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Full text of "Gesammelte Schriften I Studien über Hysterie / Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre (1892 - 1899)"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 

SCHRIFTEN 

i 






GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



ERSTER BAND 
STUDIEN ÜBER HYSTERIE 



FRÜHE ARBEITEN ZUR 

NEUROSENLEHRE 

(1892 — 1899) 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 



Die Herausgabe dieses Bandes besorgten 
unter Mitwirkung des Verfassers 
Anna Freud und A. J. Storfer 



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzimg, vorbehalten 

Copyright 1925 by „Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m. b. H.", Wien 



Gedruckt bei Carl Fromme Ges. m. b. H., Wien V. 



Die „Studien über Hysterie von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud" 
erschienen l8pj im Verlage Franz Deuticke, Leipzig und Wien (mit dessen 
Genehmigung sie auch in diese Gesamtausgabe aufgenommen worden sind). 
Es erschienen folgende unveränderte Neuauflagen: zweite Ipop, dritte 1916, 
vierte ip22. 

Von der autorisierten englischen Ausgabe (Übersetzer Dr. A. A. Brill) 
erschien die erste Auflage New York ipop, die zweite l<?12, die dritte Ip20. 
Der erste Teil des Buches („Über den psychischen Mechanismus hysterischer 
Phänomene") erschien auch in der internationalen Hilfssprache „Ido" (über- 
setzt von Bakonyi), Budapest ip 18. 

Die „Studien über Hysterie von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud" 
enthielten ursprünglich als I. Teil die von den beiden Verfassern gemeinsam 
geschriebene Arbeit „Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene" 
als II. Teil fünf Krankengeschichten (und zwar die erste — Frl. Anna O . . . ■ — 
von Breuer, die vier anderen von Freud, als III. Teil eine Arbeit von Breuer 
(„Theoretisches"), als IV. (letzten) Teil eine Arbeit von Freud („Zur Psycho- 
therapie der Hysterie"). In dieser Gesamtausgabe sind die nur von Breuer 
herrührenden Arbeiten (d. h. die Krankengeschichte Frl. Anna O . . . und die 
Arbeit „Theoretisches") weggelassen worden; der von beiden Verfassern 
gemeinsam herrührende einleitende Teil ist hier mit Genehmigung von Herrn 
Dr. Breuer aufgenommen worden. 



VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE 

Wir haben unsere Erfahrungen über eine neue Methode der Erforschung 
und Behandlung hysterischer Phänomene i8g3 in einer „Vorläufigen Mit- 
teilung" 1 veröffentlicht und daran in möglichster Knappheit die theoreti- 
schen Anschauungen geknüpft, zu denen wir gekommen waren. Diese 
„Vorläufige Mitteilung" wird hier, als die zu illustrierende und zu erwei- 
sende These, nochmals abgedruckt. 

Wir schließen nun hieran eine Reihe von Krankenbeobachtungen, bei 
deren Auswahl wir uns leider nicht bloß von wissenschaftlichen Rücksichten 
bestimmen lassen durften. Unsere Erfahrungen entstammen der Privat- 
praxis in einer gebildeten und lesenden Gesellschaftsklasse und ihr Inhalt 
berührt vielfach das intimste Leben und Geschick unserer Kranken. Es 
wäre ein schwerer Vertrauensmißbrauch, solche Mitteilungen zu veröffent- 
lichen, auf die Gefahr hin, daß die Kranken erkannt und Tatsachen in 
ihrem Kreise verbreitet werden, welche nur dem Arzte anvertraut wurden. 
Wir haben darum auf instruktivste und beweiskräftigste Beobachtungen 
verzichten müssen. Dieses betrifft naturgemäß vor allem jene Fälle, in 
denen die sexualen und ehelichen Verhältnisse ätiologische Bedeutung haben. 
Daher kommt es, daß wir nur sehr unvollständig den Beweis für unsere 
Anschauung erbringen können: die Sexualität spiele als Quelle psychischer 
Traumen und als Motiv der „Abwehr", der Verdrängung von Vorstellungen 
aus dem Bewußtsein, eine Hauptrolle in der Pathogenese der Hysterie. 
Wir mußten eben die stark sexualen Beobachtungen von der Veröffent- 
lichung ausschließen. 

Den Krankengeschichten folgt eine Reihe theoretischer Erörterungen 
und in einem therapeutischen Schlußkapitel wird die Technik der „kathar- 

i) Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Neurologisches 
Zentralhlatt 1893, Nr. 1 und 2. 



Studien über Hysterie 



tischen Methode" dargelegt, so wie sie sich in der Hand des Neurologen 
entwickelt hat. 

Wenn an manchen Stellen verschiedene, ja sich widersprechende Mei- 
nungen vertreten werden, so möge das nicht als ein Schwanken der Auf- 
fassung betrachtet werden. Es entspringt den natürlichen und berechtigten 
Meinungsverschiedenheiten zweier Beobachter, die bezüglich der Tatsachen 
und der Grundanschauungen übereinstimmen, deren Deutungen und Ver- 
mutungen aber nicht immer zusammenfallen. 

April 189J 

J. Breuer, S. Freud. 



VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE 

Die unveränderte Wiedergabe des Textes der ersten Auflage war auch 
für meinen Anteil 1 an diesem Buche das einzig Mögliche. Die Entwicklung 
und Veränderungen, welche meine Anschauungen im Laufe von 13 Arbeits- 
jahren erfahren haben, sind doch zu weitgehend, als daß es gelingen 
könnte, sie an meiner Darstellung von damals zur Geltung zu bringen, 
ohne deren Charakter völlig zu zerstören. Es fehlt mir aber auch das 
Motiv, das mich veranlassen könnte, dieses Zeugnis meiner anfänglichen 
Meinungen zu beseitigen. Ich betrachte 'dieselben auch heute nicht als 
Irrtümer, sondern als schätzenswerte erste Annäherungen an Einsichten, 
die sich erst nach länger fortgesetzter Bemühung vollständiger gewinnen 
ließen. Ein aufmerksamer Leser wird von allen späteren Zutaten zur 
Lehre von der Katharsis (wie: die Bolle der psychosexuellen Momente, 
des Infantilismus, die Bedeutung der Träume und der Symbolik des 
Unbewußten) die Keime schon in dem vorliegenden Buche auffinden 



1) Dr. Breuers Vorwort zur zweiten Auflage lautete: „Das Interesse, welches in 
steigendem Maße der Psychoanalyse entgegengebracht wird, scheint sich jetzt auch 
den .Studien über Hysterie' zuzuwenden. Der Verleger wünscht eine Neuauflage des 
vergriffenen Buches. Es erscheint nun hier in ■unverändertem Neudrucke, ohwohl die 
Anschauungen und Methoden, welche in der ersten Auflage dargestellt wurden, seitdem 
eine weit- und tiefgehende Entwicklung erfahren haben. Was mich selbst betrifft, so 
hahe ich mich seit damals mit dem Gegenstande nicht aktiv beschäftigt, habe keinen 
Anteil an seiner bedeutsamen Entwicklung und wüßte dem 1895 Gegebenen nichts 
Neues hinzuzufügen. So konnte ich nur wünschen, daß meine beiden in dem Buche 
enthaltenen Abhandlungen bei der Neuauflage desselben in unverändertem Abdrucke 
wieder erscheinen mögen." 



können. Auch weiß ich für jeden, der sich für die Entwicklung der 
Katharsis zur Psychoanalyse interessiert, keinen besseren Rat als den, mit 
den „Studien über Hysterie" zu beginnen und so den Weg zu gehen, 
den ich selbst zurückgelegt habe. 



Wien, im Juli I<?o8. 



Freud. 



ÜBER DEN PSYCHISCHEN MECHANISMUS 
HYSTERISCHER PHÄNOMENE 

Vorläufige Mitteilung' 1 



Angeregt durch eine zufällige Beobachtung forschen wir seit 
einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten Formen und 
Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, dem Vorgange, 
welcher das betreffende Phänomen zum ersten Male, oft vor vielen 
Jahren, hervorgerufen hat. In der großen Mehrzahl der Fälle 
gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so ein- 
gehende Krankenexamen, diesen Ausgangspunkt klarzustellen, teil- 
weise, weil es sich oft um Erlebnisse handelt, deren Besprechung 
den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich aber, weil sie sich 
wirklich nicht daran erinnern, oft den ursächlichen Zusammen- 
hang des veranlassenden Vorganges und des pathologischen Phä- 
nomens nicht ahnen. Meistens ist es nötig, die Kranken zu hypno- 
tisieren und in der Hypnose die Erinnerungen jener Zeit, wo 
das Symptom zum ersten Male auftrat, wachzurufen; dann gelingt 
es, jenen Zusammenhang aufs deutlichste und überzeugendste 
darzulegen. 

1) Diese aus dem „Neurologischen Zentralblatt", 1893, wieder abgedruckte Arbeit 
ist — vgl. oben S. 2 — von Breuer und Freud. 



Studien über Hysterie 



Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer großen 
Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie in 
praktischer Hinsicht wertvoll erscheinen. 

In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, daß 
das akzidentelle Moment weit über das bekannte und anerkannte 
Maß hinaus bestimmend ist für die Pathologie der Hysterie. 
Daß es bei „traumatischer" Hysterie der Unfall ist, welcher 
das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbstverständlich, und 
wenn bei hysterischen Anfällen aus den Äußerungen der 
Kranken zu entnehmen ist, daß sie in jedem Anfall immer 
wieder denselben Vorgang halluzinieren, der die erste Attacke 
hervorgerufen hat, so liegt auch hier der ursächliche Zusammen- 
hang klar zutage. Dunkler ist der Sachverhalt bei den anderen 
Phänomenen. 

Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, daß die ver- 
schiedensten Symptome, welche für spontane, sozusagen 
idiopathische Leistungen der Hysterie gelten, in ebenso 
stringentem Zusammenhange mit dem veranlassenden 
Trauma stehen, wie die obengenannten, in dieser Be- 
ziehung durchsichtigen Phänomene. Wir haben Neuralgien 
wie Anästhesien der verschiedensten Art und von oft jahrelanger 
Dauer, Kontrakturen und Lähmungen, hysterische Anfälle und 
epileptoide Konvulsionen, die alle Beobachter für echte Epilepsie 
gehalten hatten, petit mal und ticartige Affektionen, dauerndes 
Erbrechen und Anorexie bis zur Nahrungsverweigerung, die ver- 
schiedensten Sehstörungen, immer wiederkehrende Gesichtshalluzi- 
nationen u. dgl. m. auf solche veranlassende Momente zurück- 
führen können. Das Mißverhältnis zwischen dem jahrelang dau- 
ernden hysterischen Symptome und der einmaligen Veranlassung 
ist dasselbe, wie wir es bei der traumatischen Neurose regelmäßig 
zu sehen gewohnt sind; ganz häufig sind es Ereignisse aus der 
Kinderzeit, die für alle folgenden Jahre ein mehr minder schweres 
Krankheitsphänomen hergestellt haben. 



Der psychische Mechanismus hysterischer Phänomene 



Oft ist der Zusammenhang so klar, daß es vollständig ersicht- 
lich ist, wieso der veranlassende Vorfall eben dieses und kein 
anderes Phänomen erzeugt hat. Dieses ist dann durch die Veran- 
lassung in völlig klarer Weise determiniert. So, um das banalste 
Beispiel zu nehmen, wenn ein schmerzlicher Affekt, der während 
des Essens entsteht, aber unterdrückt wird, dann Übelkeit und 
Erbrechen erzeugt und dieses als hysterisches Erbrechen monate- 
lang andauert. Ein Mädchen, das in qualvoller Angst an einem 
Krankenbette wacht, verfällt in einen Dämmerzustand und hat 
eine schreckhafte Halluzination, während ihr der rechte Arm y 
über der Sessellehne hängend, einschläft: es entwickelt sich daraus 
eine Parese dieses Armes mit Kontraktur und Anästhesie. Sie will 
beten und findet keine Worte; endlich gelingt es ihr, ein eng- 
lisches Kindergebet zu sprechen. Als sich später eine schwere 
höchst komplizierte Hysterie entwickelt, spricht, schreibt und ver- 
steht sie nur Englisch, während ihr die Muttersprache durch 
l 1 /^ Jahre unverständlich ist. — Ein schwerkrankes Kind ist end- 
lich eingeschlafen, die Mutter spannt alle Willenskraft an, um 
sich ruhig zu verhalten und es nicht zu wecken; gerade infolge 
dieses Vorsatzes macht sie („hysterischer Gegenwille"!) ein schnal- 
zendes Geräusch mit der Zunge. Dieses wiederholt sich später bei 
einer anderen Gelegenheit, wobei sie sich gleichfalls absolut ruhig 
verhalten will, und es entwickelt sich daraus ein Tic, der als 
Zungenschnalzen durch viele Jahre jede Aufregung begleitet. — 
Ein hochintelligenter Mann assistiert, während seinem Bruder 
das ankylosierte Hüftgelenk in der Narkose gestreckt wird. Im 
Augenblicke, wo das Gelenk krachend nachgibt, empfindet er 
heftigen Schmerz im eigenen Hüftgelenke, der fast ein Jahr an- 
dauert u. dgl. m. 

In anderen Fällen ist der Zusammenhang nicht so einfach; es 
besteht nur eine sozusagen symbolische Beziehung zwischen der 
Veranlassung und dem pathologischen Phänomen, wie der Gesunde 
sie wohl auch im Traume bildet, wenn etwa zu seelischem 



IC) 



Studien über Hysterie 



Schmerze sich eine Neuralgie gesellt oder Erbrechen zu dem 
Affekte moralischen Ekels. Wir haben Kranke studiert, welche 
von einer solchen Symbolisierung den ausgiebigsten Gebrauch zu 
machen pflegten. — In noch anderen Fällen ist eine derartige 
Determination zunächst nicht dem Verständnis offen 5 hieher ge- 
hören gerade die typischen hysterischen Symptome, wie Hemi- 
anästhesie und Gesichtsfeldeinengung, epileptiforme Konvulsionen 
u. dgl. m. Die Darlegung unserer Anschauungen über diese 
Gruppe müssen wir der ausführlicheren Besprechung des Gegen- 
standes vorbehalten. 

Solche Beobachtungen scheinen uns die pathogene Analogie 
der gewöhnlichen Hysterie mit der traumatischen Neu- 
rose nachzuweisen und eine Ausdehnung des Begriffes der 
„traumatischen Hysterie" zu rechtfertigen. Bei der trauma- 
tischen Neurose ist ja nicht die geringfügige körperliche Ver- 
letzung die wirksame Krankheitsursache, sondern der Schreck- 
affekt, das psychische Trauma. In analoger Weise ergeben sich 
aus unseren Nachforschungen für viele, wenn nicht für die meisten 
hysterischen Symptome Anlässe, die man als psychische Traumen 
bezeichnen muß. Als solches kann jedes Erlebnis wirken, welches 
die peinlichen Affekte des Schreckens, der Angst, der Schani, des 
psychischen Schmerzes hervorruft, und es hängt begreiflicherweise 
von der Empfindlichkeit des betroffenen Menschen (sowie von 
einer später zu erwähnenden Bedingung) ab, ob das Erlebnis als 
Trauma zur Geltung kommt. Nicht selten finden sich anstatt des 
einen großen Traumas bei der gewöhnlichen Hysterie mehrere 
Partialtraumen, gruppierte Anlässe, die erst in ihrer Summierung 
traumatische Wirkung äußern konnten und die insofern zu- 
sammengehören, als sie zum Teil Stücke einer Leidensgeschichte 
bilden. In noch anderen Fällen sind es an sich scheinbar 
gleichgültige Umstände, die durch ihr Zusammentreffen mit 
dem eigentlich wirksamen Ereignis oder mit einem Zeitpunkte 
besonderer Reizbarkeit eine Dignität als Traumen gewonnen 



Der psychische Mechanismus hysterischer Phänomene 1 l 

haben, die ihnen sonst nicht zuzumuten wäre, die sie aber von 
da an behalten. 

Aber der kausale Zusammenhang des veranlassenden psychi- 
schen Traumas mit dem hysterischen Phänomen ist nicht etwa 
von der Art, daß das Trauma als agent provocateur das Symptom 
auslösen würde, welches dann, selbständig geworden, weiter be- 
stände. Wir müssen vielmehr behaupten, daß das psychische Trauma 
respektive die Erinnerung an dasselbe nach Art eines Fremdkörpers 
wirkt, welcher noch lange Zeit nach seinem Eindringen als gegen- 
wärtig wirkendes Agens gelten muß, und wir sehen den Beweis 
hiefür in einem höchst merkwürdigen Phänomen, welches zu- 
gleich unseren Befunden ein bedeutendes praktisches Interesse 
verschafft. 

Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer größten Überraschung, 
daß die einzelnen hysterischen Symptome sogleich und 
ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, 
die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller 
Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden 
Affekt wachzurufen, und wenn dann der Kranke den 
Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und 
dem Affekte Worte gab. Affektloses Erinnern ist fast immer 
völlig wirkungslos; der psychische Prozeß, der ursprünglich abge- 
laufen war, muß so lebhaft als möglich wiederholt, in statum 
nascendi gebracht und dann „ausgesprochen" werden. Dabei treten, 
wenn es sich um Reizerscheinungen handelt, diese: Krämpfe, 
Neuralgien, Halluzinationen — noch einmal in voller Intensität 
auf und schwinden dann für immer. Funktionsausfälle, Lähmungen 
und Anästhesien schwinden ebenso, natürlich ohne daß ihre mo- 
mentane Steigerung deutlich wäre. 1 

1) Die Möglichkeit einer solchen Therapie haben Delboeuf und Binet klar 
«rkannt, wie die beifolgenden Zitate zeigen: Delboeuf, Le magnetisme animal. 
Paris 1889: „On s 1 cxpliquerait des-lors comment le magnetisew aide ä la guerison. IL remet 
le sujet dans Vitat oü le mal s'est manifeste et combat par la parole le mime mal, mais 
renaissant." — Binet, Les alterations de la personalite. 1892, p. 245: „. . . peut-etre 



Studien über Hysterie 



Der Verdacht liegt nahe, es handle sich dabei um eine unbe- 
absichtigte Suggestion; der Kranke erwarte, durch die Prozedur 
von seinem Leiden befreit zu werden, und diese Erwartung, nicht, 
das Aussprechen selbst, sei der wirkende Faktor. Allein dem ist 
nicht so : die erste Beobachtung dieser Art, bei welcher ein höchst 
verwickelter Fall von Hysterie auf solche Weise analysiert und 
die gesondert verursachten Symptome auch gesondert behoben 
wurden, stammt aus dem Jahre 1881, also aus „vorsuggestiver" 
Zeit, wurde durch spontane Autohypnosen der Kranken ermög- 
licht und bereitete dem Beobachter die größte Überraschung. 

In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus dürfen 
wir wohl aus diesen Beobachtungen schließen, der veranlassende 
Vorgang wirke in irgend einer Weise noch nach Jahren fort, nicht 
indirekt durch Vermittlung einer Kette von kausalen Zwischen- 
gliedern, sondern unmittelbar als auslösende Ursache, wie etwa 
ein im wachen Bewußtsein erinnerter psychischer Schmerz noch 
in später Zeit die Tränensekretion hervorruft: der Hysterische 
leide größtenteils an Reminiszenzen. 1 



Es erscheint zunächst wunderlich, daß längst vergangene- 
Erlebnisse so intensiv wirken sollen; daß die Erinnerungen an 
sie nicht der Usur unterliegen sollen, der wir doch alle unsere 
Erinnerungen verfallen sehen. Vielleicht gewinnen wir durch fol- 
gende Erwägungen einiges Verständnis für diese Tatsachen. 

verra-t-on qu'en reportant le malade par un artifice mental, au moment mime oii le Symptome- 
a apparu pour la premiere fois, on rend ce malade plus docile a une Suggestion curative." — 
In dem interessanten Buche von P. Jan et: L'automatisme psychologique, Paris 1889,, 
findet sich die Beschreibung einer Heilung, welche bei einem hysterischen Mädchen 
durch Anwendung eines dem unsrigen analogen Verfahrens erzielt wurde. 

1) Wir können im Texte dieser vorläufigen Mitteilung nicht sondern, was am. 
Inhalte derselben neu ist und was sich bei anderen Autoren wie Möbius und 
Strümpell findet, die ähnliche Anschauungen für die Hysterie vertreten haben.. 
Die größte Annäherung an unsere theoretischen und therapeutischen Ausführungen 
fanden wir in einigen, gelegentlich publizierten Bemerkungen Benedikts, mit denen 
wir uns an anderer Stelle beschäftigen werden. 



Der psychische Mechanismus hysterischer Phänomene 15 

Das Verblassen oder Affektloswerden einer Erinnerung hängt 
von mehreren Faktoren ab. Vor allem ist dafür von Wichtigkeit, 
ob auf das affizierende Ereignis energisch reagiert wurde 
oder nicht. Wir verstehen hier unter Reaktion die ganze Reihe will- 
kürlicher und unwillkürlicher Reflexe, in denen sich erfahrungsgemäß 
die Affekte entladen: vom Weinen bis zum Racheakt. Erfolgt diese 
Reaktion in genügendem Ausmaße, so schwindet dadurch ein großer 
Teil des Affektes; unsere Sprache bezeugt diese Tatsache der täglichen 
Beobachtung durch die Ausdrücke „sich austoben, ausweinen" u. dgl. 
Wird die Reaktion unterdrückt, so bleibt der Affekt mit der Er- 
innerung verbunden. Eine Beleidigung, die vergolten ist, wenn 
auch nur durch Worte, wird anders erinnert, als eine, die hin- 
genommen werden mußte. Die Sprache anerkennt auch diesen 
Unterschied in den psychischen und körperlichen Folgen und be- 
zeichnet höchst charakteristischerweise eben das schweigend er- 
duldete Leiden als „Kränkung". — Die Reaktion des Geschädigten 
auf das Trauma hat eigentlich nur dann eine völlig „katharti- 
sche" Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaktion ist; wie die 
Rache. Aber in der Sprache findet der Mensch ein Surrogat für 
die Tat, mit dessen Hilfe der Affekt nahezu ebenso „abreagiert" 
werden kann. In anderen Fällen ist das Reden eben selbst der 
adäquate Reflex, als Klage und als Aussprache für die Pein eines 
Geheimnisses (Beichte!). Wenn solche Reaktion durch Tat, Worte, 
in leichtesten Fällen durch Weinen nicht erfolgt, so behält die 
Erinnerung an den Vorfall zunächst die affektive Betonung. 

Das „Abreagieren" ist indes nicht die einzige Art der Erledi- 
gung, welche dem normalen psychischen Mechanismus des Ge- 
sunden zur Verfügung steht, wenn er ein psychisches Trauma 
erfahren hat. Die Erinnerung daran tritt, auch wenn sie nicht 
abreagiert wurde, in den großen Komplex der Assoziation ein, 
sie- rangiert dann neben anderen, vielleicht ihr widersprechenden 
Erlebnissen, erleidet eine Korrektur durch andere Vorstellungen. 
Nach einem Unfälle z. B. gesellt sich zu der Erinnerung an die 



14 Studien über Hysterie 



Gefahr und zu der (abgeschwächten) Wiederholung des Schreckens 
die Erinnerung des weiteren Verlaufes, der Rettung, das Bewußt- 
sein der jetzigen Sicherheit. Die Erinnerung an eine Kränkung 
wird korrigiert durch Richtigstellung der Tatsachen, durch Er- 
wägungen der eigenen Würde u. dgl., und so gelingt es dem 
normalen Menschen, durch Leistungen der Assoziation den beglei- 
tenden Affekt zum Verschwinden zu bringen. 

Dazu tritt dann jenes allgemeine Verwischen der Eindrücke, 
jenes Abblassen der Erinnerungen, welches wir „vergessen' nennen, 
und das vor allem die affektiv nicht mehr wirksamen Vorstellungen 
usuriert. 

Aus unseren Beobachtungen geht nun hervor, daß jene Erinne- 
rungen, welche zu Veranlassungen hysterischer Phänomene ge- 
worden sind, sich in wunderbarer Frische und mit ihrer vollen 
Affektbetonung durch lange Zeit erhalten haben. Wir müssen 
aber als eine weitere auffällige und späterhin verwertbare Tat- 
sache erwähnen, daß die Kranken nicht etwa über diese Erinne- 
rungen wie über andere ihres Lebens verfügen. Im Gegenteil, 
diese Erlebnisse fehlen dem Gedächtnisse der Kranken in 
ihrem gewöhnlichen psychischen Zustande völlig oder 
sind nur höchst summarisch darin vorhanden. Erst wenn 
man die Kranken in der Hypnose befragt, stellen sich diese 
Erinnerungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit frischer Ge- 
schehnisse ein. 

So reproduzierte eine unserer Kranken in der Hypnose ein 
halbes Jahr hindurch mit halluzinatorischer Lebhaftigkeit alles, 
was sie an denselben Tagen des vorhergegangenen Jahres (während 
einer akuten Hysterie) erregt hatte; ein ihr unbekanntes Tage- 
buch der Mutter bezeugte die tadellose Richtigkeit der Repro- 
duktion. Eine andere Kranke durchlebte teils in der Hypnose, 
teils in spontanen Anfällen mit halluzinatorischer Deutlichkeit alle 
Ereignisse einer vor zehn Jahren durchgemachten hysterischen 
Psychose, für welche sie bis zum Momente des Wiederauftauchens 



Der psychische Mechanismus hysterischer Phänomene 15 



größtenteils amnestisch gewesen war. Auch einzelne ätiologisch 
wichtige Erinnerungen von fünfzehn- bis fünfundzwanzigjährigem 
Bestand erwiesen sich bei ihr von erstaunlicher Intaktheit und 
sinnlicher Stärke und wirkten bei ihrer Wiederkehr mit der vollen 
Affektkraft neuer Erlebnisse. 

Den Grund hiefür können wir nur darin suchen, daß diese 
Erinnerungen in allen oben erörterten Beziehungen zur Usur eine 
Ausnahmsstellung einnehmen. Es zeigt sich nämlich, daß diese 
Erinnerungen Traumen entsprechen, welche nicht ge- 
nügend „abreagiert" worden sind, und bei näherem Eingehen 
auf die Gründe, welche dieses verhindert haben, können wir 
mindestens zwei Reihen von Bedingungen auffinden, unter denen 
die Reaktion auf das Trauma unterblieben ist. 

Zur ersten Gruppe rechnen wir jene Fälle, in denen die 
Kranken auf psychische Traumen nicht reagiert haben, weil die 
Natur des Traumas eine Reaktion ausschloß, wie beim unersetz- 
lich erscheinenden Verlust einer geliebten Person, oder weil die 
sozialen Verhältnisse eine Reaktion unmöglich machten, oder weil 
es sich um Dinge handelte, die der Kranke vergessen wollte, die 
er darum absichtlich aus seinem bewußten Denken verdrängte, 
hemmte und unterdrückte. Gerade solche peinliche Dinge findet 
man dann in der Hypnose als Grundlage hysterischer Phänomene 
(hysterische Delirien der Heiligen und Nonnen, der enthaltsamen 
Frauen, der wohlerzogenen Kinder). 

Die zweite Reihe von Bedingungen wird nicht durch den In- 
halt der Erinnerungen, sondern durch die psychischen Zustände 
bestimmt, mit welchen die entsprechenden Erlebnisse beim Kranken 
zusammengetroffen haben. Als Veranlassung hysterischer Symptome 
findet- man nämlich in der Hypnose auch Vorstellungen, welche, 
an sich nicht bedeutungsvoll, ihre Erhaltung dem Umstände 
danken, daß sie in schweren lähmenden Affekten, wie z. B. 
Schreck, entstanden sind, oder direkt in abnormen psychischen 
Zuständen, wie im halbhypnotischen Dämmerzustande des Wach- 



i6 



Studien über Hysterie 



li 



träumens, in Autohypnosen u. dgl. Hier ist es die Natur dieser 
Zustände, welche eine Reaktion auf das Geschehnis unmöglich 
machte. 

Beiderlei Bedingungen können natürlich auch zusammentreffen 
und treffen in der Tat oftmals zusammen. Dies ist der Fall, 
wenn ein an sich wirksames Trauma in einen Zustand von 
schwerem, lähmendem Affekt oder von verändertem Bewußtsein 
fällt; es scheint aber auch so zuzugehen, daß durch das psychische 
Trauma bei vielen Personen einer jener abnormen Zustände 
hervorgerufen wird, welcher dann seinerseits die Reaktion unmög- 
lich macht. 

Beiden Gruppen von Bedingungen ist aber gemeinsam, daß die 
nicht durch Reaktion erledigten psychischen Traumen auch der 
Erledigung durch assoziative Verarbeitung entbehren müssen. In 
der ersten Gruppe ist es der Vorsatz des Kranken, welcher die 
peinlichen Erlebnisse vergessen will und dieselben somit möglichst 
von der Assoziation ausschließt, in der zweiten Gruppe gelingt 
diese assoziative Verarbeitung darum nicht, weil zwischen dem 
normalen Bewußtseinszustand und den pathologischen, in denen 
•diese Vorstellungen entstanden sind, eine ausgiebige assoziative 
Verknüpfung nicht besteht. Wir werden sofort Anlaß haben, auf 
diese Verhältnisse weiter einzugehen. 

Man darf also sagen, daß die pathogen gewordenen Vor- 
stellungen sich darum so frisch und affektkräftig er- 
halten, weil ihnen die normale Usur durch Abreagieren 
und durch Reproduktion in Zuständen ungehemmter 
Assoziation versagt ist. 



Als wir die Bedingungen mitteilten, welche nach unseren Er- 
fahrungen dafür maßgebend sind, daß sich aus psychischen Traumen 
hysterische Phänomene entwickeln, mußten wir bereits von abnormen 
Zuständen des Bewußtseins sprechen, in denen solche pathogene 



Der psychische Mechanismus hysterischer Phänomene 17 



Vorstellungen entstehen, und mußten die Tatsache hervorheben, 
daß die Erinnerung an das wirksame psychische Trauma nicht 
im normalen Gedächtnisse des Kranken, sondern im Gedächtnisse 
des Hypnotisierten zu finden ist. Je mehr wir uns nun mit diesen 
Phänomenen beschäftigten, desto sicherer wurde unsere Überzeugung, 
jene Spaltung des Bewußtseins, die bei den bekannten klassi- 
schen Fällen als double conscience so auffällig ist, bestehe in 
rudimentärer Weise bei jeder Hysterie, die Neigung zu 
dieser Dissoziation und damit zum Auftreten abnormer 
Bewußtseinszustände, die wir als „hypnoide" zusammen- 
fassen wollen, sei das Grundphänomen dieser Neurose. 
Wir treffen in dieser Anschauung mit Bin et und den beiden 
Janet zusammen, über deren höchst merkwürdige Befunde bei 
Anästhetischen uns übrigens die Erfahrung mangelt. 

Wir möchten also dem oft ausgesprochenen Satze: „Die Hypnose 
ist artefizielle Hysterie" einen andern an die Seite stellen: Grund- 
lage und Bedingung der Hysterie ist die Existenz von hypnoiden 
Zuständen. Diese hypnoiden Zustände stimmen, bei aller Ver- 
schiedenheit, untereinander und mit der Hypnose in dem einen 
Punkte überein, daß die in ihnen auftauchenden Vorstellungen 
sehr intensiv, aber von dem Assoziativverkehr mit dem übrigen 
Bewußtseinsinhalt abgesperrt sind. Untereinander sind diese hypno- 
iden Zustände assoziierbar, und deren Vorstellungsinhalt mag auf 
diesem Wege verschieden hohe Grade von psychischer Organi- 
sation erreichen. Im übrigen dürfte ja die Natur dieser Zustände 
und der Grad ihrer Abschließung von den übrigen Bewußtseins- 
vorgängen in ähnlicher Weise variieren, wie wir es bei der 
Hypnose sehen, die sich von leichter Somnolenz bis zum Som- 
nambulismus, von der vollen Erinnerung bis zur absoluten Amnesie 
erstreckt. 

Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der manifesten 
Erkrankung, so geben sie den Boden ab, auf welchem der Affekt 
die pathogene Erinnerung mit ihren somatischen Folgeerschei- 

Freud, I 



l8 Studien über Hysterie 






nungen ansiedelt. Dies Verhalten entspricht der disponierten 
Hysterie. Es ergibt sich aber aus unseren Beobachtungen, daß ein 
schweres Trauma (wie das der traumatischen Neurose) eine mühe- 
volle Unterdrückung (etwa des Sexualaffektes) auch bei dem sonst 
freien Menschen eine Abspaltung von Vorstellungsgruppen be- 
werkstelligen kann, und dies wäre der Mechanismus der psychisch 
akquirierten Hysterie. Zwischen den Extremen dieser beiden 
Formen muß man eine Reihe gelten lassen, innerhalb welcher 
die Leichtigkeit der Dissoziation bei dem betreffenden Individuum 
und die Affektgröße des Traumas in entgegengesetztem Sinne 
variieren. 

Wir wissen nichts Neues darüber zu sagen, worin die dispo- 
nierenden hypnoiden Zustände begründet sind. Sie entwickeln sich 
oft, sollten wir meinen, aus dem auch bei Gesunden so häufigen 
„Tagträumen", zu dem z. B. die weiblichen Handarbeiten so viel 
Anlaß bieten. Die Frage, weshalb die „pathologischen Assoziationen", 
die sich in solchen Zuständen bilden, so feste sind und die soma- 
tischen Vorgänge so viel stärker beeinflussen, als wir es sonst von 
Vorstellungen gewohnt sind, fällt zusammen mit dem Probleme 
der Wirksamkeit hypnotischer Suggestionen überhaupt. Unsere 
Erfahrungen bringen hierüber nichts Neues; sie beleuchten da- 
gegen den Widerspruch zwischen dem Satze: „Hysterie ist eine 
Psychose", und der Tatsache, daß man unter den Hysteri- 
schen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten und 
kritischsten Menschen finden kann. In diesen Fällen ist solche 
Charakteristik richtig für das wache Denken des Menschen; in 
seinen hypnoiden Zuständen ist er alieniert, wie wir es alle im 
Traume sind. Aber während unsere Traumpsychosen unseren 
Wachzustand nicht beeinflussen, ragen die Produkte der hypno- 
iden Zustände als hysterische Phänomene ins wache Leben 
hinein. 



Der psychische Mechanismus hysterischer Phänomene ig 



Fast die nämlichen Behauptungen, die wir für die hysterischen 
Dauersymptome aufgestellt haben, können wir auch für die hysteri- 
schen Anfälle wiederholen. Wir besitzen, wie bekannt, eine von 
Charcöt gegebene schematische Beschreibung des „großen" hyste- 
rischen Anfalles, welcher zufolge ein vollständiger Anfall vier 
Phasen erkennen läßt: 1) die epileptoide, a) die der großen Be- 
wegungen, 5) die der attitudes passionelles (die halluzinatorische 
Phase), 4) die des abschließenden Deliriums. Aus der Verkürzung 
und Verlängerung, dem Ausfall und der Isolierung der einzelnen 
Phasen läßt Charcot alle jene Formen des hysterischen Anfalles 
hervorgehen, die man tatsächlich häufiger als die vollständige 
grande attaque beobachtet. 

Unser Erklärungsversuch knüpft an die dritte Phase, die der 
attitudes passionelles an. Wo dieselbe ausgeprägt ist, liegt in ihr 
die halluzinatorische Reproduktion einer Erinnerung bloß, welche 
für den Ausbruch der Hysterie bedeutsam war, die Erinnerung 
an das eine große Trauma der m%° s^oxnv sogenannten trauma- 
tischen Hysterie oder an eine Reihe von zusammengehörigen 
Partialtraumen, wie sie der gemeinen Hysterie zugrunde liegen. 
Oder endlich der Anfall bringt jene Geschehnisse wieder, welche 
durch ihr Zusammentreffen mit einem Momente besonderer Dis- 
position zu Traumen erhoben worden sind. 

Es gibt aber auch Anfälle, die anscheinend nur aus motorischen 
Phänomenen bestehen, denen eine phase passioneile fehlt. Gelingt 
es bei einem solchen Anfalle von allgemeinen Zuckungen, kata- 
leptischer Starre oder bei einer attaque de sommeil, sich während 
desselben in Rapport mit dem Kranken zu setzen, oder noch 
besser, gelingt es, den Anfall in der Hypnose hervorzurufen, so 
findet man, daß auch hier die Erinnerung an das psychische 
Trauma oder an eine Reihe von Traumen zugrunde liegt, die 
sich sonst in einer halluzinatorischen Phase auffällig macht. Ein 



\ 




kleines Mädchen leidet seit Jahren an Anfällen von allgemeinen 
Krämpfen, die man für epileptische halten könnte und auch 
gehalten hat. Sie wird zum Zwecke der Differentialdiagnose 
hypnotisiert und verfällt sofort in ihren Anfall. Befragt: Was 
siehst du denn jetzt? antwortet sie aber: Der Hund, der Hund 
kommt, und wirklich ergibt sich, daß der erste Anfall dieser 
Art nach einer Verfolgung durch einen wilden Hund aufgetreten 
war. Der Erfolg der Therapie vervollständigt dann die diagno- 
stische Entscheidung. 

Ein Angestellter, der infolge einer Mißhandlung von sehen 
seines Chefs hysterisch geworden ist, leidet an Anfällen, in denen 
er zusammenstürzt, tobt und wütet, ohne ein Wort zu sprechen 
oder eine Halluzination zu verraten. Der Anfall läßt sich in der 
Hypnose provozieren, und der Kranke gibt nun an, daß er die 
Szene wieder durchlebt, wie der Herr ihn auf der Straße be- 
schimpft und mit einem Stocke schlägt. Wenige Tage später 
kommt er mit der Klage wieder, er habe denselben Anfall von 
neuem gehabt, und diesmal ergibt sich in der Hypnose, daß er 
die Szene durchlebt hat, an die sich eigentlich der Ausbruch der 
Krankheit knüpfte; die Szene im Gerichtssaale, als es ihm nicht 
gelang, Satisfaktion für die Mißhandlung zu erreichen usw. 

Die Erinnerungen, welche in den hysterischen Anfällen hervor- 
treten oder in ihnen geweckt werden können, entsprechen auch 
in allen anderen Stücken den Anlässen, welche sich uns als Gründe 
hysterischer Dauersymptome ergeben haben. Wie diese, betreffen 
sie psychische Traumen, die sich der Erledigung durch Abreagieren 
oder durch assoziative Denkarbeit entzogen haben; wie diese, 
fehlen sie gänzlich oder mit ihren wesentlichen Bestandteilen dem 
Erinnerungsvermögen des normalen Bewußtseins und zeigen sich 
als zugehörig zu dem Vorstellungsinhalte hypnoider Bewußtseins- 
zustände mit eingeschränkter Assoziation. Endlich gestatten sie 
auch die therapeutische Probe. Unsere Beobachtungen haben uns 
oftmals gelehrt, daß eine solche Erinnerung, die bis dahin Anfälle 



Der psychische Mechanismus hysterischer Phänomene 



provoziert hatte, dazu unfähig wird, wenn man sie in der Hypnose 
zur Reaktion und assoziativen Korrektur bringt. 

Die motorischen Phänomene des hysterischen Anfalles lassen 
sich zum Teil als allgemeine Reaktionsformen des die Erinnerung 
begleitenden Affektes (wie das Zappeln mit allen Gliedern, dessen 
sich bereits der Säugling bedient), zum Teil als direkte Ausdrucks- 
bewegungen dieser Erinnerung deuten, zum andern Teil entziehen 
sie sich ebenso wie die hysterischen Stigmata bei den Dauer- 
symptomen dieser Erklärung. 

Eine besondere Würdigung des hysterischen Anfalles ergibt sich 
noch, wenn man auf die vorhin angedeutete Theorie Rücksicht 
nimmt, daß bei der Hysterie in hypnoiden Zuständen entstandene 
Vorstellungsgruppen vorhanden sind, die vom assoziativen Verkehre 
mit den übrigen ausgeschlossen, aber untereinander assoziierbar, 
ein mehr oder minder hoch organisiertes Rudiment eines zweiten 
Bewußtseins, einer condition seconde darstellen. Dann entspricht 
ein hysterisches Dauersymptom einem Hineinragen dieses zweiten 
Zustandes in die sonst vom normalen Bewußtsein beherrschte 
Körperinnervation, ein hysterischer Anfall zeugt aber von einer 
höheren Organisation dieses zweiten Zustandes und bedeutet, 
wenn er frisch entstanden ist, einen Moment, in dem sich dieses 
Hypnoidbewußtsein der gesamten Existenz bemächtigt hat, also 
einer akuten Hysterie; wenn es aber ein wiederkehrender An- 
fall ist, der eine Erinnerung enthält, einer Wiederkehr eines 
solchen. Charcot hat bereits den Gedanken ausgesprochen, daß 
der hysterische Anfall das Rudiment einer condition seconde 
sein dürfte. Während des Anfalles ist die Herrschaft über die 
gesamte Körperinnervation auf das hypnoide Bewußtsein über- 
gegangen. Das normale Bewußtsein ist, wie bekannte Erfah- 
rungen zeigen, dabei nicht immer völlig verdrängt; es kann 
selbst die motorischen Phänomene des Anfalles wahrnehmen, 
während die psychischen Vorgänge desselben seiner Kenntnisnahme 
entgehen. 




22 Studien über Hysterie 






Der typische Verlauf einer schweren Hysterie ist bekanntlich 
der, daß zunächst in hypnoiden Zuständen ein Vorstellungsinhalt 
gebildet wird, der dann, genügend angewachsen, sich während 
einer Zeit von „akuter Hysterie" der Körperinnervation und der 
Existenz des Kranken bemächtigt, Dauersymptome und Anfälle 
schafft und dann bis auf Reste abheilt. Kann die normale Person 
die Herrschaft wieder übernehmen, so kehrt das, was von jenem 
hypnoiden Vorstellungsinhalt überlebt hat, in hysterischen Anfällen 
wieder und bringt die Person zeitweise wieder in ähnliche Zu- 
stände, die selbst wieder beeinflußbar und für Traumen aufnahms- 
fähig sind. Es stellt sich dann häufig eine Art von Gleichgewicht 
zwischen den psychischen Gruppen her, die in derselben Person 
vereinigt sind; Anfall und normales Leben gehen nebeneinander 
her, ohne einander zu beeinflussen. Der Anfall kommt dann 
spontan, wie auch bei uns die Erinnerungen zu kommen pflegen, 
er kann aber auch provoziert werden, wie jede Erinnerung nach 
den Gesetzen der Assoziation zu erwecken ist. Die Provokation 
des Anfalles erfolgt entweder durch die Reizung einer hysterogenen 
Zone oder durch ein neues Erlebnis, welches durch Ähnlichkeit 
an das pathogene Erlebnis anklingt. Wir hoffen, zeigen zu können, 
daß zwischen beiden anscheinend so verschiedenen Bedingungen 
ein wesentlicher Unterschied nicht besteht, daß in beiden Fällen 
an eine hyperästhetische Erinnerung gerührt wird. In anderen 
Fällen ist dieses Gleichgewicht ein sehr labiles, der Anfall er- 
scheint als Äußerung des hypnoiden Bewußtseinsrestes, so oft die 
normale Person erschöpft und leistungsunfähig wird. Es ist nicht 
von der Hand zu weisen, daß in solchen Fällen auch der Anfall, 
seiner ursprünglichen Bedeutung entkleidet, als inhaltslose moto- 
rische Reaktion wiederkehren mag. 

Es bleibt eine Aufgabe weiterer Untersuchung, welche Bedin- 
gungen dafür maßgebend sind, ob eine hysterische Individualität 
sich in Anfällen, in Dauersymptomen oder in einem Gemenge 
von beiden äußert 



Der psychische Mechanismus hysterischer Phänomene 25 



Es ist nun verständlich, wieso die hier von uns dargelegte 
Methode der Psychotherapie heilend wirkt. Sie hebt die Wirk- 
samkeit der ursprünglich nicht abreagierten Vorstellung 
dadurch auf, daß sie dem eingeklemmten Affekte der- 
selben den Ablauf durch die Rede gestattet, und bringt 
sie zur assoziativen Korrektur, indem sie dieselbe ins 
normale Bewußtsein zieht (in leichterer Hypnose) oder 
durch ärztliche Suggestion aufhebt, wie es im Somnam- 
bulismus mit Amnesie geschieht. 

Wir halten den therapeutischen Gewinn bei Anwendung dieses 
Verfahrens für einen bedeutenden. Natürlich heilen wir nicht 
die Hysterie, soweit sie Disposition ist, wir leisten ja nichts 
gegen die, Wiederkehr hypnoider Zustände. Auch während des 
produktiven Stadiums einer akuten Hysterie kann unser Ver- 
fahren nicht verhüten, daß die mühsam beseitigten Phänomene 
alsbald durch neue ersetzt werden. Ist aber dieses akute Stadium 
abgelaufen und erübrigen noch die Reste desselben als hysteri- 
sche Dauersymptome und Anfälle, so beseitigt unsere Methode 
dieselben häufig und für immer, weil radikal, und scheint uns 
hierin die' Wirksamkeit der direkten suggestiven Aufhebung, wie 
sie jetzt von den Psychotherapeuten geübt wird, weit zu über- 
treffen. 

Wenn wir in der Aufdeckung des psychischen Mechanismus 
hysterischer Phänomene einen Schritt weiter auf der Bahn ge- 
macht haben, die zuerst Charcot so erfolgreich mit der Er- 
klärung und experimentellen Nachahmung hysterotraumatischer 
Lähmungen betreten hat, so verhehlen wir uns doch nicht, 
daß damit eben nur der Mechanismus hysterischer Symptome 
und nicht die inneren Ursachen der Hysterie unserer Kenntnis 
näher gerückt worden sind. Wir haben die Ätiologie der Hysterie 




24 



Studien über Hysterie 



nur gestreift und eigentlich nur die Ursachen der akquirierten 
Formen, die Bedeutung des akzidentellen Momentes für die 
Neurose beleuchten können. 



Wien, Dezember 1892. 



KRANKENGESCHICHTEN 

A 
Frau Emmy v. N . . ., vierzig Jahre, aus Livland 

Am 1. Mai 1889 wurde ich der Arzt einer etwa vierzig- 
jährigen Dame, deren Leiden wie deren Persönlichkeit mir so 
viel Interesse einflößten, daß ich ihr einen großen Teil meiner 
Zeit widmete und mir ihre Herstellung zur Aufgabe machte. Sie 
war Hysterika, mit größter Leichtigkeit in Somnambulismus zu 
versetzen, und als ich dies merkte, entschloß ■ ich mich, das 
Breuer sehe Verfahren der Ausforschung in der Hypnose bei ihr 
anzuwenden, das ich aus den Mitteilungen Breuers über die 
Heilungsgeschichte seiner ersten Patientin kannte. Es war mein 
erster Versuch in der Handhabung dieser therapeutischen Methode, 
ich war noch weit davon entfernt, dieselbe zu beherrschen, und 
habe in der Tat die Analyse der Krankheitssymptome weder weit 
genug getrieben noch sie genügend planmäßig verfolgt. Vielleicht 
wird es mir am besten gelingen, den Zustand der Kranken und 
mein ärztliches Vorgehen anschaulich zu machen, wenn ich die 
Aufzeichnungen wiedergebe, die ich mir in den ersten drei 
Wochen der Behandlung allabendlich gemacht habe. Wo mir 
nachherige Erfahrung ein besseres Verständnis ermöglicht hat, 
werde ich es in Noten und Zwischenbemerkungen zum Ausdrucke 
bringen: 



26 Studien über Hysterie 



i. Mai 188g. Ich finde eine noch jugendlich aussehende 
Frau mit feinen, charakteristisch geschnittenen Gesichtszügen auf 
dem Diwan liegend, eine Lederrolle unter dem Nacken. Ihr Ge- 
sicht hat einen gespannten, schmerzhaften Ausdruck, die Augen 
sind zusammengekniffen, der Blick gesenkt, die Stirne stark ge- 
runzelt, die Nasolabialfalten vertieft. Sie spricht wie mühselig, 
mit leiser Stimme, gelegentlich durch spastische Sprachstockung 
bis zum Stottern unterbrochen. Dabei hält sie die Finger inein- 
ander verschränkt, die eine unaufhörliche athetoseartige Unruhe 
zeigen. Häufige ticartige Zuckungen im Gesichte und an den 
Halsmuskeln, wobei einzelne, besonders der rechte Sternokleido- 
mastoideus plastisch vorspringen. Ferner unterbricht sie sich häufig 
in der Rede, um ein eigentümliches Schnalzen hervorzubringen, 
das ich nicht nachahmen kann. 1 

Was sie spricht, ist durchaus zusammenhängend und bezeugt 
offenbar eine nicht gewöhnliche Bildung und Intelligenz. Um so 
befremdender ist es, daß sie alle paar Minuten plötzlich abbricht, 
das Gesicht zum Ausdrucke des Grausens und Ekels verzieht, die 
Hand mit gespreizten und gekrümmten Fingern gegen mich aus- 
streckt und dabei mit veränderter angsterfüllter Stimme die Worte 
ruft: „Seien Sie still — reden Sie nichts — rühren Sie mich 
nicht an!" Sie steht wahrscheinlich unter dem Eindrucke einer 
wiederkehrenden grauenvollen Halluzination und wehrt die Ein- 
mengung des Fremden mit dieser Formel ab. 2 Diese Ein- 
schaltung schließt dann ebenso plötzlich ab, und die Kranke 
setzt ihre Rede fort, ohne die eben vorhandene Erregung weiter- 
zuspinnen, ohne ihr Benehmen zu erklären oder zu entschul- 



1) Dieses Schnalzen bestand aus mehreren Tempi; jagdkundige Kollegen, die es 
hörten, verglichen dessen Endlaute mit dem Schnalzen des Auerhahnes. 

2) Die Worte entsprachen in der Tat einer Schutzformel, die auch im wei- 
teren ihre Erklärung findet. Ich habe solche Schutzformeln seither bei einer Me- 
lancholika beobachtet, die ihre peinigenden Gedanken (Wünsche, daß ihrem Manne, 
ihrer Mutter etwas Arges zustoßen möge, Gotteslästerungen u. dgl.) auf diese Art 
zu beherrschen versuchte. 



Frau Emmy v. N . . . 



27 



digen, also wahrscheinlich ohne die Unterbrechung selbst bemerkt 
zu haben. 1 

Von ihren Verhältnissen erfahre ich folgendes: Ihre Familie 
stammt aus Mitteldeutschland, ist seit zwei Generationen in den 
russischen Ostseeprovinzen ansässig und dort reich begütert. Sie 
waren vierzehn Kinder, sie selbst das dreizehnte davon, es sind 
nur noch vier am Leben. Sie wurde von einer übertatkräftigen, 
strengen Mutter sorgfältig, aber mit viel Zwang erzogen. Mit 
dreiundzwanzig Jahren heiratete sie einen hochbegabten und tüch- 
tigen Mann, der sich als Großindustrieller eine hervorragende 
Stellung erworben hatte, aber viel älter war als sie. Er starb nach 
kurzer Ehe plötzlich am Herzschlage. Dieses Ereignis sowie die 
Erziehung ihrer beiden jetzt sechzehn und vierzehn Jahre alten 
Mädchen, die vielfach kränklich waren und an nervösen Störungen 
litten, bezeichnet sie als die Ursachen ihrer Krankheit. Seit dem 
Tode ihres Mannes vor vierzehn Jahren ist sie in schwankender 
Intensität immer krank gewesen. Vor vier Jahren hat eine Massage- 
kur in Verbindung mit elektrischen Bädern ihr vorübergehend 
Erleichterung gebracht, sonst blieben alle ihre Bemühungen, ihre 
Gesundheit wieder zu gewinnen, erfolglos. Sie ist viel gereist und 
hat zahlreiche und lebhafte Interessen. Gegenwärtig bewohnt sie 
einen Herrensitz an der Ostsee in der Nähe einer großen Stadt. 
Seit Monaten wieder schwer leidend, verstimmt und schlaflos, von 
Schmerzen gequält, hat sie in Abbazia vergebens Besserung ge- 
sucht, ist seit sechs Wochen in Wien, bisher in Behandlung eines 
hervorragenden Arztes. 

Meinen Vorschlag, sich von den beiden Mädchen, die ihre 
Gouvernante haben, zu trennen und in ein Sanatorium einzu- 
treten, in dem ich sie täglich sehen kann, nimmt sie ohne ein 
Wort der Einwendung an. 



1) Es handelte sich um ein hysterisches Delirium, welches mit dem normalen 
Bewußtseinszustande alterniert, ähnlich wie ein echter Tic sich in eine Willkür- 
bewegung einschiebt, ohne dieselbe zu stören und ohne sich mit ihr zu vermengen. 



28 Studien über Hysterie 



Am 2. Mai abends besuche ich sie im Sanatorium. Es fällt 
mir auf, daß sie jedesmal so heftig zusammenschrickt, sobald die 
Türe unerwartet aufgeht. Ich veranlasse daher, daß diebesuchenden 
Hausärzte und das Wartepersonal kräftig anklopfen und nicht 
eher eintreten, als bis sie „Herein" gerufen hat. Trotzdem grinst 
und zuckt sie noch jedesmal, wenn jemand eintritt. 

Ihre Hauptklage bezieht sich heute auf Kälteempfindung und 
Schmerzen im rechten Beine, die vom Rücken oberhalb des Darm- 
beinkammes ausgehen. Ich ordne warme Bäder an und werde sie 
zweimal täglich am ganzen Körper massieren. 

Sie ist ausgezeichnet zur Hypnose geeignet. Ich halte ihr einen 
Finger vor, rufe ihr zu: Schlafen Sie! und sie sinkt mit dem 
Ausdrucke von Betäubung und Verworrenheit zurück. Ich suggeriere 
Schlaf, Besserung aller Symptome u. dgl., was sie mit geschlos- 
senen Augen, aber unverkennbar gespannter Aufmerksamkeit an- 
hört, und wobei ihre Miene sich allmählich glättet und einen 
friedlichen Ausdruck annimmt. Nach dieser ersten Hypnose bleibt 
eine dunkle Erinnerung an meine Worte; schon nach der zweiten 
tritt vollkommener Somnambulismus (Amnesie) ein. Ich hatte ihr 
angekündigt, daß ich sie hypnotisieren würde, worauf sie ohne 
Widerstand einging. Sie ist noch nie hypnotisiert worden, ich 
darf aber annehmen, daß sie über Hypnose gelesen hat, wiewohl 
ich nicht weiß, welche Vorstellung über den hypnotischen Zustand 
sie mitbrachte. 1 

Die Behandlung mit warmen Bädern, zweimaliger Massage und 
hypnotischer Suggestion wurde in den nächsten Tagen fortgesetzt. 
Sie schlief gut, erholte sich zusehends, brachte den größeren Teil 

1) Beim Erwachen aus der Hypnose blickte sie jedesmal wie verworren einen 
Augenblick herum, ließ dann ihre Augen auf mir ruhen, schien sich besonnen zu 
haben, zog die Brille an, die sie vor dem Einschlafen abgelegt hatte, und war dann 
heiter und ganz bei sich. Obwohl wir im Verlaufe der Behandlung, die in diesem 
Jahre sieben, im nächsten acht Wochen einnahm, über alles Mögliche miteinander 
sprachen und sie fast täglich zweimal von mir eingeschläfert wurde, richtete sie 
doch nie eine Frage oder Bemerkung über die Hypnose an mich und schien in 
ihrem Wachzustande die Tatsache, daß sie hypnotisiert werde, möglichst zu ignorieren. 



Frau Emmy v. N . . . 29 



des Tages in ruhiger Krankenlage zu. Es war ihr nicht unter- 
sagt, ihre Kinder zu sehen, zu lesen und ihre Korrespondenz zu 
besorgen. 

Am 8. Mai morgens unterhält sie mich, anscheinend ganz 
normal, von gräulichen Tiergeschichten. Sie hat in der Frankfurter 
Zeitung, die vor ihr auf dem Tische liegt, gelesen, daß ein Lehr- 
ling einen Knaben gebunden und ihm eine weiße Maus in den 
Mund gesteckt; der sei vor Schreck darüber gestorben. Dr. K . . . 
habe ihr erzählt, daß er eine ganze Kiste voll weißer Ratten nach 
Tiflis geschickt. Dabei treten alle Zeichen des Grausens höchst 
plastisch hervor. Sie krampft mehrmals nacheinander mit der 
Hand. — „Seien Sie still, reden Sie nichts, rühren Sie mich nicht 
an! — Wenn so ein Tier im Bette wäre! (Grausen.) Denken Sie 
sich, wenn das ausgepackt wird! Es ist eine tote Ratte darunter, 
eine an-ge- nagte!' 

In der Hypnose bemühe ich mich, diese Tierhalluzinationen 
zu verscheuchen. Während sie schläft, nehme ich die Frank- 
furter Zeitung zur Hand; ich finde in der Tat die Geschichte 
der Mißhandlung eines Lehrbuben, aber ohne Beimengung von 
Mäusen oder Ratten. Das hat sie also während des Lesens hinzu- 
deliriert. 

Am Abend erzählte ich ihr von unserer Unterhaltung über die 
weißen Mäuse. Sie weiß nichts davon, ist sehr erstaunt und lacht 
herzlich. 1 

Am Nachmittage war ein sogenannter „Genickkrampf" 2 ge- 
wesen, aber „nur kurz, von zweistündiger Dauer". 

1) Eine solche plötzliche Einschiebung eines Deliriums in den wachen Zustand 
war bei ihr nichts Seltenes und wiederholte sich noch oft unter meiner Beobachtung. 
Sie pflegte zu klagen, daß sie oft im Gespräche die verdrehtesten Antworten gebe, 
so daß ihre Leute sie nicht verstünden. Bei unserem ersten Besuche antwortete sie 
mir auf die Frage, wie alt sie sei, ganz ernsthaft: Ich bin eine Frau aus dem vorigen 
Jahrhundert. Wochen später klärte sie mich auf, sie hätte damals im Delirium an 
einen schönen alten Schrank gedacht, den sie auf der Reise als Liebhaberin antiker 
Möbel erworben. Auf diesen Schrank bezog sich die Zeitbestimmung, als meine 
Frage nach ihrem Alter zu einer Aussage über Zeiten Anlaß gab. 

2) Eine Art von Migräne. 



3° Studien über Hysterie 



Am 8. Mai abends fordere ich sie in der Hypnose zum Reden 
auf, was ihr nach einiger Anstrengung gelingt. Sie spricht leise, 
besinnt sich jedesmal einen Moment, ehe sie Antwort gibt. Ihre 
Miene verändert sich entsprechend dem Inhalte ihrer Erzählung 
und wird ruhig, sobald meine Suggestion dem Eindrucke der 
Erzählung ein Ende gemacht hat. Ich stelle die Frage, warum 
sie so leicht erschrickt. Sie antwortet: Das sind Erinnerungen aus 
frühester Jugend. — Wann? Zuerst mit fünf Jahren, als meine 
Geschwister so oft tote Tiere nach mir warfen, da bekam ich 
den ersten Ohnmachtsanfall mit Zuckungen, aber meine Tante 
sagte, das sei abscheulich, solche Anfälle darf man nicht haben, 
und da haben sie aufgehört. Dann mit sieben Jahren, als ich 
unvermutet meine Schwester im Sarge gesehen, dann mit acht 
Jahren, als mich mein Bruder so häufig durch weiße Tücher als 
Gespenst erschreckte, dann mit neun Jahren, als ich die Tante im 
Sarge sah und ihr — plötzlich — der Unterkiefer herunterfiel. 
Die Reihe von traumatischen Anlässen, die mir als Antwort auf 
meine Frage mitgeteilt wird, warum sie so schreckhaft sei, liegt 
offenbar in ihrem Gedächtnisse bereit; sie hätte in dem kurzen 
Momente von meiner Frage bis zu ihrer Beantwortung derselben 
die Anlässe aus zeitlich verschiedenen Perioden ihrer Jugend 
nicht so schnell zusammensuchen können. Am Schlüsse einer 
jeden Teilerzählung bekommt sie allgemeine Zuckungen und 
zeigt ihre Miene Schreck und Grausen, nach der letzten reißt 
sie den Mund weit auf und schnappt nach Atem. Die Worte, 
welche den schreckhaften Inhalt des Erlebnisses mitteilen, werden 
mühselig, keuchend hervorgestoßen; nachher .JieruhjD^n siob ihre 



Frau Emmy v. N, . . 31 



aller Lebhaftigkeit der Realität. 1 Ich verstehe jetzt, warum sie 
mich so häufig von Tierszenen und Leichenbildern unterhält. 
Meine Therapie besteht darin, diese Bilder wegzuwischen, so daß 
sie dieselben nicht wieder vor Augen bekommen kann. Zur 
Unterstützung der Suggestion streiche ich ihr mehrmals über die 
Augen. 

9. Mai abends. Sie hat ohne erneuerte Suggestion gut ge- 
schlafen, aber morgens Magenschmerzen gehabt. Sie bekam die- 
selben schon gestern im Garten, wo sie zu lange mit ihren 
Kindern verweilte. Sie gestattet, daß ich den Besuch der Kinder 
auf zweieinhalb Stunden einschränke; vor wenigen Tagen hatte 
sie sich Vorwürfe gemacht, daß sie die Kinder allein lasse. Ich 
finde sie heute etwas erregt, mit krauser Stirne, Schnalzen und 
Sprachstocken. Während der Massage erzählt sie nur, daß ihr die 
Gouvernante der Kinder einen kulturhistorischen Atlas gebracht 
und daß sie, über Bilder darin, welche als Tiere verkleidete 
Indianer darstellen, so heftig erschrocken sei. „Denken Sie, wenn 
die lebendig würden!" (Grausen.) 

In der Hypnose frage ich, warum sie sich vor diesen Bildern 
so geschreckt, da sie sich doch vor Tieren nicht mehr fürchte? 
Sie hätten sie an Visionen erinnert, die sie beim Tode ihres 
Bruders gehabt. (Mit neunzehn Jahren.) Ich spare diese Erinnerung 
für später auf. Ferner frage ich, ob sie immer mit diesem Stottern 
gesprochen und seit wann sie den Tic (das eigentümliche 
Schnalzen) habe. 2 Das Stottern sei eine Krankheitserscheinung, und 
den Tic habe sie seit fünf Jahren, seitdem sie "einmal beim Bette 
der sehr kranken jüngeren Tochter saß und sich ganz ruhig ver- 
halten wollte. — Ich versuche die Bedeutung dieser Erinnerung 
abzuschwächen, der Tochter sei ja nichts geschehen usw. Sie: 



1) Dies Erinnern in lebhaften visuellen Bildern gaben uns viele andere Hysterische 
an und betonten es ganz besonders für die pathogenen Erinnerungen. 

2) Im Wachen hatte ich auf die Frage nach der Herkunft des Tic die Antwort 
erhalten: Ich weiß nicht; oh, schon sehr lange. 



32 Studien über Hysterie 



Es komme jedesmal wieder, wenn sie sich ängstige oder er- 
schrecke. — Ich trage ihr auf, sich vor den Indianerbildern nicht 
zu fürchten, vielmehr herzlich darüber zu lachen und mich selbst 
darauf aufmerksam zu machen. So geschieht es auch nach dem 
Erwachen 5 sie sucht das Buch, fragt, ob ich es eigentlich schon 
gesehen habe, schlägt mir das Blatt auf und lacht aus vollem 
Halse über die grotesken Figuren, ohne jede Angst, mit ganz 
glatten Zügen. Dr. Breuer kommt plötzlich zu Besuch in Be- 
gleitung des Hausarztes. Sie erschrickt und schnalzt, so daß die 
beiden uns sehr bald verlassen. Sie erklärt ihre Erregung da- 
durch, daß sie das jedesmalige Miterscheinen des Hausarztes unan- 
genehm berühre. 

Ich hatte in der Hypnose ferner den Magenschmerz durch 
Streichen weggenommen und gesagt, sie werde nach dem Essen 
die Wiederkehr des Schmerzes zwar erwarten, er werde aber doch 
ausbleiben. 

Abends. Sie ist zum ersten Male heiter und gesprächig, ent- 
wickelt einen Humor, den ich bei dieser ernsten Frau nicht 
gesucht hätte, und macht sich unter anderem im Vollgefühl ihrer 
Besserung über die Behandlung meines ärztlichen Vorgängers lustig. 
Sie hätte schon lange die Absicht gehabt, sich dieser Behandlung 



zu entziehen, konnte aber die Form nicht finden, bis eine zu- 
fällige Bemerkung von Dr. Breuer, der sie einmal besuchte, sie 
auf einen Ausweg brachte. Da ich über diese Mitteilung erstaunt 
scheine, erschrickt sie, macht sich die heftigsten Vorwürfe, eine 
Indiskretion begangen zu haben, läßt sich aber von mir an- 
scheinend beschwichtigen. — Keine Magenschmerzen, trotzdem 
sie dieselben erwartet hat. 

In der Hypnose frage ich nach weiteren Erlebnissen, bei denen 
sie nachhaltig erschrocken sei. Sie bringt eine zweite solche Reihe 
aus ihrer späteren Jugend ebenso prompt wie die erstere und ver- 
sichert wiederum, daß sie alle diese Szenen häufig, lebhaft und in 
Farben vor sich sehe. Wie sie ihre Cousine ins Irrenhaus führen 



Frau ßmmy v. N . 



35 






sah (mit fünfzehn Jahren); sie wollte um Hilfe rufen, konnte 
aber nicht und verlor die Sprache bis zum Abend dieses Tages. 
Da sie in ihrer wachen Unterhaltung so häufig von Irrenhäusern 
spricht, unterbreche ich sie und frage nach den anderen Gelegen- 
heiten, bei denen es sich um Irre gehandelt hat. Sie erzählt, ihre 
Mutter war selbst einige Zeit im Irrenhause. Sie hätten einmal 
eine Magd gehabt, deren Frau lange im Irrenhause war, und die ihr 
Schauergeschichten zu erzählen pflegte, wie dort die Kranken an 
Stühle angebunden seien, gezüchtigt werden u. dgl. Dabei krampfen 
sich ihre Hände vor Grausen, sie sieht dies alles vor Augen. Ich 
bemühe mich, ihre Vorstellungen von einem Irrenhause zu korri- 
gieren, versichere ihr, sie werde von einer solchen Anstalt hören 
können, ohne eine Beziehung auf sich zu verspüren, und dabei 
glättet sich ihr Gesicht. 

Sie fährt in der Aufzählung ihrer Schreckerinnerungen fort: 
Wie sie ihre Mutter, vom Schlage gerührt, auf dem Boden liegend 
fand (mit fünfzehn Jahren), die dann noch vier Jahre lebte, und 
wie sie mit neunzehn Jahren einmal nach Hause kam und die 
Mutter tot fand, mit verzerrtem Gesichte. Diese Erinnerungen 
abzuschwächen, bereitet mir natürlich größere Schwierigkeiten, 
ich versichere nach längerer Auseinandersetzung, daß sie auch 
dieses Bild nur verschwommen und kraftlos wiedersehen wird. — 
Ferner wie sie mit neunzehn Jahren unter einem Steine, den sie 
aufgehoben, eine Kröte gefunden und darüber die Sprache für 
Stunden verloren. 1 

Ich überzeuge mich in dieser Hypnose, daß sie alles weiß, was 
in der vorigen Hypnose vorgekommen, während sie im Wachen 
nichts davon weiß. 

Am 10. Mai morgens: Sie hat heute zum ersten Male anstatt 
eines warmen Bades ein Kleienbad genommen. Ich finde sie mit 



1) An die Kröte muß sich wohl eine besondere Symbolik geknüpft haben, die ich 
zu ergründen leider nicht versucht habe. 



Freud, I. 



34 Studien über Hysterie 



verdrießlichem, krausem Gesichte, die Hände in einem Schal ein- 
gehüllt, über Kälte und Schmerzen klagend. Befragt, was ihr sei, 
erzählt sie, sie habe in der kurzen Wanne unbequem gesessen 
und davon Schmerzen bekommen. Während der Massage beginnt 
sie, daß sie sich doch wegen des gestrigen Verrates an Dr. Breuer 
kränke; ich beschwichtige sie durch die fromme Lüge, daß ich 
von Anfang an darum wußte, und damit ist ihre Aufregung 
(Schnalzen, Gesichtskontraktur) behoben. So macht sich jedesmal 
schon während der Massage mein Einfluß geltend, sie wird ruhiger 
und klarer und findet auch ohne hypnotisches Befragen die 
Gründe ihrer jedesmaligen Verstimmung. Auch das Gespräch, das 
sie während des Massierens mit mir führt, ist nicht so absichtslos, 
wie es den Anschein hat; es enthält vielmehr die ziemlich voll- 
ständige Reproduktion der Erinnerungen und neuen Eindrücke, 
die sie seit unserem letzten Gespräche beeinflußt haben, und läuft 
oft ganz unerwartet auf pathogene Reminiszenzen aus, die sie sich 
unaufgefordert abspricht. Es ist, als hätte sie sich mein Verfahren 
zu eigen gemacht und benützte die anscheinend ungezwungene 
und Vom Zufalle geleitete Konversation zur Ergänzung der Hypnose. 
So kommt sie z. B. heute auf ihre Familie zu reden und gelangt 
auf allerlei Umwegen zur Geschichte eines Cousins, der ein be- 
schränkter Sonderling war, und dem seine Eltern sämtliche Zähne 
auf einem Sitze ziehen ließen. Diese Erzählung begleitet sie mit 
den Gebärden des Grausens und mit mehrfacher Wiederholung 
ihrer Schutzformel (Seien Sie still! — - Reden Sie nichts! • — - 
Rühren Sie mich nicht an!). Darauf wird ihre Miene glatt, 
und sie ist heiter. So wird ihr Benehmen während des Wachens 
doch durch die Erfahrungen geleitet, die sie im Somnambulis- 
mus gemacht hat, von denen sie im Wachen nichts zu wissen 
glaubt. 

In der Hypnose wiederhole ich die Frage, was sie verstimmt 
hat und erhalte dieselben Antworten, aber in umgekehrter Reihen- 
folge: 1) Ihre Schwatzhaftigkeit von gestern, 3) die Schmerzen 



Frau Emmy v. N , . 



35 



vom unbequemen Sitzen im Bade. — Ich frage heute, was die 
Redensart: Seien Sie still usw. bedeutet. Sie erklärt, wenn sie 
ängstliche Gedanken habe, fürchte sie, in ihrem Gedankengange 
unterbrochen zu werden, weil sich dann alles verwirre und noch 
ärger sei. Das „Seien Sie still" beziehe sich darauf, daß die Tier- 
gestalten, die ihr in schlechten Zuständen erscheinen, in Be- 
wegung geraten und auf sie losgehen, wenn jemand vor ihr eine 
Bewegung mache; endlich die Mahnung: „Rühren Sie mich nicht 
an" komme von folgenden Erlebnissen: Wie ihr Bruder vom 
vielen Morphin so krank war und so gräßliche Anfälle hatte (mit 
neunzehn Jahren), habe er sie so oft plötzlich angepackt; dann sei 
einmal ein Bekannter in ihrem Hause plötzlich wahnsinnig ge- 
worden und habe sie am Arme gefaßt; (ein dritter ähnlicher Fall, 
an den sie sich nicht genauer besinnt) und endlich, wie ihre 
Kleine so krank gewesen (mit achtundzwanzig Jahren), habe sie 
sie im Delirium so heftig gepackt, daß sie fast erstickt wäre. 
Diese vier Fälle hat sie — trotz der großen Zeitdifferenzen — 
in einem Satze und so rasch hintereinander erzählt, als ob sie ein 
einzelnes Ereignis in vier Akten bilden würden. Alle ihre Mit- 
teilungen solcher gruppierter Traumen beginnen übrigens mit 
„Wie" und die einzelnen Partialtraumen sind durch „und" an- 
einander gereiht. Da ich merke, daß die Schutzformel dazu be- 
stimmt ist, sie vor der Wiederkehr ähnlicher Erlebnisse zu 
bewahren, benehme ich ihr diese Furcht durch Suggestion und 
habe wirklich die Formel nicht wieder von ihr gehört. 

Abends finde ich sie sehr heiter. Sie erzählt lachend, daß sie 
im Garten über einen kleinen Hund, der sie angebellt, erschrocken 
ist. Doch ist das Gesicht ein wenig verzogen und eine innere 
Erregung vorhanden, die erst schwindet, nachdem sie mich be- 
fragt, ob ich eine Bemerkung von ihr übel genommen, die sie 
während der Frühmassage gemacht hatte, und ich dies verneint. 
Die Periode ist heute nach kaum vierzehntägiger Pause einge- 
treten. Ich verspreche ihr Regelung durch hypnotische Suggestion 



g6 Studien über Hysterie 



und bestimme in der Hypnose ein Intervall von achtundzwanzig 
Tagen. 1 

In der Hypnose frage ich ferner, ob sie sich erinnere, was sie mir 
zuletzt erzählt hat, und habe dabei eine Aufgabe im Sinne, die uns 
von gestern abends übrig geblieben ist. Sie beginnt aber korrekter- 
weise mit dem „Rühren Sie mich nicht an" der Vormittags- 
hypnose. Ich führe sie also auf das gestrige Thema zurück. Ich 
hatte gefragt, woher das Stottern gekommen sei und die Antwort 
bekommen: Ich weiß es nicht. 2 Darum hatte ich ihr aufgetragen, 
sich bis zur heutigen Hypnose daran zu erinnern. Heute ant- 
wortet sie also ohne weiteres Nachdenken, aber in großer Er- 
regung und mit spastisch erschwerter Sprache: Wie einmal die 
Pferde mit dem Wagen, in dem die Kinder saßen, durchgegangen 
sind und wie ein andermal ich mit den Kindern während eines 
Gewitters durch den Wald fuhr und der Blitz gerade in einen 
Baum vor den Pferden einschlug und die Pferde scheuten und 
ich mir dachte: Jetzt mußt du ganz stille bleiben, sonst erschreckst 
du die Pferde noch mehr durch dein Schreien und der Kutscher 
kann sie gar nicht zurückhalten: von da an ist es aufgetreten. 
Diese Erzählung hat sie ungemein erregt; ich erfahre noch von 
ihr, daß das Stottern gleich nach dem ersten der beiden Anlässe 
aufgetreten, aber nach kurzer Zeit verschwunden sei, um vom 
zweiten ähnlichen Anlaß an stetig zu bleiben. Ich lösche die 
plastische Erinnerung an diese Szenen aus, fordere sie aber auf, 
sich dieselben nochmals vorzustellen. Sie scheint es zu versuchen 
und bleibt dabei ruhig, auch spricht sie von da an in der Hypnose 
ohne jedes spastische Stocken. 3 

1) Welches auch zutraf. 

2) Die Antwort: „Ich weiß es nicht", mochte richtig sein, konnte aber ebenso- 
wohl die Unlust bedeuten, von den Gründen zu reden. Ich habe später bei anderen 
Kranken die Erfahrung gemacht, daß sie sich auch in der Hypnose um so schwerer 
an etwas besannen, je mehr Anstrengung sie dazu verwendet hatten, das betreffende 
Ereignis aus ihrem Bewußtsein zu drängen. 

5) Wie man hier erfährt, sind das ticähnliche Schnalzen und das spastische 
Stottern der Patientin zwei Symptome, die bis auf ähnliche Veranlassungen und einen 



Frau Emmy v. N . . . 



37 






Da ich sie disponiert finde, mir Aufschlüsse zu geben, stelle 
ich die weitere Frage, welche Ereignisse ihres Lebens sie noch 
ferner derart erschreckt haben, daß sie die plastische Erinnerung 
an sie bewahrt hat. Sie antwortet mit einer Sammlung solcher 
Erlebnisse: Wie sie ein Jahr nach dem Tode ihrer Mutter bei 
einer ihr befreundeten Französin war und dort mit einem andern 
Mädchen ins nächste Zimmer geschickt wurde, um ein Lexikon 
zu holen und dann aus dem Bette eine Person sich erheben sah, 
die genau so aussah wie jene, die sie eben verlassen hatte. Sie 
blieb steif wie angewurzelt stehen. Später hörte sie, es sei eine 
hergerichtete Puppe gewesen. Ich erkläre diese Erscheinung für 
eine Halluzination, appelliere an ihre Aufklärung und ihr Gesicht 
glättet sich. 

Wie sie ihren kranken Bruder gepflegt und er infolge des 
Morphins so gräßliche Anfälle bekam, in denen er sie erschreckte 
und anpackte. Ich merke, daß sie von diesem Erlebnisse schon 
heute früh gesprochen und frage sie darum zur Probe, wann 
dieses „Anpacken" noch vorgekommen. Zu meiner freudigen 
Überraschung besinnt sie sich diesmal lange mit der Antwort und 
fragt endlich unsicher: Die Kleine? An die beiden anderen Anlässe 
(s. o.) kann sie sich gar nicht besinnen. Mein Verbot, das Aiislöschen 
der Erinnerung, hat also gewirkt. Weiter: Wie sie ihren Bruder 
gepflegt und die Tante plötzlich den bleichen Kopf über den 
Paravent gestreckt, die gekommen war, um ihn zum katholischen 
Glauben zu bekehren. — Ich merke, daß ich hiemit an die 
Wurzel ihrer beständigen Furcht vor Überraschungen gekommen 
bin, und frage, wann sich solche noch zugetragen haben. — 
Wie sie zu Hause einen Freund hatten, der es liebte, sich ganz 
leise ins Zimmer zu schleichen, und dann plötzlich da stand 5 

analogen Mechanismus zurückgehen. Ich habe diesem Mechanismus in einem kleinen 
Aufsatze: „Ein Fall von hypnotischer Heilung nebst Bemerkungen über den hysteri- 
schen Gegenwillen" (Zeitschrift für Hypnotismus, Bd. I; enthalten in diesem Bande 
der Ges. Schriften) Aufmerksamkeit geschenkt, werde übrigens auch hier darauf 
zurückkommen. 



38 Studien über Hysterie 



wie sie nach dem Tode der Mutter so krank wurde, in einen 
Badeort kam, und dort eine Geisteskranke durch Irrtum mehr- 
mals bei Nacht in ihr Zimmer und bis an ihr Bett kam 5 und 
endlich wie auf ihrer Reise von Abbazia hieher ein fremder 
Mann viermal plötzlich ihre Coupötür aufmachte und sie jedes- 
mal starr ansah. Sie erschrak darüber so sehr, daß sie den 
Schaffner rief. 

Ich verwische alle diese Erinnerungen, wecke sie auf und ver- 
sichere ihr, daß sie diese Nacht gut schlafen werde, nachdem ich 
es unterlassen, ihr die entsprechende Suggestion in der Hypnose 
zu geben. Für die Besserung ihres Allgemeinzustandes zeugt ihre 
Bemerkung, sie habe heute nichts gelesen, sie lebe so in einem 
glücklichen Traum, sie, die sonst vor innerer Unruhe beständig 
etwas tun mußte. 

11, Mai früh. Auf heute ist das Zusammentreffen mit dem 
Gynäkologen Dr. N . . angesagt, der ihre älteste Tochter wegen 
ihrer menstrualen Beschwerden untersuchen soll. Ich finde Frau 
Emmy in ziemlicher Unruhe, die sich aber jetzt durch gering- 
fügigere körperliche Zeichen ätißert als früher; auch ruft sie von 
Zeit zu Zeit: Ich habe Angst, solche Angst, ich glaube, ich muß 
sterben. Wovor sie denn Angst habe, ob vor Dr. N . .? Sie wisse 
es nicht, sie habe nur Angst. In der Hypnose, die ich noch vor dem 
Eintreffen des Kollegen vornehme, gesteht sie, sie fürchte, mich 
durch eine Äußerung gestern während der Massage, die ihr un- 
höflich erschien, beleidigt zu haben. Auch fürchte sie sich vor 
allem Neuen, also auch vor dem neuen Doktor. Sie läßt sich be- 
schwichtigen, fährt vor Dr. N . . zwar manchmal zusammen, 
benimmt sich aber sonst gut und zeigt weder Schnalzen noch 
Sprechhemmung. Nach seinem Fortgehen versetze ich sie neuer- 
dings in Hypnose, um die etwaigen Reste der Erregung von 
seinem Besuche her wegzunehmen. Sie ist mit ihrem Benehmen 
selbst sehr zufrieden, setzt auf seine Behandlung große Hoffnungen, 
und ich suche ihr an diesem Beispiele zu zeigen, daß man sich 



vor dem Neuen nicht zu fürchten brauche, da es auch das Gute 
in sich schließe. 1 

Abends ist sie sehr heiter und entledigt sich vieler Bedenk- 
lichkeiten in dem Gespräche vor der Hypnose. In der Hypnose 
frage ich, welches Ereignis ihres Lebens die nachhaltigste Wir- 
kung geübt habe und am öftesten als Erinnerung bei ihr auf- 
tauche. ■ — Der Tod ihres Mannes. — Ich lasse mir dieses Er- 
lebnis mit allen Einzelheiten von ihr erzählen, was sie mit den 
Zeichen tiefster Ergriffenheit tut, aber ohne alles Schnalzen und 
Stottern. 

Wie sie in einem Orte an der Riviera, den sie beide sehr 
liebten, einst über eine Brücke gegangen und er von einem 
Herzkrampf ergriffen, plötzlich umsank, einige Minuten wie leblos 
dalag, dann aber wohlbehalten aufstand. Wie dann kurze Zeit 
darauf, als sie im Wochenbette mit der Kleinen lag, der Mann, 
der an einem kleinen Tische vor ihrem Bette frühstückte und 
die Zeitung las, plötzlich aufstand, sie so eigentümlich ansah, 
einige Schritte machte und dann tot zu Boden fiel. Sie sei aus 
dem Bette; die herbeigeholten Ärzte hätten Belebungsversuche 
gemacht, die sie aus dem andern Zimmer mit angehört; aber es 
sei vergebens gewesen. Sie fährt dann fort: Und wie das Kind, 
das damals einige Wochen alt war, so krank geworden und durch 
sechs Monate krank geblieben sei, während welcher Zeit sie selbst 
mit heftigem Fieber bettlägerig war; — und nun folgen chrono- 
logisch geordnet ihre Beschwerden gegen dieses Kind, die mit 
ärgerlichem Gesichtsausdrucke rasch hervorgestoßen werden, wie 
wenn man von jemandem spricht, dessen man überdrüssig ge- 
worden ist. Es sei lange Zeit sehr eigentümlich gewesen, hätte 
immer geschrien und nicht geschlafen, eine Lähmung des linken 
Beines bekommen, an deren Heilung man fast verzweifelte; mit 
vier Jahren habe es Visionen gehabt, sei erst spät gegangen und 

i) Alle solche lehrhafte Suggestionen schlugen bei Frau Emmy fehl, wie die Folge 
gezeigt hat. 



40 



Studien über Hysterie 



habe spät gesprochen, so daß man es lange für idiotisch hielt; 
es habe nach der Aussage der Ärzte Gehirn- und Rückenmarks- 
entzündung gehabt, und was nicht alles sonst. Ich unterbreche 
sie hier, weise darauf hin, daß dieses selbe Kind heute normal 
und blühend sei, und nehme ihr die Möglichkeit, alle diese trau- 
rigen Dinge wieder zu sehen, indem ich nicht nur die plastische 
Erinnerung verlösche, sondern die ganze Reminiszenz aus ihrem 
Gedächtnisse löse, als ob sie nie darin gewesen wäre. Ich ver- 
spreche ihr davon das Aufhören der Unglückserwartung, die sie 
beständig quält, und der Schmerzen im ganzen Körper, über die 
sie gerade während der Erzählung geklagt hatte, nachdem mehrere 
Tage von ihnen nicht die Rede gewesen war. 1 

Zu meiner Überraschung beginnt sie unmittelbar nach dieser 
meiner Suggestion von dem Fürsten L . . . zu reden, dessen Ent- 
weichung aus einem Irrenhause damals von sich reden machte, 
kramt neue Angstvorstellungen über Irrenhäuser aus, daß dort 
die Leute mit eiskalten Duschen auf den Kopf behandelt, in einen 
Apparat gesetzt und so lange gedreht würden, bis sie ruhig sind. 
Ich hatte sie vor drei Tagen, als sie über die Irrenhausfurcht 
zuerst klagte, nach der ersten Erzählung, daß die Kranken dort 
auf Sessel gebunden würden, unterbrochen. Ich merke, daß ich 
dadurch nichts erreiche, daß ich mir's doch nicht ersparen kann, 
sie in jedem Punkte bis zu Ende anzuhören. Nachdem dies nach- 
geholt ist, nehme ich ihr auch die neuen Schreckbilder weg, 
appelliere an ihre Aufklärung, und daß sie mir doch mehr glauben 
darf als dem dummen Mädchen, von dem sie die Schauergeschichten 



1) Ich bin diesmal in meiner Energie wolil zu weit gegangen. Noch eineinhalb 
Jahre später, als ich Frau Emmy in relativ hohem Wohlbefinden wiedersah, klagte 
sie mir, es sei merkwürdig, daß sie sich an gewisse, sehr wichtige Momente ihres 
Lebens nur höchst ungenau erinnern könne. Sie sah darin einen Beweis für die Ab- 
nahme ihres Gedächtnisses, während ich mich hüten mußte, ihr die Erklärung für 
diese spezielle Amnesie zu geben. Der durchschlagende Erfolg der Therapie in diesem 
Punkte rührte wohl auch daher, daß ich mir diese Erinnerung so ausführlich er- 
zählen ließ (weit ausführlicher, als es die Notizen bewahrt haben), während ich mich 
sonst zu oft mit bloßen Erwähnungen begnügte. 



Frau Emmy v. N . 



41 







über die Einrichtung der Irrenhäuser hat. Da ich bei diesen 
Nachträgen doch gelegentlich etwas Stottern bemerke, frage ich 
sie von neuem, woher das Stottern rührt. — Keine Antwort. — 
Wissen Sie es nicht? — Nein. — Ja, warum nicht? — Warum? 
Weil ich nicht darf (was heftig und ärgerlich hervorgestoßen 
wird). Ich glaube in dieser Äußerung einen Erfolg meiner Sug- 
gestion zu sehen, sie äußert aber das Verlangen, aus der Hypnose 
geweckt zu werden, dem ich willfahre. 1 

12. Mai. Sie hat wider mein Erwarten kurz und schlecht ge- 
schlafen. Ich finde sie in großer Angst, übrigens ohne die ge- 
wohnten körperlichen Zeichen derselben. Sie will nicht sagen, 
was ihr ist; nur daß sie schlecht geträumt hat und noch immer 
dieselben Dinge sieht. „Wie gräßlich, wenn die lebendig werden 
sollten." Während der Massage macht sie einiges durch Fragen 
ab, wird dann heiter, erzählt von ihrem Verkehre auf ihrem 
Witwensitze an der Ostsee, von den bedeutenden Männern, die 
sie aus der benachbarten Stadt als Gäste zu laden pflegt u. dgl. 

Hypnose. Sie hat schrecklich geträumt, die Stuhlbeine und 
Sessellehnen waren alle Schlangen, ein Ungeheuer mit einem 
Geierschnabel hat auf sie losgehackt und sie am ganzen Körper 
angefressen, andere wilde Tiere sind auf sie losgesprungen u. dgl. 
Dann übergeht sie sofort auf andere Tierdelirien, die sie aber 
durch den Zusatz auszeichnet: Das war wirklich (kein Traum). 
Wie sie (früher einmal) nach einem Knäuel Wolle greifen wollte, 
und der war eine Maus und lief weg, wie auf einem Spaziergange 



1) Ich verstand diese kleine Szene erst am nächsten Tag. Ihre ungebärdige Natur, 
die sich im Wachen wie im künstlichen Schlaf gegen jeden Zwang aufbäumte, hatte 
sie darüber zornig werden lassen, daß ich ihre Erzählung für vollendet nahm und 
sie durch meine abschließende Suggestion unterbrach. Ich habe viele andere Beweise 
dafür, daß sie meine Arbeit in ihrem hypnotischen Bewußtsein kritisch überwachte. 
Wahrscheinlich wollte sie mir den Vorwurf machen, daß ich sie heute in der Er- 
zählung störe, wie ich sie vorhin bei den Irrenhausgreueln gestört hatte, getraute 
sich dessen aber nicht, sondern brachte diese Nachträge anscheinend unvermittelt vor, 
ohne den verbindenden Gedankengang zu verraten. Am nächsten Tag klärte mich 
dann eine verweisende Bemerkung über meinen Fehlgriff auf. 



4» 



Studien über Hysterie 



'■■\\\\ 



eine große Kröte plötzlich auf sie losgesprungen usw. Ich merke, 
daß mein generelles Verbot nichts gefruchtet hat, und daß ich 
ihr solche Angsteindrücke einzeln abnehmen muß. 1 Auf irgend 
einem Wege kam ich dann dazu, sie zu fragen, warum sie auch 
Magenschmerzen bekommen habe und woher diese stammen. Ich 
glaube, Magenschmerzen begleiteten bei ihr jeden Anfall von 
Zoopsie. Ihre ziemlich unwillige Antwort war, das wisse sie nicht. 
Ich gab ihr auf, sich bis morgen daran zu erinnern. Nun sagte 
sie recht mürrisch, ich solle nicht immer fragen, woher das und 
jenes komme, sondern sie erzählen lassen, was sie mir zu sagen 
habe. Ich gehe darauf ein, und sie setzt ohne Einleitung fort: 
Wie sie ihn herausgetragen haben, habe ich nicht glauben können, 
daß er tot ist. (Sie spricht also wieder von ihrem Manne, und 
ich erkenne jetzt als Grund ihrer Verstimmung, daß sie unter 
dem zurückgehaltenen Reste dieser Geschichte gelitten hat.) Und 
dann habe sie durch drei Jahre das Kind gehaßt, weil sie sich 
immer gesagt, sie hätte den Mann gesund pflegen können, wenn 
sie nicht des Kindes wegen zu Bette gelegen wäre. Und dann 
habe sie nach dem Tode ihres Mannes nur Kränkungen und Auf- 
regungen gehabt. Seine Verwandten, die stets gegen die Heirat 
waren und sich dann darüber ärgerten, daß sie so glücklich lebten, 
hätten ausgesprengt, daß sie selbst ihn vergiftet, so daß sie eine 
Untersuchung verlangen wollte. Durch einen abscheulichen Winkel- 
schreiber hätten die Verwandten ihr alle möglichen Prozesse an- 
gehängt. Der Schurke schickte Agenten herum, die gegen sie 
hetzten, ließ schmähende Artikel gegen sie in die Lokalzeitungen 
aufnehmen und schickte ihr dann die Ausschnitte zu. Von daher 
stamme ihre Leutescheu und ihr Haß gegen alle fremden Men- 
schen. Nach den beschwichtigenden Worten, die ich an ihre Er- 
zählung knüpfe, erklärt sie sich für erleichtert. 



i) Ich habe leider in diesem Falle versäumt, nach der Bedeutung der Zoopsie 
zu forschen, etwa sondern zu wollen, was an der Tierfurcht primäres Grausen war, 
wie es vielen Neuropathen von Jugend auf eigen ist, und was Symbolik. 



Frau Emmy v. N . . . 



45 



15. Mai. Sie hat wieder wenig geschlafen vor Magenschmerzen, 
gestern kein Nachtmahl genommen, klagt auch über Schmerzen 
im rechten Arme. Ihre Stimmung ist aber gut, sie ist heiter und 
behandelt mich seit gestern mit besonderer Auszeichnung. Sie 
fragt mich nacli meinem Urteile über die verschiedensten Dinge, 
die ihr wichtig erscheinen, und gerät in eine ganz unverhältnis- 
mäßige Erregung, wenn ich z. B. nach den Tüchern, die bei der 
Massage benötigt werden, suchen muß u. dgl. Schnalzen und 
Gesichtstic treten häufig auf. 

Hypnose: Gestern abends ist ihr plötzlich der Grand einge- 
fallen, weshalb kleine Tiere, die sie sehe, so ins Riesige wachsen. 
Das sei ihr das erstemal in einer Theatervorstellung in D . . . 
geschehen, wo eine riesig große Eidechse auf der Bühne war. 
Diese Erinnerung habe sie gestern auch so sehr gepeinigt. 1 

Daß das Schnalzen wiedergekehrt, rühre daher, daß sie gestern 
Unterleibsschmerzen gehabt und sich bemüht, dieselben nicht 
durch Seufzer zu verraten. Von dem eigentlichen Anlasse des 
Schnalzens (vgl. S. 56) weiß sie nichts. Sie erinnert sich auch, 
daß ich ihr die Aufgabe gestellt, herauszufinden, woher die Magen- 
schmerzen stammen. Sie wisse es aber nicht, bittet mich, ihr zu 
helfen. Ich meine, ob sie sich nicht einmal nach großen Auf- 
regungen zum Essen genötigt. Das" trifft zu. Nach dem Tode 
ihres Mannes entbehrte sie eine lange Zeit hindurch jeder Eßlust, 
aß nur aus Pflichtgefühl, und damals begannen wirklich die Magen- 
schmerzen. — Ich nehme jetzt die Magenschmerzen durch einige 
Striche über das Epigastrium weg. Sie beginnt dann spontan von 
dem zu sprechen, was sie am meisten affiziert hat: „Ich habe 



1) Das visuelle Erinnerungszeichen der großen Eidechse war zu dieser Bedeutung 
gewiß nur durch das zeitliche Zusammentreffen mit einem großen Affekt gelangt, 
dem sie während jener Theatervorstellung unterlegen sein muß. Ich habe mich aber 
in der Therapie dieser Kranken, wie schon eingestanden, häufig mit den oberfläch- 
lichsten Ermittlungen begnügt und auch in diesem Falle nicht weiter nachgeforscht. — 
Man wird übrigens an die hysterische Makropsie erinnert. Frau Emmy war hoch- 
gradig kurzsichtig und astigmatisch und ihre Halluzinationen mochten oft durch die 
Undeutlichkeit ihrer Gesichtswahrnehmungen provoziert worden sein. 



44 



Studien über Hysterie 



gesagt, daß ich die Kleine nicht geliebt habe. Ich muß aber hin- 
zufügen, daß man es an meinem Benehmen nicht merken konnte. 
Ich habe alles getan, was notwendig war. Ich mache mir jetzt 
noch Vorwürfe, daß ich die Ältere lieber habe." 

14. Mai. Sie ist wohl und heiter, hat bis halb acht Uhr früh 
geschlafen, klagt nur über etwas Schmerzen im Radialisgebiete 
der Hand, Kopf- und Gesichtsschmerzen. Das Aussprechen vor der 
Hypnose gewinnt immer mehr an Bedeutung. Sie hat heute fast nichts 
Gräßliches vorzubringen. Sie beklagt sich über Schmerz und Ge- 
fühllosigkeit im rechten Beine, erzählt, daß sie 1871 eine Unter- 
leibsentzündung durchgemacht, dann, kaum erholt, ihren kranken 
Bruder gepflegt und dabei die Schmerzen bekommen, die selbst 
zeitweise eine Lähmung des rechten Fußes herbeiführten. 

In der Hypnose frage ich, ob es ihr jetzt schon möglich sein 
werde, sich unter Menschen zu bewegen, oder ob die Furcht noch 
überwiege. Sie meint, es sei ihr noch unangenehm, wenn jemand 
hinter ihr oder knapp neben ihr steht, erzählt in diesem Zusammen- 
hänge noch Fälle von unangenehmen Überraschungen durch plötz- 
lich auftauchende Personen. So seien einmal, als sie auf Rügen 
einen Spaziergang mit ihren Töchtern gemacht, zwei verdächtig 
aussehende Individuen hinter einem Gebüsche hervorgekommen und 
hätten sie insultiert. In Abbazia sei auf einem abendlichen 
Spaziergange plötzlich ein Bettler hinter einem Steine hervorge- 
treten, der dann vor ihr niedergekniet. Es soll ein harmloser 
Wahnsinniger gewesen sein ; ferner erzählt sie von einem nächt- 
lichen Einbrüche in ihrem isoliert stehenden Schlosse, der sie sehr 
erschreckt hat. 

Es ist aber leicht zu merken, daß diese Furcht vor Menschen 
wesentlich auf die Verfolgungen zurückgeht, denen sie nach dem 
Tode ihres Mannes ausgesetzt war. 1 



1) Ich war damals geneigt, für alle Symptome bei einer Hysterie eine psychi- 
sche Herkunft anzunehmen. Heute würde ich die Angstn'eigung bei dieser abstinent 
lebenden Frau neurotisch erklären. (Angstneurose.) 



Frau Emmy v. N . 



45 



Abends. Anscheinend sehr heiter, empfängt sie mich doch mit 
dem Ausrufe: „Ich sterbe vor Angst, oh, ich kann es Ihnen fast 
nicht sagen, ich hasse mich." Ich erfahre endlich, daß Dr. Breuer 
sie besucht hat, und daß sie bei seinem Erscheinen zusammen- 
gefahren ist. Als er es bemerkte, versicherte sie ihm: Nur dieses 



Mal, 



und es tat ihr in meinem Interesse so sehr leid, 



daß 



sie 



diesen Rest von früherer Schreckhaftigkeit noch verraten mußte! 
Ich hatte überhaupt in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, zu be- 
merken, wie herbe sie gegen sich ist, wie leicht bereit, sich aus 
den kleinsten Nachlässigkeiten — wenn die Tücher für die Massage 
nicht selbst am Platze liegen, wenn die Zeitung nicht in die Augen 
springend vorbereitet ist, die ich lesen soll, während sie schläft — 
einen schweren Vorwurf zu machen. Nachdem die erste, ober- 
flächlichste Schichte von quälenden Reminiszenzen abgetragen ist, 
kommt ihre sittlich überempfindliche, mit der Neigung zur Selbst- 
verkleinerung behaftete Persönlichkeit zum Vorschein, der ich im 
Wachen wie in der Hypnose vorsage, was eine Umschreibung des 
alten Satzes „minima non curat praetor" ist, daß es zwischen 
dem Guten und dem Schlechten eine ganze große Gruppe von 
indifferenten, kleinen Dingen gibt, aus denen sich niemand einen 
Vorwurf machen soll. Ich glaube, sie nimmt diese Lehren nicht 
viel besser auf als irgend ein asketischer Mönch des Mittelalters, 
der den Finger Gottes und die Versuchung des Teufels in jedem 
kleinsten Erlebnisse sieht, das ihn betrifft, und der nicht imstande 
ist, sich die Welt nur für eine kleine Weile und in irgend einer 
kleinen Ecke ohne Beziehung auf seine Person vorzustellen. 

In der Hypnose bringt sie einzelne Nachträge an schreckhaften 
Bildern (so in Abbazia blutige Köpfe auf jeder Woge). Ich lasse 
mir von ihr die Lehren wiederholen, die ich ihr im Wachen 
erteilt habe. 

15. Mai. Sie hat bis halb neun Uhr geschlafen, ist aber gegen 
Morgen unruhig geworden und empfängt mich mit leichtem Tic, 
Schnalzen und etwas Sprachhemmung. „Ich sterbe vor Angst.'' 




4" Studi en über Hysterie 

Erzählt auf Befragen, daß die Pension, in der die Kinder hier unter- 
gebracht sind, sich im vierten Stocke befinde und mittels eines 
Lifts zu erreichen sei. Sie habe gestern verlangt, daß die Kinder 
diesen Lift auch zum Herunterkommen benutzen, und mäche 
sich jetzt Vorwürfe darüber, da der Lift nicht ganz verläßlich 
sei. Der Pensionsbesitzer habe es selbst gesagt. Ob ich die Ge- 
schichte der Gräfin Seh . . . kenne, die in Rom bei einem der- 
artigen Unfälle tot geblieben sei? Ich kenne nun die Pension 
und weiß, daß der Aufzug Privateigentum des Pensionsbesitzers 
ist; es scheint mir nicht leicht möglich, daß der Mann, der sich 
dieses Aufzuges in einer Annonce rühmt, selbst vor dessen Be- 
nutzung gewarnt haben sollte. Ich meine, da liegt eine von der 
Angst eingegebene Erinnerungstäuschung vor, teile ihr meine 
Ansicht mit und bringe sie ohne Mühe dazu, daß sie selbst über 
die Unwahrscheinlichkeit ihrer Befürchtung lacht. Eben darum 
kann ich nicht glauben, daß dies die Ursache ihrer Angst war, 
und nehme mir vor, die Frage an ihr hypnotisches Bewußtsein 
zu richten. Während der Massage, die ich nach mehrtägiger 
Unterbrechung heute wieder vornehme, erzählt sie einzelne, lose 
aneinander gereihte Geschichten, die aber wahr sein mögen, so 
von einer Kröte, die in einem Keller gefunden wurde, von einer 
exzentrischen Mutter, die ihr idiotisches Kind auf eigentümliche 
Weise pflegte, von einer Frau, die wegen Melancholie in ein 
Irrenhaus gesperrt wurde, und läßt so erkennen, was für Remi- 
niszenzen durch ihren Kopf ziehen, wenn sich ihrer eine unbe- 
hagliche Stimmung bemächtigt hat. Nachdem sie sich dieser Er- 
zählungen entledigt hat, wird sie sehr heiter, berichtet vom 
Leben auf ihrem Gute, von den Beziehungen, die sie zu hervor- 
ragenden Männern Deutschrußlands und Norddeutschlands unter- 
hält, und es fällt mir wahrlich schwer, diese Fülle von Betätigung 
mit der Vorstellung einer so arg nervösen Frau zu vereinen. 

In der Hypnose frage ich also: warum sie heute morgen so 
unruhig war, und erhalte anstatt des Bedenkens über den Lift 



Frau Emmy v. N . 



47 



die Auskunft, sie habe gefürchtet, die Periode werde wieder- 
kehren und sie wiederum an der Massage stören. 1 

1) Der Hergang war also folgender gewesen: Als sie am Morgen aufwachte, fand 
sie sich in ängstlicher Stimmung und griff, um diese Stimmung aufzuklären, zur 
nächsten ängstlichen Vorstellung, die sich finden wollte. Ein Gespräch über den Lift 
im Hause der Kinder war am Nachmittage vorher vorgefallen. Die immer besorgte 
Mutter hatte die Gouvernante gefragt, ob die ältere Tochter, die wegen rechtseitiger 
Ovarie und Schmerzen im rechten Beine nicht viel gehen konnte, den Lift auch 
zum Herunterkommen benutze. Eine Erinnerungstäuschung gestattete ihr dann, die 
Angst, deren sie sich bewußt war, an die Vorstellung dieses Aufzuges zu knüpfen. 
Den wirklichen Grund ihrer Angst fand sie in ihrem Bewußtsein nicht; der ergab sich 
erst, aber ohne jedes Zögern, als ich sie in der Hypnose darum befragte. Es war der- 
selbe Vorgang, den Bernheim und andere nach ihm bei den Personen studiert 
haben, die posthypnotisch einen in der Hypnose erteilten Auftrag ausführen. Zum Bei- 
spiel Bernheim (Die Suggestion, 31 der deutschen Übersetzung) hat einem Kranken 
suggeriert, daß er nach dem Erwachen beide Daumen in den Mund stecken werde. 
Er tut es auch und entschuldigt sich damit, daß er seit einem Biß, den er sich tags 
vorher im epileptiformen Anfall zugefügt, einen Schmerz in der Zunge empfinde. 
Ein Mädchen versucht, der Suggestion gehorsam, einen Mordanschlag auf einen ihr 
völlig fremden Gerichtsbeamten; erfaßt und nach den Gründen ihrer Tat befragt, 
erfindet sie eine Geschichte von einer ihr zugefügten Kränkung, die eine Rache er- 
fordere. Es scheint ein Bedürfnis vorzuliegen, psychische Phänomene, deren man sich 
bewußt wird, in kausale Verknüpfung mit anderem Bewußten zu bringen. Wo sich 
die wirkliche Verursachung der Wahrnehmung des Bewußtseins entzieht, versucht 
man unbedenklich eine andere Verknüpfung, an die man selbst glaubt, obwohl sie 
falsch ist. Es ist klar, daß eine vorhandene Spaltung des Bewußtseinsinhaltes solchen 
„falschen Verknüpfungen" den größten Vorschub leisten muß. 

Ich will bei dem oben erwähnten Beispiel einer falschen Verknüpfung etwas 
länger verweilen, weil es in mehr als einer Hinsicht als vorbildlich bezeichnet werden 
darf. Vorbildlich zunächst für das Verhalten dieser Patientin, die mir im Verlaufe 
der Behandlung noch wiederholt Gelegenheit gab, mittels der hypnotischen Auf- 
klärung solche falsche Verknüpfungen zu lösen und die von ihnen ausgehenden 
Wirkungen aufzuheben. Einen Fall dieser Art will ich ausführlich erzählen, weil er 
die in Rede stehende psychologische Tatsache grell genug beleuchtet. Ich hatte 
Frau Emmy vorgeschlagen, anstatt der gewohnten lauen Bäder ein kühles Halb- 
bad zu versuchen, von dem ich ihr mehr Erfrischung versprach. Sie leistete ärzt- 
lichen Anordnungen unbedingten Gehorsam, verfolgte dieselben aber jedesmal mit 
dem ärgsten Mißtrauen. Ich habe schon berichtet, daß ihr ärztliche Behandlung 
fast niemals eine Erleichterung gebracht hatte. Mein Vorschlag, kühle Bäder zu 
nehmen, geschah nicht so autoritativ, daß sie nicht den Mut gefunden hätte, mir 
ihre Bedenken auszusprechen; „Jedesmal, so oft ich kühle Bäder genommen habe, 
bin ich den ganzen Tag über melancholisch gewesen. Aber ich versuche es wieder, 
wenn Sie wollen; glauben Sie nicht, daß ich etwas nicht tue, was Sie sagen." Ich 
verzichtete zum Schein auf meinen Vorschlag, gab ihr aber in der nächsten Hypnose 
ein, sie möge nur die kühlen Bäder jetzt selbst vorschlagen, sie habe es sich über- 
legt, wolle doch noch den Versuch wagen usw. So geschah es nun, sie nahm die 
Idee, kühle Halbbäder zu gebrauchen, selbst am nächsten Tage auf, suchte mich mit 
all den Argumenten dafür zu gewinnen, die ich ihr vorgetragen hatte, und ich gab 
ohne viel Eifer nach. Am Tage nach dem Halbbad fand ich sie aber wirklich in 



4.8 



Studien über Hysterie 



Ich lasse mir ferner die Geschichte ihrer Beinschmerzen er- 
zählen. Der Beginn ist derselbe wie gestern, dann folgt eine lange 

tiefer Verstimmung. „Warum sind Sie heute so? — Ich hahe es ja vorher gewußt. 
Von dem kalten Bade, das ist immer so. — Sie haben es selbst verlangt. Jetzt wissen 
wir, daß Sie es nicht vertragen. Wir kehren zu den lauen Bädern zurück." — In 
der Hypnose fragte ich dann: „War es wirklich das kühle Bad, das Sie so verstimmt 
hat?" — „Ach, das kühle Bad hat nichts damit zu tun," war die Antwort, „sondern 
ich habe heute früh in der Zeitung gelesen, daß eine Revolution in S. Domingo 
ausgebrochen ist. Wenn es dort Unruhen gibt, geht es immer über die Weißen her, 
und ich habe einen Bruder in S. Domingo, der uns schon so viel Sorge gemacht 
hat, und ich bin jetzt besorgt, daß ihm nicht etwas geschieht." Damit war die An- 
gelegenheit zwischen uns erledigt, sie nahm am nächsten Morgen ihr kühles Halbbad, 
als ob es sich von selbst verstünde, und nahm es noch durch mehrere Wochen, ohne 
je eine Verstimmung auf dasselbe zurückzuführen. 

Man wird mir gerne zugeben, daß dieses Beispiel auch typisch ist für das Ver- 
halten so vieler anderer Neuropathen gegen die vom Arzt empfohlene Therapie. Ob 
es nun Unruhen in S. Domingo oder anderwärts sind, die an einem bestimmten 
Tage ein gewisses Symptom hervorrufen; der Kranke ist stets geneigt, dies Symptom 
von der letzten ärztlichen Beeinflussung herzuleiten. Von den beiden Bedingungen, 
welche fürs Zustandekommen einer solchen falschen Verknüpfung erfordert werden, 
scheint die eine, das Mißtrauen, jederzeit vorhanden zu sein; die andere, die Bewußt- 
seinsspaltung, wird dadurch ersetzt, daß die meisten Neuropathen von den wirklichen 
Ursachen (oder wenigstens Gelegenheitsursachen) ihres Leidens teils keine Kenntnis 
haben, teils absichtlich keine Kenntnis nehmen wollen, weil sie ungerne an den 
Anteil erinnert sind, den eigenes Verschulden daran trägt. 

Man könnte meinen, daß die bei den Neuropathen außerhalb der Hysterie hervor- 
gehobenen psychischen Bedingungen der Unwissenheit oder absichtlichen Vernach- 
lässigung günstiger für die Entstehung einer falschen Verknüpfung sein müssen, als 
das Vorhandensein einer Bewußtseinsspaltung, die doch dem Bewußtsein Material 
für kausale Beziehung entzieht. Allein diese Spaltung ist selten eine reinliche, meist 
ragen Stücke des unterbewußten Vorstellungskomplexes ins gewöhnliche Bewußtsein 
hinein, und gerade diese geben den Anlaß zu solchen Störungen. Gewöhnlich ist es 
die mit dem Komplex verbundene Allgemeinempfindung, die Stimmung der Angst, 
der Trauer, die, wie im obigen Beispiele, bewußt empfunden wird und für die durch 
eine Art von „Zwang zur Assoziation" eine Verknüpfung mit einem im Bewußtsein 
vorhandenen Vorstellungskomplex hergestellt werden muß. (Vgl. übrigens den Mecha- 
nismus der Zwangsvorstellung, den ich in einer Mitteilung im Neurolog. Zentral- 
blatt, Nr. 10 und 11, 1894, angegeben habe. Auch: Obsessions et phobies, Revue neu- 
rologiqne, Nr. 2, 1895.) [Beide Arbeiten enthalten in diesem Band der Ges. Schriften.] 

Von der Macht eines solchen Zwanges zur Assoziation habe ich mich unlängst 
durch Beobachtungen auf anderem Gebiete überzeugen können. Ich mußte durch 
mehrere Wochen mein gewohntes Bett mit einem härteren Lager vertauschen, auf 
dem ich wahrscheinlich mehr oder lebhafter träumte, vielleicht nur die normale 
Schlaftiefe nicht erreichen konnte. Ich wußte in der ersten Viertelstunde nach dem 
Erwachen alle Träume der Nacht und gab mir die Mühe, sie niederzuschreiben und 
mich an ihrer Lösung zu versuchen. Es gelang mir, diese Träume sämtlich auf zwei 
Momente zurückzuführen: 1. auf die Nötigung zur Ausarbeitung solcher Vorstellungen, 
bei denen ich tagsüber nur flüchtig verweilt hatte, die nur gestreift und nicht er- 
ledigt worden waren, und 2. auf den Zwang, die im selben Bewußtseinszustande 



Frau Emmy v. N . 



49 



Reihe von Wechselfällen peinlicher und aufreibender Erlebnisse, 
zu deren Zeit sie diese Beinschmerzen hatte, und durch deren 
Einwirkung dieselben sich jedesmal verstärkten, selbst bis zu einer 



vorhandenen Dinge miteinander zu verknüpfen. Auf das freie Walten des letzteren 
Momentes war das Sinnlose und Widerspruchsvolle der Träume zurückzuführen. 

Daß die zu einem Erlebnisse gehörige Stimmung und der Inhalt desselben ganz 
regelmäßig in abweichende Beziehung zum primären Bewußtsein treten können, habe 
ich an einer anderen Patientin, Frau Cäcilie M . . ., gesehen, die ich weitaus gründ- 
licher als jede andere hier erwähnte Kranke kennen lernte. Ich habe bei dieser Dame 
die zahlreichsten und überzeugendsten Beweise für einen solchen psychischen Mecha- 
nismus hysterischer Phänomene gesammelt, wie wir ihn in dieser Arbeit vertreten, 
bin aber leider durch persönliche Umstände verhindert, diese Krankengeschichte, auf 
die ich mich gelegentlich zu beziehen gedenke, ausführlich mitzuteilen. Frau Cäcilie 
M . . . war zuletzt in einem eigentümlichen hysterischen Zustande, der gewiß nicht 
vereinzelt dasteht, wenngleich ich nicht weiß, ob er je erkannt worden ist. Man 
könnte ihn als „hysterische Tilgungspsychose" bezeichnen. — Die Patientin hatte 
zahlreiche psychische Traumen erlebt, und lange Jahre in einer chronischen Hysterie 
mit sehr mannigfaltigen Erscheinungen zugebracht. Die Gründe aller dieser Zustände 
waren ihr und anderen unbekannt, ihr glänzend ausgestattetes Gedächtnis wies die auf- 
fälligsten Lücken auf; ihr Leben sei ihr wie zerstückelt, klagte sie selbst. Eines Tages 
brach plötzlich eine alte Reminiszenz in plastischer Anschaulichkeit mit aller Frische 
der neuen Empfindung über sie herein, und von da an lebte sie durch fast drei 
Jahre alle Traumen ihres Lebens — längst vergessen geglaubte und manche eigentlich 
nie erinnerte — von neuem durch mit dem entsetzlichsten Aufwände von Leiden und 
der Wiederkehr aller Symptome, die sie je gehabt. Diese „Tilgung alter Schulden" 
umfaßte einen Zeitraum von dreiunddreißig Jahren und gestattete, von jedem ihrer 
Zustände die oft sehr komplizierte Determinierung zu erkennen. Man konnte ihr 
Erleichterung nur dadurch bringen, daß man ihr Gelegenheit gab, sich die Remi- 
niszenz, die sie gerade quälte, mit allem dazugehörigen Aufwände an Stimmung und 
deren körperlichen Äußerungen in der Hypnose abzusprechen, und wenn ich verhin- 
dert war, dabei zu sein, so daß sie vor einer Person sprechen mußte, gegen welche 
sie sich geniert fühlte, so geschah es einige Male, daß sie dieser ganz ruhig die 
Geschichte erzählte und mir nachträglich in der Hypnose all das Weinen, all die 
Äußerungen der Verzweiflung brachte, mit welchen sie die Erzählung eigentlich hätte 
begleiten wollen. Nach einer solchen Reinigung in der Hypnose war sie einige 
Stunden ganz wohl und gegenwärtig. Nach kurzer Zeit brach die der Reihe nach 
nächste Reminiszenz herein. Diese schickte aber die dazu gehörige Stimmung um 
Stunden voraus. Sie wurde reizbar oder ängstlich oder verzweifelt, ohne je zu ahnen, 
daß diese Stimmung nicht der Gegenwart, sondern dem Zustande angehöre, der sie 
zunächst befallen werde. In dieser Zeit des Überganges machte sie dann regelmäßig 
eine falsche Verknüpfung, an der sie bis zur Hypnose hartnäckig festhielt. So z. B. 
empfing sie mich einmal mit der Frage: „Bin ich nicht eine verworfene Person, ist 
das nicht ein Zeichen der Verworfenheit, daß ich Ihnen gestern dies gesagt habe?" 
Was sie tags vorher gesagt hatte, war mir wirklich nicht geeignet, diese Verdam- 
mung irgendwie zu rechtfertigen ; sie sah es nach kurzer Erörterung auch sehr wohl 
ein, aber die nächste Hypnose brachte eine Reminiszenz zum Vorschein, bei deren 
Anlaß sie sich vor zwölf Jahren einen schweren Vorwurf gemacht hatte, an dem sie 
in der Gegenwart übrigens gar nicht mehr festhielt. 

Freud, I. 



5o 



Studien über Hysterie 



doppelseitigen Beinlähmung mit Gefühlsverlust. Ähnlich ist es mit 
den Armschmerzen, die gleichfalls während einer Krankenpflege 
gleichzeitig mit den Genickkrämpfen begannen. Über die „Genick- 
krämpfe" erfahre ich nur folgendes: Sie haben eigentümliche 
Zustände von Unruhe mit Verstimmung abgelöst, die früher da 
-waren, und bestehen in einem „eisigen Packen" im Genicke, 
mit Steifwerden und schmerzhafter Kälte aller Extremitäten, Un- 
fähigkeit zu sprechen und voller Prostration. Sie dauern sechs 
bis zwölf Stunden. Meine Versuche, diesen Symptomkomplex als 
Reminiszenz zu entlarven, schlagen fehl. Die dahin zielenden 
Fragen, ob sie der Bruder, den sie im Delirium pflegte, einmal 
am Genicke gepackt, werden verneint; sie weiß nicht, woher 
diese Anfälle rühren. 1 



1) Bei nachheriger Überlegung muß ich mir sagen, daß diese „Genickkrämpfe" 
organisch bedingte, der Migräne analoge Zustände gewesen sein mögen. Man sieht 
in -praxi mehr derartige Zustände, die nicht beschrieben sind und die eine so auf- 
fällige Übereinstimmung mit dem klassischen Anfalle von Hemikranie zeigen, daß 
man gerne die Begriffsbestimmung der letzteren erweitern und die Lokalisation des 
Schmerzes an die zweite Stelle drängen wollte. Wie bekannt, pflegen viele neuropathi- 
sche Frauen mit dem Migräneanfalle hysterische Anfälle (Zuckungen und Delirien) 
zu verbinden. So oft ich den Genickkrampf bei Frau Emmy sah, war auch jedesmal 
ein Anfall von Delirium dabei. 

Was die Arm- und Beinschmerzen angeht, so denke ich, daß hier ein Fall der 
nicht sehr interessanten, aber um so häufigeren Art der Determinierung durch zu- 
fällige Koinzidenz vorlag. Sie hatte solche Schmerzen während jener Zeit der Auf- 
regung und Krankenpflege gehabt, infolge der Erschöpfung stärker als sonst emp- 
funden, und diese, ursprünglich mit jenen Erlebnissen nur zufällig assoziierten 
Schmerzen wurden dann in ihrer Erinnerung als das körperliche Symbol des Asso- 
ziationskomplexes wiederholt. Ich werde von beweisenden Beispielen für diesen Vor- 
gang in der Folge noch mehrere anführen können. Wahrscheinlich waren die Schmerzen 
ursprünglich rheumatische, d. h., um dem viel mißbrauchten Worte einen bestimmten 
Sinn zu geben, solche Schmerzen, die hauptsächlich in den Muskeln sitzen, bei denen 
bedeutende Druckempfindlichkeit und Konsistenzveränderung der Muskeln nachzu- 
weisen ist, die sich am heftigsten nach längerer Ruhe oder Fixierung der Extremität 
äußern, also am Morgen, die auf Einübung der schmerzhaften Bewegung sich bessern 
und durch Massage zum Verschwinden zu bringen sind. Diese myogenen Schmerzen, 
bei allen Menschen sehr häufig, gelangen bei den Neuropathen zu großer Bedeutung; 
sie werden von ihnen mit Unterstützung der Ärzte, die nicht die Gewohnheit haben, 
die Muskeln mit dem Fingerdrucke zu prüfen, für nervöse gehalten und geben das 
Material für ^unbestimmt viele hysterische Neuralgien, sogenannte Ischias u. dgl. 
ab. Auf die Beziehungen dieses Leidens zur gichtischen Disposition will ich hier 
nur kurz hinweisen. Mutter und zwei Schwestern meiner Patientin hatten an Gicht 



Frau Emmy v. N . 



51 



Abends. Sie ist sehr heiter, entwickelt überhaupt prächtigen 
Humor. Mit dem Lift sei es allerdings nicht so gewesen, wie sie 
mir gesagt hatte. Er sollte nur unter einem Vorwande nicht für 
die Fahrt abwärts benutzt werden. Eine Menge Fragen, an denen 
nichts Krankhaftes ist. Sie hat peinlich starke Schmerzen im Ge- 
sichte, in der Hand längs der Daumenseite und im Beine gehabt. 
Sie fühle Steifigkeit und Gesichtsschmerzen, wenn sie längere 
Zeit ruhig gesessen sei oder auf einen Punkt gestarrt habe. Das 
Heben eines schweren Gegenstandes verursache ihr Armschmerzen. 
Die Untersuchung des rechten Beines ergibt ziemlich gute Sen- 
sibilität am Oberschenkel, hochgradige Anästhesie am Unterschenkel 
und Fuße, mindere in der Becken- und Lendengegend. 

In der Hypnose gibt sie an, sie habe noch gelegentliche Angst- 
vorstellungen, wie, es könnte ihren Kindern etwas geschehen, sie 
könnten krank werden oder nicht am Leben bleiben, ihr Bruder, 
der jetzt auf der Hochzeitsreise sei, könnte einen Unfall erleiden, 
seine Frau sterben, weil alle Geschwister so kurz verheiratet waren. 
Andere Befürchtungen sind ihr nicht zu entlocken. Ich verweise 
ihr das Bedürfnis, sich zu ängstigen, wo kein Grund vorliegt. Sie 
verspricht es zu unterlassen, „weil Sie es verlangen". Weitere 
Suggestionen für die Schmerzen, das Bein usw. 

16. Mai. Sie hat gut geschlafen, klagt noch über Schmerzen 
im Gesichte, Arme, Beinen, ist sehr heiter. Die Hypnose fällt 
ganz unergiebig aus. Faradische Pinselung des anästhetischen 
Beines. 

Abends. Sie erschrickt gleich bei meinem Eintreten. — „Gut, 
daß Sie kommen. Ich bin so erschrocken." — Dabei alle Zeichen 
des Grausens, Stottern, Tic. Ich lasse mir zuerst im Wachen 
erzählen, was es gegeben hat, wobei sie das Entsetzen mit ge- 



(oder chronischem Rheumatismus) in hohem Grade gelitten. Ein Teil der Schmerzen, 
über welche sie damals klagte, mochte auch gegenwärtiger Natur sein. Ich weiß 
es nicht; ich hatte damals noch keine Übung in der Beurteilung dieses Zustandes 
der Muskeln. 

4* 




krümmten Fingern und vorgestreckten Händen vortrefflich dar- 
stellt. — Im Garten ist eine ungeheure Maus plötzlich über ihre 
Hand gehuscht und dann plötzlich verschwunden, es huschte über- 
haupt beständig hin und her. (Illusion spielender Schatten?) Auf 
den Bäumen saßen lauter Mäuse. — Hören Sie nicht die Pferde 
im Zirkus stampfen? — Daneben stöhnt ein Herr, ich glaube, er 
hat Schmerzen nach der Operation. — Bin ich denn auf Rügen, 
habe ich dort so einen Ofen gehabt? — Sie ist auch verworren 
unter der Fülle von Gedanken, die sich in ihr kreuzen, und in 
dem Bemühen, die Gegenwart herauszufinden. Auf Fragen nach 
gegenwärtigen Dingen, z. B. ob die Töchter da waren, weiß sie 
nicht zu antworten. 

Ich versuche die Entwirrung dieses Zustandes in der Hypnose. 

Hypnose. Wovor haben Sie sich denn geängstigt? — Sie 
wiederholt die Mäusegeschichte mit allen Zeichen des Entsetzens ; 
auch sei, als sie über die Treppe ging, ein scheußliches Tier da 
gelegen und gleich verschwunden. Ich erkläre das für Halluzi- 
nationen, verweise ihr die Furcht vor Mäusen, die kommen nur 
bei Trinkern vor (die sie sehr verabscheut). Ich erzähle ihr die 
Geschichte vom Bischof Hatto, die sie auch kennt und mit 
ärgstem Grausen anhört. — „Wie kommen Sie auf den Zirkus?" — 
Sie hört deutlich aus der Nähe, wie die Pferde in den Ställen 
stampfen und sich dabei im Halfter verwickeln, wodurch sie sich 
beschädigen können. Der Johann pflege dann immer hinaus zu 
gehen und sie loszubinden. — Ich bestreite ihr die Nähe des 
Stalles und das Stöhnen des Nachbars. Ob sie wisse, wo sie ist? — 
Sie weiß es, aber sie glaubte früher, auf Rügen zu sein. — Wie 
sie zu dieser Erinnerung kommt? — Sie sprachen im Garten 
davon, daß es an einer Stelle so heiß sei, und da sei ihr die 
schattenlose Terrasse auf Rügen eingefallen. — Was für traurige 
Erinnerungen sie denn an den Aufenthalt in Rügen habe? — 
Sie bringt die Reihe derselben vor. Sie habe dort die furcht- 
barsten Arm- und Beinschmerzen bekommen, sei mehrmals bei 




Frau Emmy v. N . 



55 



Ausflügen in den Nebel geraten, so daß sie den Weg verfehlt, 
zweimal auf Spaziergängen von einem Stiere verfolgt worden usw. — • 
Wieso sie heute zu diesem Anfalle gekommen? — Ja, wieso? Sie 
habe sehr viele Briefe geschrieben, drei Stunden lang und dabei 
einen eingenommenen Kopf bekommen. — Ich kann also an- 
nehmen, daß die Ermüdung diesen Anfall von Delirium herbei- 
geführt hat, dessen Inhalt durch solche Anklänge wie die schatten- 
lose Stelle im Garten usw. bestimmt wurde. — Ich wiederhole 
alle die Lehren, die ich ihr zu geben pflege, und verlasse sie 
eingeschläfert. 

17. Mai. Sie hat sehr gut geschlafen. Im Kleienbade, das sie 
heute nahm, hat sie mehrmals aufgeschrien, weil sie die Kleie 
für kleine Würmer hielt. Ich weiß dies von der Wärterin 3 sie 
mag es nicht gerne erzählen, ist fast ausgelassen heiter, unter- 
bricht sich aber häufig mit Schreien „Huh", Grimassen, die das 
Entsetzen ausdrücken, zeigt auch mehr Stottern als je in den 
letzten Tagen. Sie erzählt, daß sie in der Nacht geträumt, sie 
gehe auf lauter Blutegeln. In der Nacht vorher hatte sie gräß- 
liche Träume, mußte so viele Tote schmücken und in den Sarg 
legen, wollte aber nie den Deckel darauf geben. (Offenbar eine 
Reminiszenz an ihren Mann, s. o.) Erzählt ferner, daß ihr im 
Leben eine Menge von Abenteuern mit Tieren passiert seien, das 
gräßlichste mit einer Fledermaus, die sich in ihrem Toiletteschrank 
eingefangen, wobei sie damals unangekleidet aus dem Zimmer 
lief. Ihr Bruder schenkte ihr darauf, um sie von dieser Angst zu 
kurieren, eine schöne Brosche in Gestalt einer Fledermaus 5 sie 
konnte dieselbe aber nie tragen. 

In der Hypnose: Ihre Angst vor Würmern rühre daher, daß 
sie einmal ein schönes Nadelkissen geschenkt bekommen, aus 
welchem am nächsten Morgen, als sie es gebrauchen wollte, 
lauter kleine Würmer hervorkrochen, weil die zur Füllung ver- 
wendete Kleie nicht ganz trocken war. (Halluzination? Vielleicht 
tatsächlich.) Ich frage nach weiteren Tiergeschichten. Als sie ein- 




54 Studien über Hysterie 



mal mit ihrem Manne in einem Petersburger Parke spazieren 
ging, sei der ganze Weg bis zum Teiche mit Kröten besetzt ge- 
wesen, so daß sie umkehren mußten. Sie habe Zeiten gehabt, in 
denen sie niemand die Hand reichen konnte aus Furcht, diese 
verwandle sich in ein scheußliches Tier, wie es so oft der Fall 
gewesen war. Ich versuche sie von der Tierangst zu befreien, 
indem ich die Tiere einzeln durchgehe und frage, ob sie sich 
vor ihnen fürchte. Sie antwortet bei dem einen: „Nein , bei den 
anderen: „Ich darf mich nicht fürchten." 1 Ich frage, warum sie 
heute und gestern so gezuckt und gestottert. Das tue sie immer, 
wenn sie so schreckhaft sei. 2 — Warum sie aber gestern so schreck- 
haft gewesen? — Im Garten sei ihr allerlei eingefallen, was sie 
drückte. Vor allem, wie sie verhindern könne, daß sich wieder 
etwas bei ihr anhäufe, nachdem sie aus der Behandlung entlassen 
sei. — Ich wiederhole ihr die drei Trostgründe, die ich ihr schon 
im Wachen gegeben: 1. Sie sei überhaupt gesünder und wider- 
standsfähiger geworden. 2. Sie werde sich gewöhnen, sich gegen 
irgend eine ihr nahestehende Person auszusprechen. 5. Sie werde eine 
ganze Menge von Dingen, die sie bisher gedrückt, fortan zu den 
indifferenten zählen. — Es habe sie ferner gedrückt, daß sie mir 
nicht für mein spätes Kommen gedankt, daß sie gefürchtet, ich 
werde wegen ihres letzten Rückfalles die Geduld mit ihr ver- 
lieren. Es habe sie sehr ergriffen und geängstigt, daß der Haus- 
arzt im Garten einen Herrn gefragt habe, ob er schon Mut zur 
Operation habe. Die Frau saß dabei, sie selbst mußte denken, 

1) Es war kaum eine gute Methode, die ich. da verfolgte. Dies alles war nicht 
erschöpfend genug gemacht. 

2) Mit der Zurüekführung auf die beiden initialen Traumen sind Stottern und 
Schnalzen nicht völlig beseitigt worden, obwohl von da ab eine auffällige Ver- 
minderung der beiden Symptome eintrat. Die Erklärung für diese UnVollständigkeit 
des Erfolges gab die Kranke selbst (vgl. p. 31). Sie hatte sich angewöhnt, jedesmal 
zu schnalzen und zu stottern, so oft sie erschrak, und so hingen diese Symptome 
schließlich nicht an den initialen Traumen allein, sondern an einer langen Kette von 
ihnen assoziierten Erinnerungen, die wegzuwischen ich unterlassen hatte. Es ist dies 
ein Fall, der häufig genug vorkommt und jedesmal die Eleganz* und Vollständigkeit 
der therapeutischen Leistung durch die kathartische Methode beeinträchtigt. 



Frau Emmy v. N . . . 



55 



wenn dies nun der letzte Abend des armen Mannes wäre. Mit 
dieser letzten Mitteilung scheint die Verstimmung gelöst zu sein! 1 

Abends ist sie sehr heiter und zufrieden. Die Hypnose liefert 
gar kein Ergebnis. Ich beschäftige mich mit der Behandlung der 
Muskelschmerzen und mit der Herstellung der Sensibilität am 
rechten Beine, was in der Hypnose sehr leicht gelingt, die her- 
gestellte Empfindlichkeit ist nach dem Erwachen aber zum Teil 
wieder verloren gegangen. Ehe ich sie verlasse, äußert sie ihre 
Verwunderung darüber, daß sie so lange keinen Genickkrampf 
gehabt, der sonst vor jedem Gewitter aufzutreten pflegte. 

1 8. Mai. Sie hat heute Nacht geschlafen, "Wie es seit Jahren 
nicht mehr vorgekommen, klagt aber seit dem Bade über Kälte 
im Genicke, Zusammenziehen und Schmerzen im Gesichte, in den 
Händen und Füßen, ihre Züge sind gespannt, ihre Hände in 
Krampfstellungen. Die Hypnose weist keinerlei psychischen Inhalt 
dieses Zustandes von „Genickkrampf" nach, den ich dann durch 
Massage im Wachen bessere. 2 



1) Ich erfuhr hier zum ersten Male, wovon ich mich später unzählige Male über- 
zeugen konnte, daß bei der hypnotischen Lösung eines frischen hysterischen Deliriums 
die Mitteilung des Kranken die chronologische Reihenfolge umkehrt, zuerst die letzt- 
erfolgten und minderwichtigen Eindrücke und Gedankenverbindungen mitteilt und 
erst am Schlüsse auf den primären, wahrscheinlich kausal wichtigsten Eindruck 
kommt. 

2) Ihre Verwunderung am Abend vorher, daß sie so lange keinen Genickkrampf 
gehabt, war also eine Ahnung des nahenden Zustandes, der sich damals schon vor- 
bereitete und im Unbewußten bemerkt wurde. Diese merkwürdige Form der Ahnung 
war bei der vorhin erwähnten Frau Cäcilie M. etwas ganz Gewöhnliches. Jedesmal, 
wenn sie mir im besten Wohlbefinden etwa sagte : „Jetzt habe ich mich schon lange 
nicht bei Nacht vor Hexen gefürchtet", oder: „Wie froh bin ich, daß mein Augen- 
schmerz so lange ausgeblieben ist," konnte ich sicher sein, daß die nächste Nacht 
der Wärterin den Dienst durch die ärgste Hexenfurcht erschweren oder daß der 
nächste Zustand mit dem gefürchteten Schmerz im Auge beginnen werde. Es war 
jedesmal ein Durchschimmern dessen, was im Unbewußten bereits fertig vorgebildet 
lag, und das ahnungslose „offizielle" Bewußtsein (nach Gharcots Bezeichnung) ver- 
arbeitete die als plötzlicher Einfall auftauchende Vorstellung zu einer Äußerung der 
Befriedigung, die immer rasch und sicher genug Lügen gestraft wurde. Frau Cäcilie, 
eine hochintelligente Dame, der ich auch viel Förderung im Verständnisse hysteri- 




56 



Studien über Hysterie 






Ich hoffe, der vorstehende Auszug aus der Chronik der ersten 
drei Wochen wird hinreichen, ein anschauliches Bild von dem 
Zustande der Kranken, von der Art meiner therapeutischen Be- 
mühung und von deren Erfolg zu geben. Ich gehe daran, die 
Krankengeschichte zu vervollständigen. 

Das zuletzt beschriebene hysterische Delirium war auch die 
letzte erhebliche Störung im Befinden der Frau Emmy. Da 
ich nicht selbständig nach Krankheitssymptomen und deren Be- 
gründung forschte, sondern zuwartete, bis sich etwas zeigte oder 
sie mir einen beängstigenden Gedanken eingestand, wurden die 
Hypnosen bald unergiebig und wurden von mir meistens dazu 
verwendet, ihr Lehren zu erteilen, die in ihren Gedanken stets 
gegenwärtig bleiben und sie davor schützen sollten, zu Hause 
neuerdings in ähnliche Zustände zu verfallen. Ich stand damals 
völlig unter dem Banne des Bernheimschen Buches über die 
Suggestion und erwartete mehr von solcher lehrhafter Beeinflussung, 
als ich heute erwarten würde. Das Befinden meiner Patientin hob 
sich in kurzer Zeit so sehr, daß sie versicherte, sich seit dem 
Tode ihres Mannes nicht ähnlich wohl gefühlt zu haben. Ich 
entließ sie nach im ganzen sieben wöchentlicher Behandlung in 
ihre Heimat an der Ostsee. 

Nicht ich, sondern Dr. Breuer erhielt nach etwa sieben Monaten 
Nachricht von ihr. Ihr Wohlbefinden hatte mehrere Monate an- 
gehalten und war dann einer neuerlichen psychischen Erschütterung 
erlegen. Ihre älteste Tochter, die bereits während des ersten Auf- 
enthaltes in Wien es der Mutter an Genickkrämpfen und leichten 
hysterischen Zuständen gleichgetan hatte, die vor allem an Schmerzen 



scher Symptome verdanke, machte mich selbst darauf aufmerksam, daß solche Vor- 
kommnisse Anlaß zum bekannten Aberglauben des Beschreiens und Berufens gegeben 
haben mögen. Man soll sich keines Glückes rühmen, anderseits auch den Teufel nicht 
an die Wand malen, sonst kommt er. Eigentlich rühmt man sich des Glückes erst 
dann, wenn das Unglück schon lauert, und man faßt die Ahnung in die Form des 
Rühmens, weil hier der Inhalt der Reminiszenz früher auftaucht als die dazu gehörige 
Empfindung, weil im Bewußtsein also ein erfreulicher Kontrast vorhanden ist. 



Frau Emmy v. N . . . ' 57 



beim Gehen infolge einer Retroflexio uteri litt, war auf meinen 
Rat von Dr. N . . ., einem unserer angesehensten Gynäkologen, 
behandelt worden, der ihr den Uterus durch Massage aufrichtete, 
so daß sie mehrere Monate frei von Beschwerden blieb. Als 
sich diese zu Hause wieder einstellten, wandte sich die Mutter 
an den Gynäkologen der nächsten Universitätsstadt, welcher dem 
Mädchen eine kombinierte lokale und allgemeine Therapie an- 
gedeihen ließ, die aber zu einer schweren nervösen Erkrankung 
des Kindes führte. Wahrscheinlich zeigte sich hierin bereits die 
pathologische Veranlagung des damals siebzehnjährigen Mädchens, 
die ein Jahr später in einer Charakterveränderung manifest wurde. 
Die Mutter, die das Kind mit ihrem gewohnten Gemische von 
Ergebung und Mißtrauen den Ärzten überlassen hatte, machte 
sich nach dem unglücklichen Ausgange dieser Kur die aller- 
heftigsten Vorwürfe, gelangte auf einem Gedankenwege, dem ich 
nicht nachgespürt habe, zum Schlüsse, daß wir beide, Dr. N . . . 
und ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes trügen, weil wir 
ihr das schwere Leiden der Kleinen als leicht dargestellt, hob 
gewissermaßen durch einen Willensakt die Wirkung meiner Be- 
handlung auf und verfiel alsbald wieder in dieselben Zustände, 
von denen ich sie befreit hatte. Ein hervorragender Arzt in ihrer 
Nähe, an den sie sich wandte, und Dr. Breuer, der brieflich mit 
ihr verkehrte, vermochten es zwar, sie zur Einsicht von der Un- 
schuld der beiden Angeklagten zu bringen, allein die zu dieser 
Zeit gefaßte Abneigung gegen mich blieb ihr als hysterischer Rest 
auch nach dieser Aufklärung übrig und sie erklärte, es sei ihr 
unmöglich, sich wieder in meine Behandlung zu begeben. Nach 
dem Rate jener ärztlichen Autorität suchte sie Hilfe in einem 
Sanatorium Norddeutschlands, und ich teilte auf Breuers Wunsch 
dem leitenden Arzte der Anstalt mit, welche Modifikation der 
hypnotischen Therapie sich bei ihr wirksam erwiesen hatte. 

Dieser Versuch einer Übertragung mißlang ganz gründlich. Sie 
scheint sich von Anfang an mit dem Arzte nicht verstanden zu 




58 



Studien über Hysterie 



haben, erschöpfte sich im Widerstände gegen alles, was man mit 
ihr vornahm, kam herunter, verlor Schlaf und Eßlust und erholte 
sich erst, nachdem eine Freundin, die sie in der Anstalt besuchte, 
sie eigentlich heimlich entführt und in ihrem Hause gepflegt 
hatte. Kurze Zeit darauf, genau ein Jahr nach ihrem ersten Zu- 
sammentreffen mit mir, war sie wieder in Wien und gab sich 
wieder in meine Hände. 

Ich fand sie weit besser, als ich sie mir nach den brieflichen 
Berichten vorgestellt hatte. Sie war beweglich, angstfrei, es hatte 
doch vieles gehalten, was ich im Vorjahre aufgerichtet hatte. Ihre 
Hauptklage war die über häufige Verworrenheit, „Sturm im 
Kopfe", wie sie es nannte, außerdem war sie schlaflos, mußte oft 
durch Stunden weinen und wurde zu einer bestimmten Zeit des 
Tages (5 Uhr) traurig. Es war dies die Zeit, um welche sie im 
Winter die im Sanatorium befindliche Tochter besuchen durfte. 
Sie stotterte und schnalzte sehr viel, rieb häufig wie wütend die 
Hände aneinander, und als ich sie fragte, ob sie viele Tiere sehe, 
antwortete sie nur: „0, seien Sie still!" 

Beim ersten Versuche, sie in Hypnose zu versetzen, ballte sie 
die Fäuste, schrie: „Ich will keine Antipyrininjektion, ich will 
lieber meine Schmerzen behalten. Ich mag den Dr. R . . . 
nicht, er ist mir antipathisch." Ich erkannte, daß sie in der 
Reminiszenz einer Hypnose in der Anstalt befangen sei, und 
sie beruhigte sich, als ich sie in die gegenwärtige Situation 
zurückbrachte. 

Gleich zu Beginn der Behandlung machte ich eine lehrreiche 
Erfahrung. Ich hatte gefragt, seit wann das Stottern wieder- 
gekommen sei, und sie hatte (in der Hypnose) zögernd geant- 
wortet: seit dem Schreck, den sie im Winter in D . . . gehabt. 
Ein Kellner des Gasthofes, in dem sie wohnte, hatte sich in 
ihrem Zimmer versteckt; sie habe das Ding in der Dunkelheit 
für einen Paletot gehalten, hingegriffen und da sei der Mann 
plötzlich „in die Höhe geschossen". Ich nehme ihr dieses Erinne- 



Frau Emmy v. N . 



59 



rungsbild ab, und wirklich stottert sie von da an in der Hypnose 
wie im Wachen kaum merklich. Ich weiß nicht mehr, was mich 
bewog, hier die Probe auf den Erfolg zu versuchen. Als ich am 
Abend wiederkam, fragte ich sie anscheinend ganz harmlos, wie ich 
es denn machen solle, um bei meinem Weggehen, wenn sie im 
Schlafe liege, die Türe so zu verschließen, daß sich niemand 
hereinschleichen könne. Zu meinem Erstaunen erschrak sie heftig, 
begann mit Zähneknirschen und Händereiben, deutete an, sie habe 
einen heftigen Schreck in dieser Art in D . . . gehabt, war aber 
nicht zu bewegen, die Geschichte zu erzählen. Ich merkte, daß 
sie dieselbe Geschichte meine, die sie vormittags in der Hypnose 
erzählt, und die ich doch verwischt zu haben meinte. In der 
nächsten Hypnose erzählte sie nun ausführlicher und wahrheits- 
getreuer. Sie war in ihrer Erregung am Abend auf dem Gange 
hin und her gegangen, fand die Türe zum Zimmer ihrer Kammer- 
frau offen und wollte eintreten, um sich dort niederzusetzen. Die 
Kammerfrau vertrat ihr den Weg, sie ließ sich aber nicht ab- 
halten, trat dennoch ein und bemerkte dann jenes dunkle Ding 
an der Wand, das sich als ein Mann erwies. Offenbar war es das 
erotische Moment dieses kleinen Abenteuers gewesen, was sie zu 
einer ungetreuen Darstellung veranlaßt hatte. Ich hatte aber er- 
fahren, daß eine unvollständige Erzählung in der Hypnose keinen 
Heileffekt hat, gewöhnte mich, eine Erzählung für unvollständig 
zu halten, wenn sie keinen Nutzen brachte, und lernte es all- 
mählich den Kranken an der Miene abzusehen, ob sie mir nicht 
ein wesentliches Stück der Beichte verschwiegen hätten. 

Die Arbeit, die ich diesmal mit ihr vorzunehmen hatte, bestand 
in der hypnotischen Erledigung der unangenehmen Eindrücke, 
die sie während der Kur ihrer Tochter und während des eigenen 
Aufenthaltes in jener Anstalt in sich aufgenommen hatte. Sie war voll 
unterdrückter Wut gegen den Arzt, der sie genötigt hatte, in der 
Hypnose K..r..ö..t..e zu buchstabieren, und nahm mir 
das Versprechen ab, ihr dieses Wort niemals zuzumuten. Ich er- 



6o 



Studien über Hysterie 



laubte mir hier einen suggestiven Scherz, den einzigen, übrigens 
ziemlich harmlosen Mißbrauch der Hypnose, dessen ich mich bei 
dieser Patientin anzuklagen habe. Ich versicherte ihr, der Aufent- 
halt in ***tal würde ihr so sehr in die Ferne entrückt sein, daß 
sie sich nicht einmal auf den Namen besinnen und jedesmal, 
wenn sie ihn aussprechen wollte, sich zwischen . . . berg, . . . tal, 
. ,. . wald u. dgl. irren werde. Es traf so zu, und bald war die Un- 
sicherheit bei diesem Namen die einzige Sprachhemmung, die an 
ihr zu beobachten war, bis ich sie auf eine Bemerkung von 
Dr. Breuer von diesem Zwange zur Paramnesie befreite. 

