und Erfahrung belehrt , miissten am ersten fur die Zu- 



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dass 



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unter den civilisirten Volkern die Individuen und die 



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ganzen Classen der Gesellschaft sich urn die Zukunft wenig oder gar 
nicht kiimmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt , ausser 
der Sorge fiir ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig £, 81 






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u. 91 die psychologischen Griinde entwickelt, warum die kulturlosen 






Volker nur der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie all- 
zusehr unter der Herrschaft der sinnlichen N erveneindrticke stehen : 
die Vorstellung, welche sie gerade gegenwartig haben, verdrangt alle 
anderen aus ihremBewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, 
die Gegenwart wieder gut, so kommt dazu der physische Genuss 
dieses Wohllebens , dieser Ruhe , der die augenblicklichen Vorstel- 

lungen mit urn so grosserer Macht zu alleinherrschenden macht 

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Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft : wie oft zer- 



storen sie sich man kann fast sagen die Lebensbeduigurigen fiir die 
selbe selbst, so namentlich auf der Jagd. )>Der Jager, sagt Waitz 1, >, t4t 

350, gerath, besonders massenhafter Beute gegeniiber, wie derSoldat 
im heissenKampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und 



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Wild meist in vollig nutzloser Weise 



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Daher brauchen Jagervolker ein ganz unverhaltnissmassig grosses 
Areal und gerathen trotzdem oft in Noth , weil ihnen Schonung der ^ 
Jagdthiere ebenso fremd ist, als sparsames Haushalten mit Vorrathen 
iiberhaupt. Der hundertste Theil des von den Zulus erlegten Wildes, ' 
beraerkt Delagorgue , wurde zu seinem und seiner Begleiter Unter- f 
halt mehr als hinreichend gewesen sein.« Die Buschmanner zerstoren 
haufig grossereJagdbeute aus Missgunst undBosheit: »was sie selbst 



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, im Ueberfluss nicht gebrauchen konnen, soil wenigstens keinem 
- anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565 von ihnen. 
Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nordlichsten Stammen Nord- 
amerikas , die das Wild schliesslich der Zungen , des Markes , des 
Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an 
keinem Nest mit Jungen oder Eiern vortibergehen konnten , ohne es 
zu zerstoren. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines ganzlich 
rohen Stammes und sagt , dass , wo diese und ahnliche Sitten jetzt u 
eingerissen seien , es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen^ " 
sei, da sonst Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer 












%ru , i gewesen sei. Mag letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft 







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der Jagd aber, welche kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht 












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nur bei verkommenen Volkern. Sie herrseht in Canada (Waitz 3, 85) f^ 
und gewiss sonst noch aus der aberglaubischen Ansicht, dass die 
fliehenden Thiere die anderen warnen und verseheuchen wlirden. 

* 

Von Sttdamerika berichtet Azara 193Gleiches. Dasselbe gilt von den 
Neuhollandern . ^ 

Und nicht genug , dass sie sich auf diese Weise die Nahrung 

selbst zerstoren : sie verbieten sich auch eine Menge Speisen , oft 



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die besten, durch religiosen Glauben. Zunachst sind die 
Frauen fast tiberall in Amerika,- Polynesien und Australien ? in Neu- 
holland auch die Jilnglinge und Knaben (Grey 2,248), von den besten 


















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Nahrungsmitteln , die nur den erwachsenen, oft nur den greisen 
Mannern erlaubt sind, ausgeschlossen. Dann aber gehort das Totem 
der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119 sagt: »Der politische 
Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr allgemein auf einer 
Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes durch ein Thier 

oder einen Korpertheil eines Thieres als Marke bezeichnet war, z. B. 
Bar, Btiffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein Fisch oder ein 
Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der Name dieser 
Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich (ebend.) 
hatte das Totem ursprunglieh eine religiose Bedeutung : das Thier des 
Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie , wurde 
von dieser heilig gehalten und durfte von ihr nicht gejagt 



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werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die 
jeder Amerikaner hatte, d. h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur 
Zeit der beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein 
Schutzgeist in Gestalt eines Thieres , das dann gejagt und dessen 
Balg stets von dem Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust 
der Medicin wurde ihm tiefste Verachtung und bestandiges Unglttck 






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zuziehen (Waitz 3, 118 — 119). Urspriinglich durfte 



gewiss 















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kein 

frAuM* Indianer das Thier, das ihm ))Mediein« Schutzgeist war, verzehren. 

Die meisten Volker (auch die Aleuten) stammten von solchen Thieren 
ab (Waitz 3,119. 191) und auch diese waren ihnen gewiss urspriing- 
lich heilig., wenn sich auch spater diese Verehrung in etwas ab- 



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schwachte. Diese auffallende Sitte , die genauer betrachtet gewiss 
mancherlei merkwilrdige Resultate gabe *) , findet sich ganz iiberem- 
stimmend bei den Neuhollandern , woruber man Grey 2 ? 225 — 229 
vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Fa- 
milien sind ausgedehnt wie Stamme ; hat ihr »kobong« Pflanze oder 
Thier, das ihr heilig ist, ihr den Namen gibt u. s. w. Wie in Amerika 
Leute von gleichen Totem, so durften in Neuholland Leute desselben 
Kobongs einander nicht heirathen. Kein Neuhollander todtet sein 
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wenn er es sehlafend findet, auch nie, ohne ihm vorher hs?- 
Gelegenheit zur Flucht zu geben ; war es eine Pflanze , so durfte es ^ 
der Betreffende nur zu bestimmten Jahreszeiten und unter ganz be- 
stimmten Ceremonien einarnten und benutzen **) . Hierin sehen wir 
eine Folge der Noth; denn ursprtinglich durfte das Kobong wohl 
ebenso wenig gegessen werden, wie das amerikanische Totem. Da- 
fur spricht auch die Form ; in welcher sich die Sitte in Polynesien Cj) 
erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt an verschiedenen'' 






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Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne Thiere, in welchen fe 



ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen ist, weder todten 
noch essen dtirfen. So in Mikronesien z. B. auf Ponapi (O'Connel 
bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D' Urville V, 305 — 307 



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wohin die Sitte entweder von 



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*) Spuren von ihr finden sich auch in Siidamerika , so bei Azara 248, 
der von den Mbayas erzahlt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kiihen und 
Affen essen ; doch , da ihre Madchen iiberhaupt kein Fleisch , nicht ein- 
mal grosse Fische und zur Zeit der Periode nur Gemiise und Obst genies- 
sen , so konnte man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklaren. Da- 
gegen ist es gewiss einedem nordamerikanischen Totem ursprunglich ver- 
wandte jetzt , nicht mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z. B. nie 
Affen essen, dagegen die Ameisenbaren alsDelikatesseaufsuchen, welche 
wiederum die Makusis nur nothgedrungen essen wiirden (Schomburgk 
2,434). Thiere gelten auch in Siidamerika als die Stammvater undSchutz- 
geister mancher Volker. Und nicht anders ist es in Afrika bei den Be- 
tschuanen, deren einzelne Stamme unveranderliche , ihre Abstammung 
von gewissen Thieren bezeichnende Namen besitzen. «Diese Thiere wer- 
den von den Volkern, die sich nach ihnen nennen, heilig gehalten, weder 
gejagt noch gegessen und man pflegt durch dieFrage «was tanzt ihr» nach 
dem Namen desselben sich zu erkundigen.» So gibts Manner des Lowen, 
Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen, doch auch des Eisens, Waitz 
1, 352. 413. Die Frage »was tanzt ihr»? ist merkwiirdig. Sie erinnert an 
manchen Thiere darstellenden Tanz amerikanischer und australischer 
Volker, und es liegt nahe anzunehmen, dass die heiligen Tanze zuerst 
das Leben der Schutzgeister versinnbildlichten , wie die Griechen die 
Geschichte ihrer Gotter tanzten. Spater erblasste die Bedeutung solcher 
Tanze vielfach. 

**) Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Volkern. Heilige 
Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebrauchlich , vergl. 
Grimm D.M. 633. Todtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen 

heiligen Baum, so waren auch dabeibestimmte versohnende und abbittende 
Gebetsformeln iiblich, eb. 618. 

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wie wir sie audi in Neuholland finden f erhal'ten hat ; so in Hawaii 

■Wir finden auf alien 



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(Remy 165) , in Tahiti (Morenhout 1,451- 
diesen Inseln jetzt Gedanken an Seelen wanderung eingemischt ; allein 
man muss bedenken , dass der Glanbe an die behiitende Macht der 
Seelen der Vorfahren , also an den Uebergang der abgesehiedenen 
Seelen in Schutzgeister der Lebenden in Polynesien spater vielfach 

auf gekommen ist. 

Auch anderer Abergiaube als dieser entzog bisweilen den Natur- 

volkern dieNahrung, wie z. B. Grey \ x 363 — 364 erzahlt, dass, 
weil einige Eingeborene beim Muschelessen gestorben waren, die 
Neuhollander, die ihn begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht 
dahin zu bringen waren , selbst durch den aussersten Hunger nicht, 



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sie Muschein assen ; und Derartiges liesse sich , wenn es fur 







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unsern Zweck nicht zu weit fuhrte , noch mancherlei sammeln. 

Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Volker 
(es bedarf hierzu keiner Belegstellen) , worin oft sehr viel Menscheu 
zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz 

i\p& Ungeziefer starren , ungesund sind , versteht sich von 

A<^/<r-4ndere Stamme (Feuerlander , Australier u. s. w.) haben in ihren 

« Wohnungen fast gar keinen Schutz vor dem Wetter ; die Busch- 

***inanner (Waitz 2, 344) haben zu ihren stets wechselnden Schlaf- 

statten Erdlocher , die sie mit Baumzweigen tlberdecken, Felsspalten 

und Biische. Auch auf die meist sehr mangelhafte Bekleidung dieser 

Volker braucht hier bloss hingewiesen zuwerden. Alles dies, die Art 

wie sie sich nahren zumeist, istzwar schadlich und bewirkt es, dass 

nirgend die Naturvolker sehr hohe Kopfzahlen aufzuweisen haben ; 

aber alles dies ist auch wiederum nicht von solchem Einfluss, dass es 

das Aussterben dieser Volker allein schon erklarte ; wir ditrfen es 

nur als sekundare Ursachen dafiir betrachten, als solche aber diirfen 



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wir es auch durchaus nicht iibergehen oder unterscliatzen. Ware dies 
ihr Leben dem menschlichen Organismus zutraglicher, so wiirden sie 
auch manches feindliche Schicksal, welchem sie so erliegen oder er- 



legen sind, ixberwimden haben. 









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Aber nicht bloss diese Fahrlassigkeit in Bezug auf Hir ausseresr 
Leben schadet den Naturvolkern : ihr ganzer Charakter , wie er sich 
im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kraftigen Ge4 
deihen im Wege und so mussen wir auch diesen, wenigstens nacli 

hin, betrachten. Zunachst ist unter ihren geistigen 



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Eigenschaften ihre furchtbare Tragheit hervorzuheben, welche z. B. 
m Mikronesien so weit geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine 
fiirchterliche Form desAussatzes, welche in ihremAnfang noch heil- 
bar mid leicht heilbar in ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als 
absolut todtlich wird, auch nur das Mindeste zu thun : man sieht dem 
ersten Anfange, der noch nicht belastigt, mit grosster Seelenruhe 
zu, bis jede Hiilfe zu spat ist (Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche 
Waitz 1, 350; b, 84, 90 und sonst zur Genitge geschildert hat , ist 
denn auch ein Grand , weshalb Naturvoiker so selten Vorrathe sam- 
raeln, ja verhindert sie oft nur auszugehen, urn Nahrung zu suchen, 
wie Grey 2, 262 — 63 von den Neuhollandern sagt; namentlich im 
Sommer bei Hitze und im Winter bei Kalte und Nasse leiden sie 
Hunger , die Folge ihrer Tragheit. Beispiele von den Hottentotten 
zu geben ware tiberflussig. Diese Tragheit schadet ihnen aber noch 
auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und geistige 
Anspannung auch korperlich anregen und grossere Kraft und dem 
ganzen Organismus auch leiblich erhohteres Leben verleihen, so 
schwacht umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Tragheit, 
wie sie die Naturvolker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth 






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leibliche und geistige Vererbung (auch der Einfluss geistiger Verer- 



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oung ist von grosster Jtteaeutimg una wohl noch nicht tiberall hm- 0/ 
langlich gewiirdigt) sich immer mehr befestigt, so muss er auf das *y~* 
Gedeihen der Naturvolker einen immer gefahrlicheren Einfluss haben. C £ 
Allerdings ist das Ineinandergreifen des leiblichen und geistigen 
Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf den aber gerade des- ' *^<*^ 



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halb ganz besonders aufmerksam 



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eine Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens , die gleich- 

falls von den schlimmsten Folgen ftir diese Volker ist, schon dadurch, (j/^.^ / 

dass jeder gute Einfluss der Europaer auf sie , jeder Versuch, $&***+ , 

zur Kultur emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch dl< Cm^su^ 

abgeschreckt haben auch vorurtheilsfreie Manner, wie Meinicke, be- * 

hauptet, sie seien zu jeder Kultur unfahig, und doch ist, wie Er- 

fahrungen bei alien Naturvolkern bewiesen haben, nichts falscher, 

als diese Behauptung. Da nun diese Starrheit mit jeder Generation 

nach und nach zunimmt, so wirken auch historische Schicksale, 

Wanderungen und dergl. unendlich viel schwerer auf diese Volker, 

als sie vor so vielen Jahrtausenden auf die Indogermanen , die Se- 

miten , als sie auch auf die gebildeteren Polynesier und Amerikaner 

wirkten. Daher versinken sie immer mehr und mehr in Roheit und 

Stumpfheit, und es ist nicht ttbertrieben , zu behaupten , dass , auch 

wenn sie allein auf der Welt war en, ohne jeglichen feindseligen Ein- ^ 

fluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre Entwickelung oder 



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und erloschen wiirden. Demi nichts ist der menschlichen Natur, die 
so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele gegriindet ist ? 



schadlicher 



als eine solche Unthatigkeit beider. 



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Ein dritter Zug ihres Charakters , der uns hier naker angeht, 
ist eine gewisse Melancholie , die sich , wie bekannt , zumeist bei den 
Amerikanern findet. Doch auch die scheinbar so frohlichen Poly- 
nesia:, wenn man gleich ihr Temperament nicht wie das der Ameri- 
t^fcaner melancholisch nennen kann , zeigen manches Entsprechende. 
So resigniren sich die Tahitier tiber ihr Aussterben durch .den oft 
wiederholten Ausspruch ? den wohl Ellis (1, 103 — 104) zuerst mit- 
theilte : der Hibiskus soil wachsen , die Koralle sich ausbreiten , der 
Mensch aber dahinsterben ; und »es war melancholisch , sagt Darwin 
(2, 213), die schonen energischen Eingeborenen Neuseelands sagen 
zu horen, sie wiissten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer 
Kinder bleibenwurde.ee Fur Kamtschatka ist wicktig, was v. Kittlitz 
liber das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur 
tiefsten Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur hochsten excen- 
trischsten Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotze- 
bue, Chamisso, Langsdorffu. a. enthalten ganz ahnliche Ziige von 
Niedergeschlagenheit , die allerdings hier mit grossem Phlegma ge- 
paart scheint. . • . 

Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen 
ilA ? • - Tragheit zusammenhangt ; denn diese raubt dem Geist der Natur- 

volker, der nach aller Naturvolker Art ganz und gar vom jedes- 
maligen sinnlichen Eindruck und meist nur von solchen abhangig ist ? 
die besonnene und feste Willens- und Widerstandskraft immer mehr. 
So wie nun aber jeder Willensakt eine rein physische Nerventhatig- 
keit voraussetzt, so wird auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleiben- 
den Nervenhabitus , zum nicht Wollenkonnen und dadurch vom 

ubelsten Einfluss auf die Seele , der , wenn dieser letzteren Leiden 
entgegentreten , um so grosser und vernichtender wird. 

Das zeigt sich nun schon bei den Naturvolkern im Leben der 
Individuen. Wir sahen, dass Krankheiten iiberall als Bezauberung 
***T oder Einwirkung von Damonen gelten; viele aber, die von Krank- 
heiten befallen sind, sterben aus keinem andern Grund, als aus Me- 






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lancholie iiber die vermeintliche Bezauberung. Beispiele fur Neusee- 
land gibt Dieffenbach 2, IB, Browne 75; fur Tahiti Ellis 1, 364, 
367 — 68 ; fur Neuholland, wo eine namenlose Angst vor Bezaube- 
rung herrscht, Grey 1, 363—64. 2, 336—40; fur Nordamerika, 
%o der Tod aus aberglaubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 
) ( 3, 213 : und nach allem Gesagten werden wir in den Landern, wo 
Krankheit durch Zauberei entsteht oder als Folge von Stinden gilt, 
wie z. B. in Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn 
man Kohle mit dem Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer 







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von den Schuhen schabt (Waitz 1, 324), in alien diesen Landern, 
also bei alien Naturvolkern werden wir auch ein solches Hinsterben 
Einzelner aus Angst und Aberglauben linden. 



§ 7. Ausschweifungen der Naturvolkei 



Die ganzliche Abhangigkeit der Naturvolker von sinnlichen 
Eindrticken hat audi noch eine andere sehr gefahrliche Folge fur 
sie ? durch welche einzelne Stamme ernstlich bedroht worden sind : 
wir meinen die Ausschweifungen , denen viele von ihnen verfallen 
sind ? im Trunk und vor alien in geschlechtlicher Beziehung. 

Zwar von den gebildeten Volkern Amerikas , den Mexikanern 
und ihren Verwandten sowie den Peruanern ; kann man nicht be- 
haupten, dass sie nach dieser Seite hin Vorwurfe verdienten ; frei- 
lich kamen bei ihnen Ausschweifungen und grobe, ja unnatiirliche 
Laster vor ? freilich gab es bei ihnen offentliche Dirnen , aber alles 
das war keineswegs ausgebreitet und durchaus verachtet, so dass 
sie in dieser Beziehung viel hoher stellen mussen, als die heuti- 
gen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung freilich, welche wir 
beiPoppig 375 finden, Oder was uns der beriichtigte Ortiz, ein Monch 
zur Zeit der Entdeckung, erzahlt, enthalt des Scheusslichsten auch 
nach dieser Seite viel ; Ortiz Darstellung sollte aber nur die Behand- 
lung, welche das Land durch die Conquistadoren erfuhr , rechtferti- 
gen und so haufte sie alle Laster auf die Indianer. Poppigs Nach- 



wir 



richten beruhen auf ahnlichen Quellen 
lassig und meist unwahr sind. Wenn 



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beiPoppig) be- 



( Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes urn desselben Lasters wil- 
len von Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz 
klar , dass hier die Anklage nur erfunden wurde, urn die scheuss- 
liche Grausamkeit Balboas zu bemanteln, der selbst sagt, das Laster 
sei nur von den Vornehmen verilbt, vom Volke verabscheut. Denn 
dass spanische Soldaten, unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 
3 ? 383), jemals dafiir nnd gar so fttrchterlich gestraft war en, davon 
wird nichts erwahnt. Waitz 3m 4. Bande der Anthropologic hat nun 
ganz klar und deutlich bewiesen , dass solche Ausschweifungen nur 
einzeln und selten bei diesen Volkern sich fanden ? wofiir die strengen 
Strafen, welche bei ihnen alien auf solchen Lastern oder auf sonsti- 
ger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4 ; 85. 88. 131. 307. 
350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster ? wie Poppig 
a. a. 0. will ? »Volkslaster(( in Peru; freilich haben die Conquista- 
doren auch hier das argste zu erzahlen gewusst und mussten, nach 



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ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lustlinge anwen- 
den; wenn man aber liest (Waitz 4, 478) , wie der gefangene Inka 
Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass 
man ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den 
Hunden vorwerfen , sondern nur auf hangen moge , so wirft das auf 
jene Strafen ein ganz 



eigenthiimliches Licht. Auch beweisen die 
Zeugnisse bei Waitz 4, 417, dass auch in Peru solche Laster, Ehe- 
bruch oder gar Paderastie, durchaus nicht verbreitet waren, sondern 
nur vereinzelt vorkamen, wofiir wiederum die strengen Strafen, 
welche die einheimischen Landesgesetze* gegen derartiges verhang- 
ten, sprechen. 

In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Volkern, 
Polygamic erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109 



Weibertausch 



als Freundschaftszeichen unter Familien 



(Hearne 128), ebenso auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keusch- 
heit derMadchen war itberhaupt etwas, auf das man bei vielen Volkern 
und nainentlich bei den roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). 
Schlimmere Dinge und nainentlich Blutschande erwahnt als gewohn- 

lich bei den Athapasken Hearne 128, der auch sonst den Anwohne- 
rinnen der Hudsonsbai arge Ausschweifungen Schuld gibt (126 — 27). 
Unnaturliche Laster werden vielfach bei den Volkern Nordamerikas 
erwahnt und Manner in Weiberkleidern finden sich freilich an vielen 
Orten, so bei den Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, 

auch bei den Bewohnern jSTut- 
obgleich sie sowohl wie di 



(Waitz 



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kas wird Aehnliches erwahnt (eb. 133), 
Koluschen im ganzen keusch leben, anders wie die Chinook (am Co- 
lumbia) , bei denen Prostitution und sinnliche Ausschweifungen ver- 
breitet waxen (eb. 337). Strenger sincl die Volker vom Oregonge- 
biete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von unnaturlichen 
Lastern , wenn Manner Weiberkleider tragen ; denn einmal scheint 
manche aberglaubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu 
sein, in anderen Fallen war es wenigstens eine symbolische, wie 



Weiber 



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(Waitz 



gezwungen wurden ; als sie ganzlich besiegt waren, den Weiberrock 

,23. b, 158) und auch bei den Chibchas in 
Neu-Granada Feiglinge mit einem Weiberrock bekleidet wurden 
(4, 361). Bei den Illinois standen die so gekleideten Manner in 
besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ahnlich war es bei den nord- 
lichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren einen jede 



Weiberkleide 



Auch was Combes (Hist, de 



las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzahlt, dass es bei den 
Subanos auf Mindanao Manner gabe, welche unverheirathet blieben, 
Weiberkleide 



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aber geehrt waren und keusch lebten, zu- 
gleich aber auch physisch ein weibliches Aussehen hatten, werde 
hier als merkwiirdige Parallele erwahnt. 










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berkleidern auch hier 



Den Cariben in Siidamerika wird von den alteren spanischen 
Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatiirliclier Lasterhaftigkeit 

Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vor- 
wurf fiir unrichtig halt, »denn auf ihn pflegte hauptsachlich der An- 
spruch gegrtindet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmassigen 
Sklaven zu machen«. Andere Schriftsteller laugnen auch, dass hier 
solche Laster vorgekommen seien ; doch fanden sich Manner in Wei- 

Oviedo bei Waitz 3, 383) . Auch die Tupis 
in Brasilien lebten streng (3, 423) ; ebenso die Araukaner (3, 516 
Hiermit stimmen auch alle Nachrichten bei Azara : nur dass er den 
Weibern der Mbayas, bei denen P< 
Ausschweifungen vorwirft (249 — 50 

Es ist nicht nothig , dies bei den Amerikanern weiter zu ver- 
folgen; fur uns geniigt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Aus- 
schweifungen namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vor fanden, 
dass diese aber keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, 
um aus ihnen die Verminderung der Kopfzahl dieser Volker zu er- 
klaren. Dass aber seit der Bekanntschaft mit den Europaern diese 
Ausschweifungen sehr zugenommen haben, ist eine traurige Wahrheit. 

Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben 
und ist es verhaltnissmassig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte 
man in Mexiko mehrere geistige Getranke (Waitz 4, 98), von denen 
das eine, Pulque, Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Her- 
zens der Pflanze , wenn sie den machtigen Schaft treiben will, ge- 
winnt und gahren lasst, auch von Europaern (Humboldt a 3, 99) 
mit wahrer Leidenschaft getrunken wird ; allein die Mexikaner waren 
massig, wie schon aus ihren Gesetzen hervorgeht. Der Trunk wurde 
darin so streng geahndet, dass irgend welche Verbreitung desselben 
ganz unmoglich war (Waitz 4, 83 — 84). Auch in Californien war 
er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von Mkaragua, von 
welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen berichtet 
werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen 






sem 



(Waitz 



Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getranke hat- 
ten, waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem 
Genuss der Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht itber- 
massig frohnten; dem Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl 
nun die Eroberung des Landes die Sitten vielfach verschlechterte, 
so sind doch auch jetzt noch weder die Peruaner (500) noch die Me- 
xikaner (196) und die ihnen verwandten Volker dem Trunk ergeben 



(227 



wenn es auch Feste gab, z. B. in Yukatan, bei welchem 



Weiber 



4, 307), oder bei denen, 



wie in Nikaragua, allgemeine Ziigellosigkeit herrschte (279). Denn 
bei alien solchen Festen waren gewiss, wie bei ahnlichen semitischen 
und indogermanischen, religiose Motive wirksam. 











































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42 



Anders war es in Sudamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cari- 
ben als Trunkenbolde schildert ; und schon von Alters her hatten 
sie ausser andern ein berauschendes Getrank aus Cassadabrod ? wel- 
ches zerbrochen , mit heissem Wasser zu einem Teig zerruhrt, dann 
von altenWeibern durchgekaut und in einen Trog gespieenwurde, wo 
es nun gahren musste (Schomburgk 1, 173) ; ganz ahnlich bereiteten 
die Tupis einen berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei 
das Getreide gekocht und von alten Weibern durchgekaut wurde. 
Sie nannten es Caouin oder Kaveng und sowohl durch die Berei- 
tungsart als durch den Namen wird man an den gleich zu erwahnen- 
den polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3, 423—24). Gegoh- 
rene Getranke hatten die Araukaner (3, 509) , die Chiquitos, die 
dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) undsind (533), dieMoxos 
(53 7) , welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Volker schon 
vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europaer 
diese Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift 
sich; und so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von 
den Waraus (eb. 1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas 
eb. 242) u. s. w. berichtet. 

In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, 
waren vor den Europaern keine geistigen Getranke in Gebrauch, ja 
Wasser war fast das einzige Getrank, was sie genossen, wie Waitz 
3, 82 ins Einzelne ausfuhrt; ebenso war es bei den Koluschen und 
den Chinooks (3, 84. 337). Wenn nun der Trunk, der Branntwein 
in Nordamerika doch so traurige Folgen gehabt und ganze Stamme 
dahin gerafft hat, so dass man oft genug die Behauptung findet, die 
Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben gewesen ; so fordert 

dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf , die sich nach 
Waitz 3, 83 — 84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt, so 
stellt , dass die Indianer sich aufs starkste gegen den Verkauf von 
Branntwein gewehrt und viele Vertrage geschlossen haben, in wel- 
chen die Einfuhr derselben ausdrlicklich verboten war, dass aber der 
Branntwein dennoch , sogar mit Gewalt, von den europaischen Na- 
tionen den Eingeborenen aufgezwungen ist , theils urn das Produkt 
abzusetzen , theils urn sie im Trunke zu betrtigen, theils auch ge- 
radezu, um sie durch den Trunk zu vernichten. Das ist denn nur 
allzugut gelungen ; denn wenn auch, trotz der vorherrschenden Sinn- 
lichkeit, die Amerikaner einen hochst beachtungswerthen Widerstand 
diesem Genussmittel entgegensetzten, so konnte dieser eben bei ihrer 



Natur kein absoluter 



sein 



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ofters zwang 



sie der Nahrungsmangel 



zum Trunk und ein sehr haufiger Grund, sich dem Trunke zu erge- 
ben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der, dass man 
aus der grenzenlosen Fiille des Elends ringsher sich wenigstens ein- 
mal wieder durch den Rausch in einen gliicklichen Zustand versetzen 
oder dass man sich in der Verzweiflung betauben wollte. Uebrigens 






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43 



haben Volker und Individuen sich dem Laster des Trunkes audi wie- 
der zu entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehorte 
diese Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf 
die Naturvolker sprechen werden ; indess mag ein solches Voraus- 
nehnieii , des Zusammenhangs wegen mid um den einen Gegenstand 
zu erschopfen, gleich hier seine Entschuldigung finden. Tab ak hat 
ebensowenig als Coka geschadet. 

Wenn nun audi die Hottentotten und die Buschmanner gar kei- 
nen Werth auf die Keuschlieit der Madchen und Weiber legen, so 
waren sie doch weder in geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk 
sehr ausschweifend , wahrend wir bei den Aleuten und Kamtsehada- 
len die Verhaltnisse wesentlich anders finden. Dem Trunk waren 
namentlich die Kamtschadalen ganz ausserordentlich ergeben (Kru- 
senstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft von den europaischen 
Pelzhandlem zu ihrem Verderben benutzt ist, werden wir spater 
sehen. Aber audi die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3, 314), 
wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten 
(nach Wanjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei 
Manner, einen aus hoherem Stande und einen Nebenmann aus nie- 
derem ; dem Gast stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, 
das eigene Weib zur Verfiigung. Auch der Paderastie waren sie 
ergeben (Waitz 3 ; 314) und die stumpfsinnige Melancholie, in der 
sie z.B. Chamisso vorfand, scheint nicht weni 



S 



schweifungen veranlasst zu sein. 



durch derartige Aus- 
Den Kamtschadalen schadete gar 



sehr der grosse Weibermangel ? der nach Krusenstern 3,- 44, bei 
ihnen herrschte und nicht nur die Moi:alitat ganzlich, sondern auch 
die Fruchtbarkeit der Ehen zerstorte. 

Die Neuhollander , obwohl sie von den Unverheiratheten beider 
Geschlechter keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Or- 
ten die Weiber ihren Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freun- 
den tauschen (Angas 1, 93), sind doch so eifersiichtig , dass verhei- 
rathete Frauen sehr zuriickhaltend sein miissen (Grey 1, 256). Po- 
lygamic ist bei ihnen haufig, aber man kann sie eigentlich nicht aus- 
schweifend nennen. Auch geistige Getranke hatten sie nicht. Von 
den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes berichtet, wohl 
aber von manchen Orten das Gegentheil ; so herrschen, nach Malte 
Brun in Bullet, de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf Neucaledonien, 
wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden, geschlecht- 
liche Ausschweifungen nicht. Polygamic ist allerdings auf den Inseln 
Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei 
Hauptlingen und in selteneren Fallen. Ehebruch kommt, aus 
Furcht vor Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein 
Keuschheit der Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst 
irgendwo bei den Naturvolker n . Wahrend nun Erskine 256 von den 
Fidschis sagt , dass sie sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Aus- 




; -. 





















































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schweifungen empfanden, so behaupten William und Calvert 1, 134, 



class sie sehr zugellos unci 
breitet seien. 




indem Gang 



und Zunge schwer 



grobe Ausschweifungen bei ihnen ver- 
Moglich, dass Erskine ein zu giinstiges Urtheil fallte ; 
jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner sehr viel hoher als die 
Polynesier in dieser Beziehung und mogen wohl erst clurch den fort- 
wahrenden Verkehr mit den Fremden zu dieser Zligellosigkeit ge- 
steigert sein. 

Am schlimmstcn mttssen wir fiber die eigentlichen Polynesier 
urtheiien, unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europaern 
aufs argste gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysti- 
cum , dem Kavapfeffer, bereitete man, indem sie (an den meisten 
Orten von alten Weibern) gekaut und dann ausgespieen wurde, durch 

Wasser ein eigenthumliches Getrank, dem alle Poly- 
nesier sehr zugethan waren. Es berauschte nicht eigentlich, da es 

die Besinnung nicht raubt, aber, 

werden, versetzt es den Geist in einen ahnliehen Zustand, wie das 
Opium; auch wollustige Traume u. dergl. sollen seinem Genuss fol- 
gen, der oft wiederholt allgemeine Sehwache, Zittern, geistige Stumpf- 

heit, Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten her- 
vorbringt, Geschwtlre, welche aufbrechen und arge Narben zuruck- 
lassen. Aber gerade diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 
43). Namentlich auf Tahiti und auf Hawaii war der Kavatrank 
beliebt ; grosse Kavafeste auf Tonga besehreibt Mariner, auf Fidschi 
d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen trank man ihn auf Neu- 
seeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in Mikronesien, wo 
indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde , war der Kava- 
trank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83 ; Gulick 417). Was 

jedoch die schadlichen Einwirkungen dieses in der That hochst ge- 
fahrlichen Trankes sehr milderte, war der Umstancl, dass er ein hei- 
liges Getrank war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie 
bedeutenderen Gelegenheit fehlen ; aber nur die Fursten waren es, 
die ihn trinken durften, nie das Volk, und auch die Fursten nur bei 
und unter bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, fur Mikronesien No- 
vara 1, 371). So hat denn auch der Schade, den dieser Genuss her- 
vorrief , fast nur die Fursten und den Adel getroffen. Gegen den 
Branntwein (Rum u. s. w.) hatten alle Polynesier einen grossen Wi- 
derwillen (Novara 2, 337 fur Mikronesien), und wenn er trotzdem 
in Tahiti und Hawaii so verderbliche Wirkungen hervorgerufen hat, 
so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von den Franzosen, zu 
Hawaii von diesen sowie den amerikanischen unci europaischen 



Widerstreben 



Willen 



^egen 



vergl. z. B. Lutteroth Geschichte der 
Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeftihrt ist. Und schlimm 
genug waren die Folgen dieser Einfuhrung. »Als die Tahitier von 
fremden Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getranke von 










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45 




einheimischen Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher 
Menge von ihnen empfangen batten , da verbreitete sich Trunksucht 
sehr allgemein, und alle die Demoralisation, die Verbrechen, da 



8 



Elend, welches ihr folgt , kam tlber das Volk. Unthatigkeit wuchs-, 
Streit in den Familien nahm iiberhand, die Verbrechen der Areois 
(ttber welche wir sogleich reden) nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und 
so wie hier und noch arger war es zu Hawaii und an den Kiisten 
von Neuseeland. 



Allein die Eingeborenen 



vergl. 



Ellis u. a. 0. 



haben sich an vielen Or ten , Dank dem reinen Eifer der Missionare, 
wieder von diesem so gefahrlichen Laster befreit ; in Neuseeland so- 
wohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Kiistenplatzen den 
Eingeborenen und das iiberall wachsende Christenthum hat siegreich 
auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Aligemeinen abgewendet. 

Bei weitem verhangnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen 
Ausschweiftmgen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos 



verbreitet waren, wie in Polynesien. 



Jede Reisebeschreibung 



auch 



rechtfertigt 






andere Biicher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton 

an hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, 

Nicht nur, dass auf 
(obwohl man hier 



welchen Bougainville der Insel Tahiti gab. 



auf 



rii 



Fonga 



Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch 
strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes) wenigstens Fremden ge- 
gentiber die Madchen ganz frei waren; so ist auch nirgends die Pro- 
stitution der Weiber durch Vater, Briider, (ratten frecher betrieben 
wie hier. Polygamic herrschte iiberall. Gastfreunden bot man die 



Weiber 



vornehme Frauen lebten 



ranz ziigellos. 



Fiir Hawaii be- 



zeugt dies, urn nur einige Beweisstellen anzufiihren, Jarves 80, fiir 
Tahiti Cook und alle andern Reisenden, filrWaihu Morenhout 1, 26, 

[cruise in the Pacif . Ocean 
nach Mathias G*** 152 



fiir die Markesas Porter (Journal of a 
1812—14) 2, 60. Krusenstern 1, 221 



herrscht indess Prostitution nur in den Hafen. Neuseeland stand etwas 
holier ; doch waren auch hier die Madchen vollstandig ungebunden 



(Dietfenb. 2, 40 



Die Weiber selbst lockten 



die ankommende 

Mannschaft von Wallis Schiff durch die unanstandigsten Geberden 
ans Land und die Manner, welche das Geschaft abschlossen, forder- 
ten schon damals fiir schone Frauen, Tochter, Schwestern u. s. w. 
hohere Preise als fiir minder schone (Wallis 2 14 fF. 256). Ja vor 
aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner der Pa- 



lauinseln nach Kadus Zeugniss bei Ohamisso 137 



? 



sondern um- 



standen von vornehmen Weibern, unter denen die Konigin selbst, 
vollzogen sie die Begattung, zum Ergotzen der Umstehenden. welche 



*) Wenn hier Kadu nicht irrthumlich einen rohen melanesischen 
Stamni meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzahlen, absicht- 
lich oder selbst getauseht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die An- 
gabe fiir die Palaus nicht. 





















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46 



dem Paare, namentlich dem betheiligten Madchen, Lehren gaben, 
urn die Lust zu erhohen — doch das war nicht notliig, denn, obwohl 
das Madchen erst 1 1 Jahre zahlte, so wusste sie doch mit allem sehon 
guten Bescheid (Cook b, 126—27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht 
zu verwundern , dass schmutzige Gegenstande sehr haufig, vor aller 
Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren und nur belacht wurden. 
Ueberall herrschte Polygamic ; auf Tahiti, Nukuhiva und Hawaii 
(Turnbull 65 ; Stewart 129, Porter 2, 30) kam Heirathen unter Ge- 
schwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie, die auf an- 
dere Art keine ebenbtirtige Ehe schliessen konnte, da alle anderen 
Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf 
den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122 — 23 Sitte, dass die 
Weiber, ahnlich wiedie Aleutinnen, zwei Manner hatten, einenwirk- 
lichen Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener 
besass, audi im Frieden mit ihm lebte ; welche Sitte nach Melville 
darin ihren Grund hatte, dass es weit mehr Manner als Frauen gab. 
Mathias G*** sagt 1 1 1 dasselbe, wasauch sonst nochvielfachbestatigt 
wird. Auch unnaturliche Ltiste , denen in Tahiti ein eigener Gott 
vorstand (Morenh. 2, 168), waren sehr ausgedehnt. Manner in 
Weiberkleidern finden wir, wieinAmerika, auch zuTahitL aber hier 

: und 



nur im JDienste der widernatttrlichen Wollust (Turnbull 306 
da nun die Manner des gemeinen Volks , damit die Ftirsten desto 
mehr Weiber hatten, oder weil sie den Kaufpreis fur jlie Frauen 
nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten, so- 
war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben , dass sie da- 
durch meist unfahig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 
311). »Ihre Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass 
sie alle erzahlt werden konnten, « sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch 
Ellis (1, 98) fand dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche 
Paulus von den Heiden im ersten Kapitel des Romerbriefes mache, 
passe durchaus auf die Tahitier. Auch in Hawaii waren unnatur- 
liche Laster ganz gewohnlich, von denen Paderastie nur oder wenig- 
stens vorzugweise unter den Ftirsten vorkam (Remy XLIII 

Mikronesien steht viel holier in dieser Beziehung, mit Ausnahme 
der alten Marianer, unter denen , freilich nach den alten spanischen 
Berichten (Salagar bei Oviedo XX, 16), eine arge Ztigellosigkeit 
herrschte, und le Gobien berichtet manches entsprechende. Aber 
sonst fanden die ersten europaischen Besucher in Mikronesien keine 
Ausschweifungen , weder im Trunk noch in der Liebe vor , wenn 
auch die Madchen leicht zu gewinnen waren : und schamhaft waren 
sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens herrschte, nach Chamisso 
118—19, Polygamie auch auf Ratak und besonders nahe Freunde 
besassen auch die Weiber gemeinschaftlich. — Auch im eigentlichen 
Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die Jiinglinge von 
Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden : nie sollten sie Gewalt 






47 



anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138); 
allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso 
die verheiratheten Manner (2, 174), auch hier waren Unanstan- 
digkeiten der haufige und gern belachte Inhalt des Gespraches , die 
man nur vor verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa 
herrschte noch grossere Sittenstrenge. 

Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, iiber 
welehe Morenhout 1, 485—503 und Ellis I, 230 ff. handeln, und 
die auch wir kurz besprechen mussen, wenn wir an diesem Ort auch 
nur auf die furchtbare Unsittlichkeit hinweisen, welehe in dieser ur- 
sprunglich religiosen Gesellschaft herrschte. Manner und Weiber 
lebten in ihr aufs hochste ausschweifend und unter dem bestimmten 
Gesetz , alle ihre Kinder zu todten, beisammen und hochgeehrt vom 
ganzenVolk, dem sie wieGotter erschienen, durchzogen sie die Inseln, 
urn Feste, Schauspiele, Tanze vor der Menge aufzuluhren. Wir fin- 
den diese Gesellschaft nicht bloss auf Gesellschaftsinseln , sondern 
(Meinicke b 78) auch auf Rarotonga, auch im Markesasarchipel 
(Morenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59 — 62 von den Uritaos 
der Marianen ganz das Namliche erzahlt, die in aller Zligellosigkeit 
mit den Madchen des Landes zusammenlebten, selbst in Blutschande, 
ohne dass es ihnen Tadel zuzog ? da sie von hoherer Weihe waren 



(Freycinet 2, 368) 



so werden wir auch diese, wie schon ihr Name 



derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79 

zusammenstellen mttssen. 

Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in 

solcher Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen 

Bevolkerung untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis 

zwei Generationen vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den 

Aussagen der Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1 , 

105) und dass hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, 

so doch zum grossten Theil schuld waren, kanai man gewiss behaup- 
ten . [ 

sigsten Augenzeugen in den dustersten Farben, wie Ellis 1, 98 und 
Turnbull (1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche 
entnervte Wiistlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt 
waren , als gesunde Menschen , dass Krankheiten viel heftiger bei 
ihnen wiithen mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter 
ihnen rasch verbreiten und gefahrlich erweisen musste. 



Ihren entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlas- 

















































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48 






§ 8. Unfruchtbarkeit. Kunstlicher Abortus. Kindermord 









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Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifun- 

gen ist die Unfruchtbarkeit der Weiber, welehe in Polynesien haupt- 

** sachlich auf diesem einen Grund beruht.- Die Unfruchtbarkeit der 

UU& Ehen auf den Markesas, welehe schon Krusenstern 1, 255 — 56 und 



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dann Melville 2 , 125betont, erwahnt auch Mathias G*** 108 mit star- 
kern Nachdruck. Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Vir- 
gin 1, 268) ; in Tahiti wird es erst in neuerer Zeit besser und Dief- 
fenbach 2, 15 — 16 gibt als eine der Ursachen fur das Hinschwinden 
der Maoris die geringe Fruchtbarkeit ihrer Weiber an. 

Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien 
wo z. B. auf Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 



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in Neuholland (Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika 



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jvorfinden, so hat man, vor allem mit Ritcksicht auf die Eingebore- 
nen des letzten Landes gesagt, die geringe Fruchtbarkeit sei em 
charakteristischesMerkmaifurniedereRagen, das in ihrer Natur selbst 



begrtlndet liege. Allerdings haben die Weiber der Botokuden (Tschucli 
2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312) der meisten brasiliani- 
schen Volker (Azara an vielen Stellen) und ebenso auch der meisten 
Nordamerikaner (wofur Waitz 1, -169 die Beispiele zusammenstellt) 
sehr wenige, oft auch gar keine Kinder: allein wie man hierin ein 







Ragenmerkmal finden soil, ist fiir Unbefangene unmoglich abzusehen. 
Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe ausserer Griinde, wodurch 
die Unfruchtbarkeit bewirkt wird ; ausser den schon besprochenen 
Grtinden wie Ausschweifungen , Krankheit u. dergl., die auch in 
Amerika und vor alien auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, 
muss hier auf das gleichfalls schon erwahnte lange Saugen hinge- 
wiesen werden, welches der Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und 
ganz besonders auf die meist iiberaus elende Stellung der Weiber, 
auf die Noth, die ewigen Miihsale, unter denen sie ihr Leben hin- 
bringen miissen. Dann heirathen viele Volker nur im eigenen Stamm 
und man kann wohl sagen , da bei vielen kleineren Volkern Stamm 
und Familie so ziemlich zusammenfallt, in derselben Familie ; dass 
aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit eintritt, 
ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2, 284) 
in diesem Umstand einen Hauptgrund fiir die Unfruchtbarkeit ihrer 
Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die 
schadlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351). 

V, Der allzufrithe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 fiir die Unfrucht- 
barkeit der Neuseelanderinnen als einen Hauptgrund anfiihrt, ist 
wichtig fur viele Volker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. 
Obwohl nun (Humboldt 6, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerika- 
nischen Ordensgeistlichen am Orinoko, darin keine Gefahr fiir die 



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Zahl der BevOlkerung selien will, so spricht docli die Natur der Saclie 
und mannigfache Erfahrung gegen ilm. Doppelt gefahrlieh wird 
aber zu frither geschlechtlicher Umgang bei Volkern, bei denen es 
an Weibern fehlt. So heirathen die Madchen der Tarumas in Guyana, 
weil es unter diesem Yolk nur wenig Weiber gibt, schon vor der 



Pubertat (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170 



Geogr. 













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Mehr Manner als 









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Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z. B. Cali- 
fornien Waltz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in Po- 
lynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der 
Mangel an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch ( 
diesen wurde denn wieder eine andere selir wenig heilsanie Einrich- 
tung gefordert, dass in Neuholland junge Madchen zunaehst an alte 
Manner und erst nach der en Tode, wenn sie nun mittlerweile alter 
waren , an jungere Leute verheirathet wurden (Mud im Journ. R. 

Soc. I, 38), eine Sitte, welche bei den Irokesen ebenfalls 
im Schwunge war : »Der junge Mann von 25 Jahren erhielt bei ihnen 
oft eine altere Frau zugetheilt als er selbst war, der alte Wittwer 
dagegen wahlte sich ein junges Madchen« (Waitz 3, 103 

Dass " wir unter diesen Griinden die Polygamie und Polyandrie 
mit ihren gewiss schlimmen Folgen fiir die Bevolkerungszahl nicht 
besonders erwahnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden 
Einrichttingen, audi wenn sie noch so gesetzmassig sind, unter die 
Ausschweifungen rechnen und also, was von jenen gesagt ist, audi 
fur diese gilt. Ebenso, was man fur manche amerikanische Volker 
als Grund fiir die Unfruchtbarkeit angefuhrt hat, die geringe Nei- 
gimg der Manner fur das weibliche Geschlecht und ihre minder ent- 
wickelten Genitalien (Poppig, Azara, Waitz 1, 171 u. s. w.) lassen 
wir auf sich beruhen, da dieser Umstand keineswegs allgemein und 
keineswegs in den daraus abgeleiteten Folgen sicher ist. 

Weit wiehtiger sind noch einige psychische Griinde, die wir 
recht hervorheben mochten. Wie Gram und Kummer, Druck und 
Despotismus das aussere Leben zuruckhalten und verkiimmern las- 
sen, so wirken sie natitrlich audi auf die Fruchtbarkeit der Weiber 


















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em, deim der Emiiuss des geistigen Lebens auf jede Seite des leib- 
lichen, so sehr man ihn audi anerkennt, kann kaum machtig genug 
gedacht werden. Wo daher ein schwerer Druck auf der Bevolke- 
rung liegt wie durch die Adelsherrschaft in Polynesien und hier na- 
mentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da wird es auch leichter 
unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der Druck der 
Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh liber die Unter- 
worfenen bringt , wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der 
Europaer fast tiberall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass / 
von diesen Griinden stets mehrere vereint, nie einer allein wirken 






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wir die verminderte Fruchtbarkeit also ausserlich veran- I 



lasst selien, wodureh die Ansicht, sie sei Racencharakter , schon 
























Gerland, Naturvolker. 



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all sich bei den betreffenden Ra§en zeigen. Aber das ist gar nicht 
der Fall. In Neuholland z. B., wo allerdings Heirathen in demsel- 
ben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen, werden i ruchtbare Ehen 
gar nicht selten erwahnt. Grey (a. a. 0.) sah 41 Weiber, welche 
zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in Amerika 
gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die 
Stamme der Nordwestkiiste , die Nordindianer, welche Hearne be- 
^ suchte, die Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Slid- 
araerikaner, welche Waitz 1, 171 — 72 zusammenstellt. Und wah- 
rend einzelne Theile melanesischer Bevolkerung meist nur kinder- 
arme Familien aufweisen, ist das Gegentheil bei anderen, z. B. den 
Fidschis der Fail; dieselben Gegensatze zeigt Mikronesien und Poly- 
nesien, in welchem letzteren Gebiet z. B. Tonga ganz anders als 
Tahiti und die Markesasinseln nur f ruchtbare Ehen kennt. Und wer 
hat je etwas der Art von dem Brudervolk der Polynesier 7 von den 
Malaien gehort ? Gedeihen sie nicht reichlich in ihrer Inselwelt und 
miisste nicht, ware die Unfruchtbarkeit Ragencharakter , sie sich 
auch bei ilmen vorfinden? 

Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvolkern, bei denen die 
oben besproehenen Grunde wirksam sind, wofiir Waitz 1 , 173 einige 
Beispiele aufstellt. Wo diese Grunde aber wegf alien, da sind die 
Weiber auch sonst minder fruchtbarer Stamme mit Kindern gesegnet. 
Neuseelanderinnen mit Europaern (Dieffenbach 2, 152) und Boto- 
kudinnen mit Weissen oder Negern vermahlt (Tschudi 2, 284) 
pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die Frau meist ein ruhige- 
res, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr richtig a. a. 0. er- 
kiart, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des Einflusses 
einer noheren Rage, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe Verhalt- 



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niss eintritt. 



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kommen erklarlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begriin- 
deten Theorie, wie die von der minderen Zeugungsfahigkeit der hin- 
schwindenden Ragen. Aber einen der wichtigsten Grunde , welcher 
nicht nur diese Unfruchtbarkeit, sondern iiberhaupt die Verringerung 



minctesten 



haben wir noch 









































zu besprechen : es ist das weitverbreitete Todten der Kinder vor oder 
gleich nach der Geburt. 

Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Saug- 
linge, deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder aus- 
sms*** znsetzen; ebenso todteten sie von Zwillingen das eine Kind. Kiinst- 

liche Fehlgeburten kamen haufig bei ihnen vor. Noch haufiger war 
dies alles bei den Buschmannern, welche bei ehelichen Streitigkei- 
ten, bei Nahrungsm angel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger 
Verfolgung die Kinder todteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehe- 













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gatten, oder weil sie dieselben nicht ernahren, nicht mitnehmen 
konnten : das heisst in den meisten Fallen, weil sie jede ungewohn- 

' ^iche Anstrencrung, welche ihnen die hiilflosen Kinder anferle^t hat- 






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^ten, scheuten. Zwillinge und missgestaltete Kinder wurden stets 






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(Waitz 2, 340 und daselbst die Quellen) 






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des Kontinentes, wahrend die Indianer Nordamerikas, wie sie tiber- 
haupt holier stehen , auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit 
der innigsten Liebe pflegen. So verwenden z. B. die Potowatomi 
auch auf arbeitsunfahige und blodsinnige Kinder zartliehe Sorgfalt 



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16) ; und die Huronen zogen auch solche Sauglinge 















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sten Stamm der Athapasken , welcher auch sonst sehr tief stand und 
von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff hatte (Waitz 
b, 90 

ten, urn sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu 
behtiten (Waitz 3, 103), ist schon erwahnt. Und nun gar in Slid- * 



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(Azara 232) bringen 



die meisten Madchen 






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ofort bei der Geburt urn, 



T^*graben ; iiberhaupt aber ziehen sie nur etwa die Halfte ihrer Kinder 



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4, * auf. Da es bei den Tupis Sitte war (Waitz 



die Neugebo- 



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renen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom Boden aufhob, so 
konnen wir hieraus schliessen, dass bei ihnen, wenigstens in frtiherer 
^Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob, getodtet sind. 
den Guaikurus (ostlich vom oberen Paraguay) berichtet Azara 273, / 
dass die ganze Nation hauptsachlich darch Abtreiben der Kinder, 
von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr un- %■ 
sicher ist, oft keins schon tejni, ganz verschwunden sei ; und wenn 

Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung 
auf ihr Aussterben — denn Castelnau z. B. fand 6 Stamme von ihnen, 
darunter zwei ackerbauend, am Paraguay vor — als auch in Betreif 
dieser furchtbaren Ausdehnung des Kindermords fur tibei trieben hal- 
ten, so muss doch kunstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise ver- 
breitet gewesen sein, wie ihn auch noch neuere Reisende, Martius, 
Castelnau bei Waitz 3, 472 als gewohnlich unter ihnen angeben. 
Auch von den Mbayes, welche indess von den Guaikurus nicht zu 
trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an: sie todten alle 
Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als Grunde 
fiir diese Sitte geben die Indianerinnen an , regelmassige Geburten 
machten sie vor der Zeit alt und hasslich, auch sei es ihnen, bei ihren 
ewigen Wanderzilgen, wo sie selbst oft nichts zu essen hatten, sehr 
schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fiihlte 
sich also eine Frau schwanger , so legte sie sich auf die Erde und 












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Unterleib, bis Blut una bald darauf die Frucht abging, eine Opera- 
tion, an der naturlich viele Weiber sogleich oder kurz darauf star- 
ben, andere wenigstens ihr ganzes Leben siechten (Azara a. a. 0. 
Auch bei den Abigonm herrsclite dieser Gebrauch ; mehr als zwei 
Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3, 476). Die Tobas (zwischen 
Abiponen und Guaikurus, ostlich vom Paraguay) todten viele ihrer 
Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (ostlich von den Tobas) alle un- 




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ehelichen, von Zwillingskindern ; welche fur ein Zeiclien von Un- 
treue gelten, immer eins, und wenn die Mutter stirbt, so begraben 
sie den Saugling mit ihr (Waitz 3 ? 480). Die Yurakares, westlich 
vom Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hat- 



ten, sie weiter zu verpflegen (Waitz 6, 100). Die Moxos todteten 









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von Zwillingen immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit 
/ ihrer Mutter, wenn diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillings- 
kinder wandten sie diese Massregel an, weil man in einer solchen 

Doppelgeburt etwas Thieralmliches sah (Waitz b, 100). Die Chiqui- 
tos (zwischen dem oberen Paraguay und dem Titikaka) hatten so 
wenig Anhangiichkeit an ihre Kinder, dass sie dieselben leicht fort- 
gaben oder verkauften (Waitz 3, 530) und von den Minuanes (am 
unteren Parana) erzahlt Azara 191 ganz ahnliches ; waren die Kin- 
der entwohnt, so kiimmerten sich die El tern gar nicht mehr um sie. 

Bei 
den caribischen Volkern herrschten dieselben Sitten, wie dies Hum- 
boldt b 4, 225 — 28 genauer schildert. 

immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beutelthiere und das niederste 
Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch 
hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. 
Auch missgestaltete, ja selbst schwachliche Kinder werden getodtet, 
um sich der Last, die man spater mit ihnen haben wtirde, zu ent- 
ziehen. Die Frauen dieser Volker haben verschiedene Pflanzenauf- 

giisse, welche sie zum Abtreiben anwenden und zwar in verschiede- 



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vielmehr wurden sie von verheiratheten Ver wandten aufgezogen. 



Von Zwillingen todten sie 



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nen Gegenden zu verschiedener Zeit, je nachdem sie es fur die Ge- 
sundheit und die Schonheit friih oder spat Kinder zu bekommen far 
zutraglich halten. Auch bei den Makusis_sieht Schomburgk (2, 312), 



so sehr er auch sich gegen diese Annahme straubt, sich genothigt, 
an kunstliche Fehlgeburten zu glauben. AVenn er aber meint (313), 
dass Zwillinge bei ihnen nicht getodtet wiirden, und dass uberhaupt 
solche Geburten hochst selten bei ihnen seien, weil er nur zweimal 
unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis, ein- 
mal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden horte, 
so ist das sicberlich unrichtig, denn er selbst erzahlt, dass die Frauen 
jener Volker auf seine Bemerkung, die Europaerinnen bekamen bis- 
weilen zwei, ja drei Kinder, den Mund spottisch verziehend geant- 
wortet hatten : wir sind keine Hundinnen, die einen Haufen Junge 



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werfen. *) Also audi hier dieselbe Auffassung wie iiberall in. Slid- vKaJL^ 

amerika und sicher audi derselbe Gebrauch. Schon die Seltenkeit^^/^^A 
von Zwillingen spricht dafiir; und wenn die Indianer nie von Zwil- f^^ 
lingen sprechen, so erklart sich das aus dem herrschenden Gebrauch, (A 
von der Ermordung der Kinder tiberhaupt nicht zu reden ; man thut, 
als seien sie eines naturlichen Todes gestorben : »Das arme Kind 
konnte nicht mit uns Schritt halten ; man hat nichts mehr von ihin 
esehen« (Humboldt b 4, 226). 



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Audi bei den Kulturvolkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. 



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Die Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters 
oder der Mutter vorbedeuteten, todteten oft das eine der beiden Kinder 













(Waitz 4, 164). 
weil 






Die Chibchas , in Neu-Granada, thaten dasselbe, . 

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die Folge grober Ausschweifungen 



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sie in Zwillingsgeburten 
sahen (eb. 4, 367). Auch in Peru galten Zwillinge als ttble Vorbe-m 
deutung ftlr die Eltern, der man in vielen Theilen des Landes durch 
Fasten (eb. 417), in anderen durch Todtung eines der Kinder vor- < *$** 
zubeugen suchte (eb. 461). Die jdarisc hen Weiber sollen ihre Ki 
jetodtet haben , urn ihre Schonheit zu bewahren (350). Die zu den 
Chibchas gehorenden Panches todteten alle ihre Kinder, so lange 
♦ ilinen nur Madchen geboren wurden (eb. 376) ; und hier mag denn 
den Schluss die Bemerkung bilden , dass die vielfach vorkommende 
^*<Todtung der Madchen ursprttnglich wohl nicht den Grand hatte, den. 



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Tochtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung 
gieichwohl spaterhin gegolten haben mag : der Hauptgrund war ge- 
wiss ein aberglaubisch-religioser oder wenigstens der, dass man 
Knaben der Kriegsttichtigkeit halber und weil man sie fur vortreff- 
icher hielt, lieber sah als Madchen. 

Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines 
Sauglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen 
stets das eine Kind getodtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und West- 
australien; missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt 
Schmerzen machen — diese alle gewiss, weil man sie von bosenGei- 
stern besessen glaubt — todtet man gleichfalls, so wie alle Kinder/ 
von europaischen Vatern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. 




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Von Mischlingskindern todtet man nach Breton 



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234) indess nur die Knaben, nicht die Madchen, wahrend sonst die 
Madchen so vorzugsweise getodtet werden, dass nach Grey (2, 25 1) /> < 
das Verhaltniss der Weiber und Manner wie 1 : 3 ist. Jede Mutter 
todtet ihr drittes, bisweilen schon ihr zweites Madchen, wenn es nicht 
eine fremde Frau als ihr Kind annimmt (Salvado 111). 



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Fehlgebur- 










ten werden oft herbeigeflihrt und Neugeborene oft getodtet, urn der 
Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu entgehen (Mei- 



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) Zwillinge werden fast von alien Naturvolkern getodtet : auch von 



den Negern (Waitz 2, 124). 



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geborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of the 
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1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73 



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Auf Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bi- 

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Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man 

neugeborene Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog 
(Turner 394), und ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und 
in grosster Ausdehnung auf den Inseln in der nachsten Nahe von 
Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4, 359). Auf den Fidschiinseln war 
der Kindermord gleiclifalls nicht selten, wie Williams und Calvert 
^ (1, ISO) berichten und das Gemalde, das sie entwerfen, ist duster 

genug: kiinstliche Fehlgeburten , Todtung der Kinder, namentlich 
der Madchen, gleich nach der Geburt, ist sehr haufig, aus Laune. 
aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache ; wie in Polynesien gab es 
audi hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizufiihren - 
verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche 
wir bei den Tupis f^nden und welche ja auch unter den Indogerma- 
nen eine so weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater 
oder Priester nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden auf- 
nimmt, als »ausgestossene« getodtet werden. 

Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnun 






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Wir 



beginnen mit 






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tritt der Kindermord auf im (ibrigen Ozeanien. 

Mikronesien. Wahrend allerdings die Carolihen frei von diesem 
Verbrechen waren (Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine 










rossziehen : alle iibrigen wurden um- 



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Mutter mehr als drei Kinder 

gebracht (Chamisso 119) ; und ebenso ist, um ubergrosse Bevoike- 
rung zu vermeiden, kiinstlicher Abortus bei den Gilbertinsulanern ^ 
nach Gulick (410), allerdings gegen Hales Ansicht, haufig. Yon der 
Kingswillgruppe , aber mit Ausnahme von Makin, sagt auch Hale *" 
dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen Uri- 
taos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten dariiber 
fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und 
namentlich die , welche von niederen Weibern geboren worden , 

todtet zu haben. 

Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die 

altesten beiden Sohne am Leben, um die Insel nicht zu tibervolkern, 

so wie alle Miidchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Manner 

.hat (Dillon 2, 134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv 

dann meist Tragheit oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Ma- 



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auf Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Wil- 












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Hams 560) und ebenso wenig, um das hier gleich anzuschliessen, auf 

den Herveyinseln (Williams 560). 

Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge. dass 
Ellis (1, 249) annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es 



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vorfand, erst in etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, 
ausbreiten konnen , weil sonst eine so zahlreiche Bevolkerung, wie 







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sie Wallis und Cook vorfanden 



erhalten 



konnen . 



, sich unmoglich habe 
Cook fand den Kindermord sclion allgemein verbreitet vor ^ 
und suchte vergeblich den Konig Otu zu seiner Abschaffung zu ver- £^j 

Aueh die Missionare des Duff (1796) fanden die Todtung A 
der Kinder als etwas ganz Selbstverstandliches, tiber das mit der A 






anlassen. 
















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grossten Gleichgultigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310) ; und mit 
demselben Entsetzen tiber diese Gleichgultigkeit wie Wilson sagt 
auch Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getodtet seien. Die 
ersten drei Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie 
zwei oder drei Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konn- 
ten sich die Geburten rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welch e 
vier, sechs, acht, ja 10 und noch mehr Kinder getodtet hatten 
(1, 250. 251); ja er versichert, und da kein Stand von dem Ge- 












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haben, das nicht seine Hande mit dem Blut der eigenen Kinder be- 
fleckt hatte. Unter den Areois nun war es so strenges Gesetz, alle/ 
Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren wurden, 
zu todten j dass wer sich diesem Gesetz nicht fiigte, sofort ausge- 
stossen wurde. Die einzigen Ausnahmeir, welche gestattet waren, 
, bestanden darin, dass die ersten Fursten ihren ersten Sohn behielten 
und dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 1 2 Grade, 
Morenhout 1, 489) nur ihr altestes Kind so wie alle Madchen todte- 
% * J ten. Das letztere geschah auch hier wohl aus religiosen Grunden 




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^gg^oder weil man die Madchen fur geringer als die Knaben hielt ; Mo 

renhout, dem diese Nachrichten entlehnt sind — er handelt von den 

ist der Meinung . alle diese Morde seien voll- 



Areois 1, 485 — 98 









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braclit, urn die Volksmenge der Insel nicht iibergross werden zu las- 
sen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird; wie denn auch et^o a 2 







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das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber brachten zui 
Conservirung ihrer Schonheit die Kinder urn. Dass alle Kinder einer 

Williams 565, ernes gemeinen Mamies 
umgebracht wurden, versteht sich nach 



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und einer adligen Frad 

den Begriffen, welche man tiber die verschiedenen Stande hatte und 
nach denen der Adel ganz gottlich, das Volk aber nicht einmal im 



Besitz einer Seele war, von selbst. Fur Tonga wahlte man solche %^ 
Kinder vorziiglich gern, nach Mariner, zu Op fern aus. Und so war 
es auf alien Gesellschaftsinseln. Williams erzahlt von Raiatea , wo 
er (1829) seine Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Ben- 
nett in einem Zimmer, in dessen Hintergrund mehrere eingeborene 
Weiber arbeiteten und als Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung 
des Kindermords erkundigte, so fragte er, urn sich selbst zu ttber- 
jzeugen, ob das Verbrechen so allgemein sei als er glaube, die zufal- 















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lig anwesenden Weiber, die er nicht weiter kannte, wie viel Kinder 






















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jede getodtet habe: neun die eine, sieben die andere, die dritte fftnf, 
also alle drei zusanimen 21! Eine andere Frau bekaimte sterbend, 
dass sie 16, ein voruehmer Hauptling, dass er 19 umgebracht hatte 
und manche Familien hatten alle getodtet (Williams 562 — 565) . Als 
Grunde geben ihm die Eingeborenen an , zunachst Furcht vor den 
j^t^W? ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstorungen ; man wollte von den 

Kindern niclit gehindert sein > auch wohl bose Schicksale ihnen er- 

,.._, sparen und was wohl der Hauptgrund war, deinFeind kerne Gelegen- 

Q heit zu irgend welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder 

Ermordung der Kinder) geben. Zweitens war aber die Verschieden- 

heit des Ranges ein wichtiger Grund. War ein Mann von niedererin 







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Rang als seine Frau, so konnte er durch Todtung von zwei, vier oder 
sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand, zum Rang der Frau sich 
erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er diese Stufe erreicht, 






geboren wurden 



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blieben am Leben. Die Frau aber, welche von 
minder hohem Range als ihr Mann war , konnte , da alle Vererbung 
nur in weiblicher Linie erfolgte , sich durch kein Mittel , auch dieses 
nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne 
^feiteres am Leben, so sank dieFamilie auf den Rang her ab, welchen 
£ der minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Al 

dritten Grand fuhrt Williams die Eitelkeit derWeiber auf: sie wollten 
ihre Schonheit nicht durch Saugen undKinderpflegen'gefahrden. Der 
Hauptgrund scheint aber, wenn nicht in fruhester, vorhistorischer 
Zeit religiose Motive mitwirkten , Faulheit gewesen zu sein : auf de 
Insel , welche eine vielfach grossere Bevolkerung leicht ernahren 
konnte, hiess ein Vater von vier Kindern schon ein »arg uberbtirdeter« 



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Man todtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen 

auf den Mund legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, 

oder sie , noch im Mutterleibe , aber wahrend der Geburt , mit einem 

** spitzen Bambus durchbohrte ; oder man begrub sie lebendig und 






- zwar gerne so, dass die Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern 
l^kgeh flber ihnen her wolbte (Williams und Ellis a. a. 0.) . Eine vierte 



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noch viel scheusslichere Art beschreibt Williams 56' 



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56S : zuerst 












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wurden den eben Geborenen die aussersten Glieder an Finger und 
Zehen, dann, wenn sie davon nicht starben, die Hand- und Fuss- 
knochel gebrochen. Ueberstand das Kind auch das, so kamen die 
Kniee und Ellenbogen an die Reihe , und wenn es dann immer noch 
lebte, so wurde es schliesslich erwiirgt. Indess ist die That scheuss- 
licher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte : denn ohne 
Zweifel wandte man diese grasslichen Todesarten aus keinem anderen 
Grunde an als aus Ehrfucht vor der Seele des Kindes , die auf mog- 
lichst gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefor- 
dert als genothigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung 
gar nicht verstand , trat Zwang ein . Denn die Seeleh der getodteten 






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Kinder, die man sick unter der Gestalt von Heuschrecken nach 
Morenhout daclite j galten fiir heilig mid warden koch geehrt. Audi 
hier gab es fast in jedem Dorfe Leute , welche aus dem Kindermord 
Gewerbe machten (Williams 568) und doch, war einem Kinde audi 
nur eine Viertelstunde das Leben erhalten worden, so durfte es nich 



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mehr getodtet werden, und hatte dann sehr liebe voile, ja wohl zart- 
liclie Eltern. 






Wo moglich noeli roher waren die Bewohner der Sandwichs- /X4. ** 



inseln. Hier herrsclite der Kindermord namentlich in den unteren 
Klassen , von denen die Eltern selten , mochten die Elien audi nocli 
so fruehtbar sein, mehr als zwei oder drei, vielmelir oft nur ein Kind 
aufzogen. Audi hier sind (Ellis 4, 326—330) % der Kinder getodtet 



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and zwar meist durch Erwurgen oder lebendig Einscharren, wobei man £ ft 



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sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte und diese mit den Fttssen fest- 
stampfte. Hier begrub man die kleinen Leichen oft im eigenen Hause, 
ja im eigenen Schlafgemach der Eltern, wahrend man zu Tahiti 
ilinen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause gab. Oft waren 
es , hier wie zu Tahiti , die Eltern selbst , welche die grauenvolle 
That voilbrachten. In Hawaii war der Grand zu diesem Mord meist 
Tragheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves 
85. Wahrend aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe 
Stunde itberlebt hatten, gerettet waren und zartlich aufgezogen wur- 
den ; so todtete man zu Hawaii , mit viel grosserem Stumpfsinn , die 
Kinder audi noch nach einem Jahre , ja noch spater. War ein Kind 
krank und machte Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der 
Mutter zu unertraglich , so stopfte sie ihm ein Stiick Zeug in den 
Mund und grub die unglltckliche Creatur in die Erde, wenige Schritte 

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von ihrem Bette, zu welchem sie nach vollbrachter That, als ob nichts 
geschehen ware, ruhig zurtlckkehrte (Ellis 4, 330). Und selbst dies 
wird noch durch folgenden Fall, den Ellis gleichfalis (326) erzahlt, 
ilberboten. Ein Mann und eine Frau, welche ein Kind, einen hub-/ 
schen Jungen, nach Jarves (73) von sieben Jahren, hatten, geriethen 
itber denselben in Streit und da die Frau nicht nachgab , ergriff der 
Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm tlber seinemKnie den 
Rucken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter zu Ftissen ! 
Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklarte, er 
konne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind urn- 












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ebracht habe. 



Audi in Neuseeland findet sich der Kindermord 



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habe. 



gar nicht selten (Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht 
mehr statthaft , wenn das Kind audi nur eine halbe Stunde gelebt 

Will man es todten , so wird es meist lebendig begraben oder 
bei der Geburt erwiirgt. Rache ist haufig das Motiv hierzu, wegen 
harter Behandlung der Frau wahrend ihrer Schwangerschaft , oder 
weil der Vater sie verliess oder aus irgend welchem anderen Grande 
Dieffenbacli 2, 25 &.). Tragheit aber steht audi hier in erster Linie. 



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Namentlich Madchen brachte man urn (Taylor 165). Audi Abortus 

ist haufig; und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne 40) die 

Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben. Allerdings 

_ herrschen diese furchtbaren Gebrauche am meisten an der Kiiste ; 

*-€^c C*<^£^ - m j nnerll sinfi ^ e Familien zahlreieher , ja Dieffenbach (2, 33) sah 

bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die 
^^/ Maoris liebe voile (Dieffenbach 2 , 25 if.)? wenn auch nicht gerade 









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zartliche Eltern (Browne 39 

^ Es konnte scheinen , als batten wir 



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uns schon allzu lange bei 






diesem abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr Q - 

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ins Einzelne gegangen, 



allein dies genauere Eingehen war noting 






fur folgenden Nachweis. Da alle Polynesier liebe voile Eltern sind I V^ 



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und wir dennoch dieselben Eltern im ganzen ostlichen Polynesien so 
^•^^^^vollkommen abgehartet gegen den Kinder mord sehen, dass sie ruhig 

von alien den Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herange- 
wachsene Kinder kaltblutig morden : so kann diese Sitte nicht erst 



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£ ~ cc 'i*tt 50 Jahre vor der Entdeckung, also urn 1700 oder 1710 weiter urn 



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sich gegriffen haben, wie Ellis will. Jedenfalls muss sie alter sein, 
auch in dieser Ausdehnung. Denn urn ein Volk so ganz zu beherr- 



schen , dazu braucht eine solche Sitte , auch wenn sie eingeschrankt /$ 












4k schon fruher im Gebrauche war, mehr als 50 Jahre. Auch ist uns 
berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder vor und bei der 






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- .^Geburt massenweise todteten, als die Spanier die Inseln eroberten, 

^(famit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch das 






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setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem vor aus, und dazu koinmt, ^a 
dass sich beim malaiischen Stamm iiberhaupt die Sitte des Kinder- n ^ 
mordes oder des ktinstlichen Abortus sehr haufig findet. So treiben 






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die Battas haufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5. 190; die ostlichen ft 
Malgaschen todten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem 
bosen Tage geboren wurden , ertrankten , aussetzten oder lebendig ^^ 
Qbegruben (Waitz 2,441). Die Bisayas ziehen, urn nicht zu verarmen, . ^ 
*nur wenige Kinder auf, und todten uneheliche Kinder meist, weil das ^ 
Madchen, ihr Vater und ihr Geliebter fur aussereheliche Schwanger- / jfca A 
schaft Strafe zahlen mtissen (Loarca in Ternaux Archives 1, 23), 
Aehnlich die Pintados auf den Philippinen , welche ihre Kinder vom * 
3ten an todten , indem sie dieselben unter Festen und Lustbarkeiten 
lebendig begraben, so wie auch, urn sie nicht ernahren zu milssen, 
alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht von 1 577 in N. Journ. 




As. VIII, 39, 1831 



Auf den Kiasinseln setzt man die Kinder aus 








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(Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de verbreiding d. Kennis 
v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder bei den Dajaks 
aus Sittenlosigkeit erwahnt Schwaner Borneo 1, 203. 

Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte 
zu denken? Ist es bloss Tragheit und Versunkenheit , worin sie 
wurzelt? In Afrika und Nordamerika ist freilich meist das aussere 












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Elend ilir Anlass , wie audi die Markesaner ihre Kinder aus Hun- /%& 












gersnoth todteten und assen (Ellis 4, 328); allein das reicht weder 
ftir Polynesien noch fiir Siidamerika aus. Meinicke meint nun [b, 59 
bis GO), dass in Polynesien der Kkidermord eingefiihrt sei, urn die 
Reinheit des Blutes der Aristokratie zu erhalten. Er sttitzt diese An- 
sieht, fur welche historische Griinde sich nicht aufstellen lassen, da- 
durch , dass , trotzdem der Kindermord bei alien Klassen der Be- 
vOlkeruns: vorkommt, er doch zu Tahiti zumeist von den Areois aus- 
eht , dass alle Kinder aus gemischten Elien , die bei der formliehen 
Berechtigung der Yornehmen zu jegliehem Lebensgenuss gar nicht 
zu vermeiden waren, getodtet wurden. »So mogen«, fahrt er S. 60 
fort , »solche Kinder seit Jahrtausenden getodtet sein, ohne dass dies 






















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bei den korperlichen Vorztigen , die dergleichen Verbindungen mit /£ ^ 




Menschen niederen Standes nicht haufig gemacht haben werden und 
bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird. Aber 



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Kinder auch zu todten, urn durch die ' *****) 



an Ausschweifungen und Ver- 



mit der Zeit fing man an, 

Sorge, die sie erforderten, nicht 

gnugungen gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war 

und endlich verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den 

Einfluss der Mode , die auf den Siidseeinseln so gut wie in anderen 




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Erdtheilen die niederen Stande antreibt, Verkehrtheiten und selbst #^£. 



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Laster der Vornehmen nachzuahmen , auch unter das Volk ; wo sie 
in der Bequemlichkeit, Liederliehkeit, Armuth und den Besch werden, 
die Kinder zu erziehen, mannigfache Untersttitzung fand. Man sieht, 
dass der Kindermord so mit der Zeit stets zunehmen musste und wird fc 
hierin eine Hauptursache der erstaunlich raschen Abnahme der Be- # 



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volkerung zu suchen haben, wenn auch die Angaben der Missionare 
iiber die Zahl der hingeopferten Kinder iibertrieben sein sollten 
Dies letztere ist nun zwar bei den mit bestimmten Zahlen ange 






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einzelnen Fall 



Fallen und der genauen Uebereinstimmung der x ^jfe^'' 
ie Missionare machen, nicht wahrscheinlich*), > f ^ 

•iicklich sagt, dass er Williams Angabe, 2 /a ^ er ie+Z% ^ ' 



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Angaben, welche die 

wie denn Ellis ausdriicklich sagt , dass er Williams Angabe , 2 /a der /^J5 fc l f 
Kinder seien getodtet, an Ort und Stelle gepriift und nicht iiber- 
trieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass auch er 
diese Sitte fiir eine sehr alte ansieht. 

Allein sonst ist seine Ansieht schwerlich richtig. Mag auch 




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spaterhin , und er hat es gewiss sehr reichlich gethan , der Unter^J*^t ' /^ 






schied zwischen Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung 









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spricht , dass wir in Siidamerika den Kindermord fast in ahnlicher 



A-erliehen haben ; veranlasst hat er ihn gewiss nicht , wofiir zunachst 

Ausdehnung wie in Polynesien , jenen Standesimterschied aber nicht u^ 
vorfanden. Aber auch fiir Polynesien allein wird es bedenklich, den . 

letzteren als alleinige Ursache des ersteren anzusehen, wenn man r »*- **%i 



*) Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint. 



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Folgendes erwagt. Williams sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass 
ein niederer Mann durch Kindermord sich deni Stand seiner vor- 
nehmeren Frau angleichen kann ; was Meinicke , wohl nur durch 
einen Irrthnm seinerseits > fltr einen Irrthum Melt. Denn aller Rang 
vererbte durch die Mutter ; der Adel war ferner eine mit Seele be- 
jabte, gottliche Klasse, im Gegensatz zu dem unbeseelten, irdischen 
Volk. Kinderseelen nun, welche nach Morenhout fur besonders 






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e/^bfceilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Gottern und 
4%$ Menschen besonders gebetet wurde , konnten ; wenn fiir den unbe- 
seelten Mann geopfert, ihm, sei es durch direktenUebergang in ihn, 
^ oder sei es durch Vermittlung bei den Gottern , zu einer Seele ver- 
* helfen ■ wodurch er zu hoherem Rang emporstiege. Die Areois sind 
eine religiose Gesellschaft ; religiose Scheu zeigte sich in der Art, 
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wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte ; man hat sie 
also in vielen Fallen vielleicht nur getodtet, um Schutzgeister zu 
haben oder sie als Opfer furs eigene Leben — solche Opfer werden 



wir ffleich noch mehr sehen 



den Gottern darzubringen. Dieselbe 



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Bedeutung hat wohl der Kindermord in Mikro- und Melanesien ge- 
habt, wie einzelne Spuren noch andeuten, wenn sich auoh Zwin- 
gandes nicht dafitr anfuhren lasst als eben ihre Verwandtschaft 
mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die Sitte musse 








- Lt, Z^Jlberall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwahnt finden, 



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?iu>^ # * fa** wie in Tonga , nur tibersehen , so kann man das nicht zugeben ; der 

so Mnen und scharfen Beobachtung Mariners hatte sich ein so auf- 



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fallender Gebrauch nicht entziehen konnen und er fuhrt 2, 18 — 19 
einen Fall der Art ausdrttcklich als etwas Ausserordentliches an. 
Aber moglieh ist es, ja wahrseheinlich, dass die Sitte auch in Tonga 
ursprunglich geherrscht hat , nur wahrend sie sich im tibrigen Poly- 
nesien ausbreitete , so erlag sie schon sehr frlih und lange vor der 
Entdeckung dem besseren Sinn der Tonganer, wie sie auch andere 
ahnliche Sitten aufgaben, z. B. die Ermordung der Weiber beim 
Tode der Manner , von der Mariner als von einer frtther gebrauch- 
lichen horte (1, 342) , die aber zu seiner Zeit schon ausser Gebrauch 
gekommen war. 

Da wir nun Grtinde haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch 
>. j- >r^* fur einen ursprunglich religiosen zu haiten, der freilich in spaterer 

jt ;/ Zeit aus ganz andferen Motiven, airs Faulheit, Eitelkeit, Lieblosig- 

keit, Standeshochmuth u. s. w. sich unendlich verbreitete und das 
ganze Leben der Nation in der neuen Gestalt anfrass ; so mochte 




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to** auch die ziemlich weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigent- 









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lichen Malaisien von Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, f*~ 
auf demselben Princip beruhen. Wie es sich in Sitdamerika hiermit 
verhalt , lassen wir , 
doch hat hier vielleicht eine ahnliche Grundanschauung geherrscht, 



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da es uns an alteren Daten fehlt , unerortert ; 
wir sie fiir Polynesien annahmen. Denn in Mexiko wenigstens 




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jlaubte man ? kleine Kinder , welche stiirben , seien den Gottern be- 
sonders lieb ; sie kamen zu einem Baurn, von welchem bestandig Milch 
herabtraufele , und seien Vermittler zwischen Gottern und Men&ehen 

Waitz 4, 166). Kinderopfer , um die Gotter gnadig zu stiinmen, 
kamen viel bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie 
bei der Ceremonie, die unserem Abendmahl ahnlich ist, unter sicli f) 



vertheilen und als »das Fleisch Gottes« verzehren . war mit Kinder- 
blut angefertigt , wie audi bei den Totonaken die Kuchen bereitet 
waren, welche sie »das Brot unseres Lebens« nannten (Waitz 4 ? 161 



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Jetzt scheint diese Sitte dort keine anderen Motive zu haben, als * 



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Eitelkeit, Faulheit und Elend und Noth*). Das Todten von Zwil- 
lingen oder des einen von beiden Kindern beruht auf anderen Grund- 
lagen : es gelit aus von dem Schreck tiber das portentum einer mehr- 


















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faclien Geburt . in welcher man etwas Unnatilrliches und daher Un- / ^ - /ySr 

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heimliches oder aber eine Thierahnlichkeit sah. 



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§ 9. Krieg and Kannibalismu 



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Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den 
Naturvolkern geachtet wurde ? so werden wir von seinem geringen 
Werth bei ihnen im Folgenden noch massenhaftere Beispiele linden, 
da wir uns zunachst mit der Frage besehaftigen miissen, welchen 
Einfluss auf Zahl und Existenz dieser Volker haben Krieg , Kanni- 
balismus und Menschenopfer gehabt? 