Länger als mit den Resten dieser Erlebnisse hatte ich mit den 
Zuständen zu kämpfen, die sie „Sturm im Kopfe" benannte. Als 
ich sie zum ersten Male in solch einem Zustande sah, lag sie mit 
verzerrten Zügen auf dem Diwan in unaufhörlicher Unruhe des 
ganzen Körpers, die Hände immer wieder gegen die Stirne ge- 
preßt, und rief dabei wie sehnsüchtig und ratlos den Namen 
„Emmy", der ihr eigener wie der ihrer älteren Tochter war. In 
der Hypnose gab sie die Auskünfte, der Zustand sei die Wieder- 
holung so vieler Anfälle von Verzweiflung, die sie während der 
Kur ihrer Tochter zu ergreifen pflegten, nachdem sie stunden- 
lang darüber nachgedacht, wie man den schlechten Erfolg der 
Behandlung korrigieren könne, ohne einen Ausweg zu finden. Als 
sie dann fühlte, daß sich ihre Gedanken verwirrten, gewöhnte sie 
sich daran, den Namen der Tochter laut zu rufen, um sich an 
ihm wieder zur Klarheit herauszuarbeiten. Denn zu jener Zeit, 
als der Zustand der Tochter ihr neue Pflichten auferlegte und sie 
fühlte, daß die Nervosität wieder Macht über sie gewinne, habe 
sie bei sich festgesetzt, daß alles, was dieses Kind beträfe, der Ver- 
wirrung entzogen bleiben müsse, sollte auch alles andere in ihrem 
Kopfe drunter und drüber gehen. 

Nach einigen Wochen waren auch diese Reminiszenzen über- 
wunden und Frau Emmy verblieb in vollkommenem Wohlbefinden 
noch einige Zeit in meiner Beobachtung. Gerade gegen Ende ihres 



Frau Emmy v. N . . . Ö£ 



Aufenthaltes fiel etwas vor, was ich ausführlich erzählen will, weil 
diese Episode das hellste Licht auf den Charakter der Kranken 
und auf die Entstehungsweise ihrer Zustände wirft. 

Ich besuchte sie einmal zur Zeit ihres Mittagessens und über- 
raschte sie dabei, wie sie etwas in Papier gehüllt in den Garten 
warf, wo es die Kinder des Hausdieners auffingen. Auf mein Befragen 
bekannte sie, es sei ihre (trockene) Mehlspeise, die alle Tage den- 
selben Weg zu gehen pflege. Dies gab mir Anlaß, mich nach 
den Resten der anderen Gänge umzusehen, und ich fand auf den 
Tellern mehr übrig gelassen, als sie verzehrt haben konnte. Zur 
Rede gestellt, warum sie so wenig esse, antwortete sie, sie sei 
nicht gewöhnt, mehr zu essen, auch würde es ihr schaden; sie 
habe dieselbe Natur wie ihr seliger Vater, der gleichfalls ein 
schwacher Esser gewesen sei. Als ich mich erkundigte, was sie 
trinke, kam die Antwort, sie vertrage überhaupt nur dicke Flüssig- 
keiten, Milch, Kaffee, Kakao u. dgl.; so oft sie Quellwasser oder 
Mineralwasser trinke, verderbe sie sich den Magen. Dies trug nun 
unverkennbar den Stempel einer nervösen Elektion. Ich nahm 
eine Harnprobe mit und fand den Harn sehr konzentriert und 
mit harnsauren Salzen überladen. 

Ich erachtete es demnach für zweckmäßig, ihr reichlicheres Trinken 
anzuraten, und nahm mir vor, auch ihre Nahrungsaufnahme zu 
steigern. Sie war zwar keineswegs auffällig mager, aber etwas 
Überernährung schien mir immerhin anstrebenswert. Als ich ihr 
bei meinem nächsten Besuche ein alkalisches Wasser empfahl und 
die gewohnte Verwendung der Mehlspeise untersagte, geriet sie 
in nicht geringe Aufregung. „Ich werde es tun, weil Sie es ver- 
langen, aber ich sage Ihnen vorher, es wird schlecht ausgehen, 
weil es meiner Natur widerstrebt, und mein Vater war ebenso. 
Auf die in der Hypnose gestellte Frage, warum sie nicht mehr 
essen und kein Wasser trinken könne, kam ziemlich mürrisch die 
Antwort: „Ich weiß nicht." Am nächsten Tage bestätigte mir die 
Wärterin, daß Frau Emmy ihre ganze Portion bewältigt und ein 



Glas des alkalischen Wassers getrunken habe. Sie selbst fand ich 
aber liegend, tief verstimmt und in sehr ungnädiger Laune. Sie 
klagte über sehr heftige Magenschmerzen: „Ich habe es Ihnen ja 
gesagt. Jetzt ist der ganze Erfolg wieder weg, um den wir uns 
so lange gequält haben. Ich habe mir den Magen verdorben wie 
immer, wenn ich mehr esse oder Wasser trinke, und muß mich 
wieder fünf bis acht Tage ganz aushungern, bis ich etwas ver- 
trage." Ich versicherte ihr, sie werde sich nicht aushungern 
müssen, es sei ganz unmöglich, daß man sich auf diese Weise 
den Magen verderbe, ihre Schmerzen rührten nur von der Angst 
her, mit der sie gegessen und getrunken. Offenbar hatte ich ihr 
mit dieser Aufklärung nicht den geringsten Eindruck gemacht, 
denn als ich sie bald darauf einschläfern wollte, mißlang die 
Hypnose zum ersten Male, und an dem wütenden Blicke, den sie 
mir zuschleuderte, erkannte ich, daß sie in voller Auflehnung be- 
griffen und daß die Situation sehr ernst sei. Ich verzichtete auf 
die Hypnose, kündigte ihr an, daß ich ihr eine vierundzwanzig- 
stündige Bedenkzeit lasse, um sich der Ansicht zu fügen, daß ihre 
Magenschmerzen nur von ihrer Furcht kämen; nach dieser Zeit 
werde ich sie fragen, ob sie noch meine, man könne sich den 
Magen auf acht Tage hinaus durch ein Glas Mineralwasser 
und eine bescheidene Mahlzeit verderben, und wenn sie bejahe, 
werde ich sie bitten abzureisen. Die kleine Szene stand in recht 
scharfem Kontrast zu unseren, sonst sehr freundschaftlichen Be- 
ziehungen. 

Ich traf sie vierundzwanzig Stunden später demütig und mürbe. 
Auf die Frage, wie sie über die Herkunft ihrer Magenschmerzen 
denke, antwortete sie, einer Verstellung unfähig: „Ich glaube, daß 
sie von meiner Angst kommen, aber nur, weil Sie es sa^en " 
Jetzt versetzte ich sie in Hypnose und fragte neuerdings: „Warum 
können Sie nicht mehr essen?" 

Die Antwort erfolgte prompt und bestand wieder in der An- 
gabe einer chronologisch geordneten Reihe von Motiven aus der 



Frau Emmy v. N . . . 



63 



Erinnerung: „Wie ich ein Kind war, kam es oft vor, daß ich aus 
Unart bei Tisch mein Fleisch nicht essen wollte. Die Mutter war 
dann immer sehr streng und ich mußte bei schwerer Strafe zwei 
Stunden später das stehengelassene Fleisch auf demselben Teller 
nachessen. Das Fleisch war ganz kalt geworden und das Fett so 
starr (Ekel), . . . und ich sehe die Gabel noch vor mir, ... die 
eine Zinke war etwas verbogen. Wenn ich mich jetzt zu Tische setze, 
sehe ich immer die Teller vor mir mit dem kalten Fleisch und 
dem Fette; und wie ich viele Jahre später mit meinem Bruder 
zusammenlebte, der Offizier war und der die garstige Krankheit 
hatte; — ich wußte, daß es ansteckend ist, und hatte so eine 
gräßliche Angst, mich in dem Bestecke zu irren und seine Gabel 
und sein Messer zu nehmen (Grausen), und ich habe doch mit 
ihm zusammen gespeist, damit niemand merkt, daß er krank ist; 
und wie ich bald darauf meinen andern Bruder gepflegt habe, der 
so lungenkrank war, da haben wir vor seinem Bette gesessen, und 
die Spuckschale stand immer auf dem Tische und war offen 
(Grausen) . . . und er hatte die Gewohnheit, über die Teller weg 
in die Schale zu spucken, da habe ich mich immer so geekelt, 
und ich konnte es doch nicht zeigen, um ihn nicht zu beleidigen. 
Und diese Spuckschalen stehen immer noch auf dem Tische, wenn 
ich esse, und da ekelt es mich noch immer." Ich räumte mit 
diesem Instrumentarium des Ekels natürlich gründlich auf und 
fragte dann, warum sie kein Wasser trinken könne. Als sie 
siebzehn Jahre alt war, verbrachte die Familie einige Monate in 
München, und fast alle Mitglieder zogen sich durch den Genuß 
des schlechten Trinkwassers Magenkatarrhe zu. Bei den anderen 
wurde das Leiden durch ärztliche Anordnungen bald behoben, bei 
ihr hielt es an; auch das Mineralwasser, das ihr als Getränk 
empfohlen wurde, besserte nichts. Sie dachte sich gleich, wie der 
Arzt ihr diese Verordnung gab: das wird gewiß auch nichts 
nützen. Seither hatte sich diese Intoleranz gegen Quell- und Mineral- 
wässer ungezählte Male wiederholt. 



64 



Studien über Hysterie 



Die therapeutische Wirkung dieser hypnotischen Erforschung 
war eine sofortige und nachhaltige. Sie hungerte sich nicht acht 
Tage lang aus, sondern aß und trank schon am nächsten Tage ohne 
alle Beschwerden. Zwei Monate später schrieb sie in einem Briefe: 
„Ich esse sehr gut und habe um vieles zugenommen. Von dem 
Wasser habe ich schon vierzig Flaschen getrunken. Glauben Sie, 
soll ich damit fortfahren?" 

Ich sah Frau v. N . . . im Frühjahre des nächsten Jahres auf 
ihrem Gute bei D . . . wieder. Ihre ältere Tochter, deren Namen 
sie während der „Stürme im Kopfe" zu rufen pflegte, trat um 
diese Zeit in eine Phase abnormer Entwicklung ein, zeigte einen 
ungemessenen Ehrgeiz, der im Mißverhältnisse zu ihrer kärglichen 
Begabung stand, wurde unbotmäßig und selbst gewalttätig gegen 
die Mutter. Ich besaß noch das Vertrauen der letzteren und wurde 
hinbeschieden, um mein Urteil über den Zustand des jungen 
Mädchens abzugeben. Ich gewann einen ungünstigen Eindruck 
von der psychischen Veränderung, die mit dem Kinde vorge- 
gangen war, und hatte bei der Stellung der Prognose noch die 
Tatsache in Anschlag zu bringen, daß sämtliche Halbgeschwister 
der Kranken (Kinder des Herrn v. N . . . aus erster Ehe) an 
Paranoia zugrunde gegangen waren. In der Familie der Mutter 
fehlte es ja auch nicht an einem ausgiebigen Maße von neuro- 
pathischer Belastung, wenngleich von ihrem nächsten Verwandten- 
kreise kein Mitglied in endgültige Psychose verfallen war. Frau 
v. N . . ., der ich die Auskunft, die sie verlangt hatte, ohne Rück- 
halt erteilte, benahm sich dabei ruhig und verständnisvoll. Sie 
war stark geworden, sah blühend aus, die dreiviertel Jahre seit 
Beendigung der letzten Behandlung waren in relativ hohem Wohl- 
befinden verflossen, das nur durch Genickkrämpfe und andere 
kleine Leiden gestört worden war. Den ganzen Umfang ihrer 
Pflichten, Leistungen und geistigen Interessen lernte ich erst 
während dieses mehrtägigen Aufenthaltes in ihrem Hause kennen. 
Ich traf auch einen Hausarzt an, der nicht allzuviel über die 



Frau Emmy v. N . 



65 



Dame zu klagen hatte 5 sie war also mit der profession einiger- 
maßen ausgesöhnt. 

Die Frau war um so vieles gesünder und leistungsfähiger ge- 
worden, aber an den Grundzügen ihres Charakters hatte sich trotz 
aller lehrhaften Suggestionen wenig verändert. Die Kategorie der 
indifferenten Dinge" schien sie mir nicht anerkannt zu haben, 
ihre Neigung zur Selbstquälerei war kaum geringer als zur Zeit 
der Behandlung. Die hysterische Disposition hatte auch während 
dieser guten Zeit nicht geruht, sie klagte z. B. über eine Un- 
fähigkeit, längere Eisenbahnreisen zu machen, die sie sich in den 
letzten Monaten zugezogen hatte, und ein notgedrungen eiliger 
Versuch, ihr dieses Hindernis aufzulösen, ergab nur verschiedene 
kleine unangenehme Eindrücke, die sie sich auf den letzten Fahrten 
nach D . . . und in die Umgebung geholt hatte. Sie schien sich 
in der Hypnose aber nicht gerne mitzuteilen, und ich kam schon 
damals auf die Vermutung, daß sie im Begriffe sei, sich meinem 
Einflüsse wiederum zu entziehen, und daß die geheime Absicht 
der Eisenbahnhemmung darin liege, eine neuerliche Reise nach 
Wien zu verhindern. 

Während dieser Tage äußerte sie auch jene Klage über Lücken 
in ihrer Erinnerung „gerade in den wichtigsten Begebenheiten", 
aus der ich schloß, daß meine Arbeit vor zwei Jahren eingreifend 
genug und dauernd gewirkt hatte. — Als sie mich eines Tages 
durch eine Allee führte, die vom Hause bis zu einer Bucht der 
See reichte, wagte ich die Frage, ob diese Allee oft mit Kröten 
besetzt sei. Zur Antwort traf mich ein strafender Blick, doch nicht 
begleitet von den Zeichen des Grausens, und dann erfolgte er- 
gänzend die Äußerung: „Aber wirkliche gibt es hier." — Während 
der Hypnose, die ich zur Erledigung der Eisenbahnhemmung unter- 
nahm, schien sie selbst von den Antworten, die sie gab, unbe- 
friedigt, und sie drückte die Furcht aus, sie würde jetzt wohl 
der Hypnose nicht mehr so gehorchen wie früher. Ich beschloß, 
sie vom Gegenteil zu überzeugen. Ich schrieb einige Worte auf 

Freud, I. , 



66 



Studien über Hysterie 



einen Zettel nieder, den ich ihr übergab, und sagte: „Sie werden 
mir heute Mittag wieder ein Glas Rotwein einschenken wie gestern. 
Sowie ich das Glas zum Munde führe, werden Sie sagen: Ach 
bitte, schenken Sie mir auch ein Glas voll, und wenn ich dann 
nach der Flasche greife, werden Sie rufen: Nein, ich danke, ich 
will doch lieber nicht. Darauf werden Sie in Ihre Tasche greifen 
und den Zettel hervorziehen, auf dem dieselben Worte stehen." 
Das war vormittags; wenige Stunden später vollzog sich die kleine 
Szene genau so, wie ich sie angeordnet hatte, und in so natür- 
lichem Hergange, daß sie keinem der zahlreichen Anwesenden 
auffiel. Sie schien sichtlich mit sich zu kämpfen, als sie von mir 
den Wein verlangte, — sie trank nämlich niemals Wein, — und 
nachdem sie mit offenbarer Erleichterung das Getränk abbestellt 
hatte, griff sie in die Tasche, zog den Zettel hervor, auf dem 
ihre letztgesprochenen Worte zu lesen waren, schüttelte den Kopf 
und sah mich erstaunt an. 

Seit diesem Besuche im Mai 1890 wurden meine Nachrichten 
über Frau v. N . . . allmählich spärlicher. Ich erfuhr auf Umwegen, 
daß der unerquickliche Zustand ihrer Tochter, der die mannig- 
faltigsten peinlichen Erregungen für sie mit sich brachte, ihr 
Wohlbefinden endlich doch untergraben habe. Zuletzt erhielt ich 
von ihr (Sommer 1895) ein kurzes Schreiben, in dem sie mich 
bat zu gestatten, daß sie ein anderer Arzt hypnotisiere, da sie 
wieder leidend sei und nicht nach Wien kommen könne. Ich 
verstand anfangs nicht, weshalb es dazu meiner Erlaubnis bedürfe, 
bis mir die Erinnerung auftauchte, daß ich sie im Jahre 1890 
auf ihren eigenen Wunsch vor fremder Hypnose geschützt hatte, 
damit sie nicht wieder in Gefahr komme, wie damals in ***berg 
(. . . tal, . . . wald) unter dem peinlichen Zwange eines ihr unsym- 
pathischen Arztes zu leiden. Ich verzichtete jetzt also schriftlich 
auf mein ausschließliches Vorrecht. 




Frau Emmy v. N . 



67 



Epikrise 

Es ist ja ohne vorherige eingehende Verständigung über den 
Wert und die Bedeutung der Namen nicht leicht zu entscheiden, 
ob ein Krankheitsfall zur Hysterie oder zu den anderen (nicht 
rein neurasthenischen) Neurosen gezählt werden soll, und auf dem 
Gebiete der gemeinhin vorkommenden gemischten Neurosen wartet 
man noch auf die ordnende Hand, welche die Grenzsteine setzen 
und die für die Charakteristik wesentlichen Merkmale hervor- 
heben soll. Wenn man bis jetzt also Hysterie im engeren Sinne 
nach der Ähnlichkeit mit den bekannten typischen Fällen zu 
diagnostizieren gewohnt ist, so wird man dem Falle der Frau 
Emmy v. N . . . die Bezeichnung einer Hysterie kaum streitig 
machen können. Die Leichtigkeit der Delirien und Halluzinationen 
bei im übrigen intakter geistiger Tätigkeit, die Veränderung der 
Persönlichkeit und des Gedächtnisses im künstlichen Somnam- 
bulismus, die Anästhesie an der schmerzhaften Extremität, gewisse 
Daten der Anamnese, die Ovarie u. dgl. lassen keinen Zweifel 
über die hysterische Natur der Erkrankung oder wenigstens der 
Kranken zu. Daß die Frage überhaupt aufgeworfen werden kann, 
rührt von einem bestimmten Charakter dieses Falles her, welcher 
auch Anlaß zu einer allgemein gültigen Bemerkung bieten darf. 
Wie aus unserer eingangs abgedruckten „Vorläufigen Mitteilung" 
ersichtlich, betrachten wir die hysterischen Symptome als Affekte 
und Reste von Erregungen, welche das Nervensystem als Traumen 
beeinflußt haben. Solche Reste bleiben nicht übrig, wenn die 
ursprüngliche Erregung durch Abreagieren oder Denkarbeit ab- 
geführt worden ist. Man kann es hier nicht länger abweisen, 
Quantitäten (wenn auch nicht meßbare) in Betracht zu ziehen, 
den Vorgang so aufzufassen, als ob eine an das Nervensystem 
herantretende Summe von Erregung in Dauersymptome umge- 
setzt würde, insoweit sie nicht ihrem Betrage entsprechend zur 
Aktion nach außen verwendet worden ist. Wir sind nun gewohnt, 

5* 



68 



Studien über Hysterie 



bei der Hysterie zu finden, daß ein erheblicher Teil der „Erre- 
gungssumme" des Traumas sich in rein körperliche Symptome 
umwandelt. Es ist dies jener Zug der Hysterie, der durch so 
lange Zeit ihrer Auffassung als psychischer Affektion im Wege 
gestanden ist. 

Wenn wir der Kürze halber die Bezeichnung „Konversion" 
für die Umsetzung psychischer Erregung in körperliche Dauer- 
symptome wählen, welche die Hysterie auszeichnet, so können 
wir sagen, der Fall der Frau Emmy v. N . . . zeigt einen geringen 
Betrag von Konversion, die ursprünglich psychische Erregung ver- 
bleibt auch zumeist auf psychischem Gebiete, und es ist leicht 
einzusehen, daß er dadurch jenen anderen nicht hysterischen 
Neurosen ähnlich wird. Es gibt Fälle von Hysterie, in denen die 
Konversion den gesamten Reizzuwachs betrifft, so daß die körper- 
lichen Symptome der Hysterie in ein scheinbar völlig normales 
Bewußtsein hereinragen, gewöhnlicher aber ist eine unvollständige 
Umsetzung, so daß wenigstens ein Teil des das Trauma beglei- 
tenden Affekts als Komponente der Stimmung im Bewußtsein 
verbleibt. 

Die psychischen Symptome unseres Falles von wenig konver- 
tierter Hysterie lassen sich gruppieren als Stimmungsveränderung 
(Angst, melancholische Depression), Phobien und Abulien (Willens- 
hemmungen). Die beiden letzteren Arten von psychischer Störung, 
die von der Schule französischer Psychiater als Stigmata der ner- 
vösen Degeneration aufgefaßt werden, erweisen sich aber in un- 
serem Falle als ausreichend determiniert durch traumatische Er- 
lebnisse, es sind zumeist traumatische Phobien und Abulien, wie 
ich im einzelnen ausführen werde. 

Von den Phobien entsprechen einzelne allerdings den primären 
Phobien des Menschen, insbesondere des Neuropathen, so vor allem 
die Tierfurcht (Schlangen, Kröten und außerdem all das Unge- 
ziefer, als dessen Herr sich Mephistopheles rühmt), die Gewitter- 
furcht u. a. Doch sind auch diese Phobien durch traumatische 



Frau Emmy v. N . 



69 



Erlebnisse befestigt worden, so die Furcht vor Kröten durch den 
Eindruck in früher Jugend, als ihr ein Bruder eine tote Kröte nach- 
warf, worauf sie den ersten Anfall hysterischer Zuckungen bekam, 
die Gewitterfurcht durch jenen Schreck, der zur Entstehung des 
Schnalzens Anlaß gab, die Furcht vor Nebel durch jenen Spazier- 
gang auf Rügen; immerhin spielt in dieser Gruppe die primäre, 
sozusagen instinktive Furcht, als psychisches Stigma genommen, 
die Hauptrolle. 

Die anderen und spezielleren Phobien sind auch durch beson- 
dere Erlebnisse gerechtfertigt. Die Furcht vor einem unerwarteten, 
plötzlichen Schrecknisse ist das Ergebnis jenes schrecklichen Ein- 
druckes in ihrem Leben, als sie ihren Mann mitten aus bester 
Gesundheit an einem Herzschlage verscheiden sah. Die Furcht 
vor fremden Menschen, die Menschenfurcht überhaupt, erweist 
sich als Rest aus jener Zeit, in der sie den Verfolgungen ihrer 
Familie ausgesetzt und geneigt war, in jedem Fremden einen 
Agenten der Verwandtschaft zu sehen, oder in der ihr der Ge- 
danke nahe lag, die Fremden wüßten um die Dinge, die münd- 
lich und schriftlich über sie verbreitet wurden. Die Angst vor 
dem Irrenhause und dessen Einwohnern geht auf eine ganze Reihe 
von traurigen Erlebnissen in ihrer Familie und auf Schilderungen 
zurück, die dem horchenden Kinde eine dumme Dienstmagd machte, 
außerdem stützt sich diese Phobie einerseits auf das primäre, in- 
stinktive Grauen des Gesunden vor dem Wahnsinne, anderseits 
auf die wie bei jedem Nervösen so auch bei ihr vorhandene Sorge, 
selbst dem Wahnsinn zu verfallen. Eine so spezialisierte Angst 
wie die, daß jemand hinter ihr stünde, wird durch mehrere 
schreckhafte Eindrücke aus ihrer Jugend und aus späterer Zeit 
motiviert. Seit einem ihr besonders peinlichen Erlebnisse im Hotel, 
peinlich, weil es mit Erotik verknüpft ist, wird die Angst vor 
dem Einschleichen einer fremden Person besonders hervorgehoben, 
endlich eine den Neuropathen so häufig eigene Phobie, die vor 
dem Lebendigbegrabenwerden, findet ihre volle Aufklärung in 



qo Studien über Hysterie 



dem Glauben, daß ihr Mann nicht tot war, als man seine Leiche 
forttrug, einem Glauben, in dem sich die Unfähigkeit so rührend 
äußert, sich in das plötzliche Aufhören der Gemeinschaft mit dem 
geliebten Wesen zu finden. Ich meine übrigens, daß alle diese 
psychischen Momente nur die Auswahl, aber nicht die Fort- 
dauer der Phobien erklären können. Für letztere muß ich ein 
neurotisches Moment heranziehen, den Umstand nämlich, daß 
die Patientin sich seit Jahren in sexueller Abstinenz befand, wo- 
mit einer der häufigsten Anlässe zur Angstneigung gegeben ist. 
Die bei unserer Kranken vorhandenen Abulien (Willenshem- 
mungen, Unfähigkeiten) gestatten noch weniger als die Phobien 
die Auffassung von psychischen Stigmen infolge allgemein ein- 
geengter Leistungsfähigkeit. Vielmehr macht die hypnotische Ana- 
lyse des Falles ersichtlich, daß die Abulien hier durch einen zwei- 
fachen psychischen Mechanismus bedingt werden, der im Grunde 
wieder nur einer ist. Die Abulie ist entweder einfach die Folge 
einer Phobie, nämlich in allen den Fällen, in denen die Phobie 
sich an eine eigene Handlung knüpft anstatt an eine Erwartung 
(Ausgehen, Menschen aufsuchen — der andere Fall, daß sich 
jemand einschleicht usw.) — und Ursache der Willenshemmung 
ist die mit dem Erfolge der Handlung verknüpfte Angst. Man 
täte Unrecht daran, diese Art von Abulien neben den ihnen ent- 
sprechenden Phobien als besondere Symptome aufzuführen, nur 
muß man zugestehen, daß eine derartige Phobie bestehen kann, 
wenn sie nicht allzu hochgradig ist, ohne zur Abulie zu führen. 
Die andere Art der Abulien beruht auf der Existenz affektvoll 
betonter, ungelöster Assoziationen, die sich der Anknüpfung neuer 
Assoziationen, und insbesondere solcher unverträglicher Art wider- 
setzen. Das glänzendste Beispiel einer solchen Abulie bietet die 
Anorexie unserer Kranken. Sie ißt nur so wenig, weil es ihr 
nicht schmeckt, und sie kann dem Essen keinen Geschmack ab- 
gewinnen, weil der Akt des Essens bei ihr von alters her mit 
Ekelerinnerungen verknüpft ist, deren Affektbetrag noch keine Ver- 



Frau Emmy v. N . 



7i 



Minderung erfahren hat. Es ist aber unmöglich, gleichzeitig mit Ekel 
und mit Lust zu essen. Die Verminderung des an den Mahlzeiten 
von früher her haftenden Ekels hat darum nicht stattgehabt, weil sie 
allemal den Ekel unterdrücken mußte, anstatt sich von ihm durch 
Reaktion zu befreien; als Kind war sie aus Furcht vor Strafe 
gezwungen, mit Ekel die kalte Mahlzeit zu essen, und in reiferen 
Jahren verhinderte sie die Rücksicht auf die Brüder, die Affekte 
zu äußern, denen sie bei den gemeinsam genommenen Mahlzeiten 

unterlag. 

Ich darf hier vielleicht an eine kleine Arbeit erinnern, in der 
ich versucht habe, eine psychologische Erklärung der hysterischen 
Lähmungen zu geben. Ich gelangte dort zur Annahme, die Ur- 
sache dieser Lähmungen liege in der Unzugänglichkeit des Vor- 
stellungskreises etwa einer Extremität für neue Assoziationen; 
diese assoziative Unzugänglichkeit selbst rühre aber davon her, 
daß die Vorstellung des gelähmten Gliedes in die mit unerledig- 
tem Affekt behaftete Erinnerung des Traumas einbezogen sei. Ich 
führte aus den Beispielen des gewöhnlichen Lebens an, daß eine 
solche Besetzung einer Vorstellung mit unerledigtem Affekte 
jedesmal ein gewisses Maß von assoziativer Unzugänglichkeit, von 
Unverträglichkeit mit neuen Besetzungen mit sich bringt. 1 

Es ist mir nun bis heute nicht gelungen, meine damaligen 
Voraussetzungen für einen Fall von motorischer Lähmung durch 
hypnotische Analyse zu erweisen, aber ich kann mich auf die 
Anorexie der Frau v. N . . . als Beweis dafür berufen, daß dieser 
Mechanismus für gewisse Abulien der zutreffende ist, und Abulien 
sind ja nichts anderes als sehr spezialisierte — „systematisierte" 
nach französischem Ausdrucke — psychische Lähmungen. 

Man kann den psychischen Sachverhalt bei Frau v. N . . . im 
wesentlichen charakterisieren, wenn man zweierlei hervorhebt: 



1) Quelques considerations pour une etude comparative des paralysies motrices, 
organiques et hysteriques. Archives de Neurologie, Nr. 77, 1893 [abgedruckt in diesem 
Band der Ges. Schriften"!. 



72 



Studien über Hysterie 



1. Es sind bei ihr die peinlichen Affekte von traumatischen Er- 
lebnissen unerledigt verblieben, so die Verstimmung, der Schmerz 
(über den Tod des Mannes), der Groll (von den Verfolgungen 
der Verwandten), der Ekel (von den gezwungenen Mahlzeiten), 
die Angst (von so vielen schreckhaften Erlebnissen) usw., und 

2. es besteht bei ihr eine lebhafte Erinnerungstätigkeit, welche 
bald spontan, bald auf erweckende Reize der Gegenwart hin 
(z. B. bei der Nachricht von der Revolution in S. Domingo) Stück 
für Stück der Traumen mitsamt den sie begleitenden Affekten 
ins aktuelle Bewußtsein ruft. Meine Therapie schloß sich dem 
Gange dieser Erinnerungstätigkeit an und suchte Tag für Tag 
aufzulösen und zu erledigen, was der Tag an die Oberfläche ge- 
bracht hatte, bis der erreichbare Vorrat an krankhaften Erinne- 
rungen erschöpft schien. 

An diese beiden psychischen Charaktere, die ich für allgemeine 
Befunde bei hysterischen Paroxysmen halte, ließen sich einige 
wichtige Betrachtungen anschließen, die ich verschieben will, bis 
dem Mechanismus der körperlichen Symptome einige Aufmerk- 
samkeit geschenkt wurde. 

Man kann nicht die gleiche Ableitung für alle körperlichen 
Symptome der Kranken geben, vielmehr erfährt man selbst aus 
diesem hieran nicht reichen Falle, daß die körperlichen Symptome 
einer Hysterie auf verschiedene Weisen zustande kommen. Ich 
gestatte mir zunächst, die Schmerzen zu den körperlichen Sym- 
ptomen zu stellen. Soviel ich sehen kann, war ein Teil der 
Schmerzen gewiß organisch bedingt durch jene leichten (rheu- 
matischen) Veränderungen in Muskeln, Sehnen und Faszien, die 
dem Nervösen soviel mehr Schmerz bereiten als dem Gesunden; ein 
anderer Teil der Schmerzen war höchstwahrscheinlich Schmerz- 
erinnerung, Erinnerungssymbol der Zeiten von Aufregung und 
Krankenpflege, die im Leben der Kranken so viel Platz einge- 
nommen hatten. Auch diese Schmerzen mochten ursprünglich 
einmal organisch berechtigt gewesen sein, waren aber seither für 




Frau Emmy v. N . 



73 



die Zwecke der Neurose verarbeitet worden. Ich stütze diese Aus- 
sagen über die Schmerzen bei Frau v. N ... auf anderswo ge- 
machte Erfahrungen, welche ich an einer späteren Stelle dieser 
Arbeit mitteilen werde; an der Kranken selbst war gerade über 
diesen Punkt wenig Aufklärung zu gewinnen. 

Ein Teil der auffälligen Bewegungserscheinungen, welche Frau 
v. N . . . zeigte, war einfach Ausdruck von Gemütsbewegung und 
leicht in dieser Bedeutung zu erkennen, so das Vorstrecken der 
Hände mit gespreizten und gekrümmten Fingern als Ausdruck 
des Grausens, das Mienenspiel u. dgl. Allerdings ein lebhafterer 
und ungehemmterer Ausdruck der Gemütsbewegung, als der son- 
stigen Mimik dieser Frau, ihrer Erziehung und ihrer Rasse ent- 
sprach; sie war, wenn nicht im hysterischen Zustande, gemessen, 
fast steif in ihren Ausdrucksbewegungen. Ein anderer Teil ihrer 
Bewegungssymptome stand nach ihrer Angabe in direktem Zu- 
sammenhange mit ihren Schmerzen, sie spielte ruhelos mit den 
Fingern (1888) oder rieb die Hände aneinander (1889), um nicht 
schreien zu müssen, und diese Motivierung erinnert lebhaft an 
eines der Darwinschen Prinzipien zur Erklärung der Ausdrucks- 
bewegung, an das Prinzip der „Ableitung der Erregung", durch 
welches er z. B. das Schweifwedeln der Hunde erklärt. Den Er- 
satz des Schreiens bei schmerzhaften Reizen durch andersartige 
motorische Innervation üben wir übrigens alle. Wer sich beim 
Zahnarzte vorgenommen hat, Kopf und Mund ruhig zu halten 
und nicht mit den Händen dazwischenzufahren, der trommelt 
wenigstens mit den Füßen. 

Eine kompliziertere Weise der Konversion lassen die ticähn- 
lichen Bewegungen bei Frau v. N . . . erkennen, das Zungen- 
schnalzen und Stottern, das Rufen ihres Namens „Emmy' im 
Anfalle von Verworrenheit, die zusammengesetzte Schutzformel — - 
„Seien Sie still — Reden Sie nichts — Rühren Sie mich nicht 



an 




(1888.) Von diesen motorischen Äußerungen lassen Stottern 
und Schnalzen eine Erklärung nach einem Mechanismus zu, den 



74 



Studien über Hysterie 



ich in einer kleinen Mitteilung in der Zeitschrift für Hypnotismus, 
Band I (1895) 1 als „Objektivierung der Kontrastvorstellung" be- 
zeichnet habe. Der Vorgang hiebei wäre, an unserem Beispiele 
selbst erläutert, folgender: Die durch Sorgen und Wachen er- 
schöpfte Hysterika sitzt beim Bette ihres kranken Kindes, das 
endlich! eingeschlafen ist. Sie sagt sich: Jetzt mußt du aber ganz 
stille sein, damit du die Kleine nicht aufweckst. Dieser Vorsatz 
erweckt wahrscheinlich eine Kontrastvorstellung, die Befürchtung, 
sie werde doch ein Geräusch machen, das die Kleine aus dem 
lang ersehnten Schlafe weckt. Solche Kontrastvorstellungen gegen 
den Vorsatz entstehen auch in uns merklicherweise dann, wenn 
wir uns in der Durchführung eines wichtigen Vorsatzes nicht 
sicher fühlen. 

Der Neurotische, in dessen Selbstbewußtsein ein Zug von 
Depression, von ängstlicher Erwartung selten vermißt wird, 
bildet solcher Kontrastvorstellungen eine größere Anzahl, oder 
er nimmt sie leichter wahr, sie erscheinen ihm auch bedeut- 
samer. Im Zustand der Erschöpfung, in dem sich unsere Kranke 
befindet, erweist sich nun die Kontrastvorstellung, die sonst ab- 
gewiesen wurde, als die stärkere ; sie ist es, die sich objektiviert, 
und die nun zum Entsetzen der Kranken das gefürchtete Ge- 
räusch wirklich erzeugt. Zur Erklärung des ganzen Vorganges 
nehme ich noch an, daß die Erschöpfung eine partielle ist, 
sie betrifft, wie man in den Terminis Janets und seiner Nach- 
folger sagen würde, nur das primäre Ich der Kranken, sie hat 
nicht zur Folge, daß auch die Kontrastvorstellung geschwächt 
wird. 

Ich nehme ferner an, daß es das Entsetzen über das wider 
Willen produzierte Geräusch ist, welches den Moment zu einem 
traumatisch wirksamen macht und dies Geräusch selbst als leib- 
liches Erinnerungssymptom der ganzen Szene fixiert. Ja, ich glaube 



1) Abgedruckt in diesem Bande der Ges. Schriften. 



Frau Emmy v. N . 



76 



in dem Charakter dieses Tics selbst, der aus mehreren spastisch 
hervorgestoßenen, durch Pausen voneinander getrennten Lauten 
besteht, die am meisten mit Schnalzen Ähnlichkeit haben, die 
Spur des Vorganges zu erkennen, dem er seine Entstehung ver- 
dankte. Es scheint, daß sich ein Kampf zwischen dem Vorsatze 
und der Kontrastvorstellung, dem „Gegen willen", abgespielt hat, 
der dem Tic den abgesetzten Charakter gab, und der die Kontrast- 
vorstellung auf ungewöhnliche Innervationswege der Sprachmus- 
kulatur einschränkte. 

Von einem im Wesen ähnlichen Anlasse blieb die spastische 
Sprachhemmung, das eigentümliche Stottern übrig, nur daß diesmal 
nicht der Erfolg der schließlichen Innervation, der Schrei, sondern 
der Innervationsvorgang selbst, der Versuch einer krampfhaften 
Hemmung der Sprachwerkzeuge zum Symbol des Ereignisses für 
die Erinnerung erhoben wurde. 

Beide durch ihre Entstehungsgeschichten nahe verwandten 
Symptome, Schnalzen und Stottern, blieben auch fernerhin asso- 
ziiert und wurden durch eine Wiederholung bei einem ähn- 
lichen Anlasse zu Dauersymptomen. Dann aber wurden sie einer 
weiteren Verwendung zugeführt. Unter heftigem Erschrecken 
entstanden, gesellten sie sich von nun an (nach dem Mecha- 
nismus der monosymptomatischen Hysterie, den ich bei Fall D 
aufzeigen werde) zu jedem Schreck hinzu, wenn derselbe auch 
nicht zum Objektivieren einer Kontrastvorstellung Anlaß geben 
konnte. 

Sie waren endlich mit so vielen Traumen verknüpft, hatten 
soviel Recht, sich in der Erinnerung zu reproduzieren, daß sie 
ohne weiteren Anlaß nach Art eines sinnlosen Tic beständig die 
Rede unterbrachen. Die hypnotische Analyse konnte dann aber 
zeigen, wieviel Bedeutung sich hinter diesem scheinbaren Tic 
verberge, und wenn es der Breuerschen Methode hier nicht 
gelang, beide Symptome mit einem Schlage vollständig zum Ver- 
schwinden zu bringen, so kam dies daher, daß die Katharsis nur 



7 6 



Studien über Hysterie 



auf die drei Haupttraumen und nicht auf die sekundär assoziierten 
ausgedehnt wurde. 1 

Das Rufen des Namens „Emmy" in Anfällen von Verwirrung, 
welche nach den Regeln hysterischer Anfälle die häufigen Zustände 
von Ratlosigkeit während der Kur der Tochter reproduzierten, 
war durch einen komplizierten Gedankengang mit dem Inhalte 
des Anfalles verknüpft und entsprach etwa einer Schutzformel der 
Kranken gegen diesen Anfall. Dieser Ruf hätte wahrscheinlich 
auch die Eignung gehabt, in mehr lockerer Ausnützung seiner 
Bedeutung zum Tic herabzusinken, die komplizierte Schutzformel 
„Rühren Sie mich nicht an usw." war zu dieser Anwendung 



i) Ich könnte hier den Eindruck erwecken, als legte ich den Details der Sym- 
ptome zu viel Gewicht hei und verlöre mich in üherflüssige Zeichendeuterei. Allein 
ich habe gelernt, daß die Determinierung der hysterischen Symptome wirklich bis in 
deren feinste Ausführung hinabreicht, und daß man ihnen nicht leicht zu viel Sinn 
unterlegen kann. Ich will ein Beispiel beibringen, das mich rechtfertigen wird Vor 
Monaten behandelte ich ein i8jähriges Mädchen aus belasteter Familie, an dessen kompli- 
zierter Neurose die Hysterie ihren gebührenden Anteil hatte. Das erste, was ich von ihr 
erfuhr, war die Klage über Anfälle von Verzweiflung mit zweierlei Inhalt. Bei den 
einen verspürte sie ein Ziehen und Prickeln in der unteren Gesichtspartie von den 
Wangen herab gegen den Mund ; bei den anderen streckten sich die Zehen an beiden 
Fußen krampfhaft und spielten ruhelos hin und her. Ich war anfangs auch nicht 
geneigt, diesen Details viel Bedeutung beizumessen, und früheren Bearbeitern der 
Hysterie wäre es sicherlich nahegelegen, in diesen Erscheinungen Beweise für die 
Beizung kortikaler Zentren beim hysterischen Anfalle zu erblicken. Wo die Zentren 
für solche Parästhesien liegen, wissen wir zwar nicht, es ist aber bekannt, daß solche 
Parasthesien die partielle Epilepsie einleiten und die sensorische Epilepsie Charcots 
ausmachen. Für die Zehenbewegung wären symmetrische Bindenstellen in nächster 
Nahe der Medianspalte verantwortlich zu machen. Allein es klärte sich anders. Als 
ich mit dem Mädchen besser bekannt geworden war, fragte ich sie einmal direkt 
was für Gedanken ihr bei solchen Anfällen kämen ; sie solle sich nicht genieren, sie' 
mußte wohl eine Erklärung für die beiden Erscheinungen geben können. Die Kranke 
wurde rot vor Scham und ließ sich endlich ohne Hypnose zu folgenden Aufklärungen 
bewegen, deren Beziehung auf die Wirklichkeit von ihrer anwesenden Gesellschafterin 
vollinhaltlich bestätigt wurde. Sie hatte vom Eintritt der Menses an durch Jahre an 
der Cephalaea adolescentium gelitten, die ihr jede anhaltende Beschäftigung unmöglich 
machte und sie in ihrer Ausbildung unterbrach. Endlich von diesem Hindernisse 
befreit, beschloß das ehrgeizige und etwas einfältige Kind, mächtig an sich zu 
arbeiten, um seine Schwestern und Altersgenossinnen wieder einzuholen. Dabei 
strengte sie sich über jedes Maß an, und eine solche Bemühung endete gewöhnlich 
mit emem Ausbruche von Verzweiflung darüber, daß sie ihre Kräfte überschätzt habe 
Natürlich pflegte sie sich auch körperlich mit anderen Mädchen zu vergleichen und 
unglücklich zu sein, wenn sie an sich einen körperlichen Nachteil entdeckt hatte 
Ihr (ganz deutlicher) Prognathismus begann sie zu kränken, und sie kam auf die Idee 



Frau Emmy v. N . . . 



77 



bereits gelangt, aber die hypnotische Therapie hielt in beiden 
Fällen die weitere Entwicklung dieser Symptome auf. Den ganz 
frisch entstandenen Ruf „Emmy" fand ich noch auf seinen Mutter- 
boden, den Anfall von Verwirrung, beschränkt. 

Ob nun diese motorischen Symptome wie das Schnalzen durch 
Objektivierung einer Kontrastvorstellung, wie das Stottern durch 
bloße Konversion der psychischen Erregung ins Motorische, wie 
der Ruf „Emmy" und die längere Formel als Schutzvorrichtungen 
durch gewollte Aktion der Kranken im hysterischen Paroxysmus 
entstanden sein mögen, ihnen allen ist das Eine gemeinsam, daß 
sie ursprünglich oder fortdauernd in einer aufzeigbaren Verbindung 



ihn zu korrigieren, indem sie sich viertelstundenlang darin übte, die Oberlippe über 
die vorstehenden Zähne herabzuziehen. Die Erfolglosigkeit dieser kindischen Bemühung 
führte einmal zu einem Ausbruche von Verzweiflung, und von da an war Ziehen und 
Prickeln von der Wange nach abwärts als Inhalt der einen Art von Anfällen gegeben. 
Nicht minder durchsichtig war die Determinierung der anderen Anfälle mit dem 
motorischen Symptom der Zehenstrecktmg und Zehenunruhe. Es war mir angegeben 
worden, daß der erste solche Anfall nach einer Partie auf den Schafberg bei Ischl 
aufgetreten sei, und die Angehörigen waren natürlich geneigt, ihn von Überanstren- 
gung abzuleiten. Das Mädchen berichtete aber folgendes : Es sei ein unter den Ge- 
schwistern beliebtes Thema gegenseitiger Neckerei, einander auf ihre (unleugbar) 
großen Füße aufmerksam zu machen. Unsere Patientin, seit langer Zeit über diesen 
Schönheitsfehler unglücklich, versuchte ihren Fuß in die engsten Stiefel zu zwängen, 
allein der aufmerksame Papa litt dies nicht und sorgte dafür, daß sie nur bequeme 
Fußbekleidung trug. Sie war recht unzufrieden mit dieser Verfügung, dachte immer 
daran und gewöhnte sich mit den Zehen im Schuh zu spielen, wie man es tut, wenn 
man abmessen will, ob der Schuh um vieles zu groß ist, einen wieviel kleineren 
Schuh man vertragen könnte u. dgl. Während der Bergpartie auf den Schaf berg, die 
sie gar nicht anstrengend fand, war natürlich wieder Gelegenheit, sich bei den ver- 
kürzten Röcken mit dem Schuhwerke zu beschäftigen. Eine ihrer Schwestern sagte 
ihr unterwegs : „Du hast aber heute besonders große Schuhe angezogen." Sie probierte 
mit den Zehen zu spielen ; es kam ihr auch so vor. Die Aufregung über die unglück- 
lich großen Füße verließ sie nicht mehr, und als sie nach Hause kamen, brach der 
erste Anfall los, in dem als Erinnerungssymbol für den ganzen verstimmenden Ge- 
dankengang die Zehen krampften und sich unwillkürlich bewegten. 

Ich bemerke, daß es sich hier um Anfalls- und nicht um Dauersymptome handelt ; 
ferner füge ich hinzu, daß nach dieser Beichte die Anfälle der ersten Art aufhörten, 
die der zweiten mit Zehenunruhe sich fortsetzten. Es mußte also wohl noch ein Stück 
dabei sein, das nicht gebeichtet wurde. 

Nachschrift: Ich habe später auch dies erfahren. Das törichte Mädchen arbeitete 
darum so übereifrig an seiner Verschönerung, weil es — einem jungen Vetter 
gefallen wollte. (Eine Reihe von Jahren später wandelte sich ihre Neurose in eine 
Dementia praecox.) 



7 8 



Studien über Hysterie 



mit Traumen stehen, für welche sie in der Erinnerungstätigkeit 
als Symbole eintreten. 

Andere körperliche Symptome der Kranken sind überhaupt 
nicht hysterischer Natur, so die Genickkrämpfe, die ich als modifi- 
zierte Migränen auffasse, und die als solche eigentlich gar nicht 
zu den Neurosen, sondern zu den organischen Affektionen zu 
stellen sind. An sie knüpfen sich aber regelmäßig hysterische 
Symptome an ; bei Frau v. N . . . werden die Genickkrämpfe zu 
hysterischen Anfällen verwendet, während sie über die typischen 
Erscheinungsformen des hysterischen Anfalles nicht verfügte. 

Ich will die Charakteristik des psychischen Zustandes der Frau 
v. N . . . vervollständigen, indem ich mich den bei ihr nachweis- 
baren krankhaften Veränderungen des Bewußtseins zuwende. Wie 
durch die Genickkrämpfe, so wird sie auch durch peinliche Ein- 
drücke der Gegenwart (vgl. das letzte Delirium im Garten) oder 
durch mächtige Anklänge an eines ihrer Traumen in einen Zu- 
stand von Delirien versetzt, in welchem — - nach den wenigen 
Beobachtungen, die ich darüber anstellte, kann ich nichts anderes 
aussagen — eine ähnliche Einschränkung des Bewußtseins, ein 
ähnlicher Assoziationszwang wie im Traume obwaltet, Halluzi- 
nationen und Illusionen äußerst erleichtert sind und schwachsinnige 
oder geradezu widersinnige Schlüsse gezogen werden. Dieser Zu- 
stand, mit einer geistigen Alienation vergleichbar, vertritt wahr- 
scheinlich ihren Anfall, etwa eine akute Psychose als Anfalls- 
äquivalent, die man als „halluzinatorische Verworrenheit" klassifi- 
zieren würde. Eine weitere Ähnlichkeit mit dem typischen hysteri- 
schen Anfalle liegt noch darin, daß zumeist ein Stück der alten 
traumatischen Erinnerungen als Grundlage des Deliriums nach- 
weisbar ist. Der Übergang aus dem Normalzustande in dieses 
Delirium vollzieht sich häufig ganz unmerklich ; eben hat sie noch 
ganz korrekt von wenig affektiven Dingen gesprochen und bei 
der Fortsetzung des Gespräches, das sie auf peinliche Vorstellungen 
führt, merke ich an ihren gesteigerten Gesten, an dem Auf- 



Frau Emmy v. N . . . 



79 



treten ihrer Spruchformeln u. dgl., daß sie deliriert. Zu Beginn 
der Behandlung zog sich das Delirium durch den ganzen Tag 
hindurch, so daß es schwer fiel, von den einzelnen Symptomen 
mit Sicherheit auszusagen, ob sie — wie die Gesten — nur dem 
psychischen Zustande als Anfallssymptome angehörten oder wie 
Schnalzen und Stottern zu wirklichen Dauersymptomen geworden 
waren. Oft gelang es erst nachträglich zu unterscheiden, was im 
Delirium, was im Normalzustande vorgefallen war. Die beiden 
Zustände waren nämlich durch das Gedächtnis getrennt, und sie 
war dann aufs äußerste erstaunt zu hören, welche Dinge das 
Delirium an eine im Normalen geführte Konversation angestückelt 
hatte. Meine erste Unterhaltung mit ihr war das merkwürdigste 
Beispiel dafür, wie die beiden Zustände durcheinander durchgingen, 
ohne voneinander Notiz zu nehmen. Nur einmal ereignete sich 
während dieses psychischen Wippens eine Beeinflussung des die 
Gegenwart verfolgenden Normalbewußtseins, als sie mir die aus 
dem Delirium stammende Antwort gab, sie sei eine Frau aus dem 
vorigen Jahrhundert. 

Die Analyse dieses Deliriums bei Frau v. N . . . ist wenig er- 
schöpfend geworden, hauptsächlich darum, weil ihr Zustand sich 
alsbald so besserte, daß die Delirien sich scharf vom Normalleben 
sonderten und sich auf die Zeiten der Genickkrämpfe einschränkten. 
Um so mehr Erfahrung habe ich über das Verhalten der Patientin 
in einem dritten psychischen Zustand, in dem des künstlichen 
Somnambulismus, gesammelt. Während sie in ihrem eigenen Normal- 
zustande nicht wußte, was sie in ihren Delirien und was sie im 
Somnambulismus psychisch erlebt hatte, verfügte sie im Somnam- 
bulismus über die Erinnerungen aller drei Zustände, sie war hier 
eigentlich am normalsten. Wenn ich abziehe, daß sie als Somnam- 
bule weit weniger reserviert gegen mich war als in ihren besten 
Stunden des gewöhnlichen Lebens, d. h. mir als Somnambule 
Mitteilungen über ihre Familie u. dgl. machte, während sie mich 
sonst behandelte als wäre ich ein Fremder, wenn ich ferner davon 



n i 







absehe, daß sie die volle Suggerierbarkeit der Somnambulen zeigte, 
muß ich eigentlich sagen, sie war als Somnambule in einem voll- 
kommen normalen Zustande. Es war interessant zu beobachten, 
daß dieser Somnambulismus anderseits keinen Zug des Über- 
normalen zeigte, daß er mit allen psychischen Mängeln behaftet 
war, die wir dem normalen Bewußtseinszustande zutrauen. Das 
Verhalten des somnambulen Gedächtnisses mögen folgende Proben 
erläutern. Einmal drückte sie mir im Gespräche ihr Entzücken 
über eine schöne Topfpflanze aus, welche die Vorhalle des Sana- 
toriums zierte. „Aber wie heißt sie nur, Herr Doktor? Wissen 
Sie nicht? Ich habe den deutschen und den lateinischen Namen 
gewußt und beide vergessen." Sie war eine treffliche Kennerin der 
Pflanzen, während ich bei dieser Gelegenheit meine botanische 
Unbildung eingestand. Wenige Minuten später frage ich sie in 
der Hypnose : „Wissen Sie jetzt den Namen der Pflanze im 
Stiegenhause?" Die Antwort lautete ohne jedes Besinnen: Mit 
dem deutschen Namen heißt sie Türkenlilie, den lateinischen 
habe ich wirklich vergessen. Ein andermal erzählt sie mir in 
gutem Wohlbefinden von einem Besuche in den Katakomben von 
Rom und kann sich auf zwei Termini der Beschreibung nicht 
besinnen, zu denen auch ich ihr nicht verhelfen kann. Unmittel- 
bar darauf erkundige ich mich in der Hypnose, welche Worte 
sie meinte. Sie weiß es auch in der Hypnose nicht. Ich sage 
darauf: Denken Sie nicht weiter nach, morgen zwischen fünf und 
sechs Uhr nachmittags im Garten, näher an sechs Uhr, werden 
sie Ihnen plötzlich einfallen. 

Am nächsten Abend platzt sie während einer den Katakomben 
ganz entfremdeten Unterhaltung plötzlich heraus : Krypte, Herr 
Doktor, und Kolumbarium. — Ah, das sind ja die Worte, auf 
die Sie gestern nicht kommen konnten. Wann sind Sie Ihnen 
denn eingefallen ? — Heute nachmittag im Garten, kurz ehe ich 
hinaufgegangen bin. — Ich merkte, daß sie mir auf diese Weise 
zeigen wollte, sie habe genau die angegebene Zeit eingehalten, 




Frau Emmy v. N . . . 



81 



denn sie war gewohnt, den Garten gegen sechs Uhr zu verlassen. 
So verfügte sie also auch im Somnambulismus nicht über den 
ganzen Umfang ihres Wissens, es gab auch für ihn noch ein 
aktuelles und ein potenzielles Bewußtsein. Oft genug kam es auch 
vor, daß sie im Somnambulismus auf meine Frage : Woher rührt 
diese oder jene Erscheinung? die Stirne in Falten zog und nach 
einer Pause kleinlaut die Antwort gab: Das weiß ich nicht. 
Dann hatte ich die Gewohnheit angenommen zu sagen : Besinnen 
Sie sich, Sie werden es gleich erfahren, und sie konnte mir nach 
ein wenig Nachdenken die verlangte Auskunft geben. Es traf sich 
aber auch, daß ihr nichts einfiel und daß ich ihr die Aufgabe 
hinterlassen mußte, sich bis morgen daran zu erinnern, was auch 
jedesmal zutraf. Die Frau, die im gewöhnlichem Leben peinlichst 
jeder Unwahrheit aus dem Wege ging, log auch in der Hypnose 
niemals, es kam aber vor, daß sie unvollständige Angaben machte, 
mit einem Stück des Berichtes zurückhielt, bis ich ein zweites 
Mal die Vervollständigung erzwang. Wie in dem auf S. 58 
gegebenen Beispiele, war es meist die Abneigung, die ihr das 
Thema einflößte, welche ihr auch im Somnambulismus den Mund 
verschloß. Trotz dieser Züge von Einschränkung war aber doch der 
Eindruck, den ihr psychisches Verhalten im Somnambulismus machte, 
im ganzen der einer ungehemmten Entfaltung ihrer geistigen Kraft 
und der vollen Verfügung über ihren Erinnerungsschatz. 

Ihre unleugbar große Suggerierbarkeit im Somnambulismus 
war indes von einer krankhaften Widerstandslosigkeit weit entfernt. 
Im ganzen muß ich sagen, machte ich doch nicht mehr Eindruck 
auf sie, als ich bei solchem Eingehen auf den psychischen Mecha- 
nismus bei jeder Person hätte erwarten dürfen, die mir mit 
großem Vertrauen und in voller Geistesklarheit gelauscht hätte, 
nur daß Frau v. N . . . mir in ihrem sogenannten Normalzustande 
eine solche günstige psychische Verfassung nicht entgegenbringen 
konnte. Wo es mir, wie bei der Tierfurcht, nicht gelang, ihr 
Gründe der Überzeugung beizubringen, oder wo ich nicht auf 

Freud, I. 6 



82 



Studien über Hysterie 



die psychische Entstehungsgeschichte des Symptoms einging, sondern 
mittels autoritativer Suggestion wirken wollte, da merkte ich 
jedesmal den gespannten, unzufriedenen Ausdruck in der Miene 
der Somnambulen, und wenn ich dann zum Schlüsse fragte: 
Also, werden Sie sich noch vor diesem Tiere fürchten? war die 
Antwort: Nein, — weil Sie es verlangen. Ein solches Versprechen, 
das sich nur auf ihre Gefügigkeit gegen mich stützen konnte, 
hatte aber eigentlich niemals Erfolg, so wenig Erfolg wie die 
vielen allgemeinen Lehren, die ich ihr gab, anstatt deren ich 
ebensogut die eine Suggestion : Seien Sie gesund, hätte wieder- 
holen können. 

Dieselbe Person, die ihre Krankheitssymptome gegen die Sug- 
gestion so hartnäckig festhielt und sie nur gegen psychische Ana- 
lyse oder Überzeugung fallen ließ, war anderseits gefügig wie 
das beste Spitalsmedium, wo es sich um belanglose Suggestion 
handelte, Dinge, die nicht in Beziehung zu ihrer Krankheit standen. 
Ich habe Beispiele von solchem posthypnotischen Gehorsam in der 
Krankengeschichte mitgeteilt. Ich finde keinen Widerspruch in 
diesem Verhalten. Das Recht der stärkeren Vorstellung mußte 
sich auch hier geltend machen. Wenn man auf den Mechanismus 
der pathologischen „fixen Idee" eingeht, findet man dieselbe 
begründet und gestützt durch so viele und intensiv wirkende 
Erlebnisse, daß man sich nicht wundern kann, wenn sie imstande 
ist, der suggerierten, wiederum nur mit einer gewissen Kraft 
ausgestatteten Gegenvorstellung erfolgreich Widerstand zu leisten. 
Es wäre nur ein wahrhaft pathologisches Gehirn, in dem es mög- 
lich wäre, so berechtigte Ergebnisse intensiver psychischer Vor- 
gänge durch die Suggestion wegzublasen. 1 

1) Von diesem interessanten Gegensatze zwischen dem weitestgehenden somnam- 
bulen Gehorsam in allen anderen Stücken und der hartnäckigen Beständigkeit der 
Krankheitssymptome, weil letztere tief begründet und der Analyse unzugänglich sind, 
habe ich mir in einem anderen Falle einen tiefen Eindruck geholt. Ich behandelte 
ein junges, lebhaftes und begabtes Mädchen, das seit eineinhalb Jahren mit schwerer 
Gangstörung behaftet war, durch länger als fünf Monate, ohne ihr helfen zu können. Das 



■ 



Frau Emmy v. N . 



85 



Als ich den somnambulen Zustand der Frau v. N . . . studierte, 
stiegen mir zum ersten Male gewichtige Zweifel an der Richtig- 
keit des Satzes Bernheims, tout est dans la Suggestion, und an 
dem Gedankengange seines scharfsinnigen Freundes Delboeuf, 
comme quoi iL n'y a pas d'hypnotisme, auf. Ich kann es auch 
heute nicht verstehen, daß mein vorgehaltener Finger und das 
einmalige „Schlafen Sie" den besonderen psychischen Zustand der 
Kranken geschaffen haben soll, in dem ihr Gedächtnis alle ihre 
psychischen Erlebnisse umfaßte. Ich konnte den Zustand hervor- 

Mädchen hatte Analgesie und schmerzhafte Stellen an heiden Beinen, rapiden Tremor 
an den Händen, ging vorgebeugt mit schweren Beinen, kleinen Schritten und 
schwankte wie zerebellar, fiel auch öfters hin. Ihre Stimmung war eine auffällig 
heitere. Eine unserer damaligen Wiener Autoritäten hatte sich durch diesen Symptom- 
komplex zur Diagnose einer multiplen Sklerose verleiten lassen, ein anderer Fach- 
mann erkannte Hysterie, für die auch die komplizierte Gestaltung des Krankheits- 
bildes zu Beginn der Erkrankung sprach (Schmerzen, Ohnmächten, Amaurose), und 
wies mir die Behandlung der Kranken zu. Ich versuchte ihren Gang durch hypno- 
tische Suggestion, Behandlung der Beine in der Hypnose usw. zu hessern, aber ohne 
jeden Erfolg, obwohl sie eine ausgezeichnete Somnambule war. Eines Tages, als sie 
wieder ins Zimmer geschwankt kam, den einen Arm auf den ihres Vaters, den andern 
auf einen Begenschirm gestützt, dessen Spitze bereits stark abgerieben war, wurde 
ich ungeduldig und schrie sie in der Hypnose an: „Das ist jetzt die längste Zeit so 
gewesen. Morgen vormittag schon wird der Schirm da in der Hand zerbrechen und 
Sie werden ohne Schirm nach Hause gehen müssen, von da an werden Sie keinen 
Schirm mehr brauchen." Ich weiß nicht, wie ich zu der Dummheit kam, eine Sug- 
gestion an einen Begenschirm zu richten; ich schämte mich nachträglich und ahnte 
nicht, daß meine kluge Patientin meine Rettung vor dem Vater, der Arzt war und 
den Hypnosen beiwohnte, übernehmen würde. Am nächsten Tage erzählte mir der 
Vater: „Wissen Sie, was sie gestern getan hat? Wir gehen auf der Bingstraße spa- 
zieren; plötzlich wird sie ausgelassen lustig und fängt an — mitten auf der Straße — 
zu singen: Ein freies Leben führen wir, schlägt dazu den Takt mit dem Schirm 
gegen das Pflaster und zerbricht den Schirm." Sie hatte natürlich keine Ahnung 
davon, daß sie selbst mit soviel Witz eine unsinnige Suggestion in eine glänzend 
gelungene verwandelt hatte. Als ihr Zustand auf Versicherung, Gebot und Behand- 
lung in der Hypnose sich nicht besserte, wandte ich mich an die psychische Analyse 
und verlangte zu wissen, welche Gemütsbewegung dem Ausbruche des Leidens vor- 
hergegangen war. Sie erzählte jetzt (in der Hypnose, aber ohne alle Erregung), daß 
kurz vorher ein junger Verwandter gestorben sei, als dessen Verlobte sie sich seit 
langen "Jahren betrachtet habe. Diese Mitteilung änderte aber gar nichts an ihrem 
Zustand; in der nächsten Hypnose sagte ich ihr demnach, ich sei ganz überzeugt, 
der Tod des Vetters habe mit ihrem Zustande nichts zu tun, es sei etwas anderes 
vorgefallen, was sie nicht erwähnt habe. Nun ließ sie sich zu einer einzigen Andeu- 
tung hinreißen, aber kaum daß sie ein Wort gesagt hatte, verstummte sie, und der 
alte Vater, der hinter ihr saß, begann bitterlich zu schluchzen. Ich drang natürlich 
mcht weiter in die Kranke, bekam sie aber auch nicht wieder zu Gesichte. 

6* 




84 



Studien über Hysterie 



gerufen haben, geschaffen habe ich ihn nicht durch meine Sug- 
gestion, da seine Charaktere, die übrigens allgemein gültige sind, 
mich so sehr überraschten. 

Auf welche Weise hier im Somnambulismus Therapie geübt 
wurde, ist aus der Krankengeschichte zur Genüge ersichtlich. Ich 
bekämpfte, wie es in der hypnotischen Psychotherapie gebräuch- 
lich, die vorhandenen krankhaften Vorstellungen durch Versiche- 
rung, Verbot, Einführung von Gegenvorstellungen jeder Art, be- 
gnügte mich aber nicht damit, sondern ging der Entstehungs- 
geschichte der einzelnen Symptome nach, um die Voraussetzungen 
bekämpfen zu können, auf denen die krankhaften Ideen aufgebaut 
waren. Während dieser Analysen ereignete es sich dann regel- 
mäßig, daß die Kranke sich unter den Zeichen heftigster Erre 
gung über Dinge aussprach, deren Affekt bisher nur Abfluß als 
Ausdruck von Gemütsbewegung gefunden hatte. Wieviel von dem 
jedesmaligen therapeutischen Erfolge auf dies Wegsuggerieren in 
statu nascendi, wieviel auf die Lösung des Affektes durch Ab- 
reagieren kam, kann ich nicht angeben, denn ich habe beide 
therapeutischen Momente zusammenwirken lassen. Dieser Fall 
wäre demnach für den strengen Nachweis, daß der kathartischen 
Methode eine therapeutische Wirksamkeit innewohnt, nicht zu 
verwerten, allein ich muß doch sagen, daß nur jene Krankheits- 
symptome wirklich auf die Dauer beseitigt worden sind, bei denen 
ich die psychische Analyse durchgeführt hatte. 

Der therapeutische Erfolg war im ganzen ein recht beträcht-" 
licher, aber kein dauernder 5 die Eignung der Kranken, unter 
neuerlichen Traumen, die sie trafen, in ähnlicher Weise zu er- 
kranken, wurde nicht beseitigt. Wer die endgültige Heilung einer 
solchen Hysterie unternehmen wollte, müßte sich eingehendere 
Rechenschaft über den Zusammenhang der Phänomene geben, 
als ich damals versuchte. Frau v. N . . . war sicherlich eine neuro- 
pathisch hereditär belastete Person. Ohne solche Disposition bringt 
man wahrscheinlich überhaupt keine Hysterie zustande. Aber die 



Frau Emmy v. N . 



85 



Disposition allein macht auch noch keine Hysterie, es gehören 
Gründe dazu, und zwar, wie ich behaupte, adäquate Gründe, eine 
Ätiologie bestimmter Natur. Ich habe vorhin erwähnt, daß bei 
Frau v. N . . . die Affekte so vieler traumatischer Erlebnisse er- 
halten schienen und daß eine lebhafte Erinnerungstätigkeit bald 
dies, bald jenes Trauma an die psychische Oberfläche brachte. Ich 
möchte mich nun getrauen, den Grund für diese Erhaltung der 
Affekte bei Frau v. N . . . anzugeben. Er hängt allerdings mit 
ihrer hereditären Anlage zusammen. Ihre Empfindungen waren 
nämlich einerseits sehr intensiv, sie war eine heftige Natur, der 
größten Entbindung von Leidenschaftlichkeit fähig, anderseits lebte 
sie seit dem Tode ihres Mannes in völliger seelischer Verein- 
samung, durch die Verfolgungen der Verwandtschaft gegen Freunde 
mißtrauisch gemacht, eifersüchtig darüber wachend, daß niemand 
zu viel Einfluß auf ihr Handeln gewinne. Der Kreis ihrer Pflichten 
war ein großer und die ganze psychische Arbeit, die ihr aufge- 
nötigt war, besorgte sie allein ohne Freund oder Vertraute, fast 
isoliert von ihrer Familie und unter der Erschwerung, die ihre 
Gewissenhaftigkeit, ihre Neigung zur Selbstquälerei, oft auch ihre 
natürliche Ratlosigkeit als Frau ihr auferlegten. Kurz, der Mecha- 
nismus der Retention großer Erregungssummen an und für 
sich ist hier nicht zu verkennen. Er stützt sich teils auf die Um- 
stände ihres Lebens, teils auf ihre natürliche Anlage 5 ihre Scheu 
z. B. etwas über sich mitzuteilen, war so groß, daß keiner von 
den täglichen Besuchern ihres Hauses, wie ich 1891 mit Erstaunen 
merkte, sie als krank oder mich als ihren Arzt kannte. 

Ob ich damit die Ätiologie dieses Falles von Hysterie erschöpft 
habe? Ich glaube es .nicht, denn ich stellte mir zur Zeit der 
beiden Behandlungen noch nicht jene Fragen, deren Beantwortung 
es für eine erschöpfende Aufklärung bedarf. Ich denke jetzt, es 
muß noch etwas hinzugekommen sein, um bei den durch lange 
Jahre unveränderten ätiologisch wirksamen Verhältnissen einen 
Ausbruch des Leidens gerade in den letzten Jahren zu provo- 



86 



Studien über Hysterie 



zieren. Es ist mir auch aufgefallen, daß in all den intimen Mit- 
teilungen, die mir die Patientin machte, das sexuelle Element, 
das doch wie kein anderes Anlaß zu Traumen gibt, völlig fehlte. 
So ohne jeglichen Rest können die Erregungen in dieser Sphäre 
wohl nicht geblieben sein, es war wahrscheinlich eine editio in 
usura delphini ihrer Lebensgeschichte, die ich zu hören bekam. 
Die Patientin war in ihrem Benehmen von der größten, unge- 
künstelt erscheinenden Dezenz, ohne Prüderie. Wenn ich aber 
an die Zurückhaltung denke, mit der sie mir in der Hypnose das 
kleine Abenteuer ihrer Kammerfrau im Hotel erzählte, komme 
ich auf den Verdacht, diese heftige, so starker Empfindungen 
fähige Frau habe den Sieg über ihre sexuellen Bedürfnisse nicht 
ohne schwere Kämpfe gewonnen und sich zu Zeiten . bei dem 
Versuche einer Unterdrückung dieses mächtigsten aller Triebe 
psychisch schwer erschöpft. Sie gestand mir einmal, daß sie nicht 
wieder geheiratet habe, weil sie bei ihrem großen Vermögen der 
Uneigennützigkeit der Bewerber nicht vertrauen konnte und weil 
sie sich Vorwürfe gemacht hätte, den Interessen ihrer beiden 
Kinder durch eine neue Verheiratung zu schaden. 

Noch eine Bemerkung muß ich anfügen, ehe ich die Kranken- 
geschichte der Frau v. N . . . beschließe, Wir kannten sie beide 
ziemlich genau, Dr. Breuer und ich, und durch ziemlich lange 
Zeit, und wir pflegten zu lächeln, wenn wir ihr Charakterbild 
mit der Schilderung der hysterischen Psyche verglichen, die sich 
seit alten Zeiten durch die Bücher und die Meinung der Ärzte 
zieht. Wenn wir aus der Beobachtung der Frau Cäcilie M . . . 
ersehen hatten, daß Hysterie schwerster Form mit der reichhal- 
tigsten und originellsten Begabung vereinbar ist — eine Tatsache, 
die übrigens aus den Biographien der für Geschichte und Literatur 
bedeutsamen Frauen bis zur Evidenz hervorleuchtet, — so hatten 
wir an Frau Emmy v. N . . . ein Beispiel dafür, daß die Hysterie 
auch tadellose Charakterentwicklung und zielbewußte Lebens- 
führung nicht ausschließt. Es war eine ausgezeichnete Frau, die 



Frau Emmy v. N . 



87 



wir kennen gelernt hatten, deren sittlicher Ernst in der Auf- 
fassung ihrer Pflichten, deren geradezu männliche Intelligenz und 
Energie, deren hohe Bildung und Wahrheitsliebe uns beiden im- 
ponierte, während ihre gütige Fürsorge für alle ihr unterstehenden 
Personen, ihre innere Bescheidenheit und die Feinheit ihrer Um- 
gangsformen sie auch als Dame achtenswert erscheinen ließ. Eine 
solche Frau eine „Degenerierte" zu nennen, heißt die Bedeutung 
dieses Wortes bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Man tut gut 
daran, die „disponierten" Menschen von den „degenerierten" be- 
grifflich zu sondern, sonst wird man sich zum Zugeständnisse 
gezwungen sehen, daß die Menschheit einen guten Teil ihrer 
großen Errungenschaften den Anstrengungen „degenerierter" In- 
dividuen zu verdanken hat. 

Ich gestehe auch, ich kann in der Geschichte der Frau v. N . . . 
nichts von der „psychischen Minderleistung" finden, auf welche 
P. Janet die Entstehung der Hysterie zurückführt. Die hysterische 
Disposition bestünde nach ihm in einer abnormen Enge des Be- 
wußtseinsfeldes (infolge hereditärer Degeneration), welche zur Ver- 
nachlässigung ganzer Reihen von Wahrnehmungen, in weiterer 
Folge zum Zerfalle des Ichs und zur Organisierung sekundärer 
Persönlichkeiten Anlaß gibt. Demnach müßte auch der Rest des 
Ichs, nach Abzug der hysterisch organisierten psychischen Gruppen, 
minder leistungsfähig sein als das normale Ich, und in der Tat 
ist nach Janet dieses Ich bei den Hysterischen mit psychischen 
Stigmaten belastet, zum Monoideismus verurteilt und der gewöhn- 
lichen Willensleistungen des Lebens unfähig. Ich meine, Janet 
hat hier Folgezustände der hysterischen Bewußtseinsveränderung 
mit Unrecht zu dem Range von primären Bedingungen der 
Hysterie erhoben. Das Thema ist einer eingehenderen Behandlung 
an anderer Stelle wert; bei Frau v. N . . . aber war von solcher 
Minderleistung nichts zu bemerken. Während der Periode ihrer 
schwersten Zustände war und blieb sie fähig, ihren Anteil an der 
Leitung eines großen industriellen Unternehmens zu besorgen, die 



88 



Studien über Hysterie 



Erziehung ihrer Kinder niemals aus den Augen zu verlieren, ihren 
Briefverkehr mit geistig hervorragenden Personen fortzusetzen, 
kurz allen ihren Pflichten soweit nachzukommen, daß ihr Krank- 
sein verborgen bleiben konnte. Ich sollte doch meinen, das ergäbe 
ein ansehnliches Maß von psychischer Überleistung, das vielleicht 
auf die Dauer nicht haltbar war, das zu einer Erschöpfung, zur 
sekundären misere psychologique führen mußte. Wahrscheinlich 
begannen zur Zeit, da ich sie zuerst sah, bereits solche Störungen 
ihrer Leistungsfähigkeit sich fühlbar zu machen, aber jedenfalls 
hatte schwere Hysterie lange Jahre vor diesen Symptomen der 
Erschöpfung bestanden. 1 



l) [Zusatz 1924:] Ich weiß, daß kein Analytiker heute diese Krankengeschichte 
ohne ein mitleidiges Lächeln lesen kann. Aber man möge bedenken, daß es der erste 
Fall war, in dem ich das kathartische Verfahren in ausgiebigem Maße anwendete. 
Ich will darum auch dem Bericht seine ursprüngliche Form lassen, keine der Kritiken 
vorbringen, die sich heute so leicht ergeben, keinen Versuch zur nachträglichen Aus- 
füllung der zahlreichen Lücken unternehmen. Nur zweierlei will ich hinzufügen: 
meine später gewonnene Einsicht in die aktuelle Ätiologie der Erkrankung und Nach- 
richten über den weiteren Verlauf derselben. 

Als ich, wie erwähnt, einige Tage als Gast in ihrem Landhaus zubrachte, war 
bei einer Mahlzeit ein Fremder anwesend, der sich offenbar bemühte, angenehm zu 
sein. Nach seinem Weggehen fragte sie mich, wie er mir gefallen habe, und setzte 
so beiläufig hinzu: Denken Sie sich, der Mann will mich heiraten. Im Zusammenhalt 
mit anderen Äußerungen, die ich einzuschätzen versäumt hatte, mußte ich die Auf- 
klärung gewinnen, daß sie sich damals nach einer neuen Ehe sehnte, aber in der 
Existenz der beiden Töchter, der Erbinnen des väterlichen Vermögens, das Hindernis 
gegen die Verwirklichung ihrer Absicht fand. 

Einige Jahre später traf ich auf einer Naturforscherversammlung einen hervor- 
ragenden Arzt aus der Heimat der Frau Emmy, den ich befragte, ob er die Dame 
kenne und etwas von ihrem Befinden wisse. Ja, er kannte sie und hatte sie selbst 
hypnotisch behandelt, sie hatte mit ihm — und noch vielen anderen Ärzten — das- 
selbe Stück aufgeführt wie mit mir. Sie war in elenden Zuständen gekommen, hatte 
die hypnotische Behandlung mit außerordentlichem Erfolg gelohnt, um sich dann 
plötzlich mit dem Arzt zu verfeinden, ihn zu verlassen und das ganze Ausmaß ihres 
Krankseins wieder zu aktivieren. Es war der richtige „Wiederholungszwang". 

Erst nach einem Vierteljahrhundert erhielt ich wieder Kunde von Frau Emmy. 
Ihre ältere Tochter, dieselbe, der ich ehemals eine so ungünstige Prognose gestellt 
hatte, wandte sich an mich mit dem Ersuchen um ein Gutachten über den Geistes- 
zustand ihrer Mutter auf Grund meiner seinerzeitigen Behandlung. Sie beabsichtigte 
gerichtliche Schritte gegen die Mutter zu unternehmen, die sie als grausame und 
rücksichtslose Tyrannin schildert. Sie hatte beide Kinder verstoßen und weigerte 
sich, ihnen in ihrer materiellen Not beizustehen. Die Schreiberin selbst hatte einen 
Doktortitel erworben und war verheiratet. 



I 



B 



Miß Lucy R., dreißig Jahre 

Ende 1892 wies ein befreundeter Kollege eine junge Dame 
an mich, die wegen chronisch wiederkehrender eitriger Rhinitiden 
in seiner Behandlung stand. Wie sich später herausstellte, war 
eine Karies des Siebbeines die Ursache der Hartnäckigkeit ihrer 
Beschwerden. Zuletzt hatte sich die Patientin an ihn wegen neuer 
Symptome gewendet, die der kundige Arzt nicht mehr auf lokale 
Affektion schieben konnte. Sie hatte die Geruchswahrnehmung völlig 
eingebüßt und wurde von ein oder zwei subjektiven Geruchs- 
empfindungen fast unausgesetzt verfolgt. Sie empfand dieselben 
sehr peinlich, war außerdem in ihrer Stimmung gedrückt, müde^ 
klagte über schweren Kopf, verminderte Eßlust und Leistungs- 
fähigkeit. 

Die junge Dame, die als Gouvernante im Hause eines Fabrik- 
direktors im erweiterten Wien lebte, besuchte mich von Zeit zu 
Zeit in meiner Ordinationsstunde. Sie war Engländerin, von zarter 
Konstitution, pigmentarm, bis auf die Affektion der Nase gesund. 
Ihre ersten Mitteilungen bestätigten die Angaben des Arztes. Sie litt 
an Verstimmung und Müdigkeit, wurde von subjektiven Geruchs- 
empfindungen gequält, zeigte von hysterischen Symptomen eine 
ziemlich deutliche allgemeine Analgesie bei intakter Tastempfind- 
lichkeit, die Gesichtsfelder ergaben bei grober Prüfung (mit der 
Hand) keine Einschränkung. Das Innere der Nase war vollkommen 
analgisch und reflexlos. Berührungen wurden verspürt, die Wahr- 



qo 



Studien über Hysterie 






nehmung dieses Sinnesorganes war sowohl für spezifische wie für 
andere Reize (Ammoniak, Essigsäure) aufgehoben. Der eitrige Nasen- 
katarrh befand sich eben in einer Periode der Besserung. 

Bei dem ersten Bemühen, den Krankheitsfall verständlich zu 
machen, mußten sich die subjektiven Geruchsempfindungen als 
wiederkehrende Halluzinationen der Deutung von hysterischen 
Dauersymptomen fügen. Die Verstimmung war vielleicht der zu 
dem Trauma gehörige Affekt, und es mußte sich ein Erlebnis 
linden lassen, bei dem diese jetzt subjektiv gewordenen Gerüche 
objektiv gewesen waren, dieses Erlebnis mußte das Trauma sein, 
als dessen Symbole in der Erinnerung die Geruchsempfindungen 
wiederkehrten. Vielleicht war es richtiger, die wiederkehrenden 
Geruchshalluzinationen, samt der sie begleitenden Verstimmung, 
als Äquivalente des hysterischen Anfalles zu betrachten; die Natur 
wiederkehrender Halluzinationen macht sie ja zur Rolle von 
Dauersymptomen ungeeignet. Darauf kam es in diesem rudimentär 
ausgebildeten Falle wirklich nicht an; durchaus erforderlich war 
aber, daß die subjektiven Geruchsempfindungen eine solche Spe- 
zialisierung zeigten, wie sie ihrer Herkunft von einem ganz be- 
stimmten realen Objekt entsprechen konnte. 

Diese Erwartung erfüllte sich alsbald. Auf meine Frage, was 
für ein Geruch sie zumeist verfolge, erhielt ich die Antwort: wie 
von verbrannter Mehlspeise. Ich brauchte also nur anztmehmen, 
es sei wirklich der Geruch verbrannter Mehlspeise, der in dem 
traumatisch wirksamen Erlebnisse vorgekommen sei. Daß Geruchs- 
empfindungen zu Erinnerungssymbolen von Traumen gewählt 
werden, ist zwar recht ungewöhnlich, allein es lag nahe, einen 
Grund für diese Auswahl anzugeben. Die Kranke war mit eitriger 
Rhinitis behaftet, darum die Nase und deren Wahrnehmungen 
im Vordergrunde ihrer Aufmerksamkeit. Von den Lebensverhält- 
nissen der Kranken wußte ich nur, daß in dem Hause, dessen 
zwei Kinder sie behütete, die Mutter fehlte, die vor einigen Jahren 
an akuter schwerer Erkrankung gestorben war. 



Miß Lucy R. 



9i 



Ich beschloß also, den Geruch nach „verbrannter Mehlspeise" 
zum Ausgangspunkte der Analyse zu machen. Die Geschichte 
dieser Analyse will ich so erzählen, wie sie unter günstigen Ver- 
hältnissen hätte vorfallen können; tatsächlich dehnte sich, was eine 
einzige Sitzung hätte werden sollen, auf mehrere aus, da die 
Kranke mich nur in der Sprechstunde besuchen konnte, wo ich 
ihr wenig Zeit zu widmen hatte, und zog sich ein einziges solches 
Gespräch über mehr als eine Woche, da ihre Pflichten ihr auch 
nicht gestatteten, den weiten Weg von der Fabrik zu mir so oft 
zu machen. Wir brachen also mitten in der Unterredung ab, um 
nächstesmal den Faden an der nämlichen Stelle wieder aufzu- 
nehmen. 

Miß Lucy R. wurde nicht somnambul, als ich sie in Hypnose 
zu versetzen versuchte. Ich verzichtete also auf den Somnambu- 
lismus und machte die ganze Analyse mit ihr in einem Zustande 
durch, der sich vom normalen vielleicht überhaupt wenig unter- 
schied. 

Ich muß mich über diesen Punkt in der Technik meines Ver- 
fahrens eingehender äußern. Als ich im Jahre 1889 die Kliniken 
von Nancy besuchte, hörte ich den Altmeister der Hypnose, den 
Dr. Liebeault, sagen: „Ja, wenn wir die Mittel besäßen, jeder- 
mann somnambul zu machen, wäre die hypnotische Heilmethode 
die mächtigste von allen." Auf der Klinik Bernheims schien es 
fast, als gäbe es wirklich eine solche Kunst und als könnte man 
sie von Bernheim lernen. Sobald ich aber diese Kunst an meinen 
eigenen Kranken zu üben versuchte, merkte ich, daß wenigstens 
meinen Kräften in dieser Hinsicht enge Schranken gezogen seien 
und daß, wo ein Patient nicht nach ein bis drei Versuchen som- 
nambul wurde, ich auch kein Mittel besaß, ihn dazu zu machen. 
Der Prozentsatz der Somnambulen blieb aber in meiner Erfahrung 
weit hinter dem von Bernheim angegebenen zurück. 

So stand ich vor der Wahl, entweder die kathartische Methode 
in den meisten Fällen, die sich dazu eignen mochten, zu unter- 



92 Studien über Hysterie 



lassen oder den Versuch zu wagen, sie außerhalb des Somnambu- 
lismus in leichten und selbst in zweifelhaften Fällen von hypno- 
tischer Beeinflussung auszuüben. Welchem Grade von Hypnose — 
nach einer der hiefür aufgestellten Skalen — der nicht som- 
nambule Zustand entsprach, schien mir gleichgültig, da ja jede 
Richtung der Suggerierbarkeit von der anderen ohnedies unab- 
hängig ist, und die Hervorrufung von Katalepsie, automatischen 
Bewegungen u. dgl. für eine Erleichterung in der Erweckung 
von vergessenen Erinnerungen, wie ich sie brauchte, nichts prä- 
judiziert. Ich gewöhnte mir auch bald die Vornahme jener Ver- 
suche ab, welche den Grad der Hypnose bestimmen sollen, da 
diese in einer ganzen Reihe von Fällen den Widerstand der 
Kranken rege machten und mir das Zutrauen trübten, das ich 
für die wichtigere psychische Arbeit brauchte. Überdies war ich 
bald müde geworden, auf die Versicherung und den Befehl: „Sie 
werden schlafen, schlafen Sie!" immer wieder bei leichteren Graden 
von Hypnose den Einspruch zu hören: „Aber, Herr Doktor, ich 
schlafe ja nicht", um dann die allzu heikle Unterscheidung vor- 
bringen zu müssen: „Ich meine ja nicht den gewöhnlichen Schlaf, 
ich meine die Hypnose. Sehen Sie, Sie sind hypnotisiert, Sie 
können ja die Augen nicht öffnen u. dgl. Übrigens brauche ich 
den Schlaf gar nicht" u. dgl. Ich bin selbst überzeugt, daß viele 
meiner Kollegen in der Psychotherapie sich aus diesen Schwierig- 
keiten geschickter zu ziehen wissen als ich ; die mögen dann auch 
anders verfahren. Ich finde aber, wenn man in solcher Häufigkeit 
darauf rechnen darf, sich durch den Gebrauch eines Wortes Ver- 
legenheit zu bereiten, tut man besser daran, dem Worte und der 
Verlegenheit aus dem Wege zu gehen. Wo also der erste Versuch 
nicht Somnambulismus oder einen Grad von Hypnose mit aus- 
gesprochenen körperlichen Veränderungen ergab, da ließ ich die 
Hypnose scheinbar fallen, verlangte nur „Konzentration" und 
ordnete die Rückenlage und willkürlichen Verschluß der Augen 
als Mittel zur Erreichung dieser „Konzentration" an. Ich mag 



Miß Lucy R. 



95 



dabei mit leichter Mühe zu so tiefen Graden der Hypnose ge- 
langt sein, als es überhaupt erreichbar war. 

Indem ich aber auf den Somnambulismus verzichtete, beraubte 
ich mich vielleicht einer Vorbedingung, ohne welche die kathar- 
tische Methode unanwendbar schien. Sie beruhte ja darauf, daß 
die Kranken in dem veränderten Bewußtseinszustande solche Er- 
innerungen zur Verfügung hatten und solche Zusammenhänge 
erkannten, die in ihrem normalen Bewußtseinszustande angeblich 
nicht vorhanden waren. Wo die somnambule Erweiterung des 
Gedächtnisses wegfiel, mußte auch die Möglichkeit ausbleiben, eine 
Kausalbestimmung herzustellen, die der Kranke dem Arzte nicht 
als eine ihm bekannte entgegenbrachte, und gerade die patho- 
genen Erinnerungen sind es ja, „die dem Gedächtnisse der Kranken 
in ihrem gewöhnlichen psychischen Zustande fehlen oder nur 
höchst summarisch darin vorhanden sind". (Vorl. Mitteilung.) 

Aus dieser neuen Verlegenheit half mir die Erinnerung, daß 
ich Bernheim selbst den Beweis hatte erbringen sehen, die Er- 
innerungen des Somnambulismus seien im Wachzustande nur 
scheinbar vergessen und ließen sich durch leichtes Mahnen, ver- 
knüpft mit einem Handgriffe, der einen anderen Bewußtseins- 
zustand markieren sollte, wieder hervorrufen. Er hatte z. B. einer 
Somnambulen die negative Halluzination erteilt, er sei nicht mehr 
anwesend, hatte sich dann auf die mannigfaltigsten Weisen und 
durch schonungslose Angriffe ihr bemerkbar zu machen ver- 
sucht. Es war nicht gelungen. Nachdem die Kranke erweckt 
war, verlangte er zu wissen, was er mit ihr vorgenommen, 
während sie geglaubt habe, er sei nicht da. Sie gab erstaunt 
zur Antwort, sie wisse von nichts, aber er gab nicht nach, be- 
hauptete, sie würde sich an alles erinnern, legte ihr die Hand 
auf die Stirne, damit sie sich besänne, und siehe da, sie erzählte 
endlich alles, was sie im somnambulen Zustande angeblich nicht 
wahrgenommen und wovon sie im Wachzustande angeblich nichts 
gewußt hatte. 



Dieser erstaunliche und lehrreiche Versuch war mein Vorbild. 
Ich beschloß, von der Voraussetzung auszugehen, daß meine 
Patientin alles, was irgend von pathogener Bedeutung war, auch 
wußte, und daß es sich nur darum handle, sie zum Mitteilen zu 
nötigen. Wenn ich also zu einem Punkte gekommen war, wo 
ich auf die Frage: „Seit wann haben Sie dies Symptom?" oder 
„Woher rührt es?" die Antwort bekam: „Das weiß ich wirklich 
nicht' , so verfuhr ich folgendermaßen: Ich legte der Kranken 
die Hand auf die Stirne oder nahm ihren Kopf zwischen meine 
beiden Hände und sagte: „Es wird Ihnen jetzt einfallen unter 
dem Drucke meiner Hand. Im Augenblicke, da ich mit dem 
Drucke aufhöre, werden Sie etwas vor sich sehen oder wird Ihnen 
etwas als Einfall durch den Kopf gehen und das greifen Sie auf. 
Es ist das, was wir suchen. — Nun, was haben Sie gesehen oder 
was ist Ihnen eingefallen?" 

Als ich dieses Verfahren die ersten Male anwendete (es war 
nicht bei Miß Lucy R.), war ich selbst erstaunt, daß es mir ge- 
rade das lieferte, was ich brauchte, und ich darf sagen, es hat 
mich seither kaum jemals im Stiche gelassen, hat mir immer den 
Weg gezeigt, den meine Ausforschung zu gehen hatte, und hat 
mir ermöglicht, jede derartige Analyse ohne Somnambulismus zu 
Ende zu führen. Ich wurde allmählich so kühn, daß ich den 
Patienten, die zur Antwort gaben: „Ich sehe nichts" oder: „Mir 
ist nichts eingefallen", erklärte: das sei nicht möglich. Sie hätten 
gewiß das Richtige erfahren, nur glaubten sie nicht daran, daß 
es das sei, und hätten es verworfen. Ich würde die Prozedur 
wiederholen, so oft sie wollten, sie würden jedesmal dasselbe sehen. 
Ich behielt in der Tat jedesmal recht, die Kranken hatten noch 
nicht gelernt, ihre Kritik ruhen zu lassen, hatten die auftauchende 
Erinnerung oder den Einfall verworfen, weil sie ihn für un- 
brauchbar, für eine dazwischenkommende Störung hielten, und 
nachdem sie ihn mitgeteilt hatten, ergab es sich jedesmal, daß 
es der richtige war. Gelegentlich bekam ich auch die Antwort, 



Miß Lucy R. 



95 



wenn ich die Mitteilung nach dem dritten oder vierten Druck 
erzwungen hatte: „Ja, das habe ich schon beim ersten Male ge- 
wußt, aber gerade das habe ich nicht sagen wollen", oder „Ich 
habe gehofft, das wird es nicht sein." 

Mühevoller war diese Art, das angeblich verengte Bewußtsein 
zu erweitern, immerhin weit mehr als das Ausforschen im Som- 
nambulismus, aber sie machte mich doch vom Somnambvdismus 
unabhängig und gestattete mir eine Einsicht in die Motive, die 
häufig für das „Vergessen" von Erinnerungen ausschlaggebend 
sind. Ich kann behaupten, dieses Vergessen ist oft ein beabsich- 
tigtes, gewünschtes. Es ist immer ein nur scheinbar gelungenes. 

Vielleicht noch merkwürdiger ist mir erschienen, daß man an- 
geblich längst vergessene Zahlen und Daten durch ein ähnliches 
Verfahren wiederbringen und so eine unvermutete Treue des 
Gedächtnisses erweisen kann. 

Die geringe Auswahl, die man bei der Suche nach Zahlen und 
Daten hat, gestattet nämlich, den aus der Lehre von der Aphasie 
bekannten Satz zur Hilfe zu nehmen, daß Erkennen eine geringere 
Leistung des Gedächtnisses ist als sich spontan besinnen. 

Man sagt also dem Patienten, der sich nicht erinnern kann, in 
welchem Jahre, Monate und an welchem Tage ein gewisses Ereignis 
vorfiel, die Jahreszahlen, um die es sich handeln kann, die zwölf 
Monatsnamen, die einunddreißig Zahlen der Monatstage vor und 
versichert ihm, daß bei der richtigen Zahl oder beim richtigen 
Namen sich seine Augen von selbst öffnen würden, oder daß er 
dabei fühlen werde, welche Zahl die richtige sei. In den aller- 
meisten Fällen entscheiden sich dann die Kranken wirklich für 
ein bestimmtes Datum und häufig genug (so bei Frau Cäcilie N.) 
ließ sich durch vorhandene Aufzeichnungen aus jener Zeit nach- 
weisen, daß das Datum richtig erkannt war. Andere Male und 
bei anderen Kranken ergab sich aus dem Zusammenhange der 
erinnerten Tatsachen, daß das so gefundene Datum unanfechtbar 
war. Die Kranke bemerkte zum Beispiel, nachdem man ihr das 



96 



Studien über Hysterie 



durch „Auszählen" gewonnene Datum vorgehalten hatte: „Das 
ist ja der Geburtstag des Vaters" und setzte dann fort : „Ja gewiß, 
weil es der Geburtstag des Vaters war, habe ich ja das Ereignis, 
von dem wir sprachen, erwartet." 

Ich kann dieses Thema hier nur streifen. Der Schluß, den ich 
aus all diesen Erfahrungen zog, war der, daß die als pathogen 
wichtigen Erlebnisse mit all ihren Nebenumständen treulich 
vom Gedächtnisse festgehalten werden, auch wo sie vergessen 
scheinen, wo dem Kranken die Fähigkeit fehlt, sich auf sie zu 
besinnen. 1 



l) Ich will als Beispiel für die oben geschilderte Technik des Ausforschens im 
nicht somnambulen Zustande, also hei nicht erweitertem Bewußtsein, einen Fall er- 
zählen, den ich gerade in den letzten Tagen analysiert habe. Ich behandle eine Frau 
von achtunddreißig Jahren, die an Angstneurose (Agoraphobie, Todesangstanfällen 
u. dgl.) leidet. Sie hat, wie so viele dieser Kranken, eine Abneigung zuzugestehen, 
daß sie dieses Leiden in ihrem ehelichen Leben akquiriert hat, und möchte es gerne 
in ihre frühe Jugend zurückschieben. So berichtet sie mir, daß sie als siebzehnjähriges 
Mädchen den ersten Anfall von Schwindel mit Angst und Ohnmachtsgefühl auf der 
Straße ihrer kleinen Heimatstadt bekommen hat und daß diese Anfälle sich zeitweise 
wiederholt haben, bis sie vor wenigen Jahren dem jetzigen Leiden den Platz räumten. 
Ich vermute, daß diese ersten Schwindelanfälle, bei denen sich die Angst immer mehr 
verwischte, hysterische waren, und beschließe, in die Analyse derselben einzugehen. Sie 
weiß zunächst nur, daß dieser erste Anfall sie überfiel, während sie ausgegangen war, 
in den Läden der Hauptstraße Einkäufe zu machen. — Was wollten Sie denn einkaufen ? 
Verschiedenes, ich glaube, für einen Ball, zu dem ich eingeladen war. — Wann sollte 
dieser Ball stattfinden? — Es kommt mir vor, zwei Tage später. — Da muß doch 
einige Tage vorher etwas vorgefallen sein, was Sie aufregte, was Ihnen einen 
Eindruck machte. — Ich weiß aber nichts, es sind einundzwanzig Jahre her. — Das 
macht nichts, Sie werden sich doch erinnern. Ich drücke auf Ihren Kopf, und wenn 
ich mit dem Druck nachlasse, werden Sie an etwas denken oder werden etwas sehen ; 
das sagen Sie dann .... Ich nehme die Prozedur vor ; sie schweigt aber. — Nun, 
ist Ihnen nichts eingefallen ? — Ich habe an etwas gedacht, aber das kann doch 
keinen Zusammenhang damit haben. — Sagen Sie's nur. — Ich habe an eine Freundin 
gedacht, ein junges Mädchen, die gestorben ist ; aber die ist gestorben, wie ich 
achtzehn Jahre alt war, also ein Jahr später. — Wir werden sehen, bleiben wir jetzt 
dabei. — Was war mit dieser Freundin? — Ihr Tod hat mich sehr erschüttert, weil 
ich viel mit ihr verkehrte. Einige Wochen vorher war ein anderes junges Mädchen 
gestorben, das hat viel Aufsehen in der Stadt gemacht ; also dann war es doch, wie 
ich siebzehn Jahre alt war. — Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, man kann sich auf 
die Dinge verlassen, die einem unter dem Drucke der Hand einfallen. Nun erinnern 
Sie sich, was für ein Gedanke war dabei, als Sie den Schwindelanfall auf der Straße 
bekamen ? — Es war gar kein Gedanke dabei, nur ein Schwindel. • — Das ist nicht 
möglich, solche Zustände gibt es nicht ohne eine begleitende Idee. Ich werde wieder 
drücken, und der Gedanke von damals wird Ihnen wiederkommen. — Also was ist 



Miß Lucy R. 



97 



Ich kehre nach dieser langen, aber unabweisbaren Abschweifung 
zur Geschichte von Miß Lucy R. zurück. Sie wurde also beim 
Versuche der Hypnose nicht somnambul, sondern lag bloß ruhig 
da in irgend einem Grade leichterer Beeinflussung, die Augen 
stetig geschlossen, die Miene etwas starr, ohne mit einem Gliede 
zu rühren. Ich fragte sie, ob sie sich erinnere, bei welchem An- 
lasse die Geruchsempfindung der verbrannten Mehlspeise entstanden 



Ihnen eingefallen? — Mir ist eingefallen: Jetzt bin ich die Dritte. — Was heißt 

£ a s? Ich muß bei dem Schwindelanfall gedacht haben: Jetzt sterbe ich auch wie 

die beiden andern jungen Mädchen. — Das war also die Idee ; Sie haben bei dem 
Anfall an die Freundin gedacht. Da muß Ihnen also ihr Tod einen großen Eindruck 
gemacht haben. ■ — Ja gewiß, ich erinnere mich jetzt, wie ich von dem Todesfalle 
gehört habe, war es mir schrecklich, daß ich auf einen Ball gehen soll, während 
sie tot ist. Aber ich habe mich so auf den Ball gefreut und war so beschäftigt mit 
der Einladung ; ich habe gar nicht an das traurige Ereignis denken wollen. (Man 
bemerke hier die absichtliche Verdrängung aus dem Bewußtsein, welche die Erinne- 
rung an die Freundin pathogen macht.) 

Der Anfall ist jetzt einigermaßen aufgeklärt, ich bedarf aber noch eines okka- 
sionellen Momentes, welches die Erinnerung gerade damals provoziert, und bilde mir 
darüber eine zufällig glückliche Vermutung. — Sie erinnern sich genau, durch welche 
Straße Sie damals gegangen sind ? — Freilich, die Hauptstraße mit ihren alten 
Häusern, ich sehe sie vor mir. — Nun, und wo hatte die Freundin gewohnt ? — In 
derselben Straße, ich war eben vorbeigegangen, zwei Häuser weiter ist mir der An- 
fall gekommen. — Dann hat sie also das Haus, während Sie vorbeigingen, an die 
tote Freundin erinnert und der Kontrast, von dem Sie damals nichts wissen wollten, 
Sie neuerdings gepackt. 

Ich gebe mich noch immer nicht zufrieden/Vielleicht war doch noch etwas anderes 
im Spiele, was bei dem bis dahin normalen Mädchen die hysterische Disposition 
wachgerufen oder verstärkt hat. Meine Vermutungen lenken sich auf das periodische 
Unwohlsein als ein dazu geeignetes Moment, und ich frage : Wissen Sie, wann in dem 
Monate die Periode kam ? — Sie wird unwillig : Das soll ich auch noch wissen ? 
Ich weiß nur, sie war um diese Zeit sehr selten und sehr unregelmäßig. Wie ich 
siebzehn Jahre alt war, hatte ich sie nur einmal. — Also, wir werden auszählen, 
wann dieses eine Mal war. — ■ Sie entscheidet sich beim Auszählen mit Sicherheit 
für einen Monat und schwankt zwischen zwei Tagen unmittelbar vor einem Datum, 
das einem fixen Festtag angehört. — Stimmt das irgendwie mit der Zeit des Balles ? 
Sie antwortet kleinlaut : Der Ball war — an dem Feiertag. Und jetzt erinnere ich 
mich auGh, es hat mir einen Eindruck gemacht, daß die einzige Periode, die ich in 
diesem Jahre hatte, gerade vor dem Balle kommen mußte. Es war der erste, zu dem 
ich geladen war. 

Man kann sich jetzt den Zusammenhang der Begebenheiten unschwer rekonstruieren 
und sieht in den Mechanismus dieses hysterischen Anfalles hinein. Dieses Ergebnis 
war freilich mühselig genug gewonnen und bedurfte des vollen Zutrauens in die 
Technik von meiner Seite und einzelner leitender Einfälle, um solche Einzelheiten 
eines vergessenen Erlebnisses nach einundzwanzig Jahren bei einer ungläubigen, 
eigentlich wachen Patientin wiederzuerwecken. Dann aber stimmte alles zusammen. 



Freud, 1. 



g8 Studien über Hysterie 



sei. — ja, das weiß ich ganz genau. Es war vor ungefähr 
zwei Monaten, zwei Tage vor meinem Geburtstage. Ich war mit 
den Kindern im Schulzimmer und spielte mit ihnen (zwei 
Mädchen) Kochen, da wurde ein Brief hereingebracht, den der 
Briefträger eben abgegeben hatte. Ich erkannte an Poststempel 
und Handschrift, daß der Brief von meiner Mutter in Glasgow 
sei, wollte ihn öffnen und lesen. Da kamen die Kinder auf mich los- 
gestürzt, rissen mir den Brief aus der Hand und riefen : Nein, du 
darfst ihn jetzt nicht lesen, er ist gewiß für deinen Geburtstag, 
wir werden ihn dir aufheben. Während die Kinder so um mich 
spielten, verbreitete sich plötzlich ein intensiver Geruch. Die 
Kinder hatten die Mehlspeise, die sie kochten, im Stiche gelassen, 
und die war angebrannt. Seit damals verfolgt mich dieser Geruch, 
er ist eigentlich immer da und wird stärker bei Aufregung. 

Sie sehen diese Szene deutlich vor sich ? — Greifbar, wie ich sie 
erlebt habe. — Was konnte Sie denn daran so aufregen ? — Es 
rührte mich, daß die Kinder so zärtlich gegen mich waren. — 
Waren sie das nicht immer ? — Ja, aber gerade als ich den Brief 
der Mutter bekam. — Ich verstehe nicht, inwiefern die Zärtlich- 
keit der Kleinen und der Brief der Mutter einen Kontrast er- 
geben haben sollen, den Sie doch anzudeuten scheinen. — Ich 
hatte nämlich die Absicht, zu meiner Mutter zu reisen, und da 
fiel es mir so schwer aufs Herz, diese lieben Kinder zu verlassen. 
— Was ist's mit Ihrer Mutter? Lebt sie wohl so einsam und hat 
Sie zu sich beschieden? Oder war sie krank um diese Zeit und 
Sie erwarteten Nachricht von ihr? — Nein, sie ist kränklich, 
aber nicht gerade krank und hat eine Gesellschafterin bei sich. — 
Warum mußten Sie also die Kinder verlassen ? ■ — Es war im 
Hause nicht mehr auszuhalten. Die Haushälterin, die Köchin und 
die Französin scheinen geglaubt zu haben, daß ich mich in meiner 
Stellung überhebe, haben sich zu einer kleinen Intrige gegen 
mich vereinigt, dem Großpapa (der Kinder) alles mögliche über 
mich hinterbracht, und ich fand an den beiden Herren nicht die 



Miß Lucy R. 



99 



Stütze, die ich erwartet hatte, als ich bei ihnen Klage führte. 
Darauf habe ich dem Herrn Direktor (dem Vater der Kinder) 
meine Demission angeboten, er antwortete sehr freundlich, ich 
sollte es mir doch zwei Wochen überlegen, ehe ich ihm meinen 
definitiven Entschluß mitteilte. In dieser Zeit der Schwebe war 
ich damals ; ich glaubte, ich würde das Haus verlassen. Ich bin 
seither geblieben. — Und fesselte Sie etwas Besonderes an die 
Kinder außer deren Zärtlichkeit gegen Sie? — Ja, ich hatte der 
Mutter, die eine entfernte Verwandte meiner Mutter war, auf 
ihrem Totenbette versprochen, daß ich mich der Kleinen mit allen 
Kräften annehmen, daß ich sie nicht verlassen und ihnen die 
Mutter ersetzen werde. Dieses Versprechen hatte ich gebrochen, 
als ich gekündigt hatte. 

So schien denn die Analyse der subjektiven Geruchsempfindung 
vollendet; dieselbe war in der Tat dereinst eine objektive gewesen, 
und zwar innig assoziiert mit einem Erlebnisse, einer kleinen Szene, 
in welcher widerstreitende Affekte einander entgegengetreten waren, 
das Bedauern, diese Kinder zu verlassen, und die Kränkungen, 
welche sie doch zu diesem Entschlüsse drängten. Der Brief der 
Mutter hatte sie begreiflicherweise an die Motive zu diesem Ent- 
schlüsse erinnert, da sie von hier zu ihrer Mutter zu gehen ge- 
dachte. Der Konflikt der Affekte hatte den Moment zum Trauma 
erhoben, und als Symbol des Traumas war ihr die damit ver- 
bundene Geruchsempfindung geblieben. Es bedurfte noch der Er- 
klärung dafür, daß sie von all den sinnlichen Wahrnehmungen 
jener Szene gerade den einen Geruch zum Symbole ausgewählt 
hatte. Ich war aber schon darauf vorbereitet, die chronische Er- 
krankung ihrer Nase für diese Erklärung zu verwerten. Auf mein 
direktes Fragen gab sie auch an, sie hätte gerade zu dieser Zeit 
wieder an einem so heftigen Schnupfen gelitten, daß sie kaum 
etwas roch. Den Geruch der verbrannten Mehlspeise nahm sie 
aber in ihrer Erregung doch wahr, er durchbrach die organisch 
begründete Anosmie. 



Studien über Hysterie 



Ich gab mich mit der so erreichten Aufklärung nicht zufrieden. 
Es klang ja alles recht plausibel, aber es fehlte mir etwas, ein an- 
nehmbarer Grund, weshalb diese Reihe von Erregungen und dieser 
Widerstreit der Affekte gerade zur Hysterie geführt haben mußte. 
Warum blieb das Ganze nicht auf dem Boden des normalen 
psychischen Lebens? Mit anderen Worten, woher die Berechtigung 
zu der hier vorliegenden Konversion? Warum erinnerte sie sich 
nicht beständig an die Szene selbst, anstatt an die mit ihr ver- 
knüpfte Sensation, die sie als Symbol für die Erinnerung bevor- 
zugte? Solche Fragen mochten vorwitzig und überflüssig sein, wo 
es sich um eine alte Hysterika handelte, welcher jener Mechanis- 
mus der Konversion habituell war. Dieses Mädchen hatte aber erst 
bei diesem Trauma oder wenigstens bei dieser kleinen Leidens- 
geschichte Hysterie akquiriert. 

Nun wußte ich bereits aus der Analyse ähnlicher Fälle, daß, wo 
Hysterie neu akquiriert werden soll, eine psychische Bedingung 
hiefür unerläßlich ist, nämlich daß eine Vorstellung absichtlich 
aus dem Bewußtsein verdrängt, von der assoziativen Ver- 
arbeitung ausgeschlossen werde. 

In dieser absichtlichen Verdrängung erblicke ich auch den 
Grund für die Konversion der Erregungssumme, sei sie eine 
totale oder partielle. Die Erregungssumme, die nicht in psychische 
Assoziation treten soll, findet um so eher den falschen Weg zu 
einer körperlichen Innervation. Grund der Verdrängung selbst 
konnte nur eine Unlustempfindung sein, die Unverträglichkeit der 
einen zu verdrängenden Idee mit der herrschenden Vorstellungs- 
masse des Ich. Die verdrängte Vorstellung rächt sich aber dadurch, 
daß sie pathogen wird. 

Ich zog also daraus, daß Miß Lucy R. in jenem Momente der 
hysterischen Konversion verfallen war, den Schluß, daß unter den 
Voraussetzungen jenes Traumas eine sein müsse, die sie absichtlich 
im unklaren lassen wolle, die sie sich bemühe zu vergessen. Nahm 
ich die Zärtlichkeit für die Kinder und die Empfindlichkeit gegen 



Miß Lucy R. 



die anderen Personen des Haushaltes zusammen, so ließ dies alles 
nur eine Deutung zu. Ich hatte den Mut, der Patientin diese 
Deutung mitzuteilen. Ich sagte ihr: „Ich glaube nicht, daß dies 
alle Gründe für Ihre Empfindung gegen die beiden Kinder sind; 
ich vermute vielmehr, daß Sie in Ihren Herrn, den Direktor, 
verliebt sind, vielleicht, ohne es selbst zu wissen, daß Sie die 
Hoffnung in sich nähren, tatsächlich die Stelle der Mutter einzu- 
nehmen, und dazu kommt noch, daß Sie so empfindlich gegen 
die Dienstleute geworden sind, mit denen Sie jahrelang friedlich 
zusammengelebt haben. Sie fürchten, daß diese etwas von Ihrer 
Hoffnung merken und Sie darüber verspotten werden." 

Ihre Antwort war in ihrer wortkargen Weise: Ja, ich glaube, 
es ist so. — Wenn Sie aber wußten, daß Sie den Direktor lieben, 
warum haben Sie es mir nicht gesagt ? — Ich wußte es ja nicht 
oder besser, ich wollte es nicht wissen, wollte es mir aus dem 
Kopfe schlagen, nie mehr daran denken, ich glaube, es ist mir auch 
in der letzten Zeit gelungen. 1 

Warum wollten Sie sich diese Neigung nicht eingestehen? 
Schämten Sie sich dessen, daß Sie einen Mann lieben sollten? — 
O nein, ich bin nicht unverständig prüde, für Empfindungen 
ist man ja überhaupt nicht verantwortlich. Es war mir nur darum 
peinlich, weil es der Herr ist, in dessen Dienst ich stehe, in dessen 
Haus ich lebe, gegen den ich nicht wie gegen einen andern die 



l) Eine andere und bessere Schilderung- des eigentümlichen Zustandes, in dem man 
etwas weiß und gleichzeitig nicht weiß, konnte ich nie erzielen. Man kann das 
offenbar nur verstehen, wenn man sich selbst in solch einem Zustande befunden hat. 
Ich verfüge über eine sehr auffällige Erinnerung dieser Art, die mir lebhaft vor 
Augen steht. Wenn ich mich bemühe, mich zu erinnern, was damals in mir vorging, 
so ist meine Ausbeute recht armselig. Ich sah damals etwas, das mir gar nicht in 
die Erwartung paßte, und ließ mich durch das Gesehene nicht im mindesten in 
meiner bestimmten Absicht beirren, während doch diese Wahrnehmung meine Ab- 
sicht hätte aufheben sollen. Ich wurde mir des Widerspruches nicht bewußt, und 
ebensowenig merkte ich etwas von dem Affekt der Abstoßung, der doch unzweifel- 
haft schuld daran war, daß jene Wahrnehmung zu gar keiner psychischen Geltung 
gelangte. Ich war mit jener Blindheit bei sehenden Augen geschlagen, die man an 
Müttern gegen ihre Töchter, an Männern gegen ihre Ehefrauen, an Herrschern 
gegen ihre Günstlinge so sehr bewundert. 



Studien über Hysterie 



volle Unabhängigkeit in mir fühle. Und weil ich ein armes Mäd- 
chen und er ein reicher Mann aus vornehmer Familie ist 5 man 
würde mich ja auslachen, wenn man etwas davon ahnte. 

Ich finde nun keinen Widerstand, die Entstehung dieser Nei- 
gung zu beleuchten. Sie erzählt, sie habe die ersten Jahre arglos 
in dem Hause gelebt und ihre Pflichten erfüllt, ohne auf un- 
erfüllbare Wünsche zu kommen. Einmal aber begann der ernste, 
überbeschäftigte, sonst immer gegen sie reservierte Herr ein Ge- 
spräch mit ihr über die Erfordernisse der Kindererziehung. Er 
wurde weicher und herzlicher als gewöhnlich, sagte ihr, wie sehr 
er bei der Pflege seiner verwaisten Kinder auf sie rechne, und 
blickte sie dabei besonders an . . . In diesem Momente begann 
sie ihn zu lieben und beschäftigte sich selbst sehr gerne mit der er- 
freulichen Hoffnung, die sie aus jenem Gespräche geschöpft hatte. 
Erst, als dann nichts mehr nachfolgte, als trotz ihres Wartens 
und Harrens keine zweite Stunde von vertraulichem Gedanken- 
austausche kam, beschloß sie, sich die Sache aus dem Sinne zu 
schlagen. Sie gibt mir ganz recht, daß jener Blick im Zusammen- 
hange des Gespräches wohl dem Andenken seiner verstorbenen 
Frau gegolten hat, ist sich auch völlig klar darüber, daß ihre 
Neigung völlig aussichtslos ist. 

Ich erwarte von diesem Gespräche eine gründliche Änderung 
ihres Zustandes, diese blieb aber einstweilen aus. Sie war weiter- 
hin gedrückt und verstimmt; eine hydropathische Kur, die ich 
sie gleichzeitig nehmen ließ, frischte sie des Morgens ein wenig 
auf, der Geruch der verbrannten Mehlspeise war nicht völlig ge- 
schwunden, wohl aber seltener und schwächer geworden ; er kam, 
wie sie sagte, nur, wenn sie sehr aufgeregt war. 

Das Fortbestehen dieses Erinnerungssymbols ließ mich vermuten, 
daß dasselbe außer der Hauptszene die Vertretung der vielen 
kleinen Nebentraumen auf sich genommen, und so forschten wir 
denn nach allem, was sonst mit der Szene der verbrannten Mehl- 
speise in Zusammenhang stehen mochte, gingen das Thema der 



Miß Lucy R. 



103 



häuslichen Reibungen, des Benehmens des Großvaters u. a. durch. 
Dabei schwand die Empfindung des brenzlichen Geruches immer 
mehr. Auch eine längere Unterbrechung fiel in diese Zeit, ver- 
ursacht durch neuerliche Erkrankung der Nase, die jetzt zur 
Entdeckung der Karies des Siebbeines führte. 

Als sie wiederkam, berichtete sie auch, daß Weihnachten ihr 
so zahlreiche Geschenke von sehen der beiden Herren und selbst 
von den Dienstleuten des Hauses gebracht habe, als ob alle be- 
strebt seien, sie zu versöhnen und die Erinnerung an die Kon- 
flikte der letzten Monate bei ihr zu verwischen. Dies offenkundige 
Entgegenkommen habe ihr aber keinen Eindruck gemacht. 

Als ich wieder ein anderes Mal nach dem Gerüche der ver- 
brannten Mehlspeise fragte, bekam ich die Auskunft, der sei zwar 
ganz geschwunden, allein an seiner Stelle quäle sie ein anderer 
und ähnlicher Geruch, wie von Zigarrenrauch. Derselbe sei wohl 
auch früher dagewesen, aber wie gedeckt durch den Geruch der 
Mehlspeise. Jetzt sei er rein hervorgetreten. " 

Ich war nicht sehr befriedigt von dem Erfolge meine Therapie. 
Da war also eingetroffen, was man einer bloß symptomatischen 
Therapie immer zur Last legt, man hatte ein Symptom weg- 
genommen, bloß damit ein neues an die freie Stelle rücken 
könne. Indes machte ich mich bereitwillig an die analytische Be- 
seitigung dieses neuen Erinnerungssymbols. 

Diesmal wußte sie aber nicht, woher die subjektive Geruchs- 
empfindung stamme, bei welcher wichtigen Gelegenheit sie eine 
objektive gewesen sei. „Es wird täglich geraucht bei uns," meinte 
sie, „ich weiß wirklich nicht, ob der Geruch, den ich verspüre, 
eine besondere Gelegenheit bedeutet." Ich beharrte nun darauf, 
daß sie versuche, sich unter dem Drucke meiner Hand zu er- 
innern. Ich habe schon erwähnt, daß ihre Erinnerungen plasti- 
sche Lebhaftigkeit hatten, daß sie eine „Visuelle" war. In der 
Tat tauchte unter meinem Drängen ein Bild in ihr auf, anfangs 
zögernd und nur stückweise. Es war das Speisezimmer ihres 



104 



Studien über Hysterie 



Hauses, in dem sie mit den Kindern wartet, bis die Herren aus 
der Fabrik zum Mittagmahl kommen. — Jetzt sitzen wir alle um 
den Tisch herum: die Herren, die Französin, die Haushälterin, 
die Kinder und ich. Das ist aber wie alle Tage. — Sehen Sie 
nur weiter auf das Bild hin, es wird sich entwickeln und speziali- 
sieren. — Ja, es ist ein Gast da, der Oberbuchhalter, ein alter Herr, 
der die Kinder liebt wie eigene Enkel, aber der kommt so oft zu 
Mittag, das ist auch nichts Besonderes. — Haben Sie nur Geduld, 
blicken Sie nur auf das Bild, es wird gewiß etwas vorgehen. — 
( Es geht nichts vor. Wir stehen vom Tische auf, die Kinder 
sollen sich verabschieden und gehen dann mit uns wie alle Tage 
in den zweiten Stock. — Nun? — Es ist doch eine besondere 
Gelegenheit, ich erkenne die Szene jetzt. Wie die Kinder sich 
verabschieden, will der Oberbuchhalter sie küssen. Der Herr fährt 
auf und schreit ihn geradezu an: „Nicht die Kinder küssen." 
Dabei gibt es mir einen Stich ins Herz, und da die Herren 
schon rauchen, bleibt mir der Zigarrenrauch im Gedächtnis. 

Dies war also die zweite, tieferliegende Szene, die als Trauma 
gewirkt und ein Erinnerungssymbol hinterlassen hatte. Woher 
rührte aber die Wirksamkeit dieser Szene? — Ich fragte: Was 
ist der Zeit nach früher, diese Szene oder die mit der verbrannten 
Mehlspeise? — Die letzte Szene ist die frühere, und zwar um 
fast zwei Monate. — Warum hat es Ihnen denn einen Stich bei 
dieser Abwehr des Vaters gegeben? Der Verweis richtete sich doch 
nicht gegen Sie? — Es war doch nicht recht, einen alten Herrn 
so anzufahren, der ein lieber Freund und noch dazu Gast ist. 
Man kann das ja auch ruhig sagen. — Also hat Sie nur die 
heftige Form Ihres Herrn verletzt? Haben Sie sich vielleicht für 
ihn geniert oder haben Sie gedacht, wenn er wegen einer solchen 
Kleinigkeit so heftig sein kann mit einem alten Freunde und 
Gaste, wie wäre er es erst mit mir, wenn ich seine Frau wäre? — 
Nein, das ist es nicht. — Es war aber doch wegen der Heftig- 
keit? — Ja, wegen des Küssens der Kinder, das hat er nie 



Miß Lucy R. 



105 



gemocht. — Und nun taucht wieder unter dem Drucke meiner 
Hand die Erinnerung an eine noch ältere Szene auf, die das 
eigentlich wirksame Trauma war und die auch der Szene mit 
dem Oberbuchhalter die traumatische Wirksamkeit verliehen hatte. 

Es hatte sich wieder einige Monate vorher zugetragen, daß eine 
befreundete Dame auf Besuch kam, die beim Abschiede beide 
Kinder auf den Mund küßte. Der Vater, der dabei stand, über- 
wand sich wohl, der Dame nichts zu sagen, aber nach ihrem 
Fortgehen brach sein Zorn über die unglückliche Erzieherin los. 
Er erklärte ihr, er mache sie dafür verantwortlich, wenn jemand 
die Kinder auf den Mund küsse, es sei ihre Pflicht, es nicht zu 
dulden, und sie sei pflichtvergessen, wenn sie es zulasse. Wenn 
es noch einmal geschähe, würde er die Erziehung der Kinder 
anderen Händen anvertrauen. Es war die Zeit, als sie sich noch 
geliebt glaubte und auf eine Wiederholung jenes ersten freund- 
lichen Gespräches wartete. Diese Szene knickte ihre Hoffnungen. 
Sie sagte sich: wenn er wegen einer so geringen Sache, und wo 
ich überdies ganz unschuldig bin, so auf mich losfahren kann, 
mir solche Drohungen sagen kann, so habe ich mich geirrt, so 
hat er nie eine wärmere Empfindung für mich gehabt. Die würde 
ihn Rücksicht gelehrt haben. — Offenbar war es die Erinnerung 
an diese peinliche Szene, die ihr kam, als der Oberbuchhalter 
die Kinder küssen wollte und dafür vom Vater zurechtgewiesen 
wurde. 

Als Miß Lucy mich zwei Tage nach dieser letzten Analyse 
wieder besuchte, mußte ich sie fragen, was mit ihr Erfreuliches 
vorgegangen sei. 

Sie war wie verwandelt, lächelte und trug den Kopf hoch. 
Einen • Augenblick dachte ich daran, ich hätte doch die Verhält- 
nisse irrig beurteilt und aus der Gouvernante der Kinder sei jetzt 
die Braut des Direktors geworden. Aber sie wehrte meine Ver- 
mutungen ab: „Es ist gar nichts vorgegangen. Sie kennen mich 
eben nicht, Sie haben mich nur krank und verstimmt gesehen. 



io6 



Stildien über Hysterie 



Ich bin sonst immer so heiter. Wie ich gestern früh erwacht bin, 
war der Druck von mir genommen und seither bin ich wohl." — 
Und wie denken Sie über Ihre Aussichten im Hause? — Ich bin 
ganz klar, ich weiß, daß ich keine habe, und werde nicht un- 
glücklich darüber sein. — Und werden Sie sich jetzt mit den 
Hausleuten vertragen? — Ich glaube, da hat meine Empfindlich- 
keit das meiste dazu getan. — Und lieben Sie den Direktor 
noch? — Gewiß, ich liebe ihn, aber das macht mir weiter nichts. 
Man kann ja bei sich denken und empfinden, was man will. 

Ich untersuchte jetzt ihre Nase und fand die Schmerz- und 
Reflexempfindlichkeit fast völlig wiedergekehrt, sie unterschied 
auch Gerüche, aber unsicher und nur, wenn sie intensiver waren. 
Ich muß aber dahingestellt lassen, inwieweit an dieser Anosmie 
die Erkrankung der Nase beteiligt war. 

Die ganze Behandlung hatte sich über neun Wochen erstreckt. 
Vier Monate später traf ich die Patientin zufällig in einer unserer 
Sommerfrischen. Sie war heiter und bestätigte die Fortdauer ihres 
Wohlbefindens. 

Epikrise 

Ich möchte den hier erzählten Krankheitsfall nicht gering 
schätzen, wenngleich er einer kleinen und leichten Hysterie ent- 
spricht und nur über wenige Symptome verfügt. Vielmehr er- 
scheint es mir lehrreich, daß auch eine solche, als Neurose arm- 
selige Erkrankung so vieler psychischer Voraussetzungen bedarf, 
und bei eingehenderer Würdigung dieser Krankengeschichte bin 
ich versucht, sie als vorbildlich für einen Typus der Hysterie hin- 
zustellen, nämlich für die Form von Hysterie, die auch eine nicht 
hereditär belastete Person durch dazu geeignete Erlebnisse er- 
werben kann. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von einer Hysterie, 
die unabhängig von jeder Disposition wäre; eine solche gibt es 
wahrscheinlich nicht, aber von solcher Art von Disposition sprechen 
wir erst, wenn die Person hysterisch geworden ist, sie ist vorher 



Miß Lucy R. 



107 



durch nichts bezeugt gewesen. Neuropathische Disposition, wie 
man sie gewöhnlich versteht, ist etwas anderes 5 sie ist bereits vor 
der Erkrankung durch das Maß hereditärer Belastung oder die 
Summe individueller psychischer Abnormitäten bestimmt. Von 
diesen beiden Momenten war bei Miß Lucy R., soweit ich unter- 
richtet bin, nichts nachzuweisen. Ihre Hysterie darf also eine 
akquirierte genannt werden und setzt nichts weiter voraus als 
die wahrscheinlich sehr verbreitete Eignung — Hysterie zu akqui- 
rieren, deren Charakteristik wir noch kaum auf der Spur sind. 
In solchen Fällen fällt aber das Hauptgewicht auf die Natur des 
Traumas, natürlich im Zusammenhalte mit der Reaktion der Person 
gegen das Trauma. Es zeigt sich als unerläßliche Bedingung für 
die Erwerbung der Hysterie, daß zwischen dem Ich und einer 
an dasselbe herantretenden Vorstellung das Verhältnis der Unver- 
träglichkeit entsteht. Ich hoffe, an anderer Stelle zeigen zu können, 
wie verschiedene neurotische Störungen aus den verschiedenen 
Verfahren hervorgehen, welche das „Ich" einschlägt, um sich von 
jener Unverträglichkeit zu befreien. Die hysterische Art der Ab- 
wehr ■ — zu welcher eben eine besondere Eignung erfordert wird — 
besteht nun in der Konversion der Erregung in eine körper- 
liche Innervation, und der Gewinn dabei ist der, daß die unver- 
trägliche Vorstellung aus dem Ichbewußtsein gedrängt ist. Dafür 
enthält das Ichbewußtsein die durch Konversion entstandene körper- 
liche Reminiszenz — in unserem Falle die subjektiven Geruchs- 
empfindungen — und leidet unter dem Affekt, der sich mehr 
oder minder deutlich gerade an diese Reminiszenzen knüpft. Die 
Situation, die so geschaffen wird, ist nun nicht weiter veränder- 
lich, da durch Verdrängung und Konversion der Widerspruch auf- 
gehoben ist, der zur Erledigung des Affekts aufgefordert hätte. 
So entspricht der Mechanismus, der die Hysterie erzeugt, einerseits 
einem Akte moralischer Zaghaftigkeit, anderseits stellt er sich als 
eine Schutzeinrichtung dar, die dem Ich zu Gebote steht. Es gibt 
Fälle genug, in denen man zugestehen muß, die Abwehr des 



Studien über Hysterie 



Erregungszuwachses durch Produktion von Hysterie sei auch der- 
malen das zweckmäßigste gewesen; häufiger wird man natürlich 
zum Schlüsse gelangen, daß ein größeres Maß von moralischem 
Mute ein Vorteil für das Individuum gewesen wäre. 

Der eigentlich traumatische Moment ist demnach jener, in dem 
der Widerspruch sich dem Ich aufdrängt und dieses die Verweisung 
der widersprechenden Vorstellung beschließt. Durch solche Ver- 
weisung wird letztere nicht zunichte gemacht, sondern bloß ins 
Unbewußte gedrängt; findet dieser Vorgang zum ersten Male statt, 
so ist hiemit ein Kern- und Kristallisationsmittelpunkt für die 
Bildung einer vom Ich getrennten psychischen Gruppe gegeben, 
um den sich in weiterer Folge alles sammelt, was die Annahme 
der widerstreitenden Vorstellung zur Voraussetzung hätte. Die 
Spaltung des Bewußtseins in diesen Fällen akquirierter Hysterie 
ist somit eine gewollte, absichtliche, oft wenigstens durch einen 
Willkürakt eingeleitete. Eigentlich geschieht etwas anderes, als das 
Individuum beabsichtigt; es möchte eine Vorstellung aufheben, 
als ob sie gar nie angelangt wäre, es gelingt ihm aber nur, sie 
psychisch zu isolieren. 

In der Geschichte unserer Patientin entspricht der traumatische 
Moment jener Szene, die ihr der Direktor wegen des Küssens der 
Kinder machte. Diese Szene bleibt aber einstweilen ohne sichtliche 
Wirkung, vielleicht daß Verstimmung und Empfindlichkeit damit 
begannen, ich weiß nichts darüber; — die hysterischen Symptome 
entstanden erst später in Momenten, welche man als „auxiliäre" 
bezeichnen kann, und die man dadurch charakterisieren möchte, 
daß in ihnen zeitweilig die beiden getrennten psychischen Gruppen 
zusammenfließen wie im erweiterten somnambulen Bewußtsein. 
Der erste dieser Momente, in denen die Konversion stattfand, war 
bei Miß Lucy R. die Szene bei Tische, als der Oberbuchhalter 
die Kinder küssen wollte. Hier spielte die traumatische Erinnerung 
mit, und sie benahm sich so, als hätte sie nicht alles, was sich 
auf ihre Neigung zu ihrem Herrn bezog, von sich getan. In 



Miß Lucy R. 



109 



anderen Krankengeschichten fallen diese verschiedenen Momente 
zusammen, die Konversion geschieht unmittelbar unter der Ein- 
wirkung des Traumas. 

Der zweite auxiliäre Moment wiederholt ziemlich genau den 
Mechanismus des ersten. Ein starker Eindruck stellt vorübergehend 
die Einheit des Bewußtseins wieder her, und die Konversion geht 
den nämlichen Weg, der sich ihr das erstemal eröffnet hatte. 
Interessant ist es, daß das zu zweit entstandene Symptom das 
erste deckt, so daß letzteres nicht eher klar empfunden wird, als 
bis das erstere weggeschafft ist. Bemerkenswert erscheint mir auch 
die Umkehrung der Reihenfolge, der sich auch die Analyse fügen 
muß. In einer ganzen Reihe von Fällen ist es mir ähnlich er- 
gangen, die später entstandenen Symptome deckten die ersten, 
und erst das letzte, zu dem die Analyse vordrang, enthielt den 
Schlüssel zum Ganzen. 

Die Therapie bestand hier in dem Zwange, der die Vereinigung 
der abgespaltenen psychischen Gruppe mit dem Ichbewußtsein 
durchsetzte. Der Erfolg ging merkwürdigerweise nicht dem Maße 
der geleisteten Arbeit parallel; erst als das letzte Stück erledigt 
war, trat plötzliche Heilung ein. 



Katharina 



In den Ferien des Jahres 189* machte ich einen Ausflug in die 
Hohen Tauern, um für eine Weile die Medizin und besonders die 
Neurosen zu vergessen. Es war mir fast gelungen, als ich eines 
Tages von der Hauptstraße abwich, um einen abseits gelegenen 
Berg zu besteigen, der als Aussichtspunkt und wegen seines gut 
gehaltenen Schutzhauses gerühmt wurde. Nach anstrengender 
Wanderung oben angelangt, gestärkt und ausgeruht, saß ich dann, 
in die Betrachtung einer entzückenden Fernsicht versunken, so 
selbstvergessen da, daß ich es erst nicht auf mich beziehen wollte, 
als ich die Frage hörte: „Ist der Herr ein Doktor?" Die Frage 
galt aber mir und kam von dem etwa achtzehnjährigen Mäd- 
chen, das mich mit ziemlich mürrischer Miene zur Mahlzeit 
bedient hatte und von der Wirtin „Katharina" gerufen worden 
war. Nach ihrer Kleidung und ihrem Betragen konnte sie keine 
Magd, sondern mußte wohl eine Tochter oder Verwandte der 
Wirtin sein. 

Ich antwortete, zur Selbstbesinnung gelangt: „Ja, ich bin ein 
Doktor. Woher wissen Sie das?" 

„Der Herr hat sich ins Fremdenbuch eingeschrieben, und da 
hab ich mir gedacht, wenn der Herr Doktor jetzt ein bißchen 
Zeit hätte, — ich bin nämlich nervenkrank und war schon ein- 






Katharina , . 



mal bei einem Doktor in L . . ., der hat mir auch etwas gegeben, 
aber gut ist mir noch nicht geworden." 

Da war ich also wieder in den Neurosen, denn um etwas 
anderes konnte es sich bei dem großen und kraftigen Mädchen 
mit der vergrämten Miene kaum handeln. Es interessierte mich, 
daß Neurosen in der Höhe von über 2000 Metern so wohl ge- 
deihen sollten, ich fragte also weiter. 

Die Unterredung, die jetzt zwischen uns vorfiel, gebe ich so 
wieder, wie sie sich meinem Gedächtnisse eingeprägt hat, und 
lasse der Patientin ihren Dialekt. 

„An was leiden Sie denn?" 

„Ich hab' so Atemnot, nicht immer, aber manchmal packt's 
mich so, daß ich glaube, ich erstick'." 

Das klang nun zunächst nicht nervös, aber es wurde mir 
gleich wahrscheinlich, daß es nur eine ersetzende Bezeichnung 
für einen Angstanfall sein sollte. Aus dem Empfindungskomplex 
der Angst hob sie das eine Moment der Atembeengung unge- 
bührlich hervor. 

„Setzen Sie sich her. Beschreiben Sie mir's, wie ist denn so 
ein Zustand von , Atemnot'?" 

„Es kommt plötzlich über mich. Dann legt's sich zuerst wie 
ein Druck auf meine Augen, der Kopf wird so schwer und sausen 
tut's, nicht auszuhalten, und schwindlich bin ich, daß ich glaub', 
ich fall' um, und dann preßt's mir die Brust zusammen, daß ich 
keinen Atem krieg'." 

„Und im Halse spüren Sie nichts?" 

„Den Hals schnürt's mir zusammen, als ob ich ersticken sollt!" 

„Und tut es sonst noch was im Kopfe?" 

„Ja, hämmern tut es zum Zerspringen." 

„Ja, und fürchten Sie sich gar nicht dabei?" 

„Ich glaub' immer, jetzt muß ich sterben, und ich bin sonst 
couragiert, ich geh' überall allein hin, in den Keller und hinunter 
über den ganzen Berg, aber wenn so ein Tag ist, an dem ich 



Studien über Hysterie 



das hab', dann trau' ich mich nirgends hin, ich glaub' immer, 
es steht jemand hinter mir und packt mich plötzlich an." 

Es war wirklich ein Angstanfall, und zwar eingeleitet von den 
Zeichen der hysterischen Aura oder, besser gesagt, ein hysteri- 
scher Anfall, dessen Inhalt Angst war. Sollte kein anderer Inhalt 
dabei sein? 

„Denken Sie was, immer dasselbe, oder sehen Sie was vor sich, 
wenn Sie den Anfall haben?" 

„Ja, so ein grausliches Gesicht seh ich immer dabei, das mich 
so schrecklich anschaut, vor dem furcht' ich mich dann." 

Da bot sich vielleicht ein Weg, rasch zum Kerne der Sache 
vorzudringen. 

„Erkennen Sie das Gesicht, ich mein', ist das ein Gesicht, was 
Sie einmal wirklich gesehen haben?" — „Nein." 

„Wissen Sie, woher Sie die Anfälle haben?" — „Nein." — „Wann 
haben Sie die denn zuerst bekommen?" — „Zuerst vor zwei 
Jahren, wie ich noch mit der Tant' auf dem andern Berg war, 
sie hat dort früher das Schutzhaus gehabt, jetzt sind wir seit 
eineinhalb Jahren hier, aber es kommt immer wieder." 

Sollte ich hier einen Versuch der Analyse machen? Die Hypnose 
zwar wagte ich nicht in diese Höhen zu verpflanzen, aber vielleicht 
gelingt es im einfachen Gespräche. Ich mußte glücklich raten. 
Angst bei jungen Mädchen hatte ich so oft als Folge des Grausens 
erkannt, das ein virginales Gemüt befällt, wenn sich zuerst die 
Welt der Sexualität vor ihm auftut. 1 



l) Ich will den Fall hier anführen, in welchem ich dies kausale Verhältnis zuerst 
erkannte. Ich behandelte eine junge Frau an einer komplizierten Neurose, die wieder 
einmal nicht zugeben wollte, daß sie sich ihr Leiden in ihrem ehelichen Leben ge- 
holt hatte. Sie wandte ein, daß sie schon als Mädchen an Anfällen von Angst ge- 
litten habe, die in Ohnmacht ausgingen. Ich blieb standhaft. Als wir besser bekannt 
geworden waren, sagte sie mir plötzlich eines Tages: „Jetzt will ich Ihnen auch 
berichten, woher meine Angstzustände als junges Mädchen gekommen sind. Ich habe 
damals in einem Zimmer neben dem meiner Eltern geschlafen, die Tür war offen 
und ein Nachtlicht brannte auf dem Tische. Da habe ich denn einige Male gesehen, 
wie der Vater zur Mutter ins Bett gegangen ist, und habe etwas gehört, was mich 
sehr aufgeregt hat. Darauf bekam ich dann meine Anfälle." 



Katharina 



113 



Ich sagte also: „Wenn Sie's nicht wissen, will ich Ihnen sagen, 
wovon ich denke, daß Sie Ihre Anfälle bekommen haben. Sie haben 
einmal, damals vor zwei Jahren, etwas gesehen oder gehört, was 
Sie sehr geniert hat, was Sie lieber nicht möchten gesehen haben." 

Sie darauf: „Jesses ja, ich hab' ja den Onkel bei dem Mädel 
erwischt, bei der Franziska, meiner Cousine!" 

„Was ist das für eine Geschichte mit dem Mädel? Wollen Sie 
mir die nicht erzählen?" 

„Einem Doktor darf man ja alles sagen. Also wissen Sie, der 
Onkel, er war der Mann von meiner Tant', die Sie da gesehen haben, 
hat damals mit der Tant' das Wirtshaus auf dem **kogel gehabt, 
jetzt sind sie geschieden, und ich bin schuld daran, daß sie ge- 
schieden sind, weil's durch mich aufgekommen ist, daß er's mit 
der Franziska hält." 

„Ja, wie sind Sie zu der Entdeckung gekommen?" 

„Das war so. Vor zwei Jahren sind einmal ein paar Herren 
heraufgekommen und haben zu essen verlangt. Die Tant' war 
nicht zu Haus' und die Franziska war nirgends zu finden, die 
immer gekocht hat. Der Onkel war auch nicht zu finden. Wir 
suchen sie überall, da sagt der Bub, der Alois, mein Cousin: ,Am 
End' ist die Franziska beim Vätern.' Da haben wir beide gelacht, 
aber gedacht haben wir uns nichts Schlechtes dabei. Wir gehen 
zum Zimmer, wo der Onkel gewohnt hat, das ist zugesperrt. Das 
war mir aber auffällig. Sagt der Alois: ,Am Gang ist ein Fenster, 
da kann man hineinschauen ins Zimmer.' Wir gehen auf den 
Gang. Aber der Alois mag nicht zum Fenster, er sagt, er furcht' 
sich. Da sag ich: ,Du dummer Bub, ich geh hin, ich furcht' 
mich gar nicht.' Ich habe auch gar nichts Arges im Sinne ge- 
habt. Ich schau hinein, das Zimmer war ziemlich dunkel, aber 
da seh ich den Onkel und die Franziska, und er liegt auf ihr." 

„Nun?" 

„Ich bin gleich weg vom Fenster, hab' mich an die Mauer 
angelehnt, hab' die Atemnot bekommen, die ich seitdem hab', die 

Freud, I. . 



114 



Studien über Hysterie 



Sinne sind mir vergangen, die Augen hat es mir zugedrückt und 
im Kopfe hat es gehämmert und gebraust." 

„Haben Sie's gleich am selben Tage der Tante gesagt?" 

„0 nein, ich hab nichts gesagt." 

„Warum sind Sie denn so erschrocken, wie Sie die beiden bei- 
sammen gefunden haben? Haben Sie denn etwas verstanden? Haben 
Sie sich etwas gedacht, was da geschieht?' 

„0 nein, ich hab' damals gar nichts verstanden, ich war erst 
sechzehn Jahre alt. Ich weiß nicht, worüber ich so erschrocken bin." 

„Fräulein Katharin', wenn Sie sich jetzt erinnern könnten, was 
damals in Ihnen vorgegangen ist, wie Sie den ersten Anfall be- 
kommen haben, was Sie sich dabei gedacht haben, dann wäre 
Ihnen geholfen." 

„Ja, wenn ich könnt', ich bin aber so erschrocken gewesen, 
daß ich alles vergessen hab'." 

(In die Sprache unserer „vorläufigen Mitteilung" übersetzt, 
heißt das : Der Affekt schafft selbst den hypnoiden Zustand, dessen 
Produkte dann außer assoziativem Verkehre mit dem Ich-Bewußt- 
sein stehen.) 

„Sagen Sie, Fräulein, ist der Kopf, den Sie immer bei der Atem- 
not sehen, vielleicht der Kopf von der Franziska, wie Sie ihn 
damals gesehen haben?" 

„O nein, der war doch nicht so grauslich, und dann ist es ja 
ein Männerkopf." 

„Oder vielleicht vom Onkel?" 

„Ich hab' sein Gesicht gar nicht so deutlich gesehen, es war 
zu finster im Zimmer und warum sollt' er denn damals ein so 
schreckliches Gesicht gemacht haben?" 

„Sie haben Recht." (Da schien nun plötzlich der Weg verlegt. 
Vielleicht findet sich in der weiteren Erzählung etwas.) 

„Und was ist dann weiter geschehen?" 

„Nun, die zwei müssen Geräusch gehört haben. Sie sind bald 
herausgekommen. Mir war die ganze Zeit recht schlecht, ich hab 



Katharina . . 



115 



immer nachdenken müssen, dann ist zwei Tage später ein Sonn- 
tag gewesen, da hat's viel zu tun gegeben, ich hab den ganzen 
Tag gearbeitet und am Montag früh, da hab ich wieder den 
Schwindel gehabt und hab erbrochen und bin zu Bett geblieben 
und hab' drei Tage fort und fort gebrochen." 

Wir hatten oft die hysterische Symptomatologie mit einer 
Bilderschrift verglichen, die wir nach Entdeckung einiger bilinguer 
Fälle zu lesen verstünden. In diesem Alphabet bedeutet Erbrechen 
Ekel. Ich sagte ihr also: „Wenn Sie drei Tage später erbrochen 
haben, so glaub ich, Sie haben sich damals, wie Sie ins Zimmer 
hineingeschaut haben, geekelt." 

„Ja, geekelt werd' ich mich schon haben", sagt sie nachdenk- 
lich. „Aber wovor denn?" 

„Sie haben vielleicht etwas Nacktes gesehen? Wie waren denn 
die beiden Personen im Zimmer?" 

„Es war zu finster, um was zu sehen und die waren ja beide 
angezogen (in Kleidern). Ja, wenn ich nur wüßte, wovor ich 
mich damals geekelt hab'." 

Das wußte ich nun auch nicht. Aber ich forderte sie auf, 
weiter zu erzählen, was ihr einfiele, in der sicheren Erwartung, 
es werde ihr gerade das einfallen, was ich zur Aufklärung des 
Falles brauchte. 

Sie berichtet nun, daß sie endlich der Tante, die sie verändert 
fand und dahinter ein Geheimnis vermutete, ihre Entdeckung 
mitteilte, daß es darauf sehr verdrießliche Szenen zwischen Onkel 
und Tante gab, die Kinder Dinge zu hören bekamen, die ihnen 
über manches die Augen öffneten, und die sie besser hätten nicht 
hören sollen, bis die Tante sich entschloß, mit ihren Kindern und 
der Nichte die andere Wirtschaft hier zu übernehmen und den 
Onkel mit der unterdes gravid gewordenen Franziska allein zu 
lassen. Dann aber läßt sie zu meinem Erstaunen diesen Faden 
fallen und beginnt zwei Reihen von älteren Geschichten zu er- 
zählen, die um zwei bis drei Jahre hinter dem traumatischen Momente 



8- 



n6 



Studien über Hysterie 



zurückreichen. Die erste Reihe enthält Anlässe, bei denen derselbe 
Onkel ihr selbst sexuell nachgestellt, als sie erst vierzehn Jahre 
alt war. Wie sie einmal mit ihm im Winter eine Partie ins Tal 
gemacht und dort im Wirtshause übernachtet. Er blieb trinkend 
und kartenspielend in der Stube sitzen, sie wurde schläfrig und 
begab sich frühzeitig in das für beide bestimmte Zimmer im 
Stocke. Sie schlief nicht fest, als er hinaufkam, dann schlief sie 
wieder ein und plötzlich erwachte sie und „spürte seinen Körper" 
im Bette. Sie sprang auf, machte ihm Vorwürfe. „Was treibens 
denn, Onkel? Warum bleibens nicht in Ihrem Bette?" Er ver- 
suchte sie zu beschwatzen: „Geh', dumme Gredel, sei still, du 
weißt ja nicht, wie gut das is." — „Ich mag Ihr Gutes nicht, 
nit einmal schlafen lassen's einen." Sie bleibt bei der Türe stehen, 
bereit, auf den Gang hinaus zu flüchten, bis er abläßt und selbst 
einschläft. Dann legt sie sich in ihr Bett und schläft bis zum 
Morgen. Aus der Art der Abwehr, die sie berichtet, scheint sich 
zu ergeben, daß sie den Angriff nicht klar als einen sexuellen 
erkannte; danach gefragt, ob sie denn gewußt, was er mit ihr 
vorgehabt, antwortete sie: Damals nicht, es sei ihr viel später 
klar geworden. Sie hätte sich gesträubt, weil es ihr unangenehm 
war, im Schlafe gestört zu werden und „weil sich das nicht 
gehört hat' . 

Ich mußte diese Begebenheit ausführlich berichten, weil sie für 
das Verständnis alles Späteren eine große Bedeutung besitzt. — 
Sie erzählt dann noch andere Erlebnisse aus etwas späterer Zeit, 
wie sie sich seiner abermals in einem Wirtshause zu erwehren 
hatte, als er vollbetrunken war u. dgl. m. Auf meine Frage, ob 
sie bei diesen Anlässen etwas Ähnliches verspürt wie die spätere 
Atemnot, antwortet sie mit Bestimmtheit, daß sie dabei jedesmal 
den Druck auf die Augen und auf die Brust bekam, aber lange 
nicht so stark wie bei der Szene der Entdeckung. 

Unmittelbar nach Abschluß dieser Reihe von Erinnerungen 
beginnt sie eine zweite zu erzählen, in welcher es sich um Ge- 



Katharina 



117 



legenheiten handelt, wo sie auf etwas zwischen dem Onkel und 
der Franziska aufmerksam wurde. Wie sie einmal, die ganze 
Familie, die Nacht auf einem Heuboden in Kleidern verbracht 
und sie infolge eines Geräusches plötzlich aufwachte 5 sie glaubte 
zu bemerken, daß der Onkel, der zwischen ihr und der Franziska 
gelegen war, wegrückte und die Franziska sich gerade legte. Wie 
sie ein anderes Mal in einem Wirtshause des Dorfes N . . . über- 
nachteten, sie und der Onkel in dem einen Zimmer, die Fran- 
ziska in einem andern nebenan. In der Nacht erwachte sie plötz- 
lich und sah eine lange weiße Gestalt bei der Türe, im Begriffe, 
die Klinke niederzudrücken: „Jesses, Onkel, sein Sie's? Was wollen's 
bei der Türe?" — „Sei still, ich hab' nur was gesucht." — 
„Da geht man ja bei der andern Tür heraus." — „Ich hab' 
mich halt verirrt" usw. 

Ich frage sie, ob sie damals einen Argwohn gehabt. „Nein, 
gedacht hab' ich mir gar nichts dabei, es ist mir nur immer auf- 
gefallen, aber ich hab' nichts weiter daraus gemacht." — Ob sie 
bei diesen Gelegenheiten auch die Angst bekommen? — Sie glaubt, 
ja, aber diesmal ist sie dessen nicht so sicher. 

Nachdem sie diese beiden Reihen von Erzählungen beendigt, 
hält sie inne. Sie ist wie verwandelt, das mürrische, leidende 
Gesicht hat sich belebt, die Augen sehen frisch drein, sie ist er- 
leichtert und gehoben. Mir aber ist unterdes das Verständnis 
ihres Falles aufgegangen; was sie mir zuletzt anscheinend planlos 
erzählt hat, erklärt vortrefflich ihr Benehmen bei der Szene der 
Entdeckung. Sie trug damals zwei Reihen von Erlebnissen mit 
sich, die sie erinnerte, aber nicht verstand, zu keinem Schlüsse 
verwertete; beim Anblicke des koitierenden Paares stellte sie sofort 
die Verbindung des neuen Eindruckes mit diesen beiden Reihen 
von Reminiszenzen her, begann zu verstehen und gleichzeitig 
abzuwehren. Dann folgte eine kurze Periode der Ausarbeitung, 
„der Inkubation", und darauf stellten sich die Symptome der 
Konversion, das Erbrechen als Ersatz für den moralischen und 



11) 



Studien über Hysterie 



physischen Ekel ein. Das Rätsel war damit gelöst, sie hatte sich 
nicht vor dem Anblick der beiden geekelt, sondern vor einer 
Erinnerung, die ihr jener Anblick geweckt hatte, und alles er- 
wogen, konnte dies nur die Erinnerung an den nächtlichen Über- 
fall sein, als sie „den Körper des Onkels spürte". 

Ich sagte ihr also, nachdem sie ihre Beichte beendigt hatte: 
„Jetzt weiß ich schon, was Sie sich damals gedacht haben, wie 
Sie ins Zimmer hineingeschaut haben. Sie haben sich gedacht: 
jetzt tut er mit ihr, was er damals bei Nacht und die anderen 
Male mit mir hat tun wollen. Davor haben Sie sich geekelt, weil 
Sie sich an die Empfindung erinnert haben, wie Sie in der Nacht 
aufgewacht sind und seinen Körper gespürt haben." 

Sie antwortet: „Das kann schon sein, daß ich mich davor ge- 
ekelt und daß ich damals das gedacht hab'." 

„Sagen Sie mir einmal genau, Sie sind ja jetzt ein erwachsenes 
Mädchen und wissen allerlei — " 
„Ja, jetzt freilich." 

„Sagen Sie mir genau, was haben Sie denn in der Nacht 
eigentlich von seinem Körper verspürt?" 

Sie gibt aber keine bestimmtere Antwort, sie lächelt verlegen 
und wie überführt, wie einer, der zugeben muß, daß man jetzt 
auf den Grund der Dinge gekommen ist, über den sich nicht 
mehr viel sagen läßt. Ich kann mir denken, welches die Tast- 
empfindung war, die sie später deuten gelernt hat 5 ihre Miene 
scheint mir auch zu sagen, daß sie von mir voraussetzt, ich denke 
mir das Richtige, aber ich kann nicht weiter in sie dringen; ich 
bin ihr ohnehin Dank dafür schuldig, daß sie soviel leichter mit 
sich reden läßt als die prüden Damen in meiner Stadtpraxis, für 
die alle naturalia turpia sind. 

Somit wäre der Fall geklärt; aber halt, die im Anfalle wieder- 
kehrende Halluzination des Kopfes, der ihr Schrecken einjagt, 
woher kommt die? Ich frage sie jetzt danach. Als hätte auch sie 
in diesem Gespräche ihr Verständnis erweitert, antwortet sie 




Katharina 



!'9 



prompt: „Ja, das weiß ich jetzt schon, der Kopf ist der Kopf 
vom Onkel, ich erkenn's jetzt, aber nicht aus der Zeit. Später, 
wie dann alle die Streitigkeiten losgegangen sind, da hat der 
Onkel eine unsinnige Wut auf mich bekommen; er hat immer 
o-esagt, ich bin schuld an allem; hätt' ich nicht geplauscht, so 
wär's nie zur Scheidung gekommen; er hat mir immer gedroht, 
er tut mir was an; wenn er mich von weitem gesehen hat, hat 
sich sein Gesicht vor Wut verzogen und er ist mit der gehobenen 
Hand auf mich losgegangen. Ich bin immer vor ihm davonge- 
laufen und hab' immer die größte Angst gehabt, er packt mich 
irgendwo unversehens. Das Gesicht, was ich jetzt immer sehe, ist 
sein Gesicht, wie er in der Wut war." 

Diese Auskunft erinnert mich daran, daß ja das erste Symptom 
der Hysterie, das Erbrechen, vergangen ist, der Angstanfall ist 
geblieben und hat sich mit neuem Inhalte gefüllt. Demnach 
handelt es sich um eine zum guten Teil abreagierte Hysterie. 
Sie hat ja auch wirklich ihre Entdeckung bald hernach der Tante 
mitgeteilt. 

„Haben Sie der Tante auch die anderen Geschichten erzählt, 
wie er Ihnen nachgestellt hat?" 

„Ja, nicht gleich, aber später, wie schon von der Scheidung 
die Rede war. Da hat die Tant' gesagt: Das heben wir uns auf, 
wenn er Schwierigkeiten vor Gericht macht, dann sagen wir 
auch das." 

Ich kann verstehen, daß gerade aus der letzten Zeit, als die 
aufregenden Szenen im Hause sich häuften, als ihr Zustand auf- 
hörte das Interesse der Tante zu erwecken, die von dem Zwiste 
vollauf in Anspruch genommen war, daß aus dieser Zeit der 
Häufung und Retention das Erinnerungssymbol verblieben ist. 

Ich hoffe, die Aussprache mit mir hat dem in seinem sexuellen 
Empfinden so frühzeitig verletzten Mädchen in etwas wohlgetan; 
ich habe sie nicht wiedergesehen. 



120 



Studien über Hysterie 



Epikrise 

Ich kann nichts dagegen einwenden, wenn jemand in dieser 
Krankengeschichte weniger einen analysierten als einen durch 
Erraten aufgelösten Fall von Hysterie erblicken will. Die Kranke 
gab zwar alles, was ich in ihren Bericht interpolierte als wahr- 
scheinlich zu ; sie war aber doch nicht imstande, es als Erlebtes 
wiederzuerkennen. Ich meine, dazu hätte es der Hypnose bedurft. 
Wenn ich annehme, ich hätte richtig geraten, und nun versuche, 
diesen Fall auf das Schema einer akquirierten Hysterie zu redu- 
zieren, wie es sich uns aus Fall B ergeben hat, so liegt es nahe, 
die zwei Reihen von erotischen Erlebnissen mit traumatischen 
Momenten, die Szene bei der Entdeckung des Paares mit einem 
auxiliären Momente zu vergleichen. Die Ähnlichkeit liegt darin, 
daß in den ersteren ein Bewußtseinsinhalt geschaffen wurde, 
welcher, von der Denktätigkeit des Ich ausgeschlossen, aufbewahrt 
blieb, während in der letzteren Szene ein neuer Eindruck die 
assoziative Vereinigung dieser abseits befindlichen Gruppe mit dem 
Ich erzwang. Anderseits finden sich auch Abweichungen, die nicht 
vernachlässigt werden können. Die Ursache der Isolierung ist nicht 
wie bei Fall B der Wille des Ich, sondern die Ignoranz des Ich, 
das mit sexuellen Erfahrungen noch nichts anzufangen weiß. In 
dieser Hinsicht ist der Fall Katharina ein typischer; man findet 
bei der Analyse jeder auf sexuelle Traumen begründeten Hysterie, 
daß Eindrücke aus der vorsexuellen Zeit, die auf das Kind wir- 
kungslos geblieben sind, später als Erinnerung traumatische Gewalt 
erhalten, wenn sich der Jungfrau oder Frau das Verständnis des 
sexuellen Lebens erschlossen hat. Die Abspaltung psychischer 
Gruppen ist sozusagen ein normaler Vorgang in der Entwicklung 
der Adoleszenten, und es wird begreiflich, daß deren spätere Auf 
nähme in das Ich einen häufig genug ausgenützten Anlaß zu 
psychischen Störungen gibt. Ferner möchte ich an dieser Stelle 
noch dem Zweifel Ausdruck geben, ob die Bewußtseinsspaltung 



Katharina . . . 



durch Ignoranz wirklich von der durch bewußte Ablehnung ver- 
schieden ist, ob nicht auch die Adoleszenten viel häufiger sexuelle 
Kenntnis besitzen, als man von ihnen vermeint und als sie sich 
selbst zutrauen. 

Eine weitere Abweichung im psychischen Mechanismus dieses 
Falles liegt darin, daß die Szene der Entdeckung, welche wir als 
„auxiliäre" bezeichnet haben, gleichzeitig auch den Namen einer 
„traumatischen" verdient. Sie wirkt durch ihren eigenen Inhalt, 
nicht bloß durch die Erweckung der vorhergehenden traumati- 
schen Erlebnisse, sie vereinigt die Charaktere eines „auxiliären" 
und eines traumatischen Moments. Ich sehe in diesem Zusammen- 
fallen aber keinen Grund, eine begriffliche Scheidung aufzugeben, 
welcher bei anderen Fällen auch eine zeitliche Scheidung ent- 
spricht. Eine andere Eigentümlichkeit des Falles Katharina, die 
übrigens seit langem bekannt ist, zeigt sich darin, daß die Kon- 
version, die Erzeugung der hysterischen Phänomene nicht un- 
mittelbar nach dem Trauma, sondern nach einem Intervalle von 
Inkubation vor sich geht. Charcot nannte dieses Intervall mit 
Vorliebe die „Zeit der psychischen Ausarbeitung". 

Die Angst, an der Katharina in ihren Anfällen leidet, ist eine 
hysterische, d. h. eine Reproduktion jener Angst, die bei jedem 
der sexuellen Traumen auftrat. Ich unterlasse es hier, den Vor- 
gang auch zu erläutern, den ich in einer ungemein großen An- 
zahl von Fällen als regelmäßig zutreffend erkannt habe, daß die 
Ahnung sexueller Beziehungen bei virginalen Personen einen 
Angstaffekt hervorruft. 1 



l) [Zusatz 1924:] Nach so vielen Jahren getraue ich mich die damals beobachtete 
Diskretion aufzuheben und anzugeben, daß Katharina nicht die Nichte, sondern die 
Tochter der Wirtin war, das Mädchen war also unter den sexuellen Versuchungen 
erkrankt, die vom eigenen Vater ausgingen. Eine Entstellung wie die an diesem 
Falle von mir vorgenommene sollte in einer Krankengeschichte durchaus vermieden 
werden. Sie ist natürlich nicht so belanglos für das Verständnis wie etwa die Ver- 
legung des Schauplatzes von einem Berge auf einen anderen. 



D 



Fräulein Elisabeth v. R 



Im Herbst 1892 forderte ein befreundeter Kollege mich auf, 
eine junge Dame zu untersuchen, die seit länger als zwei Jahren 
an Schmerzen in den Beinen leide und schlecht gehe. Er fügte 
der Einladung bei, daß er den Fall für eine Hysterie halte, wenn- 
gleich von den gewöhnlichen Zeichen der Neurose nichts zu 
finden sei. Er kenne die Familie ein wenig und wisse, daß die 
letzten Jahre derselben viel Unglück und wenig Erfreuliches ge- 
bracht hätten. Zuerst sei der Vater der Patientin gestorben, dann 
habe die Mutter sich einer ernsten Operation an den Augen 
unterziehen müssen und bald darauf sei eine verheiratete Schwester 
der Kranken nach einer Entbindung einem alten Herzleiden er- 
legen. An allem Kummer und aller Krankenpflege habe unsere 
Patientin den größten Anteil gehabt. 

Ich gelangte nicht viel weiter im Verständnisse des Falles, 
nachdem ich das vierundzwanzigjährige Fräulein zum ersten Male 
gesehen hatte. Sie schien intelligent und psychisch normal und 
trug das Leiden, welches ihr Verkehr und Genuß verkümmerte, 
mit heiterer Miene, mit der „belle indijference" der Hysterischen, 
mußte ich denken. Sie ging mit vorgebeugtem Oberkörper, doch 
ohne Stütze, ihr Gang entsprach keiner als pathologisch bekannten 
Gangart, war übrigens keineswegs auffällig schlecht. Es lag eben 



Fräulein Elisabeth v. R . . 



123 



nur vor, daß sie über große Schmerzen beim Gehen, über rasch 
auftretende Ermüdung dabei und im Stehen klagte und nach 
kurzer Zeit die Ruhe aufsuchte, in der die Schmerzen geringer 
waren, aber keineswegs fehlten. Der Schmerz war unbestimmter 
Natur, man konnte etwa entnehmen: eine schmerzhafte Müdig- 
keit. Eine ziemlich große, schlecht abgegrenzte Stelle an der 
Vorderfläche des rechten Oberschenkels wurde als der Herd der 
Schmerzen angegeben, von dem dieselben am häufigsten aus- 
gingen und wo sie ihre größte Intensität erreichten. Dort war 
auch Haut und Muskulatur ganz besonders empfindlich gegen 
Drücken und Kneipen, Nadelstiche wurden eher etwas gleich- 
gültig hingenommen. Nicht bloß an dieser Stelle, sondern so 
ziemlich im ganzen Umfange beider Beine war dieselbe Hyper- 
algesie der Haut und der Muskeln nachweisbar. Die Muskeln waren 
vielleicht noch schmerzhafter als die Haut, unverkennbar waren 
beide Arten von Schmerzhaftigkeit an den Oberschenkeln am 
stärksten ausgebildet. Die motorische Kraft der Beine war nicht 
gering zu nennen, die Reflexe von mittlerer Intensität, alle an- 
deren Symptome fehlten, so daß sich kein Anhaltspunkt für die 
Annahme ernsterer organischer Affektion ergab. Das Leiden war 
seit zwei Jahren allmählich entwickelt, wechselte sehr in seiner 
Intensität. 

Ich hatte es nicht leicht, zu einer Diagnose zu gelangen, ent- 
schloß mich aber aus zwei Gründen, der meines Kollegen beizu- 
pflichten. Fürs erste war es auffällig, wie unbestimmt alle An- 
gaben der doch hochintelligenten Kranken über die Charaktere 
ihrer Schmerzen lauteten. Ein Kranker, der an organischen 
Schmerzen leidet, wird, wenn er nicht etwa nebenbei nervös ist, 
diese bestimmt und ruhig beschreiben, sie seien etwa lanzinierend, 
kämen in gewissen Intervallen, erstreckten sich von dieser bis zu 
dieser Stelle und würden nach seiner Meinung durch diese und 
jene Einflüsse hervorgerufen. Der Neurastheniker, 1 der seine 




Schmerzen beschreibt, macht dabei den Eindruck, als sei er mit 
einer schwierigen geistigen Arbeit beschäftigt, die weit über seine 
Kräfte geht. Seine Gesichtszüge sind gespannt und wie unter der 
Herrschaft eines peinlichen Affektes verzerrt, seine Stimme wird 
schriller, er ringt nach Ausdruck, weist jede Bezeichnung, die ihm 
der Arzt für seine Schmerzen vorschlägt, zurück, auch wenn sie 
sich später als unzweifelhaft passend herausstellt; er ist offenbar 
der Meinung, die Sprache sei zu arm, um seinen Empfindungen 
Worte zu leihen, diese Empfindungen selbst seien etwas Einziges, 
noch nicht Dagewesenes, das man gar nicht erschöpfend beschreiben 
könne, und darum wird er auch nicht müde, immer neue Details 
hinzuzufügen, und wenn er abbrechen muß, beherrscht ihn sicher- 
lich der Eindruck, es sei ihm nicht gelungen, sich dem Arzte ver- 
ständlich zu machen. Das kommt daher, daß seine Schmerzen 
seine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Bei Frl. v. R. 
war das entgegengesetzte Verhalten, und man mußte daraus 
schließen, da sie doch den Schmerzen Bedeutung genug beilegte, 
daß ihre Aufmerksamkeit bei etwas anderem verweilte, wovon die 
Schmerzen nur ein Begleitphänomen seien, wahrscheinlich also bei 
Gedanken und Empfindungen, die mit den Schmerzen zusammen- 
hingen. 

Noch mehr bestimmend für die Auffassung der Schmerzen mußte 
aber ein zweites Moment sein. Wenn man eine schmerzhafte Stelle 
bei einem organisch Kranken oder einem Neurastheniker reizt, so 
zeigt dessen Physiognomie den unvermischten Ausdruck des Un- 
behagens oder des physischen Schmerzes; der Kranke zuckt ferner 
zusammen, entzieht sich der Untersuchung, wehrt ab. Wenn man 
aber bei Frl. v. R. die hyperalgische Haut und Muskulatur der 
Beine kneipte oder drückte, so nahm ihr Gesicht einen eigentüm- 
lichen Ausdruck an, eher den der Lust als des Schmerzes, sie 
schrie auf — ich mußte denken, etwa wie bei einem wollüstigen 
Kitzel, — ihr Gesicht rötete sich, sie warf den Kopf zurück, 
schloß die Augen, der Rumpf bog sich nach rückwärts, das alles 



Fräulein Elisabeth v. R 



125 



war nicht sehr grob, aber doch deutlich ausgeprägt und ließ sich 
nur mit der Auffassung vereinigen, das Leiden sei eine Hysterie, 
und die Reizung habe eine hysterische Zone betroffen. 

Die Miene paßte nicht zum Schmerze, den das Kneipen der 
Muskeln und Haut angeblich erregte, wahrscheinlich stimmte sie 
besser zum Inhalte der Gedanken, die hinter diesem Schmerze 
steckten und die man in der Kranken durch Reizung der ihnen 
assoziierten Körperstellen weckte. Ich hatte ähnlich bedeutungsvolle 
Mienen bei Reizung hyperalgischer Zonen wiederholt in sicheren 
Fällen von Hysterie beobachtet; die anderen Gebärden entsprachen 
offenbar der leichtesten Andeutung eines hysterischen Anfalles. 

Für die ungewöhnliche Lokalisation der hysterogenen Zone 
ergab sich zunächst keine Aufklärung. Daß die Hyperalgesie haupt- 
sächlich die Muskulatur betraf, gab auch zu denken. Das häufigste 
Leiden, welches die diffuse und lokale Druckempfindlichkeit der 
Muskeln verschuldet, ist die rheumatische Infiltration derselben, 
der gemeine chronische Muskelrheumatismus, von dessen Eignung, 
nervöse Affektionen vorzutäuschen, ich bereits gesprochen habe. 
Die Konsistenz der schmerzhaften Muskeln bei Frl. v. R. wider- 
sprach dieser Annahme nicht, es fanden sich vielfältig harte Stränge 
in den Muskelmassen, die auch besonders empfindlich schienen. 
Wahrscheinlich lag also eine im angegebenen Sinne organische 
Veränderung der Muskeln vor, an welche sich die Neurose an- 
lehnte, und deren Bedeutung die Neurose übertrieben groß er- 
scheinen ließ. 

Die Therapie ging auch von einer derartigen Voraussetzung 
eines gemischten Leidens aus. Wir empfahlen Fortsetzung einer 
systematischen Knetung und Faradisierung der empfindlichen 
Muskeln ohne Rücksicht auf den dadurch entstehenden Schmerz, 
und ich behielt mir die Behandlung der Beine mit starken Franklin- 
schen Funkenentladungen vor, um mit der Kranken in Verkehr 
bleiben zu können. Ihre Frage, ob sie sich zum Gehen zwingen 
solle, beantworteten wir mit entschiedenem Ja. 



Studien über Hysterie 



Wir erzielten so eine leichte Besserung. Ganz besonders schien 
sie sich für die schmerzhaften Schläge der Influenzmaschine zu 
erwärmen, und je stärker diese waren, desto mehr schienen sie 
die eigenen Schmerzen der Kranken zurückzudrängen. Mein Kollege 
bereitete unterdes den Boden für eine psychische Behandlung vor, 
und als ich nach vierwöchentlicher Scheinbehandlung eine solche 
vorschlug und der Kranken einige Aufschlüsse über das Verfahren, 
und seine Wirkungsweise gab, fand ich rasches Verständnis und 
nur geringen Widerstand. 

Die Arbeit, die ich aber von da an begann, stellte sich als eine 
der schwersten heraus, die mir je zugefallen waren, und die 
Schwierigkeit, von dieser Arbeit einen Bericht zu geben, reiht 
sich den damals überwundenen Schwierigkeiten würdig an. Ich 
verstand auch lange Zeit nicht, den Zusammenhang zwischen der 
Leidensgeschichte und dem Leiden zu finden, welches doch durch 
diese Reihe von Erlebnissen verursacht und determiniert sein sollte. 
Wenn man eine derartige kathartische Behandlung unternimmt, 
wird man sich zuerst die Frage vorlegen: Ist der Kranken Her- 
kunft und Anlaß ihres Leidens bekannt? Dann bedarf es wohl 
keiner besonderen Technik, sie zur Reproduktion ihrer Leidens- 
geschichte zu vermögen; das Interesse, das man ihr bezeugt, das 
Verständnis, das man sie ahnen läßt, die Hoffnung auf .Genesung, 
die man ihr macht, werden die Kranke bestimmen, ihr Geheim- 
nis aufzugeben. Bei Fräulein Elisabeth war mir von Anfang an wahr- 
scheinlich, daß sie sich der Gründe ihres Leidens bewußt sei, daß 
sie also nur ein Geheimnis, keinen Fremdkörper im Bewußtsein 
habe. Man mußte, wenn man sie ansah, an die Worte des Dichters 
denken: „Das Mäskchen da weissagt verborgenen Sinn." 1 

Ich konnte also zunächst auf die Hypnose verzichten, mit dem 
Vorbehalte allerdings, mich später der Hypnose zu bedienen, wenn 
sich im Verlaufe der Beichte Zusammenhänge ergeben sollten, zu 

1) Es wird sich ergeben, daß ich mich hierin doch geirrt hatte. 



r 



Fräulein Elisabeth v. R . . . 127 



deren Klärung ihre Erinnerung etwa nicht ausreichte. So gelangte 
ich bei dieser ersten vollständigen Analyse einer Hysterie, die ich 
unternahm, zu einem Verfahren, das ich später zu einer Methode 
erhob und zielbewußt einleitete, zu einem Verfahren der schicht- 
weisen Ausräumung des pathogenen psychischen Materials, welches 
wir gerne mit der Technik der Ausgrabung einer verschütteten 
Stadt zu vergleichen pflegten. Ich ließ mir zunächst erzählen, 
was der Kranken bekannt war, achtete sorgfältig darauf, wo ein 
Zusammenhang rätselhaft blieb, wo ein Glied in der Kette der 
Verursachungen zu fehlen schien, und drang dann später in tiefere 
Schichten der Erinnerung ein, indem ich an jenen Stellen die 
hypnotische Erforschung oder eine ihr ähnliche Technik wirken 
ließ. Die Voraussetzung der ganzen Arbeit war natürlich die Er- 
wartung, daß eine vollkommen zureichende Determinierung zu 
erweisen sei; von den Mitteln zur Tiefenforschung wird bald die 
Rede sein. 

Die Leidensgeschichte, welche Fräulein Elisabeth erzählte, war 
eine langwierige, aus mannigfachen schmerzlichen Erlebnissen 
gewebte. Sie befand sich während der Erzählung nicht in Hyp- 
nose, ich ließ sie aber liegen und hielt ihre Augen geschlossen, 
ohne daß ich mich dagegen gewehrt hätte, wenn sie zeitweilig 
die Augen öffnete, ihre Lage veränderte, sich aufsetzte u. dgl. 
Wenn sie ein Stück der Erzählung tiefer ergriff, so schien sie 
mir dabei spontan in einen der Hypnose ähnlicheren Zustand zu 
geraten. Sie blieb dann regungslos liegen und hielt ihre Augen 
fest geschlossen. 

Ich gehe daran, wiederzugeben, was sich als oberflächlichste 
Schichte ihrer Erinnerungen ergab. Als jüngste von drei Töchtern 
hatte sie, zärtlich an den Eltern hängend, ihre Jugend auf einem 
Gute in Ungarn verbracht. Die Gesundheit der Mutter war viel- 
fach getrübt durch ein Augenleiden und auch durch nervöse Zu- 
stände. So kam es, daß sie sich besonders innig an den heiteren 
und lebenskundigen Vater anschloß, der zu sagen pflegte, diese 



Tochter ersetze ihm einen Sohn und einen Freund, mit dem er 
seine Gedanken austauschen könne. Soviel das Mädchen an in- 
tellektueller Anregung bei diesem Verkehre gewann, so entging 
es doch dem Vater nicht, daß sich dabei ihre geistige Konstitution 
von dem Ideal entfernte, welches man gerne in einem Mädchen 
verwirklicht sieht. Er nannte sie scherzweise „keck und recht- 
haberisch", warnte sie vor allzu großer Bestimmtheit in ihren 
Urteilen, vor ihrer Neigung, den Menschen schonungslos die Wahr- 
heit zu sagen, und meinte oft, sie werde es schwer haben, einen 
Mann zu finden. Tatsächlich war sie mit ihrem Mädchentum 
recht unzufrieden, sie war von ehrgeizigen Plänen erfüllt, wollte 
studieren oder sich in Musik ausbilden, empörte sich bei dem 
Gedanken, in einer Ehe ihre Neigungen und die Freiheit ihres 
Urteiles opfern zu müssen. Unterdes lebte sie im Stolze auf ihren 
Vater, auf das Ansehen und die soziale Stellung ihrer Familie 
und hütete eifersüchtig alles, was mit diesen Gütern zusammen- 
hing. Die Selbstlosigkeit, mit welcher sie sich vorkommendenfalls 
gegen ihre Mutter und ihre älteren Schwestern zurücksetzte, 
söhnte die Eltern aber voll mit den schrofferen Seiten ihres 
Charakters aus. 

Das Alter der Mädchen bewog die Familie zur Übersiedlung in 
die Hauptstadt, wo sich Elisabeth eine Weile an dem reicheren 
und heiteren Leben in der Familie erfreuen durfte. Dann aber' 
kam der Schlag, der das Glück dieses Hauses zerstörte. Der Vater 
hatte ein chronisches Herzleiden verborgen oder selbst übersehen; 
eines Tages brachte man ihn bewußtlos nach einem ersten An- 
falle von Lungenödem nach Hause. Es folgte eine Krankenpflege 
von eineinhalb Jahren, in welcher sich Elisabeth den ersten Platz 
am Bette sicherte. Sie schlief im Zimmer des Vaters, erwachte 
nachts auf seinen Ruf, betreute ihn tagsüber und zwang sich, 
selbst heiter zu scheinen, während er den hoffnungslosen Zustand 
mit liebenswürdiger Ergebenheit ertrug. Mit dieser Zeit der 
Krankenpflege mußte der Beginn ihres Leidens zusammenhängen, 



Fräulein Elisabeth v. R . . 



129 



denn sie konnte sich erinnern, daß sie im letzten Halbjahre der 
Pflege eineinhalb Tage wegen solcher Schmerzen im rechten 
Beine zu Bette geblieben sei. Sie behauptete aber, diese Schmerzen 
seien bald vorübergegangen und hätten weder ihre Sorge noch 
ihre Aufmerksamkeit erregt. Tatsächlich war es erst zwei Jahre 
nach dem Tode des Vaters, daß sie sich krank fühlte und ihrer 
Schmerzen wegen nicht gehen konnte. 

Die Lücke, die der Tod des Vaters in dem Leben dieser aus 
vier Frauen bestehenden Familie hinterließ, die gesellschaftliche 
Vereinsamung, das Aufhören so vieler Beziehungen, die Anregung 
und Genuß versprochen hatten, die jetzt gesteigerte Kränklichkeit 
der Mutter, dies alles trübte die Stimmung unserer Patientin, 
machte aber gleichzeitig in ihr den heißen Wunsch rege, daß die 
Ihrigen bald einen Ersatz für das verlorene Glück finden möchten, 
und hieß sie ihre ganze Neigung und Sorgfalt auf die überlebende 
Mutter konzentrieren. 

Nach Ablauf des Trauerjahres heiratete die älteste Schwester 
einen begabten und strebsamen Mann in ansehnlicher Stellung, 
der durch sein geistiges Vermögen zu einer großen Zukunft be- 
stimmt schien, der aber im nächsten Umgange eine krankhafte 
Empfindlichkeit, ein egoistisches Beharren auf seinen Launen ent- 
wickelte, und der zuerst im Kreise dieser Familie die Bücksicht 
auf die alte Frau zu vernachlässigen wagte. Das war mehr, als 
Elisabeth vertragen konnte; sie fühlte sich berufen, den Kampf 
gegen den Schwager aufzunehmen, so oft er Anlaß dazu bot, 
während die anderen Frauen die Ausbrüche seines erregbaren 
Temperaments leicht hinnahmen. Für sie war es eine schmerzliche 
Enttäuschung, daß der Wiederaufbau des alten Familienglücks 
diese Störung erfuhr, und sie konnte es ihrer verheirateten 
Schwester nicht vergeben, daß diese in frauenhafter Fügsamkeit 
bestrebt blieb, jede Parteinahme zu vermeiden. Eine ganze Reihe 
von Szenen war Elisabeth so im Gedächtnis geblieben, an denen 
zum Teil nicht ausgesprochene Beschwerden gegen ihren ersten 



Freud, I. 



130 



Studien über Hysterie 



Schwager hafteten. Der größte Vorwurf aber blieb, daß er einem 
in Aussicht gestellten Avancement zuliebe mit seiner kleinen 
Familie in eine entfernte Stadt Österreichs übersiedelte und so die 
Vereinsamung der Mutter vergrößern half. Bei dieser Gelegenheit 
fühlte Elisabeth so deutlich ihre Hilflosigkeit, ihr Unvermögen, 
der Mutter einen Ersatz für das verlorene Glück zu bieten, die 
Unmöglichkeit, ihren beim Tode des Vaters gefaßten Vorsatz aus- 
zuführen. 

Die Heirat der zweiten Schwester schien Erfreulicheres für die 
Zukunft der Familie zu versprechen, denn dieser zweite Schwager 
war, obwohl geistig minder hochstehend, ein Mann nach dem 
Herzen der feinsinnigen, in der Pflege aller Rücksichten erzogenen 
Frauen, und sein Benehmen söhnte Elisabeth mit der Institution 
der Ehe und mit dem Gedanken an die mit ihr verknüpften 
Opfer aus. Auch blieb das zweite junge Paar in der Nähe der 
Mutter, und das Kind dieses Schwagers und der zweiten Schwester 
wurde der Liebling Elisabeths. Leider war das Jahr, in dem dies 
Kind geboren wurde, durch ein anderes Ereignis getrübt. Das 
Augenleiden der Mutter erforderte eine mehrwöchentliche Dunkel- 
kur, welche Elisabeth mitmachte. Dann wurde eine Operation für 
notwendig erklärt; die Aufregung vor derselben fiel mit den Vor- 
bereitungen zur Übersiedlung des ersten Schwagers zusammen. 
Endlich war die von Meisterhand ausgeführte Operation über- ' 
standen, die drei Familien trafen in einem Sommeraufenthalte 
zusammen, und die durch die Sorgen der letzten Monate erschöpfte 
Elisabeth hätte nun in der ersten, von Leiden und Befürchtungen 
freien Zeit, die dieser Familie seit dem Tode des Vaters gegönnt 
war, sich voll erholen sollen. 

Gerade in die Zeit dieses Sommeraufenthaltes fällt aber der 
Ausbruch von Elisabeths Schmerzen und Gehschwäche. Nachdem 
sich die Schmerzen eine Weile vorher etwas bemerklich gemacht 
hatten, traten sie zuerst heftig nach einem warmen Bade auf, das 
sie im Badhause des kleinen Kurortes nahm. Ein langer Spazier- 



Fräulein Elisabeth v. R 



131 



gang, eigentlich ein Marsch von einem halben Tage, einige Tage 
vorher, wurde dann in Beziehung zum Auftreten dieser Schmerzen 
gebracht, so daß sich leicht die Auffassung ergab, Elisabeth habe 
sich zuerst „übermüdet" und dann „erkühlt". 

Von jetzt ab war Elisabeth die Kranke der Familie. Ärztlicher 
Rat veranlaßte sie, noch den Rest dieses Sommers zu einer Bade- 
kur in Gastein zu verwenden, wohin sie mit ihrer Mutter reiste, 
aber nicht, ohne daß eine neue Sorge aufgetaucht wäre. Die 
zweite Schwester war neuerdings gravid, und Nachrichten schil- 
derten ihr Befinden recht ungünstig, so daß sich Elisabeth kaum 
zur Reise nach Gastein entschließen wollte. Nach kaum zwei 
Wochen des Gasteiner Aufenthalts wurden Mutter und Schwester 
zurückgerufen, es ginge der jetzt bettlägerigen Kranken nicht gut. 

Eine qualvolle Reise, auf welcher sich bei Elisabeth Schmerzen 
und schreckhafte Erwartungen vermengten, dann gewisse Anzeichen 
auf dem Bahnhofe, welche das Schlimmste ahnen ließen, und dann, 
als sie ins Zimmer der Kranken traten, die Gewißheit, daß sie 
zu spät gekommen waren, um von einer Lebenden Abschied zu 
nehmen. 

Elisabeth litt nicht nur unter dem Verluste dieser Schwester, 
die sie zärtlich geliebt hatte, sondern fast ebensosehr unter den 
Gedanken, die dieser Todesfall anregte, und unter den Ver- 
änderungen, die er mit sich brachte. Die Schwester war einem 
Herzleiden erlegen, das durch die Gravidität zur Verschlimmerung 
gebracht worden war. 

Nun tauchte der Gedanke auf, Herzkrankheit sei das väterliche 
Erbteil der Familie. Dann erinnerte man sich, daß die Verstorbene 
in den ersten Mädchenjahren eine Chorea mit leichter Herzaffektion 
durchgemacht hatte. Man machte sich und den Ärzten den Vorwurf, 
daß sie die Heirat zugelassen hätten, man konnte dem unglücklichen 
Witwer den Vorwurf nicht ersparen, die Gesundheit seiner Frau 
durch zwei aufeinanderfolgende Graviditäten ohne Pause gefährdet 
zu haben. Der traurige Eindruck, daß, wenn einmal die so seltenen 

9* 



132 Studien über Hysterie 



Bedingungen für eine glückliche Ehe sich getroffen hätten, dieses 
Glück dann solch ein Ende nähme, beschäftigte die Gedanken Elisa- 
beths von da an ohne Widerspruch. Ferner aber sah sie wiederum 
alles in sich zerfallen, was sie für die Mutter ersehnt hatte. Der 
verwitwete Schwager war untröstlich und zog sich von der Familie 
seiner Frau zurück. Es scheint, daß seine eigene Familie, der er 
sich während der kurzen und glücklichen Ehe entfremdet hatte, 
den Moment günstig fand, um ihn wieder in ihre eigenen Bahnen 
zu ziehen. Es fand sich kein Weg, die frühere Gemeinschaft 
aufrecht zu halten; ein Zusammen wohnen mit der Mutter war 
aus Rücksicht auf die unverheiratete Schwägerin untunlich, und 
indem er sich weigerte, den beiden Frauen das Kind, das einzige 
Erbteil der Toten, zu überlassen, gab er ihnen zum ersten Male 
Gelegenheit, ihn der Härte zu beschuldigen. Endlich — und dies 
war nicht das am mindesten Peinliche — hatte Elisabeth dunkle 
Kunde von einem Zwiste bekommen, der zwischen beiden Schwägern 
ausgebrochen war, und dessen Anlaß sie nur ahnen konnte. Es schien 
aber, als ob der Witwer in Vermögensangelegenheiten Forderungen 
erhoben hätte, die der andere Schwager für ungerechtfertigt hin- 
stellte, ja die er mit Rücksicht auf den frischen Schmerz der 
Mutter als eine arge Erpressung bezeichnen konnte. Dies also 
war die Leidensgeschichte des ehrgeizigen und liebebedürftigen 
Mädchens. Mit ihrem Schicksale grollend, erbittert über das Fehl- 
schlagen all ihr kleinen Pläne, den Glanz des Hauses wieder- 
herzustellen; — ihre Lieben teils gestorben, teils entfernt, teils 
entfremdet; — ohne Neigung, eine Zuflucht in der Liebe eines 
fremden Mannes zu suchen, lebte sie seit eineinhalb Jahren, fast 
von jedem Verkehre abgeschieden, der Pflege ihrer Mutter und 
ihrer Schmerzen. 

Wenn man an größeres Leid vergessen und sich in das Seelen- 
leben eines Mädchens versetzen wollte, konnte man Fräulein 
Elisabeth eine herzliche menschliche Teilnahme nicht versagen. 
Wie stand es aber mit dem ärztlichen Interesse für diese Leidens- 



Fräulein Elisabeth v. R 



133 



geschickte, mit den Beziehungen derselben zu ihrer schmerz 
haften Gehschwäche, mit den Aussichten auf Klärung und Heilung 
dieses Falles, die sich etwa aus der Kenntnis dieser psychischen 
Traumen ergaben? 

Für den Arzt bedeutete die Beichte der Patientin zunächst eine 
große Enttäuschung. Es war ja eine aus banalen seelischen Er- 
schütterungen bestehende Krankengeschichte, aus der sich weder 
erklärte, warum die Betroffene an Hysterie erkranken mußte, noch 
wieso die Hysterie gerade die Form der schmerzhaften Abasie an- 
genommen hatte. Es erhellte weder die Verursachung noch die 
Determinierung der hier vorliegenden Hysterie. Man konnte etwa 
annehmen, daß die Kranke eine Assoziation hergestellt hatte zwi- 
schen ihren seelischen schmerzlichen Eindrücken und körperlichen 
Schmerzen, die sie zufällig zur gleichen Zeit verspürt hatte, und 
daß sie nun in ihrem Erinnerungsleben die körperliche Empfin- 
dung als Symbol der seelischen verwendete. Welches Motiv sie 
etwa für diese Substituierung hatte, in welchem Momente diese 
vollzogen wurde, dies blieb unaufgeklärt. Es waren dies allerdings 
Fragen, deren Aufstellung bisher den Ärzten nicht geläufig ge- 
wesen war. Man pflegte sich mit der Auskunft zufrieden zu 
geben, die Kranke sei eben von Konstitution eine Hysterika, die 
unter dem Drucke intensiver, ihrer Art nach beliebiger Er- 
regungen hysterische Symptome entwickeln könne. 

Noch weniger als für die Aufklärung schien durch diese Beichte 
für die Heilung des Falles geleistet zu sein. Es war nicht einzusehen, 
welchen wohltätigen Einfluß es für Fräulein Elisabeth haben 
könnte, die all ihren Familienmitgliedern wohlbekannte Leidens- 
geschichte der letzten Jahre auch einmal einem Fremden zu er- 
zählen, der ihr dafür eine mäßige Teilnahme bezeigte. Es war 
auch kein solcher Heilerfolg der Beichte zu bemerken. Die Kranke 
versäumte während dieser ersten Periode der Behandlung niemals, 
dem Arzte zu wiederholen : Es geht mir aber noch immer schlecht, 
ich habe dieselben Schmerzen wie früher, und wenn sie mich 



134 Studien über Hysterie 



dabei listig-schadenfroh anblickte, konnte ich etwa des Urteiles 
gedenken, das der alte Herr v. R. über seine Lieblingstochter 
gefällt: Sie sei häufig „keck" und „schlimm" ; ich mußte aber 
doch zugestehen, daß sie im Rechte war. 

Hätte ich in diesem Stadium die psychische Behandlung der 
Kranken aufgegeben, so wäre der Fall des Fräuleins Elisabeth v. R. 
wohl recht belanglos für die Theorie der Hysterie geworden. Ich 
setzte meine Analyse aber fort, weil ich der sicheren Erwartung 
war, es werde sich aus tieferen Schichten des Bewußtseins das 
Verständnis sowohl für die Verursachung als auch für die Deter- 
minierung des hysterischen Symptoms gewinnen lassen. 

Ich beschloß also, an das erweiterte Bewußtsein der Kranken 
die direkte Frage zu richten, an welchen psychischen Eindruck 
die erste Entstehung der Schmerzen in den Beinen geknüpft sei. 

Zu diesem Zwecke sollte die Kranke in tiefe Hypnose versetzt 
werden. Aber leider mußte ich wahrnehmen, daß meine dahin- 
zielenden Prozeduren die Kranke in keinen andern Zustand des 
Bewußtseins brachten, als jener war, in dem sie mir ihre Beichte 
abgelegt hatte. Ich war noch herzlich froh, daß sie es diesmal 
unterließ, mir triumphierend vorzuhalten: „Sehen Sie, ich schlafe 
ja nicht, ich bin nicht zu hypnotisieren." In solcher Notlage geriet 
ich auf den Einfall, jenen Kunstgriff des Drückens auf den Kopf 
anzuwenden, über dessen Entstehungsgeschichte ich mich in der 
vorstehenden Beobachtung der Miß Lucy ausführlich geäußert 
habe. Ich führte ihn aus, indem ich die Kranke aufforderte, mir 
unfehlbar mitzuteilen, was in dem Momente des Druckes vor 
ihrem inneren Auge auftauche oder durch ihre Erinnerung ziehe. 
Sie schwieg lange und bekannte dann auf mein Drängen, sie 
habe an einen Abend gedacht, an dem ein junger Mann sie aus 
einer Gesellschaft nach Hause begleitet, an die Gespräche, die 
zwischen ihr und ihm vorgefallen seien, und an die Empfindungen, 
mit denen sie dann nach Hause zur Pflege des Vaters zurück- 
kehrte. 



Fräulein Elisabeth v. R . 



135 



Mit dieser ersten Erwähnung des jungen Mannes war ein 
neuer Schacht eröffnet, dessen Inhalt ich nun allmählich heraus- 
beförderte. Hier handelte es sich eher um ein Geheimnis, denn 
außer einer gemeinsamen Freundin hatte sie niemanden in ihre 
Beziehungen und die daran geknüpften Hoffnungen eingeweiht. 
Es handelte sich um den Sohn einer seit langem befreundeten 
Familie, deren Wohnsitz ihrem früheren nahe lag. Der junge Mann, 
selbst verwaist, "hatte sich mit großer Ergebenheit an ihren Vater 
angeschlossen, ließ sich von dessen Ratschlägen in seiner Karriere 
leiten und hatte seine Verehrung vom Vater auf die Damen der 
Familie ausgedehnt. Zahlreiche Erinnerungen an gemeinsame 
Lektüre, Gedankenaustausch, Äußerungen von seiner Seite, die 
ihr wiedererzählt worden waren, bezeichneten das allmähliche An- 
wachsen ihrer Überzeugung, daß er sie liebe und verstehe, und 
daß eine Ehe mit ihm ihr nicht die Opfer auferlegen würde, die 
sie von der Ehe fürchtete. Er war leider nur wenig älter als sie 
und von Selbständigkeit damals noch weit entfernt, sie war aber 
fest entschlossen gewesen, auf ihn zu warten. 

Mit der schweren Erkrankung des Vaters und ihrer Inanspruch- 
nahme als Pflegerin wurde dieser Verkehr immer seltener. Der 
Abend, an den sie sich zuerst erinnert hatte, bezeichnete gerade 
die Höhe ihrer Empfindung; zu einer Aussprache zwischen ihnen 
war es aber auch damals nicht gekommen. Sie hatte sich damals 
durch das Drängen der Ihrigen und des Vaters selbst bewegen 
lassen, vom Krankenbette weg in eine Gesellschaft zu gehen, in 
welcher sie ihn zu treffen erwarten durfte. Sie wollte dann früh 
nach Hause eilen, aber man nötigte sie zu bleiben, und sie gab 
nach, als er ihr versprach, sie zu begleiten. Sie hatte nie so warm 
für ihn gefühlt als während dieser Begleitung; aber als sie in 
solcher Seligkeit spät nach Hause kam, traf sie den Zustand des 
Vaters verschlimmert und machte sich die bittersten Vorwürfe, 
daß sie so viel Zeit ihrem eigenen Vergnügen geopfert. Es war 
das letztemal, daß sie den kranken Vater für einen ganzen Abend 



136 



Studien über Hysterie 



verließ ; ihren Freund sah sie nur selten wieder 5 nach dem Tode 
des Vaters schien er aus Achtung vor ihrem Schmerze sich ferne- 
zuhalten, dann zog ihn das Leben in andere Bahnen 5 sie hatte 
sich allmählich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß 
sein Interesse für sie durch andere Empfindungen verdrängt und 
er für sie verloren sei. Dieses Fehlschlagen der ersten Liebe 
schmerzte sie aber noch jedesmal, so oft sie an ihn dachte. 

In diesem Verhältnisse und in der obigen Szene, zu welcher 
es führte, durfte ich also die Verursachung der ersten hysteri- 
schen Schmerzen suchen. Durch den Kontrast zwischen der Selig- 
keit, die sie sich damals gegönnt hatte, und dem Elende des 
Vaters, das sie zu Hause antraf, war ein Konflikt, ein Fall von 
Unverträglichkeit gegeben. Das Ergebnis des Konfliktes war, daß 
die erotische Vorstellung aus der Assoziation verdrängt wurde, und 
der dieser anhaftende Affekt wurde zur Erhöhung oder Wieder- 
belebung eines gleichzeitig (oder kurz vorher) vorhandenen kör- 
perlichen Schmerzes verwendet. Es war also der Mechanismus 
einer Konversion zum Zwecke der Abwehr, wie ich ihn an 
anderer Stelle eingehend behandelt habe. 1 

Es bleibt hier freilich Raum für allerlei Bemerkungen. Ich muß 
hervorheben, daß es mir nicht gelang, aus ihrer Erinnerung nach- 
zuweisen, daß sich in jenem Momente des Nachhausekommens 
die Konversion vollzogen hatte. Ich forschte daher nach ähnlichen 
Erlebnissen aus der Zeit der Krankenpflege und rief eine Reihe 
von Szenen hervor, unter denen das Aufspringen aus dem Bette 
mit nackten Füßen im kalten Zimmer, auf einen Ruf des Vaters, 
sich durch seine öftere Wiederholung hervorhob. Ich war geneigt, 
diesen Momenten eine gewisse Bedeutung zuzusprechen, weil neben 
der Klage über den Schmerz in den Beinen die Klage über quä- 
lende Kälteempfindung stand. Indes konnte ich auch hier nicht 
eine Szene erhaschen, die sich mit Sicherheit als die Szene der 

1) Die Abwehrneuropsychosen. Neurologisches Zentralblatt, i. Juni 1894. [Ent- 
halten in diesem Band der Ges. Schriften.] 



Fräulein Elisabeth v. R . . . 



157 



Konversion hätte bezeichnen lassen. Ich war darum geneigt, hier 
eine Lücke in der Aufklärung zuzugestehen, bis ich mich der 
Tatsache besann, daß die hysterischen Beinschmerzen ja überhaupt 
nicht zur Zeit der Krankenpflege vorhanden waren. Ihre Erinne- 
rung berichtete nur von einem einzigen, über wenige Tage er- 
streckten Schmerzanfalle, der damals keine Aufmerksamkeit auf 
sich zog. Meine Forschung wandte sich nun diesem ersten Auf- 
treten der Schmerzen zu. Es gelang, die Erinnerung daran sicher 
zu beleben, es war gerade damals ein Verwandter zu Besuch ge- 
kommen, den sie nicht empfangen konnte, weil sie zu Bette lag, 
und der auch bei einem späteren Besuche zwei Jahre nachher 
das Mißgeschick hatte, sie im Bette zu treffen. Aber die Suche 
nach einem psychischen Anlasse für diese ersten Schmerzen miß- 
lang, so oft sie auch wiederholt wurde. Ich glaubte annehmen 
zu dürfen, daß jene ersten Schmerzen wirklich ohne psychischen 
Anlaß als leichte rheumatische Erkrankung gekommen seien, und 
konnte noch erfahren, daß dies organische Leiden, das Vorbild 
der späteren hysterischen Nachahmung, jedenfalls in eine Zeit vor 
die Szene der Begleitung zu setzen sei. Daß sich diese Schmerzen 
als organisch begründete in gemildertem Maße und unter geringer 
Aufmerksamkeit eine Zeitlang fortgesetzt hätten, blieb nach der 
Natur der Sache immerhin möglich. Die Unklarheit, die sich 
daraus ergibt, daß die Analyse auf eine Konversion psychischer 
Erregung in Körperschmerz zu einer Zeit hinweist, da solcher 
Schmerz gewiß nicht verspürt und nicht erinnert wurde — dieses 
Problem hoffe ich durch spätere Erwägungen und andere Beispiele 
lösen zu können. 1 

Mit der Aufdeckung des Motivs für die erste Konversion be- 
gann eine zweite, fruchtbare Periode der Behandlung. Zunächst 
überraschte mich die Kranke bald nachher mit der Mitteilung, 



1) Ich kann nicht ausschließen, aber auch nicht erweisen, daß diese haupt- 
sächlich die Oberschenkel einnehmenden Schmerzen neurasthenischer Natur ge- 
wesen seien. 



138 



Studien über Hysterie 



sie wisse nun, warum die Schmerzen gerade immer von jener 
bestimmten Stelle des rechten Oberschenkels ausgingen und dort 
am heftigsten seien. Es sei dies nämlich die Stelle, wo jeden 
Morgen das Bein des Vaters geruht, während sie die Binden er- 
neuerte, mit denen das arg geschwollene Bein gewickelt wurde. 
Das sei wohl hundertmal so geschehen, und sie habe merkwür- 
digerweise an diesen Zusammenhang bis heute nicht gedacht. Sie 
lieferte mir so die erwünschte Erklärung für die Entstehung 
einer atypischen hysterogenen Zone. Ferner fingen die schmerz- 
haften Beine an bei unseren Analysen immer „mitzusprechen". 
Ich meine folgenden merkwürdigen Sachverhalt: Die Kranke war 
meist schmerzfrei, wenn wir an unsere Arbeit gingen; rief ich 
jetzt durch eine Frage oder einen Druck auf den Kopf eine Er- 
innerung wach, so meldete sich zuerst eine Schmerzempfindung, 
meist so lebhaft, daß die Kranke zusammenzuckte und mit der 
Hand nach der schmerzenden Stelle fuhr. Dieser geweckte Schmerz 
blieb stehen, solange die Kranke von der Erinnerung beherrscht 
war, erreichte seine Höhe, wenn sie im Begriffe stand, das We- 
sentliche und Entscheidende an ihrer Mitteilung auszusprechen, 
und war mit den letzten Worten dieser Mitteilung verschwunden. 
Allmählich lernte ich diesen geweckten Schmerz als Kompaß ge- 
brauchen; wenn sie verstummte, aber noch Schmerzen zugab, so 
wußte ich, daß sie nicht alles gesagt hatte, und drang auf Fort- ' 
Setzung der Beichte, bis der Schmerz weggesprochen war. Erst 
dann weckte ich eine neue Erinnerung. 

In dieser Periode des „Abreagierens" besserte sich der Zustand 
der Kranken in somatischer wie in psychischer Hinsicht so auf- 
fällig, daß ich nur halb im Scherze zu behaupten pflegte, ich 
trage jedesmal ein gewisses Quantum von Schmerzmotiven weg, 
und wenn ich alles abgeräumt haben würde, werde sie gesund 
sein. Sie gelangte bald dahin, die meiste Zeit keine Schmerzen 
zu haben, ließ sich bewegen, viel zu gehen und ihre bisherige 
Isolierung aufzugeben. Im Laufe der Analyse folgte ich bald den 



Fräulein Elisabeth v. R 



139 



spontanen Schwankungen ihres Befindens, bald meiner Schätzung, 
wo ich ein Stück ihrer Leidensgeschichte noch nicht genügend 
erschöpft meinte. Ich machte bei dieser Arbeit einige interessante 
Wahrnehmungen, deren Lehren ich später bei anderen Kranken 
bestätigt fand. 

Zunächst, was die spontanen Schwankungen anbelangt, daß 
eigentlich keine vorfiel, die nicht durch ein Ereignis des Tages 
assoziativ provoziert worden wäre. Das einemal hatte sie von einer 
Erkrankung im Kreise ihrer Bekannten gehört, die sie an ein 
Detail in der Krankheit ihres Vaters erinnerte, ein andermal war 
das Kind der verstorbenen Schwester zum Besuche da gewesen 
und hatte durch seine Ähnlichkeit den Schmerz um die Verlorene 
geweckt, ein andermal wieder war es ein Brief der entfernt 
lebenden Schwester, der deutlich den Einfluß des rücksichtslosen 
Schwagers bewies und einen Schmerz weckte, welcher die Mit- 
teilung einer noch nicht erzählten Familienszene verlangte. 

Da sie niemals denselben Schmerzanlaß zweimal vorbrachte, 
schien unsere Erwartung, auf solche Weise den Vorrat zu er- 
schöpfen, nicht ungerechtfertigt, und ich widerstrebte keineswegs, 
sie in Situationen kommen zu lassen, welche geeignet waren, 
neue, noch nicht an die Oberfläche gelangte Erinnerungen her- 
vorzurufen, z. B. sie auf das Grab ihrer Schwester zu schicken 
oder sie in eine Gesellschaft gehen zu lassen, wo sie den jetzt 
wieder anwesenden Jugendfreund sehen konnte. 

Sodann erhielt ich einen Einblick in die Art der Entstehung 
einer als monosymptomatisch zu bezeichnenden Hysterie. Ich 
fand nämlich, daß das rechte Bein während unserer Hypnosen 



schmerzhaft wurde, wenn es sich um 



Erinnerungen 



aus 



der 



Krankenpflege des Vaters, aus dem Verkehre mit dem Jugend- 
gespielen und um anderes handelte, was in die erste Periode der 
pathogenen Zeit fiel, während der Schmerz sich am anderen, 
linken Bein meldete, sobald ich eine Erinnerung an die verlorene 
Schwester, an die beiden Schwäger, kurz einen Eindruck aus der 



14° Studien über Hysterie 



zweiten Hälfte der Leidensgeschichte erweckt hatte. Durch dieses 
konstante Verhalten aufmerksam gemacht, forschte ich weiter 
nach und gewann den Eindruck, als ob die Detaillierung hier 
noch weiter ginge und jeder neue psychische Anlaß zu schmerz- 
lichen Empfindungen sich mit einer anderen Stelle der schmerz- 
haften Area der Beine verknüpft hätte. Die ursprünglich schmerz- 
hafte Stelle am rechten Oberschenkel hatte sich auf die Pflege 
des Vaters bezogen, von da an war das Schmerzgebiet durch 
Apposition aus Anlaß neuer Traumen gewachsen, so daß hier 
streng genommen nicht ein einziges körperliches Symptom vor- 
lag, welches mit vielfachen psychischen Erinnerungskomplexen 
verknüpft war, sondern eine Mehrheit von ähnlichen Symptomen, 
die bei oberflächlicher Betrachtung zu einem Symptome ver- 
schmolzen schienen. Einer Abgrenzung der den einzelnen psychi- 
schen Anlässen entsprechenden Schmerzzonen bin ich allerdings 
nicht nachgegangen, da ich die Aufmerksamkeit der Kranken von 
diesen Beziehungen abgewendet erfand. 

Ich schenkte aber ein weiteres Interesse der Art, wie der ganze 
Symptomkomplex der Abasie sich über diesen schmerzhaften Zonen 
aufgebaut haben mochte, und stellte in solcher Absicht verschie- 
dene Fragen, wie: Woher rühren die Schmerzen im Gehen, im 
Stehen, im Liegen? die sie teils unbeeinflußt, teils unter dem 
Drucke meiner Hand beantwortete. Dabei ergab sich zweierlei. ' 
Einerseits gruppierte sie mir alle mit schmerzhaften Eindrücken 
verbundenen Szenen, je nachdem sie während derselben gesessen 
oder gestanden hatte u. dgl. — So z. B. stand sie bei einer 
Türe, als man den Vater im Herzanfalle nach Hause brachte, 
und blieb im Schreck wie angewurzelt stehen. An diesen ersten 
„Schreck im Stehen" schloß sie dann weitere Erinnerungen an 
bis zur Schreckensszene, da sie wiederum wie gebannt an dem 
Bette der toten Schwester stand. Die ganze Kette von Remi- 
niszenzen sollte die berechtigte Verknüpfung der Schmerzen mit 
dem Aufrechtstehen dartun und konnte ja auch als Assoziations- 



Fräulein Elisabeth v. R 



141 



nachweis gelten, nur mußte man der Forderung eingedenk bleiben, 
daß bei all diesen Gelegenheiten noch ein anderes Moment nach- 
weisbar sein müsse, welches die Aufmerksamkeit — und in wei- 
terer Folge die Konversion ■ — gerade auf das Stehen (Gehen, 
Sitzen u. dgl.) gelenkt hatte. Die Erklärung für diese Richtung 
der Aufmerksamkeit konnte man kaum in anderen Verhältnissen 
suchen als darin, daß Gehen, Stehen und Liegen eben an Lei- 
stungen und Zustände jener Körperteile geknüpft sind, welche 
hier die schmerzhaften Zonen trugen, nämlich der Beine. Es war 
also der Zusammenhang zwischen der Astasie-Abasie und dem 
ersten Falle von Konversion in dieser Krankengeschichte leicht 
zu verstehen. 

Unter den Szenen, welche zufolge dieser Revue das Gehen 
schmerzhaft gemacht hätten, drängte sich eine hervor, ein Spazier- 
gang, den sie in jenem Kurorte in großer Gesellschaft gemacht 
und angeblich zu lange ausgedehnt hatte. Die näheren Umstände 
dieser Begebenheit enthüllten sich nur zögernd, und ließen man- 
ches Rätsel ungelöst. Sie war in besonders weicher Stimmung, 
schloß sich dem Kreise von befreundeten Personen gerne an, es 
war ein schöner, nicht zu heißer Tag, ihre Mama blieb zu Hause, 
ihre ältere Schwester war bereits abgereist, die jüngere fühlte 
sich leidend, wollte ihr aber das Vergnügen nicht stören, der 
Mann dieser zweiten Schwester erklärte anfangs, er bleibe bei 
seiner Frau, und ging dann ihr (Elisabeth) zuliebe mit. Diese 
Szene schien mit dem ersten Hervortreten der Schmerzen viel 
zu tun zu haben, denn sie erinnerte sich, daß sie sehr müde und 
mit heftigen Schmerzen von dem Spaziergange zurückgekommen, 
äußerte sich aber nicht sicher darüber, ob sie schon vorher 
Schmerzen verspürt habe. Ich machte geltend, daß sie sich mit 
irgend erheblichen Schmerzen kaum zu diesem weiten Wege 
entschlossen hätte. Auf die Frage, woher auf diesem Spaziergange 
die Schmerzen gekommen sein mögen, erhielt ich die nicht ganz 
durchsichtige Antwort, der Kontrast zwischen ihrer Vereinsamung 



142 



Studien über Hysterie 



und dem Eheglücke der kranken Schwester, welches ihr das Be- 
nehmen ihres Schwagers unausgesetzt vor Augen führte, sei ihr 
schmerzlich gewesen. 

Eine andere Szene, der vorigen der Zeit nach sehr benachbart, 
spielte eine Rolle in der Verknüpfung der Schmerzen mit dem 
Sitzen. Es war einige Tage nachher; Schwester und Schwager 
waren bereits abgereist, sie befand sich in erregter, sehnsüchtiger 
Stimmung, stand des Morgens früh auf, ging einen kleinen Hügel 
hinauf bis zu einer Stelle, die sie so oft miteinander besucht 
hatten und die eine herrliche Aussicht bot, und setzte sich dort, 
ihren Gedanken nachhängend, auf eine steinerne Bank. Ihre Ge- 
danken betrafen wieder ihre Vereinsamung, das Schicksal ihrer 
Familie, und den heißen Wunsch, ebenso glücklich zu werden 
wie ihre Schwester war, gestand sie diesmal un verhüllt ein. Sie 
kehrte mit heftigen Schmerzen von dieser Morgenmeditation 
zurück, am Abend desselben Tages nahm sie das Bad, nach wel- 
chem die Schmerzen endgültig und dauernd aufgetreten waren. 

Mit aller Bestimmtheit ergab sich ferner, daß die Schmerzen 
im Gehen und Stehen sich anfänglich im Liegen zu beruhigen 
pflegten. Erst als sie auf die Nachricht von der Erkrankung der 
Schwester abends von Gastein abreiste und während der Nacht, 
gleichzeitig von der Sorge um die Schwester und von tobenden 
Schmerzen gequält, schlaflos im Eisenbahnwagen ausgestreckt lag," 
stellte sich auch die Verbindung des Liegens mit den Schmerzen 
her, und eine ganze Zeit hindurch war ihr sogar das Liegen 
schmerzhafter als das Gehen und Stehen. 

In solcher Art war erstens das schmerzliche Gebiet durch Appo- 
sition gewachsen, indem jedes neue pathogen wirksame Thema 
eine neue Region der Beine besetzte, zweitens hatte jede der ein- 
druckskräftigen Szenen eine Spur hinterlassen, indem sie eine 
bleibende, sich immer mehr häufende „Besetzung" der verschie- 
denen Funktionen der Beine, eine Verknüpfung dieser Funktionen 
mit den Schmerzempfindungen hervorbrachte; es war aber un- 



Fräulein Elisabeth v. R . 



H5 



verkennbar noch ein dritter Mechanismus an der Ausbildung 
der Astasie-Abasie in Mitwirkung gewesen. Wenn die Kranke die 
Erzählung einer ganzen Reihe von Begebenheiten mit der Klage 
schloß, sie habe dabei ihr „Alleinstehen" schmerzlich emp- 
funden, bei einer anderen Reihe, welche ihre verunglückten Ver- 
suche zur Herstellung eines neuen Familienlebens umschloß, nicht 
müde wurde zu wiederholen, das schmerzliche daran sei das Ge- 
fühl ihrer Hilflosigkeit gewesen, die Empfindung, sie „komme 
nicht von der Stelle", so mußte ich auch ihren Reflexionen 
einen Einfluß auf die Ausbildung der Abasie einräumen, mußte 
ich annehmen, daß sie direkt einen symbolischen Ausdruck für 
ihre schmerzlich betonten Gedanken gesucht und ihn in der Ver- 
stärkung ihres Leidens gefunden hatte. Daß durch eine solche 
Symbolisierung somatische Symptome der Hysterie entstehen können, 
haben wir bereits in unserer vorläufigen Mitteilung behauptet - 7 
ich werde in der Epikrise zu dieser Krankengeschichte einige 
zweifellos beweisende Beispiele aufführen. Bei Fräulein Elisabeth, 
v. R . . . stand der psychische Mechanismus der Symbolisierung 
nicht in erster Linie, er hatte die Abasie nicht geschaffen, wohl 
aber sprach alles dafür, daß die bereits vorhandene Abasie auf 
diesem Wege eine wesentliche Verstärkung erfahren hatte. Dem- 
nach war diese Abasie in dem Stadium der Entwicklung, in dem 
ich sie antraf, nicht nur einer psychischen assoziativen Funktions- 
lähmung, sondern auch einer symbolischen Funktionslähmung 
gleichzustellen. 

Ich will, ehe ich die Geschichte meiner Kranken fortsetze, 
noch ein Wort über ihr Benehmen während dieser zweiten 
Periode der Behandlung anfügen. Ich bediente mich während 
dieser ganzen Analyse der Methode, durch Drücken auf den Kopf 
Bilder und Einfälle hervorzurufen, einer Methode also, die ohne 
volles Mitarbeiten und willige Aufmerksamkeit der Kranken un- 
anwendbar bleibt. Sie verhielt sich auch zeitweilig so, wie ich es 
nur wünschen konnte, und in solchen Perioden war es wirklich 



144 



Studien über Hysterie 



überraschend, wie prompt und wie unfehlbar chronologisch ge- 
ordnet die einzelnen Szenen, die zu einem Thema gehörten, sich 
einstellten. Es war, als läse sie in einem langen Bilderbuche, 
dessen Seiten vor ihren Augen vorübergezogen würden. Andere 
Male schien es Hemmnisse zu geben, deren Art ich damals noch 
nicht ahnte. Wenn ich meinen Druck ausübte, behauptete sie, es 
sei ihr nichts eingefallen 5 ich wiederholte den Druck, ich hieß 
sie warten, es wollte noch immer nichts kommen. Die ersten 
Male, als sich diese Widerspenstigkeit zeigte, ließ ich mich be- 
stimmen, die Arbeit abzubrechen, der Tag sei nicht günstig; ein 
andermal. Zwei Wahrnehmungen bestimmten mich aber, mein 
Verhalten zu ändern. Erstens, daß sich solches Versagen der 
Methode nur ereignete, wenn ich Elisabeth heiter und schmerz- 
frei gefunden hatte, niemals, wenn ich an einem schlechten Tag 
kam, zweitens, daß sie eine solche Angabe, sie sehe nichts vor sich, 
häufig machte, nachdem sie eine lange Pause hatte vergehen 
lassen, während welcher ihre gespannte und beschäftigte Miene 
mir doch einen seelischen Vorgang in ihr verriet. Ich entschloß 
mich also zur Annahme, die Methode versage niemals, Elisabeth 
habe unter dem Drucke meiner Hand jedesmal einen Einfall im 
Sinne oder ein Bild vor Augen, sei aber nicht jedesmal bereit, 
mir davon Mitteilung zu machen, sondern versuche das Herauf- 
beschworene wieder zu unterdrücken. Von den Motiven für solches* 
Verschweigen konnte ich mir zwei vorstellen, entweder Elisabeth 
übte an ihrem Einfall eine Kritik, zu der sie nicht berechtigt 
war, sie fand ihn nicht wertvoll genug, nicht passend als Ant- 
wort auf die gestellte Frage, oder sie scheute sich ihn anzugeben, 
weil — ihr solche Mitteilung zu unangenehm war. Ich ging also 
so vor, als wäre ich von der Verläßlichkeit meiner Technik voll- 
kommen überzeugt. Ich ließ es nicht mehr gelten, wenn sie be- 
hauptete, es sei ihr nichts eingefallen, versicherte ihr, es müsse 
ihr etwas eingefallen sein, sie sei vielleicht nicht aufmerksam 
genug, dann wolle ich den Druck gerne wiederholen, oder sie 



Fräulein Elisabeth v. R . . . 145 



meine, ihr Einfall sei nicht der richtige. Das gehe sie aber gar 
nichts an, sie sei verpflichtet, vollkommen objektiv zu bleiben 
und zu sagen, was ihr in den Sinn gekommen sei, es möge 
passen oder nicht, endlich, ich wisse genau, es sei ihr etwas ein- 
gefallen, sie verheimliche es mir, sie werde aber ihre Schmerzen 
nie los werden, solange sie etwas verheimliche. Durch solches 
Drängen erreichte ich, daß wirklich kein Druck mehr erfolglos 
blieb. Ich mußte annehmen, daß ich den Sachverhalt richtig er- 
kannt hatte, und gewann bei dieser Analyse ein in der Tat un- 
bedingtes Zutrauen zu meiner Technik. Es kam oft vor, daß sie mir 
erst nach dem dritten Drücken eine Mitteilung machte, dann aber 
selbst hinzufügte: Ich hätte es Ihnen gleich das erstemal sagen 
können : ■ — Ja, warum haben Sie es nicht gleich gesagt ? — Ich 
habe gemeint, es ist nicht das Richtige, oder: ich habe gemeint, 
ich kann es umgehen, es ist aber jedesmal wiedergekommen. Ich 
fing während dieser schweren Arbeit an, dem Widerstände, den 
die Kranke bei der Reproduktion ihrer Erinnerungen zeigte, eine 
tiefere Bedeutung beizulegen und die Anlässe sorgfältig zusammen- 
zustellen, bei denen er sich besonders auffällig verriet. 

Ich komme nun zur Darstellung der dritten Periode unserer 
Behandlung. Der Kranken ging es besser, sie war psychisch entlastet 
und leistungsfähig geworden, aber die Schmerzen waren offenbar 
nicht behoben, sie kamen von Zeit zu Zeit immer wieder, und 
zwar in alter Heftigkeit. Dem unvollkommenen Heilerfolge ent- 
sprach die unvollständige Analyse, ich wußte noch immer nicht 
genau, in welchem Momente und durch welchen Mechanismus 
die Schmerzen entstanden waren. Während der Reproduktion der 
mannigfaltigsten Szenen in der zweiten Periode und der Beob- 
achtung des Widerstandes der Kranken gegen die Erzählung hatte 
sich bei mir ein bestimmter Verdacht gebildet 3 ich wagte aber noch 
nicht, ihn zur Grundlage meines Handelns zu machen. Eine zu- 
fällige Wahrnehmung gab da den Ausschlag. Ich hörte einmal 
während der Arbeit mit der Kranken Männerschritte im Neben- 

Freud, I. ,„ 



146 



Studien über Hysterie 



zimmer, eine angenehm klingende Stimme, die eine Frage zu 
stellen schien, und meine Patientin erhob sich darauf mit der 
Bitte, für heute abzubrechen ; sie höre, daß ihr Schwager gekommen 
sei und nach ihr frage. Sie war bis dahin schmerzfrei gewesen, 
nach dieser Störung verrieten ihre Miene und ihr Gang das plötz- 
liche Auftreten heftiger Schmerzen. Ich war in meinem Verdachte 
bestärkt und beschloß, die entscheidende Aufklärung herbeizu- 
führen. 

Ich stellte also die Frage nach den Umständen und Ursachen 
des ersten Auftretens der Schmerzen. Als Antwort lenkten sich 
ihre Gedanken auf den Sommeraufenthalt in jenem Kurorte vor 
der Gasteiner Reise und es zeigten sich wieder einige Szenen, 
die schon vorher minder erschöpfend behandelt worden waren. 
Ihre Gemütsverfassung zu jener Zeit, die Erschöpfung nach der 
Sorge um das Augenlicht der Mutter und nach deren Kranken- 
pflege während der Zeit der Augenoperation, ihr endliches Ver- 
zagen als einsames Mädchen etwas vom Leben genießen oder im 
Leben leisten zu können. Sie war sich bis dahin stark genug vor- 
gekommen, um den Beistand eines Mannes entbehren zu können, 
jetzt bemächtigte sich ihrer ein Gefühl ihrer Schwäche als Weib, 
eine Sehnsucht nach Liebe, in welcher nach ihren eigenen Worten 
ihr starres Wesen zu schmelzen begann. In solcher Stimmung 
machte die glückliche Ehe ihrer jüngeren Schwester den tiefsten- 
Eindruck auf sie, wie rührend er für sie sorgte, wie sie sich mit 
einem Blicke verstanden, wie sicher sie einer des andern zu sein 
schienen. Es war ja gewiß bedauerlich, daß die zweite Schwanger- 
schaft so rasch auf die erste folgte, und die Schwester wußte, 
daß dies die Ursache ihres Leidens sei, aber wie willig ertrug sie 
dieses Leiden, weil er die Ursache davon war. An dem Spazier- 
gange, der mit Elisabeths Schmerzen so innig verknüpft war, 
wollte der Schwager anfangs nicht teilnehmen, er zog es vor, bei 
der kranken Frau zu bleiben. Diese bewog ihn aber durch einen 
Blick mitzugehen, weil sie meinte, daß es Elisabeth Freude machen 



Fräulein Elisabeth v. R 



147 



würde. Elisabeth blieb die ganze Zeit über in seiner Begleitung, 
sie sprachen miteinander über die verschiedensten intimsten Dinge, 
sie fand sich so sehr im Einklänge mit allem, was er sagte, und 
der Wunsch, einen Mann zu besitzen, der ihm gleiche, wurde 
übermächtig in ihr. Dann folgte die Szene wenige Tage später, 
als sie am Morgen nach der Abreise den Aussichtsort aufsuchte, 
welcher ein Lieblingsspaziergang der Abwesenden gewesen war. 
Sie setzte sich dort auf einen Stein und träumte wiederum von 
einem Lebensglücke, wie es der Schwester zugefallen war, und 
von einem Manne, der ihr Herz so zu fesseln verstünde wie 
dieser Schwager. Sie stand mit Schmerzen auf, die aber nochmals 
vergingen, erst am Nachmittage nach dem warmen Bade, das sie 
im Orte nahm, brachen die Schmerzen über sie herein, die sie 
seither nicht verlassen hatten. Ich versuchte zu erforschen, mit 
was für Gedanken sie sich damals im Bade beschäftigte; es ergab 
sich aber nur, daß das Badhaus sie an ihre abgereisten Ge- 
schwister erinnerte, weil diese in demselben Hause gewohnt 
hatten. 

Mir mußte längst klar geworden sein, um was es sich handle, 
die Kranke schien, in schmerzlich-süße Erinnerungen versunken, 
nicht zu bemerken, welchem Aufschlüsse sie zusteuere, und setzte 
die Wiedergabe ihrer Reminiszenzen fort. Es kam die Zeit in 
Gastein, die Sorge, mit der sie jedem Briefe entgegensah, endlich 
die Nachricht, daß es der Schwester schlecht ginge, das lange 
Warten bis zum Abend, an dem sie erst Gastein verlassen konnten. 
Die Fahrt in qualvoller Ungewißheit, in schlafloser Nacht — 
alles als Momente, die von heftiger Steigerung der Schmerzen 
begleitet waren. Ich fragte, ob sie sich während der Fahrt die 
traurige Möglichkeit vorgestellt, die sich dann verwirklicht fand. 
Sie antwortete, sie sei dem Gedanken sorgsam ausgewichen, die 
Mutter aber habe nach ihrer Meinung vom Anfang an das 
Schlimmste erwartet. — Nun folgte ihre Erinnerung der Ankunft 
in Wien, der Eindrücke, die sie von den erwartenden Verwandten 

10* 



148 Studien über Hysterie 

empfingen, der kleinen Reise von Wien in die nahe Sommer- 
frische, in der die Schwester wohnte, der Ankunft dort am Abend, 
des eilig zurückgelegten Weges durch den Garten bis zur Türe 
des kleinen Gartenpavillons, — die Stille im Hause, die be- 
klemmende Dunkelheit; daß der Schwager sie nicht empfing; 
dann standen sie vor dem Bette, sahen die Tote, und in dem Momente 
der gräßlichen Gewißheit, daß die geliebte Schwester gestorben 
sei, ohne von ihnen Abschied zu nehmen, ohne ihre letzten Tage 
durch ihre Pflege verschönt zu haben — in demselben Momente 
hatte ein anderer Gedanke Elisabeths Hirn durchzuckt, der sich 
jetzt unabweisbar wieder eingestellt hatte, der Gedanke, der wie 
ein greller Blitz durchs Dunkel fuhr: Jetzt ist er wieder frei, und 
ich kann seine Frau werden. 

Nun war freilich alles klar. Die Mühe des Analytikers war 
reichlich gelohnt worden: Die Ideen der „Abwehr" einer unver- 
träglichen Vorstellung, der Entstehung hysterischer Symptome 
durch Konversion psychischer Erregung ins Körperliche, die Bildung 
einer separaten psychischen Gruppe durch den Willensakt, der 
zur Abwehr führt, dies alles wurde mir in jenem Momente greif- 
bar vor Augen gerückt. So und nicht anders war es hier zuge- 
gangen. Dieses Mädchen hatte ihrem Schwager eine zärtliche 
Neigung geschenkt, gegen deren Aufnahme in ihr Bewußtsein 
sich ihr ganzes moralisches Wesen sträubte. Es war ihr gelungen, 
sich die schmerzliche Gewißheit, daß sie den Mann ihrer Schwester 
liebe, zu ersparen, indem sie sich dafür körperliche Schmerzen 
schuf, und in Momenten, wo sich ihr diese Gewißheit aufdrängen 
wollte (auf dem Spaziergange mit ihm, während jener Morgen- 
träumerei, im Bade, vor dem Bette der Schwester), waren durch 
gelungene Konversion ins Somatische jene Schmerzen entstanden. 
Zur Zeit, da ich sie in Behandlung nahm, war die Absonderung 
der auf diese Liebe bezüglichen Vorstellungsgruppe von ihrem 
Wissen bereits vollzogen; ich meine, sie hätte sonst niemals einer 
solchen Behandlung zugestimmt; der Widerstand, den sie zu 



Fräulein Elisabeth v. R . 



*49 



wiederholtenmalen der Reproduktion von traumatisch wirksamen 
Szenen entgegengesetzt hatte, entsprach wirklich der Energie, mit 
welcher die unverträgliche Vorstellung aus der Assoziation gedrängt 
worden war. 

Für den Therapeuten kam aber zunächst eine böse Zeit. Der 
Effekt der Wiederaufnahme jener verdrängten Vorstellung war ein 
niederschmetternder für das arme Kind. Sie schrie laut auf, als 
ich den Sachverhalt mit den trockenen Worten zusammenfaßte: 
Sie waren also seit langer Zeit in Ihren Schwager verliebt. Sie 
klagte über die gräßlichsten Schmerzen in diesem Augenblicke, 
sie machte noch eine verzweifelte Anstrengung, die Aufklärung 
zurückzuweisen. Es sei nicht wahr, ich habe es ihr eingeredet, 
es könne nicht sein, einer solchen Schlechtigkeit sei sie nicht 
fähig. Das würde sie sich auch nie verzeihen. Es war leicht, ihr 
zu beweisen, daß ihre eigenen Mitteilungen keine andere Deutung 
zuließen, aber es dauerte lange, bis meine beiden Trostgründe, 
daß man für Empfindungen unverantwortlich sei, und daß ihr 
Verhalten, ihr Erkranken unter jenen Anlässen ein genügendes 
Zeugnis für ihre moralische Natur sei, bis diese Tröstungen, sage 
ich, Eindruck auf sie machten. 

Ich mußte jetzt mehr als einen Weg einschlagen, um der 
Kranken Linderung zu verschaffen. Zunächst wollte ich ihr Ge- 
legenheit geben, sich der seit langer Zeit aufgespeicherten Er- 
regung durch „Abreagieren" zu entledigen. Wir forschten den 
ersten Eindrücken aus dem Verkehre mit ihrem Schwager, dem 
Beginne jener unbewußt gehaltenen Neigung nach. Es fanden sich 
hier alle jene kleinen Vorzeichen und Ahnungen, aus denen eine 
voll entwickelte Leidenschaft in der Rückschau soviel zu machen 
versteht. Er hatte bei seinem ersten Besuche im Hause sie für 
die ihm bestimmte Braut gehalten und sie vor der älteren, aber 
unscheinbaren Schwester begrüßt. Eines Abends unterhielten sie 
sich so lebhaft miteinander und schienen sich so wohl zu ver- 
stehen, daß die Braut sie mit der halb ernst gemeinten Bemer- 



150 



Studien über Hysterie 



i 



kung unterbrach: „Eigentlich hättet Ihr zwei sehr gut zueinander 
gepaßt." Ein anderes Mal war in einer Gesellschaft, welche von 
der Verlobung noch nichts wußte, die Rede von dem jungen 
Manne, und eine Dame beanständete einen Fehler seiner Gestalt, 
der auf eine juvenile Knochenerkrankung hindeutete. Die Braut 
selbst blieb ruhig dabei, Elisabeth aber fuhr auf und trat mit 
einem Eifer, der ihr dann selbst unverständlich war, für den 
geraden Wuchs ihres zukünftigen Schwagers ein. Indem wir uns 
durch diese Reminiszenzen hindurcharbeiteten, wurde es Elisabeth 
klar, daß die zärtliche Empfindung für ihren Schwager seit langer 
Zeit, vielleicht seit Beginn ihrer Beziehungen in ihr geschlummert 
und sich so lange hinter der Maske einer bloß verwandtschaft- 
lichen Zuneigung versteckt hatte, wie sie ihr hoch entwickeltes 
Familiengefühl begreiflich machen konnte. 

Dieses Abreagieren tat ihr entschieden sehr wohl; noch mehr 
Erleichterung konnte ich ihr aber bringen, indem ich mich freund- 
schaftlich um gegenwärtige Verhältnisse bekümmerte. Ich suchte 
in solcher Absicht eine Unterredung mit Frau v. R . . ., in der 
ich eine verständige und feinfühlige, wenngleich durch die letzten 
Schicksale in ihrem Lebensmute beeinträchtigte Dame fand. Von 
ihr erfuhr ich, daß der Vorwurf einer unzarten Erpressung, den 
der ältere Schwager gegen den Witwer erhoben hatte und der 
für Elisabeth so schmerzlich war, bei näherer Erkundigung' 
zurückgenommen werden mußte. Der Charakter des jungen 
Mannes konnte ungetrübt bleiben; ein Mißverständnis, die leicht 
begreifliche Differenz in der Wertschätzung des Geldes, die der 
Kaufmann, für den Geld ein Arbeitswerkzeug ist, im Gegen- 
satze zur Anschauung des Beamten zeigen durfte, mehr als dies 
blieb von dem scheinbar so peinlichen Vorfalle nicht übrig. Ich 
bat die Mutter, fortan Elisabeth alle Aufklärungen zu geben, 
deren sie bedurfte, und ihr in der Folgezeit jene Gelegenheit 
zur seelischen Mitteilung zu bieten, an welche ich sie gewöhnt 
hatte. 



Fräulein Elisabeth v. R . . . 151 

Es lag mir natürlich auch daran zu erfahren, welche Aussicht 
der jetzt bewußt gewordene Wunsch des Mädchens habe, zur 
Wirklichkeit zu werden. Hier lagen die Dinge minder günstig! 
Die Mutter sagte, sie habe die Neigung Elisabeths für ihren 
Schwager längst geahnt, allerdings nicht gewußt, daß sich eine 
solche noch bei Lebzeiten der Schwester geltend gemacht habe. 
Wer sie beide im — allerdings selten gewordenen — Verkehre 
sehe, dem könne über die Absicht des Mädchens, ihm zu gefallen, 
kein Zweifel bleiben. Allein weder sie, die Mutter, noch die Rat- 
geber in der Familie, seien einer ehelichen Verbindung der beiden 
sonderlich geneigt. Die Gesundheit des jungen Mannes sei keine 
feste und habe durch den Tod der geliebten Frau einen neuen 
Stoß erlitten; es sei auch gar nicht sicher, daß er seelisch soweit 
erholt sei, um eine neue Ehe einzugehen. Er halte sich wahr- 
scheinlich darum so reserviert, vielleicht auch, weil er, seiner An- 
nahme nicht, sicher, naheliegendes Gerede vermeiden wolle. Bei 
dieser Zurückhaltung von beiden Seiten dürfte wohl die Lösung, 
die sich Elisabeth ersehnte, mißglücken. 

Ich teilte dem Mädchen alles mit, was ich von der Mutter 
erfahren hatte, hatte die Genugtuung, ihr durch die Aufklärung 
jener Geldaffäre wohlzutun, und mutete ihr anderseits zu, die 
Ungewißheit über die Zukunft, die nicht zu zerstreuen war, ruhig 
zu tragen. Jetzt aber drängte der vorgeschrittene Sommer dazu, 
der Behandlung ein Ende zu machen. Sie befand sich wieder 
wohler, von ihren Schmerzen war zwischen uns nicht mehr die 
Rede, seitdem wir uns mit der Ursache beschäftigten, auf welche 
sich die Schmerzen hatten zurückführen lassen. Wir hatten beide 
die Empfindung, fertig geworden zu sein, wenngleich ich mir 
sagte, daß das Abreagieren der verhaltenen Zärtlichkeit nicht 
gerade sehr vollständig gemacht worden war. Ich betrachtete sie 
als geheilt, verwies sie noch auf das selbsttätige Fortschreiten der 
Lösung, nachdem eine solche einmal angebahnt war, und sie wider- 
sprach mir nicht. Sie reiste mit ihrer Mutter ab, um die älteste 




153 



Studien über Hysterie 



Schwester und deren Familie im gemeinsamen Sommeraufenthalte 
zu treffen. 

Ich habe noch kurz über den weiteren Verlauf der Krankheit 
bei Fräulein Elisabeth v. R . . . zu berichten. Einige Wochen nach 
unserem Abschiede erhielt ich einen verzweifelten Brief der Mutter, 
der mir mitteilte, Elisabeth habe sich beim ersten Versuche, mit 
ihr von ihren Herzensangelegenheiten zu sprechen, in voller Em- 
pörung aufgelehnt und seither wieder heftige Schmerzen bekommen, 
sie sei aufgebracht gegen mich, weil ich ihr Geheimnis verletzt 
habe, zeige sich vollkommen unzugänglich, die Kur sei gründlich 
mißlungen. Was nun zu tun wäre? Von mir wolle sie nichts 
wissen. Ich gab keine Antwort; es stand zu erwarten, daß sie 
noch einmal den Versuch machen würde, die Einmengung der 
Mutter abzuweisen und in ihre Verschlossenheit zurückzukehren, 
nachdem sie aus meiner Zucht entlassen war. Ich hatte aber eine 
Art von Sicherheit, es werde sich alles zurechtschütteln, meine 
Mühe sei nicht vergebens angewandt gewesen. Zwei Monate 
später waren sie nach Wien zurückgekehrt, und der Kollege, dem 
ich die Einführung bei der Kranken dankte, brachte' mir die Nach- 
richt, Elisabeth befinde sich vollkommen wohl, benehme sich wie 
gesund, habe allerdings noch zeitweise etwas Schmerzen. Sie hat 
mir seither noch zu wiederholten Malen ähnliche Botschaften ge- 
schickt, jedesmal dabei zugesagt, mich aufzusuchen, es ist aber 
charakteristisch für das persönliche Verhältnis, das sich bei solchen 
Behandlungen herausbildet, daß sie es nie getan hat. Wie mir 
mein Kollege versichert, ist sie als geheilt zu betrachten, das Ver- 
hältnis des Schwagers zur Familie hat sich nicht geändert. 

Im Frühjahr 1894 hörte ich, daß sie einen Hausball besuchen 
werde, zu welchem ich mir Zutritt verschaffen konnte, und ich 
ließ mir die Gelegenheit nicht entgehen, meine einstige Kranke 
im raschen Tanze dahinfliegen zu sehen. Sie hat sich seither aus 
freier Neigung mit einem Fremden verheiratet. 



Fräulein Elisabeth v. R 



153 



Epikrise 

Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei 
Lokaldiagnosen und Elektrodiagnostik erzogen worden wie andere 
Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, 
daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu 
lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissen- 
schaftlichkeit entbehren. Ich muß mich damit trösten, daß für 
dieses Ergebnis die Natur des Gegenstandes offenbar eher verant- 
wortlich zu machen ist als meine Vorliebe; Lokaldiagnostik und 
elektrische Reaktionen kommen bei dem Studium der Hysterie 
eben nicht zur Geltung, während eine eingehende Darstellung 
der seelischen Vorgänge, wie man sie vom Dichter zu erhalten 
gewohnt ist, mir gestattet, bei Anwendung einiger weniger psycho- 
logischer Formeln doch eine Art von Einsicht in den Hergang 
einer Hysterie zu gewinnen. Solche Krankengeschichten wollen 
beurteilt werden wie psychiatrische, haben aber vor letzteren eines 
voraus, nämlich die innige Beziehung zwischen Leidensgeschichte 
und Krankheitssymptomen, nach welcher wir in den Biographien 
anderer Psychosen noch vergebens suchen. 

Ich habe mich bemüht, die Aufklärungen, die ich über den Fall 
des Fräuleins Elisabeth v. R . . . geben kann, in die Darstellung 
ihrer Heilungsgeschichte zu verflechten; vielleicht ist es nicht 
überflüssig, das Wesentliche hier im Zusammenhange zu wieder- 
holen. Ich habe den Charakter der Kranken geschildert, die Züge, 
die bei so viel Hysterischen wiederkehren und die man wahrhaftig 
nicht auf Rechnung einer Degeneration setzen darf: die Begabung, 
den Ehrgeiz, die moralische Feinfühligkeit, das übergroße Liebes- 
bedürfnis, das zunächst in der Familie seine Befriedigung findet, 
die über das weibliche Ideal hinausgehende Selbständigkeit ihrer 
Natur, die sich in einem guten Stücke Eigensinn, Kampfbereit- 
schaft und Verschlossenheit äußert. Eine irgend erhebliche here- 
ditäre Belastung war nach den Mitteilungen meines Kollegen in 



den beiden Familien nicht nachweisbar; ihre Mutter zwar litt 
durch lange Jahre an nicht näher erforschter neurotischer Ver- 
stimmung; deren Geschwister aber, der Vater und dessen Familie 
durften zu den ausgeglichenen, nicht nervösen Menschen gezählt 
werden. Ein schwerer Fall von Neuropsychose war bei den 
nächsten Angehörigen nicht vorgefallen. 

Auf diese Natur wirkten nun schmerzliche Gemütsbewegungen 
ein, zunächst der depotenzierende Einfluß einer langen Kranken- 
pflege bei dem geliebten Vater. 

Es hat seine guten Gründe, wenn die Krankenpflege in der 
Vorgeschichte der Hysterien eine so bedeutende Rolle spielt. Eine 
Reihe der hierbei wirksamen Momente liegt ja klar zutage, die 
Störung des körperlichen Befindens durch unterbrochenen Schlaf, 
vernachlässigte Körperpflege, die Rückwirkung einer beständig 
nagenden Sorge auf die vegetativen Funktionen; das Wichtigste 
aber liegt nach meiner Schätzung anderwärts. Wessen Sinn durch 
die hunderterlei Aufgaben der Krankenpflege beschäftigt ist, die 
sich in unabsehbarer Folge wochen- und monatelang aneinander 
reihen, der gewöhnt sich einerseits daran, alle Zeichen der 
eigenen Ergriffenheit zu unterdrücken, anderseits lenkt er sich 
bald von der Aufmerksamkeit für seine eigenen Eindrücke ab, 
weil ihm Zeit wie Kraft fehlt, ihnen gerecht zu werden. So 
speichert der Krankenpfleger eine Fülle von affektfähigen Ein- 
drücken in sich auf, die kaum klar genug perzipiert, jedenfalls 
nicht durch Abreagieren geschwächt worden sind. Er schafft sich 
das Material für eine Retentionshysterie. Genest der Kranke, 
so werden all diese Eindrücke freilich entwertet; stirbt er 
aber, bricht die Zeit der Trauer herein, in welcher nur wert- 
voll erscheint, was sich auf den Verlorenen bezieht, so kommen 
auch jene der Erledigung harrenden Eindrücke an die Reihe, 
und nach einer kurzen Pause der Erschöpfung bricht die 
Hysterie los, zu der der Keim während der Krankenpflege gelegt 
wurde. 



Fräulein Elisabeth v. R 



155 



Man kann dieselbe Tatsache der nachträglichen Erledigung der 
während der Krankenpflege gesammelten Traumen gelegentlich auch 
antreffen, wo der Gesamteindruck des Krankseins nicht zustande 
kommt, der Mechanismus der Hysterie aber doch gewahrt wird. 
So kenne ich eine hochbegabte, an leichten nervösen Zuständen 
leidende Frau, deren ganzes Wesen die Hysterika bezeugt, wenn- 
gleich sie nie den Ärzten zur Last gefallen ist, nie die Ausübung 
ihrer Pflichten hat unterbrechen müssen. Die Frau hat bereits 
drei oder vier ihrer Lieben bis zum Tode gepflegt, jedesmal bis zur 
vollen körperlichen Erschöpfung, sie ist auch nach diesen traurigen 
Leistungen nicht erkrankt. Aber kurze Zeit nach dem Tode des 
Kranken beginnt in ihr die Reproduktionsarbeit, welche ihr die 
Szenen der Krankheit und des Sterbens nochmals vor die Augen 
führt. Sie macht jeden Tag, jeden Eindruck von neuem durch, 
weint darüber und tröstet sich darüber — man möchte sagen 
in Muße. Solche Erledigung geht bei ihr durch die Geschäfte 
des Tages durch, ohne daß die beiden Tätigkeiten sich verwirren. 
Das Ganze zieht chronologisch an ihr vorüber. Ob die Erinnerungs- 
arbeit eines Tages genau einen Tag der Vergangenheit deckt, 
weiß ich nicht. Ich vermute, dies hängt von der Muße ab, welche 
ihr die laufenden Geschäfte des Haushaltes lassen. 

Außer dieser „nachholenden Träne", die sich an den Todesfall 
mit kurzem Intervall anschließt, hält diese Frau periodische Er- 
innerungsfeier alljährlich um die Zeit der einzelnen Katastrophen, 
und hier folgt ihre lebhafte visuelle Reproduktion und ihre Affekt- 
äußerung getreulich dem Datum. Ich treffe sie beispielsweise in 
Tränen und erkundige mich teilnehmend, was es heute gegeben 
hat. Sie wehrt die Nachfrage halb ärgerlich ab: „Ach nein, es 
war nur heute der Hofrat N . . . wieder da und hat uns zu ver- 
stehen gegeben, daß nichts zu erwarten ist. Ich hab' damals keine 
Zeit gehabt, darüber zu weinen." Sie bezieht sich auf die letzte 
Krankheit ihres Mannes, der vor drei Jahren gestorben ist. Es 
wäre mir sehr interessant zu wissen, ob sie bei diesen jährlich 




156 



Studien über Hysterie 



wiederkehrenden Erinnerungsfeiern stets dieselben Szenen wieder 
holt oder ob sich ihr jedesmal andere Einzelheiten zum Ab- 
reagieren darbieten, wie ich im Interesse meiner Theorie vermute. 1 
Ich kann aber nichts Sicheres darüber erfahren, die ebenso kluge 
als starke Frau schämt sich der Heftigkeit, mit welcher jene 
Reminiszenzen auf sie wirken. 

Ich hebe nochmals hervor: Diese Frau ist nicht krank, das 
nachfolgende Abreagieren ist bei aller Ähnlichkeit doch kein 
hysterischer Vorgang, man darf sich die Frage stellen, woran es 
liegen mag, daß nach der einen Krankenpflege sich eine Hysterie 
ergibt, nach der anderen nicht. An der persönlichen Disposition 



i) Ich habe einmal mit Verwunderung erfahren, daß ein solches „nachholendes- 
Abreagieren" — nach anderen Eindrücken als bei einer Krankenpflege — den Inhalt 
einer sonst rätselhaften Neurose bilden kann. Es war dies bei einem schönen neun- 
zehnjährigen Mädchen, Fräulein Mathilde H . . ., welches ich zuerst mit einer unvoll- 
ständigen Lähmung der Beine sah, dann aber Monate später zur Behandlung bekam, 
weil sie ihren Charakter verändert hatte, bis zur Lebensunlust verstimmt, rücksichts- 
los gegen ihre Mutter, reizbar und unzugänglich geworden war. Das ganze Bild der 
Patientin gestattete mir nicht die Annahme einer gewöhnlichen Melancholie. Sie war 
sehr leicht in tiefen Somnambulismus zu versetzen, und ich bediente mich dieser 
ihrer Eigentümlichkeit, um ihr jedesmal Gebote und Suggestionen zu erteilen, die 
sie in tiefem Schlafe anhörte, mit reichlichen Tränen begleitete, die aber sonst an 
ihrem Befinden wenig änderten. Eines Tages wurde sie in der Hypnose gesprächig 
und teilte mir mit, daß die Ursache ihrer Verstimmung die vor mehreren Monaten 
erfolgte Auflösung ihrer Verlobung sei. Es hätte sich bei näherer Bekanntschaft mit 
dem Verlobten immer mehr herausgestellt, was der Mutter und ihr unerwünscht 
gewesen wäre, anderseits seien die materiellen Vorteile der Verbindung zu greifbar 
gewesen, um den Entschluß des Abbrechens leicht zu machen: so hätten sie beide 
eine lange Zeit geschwankt, sie selbst sei in einen Zustand von Unentschlossenheit 
geraten, in dem sie apathisch alles über sich ergehen ließ, und endlich habe die 
Mutter für sie das entscheidende Nein gesprochen. Eine Weile später sei sie wie aus 
einem Traum erwacht, habe begonnen sich eifrig in Gedanken mit der bereits ge- 
fällten Entscheidung zu befassen, das Für und das Wider bei sich abzuwägen, und 
dieser Vorgang setze sich bei ihr immer noch fort. Sie lebe in jener Zeit der Zweifel, 
habe an jedem Tage die Stimmung und die Gedanken, die sich für den damaligen 
Tag geschickt hätten, ihre Beizbarkeit gegen die Mutter sei auch nur in damals 
geltenden Verhältnissen begründet, und neben dieser Gedankentätigkeit komme ihr 
das gegenwärtige Leben wie eine Scheinexistenz, wie etwas Geträumtes vor. — Es 
gelang mir nicht wieder, das Mädchen zum Beden zu bringen, ich setzte meinen 
Zuspruch in tiefem Somnambulismus fort, sah sie jedesmal in Tränen ausbrechen, 
ohne daß sie mir je Antwort gab, und eines Tages, ungefähr um den Jahrestag der 
Verlobung, war der ganze Zustand von Verstimmung vorüber, was mir als großer 
hypnotischer Heilerfolg angerechnet wurde. 



Fräulein Elisabeth v. R . 



157 



kann es nicht liegen, eine solche war bei der Dame, die ich hier 
im Sinne habe, im reichsten Ausmaße vorhanden. 

Ich kehre zu Fräulein Elisabeth v. R . . . zurück. Während der 
Pflege ihres Vaters also entstand bei ihr das erstemal ein hysteri- 
sches Symptom, und zwar ein Schmerz an einer bestimmten Stelle 
des rechten Oberschenkels. Der Mechanismus dieses Symptoms 
läßt sich auf Grund der Analyse hinreichend durchleuchten. Es 
war ein Moment, in welchem der Vorstellungskreis ihrer Pflichten 
gegen den kranken Vater mit dem damaligen Inhalte ihres eroti- 
schen Sehnens in Konflikt geriet. Sie entschied sich unter leb- 
haften Selbstvorwürfen für den ersteren und schuf sich dabei den 
hysterischen Schmerz. Nach der Auffassung, welche die Konver- 
sionstheorie der Hysterie nahe legt, wäre der Vorgang folgender 
Art darzustellen: Sie verdrängte die erotische Vorstellung aus ihrem 
Bewußtsein und wandelte deren Affektgröße in somatische Schmerz- 
empfindung um. Ob sich ihr dieser erste Konflikt ein einziges 
Mal oder wiederholte Male darbot, wurde nicht klar; wahrschein- 
licher ist das letztere. Ein ganz ähnlicher Konflikt — indes von 
höherer moralischer Bedeutung und durch die Analyse noch besser 
bezeugt — wiederholte sich nach Jahren und führte zur Steige- 
rung derselben Schmerzen und zu deren Ausbreitung über die 
anfänglich besetzten Grenzen. Wiederum war es ein erotischer 
Vorstellungskreis, der in Konflikt mit all ihren moralischen Vor- 
stellungen geriet, denn die Neigung bezog sich auf ihren Schwager, 
und sowohl zu Lebzeiten als nach dem Tode ihrer Schwester war 
es ein für sie unannehmbarer Gedanke, daß sie sich gerade nach 
diesem Manne sehnen sollte. Über diesen Konflikt, welcher den 
Mittelpunkt der Krankengeschichte darstellt, gibt die Analyse aus- 
führliche Auskunft. Die Neigung der Kranken zu ihrem Schwager 
mochte seit langem gekeimt haben, ihrer Entwicklung kam die 
körperliche Erschöpfung durch neuerliche Krankenpflege, die mora- 
lische Erschöpfung durch mehrjährige Enttäuschungen zugute, ihre 
innerliche Sprödigkeit begann sich damals zu lösen, und sie ge- 



158 Studien über Hysterie 



stand sich das Bedürfnis nach der Liebe eines Mannes ein. Während 
eines über Wochen ausgedehnten Verkehrs (in jenem Kurorte) 
gelangte diese erotische Neigung gleichzeitig mit den Schmerzen zur 
vollen Ausbildung, und für dieselbe Zeit bezeugt die Analyse einen 
besonderen psychischen Zustand der Kranken, dessen Zusammen- 
halt mit der Neigung und den Schmerzen ein Verständnis des Vor- 
ganges im Sinne der Konversionstheorie zu ermöglichen scheint. 

Ich muß mich nämlich der Behauptung getrauen, daß die 
Kranke zu jener Zeit sich der Neigung zu ihrem Schwager, so 
intensiv selbe auch war, nicht klar bewußt wurde, außer bei 
einzelnen seltenen Veranlassungen und dann nur für Momente. 
Wäre es anders gewesen, so hätte sie sich auch des Wider- 
spruches zwischen dieser Neigung und ihren moralischen Vor- 
stellungen bewußt werden und ähnliche Seelenqualen bestehen 
müssen, wie ich sie nach unserer Analyse leiden sah. Ihre Er- 
innerung hatte von dergleichen Leiden nichts zu berichten, sie 
hatte sich dieselben erspart, folglich war ihr auch die Neigung 
selbst nicht klar geworden ; damals wie noch zur Zeit der Ana- 
lyse war die Liebe zu ihrem Schwager nach Art eines Fremd- 
körpers in ihrem Bewußtsein vorhanden, ohne in Beziehungen 
zu ihrem sonstigen Vorstellungsleben getreten zu sein. Es war der 
eigentümliche Zustand des Wissens und gleichzeitigen Nichtwissens 
in bezug auf diese Neigung vorhanden, der Zustand der ab- 
getrennten psychischen Gruppe. Etwas anderes ist aber nicht ge- 
meint, wenn man behauptet, diese Neigung sei ihr nicht „klar 
bewußt" gewesen, es ist nicht gemeint eine niedrigere Qualität 
oder ein geringerer Grad von Bewußtsein, sondern eine Abtrennung 
vom freien assoziativen Denkverkehre mit dem übrigen Vorstellungs- 
inhalte. 

Wie konnte es nur dazu kommen, daß eine so intensiv betonte 
Vorstellungsgruppe so isoliert gehalten wurde? Im allgemeinen 
wächst doch mit der Affektgröße einer Vorstellung auch deren 
Rolle in der Assoziation. 



Fräulein Elisabeth v. R . . 



159 



Man kann diese Frage beantworten, wenn man auf zwei Tat- 
sachen Rücksicht nimmt, deren man sich als sichergestellt bedienen 
darf, i) daß gleichzeitig mit der Bildung jener separaten psychi- 
schen Gruppe die hysterischen Schmerzen entstanden, 2) daß die 
Kranke dem Versuche der Herstellung der Assoziation zwischen 
der separaten psychischen Gruppe und dem übrigen Bewußtseins- 
inhalt einen großen Widerstand entgegensetzte und, als diese Ver- 
einigung doch vollzogen war, einen großen psychischen Schmerz 
empfand. Unsere Auffassung der Hysterie bringt diese beiden 
Momente mit der Tatsache der Bewußtseinsspaltung zusammen, 
indem sie behauptet: in 2) sei der Hinweis auf das Motiv der 
Bewußtseinsspaltung enthalten, in i) auf den Mechanismus der- 
selben. Das Motiv war das der Abwehr, das Sträuben des ganzen 
Ichs, sich mit dieser Vorstellungsgruppe zu vertragen; der Mecha- 
nismus war der der Konversion, d. h. anstatt der seelischen 
Schmerzen, die sie sich erspart hatte, traten körperliche auf, es 
wurde so eine Umwandlung eingeleitet, bei der sich als Ge- 
winn herausstellte, daß die Kranke sich einem unerträglichen 
psychischen Zustand entzogen hatte, allerdings auf Kosten einer 
psychischen Anomalie, der zugelassenen Bewußtseinsspaltung, und 
eines körperlichen Leidens, der Schmerzen, über welche sich eine 
Astasie-Abasie aufbaute. 

Allerdings eine Anleitung dazu, wie man bei sich eine solche 
Konversion herstellt, kann ich nicht geben 5 man macht das offen- 
bar nicht so, wie man mit Absicht eine willkürliche Handlung 
ausführt; es ist ein Vorgang, der sich unter dem Antriebe des 
Motivs der Abwehr in einem Individuum vollzieht, wenn dieses 
die Eignung dazu in seiner Organisation — oder derzeitigen 
Modifikation — trägt. 

Man hat ein Recht, der Theorie näher auf den Leib zu rücken 
und zu fragen: Was ist es denn, was sich hier in körperlichen 
Schmerz verwandelt? Die vorsichtige Antwort wird lauten: 
Etwas, woraus seelischer Schmerz hätte werden können und 



i6o 



Studien über Hysterie 



werden sollen. Will man sich weiter wagen und eine Art von 
algebraischer Darstellung der Vorstellungsmechanik versuchen, so 
wird man etwa dem Vorstellungskomplexe dieser unbewußt 
gebliebenen Neigung einen gewissen Affektbetrag zuschreiben und 
letztere Quantität als das Konvertierte bezeichnen. Eine direkte 
Folgerung dieser Auffassung wäre es, daß die „unbewußte Liebe" 
durch solche Konversion so sehr an Intensität eingebüßt, daß sie 
zu einer schwachen Vorstellung herabgesunken wäre; ihre Existenz 
als abgetrennte psychische Gruppe wäre dann erst durch diese 
Schwächung ermöglicht. Indes ist der vorliegende Fall nicht ge- 
eignet, in dieser so heikein Materie Anschaulichkeit zu gewähren. 
Er entspricht wahrscheinlich einer bloß unvollständigen Konver- 
sion; aus anderen Fällen kann man wahrscheinlich machen, daß 
auch vollständige Konversionen vorkommen, und daß bei diesen 
in der Tat die unverträgliche Vorstellung „verdrängt" worden 
ist, wie nur eine sehr wenig intensive Vorstellung verdrängt 
werden kann. Die Kranken versichern nach vollzogener assozia- 
tiver Vereinigung, daß sie sich seit der Entstehung des hysteri- 
schen Symptoms in Gedanken nicht mehr mit der unverträglichen 
Vorstellung beschäftigt haben. 

Ich habe oben behauptet, daß die Kranke bei gewissen Ge- 
legenheiten, wenngleich nur flüchtig, die Liebe zu ihrem Schwager 
auch bewußt erkannte. Ein solcher Moment war z. B., als ihr 
am Bette der Schwester der Gedanke durch den Kopf fuhr: „Jetzt 
ist er frei und du kannst seine Frau werden." Ich muß die Be- 
deutung dieser Momente für die Auffassung der ganzen Neurose 
erörtern. Nun, ich meine, in der Annahme einer „Abwehrhysterie" 
ist bereits die Forderung enthalten, daß wenigstens ein solcher 
Moment vorgekommen ist. Das Bewußtsein weiß ja nicht vorher, 
wann sich eine unverträgliche Vorstellung einstellen wird; die 
unverträgliche Vorstellung, die später mit ihrem Anhange zur 
Bildung einer separaten psychischen Gruppe ausgeschlossen wird, 
muß ja anfänglich im Denkverkehre gestanden sein, sonst hätte 



Fräulein Elisabeth v. R . . . 



161 



sich der Konflikt nicht ergeben, der ihre Ausschließung herbei- 
geführt hat. 1 Gerade diese Momente sind also als die „trauma- 
tischen" zu bezeichnen; in ihnen hat die Konversion stattgefunden, 
deren Ergebnisse die Bewußtseinsspaltung und das hysterische 
Symptom sind. Bei Fräulein Elisabeth v. R . . . deutet alles auf 
eine Mehrheit von solchen Momenten (die Szenen vom Spazier- 
gange, Morgenmeditation, Bad, am Bette der Schwester); vielleicht 
kamen sogar neue Momente dieser Art während der Behandlung 
vor. Die Mehrheit solcher traumatischer Momente wird nämlich 
dadurch ermöglicht, daß ein ähnliches Erlebnis wie jenes, das die 
unverträgliche Vorstellung zuerst einführte, der abgetrennten psy- 
chischen Gruppe neue Erregung zuführt und so den Erfolg der 
Konversion vorübergehend aufhebt. Das Ich muß sich mit dieser 
plötzlich verstärkt aufleuchtenden Vorstellung beschäftigen und 
muß dann durch neuerliche Konversion den früheren Zustand 
wieder herstellen. Fräulein Elisabeth, die beständig mit ihrem 
Schwager verkehrte, mußte dem Auftauchen neuer Traumen be- 
sonders ausgesetzt sein. Ein Fall, dessen traumatische Geschichte 
in der Vergangenheit abgeschlossen lag, wäre mir für diese Dar- 
stellung erwünschter gewesen. 

Ich muß mich nun mit einem Punkte beschäftigen, den ich als 
eine Schwierigkeit für das Verständnis der vorstehenden Kranken- 
geschichte bezeichnet habe. Auf Grund der Analyse nahm ich 
an, daß eine erste Konversion bei der Kranken während der 
Pflege ihres Vaters stattgefunden, und zwar damals, als ihre 
Pflichten als Pflegerin in Widerstreit mit ihrem erotischen Sehnen 
gerieten, und daß dieser Vorgang das Vorbild jenes späteren war, 
der im Alpenkurorte zum Ausbruch der Krankheit führte. Nun 
ergibt sich aber aus den Mitteilungen der Kranken, daß sie zur 
Zeit der Krankenpflege und in dem darauffolgenden Zeitabschnitte, 
den ich als „erste Periode" bezeichnet habe, überhaupt nicht 



1) Anders bei einer Hypnoidhysterie ; hier wäre der Inhalt der separaten psychi- 
schen Gruppe nie im Ich-Bewußtsein gewesen. 



Freud, I. 



162 



Studien über Hysterie 



an Schmerzen und Gehschwäche gelitten hat. Sie war zwar 
während der Krankheit des Vaters einmal durch wenige Tage 
mit Schmerzen in den Füßen bettlägerig, aber es ist zweifelhaft 
geblieben, ob dieser Anfall bereits der Hysterie zugeschrieben 
werden muß. Eine kausale Beziehung zwischen diesen ersten 
Schmerzen und irgendwelchem psychischen Eindrucke ließ sich 
bei der Analyse nicht erweisen; es ist möglich, ja sogar wahr- 
scheinlich, daß es sich damals um gemeine, rheumatische Muskel- 
schmerzen gehandelt hat. Wollte man selbst annehmen, daß dieser 
erste Schmerzanfall das Ergebnis einer hysterischen Konversion in- 
folge der Ablehnung ihrer damaligen erotischen Gedanken war, 
so bleibt doch die Tatsache übrig, daß die Schmerzen nach we- 
nigen Tagen verschwanden, so daß die Kranke sich also in der 
Wirklichkeit anders verhalten hatte, als sie während der Analyse 
zu zeigen schien. Während der Reproduktion der sogenannten ersten 
Periode begleitete sie alle Erzählungen von der Krankheit und dem 
Tode des Vaters, von den Eindrücken aus dem Verkehre mit dem 
ersten Schwager u. dgl. mit Schmerzensäußerungen, während sie zur 
Zeit, da sie diese Eindrücke erlebte, keine Schmerzen verspürte. Ist 
das nicht ein Widerspruch, der geeignet ist, das Vertrauen in den 
aufklärenden Wert einer solchen Analyse recht herabzusetzen? 

Ich glaube, den Widerspruch lösen zu können, indem ich an- 
nehme, die Schmerzen — das Produkt der Konversion — seien 
nicht entstanden, während die Kranke die Eindrücke der ersten 
Periode erlebte, sondern nachträglich, also in der zweiten Periode, 
als die Kranke diese Eindrücke in ihren Gedanken reproduzierte. 
Die Konversion sei erfolgt nicht an den frischen Eindrücken, 
sondern an den Erinnerungen derselben. Ich meine sogar, ein 
solcher Vorgang sei nichts Außergewöhnliches bei der Hysterie, 
habe einen regelmäßigen Anteil an der Entstehung hysterischer 
Symptome. Da aber eine solche Behauptung gewiß nicht ein- 
leuchtet, werde ich versuchen, sie durch andere Erfahrungen 
glaubwürdiger zu machen. 



Fräulein Elisabeth v. R 



163 



Es geschah mir einmal, daß sich während einer derartigen ana- 
lytischen Behandlung bei einer Kranken ein neues hysterisches 
Symptom ausbildete, so daß ich dessen Wegräumung am Tage 
nach seinem Entstehen in Angriff nehmen konnte. 

Ich will die Geschichte dieser Kranken in ihren . wesentlichen 
Zügen hier einschieben ; sie ist ziemlich einfach und doch nicht 
ohne Interesse. 

Fräulein Rosalia H . . ., dreiundzwanzig Jahre alt, seit einigen 
Jahren bemüht, sich zur Sängerin auszubilden, klagt darüber, daß 
ihre schöne Stimme ihr in gewissen Lagen nicht gehorcht. Es tritt 
ein Gefühl von Würgen und Schnüren in der Kehle ein, so daß 
der Ton wie gepreßt klingt ; ihr Lehrer hat ihr darum noch nicht 
gestatten können, sich vor dem Publikum als Sängerin zu zeigen; 
obwohl diese Unvollkommenheit nur die Mittellage betrifft, so 
kann sie doch nicht durch einen Fehler ihres Organs erklärt 
werden; zuzeiten bleibt die Störung ganz aus, so daß sich der 
Lehrer für sehr befriedigt erklärt, andere Male, auf die leiseste 
Erregung hin, auch scheinbar ohne jeden Grund, tritt die schnü- 
rende Empfindung wieder ein, und die freie Stimmentfaltung ist 
behindert. Es war nicht schwer, in dieser belästigenden Emp- 
findung die hysterische Konversion zu erkennen; ob tatsächlich 
eine Kontraktur in gewissen Muskeln der Stimmbänder eintrat, 
habe ich nicht feststellen lassen. 1 In der hypnotischen Analyse, 
die ich mit dem Mädchen unternahm, erfuhr ich folgendes von 



ihren Schicksalen und 



damit von der Verursachung ihrer Be- 



1) Ich habe einen anderen Fall beobachtet, in dem eine Kontraktur der Masse- 
teren der Sängerin die Ausübung ihrer Kunst unmöglich machte. Die junge Frau 
war durch peinliche Erlebnisse in ihrer Familie veranlaßt worden, sich zur Bühne 
zu wenden. Sie sang in Rom in großer Erregung Probe, als sie plötzlich die Emp- 
findung bekam, sie könne den geöffneten Mund nicht schließen; sie fiel ohnmächtig 
zu Boden. Der geholte Arzt drückte die Kiefer gewaltsam zusammen; die Kranke 
aber blieb von da an unfähig, die Kiefer weiter als die Breite eines Fingers von- 
einander zu entfernen, und mußte den neugewählten Beruf aufgeben. Als sie mehrere 
Jahre später in meine Behandlung kam, waren die Ursachen jener Erregung offenbar 
längst abgetan, denn eine Massage in leichter Hypnose reichte hin, um ihr den 
Mund weit zu öffnen. Die Dame hat seither öffentlich gesungen. 



164 



Studien über Hysterie 



schwerden; sie war, früh verwaist, von einer selbst kinderreichen 
Tante ins Haus genommen worden und wurde dadurch Teil- 
nehmerin an einem höchst unglücklichen Familienleben. Der Mann 
dieser Tante, eine offenbar pathologische Persönlichkeit, mißhan- 
delte Frau und Kinder in rohester Weise und kränkte sie beson- 
ders durch die unverhohlene sexuelle Bevorzugung der im Hause 
befindlichen Dienst- und Kindermädchen, was um so anstößiger 
wurde, je mehr die Kinder heranwuchsen. Als die Tante starb, 
wurde Rosalia die Schützerin der verwaisten und vom Vater be- 
drängten Kinderschar. Sie nahm ihre Pflichten ernst, focht alle 
Konflikte durch, zu denen sie diese Stellung führte, hatte aber 
dabei die größte Mühe aufzuwenden, um die Äußerungen ihres 
Hasses und ihrer Verachtung gegen den Onkel zu unterdrücken. 1 
Damals entstand in ihr die Empfindung des Schnürens im Halse; 
jedesmal, wenn sie eine Antwort schuldig bleiben mußte, wenn 
sie sich gezwungen hatte, auf eine empörende Beschuldigung 
ruhig zu bleiben, fühlte sie das Kratzen in der Kehle, das Zu- 
sammenschnüren, das Versagen der Stimme, kurz alle die im 
Kehlkopfe und Schlünde lokalisierten Empfindungen, die sie jetzt 
im Singen störten. Es war begreiflich, daß sie nach der Möglich- 
keit suchte, sich selbständig zu machen, um den Aufregungen und 
peinlichen Eindrücken zu entgehen, die jeder Tag im Hause des 
Onkels brachte. Ein tüchtiger Gesanglehrer nahm sich ihrer un- 
eigennützig an und versicherte ihr, daß ihre Stimme sie berech- 
tige, den Beruf einer Sängerin zu wählen. Sie begann nun heim- 
lich Unterricht bei ihm zu nehmen, aber dadurch, daß sie oft 
mit dem Schnüren im Halse, wie es nach heftigen häuslichen 
Szenen übrigblieb, zum Sangunterrichte wegeilte, festigte sich eine 
Beziehung zwischen dem Singen und der hysterischen Parästhesie, 
die schon durch die Organempfindung beim Singen angebahnt 
war. Der Apparat, über den sie beim Singen frei hätte verfügen 



1) [Zusatz 1924:] Auch hier war es in Wirklichkeit der Vater, nicht der Onkel. 



Fräulein Elisabeth v. R 



165 



sollen, zeigte sich besetzt mit Innervationsresten nach jenen Zahl- 
zeichen Szenen unterdrückter Erregung. Sie hatte seither das Haus 
ihres Onkels verlassen, war in eine fremde Stadt gezogen, um 
der Familie fern zu bleiben, aber das Hindernis war damit nicht 
überwunden. Andere hysterische Symptome zeigte das schöne, un- 
gewöhnlich verständige Mädchen nicht. 

Ich bemühte mich, diese „Retentionshysterie" durch Reprodu- 
zieren aller erregenden Eindrücke und nachträgliches Abreagieren 
zu erledigen. Ich ließ . sie schimpfen, Reden halten, dem Onkel 
tüchtig die Wahrheit ins Gesicht sagen u. dgl. Diese Behandlung 
tat ihr auch sehr wohl 5 leider lebte sie unterdes hier in recht 
ungünstigen Verhältnissen. Sie hatte kein Glück mit ihren Ver- 
wandten. Sie war Gast bei einem anderen Onkel, der sie auch 
freundlich aufnahm; aber gerade dadurch erregte sie das Mißfallen 
der Tante. Diese Frau vermutete bei ihrem Manne ein tiefer- 
gehendes Interesse an seiner Nichte und ließ es sich angelegen 
sein, dem Mädchen den Aufenthalt in Wien gründlich zu ver- 
leiden. Sie hatte selbst in ihrer Jugend einer Neigung zur Künstler- 
schaft entsagen müssen und neidete es jetzt der Nichte, daß sie 
ihr Talent ausbilden konnte, obwohl hier nicht Neigung, sondern 
Drang zur Selbständigkeit die Entschließung herbeigeführt hatte, 
Rosalie fühlte sich so beengt im Hause, daß sie z. B. nicht zu 
singen oder Klavier zu spielen wagte, wenn die Tante in Hör- 
weite war, und daß sie es sorgfältig vermied, dem übrigens be- 
tagten Onkel — Bruder ihrer Mutter — etwas vorzuspielen oder 
vorzusingen, wenn die Tante hinzukommen konnte. Während ich 
mich bemühte, die Spuren alter Erregungen zu tilgen, entstanden 
aus diesem Verhältnisse zu ihren Gastgebern neue, die endlich 
auch den Erfolg meiner Behandlung störten und vorzeitig die 
Kur unterbrachen. 

Eines Tages erschien die Patientin bei mir mit einem neuen, 
kaum vierundzwanzig Stunden alten Symptom. Sie klagte über 
ein unangenehmes Prickeln in den Fingerspitzen, das seit gestern 



i66 



Studien über Hysterie 



alle paar Stunden auftrete und sie nötige, ganz besondere, schnel- 
lende Bewegungen mit den Fingern zu machen. Ich konnte den 
Anfall nicht sehen, sonst hätte ich wohl aus dem Anblicke der 
Fingerbewegungen den Anlaß erraten; ich versuchte aber sofort 
der Begründung des Symptoms (eigentlich des kleinen hysterischen 
Anfalles) durch hypnotische Analyse auf die Spur zu kommen. 
Da das Ganze erst seit so kurzer Zeit bestand, hoffte ich Auf- 
klärung und Erledigung rasch herbeiführen zu können. Zu meinem 
Erstaunen brachte mir die Kranke ■ — ohne Zaudern und in 
chronologischer Ordnung — ■ eine ganze Reihe von Szenen, in 
früher Kindheit beginnend, denen etwa gemeinsam war, daß sie 
ein Unrecht ohne Abwehr geduldet hatte, so daß es ihr dabei in 
den Fingern zucken konnte, z. B. Szenen, wie daß sie in der 
Schule die Hand hinhalten mußte, auf die ihr der Lehrer mit 
dem Lineal einen Schlag versetzte. Es waren aber banale Anlässe, 
denen ich die Berechtigung, in die Ätiologie eines hysterischen 
Symptoms einzugehen, gerne bestritten hätte. Anders stand es mit 
einer Szene aus ihren ersten Mädchenjahren, die sich daran schloß. 
Der böse Onkel, der an Rheumatismus litt, hatte von ihr ver- 
langt, daß sie ihn am Rücken massiere. Sie getraute sich nicht, 
es zu verweigern. Er lag dabei zu Bette, plötzlich warf er die 
Decke ab, erhob sich, wollte sie packen und hinwerfen. Sie unter- 
brach natürlich die Massage und hatte sich im nächsten Momente 
geflüchtet und in ihrem Zimmer versperrt. Sie erinnerte sich 
offenbar nicht gerne an dieses Erlebnis, wollte sich auch nicht 
äußern, ob sie bei der plötzlichen Entblößung des Mannes etwas 
gesehen habe. Die Empfindung in den Fingern mochte dabei 
durch den unterdrückten Impuls zu erklären sein, ihn zu züch- 
tigen, oder einfach daher rühren, daß sie eben mit der Massage 
beschäftigt war. Erst nach dieser Szene kam sie auf die gestern 
erlebte zu sprechen, nach welcher sich Empfindung und Zucken 
in den Fingern als wiederkehrendes Erinnerungssymbol eingestellt 
hatten. Der Onkel, bei dem sie jetzt wohnte, hatte sie gebeten, 



Fräulein Elisabeth v. R 



167 



ihm etwas vorzuspielen 5 sie setzte sich ans Klavier und begleitete 
sich dabei mit Gesang in der Meinung, die Tante sei ausgegangen. 
Plötzlich kam die Tante in die Türe ; Rosalie sprang auf, warf 
den Deckel des Klaviers zu und schleuderte das Notenblatt weg; 
es ist auch zu erraten, welche Erinnerung in ihr auftauchte und 
welchen Gedankengang sie in diesem Momente abwehrte, den der 
Erbitterung über den ungerechten Verdacht, der sie eigentlich 
bewegen sollte, das Haus zu verlassen, während sie doch der Kur 
wegen genötigt war, in Wien zu bleiben, und eine andere Unter- 
kunft nicht hatte. Die Bewegung der Finger, die ich bei der 
Reproduktion dieser Szene sah, war die des Fortschnellens, als ob 
man — wörtlich und figürlich — etwas von sich weisen würde, 
ein Notenblatt wegfegen oder eine Zumutung abtun. 

Sie war ganz bestimmt in ihrer Versicherung, daß sie dieses 
Symptom nicht vorher — nicht aus Anlaß der zuerst erzählten 
Szenen — verspürt hatte. Was blieb also übrig anzunehmen, als 
daß das gestrige Erlebnis zunächst die Erinnerung an frühere ähn- 
lichen Inhaltes geweckt, und daß dann die Bildung eines Erinne- 
rungssymbols der ganzen Gruppe von Erinnerungen gegolten hatte? 
Die Konversion war einerseits von frischerlebtem, anderseits von 
erinnertem Affekt bestritten worden. 

Wenn man sich die Sachlage näher überlegt, muß man zuge- 
stehen, daß ein solcher Vorgang eher als Regel denn als Aus- 
nahme bei der Entstehung hysterischer Symptome zu bezeichnen 
ist. Fast jedesmal, wenn ich nach der Determinierung solcher Zu- 
stände forschte, fand sich nicht ein einziger, sondern eine Gruppe 
von ähnlichen traumatischen Anlässen vor (vgl. die schönen Bei- 
spiele bei Frau Emmy in der Krankengeschichte A). Für manche 
dieser Fälle ließ sich feststellen, daß das betreffende Symptom 
schon nach dem ersten Trauma für kurze Zeit erschienen war, 
um dann zurückzutreten, bis es durch ein nächstes Trauma neuer- 
dings hervorgerufen und stabilisiert wurde. Zwischen diesem zeit- 
weiligen Hervortreten und dem überhaupt Latentbleiben nach den 



i68 



Studien über Hysterie 



ersten Anlässen ist aber kein prinzipieller Unterschied zu kon- 
statieren, und in einer überwiegend großen Anzahl von Beispielen 
ergab sich wiederum, daß die ersten Traumen kein Symptom 
hinterlassen hatten, während ein späteres Trauma derselben Art 
ein Symptom hervorrief, welches doch zu seiner Entstehung der 
Mitwirkung der früheren Anlässe nicht entbehren konnte, und 
dessen Lösung wirklich die Berücksichtigung aller Anlässe er- 
forderte. In die Ausdrucksweise der Konversionstheorie übersetzt, 
will diese unleugbare Tatsache der Summation der Traumen und 
der erstweiligen Latenz der Symptome besagen, daß die Konversion 
ebensogut von frischem wie von erinnertem Affekt statthaben kann, 
und diese Annahme klärt den Widerspruch völlig auf, in dem bei 
Fräulein Elisabeth v. R . . . Krankengeschichte und Analyse zu 
stehen scheinen. 

Es ist ja keine Frage, daß die Gesunden die Fortdauer von 
Vorstellungen mit unerledigtem Affekte in ihrem Bewußtsein im 
großen Ausmaße ertragen. Die Behauptung, die ich eben ver- 
fochten, nähert bloß das Verhalten der Hysterischen dem der 
Gesunden an. Es kommt offenbar auf ein quantitatives Moment 
an, nämlich darauf, wieviel von solcher Affektspannung eine 
Organisation verträgt. Auch der Hysterische wird ein gewisses 
Maß unerledigt beibehalten können ; wächst dasselbe durch Sum- 
mation bei ähnlichen Anlässen über die individuelle Tragfähigkeit 
hinaus, so ist der Anstoß zur Konversion gegeben. Es ist also 
keine fremdartige Aufstellung, sondern beinahe ein Postulat, daß 
die Bildung hysterischer Symptome auch auf Kosten von er- 
innertem Affekte vor sich gehen könne. 

Ich habe mich nun mit dem Motive und mit dem Mechanis- 
mus dieses Falles von Hysterie beschäftigt; es erübrigt noch, die 
Determinierung des hysterischen Symptoms zu erörtern. Warum 
mußten gerade die Schmerzen in den Beinen die Vertretung des 
seelischen Schmerzes übernehmen? Die Umstände des Falles weisen 
darauf hin, daß dieser somatische Schmerz nicht von der Neurose 



Fräulein Elisabeth v. R . . . 



169 



geschaffen, sondern bloß von ihr benützt, gesteigert und erhalten 
wurde. Ich will gleich hinzusetzen, in den allermeisten Fällen von 
hysterischen Algien, in welche ich Einsicht bekommen konnte, 
war es ähnlich; es war immer zu Anfang ein wirklicher, organisch 
begründeter Schmerz vorhanden gewesen. Es sind die gemeinsten, 
verbreitetsten Schmerzen der Menschheit, die am häufigsten dazu 
berufen erscheinen, eine Rolle in der Hysterie zu spielen, vor 
allem die periostalen und neuralgischen Schmerzen bei Erkrankung 
der Zähne, die aus so verschiedenen Quellen stammenden Kopf- 
schmerzen, und nicht minder die so häufig verkannten rheumatischen 
Schmerzen der Muskeln. Den ersten Anfall von Schmerzen, den 
Fräulein Elisabeth v. R . . . noch während der Pflege ihres Vaters 
gehabt, halte ich auch für einen organisch begründeten. Ich er- 
hielt nämlich keine Auskunft, als ich nach einem psychischen 
Anlasse dafür forschte, und ich bin, ich gestehe es, geneigt, meiner 
Methode des Hervorrufens versteckter Erinnerungen differential- 
diagnostische Bedeutung beizulegen, wenn sie sorgfältig gehandhabt 
wird. Dieser ursprünglich rheumatische 1 Schmerz wurde nun bei 
der Kranken zum Erinnerungssymbol für ihre schmerzlichen 
psychischen Erregungen, und zwar, soviel ich sehen kann, aus 
mehr als einem Grunde. Zunächst und hauptsächlich wohl darum, 
weil er ungefähr gleichzeitig mit jenen Erregungen im Bewußt- 
sein vorhanden war; zweitens weil er mit dem Vorstellungsinhalte 
jener Zeit in mehrfacher Weise verknüpft war oder verknüpft 
sein konnte. Er war vielleicht überhaupt nur eine entfernte Folge 
der Krankenpflege, der verringerten Bewegung und der schlech- 
teren Ernährung, welche das Amt der Pflegerin mit sich brachte. 
Aber das war der Kranken kaum klar geworden; mehr in Betracht 
kommt wohl, daß sie ihn in bedeutsamen Momenten der Pflege 
spüren mußte, z. B. wenn sie in der Winterkälte aus dem Bette 
sprang, um dem Rufe des Vaters zu folgen. Geradezu entscheidend 



1) Vielleicht aber spinal-neurasthenische? 



170 



Studien über Hysterie 



für die Richtung, welche die Konversion nahm, mußte aber die 
andere Weise der assoziativen Verknüpfung sein, der Umstand, 
daß durch eine lange Reihe von Tagen eines ihrer schmerzhaften 
Beine mit dem geschwollenen Beine des Vaters beim Wechsel der 
Binden in Berührung kam. Die durch diese Berührung ausgezeich- 
nete Stelle des rechten Beines blieb von da an der Herd und Aus- 
gangspunkt der Schmerzen, eine künstliche hysterogene Zone, deren 
Entstehung sich in diesem Falle klar durchschauen läßt. 

Sollte sich jemand über diese assoziative Verknüpfung zwischen 
physischem Schmerz und psychischem Affekt als eine zu viel- 
fältige und künstliche verwundern, so würde ich antworten, solche 
Verwunderung sei ebenso unbillig wie jene andere darüber, „daß 
gerade die Reichsten in der Welt das meiste Geld besitzen". Wo 
nicht so reichliche Verknüpfung vorliegt, da bildet sich eben kein 
hysterisches Symptom, da findet die Konversion keinen Weg; und 
ich kann versichern, daß das Beispiel des Fräuleins Elisabeth v. R . . . 
in Hinsicht der Determinierung zu den einfacheren gehörte. Ich 
habe, besonders bei Frau Cäcilie M . . ., die verschlungensten Knoten 
dieser Art zu lösen gehabt. 

Wie sich über diese Schmerzen die Astasie- Abasie unserer Kranken 
aufbaute, nachdem einmal der Konversion ein bestimmter Weg 
geöffnet war, dies habe ich schon in der Krankengeschichte er- 
örtert. Ich habe aber dort auch die Behauptung vertreten, da'ß 
die Kranke die Funktionsstörung durch Symbolisierung geschaffen 
oder gesteigert, daß sie für ihre Unselbständigkeit, ihre Ohnmacht, 
etwas an den Verhältnissen zu ändern, einen somatischen Aus- 
druck fand in der Abasie- Astasie, und daß die Redensarten: Nicht 
von der Stelle kommen, keinen Anhalt haben u. dgl. die Brücke 
für diesen neuen Akt der Konversion bildeten. Ich werde mich 
bemühen, diese Auffassung durch andere Beispiele zu stützen. 

Die Konversion auf Grund von Gleichzeitigkeit bei sonst vor- 
handener assoziativer Verknüpfung scheint an die hysterische Dis- 
position die geringsten Ansprüche zu stellen; die Konversion durch 



Fräulein Elisabeth v. R . . . 



171 



Symbolisierung hingegen eines höheren Grades von hysterischer 
Modifikation zu bedürfen, wie sie auch bei Fräulein Elisabeth erst 
im späteren Stadium ihrer Hysterie nachweisbar ist. Die schönsten 
Beispiele von Symbolisierung habe ich bei Frau Cäcilie M . . . 
beobachtet, die ich meinen schwersten und lehrreichsten Fall von 
Hysterie nennen darf. Ich habe bereits angedeutet, daß sich diese 
Krankengeschichte leider einer ausführlichen Wiedergabe entzieht. 
Frau Cäcilie litt unter anderen Dingen an einer überaus hef- 
tigen Gesichtsneuralgie, die zwei- bis dreimal im Jahre plötzlich 
auftrat, fünf bis zehn Tage anhielt, jeder Therapie trotzte und 
dann wie abgeschnitten aufhörte. Sie beschränkte sich auf den 
zweiten und dritten Ast des einen Trigeminus, und da Uraturie 
zweifellos war, und ein nicht ganz klarer „Rheumatismus acutus 
in der Geschichte der Kranken eine gewisse Rolle spielte, lag die 
Auffassung einer gichtischen Neuralgie nahe genug. Diese Auf- 
fassung wurde auch von den Konsiliarärzten, die jeden Anfall zu 
sehen bekamen, geteilt; die Neuralgie sollte mit den gebräuchlichen 
Methoden: elektrische Pinselung, alkalische Wässer, Abführmittel, 
behandelt werden, blieb aber jedesmal unbeeinflußt, bis es ihr be- 
liebte, einem anderen Symptom den Platz zu räumen. In früheren 
Jahren — die Neuralgie war fünfzehn Jahre alt — waren 
die Zähne beschuldigt worden, diese Neuralgie zu unterhalten; 
sie wurden zur Extraktion verurteilt, und eines schönen Tages 
wurde in der Narkose die Exekution an sieben der Missetäter 
vollzogen. Das ging nicht so leicht ab; die Zähne saßen so fest, 
daß von den meisten die Wurzeln zurückgelassen werden mußten. 
Erfolg hatte diese grausame Operation keinen, weder zeitweiligen 
noch dauernden. Die Neuralgie tobte damals monatelang. Auch 
zur Zeit meiner Behandlung wurde bei jeder Neuralgie der Zahn- 
arzt geholt; er erklärte jedesmal, kranke Wurzeln zu finden, be- 
gann sich an die Arbeit zu machen, wurde aber gewöhnlich bald 
unterbrochen, denn die Neuralgie hörte plötzlich auf und mit ihr 
das Verlangen nach dem Zahnarzte. In den Intervallen taten die 



1 7 2 Studien über Hysterie 



Zähne gar nicht weh. Eines Tages, als gerade wieder ein Anfall 
wütete, wurde ich von der Kranken zur hypnotischen Behandlung 
veranlaßt, ich legte auf die Schmerzen ein sehr energisches Verbot, 
und sie hörten von diesem Momente an auf. Ich begann damals 
Zweifel an der Echtheit dieser Neuralgie zu nähren. 

Etwa ein Jahr nach diesem hypnotischen Heilerfolge nahm der 
Krankheitszustand der Frau Cäcilie eine neue und überraschende 
Wendung. Es kamen plötzlich andere Zustände, als sie den letzten 
Jahren eigen gewesen waren, aber die Kranke erklärte nach einigem 
Besinnen, daß alle diese Zustände bei ihr früher einmal dagewesen 
wären, und zwar über den langen Zeitraum ihrer Krankheit 
(dreißig Jahre) verstreut. Es wickelte sich nun wirklich eine über- 
raschende Fülle von hysterischen Zufällen ab, welche die Kranke 
an ihre richtige Stelle in der Vergangenheit zu lokalisieren ver- 
mochte, und bald wurden auch die oft sehr verschlungenen Ge- 
dankenverbindungen kenntlich, welche die Reihenfolge dieser 
Zufälle bestimmten. Es war wie eine Reihe von Bildern mit er- 
läuterndem Texte. Pitres muß mit der Aufstellung seines delire 
ecmnesique etwas Derartiges im Auge gehabt haben. Die Art, 
wie ein solcher der Vergangenheit angehöriger hysterischer Zu- 
stand reproduziert wurde, war höchst merkwürdig. Es tauchte 
zuerst im besten Befinden der Kranken eine pathologische Stim- 
mung besonderer Färbung auf, welche von der Kranken regel- 
mäßig verkannt und auf ein banales Ereignis der letzten Stunden 
bezogen wurde ; dann folgten unter zunehmender Trübung des 
Bewußtseins hysterische Symptome: Halluzinationen, Schmerzen, 
Krämpfe, lange Deklamationen, und endlich schloß sich an diese 
das halluzinatorische Auftauchen eines Erlebnisses aus der Ver- 
gangenheit, welches die initiale Stimmung erklären und die je- 
weiligen Symptome determinieren konnte. Mit diesem letzten Stücke 
des Anfalles war die Klarheit wieder da, die Beschwerden ver- 
schwanden wie durch Zauber, und es herrschte wieder Wohl- 
befinden — bis zum nächsten Anfalle, einen halben Tag später. 



Fräulein Elisabeth v. R . 



173 



Gewöhnlich wurde ich auf der Höhe des Zustandes geholt, leitete 
die Hypnose ein, rief die Reproduktion des traumatischen Erleb- 
nisses hervor und bereitete dem Anfalle durch Kunsthilfe ein 
früheres Ende. Indem ich mehrere hunderte solcher Zyklen mit 
der Kranken durchmachte, erhielt ich die lehrreichsten Aufschlüsse 
über Determinierung hysterischer Symptome. Auch war die Beob- 
achtung dieses merkwürdigen Falles in Gemeinschaft mit Breuer 
der nächste Anlaß zur Veröffentlichung unserer „vorläufigen Mit- 
teilung". 

In diesem Zusammenhange kam es endlich auch zur Reproduk- 
tion der Gesichtsneuralgie, die ich als aktuellen Anfall noch selbst 
behandelt hatte. Ich war neugierig, ob sich hier eine psychische 
Verursachung ergeben würde. Als ich die traumatische Szene 
hervorzurufen versuchte, sah sich die Kranke in eine Zeit großer 
seelischer Empfindlichkeit gegen ihren Mann versetzt, erzählte 
von einem G es P r äche, das sie mit ihm geführt, von einer Bemer- 
kung seinerseits, die sie als schwere Kränkung aufgefaßt, dann 
faßte sie sich plötzlich an die Wange, schrie vor Schmerz laut 
auf und sagte: Das war mir wie ein Schlag ins Gesicht. — Da- 
mit war aber auch Schmerz und Anfall zu Ende. 

Kein Zweifel, daß es sich hier um eine Symbolisierung ge- 
handelt hatte; sie hatte gefühlt, als ob sie den Schlag ins 
Gesicht wirklich bekommen hätte. Nun wird jedermann die 
Frage aufwerfen, wieso wohl die Empfindung eines „Schlages ins 
Gesicht" zu den Äußerlichkeiten einer Trigeminusneuralgie, zur 
Beschränkung auf den zweiten und dritten Ast, zur Steigerung 
beim Mundöffnen und Kauen (nicht beim Reden!) gelangt sein 
mag. 

Am nächsten Tage war die Neuralgie wieder da, nur ließ sie 
sich diesmal durch die Reproduktion einer anderen Szene lösen, 
deren Inhalt gleichfalls eine vermeintliche Beleidigung war. So 
ging es neun Tage lang fort; es schien sich zu ergeben, daß 
Jahre hindurch Kränkungen, insbesondere durch Worte, auf dem 



174 



Studien über Hysterie 



Wege der Symbolisierung neue Anfälle dieser Gesichtsneuralgie 
hervorgerufen hatten. 