Freilich scheint die Art der Kriegfiihrung bei den unkultivirten 
Stammen mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. 
Denn so kriegerisch audi die Nordamerikaner waren , so sehr ihr 
gauzes Leben beinah auf dem Krieg beruhte, so gait ihnen doch eine 
Art der Kriegfiihrung, wie die europaische, wo man in offener Peld- 






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*) Dass iibrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder viel- 
fach getodtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die 
Kinder umgebracht , welche der Vater , wenn sie die Hebamme ihm vor 
die Fiisse legte, nicht aufhob ; eine Sitte, die bei Plautus unci Terenz, 
d. h. also der spateren attischen Komodie so vielfach erwahnt wird 
Namentlich Tochter wurden umgebracht. Diese Todtung geschah durch 
Aussetzung zumeist (Schomann griech. Alterthiimer 1, 562) . Bei den alten 
Deutschen herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Ge- 
biet sei zunachst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert , sodann an den 
Molochdienst der Phonicier , der so vielfach von den Juclen nachgeahmt 
wurde (Winer, bibl. Kealworterbuch unter Moloch) so wie an die der 
Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phon. 2, 2, 69.. Allerdings ist 
der semitische Gebrauch ein religioser , also zum Kinderopfern gehorig. 
Doch liesse sich auch fur blosses Aussetzen der Kinder manches Semi- 
tische beibringen. 









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schlacht stets das eigene Leben in Gefahr setzt , fitr Thorheit , ihr 
Krieg bestand nur inAblauern des Feindes, inUeberfall und Hinter- 
halt ; dahtfr er denn , dem entsprechend ; minder durch Tapf erkeit 
als durch Schnelligkeit, Schlauheit und Verwegenheit geftihrt wurde. 
Aber dafur endete auch der Krieg bei ihnen nie : denn Grenzver- 
letzungen oder Blutrache , sowie Rache ftir Zauberei (durch die man 
jeden Todesfall , namentlich aber den Tod von Hauptlingen verur- 
sacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und durch stets neue 
schliinme Thaten niemals verloschender Stammhass erregten ihn 
immer auf s Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige scheinende 
Art j, wie sie den Krieg fuhrten , brachte oft ein furchtbares Blut- 
vergiessen hervor , da bei den Ueberfallen der meist unvorbereitete 
und wehrlose Feind ganz und 
inetzelt wurde , schon der Skalpe wegen , deren Erbeutung ja den 
Siegern die grosste Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar 
und bei den Huronen wurden Weiber und Kinder meist zu Gefan- 
genen gemacht ; war der Kampf aber lang und erbittert gewesen, so 
mordeten auch hier die Sieger so 



gar mit Weib und Kind niederge- 



lange als sie 



die Arme heben 

konnten (Waitz 3, 150 — 154). Und gefangene Feinde, die Manner 
wurden ja von diesen Volkern wie bekannt so gut wie immer ge- 
todtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Volker ver~ 
hangnissvoll geworden sind und also , als fur ihr Aussterben grund- 
legend , recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehoren , dafiir hat 
Waitz , was Amerika betrifft, 1, 165 ? Zeugnisse gesammelt. »Die 
Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die 
Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die 
Navajos im hohen Grade geschwacht (Schoolcraft) ? die Osagen durch 
ihre erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Halfte 
ihrer frtiheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes 

- 

wird dann nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und 
sein Name verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese 
Weise sollen z. B. die Creecks allmahlich die Reste von 15 anderen 
Stammen verschlungen haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3 ? 155) 
haben ausserordentlich durch derartige Kriege gelitten. Jenseits des 
Felsengebirges sind die Kriege viel milder und thun im Ganzen wenig 
Schaden (3 3 338) und ebenso ist es auch bei den Oregonvolkern, 
wenn diese gleich viel kraftiger zu sein schienen als die Nulkas und 

Ohinooks. % 

Der Kannibalismus , welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, 
hat auf die Volker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und fur 
ihre Zahl durchaus ungefahrlichen Einfluss gehabt. Er findet sich 
bei man chen Volkern, z. B. den nordlichen Athapasken, den Hasen- 
indianern, Nipissangs, den Crees, Ojibways, doch ist bei alien 
diesen das Entsetzen vor der That ein ganz ausserordentliches. 
Ebenfalls findet er sich , und durch gleiche Veranlassung , bei den 



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Allein bei den Algonkins und den Irokesen, den Sioux war der 
Kannibalismus friiher (jetzt hat er aufgehort) weit verbreitet und 
besonders merkwlirdig ist es, dass es bei den Miami und Potowatomi 
eine besondere, aus bestimmten Familien sich erganzende Gesellschaft 
gab , welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von iibernatur- 
lichen, auf andere ubertragbaren Zauberkraften wahnte (Waitz 3, 
159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf 
Tahiti und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln 
erinnert.*) Aber bei alien diesen amerikanischenVolkern sowie auch 



bei deii Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus 
nur an gefangenen oder gefallenen Feinden ausgeubt, deren Herz 
man ass , theils aus Rache , theils urn sich die Tapferkeit und Kraft 
dessen, dem das Herz gehorte, anzueignen (Waitz 3/159 

In Sudamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie 
noch weit mehr gewirkt > als in Nordamerika : lebte doch hier das 
Yolk , welches dem Kannibalismus seinen Namen gegeben hat , die 
Kaniben, Kariben oder Karaiben. Urspriinglich auf den kleinen 
Antillen und dem ihnen gegentiberliegenden Festland heirnisch 
machten sie von dort aus , nach Columbus Erzahlung , verheerende 

Weiber zu erbeuten, wahrend sie die 
Manner erschlugen und sie , wie auch ihre eigenen mit den gefan- 

3 7 374 — 375). Auch 



Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 



ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und kampften so 
selbststandig , dass die Sage von den Amazonen , die im nordlichen 
Siidamerika haufig vorkommt 3 durch sie veranlasst zu sein scheint. 















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*) Auch was Humboldt 6 5, -i iu — 1 1 1 von den «Mysterien desBotuto», 
einerTrompete vonThon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die 
zu alien feierlichen Ceremonien gebraucht wird , erzahlt , gehort hierher : 
«um in die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden , muss man rein 
von Sitten und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der 
Geiselung, dem Fasten und anderen angreifenden Andachtsiibungen.» 
Durch dieTrompete theiltder grosseGeist den Eingeweihten seinen Willen 
mit ; sie stehen also mit den Gottern in naherem Verkehr als andere Men- 



schen und das war auch der Grundgedanke der Areois. 
wird von Haiti berichtet. «DieCaziken namlich standen». 



Ganz ahnlich 
erzahlt Waitz 4, 

329 nach Herrera , Torquemada und Petr. Martyr , ohne selbst Priester zu 
sein, doch an der Spitze des Cultus : die Tempel und Opferplatze, wo die 
Gottesverehrung stattfand , waren entweder ihre Hauser selbst oder 
Hiitten , die als ihnen gehorig betrachtet wurden ; dort waren die Bilder 
der Ahnen aufgestellt, die von Holz, inwendig hohl und mit einem Eohre 
versehen nur von ihnen um Orakel befragt werden konnten und nur aus- 
sprachen was sie ihnen eingaben. Sie berauschten sich zu diesemZwecke 
mit einer Art von Schnupftabak und fuhrten die heilige Handlung allein 
aus , voq der natiirlich das Volk ausgeschlossen blieb. >> Auch Tanze ge- 
horten zu diesen religiosen Mysterien , die sie allein kannten , auch dies 
wieder wie bei den Areois. 





































64 






J 






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«*:•' 



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I 



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Schomburgk 2, 429 erzahlt, dass die Kariben sich namentlich gegen 
dieMakusis wandten, umSklaven zu erbeuten, zu welcher Menschen- 
jagd sie von denHollandern aus Eigennutz angetrieben wurden, denn 
diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen scheuss- 
lichen Handel naher und sagt , dass er bis gegen die vierziger Jahre 
dieses Jahrhunderts , also bis auf unsere Zeit bin bestanden habe ! 
Die Art nun, wie nocli jetzt die Kariben von alien anderen indiani- 
sclien Stammen als Herrn und Gebieter geftirchtet werden , so dass 
sie ohne Weiteres sich in jeder beliebigen Hiitte was ihnen gefallt 
nehmen konnen (ebendas. 427): so wie die blinde Angst, welche man 
noch jetzt in jenen Gegenden vor ihnen hat, lasst erkennen, was sie 
einst ^ewesen sein mo^en. Und wie durch sie die Atur'eii (Hum- 



hineingedrangt verkamen ; 



boldt c, 1, 284) in die Katarakten des Orinoko, wo 

ihres Stanimes letzte Spuren 
birgt des Uferschilfes Grim, 

| so waren die blutigen Kriege ? welche 
von ihnen ausgingen ? eine Hauptiu'sache fur die Verminderung der 
Stamme in Guyana. Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) 
Menschenfleisch nicht mehr ; und jetzt sind auch sie sehr zusammen- 
^eschmolzen (eb. 417), wozu ihre eigenen Kriege nicht wenig beige- 
tragen haben mogen. Da nun auch die Tupi tapfere, ja wilde Krieger 
waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch die Guarani (welche 
Azara 213 ft', freilich als sehr scheu scliildert) Menschenfleisch ver- 



zehrten; da nun auch fast alle sitdamerikanischen Stamme, die 
Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die Pampas, 
Patagonier u. s. w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde Tapfer- 
keit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger Krieg 
herrschte ; da sie fast alle Kannibalen Avaren, wie die Mbayas (Waitz 
3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die 
Abiponer (4 76), die Feuerlander (508) und ebenso die Patagonier, 

welche alle feindlichen Manner niederhieben , Weiber und Kinder 
aber zu Gefangenen machten : so werden wir begreiflich linden, dass 



die Zahl dieser Yolker , die in so heftigem und unablassigem Kampf 
mit einander sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt ab- 
nimmt. Tschudi 2, 259 sagt geradezu , dass die Angriffe der Boto- 
kuden auf die von den Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen 
halb civilisirten Indianer dieUrsache seien, dass jene Gegenden auch 
heute noch so sparlich bevolkert seien. Auch mag daran erinnert 
werden, dass jene Volker in dem Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen 
vergifteten , eine ganz besonders gefahrliche Waffe haben , da dies 
Gift auch bei der leisesten Verwundung unfehlbar todtet. 

Titchtige Krieger Avaren nun , nach der treftlichen Schilderung 



bei Waitz, auch die Kulturvolker des alten Amerikas. Doch da ihre 
Kriege keine Yernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem. 
auch wenn er besiegt wurde , seine Nationalitat und Hab und Gut 









- 






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65 



liessen, bis auf den Tribut, den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 
406) , so konnten diese wohl den Namen von VOlkern aufhOren 
rnachen, indem sie das besiegte dem eigenen Volke einverleibten, 
und namentlich in Peru geschah das Ofters (407), aber einVolk ver- 
nichten oder audi nur soweit verringern, dass seine Lebenskraft da- 
durch gebrochen ware, konnten sie nielit nnd haben sie nicht gethan, 
denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevolkerte, bliihende 
Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko : die 
geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die 
Ottomies sollen sogar Mensehenfleisch auf dem Markte verkauft 



haben , eine Sitte , die man so wenig anstossig fand , dass man offen 
davon sprach und den Spaniern erzahlte, ihr Fleisch schmecke bitter 



(Waitz 



doch liegt es auf der Hand , dass auch diese Sitte 



dem Bestehen dieser Volker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste 
Gefahr brachte , da sie sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein 
Recht zu sein aus alter und altester Zeit, wo sie dann freilich weitere 
Verbreitung gehabt haben wird. Auch in Neugranada war Kanni- 
balismus, in manchen Gegenden des Landes in sehr roher Form, 
verbreitet (Waitz 4, 374. 376). Was von den Cariben erzahlt wird, 
dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern erzeugten Kinder ge- 
fressen hatten, wird auch von ihnen berichtet (4, 374). Auch in 
Yukatan (310) fand sich Anthropophagie. 

Anders aber finden wir es in der Siidsee. Zwar in Australien 
sind, ausser im Norden, die Kampfe an sich wenig blutig : Hale 1 15 
beschreibt dieselben , wie sie meist aus Privatschlagereien entstehen, 
wie sich dann beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange 
erst schelten , und dann Mann fur Mann vortritt und den Speer 
schleudert, bis einer verwundet wird: dann hort der Kampf auf. 
Doch fehlt es ihnen keineswegs an Muth, Kraft und Standhaftigkeit 
wie sie auch Schmerzen mit grosser Geduld ertragen (Turnbull 34—35) . 
Allein da die Kriege , bei der Verfehdung fast aller Stamme unter 
einander, doch sehr zahlreich sind (Wilson 143 v. d. Rafflesbai), da 
man manche Stftmme von ihnen, namentlich dieNordaustralier, deren 
Krieger und Zauberer durch den ganzen Continent aufs Aeusserste ge- 
filrchtet sind, als Gegner auch Europaern gegenilber keineswegs ver- 
achten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese Kriege zum grSssten 
Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder Schlafender be- 
stehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt, geradezu 
unendlich sind (Meinicke a 2, 198) — so sind sie fur die Zahl und 
das Gedeihen der Einwohner so verhangnissvoll, dass wir sie als eine 
der wichtigeren Ursachen fur das Aussterben der Australier hier be- 
zeichnen miissen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten 
unter einander in bestandigem Streit , der von Stamm gegen Stamm 
ausgefochten wurde (Nixon 26). 

Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland , doch keineswegs 



> 



G-erland, Naturvolker. 



5 




























































l*k 










66 


















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J I 






















ehr ausgedehnt. So brauchen nacli Angas 1, 68 die Eingeborenen 
von Lake Albert die Schadel ihrer Feinde als Trinkgeschirre , 



s 



ganz 



wie die Inkas von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach 



dem bekannten Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden. *) 
Ferner sollen Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231 
ganz sicher verzeliren imNorderiFreunde ein Stiick vom verstorbenen 
Freund und an Moretonbai assen (Anffas t, 73) Eltern aus Liebe 



8 



ausgedehnt ist (Howitt a, 289. 



von dem Fleische ihrer todten Kinder, eine Sitte, welche nachAnderen 
auf geliebte Verwandte uberhaupt 
Austral. Felix 134). Siefindet sieh audi zu Hawaii : dort assdasVolk 
aus Liebe Fleiseh von der Leiche seiner verstorbenen Fursten (Reniy 
XL VIII. 125.**) AuchAberglaubediente dazu den Kannibalisnius zu 
verbreiten. Wie bei den Potowatomi und den Miami in Nordamerika, 

so manchem indisch - arabischen Mahrchen der Genuss de 

ein Zug, der 

Bech- 

ebenso 



wie m 



Menschenfleisches hohere ttbermenschliche Kraft gibt — 
auch , wie wohl verdunkelt , in deutschen Sagen vorkommt 
stein, Sagen des Rhongeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)***) 



*\ 



, Jak. Grimm , Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt 

eine Menge Volker zusammen , bei welchen derselbe Gebrauch vorkam 

Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage), 

Germanen verschiedener Stamme (Deutsche, Schweden) Romanen und 

ebrauch 



G 



Slaven. Merkwiirdig ist, dass auch bei Heiligen-Sehadeln der 
vorkommt, so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol 
33, a) zuEbersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe 
man sieht , es war wohl zunachst eine Art von Kannibalismus, dann abev 
auch ein Zeichen der Freundschaft , der Liebe, dankbarer Erinnernng. 
Zu beachten ist noch, dass Aventin sagt, Niemand hatte aus einem solchen 
Schadel trinken diirfen, wer nicht einen Feind erschlagen hiitte , da auch 
dieser Zug an manches Aehnliche unter den Naturvolkern erinnert. Doch 
konnen wir diese hochst merkwiirdigen Uebereinstimmungen bier nicht 
weiter verfolgen. 

**) Herod. 4, 26 (nach Grimm a. a. 0.) sagt von den Issedonen ■ taedvdvftpi 

dlvap.i|owTe€ U WfotaTd %pia SaTta itpoTi^atott. Auch die Wilzen und Sky then 

assen ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden todteten noch im 16. Jahr- 
hundert ihre arbeitsuntlichtigen Vater unter besonderen Ceremonien (Kuhn , 
markische Sagen und Mahrchen 335) . Auch hier stehen wir voreiner ur- 
alten und weit verbreiteten Sitte , die wir hier ebenfalls nur beruhren, 
nicht abhandeln konnen. Vgl. was etwas weiter unten uber Mare und 
Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Romern , Gnechen, 
Phoniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u. a. Volkern siehe Merkhn 
in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S 119 und Osenbriig- 
gen in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische 
Sprichwort (Schleicher lit, Mahrchen 179) »wie das Solmchen heranwachst, 
hat es auch den Vater erwtirgt«, konnte auf eine ahniiehe, jetzt langst ab- 

gekommene Sitte hinweisen. 

***) Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise 
die Fahigkeit zu fliegen. In einem sehr ahnlichen indischen Mahrchen 
bei Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein Zu- 
sammenhang beider Erzahlungen ware nicht undenkbar. 











67 



* 

mtissen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, 
urn ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht 
ungewohnlich, eineni lebenden Menschen das Nierenfett auszuschnei- 
den , das als Zauber gegen b8se Geister von ganz besonderer Kraft 
sein soil (Angas 1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett 
als Zaubermittel oder Medikament aufgelioben. Meinicke a 2, 184 hat 
also wohl die Neuholiander zu frei von Kannibalismus dargestellt. 

Gehen wir nun zu den inelanesischen Inseln , so finden wir auf 
Vanikoro unter den einzelnen Stammen fortwahrenden Kampf (D' Ur- 
ville5, 165) und wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, 
so dienen dieSchadel der Feinde doeh alsTrophaen (eb. 217), welche 
offentlich aufbewahrt werden. Auch auf Tanna herrscht bestandiger 
Krieg der einzelnen Stamme unter einander (Turner 82, Gill 227), 
da jede Privatbeleidigung einen offentlichen Krieg nach sich zieht 
(85), und ausgebildetster Kannibalismus : die erschlagenen Feinde 
werden mit Yams gekocht, Farbige den Weissen vorgezogen, einzelne 
Portionen des Fleisches an Freunde geschickt als Ehrengeschenke 
u. s. w. (82). Auch auf Fate und Aneitum, obwohl beide minder 
kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus (Turner 393. 371. 
Gill 6 6). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher letzteren 
Insel z wei feindliche Staaten neben einander bestanden , waren fort- 
wahrend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die Anthro- 
pophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die 






nachsten Verwandten , wenn man mit ihnen in Streit gerieth , er- 
^ehlagen und gefressen wurden (Gill 1 — 11; 122. Turner 400.411). 
Es ist eine leere Behauptung oder audi Einbildung der katholischen 
Mission , dass sie auf Neukaledonien den Kannibalismus hatte auf- 
horen machen (Montreval in nouv. annal. de la foi 1854, 94) ; Turner 
(urn anderer zu geschweigen) fand ihn daselbst sehr ausgebildet und 
so unbefangen , dass er iiberall eingestanden und besprochen wurde 
(426), wie er uns auch von den bestandigen Kriegen der Insel (428) 
berichtet. Die Bewohner von Isabel schildert schon Mendana 1595 
(Dalrymple 9 1 ) als Menschenfresser und eifrige Krieger , wie sich 
auch die Bewohner von Guadalcanal- zeigen. Eifrige Krieger und 
Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der Lusiade (Salerio bei 
Petermann 1862, 342—344) und von der Nordwestkiiste von Neu- 
guinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden , Marsden (in 
Transact, of the Reg. Asiat. Soc. 3, 125), dass daselbst ein ausserst 
roher Kannibalismus herrsche : man frisst Feinde so gut wie Freunde, 
iiaturlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht 
gegeniiber nicht abzusehen, wieFinsch (49) seine Behauptung, noch 
sei von keinem glaubwtirdigen Mamie bestimmte Nachricht iiber das 
Vorkommen des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben , aufrecht 
halten will. Einzelne der neuguineischen Stamme sind Kopfeschneller, 
d. h. sie schlagen todt, wen sie finden, um Kopfe zu erbeuten, deren 






5* 






% ! 


























* ^ 



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I 







68 



recht viele zu besitzen eine grosse Ehre ist ; und so entstehen bioss 
zu diesem Zwecke im Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hart- 
nackigsten und morderischsten Kriege (N. Gum. 109 ff. und daher 

wohl Finsch 82, 

Aber schlimmer als liberal! ist die Geringschatzung des Menschen 
lebens auf den Fidschiinseln , cleren Einwohner im Ruf einer be- 
sonderen Tapferkeit auch auf Tonga stehen , und die von solchen 
Tonganern, welche Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als 
Krieger beruhmt sein wollten, vielfach besucht wurden ( Mariner) . 

w ist nun auch, nach Wilkes 3, 63, ihre so bestandige Beschaf- 
tigung, dass irgend welcher Kampf auf der Gruppe immer herrscht ; 
and da die Insulanerebensoblutdurstigalsverratherisch sind (Hale 50) , 
so sind diese Kriege sehr zerstorend. Docli fithren sie denKrieg, der 
indessen stets offen angesagt wird, nur durcli Verratli und heimlichen 
Ueberfall; weshalb sie Williams und Calvert (1, 43) und ebenso Ers- 
kine (249) geradezu feig nennen. Wegen des bestandigen Verrathes 
herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der Gruppe, Niemand geht, 
aus Furcht tiberfallen zu werden, ohne Waffen (Will. u. Calv. a. a. 
0.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den nachstt \ Ver- 
wandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grand: denn da zi hren 
nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch noth i- 
dig gehort , so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harm; 
desto eher), Weiber bei der Feldarbeit u. s. w. iiberfallen und 
todtet, wozu Erskine 182 emporende Beispiele erzahlt. Wenn ai. 
die Schlachten , sobald nur einige gefallen sind , aufhOren (Jackson 
bei Erskine 425), so sind die Kriege doch ausserordentlich blutig 
durch die sinnlose Wuth , mit der Alles , was ihnen in die Hande 
kommt, gemordet wird. BeiUeberfallen, die sehr haufig sind, machen 
sie es nicht anders , so dass oft ganze Distrikte (Erskine und Jack- 
son a. a. 0. Seemann Zeitschr. 9, 476) vernichtet werden. Wer 
einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen Ehrennamen und 
wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert 55), 
gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nar der Kakadufedern 
tragen darf , der einen Feind getddtet hat , und bei den alten Deut- 
schen nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trink- 
gefass , dem Schadel des erschlagenen Feindes , trinken darfte . 

. Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Bliithe , wie wohl 
nirgends sonst auf der Welt. Erskine, der urn 1840 die Gruppe be- 
suchte, gibt (257—60) Beispiele. Den Menschen nennen die Ein- 
geborenen nur das »lange« Schwein , zum Unterschied vom »wahren 
Schwein (ebend.); bei jedemFest muss Menschenfleisch gegessen wer- 
den , zu welchem Behufe die das Fest gebenden Stainme gar nicht 
selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle Feinde, alle Schiff- 
brtichigen werden gefressen (Erskine. 262. 229)., Oder man er- 
schlagt, urn das nSthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus 
















69 



deni Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber 
gefangen und gegessen 9 wie Erskine 1 8 2 erzahlt) . Dass man alien 
Freunden von dieser geschatztesten Speise schiekt, ist so feste Sitte, 
dass gar nicht selten , weil es bei irgend einer Gelegenheit unter- 
lassen , Krieg entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in 
die Hand, malt ihm das Gesieht roth uud setzt ihm eine Perrucke atif 
(Erskine 262); ja in einigen Gegenden der Gruppe fuhren dieWeiber 
urn diese Todten und ihnen zum Hohne die allerschandbarsten Tanze 
auf (Jacks, bei Erskine 440). Auch hat man verschiedene Arten, 
Menschenfleisch zu kochen, welche naeh den Landestheilen verschie- 



den sind (261. 439 



Hauptling 



jam- 



merte ihm sein Vater nach : er war so ktthn! er todtete, wenn sie 



Weiber 



Auch 




s 



riner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den Fidschiinseln 
ehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den Tonganern, 
die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausuben, ge- 
kommen sei : an einem Fest hatten die Fidschimanner 200 Feinde 



ge 




essen (1, 345; 2, 71). Wer 
d nicht gegessen (Williams und 



Todes stirbt, 



auch Graber erbrochen, urn die Leichen zuverzehren! (eb. 212), 
ja man schneidet, um auch das Scheusslichste nicht zu verschweigen, 
auch von Lebenden, aber nur von gefangenen Feinden, Fleisch 
ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u. Calv. 1, 212). Der 
Grand des Kannibalismus, ursprtinglich Hass und Rachedurst oder 
Prahlerei , indem man sich dadurch furchtbar machen wollte, oder 
die Absicht , sich die Eigenschaften des Gefressenen anzueignen, ist 
jetzt fast iiberall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am Menschen- 
fleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh ver- 
zehren sie es nie : die Gabel, mit der es gegessen wird, ist fur alle 



anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in 



ganz bestimmtem Rythmus 



n 



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, f # * *? d • § • 5 m 4' S *J m • _ . 

der sonst me angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten 
ein (Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und ge- 
wisse Priester immer ausgeschlossen sind (Erskine 260 ; Williams und 
Calvert 1, 211). Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine 
religiose Weihe bei ihnen : die getodteten Feinde werden zuerst den 
Gottern dargeboten (Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247 
und jedes Kannibalenfest hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige 
Tanze (209. 440). 

Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, 
einmal, weil es anthropologisch von hohem Interesse ist — • dann aber 
und hauptsachlich, um zu beweisen , dass der Kannibalismus, der so 
ausgepragt ? so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt 
die Hauptlinge gern erzahlen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, 
Hand in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine (272) 










1 1 








































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i f 






















70 



Er besteht gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel lftnger, als 
die Fidsehis ihre jetzige Wohnung inne haben ; allein er hat sich 
immer weiter ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z. B. das 
Menschenfressen aus Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Be- 
stehens, so lange aber auch mindesiens, angenommen haben. Trotz- 
dem aber, und auf dies Faktum werden wir zurtickkommen, trotzdem 
ist ein Aussterben der Bevolkerung nicht zu merken (Erskine 274). 
Die Zahl derselben betragt- nach den Missionaren (ebendas.) 200 
300,000 und mag dies auch etwas zu hoch gegriffen sein, sie ist 
jedenfalls betrachtlich genug, so dass auch Behm 200,000 als To- 



talsumme annimmt. Und ferner, was von 



Wichtigkeit 



fur die geschichtliche Betrachtung der Naturvolker ist, sie selbst 
haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen ; daher jene 
halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fursten ; daher die ver- 
haltnissmassige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionare 





;egen die Anthropophagie ftihren, welchen man doch gerade, wegen 
des Alters der Sitte, fur unendlich schwierig halten sollte (Erskine 
280). Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin un- 
terstiitzt, welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das 
unsinnige Morden der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich be- 
trach ten werden, und fur Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kampft. 
Die Fursten sind es, welche aus feudalen Gelttsten dies Alles auf- 
recht erhalten wissen wollen (Seemann Zeitschr, 10, 289 
sieht, das Christenthum ist hier gerade im rechten Zeitpunkt gekom- 
men : man sieht aber auch ferner, solche Umanderungen, wie wir 
sie vorhin fur Tonga voraussetzten, haben sich wirklich bei diesen 
Volkern vollziehen konnen : wir sehen sie hier bei einem viel rohe- 
ren Volk vor unseren Augen geschehen. 

Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber 
zu bemerken , dass, obwohl man den Eingeborenen personliche Ta- 

pferkeit durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst 
so weichlichen Tahitier, selbst den Europaern gegenuber, wohl ge- 
zeigt haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsachlich durch 
Ueberfall gefiihrt wird. Aber auch die Polynesier morden den be- 
siegten Stamm kaltbliitig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege 
ausserordentlich blutig und verheerend. Solche Kampfe herrschten 
nun zu Neuseeiand und trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaa- 
ten zum Hinschwinden der Bevolkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 



die theils im Krieg selbst getodtet, theils zu Sklavei 



a se- 



2, 132), 

macht , theils durch die Noth nach dem Kriege vernichtet wurde 
2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene (Mariner 1, 115) stets 
ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter Stadte (1, 101). Von 
den grausamen Kriegen unter Finau (der z. B. einmal 18 nur ver- 
dachtige Vornehme ertranken liess , Mariner I, 271), welche bei 
Ankunft der Europaer schon in voller Blitthe unci nur Wiederholune* 









71 



oder Fortsetzung fruherer ahnlicher war, hat uns Mariner eingetreues, 
aber schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzahlt, dass die 
tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den 
Fidschis ver wilderten . Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer 
Kriegsgebrauch als zu Tonga (Mariner 1, 163) und haufig geniig 
waren diese blutigen Kriege daselbst, welche Turner 304 und vor- 
her schildert. Und betrachten wir den MarkesasarchipeL, so ist ganz 
Nukuhiva in einzelne vom hohen Gipfel der Insel herablaufende Tha- 
ler getheilt, deren jedes von einem besonderen Stamm bewohnt wird, 
Alle die>se Stamme sind in erbitterter Feindschaft und in ewigem Krieg 
(Melville, Krusenstern, Mathias G**^) . Viel arger aber als iiberall 
haben die Kriege auf Tahiti gewiithet, von den en die Insel so fort- 
w&hrend heimgesucht war , dass L utter oth (22) ganz mit Reeht den 
Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie wur- 
den diese ewigen Kriege gefithrt ! Alle Fliehenden, die man einholte, 
alle Weiber und Kinder der Besiegten , welche dem Sieger in die 
Hande fielen, wurden niedergemetzelt (Morenhout 2, 38—39, Lut- 



teroth 2 1 , Ellis 1 , 310 ff. 



Nun waren in fruherer Zeit fast alle 



Schlachten Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn 
die Besiegten, welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten 
suchen mussten , wurden begreiflicher Weise leicht von den Kahnen 
der Sieger eingeholt. Weniger verderblich waren die Landschlaoh- 
ten, weil in ihnen, nach malaiisch-polynesischer 'Sitte, der Sieg, nach 
dem nur einige wenige gefallen waren, fiir entschieden angesehen 
wurde (Morenhout 2, 40, Ellis 1, 312). Waren dann bei der Ver- 
folgung die Menschen vernichtet, so gings nun an die Zer stoning des 
Landes : die Tarofelder und sonstigen Pflanzungen wurden verwu- 
stet, den Kokosbaumen das Herz ausgeschlagen, wonach sie abster- 
ben, die Brotbaume umgehauen, die Hauser verbrannt (Ellis 1, 293, 
Lutteroth 21-— 22) — kurz die Besiegten wurden womoglich ausge- 



rottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht. 



Solche Kriege wiltheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe ; der 
Missionar Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 



10 soldier Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaii- 
ruppe waren verwiistend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige 



g 



Seeschlachten (Ellis 4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach 
Jarves (59) Hinterhalte, heimliche Ueberfalle u. dergL selten vor~ 
kamen, vielmehr meist in offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti 
keineswegs selten waren, Ellis 1, 284) gekampft wurde, war es 
namentlich wieder die Verfolgung, nicht die Schlachten selbst (Jar- 
ves 60), welche der Bevolkerung und ganzen Distrikten Tod und 
Zerstorung brachte. Die Gefahrlichkeit dieser Kriege geht aus der 
Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den Bewegungen, 
welche dieser grosse Ftirst auf der Gruppe hervorbrachte, zur Ge- 
ntige hervor. Auch die Pauinotuinsulaner sind wilde, weit und breit 





















' 

































'■■: 





































" 










72 



gefiirchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege fuhren. Die 
Bewohner von Anaa (Chainisland) verwtisteten alle umliegenden 
Inseln, hieben die Fruchtbaume nieder und was von den Bewohnern 
nieht getodtet wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (MOrenhout 
1, 199 vergl 169) . Nicht weniger als 38 .Inseln haben sie auf diese 
Art verodet (Hale 35). 

Auch in Mikronesien wnrden und werden heftige Kriege ge- 
fuhrt, so auf den Palaus (Keate) , auf einzelnen Karolinen und zwar 
auf den hohen Inseln Eap, Truck (Hogoleu) , Ponapi, nicht aber auf 
Kusaie (Ualan Chamisso 135, Kittlitz 1, 356); so und besonders 
leidenschaftlich auf der Ratakkette (Kotzebue, Chamisso) und auf 
den Gilbertinseln (Gulick 410). Wahrend man in diesem Gebiet nur 
an einigen Orten die Baume schonte (Hale 84) hieb man , sie nach 
der gemeinsameu Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst nieder 
(Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche 
Barbareien auf den kleinen schonohnehin nur ttberaus kargliche Nah- 
rung bietenden Inseln wirken mussten : viele, die der Krieg ver- 
schont hatte, namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, 
dem Elend, das ihm folgte. Daher ist die Behauptung, dass die ein- 
heimischen Kriege der ozeanischen Bevolkerung ganz unberechen- 
baren Schaden zugefugt und wesentlich zu ihrer stetigen Verminde- 
rung beigetragen haben, nur allzusehr gerechtfertigt. 

Die Sitte des Schadelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen 
und die das ganze Malaisien beherrscht ? finden wir insofern ttberall 
in Polynesien, als mai ^ 
Unterkiefer der Feinde erstrebt, urn sie als Trophae aufzuheben 
(Nukuhiva Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, 
Perl- oder Palliserinseln ebend. I, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 
1, 359, Neuseeland Diefienbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). 
Hiermit hangt die weite Verbreitung der Menschenfresserei enge 
zusammen, wie sie nach Hale 38 in Neuseeland, wo nach Thomson 
I, 148 das letzte Beispiel dieser Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, 
Mangareva (Gambier) , Paumotu und dem Marquesasarchipel ganz 
allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu Kriegen wird 
sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder mehrere 
Menschen eines fremden Stammes erschlug , welche That nattirlich 
Kache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt 
der Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz 
besonders erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei 
und in Nachahmung der Fidschisitten^ (Mariner 1, 1 16 — 1 7), so 
wie bei Hungersnoth, wo man irgend Jemanden , meist einen Ver- 
wandten erschlagt und isst (eb. 2, 19; 1, 117); 
falls aus Prahlerei, um sich furchtbar zu machen (Ellis 1, 310). 
Aber fruher war er auf diesen Inseln allgemeine Sitte (Hale 37 
wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklarbarer Gebrauche 



ierig die Schadel und in Tahiti auch die 



in Tahiti gleich 









73 



beweisen : so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei Menschen- 
opfern, dem Konig das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers 
darzubieten, der dann den Mund offnete, als ob er es verschlange und 
durch diese Ceremonie Verstand mid Klugheit bekommen sollte. 
Urspriinglich hat er es gewiss gegessen, und erst spater, als die Bit- 
ten sich milderten , begniigte man sich, wie in analogen Fallen bei 
alien Volkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Sa~ 
moaarchipel beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, 
vor demselben nieder , indem er ihm Feuerholz und die Blatter dar- 
reicht, in welche man in Polynesien die Speisen, die gekocht werden 
sollen, einschlagt (Turner 194). Und so liesse sich vieles anfuhren. 
Es scheint aber, als ob, wie die Tahitier, Hawaier u. s. w. die Men- 
schenfresserei abgeschafffc hatten, ehe die Europaer kamen, noch an 
manchen anderen Orten Polynesiens dieselbe Sitte in Abnahme oder 
doch in Misskredit gekommen sei, ohne dass der Einfluss der Euro- 
paer dies bewirkt hatte : so laugneten auf Nukuhiva die wilden Tai~ 
pis den Kannibalismus ganz und gar , und suchten ihn den Weissen 
zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die neuseelandischen Fiir- 
sten erzahlten, er sei keineswegs von Alters her bei ihnen Sitte, 



011- 



dern erst spater eingefiihrt (Thomson 1/142), eine Behauptung, 
welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum eine 

Wider! earner verdient. 










1 . Menschenopfer . 





































I! 












wesen. 



wurden Weib 



zahlreich 



des Herrn gleichfalls getodtet, urn ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 
3« 199— 200), wie man ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne 

te. Kinderopfer werden auch sonst ofters erwahnt: in Virgi- 



opf 



nien, in Neuengland 



? 



(Waitz 



Auch 



bei manchen Caribenstammen wurden mit den gestorbenen Haupt- 



Weibei 



7) und 



vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei alien 
diesen Volkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung 
gewesen, dass wir bei ihnen , da sie fur unsere Betrachtung gar keine 
Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Urn so zahlloser 
aber waren die Menschenopfer, welche die Religion der amerikani- 
chen Kulturvolker forderte und deren Ursprung in uralte vorhisto- 



rische 'Zeit zuriickgeht (Waitz 4, 157 



Wo wir Menschenopfer 



finden, werden wir dieselben immer mit grosster Wahrscheinlichkeit 
auf die alleralteste Zeit zur itckf uhr en , denn sie wurzeln stets in sehr 
ernst gemeinter Religiositat , nie in Grausamkeit. Spatere Einfiih- 






































































74 



rung derselben findet sich nur in ganz vereinzelten Fallen und wird 
sich aus Nachahmung der Bitten anderer Volker, besonders hef tiger 
Kriegserbittenmg oder irgend etwas ahnlichem fast immer erklaren 
lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe der Zeiten bei 
manchen Volkern abgekommen : so bei den Indogermanen, den Se- 
miten u. s. w. Die Zalil dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu 
ungeheuer, wie folgende Zeugnisse , die alle aus Waitz 4, 157 ff. 
entlehnt sind, beweisen, Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Ent- 
deekung) schatzt sie bei Torquemada auf 2.0,000 jahrlich, wenig- 
stens fur die letzte Zeit des Reichs ; in der Hauptstadt und ihrer 
nachsten Umgebung soil ihre Zahl jahrlich mehr als 2500 gewesen 
sein. Oviedo behauptet, dass Montezuma jedes Jahr tiber 5000 ge- 
opfert hatte; bei einem Fest in der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer 
jahrlich ; der zweite Monat des Jahres war , weil er so viele Men- 
schenopfer forderte, nach der Schlaflosigkeit der Menschen benannt. 
Trat Dtirre, Misswachs u. dergl. ein, so wurden die Opfer vermehrt. 
Die Einweihung des Haupttempels zu Tenochtitlan (den 19.Februar 
1487 nach Gama) »soll nach Torquemada (1610) 62,344, nach Fra 
Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von mtttterlicher Seite aus vor- 
nehmen mexikanischen Ftirstengeschlecht, von vaterlicher Seite Spa- 
nier, der mit grossem Eifer die Geschichte des Landes seiner mtltter- 
lichen Vorfahren durchforschte und seine grossentheils zuverlassigen 
Werke urn 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar 80,400 Menschen 

Die Schadel der Opfer wurden zu eiuci 
grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im exika- 



das Leben gekostet haben.» 



nischen Haupttempel auf 



(Waitz 



/ 



149 



Und ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen 
dadurch hinzu, class jedes aueh kleinere Fest solche Opfer, nur we- 



nigere forderte : 



Wiederholung 



Feste im Jahr, sammeln sich anch diese zu einer grossen Sumnie. 
Wenn wir nun auch mit Waitz die kleinsten der genannten Zahien 
fur die wahrscheinlichsten halten ; so 1st die Zahl, die fur jedes Jahr 
herauskommt, noch immer enorm. Waren die eben besprochenen 
nur solche Opfer, die man den Gottern brachte , so forderte der Tod 
vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder irgend ein 
Vornehmerer sonst , so folgten diesem Weiber und Sklaven in den 
Tod; aber da nun am 4 ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach 
dem Begrabniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden 
mussten, so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umge- 
brachten Menschen nicht zu gering denken : stieg sie doch manch- 
malbis auf 200 (4, 167). 

Quiche 



so wie die Chorotegen in 
Nikaragua (279), toltekische Volker, brachten Menschenopfer dar 
wohl ebenso reichlich als die Mexikaner , wie denn ihre Religion in 
fast alien Stucken der mexikanischen gleich war.' In Yukatan, wo 

















1 

i 



5 






solche Opfer zwar auch vorkommen, waren sie doch minder zahl- 
reich als in jenen Gegenden und in Mexiko (4, 309 

In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und 
Diener bei seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben 
(4, 351), wie Weibef und Diener auch bei den Chibchas in Neugra- 
nada getodtet (4, 466) und Menschenopfer bei alien diesen Volkern 
gar nicht selten den Gottern dargebracht wurden, Ebenso war m 
auf den Antillen (4, 32 



i 



In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde 



nahm, selten und nur bei ausserordentlichen Veranlassungen 



brauchlich . Weibei 



ge- 



folgten auch hier dem Inka, 



deren einem 1000 seiner Angehorigen sich geopfert haben sollen, 
und ebenso den Vornehmen freiwillig in den Tod nach, urn ihm im 
Jenseits weiter zu dienen. Namentlich aber Kinder wurden hier 
vielfach getodtet ; wenn ein Vornehmer krank war , wurde ein 



s von 



seinen eigenen Kindern den Gottern zum Ersatzopf er , wie man annimmt, 
geschlachtet, welches dann freudig in den Tod zu gehen pflegte. Vor 
dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des Herrschers und bei des- 
sen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von 4—10 Jahren, 
seltener Madchen, nach einzelnen freilich nicht ganz glaubwttrdigen 
Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch beim Ernte- 
fest, bei verheerenden Epidemien , ja in einigen Gegenden mit jedem 

und mit dem einen von Zwillingen geschah. 
Auch wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein 



e rstgeboreneii Kinde 



trieh von einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 



61). 