Endlich gelang es aber, auch zum ersten Anfalle von Neuralgie 
(vor mehr als fünfzehn Jahren) vorzudringen. Hier fand sich keine 
Symbolisierung, sondern eine Konversion durch Gleichzeitigkeit; 
es war ein schmerzlicher Anblick, bei dem ihr ein Vorwurf auf- 
tauchte, welcher sie veranlaßte, eine andere Gedankenreihe zurück- 
zudrängen. Es war also ein Fall von Konflikt und Abwehr; die 
Entstehung der Neuralgie in diesem Momente nicht weiter er- 
klärlich, wenn man nicht annehmen wollte, daß sie damals an 
leichten Zahn- oder Gesichtsschmerzen gelitten, und dies war nicht 
unwahrscheinlich, denn sie hatte sich gerade in den ersten Mo- 
naten der ersten Gravidität befunden. 

So ergab sich also als Aufklärung, daß diese Neuralgie auf dem ge- 
wöhnlichen Wege der Konversion zum Merkzeichen einer bestimmten 
psychischen Erregung geworden war, daß sie aber in der Folge durch 
assoziative Anklänge aus dem Gedankenleben, durch symbolisierende 
Konversion, geweckt werden konnte; eigentlich dasselbe Verhalten, 
das wir bei Fräulein Elisabeth v. R . . . gefunden haben. 

Ich will ein zweites Beispiel anführen, welches die Wirksam- 
keit der Symbolisierung unter anderen Bedingungen anschaulich 
machen kann: Zu einer gewissen Zeit plagte Frau Cäcilie ein 
heftiger Schmerz in der rechten Ferse, Stiche bei jedem Schritte, 
die das Gehen unmöglich machten. Die Analyse führte uns dabei 
auf eine Zeit, in welcher sich die Patientin in einer ausländischen 
Heilanstalt befunden hatte. Sie war acht Tage lang in ihrem 
Zimmer gelegen, sollte dann vom Hausarzte das erstemal zur 
gemeinsamen Tafel abgeholt werden. Der Schmerz war in dem 
Momente entstanden, als die Kranke seinen Arm nahm, um das 
Zimmer zu verlassen; er schwand während der Reproduktion 
dieser Szene, als die Kranke den Satz aussprach: Damals habe sie 
die Furcht beherrscht, ob sie auch das „rechte Auftreten" in 
der fremden Gesellschaft treffen werde! 



Fräulein Elisabeth v. R . 



175 



Dies scheint nun ein schlagendes, beinahe komisches Beispiel 
von Entstehung hysterischer Symptome durch Symbolisierung ver- 
mittels des sprachlichen Ausdruckes. Allein ein näheres Eingehen 
auf die Umstände jenes Momentes bevorzugt eine andere Auf- 
fassung. Die Kranke litt zu jener Zeit überhaupt an Fußschmerzen, 
sie war wegen Fußschmerzen solange zu Bette geblieben 5 und es 
kann nur zugegeben werden, daß die Furcht, von der sie bei 
den ersten Schritten befallen wurde, aus den gleichzeitig vorhan- 
denen Schmerzen den einen, symbolisch passenden, in der rechten 
Ferse hervorsuchte, um ihn zu einer psychischen Algie auszubilden 
und ihm zu einer besonderen Fortdauer zu verhelfen. 

Erscheint in diesen Beispielen der Mechanismus der Symboli- 
sierung in den zweiten Rang gedrängt, was sicherlich der Regel 
entspricht, so verfüge ich doch auch über Beispiele, welche die 
Entstehung hysterischer Symptome durch bloße Symbolisierung 
zu beweisen scheinen. Eines der schönsten ist folgendes, es bezieht 
sich wiederum auf Frau Cäcilie. Sie lag als fünfzehnjähriges 
Mädchen im Bette, bewacht von ihrer gestrengen Großmama. 
Plötzlich schrie das Kind auf, sie hatte einen bohrenden Schmerz 
in der Stirne zwischen den Augen bekommen, der dann wochen- 
lang anhielt. Bei der Analyse dieses Schmerzes, der sich nach 
fast dreißig Jahren reproduzierte, gab sie an, die Großmama habe 
sie so „durchdringend" angeschaut, daß ihr der Blick tief ins 
Gehirn gedrungen wäre. Sie fürchtete nämlich, von der alten 
Frau mißtrauisch betrachtet worden zu sein. Bei der Mitteilung 
dieses Gedankens brach sie in ein lautes Lachen aus, und der 
Schmerz war wieder zu Ende. Hier finde ich nichts anderes als 
den Mechanismus der Symbolisierung, der zwischen dem Mecha- 
nismus der Autosuggestion und dem der Konversion gewisser- 
maßen die Mitte hält. 

Die Beobachtung der Frau Cäcilie M . . . hat mir Gelegenheit 
gegeben, geradezu eine Sammlung derartiger Symbolisierungen 
anzulegen. Ein ganze Reihe von körperlichen Sensationen, die 



176 



Studien über Hysterie 



sonst als organisch vermittelt angesehen werden, hatte bei ihr 
psychischen Ursprung oder war wenigstens mit einer psychischen 
Deutung versehen. Eine gewisse Reihe von Erlebnissen war bei 
ihr von der Empfindung eines Stiches in der Herzgegend be- 
gleitet. („Es hat mir einen Stich ins Herz gegeben.") Der nagei- 
förmige Kopfschmerz der Hysterie war bei ihr unzweifelhaft als 
Denkschmerz aufzulösen. („Es steckt mir etwas im Kopf"); er 
löste sich auch jedesmal, wenn das betreffende Problem gelöst 
war. Der Empfindung der hysterischen Aura im Halse ging der 
Gedanke parallel: Das muß ich herunterschlucken, wenn diese 
Empfindung bei einer Kränkung auftrat. Es war eine ganze Reihe 
von parallellaufenden Sensationen und Vorstellungen, in welcher 
bald die Sensation die Vorstellung als Deutung erweckt, bald die 
Vorstellung durch Symbolisierung die Sensation geschaffen hatte, 
und nicht selten mußte es zweifelhaft bleiben, welches der beiden 
Elemente das primäre gewesen war. 

Ich habe bei keiner anderen Patientin mehr eine so ausgiebige 
Verwendung der Symbolisierung auffinden können. Freilich war 
Frau Cäcilie M . . . eine Person von ganz ungewöhnlicher, ins- 
besondere künstlerischer Begabung, deren hochentwickelter Sinn 
für Form sich in vollendet schönen Gedichten kundgab. Ich be- 
haupte aber, es liegt weniger Individuelles und Willkürliches als 
man meinen sollte, darin, wenn die Hysterika der affektbetonten 
Vorstellung durch Symbolisierung einen somatischen Ausdruck 
schafft. Indem sie den sprachlichen Ausdruck wörtlich nimmt, 
den „Stich ins Herz" oder den „Schlag ins Gesicht" bei einer 
verletzenden Anrede wie eine reale Begebenheit empfindet, übt 
sie keinen witzigen Mißbrauch, sondern belebt nur die Emp- 
findungen von neuem, denen der sprachliche Ausdruck seine Be- 
rechtigung verdankt. Wie kämen wir denn dazu, von dem Ge- 
kränkten zu sagen: „es hat ihm einen Stich ins Herz gegeben', 
wenn nicht tatsächlich die Kränkung von einer derartig zu deu- 
tenden Präkordialempfindung begleitet und an ihr kenntlich wäre? 



Fräulein Elisabeth v. R 



177 



Wie wahrscheinlich ist es nicht, daß die Redensart „etwas her- 
unterschlucken", die man auf unerwiderte Beleidigung anwendet, 
tatsächlich von den Innervationsempfindungen herrührt, die im 
Schlünde auftreten, wenn man sich die Rede versagt, sich an der 
Reaktion auf Beleidigung hindert? All diese Sensationen und 
Innervationen gehören dem „Ausdruck der Gemütsbewegungen" 
an, der, wie uns Darwin gelehrt hat, aus ursprünglich sinn- 
vollen und zweckmäßigen Leistungen besteht 5 sie mögen gegen- 
wärtig zumeist so abgeschwächt sein, daß ihr sprachlicher Aus- 
druck uns als bildliche Übertragung erscheint, allein sehr wahr- 
scheinlich war das alles einmal wörtlich gemeint, und die Hysterie 
tut recht daran, wenn sie für ihre stärkeren Innervationen den 
ursprünglichen Wortsinn wieder herstellt. Ja, vielleicht ist es un- 
recht zu sagen, sie schaffe sich solche Sensationen durch Symbo- 
lisierung; sie hat vielleicht den Sprachgebrauch gar nicht zum 
Vorbilde genommen, sondern schöpft mit ihm aus gemeinsamer 
Quelle.' 



1) In Zuständen tiefer gehender psychischer Veränderung kommt offenbar auch eine 
symbolische Ausprägung des mehr artifiziellen Sprachgebrauches in sinnlichen Bil- 
dern und Sensationen vor. Frau Cäcilie M . . . hatte eine Zeit, in welcher sich ihr 
jeder Gedanke in eine Halluzination umsetzte, deren Lösung oft viel Witz erforderte. 
Sie klagte mir damals, sie werde durch die Halluzination belästigt, daß ihre beiden 
Ärzte — Breuer und ich — im Garten an zwei nahen Bäumen aufgehängt wären. 
Die Halluzination verschwand, nachdem die Analyse folgenden Hergang aufgedeckt 
hatte: Abends vorher war sie von Breuer mit der Bitte um ein bestimmtes Medi- 
kament abgewiesen worden, sie setzte dann ihre Hoffnung auf mich, fand mich aber 
ebenso hartherzig. Sie zürnte uns darüber und dachte in ihrem Affekt: Die zwei 
sind einander wert, der eine ist das Pendant zum anderen! 

Freud, I. 19 



ZUR PSYCHOTHERAPIE DER HYSTERIE 



Wir haben in der „Vorläufigen Mitteilung" berichtet, daß sich 
uns während der Forschung nach der Ätiologie hysterischer Sym- 
ptome auch eine therapeutische Methode ergeben hat, die wir 
für praktisch bedeutsam halten. „Wir fanden nämlich, anfangs 
zu unserer größten Überraschung, daß die einzelnen 
hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr 
verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an 
den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu er- 
wecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, 
und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst 
ausführlicher Weise schilderte und dem Affekte Worte 
gab" (S. 11). 

Wir suchten uns ferner verständlich zu machen, auf wekhe 
Weise unsere psychotherapeutische Methode wirke: „Sie hebt 
die Wirksamkeit der ursprünglich nicht abreagierten 
Vorstellung dadurch auf, daß sie dem eingeklemmten 
Affekt derselben den Ablauf durch die Rede gestattet, 
und bringt sie zur assoziativen Korrektur, indem sie 
dieselbe ins normale Bewußtsein zieht (in leichterer 
Hypnose) oder durch ärztliche Suggestion aufhebt, wie 
es im Somnambulismus mit Amnesie geschieht" (S. 25). 

Ich will nun versuchen, im Zusammenhange darzutun, wie 
weit diese Methode trägt, um was sie mehr als andere leistet, 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



179 



mit welcher Technik und mit welchen Schwierigkeiten sie ar- 
beitet, wenngleich das Wesentliche hierüber bereits in den voran- 
stehenden Krankengeschichten enthalten ist, und ich es nicht ver- 
meiden kann, mich in dieser Darstellung zu wiederholen. 



Ich darf auch für meinen Teil sagen, daß ich am Inhalte der 
„Vorläufigen Mitteilung" festhalten kann; jedoch muß ich ein- 
gestehen, daß sich mir in den seither verflossenen Jahren — bei 
unausgesetzter Beschäftigung mit den dort berührten Problemen 
— neue Gesichtspunkte aufgedrängt haben, die eine wenigstens 
zum Teil andersartige Gruppierung und Auffassung des damals 
bekannten Materials an Tatsachen zur Folge hatten. Es wäre un- 
recht, wenn ich versuchen wollte, meinem verehrten Freunde 
J. Breuer zuviel von der Verantwortlichkeit für diese Entwick- 
lung aufzubürden. Die folgenden Ausführungen bringe ich daher 
vorwiegend im eigenen Namen. 

Als ich versuchte, die Breuersche Methode der Heilung hyste- 
rischer Symptome durch Ausforschung und Abreagieren in der 
Hypnose an einer größeren Reihe von Kranken zu verwenden, 
stießen mir zwei Schwierigkeiten auf, in deren Verfolgung ich zu 
einer Abänderung der Technik wie der Auffassung gelangte, i) Es 
waren nicht alle Personen hypnotisierbar, die unzweifelhaft hyste- 
rische Symptome zeigten und bei denen höchstwahrscheinlich der- 
selbe psychische Mechanismus obwaltete; 2) ich mußte Stellung 
zu der Frage nehmen, was denn wesentlich die Hysterie charak- 
terisiert und wodurch sich dieselbe gegen andere Neurosen ab- 
grenzt. 

Ich verschiebe es auf später mitzuteilen, wie ich die erstere 
Schwierigkeit bewältigt und was ich aus ihr gelernt habe. Ich 
gehe zunächst darauf ein, wie ich in der täglichen Praxis gegen 
das zweite Problem Stellung nahm. Es ist sehr schwierig, einen 



12* 



180 Studien über Hysterie 



Fall von Neurose richtig zu durchschauen, ehe man ihn einer 
gründlichen Analyse unterzogen hat; einer Analyse, wie sie eben 
nur bei Anwendung der Breuerschen Methode resultiert. Die 
Entscheidung über Diagnose und Art der Therapie muß aber vor 
einer solchen gründlichen Kenntnis gefällt werden. Es blieb mir 
also nichts übrig, als solche Fälle für die kathartische Methode 
auszuwählen, die man vorläufig als Hysterie diagnostizieren konnte, 
die einzelne oder mehrere von den Stigmen oder charakteristischen 
Symptomen der Hysterie erkennen ließen. Dann ereignete es sich 
manchmal, daß die therapeutischen Ergebnisse trotz der Hysterie- 
diagnose recht armselig ausfielen, daß selbst die Analyse nichts 
Bedeutsames zutage förderte. Andere Male versuchte ich Neurosen 
mit der Breuerschen Methode zu behandeln, die gewiß nieman- 
dem als Hysterie imponiert hätten, und ich fand, daß sie auf diese 
Weise zu beeinflussen, ja selbst zu lösen waren. So ging es mir 
z. B. mit den Zwangsvorstellungen, den echten Zwangsvorstellungen 
nach Westphalschem Muster, in Fällen, die nicht durch einen 
Zug an Hysterie erinnerten. Somit konnte der psychische Mecha- 
nismus, den die „Vorläufige Mitteilung" aufgedeckt hatte, nicht 
für Hysterie pathognomonisch sein; ich konnte mich auch nicht 
entschließen, diesem Mechanismus zuliebe etwa soviel andere Neu- 
rosen in einen Topf mit der Hysterie zu werfen. Aus all den an- 
geregten Zweifeln riß mich endlich der Plan, alle anderen in 
Frage kommenden Neurosen ähnlich wie die Hysterie zu behandeln, 
überall nach der Ätiologie und nach der Art des psychischen 
Mechanismus zu forschen und die Entscheidung über die Berechti- 
gung der Hysteriediagnose von dem Ausfalle dieser Untersuchung 
abhängen zu lassen. 

So gelangte ich, von der Breuerschen Methode ausgehend, 
dazu, mich mit der Ätiologie und dem Mechanismus der Neurosen 
überhaupt zu beschäftigen. Ich hatte dann das Glück, in ver- 
hältnismäßig kurzer Zeit bei brauchbaren Ergebnissen anzukommen. 
Es drängte sich mir zunächst die Erkenntnis auf, daß, insofern 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



181 



man von einer Verursachung sprechen könne, durch welche Neu- 
rosen erworben würden, die Ätiologie in sexuellen Momenten 
zu suchen sei. Daran reihte sich der Befund, daß verschiedene 
sexuelle Momente, ganz allgemein genommen, auch verschiedene 
Bilder von neurotischen Erkrankungen erzeugen. Und nun konnte 
man, in dem Maße, als sich das letztere Verhältnis bestätigte, auch 
wagen, die Ätiologie zur Charakteristik der Neurosen zu verwerten 
und eine scharfe Scheidung der Krankheitsbilder der Neurosen 
aufzustellen. Trafen ätiologische Charaktere mit klinischen konstant 
zusammen, so war dies ja gerechtfertigt. 

Auf diese Weise ergab sich mir, daß der Neurasthenie eigent- 
lich ein monotones Krankheitsbild entspreche, in welchem, wie 
Analysen zeigten, ein „psychischer Mechanismus" keine Rolle 
spiele. Von der Neurasthenie trennte sich scharf ab die Zwangs- 
neurose, die Neurose der echten Zwangsvorstellungen, für die 
sich ein komplizierter psychischer Mechanismus, eine der hysteri- 
schen ähnliche Ätiologie und eine weitreichende Möglichkeit der 
Rückbildung durch Psychotherapie erkennen ließen. Anderseits 
schien es mir unbedenklich geboten, von der Neurasthenie einen 
neurotischen Symptomkomplex abzusondern, der von einer ganz 
abweichenden, ja, im Grunde genommen, gegensätzlichen Ätiologie 
abhängt, während die Teilsymptome dieses Komplexes durch einen 
schon von E. Hecker 1 erkannten Charakter zusammengehalten 
werden. Sie sind nämlich entweder Symptome oder Äquivalente 
und Rudimente von Angstäußerungen und ich habe darum 
diesen von der Neurasthenie abzutrennenden Komplex Angst- 
neurose geheißen. Ich habe von ihm behauptet, er käme durch 
die Anhäufung physischer Spannung zustande, die selbst wieder 
sexualer Herkunft ist; diese Neurose hat auch noch keinen psychi- 
schen Mechanismus, beeinflußt aber ganz regelmäßig das psychische 
Leben, so daß „ängstliche Erwartung", Phobien, Hyperästhesie 



1) E. Hecker, Zentralblatt für Nervenheilkunde, Dezember 1893. 



i8a 



Studien über Hysterie 



gegen Schmerzen u. a. zu ihren regelmäßigen Äußerungen ge- 
hören. Diese Angstneurose in meinem Sinne deckt sich gewiß 
teilweise mit der Neurose, die unter dem Namen „Hypochondrie" 
in so manchen Darstellungen neben Hysterie und Neurasthenie 
anerkannt wird; nur daß ich in keiner der vorliegenden Bear- 
beitungen die Abgrenzung dieser Neurose für die richtige halten 
kann, und daß ich die Brauchbarkeit des Namens Hypochondrie 
durch dessen feste Beziehung auf das Symptom der „Krankheits- 
furcht" beeinträchtigt finde. 

Nachdem ich mir so die einfachen Bilder der Neurasthenie, der 
Angstneurose und der Zwangsvorstellungen fixiert hatte, ging ich 
an die Auffassung der gemeinhin vorkommenden Fälle von Neu 
rosen heran, die bei der Diagnose Hysterie in Betracht kommen. 
Ich mußte mir jetzt sagen, daß es nicht angeht, eine Neurose im 
ganzen zur hysterischen zu stempeln, weil aus ihrem Symptomen- 
komplex einige hysterische Zeichen hervorleuchten. Ich konnte 
mir diese Übung sehr wohl erklären, da doch die Hysterie die 
älteste, die bestbekannte und die auffälligste der in Betracht 
kommenden Neurosen ist; aber es war doch ein Mißbrauch, der- 
selbe, der auf die Rechnung der Hysterie so viele Züge von Per 
version und Degeneration hatte setzen lassen. So oft in einem 
komplizierten Falle von psychischer Entartung ein hysterisches 
Anzeichen, eine Anästhesie, eine charakteristische Attacke zu ertt 
decken war, hatte man das Ganze „Hysterie" genannt und konnte 
dann freilich das Ärgste und das Widersprechendste unter dieser 
Etikette vereinigt finden. So gewiß diese Diagnostik unrecht war, 
so gewiß durfte man auch nach der neurotischen Seite hin sondern, 
und da man Neurasthenie, Angstneurose u. dgl. im reinen Zu- 
stande kannte, brauchte man sie in der Kombination nicht mehr 
zu übersehen. 

Es schien also folgende Auffassung die berechtigtere: Die ge 
wohnlich vorkommenden Neurosen sind meist als „gemischte" zu 
bezeichnen; von der Neurasthenie und der Angstneurose findet 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



183 



man ohne Mühe auch reine Formen, am ehesten bei jugendlichen 
Personen. Von Hysterie und Zwangsneurose sind reine Fälle selten, 
für gewöhnlich sind diese beiden Neurosen mit einer Angstneu- 
rose kombiniert. Dies so häufige Vorkommen von gemischten 
Neurosen rührt daher, daß deren ätiologische Momente sich so 
häufig vermengen; bald nur zufälligerweise, bald infolge von kau- 
salen Beziehungen zwischen den Vorgängen, aus denen die ätiologi- 
schen Momente der Neurosen fließen. Dies läßt sich unschwer 
im einzelnen durchführen und erweisen; für die Hysterie folgt 
aber hieraus, daß es kaum möglich ist, sie für die Betrachtung 
aus dem Zusammenhange der Sexualneurosen zu reißen; daß sie 
in der Regel nur eine Seite, einen Aspekt des komplizierten 
neurotischen Falles darstellt, und daß sie nur gleichsam im Grenz- 
falle als isolierte Neurose gefunden und behandelt werden kann. 
Man darf etwa in einer Reihe von Fällen sagen: a potiori fit 
denominatio. 

Ich will die hier mitgeteilten Krankengeschichten daraufhin 
prüfen, ob sie meiner Auffassung von der klinischen Unselbständig- 
keit der Hysterie das Wort reden. Anna O., die Kranke Breuers, 
scheint dem zu widersprechen und eine rein hysterische Erkran- 
kung zu erläutern. Allein dieser Fall, der so fruchtbar für die 
Erkenntnis der Hysterie geworden ist, wurde von seinem Beob- 
achter gar nicht unter den Gesichtspunkt der Sexualneurose ge- 
bracht und ist heute einfach für diesen nicht zu verwerten. Als 
ich die zweite Kranke, Frau Emmy v. N., 1 zu analysieren begann, 
lag mir die Erwartung einer Sexualneurose als Boden für die 
Hysterie ziemlich ferne; ich war frisch aus der Schule Charcots 
gekommen und betrachtete die Verknüpfung einer Hysterie mit 
dem Thema der Sexualität als eine Art von Schimpf — ähnlich 
wie die Patientinnen selbst es pflegen. Wenn ich heute meine 



1) [In dieser Gesamtausgabe als Fall A bezeichnet. Der oben erwähnte Fall Anna O. 
die Breuersche Krankengeschichte, ist hier weggelassen worden; siehe die biblio- 
graphische Notiz auf S. 2.] 



184 



Studien über Hysterie 



Notizen über diesen Fall überblicke, ist es mir ganz unzweifel- 
haft, daß ich einen Fall einer schweren Angstneurose mit ängst- 
licher Erwartung und Phobien anerkennen muß, die aus der 
sexuellen Abstinenz stammte und sich mit Hysterie kombiniert 
hatte. 

Fall B, der Fall der Miß Lucy R., ist vielleicht am ehesten ein 
Grenzfall von reiner Hysterie zu nennen, es ist eine kurze, episo- 
disch verlaufende Hysterie bei unverkennbar sexueller Ätiologie, 
wie sie einer Angstneurose entsprechen würde ; ein überreifes, 
liebebedürftiges Mädchen, dessen Neigung zu rasch durch ein 
Mißverständnis erweckt wird. Allein die Angstneurose war nicht 
nachzuweisen oder ist mir entgangen. Fall C, Katharina, ist ge- 
radezu ein Vorbild dessen, was ich virginale Angst genannt habe; 
es ist eine Kombination von Angstneurose und Hysterie; die erstere 
schafft die Symptome, die letztere wiederholt sie und arbeitet mit 
ihnen. Übrigens ein typischer Fall für so viele, „Hysterie" genannte, 
jugendliche Neurosen. Fall D, der des Fräuleins Elisabeth v. R., 
ist wiederum nicht als Sexualneurose erforscht; einen Verdacht, 
daß eine Spinalneurasthenie die Grundlage gebildet habe, konnte 
ich nur äußern und nicht bestätigen. Ich muß aber hinzufügen, 
seither sind die reinen Hysterien in meiner Erfahrung noch seltener 
geworden; wenn ich diese vier Fälle als Hysterie zusammenstellen 
und bei ihrer Erörterung von den für Sexualneurosen maßgeben- 
den Gesichtspunkten absehen konnte, so liegt der Grund darin, 
daß es ältere Fälle sind, bei denen ich die absichtliche und drin- 
gende Forschung nach der neurotischen sexualen Unterlage noch 
nicht durchgeführt hatte. Und wenn ich anstatt dieser vier Fälle 
nicht zwölf mitgeteilt habe, aus deren Analyse eine Bestätigung 
des von uns behaupteten psychischen Mechanismus hysterischer 
Phänomene zu gewinnen ist, so nötigte mich zur Enthaltung nur 
der Umstand, daß die Analyse diese Krankheitsfälle gleichzeitig 
als Sexualneurosen enthüllte, obwohl ihnen den „Namen" Hysterie 
gewiß kein Diagnostiker verweigert hätte. Die Aufklärung solcher 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



185 



Sexualneurosen überschreitet aber den Rahmen dieser unserer 
gemeinsamen Veröffentlichung. 

Ich möchte nicht dahin mißverstanden werden, als ob ich die 
Hysterie nicht als selbständige neurotische Affektion gelten lassen 
wollte, als erfaßte ich sie bloß als psychische Äußerung der Angst- 
neurose, als schriebe ich ihr bloß „ideogene" Symptome zu und 
zöge die somatischen Symptome (hysterogene Punkte, Anästhesien) 
zur Angstneurose hinüber. Nichts von alledem 5 ich meine, man 
kann in jeder Hinsicht die von allen Beimengungen gereinigte 
Hysterie selbständig abhandeln, nur nicht in Hinsicht der Therapie. 
Denn bei der Therapie handelt es sich um praktische Ziele, um 
die Beseitigung des gesamten leidenden Zustandes, und wenn die 
Hysterie zumeist als Komponente einer gemischten Neurose vor- 
kommt, so liegt der Fall wohl ähnlich wie bei den Mischinfek- 
tionen, wo die Erhaltung des Lebens sich als Aufgabe stellt, die 
nicht mit der Bekämpfung der Wirkung des einen Krankheits- 
erregers zusammenfällt. 

Es ist mir darum so wichtig, den Anteil der Hysterie an den 
Bildern der gemischten Neurosen von dem der Neurasthenie, Angst- 
neurose usw. zu sondern, weil ich nach dieser Trennung einen 
knappen Ausdruck für den therapeutischen Wert der kathartischen 
Methode geben kann. Ich möchte mich nämlich der Behauptung 
getrauen, daß sie — prinzipiell — sehr wohl imstande ist, jedes 
beliebige hysterische Symptom zu beseitigen, während sie, wie 
leicht ersichtlich, völlig machtlos ist gegen Phänomene der Neur- 
asthenie und nur selten und auf Umwegen die psychischen Folgen 
der Angstneurose beeinflußt. Ihre therapeutische Wirksamkeit wird 
also im einzelnen Falle davon abhängen, ob die hysterische Kom- 
ponente des Krankheitsbildes eine praktisch bedeutsame Stelle im 
Vergleich zu den anderen neurotischen Komponenten beanspruchen 
darf oder nicht. 

Auch eine zweite Schranke ist der Wirksamkeit der kathartischen 
Methode gesetzt, auf welche wir bereits in der „Vorläufigen Mit- 




186 Studien über Hysterie 



teilung" hingewiesen haben. Sie beeinflußt nicht die kausalen 
Bedingungen der Hysterie, kann also nicht verhindern, daß an 
der Stelle der beseitigten Symptome neue entstehen. Im ganzen 
also muß ich für unsere therapeutische Methode einen hervor- 
ragenden Platz innerhalb des Rahmens einer Therapie der Neu- 
rosen beanspruchen, möchte aber davon abraten, sie außerhalb 
dieses Zusammenhanges zu würdigen oder in Anwendung zu ziehen. 
Da ich an dieser Stelle eine „Therapie der Neurosen", wie sie 
dem ausübenden Arzte vonnöten wäre, nicht geben kann, stellen 
sich die vorstehenden Äußerungen einer aufschiebenden Verweisung 
auf etwaige spätere Mitteilungen gleich; doch meine ich, zur 
Ausführung und Erläuterung noch folgende Bemerkungen an- 
schließen zu können: 

i) Ich behaupte nicht, daß ich sämtliche hysterische Symptome, 
die ich mit der kathartischen Methode zu beeinflussen übernahm, 
auch wirklich beseitigt habe. Aber ich meine, die Hindernisse 
lagen an persönlichen Umständen der Fälle und waren nicht 
prinzipieller Natur. Ich darf diese Fälle von Mißglücken bei einer 
Urteilsfällung außer Betracht lassen, wie der Chirurg Fälle von 
Tod in der Narkose, durch Nachblutung, zufällige Sepsis u. dgl. 
bei der Entscheidung über eine neue Technik beiseite schiebt. 
Wenn ich später von den Schwierigkeiten und Übelständen des 
Verfahrens handeln werde, sollen die Mißerfolge solcher Herkunft 
nochmals gewürdigt werden. 

2) Die kathartische Methode wird darum nicht wertlos, weil 
sie eine symptomatische und keine kausale ist. Denn eine 
kausale Therapie ist eigentlich zumeist nur eine prophylaktische, 
sie sistiert die weitere Einwirkung der Schädlichkeit, beseitigt aber 
damit nicht notwendig, was die Schädlichkeit bisher an Produkten 
ergeben hat. Es bedarf in der Regel noch einer zweiten Aktion, 
welche die letztere Aufgabe löst, und für diesen Zweck ist im 
Falle der Hysterie die kathartische Methode geradezu unübertreff- 
lich brauchbar. 



<l 



ll 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



187 



)) Wo eine Periode hysterischer Produktion, ein akuter hysteri- 
scher Paroxysmus, überwunden ist und nur noch die hysterischen 
Symptome als Resterscheinungen erübrigen, da genügt die kathar- 
tische Methode allen Indikationen und erzielt volle und dauernde 
Erfolge. Eine solche günstige Konstellation für die Therapie ergibt 
sich nicht selten gerade auf dem Gebiete des Geschlechtslebens, 
infolge der großen Schwankungen in der Intensität des sexuellen 
Bedürfnisses und der Komplikation der für ein sexuelles Trauma 
erforderten Bedingungen. Hier leistet die kathartische Methode 
alles, was man ihr zur Aufgabe stellen kann, denn der Arzt kann 
sich nicht vorsetzen wollen, eine Konstitution wie die hysterische 
zu ändern; er muß sich damit bescheiden, wenn er das Leiden 
beseitigt, zu dem eine solche Konstitution geneigt ist und das unter 
Mithilfe äußerer Bedingungen aus ihr entspringen kann. Er wird 
zufrieden sein, wenn die Kranke wieder leistungsfähig geworden 
ist. Übrigens entbehrt er auch eines Trostes für die Zukunft nicht, 
wenn er die Möglichkeit der Rezidive in Betracht zieht. Er kennt den 
Hauptcharakter in der Ätiologie der Neurosen, daß deren Entstehung 
zumeist überdeterminiert ist, daß mehrere Momente zu dieser 
Wirkung zusammentreten müssen; er darf hoffen, daß dieses Zu- 
sammentreffen nicht sobald wieder statthaben wird, wenn auch 
einzelne der ätiologischen Momente in Wirksamkeit geblieben sind. 
Man könnte einwenden, daß in solchen abgelaufenen Fällen 
von Hysterie die restierenden Symptome ohnedies spontan ver- 
gehen; allein hierauf darf man antworten, daß solche Spontan- 
heilung sehr häufig weder rasch noch vollständig genug abläuft, 
und daß sie durch das Eingreifen der Therapie außerordentlich 
gefördert werden kann. Ob man mit der kathartischen Therapie 
nur das heilt, was der Spontanheilung fähig ist, oder gelegentlich 
auch anderes, was sich spontan nicht gelöst hätte, das darf man 
für jetzt gerne ungeschlichtet lassen. 

4) Wo man auf eine akute Hysterie gestoßen ist, einen Fall 
in der Periode lebhaftester Produktion von hysterischen Symptomen 



i88 



Studien über Hysterie 



und konsekutiver Überwältigung des Ichs durch die Krankheits 
produkte (hysterische Psychose), da wird auch die kathartische 
Methode am Eindrucke und Verlaufe des Krankheitsfalles wenig 
ändern. Man befindet sich dann wohl in derselben Stellung gegen 
die Neurose, welche der Arzt gegen eine akute Infektionskrank- 
heit einnimmt. Die ätiologischen Momente haben zu einer ver- 
flossenen, jetzt der Beeinflussung entzogenen Zeit ihre Wirkung 
in genügendem Ausmaße geübt, nun werden dieselben nach Über- 
windung des Inkubationsinteryalls manifest; die Affektion läßt 
sich nicht abbrechen; man muß ihren Ablauf abwarten und 
unterdes die günstigsten Bedingungen für den Kranken herstellen. 
Beseitigt man nun während einer solchen akuten Periode die 
Krankheitsprodukte, die neu entstandenen hysterischen Symptome, 
so darf man sich darauf gefaßt machen, daß die beseitigten als- 
bald durch neue ersetzt werden. Der verstimmende Eindruck 
einer Danaidenarbeit, einer „Mohrenwäsche" wird dem Arzte 
nicht erspart bleiben, der riesige Aufwand von Mühe, die Unbe- 
friedigung der Angehörigen, denen die Vorstellung der notwen- 
digen Zeitdauer einer akuten Neurose kaum so vertraut sein 
wird wie im analogen Falle einer akuten Infektionskrankheit, 
dies und anderes wird wahrscheinlich die konsequente An- 
wendung der kathartischen Methode im angenommenen Falle 
meist unmöglich machen. Doch bleibt es sehr in Erwägung 
zu ziehen, ob nicht auch bei einer akuten Hysterie die jedes- 
malige Beseitigung der Krankheitsprodukte einen heilenden Ein- 
fluß übt, indem sie das mit der Abwehr beschäftigte normale 
Ich des Kranken unterstützt und es vor der Überwältigung, vor 
dem Verfalle in Psychose, vielleicht in endgültige Verworrenheit 
bewahrt. 

Was die kathartische Methode auch bei akuter Hysterie zu 
leisten vermag, und daß sie selbst die Neuproduktion an krank- 
haften Symptomen in praktisch bemerkbarer Weise einschränkt, 
das erhellt wohl unzweifelhaft aus der Geschichte der Anna O . . ., 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



189 



an welcher Breuer dies psychotherapeutische Verfahren zuerst 

ausüben lernte. 

c) Wo es sich um chronisch verlaufende Hysterien mit mäßiger, 
aber unausgesetzter Produktion von hysterischen Symptomen 
handelt, da lernt man wohl den Mangel einer kausal wirksamen 
Therapie am stärksten bedauern, aber auch die Bedeutung des 
kathartischen Verfahrens als symptomatische Therapie am meisten 
schätzen. Dann hat man es mit der Schädigung durch eine chro- 
nisch fortwirkende Ätiologie zu tun; es kommt alles darauf an, 
das Nervensystem des Kranken in seiner Resistenzfähigkeit zu 
kräftigen, und man muß sich sagen, die Existenz eines hysteri- 
schen Symptoms bedeute für dieses Nervensystem eine Schwächung 
seiner Resistenz und stelle ein zur Hysterie disponierendes Mo- 
ment dar. Wie aus dem Mechanismus der monosymptomatischen 
Hysterie hervorgeht, bildet sich ein neues hysterisches Symptom 
am leichtesten im Anschlüsse und nach Analogie eines bereits 
vorhandenen; die Stelle, wo es bereits einmal „durchgeschlagen" 
hat, 1 stellt einen schwachen Punkt dar, an welchem es auch das 
nächste Mal durchschlagen wird; die einmal abgespaltene psychische 
Gruppe spielt die Rolle des provozierenden Kristalls, von dem mit 
großer Leichtigkeit eine sonst unterbliebene Kristallisation ausgeht. 
Die bereits vorhandenen Symptome beseitigen, die ihnen zugrunde 
liegenden psychischen Veränderungen aufheben, heißt den Kranken 
das volle Maß ihrer Resistenzfähigkeit wiedergeben, mit dem sie 
erfolgreich der Einwirkung der Schädlichkeit widerstehen können. 
Man kann solchen Kranken durch länger fortgesetzte Überwachung 
und zeitweiliges „chimney sweeping" 2 sehr viel leisten. 

6) Ich hätte noch des scheinbaren Widerspruches zu gedenken, 
der sich zwischen dem Zugeständnisse, daß nicht alle hysterischen 

1) Vgl. Breuers in diese Gesamtausgabe nicht aufgenommene Arbeit „Theoreti- 
sches" in der Originalausgabe der „Studien über Hysterie von J. Breuer und Sigm. 
Freud", 4. Aufl., S. 177. 

2) Vgl. Breuers in diese Gesamtausgabe nicht aufgenommene Krankengeschichte 
„Frl. Anna O . . ." in der Originalausgabe der „Studien über Hysterie", 4. Aufl., S. 25. 



igo 



Studien über Hysterie 



Symptome psychogen seien, und der Behauptung, daß man sie 
alle durch ein psychotherapeutisches Verfahren beseitigen könne, 
erhebt. Die Lösung liegt darin, daß ein Teil dieser nicht 
psychogenen Symptome zwar Krankheitszeichen darstellt, aber nicht 
als Leiden bezeichnet werden darf, so die Stigmata; es macht sich 
also praktisch nicht bemerkbar, wenn sie die therapeutische Er- 
ledigung des Krankheitsfalles überdauern. Für andere solche Sym- 
ptome scheint zu gelten, daß sie auf irgend einem Umwege von 
den psychogenen Symptomen mitgerissen werden, wie sie ja wohl 
auch auf irgend einem Umwege doch von psychischer Verur- 
sachung abhängen. 

Ich habe nun der Schwierigkeiten und Übelstände unseres 
therapeutischen Verfahrens zu gedenken, soweit diese nicht aus 
den vorstehenden Krankengeschichten oder aus den folgenden 
Bemerkungen über die Technik der Methode jedermann ein- 
leuchten können. — Ich will mehr aufzählen und andeuten als 
ausführen: Das Verfahren ist mühselig und zeitraubend für den 
Arzt, es setzt ein großes Interesse für psychologische Vorkomm- 
nisse und doch auch persönliche Teilnahme für den Kranken bei 
ihm voraus. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß ich es zustande 
brächte, mich in den psychischen Mechanismus einer Hysterie 
bei einer Person zu vertiefen, die mir gemein und widerwärtig 
vorkäme, die nicht bei näherer Bekanntschaft imstande wäre, 
menschliche Sympathie zu erwecken, während ich doch die Be- 
handlung eines Tabikers oder Rheumatikers unabhängig von 
solchem persönlichen Wohlgefallen halten kann. Nicht mindere 
Bedingungen werden von sehen der Kranken erfordert. Unterhalb 
eines gewissen Niveaus von Intelligenz ist das Verfahren über- 
haupt nicht anwendbar, durch jede Beimengung von Schwachsinn 
wird es außerordentlich erschwert. Man braucht die volle Ein- 
willigung, die volle Aufmerksamkeit der Kranken, vor allem aber 
ihr Zutrauen, da die Analyse regelmäßig auf die intimsten und 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



191 



geheimst gehaltenen psychischen Vorgänge führt. Ein guter Teil 
der Kranken, die für solche Behandlung geeignet wären, entzieht 
sich dem Arzte, sobald ihnen die Ahnung aufdämmert, nach 
welcher Richtung sich dessen Forschung bewegen wird. Für diese 
ist der Arzt ein Fremder geblieben. Bei anderen, die sich ent- 
schlossen haben, sich dem Arzte zu überliefern und ihm ein 
Vertrauen einzuräumen, wie es sonst nur freiwillig gewährt, aber 
nie gefordert wird, bei diesen anderen, sage ich, ist es kaum zu 
vermeiden, daß nicht die persönliche Beziehung zum Arzte sich 
wenigstens eine Zeitlang ungebührlich in den Vordergrund drängt; 
ja, es scheint, als ob eine solche Einwirkung des Arztes die Be- 
dingung sei, unter welcher die Lösung des Problems allein ge- 
stattet ist. Ich meine nicht, daß es an diesem Sachverhalt etwas 
Wesentliches ändert, ob man sich der Hypnose bedienen konnte 
oder dieselbe umgehen und ersetzen mußte. Nur fordert die 
Billigkeit, hervorzuheben, daß diese Übelstände, obwohl unzer- 
trennlich von unserem Verfahren, doch nicht diesem zur Last 
gelegt werden können. Es ist vielmehr recht einsichtlich, daß sie 
in den Vorbedingungen der Neurosen, die geheilt werden sollen, 
begründet sind, und daß sie sich an jede ärztliche Tätigkeit heften 
werden, die mit einer intensiven Bekümmerung um den Kranken 
einhergeht und eine psychische Veränderung in ihm herbeiführt. 
Auf die Anwendung der Hypnose konnte ich keinen Schaden und 
keine Gefahr zurückführen, so ausgiebigen Gebrauch ich auch in 
einzelnen Fällen von diesem Mittel machte. Wo ich Schaden an- 
gestiftet habe, lagen die Gründe anders und tiefer. Überblicke ich 
die therapeutischen Bemühungen dieser Jahre, seitdem mir die Mit- 
teilungen meines verehrten Lehrers und Freundes J. Breuer die 
kathartische Methode in die Hand gegeben haben, so meine ich, 
ich habe, weit mehr und häufiger als geschadet, doch genützt und 
manches zustande gebracht, wozu sonst kein therapeutisches Mittel 
gereicht hätte. Es war im ganzen, wie es die „Vorläufige Mit- 
teilung" ausdrückt, „ein bedeutender therapeutischer Gewinn". 




Noch einen Gewinn bei Anwendung dieses Verfahrens muß 
ich hervorheben. Ich weiß mir einen schweren Fall von kom- 
plizierter Neurose mit viel oder wenig Beimengung von Hysterie 
nicht besser zurechtzulegen, als indem ich ihn einer Analyse mit 
der Breuerschen Methode unterziehe. Dabei geht zunächst weg, 
was den hysterischen Mechanismus zeigt; den Rest von Erschei- 
nungen habe ich unterdes bei dieser Analyse deuten und auf 
seine Ätiologie zurückführen gelernt und habe so die Anhalts- 
punkte dafür gewonnen, was von dem Rüstzeuge der Neurosen- 
therapie im betreffenden Falle angezeigt ist. Wenn ich an die 
gewöhnliche Verschiedenheit zwischen meinem Urteile über einen 
Fall von Neurose vor und nach einer solchen Analyse denke, 
gerate ich fast in Versuchung, diese Analyse für unentbehrlich 
zur Kenntnis einer neurotischen Erkrankung zu halten. Ich habe 
mich ferner daran gewöhnt, die Anwendung der kathartischen 
Psychotherapie mit einer Liegekur zu verbinden, die nach Be- 
dürfnis zur vollen Weir-Mitchellschen Mastkur ausgestaltet wird. 
Ich habe dabei den Vorteil, daß ich so einerseits die während 
einer Psychotherapie sehr störende Einmengung neuer psychischer 
Eindrücke vermeide, anderseits die Langweile der Mastkur, in 
der die Kranken nicht selten in ein schädliches Träumen ver- 
fallen, ausschließe. Man sollte erwarten, daß die oft sehr erheb- 
liche psychische Arbeit, die man während einer kathartischen Kur 
den Kranken aufbürdet, die Erregungen infolge der Reproduktion 
traumatischer Erlebnisse, dem Sinne der Weir-Mitchellschen 
Ruhekur zuwiderliefe und die Erfolge verhinderte, die man von 
ihr zu sehen gewohnt ist. Allein das Gegenteil trifft zu; man 
erreicht durch solche Kombinationen der Breuerschen mit der 
Weir-Mitchellschen Therapie alle körperliche Aufbesserung, die 
man von letzterer erwartet, und so weitgehende psychische Be- 
einflussung, wie sie ohne Psychotherapie be 1 ' der Ruhekur niemals 
zustande kommt. 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



193 



Ich knüpfe nun an meine früheren Bemerkungen an, bei 
meinen Versuchen, die Breu ersehe Methode im größeren Um- 
fange anzuwenden, sei ich an die Schwierigkeit geraten, daß eine 
Anzahl von Kranken nicht in Hypnose zu versetzen war, obwohl 
die Diagnose auf Hysterie lautete und die Wahrscheinlichkeit 
für die Geltung des von uns beschriebenen psychischen Mecha- 
nismus sprach. Ich bedurfte ja der Hypnose zur Erweiterung des 
Gedächtnisses, um die im gewöhnlichen Bewußtsein nicht vor- 
handenen pathogenen Erinnerungen zu finden, mußte also ent- 
weder auf solche Kranke verzichten oder diese Erweiterung auf 
andere Weise zu erreichen suchen. 

Woran es liegt, daß der eine hypnotisierbar ist, der andere 
nicht, das wußte ich mir ebensowenig wie andere zu deuten, 
konnte also einen kausalen Weg zur Beseitigung der Schwierig- 
keit nicht einschlagen. Ich merkte nur, daß bei manchen Patienten 
das Hindernis noch weiter zurück lag$ sie weigerten sich bereits 
des Versuches zur Hypnose. Ich kam dann einmal auf den Einfall, 
daß beide Fälle identisch sein mögen und beide ein Nichtwollen 
bedeuten können. Nicht hypnotisierbar sei derjenige, der ein psy- 
chisches Bedenken gegen die Hypnose hat, gleichgültig, ob er es 
als Nichtwollen äußert oder nicht. Ich bin mir nicht klar geworden, 
ob ich diese Auffassung festhalten darf. 

Es galt aber, die Hypnose zu umgehen und doch die patho- 
genen Erinnerungen zu gewinnen. Dazu gelangte ich auf fol- 
gende Weise: 

Wenn ich bei der ersten Zusammenkunft meine Patienten 
fragte, ob sie sich an den ersten Anlaß des betreffenden Symptoms 
erinnerten, so sagten die einen, sie wüßten nichts, die anderen 
brachten irgend etwas bei, was sie als eine dunkle Erinnerung 
bezeichneten und nicht weiter verfolgen konnten. Wenn ich nun 
nach dem Beispiele von Bernheim bei der Erweckung der an- 



Freud, I. 



15 



194 



Studien über Hysterie 



geblich vergessenen Eindrücke aus dem Somnambulismus dringlich 
wurde, beiden versicherte, sie wüßten es, sie würden sich be- 
sinnen usw. (vgl. S. 95), so fiel den einen doch etwas ein, und 
bei anderen griff die Erinnerung um ein Stück weiter. Nun wurde 
ich noch dringender, hieß die Kranken sich niederlegen und die 
Augen willkürlich schließen, um sich zu „konzentrieren", was 
wenigstens eine gewisse Ähnlichkeit mit der Hypnose ergab, und 
machte da die Erfahrung, daß ohne alle Hypnose neue und weiter 
zurückreichende Erinnerungen auftauchten, die wahrscheinlich zu 
unserem Thema gehörten. Durch solche Erfahrungen gewann ich 
den Eindruck, es würde in der Tat möglich sein, die doch 
sicherlich vorhandenen pathogenen Vorstellungsreihen durch bloßes 
Drängen zum Vorschein zu bringen, und da dieses Drängen mich 
Anstrengung kostete und mir die Deutung nahelegte, ich hätte 
einen Widerstand zu überwinden, so setzte sich mir der Sach- 
verhalt ohneweiters in die Theorie um, daß ich durch meine 
psychische Arbeit eine psychische Kraft bei dem Patienten 
zu überwinden habe, die sich dem Bewußtwerden (Er- 
innern) der pathogenen Vorstellungen widersetze. Ein 
neues Verständnis schien sich mir nun zu eröffnen, als mir einfiel, 
dies dürfte wohl dieselbe psychische Kraft sein, die bei der Ent- 
stehung des hysterischen Symptoms mitgewirkt und damals das 
Bewußtwerden der pathogenen Vorstellung verhindert habe. Was 
für Kraft war da wohl als wirksam anzunehmen und welches 
Motiv konnte sie zur Wirkung gebracht haben? Ich konnte mir 
leicht eine Meinung hierüber bilden ; es standen mir ja bereits 
einige vollendete Analysen zu Gebote, in denen ich Beispiele von 
pathogenen, vergessenen und außer Bewußtsein gebrachten Vor- 
stellungen kennen gelernt hatte. Aus diesen ersah ich einen all- 
gemeinen Charakter solcher Vorstellungen; sie waren sämtlich 
peinlicher Natur, geeignet, die Affekte der Scham, des Vorwurfes, 
des psychischen Schmerzes, die Empfindung der Beeinträchtigung 
hervorzurufen, sämtlich von der Art, wie man sie gerne nicht 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



195 



erlebt haben möchte, wie man sie am liebsten vergißt. Aus alledem 
ergab sich wie von selbst der Gedanke der Abwehr. Es wird 
ja von den Psychologen allgemein zugegeben, daß die Annahme 
einer neuen Vorstellung (Annahme im Sinne des Glaubens, des 
Zuerkennens von Realität) von der Art und Richtung der bereits 
im Ich vereinigten Vorstellungen abhängt, und sie haben für den 
Vorgang der Zensur, dem die neu anlangende unterliegt, beson- 
dere technische Namen geschaffen. An das Ich des Kranken war 
eine Vorstellung herangetreten, die sich als unverträglich erwies, 
die eine Kraft der Abstoßung von Seiten des Ichs wachrief, deren 
Zweck die Abwehr dieser unverträglichen Vorstellung war. Diese 
Abwehr gelang tatsächlich, die betreffende Vorstellung war aus 
dem Bewußtsein und aus der Erinnerung gedrängt, ihre psychi- 
sche Spur war anscheinend nicht aufzufinden. Doch mußte diese 
Spur vorhanden sein. Wenn ich mich bemühte, die Aufmerksam- 
keit auf sie zu lenken, bekam ich dieselbe Kraft als Widerstand 
zu spüren, die sich bei der Genese des Symptoms als Abstoßung 
gezeigt hatte. Wenn ich nun wahrscheinlich machen konnte, daß 
die Vorstellung gerade infolge der Ausstoßung und Verdrängung 
pathogen geworden war, so schien die Kette geschlossen. Ich habe 
in mehreren Epikrisen unserer Krankengeschichten und in einer 
kleinen Arbeit über die Abwehrneuropsychosen (1894) versucht, 
die psychologischen Hypothesen anzudeuten, mit deren Hilfe man 
auch diesen Zusammenhang — die Tatsache der Konversion — 
anschaulich machen kann. 

Also eine psychische Kraft, die Abneigung des Ichs, hatte ur- 
sprünglich die pathogene Vorstellung aus der Assoziation gedrängt . 
und widersetzte sich ihrer Wiederkehr in der Erinnerung. Das 
Nichtwissen der Hysterischen war also eigentlich ein — mehr 
oder minder bewußtes Nichtwissenwollen, und die Aufgabe des 
Therapeuten bestand darin, diesen Assoziationswiderstand durch 
psychische Arbeit zu überwinden. Solche Leistung erfolgt zuerst 
durch „Drängen", Anwendung eines psychischen Zwanges, um 

13* 



ig6 



Studien über Hysterie 



die Aufmerksamkeit der Kranken auf die gesuchten Vorstellungs- 
spuren zu lenken. Sie ist aber damit nicht erschöpft, sondern 
nimmt, wie ich zeigen werde, im Verlaufe einer Analyse andere 
Formen an und ruft weitere psychische Kräfte zur Hilfe. 

Ich verweile zunächst noch beim Drängen. Mit dem einfachen 
Versichern: Sie wissen es ja, sagen Sie es doch, es wird Ihnen 
gleich einfallen, kommt man noch nicht sehr weit. Nach wenigen 
Sätzen reißt auch bei dem in der „Konzentration" befindlichen 
Kranken der Faden ab. Man darf aber nicht vergessen, daß es 
sich hier überall um quantitative Vergleichung, um den Kampf 
zwischen verschieden starken oder intensiven Motiven handelt. 
Dem „Assoziationswiderstande" bei einer ernsthaften Hysterie ist 
das Drängen des fremden und der Sache unkundigen Arztes an 
Macht nicht gewachsen. Man muß auf kräftigere Mittel sinnen. 

Da bediene ich mich denn zunächst eines kleinen technischen 
Kunstgriffes. Ich teile dem Kranken mit, daß ich im nächsten 
Momente einen Druck auf seine Stirne ausüben werde, versichere 
ihm, daß er während dieses ganzen Druckes eine Erinnerung als 
Bild vor sich sehen oder als Einfall in Gedanken haben werde, 
und verpflichte ihn dazu, dieses Bild oder diesen Einfall mir 
mitzuteilen, was immer das sein möge. Er dürfe es nicht für 
sich behalten, weil er etwa meine, es sei nicht das Gesuchte, das 
Richtige, oder weil es ihm zu unangenehm sei, es zu sagen. 
Keine Kritik, keine Zurückhaltung, weder aus Affekt noch aus 
Geringschätzung! Nur so könnten wir das Gesuchte finden, so 
fänden wir es aber unfehlbar. Dann drücke ich für ein paar 
Sekunden auf die Stirn des vor mir liegenden Kranken, lasse sie 
frei und frage ruhigen Tones, als ob eine Enttäuschung ausge- 
schlossen wäre: Was haben Sie gesehen? oder: Was ist Ihnen 
eingefallen? 

Dieses Verfahren hat mich viel gelehrt und auch jedesmal zum 
Ziele geführt; ich kann es heute nicht mehr entbehren. Ich weiß 
natürlich, daß ich solchen Druck auf die Stirne durch irgend ein 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



197 



anderes Signal oder eine andere körperliche Beeinflussung des 
Kranken ersetzen könnte, aber wie der Kranke vor mir liegt, 
ergibt sich der Druck auf die Stirne oder das Fassen seines Kopfes 
zwischen meinen beiden Händen als das Suggestivste und Be- 
quemste, was ich zu diesem Zwecke vornehmen kann. Zur Er- 
klärung der Wirksamkeit dieses Kunstgriffes könnte ich etwa 
sagen, er entspreche einer „momentan verstärkten Hypnose", allein 
der Mechanismus der Hypnose ist mir so rätselhaft, daß ich mich 
zur Erläuterung nicht auf ihn beziehen möchte. Ich meine eher, 
der Vorteil des Verfahrens liege darin, daß ich hiedurch die Auf- 
merksamkeit des Kranken von seinem bewußten Suchen und 
Nachdenken, kurz von alledem, woran sich sein Wille äußern 
kann, dissoziiere, ähnlich wie es sich wohl beim Starren in eine 
kristallene Kugel u. dgl. vollzieht. Die Lehre aber, die ich daraus 
ziehe, daß sich unter dem Drucke meiner Hand jedesmal das 
einstellt, was ich suche, die lautet: Die angeblich vergessene 
pathogene Vorstellung liege jedesmal „in der Nähe" bereit, sei 
durch leicht zugängliche Assoziationen erreichbar 5 es handle sich 
nur darum, irgend ein Hindernis wegzuräumen. Dieses Hindernis 
scheint wieder der Wille der Person zu sein, und ver- 
schiedene Personen lernen es verschieden leicht, sich ihrer Ab- 
sichtlichkeit zu entäußern und sich vollkommen objektiv beob- 
achtend gegen die psychischen Vorgänge in ihnen zu verhalten. 
Es ist nicht immer eine „vergessene" Erinnerung, die unter 
dem Drucke der Hand auftaucht; in den seltensten Fällen liegen 
die eigentlich pathogenen Erinnerungen so oberflächlich auffindbar. 
Weit häufiger taucht eine Vorstellung auf, die ein Mittelglied 
zwischen der Ausgangsvorstellung und der gesuchten pathogenen 
in der Assoziationskette ist, oder eine Vorstellung, die den Aus- 
gangspunkt einer neuen Reihe von Gedanken und Erinnerungen 
bildet, an deren Ende die pathogene Vorstellung steht. Der Druck 
hat dann zwar nicht die pathogene Vorstellung enthüllt — die 
übrigens ohne Vorbereitung, aus dem Zusammenhange gerissen, 



i 9 8 



Studien über Hysterie 



unverständlich wäre — , aber er hat den Weg zu ihr gezeigt, die 
Richtung angegeben, nach welcher die Forschung fortzuschreiten 
hat. Die durch den Druck zunächst geweckte Vorstellung kann 
dabei einer wohlbekannten, niemals verdrängten Erinnerung ent- 
sprechen. Wo auf dem Wege zur pathogenen Vorstellung der 
Zusammenhang wieder abreißt, da bedarf es nur einer Wieder- 
holung der Prozedur, des Druckes, um neue Orientierung und 
Anknüpfung zu schaffen. 

In noch anderen Fällen weckt man durch den Druck der Hand 
eine Erinnerung, die, an sich dem Kranken wohl bekannt, ihn 
doch durch ihr Erscheinen in Verwunderung setzt, weil er ihre 
Beziehung zur Ausgangsvorstellung vergessen hat. Im weiteren 
Verlaufe der Analyse wird diese Beziehung dann erwiesen. Aus 
all diesen Ergebnissen des Drückens erhält man den täuschenden 
Eindruck einer überlegenen Intelligenz außerhalb des Bewußtseins 
des Kranken, die ein großes psychisches Material zu bestimmten 
Zwecken geordnet hält und ein sinnvolles Arrangement für 
dessen Wiederkehr ins Bewußtsein getroffen hat. Wie ich ver- 
mute, ist diese unbewußte zweite Intelligenz doch nur ein An- 
schein. 

In jeder komplizierteren Analyse arbeitet man wiederholt, ja 
eigentlich fortwährend, mit Hilfe dieser Prozedur (des Druckes 
auf die Stirne), welche bald von dort aus, wo die wachen Zurück- 
führungen des Patienten abbrechen, den weiteren Weg über be- 
kannt gebliebene Erinnerungen anzeigt, bald auf Zusammenhänge 
aufmerksam macht, die in Vergessenheit geraten sind, dann Er- 
innerungen hervorruft und anreiht, welche seit vielen Jahren der 
Assoziation entzogen waren, aber noch als Erinnerungen erkannt 
werden können, und endlich als höchste Leistung der Reproduk- 
tion Gedanken auftauchen läßt, die der Kranke niemals als die 
seinigen anerkennen will, die er nicht erinnert, obwohl er zu- 
gesteht, daß sie von dem Zusammenhange unerbittlich gefordert 
werden, und während er sich überzeugt, daß gerade diese Vor- 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



199 



Stellungen den Abschluß der Analyse und das Aufhören der Sym- 
ptome herbeiführen. 

Ich will versuchen, einige Beispiele von den ausgezeichneten 
Leistungen dieses technischen Verfahrens aneinanderzureihen: Ich 
behandelte ein junges Mädchen mit einer unausstehlichen, seit 
sechs Jahren fortgeschleppten Tussis nervosa, die offenbar aus 
jedem gemeinen Katarrh Nahrung zog, aber doch ihre starken 
psychischen Motive haben mußte. Jede andere Therapie hatte 
sich längst ohnmächtig gezeigt; ich versuche also das Symptom 
auf dem Wege der psychischen Analyse aufzuheben. Sie weiß 
nur, daß ihr nervöser Husten begann, als sie, vierzehn Jahre alt, 
bei einer Tante in Pension war; von psychischen Erregungen in 
jener Zeit will sie nichts wissen, sie glaubt nicht an eine Moti- 
vierung des Leidens. Unter dem Drucke meiner Hand erinnert 
sie sich zuerst an einen großen Hund. Sie erkennt dann das Er- 
innerungsbild, es war ein Hund ihrer Tante, der sich ihr anschloß, 
sie überallhin begleitete u. dgl. Ja, und jetzt fällt ihr, ohne wei- 
tere Nachhilfe, ein, daß dieser Hund gestorben, daß die Kinder 
ihn feierlich begraben haben und daß auf dem Rückwege von 
diesem Begräbnisse ihr Husten aufgetreten ist. Ich frage, warum, 
muß aber wieder durch den Druck nachhelfen; da stellt sich 
denn der Gedanke ein: Jetzt bin ich ganz allein auf der Welt. 
Niemand liebt mich hier, dieses Tier war mein einziger Freund, 
und den habe ich jetzt verloren. — Sie setzt nun die Erzählung 
fort: Der Husten verschwand, als ich von der Tante wegkam, 
trat aber eineinhalb Jahre später wieder auf. ■ — Was war da der 
Grund? — Ich weiß nicht. — Ich drücke wieder; sie erinnert 
sich an die Nachricht vom Tode ihres Onkels, bei welcher der 
Husten wieder ausbrach, und an einen ähnlichen Gedankengang. 
Der Onkel war angeblich der einzige in der Familie gewesen, 
der ein Herz für sie gehabt, der sie geliebt hatte. Dies war nun 
die pathogene Vorstellung: Man liebe sie nicht, man ziehe ihr 
jeden anderen vor, sie verdiene es auch nicht, geliebt zu werden u. dgl. 



Studien über Hysterie 



An der Vorstellung der „Liebe" aber haftete etwas, bei dessen 
Mitteilung sich ein arger Widerstand erhob. Die Analyse brach 
noch vor der Klärung ab. 



Vor einiger Zeit sollte ich eine ältere Dame von ihren Angst- 
anfällen befreien, die nach ihren Charaktereigenschaften kaum für 
derartige Beeinflussung geeignet war. Sie war seit der Menopause 
übermäßig fromm geworden und empfing mich jedesmal wie, den 
Gottseibeiuns, mit einem kleinen elfenbeinernen Kruzifix be- 
waffnet, das sie in der Hand verbarg. Ihre Angstanfälle, die hyste- 
rischen Charakter trugen, reichten in frühe Mädchenjahre zurück 
und rührten angeblich von dem Gebrauch eines Jodpräparates 
her, mit welchem eine mäßige Schwellung der Thyreoidea rück- 
gängig gemacht werden sollte. Ich verwarf natürlich diese^Her- 
leitung und suchte sie durch eine andere zu ersetzen, die mit 
meinen Anschauungen über die Ätiologie neurotischer Symptome 
besser in Einklang stand. Auf die erste Frage nach einem Ein- 
drucke aus der Jugend, der mit den Angstanfällen in kausalem 
Zusammenhange stünde, tauchte unter dem Drucke meiner Hand 
die Erinnerung an die Lektüre eines sogenannten Erbauungs- 
buches auf, in dem eine, pietistisch genug gehaltene Erwähnung 
der Sexualvorgänge zu finden war. Die betreffende Stelle machte 
auf das Mädchen einen der Intention des Autors entgegengesetzten 
Eindruck; sie brach in Tränen aus und schleuderte das Buch von 
sich. Dies war vor dem ersten Angstanfalle. Ein zweiter Druck 
auf die Stirn der Kranken beschwor eine nächste Reminiszenz 
herauf, die Erinnerung an einen Erzieher der Brüder, der ihr 
große Ehrfurcht bezeugt und für den sie selbst eine wärmere 
Empfindung verspürt hatte. Diese Erinnerung gipfelte in der Re- 
produktion eines Abends im elterlichen Hause, an dem sie alle 
mit dem jungen Manne um den Tisch herum saßen und sich 
im anregenden Gespräche so köstlich unterhielten. In der Nacht, 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



die auf diesen Abend folgte, weckte sie der erste Angstanfall, der 
wohl mehr mit der Auflehnung gegen eine sinnliche Regung 
als mit dem etwa gleichzeitig gebrauchten Jod zu tun hatte. — 
Auf welche andere Weise hätte ich wohl Aussicht gehabt, bei 
dieser widerspenstigen, gegen mich und jede weltliche Therapie 
eingenommenen Patientin einen solchen Zusammenhang gegen 
ihre eigene Meinung und Behauptung aufzudecken? 



Ein anderes Mal handelte es sich um eine junge, glücklich 
verheiratete Frau, die schon in den ersten Mädchenjahren eine 
Zeitlang jeden Morgen in einem Zustande von Betäubung, mit 
starren Gliedern, offenem Munde und vorgestreckter Zunge ge- 
funden wurde, und die jetzt ähnliche, wenn auch nicht so arge 
Anfälle beim Aufwachen wiederholte. Eine tiefe Hypnose erwies 
sich als unerreichbar; ich begann also mit der Ausforschung im 
Zustande der Konzentration und versicherte ihr beim ersten Drucke, 
sie werde jetzt etwas sehen, was unmittelbar mit den Ursachen 
des Zustandes in der Kindheit zusammenhinge. Sie benahm sich 
ruhig und willig, sah die Wohnung wieder, in der sie die ersten 
Mädchenjahre verbracht hatte, ihr Zimmer, die Stellung ihres 
Bettes, die Großmutter, die damals mit ihnen lebte, und eine 
ihrer Gouvernanten, die sie sehr geliebt hatte. Mehrere kleine 
Szenen in diesen Räumen und zwischen diesen Personen, eigent- 
lich alle belanglos, folgten einander; den Schluß machte der Ab- 
schied der Gouvernante, die vom Hause weg heiratete. Mit diesen 
Reminiszenzen wußte ich nun gar nichts anzufangen, eine Be- 
ziehung derselben zur Ätiologie der Anfälle konnte ich nicht her- 
stellen. Es war allerdings, an verschiedenen Umständen kenntlich, 
die nämliche Zeit, in welcher die Anfälle zuerst erschienen waren. 

Noch ehe ich aber die Analyse fortsetzen konnte, hatte ich 
Gelegenheit, mit einem Kollegen zu sprechen, der in früheren 



202 



Studien über Hysterie 



Jahren Arzt des elterlichen Hauses meiner Patientin gewesen war. 
Von ihm erhielt ich folgende Aufklärung: Zur Zeit, da er das 
reifende, körperlich sehr gut entwickelte Mädchen an jenen ersten 
Anfällen behandelte, fiel ihm die übergroße Zärtlichkeit im Ver- 
kehre zwischen ihr und der im Hause befindlichen Gouvernante 
auf. Er schöpfte Verdacht und veranlaßte die Großmutter, die 
Überwachung dieses Verkehrs zu übernehmen. Nach kurzer Zeit 
konnte die alte Dame ihm berichten, daß die Gouvernante dem Kinde 
nächtliche Besuche im Bette abzustatten pflege, und daß ganz regel- 
mäßig nach solchen Nächten das Kind am Morgen im Anfalle 
gefunden werde. Sie zögerten nun nicht, die geräuschlose Ent- 
fernung dieser Jugendverderberin durchzusetzen. Die Kinder und 
selbst die Mutter wurden in der Meinung erhalten, daß die 
Gouvernante das Haus verlasse, um zu heiraten. 

Die zunächst erfolgreiche Therapie bestand nun darin, daß 
ich der jungen Frau die mir gegebene Aufklärung mitteilte. 



Gelegentlich erfolgen die Aufschlüsse, die man durch die Pro- 
zedur des Drückens erhält, in sehr merkwürdiger Form und unter 
Umständen, welche die Annahme einer unbewußten Intelligenz 
noch verlockender erscheinen lassen. So erinnere ich mich einer 
an Zwangsvorstellungen und Phobien seit vielen Jahren leidenden 
Dame, die mich in betreff der Entstehung ihres Leidens auf ihre 
Kinderjahre verwies, aber auch gar nichts zu nennen wußte, was 
dafür zu beschuldigen gewesen wäre. Sie war aufrichtig und 
intelligent und leistete nur einen bemerkenswert geringen be- 
wußten Widerstand. (Ich schalte hier ein, daß der psychische 
Mechanismus der Zwangsvorstellungen mit dem der hysterischen 
Symptome sehr viel innere Verwandtschaft hat, und daß die 
Technik der Analyse für beide die nämliche ist.) 

Als ich diese Dame fragte, ob sie unter dem Drucke meiner 
Hand etwas gesehen oder eine Erinnerung bekommen habe, ant- 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



203 



wortete sie: Keines von beiden, aber mir ist plötzlich ein Wort 
eingefallen. — Ein einziges Wort? — Ja, aber es klingt zu dumm. — 
Sagen Sie es immerhin. — „Hausmeister." — Weiter nichts? — 
Nein. — Ich drückte zum zweiten Male, und nun kam wieder 
ein vereinzeltes Wort, das ihr durch den Sinn schoß: „Hemd.' 
Ich merkte nun, daß hier eine neuartige Weise Antwort zu geben 
vorliege, und beförderte durch wiederholten Druck eine anschei- 
nend sinnlose Reihe von Worten heraus: Hausmeister — Hemd — 
Bett — Stadt — Leiterwagen. Was soll das heißen? fragte ich. 
Sie sann einen Moment nach, dann fiel ihr ein: Das kann nur 
die eine Geschichte sein, die mir jetzt in den Sinn kommt. Wie 
ich zehn Jahre alt war und meine nächstälteste Schwester zwölf, 
da bekam sie einmal in der Nacht einen Tobsuchtsanfall und 
mußte gebunden und auf einem Leiterwagen in die Stadt ge- 
führt werden. Ich weiß es genau, daß es der Hausmeister war, 
der sie überwältigte und auch dann in die Anstalt begleitete. — 
Wir setzten nun diese Art der Forschung fort und bekamen von 
unserem Orakel andere Wortreihen zu hören, die wir zwar nicht 
sämtlich deuten konnten, die sich aber doch zur Fortsetzung dieser 
Geschichte und zur Anknüpfung einer zweiten verwerten ließen. 
Auch die Bedeutung dieser Reminiszenz ergab sich bald. Die Er- 
krankung der Schwester hatte auf sie darum so tiefen Eindruck 
gemacht, weil die beiden ein Geheimnis miteinander teilten; sie 
schliefen in einem Zimmer und hatten in einer bestimmten Nacht 
beide die sexuellen Angriffe einer gewissen männlichen Person 
über sich ergehen lassen. Mit der Erwähnung dieses sexuellen 
Traumas in früher Jugend war aber nicht nur die Herkunft der 
ersten Zwangsvorstellungen, sondern auch das späterhin pathogen 
wirkende Trauma aufgedeckt. — Die Sonderbarkeit dieses Falles 
bestand nur in dem Auftauchen von einzelnen Schlagworten, die 
von uns zu Sätzen verarbeitet werden mußten, denn der Schein 
der Beziehungs- und Zusammenhangslosigkeit haftet an den ganzen 
Einfällen und Szenen, die sich sonst beim Drücken ergeben, gerade 



204 



Studien über Hysterie 



so wie an diesen orakelhaft hervorgestoßenen Worten. Bei weiterer 
Verfolgung stellt sich dann regelmäßig heraus, daß die scheinbar 
unzusammenhängenden Reminiszenzen durch Gedankenbande enge 
verknüpft sind, und daß sie ganz direkt zu dem gesuchten patho- 
genen Moment hinführen. 

Gerne erinnere ich mich daher an einen Fall von Analyse, in 
welchem mein Zutrauen in die Ergebnisse des Drückens zuerst 
auf eine harte Probe gestellt, dann aber glänzend gerechtfertigt 
wurde: Eine sehr intelligente und anscheinend sehr glückliche 
junge Frau hatte mich wegen eines hartnäckigen Schmerzes im 
Unterleibe konsultiert, welcher der Therapie nicht weichen wollte. 
Ich erkannte, daß der Schmerz in den Bauchdecken sitze, auf 
greifbare Muskelschwielen zu beziehen sei und ordnete lokale 
Behandlung an. 

Nach Monaten sah ich die Kranke wieder, die mir sagte: Der 
Schmerz von damals ist nach der angeratenen Behandlung ver- 
gangen und lange weggeblieben, aber jetzt ist er als nervöser 
wiedergekehrt. Ich erkenne es daran, daß ich ihn nicht mehr bei 
Bewegungen habe wie früher, sondern nur zu bestimmten Stunden, 
z. B. morgens beim Erwachen und bei Aufregungen von gewisser 
Art. — Die Diagnose der Dame war ganz richtig; es galt jetzt, 
die Ursache dieses Schmerzes aufzufinden, und dazu konnte sie mir 
im unbeeinflußten Zustande nicht verhelfen. In der Konzentration 
und unter dem Drucke meiner Hand, als ich sie fragte, ob ihr 
etwas einfiele oder ob sie etwas sehe, entschied sie sich fürs Sehen 
und begann mir ihre Gesichtsbilder zu beschreiben. Sie sah etwas 
wie eine Sonne mit Strahlen, was ich natürlich für ein Phosphen, 
hervorgebracht durch Druck auf die Augen, halten mußte. Ich 
erwartete, daß Brauchbareres nachkommen würde, allein sie setzte 
fort: Sterne von eigentümlich blaßblauem Lichte wie Mond- 
licht u. dgl. m., lauter Flimmer, Glanz und leuchtende Punkte 
vor den Augen, wie ich meinte. Ich war schon bereit, diesen 
Versuch zu den mißglückten zu zählen, und dachte daran, wie 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



205 



ich mich unauffällig aus der Affäre ziehen könnte, als mich eine 
der Erscheinungen, die sie beschrieb, aufmerksam machte. Ein 
großes schwarzes Kreuz, wie sie es sah, das geneigt stand, an 
seinen Rändern denselben Lichtschimmer wie vom Mondlicht 
hatte, in dem alle bisherigen Bilder erglänzt hatten, und auf dessen 
Balken ein Flämmchen flackerte 5 das war doch offenbar kein 
Phosphen mehr. Ich horchte nun auf: es kamen massenhafte Bilder 
in demselben Lichte, eigentümliche Zeichen, die etwa dem Sanskrit 
ähnlich sahen, ferner Figuren wie Dreiecke, ein großes Dreieck 
darunter; wiederum das Kreuz . . . Diesmal vermute ich eine alle- 
gorische Bedeutung und frage, was soll dieses Kreuz? — Es ist 
wahrscheinlich der Schmerz gemeint, antwortet sie. — Ich wende 
ein, unter „Kreuz" verstünde man meist eine moralische Last; 
was versteckt sich hinter dem Schmerze? — Sie weiß es nicht 
zu sagen und fährt in ihren Gesichten fort: Eine Sonne mit 
goldenen Strahlen, die sie auch zu deuten weiß, — das ist Gott, 
die Urkraft; dann eine riesengroße Eidechse, die sie fragend, aber 
nicht schreckhaft anschaut, dann ein Haufen von Schlangen, dann 
wieder eine Sonne, aber mit milden silbernen Strahlen, und vor 
ihr, zwischen ihrer Person und dieser Lichtquelle ein Gitter, 
welches ihr den Mittelpunkt der Sonne verdeckt. 

Ich weiß längst, daß ich es mit Allegorien zu tun habe, und 
frage sofort nach der Bedeutung des letzten Bildes. Sie antwortet, 
ohne sich zu besinnen: Die Sonne ist die Vollkommenheit, das 
Ideal, und das Gitter sind meine Schwächen und Fehler, die 
zwischen mir und dem Ideal stehen. — Ja, machen Sie sich denn 
Vorwürfe, sind Sie mit sich unzufrieden? — Freilich. — Seit 
wann denn? — Seitdem ich Mitglied der theosophischen Gesell- 
schaft bin und die von ihr herausgegebenen Schriften lese. Eine 
geringe Meinung von mir hatte ich immer. — Was hat denn 
zuletzt den stärksten Eindruck auf Sie gemacht? — • Eine Über- 
setzung aus dem Sanskrit, die jetzt in Lieferungen erscheint. — 
Eine Minute später bin ich in ihre Seelenkämpfe, in die Vor- 



206 



Studien über Hysterie 



würfe, die sie sich macht, eingeweiht und höre von einem kleinen 
Erlebnis, das zu einem Vorwurfe Anlaß gab, und bei dem der 
früher organische Schmerz als Erfolg einer Erregungskonversion 
zuerst auftrat. — Die Bilder, die ich anfangs für Phosphene ge- 
halten hatte, waren Symbole okkultistischer Gedankengänge, viel- 
leicht geradezu Embleme von den Titelblättern okkultistischer 
Bücher. 



Ich habe jetzt die Leistungen der Hilfsprozedur des Drückens 
so warm gepriesen und den Gesichtspunkt der Abwehr oder des 
Widerstandes die ganze Zeit über so sehr vernachlässigt, daß ich 
sicherlich den Eindruck erweckt haben dürfte, man sei nun durch 
diesen kleinen Kunstgriff in den Stand gesetzt, des psychischen 
Hindernisses gegen eine kathartische Kur Herr zu werden. Allein 
dies zu glauben, wäre ein arger Irrtum; es gibt dergleichen Profite 
nicht in der Therapie, soviel ich sehe; zur großen Veränderung 
wird hier wie überall große Arbeit erfordert. Die Druckprozedur 
ist weiter nichts als ein Kniff, das abwehrlustige Ich für eine 
Weile zu überrumpeln; in allen ernsteren Fällen besinnt es sich 
wieder auf seine Absichten und setzt seinen Widerstand fort. 

Ich habe der verschiedenen Formen zu gedenken, in welchen 
dieser Widerstand auftritt. Zunächst das erste oder zweite Mal 
mißlingt der Druckversuch gewöhnlich. Der Kranke äußert dann 
sehr enttäuscht: „Ich habe geglaubt, es wird mir etwas einfallen, 
aber ich habe nur gedacht, wie gespannt ich darauf bin; ge- 
kommen ist nichts." Solches Sich-in-Positursetzen des Patienten 
ist noch nicht zu den Hindernissen zu zählen; man sagt darauf: 
„Sie waren eben zu neugierig; das zweitemal wird es dafür gehen." 
Und es geht dann wirklich. Es ist merkwürdig, wie vollständig 
oft die Kranken — und die gefügigsten und intelligentesten 
mit •- — an die Verabredung vergessen können, zu der sie sich 
doch vorher verstanden haben. Sie haben versprochen, alles zu 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



207 



sagen, was ihnen unter dem Drucke der Hand einfällt, gleich- 
gültig, ob es ihnen beziehungsvoll erscheint oder nicht, und ob 
es ihnen angenehm zu sagen ist oder nicht, also ohne Auswahl, 
ohne Beeinflussung durch Kritik oder Affekt. Sie halten sich aber 
nicht an dieses Versprechen, es geht offenbar über ihre Kräfte. 
Allemal stockt die Arbeit, immer wieder behaupten sie, diesmal 
sei ihnen nichts eingefallen. Man darf ihnen dies nicht glauben, 
man muß dann immer annehmen und auch äußern, sie hielten 
etwas zurück, weil sie es für unwichtig halten oder peinlich emp- 
finden. Man besteht darauf, man wiederholt den Druck, man 
stellt sich unfehlbar, bis man wirklich etwas zu hören bekommt. 
Dann fügt der Kranke hinzu: „Das hätte ich Ihnen schon das 
erstemal sagen können." — Warum haben Sie es nicht gesagt? 
— „Ich hab' mir nicht denken können, daß es das sein sollte. 
Erst als es jedesmal wiedergekommen ist, habe ich mich ent- 
schlossen, es zu sagen." — Oder: „Ich habe gehofft, gerade das 
wird es nicht sein ; das kann ich mir ersparen zu sagen; erst als 
es sich nicht verdrängen ließ, habe ich gemerkt, es wird mir 
nichts geschenkt." — So verrät der Kranke nachträglich die 
Motive eines Widerstandes, den er anfänglich gar nicht einbe- 
kennen wollte. Er kann offenbar gar nicht anders als Widerstand 
leisten. 

Es ist merkwürdig, hinter welchen Ausflüchten sich dieser 
Widerstand häufig verbirgt. „Ich bin heute zerstreut, mich stört 
die Uhr oder das Klavierspiel im Nebenzimmer." Ich habe gelernt, 
darauf zu antworten: Keineswegs, Sie stoßen jetzt auf etwas, 
was Sie nicht gerne sagen wollen. Das nützt Ihnen nichts. Ver- 
weilen Sie nur dabei. — Je länger die Pause zwischen dem 
Drucke meiner Hand und der Äußerung des Kranken ausfällt, 
desto mißtrauischer werde ich, desto eher steht zu befürchten, 
daß der Kranke sich das zurechtlegt, was ihm eingefallen ist, und 
es in der Reproduktion verstümmelt. Die wichtigsten Aufklärungen 
kommen häufig mit der Ankündigung als überflüssiges Beiwerk, 



208 



Studien über Hysterie 



wie die als Bettler verkleideten Prinzen der Oper: „Jetzt ist mir 
etwas eingefallen, das hat aber nichts damit zu schaffen. Ich sage 
es Ihnen nur, weil Sie alles zu wissen verlangen." Mit dieser 
Einbegleitung kommt dann meist die langersehnte Lösung; ich 
horche immer auf, wenn ich den Kranken so geringschätzig von 
einem Einfalle reden höre. Es ist nämlich ein Zeichen der ge- 
lungenen Abwehr, daß die pathogenen Vorstellungen bei ihrem 
Wiederauftauchen so wenig bedeutsam erscheinen; man kann dar- 
aus erschließen, worin der Prozeß der Abwehr bestand; er bestand 
darin, aus der starken Vorstellung eine schwache zu machen, ihr 
den Affekt zu entreißen. 

Die pathogene Erinnerung erkennt man also unter anderen 
Merkmalen daran, daß sie vom Kranken als unwesentlich be- 
zeichnet und doch nur mit Widerstand ausgesprochen wird. Es 
gibt auch Fälle, wo sie der Kranke noch bei ihrer Wiederkehr 
zu verleugnen sucht: „Jetzt ist mir etwas eingefallen, aber das 
haben Sie mir offenbar eingeredet", oder: „Ich weiß, was Sie 
sich bei dieser Frage erwarten. Sie meinen gewiß, ich habe dies 
und jenes gedacht." Eine besonders kluge Weise der Verleugnung 
liegt darin, zu sagen: „Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen; 
aber das kommt mir vor, als hätte ich es willkürlich hinzugefügt; 
es scheint mir kein reproduzierter Gedanke zu sein." — Ich 
bleibe in all diesen Fällen unerschütterlich fest, ich gehe auf keine 
dieser Distinktionen ein, sondern erkläre dem Kranken, das seien 
nur Formen und Vorwände des Widerstandes gegen die Repro- 
duktion der einen Erinnerung, die wir trotzdem anerkennen 
müßten. 

Bei der Wiederkehr von Bildern hat man im allgemeinen leich- 
teres Spiel als bei der von Gedanken; die Hysterischen, die zu- 
meist Visuelle sind, machen es dem Analytiker nicht so schwer 
wie die Leute mit Zwangsvorstellungen. Ist einmal ein Bild aus 
der Erinnerung aufgetaucht, so kann man den Kranken sagen 
hören, daß es in dem Maße zerbröckle und undeutlich werde, 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



209 



wie er in seiner Schilderung desselben fortschreite. Der Kranke 
trägt es gleichsam ab, indem er es in Worte umsetzt. Man 
orientiert sich nun an dem Erinnerungsbilde selbst, um die Rich- 
tung zu finden, nach welcher die Arbeit fortzusetzen ist. „Schauen 
Sie sich das Bild nochmals an. Ist es verschwunden?" — „Im 
ganzen ja, aber dieses Detail sehe ich noch.' — „Dann hat dies 
noch etwas zu bedeuten. Sie werden entweder etwas Neues dazu 
sehen, oder es wird Ihnen bei diesem Rest etwas einfallen." — 
Wenn die Arbeit beendigt ist, zeigt sich das Gesichtsfeld wieder 
frei, man kann ein anderes Bild hervorlocken. Andere Male aber 
bleibt ein solches Bild hartnäckig vor dem inneren Auge des 
Kranken stehen, trotz seiner Beschreibung, und das ist für mich 
ein Zeichen, daß er mir noch etwas Wichtiges über das Thema 
des Bildes zu sagen hat. Sobald er dies vollzogen hat, schwindet 
das Bild, wie ein erlöster Geist zur Ruhe eingeht. 

Es ist natürlich von hohem Werte für den Fortgang der Ana- 
lyse, daß man dem Kranken gegenüber jedesmal recht behalte, 
sonst hängt man ja davon ab, was er mitzuteilen für gut findet. 
Es ist darum tröstlich zu hören, daß die Prozedur des Drückens 
eigentlich niemals fehlschlägt, von einem einzigen Falle abgesehen, 
den ich später zu würdigen habe, den ich aber sogleich durch 
die Bemerkung kennzeichnen kann, er entspreche einem besonderen 
Motiv zum Widerstände. Es kann freilich vorkommen, daß man 
die Prozedur unter Verhältnissen anwendet, in denen sie nichts 
zutage fördern darf; man fragt z. B. nach der weiteren Ätiologie 
eines Symptoms, wenn dieselbe bereits abgeschlossen vorliegt, oder 
man forscht nach der psychischen Genealogie eines Symptoms, 
etwa eines Schmerzes, der in Wahrheit ein somatischer Schmerz 
war; in diesen Fällen behauptet der Kranke gleichfalls, es sei ihm 
nichts eingefallen, und befindet sich im Rechte. Man wird sich 
davor behüten, ihm Unrecht zu tun, wenn man es sich ganz 
allgemein zur Regel macht, während der Analyse die Miene des 
ruhig Daliegenden nicht aus dem Auge zu lassen. Man lernt 



Freud, I. 



1* 



210 



Studien über Hysterie 



dann ohne jede Schwierigkeit die seelische Ruhe bei wirklichem 
Ausbleiben einer Reminiszenz von der Spannung und den Affekt- 
anzeichen zu unterscheiden, unter welchen der Kranke im Dienste 
der Abwehr die auftauchende Reminiszenz zu verleugnen sucht. 
Auf solchen Erfahrungen ruht übrigens auch die differential- 
diagnostische Anwendung der Druckprozedur. 

Es ist also die Arbeit auch mit Hilfe der Druckprozedur keine 
mühelose. Man hat nur den einen Vorteil gewonnen, daß man 
aus den Ergebnissen dieses Verfahrens gelernt hat, nach welcher 
Richtung man zu forschen und welche Dinge man dem Kranken 
aufzudrängen hat. Für manche Fälle reicht dies aus 5 es handelt 
sich ja wesentlich darum, daß ich das Geheimnis errate und es 
dem Kranken ins Gesicht zu sage ; er muß dann meist seine Ab- 
lehnung aufgeben. In anderen Fällen brauche ich mehr; der über- 
dauernde Widerstand des Kranken zeigt sich darin, daß die Zu- 
sammenhänge reißen, die Lösungen ausbleiben, die erinnerten 
Bilder undeutlich und unvollständig kommen. Man erstaunt oft, 
wenn man aus einer späteren Periode einer Analyse auf die früheren 
zurückblickt, wie verstümmelt alle die Einfälle und Szenen waren, 
die man dem Kranken durch die Prozedur des Drückens entrissen 
hat. Es fehlte gerade das Wesentliche daran, die Beziehung auf 
die Person oder auf das Thema, und das Bild blieb darum un- 
verständlich. Ich will ein oder zwei Beispiele für das Wirken einer 
solchen Zensurierung beim ersten Auftauchen der pathogenen 
Erinnerungen geben. Der Kranke sieht z. B. einen weiblichen 
Oberkörper, an dessen Hülle wie durch Nachlässigkeit etwas klafft; 
erst viel später fügt er zu diesem Torso den Kopf, um damit eine 
Person und eine Beziehung zu verraten. Oder er erzählt eine 
Reminiszenz aus seiner Kindheit von zwei Buben, deren Gestalt 
ihm ganz dunkel ist, denen man eine gewisse Unart nachgesagt 
hätte. Es bedarf vieler Monate und großer Fortschritte im Gange 
der Analyse, bis er- diese Reminiszenz wiedersieht und in dem 
einen der Kinder sich selbst, im anderen seinen Bruder erkennt. 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



Welche Mittel hat man nun zur Verfügung, um diesen fort- 
gesetzten Widerstand zu überwinden? 

Wenige, aber doch fast alle die, durch die sonst ein Mensch 
eine psychische Einwirkung auf einen anderen übt. Man muß 
sich zunächst sagen, daß psychischer Widerstand, besonders ein 
seit langem konstituierter, nur langsam und schrittweise aufgelöst 
werden kann, und muß in Geduld warten. Sodann darf man auf 
das intellektuelle Interesse rechnen, das sich nach kurzer Arbeit 
beim Kranken zu regen beginnt. Indem man ihn aufklärt, ihm 
von der wundersamen Welt der psychischen Vorgänge Mitteilungen 
macht, in die man selbst erst durch solche Analysen Einblick 
gewonnen hat, gewinnt man ihn selbst zum Mitarbeiter, bringt 
ihn dazu, sich selbst mit dem objektiven Interesse des Forschers 
zu betrachten, und drängt so den auf affektiver Basis beruhenden 
Widerstand zurück. Endlich aber — und dies bleibt der stärkste 
Hebel — muß man versuchen, nachdem man die Motive seiner 
Abwehr erraten, die Motive zu entwerten, oder selbst sie durch 
stärkere zu ersetzen. Hier hört wohl die Möglichkeit auf, die 
psychotherapeutische Tätigkeit in Formeln zu fassen. Man wirkt, 
so gut man kann, als Aufklärer, wo die Ignoranz eine Scheu er- 
zeugt hat, als Lehrer, als Vertreter einer freieren oder überlegenen 
Weltauffassung, als Beichthörer, der durch die Fortdauer seiner 
Teilnahme und seiner Achtung nach abgelegtem Geständnisse 
gleichsam Absolution erteilt; man sucht dem Kranken menschlich 
etwas zu leisten, soweit der Umfang der eigenen Persönlichkeit 
und das Maß von Sympathie, das man für den betreffenden Fall 
aufbringen kann, dies gestatten. Für solche psychische Betätigung 
ist als unerläßliche Voraussetzung erforderlich, daß man die Natur 
des Falles und die Motive der hier wirksamen Abwehr ungefähr 
erraten habe, und zum Glück trägt die Technik des Drängens 
und der Druckprozedur gerade so weit. Je mehr man dergleichen 
Rätsel bereits gelöst hat, desto leichter wird man vielleicht ein 
neues erraten und desto früher wird man die eigentlich heilende 

14* 




psychische Arbeit in Angriff nehmen können. Denn es ist gut, 
sich dies völlig klar zu machen: Wenn auch der Kranke sich von 
dem hysterischen Symptome erst befreit, indem er die es verur- 
sachenden pathogenen Eindrücke reproduziert und unter Affekt- 
äußerung ausspricht, so liegt doch die therapeutische Aufgabe nur 
darin, ihn dazu zu bewegen, und wenn diese Aufgabe einmal 
gelöst ist, so bleibt für den Arzt nichts mehr zu korrigieren oder 
aufzuheben übrig. Alles, was es an Gegensuggestionen dafür braucht, 
ist bereits während der Bekämpfung des Widerstandes aufgewendet 
worden. Der Fall ist etwa mit dem Aufschließen einer versperrten 
Türe zu vergleichen, wonach das Niederdrücken der Klinke, um 
sie zu öffnen, keine Schwierigkeit mehr hat. 

Neben« den intellektuellen Motiven, die man zur Überwindung 
des Widerstandes heranzieht, wird man ein affektives Moment, 
die persönliche Geltung des Arztes, selten entbehren können, und 
in einer Anzahl von Fällen wird letzteres allein imstande sein, 
den Widerstand zu beheben. Das ist hier nicht anders als sonst 
in der Medizin, und man wird keiner therapeutischen Methode 
zumuten dürfen, auf die Mitwirkung dieses persönlichen Moments 
gänzlich zu verzichten. 



Angesichts der Ausführungen des vorstehenden Abschnittes, der 
Schwierigkeiten meiner Technik, die ich rückhaltlos aufgedeckt 
habe — ich habe sie übrigens aus den schwersten Fällen zu- 
sammengetragen, es wird oft sehr viel bequemer gehen; — an- 
gesichts dieses Sachverhaltes also wird wohl jeder die Frage auf- 
werfen wollen, ob es nicht zweckmäßiger sei, anstatt all dieser 
Quälereien sich energischer um die Hypnose zu bemühen oder 
die Anwendung der kathartischen Methode auf solche Kranke zu 
beschränken, die in tiefe Hypnose zu versetzen sind. Auf letzteren 
Vorschlag müßte ich antworten, daß dann die Zahl der brauch- 
baren Patienten für meine Geschicklichkeit allzusehr einschrumpfen 



Xur Psychotherapie der Hysterie 



213 



würde; dem ersteren Rate aber werde ich die Mutmaßung ent- 
gegensetzen, es dürfte durch Erzwingen der Hypnose nicht viel 
vom Widerstände zu ersparen sein. Meine Erfahrungen hierüber 
sind eigentümlicherweise nur wenig zahlreich, ich kann daher 
nicht über die Mutmaßung hinauskommen; aber wo ich eine 
kathartische Kur in der Hypnose anstatt in der Konzentration 
durchgeführt habe, fand ich die mir zufallende Arbeit dadurch 
nicht verringert. Ich habe erst unlängst eine solche Behandlung 
beendigt, in deren Verlauf ich eine hysterische Lähmung der 
Beine zum Weichen brachte. Die Patientin geriet in einen Zu- 
stand, der psychisch vom Wachen sehr verschieden war und soma- 
tisch dadurch ausgezeichnet, daß sie die Augen unmöglich öffnen 
oder sich erheben konnte, ehe ich ihr zugerufen hatte: Jetzt 
wachen Sie auf, und doch habe ich in keinem Falle größeren 
Widerstand gefunden als gerade in diesem. Ich legte auf diese 
körperlichen Zeichen keinen Wert, und gegen Ende der zehn 
Monate währenden Behandlung waren sie auch unmerklich ge- 
worden; der Zustand der Patientin, in dem wir arbeiteten, hatte 
darum von seinen Eigentümlichkeiten, der Fähigkeit sich an Un- 
bewußtes zu erinnern, der ganz besonderen Beziehung zur Person 
des Arztes nichts eingebüßt. In der Geschichte der Frau Emmy 
v. N . . . habe ich allerdings ein Beispiel einer im tiefsten Som- 
nambulismus ausgeführten kathartischen Kur geschildert, in welcher 
der Widerstand fast keine Rolle spielte. Allein von dieser Frau 
habe ich auch nichts erfahren, zu dessen Mitteilung es einer be- 
sonderen Überwindung bedurft hätte, nichts, was sie mir nicht 
bei längerer Bekanntschaft und einiger Schätzung auch im Wachen 
hätte erzählen können. Auf die eigentlichen Ursachen ihrer Er- 
krankung, sicherlich identisch mit den Ursachen ihrer Rezidiven 
nach meiner Behandlung, bin ich gar nicht gekommen; — es 
war eben mein erster Versuch in dieser Therapie, — und das 
einzige Mal, als ich zufällig eine Reminiszenz von ihr forderte, 
in die sich ein Stück Erotik einmengte, fand ich sie ebenso wider- 




214 



Studien über Hysterie 



strebend und unverläßlich in ihren Angaben wie später irgend 
eine andere meiner nicht somnambulen Patientinnen. Von dem 
Widerstände dieser Frau auch im Somnambulismus gegen andere 
Anforderungen und Zumutungen habe ich bereits in ihrer Kranken- 
geschichte gesprochen. Überhaupt ist mir der Wert der Hypnose 
für die Erleichterung kathartischer Kuren zweifelhaft geworden, 
seitdem ich Beispiele erlebt habe von absoluter therapeutischer 
Unfügsamkeit bei ausgezeichnetem andersartigen Gehorsam im 
tiefen Somnambulismus. Einen Fall dieser Art habe ich kurz auf 
S. 85 mitgeteilt 5 ich könnte noch andere hinzufügen. Ich gestehe 
übrigens, daß diese Erfahrung meinem Bedürfnis nach quantita- 
tiver Relation zwischen Ursache und Wirkung auch auf psychi- 
schem Gebiete nicht übel entsprochen hat. 



In der bisherigen Darstellung hat sich uns die Idee des Wider- 
standes in den Vordergrund gedrängt; ich habe gezeigt, wie man 
bei der therapeutischen Arbeit zu der Auffassung geleitet wird, 
die Hysterie entstehe durch die Verdrängung einer unverträglichen 
Vorstellung aus dem Motive der Abwehr, die verdrängte Vor- 
stellung bleibe als eine schwache (wenig intensive) Erinnerungsspur 
bestehen, der ihr entrissene Affekt werde für eine somatische 
Innervation verwendet: Konversion der Erregung. Die Vorstellung 
werde also gerade durch ihre Verdrängung Ursache krankhafter 
Symptome, also pathogen. Einer Hysterie, die diesen psychischen 
Mechanismus aufweist, darf man den Namen „Abwehrhysterie" 
beilegen. Nun haben wir beide, Breuer und ich, zu wiederholten 
Malen von zwei anderen Arten der Hysterie gesprochen, für welche 
wir die Namen „Hypnoid- und Retentionshysterie" in Ge- 
brauch zogen. Die Hypnoidhysterie ist diejenige, die überhaupt 
zuerst in unseren Gesichtskreis getreten ist; ich wüßte ja kein 
besseres Beispiel für eine solche anzuführen als den ersten Fall 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



215 



Breuers. 1 Für eine solche Hypnoidhysterie hat Breuer einen von 
dem der Konversionsabwehr wesentlich verschiedenen psychischen 
Mechanismus angegeben. Hier soll also eine Vorstellung dadurch 
pathogen werden, daß sie, in einem besonderen psychischen Zu- 
stand empfangen, von vornherein außerhalb des Ich verblieben 
ist. Es hat also keiner psychischen Kraft bedurft, sie von dem Ich 
abzuhalten, und es darf keinen Widerstand erwecken, wenn man 
sie mit Hilfe der somnambulen Geistestätigkeit in das Ich ein- 
führt. Die Krankengeschichte der Anna 0. zeigt auch wirklich 
nichts von einem solchen Widerstand. 

Ich halte diesen Unterschied für so wesentlich, daß ich mich 
durch ihn gerne bestimmen lasse, an der Aufstellung der Hypnoid- 
hysterie festzuhalten. Meiner eigenen Erfahrung ist merkwürdiger- 
weise keine echte Hypnoidhysterie begegnet 5 was ich in Angriff 
nahm, verwandelte sich in Abwehrhysterie. Nicht etwa, daß ich 
es niemals mit Symptomen zu tun gehabt hätte, die nachweisbar 
in abgesonderten Bewußtseinszuständen entstanden waren und 
darum von der Aufnahme ins Ich ausgeschlossen bleiben mußten. 
Dies traf auch in meinen Fällen mitunter zu, aber dann konnte 
ich doch nachweisen, daß der sogenannte hypnoide Zustand seine 
Absonderung dem Umstände verdankte, daß in ihm eine vorher 
durch Abwehr abgespaltene psychische Gruppe zur Geltung kam. 
Kurz, ich kann den Verdacht nicht unterdrücken, daß Hypnoid- 
und Abwehrhysterie irgendwo an ihrer Wurzel zusammentreffen, 
und daß dabei die Abwehr das Primäre ist. Ich weiß aber nichts 
darüber. 

Gleich unsicher ist derzeit mein Urteil über die „Retentions- 
hysterie", bei welcher die therapeutische Arbeit gleichfalls ohne 
Widerstand erfolgen sollte. Ich habe einen Fall gehabt, den ich 
für eine typische Retentionshysterie gehalten habe; ich freute 
mich auf den leichten und sicheren Erfolg, aber dieser Erfolg 

1) [Breuers in diese Gesamtausgabe nicht aufgenommene Krankengeschichte 
„Frl. Anna O . . .", vgl. Originalausgabe der „Studien über Hysterie", 4. Aufl., S. 15 ff.] 



2l6 



Studien über Hysterie 



blieb aus, so leicht auch wirklich die Arbeit war. Ich vermute 
daher, wiederum mit aller Zurückhaltung, die der Unwissenheit 
geziemt, daß auch bei der Retentionshysterie auf dem Grunde ein 
Stück Abwehr zu finden ist, welches den ganzen Vorgang ins 
Hysterische gedrängt hat. Ob ich mit dieser Tendenz zur Aus- 
dehnung des Abwehrbegriffes auf die gesamte Hysterie Gefahr 
laufe, der Einseitigkeit und dem Irrtum zu verfallen, werden ja 
hoffentlich neue Erfahrungen bald entscheiden. 



Ich habe bisher von den Schwierigkeiten und der Technik der 
kathartischen Methode gehandelt und möchte noch einige An- 
deutungen hinzufügen, wie sich mit dieser Technik eine Analyse 
gestaltet. Es ist dies ein für mich sehr interessantes Thema, von 
dem ich aber nicht erwarten kann, es werde ähnliches Interesse 
bei anderen erregen, die noch keine solche Analyse ausgeführt 
haben. Es wird eigentlich wiederum von Technik die Rede sein, 
aber diesmal von den inhaltlichen Schwierigkeiten, für die man 
den Kranken nicht verantwortlich machen kann, die zum Teil 
bei einer Hypnoid- und Retentionshysterie dieselben sein müßten 
wie bei den mir als Muster vorschwebenden Abwehrhysterien. 
Ich gehe an dieses letzte Stück der Darstellung mit der Erwar- 
tung, die hier aufzudeckenden psychischen Eigentümlichkeiten 
könnten einmal für eine Vorstellungsdynamik einen gewissen Wert 
als Rohmaterial erlangen. 

Der erste und mächtigste Eindruck, den man sich bei einer 
solchen Analyse holt, ist gewiß der, daß das pathogene psychische 
Material, das angeblich vergessen ist, dem Ich nicht zur Verfügung 
steht, in der Assoziation und im Erinnern keine Rolle spielt, — 
doch in irgend einer Weise bereit liegt, und zwar in richtiger 
und guter Ordnung. Es handelt sich nur darum, Widerstände zu 
beseitigen, die den Weg dazu versperren. Sonst aber wird es 
bewußt, wie wir überhaupt etwas wissen können 5 die richtigen 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



217 



Verknüpfungen der einzelnen Vorstellungen untereinander und 
mit nicht pathogenen, häufig erinnerten, sind vorhanden, sind 
seinerzeit vollzogen und im Gedächtnisse bewahrt worden. Das 
pathogene psychische Material erscheint als das Eigentum einer 
Intelligenz, die der des normalen Ichs nicht notwendig nachsteht. 
Der Schein einer zweiten Persönlichkeit wird oft auf das 
täuschendste hergestellt. 

Ob dieser Eindruck berechtigt ist, ob man dabei nicht die An- 
ordnung des psychischen Materials, die nach der Erledigung resul- 
tiert, in die Zeit der Krankheit zurückverlegt, dies sind Fragen, 
die ich noch nicht und nicht an dieser Stelle in Erwägung ziehen 
möchte. Man kann die bei solchen Analysen gemachten Er- 
fahrungen jedenfalls nicht bequemer und anschaulicher beschreiben, 
als wenn man sich auf den Standpunkt stellt, den man nach der 
Erledigung zur Überschau des Ganzen einnehmen darf. 

Die Sachlage ist ja meist keine so einfache, wie man sie für 
besondere Fälle, z. B. für ein einzelnes, in einem großen Trauma 
entstandenes Symptom dargestellt hat. Man hat zumeist nicht ein 
einziges hysterisches Symptom, sondern eine Anzahl von solchen, 
die teils unabhängig voneinander, teils miteinander verknüpft sind. 
Man darf nicht eine einzige traumatische Erinnerung und als 
Kern derselben eine einzige pathogene Vorstellung erwarten, son- 
dern muß auf Reihen von Partialtraumen und Verkettungen von 
pathogenen Gedankengängen gefaßt sein. Die monosymptomatische 
traumatische Hysterie ist gleichsam ein Elementarorganismus, ein 
einzelliges Wesen im Vergleich' zum komplizierten Gefüge einer 
schweren hysterischen Neurose, wie wir ihr gemeinhin begegnen. 

Das psychische Material einer solchen Hysterie stellt sich nun 
dar als ein mehrdimensionales Gebilde von mindestens dreifacher 
Schichtung. Ich hoffe, ich werde diese bildliche Ausdrucksweise 
bald rechtfertigen können. Es ist zunächst ein Kern vorhanden 
von solchen Erinnerungen (an Erlebnisse oder Gedankengänge), in 
denen das traumatische Moment gegipfelt oder die pathogene Idee 



Studien über Hysterie 



ihre reinste Ausbildung gefunden hat. Um diesen Kern herum 
findet man eine oft unglaublich reichliche Menge von anderem 
Erinnerungsmaterial, das man bei der Analyse durcharbeiten muß, 
in, wie erwähnt, dreifacher Anordnung. Erstens ist eine lineare 
chronologische Anordnung unverkennbar, die innerhalb jedes 
einzelnen Themas statthat. Als Beispiel für diese zitiere ich bloß 
die Anordnungen in Breuers Analyse der Anna O. 1 Das Thema 
sei das des Taubwerdens, des Nichthörens; das differenzierte 
sich dann nach sieben Bedingungen, und unter jeder Überschrift 
waren zehn bis über hundert Einzelerinnerungen in chrono- 
logischer Reihenfolge gesammelt. Es war, als ob man ein wohl 
in Ordnung gehaltenes Archiv ausnehmen würde. In der Analyse 
meiner Patientin Emmy v. N . . . sind ähnliche, wenn auch nicht 
so vollzählig dargestellte Erinnerungsfaszikel enthalten: sie bilden 
aber ein ganz allgemeines Vorkommnis in jeder Analyse, treten 
jedesmal in einer chronologischen Ordnung auf, die so unfehlbar 
verläßlich ist wie die Reihenfolge der Wochentage oder Monats- 
namen beim geistig normalen Menschen, und erschweren die Arbeit 
der Analyse durch die Eigentümlichkeit, daß sie die Reihenfolge 
ihrer Entstehung bei der Reproduktion umkehren; das frischeste, 
jüngste Erlebnis des Faszikels kommt als „Deckblatt" zuerst und 
den Schluß macht jener Eindruck, mit dem in Wirklichkeit die 
Reihe anfing. 

Ich habe die Gruppierung gleichartiger Erinnerungen zu einer 
linear geschichteten Mehrheit, wie es ein Aktenbündel, ein 
Paket u. dgl. darstellt, als Bildung eines Themas bezeichnet. 
Diese Themen nun zeigen eine zweite Art von Anordnung ; sie 
sind, ich kann es nicht anders ausdrücken, konzentrisch um 
den pathogenen Kern geschichtet. Es ist nicht schwer zu 
sagen, was diese Schichtung ausmacht, nach welcher ab- oder zu- 
nehmenden Größe diese Anordnung erfolgt. Es sind Schichten 



1) [Vgl. die Fußnote oben auf S. 215.] 



Zur Psychotherapie der Hysterie 21g 



gleichen, gegen den Kern hin wachsenden Widerstandes und 
damit Zonen gleicher Bewußtseinsveränderung, in denen 
sich die einzelnen Themen erstrecken. Die periphersten Schichten 
enthalten von verschiedenen Themen jene Erinnerungen (oder 
Faszikel), die leicht erinnert werden und immer klar bewußt 
waren 5 je tiefer man geht, desto schwieriger werden die auf- 
tauchenden Erinnerungen erkannt, bis man nahe am Kerne auf 
solche stößt, die der Patient noch bei der Reproduktion verleugnet. 
Diese Eigentümlichkeit der konzentrischen Schichtung des patho- 
genen psychischen Materials ist es, die dem Verlaufe solcher Ana- 
lysen ihre, wie wir hören werden, charakteristischen Züge ver- 
leiht. Jetzt ist noch eine dritte Art von Anordnung zu erwähnen, 
die wesentlichste, über die am wenigsten leicht eine allgemeine 
Aussage zu machen ist. Es ist die Anordnung nach dem Gedanken- 
inhalte, die Verknüpfung durch den bis zum Kerne reichenden 
logischen Faden, der einem in jedem Falle besonderen, unregel- 
mäßigen und vielfach abgeknickten Weg entsprechen mag. Diese 
Anordnung hat einen dynamischen Charakter, im Gegensatze zum 
morphologischen der beiden vorerst erwähnten Schichtungen. 
Während letztere in einem räumlich ausgeführten Schema durch 
starre, bogenförmige und gerade Linien darzustellen wären, müßte 
man dem Gange der logischen Verkettung mit einem Stäbchen 
nachfahren, welches auf den verschlungensten Wegen aus ober- 
flächlichen in tiefe Schichten und zurück, doch im allgemeinen 
von der Peripherie her zum zentralen Kerne vordringt und dabei 
alle Stationen berühren muß, also ähnlich wie das Zickzack der 
Lösung einer Rösselsprungaufgabe über die Felderzeichnung hin- 
weggeht. 

Ich halte letzteren Vergleich noch für einen Moment fest, um 
einen Punkt hervorzuheben, in dem er den Eigenschaften des 
Verglichenen nicht gerecht wird. Der logische Zusammenhang 
entspricht nicht nur einer zickzackförmig geknickten Linie, sondern 
vielmehr einer verzweigten, und ganz besonders einem konver- 



Studien über Hysterie 



gierenden Liniensysteme. Er hat Knotenpunkte, in denen zwei 
oder mehrere Fäden zusammentreffen, um von da an vereinigt 
weiterzuziehen, und in den Kern münden in der Regel mehrere 
unabhängig voneinander verlaufende oder durch Seitenwege stellen- 
weise verbundene Fäden ein. Es ist sehr bemerkenswert, um es 
mit anderen Worten zu sagen, wie häufig ein Symptom mehr- 
fach determiniert, überbestimmt ist. 

Mein Versuch, die Organisation des pathogenen psychischen 
Materials zu veranschaulichen, wird abgeschlossen sein, wenn ich 
noch eine einzige Komplikation einführe. Es kann nämlich der 
Fall vorliegen, daß es sich um mehr als einen einzigen Kern im 
pathogenen Materiale handle, so z. B. wenn ein zweiter hysteri- 
scher Ausbruch zu analysieren ist, der seine eigene Ätiologie hat, 
aber doch mit einem, Jahre vorher überwundenen, ersten Aus- 
bruch akuter Hysterie zusammenhängt. Man kann sich dann leicht 
vorstellen, welche Schichten und Gedankenwege hinzukommen 
müssen, um zwischen den beiden pathogenen Kernen eine Ver- 
bindung herzustellen. 

Ich will an das so gewonnene Bild von der Organisation des 
pathogenen Materials noch die eine oder die andere Bemerkung 
anknüpfen. Wir haben von diesem Material ausgesagt, es benehme 
sich wie ein Fremdkörper 5 die Therapie wirke auch wie die Ent- 
fernung eines Fremdkörpers aus dem lebenden Gewebe. Wir sind 
jetzt in der Lage einzusehen, worin dieser Vergleich fehlt. Ein 
Fremdkörper geht keinerlei Verbindung mit den ihn umlagernden 
Gewebsschichten ein, obwohl er dieselben verändert, zur reaktiven 
Entzündung nötigt. Unsere pathogene psychische Gruppe dagegen 
läßt sich nicht sauber aus dem Ich herausschälen, ihre äußeren 
Schichten gehen allseitig in Anteile des normalen Ichs über, ge- 
hören letzterem eigentlich ebensosehr an wie der pathogenen 
Organisation. Die Grenze zwischen beiden wird bei der Analyse 
rein konventionell, bald hier, bald dort gesteckt, ist an einzelnen 
Stellen wohl gar nicht anzugeben. Die inneren Schichten ent- 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



221 



fremden sich dem Ich immer mehr und mehr, ohne daß wiederum 
die Grenze des Pathogenen irgendwo sichtbar begänne. Die patho- 
gene Organisation verhält sich nicht eigentlich wie ein Fremd- 
körper, sondern weit eher wie ein Infiltrat. Als das Infiltrierende 
muß in diesem Gleichnisse der Widerstand genommen werden. 
Die Therapie besteht ja auch nicht darin, etwas zu exstirpieren 
— das vermag die Psychotherapie heute nicht, — sondern den 
Widerstand zum Schmelzen zu bringen und so der Zirkulation 
den Weg in ein bisher abgesperrtes Gebiet zu bahnen. 

(Ich bediene mich hier einer Reihe von Gleichnissen, die alle 
nur eine recht begrenzte Ähnlichkeit mit meinem Thema haben 
und die sich auch untereinander nicht vertragen. Ich weiß dies, 
und bin nicht in Gefahr, deren Wert zu überschätzen, aber mich 
leitet die Absicht, ein höchst kompliziertes und noch niemals dar- 
gestelltes Denkobjekt von verschiedenen Seiten her zu veranschau- 
lichen, und darum erbitte ich mir die Freiheit, auch noch auf 
den folgenden Seiten in solcher nicht einwandfreien Weise mit 
Vergleichen zu schalten.) 

Wenn man nach vollendeter Erledigung das pathogene Material 
in seiner nun erkannten, komplizierten, mehrdimensionalen Organi- 
sation einem Dritten zeigen könnte, würde dieser mit Recht die 
Frage aufwerfen: Wie kam ein solches Kamel durch das Nadelöhr? 
Man spricht nämlich nicht mit Unrecht von einer „Enge des 
Bewußtseins". Der Terminus gewinnt Sinn und Lebensfrische für 
den Arzt, der eine solche Analyse durchführt. Es kann immer nur 
eine einzelne Erinnerung ins Ich-Bewußtsein eintreten; der Kranke, 
der mit der Durcharbeitung dieser einen beschäftigt ist, sieht nichts 
von dem, was nachdrängt, und vergißt an das, was bereits durch- 
gedrungen ist. Stößt die Bewältigung dieser einen pathogenen Er- 
innerung auf Schwierigkeiten, wie z. B. wenn der Kranke mit 
dem Widerstände gegen sie nicht nachläßt, wenn er sie verdrängen 
oder verstümmeln will, so ist der Engpaß gleichsam verlegt; die 
Arbeit stockt, es kann nichts anderes kommen, und die eine im 



223 



Studien über Hysterie 



Durchbruche befindliche Erinnerung bleibt vor dem Kranken stehen, 
bis er sie in die Weite des Ichs aufgenommen hat. Die ganze 
räumlich ausgedehnte Masse des pathogenen Materials wird so 
.durch eine enge Spalte durchgezogen, langt also, wie in Stücke 
oder Bänder zerlegt, im Bewußtsein an. Es ist Aufgabe des Psycho- 
therapeuten, daraus die vermutete Organisation wieder zusammen- 
zusetzen. Wen noch nach Vergleichen gelüstet, der mag sich hier 
an ein Geduldspiel erinnern. 

Steht man davor, eine solche Analyse zu beginnen, wo man 
eine derartige Organisation des pathogenen Materials erwarten 
darf, kann man sich folgende Ergebnisse der Erfahrung zunutze 
machen: Es ist ganz aussichtslos, direkt zum Kerne der 
pathogenen Organisation vorzudringen. Könnte man diesen 
selbst erraten, so würde der Kranke doch mit der ihm geschenkten 
Aufklärung nichts anzufangen wissen und durch sie psychisch 
nicht verändert werden. 

Es bleibt nichts übrig, als sich zunächst an die Peripherie des 
pathogenen psychischen Gebildes zu halten. Man beginnt damit, 
den Kranken erzählen zu lassen, was er weiß und erinnert, wobei 
man bereits seine Aufmerksamkeit dirigiert und durch Anwendung 
der Druckprozedur leichtere Widerstände überwindet. Jedesmal, 
wenn man durch Drücken einen neuen Weg eröffnet hat, darf 
man erwarten, daß der Kranke ihn ein Stück weit ohne neuen 
Widerstand fortsetzen wird. 

Hat man eine Weile auf solche Weise gearbeitet, so regt sich 
gewöhnlich eine mitarbeitende Tätigkeit im Kranken. Es fallen 
ihm jetzt eine Fülle von Reminiszenzen ein, ohne daß man ihm 
Fragen und Aufgaben zu stellen braucht; man hat sich eben den 
Weg in eine innere Schichte gebahnt, innerhalb welcher der 
Kranke jetzt über das Material von gleichem Widerstände spontan 
verfügt. Man tut gut daran, ihn eine Weile unbeeinflußt repro- 
duzieren zu lassen; er ist selber zwar nicht imstande, wichtige 
Zusammenhänge aufzudecken, aber das Abtragen innerhalb der- 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



223 



selben Schichte darf man ihm überlassen. Die Dinge, die er so 
beibringt, scheinen oft zusammenhangslos, geben aber das Material 
ab, das durch späterhin erkannten Zusammenhang belebt wird. 

Man hat sich hier im allgemeinen vor zweierlei zu bewahren. 
Wenn man den Kranken in der Reproduktion der ihm zuströmen- 
den Einfälle hemmt, so kann man sich manches „verschütten", 
was späterhin mit großer Mühe doch freigemacht werden muß. 
Anderseits darf man seine unbewußte „Intelligenz" nicht über- 
schätzen und ihr nicht die Leitung der ganzen Arbeit überlassen. 
Wollte ich den Arbeitsmodus schematisieren, so könnte ich etwa 
sagen, man übernimmt selbst die Eröffnung innerer Schichten, 
das Vordringen in radialer Richtung, während der Kranke die 
peripherische Erweiterung besorgt. 

Das Vordringen geschieht ja dadurch, daß man in der vorhin 
angedeuteten Weise Widerstand überwindet. In der Regel aber 
hat man vorher noch eine andere Aufgabe zu lösen. Man muß 
ein Stück des logischen Fadens in die Hand bekommen, unter 
dessen Leitung man allein in das Innere einzudringen hoffen darf. 
Man erwarte nicht, daß die freien Mitteilungen des Kranken, das 
Material der am meisten oberflächlichen Schichten, es dem Ana- 
lytiker leicht machen zu erkennen, an welchen Stellen es in die 
Tiefe geht, an welche Punkte die gesuchten Gedankenzusammen- 
hänge anknüpfen. Im Gegenteil; gerade dies ist sorgfältig verhüllt, 
die Darstellung des Kranken klingt wie vollständig und in sich 
gefestigt. Man steht zuerst vor ihr wie vor einer Mauer, die jede 
Aussicht versperrt und die nicht ahnen läßt, ob etwas und was 
denn doch dahinter steckt. 

Wenn man aber die Darstellung, die man vom Kranken ohne 
viel Mühe und Widerstand erhalten hat, mit kritischem Auge 
mustert, wird man ganz unfehlbar Lücken und Schäden in ihr 
entdecken. Hier ist der Zusammenhang sichtlich unterbrochen und 
wird vom Kranken durch eine Redensart, eine ungenügende Aus- 
kunft notdürftig ergänzt; dort stößt man auf ein Motiv, das bei 



224 



Studien über Hysterie 



einem normalen Menschen als ein ohnmächtiges zu bezeichnen 
wäre. Der Kranke ' will diese Lücken nicht anerkennen, wenn er 
auf sie aufmerksam gemacht wird. Der Arzt aber tut recht daran, 
wenn er hinter diesen schwachen Stellen den Zugang zu dem 
Material der tieferen Schichten sucht, wenn er gerade hier die 
Fäden des Zusammenhanges aufzufinden hofft, denen er mit der 
Druckprozedur nachspürt. Man sagt dem Kranken also: Sie irren 
sich; das, was Sie angeben, kann mit dem betreffenden nichts zu 
tun haben. Hier müssen wir auf etwas anderes stoßen, was Ihnen 
unter dem Drucke meiner Hand einfallen wird. 

Man darf nämlich an einen Gedankengang bei einem Hysteri- 
schen, und reichte er auch ins Unbewußte, dieselben Anforde- 
rungen von logischer Verknüpfung und ausreichender Motivierung 
stellen, die man bei einem normalen Individuum erheben würde. 
Eine Lockerung dieser Beziehungen liegt nicht im Machtbereiche 
der Neurose. Wenn die Vorstellungsverknüpfungen der Neuroti- 
schen und speziell der Hysterischen einen anderen Eindruck machen, 
wenn hier die Relation der Intensitäten verschiedener Vorstellungen 
aus psychologischen Bedingungen allein unerklärbar scheint, so 
haben wir ja gerade für diesen Anschein den Grund kennen 
gelernt und wissen ihn als Existenz verborgener, unbewußter 
Motive zu nennen. Wir dürfen also solche geheime Motive überall 
dort vermuten, wo ein solcher Sprung im Zusammenhange, eine 
Überschreitung des Maßes normal berechtigter Motivierung nach- 
zuweisen ist. 

Natürlich muß man sich bei solcher Arbeit von dem theoreti- 
schen Vorurteile frei halten, man habe es mit abnormen Gehirnen 
von degeneres und desequilibres zu tun, denen die Freiheit, die 
gemeinen psychologischen Gesetze der Vorstellungsverbindung über 
den Haufen zu werfen, als Stigma eigen wäre, bei denen eine 
beliebige Vorstellung ohne Motiv übermäßig intensiv wachsen, 
eine andere ohne psychologischen Grund unverwüstlich bleiben 
kann. Die Erfahrung zeigt für die Hysterie das Gegenteil; hat 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



225 



man die verborgenen — oft unbewußt gebliebenen — Motive heraus- 
gefunden und bringt sie in Rechnung, so bleibt auch an der hysteri- 
schen Gedankenverknüpfung nichts rätselhaft und regelwidrig. 

Auf solche Art also, durch Aufspüren von Lücken in der ersten 
Darstellung des Kranken, die oft durch „falsche Verknüpfungen" 
gedeckt sind, greift man ein Stück des logischen Fadens an der 
Peripherie auf und bahnt sich durch die Druckprozedur von da 
aus den weiteren Weg. 

Sehr selten gelingt es dabei, sich an demselben Faden bis ins 
Innere durchzuarbeiten; meist reißt er unterwegs ab, indem der 
Druck versagt, gar kein Ergebnis liefert oder eines, das mit aller 
Mühe nicht zu klären und nicht fortzusetzen ist. Man lernt es 
bald, sich in diesem Falle vor den naheliegenden Verwechslungen 
zu schützen. Die Miene des Kranken muß es entscheiden, ob man 
wirklich an ein Ende gekommen ist, oder einen Fall getroffen hat, 
welcher eine psychische Aufklärung nicht braucht, oder ob es 
übergroßer Widerstand ist, der der Arbeit Halt gebietet. Kann 
man letzteren nicht alsbald besiegen, so darf man annehmen, daß 
man den Faden bis in eine Schichte hinein verfolgt hat, die für 
jetzt noch undurchlässig ist. Man läßt ihn fallen, um einen 
anderen Faden aufzugreifen, den man vielleicht ebensoweit ver- 
folgt. Ist man mit allen Fäden in diese Schichte nachgekommen, 
hat dort die Verknotungen aufgefunden, wegen welcher der ein- 
zelne Faden isoliert nicht mehr zu verfolgen war, so kann man 
daran denken, den bevorstehenden Widerstand von neuem anzu- 
greifen. 

Man kann sich leicht vorstellen, wie kompliziert eine solche 
Arbeit werden kann. Man drängt sich unter beständiger Über- 
windung von Widerstand in innere Schichten ein, gewinnt Kenntnis 
von den in dieser Schicht angehäuften Themen und den durch- 
laufenden Fäden, prüft, bis wie weit man mit seinen gegen- 
wärtigen Mitteln und seiner gewonnenen Kenntnis vordringen 
kann, verschafft sich erste Kundschaft von dem Inhalte der nächsten 



Freud, I. 



15 



226 



Studien über Hysterie 



Schichten durch die Druckprozedur, läßt die Fäden fallen und 
nimmt sie wieder auf, verfolgt sie bis zu Knotenpunkten, holt 
beständig nach und gelangt, indem man einem Erinnerungsfaszikel 
nachgeht, jedesmal auf einen Nebenweg, der schließlich doch 
wieder einmündet. Endlich kommt man auf solche Art so weit, 
daß man das schichtweise Arbeiten verlassen und auf einem Haupt- 
wege direkt zum Kerne der pathogenen Organisation vordringen- 
kann. Damit ist der Kampf gewonnen, aber noch nicht beendet. Man 
muß die anderen Fäden nachholen, das Material erschöpfen ; aber 
jetzt hilft der Kranke energisch mit, sein Widerstand ist meist 
schon gebrochen. 

Es ist in diesen späteren Stadien der Arbeit von Nutzen, wenn 
man den Zusammenhang errät und ihn dem Kranken mitteilt, 
ehe man ihn aufgedeckt hat. Hat man richtig erraten, so be- 
schleunigt man den Verlauf der Analyse, aber auch mit einer 
unrichtigen Hypothese hilft man sich weiter, indem man den 
Kranken nötigt, Partei zu nehmen, und ihm energische Ab- 
lehnungen entlockt, die ja ein sicheres Besserwissen verraten. 

Man überzeugt sich dabei mit Erstaunen, daß man nicht im- 
stande ist, dem Kranken über die Dinge, die er angeblich 
nicht weiß, etwas aufzudrängen oder die Ergebnisse der 
Analyse durch Erregung seiner Erwartung zu beeinflussen. 
Es ist mir kein einziges Mal gelungen, die Reproduktion der Er- 
innerungen oder den Zusammenhang der Ereignisse durch meine 
Vorhersage zu verändern und zu fälschen, was sich ja endlich 
durch einen Widerspruch im Gefüge hätte verraten müssen. Traf 
etwas so ein, wie ich es vorhergesagt, so war stets durch vielfache 
unverdächtige Reminiszenzen bezeugt, daß ich eben richtig geraten 
hatte. Man braucht sich also nicht zu fürchten, vor dem Kranken 
irgend eine Meinung über den nächstkommenden Zusammenhang 
zu äußern; es schadet nichts. 

Eine andere Beobachtung, die man jedesmal zu wiederholen 
Gelegenheit hat, bezieht sich auf die selbständigen Reproduktionen 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



227 



des Kranken. Man kann behaupten, daß keine einzige Reminiszenz 
während einer solchen Analyse auftaucht, die nicht ihre Bedeutung 
hätte. Ein Dareinmengen beziehungsloser Erinnerungsbilder, die 
mit den wichtigen irgendwie assoziiert sind, kommt eigentlich 
gar nicht vor. Man darf eine nicht regelwidrige Ausnahme für 
solche Erinnerungen postulieren, die an sich unwichtig, doch als 
Schaltstücke unentbehrlich sind, indem die Assoziation zwischen 
zwei beziehungsvollen Erinnerungen nur über sie geht. — Die 
Zeitdauer, während welcher eine Erinnerung im Engpasse vor 
dem Bewußtsein des Patienten verweilt, steht, wie schon angeführt, 
in direkter Beziehung zu deren Bedeutung. Ein Bild, das nicht 
verlöschen will, verlangt noch seine Würdigung, ein Gedanke, 
der sich nicht abtun läßt, will noch weiter verfolgt werden. Es 
kehrt auch nie eine Reminiszenz zum zweiten Male wieder, wenn 
sie erledigt worden ist; ein Bild, das abgesprochen wurde, ist nicht 
wieder zu sehen. Geschieht dies doch, so darf man mit Bestimmt- 
heit erwarten, daß das zweitemal ein neuer Gedankeninhalt sich 
an das Bild, eine neue Folgerung an den Einfall knüpfen wird, 
d. h., daß doch keine vollständige Erledigung stattgefunden hat. 
Eine Wiederkehr in verschiedener Intensität, zuerst als Andeutung, 
dann in voller Helligkeit kommt hingegen häufig vor, widerspricht 
aber nicht der eben aufgestellten Behauptung. — 

Wenn sich unter den Aufgaben der Analyse die Beseitigung 
eines Symptoms befindet, welches der Intensitätssteigerung oder der 
Wiederkehr fähig ist (Schmerzen, Reizsymptome wie Erbrechen, 
Sensationen, Kontrakturen), so beobachtet man während der Arbeit 
von seiten dieses Symptoms das interessante und nicht unerwünschte 
Phänomen des „Mitsprechens". Das fragliche Symptom erscheint 
wieder oder erscheint in verstärkter Intensität, sobald man in die 
Region der pathogenen Organisation geraten ist, welche die Ätio- 
logie dieses Symptoms enthält, und es begleitet nun die Arbeit 
mit charakteristischen und für den Arzt lehrreichen Schwankungen 
weiter. Die Intensität desselben (sagen wir: einer Brechneigung) 

15* 



228 



Studien über Hysterie 



steigt, je tiefer man in eine der hiefür pathogenen Erinnerungen 
eindringt, erreicht die größte Höhe kurz vor dem Aussprechen 
der letzteren und sinkt mit vollendeter Aussprache plötzlich ab 
oder verschwindet auch völlig für eine Weile. Wenn der Kranke 
aus Widerstand das Aussprechen lange verzögert, wird die 
Spannung der Sensation, der Brechneigung unerträglich und kann 
man das Aussprechen nicht erzwingen, so tritt wirklich Erbrechen 
ein. Man gewinnt so einen plastischen Eindruck davon, daß das 
„Erbrechen" an Stelle einer psychischen Aktion (hier des Aus- 
sprechens) steht, wie es die Konversionstheorie der Hysterie be- 
hauptet. 

Diese Intensitätsschwankung von selten des hysterischen Sym- 
ptoms wiederholt sich nun jedesmal, so oft man eine neue, hiefür 
pathogene Erinnerung in Angriff nimmt; das Symptom steht so- 
zusagen die ganze Zeit über auf der Tagesordnung. Ist man 
genötigt, den Faden, an dem dies Symptom hängt, für eine Weile 
fallen zu lassen, so tritt auch das Symptom in die Dunkelheit 
zurück, um in einer späteren Periode der Analyse wieder aufzu- 
tauchen. Dieses Spiel währt so lange, bis durch das Aufarbeiten 
des pathogenen Materials für dieses Symptom endgültige Erledi- 
gung geschaffen ist. 

Streng genommen verhält sich hiebei das hysterische Symptom 
gar nicht anders als das Erinnerungsbild oder der reproduzierte 
Gedanke, den man unter dem Drucke der Hand heraufbeschwört. 
Hier wie dort dieselbe obsedierende Hartnäckigkeit der Wiederkehr 
in der Erinnerung des Kranken, die Erledigung erheischt. Der 
Unterschied liegt nur in dem anscheinend spontanen Auftreten 
der hysterischen Symptome, während man sich wohl erinnert, die 
Szenen und Einfälle selbst provoziert zu haben. Es führt aber in 
der Wirklichkeit eine ununterbrochene Reihe von den unver- 
änderten Erinnerungsresten affektvoller Erlebnisse und Denk- 
akte bis zu den hysterischen Symptomen, ihren Erinnerungs- 
symbolen. 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



229 



Das Phänomen des Mitsprechens des hysterischen Symptoms 
während der Analyse bringt einen praktischen Übelstand mit sich, 
mit welchem man den Kranken sollte aussöhnen können. Es ist 
ja ganz unmöglich, eine Analyse eines Symptoms in einem Zuge 
vorzunehmen oder die Pausen in der Arbeit so zu verteilen, daß 
sie gerade mit Ruhepunkten in der Erledigung zusammentreffen. 
Vielmehr fällt die Unterbrechung, die durch die Nebenumstände 
der Behandlung, die vorgerückte Stunde u. dgl. gebieterisch vor- 
geschrieben wird, oft an die ungeschicktesten Stellen, gerade wo 
man sich einer Entscheidung nähern könnte, gerade wo ein neues 
Thema auftaucht. Es sind dieselben Übelstände, die jedem Zeitungs- 
leser die Lektüre des täglichen Fragments seines Zeitungsromans 
verleiden, wenn unmittelbar nach der entscheidenden Rede der 
Heldin, nach dem Knallen des Schusses u. dgl. zu lesen steht: 
(Fortsetzung folgt). In unserem Falle bleibt das aufgerührte, aber 
nicht abgetane Thema, das zunächst verstärkte und noch . nicht 
erklärte Symptom, im Seelenleben des Kranken bestehen und 
belästigt ihn vielleicht ärger, als es sonst der Fall war. Damit 
muß man sich eben abfinden können; es läßt sich nicht anders ein- 
richten. Es gibt überhaupt Kranke, die während einer solchen 
Analyse das einmal berührte Thema nicht wieder loslassen können, 
die von ihm auch in der Zwischenzeit zwischen zwei Behand- 
lungen obsediert sind, und da sie doch allein mit der Erledigung 
nicht weiter kommen, zunächst mehr leiden als vor der Behand- 
lung. Auch solche Patienten lernen es schließlich, auf den Arzt 
zu warten, alles Interesse, das sie an der Erledigung des patho- 
genen Materials haben, in die Stunden der Behandlung zu ver- 
legen, und sie beginnen dann, sich in den Zwischenzeiten freier 
zu fühlen. 



Auch das Allgemeinbefinden der Kranken während einer solchen 
Analyse erscheint der Beachtung wert. Eine Weile noch bleibt es, 
von der Behandlung unbeeinflußt, Ausdruck der früher wirksamen 



230 



Studien über Hysterie 



Faktoren, dann aber kommt ein Moment, in dem der Kranke 
„gepackt", sein Interesse gefesselt wird, und von da gerät auch 
sein Allgemeinzustand immer mehr in Abhängigkeit von dem 
Stande der Arbeit. Jedesmal, wenn eine neue Aufklärung gewonnen, 
ein wichtiger Abschnitt in der Gliederung der Analyse erreicht 
ist, fühlt sich der Kranke auch erleichtert, genießt er wie ein 
Vorgefühl der nahenden Befreiung; bei jedem Stocken der Arbeit,, 
bei jeder drohenden Verwirrung wächst die psychische Last, die 
ihn bedrückt, steigert sich seine Unglücksempfindung, seine Leistungs- 
unfähigkeit. Beides allerdings nur für kurze Zeit; denn die Ana- 
lyse geht weiter, verschmäht es, sich des Moments von Wohl- 
befinden zu rühmen, und setzt achtlos über die Perioden der Ver- 
düsterung hinweg. Man freut sich im allgemeinen, wenn man die 
spontanen Schwankungen im Befinden des Kranken durch solche 
ersetzt hat, die man selbst provoziert und versteht, ebenso wie man 
gerne an Stelle der spontanen Ablösung der Symptome jene Tages- 
ordnung treten sieht, die dem Stande der Analyse entspricht. 

Gewöhnlich wird die Arbeit zunächst um so dunkler und 
schwieriger, je tiefer man in das vorhin beschriebene, geschichtete 
psychische Gebilde eindringt. Hat man sich aber einmal bis zum 
Kerne durchgearbeitet, so wird es Licht, und das Allgemein- 
befinden des Kranken hat keine starke Verdüsterung mehr zu 
befürchten. Den Lohn der Arbeit aber, das Aufhören der Krank- 
heitssymptome darf man erst erwarten, wenn man für jedes 
einzelne Symptom die volle Analyse geleistet hat; ja, wo die 
einzelnen Symptome durch mehrfache Knotungen aneinander ge- 
knüpft sind, wird man nicht einmal durch Partialerfolge während 
der Arbeit ermutigt. Kraft der reichlich vorhandenen kausalen 
Verbindungen wirkt jede noch unerledigte pathogen e Vorstellung 
als Motiv für sämtliche Schöpfungen der Neurose, und erst mit 
dem letzten Worte der Analyse schwindet das ganze Krankheits- 
bild, ganz ähnlich, wie sich die einzelne reproduzierte Erinnerung 
benahm. — 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



251 



Ist eine pathogene Erinnerung oder ein pathogener Zusammen- 
hang, der dem Ich-Bewußtsein früher entzogen war, durch die 
Arbeit der Analyse aufgedeckt und in das Ich eingefügt, so be- 
obachtet man an der so bereicherten psychischen Persönlichkeit 
verschiedene Arten sich über ihren Gewinn zu äußern. Ganz be- 
sonders häufig kommt es vor, daß die Kranken, nachdem man 
sie mühsam zu einer gewissen Kenntnis genötigt hat, dann er- 
klären: Das habe ich ja immer gewußt, das hätte ich Ihnen vorher 
saa-en können. Die Einsichtsvolleren erkennen dies dann als eine 
Selbsttäuschung und klagen sich des Undankes an. Sonst hängt 
im allgemeinen die Stellungnahme des Ichs gegen die neue Er- 
werbung davon ab, aus welcher Schichte der Analyse letztere 
stammt. Was den äußersten Schichten angehört, wird ohne 
Schwierigkeit anerkannt, es war ja im Besitze des Ichs geblieben, 
und nur sein Zusammenhang mit den tieferen Schichten des 
pathogenen Materials war für das Ich eine Neuigkeit. Was aus 
diesen tieferen Schichten zutage gefördert wird, findet auch noch 
Erkennung und Anerkennung, aber doch häufig erst nach längerem 
Zögern und Bedenken. Visuelle Erinnerungsbilder sind hier natür- 
lich schwieriger zu verleugnen als Erinnerungsspuren von bloßen 
Gedankengängen. Gar nicht selten sagt der Kranke zuerst: Es ist 
möglich, daß ich dies gedacht habe, aber ich kann mich nicht 
erinnern, und erst nach längerer Vertrautheit mit dieser Annahme 
tritt auch das Erkennen dazu; er erinnert sich und bestätigt es 
auch durch Nebenverknüpfungen, daß er diesen Gedanken wirk- 
lich einmal gehabt hat. Ich mache es aber während der Analyse 
zum Gebote, die Wertschätzung einer auftauchenden Reminiszenz 
unabhängig von der Anerkennung des Kranken zu halten. Ich 
werde nicht müde zu wiederholen, daß wir daran gebunden sind, 
alles anzunehmen, was wir mit unseren Mitteln zutage fördern. 
Wäre etwas Unechtes oder Unrichtiges darunter, so würde der 
Zusammenhang es später ausscheiden lehren. Nebenbei gesagt, ich 
habe kaum je Anlaß gehabt, einer vorläufig zugelassenen Re- 



232 



Studien über Hysterie 



miniszenz nachträglich die Anerkennung zu entziehen. Was immer 
auftauchte, hat sich trotz des täuschendsten Anscheines eines 
zwingenden Widerspruches doch endlich als das Richtige er- 
wiesen. 

Die aus der größten Tiefe stammenden Vorstellungen, die den 
Kern der pathogenen Organisation bilden, werden von den Kranken 
auch am schwierigsten als Erinnerungen anerkannt. Selbst wenn, 
alles vorüber ist, wenn die Kranken, durch den logischen Zwang 
überwältigt und von der Heilwirkung überzeugt, die das Auf- 
tauchen gerade dieser Vorstellungen begleitet — wenn die Kranken, 
sage ich, selbst angenommen haben, sie hätten so und so gedacht, 
fügen sie oft hinzu: Aber erinnern, daß ich es gedacht habe, 
kann ich mich nicht. Man verständigt sich dann leicht mit ihnen: 
Es waren unbewußte Gedanken. Wie soll man aber selbst diesen 
Sachverhalt in seine psychologischen Anschauungen eintragen? 
Soll man sich über dies verweigerte Erkennen von selten der 
Kranken, das nach getaner Arbeit motivlos ist, hinwegsetzen; soll 
man annehmen, daß es sich wirklich um Gedanken handelt, die 
nicht zustande gekommen sind, für welche bloß die Existenz- 
möglichkeit vorlag, so daß die Therapie in der Vollziehung eines 
damals unterbliebenen psychischen Aktes bestünde? Es ist offen- 
bar unmöglich, hierüber, d. h. also über den Zustand des patho- 
genen Materials vor der Analyse etwas auszusagen, ehe man 
seine psychologischen Grundansichten, zumal über das Wesen 
des Bewußtseins, gründlich geklärt hat. Es bleibt wohl eine des 
Nachdenkens würdige Tatsache, daß man bei solchen Analysen 
einen Gedankengang aus dem Bewußten ins Unbewußte (d. i. 
absolut nicht als Erinnerung Erkannte) verfolgen, ihn von dort 
aus wieder eine Strecke weit durchs Bewußte ziehen und wieder 
im Unbewußten enden sehen kann, ohne daß dieser Wechsel 
der „psychischen Beleuchtung" an ihm selbst, an seiner Folge- 
richtigkeit dem Zusammenhang seiner einzelnen Teile, etwas 
ändern würde. Habe ich dann einmal diesen Gedankengang ganz 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



233 



vor mir, so könnte ich nicht erraten, welches Stück vom Kranken 
als Erinnerung erkannt wurde, welches nicht. Ich sehe nur 
gewissermaßen die Spitzen des Gedankenganges ins Unbewußte 
eintauchen, umgekehrt wie man es von unseren normalen psychi- 
schen Vorgängen behauptet hat. 



Ich habe endlich noch ein Thema zu behandeln, welches bei 
der Durchführung einer solchen kathartischen Analyse eine un- 
erwünscht große Rolle spielt. Ich habe bereits als möglich zu- 
gestanden, daß die Druckprozedur versagt, trotz alles Versicherns 
und Drängens keine Reminiszenz heraufbefördert. Dann, sagte 
ich, seien zwei Fälle möglich, entweder, es ist an der Stelle, wo 
man eben nachforscht, wirklich nichts zu holen 5 dies erkennt 
man an der völlig ruhigen Miene des Kranken; oder man ist 
auf einen erst später überwindbaren Widerstand gestoßen, man 
steht vor einer neuen Schichte, in die man noch nicht eindringen 
kann, und das liest man dem Kranken wiederum von seiner 
gespannten und von geistiger Anstrengung zeugenden Miene ab. 
Es ist aber noch ein dritter Fall möglich, der gleichfalls ein 
Hindernis bedeutet, aber kein inhaltliches, sondern ein äußer- 
liches. Dieser Fall tritt ein, wenn das Verhältnis des Kranken 
zum Arzte gestört ist, und bedeutet das ärgste Hindernis, auf das 
man stoßen kann. Man kann aber in jeder ernsteren Analyse 
darauf rechnen. 

Ich habe bereits angedeutet, welche wichtige Rolle der Person 
des Arztes bei der Schöpfung von Motiven zufällt, welche die 
psychische Kraft des Widerstandes besiegen sollen. In nicht wenigen 
Fällen, besonders bei Frauen und wo es sich um Klärung erotischer 
Gedankengänge handelt, wird die Mitarbeiterschaft der Patienten 
zu einem persönlichen Opfer, das durch irgendwelches Surrogat 
von Liebe vergolten werden muß. Die Mühewaltung und ge- 



J 34 



Studien über Hysterie 



duldige Freundlichkeit des Arztes haben als solches Surrogat zu 
genügen. 

Wird nun dieses Verhältnis der Kranken zum Arzte gestört, 
so versagt auch die Bereitschaft der Kranken 5 wenn der Arzt 
sich nach der nächsten pathogenen Idee erkundigen will, tritt 
der Kranken das Bewußtsein der Beschwerden dazwischen, die 
sich bei ihr gegen den Arzt angehäuft haben. Soviel ich erfahren 
habe, tritt dieses Hindernis in drei Hauptfällen ein: 

i) Bei persönlicher Entfremdung, wenn die Kranke sich zu- 
rückgesetzt, geringgeschätzt, beleidigt glaubt oder Ungünstiges über 
den Arzt und die Behandlungsmethode gehört hat. Dies ist der 
am wenigsten ernste Fall 5 das Hindernis ist durch Aussprechen 
und Aufklären leicht zu überwinden, wenngleich die Empfind- 
lichkeit und der Argwohn Hysterischer sich gelegentlich in un- 
geahnten Dimensionen äußern können. 

2) Wenn die Kranke von der Furcht ergriffen wird, sie ge- 
wöhne sich zu sehr an die Person des Arztes, verliere ihre 
Selbständigkeit ihm gegenüber, könne gar in sexuelle Abhängigkeit 
von ihm geraten. Dieser Fall ist bedeutsamer, weil minder indi- 
viduell bedingt. Der Anlaß zu diesem Hindernisse ist in der 
Natur der therapeutischen Bekümmerung enthalten. Bie Kranke 
hat nun ein neues Motiv zum Widerstände, welches sich nicht 
nur bei einer gewissen Reminiszenz, sondern bei jedem Versuche 
der Behandlung äußert. Ganz gewöhnlich klagt die Kranke über 
Kopfschmerzen, wenn man die Druckprozedur vornimmt. Ihr 
neues Motiv zum Widerstände bleibt ihr nämlich meistens un- 
bewußt, und sie äußert es durch ein neu erzeugtes hysterisches 
Symptom. Der Kopfschmerz bedeutet die Abneigung, sich beein- 
flussen zu lassen. 

3) Wenn die Kranke sich davor erschreckt, daß sie aus dem 
Inhalte der Analyse auftauchende peinliche Vorstellungen auf die 
Person des Arztes überträgt. Dies ist häufig, ja in manchen Ana- 
lysen ein regelmäßiges Vorkommnis. Die Übertragung auf den 



Zur Psychotherapie der Hysterie 



235 



Arzt geschieht durch falsche Verknüpfung (vgl. S. 47). Ich 
muß hier wohl ein Beispiel anführen: Ursprung eines gewissen 
hysterischen Symptoms war bei einer meiner Patientinnen der 
vor vielen Jahren gehegte und sofort ins Unbewußte verwiesene 
Wunsch, der Mann, mit dem sie damals ein Gespräch geführt, 
möchte doch herzhaft zugreifen und ihr einen Kuß aufdrängen. 
Nun taucht einmal nach Beendigung einer Sitzung ein solcher 
Wunsch in der Kranken in bezug auf meine Person auf; sie ist 
entsetzt darüber, verbringt eine schlaflose Nacht und ist das nächste 
Mal, obwohl sie die Behandlung nicht verweigert, doch ganz un- 
brauchbar zur Arbeit. Nachdem ich das Hindernis erfahren und 
behoben habe, geht die Arbeit wieder weiter und siehe da, der 
Wunsch, der die Kranke so erschreckt, erscheint als die nächste, 
als die jetzt vom logischen Zusammenhange geforderte der patho- 
genen Erinnerungen. Es war also so zugegangen: Es war zuerst 
der Inhalt des Wunsches im Bewußtsein der Kranken aufge- 
treten, ohne die Erinnerungen an die Neben umstände, die diesen 
Wunsch in die Vergangenheit verlegen konnten; der nun vor- 
handene Wunsch wurde durch den im Bewußtsein herrschenden 
Assoziationszwang mit meiner Person verknüpft, welche ja die 
Kranke beschäftigen darf, und bei dieser Mesalliance — die ich 
falsche Verknüpfung heiße — wacht derselbe Affekt auf, der 
seinerzeit die Kranke zur Verweisung dieses unerlaubten Wunsches 
gedrängt hat. Nun ich das einmal erfahren habe, kann ich von 
jeder ähnlichen Inanspruchnahme meiner Person voraussetzen, es 
sei wieder eine Übertragung und falsche Verknüpfung vorgefallen. 
Die Kranke fällt merkwürdigerweise der Täuschung jedes neue 
Mal zum Opfer. 

Man kann keine Analyse zu Ende führen, wenn man dem 
Widerstände, der sich aus diesen drei Vorfällen ergibt, nicht zu 
begegnen weiß. Man findet aber auch hiezu den Weg, wenn 
man sich vorsetzt, dieses nach altem Muster neu produzierte 
Symptom so zu behandeln wie die alten. Man hat zunächst 



256 



Studien über Hysterie 



die Aufgabe, das „Hindernis" der Kranken bewußt zu machen. 
Bei einer meiner Kranken zum Beispiel, bei der plötzlich die 
Druckprozedur versagte und ich Grund hatte, eine unbewußte 
Idee wie die unter 2) erwähnte anzunehmen, traf ich es das 
erstemal durch Überrumpelung. Ich sagte ihr, es müsse sich ein 
Hindernis gegen die Fortsetzung der Behandlung ergeben haben, 
die Druckprozedur habe aber wenigstens die Macht, ihr dieses 
Hindernis zu zeigen, und drückte auf ihren Kopf. Sie sagte 
erstaunt: Ich sehe Sie auf dem Sessel hier sitzend, das ist doch 
ein Unsinn; was soll das bedeuten? — Ich konnte sie nun auf- 
klären. 

Bei einer andern pflegte sich das „Hindernis" nicht direkt auf 
Druck zu zeigen, aber ich konnte es jedesmal nachweisen, wenn 
ich die Patientin auf den Moment zurückführte, in dem es ent- 
standen war. Diesen Moment wiederzubringen, verweigerte uns die 
Druckprozedur nie. Mit dem Auffinden und Nachweisen des Hin- 
dernisses war die erste Schwierigkeit hinweggeräumt, eine größere 
blieb noch bestehen. Sie bestand darin, die Kranke zum Mit- 
teilen zu bewegen, wo anscheinend persönliche Beziehungen in 
Betracht kamen, wo die dritte Person mit der des Arztes zu- 
sammenfiel. Ich war anfangs über diese Vermehrung meiner 
psychischen Arbeit recht ungehalten, bis ich das Gesetzmäßige 
des ganzen Vorganges einsehen lernte, und dann merkte ich auch, 
daß durch solche Übertragung keine erhebliche Mehrleistung ge- 
schaffen sei. Die Arbeit für die Patientin blieb dieselbe: etwa den 
peinlichen Affekt zu überwinden, daß sie einen derartigen Wunsch 
einen Moment lang hegen konnte, und es schien für den Er- 
folg gleichgültig, ob sie diese psychische Abstoßung im historischen 
Falle oder im rezenten mit mir zum Thema der Arbeit nahm. 
Die Kranken lernten auch allmählich einsehen, daß es sich bei 
solchen Übertragungen auf die Person des Arztes um einen Zwang 
und um eine Täuschung handle, die mit Beendigung der Ana- 
lyse zerfließe. Ich meine aber, wenn ich versäumt hätte, ihnen 






Zur Psychotherapie der Hysterie 



237 



die Natur des „Hindernisses" Mar zu machen, hätte ich ihnen 
einfach ein neues hysterisches Symptom, wenn auch ein milderes, 
für ein anderes, spontan entwickeltes, substituiert. 



Nun, meine ich, ist es genug der Andeutungen über die Aus- 
führung solcher Analysen und die dabei gemachten Erfahrungen. 
Sie lassen vielleicht manches komplizierter erscheinen, als es ist 5 
vieles ergibt sich ja von selbst, wenn man sich in solch einer 
Arbeit befindet. Ich habe die Schwierigkeiten der Arbeit nicht 
aufgezählt, um den Eindruck zu erwecken, es lohne sich bei der- 
artigen Anforderungen an Arzt und Kranke nur in den seltensten 
Fällen, eine kathartische Analyse zu unternehmen. Ich lasse mein 
ärztliches Handeln von der gegenteiligen Voraussetzung beein- 
flussen. — Die bestimmtesten Indikationen für die Anwendung 
der hier geschilderten therapeutischen Methode kann ich freilich 
nicht aufstellen, ohne in die Würdigung des bedeutsameren und 
umfassenderen Themas der Therapie der Neurosen überhaupt ein- 
zugehen. Ich habe bei mir häufig die karthartische Psychotherapie 
mit chirurgischen Eingriffen verglichen, meine Kuren als psycho- 
therapeutische Operationen bezeichnet, die Analogien mit 
Eröffnung einer eitergefüllten Höhle, der Auskratzung einer kariös 
erkrankten Stelle u. dgl. verfolgt. Eine solche Analogie findet ihre 
Berechtigung nicht so sehr in der Entfernung des Krankhaften 
als in der Herstellung besserer Heilungsbedingungen für den Ab- 
lauf des Prozesses. 

Ich habe wiederholt von meinen Kranken, wenn ich ihnen 
Hilfe oder Erleichterung durch eine kathartische Kur versprach, 
den Einwand hören müssen : Sie sagen ja selbst, daß mein Leiden 
wahrscheinlich mit meinen Verhältnissen und Schicksalen zu- 
sammenhängt: daran können Sie ja nichts ändern 5 auf welche 
Weise wollen Sie mir denn helfen? Darauf habe ich antworten 



THil 



258 Studien über Hysterie: Zur Psychotherapie der Hysterie 



können: — Ich zweifle ja nicht, daß es dem Schicksale leichter 
fallen müßte als mir, Ihr Leiden zu beheben: aber Sie werden 
sich überzeugen, daß viel damit gewonnen ist, wenn es uns ge- 
lingt, Ihr hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln. 
Gegen das letztere werden Sie sich mit einem wiedergenesenen 
Seelenleben besser zur Wehre setzen können. 









FRÜHE ARBEITEN 
ZUR NEUROSENLEHRE 



(1892—1899) 



Die unter dem Titel „Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre" hier ver- 
einigten Arbeiten sind in den Jahren 1892—1899 in verschiedenen Zeit- 
schriften erschienen (siehe die nähere Angabe bei jeder einzelnen Arbeit). 
Die drei ursprünglich französisch geschriebenen Arbeiten sind auch hier in 
dieser Sprache abgedruckt. 

Die in dieser Gruppe hier enthaltenen Arbeiten — mit Ausnahme der an 
zweiter Stelle stehenden („Ein Fall von hypnotischer Heilung ..." usw.) 
und der an letzter Stelle stehenden („Über Deckerinnerungen") — erschienen 
auch in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 
l8pß—ipo6 von Prof. Dr. Sigm. Freud" im Verlage Franz Deuticke, Leipzig 
und Wien, 1906 (zweite Auf läge 191 1, dritte 19 20, vierte 1922), mit dessen 
Genehmigung sie in diese Gesamtausgabe aufgenommen worden sind. 

Die autorisierte englische Übersetzung dieser Arbeiten — wieder mit 
Ausnahme der beulen oben genannten — erschien in London 1924 in Vol. I 
der „Collected Papers by Sigm. Freud" (Lnternational Psycho -Analytical 
Library Nr. 7 ,■ von Joan Riviere revidierte Übersetzungen von J. Bernays, 
John Rickman, M. Meyer und Cecil M. Raines.) 



VORWORT 

ZUR ERSTEN AUFLAGE DER „SAMMLUNG KLEINER SCHRIFTEN ZUR NEUROSEN- 
LEHRE AUS DEN JAHREN 1895 — 1906" ' 

Mehrfach geäußerten Wünschen folgend, habe ich mich entschlossen, meine 
kleineren Arbeiten über Neurosen seit dem Jahre 1893 den Fachgenossen 
gesammelt vorzulegen. Es sind vierzehn kurze Aufsätze, meist vom Charakter 
vorläufiger Mitteilungen, die in wissenschaftlichen Archiven oder ärztlichen 
Zeitschriften veröffentlicht wurden, drei unter ihnen in französischer 
Sprache. Die beiden letzten, sehr knapp gehaltenen Darlegungen meines 
gegenwärtigen Standpunktes in der Ätiologie wie in der Therapie der 
Neurosen sind den bekannten Werken von L. Löwenfeld, „Die psy- 
chischen Zwangserscheinungen", 1904, und „Sexualleben und Nerven- 
leiden", 4. Auflage, 1906, entnommen, für welche ich sie über Aufforde- 
rung des befreundeten Autors abgefaßt hatte. 1 

Diese Sammlung bildet die Vorbereitung und Ergänzung meiner größeren 
Publikationen, welche die gleichen Themata behandeln (Studien über 
Hysterie, mit Dr. J. Breuer, 1895. — Traumdeutung, 1900. — Zur Psycho- 
pathologie des Alltagslebens, 1901 und 1904. — Der Witz und seine Be- 
ziehung zum Unbewußten, 1905. — Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie, 1905. — Bruchstück einer Hysterieanalyse, 1905). Daß ich den 



1) [Diese beiden letzten Arbeiten der „Sammlung 1893 — 1906" („Die Freudsche 
psychoanalytische Methode", 1904, und „Meine Ansichten über die Rolle der Sexu- 
alität in den Neurosen", 1905) sowie die vorhergehende („Über Psychotherapie", 1905), 
sind nicht in diesem Bande der „Gesammelten Schriften" unter den „Frühen Arbeiten" 
eingereiht, sondern eröffnen die Gruppe der Schriften „Zur Technik" in Band VI 
der „Gesammelten Schriften".] 

Freud, I. . 16 



242 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Nachruf an J. M. Charcot an die Spitze der hier vereinigten kleinen 
Aufsätze gestellt habe, soll nicht nur einer Pflicht der Dankbarkeit ge- 
nügen, sondern auch den Punkt hervorheben, an welchem die eigene 
Arbeit von der des Meisters abzweigt. 

Wer mit der Entwicklung menschlicher Erkenntnis vertraut ist, wird 
ohne Verwunderung hören, daß ich einen Teil der hier vertretenen 
Meinungen seither überwunden, einen anderen zu modifizieren verstanden 
habe. Doch habe ich den größeren Teil unverändert festhalten können 
und brauche eigentlich nichts als völlig irrig und ganz wertlos zurückzu- 
nehmen. 



CHARCOT 



Zuerst erschienen in der „Wiener Medizinischen 
Wochenschrift" Nr. }J, 1893. 

Mit J. M. Charcot, den nach einem glücklichen und ruhm- 
vollen Leben am 16. August d. J. ein rascher Tod ohne Leiden 
und Krankheit ereilte, hat die junge Wissenschaft der Neurologie 
ihren größten Förderer, haben die Neurologen aller Länder ihren 
Lehrmeister, hat Frankreich einen seiner ersten Männer allzufrüh 
verloren. Er war erst 68 Jahre alt, seine körperliche Kraft wie 
seine geistige Frische schienen ihn im Einklänge mit seinen un- 
verhohlenen Wünschen für jene Langlebigkeit zu bestimmen, die 
nicht wenigen Geistesarbeitern dieses Jahrhunderts zuteil geworden 
ist. Die stattlichen neun Bände seiner Oeuvres completes, in denen 
seine Schüler seine Beiträge zur Medizin und Neuropathologie 
gesammelt hatten, dazu die Lecons du Mardi, die Jahresberichte 
seiner Klinik in der Salpetriere u. a. m., alle diese Publikationen 
die der Wissenschaft und seinen Schülern teuer bleiben werden, 
können uns den Mann nicht ersetzen, der noch viel mehr zu 
geben und zu lehren hatte, dessen Person oder dessen Werken 
noch niemand genaht war, ohne von ihnen zu lernen. 

Er hatte eine rechtschaffene menschliche Freude an seinem 
großen Erfolge und pflegte sich gern über seine Anfänge und 
den Weg, den er gegangen, zu äußern. Seine wissenschaftliche 
Neugierde war frühzeitig durch das reiche und damals völlig un- 

16* 



244 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



verstandene Material neuropathologischer Tatsachen erregt worden, 
wie er erzählte, schon als er junger Interne (Sekundararzt) war. 
Wenn er damals mit seinem Primararzt die Visite auf einer der 
Abteilungen der Salpetriere (Versorgungshaus für Frauen) machte, 
durch all die Wildnis von Lähmungen, Zuckungen und Krämpfen, 
für die es vor vierzig Jahren keine Namen und kein Verständnis 
gab, pflegte er zu sagen: „faudrait y retourner et y rester" und 
er hielt Wort. Als er medecin des höpitaux (Primararzt) ge- 
worden war, trachtete er alsbald in die Salpetriere zu kommen, 
auf eine jener Abteilungen, die die Nervenkranken beherbergten, 
und einmal dort angelangt, verblieb er auch dort, anstatt, wie 
es den französischen Primarärzten freisteht, im regelmäßigen 
Turnus Spital und Abteilung und damit auch die Spezialität zu 
wechseln. 

So war sein erster Eindruck und der Vorsatz, zu dem er ge- 
führt hatte, bestimmend für seine gesamte weitere Entwicklung 
geworden. Die Verfügung über ein großes Material an chronisch 
Nervenkranken gestattete ihm nun, seine eigentümliche Begabung 
zu verwerten. Er war kein Grübler, kein Denker, sondern eine 
künstlerisch begabte Natur, wie er es selbst nannte, ein visuel, 
ein Seher. Von seiner Arbeitsweise erzählte er uns selbst folgendes: 
Er pflegte sich die Dinge, die er nicht kannte, immer von neuem 
anzusehen, Tag für Tag den Eindruck zu verstärken, bis ihm 
dann plötzlich das Verständnis derselben aufging. Vor seinem 
geistigen Auge ordnete sich dann das Chaos, welches durch die 
Wiederkehr immer derselben Symptome vorgetäuscht wurde 5 es 
ergaben sich die neuen Krankheitsbilder, gekennzeichnet durch 
die konstante Verknüpfung gewisser Symptomgruppen; die voll- 
ständigen und extremen Fälle, die „Typen", ließen sich mit 
Hilfe einer gewissen Art von Schematisierung hervorheben, und 
von den Typen aus blickte das Auge auf die lange Reihe der 
abgeschwächten Fälle, der formes frustes, die von dem oder 
jenem charakteristischen Merkmal des Typus her ins Unbestimmte 



Charcot 



245 



ausliefen. Er nannte diese Art der Geistesarbeit, in der er keinen 
Gleichen hatte, „Nosographie treiben" und war stolz auf sie. 
Man konnte ihn sagen hören, die größte Befriedigung, die ein 
Mensch erleben könne, sei, etwas Neues zu sehen, d. h. es als 
neu zu erkennen, und in immer wiederholten Bemerkungen kam 
er auf die Schwierigkeit und Verdienstlichkeit dieses „Sehens 
zurück. Woher es denn komme, daß die Menschen in der Medizin 
immer nur sehen, was sie zu sehen bereits gelernt haben, wie 
wunderbar es sei, daß man plötzlich neue Dinge — neue 
Krankheitszustände — sehen könne, die doch wahrscheinlich so 
alt seien wie das Menschengeschlecht, und wie er sich selbst 
sagen müsse, er sehe jetzt manches, was er durch 50 Jahre auf 
seinen Krankenzimmern übersehen habe. Welchen Reichtum an 
Formen die Neuropathologie durch ihn gewann, welche Ver- 
schärfung und Sicherheit der Diagnose durch seine Beobachtungen 
ermöglicht wurde, braucht man dem Arzte nur anzudeuten. Der 
Schüler aber, der mit ihm einen stundenlangen Gang durch die 
Krankenzimmer der Salpetriere, dieses Museums von klinischen 
Fakten, gemacht hatte, deren Namen und Besonderheit größten- 
teils von ihm selbst herrührten, wurde an Cuvier erinnert, 
dessen Statue vor dem Jardin des plantes den großen Kenner 
und Beschreiber der Tierwelt, umgeben von der Fülle tierischer 
Gestalten, zeigt, oder er mußte an den Mythus von Adam denken, 
der jenen von Charcot gepriesenen intellektuellen Genuß 
im höchsten Ausmaß erlebt haben mochte, als ihm Gott die 
Lebewesen des Paradieses zur Sonderung und Benennung vor- 
führte. 

Charcot wurde auch niemals müde, die Rechte der rein 
klinischen Arbeit, die im Sehen und Ordnen besteht, gegen die 
Übergriffe der theoretischen Medizin zu verteidigen. Wir waren 
einmal eine kleine Schar von Fremden beisammen, die, in der 
deutschen Schulphysiologie auferzogen, ihm durch die Beanstän- 
dung seiner klinischen Neuheiten lästig fielen: „Das kann doch 



246 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



nicht sein," wendete ihm einmal einer von uns ein, „das wider- 
spricht ja der Theorie von Young-Helmholtz". Er erwiderte 
nicht: „Um so ärger für die Theorie, die Tatsachen der Klinik 
haben den Vorrang" u. dgl., aber er sagte uns doch, was uns 
einen großen Eindruck machte: „La the'orie, c'est bon, mais ca 
n'empeche pas d'exister." 

Durch eine ganze Reihe von Jahren hatte Charcot die Pro- 
fessur für pathologische Anatomie in Paris inne, und seine 
neuropathologischen Arbeiten und Vorlesungen, die ihn rasch 
auch im Auslande berühmt machten, betrieb er ohne Auftrag 
als Nebenbeschäftigung; für die Neuropathologie war es aber ein 
Glück, daß derselbe Mann die Leistung zweier Instanzen auf 
sich nehmen konnte, einerseits durch klinische Beobachtung die 
Krankheitsbilder schuf und anderseits beim Typus wie bei der 
forme f rüste die gleiche anatomische Veränderung als Grundlage 
des Leidens nachwies. Es ist allgemein bekannt, welche Erfolge 
diese anatomisch-klinische Methode Charcots auf dem Gebiete 
der organischen Nervenkrankheiten, der Tabes, multiplen Sklerose, 
der amyotrophischen Lateralsklerose usw. erzielte. Oft bedurfte 
es jahrelangen geduldigen Harrens, ehe bei diesen chronischen, 
nicht direkt zum Tode führenden Affektionen der Nachweis der 
organischen Veränderung gelang, und nur ein Siechenhaus, wie 
die Salpetriere, konnte gestatten, die Kranken durch so lange 
Zeiträume zu verfolgen und zu erhalten. Die erste Feststellung 
dieser Art machte Charcot übrigens, ehe er über eine Abteilung 
verfügen konnte. Der Zufall führte ihm während seiner Studien- 
zeit eine Bedienerin zu, die an einem eigentümlichen Zittern 
litt und wegen ihrer Ungeschicklichkeit keine Stelle bekommen 
konnte. Charcot erkannte ihren Zustand als die von Duchenne 
bereits beschriebene paralysie chore'iforme, von der aber nicht 
bekannt war, worauf sie beruhe. Er behielt die interessante 
Bedienerin, obwohl sie im Laufe der Jahre ein kleines Ver- 
mögen an Schüsseln und Tellern kostete, und als sie endlich 



starb, konnte er an ihr nachweisen, daß die paralysie chorei- 
forme der klinische Ausdruck der multiplen zerebrospinalen Skle- 
rose sei. 

Die pathologische Anatomie hat für die Neuropathologie 
zweierlei zu leisten: neben dem Nachweis der krankhaften Ver- 
änderung die Feststellung von deren Lokalisation, und wir alle 
wissen, daß in den letzten beiden Dezennien der zweite Teil 
der Aufgabe das größere Interesse gefunden und die größere 
Förderung erfahren hat. Charcot hat auch an diesem Werke in 
hervorragendster Weise mitgearbeitet, wenngleich die bahn- 
brechenden Funde nicht von ihm herrühren. Er folgte zunächst 
den Spuren unseres Landsmannes Türck, der, wie es heißt, 
ziemlich einsam in unserer Mitte gelebt und geforscht hat, und 
als dann die beiden großen Neuerungen kamen, die eine neue 
Epoche für unsere Kenntnis der „Lokalisation der Nervenkrank- 
heiten" einleiteten, die Reizungsversuche von Hitzig-Fritsch 
und die Markentwicklungsbefunde von Flechsig, hat er in seinen 
Vorlesungen über die Lokalisation das Meiste und das Beste dazu 
getan, die neuen Lehren mit der Klinik zu vereinigen und für 
sie fruchtbar zu machen. Was speziell die Beziehung der Körper- 
muskulatur zur motorischen Zone des menschlichen Großhirns 
betrifft, so erinnere ich daran, wie lange die genauere Art und 
Topik dieser Beziehung in Frage stand (gemeinsame Vertretung 
beider Extremitäten an denselben Stellen — Vertretung der 
oberen Extremität in der vorderen, der unteren in der hinteren 
Zentralwindung, also vertikale Gliederung), bis endlich fortgesetzte 
klinische Beobachtungen und Reiz- wie Exstirpationsversuche am 
lebenden Menschen bei Gelegenheit chirurgischer Eingriffe zu- 
gunsten der Ansicht von Charcot und Pitres entschieden, daß 
das mittlere Drittel der Zentralwindungen vorwiegend der Arm- 
vertretung, das obere Drittel und der mediale Anteil der Bein- 
vertretung diene, daß also eine horizontale Gliederung in der 
motorischen Region durchgeführt sei. 



s 4 8 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Es würde nicht gelingen, die Bedeutung Charcots für die 
Neuropathologie durch die Aufzählung einzelner Leistungen zu 
erweisen, denn es hat in den letzten zwei Dezennien überhaupt 
nicht viele Themata von einigem Belang gegeben, an deren Auf- 
stellung und Diskussion die Schule der Salpetriere nicht einen 
hervorragenden Anteil genommen hätte. „Die Schule der Sal- 
petriere", das war natürlich Charcot selbst, der mit dem Reich- 
tume seiner Erfahrung, der durchsichtigen Klarheit seiner Diktion 
und der Plastik seiner Schilderungen unschwer in jeder Schüler- 
arbeit zu erkennen war. Aus dem Kreise von jungen Männern, 
die er so an sich heranzog und zu Teilnehmern seiner For- 
schungen machte, erhoben sich dann einzelne zum Bewußtsein 
ihrer Individualität, gewannen für sich selbst einen glänzenden 
Namen, und hie und da kam es auch vor, daß einer mit einer 
Behauptung hervortrat, die dem Meister mehr geistreich als richtig 
erschien und die er in Gesprächen und Vorlesungen sarkastisch 
genug bekämpfte, ohne daß das Verhältnis zu dem geliebten 
Schüler darunter litt. Tatsächlich hinterläßt Charcot eine Schar 
von Schülern, deren geistige Qualität und bisherige Leistungen 
eine Bürgschaft bieten, daß die Pflege der Neuropathologie in 
Paris nicht so bald von der Höhe heruntergleiten wird, zu der 
Charcot sie geführt hat. 

Wir haben in Wien wiederholt die Erfahrung machen können, 
daß die geistige Bedeutung eines akademischen Lehrers nicht ohne- 
weiters mit jener direkten persönlichen Beeinflussung der Jugend 
vereinigt sein muß, die sich in der Schöpfung einer zahlreichen 
und bedeutsamen Schule äußert. Wenn Charcot in diesem 
Punkte so viel glücklicher war, so mußte man dies den per- 
sönlichen Eigenschaften des Mannes zuschreiben, dem Zauber, 
der von seiner Erscheinung und Stimme ausging, der liebens- 
würdigen Offenheit, die sein Benehmen auszeichnete, sobald 
einmal die gegenseitigen Beziehungen das Stadium der ersten 
Fremdheit überwunden hatten, der Bereitwilligkeit, mit der er 



Charcot 249 



seinen Schülern alles zur Verfügung stellte, und der Treue, die 
er ihnen durch das Leben hielt. Die Stunden, die er auf seinen 
Krankenzimmern verbrachte, waren Stunden des Beisammen- 
seins und des Gedankenaustausches mit seinem gesamten ärzt- 
lichen Stab; er schloß sich da niemals ein; der jüngste Externe 
hatte Gelegenheit, ihn bei der Arbeit zu sehen und durfte ihn 
in dieser Arbeit stören, und dieselbe Freiheit genossen die 
Fremden, die in späteren Jahren niemals bei seiner Visite fehlten. 
Endlich, wenn am Abend Madame Charcot ihr gastliches Haus 
einer auserlesenen Gesellschaft öffnete, unterstützt von einer hoch- 
begabten, in der Ähnlichkeit des Vaters aufblühenden Tochter, 
so standen die nie fehlenden Schüler und ärztlichen Gehilfen ihres 
Mannes als ein Teil der Familie den Gästen gegenüber. 

Das Jahr 1882 oder 83 brachte die endgültige Gestaltung in 
Charcots Lebens- und Arbeitsbedingungen. Man war zur Ein- 
sicht gekommen, daß das Wirken dieses Mannes einen Teil des 
Besitzstandes der nationalen Glorie bilde, der nach dem unglück- 
lichen Kriege von 1870/71 um so eifersüchtiger behütet wurde. 
Die Regierung, an deren Spitze Charcots alter Freund G a m- 
betta stand, schuf für ihn einen Lehrstuhl für Neuropathologie 
an der Fakultät, für welchen er der pathologischen Anatomie ent- 
sagen konnte, und eine Klinik samt wissenschaftlichen Neben- 
instituten in der Salpetriere. „Le service de M. Charcot" um- 
faßte jetzt nebst den früheren mit chronisch Kranken belegten 
Räumen mehrere klinische Zimmer, in welche auch Männer 
Aufnahme fanden, eine riesige Ambulanz, die Consultation externe, 
ein histologisches Laboratorium, ein Museum, eine elektrothera- 
peutische, eine Augen- und Ohrenabteilung und ein eigenes photo- 
graphisches Atelier, als ebensoviel Anlässe, um ehemalige Assi- 
stenten und Schüler in festen Stellungen dauernd an die Klinik 
zu binden. Die zwei Stock hohen, verwittert aussehenden Ge- 
bäude mit den Höfen, die sie umschlossen, erinnerten den 
Fremden auffällig an unser Allgemeines Krankenhaus, aber die 



250 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Ähnlichkeit ging wohl nicht weit genug. „Es ist vielleicht nicht 
schön hier," sagte Charcot, wenn er dem Besucher seinen 
Besitz zeigte, „aber man findet Platz für alles, was man machen 
will." 

Charcot stand auf der Höhe des Lebens, als ihm diese 
Fülle von Lehr- und Forschungsmitteln zur Verfügung gestellt 
wurde. Er war ein unermüdlicher Arbeiter, ich glaube, immer 
noch der fleißigste der ganzen Schule. Eine Privatordination, zu 
der sich die Kranken „aus Samarkand und von den Antillen" 
drängten, vermochte es nicht, ihn seiner Lehrtätigkeit oder seinen 
Forschungen zu entfremden. Sicherlich wandte sich dieser Zulauf 
von Menschen nicht allein an den berühmten Forscher, sondern 
ebensosehr an den großen Arzt und Menschenfreund, der immer 
einen Bescheid zu finden wußte und dort erriet, wo der gegen- 
wärtige Zustand der Wissenschaft ihm nicht gestattete zu wissen. 
Man hat ihm vielfach seine Therapie zum Vorwurf gemacht, die 
durch ihren Reichtum an Verschreibungen ein rationalistisches 
Gewissen beleidigen mußte. Allein er setzte einfach die örtlich 
und zeitlich gebräuchlichen Methoden fort, ohne sich über deren 
Wirksamkeit viel zu täuschen. In der therapeutischen Erwartung 
war er übrigens nicht pessimistisch und hat früher Und später 
die Hand dazu geboten, neue Behandlungsmethoden an seiner 
Klinik zu versuchen, deren kurzlebiger Erfolg von anderer Seite 
her seine Aufklärung fand. Als Lehrer war Charcot geradezu 
fesselnd, jeder seiner Vorträge ein kleines Kunstwerk an Aufbau 
und Gliederung, formvollendet und in einer Weise eindringlich, 
daß man den ganzen Tag über das gehörte Wort nicht aus seinem 
Ohr und das demonstrierte Objekt nicht aus dem Sinne bringen 
konnte. Er demonstrierte selten einen einzigen Kranken, meist 
eine Reihe oder Gegenstücke, die er miteinander verglich. Der 
Saal, in welchem er seine Vorlesungen hielt, war mit einem 
Bilde geschmückt, welches den „Bürger" PineL darstellt, wie er 
den armen Irrsinnigen der Salpetriere die Fesseln abnehmen läßt; 



Charcot 



251 



die Salpetriere, die während der Revolution so viel Schrecken ge- 
sehen, war doch auch die Stätte dieser humansten aller Umwäl- 
zungen gewesen. Meister Charcot selbst machte bei einer solchen 
Vorlesung einen eigentümlichen Eindruck; er, der sonst vor Leb- 
haftigkeit und Heiterkeit übersprudelte, auf dessen Lippen der 
Witz nicht erstarb, sah dann unter seinem Samtkäppchen ernst 
und feierlich, ja eigentlich gealtert aus, seine Stimme klang uns 
wie gedämpft, und wir konnten etwa verstehen, wieso übelwollende 
Fremde dazu kamen, der ganzen Vorlesung den Vorwurf des 
Theatralischen zu machen. Die so sprachen, waren wohl die 
Formlosigkeit des deutschen klinischen Vortrags gewöhnt oder 
vergaßen, daß Charcot nur eine Vorlesung in der Woche 
hielt, die er also sorgfältig vorbereiten konnte. 

Folgte Charcot mit dieser feierlichen Vorlesung, in der alles 
vorbereitet war und alles eintreffen mußte, wahrscheinlich einer 
eingewurzelten Tradition, so empfand er doch auch das Bedürfnis, 
seinen Hörern ein minder verkünsteltes Bild seiner Tätigkeit zu 
geben. Dazu diente ihm die Ambulanz der Klinik, die er in den 
sogenannten Lecons du Mardi persönlich erledigte. Da nahm er 
ihm völlig unbekannte Fälle vor, setzte sich allen Wechselfällen 
des Examens, allen Irrwegen einer ersten Untersuchung aus, 
warf seine Autorität von sich, um gelegentlich einzugestehen, 
daß dieser Fall keine Diagnose zulasse, daß in jenem ihn der 
Anschein getäuscht habe, und niemals erschien er seinen Hörern 
größer, als nachdem er sich so bemüht hatte, durch die ein- 
gehendste Rechenschaft über seine Gedankengänge, durch die 
größte Offenheit in seinen Zweifeln und Bedenken die Kluft 
zwischen Lehrer und Schülern zu verringern. Die Veröffent- 
lichung dieser improvisierten Vorträge aus den Jahren 1887 und 
1888, zunächst in französischer, gegenwärtig auch in deutscher 
Sprache, hat auch den Kreis seiner Bewunderer ins Ungemessene 
erweitert, und niemals hat ein neuropathologisches Werk einen 
ähnlichen Erfolg im ärztlichen Publikum erzielt wie dieses. 



Ungefähr gleichzeitig mit der Errichtung der Klinik und dem 
Zurücktreten der pathologischen Anatomie vollzog sich eine Wand- 
lung in Charcots wissenschaftlichen Neigungen, der wir die 
schönsten seiner Arbeiten danken. Er erklärte nun, die Lehre von 
den organischen Nervenkrankheiten sei vorderhand ziemlich ab- 
geschlossen, und begann sein Interesse fast ausschließlich der 
Hysterie zuzuwenden, die so mit einem Schlage in den Brenn- 
punkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gelangte. Diese rätsel- 
hafteste aller Nervenkrankheiten, für deren Beurteilung die Ärzte 
noch keinen tauglichen Gesichtspunkt gefunden hatten, war ge- 
rade damals recht in Mißkredit geraten, der sich sowohl auf die 
Kranken als auf die Ärzte erstreckte, die sich mit der Neurose 
beschäftigten. Es hieß, bei der Hysterie ist alles möglich, und 
den Hysterischen wollte man nichts glauben. Die Arbeit Charcots 
gab dem Thema zunächst seine Würde wieder; man gewöhnte 
sich allmählich das höhnische Lächeln ab, auf das die Kranke 
damals sicher rechnen konnte; sie mußte nicht mehr eine Simu- 
lantin sein, da Charcot mit seiner vollen Autorität für die 
Echtheit und Objektivität der hysterischen Phänomene eintrat. 
Charcot hatte im kleinen die Tat der Befreiung wiederholt, 
wegen welcher das Bild Pin eis den Hörsaal der Salpetriere zierte. 
Nachdem man nun der blinden Furcht entsagt hatte, von den 
armen Kranken genarrt zu werden, welche einer ernsthaften Be- 
schäftigung mit der Neurose bisher im Wege gestanden war, konnte 
es sich fragen, welche Art der Bearbeitung auf dem kürzesten 
Wege zur Lösung des Problems führen würde. Für einen ganz 
unbefangenen Beobachter hätte sich folgende Anknüpfung dar- 
geboten: Wenn ich einen Menschen in einem Zustande finde, 
der alle Zeichen eines schmerzhaften Affekts an sich trägt, im 
Weinen, Schreien, Toben, so liegt mir der Schluß nahe, einen 
seelischen Vorgang in diesem Menschen zu vermuten, dessen be- 
rechtigte Äußerung jene körperlichen Phänomene sind. Der Ge- 
sunde wäre dann imstande mitzuteilen, welcher Eindruck ihn 



peinigt, der Hysterische würde antworten, er wisse es nicht, und 
das Problem wäre sofort gegeben, woher es komme, daß der 
Hysterische einem Affekt unterliegt, von dessen Veranlassung er 
nichts zu wissen behauptet. Hält man nun an seinem Schlüsse 
fest, daß ein entsprechender psychischer Vorgang vorhanden sein 
müsse, und schenkt dabei doch der Behauptung des Kranken 
Glauben, der denselben verleugnet, sammelt man die vielfachen 
Anzeichen, aus denen hervorgeht, daß der Kranke sich so benimmt, 
als wüßte er doch darum, forscht man in der Lebensgeschichte 
des Kranken nach und findet in derselben einen Anlaß, ein 
Trauma, welches geeignet ist, gerade solche Affektäußerungen zu 
erzeugen, so drängt dies alles zur Lösung, daß der Kranke sich 
in einem besonderen Seelenzustande befinde, in dem das Band 
des Zusammenhanges nicht mehr alle Eindrücke oder Erinnerungen 
an solche umschlinge, in dem es einer Erinnerung möglich sei, 
ihren Affekt durch körperliche Phänomene zu äußern, ohne daß 
die Gruppe der anderen seelischen Vorgänge, das Ich, darum 
wisse oder hindernd eingreifen könne, und die Erinnerung an 
die allbekannte psychologische Verschiedenheit von Schlaf und 
Wachen hätte das Fremdartige dieser Annahme verringern können. 
Man wende nicht ein, daß die Theorie einer Spaltung des Be- 
wußtseins als Lösung des Rätsels der Hysterie viel zu ferne liegt, 
als daß sie sich dem unbefangenen und ungeschulten Beobachter 
aufdrängen könnte. Tatsächlich hatte das Mittelalter doch diese 
Lösung gewählt, indem es die Besessenheit durch einen Dämon 
für die Ursache der hysterischen Phänomene erklärte; es hätte 
sich nur darum gehandelt, für die religiöse Terminologie jener 
dunkeln und abergläubischen Zeit die wissenschaftliche der Gegen- 
wart einzusetzen. 

Charcot betrat nicht diesen Weg zur Aufklärung der Hysterie, 
obwohl er aus den erhaltenen Berichten der Hexenprozesse und 
der Besessenheit reichlich schöpfte, um zu erweisen, daß die Er- 
scheinungen der Neurose damals dieselben gewesen seien wie 



I 



254 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



heute. Er behandelte die Hysterie wie ein anderes Thema der 
Neuropathologie, gab die vollständige Beschreibung ihrer Er- 
scheinungen, wies Gesetz und Regel in denselben nach, lehrte die 
Symptome kennen, welche eine Diagnose der Hysterie ermöglichen. 
Die sorgfältigsten Untersuchungen, die von ihm und seinen 
Schülern ausgingen, verbreiteten sich über die Sensibilitätsstörungen 
der Hysterie an der Haut und den tiefen Teilen, das Verhalten 
der Sinnesorgane, die Eigentümlichkeiten der hysterischen Kon- 
trakturen und Lähmungen, der trophischen Störungen und der 
Veränderungen des Stoffwechsels. Die mannigfachen Formen des 
hysterischen Anfalls wurden beschrieben, ein Schema aufgestellt, 
welches die typische Gestaltung des großen hysterischen Anfalls 
in vier Stadien schilderte und die Zurückführung der gemeinhin 
beobachteten „kleinen" Anfälle auf den Typus gestattete, ebenso 
die Lage und Häufigkeit der sogenannten hysterogenen Zonen, 
deren Beziehung zu den Anfällen studiert usw. Mit all diesen 
Kenntnissen über die Erscheinung der Hysterie ausgestattet, machte 
man nun eine Reihe überraschender Entdeckungen ; man fand die 
Hysterie beim männlichen Geschlechte und besonders bei den 
Männern der Arbeiterklasse mit einer Häufigkeit, die man nicht 
vermutet hatte, man überzeugte sich, daß gewisse Zufälle, die 
man der Alkohol-, der Blei-Intoxikation zugeschrieben hatte, der 
Hysterie angehörten, man war imstande, eine ganze Anzahl von 
bisher unverstanden und isoliert dastehenden Affektionen unter 
die Hysterie zu subsumieren und den Anteil der Hysterie aus- 
zuscheiden, wo sich die Neurose mit anderen Affektionen zu kom- 
plexen Bildern vereinigt hatte. Am weittragendsten waren wohl 
die Forschungen über die Nervenerkrankungen nach schweren 
Traumen, die „traumatischen Neurosen", deren Auffassung jetzt 
noch in Diskussion steht, und bei welchen Charcot das Recht 
der Hysterie erfolgreich vertreten hat. 

Nachdem die letzten Ausdehnungen des Begriffes der Hysterie 
so häufig zur Verwerfung ätiologischer Diagnosen geführt hatten, 



Charcot 



255 



ergab sich die Notwendigkeit, auf die Ätiologie der Hysterie ein- 
zugehen. Charcot stellte eine einfache Formel für diese auf: als 
einzige Ursache hat die Heredität zu gelten, die Hysterie ist dem- 
nach eine Form der Entartung, ein Mitglied der famille ne'vro- 
pathique; alle anderen ätiologischen Momente spielen die Rolle 
von Gelegenheitsursachen, von agents provocateurs. 

Der Aufbau dieses großen Gebäudes fand natürlich nicht ohne 
heftigen Widerspruch statt, allein es war der unfruchtbare Wider- 
spruch einer alten Generation, die ihre Anschauungen nicht ver- 
ändert wissen wollte; die Jüngeren unter den Neuropathologen, 
auch Deutschlands, nahmen Charcots Lehren in größerem oder 
geringerem Ausmaße an. Charcot selbst war des Sieges seiner 
Lehren von der Hysterie vollkommen sicher; wollte man ihm 
einwenden, daß die vier Stadien des Anfalls, die Hysterie bei 
Männern usw., anderswo als in Frankreich nicht zu beobachten 
seien, so wies er darauf hin, wie lange er diese Dinge selbst über- 
sehen habe, und wiederholte, die Hysterie sei allerorten und zu 
allen Zeiten die nämliche. Gegen den Vorwurf, daß die Franzosen 
eine weit nervösere Nation seien als andere, die Hysterie gleich- 
sam eine nationale Unart, war er sehr empfindlich und konnte 
sich sehr freuen, wenn eine Publikation „über einen Fall von 
Reflexepilepsie" bei einem preußischen Grenadier ihm auf Distanz 
die Diagnose der Hysterie ermöglichte. 

An einer Stelle seiner Arbeit ging Charcot noch über das 
Niveau seiner sonstigen Behandlung der Hysterie hinaus und tat 
einen Schritt, der ihm für alle Zeiten auch den Ruhm des ersten 
Erklärers der Hysterie sichert. Mit dem Studium der hysterischen 
Lähmungen beschäftigt, die nach Traumen entstehen, kam er auf 
den Einfall, diese Lähmungen, die er vorher sorgfältig von den 
organischen differenziert hatte, künstlich zu reproduzieren, und 
bediente sich hiezu hysterischer Patienten, die er durch Hypnoti- 
sieren in den Zustand des Somnambulismus versetzte. Es gelang 
ihm durch lückenlose Schlußfolge nachzuweisen, daß diese Läh- 



256 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



mutigen Erfolge von Vorstellungen seien, die in Momenten be- 
sonderer Disposition das Gehirn des Kranken beherrscht hatten. 
Damit war zum ersten Male der Mechanismus eines hysterischen 
Phänomens aufgeklärt, und an dieses unvergleichlich schöne Stück 
klinischer Forschung knüpfte dann sein eigener Schüler P. Janet, 
knüpften Breuer u. a. an, um eine Theorie der Neurose zu ent- 
werfen, welche sich mit der Auffassung des Mittelalters deckt, 
nachdem sie den „Dämon" der priesterlichen Phantasie durch eine 
psychologische Formel ersetzt hat. 

Charcots Beschäftigung mit den hypnotischen Phänomenen 
bei Hysterischen gereichte diesem bedeutungsvollen Gebiet von 
bisher vernachlässigten und verachteten Tatsachen zur größten 
Förderung, indem das Gewicht seines Namens dem Zweifel an der 
Realität der hypnotischen Erscheinungen ein für allemal ein Ende 
machte. Allein der rein psychologische Gegenstand vertrug die 
ausschließlich nosographische Behandlung nicht, die er bei der 
Schule der Salpetriere fand. Die Beschränkung des Studiums der 
Hypnose auf die Hysterischen, die Unterscheidung von großem 
und kleinem Hypnotismus, die Aufstellung dreier Stadien der 
„großen Hypnose" und deren Kennzeichnung durch somatische 
Phänomene, dies alles unterlag in der Schätzung der Zeitgenossen, 
als Liebaults Schüler Bernheim es unternahm, die Lehre vom 
Hypnotismus auf einer umfassenderen psychologischen Grundlage 
aufzubauen und die Suggestion zum Kernpunkt der Hypnose zu 
machen. Nur die Gegner des Hypnotismus, die sich damit zu- 
frieden geben, ihren Mangel an eigener Erfahrung durch Berufung 
auf eine Autorität zu verdecken, halten noch an den Aufstellungen 
Charcots fest und lieben es, eine aus seinen letzten Jahren 
stammende Äußerung zu verwerten, die der Hypnose eine jede 
Bedeutung als Heilmittel abspricht. 

Auch an den ätiologischen Theorien, die Charcot in seiner 
Lehre von ^der famille nevropathique vertrat, und die er zur 
Grundlage seiner gesamten Auffassung der Nervenkrankheiten 



Charcot 



257 




gemacht hatte, wird wohl bald zu rütteln und zu korrigieren 
sein. Charcot überschätzte die Heredität als Ursache so sehr, daß 
kein Raum für die Erwerbung von Neuropathien übrig blieb, er 
wies der Syphilis nur einen bescheidenen Platz unter den agents 
provocateurs an, und er trennte weder für die Ätiologie, noch 
sonst hinreichend scharf die organischen Nervenaffektionen von 
den Neurosen. Es ist unausbleiblich, daß der Fortschritt unserer 
Wissenschaft, indem er unsere Kenntnisse vermehrt, auch manches 
von dem entwertet, was uns Charcot gelehrt hat, aber kein 
Wechsel der Zeiten oder der Meinungen wird den Nachruhm 
des Mannes zu schmälern vermögen, um den wir jetzt — in 
Frankreich und anderwärts — alle trauern. 

Wien, im August l8yj. 



Freud, I. 



17 



EIN FALL VON HYPNOTISCHER HEILUNG 

NEBST BEMERKUNGEN ÜBER DIE ENTSTEHUNG HYSTE- 
RISCHER SYMPTOME DURCH DEN „GEGENWILLEN" 

Zuerst erschienen im I. Jahrgang (1892/1893) der 
„Zeitschrift für Hypnotismus, Suggestionstherapie, 
Suggestionslehre und verwandte psychologische For- 
schungen", Berlin. 

Ich entschließe mich hier, einen einzelnen Fall von Heilung 
durch hypnotische Suggestion zu veröffentlichen, weil derselbe 
durch eine Reihe von Nebenumständen beweiskräftiger und 
durchsichtiger geworden ist, als die Mehrzahl unserer Heilerfolge 
zu sein pflegt. 

Die Frau, welcher ich in einem für sie bedeutsamen Moment 
ihrer Existenz Hilfe leisten konnte, war mir seit Jahren bekannt 
und blieb mehrere Jahre später unter meiner Beobachtung 5 die 
Störung, von welcher sie die hypnotische. Suggestion befreite,' war 
einige Zeit vorher zum erstenmal aufgetreten, erfolglos bekämpft 
worden und hatte der Kranken einen Verzicht abgenötigt, dessen 
sie das zweitemal durch meine Hilfe enthoben war, während ein 
Jahr später dieselbe Störung sich neuerdings einstellte, und auf 
dieselbe Weise neuerdings überwunden wurde. Der Erfolg der 
Therapie war ein für die Kranke wertvoller, der auch so lange 
anhielt, als die Kranke die der Störung unterworfene Funktion 
ausüben wollte ; und endlich dürfte es für diesen Fall gelungen 



Bin Fall von hypnotischer Heilung 259 






sein, den einfachen psychischen Mechanismus der Störung nach- 
zuweisen und ihn mit ähnlichen Vorgängen auf dem Gebiete 
der Nervenpathologie in Beziehung zu setzen. 

Es handelt sich, um nicht länger in Rätseln sprechen zu 
müssen, um einen Fall, in dem eine Mutter ihr Neugeborenes 
nicht zu nähren vermochte, ehe sich die hypnotische Suggestion 
eingemengt hatte, und in dem die Vorgänge bei einem früheren 
und einem späteren Kinde eine nur selten mögliche Kontrolle 
des therapeutischen Erfolges gestatteten. 

Das Objekt der nachstehenden Krankengeschichte ist eine junge 
Frau zwischen zwanzig und dreißig Jahren, mit der ich zufällig 
seit den Kinder jähren in Verkehr gestanden hatte, und die in- 
folge ihrer Tüchtigkeit, ruhigen Besonnenheit und Natürlichkeit 
bei niemandem, auch nicht bei ihrem Hausarzte, im Rufe einer 
Nervösen stand. Mit Rücksicht auf die hier erzählten Begeben- 
heiten muß ich sie als eine hysterique doccasion nach Charcots 
glücklichem Ausdruck bezeichnen. Man weiß, daß diese Kategorie 
der vortrefflichsten Mischung von Eigenschaften und einer sonst 
ungestörten nervösen Gesundheit nicht widerspricht. Von ihrer 
Familie kenne ich die in keiner Weise nervöse Mutter und eine 
ähnlich geartete, gesunde, jüngere Schwester. Ein Bruder hat eine 
typische Jugendneurasthenie durchgemacht, die ihn auch zum 
Scheitern in seinen Lebensplänen gebracht hat. Ich kenne die 
Ätiologie und den Verlauf dieser Erkrankung, die sich in meiner 
ärztlichen Erfahrung alljährlich mehrmals in der nämlichen Weise 
wiederholt. Bei ursprünglich guter Anlage die gewöhnliche sexuelle 
Verirrung der Pubertätszeit, dann die Überarbeitung der Studenten- 
jahre, das Prüfungsstudium, eine Gonorrhoe und im Anschluß an 
diese der plötzliche Ausbruch einer Dyspepsie in Begleitung jener 
hartnäckigen, fast unbegreiflichen Stuhlverstopfung. Nach Monaten 
Ablösung dieser Verstopfung durch Kopfdruck, Verstimmung, 
Arbeitsunfähigkeit, und von da an entwickelt sich jene Charakter- 
einschränkung und egoistische Verkümmerung, welche den Kranken 

17* 



260 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



zur Geißel seiner Familie machen. Es ist mir nicht sicher, ob 
diese Form von Neurasthenie nicht in allen Stücken erworben 
werden kann, und ich lasse daher, zumal da ich die anderen 
Verwandten meiner Patientin nicht kenne, die Frage offen, 
ob in ihrer Familie eine hereditäre Disposition für Neurosen an- 
zunehmen ist. 

Die Patientin hatte, als die Geburt des ersten Kindes aus ihrer 
glücklichen Ehe herannahte, die Absicht, dasselbe selbst zu nähren. 
Der Geburtsakt verlief nicht schwieriger, als es bei älteren Erst- 
gebärenden zu sein pflegt, wurde durch Forceps beendigt. Der 
Wöchnerin gelang es aber nicht, trotz ihres günstigen Körper- 
baues, dem Kinde eine gute Nährmutter zu sein. Die Milch kam 
nicht reichlich, das Anlegen verursachte Schmerzen, der Appetit 
mangelte, ein bedenklicher Widerwille gegen die Nahrungsauf- 
nahme stellte sich ein, die Nächte waren erregt und schlaflos, 
und um Mutter und Kind nicht weiter zu gefährden, wurde der 
Versuch nach vierzehn Tagen als mißglückt abgebrochen und das 
Kind einer Amme übergeben, wonach alle Beschwerden der Mutter 
rasch verschwanden. Ich bemerke, daß ich von diesem ersten 
Laktationsversuch nicht als Arzt und Augenzeuge berichten kann. 
Drei Jahre später erfolgte die Geburt eines zweiten Kindes und 
diesmal ließen auch äußere Umstände es wünschenswert erscheinen, 
eine Amme zu umgehen. Die Bemühungen der Mutter, selbst 
zu nähren, schienen aber weniger Erfolg zu haben und peinlichere 
Erscheinungen hervorzurufen als das erstemal. Die junge Mutter 
erbrach alle Nahrung, geriet in Aufregung, wenn sie dieselbe an 
ihr Bett bringen sah, war absolut schlaflos und so verstimmt über 
ihre Unfähigkeit, daß die beiden Ärzte der Familie, die in dieser 
Stadt so allgemein bekannten Ärzte Dr. Breuer und Dr. Lott, 
diesmal von einer längeren Fortsetzung des Versuches nichts wissen 
wollten. Sie rieten nur noch zu einem Versuch mit hypnotischer 
Suggestion und setzten durch, daß ich am Abend des vierten Tages 
als Arzt zu der mir befreundeten Frau geholt wurde. 



\s* 



Ein Fall von hypnotischer Heilung 261 

Ich fand sie mit hochgeröteten Wangen zu Bette liegend, 
wütend über ihre Unfähigkeit, das Kind zu nähren, die sich bei 
jedem Versuch steigerte und der sie doch mit allen Kräften wider- 
strebte. Um das Erbrechen zu vermeiden, hatte sie diesen Tag 
über nichts zu sich genommen. Das Epigastrium war vorgewölbt, 
auf Druck empfindlich, die aufgelegte Hand fühlte den Magen 
unruhig, von Zeit zu Zeit erfolgte geruchloses Aufstoßen, die 
Kranke klagte über beständigen üblen Geschmack im Munde. 
Die Ära des hochtympanitischen Magenschalles war erheblich 
vergrößert. Ich wurde nicht als willkommener Retter aus der 
Not begrüßt, sondern offenbar nur widerwillig angenommen und 
durfte auf nicht viel Zutrauen rechnen. 

Ich versuchte sofort, die Hypnose durch Fixierenlassen bei be- 
ständigem Einreden der Symptome des Schlafes herbeizuführen. 
Nach drei Minuten lag die Kranke mit dem ruhigen Gesichts- 
ausdruck einer tief Schlafenden da. Ich weiß mich nicht zu er- 
innern, ob ich auf Katalepsie und andere Erscheinungen von 
Folgsamkeit geprüft habe. Ich bediente mich der Suggestion, um 
allen ihren Befürchtungen und den Empfindungen, auf welche 
sich die Befürchtungen stützten, zu widersprechen. „Haben Sie 
keine Angst, Sie werden eine ausgezeichnete Amme sein, bei der 
das Kind prächtig gedeihen wird. Ihr Magen ist ganz ruhig, Ihr 
Appetit ausgezeichnet, Sie sehnen sich nach einer Mahlzeit u. dgl." 
Die Kranke schlief weiter, als ich sie für einige Minuten verließ, 
und zeigte sich amnestisch, nachdem ich sie erweckt hatte. Ehe 
ich fortging, mußte ich noch einer besorgten Bemerkung des 
Mannes widersprechen, daß die Hypnose wohl die Nerven einer 
Frau gründlich ruinieren könne. 

Am nächsten Abend erfuhr ich, was mir als ein Unterpfand 
des Erfolges galt, den Angehörigen und der Kranken aber merk- 
würdigerweise keinen Eindruck gemacht hatte. Die Wöchnerin 
hatte ohne Beschwerde zu Abend gegessen, ruhig geschlafen und 
auch am Vormittag sich wie das Kind tadellos ernährt. Die 






2Ö2 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



etwas reichliche Mittagsmahlzeit war aber zuviel für sie gewesen. 
Kaum daß dieselbe aufgetragen war, erwachte in ihr der frühere 
Widerwille, es trat Erbrechen ein, noch ehe sie etwas berührt 
hatte, das Kind anzulegen war unmöglich geworden, und alle 
objektiven Zeichen waren bei meinem Erscheinen wieder wie 
am Vorabend. Mein Argument, daß jetzt alles gewonnen sei, 
nachdem sie sich überzeugt hätte, daß die Störung weichen könne 
und auch für einen halben Tag gewichen sei, blieb wirkungslos. 
Ich war nun bei der zweiten Hypnose, die ebenso rasch zum 
Somnambulismus führte, energischer und zuversichtlicher. Die 
Kranke werde fünf Minuten nach meinem Fortgehen die Ihrigen 
etwas unwillig anfahren: wo denn das Essen bleibe, ob man 
denn die Absicht habe, sie auszuhungern, woher sie denn das 
Kind nähren solle, wenn sie nichts bekäme u. dgl. Als ich am 
dritten Abend wiederkehrte, ließ die Wöchnerin keine weitere Be- 
handlung zu. Es fehle ihr nichts mehr, sie habe ausgezeichneten 
Appetit und reichlich Milch für das Kind, das Anlegen des 
Kindes mache ihr nicht die geringsten Schwierigkeiten u. dgl. 
Dem Manne war es etwas unheimlich erschienen, daß sie gestern 
Abend bald nach meinem Fortgehen so ungestüm nach Nahrung 
verlangt und der Mutter Vorwürfe gemacht habe, wie es nie- 
mals ihre Art gewesen. Seither gehe aber alles gut. 

Ich hatte nichts mehr dabei zu tun. Die Frau nährte das Kind 
acht Monate lang, und ich hatte häufig Gelegenheit, mich freund- 
schaftlich von dem Wohlbefinden beider Personen zu überzeugen. 
Nur fand ich es unverständlich und verdrießlich, daß von jener 
merkwürdigen Leistung niemals zwischen uns die Rede war. 

Indessen kam meine Zeit ein Jahr später, als ein drittes Kind 
dieselben Ansprüche an die Mutter stellte, welche sie ebenso 
wenig wie die vorigen Male zu befriedigen vermochte. Ich traf 
die Frau in demselben Zustande wie voriges Jahr, und geradezu 
erbittert gegen sich, daß sie gegen die Eßabneigung und die 
anderen Symptome mit ihrem Willen nichts vermochte. Die 



Ein Fall von hypnotischer Heilung 



263 



Hypnose des ersten Abends hatte auch nur den Erfolg, die 
Kranke noch hoffnungsloser zu machen. Nach der zweiten Hyp- 
nose war der Symptomkomplex wiederum so vollständig abge- 
schnitten, daß es einer dritten nicht bedurfte. Die Frau hat auch 
dieses Kind, das heute eineinhalb Jahre alt ist, ohne alle Be- 
schwerde genährt und sich des ungestörtesten Wohlbefindens 
erfreut. 

Angesichts dieser Wiederholung des Erfolges tauten nun auch 
die beiden Eheleute auf und bekannten das Motiv, welches ihr 
Benehmen gegen mich geleitet hatte. Ich habe mich geschämt, 
sagte mir die Frau, daß so etwas wie die Hypnose nützen soll, 
da, wo ich mit all meiner Willenskraft machtlos war. Ich glaube 
indes nicht, daß sie oder ihr Mann ihre Abneigung gegen die 
Hypnose überwunden haben. 



Ich gehe nun zu der Erörterung über, welches wohl der psy- 
chische Mechanismus jener durch Suggestion behobenen Störung 
bei meiner Patientin war. Ich habe nicht wie in anderen Fällen, 
von denen ein andermal die Rede sein soll, direkte Auskunft 
darüber, sondern bin darauf angewiesen, ihn zu erraten. 

Es gibt Vorstellungen, mit denen ein Erwartungsaffekt ver- 
bunden ist, und zwar sind dieselben von zweierlei Art, Vor- 
stellungen, daß ich dies oder jenes tun werde, sogenannte Vor- 
sätze und Vorstellungen, daß dies oder jenes mit mir geschehen 
wird, eigentlich Erwartungen. Der daran geknüpfte Affekt 
hängt von zwei Faktoren ab, erstens von der Bedeutung, den 
der Ausfall für mich hat, zweitens von dem Grade von Un- 
sicherheit, mit welchem die Erwartung desselben behaftet ist. 
Die subjektive Unsicherheit, die Gegenerwartung, wird selbst 
durch eine Summe von Vorstellungen dargestellt, welche wir als 
„peinliche Kontrastvorstellungen" bezeichnen wollen. Für 
den Fall des Vorsatzes lauten diese Kontrastvorstellungen so: Es 



wird mir nicht gelingen, meinen Vorsatz auszuführen, weil dies 
oder jenes für mich zu schwer ist, ich dafür ungeeignet bin 5 
auch weiß ich, daß es bestimmten anderen Personen in ähnlicher 
Lage gleichfalls mißlungen ist. Der andere Fall, der der Er- 
wartung, ist ohneweiters klar 5 die Gegenerwartung beruht auf 
der Erwägung aller anderen Möglichkeiten, die mir zustoßen 
können, bis auf die eine, die ich wünsche. Die weitere Erörterung 
dieses Falles führt zu den Phobien, die in der Symptomatologie 
der Neurosen eine so große Rolle spielen. Wir verbleiben bei 
der ersten Kategorie, bei den Vorsätzen. Was tut nun ein gesundes 
Vorstellungsleben mit den Kontrastvorstellungen gegen den Vor- 
satz? Es unterdrückt und hemmt dieselben nach Möglichkeit, wie 
es dem kräftigen Selbstbewußtsein der Gesundheit entspricht, 
schließt sie von der Assoziation aus, und dies gelingt häufig in 
so hohem Grade, daß die Existenz der Kontrastvorstellung gegen 
den Vorsatz meist nicht evident ist, sondern erst durch die Be- 
trachtung der Neurosen wahrscheinlich gemacht wird. Bei den 
Neurosen hingegen, — und ich beziehe mich durchaus nicht 
allein auf die Hysterie, sondern auf den Status nervosus im all- 
gemeinen, — ist als primär vorhanden eine Tendenz zur Ver- 
stimmung, zur Herabsetzung des Selbstbewußtseins anzunehmen, 
wie wir sie als höchstentwickeltes und vereinzeltes Symptom bei 
der Melancholie kennen. Bei den Neurosen fällt nun auch den 
Kontrastvorstellungen gegen den Vorsatz eine große Beachtung 
zu, vielleicht weil deren Inhalt zu der Stimmungsfärbung der 
Neurose paßt, oder vielleicht in der Weise, daß auf dem Boden 
der Neurose Kontrastvorstellungen entstehen, die sonst unterblieben 
wären. 

Diese Kräftigung der Kontrastvorstellungen zeigt sich nun beim 
einfachen ^Status nervosus auf die Erwartung bezogen als all- 
gemein pessimistische Neigung, bei der Neurasthenie gibt sie durch 
Assoziation mit den zufälligsten Empfindungen Anlaß zu den 
mannigfachen Phobien der Neurastheniker. Auf die Vorsätze über- 



Ein Fall von hypnotischer Heilung 265 

tragen, erzeugt dieser Faktor jene Störungen, die als folie de 
doute zusammengefaßt werden, und die das Mißtrauen des Indi- 
viduums in die eigene Leistung zum Inhalt haben. Gerade hier 
verhalten sich die beiden großen Neurosen, Neurasthenie und 
Hysterie, in einer für jede charakteristischen Weise verschieden. 
Bei der Neurasthenie wird die krankhaft gesteigerte Kontrast- 
vorstellung mit der Willensvorstellung zu einem Bewußtseinsakt 
verknüpft, sie zieht sich von letzterer ab und erzeugt die auf- 
fällige Willensschwäche der Neurastheniker, die ihnen selbst be- 
wußt ist. Der Vorgang bei der Hysterie hingegen weicht in zwei 
Punkten ab, oder vielleicht nur in einem einzigen. Wie es der 
Neigung der Hysterie zur Dissoziation des Bewußtseins ent- 
spricht, wird die peinliche Kontrastvorstellung, die anscheinend 
gehemmt ist, außer Assoziation mit dem Vorsatz gebracht und be- 
steht, oft dem Kranken selbst unbewußt, als abgesonderte Vor- 
stellung weiter. Exquisit hysterisch ist es nun, daß sich diese 
gehemmte Kontrastvorstellung, wenn es zur Ausführung des Vor- 
satzes kommen soll, mit derselben Leichtigkeit durch Innervation 
des Körpers objektiviert wie im normalen Zustande die Willens- 
vorstellung. Die Kontrastvorstellung etabliert sich sozusagen als 
„Gegenwille", während sich der Kranke mit Erstaunen eines 
entschiedenen aber machtlosen Willens bewußt ist. Vielleicht sind, 
wie gesagt, die beiden Momente im Grunde nur eines, etwa so, 
daß die Kontrastvorstellung nur darum den Weg zur Objekti- 
vierung findet, weil sie nicht durch die Verknüpfung mit dem 
Vorsatz selbst gehemmt ist, wie sie diesen hemmt. 1 

In unserem Falle einer Mutter, die durch nervöse Schwierig- 
keit am Säuggeschäft verhindert wird, hätte sich eine Neur- 
asthenica etwa so benommen: Sie hätte sich mit Bewußtsein vor 
der ihr gestellten Aufgabe gefürchtet, sich viel mit den möglichen 

1) Zwischen Abfassung und Korrektur dieser Zeilen ist mir eine Schrift von 
H. Kaan zugekommen (Der neurasthenische Angstaffekt hei Zwangsvorstellungen etc., 
Wien 1893), welche analoge Ausführungen enthält. 



266 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Zwischenfällen und Gefahren beschäftigt und nach vielem Zaudern 
unter Bangen und Zweifeln doch das Säugen ohne Schwierigkeit 
durchgeführt, oder wenn die Kontrastvorstellung die Oberhand 
behalten hätte, es unterlassen, weil sie sich dessen nicht getraut. 
Die Hysterica benimmt sich dabei anders, sie ist sich ihrer Furcht 
vielleicht nicht bewußt, hat den festen Vorsatz es durchzuführen 
und geht ohne Zögern daran. Dann aber benimmt sie sich so, 
als ob sie den Willen hätte, das Kind auf keinen Fall zu säugen, 
und dieser Wille ruft bei ihr alle jene subjektiven Symptome 
hervor, welche eine Simulantin angeben würde, um sich dem 
Säuggeschäft zu entziehen: Die Appetitlosigkeit, den Abscheu vor 
der Speise, die Schmerzen beim Anlegen des Kindes und außer- 
dem, da der Gegenwille der bewußten Simulation in der Be- 
herrschung des Körpers überlegen ist, eine Reihe von objektiven 
Zeichen am Verdauungstrakt, welche die Simulation nicht her- 
zustellen vermag. Im Gegensatz zur Willensschwäche der Neur- 
asthenie besteht hier Willensperversion, und im Gegensatz 
zur resignierten Unentschlossenheit dort, hier Staunen und Er- 
bitterung über den der Kranken unverständlichen Zwiespalt. 

Ich halte mich also für berechtigt, meine Kranke als eine 
hysterique doccasion zu bezeichnen, da sie unter dem Einfluß 
einer Gelegenheitsursache einen Symptomkomplex von so exquisit 
hysterischem Mechanismus zu produzieren imstande war. Als 
Gelegenheitsursache mag hier die Erregung vor der ersten Ent- 
bindung oder die Erschöpfung nach derselben angenommen 
werden, wie denn die erste Entbindung der größten Erschütte- 
rung entspricht, welcher der weibliche Organismus ausgesetzt ist, 
in deren Gefolge auch die Frau alle neurotischen Symptome zu 
produzieren pflegt, zu denen die Anlage in ihr schlummert. 

Wahrscheinlich ist der Fall meiner Patientin vorbildlich und 
aufklärend für eine große Reihe anderer Fälle, in denen das 
Säuggeschäft oder ähnliche Verrichtungen durch nervöse Einflüsse 
verhindert werden. Da ich aber den psychischen Mechanismus 



Ein Fall von hypnotischer Heilung 267 

des von mir beschriebenen Falles bloß erschlossen habe, beeile ich 
mich mit der Versicherung fortzusetzen, daß es mir durch Aus- 
forschung der Kranken in der Hypnose wiederholt gelungen ist, 
einen derartigen psychischen Mechanismus für hysterische Sym- 
ptome direkt nachzuweisen. 1 

Ich führe nur eines der auffälligsten Beispiele hier an : Vor 
Jahren behandelte ich eine hysterische Dame, die ebenso willens- 
stark in all den Stücken war, in welche sich ihre Krankheit 
nicht eingemengt hatte, wie anderseits schwer belastet mit mannig- 
faltigen und drückenden hysterischen Verhinderungen und Un- 
fähigkeiten. Unter anderem fiel sie durch ein eigentümliches 
Geräusch auf, welches sie ticartig in ihre Konversation einschob, 
und das ich als ein besonderes Zungenschnalzen mit plötzlichem 
Durchbruch des krampfhaften Lippenverschlusses beschreiben 
möchte. Nachdem ich es wochenlang mitangehört hatte, erkun- 
digte ich mich einmal, wann und bei welcher Gelegenheit es 
entstanden sei. Die Antwort war: „Ich weiß nicht wann, o schon 
seit langer Zeit." Ich hielt es darum auch für einen echten Tic, 
bis es mir einmal einfiel, der Kranken in tiefer Hypnose dieselbe 
Frage zu stellen. In der Hypnose verfügte diese Kranke — ohne 
daß man sie dazu suggerieren mußte — sofort über ihr ganzes 
Erinnerungsvermögen; ich möchte sagen über den ganzen, im 
Wachen eingeengten Umfang ihres Bewußtseins. Sie antwortete 
prompt: „Wie mein kleineres Kind so krank war, den ganzen 
Tag Krämpfe gehabt hatte und endlich am Abend eingeschlafen 
war, und wie ich dann am Bette saß und mir dachte: Jetzt 
mußt du aber recht ruhig sein, um sie nicht aufzuwecken, 
da . . . bekam ich das Schnalzen zum erstenmal. Es verging dann 
wieder; wie wir aber viele Jahre später einmal nachts durch den 
Wald bei * * fuhren, und ein großes Gewitter losbrach und der 

1) Vgl. die gleichzeitig erscheinende vorläufige Mitteilung von J. Breuer und 
S. Freud über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene in Mendels 
Zentralblatt Nr. 1 und 2, 1893. [Als einleitender Teil der „Studien über Hysterie" 
enthalten in diesem Bande der Ges. Schriften.] 



268 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Blitz gerade in einen Baumstamm vor uns am Wege einschlug, 
so daß der Kutscher die Pferde zurückreißen mußte, und ich mir 
dachte: Jetzt darfst du nur ja nicht schreien, sonst werden die 
Pferde scheu, da — kam es wieder und ist seitdem geblieben." 
Ich konnte mich überzeugen, daß jenes Schnalzen kein echter 
Tic war, denn es war von dieser Zurückführung auf seinen 
Grund an beseitigt und blieb so durch Jahre, so lange ich die 
Kranke verfolgen konnte. Ich hatte aber damals zum erstenmal 
Gelegenheit, die Entstehung hysterischer Symptome durch die 
Objektivierung der peinlichen Kontrastvorstellung, durch den 
Gegenwillen zu erfassen. Die durch Angst und Krankenpflege 
erschöpfte Mutter nimmt sich vor, ja keinen Laut über ihre 
Lippen zu bringen, um das Kind nicht in dem so spät einge- 
tretenen Schlaf zu stören. In ihrer Erschöpfung erweist sich die 
begleitende Kontrastvorstellung, sie werde es doch tun, als die 
stärkere, gelangt zur Innervation der Zunge, welche zu 'hemmen 
der Vorsatz lautlos zu bleiben, vielleicht vergessen hatte, durch- 
bricht den Verschluß der Lippen und erzeugt ein Geräusch, 
welches sich von nun an, zumal seit einer Wiederholung desselben 
Vorganges, für viele Jahre fixiert. 

Das Verständnis dieses Vorganges ist kein vollkommenes, so 
lange nicht ein bestimmter Einwand erledigt worden ist. Man 
wird fragen dürfen, wie es komme, daß bei einer allgemeinen 
Erschöpfung — die doch die Disposition für jenen Vorgang dar- 
stellt — gerade die Kontrastvorstellung die Oberhand gewinnt? 
Ich möchte darauf mit der Annahme erwidern, daß diese Er- 
schöpfung eine bloß partielle ist. Erschöpft sind diejenigen Ele- 
mente des Nervensystems, welche die materiellen Grundlagen der 
zum primären Bewußtsein assoziierten Vorstellungen sind ; die von 
dieser Assoziationskette — des normalen Ichs — ausgeschlossenen, 
die gehemmten und unterdrückten Vorstellungen sind nicht er- 
schöpft und überwiegen daher im Momente der hysterischen Dis- 
position. 



Bin Fall von hypnotischer Heilung 26g 

Jeder Kenner der Hysterie wird aber bemerken, daß der hier 
geschilderte psychische Mechanismus nicht bloß vereinzelte hyste- 
rische Zufälle, sondern große Stücke des Symptombildes der 
Hysterie sowie einen geradezu auffälligen Charakterzug derselben 
aufzuklären vermag. Halten wir fest, daß es die peinlichen Kon- 
trastvorstellungen, welche das normale Bewußtsein hemmt und 
zurückweist, waren, die im Momente der hysterischen Disposition 
hervortraten und den Weg zur Körperinnervation fanden, so 
haben wir den Schlüssel auch zum Verständnis der Eigentümlich- 
keit hysterischer Anfallsdelirien in der Hand. Es ist nicht zufällig, 
daß die hysterischen Delirien der Nonnen in den Epidemien des 
Mittelalters aus schweren Gotteslästerungen und ungezügelter 
Erotik bestanden, oder daß gerade bei wohlerzogenen und artigen 
Knaben, wie Charcot (Lecons du Mardi, vol. I.) hervorhebt, 
hysterische Anfälle vorkommen, in denen jeder Gassenbüberei, 
jeder Bubentollheit und Unart freier Lauf gelassen wird. Die 
unterdrückten und mühsam unterdrückten Vorstellungsreihen sind 
es, die hier infolge einer Art von Gegenwillen in Aktion um- 
gesetzt werden, wenn die Person der hysterischen Erschöpfung 
verfallen ist. Ja der Zusammenhang ist vielleicht mitunter ein 
intimerer, indem gerade durch die mühevolle Unterdrückung jener 
hysterische Zustand erzeugt wird, ■ — ■ auf dessen psychologische 
Kennzeichnung ich hier übrigens nicht eingegangen bin. Ich habe 
es hier nur mit der Erklärung zu tun, warum — jenen Zustand 
hysterischer Disposition vorausgesetzt — die Symptome so aus- 
fallen, wie wir sie tatsächlich beobachten. 

Im ganzen verdankt die Hysterie diesem Hervortreten des 
Gegenwillens jenen dämonischen Zug, der ihr so häufig zukommt, 
der sich darin äußert, daß die Kranken gerade dann und dort 
etwas nicht können, wo sie es am sehnlichsten wollen, daß sie 
das genaue Gegenteil von dem tun, um was man sie gebeten hat, 
und daß sie, was ihnen am teuersten ist, beschimpfen und ver- 
dächtigen müssen. Die Charakterperversion der Hysterie, der Kitzel, 



270 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



das Schlechte zu tun, sich krank stellen zu müssen, wo sie sehn- 
lichst die Gesundheit wünschen, — wer hysterische Kranke kennt, 
weiß, daß dieser Zwang oft genug die tadellosesten Charaktere 
betrifft, die ihren Kontrastvorstellungen für eine Zeit hilflos preis- 
gegeben sind. 

Die Frage: Was wird aus den gehemmten Vorsätzen? scheint 
für das normale Vorstellungsleben sinnlos zu sein. Man möchte 
darauf antworten, sie kommen eben nicht zustande. Das Studium 
der Hysterie zeigt, daß sie dennoch Zustandekommen, d. h. daß 
die ihnen entsprechende materielle Veränderung erhalten bleibt, 
und daß sie aufbewahrt werden, in einem Art von Schattenreich 
eine ungeahnte Existenz fristen, bis sie als Spuk hervortreten und 
sich des Körpers bemächtigen, der sonst dem herrschenden Ich- 
bewußtsein gedient hat. 

Ich habe vorhin gesagt, daß dieser Mechanismus ein exquisit 
hysterischer ist 5 ich muß hinzufügen, daß er nicht ausschließlich 
der Hysterie zukommt. Er findet sich in auffälliger Weise beim 
tic convulsiv wieder, einer Neurose, die so viel symptomatische 
Ähnlichkeit mit der Hysterie hat, daß ihr ganzes Bild als Teil- 
erscheinung der Hysterie auftreten kann, so daß Charcot, wenn 
ich seine Lehren darüber nicht von Grund aus mißverstanden 
habe, nach längerer Sonderung kein anderes Unterscheidungs- 
merkmal gelten lassen kann, als daß der hysterische Tic sich 
wieder einmal löst, der echte fortbestehen bleibt. Das Bild eines 
schweren tic convulsiv setzt sich bekanntlich zusammen aus un- 
willkürlichen Bewegungen, häufig (nach Charcot und Guinon 
immer) vom Charakter der Grimassen oder einmal zweckmäßig 
gewesener Verrichtungen, aus Koprolalie, Echolalie und Zwangs- 
vorstellungen aus der Reihe der folie de doute. Es ist nun über- 
raschend zu hören, daß Guinon, dem das Eingehen in den 
psychischen Mechanismus dieser Symptome ferne liegt, von einigen 
seiner Kranken berichtet, sie seien zu ihren Zuckungen und Gri- 
massen auf dem Wege der Objektivierung der Kontrastvorstellung 



Ein Fall von hypnotischer Heilung 271 



gelangt. Diese Kranken geben an, sie halten bei einer bestimmten 
Gelegenheit einen ähnlichen Tic oder einen Komiker, der seine 
Mienen absichtlich so verzerrte, gesehen und dabei die Furcht 
empfunden, diese häßlichen Bewegungen nachahmen zu müssen. 
Von da an hätten sie auch wirklich mit der Nachahmung be- 
gonnen. Gewiß entsteht nur ein kleiner Teil der unwillkürlichen 
Bewegungen bei den tiqueurs auf diese Weise. Dagegen könnte 
man versucht sein, diesen Mechanismus der Entstehung der 
Koprolalie unterzulegen, mit welchem Terminus bekanntlich das 
unwillkürliche, besser widerwillige Hervorstoßen der unflätigsten 
Worte bei den tiqueurs bezeichnet wird. Die Wurzel der Kopro- 
lalie wäre die Wahrnehmung des Kranken, daß er es nicht unter- 
lassen kann, gewisse Laute, meist ein hm, hm, hervorzustoßen. 
Daran würde sich die Furcht schließen, auch die Herrschaft über 
andere Laute, besonders über jene Worte zu verlieren, die der 
wohlerzogene Mensch auszusprechen sich hütet, und diese Furcht 
würde zur Verwirklichung des Gefürchteten führen. Ich finde bei 
Guinon keine Anamnese, welche diese Vermutung bestätigt und 
habe selbst nie Gelegenheit gehabt, einen Kranken mit Koprolalie 
auszufragen. Dagegen finde ich bei demselben Autor den Bericht 
über einen anderen Fall von Tic, bei dem das unwillkürlich 
ausgesprochene Wort ausnahmsweise nicht dem Sprachschatz der 
Koprolalie angehörte. Dieser Fall betrifft einen erwachsenen Mann, 
der mit dem Ausruf „Maria" behaftet war. Er hatte als Schüler 
eine Schwärmerei für ein Mädchen dieses Namens gehabt, die 
ihn damals ganz in Anspruch nahm, wie wir annehmen wollen, 
zur Neurose disponierte. Damals begann er den Namen seiner 
Angebetenen mitten in den Schulstunden laut zu rufen, und 
dieser Name verblieb ihm als Tic, nachdem seine Liebschaft seit 
einem halben Menschenleben überwunden war. Ich denke, es 
kann kaum anders zugegangen sein, als daß das ernsthafteste Be- 
mühen, den Namen geheim zu halten, in einem Moment be- 
sonderer Erregung in den Gegenwillen umschlug, und daß von 



272 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



meiner zweiten 



da ab der Tic verblieb, ähnlich wie im Falle 
Kranken. 

Ist die Erklärung dieses Beispiels richtig, so liegt die Ver- 
suchung nahe, die eigentlich koprolalischen Tic auf denselben 
Mechanismus zurückzuführen, denn die unflätigen Worte sind 
Geheimnisse, die wir alle kennen, und deren Kenntnis wir stets 
voreinander zu verbergen streben. 1 



1) Ich deute hier nur an, daß es lohnend sein dürfte, der Objektivierung des 
Gegenwü ens auch außerhalb der Hysterie und des Tic nachzuspüren, wo sie im 
Rahmen der Norm so häufig vorkommt. 



QUELQUES CONSID^RATIONS POUR UNE 
ETÜDE COMPARATIVE DES PARALYSIES 
MOTRICES ORGANIQUES ET HYSTERIQUES 

Zuerst erschienen in den „Archives de Neurologie", 
No. Jj, l8pi. 

M. Charcot, dont j'ai ete l'eleve en 1885 et 1886, a bien 
voulu, ä cette epoque, me confier le soin de faire une etude 
comparative des paralysies motrices organiques et hysteriques, 
basee sur les observations de la Salpetriere, qui pourrait servir 
ä saisir quelques caracteres gdneraux de la nevrose et conduire 
ä une conception sur la nature de cette derniere. Des causes acci- 
dentelles et personelles m'ont empeche pendant longtemps d'obeir 
ä son Inspiration; aussi je ne veux apporter maintenant que quel- 
ques remltats de mes recherches, laissant ä cote les details neces- 
saires pour une demonstration complete de mes opinions. 



II faudra commencer par quelques remarques sur les paralysies 
motrices organiques, d'ailleurs generalement admises. La clinique 
nerveuse reconnait deux sortes de paralysies motrices, la paralysie 
periphero-spinale (ou bulbaire) et la paralysie cerebrale. Cette 
distinction est parfaitement en accord avec les donnees de l'ana- 
tomie du Systeme nerveux qui nous montrent qu'il n'y a que 



Freud, I. 



274 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



deux segments sur le parcours des fibres motrices conductrices, le 
premier qui va de la peripherie jusqu'aux cellules des cornes 
anterieures dans la moelle, et le second qui va de lä jusqu'ä 
Fecorce cerebrale. La nouvelle histologie du Systeme nerveux, 
fondee sur les travaux de Golgi, Ramon y Cajal, Kölliker etc., 
traduit ce fait par les mots: „le trajet des fibres de conduction 
motrices est constitue par deux neuron (unites nerveuses cellulo- 
fibrillaires), qui se rencontrent pour entrer en relation au niveau 
des cellules dites motrices des cornes anterieures." La difförence 
essentielle de ces deux sortes de paralysies, en clinique, est la 
suivante: La paralysie periphe'ro-spinale est une paralysie detaillee, 
la paralysie cerebrale est une paralysie en masse. Le type de la 
premiere est la paralysie faciale dans la maladie de Bell, la para- 
lysie dans la poliomyelite aigue de l'enfance, etc. Or, dans ces 
affections, chaque muscle, on pourrait dire chaque fibre muscu- 
laire, peut etre paralysee individuellement et isolement. Cela ne 
depend que du siege et de l'etendue de la lesion nerveuse, et il 
n'y a pas de regle fixe pour que Tun des elements penpheriques 
echappe ä la paralysie, tandis que l'autre en souffre d'une maniere 
constante. 

La paralysie cerebrale, au contraire, est toujours une affection 
qui attaque une grande partie de la periphene, une extremite, 
un segment de celle-ci, un appareil moteur complique. Jamais eile 
n'affecte un muscle individuellement, par exemple le biceps du 
bras, le tibial isolement, etc., et s'il y a des exceptions apparentes 
ä cette regle (le ptosis cortical, par exemple), on voit bien qu'il 
s'agit de muscles qui, ä eux seuls, remplissent une fonction de 
laquelle ils sont l'instrument unique, 

Dans les paralysies cerebrales des extremites, on peut remarquer 
que les segments peripheriques souffrent toujours plus que les 
segments rapproches du centre; la main, par exemple, est plus 
paralysee que l'epaule. II n'y a pas, que je sache, une paralysie 
cerebrale isolee de l'epaule, la main conservant sa motilite, tandis 



Etüde comparative des paralysies motrices organiques et hystdriques 375 

que le contraire est la regle dans les paralysies qui ne sont pas 
completes. 

Dans une etude critique sur l'aphasie, publiee en 1891, Zur 
Auffassung der Aphasien, Wien, 1891, j'ai täche de montrer que 
la cause de cette difference importante entre la paralysie periphero- 
spinale et la paralysie cerebrale doit etre cherchee dans la struc- 
ture du Systeme nerveux. Chaque element de la peripherie corre- 
spond ä un element dans Taxe gris, qui est, comme le dit 
M. Charcot, son aboutissant nerveux 5 la peripherie est pour ainsi 
dire projectee sur la substance grise de la moelle, point pour point, 
element pour element. J'ai propose de denommer la paralysie 
detaillee periphero-spinale, paralysie de projection. Mais il n'en est 
pas de meme pour les relations entre les elements de la moelle 
et ceux de l'ecorce. Le nombre des fibres conductrices ne suffirait 
plus pour donner une seconde projection de la peripherie sur 
l'ecorce. II faut supposer que les fibres qui vont de la moelle ä 
l'ecorce ne representent plus chacune un seul element peripheri- 
que, mais plutot un groupe de ceux-ci et que meme, d'autre part, 
un elöment peripherique peut correspondre ä plusieurs fibres con- 
ductrices spino-corticales. C'est qu'il y a un changement d'arrange- 
ment qui a eu lieu au point de connexion entre les deux Segments 
du Systeme moteur. 

Alors, je dis la reproduction de la peripherie dans l'ecorce n'est 
plus une reproduction fidele point par point, n'est plus une pro- 
jection veritable; c'est une relation par des fibres, pour ainsi dire 
repräsentatives et je propose, pour la paralysie cerebrale, le nom 
de paralysie de representation. 

Naturellement, quand la paralysie de projection est totale et 
d'une grande etendue, eile est aussi une paralysie en masse, et 
son grand caractere distinctif est efface. D'autre part, la paralysie 
corticale, qui se distingue parmi les paralysies cerebrales par sa 
plus grande aptitude ä la dissociation, presente cependant toujours 
le caractere d'une paralysie par representation. 

18* 



276 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Les autres differences entre les paralysies de projection et de 
representation sont bien connues; je cite parmi elles l'integrite de 
la nutrition et de la reaction electrique qui se rattache ä la der- 
niere. Bien que tres importants dans la clinique, ces signes n'ont 
pas la portee theorique qu'il faut attribuer au premier caractere 
differentiel que nous avons releve, ä savoir: paralysie detaillee ou 
en masse. 

On a assez souvent attribue ä l'hysterie la faculte de simuler 
les affections nerveuses organiques les plus diverses. II s'ägit de 
savoir si d'une facon plus precise eile simule les caracteres des 
deux sortes de paralysies organiques, s'il y a des paralysies hysteri- 
ques de projection et des paralysies hysteriques de representation, 
comme dans la Symptomatologie organique. Ici, un premier fait 
important se detache: l'hystörie ne simule jamais les paralysies 
periphero-spinales ou de projection 5 les paralysies hysteriques parta- 
gent seulement les caracteres des paralysies organiques de represen- 
tation. C'est lä un fait bien interessant, puisque la paralysie de 
Bell, la paralysie radiale, etc., sont parmi les affections les plus 
communes du Systeme nerveux. 

II est bon de faire observer ici, de maniere ä eviter toute con- 
fusion, que je ne traite que de la paralysie hysterique flasque et 
non de la contracture hysterique. II me parait impossible de sou- 
mettre la paralysie et la contracture hysteriques aux memes regles. 
Ce n'est que des paralysies hysteriques flasques qu'on peut soutenir 
qu'elles n'affectent jamais un seul muscle, excepte le cas oii ce 
muscle est l'instrument unique d'une fonction, qu'elles sont tou- 
jours des paralysies en masse, et qu'elles correspondent sous ce 
rapport ä la paralysie de representation, ou cerebrale organique. 
En outre, en ce qui concerne la nutrition des parties paralysees 
et leurs reactions electriques, la paralysie hysterique präsente les 
memes caracteres que la paralysie cerebrale organique. 

Si la paralysie hysterique se rattache ainsi ä la paralysie cere- 
brale et particulierement ä la paralysie corticale, qui präsente une 



Etüde comparative des paralysies motrices organigu es et hysteriques 377 

plus grande facilite de dissociatiou, eile ne manque pas de s'en 
distinguer par des caracteres importants. D'abord eile n'est pas 
soumise ä cette regle, constante dans les paralysies cerebrales organi- 
ques, ä savoir que le segment peripherique est toujours plus affecte 
que le segment central. Dans l'hysterie, l'epaule ou la cuisse peu- 
vent etre plus paralysees que la main ou le pied. Les mouve- 
ments peuvent venir dans les doigts tandis que le segment central 
est encore absolument inerte. On n'a pas la moindre difficulte de 
produire artificiellement une paralysie isolee de la cuisse, de la 
jambe etc., et on peut assez souvent retrouver, en clinique, ces 
paralysies isolees, en contradiction avec les regles de la paralysie 
organique cerebrale. 

Sous ce rapport important, la paralysie hysterique est pour ainsi 
dire intermediaire entre la paralysie de projection et la paralysie 
de representation organique. Si eile ne possede pas tous les carac- 
teres de dissociation et d'isolement propres a la premiere, eile n'est 
pas, tant s'en faut, sujette aux strictes lois qui regissent la der- 
niere, la paralysie cerebrale. Ces restrictions faites, on peut soutenir 
que la paralysie hysterique est aussi une paralysie de represen- 
tation, mais d'une representation speciale dont la characteristique 
reste ä trouver. 1 

II 

Pour avancer dans cette direction je me propose d'etudier les 
autres traits distinctifs entre la paralysie hysterique et la paralysie 
corticale, type le plus parfait de la paralysie cerebrale organique. 

1) Chemin faisant, je ferai remarquer cjue ce caractere important de la paralysie 
hysterique de la jambe que M. Charcot a releve d'apres Todd, ä savoir que l'hysteri- 
que traine la jamhe comme une masse morte au lieu d'executer la circumduction 
avec la hanche que fait Phemiplegique ordinaire, s'explique facilement par la pro- 
priete de la nevrose que j'ai mentionne. Pour l'liemiplegie organique, le partie cen- 
trale de l'extremite est toujours un peu indemne, le malade peilt remuer la hanche 
et il en fait usage pour ce mouvement de circumduction, qui fait avancer la jambe. 
Dans l'hysterie, la partie centrale (la hanche) ne jouit pas de ce privilege, la para- 
lysie y est aussi complete que dans la partie peripherique et en consequence, la 
jambe doit etre trainee en masse. 



278 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Le premier de ces caracteres distinctifs, nous l'avons ddjä men- 
tionne, c'est que la paralysie hysterique peut etre beaucoup plus 
dissociee, systematisee que la paralysie cerebrale. Les symptomes 
de la paralysie organique se retrouvent comme morceles dans 
l'hysterie. De l'hemiplegie commune organique (paralysie du 
membre superieur et inferieur et du facial införieur) l'hysterie 
ne reproduit que la paralysie des membres et dissocie meme assez 
souvent, et avec la plus grande facilite, la paralysie du bras de 
celle de la jambe sous forme de monoplegies. Du Syndrome de 
l'aphasie organique, eile reproduit l'aphasie motrice a l'etat d'isole- 
ment, et ce qui est chose inoul'e dans l'aphasie organique, eile 
peut creer une aphasie totale (motrice et sensitive) pour teile 
langue, sans attaquer le moins du monde la faculte de comprendre 
et d'articuler teile autre, comme je Tai observe dans quelques cas 
inedits. Ce meme pouvoir de dissociation se manifeste dans les 
paralysies isolees d'un segment de membre avec integrite complete 
des autres parties du meme membre, ou encore dans l'abolition 
complete d'une fonction (abasie, astasie) avec integrite d'une autre 
fonction executee par les memes organes. Cette dissociation est 
d'autant plus frappante, quand la fonction respectee est la plus 
complexe. Dans la Symptomatologie organique, quand il y a affai- 
blissement inegal de plusieurs fonctions, c'est toujours la fonction 
la plus complexe, celle d'une acquisition posterieure, qui est la 
plus atteinte en consequence de la paralysie. 

La paralysie hysterique presente de plus un autre caractere qui 
est comme la signature de la nevrose et qui vient s'ajouter au 
premier. En effet, comme je Tai entendu dire ä M. Charcot, 
l'hysterie est une maladie ä manifestations excessives, ayant une 
tendance a produire ses symptomes avec la plus grande intensite 
possible. C'est un caractere qui ne se montre pas seulement dans 
les paralysies, mais aussi dans les contractures et les anesthesies. 
On sait jusqu'ä quel degre de distorsion peuvent aller les contrac- 
tures hysteriques, qui sont presque sans egales dans la sympto- 



ttude comparative des paralysies motrices organiques et hysteriques 279 



matologie organique. On sait aussi combien sont frequentes dans 
l'hysterie les anestheses absolues, profondes, dont les lesions organi- 
ques ne peuvent reproduire qu'une faible esquisse. II en est de 
meme pour les paralysjes. Elles sont souvent on ne peut plus 
absolues; l'aphasique ne profere pas un mot, tandis que l'aphasi- 
que organique garde presque toujours quelques syllabes, le „oui 
et non", un juron, etc.; le bras paralyse est absolument inerte, etc. 
Ge caractere est trop bien connu pour y persister longuement. 
Au contraire, on sait que, dans la paralysie organique, la paresie 
est toujours plus frequente que la paralysie absolue. 

La paralysie hysterique est donc d'une limitation exacte et d'une 
intensite excessive; eile possede ces deux qualit^s ä la fois et c'est 
en cela qu'elle contraste le plus avec la paralysie cerebrale organi- 
que, dans laquelle, d'une maniere constante, ces deux caracteres 
ne s'associent pas. II existe aussi des monoplegies dans la Sympto- 
matologie organique, mais celles-ci sont presque toujours des mono- 
plegies a potiori et non exactement delimitees. Si le bras se trouve 
paralyse en consequence d'une l&ion corticale organique, il y a 
presque toujours aussi atteinte concomitante moindre du facial et 
de la jambe, et si cette complication ne se voit plus ä un moment 
donne\, eile a cependant bien existe au commencement de l'affec- 
tion. La monoplegie corticale est, ä vrai dire, toujours une hemi- 
plegie dont teile ou teile partie est plus ou moins effacee, mais 
toujours reconnaissable. Pour aller plus loin, supposons que la 
paralysie n'ait affecte aucune autre partie que le bras, que ce soit 
une monoplegie corticale pure; alors on voit que la paralysie est 
d'une intensite moderee. Aussitot que cette monoplegie augmen- 
tera en intensite, qu'elle deviendra une paralysie absolue, eile 
perdra son caractere de monoplegie pure et s'accompagnera de 
troubles moteurs dans la jambe ou la face. Elle ne peut pas devenir 
absolue et rester delimitee ä la fois. 

C'est ce que la paralysie hysterique peut, au contraire, fort bien 
realiser, comme la cliniqtie le montre chaque jour. Elle affecte 



280 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 






par exemple le bras d'une facon exclusive, on n'en trouve pas 
trace dans la jambe ou la face. De plus, au niveau du bras, eile 
est aussi forte qu'une paralysie peut l'etre, et c'est lä une diffö- 
rence frappante avec la paralysie organique, difference qui prete 
grandement ä penser. 

Naturellement, il y a des cas de paralysie hysterique dans les- 
quels l'intensite n'est pas excessive et oü la dissociation n'offre 
rien de remarquable. Ceux-ci, on les reconnait au moyen d'autres. 
caracteres; mais ce sont des cas qui ne portent pas l'empreinte 
typique de la nevrose et qui, ne pouvant en rien nous renseigner 
sur sa nature ne presentant point d'int&et au point de vue qui 
nous occupe ici. 

Ajoutons quelques remarques d'une importance secondaire, qui 
meme depassent un peu les limites de notre sujet. 

Je constaterai d'abord que les paralysies hysteriques s'accompa- 
gnent beaucoup plus souvent de troubles de la sensibilite" que les 
paralysies organiques. En geberal, ceux-ci sont plus profonds et 
plus frequents dans la nevrose que dans la Symptomatologie organi- 
que. Rien de plus commun que l'anesthesie ou l'analgesie hysteri- 
que. Qu'on se rappeile par contre avec quelle tenacite la sensi- 
bilite persiste en cas de l&ion nerveuse. Si Ton sectionne un nerf 
peripherique, l'anesthesie sera moindre en etendue et intensite 
qu'on ne s'y attend. Si une lesion inflammatoire attaque les nerfs 
spinaux ou les centres de la moelle, on trouvera toujours que la 
motilite souffre en premier lieu et que la sensibilite est epargnde 
ou seulement affaiblie, car il persiste toujours quelque part des 
eldments nerveux qui ne sont pas completement ddtruits. En cas 
de lesion cerebrale, on connait la frequence et la duree de Hemi- 
plegie motrice, tandis que l'hemianesthesie concomitante est in- 
distincte, fugace et ne se trouve pas dans tous les cas. II n'y a 
que quelques localisations tout a fait speciales qui puissent pro- 
duire une affection de la sensibilite intense et durable (carrefour 
sensitif), et meme ce fait n'est pas exempt de doutes. 



Etüde comparatwe des paralysies motrices organiques et hysteriques 283 

Cette maniere d'etre de la sensibilite, differente dans les lesions 
organiques et dans l'hysterie, n'est guere explicable aujourd'hui. 
II semble qu'il y ait lä un probleme dont la Solution nous ren- 
seignerait peut-etre sur la nature intime des choses. 

Un autre point qui me parait digne d'etre releve, c'est qu'il 
y a quelques formes de paralysie cerebrale qui ne se trouvent 
pas realisees dans l'hysterie, pas plus que les paralysies periphero- 
spinales de projection. II faut citer en premier lieu la paralysie 
du facial inferieur, la manifestation la plus frequente d'urie affec- 
tion organique du cerveau et, si je me permets de passer dans 
les paralysies sensorielles pour un moment, l'h^mianopsie laterale 
homonyme. Je sais que c'est presque une gageure que de vouloir 
affirmer que tel ou tel Symptome ne se trouve pas dans l'hysterie, 
quand les recherches de M. Charcot et de ses eleves y decouvrent, 
on pourrait dire journellement, des symptömes nouveaux qu'on 
n'avait point soupconnes jusque-lä. Mais il me faut prendre les 
choses comme elles sont actuellement. La paralysie faciale hysterique 
est fortement contestee par M. Charcot et meme, si on croit ceux 
qui en sont partisans, c'est un phenomene d'une grande rarete. 
L'h^mianopsie n'a pas encore ete vue dans l'hysterie et, je pense, 
eile ne le sera jamais. 

Maintenant, d'oü vient-il que les paralysies hysteriques, tout en 
simulant de pres les paralysies corticales, s'en ecartent par les traits 
distinctifs que j'ai täche d'enumerer, et quel est le caractere ge- 
neVal de la representation speciale auquel il faut les rattacher? 
La reponse ä cette question contiendrait une bonne et importante 
partie de la theorie de la nevrose. 

III 

II n'y a pas le moindre doute sur les conditions qui dominent 
la Symptomatologie de la paralysie cerebrale. Ce sont les faits de 
l'anatomie, la construction du Systeme nerveux, la distribution 
de ses vaisseaux et la relation entre ces deux series de faits et 



2Ö2 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



les circonstances de la lesion. Nous avons dit que le nombre 
moindre des fibres qui vont de la moelle au cortex en compa- 
raison avec le nombre des fibres qui vont de la peripherie ä la 
moelle, est la base de la difförence entre la paralysie de projec- 
tion et celle de representation. De meme, chaque detail clinique 
de la paralysie de representation peut trouver son explication dans 
un detail de la structure cerebrale et vice versa nous pouvons 
deduire la construction du cerveau des caracteres cliniques des 
paralysies. Nous croyons ä un parallelisme parfait entre ces deux 
sdries. 

Ainsi s'il n'y a pas une grande facilite' de dissociation pour la 
paralysie cerebrale commune, c'est parce que les fibres de con- 
duction motrices sont trop rapprochees sur une longue partie de 
leur trajet intracerebral pour etre lesees isolement. Si la para- 
lysie corticale montre plus de tendance aux monoplegies, c'est 
parce que le diametre du faisceau conducteur brachial, crural, etc., 
va en croissant jusqu'ä l'^corce. Si de toutes les paralysies cor- 
ticales celle de la main est la plus complete, cela vient, croyons- 
nous, du fait, que la relation croisee entre l'hemisphere et la 
peripherie est plus exclusive pour la main que pour toute autre 
partie du corps. Si le segment peripherique d'une extremite 
souffre plus de la paralysie que le segment central, nous suppo- 
sons que les fibres repräsentatives du segment peripherique sont 
beaucoup plus nombreuses que Celles du segment central, de 
sorte que l'influence corticale devient plus importante pour le 
premier qu'elle n'est pour le dernier. Si les lesions un peu 
etendues de Fecorce ne reussissent pas ä produire des monoplegies 
pures, nous en concluons que les centres moteurs sur l'ecorce ne 
sont pas nettement separes les uns des autres par des territoires 
neutres, ou qu'il y a des actions en distance (Fernwirkungen) 
qui anulleraient l'effet d'une Separation exacte des centres. 

De meme s'il y a dans l'aphasie organique, toujours un me- 
lange de troubles de diverses fonctions, ca s'explique par le fait 



&tude comparative des paralysies motrices organiques et hysteriques 285 



que des branches de la meme artere nourrissent tous les centres 
du langage, ou si l'on accepte l'opinion enonc^e dans mon ötude 
critique sur l'aphasie, parce qu'il ne s'agit pas de centres separes, 
mais d'un territoire continu d'association. En tout cas, il existe 
toujours une raison tiree de l'anatomie. 

Les associations remarquables qu'on observe si souvent dans 
la cliniques des paralysies corticales : aphasie motrice et hemiplegie 
droite, alexie et hemianopsie droite, s'expliquent par le voisinage 
des centres leses. L'hemianopsie meme, Symptome bien curieux et 
etranger ä l'esprit non scientifique, ne se comprend que par 
l'entre-croisement des fibres du nerf optique dans le chiasma; 
eile en est l'expression clinique, comme tous les d^tails des 
paralysies cerebrales sont l'expression clinique d'un fait ana- 
tomique. 

Comme il ne peut y avoir qu'une seule anatomie cerebrale qui 
soit la vraie et comme eile trouve son expression dans les carac- 
teres cliniques des paralysies cerebrales, il est evidemment im- 
possible que cette anatomie puisse expliquer les traits distinctifs 
de la paralysie hystenque. Pour cette raison, il n'est pas permis 
de tirer au sujet de l'anatomie cerebrale des conclusions basees 
sur la Symptomatologie de ces paralysies. 

Assurement il faut s'adresser ä la nature de la lesion pour 
obtenir cette explication difficile. Dans les paralysies organiques, 
la nature de la lesion joue un role secondaire, ce sont plutot 
l'etendue et la localisation de la lesion, qui dans les conditions 
donndes de structure du Systeme nerveux produisent les carac- 
teres de la paralysie organique, que nous avons releves. Quelle 
pourrait etre la nature de la lesion dans la paralysie hysterique, 
qui ä eile seule domine la Situation, independamment de la 
localisation, de l'etendue de la lesion et de l'anatomie du Systeme 
nerveux ? 

M. Charcot nous a enseigne assez souvent que c'est une lesion 
corticale mais purement dynamique ou fonctionelle. 



284 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



C'est une these dont on comprend bien le cote negatif. Cela 
equivaut ä affirmer qu'on ne trouvera pas de changements de 
tissus appreciables ä l'autopsie; mais ä un point de vue plus 
positif, son Interpretation est loin d'etre ä l'abri de l'equivoque. 
Qu'est-ce donc qu'une lesion dynamique? Je suis bien sür que 
beaucoup de ceux qui lisent les oeuvres de M. Charcot, croient 
que la lesion dynamique est bien une lesion, mais une lesion 
dont on ne retrouve pas la trace dans le cadavre, comme un 
oedeme, une anemie, une hyperemie active. Mais ce sont lä, bien 
qu'elles ne persistent pas necessairement apres la mort, qu'elles 
soient legeres et fugaces, des lesions organiques vraies. II est ne- 
cessaire que les paralysies produites par les lesions de cet ordre, 
partagent en tout les caracteres de la paralysie organique. L'oedeme, 
l'anemie ne pourraient, plutot que l'hemorragie et le ramollis- 
sement, produire la dissociation et l'intensite des paralysies hyst«5- 
riques. La seule difference serait que la paralysie par l'oedeme, 
par la constriction vasculaire etc., doit etre moins durable que 
la paralysie par destruction du tissu nerveux. Toutes les autres 
conditions leur sont communes et l'anatomie du Systeme ner- 
veux determinera les proprietes de la paralysie aussi bien dans 
le cas d'anemie fugace que dans le cas d'anemie permanente et 
definitive. 

Je ne crois pas que ces remarques soient tout ä fait gratuites. 
Si on lit „qu'il doit y avoir une lesion hysterique" dans tel ou 
tel centre, le meme dont la lesion organique produirait le Syn- 
drome organique correspondant, si l'on se souvient qu'on s'est 
habitue ä localiser la lesion hysterique dynamique de meine 
maniere que la lesion organique, on est porte ä croire que sous 
l'expression „lesion dynamique" se cache l'idee d'une lesion comme 
l'oedeme, l'anemie, qui, en verite, sont des affections organiques passa- 
geres. J'affirme par contre que la lesion des paralysies hysteriques 
doit etre tout ä fait independante de l'anatomie du Systeme ner- 
veux, puisque Vhysterie se comporte dans ses paralysies et autres 



Etüde comparative des paratysies motrices organiques et hysteriques 285 

manifestations comme si Panatomie rüexistait pas, ou comme si 
eile rCen avait nulle connaissance. 

Un bon nombre des caracteres des paralysies hysteriques justi- 
fient en verite cette affirmation. L'hysterie est ignorante de la 
distribution des nerfs et c'est pour cette raison qu'elle ne simule 
pas les paralysies periphero-spinales ou de protection; eile ne 
connatt pas le chiasma des nerfs optiques et consequemment eile ne 
produit pas l'hemianopsie. Elle prend les organes dans le sens 
vulgaire, populaire du nom qu'ils portent: la jambe est la jambe 
jusqu'ä l'insertion de la hanche, le bras est l'extremite superieure 
comme eile se dessine sous les vetements. II n'y a pas de raison 
pour joindre ä la paralysie du bras la paralysie de la face. L'hy- 
sterique qui ne sait pas parier n'a pas de motif pour oublier 
l'intelligence du langage, puisque aphasie motrice et surdite verbale 
n'ont aucune parente dans la notion populaire, etc. Je ne peux 
que m'associer pleinement sur ce point aux vues que M. Janet a 
avanc^es dans les derniers numeros des Archives de Neurologie; 
les paralysies hysteriques en donnent la preuve aussi bien que 
les anesthesies et les symptomes psychiques. 



IV 

Je tächerai enfin de developper coniment pourrait etre la 
lesion qui est la cause des paralysies hysteriques. Je ne dis 
pas que je montrerai comment eile est en fait; il s'agit seule- 
ment d'indiquer la ligne de pensee qui peut conduire ä une 
conception qui ne contredit pas aux proprietes de la paralysie 
hysteVique, en tant qu'elle differe de la paralysie organique 
cerebrale. 

Je prendrai le mot „lesion fonctionnelle ou dynamique" dans 
son sens propre: „alteration de fonction ou de dynamisme"; 
alteration d'une propriete' fonctionnelle. Une teile alteration serait 
par exemple une diminution de l'excitabilite ou d'une qualite 



286 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



physiologique qui dans l'etat normal reste constante ou varie 
dans des limites determines. 

Mais dira-t-on, l'alteration fonctionnelle n'est pas autre chose, 
eile n'est qu'un autre cote de l'alteration organique. Supposons 
que le tissu nerveux soit dans un etat d'anemie passagere, son 
excitabilite sera diminuee par cette circonstance, il n'est pas 
possible d'eviter d'en visager les lesions organiques par ce moyen. 

J'essaierai de montrer qu'il peut y avoir alteration fonction- . 
nelle sans lesion organique concomitante, sans l&ion grossiere 
palpable du moins, meme au moyen de l'analyse la plus d^licate. 
En d'autres termes, je donnerai un exemple approprie" d'une 
alteration de fonction primitive; je ne demande pour cela que 
la permission de passer sur le terrain de la psychologie, qu'on 
ne saurait eviter quand on traite de l'hysterie. 

Je dis avec M. Janet, que c'est la conception banale, populaire 
des organes et du corps en general, qui est en jeu dans les 
paralysies hysteriques comme dans les anesthesies, etc. Cette con- 
ception n'est pas fondee sur une connaissance approfondie de 
l'anatomie nerveuse mais sur nos perceptions tactiles et surtout 
visuelles. Si eile determine les caracteres de la paralysie hysterique, 
celle-lä doit bien se montrer ignorante et independante de toute 
notion de l'anatomie du Systeme nerveux. La lesion de la paralysie 
hysterique sera donc une alteration de la conception, de l'idee du 
bras, par exemple. Mais de quelle sorte est cette alteration pour 
produire la paralysie? 

Consideree psychologiquement, la paralysie du bras consiste 
dans le fait que la conception du bras ne peut pas entrer en 
association avec les autres idees qui constituent le moi dont le 
corps de l'individu forme une partie importante. La lesion serait 
donc Vabolition de V accessibilite associative de la conception du 
bras. Le bras se comporte comme s'il n'existait pas pour le jeu 
des associations. Assurement si les conditions materielles, qui cor- 
respondent ä la conception du bras, se trouvent profondement 



Etüde comparative des paralysies motrices organiques et hysteriques 387 

alt^rees, cette conception sera perdue aussi, mai j'ai ä montrer 
qu'elle peut etre inaccessible sans qu'elle soit d&ruite et sans que 
son substratum materiel (le tissu nerveux de la region correspon- 
dante de l'ecorce) soit endommage. 

Je commencerai par des exemples tires de la vie sociale. On 
raconte l'histoh'e comique d'un sujet loyal qui ne voulut plus 
laver sa main, parce que son souverain l'avait touchee. La relation 
de cette main avec l'idee du roi semble si importante ä la vie 
psychique de l'individu, qu'il se refuse ä faire entrer cette main 
en d'autres relations. Nous obeissons ä la meme impulsion si nous 
cassons le verre dans lequel nous avons bu ä la sante de jeunes 
maries; les anciennes tribus sauvagus brülant le cheval, les armes 
et meme les femmes du chef mort, avec son cadavre, obeissaient 
ä cette idee que nul ne devait plus le toucher apres lui. Le 
motif de toutes ces actions est bien clair. La valeur affective que 
nous attribuons ä la premiere association d'un objet repugne ä 
la faire entrer en association nouvelle avec un autre objet et par 
suite rend l'idee de cet objet inaccessible a l'association. 

Ce n'est pas une simple comparaison, c'est presque la chose 
identique, si nous passons dans le domaine de la psychologie des 
conceptions. Si la conception du bras se trouve engagee dans 
une association d'une grande valeur affective, eile sera inaccessible 
au jeu libre des autres associations. Le bras sera paralyse en 
proportion de la persistance de cette valeur affective ou de sa 
diminution par des moyens psychiques appropries. C'est la Solution 
du probleme que nous avons pose, car, dans tous les cas de pa- 
ralysie hysterique, on trouve que Vorgane paralyse ou la fonction 
abolie est engage dans une association subconsciente qui est tnunie 
dune grande valeur affective, et Von peut montrer que le bras 
devient libre aussitöt que cette valeur affective est effacee. Alors 
la conception du bras existe dans le substratum materiel, mais 
eile n'est pas accessible aux associations et impulsions conscientes 
parce que toute son affinite associative, pour ainsi dire, est saturee 



288 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 






dans une association subconsciente avec le souvenir de l'evenement, 
du trauma, qui a produit cette paralysie. 

C'est M. Charcot qui nous a enseigne le premier qu'il faut 
s'adresser ä la psychologie pour l'explication de la nevrose hy- 
sterique. Nous avons suivi son exemple, Breuer et moi, dans un 
memoire preliminaire (Über den psychischen Mechanismus hy- 
sterischer Phänomene, Neurolog. Zentralblatt, Nr. l und 2, 1895). 
Nous demontrons dans ce memoire que les symptomes perma- 
nents de l'hysterie dite non traumatique s'expliquent (ä part les 
stigmates) par le meme mecanisme que Charcot a reconnu dans 
les paralysies tratunatiques. Mais nous donnons aussi la raison pour 
laquelle ces symptomes persistent et peuvent etre gueris par un 
procede special de psychotherapie hypnotique. Chaque evenement, 
chaque impression psychique est munie d'une certaine valeur 
affective (Affektbetrag), dont le moi se delivre ou par la voie 
de reaction motrice ou par un travail psychique associatif. Si 
l'individu ne peut ou ne veut s'acquitter du surcroit, le souvenir 
de cette impression acquiert l'importance d'un trauma et devient 
la cause de symptomes permanents d'hysterie. L'impossibilite de 
l'elimination s'impose quand l'impression reste dans le subcons- 
cient. Nous avons appele cette theorie: Das Abreagieren der 
Reizzuwächse. 

En resume, je pense qu'il est bien en accord avec notre vue 
generale sur l'hysterie, teile que nous l'avons pu former d'apres 
l'enseignement de M. Charcot, que la lesion dans les paralysies 
hysteriques ne consiste pas en autre chose que dans l'inaccessibilite 
de la conception de l'organe ou de la fonction pour les associa- 
tions du moi conscient, que cette alteration purement fonctionelle 
(avec integrite de la conception meme) est causee par la fixation 
de cette conception dans une association subconsciente avec le 
souvenir du trauma et que cette conception ne devient pas libre 
et accessible tant que la valeur affective du trauma psychique 
n'a pas ete eliminee par la reaction motrice adequate ou par le 



Etüde comparative des paralysies motrices organiques et hysteriques 289 

travail psychique conscient. Mais meme si ce mecanisme n'a pas 
lieu, s'il faut pour la paralysie hysterique toujours une idee 
autosuggestive directe comme dans les cas traumatiques de 
M. Charcot, nous avons reussi ä montrer de quelle nature la 
lesion ou plutöt l'alteration dans la paralysie hysterique devrait 
etre, pour expliquer ses differences avec la paralysie organique 
cerebrale. 



Freud, I. 



19 



DIE ABWEHR-NEUROPSYCHOSEN 

Versuch einer psychologischen Theorie 

der akquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangsvorstellungen 

und gewisser halluzinatorischer Psychosen 

Zuerst erschienen im „Neurologischen Zentral- 
blatt 1 ', 1894, Nr. 10 und II. 

Bei eingehendem Studium mehrerer mit Phobien und Zwangsvor- 
stellungen behafteter Nervöser hat sich mir ein Erklärungversuch dieser 
Symptome aufgedrängt, der mir dann gestattete, die Herkunft solcher 
krankhafter Vorstellungen in neuen, anderen Fällen glücklich zu 
erraten, und den ich darum der Mitteilung und weiteren Prüfung 
würdig erachte. Gleichzeitig mit dieser „psychologischen Theorie 
der Phobien und Zwangsvorstellungen" ergab sich aus der 
Beobachtung der Kranken ein Beitrag zur Theorie der Hysterie oder 
vielmehr eine Abänderung derselben, welche einem wichtigen, der 
Hysterie wie den genannten Neurosen gemeinsamen Charakter Rech- 
nung zu tragen scheint. Ferner hatte ich Gelegenheit, in den psycho- 
logischen Mechanismus einer Form von unzweifelhaft psychischer 
Erkrankung Einsicht zu nehmen, und fand dabei, daß die von mir 
versuchte Betrachtungsweise eine einsichtliche Verknüpfung zwischen 
diesen Psychosen und den beiden angeführten Neurosen herstellt. 
Eine Hilfshypothese, deren ich mich in allen drei Fällen bedient 
habe, werde ich zum Schlüsse dieses Aufsatzes hervorheben. 



Die Abwehr-Neuropsychosen 291 



Ich beginne mit jener Abänderung, die mir an der Theorie 
der hysterischen Neurose erforderlich scheint: 

Daß der Symptomkomplex der Hysterie, soweit er bis jetzt 
ein Verständnis zuläßt, die Annahme einer Spaltung des Bewußt- 
seins mit Bildung separater psychischer Gruppen rechtfertigt, 
dürfte seit den schönen Arbeiten von P. Janet, J. Breuer u. a. 
bereits zur allgemeinen Anerkennung gelangt sein. Weniger 
geklärt sind die Meinungen über die Herkunft dieser Bewußt- 
seinsspaltung und über die Rolle, welche dieser Charakter im 
Gefüge der hysterischen Neurose spielt. 

Nach der Lehre von Janet 1 ist die Bewußtseinsspaltung ein 
primärer Zug der hysterischen Veränderung. Sie beruht auf einer 
angeborenen Schwäche der Fähigkeit zur psychischen Synthese, 
auf der Enge des „Bewußtseinsfeldes" (champ de conscience), 
welche als psychisches Stigma die Degeneration der hysterischen 
Individuen bezeugt. 

Im Gegensatz zur Anschauung Janets, welche mir die mannig- 
faltigsten Einwände zuzulassen scheint, steht jene, die J. Breuer 
in unserer gemeinsamen Mitteilung 2 vertreten hat. Nach Breuer 
ist „Grundlage und Bedingung" der Hysterie das Vorkommen 
von eigentümlichen traumartigen Bewußtseinszuständen mit ein- 
geschränkter Assoziationsfähigkeit, für welche er den Namen 
„hypnoide Zustände" vorschlägt. Die Bewußtseinsspaltung ist 
dann eine sekundäre, erworbene ; sie kommt dadurch zustande, 
daß die in hypnoiden Zuständen aufgetauchten Vorstellungen vom 
assoziativen Verkehr mit dem übrigen Bewußtseinsinhalte abge- 
schnitten sind. 



1) Etat mental des hysteriques. Paris 1893 und 1894. — Quelques definitions recentes 
de l'hysterie. Arch. de Neurol. 1893. XXXV— VI. 

2) Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Dieses Zentralblatt, 
1893, Nr. 1 und 2. [Als einleitender Teil der „Studien über Hysterie" enthalten in 
diesem Bande der Gesamtausgabe.] 



19* 






292 



Frühe Arbiiten zur Neurosenlehre 



Ich kann nun den Nachweis zweier weiterer extremer Formen 
von Hysterie erbringen, bei welchen die Bewußtseinsspaltung 
unmöglich als eine primäre im Sinne von Janet gedeutet werden 
kann. Bei der ersteren dieser Formen' gelang es mir wiederholt, 
zu zeigen, daß die Spaltung des Bewußtseinsinhaltes die 
Folge eines Willensaktes des Kranken ist, d. h. durch 
eine Willensanstrengung eingeleitet wird, deren Motiv man an- 
geben kann. Ich behaupte damit natürlich nicht, daß der Kranke 
eine Spaltung seines Bewußtseins herbeizuführen beabsichtigt; die 
Absicht des Kranken ist eine andere, sie erreicht aber nicht ihr 
Ziel, sondern ruft eine Spaltung des Bewußtseins hervor. 

Bei der dritten Form der Hysterie, die wir durch psychische 
Analyse von intelligenten Kranken erwiesen haben, spielt die Be- 
wußtseinsspaltung eine geringfügige, vielleicht überhaupt keine 
Rolle. Es sind dies jene Fälle, in denen bloß die Reaktion auf 
traumatische Reize unterblieben ist, die dann auch durch „Ab- 
reagieren" 1 erledigt und geheilt werden, die reinen Retentions- 
hysterien. 

Für die Anknüpfung an die Phobien und Zwangsvorstellungen 
habe ich es hier nur mit der zweiten Form der Hysterie zu tun, 
die ich aus bald ersichtlichen Gründen als Abwehrhysterie be- 
zeichnen und durch diesen Namen von den Hypnoid- und 
Retentionshysterien sondern will. Ich kann meine Fälle von Ab- 
wehrhysterie auch vorläufig als „akquirierte" Hysterie aufführen, 
weil bei ihnen weder von schwerer hereditärer Belastung, noch 
von eigener degenerativer Verkümmerung die Rede war. 

Bei den von mir analysierten Patienten hatte nämlich psychische 
Gesundheit bis zu dem Moment bestanden, in dem ein Fall von 
Unverträglichkeit in ihrem Vorstellungsleben vorfiel, d. h. 
bis ein Erlebnis, eine Vorstellung, Empfindung an ihr Ich heran 
trat, welches einen so peinlichen Affekt erweckte, daß die Person be- 



i) Vgl. unsere gemeinsame Mitteilung. 



Die Abwehr-Neuropsychosen 293 

schloß, daran zu vergessen, weil sie sich nicht die Kraft zutraute, 
den Widerspruch dieser unverträglichen Vorstellung mit ihrem 
Ich durch Denkarbeit zu lösen. 

Solche unverträgliche Vorstellungen erwachsen bei weiblichen 
Personen zumeist auf dem Boden des sexualen Erlebens und 
Empfindens, und die Erkrankten erinnern sich auch mit aller 
wünschenswerten Bestimmtheit ihrer Bemühungen zur Abwehr, 
ihrer Absicht, das Ding „fortzuschieben", nicht daran zu denken, 
es zu unterdrücken. Hieher gehörige Beispiele aus meiner Er- 
fahrung, deren Anzahl ich mühelos vermehren könnte, sind 
etwa: Der Fall eines jungen Mädchens, welches es sich verübelt, 
während der Pflege ihres kranken Vaters an den jungen Mann 
zu denken, der ihr einen leisen erotischen Eindruck gemacht 
hat; der Fall einer Erzieherin, die sich in ihren Herrn ver- 
liebt hatte, und die beschloß, sich diese Neigung aus dem 
Sinne zu schlagen, weil sie ihr mit ihrem Stolze unverträglich 
schien u. dgl m. 1 

Ich kann nun nicht behaupten, daß die Willensanstrengung, 
etwas Derartiges aus seinen Gedanken zu drängen, ein patho- 
logischer Akt ist, auch weiß ich nicht zu sagen, ob und auf 
welche Weise das beabsichtigte Vergessen jenen Personen ge- 
lingt, welche unter denselben psychischen Einwirkungen gesund 
bleiben. Ich weiß nur, daß ein solches „Vergessen" den von mir 
analysierten Patienten nicht gelungen ist, sondern zu verschie- 
denen pathologischen Reaktionen geführt hat, die entweder eine 
Hysterie oder eine Zwangsvorstellung, oder eine halluzinatorische 
Psychose erzeugten. In der Fähigkeit, durch jene Willensanstren- 
gung einen dieser Zustände hervorzurufen, die sämtlich mit Be- 
wußtseinsspaltung verbunden sind, ist der Ausdruck einer patho- 
logischen Disposition zu sehen, die aber nicht notwendig mit 

1) Diese Beispiele sind der noch nicht veröffentlichten ausführlichen Arbeit von 
Breuer und mir über den psychischen Mechanismus der Hysterie entnommen. 
[„Studien über Hysterie".] 



294 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



persönlicher oder hereditärer „Degeneration" identisch zu sein 
braucht. 

Über den Weg, der von der Willensanstrengung des Patienten 
bis zur Entstehung des neurotischen Symptoms führt, habe ich 
mir eine Meinung gebildet, die sich in den gebräuchlichen 
psychologischen Abstraktionen etwa so ausdrücken läßt: Die Auf- 
gabe, welche sich das abwehrende Ich stellt, die unverträgliche 
Vorstellung als „non arrivee" zu behandeln, ist für dasselbe direkt 
unlösbar 5 sowohl die Gedächtnisspur als auch der der Vor- 
stellung anhaftende Affekt sind einmal da und nicht mehr aus r 
zutilgen. Es kommt aber einer ungefähren Lösung dieser Auf- 
gabe gleich, wenn es gelingt, aus dieser starken Vorstellung 
eine schwache zu machen, ihr den Affekt, die Erregungs- 
summe, mit der sie behaftet ist, zu entreißen. Die schwache 
Vorstellung wird dann so gut wie keine Ansprüche an die 
Assoziationsarbeit zu stellen haben; die von ihr abgetrennte 
Erregungssumme muß aber einer andern Verwendung 
zugeführt werden. 

Soweit sind die Vorgänge bei der Hysterie und bei den Phobien 
und Zwangsvorstellungen die gleichen ; von nun an scheiden sich 
die Wege. Bei der Hysterie erfolgt die Unschädlichmachung der 
unverträglichen Vorstellung dadurch, daß deren Erregungs- 
summe ins Körperliche umgesetzt wird, wofür ich den 
Namen der Konversion vorschlagen möchte. 

Die Konversion kann eine totale oder partielle sein und erfolgt 
auf jene motorische oder sensorische Intervention hin, die in 
einem innigen oder mehr lockeren Zusammenhang mit dem 
traumatischen Erlebnis steht. Das Ich hat damit erreicht, [daß es 
widerspruchsfrei geworden ist, es hat sich aber dafür mit einem 
Erinnerungssymbol belastet, welches als unlösbare motorische Inner- 
vation oder als stets wiederkehrende halluzinatorische Sensation 
nach Art eines Parasiten im Bewußtsein haust, und welches be- 
stehen bleibt, bis eine Konversion in umgekehrter Richtung statt- 



Die Abwehr-Neuropsychosen 295 



findet. Die Gedächtnisspur der verdrängten Vorstellung ist darum 
doch nicht untergegangen, sondern bildet von nun an den Kern 
einer zweiten psychischen Gruppe. 

Ich will diese Anschauung von den psycho-physischen Vor- 
gängen bei der Hysterie nur noch mit wenigen Worten aus- 
führen: Wenn einmal ein solcher Kern für eine hysterische Ab- 
spaltung in einem „traumatischen Moment" gebildet worden ist, 
so erfolgt dessen Vergrößerung in anderen Momenten, die man 
„auxiliär traumatische" nennen könnte, sobald es einem neu 
anlangenden Eindruck gleicher Art gelingt, die vom Willen her- 
gestellte Schranke zu durchbrechen, der geschwächten Vorstellung 
neuen Affekt zuzuführen und für eine Weile die assoziative Ver- 
knüpfung beider psychischer Gruppen zu erzwingen, bis eine 
neuerliche Konversion Abwehr schafft. — Der so bei der Hysterie 
erzielte Zustand in der Verteilung der Erregung stellt sich dann 
zumeist als ein labiler heraus; die auf einen falschen Weg (in 
die Körperinnervation) gedrängte Erregung gelangt mitunter zur 
Vorstellung zurück, von der sie abgelöst wurde, und nötigt dann 
die Person zur assoziativen Verarbeitung oder zur Erledigung in 
hysterischen Anfällen, wie der bekannte Gegensatz der Anfälle 
und der Dauersymptome beweist. Die Wirkung der kathartischen 
Methode Breuers besteht darin, daß sie eine solche Zurückleitung der 
Erregung aus dem Körperlichen ins Psychische zielbewußt erzeugt, 
um dann den Ausgleich des Widerspruches durch Denkarbeit und 
die Abfuhr der Erregung durch Sprechen zu erzwingen. 

Wenn die Bewußtseinsspaltung der akquirierten Hysterie auf 
einem Willensakt beruht, so erklärt sich überraschend leicht die 
merkwürdige Tatsache, daß die Hypnose regelmäßig das einge- 
engte Bewußtsein der Hysterischen erweitert und die abgespaltene 
psychische Gruppe zugänglich macht. Wir kennen es ja als Eigen- 
tümlichkeit aller schlaf ähnlichen Zustände, daß sie jene Verteilung 
der Erregung aufheben, auf welcher der „Wille" der bewußten 
Persönlichkeit beruht. 



2 9 6 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Wir erkennen demnach das für die Hysterie charakteristische 
Moment nicht in der Bewußtseinsspaltung, sondern in der 
Fähigkeit zur Konversion und dürfen als ein wichtiges Stück 
der sonst noch unbekannten Disposition zur Hysterie die psycho- 
physische Eignung zur Verlegung so großer Erregungssummen 
in die Körperinnervation anführen. 

Diese Eignung schließt an und für sich psychische Gesundheit 
nicht aus und führt zur Hysterie nur im Falle einer psychischen 
Unverträglichkeit oder einer Aufspeicherung der Erregung. Mit 
dieser Wendung nähern wir, Breuer und ich, uns den bekannten 
Definitionen der Hysterie von Oppenheim 1 und Strümpell 2 und 
sind von Janet abgewichen, welcher der Bewußtseinsspaltung 
eine übergroße Rolle in der Charakteristik der Hysterie zuweist. 3 
Die hier gegebene Darstellung darf den Anspruch erheben, daß 
sie den Zusammenhang der Konversion mit der hysterischen Be- 
wußtseinsspaltung verstehen läßt. 



II 

Wenn bei einer disponierten Person die Eignung zur Kon- 
version nicht vorhanden ist und doch zur Abwehr einer uner- 
träglichen Vorstellung die Trennung derselben von ihrem Affekt 
vorgenommen wird, dann muß dieser Affekt auf psychi- 
schem Gebiet verbleiben. Die nun geschwächte Vorstellung 
bleibt abseits von a ller Assoziation im Bewußtsein übrig, ihr frei 

n ^ ? V r n £i m U Die HySt6rie iSt 6in e estei S erte r Ausdruck der Gemütsbewegung. 
Der Ausdruck der Gemütsbewegung« stellt aber jenen Betrag psychischer En-egung 
dar, der normalerweise eine Konversion erfährt. 8 

KS^Jr'T? mPe i^ D ; e ^' 6lnn ß der Hysterie liegt im Psychophysischen, dort, wo 
Körperliches und Seelisches miteinander zusammenhängen. 

5) Janet hat im zweiten Abschnitt seines geistvollen Aufsatzes „Quelques defi- 
nitions etc.« den Einwand, daß die Bewußtseinsspaltung auch den Psychogen und 
der sogenannten Psychasthenie zukommt, selbst behandelt, aber nach meinem Er- 
messen nicht befriedigend gelöst. Dieser Einwand ist es wesentlich, der ihn dazu 
drangt, die Hysterie für eine Degenerationsform zu erklären. Er kann aber die 
hysterische Bewußtseinsspaltung durch keine Charakteristik genügend von der psy- 
chotischen u. dgl. sondern. . 



Die Abwehr-Neuropsychosen 2g 7 



gewordener Affekt aber hängt sich an andere, an sich 
nicht unverträgliche Vorstellungen an, die durch diese 
„falsche Verknüpfung" zu Zwangvorstellungen werden. 
Dies ist in wenig Worten die psychologische Theorie der 
Zwangsvorstellungen und Phobien, von der ich eingangs ge- 
sprochen habe. 

Ich werde nun angeben, welche von den Stücken, die in 
dieser Theorie gefordert sind, sich direkt nachweisen lassen, welche 
andere ich ergänzt habe. Direkt nachweisbar ist außer dem End- 
punkt des Vorganges, eben der Zwangsvorstellung, zunächst die 
Quelle, aus welcher der in falscher Verknüpfung befindliche 
Affekt stammt. In allen von mir analysierten Fällen war es das 
Sexualleben, welches einen peinlichen Affekt von genau der 
nämlichen Beschaffenheit geliefert hatte, wie er der Zwangsvor- 
stellung anhing. Es ist theoretisch nicht ausgeschlossen, daß dieser 
Affekt nicht gelegentlich auf anderem Gebiete entstehen könnte; 
ich habe bloß mitzuteilen, daß eine andere Herkunft sich mir 
bisher nicht ergeben hat. Übrigens versteht man es leicht, daß 
gerade das Sexualleben die reichlichsten Anlässe zum Auftauchen 
unverträglicher Vorstellungen mit sich bringt. 

Nachweisbar ist ferner durch die unzweideutigsten Äußerungen 
der Kranken die Willensanstrengung, der Versuch zur Abwehr, 
auf den die Theorie Gewicht legt, und wenigstens in einer Reihe 
von Fällen geben die Kranken selbst darüber Aufschluß, daß die 
Phobie oder Zwangsvorstellung erst dann auftrat, nachdem die 
Willensanstrengung scheinbar ihre Absicht erreicht hatte. „Mir 
ist einmal etwas sehr Unangenehmes passiert, ich habe mich mit 
Macht bemüht, es fortzuschieben, nicht mehr daran zu denken. 
Endlich ist es mir gelungen, da bekam ich das andere, das ich seit- 
her nicht losgeworden bin." Mit diesen Worten bestätigte mir eine 
Patientin die Hauptpunkte der hier entwickelten Theorie. 

Nicht alle, die an Zwangsvorstellungen leiden, machen sich die 
Herkunft derselben so klar. In der Regel bekommt man, wenn 



2 9 8 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



man den Kranken auf die ursprüngliche Vorstellung sexueller 
Natur aufmerksam macht, die Antwort: „Davon kann es ja doch 
nicht kommen. Ich habe ja gar nicht viel daran gedacht. Einen 
Moment war ich erschrocken, dann habe ich mich abgelenkt und 
seither Ruhe davor gehabt." In dieser so häufigen Einwendung 
liegt ein Beweis, daß die Zwangsvorstellung einen Ersatz oder 
ein Surrogat der unverträglichen sexuellen Vorstellung darstellt 
und sie im Bewußtsein abgelöst hat. 

Zwischen der Willensanstrengung des Patienten, der es gelingt, 
die unannehmbare sexuelle Vorstellung zu verdrängen, und dem 
Auftauchen der Zwangsvorstellung, die, an sich wenig intensiv, 
hier mit unbegreiflich starkem Affekt ausgestattet ist, klafft die 
Lücke, welche die hier entwickelte Theorie ausfüllen will. Die 
Trennung der sexuellen Vorstellung von ihrem Affekt und die 
Verknüpfung des letzteren mit einer anderen, passenden, aber 
nicht unverträglichen Vorstellung — dies sind Vorgänge, die 
ohne Bewußtsein geschehen, die man nur supponieren, aber 
durch keine klinisch-psychologische Analyse erweisen kann. 
Vielleicht wäre es richtiger zu sagen: Dies sind überhaupt 
nicht Vorgänge psychischer Natur, sondern physische Vorgänge, 
deren psychische Folge sich so darstellt, als wäre das durch die 
Redensarten: Trennung der Vorstellung von ihrem Affekt und 
falsche Verknüpfung des letzteren, Ausgedrückte wirklich ge- 
schehen. 

Neben den Fällen, die ein Nacheinander der sexuellen unver- 
träglichen Vorstellung und der Zwangsvorstellung beweisen, findet 
man eine Reihe anderer, in denen gleichzeitig Zwangsvorstellungen 
und peinlich betonte sexuelle Vorstellungen vorhanden sind. 
Letztere „sexuelle Zwangsvorstellungen" zu heißen, geht nicht 
gut an 5 es mangelt ihnen ein wesentlicher Charakter der Zwangs- 
vorstellungen; sie erweisen sich als vollberechtigt, während die 
Peinlichkeit der gemeinen Zwangsvorstellungen ein Problem für 
den Arzt und den Kranken bildet. Soweit ich mir in Fälle dieser 



Die Abwehr- Neuropsychose n - agg 

Art Einsicht verschaffen konnte, handelt es sich hier um eine 
fortgesetzte Abwehr gegen beständig neu anlangende sexuelle Vor- 
stellungen, eine Arbeit also, die noch nicht zum Abschluß ge- 
kommen war. 

Die Kranken verheimlichen häufig ihre Zwangsvorstellungen, 
solange sie sich der sexuellen Abkunft derselben bewußt sind. 
Wenn sie darüber klagen, so geben sie zumeist ihrer Verwun- 
derung darüber Ausdruck, daß sie dem betreffenden Affekt unter- 
liegen, daß sie sich ängstigen, bestimmte Impulse haben u. dgl. 
Dem kundigen Arzt dagegen erscheint dieser Affekt berechtigt 
und verständlich; er findet das Auffällige nur in der Verknüpfung 
eines solchen Affekts mit einer hiefür nicht würdigen Vorstellung. 
Der Affekt der Zwangsvorstellung erscheint ihm — mit anderen 
Worten — als ein dislozierter oder transponierter, und 
wenn er die hier niedergelegten Bemerkungen angenommen hat, 
kann er für eine Reihe von Fällen von Zwangsvorstellung die 
Rückübersetzung ins Sexuelle versuchen. 

Zur sekundären Verknüpfung des frei gewordenen Affekts kann 
jede Vorstellung benutzt werden, die entweder ihrer Natur nach 
mit einem Affekt von solcher Qualität vereinbar ist, oder die 
gewisse Beziehungen zur unverträglichen hat, denen zufolge sie 
als Surrogat derselben brauchbar erscheint. So z. B. wirft sich frei 
gewordene Angst, deren sexuelle Herkunft nicht erinnert werden 
soll, auf die gemeinen primären Phobien des Menschen vor Tieren, 
Gewitter, Dunkelheit u. dgl., oder auf Dinge, die unverkennbar 
mit dem Sexuellen in irgend einer Art assoziiert sind, auf das 
Urinieren, die Defäkation, auf Beschmutzung und Ansteckung 
überhaupt. 

Der Vorteil, den das Ich erreicht, indem es zur Abwehr den 
Weg der Transposition des Affekts einschlägt, ist ein weit 
geringerer als bei der hysterischen Konversion psychischer Er- 
regung in somatische Innervation. Der Affekt, unter dem das Ich 
gelitten hat, bleibt unverändert und unverringert nach wie vor, 



300 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



nur daß die unverträgliche Vorstellung niedergehalten, vom Er- 
innern ausgeschlossen ist. Die verdrängten Vorstellungen bilden 
wiederum den Kern einer zweiten psychischen Gruppe, die, wie 
mir scheint, auch ohne Zuhilfenahme der Hypnose zugänglich ist. 
Wenn bei den Phobien und Zwangsvorstellungen die auffälligen 
Symptome ausbleiben, welche bei der Hysterie die Bildung einer 
unabhängigen psychischen Gruppe begleiten, so rührt dies wohl 
daher, daß im ersteren Falle die gesamte Veränderung auf psychi- 
schem Gebiete geblieben ist, die Beziehung zwischen psychischer 
Erregung und somatischer Innervation keine Änderung erfahren hat. 

Ich will das hier über die Zwangsvorstellungen Gesagte durch 
einige Beispiele erläutern, die wahrscheinlich typischer Natur sind: 

i) Ein junges Mädchen leidet an Zwangsvorwürfen. Las sie in 
der Zeitung von Falschmünzern, so kam ihr der Gedanke, sie habe 
auch falsches Geld gemacht; war irgendwo von einem unbekannten 
Täter eine Mordtat geschehen, so fragte sie sich ängstlich, ob sie 
nicht diesen Mord begangen habe. Dabei war sie sich der Unge- 
reimtheit dieser Zwangsvorwürfe klar bewußt. Eine Zeitlang 
gewann das Schuldbewußtsein solche Macht über sie, daß ihre 
Kritik erstickt wurde und sie sich vor ihren Verwandten und vor 
dem Arzt anklagte, sie habe alle diese Untaten wirklich begangen 
(Psychose durch einfache Steigerung — Überwältigungspsy- 
chose). Ein scharfes Verhör deckte jetzt die Quelle auf, aus der 
ihr Schuldbewußtsein stammte: Durch eine zufällige wollüstige 
Empfindung angeregt, hatte sie sich von einer Freundin zur 
Masturbation verleiten lassen und betrieb diese seit Jahren mit 
dem vollen Bewußtsein ihres Unrechts und unter den heftigsten, 
aber wie gewöhnlich nutzlosen Selbstvorwürfen. Ein Exzeß nach 
dem Besuche eines Balles hatte die Steigerung zur Psychose her- 
vorgerufen. — • Das Mädchen heilte nach einigen Monaten Be- 
handlung und strengster Überwachung. 

2) Ein anderes Mädchen litt unter der Furcht, von Harndrang 
überfallen zu werden und sich nässen zu müssen, seitdem ein 



Die Abwehr-Neuropsychosen 301 

solcher Drang sie wirklich einmal genötigt hatte, einen Konzert- 
saal während der Aufführung zu verlassen. Diese Phobie hatte sie 
allmählich völlig genuß- und verkehrsunfähig gemacht. Sie fühlte 
sich nur wohl, wenn sie ein Klosett in der Nähe wußte, zu dem 
sie unauffällig gelangen konnte. Ein organisches Leiden, welches 
dieses Mißtrauen in die Beherrschung der Blase gerechtfertigt 
hätte, war ausgeschlossen. Der Harndrang war zu Hause unter 
ruhigen Verhältnissen und zur Nachtzeit nicht vorhanden. Ein- 
gehendes Examen wies nach, daß der Harndrang zum ersten Male 
unter folgenden Verhältnissen aufgetreten war: In dem Konzert- 
saale hatte ein Herr nicht weit von ihr Platz genommen, der 
ihrem Empfinden nicht gleichgültig war. Sie begann an ihn zu 
denken und sich auszumalen, wie sie als seine Frau neben ihm 
sitzen würde. In dieser erotischen Träumerei bekam sie jene körper- 
liche Empfindung, die man mit der Erektion des Mannes ver- 
gleichen muß, und die bei ihr — ich weiß nicht, ob allgemein — 
mit einem leichten Harndrang abschloß. Sie erschrak jetzt heftig 
über die ihr sonst gewohnte sexuelle Empfindung, weil sie bei 
sich beschlossen hatte, diese wie jede andere Neigung zu be- 
kämpfen, und im nächsten Moment hatte sich der Affekt auf 
den begleitenden Harndrang übertragen und nötigte sie, nach 
qualvollem Kampf den Saal zu verlassen. Sie war im Leben so 
prüde, daß sie sich vor allem Sexuellen intensiv grauste, und 
den Gedanken, je zu heiraten, nicht fassen konnte; anderseits 
war sie sexuell so hyperästhetisch, daß bei jeder erotischen Träu- 
merei, die sie sich gerne gestattete, jene wollüstige Empfindung 
auftrat. Der Harndrang hatte die Erektion jedesmal begleitet, 
ohne ihr bis zu der Szene im Konzertsaal einen Eindruck zu 
machen. Die Behandlung führte zu einer fast vollkommenen Be- 
herrschung der Phobie. 

ß) Eine junge Frau, die aus fünfjähriger Ehe nur ein Kind 
hatte, klagte mir über den Zwangsimpuls, sich vom Fenster oder 
Balkon zu stürzen, und über die Furcht, die sie beim Anblick 



302 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



eines scharfen Messers ergreife, ihr Kind damit zu erstechen. Der 
eheliche Verkehr, gestand sie zu, werde selten und nur mit Vor- 
sicht gegen die Konzeption ausgeübt; allein das fehle ihr nicht, 
sie sei keine sinnliche Natur. Ich getraute mich darauf, ihr zu 
sagen, daß sie beim Anblicke eines Mannes erotische Vorstellungen 
bekomme, daß sie darum das Vertrauen zu sich verloren habe 
und sich als eine verworfene Person vorkomme, die zu allem 
fähig sei. Die Rückübersetzung der Zwangsvorstellung ins Sexuelle 
war gelungen; sie gestand sofort weinend ihr lange verborgenes 
eheliches Elend ein und teilte später auch peinliche Vorstel- 
lungen von unverändert sexuellem Charakter mit, so die häufig 
wiederkehrende Empfindung, als ob sich etwas unter ihre Röcke 
dränge. 