A h hier miissen wir auf das zuruckkommen , was wir oben gesagt 
hsben: die Kinderopfer dienen nur dazu, einen bei den Gottern, 
denen Kinder am liebsten waren, besonders gtiltigen Vermittler zu 
haben ; deshalb, und nicht zum Ersatz, wurden die eigenen Kinder 
als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und unsere Auffassung wird 
unterstutzt dadurch , dass die Kinder gewohnlich freudig in den Tod 
gingen : sie wussten , dass sie einem guten Loos entgegongingen ; 
daher auch der Strich mit Kinderblut iiber die Todten , welche auf 
diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich trugen. 

Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung 
und denselben Zweck : so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, 
wenn die Saat aufging , ertrankt , vier , wenn sie grosser war, dem 
Hungertode preisgegeben (1, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, 
wenn Regen noting war, den Gottern dargebracht (4, 379). Aehn- 
liche Opfer brachten die Chibchas in Neugranada vor der Schlacht 

(364). 

Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als 
auf Fidschi, wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher 
ausgebildet fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit 
eines Hauptlingssohnes , so erzahlt Seemami (Zeitschr. 9, 476 































\ 



n 









- 



































- - 












76 






i 





















sollte eine rebellische Stadt ganz vernichtet , die Einwohner erschla- 
gen, auf einen Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt 
und auf diese wieder der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiff- 
brttchigen , das verlangt ihr Glaube, mtissen getodtet werden ; wei 



Schiffbruch 



Erskine 



r 

249—50). AlteEltern werden von ihr en Kinder n, kraiike Kinder von 
ihrenEltern lebendigbegraben (ebend.) undzwar ist es der eigene Wille 
der Opfer, dass ihnen so geschieht (477), denn man glaubt, man 
kftme nach und durch solchen Tod sofort in ein anderes und viel 
besseres Leben ; daher sich diese scheussliche Sitte mit wirklieher 
Familienanhanglichkeit vertragt. Aber es ist ebendalier auch be- 
greiflich, dass nur wenige Menschen eines naturlichen Todes sterben 
(Will. Hi Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich 
von Hauptlingen, sind ebenso gewohnlich als umfangreich ; die Wei- 
ber werden entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine 



Meng 



Die Mutter, deren geliebter Solm stirbt 



folgt ihm bisweilen ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Cal- 
vert 1, 134). Auch hierzu drangen sich, wegen der Belohnungen 
im Jenseits, die Opfer; die Weiber erdrosseln sich selbst, wenn 
ihnen Niemand' diesen Dienst thut (Erskine 293. Mariner 1, 347). 
Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht aus folgender 
Notiz bei Erskine 440 hervor : ein Fidschiinsulaner hatte, von irgend 
welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte >?e- 
opfert; # da erschien ihm letzterer im Traum und quaite ihn lib 
diese Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen , dass der Mensch 
fast in Raserei fieL Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon 
erwahnt haben (S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und 
ihn abzuschaffen sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich 
Erskine 280) und so werden auch sie, da der Einfluss der Euro- 
paer hinzukommt, hoffentlich nicht mehr allzulange dauern. — Aehn- 



liche Gebrauche fanden sich auch sonst in Melanesien, wenn auch 
nirgends so tibertrieben wie hier : namentlich ist es das Lebendigbe- 
grabenwerden der Eltern, der Kranken, die Ermordung der Mutter 
oder einer Verwandtin , * wenn ein kleines Kind stirbt, was uns be- 
richtet wird. 



Was nun 

wenn Michelis 



Quellenan 



erzahlt , der 



JKonig von 

Futuna (nordlich von Samoa) , dessen Insel 2000 Einwohner hat, 
habe wahrend seiner Regierung an 1000 Menschen den Gottern ge- 
opfert. Denn wir finden sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht 
allzuzahlreich. Freilich ist es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 be- 
hauptet , sie seien in Tahiti erst spater eingefiihrt , da sie mit der 
ganzen polynesischen Religion viel zu eng verwachsen sind; wohl 
aber sind sie in spaterer Zeit, noch vor der Entdeckung, von den 
Eingeborenen selbst sehr beschrankt. Bei Beginn eines Krieges 












77 



erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1 ? 276) . dem so wie 
anderen Gottern ofters Menschen dargebracht wurden (1, 357). In 
Kriegszeiten, beigrossenNationalfesten, beiKrankheiteimnd dem Tod 
der Fursten (Bratring 182 — 83. 1-96) opferte man Menschen, sowie 
man dieKopfe derBesiegten (was audi melanesischer Branch war) in 
den Tempelplatzen als Weihgesclienk aufstellte (Morenhout 2, 47). 
Hftufiger waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) haufig an 80 
Menschen anf einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und 
in Tahiti, dazu Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend 
ein Tabu gebrochen hatten, oder, wenn deren keine vorhanden 
waren, Leute aus dem Volk (Jarves 48. Ellis a. a. 0.). Aehnlicher 
Gebrauch herrschte -auch auf den Herveyinseln (Williams 2 1 5 
Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben der Ftirsten, diese 
Opfer erst spater eingefuhrt sein sollten (Jarves 47) ; so ist dies 
nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies Schreckliche der Sitte 
eingesehen hatte und sie im Abnehmen war. Menschenopfer fanden 
selbstverstandlich auch hier an den Grabern der Vornehmen statt, 
zunachst beim Ausstellen der Leiche und dann noch zahlreicher beim 
Begrabniss selbst (Remy 115). Ebenso war es friiher in Neusee-. 
land Sitte — jetzt ist sie abgekommen — dass si eh die Weiber am 
Grabe ihrer Manner erdrosselten, dieSklaven getodtet wurden (Tay- 
lor 97). In Tonga wurden bei den Grabern der Vornehmen ab und 
zu Weiber geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78 ; Mariner 1, 295), 
auf fruhere Ailgemeinheit dieser Sitte , gegen welche die tonga- 






nischen Fursten selbst eiferten, schliessen lasst. 

Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er.sich auf 
Tonga zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Gottern ge- 
opfert, urn den Frevel eines Fursten gegen ein Heiligthum wieder 
gut zu machen : ein Opfer, welches gar keinen Sinn hatte, wenn man 
nicht eben in den Kindern den Gottern besonders angenehme Ver- 

mittler gesehen hatte. Um des Konigs Leben zu erhalten ; wurde 
eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten Kindern getodtet 
(L 379) : wenn aber der Tui-tonga, der hochste religiose undfrtiher 
wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da gentigt ein Kind 
nicht und man todtet drei bis vier ( 1 , 454 

Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art 
Opfer zu sprechen, die, wie es seheint, iiber die ganze Welt verbreitet 
ist : tiber die Menschenopfer zur* Einweihung , zur Sicherung von 
Gebauden u. dergl.*) Auch diese Sitte ist am ubertriebensten auf den 










l ; 







































'..... 















*) Die Menschenschadel, welche am Eingange des Palastes ; an den 
Stadtthoren und alien wichtigen Platzen Dahbmeys angebracht sind 
(Waitz 2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den 
Semiten war der Gebrauch verbreitet : die phonicischen Stadte wurden 
dadurch fest gemacbt, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen 






\ 
























; * 




1 - 1 







78 















Pidschiinseln. Dort mttssen neugebaute Kahne ? damit sie vor Sturm 
und Unheil siclier sind, ttber lebende Sklaven in die See gerollt wer- 
den; jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit 
der Pfosten sicker steht, ein lebender Sklave umfassen — und zu 
diesem lebendig Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden 
drangen sich die Opfer, denen es im Jenseits inachtig vergolten wird 
Erskine 249 — 50). Die Sitte war niclit bloss melanesisch, sondein 

* * 

auch ttber ganz Polynesien verbreitet : in Neuseeland ruhte der Mit- 
telpfeiler des Hauses frtther auf Menschenleichen (Taylor 387 ff.) 
und von Tahiti erzahlt dasselbe Morenhout 2, 22 — 23 ; doch sclieint 
auch hier der Gebrauch in spaterer Zeit abgekommen zu sein ; denn 
wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur fur Tempel ange- 



ben, so ist er wohl erst 



s 




er nur auf diese beschrankt worden. 






Derselbe Gebrauch findet sich auch in Sudamerika : der Palast des 
Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Madchenleichen und 
sein Grand so wie seine Thiirpfosten waren mit Menschenblut ge- 
trankt (Waitz 4, 360). 

Nachdem wir so diese Uebersicht ttber die Art, wie die Natur- 
volker das Menschenleben schatzen , vollendet haben , ergibt sich als 
Resultat, dass ihre Kriege fiir sie hochst gefahrlich sind, ja einzelnen 
geradezu die Existenz gefahrden, so dass wir sie in erster Linie auf- 
ftthren mttssen , wenn wir die Ursachen fiir das Aussterben der Na- 
turvolker aufsuchen ; dass aber Kannibalismus und Menschenop r 
obwohl in einzelnen Landern furchtbar ausgedehnt, nur von sek 
darer Wichtigkeit sind und nur wenn sie mit anderen Griindea ver- 
eint auftreten ; zur sichtlichen Verminderung eines Volkes beigetra- 

gen haben. 


















4 

eingrub (Movers Phonizieu 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er viel- 
fach vor ; er war bei den Germanen selir verbreitet, wie Ueberreste diesev 
Sitte noch heute beweisen ; so wird z. B. am Siidharz das kleinste Kind 
des Hauses barfuss in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte 
u. s. w. Bei den Slaven kommt er vor, wie sich in vielen Hirer Mahrchen 
und Sagen zeigt (z. B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung 
Skodras) ; von den Kelten wird er gleichfalls erwahnt und Hahn albane- 
sische Studien 1, 160 erzahlt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die 
man jetzt dort sclilachtet und ganz oder theilweise einmaiiert (wie auch 
in Deutschland viel geschah) , vertreten nur die fruheren geopferten Men- 
schen. In Albanien herrscht auch, urn das zu § 4 nachzutragen, ein ganz 
iihnliches Heilverfehren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Austra- 
liern. Jedes Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in 
Gestalt von etwas Festem aus dem Korper entfernt und dieses letztere 
dann eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt auf 
den geht die Krankheit iibei' (ebend. 159;. 









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79 




/VV, 







OC , 



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Verfassung unci Uecht 



Auch die Staats- und Rechtsverfassung der Naturvolker wird 
nach einigen Seiten mis hier, freilich nur kurz, beschaftigen mtissen. 
Die Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind m, 
die wir nach dieser Richtung hin betrachten miissen ; denn bei den 
tibrigen Naturvolkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig 
entwickelt, als dass es irgend welchen Einfluss gehabt hatte, theils 
so entwickelt , dass dieser Einfluss kein ungttnstiger war. Wie das 
Recht in seiner altesten Entwickelung immer seine Gesetze »mit Blut« 
schreibt, so war es auch in Mexiko der Fall ; fast alle Verbrechen, 



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selbst geringe Diebstahle, Trunk, Veii.eumdung it. dergl. wurden 
mit dem Tod bestraft , und bisweilen die ganze Familie in die Skla- 
verei verkauft (Waitz 4, 84— 85). Demi der Grundsatz, dass die 
Sippe haften muss fur das einzelne verbrecherische Mitglied gilt auch 
hier. In Peru (4, 414 — 15) war die Strenge der Gesetze nicht min- 
der gross • und die Haftbarkeit der Familie ftir den Schuldigen, mit 
dem sie in vielen Fallen den Tod zugleich erlitt, noch grosser. Diese 
strenge Justiz und namentlich die Haftbarkeit der Familie fur den 
Einzelnen hat in der Sitdsee ferner, wo sie gleichfalls herrscht, urn 
so grosseren Schaden angerichtet, als, wie wir gleich sehen werden, 
dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter war als in Amerika. 

- 

So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrtthrers vernichtet 
(Mariner 1 , 271) und die fortwahrenden Rachekriege dieser Volker 
and Stamme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen 
Rechtsauffassung (z.B. fur Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbar- 
keit des Stammes fur den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neu- 
holland sind ziemlich strenge Rechtsstraf en (Grey 2, 236 
weder Tod oder Durchstossen einzelner Korpertheile mit dem Speer 
(wobei oft der Tod erfolgt) oder Speerung, d. h. der Schuldige muss 
sich den Speerwurfen einer grosseren oder geringeren Menge von 
Volksgenossen aussetzen, denen er freilich durch seine Geschickiieh- 
keit (Waffen darf er nicht haben) , wenn sie ausreicht, ausweichen 
darf (Grey 2, 244 — 45). Die Haftbarkeit der Familie, des Stam- 
mes fur den Einzelnen ist hier wo moglich noch fester, als irgeiidwo 






/ / 



* 



sonst (Grey 2, 239 — 40; 235—36). 



In Mexiko war die Verfassun 



streng monarchisch, wobei der 



Adel , der frtiher wahrscheinlich die hochste Staatsgewalt selbst in 
Handen gehabt hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen 
Staaten auch, grosse Vorrechte liber das Volk hatte. Der Herrscher, 
weil er Stellvertreter Gottes auf Erden war, hatte unumschrankte 



Gewalt (Waitz 4, 68) ; und mochte dadurch auch mancherlei Unge- 
rechtigkeit und Gewaltthatigkeit gesehehen, mochten einzelne Fur 
sten ihre Macht missbrauchen, wie denn namentlich der letzte von 



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ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthatigen und hoffartigen Charak- 
ter in noch scharferer Entwickelung des Absolutismus und der Son- 
derstellung des Adels zeigte ; das wurde doch vom Volk ertragen, 
ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen des Vol- 
kes die Herrscher gefahrdet waren. Schlimmer war, dass die Herr- 
scher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu 
sehr gelahmt hatten. »Die strenge und allgemeine Fugsamkeit in 
den Willen des Herrschers hat sich von Seiten des v olkes bei meh- 

[ anf einen 

Wink von Montezuma blieb Alles ruhig, sogar als er selbst von Cor- 
tez gefangen gesetzt wurde und mit der Eroberung der Hauptstadt 



reren Gelegenheiten in unzweideutiger Wei 



gezeigt 



Wider 



nicht bioss weil die Grossen des Reichs 



dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit dem Falle des Herr- 
schers filrdiebis zum Aeussersten standhaft gebliebenen Mexikaner die 
Pflicht der Selbstvertheidigung wegfiel. Revolutionen des Yolks wa 

fast unbekannt < 



ren 



(Waitz 



abgesehen von neu eroberten Landern 



Am gefahrlichsten aber war die Eroberungspolitik 



des mexikanischen Staates. Urn alle Lander sich und ihrem Gotte 
Huitzilopochtli zu unterwerfen , was das stete Streben der Mexika- 
ner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis 
zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand lei- 
stende Lander ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und 
Montezuma II. noch machte es ebenso. Wahrend in seinen Landern 
Emporungen der unterworfenen Landertheile ausbrachen, sch e 
er, anstatt das Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer 
fernere Gegenden, um immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46 ; , 
and »daher 7 sagt Waitz 4, 47, ist es wohl begreiflich, dass das grosse 
rasch gewachsene Reich des Montezuma durch ein paar kraftige und 
geschickt gefuhrte Stosse zertrummert werden konnte.« Eine Menge 
einheiinische Feinde, ganze Ijandertheile erhoben sich und stellten 

sich auf Seiten der Spanier — und so ist Mexiko, das so bevolkerte, 
reiche und bluhende Land zum nicht geringsten Theii durch seine 
eigene Politik zu Grande gegangen. Da diese Schilderung im Gros- 
sen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der Konig als Stellvertre- 
ter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drtickendere Macht 
besass , wo gleichfalls Eroberiingskriege das Land ausgedehnt und 
dadurch minder fest gemacht hatten , weil es nun in seinem Innern 
feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), dawirhier so ziem- 
lich dasselbe finden, so brauchen wir die Verhaltnisse des Ink a- 
reiches nicht genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien 

fiber. 



Hier hat der Absolutism iu 



und die Sonderstelluns: des Adels, 



die in der gottlichen Abstammung des Adels und der Konige wurzelt, 
die denkbar hochste, man konnte sagen eine logL ch vollkommene 



Entwickelung gefunden. Ueberall, in Neuseeiand, in Tahiti, in 










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81 



Hawaii, dem Markesasarchipel , auf Tonga, bei der alten Bevoike- 
rung der Marianen (wahrend sonst Mikronesien in der Praxis wenig- 



stens die Gegensatze minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, 
daher sein Leben als vollkommen werthlos. Man todtete es nach Ge- 



lirsten oder Laune 



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1, 60. 91), man bedruekte es, da es 



weiter keine Geltung hat, als eben nur fur die Vornehmen da zu 
sein, keinen Werth weiter als was es den Vornehmen werth ist 



und nirgends war 




Druck schlimmer als auf Hawaii 



man 



hat ihm aus demselben Grand alle harte Arbeit, z. B. den Landbau, 
aufgeladen ; dabei ist ihm das meiste der besseren Nahrungsmittel 
verboten ; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es besitzt an 
Lebensmitteln , beisteuern, zu den Menschenonfern nimmt man die 



lich, 



dass man gar nicht begreift, 



Individuen aus ihm, kftrz, es liegt ein Druck auf ihm, so unglaub- 

■ B ^,,v, wie unter demselben uberhaupt 
sich eine und noch dazu zahlreiche BevGlkerung erhalten konnte. 
Oft fand es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn 
Hungersnoth , Kindermord und namentlich eine grosse Menge von 
Aus wander ungen eintraten, die vor allem Tahiti entvolkerten , aber 
auch von anderen Inselrr erzahlt werden. So gab es auf Tahiti ini 
wilden , gebirgigen und kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine 
zerstreute Bevdlkerung »wilder Manner«, die, ausserordentlich scheu 
und angstlich, ganz einsam in den Ktuften leben, gewiss nur ent- 
sprungene Fltichtlinge aus dem Volke, oder deren Abkommlinge, 



welche nicht zurtrckzukehren wagten (Ellis 1, 305 



368 ff. 



sagt Jarves 
gersnoth herrscht. 



Von Hawaii 



zu 



: »Der Ackerbau wird vernachlassigt und Hun- 
Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu 
Grunde ; andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden 
Thieren in die Tiefe der Warder, wo sie aufs elendeste aus Mangel 
umkamen , oder eine klagliche Existenz durch Fruclrte und Wurzeln 
fristeten. Blind fur diese Folgen setzten die Frirsten ihre Politik 
der sie von geldgierigen Fremden vielfach verleitet wurden) f brt. « Kin- 
dermord war dieFolge namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer 
und nicht nur physisch, auch moraliseh verkam das Volk. Und auf 
dies moralische Verkommen ist sehr zu achten ; denn nichts befor- 
dert den Untergang einer Bevolkerung mehr als dies. Wo die Mo- 

ralitat (naturlich hier nur nach den BegriiTen der betreffenden Vol- 
ker 



fehlt, fehlt auch die Selbstachtung ; wo die Selbstachtung, die 
Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon aus ausseren 
Grtinden unmogliclr war ; und wo die Freude am Leben fehlt, da 
verkommt und versiegt das Lebeu selbst. Mit Recht stellt daher Jar 



eine 



ves (a. a. 0.) diesen Druck, unter dem das Volk eriag, fur 
Hauptursache seines massenhaften Schwindens hin : und wie es in 
Hawaii war, so war es, mit wenig Abanderungen, so ziemlich tiberall 
in Polynesien. 





















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u i a. Natiireinfliisse. 

I Sahen wir so, was die Natur volker (lurch eigene Lebensart odei 
Schuld zu ihrem Hinschwinden beitragen : so mussen wir 3 ehe wir 



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f weiter gehen, einen Blick auf die Naturumgebimgen dieser Volker 
i : *uin.*M. werfen and deren giinstigen oder sehadlichen Einfluss abwagen. So 

viel leuchtet schon dem ersten Blick em : durch Natur einflusse allein 
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/* 4 **€r stirbt kein Volk aus und die menscliliehe Natur gewohnt sich fast an 

alles. Man kann sich, nach Darwins Schilderung, kaum eine fUr 
menschliche Entwickelung imgiinstigere Natur denken, sowohl inHin- 
sicht auf Klima, als auf Lebensmittel u. s. w., als die Sudspitze von 
Amerika und dennoch sagt derselbe Sehrif tsteller , dass ein Ausster- 
ben der. elenden Stamme der Feuerlander nicht zu bemerken sei. 
Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich 
nur selir allm&hlich in langaamen Vorrticken und durch Jahrhunderte 






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f oder besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstarkung 
der fur die einzelne Gegend speziell befahigenden Eigenschaften an 
jede Gegend, an jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die 

v? Dauerhaftigkeit unserer Natur als diese Fahigkeit der Gewohnung 



h*m*s H Aber freilich werden weder Feuerlander noch Eskimos sich je zu 

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grossen maehtigen Nationen entwickeln : und zwar in Folge Hirer 
Naturumgebung , welche der freien Entfaltung der Menschheit denn 
doch unubersteigliche Hindernisse in den Weg stellt. So ist denn 
eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die roheren Naturvol- 
ker nie sehr zahlreich sehen ; die Natur erheischt ein Leben, wel- 
ches dem Gedeihen der Menschheit nicht zutraglich ist. Die geringe 
Zahl der Neuhollander ist zweifelsohne bedingt durch die erstaunlich 
unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn audi Grey (1, 239) 
Recht hat gegen Sturt und viele Andere , dass der Nahrungsmangei 
in Neuholland nicht so gross ist, als er gewohnlich gemacht wird, 
und allerdings gibt er fitr den Stidwestdistrikt des Welttheils, fur 
eine Ausdehnung von 2 — 300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge 






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, Nahrungsmittel an (2, 263 



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so sind dieselben doch immer 







erst weit zerstreut, mussen gesucht werden und sind oft, im ein- 
zelnen betrachtet, elend genug. Sie zu vermehren, anzubauen haben 
die Eingeborenen nicht Kultur genug , audi finden sich kaum 
unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die zu eigent- 
lichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar waren ; zu sammeln 
aber sind die Neuhollander. wie wir schon bei der Betrachtung ihres 
Charakters sahen, zu indolent, zu trage. Wir mussen hier die aus- 
serordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen , die 
jedoch nur dann erst wirklich fur den Bestand eines Volkes gefahr- 
lich werden, wenn noch andere Bedrangnisse hinzukommen. Ueber 
viele Distrikte Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe 
sagen, in mancher Beziehung auch von Sildafrika. Und fast noch 



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ungtinstiger gestellt ist Polynesien schon in seinen hohen Inseln , die 
meist im Innern so steil mid unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti 
und Niikuhiva, nicht bewohnt werden konnen, oder grosse unfrucht- 
bare Strecken hinter ihren meist fippigen Uferstrecken bergen, wie 
die Fidsclus und viele der Hawaiiinseln , und die, wenn sie auch 
dureh und durch bewohnbar waren , doch schon durch ihre ver- 
schwindende Kleinheit in dem ungebeuren und gefahrlichen Ozeane n ^ 
ihren Bewohnern ein Hindernisss sind. Hier ist die Schifffahrt nicht Jh 7 
so leicht, wie im Mittelmeer und eine Kustenschifffahrt ganz unmog- 


















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Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser dem zum Hausthier im 






wahren Sinne ungeeigneten Sehwein und einigen Hunden, welche" 
aber ihre Hundenatur fast abgelegt liaben und Mastvieh geworden 
ind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder gei- 

; ja kaum Thatigkeit nothig ist, am 



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stige noch leibliche Anstrenerun 







hinlanglichen Vorrath^iTbek , , 

land (natiirlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstren- 
gung die Nahrungsmittel sicli nicht sehr heben konnten. Und nun 
gar die kleineren Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, 
welche meist, wie im ostlichen Polynesien und in Paumotu, nur den 
Pandanus mit seinen kiimmerlich nahrenden Friichten und, aber noch 
nicht einmal iiberall, z. B. in der nordlichen Ratakkette nicht , die 
Kokospalme hervorbringen , den Brotbaum und die anderen Nah- 
rungspflanzen der Siidsee, welche feuchten Boden verlangen , wie y 



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^^Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach sehr miihe 






Korallengrundes gedeihen lassen, J 



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voller Bearbeitung des harten 

Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht - besitzen . Dazu 
kommt, dass grassliche Orkane, denen nichts zu widerstehen ver- 
mag, auf Tahiti, den Paumotu- und Herveyinseln , auf Tonga , den 
Karolinen, den Marianen, kurz so ziemlich Iiberall, die Vegetation 
gar nicht selten so vollstandig vernichten , dass ausserste Hungers- 
noth eintritt. Auf den Inseln sudlich vom Aequator sollen Sturme 
der Art nach Morenhout (2, 365) nicht after als alle 8—10 Jahre , L a*<t 
vorkommen, also gerade oft genug, urn eine reiche Entwickelung der/ 
Bevolkerung unmoglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist so, dass 






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Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie Cha 

misso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzahlt , dort *JjK<t**f 

und auch sonst noch (z. B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regu- ,'< 

lirte, um die Inseln vor Uebervolkerung zu behtiten ; begreiflich fer- 

ner, wie Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalis 

mus auf Neuseeland durch den Hunger eingefiihrt sei. Ist nun zwai , 

letztere Ansicht gewiss nicht richtig, wie sich leicht aus dem was /^* *-* 

wir aber den Kannibalismus schon gesagt haben, ergibt ; so ist es 

doch sicher, dass in einzelnen Gegenden Polynesiens, z. B. in Nu- 

kidiiva, bisweilen der Hunger zum Auffressen naher Verwandten 



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trieb. Audi in Amerika, namentlieh im Norden, gibt es Volker., 
-m- die durch die aussere Noth gezwungen, zum Kannibalismus gebracht 

Fy e& «ind (Waitz 3, 508; 4, 251). 

Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbesehaffenheit 
keine reiche Entwiekelung ihrer Bevolkerung zulassen, ist klar ; mid 
dasselbe gilt von Kanitschatka, liber dessen Natur von neuern Schrift- 
^^ y stellern v. Kittlitz trefflich gehandelt hat. 

Alle die besprochenen Lander machen eine grosse geschichtliche 
Entwicklung von vornherein so gut wie unmoglich. Einformigkeit 




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ist das Zeichen der meisten ; und historische Schicksale, das wirk- 
samste Mittel, die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so 
gut wie gar nicht treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht uberjp** * 















die Natur, wie z. B. die Indogermanen, die Seiniten gethan, erheben, 
so dass diese von ihnen beherrscht ware. Und nehmen wir auf der 







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anderen Seite Volker mit den Sitten, wie wir sie bisher geschildert, <r 
^|^7 m ungiiiistiger Natur, so leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegen-}* 

liber schadliche Natureinfliisse von doppelter Gefahr sein nmssten.^r* 

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§13. Aeussere Einflusse der hoheren Kultur auf die 



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s ^^ v; . f ^ Wir konnen nun erst , nachdem wir betrachtet haben, was in , 

der Natur und Lebensweise dieser Volker selbst einen frflhen Unter- X* v 
gangBegrundendes liegt, die Einflusse genauer erwagen, welche ihre" 



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Beruhrung mit anderen meist hoher kultivirten Volkern und nament- 
lich mit den Kulturvolkern Europas und Amerikas hervorgebracht 







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/ hat. 




Es sind hier zunachst Einflusse zu erwahnen , welche obwohl fa 



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durchaus nicht feindselig, ja haufig nur gut gemeint dennoch phy- 
sisch wie psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten 
und batten und haben. 

Zunachst ist es die Umanderung des ausserenLebens der Natur- 
volker, welche uns, wie sie durch jene Beriihrung unvermeidlich war, 




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beschaftigen muss. 



Die ganze Lebensart dieser Volker war durch 



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v. Otc+^St * lange fast instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhaltnissen, 




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ihrer ganzen ausseren Natur so entsprechend oder wenigstens die 



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Natur dieser Volker hatte sich durch lange Gewohnung so mit dieser : 
Lebensart assimilirt, dass jede auffallende Aenderung, namentlich 
wenn sie plotzlich kam, wenn sie sich ttber mehreres erstreckte, oder 
gar wenn sie bloss halb , bloss zeitweilig durchgefiihrt wurde, die 

rossten Revolutionen in ihrem 
musste. Auch hier ist wieder auf die unendliche Macht einer sich 
stets verstarkenden Vererbung hinzuweisen, wie sie durch Jahrhun- 



ffesammteii Wesen hervorbringen 






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derte, Jahrtausende lange GewShnung, durch ttberaus allmahliche 
Angleichung die Menschennatur so fest auch an ungiinstige Einfliisse 
gewohnen kann, dass eine Abwendung von ihnen fiir den Augenblick 



nur sehadlich zu wirken scheint. 






So finden wir das kGrperliche Leben der Naturvolker im eng- 
sten Einklang mit den Naturumgebungen und ihren Einflussen. Vor 
der Bekanntschaft mit den Europaern oder Amerikanern (die immer, 
was gestattet sein moge, mitgemeint sind, wenn im Folgenden ein- 
fach nur von den Europaern und ihrem Einfluss die Rede ist) waren 
daher die Naturvolker durchaus gesund, obwohl einzelne Seuchen 
ab und zu schon damals bei ihnen vorkamen : nie aber kannten sie 
die chronische Kranklichkeit kultivirter Nationen. 

So war es mit der Kleidung. Die Neuseeliinder trugen Kleider 
von Mattenzeug , welches aus den Blattern der neuseelandischen 
Flachslilie (Phormium tenax) geflochten war — auf welchen Matten 
man auch schlief — und seltener und nur die Fiirsten einen Mantel 
aus zusammengenahten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser 
kiihlen, die Haut nur schutzenden, kaum erregenden Kleidung, 
welche auch (fiir Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur 
voriibergehend, regnet) die Nasse nicht lange hielt, tragen sie jetzt 
wollene Decken, die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine 
willkommene Zuflucht sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr 
lange halten und einen viel starkeren Wechsel in der Temperatur 
des Korpers hervorbringen. Denn wie die Maoris friiher ihre Phor- 
miummatten bei irgend welcher Arbeit oder sonstigen Gelegenheit 
leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz ohne Rucksicht, ob 
sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken jetzt (Dieffen- 
bach 2, 18). Ganz ahnlich schildert das Jarves 870 von Hawaii: 
Fiirsten und Volk, sehr begierig auf jeden auslandischen Stoff, gleich- 
viel ob es Matrosentuch oder das diinnste chinesische Gewebe war, 
trugen alles ganz ohne Unterschied , und so kamen sie bald nach 




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langere Zeit eine solche Kleidung trug, 






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bekleidet; derselbe, der 

erschien dann wieder viele Tage lang nackt. Je schemer das Wetter 
war, urn so reichlicher bekleidet gingen sie , urn zu paradiren, bei 
sehlechtem Wetter aber meist nackt, urn die Kleidung zu schonen * 
nackt daher auch in der ganzen Jahreszeit des Winters, und im Som- 
mer bekleidet. Jarves wie Dieffenbach finden daher mit vollem 
Recht in dieser Veranderung und in dieser Art der Neuerung eine 
ausserst wirksame Ursache fiir den Verfall der Gesundheit dieser 
Volker. Diese Ursache aber wirkt ttberall, wo Natur- und Kultur- 
volker zusammentreffen : sie musste eintreten, weil schon die Mis- 
sionare eine etwas decentere Bekleidung als die meisten Naturvolker 
kannten, verlangen mussten. 

Audi eingefiilirte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituo- 












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/sen) waren den Naturvolkern schadlich: so nach Dieffenbach a.a.O. 
flir die Neuseelander die Einfuhrung des Maises, den sie halb gegoh- 
ren verbacken und durch dies ausserst ungesunde Brot sich sehr 
schaden. Salz, sagt er, was sie frtther in den Seethieren genossen, 
essen sie jetzt gar nicht mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die 
Kartoffel ; diese aber, abgesehen davon ■, dass ihr ausschliesslicher 
Genuss uberhaupt schadlich ist, wirkte noch dadurch ungunstig, das- 
sie bei der wenigen Pflege, die sie verlangt, ganz und gar nur von 
Sklaven und Weibern besorgt wird, ohne die Manner nur zu ii v 
welcher Thatigkeit anzuregen. Was wir hier an dem einen Bei- 
spiel zeigten ? gilt nattirlich wiederura flir einen. ganzen Kreis dieser 
Vdlker. 

Auch der Hausbau hat sich vielfach geandert, wenigstens in Po- 
lynesien, da hier fast allein ein annahernd freundliches Verkehren 
der Europaer mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien 
war man fruher an sehr luftige , reinliche Hauser , die fast nur aus 
einem sehr tief herabreichendenDache bestanden, gewohnt. Jetzt aber 
kommen mehr und mehr mitHintansetzungderaltheimischen ArtHSu 
ser oder Baracken auf, die nach europaiseher Art gebaut der fitr jene 




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Gegenden so nothigen Ventilation fast ganz entbehren und, da 
noch dazu nach alter Sitte viele Menschen in einem solchen Raum zu- 
> _ sammen wohnen und schlafen, durch den grellen Gegensatz gegen 



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das von friiherher Gewohnte den schlimmsten Einfluss haben (z. B. 
Dieffenbach 2, 68—71 

Namentlich war es der Adel in Polynesian, der diese Aende 
rungen vornehmlicli, da er mit den Europaern in genauere Berlih- 
rung kam und grossere Mittel hatte, bei sich einftihrte : gerade aber 
der Adel ist vom Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als 



das Volk 



so namentlich in Hawaii 



und es ist diese Erschei- 









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nung nicht so zu erklaren, dass man beim Adel , weil er geringer an 

der Zahl sei, das Hinschwinden klarer sahe : denn hiergegen spre- 

}*"*' chen die Verhaltnisszahlen so wie der Umstand, dass in der ersten 

Zeit der Adel vornehmlicli von Krankheit u. dergl. heimgesucht war, 

bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das urn* so we- 

lt^4 niger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der 

geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Da 
meiste uberhaupt, was vorzuglich in alteren Reisebeschreibungen von 
Polynesien gesagt wird , geht auf den Adel , da dieser bevorzugte 
Stand mit so hervorragenden Fremdlingen, als die Europaer waren 
zu verkehren nach polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. 
Wo aber diese Vdlker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, son- 
dern ganz und fur immer die europaischen Sitten, Kleidung, Woh- 
nung, Lebensart u. s. w. annehmen, da bleiben sie weit ungefahr- 
deter, wie dies Dieffenbach a. a. 0. von den Neuseelandern nach- 
weist. Den skrophulosen Habitus so vielerMaorikinder an der Kuste 






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erklart er dagegen nur durch die ungeeignete und halbe Aenderung 



der einheimischen Lebensweise. 



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natilrlich , schon durch sich selbst und ohne boswillige Absicht der 
sich Ausbreitenden , die Naturvolker in hohem Grade. Auf den 
kleinen ' polynesischen Inseln z. B. ? doeh auch sonst und uberali 
nind die Lebensmittel bei so riesig durch die Europaer gesteiger- 



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tern Verkehr viel werthvoller und dadurch iinmer knapper ge- :^v aC £„<** 



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worden. Man denke nur, um dies Beispiel aus Polynesien auszu- /^^ 






ftthren, was alle die Schiffe brauchen, welche zu Papeiti oder gar zu 
Honolulu vor Anker gehen, um sich zu verproviantiren. Und sollte 
man denken , dass grade dies grossere Bedtirfniss ein Sporn fur die 






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Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in der Kultur, im Ackerbau, ) 
Handel u. s. w. : so erwage man, dass jetzt kaum ein Jahrhundert 



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Belt der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf den Inseln, 
welche friiher fallen, abgerechnet) verflossen jfert, dass in einem so 
kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die Einge- 
borenen einsturmten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln ^ 
konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entsprache ; und 
dass zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern 
erschlaffen, erdriicken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe 
Sache anders, aber die Resultate bleiben gleich. 



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Die Neuhollander freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Eu- 
ropaer niederliessen, sie wttnschten es und forderten sie dazu an vie- 
len Orten auf. Allein die nachste Folge war, dass sie in eine sehr 
elende Lage geriethen : denn (abgesehen von anderem, was wir spa- 
ter besprechen) ihre Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja 
sie verschwanden ; theils verdrangt oder verjagt. 
von den meist sehr jagdlustigen Ein wander ern (Lang bei Grey 2, 
234 — 35). Daher sagte ein Australier sehr richtig zu einem Euro-/*-*- 
















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paer : »Ihr solltet uns Schwarzen Milch, Kiihe und Schafe geben, J QfA* 






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denn ihr seid hergekommen 



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vertilgt, Wir habennichts mehr zu essen und sind hungrigv ^en- ■ x 
net bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und Weidestrecken 



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/irnahi^fen die Europaer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in Neu- v v 
holland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Kustenstriche, 



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sonst der gewohnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz 
und gar inne , das Land erklaren sie fur ihr Eigenthum, und da sie *** 
sich man kann wohl sagen taglich mehr und mehr ausbreiten , so f]/tr\ 
drangen sie schon durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die * C 

so dass es denn gar kein °^^ ^^-^ &*> 



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Walder, 



Wildniss 



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Wunder ist, wenn die Eingeborenen schon hierdurch allein »wie von 
einem giftigen Hauche beruhrt« (oder wie die Phrase lautet) verkom- 
men. »Als der weisse Mann, so sagte der Cherokeehauptling Bunte- 
schiange in einer Rede, sich gewarmt hatte am Feuer des Indianers. 



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und sich gesattigt an seinem Maisbrei, da wurde er sehr gross, er 
reichte liber die Berggipfel hinweg und seine Fiisse bedeckten ' die 
Ebenen und die Thaler. Seine Hande streckte er aus bis zum Meere 
im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er liebte 
seine rothen Kinder, aber sprach zu ilmen : ihr miisst ein wenig aus 



Wege 



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dem einen Fuss stiess er den rothen Mann iiber den Okonnee und 
mit dem anderen trat er die Graber seiner Vater nieder. Aber unser 
grosser Vater liebte doch seine rothen Kinder unci anderte bald seine 
Sprache gegen sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, 
nur : geht ein wenig aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe 



viele Reden von unserem grossen Vater gehort und alle begannen 

Chamisso, einer der wenigen, 



und endeten ebenso« (Waitz 



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144^ 



die sich in Deutschland fiir die Stellung jener \ T 6lker interessirten, 
hat dieser Rede ergreifenden Ausdruck verliehen in einem seiner Ge- 



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Sie ist bekannt genug : und Avenn auch in 



ihr der ethische Gedanke die Hauptsache ist , so kann doch auch die 
Schilderung der Thatsachen nicht schlagender gegeben werden. 

Und doch, auch wenn man den Eingeborenen genitgenden Lancl- 
besitz und Jagd und Lebensmittel genug sichern kbnnte, wir wieder- 
holen es : die totale Umwalzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, 
wie wir eben gesehen, sich nach jeder Richtung hin andern musste 
durch die plotzlich hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine 
Halbheiten , TJngeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen , wenn alles 
gleich so trefflich als moglich eingerichtet ware, den gefahrvollsten 
Einfluss auf die Naturvolker haben und je mehr, je plotzlicher sie 
kommt. Denn je langer physische Gewohnheiten schon bestehen, um 
so fester sind sie und um so gefahrlicher ist es fiir die menschliche 
Natur, wenn sie plotzlich gebrochen werden sollen. Auch hierin ist 
Leib und Seele einem Gesetze unterworfen : dem Gesetze der Be- 
harrlichkeit. ^ Wie eine Fliissigkeit, welche man in einen bestimra- 
ten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe immer williger und rascher 



folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel zusammenschaumt, 



wenn 



man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin zwingen will, bis 
sie sich endlich und allmahlich diesem Neuen gewohnt : so musste 
das natiirliche Leben dieser Volker in Aufregung und Unordnung 
kommen, als es so plotzlich von der tibermachtigen Kultur unter- 



brochen wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmahlicl 



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gewohnen wird. So werden denn einzelne wohl , nie aber 
;anzes Volk rasch und plotzlich sich eine so totale Umanderum 
wie hier nothig , und kame sie miter den giinstigsten Bedingungen 
(was hier leider nicht geschah), aneignen konnen. Nur so ist sicher 
die Nachricht zu verstehen , die wir vorhin Dieffenbach entlehnten, 
dass die Neuseelander, wo sie vollkommen europaisch lebten, auch 
sjesund seien : wobei denn immer noch zu 



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1840 seine Beoachtungen anstellte, also tiber zwei 



Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel. 
Allein man konnte sagen : und doch haben andere Volker dasselbe 
plotzliche Hereinbrechen einer iibermachtigen Kultur durchgemacht 
und iiberwunden. Man konnte unsere eigenen Vorfahren, die alten 
Deutschen nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied 
hier in Allem ! Denn erstens war die griechischromische Kultur, wie 
sie zu den Germanen kam, unendlich bequemer als die moderne, wie 
sie die Naturvolker annehmen sollen ; zweitens standen die Germa- 



Weise 



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Europaern ; drittens brach dieselbe nicht so unaufhaltsam, so plOtz- 
lich, so. rucksichtlos liber die Germanen herein, wie iiber jene Volker, 
sondern ganz allmahlich, durch Jahrhunderte langes Vertrautwerden 
mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine unbedeu- 
tende Vermittlerrolle spielte ; und endlich kam sie nicht in solchem 
Grade feindselig, wie die moderne Kultur tiber die sogenannten 
Wilden. 