Ich habe mir derartige Erfahrungen für die Therapie zunutze 
gemacht, um bei Phobien und Zwangsvorstellungen trotz alles 
Sträub ens der Kranken die Aufmerksamkeit auf die verdrängten 
sexuellen Vorstellungen zurückzulenken und, wo es anging, die 
Quellen, aus denen dieselben stammten, zu verstopfen. Ich kann 
natürlich nicht behaupten, daß alle Phobien und Zwangsvorstel- 
lungen auf die hier aufgedeckte Weise entstehen; erstens umfaßt 
meine Erfahrung eine im Verhältnis zur Reichhaltigkeit dieser 
Neurosen nur beschränkte Anzahl, und zweitens weiß ich selbst, 
daß diese „psychasthenischen" Symptome (nach Janets Be- 
zeichnung) nicht alle gleichwertig sind. 1 Es gibt z. B. rein hyste- 
rische Phobien. Ich meine aber, daß der Mechanismus der Trans- 
position des Affekts bei der großen Mehrzahl der Phobien und 
Zwangsvorstellungen nachzuweisen sein wird, und möchte dafür 
eintreten, diese Neurosen, die sich ebenso oft isoliert als mit Hysterie 



i) Die Gruppe von' typischen Phobien, für welche die Agoraphobie Vorbild ist, 
läßt sich nicht auf den oben entwickelten psychischen Mechanismus zurückführen, 
vielmehr weicht der Mechanismus der Agoraphobie von dem der echten Zwangs- 
vorstellungen und der auf solche reduzierbaren Phobien in einem entscheidenden 
Punkte ab. Es findet sich hier keine verdrängte Vorstellung, von welcher der Angst- 
affekt abgetrennt wäre. Die Angst dieser Phobien hat einen anderen Ursprung. 



Die Äbwehr-Neuropsychosen 



3<>3 



oder Neurasthenie kombiniert finden, nicht mit der gemeinen 
Neurasthenie zusammenzuwerfen, für deren Grundsymptome ein 
psychischer Mechanismus gar nicht anzunehmen ist. 

III 

In beiden bisher betrachteten Fällen war die Abwehr der un- 
verträglichen Vorstellung durch Trennung derselben von ihrem 
Affekt geschehen; die Vorstellung war, wenngleich geschwächt 
und isoliert, dem Bewußtsein verblieben. Es gibt nun eine weit 
energischere und erfolgreichere Art der Abwehr, die darin besteht, 
daß das Ich die unerträgliche Vorstellung mitsamt ihrem Affekt 
verwirft und sich so benimmt, als ob die Vorstellung nie an das 
Ich herangetreten wäre. Allein in dem Moment, in dem dies 
gelungen ist, befindet sich die Person in einer Psychose, 
die man wohl nur als „halluzinatorische Verworrenheit" 
klassifizieren kann. Ein einziges Beispiel soll diese Behauptung 
erläutern : 

Ein junges Mädchen hat einem Mann eine erste impulsive 
Neigung geschenkt und glaubt fest an seine Gegenliebe. Tat- 
sächlich befindet sie sich im Irrtum; der junge Mann hat ein 
anderes Motiv, ihr Haus aufzusuchen. Die Enttäuschungen bleiben 
auch nicht aus; sie erwehrt sich ihrer zunächst, indem sie die 
entsprechenden Erfahrungen hysterisch konvertiert, erhält so ihren 
Glauben, daß er eines Tages kommen und um sie anhalten werde, 
fühlt sich aber dabei infolge unvollständiger Konversion und be- 
ständigen Andranges neuer schmerzlicher Eindrücke unglücklich 
und krank. Sie erwartet ihn endlich in höchster Spannung für 
einen bestimmten Tag, den Tag einer Familienfeier. Der Tag 
verrinnt, ohne daß er gekommen wäre. Nachdem alle Züge, mit 
denen er ankommen könnte, vorüber sind, schlägt sie in hallu- 
zinatorische Verworrenheit um. Er ist angekommen, sie hört 
seine Stimme im Garten, eilt in Nachtkleidung herunter, ihn zu 
empfangen. Von da an lebt sie durch zwei Monate in einem glück- 



504 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



liehen Traum, dessen Inhalt ist: er sei da, sei immer um sie, es 
sei alles so wie vorhin (vor der Zeit der mühsam abgewehrten 
Enttäuschungen). Hysterie und Verstimmung sind überwunden ; 
von der ganzen letzten Zeit des Zweifels und der Leiden wird 
während der Krankheit nicht gesprochen 5 sie ist glücklich, solange 
man sie ungestört läßt, und tobt nur dann, wenn eine Maßregel 
ihrer Umgebung sie an etwas hindert, was sie ganz konsequent 
aus ihrem seligen Traum folgern will. Diese seinerzeit unver^ 
ständliche Psychose wurde zehn Jahre später durch eine hyp- 
notische Analyse aufgedeckt. 

Die Tatsache, auf die ich aufmerksam mache, ist die, daß der 
Inhalt einer solchen halluzinatorischen Psychose gerade in der 
Hervorhebung jener Vorstellung besteht, die durch den 
Anlaß der Erkrankung bedroht war. Man ist also berechtigt zu 
sagen, daß das Ich durch die Flucht in die Psychose die uner- 
trägliche Vorstellung abgewehrt hat 5 der Vorgang, durch den dies 
erreicht worden ist, entzieht sich wiederum der Selbstwahrnehmung 
wie der psychologisch-klinischen Analyse. Er ist als der Ausdruck 
einer pathologischen Disposition höheren Grades anzusehen und 
läßt sich etwa wie folgt umschreiben: Das Ich reißt sich von 
der unerträglichen Vorstellung los, diese hängt aber untrennbar 
mit einem Stück der Realität zusammen, und indem das Ich 
diese Leistung vollbringt, hat es sich auch von der Realität ganz 
oder teilweise losgelöst. Letzteres ist nach meiner Meinung die 
Bedingung, unter der eigenen Vorstellungen halluzinatorische 
Lebhaftigkeit zuerkannt wird, und somit befindet sich die Person 
nach glücklich gelungener Abwehr in halluzinatorischer Ver- 
worrenheit. 

Ich verfüge nur über sehr wenige Analysen von derartigen 
Psychosen; ich meine aber, es muß sich um einen sehr häufig 
benützten Typus psychischer Erkrankung handeln, denn die als 
analog aufzufassenden Beispiele der Mutter, die, über den Verlust 
ihres Kindes erkrankt, jetzt unablässig ein Stück Holz im Arme 



Die Abwehr-Neuropsychosen 505 



wiegt, oder der verschmähten Braut, die seit Jahren im Putz 
ihren Bräutigam erwartet, fehlen in keinem Irrenhause. 

Es ist vielleicht nicht überflüssig hervorzuheben, daß die drei 
hier geschilderten Arten der Abwehr und somit die drei Formen 
von Erkrankung, zu denen diese Abwehr führt, an derselben 
Person vereinigt sein können. Das gleichzeitige Vorkommen von 
Phobien und hysterischen Symptomen, das in praxi so häufig 
beobachtet wird, gehört ja mit zu den Momenten, die eine reinliche 
Trennung der Hysterie von anderen Neurosen erschweren und 
zur Aufstellung der „gemischten Neurosen" nötigen. Die hallu- 
zinatorische Verworrenheit zwar verträgt sich häufig nicht mit dem 
Fortbestand der Hysterie, in der Regel nicht mit dem der 
Zwangsvorstellungen. Dafür ist es nichts Seltenes, daß eine Ab- 
wehrpsychose den Verlauf einer hysterischen oder gemischten 
Neurose episodisch durchbricht. 

Ich will endlich mit wenigen Worten der Hilfsvorstellung ge- 
denken, deren ich mich in dieser Darstellung der Abwehrneurosen 
bedient habe. Es ist dies die Vorstellung, daß an den psychischen 
Funktionen etwas zu unterscheiden ist (Affektbetrag, Erregungs- 
summe), das alle Eigenschaften einer Quantität hat — wenngleich 
wir kein Mittel besitzen, dieselbe zu messen — etwas, das der 
Vergrößerung, Verminderung, der Verschiebung und der Abfuhr 
fähig ist und sich über die Gedächtnisspuren der Vorstellungen 
verbreitet, etwa wie eine elektrische Ladung über die Oberflächen 
der Körper. 

Man kann diese Hypothese, die übrigens bereits unserer Theorie 
des „Abreagierens" (Vorläufige Mitteilung, 1895) zugrunde liegt, 
in demselben Sinne verwenden, wie es die Physiker mit der 
Annahme des strömenden elektrischen Fluidums tun. Gerechtfertigt 
ist sie vorläufig durch ihre Brauchbarkeit zur Zusammenfassung 
und Erklärung mannigfaltiger psychischer Zustände. 



Freud, I. 



ÜBER DIE BERECHTIGUNG, VON DER 
NEURASTHENIE EINEN BESTIMMTEN 
SYMPTOMENKOMPLEX ALS »ANGST- 
NEUROSE« ABZUTRENNEN 

Zuerst erschienen im „Neurologischen Zentral- 
blatt", z8ps, Nr. 2. 

Es ist schwierig, etwas Allgemeingültiges von der Neurasthenie 
auszusagen, solange man diesen Krankheitsnamen all das bedeuten 
läßt, wofür Beard ihn gehraucht hat. Die Neuropathologie, meine 
ich, kann nur dabei gewinnen, wenn man den Versuch macht, 
von der eigentlichen Neurasthenie alle jene neurotischen Störungen 
abzusondern, deren Symptome einerseits untereinander fester ver- 
knüpft sind als mit den typischen neurasthenischen Symptomen 
(dem Kopf druck, der Spinalirritation, der Dyspepsie mit Flatulenz 
und Obstipation), und die anderseits in ihrer Ätiologie und ihrem 
Mechanismus wesentliche ^Verschiedenheiten von der typischen 
neurasthenischen Neurose erkennen lassen. Nimmt man diese Ab- 
sicht an, so wird man bald ein ziemlich einförmiges Bild der 
Neurasthenie gewonnen haben. Man wird es dann dahin bringen, 
schärfer, als es bisher gelungen ist, verschiedene Pseudoneurasthenien 
(das Bild der organisch vermittelten nasalen Reflexneurose, die 
nervösen Störungen der Kachexien und der Arteriosklerose, die 
Vorstadien der progessiven Paralyse und mancher Psychosen) von 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abzutrennen 307 

echter Neurasthenie zu unterscheiden, ferner werden sich — nach 
Möbius' Vorschlag — manche Status nervosi der hereditär De- 
generierten abseits stellen lassen, und man wird auch Gründe 
finden, manche Neurosen, die man heute Neurasthenie heißt, be- 
sonders intermittierender oder periodischer Natur, vielmehr der 
Melancholie zuzurechnen. Die einschneidendste Veränderung bahnt 
man aber an, wenn man sich entschließt, von der Neurasthenie 
jenen Symptomenkomplex abzutrennen, den ich im folgenden 
beschreiben werde, und der die oben aufgestellten Bedingungen 
in besonders zureichender Weise erfüllt. Die Symptome dieses 
Komplexes stehen klinisch einander weit näher als den echt neur- 
asthenischen (d. h. sie kommen häufig zusammen vor, vertreten 
einander im Krankheitsverlauf), und Ätiologie wie Mechanismus 
dieser Neurose sind grundverschieden von der Ätiologie und dem 
Mechanismus der echten Neurasthenie, wie sie uns nach solcher 
Sonderung erübrigt. 

Ich nenne diesen Symptomenkomplex „Angstneurose", weil 
dessen sämtliche Bestandteile sich um das Hauptsymptom der 
Angst gruppieren lassen, weil jeder einzelne von ihnen eine be- 
stimmte Beziehung zur Angst besitzt. Ich glaubte, mit dieser Auf- 
fassung der Symptome der Angstneurose originell zu sein, bis 
mir ein interessanter Vortrag von E. Hecker 1 in die Hände fiel, 
in welchem ich die nämliche Deutung mit aller wünschenswerten 
Klarheit und Vollständigkeit dargelegt fand. Heck er löst die von 
ihm als Äquivalente oder Rudimente des Angstanfalles erkannten 
Symptome allerdings nicht aus dem Zusammenhange der Neur- 
asthenie, wie ich es beabsichtige 5 allein dies rührt offenbar daher, 
daß er auf die Verschiedenheit der ätiologischen Bedingungen 
hier und dort keine Rücksicht genommen hat. Mit der Kenntnis 



1) E. Hecker: Über larvierte und abortive Angstzustände bei Neurasthenie. 
Zentralblatt für Nervenheilkunde, Dezember 1895. — Die Angst wird geradezu unter 
den Hauptsymptomen der Neurasthenie angeführt in der Studie von Kaan: Der 
neurasthenische Angstaffekt bei Zwangsvorstellungen und der primordiale Grübel- 
zwang, Wien 1893. 



3 o8 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



dieser letzteren Differenz entfällt jeder Zwang, die Angstsymptome 
mit demselben Namen wie die echt neurasthenischen zu bezeichnen, 
denn die sonst willkürliche Namengebung hat vor allem den 
Zweck, uns die Aufstellung allgemeiner Behauptungen zu er- 
leichtern. 



Klinische Symptomatologie der Angstneurose 

Was ich „Angstneurose" nenne, kommt in vollständiger oder 
rudimentärer Ausbildung, isoliert oder in Kombination mit anderen 
Neurosen zur Beobachtung. Die einigermaßen vollständigen und 
dabei isolierten Fälle sind natürlich diejenigen, welche den Ein- 
druck, daß die Angstneurose klinische Selbständigkeit besitze, be- 
sonders unterstützen. In anderen Fällen steht man vor der Auf- 
gabe, aus einem Symptomenkomplex, welcher einer „gemischten 
Neurose" entspricht, diejenigen herauszuklauben und zu sondern, 
die nicht der Neurasthenie, Hysterie u. dgl., sondern der Angst- 
neurose zugehören. 

Das klinische Bild der Angstneurose umfaßt folgende Symptome: 
i) Die allgemeine Reizbarkeit. Diese ist ein häufiges ner- 
vöses Symptom, als solches vielen Status nervosi eigen. Ich führe 
sie hier an, weil sie bei der Angstneurose konstant vorkommt 
und theoretisch bedeutsam ist. Gesteigerte Reizbarkeit deutet ja 
stets auf Anhäufung von Erregung oder auf Unfähigkeit, An- 
häufung zu ertragen, also auf absolute oder relative Reiz- 
anhäufung. Einer besonderen Hervorhebung wert finde ich den 
Ausdruck dieser gesteigerten Reizbarkeit durch eine Gehörshyper- 
ästhesie, eine Überempfindlichkeit gegen Geräusche, welches Sym- 
ptom sicherlich durch die mitgeborene innige Beziehung zwischen 
Gehörseindrücken und Erschrecken zu erklären ist. Die Gehörs- 
hyperästhesie findet sich häufig als Ursache der Schlaflosigkeit, 
von welcher mehr als eine Form zur Angstneurose gehört. 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abtzurenne n 309 

2) Die ängstliche Erwartung. Ich kann den Zustand, den 
ich meine, nicht besser erläutern, als durch diesen Namen und 
einige beigefügte Beispiele. Eine Frau z. B., die an ängstlicher 
Erwartung leidet, denkt bei jedem Hustenstoße ihres katarrhalisch 
affizierten Mannes an Influenzapneumonie und sieht im Geiste 
seinen Leichenzug vorüberziehen. Wenn sie auf dem Wege nach 
Hause zwei Personen vor ihrem Haustor beisammenstehend sieht, 
kann sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß eines ihrer 
Kinder aus dem Fenster gestürzt sei; wenn sie die Glocke läuten 
hört, so bringt man ihr eine Trauerbotschaft u. dgl., während 
doch in allen diesen Fällen kein besonderer Anlaß zur Verstärkung 
einer bloßen Möglichkeit vorliegt. 

Die ängstliche Erwartung klingt natürlich stetig ins Normale 
ab, umfaßt alles, was man gemeinhin als „Ängstlichkeit, Neigung 
zu pessimistischer Auffassung der Dinge" bezeichnet, geht aber so 
oft als möglich über solche plausible Ängstlichkeit hinaus und ist 
häufig selbst für den Kranken als eine Art von Zwang erkennt- 
lich. Für eine Form der ängstlichen Erwartung, nämlich für die 
in bezug auf, die eigene Gesundheit, kann man den alten Krank- 
heitsnamen Hypochondrie reservieren. Die Hypochondrie geht 
nicht immer der Höhe der allgemeinen ängstlichen Erwartung 
parallel, sie verlangt als Vorbedingung die Existenz von Parästhe- 
sien und peinlichen Körperempfindungen, und so wird die Hypo- 
chondrie die Form, welche die echten Neurastheniker bevorzugen, 
sobald sie, was häufig geschieht, der Angstneurose verfallen. 

Eine weitere Äußerung der ängstlichen Erwartung dürfte die 
bei moralisch empfindlicheren Personen so häufige Neigung zur 
Gewissensangst, zur Skrupulosität und Pedanterie sein, die gleich- 
falls vom Normalen bis zur Steigerung als Zweifelsucht varriiert. 
Die ängstliche Erwartung ist das Kernsymptom der Neurose; 
in ihr liegt auch ein Stück von der Theorie derselben frei zu- 
tage. Man kann etwa sagen, daß hier ein Quantum Angst frei 
flottierend vorhanden ist, welches bei der Erwartung die Aus- 



310 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

wähl der Vorstellungen beherrscht und jederzeit bereit ist, sich 
mit irgend einem passenden Vorstellungsinhalt zu verbinden. 

ß) Es ist dies nicht die einzige Art, wie die fürs Bewußtsein 
meist latente, aber konstant lauernde Ängstlichkeit sich äußern 
kann. Diese kann vielmehr auch plötzlich ins Bewußtsein herein- 
brechen, ohne vom Vorstellungsablauf geweckt zu werden, und 
so einen Angstanfall hervorrufen. Ein solcher Angstanfall besteht 
entweder einzig aus dem Angstgefühle ohne jede assoziierte Vor- 
stellung oder mit der naheliegenden Deutung der Lebensvernich- 
tung, des „Schlagtreffens", des drohenden Wahnsinns, oder aber 
dem Angstgefühle ist irgendwelche Parästhesie beigemengt (ähn- 
lich der hysterischen Aura), oder endlich mit der Angstempfin- 
dung ist eine Störung irgend einer oder mehrerer Körperfunktionen, 
der Atmung, Herztätigkeit, der vasomotorischen Innervation, der 
Drüsentätigkeit verbunden. Aus dieser Kombination hebt der Patient 
bald das eine, bald das andere Moment besonders hervor, er klagt 
über „Herzkrampf", „Atemnot", „Schweißausbrüche", „Heiß- 
hunger" u. dgl., und in seiner Darstellung tritt das Angstgefühl 
häufig ganz zurück oder wird recht unkenntlich als ein „Schlecht- 
werden", „Unbehagen" usw. bezeichnet. 

4) Interessant und diagnostisch bedeutsam ist nun, daß das 
Maß der Mischung dieser Elemente im Angstanfalle ungemein 
variiert, und daß nahezu jedes begleitende Symptom den Anfall 
ebensowohl allein konstituieren kann wie die Angst selbst. Es gibt 
demnach rudimentäre Angstanfälle und Äquivalente des 
Angstanfalles, wahrscheinlich alle von der gleichen Bedeutung, 
die einen großen und bis jetzt wenig gewürdigten Reichtum an 
Formen zeigen. Das genauere Studium dieser larvierten Angst- 
zustände (Hecker) und ihre diagnostische Trennung von anderen 
Anfällen dürfte bald zur notwendigen Arbeit für den Neuropatho- 
logen werden. 

Ich füge hier nur die Liste der mir bekannten Formen des 
Angstanfalles an: 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abzutrennen 311 

a) Mit Störungen der Herztätigkeit, Herzklopfen, mit kurzer 
Arrhythmie, mit langer anhaltender Tachykardie bis zu schweren 
Schwächezuständen des Herzens, deren Unterscheidung von organi- 
scher Herzaffektion nicht immer leicht ist; Pseudoangina pectoris, 
ein diagnostisch heikles Gebiet! 

b) Mit Störungen der Atmung, mehrere Formen von nervöser 
Dyspnoe, asthmaartigem Anfalle u. dgl. Ich hebe hervor, daß selbst 
diese Anfälle nicht immer von kenntlicher Angst begleitet sind. 

c) Anfälle von Schweißausbrüchen, oft nächtlich. 

d) Anfälle von Zittern und Schütteln, die nur zu leicht mit 
hysterischen verwechselt werden. 

e) Anfälle von Heißhunger, oft mit Schwindel verbunden. 

f) Anfallsweise auftretende Diarrhöen. 

g) Anfälle von lokomotorischem Schwindel. 

h) Anfälle von sogenannten Kongestionen, so ziemlich alles, 
was man vasomotorische Neurasthenie genannt hat. 

i) Anfälle von Parästhesien (diese aber selten ohne Angst oder 
ein ähnliches Unbehagen). 

jj Nichts als eine Abart des Angstanfalles ist sehr häufig das 
nächtliche Aufschrecken (Pavor nocturnus der Erwachsenen), 
gewöhnlich mit Angst, mit Dyspnoe, Schweiß u. dgl. verbunden. 
Diese Störung bedingt eine zweite Form von Schlaflosigkeit im 
Rahmen der Angstneurose. — Es ist mir übrigens unzweifelhaft 
geworden, daß auch der Pavor nocturnus der Kinder eine Form 
zeigt, die zur Angstneurose gehört. Der hysterische Anstrich, die 
Verknüpfung der Angst mit der Reproduktion eines hiezu geeig- 
neten Erlebnisses oder Traumes, lassen den Pavor nocturnus der 
Kinder als etwas Besonderes erscheinen; er kommt aber auch rein 
vor, ohne Traum oder wiederkehrende Halluzination. 

6) Eine hervorragende Stellung in der Symptomengruppe der 
Angstneurose nimmt der „Schwindel" ein, der in seinen leich- 
testen Formen besser als „Taumel" zu bezeichnen ist, in schwererer 
Ausbildung als „Schwindelanfall" mit oder ohne Angst zu den 



312 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



folgenschwersten Symptomen der Neurose gehört. Der Schwindel 
der Angstneurose ist weder ein Drehschwindel, noch läßt er, wie 
der Menieresche Schwindel, einzelne Ebenen und Richtungen 
hervorheben. Er gehört dem lokomotorischen oder koordinatori- 
schen Schwindel an wie der Schwindel bei Augenmuskellähmung,- 
er besteht in einem spezifischen Mißbehagen, begleitet von den 
Empfindungen, daß der Boden wogt, die Beine versinken, daß es 
unmöglich ist, sich weiter aufrecht zu halten, und dabei sind die 
Beine bleischwer, zittern oder knicken ein. Zum Hinstürzen führt 
dieser Schwindel nie. Dagegen möchte ich behaupten, daß ein 
solcher Schwindelanfall auch durch einen Anfall von tiefer Ohn- 
macht vertreten werden kann. Andere ohnmachtartige Zustände 
bei der Angstneurose scheinen von einem Herzkollaps abzu- 
hängen. 

Der Schwindelanfall ist nicht selten von der schlimmsten Art 
von Angst begleitet, häufig mit Herz- und Atemstörungen kom- 
biniert. Höhenschwindel, Berg- und Abgrundschwindel finden sich 
nach meinen Beobachtungen gleichfalls bei der Angstneurose häufig 
vor; auch weiß ich nicht, ob man noch berechtigt ist, nebenher 
einen vertigo a stomacho laeso anzuerkennen. 

y) Auf Grund der chronischen Ängstlichkeit (ängstliche Er- 
wartung) einerseits, der Neigung zum Schwindelangstanfalle ander- 
seits entwickeln sich zwei Gruppen von typischen Phobien, die 
erste auf die allgemein physiologischen Bedrohungen, die andere 
auf die Lokomotion bezüglich. Zur ersten Gruppe gehören die 
Angst vor Schlangen, Gewitter, Dunkelheit, Ungeziefer u. dgl., 
sowie die typische moralische Überbedenklichkeit, Formen der 
Zweifelsucht; hier wird die disponible Angst einfach zur Ver- 
stärkung von Abneigungen verwendet, die jedem Menschen in- 
stinktiv eingepflanzt sind. Gewöhnlich bildet sich eine zwangsartig 
wirkende Phobie aber erst dann, wenn eine Reminiszenz an ein 
Erlebnis hinzukommt, bei welchem diese Angst sich äußern konnte, 
z. B. nachdem der Kranke ein Gewitter im Freien mitgemacht 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abzutr ennen 313 

hat. Man tut Unrecht, solche Fälle einfach als Fortdauer starker 
Eindrücke erklären zu wollen; was diese Erlebnisse bedeutsam 
und ihre Erinnerung dauerhaft macht, ist doch nur die Angst, 
die damals hervortreten konnte und heute ebenso hervortreten 
kann. Mit anderen Worten, solche Eindrücke bleiben kräftig nur 
bei Personen mit „ängstlicher Erwartung". 

Die andere Gruppe enthält die Agoraphobie mit allen ihren 
Nebenarten, sämtliche charakterisiert durch die Beziehung auf die 
Lokomotion. Ein vorausgegangener Schwindelanfall findet sich 
hiebei häufig als Begründung der Phobie; ich glaube nicht, daß 
man ihn jedesmal postulieren darf. Gelegentlich sieht man, daß 
nach einem ersten Schwindelanfall ohne Angst die Lokomotion 
zwar beständig von der Sensation des Schwindels begleitet wird, 
aber ohne Einschränkung möglich bleibt, daß dieselbe aber unter 
den Bedingungen des Alleinseins, der engen Straße u. dgl. ver- 
sagt, wenn einmal sich zum Schwindelanfalle Angst hinzugesellt hat. 

Das Verhältnis dieser Phobien zu den Phobien der Zwangsneu- 
rose, deren Mechanismus ich in einem früheren Aufsatze 1 in diesem 
Blatte aufgedeckt habe, ist folgender Art: Die Übereinstimmung 
liegt darin, daß hier wie dort eine Vorstellung zwangsartig wird 
durch die Verknüpfung mit einem disponiblen Affekt. Der Mecha- 
nismus der Affektversetzung gilt also für beide Arten von 
Phobien. Bei den Phobien der Angstneurose ist aber 1) dieser 
Affekt ein monotoner, stets der der Angst; 2) stammt er nicht 
von einer verdrängten Vorstellung her, sondern erweist sich bei 
psychologischer Analyse als nicht weiter reduzierbar, wie er 
auch durch Psychotherapie nicht anfechtbar ist. Der Mecha- 
nismus der Substitution gilt also für die Phobien der Angst- 
neurose nicht. 

Beiderlei Arten von Phobien (oder Zwangsvorstellungen) kommen 
häufig nebeneinander vor, obwohl die atypischen Phobien, die auf 

1) Die Abwehr-Neuropsychosen. Neurol. Zentralbl., 1894, Nr. 10 und 11, S. 290 ff. 
dieses Bandes. 



3H 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Zwangsvorstellungen beruhen, nicht notwendig auf dem Boden 
der Angstneurose erwachsen müssen. Ein sehr häufiger, anschei- 
nend komplizierter Mechanismus stellt sich heraus, wenn bei einer 
ursprünglich einfachen Phobie der Angstneurose der Inhalt der 
Phobie durch eine andere Vorstellung substituiert wird, die Sub- 
stitution also nachträglich zur Phobie hinzukommt. Zur Substitu- 
tion werden am häufigsten die „Schutzmaßregeln" benützt, die 
ursprünglich zur Bekämpfung der Phobie versucht worden sind. 
So entsteht z. B. die Grübelsucht aus dem Bestreben, sich den 
Gegenbeweis zu liefern, daß man nicht verrückt ist, wie die 
hypochondrische Phobie behauptet: das Zaudern und Zweifeln, 
vielmehr Repetieren der folie de doute entspringt dem berech- 
tigten Zweifel in die Sicherheit des eigenen Gedankenablaufes, da 
man sich doch so hartnäckiger Störung durch die zwangsartige 
Vorstellung bewußt ist u. dgl. Man kann daher behaupten, daß 
auch viele Syndrome der Zwangsneurose, wie die folie de döute 
und Ähnliches, klinisch, wenn auch nicht begrifflich, der Angst- 
neurose zuzurechnen sind. 1 

8) Die Verdauungstätigkeit erfährt bei der Angstneurose nur 
wenige, aber charakteristische Störungen. Sensationen wie Brech- 
neigung und Übligkeiten sind nichts Seltenes, und das Symptom 
des Heißhungers kann allein oder mit anderen (Kongestionen) 
einen rudimentären Angstanfall abgeben; als chronische Ver- 
änderung, analog der ängstlichen Erwartung, findet man eine 
Neigung zur Diarrhöe, die zu den seltsamsten diagnostischen Irr- 
tümern Anlaß gegeben hat. Wenn ich nicht irre, ist es diese 
Diarrhöe, auf welche Möbius 2 unlängst in einem kleinen Auf- 
satze die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Ich vermute ferner, Peyers 
reflektorische Diarrhöe, die er von Erkrankungen der Prostata 
ableitet, 3 ist nichts anderes als diese Diarrhöe der Angstneurose. 



i) Obsessions et phobies. Revue neurologique, 1895. 

2) Möbius: Neuropathologische Beiträge, 1894, 2. Heft. 

3) Peyer: Die nervösen Affektionen des Darmes. Wiener Klinik, Jänner 1893. 






Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abzutrennen 315 

Eine reflektorische Beziehung wird dadurch vorgetäuscht, daß in der 
Ätiologie der Angstneurose dieselben Faktoren ins Spiel kommen, die 
bei der Entstehung von solchen Prostataaffektionen u. dgl. tätig sind. 
Das Verhalten der Magendarmtätigkeit bei der Angstneurose zeigt 
einen scharfen Gegensatz zu der Beeinflussung derselben Funktion 
bei der Neurasthenie. Mischfälle zeigen oft die bekannte „Ab- 
wechslung von Diarrhöe und Verstopfung". Der Diarrhöe analog 
ist der Harndrang der Angstneurose. 

9) Die Parästhesien, die den Schwindel- oder Angstanfall 
begleiten können, werden dadurch interessant, daß sie sich, 
ähnlich wie die Sensationen der hysterischen Aura, zu einer festen 
Reihenfolge assoziieren; doch finde ich diese assoziierten Empfin- 
dungen im Gegensatze zu den hysterischen atypisch und wechselnd. 
Eine weitere Ähnlichkeit mit der Hysterie wird dadurch erzeugt, 
daß bei der Angstneurose eine Art von Konversion 1 auf körper- 
liche Sensationen stattfindet, die sonst nach Belieben übersehen 
werden können, z. B. auf die rheumatischen Muskeln. Eine ganze 
Anzahl sogenannter Rheumatiker, die übrigens auch als solche nach- 
weisbar sind, leidet eigentlich an — Angstneurose. Neben dieser 
Steigerung der Schmerzempfindlichkeit habe ich bei einer Anzahl 
von Fällen der Angstneurose eine Neigung zu Halluzinationen 
beobachtet, welch letztere sich nicht als hysterische deuten ließen. 

10) Mehrere der genannten Symptome, welche den Angst- 
anfall begleiten oder vertreten, kommen auch in chronischer 
Weise vor. Sie sind dann noch weniger leicht kenntlich, da die 
sie begleitende ängstliche Empfindung undeutlicher ausfällt als 
beim Angstanfall. Dies gilt besonders für die Diarrhöe, den 
Schwindel und die Parästhesien. Wie der Schwindelanfall durch 
einen Ohnmachtsanfall, so kann der chronische Schwindel durch 
die andauernde Empfindung großer Hinfälligkeit, Mattigkeit u. dgl. 
vertreten werden. 

1) Freud: Abwehr-Neuropsychosen. 



316 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



II 

Vorkommen und Ätiologie der Angstneurose 

In manchen Fällen von Angstneurose läßt sich eine Ätiologie 
überhaupt nicht erkennen. Es ist bemerkenswert, daß in solchen 
Fällen der Nachweis einer schweren hereditären Belastung selten 
auf Schwierigkeiten stößt. 

Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine erworbene 
zu halten, da findet man bei sorgfältigem, dahin zielendem 
Examen als ätiologisch wirksame Momente eine Reihe von 
Schädlichkeiten und Einflüssen aus dem Sexualleben. Dieselben 
scheinen zunächst mannigfaltiger Natur, lassen aber leicht den 
gemeinsamen Charakter herausfinden, der ihre gleichartige 
Wirkung auf das Nervensystem erklärt ; sie finden sich ferner 
entweder allein oder neben anderen banalen Schädlichkeiten, 
denen man eine unterstützende Wirkung zuschreiben darf. Diese 
sexuelle Ätiologie der Angstneurose ist so überwiegend häufig 
nachzuweisen, daß ich mich getraue, für die Zwecke dieser 
kurzen Mitteilung die Fälle mit zweifelhafter oder anders- 
artiger Ätiologie beiseite zu lassen. 

Für die genauere Darstellung der ätiologischen Bedingungen, 
unter denen die Angstneurose vorkommt, wird es sich empfehlen, 
Männer und Frauen gesondert zu behandeln. Die Angstneurose 
stellt sich bei weiblichen Individuen — nun abgesehen von deren 
Disposition — in folgenden Fällen ein: 

a) als virginale Angst oder Angst der Adoleszenten. 
Eine Anzahl von unzweideutigen Beobachtungen hat mir ge- 
zeigt, daß ein erstes Zusammentreffen mit dem sexuellen Problem, 
eine einigermaßen plötzliche Enthüllung des bisher Verschleierten, 
z. B. durch den Anblick eines sexuellen Aktes, eine Mitteilung 
oder Lektüre, bei heranreifenden Mädchen eine Angstneurose 
hervorrufen kann, die fast in typischer Weise mit Hysterie kom- 
biniert ist 5 




Berechtigung, von der Neurasthenie die . . . „Angstneurose" abzutrennen 317 

b) als Angst der Neuvermählten. Junge Frauen, die bei 
den ersten Kohabitationen anästhetisch geblieben sind, verfallen 
nicht selten der Angstneurose, die wieder verschwindet, nachdem 
die Anästhesie normaler Empfindlichkeit Platz gemacht hat. Da 
die meisten jungen Frauen bei solcher anfänglicher Anästhesie 
gesund bleiben, bedarf es für das Zustandekommen dieser Angst 
Bedingungen, die ich auch angeben werde; 

c) als Angst der Frauen, deren Männer Ejaculatio praecox oder 
sehr herabgesetzte Potenz zeigen; und 

d) deren Männer den Coitus interruptus oder reservatus üben. 
Diese Fälle gehören zusammen, denn man kann sich bei der 
Analyse einer großen Anzahl von Beispielen leicht überzeugen, 
daß es nur darauf ankommt, ob die Frau beim Koitus zur Be- 
friedigung gelangt oder nicht. Im letzteren Falle ist die Be- 
dingung für die Entstehung der Angstneurose gegeben. Dagegen 
bleibt die Frau von der Neurose verschont, wenn der mit Eja- 
culatio praecox behaftete Mann den Congressus unmittelbar darauf 
mit besserem Erfolge wiederholen kann. Der Congressus reservatus 
mittels des Kondoms stellt für die Frau keine Schädlichkeit dar, 
wenn sie sehr rasch erregbar und der Mann sehr potent ist; im 
andern Falle steht diese Art des Präventivverkehrs den andern 
an Schädlichkeit nicht nach. Der Coitus interruptus ist fast regel- 
mäßig eine Schädlichkeit; für die Frau wird er es aber nur dann, 
wenn der Mann ihn rücksichtslos übt, d. h. den Koitus unter- 
bricht, sobald er der Ejakulation nahe ist, ohne sich um den Ab- 
lauf der Erregung der Frau zu kümmern. Wartet der Mann im 
Gegenteile die Befriedigung der Frau ab, so hat ein solcher 
Koitus für letztere die Bedeutung eines normalen; es erkrankt 
aber dann der Mann an Angstneurose. Ich habe eine große An- 
zahl von Beobachtungen gesammelt und analysiert, aus denen obige 
Sätze hervorgehen; 

e) als Angst der Witwen und absichtlich Abstinenten, 
nicht selten in typischer Kombination mit Zwangsvorstellungen; 



3» 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



f) als Angst im Klimakterium während der letzten großen 
Steigerung der sexuellen Bedürftigkeit. 

Die Fälle c, d, und e enthalten die Bedingungen, unter denen 
die Angstneurose beim weiblichen Geschlecht am häufigsten und 
am ehesten unabhängig von hereditärer Disposition entsteht. An 
diesen — heilbaren, erworbenen — Fällen von Angstneurose 
werde ich den Nachweis zu führen versuchen, daß die aufge- 
fundene sexuelle Schädlichkeit wirklich das ätiologische Moment 
der Neurose darstellt. Ich will nur vorher auf die sexuellen Be- 
dingungen der Angstneurose bei Männern eingehen. Hier möchte 
ich folgende Gruppen aufstellen, die sämtlich ihre Analogien bei 
den Frauen finden. 

a) Angst der absichtlich Abstinenten, häufig mit Symptomen 
der Abwehr (Zwangsvorstellungen, Hysterie) kombiniert. Die 
Motive, die für absichtliche Abstinenz maßgebend sind, bringen 
es mit sich, daß eine Anzahl von hereditär Veranlagten, Sonder- 
lingen u. dgl. zu dieser Kategorie zählt. 

b) Angst der Männer mit frustraner Erregung (während des 
Brautstandes), Personen, die (aus Furcht vor den Folgen des sexuellen 
Verkehrs) sich mit Betasten oder Beschauen des Weibes begnügen. 
Diese Gruppe von Bedingungen (die übrigens unverändert auf das 
andere Geschlecht zu übertragen ist — Brautschaft, Verhältnisse 
mit sexueller Schonung) liefert die reinsten Fälle der Neurose. 

c) Angst der Männer, die Coitus interruptus üben. Wie schon 
bemerkt, schädigt der Coitus interruptus die Frau, wenn er ohne 
Rücksicht auf die Befriedigung der Frau geübt wird ; er wird 
aber zur Schädlichkeit für den Mann, wenn dieser, um die Be- 
friedigung der Frau zu erzielen, den Coitus willkürlich dirigiert, 
die Ejakulation aufschiebt. Auf solche Weise läßt sich verstehen, 
daß von den Ehepaaren, die im Coitus interruptus leben, ge- 
wöhnlich nur ein Teil erkrankt. Bei Männern erzeugt der 
Coitus interruptus übrigens nur selten reine Angstneurose, meist 
eine Vermengung derselben mit Neurasthenie. 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abzutrennen 31g 

d) Angst der Männer im Senium. Es gibt Männer, die wie 
die Frauen ein Klimakterium zeigen und zur Zeit ihrer ab- 
nehmenden Potenz und steigenden Libido Angstneurose pro- 
duzieren. 

Endlich muß ich noch zwei Fälle anschließen, die für beide 
Geschlechter gelten: 

a) Die Neurastheniker infolge von Masturbation verfallen in 
Angstneurose, sobald sie von ihrer Art der sexuellen Befriedigung 
ablassen. Diese Personen haben sich besonders unfähig gemacht, 
die Abstinenz zu ertragen. 

Ich bemerke hier als wichtig für das Verständnis der Angst- 
neurose, daß eine irgend bemerkenswerte Ausbildung derselben 
nur bei potent gebliebenen Männern und bei nicht anästhetischen 
Frauen zustande kommt. Bei Neurasthenikern, die durch Mastur- 
bation bereits schwere Schädigung ihrer Potenz erworben haben, 
fällt die Angstneurose im Falle der Abstinenz recht dürftig aus 
und beschränkt sich meist auf Hypochondrie und leichten chro- 
nischen Schwindel. Die Frauen sind ja in ihrer Mehrheit als 
„potent' zu nehmen; eine wirklich impotente, d. h. wirklich 
anästhetische Frau ist gleichfalls der Angstneurose wenig zu- 
gänglich und erträgt die angeführten Schädlichkeiten auffällig 
gut. 

Wieweit man etwa sonst berechtigt ist, konstante Beziehungen 
zwischen einzelnen ätiologischen Momenten und einzelnen Symp- 
tomen aus dem Komplex der Angstneurose anzunehmen, möchte 
ich hier noch nicht erörtern. 

ß) Die letzte der anzuführenden ätiologischen Bedingungen 
scheint zunächst überhaupt nicht sexueller Natur zu sein. Die 
Angstneurose entsteht, und zwar bei beiden Geschlechtern, auch 
durch das Moment der Überarbeitung, erschöpfender Anstrengung, 
z. B. nach Nachtwachen, Krankenpflegen und selbst nach schweren 
Krankheiten. 



320 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Der Haupteinwand gegen meine Aufstellung einer sexuellen 
Ätiologie der Angstneurose wird wohl dahin lauten: derartige 
abnorme Verhältnisse des Sexuallebens fänden sich so überaus 
häufig, daß sie überall zur Hand sein müssen, wo man nach 
ihnen sucht. Ihr Vorkommen in den angeführten Fällen von 
Angstneurose beweise also nicht, daß in ihnen die Ätiologie der 
Neurose aufgedeckt sei. Übrigens sei die Anzahl der Personen, 
die Coitus interruptus u. dgl. treiben, unvergleichlich größer als 
die Anzahl der mit Angstneurose Behafteten, und die überwiegende 
Menge der ersteren befände sich bei dieser Schädlichkeit recht 
wohl. 

Ich habe darauf zu erwidern, daß man bei der anerkannt 
übergroßen Häufigkeit der Neurosen und der Angstneurose spe- 
ziell ein selten vorkommendes ätiologisches Moment gewiß 
nicht erwarten dürfe; ferner daß damit geradezu ein Postulat 
der Pathologie erfüllt sei, wenn sich bei einer ätiologischen 
Untersuchung das ätiologische Moment noch häufiger nachweisen 
lasse als dessen Wirkung, da ja für letztere noch andere Be- 
dingungen (Disposition, Summation der spezifischen Ätiologie, 
Unterstützung durch andere, banale Schädlichkeiten) erfordert 
werden können; ferner, daß die detaillierte Zergliederung ge- 
eigneter Fälle von Angstneurose die Bedeutung des sexuellen 
Moments ganz unzweideutig erweist. Ich will mich hier aber 
nur auf das ätiologische Moment des Coitus interruptus und 
auf die Hervorhebung einzelner beweisender Erfahrungen be- 
schränken. 

1) Solange die Angstneurose bei jungen Frauen noch nicht 
konstituiert ist, sondern in Ansätzen hervortritt, die immer wieder 
spontan verschwinden, läßt sich nachweisen, daß jeder solche Schub 
der Neurose auf einen Koitus mit mangelnder Befriedigung zu- 
rückgeht. Zwei Tage nach dieser Einwirkung, bei wenig resistenten 
Personen am Tage nachher, tritt regelmäßig der Angst- oder 
Schwindelanfall auf, an den sich andere Symptome der Neurose 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abzutrennen 321 

schließen, um — - bei seltenerem ehelichen Verkehr — wieder mit- 
einander abzuklingen. Eine zufällige Reise des Mannes, ein Auf- 
enthalt im Gebirge, der mit Trennung des Ehepaares verbunden 
ist, tun gut; die zumeist in erster Linie eingeleitete gynäkologische 
Behandlung nützt dadurch, daß während ihrer Dauer der eheliche 
Verkehr aufgehoben ist. Merkwürdigerweise ist der Erfolg der 
lokalen Behandlung ein vorübergehender, stellt sich die Neurose 
noch im Gebirge wieder ein, sobald der Mann seinerseits in die 
Ferien tritt u. dgl. Läßt man als ein dieser Ätiologie kundiger 
Arzt bei noch nicht konstituierter Neurose den Coitus interruptus 
durch normalen Verkehr ersetzen, so ergibt sich die thera- 
peutische Probe auf die hier aufgestellte Behauptung. Die Angst 
ist behoben und kehrt ohne neuen, ähnlichen Anlaß nicht wieder. 
2) In der Anamnese vieler Fälle von Angstneurose findet man 
bei Männern wie bei Frauen ein auffälliges Schwanken in der 
Intensität der Erscheinungen, ja im Kommen und Gehen des 
ganzen Zustandes. Dieses Jahr war fast ganz gut, das nächstfol- 
gende gräßlich u. dgl., einmal fällt die Besserung zugunsten einer 
bestimmten Kur aus, die aber beim nächsten Anfalle ganz im 
Stich gelassen hat u. dgl. m. Erkundigt man sich nun nach An- 
zahl und Reihenfolge der Kinder und stellt diese Ehechronik dem 
eigentümlichen Verlauf der Neurose gegenüber, so ergibt sich als 
einfache Lösung, daß die Perioden von Besserung oder Wohlbe- 
finden mit den Graviditäten der Frau zusammenfallen, während 
welcher natürlich der Anlaß für den Präventivverkehr entfallen 
war. Dem Manne aber hatte jene Kur, sei es beim Pfarrer Kneipp 
oder in der hydrotherapeutischen Anstalt, genützt, nach welcher 
er seine Frau gravid antraf. 

5) Aus der Anamnese der Kranken ergibt sich häufig, daß die 
Symptome der Angstneurose zu einer bestimmten Zeit die einer 
andern Neurose, etwa der Neurasthenie, abgelöst und sich an 
deren Stelle gesetzt haben. Es läßt sich dann ganz regelmäßig 
nachweisen, daß kurz vor diesem Wechsel des Bildes ein ent- 
Freud, 1. 21 




sprechender Wechsel in der Art der sexuellen Schädigung statt- 
gefunden hat. 

Während derartige, nach Belieben zu vermehrende Erfahrungen 
dem Arzte für eine gewisse Kategorie von Fällen die sexuelle 
Ätiologie geradezu aufdrängen, lassen sich andere Fälle, die sonst 
unverständlich blieben, mittels des Schlüssels der sexuellen Ätiologie 
wenigstens widerspruchslos verstehen und einreihen. Es sind dies 
jene sehr zahlreichen Fälle, in denen zwar alles vorhanden ist, 
was wir bei der vorigen Kategorie gefunden haben, die Erschei- 
nungen der Angstneurose einerseits, das spezifische Moment des 
Coitus interruptus anderseits, wo aber noch etwas anderes sich 
einschiebt, nämlich ein langes Intervall zwischen der vermeint- 
lichen Ätiologie und deren Wirkung, und etwa noch ätiologische 
Momente nicht sexueller Natur. Da ist z. B. ein Mann, der auf 
die Nachricht vom Tode seines Vaters einen Herzanfall bekommt 
und von da an der Angstneurose verfallen ist. Der Fall ist nicht 
zu verstehen, denn der Mann war bisher nicht nervös; der Tod 
des hochbejahrten Vaters erfolgte keineswegs unter besonderen 
Umständen, und man wird zugeben, daß das normale, erwartete 
Ableben eines alten Vaters nicht zu den Erlebnissen gehört, die 
einen gesunden Erwachsenen krank zu machen pflegen. Vielleicht 
wird die ätiologische Analyse durchsichtiger, wenn ich hinzunehme, 
daß dieser Mann seit elf Jahren den Coitus interruptus mit 
Rücksicht auf seine Frau ausübt. Die Erscheinungen sind we- 
nigstens genau die nämlichen, wie sie bei anderen Personen nach 
kurzer derartiger sexueller Schädigung und ohne Dazwischenkunft 
eines anderen Traumas auftreten. Ähnlich zu beurteilen ist der 
Fall einer Frau, deren Angstneurose nach dem Verlust eines 
Kindes ausbricht, oder des Studenten, der in der Vorbereitung 
zu seiner letzten Staatsprüfung durch die Angstneurose gestört 
wird. Ich finde die Wirkung hier wie dort nicht durch die an 
gegebene Ätiologie erklärt. Man muß sich nicht beim Studieren 
„überarbeiten", und eine gesunde Mutter pflegt auf den Verlust 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abzutrennen 325 

eines Kindes nur mit normaler Trauer zu reagieren. Vor allem 
aber würde ich erwarten, daß der Student durch Überarbeitung 
eine Kephalasthenie, die Mutter in unserem Beispiele eine Hysterie 
akquirieren sollte. Daß sie beide Angstneurose bekommen, veran- 
laßt mich, Wert darauf zu legen, daß die Mutter seit acht Jahren 
im ehelichen Coitus interruptus lebt, der Student aber seit 
drei Jahren ein warmes Liebesverhältnis mit einem „anständigen" 
Mädchen unterhält, das er nicht schwängern darf. 

Diese Ausführungen laufen auf die Behauptung hinaus, daß 
die spezifische sexuelle Schädlichkeit des Coitus interruptus dort, 
wo sie nicht imstande ist, für sich allein die Angstneurose her- 
vorzurufen, doch wenigstens zu ihrer Erwerbung disponiert. Die 
Angstneurose bricht dann aus, sobald zur latenten Wirkung des 
spezifischen Moments die Wirkung einer anderen, banalen Schäd- 
lichkeit hinzutritt. Letztere kann das spezifische Moment quanti- 
tativ vertreten, aber nicht qualitativ ersetzen. Das spezifische 
Moment bleibt stets dasjenige, welches die Form der Neurose 
bestimmt. Ich hoffe, diesen Satz für die Ätiologie der Neurosen 
auch in größerem Umfang erweisen zu können. 

Ferner ist in den letzten Erörterungen die an sich nicht un- 
wahrscheinliche Annahme enthalten, daß eine sexuelle .Schädlich- 
keit wie der Coitus interruptus sich durch Summation zur Gel- 
tung bringt. Je nach der Disposition des Individuums und der 
sonstigen Belastung von dessen Nervensystem wird es kürzere 
oder längere Zeit brauchen, ehe der Effekt dieser Summation 
sichtbar wird. Die Individuen, welche den Coitus interruptus 
scheinbar ohne Nachteil ertragen, werden in Wirklichkeit durch 
denselben zu Störungen der Angstneurose disponiert, die irgend 
einmal spontan oder nach einem banalen, sonst unangemessenen 
Trauma losbrechen können, gerade wie der chronische Alkoholiker 
auf dem Wege der Summation endlich eine Zirrhose oder andere 
Erkrankung entwickelt oder unter dem Einfluß eines Fiebers in 
ein Delirium verfällt. 



5^4 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



III 

Ansätze zu einer Theorie der Angstneurose 

Die nachstehenden Ausführungen beanspruchen nichts als den 
Wert eines ersten, tastenden Versuches, dessen Beurteilung die 
Aufnahme der im vorigen enthaltenen Tatsachen nicht beein- 
flussen sollte. Die Würdigung dieser „Theorie der Angstneurose" 
wird ferner noch dadurch erschwert, daß sie bloß einem Bruchstücke 
aus einer umfassenderen Darstellung der Neurosen entspricht. 

In dem bisher über die Angstneurose Vorgebrachten sind bereits 
einige Anhaltspunkte für einen Einblick in den Mechanismus 
dieser Neurose enthalten. Zunächst die Vermutung, es dürfte sich 
um eine Anhäufung von Erregung handeln, sodann die überaus 
wichtige Tatsache, daß die Angst, die den Erscheinungen der 
Neurose zugrunde liegt, keine psychische Ableitung zuläßt. 
Eine solche wäre z. B. vorhanden, wenn sich als Grundlage der 
Angstneurose ein einmaliger oder wiederholter, berechtigter Schreck 
fände, der seither die Quelle der Bereitschaft zur Angst abgäbe. 
Allein dies ist nicht der Fall; durch einen einmaligen Schreck 
kann zwar eine Hysterie oder eine traumatische Neurose erworben 
werden, nie aber eine Angstneurose. Ich habe, da sich unter 
den Ursachen der Angstneurose der Coitus interruptus so sehr 
in den Vordergrund drängt, anfangs gemeint, die Quelle der 
kontinuierlichen Angst könnte in der beim Akte jedesmal sich 
wiederholenden Furcht liegen, die Technik könnte mißglücken 
und demnach Konzeption erfolgen. Ich habe aber gefunden, daß 
dieser Gemütszustand der Frau oder des Mannes während des 
Coitus interruptus für die Entstehung der Angstneurose gleich- 
gültig ist, daß die gegen die Folgen einer möglichen Konzeption 
im Grunde gleichgültigen Frauen der Neurose ebenso ausgesetzt 
sind wie die vor dieser Möglichkeit Schaudernden, und daß es 
nur darauf ankam, welcher Teil bei dieser sexuellen Technik 
seine Befriedigung einbüßte. 



Berechtigung, von der Neurasthenie ...die „Angstneurose" abzutrennen 325 



l 

Einen weiteren Anhaltspunkt bietet die noch nicht erwähnte 
Beobachtung, daß in ganzen Reihen von Fällen die Angstneurose 
mit der deutlichsten Verminderung der sexuellen Libido, der 
psychischen Lust, einhergeht, so daß die Kranken auf die 

r Eröffnung, ihr Leiden rühre von „ungenügender Befriedigung", 
regelmäßig antworten: Das sei unmöglich, gerade jetzt sei alles 
Bedürfnis bei ihnen erloschen. Aus all diesen Andeutungen, daß 
es sich um Anhäufung von Erregung handle, daß die Angst, 
welche solcher angehäufter Erregung wahrscheinlich entspricht, 
somatischer Herkunft sei, so daß also somatische Erregung ange- 
häuft werde, ferner daß diese somatische Erregung sexueller 
Natur sei und daß eine Abnahme der psychischen Beteiligung an 
den Sexualvorgängen nebenher gehe — alle diese Andeutungen, 
sage ich, begünstigen die Erwartung, der Mechanismus der 
Angstneurose sei in der Ablenkung der somatischen 
Sexualerregung vom Psychischen und einer dadurch 
verursachten abnormen Verwendung dieser Erregung 
zu suchen. 

Man kann sich diese Vorstellung vom Mechanismus der Angst- 
neurose klarer machen, wenn man folgende Betrachtung über 
den Sexualvorgang akzeptiert, die sich zunächst auf den Mann 
bezieht. Im geschlechtsreifen männlichen Organismus wird — 
wahrscheinlich kontinuierlich — die somatische Sexualerregung 
produziert, die periodisch zu einem Reiz für das psychische Leben 
wird. Schalten wir, um unsere Vorstellungen darüber besser zu 
fixieren, ein, daß diese somatische Sexualerregung sich als Druck 
auf die mit Nervenendigungen versehene Wandung der Samen- 
bläschen äußert, so wird diese viszerale Erregung zwar kontinuier- 
lich anwachsen, aber erst von einer gewissen Höhe an imstande 
sein, den Widerstand der eingeschalteten Leitung bis zur Hirn- 
rinde zu überwinden und sich als psychischer Reiz zu äußern. 
Dann aber wird die in der Psyche vorhandene sexuelle Vorstel- 
lungsgruppe mit Energie ausgestattet, und es entsteht der psy- 



5 a6 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



chische Zustand libidinöser Spannung, welcher den Drang nach 
Aufhebung dieser Spannung mit sich bringt. Eine solche psy- 
chische Entlastung ist nur auf dem Wege möglich, den ich als 
spezifische oder adäquate Aktion bezeichnen will. Diese ad- 
äquate Aktion besteht für den männlichen Sexualtrieb in einem 
komplizierten spinalen Reflexakt, der die Entlastung jener Nerven- 
endigungen zur Folge hat, und in allen psychisch zu leistenden. 
Vorbereitungen für die Auslösung dieses Reflexes. Etwas anderes 
als die adäquate Aktion würde nichts fruchten, denn die somatische 
Sexualerreguug setzt sich, nachdem sie einmal den Schwellenwert 
erreicht hat, kontinuierlich in psychische Erregung um; es muß 
durchaus dasjenige geschehen, was die Nervenendigungen von dem 
auf sie lastenden Druck befreit, somit die ganze derzeit vorhandene 
somatische Erregung aufhebt und der subkortikalen Leitung ge- 
stattet, ihren Widerstand herzustellen. 

Ich werde es mir versagen, kompliziertere Fälle des Sexual- 
vorganges in ähnlicher Weise darzustellen. Ich will nur noch die 
Behauptung aufstellen, daß dieses Schema im wesentlichen auch 
auf die Frau zu übertragen ist, trotz aller das Problem verwir- 
renden, artefiziellen Verzögerung und Verkümmerung des weib- 
lichen Geschlechtstriebes. Es ist auch bei der Frau eine somatische 
Sexualerregung anzunehmen und ein Zustand, in dem diese Er- 
regung psychischer Reiz wird, Libido und den Drang nach der 
spezifischen Aktion hervorruft, an welche sich das Wollustgefühl 
knüpft. Nur ist man bei der Frau nicht imstande anzugeben, 
was etwa der Entspannung der Samenbläschen hier analog wäre. 
In den Rahmen dieser Darstellung des Sexualvorganges läßt 
sich nun sowohl die Ätiologie der echten Neurasthenie als 
die der Angstneurose eintragen. Neurasthenie entsteht jedesmal, 
wenn die adäquate (Aktion) Entlastung durch eine minder ad- 
äquate ersetzt wird, der normale Koitus unter den günstigsten 
Bedingungen also durch eine Masturbation oder spontane Pol- 
lution; zur Angstneurose aber führen alle Momente, welche die 



T 

Be rechtigung, von der Neurasthenie ■ ■ ■ die „Angstneurose" abzu trennen 537 

psychische Verarbeitung der somatischen Sexualerregung verhindern. 
Die Erscheinungen der Angstneurose kommen zustande, indem die 
von der Psyche abgelenkte somatische Sexualerregung sich sub- 
kortikal, in ganz und gar nicht adäquaten Reaktionen ausgibt. 

Ich will es nun versuchen, die vorhin angegebenen ätiologi- 
schen Bedingungen der Angstneurose daraufhin zu prüfen, ob sie 
den von mir aufgestellten gemeinsamen Charakter erkennen lassen. 
Als erstes ätiologisches Moment habe ich für den Mann die ab- 
sichtliche Abstinenz angeführt. Abstinenz besteht in der Versagung 
der spezifischen Aktion, die sonst auf die Libido erfolgt. Eine 
solche Versagung wird zwei Konsequenzen haben können, nämlich, 
daß die somatische Erregung sich anhäuft, und dann zunächst, 
daß sie auf andere Wege abgelenkt wird, auf denen ihr eher 
Entladung winkt als auf dem Wege über die Psyche. Es wird 
also die Libido endlich sinken und die Erregung subkortikal als 
Angst sich äußern. Wo die Libido nicht verringert wird, oder die 
somatische Erregung auf kurzem Wege in Pollutionen verausgabt 
wird oder infolge der Zurückdrängung wirklich versiegt, da ent- 
steht eben alles andere als Angstneurose. Auf solche Weise führt 
die Abstinenz zur Angstneurose. Die Abstinenz ist aber auch das 
Wirksame an der zweiten ätiologischen Gruppe, der frustranen 
Erregung. Der dritte Fall, der des rücksichtsvollen Coitus reser- 
vatus, wirkt dadurch, daß er die psychische Bereitschaft für den 
Sexualablauf stört, indem er neben der Bewältigung des Sexual- 
affekts eine andere, ablenkende, psychische Aufgabe einführt. 
Auch durch diese psychische Ablenkung schwindet allmählich die 
Libido, der weitere Verlauf ist dann derselbe wie im Falle der 
Abstinenz. Die Angst im Senium (Klimakterium der Männer) er- 
fordert eine andere Erklärung. Hier läßt die Libido nicht nach; 
es findet aber, wie während des Klimakteriums der Weiber, eine 
solche Steigerung in der Produktion der somatischen Erregung 
statt, daß die Psyche für die Bewältigung derselben sich als relativ 
insuffizient erweist. 



328 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Keine größeren Schwierigkeiten bereitet die Subsumierung der 
ätiologischen Bedingungen bei der Frau unter den angeführten 
Gesichtspunkt. Der Fall der virginalen Angst ist besonders klar. 
Hier sind eben die Vorstellungsgruppen noch nicht genug ent- 
wickelt, mit denen sich die somatische Sexualerregung verknüpfen 
soll. Bei der anästhetischen Neuvermählten tritt die Angst nur 
dann auf, wenn die ersten Kohabitationen ein genügendes Maß 
von somatischer Erregung wecken. Wo die lokalen Zeichen solcher 
Erregtheit (wie spontane Reizempfindung, Harndrang u. dgl.) fehlen ' 
da bleibt auch die Angst aus. Der Fall der Ejaculatio praecox, des 
Coitus mterruptus, erklärt sich ähnlich wie beim Manne dadurch, 
daß für den psychisch unbefriedigenden Akt allmählich die Libido 
schwindet, während die dabei wachgerufene Erregung subkortikal 
ausgegeben wird. Die Herstellung einer Entfremdung zwischen 
dem Somatischen und dem Psychischen im Ablauf der Sexual- 
erregung erfolgt beim Weibe rascher und ist schwerer zu be- 
seitigen als beim Manne. Der Fall der Witwenschaft und der 
gewollten Abstinenz sowie der Fall des Klimakteriums erledig 
sich beim Weibe wohl ebenso wie beim Manne, doch kommt für 
den Fall der Abstinenz gewiß noch die absichtliche Verdrängung 
des sexuellen Vorstellungskreises hinzu, zu welcher die mit der 
Versuchung kämpfende abstinente Frau sich häufig entschließen 
muß, und ähnlich mag in der Zeit der Menopause der Abscheu 
wirken, den die alternde Frau gegen die übergroß gewordene 
.Libido empfindet. 

Auch die beiden zuletzt angeführten ätiologischen Bedingungen 
scheinen sich ohne Schwierigkeit einzuordnen. 

Die Angstneigung der neurasthenisch gewordenen Masturbanten 
erklart sich daraus, daß diese Personen so leicht in den Zustand 
der „Abstinenz" geraten, nachdem sie sich so lange gewöhnt 
hatten, ,eder kleinen Quantität somatischer Erregung eine aller- 
dings fehlerhafte Abfuhr zu schaffen. Endlich läßt der letzte Fall 
die Entstehung der Angstneurose durch schwere Krankheit, Über- 



Berechtigung, von der Neurasthenie . , . die „Angstneurose" abzutrennen 339 

arbeitung, erschöpfende Krankenpflege u. dgl., in Anlehnung an 
die Wirkungsweise des Coitus interruptus die zwanglose Deutung 
zu, die Psyche werde hier durch Ablenkung insuffizient zur 
Bewältigung der somatischen Sexualerregung, einer Aufgabe, 
die ihr ja kontinuierlich obliegt. Man weiß, wie tief unter 
solchen Bedingungen die Libido sinken kann, und man hat hier 
ein schönes Beispiel einer Neurose, die zwar keine sexuelle 
Ätiologie, aber doch einen sexuellen Mechanismus er- 
kennen läßt. 

Die hier entwickelte Auffassung stellt die Symptome der Angst- 
neurose gewissermaßen als Surrogate der unterlassenen spezifi- 
schen Aktion auf die Sexualerregung dar. Ich erinnere zur 
weiteren Unterstützung derselben daran, daß auch beim nor- 
malen Koitus die Erregung sich nebstbei als Atembeschleunigung, 
Herzklopfen, Schweißausbruch, Kongestion u. dgl. ausgibt. Im 
entsprechenden Angstanfalle unserer Neurose hat man die Dys- 
pnoe, das Herzklopfen u. dgl. des Koitus isoliert und gesteigert 
vor sich. 

Es könnte noch gefragt werden: Warum gerät denn das Nerven- 
system unter solchen Umständen, bei psychischer Unzulänglichkeit 
zur Bewältigung der Sexualerregung, in den eigentümlichen Affekt- 
zustand der Angst? Darauf ist andeutungsweise zu erwidern: Die 
Psyche gerät in den Affekt der Angst, wenn sie sich unfähig fühlt, 
eine von außen nahende Aufgabe (Gefahr) durch entsprechende 
Reaktion zu erledigen; sie gerät in die Neurose der Angst, wenn 
sie sich unfähig merkt, die endogen entstandene (Sexual-) Erregung 
auszugleichen. Sie benimmt sich also, als projizierte sie diese 
Erregung nach außen. Der Affekt und die ihm entsprechende 
Neurose stehen in fester Beziehung zueinander, der erstere ist die 
Reaktion auf eine exogene, die letztere die Reaktion auf die 
analoge endogene Erregung. Der Affekt ist ein rasch vorüber- 
gehender Zustand, die Neurose ein chronischer, weil die exogene 
Erregung wie ein einmaliger Stoß, die endogene wie eine konstante 



330 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Kraft wirkt. Das Nervensystem reagiert in der Neurose 
gegen eine innere Erregungsquelle wie in dem ent- 
sprechendem Affekt gegen eine analoge äußere. 



IV 
Beziehung zu anderen Neurosen 

Es erübrigen noch einige Bemerkungen über die Beziehungen 
der Angstneurose zu den anderen Neurosen nach Vorkommen und 
innerer Verwandtschaft. 

Die reinsten Fälle von Angstneurose sind auch meist die aus- 
geprägtesten. Sie finden sich bei potenten jugendlichen Individuen, 
bei einheitlicher Ätiologie und nicht zu langem Bestände des 
Krankseins. 

Häufiger ist allerdings das gleichzeitige und gemeinsame Vor- 
kommen von Angstsymptomen mit solchen der Neurasthenie, 
Hysterie, der Zwangsvorstellungen, der Melancholie. Wollte man 
sich durch solche klinische Vermengung abhalten lassen, die Angst- 
neurose als eine selbständige Einheit anzuerkennen, so müßte man 
konsequenterweise auch auf die mühsam erworbene Trennung von 
Hysterie und Neurasthenie wieder verzichten. 

Für die Analyse der „gemischten Neurosen" kann ich den 
wichtigen Satz vertreten: Wo sich eine gemischte Neurose 
vorfindet, da läßt sich eine Vermengung mehrerer spezifi- 
scher Ätiologien nachweisen. 

Eine solche Vielheit ätiologischer Momente, die eine gemischte 
Neurose bedingt, kann bloß zufällig zustande kommen, etwa in- 
dem eine neu hinzutretende Schädlichkeit ihre Wirkungen zu 
denen einer früher vorhandenen addiert 5 z. B. eine Frau, die von 
jeher Hysterica war, tritt zu einer gewissen Zeit ihrer Ehe in 
den Coitus reservatus ein und erwirbt jetzt zu ihrer Hysterie 
eine Angstneurose; ein Mann, der bisher masturbiert hatte und 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „An gstneurose" abzutrennen 331 

neurasthenisch wurde, wird Bräutigam, erregt sich bei seiner Braut, 
und jetzt gesellt sich zur Neurasthenie eine frische Angstneurose 
hinzu. 

In anderen Fällen ist die Mehrheit ätiologischer Momente keine 
zufällige, sondern das eine derselben hat das andere mit zur 
Wirkung gebracht; z. B. eine Frau, mit welcher ihr Mann Coitus 
reservatus ohne Rücksicht auf ihre Befriedigung übt, sieht sich 
genötigt, die peinliche Erregung nach einem solchen Akt durch 
Masturbation zu beenden; sie zeigt infolgedessen nicht reine Angst- 
neurose, sondern daneben Symptome von Neurasthenie; eine zweite 
Frau wird unter derselben Schädlichkeit mit lüsternen Bildern zu 
kämpfen haben, deren sie sich erwehren will, und wird auf solche 
Weise durch den Coitus interruptus nebst der Angstneurose Zwangs- 
vorstellungen erwerben; eine dritte Frau endlich wird infolge des 
Coitus interruptus die Neigung zu ihrem Manne einbüßen, eine 
andere Neigung erwerben, welche sie sorgfältig geheim hält, und 
wird infolgedessen ein Gemenge von Angstneurose und Hysterie 
zeigen. 

In einer dritten Kategorie von gemischten Neurosen ist der 
Zusammenhang der Symptome ein noch innigerer, indem die näm- 
liche ätiologische Bedingung gesetzmäßig und gleichzeitig beide 
Neurosen hervorruft. So z. B. erzeugt die plötzliche sexuelle Auf- 
klärung, die wir bei der virginalen Angst gefunden haben, immer 
auch Hysterie; die allermeisten Fälle von absichtlicher Abstinenz 
verknüpfen sich von Anfang an mit echten Zwangsvorstellungen; 
der Coitus interruptus der Männer scheint mir niemals reine 
Angstneurose provozieren zu können, sondern stets eine Vermen- 
gung derselben mit Neurasthenie u. dgl. 

Es geht aus diesen Erörterungen hervor, daß man die ätiologi- 
schen Bedingungen des Vorkommens noch unterscheiden muß von 
den spezifischen ätiologischen Momenten der Neurosen. Erstere, 
z. B. der Coitus interruptus, die Masturbation, die Abstinenz, sind 
noch vieldeutig und können ein jedes verschiedene Neurosen 



332 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

produzieren; erst die aus ihnen abstrahierten ätiologischen Momente, 
wie inadäquate Entlastung, psychische Unzulänglichkeit? 
Abwehr mit Substitution, haben eine unzweideutige und spezi- 
fische Beziehung zur Ätiologie der einzelnen großen Neurosen. 

Ihrem inneren Wesen nach zeigt die Angstneurose die inter- 
essantesten Übereinstimmungen und Verschiedenheiten gegen die 
anderen großen Neurosen, besonders gegen Neurasthenie und 
Hysterie. Mit der Neurasthenie teilt sie den einen Hauptcharakter, 
daß die Erregungsquelle, der Anlaß zur Störung, auf somatischem 
Gebiete liegt, anstatt wie bei Hysterie und Zwangsneurose auf 
psychischem. Im übrigen läßt sich eher eine Art von Gegensätz- 
lichkeit zwischen den Symptomen der Neurasthenie und denen 
der Angstneurose erkennen, die etwa in den Schlagworten: An- 
häufung — Verarmung an Erregung, ihren Ausdruck fände. Diese 
Gegensätzlichkeit hindert nicht, daß sich die beiden Neurosen 
miteinander vermengen, zeigt sich aber doch darin, daß die ex- 
tremsten Formen in beiden Fällen auch die reinsten sind. 

Mit der Hysterie zeigt die Angstneürose zunächst eine Reihe 
von Übereinstimmungen in der Symptomatologie, deren genauere 
Würdigung noch aussteht. Das Auftreten der Erscheinungen als 
Dauersymptome oder in Anfällen, die auraartig gruppierten Par- 
ästhesien, die Hyperästhesien und Druckpunkte, die sich bei ge- 
wissen Surrogaten des Angstanfalles, bei der Dyspnoe und dem 
Herzanfalle finden, die Steigerung der etwa organisch berechtigten 
Schmerzen (durch Konversion): — diese und andere gemeinschaft- 
liche Züge lassen sogar vermuten, daß manches, was man der 
Hysterie zurechnet, mit mehr Fug und Recht zur Angstneurose 
geschlagen werden dürfte. Geht man auf den Mechanismus der 
beiden Neurosen ein, soweit er sich bis jetzt hat durchschauen 
lassen, so ergeben sich Gesichtspunkte, welche die Angstneurose 
geradezu als das somatische Seitenstück zur Hysterie erscheinen 
lassen. Hier wie dort Anhäufung von Erregung ■ — worin viel- 
leicht die vorhin geschilderte Ähnlichkeit der Symptome gegründet 



Berechtigung, von der Neurasthenie . . . die „Angstneurose" abzutrennen 555 

ist; — hier wie dort eine psychische Unzulänglichkeit, der 
zufolge abnorme somatische Vorgänge Zustandekommen. 
Hier wie dort tritt an Stelle einer psychischen Verarbeitung eine 
Ablenkung der Erregung in das Somatische ein; der Unterschied 
liegt bloß darin, daß die Erregung, in deren Verschiebung sich 
die Neurose äußert, bei der Angstneurose eine rein somatische 
(die somatische Sexualerregung), bei der Hysterie eine psychische 
(durch Konflikt hervorgerufene) ist. Es kann daher nicht wunder- 
nehmen, daß Hysterie und Angstneurose sich gesetzmäßig mit- 
einander kombinieren wie bei der „virginalen Angst' oder der 
„sexuellen Hysterie", daß die Hysterie eine Anzahl von Sym- 
ptomen einfach der Angstneurose entlehnt u. dgl. Diese innigen 
Beziehungen der Angstneurose zur Hysterie geben auch ein neues 
Argument ab, um die Trennung der Angstneurose von der Neur- 
asthenie zu fordern; denn verweigert man diese, so kann man 
auch die so mühsam erworbene und für die Theorie der Neurosen 
so unentbehrliche Unterscheidung von Neurasthenie und Hysterie 
nicht mehr aufrecht erhalten. 



L 



OBSESSIONS ET PHOBIES 

Leur mecanisme psychique et leur etiologie 

Zuerst erschienen in der „Revue neurolo- 
gique«, III (i8 9S ). 



Je commencerai par contester deux assertions, qui se trouvent 
souvent repetees sur le compte des Syndromes: „obsessions et 
phobies". II faut dire: i° qu'ils ne se rattachent pas a la neur- 
asthenie propre, puisque les malades atteints de ces Symptom es 
sont aussi souvent des neurastheniques que non; a° qu'il n'est 
pas Justine de les faire dependre de la deg^neration mentale, 
parce qu'ils se trouvent chez des personnes pas plus degdnerees 
que la plupart des nevrosiques en general, parce qu'ils s'amen- 
dent quelquefois et qu'on parvient meme quelquefois ä les 
guerir. 1 

Les obsessions et les phobies sont des nevroses ä part, d'un 
mecanisme special et d'une etiologie que j'ai reussi ä mettre en 
lumiere dans un certain nombre de cas, et qui, je l'espere, se 
montreront de meme dans bon nombre de cas nouveaux. 

Quant ä la division du sujet je propose d'abord d'ecarter une 
classe d'obsessions intenses, qui ne sont autre chose que des sou- 

1) Je suis tres content de trouver que les auteurs les plus recents sur notre 
sujet expriment des opinions voisines de la mienne. Voir: Gelineau, Des peurs ma- 
ladives ou phobies, 1894, et Hack Tuke, On imperative ideas, Brain, 1894. 



Obsessions et phobies 355 



_ 

venirs, des images non alterees d'evenements importants. Je citerai, 
par exemple, l'obsession de Pascal qui croyait toujours voir un 
abime ä son cote gauche, „depuis qu'il avait manque d'etre 
precipite dans la Seine avec son carosse". Ces obsessions et phobies, 
qu'on pourrait nommer traumatiques, se rattachent aux symptömes 
de l'hysterie. 

Ce groupe ä part il faut distinguer: A) les obsessions vraies 5 
B) les phobies. La difference essentielle est la suivante. 

II y a dans toute Obsession deux choses: i° une idde qui 
s'impose au malade ; 2 un etat emotif associe. Or dans la classe 
des phobies, cet etat emotif est toujours langoisse, pendant que 
dans les obsessions vraies ce peut etre au meme titre que l'an- 
xiete un autre etat emotif, comme le doute, le remords, la colere^ 
Je tächerai d'abosd d'expliquer le mecanisme psychologique vrai- 
ment remarquable des obsessions vraies, qui est bien difförent de 
celui des phobies. 



Dans beaucoup d' obsessions vraies, il est bien evident que 
l'etat dmotif est la chose principale, puisque cet etat persiste 
inaltere" pendant que l'idee associee est variee. Par exemple, la 
fille de l'observation I, avait des remords, un peu en raison de 
tout, d'avoir vole, maltraite" ses soeurs, fait de la fausse monnaie, 
etc. Les personnes qui doutent, doutent de beaucoup de choses ä 
la fois ou successivement. C'est l'etat emotif qui, dans ces cas, 
reste le meme: l'idee change. En d'autres cas l'idee aussi semble 
fix^e, comme chez la fille de l'observation IV, qui poursuivait d'une 
haine incomprehensible les servantes de la maison en changeant 
pourtant de personne. 

Eh bien, une analyse psychologique scrupuleuse de ces cas 
montre que Tetat emotif, comme tel, est toujours justifie. La fille I, 
qui a des remords, a de bonnes raisons; les femmes de l'obser- 
vation III qui doutaient de leur resistance contre des tentations 



356 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



savaient bien pourquoi; la fille de l'observation IV, qui detestait 
les servantes, avait bien le droit de se plaindre etc. Seulement, 
et c'est dans ces deux caracteres que consiste l'empreinte patho- 
logique: l) Vetat e'motif s'est eternise, 2) l'idee associee n'est plus 
Fidee juste, Vide'e originale, en rapport avec Vetiologie de Vobses- 
sion, eile en est un remplagant, une Substitution. 

La preuve en est qu'on peut toujours trouver dans les ante- 
cedens du malade ä Vorigine de Vobsession, l'idee originale, Sub- 
stitute. Les idees Substitutes ont des caracteres communs, elles 
correspondent ä des impressions vraiment penibles de la vie sexu- 
elle de l'individu que celui-ci s'est efforce d'oublier. II a reussi 
seulement ä remplacer l'idee inconciliable par une autre idee mal 
appropriee ä s'associer ä l'etat emotif, qui de son cöte est reste 
le meme. C'est cette mesalliance de l'etat eaiotif et de l'idee 
associee qui rend compte du caractere d'absurdite propre aux 
obsessions. Je veux rapporter mes observations, et donner une 
tentative d'explication theorique comme conclusion. 

Obs. I. — Une fille qui se faissait des reproches, qu'elle savait absurdes, 
d'avoir vole, fait de la fausse monnaie, de s'etre conjuree, etc., selon sa 
lecture journaliere. 

Redressement de la Substitution. — Elle se reprochait l'onanisme qu'elle 
pratiquait en secret sans pouvoir y renoncer. 

Elle fut guerie par une Observation scrupuleuse qui l'empecha de se 
masturber. 

Obs. II. — Jeune homme, etudiant en medecine, qui souffrait d'une 
Obsession analogue. II se reprochait toutes les actions immorales: d'avoir 
tue sa cousine, deflore sa soeur, incendie une maison, etc. II parvint jusqu'a 
la necessite de se retourner dans le rue pour voir s'il n'avait pas encore 
tue le dernier passant. 

Redressement de la Substitution. — II avait lu, dans un livre quasi- 
medical, que l'onanisme, auquel il etait sujet, ablmait la morale, et il s'en 
etait emu. 

Obs. III. — Plusieurs femmes qui se plaignaient de l'obsession 
de se ieter par la fenetre, de blesser leurs enfants avec des couteaux 
ciseaux, etc. 



Obsessions et phobies 



337 






Redressement. — Obsessions de tentations typiques. C'etaient des fem- 
mes qui, pas du tout satisfaites dans le mariage, se debattaient contre 
les dösirs et les idees voluptueuses qui les hantaient ä la vue d'autres. 
hommes, 

Obs. IV. Une fille qui parfaitement saine d'esprit et tres intelli- 

gente montrait une haine incontrolable contre les servantes de la maison, 
qui s'&ait eveillee ä l'occasion d'une servante effrontee, et s'etait transmise 
depuis de fille en fille, jusqu'ä rendre le menage impossible. C'etait un 
sentiment mele de haine et de degoüt. Elle donnait comme motif que les 
saletes de ces filles lui gätaient son idee de l'amour. 

Redressement. — Cette fille avait ete temoin involontaire d'un rendez- 
yous amoureux de sa mere. Elle s'etait cache le visage, bouche les oreilles 
et s'etait donne la plus grande peine pour oublier la scene, qui la degoütait 
et l'aurait mise dans l'impossibilite de rester avec sa mere qu'elle aimait 
tendrement. Elle y reussit, mais la colere, de ce qu'on lui avait souille 
l'image de l'amour,. persista en eile, et cet etat emotif ne tarda pas ä s'as- 
socier l'idee d'une personne pouvant remplacer la mere. 

O b s. V. Une jeune fille s'etait presque completement isolee en con- 

sequence de la peur obsedante de l'incontinence des urines. Elle ne pouvait 
plus quitter sa chambre ou recevoir une visite sans avoir urine nombre 
de fois. 

Chez eile et en repos complet la peur n'existait pas. 

Redressement. — C'etait une Obsession de tentation ou de mefiance. 
Elle ne se mefiait pas de sa vessie mais de sa resistance contre une impul- 
sion amoureuse. L'origine de l'obsession le montrait bien. Une fois, au 
theätre, eile avait senti ä la vue d'un homme qui lui plaisait une envie 
amoureuse accompagnee (comme toujours dans la pollution spontane^ des 
femmes) de 1' envie d'uriner. Elle fut oblige a quitter le theätre, et de ce 
moment eile etait en proie ä la peur d'avoir la meme Sensation, mais 
l'envie d'uriner s'etait substituee ä l'envie amoureuse. Elle guerit com- 
pletement. 

Les observations enumerees, bien qu'elles montrent un degre 
variable de complexite, ont ceci de commun, que l'idee originale 
(inconciliable) est substituee, par une autre idee, idee rempla- 
cante. Dans les observations qui vont suiyre maintenant, Tidee 
originale est aussi remplacee mais non par une autre idee; eile 
se trouve substituee par des actes ou impulsions qui ont servi a 

Freud, I. 



l'origirie comme soulagements ou procedes protecteurs, et qui 
maintenant se trouvent en association grotesque avec un etat 
emotif qui ne leur convient pas, mais qui est reste le meme, et 
aussi justifie qu'ä l'origine. 

Obs. VI. — Obsession d'arithmomanie. — Une femme avait contractu 
le besoin de compter toujours les planches du parquet, les marches de 
l'escalier, etc., ce qu'elle faisait dans un etat d'angoisse ridicule. 

Redressement. ■ — Elle avait commence ä compter pour se distraire de 
ses iddes obsedantes (de tentation). Elle y avait reussi, mais l'impulsion de 
compter s'etait substituee ä l'obsession primitive. 

Obs. VII. — Obsession de „Grubelsucht" (folie de Spekulation). Une 
femme souffrait d'attaques de cette Obsession, qui ne cessaient qu'aux temps 
de maladie, pour y laisser la place k des peurs hypochondriaques. Le sujet 
de l'attaque etait ou une partie du corps ou une fonction, par exemple, 
la respiration: Pourquoi faut-il respirer? Si je ne voulais respirer? etc. 

Redressement. — Tout d'abord eile avait souffert de peur de devenir 
folle, phobie hypochondriaque assez commune chez les femmes non satis- 
faites par leur mari, comme eile l'etait. Pour se garantir qu'elle n'allait pas 
devenir folle, qu'elle jouissait encore de son intelligence, eile avait com- 
mence ä se poser des questions, k s'occuper de problemes serieux. Cela la 
tranquillisait d'abord, mais avec le temps cette habitude de la speculation 
se substituait ä la phobie. Depuis plus de quinze ans des periodes de peur 
(pathophobie) et de folie de speculation alternaient chez eile. 

Obs. VIII. — Folie du doute. — Plusieurs cas, qui montraient les 
symptömes typiques de cette Obsession, mais qui s'expliquaient Wen simple- 
ment. Ces personnes avaient souffert ou souffraient encore d'obsessions 
diverses, et la conscience que l'obsession les avait derangöes dans toutes 
leurs actions et interrompu maintes fois le cours de leurs pensees provo- 
quait le doute legitime dans la fidelitö de leur memoire. Chacun de nous 
verra chanceler son assurance et sera obligö de relire une lettre ou de re- 
faire un compte si son attention a ete divertie plusieurs fois pendant 
l'execution de l'acte. Le doute est une consequence bien logique de la 
pr^sence des obsessions. 

Obs. IX. — Folie du doute (hesitation). — La fille de l'obs. IV etait 
devenue extremement tardive dans toutes les actions de la vie ordinaire, 
particulierement dans sa toilette. II lui fallait des heures pour nouer les 
cordons de ses souliers ou pour se nettoyer les ongles des mains. Elle don- 



Obsessions et phobies 



359 



_ 

nah comme explication qu'elle ne pouvait faire sa toilette ni pendant que 
les pensees obsedantes la preoccupaient, ni immödiatement apres chaque 
retour de l'idöe obsedante. 

Obs. X. — Folie du doute, crainte des papiers. — Une jeune femme, 
qui avait souffert des scrupules apres avoir ecrit une lettre, et qui dans 
ce meme temps ramassait tous les papiers qu'elle voyait, donnait comme 
explication l'aveu d'un amour que jadis eile ne voulait pas confesser. 

A force de se repöter sans cesse le nom de son bien-aime, eile fut 
saisie par la peur que ce nom se serait glisse dans sa plume, qu'elle l'au- 
rait trace sur quelque bout de papier dans une minute pensive. 1 

Obs. XI. — Mysophobie. — Une femme qui se lavait les mains cent 
fois par jour et ne touchait les loquets des portes que du coude. 

Redressement. — C'£tait les cas de Lady Macbeth. Les lavages ötaient 
symboliques et destin^s a substituer la puretö physique ä la purete" morale 
qu'elle regrettait avoir perdue. Elle se tourmentait de remords pour une 
infidelite conjugale dont eile avait döcide" de chasser le souvenir. Elle se 
lavait aussi les parties genitales. 

Quant ä la theorie de cette Substitution, je me contenterai de 
repondre ä trois questions qui se posent ici: 

i° Comment cette Substitution peut-elle se faire? 

II semble qu'elle est l'expression d'une disposition psychique 
speciale. Au moins recontre-t-on dans les obsessions assez souvent 
l'heredite similaire, comme dans I'hysterie. Ainsi le malade de 
l'obs. II me racontait que son pere avait souffert de symptomes 
semblables. II me fit connaitre un jour un cousin germain 
avec obsessions et tic convulsif, et la fille de sa soeur ägee 
de 11 ans, qui montrait dejä des obsessions (probablement de 
remords). 

2° Quel est le motif de cette Substitution? 

Je crois qu'on peut l'envisager comme un acte de defense (Abwehr) 
du moi contre Videe inconciliable. Parmi mes malades il y en a qui 
se rappellent l'effort de la volonte pour chasser l'idee ou le 



l) Voir aussi la chanson populaire allemande: 

Auf jedes weiße Blatt Papier möcht ich es schreiben: 
Dein ist mein Herz und soll es ewig, ewig bleiben. 



34° 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



souvenir penible du rayon de la conscience (V. les obs. III, IV, 
XI). En d'autres cas cette expulsion de l'idee inconciliable s'est 
produite d'une maniere inconsciente qui n'a pas laisse trace dans 
la memoire des malades. 

5° Pourquoi l'e'tat emotif associe h l'idee obsedante s'esfcil 
perpetue, au Heu de s'evanouir comme les autres e'tats de notre 
moi? 

On peut donner cette reponse en s'adressant ä la theorie deve- 
loppee pour la genese des symptomes hysteriques par M. Breuer 
et moi. 1 Ici je veux seulement remarquer que, par le fait meme 
de la Substitution, la disparition de l'e'tat emotif devient im- 
possible. 

II 

A ces deux groupes d'obsessions vraies s'ajoute la classe des 
„phobies", qu'il faut considerer maintenant. J'ai dejä mentionne 
la grande difference des obsessions et des phobies; que dans les 
dernieres l'^tat Emotif est toujours l'anxiete, la peur. Je ppurrais 
ajouter que les obsessions sont multiples et plus specialisees, les 
phobies plutot monotones et typiques. 

Mais ce n'est pas une difference capitale. 

On peut discerner aussi parmi les phobies deux groupes, carac- 
terisds par Tobjet de la peur: i° phobies communes: peur exa- 
geree des choses que tout le monde abhorre ou craint un peu: 
la nuit, la solitude, la mort, les maladies, les dangers en general, 
les serpents, etc. : 2° phobies d'occasion, peur de conditions speciales, 
qui n'inspirent pas la crainte a l'homme sain, par exemple l'agora- 
phobie et les autres phobies de la locomotion. II est interessant ä 
noter que ces dernieres phobies ne sont pas obsedantes comme 
les obsessions vraies et les phobies communes. L'etat emotif ici 
ne parait que dans le cas de ces conditions speciales que le ma- 
lade evite soigneusement. 

l) Neurologisches Zentralblatt, 1895, Nr. 1 und 2, 



Obsessions et phobies 



341 



Le mecanisme des phobies est tout ä fait different de celui 
des obsessions. Ce n'est plus le regne de la Substitution. Ici on 
ne devoile plus par l'analyse psychique une idee inconciliable, 
substituee. On ne trouve jamais autre chose que Vetat emotif, 
anxieux, qui par une sorte d'election a fait ressortir toutes les 
idees propres ä devenir l'objet d'une phobie. Dans le cas de 
Fagoraphobie, etc., on recontre souvent le souvenir dune attaque 
dangoisse, et en verite ce que redoute le malade c'est l'evenement 
d'une teile attaque dans les conditions speciales oü il croit ne 
pouvoir y echapper. 

L'angoisse de cet etat emotif, qui est au fond des phobies, n'est pas 
derive d'un souvenir quelconque; on doit bien se demander quelle 
peut etre la source de cette condition puissante du Systeme nerveux. 

Eh bien j'espere pouvoir d^montrer une autre fois qu'il y a 
lieu de constituer une nevrose speciale, la ne'vrose anxieuse, de 
laquelle cet etat emotif est le Symptome principal; je donnerai 
l'enumeration de ses symptomes varies, et j'insisterai en ce qu'il 
faut differencier cette nevrose de la neurasthenie, avec laquelle 
eile est maintenant confondue. Ainsi les phobies fönt part de la 
nevrose anxieuse, et elles sont presque toujours accompagn^es 
d'autres symptomes de la meme serie. 

La nevrose anxieuse est dorigine sexuelle, eile aussi, autant 
que je puis voir, mais eile ne se rattache pas a des idees tirdes 
de la vie sexuelle: eile n'a pas de mecanisme psychique, ä vrai 
dire. Son etiologie sp^cifique est l'accumulation de la tension 
genesique, provoquee par l'abstinence ou l'irritation genesique 
fruste (pour donner une formule generale pour l'effet du coi't 
reserve, de l'impotence relative du mari, des excitations sans satis- 
faction des fiances, de l'abstinence forcee, etc.). 

C'est dans de telles conditions extremement frequentes, princi- 
palement pour la femme dans la societe actuelle, que se deVeloppe 
la nevrose anxieuse, de laquelle les phobies sont une manifestation 
psychique. 



342 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Je ferai remarquer, comme conclusion, qu'il peut y avoir com- 
binaison de phobie et d'obsession propre, et meme que c'est un 
evenement tres frequent. On peut trouver qu'il y avait au com- 
mencement de la maladie une phobie developpee comme Sym- 
ptome de la nevrose anxieuse. L'idee qui constitue la phobie qui 
s'y trouve associee ä la peur, peut etre substituee par une autre 
idee ou plutot par le procede protecteur qui semblait soulager la 
peur. L'obs. VI (folie de la speculation) presente un bei exemple 
de cette categorie, phobie doublee dune obsession vraie par Sub- 
stitution. 



ZUR KRITIK DER »ANGSTNEUROSE« 



Zuerst erschienen in der „Wiener Klinischen 
Rundschau", 189J. 

InNummer 2 des „Neurologischen Zentralblattes" von Mendel, 1 895, 
habe ich einen kleinen Aufsatz veröffentlicht, in welchem ich den Ver- 
such wage, eine Reihe von nervösen Zuständen von der Neurasthenie 
abzutrennen und unter dem Namen „Angstneurose" selbständig 
zu machen. 1 Ich ließ mich hiezu bewegen durch ein konstantes 
Zusammentreffen klinischer und ätiologischer Charaktere, das ja 
überhaupt für eine Sonderung maßgebend sein darf. Ich fand 
nämlich, worin mir E. Hecker 2 zuvorgekommen war, daß die 
in Rede stehenden neurotischen Symptome sich sämtlich zusam- 
menfassen ließen als zum Ausdruck der Angst gehörig, und ich 
konnte aus meinen Bemühungen um die Ätiologie der Neurosen 
hinzufügen, daß diese Teilstücke des Komplexes „Angstneurose" 
besondere ätiologische Bedingungen erkennen lassen, die der 
Ätiologie der Neurasthenie nahezu gegensätzlich sind. Meine 
Erfahrungen hatten mich gelehrt, daß in der Ätiologie der 
Neurosen (wenigstens der erworbenen Fälle und erwerbbaren 
Formen) sexuelle Momente eine hervorragende und viel zu wenig 



1) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomen- 
komplex als „Angstneurose" abzutrennen. (S. 506 ff. dieses Bandes.) 

2) E. Hecker. Über larvierte und abortive Angstzustände bei Neurasthenie. 
Zentralblatt für Nervenheilkunde. Dez. 1893. 



344 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



gewürdigte Rolle spielen, so daß etwa die Behauptung, „die Ätio- 
logie der Neurosen liege in der Sexualität", bei all ihrer not- 
wendigen Unrichtigkeit per excessum et defectum doch der Wahr- 
heit näher kommt als die anderen, gegenwärtig herrschenden 
Lehren. Ein weiterer Satz, zu dem mich die Erfahrung drängte, 
ging dahin, daß die verschiedenen sexuellen Noxen nicht etwa 
unterschiedslos in der Ätiologie aller Neurosen zu finden seien, 
sondern daß unverkennbar besondere Beziehungen einzelner Noxen 
zu einzelnen Neurosen beständen. Ich durfte so annehmen, daß 
ich die spezifischen Ursachen der einzelnen Neurosen aufgedeckt 
hatte. Ich suchte dann die Besonderheit der sexuellen Noxen, 
welche die Ätiologie der Angstneurose ausmachen, in eine kurze 
Formel zu fassen, und gelangte (in Anlehnung an meine Auf- 
fassung des Sexualvorganges, 1. c. p. 61) zu dem Satze: Angst- 
neurose schaffe alles, was die somatische Sexualspannung vom 
Psychischen abhalte, an ihrer psychischen Verarbeitung störe. 
Wenn man auf die konkreten Verhältnisse zurückgeht, in denen 
sich dieses Moment zur Geltung bringt, so ergibt sich die Be- 
hauptung, daß freiwillige oder unfreiwillige Abstinenz, sexueller 
Verkehr mit unvollständiger Befriedigung, Coitus interruptus, Ab- 
lenkung des psychischen Interesses von der Sexualität u. dgl. m., 
die spezifischen ätiologischen Faktoren der von mir Angstneurose 
genannten Zustände seien. 

Als ich meine hier erwähnte Mitteilung zur Veröffentlichung 
brachte, täuschte ich mich keineswegs über deren Macht, Über- 
zeugung zu erwecken. Zunächst konnte ich mir ja sagen, daß 
ich nur eine knappe, unvollständige, stellenweise sogar schwer 
verständliche Darstellung gegeben hatte, vielleicht gerade genügend, 
um die Erwartung der Leser vorzubereiten. Sonst hatte ich kaum 
Beispiele angeführt und keine Zahlen genannt, die Technik der 
Erhebung der Anamnese nicht gestreift, zur Verhütung von Miß- 
verständnissen nichts vorgesorgt, andere als die naheliegendsten 
Einwände nicht berücksichtigt und von der Lehre selbst eben 



Zur Kritik der „Angstneurose" 545 

nur den Hauptsatz und nicht die Einschränkungen hervorgehoben. 
Demnach konnte auch wirklich ein jeder sich seine eigene Meinung 
von der Verbindlichkeit der ganzen Aufstellung bilden. Ich konnte 
aber noch auf eine andere Erschwerung der Zustimmung rechnen. 
Ich weiß sehr wohl, daß ich mit der „sexuellen Ätiologie" der 
Neurosen nichts Neues vorgebracht habe, daß die Unterströmungen 
in der medizinischen Literatur, welche diesen Tatsachen Rechnung 
getragen, nie ausgegangen sind, und daß die offizielle Medizin 
der Schulen sie eigentlich auch gekannt hat. Allein die letztere 
hat so getan, als wüßte sie nichts davon; sie hat von ihrer 
Kenntnis keinen Gebrauch gemacht, keine Folgerung aus ihr ge-> 
zogen. Solches Verhalten muß wohl eine tiefgehende Begründung 
haben, etwa in einer Art von Scheu, sexuelle Verhältnisse ins 
Auge zu fassen, oder in einer Reaktion gegen ältere, als über- 
wunden betrachtete Erklärungsversuche. Jedenfalls mußte man vor- 
bereitet sein, auf Widerstand zu stoßen, wenn man den Versuch 
wagte, anderen etwas glaubwürdig zu machen, was diese ohne 
jede Mühe auch selbst hätten entdecken können. 

Es wäre bei solcher Sachlage vielleicht zweckmäßiger, auf 
kritische Einwendungen nicht eher zu antworten, als bis ich mich 
über das komplizierte Thema selbst ausführlicher geäußert und 
besser verständlich gemacht hätte. Dennoch kann ich den Motiven 
nicht widerstehen, die mich veranlassen, einer Kritik meiner Lehre 
von der Angstneurose aus den letzten Tagen auch unverzüglich 
zu begegnen. Ich tue dies wegen der Person des Autors, L. Löwen- 
feld in München, des Verfassers der „Pathologie und Therapie 
der Neurasthenie und Hysterie", dessen Urteil beim ärztlichen 
Publikum schwer ins Gewicht fallen dürfte, wegen einer miß- 
verständlichen Auffassung, mit welcher mich die Darstellung 
Löwenfelds belastet, und weil ich von Anfang an den Eindruck 
bekämpfen möchte, als sei meine Lehre gar so mühelos durch 
die nächstbesten, im Vorbeigehen angebrachten Einwendungen zu 
widerlegen. 



346 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



1 



Löwen feld 1 findet mit sicherem Blick als das Wesentliche 
meiner Arbeit heraus, daß ich für die Angstsymptome eine spe- 
zifische und einheitliche Ätiologie sexueller Natur behaupte. Ist 
dies nicht als Tatsache festzustellen, so entfällt auch der Haupt- 
grund für die Abtrennung einer selbständigen Angstneurose von 
der Neurasthenie. Es erübrigt dann allerdings eine Schwierigkeit, 
auf die ich aufmerksam gemacht habe, daß nämlich die Angst- 
symptome so unverkennbare Beziehungen auch zur Hysterie 
haben, so daß durch die Entscheidung im Sinne Löwenfelds 
die Sonderung von Hysterie und Neurasthenie zu Schaden kommt; 
allein dieser Schwierigkeit wird durch die später zu würdigende 
Berufung auf die Heredität als gemeinsame Ursache all dieser 
Neurosen begegnet. 

Durch welche Argumente stützt nun Löwenfeld den Ein- 
spruch gegen meine Lehre? 

I) Ich habe als wesentlich für das Verständnis der Angstneu- 
rose hervorgehoben, daß die Angst derselben eine psychische Ab- 
leitung nicht zuläßt, das heißt, daß man die Angstbereitschaft, 
die den Kern der Neurose bildet, nicht durch einen einmaligen 
oder wiederholten, psychisch berechtigten Schreckaffekt erwerben 
kann. Durch Schreck entstünde wohl eine Hysterie oder trau- 
matische Neurose, aber keine Angstneurose. Es ist diese Leugnung, 
wie man leicht einsieht, nichts anderes als das Gegenstück zu 
meiner Behauptung positiven Inhalts, die Angst meiner Neurose 
entspreche somatischer und vom Psychischen abgelenkter Sexual- 
spannung, die sich sonst als Libido geltend gemacht hätte. 

Dagegen betont nun Löwenfeld, daß in einer Anzahl von 
Fällen „Angstzustände unmittelbar oder einige Zeit nach einem 
psychischen Shok (bloßem Schreck oder Unfällen, die mit Schrecken 
verbunden waren) auftreten, und daß zum Teil hiebei Ver- 






i) L. Löwenfeld:] Über die Verknüpfung neurasthenischer und hysterischer 
Symptome m Anfallsform nebst Bemerkungen über die Preudsche Angstrieurose. 
Munchener med. Wochenschr. Nr. 15, 1895. 



r 



Zur Kritik der „Angstneurose 547 



hältnisse bestehen, welche die Mitwirkung sexueller Schädlich- 
keiten der angegebenen Art höchst unwahrscheinlich machen . 
Er teilt als besonders prägnantes Beispiel eine Krankenbeob- 
achtung (anstatt vieler) in Kürze mit. In diesem Beispiel handelt 
es sich um eine dreißigjährige, seit vier Jahren verheiratete Frau, 
erblich belastet, die vor einem Jahre eine erste schwierige Ent- 
bindung hatte. Wenige Wochen nach ihrer Niederkunft erschrak 
sie über einen Krankheitsanfall ihres Mannes, lief in ihrer Auf- 
regung im Hemd im kalten Zimmer herum. Von da an krank, 
zuerst mit abendlichen Angstzuständen und Herzklopfen, später 
kamen Anfälle von konvulsivischem Zittern und in weiterer 
Folge Phobien u. dgl.: das Bild einer voll entwickelten Angst- 
neurose. „Hier sind die Angstzustände", schließt Löwenfeld, 
„offenbar psychisch abgeleitet, durch den einmaligen Schrecken 
herbeigeführt. " 

Ich bezweifle nicht, daß der geehrte Autor über viele ähnliche 
Fälle verfügt; kann ich doch selbst mit einer großen Reihe 
analoger Beispiele dienen. Wer solche Fälle von Ausbruch der 
Angstneurose nach psychischem Shok, überaus häufige Vorkomm- 
nisse, nicht gesehen hätte, dürfte sich nicht anmaßen, in Sachen 
der Angstneurose mitzusprechen. Ich will nur dabei anmerken, 
daß in der Ätiologie solcher Fälle nicht jedesmal Schreck oder 
ängstliche Erwartung nachweisbar sein muß 5 eine beliebige andere 
Gemütsbewegung tut es auch. Wenn ich rasch einige Fälle aus 
meiner Erinnerung mustere, so fällt mir ein Mann von fünfund- 
vierzig Jahren ein, der den ersten Angstanfall (mit Herzkollaps) auf die 
Nachricht vom Tode seines betagten Vaters bekam; von da an ent- 
wickelte sich volle und typische Angstneurose mit Agoraphobie; 
ferner ein junger Mann, der in dieselbe Neurose durch die Er- 
regung über die Zwistigkeiten zwischen seiner jungen Frau und 
seiner Mutter verfiel und nach jedem neuen häuslichen Zank 
neuerdings agoraphobisch wurde; ein Student, der, einigermaßen 
verbummelt, die ersten Angstanfälle in einer Periode scharfer 



34^ Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Prüfungsarbeit unter dem Sporn väterlicher Ungnade produzierte i 
eine selbst kinderlose Frau, die infolge der Angst um die Ge- 
sundheit einer kleinen Nichte erkrankte, u. dgk m. An der Tat- 
sache selbst, die Löwenfeld gegen mich verwertet, besteht 
nicht der leiseste Zweifel. ; - 

Wohl aber an ihrer Deutung. Es fragt sich, soll man hier 
ohneweiters auf das post hoc ergo propter hoc eingehen, sich 
jede kritische Verarbeitung des Rohmaterials ersparen? Man kennt 
ja Beispiele genug dafür, daß die letzte auslösende Ursache sich 
vor der kritischen Analyse nicht als causa efficiens bewähren 
konnte. Man denke an das Verhältnis von Trauma und Gicht 
beispielsweise! Die Rolle des Traumas ist hier, bei der Provokation 
eines Gichtanfalles in dem vom Trauma betroffenen Glied, wahr- 
scheinlich keine andere, als sie in der Ätiologie der Tabes und 
der Paralyse sein dürfte; nur scheint im Beispiel der Gicht be- 
reits für jede Einsicht absurd, daß das Trauma die Gicht „ver- 
ursacht" anstatt provoziert haben sollte. Man muß doch nach- 
denklich werden, wenn man ätiologische Momente solcher Art 
— banale möchte ich sie nennen — in der Ätiologie der man- 
nigfaltigsten Krankheitszustände antrifft. Gemütsbewegung, Schreck 
ist auch solch ein banales Moment; Chorea, Apoplexie, Paralysis 
agitans und was nicht alles sonst kann der Schreck geradeso 
hervorrufen wie eine Angstneurose. Nun darf ich freilich nicht 
weiter argumentieren, wegen dieser Ubiquität genügten die ba- 
nalen Ursachen unseren Anforderungen nicht, es müßte außer- 
dem spezifische Ursachen geben. Das hieße den Satz, den ich 
erweisen will, vorwegnehmen. Ich bin aber berechtigt, folgender- 
art zu schließen: Wenn sich die nämliche spezifische Ursache 
in der Ätiologie aller oder der allermeisten Fälle von Angst- 
neurose nachweisen läßt, dann braucht sich unsere Auffassung 
nicht dadurch beirren lassen, daß der Ausbruch der Krankheit 
erst nach der Einwirkung des einen oder anderen banalen Mo- 
ments, wie es Gemütsbewegung ist, erfolgt. 



So war es nun in meinen Fällen von Angstneurose. Der Mann, 
der — rätselhafterweise — auf die Nachricht vom Tode seines 
Vaters erkrankte (ich mache diese Randglosse, weil dieser Tod 
nicht unerwartet und nicht unter ungewöhnlichen, erschütternden 
Umständen erfolgte), dieser Mann lebte seit elf Jahren im Coitus 
interruptus mit seiner Ehefrau, welche er meistens zu befriedigen 
trachtete 5 der junge Mann, der den Streitigkeiten zwischen seiner 
Frau und seiner Mutter nicht gewachsen war, hatte bei seiner 
jungen Frau von Anfang an das Zurückziehen geübt, um sich 
die Belastung mit Nachkommenschaft zu ersparen; der Student, 
der sich durch Überarbeitung eine Angstneurose zuzog anstatt 
der zu erwartenden Cerebrasthenie, unterhielt seit drei Jahren ein 
Verhältnis mit einem Mädchen, das er nicht schwängern durfte; 
die Frau, die, selbst kinderlos, über die Krankheit einer Nichte 
der Angstneurose verfiel, war mit einem impotenten Mann ver- 
heiratet und sexuell nie befriedigt worden u. dgl. Nicht alle diese 
Fälle sind gleich klar oder für meine These gleich gut bewei- 
send; aber wenn ich sie an die sehr beträchtliche Anzahl von 
Fällen anreihe, in denen die Ätiologie nichts anderes als das 
spezifische Moment aufweist, fügen sie sich der von mir aufge- 
stellten Lehre widerspruchslos ein und gestatten eine Erwei- 
terung unseres ätiologischen Verständnisses über die bisher gel- 
tenden Grenzen. 

Wenn mir jemand nachweisen will, daß ich in vorstehender 
Betrachtung die Bedeutung der banalen ätiologischen Momente 
ungebührlich zurückgesetzt habe, so muß er mir Beobachtungen 
entgegenhalten, in denen mein spezifisches Moment vermißt wird, 
also Fälle von Entstehung der Angstneurose nach psychischem 
Shok bei (im ganzen) normaler vita sexualis. Man urteile 
nun, ob der Fall von Löwenfeld diese Bedingung erfüllt. Mein 
geehrter Gegner hat sich diese Anforderung offenbar nicht klar 
gemacht, sonst würde er uns über die vita sexualis seiner Pa- 
tientin nicht so völlig im Unklaren lassen. Ich will es beiseite 



350 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



lassen, daß der Fall einer dreißigjährigen Dame offenbar mit einer 
Hysterie kompliziert ist, an deren psychischer Ableitbarkeit ich 
am wenigsten zweifle; ich gebe die Angstneurose neben dieser 
Hysterie natürlich ohne Einspruch zu. Aber ehe ich einen Fall 
für oder gegen die Lehre von der sexuellen Ätiologie der 
Neurosen verwerte, muß ich das sexuelle Verhalten der Patientin 
eingehender als Löwenfeld hier studiert haben. Ich werde mich 
nicht mit dem Schlüsse begnügen: da die Dame zur Zeit des 
psychischen Shoks kurz nach einer Entbindung war, dürfte der 
Coitus interruptus im letzten Jahre keine Rolle gespielt haben 
und somit sexuelle Noxen hier entfallen. Ich kenne Fälle von 
Angstneurose bei jährlich wiederholter Gravidität, weil (unglaub- 
licherweise) von dem befruchtenden Koitus an jeder Verkehr 
eingestellt wurde, so daß die kinderreiche Frau all die Jahre über 
an Entbehrung litt. Es ist keinem Arzte unbekannt, daß Frauen 
von sehr wenig potenten Männern konzipieren, die nicht im- 
stande sind, ihnen Befriedigung zu verschaffen, und endlich gibt 
es, womit gerade die Vertreter der Hereditätsätiologie rechnen 
sollten, Frauen genug, die mit einer kongenitalen Angstneurose 
behaftet sind, d. h. die eine solche vita sexualis mitbringen 
respektive ohne nachweisbare äußere Störung entwickeln, wie 
man sie sonst durch Coitus interruptus und ähnliche Noxen er- 
wirbt. Bei einer Anzahl dieser Frauen kann man eine hysterische 
Erkrankung der Jugendjahre eruieren, seit welcher die vita sexu- 
alis gestört und eine Ablenkung der Sexualspannung vom Psy- 
chischen hergestellt ist. Frauen mit solcher Sexualität sind einer 
wirklichen Befriedigung selbst durch normalen Koitus unfähig 
und entwickeln Angstneurose entweder spontan oder nach dem 
Zutritt weiterer wirksamer Momente. Was von alledem mag in 
dem Falle Löwenfelds vorgelegen haben? Ich weiß es nicht, aber ich 
wiederhole, gegen mich beweisend ist dieser Fall nur, wenn die 
Dame, die auf einmaligen Schreck mit einer Angstneurose ant- 
wortet, sich vorher einer normalen vita sexualis erfreut hat. 



Zur Kritik der „Angstneurose 



551 



Wir können unmöglich ätiologische Forschungen aus der Anam- 
nese betreiben, wenn wir die Anamnese so hinnehmen, wie der 
Kranke sie gibt, oder uns mit dem begnügen, was er uns preis- 
geben will. Wenn die Syphilidologen die Zurückführung eines 
Initialaffekts an den Genitalien auf sexuellen Verkehr noch von 
der Aussage des Patienten abhängen ließen, würden sie eine ganz 
stattliche Anzahl von Schankern bei angeblich virginalen Individuen 
von Erkältung herleiten können, und die Gynäkologen fänden 
kaum Schwierigkeiten, das Wunder der Parthenogenesis an ihren 
unverheirateten Klientinnen zu bestätigen. Ich hoffe, es wird der- 
einst durchdringen, daß auch die Neuropathologen bei der Er- 
hebung der Anamnese großer Neurosen von ähnlichen ätiologi- 
schen Vorurteilen ausgehen dürfen. 

2) Ferner sagt Löwenfeld, er habe wiederholt Angstzustände 
auftauchen und verschwinden gesehen, wo eine Änderung im 
sexuellen Leben sicher nicht statthatte, dagegen andere Faktoren 
im Spiele waren. 

Ganz dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht, ohne daß 
sie mich beirrt hätte. Auch ich habe die Angstzufälle durch 
psychische Behandlung, Allgemeinbesserung u. dgl. zum Schwin- 
den gebracht. Ich habe natürlich daraus nicht geschlossen, daß 
der Mangel an Behandlung die Ursache der Angstanfälle war. 
Nicht etwa, daß ich Löwen feld einen derartigen Schluß unter- 
schieben wollte; ich will mit obiger scherzhafter Bemerkung nur 
andeuten, daß die Sachlage leicht kompliziert genug sein kann, 
um den Einwand von Löwenfeld völlig zu entwerten. Ich habe 
nicht schwer gefunden, die hier vorgebrachte Tatsache mit der 
Behauptung der spezifischen Ätiologie der Angstneurose zu ver- 
einigen. Man wird mir gerne zugestehen, daß es ätiologisch 
wirksame Momente gibt, die, um ihre Wirkung zu üben, in 
einer gewissen Intensität (oder Quantität) und über einen ge- 
wissen Zeitraum wirken müssen, die sich also summieren; die 
Alkoholwirkung ist ein Vorbild für solche Verursachung durch 



353 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Summation. Demnach wird es einen Zeitraum geben dürfen, in 
dem die spezifische Ätiologie in ihrer Arbeit begriffen, aber Ideren 
Wirkung noch nicht manifest ist. Während solcher Zeit ist die 
Person noch nicht krank, aber sie ist zur bestimmten Erkrankung, 
in unserem Falle zur Angstneurose, disponiert, und nun wird der 
Zutritt einer banalen Noxe die Neurose auslösen können, geradeso 
wie eine weitere Steigerung in der Einwirkung der spezifischen 
Noxe. Man kann dies auch so ausdrücken: Es reicht nicht hin, 
daß das spezifische ätiologische Moment vorhanden ist, es muß 
auch ein bestimmtes Maß davon voll werden, und bei der Er- 
reichung dieser Grenze kann eine Quantität spezifischer Noxe 
durch einen Betrag banaler Schädlichkeit ersetzt werden. Wird 
letzterer wieder weggenommen, so befindet man sich unterhalb 
einer Schwelle; die Krankheitserscheinungen treten wieder zurück. 
Die ganze Therapie der Neurosen beruht darauf, daß man die 
Gesamtbelastung des Nervensystems, welcher dieses erliegt, durch 
sehr verschiedenartige Beeinflussungen der ätiologischen Mischung 
unter die Schwelle bringen kann. Auf Fehlen oder Existenz 
einer spezifischen Ätiologie ist aus diesen Verhältnissen kein 
Schluß zu ziehen. 

Das sind doch gewiß einwurfsfreie und gesicherte Erwägungen. 
Wem sie noch nicht genügen, der möge folgendes Argument auf 
sich wirken lassen. Nach der Ansicht Löwen felds und so vieler 
anderer ist die Ätiologie der Angstzustände in der Heredität zu 
finden. Die Heredität ist nun gewiß einer Änderung entzogen; 
wenn Angstneurose durch [Behandlung geheilt wird, sollte man 
nun mit Löwenfeld schließen dürfen, daß die Heredität nicht 
die Ätiologie enthalten kann. 

Übrigens, ich hätte mir die Verteidigung gegen die beiden 
angeführten Einwände von Löwenfeld ersparen können, wenn 
mein geehrter Gegner meiner Arbeit selbst größere Aufmerksam- 
keit geschenkt hätte. Die beiden Einwendungen sind in meiner 
Arbeit selbst vorgesehen und beantwortet (S. 68 ff.); ich könnte 



Zur Kritik de r „Angstneurose" 353 

die Ausführungen von dort hier nur wiederholen, ich habe mit 
Absicht selbst die nämlichen Krankheitsfälle hier neuerdings 
analysiert. Auch die ätiologischen Formeln, auf die ich eben vor- 
hin Wert legte, sind im Texte meiner Abhandlung enthalten. 
Ich will sie hier nochmals wiederholen. Ich behaupte: Es gibt 
für die Angstneurose ein spezifisches ätiologisches Mo- 
ment, welches in seiner Wirkung von banalen Schäd- 
lichkeiten zwar quantitativ vertreten, aber nicht qua- 
litativ ersetzt werden kann. Ferner: Dieses spezifische 
Moment bestimmt vor allem die Form der Neurose; ob 
eine neurotische Erkrankung überhaupt zustande kommt, 
hängt von der Gesamtbelastung des Nervensystems (im 
Verhältnis zu dessen Tragfähigkeit) ab. In der Regel sind 
die Neurosen überdeterminiert, d. h. es wirken in ihrer Ätio- 
logie mehrere Faktoren zusammen. 

ß) Um die Widerlegung der nächsten Bemerkungen Löwen- 
felds brauche ich mich weniger zu bemühen, da dieselben einer- 
seits meiner Lehre wenig anhaben, anderseits Schwierigkeiten her- 
vorheben, die ich als vorhanden anerkenne. Löwenfeld sagt: 
„Die Freudsche Theorie ist aber ganz und gar ungenügend, 
das Auftreten und Ausbleiben der Angstanfälle im einzelnen zu 
erklären. Wenn die Angstzustände, i. e. die Erscheinungen der 
Angstneurose, lediglich durch subkortikale Aufspeicherung der 
somatischen Sexualerregung und abnorme Verwendung derselben 
zustande kommen würden, so müßte jeder mit Angstzuständen 
Behaftete, so lange keine Änderungen in seinem sexuellen Leben 
eintreten, von Zeit zu Zeit einen Angstanfall haben, wie der 
Epileptische seinen Anfall von grand und petit mal hat. Dies ist 
aber, wie die alltägliche Erfahrung zeigt, durchaus nicht der Fall. 
Die Angstanfälle treten weit überwiegend nur bei bestimmten 
Anlässen ein; wenn der Patient diese meidet oder durch irgend 
eine Vorkehrung deren Einfluß zu paralysieren weiß, so bleibt 
er von Angstanfällen verschont, er mag dem Congressus interrup- 

Freud, I. 23 






354 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



tus oder der Abstinenz andauernd huldigen oder sich einer nor- 
malen vita sexualis erfreuen." 

Darüber ist nun sehr viel zu sagen. Zunächst, daß Löwen feld 
meiner Theorie eine Folgerung aufnötigt, die sie nicht zu akzep- 
tieren braucht. Daß es bei der Aufspeicherung der somatischen 
Sexualerregung so zugehen müsse wie bei der Anhäufung des 
Reizes zum epileptischen Krämpfe, ist eine allzu detaillierte Auf- 
stellung, zu welcher ich keinen Anlaß gegeben habe, und ist 
nicht die einzige, die sich darbietet. Ich brauche nur anzunehmen, 
daß das Nervensystem ein gewisses Maß von somatischer Sexual- 
erregung, auch wenn diese von ihrem Ziele abgelenkt sei, zu 
bewältigen vermöge, und daß Störungen nur dann entstehen, 
wenn das Quantum dieser Erregung eine plötzliche Steigerung 
erfährt, und die Anforderung Löwenfelds wäre beseitigt. Ich 
habe mich nicht getraut, meine Theorie nach dieser Richtung 
hin auszubauen, hauptsächlich darum, weil ich keine sicheren 
Stützpunkte auf dem Wege dahin zu finden erwartete. Ich will 
bloß andeuten, daß wir uns die Produktion von Sexualspannung 
nicht unabhängig von ihrer Verausgabung vorstellen dürfen, daß 
im normalen Sexualleben diese Produktion bei Anregung durch 
das Sexualobjekt sich wesentlich anders gestaltet als bei psy- 
chischer Ruhe u. dgl. 

Zuzugeben ist, daß die Verhältnisse hier wohl anders liegen als 
bei epileptischer Krampfneigung, und daß sie aus der Theorie der 
Aufspeicherung somatischer Sexualerregung noch nicht im Zu- 
sammenhange abzuleiten sind. 

Der weiteren Behauptung Löwenfelds, daß die Angstzustände 
nur bei gewissen Anlässen auftreten, bei deren Vermeidung sie 
ausbleiben, gleichgültig, welches die vita sexualis des Betreffenden 
sein mag, ist entgegenzuhalten, daß Löwenfeld hiebei offenbar 
nur die Angst der Phobien im Auge hat, wie auch die an die 
zitierte Stelle geknüpften Beispiele zeigen. Von den spontanen 
Angstanfällen, deren Inhalt Schwindel, Herzklopfen, Atemnot, 



Zur Kritik der „Angstneurose" 



555 



Zittern, Schweiß u. dgl. ist, spricht er gar nicht. Das Auftreten 
und Ausbleiben dieser Angstanfälle zu erklären, scheint meine 
Theorie aber keineswegs untüchtig. In einer ganzen Reihe solcher 
Fälle von Angstneurose ergibt sich nämlich wirklich der Anschein 
einer Periodizität des Auftretens von Angstzuständen ähnlich der 
bei Epilepsie beobachteten, nur daß hier der Mechanismus dieser 
Periodizität durchsichtiger wird. Bei näherer Erforschung findet 
man nämlich mit großer Regelmäßigkeit einen aufregenden sexu- 
ellen Vorgang auf (d. h. einen solchen, der imstande ist, soma- 
tische Sexualspannung zu entbinden), an welchen sich mit Ein- 
haltung eines bestimmten, oft ganz konstanten Zeitintervalls der 
Angstanfall anschließt. Diese Rolle spielen bei abstinenten Frauen 
die menstruale Erregung, die gleichfalls periodisch wiederkehren- 
den nächtlichen Pollutionen, vor allem der (in seiner Unvoll- 
ständigkeit schädliche) sexuelle Verkehr selbst, der diesen seinen 
Wirkungen, den Angstanfällen, die eigene Periodizität überträgt. 
Kommen Angstanfälle, welche die gewohnte Periodizität durch- 
brechen, so gelingt es zumeist, sie auf eine Gelegenheitsursache 
von seltenerem und unregelmäßigem Vorkommen zurückzuführen, 
ein vereinzeltes sexuelles Erlebnis, Lektüre, Schaustellung u. dgl. 
Das Intervall, das ich erwähnt habe, beträgt einige Stunden bis 
zu zwei Tagen 5 es ist dasselbe, mit welchem bei anderen Personen 
auf dieselben Veranlassungen hin die bekannte Sexualmigräne auf- 
tritt, die ihre sicheren Beziehungen zum Symptomenkomplex der 
Angstneurose hat. 

Daneben gibt es reichlich Fälle, in denen der einzelne Angst- 
zustand durch das Hinzutreten eines banalen Moments, durch 
Aufregung beliebiger Art, provoziert wird. Es gilt also für die 
Ätiologie des einzelnen Angstanfalles dieselbe Vertretung wie für 
die Verursachung der ganzen Neurose. Daß die Angst der Phobien 
anderen Bedingungen folgt, ist nicht sehr verwunderlich ; die 
Phobien haben ein komplizierteres Gefüge als die einfach somati- 
schen Angstanfälle. Bei ihnen ist die Angst mit einem bestimmten 

23* 



356 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Vorstellungs- oder Wahrnehmungsinhalt verknüpft, und die Er- 
weckung dieses psychischen Inhalts ist die Hauptbedingung für das 
Auftreten dieser Angst. Die Angst wird dann „entbunden", ähnlich 
wie z. B. die Sexualspannung durch die Erweckung libidinöser Vor- 
stellungen; aber dieser Vorgang ist allerdings in seinem Zusammen- 
hange mit der Theorie der Angstneurose noch nicht aufgeklärt. 

Ich sehe nicht ein, weshalb ich streben sollte, Lücken und 
Schwächen meiner Theorie zu verbergen. Die Hauptsache an dem 
Problem der Phobien scheint mir zu sein, daß Phobien bei 
normaler vita sexualis — d. i. bei Nichterfüllung der spezifi- 
schen Bedingung von Störung der vita sexualis im Sinne einer 
Ablenkung des Somatischen vom Psychischen — überhaupt 
nicht zustande kommen. Mag sonst am Mechanismus der 
Phobien noch so vieles dunkel sein, meine Lehre ist erst wider- 
legt, wenn man mir Phobien bei normaler vita sexualis oder selbst 
bei nicht spezifisch bestimmter Störung derselben nachweist. 

4) Ich übergehe nun zu einer Bemerkung, die ich meinem 
geehrten Herrn Kritiker nicht unwidersprochen lassen darf. 

Ich hatte in meiner Mitteilung über die Angstneurose (1. c. 
S. 516) geschrieben: 

„In manchen Fällen von Angstneurose läßt sich eine Ätiologie 
überhaupt nicht erkennen. Es ist bemerkenswert, daß in solchen 
Fällen der Nachweis einer schweren hereditären Belastung selten 
auf Schwierigkeiten stößt." \ 

„Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine erworbene 
zu halten, da findet man bei sorgfältigem, dahin zielendem Examen 
als ätiologisch wirksame Momente eine Reihe von Schädlichkeiten 
und Einflüssen aus dem Sexualleben . . ." Löwenfeld druckt 
diese Stelle ab und knüpft an sie folgende Glosse: „Als ,erworben' 
scheint demnach F. die Neurose immer zu betrachten, wenn Ge- 
legenheitsursachen derselben aufzufinden smd." 

Wenn sich dieser Sinn zwanglos aus meinem Texte ableiten 
läßt, so gibt letzterer meinem Gedanken sehr entstellten Ausdruck. 









Zur Kritik der „Angstneurose 557 

Ich mache darauf aufmerksam, daß ich vorhin in der Wert- 
schätzung der Gelegenheitsursachen mich weit strenger als Löwen- 
feld erwiesen habe. Sollte ich die Meinung meiner Sätze selbst 
erläutern, so würde ich es tun, indem ich nach der Bedingung : 
Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine erworbene 
zu halten . . ., einschalte: weil der (im vorigen Satz erwähnte) 
Nachweis hereditärer Belastung nicht gelingt. Der Sinn 
ist: Ich halte den Fall für einen erworbenen, in dem sich Here- 
dität nicht nachweisen läßt. Ich benehme mich dabei wie alle 
Welt, vielleicht mit dem kleinen Unterschiede, daß andere den 
Fall auch dann für hereditär bedingt erklären, wo Heredität nicht 
besteht, so daß sie die ganze Kategorie erworbener Neurosen über- 
sehen. Dieser Unterschied aber läuft zu meinen Gunsten. Ich ge- 
stehe jedoch zu, daß ich solches Mißverständnis durch die Rede- 
wendung im ersten Satze: „es läßt sich eine Ätiologie überhaupt 
nicht erkennen", selbst verschuldet habe. Ich werde sicherlich 
auch von anderer Seite zu hören bekommen, ich schaffe mir mit 
der Suche nach den spezifischen Ursachen der Neurosen über- 
flüssige Mühe. Die wirkliche Ätiologie der Angstneurosen wie der 
Neurosen überhaupt sei ja bekannt, es sei die Heredität, und zwei 
wirkliche Ursachen könnten nebeneinander nicht bestehen. Die 
ätiologische Rolle der Heredität leugnete ich wohl nicht? Dann 
aber seien alle anderen Ätiologien — Gelegenheitsursachen und 
einander gleichwertig oder gleich minderwertig. 

Ich teile diese Anschauung über die Rolle der Heredität 
nicht, und da ich gerade dieses Thema in meiner kurzen Mit- 
teilung über die Angstneurose am wenigsten gewürdigt habe, 
will ich versuchen, hier etwas vom Unterlassenen nachzuholen 
und den Eindruck zu verwischen, als hätte ich mich bei der 
Abfassung meiner Arbeit nicht um alle zugehörigen Rätselfragen 
gemüht. 

Ich glaube, man ermöglicht sich eine Darstellung der wahr- 
scheinlich sehr komplizierten ätiologischen Verhältnisse, die in der 



358 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Pathologie der Neurosen obwalten, wenn man sich folgende ätio- 
logische Begriffe festlegt: 

q) Bedingung, b) spezifische Ursache, c) konkurrierende 
Ursache und, als den vorigen nicht gleichwertigen Terminus, 
d) Veranlassung oder auslösende Ursache. 

Um allen Möglichkeiten zu genügen, nehme man an, es handle 
sich um ätiologische Momente, die einer quantitativen Verände- 
rung, also der Steigerung oder Verringerung fähig sind. 

Läßt man sich die Vorstellung einer mehrgliedrigen ätiologi- 
schen Gleichung gefallen, die erfüllt sein muß, wenn der Effekt 
zustande kommen soll, so charakterisiert sich als Veranlassung 
oder auslösende Ursache diejenige, welche zuletzt in die Gleichung 
eintritt, so daß sie dem Erscheinen des Effekts unmittelbar vor- 
hergeht. Nur dieses zeitliche Moment macht das Wesen der Ver- 
anlassung aus, jede der andersartigen Ursachen kann im Einzel- 
falle auch die Rolle der Veranlassung spielen; in derselben ätiologi- 
schen Häufung kann diese Rolle wechseln. 

Als Bedingungen sind solche Momente zu bezeichnen, bei 
deren Abwesenheit der Effekt nie zustande käme, die aber für 
sich allein auch unfähig sind, den Effekt zu erzeugen, sie mögen 
in noch so großem Ausmaße vorhanden sein. Es fehlt dazu noch 
die spezifische Ursache. 

Als spezifische Ursache gilt diejenige, die in keinem Falle 
von Verwirklichung des Effekts vermißt wird, und die in A ent- 
sprechender Quantität oder Intensität auch hinreicht, den Effekt 
zu erzielen, wenn nur noch die Bedingungen erfüllt sind, 

Als konkurrierende Ursachen darf man solche Momente auf- 
fassen, welche weder jedesmal vorhanden sein müssen, noch imstande 
sind, in beliebigem Ausmaße ihrer Wirkung für sich allein den Effekt 
zu erzeugen, welche aber neben den Bedingungen und der spezifi- 
schen Ursache zur Erfüllung der ätiologischen Gleichung mitwirken. 

Die Besonderheit der konkurrierenden oder Hilfsursachen scheint 
klar; wie unterscheidet man aber Bedingungen und spezifische 



^ 



Zw Kritik der „Angstneurose 559 

Ursachen, da sie beide unentbehrlich und doch keines von ihnen 
allein zur Verursachung genügend sind? 

Da scheint denn folgendes Verhalten eine Entscheidung zu 
gestatten. Unter den „notwendigen Ursachen" findet man 
mehrere, die auch in den ätiologischen Gleichungen vieler anderer 
Effekte wiederkehren, daher keine besondere Beziehung zum ein- 
zelnen Effekt verraten; eine dieser Ursachen aber stellt sich den 
anderen gegenüber, dadurch, daß sie in keiner anderen oder in 
sehr wenigen ätiologischen Formeln aufzufinden ist, und diese hat 
den Anspruch, spezifische Ursache des betreffenden Effekts zu 
heißen. Ferner sondern sich Bedingungen und spezifische Ursache 
besonders deutlich in solchen Fällen, in denen die Bedingungen 
den Charakter von lange bestehenden und wenig veränderlichen 
Zuständen haben, die spezifische Ursache einem rezent einwirken- 
den Faktor entspricht. 

Ich will ein Beispiel für dieses vollständige ätiologische Schema 
versuchen: 

Effekt: Phthisis pulmonum. 

Bedingung: Disposition, meist hereditär durch Organbeschaffen- 
heiten gegeben. 

Spezifische Ursache: Der Bazillus Kochii. 

Hilfsursachen: Alles Depotenzierende: Gemütsbewegungen wie 
Eiterungen oder Erkältungen. 

Das Schema für die Ätiologie der Angstneurose scheint mir 
ähnlich zu lauten: 

Bedingung: Heredität. 

Spezifische Ursache: Ein sexuelles Moment im Sinne einer 
Ablenkung der Sexualspannung vom Psychischen. 

Hilfsursachen: Alle banalen Schädigungen: Gemütsbewegung, 
Schreck, wie physische Erschöpfung durch Krankheit oder Über- 
leistung. 

Wenn ich diese ätiologische Formel für die Angstneurose im 
einzelnen diskutiere, kann ich noch folgende Bemerkungen hinzu- 



360 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



fügen: Ob eine besondere persönliche Beschaffenheit (die nicht 
hereditär bezeugt zu sein brauchte) für die Angstneurose unbe- 
dingt erfordert wird, oder ob jeder normale Mensch durch etwaige 
quantitative Steigerung des spezifischen Momentes zur Angstneu- 
rose gebracht werden kann, weiß ich nicht sicher zu entscheiden, 
neige aber sehr zur letzteren Meinung. — Die hereditäre Dis- 
position ist die wichtigste Bedingung der Angstneurose, aber keine 
unentbehrliche, da sie in einer Reihe von Grenzfällen vermißt 
wird - — Das spezifische sexuelle Moment wird in der übergroßen 
Zahl der Fälle mit Sicherheit nachgewiesen, in einer Reihe von 
Fällen (kongenitalen) sondert es sich von der Bedingung der Here- 
dität nicht ab, sondern ist durch diese miterfüllt, d. h. die Kranken 
bringen jene Besonderheit der vita sexualis als Stigma mit (die 
psychische Unzulänglichkeit zur Bewältigung der somatischen 
Sexualspannung), über welche sonst der Weg zur Erwerbung der 
Neurose führt 5 in einer anderen Reihe von Grenzfällen ist die 
spezifische Ursache in einer konkurrierenden enthalten, wenn 
nämlich die besagte psychische Unzulänglichkeit durch Er- 
schöpfung u. dgl. zustande kommt. Alle diese Fälle bilden fließende 
Reihen, nicht abgesonderte Kategorien; durch alle zieht sich indes 
das ähnliche Verhalten im Schicksal der Sexualspannung, und für 
die meisten gilt die Sonderung von Bedingung, spezifischer und 
Hilfsursache, konform der oben gegebenen Auflösung der ätiologi- 
schen Gleichung. 

Ich kann, wenn ich meine Erfahrungen danach befrage, ein 
gegensätzliches Verhalten von hereditärer Disposition und spezifi- 
schem sexuellen Moment für die Angstneurose nicht auffinden. 
Im Gegenteil, die beiden ätiologischen Faktoren unterstützen und 
ergänzen einander. Das sexuelle Moment wirkt meistens nur bei 
jenen Personen, die eine hereditäre Belastung mit dazu bringen ; 
die Heredität allein ist meistens nicht imstande, eine Angstneurose 
zu erzeugen, sondern wartet auf das Eintreffen eines genügenden 
Maßes der spezifischen sexuellen Schädlichkeit. Die Konstatierung 



Zur Kritik der „Angstneurose'' 561 






der Heredität überhebt darum nicht der Suche nach einem spezifi- 
schen Moment, an dessen Auffindung sich übrigens auch alles 
therapeutische Interesse knüpft. Denn was will man therapeutisch 
mit der Heredität als Ätiologie anfangen? Sie hat seit jeher bei 
dem Kranken bestanden und wird bis an dessen Ende weiter 
bestehen. Sie ist an und für sich weder geeignet, das episodische 
Auftreten einer Neurose, noch deren Aufhören durch Behandlung 
verstehen zu lassen. Sie ist nichts als eine Bedingung der 
Neurose, eine unsäglich wichtige zwar, aber doch eine zum 
Schaden der Therapie und des theoretischen Verständnisses über- 
schätzte. Man denke nur, um sich durch den Kontrast der Tat- 
sachen überzeugen zu lassen, an die Fälle von familiären Nerven- 
krankheiten (Chorea chronica, Thomsensche Krankheit u. dgl.), 
in denen die Heredität alle ätiologischen Bedingungen in sich 
vereinigt. 

Ich möchte zum Schlüsse die wenigen Sätze wiederholen, durch 
welche ich in erster Annäherung an die Wirklichkeit die gegen- 
seitigen Beziehungen der verschiedenen ätiologischen Faktoren 
auszudrücken pflege: 

i) Ob überhaupt eine neurotische Erkrankung zustande 
kommt, hängt von einem quantitativen Faktor ab, von der Ge- 
samtbelastung des Nervensystems im Verhältnis zu dessen Resistenz- 
fähigkeit. Alles was diesen Faktor unter einem gewissen Schwellen- 
wert halten oder dahin zurückbringen kann, hat therapeutische 
Wirksamkeit, indem es die ätiologische Gleichung unerfüllt läßt. 

Was man unter „Gesamtbelastung", was man unter „Resistenz- 
fähigkeit" des Nervensystems zu verstehen habe, das ließe sich 
mit Zugrundelegung gewisser Hypothesen über die Nervenfunktion 
wohl deutlicher ausführen. 

2) Welchen Umfang die Neurose erreicht, das hängt in erster 
Linie von dem Maß hereditärer Belastung ab. Die Heredität wirkt 
wie ein in den Stromkreis eingeschalteter Multiplikator, der den 
Ausschlag der Nadel um das Vielfache vergrößert. 



3) Welche Form aber die Neurose annimmt, — den Sinn des 
Ausschlages — dies bestimmt allein das aus dem Sexualleben 
stammende spezifische ätiologische Moment. 

Ich hoffe, daß im ganzen, obwohl ich mir der vielen noch 
unerledigten Schwierigkeiten des Gegenstandes bewußt bin, meine 
Aufstellung der Angstneurose sich für das Verständnis der Neurosen 
fruchtbarer erweisen wird, als Löwenfelds Versuch, denselben Tat- 
sachen Rechnung zu tragen durch die Konstatierung „einer Ver- 
knüpfung neurasthenischer und hysterischer Symptome 
in Anfallsform". 



WEITERE BEMERKUNGEN ÜBER DIE 
ABWEHR-NEUROPSYCHOSEN 

Zuerst erschienen im „Neurologischen Zentral- 
blatt", 1896, Nr. 10. 

Als „Abwehr-Neuropsychosen" habe ich 1894 in einem 
kleinen Aufsatze (Neurologisches Zentralblatt, Nr. 10 und 11) 
Hysterie, Zwangsvorstellungen, sowie gewisse Fälle von akuter 
halluzinatorischer Verworrenheit zusammengefaßt, weil sich für 
diese Affektionen der gemeinsame Gesichtspunkt ergeben hatte, 
ihre Symptome entstünden durch den psychischen Mechanismus 
der (unbewußten) Abwehr, d. h. bei dem Versuche, eine unver- 
trägliche Vorstellung zu verdrängen, die in peinlichen Gegen- 
satz zum Ich der Kranken getreten war. An einzelnen Stellen 
eines seither erschienenen Buches „Studien über Hysterie" von 
Dr. J. Breuer und mir, habe ich dann erläutern und an Kranken- 
beobachtungen darlegen können, in welchem Sinne dieser psy- 
chische Vorgang der „Abwehr" oder „Verdrängung" zu verstehen 
ist. Ebendaselbst finden sich auch Angaben über die mühselige, 
aber vollkommen verläßliche Methode der Psychoanalyse, deren 
ich mich bei diesen Untersuchungen, die gleichzeitig eine Therapie 
darstellen, bediene. 

Meine Erfahrungen in den beiden letzten Arbeitsjahren haben 
mich nun in der Neigung bestärkt, die Abwehr zum Kernpunkt 



364 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



im psychischen Mechanismus der erwähnten Neurosen zu machen, 
und haben mir anderseits gestattet, der psychologischen Theorie 
eine klinische Grundlage zu geben. Ich bin zu meiner eigenen 
Überraschung auf einige einfache, aber eng umschriebene Lö- 
sungen der Neurosenprobleme gestoßen, über die ich auf den 
nachfolgenden Seiten vorläufig und in Kürze berichten will. Ich 
kann es mit dieser Art der Mitteilung nicht vereinen, den Be- 
hauptungen die Beweise anzufügen, deren sie bedürfen, hoffe 
aber, diese Verpflichtung in einer ausführlichen Darstellung ein- 
lösen zu können. 



Die „spezifische" Ätiologie der Hysterie 

Daß die Symptome der Hysterie erst durch Zurückführung 
auf „traumatisch" wirksame Erlebnisse verständlich werden, und 
daß diese psychischen Traumen sich auf das Sexualleben be- 
ziehen, ist von Breuer und mir bereits in früheren Veröffent- 
lichungen ausgesprochen worden. Was ich heute als einförmiges 
Ergebnis meiner an 15 Fällen von Hysterie durchgeführten 
Analysen hinzuzufügen habe, betrifft einerseits die Natur dieser 
sexuellen Traumen, anderseits die Lebensperiode, in der sie vor- 
fallen. Es reicht für die Verursachung der Hysterie nicht hin, 
daß zu irgend einer Zeit des Lebens ein Erlebnis auftrete' 
welches das Sexualleben irgendwie streift und durch die Ent- 
bindung und Unterdrückung eines peinlichen Affekts pathogen 
wird. Es müssen vielmehr diese sexuellen Traumen der 
frühen Kindheit (der Lebenszeit vor der Pubertät) 
angehören, und ihr Inhalt muß in wirklicher Irri- 
tation der Genitalien (koitusähnlichen Vorgängen) be- 
stehen. 

Diese spezifische Bedingung der Hysterie — sexuelle Passi- 
vität in vorsexuellen Zeiten — fand ich in allen analysierten 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen 565 

Fällen von Hysterie (darunter zwei Männer) erfüllt. Wie sehr die 
Anforderung an hereditäre Disposition durch solche Bedingtheit 
der akzidentellen ätiologischen Momente verringert wird, be- 
darf nur der Andeutung; ferner eröffnet sich ein Verständnis für 
die ungleich größere Häufigkeit der Hysterie beim weiblichen 
Geschlecht, da dieses auch im Kindesalter eher zu sexuellen An- 
griffen reizt. 

Die nächstliegendsten Einwendungen gegen dieses Resultat 
dürften lauten, daß sexuelle Angriffe gegen kleine Kinder zu 
häufig vorfallen, als daß ihrer Konstatierung ein ätiologischer 
Wert zukäme, oder daß solche Erlebnisse gerade darum wirkungs- 
los bleiben müssen, weil sie ein sexuell unentwickeltes Wesen 
betreffen; ferner daß man sich hüten müsse, derlei angebliche 
Reminiszenzen den Kranken durchs Examen aufzudrängen, oder 
an die Romane, die sie selbst erdichten, zu glauben. Den letzteren 
Einwendungen ist die Bitte entgegenzuhalten, daß doch nie- 
mand allzu sicher auf diesem dunkeln Gebiete urteilen möge, 
der sich noch nicht der einzigen Methode bedient hat, welche 
es zu erhellen vermag (der Psychoanalyse zur Bewußtmachung 
des bisher Unbewußten). 1 Das Wesentliche an den ersteren 
Zweifeln erledigt sich durch die Bemerkung, daß ja nicht die 
Erlebnisse selbst traumatisch wirken, sondern deren Wiederbe- 
lebung als Erinnerung, nachdem das Individuum in die sexu- 
elle Reife eingetreten ist. 

Meine dreizehn Fälle von Hysterie waren durchwegs von schwerer 
Art, alle mit vieljähriger Krankheitsdauer, einige nach längerer 
und erfolgloser Anstaltsbehandlung. Die Kindertraumen, welche 
die Analyse für diese schweren Fälle aufdeckte, mußten sämt- 
lich als schwere sexuelle Schädigungen bezeichnet werden; ge- 
legentlich waren es geradezu abscheuliche Dinge. Unter den Per- 



1) Ich vermute selbst, daß die so häufigen Attentatsdichtungen der Hyste- 
rischen Zwangsdichtungen sind, die von der Erinnerungsspur des Kindertraumas 
ausgehen, 



sonen, welche sich eines solchen folgenschweren Abusus schuldig 
machten, stehen obenan Kinderfrauen, Gouvernanten und andere 
Dienstboten, denen man allzu sorglos die Kinder überläßt, ferner 
sind in bedauerlicher Häufigkeit lehrende Personen vertreten ; in sieben 
von jenen dreizehn Fällen handelte es sich aber auch um schuldlose 
kindliche Attentäter, meist Brüder, die mit ihren um wenig jün- 
geren Schwestern Jahre hindurch sexuelle Beziehungen unterhalten 
hatten. Der Hergang war wohl jedesmal ähnlich, wie man ihn 
in einzelnen Fällen mit Sicherheit verfolgen konnte, daß nämlich 
der Knabe von einer Person weiblichen Geschlechts mißbraucht 
worden war, daß dadurch in ihm vorzeitig die Libido geweckt 
wurde, und daß er dann einige Jahre später in sexueller Aggres- 
sion gegen seine Schwester genau die nämlichen Prozeduren 
wiederholte, denen man ihn selbst unterzogen hatte. 

Aktive Masturbation muß ich aus der Liste der für Hysterie 
pathogenen sexuellen Schädlichkeiten des frühen Kindesalters aus- 
sehließen. Wenn diese doch so häufig neben der Hysterie gefun- 
den wird, so rührt dies von dem Umstände her, daß die Mastur- 
bation selbst weit häufiger, als man meint, die Folge des Miß- 
brauches oder der Verführung ist. Gar nicht selten erkranken 
beide Teile des kindlichen Paares später an Abwehrneurosen, der 
Bruder an Zwangsvorstellungen, die Schwester an Hysterie, was 
natürlich den Anschein einer familiären neurotischen Disposition 
ergibt. Diese Pseudoheredität löst sich aber mitunter auf über- 
raschende Weise; in einer meiner Beobachtungen waren Bruder, 
Schwester und ein etwas älterer Vetter krank. Aus" der Ana|yse, 
die ich mit dem Bruder vornahm, erfuhr ich, daß er an Vor- 
würfen darüber litt, daß er die Krankheit der Schwester ver- 
schuldet; ihn selbst hatte der Vetter verführt, und von diesem 
war in der Familie bekannt, daß er das Opfer seiner Kinderfrau 
geworden war. 