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14. Psychische Einwirhungen der Kultur. 



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Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, 
was den Naturvolkern so verhangnissvoll wurde : vor dem getetig 
deprimirenden Eindruck, den die Kultur auf die Naturvolker macht. 
Die Germanen fanden Gelegenheit selbstandig siegend in dem Land 
ihrer geistigen Besieger aufzutreten : sie behielten stets das gegriin- 
dete Bewusstsein eigenes Werthes und dass sie nicht in jeder Be- 
ziehung untergeordnet seien. Sie standen den Romern gegenuber 
wie der Schiiler dem Lehrer, der des Schiiler^ geistiges Leben leitet, 
corri'girt, erhoht, aber nicht verletzt, vernichtet, verhohnt. 



Ganz anders aber die Naturvolker. Ihr Geistesleben, alle;^ 



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sie dachten, ftihlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden ' 
mit den Europaern was sollen wir anders sagen als geradezu (und 
oft mit der boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hier- 
durch wurden selbstverstandlich je gebildeter die Volker waren, sie 
urn so barter betroffen ; so dass vieles von dem im folgenden Ent- 
wickelten auf die rohesten Stamme Stidamerikas oder Neuhollands 
keine Anwendung findet. 



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reiner und inniger Religio^itat 
Monsirositaten Hires Glauber. 




Zunachst die Religion. Die meisten Naturvolker sind von sehr 



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bei alien Abgeschmacktheiten und 
So war en es die Mexikaner. 



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Religion (Waitz 4, 128) war es, welche ihnen ihre hohe und reine 
Moral eingab, deren Grundgedanke — zugleich ihr festester und un- 
trugliehster Schwur (Waitz 4, 154) — war: sieht mich nicht unser 
Gott? Und alles , was die Religion schweres von ihnen forderte, 
wurde treu und gewissenhaft und mit achter und inniger Andacht 
von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4, 154) ausgefiihrt, 
Ihre vielen Eroberungskriege war en , wie wir schon sahen, alle von 
dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten Tiber alle Welt. 
Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die Peruaner. 
Gleiehfalls in hohem Grade gottesfurehtig sind die Nordindianer 



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(Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen , die 
alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der gross- 
ten Gewissenhaftigkeit vollfiihren. Und so haben alle diese Volker 



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iiberall zahe an ihren Religionen gehalten . 

Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die 
polynesischen Volker nicht von gleich tiefer Religiositat waren ; was 
z. B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand 
jetzt der grosste Theil der Stidseemission ist. Aber die ganze Be- 
volkerung war sittlich minder rein als die Amerikaner und befand 
sich schon zur Zeit der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, 
in einem Zustande audi des geistigen Verfalls. Daher erklart sich 
die auffallende Erseheinung, dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 
vom ganzen Ozean) und nach Chamissos Zeugniss auch die Mikro- 
nesier sich leicht bewegen lassen, tlber ihren fruheren Aberglauben 
selbst m lachen und ihn aufzugeben. Doch auch sie lugen sich und 
nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem Gehorsam den beschran- 
kendsten Gesetzen ihrer Religion, z. B. den Tabu-Gesetzen, d. h. 
den Bestimmungen. durch welche Gegenstande aller Art heilig ge- 
sprochen und dem unheiligen Volk ganzlich entzogen werden, sowie 
der ubergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da 

haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, 
wo sie durch die Mission wirklichen religiosen Ersatz bekamen. Ge- 
gen feindselige Angriffe auf ihre Religion , mochten sie absichtlich 

haben sie sich immer aufs heftigste aufge- 



, 



oder nur zufallig sein 



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y bracht gezeigt und eine Menge Ueberfalle, Kriege, ja Cooks Tod 



selbst sind nur durch solche Verletzungen ihrer Tempelplatze oder 
sonstigen Heiligthtimer her vorgeruf en . 

Aber selbstverstandlich war es gerade die Religion, gegen welche 
ich die heftiarsten und ersten Angriffe der Kulturvolker richteten. 



8 



Das brauchte niclit mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und 
ihrer Pfaffen in Amerika oder der 



Sendlinge Prankreich 



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in den 

letzten Jahrzehnten, der Laplace^ Dupetitthouars u. s. w. in der Siid- 
see zu geschehen : auch die edelsten der Europaer mussten sich gegen 
diese Religionen wenden, um sie zu zerstoren, und so sahen die Em- 
geborenen ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und 







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nichtswiirdig verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man er- 




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messen, wie vernichtend dieser Sehlag ihr geistiges Leben traf. v U U-* 



Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen : und.auch 
hier miissen wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die 
despotische Verfassung , das strenge Adelsregiment der Siidsee (um 
bei den Polynesiern zunachst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. 
Aber mochte der Adel sich noch so hoch ttber das Volk stellen, das 
Volk aufs argste unterdriicken : er war doeb von Gott , man hing 
ibm doch mit warmer Verehrung an , man braehte in den meisten 
Fallen sein Gut und Blut mit aufrichtigem Eifer dar — lohnte docb 
eine solche Aufopferung mit einem besseren oder tiberhaupt mit einem , 
Leben naeh dem Tode! Jedenfalls beruhte auf diesem Verhaltniss 
des Adels, der naturgemass die stolzeste Meinnng von sich hatte und 
sich keineswegs den europaischen Grossen untergeorclnet fiihlte, und 
des Volkes das gesammte offentliche Leben Polynesiens und Mikro- 









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digwaren, aufgeben und die, welche es vordem gleich Gottern geachtet 
hatte, von den Europaern keineswegs besonders hochgestellt , ja oft 
mit Verachtung oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behan-AW"" 
delt, zum Theil wie auf den Marianen blutig verfolgt und vernichtet ;/* ' **- 
sehen. Der Adel selbst aber war noch schlimmer dran. Er war bei 













ranz an- 



volliger Unumschranktheit , der festen Ueberzeugung , von w 
derem Stoff zu sein , als das gemeine Volk , er stellte sich ganz den 
hochsten Europaern gleich und wusste sich, wie Liholiho, Tameha- f 
meha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt unter der'englischen 
hochsten Aristokratie bewiesen hat , diesen auch im ausseren Be- 
nehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von den Eu- 
ropaern , oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht gottlich' 
verehrt , sondern verachtet , dem gemeinen Volke ganz gleich , und 
jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der Ge- 
sellschaft in den meisten Fallen (wo sich eine wirklich europaische 
Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur 
geduldet ! So geschah es zu Neuseeland — man kennt ja den Hoch- 

muth der englischen Rage einer farbigen Bevolkerung gegeniiber 

so . seit der gloriosen franzosiscken Occupation , zu Tahiti , so einige 
Jahrhunderte friiher auf den Marianen , wo der Adel in den blutigen 
Kampfen ganz zu Grunde ging. 

Noch viel schlimmer, weil die Zerstorung grtindlicher war, wirk- 
ten diese Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher 
durch Bande grosser Anhanglichkeit und Religiositat verkniipft. Der 
Herrscher, der aus dem hohen Adel gewahlt wurde, und mit ihm der 
hochste Adel war , wie wir schon sahen , Stellvertreter Gottes auf 




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trotz alles Absolutismus , die Stellung des Herrschers auffasste , gelit 

aus den Reden hervor , die man bei seiner Inauguration an ihn ricli- 

€u < tete und welche nicht nur nach Waitz 4, 68 »zu dem Schonsten und 

4 Erhabensten gehoren, was von den Azteken noch ttbrig 'mitt, sondern 

ilberhaupt zu dem Schonsten und Erhabensten, sicher zu dem Wahr- 






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sten 5 was man je Konigen gesagt hat. Die Steuern und Frohnen, 
unter denen, nach den alten spanischen Schriftstellern , das Volk 
jeufzte, sind nach 



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sind nach Waitz genauer und schlagender Untersuchung 
von den Spaniern aus nahe liegenden Gritnden sehr iibertrieben wor- 
den. Nach alle diesem wird sich die Lticke ermessen lassen, welche 
im Gemiith des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden entstand. 






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Zurita hat gezeigt, 



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wie das mexikanische Volk 



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hauptsachlich dadurch ins ausserste Elend gerieth, dass alle Grundlagen 
:einer bisherigen politischen und socialen Organisation von den Sie- 
gern zerstort wurden. Vom mexikanischen Adel itberlebten nurwenige 
den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch Kinder. 
Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie der 
Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk zurtick- 
geworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's 
ist im tiefsten Elend gestorben.« Man nehme nun dazu, dass auch 
das gesammte aussere Leben, die ganze glanzende Kultur des Volkes, 
die reiche Hauptstadt , die bltihenden Garten , die zahlreichen Tern- 
pel , dass Alles zerstort und oft aufs grausamste und verachtlichste 
zerstort wurde : und man wird begreiflich finden, dass schon dadurch 
der Sieger der Seele des besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. 
Dasselbe gilt , vielleicht in noch hoherem Grade von den Quechuas 
und den Nordamerikanern. »Mit einem Fuss stiess er den rothen 
Mann tiber den Okonnee ■, und mit dem anderen trat er die Graber 
unserer Vater nieder«, hiess es in der oben erwahnten Rede. Und 
leider waren es die personliehsten und heiligsten Empfindungen, die 
man allzu oft und mit der grossten Rticksichtslosigkeit verletzte,, 
woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Trager schulcl 
waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstorung und 
Pliinderung der alten Indianergraber j die Preisgebung der Leichen 
mit Excommunication ; allein der supremo consejo de las Indias fand 
der Schatze wegen , die sie enthalten konnten, fiir gut. ihre Durch- 
suchung zu erlauben (Waitz 4, 493 — 94). Alles dies musste das 



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imterdriickte Volk ruhig mit ansehen : ihr innerstes Leben wurde 

ihnen vernichtet , ohne dass sie , die sonst schon aufs fiirchterlichste 

bedruckt waren, sich wehren konnten. Dass aber nicht bloss ihre 

Fodten , dass die Lebenden selbst noch mehr zu leiden hatten ; da 

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man auf sie, ob sie lebten oder starben ? nicht die mindeste Rucksicht 
nahm, dass man also durch Verletzung der theuersten und heiligsten 
Gefuhle auch nach dieser Seite hin den Indianern das ausserste that. 



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das ist nur allzubekannt. 



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einer offentlichen mid viel erwahnten Rede : » ich hatte sogar daran 
gedaeht , ganz unter euch zu leben , hatte nicht e i n Mann mir Boses ^ 
gethan. Oberst Cresap ermordete im letzten Fruhjahr (1774) mit 
kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle meine Verwandten, selbst 
meine Weiber und Kinder verschonte er nicht. Kein Tropfen von ; * 










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meinem Blut lauft mehr in den Adern eines lebenden AVesens.« Dies 
eine Zeugniss geniige. 

Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvolker ist 
ihr Stolz. Die Amerikaner halten sich filr die ersten aller Menschen ; 

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Geschickt wie ein Indianer und dumm wie ein Europaer sind bei ihnen 












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Sprichworter (Waitz 3,, 170). Verletzung dieses Stolzes war audi 
das Harteste, was sie unter sich einander zuftigten. Die Polynesier 
glaubten alles Ernstes, die Europaer kamen zu ihnen , urn jetzt erst 
wahres Leben kennen zu lernen und an ihrer Gltickseligkeit , an 
ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen. Selbstmord aus Scham oder 
verletztein Ehrgefuhi ist unter ihnen gar nicht so selten (Dieffenbach 
% 112. Thomson 319. Will. u. Calvert I, 121 ff.) ; ihre eigenen 
Thaten laugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie (Williams u. Cal- 
vert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1 ? 78; Waitz a. a. 0.). 

Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgeftihl aller dieser Vol- 
ker, welches z. B. einen Irokesen, der von Christi Leiden horte, 
ganz wie jenen Friesenfiirsten zu dem Ausrufe zwang : »ware ich 
dabei gewesen, ich wlirde ihn geracht und die Juden skalpirt haben« 
(Waitz 3, 169). Und diese Empfindungen, fur welche Waitz a. a. 0; 
u. b, 147 noch eine Menge Beispiele zusammenstellt 9 linden wir 
ebenso in Polynesien ; ebenso wirksam wenigstens , wenn audi min- 
der frei entwickelt , audi bei den roheren Volkern , den Siidameri- 
kanern, Hottentotten, Australiern. Sclion das stete Streben, welches 



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die Englander in Australien, mit Fussen getreten 



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und man tritt 



es durch den grenzenlosen Hochmuth und Hass , mit dem man diese 
Volker von aller Gemeinschaft und damit von aller Kultur 



aus- 



schhesst, nachdem rpan ihnen haufig Land und Lebensmittel geiioni- 
men, audi ferner mit Fussen. Und selbst in ihrem Rachedurst sind 
alle diese Volker den Europaern gegentiber so ohnmachtig, gegen 



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gerade diese Eigenschaften von der Kultur verletzt ! Theils ohne ihre 

Scliuld : denn dass die Naturvolker gar bald einsahen , wie sie gegen Ct 

die Europaer nichts war en und nichts vermochten, lag in der Natur 

der Sache. Theils aber tragen audi hier die Europaer die schwerste 

Verantwortliehkeit, denn sie liaben die llechte dieser Volker absicht- 

lich mit Fussen getreten, sie haben, da sie die Naturvolker kaum ^<^<^<-' c ^ 

fiir Menschen $iisahen ? nicht einmal ihr menschliches Selbstbewusst- 

sein ihnen lassen mogen, sondern audi dieses, und oft vonStaatswe- 

gen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie 



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welche hochstens einmal ein vereinzelter Racheakt Einzelner gluck- 
lichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben, wenn er sagt 
(5/157), das Rechtsgefuhl der Indianer sei durch den harten Druck 
der Weissen weiter und scharfer entwickelt wordeii , als es wohl 
sonst gesehehen sei ; so fahrt er doch ebenso riehtig fort : » freilich 
war davon die nachste Folge fur sie selbst nur diese , class sie ihre 



Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann urn so bitterer 



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Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen 
^Lebens derNationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn 

f man die Grande fur ibr Aussterben aufsuchen will. Wie niclits ein 

+*)** ^°^ me ^ lr ^ le " ) * > a * s freudige Achtung vor sich selbst und frohliches 

* Gelingen des von ihm Erstrebten , so driickt nichts den Voiksgeist 

tiefer, als das Gefiihl der eigenen Olmmaclit und Verlorenheit. Zuin 

Gefiihl aber der aussersten Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bitter- 







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* z s sten und doch ganz hiilflosen Ingrimms finden wir alle diese Volker, 

^Amerikaner, Aleuten und Kamtschadalen, Neuhollander, Polynesier 


















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und Hottentotten verdammt. »Jede Ra§e , weiss schwarz oder roth, 
*agt Elliot bei Waitz 3, 299, muss untergehen, wenn ihr Muth, ihre i$ 



Energie und Selbstachtun 
Laster zu Grande gehen.a 



durch Unterdrtickung , Sklaverei und 
Und nun hatten , wie wir gesehen ; die 









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meisten Naturvolker schon von Haus aus einen entschiedenen Hang ±i 
zur Melancholic , welche durch alle diese Schicksale nattirlich aufs 
argste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man denke *+ 
sich nur \ wenn wir Europaer mit alien unseren Kulturmitteln , mit 
unserer Religion, kurz mit alien den Vortheilen, die wir den Natur- 
** volkern gegenuber besitzen , ihr Loos auch nur wenige Jahre , etwa ^ 
eine Generation, zu ertragen hatten, was aus uns werden sollte! Man 
" denke, wie der dreissigj ahrige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch 
bei weitem durch das , was die Naturvolker zu leiden hatten , tiber- ' 
boten werden : und man wird sich mehr liber die zahe Ausdauer, als 
ttber das Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre grossere { m 
Harte und Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Volkern gegen- 
uber , die sie anfangs alle , Mexikaner sowohl wie Hottentotten und ?* 













t #^v Neuhollander, fur Gotter hielten ! 






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Musste alles dieses auf das geistige Leben der Volker und damit 
^te**^ auch auf das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausiiben . so tibte*** 



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es den auch noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtun'g der be- 
stehenden Staaten war nattirlich auch jedes Recht und Gesetz, wel- 







4cr ^>^<*^ches in denselben bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru 






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aber waren die Gesetze von grosser Strenge und grosser Wirksam- 
keit , da sie tiberall in hochster Achtung standen und nicht anders 
war es in Polynesien , wo das tabu auch manchen heilsam verbie- 
tenden Einfluss hatte. Sturzte nun das Alles zusammen, so musste 
nothwendigerweise eine urn so argere Demoralisation eintreten, je 



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holier f ruher die Kultur des zerstorten Staates gestanden hatte ; eine 
solehe Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer so all- **** 
iremeinen Zerstorung , wo fur die Unteriiegenden weder leiblich noch ^ 
geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen flir ihr ganzes 
Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind 
denn auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zii- 
gellosigkeit zu Grunde gegangen. Und je tiefer ? je personlich ver~ 
niehtender die Angriffe waren , urn so mehr nattirlich demoralisirten 
sie die Volker : was sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig 



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halten, welche selbst in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konn- 
ten sie noch sich selbst achten, die von jenen ankonnnenden Gottern 
so in Staub getreten warden? Ueberall riss in Folge der auf diese 
Weise nahenden Kultur Entsittlichung und dadurch immer tieferes 
geistiges und leibliches Sinken unter den Naturvolkern ein. Was 
nicht unmittelbar vernichtet wurde, das wurde im Innersten vergiftet 
und langsames Hinsiechen war die nothwendige Folge. 



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15. Schwierigkeit fur die Naturvolker, die moderne 

Kultur sich anzueignen. 



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Aber wenn auch die europaische Kultur den Naturvolkern mit 
vollkomniener Freundlichkeit und Schonung zugefilhrt worden ware : 
diese Kultur bot auch noch ausser denen, welche wir schon gesehen 
haben, die grossten Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt be- 

trachten mttssen. 

War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Volker fast alle ihre 
seit Jahrhunderten eigenthiimlichen Ideen und Anschauungen auf- 
geben mussten , so war es noch viel schwieriger , das aufzunehmen, 
was die Europaer brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne 
Kultur ! Das traf besonders Polynesien und Australian ; man denke 
ich die kleinen Kokosinseln , die nun plotzlich sich hineinfinden 



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mtissen in die ganze europaische Lebensart, in den europaischen 
Handel , das europaische Recht , die Religion und so vieles andere 
— und sie mlissen mehr als nur oberfiachliches davon annehmen, 
wenn sie nicht verloren sein wollen. Urn wie viel glucklicher waren 
auch hierin die Germanen , die sehr allmahlich eine viel weniger 
verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie lange Zeit 






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sie . bis sie diese Kultur vollkommen sich assimilirt 



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hatten! 1st es zu viel gesagt, wenn man behauptet , dass dies erst 
im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des Alter- 
thums ganz geschehen sei? 

Einzelne Punkie — denn vieles (Wohnung, Kleidung u. s. w.) 



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ist schon in dein bisher Behandelten wenigstens andeutend ausge- 



sprochen worden 



mtissen wir noch besonders beriicksichtigen . 



Zunachst die Bewaffnung. Die Feuerwaften sich anzueignen ist weit 
schwieriger , als die Aneignung der romischen Taktik , da sie ausser 
der leiblichen Uebung noch die Ueberwindung der Scheu vor Donner 
und Blitz ; durch welche gerade man die Weissen zuerst als Getter 

verlangen : da ihre Wirkun 







dokumentirt sah , ^^ ^^^^^ 

scheint, als die der romischen Waffen. — Ferner die Sprache. 
Uns Europaern macht es sehr grosse Schwierigkeiten , die Sprache 
eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu er- 
fassen ; und doch steigen wir herab , da jene Sprachen alle in der 
Entwicklung und Verbindung der Gedanken so wie in der Fiille der 
Anschauung weit weniger vorgeschritten sind , als die Sprachen de* 
gebildeten Europas ; und zugleich haben wir durch lange Jahrhun- 
derte I 



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fortgesetzte Uebung und ausserdem 



durch eine Menge von 









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Htilfsmitteln eine viel grossere Kraft, als jene Volker, die doch hin- 
aufsteigen mtissen, wenn sie eine europaische Sprache erlernen wol- 
len. Schon beim blossen Sprechenlernen , das vom Begreifen und 
wirklichen Verstehen einer Sprache liimmelweit verschieden ist ? 
mtissen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer Anschauungen 
und Begriffe erweitern ; die ihnen frilher aber audi ganz unbekannt 
waren — und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche 
strenges , logisches Verknupfen und Ausdenken der Begriffe wenig 
genug unterstutzt. 



Niclit anders ist es mit der Religion. 



Der Abstand von man- 












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chen der lieligionen dieser Volker vom Christenthum mag, wenn auch 
die meisten tiefer stehen, nicht grosser sein, als der des germanischen 
Heidenthums von letzterem war ; aber das Christenthum , was den 
Germanen gepredigt wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die 
Missionare, wenigstens die protestantischen, heut zu Tage predigen. 
Dann freilich , wenn man die Berichte des sehr eifrig katholischen 
o Michelis liest, so ist das, was die Propaganda z. B. in der Slidsee 
j gepredigt hat , an vielen Orten tiberhaupt nicht viel Anderes gewe- 
sen, als was jene Volker schon wussten : die katholischen Missionare 
haben getauft und das Heidenthum gelassen. Auf der andern Seite 
aber , wie so ganz unfassbar muss fiir die ganz sinnlichen Natur- 
volker eine so abstrakte Lehre sein , wie die evangelische , die noch 
dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht , welche jene Volker 
gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum predigte, 

dass sie die Religion der Manner annehmen soil ten, 

so alies Aergste zugeftigt hatten, der Weissen! Ja 

hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit 

dogmatischen Streitigkeiten 






verlangte man , 
welche ihnen 



begliickt? 



In der 



ganzen 




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geschichte der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss 
als das Auftreten der Propaganda in der Sudsee ; wo eben die pro- 


















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testantische Mission festen Fuss zu fassen und Friichte ihrer mtihe- 

vollen Arbeit zu sehen begann. Das liess der katholischen Kirche 

nicht JRuhe: sie trat an einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die 

dann durch Liigen aller Art verdeckt wurde) der protestantischen 

Mission eatgegen und brachte zu den eben bekehrten Heiden den 

Streit der kirchlichenParteien. Lutteroth, den zu widerlegen Miche- 

lis sicb vergebens bemiiht , hat dies seharf und schlagend bewie.sen . 

Auch Streitigkeiten , die in ihrem eigenen Schooss entstanden sind, 

brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133 von Siid- 

ainerika erzahlt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in 

der Scheming soldier Heiden , die von einer andern protestantischen 

Sekte bekehrt waren , durchaus nicht iibermassig zart gewesen . An 

manchen Orten (Nordamerika , Afrika u. s. w.j hat auch sie statt 

des Friedensdes Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Wel- 

chen Einfluss musste das auf die eben gewonnenen Naturvolker nnd^t*- + c*%^»*y 

deren Charakter machen ! Dabei darf auch nicht vergessen werden, %u (ff 

dass in den meisten Fallen sich der Mission die Europaer selbst auf 

das Heftigste entgegensetzten , da sie sich durch jene in ihrem oft 

sehr weltlichen oder besser gesagt gottlosen Treiben behindert sahen. 

So war es namentlich in Polynesian , fast auf jeder lnsel (Meinicke, 






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so in Amerika schon im 1 6 . 









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Jahrhundert (Waits 4,188; 338); so auch in Afrika bei Hottentot 
ten, Eaffern; Negern, tiberall. Man sieht, unsere Kultur verlangf* 
on den Naturvolkern eine geistige Anstrengung von so enormer 






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Grosse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar nicht 
uberwunden werden kann. Wahrend aber nun die Europaer immer 
frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen 
starken, wahrend auch bei den Germanen auf die Stelle einer unter- 
legenen Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen batten, . 
iibernehmend ausfiihrte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei 
der geringen Kopfzahl der NaturvSlker an soldier kraftgebenden und 
aushelfenden Ersatzinannscbaft, durch welche die Arbeit sich theilen, 
die Aneignung si©h leiehter und allgemeiner vollziehen kSnnte. Daher - 
wird der lebendeii Generation eine urn so grossere und schwerereJv* /ST 



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Aufgabe gestellt und es ist schon deshalb klar , dass eine Genera- 
tion, ja dass zwei ? drei Generationen ihr nicht geniigen konnen. Die ' 



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GrOsse der Aufgabe, die enorme geistige Anstrengung 
schwert aber das gedeihliche Weiterleben der Generationen durch 
den geistigen Druck so sehr, dass wir auch hierauf mit allem Nach- 
druck hinwei.sen miissen. Und zweitens rnussen wir auch wieder be- 
tonen, class der Hang zur Melancholie durch solche Ueberanstrengung, 
wo in den meisten Fallen nur allzubald sich zeigt, dass ein auch nur 
einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen ist, immer ver- 
grossert wird , ja dass er geradezu Charakterzug der Ydlker wer- 




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den kann. Unci so linden wir es im allgemeinen wie im einzelnen. 
Tschudi 2, 286 erzahlt von einem Botokudenknaben ? der von einer 
Familie in Bahia sorgfaltig aufgezogen und dann zum Studium der 
, Medizin auf die Universitat gesehickt wurde. Er erwarb sich den 
u ^° Doktortitel ., tvbte audi eine Zeitlang die Praxis selbstandig , bis er 

verschwand. »Eine tiefe Melancholie war immer der Grundzug seines 
Oharakters.« Spater erfuhr man , dass er wieder , nachdem er sich 

Spur von Civilisation , audi der Kleider , entledigt , ate 
: Jager dureh die Walder streife. Einen ganz gleichen Fall von einem 
jungen Choktaw , der Advokat geworden war, hernach aber dureli 
Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der Nordamerika- 
nisehen Weissen mit Schuld war) bis znm Selbstmord 
wurde, erzahlt Waitz i, 71 — 72. Diese Falle zu erklaren , reicht 
es nicht axis, bloss an die »schiefe Stellung« zu eriimeni, in welche 
solche Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden tritft dies 
nicht zu, da in Sudamerika das Verhaltniss der Farbigen zu den 
Weissen kein ungunstiges ist : wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen 
und ahnlichen, wie wir sie bei Individuen und ganzen Yolkern finden, 



getrieben 













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die ewige Demuthigung auf der einen, die Ueberanstrengung auf der 



$%>y anderen Seite. 



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Wir komnien nun zu dem dtlstersten Punkt. in miserer ganzen 
Schilderung , zu der dtistersten Partie vielleicht in der ganzen Oe- 
schichte der Menschkeit ; zu der Art, wie die Weissen die iSaturvol- 

ker behandelt haben. Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei 
ihnen beforderten, brauehen wir hier, da wir sie schon oben an ver- 
schiedenen Stellen erwahnten , nicht noch einmal im Zusammenhang 
zu besprechen. Beginnen wir mit Sudafrika. Die Hottentotten zei- 
gen sich uns gleich bei ihreni ersten Bekanntwerden als ein Volk, 
das fruher eine viel grossere Macht und Ausdehnung besessen hatte 
und damals schon in einer Art Verfall war. Von den umwohnenden 
afrikanischen Volkerschaften waren sie iiberall verdrftngt, namentlich 
von Norden nach Sftden geschoben und nicht nur sehr vermindert, 
sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen gebrochen oder 
wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen , wesentlich 
be^chadigt worden (Waitz 2, :!23 ff.j. Schlimmeres aber brachten 
ihnen die Hollander, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen und 
iiattirlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, 
als sie brauehten. Sie brauchten aber, da sie aiis Faulheit alles 













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99 



brach liegen liesaen und stets nur frisches Land bebauten j da sie 
farrier aus dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau 
trieben , sehr viel Land. Die Hottentotten , welche zu Sklaven zu 
machen das (iesetz verbot, machten sie zu ihren Knechten, die, 
Well man sie nicht verkaufen konnte, viel schlechter gehalten wurden 
als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich die Englander 1796 in Be- 



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sitz des (Japs kamen j zeigten sie sieh aus Nationaleitelkeit anfang 
zwar sehr emport fiber das Benelimen der Hollander ; allein gar bald 
thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332). Wie man rait »dem 
schwarzenVieh«, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sichz.B. in folgen- 
dem Fall, den Sparmann erzahlt. Ein Hollander hatte einen hotten- 
tottischen Knecht, der imFieber lag und dessen Krankheit dureh erne 
auf desllerrnBitte von Sparmann unternommene Kur sehr verschlim- 
mert wurde ; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu 
trosten: allein jenerfuhr auf: er klimmere sich den Teufel urn den Hot- 
tentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenfuhrer, urn 
seine Butter zu verkaufen, fande (Sparmann 273) . Dies war aber kein 
vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns 

& v,ix^ A xxxtvxi wvxxxmcijiuos gegen die Ein- 
geborenen, welche 177 4 etwa zuerst auf kamen, nicht sehr wundern 
konnen. Der Bericht eines Offiziers iiber soldi ein Commando bei 
Waitz lautet (2, 333 — 34): 

»27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriften, 75 Buschmanner 
getodtet, 2 ! gefangen. 

15. Oktober ein anderer Kraal entdeekt, 85 getodtet, 23 ge- 
fangen. _ 



iiber die Einrichtung der soffenannten Commandos 



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g besonders der Busch- 



20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getodtet, 3 gefangen. 

»Man wird einigermassen , fahrt Waitz fort, die Ausdehnung 
ermessen konnen, in welcher diese Vertilgun 

manner betrieben wurde, wenn man bedenkt , dass Coblins (1809 
einen sonst respektablen Mann erzahlen horte, er habe binnen 6 Jah- 
ren mit seinen Leuten zusammen 3200 Buschmanner getodtet und 
gefangen , wogegen ein anderer mittheilte , dass die Commandos , an 
denen er sich betheiligte, 2700 Buschmannern das Leben gekostet 
hatten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30 Jahren 32 
solcher Raubzlige mitgemacht hatte, auf deren einem 200 Busch- 
manner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herr- 
schaft am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhoren soil en, aber 
die Boers war en so sehr an dasselbe gewohnt, dass es immoglich war, 
es auf einmal zu beseitigen. Von 1797 — 1823, d. h. bis zur Okku- 
pation des Landes der Buschmanner, werden 53 Commandos offiziell 
angegeben; es ist unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen 
Unterbrechungen wieder in voller Bliitlie war und es scheint den 






Buschmannern outer der englischen Hemchaft noch tranriger 
gangen zu sein, als unter der hollandischen. Dass die Hottentotten 









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bevolkerung 



der (Jaukolonie unter der 



englischen Herrschaft bis 



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zum Jahr 1822 urn die Halfte zugenommen babe (Zeitschr. 1, 28 
ist wenig glaubhaft and sieherlich nur scheinbar. « Die Boers zogen, 
urn den ilmen verhassten englischen Gesetzen nicht gehorchen zu 
miissen, 5000 an der Zahl , urn 1836 nach Port Natal, wo sie ihre 
scheussliche Willkiirke.rrschaft, ihre Commandos und Knechtung der 
Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones Anwesen- 
heit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336 

Man wird es nicht eben wunderbar finden , wenn die Hotten- 
totten diesem Hauche der Kultur erlagen ; wenn jetzt ihr Hass gegen 
die Weissen so gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, 
wenn nicht unmoglich , doch ausserordentlieh erschwert iit; wenn 
endlich die Hottentotten jetzt sehr viel roher, trager und sittlieh 
schlechter sind als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. 
Stand doch liber manchen Kirchen der Hollander: »kein Hund und 



kein Hottentotte darf eintreten« (Waitz 2 ? 



333 



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Haben doch die 



Boers nach Kraften die Christianisirung der Eingeborenen zu hindern 






;eaucht . indem sie verboten , dass ihre Sklaven und deren Kinder 



uetauft wurden und bei Lebensstrafe denseiben die Missionsstation 
auch nur zu nennen verboten. Die hollandische Compagnie selbst 
war es , welche die mahrischen Britder aus dem Lande der Hotten- 
totten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu grossen Einfluss gewan 
nen. Ja noch 1831 , als die Hottentotten am Kat Rivei 
gelassen und dort unter Leitung der Missionare zu einei 
Bliithe gelangt waren, gelang es kaurn, die Boers von der Zerstorung 



sich nieder- 



gewissen 



dieser Colonie mit Gewalt zuriickzuhalten (Waitz 2, 336 

Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon Liber 
200 Jahr und sind noch nicht ausgerottet! 

Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas ka- 
men den Europaern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), 
aber die Weissen waren es, welche das Verhaltniss triibten. Zu- 
nachst vernichteten sie wegen verhaltnissmassig geringftigiger Ver- 
anlassung das Volk der Pequots; an 700 wurden bei einem plotz- 
lichen Ueberfall getodtet , die ubrigen zerstreut , gefangen und von 



Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3, 244). Sklavenjagden 
in Nordamerika von Seiten der Englander und Spanier waren ganz 
gewohnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren ftir 
jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wtithete 



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Waitz 3 : , 242) ? sahen in jedem gelingenden Greuel der Christei 
gegen die Indianer , namentlich wenn diese massenweise zu Grand 
gingen, ein Zeichen gottlieher Gnade, in jedem Misslingen eines 
Mordzuges einen gottlichen Zornausbruch gegen sie seiber und be- 
kannten dies laut (Waitz 3, 244 — 45). Man dachte gar bald daran 
die Indianer «:anz auszurotten ; und soil uns das wundern , wenn wir 



ertahren, dass noch in diesem Jahrhundert der Regierung der Ver- 

















101 



einigten Staaten ein formliches Projekt zur Vertilgung der Indianer 
vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! »Die Englander, ver- 
sichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im i 7. Jahrhun- 
dert) und spater viel Zweifel dariiber , ob es sich mit dem Christen- 
thum und der Menschlichkeit vertrage , die Feinde lebendig zu ver- 



brennen. 



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Weissen hahm wie schon hieraus hervorgeht und 



auch sonst iiberall, oft sogar mit dem grossten Eiihmen. bezeugt wird, 
den Krieg mit derselben und oft noch viel argerer Grausamkeit ge- 
fiihrt, als die Indianer selbst (ebcl. 258. 260) ; noch 1830 haben sie, 
wie friiher ofter, unter den Pairi das Blattergift verbreitet (ebd. 259). 
Wie man nun die Volker urn ihr Land geprellt , wie man sie spater 
immer weiter nach Westell nnd schliesslich itber den Missisippi hin- 
iibergedrangt hat, ohne Riicksicht auf die bedeutend anfbluhende 
Kultur der Cherokees, welche durch diese Verpflanzung einen schwe- 
ren Stoss erlitt , das ' " " 



mag man bei Waitz 3 bis 299 und b, 20 — 60 
nachlesen: wir wollen nur noch bemerken , dass die Natchez, die 



Schawanoes , die DelaAvares , Potowatomies , Seminolen , Kaskaskias 
und andere einst machtige Volker von den Weissen vernichtet oder 
so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166). 

In Stidamerika traten die Europaer womoglich noch scheuss- 



Das gewdhnliche Ver 



60 gewonnenen 



licher auf. »Benzoni, sagt Waitz 3", 399 — 400 in Beziehung auf 
Guyana, hat als Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, 
wie die Spanier in diesen Landern hausten. Das Verbot, Sklaven 
zumachen, war kein Verbot, Sklaven zu halten. Die gewohnliche 
Formel , mit welcher letzteres erlaubt wurde , lautete : °ihr sollt als 
Sklaven halten dflrfen die von den eingeborenen Herren des Landes 
als solche gehalten und euch verkauft Averden . 

fahren, welches namentlich in Maracapana oft zur Ausfiihrnng ge- 
kommen ist, bestand daher darin, dass man einen Hauptling einfing, 
der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner Leute als Skla- 
ven die Freiheit zu erwerben, und dass man die ... _„. 

Sklaven dann von der Behorde ftir rechtmassig erklaren°liess. Un- 
terwarf sich aber ein Hauptling freiwillig , so fiel man mit ihm iiber 
seine Feinde her, nra diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm 
selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewohnliclie und 
nicht selten ausgefuhrte Drohung der Spanier gegen Indianer , die 
sich ungefiigig zeigten , und da das Gesetz verbot , die Lastthiere zu 
iiberbiirden, damit sie sich reichlich vermehren konnten, diente auch 
dies als Vorwand , die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu ge- 
brauchen. Nachst der Minenarbeit und personlichen Dienstbarkeit 
liberhaupt hat vorziigiieh auch die Entftihrung vieler Weiber ihre 
Zahl verringert, Natiirlich liessen sich das die streitbaren Indianer 
nicht ohne Weiteres anthun und man kann denken, welche furchter- 
lichen Kampfe eine solche Behandlung hervorrufen musste und wie 
diese Kampfe selbst ., obwohl zum Theil gliicklich fur sie , die India- 



















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ner decimiren mussten. In Brasilien wars um nichts besser. Obwohl 
man anfangs den Eingeborenen die Freiheit zugesprochen hatte, kara 
man doch sebr bald dahiu , class man Meuschenjagden erst duldete 
und dann (seit 1611) allgemein gestattete und diese entwickelten sicb 
ar bald zu einer solchen Hohe , dass in den 3 Jabren 1628 — 1630 
in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer , meist aus Paraguay , in 
die Sklaverei verkauft wurden , wobei es naturlich auch wieder zu 
den scbeusslichsten Kriegen kam, in welcben Europaer und Indianer 
gleicbmassig verwilderten (Waits 3, 450 — 51). Allerdings setzten 
sicb die Missionare (Jesuiten) biergegen, allein nur, um die Arbeits- 
kraft der Indianer ibrem Orden zukommen zu lassen , und meist mit 



so germgem 



Erfol 



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dass ihr. Widerstand gar nichts bedeutete. 
Uebrigens ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also 
portiigiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453), 
wie die Portugiesen wohl diejenigen Europaer sind , welche am un- 
menschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch 
wie sie rait den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen horen, 
was hieriiber v. Tschudi 2 ? 261 — 64 von vergangenen Zeiten und 
von der Gegenwart sagt : »Das Verhaltniss zwischen den erobernden 
Portugiesen und den Indianern war seit dem 16. Jahrhundert im all- 
gemeinen ein getrttbtes. Bekanntlich trachteten die Ansiedler so viel 
als nur moglich, die Eingeborenen fur die Feldbestellung und ftir den 
Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im ganzen wenig Freude 
an solchen ihreu nattirlichen Neigungen mehr oder weniger wider- 
strebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein Dienstver- 
haltniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische Nothwen- 
digkeit , Arbeitskrafte zu besitzen , ftthrte die Portugiesen allmahlich 
dahin ? sich der Indianer mit Gewalt zu bemachtigen und sie zu un- 
entgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete 
sich eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel 

liach den Urwaldern aut 



zogen 



aus. Banden kiihner Abenteurer 
Menschenjagd und verkauften nach der Ruckkehr ihre Beute an 
Grossgrundbesitzer , in denen sie stets willige Abnehmer fanden. 
Konigliche Verordnungen autorisirten gewissermassen dieses empo- 
rende \ T erlahren und nur an der Gesellschaft Jesu fanden die hart- 
bedrangten Urbe wohner Ver theidiger unci Beschtttzer . Durch massen- 
hafte Einftihr von Sklaven von der afrikanischen Kttste , verbunden 
mit eiuer etwas humaneren Gesetzgebung ; verminderte sich, beson- 
ders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber ent- 
wickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein formlicher 
Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegen- 
heit der Angriffs- und Vertheidigungswaffen sicherten den ersteu den 
Erfolg ..... deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft 
schreckliche Verwustungen unter den Gegnern anrichteten. 

Wilde Bluthunde , die ausschliesslich auf Indianerfahrten abge- 
























103 






sie stetfl bei guter Nase zu erhalten. 



richtet waren, half en den nieht weniger biutdurstigen Menschenjagern 
die feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten , 
wer die besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant 
Antonio Pereira lies>s die seinigen nur Indianerfleisch geniessen , um 

Als durch die Einflihrung der 
weit arbeitsfahigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, 
so handelte es Bich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Men- 
schen zu fangen, sondern nur eine moglichst grosse Zahl zu morden. 
Urn diesen Zweck . die Vernichtung der Indianer . in ausgedehntein 
Massstabe zu erreichen . griffen die Portugiesen zu den niedertrach- 
tigsten Mitteln. Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern 
oder Scharlach verstorben waren, in der Absicht in die Walder, dass 
Tndianer sich diese aneignen und infolge dessen Epidemien unter 
ihnen ansbrechen und grassliche Verheerungen unter ihnen anrichten 
sollteii.« Also ganz wie es die Englander in Nordamerika machten ! 
Nachdem nun Tschndi gesagt hat, dass die Spanier m solchen 
schandlichen Mitteln nie gegrilTen batten ? fahrt er fort : » trotz der 
schonen aber leider so mangelhaft ausgefilhrten Constitution Brasi- 
liens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der Provinz Mina 
bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch (I860) leben 
dort Individuen, denen eine Indianerjagd der hochste Genuss ist und 
die noch sorgfaltig Schweiss- und Spurhunde zu diesem Zwecke pfle- 

Nur eine kurze Zeit ist verflossen , seit ein kaiserlich brasilia- 



,s 



^en. 



nischer Militar commandant als Repressalien fur einen von den India- 
nern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) iiberfiel und gcla 
Siegestrophae dreihundert Ohren von grausam abgeschlachteten 
Indianern in den Flecken St. Matheus, sudlich vom Mukury brachte! 

Selbst der kaiserliche Commissionar nei^t sich mehr zu den 

Vertilgungsmitteln hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer 
der Civilisation unterthan zu machen. ...... 



Ottoni ftthrt einige Beispiele an 



? 



wie der Vernichtimgskmg 



gegen die Indianer auch in neuerer Zeit gefuhrt wurde. Der Sehan- 
platz dieser elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein 
Theil von dem des Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Morderexpe- 
ditionen waren zwei indianische Soldaten Cro und Crahy, denen sich 
als dritter wurdiger Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie han- 
delten aber nur auf hoheren Militarbefehl. »Eine Aldea umbringen« 
war ihr Losungswort , der Zauber ; der sie fur ihr Henkerhandwerk 
fanatisirte. Mit Hiilfe kaiserlich brasilianischer Soldaten und » 




habere (oft den besten Standen angehorend) umringten sie wahrend 



der Nacht die dem Untergang geweihte Aldea und sttirmten sie mit 
dem ersten Tagesgrauen , so dass die aufgehende Sonne nur noch 
blutrauchende grasslich verstummelte Leichname beschien. Die arg- 
losen Indianer hatten gewohnlich kerne Idee von dem ihnen drohen- 
den Yerhangniss ; sie warden meisten* im tiefen Schlaf riberraseht; 



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104 




Die Soldaten bemachtigten sich immer zuerst der in einer Ecke zu- 
sammengestellten Bogen und Pfeile , um so wcniger gefahrdet die 
wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wur- 
den verschont , sie waren Kriegsbeute ! Ein solches Knruka wurde 
in der Regel fur 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war 
der Gewinn, der aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen 
wurde , das einzage Motiv, um eine Aldea umzubringen. Und dieses 



geschieht im constitutionellen Brasilien gegen die ursprlinglicken Be- 
wolmer des Eandes ! Am Rio Jaquitinhonha ; - am Mukury , am Rio 
St. Matheus , am Rio Dolce sind zahlreiche Beispiele dieser Men- 



schenschlachtereien 



vorgekommen. 



Vier Jahre vor meinem Besuch 



am Mukury leiteten die Henkersknechte Oro und Crahy eine solche 
Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar hn Jahr 1861 wurde 
wenige Meilen von Philadelphia eine derartige Menschenschlachterei 
ausgefithrt. Im Jahre 1816 wurde in Marianna, 2 Leguas von St. Jose 



de Porto Alegre ? an der 




des Mukury, der Tribus des 



Hauptlings Shiporok fast ganzlich vernichtet. Sechzehn Schadel der 
ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an ein pa- 
riser Museum. « 

Man muss diese Nachrichten , welehe jede Vorstellung tiber- 
steigen ? bei einem so glaubwiirdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst 
lesen , um sie zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum 
besser, die in einem fast 200jahrigen Kampfe (von 1540 — 1724) 
mit den Spaniern um ihre ITnabhangigkeit rangen. Auch hier waren 
es wieder die Europaer ? welehe die grauenvollsten Grausamkeiten 
gegen die tapferen und edeln Amerikaner begingen s welehe letztern 
aber auch 3 wie es natiirlich war , in einem solchen Krieg verwilder- 
ten und herunterkamen , so dass man jetzt in ihnen die alten Arau- 
kaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3 ? «521 ff. 



Spanier noch in diesem Jahrhundert 
aus f olgender , von 

welehe 



vor ? 



den 



. Wie die 

jsie verfuhren ; geht 

einem Augenzeugen erzahlten Geschichte her- 



gegen 



portugiesischen Schandthaten wtirdig zur 



Seite 



steht: )>von einem Indianerstamme ? der sich in seinem Versteck aller 
Nachforschungen entzog ? konnte Major Rodriguez nur ein Weib auf- 
finden mit ihrem Sohn und ihrer Tochter, die noch Kind war. Dro- 
hungen und Versprechungen bewirkten nichts iiber sie , um sie zur 
Verratherei zu bewegen. Da liess man den Sohn niederknien und 
erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und Schwester. Dennoch 
wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste niederknien, um 
zu sterben ; da erbot sich die Tochter ? das Versteck ihres Yaters 
unci ihrer Brilder zu verrathen. Die Mutter sttirzte wltthend iiber 
sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr clas Kind und 
schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, wahrend 
sie die Tochter mit den hartesten Vorwiirfen wegen ihrer Feigheit 
und Entartung uberhaufte, Ihre gauze Familie lnu^ te sie hinschlach- 


















' 



V 













105 



ten sehen und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den 
Mordern fluchend bei diesem Anblicke ihrenGeist auf« (Waitz 3. 526) . 
Solche Beispiele viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als 
einzelne wegen Hirer bcsonderen Scheusslichkeit merkwiirdige Falle 
da : sie sind in diesen Kriegen das ganz Gewohnliche. 

v. Tschudi gab an , dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz 
gefunden batten ; und wenn allerdings die Geistliclien bisweilen ihre 
Stimmen fur die Unterdriickten erhoben, so war das keineswegs 



iiberall oder immer der Fall ; ja die Geistliclien wurden sehr haufig nur 
eine neue Plage fur die Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die 
lndianer fur die Taufe gewannen : einfach dadurch, dass sie diesel- 
ben jagten, lingen und dann tauften oder so lange einsperrten, bis 
sie sich taufen liessen, was freilich von den spanischen Gesetzen ver- 
boten war, aber doeh oft genug, mit Hillfe anderer lndianer, ausge- 
fiihrt wurde. Nur allzubekannt ist jene fiirchterliche Geschichte von 
der Guahibaindianerin , welche mit ihren Kindern gefangen worden 
war und von der 

Zu der G-uahiba und der Christen Bildniss 
Erzahlet jener Stein mit stummem Munde 
Am Atapabos-Ufer in der Wildniss. 

Diese Geschichte spielt etwa urn 1770: und Humboldt, welcher sie 
un.s aus dem Munde der Geistliclien selbst erzahlt (b, 5, 81 ff. ; vgl. 
Chamisso Werke 4, 69 ff.), fahrtfort: »Dergleichen Jammer kommt 
iiberall vor, wo es Herren und Sklaven gibt , wo civilisirte Europaer 
unter versunkenen Volkern leben, wo Priester mit unumschrankter Ge- 
walt liber unwissende, wehrlose Volker gebieten« (Humboldt a. a. 0. 
85). Und er hat Recht : den selben Jammer finden wir in Califor- 
nien wieder, wohin die spanische Herrschaft hauptsachlich durch 

, und wo diese letzteren Schlingen legten, 
urn lndianer zu fangen ocler zu demselben Behuf bewaffnete Schaa- 
ren ausschickten. .Widersetzte sich einer der Eingeborenen der neuen 
Lehre, so sperrte man ihn zunachst ein und liess ihn hungern, dann 
zeigte man ihm Fleisch , um ilim von dem guten Leben, das ihn bei 
den Missionaren erwarte, einen Begriff zu geben und suchte ihn so 



Missionare gebraeht war 



zum 



— Christen thum zu gewinnen (Beechey 1, 356). Wiedereinge- 
fangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprtigel, die sehr 
haufig auch bei Frauen augewendet wurden, und es wurde ihnen ein 
schwerer Eisenstab angehangt , um furderhin Flucht ihnen unmog- 
lich zu machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den 
frommen Missionaren dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, 
wenn sie, um dieser Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel 
scheuten, auf der auderen Seite aber audi nicht, wenn wir sie rnas- 
senhaft in den Missionen sterben sehen. Krankheiten wiitheten und 
von Jahr zu Jahr wuchs die Sterblichkeit. 1786 waren 7701 lndia- 
ner getauft, von denen 2388 starben ; 1813 waren 57,328 getauft, 












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106 



aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370). — Als nun spater die 
Missionen durch die politischen Verhaltnisse Californiens vertielen. 
wurde das Loos der Eingeborenen noch schiimmer. Sklavenjagden 
oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie frie- 
der, ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf . 
Ein spanischer General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten 
einexercirt ; als sie sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er 



fWaitz 



5 1 



i 3 



Wei 



* 



genden Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente 
kennen lernten. Die $roberung von Mexiko ko.stete, wie ein Spanier 
(Glavigero bei Waitz 4, 189 — 90) angibt, mehrMenschen, alswahrend 
der ganzen Dauer des mexikanischen Reiches den Gottern geopfert 
ind ; wenn auch die Behauptung desselben Schriftstellers. die Bevol- 



kerung des Landes sei durch die Eroberung bis auf ein Zehntel ge- 
sunken, von Waitz (4, 190, mit Recht 



als tibertrieben angesehen 



Aber Gomara selbst, der fur Cortez schreibt, berich- 
tet ? dass weder Weiber noch Kinder von den Spaniern geschoni 



werden mag. 



seieir( Waitz 4 ? 186) : und doch war Cortez noch derjenige, welcher 
wenigstens ohne unnothige Grausamkeit verfuhr, wahrend seine 
Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez vet- 
theilte, trotzdem es ihm hart ersebien, die Mexikaner unter die spa- 
nischen Eroberer als Knechte und der hochste Adel sowohl wie ge 
meines Volk mussten ihren Enkomenderos die harteste Arbeit thun, 
unter der sie , ttberhaupt nicht an strenge Arbeit , am allerwenigsten 



aber an so ganz unmenschliche Ueberburdung gewohnt, massenwei- 
erlagen. Widerspenstige oder wei\ gleichviel aus welchem Gnmde, 
den Tribut nicht zahlte, wurden als Sklaven verkauft. Dieser Tri - 
but aber war enorm und wurde mit der grossten Strenge, sehr haufi; 



o 



auch mit den argsten Betriigereien und Erpressungen beigetrieben. 
Viele todteten sich nun aus Verzweiflung, andere verabredeten sieh, 
kerne Kinder mehr zu erzeugen oder kunstlichen Abortus zu bewir - 
ken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz imertrag 
lichen Elend , das noch durch jene fiirchterlichen eingeschleppten 
Krankheiten furchtbar erhoht wurde, zu bewahren. Bei der Erobe- 
rung waren die Wasserleitungen mit zerstort und dadurch erhob sich 
neues Elend : denn ein grosser Theil des Laridfes ward dadurch ziu 
Wiiste (Waitz 4, 187). Das Christenthum, das tlbrigens sobald e 
sich der Eingeborenen annahm , von den spanischen Machthabern 
aufs Heftigste angefeindet wurde , kam nun auch und mit ihm di* 
Inquisition , die gar nicht selten 100 Ketzer auf einmal verbrennen 
liess (4, 189) — kurz, es ergoss sich auf die unglticklichen Men- 
schen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk sonst hat 
aushalten miissen, und es ist kein Wunder, wenn ^uch hier die Ein- 
geborenen vor dem »Hauche der Kultur« schaarenweis starben ; ein 



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107 







Wander ists fcur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den lieu- 

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tigen Tag nicht ausgerottet sind. 

Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in 
Nikaragua (280) und noch arger auf den Antillen und Lukayen (Ba- 
hamainseln), deren Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl inner- 
halb weniger Jahrzehnte ganzlich vernichtet sind, wozu die einge- 
schleppten Krankheiten , die Minenarbeiten , die nichtswiirdigen 
Knechtungen und oft ganz zwecklose Menschenmetzeleien das Meiste 
beitrugen. Massenweise todteten die Eingeborenen sich selbst. Co- 
lumbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung wie seine Landsleute : 
Mensclienraub , Sklaverei , grausame Verstiimmelungen geschahen 
auf seinen Befehl und die spanisehe Regierung war, obwolil Isa- 
bella diese Behandlung der Eingeborenen im hochsten Grade miss- 
billigte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der 
Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334 

Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und 
dass es in Peru eher schlimmer als besser war, daftir bttrgt schon 
der Name Pizarro. Das beliebte Mittel der Portugieseu, Bluthunde, 
die auf Indianer dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier 

Wir erinnern hier an die schon erwahnte 
Bitte des gefangenen Ftirsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hun 
den vorwerfen . sondern einfach erhangen zu lassen (1, 478 ff.; 






namentlich angewandt. 



Nach Gomara sind in den Kriegen unmittelbar nach der Eroberung 
etwa anderthalb Millioneii Eingeborene aufgerieben ; die ubrigen lit- 
ten unter dem Druck der Encomiendas und Mitas (zwangsweise Ver- 
miethung der Eingeborenen an Privatleute, von der Mestizen, Mu~ 
latten, Zambo* frei waren) so unertraglich, dass sie durch das Ueber- 
mass von Arbeit schaarenw'eis aufgerieben wurden. Dazu kam noch 
der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an wel- 
chem sich iibrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs 
lebhafteste mit betheiligte. Nknmt man dies leibliche Leiden zusam- 
meu, und dazu das Bewusstsein der ganzlichen Ohnmacht gegen die- 



sen Gegner, so wird man sich die psychischen Leiden dieser Men- 
schen denken konnen ; diese fallen aber mit dem grossten Gewich, 
in unsere Wagschale, da ihneii gewiss grosse Mengen erlegen sindt 
wie vielfach bezeugt ist Gewiss, wenn man die Amerikaner in Nord 
und Slid betrachtet, deren Beclruckung noch nirgends ganz aufgehort 
hat, 80 ist das das allein Wunderbare, dass jetzt, nach 300 oder 200 
Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas von der Urbevol- 
kerung existirt. 
























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108 


















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17. Fortsetzung. Der stitte Ozean. 

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Eine ahnliehe Behandlung wie die bisher besprochenen Volker 
von Hollandern, Englandern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die 
Kamtschadalen und Aleuten durcli die Russen. Nach King (Cook 
:>teReise (4, 171) wlithete der RusseAtlassof, der 1699 Kamtsehatka 
zuerst entdeckt hatte, >seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber da- 
selbst, Him die Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel 
zu gewinnen«, in dem Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die 
Kosaken, welche bis dahin friedlicfr mit den Kamtschadalen ausge- 
kommen waren, gegen ihn einen Aufstand erhoben und sich in den 
Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch ward es aber nicht besser. 
denn sie wutheten , einmal an Mord und Blut gewohnt, von nun ab 
unter den Eingeborenen von Kamtsehatka selbst. »Die Geschichte 
dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731 ist 
eine Reihe von Mordthaten, Emporungen und wilden blutigen Gefech- 
ten kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.« Damals namlich 
erhoben sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht im- 
mer weiter unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peini- 
gern zu rachen. Behring war . zu jener Zeit da ? welcher alle ihm 
entbehrlichen Truppen, mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den 
Festungen des Landes, gegen die Tschuktschen schickte ? denn bei 
der ausserordentlichen Klu^heit, Verschwiegenheit und Energie der 
Kamtschadalen hatte weder er, 
Ahndung von einer Verschworung , welche iiber die ganze Halbinsel 
ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von kleinen aufhal- 
tenden Zwischenfallen z. B. waren in kurzester Frist alle Oberhaupter 



noch irgend sonst ein Russe eine 



( 



lerselben benachrichtigt ; und so gelang es denn ; nachBehrings kh- 
fahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch einnahmen. 
und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder 
mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft weg- 
schleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Kiiste fest- 
gehalten , erfuhr das Geschehene , kehrte zuruck und belagerte das 
Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Riickkehr ge~ 
worfen hatten ; allein nicht eher konnte er es — so tapfer war der 
Widerstand — 



— einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in 
die Luft gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in eini- 
gen ofFenen Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kurzeren 
zogen, so mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb 
alles ruhig, einzelne Aufstande abgerechnet — welche ein deutliches 
Bild geben, wie die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand ge- 
brochenen Kamtschadalen betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, 
sich nach 1731 wieder so erholt haben soil (doch King selbst berichtet 
zweifelnd) , dass sie spater volkreicher war als frilher, so ist dieser 
Nachricht kein Glauben zu schenken, oder sie bezieht sich auf die 












: 









109 



Erhdhung der Bevolkerung , welche durch Einwanderung ertblgte. 
Die Russen fuhren fort, wie sie angefangen hatten ; waren die Kam- 
tsehadalen noch die alten gewesen, die mit soldier Umsicht undThat- 
kraft den Aufstand von 1731 ausfiihrten, sie hatten von Neueni 
gegvn das Joch anzukampfen versucht, was bis auf jene ohnmachti- 
gen Aufstande, welche gegen die Peiniger sich ortlieli erhoben, nicht 



weiter gesehah. 



Jener Krieg hatte sie aber gebrochen. Und so 



erlagen sie denn ganzlich, als zuerst 1 767 jene Epidemien ausbrachen, 
die wir schon geschildert haben. 

Abgesehen von Krieg und Seuehen hat ihnen der Pelzhandel 
unendlich geschadet. Krusenstern (3, 52—53) erzahlt, dass die 
Agenten der amerikanischen Compagnie und die russischen Handler 
im Lande umherziehen,. die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, 
mit Branntwein vollig trunken machen, was ihnen bei der Leiden - 
sehaft der Kamtschadalen fur den Trunk gar nicht schwer wird, und 
dann den ganzen Vorrath von Pelz, den jene besitzen, den Besin- 
nungslosen abnehmen, um sich fur »die Menge des getrunkenen Brannt- 
weins bezahlt zu maehen.c. So verliert der Ungiiickliche, fahrt Kru- 
senstern fort, den Lohn monatelanger Millie, statt sich zum Leben 
niitzliche und nothige Dinge kaufen zu konnen, in einem Rausche. 
»Grdsseres Elend (S. 54) ist auch mit ^iederdriickung seines Geistes 
verkniipft, welche einen ausserst sehadliehen Einfluss auf seinen 
ohnehin schon siechen Korper haben muss, da dieser zuletzt bei ganz- 
lichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen 
Htilfe beraubt solchen harten Stossen nicht lange widerstehen kann. 
Dies scheint mir die wahre Ursache ihrer jahrlichen Abnahme und 
allmahlichen ganzliehen Ausrottung zu sein, welche durch epide- 



« 



mische Krankheiten, die sie haufenweise wegraffen, befordert wird. 

Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn 
hier und auf den Aleuten sind sie mit den Russeii vielfach durch 
Heirathen zusammengeschmolzen. 

AHein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist uur 
i'eindselig gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjager 
Prouivehlenniks, welche von 1760—90 die Inseln beherrschten 

»Sie 
ver~ 



/ 



Waitz :\ 818), die .sich durch wiiste Urausamkeit auszeichnen. 
pflegten nicht selten Menschen dicht zusammenzustellen und zu 
suchen, durch wie viele die Kugel ihrer gezogenen Biichse hindurch- 
dringen konne«. sagt Saner (aw dem Tagebuch eines russischen Of- 
fiziers, das er in den Anhangen an seine Reise mittheilt) bei Chamisso 
177. Dazu kommt noch die sklavische Knechtung, in welcher Kamt- 
hadalen und Aleuten von den Russeii gehalten werden (Chamisso 

wie denn z. B. die Halfte der gesainmten 

50 Jahren das ganze Jahr hin- 



sc 



177 und Langsdorff 

mannlichen Bevolkerung von 18 

durch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 

1, 295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten 































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iiber das milde Verfaliren der Russen nicht eben hoch anschlagt 
(3, 313 — 14). Nach den Schilderungen von Chamisso, der hier 
mit Kotzebue (1, 167 — 6S) ganz iibereinstimint , sincl sie jetzt ein 
trages auch in seiner Freude triibes und theilnahmloses \ oik (Cham. 
1 .77), wozu sie in Folge des unaufhorlichen Drucks geworden sind. 
Einzelne sollen sich, ahnlich wie die »wilden Manner« von Tahiti, in 
die Berge gefliiehtet haben und dort ein kiimmerliches Leben fristen 

(Chamisso 177 

Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europaer zuerst 

in dauernde Beriihrung mit den Marian en, wo die Spanier, als sie 

1668 landeten eine sehr bedeutende Bevolkerung (100,000 kt nicht 

ilbertrieben , wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette \ ertheilt 

fanden — und um 1710 war nur noch Guaham, die sudliehste und 



grosste Insel bewohnt, die anderen verodet. 



Der Krieg, 



welchen 



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mit blutiger Tapferkeit ftlhrte , und der iiber 



30 Jalire dauerte, zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Einge- 
borenen von einem Distrikt zum anderen (welches Mittel auch in 
Amerika die verheerendsten Folgen hatte) trugen zu dieser Vernich- 
tung das ihrige bei. Aber wenn auch nach den Berichten, die wir 
haben und die ganz , wie le Gobien und Freycinet, auf spanischen 
Quellen beruhen oder Erzahlungen der bei der spanischen Unterwer- 
fung thatigen Jesuiten sind wie die.Berichte im »neuen Weltbottu 



einer Missionzeitung a. d. Anfange des vorigen Jahrhundert 



s 



wenn 



auch nach die-sen Quellen die Spanier nicht mit der emporenden 
Grausamkeit verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, 
dass wir ganz dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ilirem 
Auftreten finden, wildeste Verzweiflung der Eingeborenen — welche 
hier wie dort anfangs den Spaniern sehr freundlich entgegenkamen 
massenhaftes Auswandern derselben, zahllosen Selbstmord, ktinst- 



* 

philippiniseher Tagalen 



liche Fehlgeburt oder Ermordung der Kinder bei der Geburt und 
schliesslich und sehr bald totale Entvolkerung der Inseln, welche fur 
Guaham nur durch zahlreiche Einfuhrung 
verhiitet ist. Wahrscheinlich hausten also hier die Spanier mit der- 
selben rohen Bedruckung und wilden Grausamkeit, welche sie iiber - 
all zum Fluch der neuentdeckten Lander machte, nur dass hier, ganz 
ahnlich wie iiber das ebenso rasch entvolkerte Honduras (Waltz 4 
280 



) 



\ 



Quellen 



oder nur parteiisch und einseitig 



berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben der marianischen 
Bevolkerung keinen >Schluss ziehen konnen zu Gunsten der Ansicht, 
dass die Naturvolker , weil sie von schlechterer Organisation seien, 

den Weissen erlagen. 

Polynesien ist 3 Jahrhunderte spater entdeckt worden a Is Ame- 
rika, eins spater als die Marianen ; so sehen wir denn hier die kulti- 
virte Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die friiheren Durch- 
segler des Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggewefcn, dieselbe Roh 















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1 1 1 



keit den Naturvolkern gegeniiber wie alle ihre Zeitgenossen ; allein 
im Ganzen ist man kier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser 
dem kleineren Terrain wie in der geringeren Zakl, in welcher die 
Enropaer demgemas* auftreten, der Hauptgrund das Jakrkundert 
ist, in welchem man die meisten dieser Inseln entdeckte. War es 
doeh die Zeit des Pkilantkropismus und glaubte man dock die er- 
traurnteii Ideale von menscklicker Gliickseligkeit* wie z. B. Rousseau 
sie in Europa entwarf, kier im Leben der Siidseeinsulaner verwirk- 
lickt zu finden ; ein Umstand , der fiir die Art, wie man den Po- 
lynesiera entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und nock wick- 
tiger war es, dass gleick nack der Entdeckung zu ilmen Missionare 
der protestantiscken Kircke, denen es nicktauf Ausbreitung des ckrist- 
licken K aniens und der ausseren Gebraucke , sondern da sie selbst 
im tiefsten Herzen wakre Ckristen waren, auf die Emporkebung und 
Fwderung der Eingeborenen ankarn. So stekt der trefflicke Wilson, 

an der Spitze einer Reike 



der erste Missionar der Slidsee (1795 



von Ehrenmannern, die, wenn auch hin and wieder selbst nicht frei 
von menschlichen Hchwaehen , auf das Wohlgemeinteste fiir diese 
\ olker sorgten. ' 

Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhun-- 
derte konnteri auch hier die bosen 






Demi eine Menge der deportirten Ver 



Wirkungen der Kultur und ikrer 
Trager abwekren. Eine Reike einzelner Brutalitaten, deren Helden 
meist Sckiffskapitane und ikre Matrosen sind, kanien auck kier vor, 
welcke allerdings bei der geringen Anzakl der Einwokner fur die 
einzelnen Inseln gefakrlick genug sein konnten und z. B. fiir Waiku 
verderblick gewesen sind (Morenkout 2, 278 — 79, der Genaueres und 
die Quellen gibt) . 

Aber auf die Dauer gefakrlick wurden die Europaer durck die 
Verbreckerkolonkm, welcke sie in der Siidsee (Neukolland, Tasma- 
nien und sonst) anlegten. 

brecker entwicken und indem sie sick auf versckiedenen Inseln des 
Ozeans umkertrieben oder auf einzelnen festsetzten, sckleppten sie 
ausser Krankkeiten eine Menge Easter ein oder reizten , was oft ge- 
nug vorgekommen ist , die Eingeborenen zum Krieg gegen die an- 
kommenden Weissen, der meist den Eingeborenen verderblick wurde • 
oder zum Widerstand gegen die Missionare, der ibnen nack anderer 
Seite kin sckadete. 

x 

Ausserdem wird die Siidsee durckkreuzt von einer Menge von 
Walern, welcke oft ziemlick lange Rast auf den einzelnen Inseln kal- 
ten und deren Mannsckaft sekr oft aus dem Absckaum aller Volker 
zusanimenniesst. Auck sie wirkten auf gleicke Weise ausserordent- 

Fur Hawaii allein scklagt Virgin (1, 269) die Zakl 

20,000 an under erwaknt auck. wie die 



lich unheilvoll. 
derselben auf jakrlick i5 

Sypkilis durck sie fortwalirend neue N-akrung bekommt ' Diesen 
Walern und ikrem entsittlickenden Einfluss sckreibt auck Gulick 






























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von Ktisaie . 



von der oben die Rede 



die Abnahme der Bevolkerung 

war, zu. 

Ferner bat hier die Feindseligkeit , mit welcher die nicht geist- 

lichen Europaer den Missionaren , meist ass Gewinn- oder Genuss- 
sucht, entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutterotli) 
ganz besonders nachtheiligen Einfluss ausgeitbt ; und nicht minder der 
Streit, welchen die katholische Kirche in der Siidsee mit den evange- 
lischen Missionaren anfing. Frankreich wares, welches als »Werkzeug 
der Propagandas (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftratund 
die Art und Weise, wie es das gefchan hat, war keineswegs iin Iu- 
teresse der Polynesier. Erstaunt man sehon ilber die Orgien, welche 

— »so Dumont d'Urville auf Nukuhiva 
, Laplace und die Mannschaft der Artemise auf Tahiti 

Lutterotli 167 



seine Vertreter vertibten 
(4, 5 ff. 



so erstaunt man noch mehr iiber die Unbefangen- 
heit, mit welcher die franzosischen Schriftsteller iiber diese sehmacli- 



vollen Vorgange als etwas ganz Selbstverstandliciies reden. 



Will 



man die Eingeborenen dieter Inseln heben , so muss man ihr Selbst- 

zu fordern suchen , man muss, indem man die Laster, die 



gefiihl 



ihnen so viel geschadet haben , unterdrtickt, auf ihre guten Seiten 
belebend und kraftigend einwirken : von allem aber hat die franzo- 
sisehe Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und 
wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, 

Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwoh- 
ner die Eingeborenen hier niclit holier seliatzten, als einst die Spa- 
nier oder Englander die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Eng- 
lander test sich nieder^elassen und denseiben Rayenhoelimuth gegen 



audi gewollt. 



die Eingeborenen gezeigt haben, hat ausser diesera letzleren und 
anderem sehon erwahnten namentlich der masseiihafte Landverkauf 
schadlich gewirkt, auf welchen die Neuseelander, ohne reeht zu wis- 
sen, warum es sich handele , eingingen und wobei sie oft genug — 
so namentlich von der Neuseelandcompagnie — sich betrogen sahen. 
Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth, durch den 
Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welch e noch bis vor 
kurzem gefuhrt wurden , beruhen wesentlich auf diesen Grunden 
(Hochstetter 4S3 — 97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter 
Reihe, ist natiirlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr ge- 

hinder t. 

In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhandler, meist 
englische oder amerikanisehe Capitane, der Bevolkerung gescliadet, 
da sie, um zu ihrer Waare zu komrnen, oft die gewaltsamsten und 
scheusslichsten Mittel anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nie~ 
der, wo sie es finden ; daher sie haufig in Streit mit den Eingebore- 
nen gerathen. Und in einem solchen Kampfe auf Tanna kam es 
vor, dass, als die Eingeborenen in eine Hohle im Gebirge flohen, die 
nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer anzundeten und 









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113 



durch den Ranch alle in der Hohle befindlichen umbrachten ! Auch 
rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und schleppen 
ie mil sich fort, welche dann haufig dem Heimweh und der Ueber- 

Turner 493 verffl. 464). Auf alien 



bttrdung mit Arbeit erliegen 



Inseln Melanesiens sind sie gleichmassig gefiirchtet (Cheyue) . 



Meinicke (*2, 217) halt die Neuhollander fur einen der Kultur 
absolut unzugangliehen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben 
auch behauptet , ein friedliches Auskonimen niit ihnen sei ganz un- 
uwglich. Allein die Englander haben sich nie die Miihe gegeben, 
auch nur in ein ertragliches Verhaltniss mit ihnen zu kommen ; und 
dass dies sehr leicht gewesen ware, beweisen zunachst einzelne Bei- 
spiele (Waitz 1 184 ff.), wie vor alien das Greys, der iiberall fried- 
lich mit ihnen fertig geworden ist, dann aber geht es aus dem gan- 
zen Betragen der Eingebornen hervor, die eher scheu als kriegerisch, 
iin Anfang den Weissen freundlich entgegen kamen , ja sogar ihre 
Niederlassung im eignen Gebiet wiinschten (Grey 2, 234 — 35). Auch 
Meinicke, der wahrlich nicht fiir die Neuhollander Partei nimmt, gibt 
das zu \a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde Blutgier ist nichts 
als Fabel — wohl aus dem naheliegenden Grand erfunden, um nun 

Und das ist reichlich 
Zunachst machte man ihr Land vornehmlich zum De- 
Wales war Verbrecher- 

2, 364 



gegen sie desto riicksichtsloser zu verfahren. 
geschehen . 

portationsort von Verbrechern; 

kolonie bis 184 3 ; Westaustralien 

holier stand als der Osten des Continents, weil es keine Verbrecher- 

kolonie war, ist es neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass 



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Eingeborenen an 



die T Jrein wohner die hShere Kultur , welche durch diese Straflinge 
und ihre Frevelthaten sich zunachst bei ihnen ankundigte, strenge 
von sich abwiesen« (Meinicke 2, 217) : sollte ihnen das nicht eher 
zumj^obegereichen? Sodann hat die englische Krone die Rechte 
.""/.„ ' ihr Land nie anerkannt ; sie hat genommen 

was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge von Nah- 
rungs- und Landmangel zu Bettlern und Raubern geworden waren, 
hat man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kul- 

• tur gesehen und sie mit alien Mitteln verfolgt. Spater freilich, und 
auch dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die 
Weissen, hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein 
diese wirken wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abge- 
sehen davon, dass die Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugniss- 
fahig vor Gericht sind, so werden auch die Gesetze meist nur da an- 
gewandt, wo sie gegen dieselben, nicht wo sie zu ihren Gunsten spre- 

• chen ; ihre Verbrechen an den Weissen werden gestraft, nicht aber 



urngekehrt die der Wei 
sind viel zahlreicher. 



an ihnen , und letztere Verbrechen 
1838 weigerten sich die Geschworenen eine 
Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene ganz ohne 
Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst (Breton 



Gerland, Naturvolker. 



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200) die Eingeborenen ofters zum Vergniigen nieder, da sie in den 
Augen der Kolonisten nicht hoher stehen, wie etwa der Orang Utang. 
J a man hat sie an versehiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre 
Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note; Waitz 



186 



nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 

ist das an vielen Gegenden von Neu-Sttd- Wales 



1. 275, Waitz 



dureh Arsenik geschehen und man hat sich laut und offentlieh dieser 



That geriihmt. ; 

Natiirlich ist fur ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; 
denn was wollen die edeln Bemuhungen einzelner Manner, wie der 
Missionare, sagen, wenn das gauze Yolk der Kolonisten anders han- 
delt? Grey (2, 364 ff.) stellt zusammen, worin man an ihnen ge- 
fehlt hat: man betrachtet sie als niedere Ra§e und behandelt sie 
deshalb mit dein grossten Vorurtheil and der grossten Willkuhr. 
Werden sie zur Arbeit gedimgen, so zahlt man ihnen oft fast nichts, 
immer aber weit geringeren Lohn als den Europaern . Natiirlich schwei- 
f en sie lieber bettelnd umher . Sie unter englischen Rechtsschutz zu stel- 
len war wohlgemeint ; allein man hatte die englischen Gesetze audi 
auf das Unrecht, was sie einander selbst thun, anwenden sollen, wah- 
rend jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die Europaer ruhig zusehen, 
wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet werden; man hat 
durch diese Art der Einftthrung des englischen Rechts nichts erreicht, 
als dass die alteren Eingeborenen die jiingeren durch grausame Be- 
handlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2, 376). 
Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die 
sie so namenlos elend gemacht hat und fortfahrt, sie als wiide Thiere 
zu behandeln, strong abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, 
sie unter sich aufzunehmen und sich hoher zu entwickeln (Grey 2, 
74), Grey selbst erzahlt einen Fall (2, 369), dass em europaisch 
unterrichteter Eingeborener, der manche Fahigkeiten sich erworben 
hatte, wieder zuruckkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wil- 
den Walder. Wollen wir ilin tadeln, dass er nicht lieber, wie es in 
Prutzs geistreichem Lustspiel von ahnlichen Verhaltnissen heisst, 

Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage? 
Beiden Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermogen ; in der Kolonie war 
er verachtet, ehrlos, arm. ^^^^^^^^^^^^^ ^^^ ^^ 

Aus allem Angefiihrten gelit hervor , dass es sehr unrecht ist, 
wenn man aus der Feindseligkeit der Neuhollander gegen die Kultur 
schliesst, sie seien uberhaupt jeglicher hoheren Bildung unfahig. 
Nicht sie haben die Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen. 

Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren 
als die Neuhollander, sind schon vernichtet. Auch hier war eine 
Verbrecherkolonie und was ftir Friichte sie den Eingeborenen trug, 
eigt folgende Geschichte : ein Strafling tiberredete einen Eingebo- 






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Ich hatte ebenso geliandelt«, sagt Grey 



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renen, dem.er eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein 


















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Ohr losdriicke, so wiirde er eine sehr angeuehme Empfindung haben. 
Er machte ihm , was er za thun habe, mit einer ungeladenen Flinte 



worauf natiirlich der Eingeborene sich erschoss (Holman 
voyage round the world [1827— 1832] 4, 403). Audi sonst wurden 
m, wie offiziell festgestellt ist, aufs sehraahliehste, wie wilde Thiere 
behandelt. Gleieh bei der ersten Ansiedelung sehoss ein Offizier 
zum Vergmigen mit Kart&tschen unter die fried lichen Eingeborenen 
(Bischof, Sketch of the hist, of V. Diemensl. 204) ; andere Schand- 
thaten gleicher Art kamen haufig vor und erst seit 1810, sieben 
Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die Ermordung 
eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte (Ho- 
barttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich end- 
lich (1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben 
und Tod, in welehem sie gefahrlich genug wurden, schliesslich aber 
— war dock auf das Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf 
das eines Kindes 2 Pfund als Preis gesetzt (Van Diemensland Alma- 
nak for the year 1831 p. 161) — schliesslich unterlagen sie. Dar- 

welcher auch der Meinung ist, dass ihre Vernichtung in dem 
schandlichen Betragen« der Englander ihren Grund hatte, vergleicht 
den Krieg gegen sie mit einer der grossen ostindischen Jagden (2, 226). 
Besiegt wurden sie nach Flinders Insel deportirt (Darwin a. a. 0., , 
1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im Canal d'Entii- 
casteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer solchen 
Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of Austra- 



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lia 1851 370, Nixon 18;. 
(nach dem Kriege) noch 



1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835 
111, 1817 waren noch 13 Manner, 22 



Weiber und i Kinder iibrig ; 1854 waren, nachdem 29 gestorben 
und kein Kind weiter geboren war, noch 16 iibrig (Petermann 1856, 

Nirgends fand Darwin die Vermehrung 



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141 nach dem Blaubuch _ 

eines civilisirten uber ein uncivilisirtes Volk auffallender wie hie* . 
nirgends aber ist auch die Vernichtung der Eingeborenen roher und 
riicksichtsloser betrieben, als in Tasmanien (Bischof, Sketch of the 
hist, of V. Diemensland 1832, appendix); wobei wohl in Anschlag 
zu bringen ist, dass alle diese Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert 



ausgeubt sincl. 






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§18. Geographische Vertheilung der einzelnen Grunde f 

das Aussterben der Naturvolker. Vergleichung dieser 




Grunde in Bezug auf ihr Gewicht 



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welchen sie dem Menschenleben geben ; Druek der einhei- 
misehen Etirsten ; dann ihr leibliches und geistiges Verkommen durch 



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die nothwendigen Einwirkungen einer ubermachtigen und von ihnen 
nur theilweise angenommenen Kultur, so wie endiich die Mittel, 
welche die Kulturvolker theils ausRohheit, theils init der Absioht ge- 
gen sie anwandten, sie auszurotten : diese Griinde waren es, welche 
wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben bezeiclmeten. Natiirlich 
haben diese Griinde , wie wir schon sahen , nicht alle tiberall Gel- 
tung und es wird nothig sein. dass wir sie, inwiefern sie bei den 
einzelnen Volkern wirksam waren, Mer kurz zusamnienstellen. 

In Tasmanien ist die Bevolkerung lediglieh in Polge des eng- 
lischen Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleich- 
falls nur deni Einfluss der Europaer und zwar der Spanier erlegen 



sind die Bewohner der Marianen und der Antillen ; allerding 



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hier die Seuchen, welche im Gefolge der Europaer ausbrachen, den 
Weissen die Blutarbeit wesentlich erleichtert; allerdings hat die 
tiefe Niedergeschlagenheit , welche sich der Eingeborenen bemach- 
tigte, wesentlich diese Krankheiten und das Aussterben befordert. 
Aber beides , Krankheiten und Melancholia , waren erst durch das 
* Auftreten der Europaer hervorgerufen ; und gesetzt auch, die Seu- 
chen hatten diese Volker ohne die Europaer iiberf alien, so wttrden 
sie dieselben wohl uberwunden haben, wie ja auch die Bevolkerung 
Mexikos das schwarze Erbreehen , welches schon vor Ankunft der 
Spanier in verheerender Weise wiithete, siegreich ohne bleibenden 

Naehtheil uberstanden hat. 

Den Europaern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner 






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und Per miner zuzuschreiben : nur 

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wurden von verschiedenen 



dass sie 



am Anfang 



eingeborenen Stammen 



unterstiitzt 
und Volkern, 



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welche mil dem Hauptland in Feindschaft waren, bis auch diese nach 
und nach der europaischen Bedriickung erlagen. 

Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen , welche 






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sie brachten, war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuhollan- 
der aufrieb, aber keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die 
schlecliie Lebensweise , die dadurch \ eranlasste Unfruchtbarkeit der 
Weiber und Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, 
so wie drittens der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege 

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und Feindseligkeiten der Stamme untereinander init in Anschlag zu 
bringen sind. Die Ausschweifungen , die sich bei ihnen linden — 

zu wenig ver- 



sind 



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den Trunk haben erst die Weissen gebracht — 
breitet, slIs dass sie ins Gewiciit fallen konnten. 

Auch die roheren Volker Nord- und Stidamerikas wurden wir 
wohl noch in derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, 
wenn der Einfluss der Europaer , der als Hauptgrund auch fur iln 
Aussterben anzusehen ist, nicht gewesen ware. Neben der Wirkung 
der europaischen Waffen und Getranke waren von schlimmstem 
Einfluss die Seuchen, welche von den Weissen (wie wir sahen oft mil 
der schandlichsten Bosheit) eingeschleppt wurden, dann aber auch, 













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ausser den direkten Vernicktungskriegen , das geistige und leibliche 
Verkommen der Eingeborenen in Folge der plStzlich eingefiihrten 
Kultur und vor alien die tiefe Niedergescklagenkeit . . welche sick 
der Indianer, als sie ihre Oknmacht sahen und sahen. wie sie reckt- 
los zertreten wurden, bemacktigte und die bei ihrer sckon vorzugs- 
weise melancholischen Natur doppelt gefahrlich wirkte. Dazu kom- 
men nun noch als gleiclifalls sehr wicktige Faktoren zweitens die 
keftigen Kriege, die sie untereinander fukrten , drittens die in Folge 
der Lebensweise geringere Fruektbarkeit der Weiber und viertens in 
Sudamerika fin Nordamerika war beides zu wenig verbreitet 1 ! der 
Kindermord, die Aussckweifungen, nanientlick 8 der Trunk. 