Die obere Altersgrenze, bis zu welcher sexuelle Schädigung in 
die Ätiologie der Hysterie fällt, kann ich nicht sicher angeben; 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen 367 

ich zweifle aber, ob sexuelle Passivität nach dem achten bis zehn- 
ten Jahre Verdrängung ermöglichen kann, wenn sie nicht durch 
vorherige Erlebnisse dazu befähigt wird. Die untere Grenze reicht 
so - weit"' aiJ~ uüß~ jrS-TUiienr uiferrfaup-LJ" T-iisu uis ins zarte Alter von 
eineinhalb oder zwei Jahren! (Zwei Fälle.) In einer Anzahl meiner 
Fälle ist das sexuelle Trauma (oder die Reihe von Traumen) im 
dritten und vierten Lebensjahre enthalten. Ich würde diesen son- 
derbaren Funden selbst nicht Glauben schenken, wenn sie sich 
nicht durch die Ausbildung der späteren Neurose volle Vertrauens- 
würdigkeit verschaffen würden. In jedem Falle ist eine Summe 
von krankhaften Symptomen, Gewohnheiten und Phobien nur 
durch das Zurückgehen auf jene Kindererlebnisse erklärlich, und 
das logische Gefüge der neurotischen Äußerungen macht eine 
Ablehnung jener aus dem Kinderleben auftauchenden, getreu be- 
wahrten Erinnerungen unmöglich. Es wäre freilich vergebens, 
diese Kindertraumen einem Hysterischen außerhalb der Psycho- 
analyse abfragen zu wollen; ihre Spur ist niemals im bewußten 
Erinnern, nur in den Krankheitssymptomen aufzufinden. 

Alle die Erlebnisse und Erregungen, welche in der Lebens- 
periode nach der Pubertät den Ausbruch der Hysterie vorbereiten 
oder veranlassen, wirken nachweisbar nur dadurch, daß sie die 
Erinnerungsspur jener Kindheitstraumen erwecken, welche dann 
nicht bewußt wird, sondern zur Affektentbindung und Verdrän- 
gung führt. Es steht mit dieser Rolle der späteren Traumen in 
gutem Einklänge, daß sie nicht der strengen Bedingtheit der 
Kindertraumen unterliegen, sondern nach Intensität und Beschaf- 
fenheit variieren können, von wirklicher sexueller Überwältigung 
bis zu bloßen sexuellen Annäherungen und zur Sinneswahr- 
nehmung sexueller Akte bei anderen oder Aufnahme von Mit- 
teilungen über geschlechtliche Vorgänge. 1 

1) In einem Aufsatze über die Angstneurose (Neurologisches Zentralblatt, 1895, 
Nr. 2) [S. 506 dieses Bandes] erwähnte ich, daß „ein erstes Zusammentreffen mit 
dem sexuellen Problem bei heranreifenden Mädchen eine Angstneurose hervorrufen 



368 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



In meiner ersten Mitteilung über die Abwehrneurosen blieb 
es unaufgeklärt, wieso das Bestreben der bis dahin Gesunden, 
ein solches traumatisches Erlebnis zu vergessen, den Erfolg haben 
könne, die beabsichtigte Verdrängung wirklich zu erzielen und 
damit der Abwehrneurose das Tor zu öffnen. An der Natur des 
Erlebnisses konnte es nicht liegen, da andere Personen trotz der 
gleichen Anlässe gesund blieben. Es konnte also die Hysterie nicht 
aus der Wirkung des Traumas voll erklärt werden 5 man mußte 
zugestehen, daß die' Fähigkeit zur hysterischen Reaktion schon 
vor dem Trauma bestanden hatte. 

An Stelle dieser unbestimmten hysterischen Disposition kann 
nun ganz oder teilweise die posthume Wirkung des sexuellen 
Kindertraumas treten. Die „Verdrängung" der Erinnerung an ein 
peinliches sexuelles Erlebnis reiferer Jahre gelingt nur solchen 
Personen, bei denen dies Erlebnis die Erinnerungsspur eines 
Kindertraumas zur Wirkung bringen kann. 1 



kann, die in fast typischer Weise mit Hysterie kombiniert ist". Ich weiß heute, 
daß die Gelegenheit, bei welcher solche virginale Angst ausbricht, eben nicht 
dem ersten Zusammentreffen mit der Sexualität entspricht, sondern daß bei diesen 
Personen ein Erlebnis sexueller Passivität in den Kinderjahren Torhergegangen ist, 
dessen Erinnerung bei dem „ersten Zusammentreffen" geweckt wird. 

1) Eine psychologische Theorie der Verdrängung müßte auch Auskunft darüber 
geben, warum nur Vorstellungen sexuellen Inhaltes verdrängt werden können. Sie 
darf von folgenden Andeutungen ausgehen: Das Vorstellen sexuellen Inhaltes erzeugt 
bekanntlich ähnliche Erregungsvorgänge in den Genitalien wie das sexuelle Erleben 
selbst. Man darf annehmen, daß diese somatische Erregung sich in psychische um- 
setzt. In der Regel ist die diesbezügliche Wirkung beim Erlebnisse viel stärker als 
bei der Erinnerung daran. Wenn aber das sexuelle Erlebnis in die Zeit sexueller 
Unreife fällt, die Erinnerung daran während oder nach der Reife erweckt wird,_dann 
wirkt die Erinnerung ungleich stärker erregend als seinerzeit das Erlebnis, denn 
inzwischen hat die Pubertät die Reaktionsfähigkeit des Sexualapparats in unver- 
gleichbarem Maße gesteigert. Ein solches umgekehrtes Verhältnis zwischen realem 
Erlebnis und Erinnerung scheint aber die psychologische Bedingung einer Verdrän- 
gung zu enthalten. Das Sexualleben bietet — ■ durch die Verspätung der Pubertäts- 
reife gegen die psychischen Funktionen — die einzig vorkommende Möglichkeit für 
jene Umkehrung der relativen Wirksamkeit. Die Kindertraumen wirken nach- 
träglich wie frische Erlebnisse, dann aber unbewußt. Weitergehende psy- 
chologische Erörterungen müßte ich auf ein anderes Mal verschieben. — Ich be- 
merke noch, daß die hier in Betracht kommende Zeit der „sexuellen Reifung" nicht 
mit der Pubertät zusammenfällt, sondern vor dieselbe (achtes bis zehntes Jahr). 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen 369 

Zwangsvorstellungen haben gleichfalls ein sexuelles Kinder- 
erlebnis (anderer Natur als bei Hysterie) zur Voraussetzung. Die 
Ätiologie der beiden Abwehr-Neuropsychosen bietet nun folgende 
Beziehung zur Ätiologie der beiden einfachen Neurosen, Neur- 
asthenie und Angstneurose. Die beiden letzteren Affektionen sind 
unmittelbare Wirkungen der sexuellen Noxen selbst, wie ich es 
in einem Aufsatze über die Angstneurose 1895 dargelegt habe 5 
die beiden Abwehrneurosen sind mittelbare Folgen sexueller 
Schädlichkeiten, die vor Eintritt der Geschlechtsreife eingewirkt 
haben, nämlich Folgen der psychischen Erinnerungsspuren an diese 
Noxen. Die aktuellen Ursachen, welche Neurasthenie und Angst- 
neurose erzeugen, spielen häufig gleichzeitig die Rolle von er- 
weckenden Ursachen für die Abwehrneurosen; anderseits können 
die spezifischen Ursachen der Abwehrneurose, die Kindertraumen, 
gleichzeitig den Grund für die später sich entwickelnde Neur- 
asthenie legen. Endlich ist auch der Fall nicht selten, daß eine 
Neurasthenie oder Angstneurose anstatt durch aktuelle sexuelle 
Schädlichkeiten nur durch fortwirkende Erinnerung an Kinder- 
traumen in ihrem Bestände erhalten wird. 1 

II 
Wesen und Mechanismus der Zwangsneurose 

In der Ätiologie der Zwangsneurose haben sexuelle Erlebnisse 
der frühen Kinderzeit dieselbe Bedeutung wie bei Hysterie, doch 
handelt es sich hier nicht mehr um sexuelle Passivität, sondern 

1) [Zusatz 1924:] Dieser Abschnitt steht unter der Herrschaft eines Irrtums, den 
ich seither wiederholt bekannt und korrigiert habe. Ich verstand es damals noch nicht, 
die Phantasien der Analysierten über ihre Kinderjahre von realen Erinnerungen zu 
unterscheiden. Infolgedessen schrieb ich dem ätiologischen Moment der Verführung 
eine Bedeutsamkeit und Allgemeingültigkeit zu, die ihm nicht zukommen. Nach der 
Überwindung dieses Irrtums eröffnete sich der Einblick in die spontanen Äußerungen 
der kindlichen Sexualität, die ich in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", 1905, 
beschrieben habe. Doch ist nicht alles im obigen Text Enthaltene zu verwerfen; der 
Verführung bleibt eine gewisse Bedeutung für die Ätiologie gewahrt und manche 
psychologische Ausführungen halte ich auch heute noch für zutreffend. 

Freud, I. 24 



37° 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



um mit Lust ausgeführte Aggressionen und mit Lust empfundene 
Teilnahme an sexuellen Akten, also um sexuelle Aktivität. Mit 
dieser Differenz der ätiologischen Verhältnisse hängt es zusammen, 
daß hei der Zwangsneurose das männliche Geschlecht bevorzugt 
erscheint. 

Ich habe übrigens in all meinen Fällen von Zwangsneurose 
einen Untergrund von hysterischen Symptomen gefunden, 
die sich auf eine der Lusthandlung vorhergehende Szene sexueller 
Passivität zurückführen ließen. Ich vermute, daß dieses Zusammen- 
treffen ein gesetzmäßiges ist, und daß vorzeitige sexuelle Aggres- 
sion stets ein Erlebnis von Verführung voraussetzt. Ich kann aber 
gerade von der Ätiologie der Zwangsneurose noch keine abge- 
schlossene Darstellung geben; es macht mir nur den Eindruck, 
als hinge die Entscheidung darüber, ob auf Grund der Kinder- 
traumen Hysterie oder Zwangsneurose entstehen soll, mit den 
zeitlichen Verhältnissen der Entwicklung von Libido zusammen. 

Das Wesen der Zwangsneurose läßt sich in einer einfachen 
Formel aussprechen: Zwangsvorstellungen sind jedesmal ver- 
wandelte, aus der Verdrängung wiederkehrende Vorwürfe, die 
sich immer auf eine sexuelle, mit Lust ausgeführte Aktion der 
Kinderzeit beziehen. Zur Erläuterung dieses Satzes ist es not- 
wendig, den typischen Verlauf einer Zwangsneurose zu beschreiben. 

In einer ersten Periode — Periode der kindlichen Immoralität — 
fallen die Ereignisse vor, welche den Keim der späteren Neurose 
enthalten. Zuerst in frühester Kindheit die Erlebnisse sexueller 
Verführung, welche später die Verdrängung ermöglichen, sodann 
die Aktionen sexueller Aggression gegen das andere Geschlecht, 
welche später als Vorwurfshandlungen erscheinen. 

Dieser Periode wird ein Ende bereitet durch den — oft selbst 
verfrühten — Eintritt der sexuellen „Reifung". Nun knüpft sich 
an die Erinnerung jener Lustaktionen ein Vorwurf, und der Zu- 
sammenhang mit dem initialen Erlebnisse von Passivität ermög- 
licht es, — oft erst nach bewußter und erinnerter Anstrengung, — 






Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen 371 

diesen zu verdrängen und durch ein primäres Abwehrsymptom 
zu ersetzen. Gewissenhaftigkeit, Scham, Selbstmißtrauen sind solche 
Symptome, mit denen die dritte Periode, die der scheinbaren 
Gesundheit, eigentlich der gelungenen Abwehr, beginnt. 

Die nächste Periode, die der Krankheit, ist ausgezeichnet durch 
die Wiederkehr der verdrängten Erinnerungen, also durch 
das Mißglücken der Abwehr, wobei es unentschieden bleibt, ob 
die Erweckung derselben häufiger zufällig und spontan oder in- 
folge aktueller sexueller Störungen gleichsam als Nebenwirkung 
derselben erfolgt. Die wiederbelebten Erinnerungen und die aus 
ihnen gebildeten Vorwürfe treten aber niemals unverändert ins 
Bewußtsein ein, sondern was als Zwangsvorstellung und Zwangs- 
affekt bewußt wird, die pathogene Erinnerung für das bewußte 
Leben substituiert, sind Kompromißbildungen zwischen den ver- 
drängten und den verdrängenden Vorstellungen. 

Um die Vorgänge der Verdrängung, der Wiederkehr des Ver- 
drängten und der Bildung der pathologischen Kompromißvor- 
stellungen anschaulich und wahrscheinlich zutreffend zu beschreiben, 
müßte man sich zu ganz bestimmten Annahmen über das Sub- 
strat des psychischen Geschehens und des Bewußtseins entschließen. 
So lange man dies vermeiden will, muß man sich mit folgenden, 
eher bildlich verstandenen Bemerkungen bescheiden: Es gibt zwei 
Formen der Zwangsneurose, je nachdem allein der Erinnerungs- 
inhalt der Vorwurfshandlung sich den Eingang ins Bewußtsein 
.erzwingt oder auch der an sie geknüpfte Vorwurfsaffekt. Der 
erstere Fall ist der der typischen Zwangsvorstellungen, bei denen 
der Inhalt die Aufmerksamkeit des Kranken auf sich zieht, als 
Affekt nur eine unbestimmte Unlust empfunden wird, während 
zum Inhalt der Zwangsvorstellung nur der Affekt des Vorwurfs 
passen würde. Der Inhalt der Zwangsvorstellung ist gegen den 
der Zwangshandlung im Kindesalter in zweifacher Weise ent- 
stellt: erstens, indem etwas Aktuelles an die Stelle des Vergangenen 
gesetzt ist, zweitens, indem das Sexuelle durch Analoges, nicht 

24* 



37 3 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Sexuelles, substituiert wird. Diese beiden Abänderungen sind die 
Wirkung der immer noch in Kraft stehenden Verdrängungs- 
neigung, die wir dem „Ich" zuschreiben wollen. Der Einfluß der 
wiederbelebten pathogenen Erinnerung zeigt sich darin, daß der 
Inhalt der Zwangsvorstellung noch stückweise mit dem Ver- 
drängten identisch ist oder sich durch korrekte Gedankenfolge 
von ihm ableitet. Rekonstruiert man mit Hilfe der psychoanalyti- 
schen Methode die Entstehung einer einzelnen Zwangsvorstellung, 
so findet man, daß von einem aktuellen Eindrucke aus zwei ver- 
schiedene Gedankengänge angeregt worden sind 5 der eine davon, 
der über die verdrängte Erinnerung gegangen ist, erweist sich als 
ebenso korrekt logisch gebildet wie der andere, obwohl er bewußt- 
seinsunfähig und unkorrigierbar ist. Stimmen die Resultate der 
beiden psychischen Operationen nicht zusammen, so kommt es 
nicht etwa zur logischen Ausgleichung des Widerspruches zwischen 
beiden, sondern neben dem normalen Denkergebnisse tritt als 
Kompromiß zwischen dem Widerstände und dem pathologischen 
Denkresultate eine absurd erscheinende Zwangsvorstellung ins 
Bewußtsein. Wenn die beiden Gedankengänge den gleichen Schluß 
ergeben, verstärken sie einander, so daß ein normal gewonnenes 
Denkresultat sich nun psychologisch wie eine Zwangsvorstellung ver- 
hält. Wo immer neurotischer Zwang im Psychischen auf- 
tritt, rührt er von Verdrängung her. Die Zwangsvorstellungen 
haben sozusagen psychischen Zwangskurs nicht wegen ihrer eigenen 
Geltung, sondern wegen der Quelle, aus der sie stammen, oder 
die zu ihrer Geltung einen Beitrag geliefert hat. r 

Eine zweite Gestaltung der Zwangsneurose ergibt sich, wenn 
nicht der verdrängte Erinnerungsinhalt, sondern der gleichfalls 
verdrängte Vorwurf eine Vertretung im bewußten psychischen 
Leben erzwingt. Der Vorwurfsaffekt kann sich durch einen psy- 
chischen Zusatz in einen beliebigen anderen Unlustaffekt ver- 
wandeln 5 ist dies geschehen, so steht dem Bewußtwerden des 
substituierenden Affekts nichts mehr im Wege. So verwandelt 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen 373 

sich Vorwurf (die sexuelle Aktion im Kindesalter vollführt zu 
haben) mit Leichtigkeit in Scham (wenn ein anderer davon er- 
führe), in hypochondrische Angst (vor den körperlich schädi- 
genden Folgen jener Vorwurfshandlung), in soziale Angst (vor 
der gesellschaftlichen Ahndung jenes Vergehens), in religiöse 
Angst, in Beachtungswahn (Furcht, daß man jene Handlung 
anderen verrate), in Versuchungsangst (berechtigtes Mißtrauen 
in die eigene moralische Widerstandskraft) u. dgl. Dabei kann der 
Erinnerungsinhalt der Vorwurfshandlung im Bewußtsein mitver- 
treten sein oder gänzlich zurückstehen, was die diagnostische Er- 
kennung sehr erschwert. Viele Fälle, die man bei oberflächlicher 
Untersuchung für gemeine (neurasthenische) Hypochondrie hält, 
gehören zu dieser Gruppe der Zwangsaffekte, insbesondere die 
sogenannte „periodische Neurasthenie" oder „periodische Melan- 
cholie" scheint in ungeahnter Häufigkeit sich in Zwangsaffekte 
und Zwangsvorstellungen aufzulösen, eine Erkennung, die thera- 
peutisch nicht gleichgültig ist. 

Neben diesen Kompromißsymptomen, welche die Wiederkehr 
des Verdrängten und somit ein Scheitern der ursprünglich er- 
zielten Abwehr bedeuten, bildet die Zwangsneurose eine Reihe 
weiterer Symptome von ganz anderer Herkunft. Das Ich sucht 
sich nämlich jener Abkömmlinge der initial verdrängten Erinne- 
rung zu erwehren und schafft in diesem Abwehrkampfe Sym- 
ptome, die man als „sekundäre Abwehr" zusammenfassen 
könnte. Es sind dies durchwegs „Schutzmaßregeln", die bei 
der Bekämpfung der Zwangsvorstellungen und Zwangsaffekte gute 
Dienste geleistet haben. Gelingt es diesen Hilfen im Abwehr- 
kampfe wirklich, die dem Ich aufgedrängten Symptome der 
Wiederkehr neuerdings zu verdrängen, so überträgt sich der Zwang 
auf die Schutzmaßregeln selbst und schafft eine dritte Gestaltung 
der „Zwangsneurose", die Zwangshandlungen. Niemals sind 
diese primär, niemals enthalten sie etwas anderes als eine Abwehr, 
nie eine Aggression; die psychische Analyse weist von ihnen nach, 



374 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



daß sie — trotz ihrer Sonderbarkeit — durch Zurückführung auf 
die Zwangserinnerung, die sie bekämpfen, jedesmal voll aufzu- 
klären sind. 1 

Die sekundäre Abwehr der Zwangsvorstellungen kann erfolgen 
durch gewaltsame Ablenkung auf andere Gedanken möglichst 
konträren Inhaltes; daher im Falle des Gelingens der Grübel- 
zwang, regelmäßig über abstrakte, übersinnliche Dinge, weil 
die verdrängten Vorstellungen sich immer mit der Sinnlichkeit 
beschäftigten. Oder der Kranke versucht, jeder einzelnen Zwangs- 
idee durch logische Arbeit und Berufung auf seine bewußten Er- 
innerungen Herr zu werden; dies führt zum Denk- und Prü- 
fungszwange und zur Zweifelsucht. Der Vorzug der Wahr- 
nehmung vor der Erinnerung bei diesen Prüfungen veranlaßt den 
Kranken zuerst und zwingt ihn später, alle Objekte, mit denen 
er in Berührung getreten ist, zu sammeln und aufzubewahren. 
Die sekundäre Abwehr gegen die Zwangsaffekte ergibt eine noch 
größere Reihe von Schutzmaßregeln, die der Verwandlung in 
Zwangshandlungen fähig sind. Man kann dieselben nach ihrer 

1) Ein Beispiel anstatt vieler: Ein elfjähriger Knabe hatte sich folgendes Zere- 
moniell vor dem Zubettgehen zwangsartig eingerichtet: Er schlief nicht eher ein, 
als bis er seiner Mutter alle Erlebnisse des Tages haarklein vorerzählt hatte; auf 
dem Teppich des Schlafzimmers durfte abends kein Papierschnitzelchen und kein 
anderer Unrat zu finden sein; das Bett mußte ganz an die Wand angerückt werden, 
drei Stühle davorstehen, die Polster in ganz bestimmter Weise liegen. Er selbst 
mußte, um einzuschlafen, zuerst eine gewisse Anzahl von Malen mit beiden Beinen 
stoßen und sich dann auf die Seite legen. — Das klärte sich folgendermaßen auf: 
Jahre vorher hatte es sich zugetragen, daß ein Dienstmädchen, welches den schönen 
Knaben zu Bette bringen sollte, die Gelegenheit benützte, um sich dann über ihn 
zu legen und ihn sexuell zu mißbrauchen. Als dann später einmal diese Erinnerung 
durch ein rezentes Erlebnis geweckt wurde, gab sie sich dem Bewußtsein durclTden 
Zwang zu obigem Zeremoniell kund, dessen Sinn leicht zu erraten war und im ein- 
zelnen durch die Psychoanalyse festgestellt wurde: Sessel vor dem Bett und dieses 
an die Wand gerückt — damit niemand mehr zum Bett Zugang haben könne; Polster 
in einer gewissen Weise geordnet — damit sie anders geordnet seien als an jenem 
Abend; die Bewegungen mit den Beinen — Wegstoßen der auf ihm liegenden Person; 
Schlafen auf der Seite — weil er bei der Szene auf dem Rücken gelegen; die aus- 
führliche Beichte vor der Mutter — weil er diese und andere sexuelle Erlebnisse 
infolge von Verbot der Verführerin ihr verschwiegen hatte; endlich Reinhaltung des 
Bodens im Schlafzimmer — weil dies der Hauptvorwurf war, den er bis dahin von 
der Mutter hatte hinnehmen müssen. 



Weitere Bemerkun gen über die Abwehr- Neuropsychosen 375 

Tendenz gruppieren: Maßregeln der Buße (lästiges Zeremoniell, 
Zahlenbeobachtung), der Vorbeugung (allerlei Phobien, Aber- 
glauben, Pedanterie, Steigerung des Primärsymptoms der Gewissen- 
haftigkeit), der Furcht vor Verrat (Papiersammeln, Menschen- 
scheu), der Betäubung (Dipsomanie). Unter diesen Zwangshand- 
lungen und -impulsen spielen die Phobien als Existenzbeschrän- 
kungen des Kranken die größte Rolle. 

Es gibt Fälle, in welchen man beobachten kann, wie sich der 
Zwang von der Vorstellung oder vom Affekt auf die Maßregel 
überträgt; andere, in denen der Zwang periodisch zwischen dem 
Wiederkehrsymptome und dem Symptom der sekundären Abwehr 
oszilliert; aber daneben noch Fälle, in denen überhaupt keine 
Zwangsvorstellung gebildet, sondern die verdrängte Erinnerung 
sogleich durch die scheinbar primäre Abwehrmaßregel vertreten 
wird. Hier wird mit einem Sprunge jenes Stadium erreicht, welches 
sonst erst nach dem Abwehrkampf den Verlauf der Zwangs- 
neurose abschließt. Schwere Fälle dieser Affektion enden mit der 
Fixierung von Zeremoniellhandlungen, allgemeiner Zweifelsucht 
oder einer durch Phobien bedingten Sonderlingsexistenz. 

Daß die Zwangsvorstellung und alles von ihr Abgeleitete keinen 
Glauben findet, rührt wohl daher, daß bei der ersten Verdrängung 
das Abwehrsymptom der Gewissenhaftigkeit gebildet worden 
ist, das gleichfalls Zwangsgeltung gewonnen hat. Die Sicherheit, 
in der ganzen Periode der gelungenen Abwehr moralisch gelebt 
zu haben, macht es unmöglich, dem Vorwurfe, welchen ja die 
Zwangsvorstellung involviert, Glauben zu schenken. Nur vorüber- 
gehend beim Auftreten einer neuen Zwangsvorstellung und hie 
und da bei melancholischen Erschöpfungszuständen des Ichs er- 
zwingen die krankhaften Symptome der Wiederkehr auch den 
Glauben. Der „Zwang" der hier beschriebenen psychischen Bil- 
dungen hat ganz allgemein mit der Anerkennung durch den 
Glauben nichts zu tun, und ist auch mit jenem Moment, das 
man als „Stärke" oder „Intensität" einer Vorstellung bezeichnet, 



376 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



nicht zu verwechseln. Sein wesentlicher Charakter ist vielmehr die 
Unauflösbarkeit durch die bewußtseinsfähige psychische Tätigkeit, 
und dieser Charakter erfährt keine Änderung, ob nun die Vor- 
stellung, an der der Zwang haftet, stärker oder schwächer, inten- 
siver oder geringer „beleuchtet", „mit Energie besetzt" wird u. dgl. 
Ursache dieser Unangreifbarkeit der Zwangsvorstellung oder 
ihrer Derivate ist aber nur ihr Zusammenhang mit der ver- 
drängten Erinnerung aus früher Kindheit, denn wenn es gelungen 
ist, diesen bewußt zu machen, wofür die psychotherapeutischen 
Methoden bereits auszureichen scheinen, dann ist auch der Zwang 
gelöst. 

III 

Analyse eines Falles von chronischer Paranoia 1 

Seit längerer Zeit schon hege ich die Vermutung, daß auch die 
Paranoia — oder Gruppen von Fällen, die zur Paranoia gehören 
— eine Abwehrpsychose ist, d. h. daß sie wie Hysterie und 
Zwangsvorstellungen hervorgeht aus der Verdrängung peinlicher 
Erinnerungen, und daß ihre Symptome durch den Inhalt des Ver- 
drängten in ihrer Form determiniert werden. Eigentümlich müsse 
der Paranoia ein besonderer Weg oder Mechanismus der Ver- 
drängung sein, etwa wie die Hysterie die Verdrängung auf dem 
Wege der Konversion in die Körperinnervation, die Zwangs- 
neurose durch Substitution (Verschiebung längs gewisser assozia- 
tiver Kategorien) bewerkstelligt. Ich beobachtete mehrere Fälle, die 
dieser Deutung günstig waren, hatte aber keinen gefunden, der 
sie erwies, bis mir durch die Güte des Herrn Dr. J. Breuer vor 
einigen Monaten ermöglicht wurde, den Fall einer intelligenten 
zweiunddreißigjährigen Frau, dem man die Bezeichnung als chro- 
nische Paranoia nicht wird versagen können, in therapeutischer 
Absicht einer Psychoanalyse zu unterziehen. Ich berichte schon 



1) [Zusatz 1924:] Wohl richtiger Dementia paranoides. 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen 377 

hier über einige bei dieser Arbeit gewonnene Aufklärungen, weil 
ich keine Aussicht habe, die Paranoia anders als in sehr verein- 
zelten Beispielen zu studieren, und weil ich es für möglich halte, 
daß diese Bemerkungen einen hierin günstiger gestellten Psychiater 
veranlassen könnten, in der jetzt so regen Diskussion über Natur 
und psychischen Mechanismus der Paranoia das Moment der „Ab- 
wehr" zu seinem Rechte zu bringen. Natürlich liegt es mir fern, 
mit der nachstehenden einzigen Beobachtung etwas anderes sagen 
zu wollen, als: dieser Fall ist eine Abwehrpsychose, und es dürfte 
in der Gruppe „Paranoia" noch andere geben, die es gleichfalls sind. 

Frau P., zweiunddreißig Jahre alt, seit drei Jahren verheiratet, Mutter 
eines zweijährigen Kindes, stammt von nicht nervösen Eltern; ihre beiden 
Geschwister kenne ich aber als gleichfalls neurotisch. Es ist zweifelhaft, 
ob sie nicht einmal in der Mitte der Zwanziger jähre vorübergehend depri- 
miert und in ihrem Urteile beirrt war; in den letzten Jahren war sie 
gesund und leistungsfähig, bis sie ein halbes Jahr nach der Geburt ihres 
Kindes die ersten Anzeichen der gegenwärtigen Erkrankung erkennen ließ. 
Sie wurde verschlossen und mißtrauisch, zeigte Abneigung gegen den Ver- 
kehr mit den Geschwistern ihres Mannes und klagte, daß die Nachbarn in 
der kleinen Stadt sich anders als früher, unhöflich und rücksichtslos gegen 
sie benähmen. Allmählich steigerten sich diese Klagen an Intensität, wenn 
auch nicht an Bestimmtheit: man habe etwas gegen sie, obwohl sie keine 
Ahnung habe, was es sein könne. Aber es sei kein Zweifel, alle — Ver- 
wandte wie Freunde — versagten ihr die Achtung, täten alles, sie zu 
kränken. Sie zerbreche sich den Kopf, woher das komme; wisse es nicht. 
Einige Zeit später klagte sie, daß sie beobachtet werde, man ihre Gedanken 
errate, alles wisse, was bei ihr im Hause vorgehe. Eines Nachmittags kam 
ihr plötzlich der Gedanke, man beobachte sie abends beim Auskleiden. 
Von nun an wendete sie beim Auskleiden die kompliziertesten Vorsichts- 
maßregeln an, schlüpfte im Dunkeln ins Bett und entkleidete sich erst 
unter der Decke. Da sie jedem Verkehr auswich, sich schlecht nährte und 
sehr verstimmt war, wurde sie im Sommer 1895 in eine Wasserheilanstalt 
geschickt. Dort traten neue Symptome auf und verstärkten sich schon vor- 
handene. Schon im Frühjahr hatte sie plötzlich eines Tages, als sie mit 
ihrem Stubenmädchen allein war, eine Empfindung im Schöße bekommen 
und sich dabei gedacht, das Mädchen habe jetzt einen unanständigen Ge- 



37« 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



danken. Diese Empfindung wurde im Sommer häufiger, nahezu kontinuier- 
lich, sie spürte ihre Genitalien, „wie man eine schwere Hand spürt . Dann 
fing sie an, Bilder zu sehen, über die sie sich entsetzte, Halluzinationen 
von weiblichen Nacktheiten, besonders einen entblößten weiblichen Schoß 
mit Behaarung; gelegentlich auch männliche Genitalien. Das Bild des be- 
haarten Schoßes und die Organempfindung im Schöße kamen meist ge- 
meinsam. Die Bilder wurden sehr quälend für sie, da sie dieselben regel- 
mäßig bekam, wenn sie in Gesellschaft einer Frau war und daran die 
Deutung sich anschloß, sie sehe jetzt die Frau in unanständigster Blöße, 
aber im selben Moment habe die Frau dasselbe Bild von ihr (!). Gleich- 
zeitig mit diesen Gesichtshalluzinationen — die nach ihrem ersten Auf- 
treten in der Heilanstalt für mehrere Monate wieder verschwanden — 
fingen Stimmen an, sie zu belästigen, die sie nicht erkannte und sich nicht 
zu erklären wußte. Wenn sie auf der Straße war, hieß es: Das ist die 
Frau P. — Da geht sie. Wo geht sie hin? — Man kommentierte jede 
ihrer Bewegungen und Handlungen, gelegentlich hörte sie Drohungen und 
Vorwürfe. Alle diese Symptome wurden ärger, wenn sie in Gesellschaft 
oder gar auf der Straße war; sie verweigerte darum auszugehen, erklärte 
dann, sie habe Ekel vor dem Essen und kam rasch herunter. 



Dies erfuhr ich von ihr, als sie im Winter 1895 nach Wien 
in meine Behandlung kam. Ich habe es ausführlich dargestellt, 
um den Eindruck zu erwecken, daß es sich hier wirklich um 
eine recht häufige Form von chronischer Paranoia handle, zu 
welchem Urteil die noch später anzuführenden Details der Sym- 
ptome und ihres Verhaltens stimmen werden. Wahnbildungen zur 
Deutung der Halluzinationen verbarg sie mir damals oder sie 
waren wirklich noch nicht vorgefallen ; ihre Intelligenz war un- 
vermindert ; als auffällig wurde mir nur berichtet, daß sie ihrem 
in der Nachbarschaft lebenden Bruder wiederholt Rendezvous 
gegeben, um ihm etwas anzuvertrauen, ihm aber nie etwas mit- 
geteilt habe. Sie sprach nie über ihre Halluzinationen und zuletzt 
auch nicht mehr viel über die Kränkungen und Verfolgungen, 
unter denen sie litt. 

Was ich nun von dieser Kranken zu berichten habe, betrifft 
die Ätiologie des Falles und den Mechanismus der Halluzinationen. 






Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen 379 

Ich fand die Ätiologie, als ich ganz wie bei einer Hysterie die 
Breuersche Methode zunächst zur Erforschung und Beseitigung 
der Halluzinationen in Anwendung brachte. Ich ging dabei von 
der Voraussetzung aus, es müsse bei dieser Paranoia wie bei den 
zwei anderen mir bekannten Abwehrneurosen unbewußte Gedanken 
und verdrängte Erinnerungen geben, die auf dieselbe Weise wie 
dort ins Bewußtsein zu bringen seien, unter Überwindung eines 
gewissen Widerstandes, und die Kranke bestätigte sofort diese Er- 
wartung, indem sie sich bei der Analyse ganz wie zum Beispiel 
eine Hysterica benahm und unter Aufmerksamkeit auf den Druck 
meiner Hand (vergleiche die „Studien über Hysterie") Gedanken 
vorbrachte, die gehabt zu haben sie sich nicht erinnerte, die sie 
zunächst nicht verstand, und die ihrer Erwartung widersprachen. 
Es war also das Vorkommen bedeutsamer unbewußter Vorstellun- 
gen auch für einen Fall von Paranoia erwiesen, und ich durfte 
hoffen, auch den Zwang der Paranoia auf Verdrängung zurückzu- 
führen. Eigentümlich war nur, daß sie die aus dem Unbewußten 
stammenden Angaben zumeist wie ihre Stimmen innerlich hörte 
oder halluzinierte. 

Über die Herkunft der Gesichtshalluzinationen oder wenigstens 
der lebhaften Bilder erfuhr ich folgendes: Das Bild des weiblichen 
Schoßes kam fast immer mit der Organempfindung im Schöße 
zusammen, letztere war aber viel konstanter und sehr oft ohne 
das Bild. 

Die ersten Bilder von weiblichen Schößen waren aufgetreten 
in der Wasserheilanstalt, wenige Stunden, nachdem sie eine An- 
zahl von Frauen tatsächlich im Baderaum entblößt gesehen hatte, 
erwiesen sich also als einfache Reproduktionen eines realen Ein- 
druckes. Man durfte nun voraussetzen, daß diese Eindrücke nur 
darum wiederholt worden seien, weil sich ein großes Interesse an 
sie geknüpft habe. Sie gab die Auskunft, sie habe sich damals 
für jene Frauen geschämt; sie schäme sich selbst, nackt gesehen 
zu werden, seitdem sie sich erinnere. Da ich nun diese Scham 



3 8o 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



für etwas Zwanghaftes ansehen mußte, schloß ich nach dem 
Mechanismus der Abwehr, es müsse hier ein Erlebnis verdrängt 
worden sein, bei dem sie sich nicht geschämt, und forderte sie 
auf, die Erinnerungen auftauchen zu lassen, welche zu dem Thema 
des Schamens gehörten. Sie reproduzierte mir prompt eine Reihe 
von Szenen vom siebzehnten Jahre bis zum achten, in denen sie 
sich im Bade vor der Mutter, der Schwester, dem Arzte ihrer 
Nacktheit geschämt hatte 5 die Reihe lief aber in eine Szene mit 
sechs Jahren aus, wo sie sich im Kinderzimmer zum Schlafengehen 
entkleidete, ohne sich vor dem anwesenden Bruder zu schämen. 
Auf mein Befragen kam heraus, daß es solcher Szenen viele ge- 
geben habe, und daß die Geschwister Jahre hindurch die Ge- 
wohnheit geübt hätten, sich einander vor dem Schlafengehen 
nackt zu zeigen. Ich verstand nun, was der plötzliche Einfall 
bedeutet hatte, man beobachte sie beim Schlafengehen. Es war 
ein unverändertes Stück der alten Vorwurfserinnerung, und sie 
holte jetzt an Schämen nach, was sie als Kind versäumt hatte. 
Die Vermutung, daß es sich hier um ein Kinderverhältnis handle, 
wie auch in der Ätiologie der Hysterie so häufig, wurde durch 
weitere Fortschritte der Analyse bekräftigt, bei denen sich gleich- 
zeitig Lösungen für einzelne im Bild der Paranoia häufig wieder- 
kehrende Details ergaben. Der Anfang ihrer Verstimmung fiel 
zusammen mit einem Zwiste zwischen ihrem Manne und ihrem 
Bruder, infolgedessen der letztere ihr Haus nicht mehr betrat. Sie 
hatte diesen Bruder immer sehr geliebt und entbehrte ihn um 
diese Zeit sehr. Sie sprach aber außerdem von einem Moment 
ihrer Krankengeschichte, in dem ihr zuerst „alles klar wurde", 
d. h. in dem sie zur Überzeugung gelangte, daß ihre Vermutung, 
allgemein mißachtet und mit Absicht gekränkt zu werden, Wahr- 
heit sei. Diese Sicherheit gewann sie durch den Besuch einer 
Schwägerin, welche im Verlauf des Gesprächs die Worte fallen 
ließ: „Wenn mir etwas Derartiges passiert, nehme ich es auf die 
leichte Achsel!" Frau P. nahm diese Äußerung zunächst arglos 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr- Neuropsychosen 381 

hin 5 nachdem aber ihr Besuch sie verlassen hatte, kam es ihr vor, 
als sei in diesen Worten ein Vorwurf für sie enthalten gewesen, 
als ob sie gewohnt sei, ernste Dinge leicht zu nehmen, und von 
dieser Stunde an war sie sicher, daß sie ein Opfer der allgemeinen 
Nachrede sei. Als ich sie examinierte, wodurch sie sich berechtigt 
gefühlt, jene Worte auf sich zu beziehen, antwortete sie, der Ton, 
in dem die Schwägerin gesprochen, habe sie — allerdings nach- 
träglich ■ — davon überzeugt, was doch ein für Paranoia charak- 
teristisches Detail ist. Ich zwang sie nun, sich an die Reden der 
Schwägerin vor der angeschuldigten Äußerung zu erinnern, und 
es ergab sich, daß diese erzählt hatte, im Vaterhause habe es mit 
den Brüdern allerlei Schwierigkeiten gegeben, und daran die 
weise Bemerkung geknüpft: „In jeder Familie gehe allerlei vor, 
worüber man gerne eine Decke breite. Wenn ihr aber Derartiges 
passiere, dann nehme sie es leicht." Frau P. mußte nun bekennen, 
daß an diese Sätze vor der letzten Äußerung ihre Verstimmung 
angeknüpft hatte. Da sie diese beiden Sätze, die eine Erinnerung 
an ihr Verhältnis zum Bruder wecken konnten, verdrängt hatte 
und nur den bedeutungslosen letzten Satz behalten, mußte sie die 
Empfindung, als mache ihr die Schwägerin einen Vorwurf, an 
diesen knüpfen, und da der Inhalt desselben keine Anlehnung 
hiefür bot, warf sie sich vom Inhalte auf den Ton, mit dem diese 
Worte gesprochen worden waren. Ein wahrscheinlich typischer 
Beleg dafür, daß die Mißdeutungen der Paranoia auf einer Ver- 
drängung beruhen. 

In überraschender Weise löste sich auch ihr sonderbares Ver- 
fahren, ihren Bruder zu Zusammenkünften zu bestellen, bei denen 
sie ihm dann nichts zu sagen hatte. Ihre Erklärung lautete, sie 
habe gemeint, er müsse ihr Leiden verstehen, wenn sie ihn bloß 
ansehe, da er um die Ursache desselben wisse. Da nun dieser 
Bruder tatsächlich die einzige Person war, die um die Ätiologie 
ihrer Krankheit wissen konnte, ergab sich, daß sie nach einem 
Motiv gehandelt hatte, das sie bewußt zwar selbst nicht verstand, 



3 82 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



das aber vollkommen gerechtfertigt erschien, sobald man ihm einen 
Sinn aus dem Unbewußten unterlegte. 

Es gelang mir dann, sie zur Reproduktion der verschiedenen 
Szenen zu veranlassen, in denen der sexuelle Verkehr mit dem 
Bruder (mindestens vom sechsten bis zum zehnten Jahre) gegipfelt 
hatte. Während dieser Reproduktionsarbeit sprach die Organemp- 
findung im Schöße mit, wie es bei der Analyse hysterischer Er- 
innerungsreste regelmäßig beobachtet wird. Das Bild eines nackten 
weiblichen Schoßes (jetzt aber auf kindliche Proportionen reduziert 
und ohne Behaarung) stellte sich dabei gleichfalls ein oder blieb 
weg, je nachdem die betreffende Szene bei hellem Lichte oder 
im Dunkeln vorgefallen war. Auch der Eßekel fand in einem 
abstoßenden Detail dieser Vorgänge eine Erklärung. Nachdem wir 
die Reihe dieser Szenen durchgemacht hatten, waren die hallu- 
zinatorischen Empfindungen und Bilder verschwunden, um (wenig- 
stens bis heute) nicht wiederzukehren. 1 

Ich hatte also gelernt, daß diese Halluzinationen nichts anderes 
als Stücke aus dem Inhalt der verdrängten Kindererlebnisse waren, 
Symptome der Wiederkehr des Verdrängten. 

Nun wandte ich mich an die Analyse der Stimmen. Hier war 
vor allem zu erklären, daß ein so gleichgültiger Inhalt: „Hier geht 
die Frau P." — „Sie sucht jetzt Wohnung" u. dgl. von ihr so 
peinlich empfunden werden konnte; sodann, auf welchem Wege 
gerade diese harmlosen Sätze es dazu brachten, durch halluzina- 
torische Verstärkung ausgezeichnet zu werden. Von 'vornherein 
war klar, daß diese „Stimmen" nicht halluzinatorisch reproduzierte 
Erinnerungen sein konnten wie die Bilder und Empfindungen, 
sondern vielmehr „laut gewordene" Gedanken. 

Das erstemal, als sie Stimmen hörte, geschah es unter folgen- 
den Umständen: Sie hatte mit großer Spannung die schöne Er- 



1) Als späterhin eine Exazerbation die ohnehin spärlichen Erfolge der Behandlung 
aufhob, sah sie die anstößigen Bilder fremder Genitalien nicht wieder, sondern hatte 
die Idee, die Fremden sähen ihre Genitalien, sobald sie sich hinter ihr befänden 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen 385 

Zählung von O. Ludwig, „Die Heiterethei" gelesen und bemerkt, 
daß sie bei der Lektüre von aufsteigenden Gedanken in Anspruch 
genommen wurde. Unmittelbar darauf ging sie auf der Landstraße 
spazieren, und nun sagten ihr plötzlich die Stimmen, als sie an 
einem Bauernhäuschen vorüberging: „So hat das Haus der Heitere- 
thei ausgesehen! Da ist der Brunnen und da der Strauch! Wie 
glücklich war sie doch bei all ihrer Armut!" Dann wiederholten 
ihr die Stimmen ganze Abschnitte, die sie eben gelesen hatte; 
aber es blieb unverständlich, warum Haus, Strauch und Brunnen 
der Heiterethei und gerade die belang- und beziehungslosesten 
Stellen der Dichtung sich ihrer Aufmerksamkeit mit pathologi- 
scher Stärke aufdrängen mußten. Indes war die Lösung des Rätsels 
nicht schwer. Die Analyse ergab, daß sie während der Lektüre 
auch andere Gedanken gehabt hatte und durch ganz andere Stellen 
des Buches angeregt worden war. Gegen dieses Material — Ana- 
logien zwischen dem Paare der Dichtung und ihr und ihrem 
Manne, Erinnerungen an Intimitäten ihres Ehelebens und an 
Familiengeheimnisse — g e g en dies alles hatte sich ein verdrängen- 
der Widerstand erhoben, weil es auf leicht nachweisbaren Ge- 
dankenwegen mit ihrer sexuellen Scheu zusammenhing und so in 
letzter Linie auf die Erweckung der alten Kindererlebnisse hinaus- 
kam. Infolge dieser von der Verdrängung geübten Zensur gewannen 
die harmlosen und idyllischen Stellen, die mit den beanstandeten 
durch Kontrast und auch durch Vizinität verknüpft waren, die 
Verstärkung für das Bewußtsein, die ihnen das Lautwerden er- 
möglichte. Der erste der verdrängten Einfälle bezog sich z. B. 
auf die Nachrede, der die vereinsamt lebende Heldin von seiten 
der Nachbarn ausgesetzt war. Die Analogie mit ihrer eigenen 
Person wurde von ihr leicht gefunden. Auch sie lebte in einem 
kleinen Orte, verkehrte mit niemand und glaubte sich von den 
Nachbarn mißachtet. Dies Mißtrauen gegen ihre Nachbarn hatte 
seinen wirklichen Grund darin, daß sie anfangs genötigt war, sich 
mit einer kleinen Wohnung zu begnügen, in welcher die Schlaf- 



384 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



zimmerwand, an der die Ehebetten des jungen Paares standen, 
an ein Zimmer der Nachbarn stieß. Mit dem Beginn ihrer Ehe 
erwachte in ihr — offenbar durch unbewußte Erweckung ihres 
Kinderverhältnisses, in dem sie Mann und Frau gespielt hatten — 
eine große sexuelle Scheu; sie besorgte beständig, daß die Nach- 
barn Worte und Geräusche durch die trennende Wand vernehmen 
könnten, und diese Scham verwandelte sich bei ihr in Argwohn 
gegen die Nachbarn. 

Die Stimmen verdankten also ihre Entstehung der Verdrängung 
von Gedanken, die in letzter Auflösung eigentlich Vorwürfe an- 
läßlich eines dem Kindertrauma analogen Erlebnisses bedeuteten ; 
sie waren demnach Symptome der Wiederkehr des Verdrängten, 
aber gleichzeitig Folgen eines Kompromisses zwischen Widerstand 
des Ichs und Macht des Wiederkehrenden, der in diesem Falle 
eine Entstellung bis zur Unkenntlichkeit herbeigeführt hatte. In 
anderen Fällen, in denen ich Stimmen bei Frau P. zu analysieren 
Gelegenheit hatte, war die Entstellung minder groß 5 doch hatten 
die gehörten Worte immer einen Charakter von diplomatischer 
Unbestimmheit; die kränkende Anspielung war meist tief versteckt, 
der Zusammenhang der einzelnen Sätze durch fremdartigen Aus- 
druck, ungewöhnliche Sprachformen u. dgl. verkleidet: Charaktere, 
die den Gehörshalluzinationen der Paranoiker allgemein eigen sind, 
und in denen ich die Spur der Kompromißentstellung erblicke. 
Die Rede: „Da geht die Frau P., sie sucht Wohnung in 1 der 
Straße' , bedeutete z. B. die Drohung, daß sie nie genesen werde, 
denn ich hatte ihr zugesagt, daß sie nach der Behandlung im- 
stande sein werde, in die kleine Stadt, wo ihr Mann beschäftigt 
war, zurückzukehren; sie hatte für einige Monate in Wien provi- 
sorisch Wohnung gemietet. 

In einzelnen Fällen vernahm Frau P. auch deutlichere Drohungen, 
z. B. in betreff der Verwandten ihres Mannes, deren zurück- 
haltender Ausdruck aber immer noch mit der Qual kontrastierte, 
welche ihr solche Stimmen bereiteten. Nach dem, was man sonst 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neurop sychosen 385 

von Paranoikern weiß, bin ich geneigt, ein allmähliches Erlahmen 
jenes die Vorwürfe abschwächenden Widerstandes anzunehmen, so 
daß endlich die Abwehr voll mißlingt, und der ursprüngliche 
Vorwurf, das Schimpfwort, welches man sich ersparen wollte, in 
unveränderter Form zurückkehrt. Indes weiß ich nicht, ob dies 
ein konstanter Ablauf ist, ob die Zensur der Vorwurfsreden nicht 
von Anfang an ausbleiben oder bis zum Ende ausharren kann. 

Es erübrigt mir nur noch, die an diesem Falle von Paranoia 
gewonnenen Aufklärungen für eine Vergleichung der Paranoia 
mit der Zwangsneurose zu verwerten. Die Verdrängung als Kern 
des psychischen Mechanismus ist hier wie dort nachgewiesen, das 
Verdrängte ist in beiden Fällen ein sexuelles Kindererlebnis. Jeder 
Zwang rührt auch bei dieser Paranoia von Verdrängung her; die 
Symptome der Paranoia lassen eine ähnliche Klassifizierung zu, 
wie sie sich für die Zwangsneurose als berechtigt erwiesen hat. 
Ein Teil der Symptome entspringt wieder der primären Abwehr, 
nämlich alle Wahnideen] des Mißtrauens, Argwohns, der Ver- 
folgung durch andere. Bei der Zwangsneurose ist der initiale Vor- 
wurf verdrängt worden durch die Bildung des primären Abwehr- 
symptoms: Selbstmißtrauen. Dabei ist der Vorwurf als berechtigt 
anerkannt worden, und zur Ausgleichung schützt nun die Geltung, 
welche sich die Gewissenhaftigkeit im gesunden Intervall erworben 
hat, davor, dem als Zwangsvorstellung wiederkehrenden Vorwurfe 
Glauben zu schenken. Bei Paranoia wird der Vorwurf auf einem 
Wege, den man als Projektion bezeichnen kann, verdrängt, indem 
das Abwehrsymptom des Mißtrauens gegen andere errichtet 
wird 5 dabei wird dem Vorwurfe die Anerkennung entzogen, und 
wie zur Vergeltung fehlt es dann an einem Schutze gegen die in 
den Wahnideen wiederkehrenden Vorwürfe. 

Andere Symptome meines Falles von Paranoia sind als Sym- 
ptome der Wiederkehr des Verdrängten zu bezeichnen und tragen 
auch, wie die der Zwangsneurose, die Spuren des Kompromisses 
an sich, der ihnen allein den Eintritt ins Bewußtsein gestattet. 

Freud, I. 



386 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



So die Wahnidee, beim Auskleiden beobachtet zu werden, die 
visuellen, die Empfindungshalluzinationen und das Stimmenhören. 
Nahezu unveränderter, nur durch Auslassung unbestimmt ge- 
wordener Erinnerungsinhalt findet sich in der erwähnten Wahn- 
idee vor. Die Wiederkehr des Verdrängten in visuellen Bildern 
nähert sich eher dem Charakter der Hysterie als dem der Zwangs- 
neurose, doch pflegt die Hysterie ihre Erinnerungssymbole ohne 
Modifikation zu wiederholen, während die paranoische Erinnerungs- 
halluzination eine Entstellung erfährt, wie sie der Zwangsneurose 
zukommt; ein analoges modernes Bild setzt sich an die Stelle des 
verdrängten (Schoß einer erwachsenen Frau anstatt des eines Kindes; 
daran sogar die Behaarung besonders deutlich, weil diese dem 
ursprünglichen Eindruck fehlte). Ganz der Paranoia eigentümlich 
und in dieser Vergleichung weiter nicht zu beleuchten ist der 
Umstand, daß die verdrängten Vorwürfe als lautgewordene Ge- 
danken wiederkehren, wobei sie sich eine zweifache Entstellung 
gefallen lassen müssen, eine Zensur, die zur Ersetzung durch andere 
assoziierte Gedanken oder zur Verhüllung durch unbestimmte Aus- 
drucksweise führt, und die Beziehung auf rezente, den alten bloß 
analoge Erlebnisse. 

Die dritte Gruppe der bei Zwangsneurose gefundenen Sym- 
ptome, die Symptome der sekundären Abwehr, kann bei der 
Paranoia nicht als solche vorhanden sein, da sich gegen die wieder- 
kehrenden Symptome, die ja Glauben finden, keine Abwehr geltend 
macht. Zum Ersätze hiefür findet sich bei Paranoia eine andere 
Quelle für Symptombildung; die durch das Kompromiß ins Be- 
wußtsein gelangten Wahnideen (Symptome der Wiederkehr) stellen 
Anforderungen an die Denkarbeit des Ichs, bis daß sie wider- 
spruchsfrei angenommen werden können. Da sie selbst unbeein- 
flußbar sind, muß das Ich sich ihnen anpassen und somit ent- 
spricht den Symptomen der sekundären Abwehr bei der Zwangs- 
neurose hier die kombinatorische Wahnbildung, der Deutungs- 
wahn, der in die Ich-Veränderung ausläuft. Mein Fall war in 



Weitere Bemerkungen über die Abwehr- Neuropsychosen 387 



dieser Hinsicht unvollständig; er zeigte damals noch nichts von 
Deutungsversuchen, die sich erst später einstellten. Ich zweifle 
aber nicht daran, daß man noch ein wichtiges Resultat wird fest- 
stellen können, wenn man die Psychoanalyse auch auf dieses 
Stadium der Paranoia anwendet. Es dürfte sich ergeben, daß auch 
die sogenannte Erinnerungsschwäche der Paranoiker eine ten- 
denziöse, d. h. auf Verdrängung beruhende und ihren Absichten 
dienende ist. Es werden nachträglich jene gar nicht pathogenen 
Erinnerungen verdrängt und ersetzt, die mit der Ich- Veränderung 
in Widerspruch stehen, welche die Symptome der Wiederkehr 
gebieterisch erfordern. 



>5* 



L'HEREDITÜ ET L'^TIOLOGIE DES 
NÜVROSES 



Zuerst erschienen in der „Revue neurologique" 
IV (i8 9 6). 



Je m'adresse specialement aux disciples de J.-M. Charcot pour 
faire valoir quelques objections contre la theorie etiologique des 
neVroses qui nous a ete transmise par notre maitre. 

On sait quel est le röle attribue ä l'heredite nerveuse dans 
cette theorie. Elle est pour les affections nevrosiques la seule cause 
vraie et indispensable, les autres influences etiologiques ne devant 
aspirer qu'au nom d'agents provocateurs. 

Ainsi le maitre lui-meme et ses eleves, MM. Guinon, Gilles 
de la Tourette, Janet et d'autres l'ont enonce pour la grande 
nevrose, l'hysterie et, je crois, la meme opinion est soutenue en 
France et un peu partout pour les autres nevroses, bien qu'elle 
n'ait pas ete emise d'une maniere aussi solennelle et decidee pour^ 
ces etats analogues ä l'hysterie. 

C'est depuis longtemps que j'entretiens quelques soupcons dans 
cette matiere, mais il m'a fallu attendre pour trouver des faits 
d'appui dans l'experience journaliere du medecin. Maintenant mes 
objections sont d'un double ordre, arguments de faits et argu- 
menta tires de la Spekulation. Je commencerai par les premiers, 
en les arrangeant selon l'importance que je leur concede. 



L'heredite et l'etiologie des nevroses 389 



a) On a parfois juge comme nerveuses et demonstratives d'une 
tendance nevropathique hereditaire, des affections qui assez souvent 
sont etrangeres au domaine de la neuropathologie et ne dependent 
pas n^cessairement d'une maladie du Systeme nerveux. Ainsi les 
nevralgies vraies de la face et nombre des cephalees, qu'on croyait 
nerveuses, mais qui derivent plutot des altörations pathologiques 
post-infectieuses et des suppurations dans le Systeme cavitaire 
pharyngo-nasal. Je me tiens persuade, que les malades en profi- 
teraient si nous abandonnions plus souvent le traitement de ces 
affections aux chirurgiens rhinologistes. 

b) On a accepte comme donnant lieu ä la charge de tare ner- 
veuse hereditaire pour le malade en question toutes les affections 
nerveuses trouvees dans sa famille sans en compter la fr^quence 
et la gravite. N'est-ce pas que cette maniere de voir semble con- 
tenir une Separation nette entre les familles indemnes de toute 
pr^disposition nerveuse et les familles qui y soient sujettes sans 
borne ni restriction? Et les faits ne plaident-ils pas plutot en 
faveur de l'opinion opposee, savoir qu'il y ait des transitions et 
des degres de disposition nerveuse et qu'aucune famille n'y echappe 
tout ä fait? 

c) Assurement notre opinion sur le röle etiologique de l'here- 
dite dans les maladies nerveuses doit etre le resultat d'un examen 
impartial statistique et non pas d'une petitio principii. Tant que 
cet examen n'aura pas ete fait on devrait croire l'existence des 
neVropathies acquises aussi possible que Celle des nevropathies herd- 
ditaires. Mais s'il peut y avoir des nevropathies acquises par des 
hommes non predisposes, on ne pourra plus nier que les affections 
nerveuses rencontrees chez les parents de notre malade, ne soient 
en partie de cette origine. Alors on ne saura plus les invoquer 
comme preuves concluantes de la disposition her^ditaire, qu'on 
impose au malade ä raison de son histoire familiale, puisque le 



39° 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



diagnostic retrospectif des maladies des ascendants ou des membres 
absents de la famille ne reussit que tres rarement. 

d) Ceux qui se sont attaches ä M. Fournier et ä M. Erb con- 
cernant le role ^tiologique de la syphilis dans le tabes dorsal et 
la paralysie progressive, ont appris qu'il faut reconnaitre des in- 
fluences etiologiques puissantes dont la collaboration est indispen- 
sable pour la pathogenie de certaines maladies, que 1'heV^dite ä 
eile seule ne saurait produire. Cependant M. Charcot est demeure 
jusqu'ä son dernier temps, comme j'ai su par une lettre privöe 
du maitre, en stricte Opposition contre la theorie de Fournier qui 
pourtant gagne du terrain de jour en jour. 

e) II n'est pas douteux que certaines nevropathies peuvent se 
developper chez l'homme parfaitement sain et de famille irre- 
prochable. C'est ce qu'on observe tous les jours pour la nevrasthenie 
de Beard; si la nevrasthenie se bornait aux gens predisposes eile 
n'aurait jamais gagne l'importance et l'^tendue que nous lui con- 
naissons. 

f) II y a dans la pathologie nerveuse, Vheredite similaire et 
l'heredite dite dissimilaire. Pour la premiere on ne trouvera rien 
ä redire; c'est meme tres remarquable, que dans les affectioris 
qui dependent de l'heredite similaire (maladie de Thomsen, de 
Friedreich ; myopathies, choree de Huntington etc.) on ne rencontre 
jamais la trace d'une autre influence ^tiologique accessoire. Mais 
l'heredite' dissimilaire, beaucoup plus importante que l'autre, laisse 
des lacunes qu'il faudrait combler pour arriver a une Solution 
satisfaisante des problemes etiologiques. Elle consiste dans le fait 
que les membres de la meme famille se montrent visit^s par les 
neVropathies les plus diverses, fonctionelles et organiques, sans 
qu'on puisse devoiler une loi qui dirige la Substitution d'une 
maladie pour une autre ou l'ordre de leur succession ä travers 
les generations. A cote des individus malades il y a dans ces familles 
des personnes qui restent saines, et la theorie de l'heredite dissi- 
milaire ne nous dit pas pourquoi cette personne Supporte la meme 



L'heredite et l'Stiologie des nevroses 591 

charge h&reditaire sans y succomber, ni pourquoi une autre per- 
sonne malade aura choisi, parmi les affections qui constituent 
la grande famille nevropathique, une teile affection nerveuse au 
lieu d'en avoir choisi une autre, l'hysterie au lieu de l'epilepsie, 
de la vesanie, etc. Comme il n'y a pas une fortuite, en patho- 
genie nerveuse pas plus qu'aüleurs, il faut bien conceder que ce 
n'est pas l'heredite qui preside au choix de la nevropathie qui se 
developpera chez le membre d'une famille prddispose, mais qu'il 
y a lieu de soupconner l'existence d'autres influences etiologiques, 
d'une nature moins imcomprehensible, qui meriteraient alors le 
nom d'une etiologie specifique de teile ou teile affection nerveuse. 
Sauf l'existence de ce facteur etiologique special l'heredite n'aurait 
pu rien faire 5 eile se serait pretee ä la production d'une autre 
neVropathie si l'etiologie specifique en question avait ete Substitute 
par une influence quelqu'autre. 

II 

On a trop peu recherche ces causes specifiques et determinan- 
tes des nevropathies l'attention des medecins demeurant eblouie 
par la grandiose perspective de la condition etiologique here- 
ditaire. 

Neanmoins elles meritent bien qu'on les rende l'objet d'une 
etude assidue; bien que leur puissance pathogenique ne soit en 
general qu'accessoire ä celle de l'heredite, un grand interet pra- 
tique se rattache ä la connaissance de cette etiologie specifique 
qui pretera un acces ä notre travail therapeutique, tandis que la 
disposition hereditaire, fixde d'avance pour le malade des sa nais- 
sance, arrete nos efforts en pouvoir inabordable. 

Je me suis engage depuis des annees dans la recherche de 
l'etiologie des grandes nevroses (etats nerveux fonctionnels ana- 
logues ä l'hysterie) et c'est le rdsultat de ces etudes que je 
raconterai dans les lignes qui vont suivre. Pour eviter tout 



malentendu possible j'exposerai d'abord deux remarques sur la 
nosographie des nevroses et sur l'etiologie des nevroses en g6- 
neral. 

II m'a fallu commencer mon travail par une Innovation noso- 
graphique. A cote de l'hysterie j'ai trouve raison de placer la 
nevrose des obsessions (Zwangsneurose) comme affection autonome 
et independante, bien que la plupart des auteurs fassent ranger 
les obsessions parmi les Syndromes constituant la degeneres- 
cence mentale ou les confondent avec la nevrasthenie. Moi, 
j'avais appris par l'examen de leur mecanisme psychique, que 
les obsessions sont liees ä l'hysterie plus etroitement qu'on ne 
croirait.' 

Hysterie et nevrose d'obsessions forment le premier groupe des 
grandes nevroses, que j'ai etudiees. Le second contient la nev- 
rasthenie de Beard que j'ai decomposee en deux etats fonctionnels 
separes par l'etiologie comme par l'aspect symptomatique, la 
nevrasthenie propre et la nevrose dangoisse (Angstneurose), de- 
nomination qui, soit dit en passant, ne me convient pas a moi- 
meme. J'ai donne les raisons de cette Separation, que je crois 
necessaire, en detail dans un memoire publik en 1895 (Neurolo- 
gisches Zentralblatt, n° 10 — 11). 

Quant a l'etiologie des nevroses, je pense qu'on doit recon- 
naitre en theorie que les influences etiologiques differentes entre 
elles par leur dignit^ et maniere de relation avec l'effet qu'elles 
produisent, se laissent ranger en trois classes: 1) Conditions, qui 
sont indispensables pour la production de l'affection en question, 
mais qui sont [de nature universelle et se recontrent aussi bien 
dans l'etiologie de beaucoup d'autres affections; 2) Causes concur- 
rentes, qui partagent le caractere des conditions qu'elles fonction- 
nent dans la causation d'autres affections aussi bien que dans celle 
de l'affection en question, mais qui ne sont pas indispensables, pour 
que. cette derniere se produise; 5) Causes specifiques, autant in- 
dispensables que les conditions, mais de nature etroite et qui 



L'heredite et l'etiologie des nevroses 593 

n'apparaissent que dans l'etiologie de l'affection, de laquelle elles 
sont specifiques. 

Eh bien, dans la Pathogenese des grandes nevroses l'heredite 
remplit le role d'une condition, puissante dans tous les cas et 
meme indispensable dans la plupart des cas. Elle ne saurait se 
passer de la collaboration des causes specifiques, mais l'importance 
de la disposition hereditaire se trouve demontree par le fait que 
les memes causes specifiques agissant sur un individu sain ne pro- 
duiraient aucun effet pathologique manifeste pendant que chez 
une personne predisposee leur action fera eclore la nevrose, de 
laquelle le developpement en intensite ^et etendue sera conforme 
au degre de cette condition hereditaire. 

L'action de l'heredite est donc comparable ä celle du fil mul- 
tiplicateur dans le circuit electrique, qui exagere la deviation 
visible de l'aiguille, mais qui ne pourra pas en determiner la 
direction. 

Dans les relations qui existent entre la condition hereditaire et 
les causes specifiques des nevroses il y a encore autre chose ä 
noter. L'experience montre, ce qu'on aurait pu supposer d'avance, 
qu'on ne devrait pas negliger dans ces questions d'etiologie les 
quantit^s relatives pour ainsi dire des influences etiologiques. Mais 
on n'aurait pas devine le fait suivant, qui semble decouler de mes 
observations, que l'heredite et les causes specifiques peuvent se 
remplacer par le cote quantitatif, que le meme effet patho- 
logique sera produit par la concurrence d'une etiologie specifique 
tres serieuse avec une disposition mddiocre ou d'une heredite" ner- 
veuse chargee avec une influence specifique legere. Alors ce n'est 
qu'un extreme bien plausible de cette serie, qu'on rencontre aussi 
des cas de nevroses, oü on cherchera en vain un degre appreciable 
de disposition [hereditaire, pourvu que ce manque soit compense" 
par une puissante influence specifique. 

Comme causes concurrentes ou accessoires des nevroses, ont 
peut enumerer tous les agents banals rencontres ailleurs: emotions 



394 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



morales, epuisement somatique, maladies aigues, intoxications, 
accidents traumatiques, surmenage intellectuel, etc. Je tiens ä la 
proposition qu'aucun d'eux, ni raeme le dernier, n'entre rö- 
gulierement ou necessairement dans l'etiologie des nevroses, et 
e sais bien qu'enoncer cette opinion c'est se mettre en Opposition 
directe contre une thäorie consideree comme universelle et irr^- 
prochable. Depuis que Beard avait döclare la nevrasthenie etre le 
•fruit de notre civilisation moderne, il n'a trouve que des 
croyants; mais il m'est impossible ä moi d'accepter cette opinion. 
Une etude laborieuse des nevroses m'a appris que l'etiologie sp^- 
cifique des nevroses s'est soustraite ä la connaissance de Beard. 

Je ne veux pas deprecier Fimportance etiologique de ces agents 
banals. Ils sont tres varids, d'une occurrence frequente, et accus& 
le plus souvent par les malades memes, il se rendent plus evidents 
que les causes specifiques des nevroses, etiologie ou cachee ou 
ignoree. Ils remplissent assez souvent la fonction des agents pro- 
vocateur qui rendent manifeste la nevrose jusque lä latente, et un 
interet pratique se rattache ä eux, parce que la consideration de 
ces causes banales peut preter des points d'appui ä une therapie 
qui ne vise pas la guerison radicale, et qui se contente de re- 
fouler l'affection ä son etat anterieur de latence. 

Mais on n'arrive pas ä constater une relation constante et (kroite 
entre une de ces causes banales et teile ou autre affection ner- 
veuse; l'emotion morale, par exemple, se trouve aussi bien dans 
l'etiologie de Fhysterie, des obsessions, de la nevrasthenie, comme 
dans celle de l'epilepsie, de la maladie de Parkinson, du diabete, 
et nombre d'autres. 

Les causes concurrentes banales pourront aussi remplacer l'etio- 
logie specifique en rapport de quantite, mais jamais la substituer 
completement. II y a nombre de cas oü toutes les influences etio- 
logiques sont repreWtöes par la condition heVeditaire et la cause 
specifique, les causes banales faisant ddfaut. Dans les autres cas, les 
facteurs etiologiques indispensables ne suffisent pas par leur quantite 



L'heredite et l' etiologie des nevroses 595 

k eux pour faire eclater la nevrose, un etat de sante apparente 
peut etre maintenu pour longtemps, qui est en verite un etat de 
pr^disposition nevrosique; il suffit alors qu'une cause banale sura- 
joute son action, la nevrose devient manifeste. Mais il faut bien 
remarquer, dans de telles conditions, que la nature de l'agent banal 
survenant est tout a fait indifferente, emotion, traumatisme, maladie 
infectieuse ou autre; l'effet pathologique ne sera pas modifie selon 
cette Variation, la nature de la nevrose sera toujours dominee par 
la cause specifique preexistante. 

Quelles sont donc ces causes spdcifiques des nevroses? Est-ce 
une seule ou y en a-t-il plusieures? Et peut-on constater une re- 
lation etiologique constante entre teile cause et tel effet nevrosique, 
de maniere que chacune des grandes nevroses puisse etre ramenee 
ä une etiologie particuliere? 

Je veux maintenir, appuye sur un examen laborieux des faits, 
que cette derniere supposition correspond bien ä la realite, que 
chacune des grandes nevroses enumerees a pour cause immediate 
un trouble particulier de l'economie nerveuse, et que ces modi- 
fications pathologiques fonctionnelles reconnaissent comme source 
commune la vie sexuelle de Vindividu, soit desordre de la vie 
sexuelle actuelle, soit evenements importants de la vie passe'e. 

Ce n'est pas, ä vrai dire, une proposition nouvelle, inoui'e. On 
a toujours admis les desordres sexuels parmi les causes de la ner- 
vosite, mais on les a subordonnes ä l'heredite, coordonnes aux 
autres agents provocateur; on a restreint leur influence etiologique 
a un nombre limite des cas observes. Les m^decins avaient meme 
pris l'habitude de ne pas les rechercher si le malade ne les accu- 
sait lui-meme. Les caracteres distinctifs de ma maniere de voir 
sont que j'eleve ces influences sexuelles au rang de causes speci- 
fiques, que je reconnais leur action dans tous les cas de nevrose, 
enfin que je trouve un parallelisme regulier, preuve de relation 
etiologique particuliere entre la nature de l'influence sexuelle et 
l'espece morbide de la nevrose. 



39 6 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Je suis bien sür que cette theorie evoquera un orage de con- 
tradictions de la part des medecins contemporains. Mais ce n'est 
pas ici le lieu de donner les documents et les experiences, qui 
m'ont impose ma conviction, ni d'expliquer le vrai sens de l'ex- 
pression un peu vague „desordres de l'economie nerveuse". Ce 
sera fait, j'espere le plus amplement, dans un ouvrage que je pr^- 
pare sur la matiere. Dans le memoire present je me borne ä 
enoncer nies resultats. 

La neVrasthenie propre, d'un aspect clinique tres monotone, si 
l'on a mis ä part la nevrose d'angoisse (fatigue, Sensation de casque, 
dyspepsie flatulente, Obstipation, paresthesies spinales, faiblesse sexuelle 
etc.) ne reconnait comme etiologie specifique que l'onanisme (im- 
modere) ou les pollutions spontanees. 

C'est l'action prolongee et intensive de cette satisfaction sexuelle 
pernicieuse qui suffit ä elle-meme pour provoquer la nevrose 
nevrasthenique ou qui impose ä ce sujet le cachet nevrasthenique 
special manifeste plus tard sous l'influence d'une cause occasionelle 
accessoire. J'ai rencontre aussi des personnes qui presentaient les 
signes de la Constitution nevrasthenique chez lesquels je n'ai pas 
reussi ä mettre en evidence l'etiologie nommee, mais j'ai constate 
au moins que chez ces malades la fonction sexuelle n'etait jamais 
developpee au niveau normal 5 ils semblaient dou^s par heritage 
d'une Constitution sexuelle, analogue ä celle qui chez le nevr- 
asthenique est produite en consequence de l'onanisme. 

La nevrose d'angoisse, de laquelle le tableau clinique est beau- 
coup plus riche (irritabilite, etat d'attente anxieuse, phobies, attaques 
d'angoisse completes ou rudimentaires, de peur, de vertige, tremble- 
ments, sueurs, congestion, dyspnee, tachycardie etc.; diarrhee chroni- 
que, vertige chronique de locomotion, hyperesthesie, insomnies etc.) 1 
est facilement devoilee comme l'effect specifique de divers desordres 
de la vie sexuelle, qui ne manquent pas d'un caractere commun 



^ 1) Voir pour la Symptomatologie comme l'etiologie de la nevrose d'angoisse, mon 
memoire cite plus haut. Neurologisches Zentralblatt, 1895, n» 10—11. 



L'heredite et Vetiologie des nevroses 597 

ä eux tous. L'abstinence forcee, l'irritation genitale fruste (qui 
n'est pas assouvie par l'acte sexuel), le coit imparfait ou interrompu 
(qui n'aboutit pas ä la jouissance), les efforts sexuels, qui sur- 
passant la capacite psychique du sujet etc., tous ces agents, qui 
sont d'une occurrence trop frequente dans la vie moderne, semblent 
convenir en ce qu'ils troublent l'equilibre des fonctions psychiques 
et somatiques dans les actes sexuels, et qu'ils empechent la parti- 
cipation psychique ndcessaire pour delivrer l'econoniie nerveuse de 
la tension genesique. 

Ces remarques, qui contiennent peut-etre le germe d'une expli- 
cation theorique du mecanisme fonctionnel de la nevrose en 
question, laissent dejä soupconner, qu'une exposition complete et 
vraiment scientifique de la matiere ne soit pas possible actuelle- 
ment et qu'il faudrait avant tout aborder le probleme physio- 
logique de la vie sexuelle sous un point de vue nouveau. 

Je finis par dire, que la pathogenese de la nevrasthenie et de 
la neVrose d'angoisse peut bien se passer de la concurrence d'une 
disposition hereditaire. C'est le resultat de l'observation de tous 
les jours; mais si l'heredite est presente, le developpement de la 
nevrose en subira l'influence formidable. 

Pour la deuxieme classe des grandes nevroses, hysterie et nevrose 
d'obsessions, la Solution de la question etiologique est d'une simpli- 
cite et uniformite surprenante. Je dois mes resultats ä l'emploi 
d'une nouvelle methode de psychoanalyse, au procdde explorateur 
de J. Breuer, un peu subtil, mais qu'on ne saurait remplacer, tant 
il s'est montre fertile pour eclaircir les voies obscures de l'ideation 
inconsciente. Au moyen de ce procede — qu'il ne faut pas decrire 
a cet endroit 1 — on poursuit les symptomes hysteriques jusqu'ä 
leur origine qu'on trouve toutes les fois dans un evenement de 
la vie sexuelle du sujet bien approprie pour produire une emotion 
penible. Allant en arriere dans le passe du malade, de pas en 

1) Voir: J. Breuer und Sigm. Freud. Studien über Hysterie. Wien, 1895. 



39» 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



pas et toujours dirige par l'enchainement organique des symptomes, 
des souvenirs et des pensees eVeilles, je suis arrive" enfin au point 
de depart du processus pathologique et il m'a fallu voir, qu'il y 
avait au fond la meme chose dans tous les cas soumis ä l'analyse, 
l'action d'un agent, qu'il faut accepter comme cause spdcifique de 
l'hysterie. 

C'est bien un Souvenir qui se rapporte ä la vie sexuelle, mais 
qui offre deux caracteres de la derniere importance. L'evehement 
duquel le sujet a garde" le Souvenir inconscient est une experience 
precoce de rapports sexuels avec Irritation verkable des parties 
genitales, suite d'abus sexuel pratique par une autre personne et 
la periode de la vie qui renferme cet evenement funeste est la 
premiere jeunesse, les ann^es jusqu'a Tage de huit a dix ans, avant 
que l'enfant soit arrive ä la maturite sexuelle. 

Experience de passivite sexuelle avant la puberte: teile est donc 
l'&iologie specifique de l'hysterie. 

Je joindrai sans retard quesques details de faits et quelques re- 
marques commentaires au resultat enonce, pour combattre la 
mefiance que j'attends. J'ai pu pratiquer la psychoanalyse complete 
en treize cas d'hysterie, trois de ce nombre combinaisons vraies 
d'hysterie avec nevrose d'obsessions (je ne dis pas: hysterie avec 
obsessions). Dans aucun de ces cas ne manquait Tevenement caractense^ 
lä-hautj il ötait represente" ou par un attentat brutal commis par 
une personne adulte ou par une se"duction moins rapide, et moins 
repoussante, mais aboutissant ä la meme fin. Sept fois sur treize 
il s'agissait d'une liaison infantile des deux cotes, de rapports sexuels 
entre une petite fille et un garcon un peu plus äg6, le plus sou- 
vent son frere, et lui-meme victime d'une seduction anterieure. 
Ces liaisons s'etaient continuees quelquefois pendant des anncks 
jusqu'a la puberte des petits coupables, le garcon repetant toujours 
et sans innovation sur la petite fille les memes pratiques, qu'il 
avait subi lui-meme de la part d'une servante ou gouvernante, 
et qui pour cause de cette origine etaient souvent de nature de- 



L' her Mite et l'etiohgie des nevroses 3gg 

goütante. Dans quelques cas il y avait concurrence d'attentat et 
de liaison infantile, ou abus brutal reltere. 

La date de l'experience precoce etait variable: en deux cas la serie 
commencait dans la deuxieme annee (?) du petit etre; l'äge de prefe- 
rence est dans mes observations la quatrieme ou cinquieme annee. C'est 
peut-etre un peu par accident, mais j'ai reeu de lä 1'impression qu'un 
evenement de passivite sexuelle qui n'arrive qu'apres Tage de huit 
ä dix ans, ne pourra plus jeter les fondements de la nevrose. 

Comment peut-on rester convaincu de la realite" de ces con- 
fessions d'analyse qui pretendent etre des Souvenirs conserves de- 
puis la premiere enfance, et comment se munir contre Finclina- 
tion de mentir et la facilite d'invention attribuees aux hysteri- 
ques? Je m'accuserais de credulite - blamable moi-meme, si je ne 
disposais de preuves plus concluantes. Mais c'est que les malades 
ne racontent jamais ces histoires spontan^ment, ni ne vont jamais 
dans le cours d'un traitement offrir au medecin tout d'un coup 
le souvenir complet d'une teile scene. On ne reussit ä reveiller 
la trace psychique de l'evönement sexuel precoce que sous la 
pression la plus ^nergique du procede - analyseur et contre une 
resistance enorme, aussi faut-il leur arracher le souvenir morceau 
par morceau, et pendant qu'il s'eveille dans leur conscience, ils 
deviennent la proie d'une Emotion difficile a contrefaire. 

On finira meme par se convaincre si l'on n'est pas influence' 
par la conduite des malades, pourvu qu'on puisse suivre en detail 
le cours d'une psychoanalyse d'hysteYie par refdre. 

L'evenement precoce en question a laissö une empreinte im- 
p^rissable dans l'histoire du cas, il y est repr&ente' par une foule 
de symptomes et de traits particuliers, qu'on ne saurait expliquer 
autrement; il est exige d'une maniere p^remptoire par l'enchaine- 
ment subtil mais solide de la structure intrinseque de la neVrose; 
l'effet th^rapeutique de l'analyse reste en retard, si l'on n'a pas 
pe^i&re aussi loin; alors on n'a pas d'autre choix que de r^futer 
ou de croire le tout ensemble. 



4oo 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Peut-on comprendre, qu'une teile experience sexuelle precoce, 
subie par un individu, duquel le sexe est ä peine differencie, de- 
vienne la source d'une abnormite psychique persistante comme 
l'hysterie? Et comment s'accorderait une teile supposition ävec nos 
idees actuelles sur le mecanisme psychique de cette nevrose? On 
peut donner une reponse satisfaisante ä la premiere question: G'est 
justement parce que le sujet est infantile, que l'irritation sexuelle 
precoce produit nul ou peu d'effet ä sa date, mais la trace psy- 
chique en est conservee. Plus tard, quand ä la puberte se sera 
developpee la reactivite des organes sexuels ä un niveau presque 
incommensurable avec l'etat infantile, il arrive d'une maniere ou 
d'une autre, que cette trace psychique inconsciente se reveille. 
Gräce au changement du ä la puberte" le souvenir deploiera une 
puissance qui a fait totalement defaut ä l'evenement lui-meme; 
le souvenir agira comme s'il etait un evenement actuel. II y a pour 
ainsi dire action posthume dun traumatisme sexuel. 

Autant que je vois, ce reveil du souvenir sexuel apres la puberte, 
l'evenement meme etant arrive ä un temps recule avant cette 
periode, constitue la seule eventualite psychologique, pour que 
l'action immediate d'un souvenir surpasse celle de l'evenement 
actuel. Mais c'est lä une constellation anormale, qui atteint un 
cote faible du mecanisme psychique et produit necessairement un 
effet psychique pathologique. 

Je crois comprendre que cette relation inverse entre I 'effet psy- 
chique du souvenir et de Vevenement contient la raison pour la- 
quelle le souvenir reste inconscient. 

On arrive ainsi ä un probleme psychique tres complexe, mais 
qui düment apprecie promet de jeter un jour, une lumiere vive 
sür les questions les plus delicates de la vie psychique. 

Les id^es ici exposees, ayant pour point de depart le resultat 
de la psychoanalyse, qu'on trouve toujours comme cause specifi- 
que de l'hysterie un souvenir d'experience sexuelle precoce, ne 
s'accordent pas avec la theorie psychologique de la nevrose de 



L'heredite et l'etiologie des nevroses 401 

M. Janet, ni avec une autre, mais elles harmonisent parfaitement 
avec mes propres spöculations developpees ailleurs sur les „Abwehr- 
neurosen". 

Tous les evenements posterieurs ä la puberte, auxquels il faut 
attribuer une influence sur le developpement de la nevrose hysteri- 
que et sur la formation de ses symptomes ne sont vraiment que 
des causes concurrentes, „agents provocateur" comme disait Charcot, 
pour qui l'heredite nerveuse occupait la place que je reclame pour 
l'experience sexuelle precoce. Ces agents accessoires ne sont pas 
sujets aux conditions strictes, qui pesent sur les causes specifiques; 
l'analyse demontre d'une maniere irrefutable qu'ils ne jouissent 
d'une influence pathogene pour l'hysterie que par leur faculte 
d'eVeüler la trace psychique inconsciente de l'evenement infantile. 
C'est aussi gräce ä leur connexion avec l'empreinte pathogene pri- 
maire et aspires par eile, que leurs Souvenirs deviendront incons- 
cients ä leur tour et pourront aider l'accroissement d'une activite 
psychique soustraite au pouvoir des fonctions conscientes. 

La nevrose d'obsessions (Zwangsneurose) releve d'une cause 
specifique tres analogue ä celle de l'hysterie. On y trouve aussi 
un evenement sexuel precoce, arrive avant l'äge de la puberte, 
duquel le souvenir devient actif pendant ou apres cette epoque, 
et les memes remarques et raisonnements exposes ä l'occasion de 
l'hysterie pourront s'appliquer aux observations de l'autre nevrose 
(six cas, dont trois purs). II n'y a qu'une difference qui semble 
capitale. Nous avons trouve au fond de l'etiologie hysterique un 
evenement de passivite sexuelle, une experience subie avec indiffe- 
rence ou avec un petit peu de depit ou d'effroi. Dans la nevrose 
d'obsessions il s'agit au contraire d'un evenement, qui a fait plaisir, 
d'une aggression sexuelle inspiree par le desir (en cas de garcon) 
ou d'une participation avec jouissance aux rapports sexuels (en cas 
de petite fille). Les idees obsedantes, reconnues par l'analyse dans 
leur sens intime, reduites pour ainsi dire ä leur expression la plus 
simple ne sont pas autre chose que des reproches, que le suj'et 

Freud, I. 26 



402 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



s'adresse ä cause de cette jouissance sexuelle anticipe'e, mais des 
reproches defigures par im travail psychique inconscient de trans- 
formation et de Substitution. 

Le fait meme, que de telles aggressions sexuelles se passent 
dans un äge aussi tendre, semble denoncer l'influence d'une sdduc- 
tion anterieure, de laquelle la precocite du desir sexuel soit la 
consequence. L'analyse vient confirmer ce soupcon, dans les cas 
analyses par moi. On s'explique de cette maniere un fait inter- 
essant toujours present dans ces cas d'obsessions, la complication 
reguliere du cadre symptomatique par un certain nombre de sym- 
ptomes simplement hystöriques. 

L'importance de l'element actif de la vie sexuelle pour la cause 
des obsessions comme de la passivite sexuelle pour la pathogenese 
de l'hysterie semble meme devoiler la raison de la connexion plus 
intime de l'hysterie avec le sexe feminin et de la preference des 
hommes pour la nevrose d'obsessions. On rencontre parfois des 
couples de malades nevroses, qui ont ete un couple de petits 
amoureux dans leur premiere jeunesse, l'homme souffrant d'obses- 
sions, la femme d'hysterie; s'il s'agit d'un frere et de la soeur on 
pourra meprendre pour un effet de l'heredite nerveuse, ce qui en 
verite derive d'experiences sexuelles precoces. 

II y a sans doute des cas d'hysterie ou d'obsession purs et isolds, 
independants de nevrasthenie ou nevrose d'angoisse; mais ce n'est 
pas la regle. Plus souvent la psycho-nevrose se presente comme 
accessoire aux nevroses nevrastheniques, evoquee par eux et sui- 
vant leur decours. C'est parce que les causes specifiques des der- 
niers, les desordres actuels de la vie sexuelle, agissent en meme 
temps comme causes accessoires des psycho-nevroses, dont ils eVeil- 
lent et raniment la cause specifique, le souvenir de Fexperience 
sexuelle precoce. 

Quant a l'heredite nerveuse, je suis loin de savoir evaluer au 
juste son influence dans l'etiologie des psycho-nevroses. Je concede 
que sa pr&ence est indispensable dans les cas graves, je doute 



L'heredite et l'etiologie des nevroses 403 

qu'elle soit necessaire pour les cas legers, mais je suis convaincu 
que l'heredite nerveuse ä eile seule ne peut pas produire les 
psycho-neVroses, si leur etiologie specifique, l'irritation sexuelle 
precoce, fait defaut. Je vois meme, que la question de savoir la- 
quelle des nevroses, hysterie ou obsessions, se developpera dans un 
cas donne, n'est pas jugee par l'heredite mais par un caractere 
special de cet evenement sexuel de la premiere jeunesse. 



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ZUR ÄTIOLOGIE DER HYSTERIE 



Zuerst erschienen in der „Wiener Klinischen 
Rundschau", 1896, Nr. 22—26. (Ausführung nach 
einem Vortrage im „Verein für Psychiatrie und Neuro- 
logie" in Wien am 2. Mai 1896.) 

Meine Herren! Wenn wir darangehen, uns eine Meinung über 
die Verursachung eines krankhaften Zustandes wie die Hysterie 
zu bilden, betreten wir zunächst den Weg der anamnestischen 
Forschung, indem wir den Kranken oder dessen Umgebung ins 
Verhör darüber nehmen, auf welche schädlichen Einflüsse sie selbst 
die Erkrankung an jenen neurotischen Symptomen zurückführen. 
Was wir so in Erfahrung bringen, ist selbstverständlich durch alle 
jene Momente verfälscht, die einem Kranken die Erkenntnis des 
eigenen Zustandes zu verhüllen pflegen, durch seinen Mangel an ' 
wissenschaftlichem Verständnis für ätiologische Wirkungen, durch 
den Fehlschluß des post hoc, ergo propter hoc, durch die Unlust, 
gewisser Noxen und Traumen zu gedenken oder ihrer Erwähnung 
zu tun. Wir halten darum bei solcher anamnestischer Forschung 
an dem Vorsatze fest, den Glauben der Kranken nicht ohne ein- 
gehende kritische Prüfung zu dem unserigen zu machen, nicht 
zuzulassen, daß die Patienten uns unsere wissenschaftliche Meinung 
über die Ätiologie der Neurose zurechtmachen. Wenn wir einer- 
seits gewisse konstant wiederkehrende Angaben anerkennen, wie 
die, daß der hysterische Zustand eine lang andauernde Nach- 



Zwr Ätiologie der Hysterie 405 



Wirkung einer einmal erfolgten Gemütsbewegung sei, so haben 
wir anderseits in die Ätiologie der Hysterie ein Moment einge- 
führt, welches der Kranke selbst niemals vorbringt und nur ungern 
gelten läßt, die hereditäre Veranlagung von seiten der Erzeuger. 
Sie wissen, daß nach der Meinung der einflußreichen Schule 
Charcots die Heredität allein als wirkliche Ursache der Hysterie 
Anerkennung verdient, während alle anderen Schädlichkeiten ver- 
schiedenartigster Natur und Intensität nur die Rolle von Gelegen- 
heitsursachen, von „agents provocateurs" spielen sollen. 

Sie werden mir ohneweiters zugeben, daß es wünschenswert 
wäre, es gäbe einen zweiten Weg, zur Ätiologie der Hysterie zu 
gelangen, auf welchem man sich unabhängiger von den Angaben 
der Kranken wüßte. Der Dermatologe z. B. weiß ein Geschwür 
als luetisch zu erkennen nach der Beschaffenheit der Ränder, des 
Belags, des Umrisses, ohne daß ihn der Einspruch des Patienten, 
der eine Infektionsquelle leugnet, daran irre machte. Der Gerichts- 
arzt versteht es, die Verursachung einer Verletzung aufzuklären, 
selbst wenn er auf die Mitteilungen des Verletzten verzichten 
muß. Es besteht nun eine solche Möglichkeit, von den Symptomen 
aus zur Kenntnis der Ursachen vorzudringen, auch für die Hysterie. 
Das Verhältnis der Methode aber, deren man sich hiefür zu be- 
dienen hat, zur älteren Methode der anamnestischen Erhebung 
möchte ich Ihnen in einem Gleichnisse darstellen, welches einen 
auf anderem Arbeitsgebiete tatsächlich erfolgten Fortschritt zum 
Inhalt hat. 

Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine wenig 
bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit Mauerresten, 
Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit verwischten und un- 
lesbaren Schriftzeichen sein Interesse erweckte. Er kann sich damit 
begnügen zu beschauen, was frei zutage liegt, dann die in der 
Nähe hausenden, etwa halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was 
ihnen die Tradition über die Geschichte und Bedeutung jener 
monumentalen Reste kundgegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen 



406 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

und ■ — Weiterreisen. Er kann aber auch anders vorgehen; er kann 
Hacken, Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner 
für die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das 
Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und von 
den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken. Lohnt der 
Erfolg seine Arbeit, so erläutern die Funde sich selbst; die Mauer- 
reste gehören zur Umwallung eines Palastes oder Schatzhauses, 
aus den Säulentrümmern ergänzt sich ein Tempel, die zahlreich 
gefundenen, im glücklichen Falle bilinguen Inschriften enthüllen 
ein Alphabet und eine Sprache, und deren Entzifferung und Über- 
setzung ergibt ungeahnte Aufschlüsse über die Ereignisse der Vor- 
zeit, zu deren Gedächtnis jene Monumente erbaut worden sind. 
Saxa loquuntur! 

Will man in annähernd ähnlicher Weise die Symptome einer 
Hysterie als Zeugen für die Entstehungsgeschichte der Krankheit 
laut werden lassen, so muß man an die bedeutsame Entdeckung 
J. Breuers anknüpfen, daß die Symptome der Hysterie (die 
Stigmata beiseite) ihre Determinierung von gewissen trau- 
matisch wirksamen Erlebnissen des Kranken herleiten, als 
deren Erinnerungssymbole sie im psychischen Leben des- 
selben reproduziert werden. Man muß sein Verfahren — oder 
ein im Wesen gleichartiges — anwenden, um die Aufmerksam- 
keit des Kranken vom Symptom aus auf die Szene zurückzuleiten, 
in welcher und durch welche das Symptom entstanden ist, und 
man beseitigt nach seiner Anweisung dieses Symptom, indem man 
bei der Reproduktion der traumatischen Szene eine nachträgliche 
Korrektur des damaligen psychischen Ablaufes durchsetzt.) 

Es liegt heute meiner Absicht völlig ferne, die schwierige 
Technik dieses therapeutischen Verfahrens oder die dabei gewon- 
nenen psychologischen Aufklärungen zu behandeln. Ich mußte nur 
an dieser Stelle anknüpfen, weil die nach Breuer vorgenommenen 
Analysen gleichzeitig den Zugang zu den Ursachen der Hysterie 
zu eröffnen scheinen. Wenn wir eine größere Reihe von Sym- 



Zur Ätiologie der Hysterie 407 

ptomen bei zahlreichen Personen dieser Analyse unterziehen, so 
werden wir ja zur Kenntnis einer entsprechend großen Reihe von 
traumatisch wirksamen Szenen geleitet werden. In diesen Erleb- 
nissen sind die wirksamen Ursachen der Hysterie zur Geltung 
gekommen 5 wir dürfen also hoffen, aus dem Studium der trau- 
matischen Szenen zu erfahren, welche Einflüsse hysterische Sym- 
ptome erzeugen und auf welche Weise. 

Diese Erwartung trifft zu, notwendigerweise, da ja die Sätze 
von Breuer sich bei der Prüfung an zahlreicheren Fällen als 
richtig erweisen. Aber der Weg von den Symptomen der Hysterie 
zu deren Ätiologie ist langwieriger und führt über andere Ver- 
bindungen, als man sich vorgestellt hätte. 

Wir wollen uns nämlich klar machen, daß die Zurückführung 
eines hysterischen Symptoms auf eine traumatische Szene nur 
dann einen Gewinn für unser Verständnis mit sich bringt, wenn 
diese Szene zwei Bedingungen genügt, wenn sie die betreffende 
determinierende Eignung besitzt, und wenn ihr die nötige 
traumatische Kraft zuerkannt werden muß. Ein Beispiel anstatt 
jeder Worterklärung! Es handle sich um das Symptom des hyste- 
rischen Erbrechens 5 dann glauben wir dessen Verursachung (bis 
auf einen gewissen Rest) durchschauen zu können, wenn die 
Analyse das Symptom auf ein Erlebnis zurückführt, welches be- 
rechtigterweise ein hohes Maß von Ekel erzeugt hat, wie 
etwa der Anblick eines verwesenden menschlichen Leichnams. 
Ergibt die Analyse anstatt dessen, daß das Erbrechen von einem 
großen Schreck, z. B. bei einem Eisenbahnunfall, herrührt, so 
wird man sich unbefriedigt fragen müssen, wieso denn der Schreck 
gerade zum Erbrechen geführt hat. Es fehlt dieser Ableitung an 
der Eignung zur Determinierung. Ein anderer Fall von un- 
genügender Aufklärung liegt vor, wenn das Erbrechen etwa von 
dem Genuß einer Frucht herrühren soll, die eine faule Stelle 
zeigte. Dann ist zwar das Erbrechen durch den Ekel determiniert, 
aber man versteht nicht, wie der Ekel in diesem Falle so mächtig 






werden konnte, sich durch ein hysterisches Symptom zu verewigen- 
es mangelt diesem Erlebnisse an traumatischer Kraft. 

Sehen wir nun nach, inwieweit die durch die Analyse auf- 
gedeckten traumatischen Szenen der Hysterie bei einer größeren 
Anzahl von Symptomen und Fällen den beiden erwähnten An- 
sprüchen genügen. Hier stoßen wir auf die erste große Ent- 
täuschung! Es trifft zwar einige Male zu, daß die traumatische 
Szene, in welcher das Symptom entstanden ist, wirklich beides, 
die determinierende Eignung und die traumatische Kraft besitzt, 
deren wir zum Verständnis des Symptoms bedürfen. Aber weit 
häufiger, unvergleichlich häufiger, finden wir eine der drei übrigen 
Möglichkeiten verwirklicht, die dem Verständnisse so ungünstig 
sind: die Szene, auf welche wir durch die Analyse geleitet werden, 
in welcher das Symptom zuerst aufgetreten ist, erscheint uns ent- 
weder ungeeignet zur Determinierung des Symptoms, indem ihr 
Inhalt zur Beschaffenheit des Symptoms keine Beziehung zeigt; 
oder das angeblich traumatische Erlebnis, dem es an inhaltlicher 
Beziehung nicht fehlt, erweist sich als normalerweise harmloser, 
für gewöhnlich wirkungsunfähiger Eindruck; oder endlich die 
„traumatische Szene" macht uns nach beiden Richtungen irre; 
sie erscheint ebenso harmlos wie ohne Beziehung zur Eigenart des 
hysterischen Symptoms. 

(Ich bemerke hier nebenbei, daß Breuers Auffassung von der < 
Entstehung hysterischer Symptome durch die Auffindung trau- 
matischer Szenen, die an sich bedeutungslosen Erlebnissen ent- 
sprechen, nicht gestört worden ist. Breuer nahm nämlich — im 
Anschlüsse an Charcot — an, daß auch ein harmloses Erlebnis 
zum Trauma erhoben werden und determinierende Kraft ent- 
falten kann, wenn es die Person in einer besonderen psychischen 
Verfassung, im sogenannten hypnoiden Zustand, betrifft. Allein 
ich finde, daß zur Voraussetzung solcher hypnoider Zustände oft- 
mals jeder Anhalt fehlt. Entscheidend bleibt, daß die Lehre von 
den hypnoiden Zuständen nichts zur Lösung der anderen Schwierig- 



Zur Ä tiologie der Hysterie 409 

keiten leistet, daß nämlich den traumatischen Szenen so häufig 
die determinierende Eignung abgeht.) 

Fügen Sie hinzu, meine Herren, daß diese erste Enttäuschung 
beim Verfolg der Breuerschen Methode unmittelbar durch eine 
andere eingeholt wird, die man besonders als Arzt schmerzlich 
empfinden muß. Zurückführungen solcher Art, wie wir sie ge- 
schildert haben, die unserem Verständnis betreffs der Determi- 
nierung und der traumatischen Wirksamkeit nicht genügen, bringen 
auch keinen therapeutischen Gewinn; der Kranke hat seine Sym- 
ptome ungeändert behalten, trotz des ersten Ergebnisses, das uns 
die Analyse geliefert hat. Sie mögen verstehen, wie groß dann 
die Versuchung wird, auf eine Fortsetzung der ohnedies müh- 
seligen Arbeit zu verzichten. 

Vielleicht aber bedarf es nur eines neuen Einfalles, um uns 
aus der Klemme zu helfen und zu wertvollen Resultaten zu 
führen! Der Einfall ist folgender: Wir wissen ja durch Breuer, 
daß die hysterischen Symptome zu lösen sind, wenn wir von 
ihnen aus den Weg zur Erinnerung eines traumatischen Erleb- 
nisses finden können. Wenn nun die aufgefundene Erinnerung 
unseren Erwartungen nicht entspricht, vielleicht ist derselbe Weg 
ein Stück weiter zu verfolgen, vielleicht verbirgt sich hinter der 
ersten traumatischen Szene die Erinnerung an eine zweite, die 
unseren Ansprüchen besser genügt, und deren Reproduktion mehr 
therapeutische Wirkung entfaltet, so daß die erstgefundene Szene 
nur die Bedeutung eines Bindegliedes in der Assoziationsverkettung 
hat? Und vielleicht wiederholt sich dieses Verhältnis, die Ein- 
schiebung unwirksamer Szenen als notwendiger Übergänge bei 
der , Reproduktion mehrmals, bis man vom hysterischen Symptom 
aus endlich zur eigentlich traumatisch wirksamen, in jeder Hin- 
sicht, therapeutisch wie analytisch, befriedigenden Szene gelangt? 
Nun, meine Herren, diese Vermutung ist richtig. Wo die erst- 
aufgefundene Szene unbefriedigend ist, sagen wir dem Kranken, 
dieses Erlebnis erkläre nichts, es müsse sich aber hinter ihm ein 



4^> 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



bedeutsameres, früheres Erlebnis verbergen, und lenken seine Auf- 
merksamkeit nach derselben Technik auf den Assoziationsfaden, 
welcher beide Erinnerungen, die aufgefundene und die aufzu- 
findende verknüpft. 1 Die Fortsetzung der Analyse führt dann jedes- 
mal zur Reproduktion neuer Szenen von den erwarteten Charak- 
teren. Wenn ich z. B. den vorhin ausgewählten Fall von hyste- 
rischem Erbrechen wieder aufnehme, den die Analyse zunächst 
auf einen Schreck bei einem Eisenbahnunfall zurückgeführt hat, 
welcher der determinierenden Eignung entbehrt, so erfahre ich 
aus weitergehender Analyse, daß dieser Unfall die Erinnerung an 
einen .andern, früher vorgekommenen, geweckt hat, den der 
Kranke zwar nicht selbst erlebte, der ihm aber Gelegenheit zu 
dem Grauen und Ekel erregenden Anblick eines Leichnams bot. 
Es ist, als ob das Zusammenwirken beider Szenen die Erfüllung 
unserer Postulate ermöglichte, indem das eine Erlebnis durch 
den Schreck die traumatische Kraft, das andere durch seinen In- 
halt die determinierende Wirkung beistellt. Der andere Fall, daß 
das Erbrechen auf den Genuß eines Apfels zurückgeführt wird, 
an dem sich eine faule Stelle befindet, wird durch die Analyse 
etwa in folgender Weise ergänzt: Der faulende Apfel erinnert an 
ein früheres Erlebnis, an das Sammeln abgefallener Äpfel in 
einem Garten, wobei der Kranke zufällig auf einen ekelhaften 
Tierkadaver stieß. 

Ich will auf diese Beispiele nicht mehr zurückkommen, denn 
ich muß das Geständnis ablegen, daß sie keinem Falle [meiner 
Erfahrung entstammen, daß sie von mir erfunden sind; höchst- 
wahrscheinlich sind sie auch schlecht 1 erfunden; derartige Auf- 
lösungen -hysterischer Symptome halte ich selbst für unmöglich. 
Aber der Zwang, Beispiele zu fingieren, erwächst mir aus mehreren 



1) Es bleibt dabei absichtlich außer Erörterung, von welchem Rang die Asso- 
ziation der beiden Erinnerungen ist (ob durch Gleichzeitigkeit, kausaler Art, nach 
inhaltlicher Ähnlichkeit usw.) und auf welche psychologische Charakteristik die ein- 
zelnen „Erinnerungen" (bewußte oder unbewußte) Ansprach haben. 



Zur Ätiologie der Hysterie 411 

Momenten, von denen ich eines unmittelbar anführen kann. Die 
wirklichen Beispiele sind alle unvergleichlich komplizierter; eine 
einzige ausführliche Mitteilung würde diese Vortragsstunde aus- 
füllen. Die Assoziationskette besteht immer aus mehr als zwei 
Gliedern, die traumatischen Szenen bilden nicht etwa einfache, 
perlschnurartige Reihen, sondern verzweigte, stammbaumartige Zu- 
sammenhänge, indem bei einem neuen Erlebnis zwei und mehr 
frühere als Erinnerungen zur Wirkung kommen; kurz, die Auf- 
lösung eines einzelnen Symptoms mitteilen, fällt eigentlich zu- 
sammen mit der Aufgabe, eine Krankengeschichte vollständig dar- 
zustellen. 

Wir wollen es nun aber nicht versäumen, den einen Satz 
nachdrücklich hervorzuheben, den die analytische Arbeit längs 
dieser Erinnerungsketten unerwarteterweise gegeben hat. Wir haben 
erfahren, daß kein hysterisches Symptom aus einem realen 
Erlebnis allein hervorgehen kann, sondern daß alle Male 
die assoziativ geweckte Erinnerung an frühere Erlebnisse 
zur Verursachung des Symptoms mitwirkt. Wenn dieser Satz 
— wieHeh meine — ohne Ausnahme richtig ist, so bezeichnet 
er uns aber auch das Fundament, auf dem eine psychologische 
Theorie der Hysterie aufzubauen ist. 

Sie könnten meinen, jene seltenen Fälle, in welchen die Ana- 
lyse das Symptom sofort auf eine traumatische Szene von guter 
determinierender Eignung und traumatischer Kraft zurückführt 
und es durch solche Zurückführung gleichzeitig wegschafft, wie 
dies in Breuers Krankengeschichte der Anna O. geschildert 
wird, seien doch mächtige Einwände gegen die allgemeine Geltung 
des eben aufgestellten Satzes. Das sieht in der Tat so aus; allein 
ich muß Sie versichern, ich habe die triftigsten Gründe, anzu- 
nehmen, daß selbst in diesen Fällen eine Verkettung wirksamer 
Erinnerungen vorliegt, die weit hinter die erste traumatische 
Szene zurückreicht, wenngleich die Reproduktion der letzteren 
allein die Aufhebung des Symptoms zur Folge haben kann. 



412 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

Ich meine, es ist wirklich überraschend, daß hysterische Sym- 
ptome nur unter Mitwirkung von Erinnerungen entstehen können, 
zumal wenn man erwägt, daß diese Erinnerungen nach allen 
Aussagen der Kranken ihnen im Momente, da das Symptom zu- 
erst auftrat, nicht zum Bewußtsein gekommen waren. Hier ist 
Stoff für sehr viel Nachdenken gegeben, aber diese Probleme 
sollen uns für jetzt nicht verlocken, unsere Richtung nach der 
Ätiologie der Hysterie zu verlassen. Wir müssen uns vielmehr 
fragen: Wohin gelangen wir, wenn wir den Ketten assoziierter 
Erinnerungen folgen, welche die Analyse uns aufdeckt? Wie weit 
reichen sie? Haben sie irgendwo ein natürliches Ende? Führen 
sie uns etwa zu Erlebnissen, die irgendwie gleichartig sind, dem 
Inhalte oder der Lebenszeit nach, so daß wir in diesen überall 
gleichartigen Faktoren die gesuchte Ätiologie der Hysterie er- 
blicken könnten? 

Meine bisherige Erfahrung gestattet mir bereits, diese Fragen 
zu beantworten. Wenn man von einem Falle ausgeht, der mehrere 
Symptome bietet, so gelangt man mittels der Analyse von jedem 
Symptom aus zu einer Reihe von Erlebnissen, deren Erinne- 
rungen in der Assoziation miteinander verkettet sind. Die ein- 
zelnen Erinnerungsketten verlaufen zunächst distinkt voneinander 
nach rückwärts, sind aber, wie bereits erwähnt, verzweigt; von 
einer Szene aus sind gleichzeitig zwei oder mehr Erinnerungen 
erreicht, von denen nun Seitenketten ausgehen, deren einzelne 
Glieder wieder mit Gliedern der Hauptkette assoziativ verknüpft 
sein mögen. Der Vergleich mit dem Stammbaum einer Familie, 
deren Mitglieder auch untereinander geheiratet haben, paßt hier 
wirklich nicht übel. Andere Komplikationen der Verkettung er- 
geben sich daraus, daß eine einzelne Szene in derselben Kette 
mehrmals erweckt werden kann, so daß sie zu einer späteren 
Szene mehrfache Beziehungen hat, eine direkte Verknüpfung mit 
ihr aufweist und eine durch Mittelglieder hergestellte. Kurz, der 
Zusammenhang ist keineswegs ein einfacher und die Aufdeckung 



"Zur Ätiologie der Hysterie 413 

der Szenen in umgekehrter chronologischer Folge (die eben den 
Vergleich mit der Aufgrabung eines geschichteten Trümmerfeldes 
rechtfertigt) trägt zum rascheren Verständnis des Herganges ge- 
wiß nichts bei. 

Neue Verwicklungen ergeben sich, wenn man die Analyse weiter 
fortsetzt. Die Assoziationsketten für die einzelnen Symptome be- 
ginnen dann in Beziehung zueinander zu treten 5 die Stammbäume 
verflechten sich. Bei einem gewissen Erlebnis der Erinnerungs- 
kette, z. B. für das Erbrechen, ist außer den rückläufigen Gliedern 
dieser Kette eine Erinnerung aus einer andern Kette erweckt 
worden, die ein anderes Symptom, etwa Kopfschmerz, begründet. 
Jenes Erlebnis gehört darum beiden Reihen an, es stellt also einen 
Knotenpunkt dar, wie deren in jeder Analyse mehrere aufzu- 
finden sind. Sein klinisches Korrelat mag etwa sein, daß von 
einer gewissen Zeit an die beiden Symptome zusammen auftreten, 
symbiotisch, eigentlich ohne innere Abhängigkeit voneinander. 
Knotenpunkte anderer Art findet man noch weiter rückwärts. 
Dort konvergieren die einzelnen Assoziationsketten; es finden sich 
Erlebnisse, 'von denen zwei oder mehrere Symptome ausgegangen 
sind. An das eine Detail der Szene hat die eine Kette, an ein 
anderes Detail die zweite Kette angeknüpft. 

Das wichtigste Ergebnis aber, auf welches man bei solcher 
konsequenten Verfolgung der Analyse stößt, ist dieses: Von welchem 
Fall und von welchem Symptom immer man seinen Ausgang ge- 
nommen hat, endlich gelangt man unfehlbar auf das Ge- 
biet des sexuellen Erlebens. Hiemit wäre also zuerst eine 
ätiologische Bedingung hysterischer Symptome aufgedeckt. 

Ich kann nach früheren Erfahrungen voraussehen, daß gerade 
gegen diesen Satz oder gegen die Allgemeingültigkeit dieses Satzes 
Ihr Widerspruch, meine Herren, gerichtet sein wird. Ich sage 
vielleicht besser: Ihre Widerspruchsneigung, denn es stehen wohl 
noch keinem von Ihnen Untersuchungen zu Gebote, die, mit dem- 
selben Verfahren angestellt, ein anderes Resultat ergeben hätten. 



414 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

Zur Streitsache selbst will ich nur bemerken, daß die Auszeich- 
nung des sexuellen Moments in der Ätiologie der Hysterie bei 
mir mindestens keiner vorgefaßten Meinung entstammt. Die beiden 
Forscher, als deren Zögling ich meine Arbeiten über Hysterie 
begonnen habe, Charcot wie Breuer, standen einer derartigen 
Voraussetzung ferne, ja sie brachten ihr eine persönliche Abneigung 
entgegen, von der ich anfangs meinen Anteil übernahm. Erst die 
mühseligsten Detailuntersuchungen haben mich, und zwar lang- 
sam genug, zu der Meinung bekehrt, die ich heute vertrete. Wenn 
Sie meine Behauptung, die Ätiologie auch der Hysterie läge im 
Sexualleben, der strengsten Prüfung unterziehen, so erweist sie 
sich als vertretbar durch die Angabe, daß ich in etwa achtzehn 
Fällen von Hysterie diesen Zusammenhang für jedes einzelne Sym- 
ptom erkennen und, wo es die Verhältnisse gestatteten, durch den 
therapeutischen Erfolg bekräftigen konnte. Sie können mir dann 
freilich einwenden, die neunzehnte und die zwanzigste Analyse 
werden vielleicht eine Ableitung hysterischer Symptome auch aus 
anderen Quellen kennen lehren und damit die Gültigkeit der 
sexuellen Ätiologie von der Allgemeinheit auf achtzig Prozent 
einschränken. Wir wollen es gerne abwarten, aber da jene acht- 
zehn Fälle gleichzeitig alle sind, an denen ich die Arbeit der 
Analyse unternehmen konnte, und da niemand diese Fälle mir 
zum Gefallen ausgesucht hat, werden Sie es begreiflich finden, 
daß ich jene Erwartung nicht teile, sondern bereit bin, mit meinem 
Glauben über die Beweiskraft meiner bisherigen Erfahrungen 
hinauszugehen. Dazu bewegt mich übrigens noch ein anderes 
Motiv von einstweilen bloß subjektiver Geltung. In dem einzigen 
Erklärungsversuch für den physiologischen und psychischen Mecha- 
nismus der Hysterie, den ich mir zur Zusammenfassung meiner 
Beobachtungen gestalten konnte, ist mir die Einmengung sexueller 
Triebkräfte zur unentbehrlichen Voraussetzung geworden. 

Also man gelangt endlich, nachdem die Erinnerungsketten kon- 
vergiert haben, auf sexuelles Gebiet und zu einigen wenigen Er- 



Zur Ätiologie der Hysterie 41g 



lebnissen, die zumeist in die nämliche Lebensperiode, in das Alter 
der Pubertät fallen. Aus diesen Erlebnissen soll man die Ätiologie 
der Hysterie entnehmen und durch sie die Entstehung hysterischer 
Symptome verstehen lernen. Hier erlebt man aber eine neue und 
schwerwiegende Enttäuschung! Die mit so viel Mühe aufgefun- 
denen, aus allem Erinnerungsmaterial extrahierten, anscheinend 
letzten traumatischen Erlebnisse haben zwar die beiden Charaktere: 
Sexualität und Pubertätszeit gemein, sind aber sonst so sehr dis- 
parat und ungleichwertig. In einigen Fällen handelt es sich 
wohl um Erlebnisse, die wir als schwere Traumen anerkennen 
müssen, um einen Versuch der Vergewaltigung, der dem unreifen 
Mädchen mit einem Schlage die ganze Brutalität der Geschlechts- 
lust enthüllt, um eine unfreiwillige Zeugenschaft bei sexuellen 
Akten der Eltern, die in einem ungeahntes Häßliches aufdeckt 
und das kindliche wie das moralische Gefühl verletzt u. dgl. In 
anderen Fällen sind diese Erlebnisse von erstaunlicher Gering- 
fügigkeit. Eine meiner Patientinnen zeigte zugrunde ihrer Neurose 
das Erlebnis, daß ein ihr befreundeter Knabe zärtlich ihre Hand 
streichelte und ein andermal seinen Unterschenkel an ihr Kleid 
drängte, während sie nebeneinander bei Tische saßen, wobei noch 
seine Miene sie erraten ließ, es handle sich um etwas Unerlaubtes. 
Bei einer andern jungen Dame hatte gar das Anhören einer 
Scherzfrage, die eine obszöne Beantwortung ahnen ließ, hingereicht, 
den ersten Angstanfall hervorzurufen und damit die Erkrankung 
zu eröffnen. Solche Ergebnisse sind offenbar einem Verständnis für 
die .Verursachung hysterischer Symptome nicht günstig. Wenn 
es ebensowohl schwere wie geringfügige Erlebnisse, ebensowohl 
Erfahrungen am eigenen Leib wie visuelle Eindrücke und durch 
das Gehör empfangene Mitteilungen sind, die sich als die letzten 
Traumen der Hysterie erkennen lassen, so kann man etwa die 
Deutung versuchen, die Hysterischen seien besonders geartete 
Menschenkinder, — wahrscheinlich infolge erblicher Veranlagung 
oder degenerativer Verkümmerung, — bei denen die Scheu vor 



'.!' 



I 



41 6 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

der Sexualität, die im Pubertätsalter normalerweise eine gewisse 
Rolle spielt, ins Pathologische gesteigert und dauernd festgehalten 
wird 5 gewissermaßen Personen, die den Anforderungen der Sexualität 
psychisch nicht Genüge leisten können. Man vernachlässigt bei 
dieser Aufstellung allerdings die Hysterie der Männer; aber auch, 
wenn es derartige grobe Einwände nicht gäbe, wäre die Ver- 
suchung kaum sehr groß, bei dieser Lösung stehen zu bleiben. 
Man verspürt hier nur zu deutlich die intellektuelle Empfindung 
des Halbverstandenen, Unklaren und Unzureichenden. 

Zum Glück für unsere Aufklärung zeigen einzelne der sexuellen 
Pubertätserlebnisse eine weitere Unzulänglichkeit, die geeignet ist, 
zur Fortsetzung der analytischen Arbeit anzuregen. Es kommt 
nämlich vor, daß auch diese Erlebnisse der determinierenden Eig- 
nung entbehren, wenngleich dies hier viel seltener ist als bei den 
traumatischen Szenen aus späterer Lebenszeit. So z. B. hatten sich 
bei den beiden Patientinnen, die ich vorhin als Fälle mit eigentlich 
armlosen Pubertätserlebnissen angeführt habe, im Gefolge dieser 
Erlebnisse eigentümliche schmerzhafte Empfindungen in den Geni- 
talien eingestellt, die sich als Hauptsymptome der Neurose fest- 
gesetzt hatten, deren Determinierung weder aus den Pubertäts- 
szenen noch aus späteren abzuleiten war, die aber sicherlich nicht 
zu den normalen Organenempfindungen oder zu den Zeichen 
sexueller Aufregung gehörten. Wie nahe lag es nun, sich hier zu 
sagen, man müsse die Determinierung dieser Symptome in noch 
anderen, noch weiter zurückreichenden Erlebnissen suchen, man 
müsse hier zum zweiten Male jenem rettenden Einfall folgen, der 
uns vorhin von den ersten traumatischen Szenen zu den Erinne- 
rungsketten hinter ihnen geleitet? Man kommt damit freilich in 
die Zeit der ersten Kindheit, die Zeit vor der Entwicklung des 
sexuellen Lebens, womit ein Verzicht auf die sexuelle Ätiologie 
verbunden scheint. Aber hat man nicht ein Recht anzunehmen, 
daß es auch dem Kindesalter an leisen sexuellen Erregungen nicht 
gebricht, ja, daß vielleicht die spätere sexuelle Entwicklung durch 



Zur Ätiologie der Hysterie 417 



Kindererlebnisse in entscheidender Weise beeinflußt wird? Schädi- 
gungen, die das unausgebildete Organ, die in Entwicklung begriffene 
Funktion, treffen, verursachen ja so häufig schwerere und nachhalti- 
gere Wirkungen, als sie im reiferen Alter entfalten könnten. Vielleicht 
liegen der abnormen Reaktion gegen sexuelle Eindrücke, durch 
welche uns die Hysterischen in der Pubertätszeit überraschen, ganz 
allgemein solche sexuelle Erlebnisse der Kindheit zugrunde, die dann 
von gleichförmiger und bedeutsamer Art sein müßten? Man ge- 
wänne so eine Aussicht, als frühzeitig erworben aufzuklären, was 
man bisher einer durch die Heredität doch nicht verständlichen 
Prädisposition zur Last legen mußte. Und da infantile Erlebnisse 
sexuellen Inhalts doch nur durch ihre Erinnerungsspuren eine 
psychische Wirkung äußern könnten, wäre dies nicht eine will- 
kommene Ergänzung zu jenem Ergebnis der Analyse, daß hysteri- 
sche Symptome immer nur unter der Mitwirkung von Er- 
innerungen entstehen? 

II 

Sie erraten es wohl, meine Herren, daß ich jenen letzten 
Gedankengang nicht so weit ausgesponnen hätte, wenn ich Sie 
nicht darauf vorbereiten wollte, daß er allein es ist, der uns nach 
so vielen Verzögerungen zum Ziele führen wird. Wir stehen 
nämlich wirklich am Ende unserer langwierigen und beschwer- 
lichen analytischen Arbeit und finden hier alle bisher festgehaltenen 
Ansprüche und Erwartungen erfüllt. Wenn wir die Ausdauer haben, 
mit der Analyse bis in die frühe Kindheit vorzudringen, so weit 
zurück nur das Erinnerungsvermögen eines Menschen reichen kann, 
so veranlassen wir in allen Fällen den Kranken zur Reproduktion 
von Erlebnissen, die infolge ihrer Besonderheiten sowie ihrer Be- 
ziehungen zu den späteren Krankheitssymptomen als die gesuchte 
Ätiologie der Neurose betrachtet werden müssen. Diese infantilen 
Erlebnisse sind wiederum sexuellen Inhalts, aber weit gleich- 
förmigerer Art als die letztgefundenen Pubertätsszenen; es handelt 

Freud, I 2 7 



418 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



sich bei ihnen nicht mehr um die Erweckung des sexuellen Themas 
durch einen beliebigen Sinneseindruck, sondern um sexuelle Erfah- 
rungen am eigenen Leib, um geschlechtlichen Verkehr (im weiteren 
Sinne). Sie gestehen mir zu, daß die Bedeutsamkeit solcher Szenen 
keiner weiteren Begründung bedarf; fügen Sie nun noch hinzu, daß 
Sie in den Details derselben jedesmal die determinierenden 
Momente auffinden können, die Sie etwa in den anderen, später 
erfolgten und früher reproduzierten Szenen noch vermißt hätten. 

Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles von 
Hysterie befinden sich — durch die analytische Arbeit reprodu- 
zierbar, trotz des Dezennien umfassenden Zeitintervalles — ein 
oder mehrere Erlebnisse von vorzeitiger sexueller Er- 
fahrung, die der frühesten Jugend angehören. 1 Ich halte dies für 
eine wichtige Enthüllung, für die Auffindung eines caput Nili 
der Neuropathologie, aber ich weiß kaum, wo anzuknüpfen, um 
die Erörterung dieser Verhältnisse fortzuführen. Soll ich mein aus 
den Analysen gewonnenes tatsächliches Material vor Ihnen aus- 
breiten, oder soll ich nicht lieber vorerst der Masse von Ein- 
wänden und Zweifeln zu begegnen suchen, die jetzt von Ihrer 
Aufmerksamkeit Besitz ergriffen haben, wie ich wohl mit Recht 
vermuten darf? Ich wähle das letztere; vielleicht können wir dann 
um so ruhiger beim Tatsächlichen verweilen: 

a) Wer der psychologischen Auffassung der Hysterie überhaupt 
feindlich entgegensteht, die Hoffnung nicht aufgeben möchte, daß 
es einst gelingen wird, ihre Symptome auf „feinere anatomische 
Veränderungen" zurückzuführen, und die Einsicht abgewiesen hat, 
daß die materiellen Grundlagen der hysterischen Veränderungen nicht 
anders als gleichartig sein können mit jenen unserer normalen Seelen- 
vorgänge, der wird selbstverständlich für die Ergebnisse unserer 
Analysen kein Vertrauen übrig haben; die prinzipielle Verschieden- 
heit seiner Voraussetzungen von den unserigen entbindet uns aber 
auch der Verpflichtung, ihn in einer Einzelfrage zu überzeugen. 



ll [Zusatz 1924S] Siehe die Bemerkung auf S. 41g. 



Zur Ätiologie der Hysterie 419 

Aber auch ein anderer, der sich minder abweisend gegen die 
psychologischen Theorien der Hysterie verhält, wird angesichts 
unserer analytischen Ergebnisse die Frage aufzuwerfen versucht 
sein, welche Sicherheit die Anwendung der Psychoanalyse mit sich 
bringt, ob es denn nicht sehr wohl möglich sei, daß entweder der 
Arzt solche Szenen als angebliche Erinnerung dem gefälligen 
Kranken aufdrängt, oder daß der Kranke ihm absichtliche Erfin- 
dungen und freie Phantasien vorträgt, die jener für echt annimmt. 
Nun, ich habe darauf zu erwidern, die allgemeinen Bedenken 
gegen die Verläßlichkeit der psychoanalytischen Methode können 
erst gewürdigt und beseitigt werden, wenn eine vollständige 
Darstellung ihrer Technik und ihrer Resultate vorliegen wird; 
die Bedenken gegen die Echtheit der infantilen Sexualszenen 
aber kann man bereits heute durch mehr als ein Argument ent- 
kräften. Zunächst ist das Benehmen der Kranken, während sie 
diese infantilen Erlebnisse reproduzieren, nach allen Richtungen 
hin unvereinbar mit der Annahme, die Szenen seien etwas anderes 
als peinlich empfundene und höchst ungern erinnerte Realität. 
Die Kranken- wissen vor Anwendung der Analyse nichts von 
diesen Szenen, sie pflegen sich zu empören, wenn man ihnen 
etwa das Auftauchen derselben ankündigt; sie können nur durch 
den stärksten Zwang der Behandlung bewogen werden, sich in 
deren Reproduktion einzulassen, sie leiden unter den heftigsten 
Sensationen, deren sie sich schämen und die sie zu verbergen 
trachten, während sie sich diese infantilen Erlebnisse ins Be- 
wußtsein rufen, und noch, nachdem sie dieselben in so über- 
zeugender Weise wieder durchgemacht haben, versuchen sie es, 
ihnen den Glauben zu versagen, indem sie betonen, daß sich 
hiefür nicht wie bei anderem Vergessenen ein Erinnerungsgefühl 
eingestellt hat. 1 

1) [Zusatz 1924 :~\ All dies ist richtig, aber es ist zu bedenken, daß ich mich damals 
von der Überschätzung der Realität und der Geringschätzung der Phantasie noch nicht 
frei gemacht hatte. 

27» 



4 30 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

Letzteres Verhalten scheint nun absolut beweiskräftig zu sein. 
Wozu sollten die Kranken mich so entschieden ihres Unglaubens 
versichern, wenn sie aus irgend einem Motiv die Dinge, die sie 
entwerten wollen, selbst erfunden haben? 

Daß der Arzt dem Kranken derartige Reminiszenzen aufdränge, 
ihn zu ihrer Vorstellung und Wiedergabe suggeriere, ist weniger 
bequem zu widerlegen, erscheint mir aber ebenso unhaltbar. Mir 
ist es noch nie gelungen, einem Kranken eine Szene, die ich er- 
wartete, derart aufzudrängen, daß er sie mit allen zu ihr ge- 
hörigen Empfindungen zu durchleben schien 5 vielleicht treffen es 
andere besser. 

Es gibt aber noch eine ganze Reihe anderer Bürgschaften für 
die Realität der infantilen Sexualszenen. Zunächst deren Uni- 
formität in gewissen Einzelheiten, wie sie sich aus den gleich- 
artig wiederkehrenden Voraussetzungen dieser Erlebnisse ergeben 
muß, während man sonst geheime Verabredungen zwischen den 
einzelnen Kranken für glaubhaft halten müßte. Sodann, daß die 
Kranken gelegentlich wie harmlos Vorgänge beschreiben, deren 
Bedeutung sie offenbar nicht verstehen, weil sie sonst entsetzt sein 
tnüßten, oder daß sie, ohne Wert darauf zu legen, Einzelheiten 
berühren, die nur ein Lebenserfahrener kennt und als feine 
Charakterzüge des Realen zu schätzen versteht. 

Verstärken solche Vorkommnisse den Eindruck, daß die Kranken 
wirklich erlebt haben müssen, was sie unter dem Zwang der 
Analyse als Szene aus der Kindheit reproduzieren, so entspringt 
ein anderer und mächtigerer Beweis hiefür aus der Beziehung der 
Infantilszenen zum Inhalt der ganzen übrigen Krankengeschichte. 
Wie bei den Zusammenlegbildern der Kinder sich nach mancherlei 
Probieren schließlich eine absolute Sicherheit herausstellt, welches 
Stück in die freigelassene Lücke gehört — weil nur dieses eine 
gleichzeitig das Bild ergänzt und sich mit seinen unregelmäßigen 
Zacken zwischen die Zacken der anderen so einpassen läßt, daß 
kein freier Raum bleibt und kein Übereinanderschieben notwendig 



'Lur Ätiologie der Hysterie 4,21 



wird, — so erweisen sich die Infantilszenen inhaltlich als unab- 
weisbare Ergänzungen für das assoziative und logische Gefüge der 
Neurose, nach deren Einfügung erst der Hergang verständlich — - 
man möchte oftmals sagen: selbstverständlich — wird. 

Daß auch der therapeutische Beweis für die Echtheit der In- 
fantilszenen in einer Reihe von Fällen zu erbringen ist, füge ich 
hinzu, ohne diesen in den Vordergrund drängen zu wollen. Es 
gibt Fälle, in denen ein vollständiger oder partieller Heilerfolg zu 
erreichen ist, ohne daß man bis zu den Infantilerlebnissen herab- 
steigen muß 5 andere, in welchen jeder Erfolg ausbleibt, ehe die 
Analyse ihr natürliches Ende mit der Aufdeckung der frühesten 
Traumen gefunden hat. Ich meine, im ersteren Falle sei man vor 
Rezidiven nicht gesichert; ich erwarte, daß eine vollständige Psycho- 
analyse die radikale Heilung einer Hysterie bedeutet. Indes, greifen 
wir hier den Lehren der Erfahrung nicht vor! 

Es gäbe noch einen, einen wirklich unantastbaren Beweis für 
die Echtheit der sexuellen Kindererlebnisse, wenn nämlich die 
Angaben der einen Person in der Analyse durch die Mitteilung 
einer anderen Person in oder außerhalb einer Behandlung bestätigt 
würden. Diese beiden Personen müßten in ihrer Kindheit an dem- 
selben Erlebnis Anteil genommen haben, etwa in einem sexuellen 
Verhältnis zueinander gestanden sein. Solche Kinderverhältnisse 
sind, wie Sie gleich hören werden, gar nicht selten; es kommt 
auch häufig genug vor, daß beide Beteiligte später an Neurosen 
erkranken, und doch, meine ich, ist es ein Glücksfall, daß mir 
eine solche objektive Bestätigung unter achtzehn Fällen zweimal 
gelungen ist. Einmal war es der gesund gebliebene Bruder, der 
mir unaufgefordert zwar nicht die frühesten Sexualerlebnisse mit 
seiner kranken Schwester, aber wenigstens solche Szenen aus ihrer 
späteren Kindheit und die Tatsache von weiter zurückreichenden 
sexuellen Beziehungen bekräftigte. Ein andermal traf es sich, daß 
zwei in Behandlung stehende Frauen als Kinder mit der nämlichen 
männlichen Person sexuell verkehrt hatten, wobei einzelne Szenen 



422 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



h trois zustande gekommen waren. Ein gewisses Symptom, das 
sich von diesen Kindererlebnissen ableitete, war, als Zeuge dieser 
Gemeinschaft, in beiden Fällen zur Ausbildung gelangt. 

b) Sexuelle Erfahrungen der Kindheit, die in Reizungen der 
Genitalien, koitusähnlichen Handlungen usw. bestehen, sollen also 
in letzter Analyse als jene Traumen anerkannt werden, von denen 
die hysterische Reaktion gegen Pubertätserlebnisse und die Ent- 
wicklung hysterischer Symptome ausgeht. Gegen diesen Ausspruch 
werden sicherlich von verschiedenen Seiten zwei zueinander gegen- 
sätzliche Einwendungen erhoben werden. Die einen werden sagen, 
derartige sexuelle Mißbrauche, an Kindern verübt oder von Kindern 
untereinander, kämen zu selten vor, als daß man mit ihnen die Be- 
dingtheit einer so häufigen Neurose wie der Hysterie decken könnte 5 
andere werden vielleicht geltend machen, dergleichen Erlebnisse seien 
im Gegenteil sehr häufig, allzu häufig, als daß man ihrer Feststellung 
eine ätiologische Bedeutung zusprechen könnte. Sie werden ferner 
anführen, daß es bei einiger Umfrage leicht fällt, Personen auf- 
zufinden, die sich an Szenen von sexueller Verführung und 
sexuellem Mißbrauche in ihren Kinderjahren erinnern, und die 
doch niemals hysterisch gewesen sind. Endlich werden wir als 
schwerwiegendes Argument zu hören bekommen, daß in den 
niederen Schichten der Bevölkerung die Hysterie gewiß nicht 
häufiger vorkommt als in den höchsten, während doch alles dafür 
spricht, daß das Gebot der sexuellen Schonung des Kindesalters an 
den Proletarierkindern ungleich häufiger übertreten wird. 

Beginnen wir unsere Verteidigung mit dem leichteren Teil der 
Aufgabe. Es scheint mir sicher, daß unsere Kinder weit häufiger 
sexuellen Angriffen ausgesetzt sind, als man nach der geringen, 
von den Eltern hierauf verwendeten Fürsorge erwarten sollte. Bei 
den ersten Erkundigungen, was über dieses Thema bekannt sei, 
erfuhr ich von Kollegen, daß mehrere Publikationen von Kinder- 
ärzten vorliegen, welche die Häufigkeit sexueller Praktiken selbst 
an Säuglingen von seiten der Ammen und Kinderfrauen anklagen, 



Zur Ätiologie der H ysterie 425 

und aus den letzten Wochen ist mir eine von Dr. Stekel in 
Wien herrührende Studie in die Hand geraten, die sich mit 
dem „Koitus im Kindesalter" beschäftigt (Wiener medizinische 
Blätter, 18. April 1896). Ich habe nicht Zeit gehabt, andere lite- 
rarische Zeugnisse zu sammeln, aber selbst, wenn diese sich nur 
vereinzelt fänden, dürfte man erwarten, daß mit der Steigerung 
der Aufmerksamkeit für dieses Thema sehr bald die große Häufig- 
keit von sexuellen Erlebnissen und sexueller Betätigung im Kindes- 
alter bestätigt werden wird. 

Schließlich sind die Ergebnisse meiner Analyse imstande, für 
sich selbst zu sprechen. In sämtlichen achtzehn Fällen (von reiner 
Hysterie und Hysterie mit Zwangsvorstellungen kombiniert, sechs 
Männer und zwölf Frauen) bin ich, wie erwähnt, zur Kenntnis 
solcher sexueller Erlebnisse des Kindesalters gelangt. Ich kann 
meine Fälle in drei Gruppen bringen, je nach der Herkunft der 
sexuellen Reizung. In der ersten Gruppe handelt es sich um 
Attentate, einmaligen oder doch vereinzelten Mißbrauch meist 
weiblicher Kinder von seiten erwachsener, fremder Individuen (die 
dabei groben, mechanischen Insult zu vermeiden verstanden), 
wobei die Einwilligung der Kinder nicht in Frage kam und als 
nächste Folge des Erlebnisses der Schreck überwog. Eine zweite 
Gruppe bilden jene weit zahlreicheren Fälle, in denen eine das Kind 
wartende erwachsene Person — Kindermädchen, Kindsfrau, Gou- 
vernante, Lehrer, leider auch allzuhäufig ein naher Verwandter — 
das Kind in den sexuellen Verkehr einführte und ein - — auch 
nach der seelischen Richtung ausgebildetes — förmliches Liebes- 
verhältnis, oft durch Jahre, mit ihm unterhielt. In die dritte 
Gruppe endlich gehören die eigentlichen Kinderverhältnisse, sexuelle 
Beziehungen zwischen zwei Kindern verschiedenen Geschlechtes, 
zumeist zwischen Geschwistern, die oft über die Pubertät hinaus 
fortgesetzt werden, und die nachhaltigsten Folgen für das be- 
treffende Paar mit sich bringen. In den meisten meiner Fälle er- 
gab sich kombinierte Wirkung von zwei oder mehreren solcher 



4 2 4 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Ätiologien ; in einzelnen war die Häufung der sexuellen Erlebnisse 
von verschiedenen Seiten her geradezu erstaunlich. Sie verstehen 
aber diese Eigentümlichkeit meiner Beobachtungen leicht, wenn 
Sie in Betracht ziehen, daß ich durchweg Fälle von schwerer 
neurotischer Erkrankung, die mit Existenzunfähigkeit drohte, zu 
behandeln hatte. 

Wo ein Verhältnis zwischen zwei Kindern vorlag, gelang nun 
einige Male der Nachweis, daß der Knabe — der auch hier die 
aggressive Rolle spielt — vorher von einer erwachsenen weiblichen 
Person verführt worden war, und daß er dann unter dem Drucke 
seiner vorzeitig geweckten Libido und infolge des Erinnerungs- 
zwanges an dem kleinen Mädchen genau die nämlichen Praktiken 
zu wiederholen suchte, die er bei der Erwachsenen erlernt hatte, 
ohne daß er selbständig eine Modifikation in der Art der sexuellen . 
Betätigung vorgenommen hätte. 

Ich bin daher geneigt anzunehmen, daß ohne vorherige Ver- 
führung Kinder den Weg zu Akten sexueller Aggression nicht 
zu finden vermögen. Der Grund zur Neurose würde demnach im 
Kindesalter immer von seiten Erwachsener gelegt, und die Kinder 
selbst übertragen einander die Disposition, später an Hysterie zu 
erkranken. Ich bitte, verweilen Sie noch einen Moment bei der 
besonderen Häufigkeit sexueller Beziehungen im Kindesalter gerade 
zwischen Geschwistern und Vettern infolge der Gelegenheit zu 
häufigem Beisammensein, stellen Sie sich vor, daß zehn oder fünf- 
zehn Jahre später in dieser Familie mehrere Individuen der jungen 
Generation krank gefunden werden, und fragen Sie sich, ob dieses 
familiäre Auftreten der Neurose nicht geeignet ist, zur Annahme 
einer erblichen Disposition zu verleiten, wo doch nur eine Pseudo- 
heredität vorliegt und in Wirklichkeit eine Übertragung, eine 
Infektion in der Kindheit stattgefunden hat. 

Nun wenden wir uns zu dem andern Einwand, welcher gerade 
auf der zugestandenen Häufigkeit infantiler Sexualerlebnisse und 
auf der Erfahrung fußt, daß viele Personen sich an solche Szenen 



Zur Ätiologie der Hysterie 425 

erinnern, die nicht hysterisch geworden sind. Dagegen sagen wir 
zunächst, daß die übergroße Häufigkeit eines ätiologischen Moments 
unmöglich zum Vorwurf gegen dessen ätiologische Bedeutung ver- 
wendet werden kann. Ist der Tuberkelbazillus nicht allgegenwärtig 
und wird von weit mehr Menschen eingeatmet, als sich an Tuber- 
kulose erkrankt zeigen? Und wird seine ätiologische Bedeutung 
durch die Tatsache geschädigt, daß er offenbar der Mitwirkung 
anderer Faktoren bedarf, um die Tuberkulose, seinen spezifischen 
Effekt, hervorzurufen? Es reicht für seine Würdigung als spezifische 
Ätiologie aus, daß Tuberkulose nicht möglich ist ohne seine Mit- 
wirkung. Das gleiche gilt wohl auch für unser Problem. Es stört 
nicht, wenn viele Menschen infantile Sexualszenen erleben ohne 
hysterisch zu werden ; wenn nur alle, die hysterisch werden, solche 
Szenen erlebt haben. Der Kreis des Vorkommens eines ätiologi- 
schen Faktors darf gerne ausgedehnter sein als der seines Effekts, 
nur nicht enger. Es erkranken nicht alle an Blattern, die einen 
Blatternkranken berühren oder ihm nahe kommen, und doch ist 
Übertragung von einem Blatternkranken fast die einzige uns be- 
kannte Ätiologie der Erkrankung. 

Freilich, wenn infantile Betätigung der Sexualität ein fast all- 
gemeines Vorkommnis wäre, dann fiele auf deren Nachweis in 
allen Fällen kein Gewicht. Aber erstens wäre eine derartige Be- 
hauptung sicherlich eine arge Übertreibung, und zweitens ruht 
der ätiologische Anspruch der infantilen Szenen nicht allein auf 
der Beständigkeit ihres Vorkommens in der Anamnese der Hyste- 
rischen, sondern vor allem auf dem Nachweis der assoziativen und 
logischen Bande zwischen ihnen und den hysterischen Symptomen, 
der Ihnen aus einer vollständig mitgeteilten Krankengeschichte 
sonnenklar einleuchten würde. 

Welches mögen die anderen Momente sein, deren die „spezi- 
fische Ätiologie" der Hysterie noch bedarf, um die Neurose wirk- 
lich zu produzieren? Dies, meine Herren, ist eigentlich ein Thema 
für sich, das ich zu behandeln nicht vorhabe ; ich brauche heute 



4 2 6 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



bloß die Kontaktstelle aufzuzeigen, an welcher die beiden Teil- 
stücke des Themas — spezifische und Hilfsätiologie — ineinander 
greifen. Es wird wohl eine ziemliche Anzahl von Faktoren in 
Betracht kommen, die erbliche und persönliche Konstitution, die 
innere Bedeutsamkeit der infantilen Sexualerlebnisse, vor allem 
deren Häufung; ein kurzes Verhältnis mit einem fremden, später 
gleichgültigen Knaben wird an Wirksamkeit zurückstehen gegen 
mehrjährige, innige, sexuelle Beziehungen zum eigenen Bruder. Es 
sind in der Ätiologie der Neurosen quantitative Bedingungen 
ebensowohl bedeutsam wie qualitative; es sind Schwellenwerte zu 
überschreiten, wenn die Krankheit manifest werden soll. Ich halte 
die obige ätiologische Reihe übrigens selbst nicht für vollzählig 
und das Rätsel, warum die Hysterie in den niederen Ständen 
nicht häufiger ist, durch sie noch nicht erledigt. (Erinnern Sie 
sich übrigens, welche überraschend große Verbreitung Charcot 
für die männliche Hysterie des Arbeiterstandes behauptete.) Ich 
darf Sie aber auch daran mahnen, daß ich selbst vor wenigen 
Jahren auf ein bisher wenig gewürdigtes Moment hingewiesen 
habe, für welches ich die Hauptrolle in der Hervorrufung der 
Hysterie nach der Pubertät in Anspruch nehme. Ich habe damals 
ausgeführt, daß sich der Ausbruch der Hysterie fast regelmäßig 
auf einen psychischen Konflikt zurückführen läßt, indem eine 
unverträgliche Vorstellung die Abwehr des Ichs rege mache und 
zur Verdrängung auffordere. Unter welchen Verhältnissen dieses 
Abwehrbestreben den pathologischen Effekt hat, die dem Ich 
peinliche Erinnerung wirklich ins Unbewußte zu drängen und 
an ihrer Statt ein hysterisches Symptom zu schaffen, das konnte 
ich damals nicht angeben. Ich ergänze es heute: Die Abwehr 
erreicht dann ihre Absicht, die unverträgliche Vorstel- 
lung aus dem Bewußtsein zu drängen, wenn bei der be- 
treffenden, bis dahin gesunden Person infantile Sexual- 
szenen als unbewußte Erinnerungen vorhanden sind, und 
wenn die zu verdrängende Vorstellung in logischen oder 



Zur Ätiologie der Hysterie 427 



assoziativen Zusammenhang mit einem solchen infantilen 
Erlebnis gebracht werden kann. 

Da das Abwehrbestreben des Ichs von der gesamten moralischen 
und intellektuellen Ausbildung der Person abhängt, sind wir nun 
nicht mehr ohne jedes Verständnis für die Tatsache, daß die 
Hysterie beim niederen Volk so viel seltener ist als ihre spezifische 
Ätiologie gestatten würde. 

Meine Herren, kehren wir noch einmal zurück zu jener letzten 
Gruppe von Einwänden, deren Beantwortung uns so weit geführt 
hat. Wir haben gehört und anerkannt, daß es zahlreiche Personen 
gibt, die infantile Sexualerlebnisse sehr deutlich erinnern, und die 
doch nicht hysterisch sind. Dieser Einwand ist ganz ohne Gewicht, 
er wird uns aber Anlaß zu einer wertvollen Bemerkung bieten. 
Personen dieser Art dürfen nach unserem Verständnis der Neurose 
gar nicht hysterisch sein, oder wenigstens nicht hysterisch infolge 
der Szenen, die sie bewußt erinnern. Bei unseren Kranken sind 
diese Erinnerungen niemals bewußt; wir heilen sie aber von ihrer 
Hysterie, indem wir ihnen die unbewußten Erinnerungen der 
Infantilszenerr y in bewußte verwandeln. An der Tatsache, daß sie 
solche Erlebnisse gehabt haben, konnten und brauchten wir nichts 
zu ändern. Sie ersehen daraus, daß es auf die Existenz der infan- 
tilen Sexualerlebnisse allein nicht ankommt, sondern daß eine 
psychologische Bedingung noch dabei ist. Diese Szenen müssen 
als unbewußte Erinnerungen vorhanden sein; nur solange und 
insofern sie unbewußt sind, können sie hysterische Symptome er- 
zeugen und unterhalten. Wovon es aber abhängt, ob diese Erleb- 
nisse bewußte oder unbewußte Erinnerungen ergeben, ob die Be- 
dingung hiefür im Inhalt der Erlebnisse, in der Zeit, zu der sie vor- 
fallen, oder in späteren Einflüssen liegt, dies ist ein neues Problem, 
dem wir behutsam aus dem Wege gehen wollen. Lassen Sie sich 
bloß daran mahnen, daß uns die Analyse als erstes Resultat den 
Satz gebracht hat: Die hysterischen Symptome sind Ab- 
kömmlinge unbewußt wirkender Erinnerungen. 



4 a8 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



c) Wenn wir daran festhalten, infantile Sexualerlebnisse seien 
die Grundbedingung, sozusagen die Disposition der Hysterie, sie 
erzeugen die hysterischen Symptome aber nicht unmittelbar, 
sondern bleiben zunächst wirkungslos und wirken pathogen erst 
später, wenn sie im Alter nach der Pubertät als unbewußte Er- 
innerungen geweckt werden, so haben wir uns mit den zahl- 
reichen Beobachtungen auseinanderzusetzen, welche das Auftreten 
hysterischer Erkrankung bereits im Kindesalter und vor der 
Pubertät erweisen. Indes löst sich die Schwierigkeit wieder, wenn 
wir die aus den Analysen gewonnenen Daten über die zeitlichen 
Umstände der infantilen Sexualerlebnisse naher betrachten. Man 
erfährt dann, daß in unseren schweren Fällen die Bildung hyste- 
rischer Symptome nicht etwa ausnahmsweise, sondern eher regel- 
mäßig mit dem achten Jahr beginnt, und daß die Sexualerleb- 
nisse, die keine unmittelbare Wirkung äußern, jedesmal weiter 
zurückreichen, ins dritte, vierte, selbst ins zweite Lebensjahr. Da 
in keinem einzigen Fall die Kette der wirksamen Erlebnisse mit 
dem achten Jahr abbricht, muß ich annehmen, daß diese Lebens- 
periode, in welcher der Wachstumsschub der zweiten Dentition 
erfolgt, für die Hysterie eine Grenze bildet, von welcher an ihre 
Verursachung unmöglich wird. Wer nicht frühere Sexualerlebnisse 
hat, kann von da an nicht mehr zur Hysterie disponiert werden; 
wer solche hat, kann nun bereits hysterische Symptome entwickeln' 
Das vereinzelte Vorkommen von Hysterie auch jenseits dieser 
Altersgrenze (vor acht Jahren) ließe sich noch als Erscheinung der 
Frühreife deuten. Die Existenz dieser Grenze hängt sehr wahr- 
scheinlich mit Entwicklungsvorgängen im Sexualsystem zusammen. 
Verfrühung der somatischen Sexualentwicklung kommt häufig zur 
Beobachtung, und es ist selbst denkbar, daß sie durch vorzeitige 
sexuelle Reizung befördert werden kann. 

Man gewinnt so einen Hinweis darauf, daß ein gewisser in- 
fantiler Zustand der psychischen Funktionen wie des Sexual- 
systems erforderlich ist, damit eine in diese Periode fallende 



Zwr Ätiologie der Hysterie 429 

sexuelle Erfahrung spater als Erinnerung pathogene Wirkung ent- 
falte. Ich getraue mich indes noch nicht, über die Natur dieses 
psychischen Infantilismus und über seine zeitliche Begrenzung 
Näheres auszusagen. 

d) Eine weitere Einwendung könnte etwa daran Anstoß nehmen, 
daß die Erinnerung der infantilen Sexualerlebnisse so großartige 
pathogene Wirkung äußern soll, während das Erleben derselben 
selbst wirkungslos geblieben ist. Wir sind ja in der Tat nicht 
daran gewöhnt, daß von einem Erinnerungsbild Kräfte ausgehen, 
welche dem realen Eindruck gefehlt haben. Sie bemerken hier 
übrigens, mit welcher Konsequenz bei der Hysterie der Satz 
durchgeführt ist, daß Symptome nur aus Erinnerungen hervor- 
gehen können. Alle die späteren Szenen, bei denen die Symptome 
entstehen, sind nicht die wirksamen, und die eigentlich wirk- 
samen Erlebnisse erzeugen zunächst keinen Effekt. Wir stehen 
aber hier vor einem Problem, welches wir mit gutem Recht von 
unserem Thema sondern können. Man fühlt sich freilich zu einer 
Synthese aufgefordert, wenn man die Reihe von auffälligen Be- 
dingungen überdenkt, zu deren Kenntnis wir gelangt sind: daß, 
um ein hysterisches "Symptom zu bilden, ein Abwehrbestreben 
gegen eine peinliche Vorstellung vorhanden sein muß 5 daß diese 
eine logische oder assoziative Verknüpfung aufweisen muß mit 
einer unbewußten Erinnerung durch wenige oder zahlreiche 
Mittelglieder, die in diesem Moment gleichfalls unbewußt bleiben; 
daß jene unbewußte Erinnerung nur sexuellen Inhalts sein kann; 
daß sie ein Erlebnis zum Inhalt hat, welches sich in einer gewissen 
infantilen Lebensperiode zugetragen hat; und man kann nicht umhin, 
sich zu fragen, wie es zugeht, daß diese Erinnerung an ein seiner- 
zeit harmloses Erlebnis posthum die abnorme Wirkung äußert, einen 
psychischen Vorgang wie das Abwehren zu einem pathologischen 
Resultat zu leiten, während sie selbst dabei unbewußt bleibt? 

Man wird sich aber sagen müssen, dies sei ein rein psycho- 
logisches Problem, dessen Lösung vielleicht bestimmte Annahmen 



43° Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

über die normalen psychischen Vorgänge und über die Rolle des 
Bewußtseins dabei notwendig macht, das aber einstweilen unge- 
löst bleiben kann, ohne unsere bisher gewonnene Einsicht in die 
Ätiologie der hysterischen Phänomene zu entwerten. 



III 

Meine Herren, das Problem, dessen Ansätze ich soeben formu- 
liert habe, betrifft den Mechanismus der hysterischen Symptom- 
bildung. Wir sind aber genötigt, die Verursachung dieser Sym- 
ptome darzustellen, ohne diesen Mechanismus in Betracht zu 
ziehen, was eine unvermeidliche Einbuße an Abrundung und 
Durchsichtigkeit unserer Erörterung mit sich bringt. Kehren wir 
zur Rolle der infantilen Sexualszenen zurück. Ich fürchte, ich 
könnte Sie zur Überschätzung von deren symptombildender Kraft 
verleitet haben. Ich betone darum nochmals, daß jeder Fall von 
Hysterie Symptome aufweist, deren Determinierung nicht aus in- 
fantilen, sondern aus späteren, oft aus rezenten Erlebnissen her- 
stammt. Ein anderer Anteil der Symptome geht freilich auf die 
allerfrühesten Erlebnisse zurück, ist gleichsam von ältestem Adel. 
Dahin gehören vor allem die so zahlreichen und mannigfaltigen 
Sensationen und Parästhesien an den Genitalien und anderen 
Körperstellen, die einfach dem Empfindungsinhalt der Infantilszenen 
in halluzinatorischer Reproduktion, oft auch in schmerzhafter Ver- 
stärkung, entsprechen. 

Eine andere Reihe überaus gemeiner hysterischer Phänomene, 
der schmerzhafte Harndrang, die Sensation bei der Defäkation, 
Störungen der Darmtätigkeit, das Würgen und Erbrechen, Magen- 
beschwerden und Speiseekel, gab sich in meinen Analysen gleich- 
falls — und zwar mit überraschender Regelmäßigkeit — als 
Derivat derselben Kindererlebnisse zu erkennen und erklärte sich 
mühelos aus konstanten Eigentümlichkeiten derselben. Die infan- 
tilen Sexualszenen sind nämlich arge Zumutungen für das Ge- 



Zur Ätiologie der Hysterie 431 

fühl eines sexuell normalen Menschen 5 sie enthalten alle Aus- 
schreitungen, die von Wüstlingen und Impotenten bekannt sind, 
bei denen Mundhöhle und Darmausgang mißbräuchlich zu sexueller 
Verwendung gelangen. Die Verwunderung hierüber weicht beim 
Arzte alsbald einem völligen Verständnis. Von Personen, die 
kein Bedenken tragen, ihre sexuellen Bedürfnisse an Kindern zu 
befriedigen, kann man nicht erwarten, daß sie an Nuancen in 
der Weise dieser Befriedigung Anstoß nehmen, und die dem 
Kindesalter anhaftende sexuelle Impotenz drängt unausbleiblich 
zu denselben Surrogathandlungen, zu denen sich der Erwachsene 
im Falle erworbener Impotenz erniedrigt. Alle die seltsamen Be- 
dingungen, unter denen das ungleiche Paar sein Liebesverhältnis 
fortführt: der Erwachsene, der sich seinem Anteil an der gegen- 
seitigen Abhängigkeit nicht entziehen kann, wie sie aus einer 
sexuellen Beziehung notwendig hervorgeht, der dabei doch mit 
aller Autorität und dem Rechte der Züchtigung ausgerüstet ist 
und zur ungehemmten Befriedigung seiner Launen die eine Rolle 
mit der anderen vertauscht ; das Kind, dieser Willkür in seiner 
Hilflosigkeit preisgegeben, vorzeitig zu allen Empfindlichkeiten er- 
weckt und allen Enttäuschungen ausgesetzt, häufig in der Aus- 
übung der ihm zugewiesenen sexuellen Leistungen durch seine 
unvollkommene Beherrschung der natürlichen Bedürfnisse unter- 
brochen — alle diese grotesken und doch tragischen Mißverhält- 
nisse prägen sich in der ferneren Entwicklung des Individuums 
und seiner Neurose in einer Unzahl von Dauereffekten aus, die 
der eingehendsten Verfolgung würdig wären. Wo sich das Ver- 
hältnis zwischen zwei Kindern abspielt, bleibt der Charakter der 
Sexualszenen doch der nämliche abstoßende, da ja jedes Kinder- 
verhältnis eine vorausgegangene Verführung des einen Kindes 
durch einen Erwachsenen postuliert. Die psychischen Folgen eines 
solchen Kinderverhältnisses sind ganz außerordentlich tiefgreifende $ 
die beiden Personen bleiben für ihre ganze Lebenszeit durch ein 
unsichtbares Band miteinander verknüpft. 



43 3 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

Gelegentlich sind es Nebenumstände dieser infantilen Sexual- 
szenen, welche in späteren Jahren zu determinierender Macht für 
die Symptome der Neurose gelangen. So hat in einem meiner 
Fälle der Umstand, daß das Kind abgerichtet wurde, mit seinem 
Fuß die Genitalien der Erwachsenen zu erregen, hingereicht, um 
Jahre hindurch die neurotische Aufmerksamkeit auf die Beine 
und deren Funktion zu fixieren und schließlich eine hysterische 
Paraplegie zu erzeugen. In einem andern Falle wäre es rätselhaft 
geblieben, warum die Kranke in ihren Angstanfällen, die ge- 
wisse Tagesstunden bevorzugten, gerade eine einzige von ihren 
zahlreichen Schwestern zu ihrer Beruhigung nicht von ihrer Seite 
lassen wollte, wenn die Analyse nicht ergeben hätte, daß der 
Attentäter sich seinerzeit bei jedem seiner Besuche erkundigt 
hatte, ob diese Schwester zu Hause sei, von der er eine Störung 
befürchten mußte. 

Es kommt vor, daß die determinierende Kraft der Infantilszenen 
sich so sehr verbirgt, daß sie bei oberflächlicher Analyse über- 
sehen werden muß. Man vermeint dann, man habe die Erklärung 
eines gewissen Symptoms im Inhalt einer der späteren Szenen 
gefunden und stößt im Verlaufe der Arbeit auf denselben Inhalt 
in einer der Infantilszenen, so daß man sich schließlich sagen 
muß, die spätere Szene verdanke ihre Kraft, Symptome zu deter- 
minieren, doch nur ihrer Übereinstimmung mit der früheren. Ich 
will darum die spätere Szene nicht als bedeutungslos hinstellen; wenn 
ich die Aufgabe hätte, die Regeln der hysterischen Symptombildung 
vor Ihnen zu erörtern, würde ich als eine dieser Regeln anerkennen 
müssen, daß zum Symptom jene Vorstellung auserwählt wird, zu 
deren Hebung mehrere Momente zusammenwirken, die von ver- 
schiedenen Seiten her gleichzeitig geweckt wird, was ich an anderer 
Stelle durch den Satz auszudrücken Versucht habe: Die hysteri- 
schen Symptome seien überdeterminiert. 

Noch eines, meine Herren; ich habe zwar vorhin das Ver- 
hältnis der rezenten Ätiologie zur infantilen als ein besonderes 



r 



Zur Ätiologie der Hysterie 433 

Thema beiseite gerückt; aber ich kann doch den Gegenstand nicht 
verlassen, ohne diesen Vorsatz wenigstens durch eine Bemerkung 
zu übertreten. Sie gestehen mir zu, es ist vor allem eine Tat- 
sache, die uns am psychologischen Verständnis der hysterischen 
Phänomene irre werden läßt, die uns zu warnen scheint, psychische 
Akte bei Hysterischen und bei Normalen mit gleichem Maß zu 
messen. Es ist dies das Mißverhältnis zwischen psychisch er- 
regendem Reiz und psychischer Reaktion, das wir bei den Hyste- 
rischen antreffen, welches wir durch die Annahme einer allge- 
meinen abnormen Reizbarkeit zu decken suchen und häufig phy- 
siologisch zu erklären bemüht sind, als ob gewisse, der Übertragung 
dienende Hirnorgane sich bei den Kranken in einem besonderen 
chemischen Zustand befänden, etwa wie die Spinalzentren des 
Strychninfrosches, oder sich dem Einflüsse höherer hemmender 
Zentren entzogen hätten, wie im vivisektorischen Tierexperiment. 
Beide Auffassungen mögen hie und da zur Erklärung der 
hysterischen Phänomene vollberechtigt sein; das stelle ich nicht in 
Abrede. Aber der Hauptanteil des Phänomens, der abnormen, 
übergroßen, hysterischen Reaktion auf psychische Reize, läßt eine 
andere Erklärung zu, die durch -zahllose Beispiele aus den Ana- 
lysen gestützt wird. Und diese Erklärung lautet: Die Reaktion 
der Hysterischen ist eine nur scheinbar übertriebene; 
sie muß uns so erscheinen, weil wir nur einen kleinen 
Teil der Motive kennen, aus denen sie erfolgt. 

In Wirklichkeit ist diese Reaktion proportional dem erregenden 
Reiz, also normal und psychologisch verständlich. Wir sehen dies 
sofort ein, wenn die Analyse zu den manifesten, dem Kranken 
bewußten Motiven jene anderen Motive hinzugefügt hat, die ge- 
wirkt haben, ohne daß der Kranke um sie wußte, die er uns 
also nicht mitteilen konnte. 

Ich könnte Stunden damit ausfüUen, Ihnen diesen wichtigen 
Satz für den ganzen Umfang der psychischen Tätigkeit bei Hyste- 
rischen zu erweisen, muß mich aber hier auf wenige Beispiele 

Freud, I. 28 



454 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



beschränken. Sie erinnern sich an die so häufige seelische „Emp- 
findlichkeit" der Hysterischen, die sie auf die leiseste Andeutung 
einer Geringschätzung reagieren läßt, als seien sie tödlich be- 
leidigt worden. Was würden Sie nun denken, wenn Sie eine 
solche hochgradige Verletzbarkeit bei geringfügigen Anlässen 
zwischen zwei gesunden Menschen, etwa Ehegatten, beobachten 
würden? Sie würden gewiß den Schluß ziehen, die eheliche Szene, 
der Sie beigewohnt, sei nicht allein das Ergebnis des letzten klein- 
lichen Anlasses, sondern da habe sich durch lange Zeit Zündstoff 
angehäuft, der nun in seiner ganzen Masse durch den letzten An- 
stoß zur Explosion gebracht worden sei. 

Bitte, übertragen Sie denselben Gedankengang auf die Hyste- 
rischen. Nicht die letzte, an sich minimale Kränkung ist es, die 
den Weinkrampf, den Ausbruch von Verweiflung, den Selbstmord- 
versuch erzeugt, mit Mißachtung des Satzes von der Proportio- 
nalität des Effekts und der Ursache, sondern diese kleine aktuelle 
Kränkung hat die Erinnerungen so vieler und intensiverer früherer 
Kränkungen geweckt und zur Wirkung gebracht, hinter denen 
allen noch die Erinnerung an eine schwere, nie verwundene 
Kränkung im Kindesalter steckt. Oder: wenn ein junges Mädchen 
sich die entsetzlichsten Vorwürfe macht, weil sie geduldet, daß 
ein Knabe zärtlich im geheimen über ihre Hand gestrichen, und 
von da ab der Neurose verfällt, so können Sie zwar dem Rätsel 
mit dem Urteil begegnen, das sei eine abnorme, exzentrisch an- 
gelegte, hypersensitive Person ; aber Sie werden anders denken, 
wenn Ihnen die Analyse zeigt, daß jene Berührung an eine an- 
dere, ähnliche, erinnerte, die in sehr früher Jugend vorfiel und 
die ein Stück aus einem minder harmlosen Ganzen war, so daß 
eigentlich die Vorwürfe jenem alten Anlaß gelten. Schließlich ist 
das Rätsel der hysterogenen Punkte auch kein anderes $ wenn Sie 
die eine ausgezeichnete Stelle berühren, tun Sie etwas, was Sie 
nicht beabsichtigt haben 5 Sie wecken eine Erinnerung auf, die 
einen Krampfanfall auszulösen vermag, und da Sie von diesem 



Zur Ätiologie der Hysterie 435 

psychischen Mittelglied nichts wissen, beziehen Sie den Anfall als 
Wirkung direkt auf Ihre Berührung als Ursache. Die Kranken 
befinden sich in derselben Unwissenheit und verfallen darum in 
ähnliche Irrtümer, sie stellen beständig „falsche Verknüpfungen" 
her zwischen dem letztbewußten Anlaß und dem von so viel 
Mittelgliedern abhängigen Effekt. Ist es dem Arzte aber möglich 
geworden, zur Erklärung einer hysterischen Reaktion die be- 
wußten und die unbewußten Motive zusammenzufassen, so muß 
er diese scheinbar übermäßige Reaktion fast immer als eine an- 
gemessene, nur in der Form abnorme anerkennen. 

Sie werden nun gegen diese Rechtfertigung der hysterischen 
Reaktion auf psychische Reize mit Recht einwenden, sie sei doch 
keine normale, denn warum benehmen die Gesunden sich anders; 
warum wirken bei ihnen nicht alle längst verflossenen Erregungen 
neuerdings mit, wenn eine neue Erregung aktuell ist? Es macht 
ja den Eindruck, als blieben bei den Hysterischen alle alten Er- 
lebnisse wirkungskräftig, auf die schon so oft, und zwar in stür- 
mischer Weise reagiert wurde, als seien diese Personen unfähig, 
psychische Reize zu erledigen. Richtig, meine Herren, etwas Der- 
artiges muß man tatsächlich als wahr annehmen. Vergessen Sie 
nicht, daß die alten Erlebnisse der Hysterischen bei einem aktu- 
ellen Anlasse als unbewußte Erinnerungen ihre Wirkung 
äußern. Es scheint, als ob die Schwierigkeit der Erledigung, die 
Unmöglichkeit, einen aktuellen Eindruck in eine machtlose Er- 
innerung zu verwandeln, gerade an dem Charakter des psychisch 
Unbewußten hinge. Sie sehen, der Rest des Problems ist wiederum 
Psychologie, und zwar Psychologie von einer Art, für welche uns 
die Philosophen wenig Vorarbeit geleistet haben. 

Auf diese Psychologie, die für unsere Bedürfnisse erst zu er- 
schaffen ist, — auf die zukünftige Neurosenpsychologie — muß 
ich Sie auch verweisen, wenn ich Ihnen zum Schluß eine Mit- 
teilung mache, von der Sie zunächst eine Störung unseres be- 
ginnenden Verständnisses für die Ätiologie der Hysterie besorgen 

28* 



43 6 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

werden. Ich muß es nämlich aussprechen, daß die ätiologische 
Rolle der infantilen Sexualerlebnisse nicht auf das Gebiet der 
Hysterie eingeschränkt ist, sondern in gleicher Weise für die merk- 
würdige Neurose der Zwangsvorstellungen, ja vielleicht auch für 
die Formen der chronischen Paranoia und andere funktionelle 
Psychosen Geltung hat. Ich drücke mich hiebei minder bestimmt 
aus, weil die Anzahl meiner Analysen von Zwangsneurosen noch 
weit hinter der von Hysterien zurücksteht ; von Paranoia habe ich 
gar nur eine einzige ausreichende und einige fragmentarische Ana- 
lysen zur Verfügung. Aber was ich da gefunden, schien mir ver- 
läßlich und hat mich mit sicheren Erwartungen für andere Fälle 
erfüllt. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich für die Zusammen- 
fassung von Hysterie und Zwangsvorstellungen unter dem Titel 
„Abwehrneurosen" bereits früher eingetreten bin, ehe mir noch 
die Gemeinsamkeit der infantilen Ätiologie bekannt war. Nun muß 
ich hinzufügen, — was man freilich nicht allgemein zu erwarten 
braucht, — daß meine Falle von Zwangsvorstellungen sämtlich einen 
Untergrund von hysterischen Symptomen, meist Sensationen und 
Schmerzen, erkennen ließen, die sich gerade auf die ältesten Kinder- 
erlebnisse zurückleiteten. Worin liegt nun die Entscheidung, ob 
aus den unbewußt gebliebenen infantilen Sexualszenen später 
Hysterie oder Zwangsneurose oder gar Paranoia hervorgehen soll, 
wenn sich die anderen pathogenen Momente hinzugesellt haben? 
Diese Vermehrung unserer Erkenntnisse scheint ja dem ätiolo- 
gischen Wert dieser Szenen Eintrag zu tun, indem sie die Spezi- 
fität der ätiologischen Relation aufhebt. 

Ich bin noch nicht in der Lage, meine Herren, eine verläßliche 
Antwort auf diese Frage zu geben. Die Anzahl meiner analysierten 
Fälle, die Mannigfaltigkeit der Bedingungen in ihnen, ist nicht 
groß genug hiefür. Ich merke bis jetzt, daß die Zwangsvorstellun- 
gen bei der Analyse regelmäßig als verkappte und verwandelte 
Vorwürfe wegen sexueller Aggressionen im Kindesalter 
zu entlarven sind, daß sie darum bei Männern häufiger gefunden 



Tjur Ätiologie der Hysterie 437 

werden als bei Frauen, und häufiger bei ihnen sich entwickeln als 
Hysterie. Ich könnte daraus schließen, daß der Charakter der In- 
fantilszenen, ob sie mit Lust oder nur passiv erlebt werden, einen 
bestimmenden Einfluß auf die Auswahl der späteren Neurose hat, 
aber ich möchte auch den Einfluß des Alters, in dem diese Kinder- 
aktionen vorfallen, und anderer Momente nicht unterschätzen. 
Hierüber muß erst die Diskussion weiterer Analysen Aufschluß 
geben 5 wenn es aber klar sein wird, welche Momente die Ent- 
scheidung zwischen den möglichen Formen der Abwehr-Neuro- 
psychosen beherrschen, wird es wiederum ein rein psychologisches 
Problem sein, kraft welches Mechanismus die einzelne Form ge- 
staltet wird. 

Ich bin nun zum Ende meiner heutigen Erörterungen gelangt. 
Auf Widerspruch und Unglauben gefaßt, möchte ich meiner Sache 
nur noch eine Befürwortung mit auf den Weg geben. Wie immer 
Sie meine Resultate aufnehmen mögen, ich darf Sie bitten, die- 
selben nicht für die Frucht wohlfeiler Spekulation zu halten. Sie 
ruhen auf mühseliger Einzelerforschung der Kranken, die bei den 
meisten Fällen hundert Arbeitsstunden „und darüber verweilt hat. 
Wichtiger noch als Ihre Würdigung der Ergebnisse ist mir Ihre 
Aufmerksamkeit für das Verfahren, dessen ich mich bedient habe, 
das neuartig, schwierig zu handhaben und doch unersetzlich für 
wissenschaftliche und therapeutische Zwecke ist. Sie sehen wohl 
ein, man kann den Ergebnissen, zu denen diese modifizierte 
Breuer sehe Methode führt, nicht gut widersprechen, wenn man 
die Methode beiseite läßt und sich nur der gewohnten Methode 
des Krankenexamens bedient. Es wäre ähnlich, als wollte man 
die Funde der histologischen Technik mit der Berufung auf 
die makroskopische Untersuchung widerlegen. Indem die neue 
Forschungsmethode den Zugang zu einem neuen Element des 
psychischen Geschehens, zu den unbewußt gebliebenen, nach 
Breuers Ausdruck „bewußtseinsunfähigen" Denkvorgängen 
breit eröffnet, winkt sie uns mit der Hoffnung eines neuen, 



43 8 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



besseren Verständnisses aller funktionellen psychischen Störungen. 
Ich kann es nicht glauben, daß die Psychiatrie es noch lange 
aufschieben wird, sich dieses neuen Weges zur Erkenntnis zu 
bedienen. 



DIE SEXUALITÄT IN DER ÄTIOLOGIE 
DER NEUROSEN 

Zuerst erschienen in der „Wiener Klinischen 
Rundschau", 1898, Nr. 2, 4, f und 7. 

Durch eingehende Untersuchungen bin ich in den letzten Jahren 
zur Erkenntnis gelangt, daß Momente aus dem Sexualleben die 
nächsten und praktisch bedeutsamsten Ursachen eines jeden Falles 
von neurotischer Erkrankung darstellen. Diese Lehre ist nicht 
völlig neu; eine gewisse Bedeutung ist^den sexuellen Momenten 
in der Ätiologie der Neurosen von jeher und von allen Autoren 
eingeräumt worden; für manche Unterströmungen in der Medizin 
ist die Heilung von „Sexualbeschwerden" und von „Nerven- 
schwäche" immer in einem einzigen Versprechen vereint gewesen. 
Es wird also nicht schwer halten, dieser Lehre die Originalität 
zu bestreiten, wenn man einmal darauf verzichtet haben wird, 
ihre Triftigkeit zu leugnen. 

In einigen kürzeren Aufsätzen, die in den letzten Jahren im 
„Neurologischen Zentralblatt", in der „Revue neurologique" und 
in der „Wiener Klinischen Rundschau" erschienen sind, habe ich 
versucht, das Material und die Gesichtspunkte anzudeuten, welche 
der Lehre von der „sexuellen Ätiologie der Neurosen" eine wissen- 
schaftliche Stütze bieten. Eine ausführliche Darstellung steht noch 
aus, und zwar wesentlich darum, weil man bei der Bemühung, 



44° 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



den als tatsächlich erkannten Zusammenhang aufzuklären, zu immer 
neuen Problemen gelangt, für deren Lösung es an Vorarbeiten 
fehlt. Keineswegs verfrüht erscheint mir aber der Versuch, das 
Interesse des praktischen Arztes auf die von mir behaupteten Ver- 
hältnisse zu lenken, damit er sich in einem von der Richtigkeit 
dieser Behauptungen und von den Vorteilen überzeuge, welche 
er für sein ärztliches Handeln aus ihrer Erkenntnis ableiten kann. 
Ich weiß, daß es an Bemühungen nicht fehlen wird, den Arzt 
durch ethisch gefärbte Argumente von der Verfolgung dieses Gegen- 
standes abzuhalten. Wer sich bei seinen Kranken überzeugen will, 
ob ihre Neurosen wirklich mit ihrem Sexualleben zusammenhängen, 
der kann es nicht vermeiden, sich bei ihnen nach ihrem Sexual- 
leben zu erkundigen und auf wahrheitsgetreue Aufklärung über 
dasselbe zu dringen. Darin soll aber die Gefahr für den einzelnen 
wie für die Gesellschaft liegen. Der Arzt, höre ich sagen, hat kein 
Recht, sich in die sexuellen Geheimnisse seiner Patienten einzu- 
drängen, ihre Schamhaftigkeit — besonders der weiblichen Per- 
sonen — durch solches Examen gröblich zu verletzen. Seine un- 
geschickte Hand kann nur Familienglück zerstören, bei jugend- 
lichen Personen die Unschuld beleidigen und der Autorität der 
Eltern vorgreifen 5 bei Erwachsenen wird er unbequeme Mitwisser- 
schaft erwerben und sein eigenes Verhältnis zu seinen Kranken 
zerstören. Es sei also seine ethische Pflicht, der ganzen sexuellen 
Angelegenheit ferne zu bleiben. 

Man darf wohl antworten: Das ist die Äußerung einer des 
Arztes unwürdigen Prüderie, die mit schlechten Argumenten ihre 
Blöße mangelhaft verdeckt. Wenn Momente aus dem Sexualleben 
wirklich als Krankheitsursachen zu erkennen sind, so fällt die Er- 
mittlung und Besprechung dieser Momente eben hiedurch ohne 
weiteres Bedenken m den Pflichtenkreis des Arztes. Die Verletzung 
der Schamhaftigkeit, die er sich dabei zuschulden kommen läßt, 
ist keine andere und keine ärgere, sollte man meinen, als wenn 
er, um eine örtliche Affektion zu heilen, auf der Inspektion der 



Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 441 

weiblichen Genitalien besteht, zu welcher Forderung ihn die Schule 
selbst verpflichtet. Von älteren Frauen, die ihre Jugendjahre in 
der Provinz zugebracht haben, hört man oft noch erzählen, daß 
sie einst durch übermäßige Genitalblutungen bis zur Erschöpfung 
heruntergekommen waren, weil sie sich nicht entschließen konnten, 
einem Arzt den Anblick ihrer Nacktheit zu gestatten. Der erzieh- 
liche Einfluß, der von den Ärzten auf das Publikum geübt wird, 
hat es im Lauf einer Generation dahin gebracht, daß bei unseren 
jungen Frauen solches Sträuben nur höchst selten vorkommt. Wo 
es sich träfe, würde es als unverständige Prüderie, als Scham am 
unrechten Orte verdammt werden. Leben wir denn in der Türkei, 
würde der Ehemann fragen, wo die kranke Frau dem Arzte nur 
den Arm durch ein Loch in der Mauer zeigen darf? 

Es ist nicht richtig, daß das Examen und die Mitwisserschaft 
in sexuellen Dingen dem Arzt eine gefährliche Machtfülle gegen 
seine Patienten verschafft. Derselbe Einwand konnte sich mit mehr 
Berechtigung seinerzeit gegen die Anwendung der Narkose richten, 
durch welche der Kranke seines Bewußtseins und seiner Willens- 
bestimmung beraubt, und es in die Hand des Arztes gelegt wird, 
ob und wann er sie wieder erlangen soll. Doch ist uns heute die 
Narkose unentbehrlich geworden, weil sie dem ärztlichen Bestreben 
zu helfen, dienlich ist wie nichts anderes, und der Arzt hat die 
Verantwortlichkeit für die Narkose unter seine anderen ernsten 
Verpflichtungen aufgenommen. 

Der Arzt kann in allen Fällen Schaden stiften, wenn er unge- 
schickt oder gewissenlos ist, in anderen Fällen nicht mehr und 
nicht minder als bei der Forschung nach dem Sexualleben seiner 
Patienten. Freilich, wer in einem schätzenswerten Ansätze zur 
Selbsterkenntnis sich nicht das Taktgefühl, den Ernst und die Ver- 
schwiegenheit zutraut, deren er für das Examen der Neurotiker 
bedarf, wer von sich weiß, daß Enthüllungen aus dem Sexual- 
leben lüsternen Kitzel anstatt wissenschaftlichen Interesses bei ihm 
hervorrufen werden, der tut recht daran, dem Thema der Ätiologie 



44 2 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



der Neurosen fernzubleiben. Wir verlangen nur noch, daß er sich 
auch von der Behandlung der Nervösen fernhalte. 

Es ist auch nicht richtig, daß die Kranken einer Erforschung 
ihres Sexuallebens unüberwindliche Hindernisse entgegensetzen. 
Erwachsene pflegen sich nach kurzem Zögern mit den Worten 
zurechtzurücken: Ich bin doch beim Arzte, dem darf man alles 
sagen. Zahlreiche Frauen, die an der Aufgabe, ihre sexuellen Ge- 
fühle zu verbergen, schwer genug durchs Leben zu tragen haben, 
finden sich erleichtert, wenn sie beim Arzte merken, daß hier 
keine andere Rücksicht über die ihrer Heilung gesetzt ist, und 
danken es ihm, daß sie sich auch einmal in sexuellen Dingen rein 
menschlich gebärden dürfen. Eine dunkle Kenntnis der vorwaltenden 
Bedeutung sexueller Momente für die Entstehung der Nervosität, 
wie ich sie für die Wissenschaft neu zu gewinnen suche, scheint 
im Bewußtsein der Laien überhaupt nie untergegangen zu sein. 
Wie oft erlebt man Szenen wie die folgende: Man hat ein Ehe- 
paar vor sich, von dem ein Teil an Neurose leidet. Nach vielen 
Einleitungen und Entschuldigungen, daß es für den Arzt, der in 
solchen Fällen helfen will, konventionelle Schranken nicht geben 
darf u. dgl., teilt man den beiden mit, man vermute, der Grund 
der Krankheit liege in der unnatürlichen und schädlichen Art des 
sexuellen Verkehrs, die sie seit der letzten Entbindung der Frau 
gewählt haben dürften. Die Ärzte pflegen sich um diese Verhält- 
nisse in der Regel nicht zu kümmern, allein das sei nur ver- 
verwerflich, wenn auch die Kranken nicht gerne davon hören usw. 
Dann stößt der eine Teil den andern an und sagt: Siehst du, ich 
habe es dir gleich gesagt, das wird mich krank machen. Und der 
andere antwortet: Ich hab' mir's ja auch gedacht, aber was soll 
man tun? 

Unter gewissen anderen Umständen, etwa bei jungen Mädchen, 
die ja systematisch zur Verhehlung ihres Sexuallebens erzogen 
werden, wird man sich mit einem recht bescheidenen Maße von 
aufrichtigem Entgegenkommen begnügen müssen. Es fällt aber 



Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 445 

hier ins Gewicht, daß der kundige Arzt seinen Kranken nicht 
unvorbereitet entgegentritt und in der Regel nicht Aufklärung, 
sondern bloß Bestätigung seiner Vermutungen von ihnen zu fordern 
hat. Wer meinen Anweisungen folgen will, wie man sich die 
Morphologie der Neurosen zurechtzulegen und ins Ätiologische zu 
übersetzen hat, dem brauchen die Kranken nur wenig Gestand- 
nisse mehr zu machen. In der nur allzu bereitwillig gegebenen 
Schilderung ihrer Krankheitssymptome haben sie ihm meist die 
Kenntnis der dahinter verborgenen sexuellen Faktoren mitverraten. 

Es wäre von großem Vorteile, wenn die Kranken besser wüßten, 
mit welcher Sicherheit dem Arzte die Deutung ihrer neurotischen 
Beschwerden und der Rückschluß von ihnen auf die wirksame 
sexuelle Ätiologie nunmehr möglich ist. Es wäre sicherlich ein 
Antrieb für sie, auf die Heimlichkeit von dem Augenblicke an zu 
verzichten, da sie sich entschlossen haben, für ihr Leiden um 
Hilfe zu bitten. Wir haben aber alle ein Interesse daran, daß auch 
in sexuellen Dingen ein höherer Grad von Aufrichtigkeit unter 
den Menschen Pflicht werde, als er bis jetzt verlangt wird. Die 
sexuelle Sittlichkeit kann dabei nur gewinnen. Gegenwärtig sind 
wir in Sachen der Sexualität samt und sonders Heuchler, Kranke 
wie Gesunde. Es wird uns nur zugute kommen, wenn im Ge- 
folge der allgemeinen Aufrichtigkeit ein gewisses Maß von Duldung 
in sexuellen Dingen zur Geltung gelangt. 

Der Arzt hat gewöhnlich ein sehr geringes Interesse an manchen 
der Fragen, welche unter den Neuropathologen in betreff der Neuro- 
sen diskutiert werden, etwa ob man Hysterie und Neurasthenie 
strenge zu sondern berechtigt ist, ob man eine Hystero-Neur- 
asthenie daneben unterscheiden darf, ob man das Zwangsvorstellen 
zur Neurasthenie rechnen oder als besondere Neurose anerkennen 
soll u. dgl. m. Wirklich dürfen auch solche Distinktionen dem 
Arzte gleichgültig sein, so lange sich an die getroffene Entschei- 
dung weiter nichts knüpft, keine tiefere Einsicht und kein Finger- 
zeig für die Therapie, so lange der Kranke ja allen Fällen in die 



Wasserheilanstalt geschickt wird, oder zu hören bekommt — daß 
ihm nichts fehlt. Anders aber, wenn man unsere Gesichtspunkte 
über die ursächlichen Beziehungen zwischen der Sexualität und 
den Neurosen annimmt. Dann erwacht ein neues Interesse für die 
Symptomatologie der einzelnen neurotischen Fälle, und es gelangt 
zur praktischen Wichtigkeit, daß man das komplizierte Bild richtig 
in seine Komponenten zu zerlegen und diese richtig zu benennen 
verstehe. Die Morphologie der Neurosen ist nämlich mit geringer 
Mühe in Ätiologie zu übersetzen, und aus der Erkenntnis dieser 
leiten sich, wie selbstverständlich, neue therapeutische Anwei- 
sungen ab. 

Die bedeutsame Entscheidung nun, die jedesmal durch sorg- 
fältige Würdigung der Symptome sicher getroffen werden kann, 
geht dahin, ob der Fall die Charaktere einer Neurasthenie oder 
einer Psychoneurose (Hysterie, Zwangsvorstellen) an sich trägt. 
(Es kommen ungemein häufig Mischfälle vor, in denen Zeichen 
der Neurasthenie mit denen einer Psychoneurose vereinigt sind 5 
wir wollen aber deren Würdigung für später aufsparen.) Nur bei 
den Neurasthenien hat das Examen der Kranken den Erfolg, die 
ätiologischen Momente aus dem Sexualleben aufzudecken; die- 
selben sind dem Kranken, wie natürlich, bekannt und gehören 
der Gegenwart, richtiger der Lebenszeit seit der Geschlechtsreife 
an (wenngleich auch diese Abgrenzung nicht alle Fälle einzu- 
schließen gestattet). Bei den Psychoneurosen leistet ein solches 
Examen wenig; es verschafft uns etwa die Kenntnis von Momenten, 
die man als Veranlassungen anerkennen muß, und die mit dem 
Sexualleben zusammenhängen oder auch nicht; im ersteren Falle 
zeigen sie sich dann nicht von anderer Art als die ätiologischen 
Momente der Neurasthenie, lassen also eine spezifische Beziehung 
zur Verursachung der Psychoneurose durchaus vermissen. Und doch 
liegt auch die Ätiologie der Psychoneurosen in jedem Falle wieder- 
um im Sexuellen. Auf einem merkwürdigen Umwege, von dem 
später die Rede sein wird, kann man zur Kenntnis dieser Ätio- 



Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 445 

logie gelangen und begreiflich finden, daß der Kranke uns von 
ihr nichts zu sagen wußte. Die Ereignisse und Einwirkungen 
nämlich, welche jeder Psychoneurose zugrunde liegen, gehören 
nicht der Aktualität an, sondern einer längst vergangenen, sozu- 
sagen prähistorischen Lebensepoche, der frühen Kindheit, und 
darum sind sie auch dem Kranken nicht bekannt. Er hat sie — 
in einem bestimmten Sinne nur — vergessen. 

Sexuelle Ätiologie also in allen Fällen von Neurose; aber bei 
den Neurasthenien solche von aktueller Art, bei den Psycho- 
neurosen Momente infantiler Natur; dies ist der erste große Gegen- 
satz in der Ätiologie der Neurosen. Ein zweiter ergibt sich, wenn 
man einem Unterschiede in der Symptomatik der Neurasthenie 
selbst Rechnung trägt. Hier finden sich einerseits Fälle, in denen 
sich gewisse für die Neurasthenie charakteristische Beschwerden 
in den Vordergrund drängen: Der Kopf druck, die Ermüdbarkeit, 
die Dyspepsie, die Stuhlverstopfung, die Spinalirritation usf. In 
anderen Fallen treten diese Zeichen zurück, und das Krankheits- 
bild setzt sich aus anderen Symptomen zusammen, die sämtlich 
eine Beziehung zum Kernsymptom, der „Angst", erkennen lassen 
(freie Ängstlichkeit, Unruhe, Erwartungsangst, komplette, rudimen- 
täre und supplementäre Angstanfälle, lokomotorischer Schwindel, 
Agoraphobie, Schlaflosigkeit, Schmerzsteigerung usw.). Ich habe 
dem ersten Typus von Neurasthenie seinen Namen belassen, den 
zweiten aber als „Angstneurose" ausgezeichnet, und diese Schei- 
dung an anderem Orte begründet, woselbst auch der Tatsache des 
in der Regel gemeinsamen Vorkommens beider Neurosen Rechnung 
getragen wird. Für unsere Zwecke genügt die Hervorhebung, daß 
der symptomatischen Verschiedenheit beider Formen ein Unter- 
schied der Ätiologie parallel geht. Die Neurasthenie läßt sich jedes- 
mal auf einen Zustand des Nervensystems zurückführen, wie er 
durch exzessive Masturbation erworben wird oder durch gehäufte 
Pollutionen spontan entsteht; bei der Angstneurose findet man 
regelmäßig sexuelle Einflüsse, denen das Moment der Zurückhaltung 



oder der unvollkommenen Befriedigung gemeinsam ist, wie: Coitus 
interruptus, Abstinenz bei lebhafter Libido, sogenannte frustrane 
Erregung u. dgl. In dem kleinen Aufsatze, welcher die Angst- 
neurose einzuführen bemüht war, habe ich die Formel ausge- 
sprochen, die Angst sei überhaupt eine von ihrer Verwendung 
abgelenkte Libido. 

Wo in einem Falle Symptome der Neurasthenie und der Angst- 
neurose vereinigt sind, also ein Mischfall vorliegt, da hält man 
sich an den empirisch gefundenen Satz, daß einer Vermengung 
von Neurosen ein Zusammenwirken von mehreren ätiologischen 
Momenten entspricht, und wird seine Erwartung jedesmal be- 
stätigt finden. Wie oft diese ätiologischen Momente durch den 
Zusammenhang der sexuellen Vorgänge organisch miteinander ver- 
knüpft sind, z. B. Coitus interruptus oder ungenügende Potenz 
des Mannes mit der Masturbation, dies wäre einer Ausführung im 
einzelnen wohl würdig. 

Wenn man den vorliegenden Fall von neurasthenischer Neurose 
sicher diagnostiziert und dessen Symptome richtig gruppiert hat, 
so darf man sich die Symptomatik in Ätiologie übersetzen und 
dann von den Kranken dreist die Bekräftigung seiner Vermutungen 
verlangen. Anfänglicher Widerspruch darf einen nicht irre machen ; 
man besteht fest auf dem, was man erschlossen hat, und besiegt 
endlich jeden Widerstand dadurch, daß man die Unerschütterlich- 
keit seiner Überzeugung betont. Man erfährt dabei allerlei aus 
dem Sexualleben der Menschen, womit sich ein nützliches und 
lehrreiches Buch füllen ließe, lernt es auch nach jeder Richtung 
hin bedauern, daß die Sexualwissenschaft heutzutage noch als un- 
ehrlich gilt. Da kleinere Abweichungen von einer normalen vita 
sexualis viel zu häufig sind, als daß man ihrer Auffindung Wert 
beilegen dürfte, wird man bei seinen neurotisch Kranken nur 
schwere und lange Zeit fortgesetzte Abnormität des Sexuallebens 
als Aufklärung gelten lassen 5 daß man aber durch sein Drängen 
einen Kranken, der psychisch normal ist, veranlassen könnte, sich 



Die Sexualität in der Ätiologie der Neuro sen 447 

selbst fälschlich sexueller Vergehen zu bezichtigen, das darf man 
getrost als eine imaginäre Gefahr vernachlässigen. 

Verfährt man in dieser Weise mit seinen Kranken, so erwirbt 
man sich auch die Überzeugung, daß es für die Lehre von der 
sexuellen Ätiologie der Neurasthenie negative Fälle nicht gibt. Bei 
mir wenigstens ist diese Überzeugung so sicher geworden, daß ich 
auch den negativen Ausfall des Examens diagnostisch verwertet 
habe, nämlich um mir zu sagen, daß solche Fälle keine Neur- 
asthenie sein können. So kam ich mehrmals dazu, eine progressive 
Paralyse anstatt einer Neurasthenie anzunehmen, weil es mir nicht 
gelungen war, die nach meiner Lehre erforderliche ausgiebige 
Masturbation nachzuweisen, und der Verlauf dieser Fälle gab mir 
nachträglich Recht. Ein andermal, wo der Kranke, bei Abwesen- 
heit deutlicher organischer Veränderungen, über Kopfdruck, Kopf- 
schmerzen, Dyspepsie klagte und meinen sexuellen Verdächtigungen 
mit Aufrichtigkeit und überlegener Sicherheit begegnete, fiel es 
mir ein, eine latente Eiterung in einer der Nebenhöhlen der Nase 
zu vermuten, und ein spezialistisch geschulter Kollege bestätigte 
diesen aus dem sexuell negativen Examen gezogenen Schluß, in- 
dem er den Kranken durch Entleerung von fötidem Eiter aus einer 
Highmorshöhle von seinen Beschwerden befreite. 

Der Anschein, als ob es dennoch „negative Fälle" gäbe, kann 
auch auf andere Weise entstehen. Das Examen weist mitunter 
ein normales Sexualleben bei Personen nach, deren Neurose einer 
Neurasthenie oder einer Angstneurose für oberflächliche Beobach- 
tung wirklich genug ähnlich sieht. Tiefer eindringende Unter- 
suchung deckt aber dann regelmäßig den wahren Sachverhalt auf. 
Hinter solchen Fällen, die man für Neurasthenie gehalten hat, 
steckt eine Psychoneurose, eine Hysterie oder Zwangsneurose. Die 
Hysterie insbesondere, die so viele organische Affektionen nach- 
ahmt, kann mit Leichtigkeit eine der aktuellen Neurosen vor- 
täuschen, indem sie deren Symptome zu hysterischen erhebt. Solche 
Hysterien in der Form der Neurasthenie sind nicht einmal sehr 



44 8 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



selten. Es ist aber keine wohlfeile Auskunft, -wenn man für die 
Neurasthenien mit sexuell negativer Auskunft auf die Psychoneuro- 
sen rekurriert; man kann den Nachweis hiefür führen auf jenem 
Wege, der allein eine Hysterie untrüglich entlarvt, auf dem Wege 
der später zu erwähnenden Psychoanalyse. 

Vielleicht wird nun mancher, der gerne bereit ist, der sexuellen 
Ätiologie bei seinen neurasthenisch Kranken Rechnung zu tragen, 
es doch als eine Einseitigkeit rügen, wenn er nicht aufgefordert 
wird, auch den anderen Momenten, die als Ursachen der Neur- 
asthenie bei den Autoren allgemein erwähnt sind, seine Aufmerk- 
samkeit zu schenken. Es fällt mir nun nicht ein, die sexuelle 
Ätiologie bei den Neurosen jeder anderen zu substituieren, so daß 
ich deren Wirksamkeit für aufgehoben erklären würde. Das wäre 
ein Mißverständnis. Ich meine vielmehr, zu all den bekannten 
und wahrscheinlich mit Recht anerkannten ätiologischen Momenten 
der Autoren für die Entstehung der Neurasthenie kommen die 
sexuellen, die bisher nicht hinreichend gewürdigt worden sind, 
noch hinzu. Diese verdienen aber, nach meiner Schätzung, daß 
man ihnen in der ätiologischen Reihe eine besondere Stellung 
anweise. Denn sie allein werden in keinem Falle von Neurasthenie 
vermißt, sie allein vermögen es, die Neurose ohne weitere Beihilfe 
zu erzeugen, so daß diese anderen Momente zur Rolle einer Hilfs- 
und Supplementärätiologie herabgedrückt scheinen 5 sie allein ge- 
statten dem Arzte, sichere Beziehungen zwischen ihrer Mannig- 
faltigkeit und der Vielheit der Krankheitsbilder zu erkennen. Wenn 
ich dagegen die Fälle zusammenstelle, die angeblich durch Über- 
arbeitung, Gemütsaufregung, nach einem Typhus u. dgl. neurasthe- 
nisch geworden sind, so zeigen sie mir in den Symptomen nichts 
Gemeinsames, ich wüßte aus der Art der Ätiologie keine Erwartung 
in betreff der Symptome zu bilden, wie umgekehrt aus dem Krank- 
heitsbilde nicht auf die einwirkende Ätiologie zu schließen. 

Die sexuellen Ursachen sind auch jene, welche dem Arzte am 
ehesten einen Anhalt für sein therapeutisches Wirken bieten. Die 



Heredität ist unzweifelhaft ein bedeutsamer Faktor, wo sie sich 
findet; sie gestattet, daß ein großer Krankheitseffekt zustande 
kommt, wo sich sonst nur ein sehr geringer ergeben hätte. Allein 
die Hereditat ist der Beeinflussung des Arztes unzugänglich; ein 
jeder bringt seine hereditären Krankheitsneigungen mit sich; wir 
können nichts mehr daran ändern. Auch dürfen wir nicht ver- 
gessen, daß wir gerade in der Ätiologie der Neurasthenien der 
Heredität den ersten Rang notwendig versagen müssen. Die Neur- 
asthenie (in beiden Formen) gehört zu den Affektionen, die jeder 
erblich Unbelastete bequem erwerben kann. Wäre es anders, so 
wäre ja die riesige Zunahme der Neurasthenie undenkbar, über 
welche alle Autoren klagen. Was die Zivilisation betrifft, zu deren 
Sündenregister man oft die Verursachung der Neurasthenie zu 
schreiben pflegt, so mögen auch hierin die Autoren Recht haben 
(wiewohl wahrscheinlich auf ganz anderen Wegen, als sie ver- 
meinen); aber der Zustand unserer Zivilisation ist gleichfalls für 
den einzelnen etwas Unabänderliches; übrigens erklärt dieses 
Moment bei seiner Allgemeingültigkeit für die Mitglieder der- 
selben Gesellschaft niemals die Tatsache der Auswahl bei der Er- 
krankung. Der nicht neurasthenische Arzt steht ja unter demselben 
Einflüsse der angeblich unheilvollen Zivilisation wie der neurasthe- 
nische Kranke, den er behandeln soll. — Die Bedeutung er- 
schöpfender Einflüsse bleibt mit der oben gegebenen Einschrän- 
kung bestehen. Aber mit dem Momente der „Überarbeitung", 
das die Ärzte so gerne ihren Patienten als Ursache ihrer Neurose 
gelten lassen, wird übermäßig viel Mißbrauch getrieben. Es ist 
ganz richtig, daß jeder, der sich durch sexuelle Schädlichkeiten 
zur Neurasthenie disponiert hat, die intellektuelle Arbeit und die 
psychischen Mühen des Lebens schlecht verträgt, aber niemals 
wird jemand durch Arbeit oder durch Aufregung allein neurotisch. 
Geistige Arbeit ist eher ein Schutzmittel gegen neurasthenische 
Erkrankung; gerade die ausdauerndsten intellektuellen Arbeiter 
bleiben von der Neurasthenie verschont, und was die Neurasthe- 

Freud, I. 29 



450 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



niker als „krankmachende Überarbeitung" anklagen, das verdient 
in der Regel weder der Qualität noch dem Ausmaße nach als 
„geistige Arbeit" anerkannt zu werden. Die Ärzte werden sich wohl 
gewöhnen müssen, dem Beamten, der sich in seinem Bureau „über- 
angestrengt", oder der Hausfrau, der ihr Hauswesen zu schwer 
geworden ist, die Aufklärung zu geben, daß sie nicht erkrankt sind, 
weil sie versucht haben, ihre für ein zivilisiertes Gehirn eigentlich 
leichten Pflichten zu erfüllen, sondern weil sie während dessen ihr 
Sexualleben gröblich vernachlässigt und verdorben haben. 

Nur die sexuelle Ätiologie ermöglicht uns ferner das Verständnis 
aller Einzelheiten der Krankengeschichten bei Neurasthenikern, der 
rätselhaften Besserungen mitten im Krankheitsverlaufe und der 
ebenso unbegreiflichen Verschlimmerungen, die von Ärzten und 
Kranken dann gewöhnlich mit der eingeschlagenen Therapie in 
Beziehung gebracht werden. In meiner mehr als zweihundert Fälle 
umfassenden Sammlung ist z. B. die Geschichte eines Mannes 
verzeichnet, der, nachdem ihm die hausärztliche Behandlung nichts 
genützt hatte, zu Pfarrer Kneipp ging und von dieser Kur an 
ein Jahr von außerordentlicher Besserung mitten in seinen Leiden 
zu verzeichnen hatte. Als aber ein Jahr später die Beschwerden 
sich wieder verstärkten und er neuerdings Hilfe in Wörishofen 
suchte, blieb der Erfolg dieser zweiten Kur aus. Ein Blick in die 
Familienchronik dieses Patienten löst das zweifache Rätsel auf: 
sechseinhalb Monate nach der ersten Rückkehr aus Wörishofen 
wurde dem Kranken von seiner Frau ein Kind geboren; er hatte 
sie also zu Beginn einer noch unerkannten Gravidität verlassen 
und durfte nach seiner Wiederkunft natürlichen Verkehr mit ihr 
pflegen. Als nach Ablauf dieser für ihn heilsamen Zeit seine 
Neurose durch neuerlichen Coitus interruptus wieder angefacht 
war, mußte sich die zweite Kur erfolglos erweisen, da jene oben 
erwähnte Gravidität die letzte blieb. 

Ein ähnlicher Fall, in dem gleichfalls eine unerwartete Ein- 
wirkung der Therapie zu erklären war, gestaltete sich noch lehr- 



' 



Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 451 

reicher, indem er eine rätselhafte Abwechslung in den Symptomen 
der Neurose enthielt. Ein jugendlicher Nervöser war von seinem 
Arzte in eine wohlgeleitete Wasserheilanstalt wegen typischer 
Neurasthenie geschickt worden. Dort besserte sich sein Zustand 
anfänglich immer mehr, so daß alle Aussicht vorhanden war, den 
Patienten als dankbaren Anhänger der Hydrotherapie zu entlassen. 
Da trat in der sechsten Woche ein Umschlag ein 5 der Kranke 
„vertrug das Wasser nicht mehr", wurde immer nervöser und 
verließ endlich nach zwei weiteren Wochen ungeheilt und unzu- 
frieden die Anstalt. Als er sich bei mir über diesen Trug der 
Therapie beklagte, erkundigte ich mich ein wenig nach den Sym- 
ptomen, die ihn mitten in der Kur befallen hatten. Merkwürdiger* 
weise hatte sich darin ein Wandel vollzogen. Er war mit Kopf- 
druck, Müdigkeit und Dyspepsie in die Anstalt gegangen 5 was 
ihn in der Behandlung gestört hatte, waren: Aufgeregtheit, An- 
fälle von Beklemmung, Schwindel im Gehen und Schlafstörung 
gewesen. Nun konnte ich dem Kranken sagen: „Sie tun der Hydro- 
therapie Unrecht. Sie sind, wie Sie selbst sehr wohl gewußt haben, 
infolge von lange fortgesetzter Masturbation erkrankt. In der 
Anstalt haben sie diese Art der Befriedigung aufgegeben und sich 
darum rasch erholt. Als Sie sich aber wohl fühlten, haben Sie 
unklugerweise Beziehungen zu einer Dame, nehmen wir an, einer 
Mitpatientin, gesucht, die nur zur Aufregung ohne normale Be- 
friedigung führen konnten. Die schönen Spaziergänge in der Nähe 
der Anstalt gaben Ihnen gute Gelegenheit dazu. An diesem Ver- 
hältnisse sind Sie von neuem erkrankt, nicht an einer plötzlich 
aufgetretenen Intoleranz gegen die Hydrotherapie. Aus Ihrem 
gegenwärtigen Befinden schließe ich übrigens, daß Sie dasselbe 
Verhältnis auch in der Stadt fortsetzen." Ich kann versichern, daß 
der Kranke mich dann Punkt für Punkt bestätigt hat. 

Die gegenwärtige Therapie der Neurasthenie, wie sie wohl am 
günstigsten in den Wasserheilanstalten geübt wird, setzt sich das 
Ziel, die Besserung des nervösen Zustandes durch zwei Momente: 

29» 



452 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Schonung und Stärkung des Patienten zu erreichen. Ich wüßte 
nichts anderes gegen diese Therapie vorzubringen, als daß sie den 
sexuellen Bedingungen des Falles keine Rechnung trägt. Nach 
meiner Erfahrung ist es höchst wünschenswert, daß die ärztlichen 
Leiter solcher Anstalten sich genügend klar machen, daß sie es 
nicht mit Opfern der Zivilisation oder der Heredität, sondern — 
sit venia verbo — mit Sexualitätskrüppeln zu tun haben. Sie 
würden sich dann einerseits ihre Erfolge wie ihre Mißerfolge 
leichter erklären, anderseits aber neue Erfolge erzielen, die bis jetzt 
dem Zufalle oder dem unbeeinflußten Verhalten des Kranken an- 
heimgegeben sind. Wenn man eine ängstlich-neurasthenische Frau 
von ihrem Hause weg in die Wasserheilanstalt schickt, sie dort, 
aller Pflichten ledig, baden, turnen und sich reichlich ernähren 
läßt, so wird man gewiß geneigt sein, die oft glänzende Besse- 
rung, die so in einigen Wochen oder Monaten erreicht wird, auf 
Rechnung der Ruhe, welche die Kranke genossen hat, und der 
Stärkung, die ihr die Hydrotherapie gebracht hat, zu setzen. Das 
mag so sein; man übersieht aber dabei, daß mit der Entfernung 
vom Hause für die Patientin auch eine Unterbrechung des ehe- 
lichen Verkehrs gegeben ist, und daß erst diese zeitweilige Aus- 
schaltung der krankmachenden Ursache ihr die Möglichkeit gibt, 
sich bei zweckmäßiger Therapie zu erholen. Die Vernachlässigung 
dieses ätiologischen Gesichtspunktes rächt sich nachträglich, indem 
der scheinbar so befriedigende Heilerfolg sich als sehr flüchtig er- 
weist. Kurze Zeit, nachdem der Patient in seine Lebensverhältnisse 
zurückgekehrt ist, stellen sich die Symptome des Leidens wieder 
ein und nötigen ihn, entweder immer von Zeit zu Zeit einen 
Teil seiner Existenz unproduktiv in solchen Anstalten zu ver- 
bringen, oder veranlassen ihn, seine Hoffnungen auf Heilung 
anderswohin zu richten. Es ist also klar, daß die therapeutischen 
Aufgaben bei der Neurasthenie nicht in den Wasserheilanstalten, 
sondern innerhalb der Lebensverhältnisse der Kranken in Angriff 
zu nehmen sind. 



Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 45g 

Bei anderen Fällen kann unsere ätiologische Lehre dem Anstaltsarzte 
Aufklärung über die Quelle von Mißerfolgen geben, die sich noch in 
der Anstalt selbst ereignen, und ihm nahelegen, wie solche zu 
vermeiden sind. Die Masturbation ist bei erwachsenen Mädchen 
und reifen Männern weit häufiger, als man anzunehmen pflegt, 
und wirkt als Schädlichkeit nicht nur durch die Erzeugung der 
neurasthenischen Symptome, sondern auch, indem sie die Kranken 
unter dem Drucke eines als schändlich empfundenen Geheimnisses 
erhält. Der Arzt, der nicht gewohnt ist, Neurasthenie in Mastur- 
bation zu übersetzen, gibt sich für den Krankheitszustand Rechen- 
schaft, indem er sich auf ein Schlagwort wie Anämie, Unter- 
ernährung, Überarbeitung usw. bezieht, und erwartet nun bei An- 
wendung der dagegen ausgearbeiteten Therapie die Heilung seines 
Kranken. Zu seinem Erstaunen wechseln aber beim Kranken Zeiten 
von Besserung mit anderen ab, in denen unter schwerer Verstim- 
mung alle Symptome sich verschlimmern. Der Ausgang einer 
solchen Behandlung ist im allgemeinen zweifelhaft. Wüßte der 
Arzt, daß der Kranke die ganze Zeit über mit seiner sexuellen 
Angewöhnung kämpft, daß er in Verzweiflung verfallen ist, weil 
er ihr wieder einmal unterliegen mußte, verstünde er, dem Kranken 
sein Geheimnis abzunehmen, dessen Schwere in seinen Augen zu 
entwerten, und ihn bei seinem Abgewöhnungskampfe zu unter- 
stützen, so würde der Erfolg der therapeutischen Bemühung hie- 
durch wohl gesichert. 

Die Abgewöhnung der Masturbation ist nur eine der neuen 
therapeutischen Aufgaben, welche dem Arzte aus der Berücksichti- 
gung der sexuellen Ätiologie erwachsen, und diese Aufgabe gerade 
scheint wie jede andere Abgewöhnung nur in einer Krankenanstalt 
und unter beständiger Aufsicht des Arztes lösbar. Sich selbst über- 
lassen, pflegt der Masturbant bei jeder verstimmenden Einwirkung 
auf die ihm bequeme Befriedigung zurückzugreifen. Die ärztliche 
Behandlung kann sich hier kein anderes Ziel stecken, als den 
wieder gekräftigten Neurastheniker dem normalen Geschlechts- 



454 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



verkehre zuzuführen, denn das einmal geweckte und durch eine 
geraume Zeit befriedigte Sexualbedürfnis läßt sich nicht mehr zum 
Schweigen bringen, sondern bloß auf einen anderen Weg ver- 
schieben. Eine ganz analoge Bemerkung gilt übrigens auch für 
alle anderen Abstinenzkuren, die so lange nur scheinbar gelingen 
werden, so lange sich der Arzt damit begnügt, dem Kranken das 
narkotische Mittel zu entziehen, ohne sich um die Quelle zu 
kümmern, aus welcher das imperative Bedürfnis nach einem solchen 
entspringt. „Gewöhnung" ist eine bloße Redensart ohne aufklären- 
den Wert ; nicht jedermann, der eine Zeitlang Morphium, Kokain, 
Chloralhydrat u. dgl. zu nehmen Gelegenheit hat, erwirbt hie- 
durch die „Sucht" nach diesen Dingen. Genauere Untersuchung 
weist in der Regel nach, daß diese Narkotika zum Ersätze — 
direkt oder auf Umwegen — des mangelnden Sexualgenusses be- 
stimmt sind, und wo sich normales Sexualleben nicht mehr her- 
stellen läßt, da darf man den Rückfall des Entwöhnten mit Sicher- 
heit erwarten. 

Die andere Aufgabe wird dem Arzte durch die Ätiologie der 
Angstneurose gestellt und besteht darin, den Kranken zum Verlassen 
aller schädlichen Arten des Sexualverkehrs und zur Aufnahme 
normaler sexueller Beziehungen zu veranlassen. Wie begreiflich, 
fällt diese Pflicht vor allem dem ärztlichen Vertrauensmanne des 
Kranken, dem Hausarzte, zu, der seine Klienten schwer schädigt, 
wenn er sich zu vornehm hält, um in diese Sphäre einzu- 
greifen. 

Da es sich hiebei zumeist um Ehepaare handelt, stößt das Be- 
mühen des Arztes alsbald mit den malthusianischen Tendenzen, 
die Anzahl der Konzeptionen in der Ehe einzuschränken, zusammen. 
Es scheint mir unzweifelhaft, daß diese Vorsätze in unserem Mittel- 
stande immer mehr an Ausbreitung gewinnen ; ich bin Ehepaaren 
begegnet, die schon nach dem ersten Kinde die Verhütung der 
Konzeption durchzuführen begannen, und anderen, deren sexueller 
Verkehr von der Hochzeitsnacht an diesem Vorsatze Rechnung 



Die Sexualität in der Ätiolog ie der Neurosen 455 

tragen wollte. Das Problem des Malthusianismus ist weitläufig und 
kompliziert 5 ich habe nicht die Absicht, es hier erschöpfend zu 
behandeln, wie es für die Therapie der Neurosen eigentlich er- 
forderlich wäre. Ich gedenke nur zu erörtern, welche Stellung der 
Arzt, der die sexuelle Ätiologie der Neurosen anerkennt, zu diesem 
Problem am besten einnehmen kann. 

Das Verkehrteste ist es offenbar, wenn er dasselbe — unter 
welchen Vorwänden immer — ignorieren will. Was notwendig 
ist, kann nicht unter meiner ärztlichen Würde sein, und es ist 
notwendig, einem Ehepaare, das an die Einschränkung der Kinder- 
zeugung denkt, mit ärztlichem Rate beizustehen, wenn man 
nicht einen Teil oder beide der Neurose aussetzen will. Es läßt 
sich nicht bestreiten, daß malthusianische Vorkehrungen irgend 
einmal in einer Ehe zur Notwendigkeit werden, und theoretisch 
wäre es einer der größten Triumphe der Menschheit, eine der 
fühlbarsten Befreiungen vom Naturzwange, dem unser Geschlecht 
unterworfen ist, wenn es gelänge, den verantwortlichen Akt der 
Kinderzeugung zu einer willkürlichen und beabsichtigten Handlung 
zu erheben, und ihn von der Verquickung mit der notwendigen 
Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses loszulösen. 

Der einsichtsvolle Arzt wird es also auf sich nehmen zu ent- 
scheiden, unter welchen Verhältnissen die Anwendung von Maß- 
regeln zur Verhütung der Konzeption gerechtfertigt ist, und wird 
die schädlichen unter diesen Hilfsmitteln von den harmlosen zu 
sondern haben. Schädlich ist alles, was das Zustandekommen der 
Befriedigung hindert; bekanntlich besitzen wir aber derzeit kein 
Schutzmittel gegen die Konzeption, welches allen berechtigten An- 
forderungen genügen würde, d. h. sicher, bequem ist, der Lust- 
empfindung beim Koitus nicht Eintrag tut und das Feingefühl der 
Frau nicht verletzt. Hier ist den Ärzten eine praktische Aufgabe 
gestellt, an deren Lösung sie ihre Kräfte dankbringend setzen 
können. Wer jene Lücke in unserer ärztlichen Technik ausfüllt, 
der hat Unzähligen den Lebensgenuß erhalten und die Gesund- 



heit bewahrt, freilich dabei auch eine tief einschneidende Verände- 
rung in unseren gesellschaftlichen Zuständen angebahnt. 

Hiemit sind die Anregungen nicht erschöpft, die aus der Er- 
kenntnis einer sexuellen Ätiologie der Neurosen fließen. Die Haupt- 
leistung, die uns zugunsten der Neurastheniker möglich ist, fällt 
in die Prophylaxis. Wenn die Masturbation die Ursache der Neur- 
asthenie in der Jugend ist und späterhin durch die von ihr ge- 
schaffene Verminderung der Potenz auch zu ätiologischer Bedeu- 
tung für die Angstneurose gelangt, so ist die Verhütung der 
Masturbation bei beiden Geschlechtern eine Aufgabe, die mehr 
Beachtung verdient, als sie bis jetzt gefunden hat. Überdenkt man 
alle die feineren und gröberen Schädigungen, die von der angeblich 
immer mehr um sich greifenden Neurasthenie ausgehen, so erkennt 
man geradezu ein Volksinteresse darin, daß die Männer mit 
voller Potenz in den Sexualverkehr eintreten. In Sachen 
der Prophylaxis aber ist der einzelne ziemlich ohnmächtig. Die 
Gesamtheit muß ein Interesse an dem Gegenstande gewinnen 
und ihre Zustimmung zur Schöpfung von gemeingültigen Ein^ 
richtungen geben. Vorläufig sind wir von einem solchen Zustande, 
der Abhilfe versprechen würde, noch weit entfernt, und darum kann 
man mit Recht auch unsere Zivilisation für die Verbreitung der 
Neurasthenie verantwortlich machen. Es müßte sich vieles ändern. 
Der Widerstand einer Generation von Ärzten muß gebrochen 
werden, die sich nicht mehr an ihre eigene Jugend erinnern 
können ; der Hochmut der Väter ist zu überwinden, die vor ihren 
Kindern nicht gerne auf das Niveau der Menschlichkeit herab- 
steigen wollen, die unverständige Verschämtheit der Mütter ist zu 
bekämpfen, denen es jetzt regelmäßig als unerforschliche, aber un- 
verdiente Schicksalsfügung erscheint, daß „gerade ihre Kinder 
nervös geworden sind". Vor allem aber muß in der öffentlichen 
Meinung Raum geschaffen werden für die Diskussion der Pro- 
bleme des Sexuallebens ; man muß von diesen reden können, ohne 
für einen Ruhestörer oder für einen Spekulanten auf niedrige 



Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 457 

Instinkte erklärt zu werden. Und somit verbliebe auch hier ge- 
nügend Arbeit für ein nächstes Jahrhundert, in dem unsere Zivili- 
sation es verstehen soll, sich mit den Ansprüchen unserer Sexualität 
zu vertragen! 

Der Wert einer richtigen diagnostischen Scheidung der Psycho- 
neurosen von der Neurasthenie bezeigt sich auch darin, daß die 
ersteren eine andere praktische Würdigung und besondere thera- 
peutische Maßnahmen erfordern. Die Psychoneurosen treten unter 
zweierlei Bedingungen auf, entweder selbständig oder im Gefolge 
der Aktualneurosen (Neurasthenie und Angstneurose). Im letzteren 
Falle hat man es mit einem neuen, übrigens sehr häufigen Typus 
von gemischten Neurosen zu tun. Die Ätiologie der Aktualneurose 
ist zur Hilfsätiologie der Psychoneurose geworden ; es ergibt sich 
ein Krankheitsbild, in dem etwa die Angstneurose vorherrscht, das 
aber sonst Züge der echten Neurasthenie, der Hysterie und der 
Zwangsneurose enthält. Man tut nicht gut, angesichts einer solchen 
Vermengung etwa auf eine Sonderung der einzelnen neurotischen 
Krankheitsbilder zu verzichten, da es doch nicht schwer ist, sich 
den Fall in folgender Weise zurechtzulegen: Wie die vorwiegende 
Ausbildung der Angstneurose beweist, ist hier die Erkrankung 
unter dem ätiologischen Einfluß einer aktuellen sexuellen Schädlich- 
keit entstanden. Das betreffende Individuum war aber außerdem 
zu einer oder mehreren Psychoneurosen durch eine besondere 
Ätiologie disponiert und wäre irgend einmal spontan oder bei 
Hinzutritt eines andern schwächenden Moments an Psychoneurose 
erkrankt. Nun ist die noch fehlende Hilfsätiologie für die Psycho- 
neurose durch die aktuelle Ätiologie der Angstneurose hinzugefügt 
worden. 

Für solche Fälle hat sich mit Recht die therapeutische Übung 
eingebürgert, von der psychoneurotischen Komponente im Krank- 
heitsbilde abzusehen und ausschließlich die Aktualneurose zu be- 
handeln. Es gelingt in sehr vielen Fällen, auch der mitgerissenen 
Neurose Herr zu werden, wenn man der Neurasthenie zweck- 



mäßig entgegentritt. Eine andere Beurteilung erfordern aber jene 
Fälle von Psychoneurose, die, sei es spontan auftreten, oder nach 
dem Ablaufe einer aus Neurasthenie und Psychoneurose gemengten 
Erkrankung als selbständig übrig bleiben. Wenn ich von „spon- 
tanem" Auftreten einer Psychoneurose gesprochen habe, so meine 
ich damit nicht etwa, daß man bei anamnestischer Nachforschung 
jedes ätiologische Moment vermißt. Dies kann wohl der Fall sein, 
man kann aber auch auf ein indifferentes Moment, eine Gemüts- 
bewegung, Schwächung durch somatische Erkrankung u. dgl. hin- 
gewiesen werden. Doch muß man für alle diese Fälle festhalten, 
daß die eigentliche Ätiologie der Psychoneurosen nicht in diesen 
Veranlassungen liegt, sondern der gewöhnlichen Weise anamnesti- 
scher Erhebung unfaßbar bleibt. 

Wie bekannt, ist es diese Lücke, welche man versucht hat, 
durch die Annahme einer besonderen neuropathischen Disposition 
auszufüllen, deren Existenz einer Therapie solcher Krankheitszu- 
stände freilich nicht viel Aussicht auf Erfolg übrig ließe. Die 
neuropathische Disposition selbst wird als Zeichen einer allge- 
meinen Degeneration aufgefaßt, und somit gelangt dieses be- 
queme Kunstwort zu einer überreichlichen Verwendung gegen 
die armen Kranken, denen zu helfen die Ärzte recht- ohnmächtig 
sind. Zum Glück steht es anders. Die neuropathische Disposition 
existiert wohl, aber ich muß bestreiten, daß sie zur Erzeugung 
der Psychoneurose hinreicht. Ich muß ferner bestreiten, daß das 
Zusammentreffen von neuropathischer Disposition und veranlassen- 
den Ursachen des späteren Lebens eine ausreichende Ätiologie 
der Psychoneurosen darstellt. Man ist in der Zurückführung der 
Krankheitsschicksale des einzelnen auf die Erlebnisse seiner Ahnen 
zu weit gegangen und hat daran vergessen, daß zwischen der 
Empfängnis und der Reife des Individuums ein langer und be- 
deutsamer Lebensabschnitt liegt, die Kindheit, in welcher die 
Keime zu späterer Erkrankung erworben werden können. So ist 
es tatsächlich bei der Psychoneurose. Ihre wirkliche Ätiologie ist 






Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 45g 

zu finden in Erlebnissen der Kindheit, und zwar wiederum — 
und ausschließlich — in Eindrücken, die das sexuelle Leben be- 
treffen. Man tut Unrecht daran, das Sexualleben der Kinder völlig 
zu vernachlässigen; sie sind, so viel ich erfahren habe, aller psy- 
chischen und vieler somatischen Sexualleistungen fähig. So wenig 
die äußeren Genitalien und die beiden Keimdrüsen den ganzen 
Geschlechtsapparat des Menschen darstellen, ebensowenig beginnt 
sein Geschlechtsleben erst mit der Pubertät, wie es der groben 
Beobachtung erscheinen mag. Es ist aber richtig, daß die Organi- 
sation und Entwicklung der Spezies Mensch eine ausgiebigere se- 
xuelle Betätigung im Kindesalter zu vermeiden strebt; es scheint, 
daß die sexuellen Triebkräfte beim Menschen aufgespeichert werden 
sollen, um dann bei ihrer Entfesselung zur Zeit der Pubertät 
großen kulturellen Zwecken zu dienen. (Wilh. Fließ.) Aus einem 
derartigen Zusammenhange läßt sich etwa verstehen, warum se- 
xuelle Erlebnisse des Kindesalters pathogen wirken müssen. Sie 
entfalten ihre Wirkung aber nur zum geringsten Maße zur Zeit, 
da sie vorfallen; weit bedeutsamer ist ihre nachträgliche 
Wirkung, die erst in späteren Perioden der Reifung eintreten 
kann. Diese nachträgliche Wirkung geht, wie nicht anders möglich, 
von den psychischen Spuren aus, welche die infantilen Sexual- 
erlebnisse zurückgelassen haben. In dem Intervall zwischen dem 
Erleben dieser Eindrücke und deren Reproduktion (vielmehr dem 
Erstarken der von ihnen ausgehenden libidinösen Impulse) hat 
nicht nur der somatische Sexualapparat, sondern auch der psy- 
chische Apparat eine bedeutsame Ausgestaltung erfahren, und 
darum erfolgt auf die Einwirkung jener früheren sexuellen Er- 
lebnisse nun eine abnorme psychische Reaktion, es entstehen 
psychopathologische Bildungen. 

In diesen Andeutungen konnte ich nur die Hauptmomente an- 
führen, auf welche sich die Theorie der Psychoneurosen stützt: 
die Nachträglichkeit, den infantilen Zustand des Geschlechts- 
apparates und des Seeleninstrumentes. Um ein wirkliches Ver- 



46 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



ständnis des Entstehungsmechanismus der Psychoneurosen zu er- 
zielen, brauchte es breiterer Ausführungen; vor allem wäre es 
unvermeidlich;, gewisse Annahmen über die Zusammensetzung und 
die Arbeitsweise des psychischen Apparates, die mir neu scheinen, 
als glaubwürdig hinzustellen. In einem Buche über „Traum- 
deutung", das ich gegenwärtig vorbereite, werde ich die Ge- 
legenheit finden, jene Fundamente einer Neurosenpsychologie 
zu berühren. Der Traum gehört nämlich in dieselbe Reihe psy- 
chopathologischer Bildungen wie die hysterische fixe Idee, die 
Zwangsvorstellung und die Wahnidee. 

Da die Erscheinungen der Psychoneurosen vermittels der Nach- 
träglichkeit von unbewußten psychischen Spuren aus entstehen, 
werden sie der Psychotherapie zugänglich, die allerdings hier an- 
dere Wege einschlagen muß als den bis jetzt einzig begangenen 
der Suggestion mit oder ohne Hypnose. Auf der von J. Breuer 
angegebenen „kathartischen" Methode fußend, habe ich in den 
letzten Jahren ein therapeutisches Verfahren nahezu ausgearbeitet, 
welches ich das „psychoanalytische" heißen will, und dem 
ich zahlreiche Erfolge verdanke, während ich hoffen darf, seine 
Wirksamkeit noch erheblich zu steigern. In den 1895 veröffent- 
lichten Studien über Hysterie (mit J.Breuer) sind die ersten 
Mitteilungen über Technik und Tragweite der Methode gegeben 
worden. Seither hat sich manches, wie ich behaupten darf, zum 
Besseren daran geändert. Während wir damals bescheiden aus- 
sagten, daß wir nur die Beseitigung von hysterischen Symptomen, 
nicht die Heilung der Hysterie selbst in Angriff nehmen könnten, 
hat sich mir seither diese Unterscheidung als inhaltslos heraus- 
gestellt, also die Aussicht auf wirkliche Heilung der Hysterie und 
Zwangsvorstellungen ergeben. Es hat mich darum recht lebhaft 
interessiert, in den Publikationen von Fachgenossen zu lesen: In 
diesem Falle habe das sinnreiche, von Breuer und Freud er- 
sonnene Verfahren versagt, oder: Die Methode habe nicht ge- 
halten, was sie zu versprechen schien. Ich hatte dabei etwa die 



Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 461 

Empfindungen eines Menschen, der in der Zeitung seine Todes- 
anzeige findet, sich aber dabei in seinem Besserwissen beruhigt 
fühlen darf. Das Verfahren ist nämlich so schwierig, daß es durch- 
aus erlernt werden muß; und ich kann mich nicht besinnen, daß 
es einer meiner Kritiker von mir hätte erlernen wollen, glaube auch 
nicht, daß sie sich, ähnlich wie ich, genug intensiv damit beschäftigt 
haben, um es selbständig auffinden zu können. Die Bemerkungen 
in den Studien über Hysterie sind vollkommen unzureichend, um 
einem Leser die Beherrschung dieser Technik zu ermöglichen, streben 
solche vollständige Unterweisung auch keineswegs an. 

Die psychoanalytische Therapie ist derzeit nicht allgemein an- 
wendbar; ich kenne für sie folgende Einschränkungen: Sie er- 
fordert ein gewisses Maß von Reife und Einsicht beim Kranken, 
taugt daher nicht für kindliche Personen oder für erwachsene 
Schwachsinnige und Ungebildete. Sie scheitert bei allzu betagten 
Personen daran, daß sie bei ihnen, dem angehäuften Material ent- 
sprechend, allzuviel Zeit in Anspruch nehmen würde, so daß man 
bis zur Beendigung der Kur in einen Lebensabschnitt geraten 
würde, für welchen auf nervöse Gesundheit nicht mehr Wert 
gelegt wird. Endlich ist sie nur dann möglich, wenn der Kranke 
einen psychischen Normalzustand hat, von dem aus sich das patholo- 
gische Material bewältigen läßt. Während einer hysterischen Ver- 
worrenheit, einer eingeschalteten Manie oder Melancholie ist mit 
den Mitteln der Psychoanalyse nichts zu leisten. Man kann solche 
Fälle dem Verfahren noch unterziehen, nachdem man mit den ge- 
wöhnlichen Maßregeln die Beruhigung der stürmischen Erschei- 
nungen herbeigeführt hat. In der Praxis werden überhaupt die 
chronischen Fälle von Psychoneurosen besser der Methode stand- 
halten als die Fälle von akuten Krisen, bei denen das Haupt- 
gewicht naturgemäß auf die Raschheit der Erledigung fällt. Daher 
geben auch die hysterischen Phobien und die verschiedenen 
Formen der Zwangsneurose das günstigste Arbeitsgebiet für diese 
neue Therapie. 



462 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Daß die Methode in diese Schranken gebannt ist, erklärt sich 
zum guten Teil aus den Verhältnissen, unter denen ich sie aus- 
arbeiten mußte. Mein Material sind eben chronisch Nervöse der 
gebildeteren Stände. Ich halte es für sehr wohl möglich, daß sich 
ergänzende Verfahren für kindliche Personen und für das Pu- 
blikum, welches in den Spitälern Hilfe sucht, ausbilden lassen. Ich 
muß auch anführen, daß ich meine Therapie bisher ausschließlich 
an schweren Fällen von Hysterie und Zwangsneurose erprobt habe; 
wie es sich bei jenen leichten Erkrankungsfällen gestalten würde, 
die man bei einer indifferenten Behandlung von wenigen Monaten 
in wenigstens scheinbare Genesung ausgehen sieht, weiß ich nicht 
anzugeben. Wie begreiflich, durfte eine neue Therapie, die viel- 
fache Opfer erfordert, nur auf solche Kranke rechnen, die bereits 
die anerkannten Heilmethoden ohne Erfolg versucht hatten, oder 
deren Zustände den Schluß berechtigten, sie hätten von diesen 
angeblich bequemeren und kürzeren Heilverfahren nichts zu er- 
warten. So mußte ich mit einem unvollkommenen Instrumente 
sogleich die schwersten Aufgaben in Angriff nehmen; die Probe 
ist um so beweiskräftiger ausgefallen. 

Die wesentlichen Schwierigkeiten, die sich jetzt noch der 
psychoanalytischen Heilmethode entgegensetzen, liegen nicht an 
ihr selbst, sondern in dem Mangel an Verständnis für das Wesen 
der Psychoneurosen bei Ärzten und Laien. Es ist nur das not- 
wendige Korrelat zu dieser vollen Unwissenheit, wenn sich die 
Ärzte für berechtigt halten, den Kranken durch die unzutref- 
fendsten Versicherungen zu trösten oder zu therapeutischen 
Maßnahmen zu veranlassen. „Kommen Sie für sechs Wochen 
in meine Anstalt und Sie werden Ihre Symptome (Reiseangst, 
Zwangsvorstellungen usw.) verloren haben." Tatsächlich ist die 
Anstalt unentbehrlich für die Beruhigung akuter Zufälle im 
Verlaufe einer Psychoneurose durch Ablenkung, Pflege und 
Schonung; zur Beseitigung chronischer Zustände leistet sie — 
nichts, und zwar die vornehmen, angeblich wissenschaftlich ge- 






Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 463 

leiteten Sanatorien ebensowenig wie die gemeinen Wasserheil- 
anstalten. 

Es wäre würdiger und dem Kranken, der sich doch schließlich 
mit seinen Beschwerden abfinden muß, zuträglicher, wenn der 
Arzt die Wahrheit sprechen würde, wie er sie alle Tage kennen 
lernt: Die Psychoneurosen sind als Genus keineswegs leichte Er- 
krankungen. Wenn eine Hysterie anfängt, kann niemand vorher 
wissen, wann sie ein Ende nehmen wird. Man tröstet sich meist 
vergeblich mit der Prophezeiung: Eines Tages wird sie plötzlich 
vorüber sein. Die Heilung erweist sich häufig genug als ein 
bloßes Übereinkommen zur gegenseitigen Duldung zwischen dem 
Gesunden und dem Kranken im Patienten oder erfolgt auf dem 
Wege der Umwandlung eines Symptoms in eine Phobie. Die 
mühsam beschwichtigte Hysterie des Mädchens lebt nach kurzer 
Unterbrechung durch das junge Eheglück in der Hysterie der 
Ehefrau wieder auf, nur daß jetzt eine andere Person als früher, 
der Ehemann, durch sein Interesse veranlaßt wird, über den Er- 
krankungsfall zu schweigen. Wo es nicht zu manifester Existenz- 
unfähigkeit infolge von Krankheit kommt, da fehlt doch fast nie 
die Einbuße an aller freien Entfaltung der Seelenkräfte. Zwangs- 
vorstellungen kehren das ganze Leben hindurch wieder; Phobien 
und andere Willenseinschränkungen sind für jede Therapie bisher 
unbeeinflußbar gewesen. Das alles wird dem Laien vorenthalten, 
und darum ist der Vater einer hysterischen Tochter entsetzt, wenn 
er z. B. einer einjährigen Behandlung seines Kindes zustimmen 
soll, wo doch die Krankheit etwa erst einige Monate gedauert hat. 
Der Laie ist sozusagen von der Überflüssigkeit all dieser Psycho- 
neurosen tief innerlich überzeugt, er bringt darum dem Krank- 
heitsverlaufe keine Geduld und der Therapie keine Opferbereit- 
schaft entgegen. Wenn er sich angesichts eines Typhus, der drei 
Wochen anhält, eines Beinbruches, der zur Heilung sechs Monate 
beansprucht, verständiger benimmt, wenn ihm die Fortsetzung 
orthopädischer Maßnahmen durch mehrere Jahre einsichtlich er- 



464 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



scheint, sobald sich die ersten Spuren einer Rückgratsverkrüm- 
mung bei seinem Kinde zeigen, so rührt dieser Unterschied \on 
dem besseren Verständnis der Ärzte her, die ihr Wissen in ehr- 
licher Mitteilung dem Laien übertragen. Die Aufrichtigkeit der 
Ärzte und die Gefügigkeit der Laien wird sich auch für die 
Psychoneurosen herstellen, wenn erst die Einsicht in das Wesen 
dieser Affektionen ärztliches Gemeingut geworden ist. Die psycho- 
therapeutische Radikalbehandlung derselben wird wohl immer 
eine besondere Schulung erfordern und mit der Ausübung anderer 
ärztlicher Tätigkeit unverträglich sein. Dafür winkt dieser, in der 
Zukunft wohl zahlreichen, Klasse von Ärzten Gelegenheit zu 
rühmlichen Leistungen und eine befriedigende Einsicht in das 
Seelenleben der Menschen. 



ÜBER DECKERINNERUNGEN 

Zuerst erschienen in der „Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie", 1899. 

Im Zusammenhange meiner psychoanalytischen Behandlungen 
(bei Hysterie, Zwangsneurose u. a.) bin ich oftmals in die Lage 
gekommen, mich um die Bruchstücke von Erinnerungen zu be- 
kümmern, die den einzelnen aus den ersten Jahren ihrer Kind- 
heit im Gedächtnisse geblieben sind. Wie ich schon an anderer 
Stelle angedeutet habe, muß man für die Eindrücke dieser Lebens- 
zeit eine große pathogene Bedeutung in Anspruch nehmen. Ein 
psychologisches Interesse aber ist dem Thema der Kindheits- 
erinnerungen in allen Fällen gesichert, weil hier eine funda- 
mentale Verschiedenheit zwischen dem psychischen Verhalten des 
Kindes und des Erwachsenen auffällig zutage tritt. Es bezweifelt 
niemand, daß die Erlebnisse unserer ersten Kinder jähre unver- 
löschbare Spuren in unserem Seeleninnern zurückgelassen haben ; 
wenn wir aber unser Gedächtnis befragen, welches die Ein- 
drücke sind, unter deren Einwirkung bis an unser Lebensende zu 
stehen uns bestimmt ist, so liefert es entweder nichts oder eine 
relativ kleine Zahl vereinzelt stehender Erinnerungen von oft frag- 
würdigem oder rätselhaftem Wert. Daß das Leben vom Gedächtnis 
als zusammenhängende Kette von Begebenheiten reproduziert wird, 
kommt nicht vor dem sechsten oder siebenten, bei vielen erst 

Freud, I. 30 



466 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



nach dem zehnten Lebensjahr zustande. Von da an stellt sich aber 
auch eine konstante Beziehung zwischen der psychischen Bedeutung 
eines Erlebnisses und dessen Haften im Gedächtnis her. Was ver- 
möge seiner unmittelbaren oder bald nachher erfolgten Wir- 
kungen wichtig erscheint, das wird gemerkt 5 das für unwesent- 
lich Erachtete wird vergessen. Wenn ich mich an eine Begeben- 
heit über lange Zeit hin erinnern kann, so finde ich in der Tat- 
sache dieser Erhaltung im Gedächtnisse einen Beweis dafür, daß 
dieselbe mir damals einen tiefen Eindruck gemacht hat. Ich pflege 
mich zu wundern, wenn ich etwas Wichtiges vergessen, noch 
mehr vielleicht, wenn ich etwas scheinbar Gleichgültiges bewahrt 
haben sollte. 

Erst in gewissen pathologischen Seelenzuständen wird die für 
den normalen Erwachsenen gültige Beziehung zwischen psychi- 
scher Wichtigkeit und Gedächtnishaftung eines Eindruckes wieder 
gelöst. Der Hysterische z. B. erweist sich regelmäßig als amnestisch 
für das Ganze oder einen Teil jener Erlebnisse, die zum Aus- 
bruch seiner Leiden geführt haben, und die doch durch diese 
Verursachung für ihn bedeutsam geworden sind oder es auch ab- 
gesehen davon, nach ihrem eigenen Inhalt, sein mögen. Die Ana- 
logie dieser pathologischen Amnesie mit der normalen Amnesie für 
unsere Kindheitsjahre möchte ich als einen wertvollen Hinweis 
auf die intimen Beziehungen zwischen dem psychischen Inhalt 
der Neurose und unserem Kinderleben ansehen. 

Wir sind so sehr an diese Erinnerungslosigkeit der Kinder- 
eindrücke gewöhnt, daß wir das Problem zu verkennen pflegen, 
welches sich hinter ihr verbirgt, und geneigt sind, sie als selbst- 
verständlich aus dem rudimentären Zustand der seelischen Tätig- 
keiten beim Kinde abzuleiten. In Wirklichkeit zeigt uns das 
normal entwickelte Kind schon im Alter von drei bis vier Jahren 
eine Unsumme hoch zusammengesetzter Seelenleistungen in seinen 
Vergleichungen, Schlußfolgerungen und im Ausdruck seiner Gefühle, 
und es ist nicht ohne weiteres einzusehen, daß für diese, den 






Über Deckerinnerungen 467 



späteren so voll gleichwertigen, psychischen Akte Amnesie be- 
stehen muß. 

Eine unerläßliche Vorbedingung für die Bearbeitung jener 
psychologischen Probleme, die sich an die ersten Kindheitserinne- 
rungen knüpfen, wäre natürlich die Sammlung von Material, 
indem man durch Umfrage feststellt, was für Erinnerungen aus 
dieser Lebenszeit eine größere Anzahl von normalen Erwachsenen 
mitzuteilen vermag. Einen ersten Schritt nach dieser Richtung 
haben V. und C. Henri 1895 durch Verbreitung eines von 
ihnen aufgesetzten Fragebogens getan ; die überaus anregenden Er- 
gebnisse dieser Umfrage, auf welche von hundertdreiundzwanzig 
Personen Antworten einliefen, wurden dann von den beiden Autoren 
1897 in L'annee psychologique T. III veröffentlicht. (Enquete sur 
les premiers Souvenirs de l'enfance.) Da mir aber gegenwärtig die 
Absicht ferne liegt, das Thema in seiner Vollständigkeit zu behandeln, 
werde ich mich mit der Hervorhebung jener wenigen Punkte 
begnügen, von denen aus ich zur Einführung der von mir so ge- 
nannten „Deckerinnerungen" gelangen kann. 

Das Lebensalter, in welches der Inhalt der frühesten Kindheits- 
erinnerung verlegt wird, ist meist die Zeit zwischen zwei und 
vier Jahren (so bei achtundachtzig Personen in der Beobachtungs- 
reihe der Henri). Es gibt aber einzelne, deren Gedächtnis weiter 
zurückreicht, selbst bis in das Alter vor dem vollendeten ersten 
Jahr, und anderseits Personen, bei denen die früheste Erinnerung 
erst aus dem sechsten, siebenten, ja achten Jahre stammt. Womit 
diese individuellen Verschiedenheiten sonst zusammenhängen, läßt 
sich vorläufig nicht angeben; man bemerkt aber, sagen die Henri, 
daß eine Person, deren früheste Erinnerung in ein sehr zartes 
Alter fällt, etwa ins erste Lebensjahr, auch über weitere einzelne 
Erinnerungen aus den nächsten Jahren verfügt, und daß die Repro- 
duktion des Erlebens als fortlaufende Erinnerungskette bei ihr von 
einem früheren Termin — ■ etwa vom fünften Jahre an — anhebt 
als bei anderen, deren erste Erinnerung in eine spätere Zeit fällt. 

30* 



468 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 

Es ist also nicht nur der Zeitpunkt für das Auftreten einer ersten 
Erinnerung, sondern die ganze Funktion des Erinnerns bei einzelnen 
Personen verfrüht oder verspätet. 

Ein ganz besonderes Interesse wird sich der Frage zuwenden, 
welches der Inhalt dieser frühesten Kindheitserinnerungen zu 
sein pflegt. Aus der Psychologie der Erwachsenen müßte man die 
Erwartung herübernehmen, daß aus dem Stoff des Erlebten solche 
Eindrücke als merkenswert ausgewählt werden, welche einen 
mächtigen Affekt hervorgerufen haben oder durch ihre Folgen 
bald nachher als bedeutsam erkannt worden sind. Ein Teil der 
von den Henri gesammelten Erfahrungen scheint diese Erwar- 
tung auch zu bestätigen, denn sie führen als die häufigsten Inhalte 
der ersten Kindheitserinnerungen einerseits Anlässe zu Furcht, 
Beschämung, Körperschmerzen u. dgl., anderseits wichtige Begeben- 
heiten wie Krankheiten, Todesfälle, Brände, Geburt von Ge- 
schwistern usw. auf. Man würde so geneigt anzunehmen, daß das 
Prinzip der Gedächtnisauswahl für die Kinderseele das nämliche 
sei wie für die Erwachsenen. Es ist nicht unverständlich, aber 
doch ausdrücklicher Erwähnung wert, daß die erhaltenen Kind- 
heitserinnerungen ein Zeugnis dafür ablegen müssen, auf welche 
Eindrücke sich das Interesse des Kindes zum Unterschiede von dem 
des Erwachsenen gerichtet hat. So erklärt es sich dann leicht, daß 
z. B. eine Person mitteilt, sie erinnere sich aus dem Alter von 
zwei Jahren an verschiedene Unfälle, die ihren Puppen zugestoßen 
sind, sei aber amnestisch für die ernsten und traurigen Ereig- 
nisse, die sie damals hätte wahrnehmen können. 

Es steht nun im schärfsten Gegensatz zu jener Erwartung und 
muß gerechtes Befremden hervorrufen, wenn wir hören, daß bei 
manchen Personen die frühesten Kindheitserinnerungen alltägliche 
und gleichgültige Eindrücke zum Inhalt haben, die beim Erleben 
eine Affektwirkung auch auf das Kind nicht entfalten konnten, und 
die doch mit allen Details — - man möchte sagen: überscharf ■ — 
gemerkt worden sind, während etwa gleichzeitige Ereignisse 



Über Deckerinnerungen 469 



nicht im Gedächtnis behalten wurden, selbst wenn sie nach dem 
Zeugnis der Eltern seinerzeit das Kind intensiv ergriffen hatten. 
So erzählen Henri von einem Professor der Philologie, dessen 
früheste Erinnerung, in die Zeit zwischen drei und vier Jahren 
verlegt, ihm das Bild eines gedeckten Tisches zeigte, auf dem eine 
Schüssel mit Eis steht. In dieselbe Zeit fallt auch der Tod seiner 
Großmutter, der das Kind nach der Aussage seiner Eltern sehr 
erschüttert hat. Der nunmehrige Professor der Philologie weiß 
aber nichts von diesem Todesfall, er erinnert sich aus dieser Zeit 
nur an eine Schüssel mit Eis. 

Ein anderer berichtet als erste Kindheitserinnerung eine Episode 
von einem Spaziergang, auf dem er von einem Baum einen Ast 
abbrach. Er glaubt noch heute angeben zu können, an welchem 
Ort das vorfiel. Es waren mehrere Personen mit dabei, und eine 
leistete ihm Hilfe. 

Henri bezeichnen solche Fälle als selten vorkommende ; nach 
meinen — allerdings zumeist bei Neurotikern gesammelten — - 
Erfahrungen sind sie häufig genug. Eine der Gewährspersonen 
der Henri hat einen Erklärungsversuch für diese ob ihrer Harm- 
losigkeit unbegreiflichen Erinnerungsbilder gewagt, den ich für 
ganz zutreffend erklären muß. Er meint, es sei in solchen Fällen 
die betreffende Szene vielleicht nur unvollständig in der Erinne- 
rung erhalten 5 gerade darum erscheint sie nichtssagend ; in den 
vergessenen Bestandteilen wäre wohl all das enthalten, was den 
Eindruck merkenswert machte. Ich kann bestätigen, daß dies 
sich wirklich so verhält $ nur würde ich es vorziehen, anstatt 
„vergessene Elemente des Erlebnisses" „weggelassene" zu sagen. 
Es ist mir oftmals gelungen, durch psychoanalytische Behandlung 
die fehlenden Stücke des Kindererlebnisses aufzudecken und so 
den Nachweis zu führen, daß der Eindruck, von dem ein Torso 
in der Erinnerung verblieben war, nach seiner Ergänzung wirk- 
lich der Voraussetzung von der Gedächtniserhaltung des Wichtigsten 
entsprach. Damit ist eine Erklärung für die sonderbare Auswahl, 



47<> 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



welche das Gedächtnis unter den Elementen eines Erlebnisses 
trifft, allerdings nicht gegeben; man muß sich erst fragen, warum 
gerade das Bedeutsame unterdrückt, das Gleichgültige erhalten 
wird. Zu einer Erklärung gelangt man erst, wenn man tiefer in 
den Mechanismus solcher Vorgänge eindringt 5 man bildet sich 
dann die Vorstellung, daß zwei psychische Kräfte an dem Zu- 
standekommen dieser Erinnerungen beteiligt sind, von denen die 
eine die Wichtigkeit des Erlebnisses zum Motiv nimmt, es erinnern 
zu wollen, die andere aber — ein Widerstand — dieser Aus- 
zeichnung widerstrebt. Die beiden entgegengesetzt wirkenden 
Kräfte heben einander nicht auf; es kommt nicht dazu, daß das 
eine Motiv das andere — mit oder ohne Einbuße — überwältigt, 
sondern es kommt eine Kompromißwirkung zustande, etwa analog 
der Bildung einer Resultierenden im Kräfteparallelogramm. Das 
Kompromiß besteht hier darin, daß zwar nicht das betreffende 
Erlebnis selbst das Erinnerungsbild abgibt — hierin behält der 
Widerstand recht • — ■ wohl aber ein anderes psychisches Element, 
welches mit dem anstößigen durch nahe Assoziationswege ver- 
bunden ist; hierin zeigt sich wiederum die Macht des ersten 
Prinzips, welches bedeutsame Eindrücke durch die Herstellung von 
reproduzierbaren Erinnerungsbildern fixieren möchte. Der Erfolg des 
Konflikts ist also der, daß anstatt des ursprünglich berechtigten 
ein anderes Erinnerungsbild zustande kommt, welches gegen das 
erstere um ein Stück in der Assoziation verschoben ist. Da 
gerade die wichtigen Bestandteile des Eindrucks diejenigen sind, 
welche den Anstoß wachgerufen haben, so muß die ersetzende 
Erinnerung dieses wichtigen Elements bar sein; sie wird darum 
leicht banal ausfallen. Unverständlich erscheint sie uns, weil wir 
den Grund ihrer Gedächtniserhaltung gern aus ihrem eigenen 
Inhalt ersehen möchten, während er doch in der Beziehung 
dieses Inhalts zu einem anderen, unterdrückten Inhalt ruht. 
Um mich eines populären Gleichnisses zu bedienen, ein ge- 
wisses Erlebnis der Kinderzeit kommt zur Geltung im Gedächt- 



Über Deckerinnerungen 471 



nis, nicht etwa weil es selbst Gold ist, sondern weil es bei Gold 
gelegen ist. 

Unter den vielen möglichen Fällen von Ersetzung eines psychi- 
schen Inhalts durch einen anderen, welche alle ihre Verwirk- 
lichung in verschiedenen psychologischen Konstellationen finden, 
ist der Fall, der bei den hier betrachteten Kindererinnerungen 
vorliegt, daß nämlich die unwesentlichen Bestandteile eines Er- 
lebnisses die wesentlichen des nämlichen Erlebnisses im Gedächt- 
nisse vertreten, offenbar einer der einfachsten. Es ist eine Ver- 
schiebung auf der Kontiguitätsassoziation, oder wenn man den 
ganzen Vorgang ins Auge faßt, eine Verdrängung mit Ersetzung 
durch etwas Benachbartes (im örtlichen und zeitlichen Zusammen- 
hange). Ich habe einmal Anlaß gehabt, einen sehr ähnlichen Fall 
von Ersetzung aus der Analyse einer Paranoia mitzuteilen. 1 Ich 
erzählte von einer halluzinierenden Frau, der ihre Stimmen große 
Stücke aus der „Heiterethei" von O. Ludwig wiederholten, und zwar 
gerade die belang- und beziehungslosesten Stellen der Dichtung. 
Die Analyse wies nach, daß es andere Stellen derselben Geschichte 
waren, welche die peinlichsten Gedanken in der Kranken wach- 
gerufen hatten. Der peinliche Affekt war ein Motiv zur Abwehr, 
die Motive zur Fortsetzung dieser Gedanken waren nicht zu 
unterdrücken, und so ergab sich als Kompromiß, daß die harm- 
losen Stellen mit pathologischer Stärke und Deutlichkeit in der 
Erinnerung hervortraten. Der hier erkannte Vorgang: Konflikt, 
Verdrängung, Ersetzung unter Kompromißbildung kehrt 
bei allen psychoneurotischen Symptomen wieder, er gibt den 
Schlüssel für das Verständnis der Symptombildung 5 es ist also 
nicht ohne Bedeutung, wenn er sich auch im psychischen Leben 
der normalen Individuen nachweisen läßt; daß er bei nor- 
malen Menschen die Auswahl gerade der Kindheitserinnerungen 
beeinflußt, erscheint als ein neuer Hinweis auf die bereits betonten 

1) Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. Neurologisches Zentral- 
blatt, 1896, Nr. 10. [Enthalten in diesem Band der Gesamtausgabe.] 



472 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



innigen Beziehungen zwischen dem Seelenleben des Kindes und 
dem psychischen Material der Neurosen. 

Die offenbar sehr bedeutsamen Vorgänge der normalen und 
pathologischen Abwehr und die Verschiebungserfolge, zu denen 
sie führen, sind, soweit meine Kenntnis reicht, von den Psycho- 
logen noch gar nicht studiert worden, und es bleibt noch festzu- 
stellen, in welchen Schichten der psychischen Tätigkeit und unter 
welchen Bedingungen sie sich geltend machen. Der Grund für 
diese Vernachlässigung mag wohl sein, daß unser psychisches 
Leben, insofern es Objekt unserer bewußten inneren Wahr- 
nehmung wird, von diesen Vorgängen nichts erkennen läßt, es 
sei denn in solchen Fällen, die wir als „Denkfehler" klassifizieren, 
oder in manchen auf komischen Effekt angelegten psychischen 
Operationen. Die Behauptung, daß sich eine psychische Intensität 
von einer Vorstellung her, die dann verlassen bleibt, auf eine 
andere verschieben kann, welche nun die psychologische Rolle der 
ersteren weiterspielt, wirkt auf uns ähnlich befremdend, wie etwa 
gewisse Züge des griechischen Mythus, wenn z. B. Götter einen 
Menschen mit Schönheit wie mit einer Hülle überkleiden, wo 
wir nur die Verklärung durch verändertes Mienenspiel kennen. 

Weitere Untersuchungen über die gleichgültigen Kindheits- 
erinnerungen haben mich dann belehrt, daß deren Entstehung 
noch anders zugehen kann, und daß sich hinter ihrer scheinbaren 
Harmlosigkeit eine ungeahnte Fülle von Bedeutung zu verbergen 
pflegt. Hiefür will ich mich aber nicht auf bloße Behauptung 
beschränken, sondern ein einzelnes Beispiel breit ausführen, welches 
mir unter einer größeren Anzahl ähnlicher als das lehrreichste 
erscheint, und das durch seine Zugehörigkeit zu einem nicht oder 
nur sehr wenig neurotischen Individuum sicherlich an Wert- 
schätzung gewinnt. 

Ein achtunddreißigjähriger akademisch gebildeter Mann, der 
sich trotz seines fernab liegenden Berufs ein Interesse für psycho- 
logische Fragen bewahrt hat, seitdem ich ihn durch Psychoana- 



Über Deckerinnerungen 475 



lyse von einer kleinen Phobie befreien konnte, lenkte im Vor- 
jahre meine Aufmerksamkeit auf seine Kindheitserinnerungen, die 
schon in der Analyse eine gewisse Rolle gespielt hatten. Nach- 
dem er mit der Untersuchung von V. und C. Henri bekannt 
geworden war, teilte er mir folgende zusammenfassende Dar- 
stellung mit: 

„Ich verfüge über eine ziemliche Anzahl von frühen Kindheits- 
erinnerungen, die ich mit großer Sicherheit datieren kann. Im 
Alter von voll drei Jahren habe ich nämlich meinen kleinen 
Geburtsort verlassen, um in eine große Stadt zu übersiedeln; 
meine Erinnerungen spielen nun sämtlich in dem Orte, wo ich 
geboren bin, fallen also in das zweite bis dritte Jahr. Es sind 
meist kurze Szenen, aber sehr gut erhalten und mit allen Details 
der Sinneswahrnehmung gestaltet, so recht im Gegensatz zu 
meinen Erinnerungsbildern aus reifen Jahren, denen das visuelle 
Element völlig abgeht. Vom dritten Jahr an werden die Erinne- 
rungen spärlicher und weniger deutlich; es finden sich Lücken 
vor, die mehr als ein Jahr umfassen müssen; erst vom sechsten 
oder siebenten Jahre an, glaube ich, wird der Strom der Erinne- 
rung kontinuierlich. Ich teile mir die Erinnerungen bis zum Ver- 
lassen meines ersten Aufenthaltes ferner in drei Gruppen. Eine 
erste Gruppe bilden jene Szenen, von denen mir die Eltern nach- 
träglich wiederholt erzählt haben; ich fühle mich bei diesen nicht 
sicher, ob ich das Erinnerungsbild von Anfang an gehabt, oder 
ob ich es mir erst nach einer solchen Erzählung geschaffen habe. 
Ich bemerke, daß es auch Vorfälle gibt, denen bei mir trotz mehr- 
maliger Schilderung von sehen der Eltern kein Erinnerungsbild 
entspricht. Auf die zweite Gruppe lege ich mehr Wert; es sind 
Szenen, von denen mir — soviel ich weiß — nicht erzählt 
wurde, zum Teil auch nicht erzählt werden konnte, weil ich die 
mithandelnden Personen: Kinderfrau, Jugendgespielen nicht wieder- 
gesehen habe. Von der dritten Gruppe werde ich später reden. 
Was den Inhalt dieser Szenen und somit deren Anspruch auf 



474 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 






Erhaltung im Gedächtnis betrifft, so möchte ich behaupten, daß 
ich über diesen Punkt nicht ganz ohne Orientierung bin. Ich 
kann zwar nicht sagen, daß die erhaltenen Erinnerungen den 
wichtigsten Begebenheiten jener Zeit entsprechen, oder was ich 
heute so beurteilen würde. Von der Geburt einer Schwester, die 
zweieinhalb Jahre jünger ist als ich, weiß ich nichts; die Abreise, 
der Anblick der Eisenbahn, die lange Wagenfahrt vorher haben 
keine Spur in meinem Gedächtnis hinterlassen. Zwei kleine Vor- 
fälle während der Eisenbahnfahrt habe ich mir dagegen gemerkt; 
wie Sie sich erinnern, sind diese in der Analyse meiner Phobie 
vorgekommen. Am meisten Eindruck hätte mir doch eine Ver- 
letzung im Gesicht machen müssen, bei der ich viel Blut verlor 
und vom Chirurgen genäht wurde. Ich kann die Narbe, die von 
diesem Unfall zeugt, noch heute tasten, aber ich weiß von keiner 
Erinnerung, die direkt oder indirekt auf dieses Erlebnis hinwiese. 
Vielleicht war ich übrigens damals noch nicht zwei Jahre." 

„Demnach verwundere ich mich über die Bilder und Szenen 
der beiden ersten Gruppen nicht. Es sind allerdings verschobene 
Erinnerungen, in denen das Wesentliche zumeist ausgeblieben ist; 
aber in einigen ist es zum mindesten angedeutet, in anderen 
wird es mir leicht, nach gewissen Fingerzeigen die Ergänzung 
vorzunehmen, und wenn ich so verfahre, so stellt sich mir ein 
guter Zusammenhang zwischen den einzelnen Erinnerungsbrocken 
her, und ich ersehe klar, welches kindliche Interesse gerade diese 
Vorkommnisse dem Gedächtnis empfohlen hat. Anders steht es 
aber mit dem Inhalt der dritten Gruppe, deren Besprechung ich 
mir bisher aufgespart habe. Hier handelt es sich um ein Material, 
— eine längere Szene und mehrere kleine Bilder, — mit dem 
ich wirklich nichts anzufangen weiß. Die Szene erscheint mir 
ziemlich gleichgültig, ihre Fixierung unverständlich. Erlauben Sie, 
daß ich sie Ihnen schildere: Ich sehe eine viereckige, etwas ab- 
schüssige Wiese, grün und dicht bewachsen; in dem Grün sehr 
viele gelbe Blumen, offenbar der gemeine Löwenzahn. Oberhalb 



Über Deckerinnerungen 475 



der Wiese ein Bauernhaus, vor dessen Tür zwei Frauen stehen, 
die miteinander angelegentlich plaudern, die Bäuerin im Kopftuch 
und eine Kinderfrau. Auf der Wiese spielen drei Kinder, eines 
davon hin ich (zwischen zwei und drei Jahren alt), die beiden 
anderen mein Vetter, der um ein Jahr älter ist, und meine fast 
genau gleichaltrige Cousine, seine Schwester. Wir pflücken die 
gelben Blumen ab und halten jedes eine Anzahl von bereits ge- 
pflückten in den Händen. Den schönsten Strauß hat das kleine 
Mädchen 5 wir Buben aber fallen wie auf Verabredung über sie 
her und entreißen ihr die Blumen. Sie läuft weinend die Wiese 
hinauf und bekommt zum Trost von der Bäuerin ein großes 
Stück Schwarzbrot. Kaum daß wir das gesehen haben, werfen wir 
die Blumen weg, eilen auch zum Haus und verlangen gleichfalls 
Brot. Wir bekommen es auch, die Bäuerin schneidet den Laib 
mit einem langen Messer. Dieses Brot schmeckt mir in der Er- 
innerung so köstlich und damit bricht die Szene ab." 

„Was an diesem Erlebnis rechtfertigt nun den Gedächtnisauf- 
wand, zu dem es mich veranlaßt hat? Ich habe mir vergeblich 
den Kopf darüber zerbrochen; liegt der Akzent auf unserer Un- 
liebenswürdigkeit gegen das kleine Mädchen; sollte das Gelb des 
Löwenzahns, den ich natürlich heute gar nicht schön finde, meinem 
Auge damals so gefallen haben; oder hat mir nach dem Herum- 
tollen auf der Wiese das Brot so viel besser geschmeckt als sonst, 
daß daraus ein unverlöschbarer Eindruck geworden ist? Beziehun- 
gen dieser Szene zu dem unschwer zu erratenden Interesse, welches 
die anderen Kinderszenen zusammenhält, kann ich auch nicht finden. 
Ich habe überhaupt den Eindruck, als ob es mit dieser Szene 
nicht richtig zuginge; das Gelb der Blumen sticht aus dem En- 
semble gar zu sehr hervor, und der Wohlgeschmack des Brotes 
erscheint mir auch wie halluzinatorisch übertrieben. Ich muß mich 
dabei an Bilder erinnern, die ich einmal auf einer parodistischen 
Ausstellung gesehen habe, in denen gewisse Bestandteile anstatt 
gemalt plastisch aufgetragen waren, natürlich die unpassendsten, 



476 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



z. B. die Tournüren der gemalten Damen. Können Sie mir nun 
einen Weg zeigen, der zur Aufklärung oder Deutung dieser über- 
flüssigen Kindheitserinnerung führt?" 

Ich hielt es für geraten zu fragen, seit wann ihn diese Kind- 
heitserinnerung beschäftige, ob er meine, daß sie seit der Kind- 
heit periodisch in seinem Gedächtnis wiederkehre, oder ob sie 
etwa irgendwann später nach einem zu erinnernden Anlaß auf- 
getaucht sei. Diese Frage war alles, was ich zur Lösung der Auf- 
gabe beizutragen brauchte 5 das übrige fand mein Partner, der kein 
Neuling in solchen Arbeiten war, von selbst. 

Er antwortete: „Daran habe ich noch nicht gedacht. Nachdem 
Sie mir diese Frage gestellt haben, wird es mir fast zur Gewiß- 
heit, daß diese Kindererinnerung mich in jüngeren Jahren gar 
nicht beschäftigt hat. Ich kann mir aber auch den Anlaß denken, 
von dem die Erweckung dieser und vieler anderer Erinnerungen 
an meine ersten Jahre ausgegangen ist. Mit siebzehn Jahren 
nämlich bin ich zuerst wieder als Gymnasiast zum Ferienaufent- 
halte in meinen Heimatsort gekommen, und zwar als Gast einer 
uns seit jener Vorzeit befreundeten Familie. Ich weiß sehr wohl, 
welche Fülle von Erregungen damals Besitz von mir genommen 
hat. Aber ich sehe schon, ich muß Ihnen nun ein ganzes großes 
Stück meiner Lebensgeschichte erzählen; es gehört dazu, und Sie 
haben es durch Ihre Frage heraufbeschworen. Hören Sie also: Ich 
bin das Kind von ursprünglich wohlhabenden Leuten, die, wie 
ich glaube, in jenem kleinen Provinznest behaglich genug gelebt 
hatten. Als ich ungefähr drei Jahre alt war, trat eine Katastrophe 
in dem Industriezweig ein, mit dem sich der Vater beschäftigte. 
Er verlor sein Vermögen, und wir verließen den Ort notgedrungen, 
um in eine große Stadt zu übersiedeln. Dann kamen lange harte 
Jahre; ich glaube, sie waren nicht wert, sich etwas daraus zu 
merken. In der Stadt fühlte ich mich nie recht behaglich; ich 
meine jetzt, die Sehnsucht nach den schönen Wäldern der Heimat, 
in denen ich schon, kaum daß ich gehen konnte, dem Vater zu 



Über Deckerinnerungen 477 



entlaufen pflegte, wie eine von damals erhaltene Erinnerung be- 
zeugt, hat mich nie verlassen. Es waren meine ersten Ferien auf 
dem Lande, die mit siebzehn Jahren, und ich war, wie gesagt, 
Gast einer befreundeten Familie, die seit unserer Übersiedlung 
groß empor gekommen war. Ich hatte Gelegenheit, die Behäbig- 
keit, die dort herrschte, mit der Lebensweise bei uns zu Hause 
in der Stadt zu vergleichen. Nun nützt wohl kein Ausweichen 
mehr; ich muß Ihnen gestehen, daß mich noch etwas anderes 
mächtig erregte. Ich war siebzehn Jahre alt, und in der gastlichen 
Familie war eine fünfzehnjährige Tochter, in die ich mich sofort 
verliebte. Es war meine erste Schwärmerei, intensiv genug, aber 
vollkommen geheim gehalten. Das Mädchen reiste nach wenigen 
Tagen ab in das Erziehungsinstitut, aus dem sie gleichfalls auf 
Ferien 'gekommen war, und diese Trennung nach so kurzer Be- 
kanntschaft brachte die Sehnsucht erst recht in die Höhe. Ich erging 
mich viele Stunden lang in einsamen Spaziergängen durch die wieder- 
gefundenen herrlichen Wälder mit dem Aufbau von Luftschlössern 
beschäftigt, die seltsamerweise nicht in die Zukunft strebten, son- 
dern die Vergangenheit zu verbessern suchten. Wenn der Zu- 
sammenbruch damals nicht eingetreten wäre, wenn ich in der 
Heimat geblieben wäre, auf dem Lande aufgewachsen, so kräftig 
geworden wie die jungen Männer des Hauses, die Brüder der 
Geliebten, und wenn ich dann den Beruf des Vaters fortgesetzt 
hätte und endlich das Mädchen geheiratet, das ja all die Jahre 
über mir hätte vertraut werden müssen! Ich zweifelte natürlich 
keinen Augenblick, daß ich sie unter den Umständen, welche 
meine Phantasie schuf, ebenso heiß geliebt hätte, wie ich es 
damals wirklich empfand. Sonderbar, wenn ich sie jetzt ge- 
legentlich sehe — sie hat zufällig hieher geheiratet, — ist sie 
mir ganz außerordentlich gleichgültig, und doch kann ich mich 
genau erinnern, wie lange nachher die gelbe Farbe des Kleides, 
das sie beim ersten Zusammentreffen trug, auf mich gewirkt, wenn 
ich dieselbe Farbe irgendwo wieder sah." 



47« 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



Das klingt ja ganz ähnlich wie Ihre eingeschaltete Bemerkung, 
daß Ihnen der gemeine Löwenzahn heute nicht mehr gefällt. 
Vermuten Sie nicht eine Beziehung zwischen dem Gelb in der 
Kleidung des Mädchens und dem so überdeutlichen Gelb der 
Blumen in Ihrer Kinderszene? 

„Möglich, doch war es nicht dasselbe Gelb. Das Kleid war 
eher gelbbraun wie Goldlack. Indes kann ich Ihnen wenigstens 
eine Zwischenvorstellung, die Ihnen taugen würde, zur Verfügung 
stellen. Ich habe später in den Alpen gesehen, daß manche Blumen, 
die in der Ebene lichte Farben haben, auf den Höhen sich in 
dünklere Nuancen kleiden. Wenn ich nicht sehr irre, gibt es auf 
den Bergen häufig eine dem Löwenzahn sehr ähnliche Blume, 
die aber dunkelgelb ist und dann dem Kleid der damals Geliebten 
in der Farbe ganz entsprechen würde. Ich bin aber noch nicht 
fertig, ich komme zu einer in der Zeit naheliegenden zweiten 
Veranlassung, welche meine Kindheitseindrücke in mir aufgerührt 
hat. Mit siebzehn Jahren hatte ich den Ort wiedergesehen; drei 
Jahre später war ich in den Ferien auf Besuch bei meinem 
Onkel, traf also die Kinder wieder, die meine ersten Gespielen 
gewesen waren, denselben um ein Jahr älteren Vetter und dieselbe 
mit mir gleichaltrige Cousine, die in der Kinderszene von der 
Löwenzahnwiese auftreten. Diese Familie hatte gleichzeitig mit 
uns meinen Geburtsort verlassen und war in der fernen Stadt 
wieder zu schönem Wohlstand gekommen." 

^ Und haben Sie sich da auch wieder verliebt, diesmal in die 
Cousine, und neue Phantasien gezimmert? 

„Nein, diesmal ging es anders. Ich war schon auf der Universität 
und gehörte ganz den Büchern; für meine Cousine hatte ich nichts 
übrig. Ich habe damals meines Wissens keine solchen Phantasien 
gemacht. Aber ich glaube, zwischen meinem Vater und meinem 
Onkel bestand der Plan, daß ich mein abstruses Studium gegen 
ein praktisch besser verwertbares vertauschen, nach Beendigung 
der Studien mich im Wohnort des Onkels niederlassen und meine 



Über Deckerinnerungen 47 g 



Cousine zur Frau nehmen sollte. Als man merkte, wie versunken 
in meine eigenen Absichten ich war, ließ man wohl den Plan 
wieder fallen ; ich meine aber, daß ich ihn sicher erraten habe. 
Später erst, als junger Gelehrter, als die Not des Lebens mich 
hart anfaßte, und ich so lange auf eine Stellung in dieser Stadt 
zu warten hatte, mag ich wohl manchmal daran gedacht haben, 
daß der Vater es eigentlich gut mit mir gemeint, als er durch 
dieses Heiratsprojekt mich für den Verlust entschädigt wissen wollte, 
den jene erste Katastrophe mir fürs ganze Leben gebracht." 

In diese Zeit Ihrer schweren Kämpfe ums Brot möchte ich 
also das Auftauchen der in Rede stehenden Kindheitsszene ver- 
legen, wenn Sie mir noch bestätigen, daß Sie in denselben lahren 
die erste Bekanntschaft mit der Alpenwelt geschlossen haben. 

„Das ist richtig; Bergtouren waren damals das einzige Ver- 
gnügen, das ich mir erlaubte. Aber ich verstehe Sie noch nicht 
recht." 

Sogleich. Aus Ihrer Kinderszene heben Sie als das intensivste 
Element hervor, daß Ihnen das Landbrot so ausgezeichnet schmeckt. 
Merken Sie nicht, daß diese fast halluzinatorisch empfundene Vor- 
stellung mit der Idee Ihrer Phantasie korrespondiert, wenn Sie 
in der Heimat geblieben wären, jenes Mädchen geheiratet hätten, 
wie behaglich hätte sich Ihr Leben gestaltet, symbolisch ausge- 
drückt, wie gut hätte Ihnen Ihr Brot geschmeckt, um das Sie in 
jener späteren Zeit gekämpft haben? Und das Gelb der Blumen 
deutet auf dasselbe Mädchen hin. Sie haben übrigens in der Kind- 
heitsszene Elemente, die sich nur auf die zweite Phantasie, wenn 
Sie die Cousine geheiratet hätten, beziehen lassen. Die Blumen 
wegwerfen, um ein Brot dafür einzutauschen, scheint mir keine 
üble Verkleidung für die Absicht, die Ihr Vater mit Ihnen hatte. 
Sie sollten auf Ihre unpraktischen Ideale verzichten und ein „Brot- 
studium" ergreifen, nicht wahr? 

„So hätte ich also die beiden Reihen von Phantasien, wie sich 
mein Leben behaglicher hätte gestalten können, miteinander ver- 



480 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



schmolzen, das ,Gelb' und das ,Land'brot aus der einen, das 
Wegwerfen der Blumen und die Personen aus der anderen ent- 
nommen?' 

So ist es; die beiden Phantasien aufeinander projiziert und eine 
Kindheitserinnerung daraus gemacht. Der Zug mit den Alpen- 
blumen ist dann gleichsam die Marke für die Zeit dieser Fabrikation. 
Ich kann Ihnen versichern, daß man solche Dinge sehr häufig 
unbewußt macht, gleichsam dichtet. 

„Aber dann wäre es ja keine Kindheitserinnerung, sondern eine 
in die Kindheit zurückverlegte Phantasie. Mir sagt aber ein Gefühl, 
daß die Szene echt ist. Wie vereint sich das?" 

Für die Angaben unseres Gedächtnisses gibt es überhaupt keine 
Garantie. Ich will Ihnen aber zugeben, daß die Szene echt ist; 
dann haben Sie sie aus unzählig viel ähnlichen oder anderen hervor- 
gesucht, weil sie sich vermöge ihres — an sich gleichgültigen — 
Inhaltes zur Darstellung der beiden Phantasien eignete, die für 
Sie bedeutsam genug waren. Ich würde eine solche Erinnerung, 
deren Wert darin besteht, daß sie im Gedächtnisse Eindrücke und 
Gedanken späterer Zeit vertritt, deren Inhalt mit dem eigenen 
durch symbolische und ähnliche Beziehungen verknüpft ist, eine 
Deckerinnerung heißen. Jedenfalls werden Sie aufhören, sich 
über die häufige Wiederkehr dieser Szene in Ihrem Gedächtnis 
zu verwundern. Man kann sie nicht mehr eine harmlose nennen, 
wenn sie, wie wir gefunden haben, die wichtigsten Wendungen 
in Ihrer Lebensgeschichte, den Einfluß der beiden mächtigsten 
Triebfedern, des Hungers und der Liebe, zu illustrieren be- 
stimmt ist. 

„Ja, den Hunger hat sie gut dargestellt; aber die Liebe?" 

In dem Gelb der Blumen, meine ich. Ich kann übrigens nicht 
leugnen, daß die Darstellung der Liebe in dieser Ihrer Kindheits- 
szene hinter meinen sonstigen Erfahrungen weit zurück bleibt. 

„Nein, keineswegs. Die Darstellung der Liebe ist ja die Haupt : 
sache daran. Jetzt verstehe ich erst! Denken Sie doch: einem 



Über Deckerinnerungen 481 



Mädchen die Blume wegnehmen, das heißt ja: deflorieren. Welch 
ein Gegensatz zwischen der Frechheit dieser Phantasie und meiner 
Schüchternheit bei der ersten, meiner Gleichgültigkeit bei der 
zweiten Gelegenheit." 

Ich kann Sie versichern, daß derartige kühne Phantasien die 
regelmäßige Ergänzung zur juvenilen Schüchternheit bilden. 

„Aber dann wäre es nicht eine bewußte Phantasie, die ich er- 
innern kann, sondern eine unbewußte, die sich in diese Kindheits- 
erinnerungen verwandelt?" 

Unbewußte Gedanken, welche die bewußten fortsetzen. Sie 
denken sich: wenn ich die oder die geheiratet hätte, und dahinter 
entsteht der Antrieb, sich dieses Heiraten vorzustellen. 

„Ich kann es jetzt selbst fortsetzen. Das Verlockendste an dem 
ganzen Thema ist für den nichtsnutzigen Jüngling die Vorstellung 
der Brautnacht; was weiß er von dem, was nachkommt. Diese Vor- 
stellung wagt sich aber nicht ans Licht, die herrschende Stim- 
mung der Bescheidenheit und des Respekts gegen die Mädchen 
erhält sie unterdrückt. So bleibt sie unbewußt ..." 

Und weicht in eine Kindheitserinnerung aus. Sie haben Recht, 
gerade das Grobsinnliche an der Phantasie ist der Grund, daß sie 
sich nicht zu einer bewußten Phantasie entwickelt, sondern zu- 
frieden sein muß, in eine Kindheitsszene als Anspielung in ver- 
blümter Form Aufnahme zu finden. 

„Warum aber gerade in eine Kindheitsszene, möchte ich fragen?" 

Vielleicht gerade der Harmlosigkeit zuliebe. Können Sie sich 
einen stärkeren Gegensatz zu so argen sexuellen Aggressionsvor- 
sätzen denken als Kindertreiben? Übrigens sind für das Ausweichen 
von verdrängten Gedanken und Wünschen in die Kindheits- 
erinnerungen allgemeinere Gründe maßgebend, denn Sie können 
dieses Verhalten bei hysterischen Personen ganz regelmäßig nach- 
weisen. Auch scheint es, daß das Erinnern von Längstvergangenem 
an und für sich durch ein Lustmotiv erleichtert wird. „Forsan 
et haec olim meminisse juvabit," i 

Freud, I. 31 



„Wenn dem so ist, so habe ich alles Zutrauen zur Echtheit 
dieser Löwenzahnszene verloren. Ich halte mir vor, daß in mir 
auf die zwei erwähnten Veranlassungen hin, von sehr greifbaren 
realen Motiven unterstützt, der Gedanke auftaucht: Wenn du 
dieses oder jenes Mädchen geheiratet hättest, wäre dein Leben 
viel angenehmer geworden. Daß die sinnliche Strömung in mir 
den Gedanken des Bedingungssatzes in solchen Vorstellungen wieder- 
holt, welche ihr Befriedigung bieten können; daß diese zweite 
Fassung desselben Gedankens infolge ihrer Unverträglichkeit, mit 
der herrschenden sexuellen Disposition unbewußt bleibt, aber 
gerade dadurch in den Stand gesetzt ist, im psychischen Leben 
fortzudauern, wenn die bewußte Fassung längst durch die ver- 
änderte Realität beseitigt ist; daß der unbewußt gebliebene Satz 
nach einem geltenden Gesetz, wie Sie sagen, bestrebt ist, sich in 
eine Kindheitsszene umzuwandeln, welche ihrer Harmlosigkeit 
wegen bewußt werden darf; daß er zu diesem Zweck eine neue 
Umgestaltung erfahren muß, oder vielmehr zwei, eine, die dem 
Vordersatz das Anstößige benimmt, indem sie es bildlich aus- 
drückt, eine zweite, die den Nachsatz in eine Form preßt, welche 
der visuellen Darstellung fähig ist, wozu die Mittelvorstellung 
Brot — Brotstudium verwendet wird. Ich sehe ein, daß ich durch 
die Produktion einer solchen Phantasie gleichsam eine Erfüllung 
der beiden unterdrückten Wünsche — nach dem Deflorieren 
und nach dem materiellen Wohlbehagen — hergestellt habe. 
Aber nachdem ich mir von den Motiven, die zur Entstehung 
der Löwenzahnphantasie führten, so vollständig Rechenschaft 
geben kann, muß ich annehmen, daß es sich hier um etwas 
handelt, was sich überhaupt niemals ereignet hat, sondern un- 
rechtmäßig unter meine Kindheitserinnerungen eingeschmuggelt 
worden ist." 

Nun muß ich aber den Verteidiger der Echtheit spielen. Sie 
gehen zu weit. Sie haben sich von mir sagen lassen, daß jede 
solche unterdrückte Phantasie die Tendenz hat, in eine Kindheits- 



Über Deckerinnerungen 485 



szene auszuweichen ; nun nehmen Sie hinzu, daß dies nicht gelingt, 
wenn nicht eine solche Erinnerungsspur da ist, deren Inhalt mit 
dem der Phantasie Berührungspunkte bietet, die ihr gleichsam 
entgegenkommt. Ist erst ein solcher Berührungspunkt gefunden — 
hier ist es das Deflorieren, die Blume wegnehmen, — so wird 
der übrige Inhalt der Phantasie durch alle zulässigen Zwischen- 
vorstellungen (denken Sie an das Brot!) so weit umgemodelt, bis 
sich neue Berührungspunkte mit dem Inhalt der Kinderszene er- 
geben haben. Sehr wohl möglich, daß bei diesem Prozeß auch 
die Kinderszene selbst Veränderungen unterliegt; ich halte es für 
sicher, daß auf diesem Wege auch Erinnerungsfälschungen zu- 
stande gebracht werden. In Ihrem Falle scheint die Kindheits- 
szene nur ziseliert worden zu sein; denken Sie an die übermäßige 
Hervorhebung des Gelb und an den übertriebenen Wohlgeschmack 
des Brotes. Das Rohmaterial war aber brauchbar. Wäre es so 
nicht gewesen, so hätte sich diese Erinnerung eben nicht aus 
allen anderen zum Bewußtsein erheben können. Sie hätten keine 
solche Szene als Kindheitserinnerung bekommen, oder vielleicht 
eine andere, denn Sie wissen ja, wie leicht es unserem Witz wird, 
Verbindungsbrücken von überallher überallhin zu schlagen. Für 
die Echtheit Ihrer Löwenzahnerinnerung spricht übrigens außer 
Ihrem Gefühl, das ich nicht unterschätzen möchte, noch etwas 
anderes. Sie enthält Züge, die nicht auflösbar durch Ihre Mit- 
teilungen sind, auch zu den aus der Phantasie stammenden Be- 
deutungen nicht passen. So z. B. wenn der Vetter Ihnen mit- 
hilft, die Kleine der Blumen zu berauben. Könnten Sie mit einer 
solchen Hilfeleistung beim Deflorieren einen Sinn verbinden? 
Oder mit der Gruppe der Bäuerin und der Kinderfrau oben 
vor dem Haus? 

„Ich glaube nicht." 

Die Phantasie deckt sich also nicht ganz mit der Kindheitsszene, 
sie lehnt sich nur in einigen Punkten an sie an. Das spricht für 
die Echtheit der Kindheitserinnerung. 

31* 



4?4 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre 



„Glauben Sie, daß eine solche Deutung von scheinbar harm- 
losen Kindheitserinnerungen oftmals am Platze ist?" 

Nach meinen Erfahrungen sehr oft. Wollen Sie es zum Scherz 
versuchen, ob die beiden Beispiele, welche die Henri mitteilen, 
die Deutung als Deckerinnerungen für spätere Erlebnisse und 
Wünsche zulassen? Ich meine die Erinnerung an den gedeckten 
Tisch, auf dem eine Schale mit Eis steht, was mit dem Tod der 
Großmutter zusammenhängen soll, und die zweite von dem Ast, 
den sich das Kind auf einem Spaziergang abbricht, wobei ihm 
ein anderer Hilfe leistet? 

Er besann sich eine Weile: „Mit der ersten weiß ich nichts 
anzufangen. Es ist sehr wahrscheinlich eine Verschiebung im 
Spiele, aber die Mittelglieder sind nicht zu erraten. Für die zweite 
getraute ich mich einer Deutung, wenn die Person, die sie als 
ihre eigene mitteilt, kein Franzose wäre." 

Jetzt verstehe ich Sie nicht. Was soll das ändern? 

„Es ändert viel, da der sprachliche Ausdruck wahrscheinlich 
die Verbindung zwischen der Deckerinnerung und der gedeckten 
vermittelt. Im Deutschen ist ,sich einen ausreißen' eine recht 
bekannte, vulgäre Anspielung auf die Onanie. Die Szene würde 
die Erinnerung an eine später erfolgte Verführung zur Onanie 
in die frühe Kindheit zurückverlegen, da ihm doch jemand dazu 
verhilft. Es stimmt aber doch nicht, weil in der Kindheitsszene 
so viel andere Personen mit dabei sind." 

Während die Verleitung zur Onanie in der Einsamkeit und im 
Geheimen stattgefunden haben muß. Gerade dieser Gegensatz 
spricht mir für Ihre Auffassung; er dient wiederum dazu, die 
Szene harmlos zu machen. Wissen Sie, was es bedeutet, wenn wir 
im Traum „viele fremde Leute" sehen, wie es in den Nacktheits- 
träumen so häufig vorkommt, bei denen wir uns so entsetzlich 
geniert fühlen? Nichts anderes als — Geheimnis, was also durch 
seinen Gegensatz ausgedrückt ist. Übrigens bleibt die Deutung 
ein Scherz; wir wissen ja wirklich nicht, ob der Franzose 



Über Deckerinnerüngen 485 



in den Worten casser une brauche dun arbre oder in einer 
etwas rektifizierten Phrase eine Anspielung an die Onanie erkennen 
wird. 

Der Begriff einer Deckerinnerung als einer solchen, die ihren 
Gedächtniswert nicht dem eigenen Inhalt, sondern dessen Be- 
ziehung zu einem anderen unterdrückten Inhalt verdankt, dürfte 
aus der vorstehenden, möglichst getreu mitgeteilten Analyse einiger- 
maßen klar geworden sein. Je nach der Art dieser Beziehung 
kann man verschiedene Klassen von Deckerinnerungen unter- 
scheiden. Von zwei dieser Klassen haben wir unter unseren soge- 
nannten frühesten Kindheitserinnerungen Beispiele gefunden, wenn 
wir nämlich die unvollständige und durch diese Unvollständigkeit 
harmlose Infantilszene mit unter den Begriff der Deckerinnerung 
fallen lassen. Es ist vorauszusehen, daß sich Deckerinnerungen auch 
aus den Gedächtnisresten der späteren Lebenszeiten bilden werden. 
Wer den Hauptcharakter derselben, große Gedächtnisfähigkeit bei 
völlig gleichgültigem Inhalt, im Auge behält, wird leicht Beispiele 
dieser Art zahlreich in seinem Gedächtnis nachweisen können. Ein 
Teil dieser Deckerinnerungen mit später erlebtem Inhalt verdankt 
seine Bedeutung der Beziehung zu unterdrückt gebliebenen Er- 
lebnissen der frühen Jugend, also umgekehrt wie in dem von mir 
analysierten Falle, in dem eine Kindererinnerung durch später 
Erlebtes gerechtfertigt wird. Je nachdem das eine oder das andere 
zeitliche Verhältnis zwischen Deckendem und Gedecktem statt hat, 
kann man die Deckerinnerung als eine rückläufige oder als eine 
vorgreifende bezeichnen. Nach einer anderen Beziehung unter- 
scheidet man positive und negative Deckerinnerungen (oder Trutz- 
erinnerungen), deren Inhalt im Verhältnis des Gegensatzes zum 
unterdrückten Inhalt steht. Das Thema verdiente wohl eine gründ- 
lichere Würdigung; ich begnüge mich hier damit, aufmerksam 
zu machen, welche komplizierten — übrigens der hysterischen 



H 



486 



Frühe Arbeiten zur Neurosenlehr 



Symptombildung durchaus analogen — Vorgänge an der Her- 
stellung unseres Erinnerungsschatzes beteiligt sind. 

Unsere frühesten Kindheitserinnerungen werden immer Gegen- 
stand eines besonderen Interesses sein, weil hier das eingangs er- 
wähnte Problem, wie es denn kommt, daß die für alle Zukunft 
wirksamsten Eindrücke kein Erinnerungsbild zu hinterlassen 
brauchen, zum Nachdenken über die Entstehung der bewußten 
Erinnerungen überhaupt auffordert. Man wird sicherlich zunächst 
geneigt sein, die eben behandelten Deckerinnerungen unter den 
Kindheitsgedächtnisresten als heterogene Bestandteile auszuscheiden,' 
und sich von den übrigen Bildern die einfache Vorstellung zu 
machen, daß sie gleichzeitig mit dem Erleben als unmittelbare 
Folge der Einwirkung des Erlebten entstehen und von da an 
nach den bekannten Reproduktionsgesetzen zeitweise wiederkehren. 
Die feinere Beobachtung ergibt aber einzelne Züge, welche schlecht 
zu dieser Auffassung stimmen. So vor allem den folgenden: In 
den meisten bedeutsamen und sonst einwandfreien Kinderszenen 
sieht man in der Erinnerung die eigene Person als Kind, von 
dem man weiß, daß man selbst dieses Kind ist; man sieht dieses 
Kind aber, wie es ein Beobachter außerhalb der Szene sehen 
würde. Die Henri versäumen nicht aufmerksam zu machen, daß 
viele ihrer Gewährspersonen diese Eigentümlichkeit der Kinder- 
szenen ausdrücklich hervorheben. Nun ist es klar, daß dieses Er- 
innerungsbild nicht die getreue Wiederholung des damals emp- 
fangenen Eindrucks sein kann. Man befand sich ja mitten in 
der Situation und achtete nicht auf sich, sondern auf die Außen- 
welt. 

Wo immer in einer Erinnerung die eigene Person so als ein 
Objekt unter anderen Objekten auftritt, darf man diese Gegen- 
überstellung des handelnden und des erinnernden Ichs als einen 
Beweis dafür in Anspruch nehmen, daß der ursprüngliche Ein- 
druck eine Überarbeitung erfahren hat. Es sieht aus, als wäre hier 
eine Kindheit-Erinnerungsspur zu einer späteren (Erweckungs-) 



Über Deckerinnerungen 487 



Zeit ins Plastische und Visuelle rückübersetzt worden. Von einer 
Reproduktion aber des ursprünglichen Eindrucks ist uns niemals 
etwas zum Bewußtsein gekommen. 

Noch mehr Beweiskraft zugunsten dieser anderen Auffassung 
der Kindheitsszenen muß man einer zweiten Tatsache zugestehen. 
Unter den mit gleicher Bestimmtheit und Deutlichkeit auftretenden 
Infantilerinnerungen an wichtige Erlebnisse gibt es eine Anzahl 
von Szenen, die sich bei Anwendung von Kontrolle — etwa durch 
die Erinnerung Erwachsener — als gefälschte herausstellen. Nicht 
daß sie frei erfunden wären; sie sind insofern falsch, als sie eine 
Situation an einen Ort verlegen, wo sie nicht stattgefunden hat 
(wie auch in einem von den Henri mitgeteilten Beispiel), 
Personen miteinander verschmelzen oder vertauschen, oder sich 
überhaupt als Zusammensetzung von zwei gesonderten Erlebnissen 
zu erkennen geben. Einfache Untreue der Erinnerung spielt gerade 
hier, bei der großen sinnlichen Intensität der Bilder und bei der 
Leistungsfähigkeit der jugendlichen Gedächtnisfunktion, keine er- 
hebliche Rolle; eingehende Untersuchung zeigt vielmehr, daß 
solche Erinnerungsfälschungen tendenziöse sind, d. h. daß sie den 
Zwecken der Verdrängung und Ersetzung von anstößigen oder un- 
liebsamen Eindrücken dienen. Auch diese gefälschten Erinnerungen 
müssen also zu einer Lebenszeit entstanden sein, da solche Konflikte 
und Antriebe zur Verdrängung sich bereits im Seelenleben geltend 
machen konnten, also lange Zeit nach der, welche sie in ihrem 
Inhalt erinnern. Auch hier ist aber die gefälschte Erinnerung die 
erste, von der wir wissen; das Material an Erinnerungsspuren, 
aus dem sie geschmiedet wurde, blieb uns in seiner ursprünglichen 
Form unbekannt. 

Durch solche Einsicht verringert sich in unserer Schätzung der 
Abstand zwischen den Deckerinnerungen und den übrigen Er- 
innerungen aus der Kindheit. Vielleicht ist es überhaupt zweifel- 
haft, ob wir bewußte Erinnerungen aus der Kindheit haben, oder 
nicht vielmehr bloß an die Kindheit. Unsere Kindheitserinnerungen 



488 Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre: Über Deckerinnerungen 

zeigen uns die ersten Lebensjahre, nicht wie sie waren, sondern wie 
sie späteren Erweckungszeiten erschienen sind. Zu diesen Zeiten 
der Erweckung sind die Kindheitserinnerungen nicht, wie man 
zu sagen gewohnt ist, aufgetaucht, sondern sie sind damals ge- 
bildet worden, und eine Reihe von Motiven, denen die Absicht 
historischer Treue fern liegt, hat diese Bildung sowie die Aus- 
wahl der Erinnerungen mitbeeinflußt. 



INHALT DES ERSTEN BANDES 

Seite 

Studien über Hysterie i 

Vorwort zur ersten Auflage 3 

Vorwort zur zweiten Auflage 5 

Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene 

(von Breuer und Freud) 7 

Krankengeschichten 25 

A) Frau Emmy v. N . . ., vierzig Jahre, aus Livland . . . . 25 

B) Miß Lucy B., dreißig Jahre 89 

C) Katharina 110 

D) Fräulein Elisabeth v. B 122 

Zur Psychotherapie der Hysterie 178 

Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre (1892 — 1899) 239 

Vorwort 241 

Charcot 245 

Ein Fall von hypnotischer Heilung nebst Bemerkungen über die 

Entstehung hysterischer Symptome durch den „Gegenwillen" 258 
Quelques considerations pour une etude comparative des paralysies 

motrices organiques et hysteriques 273 

Die Abwehr-Neuropsychosen JT 290 

Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 

Symptomenkomplex als „Angstneurose ' abzutrennen . . . 306 

I) Klinische Symptomatologie der Angstneurose 308 

II) Vorkommen und Ätiologie der Angstneurose 316 

III) Ansätze zu einer Theorie der Angstneurose 324 

IV) Beziehung zu anderen Neurosen 330 



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49° Inhalt des er sten Bandes 

Seite 

Obsessions et Phobies %?* 

Zur Kritik der „Angstneurose" ..." zaz 

Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen . . . 365 

I) Die „spezifische" Ätiologie der Hysterie 564 

II) Wesen und Mechanismus der Zwangsneurose 569 

III) Analyse eines Falles von chronischer Paranoia 376 

L'heredite et Pönologie des nevroses 388 

Zur Ätiologie der Hysterie 404 

Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen 439 

Über Deckerinnerungen 46 c 

KUNSTBEILAGE 
Sigm. Freud (1891) am Anfang des Bandes 




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FREUD 

GESAMMELTE 

SCHRIFTEN 

I 



STUDIEN U 
HYSTERIE 

NEUR0SENL1 
1892-1899