Und kier mtlssen wir auf jene scbon oben (S. 11) erwaknte Be- 
obaehtung Tsckudis zuriickkommen , dass amerikaniscke VGlker, nack 









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einem sehr verkeerenden Krieg, nack einer sehr schlimmen Epide- ^ 



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mie sick nie wieder zu ikrer friikeren Kraft erkSben. sondern k6ck 

in diesem reducirten Zustand ein elendes Leben weiter friste- 
ten. Diese betriibende Erscheinung ist leider nur allzunaturlich . 
Denn wie ein menscklicker Organismus , der sick von einer fureht- 
baren Krankkeit erkolt, nur durch lange und sorgsame Pflege seine 
frlikere Kraft wieder zu gewinnen ini Stande ist : eben so ist es der 
Fall bei ganzen Volkern. Durck das von uns gesckilderte mannigfacke 
Elend aber, in welckem diese Stamme sick auck sonst nocli befinden H 



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werden alle ihre Krafte schon auf die Erhaltung des Lebens, wie e. 
nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss ftbri^ ftii 



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Auch wird durch 



solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer verletzt, 
indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lahmende Melancholic 
oder Apathie eintritt. 






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Weiber 



Manner wird durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast 












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noch schwerer auf der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich be- 
eintrachtigt ; und ein Schlag, den diese Volker, wenn sie sich in bes- 
serer, hoffnungsvollerer Lage befiLnden, mehr oder minder leicht 
tiberwinden wurden , # muss jetzt nothwendig hochst gefahrlich, ja 
todtlich auf sie wirken. Schaffte man das Elend, das leiblich und 
geistig auf ihnen lastet, weg — wozu indess ebenso viel Umsicht und 
Energie als Ausdauer und Zeit gehorte — so wurden auch solche 
reducirten Volker sich heben und mit den Jahren, die man nicht all- 
zu karglich bemessen dtirfte, das werden, woran die sudamerikani->. 
schen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss haben ; 
brauchbare und zuverlassige Burger. Die Indianerstamme, welche 
man jetzt in den Waldern verkommen lasst oder gar absichtlich 
mordet und ausrottet, sind ein Capital, was bei verniinftiger Behand- 
lung fur dieZukunft reichlich Zinsen tragen wiirde und was man jetzt 
muthwillig und absichtlich vergeudet. 






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Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsachlich der feindseligen 
Ausrottung durch Hollander und Englander erlegen ; allein ihre 
Macht war, wie es scheint , schon durch friihere Kriege mit den um- 
wohnenden Volkern gebroehen. Ihre elende Lebensart, Seuchen 
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fordern ihr Aussterben machtig. 

Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen 
oder der muthwilligen Ausrottung durch die Russen, so wie den von 
ihnen eingeschleppfcen Seuchen erlegen ; zweitens aber wirkten gleich- 
falls sehr die Ausschweifungen (jn geschlechtlicher Hinsicht und 
durch den Trunk), denen sie ergeben waren. Sie waren durch die- 
selben entnervt und deshalb zum Widerstand nicht mehr stark genug. 

Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grande 



gerichtet, zunachst durch ihre unsinnigen geschiechtlichen Ausschwei 









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fungen (Tahiti, Hawaii) ; sodann durch den bei ihnen so furchtbar 
verbreiteten Kindermord, drittens durch die blutigen und verheeren- 
den Kriege, die sie untereinander fuhrten, viertens durch die sinn- 
lose Bedruckung, welche die Herrschenden tiber die Beherrschten 
ausilbten und endlich funftens durch den geringen Werth, in welchem 
bei ihnen das Menschenleben stand. Sie waren schon im Aussterben 
begriffen, als die Kultur zu ihnen kam, und diese hat nur — einzeJne 
Volker, wo ihre Trager grossere Schuld auf sich luden, abgereclmef 
durch die physische und psychische Krregung, die sie bringen 


















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musste und wodurch ein sechster Grund fur ihr Hinschwinden dazu 
kommt, das Uebel, welches diese Volker wie ein schleichendes Gift 
durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und schnelleren Ver- 
lauf gebracht. 

Fragen wir nun, welche von alien diesen Ursachen war die 
verderblichste, so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindseli^e 



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ja auch bei fast alien Naturvol- 
kern gleichmassig gewirkt hat und mochten wir die Angriffe auf da? 






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psychische Leben der NaturvSlker fast fur verdorblicher halten, als 
das Lossttirmen auf ihre physische Existenz. Letzteres hat akuter 
gewirkt und lasst sich mit der Verwundung eines Grganismus ver- 
gieichen: jene brachten, wie erne totale Vergiftung, ein zwar lang- 
sameres, aber viel tieferes, schwerer zu heilende?; und weit allgemei- 
neres Unheil hervor. Aber auch die Europaer, trotz der Mittel, die 



sie anwandten , trotz der grossen Uebermacht ihrer Kultur , haben 












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eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken bewirkt, 
auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen auf 
grosseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem 
sie hier noch manches andere untersttitzt hat. Die leichte Empfan* - 
lichkeit der Naturvolker mussen wir, sowohl was Kraft der Wirkung, 
als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter Stelle 



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erwahnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der Be- 
riihrung der Naturvolker und der Weissen entstanden, so wie die, 
























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welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden , haben im 
Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht inehr, der Eingeborenen 
Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft. 

Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben 
wir den Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein 
geschadet als jenes Niedergeschraettert- oder Inficirtwerden von aus~ ni 
sen her ; aber fiir die menschliche Natur sind sie noch gef ahrlicher , 
weil sie die innersten Lebensnerven zerstoren und wo sie wirksam 
sind, keine Rettung durch Flucht oder durch Besiegung des Feindes 
moglich ist, Wir sahen die Polynesier , ein so glanzend begabtes 
Volk, verkommen, trotzdem dass ihrer sieh die Kultur im Wesent- 
lichen freundlich angenommen hat : sie waren im Innersten ange- 
fressen durch die Aussclrweifungen ; denen sie sich hingegeben hat- 
ten und sie waren auch ohne Beriihrung mit den Weissen und naeh 
und nach immer raseher durch ihre eigenen Laster zu Grande se- 









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gangen . Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der n. 

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Ausschweifungen fur ganze Volker erst richtig ermessen. 

Viertens muss der Kinder mord genannt werden , welcher vor 

alien Dingen in Polynesien und in Sudamerika heimisch war, so wie,/ fa 

iiberhaupt der geringe Werth, welchen man dem Menschenleben bei- 4 hi 
misst. 



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aber letzteres allein ein Volk nicht wesentlich zuriick- 




bringt, beweist das Beispiel des Fidschiarchipels. Nirgends wird 



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durch Menschenopfer, Krieg, Kannibalisraus u. dergl. mehr Blut * 
vergossen und Leben verschwendet als hier ; und dennoch gehoren 
diese Inseln zu den bevolkertsten der Slidsee und ein Aussterben wird 
auf ihnen nicht bemerkt. 

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Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den 
Naturvolkern herbeigeftihrt, auch wohl einzelne Stamme ganz auf- * 
gerieben, aber doch nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe 
aufzufuhren hatten. Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der 
meisten dieser Volker, welche zwar ihr frohliches und kraftiges Ge- 
deihen hindern konnte, nirgends aber, so weit unser Material der^ 
Beobachtung reicht, eine vollige Vernichtung herbeigeftihrt haben. 
Bei alle den roheren Nationen fanden wir auch vor der Beriihrung 






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ihre wandernde und kargliche Lebensart der Grund. 



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das schlechte Leben und die verhaltnissmassig geringe Volksmenge 
unterstutzen jedes andere ttber ein Volk hereinbrechende Uebel immer - 

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efuhrten Grtinden , die alle erst daim wirksam werden . 
mit anderen verbunden auftreten. 




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Hierher gehoren auch di« unvermeidlichen Folgen der zu rasch 






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herein brechenden und nur halb angenommenen Kultur , welche wir 6& (■* 



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in so mancherBeziehung fiir die Natur volkei 
















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wohl nimmermehr waren diesen Folgen, den Veranderungen im leib- 
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welche die Kultur verlangte, diese Volker erlegen, wenn nicht andere 
Ursachen hierftir wirksam waren , zu denen dann freilich sich audi 
jene Folgen der Kultur als wirksamer sekundarer Grund hinzuge- 
sellten. Hatte sich die Annaherung der Kultur, wenn auch rasch, 
aber friedlich vollzogen ; hatte sie gesunde VQlker getroffen, so wiirde 
bei diesen, ahnlich wie bei den alten Germanen, eine Zeit des Still- 






;andes eingetreten . dann aber ein neue; 
sein. Wo die Verhaltnisse nur annahernd 



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diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden naher betrachten 

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us dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz : nie ist e 
eine Ursaehe allein ; welche ein Volk vernichtet, sondern stets meh- 
&■* rere zusammen , von denen allerdings eine im Vordergrund stehen 

kann. Auch die Ausrottung der Marianer, Tasmanier und der antil 
lischen Bevolkerung bildet keine Ausnahme , da man hier die Be- 
grenztheit des Terrains als zweiten Grund , in Tasmanien Charakter 
und Lebensart der Bewohner als dritten in Anschlag bringen muss. 
Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt , oder auch mehrere der 
untergeordneten , da fcritt, soweit jetzt menschliche Gesehichte und 
Beobachtung reicht, kein Aussterben ein : so halten sich die Feuer 
lander trotz ihres elenden Lebens ; so bestehen die Fidschis welter 
trotz der auch zu ihnen machtig eingedrungenen Kultur, trotz der 
massenhaften Menschentodtung ; und so kann man dies weiter ver- 
folgen. Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam , well sie 
wie keine zweite die zahe Lebensfahigkeit der Menschheit und zu- 
gieich beweist , dass diese Lebenskraft in alien Zweigen des Men- 





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eher starker, wie bei den kultivirten Nation en auftritt, welche letze- 
ren, weil sie feiner organisirt sind als die unkultivirten Menschen, 
auch bei weitem weniger zu ertragen im Stande sind. 

Denn wenn wir fragen : sind die angefuhrten Ursachen stark 
genug, urn das Hinschwinden ganzer Volker zu veranlassen? so miis- 
sen wir antworten : sie sind es reichlich und im Uebermass, jede 
einzelne schon und nun gar mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres 
Wunder, dass der Naturmensch in einem Lande wie Neuholland sich 
hielt, wo Europaer trotz aller Ausriistungen meist so rettungslos ver- 
loren sind? Und noch dazu sich hielt in den ewigen Kriegen mit sei- 

llnsti^en Einfltissen der eisrenen mai 



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haften Kultur? oder der Polynesier 



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fruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten aller Ozeane, und 






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baren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser VSi- 
















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er vollkommen vertilgt ist, auser kleinen Stammen? Gewiss, wenn 

'ir dies alles iiberdenken. wprrtan wiv »l/>k« ,r^ a.™ t n »k« ai-^ 



wir dies alles iiberdenken, werden wir nicht von der Lebensunfahi 
keit der NaturvMker , sondern vielmehr von Hirer auserordentlmb 



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Lebenskraft und Unverwiistlichkeit 



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uns tiberzeugen miissen. Und 



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so ist hier der Ort, auf die Frage zuriickzukommen, zu welcher wii 
durch Waitz veranlasst waren : sind wir wirklich zu dem Gestand- 
mss genothigt, dass uns das Aussterben der NaturvSlker vollstandig 
zu erklaren noch nicht gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der 
Geschichtejedes einzelnen Volkes folgend fragt, wie kommt es ? dass 
es dahin siecht und schwindet, wir werden immer vollkommen er- 
schoptend die Griinde erkennen, welche stets dem von uns zusam- 
mengestellten Kreis angehdren werden. Dies© erklaren das Am 
sterben der Bevblkerung so vollstandig, dass zu irgend welchem 






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Rathselhaften nicht der mindeste Platz bleibl , sobald man nur die '' ^ 



einzelnen Griinde in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit 



sich mit geniigender Consequenz vor Aiigen fuhrt. 



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Doch ist wohl zu beachten, dass aaeh die Unverwiistlichkeit^ 
dieser harteren Volker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland 












dieser harteren Volker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland 

emeu Menschenstamm , der von friiher besserem Zustand herabge- Ju, 2 , . 

sunken schemt ; dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem ekeiit- A 









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Am weitesten vor- /' * 






lichen Polynesien, sowie mit den Hottentotten. _ 
-eschritten war der Veifall bei den Polynesiern^ daher sielenn bei 
verhaltnissmassig leichtem Anstoss von aussen her rasch und viel un- j 
aufhaltsamer zusammenbrechen , als z. B. die Melanesier oder Hot- ' 



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tentotten und andere \ T olker. Die>ser Verfall musste, 

UrBachen, die Aus.schweifimg^ii, Kriege und Vergeudimg der Men- 

schenleben, wirksam blieb, immer rascher weifer gehen und so waren 



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sie jedenfalls verloren 
warden and das hat . 



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wenn sie nicht von aussen her gerettet 

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benommen haben: das 



so weit es noch raSglichwar, die Kultur im 






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. l4A . , Tr .. n mnssen wir anerkennen, dass alle diese un- 

kul ivirten Volker, wenn sie in ihrem Naturzustande noch Jahrhun- 
derte weiterlebten, emem zwar sehr langsamen, aber sicheren Uii- 
tergang, (lessen Keime sie in sich selbst trugen, entgegengi no-en 
Sie hatten sich keine Herrscbaft iiber die sie umgebende Natar ei 



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rungen : 
unre^elmassig 



sie lebten ausschweifend ? nur ihren Geliisten hingegeben, 
J — ^ )hne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster Tra 


















It ' 1 K " ege ' Rache »• s - w - ware11 b « ihnen feste Sitten; dei 
Aberglaube , der so liauiig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie 
ganz ; lhr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thatip:- 
keit nur nach praktischer Seite hin entwickelt. Diese Ziige ihres 






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immer starrer und untiberwindlicher werden: und 



Frage, dass sie ihnen einst. 



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Ende dieser Zeit bestimmen, erliegen mussten. Die Natur, in wel- 
ch er sie lebten , bot kein erziehendes Moment von durchgreifender 
Macht : und hatte sie es durch irgend welche Veranderungen ihnen 
noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es sich zu niilze zu 
machen , da sie durcli und in Jahrtausende langer Gewohnung er- 
tarrt waren, Sollten diese Volker also gerettet werden, so war em 



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plotzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kaltur nothwendig ; 
; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelost hat : so ist diese 
, Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der ttber das viele Blut und Elend, 
£ > r das sie oder vielmehr ihre Trager schufen, einigermassen 

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Dies ward sich ganz klar und un 



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Da sich nun aus alien diesen angeftthrten Griinden das Au3~ 
terben der Naturvolker vollkommen erklart, ja da die Art ihrer Wirk- 
samkeit uns erst recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes be- 
fi***l ' weist: so fallt damit schon von selbst die Annalirae, als ob die Na- 
il^ u 2} tarvOlker »von der Natur zum Untergange bestimmt« geringer orga- 

nisirt seien als die Kultur volker. 

widerleglich zeigen, wenn wir die Wirksamkeit derselben Griinde 
auf die europaischen Nationen betrachten. Wir werden dort ganz 
genau denselben, ja einen noch weit sehlimmeren Erfolg derselben 
sell en. 

Alles, was Casar den Galliern zuftigte, die Verwiistimg des Lan- 
des, die grossen Verluste an Menschenleben , das Zertreten des Na- 
tionalgeftihls , alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mil 






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dem, was Mexiko z. B. oder die Nordamerikaner litten ; und dennoch 



war durch Casar in nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er frei- 
lich schon herabgesunken vorfand, so sehr gebrochen, class es seine 
Seibstandigkeit bis auf die Sprache verlor. Allerdings hatten die 
italischen Burgerkriege Italien etwa 70 Jahre auf das grauenvollst 



fa - ' verwiistet ; aber nach ihnen finden wir audi das Land im Innersten 












gebrochen und die Macht des romischen Staates auf Heeren von 



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^remdlingen beruhend ; m%% liiassenhaft versetzt mit frischen ger- 
manischen Elementen und audi da erst nach langer Kuhe hebt sich 



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H^i^^ie italische Bevolkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder empor. 

Und doch waren audi seine Leiden viel geringer als die der Ameri- 
kaner. 

risch bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den 
scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte/ Kraft zertreten 




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Und die Griechen ! Warum haben sie aufg 















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wurde zuerst durch die Stlirme der Volkerwanderung imd dann durch 
das tiirkische Joch. Aber welche Holie hatten die Grieehen einst 



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und es ist nicht zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durch- 
schnittsbildung der Grieehen gleichstellt mit der etwa der iibrigge- 
bhebenen Mexikaner. 

Der 30jahrige Krieg. weleher doch im Anfang nur lokal und 
me ohne Unterbrechungen wiithete und mit alien seinen Greueln und 
seiner Dauer durchaus nicht das, was die Naturvolker zu leiden hat- 
ten, erreicht, welche grenzenlose Verwiistung hat er in der Bevolke- 
rung unseres Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die 
deutsche Nation in ihrer Existenz gefahrdet und es ist ja eine viel- 
fach ausgesprochene Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter 
durch diesen furchtbaren Krieg mannigfach verandert und herabge- 

noch bis auf den heutigen Tag mit der 

-- ir unserem socialen und politischen Le- 

ben geschlagen hat, zu thun haben. 

Sehen wir so an diesen wenigen historischen Bei*pieieii dieselben 



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rsachen bei den kultivirten Nationen noch starker wirken als bei 
den Naturvolkern : so wird eine kurze psychologischeBetrachtiin.-nins 
dasselbe lehren. Obwohl wir eine Religion haben. welche den Glau- 
higen Trost gewahrt auch im schlimmsten Un-liick, obwohl wir durch 










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die Kultui 



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o Ranches fliilfsmittel auch fur bedrangte Lagen haben . 



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so wirken doch auf uns eine Menge Dinge, welche 'auf die Natmwol- 
ker noch gar keinen und eine Menge and 

rj «^eringern Einfluss haben. _ .v,„„vwu ^ CIJCU 

zartelt, an eine Menge Bequemlichkeit gewohnt 7 die * wir Ticht ent 
behren konnen ; wir sind geistig viel empfindlicher und ein Nieder 



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erer, welche auf sie weit 
Wir sind in unserm leiblichen Lebeu vei 






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heiiigist, drtiekt uns mit zu Boden. 



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zu den Verwandteu, Scham, kurz eine ganze Reihe machtiger geisti- 
ger Jaktoren haben bei den Kulturvdlkern eine solche Herrschaft 






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fibers Lebeu .dass wenn sie » ernstlich verletzt werden, das Leben 

mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk ist 

urn so rascher muss es in fortwahrendem Unheil sich verzehren ? e 

Wenn wir z. B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefuhl eines 

ohnmachtigen Ingrimms, das langereZeit immer in uns erneutwiirde 

auf uns haben miisste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann so 

werden wir einmal ermessen konnen, wie dasselbe Gefiihl auf dieNa 



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finden, wenn sie schon durch dieses allein zuGrunde gegan^en wareir ' 
wir werden emsehen , was die gebildeten Mexikaner und Peruaner ge- 










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litten haben und warum 







Bildung zu Grande gingen ; wir werden aber andererseits zugestehen 
miissen dass wir unter ahnlichen Verhaltnissen wohl viel weniger 
TV iderstandskraft haben warden, als jene Vdlker, und gewiss ietzt 



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turvolker zu sprechen, da wir demUnheil, welchem jene unferliegen 

wttrden. Ja , wir wilrden nach Grttnden 







viel rascher unterliegen 
suchen mlissen , wie es kommt , 



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derstandsfahigkeit haben wie wir ; und finden dieselben in ihrer gros- 
seren leiblichen Abhartung , sowie in ilirer geringen geistigen Em- 
pfindlichkeit , welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand 
in Hand geht.V- Wenn wir nun dennoch die Kultur volker wohlohn- 
machtig und geschichtlich unbedeutend werden . aber nicht eigentlich 
verschwinden sehen, -so kommt dies daher, dass *ie gerade in soldi en " 
Zeiten der Gefahr mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. 



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Die Verwuster Italiens, die Germanen, liessen sich massenhaft in den * 



bliihenden Fluren des besiegten Landes nieder 



ebenso die Buigaren 






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in Griechenland u. s. w. Oder die schon bestehende Kultur bietet 
neue Hulfsmitiel, wohin man auch dasEinwandern zahlreicher Fran 
zosen in unser Vaterland nach dem 30jahrigen Krieg rechnen mag. 
> Cr - eu^u-^ Beispiele von Kultur volkern, die vollig vernichtet sind, wie ihreKul- j 









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tut, bietet die Geschichte von Kleinasien. 

Es fall! von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, 
nach welcher Cams die Menschen betrachtet ; man sieht auch bier, 
wie wenig stichhaltig sie ist , denn seine Tagmenschen haben keine 
grossere Widerstandsfahigkeit , als seine Nacht- oder D&mmerungs- 
menschen; und wahrend er behauptet (17), dass die westlichenDam- 
merungs volker, die Amerikaner, »wirklich dem Untergange ziige- 
wendet« seien, so sehen wir die Tagvolker noch rascher ihrem 
Untergange zueilen , schon wenn sie durch weit mildere Schicksale 
heimgesucht werden. — Auch die Eintheilung der Menschheit in ak- 
tive und passive Volker, wie sie Klemm und Wuttke geben (Waitz 1 , 
344) hat ihr sehr Bedenkiiches ; sie ist falsch, wenn man in grosserer 
Aktivitat zugleich nach jederRichtung hin grossere Kraftentwickelung 
sieht, denn die »aktiven« Volker (die Kultur volker) zerbrechen im 
tJngluck viel leichter, als die zaheren und harteren Naturvolke 
' ist ferner falsch , wenn man sie als in der urspriinglichen Natur der 
^ Ivlenschheit begriindet , wenn man also Aktivitat oder Passivitat als 
verschiedenen Volkern angeboren ansieht : denn von Haus aus gleich 
organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedeneNaturumgebung, 
verschiedene Schicksale u. s. w. im Lauf der Jahrtauseude so ver- 







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Werrn dit Innahme einer minderen Lebensfahigkeit ganzer Vol-/ 
ker richtig ware, so mttsste doch bei alien diesen Volkern sich jenes - k 
Hinschwinden gleiehmassig zeigen . Wie kommt m aber , das ' 
ausstirbt und das andere dieht daneben niclit? ja, dass von ein mid 1 
deinselben Volke der eine Zweig abstirbt, der andere ungefahrdet 
weiter lebt? Und auch das findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht (UCaJu 
aus und sind Polynesier wie die Tahitier , Maoris oder Kanakas ; *Jt 



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die moisten niikronesischen Inseln (so namentlich der Gi 
liaben eine dichte Bevolkerung , die Knsaier sterben an 



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-Vlikro- und Polynesier , sind nui 







ein Zweig des 



und beide, 
grossen malaiischen 






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Stannnes, bei welchem ein solches Hinschwinden, die kleine Insel 
Engano unci einige elende in die Gebirge gedrangte Stamuie aus- 
genommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die Kamtschadalen 
sterben aus, die iibrigen isordasiaten, ihre nahen Verwandten, nicht. 



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Doch vielleicht waren hier jene von una besprochenen Grande de 






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nesier an vielen Punkten sich vermiiidern, bleiben die Fidschis, trotz 
des europaischen iiinflusses , trotz ihrer Kriege und Menschenopfer, 

und bei v oiler Zahl. Noch arger fast als alle anderen Volker 
sind die Neger bedriickt von einheimischen und fremden Tyrannen ; 
und wahrend sie fur einen der fruchtbarsten Stamme g-elten der 



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gar nicht zu v ermindern ist , sterben die Neuhollander , nach dem 

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Kartchen bei Oarus Nachtmenschen wie sie , aus — welchem Fall 
freilich der ethnologische Unsinn , afrikanische und melanesische 
Neger zu einer Race zu vereinigen , der sich indess nicht bei Carus 






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allein findet, die Beweiskraft nimmt. 
gen vollkommen schiagend, 



wie irrig 



die Ansicht ist , dass die hin- 



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.ehwindenden Volker in Folge der Inferiority ihrer Rage ausstiirben ; ^< 
daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn unsere Ansicht 






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aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen , dass da , wo die 
Grilnde , aus denen wir das Aussterben der Naturvolker erklaren 













ie Kultur iiberwinden und sich zu ihr, 





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<^ allmahlich ; emporheben konnen. Und der Nach weis ist leicht. 

In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Ko~ 
lonie Baavianskloof; welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die 
Zahl ihrer Lehrlinge (Licht. 1, 247 



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ten, glich mit seinen 2 Haiisern , seinen Garten, seinen geraden 
Strassen ganz einem deutschen Dorfe ; die Hottentotten waren tiichtig 
im Feld- und Hausbau und zu allem dem gebracht ganz ohne andei 






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Strafe als Ausschliessttng vom Gottesdienst (25 1). Die Taufe erhielt 



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man freilich nur als hochste Belohnung far Thatigkeit, Rechtschaffen- 

heit mid Frommigkeit mid allerdings fand Lichtenstein nocli kerne 

Hottentotten unvermischten Blutes , sondera nur Mischlinge getauft ; 

p^ aber da sich die Herrnhuter bemiihten , sie Mrst zu Menschen und 

dann zu Christen« zu maclien (eb. 253), so hob sich die Colonic iinnier 
t* 4- mehr, so dass von der Zeit nach 1828 derBericht lautet : »Dle frei 



















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jewordenen Hottentotten fingen an mehr fur die Zukunft zu sorgen, 



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der Landbau wurde eifrig betrieben und durch ktlnstliche Bewasse- 

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rung verbessert, Massigkeit uiid Sittlichkeit ? die Zahl der regelmas- 






sigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern fur die Erziehun 
der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu keinerUn 
terstiitzung von aussen« (Waitz 2 7 337). Dies ist allerdings nur von 
einem kleinen Distrikt gesagt ; aber wo hat man sich sonst audi mit 
ddffisalben Ver^tand und derselben Ausdauer der Hottentotten so red- 
iich angenommen? Wo man das tkut, da gedeihen sie und warden 
brauchbare Menschen (vergl. W. 2, 34 1 

In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins , die Irokesen 
und andere Volker deutlich genug bewiesen , dass audi die Indianer 
der Erhebung und Kultivirung fahig sind. Die Irokesen sind seit 
1820 »bedeutend fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den me- 
chanischen Kiinsten tiberhaupt ; sie besuchten die Kirche regelmassig, 
vide von ihnen waren im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit ge- 
kommen, dass sie Schullehrer werden konnten , einige andere sogar 



respektable Geistliche 



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Quellen) . Sie hatten das 



Mohawk zur allgeineinen Verkehrssprache im Gebrauch mid nach 
Schoolerafts Bericht flir 1845 war ihre Volkszahl imWachsen (a. a 
0.). Ebenso hatten die Ottawa, ein heidnischer Algonkinstamm ; so- 
wie die Sauk und nocli mehr die Delaware grosse Fortschritte ge- 
macht ; sie leben ganz von dem Ackerbau ? den sie sehr eifrig und 
tiichtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten ihrer Felder 
292—93) ; ihre Zahl ist im Wachsen (294). 

Nocli- mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees , deren 

Volkszahl in den Jahrenl819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 

Schon vor 1820 wa- 
Ackerbauer , welche im Laufe von 8 Jahren 



200 Weissen und 1 3 Negersklaven anwuchs. 



ttlchtige 



ren sie sehr 

(M'Keimay bei Waitz 3, 294 



Wildniss 



Schon urn 1773 hatten sie 43 Stadte und ihreBildung war schon da- 
mals niclit unbedeutend (Bartram 353 — 60) ; seit 1796 waren Baum- 
wollenmanufakturen bei ihnen errichtet, Luxusgegenstande traf man 
hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht unbedeutendes Privat- 
vermogen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre Kinder zeigten 
sich »sehr ienksam, anhanglich und bildungsfahiga (Waitz 3, 295). 
1820 fiihrten sie geschriebene Ceselze und eine Reprasentativverf as- 
sung ein. Der oberste Hauptling, dem nebst einem hohen Rath die 
Exekutive zusteht, soil alle zwei Jahre das Land bereisen, urn dessen 



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Zustand kennen zu lenien. Die richterliche Gewalt wird vomobersten 
Gerichtshofe, dem wandernden Gericlit und von Friedensrichtern aus- 
geitbt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind eingefiihrt, die 
liichter nur durch den Willen beider Hauser absetzbar. Es herrscht 
allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt bekleiden, 
der nicht an Gott und an Vergeltung in einem kiinftigen Leben glaubt' 
Waitz 3, 295—96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen 
1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Le- 
sens und Schreibens unter ihnen allgeinein; seit 1828 erschien eine 
periodrsche Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufbliihende Kul- 
tur hat man mcht geschont ; man hat audi die Cherokees, trotz ihres / 






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, . flber den Missisippi vertrieben. Allein ob- 

wohl ihre Kultur dadurch im hohen Grade gefahrdet wurde, so unter- 
lag sie nicht; sie erhob sich bald wieder und seit 1841 allgeiueiner 
wie fraiier (296). Ebenso verhalt es sich mit den Ohoktaw, den 
Creek und einigen anderen V Kl7 —^ -" 
fuhrlichere Nachrichten gibt. 



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Ebenso in Siidamerika : die Volkszahl der Abiponer nahm uach 
Dobnzhofer bedeutend zu , als das Verstossen der Weiber, der Kin- 













dermord und die Polygamic abgeschafft wurde (Waitz «, 1M , „. 
Guatemala (nach einem Bericht von 1771) vermehrten sich die Ein- 






1, 164 




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geborenen trotz des sehweren Drucks der Spanier so sehr, dass diese fa> ' 
sie zu tiirchten anfingen (eb. 163). In Mexiko bilden nach Hum- 4 



sie zu furchten anfingen (eb. 163). 

boldt die Eingeborenen noch immer fast die Halfte der Ein wohnei " ( ^ 
3, 9) und in dieser Zahl haben sich die Indianer iiberall erbalteu' 
wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden (eb . 3 , 8) ; die einhei- 
mische Bevolkerung ist im Steigen (derselbe a 1, 83 und 107) und 
zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden Zuwachses (eb 
195) und diese »fiir die Menschheit sehr trostliche« Zunahme der in- 
diamschen Bevolkerung beweist Humboldt durch speciellere Ang-aben 

a, 5, 6- 4; -*~- - J Tr " ■•-- - --• ° 



der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4 195).V 



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Auch m Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungeu der 'f** 

\on Hawaujagt Jarves 371-72 . die Kultur zerstOrt im An- *„ 



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72 . die Kultur zerstOrt im An- t^^^. 



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tkn g ; nachher wirkt sie segensreich ; so war auch"auf den Sandwich- 
mseln die Entvolkerung unter Tamehameha I. und Liholiho grosser 
als in spaterer Zeit. »In dem Verhaltniss , in welchem Christenthum 
und Civilisation wftchst, vermindert sich die Sterblichkeit. Allerdings 
smd ihre Wirkungen jetzt noch zu neu, urn ihre Endresultate vorher- 
zusagen, aber man kann sicher hoffen, dass, wenn die bosenEinflttsse 
aufhoren und anderen Plate machen, gute Ergebnisse folgen werden. 
Der pespotismus der Ftiivsten ist vollig abgeschafft und Gesetze wir- 
ken fur das Anwachsen der Bevolkerung. Familien mit 3 Kindern . 



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smd von den Abgaben beireit ; die , welche mehr haben, bekommen 
Land und andere Gesehenke, am sie zu heben. Die Abgaben, obwohl 
uniner noch hoch, sind gleich vertheilt und fur d^ Vnlk Arl^Vhw 



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massige Handelsverbindungen und Gewerbe haben *ich 

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kurzdasgeradeGegentheil der moralischenVersunkenheit, in welcher 
nocli vor Kurzeni das Volk sich befand, fangt an sieh zu entwickeln; 
medizinischeKenntnisseundarztlieheHulfe verbreitet sich; Kleidung 

Freilich ist dies nur die Morgen- 



Wohnung bessern sich allmahlich. 













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rothe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug, dass 
Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen 
Mission und die Intelligenz der Freniden diese segensreicheu Folgen 
haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus , dass Kinder und 
Brwachsene, welche die Sehulen besuchen und unter der immittel- 
baren Leitung der Missionare stehen, sich einer ai 
sundheit erfreuenjmd rasche Fortschritte inachen. 
ien Eingeborenen, welche unter deni Einfluss europaischer Eanrilien 






Dasselbe gilt von 









stehen.* Nach Virgin (1, 3001 












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freilich scheint die Entwiekelung 
nicht allzurasch weiter gegangen zu sein ; doch audi er gibt an , dass 
vor 1820 die Abnahme der Bevolkerung starker gewesen sei , als 
nachher, und dass die Missionen an verschiedenen Punkten die Ab- 
nahme ins Stocken gebracht habeu durch moglichstes Hinwegraumen 
der bdsen Ursachen, welche sie veranlassen . Auch Waitz 1,177 er- 
wahnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo die Bevolkerung 
nicht nur nicht abnimnit , sondern in nicht ganz unbedeutendem An- 

wachsen begriffen ist. 

Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich 
nach dem ersten Zusannnenstoss mit den Europaern sehr abgenom- 
men, von 16,000 (Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), 
denn Turnbulls 5000 ist eine iibertrieben niedrige Angabe. Nachher 

ewachsen ; Virgin we- 

Auf Raiatea da- 
1 6 7 nach Journ . 



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gegen nimmt die Bevolkerung stark zu (Waitz 



41). 



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1 81 9 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen noch stark 

1819 — 20seienTodesfalle und Geburten ein ander gleich 



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gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. 



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Ellis auch, der so eifrig ftir dasWohl derlnsel thatig war, seine Hoff- 
nungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen : 
bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so 
zuverlassigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der franzosisch 
Commandant der Insel , de la Ronciere , in seinem Bericht vom De- 
zember 1866 (Globus 12, 60-61) iiber die Tragheit, Indolenz und 



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Flatterhaftigkeit der Bewohnei 



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allein wenn man die Vorgange wah- 






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.end und nach der franzosischen Okkupation der Insel und die gauze 
Haltung der Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts 
bedenkt, so ist es nur allzu begreiflich , dass die Entwiekelung der 



Insel durch sie nicht eben gefordert ist. Doch sind wir , wenn man 
















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51 ich wirklich erusthaft und ausdanernd der Eingeborenen annimmt, 
auch fur sie zu guten Hoffnungen berechtigt. 

Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 
482 — 497) ist noch merkwiirdiger. Gegen denEinfluss der Fremden 
bildete sich eine Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche , da I 
sie Gott ebenso nah standen als die Weissen ? mit diesen gleiche so- 
ziale und politische Rechte verlangten. 1857 erwahlten die Maoris, ' 
von diesen Gesichtspunkten ausgehend, einen Konig, den als Krieger 
und Redner beriihmten Potatau , der sicli den zweiten Friedenskonig 
nach Melchisedek nannte , sich thatkraftige Hauptlinge , so vor alien 
den Maori William Thompson aus dem Stamm der Ngatihua, als Mi- 
nister auswahlte, und seinen Herrschersitz zu Ngaruawahia , an der 
Hauptwasserstrasse ins Innere , an den Thoren von Aukland in vor- 
trefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des Konig- 
thums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte 
sich bitter liber die englische Regierung, welche sich gar nicht urn 
die Maoris ktimniere, die Hauptlinge nicht standesgemass behandele, 
zwar Protokolle iiber ihrAussterben fithre, aber nichts dagegenthue; 
man habe die eingefuhrten Waaren mit ungerechten Abgaben 












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druckt, indem z. B. wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide 
und Spitzen versteuert wtirden ; Munition und Waffen verkaufe man 
ihnen gar nicht , nm so lieber aber Spirituosen. Und zu dem Allen 
benahmen sich die Europaer so hochmttthig und grob ! Diese Natio- 
nalpartei , welche sehr beredte Agenten im Lande umhersehickte, 
fand iiberail rasch Anhanger ; auch die Weiber und Madchen theilten 
ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben fiir den Konig flossen regel- 
massig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle 
Streitigkeiten der Eingeborenen , trieb auch von den unter ihnen le- 
benden Europaern Abgaben em und legte einen Zoll auf die an seiner 
Stadt vorbeipassirenden europaischen Schiffe ; sein Einfluss war bald 
so gross, dass sich auch die Missionare , wenn sie etwas gegen einen 
Maori vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte 
die Landligue, eine Vereinigung der Maorifursten, urn den Landver- 
kauf zu verhuten , welchen die einheimische Regierung ausserst un- 
gern sah. Es war klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selb- 
standige Entwickelung, namentlich aber durch die Beschrankung der 
Landkaufe, welche, urn gultig zu sein, erst dieBestatigung desMaori- 
konigs nach der Auffassung der Eingeborenen bedurften , in arge / 
Verlegenheit kommen musste. Daher erkannte denn England diese ^ 
Beschrankung des Landverkaufs durch die Maorigesetze nicht an und 
so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss kommen. Diesgeschah 
unter Potatau II. , dem Sohne Potataus I. ; den 17. Marz 1860 be- 
;ann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur ausserordent- 
lich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie den Eng-j 
^landern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei 






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schlossen sich jetzt alle Maoris ; audi die frtther lflftsigea, an; es ist 
besser, Mess es, furs Vaterland zu sterben, als unterjocht vonFrem- 
den zu leben. Audi im englischen Parlament erhoben sich Stimmen 
fur sie, so vor alien die Martins, des Biseliofs von Aukland. William 
Thompson war alleiniger Anfiihrer dieses Krieges und seiner Stella 
sehr gewachsen : denn der Kampf , der ¥OB den Maoris hauptsachlich 
als Guerillakriea* gefuhrt wurde. konnte nur durch die englischen K a- 



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nonen und die englische lebermacht (1861 batten die Englander 
12,000 Mann zusammen) mehr und mehr zu Gunsten der Englander 
gewendet werden. Indess kam es durch Eiofluss der Missionare und 






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*- durch den an Brownes Stelle gesandten Lord Grey zur friedliclien 



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^Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfange , bedeutend genug, 






urn in kurzer Zeit die 




auf welchen wir das Aussterben der 


















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neuseelandischen Eingeborenen beruhend fanden, zu beseitigen. Es 
ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von englischer Seite 
gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist : doch ist die 
Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesenStossuber- 
winden wird. Die Hauptsache wird sein , dass sie selber Muth und 
Zuversicht gewinnen , dann werden sie die Kultur sich nicht bloss 
ausserlich und auf erne Weise, die ihnen nurschadet, aneignen, son- 
dern sie werden sich, da sie stets sich sehr fahig gezeigt haben , an 

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ihr emporheben und ein neues Leben zu fuhren im Stande sein. Zu 
dieser Hoffnung berechtigt auch die innige Religiositat , welche die 
meisten der neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch 
in diesemFalle spater nicht einmal durch Vermischung mit den Weis- 
sen aufhoren als Nationalist zu existiren? Ein solches Aufgehen 
wtirde indess nur erfreulich sein ? denn es bewiese zugleich, dass 
auch die Englander der Kolonie von ihrem starren Ra§enhochmuth u 

nachgelassen hatten. * ?* 

In Tonga nun, wo von jeher die Bitten stronger waren und na- 

mentlich nie diese Lliderlichkeit herrschte , welche in Polynesien an 

i anderen Punkten so gefahrlich wirkte ; wo man mit dem Menschen- 

leben, wenigstens jetzt und schon seit langerer Zeit, nicht so vei 



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schwenderiscli umging, ist einSinken derVolkszahl nicht eingetreten. 
Das Christenthum hat die Monogamie durchgesetzt und so ist denn 
trotz der vielen Kriege , welche die Emfiihrung des Christenthums 
und die Befestigung der Konigsherrschaft mit sich brachte , die Be- 
volkerung, die sich im Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit er- 



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Die Bevolkerung von Samoa schatzt Erskine (104) auf etwa 
37,000 Seelen, doch glaubt er, dass sie abnehme (a. a. O. u. 60). 



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Auch Turner erwahnt die grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, 
welche durch thorichte Behandlung derselben vor und bei der ersten ^ 



Nahrung veranlasst wird. Seitdem aber jetzt die Missionare gtinstig 
4 wirken 9 die Polygamic abgeschafft und ausschweifende Lebensweise 


















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durch strenge Ueberwaehung sehr erschwert ist, nimmt die Bevolke- 
rung wieder zu (Turner 176). Doch waren die Samoaner uberhaupt 
weit weniger ausschweifend gewesen als die ubrigen Polynesier und 

h des Menschenlebens hoher geachtet. Also auch 
Chemung : der erste Zusammenstoss niit den Weissen 




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(doch fand Wilkes in Samoa keine 
Syphilis 2 ? 73, 126, 138) eine arge Ersclmtterung in der Wohl- 
** -fahrt des Volkes , ein Zurtickgelien der Kopfzahl hervor ; allein so- 
4 bald diese ersten Folgen iiberwunden sind , hebt sich die Ziffer wie- 
der. Gerade die Samoaner sind besonders ihnige Christen (Turner 

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Zu den bestbevolkerten Gegenden Polynesiens gehoren die klei 
nen Inseln nordlich und westlich von Samoa und Tonga , die Union- 






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gruppe, Tikopia, Rotuma u. s. w. , wo die Sitten unverderbt und die 
* v Bevolkerung in bester Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kinder- 
(fa mords auf Tikopia ist dort die Kinderzahl in einer Familie meist drei r f 

bis acht (Gaimard bei Dumont D'Urville b, 5, 309 ; v'ergl. ders. in 






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1 Zoologie 23 ; u. 5, 306). Nur von dem gleichfalls hierher gehorigen 



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Sikayana wird eine Abnahme der Eingeborenen berichtet, welche durch 
eine sehr heftigeBlatternepidemie auf 17lSeelen zusammengeschmol- 

zen sind (Nov. 2, 438—441). 

Alle diese Beispiele beweisen sehlagend, dass ein Hinschwinden 
dieser Volker aus mangelnder Lebenskraft , »weil sie von Nattir dem 
Untergange bestimmt seien«, nicht stattfindet ; wo es also eintritt, ^^ /t 
kann es nur durch die besprochenen Grunde veranlasst sein. Sob aid 






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zu sich emporzieht, statt sie zu vernichten , so ist von den Naturvol- 
kern keins, das nicht fur sie gewonnen werden konnte, ja einzelne " 



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haben sich trotz der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur 
Kultur, wenigstens zu guten Anfangen, emporgeschwungen : eine 
That, deren Grosse man aus dem Vorstehenden ermessen kann und, 
die eine so ausserordentlich gute Begabung und sichere Kraft beweist, 
dass sie ebenso sehr unser Staunen als unsere Bewunderung er~ ^ 
wecken muss. Allerdings wird aus einem neuhollandischen Stamm 









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nicht sofort ein europaisch civilisirter Staat, aber es ist handgreiflich 
verkehrt, zu behaupten , wie noch Meinicke thut ? die Neuhollander 
seien uberhaupt der Kultur unfahig. Denn wo sich wirklich die Kul- 
tur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen) , da haben sie 






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sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass sie u^. 
sich und so noch manche andere Naturvolker jetzt so viel als mog- ^ 
lich von der Kultur zuruckziehen , das ist nach dem, was ihnen von 
ihrenTragern zugeftlgt ist, nurallzubegreiflich. Halten doch manche 
Nordindianer auch das Christenthum nur fur eine neue Art, sie zu 
betriigen (Waitz 3, 289) »und, sagten sie, was sollen wir Christen 
werden, da diese argere Ltigner, Diebe und Trinker sind, als die In- 












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»Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind 

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»wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schleehtec 
(Waitz 4, 280 — 81). Ein zweiter Grand, weshalb viele Naturvolker 
so schwer die Kultur, audi wenn sie ihnen friedlieh naht, annehmen, 
liegt in ihren Gewohnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft 
der Vererbung erinnert werden. 
an ein unstates Umherschweifen u. dergl. gewohnt, wird es ihiien 
sehr schwer 7 so plotzlich die althergebrachte, tief in ihr leibliches 







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Durch Jahrtausende langes Leben 



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einmal auf einen Umstand zuruckkommen, den wir schon vorhin we- 
nigstens beruhrten. Wie ist es zu erklaren, dass die Neger nicht 
aussterben? Sie sind doch geplagt, gedrtickt, gemisshandelt wie kein 
zweites Volk, der Heimath entrissen , oft ganz zum Lastthier herab- 
gewurdigt — und sie gedeihen doch. Der Hang der Neger zu Aus- 
schweifungen ist bekannt ; wie gefahrlich ihre Kriege, die sie unter- 
einander ftihren, fur die Besiegten sind, wird nur zu deutlich durch 
die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen; Menschenleben 
vergeuden audi sie ganz riicksichtslos , woftir schon der eine Name 
Dahomey alsBeweis gentigt. Und doch waren das dieselben Griinde, 
welche wir als das Aussterben der Naturvolker veranlassend annah- 



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nicht doch also zu jenen Griinden noch einen hinzufugen und welcher 
konnte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas 
Geheimniss voiles ? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem 
Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen organi- 
sirten Menschen, und es ware doch seltsam , wenn holier stehende 
Volker mindere Lebenskraft hatten als sie. 

Allein diese Annahme ist audi durchaus unnothig. Die grossere 
Ausdauer des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, 
was wir zunachst nach der psychischen Seite Inn verfolgen wollen. 
Vom Charakter des Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlos- 
sen. Jeder momentane Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur 
so machtig , dass der folgende den vorhergehenden sofort ausloscht, 
und so vergessen sie dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme 
Lage rasch und ganzlich, wenn irgend eine plotzliche Anregung zur 
Lust liber sie kommtl 




So zwingen sie die Sklavenhandler , urn sie 







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c "~a^tjtber ihr oft todtliehes Heimweh hinwegzubringen , bisweilen mit der Peit- 

schezumTanz, der sie dann in seiner sie nun ganz beherrsehenden Aus- 
assenheit alles Unglfiek vergessen lasst (Waitz %, 203). Diese 








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rasch wechselnde Gemtithslage hilft ilinen iiber vieles Schwere hinweg \£ 
uZ*.- 4, und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz steht ebenso zu dem zahen 



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Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim Anaerikaner und Poly- 
nesier so vorherrschend finden, als zu der Melancholie dieser Volker. 
Auch die sinnlichen Geniisse wirkenaufdenNeger viel befriedigender, 
als auf die anderen Volker ; seine grosse geschlechtliche Sinnlichkeit 
ist wiederum far die Fruchtbarkeit seiner Rage von grosser Bedeu- 




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den Polynesiern finden sich bei ilinen niclit. Auch sein Hang zum 






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Phantastischen muss erwalmt werden, denn auch er dient sehr dazu, 
ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu lassen , als 
sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und Tragheit 
des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem Schmerz- 
TichstendenNeger beschtttzt: er wird sich f ast nie moralisch vernichtet 
und dadurch in seiner innersten Personlichkeit verwundet fiihlen . Auch 
ist seine grosse Gutmiithigkeit und seine innige Religiositat hierbei 
nicht ausser Acht zu lassen. 

Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder em- 



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ker. Sei es, dass er durch allmahliehe Gewohnung, durch das Klima 
seines Landes oder durch urspriingliche Anlage harter ist : er vertragt 
es, in ganz andere Himmelsstriche verpflanzt zu werden ; er halt so- 
gar die Luft der Malariagegenden und noch dazu bei taglicher oft 
sehr grosser Anstrengung ohne Schaden aus, welchem alien die mei- 
sten anderen Volker regelmassig erliegen. Er ist also schon durch 
seinen Korper gesicherter. 

Drittens ist nicht zu ubersehen, dass der Neger schon seit einer 
Reihe von Jahrtausenden , seit der ersten Entwickelung 
volker, mit diesen in Bertihrung und oft in sehr enger steht und ge 







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der Kultur- 



standen hat ; so ist er an die Einfliisse der Kultur ganz anders ge- 
wohnt als Amerikaner und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtscha- 
dalen, und hat daher ihre ungtinstigen Folgen weit weniger zu 

fiirchten. # 

Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus er- d 



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heben konnte , als beseitigt zu betrachten ; wir mtissen indess noch 
einen Blick auf das Aussterben der freigewordenen Neger in den ver- 
einigten Staaten werfen , wie wir es im Ausland (1867, 1104) ge- J 
schildert sehen nach Henry Lathams black and white. Nach ihm 
sind seit der Emancipation von 4,000,000 Negern 1,000,000 zu 
Grunde gegangen , durch Unwissenheit , Hiilf losigkeit , Laster und , 
Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm iiberhand, »die^/ , 
Sterblichkeit war so gross , dass es Leute gab , welche eine Losung 









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der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Rage 
in den nachsten 50 Jahren voraussagten«. »In den Gebieten, wo sie 
wahrend des Krieges in grosster Sicherheit lebten, wo man annehmen 
kann, dass sie massenhaft vorhanden sind, und wo die grossteu Bei~ 
tragezusammengebrachtwurden, urn sie vor Hunger snoth zuschiitzen, 
sind sie in Abnahme begriffen. In dem kaltern Klima der Nordstaaten 
starben die farbigen Familien nach einer oder zweiGenerationenaus.« 
Die Schilderung ist, wie wir sie hier vor uns haben, entschieden par- 



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teiiseh gefarbt. Wii 



die Thatsache , dass die 































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emancipirten Neger moralisch und physisch sich verschlechtern, ja 
geradezu verkommen. Diese Erscheinung ist allemal da beobachtet, 
wo Neger emancipirt wurden, und sie machte audi der Republik Li- 
beria anfangs viel zu schaffen ; allein sie tritt bei jeder Sklaveneman- 
cipation naturgemass jedesmal ein, mogen die Sklaven nun Neger 
oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt, selbstandig zu leben, fur 
sich zu sorgen, fiir sich zu arbeiten ; jede Arbeit ist ihnen, in Erinne- 
rung an ihr frtiheresLoos, eineLast zugleich und eineEntwiirdigung. 
Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie die Fahigkeit, 
derNatur gegenubersichzubehaupten, welche sie in ihrer Heimath be- 
sassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedriickt und dass sie 
lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen allzuoft ihre 

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eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung , zu dem 
sie als Sklaven verurtheilt war en. In Nordamerika ist ihnen ferner 



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Feindseligkeit unendlich erschwert \ mit der die »gute Gesellschaft« 



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sie nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich 
gleichfalls geltend machen ; jedenfalls ist hier nichts, was unsererBe- 
trachtung irgend ein neues Moment zufiigen oder eine nahere Erkla- 
rung noch erheischen konnte. 












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Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen , ist es nothig , auch 
einen Blick auf die Kulturvolker zu thun , welche mit den Naturvol- 
kern in Beriihrung kamen ; denn ein soldier wird ethnologisch nicht 
ohne Ausbeute sein. Zunachst ist zu constatiren ; dass alle Kultur- 

Weise grausam , rucksichtslos und un- 
menschlich gegen die Naturvolker betragen haben, die mit ihnen 



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zeichnen sich durch unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen 
jede farbige Bevolkerung aus, durch welchen sie den Naturvol- 
kern fast nicht mindern Schaden gethan haben, als durch offene 
Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen nicht geniacht. 
aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den Naturvolkern 
in Beriihrung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der ersten 
Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen — so dieAb- 
gesandten derWelser, welchen dort Landerstrecken von Karl V. ver- 
pfandet war en — wutheteli niclit geringer als die Spanier selbst. 
Das westliche Venezuela wurde urn 1527 von Georg v. Speier und 






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einzelte Falle; im Ganzen haben die Deutschen den Naturvolkern £4 



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sind bekannt genug. 



Segen gebracht, denn 
Theil in ihren Han den gewesen, wobei vor alien Dingen an die Wirk- 
samkeit der Herrnhuter in Afrika und Nordamerika (z. B. Hecke- 
welder) erinnert werden muss. Audi unter den Jesuiten waren viele 
Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den Abiponen, Strohbach auf den 
Marianen. Die Missionstliatigkeit ist audi jetzt noch nicht vermindert 
und tragt ihre segensreichen Friichte fur die Eingeborenen und fur die 
Wissenschaft , denn erne Menge der bedeutendsten Missionsschrifteii 
sind, freilich meist in englischer Spraehe, von Deutschen verfasst 
Namen wie Kolle , Dohne, Teichelmann , Schurmaim, Dieffenbach 
freilich kein Missionar) u. a. 

Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit 
welcher derEuropaerdieNaturvolker bekriegte unci meist deren Roh- 
heit bei weitem tibertraf , zwingt uns zu einein anthropologischen 
SchlusH von niclit geringer Bedeutung : denn wir sehen daraus klar, 
)>dass die Kluft, die den civilisirten Menschen vom sogen. Wilden 
trennt, bei weitem nicht so gross ist,, als man sich oft einbildet« (Waitz 
3, 259). Man hat ja gerade die wilde Blutgier der Natur volker so 
wie ihr beharrliches Fernbleiben von alter Kultur so besonders her- 
vorgehoben, ja mit darauf hin den Schluss gezogen, dass sie von ge- 
ringerer Organisation und Befahigung , dass sie von Haus aus eine 
niedrigere Race waren (Cams 28 , 22 fl\). Wie will man das aber 
aufrecht halten , wenn die civilisirten Volker von einer viel wilderen 
und grauenvolleren Blutgier besessen sind , die urn so schrecklicher 
wird, als sie imvermittelt neben so hoch entwickelten intellektuellen 
Fahigkeiten steht ? Wenn die grossten und bedeutendsten Manner 
dieser civilisirten Volker dieselbe Blutgier theilen, wie Columbus, 
welcher die auf Menschen dressirten Hunde einftthrte , der Konigin 
Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch Menschenraub zu 




decken ? Diebstahle mit grausamen 



Verstummelungen strafte mid 



Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer fur erlaubt hielt ? 
(Waitz 4 , 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen ihrer 
grauenvollen Bestialitat als besonders hervorragend gepriesen werden. 






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Kultur sich begebend genau ebenso aberglaubisch als die Indianer 
wurden , deren Lebensweise , Vergniigungen und Skalpirungen bald 
sich nur noch durch grossere Rohheit von den Indian ern unterscliied?, 
Ja d'Ewes (China, Australia and the Pacif. Islands in 1855 — 56. 
London 1857, p. 150) erzahlt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi- 
und Tonga-Inseln , neben den grasslichsten Verbrechen aller Art, 
sogar den Kannibalismus der Eingeborenen mitgemacht haben ! Bei- 
spiele von Spaniern und Portugiesen, welche unter die Bildungsstufe 
der Eingeborenen Siidarnerikas herabgesunken sind, findet man reich- 
lich bei Waitz 1, 370 und bei v. Tschudi an verschiedenen Stellen. 
Ehrliehkeit, Treue, Vertrauen, Anstand, Gastfreundschaft, Mensch- 
lichkeit , reine Religiositat , die besseren moralischen Eigenschaften 
"Undet man meist nicht auf Seiten der Europaer , sondern der so tief 




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verachteten Naturvolker, und Seume's 









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hat seinen tiefenGrund. Man sage nicht, dass die von denEuropaern 
veriibten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also 



























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auch nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien : sie sind 

so ziemlich gleichmassig von der gesammten Kolonistenbevolkerung 
ausgefuhrt und jedenfalls von ihr hochlich gebilligt worden ; ja es 
fehlt noch viel, dass sie auch jetzt (iberall getadelt wurden. 

Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner , wie ungeheuer 
langsam die Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenj> durch 



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intellektuelle Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt 
wird. Das eben von Columbus Erwahnte mag als Beleg dienen , er, 
der geistig so hoch iiber seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe 
Stufe inne. Seine ganze Zeit aber stand trotz des Christenthums, 
trotz der ausseren Kultur noch auf einem Standpunkt der geistigen 
Rohheit, die sich noch kaum von dem 



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denschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie gewaltig nun die 
Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei Jalirhunderten zuge- 
nommen hat, weiss Jeder ; blickt man aber auf die Kulturvolker de 
19. Jahrhunderts — man denke an die Englander in Tasmanien, Neu- 
holland, Nordamerika , die Portugiesen und Spanier in Siidamerika 
so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig 
bemerken, denn sie benehmen sich , allerdings nicht mehr in solcher 
Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich , als die Spa- 
nier im 16. Jahrhundert. 

Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda 
und ihr Verfahren in der Sudsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den 
Missionaren des 16. und 17. Jahrhunderts unterscliied $ was sie etwa 
an Gewaltthatigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit ge- 



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Und wenn man im 19. Jahrlmndert mit demselben Leicht- 
sinn wie im 16. nur urn zu taufen, tauft : so ist das in unseren Zeiten 
bei weitem schlimmer, als in jenen friiheren. Bis jetzt also hat die 
Hohe der intellektuellen Entwickelung noch keineswegs durchgreifend 
und in dem Maasse , als man denken sollte , auf die moralische Seite 
des menschliclien Charakters gewirkt — aus Griinden, deren tiefere 
psychologische Motivirung hier uns zu weit fuhren wiirde. 

Und doch lasst es sich nicht laugnen, dass alles wirkliche Fort- 
schreiten der gesammten Mensehheit, wodurch sie immer reiner und 
wirklich mensehlicher siehentwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen 
als auf moralischen Geistesthaten beruht. Die europaische Gesell- 
schaft ist jm ihrer heutigen Hohestufe emporgehoben erstens durch 
die Gleichstellung der Frauen bei den Germanen ? zweitens die rein 
moralische Macht des Christenthums, drittens dieReinigung des Chri- 
sten thums und die Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch 
die Reformation und die Reinigung der sozialen Verhaltnisse durch 
die Revolution des vorigen Jahrlmnderts. Letztere trug audi gleich 
den Naturvolkern die besten Fritchte : denn dass Polynesien wesent- 
lich anders behandelt ist ? als Amerika ? dazu trugen nicht wenig bei 
die Lehren von Mannern wie Rousseau, der Gedanke, dass alle Men- 
schen ? mochten sie nun durch Stande oder Hautfarbe und Sprache 
verschieden scheinen, in ihremWesen gleiche Menschen seien ; ja die 
Ansicht, welche man von diesen Volkern lange Zeit in Europa hegte, 
beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken 7 da sie hauptsachlich durch 
die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese aber eifrige An- 



hanger Rousseau's waren. 



Neben jenen Hauptforderungen der 



Mensehheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie an- 
fiihren ? abeivauch ebensowenig ganz iibersehen, und dahin gehort die 
Erweckung des reinen Schonheitssinnes, der wahren Kunst durch die 
Griechen. Wahrend nun im Leben der Volker und der Einzelnen es 
sich nur allzuhaufig zeigt, dass die grosste Ausbildung der Intelligenz 
auf die sittiiche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, 
so fordert umgekehrt jeder sittiiche Fortschritt der menschliclien Ge- 
sellschaft ihre intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche 
Forderung gar nicht zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sitt- 
iiche Fortschritt die Mensehheit in ihrem ganzen Wesen hebt und 
weiter entwickelt, und nur wo dieser Doppelfortschritt geschieht, 
kann von einem wirklichen Hohersteigen die Rede sein. Man hebt 
nie ein Volk nur durch Industrie und Lehranstalten , wenn man es 
dadurch audi reich und wohl unterrichtet machen kann ; man hebt 
es nur, wenn man seine idealen Anschauungen lautert und fordert. 
Dass aber eine Forderung nicht etwa dadurch eintritt , dass man der 
Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als das einzig heil- 
volle aufzwingen will, das liegt auf der Hand, X 









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Was wircrnim die "Zukunft der Naturvolker sein? Geradezu 
vernichtet sind nur wenige bis jetzt und noch konnen wir, und da 
wir Unfahigkeit zur Entwickelung ? leibliche oder geistige, nirgends 
bei ibnen finden, noch mflssen wir hoffen. Preilich ist viel verdor- 
ben; und die Leichtigkeit der Annaherung, das Vertrauen, mit dem 
sie der Kultur entgegenkamen, ist bei den meisten unwiederbringlich 

verloren. 

Wie bisher die Missionare die grossten Verdienste urn diese 

Volker haben, so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, 

j Wenn wir bedenken, 

dass die Polynesier man kann wohl sagen ihre Rettung bisher ilmen 
verdanken, dass die Hottentotten und so maneher amerikanische 
Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit batten, auch die guten 
Seiten der Kultur an sich zu erfahren ; so konnen wir nicht dringend 
genug wtinschen, dass ihr Werk sich segensreich immer weiter aus- 






unsere Augen zunachst auf die Missionare. 




breiten moge. 



Dazu gehort zunachst Unterstiitzung durch die welt- 



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lichen Machte , freilich anders als sie von Frankreich den katholi- 
schen Missionaren zu Theii wurde : denn die Staaten mussten, im 
Interesse der jedesmaligen Eingeborenen , jede segensreiche Wirk- 













samkeit deichviel von welcher Confession 



leichmassig 



schutzen. 






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Und so hat sich, urn gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom 
anthropologischen Standpunkt aus die katholische Kirch e und Frank- 
reich in ihrern Dienst in der Sttdsee schwer vergangen. Die Machte, 
welche unter den Naturvolkern Kolonien haben, England besonders, 
haben den grossten Vortheil von einer tiichtigen Wirksamkeit der 
Missionare ; denn einmal werden durch sie unntitze Kriege, die doch 
* ' auch den Weissen oft schadlich genug sind, vermieden, und ferner 
^^ die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man sollte also 

von Staatswegen die Missionen mit alien Mitteln stlttzen (nicht ge- 
waltsam einfiihren, nur stutzen) , aber auch zugleich ein wachsames 
Auge auf sie haben und sie nothigen Falles zur Rechenschaft ziehen. 
Denn Menschlichkeiten konnen vorkommen und sind auch unter den 
protestantischen Missionaren der Siidseevorgekommen, welche z. B. in 

Neuseeland durch ihre Landankaufe und Spekulationen sich und ihrer 



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/ Sache und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben . Aber auch die 



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Missionare mtissen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. 
Sie mtissen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Ein- 
sicht gelangen , dass es nichts hilft , Volker zu taufen oder sie auf 
abstrakte und fur jene Menschen ebenso unverstandliche wie un~ 
brauchbare Lehrbegriife hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Gei- 
steskrafte weckt, die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. 

Nach dieser Seite 



wer wollte es laugnen? iibersteigt es doch auch 









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hier ganz fehlerlos zu handeln bei weitem menschliche Kraft — nach 
dieser Seite haben beide Kirchen viel verfehlt ; die katholische durch 
oft ganz beispiellos leichtshmiges Taufen, wobei sie das Heidenthum 
ruhig bestehen liess (Beispiele fur diese harte Beliauptung liefern die 
Annales de la propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug ; 
wir fithren einzelnes der Kttrze halber nicht an) , die protestantische 
durch allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrak- 
ten Lehrsatze. Dock wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere 
Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen mussen, wennwirauch 
fern sind, zu verkennen, was die katholisclie Kirche grosses geleistet 
hat. Manner wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, 
welehe fast der einzige Sehutz der unterdruekten Amerikaner waren, 
so viele Jesuiten, die mit dem grossten Glaubenseifer sich jeglicher 
Gefahr fur das Christenthum unterzogen, wie z. B. der gewaltige 
San Vitores auf den blutgetrankten Marianen ; alle diese Manner 
mussen in erster Reihe genannt werden, wenn es sich urn Darstel- 
lung der Verdienste der Mission handelt. 

Man mache die Naturvolker erst zu Menschen, dann zu Chri- 
sten ; man bilde sie langsam zu der und durch die Kultur vor, der en 
hochste Bliithe das Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen 
und Erkennen , und ware es der hochsten Weisheit, Thatigkeit viel- 
mehr und selbstandiges Bauen des eigenen Lebens gibt dem Menschen 
erst sittlichen Halt und sittliche Kraft : diese wecke, gestalte, be- 
fordere man und man wird das Christenthum fordern. 1st es doch 
wahr, dass jene Verbrecher , welehe aus den Deportationsorten ent- 
sprangen und sich an verschiedenen Stellen Ozeaniens niederliessen, 
durch die Bruchstucke von Kultur, welehe sie den Eingeborenen 
mittheilten, dem Christenthum und den Missionaren den Weg ge- 
bahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten und 
obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten. 
Will man aber ohne geniigende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, 
so wird man nichts wirken ; die Missionsberichte (b eider Confessio- 
nen) beweisen zur Gentige, wie thoricht ein solches Streben ist und 
wie es oft zu den allergrobsten Selbsttauschungen ftthrt. Nur die 
liebevollste Arbeit und aufopferndste Hingebung vieler Generationen 
kann hier wirklichen und bleibenden Erfolg erringen. Man muthe 
doch nicht den Naturvolkern zu , die Hohe der Bildung im Fluge zu 
ersteigen , welehe die begabtesten Kulturvolker im Laufe von Jahr- 
tausenden und mit so haufigem Ruckfall, so heissem Kampfe, so 









stetiger Arbeit sich errungen haben. 

Aber auch die weltliche Macht muss Httlfe bringen ; zunachst 
negativ ? indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionare 
bauen ? ulitergraben und einreissen ; und ferner positiv , indem sie 
das von jenen begonnene weiterfiihrt. Sie muss die Eingeborenen in 
ihren naturlichen Rechten schutzen, das Eigenthumsrecht an den 



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von ihnen bewohnten Boden anerkeimen und aufs Strengste darauf 
halten, dass ihnen von Seiten der Kolonisten kein Unrecht geschieht. 
Freilich werden solche Manner wie Lord Grey, die mit der grossten 
Umsicht und Energie die reinste Menschenliebe besitzen, nicht haufig 
gefunden werden ; aber man kann auch in der Wahl einer obersten 
Kolonialverwaltung nicht zu viel thun. Specielle Vorschlage haben 
Grey fur Australien, Dieffenbach fur Neuseeland, Andere fiir andere 



Volker gemacht; und es liesse sich, bei alien Schwierigkeiten, 



wenn die Machte, welche Kolonien besitzen, also vor alien Din- 

ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhilten, viel 



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England 



Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich 
haben die englischen und tiberhaupt die europaischen Matrosen meist 
nur das eine Recht der Gewalt ; die Frevel, die sie an jenen Volker n 
begehen, bleiben ungestraft, wahrend es mit den argsten Strafen 
heimgesucht wird, wenn die Eingeborenen irgend an Weissen fre- 
veln. Zum Theil ist diese linger echtigkeit noting, urn die fern en 
Weissen zu schtitzen ; theils aber liegt sie auch in der selbst noch 
sehr mangelhaften moralischen Entwickelung der Weissen, welche 
an solchen Gewaltthaten im grossen Garizen kaum einen Frevel 
sehen. Was soil man dazu sagen, wenn Schandgeschichten wie die 
folgende miter Englands offiziellem Schutz geschehen und in den 
Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz erzahlt werden? Nach 
der Ermordung eines Kaufmanns *) erschien das englische Kriegs- 
schiiT Perseus, Capitan Stevens, 1867 im Fruhjahr vor der Palaus 
(Pelewsinseln, westliches Mikronesien) , um Genugthuung zu fordern : 
es zeigte sich , das der Kaufmann auf Befehl des Konigs, auf dessen 
Insel Koror er lebte und Grundeigenthum besass, ermordet sei, weil 






*) Der getodtete Englander hiess Cheyne und ist derselbe, welcher 
das auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the 
Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat 
(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine andereri 
Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig ge- 
kannten westlichen Theiles des stillen Ozeans ; so hat man doch bei der 
Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne , selbst Sandelholzhandler 
(und Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschil- 
derten Volker sehr haufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen lasst. 
So schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare, 
Uea, Tanna, Erromango u. s. w.) als wild und »hochst verratherisch« und 
war selbst haufig mit ihnen imStreit. Ebenso erzahlt er von alien Karo- 
liniern, dass man ihnen nicht trauen diirfe. Er steht also selbst auf deiu 
Standpunkt der Sandelholzhandler und beachtet nicht, was die Eingebo- 
renen von diesen an Ungerechtigkeit, Eaub und roher Gewalt zu leiden 
hatten. Nach der Lektiire seines Buches wundert man sich nicht, dass 
er ein solches Ende. genommen hat; das ganz einseitige Betonen seiner 
Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es fallt daher 
von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgange in Koror, sowohl auf 
sein Auftreten als auf den Eacheakt des englischen Kriegsschiffes, 







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er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft katte. 



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nun Stevens einsab, heisst es, dass jener besser getkan katte, keine 
Mordwaffen zu verkaufen«, so glaubte er dock streng verfakren zu 
miissen und verlangte Hinricktung des Konigs. Die Insulaner, von 
dem KriegssckifF bedrangt, bescklossen, sick nickt zu widersetzen 
aber sie baten, dass die Hinricktung von Matrosen des Sckiffes aus- 
gefukrt wiirde, was Stevens nickt zuliess. »Insulaner sollten das 
Werk tkun<(. So gesckak es denn. Und es gesckak nock mekr. 
Die so bekandelten Insulaner riefen den Sckiffscapitan zu ikrem 
Konig aus. »Er nakm auck sofort die Krone an und bewies, dass 
er die koniglicke Prerogative in erspriesslicker Weise zu niltzen 
versteke. Er befakl seinen Untertkanen, Hiikner, Eier Fruekte und 
sonst nock manckerlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem 
Befebl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergiitung fur die geliefer- 
ten Sacken blieb ausser Frage, dock war seine improvisirte Majestat 
so gtitig, einige Gesckenke, als da sind : Messer, Sckeeren u. dergl. 
verabfolgen zu lassen. Als dies gesckeken war, dankte er ab und 
iiberliess den Paleuinsulanern , sick nun einen anderen Konig nack 
ikrem Gesckmack zu sucken« (Globus 12, 59 , nack der Overland 
Ckina Mail v. 30. Mai 1867 und der »Presse« zu Manila). Heisst das 
nickt, jede Selbstacktung eines Volkes mit Fiissen treten? nickt, der 
Gerecktigkeit und Menscklickkeit insGesickt scklagen? Und das tkat 
ein Vertreter des engliscken Staates im Nanien der Gerecktigkeit! 
Und eine solcke Gesckickte erkeitert als Anekdote ein europaisckes 
Publikum ! Die Insulaner mussten , trotz ikrer Bitten, ikren eigenen 
Konig ersckiessen , weil er sick eines gegen ikn entsckieden feindlick 

anders, allerdings auf frevelkaftem Wege, entledigt 
katte ! So lange solcke Gesckickten nock moglick sind, so lange ist 
allerdings fur die Naturvolker nock nickt allzuviel zu koffen. Und 
sie werden , wir befurckten es, nock lange moglick sein ; so lange 
wenigstens sicker als die Kulturvolker sick von ganz anderem Stoff 


















































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denen man wokl die Gestalt. aber keines- th 

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diinken, als jene »Wilden 

wegs die Reckte eines Menscken zugestekt. 

Gegen diese ganzlicke Aussckliessung von allem europaiscken 
Leben , wie es die Eingeborenen in den Koloniallandern fast immer 



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zu dulden kaben, mflsste der Staat, was in seinen Kraften stekt, tkun, 
wenn er jene wirklick keben wollte : denn das ist es, was sie jetzt 
am meisten von der Kultur ab und im Elend zurlickkalt. Aber das 
wird sckwer, wo nickt unmoglick sein; und die Mensekkeit, so 
sckeint es, wird erst nock mancken Sckritt vorwarts tkun miissen, 



eke diese Gleickstellung (wenn sie dann nock moglick ist) auck nur 



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Sinne wokl sagen kann, alles , was in Europa zur Hebung der weis- 
sen Bevolkerung und ikres sittlicken Lebens gesckiekt, das kommt 
auck mittelbar den Naturvolkern zu gut. 






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§ 24. Werth der Naturvolker filr die Menschheit mid ihre 



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Entwkkelmig . Schluss . 

Aber, so mussen wir nocli tragen, kann man uberhaupt emem 




























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Staat, den civilisirten Volkern zumuthen , so viel Mtih und Arbeit an 
die Naturvolker zu verwenden , die sie docli anderen Zwecken und 
vielleicht besseren oder doch nutzlicheren entziehen miissen? Kann 
%ian nicht mifc Fug und Recht von dem werthlosen Leben dieser 
rohen Nationen Talleyrands beriichtigtes je n'en vols pas la neces- 
sity sagen? Wie man vom Standpunkte des Christenthums hierauf 
antworten muss , welches lehrt, dass alle Menschen Briider und vor 
Gott gleicli sind, liegt auf der Hand ; und wo wird denn ein strenges 
Christenthum inehr zur Schau getragen , als im offentlichen Leben 
Englands und Amerikas f Aber auch vom Standpunkt der Philoso- 
phic aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Yolker fur 
eine wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen miissen. Der empi- 
rische Forscher wird nach genauer historischer und naturwissen- 
schaftlicher Betrachtung der Welt sehen 7 dass die Gesammtheit der 

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Natur als solche dem Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen 
grossen Abtheilungen der Natur, wie die Gattungen, Arten und Indi- 
viduen. Das Gesetz dieser Entwickelung besteht aber darin, dass 
Alles, Gesammtheit und Einzelnwesen, eine grossere Vollkommenheit, 
Festigkeit und Sicherheit der.Existenz anstreben. \\\ diesem Ent- 
wickelungsgange liat die Natur selbst die Werthbestimmungen ge- 
, setzt, dass sie das Individuum der Art, die Art der Gattung, die Gat- 
tung der Familie, kurz das Beschranktere dem Grosseren unterord- 
net, ja wenn es im Interesse des Grosseren noth thut, aufopfert. Es 
wtlrde spirituaiistische Verkennung unseres Standpunktes sein, wel- 
ehen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir Men- 
schen fiir uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie fur die 
gesammte Natur gelten ; zeigt doch auch alle historische Entwieke- 



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lung, dass wir unter ganz denselben stehen, wie die ubrigen Orga- 
nismen alle, nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also 
der Natur Erhaltung und Forderung des Ganzen Hauptzweck ist, so 
muss er es auch uns Menschen sein, und zwar zunachst Erhaltung 
und Forderung der menschlichen Gesellschaft , da unsere Thatigkeit 
zunachst unserer eigenen Gattung naturmassig gehort. Das aber 
heisst schlecht dem Ganzen dienen , wenn man lebensfahige Keirne 
desselben , bloss weil sie nicht im gleichen Lenz und nach gleicher 
Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten wollte. Wer weiss, zu 
welchem Endzweck auch sie der Natur dienen konnen! Und Nie- 
mand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den Yolkern 
von hoherer Kultur Nutzen brachte. Wenn wir von diesem philo- 
f "sophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwicke- 






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lung forschen , so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen 
mttssen (Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen 
Zusanimenschluss der Individuen, welclie sich im Naturzustande 
selbstsuchtig 7 also feindlich gegeniiber stelien, die menschliche Ge 



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sellschaft dauernd und fest , andererseits bringt sie erst, indem sie ** 



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Menschheit zu hoherer EntwickeluiJ 

wiclitigste Seite des menschlichen Lebens, die Thatigkeit des Geistes 
tiberhaupt erst ermoglicht. Zu diesem Endzweek menschliclier Ent- 
wiekelung ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe sehon 
civilisirter Nationen uncivilisirten gegeniiber kann nur die sein, die 
Civilisation auch zu jenen hinzutragen, niclit aber durch die reicli- 
licheren und wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch 
darf hierbei niclit ttbersehen werden, wie niclits der Civilisation selbst 



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auf diese Weise eine Menge uberschiissiger Kraft frei macht, die 

Sie allein ist es ? welclie die 


















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gefahrliclier ist ? als Zuriicksinken in Roliheit, weil ein solches mit > 

stats zunelimender Geschwindigkeit, gleichsam nacli den Fallgesetzen 







vor sich gelit. Das wtiste Verfahren gegen die Naturvolker ist aber 







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ein solches Zuriicksinken in Roliheit und wie beim langeren Yernich- 



tungskampf gegen sie jene Rohheit schrecklich wachst , das kaben r '7/ / 



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Gauze Stamme civilisirter Nationen sind durch ~ 



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wir schon gesehen. 
sie, zu der sich dann noch Faulheit und Genusssucht gesellten, in die 
ausserste Barbarei zuriickgesunken oder dock weiiigstens merklich in 
ihrer Entwickelung aufgehalten : so die Hollander am Cap, die Spa- 
nier und Portugiesen und zum Theil die Englander in Amerika. Das 
ewige Blutvergiessen und Morden musste sie immer gleichgiiltiger, 












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immer roher machen und dadurch 



wan den selbst verstandlich gar 



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manche andere Interessen : Faulheit und so manches andere, obwohl 
gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen Vorrath mit- 
brachten, war die natiirliche Folge der fortgesetzten Grausamkeit. 
Fiihrt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen und f 
moralischen mehr ins praktische Gebiet ? so gibt es auch noch andere * 
praktische Griinde, welclie fiir Schonung und Hebung der Naturvol- 



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kei\ keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt aus 



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' einander. dass bei den grossen Unterschieden in der Naturuingebung fa 



der Menschen, bei den mannigfaltigen Fahigkeiten und Eigenschaften, 



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* welche die verschiedenen Volker im und durch den Lauf der Zeiten 

entwickeln, die Civilisation der gesammten Menschheit auch in lioch- / i^, 


















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ster Vollendung keine ganz gleiche zu sein braucht, ja auch nur sein 
kann. »Ohne dass ein Volk dem anderen die mater ielle oder die 
geistige Arbeit ganz abnehmen konnte, wiirde sich doch das Verhalt- 
niss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei anderen die andere 















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, ^ f r .Jat der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht trate, dass einige 













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in der einen, andere m der anderen Richtung sich produktiver zeigten 
iind dem entsprechend auf die iibrigen wirkten und ihnen mittheilten. 












Den Tropenlandern wiirde alsdann mehr oder weniger allgemein die 

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' die der geistigen Gitter zuf alien. Eine hohe Stufe intellektueller Bil- 







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tiefes Denken und eine durcligebildete, auf feiner mid vielsei- 

scheint bei der geistigen £r- 
sehlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in der heissen 
Zone fur den Europaer wie fur den Eingeborenen mit sich bringt« 
(I, 485). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen erschlaf- 
fend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den 
Eingeborenen , so ist es fiir ersteren der grosste Vortheil, wenn ihm 
Unterstutzung von letzteren zu Theil wurde. Von wie grossem Segen 
ware es fur alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feind- 
schaft mit den Eingeborenen zu leben , in ihnen Heifer und freund- 
3 s liche und intelligente Arbeiter zu finden und so empfielilt sich schon 

von rein praktischer Seite fiir den Europaer die Schonung und He- 
bung der Natur volker durchaus. 






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Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die 

tfatur ware, was sie als niitzliche 
Dankesgabe fiir eine ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben konnten. 
Hatten dock einige von ihnen reiche und originelle Kultureii ent- 
wickelt, deren Zerstorung ein unersetzlicher Verlust fttr die Menseh- 
heit ist. Zunachst ist es die Hohe und Reinheit der mexikanischen 
Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Probengibt und die auch hinter den 
Lehren des Christenthums keineswegs weit zuriickbleiben, was jene 
Behauptimg rechtfertigt. Zugleich aber war in Mexiko wie in Peru 
auch die intellektuelle Fahigkeit hoch entwickelt, und was sie in 
industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten u. s. w.) ist 
bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie leisteten, 
durch die Art der Eroberung verloren ; und was eine solche Kultur 
geleistet haben wiirde, wenn sie durch freundliches und allmahliches 
Bekanntwerden mit der europaischen erhoht worden ware , dariiber 
haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte 
der Kultur fur die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz 
unschatzbarer , wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die 
Entwickelung der Volker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die 
originale Verschiedenheit soldier selbstandiger Kulturen zu legen; 
durch ihr Zusammentreffen , Wetteifern, selbstandiges Schaffen wird 
mehr und allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist 
mehr und allseitiger entwickelt , als durch eine einzige in sich we- 









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sentlich gleiche Kultur. 

Moge denn von diesen Volker n wenigstens gerettet werden, 
was noch zu retten moglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung 
der Menschheit auch nach dieser Seite hin ganz unter naturalisti- 
schem Gesetz. Der »Kampf urns Dasein«, in welchem es der Star- 
kere ist, welcher siegt, zeigt sich im vollsten Maasse ; , die erstarkten 
Ra9en breiten sich aus, gewaltsam und zum Unterschied von der 









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ihnen erliegen die schwacheren. Allein der Mensch ist der Vernunft ^ \ 
und der Liebe fahig und gerade darin sollte der starkere des ver- 
nunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er schwacheres t 
liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten ; dann wurde der 
Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die Gesamtheit 
hatte einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die sie gehen 




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Cambridge University 



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Botany School 



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Druck von Breitkopf und Hartel in Leipzig, 
























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Im Verlag von Friedrich Fleischer in Leipzig sind erschienen 














Anthropologie 



der 



natukvOlker 





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von 



J3x** Theodor "W»itz 5 

Professor der Philosophie zu Marburg. 



I. Theil, a. u. d. T 



• • 



• 



Uber die Einheit des Menschenge- 







II. 



» 



: 



III. 



)) 



IV. 



» 



V. 



)) 



schlechtes und den Naturzustand des Menschen. 

Preis 2 Thlr. 15 Ngr. 

a. u. d. T. : Die Negervolker und ihre Verwandten. 
Ethnographisch und culturhistorisch dargestellt. Mit einer 



Karte und sieben Abbildungen. 



Preis 3 Thlr. 15 Ngr. 



a. u. d. T. : Die Amerikaner. Ethnographisch und cul- 
turhistorisch dargestellt. E r s t e Ha If te. Preis 8 Thlr. 

do , do . Z w e i t e II a 1 f t e . Mit z wei Karten . 

Preis 3 Thlr. 22 1 / 2 Ngr. 

I . Heft, a. u. d. T. : Die Volker der Siidsee. Ethno- 
graphisch und culturhistorisch dargestellt. Erstes Heft: 
DieMalaien. Mit einer Karte. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. 






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Eine S'tudie 



von 



Dr. Theodor Waitz 



Preis 1 Thlr 






Drnek von Breitkopf und Hartel in Leipzig. 









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